Die Alhambra, oder Das neue Skizzenbuch

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Iroing, Washington Waſhington

Irving's

ſåmmtliche

Werke .

Vier und vierzigſtes bis Rieben und vierzigſtes Bändchen.

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Frankfurt am Main ,

1832.

Gedruckt und verlegt bei Johann David Sauerländer.



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Gebrudt und verlega tri Johann David Sauerländer,

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Sie werden fich erinnern ,

daß

wir bei

unſern

gemeinſchaftlichen Wanderungen in einigen der alten Städte Spaniens, namentlich in Toledo und Sevilla, das

eine große Miſchung des Sarajeniſchen

mit

dem

Gothiſchen – Ueberbleibel aus der Zeit der Mau : ren

bemerkten, und mehr als einmal über Scenen

und Vorfälle in den Straßen flaunten , welche uns Stellen aus den Mährchen der tauſend und einen Nacht zurüctriefen. etwas zu ſchrelben ,

Sie drangen damals in mich , das dieſe Eigenthümlichkeiten

erläuterte, „etwas in dem þaroun Al Raſhid Styl,“ das einen Beigeſchmack von jenem arabiſchen Des würz hätte , welches Alles in Spanten durchdringt.

*) Berühmter engliſcher Maler.

VI Ich erinnere Ste daran, um Ihnen zu zeiger , daß ete in gewiffer Sinſicht für dieſes Wert verant, wortlich find , in welchem ich einige Arabesten -Stizjen aus dem Leben ,

und auf Voltsüberlieferungen ge.

gründete Erzählungen gegeben habe, welche währen ? eines Aufenthalts in einem der vorzugswelſe Mau . riſch Spaniſchen Palafte der Balbinſel geſammelt wurden .

Ich weihe Ihnen dteſe Blätter als ein Andenten an die fröhlichen Scenen , von detten wir in jenem Lande der Abentheuer gemeinſchaftlich Zeugen waren , und als einen Beweis der Achtung für Ihren Werth, die nur von der Bewunderung Ihrer Talente über . troffen wird . Ihr Freund und Heiſegefährte, Im Mai, 1832.

der Verfaſſer.

Die

Retre.

Im graniing 1829 machte der Verfaſſer dieſes Werkes, den die Neugierde nach Spanien geführt hatte , in Ge Fellſchaft eines Freundes , einem Mitgliede der rufftſden Geſandtſchaft zu Madrid , eine Reiſe von Sevilla nach Granada. Der Zufall hatte und aus verſchiedenen Ree gionen des Erdbaus zuſammengeführt und eine Oleidy artigkeit des Geſchmads deranlaßte uns gemeinſchaftlich in Andaluſtens romantiſchen Bergen umher zu waudern. Wenn ihm dieſe Blätter zu Geſicht kommen , wohin auch die Prichten ſeines Berufes thn geſchleudert haben , ob er an Dem Gepränge der Höfe Sheil nehme, oder liber den edis teren Glanz der Natur nadſinne, mögen ſie die Scenen un ſerer abentheuerlichen Genoſſenſchaft und mit ihnen die Erinnerung an Jemand zurüdrufen, bei dem weder Zeit node Entfernung das Andenken an ſein eingehmendes Weſen und ſeinen Werth perioden werden . Und hier rey es mir , ehe wir die Reiſe beginnen, pergðnut , vorläufig einiges über ſpaniſde Landſchaften und ſpaniſches Reiſen zu bemerken . Mancher mag fich wohl in ſeinem Geiſte Spanien als ein mildes, füdliches Land denken, mit all den üppigen Reizen des wolüſtigen 3taliens ausgefcmidt. Im Gegentbeil iſt es , obgleich

8 in einigen der Küſtenprovinzen Ausnahmen gefunden werden , zum größern Theil ein ernſtes , melancholiſches Land , mit rauhen Gebirgen , lang hinziehenden Ebenen, baumlos , unbeſchreiblich ſtumm und einſam , dem wilden und abgeſchloſſenen Charakter Afrika's ſid näherud. Was dieſes Soweigen und dieſe Einſamkeit vermehrt , iſt der Mangel an Singvögeln , eine natürliche Folge des Ab gangs an Laubwerf and Heden. Wohl ſieht man den Geier und den Adler über den Bergen Preiſen und über die Ebenen ſchweben, und Gruppen von ſcheuen Trappen auf den Seiden umberſchreiten ; allein die Myriaden klei: nerer Vögel , welche den ganzen Charakter anderer Ge genden beleben , trifft man nur in wenigen Provinzen Spaniens und hier vorzüglich in den Obſtſtüden und Gärten, welche die Wohnungen der Meuſden umgeben. In den innern Provinzen durchſchneidet der Reis ſende juweilen große Streden , die ſoweit das Auge reiden kann , mit Frucht befået ſind , jeßt in grünen Wellen wogend , ießt niadt und ſonnenverbrannt ; aber vergebens racht er rund umher die Hand , welche den Boden gebaut hat. Endlich bemerkt er irgend ein Dorf an einer ſteilen Höhe oder an einem rauhen Fels , mit Zerfallenden Zinnen und den Trümmern eines Wart: thurms , in alten Zeiten ein feſter Plaß gegen Bürgers krieg oder Mauriſchen Einfalt ; denn die Gewohnheit, filds zu wechſelſeitigem Schuß zu verſammeln , wird fue folge der Räuberei umſtreifender Freibeuter, in den meis ſten Theilen Spaniens noch unter den Landfeuten bei: behalten. Obgleich es aber einem großen Theile von Spanien

9 an dem Sdimude des Laubwerks und der Wälder und den fanfteren Reizen einer kunſtreichen Anbauung fehlt, ro hat ſeine Scenerie doch etwas von einem hohen und ſtolzen Charakter , wodurch jener Mangel ausgeglichen wird . Sie hat einige Aehnlid Peit mit den Eigenthüm: lichkeiten ihres Voltes , und ich glaube den ſtolzen , küh: nen , mäßigen und enthaltſamen Spanier , ſeinen männs liden Troß gegen Mühſeligkeiten und ſeine Verachtung gegen Vermeidligung beffer zu Pennen, ſeit ich das Land geſehen habe , welches er bewohnt. Auch in den ſtreng einfachen Zügen der ſpaniſchen Landſchaft iſt etwas , das die Seele mit einem Gefühle der Erhabenheit erfügt. Die unermeßlichen Ebenen der beiden Kaſtilien und der Mancha , die ſich , ſoweit das Auge nur reichen kann , ausdehnen, erhalten ſelbſt durch ihre Nadtheit und Unabrehbarkeit ein Intereffe und ha ben etwas von der feierlichen Größe des Oceans. Wenn man dieſe grenzenloſen Wüſten durchroandert, fällt der Blick da und dort auf eine einzelne Rinderheerde von einem einſamen Hirten gehütet , der bewegungslos wie eine Statue ſteht und deſſen langer, ſchlanker Stab wie eine Lanze in die Luft emporragt ; oder man ſieht einen langen Zug von Mauithieren , die ſich langſam die Ein: öde entlang bewegen , wie ein Zug Kamele in der Wüſte; oder einen einzeluen Hirten , der , mit Gewehr und Dolch bewaffnet , durch die Ebene eilt. So hat das Land, ſo haben die Sitten , ſelbſt das Ausſehen des Vol: Bes etwas von dem arabiſchen Charakter. Der allge: meine Gebraud der Waffen beweißt, daß es überaň uns ficher in dem Lande iſt. Der Hirt auf dem Feld , der

10 Schäfer in der Ebene hat feine flinte und fein Meffer. Der reiche Dorfbewohner wagt ſich ſelten in den Markt: Recen , ohne ſeinen Trabuco * ) und vielleicht einen Dies ner zu Fuß mit einer Büchſe auf der Sculter bei ſich zu haben , und die unbedeutendſte Reiſe wird mit den Vorbereitungen eines Friegeriſchen Unternehmens anges treten . Die Gefahren auf der Seerſtraße deranlaffeu aud eine Reiſeart , die in einem kleinen Maßſtab den Kas rawanen des Oſten gleicht. Die Arrieros, oder Kärner , Dereinigen fid zu Geleitſchaften und gehen an beſtimms ten Tagen in großen und wohibewaffneten Zügen ab, während hinzukommende Reiſende ihre Zahl vermehren und ihre Stärke erhöhen. Auf dieſe alt einfache Weiſe wird der Handel des Landes betrieben . Der Maulthiers treiber iſt der allgemeine Vermittler des Verkehrs und der geſesmäßige Durchzieher des Landes , der die Halbs 'inſel von den Pyrenäen und den aſturiſchen Gebirgen bis zu den Ulpujarras , der Serrania de Ronda und . ſelbſt zu den Pforten von Gibraltar durchſtreift. Er lebt mäßig und mühevoll ; rein Alforjas **) von grobem Juche enthält ſeinen knappen Vorrath von Lebensmits teln ; eine Lederflaſche , die an dem Sattelbogen hångt, iſt mit Wein oder Waſſer gefüllt , um auf dem Öden Gebirg oder den dürren Ebenen den Durſt zu ftiden . Eine Maulthierbede , auf den Boden gebreitet , tft des

*) Kurze Büchre mitt weiter Mündung, ** ) Reirejack.

11 Nachts rein Bette ' and ſein Padfattel iſt rein Kiffen . Seine kleine, aber ſchön gegliederte und Präftige Geſtalt zeugt von Kraft ; feine Geſichtsfarbe iſt dunkel und ſons neverbrannt ; ſein Auge entſchloſſenen aber ruhigen Auss druds , ausgenommen wenn eine plöbliche Erregung es entflammt; ſein Benehmen iſt frei, männlid , höflid and er geht nie an dir vorbei ohue einen ernſten Gruß : „ Dios guarde à usted ! 99Va usted con Dios , Ca Gott ſchirme euch ! Gott ſer mit euc ; ballero ! 66 Herr ! " Da dieſe Leute oft ihr ganzes Permögen in dem Sepäck ihrer Maulthiere tragen, ſo haben ſie ihre Wafs fen , die an den Sattel befeſtigt und augeublidlich zu Derzweifeltem Widerſtand bereit ſind , ſtets zur Sand. Ihre vereinte Zahl aber ſichert ſie gegen Pleine Banden von Sdnapphähnen ; und der einſame Bandolero *), bis zu den Zähen bewaffnet und auf ſeinem Andaluſier Tibend , umſowebt ſie , wie ein Seeräuber das Geleita Ichiff eines Kauffahrers, ohne einen Ungriff zu wagen. Der ſpaniſche Maulthiertreiber hat einen unerſchöpfo , liden Vorrath vou Liedern und Balladen , um ſein uns aufhörliches Wanderleben damit zu erheitern. Die Wei Ben ſind rauh und einfach , indem ſie nur aus wenigen Jufterionen beſtehen. Dieſe ſingt er mit lauter Stimme and langem, gezogenem Confal heraus, während er quer auf ſeinem Maulthier fißt, das mit unendlidem Eruſte zu lanſden und mit ſeinem Schritte den Saft tu der

*) Straßenräuber,

12 Weiße zu halten ſcheint. Die fo abgelungenen Strophen ſind oft alte überlieferte Romanzen , die Mauren betrefs fend, oder irgend eine Heiligen-Legende, oder ein Liebes: liedchen ; oder, was noch häufiger der Fall iſt, eine Bals lade auf einen Becken Schleichhändler, oder einen kühnen Bandolero , denn der Schmuggler und der Räuber ſind poetiſche Helden bei dem gemeinen Volle Spauiens. Oft iſt der Gefang des Maulthiertreibers ein Erzeugniß des Uugenblicks und bezieht ſich auf eine örtliche Scene oder auf irgend einen Reiſevorfat . Dieſes Jalent des Ge: fanges und der Improviſation iſt ſehr häufig in Spanien und roll ihnen von den Mauren vererbt noorden reyn. Es bat etwas wild Ergößliches , dieſen Liedern in den raus hen und einſamen Gegenden, von denen ſie Kunde geben, zu lauſchen , wenn ſie von dem Geflingel der Glode des Maulthiers begleitet werden. Es iſt aud von einer ſehr maleriſchen Wirkung , in einem Gebirgøpaß auf einen Zug von Maulthiertreibern zu ſtoßen . Zuerſt hört man die Glocken der vordern Maulthiere, die mit ihrem einfachen Tone die Stille der luftigen Höhe unterbrechen ; oder vielleicht die Stimme des Maulthiertreibers , der ein tråges oder vom Weg abgekommenes Thier ermahnt, oder mit der ganzen Kraft ſeiner Lunge eine alte Ballade fingt. Endlich ſieht man die Maulthiere ſich langſam den engen Felſenpaß entlang minden , zuweilen ſteile Klippen nieberſteigend, ſo daß ſie Rich ſcharf gegen den Himmel abzeichnev , zuweilen aus . den tiefen öden Klüften unten ſid, empor arbeitend. Wåhs rend fie rich nähern , unterſcheidet man ihren bunten Samu& von wollenen Bürden , Troddeln und Sattel:

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deden , während, belºm Vorüberziehen , der ſtets bereite Srabuco hinter den Paden und Sätteln , die Unfider's heit der Straße andeutet. Das alte Königreich Granada , in welches wir nun eintreten , iſt eines der bergigſten Länder Spaniens. Weite Sierras, oder Gebirgstetten, ohne Strauch oder Baum , farbig von mannigfachen Marmorn und Granis ten , erheben thre ſonnverbrannten Gipfel gegen einen tief blauen Himmel; allein in ihren (droffen Gründen liegen die grünften und fruchtbarſten- Thaler eingellüftet, wo Wüſte und Garten um den Borrang ſtreiten und ſelbſt der Feld gezwungen ſcheint , Feigen , Drangen und Zitronen zu fpenden und ſid mit der Myrthe und der Noſe zu fchmúden . Der Anblick ummauerter Städte und Dörfer , die wie Adlernefter an den Klippen Gängen und von mauri: lchen Zinnen umgeben find, oder von zerfallenden Wart: thürmen , die auf luftigen Kuppen thronen , führen in den wilden Päſſen dieſer Berge den Geiſt in die ritter: lidhe Beit des chriftlichen und mahomebaniſchen Kriegsle, bens und zu dem romantiſchen Kampf um Granada's Eroberung zurüd. Der Reiſende muß , wenn er dieſe bohe Gebirge durdjieht , abſteigen und ſein Pferd die Reilen und eingeferbten Pfade , die bergan und thalab führen uud den zerbrochenen Stufen einer Preppe glet dhen , auf und nieder leiten. Zuweilen windet ſich der Weg fchwindlige Ubgründe entlang , ohne ein Geländer, das ihn vor der Tiefe anten ſchüßt, und ſtürzt danu tiefe, dualle und gefährliche - Abhänge nieder. Suweilen geht er durch rauhe Barrancas, oder Søluchten , son Winter:

14 tromen ausgewaſchen , der beimliche Pfad der Schmugge ler ; während da und dort das bedeutungsvolle Kreuze das Denkzeichen einer Räuberei oder eines Mordes, auf einem Steinhaufen an irgend einem einſamen Sheil des Weges errichtet, den Reiſenden ermahut, daß er im Bes reich von Banditen , vielleicht in dieſem Augenblick unter den Augen eines lauernden Bandolero ift. Saweilen reßt ihn , wenn er ſich durch die engen Zhäler windet, ein rauhes Gebrül in Erſtaunen und er fleht über nich , auf einem grünen Einſchnitt der Bergleite , eine Seerde wilder andaluftſder Stiere , die zum Kampfe der Arena beſtimmt ſlud. Es iſt etwas Schauerlides in dem Une blid dieſer furchtbaren Thiere, mit ſchreckenhafter Kraft begabt und , fast fremdlinge dem Antribe des Menſchen , in ungezähmter Wildheit ihre Heimathlichen Weiden durchs ſtreifend ; fle Pennen niemand , als deu einſamen Pirten , der ſie hütet und er ſelbſt wagt es zu Betten nicht, ihnen nahe zu kommen . Das tiefe Brüllen dieſer Stiere und ihr drohendes Ausſehn , wenn ſie von der Felfenhöhe nies der bliden , erhöht die Wildheit der rauben Scenerie umber. 3d habe mid uumidfahrlid berleiten laſſen , bei

den allgemeinen Zügen des Reiſeas in Spanien Tánger zu verweilen, als meine üblict war. Es iſt aber etwas Romantiſches in jeder Erinnerung an die albinſel und die EinbildungsPraft fcheidet ungern davon . Am erſten Mai verließen mein Gefährte und ich Sevilla , um nach Granada zu gehen . Wir hatten alle Vorbereitungen getroffen , welche eine ſolche Reiſe durch gebirgige Gegenden, wo die Wege wenig mehr als bloße

15 Pfade für Maulttiere und zu häufig von Räubern bes lagert ſind, nothwendig machte. Der werthvollere Sheil unſeres Gepádó war durch Arrieros vorausgeſchict wors den ; wir behielten uur Kleidung und das Nothwendigſte für den Weg und Geld für die Ausgaben der Reiſe bei uns ; doch ſteďteu wir von leßterm einen Pleinen Uebers chuß zu uns , um den Erwartangen der Räuber , wenn wir angegriffen würden , Genüge zu thun , und uns die rauhe Behandlang zu erſparen , die den zu ſparſamen geldarmen Reiſenden erwartet. Zwei ſtarke Pferde wurs den für uns , ein drittes für unſer kleines Sepåď und einen ſtämmigen Biblater gemiethet, einen Burden von ungefähr zwanzig Jahren , der uns durch die Frrgeroinde der Bergwege führen , für die Pferde ſorgen , gelegentlich die Stelle unſeres Bedienten und immer die unſeres Wådsters vertreten route ; denn er hatte einen furchtbas ren Trabuco oder Karabiner , um uns gegen Rateros, oder Straßenrauber zu Fuß, zu dertheidigen ; er prahlte mit dieſer Waffe ungemein viel, obgleid idy, zur Unehre ſeiner Unführerſoaft, ſagen muß, daß ſie gewöhnlich une geladen hinter ſeinem Sattel hing. Er war jedoch ein treues , manteres, gutherziges Weſen, voller Phraſen and Sprichwörter , wie jenes Wunder pou Knappen, der bes rühmte Saudo ſelbſt , deffen Namen wir ihm gaben ; und als echter Spanier überſchritt er , obgleich wir ihn mit genoffenſ aftlicher Bertrautid leit behandelten , nicht einen Augenblid , felbſt nicht in ſeiner beſten Laune, die Grenzen des reſpectvollen Anſtandes . So ausgerüſtet und begleitet begaben wir uns auf die Reiſe , in der echten Stimmung, uns zu vergnügen.

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Weld ein Land iſt, mit einer ſolchen Stimmung , Spa: nien für einen Reiſenden , wo das elendeſte Wirthshaus voll übentheuer wie ein bezaubertes Schloß , und jede Mahlzeit an ſich loon eine Heldenthat iſt! Laßt andere über den Mangel regelrechter Straßen und ſtattlider Gaſthäuſer und al die künſtlichen Behaglichkeiten eines zu Sahmheit und autäglichpeit ausgebildeten Landes klagen ; aber mir gebt das rauhe Bergklettern, das ums Ichweifende , aufs Graderoohl hingehende Wanderleben , die offenten , gaſtfreundlichen , obwohl halbwilden Sitten, welche dem romantiſden Spanien einen ſo eďten ' spoch: geſchmad geben . Unſer erſtes Nachtlager bot etwas der Urt dar. Wir famen nach einer ermüdenden Reiſe über eine weite, hausloſe Ebene , wo Regenſchauer uns wiederholt durch : näßt hatten , nach Sonnenuntergang zu einer Pleinen Stadt in den Bergen. Ju dem Wirthshaus war eine Abtheilung von Miqueletes , *) welche die Gegend durch ſtreiften , um Räuber zu verfolgen . Die Erſcheinung von Fremden , wie wir , war in dieſer entlegenen Stadt etwas Ungewöhnliches ; unſer Wirth ſtudirte mit zwei_ oder drei alten geſprächigen Kameraden in braunen Män teln in einer Ecke der Poſada ** ) unſere Påffe , wah: rend ein Alguazil bei dem trüben Licht einer Lampe mit Söreiben beſchäftigt war. Die Päſſe waren in frems den Sprachen und verwirrten ſie , bis unſer Knappe

*) Fußjäger. **) Wirthshaus .

17 Sando ſie in ihren Studien unterſtüßte und unſere Wichtigkeit mit der Großſprecherei eines Spaniers er : hob. Mittlerweile hatte die großmüthige Bertheilung einiger Zigarren die Serzen aller um uns gewonnen ; nach kurzer Zeit ſchien die ganze Gemeinde in Aufruhr, um uns zu bewilkommnen. Der Corregidor ſelbſt machte und ſeinen Beſuch , und die Wirthin machte mit Gea prånge einen Armſtuhl mit einem Strohrit in unſerer Stube für die Bequemlichkeit dieſer wichtigen Perſon jurecht. Der Anführer der Misqueletes aß mit uns zu Nast , cin lebendiger , geſprächiger , lad luſtiger Anda luſter, der einen Feldzug in Südamerika mitgemacht hatte, und und ſeine Liebes- und Kriegsthaten mit vielem Worta gepräng, heftigem Mienenſpiel und geheimnißvolem Rol: len der Augen erzählte. Er ſagte uns , er habe eine Liſte aller Räuber der Umgegend , und gedenle , einen wie den andern an’s Tageslicht zu ziehen ; zugleich bot er uns einige ſeiner Soldaten als Geleit an. ,, Einer reicht hin, Sie zu ſchüßen, Senyores ; die Räuber Fen : neu mich und Pennen meine Leute ; der Unblick eines einzigen reicht hin , Soreden in der ganzen Sierra zu verbreiten .“ Wir dauften ihm für ſein Anerbieten, ver ficherten ihn aber in ſeiner eignen Weiſe , unter dem Scuß unſeres gefürdteten Knappen Sancho fößten aus alle Räuber Andaluſiens feite Ungſt ein . Während wir mit unſerm eiſenfreſſeriſchen Freunde zu Nacht aßen , hörten wir die Töne einer Guitarre und den Sqall von Caſtaguetten , und dann einen Chor von Stimmen , die eine bekannte Melodie ſangen. In der That hatte unſer Wirth die Sänger und Muſiker und 2 44 45

18 die ländliden Schönen der Nachbarſchaft zuſammen ge: rufen, und als mir hinaustraten, bot der Hof des Wirths: hauſes eine Scene echt ſpaniſcher feflich feit dar. Wir nahmen unſere Sibe bei dem Wirthe , der Wirthin und dem Unführer der Patrouille unter dem Bogenthor des Sofes ; die Guitarre ging von Hand zu Sand , aber ein jovialer Schuhmacher war der Drpheus des Ortes. Er war ein freundlich ausſehender Burſde mit großem ſobwarzem Badenbart ; feine Uermel waren bis zu den Ellenbogen aufgerolt; er ſpielte die Guitarre meiſter: haft, und fang Pleine verliebte Lieder mit einem ausdrudo , vollen Seitenblick auf die Frauen , bei denen er augen : ſcheinlich fehr in Gauſt ſtand. Er tanzte dann zur großen Freude der Zuſdauer mit einer drauen andaluſiſchen Maid den Fandango. Aber keine der anweſenden Mädchen Ponnte fid unſers Wirthes habíder Tochter, Pepita , vergleiden , die ſich weggefdlichen und ihre Soilette gemadt, und ihren Kopf mit Roſen geſchmidt hatte, und fich in einem ero mit einem schönen jungen Dragoner auszeidnete. Wir hatten unſerm Wirth aufgetragen , Wein und Ers friſchungen unter den Leuten herumzugeben, und obgleich die Geſellſchaft aus einem bunten Gemiſd von Soldaten, Maulthiertreibern und Dörflern beſtand, überſdritt doch niemand die Grenzen nugterner Beluſtigung. Die Scene founte eine Studie für Mahler abgeben : die pittoresle Gruppe der Tänzer , die Miqueletes in ihrer halb milt: táriſden Tracht , die Landleute in ihre braune Mäntel drappirt , aad darf ic des alten magera Alguazil in einem Parzen ſchwarzen Mantel nicht vergeſſen , der an nichts , was um ihn vorging, Sheil nahm , ſondern in

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einem Winkel faß , und emſig bei'm trüben Licht einer großen Kupfernen Rampe drieb, welche in den Jagen des Don Quixote eine Rolle geſpielt haben modte. 3d foreibe keinen regelmäßigen Reiſebericht , und beabſidrige Reine Schilderung der mannigfaltigen Begeb: niffe unſerer mehrtägigen Streifereien aber Thåler - und pühen , Niederungen und Berge. Wir reiſeten auf edte Soleicháadlerweiſe , indem wir alles das Rauhe wie das Freundliche hinnahmen , wie Mid's fand , und mit al, len Klaſſen und Ständen in einer Urt landſtreideriſcher Genoſſenſchaft verfehrten. Dieß iſt die redte Weiſe, in Spanien zu reiſen . Da wir die Spårlichkeit der Spei: ſelammer der Wirthshäuſer und die öden Lanoftride kann ten , welche der Reiſende oft durdziehen muß , ſorgten wir bei der Abreiſe , daß die Alforjas oder Sattelſåde unſeres Knappen mit faltem Mundoorrath gut verſehen, und ſein Bota oder lederne Flaſche, die einen Rattlichen Umfang hatte , bis zum Hals mit ausgeſuchtem Valdes penas: Wein gefüllt war. Da dieſer Kriegsvorrath für unſern Feldzug rogar wichtiger war, als rein Trabuco, er mahnten wir ihn, ein wadrames Auge darauf zu haben , und ich muß ihm die Geregtigkeit widerfahren laſſen, und ſagen , daß ſein Namensbetter , der ledere Sando, ſelbſt ihn als ſorglichen Proviantmeiſter nicht übertref: fen Povute. Obidon die Ulforjas und die Bota auf der Reiſe wiederholt und Fräftig angegriffen wurden , ſchienen lle doo die manderbare Eigenſchaft zu haben , daß ſie nie leer wurden ; denn unſer wadfamer Knappe ſorgte, daß alles , was von unſerer Abendmahlzeit in den Wirths: 2 *

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Häuſern übrig blieb, eingepadt und für die Zwiſchenmahla zeit des adoſten Sags aufgehoben wurde. Welche üppigen Nachmittagemahle hielten wir auf dem grünen Raſen , zur Seite eines Badis oder Bruni, nens , unter einem ſchattigen Baum ! and dann welche Pöſtliche Sieſta's auf unſern Mänteln , die wir auf das Grün breiteten ! Wir hielten eines Nachmittags , um ein Mahl die ſer Art uns zu nehmen. Es war auf einer freundlider , Fleinen , grünen Wieſe , von Hügeln umgeben , die mit Dlivenbäumen bedeckt waren. Unter einer Ulme, am Rand eines ſprudelnden Bächleins , waren unſere Mána tel ausgebreitet ; auf einem grafigen Platz weideten die los angebundenen Pferde , und Sancho brachte ſeine Ul forjas mit triumphirender' Miene. Sie enthielt die Bei ſteuer pou dier Reiſetagen , hatte ſich aber dadurch un gemein vermehrt, daß ein ,gut verſehened Wirthdhaus zu Antequerra am vergangenen Abend neuen Vorrath ltes ferte. Unſer Knappe 309. den verſchiedenartigen Ju halt allmählig hervor , und ſchien nicht zum Ende kom: men zu können. Zuerſt erſchien ein geröſteter Bodøs ſchlegel , der durch das Aufheben nicht viel ſchlechter gea worden war ; dann ein ganzes Rebhuhn ; dann ein groſs ſes Stüđ geſalzenen StodAfches , in Papier gemidelt ; dann der Reſt eines SoinPens , dann ein halbes puhn mit verſchiedenen Broden und einem bunten Saufen von Drangen , Feigen , Roſinen und Walnüſſen . Auch ſeiner Bota war mit treffichem Malaga - Wein nachgeholfen worden. Bei jedem neuen Zug aus dem Sade ergoßte er fid an unſerm ſcherzhaften Staunen , warf fid zuräd

21 auf das Gras und lachte wie ein Kind. Dem einfach, gutmüthigen Burſchen geftel nichts mehr , als wegen fei ner Lederhaftigkeit mit dem berühmten Knappen des Don Quirote verglichen zu werden. Er war in der Ges ſchichte des Don ſehr beleſen , und hielt ſie, wie die mei: ſten gemeinen Leute in Spanien, für eine wahre Hiſtorie. ,, Ades das hat ſich aber doch vor langer Zeit zuge tragen , Sennor ?" fragte er mid eines Tages mit for: fdendem Blid , „ Vor ſehr langer Zeit ," war die Antwort. Id glaube wohl, vor mehr als tauſend Jahren ?'' immer noch zweifelhaft ausſehend. „Ich glaube wohl nicht weniger. “ Der Knappe war zufrieden geſtellt. Während wir, wie geſagt, unſer Mahl hielten , und uns an dem einfad drolligen Weſen unſers Knappen bes luſtigten , näherte ſich uns ein Bettler, der faſt das Uus ſehen eines Pilgers hatte. Er war augenſceiulid rehr alt, hatte einen grauen Bart und ſtüpte ſid auf einen Stab , doch hatte das Alter ihn nod nicht gebeugt ; er war groß und grade , und zeigte die Trümmer einer ſchönen Geſtalt. Er trug einen runden andaluſſdeu Sat, eine Jade von Schafepelz und lederne Soſen, Ra: maſchen und Sandalen. Seine Kleidung war "alt und geflidt, aber anſtändig , ſein Benehmen männlich ; er res dete nud mit jener ernſten Höflichkeit an, die man bei dem niedrigſten Spanier bemerkt. Wir waren in einer für ſolchen Beſucher günſtigen Stimmung , und gaben ihm in einem Anfall launenhafter Milde etwas Silber ein fchönes Waizenbrod und einen Beder von auſer

22 trefflichen Malagamein ." Er nahm dieß erkenntlid an, doch ohne den friechenden Gribut der Dankbarkeit. A18 er den Wein verſucht hatte, hielt er ihu , mit einem leich ten Strahl des Erſtaunens in ſeinem Auge , gegen das Licht ; daun leerte er den Becer auf einen Zug. find viele Jahre, " ſagte er, „ daß ich ſolchen Wein nicht gekoſtet habe. Er thut dem Sperzen eines alten Mannes wohl." Und dann auf das ſchöne Waizenbrod ſchauend ; „ Bendito sea tal pan “ ( geſegnet ren folches Brod). Bei dieſen Worten ſteckte er es iu reine Tarde. Wir dran: geu in ihn , es ſogleich zu effen . „ Nein , Sengores ," ſagte er, „ den Wein mußte ich trinken, oder hier laſſen ; aber das Brod muß ich für meine Familie mit nach Hauſe nehmen. " Unſer Freund Sancho ſuchte unſer Unge, und da er darin die Erlaubniß las , gab er dem Ulten etwas von den reichen Reſten unſers Mahls , jedoch unter der Bes dingung, daß er fld niederſebe und effe. Er nahm alſo reinen Siß in einiger Entfernung von uns , und begann langſam und mit einer Núchternheit und einem Unſtand zu eſſen , der einem Hidalgo Ehre gemadt hätte. Es war etwas Gemeffenes , eine ruhige Selbſtbeherrſ@ ung in dem alten Mann , die mich glau: -ben ließ, er habe beffere Tage geſehen. Uud ſeine Sprache hatte , obſchou ſie einfach war , gelegentlich etwas ma: leriſches und faſt poetiſdes in der Ausdrudsweiſe. Id hielt ihn für einen herabgekommenen Adligen. Jd irrte mid ; es war nichts als die angeborne Sittenfeinheit des Spanters , und die poetiſche Wendung der Gedan: ten und Worte, wie man ſie oft in den niedrigſten Klaſs

23 fen dieſes griftvollen Boltes findet. Sünfzig Jahre, ſagte er uns , rey er ein Schäfer geweſen, doch jeßt fey er ohne Beſchäftigung und verlaffen. „ Wis id jung war, “ ſagte er , ,,fonnte mid nichts grämen oder beunruhigen ; ich war ſtets geſand , ſtets heiter ; aber jeßt bin id 79 Jahre alt und ein Bettler , und mein Muth fängt an mid zu verlaſſen. " Doch war er noch kein eigentlider Bettler ; erſt neuerlich hatte ihn der Mangel zu dieſer Erniedrigung getrieben ; er gab uns ein rührendes Gemälde vou dem Kampf zwiſden Hunger und Stolz, als die äußerſte Noth über ihn fam . Er kehrte von Malaga ohne Geld zurüd ; er hatte eine Zeit lang nichts gegeſſen , und mußte eine der größten Ebenen Spaniens , wo ſich nur wenige Wohnungen finden , durchwandern . Als er vor Hunger faß verging, hielt er an der Thüre einer Venta (Wirths haus auf dem Lande ) an . „ Perdon usted por Dios, hermano“ (entſouldigt uns um Gottes willen, Bruder ), war die Untwort – in Spanien die gewöhnliche Art , einen Bettler abzuweiſen . „ Ich wandte mid , " ſagte er , „hinweg , meine Soam war größer als mein Hun ger , denn mein Herz war noch zu ſtolz. Ich Pam an einen fluß mit hohen Ufern und tiefer , rafder Stro mung , und fühlte mich verſuďt , hinein zu ſtürzen. Wozu rou, ragte ich mir, ein folder alter, unnüßer, un : glüdlicher Mann , wie ich bin, leben ? Als ich aber an dem Rande des Ufers war, gedachte id der gebenedeiten Fungfrau und wandte mid ab. Id reiſte weiter , bis ich in einiger Entfernung von der Straße einen Land: fiß rah. 3 trat an das äußere Thor des Hofes. Die

24 Share war verſchloſſen , aber an einem Fenſter waren zwei junge Sennora's . Id näherte mich und bettelte : „Per don usted con Dios , hermanos ( entſchuldigt uus um Gottes willen , Bruder) , und das Fenſter ſchloß fich. Id Proch aus dem Hofe, aber der Hunger übermannte mich und meine Kraft brach . Ich glaubte , meine lebte Stünde ſey gekommen , legte, mich drum an dem Thore nieder, empfahl mich der heiligen Jungfrau und verhälte mein Haupt , um zu ſterben . Nach einer Weile Pehrte der Herr des Hauſes zurück ; da er mid an ſeinem Shore liegen rah, enthüllte er mein Haupt , fühlte Mit teid mit meinem grauen Haare, nahm mich in ſein Haus und gab mir zu effen. So ſehen Sie , Sennores , daß man ſtets Vertrauen in den Schuß der Jungfrau feßen follte ." Der alte Mann war auf dem Weg zu ſeinem Ge burtsort, Archidona , das ganz nahe , auf dem Gipfel eines ſteilen und rauhen Berges Tag. Er zeigte auf die Dieſes Ruinen eines alten mauriſchen Schloſſes. Sbloß , " ragte er , ,, wurde zur Zeit der Kriege von Granada von einem mauriſchen König bewohut. Die Königin Iſabelle umzingelte es mit einem großen Heere ; aber der König blidte aus ſeinem Schloſſe in den Wol: Pen nieder , und lachte ihrer höhniſch. Darauf erſchien die Jungfrau der Königin , und führte ſie und ihr Heer einen geheimnißvollen Pfad in den Bergen empor , wele chen vorher noch niemand gekannt hatte. Als der Maure fie kommen rah , war er erftaunt, ſprang mit ſeinem Pferde von einer Klippe und wurde zerſd mettert. Am Rande des Felſens ," ſagte der alte Mann , wſteht man

25 noch heute die Spuren von den Hufen ſeines Roſſes. Und ſehen Sie, Sennores , dort iſt der Weg, auf welchem die Königin und ihr Seer emporſtiegen ; Sie ſehen ihn wie ein Baud die Seite des Berges hinanziehen ; aber das Wanderbare iſt, man ſieht ihn wohl in einiger Ent: fernung, wenn man aber näher kömmt, verſchwindet er . “ Der geglaubte Weg , auf den er zeigte , war ohne Zweifel ein ſandiger Waſſerriß des Berges , welcher in der Entfernung ſchmal und begrenzt ausſah , aber breit und unbeſtimmt wurde, wenn man näher Fam. Der Wein erwärmte das Herz des alten Mannes, und er erzählte uns eine Geſchichte von einem vergrabe: nen Soaße, der unter dem Schloſſe des mauriſchen Kös nigs liege. Sein Haus grenze an die Grundmauer des Soloffes. Der Pfarrer und der Notar hätten dreimal von dem Schaße geträumt, und begonnen , an dem durch die Träume bezeichneten Orte zu graben. Sein eigener Odwiegerſohn habe den Klang ihrer Biden und Spas ten in der Nacht gehört. Niemand wifle , was ſie ge: funden ; fie feyen plöblid reich geworden , hätten aber ihr Geheimniß für ſich behalten . So war der alte Mann einſt vor der Thüre des Glückes geweſen , war aber ver urtheilt, nie mit ihm unter daffelbe Dach zu kommen. 3d habe bemerkt , daß die in ganz Spanien gång' und geben Geſchichten von Schåben , welche die Mahren dergraben, unter den årmften Leuten am gangbarſten ſind. Die gütige Natur tröſtet auf dieſe Art mit Schatten für die Entbehrung des Weſentlichen . Der Durſtige träumt von Quelle und ſtrömenden Bächen ; der Hungrige von idealen Schmáußen ; und der Arme von Saufen verbors

2li genen Goldes ; es gibt gewiß nichts prächtigeres als die Einbildungsfraft eines Bettlers. Die lebte Reife-Skizze , welche ich geben werde , ift Fine Abendſcene in dem Städtchen Lora. Dieß war ein berühmter Priegeriſcher Grenzpoſten zu den Seiten der Mauren , und Ferdinand wurde vor ſeinen Wellen zus rückgeworfen. Es war die Soubwehr des alten Ulias tac , des Schwiegervaters von Boabdil , als der feu: rige alte Krieger mit ſeinem Sowiegerſohn zu ſeinem unglücklichen Ueberfall ausjog , welcher mit dem Sode des Unführers und mit der Gefangenſchaft des Monar: chen endigte. Lora liegt wild in einem oden Gebirge: paffe, an den Ufern des Fenil , unter Felſen und Laub: werk, Wieſen und Gärten. Das Vole ſcheint noch ganz den fühnen , feurigen Geiſt der alten Zeit zu beſlben. Unſer Gaſthaus war der Stelle angepaßt. Es war im Beſts einer jungen und ſchönen andaluſtidhen Wittme, deren niedliche Basquinna von ſchwarzer Seide , mit Glastorallen beſeßt, das Spiel einer anmuthigen Form und runder gelenler Glieder hervorhob. Ihr Gang war feſt und elaſtiſch ; ihr fchwarzes Auge bou Feuer , und die Roletterie ihres Weſens und der vielfache Samud an ihrem Körper zeigte, daß ſie gewohnt war, bewundert zu werden. Ein Bruder, faſt mit ihr von gleichem Alter, paßte trefflich zu ihr ; ſe waren vollfommene Borbilder der andaluſiſchen Majo und Maja. Er war groß , fräftig, ( chön geformt, mit heller Dliven : Geſichtsfarbe, einem dun: feln , ftrahlenden Auge und Codigem , taſtanienbrannen Badenbart, der unter dem Kinn zuſammengeraden

27 war. Er war zierlid in eine kurze grüne fammtnegade gekleid t, die ſeiner Geſtalt angepaßt, und verſchwenderiſch mit filbernen Knöpfen geſchmüct war, und hatte in jeder Daſde ein weißes Saſchentuch. Die Horen waren von demſel-: - ben Stoff, mit Reihen von Knöpfen von der Hüfte bis zu den Knieen ; ein blaßrothes ſeidenes balstuch , das durch einen Ring zuſammen gehalten ward, und auf einem ſchön gefältelten Hemde ruhte , um den Hals ; einen Gürtel um den Leib ; Bottiga's oder Ramaſdeu vom ſmönſten bragnen Leder , zierlich ausgenäht und an der Wade offen , um die Strümpfe ſehen zu laſſen , und braune Schuhe, die einen foon geformten Fuß hervorhoben . Während er an der Thüre ſtand , fam ein Reiter die Straße herab , und begann eine leiſe und ernſthafte Unterhaltung mit ihm. Er war in ähnlicher Weiſe ge Kleidet und fast mit gleicher zierlichkeit ; ein Mann ge gen dreißig. ftarf gebaut , mit Präftigen römiſchen Ges fichtszügen ; ſchön , obgleich leicht von den Blattern zer: riſſen , mit einem freten , fühnen und etwas anmaßenden Weſen . Sein kräftiges ſchwarzes Pferd war mit Tros deln und fantaſtiſdem Pub geromüđt, und ein Paar weitgemündete Büchſen hingen hinter dem Sattel. Er hatte das Anſehen eines jener Schleichhändler, welche ich in den Bergen von La Ronda geſehen hatte , und ſtand offenbar im Einverſtändniß mit dem Bruder der Wir: thin ; ja , wenn ich nicht irre , war er ein Liebling der Wittwe. Das ganze Wirthshaus und ſeine Bewohner hatte in der Shat etwas von fdleidhändleriſdem Unſes hen , und die Büdyle ſtand in einem Winkel neben der Guitarre. Der Reiter, deſſen ich gedachte, brachte reineu

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Abend in der Poſata zu , und fang mehrere fede Ge: birgsiteder mit vieler Lebhaftigkeit. Während wir zu Nacht aßen , kamen zwei arme Aſturier herein , und ba ten um Speiſe und Nachtherberge. Sie waren auf einem Markt im Gebirge geweſen , Räuber hatten ſie auf dem Rüdweg angefallen , ihnen ein Pferd genommen, das ihren ganzen Waaren - Vorrath trag , ſie ihres Gel des und des größten Theils ihrer Kleidang beraubt , fie geſchlagen , weil ſie fich widerſeßt , und ſie faſt nadt auf der Straße gelaſſen . Mein Gefährte befahl mit dem raſchen Edelſinne, der ihm eigen, daß man ihnen Nacht: eſſen und ein Bett geben ſolle , und ſchenkte ihnen eine Summe Geldes, damit Rie ihre Heimath erreichen könnten. Mit dem Vorſchreiten des Abends vermehrten fich die Perſonen des Drama's. Ein dider Mann, ungefähr ſechzig Jahre alt , von kräftiger Geſtalt , Pam herein , um mit der Wirthin zu ſchwaßen . Er war in der ges wöhnlichen andaluſiſchen Tracht, hatte aber einen großen Säbel unter dem Urme ſteden ; er trug einen großen Schnurrbart und hatte ein etwas großthueriſches, win diges Weſen . Alles ſchien ihn mit großer Ehrerbietung zu behandeln. Unſer Burſche Sando flüferte uns zu, es ſey Don Ventura Rodrigueſ , der Seld und Kampe von Lora, berühmt wegen ſeiner Rühnheit und der Kraft ſeines Urmes. Zur Zeit des franzönſchen Einfalls überraſchte er reds Reiter , die eingeſchlafen waren ; er brachte erſt ihre Pferde in Sicherheit, griff fie danu mit ſeinem Så: bel an , todtete einen und nahm die übrigen gefangen. Wegen dieſer Thatt bewilligte ihm der König eine Pes

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ſeta (den fünften Theil eines Duro oder Thalers ) täglich, und verlieh ihm den Titel eines Don . és ergößte mid , das hochfahrende feiner Sprache und ſeines Benehmens zu beachten. Er war ſichtbar ein åter Undaluſier , ſo prahleriſch als brav . Sein Sabel war ſtets in ſeiner Hand oder unter ſeinem Arm . Er trägt ihn überall mit ſich herum , wie ein Kind ſein Spielzeug, nennt ihn ſeinen Santa Tereſa und ſagt, wenn er ihn ztehe, „trempla la tierra " zittere die Erde. Ich faß bis ſpät in die Nacht da , und lauſchte den vielfachen Geſpräden dieſer bunten Gruppe , welche mit der Rüdhaltsloſigkeit einer ſpaniſchen Poſada mit einans der verkehrten. Wir hörten Sleichhändlerlieder, Råu bergeſchichten , Guerillathaten , und mauriſche Legenden. Die leßteren waren von unferer ſchönen Sausfrau, welche einen poetiſchen Bericht von den Infiernos , oder den Höllenlegionen von Lora mittheilte – dunkle Höhlen, in denen unterirdiſche Ströme und Waſſerfälle einen ge heimnisvollen Ton hervorbringen. Das gemeine Volt ſagt, es regen dort Geldmünzer ſeit der Zeit der Maus ren eingeſchloffen , und die mauriſden Könige bewahrten ihre Schäße in dieſen Höhlen . Wenn es der Zwed dieſes Werkes wäre, könnte idy alle ſeine Blätter mit den Begebenheiten und Sce: nen unſerer Wanderung anfüllen ; aber mich ladet ein anderer Vorwurf ein. Auf dieſe Weiſe reiſend , kamen wir endlid aus dem Gebirge , und betraten die ſchöne Vega von Granada. Wir verzehrten hier unſer testes Mittagsmahr unter einer Gruppe von Dlivenbäumen , am Rand eines Büchleins , die alte mauriſche Happtſta i

30 in der Entfernung, und von den röthlichen Thürmen der Alhambra *) belebt, während ferne darüber die ſoneeigen Gipfel der Sierra Nevada wie Silber glänzten. Der Tag war ganz wolkeulos, und die siße der Sonne durch den fühlen Wind aus dem Gebirge gemäßigt ; nach dem Mahle breiteten wir unſere Mäntel aus, und hielten uns -ſere legte Sieſta , von dem Geſumm der Bienen in den Blüthen und dem Girren der Ringeltauben in den na hen Dlivenbäumen eingeladt. Als die Heißen Stunden vorüber waren , reßten wir unſere Reiſe fort ; der Weg führte durch Uloegebüſch und indiſche Feigen und durd ein Labyrinth von Gärten ; gegen Sonnenuntergang ta: men wir an die Shore von Granada.

Der Reiſende , der von einem Gefühl für das Hi ſtoriſche und Poetiſche durchdrungen iſt, ſteht in der Alhambra ' einen eben so würdigen Gegenſtand der Ver: ehrung , wie jeder edyte muhametantſche Pilger in dem Kaaba oder dem heiligen Hauſe von Mella. Wie viele wahre und fabelhafte Legenden und Erzählungen ; wie piele , ſpaniſche und arabiſche Geſänge und Romanjen von Liebe , Krieg und Ritterlichkeit find mit dieſem ro mantiſchen Gebäude verbunden ! Der Leſer kann ſide daher unſere Freude denpen , als aus der Gouverneur der Ulhambra Parz wad unſerer Ankunft zu Granada *) d. 6. die rothe (Burg) , ro genannt , weil die Strahlen der Sonne fich dort zuerſt des Morgens röthen , oder wegen der Farbe des Gefteins, aus dem ſie gebaut ift.

31 die Erlaubniß gab , feine unbewohnten Gemächer in dem mauriſchen Palaſte ju bewohnen. Mein Gefährte wurde bald von den Pflichten feiges Standes hinweggerufen ; ich aber blieb mehrere Monate an das alte bezauberte Gebäude feſtgebannt. Die folgenden Blätter ſind das Ergebniß meiner Träumereien und Unterſuchungen wah: rend dieſer Ponligen Zeit. Wenn ſie im Stande find, etwas von den bezaubernden Reizen des Drtes, der Ein: bildungskraft des Leſers mitzutheilen, ſo wird er es nicht bereuen, eine Zeit lang mit mir in den ſagendolen Sal len der Alhambra zu verweilen.

Befehlshaberſchaft

der alhambra.

Die Alhambra iſt eine alte Veſte oder ein ummauer: ter Palaft der mauriſden Könige vou Granada, wo ſie über ihr gerühmtes irdiſdes Paradies geboten , und wo ihre Herrſchaft über Spanien am längſten währte. Der Palaſt nimmt nur einen Theil der Veſtung ein, deren Mauern , mit Thürmen beſeft , Rich unregelmäßig um den ganzen Kamm eines Rattliden Hügels ziehen, der die Stadt überſcaut, und ein Vorſprung der Sierra Nevada oder des ſchneeigen, Gebirges iſt. Bu den Zeiten der Maaren konnte die Beſtung ein Heer von vierzig tauſend Mann in ihrem Umfang einſd ließen , und diente gelegentlich als feſter Plat für

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die Herrſcher gegen ihre aufrühreriſchen Unterthanen . Alb das Königreid in courtſtliche Sände gekommen war, blieb die Alhambra ein königliches Beſikthum , und wurde zuweilen von den Faſtilifden Monardyen bemohut. Kar ! der fünfte begann ein Poſtbares Gebäude in ihrem Um: Freis aufzuführen ; wiederholte Erdſtöße aber ſchrecten ihn von der Vollendung ab. Die lebten Pönigliden Bes Königin Eliz wohner waren Philipp V. und die ich ſabeth von Parma , am Aufange des achtzehnten Jahr hunderts. Man machte große Vorbereitungen zu ihrer Aufnahme. Der Palaſt und die Øårten wurden einis germaßen hergeſtellt , eine neue Reihe von Gemådern gebaut, und von italieniſchen Künſtlern ausgeſchmüct. Der Aufenhalt des Serrſderpaars war vorübergehend, und nach ihrer Abreiſe wurde der Palaſt wieder öde und verlaſſen. Doch wurde der Prag mit einigem militari, fchen Prunk erhalten. Der Statthalter hatte ihn uu : mittelbar von der Krone ; feine GerichtsbarPeit erſtreďte ſich auf die Vorſtådte hinab , und war unabhängig von Dem Oberbefehlshaber von Granadà. Eine bedeutende Garniſon wurde beibehalten , der Kommandant hatte ſeine Zimmer auf der Vorderſeite des alten mauriſden Palaſtes , und kam nie ohne ein militariſches Geleite nach Granada. Die Veste war freilich eine kleine Stadt an fidy , da ſie mehrere Straßen mit Häuſern innerhalb ihrer Mauern hatte , ſowie ein Franziskanerkloſter und eine Pfarr Pirche. Die Entfernung des Hofes war jedod ein Unglüdt für die Alhambra. Ihre ſchönen Såle wurden öde, und einige der fielen in Trümmer ; die Gärten wurden ver

33 wüftet , und die Brunnen hörten auf zu ſpringen . UU: máhlig füüten fich die Wohnungen mit einer zweiteuti: gen und gefeßloſen Bevölkerung ; mit 6 leidhändlern , welche die unabhängige Gerichtsbarkeit des Planes in Anſprud nahmen , um ihr Sdmuggler: Gewerbe dreiſt und ausgedehnt zu betreiben ; mit Dieben und Schur: Een aller Urt , welche hierher flüchteten , um Granada und ſeine Umgebungen von dieſem Punkte aus zu plün: dern. Die Regierung ſchritt zuleßt kräftig ein ; die ganze Gemeinde wurde einer durogehenden Prüfung untermor: fen ; niemand durfte bleiben , als der, welcher einen ehr: baren Charakter und ein geſebliches Recht des Aufent: haltes hatte ; der größere Theil der Häuſer wurde nie dergeriſſen , und es blieb ein bloßes Dörfchen mit der Pfarrkirche und dem Franziskanerkloſter. Uis Gra: nada , während der neuen Unruhen in Spanien, in den Häuden der Franzoſen war, lag eine franzöſiſche Berapung in der Alhambra , und die Oberoffiziere bewohnten 34: weilen den Palaſt. Mit jenem erleuchteten Geſchmade, der die franzöſiſche Nation ſtets bei ihren Siegen aus: zeichnete, wurde dieß Modument mauriſcher Eleganz und Größe von dem gånzlichen Ruin und der Zerſtörung, der eg anbeim gegeben war, gerettet. Die Dächer wurs den hergeſtellt, die Sále und Galerieen vor dem Wetter geſdirmt , die Gärten angebaut , die Waſſerleltungen wieder hergeſtellt, die Brunnen verſendeten wieder ihre glänzenden Wafferſtrahlen ; und Spanien darf ſeinen Eroberern danken , daß fie ihin das ſchönſte und anzie: hendſte ſeiner hiſtoriſchen Monumente erhalten hat. Bei der Abreiſe der franzofen ſprengten ſie einige 3 44-47 .

34 Thürme an der äußeru Mauer , und ließen die . Beſtung in einem Paum haltbaren Zuſtande. Seit dieſer Zeit bar die militáriſde Widtigkeit des Piaßes ein Ende. Die Beratung beſteht aus einer baudoti Juvaliden , deren Hauptdienſt darin beſteht, einige der äußern Thürme, die gelegenheitlich als Staatsgefängniß dienen, zu bewaden ; und der Statthalter verläßt die luftige Höhe der Ab hambra , und wohut , zu bequemerer Erledigung ſeiner Dienſtpflicht, in der Mitte von Granada. Io fann dieſe Parze Radridt von dem Zuſtand der Verte nidt ſchließen , ohne der ehrenvollen Bemühungen ihres jebie gen Statthalters , Don Francieco de Gerna , zu geden, fen , der alle die beſchränkten Hilfsmittel , über die er fu gebieten hat, benüßte , um den Palaſt in wohnlichem Stande zu erhalten , und durd ſeine Fluge Vorſicht reis nen zu gewiſſen Berfall verzögert hat. Waren ſeine Vorgänger den Pflichten ihres Poſtens mit gleicher Treue nachgekommen , ſo wäre die Alhambra noch faſt in ihrer früheren Sönheit geblieben ; unterſtüßte die Regierung ihn mit Mitteln , welde ſeinem Eifer gleich fámen , ro dürfte dieſes Gebäude noch erhalten werden , uni das Land zu fdmüden , und die Neugierigen und Aufgeplár: ten jedes Gimmelſtriches mange Lebensalter hindard anzuziehen,

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Das Innere der alhambra .

Die Alhambra in ſo oft und ſo genau von Reiſen : den beſchrieben worden , daß eine bloße Skizze wahr Scheinlid hinreichen wird , dem Leſer das Ganze in das Getädtnis zurüdzurufen ; id will daher eine Parze Nachricht von dem Beriche geben , den wir am Morgen nach unſerer Ankunft zu Granada dort abgeſtattet haben. Judem wir unſere Pofada ,,La Eſpanda" Derließen , Schritten wir über den berühmten Plaß von Divarrams bla , einſt die Scene mauriſder Tourniere und Kampfs ſpiele , jeßt ein beſuchter Marktplaß. Von da Pamen wir in das Zacatin, die Hauptſtraße deſſen , was zu der mauriſchen Zeit der Bazaar war , wo die Pleinen Läden und engen Gaſchen tod den orientaliſchen Charakter bewahren . Nun gingen wir über einen offenen plaß vor dem Hauſe des Dberbefehlshabers , und ſtiegen eine enge , gerundene Straße hinauf , deren Name und an die ritterlichen Tage von Granada erinnerte. Man Heißt ſle „ Calle ," oder Straße der Gomeres , von einer in der Geſchichte und in Geſängen berühmten mauri: ſchen Familie. Dieſe Straße führte zu einem maſſiven Chorweg, der, in griechiſchem Styr, von Karl V. erbaut, den Eingang zu den Bezirken der Alhambra bildet. Um Thore foliefen auf einer ſteinerneu Bant zwei ferlumpte , abgelebte Soldaten , die Nadfolger Begris 3*

86 und der Abencerragen , während ein langer , hagerer Burſche , deffen roſt-brauner Mantel augenſcheinlich daza dieute , den zerlampten Zuſtand der Huterkleidung fu bedeđen, im Sonnenſcein ſiç gütlid that und mit einer alten Sdildmache im Dienſt plauderte. Er tam , als wir in das Thor traten , zu uns und erbot rich , uns das Sdloß zu zeigen . go theile das Mißfallen der Reiſenden an dienſt: fertige Ciceroni uud fand auch an dem Kleid des Erbo tigen keinen Gefallen, Ich hoffe , Ihr rend mit dem Orte gut bekannt?" „ Ninguno mas ; pues Sennor, soy hijo de la Al hambra. “ (Niemand beſſer, denn, Herr ich bin ein Soba der Ulhambra.) Der gemeine Spanier hat gewiß eine ſehr poetiſche Urt rid auszudrüden . ,, Ein Sohn der Alhambra !" Der Name gewanu mich alsbald ; ſelbſt das zerriffene Gemand meines veuen Bekannten erhielt eine gewiſſe Würde in meinen Augen. E$ war ein Sinnbild der Sdidfale des Ortes und paßte zu der Nadkommenſchaft einer Ruine. Ich ſtellte ihm einige fernere Fragen und fand ſeite Anſprüche gereßmáßig. Seine Familie hatte von Ge: ſchlecht zu Geſchlecht ſeit der Zeit der Eroberung in der Beſte gelebt. Sein Name war Mateo Ximenes. ,,Dann rend Ihr vielleicht , " ſagte id , rein Nachkomme des Dios sabe ! das weiß großen Kardinals Ximenes ? " Gott , Sennor. Ex Payn reyu. Wir ſind die älteſte familie in der Alhambra , - Christianos viejos , aite Chriſten , ohne einen Madel don Mauren oder Juden.

37 Jh weiß , daß mir irgend einer großen Familie ange: hören, aber ich vergaß, welcher. Mein Vater kennt das alles genau : denn er hat das Wappenſchild in der Hütte, drobeu in der Veſte, aufgehängt. " Es gibt keinen noch ro armen Spanier , der nicht einige Anſprüde auf eine hohe Abſtammung hätte. Die erſte Bezeichnung dieſes zerlumpten Herrn hatte mich jedoch voulommen gewone nen, ſo daß ich die Dienſte des Sohnes der Alhambra" gern annahm. Wir Pamen ießt in eiue tiefe, enge Saludt, mit schönem Gebüſch angefüut, und zu einem feilen Uufweg. und vielen Fußpfaden , die ſich durch denſelben wanden, mit ſteinernen Sißen zur Seite und mit Brunnen der: ziert. Zu unſerer Linten rahen wir die Thürme der Ulhambra über uns emporragen ; zur Rechten , auf der entgegengeſepten Seite der Soludt , überragten uns gleid falls zwei aufſtrebende Shürme auf der felſigen dhe. Wir hörten , dies ſegen die Torres vermejos , oder die rothen Shürme, wegen ihrer Farbe ſo genannt. Man fenot ihren Urſprung nicht. Sie ſind viel älter als die Alhambra : einige glauben , ſie regen von den Römern erbaut worden , andere , von einer wandernden Kolonie der Phdatzier. Zudem wir den fteilen und fattigen Cufgang hinaufſtiegen , kamen wir an den Fuß eines großen, vieredigen mauriſden Thurms, der eine Art von Warte bildete, durch die der Qaupteingang in die Veſte fiihrte. Ju der Warte war eine zweite Gruppe alta Invaliden , deren einer am Portal Wade ſtand , wäh rend die andern , in ihre zerfekte Mäntel gehügt , a ren Heineraen Banten ſchliefen . Dieſes Portal Be

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38 man das Thor der Gerechtigkeit , von dem Gerichte, welches während der mohamedaniſden Berrſchaft zum un mittelbaren Richterſpruch über kleine Streitfaden in dem bedeďten Gang veſſelben gehalten wurde , eine Sitte, welche der orientaliſchen Nation gemein iſt und auf die in der heiligen Schrift gelegentlich angeſpielt wird. Die große Vorhalle , oder den Thorgang bildet ein untermeßlider arabiſcher Bogen , in Form eines Sufeiſens jur halben syöhe des Charmes emporſpringend. Auf dem Solusſtein dieſes Bogens iſt eine rieſige Band einge hauen. In dem Gange , auf dem Solußſtein des Por. tals, ift in gleicher Urt ein gigantiſder Solüſſel zu reo ben . Die, welche einige Renntniß von den mohamedante den Symbolen zu haben glauben, behaupten, die and Tey das Sinnbild der Wiſſenſchaft, der Solüſſel das des Glaubens ; der leßtere, fagen fle, rey auf der Fahne der Mosleminen zu ſehen geweſen , als ſie Andaluſien unterjochten - ein Gegeuſtad zu dem drifttiden Sinn: bild des Kreuzes . Eine andere Erklärung gab uns- aber der rechtmäßige Sohn der Alhambra , die auch mehr in Einklang mit den Anſichten des gemeinen Volles war , an alles , was mauriſch iſt , etwas Geheimnißvolles und Magiſdes Pnüpft und jede Urt Aberglauben mit dieſer alten mohamedaniſchen Veſte verbindet. Mateo zufolge war es eine von den ålteſten Bewoh. nern herrührende Sage , die er von ſeinem Vater und Großvater gehört hatte , daß die Sand und der Solüf= fel magiſde Bilder Tepen , von denen das Soidal der Alhambra abhänge. Der mauriſde König , der fle gea baut , rep ein großer Bauberer geweſen , oder babe fid .

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wie einige glauben , dem Teufel verfarieber gehabt und babe die ganze Beſte unter einen Zauberbaun gelegt. Dabard war ſie mehrere hundert Jahre geſtanden , trot Stürmen und Erdbeben , während faſt alle andere mau: riſden Gebäude zerfallen oder verſdwunden waren . Dies ſer Bauber , ging die Sage weiter , würde dauern , bis die Band an den äußern Bogen nieder reide und den Sdlüffel ergreife, wo denn das ganze Gebäude in Srúms mer zerfallen und alle von den Mauren unter demſelben dergrabenen Shaße an das Lidt kommen würden . Trox Dieſer unheilſchwangern Prophezeiung wagten mir es, durch den bezauberten Shorweg zu ſchreiten , ins dem wir ein wenig Zuverſicht gegen die Sauberkünfte in dem Schuße der Jungfrau fanden , von der wir eine Statue über dem Portal bemerkten. Wir gingen durch die Warte , ſtiegen eine Pleine, dard Mauern ſich windende Gaffe hinan und Pamen auf eine offene E & planade innerhalb der Befte, die Plaza de 10$ Algibes , oder Prag der Eifternen genannt , wegen der großen Waſſerbehälter unter demſelben , welche zum Bedarf der Beſte von den Mauren in den lebendigen Feld gehauen wurden . Uuch iſt hier ein Brunnen von unermeblicher Tiefe , welcher das Plarſte, und fälteſte Waſſer liefert, ein ferneres Denkmal des zarten Ge: fdmads der Mauren , melde in ihren Bemühungen, dies fes Element in ſeiner Fryſtaunen Reinheit zu erhalten , unermüdlich waren. Auf der Vorderſeite dieſer Eiplanade iſt das glán : jende Gebäude , weldes Karl V. angefangen und das wie man fagt , die Bohuung der mauriſden Koui

40 übertreffen foute. Bei al reiner Größe und ſeinem ar: ditettoniſchen Werth erſchien es uns wie eine anmaßeade Aufdringlichkeit; wir gingen vorüber und traten in ein einfaches anſprucloſes Portal , das in das Innere des mauriſden Paraſtes führte. Der Uebergang war beinahe magift ; e $ foien als wären wir plößlich in andere Seiten und in ein anderes Reich verreßt und beträten die Szenen der arabiſchen Geſchichte. Wir fanden und in einem großen Sofe, mit weißem Marmor gepflaſtert und an jedem Ende mit leichten mauriſchen Säulengängen geziert : er heißt der por der Ulberca. Ju der Mitte war ein großes Baſin , oder ein Fiſchteich, 130 Fuß lang und 30 Fuß breit, mit Goldirchen beſert und von Roſenheden begrenzt. Un dem obera Ende dieſes Hofes ſtieg der große Churu bes Comares empor . Aus dem untern Ende gingen wir durch einen mati: riſchen Shorweg in den berühmten Lbwenhof. Kein Theil des Gebäudes gibt uns eine vollkommnere Idee von der urſprünglichen Schönheit and Pract , als dieſes , denn Peiner hat von den Verwüſtungen der Seit weniger ge: litten. In der Mitte iſt der in Liedern und der Ges raichte berühmte Brunnen. Die Alabaſter Ballas ers gießen noch ihre Diamant - Tropfen : und die zwölf Los wen, welche fie tragen , ſpenden ihre Kryſtal Strome wie zu den Seiten Boabdil's. Der Sof ift mit Blumeus Beeten ausgelegt und von leichten arabiſchen Urfaden don durchbrochener Gold-Arbeit umgeben , welche don leidten weißen Marmorſäulen getragen werden . Cher Eleganz als Größe charakteriſirt die Architectur pier ,

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wie in allen andern Sheilen des Palaſtes ; es gibt fic ein garter und zierlicher Geſchmad und eine Neigung jut müßigem Vergnügen überall Pund . Wenn man auf die feenhafte Zeichnung der Säulengånge und das ans loheinend gebrechliche Sonißwert an den Wänden ſieht, wird es rdower zu glauben , daß ſo vieles den Sturm der Zeit, die Verwüſtung der Erdbeben , die Verbeerung des Kriegs, and die fide, aber nicht minder verderbliche Diebshand des gebildeten Reiſenden überlebt hat , es reidyt beinahe hin , die Vollsfage zu entſchuldigen , das Ganze werde durch einen Zauber, geſchirmt. Auf der einen Seite des Rofes öffnet Rid ein reid perziertes Portal in einen boben Saal, deſſen Boden mit weißem Marmor ausgelegt iſt und welcher der Saal der zwei Schweſtern heißt. Eine Kuppel oder Laterne gewährt eine mäßige Beleuchtung von oben und freien Luftzug. Der untere Theit der Mauern iſt mit ſchönen mauriſden Ziegelplatten belegt, auf denen man hier und da die Wappen der mauriſchen Monarden gemalt Rent ; der obere Theil iſt mit dem ſchönen Stucco bededt, das zu Damascus erfunden ward und aus großen , iu For men gegoffenen und kuuſtreich zuſammengeſepten Platten beſteht , ſo daß das Ganze mühevol mit der Saud in leichte Reliefs und fantaſtiſche Arabesten , mit Sprüden aus dem Koran und poetiſchen Inſdriften , in arabiſchen und cuftſchen Charakteren untermiſcht, ausgearbeitet ſcheint. Dieſe Verzierungen der Wände und Kuppelo find reid vergoldet und die zwiſchenräume mit Lafur ſtein und andern glänzenden und dauerhaften Farben ausgemalt. Un jeder Seite des Saales. Rind Bertice

2 fungen für Ottomanen und Ruhebette. Ueber dem in . uern Durchgang iſt ein Ballon , der mit den Franens gemachern in Verbindung ſtand . Die vergitterten 30 louſien , " von welchen die dunkeläugigen Schönheiten bet parem's ungeſehen auf die Freuden des Saals ber. abbliden konnten, fad nodi zu ſehen. Es iſt unmöglich , auf dieſem ehemaligen Lieblingsſo orientaliſcher Sitten zu dauen , ohne die frühern Ans Plänge der arabiſchen Máhrdenwelt a fühlen , und faſt ju erwarten, daß der weiße Arm irgend einer geheimniß: vollen Prinzeſſin oon dem Baltone winte , oder ein Cowarzes Auge durch das Gitter blide. Der Siß der Sönheit iſt hier, als habe ſie erſt geſtern hier geweilt ; aber wo find die Zoraydas und Lindararas ! duf der entgegengeſeßten Seite des Lõmenhofes if der Saal der Abencerragen ; ſo genannt von den edlen Rittern dieſes erlauchten Stammes , der hier hinterliſtig ermordet wurde. Manche zweifeln an der ganzen Wahra beit dieſer Geloidte ; allein uuſer demuthsvoller Diener Mateo zeigte aus das Pförtcen des Portals, durch wele goes fie , einer nach dem andern eingeführt wurden , und den weißen Marmorbrunnen in der Mitte des Saall , wo man ſie enthauptete. Er wieß aud auf gewiſſe rotha liche Fleder auf dem Fußboden ; Blutſpuren , welche, nach dem Glauben des Dolfes , unverlösolid ſind. Da er fand , das wir ihm leichtgläubig zuhörten , fette er binju , man höre oft Nachts in dem Löwenhofe einen leijen , anbeſtimmten Jou , der dem Murmeln einer Meuſdeuſchaar gleiche, und dann und wann ein ſchwaches Klingeln , wie ferucs Rettenklirren . Dieſes Geräuſch

43 wird wahrſcheinlid burde das ſprudelnde Sließen ant den Pringenden faut des Waſſers hervorgebragt , dat unter dem Fußboden durch Röhren und Kanále in dir Brunnen geleitet wird ; nach der Erzählung des Sohnes der Alhambra aber geht er doa den Geiſtern der ermor: deten Abencerragen aus, welche dieſe Scene threr Leiden nádytlid beſuđen und die Rache des Himmels auf ihre Mörder herabrufen . Xus dem Löwenhofe gingen wir in dea şof der alberca , oder des großen Sild teides zurüd , dritten durd dieſen und Pamen zu dem Shurm des Comares, nad dem Namen des arabiſchen Baumeiſters ſo genannt. Er iſt von ſtarkem Bau und ſtolzer Höhe , denn er beo herrſcht das übrige Gebäude und überragt die ſteile Hús gelſeite , welde ſild jåhlings zu den Ufern des Durro binabſenet. Ein mauriſder Bogengang führte uns itt einen weiten , hohen Saal, welder das Innere des Chur: mes einnimmt und das große Hudiedz: Gemad der aras biſden Monarden war und daher den Namen des Ges fandten : Saales hatte. Er trágt noch Spuren ſeiner ebemaligen Pragt. Die Wände ſind reid mit Stucco belegt und mit Arabesten perziert ; das Safelwert - Der gewölbten Dede, ans Bebernholz gefertigt und der Qihe wegen faſt ganz- unſichtbar , glänzt uod in reicher Vers goldung und den glänzenden Farben des arabiſchen Pine reld . Unf drei Seiten des Saals ſud dieſe Fenſter dur die ungemeiu diden Mauern gehauen , deren Balfour auf das grünende Thal des Durro , die Straßen und Kloſter des Albancin bliden und eine Ausſicht auf die ferus Bega gewahren .

30 Ponnte fortfahren , die übrigen dönen Oenacher dieſer Seite des Palaſtes im Einzelnen zu beſchreiben ; der Tocador, oder das Toilettenzimmer der Königini, ein offenes Belvedere, auf der Höhe eines Thurmes , wo die mauriſden Sultaningen die reine von dem Gebirg tops hende Luft und die Ausſicht auf das Paradies amber genoſſen ; den abgeſchloſſenen Pleinen Patio, oder Garten der Lindarara mit ſeinem Alabaſter - Brunnen , ſeinem Roſen und Myrthens, Citronen: und Drangen - Gebüſdo ; sie fühlen Såle und Grotten der Bäder, wo der Glanz und die Hiße des Tages zu einem ſanften geheimnißvollen Licht und einer ſteten Friſche gemäßigt ſind. Allein ich enthalte mich , bei dieſen Gemälden zu verweilen ; meine Cufgabe iſt blog, den Leſer im Allgemeinen in eine Wob: wung einzuführen , wo er, wenn er dazu geneigt iſt , die folgenden Blätter hindurch bei mir weilen und ſich all : máhlig mit allen Dertlid Peiten derſelben dertraut mas de mag. Ein reider Vorrath oon Waſſer , durd alte maus riſche Waſſerleitungen aus dem Gebirg hierher geführt, iſt im ganzen Palaſt pertheilt , füllt ſeine Båder and Fiſchteide , funkelt in Strahlen in ſeiner Såler oder murmelt in Röhren das Marmorpflaſter entlang. Wenn et der königlichen Wohnung ſeinen Tribut gebracht und deren Garten und Weiden beſucht hat, fließt es den lane gen Weg , der in die Stadt führt, nieder , in Pleinen Båden klingend , in Brunnen ſtromend und ein ftetes Grün in den Laubengången erhaltend , welde den gans jen Sügel der Ulhambra umhaften und derſd önern. Rur wer in den beißen Klima des Südeus gewohnt

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bat , Pann die Freuden einer Wohnung haben , welche die wehende Kühlung des Gebirgs und die friſche und Grüne des Shals verbindet. Während die Stadt unten in der Nadmittagshite ramadotet und die ausgedûrrte Bega bor dem Auge zit: tert , ſpielen die zarten Lüfte von der Sierra Nevada Dard dieſe hohen Såle und bringen die Süße der Sár: ten umher mit ſich. Alles ladet zu jener trågen Ruhe, dem Glüde des jüdlichen Klima's , ein ; und während das halbgeſchloſſene Auge von beſdatteten Balkons auf die glänzende Landſchaft hinaus ſieht , wird das Dhr dom Rauſchen des Laubwerts und dem Murmeln der Aließenden Waſſer eingewiegt.

Der Thurm des Comares.

Der Leſer hat das Janere der alhambra flüchtig überſchaut und wird unu aud eine allgemeine Vorſtellung von deſſen Umgebung zu haben wünſchen . Der Morgen iſt heiter und lieblich ; die Sonne hat noch nicht Kraft genug erlangt, die Friſche der Nacht zu vernichten ; wir wollen auf die Spiße des Shurmes des Comares ſteigen and Granade und deſſen Umgebungen überſdauen . Komm denn, werther Leſer und Gefährte, folge meto nen Sdritten in dieſe Vorhalle, die mit reidem Bilds werd geſamüdt iſt - und in den Geſandten : Saal führt. Wir wollen aber nidt in den Saal treten , ſondern und

46 links zu dieſer Pleinen Thüre wenden , die rich in der Mauer öffnet. Gieb ucht ! hier iſt eine ſteile Wendels Treppe und nur ſpårliches Licht; dod auf dieſer engen, dunflen , gerundenen Sreppe ſind die flolzen Herrſcher von Granada and ihre Gemahlinnen oft zu den Binnen des Thurms emporgeſtiegen , um der Unnäherung der driftlichen Seere zu achten , oder anf die Kämpfe in der Vega zu ſchauen . Endlich ſind wir an dem Dade oben and können einen Augenblic Athem holen, während wir einen allgemeinen Blick auf das glänzende Panorama von Stadt und Land ; von felfigem Gebirg , grügem Thal und frugtbarer Ebene ; von Sloß , Kathedrale, mauriſden Thürmen und gothiſchen Domen ; von gers fallenden Ruinen and blühenden Laubgången werfen . . Laß uns zu den Zinnen treten und uumittelbar nies derbliden . Sieh, auf dieſer Seite haben wir den ganzen Plan der Alhambra por uns ausgebreitet und Pönnen in ihre Höfe und Garten niederſehen . Am Fuße des , Sharms iſt der Hof der Alberca mit ſeinem großen Bes đen , oder Fiſchteich, von Blumen umgeben ; und dort iſt Der Löweuhof mit ſeinem berühmten Brunnen und ſeinen leichten maurifden Arladen ; und in dem Mittelpunt des Gebäudes iſt der kleine Garten , der Lindarara, in dem Serzen des Baues, mit ſeinen Roſen und Eitronen, und ſeinem Gebüſch von Smaragd Grün begrabeu. Sener Gürtel von Zinuen, der mit viereckigen Thürs men bereßt, ſich um die ganze Stirn des Sügels zieht, iſt die äußere Grenze der Veſte . Einige Thürine fiad , wie du ſiehst , berfallen und Rebentode , Feigenbäume and Aloen bebeden ihre großen Trümmer .

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Laß and auf die nördlide Seite des Thurms ( chauen. € iſt eine ſchwindliche Höhe ; ſelbſt die Grundpfeiler des Thurmes überragen die Bäume an der ſteilen Süs gelſeite. Und ſiehl ein langer Spalt in der feſten Mager ragt uns , daß der Thurm durd eines jener Erdbeben geſpalten worden , welche von Zeit zu Zeit Granada in Shreden reßten , und die früher oder ſpäter, diefes -zer. fallende Gebäude in einen bloßen Trümmerhaufen der : wandeln müſſen. Die tiefe , enge Sølucht unter uns, - die ſich allmählig erweitert, wie ſie von dem Gebirg ausläuft , iſt das Darro-Thal ; du ſiehſt den kleinen Fluß, wie er ſich unter belaubten Terraſſen uöd duro Dorts ſtücke und Blumengärten fortwindet. És iſt ein in der alten Zeit berühmter Fluß, denn er führte Gold mit ſid und ſein Sand wird noch dann und wann gereinigt, um das Poſtbare Metall auszuſcheiden . Einige jener weißen Pavillons , welche da und dort aus Baumgången und Beinlaub herausſdimmern , waren ländliche Aufenthaltes orte der Mauren , wo ſie ſich der Friſde ihrer Gärten erfreuten . Der (aftige Palaft mit ſeinen flanten , weißen Thürmen und langen Arladen , der ſich unter prachtvollen Baumgruppen und hängenden Gärten an jener Berg lehnt , iſt der Generalife, ein Sommerpalaſt der mauris Ichen Könige , wohin ſie ſich in den heißen Monaten zue rüdzogen , um eine luftigere Region als die der Alham. bra zu genießen. Der Badte Gipfel der Söhe darüber, no du einige gefaltloſe Ruinen fehlt , iſt die Gita del Moro , oder der Siß des Mauren, ſo genannt , weil sie Der Zufluchyteort des unglüdliden Boadbil wahrend der

48 Bett einer Empörung war , und er Rich hier niederfekte und trauernd auf ſeine emporte Stadt niederblidte. Ein murmelnder Klang des Waſſers tönt dann und wann aus dem Jhal empor. Er kömmt aus der Wafs ſerleitung jener mauriſchen Mühle, nahe am Fuße des Hügels. Der Baumgang jenſeits iſt die Alameda , die Ufer des Darro entlang , ein Lieblingsſpaziergang am Abend und der Zuſammenkunftsort der Liebenden in Sommernádten, wo man von den Bänken an ihren Luſts wegen die Guitarre in ſpåten Stunden hören kann. Jest ſieht man nur einige luftwandelnde Mönche und eine Gruppe Waſſer- Träger vom Upellaros- Brungen dort. Du bebſt ? es iſt nichts als ein Sabidt , den wir ans ſeinem Neſte aufgeſchredt haben. Dieſer alte Shurma iſt ein wahres Brutaeſt für dieſe gefiederten Schwärmer ; in jeder Riße und Spalte ſind eine Menge Sowalben und anderer Vögel, die den ganzen Tag umher flattern , während des Nachts, wenn alle andern Vögel zur Ruhe gegangen ſind , die träumeriſche Eule 'aus ihrem Berſtedt hervorlőmmt und ihr bedeutungsvolles Geheul von den Binnen hören läßt. Sieh , wie der Habicht,, den wir Derſcheucht haben, unter aus dahin fliegt, die Wipfel der Bäume berührend und nich zu den Ruinen über dem Generalife emporfdwingend ! Laß uns dieſe Seite des Thurmes verlaſſen und aus rere Augen nach Weſten wenden. Du ſiehſt hier in der gerne eine Reihe von Bergen , welche die Bega begrens jen, dieſe alte Speidemand des arabiſden Granada und des Landes der Chriſten. Unter jenen Höhen bemerfit du noc jest friegeride Státte , deren graue Mauern

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und Zinnen mit dem Felſen , auf den ſie gebaut ſind, eins ju ſeyn (deinen ; während da und dort eine ein, ſame, Atalana , oder Warte, auf einem erhabenen Punkt gebatit , gleichſam aus dem Himmel in die Thäfer nach allen Seiten wiederſchaut. Von den Schlachten dieſer Berge , durch den Paß von Lope ſtiegen die driftlichen Heere in die Vega nieder. Um den Fuß jenes grauen und nacten Bergen , der faſt geſondert von den übrigen daſteht und ſein fühnes, felfiges Vorgebirg in die Bruſt der Ebene herausdehnt, kamen die eindringenden Schwa: dronen ſtäubend, mit fliegenden Fabnen und dem Silang von Trommeln und Trompetett. Wie anders iſt jeßt die Scene. Statt der glänzenden Reihe gepanzerter Krieger ſehen wir den geduldigen Zug des mühevollen Maulthiers treibers , fish langſam den Saum des Berges entlang be wegen . Hinter jenem Vorgebirg iſt die merkwürdige Puente (Brüde) de Pinos, berühmt wegen manches blu tigen Kampfes zwiſchen Mauren und Chriſten ; aber nocy berühmter als der Ort , wo Columbus von den Boten der Königin Flabelle eingeholt und zurücgerufen ward, als er im Begriff war, in Verzweiflung abzureiſen , um ſeinen Entdedungsplan an den Hof von Frankreid zu bringen . Sieh einen zweiten in der Geſdidhte des Entdeders berühmten Plaz. Jene Linie von Mauern und Thür : men, die in der Morgenſonne glänzen , ganz in der Mitte der Bega, iſt die Stadt Santa Fe , während der Bela, gerung von Granadá von den Patholiſchen Serrſchera erbaut, nagdem ein Brand ihr Lager zerſtört hatte. Ja dieſe Mauern wurde Columbus von der Heldenmüthigen 44 - 47 .

