Deutsche Reiterei in den Kriegen der Urzeit und des frühen Mittelalters bis zu Ende des Elften Jahrhunderts

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Deutsche Reiterei in den Kriegen der Urzeit  und des frühen Mittelalters bis zu Ende des Elften Jahrhunderts

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Ueberresten des Kriegers der Leichnam seines Pferdes ...
Trensen sehr ähnlich, aus zwei in der Mitte durch ...
war, um ebenda, entweder zur Verfolgung oder zum ...
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REITEREI

IN

DEN KRIEGEN DER URZEIT UND DES FRÜHEN MITTELALTERS

BIS ZU ENDE DES ELFTEN JAHRHUNDERTS.

ZWEI VORTRÄGE NACH QUELLENSCHRIFTEN,

GEHALTEN AM 13. JANUAR UND 18. MÄRZ 1876 IN DER MILITÄRISCHEN GESELLSCHAFT ZU KARLSRUHE VON

BECKER , RITTMEISTER UND COMPAGNIE-CHEF.

YB 25178

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KARLSRUHE . A. BIELEFELD'S HOFBUCHHANDLUNG.

1876.

DEUTSCHE

REITEREI

IN

DEN KRIEGEN DER URZEIT UND DES FRÜHEN MITTELALTERS

BIS ZU ENDE DES ELFTEN JAHRHUNDERTS .

ZWEI VORTRÄGE NACH QUELLENSCHRIFTEN,

GEHALTEN AM 13. JANUAR UND 18. MÄRZ 1876 IN DER MILITÄRISCHEN GESELLSCHAFT ZU KARLSRUHE

VON

BECKER , RITTMEISTER UND COMPAGNIE -CHEF.

LIBRARY OF TAX NIVERSITY

CALIFORNIA

KARLSRUHE . A. BIELEFELD'S HOFBUCHHANDLUNG.

1876.

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G. F

Zwei wei Tage des jüngstverflossenen Jahres , der Tag der Enthüllungsfeier des Hermanndenkmals und der acht hundertjährige Gedenktag der Schlacht bei Langensalza, haben auch in weiteren Kreisen die Aufmerksamkeit auf die Kriegsgeschichte deutscher Vorzeit gelenkt, die blau äugigen, blondhaarigen Helden der Urzeit und die ritter lichen Gestalten des elften Jahrhunderts in Erinnerung gebracht. Die Krieger des Mittelalters zeigen Familienähnlich keit mit denen der Urzeit , und mancher verwandte Zug lässt sich auch an den weniger verdunkelten Ahnenbildern unseres Volkes von dem einen bis zu dem andern Ge schlecht verfolgen. Neigung zu Ross zu kämpfen ist ein solcher Zug von Familienähnlichkeit. Zu allen Zeiten haben deutsche Männer , oft die edelsten Söhne des Volkes , sich durch Reitlust ausgezeichnet, durch Reiterleistungen im Kriege Ehre und Sieg gewonnen. Von den deutschen Reitern der Urzeit und des frühen Mittelalters soll hier Rede sein, auf flüchtigem Streifzuge durch die deutsche Geschichte bis zum elften Jahrhundert kriegerischer Ereignisse Erwähnung geschehen , welche Wesen und Wirken der Reiterei erkennen lassen . Berichte der Zeitgenossen und Aufzeichnungen der der Zeit nahestehenden Geschichtsschreiber sind die sehr ungleich, meist nur tropfenweise fliessenden Quellen; gan z dürre Zeitstrecken nöthigen sogar zu weiten historischen Sprüngen . I Becker , Deutsche Reiterei.

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So lange germanische Völkerschaften im Lande zwi schen Weichsel , Rhein , Donau und Meer unstät lebten , und wann immer Abenteuer- oder Beutelust Schwärme der bereits sesshaft gewordenen über die Grenzen der neuen Heimath hinaustrieb, zogen viele der kriegerischen Männer beritten ins Feld . Diejenigen Ansiedler , welche wegen Ungunst örtlicher Verhältnisse die Pferdezucht beschränken mussten, lernten ihre Stärke in das Fussvolk setzen ; bei anderen Gaugemeinden erhielt aber gedeihliche Pferde zucht die ursprüngliche Reitlust. Zumal die Waffenfähigen aus der Völkergruppe der durch Macht und Menge vor allen ausgezeichneten Sueven ¹) ―― angeblich vier und fünfzig Völkerschaften 2) , welche mindestens drei Vier theile , vielleicht sieben Achttheile aller Germanen aus machten ³) ―― kämpften stets mit Vorliebe zu Ross.

Das Ross hatte hohe Bedeutung für das Leben unserer Urahnen. Götterdienst, Aberglaube, Hochzeitsbrauch und Kriegersitte zeugen davon. Nach Vorstellung der Ger manen zogen der Kriegsgott und seine Schildmädchen auf feuerschnaubenden Rossen durch die Lüfte ; auf den Feldern blieb etwas Frucht stehen für Wodans Ross . Weisse, von jeder Arbeit fern gehaltene Rosse verkün deten als Vertraute der Götter durch ihr Gewieher im heiligen Haine den Schicksalsspruch ¹). Ein gezäumtes Pferd durfte unter den Hochzeitsgaben nicht fehlen, die der Mann dem Weibe darbrachte 5). Das Streitross be gehrte der edle Jüngling zur Kriegsausstattung von seinem Herzog ); diesem galt ein solches als werthvolles Geschenk der Befreundeten ) .

1) 2) 3) 4) 5) 6) 7)

Zuweilen wurde noch den irdischen

Strabo IV. 3 , 4. - Caesar d . b. G. 4, I. - Tacit. Germ. 38. Orosius 1 , 2. v. Wietersheim. Zur Vorgeschichte deutscher Nation . S. 50. Tacit. Germ. 10. Ebd. 18. Ebd. 14 . Ebd . 15.

3 Ueberresten des Kriegers der Leichnam seines Pferdes in das Grab mitgegeben ) , auf dass der treue Lebens gefährte bei den grobsinnlich erdachten Unsterblichkeits freuden, bei den Walhallakämpfen nicht fehle. In Baiern ist in einem Grabhügel der Menschenschädel auf einem Pferdekopfe ruhend gefunden worden ; in einem anderen Grabe ein aufrechtstehendes Pferdegerippe, wo durch ein Alterthumsforscher zu der Vermuthung geleitet ist , es wären Pferde lebendig begraben worden ). Ge beinreste von Pferden aus der Urzeit beweisen, dass die Thiere sehr klein gewesen sind 3) . In den Commentarien über den gallischen Krieg schildert auch Caesar die Pferde der Germanen als klein und unansehnlich, doch rühmt er ihre durch tägliche Uebung erzielte Leistungsfähigkeit 4) . Nach Angabe des Tacitus pflegten die Germanen ihre Rosse nur zur Vorwärtsbewegung und für geschlossene Rechtsschwenkung abzurichten, nicht nach römischer Weise in künstlichen Gängen zu tummeln 5) . Die Mehrzahl der Reiter verschmähte den Gebrauch des Sattels. Die Sueven sahen darin sogar Anzeichen schimpflicher Weichlichkeit, und trugen desshalb nicht Bedenken, wenn noch so schwach, die grösste Anzahl von Sattelreitern anzugreifen ) . Steig bügel kannten unsere Urahnen nicht. Zur Zäumung dienten Gebisse von Bronze oder Eisen, den jetzt gebräuchlichen

¹) Ebd. 27. 2) C.F. Riecke. Die Urbewohner und Alterthümer Deutschlands. S. 127. 3) L. F. Schulz. Die Deutschen Bd. 1 S. 114. Beschreibung der Ruhenthalischen Grabstätte. K. D. Hassler. Das alemannische Todten feld bei Ulm. S. 17 u. a. O. 4) Caesar, d. b. G. 4 , 2. "" ―――― sed quae sunt apud eos nata, prava atque deformia, haec quotidiana exercitatione , summi ut sint laboris, efficiunt . ,, 5) Tacit. Germ . 6. „,Equi non forma , non velocitate conspicui ; sed nec variare gyros in morem nostrum docentur: in rectum aut uno flexu dextros agunt ita conjuncto orbe, ut nemo posterior sit". 6) Caesar, d. b. G. 4, 2. „, — neque eorum moribus turpius quidquam aut inertius habetur , quam ephippiis uti. Itaque ad quemvis numerum ephippiatorum equitum quamvis pauci adire audent“. I*