50 Königin zurüdgerufen ; und innerhalb derſelben warde der Vertrag abgeldloffen , welder zur Entdeckung der weſtlichen Erde führte. Hier , nach Süden hin , fdwergt das Auge in den üppigen Reizen der Vega ; eiue blühende Wildniß von Bäumen und Gärten und fruchtbaren Obfiftüden , durch welche der Xenit ſich in Silberringen vindet und wo er unjählbare Waſſergraben unterhalt , die durch alte matte riſche Kanäle gefült werden und die Landſchaft in ein ftetes Grün Kleiden. Hier ſind die theuern Rauben und Gärten und ländlichen Wohnungen, für welche die Mau ren mit foloer verzweifelten Tapferkeit fochten . Selbft die Pachthäuſer und Hütten, welche nun von den Bauern bemohnt werden, zeigen Spuren von Arabesten und ans bera geldymadpouen Verzierungen , melde beweiſen , daß fle in den dagen der Araber zierliche Wohnungen gemes fen waren. Jenſeit des umlaubten Landftrids der Bega , nach Süden , Mehſt du eine Reihe oder Hügel , an denen ſich ein langer Zug von Maulthieren langſam hinab bewegt. Von dem Gipfel eincs dieſer Hügel warf der un glüdliche Boabdil ſeinen testen Blick nach Granada zuls rück sud machte ſeinem Seelenkampfe Luft. Es iſt der Plaß, berühmt in Lied und Geſchichte, „ der leßte Seuf: ger des Mauren ," genannt. Hebe nun dein Auge zu dem ſchneeigen Gipfel jener Gebirgsmaſſe , die wie eine weiße Sommerrolte in dem blanen vimmet glänzt. Es iſt die Sierra Nevada, der Stol und die Freude Granada's ; die Quelle ſeiner fühs lenden Winde und ewigen Grüne , reiner ſtrömenden

51 Brunnen und unerſchöpflichen Både. Dieſe herrliche Gebirgsmaſſe gibt Granada jene Verbindung von Won: ren, die in einer Stadt des Südens ro ſelten ſind : die friſche Vegetation nnd die gemäßigten Lüfte des nörd: lichen Klimas mit der belebenden Kraft einer tropiſchen Sonne und dem wollenloſen Uzur eines ſüdlichen Him: meld. Dieſer luftige Schnee Sdas iſt es, der, nach dem Berhältniffe der ſteigenden Sommerhibe ſchmelzend, durd jede Schlucht und Spalte der Ulpurarras Biche und Ströme niederſendet und ſmaragdnes Grün und Frucht: barkeit in einer ganzen Kette glüdlicher und abgeſchloſs fener Thäter verbreitet. Man darf dieſe Berge wohl die Grorie von Gra: mada nennen . Sie beherrſchen die ganze Austennung von Undaluſten und Pönnen von feinen fernften Sheilen geſehen werden . Der Maulthiertreiber begrüßt ſie, wann er ihre eiſige. Spigen auf dem heißen Boden der Ebene erblickt ; und der ſpaniſche Matroſe ſieht auf dem Dedt ſeiner Barke, fern , fern auf dem blauen Schooße des mitteländiſchen Meeres mit ſinnigem Auge auf fle, denkt an das ergoBliche Oranada und ſingt mit leiſer Stinime cine alte Romanje von den Mauren. Doch genug die Sonne ſteht hoch über den Ber: gen und ergießt ihre vollen Strahlen auf unſere Gäupter . Schon iſt das hohe Dad des Thurmes heiß unter un fern Füßen : taß uns es verlaſſen , niederſteigen und unter den Artaden an der Löwenguelle und erfriſchen.

Sedanken über die mauriſche Herr,

fchaft in Spanien .

Einer meiner Lieblingepláße iſt der Balkon des mitt: lern Fenſters des Saales der Geſandten, in dem ſtolzen Zhurme des Comares. Ich hatte mich eben dort nieders gereßt und mich des Soluffes eines langen glänzenden Lages gefreut. Wie die Sonne hinter die blauen Berge von Uthama niederſant, ſandte ſie einen Glanzſtrom das Darro Shal hinauf , welder eine melancholiſche Pradot über die röthlichen Thürme der Ulhambra verbreitete , máhrend die Vega, mit einem leichten fd muligen Dunſt, der die Strahlen der Abendſonne auffing, bedect, in der Ferne wie ein goldener See Dalag. Kein Lufthaud Rörte die Stille der Stunde ; und obgleich dann und wann der ſcrache Klang von Muſte und Luſt aus den Garten des Darro aufſtieg , madte dies die Grabesſtille des Gebäudes , das mich überſchattete , nur noc einbring : licher. Es war eine jener Stunden und Scenen , denen das Gedächtniß eine faſt magiſche Gewalt anheim gibt, und ſeine zurückblidenden Straflen , wie die Abendſonne, die dieſe zerbrödelnden Thürme überglänzt, zurüdſendet, um die Serrlichkeiten der vergangenen Zeit zu beleuchten . Wie id die Wirkung des linkenden Sageslichtes ant dieſe mauriſchen Gebäude betrachtete, wurde ich zur Er: mågung des leichten , zierlichen und üppigen Charaktere ,

53 Der in ſeiner ganzen innern Arditektur vorherrſchend iſt, und zu einer Vergleichung mit der großartigen aber du: ſtern feierlich Peit der gothilden, von den ſpaniſchen Gerts rdern aufgeführten Gebäude deranlaßt. Selbſt der ars chitectoniſche Styl zeigt die entgegengefepten und unver einbaren Naturen der zwei triegeriſoen Dörfer , die fich ſo lange hier die Herrſchaft über die Halbinſel ſtreitig machten. Ich verfiel allmählig'in ernſtes Nachdenpen über das fonderbare Sdidfal der arabiſchen oder mau: riſden Spanier, deren ganzes Dareyn wie eine vorüber: gegangene Erzählung klingt und gewiß eine der. ſeltſam ſten, und doch glänzendſten Epiſoden in der Geſchichte abgibt. Mächtig und danerhaft , wie ihre Herrſchaft war, wiſſen wir dod Paum , wie wir ſie nennen rollen . Sie find geriſſermaßen eine Nation ohne redtmäßiges Land und ohne einen Namen. Eine ferne Welle der großen arabifden Ueberſ@wemmung , auf den Strand Europa's geworfen , fdten fie den ganzen Ungeſtümm des erſten Ausbruchs der Strömung zu haben. Ihre Siegerbahn, von Gibraltar's felfen bis zu den Klippen der Pyrenäen war ro raſch und glänzend , wie die mohamedaniſchen Siege in Syrien und Hegypten. Ja , wäre ihnen auf den Ebenen von Tours nicht Einhalt gethan worden , ſo wäre ganz franfreich, ganz Europa mit derſelben Leida tigkeit überwältigt worden , wie die Reiche des Dſter, und der Spalbmond würde heute auf den Sempeln von Paris und London glänzen. Junerhalb der Grenzen der Pyrenäen zurüdgeroors fen , gaben die vereinigten Norden Uſtens and Afrika's , aus denen dieſer große Einfall beſtand , den mohameda

54 niſden Grandfat der Eroberung auf und fachten in Spanien eine friedliche und dauernde Herrſchaft fu grüns den. U18 Eroberer hatten ſie eben ſo viel Seldenmuth ald Mäßigung , und in beidem übertrafen ſie eine Zeite lang alle Nationen , mit denen ſie tämpften . Vou ihrer Speimath getrennt, liebten ſie das Land , das ihnen, wie fie glaubten , Allah gegeben hatte , und waren bemüht, ed init allem zu verſchönern , was zur Glückſeligkeit des Menſchen beitragen kann. Indem ſie ihre Macht auf ein Syſtem weiſer und billiger Geſetze gründeten, Künſte und Wiſſenſchaften eifrig pflegten , Uckerbau , Manufactue ren und Handel förderten , bildeten fie allmählig eia Reich , dem au glädlidem Gedeihen Peines der Reide der Chriſtenheit gleid lam ; und , indem ſie ſich mit der Anmuth und Verfeinerung, welche das arabiſche Reich im Oſten auszeichnete, umgaben , verbreiteten ſie das Licht des orientaliſchen Wiffens in den weſtlichen Regios nen des umnadteteu Europa's. Die Städte des arabiſden Spaniens wurden der Uufenthalt chriſtlider Künſtler , um rich in den núblichen Kunſten zu unterrichten . Die Univerſitäten von Toledo , Cordova , Sevilla und Granada wurden von dem bleis den Wißbegierigen anderer Länder beſucht, um die Wiſs ſeardhaft der Uraber und ihre gehäuften Sdåße des ul. terthams Pennen zu lernen : die frenade des heiteren Wiſſens begaben ſich nad Cordova und Granada , um morgenländiſche Poeſte und Muſik einzuſaugen ; und die ftahlgefleideten Krieger des Nordens eilten dahin , ſich in Ben anmuthsvollen Uebungen und den zierligen Sits ten des Ritterthums zu veropulommaen.

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Wenn die mohamedaniſden Denkmåler in Spanien , wenn die Moschee von Cordova , der Alcazar von Se: villa , und die Alhambra von Granada nod Inſdriften baben , welche die Madt und Dauer ihrer Serrſchaft ruhmredig erheben darf dieſe Ruhmredigkeit als anmaßeno und eitel belacht werden ? Geſchlechter um Geſchlechter , Jahrhunderte um Fahrhunderte waren vorübergegangen und ſtets behielten ſie Beſlb von dem Land. Eine längere periode war verfloſſen , als die, ſeit England von dem normaniſchen Eroberer unterjocht wor: den , und die Nach Pommen von Muſa und Dirac mocha ten , eben ro wenig ahnen , daß ſie auf demſelben Weg, den ihre triumphirenden . Vorfahren durchſchritten , in die Berbaunung getrieben würden , als die Nad Pommen bon Rollo und Wilhelm und ihrer, alten Genoffen ſich es träumen laſſen , an die Küſte der Normandie zurüdges worfen zu werden. Bei all dem war dentro das mohamedaniſde Reid in Spanien eine ſchöne ausländiſche Pflanze, welche Peine dauernde Wurzel in den Boden ſchlug , den re verſchio uerte. Von allen ihren Nachbarn im Weſten durch una überſchreitbare Scranten des Glaubens und der Sitten Beſchieden , und durch Seen und Meere von ihrem Stamme im Diten getrennt , waren ſie ein iſolirtes Volt. Ihr gauges Dareya war ein verlängerter , obſchon ſtattlider und ritterlicher Kampf um einen Anhaltspunkt in einem eroberteu Lande. Sie waren die Vorpoſten und Grenzen des Jela: mismus. Die Halbinſel war das große Søladtfeld, wo die gothiſden Eroberer des Nordens und die mosles '

56 mitiſchen Eroberer des Dſtens auf einander ſtießen und um die Herrſchaft lämpften ; und der feurigé Math der Araber wurde zuleßt durch die hartuådige nnd aus, dauernde Tapferkeit der Gothen beſiegt. Nie war die Vernichtung eines Voltes vouftändiger , als die der mauriſchen Spavier . Wo find Rie ? fragt die Geftade der Barbarei und ihre öden Pläße ! Der verbannte Reſt ihres einſt mächtigen Reichs perſawand unter den wilden Völkeru Afrika’s und hörte auf , eine Natioa zu ſeyn. Sie haben nidt einmal einen beſtimms ten Namen zurückgelaſſen , obgleidy ſie faſt acht Jahrs hunderte hindurch ein beſtimmtes Bolf waren. Das Land , das ſie als Heimath angenommen , das ſie Jahrs hunderte lang beſeſſen , meigert fidy, fle anfuerfenten , es wäre dann als Eindringlinge und üuredtmäßige Beſløer. Wenige zertrümmerte Denkmäler ſind alles , was übrig geblieben iſt, um von ihrer Macht und Herrſchaft Zengs niß zu geben , wie einſame felfen , welche fern in dem Innern zurüdgeblieben find, von der Ausdehnung irgend einer großen Ueberſawemmung Zeugniß geben . So die Alhambra. Ein moelemitiſches Gebäude inmitten eines driftlichen Landes ; ein orientaliſcher Palaſt inmitten der gothiſden Bauten des Weſten ; ein zierliches Andenteu an ein tapleres , verſtändiges und anmuthreides Boll, das eroberte, herrſøte und verſchwand.

57 I

Die

H aus haltung .

Es iſt Zeit , ein Bild von meiner häuslichen Eins ridtung in dieſer reltſamen Wohnung zu geben. Der Pönigliche Palaſt der Alhambra iſt der Sorgfalt einer guten alten jungfräulichen Dame , Doma Antonia Mos lina genannt , anvertraut, die jedoch, der ſpaniſden Sitte zufolge , bei dem vertraulicheren Name Sia Untonia ( Tante Antonia) gerufen wird. Sie bált die mauriſden Säle und Garten in Ordnung und zeigt ſie den frems den ; zufolge deſſen geſteht man ihr alle von Beſuchern erlegten Nebengelder und den ganzen Ertrag der Gärten zu , ausgenommen , daß man erwartet , ſie werde einen gelegentlichen Tribut don Früchten und Blumen an den Statthalter abgeben. Ihre Wohnung iſt in einer Ede des Palaſtes ; und ihre Familie beſteht aus einem Neffen und einer Nichte , den Kindern von zwei verſchiedenen Brüdern. Der Neffe, Manuel Molina , iſt ein jünger Mann von gediegenem Werth und ſpaniſcher Gravitát. Er hat in der Armee , ſowohl in Spanien als in Weſts indien gedient ; allein er ftudirt ießt Medizin , in der Boffaung , einſtmat Arzt in der Feſtung zu werden , eine Stelle, die mindeſtens 150 Shaler des Jahres einträgt. Was die Nichte betrifft , ſo iſt ſie ein dides , kleines, ſchwarzångiges andaluſiſches Fräulein , Dolores genannt, die aber, wegen ihrer glänzenden Augen und ihrer fröh liden Laune einen beiterern Namen verdient. Sie iſt

58 1 die erklärte Erbiu aller Habe ihrer Dante, die in gez mifſen banfälligen påuſern in der Feſtung beſteht und ein jährlides Einkommen von 150 Shaler abrirft. Jo war noch nicht lange in der Alhambra, als ich entdedte , daß eine ruhige Liebſchaft zwiſchen dem beſonnenen Mas nuel und ſeiner ſtrahlenäugigen Bare vor fich ging und daß nichts fehlte, ihre Hände und ihre Erwartungen zu pereinigen , als das Doctor Diprom und eine Dispens ſation vom Pabſte, wegen ihrer Verwandtſchaft. Mit der guten Dame Untonia habe ich einen Vera trag gemacht , demzufolge ſie mir Kort und Wohnung gibt, während die frohherzige Pleine Dolores mein Zima mer in Ordnung hält und bei dem Eſſen die Stelle einer Dienerin vertritt. Ferner ſteht mir zu Befehl ein lan : ger , ſtotternder , gelbhaariger Burſche , Pepe genannt , der im Garten arbeitet .nnd gern Bedientenſtelle vers - treten möchte ; darin aber war ihm Mateo Ximenes, der Sohn der Ulhambra, zuvorgelommen . Dieſer niui tere und geſchäftige Burſche hat es , ich weiß nicht wie , zu machen gewnßt , daß er ſtets , reitdem ich ihm zuerſt an dem außern Thor der Feſtung begegnete , um mid hodte uud rich in alle meine Plane verwob , bis er ſich als meinen Rammerdiener, Cicerone , Führer , Wådtet und hiſtoriographifden Knappen anſtellte und feſtlegte ; id bin auch genöthigt geweſen , dem Zuſtand ſeiner Gardez robe nachzuhelfen, damit er ſeinen manuigfaden Dienſtvers richtungen Peine Scande mache , ſo daß er ſeinen alten grauen Mantel , wie die Solange ihre Haut , abgelegt bat and jeßt in der Feſtung zu ſeinem unendlichen Bers gnügen , und zum großen Staunen ſeiner Kameraden in

59 einem ſchmuten andaluftſden Sut und Fade erſcheint. Der Hauptfehler des ehrlichen Mateo iſt eine übertries dene Lengſtlid Peit , güblid zu werden. Da er lo es beroußt iſt, daß er fich in meinen Dienſt eingeſchliden hat, und daß meine ruhigen und einfachen Gewohnheiten ſeine Lage zu einer Sinecure machen , ſo weiß er fich nicht zu rathen , um Mittel aufzufluden , ſich für mein Beſtes redyt wichtig zu machen . 30 bin gewiſſermaßen das Opfer feiner Dienſtfers tigkeit ; ich funn meiuen fuß nicht über die Schwelle des Palaſtes feßen , um die feftung zu umgehen , ſo iſt er an meiner Seite, um alles, was ich ſehe, zu erflären ; wenn ich es unternehme , in den umliegenden Şügela amherzuſtreifen , ſo beſteht er darauf, mid als Wache begleiten zu wollen , obgleich ich ihn ſtart in Verdacht habe , er möchte wohl der Länge reiner Beine mehr vers trauen , als der Stärke reines Urmes , wenn ich anges - griffen würde. Bei allem dem iſt der arme Burſche doch zuweilen ein unterhaltender Gefährte ; er iſt einfaden Derzens don unendlich guter Laune und hat die Red: ſeligkeit und Klatſchaftigteit eines Dorfbarbiers ; aud Pennt er alle fraubaſen : Hiftörchen des Ortes und ſeiner Umgebungen ; worauf er fich aber am meiſten zu gut thut, iſt ſein Vorrath von örtlichen Kenntniſſen , da er die wunderbarſten Geſchichten zu erzählen weiß von jes dem Thurm und Gewölbe und Thorweg der Feſtung, denen allen er den unbedingteſten Glauben ſenkt. Die meiſten hörte er , ſeiner eignen Auskunft zu Folge , von ſeinem Grosvater , einem kleinen fagenrei: Meu Soneider , welder faſt bis zu einem Alter von

60 hundert Jahren lebte, während deren er nur zwei Wans derungen jenſeits des Umlreiſes der Beſte gemacht hatte, Seine Werkſtätte war , während des größern Sheils eio nes Jahrhunderts der Zuſammenkunftsort eines Kaufs chens von ehrbaren Gepattern, welde halbe Nädte hier zubrachten und von vergangenen Dingen und den wun dervollen Begebenheiten und den verborgenen Geheim . niſſen des Palaſtes plauderten . Das ganze Leben, Wes ben, Denfen und shun dieſes kleinen hiſtoriſchen Schnete ders war auf dieſe Art an die Mauern der Ulhambra gebunden ; innerhalb derſelben war er geboren , hatte er gelebt , fand er ſein Uuskommen ; innerhalb derſelben , ſtarb und ward er begraben. Zum Glúd für die Nachs kommenſchaft iſt ſeine Sagen : Weisheit nicht mit ihm geſtorben . Der wahrheitsliebende Mateo pflegte als ein Pleiner Knabe den Erzählungen ſeines Grosvaters und der plauberhaften Gruppe , die fid um den Arbeitstiſch verſammelt hatte , aufmerkſam zuzuhören und beſikt ro einen Vorrath ſchäßbarer Kenntniſſe über die Ülhambra, welde man nicht in den Büchern findet und welche der Mufmerkſamkeit jedes wißbegierigen Reiſenden werth ſind , Dies ſind die Perſonen , welche zu meinen häuslis den Bequemlid teiten in der Alhambra beitragen , und es fragt ſich , ob irgend ein Poteatat , Moslem oder Chriſt , der mir in dieſem Palaſte voranging , mit gros Berer Erene bedient wurde oder einen heitrera Scepter führte. Wenn ich am Morgen aufſtehe , bringt mir Pepe, ber ſtotternde Gärtnerburíde, einen Strauß friſd ges pflúdter Blomen , welche dann von der geſchidten Band

61 der Dolores , die einen weiblichen Stolz in die lub: famüdung meines Zimmers reßt, in Vaſen geordnet wers den . Meine Mahlzeiten nehme id zu mir , wo es die Laune will ; zuweilen in einem der mauriſden Sále, zuweilen unter den Urfaden des Löwenhofes , von Blu: men und Brunnen umgeben ; und wenn ich ausgehe, führt mid der eifrige Mateo zu den romantiſcheſten Pläpper des Gebirgs und in die löftlichen Luftörter der umliegenden < häler, die ohne Ausnahme die Scenen ir: gend einer wundervollen Geſchichte ſind. Dbgleid ich den größeren Theil des Tages gern als lein zubringe, begebe ich mich dod juweilen an den Aben: den in der kleinen häuslichen Kreis der Donna Antonia. Dieſer verſammelt fich gewöhnlich in einem alten mauri: - fcben Gemad , welches ſowohl als Küche als and als Geſellſchaftsſaal dient , indem man einen rohen Feuers beerd in einer Ede anbrachte , deſſen Rauch die Wände entfärbte und die alten Arabeslen faſt unſichtbar macte. Ein Fenſter, mit einem Ballon, der das Thal des Darro überſieht, láßt den fühlen übendrojnd herein ; und hier nehme ich mein frugales Übendmahl, das aus Milch und Früchten beſteht , ein und miſde mich in die Unterhal: tung der Familie. Die Spanier beſiben ein natürliches Talent oder, wie man es neunt, Mutterwiß , welcher fle zu verſtändigen und angenehmen Geſellſchafteru madot, was auch ihr Stand und wie vernachläſſigt aus ihre Erziehung reon mag ; dazu kommt, daß ſie nie pobelhaft find ; die Natur hat ſie mit einer angeborenen Würde des Geiſtes ausgeſtattet. Die gute Tia Untonia iſt eine Frau von tarkem und verſtändigem , obgleich ungebilde:

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ten Geiſte ; und die glüh - áugige Dolores hat , obgleid fle im ganzen Laufe ihres Lebens nicht über drei oder vier Büger geleſen, ein einnehmendes Gemiſch von Nais vetät und geſundem Verſtand und überraſdt mich oft durch das Treffende ihrer kunſtloſen Einfälle. Der Neffe unterhalt und häufig durch das Vorleſen irgen) eines alten Luſtſpiele von Calderon oder Lope de Vega, woju ihn augenſcheinlid der Wuuſd treibt , feine Baſe Dolores ſowohl zit uuterhalten , als ihrer Bildung ein wenig nachzuhelfen ; obgleich das kleine Fräulein zu feis ner großen Demüthigung gewöhulich vor dem Ende des erſten Afres einſchläft. Zuweilen erhält die Sta Antonia von ihren demuths: pollen Freunden und Angehörigen , den Bewohnern des nahen Dorfes oder den Weibern der invaliden Soldaten, eiuen Beſuch . Sie ſehen mit großer Ehrerbietung zu ihr , als der S irmerin des Palaſtes , empor urd mas dhen ihr den Hof, indem ſie ihr die Neuigfeiten des Ora tes ober die Gerüchte hinterbringen, die ſie zu Granada aufgeleſen haben . Indem id dieſem Abendgeplander lauſchte , habe ich manche mer Prürdige Thatſache erfalls ren, welche zur Erläuterung der Sitten des Bolles sud den Eigenthümlich Peiten der Nachbarſchaft dienen. Es ſind dies einfache Eingelnheiten über einfache Freuden ; die Natur des Ortes iſt es allein , was ihnen Intereſſe und Wichtig Peit gibt. 3d betrete bezauberten Boden und bin odu romantiſcheu Bildern umgeben. Von meia Her erſten Kindheit an , als id an den Ufern des Sude ſon zuerſt in die Blätter der alten ſpanijden Geſchichte von der Kriegen von Granada mich vertiefte, war diefe

63 Stadt ein Gegenſtand meiner ' machen Sraume und oft durchídritt ich im Geiſt die romantiſchen Ballen der Alhambra . Sieh da den Tagtraum non verwirklidt ! Doch Pann ich meinen Sinnen Panm trauen und glaus. ben , daß ich wirklich den Palaft des Boabdil bewohne und von ſeinen Ballons auf das ritterliche Granada binabſdaue. Während ich dard dieſe orientaliſche Ges måder ſtreife, und das Murmelu der Brunnen und den Geſang der Nachtigallen höre ; während ich den Duft der Roſen einathme und den Einfluß des balſami: chen Klima's fühle , bin ich faſt verſuot, mich in das Paradies Mohamed's zu denken uud in der diden Fleis nen Dolores. eine der ſtralen - äugigen souris zu ſehen , die beſtimmt ſind , das Glück der echten- Gläubigen zu fördern .

Der

Flüchtling.

Seit ich die vorſtehenden Blätter niedergeſchriebeu habe , hatten wir eine kleine Prübſal : Scene in der Ulhambra , die eine Wolfe über das ſonnige Untliß der Doloreg warf. Dieſes kleine Fräulein hat eine weib: liche Leidenſchaft für Hausthiere aller Art und einer Der verfallenen Şöfe der Uih bra iſt voll rer ihrer Lieblinge. Ein ſtattlicher Pfau und feine Henne ſcheinen den königliden Scepter über , aufgeblähte Truthahue, zántifche Perlhahuer und ein Dar einander von gemei:

64 nen Sahnen und Sahnern zu führen . Die große Luft der Dolores aber vereinigte ſich ſeit einiger Zeit in ei: nem jungen Taubenpaare , die neulich in den heiligen Eheſtand getreten ſind und eine geſprenpelte Rabe und ihre Jungen in dem Serzen des Mäddens ausſtaden . Ui8 Wohnung , in welchem ſie ihre Haushaltung beginnen ſollten , hafte fie ein Pleines Gemac an der Kúde , deſſen Fenſter auf einen der ruhigen mauriſchen Böfe ging , eingerichtet. Sier lebten fie in glüdlicher Unwiſſenheit alles deſſen , was jenſeits des pofs und rei: nen ſonnigen Dächer vorging. Nie hatten ſie daran ge: dacht, über die Zinnen zu fliegen oder nich zu den Spizs jen der Thürme empor ju fdwingen . Ihre tugendhafte Berbindung wurde endlid mit zwei fledtenloſen und mild : weißen Eiern geſegnet , zur großen Freude ihrer gårtlis den Pleinen Serrin . Nichts Ponnte löblicher regn als das Benehmen der jungen verheiratheten Leute bei dieſer Sie ſaßen abwechſelad auf intereffanten Gelegenheit. dem Neſte , bis die Eier ausgebrütet waren und ſolange ihre ungefiederte Brut der Wärme und Bededang be: durfte ; während das eine ſo das Neſt hütete , ging das andere nad Nahrung aus und bradte reiden Vorrath zurüd . Dieſe Scene ehelichen Glüds erhielt plöblich einen argen Stoß. UI$ Dolores heute früh den Sauber füt: terte , Alel es ihr ein , ihn ein wenig in die große Welt bliden zu laſſen. Sie öffuete daher ein Fenſter , welches auf das Darro : Chal geht , und ließ ihn jenſeits der Binnen des Alhambra fliegen . Zum erſtenmal in ſeinem Leben ſollte der erſtaunte Vogel die volle Kraft ſeiner

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Flügel verſucheq . Er ſenkte ſich in das Thal hinab und þob ſich dann plöblich empor und ſchwebte faſt bis zu den Worten hinan. Er hatte nich nie vorher zu einer folden Höhe erhoben oder eine ſolche Luft an dem Flies gen gefühlt , und wie ein junger Verſchwender , der eben in den Beſlß ſeines Vermögens kömmt, machte ihn dies Uebermaaß von freiheit und das grenzenloſe , ſeiner Thatfraft plöblid geöffnete feld, dwindlid . Den gau : zen Tag ſchwebte er in launenhaften Kreiſen von Thurm zu Thurm , von Baum zu Baum . Bergeblid jeder Ver: ſud , ihu durch Frucht , die auf die Dächer geſtrent warde , zurüď zu locken ; er ſcheint alle Gedanken an die Heimath , an ſeine zärtliche Gattin und die nadten Jungen vergeffen zu haben. Um die Ungft der Dolores nody zu vermehren , fließen zwei palomas ladrones, oder Räuber - Zauber zu: ihm , deren Inſtinkt es iſt, perirrte Dauben in ihren Schlag ju loden. Wie viele andere gedankenloſe Jünglinge bei ihrem erſten Ausflug in die Welt , ſcheint der Flüchtling, ganz bezaubert von dieſen erfahrnen , aber verderbten Gefährten, die es unternom: men haben, ihm die Welt zu zeigen und ihn in die Ge fellſchaft einzuführen . Er flog mit ihnen über alle Das cher und Kirchenthürme von Granada. Ein Donner: metter war über die Stadt hingezogen , aber er hatte ſein paus nicht geſucht; die Nacht war herangekommen und er blieb ans. Um die Sache pod pathetiſmer zu machen , ging das Weibchen , das mehrere Stunden auf dem Neſt geblieben war , ohne daß es abgelöſt worden , endlid heraus , um ſeinen abtrünnigen Gatten zu fit chen ; es blieb aber ſo lange weg , daß die Jungen aus 44 - 47. 5

66 Mangel an Wärme und Scus der elterlichen Bruſt, za Grunde gingen . In ſpäter Abendſtunde bradte man Doloren die Nachricht, der Husreifer ſey auf den Ehür. men des Generalife geſehen worden. Nun hat zufällig der Adminiſtrator dieſes alten Palaſtes aud einen Daua benſdlag, unter deſſen Inſaſſen zwei oder drei jener vers führeriſden Sauben , der Schreden aller benadbarten Jaubenfreunde , reyn ſollen . Dolores Schloß ſofort, die zwei gefederten Gauner, welche bei ihrem Flüchtling ges ſehen worden, regen dieſe des Generalife. Alsbald wurde in dem Gemad der Tia Antonia ein Rath gehalten . Das Generalife iſt ein , von der Alhambra getrenntes Redtigebiet und folglid beſteht zwiſchen ihren Unfies hern einige Spitfindigkeit , wenn nicht Eiferſucht. Es wurde daher beſchloſſen , Pepe, den ſtotternden Gärtners burſden als Geſandten an den adminiſtrator zu iden und ihn zu erſuchen , wenn ein folder Flüchtling in ſeinen Bereid komme, ihn als Unterthanen der Alhambra aus: zuliefern . Sonad ging Pepe mit ſeinem diplomatiſchen Auftrage durch die mondbeglänzten Baumgänge und Pfade ab , kehrte aber nach einer Stunde mit der tradə rigen Nachricht zurüď , in dem Taubenfolag des Gene: ralife fey lein ſolcher Bogel zu finden. Der Adminis ſtrator jedoch habe ſein erhabenes Wort zum Pfaud ges geben , wenu ein folder Flüchtling dort , ſelbſt um Mits ternacht , erſcheine, folle derſelbe ſofort angehalten und als Gefangener an ſeine kleine ſchwarz-äugige Gebieterin abgeliefert werden, So ſteht es mit dieſem melancholiſchen Vorgang, der in den ganzen Palaſt ſo viel Somerz verurſacht

67 und die untröſtliche Dolores auf ein ſchlafloſes Kiffen gefendet hat. ,,Nadto weiten die Sorgen , " ſügt das Sprid wort, aber die Freude kommt am Morgen .“ Das erſte, was mir heute morgen , als ich mein Zimmer verließ , in die Augen fiel , war Dolores mit dem flüchtigen Tauber in ihren Händen und mit Augen , die vor Freude funfels ten . Er war in früher Stunde auf den Zinnen erſchie nen , leeu vou Dads zu Dad umherflatternd ; endlich kam er doch in das Fenſter und überlieferte ſich als Ge: fangener. Er gewann aber wenig Vertrauen durch ſeine RüdPehr ; denn die gefräßige Urt , mit welcher er die ihm vorgeſeßte Nahrung verſchlang, zeigte, daß er , wie der verlorene Sohn , durch den baaren Hanger nach Danſe getrieben worden war. Dolores ſmalt ihn wegen ſeines treulofen Benehmens und gab ihm alle Arten von olimmen Namen ( obgleid fie , nad Frauenart , ihn zu gleider Seit zärtlich an ihren Buſen drůdte und mit Kiſſen beded'te ). Ich bemerkte jedoch , daß ſie die Vor ficht gebraucht hatte , ihm die Flügel zu beſchneiden , um künftigen Husflügen zuvorzukommen , eine Maßregel, die ich zum Heile allen denen erwähne, die füchtige Liebha ber oder umſtreifende Mänger haben. Mehr als eine Schäßbare Lebensregel läßt fich aus der Geſchichte von Dolores und ihrer Laube abnehmen.

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Des

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Berfarrer 6

Wohnung .

Uis ich meine Wohnung in der Ulhambra auffolug, Gemåder von wurde das eine Ende einer Reihe venerer Bauart, die zur Wohnung des Statthalters bes ftimmt ſind , zu meiner Aufnahme eingerichtet. Sie wa: ren auf der Borderſeite des Palaſtes und hatten die Ausſicht auf die Esplanade ; jenſeits ſtießen. ſie an eine Unzahl kleiner , theils Mauriſcher , theils neuerer Sims mer , die Sia Untouia und ihre Familie bewohnten ; dieſe liefen in einem großen Gemad aus, das der guten alten Dame als Beſuchzimmer , Rüde und Audienzaal diente. Es war zu den Seiten der Maaren nicht ohne bedeutenden Glauz , allein ein Feuerheerd war , wie ges ragt, in eine Ede gebaut worden , deſſen Rand die Wande entfärbt und die Verzierungen beinahe oernichtet , und eine 'düſtere Färbung über das Ganze verbreitet hat. Aus dieſen düſtern Gemächern führt ein enger finſterer Gang und eine dunkle Wendeltreppe hinab ju einem Winkel des Thurms des Comares , welden man entlang tappt und nun, bei dem Deffaen einer kleinen Shüre una ten, ploklid geblendet wird, indem man in das glänzende Borzimmer des Geſandten : Saales , den funkenſprühen den Brunnen des Rofes der Alberca dor fid ), eintritt. go war nicht zufrieden , in Zimmern des Palaſtes wohnen zu ſollen , die neu waren und auf der Vorder

69 feite lagen , und wünſchte mich in dem Serzen des Ges bäudes einzuniſten . Uis ich eines Tags in den mauris Føen Sälen umherſtreifte , fand ich in einer entlegenen Galerie eine Shüre , welche id nie zuvor bemerkt hatte und die offenbar zu geräumigen, vor dem Publifum vers foloſſenen Gemüchern führte. Hier war alſo ein Ges heimniß ; hier war der bezauberte flügel des Schloſſes. Id verſchaffte mir jedoch den Solüſſel ohne Mühe ; die Thüre führte in eine Reihe leerer zimmer von europåke lder Bauart , obgleich file über eine mauriſche Orkade, den Garten der Lindarara entlang, gebaut waren. Die Deden zweier hohen Zimmer hatten tiefe Berzierungss . felder von Cedernholz , in welche Früchte und Blumen neben grotesPeu Maslen und Geſidtern, reid und fünfts lich eingegraben , obgleich an vielen Stellen derdorben waren . Die Wäyde waren offenbar in alten Zeiten mit Damaſt behangen , jeßt aber nadt und mit den nichts: ragenden Namen eitler Reiſenden überdect ; die Feuſter, welche ohne Faſſung, und Wind und Wetter geöffnet wa, ren , gingen auf den Garten der Lindarara und die Drangen - und Zitronenbäume bogen ihre Zweige in das Simmer. Jenſeits dieſer Zimmer waren zwei weniger bohe , aud in den Garten gehende Såle. In den Fels dern der verzierten Deden waren Körbe von früchten und Kränze von Blumen von einer geſchidten Sand ge: malt und ziemlich gut erhalten . Uud die Mauern , was ! ten in Fresco , im italieniſchen Styl gemalt gewe fen , aber die Malereien faſt verwijdt ; die Fenſter waren in demſelben wüften Zuſtande, wie in den andera Semådern. Dieſe merkwürdige Reihe von Simmeru ens

70 digte in einer offenen Galerie mit Geländert , welche in rechten Wiufela eine andere Seite des Gartens entlang lief. Die ganze Zimnterreihe batte eine Zierlid Peit und Unmuth in ihrer Ausſchmüdung , und es war etwas fo Freundliches und abgeſchloffenes in threr Lage , dieſen entlegenen kleinen Garten entlang , daß fie ein Intereſſe an ihrer Gerdichte erwedten. Als ich nachfragte, erfuhr ic, fie reyen etue in dem Unfange des vergangenen Jahr: hunderts , zur Seit , als Philipp V, und die ſchöne Elle ſabeth oon Parma in der Alhambra erwartet wurden , von italieniſchen Künſtleru verzierte Zimmerreihe, welche für die Königin und die Damen ihres Geforges beſtimmt waren . Eines der höchſten Zimmer war ihr Solafges mach geroefen ; und eine kleine Sreppe , welde aus deme ſelben führt, ießt aber vermauert iſt, öffnete ſich auf ein entzückendes Belvedere, urſprünglich ein Soler der mais riſchen Sultaninnen, aber zu einem Toilettenzimmer für die ſchöne Eliſabeth eingerichtet, daher es noch heute den Namen des Tocador , oder der Toilette der Königin hat. Das Solafzimmer , deſſen id erwähnt habe, hatte von dem einen Fenſter die Uasſicht auf das Generalife und ſeine umlaubten Serraffen ; unter einem andern Fetis fter ſpielte der Alabaſter- Brunnen des Gartens der Lina darara. Der Garten führte meine Gedanken noch weis ter zarůd , in die Periode einer andera Serrſøaft der Sdönheit, zu den Tagen der mauriſchen Sultaninnen. „ Wie ſchön iſt dieſer Garten !" ſagt eine arabiſce Inſdrift, mwo die Blumen der Erde mit den Sternen des Himmels wetteifern ! Was kann mit der Vaſe jenes Ula baſter- Brunnend, gefügt mit cryſtalnem Waſſer, verglichen

71. werden ? Nichts als der Mond, wenn er vol iſt und iu der Mitte eines wolkenloſen Simmels glänzt ! " Fahrhunderte fiud entſchwunden , und doo - wie pieles von dieſer Scene vou offenbar ro vergånglicher Schönheit blieb noc ! Der Garten der Lindarara war noch mit Blamen geſchmüdt; der Brunnen bot nod fei: nen cryſtalnen Spiegel dar ; es iſt wahr , der Ülabaſter hat ſeine Weiße verloren und das Baſin darunter , mit Unfrant bededt, iſt der Aufenthalt der Eided fen ; aber Es war ſelbſt in der Verfallenheit etwas, das das gutes reffe der Scene erhöhte , indem es von dem Wechſel ſprach , der das unwiderrufliche Loos des Menſchen und aller feiner Werke iſt. Auch die Dede dieſer Gemåder , einſt die Wohnung der ſtolzen und anmuthreiden Elifas beth , batte einen rührenderen Reiz für mic , als wenn ich ſie in ihrem frühern Glanz , von dem Prunke eines ofes ſtralend , geſehen hatte. 3d beſchloß ſofort , in dieſen Zimmeru meine Wohnung aufzurd lagen . Mein Entſchluß erregte großes Staunen in der Fas milie , die fich gar Peinen vernünftigen Grund für die Wahl einer ſo einſamen , entlegenen und verlaſſenen Wohe aung denken konnten . Die gnte Tia Antonia betrachtete es für höchst gefährlich ; die Nachbarſchaft , ſagte fle, reg mit Zagediebeu angefällt ; die Höhlen der nahen Berge wimmelten son sigeunern ; der Palaſt rey im Verfall und an vielen Orten leicht zugänglid ; und das Gerücht von einem fremden , der allein in einer der zerfallenden Bimmerreife Wo die übrige Bewohner daft thn nicht hören Pönne , wohne , modte des Nadots leidt unwills Pommene Befuder reizen , beſonders da man von frems

72 den immer annehme, daß ihre Börſe gut gefügt rey. Dolores ſchilderte die ſchreckliche Einſamkeit des Plabes, wo weitum nichts zu ſehen ſey als Fledermäufe und Eta len ; rodaun hielten ſich aud ein Fuchs und eine wilde Raße uin die Gewölbe auf und ſtreiften Nachts umher. Id war nicht von meinem Einfall abzubringen ; daher wurde ein Zimmermann zur Beihülfe hergerafen , ſo wie der ſtets dienſtfertige Mateo Ximenes , welche Thüren und Fenſter bald in einen Zuſtand odu ziemlis der Sicherheit brachten . Aller dieſer Vorbereitungen ungeachtet muß ic bekennen , daß die erſte Nacht, welche id in dieſen Zimmern hinbrachte, unausſpredlid traurig war. Die ganze Familie gab mir das Geleite bis in mein Gemach und ihr Abſchiednehmen von mir und ihre Rüdlehr, die oben Borzimmer und haltenden Galerien entlang , erinnerten mide an jene Geiſtergeſchichten , wo man den Helden atlein lågt, um die Fährlid Peiten eines bezauberten Dauſes zu beftehen . Selbſt die Gedanken an die reizende Eliſabeth and an die Soonheiten ihres Hofes , welche einſt dieſe Zims mer verherrlicht hatten , erhöhteu jeßt durch den Kons traſt dieſes Düfter. Hier war der Schauplaß ihrer vors übergehenden Freude und Lieblickeit ; hier waren ſogar nod die Spuren ihrer Zierlichkeit und ihrer Berguügun Staub und Urdhe, gen ; allein was und wo waren fie ? Bewohner des Grabes, Sdattenbilder des Gedad tuiffeb! Eine anbeſtimmte und unbeſdreibliche furot über: solid mich. Jo hätte ſie gern den Gedanken an Räu ber , welche durd die Abendunterhaltung in mir gemedt worden , zugeſchrieben , aber ich fühlte , daß es etwas

73 nichtigeres und abgelomadteres war. Mit einem Worte, die lange begrabenen Eindrüde der Ammenſtube belebten ſich wieder und behaupteten ihre Gewalt über meine Phantaſie. Alles begann von dem Drängen meines Geis ftes angeſtedt zu werden . Das Flüſtern des Windes in den Zitronenbäumen unter meinem Fenſter hatte ets was unheimliches . Id warf meineu Blid auf den Gar ten der Lindarara ; die Bäume bildeten einen Sølund DOU Sbatten , das Didicht unbeſtimmte und geſpenſtis ſche Geſtalten . Jd war froh , als id mein Fenſter ges ſchloſſen hatte ; allein felbft mein Gemach wurde anges ſtedt. Eine Fledermaus hatte den Weg herein gefunden und flatterte über meinem Kopfe und gegen meine ein: fame Lampe ; die grotesten Gefidhter , welde in die @es derudecke geſchnißt waren , (dienen mid anguſtarren und mir Seſichter zu ſchneiden . Mid zuſammennehmend und über dieſe augenblid: liche Schwäche halb lächelnd , entſchloß ich mich , ihr Troß zu bieten , nahm meine Lampe in die Hand und cilte fort , in dem alter Palaſt einen Spaziergang zu machen. Groß aller geiſtigen Unſtrengung war die Aufs gabe ernſt. Die Strahlen meiner Lampe verbreiteten ſich nur in einer ſehr beſchränkten Entfernung um mich ; id ging gleichſam in einem bloßen Lichtfreis , jenſeit dels fen dichte Finſterniß herrſchte. Die gemmbten Gänge glichen Şöhlen ; die Gewölbe der Såle waren in Dun: Pel Dergraben ; welcher ungeſehene Feind Ponnte nicht vor mir oder hinter mir laurden ! mein eigner [email protected], der auf den Wänden ſpielte und der Widerhall meiner eig. nen Fußtritte idredten mic.

74 Während id in dieſem erregten Zuſtand den großen Geſandteuſaal durdſdritt, tamen wirelide Söne zu jes deu muthmaßliqen Gebilden. Tiefen Stöhnen , unbes ſtimmtes Rufen ſchien gewiſſermaßen unter meinen füs Ben emporzuſteigen ; id hielt an und lauſchte. Es ſdien nun wieder außerhalb des Churms zu fchallen. Zuweis len klang es wie das Sealen eines Thieres , dann wies der war es erſtictes Schreien mit vernehmlichem Toben des Wahuſnus vermiſcht. Die durchauernde BirPung dieſer Klänge , in dieſer ſtillen Stunde und an dieſer ſonderbaren Stelle, benahm mir alle Luſt, meinen einſa men Spaziergang fortzuſeßen. Ich kehrte munterer in mein Gemad zurüd als id es verlaſſen hatte und ath mete freier , als id wieder innerhalb feiner Wände und die Thüre hinter mir verriegelt war. Als ich am Mors gen erwachte und die Sonne durch mein Fenſter herein ( chien und jeden Theil des Gebäudes mit ihren holden und wahrheittündenden Strahlen beleuchtete , Ponnte ich mid Paum der Scatten und Krugbilder erinnern , welde Das Duſter der vergangenen Nacht herauf befoworen hatte , oder es glauben , daß die Scenen um mich her , fo nadt und bekannt, ſich mit ſolchen eingebildeten Screte ten båtten bekleiden Pönnen, Dod war das düſtere Geheul und Rufen nichts ein , 3 gebildetes ; mein Mädchen Dolores gab mir Auskunft deßhalb ; es war das Raſen eines Wahnſinnigen , eines Bruders ihrer Zante , der heftigen Anfáưen unterworfen war, während deren man ihn in ein gewölbtes Bimmer unter dem Geſandten - Saal einſperrte.

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Die Alhambra im Mondlichte.

Jo habe ein Gemälde meiner Zimmer bei meiner erſten Beſlßnahme derſelben gegeben ; wenige Åbende hao ben eine gårzliche Veränderung in der Scene und in meinen Gefühlen hervorgebracht. Der Mond , der das mals unſichtbar war , hat allmählig Gewalt über die Nacht erlangt und zieht jeßt in vollem Glanze - über den Thürmen hin und ſtreut eine Mafle fanften Lichtes in jeden of und Saal. Der Garten unter meinem fele fter ift lieblid beleuchtet ; die Drangen , und Citroneus bäume ſind mit Silber getüpft ; der Brunnen funkelte in den Mondſtrahleu und ſelbſt das Erröthen der Roſe ift dwad fichtbar. 30 faß ftundenlang an meinem Fenſter , trane die Süße des Gartens in mic und dachte über das launens volle Loos derer vad , deren Geldichte in deu zierlichen Denkmälern rundum fid trſib abzeichnet. Zuweilen ging ich am Mitternacht , wenn alles ruhig war , hinaus und burchwanderte das ganze Gebäude. Wer kann eine Mondſcheinnacht unter einem ſolchen Himmel und ab einem ſolchen Orte genug preißen ? Die Temperatur eis ner andaluſt den Sommer: Mitternacht iſt wahrhaft himms lird . Wir ſcheinen ta eine reinere Atmoſphäre emporge hoben ; es iſt eine Seiterkeit der Seele, eine Schwunas kraft des Selftes , eine Elaſtizität des Körpers , welc

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das bloße Daſeyn zu einem Freudegenaß macht. Uud auf die Alhambra wirkt das Mondlicht wie ein Zauber. geber Riß , jede Spalte des Ulters , jebe zerſtäubende Farbe, und jeder Wetterfleden 'verſe windet ; der Mar: mor nimmt ſeine urſprüngliche Weiße wieder an ; die langen Säulenreißen glanzen in den Mondſtrahlen ; die Såle ſind mit ſanftem Glanze gefütt, bis uns zuleßt das ganze Gebäude wie ein bezauberter Palaſt aus den arabiſchen Mährden bortömmt. zu einer rolden Zeit ſtieg id auf den Pleinen Pa pillon , welder die Toilette der Königin genannt wird, um mid an ſeiner mannidsfaltigen und ausgedehnten Ausſicht zu ergőben. Rechts glänzten die fynceigen Gipfel der Sierra Nevada wie Silberwolken gegen das dunklere Firmament und alle Umriſſe des Gebirgs er: ſchienen geſänftigt und doch gart angedeutet. Meine größte Woune jedoch war es , mid über die Bruſtwehr des Locador zu lehnen und auf Granada hinabzublideu , das wie eine Karte unter mir ausgebreitet lag , in tiefe Rnbe begraben , und ſeine weißen Paläſte und Ribſter gleidſam im Mondenſchein folafend. Zumeilen hörte ich die ſchwachen Klänge der Caſtaga netten einer Lauzgeſellſchaft, die nod in der Ulameda weilte ; ein anderes Mal drang der ungewiſſe Klang et: ner Guitarre zu mir und die Töne einer einzelnen Stimme erhoben ſich aus einer einſamen Straße and malten mir irgend einen jungen Ritter , der vor dem eine . Fenſter reines Liebchens ein Štåndden bringt artige Sitte früherer Lage , die ießt leider überall in Abnahme kommt, die entlegenen Städte und Dörfer

77 Spantens ausgenommen. Dieſer Urt waren die Sce: uen , welche mich ſo manche Stunde in den Söfen und auf den Ballons des Solofles meilen ließen , und no id mich jener Miſchung von Träumerei und Empfindung erfreute, welche in den ſüdlichen Simmelbſtriden die Sage hinwegſtiehlt, und der Morgen war oft nahe , wenn ich mein Bett aufſuchte und mich von den fallenden Waſs fern des Brunnens der Lindarara in Solaf wiegen ließ.

Bewohner der alhambra .

Jd habe es oft bemerkt, daß je ſtolzer ein saus in den Sagen ſeines Glüdes befekt war , ſind ſeine Be wohner in den Tagen ſeines Verfalls um ro årmlider , und daß die Patafte der Könige gewöhnlid zuleßt der Uufenthalt von Bettlern werden. Die Alhambra iſt in einem reißenden Zuſtande áhu lidhen Uebergangs . Wo ein Shurm derfáat, nehmen gers lumpte Familten Beſitz davon und machen ſich in Gea meinſchaft mit den Fledermäuſen und Eulen zu Bewoh nern ſeiner vergoldeten Såle und hängen die Lumpen, dieſe Banner der Urmath , aus feinen Fenſtern und Sdießſcharten . Es hat mid ergoßt , manche diefer foedigen Chas raktere zu beobachten , welche die alte Wohnung von Röntgen fo an fid geriffen Baben und die hierher gefest

78 zu feyn (deinen, um dem Drama des menſchliden Stola zes einen komiſden Schluß zu geben . Einer derſelben trägt ſogar den Spotttitel einer Königin. Es iſt dies eine kleine alte frau , welde Maria Antonia Sabonea heißt , aber gewöhnlich La Reyna Coquina oder die Mua fdelkönigin genannt wird. Sie iſt klein genug, um eine See abzugeben und ſte mag nach allem , was id erfahren konnte , eine Fee regn , deun niemand kennt ihren Urs ſprung. Ihre Wohnung iſt eine Art Råmmerchen unter der äußern Treppe des Palaſtes und fie fißt in dem Fühlen ſteigernen Gange, braucht ihre Nadel emſig, ſingt pom Morgen bis in die Nacht und hat für jeden , der vorbei kommt , einen Scherz in Bereitſchaft ; denn obs gleid Rie eine der ärmſten Frauen iſt, ſo lebt doc kaum ein luſtigeres kleineres Weſen. Die Gabe des Gefolds teu - Erzählens iſt ihr Sanptverdienſt , denn id glaube wahrhaftig , daß fle eben ſo viele Erzáhlangen zu ihrem Befehl hat als die unerſchöpfliche Scheherezade der taus ſend und einen Nacht. Manche derſelben habe ich fie in den Abend - Tertulias der Dame Antonia , bei denen ſie fido zuweilen einfinden darf, erzählen hören . Daß irgend eine Feengabe an dieſem geheimnißvol: len kleinen alten Weibe ſeyn muß, geht foon ans ihrem ungemeinen Glüd beroor , indem fle, obgleid lehr Plein , ſehr häßlio uud fehr arm , ihrer eigenen Erzählung zu Folge fünf und einen halben Mann gehabt hat , wobei fte einen jungen Dragoner , der während der Brautzeit ſtarb, für einen halben rechnet. Mit dieſer kleinen Seeds Pönigin wetteifert ein ſtattlider alter Baride mit einer diden Raſe, der in einem verbrandten Kleide mit einem

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aufgekrempten wachstaftnen Hut und einem rothen fea derbuſd umber geht. Er iſt einer der rechtmäßigen Söhne der Ulhambra und hat ſein ganzes Leben in Erfüllung manderlei Prichten hingebracht ; ſo war er unter : Als guazil , Küſter in der Pfarrkirche, und Wärter bei dem Balſpiel -Sof, der am Fuße eines der Thürme errichtet worden war . Er iſt arm wie eine Kirchenmaus, aber ſo ſtolz als er zerlumpt iſt , denn er rühmt fich von dem edeln auſe der Aguilar abzuſtammen , aus weldem Gonſalvo de Cordoba , der große Feldherr , hervorging. Ja , er trägt wirklich den Namen Ülonzo de Aguilar , der in der Geſchichte der Eroberung von Granada ro berühmt iſt, obgleich die rudloſen Schelmen der Veſte ihm den Sitel el padre santo , oder der heilige Vater gegeben haben – die gewöhnliche Bezeichnung des Paba ſtes , die ich in den Augen echter Katholiken für viel zu geheiligt glaubte , als daß man ſie ſo ſcherzhaft anwens dete. Es iſt eine ſeltſame Laune des Schidfal$ , in der grotee Per Perſon dieſes Lampen einen Namensverwand ten und abkömmling des ftolgen Alonzo de Aguilar, des Spiegels der andaluftſchen Ritterſchaft , zu bieten , der faſt ein Bettlerleben in dieſer einſt ſo ſtolzen Feſtung führt, welche ſein Ahnherr zerſtören half; und dod möchte das Loos der Nachkommen von Ugamemnon und Achil les ein åhulidhes ſeyn , wären ſie in der Nähe der Ruiz nen von Iroja geblieben. Von dieſer bunten Geſellſchaft mödte wohl die fas milie meines geſprächigen Geleitsmannes , Mateo Ximes nes, wenigſtens der Zahl nac , einen ſehr wichtigen Sheil ausmaden . Seine Anſprüde, ein Sohn der Alhambra

82 denfeuer auf den Bügeln an, und haben neulich die mond: hellen Nächte durotanzt, um die Erndtefeuer eines kleis nen Stüc feldes innerhalb der Beſte , welches kaum einige Biſchel Waizen abwart, feſtlich zu begehen . Ehe id dieſe Bemerkungen ſchließe , muß ich einer der Unterhaltungen dieſes Drtes gedenken , die mir ber ronders aufftel. 3d batte öfter einen langen ſpaniſchen Kerl bemerkt , der auf dem Gipfel eines der Thürme raß, und zwei oder drei Angelruthen handhabte , a!$ wollte er nad den Sternen angeln. Das Shun dieſes Luftfilders feste mich eine Zeit lang in Berlegenheit, und dieſe Verlegenheit wuchs , als id andere bemerkte, welche auf gleiche Weiſe auf perſdiedenen Theilen der Zinnen und Baſtionen beſchäftigt waren ; das Geheim : niß erſchloß ſich mir nicht eher , als bis ich Mateo Kts menes zu Rath zog. Die reine und luftige Lage des Beſte ſcheint ſle, wie Macbeths Schloß , zu einem fruchtbaren Hecneft für Schwalben und andere Vögel gemacht zu haben , die mit der Feiertagsluſt oou Jungen , welche eben aus der Schule gelaffen worden, ju Tauſenden um ihre Thürme ſpielen . Dieſe Vögel nun in ihrem gedantenloſen Um : herPreiſen mit Angeln, an denen Fliegen ſteden , ju fans gen , iſt eines der Lieblings : Bergnügungen der gerfezten ., Söhne der Alhambra, welche mit dem zu nidts brauch baren Wiße ausgemachter Müßiggånger auf dieſe Urt die Kunſt erfandeu ' Baben, in dein Himmel zu angeln .

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Der

l ó w e n h o f.

Der beſondere Reiz dieſes alten träumeriſchen Pa laſtes beſteht in ſeiner Macht , vage Träumereien und Bilder der Vergangenheit hervorzurufen , und ſo die nadte Wirklichkeit mit den Säuſchungen des Gedicht niffes und der Einbildungskraft zu umkleiden. Da es mich ergoßt , in dieſen ,, eiteln Scatten " zu wandeln , ſuche ich aud gern die Theile der Alhambra auf , welche dieſem Schattenſpiel des Geiſtes am günſtigſten ſind, und dieß iſt bei teinem mehr der fal, als bei dem Löwene bofe und den Sålen umber. Hier iſt die Hand der Zeit am fanfteſten verfahren , und die Spuren mauriſder Ele: ganz und Pracht beſtehen faſt noch in ihrem urſprüng lichen Glanze. Erdbeben haben die Grundpfeiler dieſes Sebäudes erſdüttert, und ihre härteſten < hürme geſpals ten ; allein fieh , nicht Eine jener ſchlanken Säulen fam aus ihrer Stelle , nicht Ein Bogen jenes leichten und gebrechliden Ganges ift gerviden ! Und al die niedlide Bilduerei an den gewölbten Deden , augenſcheinlich ro jart gehalten , wie die Cryſtalarbeit eines Morgenfroſtes beſteht nod nach den Verlaufe von Jahrhunderten, und iſt ſo neu, als tám ſie eben aus der Band des arabiſdeu Künſtlere. Ich ſchreibe inmitten dieſer Andenken der Bergangenheit, in der frühen Stunde des Frühmorgens, in dem unglüdlichen Saal der Übencerragen. Der bluts 6

8+ befledte Brunuen , der Sage nach das Denkmal ihrer Ermordung, iſt vor mir ; der hohe Wafferſtrahl fpreugt fait ſeinen &hau auf mein Papier. Wie ich wer tft ef, die alte Geſchichte von Gewaltthat und Blut mit den lieblichen uud frietvollen Sd auſpiele rundum zu vereinen ! dues ideint hier berechnet, freundliche und glüdliche Gefühle zu erregeu, denn alles iſt mild uud icon. Selbſt das Licht fällt ſanft von obeu herab , durch die Laterne eines wie von feenhånden gemalten und gearbeiteten Domes. Durch den weiten und mit Bildnerei gejierten Bogen des Portals ſehe ich den Löwenhof in dem Glan der Sonne , die reine Colonnaden entlang Krahlt , und in ſeinem Brunnen funkelt. Die lebhafte Schwalbe reuft rich in den Sof, erhebt ſich wieder aufwärts, and ſcießt gifdeud über die Dächer dahin ; die geſchäftige Bierre treibt Rico ſummend unter den Blumenbecten umher, und baute Schmetterlinge Aattera von Pflanze zu Pflanze und Miegen dann einpor und ſpielen mit einander in der fort. nigen Luft. Die Phantaſie braucht ſich nur ſehr wenig anguſtrengen , um ſich irgend eine ſinntge Soonheit des Darems zu mahlen , welche in diefen abgeldloffenen Piata den orientaliſder Ueppigleit weilt. Der aber, welcher dieſe Scene gern mehr im EinPhana mit ihrem Geſchid ſehen möchte, muß kommen, wenn die Schatten des Ubents den Glanz des Sofes mildern , und ihr Düfter über die Såle , umher verbreiten. Es kannı dann nichts heiter wehmüthigeres , oder mit der Gev fdicte entro mundener Oröße übereinftimmenderes geben . In folden Stunden ſuche ich wohl auch den Sadi der Gerechtigkeit auf, deſſen tiefe ſchattenrolle Arpaten

85 fid am obern Ende des Sofes hiuziehen. Sier wurde in Gegenwart don Ferdinand und fabella und ihres ſlegtruntenen Geleites, das feſtliche Sochamt bei der Be: Obuahme von Alhambra gehalten. Das Kreuz iſt ſogar godt auf der Band zu ſehen , an welder der altar ftand, and poo der Groß- Kardinal von Spanien uud andere der höchſten kirchlichen Würdenträger des Landes den Got: tesdienſt hielten. So malte mir das ganze Sdauſpiel, als das ſiegreiche Heer dieſen Drt füüte -- dieſes Gemiſch von Prälaten in ihrem Drnat, und von geſdornen Mönden , dou ſtahlbepanzerten Rittern und ſeidnen Boflingen, wenn Kreuze und Krummſtäbe und Kirdenfahnen Rid mit den ſtolzen Wappenzeiden und den Bannern der Edlen Spa , niens miſcht, und im Triumph über dieſe arabiſchen Sale Alattert. Ich male mir Columb, den künftigen Entdeder einer Welt , wie er in einem fernen Winkel ſeinen be: fdheidenen plaß uimmt, ein demüthiger und vernachläßig ter Zuſchauer des feftgepränges. Meine Phantaſie läßt mich dieß Patholiſde Serriderpaar feben , wie es fico per dem Altar niederwirft, und ſeinen inbrünſtigen Dank für den Sieg darbringt , während die Gewölbe die bei: rigen Geſänge und das lauttönende Te Deum mi: derhalten . Die Purje Zäuſdung iſt vorüber – das feft ents ſchwindet dem innern Unge Monarden , Prieſter und Krieger Pehren in die Vergeſſenheit zurüd , ſo wie die armen Mosleminen , über welche file triumphirten. Ihre Siegshale iſt ode und leer. Die Fledermaus Aiegt um Ihr Dämmergewölbe und die Eule trådst aus dem nas ben burm des Gomares,

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Mis id vor einigen ubenden in den Löwenhof trat, erſchrad id über den Anblid eines beturbanten Mauren, der ruhig am Brunnen faß. Es ſchien einen Augenblick, als ob eines der Märchen des Ortes Rich verwirflicht, und ein alter Bewohner der Alhambra den Zauber von Fahrhunderten derniditet bätte , und ſichtbar geworden wäre. Es fand ſich aber , daß es ein gewöhnlicher Sterb. lider war, ein Eingeborner von Tetuan in der Berberet" der einen Laden in dem Sacadin von Granada hatte, wo er Rhabarber , Flittern und Wohlgerüde feil hielt. Da er das Spaniſche geläufig ſprad , Ponnte ich mich init thm unterhalten , und fand ihn Plug und derfdlagen . Er ſagte mir , er Pomme zuweilen im Sommer den His gel herauf, um einen Theil des Tages in der Alhambra hinzubrigen, wo er an die alten Paläſte in der Berberei erinnert werde, welde in einem ähnlichen Style, obgleich mit weniger Pracht, gebaut wären. Ul6 wir im Palaſt umhergingen , zeigte er auf der, (diedene arabiſche Inforiften , welche viele poetiſche Sons beit enthielten .

„Ja, Sennor," ſagte er, mals die Mauren Granas da inne hatten , waren ſie ein muntreres Vole , als fle heut zu Tage ſind ! Sie dachten nur an Liebe , Muſli und Poeſle. Sie machten Verſe bei jeder Gelegenheit, und Teßten fie alle ir. Mufe. Der , welcher die beſte Verſe machen Ponnte , und die , welche die Plangooliſte Stimme hatte , Ponnten der Guuſt und Beförderung ge : wiß ſeyn. Wenn in jenen Tagen jemand Brod forderte, þieß es : mach' mir einen Vers ; uud der ärmſte Bettler,

welcher in Reimen bettelte , wurde oft mit einem Gold: túct belohnt. " „ und iſt das ſo verbreitete Gefühl für Poeſie," ſagte id , „bei euch jest gänzlich verloren ?" ,,Reineswegs , Seunor ; das Bore der Berberei, ſelbſt aus den nidrigſten Klaſſen , macht noch immer wie in den alten Sagen , Verſe, und auch gute Verſè ; allein das Talent wird nicht belohnt wie ehedem ; der Reiche zieht das Klingeln feines Goldes dem Klang der Poeſie und Muſik vor . " Während er ſprach , heftete ſich ſein Auge auf eine der Inſchriften , welche der Macht und dem Ruhme der mauriſden Herrſcher , den Gebietern dieſes Gebäudes, Unſterbligkeit verkündeten. Er ſchüttelte den Kopf und judte mit den Schultern , als er ſie aberfekte. „ Das wäre wohl der Fall geweſen , " ſagte er ; „die Moslemi, nen könnten noo jeßt in der Alhambra regieren , wäre Boabdil Pein Verråther geweſen , und hatte er die Qaupt: tadt ben Chriſten nicht übergeben . Die ſpaniſchen No: varden wären nie im Stande geweſen , ſie in offnem Kampf zu erobern ." 3d bemühte mid , das Andenten des unglüdlichen Boabdil von dieſem Flecke zu reinigen , und zu zeigen, daß die Streitigkeit, welche zum Sturze des mauriſchen Shrones geführt , thren Urſprung in der Grauſam Peit ſeines tigerherzigen Vaters gehabt hätter ; aber derMaure ließ Peine Rechtfertigung gelten . ,, Mulei Saſſan ," ſagte er , ,,mag grauſam geweet ſegn ; allein er war tapfer, wadfam , ein Freund des Va. terlandes. Wäre er recht unterſtüßt worden , so wäre

88a Granada unſer geblieben ; allein fein Sohn Boabdil curd Pretzte ſeine Plane, lähmte feine Madt, fåete Bers rath in ſeiner Palaſt und Stiefpalt in fein Lager. Der flud Gottes Pomme auf ihn wegen ſeiner Berråtherei !" Mit dieſen Worten verließ der Maure die Alhambra . Der Zorn meines beturbanten Gefährten ftimut mit einer Anecdote fiberein , die mir ein freuud erzählte, welder während einer Reiſe in der Berberei den Parda von Setuan geſprochen hatte. Der maurifde Statthals ter fragte fehr eifrig nach dem Land, und vorzüglid nad dem glüdlichen Gebiete Andaluſiens, den Wonnen Gras nada's und den Ueberbleibſelu des Pöniglichen Palaſtes daſelbſt. Die Antworten weten alle jene theueren den Mauren fo tief im Derjen ruhenden Erinnerungen an die Gewalt und den Glanz ihrer alten Herrſchaft in Spanien . Der Paſcha wandte fich zu ſeinem :mohames baniſchen Gefolge, raufte ſeinen Bart , und brad in leto denſdaftliche Klagen aus , daß fold eine Berrídaft den echten Gläubigen entriffen worden . Er trötete fid jes dod mit der Gewißheit, daß die Macht und das Olid der ſpaniſchen Nation im Abnehmen fey , und daß eine Seit Pommen würde, wo die Mauren ihr rechtmäßiges Land wieder eroberten ; daß der Sag vielleicht nidt mehr fern rey , wo der mohamedaniſde Gottesdienſt wieder in der Mordee von Cordova gefeiert , und ein mohamedas daniſcher Prinz auf ſeinem Chrone in der Alhambra fißen würde. Der Art ift der allgemeine Wunſch und Glaube tips ter den Mauren der Berberei, die Spanien und before ders Andaluſten für ein rechtmäßiges Erbe anſehen , deſo

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C

ſen ſie durd Verrath und Gewalt beraubt worden. Dieſe Gedanken werden von den Nadlommen der der bannten Mauren von Granada , welche in den Städten der Berberei gerſtreut fad , genährt und fortgepflanzt. Viele derſelben wohnen zu Tetuan , behalten ihre alten Namen, z. B. Paez und Medina, bei , und verſagen es fic , in irgend eine Familie zu heirathen , welche nidt auf gleid hohe Abſtammung Anſprüche hat. Ihr geo rühmtes Geſchlecht wird mit einem Grad von Ehrfurdt don dem Volle betrachtet , welchen man bei Mohame Danern erblichen Vorzügen , ausgenommen in dem Pönige Aiden Stamme, felten erzeigt. Dieſe familien ſollen fortwährend nach dem irdis (den Paradieſe ihrer Vorfahren feufzen , und Freitags in ihrer Moſchee Gebete anſtellen , ulah anflehend om die Beſchleunigung der Seit , wo Granada den Recht: gläubigen wieder zugeſtellt wird , ein Ereigniß , dem fle eben ro ſebaſůdytig und vertrauungsvoll entgegen ſehen , wie die driftliden Kreuzfahrer der Entdedang des bete ligen Grabes. Ja, man reßt hinzu , einige derſelben ber wahrten nod die alten Karten und Urkunden der Bes ligungen und Gärten ihrer Vorfahren zu Granada, und fogar dte Solaffel ihrer Bäuſer , melde fie als Beweiſe ihrer erblichen Anſprüche aufheben , um ſie an dem Sag der gehofften Wiederherſtellung des alten Zuſtandes por. zuzeigen. Der Lörrenhof bat aud feinen Sheil übernatürlider Sagen. Id habe bereits des Glaubens an das Mars meln von Stimmen und das Klirren von Ketten ge: dagt , Sone , welde man den Geiſtern der ermordeten

90 Ábencerragen zujūreibt. Mateo Ximenes erzählte dor einigen Abenden bei einer der Geſellſchaften in der Dame Uutonia Gemache eine Chatſache , welde fic während der Lebzeiten ſeines Großvaters, des regenreiden Sonei. ders, zugetragen hatte. Ein Javalide hatte die Pflicht über ſich, die Alhams bra den fremden zu zeigen. Als er eines Abends in des Dämmerung durch den Löwenhof ging , hörte er in dem Saal der Abencerragen Fußtritte . Er dachte, einige Bem ſucer hätten fid dort verſpätet , und dritt näher , um ſie zu begleiten , als er zu ſeinem: Erſtaunen vier reid gekleidete Mauren erblidte , mit vergoldeten Barniſchen , Såbeln und Dolden, welche von Poſtbaren Steinen fans felten. Sie gingen feierliden Sorittes auf und ab, ſtanden jeßt aber ftilt, und winkten ihm. Der alte Sole dat aber ergriff die Flucht, und konnte nadher nie wiem der dahin gebracht werden , die Ülhambra zu betreten . So wenden Menſchen manchmal ihrem Glúd den Rüden ; denn es iſt Mateo'8 feſter Glaube, die Mauren hätten den plat bezeichnen wollen , wo ihre Sdage verborgen liegen. Ein Nadfolger des Javaliden war flüger ; er tam arm in die Alhambra, aber nad Verlauf eines Jah res reiſte er nach Malaga, baute Säuſer, hielt ſich eineur Wagen , und lebt nod dort als einer der reichſten , ro idie der älteſten Leute des Ortes , was alles, wie Mateo melſe ahut, zufolge der Auffindung des goldnen Geheims niſſes dieſes geſpenſtiſchen Mauren geſchah.

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Boabdil el

chico.

Meine Unterhaltung mit dem Mann in dem Limers hofe deranlaßte mich, über das ſeltſame Soidfal Boabe dils nachzudenfeu . Seine Unterthanen nannten ihn „ el Zogoybi “ oder „der Unglüdliche" und nie war ein Beis aame beſſer angewendet. Sein Unglüd begann faſt in der Wiege. Ju feiner zarten Jugend wurde er von einem unmenſdlichen Vater gefangen , und mit dem Sode bedroht, dem er uur durd eine Liſt ſeiner Mutter euts ging ; in ſpåtern Jahren wurde ſein Leben durch die Feindſeligkeiten eines eroberungsſüchtigen Dheims ver: bittert und öfter gefährdet ; feine Regierung wurde durch Einfåte von außen und darch Entzweiungen im Juneru beunruhigt ; er war abwedſelnd der Feind , der Gefarb gene, der Freund und immer der Spielbal ferdinando, bis die vereinte Lift und Macht dieſes treulofen Königs ihn beſiegte und entthronte. Verbannt aus ſeinem Heis utathlande Flüchtete er zu einem Sürften Afrika's , und fiel ruhmlos in einer Schlacht, für die Sade eines frem. 1 den rechtend. Sein Unglüd hörte aber nod nicht mit ſeinem Tode auf. Wenn Boabdil den Wunſa hegte, in der Geſdidhte ehrenvoll genannt zu werden , - wie graus ſam wurde er dann in ſeinen Hoffnungeu getåuſcht! Wer bat der romantiſchen Geſchichte der mauriſden Serrſchaft in Spanien die geringſte Wafmerkſamkeit gewidmet, ohur

92 bei der angeführten abſcheulido feit Boabdils vor Zorn zu erglühen ? Men haben die Leiden reiner lieblichen und holden Qemalin, welde er, auf eine falſche Anklage der Untreue, zit einer Probe auf Leben und Tod derúrtheilte, nicht gerührt ? Men hat es nicht empört, daß er in einem Unfall von Born ſeine Soweſter und ſeine zwei Kinder umgebracht haben route ? Wem hat das Blut nidt ges Pocht bei dem unmenſchlichen Morde der tapfern Aben : cerragen , die er, der Erzählung zufolge, rechs und dreißig an der Zahl, in dem Löwenhof enthaupten ließ ? Mue dieſe Anllagen ſind in mannigfachen Formen wieder zum Borſein gebradt worden ; fie gingen in Balladen , Dret men und Romanzen über , bis ſie in dem Gemüthe des Pablikums zu feſt Wurzel gefaßt hatten, als daß man ſie hätte dernichten können. Ieder fremde von Bildung, der die Alhambra befugt, fragt bad dem Brunnen, wo die Abencerragen gemordet worden ; und bliátmit Søret: ten auf die Dergitterte Galerie , wo der Sage nady, bie Kdnigia gefangen raß ; jeder Bauer der Vega oud der Sierra flugt die Geididte in rohen Strophen zur Be: gleitung ſeiner Guitarre, während ſeine Zahörer ſelbe den Namen Boabdils oerwünſchen lernen . Nie jedoch wurde ein Mann ſomähliger und anbite liger verläumdet. Id habe alle authentiſden Chronis feu und Briefe anterſuot, welche von Spaniern , den Zeitgenoffen Boabdils , geſdrieben wurden ; mande der ſelben befaßen das Vertrauen des Patholiſchen Derriden paars , und waren während des ganzen Krieges in dem Lager gegenwärtig geweſen, 36 habe alle arabiſde Duellen , welde id permittelt Ueberſepungen beaufen

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fonnte, geprüft, und ranu nidt finden, was dieſe fowar je und gehäſſige Anllage rechrfertigt. Das ganze dieſer Er: zahlungen läßt fide auf ein Werf zurüdführen , was ger wöhnlid den Sitel hat : „ die bürgerlichen Kriege don Granada , " und eine angebliche Oerdidte der Streitige feiten der Begries nud Åbencerragen während der leßten Sudungen der mauriſchen Berrſchaft enthalt. Dieſes Wert erſdien arſprünglid in ſpauiſcher Sprache , und route von einem Gines Perez de pila , einem Eingebor, ven oon Murcia , aus dem Urabiſden übertragen reyn . Es wurde ſeitdem in mehrere Sprachen überfekt , und Florian hat vieles in ſeinem Gonſaldo - von Cordova Daraus genommen; ſeitdem hat es in gewiſſem Grad das Anſehen eines wirklichen Geſchichtswerkes in Anſprud genommen , und wird gerðhnlich von dem Voll, befon: ders aber von den niedern Klaffen Granada's, geglaubt. Das ganze iſt jedoch eine Maſſe von Dichtungen mit wenigen entſtellten Wahrheiten dermildt, welche ihm das Unſehen geſchichtlicher Srene geben . Es enthalt inuere Proben ſeiner Falſchheit , indem die. Sitten und es brauche der Mauren darin auf das übertriebenſte ents fellt, und Begebenheiten geſchildert werden , welche ganz unverträglio ſind mit ihren Gewohnheiten und ihrem Glauben , und von einem mohamedaniſden Sdriftſteller aie berichtet worden wären. Id geſtehe, es ſcheint mir in den abſichtlichen Ver brehungen dieſes Buches etwas faſt Verbrechertfoes zu liegen : man muß der romantiſchen Didtung ohne Frage einen großen Spielraum zugeſtehen ; allein es gibt Grens zen , die man nicht fiberſdreiten darf , und die Nameu

94 ausgezeichneter Todten , welche der Geſchidte angehören , Dürfen nicht mehr verläumdet werden, als die berühmten Lebenden . Auch hätte man den len rollen , der unglüd: tide Boabdil habe wegen ſeiner zit rechtfertigenden Feinds ſeligkeit gegen die Spanier genug gebüßt , da er feines Shrones beraubt worden , und man brauche ſeinen Ras men nicht noch ſo muthwillig zu befleden , und ihn zu einem Sdimpfwort und zum Gegenſtande der Schmad in ſeinem Seimathland und ſelbſt in der Wohnung fei. der Bäter zu machen ! Damit ſoll nicht behauptet werden , daß die Sand: langen , welche Boabdil zugeſchrieben werden , ohne alle biſtoriſche Begründung And ; ſo weit man ihnen aber fol: gen kann , ideinen fie don ſeinem Vater , Åben Hafſan , ansgegangen zu renn , der fowohl von chriſtlichen arabis iden Geſchidtſdreibern als ein Maun von wildem und grauſamem Charakter geſdildert wird. Er war es , der das berühmte Geldledt der Abencerragen morden ließ, weil er tie im Berdacht einer Empörung hatte , durch die er von ſeinem Chron geſtoßen werden ſollte. Uud die Geſchichte der Beſduldigung gegen die Gemalin Boabdils und ihrer Einterferung in einen der Thürme, läßt ſich als ein Begebniß in dem Leben ſeines tigerherzigen Vaters nachweiſen. Üben Safſan heirathete tu ſeinen vorgerüdten Jahren noch eine ſodne chriſtliche Gefangene von edler UbPunft , welde den mauriſchen Namen Zorande annahm , und mit der er zwei Söhrie hatte. Sie war von ehrgeizigem Charakter, und bemüht, ihren Kindern die Nachfolge auf dem Throne des Vas ters zu fichern. Zu dieſem Zwecke wirfte ſie auf das

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armöhniſche Gemüth des Königs , und entflammte ihn mit Eiferſucht gegen die Kinder reiner andern Weiber and Beifdláferinnen , die ſte der Unſchläge gegen ſeinen Thron und ſein Leben bezüdtigte. Einige derſelben wurs den von dem wilden Vater ermordet. Ayra la Horra, die tugendhafte Matter Boabdils, welche einſt die ganze Liebe ſeines Herzens beſeffen hatte, wurde gleichfalls ein Gegenſtand ſeines Berdachtet. Er ſperrte fie und ihren Sohn in den Tharm des Comares , und båtte Boabdit reiner Wuth geopfert , wenn ihn ſeine Mutter nicht des Nadts vermittelt ihrer und threr Dienerinnen Sdár: peu bom Thurme gelaſſen , und ſo in den Stand geſept þátte nad Guadir zu flüchten . Dieß iſt der einzige Schatten einer Begriindang der Gedichte der angeklagten und gefangenen Königin , deu ich auffinden Counte , und nach dieſem erſdeint Boabdil als der Verfolgte, nicht aber als der Verfolger. Während des gangen Zeitraums feiner Purjet, fürs miſden und uuglüdlichen Herrſdaft, gibt Boabdil Bes weiſe eines milden und freundliden Charakters . So gewann er ſich durch ſeine leutſeligen und anmuthigen Sitten die Bergen des Bottes, war ſtets friedfertig, und Iteß diejenigen , welche ſich gegen ihn empört , niemals die Strenge ſeines Ürmes fühlen . Er war perſönlich tapfer , allein es fehlte ihm an moraliſchem Muthe , und in ſchwierigen und wirren Zeiten war er ſchwankend und agentſchloffen . Dieſe Sdwäche feines Geiſtes belaletts nigte ſeinen Fall, währeud fle ihn jener heroiſden Grazie beraubte , welge ſeinem Schidſale Größe und Würde gegeben , und ihn werib gemagt hätte , das glänzende

Drama ter mohamedaniſden Derridaft in Epanien zu foließen .

Erinnerungen an Boabdil.

Während die Schidſale des unglüdliden Boabdil meinen Geiſt uod lebhaft beſchäftigten , begab ich mid daran , die mit ſeiner Geſdichte derfundenen Uudenter , welde noch in dieſem Sdauplate feiner Serrſchaft und feie nes Unglüds zu finden ſind , kennen zu lernen . In der Gemälde- Galerie des Palaſtes des Generalife hängt ſein Porträt. Das Geſicht iſt mild, ſoðn und etwas melanc dolid , die Sarbe ſchon , das Saar gelb. Wenn es ein treues Abbild des Mannes iſt , ro mag er ſchwankend und unſicher geweſen ſeyn , allein es iſt nichts Graufa : mes oder Hufrenudlides in ſeinem Anblid. Ich beſuchte zunächſt den Kerfer , wo er in ſeiner Jugend eingeſperrt war , als ſein Vater ihn zu verder. ben dachte, eiu gewölbtes Gemad in dem Thurm des Comares , unter der Geſandtenballe ; ein ähnlicher, durch einen engen Gang getrenntes Zimmer war das Gefängnis feiner Mutter , der tagendhaſten Ayra la Sorra. Die Mauern ſlod von einer merkwürdigen Dide, und die Pleinen Fenſter mit Eiſenſtangen vermacht. Eine lomale ſteinerne Galerie mit einer niedrigen Bruſtvoeht sieht ſich rund um die drei Seiten des Zhurms , grade unter den Fenſtern , aber in einer bedeutenden Höhe vom

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Boden. Man nimmt an , daß die Königin von dieſer Galerie zur Nadtzeit mit ihren und den Scarpen threr weiblichen Dienerſchaft, ihren Sohn an der Sügels ſeite herabgelaſſen habe , an deren Fuß ein Diener mit einem raſden Roffe harrte, um den Pringen in das Ges birge zu bringen. Während ich über dieſe Galerie ging , mahlte mir meine Phantaſie die angſtvoứe Königin, wie ſie ſich über die Bruſtwehr lehnte , und mit dem Fieberhaften Klopfen eines Mutterherzens auf den leßten Widerhau des Pfer dehufs lauſchte, als ihr Sohn das enge Shal des Darro entlang flog. Meta nachſter Gang galt dem Shore, durch welches Boabdil aus dem Ulhambra ſchied , als er im Begriff war , ſeine Hauptſtadt zu überliefern. Mit der melan: coliſden Laune eines niedergeſchmetterten Geiſtes for: derte er von dem Patholiſchen Herrſcher, daß fortan uie: mand mehr dard dieſes Thor foue geben dürfen. Den alten Ehroniken zufolge wurde durch die heilnahme Iſabellens an ſeinem Unglüd dieſe feine Bitte erfüllt, und das Thor dermauert. Eine Zeit lang fragte ich vergeblich nach einem ſolchen Portale ; endlich aber ers fahr mein armer Dieter Mateo von den alten Bewohs uern der Verte , daß ein zerfallener Thorroeg beſtehe, durd melden , der Sage nad , die mauriſden Könige die Alhambra verlaſſen hatten , der aber niemals , ro lange den älteſten Bewohnern dente, offent geweſen wäre. Er führte mid zu der Stelle. Der Shorweg iſt in dem Mittelpunkt eines ehemaligen unermeßliden Chur: mes , la Torre de los Siete Suelos , oder der Thurm 44 - 47.

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98 der Neben Stocwerke genannt. Es iſt ein in den abers gläubiſden Geſchichten der Umgegend berühmter Drt, da er der Schauplaß wunderſamer Erſcheinungen und mats riſder Berzauberungen iſt. Dieſer einſt furchtbare Thurm iſt ießt ein bloßes Wract , denn , als die Franzoſen die Veſtung verließen , ſprengten fie ihn mit Pulver in die Luft. Große Mauer . ' ſtücke liegen zerſtreut umher , in den üppigen Kräutern begraben , oder von Weinreben und Feigenbäumen übers ſchattet. Der Bogen des Thores , obgleich durch die Erſchütterung geſprungen , ſteht nocy ; allein der lebte Wunſd des armen Boabdil iſt wider, obgleid unabſicht lic , erfüllt worden , denn das Portal wurde mit loſen Steinen aus den Trümmern verſchüttet , und bleibt uns zugänglich. Judem ich dem Weg des mauriſden Könige , wote ihn die Sage beſchreibt, folgte , ritt id über den Bügel 108 Martyros , und Pam an dem Garten des Kloſters deſſelben Namens entlang, und dann eine raube Sdlucht binab , welche mit Aloegebaſch und indianiſchen Feigen bewachſen war, und an deren Seite Höhlen und Bütten waren , welche von Zigeunern wimmelten . Es war der Weg, den Boabdil gewählt hatte , um nicht durch die Stadt ziehen zu müſſen. Der Abhang war ſo ſteil und holpridy, daß id gezwungen war , abzuſteigen , und mein Pferd zu führen. Uis id dieſe Schlucht verlaſſen hatte , und an der Puerta de los Molinos (Mühleuthor) vorüber war, führte mid mein Weg über den öffentlichen Spaziergang, der Prato genanut, und indem ich dem Laufe des Xenil

99 folgte , tam id an eine kleine mauriſde Moſdee , welche jeßt in die Kapelle oder Einſiedelei von San Sebaſtian umgeſchaffen iſt. Eine Safel in der Mauer berichtet, daß Boabdil an dieſer Stelle den Paſtilianiſchen Herrſchern die Schlüſſel' von Granada übergeben habe. Von hier ritt ich langſam durch die Vega zu einem Dorfe , wo die familie und der Haushalt des unglüdlichen Boab dil ihn erwartete , denn er hatte ſie in der Nacht vor her aus der Alhambra vorausgeſchiďt, damit ſeine Mut: ter und ſeine Gemahlin uidt an ſeiner perſönlichen De müthigung Sheil nehmen , oder den Blicken der Sieger blosgeſtellt werden mådyten . Indem id dem Wege dte: ſer traurigen Sdaar königlider Berbannten folgte, Pam ich an den Fuß einer Kette oder and trauriger Höhen, welche den Saum des Alpurarra: Gebirgs bildet. Von dem Gipfel einer dieſer Höhen warf Boabdil ſeinen lebten Blid auf Granada ; er trägt den ausdrucks . vollen Namen ſeiner Leiden, la Cueſta de las Lagrimas, ( Shränenbügel). Jenſeits deffelben windet fid ein fans diger Weg durch eine rauhe , freudloſe Dede , welche dem unglüdlichen König doppelt trübſelig erſchienen reyn mag, da ſe zur Verbannung führte. 3d pornte mein Pferd auf die Söhe eines Felfen , Wo Boabdil ſeinen lebten ſchmerzvollen Ruf ausſtieß. als er ſeine Augen von dem leßten Abdiedoblid ab wandte : er heißt jeßt noch El ultimo Fuſpiro del Moro, ( der lekte Seufzer des Mauren). Wer wundert ſich über ſeinen Schmerz, fid aus einem ſolchen Königreid und einer ſolchen Wohnung verbannt zu ſehen ? Mit

100 der Ulhambra ſchien er alle Ehren ſeines Stammes al: len Ruhm und alle Freuden des Lebens aufzugeben. Hier war es auch, wo ſein Kummer durd deu Vor: wurf ſeiner Mutter, Uyra, welche ihm. ro oft in den Zet: ten der Gefahr beigeſtanden , und ſich vergeblich bemüht hatte , ihm ihren eigenen entſloffenen Geiſt einzupflans zen, noch verbittert wurde. Da thuſt wohl,“ ſagte fle, daß du das wie ein Weib beweinſt , was du nicht wie eine Rede , welde ein Mann vertheidigen Poonteſt , " mehr von dem Stolz der Fürſlin als der Zärtlichkeit der Mutter zergt. Als der Biſdof Guevara Karl dem Fünften dieſe Naelbote erzählte , ſtimmte der Kaiſer in den Ausdruck der Beratung über die Sdmådje des fdy wankenden Boabdils ein. „ War' idi Er , oder Er ich geweſen ,“ fagte der ſtolze Herrſcher , oro hätte ich die Alhambra eher zu meinem Grabe gemacht, als ich ohne ein König reid in der Alpurarra gelebt bätte." Wie leicht haben die , welche in Macht und Glüd leben , dem Beſlegten Heldenmuth predigen ! wie wenig begreifen ſie , daß das Leben ſelbſt an Werth bei dem Unglüdlichen ſteigen Pann , dem nichts als das Leben bleibt.

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Der

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Salto n .

In dem Geſandtenſaal, am mittleren Fenſter , iſt ein Ballon , deſſen ich bereits erwähnt habe ; er ſpringt wie ein Käficht auf der Flåde des Zhurms hoc , mitten in der Luft , über der Wipfelu der Bäume hervor , welche an der ſteilen Hügelſeite wachſen. Er dient mir zu einer Urt Warte , wo ich mich oft niederſeße, nidt nur den simmel oben, ſondern auch die Erde unten zu beobachten . Neben der práctigen Ausſicht über Berg Thal and Vega, welche er überſchaut, eröffnet fich dem Blide gud unmittelbar unten eine geſchäftige Pleine Scene des menſolichen Lebens. Un dem Fuße des Hügels iſt eine Alameda, oder öffentlicher Spaziergang, welcher, obgleid er nidt ro modiſch iſt , wie der neuere und glänzendere Pasco an dem Xenil , ſich dod eines maleriſden und mangfaltigen Beſuchs erfreut. Dierher begeben rich die Leute höhern Standes in den Vorſtådten , ſo wie Prie fer und Mönche , welche des Uppetites und der Ver dauung wegen ſpazieren gehen , Majos und Majas , die Stußer und Schönen der niedern Klaſſen ; in ihren an: daluftſchen Kleidern , großthueriſde Soleidhändler und zuweilen , auf geheime Berabredung , Balbvermummte und myſterioſe. Müßiggånger aus den höheren Ständen. Es iſt ein bewegtes und buntes Gemälde ſpaniſden Lebens und Charakters, an deffen näherer Bekanntſchaft

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C

id mich erfreue; und wie der Naturforſer fein Mitroscop hat , um ihn bet feinen Radforſchungen zu fördern , lo habe ich ein Pleines Taſchen - Telescop , welches mir die Gefloter der bunten Gruppen ſo nahe bringt , daß ich manchmal glaube , ich könnte nach dem Spiel und Aus. druđe ihrer Züge ihre Unterhaltung errathen . Ich bin auf dieſe Art gewiſſermaßen ein uuſichtbarer Zuſchauer, und kann , ohne meine Einſamkeit zu verlaſſen , mich in einem Augenblic mitten in die Geſellſchaft fürjen , ein feltner Bortheil für Jemand, der etwas ſcheuen uud ſtiden Charakters iſt und gern das Drama des Lebens beobachtet , ohne ein Sheilnehmer auf der Bühne zu werden . Unter der alhambra liegt eine bedeutende Vorſtadt, welde die enge Höhlung eines Shales ausfüllt und ſich an dem entgegengeſéßten Hügel der Albaycia hinauf ers Viele Häuſer ſind in dem mauriſchen Style, ſtredt. um Patios, oder Höfe, erbaut, die von Brunnen gefühlt und dem Himmel offen ſind ; und da die Bewohner den größern Theil ihrer Zeit während des Sommers in dies ſen öfen und auf den platten Dädern hinbringen , ſo ezgibt es fid , daß ein luftiger Zuſdauer wie id , der aus den Wollen auf ſie niederſehen kann , manden Blic in ihr häuslides Leben zu thun im Stande ift. 3d genieße einigermaßen die Bortheile des Stu . denteu in der berühmten alten ſpaniſchen Geſchichte , deſſen Auge fid ganz Madrid dachlos darbot ; und mein geſprächiger Knappe , Mateo Ximenes , bertritt gelegents lich die Stelle meines Usmodeus , um mir Anecdoten

103 über die verſchiedenen Wohnungen und ihre Infaffen mitzutheilen . Id mache mir jedod lieber ſelbſt muthmaßliche Gea roichten und kann ſo ſtundenlang lißen und aus zufälte gen Begebenheiten und Andeutungen , die unter meinen Augen vorgehen, das ganze Gewebe von Planen, Jutri: guen und Beſchäftiguugen mancher der geſchäftigen Sterbe liceu da unten ausſpinnen. Es gibt kaum ein hübſdes Geſlot oder eine einnehmende Geſtalt, die id tåglich fehe , von denen ich mir nicht ſo allmählig eine dramatis de Sligge gemacht habe , obgleid mande meiner Cha. raktere gelegentlich in geradem Widerſpruď mit der ihs nen zugetheilten Rolle handeln und ſo mein ganzes Drac Als ich vor einigen Tagen die ma verwirren werden. Gaffen der Ulbaycta mit meinem Augenglaſe muſterte, rah ide die Prozeſſlon einer jungen Nonne , die im Bee griffe war, den Soleier zu nehmen , and bemerkte mana derlei Umſtände , welche meine lebhafte Theilnahme an dem Soidale dieſes jungen Meſeus erregten , die im Begriffe ftand , fid in ein lebendiges Grab derdließen zu laſſen . Id verſicherte mich zu meiner Freude , daß Nie ſchön war ; und aus der Bläſſe ihrer Wangen ging es Beroor , daß fie eher ein Opfer als eine ſich freiwillig dem Himmel weihende fromme war. Sie war in bräuts liden Puß gehűlt und hatte einen Kranz weißer Blue men in den Haaren ; aber ihr Derz fträubte fid gemiß über dieſe wunderliche geiſtige Verbindung und ſeufzte nach ſeiner irdiſchen Liebe. Ein ſchlanker, ernſtausſehen : der Mann ſchritt bei der Prozeſſion in ihrer Nähe ; es war augenſcheinlich der tyranniſde Bater, der aus irgend

104 einem frömmelnden oder ſchmubigen Grunde dieſes Opfer ergroungen hatte. Unter dem großen Geleite war ein brauner döner Jüngling , in andaluſtider Tradt , der ein tiefſchmerzvolles Auge auf ſie zu feſſeln ſchien . Er war ohne Zweifel der geheime Liebhaber , von weldem fie für ewig getrennt werden ſollte. Mein Unwille wuos, wie ich den boshaften Ausbrud gewahrte, welcher ſich in den Zügen der begleitenden Mönche und Kloſterbrüder mahlte. Die Prozeſilon erreichte die Kapelle des Klo: ſters ; die Sonne ſchien zum leßten Male auf den Kranz der armen Novige , als ſie die verhängnißvolle Schwelle überſchritt und in dem Gebäude verſchrand. Die Meuge ſtrömte hinein mit Mönchslapujen , Kreugen und Ges rang ; der Liebhaber weilte - einen Augenblid an dem Shore. Ich konnte den Aufruhr ſeiner Gefühle ahuen ; allein er bemeiſterte ſie und trat ein. Es war eine lange Pauſe ich dachte mir das Schauſpiel , welches das Junere der Kapelle bot : die arme Novize ihres vorübera gebenden Pußes beraubt, in das Kloſtergewand gekleidet, der bråutliche Kranz aus ihren Spaaren genommen , ihr ſchönes Haupt der langen ſeidnen Loden baár id hörte ſie das unwiderrufliche Gelübde flüſtern . Id rah fie auf ihrer Bahre ausgeftredt ; die Blåfie des Todes über ſie verbreitet ; der Leichen - Gottesdienſt war vor : über ; id hörte die tiefen Töne der Drgel und das klage: pole Requiem , das die Nounen ſangen ; der Vater rah mit hartem fühüorem Gefichte zu. Den Liebhaber dod nein , meine Phantaſie modte den Liebhaber nidt rdhildern ; das Gemälde blieb hier leer. Nach einer Weile ſtrömt der Baufe wieder heraus

105 und zerſtreute ſich auf verſchiedenen Wegen , um ſich des ſonnigen Lidhtes zu erfreuen , und lid in die regen Sies nen des Lebens zu miſden ; das Opfer aber blieb drin: nen. Faſt die lebten , welche heraus kamen , waren der Water und der Liebhaber ; ſie waren in ernſter Unters haltung. Der leßtere war heftig in ſeinem Geberden: ſpiel ; id erwartete irgend eine gewaltſame Entwidlung meines Drama’s ; aber die Ede eines Hauſes trat da: zwiſden und ſchloß die Scene. Mein Auge hat nic reit: dem mit ſchmerzlicher Theilnahme auf das Kloſter ges weudet. Jo ſub ſpät in der Nacht ein Licht in dem entlegenen Fenſter eines ſeiner Thürme brennen . „ Dort," ragte ich, „fißt die unglückliche Nonne in ihrer Zelle und weint , rcährend ihr Geliebter vielleicht in vergeblichem Kummer in der Gaſſe unten hiuſchreitet ! " Der geſchäftige Mateo unterbrach mein Nachlinnen und zerriß in einem Nu das Spiunengewebe meiner Phantaſie. Mit ſeinem gewöhnltden Eifer hatte er die das Ereigniß betreffenden Chatſaden geſammelt , welche alle meine Trannbilder verſcheuchtet . Die Heldin meis aes Romaus war weder jung noch ſchön ; ſie hatte kei: nen Geliebten - ſie war aus freier Wahl in das Klos ſter als einen ehrenvoller Zufluchtsort gegangen und eine der fröhlichſten Nonnen , die in jenen Mauera wohnten . Es dauerte eine Seitlang , ehe ich das Unrecht ver: geben konnte , das mir die Nonne anthat , indem ſie, allen Regeln des Romans zuwider , lo glüdlid in ihrer Zelle war ; id lenkte meine düſtere Laune jedod dadurdy ab , daß ich einen oder zwei Tage lang die zierlichen

' 106 Koketterien einer ſchwarzáugigen Brünette beobachtete, welde, unter dem Verſteck eines mit blühendem Gebüſch überrankten Ballons und eines leidnen Zeltes eine ges heimniſvolle zwieſprache mit einem ſchönen , brauuen , ſtart bebarteten Ritter pflog , der häufig in der Straße unter ihrem Fenſter war. Zuweilen ſah ich Morgens in aller Frühe thn , bis zu den Augen in einen Mantel gee hüüt , Rich wegſtehlen . Zuweilen wartete er an einer @đe in allerlei Berkleidungen , augenſcheinlid eines gee Beimen Zeichens harrend , um in das Haus zu ſchlüpfen . Dann klang dort in der Nacht die Guitarre , und eine Laterne flog auf dem Ballon hin und her. Id dachte mir einen Liebeshandel wie den des Grafen von Uimas vida , ward aber wieder in allen meinen Vermuthungen betrogen , denn man unterrichtete mic , der geglaubte Liebhaber rey der Mann der Dame und ein bekannter Schleichhändler ; und alle ſeine geheimnißvollen Zeigen und Bewegungen hätteu ohne Zweifel irgend eines Smuggel- Anfchlag zur Abfidt. Manchmal ergößte ich mich von dieſem Balkon aus den allmähligen Wechſel zu beachten , welchem , zufolge der verſchiedenen Tageszeiten , die Scenen uuten unter. worfen waren. Kaum hatte die graue Dämmerung den Himmel geſtreift, und den frühſten Bahn aus den Hütten der Hügelſeite gefråht , ro gaben die Borſtådte auch ſoon Seichen der wiederPehrenden Belebung ; denn die frühen Morgendämmerungeſtanden in der Sommerjahreszeit una ter einem warmen Simmelsſtriche ſind föflich . Alles Beetfert fid , in der Geſchäften des Tages der Sonne

107 den Rang abzugewinnen . Der Maulthiertreiber tritt mit ſeinem beladenen Zug die Reiſe an , der Reiſende befeſtigt ſeinen Karabiner hinter ſeinem Sattel und beo ſteigt an der Thüre des Wirthshauſes ſein Pferd ; der braune Bauer treibt ſeine zaudernden Thiere an, die mit Körben fonniger . Früchte und friſchen thaubedeďten Geo müßen beladen ſind , denn bereits eilen die forgliden Bausfrauen auf den Markt, Die Sonne tft aufgegangen und funkelt das Shal entlang, das durchſichtige Laub der Bäume überglänzend Die Morgengloden Plingen harmoniſch in der reinen bellen Luft und verfündigen die Stunde der Andacht. Der Maulthiertreiber hårt mit ſeinen belaſteten Thieren oor der Kapelle , ſteďt ſeinen Stab hinten in ſeinen Gürtel und tritt, den Hut in der Hand, und ſein kohls Idwarzes Haar glättend, ein , um eine Meſſe zu hören , and bringt ſein Gebet um eine glüdliche Fahrt durch die Sierra dar. Und nun ſchleidt fich mit Feentritten Die holde Sennora fort, mit der zierlichen Basquinna angethan , den raſtloſen Fåder in der Hand , und das Dunkle Auge unter der anmuthig gefalteten Mantilla hervorglühend ; fle ſudt eine der beſuchteſten Kirchen auf, am ihr Morgengebet darzubringen ; aber die zierliche Toilette , der niedlide Sduh , das Spinnengewebe des Strumpfes , die ſchön geflochtenen Rabenloden , die friſc gepfüdte Roſe, welche wie ein Edelſtein aus ihnen hers ausglänzt, zeigen, daß die Erde die Herrſchaft über ihre Gedanken mit dem Himmel theilt. Laß ſie nicht aus dem duge, ſorgfältige Mutter, oder jungfräuliche Zante,

108 oder wachſame Duegua , wer du immer feyn magſt , die hinter ihr geht. Während der Morgen vorſchreitet, vermehrt ſich das Geräuſch der Arbeit auf allen Seiten ; die Straßen wimmeln von Menſchen , Roſſen und Saumihieren und es herrſcht ein Summen und Brauſen , gleich den Wogen des Meeres. Wie die Sonne ſich dem Mittag nähert, neigt lid algemach der Lärm und das Geräuſc ; wenn die Sonne am höchſten ſteht, tritt eine Pauſe ein. Die keidende Stadt verſinkt in Schlaffheit und mehrere Stunden herrſøt eine allgemeine Ruhe. Die Fenſter ſind geldloffen , die Borhänge ntebergelaffen ; die Bench ner haben ſich an die Fühlſten Orte ihrer Behauſung zurücgezogen ; der gemåſtete Möncy fanart in ſeinem Schlafgemad ; der finnige Laftträger liegt neben ſeiner Bürde auf dem Pflaſter hingeſtredt ; der Bauer und der Arbeiter falafen unter den Bäumen der Ulameda , don dem ſchwüten Zirpen der Heuſchrecke eingewiegt. Die Straßen ſind verlaſſen , wenn man den Waſſerträger ausuimmt , der das Dhr mit dem Unpreißen der Ver : dienſte ſeines Pryſtalnen Getränpes , ,, Pálter als der Bergſchnee, " erfriſot. Wenn die Sonne ſide renkt , belebt : fich allmählig alles wieder und wenn die Besperglode ihren verhallens deu Klang hören låßt , ſcheint ſich die ganze Natur zu freuen , daß der Lyrann des Tages gefallen iſt. Jest wird die Freude laut , denn die Städter ſtrömen heraus, die Abendluft einzuathmen , und ſorármen während der kurzen Dämmerung in den Laubgången und Garten des Darro and des Xenil umher .

109 Beim Unbrud der Nadt nimmt das wandelbare Sdauſpiel einen neuen Charakter an. Lidt um Licht Alimmert algemach auf ; hier eine Kerze in einem Bal: Ponfenſter , dort ein frommes Lámpchen vor dem Bilde eines Heiligen. So taucht die Stadt nach und nad aus dem über ihr waltenden Dunkel auf und glänzt von zerſtreuten Lichtera , wie das geſtirnte firmament. Jest erklingt aus Sören und Garten, aus Straßen und Gaſa fen der Ton unzähliger Guitarren und der Schau der Caſtagnetten und verſchmilzt auf dieſer luftigen Höhe zu einem leiſeu aber allgemeinen Concerte. Den Augen, blid genießen, iſt das Glaubensbekenntniß des fröhlichen und verliebten Andaluſiers und er übt daſſelbe nie eifri: ger aus als in den balſamiſden Sommernachten , wo er ſeine Geliebte mit Lanj, Liebesliedern und der rühren: den Serenade zu tirren ſtrebt. go raß eines Übends auf dem Ballon und freute mid des leidoten Lyfthauds , der die Seite des Bügels entlang durch die Gipfel der Bäume rauſchte , als mein guter hiſtoriographiſder Mateo , welder mir zur Seite war , auf ein geräumiges Raus in einer unbekannten Straße der Albancia deutete und davon, fo weit ich mich erinnern Fann, folgendes Gedichten erzählte.

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Das Abentheuer des Maurers .

.Es war einmal ein armer Maurer zu Granada, der alle Feſt- und Feiertage und oben drein den blanen Montag feierte und door aller Frömmigkeit ungeachtet, årmer und ármer wurde und für ſeine zahlreiche familie Paum Brod auftreiben konnte. Einſt Nadts wurde er durab ein ſtarkes Klopfen an der Thür aus ſeinem erſten Solaf aufgeſtört. Er öffnete die Thüre und ſah einen langen , magern und fpeletartig ausſehenden Geiſtlichen vor fidh. ,, Hðrt, guter Freund," fagte der fremde ; „ich habe wahrgenommen , daß Shr ein guter Chriſt ſend und daß man Euch vertrauen Panu ; wollt Ihr euc noch in dieſer Nadt einein Dienſte unterziehen ? " ,, Bon ganzem Herzen, Seanore Padre, vorausgefest Daß ich gehörig bezahlt werde. " ,,Dies ſoll geſchehen ; Ihr müßt End aber die das gen verbinden laſſen ." Der Maurer hatte nichts dagegen einzuwenden ; der Geiſtliche zog ihm daher eine Kapuze über und führte ihn durch viele holperige Gäßden und lid windende Durdgånge , bis fie vor dem Thor eines Hauſes anhielo ten. Der Geiflide nahm einen Solüſſel hervor, drehte ihn in einem knarrenden Schloſſe und öffnete etwas, das wie eine ſchmere Thüre klang. Sie traten ein, das Thor wurde geldloffen und verriegelt und der Maurer

112 durch einen haltenden Gang und geräumige Såle in einen innern Theil des Gebäudes geführt. Hier wurde die Qüde von ſeinen Augen genommen und er ſah Rid in ciuem Patio , oder Hof , den eine einzige Lampe rawach beleuchtete. In der Mitte war das vertrodnete Beden eines alten maurischen Brannens , unter welchem der Prieſter ihn ein kleines Gewölbe aufführen hieß ; Stein and Mörtel waren zu dieſem Zweck zur Hand. Der Maurer arbeitet ſonad die ganze Nacht , ohne jedoch das begonnene Wert zu vollenden . Grade por Tagess aubruq legte der Geiſtliche ihm ein Goldſtüd in die Sand , verband ihm die Augen wieder und führte ihn in ſeine Wohnung zurück. ,, Seyd Ihr geſongen ," ſagte er , „ wieder zu Roma men und eure Arbeit zu vollenden ?" ,,Sehr gern, Sennor Padre, vorausgeſeßt, daß ich wieder ſo gut bezahlt werde ." ,, Out denn , Morgen um Mitternadit werde id End wieder holen . " So geſchah es und das Gewölbe wurde fertig. Feßt," ſagte der Mönch, müßt Ihr mir die Kors per berbringen helfen , welche in dieſem Gewölbe begra. ben werden ſollen ." Bei dieſen Worten ſträubte ſich des armen Maurers paar empor ; er folgte dem Geiſtlichen zitternden Schrit. tes in ein entlegenes Gemad des Sauſes und erwars tete , irgend ein gräßliches Zobten - Schauſpiel ſehen zu müflen , erholte no aber , als er drei oder vier ſtattliche Gefäße , in einer Ede ſtehen fah. Sie waren augens deinlid mit Geld gefügt und nur mit großer Mühe

112 brachten er und der Prieſter Ple fort nud verwahrten ſie in ihrem Grabe. Das Gewölbe wurde jeßt geldloffen , das Pflaſter wieder hergeſtellt und alle Spuren des Ges chehenen vernichtet. Die Augen des Maurers wurden wieder verbunden und er auf einem , von dem frühern verſchiedenen Wege heimgeführt. Als ſie eine lange Zeit durd ein wirres Labyrinth von Gaſſen und Gängen gewandert waren, hielten ſie an. Der Geiſtliche legte jest Awet Goldſtücke in ſeine Sand. ,, Wartet hier ," ſagte er, ,,bis ihr die Glode in der Sauptkirche zur Metten låuten hört. Wenn Ihr es wagt, eure Augen vor die: ſer Zeit zu enthüllen, ſo trifft Euch Unglüd ." Mit die: ſen Worten ging er weg. Der Maurer wartete geriſ: ſenhaft und unterhielt fich damit, daß er die Goldſtide in ſeiner Hand wagte und fle aneinander Flingen ließ. Im Augenblid , wo die Glode der Kathedrale zur Met : ten låutete , enthüllte er ſeine Augen und fand rich an dem Ufer des Xenil , von wo er ſich eifrig nach Sauſe begab und ganzer vierzehn Tage mit ſeiner Familie von dem Erwerb ſeiner zweirächtigen Arbeit ſowelgte ; als dieſe vorüber, war er wieder ſo arm wie immer . Er fuhr fort ein wenig zu arbeiten und viel zu bes ten und feierte Jahr aus Jahr ein alle feſt: uud Feier, tage , tährend ſeine Familie ſo hungrig und gerlumpt heranwuchs wie eine Bande Zigeuner. Als er eines Abends an der Thüre ſeiner Hütte raß , kam ein reicher alter Knider, der als Beſtper vieler Häuſer und als ein Aitziger Hausherr bekannt war, zu ihm. Der Goldmaun betrachtete ihn einen Augenblic unter einem Paar arg wöhniſder gottiger Augenbraunen hervor.

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Man fagt mir, Freund, Ihr wäret ſehr arm ." fie „Die Sade iſt nicht zu läugnen , Sennor ſpridt von ſelbſt." ,,Dann fann id vorausſeßen , das Ihr end einer Urbeit unterzieht und wohlfeil reyn werdet ? " ,, So wohlfeil, mein Herr, wie irgend ein Maurer in Granada.“10 „ Das iſt's, was ich ſuche. Ich habe ein altes Haus, das banfällig iſt, und mich mehr Geld Poſtet, um es in gutem Stand zu erhalten , als es werth iſt , denn Nie: mand wil darin wohnen ; ich muß mich daher bemühen , es fo mohlfeil a16 möglid ausfliden und zuſammenhalten zu laſſen ." Der Maurer wurde ſonach in ein großes verlaſſenes Saus geführt, das in Trümmer zu zerfallen dien . Nach dem er durch mehrere leere Såle und Zimmer gekommen war , trat er in einen innerr Hof , wo ein alter mauri: der Brunnen rein Uuge feſſelte. Er weilte einen Augen: blid , denn eine träumeriſde Erinnerung an den Drt er: watte in ihm. ,,Hört," ſagte er , „ wer hat dieſes paus früher bes wohnt ? " ,, Hátte er die Peſt," rief der Hausherr : ,,es war ein alter geiziger Pfaffe , der nur für ſich ſelbſt ſorgte. Er roli unermeßlicy reid geweſen regn und da er feine Vers waudte hatte, nahm man an, er werde alle reine Schåbe der Kirche dermacen . Er farb plôßlich und die Prie: ſter und Mönche eilten herbei, um Beſlß von ſeinem Reichthum zu nehmen ; man konute aber nichts finden , als einige Dukaten in einer ledernen Börſe. Das ſchlimmſte 44 - 47. 8

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iſt mir dabei anheim gefallen , denn der alte Kerl bewohnt fortwährend ſeit ſeinem Tode mein Haus , ohne Miethe zu bezahlen und einen Todten kann man nicht vor Ge. right belangen . Die Leute geben dor , ſte hörten die ganze Nacht hindurch in dem Zimmer, wo der Geiſtliche rolief, ein Klingeln von Gold, als wenn er ſeine Baar, ldhaft überzählte , zumeilen aud in dem Hofe ein gemale tiges Uechzen und Stöhnen . Dieſe Geſchichten mögen nun wahr oder falſch lern , ſie haben meinem Haus einen ſchlechten Namen gemacht und kein Miethsmana wil darin bleiben ." , „ Genug, '' ſagte der Maurer beberat : „laßt mid ohue Miethe in eurem Hauſe wohnen, bis ein beſſerer Mieths . mann fict Andet und ich will mid verbindlich maden , es auszubeſſern und den wandernden Geiſt, der es bean . ruhigt , ju beſänftigen . Ich bin ein guter Chriſt und ein armer Mann , und fürchte mid vor dem Teufel ſelber nidht , wenn er auch in der Geſtalt eines diden Gelde 11 Påme!Unerb fads Das " ieten des ehrlichen Maurers wurde mit en freud angenommen ; er zog mit ſeiner Familie in das Saus und erfüllte alle ſeine Verbindlichkeiten . Er brachte daſſelbe allmählig in ſeinen vorigen Zuſtand ; das Klins geln des Goldes wurde Nachts nicht mehr in der Rama mer des verſtorbenen Geiſtlichen gehört , ſonders begann bei Tag in den Taſchen des lebenden Maurers lid ders nehmen zu laſſen. Mit einem Wort, er wurde auf eine mal , zum Erffaunen aller ſeiner Nadbarn , mohlbabend und galt bald für einen der reidſten Leute zu Granada ; er ſchenkte der Kirde große Summen , ohne Zweifel um

115 fo fein Gewiſſen zu beruhigen , und enthälte erſt auf dem Todesbett ſeinem Sohn und Erben das Gebeimniß 000 dem Gewölbe.

Ein Spaziergang auf die Hügel

3d mache oft gegen Abend , wenn die Hiße nachga laſſen hat , zu meiner Unterhaltung lauge Spaziergänge auf die benad barten Hügel und in die tiefen , ſchattigen Shåler , wobei mich mein hiſtoriographiſcher Knappe, Mateo , begleitet , deſſen Leidenſqaft für das Praudern id bet folden Gelegenheiten die unbeſchränkteſte Freiheit zugeſtehen ; und es iſt kaum ein Feld , eine Ruine, oder ein zertrümmerter Brunnen, oder ein einſames Thal, von denen er nicht eine wunderbare Geſchichte oder, vor allen Dingen , irgend ein goldenes máhrden zu erzählen müßte ; denn niemals war ein armer Teufel im Vertheia len Derborgener Scāße To freigebig. Vor einigen Übenden machten wir einen langen Gang dieſer Art, bei weldem Mateo noch mittheilender war , als gewöhnlich. Gegen Sonnenuntergang verlie. ben wir das große Chor der Gerechtigkeit und während wie einen Baumgang hinauf ſtiegen , hielt Mateo unter einer Gruppe von Feigen und Granatbäumen , am Fuße des mächtigen verfallenen Thurmes an , den man den Thurm der ſieben Stockwerke ( de los Siete Suelos ) nenat. Er zeigte auf einen niedrigen gewölbten Gang 8*

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au dem Fundament des Thurmes und erzählte mir von einem deuslichen Spukgeiſt oder Kobold , der feit der mauriſden Seit dieſen Shurm inne haben fullt , um die Schäße eines moslemitiſden Königs gu bewachen . In der Mitte der Nacht Pðmmt er zuweilen heraus und durchſtreift die Wege zu der Alhambra und die Straßen pon Granada in der Geſtalt eines topfloſen Pferdes, unter furchtbarem Gebell und Geheul von ſechs Sunden perfolgt. ,, Haſt du ihn aber aud ſelbſt , Mateo , jemals bei einer deiner Streifereien getroffen ?" fragte id. ,, Nein , Sennor , Gott rey geprieſen ! Uber mein Großvater , der Soneider , fannt mehrere Perſonen , die ihn geſehen hatten , denn er ging zu jener Zeit bei weitem öfter um , als jeßt , mandmal in dieſer , manch . mal in jener Geſtalt. Jedermann zu Granada hat von dem Belado gehört , denn die alten Weiber und die Ummen fchreden die Kinder damit , wenn ſie ſchreien . Mande behaupten , es rey der Geiſt eines grauſamen mauriſchen Königs , der ſeine rechs Söhne ungebracht und in dieſem Gewölbe verſcarrt hatte, und daß fie ihn jest zur Radhe Nachts Derfolgen ." Fc enthalte mich , bei den wundervollen Einzelnhei: ten zu vermeilen , die der gutmüthige Mateo über dieſes furchtbare Geſpenſt mittheilte , das in der That feit un : denklicher Seit ein Lieblingsgegenſtand für Ummenmår: dhen und Vorpsragen zu Granada abgab ' uud deſſen ein alter und gelehrter Geſqichtſchreiber und Topograph die ſer Stadt ehrendolle Erwähnung gethan hat. 3d will nur nod einmal anführen , daß der unglüdliche Boabdul

117 durch dieſe8 Thor ging , um ſeine. Sauptſtadt zu übers geben . Wir verließen dieſe begebniſreichen Erimmer und ſepten unſern Weg fort , indem wir die reichen Frucht: gärten des Generalife umgingen, in weldem einige Nach, tigalten ihren herrlichen Geſang hõren ließen. Sinter dieſen Gärten kamen wir an mehreren mauriſden Waf ſerbehältern mit einer Thüre , die in den felſigen Buſen des Hügels gehauen , aber verſchloſſen war , porüber. Nad Mateo’s Bericht waren dieſe Teiche Lieblingsbades plåße von ihm und feinen Kameraden in ihrer Knabene zeit, bis die Geſdigte von einem ſcheußlichen Mauren , ter aus der Thüre in den Felſen hervorſtürzte , um die forglos Badenden aufzufangen , fle wegldredte. Dieſe bezaubertep Behälter hinter uns laſſend , und. unſeru Spaziergang fortfeßend , ſtiegen wir einen einſa: men Maulthier: Pfad , der ſich um die Hügel wand, empor und fanden und bald inmitten des wilden und melancos lifden Gebirgs, bapmlos und nur da und dort mit (par: ſamem Grün gefärbt. Alles was id umher fah , war wild und unfrugtbar und es war Paum möglid , ridy den Gedanken als wirklich zu denken , daß nur in geringer Entfernung hinter uns das Generalife mit ſeinen blüthens reiden Fruchtgången und terraffenartigen Garten liege und daß wir in der Nachbarſchaft des prächtigen Grac nada , dieſer Stadt der Lauben und Brunnen regen . Allein das iſt der Charakter Spaniens wild und oder ſobald man das bebaute Land verläßt ; die Wüſte und der Garten ſind immer neben einander. Die kleine pohlung, duro melde wir hinauf giugen,

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bieß nad Matro': Angabe el Barranco de la Sinaja 1 oder die Solucht des Zubers , weil in früheren Zeiten Hier ein Zuber vol mauriſchen Goldes gefunden worden war. Das Gehirn des armen Mateo geht immerdar mit ſolchen goldnen Sagen um. „ Uber was bedeutet das Kreuz , das ich auf jenen Steinhauſen, dort in dem engen Theil der Schlucht ſehe ?" „ D , das iſt nichts vor einigen Jahren wurde ein Maulthiertreiber dort ermordet." „ Ei , Mateo , dann habt ihr Räuber und Mörder ſelbſt an den Shoren der Alhambra ? " „ Jeßt nicht, Sennor ; dies war ebedem der Fall, als eine Menge lüderliden Geſindels um die Beſte zu ſo már . men pflegte ; aber ſie ſind alle ausgerottet worden. Nicht als wenn manche von den Zigeunern, welche in den Höh. len auf der Sügel- Seite wohnen , nicht zu allem fähig waren ; aber wir haben ſeit langer , langer Zeit hier Peinen Mord gehabt. Der Mann , der den Maulthier. treiber mordete; wurde in der Verte gehangen ." Unſer Weg führte den Barranco , an einer fühnen, rauhen Höhe zur Linten hinauf , die Silla del Moro " oder Stuhl des Maureu genannt ward, nach der bereits erwähnten Sage, daß der unglüdliche Boabdil während ciner Volksempörung hierher ſich geflüchtet und während des ganzen Tags auf dieſem felfigen Gipfel geſeffen habe, trauervoll auf die empörtė Stadt niederſchauend. Wir ramen endlich zu dem höchſten Sheile des Vorgebirgs über Granada , der Sonnenberg genannt. Der Übend Pam heran ; die untergehende Sonne pergole Dete eben die hödften Spißen der Berge. Da und dort

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ließ ſich ein einſamer Safer fehen , der ſeine Seerde die Abhänge hinabtrieb , um ſie während der Nacht einzue * Pferchen ; oder ein Maulthiertreiber und ſeine zaudernden Thiere , die auf einem Bergpfade hinſchritten , um vor Nagt die Stadtthore zu erreiden. Jeßt Flangen die tiefen Töne der Glođe der Kather drale die Saludt Herauf und verfündigten die Stunde des Gebets. Dieſer Klang wurde von den Thürmen aller Kirden und den lieblichen Gloden der Kloſter in den Bergen beantwortet. Der Sdáfer hielt an dem Bug des Hügels, der Maulthiertreiber inmitten der Straße ; jeder nahm ſeinen Hut ab und blieb eine Zeitlang bemes gungslos, rein Abendgebet flüſternd. Es iſt überall etwas freundlich feierliches in dieſem Gebrauch, durch welchen , auf ein Plangreiches Signal , alle menſdliche Weſen in dem ganzen Lande in demſelben Augenblide fio derei. nigen, um Gott für die Gnaden des Tages ihren Dant darzubringen . Er verbreitet eine kurze Heiligkeit über das Land und der Anblid der in ihrer ganzen Glorie fid fen Penden Sonne trägt nidt wenig zur Feierlid Peit der Scene bei. In dem gegenwärtigen Augenblide wurde die Wir . kung dard die wilde und einſame Natur des Ortes ero höht. Wir waren anf dem naďten und zerriſſenen Gipo fel des bezauberten Sonnenberg8 , wo zerfallene Wafer. beden und Ciſternen und die zertrümmerten fundamente ausgedehnter Bauten von früherer Bevölkerung fprachen, wo aber jeßt alles ſtumm und verlaſſen war. Während wir unter dieſen Spuren alter Zeiten wan , delten, deptete Mateo auf eine runde Ørube, die tief in

120 das Herz des Berges einzuſchueiden ſchien . Et war augenſcheinlich ein tiefer Brannen, welden die unermüdo liden Mauren gegraben hatten, um ihr Lieblings:Element in ſeiner höchſten Reinheit zu gewinnen . Mateo hatte jedod eine andere Oeſdichte bereit, die mehr vad ſeinem Geldmade war. Der Ueberlieferung zufolge war dies der Eingang zu den unterirdiſchen Höhlen des Berges, in wélden Boabdil und ſein Hof durd magiſde Gewalt gefeſſelt lagen und von rannen ſie zu beſtimmten Seiten aufbrachen , um ihre alten Behauſungen wieder zu bes fuden.

Das dunkelnde Zwielicht , das in dieſem Simmels. ſtride oon ſo kurzer Dauer iſt, ermahnte uns , dieſen Zauberboden zu verlaſſen. Als wir die Bergfolachten hinabſtiegen, war fein Schäfer und fein Maulthiertreiber mehr zu ſehen und nichts mehr zu hören als unſere Fußs tritte und das einſame Zirpen des Seimdheng. Die Sdatten des Thales wurden tiefer und tiefer , bis alles rundum dantel war, Der luftige Gipfel der Sierra Nevada zeigte allein noch einen zögernden Strahl des Tageslidts ; feine laneeigen Baden glänzten gegen das dunkelblaue Firmament und ſchienen , wegen der ungeo meinen Reinheit der Atmoſphäre uns ganz nabe zu repu . ,,Wie nahe die Sierra dieſen Abend zu ſeyn ſcheint.“ ſagte Mateo ; es iſt , als könnten Sie ſie mit ihrer Sand berühren , und doch iſt Rie viele Meilen entfernt." Während er dies fagte, ging ein Stern über dem lonces tgen Gipfel des Berges auf , der einzige , der ießt ſchon an dem Simmel fichtbar war , und ſo rein , 10 groß , ſo

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bel und fdon, daß er dem ehrliden Mateo Uusrufungen der Freude entlodte. „ Que estrella hermosa ! que clara y limpia es ! No pueda ser estrella mas brillante ! “ (Welch ein ſchöner Stern ! wie klar und hell Pann Peinen glänzenderen Stern geben.) Id habe diefe Empfänglig feit des gemeinen Man. nes in Spanien gegen die Reize natürlicher Gegenſtände oft bemerkt. Der Glanz eines Sterns , die Schönheit, Der Duft einer Blume , die cryſtalne Reinheit einer Quelle, erfüllt ihn mit einer Art poetiſchen Entzüdens ; und dann welche wohlflingende Worte bietet ſeine prachtige Sprache dar , um ſeine Begeiſterung auszule (preden . Uber was flud das für Lidter, Mateo , welche id die Sierra Nevada entlang , grade unter der Saneeres gion glänzen ſehe , und die man für Sterne uehmen fönnte , waren - fle nur niot ro röthlid und gegen die dunkle Seite des Berges ?" „ Das ſind - Feuer , Sennor , welche die Leute nuter , balten , die zum Bedarf von Granada Schnee und Eis ſammelu . Jeden Nachmittag gehen fie mit Ejeln und Maulthieren hinauf und wechſeln dann ab , ein Theil ruht und wärmt ſich an den Feuern , während die andera die Körbe mit Eis füllen . Dann geht es vergab zurüd , ſo daß ſie mit Sonnenaufgang die Shore von Granada erreichen . Dieſe Sierra Nevada , Sennor , iſt ein Gibs klumpen in der Mitte oon Undaluſien , um im Sommer alles fühl zu erhalten. Es war nun põuige Nadt ; wir kamen burde den

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Barranco , rodas Kreuz des ermordeten Maulthteri treibers ſtand , als id tine Unzahl Ligter gewahrte, welche rich in einiger Entfernung bewegten und offenbar auf die Sdlucht zugingen. Als ſie näher Pamen , zeigte to lich , daß es fackeln waren, die von einem Zug ſelts famer in Schwarz gekleideter Gehalten getragen wur: den : es würde zu jeder Zeit eine hinreidend ſchauerliche Prozeſſion geweſen ſeyn , ſie war es aber doppelt an dies fem wilden und einfamen Plaße. Mateo näherte fich und ſagte mir mit leiſer Stime me, es ley eine Trauerprozeſſion, die eine Leiche auf den Kirchhof im Gebirg begleite. Wie der Zug an uns vorübeclam, machte das trau. rige facellicht , das auf die rauhen Geſloter und die Leichentränze der Begleiter fiel, die phantaſtiſchſte WBir . kung , die aber vollkommen geſpenfliſd wurde , als das Lidt das Geſicht des Todten beleuchtete , der , der ſpas alſchen Sitte zufolge , unbedeckt auf einer offenen Bahre getragen wurde. 3d farrte eine Zeitlang dem traurigen Buge nach , wie er fich die dunkle Solucht des Berges empor wand. Ich gedachte einer alten Geſchichte von cinem Zuge von Teufeln , welche einen Sünder den Kras ter von Stromboli hinauf trugen. ,,Ha, Sennor," rief Mateo, ,, id Pönnte Ihnen eine Geſchidte von einer Prozeſſion erzählen , die einſt in dieſen Bergen geſehen worden iſt ; allein Sie würden nid auslachen und ſagen , es rey eines der Bermächtniſſe meines Großvaters, des Schuetdero." ,, Reineswegs, Mateo. Mid ergoßt nichts mehr, als eine wundervolle Geſchidte . “

123 „ Gut, Sentior ; fie handelt gerade oon einem der Månner , von welchen wir geredet haben , die auf der Sierra Nevada Schnee ſammela ." ,,Sie müſſen wiſſen , daß vor vielen, vielen Jahren, ja meines Großvaters Zeiten , ein alter Burſche lebte, Tio Nicolo genannt , der die Körbe reines Maarthiers mit Schnee und Eis gefüllt hatte und im Begriff war, den Berg berab zurüd jukehren . Da er fehr oläfrig war, ſtieg er auf ſein Maulthier und pfel bald in Schlaf ; fein Kopf vidte und Pridte von einer Seite zur andern , während das Richer ſchreitende alte Maulthier den Rand von Übgründen entlang und ſteile und zerriſſene Bare rancos hinab ro ficher und ſtåtig ging , als beſdritte es ebenen Boden . Zuleßt waďte Sio Nicolo auf, Fab um rich und rieb ſich die Augen und , es iſt wahr , er hatte allen Grund dazu. Der Mond verbreitete faſt die Helle des Tags umher und er ſah die Stadt unter fia , Po deutlich wie Ihre Band'da , und mit ihren weißen Gebäuden glänzend, wie eine Miberne Schüſſel im Mondo fdein ; aber, Gott ! Sennor, fie glich nichts weniger als der Stadt, die er vor wenigen Stunden verlaſſen hatte ! Statt der Kathedrale mit ihrem großen Dom and its ren Thürmen und den Kirchen mit ihren ſchlanten Spijo gen und den Klöftern mit ihren Thürmden, alle von dem heitigen Kreuze überragt , fah er nichts als maurifde Moſcheen , Minarete, Kuppeln, alle mit dem glänzenden Balbmond , wie Sie ihn auf den Flaggen der Berberei ſehen , geſchmüct. Nun, Sennor, Sie denken ſich wohl, daß Dio Nicolo mächtig verblüfft war ; während er aber auf die Stadt niederblidte, marſchirte eine große Urmce

124 den Berg herauf , und wand ſich die Schluchten entlang jurteilen im Mondſchein, zuweilen im Schatten. Als ne uåber tam , rah er , daß es Fußvoll und Reiterei war , alle in mauriſcher Rüſtung. Zio Nicolo bemühte rid ihnen aus dem Weg zu gehen , allein rein Maulthier ſtand fodſtid und wollte nidt von der Stelle rüden, zu gleider Zeit zitterte es wie ein Laub – denn ſtumme Thiere , Sennor , erſchreden über ſolche Dinge eben ſo reht wie menſchliche Weſen. Gut, Sennor, die Kobolde Armee zog darau vorüber ; da waren Männer, die Troms peteu zu blaßen , andere, die Trommeln zu ſchlagen und Symbelo zu ſpielen rdienen , . und doch gaben ſie keinen Son von nid ; aties zog ohne das mindeſte Geräuſd das hin , grade wie id auf dem Theater von Granada geo malte Heere über die Bühne ziehen ſah , und alle rahen bluß wie der Tod aus . Saleßt , in dem Nagtrab der Urmee ritt zwiſchen zwei lo warzen mauriſchen Reitern der Großinquiſitor von Granada auf einem Maulthier, ſo weiß wie Squee. Sio Nicolo wunderte ſich , ihn in dieſer Geſellſchaft zu ſehen , denn der Großinguiſtot war berühmt wegen ſeines Haffes gegen die Mauren und , in der That gegen alle Arten von Ungläubigen , Juden und Keßer, und pflegte ſie mit Feuer und Sowert su verfolgen. Tio Nicolo jedoch fühlte ſich jeßt ganz ficher , da ihm etu Prieſter von folcher - Speiligkeit zur Hand war. So maďte er das Kreugeszeiden und bat ihn um feinen Segen , als er , so abre ! einen Schlag erhielt, der ihn und ſein altes Maulthier über den Rand eines ſteileu Ubſchuſſes , Kopf oben Kopf unten , fu Bos den warf. Sio Nicolo tam erſt lange nad Sounen

1 25 aufgang wieder zur Beſinnung , wo er ſich in der Stere einer ſteilen Solucht fand , während rein Maulthier ura ben ihm graßte und der Sonee in ſeinen Körben polo kommen geſchmolzen war. Er Prodo, 'arg zerſchlagen und jerquetſcht nach Granada jurüd , freute ſich aber doch, als er fand, daß die Stadt , wie gewöhnlich ausſah und Griſtliche Kirchen und Kreuze hatte. Als er die Gl. fdichte feines nádhtlichen Abentheuers erzählte, lachte ihn alle Welt aus ; einige fagten , er habe das alles , während er auf ſeinem Maulthier faß, geträumt ; andere meinten , er habe álles ſelbſt erdadt allein , was ſeltſam war und die Leute nachher ernſthafter von der Sache denken ; ließ , war der Umſtand, daß der Großinquiſitor noch in demſelben Jahre ſtarb. Io habe meinen Großvater, den Schneider , oft ſagen hören , es ſtede mehr hinter dies fen Koboldheere , welches das Ebenbild des Prieſters entführt habe , als die Leute zu deuten wagten.“ „ Ihr wout alſo zu verſtehen geben, freund Mateo, es gebe eine Art mauriſden Limbus oder Fegfeuers in den Eingeweiden dieſer Berge , wohin der Pater Soquia fitor gebracht wurde ?" „ Gott behüte mic , Sennor ! So weiß nichts pou der Sache ich erzähle nur, was id von meinem Groß pater gehört habe.“ Als Mateo feine Geſchichte , die ich etwas Pürzer erzählt habe und die mit vielen Erläuterungen geſpici und mit den kleinſten Einzelnheiten ausgeſponnen war, beendigt hatte , erreidten wir das Thor der alhambra.

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Dertliche Sagen.

Das gemeine Bote Spaniens hat eine orientalirde Leidenſchaft für das Erzählen von Gedichten und if dem Wunderbaren ſehr zugethan. Sie pflegen ſich an den Sommerabenden um die Thüren ihrer Hütten und im Winter in den großen Höhlenartigen Kaminen der Ventas zu ſammeln und lauſchen mit unerſättlidem Ents juden wunderbaren Seiligenlegenden , gefahrvollen Reiſes abeutheuern und Becken Thaten von Räubern und Schleid , händlern. Der wilde und einſame Charakter des Lan des, die niedrige Stufe der Bildung, der Mangel an all. gemeinen Gegenſtänden der Unterhaltung , und das ros mantiſche abentheuerliche Leben, das jedermann in einem Lande führt , wo das Reiſen noch in ſeinem Urzuſtande ist - alles trägt dazu bei , dieſe Liebe für mündliche Erzählung zu nähren und einen ſtarfen Hang für das Qußerordentlide und unglaubliche zu erzeugen. Kein Gea genſtand iſt aber vorherrſchender und beliebter , als der pon Sdåßen , welche von den Mauren vergraben mors den ; er geht das ganze Land hindurd. Wenn man die wilde Sierra , den Schauplaß der álteſten Kämpfe und Siege, duroſchneidet , kann man Peinen mauriſden Atas laya oder Wartthurm , der auf den Klippen hängt oder über einem auf Felſen gebauten Dorfe thront, rehen, bei welchem der Maulthiertreiber , wenn man ihn näher bes

127 fragt, mit dem Randen feines Eigarilo nidot inne hält, am irgend eine Geſchichte von moslemiſchem Gold , das anter -ſeinem Fundament vergraben , zu erzählen ; ferner gibt es Peinen zertrümmerten Utcajar in einem Fleden , der nicht ſeine goldene Sage hat , die unter den armen Renten der Uingegend von Geldledt zu Geld ledit fort gepflanzt wurde. Dieſen liegt, wie den meiſten Vorfsſagen , nur ſehr wenig thatfádliches zu Grund. Während der Kriege zwiſden Mauren und Chriſten , welche dieſes Land für Jahrhunderte zerrütteten , waren Städte und Schlöſſer öfteren und plöblichem Wechſel der Beſiber unterwors fen und die Bewohner begruben gern während der Belas gerungen und Stürmen ihr Geld und ihre Roſtbarkeis ten in die Erde oder verſtedten ſie in Gewölben und Brunnen, wie oft noch heut zu Tag in den despotiſchen und friegeriſchen Ländern des Often geſchieht. Zur Zeit der Vertreibung der Mauren mag aud mander von ihs nen ſeine Poſtbarſten Sabſeligkeiten in der Soffnung bers borgen haben , ſeine Berbarnung würde nur eine Zeits lang währen und er dürfte wohl eines Tages wieder kommen und ſeine Scape hervorziehen können . Es iſt gewiß , daß von Zeit zu Zeit Schäße von Gold- und Silbermünzen zufällig, nach Berlauf von Jahrhunderten , unter den Ruinen mauriſcher Veſten und Wohnungen aufgegruben wurden ; und es bedarf nur weniger Thats laden dieſer Art, um tauſend Sagen zu erzeugen. Die lo entſtandenen Geldichten haben gewöhnlich etwas von der morgenländiſchen Färbung und Rad mit dem Gemiſd von Urabiſchem und Gothiſchem bezeiquet,

128 das mir jegliches Ding in Spanien , und vorgáglid in reinen füdlicheren Prodingen zu Caratteriſiren fcheint. Der verborgene Scaß iſt ſtets beſtgebannt und durch Bauber und Talismann geſichert. Zuweilen wird er von ( cheusligen Ungeheuern oder feurigen Drachen , zuweilen don berjanberten Mauren bewacht, die in voller Rd ftung , mit gezogenen Schwertern , aber bemegungslos wie Statuen bei thm Rißen und Jahrhunderte hindurch eine rolaflore Wade halten. Natürlich iſt die Alhambra , der beſonderen mit ih , rer Geſchichte verbundenen Umſtände zufolge , ein feſter Platz für Voltodichtungen dieſer Art, welche durd maps nichfaltige von Zeit zu Zeit ausgegrabene Ueberbleibſel noch mehr Gemidt erhielten . Einmal hat man ein irdenes Gefäß, mauriſdie Münzen und das Gerippe eines Sahne enthaltend , gefunden , welcher , nach der Anſicht gerifler ſchlaupöpfigen Beſdauer , lebendig begraben reyn mußte. Ein anderes Mal wurde ein Gefäß ausgegraben, welches einen großen Scarabấus von gebranntem Thon , mit arabiſchen Inſchriften bededt, enthielt und für ein wun: derdolles Amulet vol verborgener Kräfte erklärt ward . Auf dieſe Art ſind die Weiſen des gerlumpten Haufens, der die Alhambra bewohnt, herumgeſprengt worden, bis Rein Saal , kein Thurm , Pein Gewölbe mehr in der alten · Veſte zu fluden war , welches nicht zum Sdau: plaße irgend einer wunderbaren Sage gemacht worden wäre. Da id, wie ich hoffe, den Leſer durch die vorſte: benden Blätter mit den Dertlichkeiten der ulhambra ei. nigermaßen bekannt gemacht habe, ſo werde ich nun um: fåndlider in die damit verbundenen Erzählungen ein :

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gehen , die ich aus manderlei fagenhaften, während meis Der Spaziergänge aufgeſammelten Brud ftüde und an deutungen emſig in Form und Geſtalt gebracht habe ; wie ein Alterthumsforſcher aus wenigen zerſtreuten Buch : ftaben einer faſt verwiſchten Inſöriſt ein regelmäßiges hiſtoriſches Document herausarbeitet. Wenn irgend etwas in dieſen Sagen bei dem allzu bedenllichen Leſer Mißtrauen erregen ſollte , ſo muß er Rich des Charakters des Drtes erinnern und die gehörts gen Zugeſtändniffe maden. Er darf hier jene Wahrs ſcheinlio keitsgeſeße , welche in den gewöhnlichen Scenen und in dem Autagsleben herrſchen , nicht erwartet ; er muß bedenfen , daß er die Sallen eines bezauberten Pas laſtes betritt und daß alles gefeiter Boden ' iſt.

Das Haus des Wetterhahns.

Uuf der Spiße des luftigen Sügels der Urbaycia, dem höchſten Theil der Stadt Granada , ſtehen die Ues berbleibfel eines ehemaligen Pöniglichen Palaſtes , der kurz nad der Eroberung Spaniens durd die Araber ges gründet wurde. Er iſt jeßt in eine Fabrik umgewandelt wordeu und man hatte ſeiner ſo gånglig vergeſſen , daß es mic , obgleich mir der darfſüchtige und alwiſſende Mateo Ximenes hülfreich zur Seite ſtand , viele Mühe Poſtete, ihn zu finden . Dieſes Gebäude trägt heute noch den Namen , unter welchem es Jahrhunderte binburd 44 - 47 .

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bekannt war , nämlid : La Casa del Gallo de Viento, d. h. das Saus des Betterhahns. Es erhielt dieſen Namen von der Bronze -Statue eines Kriegers zu Pferd , der mit Sdild und Speer bewaffnet auf einem ſeiner Shürme ſtand und fld mit jedem Winde drehte , und einen arabiſchen Spruch hatte , der , in das Spaniſche überfest , fo lautete :

Dice el sabio Aben Habuz , Que asi se defiende el Andaluz . Der weiße Aben Sabuz ſpricht, Der Andaluſier foirmt lid anders nicht. Dieſer Aben Habuz war, nad den maurifchen Chro, miken , Feldherr in dem Ueberfalsheere des Taric , und wurde von ihm als Alcayde von Granada zurüdgelaſſen . Er ſoll die Abſicht gehabt haben, die arabiſchen Einwohs ner durch dieſe Statue immerwährend zu erinnern , daß von Feinden umgeben , wie ſie es waren , ihre Sider: heit nur davon abhänge , daß fie ſtets auf ihrer Quth uud Pampffertig wären. Die Ueberlieferungen geben andere Kunde von dies fem uben Sabuz und ſeinem Palaſt and behaupten , die: fer bronzene Reiter fer urſprünglich ein Talisman von großer Kraft geweſen , obgleich er in ſpátern Sahrhun: derten ſeine magiſchen Eigenſchaften verloren habe und in einen bloßen Wetterhahn ausgeartet rer. Ragtehendes bezieht ſich auf die hier angeführte Sage.

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8

4

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+

DDD dem

arabiſchen

Aſtrologen .

In alten Seiten , vor vielen hundert Jahren war ein mauriſcher König , Uben Babuz genannt , der über das Königreich Granada regierte. Er war ein in Ra= beſtand verfester Eroberer, das heißt, ein Mann, der in feinen jüngeren Tagen ein ftetes Raub- und Plünderle ben geführt hatte, und uun , da er ſchwach und alt gea worden , fic nad Ruhe fehute und nichts mehr wünſate, als mit aller Welt in Frieden zu leben , feine Lorbeern zu wahren und ſich der Beſlßungen ruhig zu erfreuen , die er ſeinen Nadbarn entrifſen hatte. Es begab fich aber , daß diefer ſehr vernünftige und friedlide alte König es mit jungen Nebenbuhlern zu thun hatte ; Prinzen , welche von ſeiner frühern Leiden ſchaft für Ruhm und Kampf erfüllt und geneigt waren, ihn wegen den Schulden , die er bei ihren Vatern ge macht , zur Rechenſchaft zu ziehen . Aud gewiffe ferue ' Diſtritte feiner eigenen Länder , welde er mährend der Sage feiner Kraft ſehr hodlahrend behandelt hatte, zeigs ten jeßt, da er ſich nach Frieden ſehnte , große Luft, fich aufzulehnen und drohten , ihn in ſeiner Hauptſtadt zu umzingelu. So hatte er auf allen Seiten Feinde und da Granada von , wilden und rauhen Bergen umgeben

132 ift , welde den annähernden Feind verſteden , war der unglüdlide Üben Sabuz in einem ſteten Zuſtande der Unruhe und des Wachens, indem er nicht wußte , auf melder Seite die Feindſeltgleiten ausbrechen würden . Vergebens baute er ſich Wartthürme auf den Ber: gen , ſtellte er Wachen bei jedem Engpaß mit dem Bea. fehle auf, die Aunáberung eines Feindes zur Nachtzeit durd Feuer, bei Tag duro Raud zu verkünden . Seine behenden Feinde vereitelten alle Vorſichtsmaßregelu uud pflegten aus irgend einem unbeachteten Paß hervorzus brechen , verwüſteten ihm das Land unter der Naſe und · madhteu fid dann mit den Gefangenen und der Beute davon in die Berge. War je ein friedlicher und ruhiger Krieger in einer unbehaglideren Lage ? Während Uber Habuz durch dieſe Schwierigkeiten und Störungen gequält wurde, kam ein alter arabiſcher Arzt an ſeinen pof. Sein grauer Bart ging ihm bis auf den Gürtel und er hatte jedes Reiden des höchſten Mlters, und doch hatte er faſt den ganzen Weg von Egyps ten zu Fuß gemacht , ohne einen andern Beiſtand , als einen mit Hieroglyphen gezeichneten Stab. Sein Ruf war ihm voraugegangen . Er hieß Ibrahim Ebu Ubu ujeeb, hatte, wie man ſagte, ſeit den Tagen Mahomed's immerwährend gelebt und ſollte der Sohn von Ubu Ajeeb , dem festen der Gefährten des Propheten ſeyn. Úlo Kind war er dem Flegreichen Beer Umru's nad Egyp ten gefolgt, wo er viele Jahre gemeilt und bei den egyps tiſchen Prieſtern die verborgenen Wiffenſchaften , before ders Magie , ſtudirt hatte. Ueberdies hatte er, wie es hieß, das Geheimniß gee

133 funden , das Leben zu verlängern , wodurd er zu dem hohen Alter von mehr als zweihundert Jahren gelom : men , obgleid er , da er das Geheimniß erſt in feiner Greiſenzeit entdedt hatte , nur feine grauen Saare uud Runzeln erhalten Ponyte. Dieſer wundervolle alte Mann wurde von dem Kös nig in Chren gehalten , denn , wie alle ausgelebteu Kos nige , ſchenkte aud er den Aerzten eine ausgezeichnete Gunft. Er hätte ihm eine Wohnung in feinem Palaft angewieſen , aber der Sternkundige zog eine Höhle an der Seite des Hügels vor , der ſich über Granada ers bebt nyd derſelbe iſt, auf weldem ſeitdem die Alhambra gebaut wurde. Er ließ die Höhle erweitern , ſo daß fie cinen geräumigen Saal bildete , an deffen Dede eine runde Deffnung war , burd welche er , wie aus einem Brunnen den pimmel beobachten und die Sterne ſelbſt am hellen Mittag ſehen konnte. Die Wände dieſes Saals waren mit egyptiſchen Hieroglyphen , mit cabalis firden Symbolen und mit den Sternbildern in ihren Kreiſen bedeckt. Dieſen Saal verzierte er mit manchers lei Geråthidaften , welche von geſchidten Sandwertern Granada's unter feiner Leitung gefertigt worden , deren geheime Eigenſchaften aber ihm allein bekannt waren . Nad einer Purzen Zeit wurde der weiſe Ibrahim der vertrauteſte Rath des Königs , der ihn in jedem Uben abuz dringenden Falle um ſeinen Rath anging. Idalt eines Sags auf die Ungerechtigteit ſeiner Nachbarn und beſchwerte ſich über die raſtloſe Wadſamkeit, welche er üben müſſe , um fid gegen ihre Einfale zu fidern ; als er geenbigt batte, ſowieg der Aſtrolog eine Seitlang .

134 dant fagte er : ,,Miffe , o König , daß id während meines Aufenthaltes in Egypten ein großes Wander rah , das einer der alten heidniſchen Prieſter erdacht hatte. Auf einem Berge , über der Stadt Borfa, wo man das große Shal des Nils überſchauen konnte, war die Figur eines Widders und darüber die eines pahns , die beide, aus gegoffenem Erz gefertigt,nich anf einem Stifte dreh ten . Wenn dem Lande ein Einfalt drohte, po drehte ſich der Widder in der Richtung des Feindes aud der Bahn Fråhte, worauf die Bewohner der Stadt ſofort Kunde von der Gefahr und von der Richtung erhielten, in wels cher Rie ſich näherten und bei Seiten Vorſorge treffen konn ten , fle abzuwehren . „ Gott iſt groß ! " rief der friebfertige Aben Sabug ; toelch ein Sdaß wäre ein folder Widder , der ſein Auge auf dieſe Berge umher richtete, und dann ſold ein Sahn , der zur Zeit der Gefahr Erähte ! Allah akbar ! wie ſicher würde ich in meinem Palaſt mit folden Schild . waden auf der Höhe rolafen ! " Der Aſtrolog wartete , bis die Berzüdungen des Königs nachgelaffen hatten und fuhr dann fort. „,Naddem der ſlegreide Ümru (möge er in Frieden rahen ) die Eroberung Egyptens vollendet hatte , blieb id bei den alten Prieſtern des Landes , lernte die Geo bräuche und Zeremonien ihres Gößenglaubens reunen und fudte mid in den Beſts der geheimen Weisheit zu Teben , wegen, welcher fie fo berühmt ſind. 30 faß eines Tags an den Ufern des Nils und unterhielt mich mit einem alten Prieſter , als dieſer auf die mächtigen Pos ramiden zeigte, die fica wie Berge aus der benadbartea

135 Wüſte erhoben. „Alles , was wir did lehren können ." ſagte er , wiſt nichts gegen die Weisheit , die in jenen machtigen Gebäuden aufbewahrt wird. In dem Mittels pantt der mittlern Pyramide iſt ein Grabgemado , in welchem die Mumie des Gobenprieſters eingeſchloſſen iſt, welcher dieſes erſtaunliche Gebäude errichten half ; und bei ihm iſt ein wundervolles Buch der Weisheit vergras ben , welches alle Geheimniſſe der Kunſt und Magie ente hält. Dieſes Buch war Adam uach ſeinem Fall gegeben worden und kam dann von Geſchlecht zu Geſchlecht auf Salomon den Weiſen , welcher durch ſeine Hülfe deu Sempel von Jeruſalem baute ; wie er in den Beſts des Erbauers der Pyramiden gekommen , iſt dem allein bea kannt, der alles weiß.“ ,,Als id dieſe Worte von dem egyptiſden Prieſter gehört hatte , entflammte Rid, mein Berz , in den Beſt dieſes Buch zu gelangen . Jd hatte über die Dienſte vieler Strieger aus unſeren fiegreichen Beeren und über eine Anzahl Eingebornen zu gebieten ; mit dieſen ging ich an's Wert und öffnete die dichte Maſſe der Pyramide, bis id , nad großer Mühe , auf einen threr innern und verborguen Gänge Fam . Diefen folgte id und beſchritt ein furchtbares Babyrinth , durd das id in das Derz der Pyramide und grade in das Grabgemach kam , wo die Mamie des Hohenpriefters feit Jahrhunderten lag. Id Offrete die äußern Umhällungen der Mumie , löſte ihre manchfachen Umſdlåge und Binden und fand endlid das Poſtbare Bud auf ihrer Bruſt. 3d faßte es mit zitterns der sand und fuchte aus der Pyramide zu kommen , in dem id die Mumie ihrem dunkeln und ſtillen Grabe übere

136 Heß , um dort den Sag der Auferſtehung und des Bes ridtes zu erwarten ." , Sohn des Übu Ujeeb, " rief Üben Qabuz , da haſt viele Länder geſehen und wunderbare Dinge beobs adotet ; allein wozu yüßt mich das Geheimniß der Por ramide und das gelehrte Bud des weiſen Salomon ?" ,, Mont Pann es dir nüblid werden, o König ! burde das Studium dieſes Buches unterrichtete id mich in ala len magiſchen Künften und habe über den Beiſtand der Geifter zur Förderung meiner Plane zu gebieten . Das Geheimniß des Jalismans von Borſa iſt mir daher bes Hannt und ich fann einen ſolchen Calisman , ia , einen von uod höherer Kraft fertigen. “ welfer Sohn des Abu Ajeeb , " tief aben pas „ buj , mein folcher Talisman wäre beffer als alle Warts thürme auf den Hügeln , und als alle Wagen an den Grenzen . Gib mir einen ſolchen Soirm und alle Reid's thamer meiner Schaßlammer ſollen zu_ deinem Befehle feyn ." Der aſtrologe begab ſich ſogleid an die Arbeit, um den Banden des Königs Genüge zu thun. Er ließ auf der Syöhe des Pönigliden Palaſtes , welder auf dem Soeitel des Atbayan: Qügeld ſtand, einen großen Shurm bauen . Dieſer Thurm ward , von Steinen erbaut , die aus Egypten gebracht worden und , wie man ſagte, von einer der Pyramiden genommen waren . Ju dem obern Sheil des Thurms war ein runder Saal , deſſen Fenſter nat allen Punkten des Compaffes fahen , und vor jedem Fenſter war ein Sifd , auf weldem , wie auf einem Sdados brett, ein Pletnes Heer von Reiterei and Fußpole nebit

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einem Ebenbild des Poteutaten , der in jener Richtung herrſchte, ale ays Dolz gefchuift, aufgeſtellt tvaren . Für jeden dieſer Siſabe war eine Pleine Lanze da, nidt dicer als eine Nadel, auf welder gewiſſe daldaiſde Charat, tere gegraben waren . Dieſer Saal wurde ſtets der : ſchloffen gehalten ; die Thüren waren oon Erg und das Soloß von Stahl ; der Sølüffel baju befand ſic in des Königs Pånden . Auf der Spiße des Charms war die auf einem Stiften befeſtigte Brouzſtatue eines mauriſden Reiters, mit einem Schild in dem einen Arm und ſeine Lanze fenkredit tragend. Das Geſtat dieſes Reiters war der Stadt zugewendet, als wade es über fle ; wenn aber ein Feind fid näherte , wandte fide die Statue in dieſer Richtung und legte die Lanze wie zum Angriff ein . Als dieſer Talisman fertig war, wurde der König ganz ungeduldig, ſeine Kraft zu erproben und fehnte fico eben ſo ſehr nach einem Einfalt, als er je nad Ruhe geſeufzt hatte. Sein Wunſch wurde bald erfält. Eis nes Morgens frühe brachte die Sdildwade, welde den Shurm zu bewachen hatte , die Nachricht , das Geſlot des bronzenen Reiters rey gegen die Berge von Elvira gewendet und ſeine Lange zeige genau nach dem Paß von Lope. „ Laßt die Trommeln und Trompeten zu den Wafs fen rufen," ſagte Aben Sabuz : ganz Granada fou fic bereit machen." „ D König," ſagte der Aftrologe : ,,beunruhige deine Stadt nicht and laß deine Krieger nicht zu den Wafs fen rufen ; wir bedürfen den Beiſtand des Seeres nidot,

138 um did von deinen Feindeu zu befreien . Entlaffe deine Diener und laß uns allein in den geheimen Saal des Shurmes geben ." Der alte üben Sabuz ſtieg , fide auf den Arm des noch åltern Ibrahim Ebu Abu Ajeeb lehnend, die Thurms treppe hinan. Sie ldloffen das eherne Xhor auf und Das Fenſter , welches gegen den Paß don traten ein. Lope fah , war offen. In dieſer Riotang ," ſagte der Uſtrologe, vliegt die Gefahr : nähere did , o König, und betrachte das Geheimniß des Siſches ." König Aben Sabuz näherte Rd dem anſdeluenden Schachbrett , anf welchem die kleinen hölzernen Bilder aufgeſtellt waren , als er zu ſeinem Erſtaunen bemerkte, daß ſie alle in Bewegung waren . Die Roffe bäumten and hoben fid , die Krieger fdwangen ihre Baffen, und man hörte das leiſe Klingen von Zrommeln und Troms peten und das Sdallen von Waffen und das Wicheru der Roffe ; aber alles nicht lauter und deutlider als das Sammen von Bienen oder den Sommerfliegen in das dläfrige Dhr beffen tönt, der am Nachmittag im Sdats ten liegt. „ Sieh, o König ," ſagte der Aſtrologe , weinen Bes weis , daß deine Feinde jeßt eben zu Felde gezogen ſind . Sie müffen durd jeue Berge , durch die Engpäſſe von Lope, vorgerüđt reyn. Wenn du einen paniſden Søret: ten und Verwirrung unterſte bringen und ſie ohne Blätvertaſt in die Flucht jagen willſt, ro triff dieſe Bil. der mit dem Knopf dieſer magiſchen Lange ; willſt du aber Mord und Blutbad unter ihnen anriďten , ſo triff fte mit der Spite. "

139, Ein idowarzgelber Streif flog über das Geſicht des friedliden Üben Sabuz , erfaßte die kleine Lauze mit zitternder Saft und ſchwankte an den Diſd , während ſein grauer Bart vor freudiger Erwartung wadette. „ Sohn des Übu Ujeeb ," rief er aus : „ I dente , wir wollen ein wenig Blat ſehen . " Bei dieſen Worten ſtad er einige der Zwergenges ſtalten mit der Lanze und bearbeitete andere mit dem biden Ende, worauf die erſtere tobt auf den Stích ftelen , die übrigen aber Rich gegen einander wandten und ein buntes Gefedt begannen . Es Foſtete den Aſtrologer Mühe, der Band des fried lidten aller Monarchen Einhalt zu thun und ihn von einer gänzlichen Bernidtung ſeiner Feinde abzuhalten ; endlid vermochte er es über ihn , den Schurm zu verlas= ſen , worauf eine Streifmade in das Gebirg gegen den Paß von Lope geſandt wurde. Dieſe Pehrte mit der Nachricht zurüd , ein driftits Ges Seer ſen durch das Herz der Sierra , faſt bis Ans geſichts von Granada vorgedrungen , wo aber unter den Kriegern ein Swieſpalt ausgebrocen rey. Sie hatten ibre Waffen gegen einander gelehrt und fidh uad einem großen Blutbad über die Grenze zurüdgezogen. Mben Habuz war außer ild vor Freude , daß Nido bte Kraft des Salismans fo erprobt batte. „ Endlid ," ſagte er , „ werde id ein ruhiges Leben führen und habe alle meine Feinde in meiner Gewalt. Dweiſer Sohn des Abu Ajeeb , was kann ich dir als Lohn für foldi cine Wohlthat bieten ?" Die Bedürfniſſe eines alten Maunes und eines

140 Philoſophen , o König , ſind gering und einfado ; gewah : re mir nur die Mittel, meine Söhle zu einer wohnlis den Einſiedelei einzurichten und ich bin zufrieden ." „ Wie edel iſt die Entſagung des wahrhaft Weiſen !" rief Aben Habuz aus , innerlid bod erfreut über das Wohlfeile der Belohnung. Er ließ ſeinen Sdaßmeiſter Pommen und gebot ihm jede Summe zu zahlen , die Ibrahim fordern würde, um feine Einſtedelei zu vollens den und einzurichten. Auf Befehl des Aſtrologen mußten nur derſohtedene Kammern in den harten Felſen gehauen werden , welche eine Reihe Gemächer bildeten , die mit ſeinem aſtrologis iden Saal zuſammenhingen ; er ließ jene mit üppigen Ottomanen und Divaus zieren und die Wände mit den reichſten Seidenzeugen von Damaskus bekleiden . ..30 bin ein after Mann ," ſagte er , mund kann meine Knos den nidt mehr auf feinernen Bagern ruhen laſſen , und dieſe feuchten Mauern múffen eine Bekleidung haben . " Auch Båder ließ er einrichten und verſab fle mit allen Arten von Wohlgerüchen und aromatiſchen Delen ; ,,denn ein Bad ," ſagte er , wiſt nothwendig , um der Spride des Alters entgegenzuarbeiten und der durch Denten eingeſchrumpften Geſtalt Sride and Seberkraft zu 1 geben ." Er ließ die Gemåder mit unzählbaren filberuen und cryſtalnen Lampen behången , die er mit wohlriechens den, nach einem von ihm in den egyptiſcheu Gråbern ges fundenen Recept gefertigten Dele füllte. Dieſes Del war ſeiner Natur nad unverbrenntid und verbreitete einen fanften Glanz wie das gemäßigte Sagslidt. Das

111 Lidt der Sonne , " fagte er , ,, ift zu lebhaft and grell für das Huge eines Greiſes und das Lampenligt ift den Studien eines Philoſophen angemeſſener." Der Sdasmeiſter des Königs Aben abuz ſeufzte über die Summen , die täglich gefordert wurden , um dieſe Einſtedelei einzurichten und brachte feine Klagen Uber das königliche Wort war geges por den König. ben : Aben Qabuz judte die Soulteru . „ Wir müſſen Geduld haben ," ſagte er : „dieſer alte Mann hat ſeine Idee von dem Aufenthaltsort eines Phtloſophen dem Saueru der Pyramiden und den ausgedehnten Trümmern Egyptens entlehnt ; aber alles hat ja ein Ende und ro and die Einrigtung ſeiner Sohle. " Der König hatte recht; die Einſiedelet ward endlich fertig und bildete einen practvolten unterirdiſchen Pas Iaft. 3d bin ießt zufrieden , " ſagte Ibrahim Eba Abu Ajeeb zu dem Schafmeiſter : ,, idy wil midi in meis ne Zelle verfoließen und meine Zeit den Wiſſenſdaften weihen. I begehre niots mehr , nichts , als einen un bedentenden Seitvertreib , um mid in den Swiſchenſtum den der geiſtigen Arbeit zu zerſtreuen .“ „ Dweifer Ibrahim , fordere, was du wift : id bin gehalten , dir alles für deine Eluſamfeit Nöthige zu liefern ." „ Dann wünſchte ich einige Sängerinnen zu haben , " fagte der Philofoph. , Sängerinnen ?" wiederholte der erſtaunte Sdab: meiſter. ,, Jänzerinnen , " ermteberte der Weiſe ernſthaft : wenige werden hinreichen , denn ich bin ein alter Mann

142 und ein Philofoph , dou einfaden Sitten und leicht zus frieden zu ftellen . Sorge aber , daß fie jung ſind und ráða auzuſchauen ; denn der Unblick der Jugend und der Schönheit iſt für einen alten Mann erfriſchend. " Während der Philofoph, Ibrahim Ebn Abu Wjeeb, ſeine Seit ſo weife in ſeiner Einſiedelei hinbrachte, führte der frtedfertige Aben abuz in ſeinem Shurme furdtbare Kriege dem Bild nad. Es war höchſt rühmlich für eis neu alten Mann von ruhigen Sitten , wie er , fich das Kriegführen zu erleichtern und im Stand zu ſeyn , in fetnem Gemacie fich damit zu ergőben , daß er ganze Armeen wie eben ſo viele Schwärme. Fliegen , berjagte. Er dwelgte eine Zeitlang in der Befriedigung reis ner Launen und neckte und beleidigte ſogar reine Nach barn, um fie zu Einfallen in ſein Land zu verleiten ; als leia allmählig wurden Ne der wiederholten Unfälle müde und endlid wagte es keiner mehr , ſein Gebiet zu über: fchreiten . Viele Mondeu blieb der bronzene Reiter auf dem Friedensſtand , die Lanze in die Luft emporhaltend, und der wärdige alte König fing an, den Abgang reines gewohnten Zeitvertreibs fdmerzlid zu empfinden und über die einförmige Ruhe verdrüßlich zu werden.