Trensen sehr ähnlich, aus zwei in der Mitte durch Gelenk verbundenen Stücken bestehend und an den äusseren · Enden mit Zügelringen versehen ). Die Backenstücke des Zaumzeuges liebten die Germanen mit Metallplatten zu verzieren ) . Dass sie ihre Pferde zu beschlagen verstanden, beweisen die in einigen Gräbern aufgefundenen Hufeisen, welche sehr dünn und an den Stollenenden mit kleinen Stollen besetzt sind 3). Ein bei Ulm in vorchristlichen Ala mannengräbern gefundenes Hufeisen zeigt sieben Nagel löcher ; dasselbe ist zwölf Centimeter lang , an der Zehe nahezu vier , an dem einen erhaltenen Stollenende nur einen Centimeter breit ). Aus dem vereinzelten Vorkommen der Hufeisen kann aber nicht mit Sicherheit geschlossen werden, dass die Germanen in der Regel ihre Pferde be schlagen hätten . Ebensowenig berechtigen die noch seltener in Gräbern. angetroffenen Sporen 5), welche möglicherweise Beutestücke sind, zu der Annahme, es wäre bei den Germanen üblich gewesen einen solchen an ihrer sehr einfachen, aus einem Stück Fell bestehenden Fussbekleidung zu tragen. Sicher gestellt ist , dass bis zum zehnten Jahrhundert nur, ein Sporn, und zwar am linken Fuss getragen wurde ) . Mantel artiges Gewand von gewalktem Stoffe , ohne Naht und

1 ) Hassler. Das alemannische Todtenfeld bei Ulm. Tafel 1 Fig. 14 a. a. O. 2) Tacit. Germ. 15 . ,,Gaudent praecipue finitimarum gentium donis, quae non modo a singulis, sed publice mittuntur, electi equi, magna arma, 66 phalerae torquesque 3) v. Peucker. Das deutsche Kriegswesen der Urzeiten Bd. 2 S. 63. ,,Sie (die Hufeisen) haben sämmtlich die Eigenthümlichkeit, dass am Rande eine Vertiefung ― Coulisse - eingehauen ist, in welcher die Köpfe der Nägel ruhen". 4) Hassler. Das alemannische Todtenfeld bei Ulm. Tafel 1 Fig. 17 zeigt die Vertiefung nicht. 5) Ebd. Tafel I Fig. 10 - Dorow. Opferstätte und Grabhügel der Germanen und Römer am Rhein. S. 9 Tafel 2 Fig. 2 a. a. O. 6) San Marte. (A. Schulz). Zur Waffenkunde des älteren deutschen Mittelalters . S. 44 f.

5 ohne Knöpfe, mit Halsloch und Aermellöchern versehen , und Beinkleider von gleichem Stoffe, um die Lenden mit Zug und Riemen befestigt, machten den Anzug des Ger manen aus ¹). Hauptwaffe des Reiters der Urzeit war die Frame 2), der vorzugsweise zu Stoss und Hieb gebrauchte Speer, dessen Erz- oder Eisentheil einem mit der Schneide auf wärts gerichteten, schmalen Beil oder Meissel zu vergleichen ist. In der Regel ritt der Germane nur mit leichtem Holz schild gerüstet , meist ohne jede Kopfbedeckung 3) , auf seinem kleinen , zähen Ross gegen den Feind an. Aus nahmsweise reich gerüstet und bewaffnet , mit Helmen , eisernen Panzern, glänzenden Schilden, doppelschneidigen Wurfspiessen und grossen, wuchtigen Schwertern ausge stattet, traten, nach Plutarchs Darstellung, die Reiter der Cimbern ) den Römern entgegen. Die Cimbern , welche zu Ende des zweiten Jahrhun derts vor unserer Zeitrechnung düstere, wälderreiche Wohn sitze am ,,äusseren Meer" - die Halbinsel Jütland - ver lassen und sich südwärts Bahn gebrochen hatten, kämpften in beträchtlicher Anzahl zu Ross um den Besitz von Weide oder Ackerland in gesegneteren Gefilden. Auf der rau dischen Ebene sprengten neben dem gewaltigen Heer haufen des Fussvolkes fünfzehntausend Reiter in vollem Glanze daher 5). König Bojorich liess, in der Absicht die römischen Legionen auf das Fussvolk zu werfen , von der gesammten Reiterei eine Schwenkung ausführen . Diese Bewegung trug zwar nicht den Sieg ein, bekundet