Endlid brehte ſich eines Tages der Reiter ploblid rundam ; tieß ſeine Lanze fialen und deutete auf die Berge von Guadir. Üben Sabuz eilte in ſeinen Shurm , allein der magiſche Siſe in jener Richtung blieb ruhig ; Pein einziger Krieger bewegte Rich. Ueber dieſen Um: ftand in Ungewißheit, ſoidte er einen Trapp Reiter aus, um das Gebirge za dardſpåhen und fich auf Kundſchaft

148 zu legen . Nach einer Mbweſenheit von drei Tagen tas men ſie zurüd . ,,Wir haben jeden Bergpaß durchſuot, " ſagten ſie ,,aber nicht ein Helm ward ſichtbar , nicht ein Speer, Alles was wir auf unſerm Streifzug gefunden haben , war ein chriſtliches Fräulein von ungemeiner Schönheit, welche in der Mittagszeit an einem Brunnen folief und die wir als Gefangene mit uns weggeführt haben ." „ Ein Fräulein von ungemeiner Schönheit ! " rief Üben Sabuz aus und feine Augen funkelten vor Erres gung : „ laßt ſie vor ans» führen.“ Das ſchöne Fräuli awarde ſonad vor thu geführt. Ste war in die ganze reiche Pradt gekleidet, welche zur Beit der arabiſchen Eroberung bei den gothiſchen Spa nieru herrſchte. Perlen von glänzender Weiße waren in ihre Rabenloden geflodten ; Juwelen fan Pelten auf ihrer ? Stirne und wetteiferten mit dem Glanz ihrer Wagen. Um den Hals hatte ſie eine goldene Kette , an welcher eine Alberne Lener befeſtigt war, die an ihrer Seite hing. Die Strahlen ihrer duutela leuchtenden Augen fte len wie Feuerfunken auf das verwitterte, aber god brenn bare Herz des Üben Sabuz ; die elaſtifdhe Ueppigkeit ih res Ganges machte ſeine Sinne taumeln . ,,Smönſte der Frauen ," rief er entzüdt , wer und was biſt du ?!! „ Die Tochter eines der gothiqen Fürſten , die erſt por karzem noch über dieſes Land geboten. Die Seere meines Vaters ſind wie durch Zauberfraft in dieſen Ges : birgen zerſtreut worden ; er wurde in die Verbangung gerdidt und ſeine Zodhter iſt eine Gefangene. " Sate dich, o König !" flüſterte Ibrahim Eba uba

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Mjeeb, ,,dies kann eine der nordiſden Zauberinnen fenn, von denen wir gehört haben , die die verführeriſdeſten Geſtalten annehmen , um den Sorgloſen zu hintergehen . Midh dúnkt, ich leſe Bereret in ihren Augen und Saus berkraft in jeder ihrer Bewegungen.Dhue zweifel if fie die Feindin , welde der Talisman angezeigt hat ." ,, Sohn des Abu Ajeeb ," verfekte der König : ,,bu bift , ich gebe es zu , ein weiſer Mann , ein Zauberer nad allem was mir bekannt iſt ; allein auf Weiber ders ſtehft du dich wenig. In dieſer Kenntniß werde ic Pets nem Menſdeu weidea ; nicht einmal dem , weiſen Salos mon ſelbſt, der Zahl ſeiner Weiber und Beiſchläferinnen ungeachtet. Was dieſes Fräulein betrifft, ſo ſehe ico widts Böſes an ihr ; fie iſt ſchön anzuſehen und findet Gunſt vor meinen Augen." „ Höre , o König !" erwiederte der Aſtrologe: 30 habe dir durch meinen Jalisman zu maudem Siege ver , holfen , allein ich habe nie an der Beute Sheil genoma men . Gib mir darum dieſé verirrte Gefangene, um mich in meiner Einſamkeit an ihrer ſilbernen Lener zu leßen. Iſt Nie wirklich eine Bauberin , ſo habe id Gegenmittel, welde allen ihren Zauberkünften Trop bieten." „Wie , uod mehr Weiber ?" rief Aben Sabuz : ,, Sart du nicht bereits Tänzerinnen genug , did ju leben ?" „ Jáuzerinnen habe ich , es iſt wahr , aber keine Sångerinnen. Jo möďte gern eine Pleine Sängerſchaft haben, um meinen Geiſt zu erfriſchen, wenn er von den Mühen des Studierens getrübt iſt .“ ,,Stil mit deinen Einſiedler - Winſden ," ſagte der

145 König ungeduldig. „Dieſes Fräulein habe id für mid auderſehen. Ich finde viel Behagen an ihr ; grade fold Behagen, wie David, Salomons dés Weiſen Vater , an Abir Ubigait der Sunamiterin .“ Ferneres Bitten und Warnen des Uſtrologen hatten nur eine entſcheidendere Untwort des Königs zur Folge and fie loteden in großem Unwillen ." Der Weiſe ſchloß fich in ſeine Einſiedelei ab, um über ſeine fehlgeldlagene Erwartung zu brüten ; ehe er aber ging , warnte er deu König uochmals , fich vor ſeiner gefährlichen Gefangenen zu hüten. Aber welcher verliebte Greis wird auf Rath bören ? Åben abuz gab ſich der vollen Herrſchaft ſeiner Leidenſoaft hin. Sein einziges Trachten war , wie er fich in den Augen der gothifden Schönbeit angenehm maden Pönne. Es iſt wahr , durd Jugend Ponnte er Rich nicht empfehlen , aber er hatte Schäße ; und wenn ein Liebhaber alt iſt, ſo iſt er gewöhnlic, freigebig. Der Zacatin von Granada wurde der Poſtbarſten Erzeugniſſe des Morgenlandes beraubt ; Seidenzeuge, Filmelen, Edels ſteine, herrlide Wohlgerüde, alles was Aſlen und Afrika Reiches und Seltenes bot , wurde an die Prinzeſſin perſowendet. Alle Arten von Sdauſpielen und Feſtlich Reiten wurden zu ihrer Unterhaltung erſonnen ; Geſang, Sanz , Turniere , Stiergefecte. Granada war eine Beitlang der Sqauplas ununterbrochener feſte. Die gothiſche Prinzeſſin betragtete alle dieſe Pradt wie je mand, der an ſolchen Glanz gewöhnt iſt. Sie nahm al: leg als einen Tribut hin , den man ihrem Rauge oder vielmehr ihrer Smönheit ſchuldig war, denn die Sáðn : heit iſt in ihren Anforderungen ſogar noch hodfahrender 44 - 47, 10

146 als der Rang. Fa , fie fchten ein geheimes Bergnügen zu empfinden , den König zu Uuøgaben zu reizen , vor denen rein Schakmeiſter zitterte ; und dann behandelte ſie reine ausſchweifende Freigebigkeit , wie etwas, was ſich dou ſelbſt verſteht. Der ehrwürdige Liebhaber Ponnte ſich überdies bei allem ſeinem Eifer und ſeiner Großs muth nicht ſchmeicheln , einen Eindruck auf ihr Herz ges macht zu haben. Sie zűrnte ihm nie, es iſt wahr, aber ſie lächelte auch nie. So oft er ſeiner Liebe das Wort reden wollte, ſchlug Rie thre Rilberne Leger an. Es war ein geheimnißvoller Zauber in dem Klang. Hagenblics lich fing der König an zu nicken ; eine Schläfrigkeit übers rdlich ihn und er rank allmählig in Sclaf , aus wels dem er wunderbar erguidt , aber für eine Weile vous kommen von ſeiner Liebe abgekühlt , erwachte. Seinem Werben war dies freilich nicht günſtig ; " aber dieſer Solaf war ſtets von angenehmen Träumen begleitet, welche die Sinne des ſchläfrigen Liebhabers vollkommen feſſelten ; ro fuhr er fort zu träumen , während ganz Granada über ſeine Bethðrung ſpottete und über die Soate reufzte, die für eine Leyer vergeudet wurdeu. Endlich brad eine Gefahr auf das Haupt des Aben Sabuz herein , vor der ſein Talisman ihn uicht warnen konnte. Eine Empörung brady in ſeiner eignen Saupt: ſtadt aus ; rein Palaſt wurde von bewaffnetem Pöbel umzingelt, der ſein und ſeines chriſtlichen Schårchens Le ben bedrohte. Ein Fanfen ſeines alten Friegeriſchen Get ftes erwachte in der Bruſt des Monarchen . Un der Spibe eines Qaufleins aus feiner Wade brad er bers

147 aus, jagte die Empörer in die Fludt und erftite die Revolution im Reim. U18 die Ruhe wieder hergeſteat war , ſuchte er den

Aſtrologen , der ſich immer noch in ſeiner Einſamkeit ver ſchloſſen hielt und an der bittern Rinde des Unwidens nagte. Åben Sabuj náherte ſich ihm mit derhöhnendem Cone : ;;D weiſer Sohn des Übu Ujeeb , " ſagte er , ,,mohl hast du mir Gefahren vorhergeſagt, welde die gefangene Schönheit veranlaſſen würde : fag mir darum aud , der du ſo ſchnell die kommende Gefahr erſchauſt, was ich thun muß, um ſie zu vermeiden. ' „Entferne die ungläubige Maid von dir , die der Orund derſelben iſt." „ lieber laſ ich von meinem Königreich," rief Aben Qabuz. ,,Du fowebſt in Gefahr, beide zu verlieren," der: rente der Aſtrologe. ,, Sen nicht rauh und zoraig, tiefſter aller Philoſo: phen : bedeute das doppelte Unglück eines Königs und eines Verliebteu und erſinne mir Mittel , mich vor den Uebeln, die mir drohen, zu ſchirmer. Ich frage nichts nad Große, id frage nidto nad Madht. 3d rehne mid nur nach Ruhe ; hätte ich doch einen Rillen Auf: enthaltsort, wohin ich mich aus der Welt und allen ih: ren Sorgen , ihrem Prunk und ihrer Unruhe flüchten und den Reſt meiner Lage der Ruhe und Liebe widmen Pönnte . " Der Aſtrologe betrachtete ihn einen Augenblic aus ſeinen buſchigen Augenbraunen hervor. 10 *

148 ? „ Und was würdeſt du mir geben , wenn ich dir eb nen ſolden Drt verſchaffte ?" „ Du möchteſt deinen Lohu ſelbſt beſtimmen und es follte , was es auch reya mag , ſofern es fid im Bereich meiner Macht findet , dein reon , ſo wahr meine Seele lebt. " „ Du halt, o König , von dem Garten von Jrena gehört , einem der Wunder des glüdlichen Arabiens ?" Ich habe von dieſem Garten gehört; feiner iſt in dem Koran gedacht, in dem Ubſchnitt , der bic & merung des Tags “ überſchrieben iſt. Ich habe überdies don Pilgern , die zu Mecca waren , wunderbare Dinge von ihm erzählen hören ; allein id hielt es für tolle FQ. beln , wie Reiſende , welche ferne Länder beſuot haben , 3u erzählen pflegen ." ,,Sebe, o König , die Erzählungen der Reiſenden atot herab ," erwiederte - der Sternkundige ernſthaft; denn ſie enthalten koſtbaré Shake ' des Wiſſens, and den Enden der Erde zuſamniengebracht. Was den Pas laſt und den Garten von Irem betrifft, ro iſt die auges meine Sage wahr ; ich habe ſie mit meinen eignen Uu: gen geſehen - höre auf mein Ubentheuer, denn es ſteht mit dem Gegenſtand deines Begehrens in Suſammenhang. „ In meinen jüngern Jahren, als ich ein bloßer Ara: ber der Wüſte war , führte ich die Kamele meines Vas ters. Als wir durch die Wüſte von Uden zogen , ent: ferute ſich eines von den Uebrigen und war verloren . Ich ſuchte es mehrere Tage lang, allein umſonſt, bis id mich eines Mittags , ermüdet und kraftlos , niederlegte und unter einem Palmbagm, an einem Pleinen Brunnen

149 entfdlief. Als ich erwachte, ſah ich mich an den Shoren einer Stadt. Ich trat ein , und ſchaute prachtige Straßen , Pläße , Márkte ; aber alles war ſtumm und ohne Einwohner. Jo wanderte umher, bis ich an einen herrlichen Palaſt mit einem Garten tam, der mit Brun: nen und Fiſchteichen und Laubgängen und Blumen und Dorſtúden , mit Poſtlichen Früchten beladen, geziert war ; aber immer war nody niemand zu ſehen . Erſdređt duro dieſe EinfamPeit, eilte ich wegzupommen, und als id) ans dem Thore der Stadt war, und mid umPehrte, um alles noc eins mal zu überſehen , war nichts mehr davon da, und nur die fumme Wüſte breitete ſich vor meinen Uugen aus. „ In der Nähe begegnete ich einem alten Derwiſd . der in den Sagen und Geheimniſſen des Landes beman: dert war , und erzählte ihn , was mir vorgekommen. Dies , " ſagte er , wiſt der weitberühmte Garten von Frem, eines der Wunder der Wüſte. Er zeigt ſich nur manchmal einem Reifenden, wie dir, und erfreut ihn mit dem Anblid von Chürmen, Paláſten und Garteumanern, con reich beladenen Fruchtbäumen überhangen , und dann perſawindet er, und nichts bleibt als eine einſame Wüſte. Und dieß iſt ſeine Geſdichte. Ul$ in alten Zeiten dies ſes Land von den Additen bewohnt war , gründete der König Sheddad, der Sohn Hd's, des Urenkels von Noah, eine prächtige Stadt hier. U16 Rie vollendet war , und er ihre Größe rah , lowou ſein Herz von Stolz und Unmaßung , und er beſchloß , einen königlichen Palaſt mit Gärten zu bauen, welche mit allem wetteifertev , was in dem Koran von dem himmliſchen Paradies beridtet würde. Allein der Fluch di: Siw melo traf ihn wegen

150 ſeiner Unmaßung. Gr und ſeine Unterthanen wurden von der Erde weggeriffen , und ſeine glänzende Stadt, der Palaſt und die Gärten wurden unter einen ſteten Zauber gelegt , der ſie jedem menſchlichen Uuge verbirgt, nur daß ſie zu Zeiten geſehen werden, wenn man ſeiner Suuden unabläffig eingeben iſt." i, Dieſe Sage , o König , und die Wunder , die ich geſehen hatte , blieben meinem Gedächtniß ſtets gegen : wärtig, 'und in ſpätern Jahren, als ich in Aegypten ges weſen , und im Beſlße des Wiſſens des weiſen Salomo war , beſchloß ich zurüdzukehren , und den Garten des Irem wieder zu beſuchen . So that ich , und fand ihn meinem gereifteren Blid erſchloſſen. Ich nahm von dem Palafte Sheddad's Beſlß , und brachte mehrere Tage in dieſem kleinen irdiſchen Paradieſe hin. Die Genien, die den Palaſt bewachen , waren meiner magiſchen Kraft un: terthan , und entdecten mir die Zauber , durch weld der ganze Garten gewiſſermaßen in's Leben gerufen wor den, und durch die er unſichtbar war. Solch einen Pa: Taft und Garten , o König , kann ich dir, felbſt hier auf dem Berge über der Stadt machen . Renne ich nicht alle die geheime Zauberſprüche ? und bin ich nict im Beſlß des Buches des Wiſſens Salomons des Weiſen ? " „Dweiſer Sohn des Abu Ajeeb ! " rief Üben Ha buf , vor Begierde zitterad : ,, du biſt in der That ein Reiſender , und haſt wundervolle Dinge geſehen und ge: lernt ! Verſchaffe mir ein ſolches Paradies, und fordre jeden Lohn , war es aud die Dálfte meines Königreidas ." . ,, Ad !“ perfekte der Andere : ,, du weißt, id bin ein alter Mann und ein Philo,oph, und leidt zufrieden ges

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ftellt ; aller Lohn, welchen icy forbere, iſt das erſte Laſts thier mit ſeiner Bürde , das in das magiſche Thor des Palaſtes eiugehen wird." Der König bewilligte init freuden ein ſo mäßiges Begehren , und der Uſtrolog begann rein Werf. Uuf dem Gipfel des Hügels, unmittelbar über ſeiner unterirdiſchen Einſiedelei, ließ er einen großen Thorweg, pelcher in die Mitte eines ſtarfen Shurmes führte, erridten . Außerhalb war eine Vorhalle mit einem hohen Bos gen, und innerhalb deſſelben ein Thor, weldes ſtarke Thür rea roloffen . Auf den Schlußſteinen des Thores bildete der Aftrologe mit eigener Sand die Geſtalt eines großen Schlüſſels ab ; und auf den Schlußſtein des äußern Bos gens der Thorhalle, welcher höher war als der des Tho: res , grub er eine rieſige Dand ein . Dieſes waren zwei - mächtige Zaubermittel , über welche er viele Sprüche in einer unbekannten Sprache murmelte. U18 dieſer Shorweg fertig war, verſo leß er ſich zwei Sage in ſeinen aſtrologiſden Saal , mit geheimen Be: rdwörungen beſchäftigt ; , am dritten beſtieg er den Süs gel, und bracte deu ganzen Tag auf deſſen Gipfel zu. Spät in der Nacht Pam er herab , und ging zu Üben Habuz . ,, Eudlich, o König,“ ſagte er, „iſt meine Urbeit pollendet. Uuf den Gipfel des Hügels ſteht einer der entzüdendſten Paläſte , die je der Kopf eines Men: Ichen erſonnen , oder das Herz eines Menſchen begehrt hat. Er umſoließt Poſtbare Säle und Galerieen , prächtige Gärten, fühle Brunnen und duftreiche Bäder ; mit einem Wort , der ganze Berg iſt in ein Paradies umgereandelt. Gleich dem Garten des Jrem Meht er unter dem Sdirm eines mådtigen Zaubers, welcher it

152 bem Auge und dem forſchen der Sterblichen , mit dus. nahme derer entzieht, welche im Beſte des Geheimniffes feines Talismans find.“ „ Genug ! " rief Üben Sabuz vergnügt : ,, Morgen früh mit dem erſten Tageslicht wollen wir hinaufgehen , und Beſt nehmen ." Der glüdliche König id lief dieſe Nadt nur ſehr wenig. Kaum hatten die Strahlen der Sonne angefangen um den læneeigen Gipfel der Sierra Nevada zu ſpielen , als er ſein Pferd beſtieg , und , nur von wenigen auserwählten Dienern begleitet , einen ſtei 1 leu und engen Pfad emporſtieg , der den Higel herauf führte. Neben ihm ritt auf einem weißen Belter die gothilde Prinzeſſin , deren ganges Gewand vou Juwelen funkelte , während ihre fiberne Leier um ihren Hals hing. Der Uſtrologe ſchritt an der andern Seite des Königs, und ſtüßte fid auf ſeinen hieroglyphifden Stab, denn er beſtieg nie ein Pferd . Uben Sabuz ſchaute auf , um die Zhürme des Pas laſtes über ſich glänzen , und die umlaubten Terraſſen der Gärten die Höhe entlang ziehen zu ſehen ; allein es Das iſt das Geheims zeigte lid ihm nichts der Urt. niß," ſagte der úſtrolog, „ und die Scußmade des Oro tes ; mau Pann nichts entdeđen , bis man den zaaberge bannten Thorweg überſcritten bat, und in den Befis des Ortes geſeßt iſt." U18 ſie ſich dem Thorweg näherten , hielt der Uſtroe log an , und zeigte dem König die myſtiſche Hand und den Sdlüffel auf dem Sbor und dem Bogen. ,,Das iſt der Zauber ," ſagte er , „ welcher den Eingang in die fes Paradies bemacht. Bis jene Hand berabreicht,

153 und dieſen Schlüſſel ergreift , wird weder menſolide Madot nod zauberfraft dem Beſiber dieſes Berges eto was anhaben können .“ Während Aben Habuf mit offnem Munde und ſtummer Verwunderung dieſe moftiſdeu Zauber anſtarrte, idritt der Belter der Prinzeſſin weiter, und trag fie dard das Portal in die Mitte des Thorweges. ,,Sieh ,“ rief der Afrologe , ,,meinen verſprochenen Bohu - das erſte Thier mit ſeiner Bürde, das in das magiſde Thor eingehen würde. “ Uben Sabu ; tachelte über dieſen , wie er glaubte, foherzhaften Einfalt des alten Mannes ; als er aber fah, daß es Ernſt rey , gitterte fein grauer Bart vor Unwillen . „ Sohn des Abu Ajeeb , " ſagte er ſtreng : ,,welche Sweideutigkeit iſt dies ! Du Pennſt den Sinn meines Verſprechend: das erſte Laftthier mit ſeiner Bürde, wels ches in dieſes Thor einſchreiten würde. Nimm das ſtårtſte Maulthier in meinen Stållen , belade es mit dem Koſts barſten, was mein Schaß enthält, und es iſt dein ; aber wage es nicht, deine Gedanken zu ihr zu erheben , die die Frende meines Herzens iſt. “ ,,Was folten mir die Schaße, " ſagte der utrologe derådhtlid : ,, habe ich nicht das Buch Salomous des Weiſen, und durch dieſes den Solüſſel zu allen Schäßen der Erde ? Die Prinzeſſin iſt nach dem Vertrage mein ; dein Pönigliches Wort iſt gegeben ; id ſpreche ſie als

mein Eigenthum an." Die Prinzeſſin blidte ſtolz von ihrem Selter nieder , und ein leichtes Lächeln der Verachtung fråuſelte ihre roſige Lippe während dieſes Streites zweier Graubårte

151 um deu Beſitz der Jugend und Schönheit. Der Zora des Ronigs beſlegte ſeine Klugheit. „ Glender Sohn der Wüſte ," rief er , du magſt in vielen Künſten Meiſter reyn ; aber erkenne mid als deinen Meiſter , und wage P8 nidt, mit deinem König fu ſcherzen .“ „ Mein Meiſter ? " wiederholte der Aſtrologe : „ mein König ? der Beherrſcher eines Waulwurfhügels will deſs ſen Verrſcher reyn, der im Beſlß von Salomons Zauber iſt ? Lebe wohi, übeu Sabuz , herrſche über dein winzi: ges Königreich, und ſo márme in deinem Narrenparadies ; ich werde dich in meiner philoſophiſchen Einſamleit auss lachen .“ Bei dieſen Worten faßte er den Bügel des Zelters , ſtieß ſeinen Stab in die Erde , und fant mit der gothis ſchen Prinzeſiin durch den Mittelpunkt des Shorgauge. Der Boden ſchloß ſich über ihm , und keine Spur bers blieb von der Deffnung, durd welche er derſdwunden war. Aben Habuz war eine Weile von Staunen ſtamm . Ulb er Rich erholt hatte , ließ er tauſend Arbeiter mit Uerten und Spaten in den Boden graben, wo der Uſtro : loge verſo wunden war. Sie gruben und grubeu , aber amſonſt; der fellige Buſen des Hügels , widerſtand ihren Werezeugen , oder wenu fie ein wenig eingedrungen was ren , füllte ſich die Deffuung wieder ſo ſchnell als nie ges macht worden war. Ubeu Habuz ſuchte den Eingang der Höhle am Fuße des Hügels , durc welden man in den unterirdiſchen Palaſt des Uſtrologen gelangte ; allein er war uirgends zu finden . Bu vorher ein Eingang ges weſen , war jeßt die feſte flåde eines Urfelſen . Mit dem Verſchwinden des Ibrahim Ebn Abu Ajeeb hörte auch die Wirkung ſeines Taliemians auf. Der bronzene Reis

155

Bora der Efter uge

ein Feſ: Eer

;

ter fand nun feft, fein Geſicht dem Hügel zuwendend, und mit dem Speer auf die Stelle deutend, durch welche der Aſtrolog verſchwunden war , als ob dort der tödts ſidſte Feind von Üben Babuz noch weilte. Bon Zeit zu Zeit fonnte man den Klang von Mu: ne und die Töne einer weiblichen Stimme rawach aus der Tiefe des Hügels heraufic weben hören, und eiu Lands mann brachte eines Tages dem König die Kunde, er habe in der vergangenen Nacht einen Spalt in den Felſen ge. funden , durch den er gebroden fey, bis er in einen is terirdiſchen Saal ſah, in weldem der Uſtrologe auf einem práctigen Divan faß, fchlummernd , und zu den Klang der ſelbernen Leier der PrinzeſAn, die eine magiſde Ge malt über ſeine Sinne zu üben ſchien, uidend. Üben Sabuz ſuchte den Spalt in dem Fels , aber er war wieder geſchloſſen . Er erneuerte die Verſuche, ſeinen Nebenbuhler aufzugraben , aber alles vergebens. Der Zauber der Sand und des Schlüffels war ju måch tig , als daß ihn menſchliche Gewalt hätte, löſen können, Der Gipfel des Berges aber , wo der verſprochene Pa: laſt und Garten gelegen , blieb eine nadte Dede ; das geprieſene Elyſium ward entweder durch Zauberei vor dem Auge verborgen , oder es war ein bloßes Márden des Uſtrologen geweſen . Die Welt nahm gutmüthig das lepte an , und viele nannten den Plat des Königs Narrs heit ," während andere ihu des Narren Paradies " be: namſeten . Um den Rummer des Üben Sabuz zu erhöhen, madten die Nadbarn , welche er init Troß und Kohu bihandelt , und , im Bells peines ſchirmenden Reiters, nad Laune zu Grund geridtet hatte , und die rabeu,

156 daß er vidt mehr im Beſte des Zaubers war, von allen Seiten Einfälle in ſein Gebiet , und der Lebensreſt des friedlichſten der Monarcen war ein Gewebe von Unruheu. Endlich ſtarb Üben Sabuz , und wurde begraben . Fahrhunderte ſind ſeitdem vergangen . Die Alhambra ift auf dem merkwürdigen Berge erbaut worden , und ver . wirklidt in gewiſſem Grade die mährchenhaften Freuden von Frem's Garten. Der bezanberte Shorweg ſteht, indem ihn ohne Zweifel die magiſche Sand fchirmt, nod vollſtändig , und bildet jeßt das Thor der Geredtigkeit, den Haupt: Eingang zur Beſte. Unter dieſem Thor wohnt der Sage nach , der alte Aſtrolog in ſeinem unterirdis Ichen Saal , und nidt auf ſeinem Divan , von der Sil. ber : Leyer der Prinzefſin eingemiegt. Die alten Invaliden , welche die Wache an dem Thore haben, hören zuweilen in den Sommernachten die Löne, und niden , der einſóláfernden Kraft derſelben weis cend , ruhig auf ihren Porten . Ja , ein ro ſchläfriger Einfluß beherrſcht den Palast, daß man dieſe Waden ſelbſt bei Tag auf den Steinbänken der Thorhalle niden oder unter den nahen Bäumen ſchlafen ſieht, ro daß es in der Zhat der faláfrigſte Poſten in der ganzen Chris Atenheit iſt. Ulles das , ſagt die alte Legende, wird von Sahrhundert zu Fahrhundert währen, die Prinzesſin wird die Gefangene des Aſtrologen bleiben , und den Uſtrolos gen wird die Prinzeſſin in magiſdem Schlummer halten , bis zum leßten Tag, wenn die geheimnißvolle Hand nicht den gefeiten Schlüſſel ergreift, und den ganzen Zauber dieſes beherten Berges aufhebt.

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Der burm der Prinzeſſinnen .

Bei einem Abendſpaziergange durch ein enges Shal : den hinauf, welches das Gebiet der Beſte von dem des Generalife trennt, und von Feigenbäumen, Granaten und Myrthen überſdattet tft, fiel mir der romantiſche Anblid eines mauriſchen Thurms in der äußern Mauer der Uls hambra auf, der über die Baumwipfel empor flieg , and die róthlichen Strahlen der untergehenden Sonne zu: rüdgab. Ein einziges Fenſter in einer großen Höhe hatte die Ausſicht auf das Thålchen . Während ich hinaufiah, blidte ein junges frauenzimmer heraus , deſſen Haare mit Blumen geſchmüct waren. Sie hörte offenbar nicht der gemeinen Klaſſe des Volkes an , welche die alten Shürme der Beſte beroohnen ; und ihre plöbliche romans tiſde Erſdeinung erinnerte mich an die Beſchreibungen don gefangenen Schönheiten in den Feenmärchen. Dieſe phantaſtiſchen Ideenverbindungen wurden nod durd die Nachricht beſtärft , welche mir mein Begleiter Mateo gab , daß dieſes der Thurm der Prinzeſſinnen (la Torre de las Infantas ) rey , und ſo genannt werde , weit er, der Sage nach , die Wohnung der Töchter der mauriſden Könige geweſen. Ich habe ſeitdem den Zhurm beſucht. Man zeigt ihn in der Regel den fremden nicht, obgleich er der Beachtung werth iſt ; denn das Inneré ſteht, an Sdönheit der Architektur und Sterlid Peit der Uus

158 ſchmüdung, Peinem Theile des Palaſtes nach . Die Eles ganz des mittlern Saals mit ſeinen Marmorbrunnen, ſeinen hohen Bögen und der reiden Dedenverzierung, die Arabeslen und die Stuccoarbeiten des Pleinen aber 'in ſchönen Verhältniſſen gebauten und nur leider durch Zeit und Vernachläßigung fehr beſchädigten Gamaches -alles ſtimmt mit der Geſchichte überein, daß einſt Pönigs liche Schönheiten hier gemeilt. Die kleine alte Feenkduigin , die unter der Treppe der Ulhambra wohnt, und die Abend-Tertulias der Dame Antonia juweilen beſucht , erzählt manche wunderſame Germichte von drei mauriſdeu Prinzeſſinnen , welde einſt von ihrem Vater , einem tyranniſchen König von Gra: nada , in dieſer Thurm geſperrt, und denen uur Nacts erlaubt worden war , in den Bergen umher zu reiten, wo es bei Todesſtrafe niemand wagen durfte , ihnen zu begegnen . Mann fann fle, der Nachricht jenter Frau zus folge, noch manchmal bei'm Vollmond an einſamen Pläßen die Bergſeite entlang auf reich aufgezäumten Zeltern und von Edelſteinen funPelnd, reiten ſehen ; aber ſie verſchwins den, ſobald man ffe anredet. Che ich aber das Weitere in Betreff dieſer Prin: zeſſinnen erzähle , wird der Leſer begierig renn , etwas von der ſchönen Bewohnerin des Thurmes mit den blue menbegränzten Loden , die aus dem hohen Fenſter fah , zu erfahren. Es fand ſich , daß ſie ſeit kurzer Zeit die Gattin des würdigen Invaliden :Adjutanten war , ber, obgleich ziemlich bejahrt , den Muth gehabt hatte , eine junge, dralle andaluſiſche Maid an ſein Derz zu nehmen. Möge der gute, alte Caballero in ſeiner Wahl glüdlic

159 reyn , und in dem Thurm der Prinzeſſinnen einen fiches rern Pufenthalt für weiblide Soðuheit finden , als er Nie in der Zeit der Mosleminen erwieß , wenn man føl: gender Sage glauben darf !

Sage von

den

dret fchon e n Prins

feffinnen .

Ju alten Zeiten herrſchte ein mauriſcher König zu Granada, der Mahomed hieß , und dem ſeine Untertha: nen den Beinamen „ el Haygari“ oder der Lindiſchen "gaben. Einige ragen , man habe ihn ſo genannt, weil er wirklich ſeine linke Hand beſſer zu brauchen verſtand, als ſeine rechte ; andere, weil er gewöhnlich alles an dem unrechten Ende angefangen , oder mit andern Worten , alles, womit er ſich befaßt , verpfuſcht habe. Gewiß . ift es , er lebte ſtets in Trúbral, rey es nun aus Unglück oder Ungeſchidlichkeit; dreimal wurde er vom Chron gez ſtoßen , und rettete das eine Mal mit Noth kaum rein Leben , indem er in der Verkleidung eines Filders nach Afrifa floh . Doch war er ebeu ro tapfer , als unges ſchidt , und lamang , obgleid linkhåndig ſeinen Sä: bel ſo mader , daß er ſich jedesmal , kraft harten Rams pfes , wieder auf den Thron rawang. Statt aber ans dem Unglüd Weisheit zu lernen, wurde er halsſtarriger, und rein linker Arm in Eigenwille geſtärft. Das öffents

160 tice Unglüd , das er ſo auf ſich und ſein Königreid brachte, kann man in den arabiſden Jahrbücern Gra: nada's nadleſen ; die gegenwärtige Sage hat es nur mit ſeinem häusliden Leben zu thun. Als dieſer Mahomed eines Tags mit einer Schaar ſeiner Höflinge den Fuß des Berges von Elvira ent: lang ritt, begegnete er einem Reiterhaufen , der von etnem Streifzug in das Gebiet der Chriſten juridtam , Sie führten einen langen 3ug Maulthiere , welche mit Beute und vielen Gefangenen beiderlei Geſchlechts belas den waren ; unter den leßtern fiel dem König ein ſchönes , reich gekleidetes Fräulein auf , das weinend auf einem kleinen Selter ſaß , und der tröſtenden Worte einer Duenna, die neben ihr ritt, nidt ad tete. Der von ihrer Soinheit geblendete König erfuhr von dem Anführer der Søaar , fie rey die Tochter des Alcalde einer Grenzveſte , welde während des Streife zugs überrumpelt und geplündert worden ſey. Mahomed nahm ſie als königliden Antheil an der Beute in Uns ſpruch , und ließ fie in ſeinen Sarem in der Alhambra führen. Hier that man alles Erſinnlide, um ihre Sower: muth zu beſänftigen , und der mehr und mehr verliebte König fugte ſie zu ſeiner Gemalin zu machen. Die ſpaniſche Maid wieß erſt ſeine Anträge zurück er war ein Ungläubiger er war der offene Feind ihres Lans des was noch ſchlimmer, er war bei Jahren. Uis der König fah , daß ſeine Bemühungen frucht: los blieben , beſchloß er , die Duenua , welche mit dem Fräulein gefangen genommen worden, für ſich zu gewinnen. Sie war von Gebart eine Andaluſterin , ihr chriſlider

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Name iſt aber vergeſſen worden, denn in den mauriſden Sagen hat ſie keinen andern Namen , als den der Flu: gen Kadiga und Plug war ſie in der Shat , wie ihre ganze Geſchichte deutlid zeigt. Der mauriſde Röuig hatte nicht ſobald eine kurze geheime Unterredung mit ihr gehabt , ſo begriff ſie anc fchou das dringliche reiner Gründe , und unternahm es , feine Sache bei ihrer jun: gen Serrin zu führen. „Ei was ," ſagte ſie, „ wozu denn all dieß Weinen und Jammern ? iſt es nicht beſſer , die Gebieterin die. res ſchönen Palaſtes mit allen ſeinen Gärten und Bruu: nen zu feyn , als fic in Eures Baters alten Grenzthurm einſperren zu laſſen ? Daß dieſer Mahomed ein Unglau. biger iſt, was thut dieß zur Sache ? Ihr heirathet ihn , nicht reine Religion, und wenn er ein wenig alt zu wer: den anfängt, so werdet ihr am ſo eher eine Wittwe und Eure eigue Serriu reya ; in jedem Falle rend Ihr in ſeiner Gewalt , und müßt entweder eine Königin oder eine Sclapin repu. Wenn man in die Bände eines Räu bers gefallen iſt, ſo iſt es beſſer , feine Waare um einen guten Preis abzuſeben , als ſie fid mit Gewalt abnehs men zu laſſen." Die Gründe der Flugen Kadiga ſiegten . Die ſpa niſche Dame trodnete ihre Thränen , und wurde die Sattin Mahomed des Linkiſchen ; ſie bequemte fi fos gar , dem Anſceine nach , zu dem Glauben ihres Po: niglichen Gemals ; und ihre fluge Duenna bekannte fide alsbald zu den Lehren des Moslemim ; in die: ſer Zeit erhielt leptere den arabiſchen Namen Kadiga, und die Erlanbniß, die Bertraute der Königin zu bleibeu. 44 – 47 11

162 Zur gehörigen Zeit wurde der König zu dem fol. ten und glüdliden Vater oon drei liebenswürdigen Prin: refſinnen gemadt, die alle drei zur felben Stunde das Licht der Welt erblicten ; er modte lid wohl Söhne gewünſcht haben , tröſtete ſich aber mit dem Gedanken , daß drei auf einmal geborne Tochter etwas gauz hüb : des für einen Mann von Jahren wäre, zumal für einen lintiſchen ! Wie es bei den moslemitiſchen Monarchen Sitte ift, berief er bei dieſem glüdliden Begebniß ſeine Uſtro: logen. Sie ſtellten die nativität der drei Prinzeſſinnen, und ſchüttelten die Köpfe. ,,Södter , König," fagten fie, find immer ein unſicheres Gut ; aber dieſe werden deine Wachſamkeit am meiſten vonuðthen haben, wenn fie in das mannbare Ulter tommen ; zu fener Seit nimm ſie unter deine Schwingen , und vertraue rie Pei: nem andern Schabe.“ Mahomed der Lintiſde war ſeinen Söflingen als ein melfer König befannt , und betrachtete ſich gewiß felbft als einen ſolden . Die Prophezeihung der Aftrologen verurſachte ihm nur wenig Unruhe , denn er baute auf ſeinen Scharfſion, ſeine Södter zu häten, und das Sdicts fal zu überliften . Die dreifache Geburt war die lebte ehelide Trophäe des Monarchen ; ſeine Gemalin gebar ihm feine Kinder mehr, und ſtarb in wenigen Jahren , ihre jungen Tóch ter ſeiner Liebe und der Zreue der flugen Kadiga bera madent. Viele Jahre mußten nod verlaufen , ehe die Prins jeffnnen jene Periode der Gefahr - das mannbare Ula

163 ter erreichen konnten. „ Es iſt aber gut, bei Seiten porſidig fegu," ſagte der idlaue König ; nad fonad be: chloß er , fie in dem Pönigliden Soloſſe Salobrenna irziehen zu laffen. Dieß war ein Rattlicher Palaft, der gewiſſermaßen wie ein Kern in der Rinde einer måd : rigen mauriſchen Beſtung und auf dem Gipfel eines Hů: gelo lag , welcher das mittelländiſche Meer åberblidte. Er war eine Pönigliche Wohnung , in welcher die modle: mitiſchen Monarchen diejenigen ihrer Verwandten, welche ihrer Stderheit gefährlic fchienen , eingeſperrt hielten, und ihnen jede Art Wohlleben und Unterhaltung geftat: teten , in deren Mitte fie ihr Leben in wodůſtiger Tråg: heit hinbrachten . Hier blieben die Prinzelfingen , von der Welt abge ſondert, aber von Freuden umgeben und von Selavinnen bedient, welche ihren Wünſchen zuvorkamien. Sie hatten ju ihrer Erholung Poftliche Gärten , von der feltenſten Blumen und Früchten , mit aromatiſchen Gebüſchen uod. wohlriechenden Bådern. Von drei Seiten ſchaute dag Schloß auf ein reiches Thal nieder , das mit dem man: nichfaltigſten Aubau geziert , und vou dém hohen Alpus rarra - Gebirg begrenzt war ; auf der andere Seite zeigte es das weite ſonnige Meer. Die Prinzeſſinnen erwuchſen in dieſer foflichen Woh: nung , unter einem glüdlichen Klima und einem wollen: loſen Himmel zu wunderbarer Schönheit; allein , obo gleid fle alle auf gleiche Weiſe erzogen wurden , gaben fie doch früh Seiden einer großen Verſchiedenheit des Charakters. Ihre Namen waren Zunda , Zoranda und 11 *

161 Zorahayda ; und ſo folgten ſie in den Alter , denn es waren genau drei Minuten zwiſchen ihrer Geburt. Bayda , die älteſte , war von unerſchrocyem Geiſt, und ging ihren Schweſtern in allem vorau , wie ſie dieß idon bei dem Eintritt in die Welt gethan hatte. Sie war neugierig und wiſſeusluftig und fab gern allen Din . gen auf den Grund . Zoranda hatte ein großes Gefühl für Schönheit, was ohne Zweifel der Grund des Vergnügens war, das fie empfand, wenn ſie ihr eigenes Bild in einem Spiegel oder einem Brunnen fab , ſo wie ihres Vorliebe für Blamen , Juwelen und andern ſchönen Pug. Was Zorabanda, die jüngſte betrifft, ſo war ſe ſanft und füditern und ungemein gefällig , zugleid beſaß die viel hingebende Zärtlichkeit , wie man aus der Menge ihrer Lieblingsblumen und Lieblingsvögel und andern Liebling $ thieren erfab , die ſie alle mit der jártlid ten Sorgfalt pflegte. Uud ihre Unterhalungen waren freund: licher Art, und es mildte lid ihnen etwas ſinniges und traumeriſches bei. Sie ſaß oft ſtundenlang auf einen Ballon, und ſah zu den funkelnden Sternen einer Som , mernaďt empor, oder auf die See , die der Mond über glångte , und in ſolchen Augenbliden reidte das Lied eines Fiſchers , pon dem Strande ſchwach herauftinend, oder die Töne einer mauriſchen Flöte aus einer tanzen , den Barle, hin, ihre Gefühle bis zur Berzūdung zu fleto gern. Der Pleinſte Uufruhr der Elemente aber erfüllte Te mit Leidweſen , und ein Donnerdall reidte hin , fle in eine Dhumacht zu verſenken . Jabre enti mauden in Wonde und Reiter Peit ; die

165 Pluge Radiga , der man die Prinzeſſionen anvertraut hatte , war ihrer Prict trea , and weihte ihnen die uns ermüdlichſte Sorgfalt. Das Sbloß Salobrenna war , wie geſagt, auf eine Unhöhe an der Seelüſte gebaut. Eine der äußern Mauern lief an der Seite des Hügele hinab , bis Me einen abe Idüligen Felſen erreichte , der über die See hinandhing, orit einem ſchmalen ſandigen Pfad au ſeinem Fuß , den die fpülenden Mogen Pußten . Eine Pleine Warte auf dieſem Felfen war zu einem Pavillon eingerichtet wor: Den , deffen dergitterte Fenſter die Seeluft zuließen. Hier Pflegten die Prinzeſſinnen die warmer Stunden des Mit: tags hinzubringen. Die neugierige Zayda ſaß eines Sags an einem der fenfter des Pavillons , während ihre SAweſtern , auf Dttomanen ruheud, ihre Sieſta hielten. Ihre Aufmerts ſamkeit war von einer Barle; die mit abgemeſſenen Ra: derſchlagen die Küſte entlang Pam , in Anſprud genom men worden. Als fle nåber Pam , bemerfte ſie , daß fie mit Bewaffneten bemannt war . Das Fahrzeug ankerte an dem Fuße des Thurms ; eine Anzahl mauriſcher Sol: baten landete an dem ramalen Geſtade ; ſie führten mebs rere driftliche Scladen. Die neugierige 3ayda wedte thre Schweſtern , und alle drei lugten borſichtig dard die didyten Jaloufleen des Fenſters, welche verhinderten, daß man ple ſehen konnte. Unter den Gefangenen ma : ren drei reid gekleidete ſpaniſche Ritter. Sie waren in der Blüthe der Jugend und von edlem Anſehen ; und die folge Art ihres Benehmens , troß der Ketten , mit denen He beladen voo der finde , voy denie Pe umjee

166 ben waren, verrieth die Größe ihrer Seelen. Die Prin: jeffingen ſchauten mit hoher athemloſer Theilnahme. Da fie bisher in dieſem Sdloffe mit weiblider Bedienung eingeldloſſen waren , und von dem männlichen Geldlechte nichts geſehen hatten , als ſchwarze Sclaven oder die rauhen filder am Seegeſtade, kann man ſid uidt wuns dern, daß die Erſdeinung von drei edeln Rittern in dem Stolze der Jugend und männliden Sdönheit eine Re: gung in ihren Herzen hervorbrachte. er sat je etwas Edleres die Erde betreten, als jener Ritter in Scarlad ?" rief Banda , die älteſte der Sowe: ſteru. „ Seht wie folg er lid benimmt , als wären alle die um ihn ſeine Sclaven !" „ Uber ſchaut jenen in Grün!" rief Zoranda : ,, melde Unmuth ! melde sierlid Peit ! welche Hoheit !" Die holde Sorahanda (agte nidte, aber fle gab int :

geheim dem Ritter im Grün den Vorzug. Die Prinzefſinnen wandten fein Aage ab , bis die Gefangenen aus dem Geſidt entſchwanden ; davu pere haudteu pe ſchwere Seufzer, wendeten fida um , blidten einander einen Augenblid an , und repten lid ſlunig und nachdenkend auf ihre Ottomanen. Die Pluge Kadiga fand ſie in dieſer Lage; fie er: gåhlten ihr , was ſie geſehen hatten , und felbft das per : witterte Berz der Duenna erwärmte. Ridh. „Arme Rna: ben !" rief ſie aus : „ Id bärge , das Herz mancher fo : nen und bodgeborgen Dame ſeufzt in ihrem Seimath . ſande über ihre Gefangenſdaft ! Ach , meine Kinder, Ihr könnt Euch kaum denken , welches Leben dieſe Ritter in ifrer Seimath führen . Weld eine Pract bei den Tours

167 nieren ! welche Ergebenheit gegen die Frauen ! welches Liebesmerben und Ständchenbringen !" Die Neugierde Bayba's war vollſtändig wad ; ſie war unerlättlich in ihren Fragen , und entlodte der Dueuna die lebendigſten Gemälde der Scenen ihrer Ju: gendtage und ihres Seimatblandes. Die ſchöne Zoranda richtete ſic empor , und betrachtete fid følau in einem Spiegel , als die Rede auf die Reige der ſpaniſchen der Frauen tam , wahreud Sorahanda bei der Erwähnung Mondidein-Serenaden einen ſchweren Seufzer unterdrüdte . Jeden Tag erneuerte die neugierige zayda ihre Fra : geu , und jeden Tag wiederholte die kluge Duenna ihre Gedichten , denen ihre ſchönen Zuhörerinnen mit bober Theilnahme, obgleid aud unter häufigen Seufzero, lauſchten . Die tluge alte frau fühlte zuleßt doch das Unheil , das file anzuſtellen im Begriff war . Sie war daran gewöhat , der. Prinzeſſinnen uur wie Kinder zu geteulen ; ſie waren aber uumerklich unter ihren Augen herangereift, und blühten nun vor ihr als drei liebliche Prinzeſſinnen von mannbarem Alter. Es 'es iſt Zeit, daste die Duegua, dem König Nachricht zu geben . Mahomed der Lintiſce saß eines Morgens auf einem Divan in einer der Püblen allen der Alhambra , als ein Sclave von der Beſte Salobrenna als Bote der weiſen Kadiga antam , welche ihm zu dem Geburtstage feiner Södter Olüd wandte. Der Sclave redite ihm zu Fletcher Seit ein ſchönes Körbchen mit Blumen dar , in denen auf einer Unterlage von Weins und Feigenlaub ein Parfide, eine Aprikoſe und eine Nectarine fag , mit ifrer Blithe, ihrem Paaum und ihrer thanigen Liublin .

168 feit darauf, und alle in der frühen Seit verführeriſchen Reife. Der König war in der morgenländiſden fradite. und Blumenſprade erfahren , und errieth ſogleid den Sinn dieſes bildlichen Geldent. ,, Alſo , " ragte er , , iſt die bedeutungsvolle Zeit, melde die A&rologen andeuteten , gelommeu ; meine Idde ter ſind in einem maunbaren Alter. Was iſt zu thun 3 Sie ſlud vor den Augen der Männer abgeſchloſſen ; Mle find unter den Augen der Plügen Kadiga : - alles ſehr gut dod aber ſind ſie nicht unter den Vugen ihres Baters , wie durd die Aſtrologen vorgeførieben würde ; id muß fie unter meine Sdningen nehmen , und darf ſie Peinem andern Souze vertrauen ." So fprad er , und befahl , daß ein Sharm in der Alhambra für ihre Aufnahme eingeridtet werden ſollte, worauf er an der Spiße ſeiner Waden nad der Beſte

Salobrenna abréifte , um ſie perſönlich nad pauſe jo geleiten . Gegen drei Jahre waren vergangen , ſeit Mahomed ſeine Tädter geſehen hatte , und er konnte ſeinen Augen Faum trauen , als er die wunderbare Veränderung geo wahrte , welche dieſer kurze Zeitraum in ihrem Ueußern hervorgebracht hatte. Sie hatte in dieſem Zrifdenraume die wundervolle Grenze im weibliden Leben überforits ten , welche das wilde, ungezähmte und gedankenloſe Mädchen von dem blühenden, erröthenben , nachdenkenden Wetbe treant. Es iſt, wie wenn man aus den flachen, ſchaalen , langweiligen Ebenen der Manca in die üppie gen hater und fchwellenden Bügel Andaluſiens übergeht. Büyda war groß und foor gebildet, und hatte eine

169 ftolze Daltung und ein durchdringendes Ange. Sie trat mit gemeſſenem und entfd iedenem Schritte ein , und madte Mahomed eine tiefe Verbeugung, ion mehr als ihren Fürſt, denn als ihren Vater behandelnd. Boranda war von mittlerem Wuore mit einem bezaubernden Blid und leichter Saltung , und einer gläuzeuden Søðnbeit, welde durd den Betſtand des Pußtiſches noch erhöht würde. Mit einem Ladeln näherte ſie nic threm Da. ter, Pußte ihm die Sand , und grüßte ihn mit mehreria Strophen aus einem beliebten arabiſden Dichter , was dem König große Freude machte, : Zoraharda war deur und (düd tern , Pleiner als ihre Schweſtern , und befak eine Schönheit jener zarten, bittenden Art, die Liebe und Schuß fugt. Sie war wenig geeignet zu befehlen , wie ihre altere Schweſter , oder zu blenden , wie die zweite ; Me mar eher geſchaffen , ſich an die Bruſt männlider Liebe zu ſchmiegen , lich darin feſtzuſeßen , and glücklio zu werden. Mit dügternem and fast wankendem Schritt trat pe an ihren Vater heran , und würde ſeine Hund gefaßt haben , um ſie zu küflen , wenn ſie nidt in ſein Gatliß emporgeſehen hätte ; da ſie bemerkte, daß ein vd. terliches Lücheln darauf glänzte, machte ſich die Bårtlich. Peit ihres Weſens Luft, und ſie warf ſich an ſeine Bruſ. Mahomed der Linkiſche rah auf ſeine Tochter mit einem Gemild von Stolz und Berlegenheit ; denn wäb. rend er fiber ihre Reize entzudt war , gedachte er der Prophezeihung der aſtrologen . Drei Södter ! drei 20dhter !" murmelte er wiederholt für ſid : „ und alle in mannbarem Uiter ! das ſind verführeriſche Hesperidea frigte, welche die Wache eines Draden fordern. "

170 Er fqidte ſich zur Rådtehr nad Oranada an, und fandte - Derolde vor fid her , mit dem Befehl, niemand auf dem Weg , welden er nehme, weilen , und bei dem Derannaben der Prinzeſſinnen alle haren und Fenſter foließen zu laſſeu . Als dieß beſtellt, brad er unter dem Geleite einer Sdaar dwarzer Reiter von euslidem Unblid , and in glänzende Rüftungen gehüüt, aaf. Die Prinzeſſinueu ritten , ſorgfältig verſchleiert auf weißen Zeltern mit fammtnen Sdabrafen , welche mit Gold bereßt waren und auf dem Boden føleiften , ne ben dem König ; die Gebiffe und Steigbügel waren von Gold , und die ſeidnen Zügel mit Perlen und Edelſteis neu geſchmüdt. Die Belter waren mit kleinen Silber: gloden behångt , welde , während ſie zierlich dahinſorit: ten , das barmonildeſte Klingela hören ließen. Wehe aber dem unglüdliden Biote , welder auf dem Weg zauderte , wenn er das Klingeln dieſer Glódchen hörte ! Die Wagen hatten Befehl, ihn ohne Gnade nies Derjuhanen . 1 Der Reiterzug nåberte lid Granada , als er , an den Ufern des fluffes Xenil eine Pleine Schaar maues rifder Soldaten , welche Gefangene führten , einholte. Es war für die Soldaten zu ſpät, aus dem Wege zu ge: ben ; ſie warfen lid daher mit ihren Geſiotern auf die Erde , und befahlen ihren Gefangenen , ein Gleides zu thun. Unter den Gefangenen waren dieſelben drei Rits ter, toelde die Prinzeſiluuen vom Papidon and gefehen batten. Sie ratten den Befehl entweder nidt verſtans den , oder waren zu ſtolz, um ihm zu geborgen , und

171 blieben ſtehen , und betrachteten den Reiterzug, der fic náherte. Der Zorg des Monarcen entbranute bei dieſem anffallenden Troß gegen ſeine Befehle. Er zog ſeineu Sábel, ſprengte vorwärts , und war im Begriff , einen linthåndigen Streid zu führen , der wenigſtens einem der Sdauenden tödtlich werden konnte , als die Prins jefflonen ,ſido um ihn drängten , und um Gnade für die Gefangenen baten ; ſelbſt die farchtſame Zorahanda der: gaß ihre Soeue, und wurde beredt zu ihren Gunſten . Aufgehobenen Säbels hielt Mahomed ein , als der füh: rer der Waden lid ihm zu füſſen warf. „Deine Ma: jeſtát, " ſagte er , Caffe fid zu feiner Shat verleiten , welche in dem ganzen Königreich große Wergerniß erres gen Pönnte. Da ſiehſt drei tapfere und edle ſpaniſme Ritter vor dir , welche , wie Lömeu fechtend, im Kampf gefangen wurden ; ſie ſind vou hoher Geburt , und fón: pen ein großes Loregeld einbringen ." - ,, Genug ! " ſagte der König, ,,id werde ihr Leben ſchonen, aber ihre Kühne beit beſtrafen ; - lebt ſie in den rothen Zhurm , und gebt ihnen dwere Arbeit, " Mahomed machte einen ſeiner gewöhnlichen lintiſchen Streiche. Ju dem Tumult und der Erregung dieſes ſtürmiſchen Auftritts waren die Sd leier der drei Prin: jefflonen zurüdgefallen , und der Glanz ihrer Schönheit enthält worden ; und durch die Verlängerung der Vers handlung hatte dieſe S¢ ðnheit Zeit geroonuen , ihre vjúc Wirkung fu thun . Ju jener Zeit verilebten fid die Leute piel faneller als jeßt, wie dte atten Geldichten dariğün ; man dari fich daher nicht wundern , daß die Herzen der

172 drei Ritter pollfommen gefefſelt wurden , deſonders da Rid die Dankbarkeit zu ihrer Bewunderung gefette ; es iſt jedoch etwas wunderbar , obidou darum niớt minder gewiß , daß jeder von ihnen in eine andere Schönheit verliebt war. Was die Prinzeſſinnen betrifft , ſo waren ſie mehr denn je über die edle Haltung der Gefangenen erſtaunt , und pflegten in ihreu Sergen alles liebedou , was fle von ihrer Zapferkeit und edlem Geblüt get dit batten . Die Reiter fepteu lhren Weg fort; die drei Prin : zeſhunen ritten nachdenklich auf threu klingelnden Zeltern entlang , und warfen zuweilen einen verſtohlener Blid zurüd nad den driftlichen Gefangenen , und die leßtern wurden in ihr angewieſenes Gefängniß im rotheu Zhurm gebradt. Die für die Prinzeſſiaen eingerichtete Wohnung war eine der zierlich ſteu , die man ſich denken Pann. Sie war in einem Zhurm , etwas abgeſondert von dem Hauptpas laſte der Alhambra, obgleich durch die Haptmauer, welde den ganzen Gipfel des Hügels umgab, mit ihm verbuns den. Auf der einen Seite überſchaute man hier das Janere der Beſte, und blidte an dem Fuße des Thurms auf einen Pleinen mit den ſeltenſten Blumen geſomůdten Garten . Uuf der andern Seite hatte man die Ausſicht auf eine tiefe belaubte Schlucht, welche das Gebiet der Alhambra pou dem des Generalife trennte. Das Jnuere des Zhurms war in Pleine feenhafte Gemåder getheilt, Belche ſchon in dem leichten arabiſchen Style ausge. faldt waren , und einen hohen Saal umgaben , detten Armooldte Dedt far bis zum Gipfel der Shurms ropor:

173 ſtieg. Die Wände und das Getafel -des Saats waren mit Arabesten und erhabener Arbeit , von, Gold und glänzenden Farben funkelnd, geziert. In der Mitte des Marmorbodens war ein Ulaba terbrunnen , der ringsum mit aromatiſdem Geſtrauch und Blumen befekt war, und einen Waſſerſtrahl emporſandte , welcher das ganze Oebäude fühlte , und einen lieblich ſanften Tou verbrei tete. Um den Saal hingen Käfige von Gold- und Sil: berdraht , in welchen Singoogel von dem ſchönſten Gle fieder ſo, wie der ſüßeſten Stimme waren. Da die Prinzeſſinnen als ſtets fröhlich geſchildert worden waren , ſo lange nie das Saloß Salobrenna be wohnten , ſo erwartete der König , ſe entzüdt von der Alhambra zu ſehen . Zu ſeiner Berwunderung aber flos gen ſie an, ſich zu gråmen , und melancholiſch und anzu: frieden mit allem um ſie her zu werden. Die Blumen gaben ihnen keinen Duft , der Geſang der Nachtigal Börte ihre Nachtruhe, und der Alabaſterbrunnen mit ſeiz nem ewigen Getropf und Geplätſcher, von Morgen bis zur Nacht und von der Nacht bis zum Morgen, brachte fie un alle Geduld. Der König , der etwas märriſcher und tyranniſcher Natar mar , nahm dies anfangs ſehr ungrådig auf ; als lein er bedachte, daß ſeine Tödter ein Uiter erreiďt båte ten , wo der weibliche Geiſt ſich ausdehnt , ' uud reine Wünſche lid vermehren. „ Sie ſind Peine Kinder mehr," ſagte er zu fic felbft : ſie find Jungfrauen geworden, und verlangen paſſende Gegenſtände, welche ſie anziehen .“ er ließ demnach alle Sdueider , alle Juweliere , al Gold : nnd Silberarbeiter in dem ganzen Bacatin to

174 Granada in Anſpruc nehmen , und die Prinzeſſinnen wurden mit Kleidern von Seide und Goldftoff und Brokat , und Raſimir : Shawls und Halsbändern von Perlen und Diamanten , und Ringen und Spangen und Armbändern und allen Arten von Fortbaren Dingen åberſchüttet. Allein es half alles nidts ; die Prinzeſſinnen blieben blaß und fdmagtend inmitten ihres Pußes , and fahen aus , wie drei verdorrende Roſenknospen , die an einem Stengel fdmadten . Der König wußte nidt , was er thun route. Er hatte im Augemeinen ein lobenswerthes Vertrauen in ſein eigenes Urtheil, und nahm nie Rath an. Die Launen und Einfale drei mannbarer Todter aber reidten hin, ſagte er , den fælaueſten Kopf zu der: mirren. So uahm er zum erſten Mal in ſeinem Leben Rath 3u1 Halfe. Die Perſon , an welde er ſich wandte, war die er : fahrne Duenna. ,,Kadiga," ſagte der König, „ich weiß , du biſt eine der klågſten Frauen der Welt, so wie eine der treueſten ; aus dieſen Gründen habe id dich immer am meine Söds ter gelaffen . Båter Pönnen nicht zu genau zuſehen, wem fie ein ſolches Vertrauen ſchenken ; ich wünſchte jest, daß du die geheime Krankheit ausfindig madteft , welche an den Prinzeſſionen gehrt , und daß du auf Mittel ſionſ , le der Geſundheit und Freude zurüđ zugeben." Kadiga verſprad unbedingten Gehorſam . Jn der That wußte ſe mehr don der Krankheit der Prinzeſſins nen , als dieſe ſelbſt. Sie ſic loß nic jedod mit ihnen ein, und bemühte fich, in ihr Vertrauen ſich einzuſchmeideld.

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„ Meine liebe Kinder ," ſagte fie : Warum legd ihr ro betrübt und niedergeſchlagen , an einem ſo ſchönen Drte , wo ihr alles habt , was das Berz wunden Pann ? " Die Pringerſinnen lauten gebautenlos im Zimmer umher und ſeufzten. · Was wollt ihr denn mehr haben ? Soll ich euc den wundervoúen Papagei verſchaffen , der alle Sprachen ſpricht und das Vergnügen von Granada iſt ?" , Ubroeulid !" rief Pringeffia Bayda : ,,ein hablis der , Freiſchender Vogel , der Worte ohne Gedanken idnattert ; man müßte hirulos reyn , ſolch eine Peſt zu ertragen." ,, Sou ich nach einem Uffen vom felſen Gibraltars schulden , um eud duro feine Scwante zu zerſtreuen ?" ,,Ein affe , pfui !" rief Boranda : ,,der abſcheulice 34 baffe das widerlide Nadahmer des Menſden . Shier. " ,,Was fagt ihr zu dem berühmten ſchwarzen Sán: ger Caſem , ' aus dem königliden Harem von Marocco ? &r fou eine Stimme haben , ſo ſchon , wie die eines Weibes." „ Mid erſchreckt der Unblid dieſer ſchwarzen Scla, ben , " fagte die zarte Sorahayba : überdies babe ich alle Freude an der Muſe verloren." „ Ud , mein Rind , thr würdet midt ſo ſprechen , " ſagte die alte frau liſtig , wenn ihr die Muſle hörtet, die id die feßte Nadt von den dret ſpaniſchen Rittern, denen wir auf buſerer Reife begegneten , gehört hättet.

170 Uber Rimmel , Kiuder ! mas gibt es denn , das ihr ro errðihet und in ſolche Slut gerathet ? " ,,Nichts, nichts, gute Mutter ; bitte, fahre fort.“ „ Gut ; als ich geſtern Abend an dem rothen Thurm vorbei Pam , ſah id die drei Ritter , die nach ihrer sa: gesarbeit ausruhten. Der eine ſpielte auf der Guitarre - To ſchön ! und die andern fangen abwechſelnd , und zwar ſo , daß ſelbſt die Wachen wie Statuen oder beo zauberte Männer ausfahen . Adab derzeihe mir ! 30 Ponnte nicht umhin , mid gerührt zu fühlen , als ich die Lieder meines Seimathlaudes hörte. Und daun drei ſo edle und ſchöne Jünglinge in Ketten und Sclaverei ju fehen !" Hier Ponute die gutmüthige alte frau fich der Thrás aen niot erwehren. ,, Vielleicht könnteſt du es einrichten , Mutter , daß wir dieſe drei Ritter ſehen," ſagte Zanda. ..3ch glaube," ſagte Sorapda , ein wenig Marie Pðaute uus ziemlich erheitern .“ Die ſchudterne Borahanda ſagte nidts , aber ſte ſchlang ihren Arm um Kadiga’s Bals. ,,Allah rey mit mir !" rief die Pinge alte frau : ,, mas ragt ihr da , meine Kinder ? Euer Vater ließ uns ale umbringen , wenn er ſo etwas hörte. Geroiß , dieſe Ritter find richtlid wohlerzogene und hodberztge Jüng: linge ; allein was hilft es ? lle find die Feinde unſeres Glaubens und ihr dürft nidt einmal obue ubideu an ſe denken." Es iſt eine bewundernswürdige Kühnbeit in der weibliden Willenskraft , beſonders wenn ſie mannbaren

177 Alters ſind, welche weder durd, Gefahr noch durch Ver. bote eingeſchüchtert wird. Die Prinzeſſinnen umringten ihre alte Daenna , und liebPoſeten lle und baten und ſchworen , eine abſqlågige Antwort würde ihre Perzen brecen. Was konnte ſie thun ? Sie war ohne Frage die Flügſte alte Frau in der ganzen Welt und eine der treuer ſteu Dienerimen des Königs ; aber konnte ſie die Her zen von drei ſchönen Prinzeſſinnen breden fehen , wegen des bloßen Gettimpers, einer Guitarre ? Ueberdies war ſte , obgleid Tie nun ſo lange unter den Mauren war und nad dem Beiſpiel ihrer Gebieterin als treue Geleia, terin ihren Glauben geändert hatte, eine geborene Spa nierin und trug die Sehnſucht nach dem Chriſtenthum in ihrem Sergen . So fah fie fich um , wie die Wün : dhe der Prinzeſſinnen zu befriedigen waren . i Die chriſtlichen Gefangenen , die in dem rotheu Thurme mohuten , ftanden unter der Aufſicht eines dida Därtigen , breitſchultrigen Renegaten , Dufrein Baba ges nannt , der in dem Nufe ftand , die figlio ſte Sand 30 haben. Sie begab ſich beimlich zu ihm , ließ ein großes Goldſtüc in ſeine Hand gleiten und ſagte: „ uffein Baba, meine Herrinnen, die Prinzeſſinnen, welche in dem Thurme eingeſchloſſen ſind und aller Unterhaltung ent: behren , haben von den muſikaliſchen Lalenten der drei ſpaniſchen Ritter gehört und mödten gern eine Probe ihrer Geſchidlichkeit hören . So bin überzeugt , du biſt gugutherzig , um ihnen eine fo unfouidige Freude zu berſagen ." „ Wie ? damit mein Kopf über der Shore meixi 12 44 - 47 .

178 eigenen Thurmes griazt ? denn das wäre der Lohn, wenn es der Köntg entdeckte." w Keine Gefahr der Urt droht ; die Sache laßt fich ſo eiuletten , daß die Laune der Prinzeſſinnen befriedigt werden kann , ohne daß ihr Vater deshalb Flüger "wird. Du Penuft die tiefe Schlucht außerhalb der Mauer , die fidh anmittelbar unter dem Thurme hinzieht. Laß dort die drei Chriſten arbeiten und in ihren Ruheſtanden laß fie ſpielen und ſingen , als wär' es zu ihrer eignen un terhaltung. Dadurd werden die Prinzeſſinnen im Stande feon , ſie von den Fenſtern des Thurmes zu hören und du darfſt überzeugt fenn, daß ſie die Gefälligkeit reiolid belohnen. " Uit die gute alte frau ihre Unrede ſoloß , drůdte fle freundlich die rauhe Band des Renegaten und ließ ein zweites Goldſtück darin zurüd . 1 Ihre Beredſamkeit war unwiderſtehlich. Soon am nächſten Tag mußten die drei Ritter in der Soludt arbeiten . Während der Mittagshiße faßen fte, während ihre Unglüdsgefährten in dem Schatten føltefen und die Wache Schlaftrunken auf ihrem Posten nidte , unter dem Laubwerf am Fuße des Thurmes , und ſangen einen ſpanijden Rundgefang zur Begleitung der Guitarre. Das Phälchen war tief, der Shurm war hochy, aber ihre Stimmen erhoben fido vernehmlid in der Stile des Sommernachmittags. Die Prinzeſſinnen lauschten von ihrem Ballon ; ihre Duenna hatte ſie die ſpaniſche 5prache gelehrt und die Zärtlichkeit des Liedes rührte Te . Allein die kluge Kadiga war foredlid betroffen . Allah bewahre uns !" rief ſte : ropte ingen ein Liebes:

179 liedchen , das an end gerichtet iſt. Sat je ein Sterbs lider fold eine Rühtheit gehört ? Jd wit zu dem Sclavenaufſeher eilen und ihnen eine tichtige Baſtonade answirken . " ,,Wie ? die Baſtonade ſoiden edeln Rittern und deshalb, weil ſie ſo lieblic fingen ?" die drei Prinzeſſit nen dauderten bei dieſem Gedanken. Bei allem ihrem tagendhaften Zorne war die gute alte Frau ſehr verſõhu liden Charakters und leicht zu beſänftigen . Außerdem ſdien die Mufte einen wohlthuenden Einfluß auf ihre junge Herrinnen gehabt zu haben. Eine roſige Glat färbte bereits ihre Wangen gud thre Augen Ringen an zu funkeln. Sie machte daher keine ferneren Einwendungen gegen das Liebeslied der Ritter. U18 es vollendet war, blieben die Prinzeſſinnen eine Zeitlang ſumm ; endlich nahm Zorayda eine Laute auf and ſang mit ſüßer , obgleich ſchwacher und bebender Stimme ein Pleines arabiſches Lied , deſſen Refrain laus tete : „ die Roſe iſt unter ihren Blättern verſteckt , aber fie lauſcht mit Vergnügen dem Gefang der Radtigal."1/ Von dieſer Zeit an arbeiteten die Ritter faſt tågs lid in dem Abhang. Der gewiffenhafte Sufſein Baba wurde immer nach Achtiger und ſchlief täglich lieber auf ſeinem Poſten . Eine Zeitlang wurde eine Art Verkehr durch beliebte Geſänge und Romanzen unterhalten , welde fich gewiſſermaßen auf einander bezogen und die Gefühle der Betheiligten ausſprachen . Allmählig zeig ten ſich die Prinzeſſinnen auf dem Balkon, wenn ſie dies thun konnten , ohne von den Wachen bemerkt zu wer: den. Sie unterhielten fidy and mit den Rittern durch 12 *

180 Blumen , mit deren birdlider Sprache ſie wechſelſeitig bekannt waren : die Sowierigkeiten ihres Verkehres er: höhte deſſen Reiz und ſtårfte die Leidenſchaft , die fo ſeltſam entſtanden war ; denn die Liebe Pämpft gern mit SowierigPeiten und gedeiht am beſten auf dem ármlids ften Boden, Die durch dieſen geheimen Verkehr bewirkte Verán: derung in den Bliden und dem Geiſte der Prinzeſſinuen überraſchte und erfreute den linkiſchen König ; niemand aber war ſtolzer als die Plage Kadiga , die alles ihrer geldidten Anordnung zuſchreiben zu dürfen glaubte. Endlid wurde dieſe telegraphiſde Korreſpondenz uns terbrochen : mehrere Tage hindurch ließen ſich die Rits ter nicht mehr in der Schlucht ſehen. Die drei ſchönen Prinzeſſinnen fabeu fruchtlos aus ihrem Shurme. Frucht: los neigten Fie ihre idywanengleichen Søålſe über den Bal: kon ; frustlos fangen ſie wie gefangene Nachtigallen aus ihren Käfigen : nichts war von ihren chriſtliden Liebhas bery zu ſehen ; nicht ein Laut antwortete aus dem Laubs werk. Die kluge Kabiga eilte nad Kundſchaft aus und kam bald mit einem unruhevolen Geſichte zurüd . „ Udh, meine Kinder ," ſagte Re , ich fah , wohin dies , alles führen würde ; allein ihr wolltet egern willen haben ; ihr könnt nun eure Lauten an den Weiden anfhangen. Die ſpaniſchen Ritter ſind von ihren Familien losgekauft worden ; Rie ſind drunten zu Granada und rüſten ſich zur RüđPehr in ihre Heimath. " Dieſe Nachricht reßte die drei (dönen Prinzeſſanen in Berztreiflung. Die fone Sayda war ergürnt über dieſe ihnen angethane Geringſchåşung, indem ſie ſo obne

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ein Abſchledswort verlaffen worden. Boranda rang ihre Baude und weinte , und blidte in den Spiegel und wiſøte ſich die Thränen weg und weinte von neuem. Die holde Sorahayda lehnte ſich auf den Balkon und weinte ſchweigend , und ihre Ehránen ftelen Tropfen um Tropfen in die Blumen des Abhange, auf dem die treu: loſen Ritter ſo oft geſeffen. Die Pluge Kabiga that alles , was ſie Ponute , um thren Rummer zu mildern. ,, Sröſtet eud , meine Kin der," fagte fle : ,,dies iſt nichts, wenn ihr daran gewöhnt reyd. Es geht in der Welt nicht auders . Ach , wenn ihr so alt renn werdet , wie ich , werdet ihr ſcon den Werth dieſer Männer kennen. Id ſteh' euch dafür, dieſe Ritter haben ihre Geliebten unter den Schönheiten Cors tova's unb Sevilla's und werden bald unter ihren Bala tone Nachtftändchen bringen , und nicht mehr an die mauriſchen Soönheiten in der Alhambra denten. Erő: ftet ench deshalb , meine Kinder , und verbannt ſie aus euern Berzen .“ Die ermunternden Worte der Plugen . Kadiga per : doppelten nur den Schmerz der drei Prinzeſſinnen , und zwei Tage lang waren Rie untröſtlic . Am Morgen des dritten trat die gute alte Frau in ihr Gemad , gang außer rid vor Unwillen . ..,Wer hätte fterbliden Menſchen eine ſolche Frech , heit zugetraut ! " rief fie , ſobald ſie Worte fuden fonnte, um ihre Gefühle auszudrüden : „ aber dies iſt die Strafe, das ido zur ganſdung eures würdigen Baters die band lieb. Spredt mir nicht mehr von euren ſpaniſchen Rittern ."

182 ,, & i, was hat es gegeben , gute Kabiga ? " riefen die Prinzeſſinnen in athemloſer Angſt. ,,Das es gegeben hat ? - Berrath bat es gegeben ; oder was faſt eben ſo rdlimm iſt, Verrath iſt mir zus gemuthet worden, mir, der redlichſten aller Unterthanen , der treueſten aller Duennas. Ja, meine Kinder, die ſpas niſchen Ritter haben es gewagt , mich gewinnen zu wol. len , euczu überreden , mit ihnen nad Cordova su Aůdten und ihre Frauen zu werden ." Hier bebedte die treffliche alte frau ihr Gefdt mit ihren Händen und gab dem heftigen Ausbruch des Kama mers und Unwillens Raum. Die drei (dönen Prinzef= ſlunen wurden roth und blaß , und blaß und roth, and zitterten und blidten zu Boden und ſahen ſcheu einander Mittlerweile faß die alte au , aber ſie ſagten nichts. Frau da und wiegte ſich vorwärts in wilder Bewegung und brach dann und wann in den Uusruf aus : „ daß ich eine ſolche Beleidigung erleben mußte - ich, die treueſte der Dieneriunen ! " , Endlid näherte fid ihr die älteſte Prinzeſſin , die den meiſten Muth hatte und immer voran war , legte die Hand anf ihre Sdulter und fagte: ,, Nan , Mutter, angenommen, wir waren geſonnen, mit dieſen chriftlichen Rittern,zu fliehen – iſt ſo etwas uumöglich ? " . Die gute alte frau ließ plöblich von ihrem Gram und blidte auf. „ Möglich ! “ wiederholte fle : ir gervig möglich iſt es. Saben die Ritter nicht bereits Suffein Baba , den Renegaten und Anführer der Wade befto . den und den ganzen Plan gemacht ? Uber dann nur zu denken , euren Vater zu hintergehen ? Euren Pater,

183 der ſo viel Bertrauen in mich feste." Hier gab die würdige Frau einem neuen Ausbrud des Kummers Raum , wiegte rich wieder vorwärts und rüdwärts aud rang die Hände, „Aber unſer Vater hat nie Vertrauen in uns ges reßt," ſagte die älteſte Prinzeſſin, ſondern hat uns Ries geln und Schlöſſern vertraut und als Gefangene bes bandelt.“ „ Nun , das iſt ſehr wahr,“ erwiederte die alte Frau , Rid wieder ihrem Grame entſchlagend : ,, er hat euch freilich unvernünftig behandelt , daß er euch hier eins robloß , die Blüthe eures Lebens in einem langweiligen alten Thurm zu vergeuden , wie Roſen, die man in einem aus eurem Blumentopf verwellen läßt. Uber dann

Geburtsland zu fliehen !“ „ Und iſt das Land , ta das wir ſtehen , nicht das Geburtsland unſrer Mutter , wo wir in Freiheit leben werden ? Und wird nicht jede von uns, ſtatt eines ſtren gen alten Paters, einen jungen Gatten haben ? " „Nun , and das iſt alles wahr ; uud euer Vater, ich muß es geſtehen , iſt etwas tyranniſch ; aber dann wieder in ihren Kummer verfallend - wwollt ihr mich zurüdlaſſen, um ſeiner Rache zuerſt blos geſtellt zu ſeyn ?" „Keineswegs , meine gute Kadiga ! Paunſt du nicht mit uns Aliehen ? " „ Sehr wahr, mein Kind ; unð , die Wahrheit zu fagen , als ich die Sache mit Sufſein Baba beſprado. gab er mir ſein Wort , für mich zu ſorgen , weyn ich euo auf eurer Flagt begleiten wollte : aber dann übers

184 legt es , Kinder , wollt ihr dem Glauben eures Baters entfagen ? " „ Der driftliche Glaube ivar der urſprüngliche Glaube unſerer Mutter, " ſagte die älteſte Prinzeſſin , ,,id bin bereit , ihn anzunehmen , und gewiß , meine Soweſtern QUOh ."" Ubermals recht !" rief die alte Frau , ſich erhei ternd : „ er war der urſprüngliche Glaube eurer Mutter und bitterlich hat ſie es auf ihrem Todbette beklagt, daß ſte ihm entſagt hatte. Da derſprach ic ihr , für eure Seelen zu ſorgen und freue mich zu ſehen , daß ihr auf dem rechten Wege des Heils reyd. Ja , meine Kinder, auch ich bin eine geborne Chriſtin , bin eine Chriftin im bergen geblieben und feſt entſchloſſen , zu dem Glauben zurückzukehren. Ich habe von der Sache mit Suſſein Baba geſprochen , der von Geburt ein Spanier iſt und von einem Orte herſtammt, der nicht weit von meiner Vaterſtadt liegt. Auch er iſt begierig , feine Seimath wieder zuſehen und ſich mit der Kirche zu berſohuen ; und die Ritter haben verſprochen, für uns, wenn wir geneigt wären , nach der Rüdkehr in das Vaterland uns zu vërehelichen, anfändig zu ſorgen ." Mit einem Worte , es zeigte ſich, daß dieſe äußerſt Fluge und vorſichtige alte Frait mit den Rittern und dem Renegaten Rath gepflogen und den ganzen Plan der fluct verabredet hatte. Die ältefte Prinzeſfia ſtimmte ihm ſogleich bei, und ihr Beiſpiel beſtimmte, wie gewöhnə lich, den Entſchluß ihrer Schweſtern. Es iſt wahr , die jüngſte zauderte, denn fie war zart und ſchüchtern und es vekampften ſich in ihrem Herzen findliches Gefüht

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und jugendliche Leidenſchaft: die teßtere aber trug , roie gewöhnlic , den Sieg davon und mit fummen Thränen und erfticten Seufzern bereitete ſie ſich zur Flucht. Der ſchroffe Qügel , auf welchem die uihambra ge baut iſt , hatte in alten Zeiten eine Menge unterirrdi Toer Gänge , die durch die Felfen gehauen waren , und aus der Beſte zu verſchiedenen Theilen der Stadt und zu fernen Ausfallspforten an den Ufern des Darro und des Kenil .führten . Sie waren zu verſchiedenen Seiten von den mauriſden Königen als Mittel zur f (not bet probliden Empörungen , oder als geheime Ausgange bei Privat: Unternehmungen gebaut worden . Viele von ih uen find jekt fürzlich eingeſtürzt , während andere theilt mit Sdutt bedect, theils vermauert find Denkmåler der eiferſüchtigen Vorſicht und der Kriegsliſt der mau: riſchen Regierung. Durch eine dieſer Gänge hatte Huſe fein Babà es unternommen , die Prinzeſſinpen zit einer Ausfallspforte jenſeits der Mauer der Stadt zu führen , wo die Ritter mit ſchnellen Roſſen bereit ſeyn ſollten , um die ganze Geſellſchaft über die Grenze zu bringen . Die anberaumte Nacht kam ; der Shurm der Prins zeſſinnen wurde, wie gewöhnlich, verſchloſſen und die Al hambra war in tiefen Solaf begraben. Gegen Mitters nacht lauſote die Pluge Kadiga von dem Balkon eines Fenſters , das in den Garten ging. Huſſein Baba , der Renegat , war bereits unten und gab das verabredete Zeiden . Die Duenna befe te das Ende einer Strid leiter an dem Ballon , ließ es in den Garten und ſtieg hinab. Die zwei Priugerſlunen folgten thr flopfenden Sergens ; als . aber die Reihe an die jüngſte Prinzeſſin ,

186 Sorahanda , tam , Jauberte und bebte diefe. Mehrere Male wagte ſie es , den zarten kleinen Fuß auf die Lei: ter zu feßen und eben - ſo oft zog ſie ihn zurüd , während ihr armes kleines Herz“ mehr und mehr zitterte , je láns ger fie zögerte. Sie warf einen kummervollen Blick surůd in das ſeidene Semad ; ſie hatte darin freilic gelebt , wie ein Vogel in ſeinem Käfig ; aber innerhalb deffelben war ſie ſicher : wer kogute ihr ſagen , welche Gefahren ihr drohten, wenn ſie in die weite Welt hinaus flatterte ? Daun aber dachte ſie an ihren edlen criſtliden Geljebten und ihr kleiner Faß war augenblidlich auf der Leiter ; and plöblid fiel ihr der Vater ein und file bebte zurüd. Aber vergeblich iſt der Verſuch, den Kampf in der Bruſt eines Weſens zu ſchildern , das ro jung und Bārtlich und liebend , aber ſo loud tern und ſo unbekanut mit der Welt war. Umſonſt das Bitten der Schweſtern , das Sdelten der Duenna , das Flucheu des Renegaten unter dem Ballon , die holde kleine mauriſche Maid ſtand ungerig und ſchwankend an dem Rande der Entweichung , von der Süße der Sünde gelodt , aber durch ihre Gefahren geldbredt. Feder Lugenblid dermehrte die Gefahr der Ents dedung. Ein ferner Tritt wurde gehört. „Die Wachen machen die Runde," rief der Renegat , wenn wir gaus dern , ſind wir verloren. Prinzeſſin , ſteigt alsbald nieder oder wir laſſen euch zurüd . " gorahanda war einen Augenblid in furchtbarer Ers regung ; dann machte ſie mit verzweifeltem Entſoluß die Stridleiter (0$ and warf ſie vom Ballon.

187 ,,Es iſt entſdieben ?" rief fle : ,,die Flucht iſt mir ießt unmöglich. Allah geleite and fegue euch , meine theureu Schweſtern !“ Den zwei älteſten Prinzeſſinnen war der Gebante, fle zurüdzulaffen , peindoll and fle hätten gern gezögert, aber die Wache Pam uåber ; der Renegat war wäthend und ſie wurden in aller Eile fort zu dem unterirdiſchen Gang' gebracht. Sie tappten durch ein roauderhaftes Labyrinth , welches durch das Herz des Felfen gehauen war und erreichten glüdlid and unentdeckt ein eiſernes Shor, das fich außerhalb der Mauern öffnete. Hier ems pfingen ſie die ſpaniſchen Ritter, als mauriſde Soldaten dertleidet, und von dem Renegaten angeführt. Sorahayda's Anbeter war außer fich, als er hörte, daß fie fich geweigert habe , den Thurm zu verlaffen ; allein es war keine Zeit mit Klagen zu verlieren. Die zwei Prinzeſſinnen nahmen ihre Siße hinter ihren Lieb habern ein , die Pluge Kadiga ſtieg hinter dem Renegaten auf und alle ritten in raſdem Sobritt nach der Richtung des Paffes don Lope hin , der durch die Gebirge nad Cordova fábrt. Sie waren noch nicht weit, als ſie das Lärmen von Srommeln und Srompeten von den Zinnen der Alham : bra hörten . „ Unſere Flucht iſt entdedt," ſagte der Renegat. ...Bir haben ſchnelle Roffe , die Nadt iſt buntel und wir können jeder Verfolgung zuvorkommen ," ermie derten die Ritter, Sie gaben ihren Pferden die Sporen und Alogen durch die Wega. Sie tamen an den Fuß des Eloiras

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Berges , der wie ein Vorgebirg in die Ebene hereinragt. Der Renegat hielt an und lauſchte . ,, Bis ießt," ſagte er, „ift und noch keiner auf der Spur ; wir werden die Während er fpracy , ſtieg Gebirge glüdlich erreichen ." auf der Zinne des Wartthurms der Alhambra ein biasa fes Feuer in einer lidhten Flamme auf. 1 Verder ben ! " rief der Renegat : ,,dieſes Feuer wird alle Wachen der Päſſe in Bewegung reßen . Fort ! fort! Spornt wie toll , es iſt keine Zeit zu verlieren .“ Sie ſtürzten fort der Schal der Hufe ihrer Pferde haute von Feld zu fels wieder, als ſie den Pfad entlang flogen , der an dem Felsberg von Elvira hinzieht . Während ſie dahin ſprengten , Fahen fle , daß das blaffe Feuer der Mihambra in allen Richtungen beantwortet ward ; Licht auf Lidt entflammte auf den Atalayas oder Wartthürmen der Berge . ,, Vorwärts , vorwärte ! " rief der Renegat unter mandem Fluc : injur Brüde, ehe das Lármzeichen dort geſehen wird. 1 Sie Pamen um den Vorſprung der Berge und fahen die berühmte Puente del Pinos , die einen wilden , oft von Chriſten : und Mosleminen : Blut gefärbten Flug freuzt. Su threm Soreden flammte der Thurm anf der Brüde von Lichtern und glänzte von bewaffneten Leuten. Der Renegat hielt fein Pferd an , erhob ſich in den Steigbügeln und ſchaute einen Augenblick umber, dann wintte er den Rittern, verließ den Weg , ritt eine Zeitlang den Fluß entlang und ſtürzte dann in ſeine Wellen . Die Ritter mahnten die Prinzeſſinnen , ſich an ihnen feſtzuhalten , und folgten dem Renegaten . Der

189 raide Strom riß ſte eine Stređe abwärts und die Wo: gen brüüten um fie ; allein die ſchönen Prinzeſſinnen hielten Aich an ihren chriſtlichen Rittern feſt und ließen nie eine Klage hören. Die Ritter erreidten glüdlich das jenſeitige Ufer und wurden von dem Renegaten auf rauhen und unbeſucten Wegen , und wilde Barrancos durch das Serz des Gebirgs geführt , ro daß alle ger wöhnlichen Päſſe umgangen wurden. Mit einem Worte, es gelang ihnen , die alte Stadt Cordoba zu erreichen, wo ihre RüdPehr in die Heimath und zu den Freunden mit großen Luftbarbeiten gefeiert wurde , denn ſie gehör: ten zu den edelſten Familien. Die ſchönen Prinzeſſionen wurden alsbald in den Schoos der Kirche aufgenommen und nach dem fle in der gebührenden Form Befenuerinnen des Chriſtenthums gervorden waren , wurden ſie zu glück: lichen Frauen gemadt. In unſerer Gile , die Flugt der Prinzeſſinnen durch den Strom und die Berge hinau zu føildern , vergaßen mir des Looſes der Plogen Kabiga zu gedenken. Sie batte fico bet dem Slage durch die Bega wie eine Kaße an Suſſein Baba gellammert, bei jedem Satze laut ſdretend und dem bärtigen Renegaten manchen flud entlodend ; als er ſich aber anſchidte , in den Fluß 38 ſtürzen , faunte ihre Angit Peine Grenzen , klammre dich feſt an mich ," rief Suſſein Baba : whalte dich an meinem Gürtel und bange nicht." Sie hielt ſich mit beiden Sanden an dem ledernen Gürtel feſt, welcher der breitrüdigen Renegaten umfbloß ; als er aber mit dem Rittern auf dem Berggipfel anhielt, um Suft zu ſchöpfen , mar die Duenna nidt mehr zu feben .

190 ,,Was iſt aus Rabiga geworden ," riefen die Prins jeffionen beſtürzt. „,allah allein weiß es ! " ermiederte der Renegat : „mein Gürtel ging inmitten des Fluffes log und Kadiga wurde mit ihm ſtromabwärts geriffen. Der Wide Allah's geſchehe ! Aber es war ein geſtidter Gürtel and von hohem Werthe. " C$ war keine Zeit mit vergeblidem Bedauern zu perlieren ; doch beweinten- dle Prinzeſſinnen den Verluft ihrer Flugeu Rathgeberin bitterlich. Dieſe treffliche alte frau verlor jedoch nicht mehr als die Hälfte ihrer neun Leben : ein Silder, der etwas weiter ſtromabwärts reine Nebe einzog, brachte ſie auf's Land und war über ſeinen wunderbaren Strafang midt wenig erſtaugt. Die Sage erzählt nicht, was ferner aus der Flugen Kabiga gemors den ; gewiß iſt es , daß ſie ihre Klugheit dadurch bears Fundete , daß ſie nich nie wieder in das Bereid Mahos med's des Sürliſden wagte . Faſt eben ſo wenig weiß man von dem Verhalten dieſes ſcharfſinuigen Königs , als er die Flucht ſeiner Sichter und den Betrug entdedte, den ihm die treueſte der Dienerinnen geſpielt hatte. Es war das einzige Mal , daß er Jemand um Rath gefragt hatte, und man Börte ſpäter nie wieder , daß er fich einer ähnlichen Somade duldig gemacht hatte. Er war jedod febr beſorgt , die ihm bleibende Sodyter , die Peine Neigung jam Entweiden hatte, zu bewaden : man glaubt freilid), file babe es beimlidt bereut , zurüdgeblieben zu repa ; mau rah fie dann und wann fic auf die zinnen des Shurmes lebuen und tranrig auf das Gebirg in der

1 191 Richtung von Cordova ſchauen ; und manchmal hörte man die Sdne ihrer Laute Klagende Lieder begleiten , in welchen ſie, wie man ſagte , den Verluſt threr Sdre ſtern und ihres Geliebten beklagte und ihr einfames Les ben beweinte. Sie ſtarb jung und wurde , dem allges meinen Gerücht zufolge , in einem Gewölbe unter dem Thurm begraben und ihr früher god gab Veranlaſſung zu mehr als einer márdenhaften Sage.

Beſucher

der Alhambra.

Es find nun faſt drei Monate vergangen , feit ich meine Wohnung in der Alhambra aufſchlag ; das Vors dreiten der Jahreszeit hat ſeitdem viele Veränderungen hervorgebracht. Als ich hier antam , war alles in der Friſche des Mais ; das Laub der Bäume war vod zart und durchidtig ; die Granate hatte ihre glänzende hodis rothe Blüthe nod nicht abgeſtreift ; die Frudtgarten am Xenil und Darro ftanden in voller Blüthe ; die Felſen waren mit wilden Blumen behangen und Granada ſchien dolkommen von einer Wildniß von Roſen umgeben , une ter melden unzählige Nachtigallen nicht nur Nachts, ſondern den gan Sag hindurch fangen. Der vorrideude Sommer hat die Roſen welt and die Nachtigallen ſtumm gemacht, und das entferntere Land beginnt dürr und derſengt auszuſehen ; aber unmittelbar

192 um die Stadt nnd in den tiefen engen Thålern am Fuße der faneebekappten Berge herrſøt eine emige Grüne. Die Alhambra bat pladen, welde der zunehmenden Hide des Sommers angepaßt und unter denen die faſt unterirdiſden Badezimmer am merkwürdigſten ſind. Dieſe bewahrten nod ihren alten orientaliſchen Charakter , ob: gleich die Spuren des Verfalls leider auch hier lidtbar werden. Um Eingang , der in einen kleinen, früher mit Blumeu gezierten Hof führt , iſt ein Saal , der nicht fehr geräumig , aber leicht und anmuthig gebaut iſt. Man kann ihn von einer kleinen Galerie überſehen , die don Marmorſäulen und mauriſchen Bogen getragen wird. Ein Ulabaſter -Brunnen in der Mitte des Pflaſters hebt uod reine Waſſerſtrahlen empor, um den Ort zu fühlen . Auf jeder Seite find tiefe Alfoven mit erhöhtem Boden , wo die aus dem Bade Kommenden ſich auf üppige Kiſſen legten und durch den Duft der gewürzreichen Luft und die ſanften Muſiktöne von der Galerie in wodlüftige Ruhe gewiegt wurden . Jenſeits dieſes Sälchens ſind die in : neren noch heimlicheren und abgeſchloſſeneren Zimmer, in welche das Licht nur durch Pleine Deffnungen in die gerðibteu Deden eindrang. Hier war das Allerheiligſte der weibtiden Einſamkeit , wo die Schönheiten der Ha: rem's fidy der Ueppigkeit der Báder überließen. Ein fanftes, myſteriöſes Liat herrſcht allum ; die zerbrochenen Båder ſlud noch da , fo wie Spuren der alten Elegang. Das durchgehendø herrſchende Schweigen und Dunfel hat dieſe Gemächer "zum Lieblingsaufenthalt der Flerers måuſe gemacht , welche während des Tages in den dun keln Eden und Winkelu niſten und, wenn ſie aufgefdeucot

193 werden, geheimnißvoll in den dammeraden Simmern um : herfliegen , und das Berfallene und Verlaſſene derſelben in einem unſáglichen Grade bermehren . In dieſem Rühlen und zierlichen, obgleid verfallenen Raum , welcher die Friſde und Abgeſchloffenheit einer Grotte hat , brachte ich in der leßten Zeit die warmen Stunden hin und ging erft gegen Sonnenuntergang herá aus ; in der Nacht aber nahm ich in dem großen Waſſers behålter des paupthofes ein Bad. Auf dieſe Weiſe war ich im Stand, den erſ @ laffenden und entnervenden Einfluß des Klima's einigermaßen abzuwehren. uber mein Traum von abſoluter Herrſchaft iſt zu Ende. Ich wurde fürzlid aus demſelben durch den Kaal von Feuergewejren aufgeſchredt, welder an den Thürmen wiederhaute , als wenn das Schloß durdy Ues berrumpelung genommen worden wäre . Uis id heraus eilte , fand' ich einen alten Cavalier mit einer Anzahl Bedienten im Beſiß des Geſandten : Saals . Er iſt ein alter Graf, welcher aus feiaem Palaft zu Granada her : aufgekommen iſt , um eine Parze Zeit der " reineren Luft wegen in der Ülhambra hinzubringen , und der , als ein alter und eingefleiſchter Fåger, bemüht war, ſeinen Appes tit für das Frühſtück zu ſchårfen , indem er von den Ballons Somalben ſchoß. Es war ein harmlofes Ber gnügen, denn obgleich er durch die Rafdheit ſeiner Leute im Laden der Gewehre in den Staud. gereßt war , ein lebhaftes Feuer zu unterhalten , konnte ich ihn dod nicht des Todes einer einzigen Schwalbe anklagen. Ja , die Vögel (dienen ſelbſt freude an der Sache zu haben und ſeines Mangels an Geſchid 34 fpotten , indem ſie in 13 44 - 47. -

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Kreiſen nahe an den Balkons untherſchwärmten und beim Borbeiſtreiden witrerten . Die Ankunft dieſes alten Serra bat das Anfehen der Dinge einigermaßen geändert, aber auch Stoff zu angenehmen Betractungen gegeben . Wir haben dywei: gend die Herrſchaft unter und getheilt , steich den lebten Königen von Gramada, nur daß wir einen båd freuud: fchafttiden Band unterhalten . Er herrſcht unbefcránft über den Löwenhof und die anſtoßenden. Såle , während id in friedlidem Beſlß der Gebiete der Bäder und des Fleinen Gartens der Lindarara bleibe. Wir nehmen un : pere Mahtzeiten gemeinſchaftlich unter den Urladen des Sofes eio , 100 die Brunnen die Luft abfühlen und ſpru : delnde Bächlein die Rinnen des Marmorbodens entlang taufen . Um Ubend ſammelt. Id ein hänslicher Kreis um den würdigen alten Gerrn. Die Gräfin kommt mit einer Lieblings - Tochter von ungefähr rechszehn Jahren aus der Stadt herauf. Sodann finden ſid hier die Bea dienſtigten des Orafen ein , der Kaplan, der Uuwald, der Schreiber , der Saudhofmeiſter und andere Diftzian: ten und Geſchäftsleute feiner ausgedehnten Beſipungen . So hält er eine Art Privat - Sof , wo due zu feiner Unterhaltung beizutragen fuden , ohne ihr Bergnügen und ihre Selbſtachtung zu opfert . Warlic , was man aud von dem ſpaniſden Stolze ragen mag , dem geſelli: gen oder häuslichen Leben bleibt er gewiß feru. Unter keinem Volfe ſind die Verhältniſſe zwischen Verwandten Herzlicher , gmifcea Vorgefesten und Untergebenen freier und uatürlider; in dieſer Beziehungen hat das Leben

195 In den Provinzen Spaniens vieles ooh der gerübmten Einfalt der alten Seiten beibehalten . Jedoch das anzieheudſte Glied dieſer Familien - Gruppe iſt die Tochter des Grafen , die reizende , obgleic : faft Findliche Fleine Carmen. Ihre Geſtalt hat ihre Reife noch nicht erlangt, beſikt aber schon das ausgezeichnete Obermaß und die geſchmeidige Grazie , voelde in dieſem Lande ſo vorherrſchen . Ihre blauen Augen , ihre ſchöne Bellchtsfarbe , ihr blondes Saar find in Andaluffen un gewöhnlich und geben ihrem Weſen eine Milde und Hold feligkeit , welde mit dem gewöhnlicen Feuer der ſpani: ſchen Schönen Pontraflirt, aber mit der argloſen nnd dertrauensoolten Unſchuld ihrer Sitten voukommen über : einſtimmt. Sie hat überdies die ganze eingeborne Ges didlic Peit und Gewandtheit ihrer bezaubernden Bands: määrinnen und ſingt, tanzt, und ſpielt die Guitarre bea wunderdivurdig. Der Grat gab wenige Tage nach ſeinem Einzuge in die Alhambra an ſeinem Namenstag ein kleines Feſt, zu welchem er die Glieder ſeiner Familie und ſeines Baus: halts um ſich verſammelte , während mehrere alte Diener von ſeinen entfernten Gütern Bamen, um ihm ihre Ber : ehrung zu bereiſen und an dem guten Mahle Theil zu nehmen . Dieſen patriarchatiſden Geiſt, welder den ſpa: niſchen Udel zur Zeit reines Reidthumo caratteriſirte, hat mit ihrem Vermögen abgenommen ; aber einige, die , nie der Graf , ihre alten . Familiengüter nod bellben , behalten ein wenig von der alten Sitte bei und laſſen ihre Güter von der Nadkommendaſt mäßiger Sofaffen überſchwemmen und faſt aufgehren . Sufolge dieſer groß 18 *

196 artigen altſpaniſchen Sitte , an welcher Edelmuth und Nationalſtolz gleich Theil haben , wurde ein veralteter Diener nie entlaſſen , ſondern erhielt eine Anſtellung für ſeine übrige Lebenszeit ; ja , reine Kinder und Kindete kinder, und oft ſeine Verwandten, links und rechts, filoz len allmählich der Familie zu. Daher waren die großen Paläſte des ſpaniſden Adels , welche ein ſolches Uus , von leerem Prunte haben , wenn man ihre Uus: dehnung mit der MittelmäßigPeit und Spårlichkeit der Möbel vergleidt , in den goldenen Sagen Spaniens den patriarcaliſchen Sitten ihrer Beſiber zufolge dur dans nothwendig. Sie waren wenig beſſer als große Kaſernen für die erblichen Geſ @ lechter von Anhängern , welche rid auf Koſten eines ſpaniſchen Edlen måſteten. Der würe dige alte Graf, der in verſchiedenen Sheilen des Könige reichs Güter hat, verſicherte mic , daß manche derſelben blos die Sdaaren folcher dort eingeniſteten Jaſaffen eks nährten, welche ſich für berechtigt hielten, freie Wohnung auf dem Gute anzuſprechen , weil es mit ihren Vorfah . ren ſeit mehreren Geſchled rern fo gehalten worden . Das Familien-Feft des Grafen unterbrach das gee wõhulide Stig : Leben der Ulhambra ; Mafie und Gta lächter Balite in ihren ſonſt.ro ftillen Sålen vteder ; Gruppen soon Gåſtett unterhielten ſich auf den Galerien und in den Garten, und geſchäftige Diener qus der Stadt eitten durch die Höfe und trugen Geridte in die alte Ride, welche wieder von den Sritten der Köche und Mágde lebendig ward und dom ungewohnten Fener er glanzte. Das Seft, denn ein poupandiges fpanifdes Mittage

197 effen ift ein Feſt, wurde in dem ſchduen maurtſchen Saal gegeben , „ La Sala de las dos Hermanas“ (Saal der zwei Schweſtern ) genannt ; die Tafel drõhute unter der Fülle der Speiſen und eine fröhlice Geſelligkeit herrſchte um den Tiſch ; denn obgleich die Spanier gewöhnlich ein enthaltfames Volt find, to ſind ſie doch bei einem feſte boukommne Somauſer. Für mich ſelblit war etwas ei: glenthümlid Anziehendes darin , bei einem Mahle ju Rißen , das in den königlichen Sålen der Ulhambra von dem Stellvertreter eines threr berühmteſten Eroberer gegeben wurde ; denn der ehrwürdige Graf ſtammt, ob : gleid er ſelbſt nicht friegeriſchen Geiſtes ift , in grader Linie von dem großen Feldherrn,“ dem berühmten Oon ſaldo de Cordova ab, deffen Sowert er in den Archiven feines Palaſtes zu Cordova aufbewahrt. Als das Mahl geendigt war , begab ſich die Geſells rdaft in den Geſandtenſaal. Hier trug jeder zur allge meinen Unterhaltung bei , indem er irgend ein Talent geltend machte ; Singen, Improviſiren, Erzählen wunder: voller Geſchichten oder Sanzen zu dem alum herrfden : den Salisman ſpaniſcher Freude, der Guitarre. Die Seele und ber Sauber der ganzen Geſellſchaft

jedoch war die reichbegabte kleine Carmen . Sie über nahm eine Rolle in zwei oder drei Scenen aus ſpani: fchen Komödien und erwies ein hitreidendes dramatiſches Salent; Re: gab Nachahmungen beliebter italieniſder Sångerinnen mit merkwürdigen und auffallendem Olid, und einer ſeltenen Schönheit der Stimme ; fie ahmte die Dialecte , die Sånze und Balladen der Zigeuner und umwohneuden Candleuté nad ; that aber alles mit einer

198 Leichtigkeit, einer Zierlich Peit , einer Aumuth und einer durchgehenden Niedliditeit, welche volkommen bezaubernd waren. Jedoch der große Reiß ihrer Leiſtungen war ihr gånzliches Freiſeyn von aller Anmaßung oder Ehrgeiz, fich zeigen zu wollen . Sie ſien die Bielſeitigkeit ihrer eigenen Talente nicht 44 Penuen , und iſt in der That gewöhnt , ſie nur zufällig, wie ein Kind , zur Unterbala tung des häuslichen Kreiſes, zu üben . För Beobadtunge: geift und ihr Tact müſſen ungemeia raro und fein ſeyn , denn fle hat ihr Leben in dem S0008 ihrer Familie hin: gebracht und kann nur zufällig und vorübergehend anf die mannigfaltigen Charaktere und Züge geblidt haben , welde ple in Augenbliden geſelligen frohſinns, wie der, von dem hier die Rede iſt, aus dem Stegreife zum Bes ften gab. Mit Freude Rieht man die Liebe und Beroun : derung, mit welcher jeder aus dem þauſe auf fie blidt ; es wird nie , ſelbſt nicht von den Bedienten, anders ges Heißen , als La Ninna , das Kind , eine Bezeichnung, molche, 1o angewendet, etwas eigenthümlid liebliches und zártliches in der ſpaniſchen Sprache hat. Ich werde nimmer der Alhambra gedenken , ohne mid der lieblichen kleinen Sarmen zu erinnern , wie ſie in deren Marmorſälen in glüdlicher und unſchuldiger Luft ſpielte , zu dem Klang der mauriſchen Saftagneten tanzte, oder den Silberton ihrer Stimme mit der Mu. fie der Brunnen perfomolj. Bei dieſer Feffliden Gelegenheit wurden viele Selts fame und unterhaltende Sagen und Geldidten erzählt, von denen id viele wieder vergeſſen habe; eine derſelben

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199 aber fiel mir am meiſten auf und ich will mich bemühen, dem - Leſer eine Unterhaltung zu bereiten.

Sage

von

dem

Bringen

Ahmeð

al

Kamel ; oder der Liebespilger. "

Es war eiuft ein mauriſcher König von Granada, wels cher nur einen Sohn hatte, Ahmed, genannt, dem ſeine Sole linge den Beinamen al Kamel, der Voukommue, gaben , wegen der unbezweifelbaren Seiden von Uebervortrefflich : feit, welde ſie ſoon in ſeiner Kindheit bei ihm bemerften . Die Aſtrologen beſtärften ſie in ihrer Uhnung, indem ſie alles zu feinen Gunſten porſagten , was zu einem volls Pommnen Prinzen und einem glüdlichen Röntg gehörte. Eine Wolte nur ruhte auf ſeinem Smidſal und ſelbſt dieſe war von roſiger Farbe. Er würde , hieß es , dera liebten Charakters Penn und durch dieſe zärtliche Leidens foaft in große Gefahren gerathen ; wenn er aber den Lodungen der Liebe bis zu feinem mannbaren Ulter fern gehalten werden könnte , würden dieſe Gefahren abges wendet und ſein ſpäteres Leben eine ununterbrochene Bahn des Glüces fenii. Um alle Gefahren dieſer Art abzuwenden , beſchloß er König weiſe, den Prinzen in einer Einſamleit etjies hen zu laſſen , wo er nie ein weibliches, Antlig ſehen , ja, ſelbſt den Namen Liebe nicht hören könnte . Zu dies ſem Ende baute er einen ſchönen Palaſt auf dem Gipfel

200 des Sügelo jenſeits der Ulhambra , inmitten entzüdender Gärten , aber von hohen Mauern umgeben ; dieß iſt in der That derſelbe Palaſt , den man heut zu Jag unter dem Namen Generalife Peunt. In dieſen Paraft wurde der junge Prinz eingeſperrt und der Bewachung nnd dem Unterricht von Eben Bonabben übergeben , einem der gelehrteſten und ausgetrodnetften der arabiſchen Weiſen , der den größten Theil ſeines Lebens in Aegypten mit dem Studium von Sieroglyphen und mit Nachfors dungen in den Oråbern und Pyramiden hingebracht hatte und mehr Reize in einer Mumie fand, als in den verführeriſoeſten lebendigen Schönheiten. Der Weiſe erhielt den Befehl, den Prinzen in allen Arten von er Kenntniſſen zu unterrichten , eine ausgenommen foute mit der Liebe gånglid unbekannt bleiben. „ Wende zu dieſem Zwed jede Vorſicht an, die dir nöthig ſcheint, " ſagte der König , allein bedenke , o Eben Bonnabben , wenn mein Sohn etwas von dieſem verbotenen Wiſſen fernt, ſo lange er unter deiner Pflege iſt , ro roaſt du mit deinem Kopfe dafür büßen." Ein verwelktes Lådeln überflog dag trodue Geſicht des weiſen Bonabben bet dieſer Drohung. 1,Möge dein königliches Herz ro ups beſorgt um deinen Sohn ſeyn, wie das meinige um meis nen - Kopf iſt: fehe ich wohl aus , wie jemand, der in der mäßigen Liebe Unterricht gibt ? Unter der madramen Sorge des Philoſophen wudis der Prinz in der Einſamkeit des Palaſtes und ſeiner Gärten auf. Er hatte ſchwarze Sllaven zur Bedienung Rumme Scheufalé, die nicts von Liebe wußten , oder wenn - en der Fall war , Peine Worte hatten , es mitzus

201 theilen. Seine geiſtige Lasbildung war die beſondere Sorge Eben Bonabben's, der ihn in die tiefilanige Weide heit Aegyptens einzuweihen ſuchte ; allein darin machte der Prinz kleine Fortſchritte und es war augenſcheinlich daß er Peine Neigung zur Philoſophie hatte. : ; Er war jedoch auffallend lenkſam für einen jungen Prinzen , bereit jedem Rath zu folgen und von dem leße ten Rathgeber ftets geleitet. Er unterdrückte rein Gähs nen und lauſchte geduldig den langen und gelehrten Res den Eben Bongabben's , von weldem er ein wenig aus allen Zweigen des Wiſſens lernte und ro rein zwanzigſtes Fahr glüdlid erreichte, ein Wunder pringlider Weiss keit - allein mit der Liebe ganz unbekannt. Um dieſe Zeit aber änderte ſich das Benehmen des Prinzen. Er ließ ſeine Studien opuſtändig liegen und lief in dem Garten umher und saß nachdenkend an dem Rande der Brunnen. Unter ſeine verſhiedene Befähis gungen gehörte auch ein wenig Muſie ; ſe nahm jest einen Theil ſeiner Zeit hin und eine Neigung für Poefte -ward Nightbar. Der weiſe Eben Bonabben erſchrad und bemühte fidoy, ihm dieſe müßigen Launen mit einem erke ſten Vortrag über Algebra aus dem Kopfe zu bringen - allein der Prinz wandte ich mit Abſchen von dieſer Biſſenſdaft. 30 tann die Algebra uidt ausſtehen ," ragte er : „ ſle iſt mir ein Greuel. Id muß etwas haben, das mir mehr zum Herzen ſpricht." Der weiſe Eben Bonabben roüttelte feinen trodnea Kopf bei dieſen Worten. .,Ster ift's mit der Philores phie ans, " ſagte er : der Prinz bat entbedt, daß er ein Sery bat. Er bielt feinen Sögling nun unter der

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ſorgfältigſten Auffet und fah, daß die geheime Zártlids keit feines Sergens in Thätigkeit war uöd nur eines Gegenſtandes bedurfte. Er wanderte - in den Garten des Generalife in einem Taumel: der Gefühle umher, deſſen Grund er nicht fannte. Zuweilen faß er in föſt: Itche Träume verloren ; dann fflegte er ſeine Laute zu ergreifen, und ihr die rührendſten Töne zu entloden und dann warf er fle zur Seite und brach in Seufzer und Uusrufungen aus. Stufenweiſe dehnte fid, dieſe liebende Neigung auf unbelebte Gegenſtände aus ; er hatte reine Lieblingsblus men , die er mit zärtlichem Eifer pflegte ; dann ward er manchfachen Bäumen zugethan und vorzüglich an einen odn anmuthiger Form und Tohmachtendem Lanb derſewens dete er ſeine verliebte Jnbrunſt, indem er ſeinen Namen in ſeine Rinde fchnitt , Blumen an ſeine Veſte hångte und zu ſeinem Lobe Lieder ſang, die er mit ſeiner Sarfe begleitete. Der weiſe Eben Bonabben war über dieſen aufge: regten Zuſtand reines Zöglings erſchredt. Er rah ibn der kleinſte an dem Rand des verbotenen Wiffens Mint fonnte ihm das unglädliche Geheimniß enthüllen . Das Wohl des Pringen und die Siderheit feines eige: neu Kopfes macten ihn zittern und er eilte , ihu den Verführungen des Gartens zu entziehen und foloß ibu in den höchſten Thurm des Generalife ein . Dieſer ents hielt icône Gemåder und hatte eine faſt grenjenloſe Ausſicht , allein er lag weit über jener Atmoſphäre der Soðnen und jener bezaubernden Lauben , die den Ges

203 fühlen des allzu empfänglichen Uhmed ro. gefährtid waren .. x! Was war aber zu thun, um ihn mit dieſem Stange, auszulöhnen und die trågen Stunden hinzubringen ? Er batte alle Arten angenehmer Kenntniſſe erfhöpft , und der Algebrg durfte midt erwähnt werden . ::Glüdlicher: weiſe war eben Bongbben, als er in Aegypten reißte, in der Sprache : der Vögel von einem júdilden Rabbiner. unterrichtet wprden , welcher diefe Wiſſenſdaft, in grader. Linie dor. Salomon dem Weiſen hatte, dem die Königin con Seba darin Unterridt gegeben hatte. Alb eines ſolden Studiumo nur ernähut wurde, funfetten die Aus gen des Pringen vor Freude und er betrieb daſſelbe mit einer folden Wißbegier , daß er es so weit brachte , nie ſein Lehrer, Der Thurm des Generalife war fortan Beine Ein, keit mehr ; er hatte Gefah zur Sand, mit denen er per lehren konnte. Seine erſte Betanytſchaft war ein Habicht , welder rein Neft in einer Spalte der hohen Zinnen gebaut hatte, von wannen er weit und breit nach Beute ausflog. Der Pring fand aber wenig oder nichts an ihm zu adten. Er war ein bloßer Pirate der Luft, großthuend und prahleriſo und ſein Geſchwag drehte fide nur um Raub, Muth und verzweifelte thatea. Seine- -nádſte Bekanntſchaft war eine Eule, ein migtig weiſe autfehender Bogel , mit einem großen Kopf und ftarren Augen , der den ganzen Tag blinzelnd und globend in einem Mauer lode fab , aber des Nachto andflog. Er machte große Unſprüche auf Másheit, ſprad etimas üba Aftrologie und den Mond und ließ

204 Ukinite über geheime Wiffenſchaften fallen ; allein er war der Metaphyfte ſomáhlid ergeben und der Prinz fand ſein Geſchmäß noch langweiliger als das des Eben Do. pabben. Dann fand ſich eine Fledermaus , die den ganzen Jag an ihren Beinen in der dunkeln Ede eines Gerols bes hing , aber mit dem Zwielicht im Schlarren - Style ausflog. Sie hatte aber über alle Gegenſtände nur Zwies lichtsideen, Derſpottete Dinge , von denen ifie nur unoolle Rommene Kenntniſſe hatte und fchien an nichts Freude zu haben . Uußer dieſen war aud eine Schwalbe da, oon wele er der Prinz anfangs ſehr eingenommen war . Sic hatte ein gutes Mundwerk , war aber ruhros , lårmend und immer auf den Flügeln ; ſelteu blieb fle lange genug zu einer fortgeſeßten Unterhaltung . Es fand ſich zuleßt, daß fie eine bloße Sd erin war , die nur über die Oberfläche der Dinge hinſtreifte , alles zu wiſſen vorgab, aber nichts gründlich wußte. Dies waren die einzigen gefederten Freunde , mit werden der Prinz Gelegenheit hatte , die neu erlernte Sprache zu üben ; der Thurm war zu hoch, als daß die andern Bögel ihn hätten beſuchen können. Er wurde feia der neuen Freunde bald måde , deren Unterhaltung ro wenig zu ſeinem Kopfe und gar nicht zu ſeinem Herzen ſprad ; allmählig verftel er wieder in ſeine Einſamkeit. Ein Winter verging , der Frühling erſchloß alle feine Blåthen , fein Grün und reine duftige Söße und die glüdliche Zeit kam , wo fide die Vögel paaren und ihre Nefter bauen. Oleidfam in einem ugenblid erfdot

205 ein allgemeiner Masbruci pou Gelang und Melodie in den Lauben und Sårten des Generalife und erreichte den springen in der Einſamteit feines Shurmed. Von allen Liebe Seiten hörte er daſſelbe allgemeine Wort Liebe - Liebe ; - in allen Tönen und Weiſen ſingen und beantworten . Schreigend und verwirrt lauſchte der Prinz. Was mag dieſe Liebe Peyn ," dachte er , „von welcher die Welt fo vol scheint und von der ich nichts weiß ? " . Er wandte ſich an ſeinen Freund , den Sabidt, am ſich belehren zu laſſen . Der 'wüſte Vogel antwortete in deráchtlidem Sone : „ du mußt dich an die gemeinen friedlichen Vögel der Erde drunten wenden , welche gez daffen ſind , uns Fürſten der Luft zur Beute zu dienen. Mein Gewerbe iſt der Krieg und der Kampf meine freude. Mit einem Worte , tdy bin ein Krieger und weiß nichts von einem Dinge , das man Liebe heißt."

Der Prinz wandte" nich mit Abſchen vou ihm und ſuchte die Eule in threm Loche auf. „ Dies iſt ein Bos gel von friedlichen Sitten , " ſagte er , „ und Pana wohl meine Frage beantworten .“ So bat er dann die Eure um Auskunft, was dieſe Liebe rey, von welder alle Bos gel in den Gebüſchen drauten fången.

& Die Eule aber nahm eine Miene beleidigter Würde an : „ Meine Hädte , " ſagte ſie , illud dem Studium und forden gereiht und meine Sage dem Nacidenten in meiner Selle über alles , was ich gelernt habe. Was dieſe Singvögel betrifft , von denen du ſpridit , fo höre is nie auf ſle ido verachte ſie und ihre Worte. Al Tab rem gelobt, ich kann nicht ſagen ; id bin ein Philo

206 roph und weiß nidte vou dieſem Dinge , das Liebe ge nannt wird. " Der Pring begab ſich nun zu dem errőtbe , wo ſeine Freundin , die Fledermaus , an den Beiuen hing, und trug ihr diefelbe Frage vor. Die Fledermaus zog ihre Nare mit einem höchſt verdrießlichen Uusdruck ims por. Warum förſt du mich in meinem Morgeuſdlat mit einer ſolchen müſſigen Srage ?“ verfekte ſte grämlig . ,,Id fliege nur in der Dämmerung umher , menn alle Vögel chlafen und befümmiere mic ridt um ihr Treis beu. Jo bin weder Vogel noch: Sångthier und dante dem Simniel dafür. Id habe ſie alle als Squrten Pennen gelernt und halle ,die einen , wie die andern . Mit einem Wort, ich bin ein Miſanthrop * und weiß nicts von dem Diug , das Liebe genannt wird." Die leßte Zuflucht des Prinzen war jeßt die Sowalbe : er ſudte ſe auf und hielt die an , als de eben die zin: nen des Zhurmes umfreiſte. Die Sdralbe mar , wie gewöhnlich , in einer mädtigen Eile und hatte kaum Zeit zu antworten . „ duf mein Wort , fagte ſie , ich habe so viele öffentlige Geſchäfte und muß ſo vielen Urbeiten obliegen , daß ic Peine Zeit habe , über die Sache nach: zudenpen . 30 habe tåglid tauſend Beſuche zu maden und tauſend "widtige Geſchäfte zu beſorgen , ſo daß id uicht einen Augenblid Muße für dieſe Pfeinen Singe Sang: Gedichten habe. Mit einem Wort , ich bin ein Weltbürger id weiß nichts von dem Dinge , das Liebe genannt wird . "* Bei dieſen Worten ſchoß die Schwalbe in das That binab und war augenblidlid aus dem Blide verſchwunden .

207 Der Prinz fand getåuſdt und verwirrt da ; aber reine Neugier war durch die Sowierigkeit, ſie zu befrie: digen , nur reger geworden. Während er in dieſer Stim, mung war , trat ſein alter Hüter in den Shurm . Der Prinz trat ihm lebendig entgegen . „ Dweiſer Eben Bonabbeu ," rief er : ,, du haſt mir vieles Wiſſen der Erde enthüllt ; aber es gibt eiven Gegenſtaud, über teu ich in der tiefſten Unwiſſenheit bin und gern belehrt wäre . " „,Mein Prinz hat nur die Frage vorzulegcú und al: les in dem beſchränkten Kreiſe des Verſtandes feines Dieners iſt zu ſeinem Befehl." ,, So lage mir denn , du Ausbund von Weisheit, was iſt das Weſen des Dinges, das man Liebe nennt ? " Der weiſe Eben Bonabben war wie von einem Don: nerkeil getroffen. Er zitterte und erblaßte und és war ihm ,, ale fäße ſein Kopf ganz loder auf den Sdultern. „ Was konnte meinen Prinzen zu einer folden Frage perleiten ? wo mag er ein ſo müſſiges Wort gehört babeu ?" Der Prinz führte ihn an das Thurmfenſter. ,, Höre, o Eben Bonabben !" ſagte er. Der Weiſe lauſdte . Die Madrigal (aß ,in einem Dididt unten am Thurm und ſang ihrer geliebten Roſe ; aus jedem blühenden Zweig und jeder duftigen Laube ſtiegen melodiſde Töne empor Liebe war der fiets wiederfeha und Liebe Liebe rende Son . ,,ulah Akbar! Gott iſt groß !" rief der weiſe Bos uabben : wwer Panu Rd anmaßen , dieſes Geheimuiß dem Berjeu des Menſchen vorenthalten zu wollen , wenn ſido

>

208 ſelbſt die Bögel der Luft vereinigen , eß zu ver : rathen ? " Darauf wandte er fich zu Ühmed und ſagte : „ D mein Pring! Schließe deiu Dhr dieſem verführeriſden Klange ! Verhülle deinen Geiſt dieſem gefährlichen Wif fen . Wiffe , dieſe Liebe iſt die Urſache der Hälfte aller Uebel der unglüdliden Menſchheit. Sie iſt's , die Bit: terfeit und Streit zwiſchen Brüdern und Freunden er : zeugt , verrätheriſchen Mord und verheerenden Krieg ge: biert. Kummer und Sorgen , öde Lage und ſchlaflore Nächte find thr Gefolge. Sie zerſtört die Blüthe und vergiftet die Freuden der Jugend und bringt die Uebel und die Wehen des vorzeitigen Alters herbei. Nlah er: halte did , mein Prinz , in gänzlicher Unwiſſenheit über dieſes Ding, das Liebe genannt wird . " . Der weiſe Bouabben zog ſich eilig zurück und ließ deu Pringen in nur noch größerer . Verwirrung zurüd . Vergebens verſuchte er, ſich die Sache aus dem Sinu zu dlagen ; ſie blieb ſtets oben auf in ſeinen Gedanken und quälte und erſchöpfte ihu mit eitelu Vermuthungen. ,,Ge: wiß , " ſagte er ſich , als er dem melodiſchen Gefang der Mögel lauſote : ,,es iſt Pein Kummer in dieſen Zonen : alles ſcheint Zärtlichkeit und Freude ! Wenn die Liebe po viel Unglüd und Streit erzeugt, warnm rohmachten dieſe Vögel nicht in der Einſamkeit , oder zerreißen einander in Stúden , ſtatt fröhlich in - den Bürden umher zu flattern und mit einander in den Blumen zu ſpielen ?" Er lag eines Morgens auf ſeinem Lager und raun über dieſen unerklärliden Gegenſtand nady. Das Fene ſter feines Gemades war offen , um den ſanften Mor:

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genwind herein zu laſſen , der beladen mit dem Dufte der Draugenblüthen aus dem Darrothal herauf Pam. Die Stimme der Nadtigal , ſtets die gewohnten Töne fingend , wurde ſchwade gehört. Während der Prinz lauſchte und ſeufzte, entſtand ein plößlides Rauſchen in der Luft ; eine ſchöne Taube , you einem Gabicht ver: folgt, ſchoß in das Fenſter und ftel Peuchend auf den Bo: dea , während der Verfolger, ſeiner Bente baar, zu den Bergen hinüberſtrid Der Prinz nahm den fower athmenden Bogel auf, glåttete ſein Gefieder und Roßte thu an ſeinem Buſen, uls er ihn durch ſeine Liebloſungen beruhigt batte, feßte er ihn in einen gordnen Kafig und bot ihm mit eigenen anden das weißeſte und fdyoniſte Maijenbrod und das reinſte Waſſer. Der Vogel aber wollte nichts freſſeu und faß icmachtend und grampol da und ſtieß jam merude Seuffer aus. „ Was fehlt dir ? " ſagte ahmed : Baſt du nicht alles , was dein Herz wünſ@ en Pann ? " ,, ud , nein ! " erwiederte die Zaube : „ bin id nicht Don dem Freunde meines Herzens getrennt , und noch Dazu tu der Frühlingszeit, der wahren Zeit der Liebe ? " ,, Der Etebe ! " wiederholte uhmed : ,,id bitte dich, mein hübſches hierden , kannſt du mir ſagen , was Liebe ift ? " Bu gut fanu ich dies , meiu Pring. Sie iſt die Qual oou einem, das Glück von zweien, der Streit und die Feindſchaft von dreien. Sie iſt ein Zauber , welcher zwei Weſen mit einander verbindet und Ple durdy port: lides Gleichgefühl Dereinigt, ihr zuſammenſeyu zum 44 - 47 . 14

210 Olück , ihre Trennung zum Unglüd madend. Gibt es Pein Weſen , zu weldem dn durd dieſe Baube zártlider Neigung bingezogen wirft ? " 3d liebe meinen alten Lehrer , Eben Bonabben , mehr als irgend ein anderes Weſen ; allein er iſt oft langweilig und id fühle mid, maudmal glüdlider ohne ſeine Geſellſchaft." ,, Dies iſt uidt das Gleid gefühl, weldes id metae . Ich ſpreche von der Liebe , dem großen Geheimniß und Prinzip des Lebens ; der berauſchenden Jugendlaſt , der nüchternen Freude des Alters. Blid hinaus, mein Prinz, und ſieh , wie voller Liebe die ganze Natur in dieſer glüdlichen Jahreszeit iſt. Jedes geſchaffene Befen hat ſeinen Geſptelen ; der unbedeutendſte Bogel flugt feiner Buhlin ; felbft der Käfer wirbt um fein Weibchen im Staub , und jene edimetterlinge, die du hoch über dem Thurm flattern und in der Luft ſpielen Rebſt, ſind glüds lid in threr gegenſeitigen Liebe. Wdy, mein Prinz, haſt du ſo viele der Poſtlichen Jugendtage verlebt, ohue etwas 1 von Liebe zu wiſſen ? Gibt es kein holdes Weſen des andern Geſ @ lechtes - Peine ſchöne Prinzeſſin oder liebs liches fräulein , die dein Serz gefeffelt und deine Brun mit einem fanften Sturm füßer Pein und zärtlicher Wünſche erfällt hat ?" ..3d fange an zu verſtehen ," ſagte der Prinz fene jend : folch einen Sturm habe id mehr als einmal gea und wo roú id fühlt , ohne den Grund zu kennen ; in dieſer öden Einſamkeit einen Gegenſtand ſugen , wie du ihn beforeibſt ?" Die Unterhaltung wurde noch einen Augenblid fort:

211 gefeßt and die erſte Liebeslection des Prinzen war ge: foloſſen . ,, Uch." fagte er , wenn die Liebe wirklich eine ſolde Wonne , und thre Unterbrechung ſolch ein Elend ift , po perhüte atah , daß id die Freude irgend eines ihrer Verehrer före !" Er öffnete den Käfig, nahm die Laube beraus und trug ſie, nachdem er fle gártlid geküßt hatte, an's Fenſter. „ Gehe, glüdlider Bogel," fagte e , wfreue did des Sreundes deines Berzens in den Sagen der Jus gend und der frühlingszeit. Warum fod id did zum Mitgefangenen tu dieſem óden Sturme maden , in wel: dem die Liebe nie eintreten Pann ?" Die Saube Offaete thre Flügel mit Entzüden , fdyo mit Einem Schwung in die Luft und ſenkte ſich dann auf sildenden Sittigen in die blühenden Laubeugehange am Darro . Der- Prinz folgte ihr mit den Augen und gab uun bitterm Unwillen Raum . Das Singen der Vögel , das ihu ſonſt ergoßte, dermehrte jeßt ſeine Bitterfeit. Liebe ! Liebe ! Liebe ! Ud , armer Jüngling, er verftand jeßt die Zone ! Seine Augen ſprühten Feuer, als er den wetſen Bos nabben zuerſt wieder fah . „ Warum Baft du mid in dies fer tiefen Hamiffenheit geraffen ?" rief er. Warum ift mir das große Geheimniß und Prinzip des Lebens vora enthalten worden , in welchem ich das kleinſte Inſekt fo bewandert Ande ? Steh , die ganze Natur ift in einem Saumel der Luft. Iedes geſchaffene Weſen erfreut Miche feines Geſpielen. Dies – dies iſt die Liebe, in melder id unterrigtet repa wollte. Warum bir id allein vou 14 *

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thren Freuden ausgeſchloffen ? Wardm iſt ein ſo großer Theil meiner Jugend ohne die Reputniß ihrer Freuden dergeudet worden ?" Der weiſe Bonabben ſab , daß alle fernere Darüd : haltung nublos war ; denn der Prinz hatte die gefährliche und verbotene Kenntniß erlarigt. Er enthüllte ihm das ber die Vorherſagung der øſtrologen und die Borfidt, welche man bei ſeiner Erziehung angewendet hatte , um dies gedrohte Unheil abzuweudenh ,, Und nun , mein Prinz ," ſeßte er hinzu , viſt mein Leben in deinen Hån den . Wenn dein Bater entdedt, daß du die Leidenſchaft der Liebe kennen gelernt, während du unter meiner Aufe fidyt warſt, ſo muß mein Kopf dafür büfen . " Der Prinz war ſo dernünftig wie ein guter Theti junger Lente ſeines Alters and hörte gern auf die Vors ſtellungen ſeines Führers, da nichts gegen dieſelben ſprach , Ueberdies war er dem weiſen Bonabben wirklid zuges than und da er bis jeßt aur theoretiſch von der Leidene schaft der Liebe unterrichtet war , jo miligte er ein , die Kenntniß derſelben lieber bei ſich zu bewahren , als den Kopf des Philoſophen in Gefahr zu bringen. Seine Großmuth ſollte aber auf weitere Probent gee ſtellt werden . MIS er einige Morgen daranf auf der Binnen des Shurmes fingend umberging, fretfte, die Zaube , der er die Freiheit wieder gegeben hatte , über ihm in der Luft und ließ fio furotlos auf ſeine Scule ter nieder . Slüdlider Der Prinz drüdte ſie an feln Herz. el e Dug ," ſagt er, ,, der fo gu ſagen auf den Schwingeo

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213 1 des Morgens zu den äußerſten Theilen der Erde Riegen kann . Wo warſt du, ſeit wir ( chieden ? " ngn einem weiten Lande, mein Prinz, von wannen is dir zum Lohn für meine Freiheit Nachricht bringe. Sir meinem milden Flüg , der über Berge and Ebenen dahin geht,hob ich mich in die Luft und sah unter mir einer Poſtlichen Garten mit allen Arten von Früchten und Blumen . Er lag in einer grünen Aue, an den Ufern eines ſchlängelnden Fluffes ; und in der Mitte des Gar: tens war ein prächtiger Palaft. Id ließ mich in eine der Baumgruppen nieder , um nad einem mubfamen Flage auszuruben. Un dem Ufer unter mir war eine junge Prinzeſſin , in der erſten Lieblichkeit und Blüthe ihrer Fahre. Sie war von weiblichen Dienevinnen , jung, wie fle , umgeben , die ſie mit Blumenfronen und Krän, zen ſchmüdten ; aber Peine Blume des Feldes oder des Garters Ponnte mit ihr an Holdſeligkeit vergliden wer: den . Ulein fie blühte hier in geheimem , denn der Gar : ten war von hohen Mauern umgeben und fein Sterbli cher durfte eintreten. Uls ich dieſe ſchöne Maid fah, lo jung , ro utiſchuldig fo unbefledt von der Welt , dachte id, Hier ſey ein Weſen, das der Himmel geſchaffen habe, meinem Pringen Siebe einzuflogen . " Die Erzählung war ein Feuerfanten in das brenn: bare Serz Ahmed's an die fille Liebesfehuſudit ſeines Wefens hatte plöblich einen Gegenſtand gefunden , und er faßte eine udermeßlide Leidenſchaft für die Prinzeſſin . Er ſchrieb einen in der Leiden (d, aftlichten Sprache abge: faßten Brief, der ſeine glühende Liebe athmete, aber die tuglüdliche Gefangenſaft ſeiner Perſon beklagte, welche

214 ihn abhielt , ſie aufzuſuchen and fide zu ihren Füßen zu werfen. Er legte Strophen dol der zärtlichten und rührendften Beredſamkeit bei ; denn er war von Natur ein Dichter und vou Liebe begeiſtert. Er überſchrieb ſeinen Brief Un die unbekannte Schönheit , von dem gefangenen Prinzen Ahmed ; " er burcbaftete ihn mit Moſchus und Roſen und gab ihn der Saube. ,,Fort , treueſter der Boten ! " fagte er. „ Fliege über Berg und Shal, über Fluß und Ebene ; ruhe nicht 1 im Laub, reße deinen Fuß nicht auf die Erde, ehe du dies ſen Brief der Herriu meines Herzens gegeben hat. " Die Daube ſchwebte hod in die Luft empor , er ſah ihren Weg , und ichoß in einer graden Rictang dapon . Der Prinz folgte thr mit den Augen, bis ſie ein bloßer Punft an einer Wolke war und allmählig hinter einema Berg verſchwand. Lag um Sag barrte er auf die Rüdehr des Liebes boten , aber vergeblich. Er fing an , ihn der Bergeßlicy Peit anzullagen , als eines Abends gegen Sonnenuntero gang der' treue Bogel in ſein Gemach flatterte, zu ſeinen füßen ftel und ſtarb . Der Pfeil eines muthwilligen Bo genſchüben hatte ſeine Bruſt durchbohrt, dod batte er 000 ſeine leßte Lebenskraft aufgeboten , um ſeine Bot. ſchaft auszurichten. Wie der Prinz lid kammervoll übev dieſen bolden Martyr der Kreue beugte, fab er eine Per lenſdaur um ſeinen Hals , an welche unter dem Flügel ein kleines Bild in Email befeſtigt war . Es ſtellte eine holde Prinzeſſin , in der erſten Blüthe des Lebens , dar. Es war ohue allen Zweifel die unbekannte Sdönheit des Gartens ; aber wer und wo war fle - wie hatte

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fie feinen Brief aufgenommen und wurde dieſes Gemälde als ein Zeichen ihrer Billigung ſeiner Leidenſchaft ges Tendet ? Unglüdlicher Weiſe ließ der Tod der treuen Saube alles in Geheimniß und zweifel. Der Prinz blidte auf das Gemälde, bis ſeine Augen in Chránen ſchwammen . Er drücte es an ſeine Lippen , an ſein Herz ; er faß Stunden lang, und betrachtete es, faſt in einem Todeskampf der Zärtlichkeit. « Schönes Bild ! » ſagte er : « ado , da biſt nur ein Bild ! Aber deine thauigen Augen glänzen zärtlid auf mid ; dieſe roſigen Lippen deigen Ermuthigung auszuſpreden . Eitle Träume ! haben fle nidt einem glüdlidern Nebenbuhler eben ſo gelachelt ? Aber wo in der weiten Welt barn id hoffen , das Driginal zu finden ? Wer weiß , welche Gebirge , welche Reiche und trennen , welche Unfälle eintreten Pðnuen ! Vielleicht ſammeln ſich jeßt , eben jeßt Unbeter um fe , während ich als ein Gefangener hier in einem Thurme fiße , und meine Zeit mit der Unbetung eines gemalten Sdatteus verliere. » Der Entſchluß des Prinzen Ahmed war gefaßt. Ich wil aus dieſem Palaſte fliehen , ſagte er , « ber ein verbal: tes Gefängniß geworden iſt, und wir als ein Liebespilger dieſe unbekannte Prinzeſſin in der ganzen Welt ſuchen . Während des Tags, wenn alles wad war, ans dem Churm zu fliehen , war ſchwierig ; aber des Nachts war der Palaſt nur unbedeutend bewacht , denn niemand fürchtete irgend einen Verſud der Art von dem Prin jen , der immer in ſeiner Gefangen daft fid fo leidend verhielt. Wie aber ſollte er rich bei dieſer nådtligen Flucht zurecht finden , da er die Gegend nicht Pánnte ?

216 Die Eule flel ihm ein , die gewohnt war , des Nadts umher zu treifen , und jeden Nebenweg , jeden geheimen Gang Penuen mußte. Er (note ſie in ihrer Einſiedelei auf , und fragte ſie hinſichtlid ihrer Kenntniß des Lampe ded. Darauf nahm die Eale ein mächtig wichtiges Wer ren an , und ſagte : « du mußt wiſſen, o Pring, daß wir Eulen von einer ſehr alten und ausgebreiteten familie ſind , obgleich ſie vielleicht etwas in Verfall kam , und daß wir in allen Theilen Spaniens zertrümmerte S018 ſer und Paläſte beſken. Es iſt kaum ein Churm auf dieſen Bergen, oder eine Veſte in den Ebenen, oder eine alte Burg in der Stadt , in welcher nicht irgend ein Dheim oder ein Vetter wohnt ; indem ich nun dieſe meine zahlreiche Verwandtſdaft zu beſuchen die Runde machte, habe ich in jede Ede und in jeder WinPel gta ficant, und mich mit allen Geheimniſſen des Landes ved traat gemacht.» Der Prinz war überfroh , die Eule in der Drtókunde lo tief bewandert zu finden, und vertraute ihr nun ſeine zärtliche Leidenſchaft und ſeine beabſidy tigte Entweichung an , und drang in fie , ihn auf der Reife fu begleiten, und mit ihrem Rath zu unterſtüßen. Warlid ! » ſagte die Eule mit einem unfreundlidet Blide : « bin id ein Boger , der fid mit Liebesbåndeln befaßt ? ich , deren Zeit dem Nachdenken und dem Mond geweiht iſt to « Ser nicht bos , bochit ehrwürdige Eule , befekte der Prinz , « entziehe did eine Weile dem Mond und dem Nachdenken , und ren mir bei meiner Flucht behülſs lig, und du ſoliſt haben, was dein Herz winſden kann.» « Das habe ich bereito , n . fagte die Eule , « einige

217 Mäuſe reichen für meinen frugalen Sirch hin , und dieſe Mauerhöhle iſt geräumig genug für meine Studien , und was verlangt ein Philoſoph, wie id, mehr ?, Bedenke , weiſefte Eule ! Während du in deiner Belle die Augen verdrehſt und den Mond anſtarrſt, gehen alle deine Geiſtesgaben für die Welt verloren . Ich werde eines Tages gebietender fürſt , und kaun did zu irgend einer Stelle von Ehre und Rang ber fördern . » Obidon der Bogel ein Philoſoph und über die ge: wöhnlichen Bedürfniſſe des Lebens erhaben ' war, ſo war er doch nicht ohrie Ehrgeiz ; ſo wurde er denu endlid dahin gebracht , mit dem Prinzen zu lieben , und ſein Führer und Mentor bei dieſer Pilgerſchaft zu werden. Die Pláne eines Liehabers find fuel ausgeführt. Der Prinz nahm alle reine Juwelen zuſammen, und bers barg Rie zur Beſtreitung der Reiſekoſten in ſeinem Ger mand. Noch in dieſer Nacht ließ er fich an ſeiner Schärpe von einem Balkon des Zhurms , Pletterte über die Außenmauer des Generalife , and entfloh , von der Eule geführt , nodo por Unbruch des Morgens in das Gebirge. Er hielt mit ſeinem führer Rath über ſeinen Fünfs tigen Weg . Wenn id rathen darf , » fagte die Eule , « fo em: pfehle id , wad Sevilla zu geben. Du maßt wiffen , daß ich vor vielen Jahren einen Dheim beſuchte , einen Bogel von hohem Rang und Anſehen , der dort in einem jerfallenen Winkel des Ulcazar wohnt. Bei meinen nächtlichen Streifereieg über der Stad bemerkte is"

218 bäufig ein Lidt, das in einem einſamen Shurme brannte.. Endlid ließ id aid auf die zinnen nieder , und fand, daß es von der Lampe eines arabiſden sauberers auss ging ; er war von ſeinen magiſchen Büchern umgebin, und auf ſeiner Schulter ſaß ſein Vertrauter , ein alter Rabe, der mit ihm aus Aegypten gekommen war . Ich bin mit dieſem Raben befannt , und ſoulde ifm einen großen Theil der Kenntniſſe , die ich beſlße. Der gans berer iſt ſeitdem geſtorben , aber der Rabe beroohnt den Thurm sod , denn dieſe Dögel haben ein wunderbar langes Leben. 3d rathe dir, o Prinz, dieſen Raben auf zuſuchen , denn er iſt ein Wahrſager und Beſchwörer, und treibt die Schwarz Punſt , derentwegett alle Raben , und beſonders die Aegyptens, berühmt ſud.» Die Weisheit dieſed Rathes drang fid dem Prin . gen auf , und er nahm demnad ſeinen Weg nad Ses vida. Seinem Gefährten zu Gefallen reiſte er nur des Nachts , und hielt während des Tags in irgend einer dunkeln Höhle oder zerfallenen Warte an, denn die Eale Pannte jeden Sdlapfmittel dieſer Art , und hatte einen hodiſt antiquariſchen Geſchmad an ninen . Endlich erreichten ſie eines Morgens bei Sagebane brud die Stadt Sevilla , wo die Eule, welche den Olanz und das Lärmen der überfüüten Straßen haßte , dor dem Thore anhielt, und ihre Wohnung in einem hohlen Baume nahm . Der Prinz trat in das Shor, und fand alsbald den magiſden Thurm , der über die Säuſer der Stadt ema porſtieg, wie ein Palmbaum Rich über das Burdwert der Wüſte erhebt ; es par in der That derſelbe qburm, der

219 heute noch ſteht , und als die Giralda , der berühmte mauriſche Thurm bon Sevilla, bekannt iſt. Der Pring flieg auf einer hohen Wendeltreppe za den Zinuen des Thurms empor, wo er den cabaliſtiſchen Raben fand - einen alten, geheimnißvollen , graukopfigen Bogel , mit ftruppigem Gefteder , und mit einer Saut über dem Auge, welche ihm den' ſtarren Blick eines Ge fpenftes gab. Er faß auf dem einen Bein , drehte ſeinen die eine Seite, and prüfte mit dem einen ihm Kopf auf of die bleibenden Huge eine Sigur, welche auf das Pflaſter ges zeichnet war. te wees Der Prinz uåberte ſich ihm mit der Ehrfurcht und Shen, welche ihm ſein ehrwürdiges Ausſehen und ſeine übernatürliche Weisheit einfößte. « Vergib mit , alter und nächtlid weiſer Rabe,» rief er aus, «wenn ich einen Uugenblick dieſe Studien , welche die Bewunderung der Welt ausmachen , unterbreche. - Du ſiehſt einen Jünger der Liebe vor dir, welcher gern deinen Rath hören möchte, wie er zu dem Gegenſtand ſeiner Leidenſchaft gelangen Põnute.» thesame Worten , » fagte der Rabe mit einem • Mit andern bedeutungsvollen Blid , « du willſt meine Geſchidlichkeit In der Chiromantie erproben . Komm , zeige mir deine Qand , und laß mich die geheimnißvolley Glüdslinten entziffern . « Entſculdige , » perfekte der Prinz, « ich komme nidt, in die Berghlaffe des Sdhidfals zu ſchauen , die Allah vor dem Unge der Sterblidhen verhaut hat ; ich bin ein Pilger der Liebe , und mit nur den Faden dem Gegenſtand meiner Pilgerſchaft findent.

220 Uud Faunſt du in dem třebereichen Andaluſien toma einen Gegenſtand verlegen ſeyn ? » ragte der alte Rabe, mit ſeinem einen Auge ihn anſchielend ; voor allem fannſt du in dein üppigen Sevila in Verlegenheit feon , WD fomarjangige Mágblein die sambra unter allen Dran gen tanzen ? » tei, ma Der Pring errothete und ſtaunte einigermaßen , einen alten Bogel , mit der einer Kratté im Grabe, po 'locer fprechen zu hören . Glaube mir ,» fagte er ernſt, aid bin auf feiner ſo leichten und luftigen Fahrt , wie du mir zumutheft. Die romarjängigen Magblein Unte daluſlens, die unter den Orangen des Duadalquivir tan zen , kümmern mich niớt. Ich ſuche eine unbekannte aber makelloſe Sdönheit , das Vorbild zu dieſem Ges målde ; ' aud ich bitte did , höchſt mächtiger Rabe , fage mir , wenn es in dem Umfang deines Wiffens und in dem Bereidy deiner Kunſt liegt, wo id fie Anden kann » Der grauköpfige Rabe fand Dd durch den Ernfi des Prluzen getroffen. « Das weiß ich , , erwiederte er trođen , «Don So gend und Schönheit ? Meine Befuche gelten dem Ab ten und Verwitterten , nicht dem Frifchen und Sdöneth. Des Shidfars Bote bin ich , and Prádze das Seiden des Lodes von der Schornſteinſviße, und ſchlage meine Flügel an des Kranken Fenſter. Du mußt anderswo Rachrichten über deine unbekannte Sd dnheit ſuchen .» « Und too anders roll ich ſuchen , als bei den Site nen der Weisheit , die im Bude des Verhängniffes bes Isanbért find ? Id bin ein Königsſohn, von den Ster , uen zu einem geheimniſvollen Unternehmen , von welchem

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das Schickſal von Reiden abhängen taun , beftimmt und ausgeſendet.» Uls der Rabe hörte , daß es eine Sade von der bödſten Wichtigkeit feo , au welde fich die Sheilnahme der Sterne knüpfe , ånderte er Sprache and Benehmen, und lauſchte der Geſchichte des Prinzen mit hoher Uuf: merkſamkeit. dis dieſer geſcloffen hatte , derſeßte er : as dieſe Prinzeffin betrifft, lo fann 'td felbſt dir Feine Nachricht geben , denn ich fliege nur um die Gåre ten und Bauben der Frauen ; allein gehe nad Cordova , ſude den Palmbaum des großen Übderahman anf , der in dem Sofe der Bauptmoſchee ſteht ; am Fuße deſſels ben wirſt du einen beifhmten Reiſenden finden , der alle Länder und Höre beſucht hat , und ein Liebling bei Kó: niginnen und Prinzeſſinnen war. Er wird dir Kunde über den Gegenſtand deines Nachforſchens geben.o. «Vielen Dank für dieſen Piftlichen Nachweis, w fagte der Prinz ; alebe wohl, ehrwürdigſter Bauberer. » a Lebe wohl , Pilger der Liebe ! » ragte der Rabe trođen , and tegann wieder über die Sigur nachzugrübeln . Der Prinz verließ ſofort Sevilla, ſuďte ſeinen Reke fefahrten , der nog in dem bohlen Baum die Augen ders drebte, und reiſte nad Cordova ab. Sångenden Garten , Drangene and Eltronen - WB & B den entlang . melde das ſchöne Duadalquivirthal übers ſequen, nabten ſie der Stadt. did lle an dem Thore antamen , flog die Eule in ein dunkles Lod in der Mauer hinauf, und der Priuz ging weiter , um den Palunbaum aufzuſuchen , den der große Abderahman in uralten Bei ten gepflanzt hatte. Er ſtand in der Mitte des Sofe 1

222 der großen Moſchee, über Drangen- und Bipreffenbäume hervorragend. Derwiſde und Fakire ſaßen in Gruppen unter den Säulen des Sofes , und viele der Gläubigen verrichteten ihre Reinigungen an dem Brunnen , bevor ſie die Moſchee betraten.

Um Fuße des Palmbaums war eine Menge Mens lohen verſammelt , und lauſchte den Worten eines Redo ners , der mit großer Geläufigkeit zu ſprechen dieu. a Dieſer muß , ſagte der Prinz zu fide , ader berühmte Reiſende regn , der mir Nachricten von der unbekanns ten Prinzeſſin geben ſoll. Er mifate fid in die Menge, rah aber zu ſeinem Erſtaunen , daß ſie alle einem Papa: geten zuhörten , welcher mit ſeinem hellgrünen Rod , ſeto nem dormißigen Auge und ſeiner bündigen Kopfichleife das Unſehen eines Vogel hatte, der mit lid ſelbſt in portrefflichen Bernehmen ſtand. « Wie Pommt es , » fagte der Prinz zu einem der Umſtehenden , « daß fo viele ernſte Männer an der Gez dwapigleit eines donarrenden Bogels Gefallen Anden Fönnen ?» « Ihr wißt nicht, oon wem Ihr fpredt,. fagte der Andere ; « diefer Papagei ift der ablömmling des bes rühmten perſtiden Papagei's , berühmt wegen feiner er: gåhlergabe. Er hat alle Weisheit des Morgenlandes an der Spiße ſeiner Zunge , und kann Gedichte eben ſo ſchnell herſagen , als er ſpreden Fann. Er hat viele fremde Höfe beſuot , ro man ihn als ein Orakel der Gelehrſam Peit angeſehen hat. Er war aud der allge: meine Liebling des ſchönen Geſchlechtes , weldes eine

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ungemeine Bewunderung für gelehrte Papageien bat, die Gedidte herſagen Pönnen . » « Genug ! » ſagte der Prinz; aid wil eine geheime Unterredung mit dieſem großen Reiſenden haben.. er bemühte fld, um eine geheime Stiefprade , and regte die Urſace reiner Wanderſchaft auseinander. &r hatte dieſelbe taum genannt , als der Papagei in eiu trodnes , betſderes Lachen ausbrad , das ihm Shránen in die Augen loďte. « Entſculdige meine Beiterkeit, fagte er ; « aber ich muß immer laden , wenn id don Liebe reden höre.» Der Prinz war aber dieſe unzeitige Seiterfeit uns willig, und ſagte: « Iſt die Liebe nicht das große Ges heimniß der Natur , das geheime Prinzip des Lebens, das allgemeine Band des Gleichgefühls ?» « Larifari ! » rief der Papagei ihn unterbrechend ; wrage mir nur , woher du dieſes ſentimentale Kauder , welfa haft ? Glaube mir , die Liebe iſt ganz außer Cours ; man hört in Geſellſchaft ſchöner Geiſter und feingebils deter Leute nicht mehr von ihr reden.» Der Prinz gedachte der ganz verſo iedenen Sprade feiner Freundin , der Saube , und ſeufzte. Aber , date er , dieſer Papagei hat am pofe gelebt ; er ahmt das Weſen eines geiſtreichen und feinen Serru nach ; er weiß nichts von dem Dinge, das Liebe genannt wird. Da er das Gefühl, welches fein Herz erfüllte , nicht mehr dem Spotte preisgeben wollte, richtete er ſeine Nachforſcuns gen auf den unmittelbaren Grund ſeines Beſudes, « Sage mir,» ſprach er, « hodhgebildeter Papagei, der du allenthalben zu den geheimſten Lauben der Schönheit

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Sutritt hatteſt, begegnete dir nåfrend deiner Reiſe das Vorbild zu dieſem Portråt ? o Der Papagei nahm das Gemälde in feine Krallen , neigte den Kopf hin und her , und betrachtete es nec gierig bald mit dem bald mit jenem Auge. «Uuf meine fagte er , « ein ſehr ſchönes Gefldt ; ſehr ſchon ; Ehre, allein man ſieht ſo viele ſchöne Frauengeſichter auf seis Ei, ei ! nen Reiſen , daß ma Rich Paum - doch halt ! ohne ale Frage , es Ich muß es noch einmal anſehen iſt die Prizeſſin Aldegouda ; wie Ponnte ich ein Weſen vergeſſen , das ich ſo uugemein hoc hielt f » «Die Prinzeſſin Aldegonda ? » wiederholte der Pring, «und wo taun man ſie finden ?» « Langſam , langſam ! » fagte der Papagei; « fte iſt leichter zu finden , als zu bekommen. Sie iſt die eine zige Tochter des chriſtlichen Könige , der 21 Toledo herrſcht , und man hat ſie bis zu ihrem Rebzehaten Ges burtstag von der Welt abgeſchloſſen , wegen einer Pros phezeihung dieſer zudringlichen Burrebe , der Uſtrologen . feiu Sterbee Du kannſt ihrer nicht anſichtig werden lider Pano Rie ſehen . Id bin vor ple gelaſſen worden, am ſie zu unterhalten , und verſichere did auf das Wort eines Papagei's , der die Welt geſehen hat , id babe idon mit viel einfältigeren Prinzeſſiunen geſprochen .» « Ein Wört im Bertrauen , mein lieber Papaget, » fagte der Prius ; vid bin der Erbe eines Königreids, und werde eines Tages einen Thron einnehmen. go rehe, du biſt ein Vogel oon Talent, und Pennſt die Welt. Bilf mir in den Beſiß dieſer Priuzeſſin , uud ich werde dich zu einer ausgezeichneter Stelle am Sofe befördern . »

225 Bon ganzem Bergen , fagte der Papagei ; « aber Taß es, wenn möglich, ein Faulamt ſeyn , denn wir ſchönen Geiſter haben gegen das Urbeiten einen großen Wider: willen.. Die Uebereinkunft wurde alsbald getroffen. Der Prinz verließ Cordova durch daſſelbe Shor , dard wel des er gekommen war , rief die Eule aus dem Mauer , loco, ftellite fie feinem neuen Reiſegenoffen als eine Mit gelehrte dor, und man trat nun die Reiſe an. Es ging bei weitem nicht ſo fouell, als die Unge geduld des Prinzen es wünſchte ; allein der Papagei war an das vornehme Leben gewöhut , und hatte es nicht gern , daß man ihn früh Morgens ſtörte. Auf der an: dern Seite folief die Eule geru um Mittag, und verlor viele Zeit mit ihren fangen Sieſta's. Dus war ihr aus tiquariſcher Geſchmad hinderlid ; denn ſie beſtand darauf, bet jeder Ruine auzuhalten , und ſie zu beſchauen , uud hatte lange märchenhafte Geſchichten von jedem alten Shurm und jedem Sdloffe in dem Lande zu erzählen. Der Prinz hatte gehofft, fte und den Papagei , beide Bogel von Gelehrſamkeit, würden in ihrer gegenfeitigen Geſellſchaft Freude finden , allein er hatte fic nie mehr geirrt. Sie waren ewig im Streit. Der eine war ein Schöngeiſt, der andere ein Philoſoph. Der Papaget citirte Poeſten, Pritiftrte neue Leſearten , und war über kleine Punkte der GelehrfamPeit beredt ; die Eule be: bandelte alles dieß Wiſſen als nichtig , und fand an nichts Gerdmad , als an Metaphyfit. Dann fang der Papagei Lieder, wiederholte gute Einfale, und rib Biße auf ſeinen feierlichen Nachbarn , und lachte ſchmählich 1 44 -47, 15

226 über ſeine eignen Spaße ; weldes ganze Benehmen die Eule als einen empfindlighen Eingriff in ihre Würde anſab , und ſchmolte, Jürgte und ſich erboßte , und einen gans zen langen Tag ſtumm blieb. Der Prinz beachtete die 3ånlereien ſeiner Gefahr, ten nicht, da er in den Träunien ſeiner eignen Phantaſie und der Betrachtung des Porträts der ſchönen Prin : zeſſin verloren war. Muf dieſe Wetſe reiſten ſie durch die rauhen Påffe der Sierra Morena , über die ſonnen : verbrauuten Ebenen der Manda und Caſtiliens, und die Ufer des goldgen Sajo entlang , der ſeine zauberiſden Srrwege durd halb Spanien und Portugal windet . Endlich Ramen ſie zu einer feſten Stadt mit Mauern und Zhürmen , die auf einen felſigen Bergoorſprung ges baut war , um deſſen Fuß der Sajo mit lärmender Hef tigreit Preiſte. Sieb,» rief die Eule, «die alte und berühmte Stadt Loledo , eine wegen ihrer Ulterthümer berühmte Stadt. Sieh dieſe ehrwürdigen Dome ugd Shirme, grau von der Zeit und mit fageureider Größe umgeben , die Scene des Nachdenkes, fo vieler meişer Uhnen. » « Stig ! » rief der Papagei, ihr feierliches antiquam riſches Entzüden unterbredend. «Was gehen und Alter: thümer und Sagen und deine Uhnen an ? Sieh das , woran hier mehr tiegt - ſieh die Bohnung der Jugend und Sdönheit - ſieh endlid , o Pring , die Wohnung deiner lange geſuchten Prinzeſſin ! » Der Prinz rab ia der von dem Papagei angezeig ten Ridtang , und erblidte in einer herrligen grünen Aue an den Ufern des Sajo einen Rattliden Palast,

227 der aus dem Laubwert eines Pöftlichen Gartens empor: ſtieg. Der Drt ſtimmte ganz genau mit der Beſdreis bung zuſammen , welche ihm die Saube gegeben hatte. Er jab mit flopfenden Bergen hin. Vielleicht, dadite er , « ſpielt die idone Prinzeſſin in dieſem Augen blick unter jenen ſchattigen Laubengången , oder durch (dreitet mit zartem Sritte jene döne Serafſen , oder ruht unter jenen, hyhen Dächern !» : Als er genauer hiafah , bemertte er, daß die Gartenmauern ſehr hoch waren , fo daß fie jedem Zugang tropten , während Sdaas ren bewaffneter Machen um ſie Preiſten . Der Prinz wendete fich zu dem Papageien : « Voll: kommenſter aller Vögel, » ſagte er , «du haſt dte Gabe der menſchlichen Rede. Eile in jenen Garten, fuche das fool meiner Seele , and rage ihr , Prinz Ahmed , ein Liebespilger, und von den Sternen geführt, ren, Ple ſudend, an den blumigen Ufern des Zalo angekommen .» Stolz auf ſeine Geſandtenrolle, frog der Papaget dem Garten zu , forang Rich über ſeine hohen Mauern, rowebte eine Zeitlang über die Gänge und alleen defa ſelben , und ließ fich auf dem Balkon eines Pavillons, der auf den Fluß ging, nieder. Hier ſah er , als er durd ein Senfter blidte , die Prinzeſſin auf ein Lager hingegoſſen , und das Auge auf ein Papier geheftet, wah rend Shránen lid radite über ihre blaffen Wangen bers abſtahlen . Der Papagei pußte ſeine Flügel einen Augenblick , madte reinen hellgrünen Rod juredit, hob ſeine Kopfídleife, and feßte fto mit einem zierlichen Weſen neben ihr nieder ; dapo uahm er einen zärtligen Zou an und ſagte: «trodne 15 *

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deine Chránen , ſchönſte der Prinzeſlanen , id tomme, Deinem Bergen Sroft zu bringen .>> Die Prinzeſiin erfdyrad , als ſie eine Stimme neben Rid hörte , drehte ſich aber um , und da ſie nichts fab . als einen kleinen grünrödigen Bogel , der fid oor ihr neigte und beugte, ragte fle : «ad , welden Sroſt Pannſt du geben, da id fehe, daß du nur ein Papagei bift ? » Den Papagei ärgerte dieſe Frage. « Jo habe za meiner Zeit mande holde Dame getröſtet ; » ſagte er. Doch nichts davon. Sekt komme id als Gefaubter eines Pöniglichen Prinzen. Wiffe,' daß Ahmed, der Prinz von Granada, hier angekommen iſt, did zu fuden , und das er eben ießt auf den blumigen Ufern des Tajo gelas gert iſt ! ». Die Augen der (dönen Prinzeſtn funketten bei dies fen Worten heller , als die Diamanten in ihrer kleinen Krone. «Ditebltooſter der Papageien ,» rief fie, «Tona nig ſind in der That deine Nagrichten , denin idwar jag und verdrüßlid , and faſt todttrant aus Ungerig Beit über ahmeds Srete. Begib did zurüd , and fag ihm , die Worte ſeines Briefes regen in mein Herz ge graben , und ſeine Gedigte regen die Nahrung meiner Seele geweſen . Sag thm aber audy, er maſſe fid rüſten , feine Liebe durd die Kraft der Waffen zu bewähren ; morgen iſt mein flebenzehnter Geburtstag , wo der Ko. nig , mein Vater , ein großes Turnier bålt , mehrere Pringen werden in den Søranken erſcheinen , und meine Sand wird der Preis des Siegers feyn . » Der Papagei madite fid , dard das Gebüſd rauſdent, davon , und flog zu dem Prinzen zurüd. Das Ent :

229 züden Ahmedo, das Original feines angebeteten Por : träts gefunden zu haben, und fle hold und treu zu miſ fen , begreifen aur die begänſtigten Sterblichen , welche das Glüd gehabt baben , Sagträume verwirklidt und Scatten in Berenheit verwandelt zu ſehen . Aber Eines mäßigte uod ſein Entzüden – dieſes bevorſtehende Sur, nier . In der Zhat , die Ufer des Lajo glänzteu foon von Waffen, und halten von den Trompeten der vielen Ritter wieder, die mit folgem Gefolge Toledo entgegen zogen , um dem feſte beizuwohnen. Derſelbe Stern , der das Sdidfal des Prinzen lenkte , hatte aud iber das der Prinzeſſin beſtimmt, und bis zu ihrem Riebeuzehnten Jahre war file con der Welt abgeſchloſſen geweſen , um fie vor der gårtliden Leidenſdaft zu bewahren . Der Raf von ihren Reizen war aber durch dieſe abidhließung eher erhöht als derdunkelt worden . Mehrere mådhtige Fürften hatten ſido um ihre Daud betoorben ; ihr Vater , ein König von wunderbarer Schlauheit, wollte fid Peine. Feinde maden , indem er für einen derſelben entſchied, und verrieß ſie auf die Entideidung durch die Waffen . Unter den Mitbewerbern waren mehrere wegen ihrer . Kraft und Sapferkeit berühmt. Weld ein Zuſtand für den unglüdliden Ahmed, der nicht mit Waffen verſehen , und in den Künſten des Ritterthums nidt geübt war . « Unſeliger Pring, der id biu,» ſagte er, adaß ich in der # bgeſchiedenheit unter den Augen eines Philofophen ank erzogen wurde ! Was nüben mir nun Algebra und Phi losophie in Liebesangelegenheiten ? Ud , Eben Bonabbeo, warum haſt du es verſäumt, mid in dem Gebraud der BAffen zu unterrichten ? Bei dieſen Morten brad

230 die Eule ihr Soweigen, und ( ieß ihrer Rede einen Uus: ruf vorangehen , denn dieſer Vogel war ein frommer Muſelmann. « Ullah Akbar ! Gott iſt großl» rief fle. « Fu ſeinen Bänden ſind alle geheimen Dinge er allein regiert das Oerdid der Prinzen ! - Mifte , o Prinz , daß die ſes Land voller Geheimniffe tít , welche nur denen er : schloſſen ſind, die, wie ich, im dunkeln nach den Wiſſen : idaften tappen Pönnen. Wiffe, daß in den benadbarten Bergen eine Söhle iſt ; in dieſer Höhle nun iſt ein eiſer : der Tiſch, und auf dieſem eiſernen Tiid liegt eine volls ſtåndige magiſde Rüſtung , und ueben dem Sird ſteht ein bezaubertes Pferd , was alles viele Gefdledter hin : durd dort abgeſchloſſen iſt. Der Prinz war außer lidt oor Staunert, während die Eule, mit ihren großen runden Augen blinzelnd, and ihre Hörner (pißend, fortfuhr. « Vor vielen Jahren begleitete ich meinen Vater bei einer Reiſe durd feine Beſtungen in dieſe Gegenben , und wir übernachteten in jener Sohle, und ſo wurde id mit dem Geheimniß bekannt. Es iſt eine Sage in uns ſerer familie , welche ich von meinem Großvater hörte, als ich agr erſt ein kleines Eulden war , dieſe Rüſtung gehöre einem mauriſden Bauberer, der lid in die Höhle geflügtet , als Toledo pon den Chriſten eingenommen worden, und dort geſtorben war , Roß und Wehr unter einem Zauberbanu laffend, daß nur ein Möslem fle ge: brauchen rolle , und dieſer nur von Sonnenaufgang bis zum Mittag. Wer ſie aber während dieſer Seit gebraudt, werde jeden Gegner beſlegen . »

231 « Genug ! laß uns dieſe Döhle aufſuchen ! » rief uhmed. von feinem ſagenretden Begleiter geführt , fand der Prinz die pohle, welche in einer der wildeſten Salud ten dieſer Felsklippen waren, die am Toledo aufſteigen ; nur Das mauſende duge einer Eule oder eines Antiquars hätte den Eingang finden können. Eine Todtenlampe mit nie fido verzehrendem Del verbreitete ein feierlidhjes Licht in der Höhle. Auf einem eifernen Sild in der Mitte der Höhle lag die magiſde Rüſtung , die Lange war daran gelehat , und darneben fand ein arábiſces Roß , zum Kampfe aufgezäumt, aber regungsles mote eine Statüe. Die Rüſtung war glänzend and hell, wie ſie in früherer Zeit geleuchtet hatte ; das Roß in einem so guten Zuſtand, als Råm és eben von der Weide, und als Ahmed Teine Sand auf ſeinen Hals legte, ſtampfte es den Boden , und ließ ein lautes Wiehern der Freude hören , welches die Wände der Böhle er dütterte. So ſtattlich mit Roß und Waffen verſehen , beſchloß der Prins, fich dem Kampfe in dem bevorſtehenden Furnier zu ſtellen , Der entſcheidetibe Morgen tam . Die. Sdrantets für den Kampf waren in der Vega oder. Ebene grade unter den auf Klippen erbauten Mauern Soledo's her: gerichtet , und Bahaen and Galerieen mit reiden Sas peten bededt , und durch ſeidene Dächer vor der Sonne gefüßt, für die Buſdauer erbaut, Auf dieſen Galerieen waren alle Sønheiten des Landes verſammelt , wab: reud unten ſchmude Ritter mit ihren Pagen und Knaps peu prunkten ; hier ſtaden porzüglich die Pringen her:

232 por, welche in dem Surnier fämpfen fouten . Ade Schöna heiten des Landes aber wurden verdunkelt, als die Prins geffin uidegonda in dem töniglichen Belt erſten , und ſich zum erſten Mal den Bliden einer berwandernden Welt darſteite. Ein Murmeln des Staunens über ihre unvergleichliche Schönheit lief durch die Menge, und die Prinzen , welche nich blos auf den Ruf ihrer gerühmten Reize um ihre and beworben hatten , entbrannten jest in zehnfader Slut für den Kampf. Die Prinzeſſin aber fah traurig. aus . Ihre Wana gen erblaßten und rötheten fic , und ihr Uuge irrte mit einem ruhelofen und unzufriedenen Ausdrud über die Ichmuden Sdaaren der Ritter hin. Die Trompeten ſollten eben zum Kumpfe rufen , als der Herold die Uns Ranft eines fremden Ritters ankündigte, und Uhmed Rich den Sdranken näherte. Ein geſtählter Helm, mit Evels fteinen befekt, erhob ſich über ſeinem Surban ; ſein Pan . zer war mit Gold ausgelegt ; Sábel und Dold waren aus den Werkſtätten von Fefe und funkelten von Poſtbas ren Steinen . Ein runder Schild hing an ſeiner Soul. ter , und in ſeiner Hand trug er die mit Sauberkraft begabte Lange. Die Dede ſeines Arabers war reid ges ſtidt, und fiel bis zum Boden nieder , und das folge Thier båamte ſich und fonobberte die Luft und wie. herte vor Freude, die Rampfreihen tod einmal zu ſehen . Die ſtolze und anmuthie Daltung des Prinzen feſſelte jedes Auge , und als man ankündigte, daß er fid den « Liebespilger» nenne, murde eine allgemeine Uuruhe und Bewegung unter den ſchönen Fräuleins auf den Ga . terieen bemerplid ,

233 U18 Uhmed fid aber an den Schranken darſtellte, foloſſen ſich dieſe vor ihm ; nur Prinzen , hieß es , wür: den zum Kampfe zugelaffen. er naunte ſeinen Namen und Rang. « Nod Idhlimmer ! » Er war ein Moslem, und konnte an einem Surnier nicht Cheil nehmen , deſo ſen Preis die Hand einer chriſtlichen Prinzeſſin war. Die prinzlichen Bewerber umringten iha' mit ſtols jen und drohenden Mienen ; und einer von underſdámtem Benehmen und berkaliſcher Geſtalt verlachte höhuiſo feine leichte und jugendlide form , und ſpottete aber ſeinen Liebes - Beinamen . Der Zorn des Pringen warb rege. Er forderte ſeinen Nebenbuhler zum Kampfe her. aus. Sie ſtellten ſich an, umkreiſten rich, und begannen den Kampf ; und bei der erſten Berührung der magiſden Lanze war der ſeunige Spotter aus dem Sattel gewors aber ach, fen. Der Prinz hätte ießt gern eingehalten er batte es mit einem Dämoniſden Pferd und gleichen Waffen zu thun - wenn ſie einmal im Kampfe waren , Ponnte nichts ſie zügeln . Das arabiſde Roß ſchoß in das didteſte Gedräng ; die Eauze warf alles , was thr portam , nieder ; der fanfte Pring wurde wie toll auf dem Kampfplaß umhergeriffen , und bedeďte ihn mit hoch und niedrig , adlig und ſolidt , und betrübte ſich über ſeine eiguen unfreiwilligen Beldenthaten . Der König türmte und wüthete über dieſe Somad an ſeinen Uns terthanen und Baſten . Er ließ alle ſeine Waden aus 5 gieben - ſo ſchnell fie herantamen , wurden ſie aus dem Sattel geworfen . Der König warf ſeine Staatsgewens der ab, ergriff Schild und Lanze , und ritt beraus , den frempling mit der Gegenwart der Majeftat felbft zu

234 creden . Ud ! es erging der Majeſtät nidt beffer , als das Roß und die Länze achtete der Per : dem Pöbel ſonen nidt , und zu Ahmeds Betrübniß wurde er in vollem Lauf gegen den König getragen , und in einem Augenblid waren die königliden Ferſen in der Luft, and die Krone rolite in den Staub. Fu dieſem Augenblick erreichte die Sonne die Mit tagshöhe ; der magiſche Baun nahm ſeine Kraft zurüc ; der Araber duro flog die Bahn , regte über die Soran Pen , firste in den Sajo , dywamm durd , beffen wilde Strömung , trag den Prinzen athemlos und außer fich in die Höhle, und ſtand wieder neben dem eiſernen Ziſche wie eine Statue. Der Prinz ſtieg redt froh ab , und legte die Rüſtung an ihre Stelle , um der ferneren Bes ſtimmungen des Schidſals zu harren . Dann feßte er ſich in der Qiyle nieder , und dagte über den derzweis felten Suſtand nady, in welchen ihn dieſes teufliſde Roß und die Waffen gebracht hatter. Er durfte es nicht wagen , ſich zu Toledo fehen zu laffen , naddem er eine folde Samach über deffen Ritterſchaft gebracht , und befſen König fo dywer beleidigt batte. Und toas dachte wohl die Prinzeſſin von einem ſo roben und ſtürmiſden Beginnen ? Boller Unruhe ſandte er ſeine gefiederten Boten aus , um Nachridten zu ſammeln. Der Papa, gei begab ſich an alle Öffentligen Orte und beſuchten Piške der Stadt , und kehrte bald mit einer Menge Geplauder zurüd . Ganz Zoledo mar in Beftürzung. Die Prinzeſſin war ohnmächtig in den Palaſt getragen worden ; das Purnier hatte in Berwirrung geendigt ; alle Belt fprad von der probliden Erſcheinung , den