1) v. Peucker. Das deutsche Kriegswesen der Urzeiten. Bd . 2 S. 70. Bekleidung eines im Torfmoor aufgefundenen Gerippes. 2) Tacit. Germ. 6. ,,Et eques quidem scuto frameaque contentus est". 3) Ebd. · Dio. 38 . ,,capitibus nudis pugnabant". 4) Plutarchus in vita Marii 25. ,,Galeas gerebant -. Loricis terreis erant exculti, accandidis micabant scutis, pro telo habebant singuli telum bipenne. Pede collato ingentibus utebantur , et gravibus gladiis. " 5) Ebd. ,,Equitum quindecim millia numero effuderant se splendide. "

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aber geregelte Kampfweise, liefert das erste Beispiel ger manischer Reitertaktik. Als die ein Menschenalter

später unter Ariovists

kecker Führung in Gallien eingedrungenen , meist sue vischen Kriegerschaaren hier gewonnene Wohnsitze wider die Römer behaupten wollten , eröffneten ihre Reiter durch neckenden Angriff den Kampf. Sechstausend derselben fochten in treuer Genossenschaft mit ebenso vielen leichten Fussgängern während fünf Tage siegreich gegen die Truppen Caesars. Jeder Reiter hatte einen, aus der ganzen Heeresmasse erwählten Fussgänger zu seiner besonderen Unterstützung, welcher für diesen Dienst wohlgeübt sein musste . Bei schneller Gangart erfasste der Geleitsmann die Mähne des Pferdes, um mit dem Reiter Schritt halten zu können. Kam es zu hartem Kampf, so schaarten sich die Fussgänger zusammen, gewährten alsdann in geschlos senen Haufen den Reitern Unterstützung oder Rückhalt. Auch wenn ein Reitersmann verwundet vom Pferde stürzte, eilte der Genosse zum Beistand herzu ¹). Andauernd enge Verbindung des einzelnen Reiters. mit einem Fussgänger ist germanische Eigenart . Eben so die Dragonerfähigkeit der Reiter, in gewandter Weise zu Fuss zu fechten , wenn Bodenbeschaffenheit oder Ge legenheit dies vortheilhaft erscheinen liessen. Sueven 2) und Tenchterer richteten desshalb ihre Pferde ab, ruhig an der Stelle stehen zu bleiben, wo der Reiter abgesprungen 1) Caesar d. b. G. 1 , 48 . ,, Genus hoc erat pugnae, quo se Germani exercuerant. Equitum milia erant sex, totidem mumero pedites velocissimi 'ac fortissimi , quos ex omni copia singuli singulos suae salutis caussa delegerant. Cum his in proeliis versabantur, ad hos se equites recipiebant : hi, si quid erat durius, concurrebant, si qui graviore vulnere accepto equo deciderat , circumsistebant : si quo erat longius prodeundum aut celerius recipiendum , tanta erat horum exercitatione celeritas , ut iubis equorum sublevati cursum adaequarent." 2 ) Ebd. 4, 2. „,Equestribus proeliis saepe ex equis desiliunt ac pe dibus proeliantur equosque eodem remanere vestigio assuefecerunt, ad quos 6 se celeriter, quum usus est, recipiunt 16