235 wunderbaren Chaten und dem fonderbaren Verſchwinden des Moslem - Ritters. Einige erklärten ihn für einen mauriſchen Zauberer ; Andere hielten ihn für einen Seu fel, der menſchliche Geſtalt angenommen , während Uudere Sagen von bezauberten Kampen , die fu den Sohlen der Berge derſtedt reyen , erzählten und glaubten , es könne einer derſelben geweſen ſeyn, der ploblich aus ſeiner Höhle losgebrochen rey. Ale waren darüber eins , daß kein gemobulider Sterblicer folde Wunder Derridten oder folde voulommene und tapfere chriftliche Ritter aus dem Sattel heben könnte . Des Nachts flog. die Eule fort, fdwebte über der nächtlichen Stadt und ſeßte ſich auf die Dächer und Spornſteine. Dann nahm ſie ihren Weg empor zu dem Pöniglichen Palaſt, der anf der felſigen Höhe von Toledo ſtand, und følich um ſeine Zinnen und Terraſſen , ap je: der Spalte lauſchend und mit ihren diden gloßigen Au: gen in jedes Fenſter, wo ein Licht war, ſchielend, ſo daß ein oder zwei Staatsfråulein in Dhamacht fielen. Aber erft, als die graue Dammerung über die Berge caute, Pehrte fle von ihrer nächtlichen Wanderung zurüd and erzählte dem Prinzen, was ſie geſehen hatte. „ Bährend ich um einen der höchſten Thürme des Palaftes ftrid ," ſagte fie , fahid durch ein Fenſter eine ſchöne Prinzeſſin. Sie war auf ein Lager gelehnt, Dienerinnen und Herzte um ſie , allein ffe wollte nichts von ihrem Dienſte und ihrer Hülfe wiſſen . Als ſie weg waren , fab id , wie ſie einen Brief aus ihrem Buſen 308 , ibu las und füßte und in faute Klagen ausbrad ,

236 worüber ich, ſo ſehr ich auch Philoſoph bin , nicht aus. ders als gerührt ſeyn konnte.". Ahmed's zártliches Herz betrübten dieſe Nachrichten febr. ,,3u wahr waren deine Worte, o weiſer Eben Bonabben ; " rief er : „ Sorge und Kummer and folafə Tore Nächte ſind das 2008 der Liebenden. Allah bes. wahre die Prinzeſſin por dem verberbliden Einfluß die SI Tes Dings, das Liebe genannt wird ." Fernere Kunde aus Toledo beſtätigte die Nadridt der Eule. Die Stadt war eine Beute der Unruhe und der Berwirrung. Die Prinzeſſin war in der höchſten Xhurm des Palaftes gebracht worden , und jeder Zugang zu demſelben wurde ſtreng bewacht. Mittlerweile hatte eine verzehrende Schwermath fidh threr bemádytigt, deren Grund niemand errathen konnte Nie wieß jede Nabs rung von ſich und wendete ihr Dhr jedem Troſt ab. Die geldidteſten Aerzte hatten dergeblic thre Kunſt Derſucht ; man glaubte, irgend ein sauber ſey an ihr ges übt worden , und der König ließ öffentlich bekanut mas dhen , wer fie heilen könne , ſollte der reichſten Juwel in dem königlichen Sdabe erhalten . Uis die Enſe, die träumeriſa in einer Ede ſaß, don dieſer Bekanutmachung hörte, rollte ſie ihre großen Augen und blidte geheimnißvoler denn je. „Uuab Albar !" rief fie : „ glødlid der Mann, dem dieſe Heilung gelingt, wenn er nur weiß, was er in dem Pönigliden Sdas wählen ſoll . " Das meint du , 680ft ehrenwerthe Enle , " fagte Ahmed. wBöre , o Prinz, was ich dir beridten mille abit

Enlen , mußt du toiffen , bilden etne gelehrte Glide und fiud dunkelm und ſtäubigem Forſchen ſehr ergeben. Wah,9 rend meiner leßten nachtlichen Streiferei um dié Dome und Thürme Zoledo's, entdeďte ich eine Geſellſchaft an: tiquariſder Eulen , welche ihre Zuſammenfünfte in einem großen gewölbten Shurm balten , wo der Pöntglide Soat aufbewahrt wird . Hier beſprachen ſie die Geſtalten und Jaſdriften und Zeichen auf alten Gemmen und Juwelen , auf goldenen und Filbernen Gefäßen, welde, Beweiſe des Geſchmads aller Länder und Seiten, in dem Sdaß aufs gehäuft find ; am eifrigſten aber behandelteu fle gewiſſe Reliquien und Baubermittel , welche ſeit den Seiten Roderichs des Gothen in der Sdaßlammer lagen. Uns ter dieſen war ein Riſtohen don Sandelholz , welches durd Stahlbande oon orientaliſcher Urbeit geſchloſſen und mit myſtiſcheu nur wenigen Gelehrten bekanuten Charakteren aberſdrieben war . Dieſes Kiſtden und feine Infdrift hatte die Geſellſchaft mehrere Sibungen beſchäftigt und viele lange und ernfte Streitigkeiten hers beigeführt. Zur Zeit meines Beſuces laß eine ſehr alte Eale, die neulid aus legypten gekommen war, auf dem Dedel des Kiſtchens und hielt aber die Inſchrift einen Bortrag, in weldem fie bewies , das Kiſtchen enthalte den ſeidnen Teppid don dem Chrone Salomon's des Weiſen , der ohne Zweifel von den Juden , welche fich 2 nad dem Sturz von Jeruſalem nad Toledo geflüchtet hatten , mitgebracht worden ſey." NI$ die Eule ihre antiquariſche Rede geſchloſſen hatte, blieb der Prinz eine Zeitlang in Gedanken ver loren . Ich habe," ſagte er , „ von dem weiſen Eben

238 Bonabben oon den wunderbaren Eigenſchaften dieſes Ja, lismans gehört , welcher bei dem Falle Jeruſalems ver : ſchwand und für das menſdliche Geſchlecht verloren za reyn ſchien . Dhne Zweifel bleibt er für die Chriſten - don Toledo ein geſchloſſenes Geheimnil. Wenn id in den Beſts dieſes Seppids kommen kann , iſt mein Glüd ge wiß .“ Am nächſten Tage legte der Prinz reine reice Tract bei Seite und kleidete fide in , das , einfache Semand eines Urabers der Müfte. Er gab ſeinem Geſicht eine duatle Farbe und niemand hätte in ihm den glänzenden Kries ger erfaunt , der ro viel Bewunderung und Unheil bei dem Turnier veranlaßt hatte. Den Stab in der Hand, an der Seite die Laſche und eine Pleine Hirtenpfeife, begab er ſich nach Toledo , ſtellte ſich an dem Thore des königlichen Palaſtes dar und fündigte fld als einen Mit bewerber um den Lohn an , der für die Wiederherſtellung der Prinzeſſin geboten worden . Die Waden wollten ihn mit Sdlagen wegtreiben und sagten : Was dermag ein berumziehender Araber, wie da , in einem Falle, an wels chem die Gelehrteſten des Landes ſcheiterten ?" Aber der König hörte den Lärm und bejahl, den Araber vor ihn zu bringen . Mädtigſter König , " ſagte Abmed , du flebit einer Bedouinen vor dir, der den größten Theil feines Lebens in den Einðden der Wüſte hingebracht hat. Ek iſ be : kannt, daß dieſe Einöden von Dämonen und böſen Gei. ftern beſucht werden , die uns arme Hirten bei unſerem einſamen Wachen befangen , in unſere Søafe und Seer : den fahren und zuweilen ſelbſt das geduldige Ramel mu

239 thend machen ; gegen dieſe ift unſer Zauber die Muſie und wir haben alte Weiſen , welche von Gefdlecht zu Gerd lett auf uns tamen , und die wir ſingen und pfeis fen , um dieſe böſen Geifter zu vertreiben . So gehöre einem begabten Stamme an und beſiße dieſe Kraft in ihrer vollſten Stärke. Wenn ein böſer Einfluß dieſer Urt deine Sochter bezaubert hat , lo reße id meinen Kopf zum Pfand, daß ich dieſen Bann löſe." Der König war ein Mann von Verſtand und wußte, melde wunderbare Geheimniffe dieſe Araber befaßen ; die juderſichtliche Sprache des Pringen erfügte ihn daher mit Hoffnung. Er führte ihn ſogleich zu dem hohen, durch mehrere Thüren bermachten Shurm , auf deffen höchſter Söhe das Semach der Prinzeſſin war. Die Fenſter gingen auf einen Gang mit Geländern und hats ten die Uusſicht auf Toledo , und die Umgegend. Die feuſter waren , verhängt, denn die Prinzeſſin lag dringen , die Beute eines derzehrenden Kummers , der jede er: leidoterung von fic wieß. Der Prinz reßte fic auf den Sang und blies auf ſeiner. Sirtenpfeife mehrere milde arabiſche Weiſen , die er von ſeinen Dienern in dem Generalife zu Granada gelernt hatte. Die Prinzeſſin blieb gefühltos und die Doctoren , die zugegen waren , ſchüttelten ihre Köpfe, und lächelten unglaubig und derådtlid ). Endlid legte der Prinz die Pfeife bei Seite und fang in einer ein: facher Melodie die Liebesverſe , durch welche er in dem Briefe ſeine Leidenſchaft erklärt hatte. Die Prinzeſſiu erkannte die Worte - eine rade Freude ftahl fich in ihr. Derz ; , ſie erhob ihr Daupt und

240 lauſdte ; Shránen braden aus ihren Wagen und ſtröm : ten über ihre Wangen nieder ; thr Buſen hob fid und fiel in dem Aufruhr der Gefühle. Sie hätte gern , bez gehrt, daß der Sånger vor ſie gebracht werde, aber jungs fráuliche Scheu hielt ſie zurüd. Der König errieth ihren Wunſc und auf ſeinen Befehl wurde Ahmed in das Gemach geführt. Die Liebenden waren Plug ; ſie wecha felter nur Blicke , aber dieſe Blide ſprachen unendlich viel. Der Trinmph der Muſie war nie vouftändiger. Die Roſe Pehrte auf die fanfte Wange der Prinzeſſin zurüd , die friſche auf ihre Lippen und das tharige lidt in ihre ſchmadtenden Augen . ule anweſenden Aerzte ſtarrten einander verroundert an. Der König betrachtete den arabiſchen Sänger mit einem Gemiſch von Bewunderung und Ehrfurdt. „ Buna derbarer Züngling !" rief er aus , du ſouſt fortan der erſte Arzt meines Hofes feyn und Pein anderes Recept will ich brauchen als deinen Geſang. Für jeßt empfange Deinen Lohu , den Poſtbarſten Juwel in meiner Schaba Pammer, „ D König," derſeßte Ahmed : „Ich reße keinen Berth auf Silber , Gold oder Edelſtein. Eine Reliquie haft da in deiner Scaßrammer , welche von den Moslemin , denen einſt Toledo gehörte , herſtammt ein Kiſtden von Sandelholz, welches einen ſeidenen Seppid enthalt : gib mir dieſes Kiſtchen und ich bin zufrieden ." Unweſenden ſtaunten über die Genügſamkeit des Arabers ; dies war noch mehr der fall , als das Kiftden von Sandelholz gebradt und der Seppid her: vorgezogen wurde. Er war von ſchöner grüner Seide,

241 mit Hebräiſchen und cardáiſchen Charakteren bedeđt. Die Hofárzte blickten einander an, zudten die Sdultern und lådoelten über die Einfalt dieſes veuen Arztes , der nich mit einem ſo elenden Lohn begnügte. ,, Dieſer Teppicy, " ſagte der Prius , ,, bedte einſt den Shron Salomons des Weiſen ; er iſt werth , daß mau ihn zu süßen der Sdönheit legt." Bei dieſen Worten breitete er ihn auf den Gang, unter einer Ottomange aus , die für die Prinzeſſin ges bracht worden war ; daun regte er ſich ihr zu Füßen und ſagte : ,,Wer wird hindern , was in dem Bude des Sdid : fals geſchrieben ſteht ? Seht , die Weifſagung der Uſtro logen iſt erfüät. Wifle , 0 König , daß deine Tochter und ich und lange insgeheim liebten. Sieh in mir den Liebespilger.“ Dieſe Worte waren kaum von ſeinen Lippen , als der Teppid Tid in die Luft erhob und den Prinzen und die Prinzeſſin entführte. Der König und die Aerzte blidten ihm mit offenem Munde und weit geöffaeten Augen nach, bis er ein kleiner Fleck an der weißen Bruſt einer Wolke warde und dann an dem blauen Himmels gewölbe verſchwand. Der Rönig war in Wuth und ließ reinen Sdag: meiſter Pommen : „ Wie kommt es," rief er, „ daß du einen Ungläubigen in den Berlß eines ſolden Talismans Pommen ließeft ?" ,,ud , Serr , wir Pannten feite Kraft nicht und Fonnten die Inſchriften auf dem Riftchen nicht entzifferu. Wenn es wirklich der Seppich des Ehrons des weiſen 44-47. 16

242

Salomon iſt, ſo beſikt er magiſche Kraft und kann fei: den Beſiber von Ort zu Drt durch die Luft tragen . Der König fammelte ein mäqtiges Seer und brac nac, Granada auf, die Flüchtigen verfolgend. Der Weg war lang und mütfelig. Auf der Vega ließ er Salt maden und ſchitte einen Herold ab , um die Rüdgabe feiner Tochter zu verlangen. Der König reibſt fam ihm mit ſeinem ganzen Sof entgegen. In dem König rah er den leibhaften Sänger , dera Ahmed war nach dem Tode feines Vaters König geworden und die ſchöne Aidigonda war ſeine Sultanin , Der driftliche König war leicht zufrieden geſtellt, als er fah , daß ſeine Tochter ihren Glauben beibehalten hatte : nicht als wenn er beſonders fromm geweſen wäre ; aber die Religion iſt immer ein Gegenſtand des Stolzes Statt blutigen und der Etiquette bei deu fürſten. Soladoten folgten fich jest Feſte und Ergoblid Peiten , Tad welcher der König ſich ganz vergnügt nach Toledo zurüctbegab , und das jange Paar eben ſo glüdlid als weiſe in der Ulhambra zu regieren fortfuhr. Es muß bemerkt werden , daß die Eule und der Pa: pagei geſondert dem Prinzen in Pleinen Tagreiſen nach Granada folgten ; jene reiſte bei Nacht uud hielt in den verſchiedenen erblichen Beſlßungen ihrer Familie an ; die ſer glänzte in den fröhliden Kreiſen jeder Stadt und Burg, die er auf ſeiner Reiſe berührte. Ahmed dergalt die Dienſte dankbar, die ſie ihm bei feiner Pilgeridaft geletſtet. Er magte den Weisheits dogel zu ſeinem erſten Miniſter , deu Pagaget zu ſeinem Ceremonienmeiſter. Es iſt unnöthig zu bemerken , daß

243 nie ein Land weiſer regiert oder ein por mit pünktli: cherer Sorgfalt in Drdnung gehalten wurde.

S von

age

des Mauren Vermächtniß .

Ju der Feſtung der Alhambra , vor dem königligen Palaſt , iſt eine breite , offene Esplanade , welche der Plaß der Ciſternen (La Plaza de los Argibes) genannt wird , weil ſie von Waſſerbehältern , die vor dem Auge verborgen flad und noch aus der Zeit der Mauren her: ſtammen , untergraben iſt. In der einen Ede dieſes Plaßes iſt ein mauriſcher Brannen , der bis zu erſtaun : licher Tiefe in den lebendigen Fets gehanen und deſſen Waffer ſo Palt wie Eis und ſo klar wie Kryſtal iſt. Die von den Mauren gebauten Brunnen ſind ſtets in Anſe: hen , denn es iſt belannt, welche Mühe ple fio gaben , um zu den reinſten und beſten Quellen und Brunnen durdzudringer. Der , von dem wir hier reben , iſt in ganz Granada berühmt, da die Waſſerträger, bald mit großen Waffergefäßen auf ihren Spaltern , bald Efet mit irbenen Krügen odr ſich hertreibend, die feiten buſchi: gen zugänge der Ulhambra , vom früheſten Morgen bis zur ſpäten Abendzeit, auf- und abſteigen . Brunnen und Quellen waren immer, feit den Tagen der 5. Schrift, als Plauderplåße in den heiſen Simmels fitricen bekannt und an dem fraglichen Brunnen wir ? 16 *

244 den lieber langen Tag von den Juvaliden , den alten Wetbern und anderm neugierigen , nichtsthueriſden Bore der feftung ein ftändiger klub gehalten ; fie fiben da auf den ſteinernen Banten, unter einem über den Brun. uen geded ten Dache, um die Zolleinnehmer vor der Sonne zu ſchüßen und belowaßen die Vorfälle der feſtung und fragen jeden Waſſerträger, der da kommt, über die Stadt: neuigkeiten, und macen lange Betrachtungen über alles, was ſie rehen und hören. Zu jeder Stande des Tags ſieht man zaudernde Weiber und müßige Mägde hier mit den Krag in der Hand oder auf dim Kopf , weilen, um den Soluß des endloſen Gewages dieſer Ehren : leute zu hören. Unter den Waſſerträgern , welche einſt zu dieſem Brunnen Pamen, war ein ſtarter, breitfultriger, trum : beiniger kleiner Kerl , Hamens Pedro Gil , den man aber der Kürze wegen Peregil hieß . A !8 Wafferträger war er natürlid ein Gallego, oder Galicier. Die Nas tur ſcheint Geſchlechter von Menſchen , wie von Thieren, für verſchiedene Arten von Pladerei geſchaffen zu haben. 3u Fraufreid find alle Souhpußer Savoyarden , alle Thürhüter Schweizer - und in den Tagen der Reif: rođe and des Haarpuders Ponnte niemand eine Sánfte gehörig in Gang bringen, als ein langbeiniger Frlander. So find in Spanien die Waſſer- und Laftträger ſämmt: lid ſtåmmige Pleine Leute aus Gallicien. Niemand ſagt : „, Scafft mir einen Träger,“ ronderu ruft einen Catego . " Um von dieſer Ablameifung zurüd zukommen :" Peres gil der Gallego hatte ſein Geſchäft blos mit einem gro:

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Ben irdenen Krug angefangen , den er auf ſeiner Schulter trug ; allmählig hob er ſich in der Welt und war im Stand , lich einen Gehälfen von einer entſprechenden nämlich einen farken , Klaſſe von Thieren anzuſchaffen jottelhaarigen Eſel. Auf jede Seite dieſes langdhrigen Adjutanten waren in einer Art Korb reine Wafferträge, auf welchen Feigenblätter lagen , um fie vor der Sonne zu bedeđen . Es gab keinen fleißigeren Waſſerträger in ganz Granada, und auch keinen fröhlichern . Die Stra : Ben halten von ſeiner luſtigen Stimme wieder, während er ſeinem Eſel nachtrabte vnd das gemöhnliche Sommer: lied ſang , das man in allen ſpaniſchen Städten hört : „ Quien quiere agua agua mas fria que la nieve ? Waſſer pålter als Schnee ? Wer Wer wil Waſſer wiu Waſſer von Brunnen der Ulhambra , Palt wie Eis und flar wie Kryſtal. Wenn er einem Kunden das Plare Glas darreidte , hatte er ſtets ein freundliches Wort zur Sand, das zum Lideln zwang , und wenn es vielleicht eine hübſche Dame oder eine lomude Maid mit Grübchen in den Wangen war, gerdab es ſtets mit einem ſchlauen Ládeln und einem Kompliment über ihre Schönheit , das unwiderſtehlid war. So war Peregil der Gallego in ganz Granada als einer der höflichſten, luſtigſten und glüdlichſten Menſchen bekannt. Aber es iſt nicht alles Gold , was glänzt und der hat nicht das leichteſte Herz , der am lauteſten Ringt und am meiſten iderzt. Bei allem dieſem vergnügten Neußern hatte der ehrliche Peregil feine Noth und Sorgen. Er hatte einen großen Saufen zerlumpter Kinder zu ernähren , die hung: rig uod lármeud waren , wie ein Neft von junger Somal:

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ben , und ihu jeden Ubend bei ſeiner Rüdfehr mit ihrem Geldrei nad Brod umringten . Er hatte aud eine Gehülfin , aber er hatte nichts weniger als Sülfe von ihr. Sie war vor ihrer Beirath eine Dorfidönheit ge. berühmt wegen ihrer Geſchidlichkeit , den Boo weſen lero zu tanzen und die Saftaguetten zu rühren ; und ſie behielt ihre früheren Liebhabereien bei , vergeudete dea mühſamen Erwerb des ehrlichen Peregi! tn pas und nahm ſogar den Eſel in Beſchlag, um Luftparthieu auf das Land zu maden , ſo oft ein Sonntag oder Feſttag oder einer der zahlloſen friertage kam , die in Spanien fo zu ſagen häufiger ſind als die Tage der Woche. Bei allem dem war ſie auch ein wenig von einer Solumpe , etwas mehr von einer Faulenzerin und vor allem eine Klatſche von der erſten Sorte , die ihr Haus , ihren þauehalt und alles Uebrige vernacláſſigte , um in den Häuſern ihrer geſchwäßigen Nachbarn herumzufahren . Er aber , der dem geſchörnen Lamme den Wind zu: mißt , paßt aud das Eheſtandojoch dem Rid bengenden Naden an . Peregil ertrug alle die fowereu Laſten von Weib und Kindern mit ſo mildem Sinne, wie ſein Eſel die Waffer früge, und obgleid er ſeine Dhren wohl für fic roüttelte , wagte er es dod nie, die Haushaltungs tugenden ſeines ſchlumpigen Weibchens in Zweifel zu ziehen. Er liebte reine Kinder aud , wie eine Eale ihre Eal: chen liebt, weil ſie in ihnen ihr eigenes Bild vervielfältigt und verewigt ſieht ; denn es war eine ſtarte , breitidul trige , Prummbeinige kleine Brut. Die größte freade Das ehrliden Peregil aber war , wenn er ſich zuweilen

247 einen Feiertag madeu Ponute und einige Maravedis aus: fugeben hatte , das ganze Neſt mit fich hinaus zu nehs meg einige auf dem Urm , einige an ſeinem Rodfoß hängend , und einige ihm auf den Ferſen nadtrabend um fle in den Ⓡärten der Vega zu bewirthen, während ſeine Frau mit ihren Feiertags : freundinnen in der Un goſtaras des Darro tanzte. Es war ſpåt in einer Sommernacht, und die meiſten Waſſerträger hatten ſich ſchon aus den Straßen ent ferat. - Der Tag war ungewöhnlich heiß geweſen ; die Nadt war eine jener Poſtliden Mondſcheinbachte, welde die Bewohner der ſüdlicen Länder einladen, lich für die Biße und Unthätigkeit des Tages zu eutſädigen, indem ſe im Freien bleiben und die gemäßigte Milde der Luft bis nach Mitternacht genießen. E& waren daher noch Leute heraus , die Waſſer forderten. Peregil dachte als ein beſonnener, arbeitſamer, kleiner Water an ſeine hung: rigen Kinder und ſagte zu no : Noch einen Gang zum Brunnen , um einen Pudero für die Kleinen auf den Sonntag zu verdienen. Bei dieſen Worten ſchritt er muthig den ſteilen Pfad zu der Alhambra hinan , ſang unterwegs und gab dann und wann ſeinem Erel einen tüchtigen Schlag mit ſeinem Prügel in die Seite , euta weder alø Saft zu dem Lied oder als Ermunterung für das Shier ; denn tüdtige Sdläge dienen bei allen Laſt thieren Spaniens ftatt des Safers . Als er an den Brunnen tam, fand er ihn von al: len verlaſſen , einen einſamen fremden in mauriſdem Gewand ausgenommen, der auf der Steinbant im Mond: fdein faß. Peregil hielt erft an und betragtete ihn mit

Stannen , das nicht ganz ohne Furót war ; aber der Maure winfte ihn mit jdmader Sand , fid ju nähera und ſagte : „ ich bin ſomas und krant ; hilf mir in die Stadt zurüd und io wil dir das doppelte von den be Bahlen , was du mit deinen Bafjerkrigen verdient hátteſt, Das biedere Sert des fleinen Bafferträgers war bei dieſer Bitte des fremden von Mitleid durchdrungen. „ Gott verbite, " ſagte e , „daß ich einen Lohn oder eine Gabe für eine Sandlung der Menſolibkeit verlange. " Er half alſo dem Mauren anf ſeinen Eſel und zog lang. ſam naco Granada hinab ; der arme Moslem war ro rowady , daß er ihn auf dem Zhiere halten wußte , das mit er niet herabfiel.

416 fie in die Stadt Pamen , fragte der Waffertrå. ger , wohtu er ihn führen ſpüe. „, 4d ," ſagte der Maure dwad) , wid habe moeder Saus nod Wohnung ; id bin ein Fremdling in dem Lande. Laß mich mein Haupt dieſe Nacht unter deinem Dache niederlegen und du ſouft reid lid belohnt werden ." Der ebriide Peregil fab fid, auf dieſe Urt unerwar : tet mit einem ungläubigen Gaſt belaſtet, war aber zu menſchlich , um einem Manne , der in einer ro verlaſſes uen Lage war , ein Nadtlager zu verſagen ; er führte den Mauren daber in ſeine Wohnung. Die Kinder, die wie gewobulid , wenn ſie den Tritt des Efels hörten , mit offnem Mund beraudkamen , liefen erſdredt zurüd , als Me deu beturbanten fremden ſaben , und verſtedten rid Binter iore Mutter. Die teßtere føritt unerſchroden

249 beraus , wie eine gludende Senne vor ihrer Brut, menu ein verlaufener pund naht. ,,Welchen ungläubigen Gefährten , " ſagte ſie, ,,bringſt du in dieſer ſpäten Stunde in das Haus, um die Augen der Juquiſition auf uns zu ziehen ? " „ Sey ruhig, Frau !" ſagte der Gallego : es iſt ein armer , franter Fremdling , ohne Freund und Didade ; wirſt du ihn abweiſen , daß er auf der Straße ſterbe ? " Das Weib hätte fido noch geſträubt , denn obgleich Mie in einer elenden Sütte lebte, fo war ſie doch eine eifs rige Kämpferin für den Kredit thres Hauſes ; aber der Pleine Waſſerträger war dieſes Mal hartnädig und wollte fid nidt unter das Joc beugen. Er half dem armen Moslem abſteigen und breitete eine Matte und ein Sdaafsfell für ihn in dem fühlften Theil des Hauſes ein beſſeres Bett fonnte ſeine Aro auf den Boden muth nidt bieten. Nad einer kleinen Weile bekam der Maure die heftigſten Krampfe , die aller bülfreiden Geſcidlid Peit Des einfachen Wafferträgers trosten . Das Muge des armen Kranken ſprac feine Erkenntlichkeit aus. Ju ei: nem fomerzenfreien Augenblid rief er ihn an ſeine Seite und ſagte mit leiſer Stimme zu ihm : ,, mein Ende, fürchte ich , iſt nahe. Wenn ich ſterbe, vermade ich dir Bei dieſen dieſe Kapſel als Lohn für deine Güte." Worten öffnete er ſeinen Albornoz oder das Ueberkleid, und zeigte eine kleine Kapſel von Sandelholz , die mit einem Riemen um ſeinen Leib gebunden war. Gott gebe , mein Freund," verſeßte der würdige kleine Galle: 90,,,DaB 3hr viele Jahre lebt, um end egres Sdapes

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zu erfreuen, welcher Art er auch reyo mag . " Der Manre rüttelte den Kopf ; er legte feine Sand auf die Kapſel und ſchien nod etwas in Bezug auf diefetbe fagen zu wollen , aber feine Krämpfe , famen mit erhöhter Heftig: feit zurüd und nach einer kurzen Weile ſtarb er. Des Wafferträgers Weib war ießt wie wahnſinnig. ,,Das kommt von deiner thörigten Gutmüthigkeit,“ ſagte fle , die dich immer in's Unglüd ſürzt , um Au: dern zu helfen. Was wird aus und werden, wenn man dieſe Leiche in unſerm Hauſe Audet ? Man wird uns als Mörder ins Gefängniß steder , und wenn wir mit dem Leben davon kommen, ſo werden uns die Üdvokaten uud Gerichtsdiener zu Grund richten ." Der arme Peregil war in gleicher Unruhe und bea reute es beinahe, eine gute That gethan zu haben. End: Es iſt noch nicht lic duro freuzte ihn ein Gedante. Tag ," ſagte er, „ und id fann die Leiche aus der Stadt bringen und ſie in dem Sand an den Ufern des Xenil begraben . Niemand fab den Mauren in unſer Saus fommen und niemand roll etwas von ſeinem Tode er: fahren . " Wie gefagt , ro gethan. Die Frau half ihm. Sie widelten die Leiche des unglüdligen Moslem in die - Matte , anf welcher er geſtorbeu war , legten ſie über den Eſel und Peregil 20g mit ihr an das Ufer des glufjes . Zam Unglüc wohnte dem Waſſerträger gegenüber ein Barbier, Namens Pedrido Pedrugo , einer der neu : gierigſten , dwabhafteſten und boshafteſten ſeiner Platích : baften Sunft. Es war ein mielettöpfiger, ſpinneubeluia

251 ger Schurte , geſchmeidig und zuthunlic ; der berühmte Barbier von Sevilla fonnte ihn in umfaſſender Kennt: niß der Ungelegenheiten Anderer nicht übertreffen und er konnte nicht mehr bei fick behalten , wie ein Sieb. Man ſagte, er ſchliefe immer nur mit Einem Auge, und habe Ein Dhr unbedeckt, so daß er ſelbſt im Solaf alles hören und ſehen ponnte , was vorging. So viel iſt gee wiß, er war eine Art von Läſter- Chronit für die Neuig: feitsſüchtigen von Granada und hatte mehr Kunden als alle übrigen Barbiere der Stadt. Dieſer raheloſe Barbier hörte den Peregil 311 einer ungewöhnliden Stunde der Nacht ankommen ; auch ver: nahm er das Geldrei von Weib und Kindern. Ulſobald ſtedte er auch ſeinen Kopf aus dem kleinen Fenſter, das ihm als eine Art Lage diente und fah ſeinen Nachbarn einem Manne in mauriſchem Gewand in reine Wohnung helfen. Dies war ein ſo auffallendes Ereiguiß, daß Pe: drillo dieſe Nacht nicht eine Minute ſchlief. Alle fünf Minuten war er an ſeiner Luge und gab auf das Licht acht , das durch die Spalten der Thüre des Nachbars Alimmerte , und fah vor Ünbrud des Tags Peregil mit ſeinem ungewöhutid beladenen Eſel abziehen . Der neugierige Barbier war außer ſid ; er ſchlüpfte in ſeine Kleider , rtani fic loweigend fort und folgte in einiger Entfernung dem Waſſerträger , wo er ihn denn auf dem Sandufer des Eenil eine Grube graben und ets was in etbe verfa fren ſah , das wie die Leide eines Menſchen ausſah. Der Barbier eilte nach Baus , poſterte in ſeiner Bude umher und warf alles drunter und drüber, bis der

252 Jag Fam. Jeßt nahm er das Beden unter den Urm und eilte in das Haus feines tägligen Kunden , des Alcalde.

Der Alcalde war eben aufgeſtanden . Pedrillo Pes drugo ſekte ihm einen Stuhl , band ihm eine Serviette um den pals , ſteckte ihm ein Beden mit heißem Waſſer unter das Kiun und fing an , ihm den Bart mit den Fingern zu erweiden . ,,Seltſame Vorfälle !" ſagte Pedrugo , der zumal den Neuig Peitsfrämer und den Barbier ſpielte : – ,,Selts und Begräbniß Mord ſame Vorfälle ! Raub . alles in einer Nacht." ,, Holla ! - Mie ? Was lagt Shr da ?" rief der Ule calde. „ Id rage , " perfekte der Barbier und rieb dem Würdenträger ein Städ Seife über die Naſe und den Muad , denn ein ſpaniſcher Barbier verachtet es , einen ..ich rage , Peregil der Gallego Pinſel zu braucen hat einen mauriſchen Muſelmann in dieſer gebenedeiten Nadt beraubt, gemordet uud begraben. Maldita sea la noche – perflucht rey die Nadt !" „ Uber wie habt Ihr das alles erfahren ? " fragte der Alcalde. ,, Qabt Geduld , Seunor , und Ihr ſollt alles 18. reu,“ erwiederte Pedrilo , nahm ihn bei der Naſe und ließ das Raſtrmefſer über ſeine Wange gleiten. Er er, zählte dann alles, was er geſehen hatte und machte beide Dperationen zu gleicher Zeit ab, indem er ihm den Bart abtraßte , ſelu Kinn wurd , und ibu mit einer fcmußi.

253 gen Serviette abtrodnete , während er den Moslem bes raubte , mordete und begrub. Nun begab es ſich , daß der Alcalde einer der bodo: fahrendſten und zugleich einer der habſüchtigſten und ſchlechteſteu filze in ganz Granada war. Jedod konnte nicht geläugnet werden , daß er einen hohen Werth auf die Geregtigkeit repte, denn er verkaufte ſie nach ihrem Gewichte in Gold. Er dachte ſich , der vorliegende Fall rey ein Raubmord ; ohne Zweifel habe es reide Beute Dabei abgeſeßt; wie war dieſe in die rechtmäßige Hand des Gerichtes zu bringen ? denn den Verbreder blos zu ertappen das hieß nur den Galgen füttern : aber den Raub ertappen das hieß den Richter beret, dern und dies war, ſeiner Unſicht nado, der große Zwed der Gerechtigkeit. So dachte er und rief feinen treues ften Aguazil - einen ausgetrodneten , hungrigausſehen: den Schurken , vad der Sitte ſeines Standes in die altſpaniſche Tracht gelleidet , einen breiten ſchwarzen Hut nad allen Seiten aufgeftülpt; ein ſauberer Kragen ; ein Pleiner ſchwarzer Mantel von den Soultern flatternd ; alte romarje Unterkleider , welche ſeine dimante, dráh : terne Geſtalt uod mehr heroorhoben , während er in ſei: der Hand einen dünnen weißen Stab trug, das gefürchs tete Abzeichen ſeines Amtes. Der Urt war der geſetz : liche Spürhund , von der alten ſpaniſchen zudt , den er auf die Spuren des unglüdliden Waſſerträgers heßte ; und der Art war ſeine Eile und Zuverſicht, daß er dem armen Peregil auf den Ferſen war, ehe er noch ſein Haus erreichte , und ihu und ſeinen Eſel vor den Spender der Geregtigkeit brachte.

254 Der Alcalde marf einen ſeiner fürchterlichſten Blide auf ihn. « Hörft du, Verbreder ! » brülte er in einem Son, daß dem armen Gallego die Knie aneinander flap: « hörſt du , Verbrecher , du braucft deine perten Sould nicht zu långuen , ich weiß bereits Alles. Ein Galgen iſt der beſte Lohn für das Verbrechen , das du begangen haft ; aber ich bin mitteidig und laſſe gern mit mir reden . Der Mann , den du in deinem Hauſe ermor : det haft, war ein Maure , ein Ungläubiger , ein Feind unſerer Religion. Ohne Zweifel haſt du ihn in einem Unfall religiöſen Eifers todt geſclagen . So will daber naciſůdhtiger reyn ; gib die Sabe heraus , welche du ihm genommen baſt und wir wollen die Sache vertaſchen .» Der arme Waſſerträger rief alle Øeilige als Zeugen reiner Unfduld an ; aber ado , Peiner von ihnen Pam ; und wenn fie gekommen wåren , der Alcalde hätte alle Heilige des Kalenders Lügen geſtraft. Der Wafferträger erzählte die ganze Geſchidte von dem ſterbenden Mau: ren mit der ungeſchmüdten Einfachheit der Wahrheit ; aber alles war umſonſt. « Wirſt du darauf beſtehen , » fragte der Richter , «daß dieſer Moslem weder Gold nod Juwelen hatte , welche ein Gegenſtand deiner ab: gier waren ?» So gewiß ich fetig zu werden hoffe, Eare Guadeu, » verſeßte der Waſſerträger : wer hatte nichts als eine Kleine Rapfel von Sandelholz , die er mir als Lohn für meine Dienſte vermadte. » « Eine Kapſel don Sandelholz ? Eine Kapſel von Sandelholz ?» rief der Alcalde und ſeine Augen funkel:

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ten bei den Gedanken an Edelſteine. «Und wo iſt dieſe Kapſel ? wo haſt du ſie verſteckt ?» « Eger Gnaden zu dienen , ſagte der Waſſerträger , « ſie iſt in einem der Körbe meines Efels und Reht Euer Gnaden herzlid gern zu Dienſten .» Er hatte dieſe Worte Paum geſprochet, ro i bob der treffliche Aguazil Icon fort und erſchien in einem Uugen : blit wieder mit der geheimnißvollen Kapfel von San delholz. Der Alcalde öffnete ſie mit haſtiger und zit: ternder Hand ; alles drángte ſich herzº , um die Schäße zu ſehen , welche fie , wie man hoffte , enthielt , als , 30 ihrem Mißmuth, ſich nichts als eine Pergamentrotte mit arabiſden Buchſtaben bedeckt , und ein Stadt von einer Badsterze zeigte. Wenn nichts durch die Ueberführung eines Gefanges nen zu gewinnen iſt, so iſt die Geregtigkeit, in Spanien ſogar, manchmal unpartheiiſch. U18 fill der Alcalde von ſeinem Verdruß erholt hatte, und fab , daß wirklich nidts Ramhaftes in der Rapfel war , hörte er leidenſchaftlos auf die Auseinanderſebung des Wafferträgers , welde dard das Zeugniß ſeiner Fran bekräftigt ward. So von ſeiner Unſchuld überzeugt , entließ er ihn aus ſeiner Haft ; ja , er erlaubte ihm fogar , ſein mauriſdes Ver: mádtniß , die Rapſel von Sandelholz und deren Inhalt als wohloerdieuten Lohn für ſeine Dienſte mit nach Hauſe zu nehmen ; aber den Eſel behielt er an Geldes ſtatt für Koſten und Gebühren. Da war denn der unglüstliche kleine Gallego wieder in die Nothwendigkeit verfekt , ſein eigner Waſſerträger zu werden und mit einem großen irdenen Krug auf feiner

256 Schulter zu dem Brunnen der Ulhambra herauf zu Peiden. Wenn er fich in der Riße eines Sommernachmittags die pdhe heraufarbeitete , berließ ihn ſeine gewöhnliche gute Laune. « Verdammter Alcalde ! » rief er dann wohl aus : «der einem armen Mann die Mittel reines Unter: halts , den- beſten Freund raubte , den er auf der Welt Batte !» Und daun brady, bei der Erinnerung an den ge liebten Gefährten ſeiner Mühen , die ganze Bårtlich Peit feines Wefens beroor : ,,Ad, @fel meines Qerzens ! » rief er aus , indem er ſeinen Krug auf einen Stein ftellte und ſich den Schweiß von der Stirne wiſchte « ady , Eſel meines Herzens ! Ich weiß es gewiß, du denkſt an deinen alten Herrn ! Ich weiß es gerviß , du permiffeſt die Waſſerkrüge armes Chier ! » Um reinen Rummer zu vermehren empfing ihu ſeine Frau, wenn er nach Hauſe Pam, mit Murren and Grei: nen ; Re hatte nun offenbar den Vortheil über ihn, denn fie hatte ihn gewarnt, die edle Sandlung der Gaſtfreunds (daft, welche au dieſes Unheil über fle bradite , nidyt zu üben ; und als eine fluge Frau nahm ſie jede Gelegens heit wahr, thm ihren überlegeneren Scharfſinn vorzuhal ten. Wenn ihre Kinder : Fein Brod Hatten oder ein neues Kleid brauchten , ſagte ſie wohl höhniſch «geht zu euerm Vater er iſt der Erbe des Königo Chico von der Alhambra fagt ihm , er ſole euch mit der Büchſe des Mauren helfen. » Wurde ie ein armer Erbenmenſo ſo arg geſtraft, weil er eine gute That volbracht hatte ? der unglüdliche Peregil war an Leib und Seele niedergeldlagen, dennoch

257 ertrug er den Sohn ſeiner Frau mit Gelaffenheit. End: lich aber , eines Abends , als er nad ſaurer Tagesarbeit beimkehrte, und ſie ihn wieder in der gewöhnlichen Weiſe aushöhute , verlor er alle Geduld. Er wagte es nicht, fle es entgelten zu laſſen , aber ſein Uuge ruhte auf der Kapſel von Sandelholz , die mit halb offenem Dedel, als ſpotte file über ſeine Noth , auf einem Brette lag. Er ergriff fie und warf ſie zornig auf den Boden . « Per Auct der Tag ,» rief er , « an weldem ich did zuerſt er: blidte und deinen Beſiber unter meinem Dache, auf: парт ! » Als das Riſtchen auf den Boden flel , öffnete ſich der Dedel weit und die Pergamentrouefiel heraus. Peregil betrachtete die Rolle eine Seitlang, in düſterem Soweigen . Endlid fammelte er ſeine Gedanken — «wer weiß ,» . dachte er , - « vielleicht iſt dieſe Schrift nicht nu wichtig , da der Maure fie ro ſorgfältig bewahrte ?» Er nahm ſie daher und ſteďte ſie an ſeine Bruſt ; und als er am nächſten Morgen Waſſer in den Straßen ausrief, blieb er an dem Laden eines Mauren ſtehen , eines Eins , gebornen don Tangiers , der Wohlgerüche und andere KleinigPeiten vertaufte , und bat ihn , ihm den Inhalt zu erPlåren. Der Maure las die Rolle aufmerffam . ftrich dann den Bart und lächelte. « Dieſe Handſdrift,» ſagte er, « enthält eine Zauberformel , um verborgene Sdiße, welche gebannt liegen , aufzufinden . Es heißt , Ne habe eine ſolche Kraft , daß die ſtärkſten Riegel und Bande, is felbit Demantfelfen ihr weichen müſſen . Pah , ſagte der Pleine Gallego , mas napt mid 44 - 47 . 17

258 das alles ? Id bin Peta Berdwórer und weiß nichts von begrabenen Schåben . Bei dieſen Worten nahm er ſeinen Waſſerkrag auf die Sdulter , ließ die Rolle in den Händen des Mauren und machte ſeine gewdhulide Runde. Als er aber am Abend in der Dammerſtunde an dem Brunnen der Ulhambra ausruhte, fand er eine Ge: ſellſchaft von Plaudertafchen verſammelt , deren Unters haltung , wie das in dieſen abendlichen Stunden nicht ungewöhnlich iſt, fido um alte máhrden und Sagen vont übernatürlichen Ereigniſſen drehte. Da ſie alle arm wie Ratten waren, derweilten ffe mit Vorliebe bei dem viel: beliebten Stoffe — bei bezauberten Sdåben , welche die Mauren in verſchiedenen Sheifen der Alhambrá zurüds gelaſſen . Vor ađem ſtimmten fie in dem Glauben übers ein , es lågen tief in der Erde unter dem Thurm der ſieben Stocmerfe große Scabe derborgen , Dieſe Geldidten machten einen ungewöhnliden Eins drud auf den Geiſt des guten Peregil und fenften ride tiefer und tiefer in ſeine Gedaulen, als er durch die dun: feln Pfade einſam zurüdkehrte. « Wenn denn doch wirt: lich ein Schaß unter dieſem Thurme begraben läge und wenn die Rolle , die ich bei dem Mauren gelaſſen habe , mid in den Stand repte , ſie zu heben !» In der plößlichen Verzūdung dieſes Gedankens hätte er beinahe ſeinen Waſſertrug fallen laſſen. Er wälzte fich dieſe Nacht ruhelos in ſeinem Bette und konnte vor allen den Gedanken , die ſein Gehirn umtrieben , nicht einen Uugenblic falafen . Mit dem frühen Morgen eilte er in die Bude des Mauren und

259 erzählte ihm alles , was ihm in dem Kopf herum gegan gen war. “Ihr könnt Arabiſch leſen ,» ſagte er : «laßt uns miteinander in den Thurm gehen und die Wirkung der Zauber formel derfuchen ; fdlagt es fehl, fo find wir vicht ſchlimmer daran, als vorher ; gelingt es, so theilen wir den ganzen Schab, den wir finden , in gleide Theile. » asalt , » verſette der Moslem : « die Schrift allein reigt nicht hin ; ſte muß um Mitternacht , bei dem Licht einer Kerze geleſen werden, welche auf bejondere Art fuls ſammengefekt und hergerichtet , und wozu das Erforder: liche nicht in meinem Bereiche ift. Dhne dieſe Kerze iſt die Rolle von Peinem Nußen . » « Rein Wort mehr !» rief ' der kleine Gallego : «ich babe eine ſolche Kerze zur Sand und werde ſie den an: genblic herbringen . Damit eilte er nach Hans , und Pam bald mit dem Ende der gelben Wachskerze zurüd, die er in der Kapſel gefunden hatte, Der Maure fühlte und rod daran. « Hier find feltne and Poſtbare Wohlgerüche mit dieſem gelben Wachſe ver bon : den , ſagte er . « Dies iſt die Urt Kerze, wie ſie in der Rolle bezeicuet iſt. So lange ſie brennt, werden die ſtärkſten Mauern und geheimſten Höhlen offen bleiben. Aber wehe dem , der wartet , bis ſie verloſchen iſt. Er bleibt der: zaubert bei dem Sdabe.» Sie famen nun überein , den såuber nod in dere felben Nacht zu verſuchen. Als daber in ſpäter Stunde ſich nichts mehr regte , als Eulen und Fledermäuſe , be fliegen ſie die waldberachſene Unhöhe der Alhambra und näherten ſich dem ſauerlichen Thurm, der von Bäumen umbuidt und durd . ſo viele Sagen furchibar gemacht 17 *

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worden iſt. Bei dem lidte einer Laterne tappten fie ſich durch Büſce und über Steine zum Thor eines Ge: Mit. Furcht und zit: wölbes unter dem Thurmë fort. - tern ftiegen ſie eine in den Felſen gehauene Treppe hins ab . Sie führte zu einer leeren, feuchten und oden Rams. mer , auf welder eine zweite Treppe in ein tieferes Ge: wölbe ging. Auf dieſe Art ſtiegen ſie vier verſchiedene Ereppen hinab , welche in eben ſo viele Gewölbe, eines unter dem andern , führten ; aber der Boden des vierten. war feft ; und obgleich der Sage nach nod drei Gewölbe tiefer unten waren, ſo war es dod, wie man behauptete, unmöglich , weiter einzubringen , da ein ſtarker Sauber dieſe autere Theile verídloß. Die Luft dieſes Gewölbes war feucht und kalt , und roch nach Erde und das Licht verbreitete nur einen ſchwachen Strahi. In athemloſer Ungewißheit ftanden ſie eine Zeitlang ' hier , bis ſie die Olode des Madutthurms lowad zwolf dlaget börten ; nun zündeten ſie die WadysPerje an , welde einen Oe: ruch Dou Myrrhen , Weihraud and Storar verbreitete. Der Maure begann ſchnell zu leſen . Er hatte fanm geendigt , als ein Geräuſch wie unterirdiſcher Donner entſtand. Die Erde bebte, der Boden that ſich auf, und zeigte elae Treppe. Bitternd und bebend ſtiegen ſie hinab, uud rahen rid bei dem Licht der Laterne in einem aus dern mit arabiſchen Inſchriften bededten Gewölbe. Ja der Mitte ſtand eine große Kiſte , welche mit Rieben Stahlbanden befeſtigt war , und an deren Enden zwei bezauberte Mauren in polter Rüſtung aber regungslos wie eine Statue faßen , denn fie waren in der Gewalt des Bannes. Vor der Kiſte ſtanden mehrere mit Gold

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und Silber und Edelſteinen gefüllte Krüge. In den größten derſelben ſtedten fle ihre Arme bis zum Eubo, gen und holten ſich mit jedem Griffe häudevol breite Gelbe Stúde magriſchen Goldes , oder Spangen und Samud deſſelben koſtbareu Metaus, während mandmal ein Halsband oon orientaliſchen Perlen ſich an ihre Sina ger hängte. . Stets bebten and athmeten fie fieberartig, während Re ihre Tarden mit der Beute füüten ; und manchen furchtſamen Blict warfen ſie anf die bezauber : ten Mauren , die bewegungslos und grimmig da (aßen , und ſie mit ſtarren Augen anſaben . Endlich faßte Re bei einem eingebildeten Gerääſd ein paniſqer Søreden und flé ſtürzteu beide , einer über der. andern ſtolpernd, die Treppe hinauf , in das obere Gemad , warfen die Wachsferze um , und verlöſchten ſie , und der Boden foloß ſich wieder mit einem donnernden Soal .

Von Furcht erfüllt ſtanden ſie nicht eher ſtill, als · bis ſie ſich aus dem Thurm herausgetappt hatten , und die Sterne durch die Bäume glänzen ſahen . Feßt feßs ten ſie lich auf das Grab , und theilten den Fund , ent dloffen , für jeßt mit dieſer bloßen oberflädlichen uns terſuchung der Krüge ſich begnügen zu wollen , aber in einer läuftigen Nacht wieder zu kommen , und ſie bis auf den Grund zu leeren. Damit einer des andern ficher wäre , theilten ſie die Zaubermittel unter fich ; der eine behielt die Rolle , der andere die Kerze ; als dieß gee than war , braden ſie mit leidten Derzen und wohlger ſpidten Saſchen nad Granada auf. 016 fie den pügel hinabſtiegen , Auſterte der der:

262 dlagene Maure dem einfachen kleinen Wafferträger ein Wort des Rathes zu. « Freund Peregil ,» ſagte er , « dieſer ganze Handel muß ein tiefes Geheimniß bleiben , bis wir uns den gans zen Schaß zugeeignet , und ihn in gute Berwahrun ;} gebragt haben. Wenn der Alcalde auch nur eine Spibe davon erfährt, ſind wir verloren . » « Gewiß , berreste der Gallego , « uicts Faun tab : rer regn .» afreund Peregil on ſagte der Maure , «du biſt ein Fluger Mann , und wirſt gewiß ein Geheimniß für did behalten könn en ; aber du haſt eine frau. » « Kein Wort fou Re davon erfahren , » erwiederte der Waſſerträger barfd . Genug, ſagte der Maure ; aid verlaffe mich auf deine Klugheit und dein Wort, Nie war ein Wort beſtimmter und redlider gegeben worden ; welcher Mann fann aber vor ſeiner Frau ein Geheimniß behalten ? Gewiß Peiner , wie Peregil , der Waſſerträger, der einer der liebevolften und gutmüthigs ften Ehemanner war. Als er nach Sauſe Pam , fand er ſeine Frau, die gedankenool in einem Winkel faß. «Gang recht ,» rief ſe, als er eintrat ; « endlid biſt du da, nacho dem du bis in dieſe Stunde der Nacht umberſd warm . teft. Mich wundert, daß du nicht wieder einen Maus ren als Bausgenoſſen heimgebracht haft. Darauf brach fre in Ihránen aus , rang ihre Hände , und rolag Rich die Bruſt. « Unglüdlide frau , die id bin , rief fte, amas fou aus mir werden ? Mein Saus von Udvokaten nad Alguazils beraubt und geplündert ; mein Mann ein

263 Taugerichte, der Peiu Brod mehr für ſeine Familie heim : bringt, ſondern mit ungläubigen Mauren Jag und Nadt beramſtreicht ? D meine Kinder ! Meine Kinder ! Was wird aus und werden ? Wir werden alle in den Straßen betteln geben müſſen !» Der ehrliche Peregil ward durch den Gram feiner frau fo gerührt, daß er id nidt enthalten Ponnte, audy zu ſchludjen. Sein Herz war ſo voll wie ſeine Sarde, und mußte ſich ausſdütten. Er ſtedte ſeine Hand in die lebtere , that drei oder vier dide Goldflüde beraus, and ließ ſie in ihren Buſen gleiten. Die arme frau war ſtarr por Staunen , und wußte nicht , was dieſer goldne Regen bedeuten ſollte. Ehe fle Rich von ihrem Staunen erhohlen konnte , 30g der kleine Gallego eine goldene Kette hervor , und ließ fie vor ihr baumela, während er vor Freude ſprang, und den Mund von einem Dhr zum andern aufriß . «Die heilige Jungfrau fchirme uns!» rief die Frau. Was haſt du gethan , Peregil ? Du haſt doch nicht Raub und Mord' begangen ?» Diefer Gedanke war der armen Frau kaum durd den Kopf geflogen , ſo war er auch ſchon Gewißheit bet ihr. Sie fah loon einen Kerfer und einen Galgen vor Ach , und einen kleinen krummbeinigen Galego , der au demſelben aufgehängt war ; und von den durch ihre Phantaſie heraufbeſchwornen Schauern überwältigt, ver: Flel ſte in Krämpfe. Was follte der arme Matu thun ? Er hatte Pein anderes Mittel, ſeine Frau zu beruhigen, und die Trug: bilder ihrer Phantaſie zu verſcheuchen , als daß er ihr

264 die ganze Geſchichte ſeines Glades erzählte. Er that dieß jedoch nicht eher, als bis er ihr das feierliche Ber : fprechen abgedrungen hatte , keinem lebenden Weſen ein Wort von der ganzen Sache zu erzählen . Es würde unmöglich ſeyn , thre Freude zu befret ben. Sie ſchlang ihre Arme um den Hals ihres Gate ten, und erſti& te ihn bald mit ihren Liebkoſuugen . « Jeft, frau , » rief der Pleine Mann mit offeuer Freude , awas ſagſt du jeßt zu dem Vermächtniß des Mauren ! Forts an ſcilt mich nidt mehr , wenn ich einem unglüdlichen Mitmenſchen beiſtehe ! » Der ehrliche Galego legte ſich auf ſeine Schafpelin Matte, und ſchlief ſo geſund, wie auf einem Pflaumbett. Nicht ſo ſeine Frau ! fie ſchüttelte den ganzen Juhali ſeiner Taſchen auf die Matte, und zählte die ganze Nacht Goldſtüde von arabiſdem Gepräg , probirte Salsbänder und Dhrringe , und dachte , wie ſie eines Tages ausſer hen würde, wenn ſie ſich ihrer Scäße erfreuen dürfte. Am nächſten Morgen nahm der ehrliche Gallego ein dides Goldſtúd , und ging damit in die Bude eines Juwelenhåndlers auf dem Bacatin , um es zum Kauf anzubieten, indem er vorgab , er habe es in den Trüme mern der Ulhambra gefunden. Der Juwelier fah , daß es eine arabiſche Umſdrift hatte , und von dem reinſten Golde war ; er bot aber nur den dritten Theil des Were thes, womit der Waſſerträger vollkommen zufrieden war. Peregil faufte jeßt neue Kleider für ſeine kleine Deerde, rowie alle Arten von Spielfeden , und reichen Vorrath für ein tädtiges Mahl, worauf er heimkehrte, und alle

265 ſeine Kinder um ſich her tanzen ließ , während er , der glüdlichſte Bater, in ihrer Mitte hüpfte ! Die Frau des Waſſerträgers hielt ihr Verſpreden ju ſameigen , mit erſtaunlicher Pünktlid Peit. Underte balb Sage ging ſie mit geheimnißvollem Blid und einem Serzen, das zum berſten vol war, umher, aber ſie ſchwieg, obgleid ſie von ihren Gevatterinnen umgeben war . Ef iſt wahr , Rie fonnte es nicht verminden, ſich etwas Un ſehen zu geben , entſchuldigte ihre gerriffenen Kleider, ſprad von dem Beſtellen eine Basquinna , bereßt mit goldenen Borten und Korallen und einer neuen Spißens Mantilla. Sie ließ auch Winte von der üblicht ihres Mannes fallen , ſein Gewerbe als Waſſerträger aufgeben zu wollen, da es nicht mehr ganz zu ſeinen Geſundheitss umſtånden paſſe. Sie glaubte 'mirtlich , ſie würden fic alle den Sommer auf das Land zurüdziehen , wo die Kinder die Bergluft genießen könnten , denn es fer uns möglich , in der heißen Jahreszeit die Stadt zu bewohnen . Die Nadbarinnen ſtarrten einander an , und glaubs ten, die arme fran habe ihren Verdaud verloren ; und ihr aufgeblaſeues Weſen , ihr Schönthan und ihre vor: nehmen Anſprüde waren der augemeine Gegenſtand des Spottes und der Belaſtigung ihrer Freundinnen , ſobald fle ihnen den Rüden geroendet hatte. Wenn le jedod draußen zurüchaltend war, ſo ente ſchädigte ſie lid zu Saus, und legte eine Schuur reicher orientaliſder Perlen um ihren Sals , mauriſde Span . gen um ihre Arme, und einen Schund vou Diamanten am ihre Haare, und regelte in der Stube rúdwarts und vorwärts in ihren ſchlumpigen Feßen , und fand dann

266 und waru Ria , um ſich in einem Stüc zerbrochenen Spie gelglaſes zu betrachten. 3a , in dem Drange ihrer al bernen Eitelkeit Ponnte ſie einmal nicht widerſtehen , ſich an dem Fenſter zu zeigen , um ſich des Eindruds ihres Pubes auf die Borübergehenden zu erfreuen . Das Unglüc wote aber , daß Pedrido Pedrago , der zudringliche Barbier , in dieſem Augenblide müßig Bude auf der entgegengeſeßten Seite der Straße in faß , als das Funkeln eines Diamants ſein Auge traf. Nugenblids war er an ſeiner Luge , and rab die olums pige Frau des Waſſerträgers in der Pracht einer mor: genländiſchen Braut herausgepußt. Er hatte nidt fo : 1 bald ein genaues Verzeichniß ihres Samudes aufge: nommen, ſo flog, er auch ſchon in aller Spaſt zu dem Al calde. Nad einer Pleinen Weile war der hungrige Ala guazil wieder auf der Spur ; und ehe der Tag vorüber war, wurde der unglüdliche Peregil wieder vor den Rid: ter geſchleppt. «Wie iſt's , Sdurle!» rief der alcalde mit einer fürchterliden Stimme. «Du ſagteſt mir, der in deinem Sauſe derſtorbene Ungläubige habe nichts als ein leeres Stiftden hinterlaffen , und jeßt höre id , deine frau ftols ziere in ihren Lumpen herum, mit Perlen und Diamans ten geſchmückt. Elender, der du biſt ! Bereite did , die Beute deines unglüdlichen Dpfers herauszugeben , und an dem Galgen zu baumeln , der bereits müde iſt, lån , ger auf dich zu marten.» Der erſchrodene Wafferträger ftel auf ſeine Kniee, und gab eine vollſtändige Erzählung von der wunderbas ren Urt, auf welche er zu ſeinem Reidthum gelommen

267 war. Der Alcalde , der Alguazil und der neugierige Barbier lanſøten mit offenen Dhren auf dieſes arabiſche Márden von bezauberten Soáßen. Der Ulguazil wurde abgeſchidt, den Mauren herzubringen , der bei der Bes rdwörung zugegen geweſen . Der Moslem trat ein, halb außer ſich vor Scređen , rich in den Händen der Sars pien der Gerechtigkeit zu fehen . Als er den Waſſertrás ger mit ſeinen Schafsaugen und den niedergeſchlagenen Mienen daſtehen fah , begriff er alles . «Elendes Thier,» fagte er , als er an ihm vorüber ging , « habe id dich uidt vor dem Plaubern deiner Frau gemarat ? » Die Geſchichte des Mauren ſtimmte genau zu der Teines Genoſſen ; aber der Alcalde ſtellte ſich hartgláus big , und drohte mit Gefängniß und ſtrenger Unterſuchung. « Langſam , guter Sennor Alcalde , » ſagte der Ma: felmann , der unterdeſſen ſeine gewöhnliche Berſlagens beit und Selbſtbeherrſchung wieder erlangt hatte. «Laßt uns die Caben des Glüds nicht durd Streit um fle bergeuden. Niemand weiß von dieſer Sache etwas als wir bewahren wir das Geheimniß. Es ſind Schäße genug in der Höhle , uns alle zu bereichern. Berſprecht eine gewiſſenhafte Theilang , und alles ſont bekannt were den verweigert ſie , und die Höhle wird für immer Beſchloſſen bleiben .« Der Ulcalde berieth ſich beimlid mit dem Alguazil. Der lektere war ein alter Fuchs in ſeinem Gewerbe. « Verſprecht alles , » ragte er , «bis ihr im Beſit des Sdaßes regd. Ihr kennt dann das Ganze nehmen ; und wenn er und ſein Mitfreoler zu murren wagen, ſo

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droht ihnen mit dem Scheiterhaufen und dem Pfahl ale Ungläubige und Serenmeiſter.» Dem Alcalde geftel der Rath . Er glättete Teine Stirne und ſagte, zu dem Mauren gewendet : 'edieſe aber Geſchichte iſt wunderbar , und mag wahr reyn ido muß mid mit eiguen Uugen davon überzeugen. Noch in dieſer Nadt müßt ihr die Beſchwörung in meiner Gegenwart widerholen . Bean mit Plich ein folder Sday da ift , wollen wir ihu freundidaftlichſt unter uns theis len , und nicht ferner von der Sache ſprechen ; habt ihr mich aber getäuſcht , ſo erwartet von mir Peine Gnade. Mittlerweile müßt ihr im Gefängniß bleiben . Der Maure und der Waſſerträger ſtimmten dieſen Bedingungen freudig bei, zufrieden , daß der Ausgang die Wahrheit ihrer Worte bewähren würde. Gegen Mitternadt machte ſich der Alcalde , beglet. von dem Alguazit und dem zuthunlichen Barbier , alle gut bewaffnet, in aller Stille auf den Weg. Sie führ: ten den Mauren und den Waſſertråger als Gefangene , und hatten lid den farken Eſel des leßtern noch zuges fellt , um ihm den gehofften Sdaß aufzubürdett. Ohne bemerkt zu werden , tamen ſie an den Thurm ., banden den Eſel an einen Feigenbaum , und fliegen in das vierte Gewölbe des Zhurmes hinab. Die Rolle wurde hervorgeholt , die gelbe Bads. Perze angezündet, und der Maure las die Beſchwörungs , formel. Die Erde bebte wie früher , der Boden öffnete fid mit einem donnernden Stall, und die female Sreppe ward fidtbar. Der Alcalde, der eguazt und der Bar, bier waren febrecenbleich , und founten nicht ſo viel

269 Ruth finden, hinabzuſteigen . Der Maure und der Waſ ſerträger traten in das untere Gewölbe, und fanden die gwei Mauren ſtumm und regungslos , wie früher , das figen . Sie hoben zwei große mit Goldmünzen und Forte baren Steinen gefüllte Gefäße weg. Der Waſſerträger chleppte fle , einen nach dem andern, auf ſeinen Soul: tern hinauf ; obgleich er aber ein ſeuniger kleiner Mann , und an das Tragen von Laſten gewöhut war , wanfte er doch unter ihrem Gewichte, und fand, als er ſie auf den beiden Seiten ſeines Eſels befeſtigt hatte , daß ſie ſo viel ausmachten , als ſein Eſel uur tragen konnte. · « Laßt uns für jeßt zufrieden ſega ,» ſagte der Maure, «wir haben hier ſo viel Roſtbares, als wir ohne bemerkt zu werden, fortſdaffen können, und genug , um uns alle ro ' retch ju machen , als das Herz es nur verlangen kann. » «In der Sdaß noch nicht ganz in unſeru þauden 2x fragte der Alcalde. «Das Koſtbařſte ,» fagte der Maure , aiſt noch zu : eine große mit Stahlbanden geſchloſſene Kiſte, mit rid Perlen und Edelſteinen angefült.» « Wir müſſen dieſe Kiſte haben , es Poſte , was es wolle,» rief der babſüchtige Ulcalde. I «Io werde nicht mehr hinabgehen», ſagte der Maure verdrießlich ; « genug iſt genug für einen Vergünftigen mehr iſt überflüßig .» « Und id , ſagte der Waſſertråger , « werde Peine Laſt mehr herauftragen , meines armen Eſels Rüden zu brechen .» Da der Alcalde Befehle , Drohungen und Bitten gleid vergeblich fand , wendete er ſich zu ſeinen e:

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treuen. « Delft mir ,» ſagte er , « die Kiſte heraufbringen , und ihr Inhalt rolu unter uus getheilt werden. » Bei dieſen Worten ftieg er die Treppen hinab , und zitternd und widerſtrebend folgten ihm der Alguazil und der Barbier . Der Maure fan fle Paum in der Tiefe, fo ' derlöſchte : er die gelbe Kerze ; der Boden chloß ſich mit dem ge: wöhnlichen Schall, und die drei Helden blieben im Soos der Erde vergraben. Er eilte jeßt die verſchiedenen Sreppen herauf , and holte erſt Athem, als er unter freiem Himmel war. Der Pleine Waſſerträger folgte ihm ſo fanell, als es reine furzen Beine geſtatteten , « Was haſt du gethau, » rief Peregil, ſobald er uthem geholt hatte. «Der Alcalde und die andern zwei find in dem Gewölbe eingeſchloſſen . » « Es iſt der Wide Allah's ! » ſagte der Manre fromm . « Uud miúft du fie niøt wieder befreien {» fragte der Gallego . «Gott bercahre !» derfekte der Maure , und ſtrich den Bart. « Es ſteht in dem Buche des Schidfals ges ſchrieben , ſe rollen verzaubert bleiben , bis irgend ein fünftiger Åbentheurer den Baan bricht. Der Wille Got: tes geſchehe !» Mit dieſen Worten føleuderte er das Ende der Wachskerze weit weg in das dunkle Didiot des Chales . Jeßt war vidt mehr zu helfen , und der Maure and der Wafferträger dritten daher mit dem reid belades nen Eſel der Stadt zu. Der gute Peregil foute ſich nicht enthalten , feinen langöhrigen Arbeitsgenoſſen, den

271 er ſo aus den Krallen der Gerechtigkeit gerettet rah , zu ſtreicheln und zu küſſen , und es ſteht wirklich dahin , wag dem einfachen kleinen Burſden in dem Augenblid mehr Freude machte , das Gewinnen des Schaßes oder das Wieder finden des Efels . Die zwei Gladebrüder theilten ihre Beute freund: fdaftlich und redlich , nur daß der Maure , der einige Liebhaberei an Flitterſtaat batte , es zu maden wußte, daß die Perlen , Edelſteine und anderer Tand ſtets auf ſeinen Saufen kamen ; aber dann gab er dem Waſſer: träger immer ſtatt der Poſtbaren Edelſteine gediegenes Gold , fünfmal ſo groß , womit der leßtere herzlich zus frieden war. Sie waren bedacht, ſich keinen Unannehm lichkeiten auszuſehen , ſondern begaben fid in andere Lån: der, um ſich ihres Reichthuws zu erfreuen . Der Maure Fehrte nad Afrika in ſeine Baterſtadt Tetuan jurüd , und der Gallego eilte mit frau und Kindern und fei: nem Efel nach Portugal. Hier wurde er unter dem Smuß und Schirm feiner Frau ein Mann von einiger Widtigkeit ; denu fie ſorgte , daß der lange Korper und die kurzen Beine des würdigen kleinen Mannes mit Wamms und Boren geſchmüdt wurden , feßte ihm einen Federbut auf, fted'te ihm ein Sdwert an die Seite, und hieß ihn ſeinen vertraulichen Namen Peregil mit dem wohillingendern Titel Don Pedro Gil vertauſchen . Seine Nachkommenſchaft wuchs gedeihlich und fröhliden Herzens herau, während Sennora Gil con Kopf bis zu den Füßen befranzt, beſpißt und betrottelt, an allen Fin : gern Ringe , das Muſter einer folumpigen Mode: und Pußrame wurde.

272 Mas den Alcalden ' and ſeine Sreuen betrifft , fo blieben ſie anter dem großen Thurm der ſieben Stockwerte vergraben und bleibeu dort heute noch feſtgebannt. Weyn es jemals in Spanien an kuppleriſden Barbieren , gau: berhaften ulguazils uud beſtechlichen Alcaldes fehlt, Panu man fie ſuchen ; wenn ſie aber ſo lange mit ihrer er: löſung warten ſollen , so droht ihre Bezauberung bis jum jüngſten zag zu währeu.

Sage von der Roſe

der Alhambra ;

oder

der Bege und der Geierfárr.

Nachdem die Mauren Granata übergeben hatten, war dieſe herrliche Stadt eine Zeitlang der Lieblings: aufenthalt der ſpaniſden Könige , bis ſie durch aufeins ander folgende Erdbeben , welche viele Hauſer nieders fürzten und die alten moslemitiſchen Thürme bis in ihre Siefe erſchätterten , von hier verſcheucht wurden. Viele, viele Jahre vergingen nun , während welchen Granada ſelteu von einem königlichen Gaſte beehrt wurde. Die Paláſte des Adels ſtanden leer und verſ @ loſſen ; und die Alhambra faß , wie eine bernadlaffigte Soonheit, traurig und verlaſſen in den der Pflege beraubten Går: ten . Der Zhurm der Prinzeſſinnen , einſt der Aufent: halt der drei fðnen mauriſchen Königstogter theilte die

273 allgemeine Verwüſtung ; und die Spinne fpang ihr Gewebe über die vergoldete Dede und, Fledermäuſe und Eulen piſteten in den Gemächern, welche die Ge: genwart Sayda's , Zorayda's und Zorahanda's ver ſchönert hatte. Die Vernachläſſigung dieſes Thurmes mag zum Theil den abergläubiſchen Anſichten der Bes wohner zugeſchrieben reyn . Das Gerücht ging, der Geiſt der jungen Sorahanda , welde in dieſem Thurm farb, werde oft beim Mondſchein geſehen , wie er neben den Brunnen in dem Saale rike oder trauernd um die zin nen wandle und die Klänge ihrer Silberlaute håtteu anderer , die durch die Schluct famen , oft um Mits terhadt gehört. Endlich erhielt Granada wieder königlichen Beſuch . Es iſt albekannt , daß Philipp V. der erſte Bourbon war , der den ſpaniſden Scepter führte. Es iſt albea Panut, daß er Eliſabetha oder Iſabella ( denn es iſt daſ ſelbe ) die ſchöne Prinzeſſin oon Parma in zweiter Ehe heirathete ; und es iſt aubekannt , daß durch dieſe Kette von Begebniffen ein franzöltſcher Prinz und eine italies niſche Prinzeſſin ſich zuſammen auf den ſpaniſden Throu reßten. Zum Empfange dieſes hohen Paares wurde die Alhambra eingerichtet und in aller Eile ausgeſamüdt. Die Ankunft des Sofes änderte das ganze Ausſehen des Pärzlid uod öden Palaſtes . Der Klang der Trommeln und Trompeten , das Stampfen der Roſie in den Bu gången und äußern Höfen , der Glanz der Waffen , das Slattern der Fahnen um Warte und Zinnen rief den alten und friegeriſchen Ruhm der Beſte zurüd. Ein milderer Geiſt herrſchte jedoch in dem königlichen Pa: 44 – 47. 18

274 laſte. Sier rauſoten 'ſeidne Gewänder und klang der porſichtige Sritt und die leiſe Stimme der ehrerbietigen Qoflinge in den Vorzimmern ; in den Garteu wandelten Pagen und Staatsfräulein und aus offenen Fenſtern ſtahl fid der Klang der Muſie. Ju dein Gefolge der Monarden befand ſich ein Liebltugspage der Königin , Namens Ruyg de Alarcon . Wenn man ihn den Lieblingspagen der Königin nenut , ſo heißt dies ihm eine Lobrede halten , denn Ade im Gefolge der ſchðnen Eliſabeth waren durch Unmuth, åußern Retz und geiſtige Gaben ausgezeicnet. Er hatte eben ſein actuehntes Jahr erreicht, war leidten, geſchmeis digen Wudiſes und anmuthig wie ein junger Uutinous. Gegen die Königin war er gauz Ehrerbietung und Uus terműrnigkeit , in ſeinem Bergen aber war er ein (pigs bäbiſcher Gelbſchnabel, eigenſinnig und von den Damen am Şofe verrõhut und wußte mit den Frauen weit beſſer umzugehen, als ſeine Jahre erwarten ließen. Dieſer Page ſtreifte eives Morgens in den Luft : wäldchen des Generalife, welde das Gebiet der Alhams bra überſchauen , mäßig umher. ' Er hatte zu ſeiner Uns terhaltung einen Lieblings - Geier fallen der Königin mit ſich genommen. Bei ſeinem Umherſ@ lendera ſah er einen Vogel aus dem Gebüſch auſfliegen , nahm dem Fallen die Baube ab und ließ ihn fliegen. Der Falle lawang fic hoc in die Luft, ſtieß auf ſeinen Raub, and looß, da er ihn verfehlte, taub gegen den Ruf des Pagen , das pon. Der lebtere folgte dem Rüchtigen Vogel auf ſeinem launenhaften fluge mit den Augen , bis er ſah , daß er auf den Zinnen eines einſamen und entfernten Thurms

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275 in den dußern Mauern der Alhambra , an dem Rand eines Übhange . erbaut, der die Fönigliche Beſte von dem Gebiete des Generalife trennte, rich niederließ. Es war in der That der „Thurm der Prinzeſſinnen ." Der Page Aieg in die Solucht hinab und näherte fich dem Thurm , aber dieſer hatte keinen Eingang von dem halden und ſeine große Höhe madte jeden Ber: ſud , ihu zu erſteigen , vergeblid . Er magte daher , in: dem er eines der Thore der Beſte ſuchte, einen weiten Umweg gegen die innerhalb der Mauern gelegene Seite Seite des Thurms. Vor dem Thurm lag ein Garten, von einem Baun von Sdilf umſoloſſen , der mit Myrthen überhangen toar . Der Page öffnete ein Pförtchen und ging durd Blumenbeete und Roſengebüſch zu der Thüre, Sie war verſcloſſen und verriegelt. Eine Riße in der Thüre ließ ihn in das Junere bliden und er ſah eiven Pleinen muu : riſden Sal mit Wänden in Stuccoarbeit, leichten Mars morſäulen und einem Ulabaſterbrunnen , den Blumen amgaben. In der Mitte hing ein vergoldeter Käfig mit einem Singoogel , darunter lag auf einem Stuhle eine geſprenkelte Raße , darueben eine Seidenwinde und an : dere Gegenſtände weiblicher Arbeit , und eine Guitarre, mit Bändern geziert, war an den Brunnen gelehnt. Rugz de Alarcon ftaunte über dieſe Spuren weibs licher Zierlichkeit und Unmuth in einem einſamen und wie er geglaubt hatte , verlaſſenen Churm. Sie erin : nerten ihn an die in der Alhambra gången Mården pon bezauberten Sålen und die geſprengelte Kabe foute mohl eine beganberte Prinzeſſin ſeyn. 18 *

276 Er Plopfte leiſe an der Shure. Ein fines Geſlot caute oben aus einem kleinen Fenſter , 30g rich duell aber wieder zurüd. Er wartete in der Hoffnung , die Shüre würde geöffnet werden ; aber ſein Harren war alles umſonſt ; kein Fußtritt war drinnen zu hören war ſtumm . Satten thu feine Augen getäuſcht oder war die holde Erſcheinung die fee des Thurms ? Er klopfte wieder und härter. Nach einer kleinen Weile blidte das ſtrahlende Geſichten wieder heraus ; es war das eines blühenden fünfzehnjährigen Mädchens.. Der Page nahm augenblidlich ſeine mit Federn ge ſamüdte Müße ab und bat in dem höflichten Tone um die Erlaubnis , den Shurm beſteigen zu dürfen , um ſeis gen fallen zu holen. 3d darf die Shire nicht öffnen , Sennor, erwie: derte das Fleiue Madden errðthend , «meine Tante hat es verboten ,

«Ich bitte Euch , ſchöne Maid es iſt der Lieb: lingsfaike der Königin : id darf ohne ihn nicht in den Palaſt zurüdPehren .» «3hr feyd alſo einer der Hoflavaltere ? » « So iſt's , fedne Maid ; allein ich werde um die Gunſt der Königin und um meine Stelle Pommen, wenn id den fallen verliere. » « Santa Maria ! vor euch Softavalieren hat mir meine Sante gang abſonderlich befohlen die Thüre zu verriegeln .» «Dhue zweifel vor ſchlechten Kavalieren ; aber id bin Pein folder , ſondern ein einfacher, barmloſer Page,

277 der unglädlid und elend feyn wird, wenn ihr die Pleine Bitte nicht gewahrt. » Das Unglück des Pagen rührte das Herz des Plei: nen Mäddens. Es wäre doch gar zu Scade geweſen , wenn er durch die Verweigerung einer ſo unbedeutendea Bitte um ſeine Stelle gekommen wäre. Er konnte auch gewiß Peines jener gefährlichen Weſen feyn , welche ihre Sante als eine Art Rannibalen , ſtets bereit , gebauten loſe Mädchen zu ihrem Raub zu machen , geſchildert hatte ; er war ſanft und beſcheiden und ſtand ſo bittend da, die Müße in der Hand, und fah fo fön aus. Der ſclaue Page fah, daß die Beſaßung zu wanken anfing und verdoppelte reine Bitten in ſo rührenden Uys: dråden , daß es nicht in der Natur ſterblicher Mädchen geweſen wäre, thn abzuweiſen ;. ſo kam denn die Kleine erröthende Wachterin des Shurmes herab und öffnete die Thüre mit bebender Sand ; und wenn der Page bei dem flüchtigen Anſdaun ihres Geſichtes vom Fenſter herab entzůdt war , ſo wurde er , als die ganze Geſtalt fidh ihm darſtellte, bezaubert, hingeriſſen. Ihr andalafiſdes Leibchen und die hübſche Bass quinna hoben das volle aber zarte Ebenmaß ihrer Gez ftalt hervor, die ihre jungfräulide Ausbildung Faum er reicht hatte. Ihr glänzendes Haar war auf der Stiro mit gewiſſenhafter Genauigkeit getheilt und , dem auges meinen Gebrauch des Landes zufolge , mit einer friſch gepflüdten Roſe geſchmüdt. Es iſt wahr , ihr Geſicht war von der Glat einer füdlichen Sonne etwas gebräunt, aber dies diente nur , die reiche Blüthe threr Wangen

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ju zeigen und deu Olang ihrer ſchmelzenden Uugen zu erhöhen. Rad de Alarcon rah alles dies auf einen Blic , denn es fan ihm vidt ju, ju fðgera ; er murmelte nun ſeinen Danf und ſprang leidt die Wendeltreppe hinauf, um nad ſeinem Falken zu ſehen . Balo lam er, den Aüchtigen Vogel auf ſeiner Fauſt, zurüd. Das Mädchen hatte ſich indeſſen an den Bran, nen im Saal gelegt und wand Seide ; aber in ihrer Erregung ließ Re die Winde auf die Erde fallen . Der Page ſprang herzu und hob ſie auf, ließ ſich anmuthig auf die Knie nieder und bot ſie ihr dar ; aber er faßte die darnad langende Hand und drüďte einen glühenderen und inbrünſtigeren Kuß darauf , , als er je der ſchönen spand ſeiner Gebieterin aufgedrüdt hatte. «Ave Maria, Sennor ! » rief das Mädchen , vor Vers wirrung und Ueberraſdung voo höher erröthend , denn ſie war nie auf dieſe Weiſe begrüßt worden. Der beſcheidene Page entiduldigte Mid tauſendmal und verſicherte ſie, dres rey bei Hofe die Weiſe, die tiefſte Ehrfurdt und udtung auszubråden . Ihr Zorn , wenn ſie ja zornig wur , wurde leicht beſänftigt ; allein thre Erregung und Verlegeuheit blieb und Rie ſaß da , höher und höher errðthend , die Augen auf ihre Arbeit niedergeſchlagen und den Seidenfaden , den ſie aufrinden wollte, verwirrend. Der liſtige Page ſah die Verwirrung in dem feind: liden Lager und hätte gern davon Gewinn gezogen, aber die fchönen Reden , die er hören laſſeu wollte , ſtarben ihm anf den Lippen und ſeine Ortigkeitsverſuche waren

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linkird und ohne Erfolg ; und zu ſeinem Befremdet fand ſich der gewandte Page , der mit ſolder Anmuth uud Ungezwungenheit mit den Flügſten und erfahrendſten Hofs damen berlehrt hatte , vor einem einfachen fünfzehnjábs rigen Mädden berdámt und verblüfft. Das Punſtloſe Márden hatte in der That in ihrer Befdheidenheit und Unduld einen beffern Schirm , als in den Riegeln und Sdlöffern , welche ihre forgſame Sante vorgeſdrieben hatte. Aber wo iſt die weibliche Bruſt, die gegen das erſte Flüſtern der Liebe geſtåhlt ir ? Das kleine Mädden verſtand, bei aller ihrer Kuuſt: loſigkeit alles, was die fotterade Sange des Pageni niot auszudrüden im Stande war und ihr Herz zitterte, als ſie zom erſten Mal einen Liebhaber, und einen ſolden Liebhaber, zu ihren Füßen rah . Die Saüchternheit des Pagen war zwar ungeheu: delt, aber nur kurz , und er erlangte ſeine gewöhnliche Ruhe und ſein Selbſtbewußtſeyn wieder , alt in der ferne eine gellende Stimme gehört ward. « Meine Tante Pommt aus der Meſſe zurüd, » rief Das Mädden erſdredt: 3d bitte Sennor , entfernt Eud ! « Nicht eher , als bis Shr mir die Roſe in eurem Haar als Uudenten gebt. » Sie machte die Roſe haſtig aus ihrem Rabenhaare los. « Ret;mt,» ſagte ſie, verwirrt und errothend, waber geht, ich bitte. » Der Page nahm die Roſe und bededte ju gleicher Seit die done Sand, melde fle gab, mit Küſſen. Dann ſted te er die Blume auf ſeine Müße, nahnı den fallen

280 auf ſeine Fauſt und ſprang durch den Garten fort , das Herz der holden Jacinta mit ſich nehmend. U18 die wadrame Tante in den Shurm kam, be : merkte fie die Bewegung ihrer Nigte und eine Art un: ordnung in dem Saal ; allein ein erklärendes Wort ge nigte. « Ein Geierfalke hatte ſeinen Raub bis in den Saal verfolgt.» « Gott rep uns gnadig ! Ein Falle, der in den Shurm fliegt ! hat man je von einem fo frechen Shiere gehört ! Ei, unſer Bogel im Rafig iſt nicht mehr ſider. » Die macrame Fredegonda war eine der vorſichtigſten alten Jungferu . Sie hatte einen gehörigen Sdreden und paſſendes Mißtrauen in das, was ſie « das entgegen geſepte Geſchlecht» nanute , Gefühle , die durch ein lana ges unverheirathetes Leben noch geſteigert worden waren . Nicht als wenn die gute Frau je durch die Süden der Männer gelitten hätte, die Natur hatte ihr eine Schuss wehr in das Geſicht geprägt , welches jedes Eindringen in ihr Gebiet abhtelt ; aber die Frauen , die am weniga ften Grund haben, für ſich beſorgt zu ſeyn, ſind am erſten bereit, reizendere Bekanntinuen ſtreng zu beroachen . Die Nidte war die Baiſe eines Offiziers , der im Kriege gefallen war. Sie war in einem Kloſter erzogen und neulid aus ihrem heiligen Aſyl geholt und unter die unmittelbare Aufidt ihrer Jaute gegeben worden , unter deren ſqirmender Pflege ſie in der EinſamPeit auf: mucho , wie die lid öffnende Roſe anter einem Dornbuſch erblüht. Dieſe Bergleidung iſt nicht ganz zufällig ; denn , die Wahrheit zu ſagen , ihre Friſde und rida eut: faltende Soönheit hatte ſemain in dieſer Abgeſ @ loſſenheit

281 das öffentliche Auge auf ſich gejogen und das umwoh: nende Landvoll hatte ihr mit der dem Andaluſier eignen poetiſchen Uusdrudsweiſe den Namen «die Roſe der ui: hambra» gegeben . Die bedåd tige Sante fuhr fort , über die verführe: riſche kleine Nichte ſo lange die treueſte Wache zu hal Granada weilte , und ſie ſchmei: ten , als der Sof delte ſich , daß ihre Magſamkeit erfolgreid rey. Es iſt wahr, die gute Frau wurde dann und wann über das Klimpern von Guitarren und das Singen von Liedchen, die leiſe aus dem mondbeglanzten Gebüſch unten am Thurme heraufflangen , mûrſd und ärgerlich ; aber lle ermahute dann ſtets ihre Nichte , das Dhr gegen ſolche eitle Singerei zu ſchließen , indem ſie ſie verſicherte , dies ſen einer der Kunſtgriffe des « entgegengeſeßten Geſchlec : tes , » durch welche einfache Mädchen oft in ihr Verderben gelodt würder . Uch ! was vermag bei einem einfachen Mädchen eine trodne Predigt gegen ein Mondſchein Ståndden. Endlichob König Philipp feinen Aufenthalt zu Granada auf und reiſte plößlid mit ſeinem ganzen Ge folge af. Die wachſame Fredegonda gab auf den lönig: lichen Zug acht, wie er aus dem Thor der Gerechtigkeit herauslam und den großen Weg, der in die Stadt führt, hinabging. Als die lepte Fahne aus ihrem Auge ent: idwand, wendete ſie nich freudig zu dem Thurm , denn alle ihre Sorgen waren vorüber. Zu ihrem Staunen fcarrte ein leichtes arabiſches Pferd den Boden am Gartenpförtcen : - zu ihrem Sorecken fab fte durch das Roſengebüſch einen Jüngling in buntſi mudem Kleid

282 Ju den Füßen ihrer Nicte. Bei dem Schau von Fuß, tritten bot er ihr ein zärtliches Lebewohl , ſprang leicht über den Myrthen: und Sdilfjaan, foowang rich auf ſein Noß und war augenblicklich verſchwunden. Die zärtliche Jacinta verlor in der Heftigkeit ihres Kummers jeden Gedanken an den Unwillen ihrer Zante. Sie fürzte fic in ihre Arme und brado in Seufzer uud Thrånen aus. er iſt fort ! « Ay de mi ! » rief fle : « er iſt fort ! C er iſt fort ! und ich werde ihn nie wieder ſehen !» « Fort ? Wer ift fort ? Was war dies für ein Jüngling, den ich zu deinen Füßen fah ?» (« Ein Page der Königin , Sante , der mir Lebewohl geſagt hat. » «Ein Page der Königin , Kind !) wiederholte die macrame fredegonda (dwady : « Und wann würdeſt du mit einem Pagen der Königin bekannt ?» «Am Morgen , au weldem der Geierfalle in den Thurm Pam . Es war der Königin Geierfalfe und er ſuchte ihn bei uns.» - «D albernes, albernes Mädchen ! wifle, daß es Pets ae Geierfallen gibt, die halb ſo gefährlich ſind, wie dieſe jungen windigen Pagen , und grade ſo einfältige Bogel, wie du einer bift, faſſen fle am erſten mit ihren Rrallen.is Die Dante war anfangs unwillig, als file erfuhr, daß , troß ihrer gerühmten Madfam Peit , ein zärtlicher Berkehr von dem jungen Liebespaar faſt unter ihren ugen unterhalten worden war ; als ſie aber fand , daß Ihre argloſe Ridte, obgleid file io, ohne den Sous von Riegel und Soloß , den Ránlen des entgegengeſepten

283 Geld ledtes ausgefekt war , die Feuerprobe unverlengt beſtanden hatte , tröſtete ſie ſich mit der Ueberzeugung, daß ſolches nur den Peuſchen und vorſidtigen Grund: råßen zuzuſchreiben fer , in welde ſe fic ro zu ſagen bis an die Lippen geraucht hatte. Während die Jante dieſe lindernde Salbe auf ihren Stolz legte , erinnerte ſich die Nidte der oft wieders bolten Schwüre der Preue des Pagen. Aber was iſt die Liebe des raftloſen , umſtreifenden Mannes ? Ein irrer Strom , der eine Zeitlang mit jeder Blume an ſeinem Ufer tándelt, dann dahinfließt und ſie alle in Ihránen juridláßt. Page, Wochen, Mouden vergingen und Peine Runde Pam voa dem Pagen. Die Granate reifte , die Rebe bot ihre Frudt , die Herbſtreg : n ſtürzten in Strömen von den Bergen nieder ; die Sierra Nevada umkleidete fid mit ihrem Schneeigen Mantel und die Winterſtürme immer fam er heulten darch die Såle der Alhambra

nicht. Der Winter - verging. Wieder brad der mun : tere Frühling hervor , von Geſang , Blüthen und dufti: gen Zephyreu begleitet ; der Schnee ſchmolz auf den Bergen, bis Peiner mehr blieb als der auf dem luftigen Gipfel der Nevada , der durch die warme Sommerluft glänzte. Uber immer ließ ſich nichts von dem vergeß : lichen Pagen hören. Unterdeſſen wurde die arme Pleine Jacinta blaß uud getaufenvol. Sie gab ihre früheren Beſchäftigungen und Vergnügen auf , ihre Seide lag verwirrt da , die Gui: tarre unbezogen , ihre Blumen murden vergeſſen , die Sone ibres Bogels überhört und ihre , fouft ſo glänzen :

284 den Augen waren von Heimlichem Weinen getrübt. Menu irgend eine Einſamkeit geeignet iſt, die Leidenſchaft eines Itebesſtechen Mädchens zu nähren , ſo iſt es ein Drt wie die Alhambra, wo alles dazu beiträgt , fårtlide and ro: mantiſche Träumereien zu erzeugen . Sie iſt ein wahres Paradies für Liebende : wie traurig daher, in einem ſols chen Paradies allein zu reya und nicht nur allein , ſondern verlaffen ! ald , albernes Kind,» - fagte wohl die gerepte und unbefledte fredegonda , wenn Nie ihre Nichte in threr trüben Laune ſah : « habe ich dich nicht vor den Liſten und Tüden dieſer Männer · gewarnt ? was konnteſt du aber aud von dem Ablömmling einer ſtolzen und ehr: du , eine Waiſe, der geizigen familie erwarten ? Sprößling eines geſunkenen und verarmten Geſchlechtes ? Sei überzeugt, wenn der Jüngling aud treu wäre, würde ſein Vater , einer der ſtolzeſten Edelt am Sofe, reine Verbindung mit einem ſo niedrigen und armen Weſen , wie du biſt, unterſagen. Fafie daher Muth und ſcheude dieſe eiteln Gedanken aus deinem Kopfe .» Die Worte der unbefleckten Fredegonda dienten nur, die Sowermuth ihrer Nichte zu vermehren , aber ſie fugte ihr im fillen nachzuhängen. Als ich einſt ſpät in einer Sommernadt ihre Saute zur Ruhe begeben hatte, blieb ſie allein in dem Saale des Shurms an dem Ula: bafter- Brunnen flben. Hier hatte der treuloſe Page zuerſt gelnieet und ihre Sand geküßt ; hier hatte er ihr ſo oft ewige Treue geſchworen . Des armen kleinen Mädchens Herz war überbou pon traurigen und zärtlichen Erinne rungen , ihre Shránen begannen zu fließen und ftelen

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285 langſam , Tropfen um Tropfen , in den Brunnen. UU måhlig bewegte rich das Waſſer , ſprudelte auf , wogte · hin und her , bis eine weibliche Geſtalt , reid in maua riſche Geminder gelleidet, fic langſam emporhob. Jaciuta erſchrad ſo , daß ſie aus dem Saal floh um nádſten und nicht mehr zurüdzubehren wagte. Morgen erzählte ſie ihrer Sante , was ſie geſehen hatte, aber die gute Frau betradtete es für ein Schattenbild ihres beunruhigten Geiſtes oder dadyte, fie rey eingeſchlas fen und habe an dem Brunnen geträumt. «Du haſt an die Geſchichte der drei mauriſchen Prinzeſſinnen gedacht, welche einſt in dieſem Thurme mohuten , fuhr fie fort, aund dies ging in deine Träume über.» (cWelche Geſchichte, Tante ? ich weiß nichts davon . » «Du haſt gewiß von dea drei Prinzeſſinnen , Sayda, Boranda und Zorahayda gehört , welche von dem König ihrem Vater in dieſen Shurm geſperrt wurden und mit drei driftſiden Rittern zu flieben beſchloſſen . Die zwei erſtern Rohen aud wirklic , aber die dritte verließ der Math und man ſagt , fe fep in dieſem Sturme geſtor: ben . » « Id erinnere mid leßt davon gehört zu haben .» ſagte Jacinta ; « a, id babe aber das Sdidfal der hols den Zorahanda oft geweiut.» . « Wohl magſt du über ihr Spidfal, weinen , ” fahr die Jante fort; « denn Zorahayda's Geliebter war dein Vorfahr. Er trauerte lange um ſeine ' mauriſche Liebe, aber die Zeit heilte ihn von ſeinem Gram und er hei: rathete eine ſpaniſche Dame, bon welcher du abſtammſt. Jacinta dachte über dieſe Worte . nach. «Was ich

286 geſehen habe , iſt Pein Hirngeſpinnft , fagte fle zu fide, sich weiß es gewiß. Wenn es in der That der Geiſt der holden Soraharda ift , der , wie ich höre , in dieſem Thurme wandert, wovor ſollte mir bangen ? Id wil vielleidt zeigt ſie heute Nadt am Brunnen bleiben fidh mir noch einmal. » Gegen Mitternacht, als alles ruhig war , feste file ilch wieder in den Saal. Wie die Glode in dem fernen Wartthurm der Alhambra die Stunde der Mitternacht verkündete , bewegte ſich das Waſſer des Brunneng nies der , es ſprudelte und wogte , bis das Mauriſche Weib wieder empor ftieg. Sie war jung und ſchön ; ihr Kleid war reich an Juwelen und in der Hand hielt ſie eine filberne Laute ; Jacinta zitterte und war einer Dhnmadt nabe ; aber die ſanfte und klagende Stimme der Erſdetc nung und der liebliche Uusdrud ihres blaſſen ſchwermü. thigen Geſichts berubigten ſle. « Sochter der Sterblidet,» fagte ſie, «was fehlt dir ? Warum trüben deine Ehránen meinen Brannen und ſtór ren deine Seufzer und Klagen die friedliden Waden der Nadt ?» w7d meine über die Treuloſigkeit eines Mannes und Plage am mein einſames und verlaſſenes Loos.» « Dröſte did ; deine Sorgen können noch ein Ende Auden. Du Rehſt eine Mauriſde Prinzeſſin oor dir, welde , wie du , in ihrer Liebe ugglüdlich war. Ein chriſtlicher Ritter, dein Ahnherr, gewann mein Herz und mürde mic in fein Heimathland und in den S0008 feis ner Kirche gebracht haben. Ja meinem Herzen war id eine Belehrte, aber wir fehlte ein Muth , der meinem

287 Glauben gleich gerveſen wäre , und ich jauderte, bis és su ſpåt war. Deswegen haben die böſen Geiſter Oes malt über mich und ich bleibe in dieſen Thurme gebannt, bis ein reiner Chriſt den Zauber bricht. Wilſt du dies unternehmen ?» « Ich wil, » antwoortete das Mädchen zitterud. « So fomm hierher und fürchte nichts ; tauche deine Band in den Brunnen , beſprenge mich mit dem Waſſer und taufe mich nach der Sitte deines Glaubens ; ſo. wird der Zauber vernigtet werden und mein irrer Geift Ruhe finden .» Das Mädchen näherte lid wantenden Schrittes, taudte ihre Hand in den Brunnen , nahm Waſſer in die hohle Hand und ſprengte es über das blaffe Untliß der Erſcheinung. Dieſe lächelte mit unausſprechlider Milde. Sie ließ ihre Silberlaute zu Facinta's Füßen fallen , faltete ihre weißen Urme über ihrem Buſen und verſchwand ; es war blos, als wenn ein Schauer von Thantropfen in den Brunnen gefallen wäre. Vol Staunen und Schreden verließ Jacinta den Saal. Sie ſchloß dieſe Nacht kaum ein Auge und als fte mit Tagesanbruch aus einem beunruhigten Schlaf er : wachte , fchien ihr das Ganze einem Fiebertraum áhn lich . Als ſie aber in den Saal hinabging , zeigte Rich die Wahrheit der Erſcheinung , denn ſie fah neben dem Brunnen die Silberlaute im Morgenſonnenſchein glünzen. Sie eilte zu ihrer Sante , um ihr alles zu erzäh len , was ihr begegnet war., und forderte fie auf , die Layte als Beweis der Birllid Keit, ihrer Erzählung ju

288 betracten . Wenn die gute Frau ja noch einige Zweifel hatte , ſo wurden dieſe zerſtreut, als Jacinta das In: ſtrument berührte , denn ſie entlodte demſelben ro hin: reißende Idne, daß ſelbſt die eiſige Bruſt der unbefleckten Sredegonda, dieſe Region emigen Winters , aufthaute und fid freudig erſchloß. Nur eine übernatürliche Muſe Ponnte eine ſolche Wir Pung hervorbringen. Die außerordentliche Nacht der Laute wurde tåg: lid bemerkbarer. Der Wauderer , der an dem Charme vorbeikam , blieb in athemloſem Entzüden ſozuſagen feſt: gezaubert. Selbſt die Vögel ſammelten fick auf den bes nachbarten Bäumen , und lauſchten , threr eignen Lieder vergeſſend , in ſtummem Entzüden . Das Gericht verbreitete die Neuigkeit bald weiter. Die Bewohner Granada’s ſtrömten zu der Alhambra, um einige Sone der herrlichen Muſte zu erhalden , die um den Thurm der Prinzeſſinnen erſdol . Die lieblide kleine Künſtlerin wurde endlich ihrer Einſamkeit entrüdt. Die Reiden und Mädtigen des Landes ſtritten fich, ſie zu bewirthen und mit Ehren zu überhaufen , oder vielmehr ſich den Sauber ihrer Laute zu fichern , um die Modewelt in Schaaren in ihre Såle zu loden. Wohin ſie ging , hielt ihre ſorgſame Tante die Wade eines Draden an ihrer Seite und foredte den Strom verliebter Bewunderer , die entzüdt an ih rem Geſange hingen, zurück. Die Sage von ihrer wun: dervollen Gabe ging von Stadt zu Stadt. Malaga, alle wurden nach und nad in den Sevilla , Cordova Strudel hineingeriſſen und man ſprach in ganz Andala : flen von nichts mehr, als von der ſchönen Künſtlerin der

289 Alhambra. Wie kounte es auch bei einem ſo muſikalt: iden und verliebten Volle , wie die Andaluſier , anders kommen , · da die Macht der Laute magiſch und die Künſtlerin von Liebe begeiſtert war ? Während ganz Undaluffen fo muſiktoll war , herridte an dem fpaniſden bofe eine ganz andere Stimmung. Philipp V. war , wie wohl bekannt iſt , ein unglüdlicher Hypochondriſt und allen Arten von Grillen unterworfen. Mandmal blieb er wochenlang im Bette und ächste in eingebildeten Schmerzen. Ein anderes Mat beſtand er darauf, dem Thron entſagen zu wollen : zum großen Uer: ger ſeiner Pöntglichen Gemalin , die für den Glanz des Qofes and die Glorie einer Krone eine ziemliche Neigung hatte und den Scepter ihres Findiſchen Gemals mit Fluger und feſter Band führte. Nichts zeigte ſich wirkſamer, die Pöniglichen Schwin del zu verſdeuden , als die Macht der Mafil ; der Rós nig ſorgte daher, die beſten Sänger und Sonkünſtler zur Hand zu haben , und behielt den berühmten italieniſchen Sånger Fariyeli als eine Art königlichen Leibarztes bet Soofe . In dem Augenblide jedod , von weldem wir fpres dhen , hatte ſich in dem Kopf dieſes weiſen und erlauch ten Bourbon’s eine Grille feſtgefeßt, welche alle frühere Einfälle ibertraf. Nach einer langen eixgebildeten Krank: heit , die allen Arien Farinelli's und den Berathungen eines ganzen Orcheſters von Hofgeigern Troß bot , gab der Monarch in Geðguten den Geiſt auf und hielt fic für maustodt. Dies wäre ziemlich harmlos , 24, felbft der Königin 44 – 47. 19

290 und den Şöfingen ganz gelegen geweſen, wenn er ſich bequemt hátte, in der für einen Todten paſſenden Ruhe zu bleiben . Zu ihrer Dual beſtand er aber darauf, die Leichenceremonien mit Rich vorgenommen ſehen zu wollen und begann zu threr unausſprechlichen Verwirrung , up: gedaldig zu nerden und über ihre Nachläſſigkeit und Geringſchäßung , ihn ſo lange unbegraben zu laſſen , bits ter zu ſchelten . Was war zu thun ? Den beſtimmten Befehlen des Königs uidt zu gehorchen , war in den Augen der dienſtwiligen Hoflinge eines pünktlichen SD: fes deuslich aber ihnen zu gehorchen und ihn leben: dig zu begraben , wäre offenbarer Königsmord geweſen ! Mitten in dieſer fürchterliden Verlegenheit erreidte das Gerücht von einer Künſtlerin , die ganz Andaluſien den Kopf verdrehte , den Hof. Die Königin fandte in aler Eile Boten ab , fie uad Sanct Ildefonſo zu be: roeiden , wo damals der Sof reſidirte.. Als einige Tage darauf die Königin mit ihren Staatsdamen in jenen prächtigen Gårten, luſtwandelte, welche mit ihren Gängen , Terraſſen und Brunnen den Ruhm von Verſailles auszuſtechen beſtimmt waren , wurde die weitberühmte Künſterin vor ſie geführt. Die Pönig liche Eliſabeth blidte erſtaunt auf das jugendliche und anſpruchsloſe deußere des kleinen Wefens , welches der Welt den Kopf verrüdte. Sie war in ihrer maleriſchen andaluſtſchen Pracht, hielt ihre Silberlaute in der Hand und ſtand mit beſcheiden geſenkten Augen , aber in einer Einfachheit und Friſche der Sdönheit da , welche in ihr ftets nodi « die Roſe der Ulhambra» ankündigte. Wie genöhnlich war ſie von der immer wadramen

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fredegonda Begleitet , welde der wißbegierigen Königin die ganze Geldichte ihrer Abſtammung und Berfunft erzählte. Wenn die hohe Eliſabeth von Jacinta's Neufs ſerem freundlich angeſprochen worden war , ſo freute ſie fidh noch mehr , als ſie erfuhr , daß ſie aus einem ver dienten obgleida herabgekommenen Geſchlechte ſtammte und daß ihr Vater im Dienſte. der Krone als braver Krieger gefallen war. «Wenn dein Salent deinem Rufe gleid tömmt ,» ſagte ſie , «und du dieſen böſen Geiſt baguen kannſt, der in deinem Könige wohut, ro - rou fortan . dein Glück meine Sorge feyn und Ehren und Retdythum werden did erwarten. » Ungeduldig, ihre Geſchidlich Peit zu erproben , begab ſie ſich alsbald in das Gemad ihres launenvollen Ge mals . Durd Reihen von Wachen und Schaaren von Höf lingen folgte Jacinta mit geſenftem Auge. Sie kamen endlich in ein großes Gemach , das ſchwarz ausgelegt war. Die Fenſter waren geſchlofſen , um Pein Caglicht eiudriugen zu laſſen : eine Unzahl gelber WachsPerzen auf flibernen Leuchtern verbreiteten ein düſteres Licht und zeigten ſchwach die Geſtalten von Dienern in Srager: Pleidern, und von HbAingen , die mit geräuſchlofem Schritt und derzweifeltem Geſicht umher ſchlichen . In der Mitte lag auf einem Paradebett, die Hände auf der Bruſt ges faltet , und bis zur Spiße der Naſe verhüllt , der gern - begraben - reyn - wollende Monard ausgeſtredt. Die Königin trat ſchweigend in das Gemado, zeigte auf einer Schemel - in einem dunkeln Winkel und wintte Jacinta, fid ntederzulaffen und anzufangen . 19 *

292 Unfaugs rührte ſie die Laute mit bebender Hand, dann aber faßte fie Muth , und wurde während des + Spiels erregt und ließ eine ſo himmliſche Muſik hören , daß alle Unweſenden vor Staunen und Gotzüden außer ſich waren. Der Monarch aber , der fich bereits in der Welt der Geiſter glaubte , dachte die Muſie der Engel oder der Sphäret zu hören ." Allmählig wechſelte der Vortrag und die Stimme der Künſtlerin begleitete das Inſtrument. Sie fang eine der alten Balladen von dem ehemaligen Ruhm der Alhambra und den Shaten der Mauren. Fhre ganze Seele ging in den Vortrag ein, denn mit den Erinnerungen an die Ulhambra war die Geſchichte ihrer Liebe derivebt. Dies godtengemad haute von dem belebenden Geſange wieder. Er fand den Weg in das düſtere Serz des Königs. Er hob fein Spaupt und ſchaute rund um : er richtete fich in ſeinem Bette auf, ſein Auge begann zu glangen- endlid ſprang er auf den Boden und rief nach Schild und Sowert. Der Triumph der Mufit , oder vielmehr der bejaus berten Laute, war vollkommen ; der Geiſt der Sowers muth war verſcheucht und gervifſermaßen ein Todter in das Leben zurückgerufen worden. Die Fenſter des Gea maches wurden geöffnet ; der glorreide Glanz ſpaniſchen Sonnenſcheins drang in die geweſene Todtenkammer ; ale Augen ſucten die holde Zauberin ; aber die Laute war aus ihrer Hand gefallen , fle war niedergeſanken und wurde im nadſten Uugenblick an die Bruſt oon Rur de Alarcon gepreßt. Die Sochzeit des glückliden Paares wurde bald ich darauf mit großem Glauze gefeiert; dod ſtiu

293 höre den Leſer fragen, wie Ruyz de Alarcon ſein langes Soweigen entſquldigte ? D, darau war allein der Wi derſtand eines ſtolzen , eigenſinnigen alten Baters Schuld ; überdies - kommen junge Leute, die wirklich einander gern haben , bald zu einem freundlichen Einverſtändniß und begraben alle früheren Beſchwerden , wenn ſie ſich wie: derfeben . Uber wie tam es, daß der ſtolze eigenſinnige Pater in die Heirath willigte ? D , ein oder zwei Worte der Königin verſcheuchten bald alle ſeine Bedenklichkeiten, beſonders da es Würden und Belohnungen auf den blühenden Liebling der Könis gin regnete. Ueberdies beſaß , wie Ihr wißt , Sacinta's Laute eine Zaubermacht , welche über den eigeuſinnigſten Kopf und die härteſte Bruſt gebieten konnte. Und was wurde aus der bezauberten Laute ? D , dies iſt das allermerkwürdigſte bei der Sache und beweiſt offenbar die Wahrheit der ganzen Geſchichte. Dieſe Laute blieb eine Zeitlang in der Familie , wurde ! aber von dem großen Sänger Farinelli, wie man glaubte, aus bloßer Eiferſucht, entwendet und weggebracht. Nad ſeinem Tode tam ſie in Italien an andere Beſißer, wels de mit ihrer geheimnißvollen Macht unbekannt waren , das Silber einſchmolzen und mit den Saiten eine alte Cremoneſer Geige bezogen. Die Saiten haben noch et: was von ihrer magiſden Kraft. Ein Wort in des Les { ers Dhr , aber erzählt es nicht weiter dieſe Geige bezaubert jeßt die ganze Welt es iſt die Geige Pas ganini's,

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De r

V e te r a n .

zu den ſeltſamen Bekanntſ @ aften , die ich bei meinen Streifereien um die Beſte gemacht habe , gehört ein braver und märber alter Invalidenobriſt , der lidt mote ein Sabicht in einem der mauriſden Thürme eingeniſtet hat. Seine Geſchichte , welde er fehr gern erzählt , ift eiu Gewebe jener Abentheuer, Unfälle und Widerwärtig keiten , welche das Leben faſt eines jeden Spaniers von Unſehen eben lo bunt und wunderlid geſtalten , wie die Blätter des Gil Bias. Er war mit ſeinem zwölften Jahre ſchon in Amerika und reduet es zu ſeinen bedeutungovouſten und glüd lidoſten Erlebniffen, General Waſhington geſehen zu ha ben. Seitdem hat er an allen Kriegen ſeines Vater : landes Theil genommen ; er kann aus Erfahrung von den meiſten Oefánguiffen und Rerfern der Qalbinſel (pre den ; er wurde an einem Fuß gelähmt , an den Händen verſtämmelt und ro zerhagen und zerfekt , daß er eine Art wandelnden Monumentes aller Unruhen Spaniens iſt, an welchem man für jede Schlacht und jeden Strauß eine Somarrë fehen fonnte , wie auf Robinſon Cruſoe's Baum jedes Jahr eingekerbt war. Das größte Unglüd des braven alten Herrn ſcheint jedoch geweſen zu repa , daß er während einer Zeit der Gefahr und Werwirrung

295 zu Malaga Pommandirt hatte und von den Einwohnern zum General gemacht worden war , um ſie gegen den Einfalt der Franzoſen zu Füßen. Dies hat ihn in eine Menge gerechter Anſprüche an den Staat verwidelt, welche, wie ich fürchte, ihn bis zu ſeinem Todestage mit Sdreiben und Druder von Bittſdriften und Vorſtelluns gen beſchäftigen werden , zur großen Beunruhigung ſeines Geiſtes, zur Erſch ) pfung ſeiner Börſe und zur Buße reis per Freunde , deren keiner ihu beſuchen kann , ohne dem Vorleſen eines furchtbaren , eine halbe Stunde langet Aftenſtückes zuhören und ein halbes Dußend Flugſchrif ten in ſeinen Saden mitnehmen zu müffen . Dies iſt aber in Spanien überall '10 : allenthalben ſtößt man auf einen verdienten Widt , der in einer Ede brütet und ir: gend einen Lieblingsſchmerz oder ein theures Unrecht náhrt. Ueberdies kann man annehmen, daß in Spanien, der einen Prozeß oder einen Anſpruch an die Rigierung hat, mit Beſchäftigung für ſein ganzes übriges Leben ver ſehen iſt. Ich habe den Veteran in ſeinem Quartier in dem obern Theil des Sorre del Vino, oder Wein-Zhurm bes ſucht. Sein zimmer war klein aber niedlich und hatte eine ſchöne Ausſicht auf die Vega. Es war mit der Ein fachheit eines Soldaten eingerichtet. Drei Flinten and ein Paar Piſtolen , alle glänzend und beli, hingen nebſt einem Sábel und einem Stode an der Wand und über ihnen zwei Krämphüte , der eine für die Parade , der andere für den Alltagsgebrauch. Ein kleines Brett , auf dem ein halbes Dußend Büder ſtanden , machte ſeine Bibliothek aus ; eines derſelben , ein kleiner alter zers

296 freſſener Band philoſophiſcher Marimen , machte ſeine Lieblingslectüre aus. Ueber dieſem lag und brütete er Sag um Jag und wendete jeden Grundſaß auf Id ſelber an, vorausgeſeßt, daß er einen kleinen Beigeſchnad von Bitterfeit hatte und von der Ungerechtigkeit der Welt handelte. Bei allem dem iſt er geſellig und gutmüthig , und, wenn man ihn von ſeinen Kränkungen und ſeiner Philo ſophie abbringen Pann , ein ganz unterhaltender Se: nofſe. Ich habe die alten wetterferid lagenen Söhne des Saidſals gern und freue mid threr ungeſchmückten Kriege anekdoten. Ulb ich unſerm Veteran meinen Beſuch madyte , erfuhr td einige merewürdige Chatfaden über einen alten militäriſchen Befehlshaber der Veſte, welcher in mander Beziehung diet Aehnlich leit mit ihm gehabt und in dem Kriege gleide Schickſale erlebt zu haben ideint. Dieſe Einzelabeiten ſind durc Nadforidungen bei einigen der alten Bewohner des Ortes vermehrt wor den , beſonders bet dem Vater des Mateo Ximenes , in deſſen máhrchenhaften Geſchichten der Treffliche, den ich ießt bei dem Leſer einführen wil , einen Lieblingsbelden abgibt.

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Der Statthalter und der Notar. toiar

In frühern Zeiten berridite als Statthalter der Alhambra ein männlider alter Herr , der, weil er einen Arm im Kriege verloren hatte , allgemein unter dem Namen el Gobernador Manco, oder der etnarmige Statt halter bekannt war. Er that ſich wirklich viel darauf zu gut , ein alter Soldat zu ſeyn , trug ſeinen Schnur: bart bis zu den Augey hinauf gedreht , ein Paar Dr. donuanz : Stiefel und einem Toledo ( Sábel) ro tang wie ein Spieß, mit dem Tarcentud in dem Såbelforb. Ferner war er ungemein ſtolz und empfindlich und hielt ſehr auf ſeine Privilegien und Würden . Unter ſeiner Serridaft wurden die Vorrechte der Alhambra, als königlice Reſidenz and Domaine , auf das ſtrengſte gehandhabt. Niemand durfte mit einem Feuergewehr, oder auch nur mit Säbel und Stock in die Veſtung Pommen , wenn er nicht von einem gewiſſen Range war ; und jeder Reiter mußte am Shore abſteigen und ſein Pferd am Sügel führen. Da nun der Sügel der Alham bra fich aus der Mitte der Stadt Granada erhebt and gewiſſermaßen ein Uuswuchs der Stadt iſt, ſo muß es alzeit für den Ober - General , der den Befehr über die Provinz hat , etwas läſtig ſeyn einen Staat im Staat, einen kleinen unabhängigen Poſten in der Mitte ſeines Gebietes zu haben. ' In dem vorliegenden Falle wurde

298 dieſes Verhältnis uod verbrteßlider duro die reizbare Eiferſucht des alten Statthalters , welcher bei der ges ringſten Frage hinſichtlich des Vorrangs und der Ges ridtsbarkeit Feuer fing, ſo wie durch den fodern land: ſtreideriſden Charakter des Volkes , das ficha uad und nach in der Beſte, wie in einem Seiligthum eingeniſtet hatte und von da aus auf Koſten der ehrfamen Bewoha ner der Stadt ein wahres Diebs- und Räuberleben trieb . So gab es zwiſchen dem General und dem Statte Balter der Beſtung ein ſtetes Sadern und Streiten, was don Seiten des leßteren um fo heftiger war , in ro fera der kleinere von zwei benachbarten Herrſchern ſtets am hartnådigſten auf ſeine Würde hält. Der ſtattliche Pas laſt des Generals ftand auf der Plaza Nueva, unmit : telbar am Fuße des Hügels der Alhambra , und hier war ſtets die Scene des lärmenden PrunPeus der Was den und Bedienten und der Stadt- Offztanten. Eine vorragende Baſtion der Veſte überſchaute den Palaſt und den Plaß vor demſelben ; und auf dieſer Baſtion ſtolzirte der alte Statthalter gelegentlich auf uud ab, ſeinen Teledo um die Hüfte gegürtet, und ſeinen Neben- . buhler mit foarfem Auge beaufſichtigend , wie ein pas bicht ſeinen Raub aus ſeinem Neſte in einem dürren Baume belagt. So oft er in die Stadt herabfam , geſchah es ſtets in großem Staat, zu Pferd, von ſeiner Bade umgeben, oder in ſeiner Staatskutſde, einem alten unbehälftiden ſpaniſchen Bau von zierlid ausgeldnittenem Holz und vergoldetem Leder, son at Maulthieren gezogen , von

299 1 Läufern , Vorreitern und Lafaien umringt ; bei folden Gelegenheiten ſchmeichelte er ſich , als Stellvertreter des Königs jeden Begegnenden mit Soreden und Berouns derung zu erfüllen ; obgleich die Wisbolde der Stadt, beſonders die, welche um den Palaſ des Generals her: umſtriden , über ſeinen kleinliden PrunP ſpotteten , und, auf den lodern Charakter ſeiner Untergebenen anſpie lend , ihn mit dem Namen des «Bettlerkönigs» begrüß ten . Eine der fruchtbarſten Quellen des Daders zwiſchen dieſen zwei mannlichen Nebenbuhlern war das von dem Statthalter angeſprochene Recht, daß alles, was zu feia nem und dem Gebrauch der Garniſon beſtimmt rey, ab: gabenfrei, durch die Stadt gehen müffe. Dieſes Bor: recht hatte nach und nach zu einem ausgedehnten Schleidis handel Veranlaſſung gegeben. Eine Hede Schmuggler ließen rich in den Hätten der Alhambra und den zahl: reichen Höhlen der Nacbarſchaft nieder, and trieben un ter dem Beiſtand der Soldaten der Berapung ein ſehr einträgliches Gewerbe. Die Wachſamkeit des Generals war rege. Er hielt mit ſeinem Rechtsanwalt und Factotum , einem fdlauen, rährigen Escribano , oder Notar , Rath , der fich frente, eine Gelegenheit zu haben , den alten , Potentaten der Alhambra zu neden , und ihn in ein Labyrinth von juz riſtiſden Spißfindigkeiten zu verwideln . Er rieth dem General , auf dem Rechte , alles , was durc die Stadt ging , unterſuden zu dürfen , zu beftehen , und erwieß dieſes Recht in einem langeu Briefe. Statthalter Manco war ein grade ausgehender , derber alter Soldat , der

300 einen Escribano mehr als den Teufel haßte , und eben dieſen mehr als alle andere Escriband's, «Was ?» ſagte er , und drehte ſeinen Schnurrbart zornig empor : «heißt der General :dieſen Federmann, mid in Verlegenheit ſeben ? Ich wit ihm zeigen , daß ein alter Soldat fich nicht durch Schulweisheit verblüf= fen läßt. » Er nahm ſeine Feder and frißelte mit rauher Sand einen furzen Brief , worin er , ohne lich herabzulaſſen , in Beweiſe einzugehen , auf dem Rechte freien Duro: gangs , ohne beläſtigendes Nachſuchen , beſtand , und je: dem Mauthbeamten Race drohte, der ſeine ungeheiligte Hand an irgend eine von dem Banner der Alhambra geſchüßte Sendung legte. Während dieſe Frage von den zwei eigenſluaigen Herridern behandelt wurde, begab es Rich , daß eines Tages ein mit Vorrath für die Verte beladeues Maulthier an dem Shore des Xenil anlam , durch weldes es auf ſeinem Wege zur Alhambra eine der Vorſtådte paſſtren route. An der Spise des Gelei: tes war ein mürriſcher alter Korporal , der lange unter dem Statthalter gedient hatte , und eiu Mann nach ſeis nem Herzen war, ſo feſt und roſtig, wie eine alte Zole: der :Klinge. Als ſie dem Stadtthore nahe kamen , ſteďte der Korporal das Banner der Alhambra auf den Pads fattel des Maulthiers , richtete fic ferjengrade empor, und ſchritt mit vorwärts gerichtetem Kopfe , aber dem adtſamen Seitenblic eines Hundes einher , der durdi feindlichen Boden geht , und zum Belien und beißen be: reit iſt. ' «Wer da Iv fragte die Wace am Shor.

301 a Soldat der Ulhambra, » ſagte der Rorporal, ohne den Kopf zu wenden. «Was habt ihr geladen ? » « Lebensmittel für die Beratung. « Weiter ! » Der Korppral 30g, von dem Geleite gefolgt, ſtrads porwärts, hatte aber nur wenige Schritte gemacht , als ein Haufe. Mauthbeamte aus einem kleinen Zouhauſe ſtürzten . « Halt dal» rief der Erſte. « Maulthiertreiber, balt uud öffne deine Păde.» Der Korporal macte rechts um , und ſtellte ſich dlagfertig auf. ( CAchtet die Banner der Ulhambra ,» ſagte er ; «diere Sachen ſind für den Statthalter.» « Was geht und der Statthalter an ! Was geht uns reine Flagge an ! Maulthiertreiber halt, ſage ich . « Haltet dieß Thier auf eure Gefahr an ! » rief der Korporal, den Sahn feines Gewehrs ſpannend ; « Maula thiertreiber, weiter ! » Der Mauthiertreiber gab ſeinem Thier einen túdia tigen Puff ; der Mauthbeamte ſprang berpor, und faßte die Salfter , worauf der Korporal zielte , und ihu todt idoß. Die Straße m ' ar ſogleich in Aufruhr. Der alte Korporal wurde ergriffen , und nachdem er mande Stöße, Schläge und Prügel erhalten hatte , die der ſpaniſche Pobel als Vorgeſchmad der nachfolgenden Strafe aus dem Stegreife aastheilte , wurde er mit Stetten beladen , und in das Stadtgefängniß geführt , während ſeine Kas meraden mit der Ladung, welche gehörig durchſucht wors

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den war , nad der Alhambra zu ziehen Erlaubniß er : hielten. Der alte Stattharter war in farctbarer sige , als er dieſe Beleidigung an ſeinem Banner und die Gefau : geunahme des Korporals erfuhr. Eine Seitlang tobte er in den mauriſden Sålen herum , ſchnaubte auf der Baſtion , und blidte Feuer und Schwert auf den Palaſt ſeiner erſten Wath Luft des Generals hinab. Als gemacht hatte , ſchicte er einen Boten ab, und forderte die Uebergabe des Korporals, da ihm das Recht zuſtehe, über die Bergeben derer, die unter ſeinem Befehle ſtána den , zu Geridt zu fiber . Der General, von der Feder des frohen Escribano unterftißt, antwortete ſehr ausführlic , und legte dar, das Verbrechen Rey innerhalb der Stadtmauern und an einem Civildiener begangen worden, es ſey alſo llar, daß es unter ſeine eigne Gerichtsbarkeit gehöre. Des Statt halters Brief wiederholte ſein Verlangen. Der General gab ein Schreiben von weit größerer Länge und voll juriſtiſchen Scarfſionet zurüd ; der Statthalter wurde beiſer und beſtimmter in ſeinem Begehren , und der Ges neral · Fühler und läuger in ſeinen Antworten , bis der alte töwenherzige Soldat wirklic vor Wuth brüllte, fid ro in die Nebe juriſtiſcher Spipindigkeiten verwickelt zu ſehen . Während der Idlane Escribano fich ro auf Koſten des Statthalters erluftigte , leitete er das Verhör des Korporals , der , in ein enges Verlies eingeſperrt , nur ein Pleines vergittertes Fenſter hatte , durch welches er

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den Freunden einen Theil ſeines Geſichts zeigen , und ihre Sröftungen empfangen Ponnte. Ein Berg von geſchriebenen Zeugniffen war , nach ſpaniſchem Brauch , von dem unermüdlichen Escribano aufgehäuft worden ; der Korporal war durd dieſelben poukommen überwältigt. Er wurde des Mordes über fährt, und verdammt, gehangen zu werden. Bergebens foldte der Statthalter Einreben und Drohungen von der Alhambra herab. Der unglüdliche Sag Pam heran , und der Korporal wurde in capilla ge bracht, d, h. in die Kapelle des Geheimniſſes , wie man es ſtets mit Verbrechern vor dem Sage threr Hinrid tung hält, damit ſie über ihr herrarnahendes Ende nach: denker, und ihre Sünden bereuen können . Als der alte Statthalter rah, daß es auf das Ueuſ ſerſte gekommen war , berdloß er , perſönlid nad dem Stand der Dinge zu ſehen . Zu dieſem Ende ließ er feine Staatslutſde herausholen , und rampelte, von ſeis nen Wachen umgeben , den Weg der. Alhambra nieder in die Stadt. Er fahr vor das Haus des Escribano, und ließ ihn an die Thüre rufen. Das Auge des Statthalters glångte wie eine Roule, als er den freundliden Maun des Rechts mit einer frohlodenden Miene herankommen fah. « Was muß ich hören , » ſagte er , «ihr wollt einen meiner Soldaten hängen ? » alles in ſtrenger Form « Alles nado dem Gefeß Reditens, » fagte der felbftzufriedene Escribano , fiderad und ſich die Hände reibend. «Io Paun Earer Ercellenz das ganze geſchriebene Zeugenverhör zeigen.“ i

304 «Holt es hierher ! » ſagte der Statthalter. Der Escribano eilte in ſeine Arbeitsſtube, froh , daß er eine neue Gelegenheit hatte, auf Koſten des bartPopfigen Bes terans ſeinen Wiß zu zeigen . Er Pam mit einem Bündel Papiere zurüd, und be: gann mit der Zungenflüchtigkeit folder Leute eine lange Unterdeſſen hatte ich ein Haufe Ausſage vorzuleſen . Menſchen geſammelt, die mit ausgeſtredten pålſen und Offenem Munde zuhörten. a öre , Men (d ,»> fagte der Statthalter, «lebe did in den Wagen, damit ich dich, fern von dieſem verdamma ten Gedräuge beffer hören kann. » Der rothe Escribano reßte ſich in den Wagen ; auf einen Wiył wurde - die Wagenthüre geſchloſſen, der Kut: icher ließ die Peitſche ſpielen - Maulthiere , agen und Ulles flog wie ein Wetter dahin, und ließ die Menge in gaffendem Staunen . Der Statthalter ruhte nicht eher, als bis er reine Beute in einem der ſtärkſten Rer: Per der Alhambra verwahrt rah. Darauf ſchlug er in militäriſchem Styl einen Waf: feuſtilſtand vor, und trug auf Friedensabſchluß oder Uas: wechſelung der Gefangenen des Korporals und des Notars an. Der Stolz des Generals war getrofs fen ; er fchidte eine wegwerfende abſchlägliche Antwort furück, und ließ mitten auf der Plaza Nueva einen ho hen und ſtarken Galgen zur þinrichtung des Korpo , rals bauen. « Dho ! iſt es ro gemeint ? » fagte der Statthalter Manco. Er gab reine Befehle , und augenblicks wurde am Rande der großen porſpringenden Baftion , welde

305 den Plat úberid aute , ein Galgen errichtet. Jest, » ließ er dem General ſagen , «jeßt hångt meinen Solda: ten , wenn's Euo beliebt ; aber in derſelben Minute, wo er über dem Plaße ſchwebt , werdet Ihr Euern Esa cribano in den Lüften baumeln rehen.» Der General war unbeugſam ; Truppen wurden auf dem Praß aufgeſtellt ; die Srommeln ſchlugen, die Glof: Pen halten . Eine unermeßlide Menge von Liebhabern ſammelte Rido, um die Hinrichtung zp ſehen. Andrerſeits ſtellte der Statthalter ſeine Befaßung auf der Baſtion anf, und ließ das Grablied des Notars von der Zorre de la Campana oder dem Glodenthurm herabläuten. Die Frau des Escribano drängte ſich , mit einer ganzen Schaar kleiner Embryo:Escribanos auf der farſe, durch die Menge, warf fich dem General zu Füßen , und bat ihn, dem Stolze nicht ihres Gatten Leben, ihr und ihrer zahlreichen Preinen Kinder Wohl zu opfern ; «denn, ragte Re, «Ihr Penut den alten Statthalter zu gut, als daß ihr zweifeln könnt , er werde reine Drohung nicht ausführen , wenn Ihr den alten Soldaten hängt.» Ihre Klagen und Shränen , und das Sammergeſdrei der nadten Brut beſtegten den General. Der Korpos ral wurde unter Berpadung, in ſeinem Galgenkleid, wie ein bePapugter Mõud , aber geraden Hauptes und eiſers uen Geſichts in die Alhambra gebracht. Der Escribano wurde , dem Bertrag zufolge , dagegen berlangt. Der ſonſt ro rührige und ſelbſtzufriedene Mann des Rechts warde eher todt als lebendig aus ſeinem Loche hervor: geholt. Alle ſeine Gewandtheit und Liſt war dahin ; ſein paar fout vor Soreden faſt ganz ergraut geweſen 20 44 - 47 .

306 ſeyn, und fein Blid war traurig und trübſelig, als fühlte er nod den Strid um ſeinen Bals. Der Statthalter blieb mit untergeſtemmten Armen ſtehen , und betrachtete ihn einen Augenblict mit eiſernem Lächeln. «Fortan , mein Freund , » fagte er , « mäßigt Euera Eifer , Andere an den Galgen zu bringen ; fend Eurer Sicherheit nicht zu gewiß , wenn Ihr auch das Recht auf Eurer Seite haben ſolltet ; und vor allem , leht Euch vor , wenn ihr wieder Eure Soulweisheit an einem alten Soldaten üben wollt. »

Statthalter Manco und der Soldat .

Wenn Statthalter Manco, oder der Einarmige, fide einigermaßen mit ſeiner Beratung in der Alhambra zei: gen ivolte, ro árgerte er flich über die Vorwürfe , die man ſeiner Bertung immer madite , fie fey ein pedeneſt für durfen und Sd leidybändler . Pioklid beldloß der alte Serrſder eine Reform ; er ging Präftig zu Wert, und warf ganze Vagabunden :Neſter aus der Veſte und den Zigeunerhöhlen, von welchen die Sügel umher durch löchert ſind. Auch raudte er Soldaten aus , welde die Wege und Stege duro ftreifen , und alle Berdächtige auf: greifen mußten. Eines Flaren Sommer - Morgens faß eine ſolche Streifmache , beſtehend aus dem mürriſchen alten Kor :

307 poral, der fich in der Notarsgeſchichte ausgezeichnet hat, einem Trompeter und zwei Gemeinen , unter der Gara tenmauer des Generalife , an der Straße , welche von dem Sonnenberg herab führt , als ſie das Trampeln eines Pferdes and eine männliche Stimme hörten, welche in rauhen , obgleich nict unmuſikaliſchen Sönen ein al tes Paſtilianiſches Kriegslied ſang. Alsbald erblidten ſie einen ſtarten , ſonneverbrann : ten Kerl, der, in die zerlumpte Uniform eines Infante riſten gekleidet , ein Präftiges arabiſches Pferd , auf die alte mauriſche Urt herausgepaßt, führte. Der Korporal war über den Anblick eines fremden Soldaten, der, ein Roß am Zügel, dieſen einſamen Berg niederſtieg, ſehr erſtaunt, ſcritt vorwärts und rief ihn an. «Wer da ? » «Gut Freund ! «Wer und was rend Ihr ? » « Ein armer Soldat, der eben aus dem Felde kommt, und als Lohn einen zerſchlagenen Hirnſcadel und leeren Beutel mitbringt. » Sie waren unterdeſſen in den Stand gereßt wor: den, ihr genauer -zu betrachten. Er hatte ein ſchwarzes Pflaſter über der Stirue , was , nebſt einem graulichen Barte , den dem Teufel trojenden Charakter ſeines Ge : Richtes uod erhöhte , während ein leichtes So telen über das Gange einen gelegentlichen Strahl dermiſcher Laune warf. Als der Soldat die Fragen der Streifrade beant: wortet hatte , ſdien er fid berechtigt zu erachten , auc 20 *

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1 dergleichen vorzubringen . Darf id fragen , ſagte er « welche Stadt ich am Fuße des Hügeld ſehe ?». « Welde Stadt ?n rief der Trompeter : «nun , das iſt zu arg. Treibt ſido dieſer Burſde hier om den Son: nenberg herum , und fragt nad dem Namen der großen Stadt Granada !» « Granada ! Madre di Dios ! iſt es möglid ? »

1 « Vielleidt nicht !» perfekte der Trompeter ; «und Ihr habt vielleicht feine Vorſtellung davon , daß jenes die Thürme der Alhambra ſind ? » « Sohn einer Trompete, » perfekte der fremde, « ſcherze nicht mit mir ; und wenn jenes wirklich die Ulhambra iſt, ſo führt mid bin, id babe dem Statthalter ſeltſame Dinge zu beridten.» « Dazu werdet Ihr Gelegenheit haben , - ſagte der Korporal , « denn wir gedenten euď vor ihn zu führen . » Mittlerweile hatte der Trompeter den Zügel des Prers . des gefaßt , leder der beiden Gemeinen hatte ich eines Urms des Soldaten bemagtigt, der Korporal ſelbſt ſtellte rich an die Spiße des Bugo, kommandirte « Borwärts marido !» uud dahin ging der Zug der Alhambra zu.

Der Mublic eines gerlumpten Safanteriſten und eines iconen arabiſden Pferdes, welde die Streifmade eingebracht hatte , jog die Aufmerkſamkeit auer Rüßig: gånger der Beſte und jener geld wapigen Gruppen an, die ſich gewöhnlid früh Morgens um die Brunnen ſams meln . Das Rad der Ciſterne rahte , und die Magd in , ihren Solarren ſtand gaffend , den Krug in der Qand, ald der Korporal mit ſeinem fang vorbei fam. Gio

309 bunter zug ſchloß ſich nac and dad dem Nachtrab des Seleites an. Weife Winte , Bemerkungen und Bermuthungen machten die Runde. «Es iſt ein Uusreißer ,» ragte der Eine. « Ein Schmuggler,» ſagte ein Underer. «Ein Rán ber,» ſagte ein Dritter ; bis es ficher und hergeſtellt war , daß der Hauptmann einer verzweifelten Räuber : bande durch die Kühnheit des Korporals und ſeiner Leute gefangen worden ſey. « Gut, gut, » ſagten ſich die alten Baſen , « pauptmann oder nicht er macbe fid einmal aus den Sånden des Statthalters Manco 108, wenn er kann, obgleich jener uur einhändig iſt. » Der Statthalter Manco faß in einem der innern Såle der Alhambra , und trant in Geſelſdaft feines Beidhtoaters, eines feiſten Franziskanermönchs aus einem benad barten Kloſter , feine Saffe Morgen -Chocolade. Ein fittſames , ſchwarzäugigiges Mädchen von Malaga , die Sodyter feines Birthſchafters , bediente ihn. Die Welt gab zu verſtehen , dieſes Mädden , die bei aller ihrer Sittſamkeit eine Idlaue, dralle Bere war, habe ein wei: des Fledden ' in dem Eiſenherzen des alten Statthalters gefunden, und habe ihn ganz unter dem Pantoffel. Dod ſtiu davon – die häuslichen Ungelegenheiten dieſer mådh: tigen Serrſcer der Erde follte man nicht so genau un: terſuchen. Als die Nadridt tam , ein verdåd tiger fremder , der um die Beſtung berumgerdliden , Ten eingefangen worden , und bereits in dem åußern por unter der Auf: fidat des Korporals , der die Befehle Seiner Ercellenz erwarte, ſomeute der Stolz und die Würde des Dienſtes

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310 die Bruſt des Statthalters. Er gab die Chocoladetaffe • in die Hände des fittſamen Mädchens, ließ ſeinen Säbel mit dem großen Rorbe holen , gürtete ihn um , drehte feinen Sdnurrbart aufwärts, reste fid in einen großen , hodrückigen Stuhl , nahm eine ſauere und abſdredende Miene an , und forderte den Gefangenen vor fich. Der Soldat wurde hereingeführt, von ſeinen Gefangegneh, mera noc gehörig feſtgehalten , und von dem Korporal bewacht. Er zeigte jedoch ein entſchloſſenes , ſelbſtvers trauendes Weſen , und gab den darfen , forſchenden Blid des Statthalters mit einem leidten Schielen zurüd , was dem empfindlichen alten Potentaten keineswego gefter. « Nun, Beklagter , fagte der Statthalter , nad dem er ihu einen Augenblic ſchweigend angeblidt hatte, was Pönnt ihr zu eueren Gunſten ſagen – wer rend ihr ?» « Ein Soldat, der eben aus dem Feld kömmt , und aidts davon getragen hat , als Narben und Wunden.» hem « Ein Soldat ein Infanteriſt nach dem Rod. 3d höre, ihr hättet ein ſchönes arabiſdes Pferd. Ich vermuthe, ihr habt das aud aus dem Krieg davon: getragen neben everu Narben und Wunden .» « jd habe, mit Eurer Ercellenz Erlaubniß, etwas Seltſames in Betreff dieſes Pferdes zu erzählen . Ja der That, ich habe eine der wunderbarſten Dinge zu be: ridten ; etwas, das auch die Siderheit dieſer Veſte , ja von ganz Granada angeht. Ulein es iſt ein Gegenſtand, deu id cud nur allein anvertrauen kann , oder uur in Gegenwart folder Leute mittheilen darf, welche euer Sutrauen habeo . »

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Der Statthalter dadute einen Augenblic nady , und befahl dann dem Rorporal und feinen Leuten , Rich zu entfernen , ſich aber außen an der Thüre aufzuſtellen , und auf den erſten Ruf zur Hand zu feyn. - Dieſer fromme Mond , " ſagte er , iſt mein Betchtvater , und und dies ihr Pönnt alles in ſeiner Gegenwart ſagen fes Madden " - auf die Dienerin deutend , die mit „die: dem Uusdrud großer Neugierde geblieben war ſes Mädchen iſt ſehr verſchwiegen und beſcheiden , und man kann ihr in allem vertrauen . “ Der Soldat sah mit einem halb ſchielenden , halb ſtreifenden Blic auf das fittfame Mädchen . Es iſt mir ganz recht," ſagte er, ,, daß das Mädchen bleibt. " Als ſich die Uebrigen alle entfernt hatten , begann der Soldat ſeine Geſchidte. Er war ein Kerl von ge läufiger und geſchmeidiger Sange, and hatte eine Sprache zu ſeinem Befehl, die über ſeinen fdeinbaren Stand ging. „ Mit Eurer Ercellenz Erlaubniß , " ſagte er , ,, ich bin, wie ich bemerkt habe, ein Soldat , und habe harte Tage im Dienſte verlebt; da meine Zeit aber aus war, wurde ich vor furzen aus der Armee von Baladolid entlaſſen , und trat zu Fuß meinen Weg nad meinem Baterorte in Andaluſien an. Geſtern Abend ging die Sonne unter , als ich eine große dürre Ebene con Att: Raftilien durdog ." balt ! " rief der Statthalter ; was ſagt ihr da ? uit: Raftilien liegt etwa zwei bis dreihundert Meilen von hier. " „ Ganz recht," verſekte der Soldat falt. „Ich ſagte Eurer Ercellenz , id båtte ſeltſame Dinge zu erzählen ;

312 allein nidt ſeltſamer als wahr , wie Eure Ercellen fin : den wird, wenn ſie mich eines geduldigen Gehörs würdigt.“d/ ,,Weiter, Bellagter ," ſagte der Statthalter, ſeinen Schuurrbart empordrehend. Als die Sonne unterging," fuhr der Soldat fort, ..warf ich meine Augen umher , um ein Lager für die Nacht zu ſuchen ; allein ſo weit meinė Blide reichen Ponuten, war Peine Spur einer Wohnung. Id rah, daß id mein Bett auf der nadten Erde , und den Sonaps ſack zum Kiſſen würde machen müſſen ; aber die Ercellenz iſt ein alter Krieger , und weiß , daß für den , der im felde par, ein ſolches Nachtlager lein großes Unglüc iſt. " Der Statthalter nidte Beifall , während er rein Taldentudy aus dem Säbelforbe nahm , um eine Fliege, die um reine Naſe ſummte, gurderſ@ euchen. ,, Run , um eine lange Geldid te abzufürjen," fahr der Soldat fort , „ id troute mehrere Meilen weiter, bis id zu einer Brüde Fam , die über eine tiefe Schlacht ging, durch welche ein kleiner Bach floß , den die Soms merhiße faſt ausgetrodnet hatte. Un dem Ende der Brüde war ein maariſder Charm , deſſen oberer Sheil ganz verfallen war ; ein Gewölbe au dem Fundamente aber war wohlerhalten . Hier , dadte ich , iſt ein guter Plaß zum Unhalten ; ro ſtieg ich zum Bache nieder , and tranf tüchtig , denn das Waſſer war rein und gut , und ich war ausgetrodnet por Durft ; daun öffnete ich mei: nen Sad , und nahm eine Zwiebel und einige Kruften , aus denen mein ganzer Mandoorrath beſtand , heraus, ſepte mich auf einen Stein am Rand des Bades, und fing an mein Abendmahl ju verzehren , worauf id mein

313 Nadtquartier in dem Shurmgewölbe aufzufhlagen ges dachte ; und es wäre ein herrliches Quartier für einen Soldaten geweſen , der eben aus dem Felde kam , wie die Ercellenz, als ein alter Soldat, ſo wohl denken kann . " „ Id habe zu meiner Zeit wohl rolimmeres freudig mitgenommen , " ſagte der Statthalter , indem er ſein Saſdentud wieder in deu Korb ſeines Sábels legte. ,,Während id meine Krafte ruhig zermalmte," fuhr . der Soldat fort, „ hörte ich, daß fich etwas in dem Ger wölbe regte ; ich horote es war der Sritt eines Pferdes. Uugemad eam aus einer Thüre in dem ua: teru Theil des Shurms, nahe an dem Rande des War: fers, ein Mann heraus, der ein mådtiges Pferd am zú gel führte. Ich Pounte bei dem Sternenlichte nicht ge: nau ſehen, wer er war. Es hatte etwas Verdåd tiges, in den Ruinen eines Thurmes , an dieſem wilden , ein: ſamen Drte herumzuſtöbern. Er Ponnte ein bloßer Wan: derer ſeyn , wie id ; er konnte ein Somuggler reyn ; er konnte ein Bandelero feyn . Was lag daran ! dem Hims mel und meiner Armuth Dank, id hatte nichts zu ver lieren ; drum faß ich ſtill , und nagte an meiner Kruſte. • Er führte das Pferd an das Waſſer , ganz nahe dem Flede, wo id faß , ſo daß ich die beſte Gelegenheit hatte, thn näher in’s Auge zu faffen. Zu meinem Stan: nen war er in mauriſche Pracht gekleidet , hatte einen Panger von Stahl, und eine polirte Kopfbededung, wie id aus dem Widerſchein der Sterne darauf unter died. Auch ſeiu Roß war nad mauriſder Urt geſdirrt, mit großen chaufelartigen Steigbügeln . Wie geſagt , er führte es an den Rand des Bacoes , in welden das

314 Shier ſeinen Kopf faſt bis zu den Augen ( tedte und trant, bis ich dadte, es müſſe berſten .“ Kamerad ," ſagte ich dein Pferd trinkt brav ; es in ein gutes Zeiden , wenn ein Pferd den Kopf tüdtig in das Waſſer ſtedt." ,,Es darf wohl trinken , " ſagte der Fremde in mau: riſchem Accent ; 8 tft ein gutes Jahr , das es ſeinen legten Grunt erhalten hat." Bei Santiago, " fagte id , ,, das laßt felbſt die Kameele, die id in Afrika geſehen habe, hinter fich zurüd . Doc fommt , ihr ſcheint etwas von einem Soldaten wollt ihr euc reßen , und eine Soldaten : Mahlzeit theilen ? In der That , ich fühlte den. Abgang eines Gefährten an dieſem einſamen Plaße, und wollte mich gera mit einem Unglaubigen begnügen . Ueberdieß iſt ein Soldat , wie die Ercellenz wohl weiß , nicht eben ſehr eigen in Bezug auf den Glauben feiner Gefáðrten , und Soldaten aller Länder ſind zur Friedeuszeit Kameraden ." Der Statthalter nidte wieder Beifall. „Gut , wie ich ſagte, id lub ihn ein, meine Mal: gett, wie ſie war, zu theilen, denn ich konnte der gewöhn Ilden Gaſtfreundidaft zufolge, nicht weniger thun . „ Id habe keine Zeit,“ ſagte er, ngu weilen, um zu eſſen und zu trinken , denn ich muß vor dem Morgen eine große Reiſe-maden .“ In welcher Richtung, " fagte id . „ Undaluſieu , " ſagte er. Genau mein Weg ,“ ſagte ich'; „ da ihr nun nicht bleiben und mit mir effen wout , laßt ihr mich vielleidat aufſteigen , und mit euc reiten . 3o ſebe, euer Pferd

315 iſt von mächtigem Bau , und Bürge dafür , daß es dopo pelte Eaſt trägt. » ,, Zugegeben !" ſagte der Reiter , und es wäre nicht höflid and ſoldatenmäßig geweſen , es abzuſchlagen , be: ſonders da ich ihm angeboten batte , mein Abendeſſen mit ihm zu theilen ." 1 Haltet eudi feft, “ ſagte er , mein Roß geht wie der Wind." ,,Keine Sorge," ſagte ich, und wir braden auf. ,,Das Pferd ging bald vom Schritt zum Trabe, rom Trabe zum Galop, und vom Gallop zu einem wü: thenden Laufe über. Es war, als wenn Felſen , Bäume, Bäuſer - alles windſonell hinter uns Aðge." „Welche Stadt iſt dieß ?" ſagte ic. ,,Segovia !" ſagte er , und ehe das Wort aus feia nem Munde war, waren die Thürme von Segovia foon aus den Augen. Wir flogen die Duadarama: Berge em por, am Escurial herab, berührten die Mauern von Ma: drid, und Aogen über die Ebenen der Manda. So fa: men wir Bergauf und Shalab, an Thürme und Städte, al in tiefem Schlaf begraben , über Berge und Ebenen und Flüffe, die flüchtig im Sternenſdein glángten ." ,,Um eine lange Geſchichte abzukürzen , und Eure Ercellenz nidt zu ermüden – der Reiter hielt plöblich an der Seite eines Berges an. ,, Hier ſind wir," ſagte er , wam Ziel unſerer Reiſe."' 3d blidte umber, konnte aber Petne Spur einer Wohnung reben ; nichts als die Deffnung einer Höhle. Während id umſcaute , fah id Saaren von Leaten in mauriſcher Tradt , einige zu Pferd, andere zu fuß, wie vom Sturm von allen Punt's

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316 ten der Windroſe herbeigetragen , und wie Bienen in ihren Stod in die Deffnung der Döhle eilen. Ehe ich fragen konnte , ftach der Reiter ſeine langen mauriſden Sporen in des Roſſes Seite, und ſtürzte mit der Menge hinein. Wir tamen einen ſteilen gerundenen Weg ent: lang , der in die Eingeweide des Berges - hinabführte. Als wir weiter tamen , zeigte ſid nad und nach der Schimmer eines Lidtes , wie das erſte Dämmern des Tages ; woher es aber tam , konnte ich nicht bemerken. Es wurde heller und heller , und ließ mid bald alles umher genau ſehen . Ju bemerkte jept , während wir dahin ſtürmten , große Höhlen , die ſich , wie Salen in einem Zeughaus , redoto und links öffneten . In einigen dieſer Gewölbe waren Sdilde und Selme und Panzer und Langen und Scwerter an den Wänden aufgehängt ; in andern lagen große Baufen Kriegsvorräthe und Felda geråthe auf dem Boden .“ ,,Es würde dem erzen der Ercellenz, als einem alten Soldaten , wohl gethan haben , ſolch einen großen Vorrath dou Kriegsbedürfniſſen beiſammen zu ſehen . Daun waren in andern Söhlen lange Reihen pon Reitern , bis zu den Zähnen bewaffnet , mit erhobe: uen Lanzen und wallenden Fahnen , alle zum Kampf bereit ; aber fe faßen alle regungelos in ihren Såttela, gleich eben ſo vielen Statüen. In andern Hallen ſchlies fen Soldaten auf der Erde neben ihren Pferden , ſo wie Fußvoll in Gruppen, bereit, ſich in Reih und Glied zu ſtellen. Alle waren in altmodiſder Maurentradt und Rüftung." ,,Gut, Ercellenz, um eine lange Gedichte Parz zu

317 machen , wir tamen eadlich in eine unermeßliche Höhle, oder in einen Palast, darf ich sagen , deffen Wände mit Gold und Silber geådert , und von Diamanten , Sa: phirn und allen Urten edler Steine zu funkeln ſoienen. An dem obern Ende raß ein mauriſder König anf einem goldnen Throne , ſeine Edlen an ſeiner Seite , und eine Wache vou afričaniſmen Sowarzen mit gezogenen Så: belo. Die ganze Sdaar, die fortwährend hereinſtrömte, und zu Tauſenden und Tauſenden anſchmol , ging einer nad dem andern an ſeinem Thron vorüber , und jeter beagte fic tief , während er vorüber ging. Viele aus der Menge waren in prachtige Geränder, ohue Fleden und Mafel gekleidet , und faufeltey von Juwelen ; an derę trugen polirte und emaillirte Rüſtungen ; während andere vermoderte und verwitterte Kleider uud Rüftun : gen trügen , welche ganz zerſchellt , zerſchlagen und mit Roſt bededt waren . “ .30 batte bisher geſchwiegen , denn es paßt , wie die Ercellenz weiß, nidt für den Soldaten , viele Fragen zu thun, weun er im Dienſte iſt ; aber ich konnte mich niøt långer halten .“ öre, Kamerad," ſagte id , ,, was bedeutet denn alles dieb ?" „ Das iſt ein großes und furchtbares Geheimuiß, " sagte der Reiter. „ Wifle , o Chriſt , daß du den Hof und das Heer Boabdils , des leßten Königs von Gras nada, vor dir ſiehst . “ ,,Was fagt ihr mir da ?" rief id . „ Boabdil und rein şof ſind vor Jahrhunderten aus dem Lande vera bannt worden, und alle in Afrika geſtorben.“

318 „ So wird es in euern fügenhaften Chroniken er: zählt , " derſebte der Maure ; ,,aber mißt, Boabdil und die Krieger, welde zuleßt für Granada gekämpft haben, ſind alle durch mächtigen Zauber in dem Berge einge: foloſſen . Was den König und die Armee betrifft, welde zur Zeit der Uebergabe von Granada wegzogen , fo war dieß ein bloßer Schattenzug von Geiſtern und Dämo: nen , welche dieſe Geſtalten annehmen darften , um die chriſtlichen Herrſcher zu täuſchen . Und ferner laßt mich eud erzählen , Freund , daß ganz Spanien ein in Zau: bermacht befangenes Land iſt. Es gibt keine Sohle auf den Bergen, Peinen einſamen Wartthurm auf den Ebe: nen , fein zerfallenes Schloß auf den Höhen , in deren Gewölben nicht von Jahrhundert 31 Jahrhundert be: zauberte Krieger ſchlafen , bis die Sünden gebüßt ſind, wegen welchen Udah es zuließ , daß die Herrſchaft eine Seitlang aus den Sånden der Gläubigen tam . Einmal im Jahr, am 1. Johannistag, werden fle, vom Sonnen: niedergang bis zum Sonnenaufgang von dem Zauber erloßt, und dürfen hierher Pommen, um ihrem König zu huldigen, und die Menge , welche ihr in die Böhle eilen leht, find Moslemiu - Krieger , welche aus ihrem Aufent haltsort in allen Theilen Spanieus hierher Pommen. Mich betreffend, ro faht thr deu verfallenen Sharm an der Brüde in Alt- Caſtilien , wo ich jetzt ſo viele Fahr: hunderte Winter 'und Sommer hingebracht habe , und . wohin ich bei Tagesanbruch zurück muß. Die Abthei lungen Reiter und Fußvolk , welche ihr iu Schlachtord yung in den umliegenden Ballen aufgeſtellt fahet , find bezayberte Krieger von Granada. Es iſt in dem Buche

319 des Schidfals geſdrieben , daß wenn der Zauber ge: brochen wird, Boabdil an der Spiße ſeines Seeres aus dem Berge Pðmmt, feinen Shron in der Alhambra und ſeine Herrſchaft über Granada wieder einnimmt, die be: zauberten Krieger aus allen Sheilen Spaniens fammelt, die Spalbinſel wieder erobert und ſie der Herrſchaft der Moslemin zurüdgibt.» «Und wann wird dies eintreffen ? » fagte ich. « Allah allein weiß es : wir hatten gehofft, der Bag der Befreiung rey gekommen ; aber es gebietet jeßt ein wadifamer Statthalter in der Alhambra , ein tapferer alter Soldat, als Statthalter Manco wohl bekaunt. So lange ein folder Krieger über den erſten Poſten be: fiehlt und ſtets fertig iſt , den erſten Uusfall aus dem Berge zu. vereitein , fürchte id, müſſen Boabdil und ſein Heer rd begnügen , auf ihren Waffen zu ruhen .» pier ridotete fld der Statthalter etwas fenfredt empor , zog ſeinen Sábel an ſich und drehte ſeinen Sởnarr: bart empor. «Um eine lange Geldichte kurz zu machen und die Ercelenz nicht zu ermüden , - der Reiter ſtieg, nach dem er dieſe Kunde gegeben hatte, von ſeinem Roffe. « Bleibt hier,» ſagte er , «und gebt auf mein Pferd acht, während ich gehe und vor Boabdil das Knie beuge ! » Bei dieſen Worten eilte er weg zu dem Haufen, der ſich dem Thron entgegen drängte.» « Was iſt zu thun ?» daste ich , als id fo mir ſelbfi überlaſſen war : « ol ich hier warten, bis dieſer Unglau bige zurüdlömmt und mich auf ſeinem Kobold - Pferde wieder hinweg huſot, der simmel weiß wohin ? Oder

320 ; rou ich die Beit benußen und oon dieſer Sput : Geſell: ſchaft mid zurüdziehen ? Ein Soldat ift (duell eutlaſſen, wie die Ercellenz wohl weiß. Was das Pferd anging, ro gehörte es einem offenbaren Feinde des Glaubens und des Reichs und war nach dem Kriegsredt eine gute Priſe. So ſchwang ich mich von dem Kreuz in den Satter, wendete die Bügel, preßte die mauriſchen Steig bügel in die Seiteu des Pferdes and trieb es auf dem Wege, den wir hereiugekommen waren , auf das raſdeſte vorwärts. U18 wir an den Sallen, wo die Moslemina Reiter in bewegungsloſen Abtheitangen faben , porüber Pamen , glaubte ic Waffenklang und ein hohles Murs mela von Stimmen zu hören. Id ließ das Pferd die Stetgbügel nochmals Tomecken und verdoppelte meine Eile. Es lteß ſich jeßt hinter mir ein Son , wie ein Rauſchen des Windes, vernehmen ; ich hörte das Erap pela von tauſend Pferdehufen ; ein zahlloſer Saufe holte mich ein. So wurde in dem Gedränge mit fortgeriffen und ſtürzte aus der Söhle, während Tauſende von dun: kelu Geſtalten von den vier Winden des Himmels in allen Richtungen vermeht wurden .» «Ju dem Wirbel und der Saft dieſer Scene wurde ich beſlunungslos dom Pferd geworfen . Als id zu mir Pam , lag id am Rand eines Hügels und das arabiſche Roß ſtand neben mir ; denn beim Fallen war mein Urm in den Zügel geſchlüpft, was, wie id glaube, es biuderte, nad alifaftilien zurüdzujagen .» «Eure Ercelleng mag leicht urtheilen , mit welchem Staunen id Uloegebüſche und indiſche Feigen und an : dere Beweiſe eines ſüdliden Rlima's um mid, und eine

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große Stadt mit Thürmen , Paláſten und einer Kathe: drale unter mir rah. » 3d ſtieg ſorgfältig den bügel nieder , indem id mein Pferd führte, denn id fürchtete mic , es wieder zu beſteigen und mir einen mißlichen Streich von ihm ſpie: len zu laſien . Beim Herabſteigen ſtieß id auf eure Streifmache , welche mir das Geheimniß enthüüte , daß Granada vor mir liege, und daß ich unter den Maueru der Alhambra rey, der Beſte des gefürchteten Statthal ters Mauco, des Søredens aller bezauberten Moslemin . Als id dies hörte , berdloß id ſofort , Eure Ercellenz aufzuſuchen , euch von allem , was id geſehen hatte , zu unterrichten und vor den Gefahren zu warnen , welche euch umgeben und untergraben , damit ihr bei Zeiten Maßregeln ergreift, eure Beſte und ſelbſt das Königreich por dieſem innern Heere zu fichern , das in den Einge : weiden des Landes lauert.» « Und höret, Freund, ſagte der Statthalter, « nas würdet ihr als alter Soldat und als Krieger pou vie: ler Erfahrung mir zu thun rathen , um dieſem Uebel zuvorzulommen ?» « Es ziemt fich uidt für den demüthigen gemeinen Soldaten,» ſagte der Fremde berdeiden, «einen General von Eurer Ercellenz Scharfſinu belehren zu wolen ; allein es dürfte gut ſeyn , wenn Eure Ercellenz alle Höhleu und Eingänge in die Berge mit gutem , feſtem Mauer: wert bermacben ließ , ſo baß Boabdil und ſein Heer in ihrer unterirdiſden Wohnung vollkommen eingepfropft wären. Wenn auch der gute Pater, » fügte der Soldat hinzı , beugte Rich ehrerbietig vor dem Mönd und be: 44 - 47. 21

322 freuzte fic fromm , « die Bermache mit ſeinem Segen weihen und einige Kreuge und Reliquien und Heiligens bilder darauf regen wollte, würden Re , glaube icy , aller Madt unchrifliden Zaubers widerſtehen .» « Sie würden ohne Zweifel von großem Nußen regni,» fagte der Möncy. Der Statthalter ſtemmte jeßt ſeinen Urm unter, legte ſeine pand auf den Rorb feines Toledo , heftete rein Auge auf den Soldaten und wiegte ſeinen Kopf lidelnd von einer Seite auf die andere. « Ullfo, freund ,» ſagte er, « ihr glaubt wirklid , ihr könntet mid mit euren Märchen von bezauberten Ber: gen und bezauberten Mauren hinter's Licht führen ? Hört, Beklagter – fein Wort mehr ! Ein alter Soldat möcht ihr feyn , aber ihr ſout ſehen , daß ihr es mit einem alten Soldaten zu thun habt , und mit einem, Seba ! Made ! den man nicht so leicht übertőlpelt. Legt dieſen Burſden in Eiſen .» Das ſittfame Mädchen wollte eine Fürbitte für den Gefangenen einlegen , aber der Statthalter brachte ſie mit einem Blid zum Soweigen. U18 Re den Soldaten banden , fühlte einer von der Wade etwas hartes in ſeiner Taſche; er zog es heraus und fah, daß es eine lange lederne Börſe war , welche wohl geſpidt fcien . E: nahm ſie an einem Ende und leerte den Inhalt vor dem Statthalter auf den Silo und nie zeigte rid eines Freibeuters Earche ſtattlicher gefüllt. Ringe und Juwelen und Perlenſchnüre und fun Pelade Diamantfrenze und eine Fülle alte : Goldminjeni

323 fielen heraus ; viele der Testert flogen klingend anf die Erde und routen in die fernſten Theile des Zimmers. Die Verrichtungen der Juſtiz wurden eine Zeitlang aufgehoben ; die glänzenden Flüchtlinge fekten alles in Bewegung. Nur der Statthalter , der von dem echten ſpaniſchen Stolz durddrungen war, behielt ſeinen ernſten Unſtand bet , obgleid fein Auge einige Angſt verrieth. bis die lekte Münze und der leßte Juwel wieder in dem Sad waren . Der Mönch war nicht ſo ruhig ; ſein ganzes Geſidt glühte wie ein Dfen und feine Augen biften und zudt: ten bei dem Unblid der Perlenſchnüre und Kreuze. « Rudloſer Srevler , der du biſt !» rief er : «welche Kirche , weldes peiligthum baft du diefer heiligen Se: geuſtände beraubt ?» « Reins von beiden, frommer Pater. Wenn fie Kir; cenraub ſind, muß der ungläubige Reiter, von dem ic geſprochen habe, fle vor langer Zeit geftohten haben. 30 tourde eben unterbrogen, was ich Eurer Ercellenz erzäh: ten wollte, daß ich bei der Beſlßuahme von dem Pierde des Reiters einen ledernen Sack losmachte, der an dem Sattelbogen hing und wahrſdeiulid das enthielt , was er ehedem , als die Manren das Land bereßten , in dem Felde erbeutete.» « Ganz trefflich ; für ießt werdet ihr euch gefallen Tafſen , euer Quartier in einer Kammer des rothen Shur: mes zu nehmen , welde , obgleid ſie nicht unter einem Zauber fteht , ein eben ſo ficherer Wufenthalt für, endy ſeyn wird , wie irgend eine Höhle eurer bezauberten Mauren.» 21 *

324 K« Eure Ercellenz wird nach ihrem Belieben handeln ,>> ſagte der Gefangene Palt. «Jo merde Eurer Ercellenz für jede Bequemlichkeit in der Veſte dankbar reyn . Eiu Soldat, der im Felde war, iſt, wie Eure Ercellenz wir ren, wegen ſeiner Lagerſtätte nidt eigen ; wenn ich einen reinliden Kerker und regelmäßige Mahlzeit habe, werde id mir es schon behaglich zu machen wiſſen . Nur wollte id bitten, daß die Ercelleng, mährend ſie ſo febr für mich ſorgt , auch der Veſtung nicht vergeſſe und des Wints gedenke, weldeu id wegen Wermedens der Berg eingange fallen ließ. » Bier endigte die Scene. Der Gefangene wurde in einen ſtarker Kerber in dem rothen Shurm, das Pferd in der Ercellenz Stal und des Reiters Sack in der Ercellenz Koffer gebracht. Gegen letteres außerte , es iſt mahr , der Mönch einige Bedenklichkeiten , indem er die Frage aufwarf, ob die heiligen Gegenſtände , welde offenbar Kirchenraub mären , nicht in Verwahrung der Kirche gegeben werden müßten ; da aber der Statthaiter iiber die Sache farz gebunden und unbeſchránfter Perr in der Alhambra war , ließ der Mond Plug die Unter: handlung fallen , berbloß aber , der kirchlichen Würden: trägern Grauada's Kunde von dem Vorfall zu geben . Um dieſe raſchen und ſtrengen Maßregeln des alten Statthalters Manco zu erklären , muß bemerkt werden , daß um dieſe Zeit die Ulpurarra Berge in der Nach : barſchaft von Granada von einer Bande Räuber unſder gemacht wurden , an deren Spiße ein fühner Burſche Nand , Manuel Borasco mit Namen , der gewohnt war, auf dem Lande zu plündern, und in mancherlei Berklet:

325 duugen ſelbſt in die Stadt zu ſchleiden , im Nachrichten über den Abgang von Handelsgütern oder von Reiſenden mit wohlgeſpidten Börſen zu erhalten , welchen fie dann in den entfernten und einſamen Gebirgspäffen auflauer: ten. Dieſe Peden und wiederholten Unbilden hatten die Aufmerkſamkeit der Regierung auf rich gezogen und die Befehlshaber der verſchiedenen Poſten hatten die ei: ſuug erhalten , auf ihrer gut zu ſenn und alle verdach , tigen Umzügler aufzugreifen . Statthalter Mauco mar, zufolge der mandfaden Schmad), welche auf ſeiner Vejle rnhte, beſonders eifrig und bezweifelte jekt nicht, einen furchtbaren Waghals aus dieſer Bande ertappt zu haben . Mittlerweile verlautete die Geſchichte und wurde das Tagsgeſprád nicht nur der Veſte , ſondern der ganzen Stadt Granada. Es hieß, der berüchtigte Räuber Mas uuel Borasco , der Søreden der Ulpurarras ſey dem alteu Statthalter Manco in die Krallen gefallen und von ihm in einem Verlies des rothen Thurmes einges ſperrt worden ; und jeder , der son ihm geplündert wor: den war, eilte hin, um den Schelm Rich anzuſehen . Der rothe Thurm ſteht, wie man wohl weiß , von der Ul. hambra geſondert auf einer Schweſter - Söhe und wird von der Ⓡauptveſte durch eine Soludt getrennt , durd welche der Hauptweg führt. Uußenmauern waren keine da , ſondern eine Schildwache ging vor den Schüren auf und ab. Das Fenſter des Gemachs , in welches der Soldat eingeſperrt war , war mit ſtarkem Gitter vers ſehen und hatte die Ausſicht auf einen Pleinen freien Prak. Hierher eilten die guten Leute von Granada , ilun iha auzaſtarren , wie eine lachende Syene, die durch

226 den Käfig einer Menagerie grinzt. Niemand erfannte ihu jedod für Manuel Boradco , denu dieſer fardhtbare Räuber war wegen ſeiner wilden Geſichtszüge berügtigt und hatte Peineswegs das faunige Stelen des Gefau : genen. Nicht allein aus der Stadt , ſondern aus allen Sheilen des Landes famen Befuder und in den Röpfen des gemeinen Bottes ſtiegen allmählig zweifel anf, ob dod nidt etwas Wahres an ſeiner Erzählung feyn könnte, Daß Boabdil und ſein Heer in dem Berge eingeſchlofſen , war eine alte Sage , welche viele der alten Einwohner von ihren Vätern gehört hatten. Baufen von Menſden beſtiegen den Sonnenberg , oder vielmehr den Berg der heiligen Elena , um die von deth Soldaten erwähnte Höhle aufzuſuchen , und blidten und ſcauten in das trefe dunkle Lody , das , niemand weiß wie weit , in den Berg hinab geht und hier bis auf den heutigen Tag - der fa belhafte Eingang zu der unterirdiſden Wohnung Boab: zu fehen iſt. dil's Allmählig wurde der Soldat bei dem gemeinen Volle beliebt. Ein Freibeuter des Gebirgs iſt keines : wegs der verhaßte Charakter in Spanien , wie es ein Räuber in andern Ländern iſt: im Gegentheil, er iſt eine Urt ritterlicher Perſon in den Augen der niedern Klaffen . Much läßt fich ſtets eine Neigung verſpüren , das Be: nehmen der Borgefepten zu betritteln , and mande des gangen jeßt über die ſtrengen Maßregeln des alten Statt : halters Manco zu murren und den Gefangenen in dem Lichte eines Martyrs zu betrachten . Ueberdies war der Soldat ein luſtiger , poſſierlicher Barſde, welder für jeden, der in die Nabe ſeines gen

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Pers Fam , einen Scherz , und für jedes weibliche Weſen ein freundliches Wort bereit hatte. Er hatte ſich and eine alte Guitarre verſchafft und raß an ſeinem Fenſter und ſang Balladen und Liebeslieder, zur großen Luſt der Weiber der Nachbarſchaft , die rich an den Abenden auf dem Plaße verſammelten und Boleros zu ſeiner Muſik tanzten. Er hatte ſeineu krauſen Bart hübſob aufgepußt und ſein (onneverbranntes Geſicht fand Gnade por den Augen der Schönen und die ſittſame Dienerin des Statt: halters erklärte, man Poune feinem ſchiefen Blide duro aus nicht widerſtehn . Dieſes mildherzige Mädchen hatte von Anfang her eine innige Theilnahme an ſeinem Loore gezeigt und da ſte Rich vergebens bemüht hatte , den Statthalter zu erweichen , fand fle Mittel , die Strenge ſeiner Gefangenſaft heimlich zu mildern . Jeden Sag brachte ſie dem Gefangenen einige Broſamen des Troſtes, die von des Statthalters Safel gefallen oder ſeiner Speiſekammer entzogen worden waren , ſo wie auch mand mal eine erheiternde flade guten Val di Pennas oder trefflichen Malaga. Während dieſer Verrath an den Herrn in dem Mittelpunkt der Citadelle des alten Statthalters vor fidh ging , 30g rid ein Sturm offenen Kriegs bet ſeinen äußern Feinden zuſammen. Der Umſtand, daß ein Sad mit Gold und Juwelen an der Perſon eines angebliden Räuberø gefanden worden ren , warde zu Granada mit vielen Uebertreibungen erzählt. Alsbald erhob des Statt: balters eingefletſdter feind , der General, einen Streit über die Zerritorial- Geridtsbarkeit. Er beſtand darauf, der Gefangene ſen, außerhalb des Gebietes der Alhambra,

328 und innerhalb ſeines Bereiches feſtgenommen worden. Er begehrte ſonad den Mann und die an ihm gefandenen spolia opima. Da aud der Großinquiſitor durd den Mönch von den Krenzen und andern heiligen Gegen: ftånden , welche in dem Sac enthalten , gehörige Nach: richt erhalten hatte , nahm er den Angeklagten , als des Kirchenraube duldig , in Anſprud und beſtand darauf, ſeine Beute gehöre der Kirche, rein Körper aber dem nådſten Auto da fe an. Der Streit ward grimmig, der Statthalter wäthete und famour, ehe er den Gefan : genen übergebe, werde er ihn in der Ulhambra als Spior aufhängen , der innerhalb des Bereid der Beſte auf: gegriffen worden. Der General drohte , er werde eine Übtheilung ſei: ner Maunſoaft ſciđen , um den Gefangenen aus dem rothen thurm in die Stadt zu verſeken . Der Groß: inquiſitor neigte ſich auch dahin, eine Unzahl Diener des Heiligen Geridtes abzuſenden . Die Radridt von dies ſen Umtrieben fam ſpät Nachts zu den Ohren des Statt: Balters . « Laßt fle Pommen , ſagte er , « fte werben mich bereit Anden ; der muß früh aufſtehen , der einen alten Soldaten überrumpelt.» Er gab ſonad Befehl, mit Tagesanbruch den Gefangenen in einen Rerfer innerhalb der Mauern der Ulhambra zu bringen. « Und hörſt du, Kind ,» ragte er zu der ſittſamen Dienerin, « Plopfe an meine Thüre und wede mid ebe der Bahn Praht, damit ich ſelbſt nach der Sache rehe.» Der Tag dåmmerte, der Sahn fråhte, aber niemand pochte au der Thüre des Statthalters. Die Sonne erhob rich hoch über die Bergſpißen und glänzte duro

329 feine Fenſter herein , ehe der Statthalter aus feinen Morgenträumen von dem alten Korporal geweďt wurde, der mit einem Geſicht, auf welches der Scređen se: ſtempelt war, vor ihm ſtand. « Er ift fort ! er iſt auf und davon !» rief der Kor:. ' poral und fdnappte nach Uthem . « Wer iſt fort wer iſt auf und davon ?» der Zeufel nad der Räuber aDer Soldat

attem , mas ich geſehen babe. Sein Kerber if leer, aber niemand weiß , wie er heraus die Thüre verſchloſſen Fam . » « Wer ſah ihn zulebt ?» «Eure Dienerin ! ſie brachte ihn das Nachteſſen.» « Laß fie ſogleich rufen.» Jeßt gab es neue Verwirrung. Die Kammer des fittjamen Mädchens war gleidfaus leer , ihr Bett war ' unberührt ; fie war ohne Zweifel mit dem Angellagten davon gegangen , da ſie , wie es nid herausſtellte , feit mehreren Lagen roon häufige Unterhaltungen mit ihm gepflogen hatte. Dies verwundete den alten Statthalter an ſeiner empfindlichen Seite , aber er hatte faum Seit , deshalb zu Plagen, als ſich ihm ſchon neues Unheil darbot. Als er in ſein Wohnzimmer ging , faud er feinen Koffer ges öffnet und den ledernen Sack des Reiters geſtohlen, uud mit ihm ein paar dide Såde mit Dublonen. über wie und auf welche Weiſe waren die Flüch: tigen entwiſcht ? Ein alter Bauer , der in einer Hütte an der , nach der Sierra führenden Straße lebte , er: klärte er habe Purz vor Tagesaubrug den Trab einee

330 ſtarfen Pferdes gehört , das ſich den Bergen zugewen : det. Er habe aus feinem Fenſter geſehen und gerade noch einen Reiter mit einem vor ihm figenden Madden erkannt. Ja den Stallen tadgeſehen I rief Statthalter Manco. Die Ståle wurden durdſucht ; alle Pferde waren an ihrer Stelle , nur nicht der Uraber . Statt ſeiner war ein dider Prügel an die Krippe gebunden und daran ein Zettel , auf welchem die Worte ſtanden : « Geldent für Statthalter Manco , von einem alten Soldaten . »

von

0 en jwet verſchwiegene n Stat ú e n .