war, um ebenda , entweder zur Verfolgung oder zum Rück zug wieder aufsitzen zu können. Die Tenchterer waren ein Reitervolk in des Wortes voller Bedeutung. Vom Knaben- bis zum Greisenalter galt Reiten ihnen Lust. Ihrer Sitte gemäss wurden die Rosse das Erbe des tapfersten der Söhne . Kriegerischer Sinn zeichnete die Tenchterer gleichfalls aus ) . Vor den . stärkeren Sueven weichend, kamen sie mit den Usipeten, welche ihre Bundesgenossen waren ,

nach dreijährigem

Wanderzuge durch Germanien an den Mittelrhein ; bald darauf setzten sie nach Gallien über. Als Caesar ihnen hier das begehrte Land verweigerte, und mit schnell ge sammelter Streitmacht den Eindringlingen entgegentrat, warfen sich achthundert germanische Reiter kühn auf fünftausend der Gegner und brachten die meist gallische Reiterei, welche als die beste im römischen Heere galt²), beim ersten Anritt in Unordnung. Den Versuch dieser , sich aufs Neue zu setzen, vereitelten die Urdragoner dadurch, dass sie von den Pferden absprangen und flugs zu Fuss angriffen. Sie stachen dann hauptsächlich nach den Pferden. Viele der Feinde brachten sie zu Fall , die übrigen schlugen sie in die Flucht³) . Caesar übte durch schmählichen Ver rath blutige Rache an Tenchterern und Usipeten.

Doch

¹) Tacit. Germ. 32. ,,Tencteri, super solitum bellorum decus, equestris disciplinae arte praecellunt —. Sic instituere maiores , posteri imitantur Hi lusus infantium , haec iuvenum aemulatio ; perseverant senes. Inter familiam et penates et iura successionum equi traduntur : excipit filius non ut cetera maximus natu, sed prout ferox bello et melior." 2) Strabo IV. 4, 2. 3) Caesar. d. b. G. 4 , 12. „ At hostes , ubi primum nostros equites conspexerunt, quorum erat quinque milium numerus, quum ipsi non amplius octingentos equites haberent, quod ii, qui frumentandi caussa ierant trans Mosam , nondum redierant , nihil timentibus nostris , quod legati eorum paullo ante a Caesare discesserant atque is dies induciis erat ab his petitus, impetu facto celeriter nostros perturbaverunt. Rursus resistentibus consue tudine sua ad pedes desiluerunt , subfossis equis compluribusque nostris deiectis reliquos in fugam coniecerunt atque ita perterritos egerunt , ut non prius fuga desisterent, quam in conspectum agminis nostri venissent."



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die Mehrzahl ihrer Reiter, weil zur Zeit dieser Vorgänge zum Futterholen ausgezogen, entging der Metzelei und entkam zu den Sygambern. Diese germanische Völker schaft , welche an der Lahn und Sieg ihre Wohnplätze hatte, nahm die Flüchtlinge als Bundesgenossen auf, und verweigerte standhaft den Gesandten Caesars die ge forderte Auslieferung ihrer Freunde. Auch die Sygamber fochten in grösserer Anzahl zu Ross .

Zu einem Streifzuge in das Eburonenland auf

gefordert, sammelten sie schnell zweitausend Reiter '), welche in Gallien, von den Schätzen der Römer angelockt, das Lager Aduatuca zu überfallen versuchten. Caesars Angaben über Marsch und Kampf lassen erkennen, dass die Sygamber nach ächter Reiterweise richtigen Augen blick zu schneller That zu wählen, auch den gefährlichen

"

Reiterfeind, nämlich ungünstige Bodenbeschaffenheit , zu überwinden verstanden ). Doch an dem befestigten Lager scheiterte ihr Reitermuth. Im Heere Caesars dienten gleichfalls germanische Reiter. Vierhundert derselben befreiten bei Noviodunum die Römer aus misslicher Lage 3) .