@ inſt wohnte in einem odeu Gemache der ulhambra ein luſtiger, kleiner Burſde, Namens Lope Sandez, der in den Gärten arbeitete und ro munter und lebendig war wie ein Grashüpfer, und den ganzen Tag fang. Er war das Leben und die Seele der Beſte ; wenn ſeine Urbeit gethan war, faß er auf einer der ſteinernen Bånte der Esplanade, Plimperte auf ſeiner Guitarre und fang lange Lieder auf Eid , und Bernardo del Carpio und Fernando del Pulgar und andere ſpaniſchen Delden , zur Unterhaltung der alten Soldaten der Beſte, oder lang

331 einen fröhlicheren Ton an und ließ die Mädchen Boleros und Fantangos tanzen . Wie die meiſten Fleinen Leute hatte lope Sanchez eine große drale Dirne zur Frau , welche ihn faſt in ihre Salde ſteden konnte ; allein das gewöhnliche Loos der Armen war ihm nicht zu Theil geworden ſtatt zehn Kinder hatte er nur eines. Dies war ein kleines ſchwarz. äugiges Mädchen von zwölf Jahren , Sandica genannt, ro luſtig wie er und die Freude ſeines Herzens. Sie ſpielte um ihn , wenn er in dem Garten arbeitete, tanzte zu den Tönen feiner Guitarre , wenn er im Scatten saß und lief ro wild wie ein junges Reh in dem Ges büſd , den Adeen und den verfallenen Sålen der Äl hambra umher. Es war ießt St. Johannis: Abend und die feiertag frohen Plaudermäuler der Alhambra , Männer , Weiber und Kinder Pamen mit der Nacht den Sonnenberg, der fidh über das Generalife erhebt , herauf , um auf dem abgeplatteten Gipfel ihre Mitte: Sommer Nachtrade zu feiern . Es war eine glänzende Monddeinnadt und alle Berge waren grau und filbern , und die Stadt lag mit ihren Kappeln und Kirdthürmen im Scatten drunten , und die Bega glich einem Seenland mit bezauberten Båden , welche aus dem düſtern Laubwerf hervorglånga ten . Auf der höchten Höhe des Berges zündeten ſie, nach einer alten Landesfitte , die ſich von den Mauren berſdrieb , Freudenfeuer an. Die Bewohuer der umlie: genden Gegend hielten eine ähulide Nadtwache und auf der Bega und den Seiten der Berge entlang glänzten da and dort Feuer blaß empor.

332 Lopez Sanchez , der nie vergnügter war als bei ei ner feſtlichkeit dieſer Art , ſpielte Guitarre , man tanzte dazu und der Abend derging ſehr heiter. Während ges tanzt worde , ſpielte die kleine Sanchica mit einigen ih: rer Genoſſionen in den Trümmern einer alten mauriſ eu Beſte, welche den Berg Pront , und fand , während ſie Steinchen in dem Grabeu ſudyte , eine kleine ſorgfältig in Gagat geſchnittene Sand, die Singer geſchloſſen , und den Daumen fest auf Nie gedrüđt. Ueberfroh über ihr Glück , lief Re mit ihrem Funde zu der Mutter. Er wurde ſogleid ein Gegenſtand Prugen NaddenPens und mauche betrachteten ihn mit aberglaubiſdem Mißtrauen. ſagte der eine « WirP8 weg» res iſt Mauriſch rey überzeugt , es liegt Unheil und Hererei drin. » a Keineswegs ,* fagte ein Anderer : « du kannſt és den Ju: weliren des Zacatins berlaufen .» Mitten in dieſer Ver: handlung trat ein dunkelbrauner alter Soldat herzu, der in Afrika gedient batte und einem Mohren glich . Er unterſuchte die Hand mit einem Kennerblid. « Ich habe Dinge dieſer Art bei den Mauren der Berberei gefehen .» ſagte er : « es iſt ein Präftiges Mittel gegen das Scheel: auge *) und alle Arten von Zauber , und Herenwerk. 3d wüurde End Olact , Lopes , das bedeutet Earem Kinde etwas Gutes.» Als Sandez's Weib dies hörte , band ple die Fleine

* ) Das Sorelauge ſchadet , als bezaubernder Blick , den scindern . Sebr verbreiteter Aberglauben im Wer: genland.

333 Gagathand an ein Band und bing es ihrem Todterchez: 10th Den Hale. Der Unblid dieſes Salismans erinnerte an alle die beliebten abergläubiſchen Mährchen von den Mauren. Der Tanz wurde cerpadläſſigt und ſie fepten ſich in Gruppen auf den Boden und erzählten ſich alte Ge: ſchichten, die ſie von ihren Voråltern gehört hatten. Ei, nige dieſer Erzählungen drehten ſich um die Wunder eben dieſes Berges , auf welchem fie raßeu und der ein be: rühmtes Kobold : Revier iſt. Eine alte frau gab eine weitläufige Schilderung von der Palaſte in den Ginge: reiden dieſes Berges , wo der Sage nach Boabdil and ſein ganzer mauriſder Hof feſtgebannt ſud. « Unter je: nen Trümmern , » ſagte ſie und deutete auf einige zerfal: lege Mauern und Erdwäle an einem fernen Theil des Berges , «iſt ein tiefes , dunkles loc , das tief , tief in das Herz des Berges niedergeht. Um alles Geld ' von Granada möchte ich nicht hineinſehen. Eines Tages hú: tete ein armer Mann auf der Alhambra Siegen auf die: ſem Berg und Pletterte in das Loch hinab , einem Zieg lein nac , das hinein gefallen war. Ganz wild und ftier fam er wieder heraus und erzählte von dem , was er geſehen hatte , Dinge , daß jeder glaubte , er ren tou gproorden Er faſelte einige Tage von geſpenſtiſchen Mauren , die ihn in der Höhle verfolgt hätten , und Fointe Paum überredet werden , ſeine Ziegen wieder auf den Berg zu treiben . Er that dies endlid , aber ad, der arme Mann ! er kam nie wieder herab. Die Nach: barn fanden ſeine ziegen um die mauriſden Trümmer

334 weiben , ſein Sut und Mantel lagen in der Nähe des Loches , aber von ihm war nichts mehr zu hören. Die kleine Sandica lauſdte dieſer Geſchichte mit athemloſer AufmerPiamkeit . Sie war neugierigen Cha: rafters und fühlte pogleich ein mådtiges Sehnen , in dieſe gefährlice Tiefe za fchauen . Ste ſtahl ſid von ih: ren Geſpielinnen weg , ſuchte die entferaten Trümmer , und nadidem fie eine Seitlang unter ihuen berumgetrochen mar , kam ſie an eine kleine Aushöhlung oder Beden, nahe der Spiße des Berges , wo er lidt ſteil in das Thal des Darro hinabſenkt. In der Mitte diefes Bel: Pens gåbnte die Deffnung jenes Lodes. Sanchica wagte lidt an den Rand und ſchaute hinein. Alles war ſchwarz wie Pec uud gab ein Bild unermeßlider Liefe. Ihr Blut ward zu Eis ; fie ging zurüd , blidte wieder hin, wollte weglaufen und warf noch einen Blic hinein ſelbſt das Sdauderhafte der Sache war ihr erfreulich. Zuteßt rofte ſie einen großen Stein herbei und warf ihn über den Rand. Eine Zeitlang fiel er lautlos ; dann traf er auf felfige Vorfpränge und ſie hörte ein ſtarkes Krachen , dann ſprang er rampelnd und polterad von Seite zu Seite, mit donnerähnlidem Lärm, fiel endlich tief, tief unten in das Waſſer – und alles war wieder ſtiu . Dieſes Soweigen dauerte aber nicht lange. Et dien , als wäre etwas in dieſem öden Schlunde wad geworden. Ein murmelnder Ton erhob ſich nach und nad aus der Liefe , wie das Summen eines Bienen: ſtocks. Es wurde lauter und lauter ; es war ein Getos rou Stimmen wie das Lärmen einer fernen Menge, und

335 ein ſchwaches Klirren von Waffen , Eymbelnklang und Trompeteuſdal , als wenn ein Seer in den Eingeweiden des Berges fid zur Sdlagt fertig mache. Mit ſtummem Søreden ging das Kind weg und eilte zu der Stelle , wo es ſeine Eltern und Geſpielin: nen gelaſſen hatte. ule waren fort. Das freudenfeuer war am Erldſden und die leßten Raubwolfen fräuſel: ten im Mo bein empor. Die fernen Feuer , welche auf der Bega und den Bergen entlang gelobert hatten, waren alle erloſchen und rings røten Alles in Ruhe der: ſunken zu ſeyn. . Sanchica rief ihre Eltern und einige ihrer Geſpielingen bei dem Namen , erhielt aber Peine Antwort. Sie lief die Seite des Bergs hinab und die Gärten des Generalife entlang , bis file in die Baum: gänge Pam , welde zur Alhambra führen , und wo fie fico auf eine Bant im Gebüfd repte, um Athem zu időp: fen . Die Glode in dem Warttharm der Ulhambra rolug Mitternacht. Es herrſchte eine tiefe Ruhe , als wenn die ganze Natur rdliefe , nur daß ein ungeſehener Bad , der unter der Salle des BaldwerPs dahin flop, einen leiſen Klang verurſagte. Die ruhige Lieblichkeit der Nachtluft wiegte ſie in Solaf , als ihr Ange von einem Glanze in der Entfernung getroffen ward und Me zu ihrem Staunen einen langen Reiterzug mauriſ er Krieger erblidte , welche die Bergfeite hinab und die laubigen Gänge entlang eilten. Einige waren mit Lan: jen und Schildera bewaffuet ; andere mit Såbeln und Hellebarden , und mit polirten Qarniſchen , welde im Mondſdein glänzten. Ihre Roſſe hobeu lid ſtolz und inirichten auf ihr Gebiß , aber ihr Spritt bradte midt

336 mehr Klang Beroor , als wenn ihre Sufen mit Filz bez legt geweſen wären, und die Reiter waren alle blaß wie der Tod. Unter ihnen ritt eine ſchöne Dame mit einer Krone' auf dem Haupt und langen, goldnen, mit Perlen durchflochtnen Loden. Die Sdabrale ihres Zelters war von Scharlatſammt mit Gold geſtidt und ſchleifte auf dem Boden. Aber ſie ritt gang troftlos dahin, und hef: tete ihre Augen ſtets auf den Boden. Dann folgte ein Zug von prachtool in Gewänder und Sarbane von verſchiedenen Farben gekleideten þör: lingen , und in ihrer Mitte ritt auf einem weißen Roſe König Boabdil el chico , in einem Pöniglichen mit Ju welen bedeckten Mantel und eine von Diamanten fun: Pelnde Krone auf dem Haupte. Die Pleine Sancica er: Pannte ihu an ſeinem gelben Part und der Lehnlichkeit mit ſeinem Portrait, das ſie oft in der Gemälde - Gale: rie des Generaliſe geſehen hatte. In Staunen und Be: wunderung ſah ſie auf dieſes königlide Gepränge , das glänzend unter den Bäumen vorüber zog ; aber obgleid ſe wußte , daß dieſe Monarcen und Höflinge und Krie: ger, die so blaß und ro ſtamm , außer dem gewöhnlichen Kreis der Natur , und zauber- und Herenwert waren, caute ſie dod Pühnen Herzens auf ſie , folder Muth gab ihr der geheimnißvolle Talisman der Hand, der um ihren Hals hing.

Als der Reiterzug vorüber war , fand ſie auf und folgte. Er ging durch das große Thor der Gerechtigkeit, das meit offen ſtand ; die alten Invaliden , welde die Wade hatten , lagen auf den Steinbänken des Thurms,

337 im tiefen und augenſcheinlich bejauberten Schlaf begra: ben uub das Sdottengepränge dwebte geräuſchlos mit Hiegendem Baruer und ſtattlider Haltung au ihnen vor: über. Sanchica wäre gern gefolgt ; aber zu ihrem Stau: nen rah Rie in dem Thurm eine Deffnung in der Erde, welche in die Tiefe deſſelben hinab führte. Sie trat ein wenig näher und wurde erinuthigt , weiter zu ſchreiten, als ſie robe Sritte in den Felſen gehauen und einen ge: wölbten Gang fand, welcher da und dort mit Rilberuen Lampen erhellt war , welde zumal Lidt und lieblichen Duft auströmten . Sie wagte ſich weiter und Eam zur left an einen großen Saal , weicher in der Liefe des Berges eingebauen und pradot im mauriſden Style ausgeſchmúdt und durch Lampen von Silber und Ern: stal erleuchtet war. Hier ſaß auf einer Ditomane ein alter Mann in mauriſder Tracht, mit einem langen weißeu Barte , ſqlåfrig nidend und einen Stab in der Satid baltend , der ihm ſtets aus den Fingern ſchlüpfen zu wollen (dien. Ju einiger Entfernnug saß eine ſchöne Dame in altſpaniſcher Tracht, mit einer Pleinen von Diamanten gang, fanbelyden Krone, die Loden mit Per len durchflochten und einer fibernen Laute ſanfte Töne entlodend. Die kleine Sandica erinnerte ſich nun einer Geſchichte, welche ſie von den alten Leuten der Alhambra hatte erzählen hören und welde eine gothifce Prins jeſſia betraf , die ein alter arabiſcher Bauterer in die Mitte des Berges eingeldloffen hatte , wo ſie iht durch die Gewalt der Mufte in einen magiſden Schlaf ge bannt hielt. Die Dame hielt erflaunt inne , als Rie eine Sterb : 41 - 47. 22

hem 338 liche in dem Bezauberten Saat ſah. IA es der Beitige Jovanuisabend ? » fagte ffe. « So if's , » derfeste Sandica. « Dann iſt für eine Nacht der magiſche Sauber aufs gehobent. Komm fierber , Rind , und fürchte dich nicht. Ich bin eine Chriſtin , wie du , obgleich mich ein Zauber hier fefelt. Berühre mit dem Talisman , der an deinem Halſe hängt , meine Bande und ich werde dieſe Nachr frei regn . » Bei dieſen Worten öffnete ſie ihre Gewänder und zeigte einen breiten goldnen Ring , der ihren Leib um: chloß , und eine goldene Kette , welche fte an deu Sos den feſſelte. Das Kind zauderte niot , die kleine Ga: gathand an den goldnen Ring zu halten und augenbtid: lich fiel die Kette zu Boden. Bei dem Klang erwad te der Ulte und rieb ſich die Augen , aber die Dame tieß ihre Finger über die Saiten der Sarfe gleiten und er fiel wieder in Solaf und begann zu niden und fein Stab in feiner Hand zu ſchmanker . a Jeft , » ſagte die Dame , « berühre feinen Stab mit deiner zauberreichen Gagathand . Das Kind that fo und er fiel aus ſeiner Hand und der Ulte fant in tiefen Schlaf auf die Dito: mane. Die Dame tegte ihre Laute nun auf die Otto. mane and lehnte ſie gegen den Kopf des clafenden Zau : berers ; danu berührte ſe die Saiten , bis die Töne au feinem Dhre anſætugen und ſagte : « O måđtiger Geiß der Mire, hatte feine Sinne ro gefangen , bis der Tag wiederkehrt. Nus folge' mir, mein Kind i» fuhr ſie fort, «und ou fullſt die uiharnbra ſehen , wie ſie war in ib: ren glorreichen Lagen , denn du baſt einen magiſch ca Ins

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Stumm folgte libman , der allen Zauber enthủät. Sandica der Dame. Sie gingen durd die Deffnung der Sohle in den Gang des Thores der Gerechtigkeit uud von da auf die Plaza de los Agibes , oder die Ed. planada innerhalb der Veſte. Dieſe war mit mauriſchen Kriegern, Fußvoll und Reiterei , in Spaaren geordnet und die Fahnen eutroat, angefüllt. Aud ſtandeir an dem Portal Pöniglide Bachen und Reihen afrikaniſcher Sdwars jen mit gezogenen Sábeln. Niemand ſprad ein Wort nud Saudiea folgte ihrer führeria furchtlos. Shr Staunen wuchs , als ſie in den löniglichen Palaſt trat, tu meldem ſie aufgewadſen war . Der helle Mondſdein erlendtete alle die Såle und Höfe und Gärten als wär " # 8 Sag , zeigte aber ein Schauſpiel , das sich von dem, was nie hier zu ſehen gewöhat war , ſehr unterſchied . Die Wände der Gemåder waren nicht mehr von der Seit befledt und aufgeriſſen . Statt der Spinnenweben pingen reiche Seidenzeuge von Damaskus hier und die Bergoldungen und arabiſcheu Malereien hatten ihrem urſprünglichen Glanz und ihre Friſche wieder. Statt der teeren und robnud loſen Sale, ftanden nun Divans und Ottomanen von den reichſten Stoffen da ,, mit Pers kea befest und mit Pöſiden Steiner ausgelegt und alle: Brunnen in den Sofer und Garten (pranger .. Die Küchen waren wieder in: voller Phátigkeit ; die Köche bereiteten geſdåſtig Schattengerichte und röſteten und brieten die Phantome oda Bühnern und Sonepfen ; Diener eilten aus und ein , Silberſcüfſi tu mit Ledereien tragend und ein forbares Mahl Berrid tent. Der Lj: wenhof war roller Wadel , and Solingen , und Ulf:23 22

310 quis , *) wie in den alten Zeiten der Mauren ; und an dem oberu Ende des Sals der Gerechtigleit laß Boab : dil auf ſeinem Shrone , von ſeinem Gore umgeben und dieſe Nacht einen Schattenſcepter ſchwingend. Ungeac : tet dieſes Gedrängs und ſcheinbaren Durcheinandere, war keine Stimme , Pein Fußtritt zu hören ; nichts un: terbrad das mitternachtige Soweigen ais das Platfdert der Brunnen. Die Kleine Sancica folgte ihrer Führerin in ſtummem Staunen durch den Palaſt , bis Me an ein Thor Ramen , weldes zu den gewölbten Gängen unter dem großen Thurm des Comares führte. Un jeder Seite des Chores faß die Geſtalt einer Nymphe von Alaba : ſter. Ihre Köpfe waren ſeitwärts gewendet und ihre Blide auf dieſelbe Stelle in dem Gewölbe gerichtet. Die bezauberte Dame ſtand ſtill und winfte das Kind zu fich . a gier ,x fagte fle, wiſt ein großes Geheimniß und ich will es dir zum Lohn für deine Freue und deinen Muth ent: hüßen . Dieſe verſchwiegenen Statuen bewachen einen großen Schaß , den ein alter Maurerkönig hier verbor: geu hat. Sage deinem Vater, er soll die Stelle fuden , auf welche ihre Augen gerichtet ſud und er wird etwas finden , das ihn reicher machen wird als irgend ein Mann zu Granada iſt. Deine unſchuldigen Hände aber allein Pönnen , da du aud in dem Beſibe des Salismans bir, den Schas heben. Seiß deinen Vater ihn flug anwen den und einen Theil davda jum Leſen tåglider Meſſen für die Befreiung meiner Seele aus dieſem unheiligen Zauber beſtimmen . Mauriſche Prieſter.

341 Als die Dame dieſe Worte geſprochen hatte , führte fie das Kind weiter zu dem kleinen Garten der Linda rara , der nahe bei dem Gertide der Statuen iſt. Der Mond zitterte auf den Wellen des einſamen Brunneus in der Mitte des Gartens und goß ein zartes Licht auf die Drangen: und. Citronenbäume. Die ſchöne Dame riß einen Myrtheazweig ab und floot ihn um den Kopf des Kindes . « Baß dir dies ein Andenken an das reon , » ſagte ſie , « was ich dir entdedt habe , und ein Beweis von deffen Wahrheit. Meine Stunde iſt gekommen ich muß in den bezauberteu Saal zurüdlehren : folge mir nicht , damit dir fein Uaglück begegne lebe muhi. Gedente metner Worte und laß Meſſen für meine Erló : ſung leſen . » Bei dieſen Worten ging die Dame in ei: nen dunkeln Gang, der unter den Thurm des Gomares führte und war nicht mehr zu rehen. Uus den Sütten unten an der Alhambra , in dem Darrothale, warde jept das Krähen eines Sahnes ſchwach gehört und ein blafſer Lichtſtreifen begann ſich über den Bitlichen Bergen zu zeigen. Ein leichter Wind erhob ſich und es klang wie das Raſcheln dürrer Blätter in den Höfen and Gången, und Zhure um Shure foloß fid mit fnerrendem Sone. Sandica Pehrte durch die Räume zurüd , welche ſie por kurzem noch mit der Scattenmenge angefügt fah. aber Boabdil und ſein Scheinhof waren verſchwunden . Der Mond (dien in leere Säle und Galerien , ihres porübergehenden Glanges beraubt , befedt und von der Zeit verderbt und mit Spinnengewebe behanger. In

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dem ungewiſlen Licht flatterte die Fledermaus umber und in dem Fiſchteid frádzte der Frojd). Sandica eilte nun fo viel Rie Ponnte zu einer fernen Treppe , welche zu der armliden Wohnung führte, die ihre Familie einnahm. Die Thüre war, wie gewöhnlich , offen , denu Lope Sandez war zu arm , um Riegel oder Sdloß gu bedürfen . Sie fuchte ftit ihr Lager , legte den Myrthealranz neben fich und verſant alsbalo in Solar. Um Morgen erzählte fie ihrem Vater alles , was ihr begegnet war. Rope Sandez aber betrad tete das Ganje als einen bloßen Traum und lachte das Kind we geu feiner Leidtgläubigteit aus. Er ging feiner gewöhts lichen Arbeit in dem Garten nade , war aber noch nicht lange da , als fein odhterden faſt athemlos gelaufen Fam . «Vater , Vater !» rief Re : « fteh den Myrthens Franz , den mir die Mauriſche Dame um den Kopf geo wunden hatte. » Lope Sanchez fab mit Erſtaunen hin , denn der Steagel der Myrthe war von lauterm Gold und jedes Blatt war ein fankelnder Smaragd ! Da er nicht viel mit Edelſteinen zu schaffen gehabt hatte , Paunte er den wirfliden Werth des Kranges nicht , aber rah genug, um ſich für überzeugt zu halten , daß er etwas Weſents licheres fer , als die Dinge , aus denen die Träume ges wöhnlid beſtehen , und daß das Kind auf jeden Fall niót ganz vergeblid geträumt habe. Seine erfte Sorge war, ſeiner Todter das unbedingtefte Stillid weigen at jubefehlen ; in dieſer Beziehung war er jedod fider , Dean ne mar perſo wiegener, als ihre Fabre und ihr to

343 (ólegt erwarten ließen. Er ging nun in das Gewölbe, in welchem die Statuen der zwei Nomphen von Alaha fter ftanden . Er fab , daß ihre Köpfe von dem Eingang abgewendet und daß die Blide einer jeder auf dieſelbe Stelle in dem Innern des Gebäudes geridtet waren. Lope Sanchez Ponnte dieſe ſehr fluge Erfindung, ein Ge: Beimniß zu bewahren , nur berpundern ! Er zog eine Linie von den Augen der Statien zu dem Puylte , auf den ihr Blid geheftet war , machte ein heimliches Zeiden auf die Wand and ging weg. Lope Sandez's Gelft war jedoch den ganzeu Tag oon tauſend Sorgen beunruhigt. Er konnte nicht umhin , die Statüen von feru im Uuge zu behalten und wurde faſt Praut aus Ungſt, das goldene Geheimniß möchte ent: dedt werden . Jeder Fußtritt , welcher Mich dem Ort nås berte, madte ihu beben . Er hätte allës drum gegeben, hätte er die Route der Statüeu nur wenden können , und vergaß gang, daß ſie ſchon mehrere Fahrtunderte tu ders ſelben Richtung blidten, ohne daß darum jemand Flüger geworden wäre, a Sol' fie der Henler ,» ſagte er zu nich ſelbſt : afle werden alles verrathen ; hat je ein Menſch gehört , daß man ein Geheimniß ro bemahrt ?» Wenn er dann jes mand Pommen hörte, fahl er ſich weg, als ob ſein Weis len ſo nahe an dieſem Orte Verdacht erregen Pônute. Dana Pehrte er vorſichtig zurüd , ſchaute von ferne hin, um zu ſehen , ob nod alles bei’m alten wäre , aber der Anblid der Statüen erwedte wieder ſeinen ganzen Una willen . «U0 , da ſtehen ſie ex fagte er , aund ſehen und feben und leben immer dabin , wohin ſie nicht fehen foll

344 ter. Wáren ne bei'm Şenler ! Sie ſind, wie alle ihres Geld lectes ; wenn ſie Peine Zungen haben , init denen fle plaudern Pórnen , fo thun fle’s gewiß mit ihren Uugeo .» Der ängſtliche Sag näherte ſich endlich zu ſeiner Freude ſeinem Ende. In den halenden Sälen der Al: hambra vernahm man Peine fußtritte mehr; der lebte fremde Befüger überſchritt die Schwelle, das große Thor morde verriegelt und vermacht, und die Fledermaus und der Froſch und die heureude Eule nahmen allmählig wieder ihre nächtlichen Rechte in dem verlaſſenen Palaſt in Anſpruch. Lope Sanchez wartete aber , bis die Nacht weit vor: geſchritten war, ehe er ſich mit ſeiner Pleinen Tochter in den Saal der zwei Nymphen wagte. Er fand ſie ro berſchwiegen and geheimnißood wie immer auf den ver: borgenen Sdein feines Glüdes ſchauen. « Mit Eurer Erlaubnie, holde Damen , dachte Lope Sanchez, als er zwiſden ihnen durchging : «ich wil! Ench von Eurem Dienſte , der die vergangenen zwei oder drei Jahrhun: derte ſo ſchwer auf Euern Herzen gelaſtet haben mag, erikſen .» Demnach begarin er an dem von thm bezeich neten Theil der Wand ſeine Arbeit und öffitete nad eis ner Pleinen Wette eine verſtedte Berttefang, in welcher zwei große Porzelanfrage ftanden. Er verſuchte ffe her: porzurüden , aber ſie waren unbeweglich, bis die un, ſdjurdige Sand feines Töchterdens fie berührte. Mit ihrer Hülfe brachte er ſie aus der Niſche und fah zu reis ner großen Freude , daß ſie mit mauriſchen Goldſtäden , nebit Juwelen und Edelſteinen gefüllt waren. Vor za :

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gesanbrud mußte er fle in ſeine Stube zu bringen und verließ die zwei wachhabenden Statúen mit ihren auf die leere Waud gerichteten Uugen. So war Sanchez plößlich ein reicher Mann gemor: den ; aber der Reichthum brachte , wie gewöhnlich , eine Welt ool ' Sorgen mit fim , denen er bisher gänzlid fremd geweſen war. Wie ſollte er ſeinen Scaß . ficher Wegbringen ? Wie ſollte er fich deſſerben nur erfreuen , ohne Verdacht zu erregen ? Zum erſten Mal in ſeinem Leben erwachte jept aud die Furớt vor Räuberu in fei: ner Seele. Er blidte mit Schauer und Stređen au; dar Unſichere reiner Wohnung und begab fid daran, Thüren und Fenſter zu verrammeln und zu vermaden ; riad allen dieſer Vorſichtsmaßregeln konnte er aber doce nicht ruhig lalafen. Seine gewöhultde Heiterkeit war dahin , er 'hatte" für ſeine Nachbarn Peinen Scherz und keine Lieder mehr und karge er wurde das unglüdlichſte Gefchöpf in der Ulhambra. Seine alten Kameraden be: merlten feine Veränderung , bemitleideten ihn von Ser: gen und flugen an, ihn zu verlaſſen , indem ſie dachten, er müſſe in Noth verſunken feyn und Gefahr laufen, Rie um Hülfe anſprechen zu müſſen . Der Gedanke, daß ſein ganzes Elend Reidthum fey, tag innen fehr fern . Die fran unſeres Lope Sandez theilte feine Angſt, aber ſie hatte dafür geiſtlichen Sroft. Wir hätten ſchon früher erråhnen ſollen, daß, da Lope ein etwas leichter, unbeſonnener kleiner Maun war, fetue frau fic gewöhnt hatte , in allen wichtigen Gegenſtänden den Rath und Beifand ihres Beidhtvaters , des Pater Simon gu fa ment , eines ſtarfen , breitfuftrigen, blanbärtigen , Tue :

346 fopfigen Mönchs aus dem nahen Sranziskanerkloſter, welder in der That der geiſtliche Eröſter der pålſte der guten Weiber der Umgegend war. Er war außerdem in großer Achtung in verſchiedenen Nounenkiöſtern, wels de ihm feine geiſtlichen Dienſte durd häufige Geſchenke oon jenen Ledereien und Spielereien , die in Klöſtern gemacht werden , belohnten, als da ſad föſtliches Einges machtes, Suderbrot und flaſchen würziger Herzſtårkane gen , welche ſich nach Faften und Wachen als treffliche Erquidung auswieſen . Pater Simon gedieh in der Ausübung ſeiner Paid . ten . Sein Ohliges Geſicht glänzte in dem Sonneu . Schein , wenn er fldy an einem heißen sag den Hügel der Ulhambra herauf arbeitete. Bei allen Urnehmlichkeiten ſeiner Lage zeigte aber doch das fnotige Seil um ſeinen . Leib die Strenge der Zucht, die er gegen ſich ſelbſt übte ; tie Menge zog die Müßen vor ihm als reinem Spiegel der FrömmigPeit, und ſelbſt die Bunde ſpürten den Ges rud der Heiligkeit , welcher ſeiner Kutte entſtrömte und beurten aus ihren Lödern , wenn er vorüberging. Dieſer Urt war Pater Simon , der geiſtlide Rath , Geber des holdſeligen Beibes von Lope Sanchez ; aud da der Beichtoater der innigſte Vertragte der Frauen in Spanien iſt, ſo war er bald, im größten Geheimniß , mit der Geſchichte des verborgenen Soabes bekannt. Der Mönd ſperrte Mund und Augen auf und bes Preuzte fich zwölfmal bei dieſer Nachriót. Nach einer kurs jen Pauſe ſagte er : « Tochter meiner Seele ! Wife, deia Mann hat eine doppelte Sünde begangen eine Sünde gegen den Staat und die Kirce, Der Soa , den er

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ſo für fich behalten hat , iſt in den Befipungen des Ko nigs gefunden worden und gehört folglich der Krone ; da er aber den ungläubigen gehörte und gewiſſermaßen den Klauen des Satans entriffen worden iſt , ſollte er der Kirche geweiht reyn. Doch läßt ſich die Sache ims mer 1100 beilegen . Bringe den Myrthenfrang hieher.» Als der gute Pater dieſen fah , glänzten ſeine Un . gen mehr denn je vor Bewunderung der Größe und Scðnheit der Smaragde, «Da diefes die erſten Früchte dieſer Entdedung find, fagte er , « ſollte es billig from . wen Zweden geweiht regn. Ich will es in einem Schrein vor dem Bild des 1. Franziskus in unſrer Kapelle auf hangen und ihn nod in dieſer Nadt angelegentlid bit. tea , daß dein Mann im ruhigen Beſip eures Reichs thums bleibe.» Die gute Frau war froh , daß fie ſo wohlfeilen Kaufe ihren Frieden mit dem Himmel maden konnte, und der Mönd , der den Kranz unter ſeinen Manter ftedte, ſcritt dem Kloſter mit heiligen Scritten zu. OLI8 Lope Sanchez nad Pauſe Pam , erzählte ihm feine Frau , was vorgegangen war. Er war ſehr árgers lich, denn ihm fehlte der fromme Siun ſeiner Frau, und er feufzte ſchon ſeit einiger Zeit über die vertraulichen Beſuche des Monos. « frau , » ſagte er, «was haſt du gethan ? Du haſt duro dein Plauderu alles auf das Spiel gefest . «Was ?» rief Nie gute Frau : «willſt du mir verbies ten , mein Gewiſſen vor meinem Beidtoater zu ento Taden ? • Nein , frau ! Beidte von deinen Sünden , ſo vie

348 du nur wilft ; aber dieſes Soapgraben iſt meine Sünde und mein Gewiſſen iſt ſehr leicht unter der Laft der: relben . » Ulein das Klagen half jeßt nichts mehr ; das Ge heimniß war nun einmal ausgepláudert und ließ ſid , wie auf den Sand gegoſſenes Waſſer , nicht wieder zu: rúdnehmen . Ihre einzige Soffaung gründete ſich auf die Verſchwiegenheit des Monds. Während Lope Sandez am nächſten Tag draußen war , ließ no ein reiſes Klopfer an der Thüre hören und Pater Simon trat mit freundlider und fittfamer Miene ein . « Dochter,n fagte er , wid habe inbrünſtig zu dem h. Franziskus gebetet und er hat mein Gebet erhört. In der Mitte der Nacht iſt mir der Seilige im Traum erſchienen , aber ſein Antlit zūrute. « Hore, » fagte er, « du beteſt zu mir , um Vergebung wegen diefes heidnis ſchen Schaßes zu erhalten , während du die Armath mei: ner Kapelle lehrt ? Gehe in das Haus des Lope San : dez , bitte in meinem Namen um einen Theil des mau : riſchen Goldes , um zwei Leuchter für den Hauptaltar zu Paufen, und laß ihn das Uebrige in Frieden beſlßen. Ars die gute frau von dieſer Erſcheinung hörte, Preuzte fe fid ehrerbietig , ging zu dem geheimen plåt den, wo Lope ſeinen Schaß verborgen hatte und füllte einen großen ledernen Beutel mit Stüden Mauriſden Goldes und gab ihu dem Mónd. Dagegen ertheilte ihr der Möncy Segen genug , um , wenn der Himmel iha ausloßt, ihr Geſ lecht bis in die ſpäteſten Zeiten zu bereidern , ließ dann den Beutel in den Hermel reiner

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Kutte gleiten , faltete feine Sánde über ſeiner Brut und fchied mit einer Miene demüthiger Dankbarkeit. Als Lope Sanchez von dieſem zweiten , der Kirche gemachten Geſchent hörte , gerieth er faſt außer ſid . « Unglüdlicher Mann, » rief er , mmas ſoll aus mir wer: den ? Id werde ſtüdweiſe beraubt ; ich werde zu Grund gerichtet und an den Bettelſtab gebracht werden ! » Nur mit großer Mühe konnte ihn ſeine Frau beru : higen, indem ſie ihn an den ungeheuern Reichthum erin: nerte , welcher ihm nod verblieb uud ihn fühlen ließ, wie gütig es von dem 1. franzispus leo , ſich mit einem ſpårlichen Untheil zu begnügen . Unglüdlicherweiſe hatte Pater Simon eine Unzahl armer Perwandte , für welche geſorgt werden mußte, einiger halben Dubend ſtarker , ruudköpfiger Waiſen : und verlaſſener findel: Kinder nicht z11 gedenken , die er unter ſeinen Schuß genommen hatte. Er wiederholte daher von Tag zu Tag reine Beſuche und ſeine Bitten zum Beſten des h. Dominikus , des h . Andreas , des h . Jakobs, bis der arme Lope in Verzweiflung gerieth und fand , daß er , wenn er ſich dem Bereich des frommen Mönchs nidt entzoge , jedem Heiligen des Kalenders Gübnopfer würde bringen müffen . Er berdloß daber, den ihm noch bleibenden Sdas zuſammenzupacken , beim : lich in der Nacht aufzubrechen und in einen andern Theil des Königreichs zu ziehen. Vou von dieſem Plane, Faufte er ein ſtarkes Maul thier und band es in einem dunfeln Gewölbe unten in dem Gourm der fleben Stockwerpe an , an derſelben Stelle , wo der Beludo , oder das Kobold : Pferd ohne

350 Kopf , im Mitternacht herauskommen , und durch die Straßen vou Granada, gefolgt von einer Meute Holens Bunde, rennen foll. Lope Sauchez ſchenkte der Geſdichte wenig Glauben, benußte aber die dadurch ermedte Furcht, denn er wußte wohl , daß fich niemand feiot in den up : terirdiſchen Stal des Geſpenſter -Roſſes wagen würde. Im Laufe des Tages ſchickte er ſeine Familie mit deni Befehle weg , ihn in einem entfernten Dorf der Vega zu erwarten . Als die Nacht vorrüdte, brachte er feitrea Schaß in das Gewõibe unter dem Thurm , belud reta Maulthier damit , führte es heraus und leitete es por: Richtig den dunkein Weg abwärts . Der ehrliche Lope hatte dieſe Maßregeln in der größten Stille genommen , and file uſemanden , als dem treuen Weibe feines Herzens mitgetheilt. Durch irgend eine wunderbare Offenbarung jedoch waren ſie dem Pater Simon bekannt geworden . Der eifrige Mönch ſah dieſe Heidniſchen Schätze auf den Punet , feinen Krallen auf immer extriſſen zu werden , und beſchloß , zum Beſten der Kirche und des h . Franzitlus , uoc einen Griff in dieſelben zu thuir. Mis daher die Gloden gleden animas Hy getäutet hatten , und die ganze Alhambra ftit war , ſchlichy er fich aus ſeinem Kloſter , eilte durch das Thor der Gerechtigkeit nieder und verbarg fich im Didiit der Roſen und Lorbeern , welche den großen 34s gang ſäumen . Hier blieb er und zählte die Biertel: Runden , wenn die Uhr auf dem Martthuron refug und

* ) Animas , das Åsendgeräute , am an die Fürblite flie die Sien im Fesfeuer 34 erinnert .

351 I auſe te auf das ſchauerliche Geheut der Eulen und das ferne Bellen der Hande aus den Zigeunerhöhten. Endlich hörte er fußtritte und fah durch das Difer der überſdattenden Bäume etwas, das wie ein Laſtthier ausſah , den Weg herabfommen . Der flåmunige. Mönch fchmunzelte bei der Gedanken , welcheu Plugen Streich & dem guten Lope zu ſpielen im Begriff ſtehe. Er band ſeine Kutte, auf und frümmte lid wie eine Kage, die eine Maus auf dem Korn hat, und harrte for bis reiu Raub gerade vor ihm war , wo er aus feinem laubigen Berfted hervorbrad, eine Sand auf das Sdult terblatt , die andere auf das Kreuz legte , und einen Sprung machte , der dent geübteſten Stallmeiſter Ebre gemacht hätte , und fic rittfings auf dem Thiere feſts fetste. Uhar ſagte der ſtämmige Mönch , jest wollen wir fehen , roer das Spiel am beſten verſteht.» Er hatte diefe Worte kaum ausgefprochen , als das Thier anfing audjaídlagen , fich zu bäument, trud Soße zu maden , und danu in vollem Lauf den Berg hinabídos. Der Mond verfuehte , das Thier aufzuhalten , aber vergebens . €$ ſprang vou felt zu fels, von Buſch zu Buſch ; des Mönchs Rutte war in feben verriſſet and flatterte im Wind ; retu gefchorner Sdadel erhielt manden harten Schlag von den Baumákten und manche Søramme von dem Geſtrāud . Um ſeinen Sörecen und Jammer dit permehren , ſah er eine Reute von ſieben Sunden in bollen Beleu an ſeinen Ferſen und bemerkte zu ipd . baß er flot virtlich auf Katywaugen batte,

den ſdredlicheu Belludo ge :

352 Sort ſtürmten ſie in Windes- Eile, den großen Weg hinab , über die Plaza Nueva, den Zacatin entlang, um die Vivairambla nie flogen Jäger und Hund so Pfeilfchnell dahin oder machten einen fo bodiſchen Lárm . Vergebens rief der Mönch jeden Heiligen des Kalenders an , und die gebenedeite Jungfrau obendrein ; ſo - oft er einen Namen dieſer Urt nannte , wirfte es wie ein fri: ſcher Sporaſtoß und verurſachte, daß der Beludo einen haudhohen Sat madte. Den übrigen Sheil der Nacht hindurd wurde der unglüdliche Pater Simon dahin und dorthin und wohin , er nicht wollte geführt, bis jeder Knochen an ſeinem Leib mürb war und er ſich zu er: nem Leib bärmlid wund geritten hatte , als daß man deſſen ges denken möchte . Wieder ging es über die Vivairambla , den Zacatin , die Plaza Nueda und den Brunnenweg, und die ſieben Sunde heulten und bellten und ſprangen empor und ſchnappten nach den Ferſen des erſchrecten Paters . Der erſte Morgenſtrahl ſchoß eben empor, als fle den Thurm erreichten ; hier ſchlug das Koboldpferd kräftig hinten aus und raidte den Mönch mit einem Barzelbaum duro di: Luft und ſtürzte, gefolgt von der holiſchen Meute , in das Buyfle Gewölbe und ein tiefes Soweigen, folgte dem eben noch so þetäubendem Lärm. Iſt jemals einem Mönch ſolch ein verteufelter Streich the geſpielt worden ? Ein Bauer, der mit der Dämmerung an ſeine Arbeit ging , fand den unglüdlichen Pater Simon am Fuß des Thurms unter einen Feigenbaume liegen, aber ſo zerquetſcht und zerſchellt, daß er weder ſprechen nod nich regen konnte. Er wurde mit aller Sorgfalt und Aufmerkſamkeit in feixe Zelle geführt und

353 das Gericht verbreitete Rd , Räuber Båtten ihn anges griffen und mißhandelt. Ein oder zwei Tage dergingen, ebe er wieder zum Gebrauch ſeiner Glieder Pam ; er tröſtete ich mittlerweile mit dem Gedanken, daß er , obs gleid ihm das Maulthter mit dem Schap entgangen war , doch vorläufig einen guten Sheil von der heidnis fden Beute wegbekommen hätte. Als er lid wieder bemegen Ponnte, war es feine erſte Sorge , unter ſeinem Lager zu ſuchen , wo er den Myrthenfranz und die les dernen Beutel mit Gold , die er der Frõnimigkeit der frau Sandex abgemangen , verborgen hatte. Wie groß war aber ſein Jammer, als er rah, daß der Kranj wirklich nur eiu verwelfter Myrihenfranz und die leder's den Beutel mit Sand und Gerðu gefüllt waren ! Pater Simon batte bei att feinem Somerje die Klugheit zu ſchweigen , da das Berrathen des Geheims aiſſes ihn bei dem Publikum nur lächerlich gemacht und die Strafe ſeines Vorgefepten auſ ihn herabgezogen båtte : erſt viele Jahre ſpäter, auf ſeinem Todesbett, ento bedte er ſeinem Deichtoater feiren nádtliden Ritt auf dem Belludo .

Von Lope Sanchez hörte mat lange nach ſeinem Ubzug aus der Ulhambra durchaus nichts. Man erias aerte Rid feiner fets gern als eines fröhliden Genoſſen , obgleid man aus dem Oram und der Schwerputh, welde er Purz vor ſeiner geheimnißvollen Abreiſe in ſeinem Beuehmen zeigte , ſchließen zu müſſen glaubte, Urmath und Unglúd habe ihn zu einem derzweifelten Entfd lug gebradt. Einige Jahre ſpäter wurde einer 23 44-47 ,

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reiner alten Freunde , ein invalider Soldat, der zu Ma: laga war, von einem rechsſpånnigen Wagen umgeworfen und faſt überfahren . Der Wagen hielt an ; ein alter, reid gekleideter Serr, mit einem Degen und Saarbeutel, flieg aus , um dem armen Invaliden beizuſtehn . Wie groß war des Leßteru Erſtaunen , als er in dieſem vor: nehmen Kavalier ſeinen alten Freund Lope Sanchez er: Fannte , der eben die Vermählung feiner Tcchter Sans dica mit einem der erſten Granben des Landes feierte ! Ju dem Wagen ſaß das Brautpaar. Da war aud frau Sanchez , die jeßt ſo rund geworden war wie ein Faß, und ' Federn und Juwelen und Halsbänder von Perlen und Diamantſomud und Ringe au jedem Fins ger, und einen Kleider: Puß trug, den man ſeit den Zeis ten der Rõnigin Seda nicht nehr geſehen hatte. Die Pleine Sanchina war jest zur Frau heraugewachſen und nach ihrer Anmuth und Schönheit hätte man ſie für eine Serjogin , ja geradezu für eine Prinzeſſin balten ein etwas können . Der Bräutigam faß neben ihr abgelebter, ſpindelbeiniger kleiner Mann , aber das bes denn ein mies foon , daß er von ächtem Geblüt rar wahrer ſpaniſder Grande hat ſelten mehr als vier Fuß Höhe. Die Mutter hatte die Seiraih gemacht. Der Reichthum hatte das Herz des ehrliden Lope nidt verderbt. Er behielt reinen alten Kameraden meha rore Sage bei fid , benoirthete ihn mie ein König , uahm ihn mit in Sdauſpiele und Stiergefechte und fandte ihu endlid ganz beglüđt nach Haus, mit einem dicen Sade Geldes für fich , und einen andern , der unter ſeinen al: ten Freunden in der Ulhambra vertheilt werdeu route.

355 Lope erzählt immer , ein reider Bruder ſeg in Umerika geſtorben , und habe ihm eine Kupfermiene hins terlaffen ; aber die verſo lagenen Plaudertaſden der alle hambra beſtanden darauf , fein Reidthum rühre pou nichts anderem her, als dem Umſtande, daß er das von den zwei alabaſternen Nympben der Alhambra bemahrte Geheimniß entdedt habe. Es wird bemerkt , daß dieſe zmoet hooft verſchmiegeben Statuen bis auf den heutigen Tag ihre Augen ſehr bedeutungsvoll auf dieſelbe Stelle in der Wand gefefſelt haben, was ananchen glauben läßt, e$ fer noch irgend ein Schat , welcher der Aufmerlam : keit eines uuternehmenden Reiſeuden werth Peya möchte, dort verborgeu ; obgleich andere , und vorzüglich weib: liche Beſucer lle mit großem Wohlgefallen als fete Monumente der Shatſade betracten , daß Frauen ein Geheimniß bewahren Ponuen.

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der Gründer der Albam bra .

Da id mit den Wundermården der Alfambra po freigebig gewefen bin, fühle id mid faſt verbunden , dem Leſer einige Shatſachen mitzutheilen , welde ihre eigent: liche Geſdichte, oder vielmehr die Geſdidhte jener ſtatt: liden Fürſten , ihrer Gründer und Vollender, betreffen , denen die Welt ein ſo ſchönes und romantiſches orientas liſches Deutmal verdankt. Um dieſe Shatſachen zu ge: miunen , ſtieg ich aus dieſem Phantaſien : und Mården: 23 *

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Bereid , mo alles eine poetiſche Farbe annehmen mal, berab und wandte meine Unterſadungen den beftaubtea Bånden der alten Jeſuiter: Bibliothel in der Univerſitåt fu. Dieſes einſt ro berühmte Behältniß der Gelehrfamo Peit iſt jeßt ein bloßer Soatten ſeines frühern Selbſt, Denn die Franzoſen beraubten die Bibliothel , als fie Granada im Defit hatten , ' threr Sandſdriften und fels tenſteu Drudwerke. Dennod enthält ſie , unter vielen gewichtigen Streitſchriften der geſuiten , noc mandes merPrürdige Wert der ſpaniſden Literatur ; vor allem aber eine Vojahl jener veralteten, ſtaubigen , ia Pergas meat gebundeuen Chroniken, welche bei mir in beſonderer udtung ſtehen . In dieſer alten Bibliother habe ic mande poftride Stunde ruhigen , ungeſtörten literariſchen Fouragirens hingebracht, denn die Solüſſel zu den Thüren and Bio cherſdrånken wurden mir freundlid anvertraut und id allein gelaſſen , um nad meiuem Belieben umher zu fido bero ein ſeltenes Zugeſtändniß in dieſen Heiligthümern der Gelehrfamkeit, welde nur zu oft ben Wie begierigen bei dem Unblic verſiegelter Duellen des Wiſſens ſomados ten laſſen . Im Laufe dieſer Beſude rammelte ich folgende Ein felnbetten in Betreff der fragliden biftoriſcher Chao rattere. Die Mauren ron Granada betrachteten die Arbam . bra als ein Wunder der Kunſt und hatten eine Sage, der König , der ſie gebaut, habe ich mit Bauberei abgo geben , oder fer doch ein Uldymiſt geweſen , wodurd et in den Stand gelebt worden wäre, Id die agermeßlichen

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Summen Goldes zu verſchaffen , welde bei dem Baue derſelben verſchwendet wurden . Eine kurze Ueberfidt ſeiner Geſchidste wird das wirklide Geheimniß feines deidthums darleget. Der Name dieſes Königs war nad der Jaſdrift auf den Wänden einiger Gemåder Abu Abdallah ( D. h. Vater von Abdallah ) , allein in der mauriſchen Gedichte beißt er gewöhnlid Muhamed Abu diahmar ( 0. h. Mahamed Sohn des Alahmar ), oder einfach ubu



Ulahmar, der Kürze wegen . Er war im Jahr der Begira 591 , und nad der driftligen Zeitrechnung 1195 zu Arjona aus der edlen familie der Bena Naſar , oder Kinder Naſar’s geboren aud ſeine Eltern (parten keine Koſten, ihn für den hohen Stand zu erziehen , zu welchem der Reigthum und das anſehen felner Familie ihn berechtigten . Die Sarajener Spaniens waren in der Bildung weit vorgeſchritten , jede Dauptſtadt war ein SiR der Gelehrſamkeit und der ſo daß es leicht war , die beſten Lehrer für Rünfte günglinge von Stand und Bermögen zu erhalten . 418 Ubu ulahmar das manubare Alter erreidt hatte, wurde er als Alcayde oder Statthalter von Urjoua und Jaen angeſtellt und machte ſich durch ſeine Güte und Gered : tigkeit ſehr beliebt. Einige Jahre ſpäter , nad Ubou Sud's Cod, ſpaltete fid die maurifde Madt in Spanien la factionen und viele Plåße erklärten ild für Muhamed abu ulahmar. Da er lebendigen Geiftes und boten Ehrgeiges war , ergriff er die Gelegenheit , madte eine -Reiſe duro das Land und wurde überall mit Beifatrul empfangen . Fw Jafre 1238 hielt er unter dem lebham

358 teften Fabel der Menge feinen Einzug zu Granada. @r warb mit allen Zeichen der Freude als König ausgerus fen und wurde bald das Haupt der Moslemin in Spa . nien , da er der erſte des erlauchten Stammes von Beni Nafar war , der auf dem Thron gefeſſen hatte. Seine Regierung madte ihn zu einem Segen ſeiner Untertha. nen . Er gab die Statthalterſchaft ſeiner verſchiedeneu Städte den Männern , die nich duro Tapferkeit und Klugheit ausgezeidnet hatten und bei dem Volte am beliebteſten waren . Er repte eine wadrame Polizei ein und erließ ſtrenge Geſete zur Sandhabung der Gerecs tigteit. Die Armen und Unglüdlichen hatten ſtets freten Zutritt zu ihm und er ſorgte perſóolich für Beifand , and Abhülfe. Er errichtete Hoſpitaler får Blinde, Uite und Krante und alle rolde, welde nicht arbeiten Ponus ten und beſuchte fe oft nicht an feſtgefepten Lagen mit Pracht und Prant, ſo daß Zeit blieb, alles in Ords kung zu bringen und jeden Mißbrauc zu verſteden , ſons dern plöblide und unerwartet ; durch eigene Beobadtung and genaue Prüfang unterridtete er ſich von der Be. handlung der Kranken , und dem Benehmen derer , welche fu ihrem Beiſtande angeftellt waren . Er gründete Sou: len und Univerſitäten , welche er auf gleiche Weiſe bes ſuchte, und wohnte perſönlich dem Unterrichte der Jue geud bet. Er ließ Fleiſcbånte und öffeutlige Bacöfeu bauen, damit das Bolt geſunde Nahrung zu billigen und regelmäßigen Preiſen erhielt. Er führte relche Waffer, leitungen in die Stadt , ließ .Båder und Brunnen , Kas nåle und Röhren bauen , um die Bega zu bewäſſern und fruchtbar zu maden . Durd diefe Mittel berrídte Reid .

359 thum und Ueberflug in dieſer (dönen Stadt ; an ihren Choren drängte ſich der Handelsfleiß und die Waarenhäu : fer waren mit dem Lurus und den Sütery aller Länder und Himmelsftriche gefüut. Während Muhamed Abu Arahmar fein reizendes Land fo rociß und glüdlid regierte , bedrohten iho ploßs lid die Scređen des Kriege. Die Chriſten benükten zu dieſer Seit die Spaltung der Macht der Moslemin and resten fid raſch wieder in den Beſlß ihrer alten Gebiete. Jatob der Eroberet hatte ganz Valencia uns terworfen und Ferdinand der. Heilige trug ſeine Negreide Waffen nach Andaluſien . Der leßtere belagerte die Stadt Jaen und ſchror, ſein Lager nicht eher aufzuheben , als bis er im Beſlu der Stadt wäre. Muhamed Abu Ulah mar Panate das Unzureidende reiner Mittel , mit den machtigen Serrſmern Caftiliens einen Krieg zu unters halten . Er faßte daher einen plöblichen Entſchluß , bes gab Rich heimlid in das chriſtlide Luger und erſchien una Du ſiehſt in mir , >> erwartet vor König Ferdinand. fagte er , « Muhamed, den König von Granada ; id ver: traúe deiner Ehre und begebe mich unter deineu Soub. Empfange alles , was ich beſige und nimm mic alo deis nen Lebensmann an . » Bei dieſen Worten Pnieete er nieder und füßte des Königo Saad als Zeiden der Uns terwerfung. König Ferdinand war durd dieſen Beweis offenen . Bertrauens gerührt and beldlok, rich nicht an Edelmuth überbieten zu laſſen . Er hob ſeinen früheren Nebenbuh. ler von der Erde auf und umarmte ihn als freund ; Die Spaße , die er ihm anbot , wies er zurüd , nafux

- 860 thn aber als Baſſal an uud ließ ihm die Serrldaſt aber fein Gebiet unter der Bedingung, daß er einen jährtiden Sribut zahle , bei den Cortes als eiuer der Eplen des Reids ſich einſtelle und ihm im Kriege mit einer gewif ſen Zahl Reiter diene, Riot lange darauf warde Muhamed zum Kriegsa -Dienſt aufgefordert, um dem König Ferdinand bei ſeiner berühmten Belagerung von Sevilla beizuſtehen . Der mauriſde König 209 mit fünfhundert erleſenen Reitern von Granada aus , denu niemand in der Welt wußte beſſer als ſie ein Pferd zu reiten und eine Lanze zu füh . ren. Es war jedoch ein trauriger und demüthigender Dienſt, denn fe routen ihr Schwert gegen ihre Glaus bensbrüder ſchwingen . Muhamed erlangte dura reine Sapferkeit bei diefer berühmten Eroberung einen traurigen Ruhm , edotero Ehren aber durch die Milde, welche er König Ferdinand in der Kriegeführung auzunehmen veranlaſſte. Uis im Jahr 1248 die berühmte Stadt Sevilla dem faſtiliſchen König übergebeu ward , Pehrte Muhamed traurig und voller Gram in rein Gebiet zurüc. Er ſah das fid fammelade Unheil , weldes die Sade der Moslemin bes drohte, und ließ jenen Spruch hören , den er oft im Augenblid der Noth und Verwirrung im Mund führte : •Wie beldränkt und elend würde unſer Lebeu ſeyn, wenu unſere Soffnung nicht ſo weit und ausgedehnt wäre.» „Que angoste y miserabile seria naestra vida, aino fuero tan dilatada y espaciosa nuestra esperanza 14 U18 der betrübte Sieger ſeinem geliebten Granada nabte, ſtromte das Bolt mit freudiger Ungeduld beraus,

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11 thn zu ſehen, denn ſie liebten ihn als einen Wohlthåter. Sie hatten zu Ehren ſeiner Priegeriſchen Thaten Triumph. bogen erridtet , und wo er vorüber Pam, wurde er mit Beifausruf als El Ghalib oder der Sieger begrüßt. Mas bamed rohúttelte den Kopf , als er dieſen Namen hörte. „ Wa la ghalib ila Ala ! " (Es gibt Peinen Sieger all Gott !) rief er aus. Bon dieſer Zeit an diente ihm dies fer Uusruf als Wahlſprud . Er ließ ihn auf ein fordo ges über ſein Wappen laufendes Band ſchreiben , und er blieb der Wahlſpruch aller reiner Nachkommen. Durch Unterwerfung unter das chriſtliche goch hatte Muhamed den Frieden erkauft, aber er wußte, daß dies fer vidt ficher und dauernd ſeyn konnte , wo die Eleo mente ro widerſtreitend und die Beweggründe der Feinde ſeligkeit fo tief und alt waren. Er that daher nach dem alten Grundfaß : « maffae dich im Frieden , und bekleide dich im Sommer , » und benübte den eintretenden Zwi. fchenraum der Rabe, um ſein Gebiet zu befeſtigen , feine Beughäuſer wieder zu füllen , und diejenigen nüßlichen Künſte zu fördern, welche einem Staate Wohlſtand and wirflide Macht geben. Er repte für die beſten spando werfer Preiſe aus , und bewilligte ihnen Vorrechte ; er serbefferte die Zucht der Pferde und anderer nüßlider Shiere ; er ermuthigte den Uderbau , und wußte duro ſeinen Schuß die natürlide fruchtbarkeit des Bodens um das doppelte zu erhöhen, indem er die liebliden Thá. fer feines Königsreios wie einen Garten blühen machte. Er förberte aus den Bau und die Verarbeitung der Seide , bis die Weberſtühle Granada's ſelbst die von Spriep en Seinbeit und 6ddnbeit. ifre Productiouco

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362 übertrafen . Sodann ließ er die Golds, Silber- und ans dere Minen, die in den bergigen Gegenden ſeines Reichs gefunden wurden , Reißig bearbeiten , und war der erſte König von Granada , welcher Gold- und Silbermünzen unter feinem Namen ſ blagen ließ, wobei er Sorge trag daß die Münzen geſchidt ausgeprägt rurden. Um dieſe Zrit , etwa in der Mitte des dreizehnten Jahrhunderts und unmittelbar naco reiner Rüdfehr von der Belagerung von Sevilla begann er den glänzenden Palaſt der Ulhambra ; er beaufſichtete perſönlich den Bau, und miſchte ſich oft unter die Kinftler und Werts meiſter, und leitete ihre Arbeiten. Dordon ſo glauzreid in feinen Werfen, und ſo groß in ſeinen Urterehmungen , war er von einfachen Sitten , und mäßig in ſeinen Genüſſen . Sein Kleid war nicht uur ohne Glanz , ſondern ſo einfach , daß es ihn nicht Sein parem Don ſeinen Unterthanen auszeichnete. Ponnte ſide our weniger Schönheiten rühmen, und dieſe beſuchte er ſelten , obgleid ſie mit großem Glauze unters halten wurden. Seine Weiber waren Südter der ers ften Edlen , und wurden von ihm als Freundinnen und der ſtåndige Gefährtinnen behandelt. Was mehr iſt, er wußte es dahin zu bringen , daß ſie als Freundinnen unter fid lebten. Er brachte viele Zeit in den Garten hin , beſonders in denen der Alhambra , welche er mit den ſeltenſten Pfangen und den ſchönſten and duftigſten Blumen verſehen hatte. Sier ergößte er lig , indem er Geſchichten las, oder ſie Rid oorleſen uod erzählen ließ ; und zuweilen beſchäftigte er Rich in den Stunden der Maße mit dem Unterrigt ſeiner drei Söhne , denen er

363 die gelehrteſten und tugendhafteſten Lehrer ausgeſuot batte. Wie er lidt frei aud ungezwungen Ferdinand als Baſſal angetragen hatte , blieb er aud ſeinem Worte getreu , und gab ihm wiederholte Beroeiſe der Unháng: lidbeit und Treue. Jis dieſer berühmte Monarch 1254 zu Sevilla ſtarb , føidte Muhamed Abu Ulahmar Ges fandte, welche. feinem Nadfolger Ulonzo X. ſein Beileid 1 ausdrücten, und in ihrem Gefolge waren hundert mau: riide Ritter von ausgezeichnetem Rang, welche während der Begräbnißfeierlid Peit die Pöniglide Bahre mit brega uenden Kerzen umgeben und geleiten mußten . Dieſen großen Beweis der Udtung widerholte der mauriſde König den Reſt ſeines Lebens bindurdh an jedem Jahs restag des Todes Ferdinands des Deiligen , wo huu: dert mauriſde Ritter von Granada nach Sevilla ziehen , und ihre Pläße um das Ehrendentmal des erlauoten Todten in der Mitte der reichen Kathedrale , mit breus nen Kerzen in der Band, einnehmen mußten. Muhamed Ubu Hluhmar behielt ſeine Rüftigtett und Geiſtestraft, bis zu einem porgerijdten Alter. Ju ſeinem netinuadfiebzigſten Jahr, jog er nod zu Pferb, von der Blüthe feiner Ritterſchaft begleitet , in's feld, um einen Einfall in ſein Gebiet zurüd jutreiben . Als das Heer von Granada ausfog , brad einer der erſten Udas lides oder Befehlshaber , welcher in dem Vortrab ritt, jufálig reine Lange an cinem . Thorbogen. Die Räthe des Königs waren durd dieſen Borfall beunruhigt, ftella ten ihn als eia ldlimmes Vorzeiden dar , und baten ihn zurüd jukehren . Ihre Bitten waren umſonſt. Der Konig widerſtand, und am Nacomittag wurde das Bor,

604 jelden , fagen die mauriſden Oerdidtidreiber, ant tran rige Weiſe beſtätigt. Muhamed wurde plößlich Prant, und wåre faſt von ſeinem Pferde gefallen . Er wurde auf eine Bahre gelegt, und ſollte nad Granada gebrudt werden , aber feine Krantheit nahm in ſo hohem Grade zu, daß man ſein Zelt in der Bega aufſdlagen mußte. Die Verzte waren poder Beſtürzung, und wußten nidt, welde Arznei fle ihm derſchreiben ſollten , Nad mento gen Stunden ſtarb er unter Blutſpeien und heftigen Krämpfen . Der Puftitiſche Prinz Don Philipp , der Bruder von Alonzo X. mar an ſeiner Seite , als er Aarb. Sein Körper wurde einbalſamirt, in einer NL bernet Sarg gelegt, und unter ungeheuchelten Klagen ſeiner Unterthanen , die ihn als einen Vater beweinten , in der Ulhambra in einem koſtbaren Marmorgrab beigeſeßt. Dieß war der erleuctete patriotiſche fürft, der die alhambra gründete , deffen Namen nod in ihren fd on Neu und anmuthigſten Verzierungen glänzt , uud deffen Andenken geeignet iſt , die erhabenſten Erinnerungen bei denen hervorzurufen , die dieſe verfallenen Scenen reines Glanzes und Ruhmes betreten. Dbgleich reine Unters uehmungen ausgedehnt , und ſeine Ausgabeu uperine lich waren , war ſeine Sdablammer dennod ſtets geo fält, und dieſer deinbare Widerſprud gab Veranlaſ fung zu dem Gerüchte, er rep in der Zauberkäuften ba wandert, und beſtoe das Geheimuiß , gemeinere Metalle in Gold zu verwandeln. . Wer ſein häuslides Leben, wie es hier angedeutet iſt, beachtet, wird die natürlide Mira sie und die einfache Uldynie , welche den Ueberfluß la ſeine Sdaßlammer bragte, leicht einſehen.

yuref. Abul Hagis , De : Bollender

A

Der ulbam bra.

Unter des Statthalters Wohnung in der Alhambra iſt die Póniglide Moſchee, wo die mauriſchen Monarchen ifre Andadt im Stillen berridteten. Obgleid fle als fatholiſche Kirde gemeint ift , bat fie dod nod Spuren thres moslemitifden Urſprungs ; die farazeniſden Säulen mit ihren vergoldeten Kapitálern , und die vergitterte Galerie für die Frauen ſind voch zu ſehen, und die apo pen der mauriſchen Könige ſind auf den Mauern mit denen der Faſtiliauiſden Monarqen permiſcht, An dieſem heiligen Ort ſtarb der berühmte Yuſel Abul Bagig , der bocherzige Färft , welcher die ulham . bra ausbaute , und der wegen ſeiner Tagenden und Las lenten faſt gleichen Ruhm derdient, wie ihr edler Grün. der. Mit freuden entreiße id dem Dunlel, in welchem er allzu lange geblieben iſt , den Namen eines zweiten Dieſer Fürſten , eines verſchwundenen und faſt vergeſſenen Geldledts, welder in Zierlid Peit und Glanz iu Andas luften berridhte, während ganz Europa vergleidungsweiſe in Barbarei perſunfen war . Yuſef Abul Sagig ober , wie es zuweilen geforie. det wird, Sarid) beſtieg im Jahr 1333 den Thron von Granada , und ſeine perſönliche Erſcheinung und ſeine geiſtigen Eigenſdaften waren der Urt , daß er ſich aller

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Herzen gemann , und eine gitige und regenreiche Regies rung verſprach. Er hatte ein edles Neußere , Pörperlide Kraft, mit mänulicher Schönheit gepaart ; ſeine Geſlatos farbe war ungemein ſchön , und er erhöhte , den arabis lchen Geſchidtſdreibern zufolge , die Würde und Majes Måt ſeiner Erſcheinung dadurch , daß er ſeinen Bart za einer bedeutenden Långe wadſen ließ , und ihn ſowarg färbte. Er hatte ein trefflides mit Sdåpen des Wiffeus und der Gelehrſamkeit ausgerüſtetes Gedäøtniß ; er war lebendigen Geiſtes , galt für den beſten Did ter ſeiner Seit und war anmuthig , zugänglich und fein in ſeinem Benehmen . Yuſef beſaß den , allen edlen Geiſtern ges meinſchaftlichen Muth ; aber rein Geiſt war mehr für den Frieden als für den Krieg gebildet, und er war bei den wiederholten Gelegenheiten , wo er zu den Waffen greifen mußte , gemdhnlich auglüdlid . Er nahin die Milde reines Charaftert mit in das Kriegsleben hin: über , verbot alle muthwilige Grauſamkeit , und befahl den Frauen und Kindern , den Bejahrten und Kranten, und allen Mouchen und Perſonen eines frommen und abgezogenen Lebens Gnade und Schuß angedeihen zu laffen . Unter andern unglücklichen Unternehmungen bes ganu ar auc , in Verbiudung mit dem König von Mas rocco, einen Feldzug gegen die Könige oon Caſtilien und Portagal, wurde aber in der dentrürdigen Schladt von ein großer Unfall , welcher der Salado geſchlagen , Macht der Moslemin in Spauien beinahe der Todeso ftoß gegeben hätte. Yuſef erfreute Rido nad dieſer Niederlage eines lan. gen Baffentiaftandes , waprend welder Seit er fich dem

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Uuterricht ſeiner Unterthanen und der Verbeſſerung ihres geifigen Zuſtandes und ihrer Sitten weihte. Zu dies ſem 3 med errichtete er in allen Dörfern Schulen , und führte eine einfache und gleichförmige Methode der Ers ziehung ein ; jeder Weiler, der aus mehr aló zwölf Hãn : ſern beſtand, mußte eine Moldee haben ; die Mißbräude und Unziemlid Peiten , welche ſich in die Religiousfeier, die Feſte und öffentlichen Vergnügungen des Bolfes ein : geldlichen hatten, verbot er ſtreng. Er hatte ein wach : fames Auge auf die Polizei der Stadt , Belite Nartta mådoter und Streifmaden auf , und beanfildytigte alle Rádtiſoen Ungelegenheiten. Seine Aufmertiamfeit war auch auf die Vollendung der großen Bauwerke , welde feine Vorfahren begonnen hatten , und auf die Errich tung anderer nach ſeinen eignen Planen, gewendet. Die Ulhambra , welche der gute Abu Ulahmar aegründet batte, wurde jekt vollendet. Yuſef ließ das roðue Thor der Gerechtigkeit bauen , welches den Baupteingang zur Beſte bildet, und das er 1348 vollendete. Er ſdomůdte aach viele Şöfe und Såle des Palaſtes , wie die Jus ſchriften an den Wänden bereiſen, ivo fein Namen öfter porfommt . Er baute endlich den edlen Alcazar oder die Citadele bon Malaga , unglüdlidertreiſe ießt eine bloße Maſſe zerbrödelter Trümmer, wahrſcheinlich aber in ihrem Innern einſt eben fo zierlich und practvol , wie die Alhambra. Der Genius eiges Fürſten drådt ſeiner Zeit ſeinen Charakter auf. Die Edlen Granada's ahmten Yuſefs zterliden und anmuthsvollen Geſchmad nad , und falls ten die Stadt Granada bald mit pragtvollen Palaften,

308 deren Sile mit Mofail gepflaſtert , die Wände und Deden mit Bildnerarbeit geziert und fchon vergoldet, und mit himmelblau , roth und andern glänzendeu far. ben ausgemalt , oder mit Cedern und andern Poftbaren Bolzarten fein ausgelegt waren, wovon noch Spureu in ihrem ganzen Glanze aus dem Strudel der Jahrhaa. derte gerettet worden ſind. Diele von den Häuſeru hat ten Brunnen , melde Waſſerſtrahlen derſprißten , um die Luft zu fühlen und zu erfriſden. Sie hatten auch hohe Thürme von Solz oder Stein , feltfam verziert und ges lomadt, und mit Metallplatten belegt , welde in der Sonne glänzten. Der Urt war der zierliche und dere feinerte Geſchmac in der Baulunft , der unter dieſem eleganten Volle herrſchte, so daß, um das ſchöne Gleich, niß eines arabiſchen Schriftſtellers zu gebraugen : « Gra: nada in Yaſefs Tagen eine Silberoaſe war , gefüllt mit Smaragden und Spazinthen. » Eine Anecdote wird hinreichen , den Edelmuth dieſes treffiden Fürſten zu zeigen . Der lange Waffenſtilſtand , der auf die Schlacht von Salado gefolgt war , ging zu Ende, und alle Bemühungen Yuſefs , ihn zu verlängern , war dergebens. Sein Todfeind, Ulonzo XI. von Kafti. lien , 30g mit einer großen Macht in's Feld, und belas gerte Oibrattar. Yuſef griff widerſtrebend zu den Wafe fen , und (didte Truppen zum Entſaß dieſes Plaßes, als er inmitten reiner Befümmerniß die Nadridt ers hielt", ſein gefürchteter Feind ren plöblich als ein Opfer der Peſt geſtorben . Statt Freude bei dieſer Gelegewe beit an den Tag zu legen , erinnerte Yuſef an die gláng zenden Eigenſchaften des Verewigten , und war eines

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edelu Kammers voll . Uchin ſagte er, « die Welt hat einen ihrer trefflichſten Fürften verloren , einen Fürſten , der das Verdienſt in dem Feind wie in dem Freuud zu ehren wußte. » Selbſt die ſpaniſchen Gedichtſchreiber enthalten Zeugniffe von ſeinem großmüthigen Charakter . Fhren Nachrichten zufolge theilten die mauriſden Ritter das Gefühl ihres Könige, und legten Trauer wegen Alonzo's Cod an. Selbſt die oon Gibraltar , die ſo eng umzinc, gelt waren , beldloffen unter fich , als ſie hörten , der feindliche Monard liege todt in ſeinem Lager, daß feine feindſelige Bewegung gegen die Chriſten gemacht werden ſolle. Un dem Tage, an weldem das Lager abgebrochen ward , und das Heer, Alonzo's Leiche tragend , ab ;08 . tamen die Mauren in Sdaaren von Gibraltar , und ſahen ſtumm und betrübt auf den Trauerzug . Dieſelbe Ehrfurcht vor dem Hingeſchiedenen berrieſen alle mau riſchen Befehlshaber an den Grenzen ; fie ließen das Trauergeleite, das die Leidse des driftliden Königs vou Gibraltar nad Sevilla brachte, ruhig ſeines Weges ziehen * ). Yuſef überlebte den feind , den er ſo edel bemeint * ) „Y los moros que estaban en la villa y Castillo de Gibraltar , despues que sopieron que el Rei Don Alonzo era muerto , ordenaron entresi que ninguno non fuesse osado de fazer ningun mo vimiento contra los Christianos , nin mover pe lear contra ellos, estovieron todos quedos y des zian entre ellos qui aquel dia muriera un noble rey y Gran principe del mundo ." 24 44-47 .

370 hat, niet lange. Im Jahre 1851, måfrend er in der Pöniglichen Mordee der Ulhambra betete , ſtürzte ploss lich ein Wahnſinniger von hinten auf ihn , und ſtieß einen Dolch in ſeine Seite. Das Geſchrei des Königs 308 ſeine Waden und Höfinge zu feinem Beiſtande berbei. Sie fanden ihn in ſeinem Blate rcwimmen, und in Krämpfen. Er wurde in die Pönigliden Gemåder getragen , farb aber faſt augenblidlich. Der Mörder wurde in Stüde gehauen , und ſeine Glieder öffentliche verbrannt , um das wüthende Volt zufrieden zu ſtellen . Die Leide des Königs wurde in einem koſtbaren Grabmal von weißem Marmor beigefeßt, und eine lange Grabſchrift in geldnen Buchſtaben auf blauem Grund Derewigte ſeine Tugenden . Hier liegt ein König und Martyr , bon erlaudtem Geld lect, edel , gelehrt, und tagendhaft; berühmt wegen der Unmuth ſeiner Perſon und ſeiner Sitten, deſſen Güte, Frömmigkeit und Wohl: wollen in dem ganzen Königreiche Granada geprieſen wurde. Er war ein großer Fürſt, ein berühmter Feld: Herr , ein farfes Sdwert der Moslemin , ein ſtarker Fahnenträger unter den mådhtigſten Monarchen ,. u. . 1o. Die Moldee, welche einſt von dem Sterberuf: Du reff widerhalte, ſteht noch , aber das Grabmal, auf wel : dem reine Tugenden verzeichnet waren , iſt reit langer Seit verſchwunden. Sein Name bletbt in den Verzier rungen der Alhambra eingeſchrieben , und wird in Peter Verbindung mit dieſem berühmten Gebäude bleiben, das zu perſonern ſein Stolz und ſeine Freude mar.

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Die Relle .. Befehlshaberſdaft der alhambra . Das Innere der Alhambra . Der Thurm der Comares Gedanken über die mauriſde Herrſchaft in Spanien Die Haushaltung Der Flüchtling . Des Verfaſſers Gemad Die Alhambra im Mondlicte Beroobner der Alhambra . Der Löwenhof Boabdil el Chico . Erinnerungen an Boabdil Boabi Der Balcon . Das Abentheuer des Maurers . Ein Spaziergang auf die Hügel Dertlide Sagen . . Das Haus des Wetterhahns Sage von dem arabiſden aſtrologen Der barn der Prinzeſſinnen

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Sage von den drei rdðnen Prinzeſſauen Beſucher der Alhambra Sage vom Prinzen Ahmed al framel, oder der . Liebe # pilger . Sage von des Mauren Vermächtniß Sage von der Roſe der Alhambra, oder der Page und der Geierfalfe Der Veteran . Sage von dem Statthalter und dem Notar Statthalter Manco und der Soldat Sage von den zwei verſchwiegenen Statūeu . Muhamed Ahu Alahmar Yuſef ubul Hagig

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