Ueberlegenheit der

Gallier an Reiterei nöthigte Caesar , zur Zeit da er von allen seinen Verbindungen mit der Provinz und Italien abgeschnitten war, bei rechtsrheinischen , wahrscheinlich suevischen Völkerschaften Reiter anzuwerben. Die Pferde, welche sie mitbrachten , erschienen ihm nicht leistungs fähig , er liess , um Abhilfe zu schaffen , die Pferde der Tribunen , Ritter und Evocaten an die Germanen ver ¹) Ebd. 6, 35 . ,,Cogunt equitum duo milia Sigambri ; ―――― transeunt Rhenum navibus ratibusque 166 2 ) Ebd. ,, non hos palus in bello latrociniisque natos , non silvae morantur 166 3) Ebd. 7, 13. ,,Caesar ex castris equitatum educi iubet proeliumque equestre committit : laborantibus iam suis Germanos equites circiter CCCC submittit, quos ab initio secum habere instituerat. Eorum impetum Galli sustinere non potuerunt atque in fugam coniecti multis amissis sese ad 66 agmen receperunt

9 theilen ).

Auf den fremden Pferden sitzend , warfen sie

die tapferen Gegner. In den Commentarien über den gallischen Krieg sind wiederholt die Waffenthaten der germanischen Reiter rühmend erwähnt, welche , in ge schlossenen Geschwadern ansprengend , die Gallier zum Weichen zu bringen und durch schnelle Verfolgung den Sieg auszunützen verstanden , übrigens nicht vergassen gute Pferde zu erbeuten 2). Auch in der Entscheidungs schlacht bei Pharsalus waren unter den tausend Reitern Caesars Germanen , Kelten von jenseits der Alpen , wie Appian sie benennt ³). Im Jahre 16 vor unserer Zeitrechnung trugen Reiter der Sygamber, Tenchterer und Usipeten zu schmachvoller Niederlage des M. Lollius bei , eines Feldherrn , der die traurige Auszeichnung geniesst den Römern ein Super lativ von Schurke gegòlten zu haben. Die Reiterei der römischen Vorhut verfolgend , trafen sie gleichzeitig mit den Flüchtlingen bei den überraschten Legionen ein, griffen diese erfolgreich an ¹ ) , erbeuteten den ersten römischen Adler 5). Als wenige Jahre darnach Drusus mit einem Heere ¹ ) Ebd. 7, 65 . ,,Caesar - trans Rhenum in Germaniam mittit ad eas civitates, quas superioribus annis pacaverat, equitesque ab his arcessit et levis armaturae pedites, qui inter eos proeliari consueverant. Eorum ad . ventu, quod minus idoneis equis utebantur, a tribunis militum reliquisque, sed et equitibus Romanis atque evocatis equos sumit Germanisque distribuit." 2) Ebd. 7, 70. ,,Opere instituto fit equestre proelium in planitie. Summa vi ab utrisque contenditur. Laborantibus Caesar Germanos sub mittit . Tum Germani acrius usque ad munitiones sequuntur. Fit magna caedes -. Multis interfectis, compluribus equis captis Germani sese reci piunt. Ebd. 7, 80. ,,Quum a meridie prope ad solis occasum dubia vic toria pugnaretur, Germani una in parte confertis turmis in hostes impetum fecerunt eosque propulerunt 66 3) Appian d. b . civ. 2, 70. 4) Dio 54, 20. ,,Mox equitatum Romanorum, contra se missum , per insidias circumvenerant. Et a fugientibus, usque ad Lollium praefectum praeter opinionem suam pertracti, hunc quoque vicerant". 5) Vell. Paterc. 2, 97.

弱み

CALIFOR

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IO

heranzog, glaubten Sueven, Sygamber und Cherusker des Sieges so gewiss zu sein , dass sie sogar im voraus die Beute untereinander theilten. Die Cherusker, Anwohner des Harzes, erwählten die Pferde der Römer. Doch die Sache kam anders ; Drusus erbeutete die Rosse der Ger manen ¹).

Nach dem Tode dieses gefährlichsten Feindes unserer Urahnen , der bis zur Elbe vorgedrungen war und viele befestigte Werke in Germanien angelegt hatte, übernahm sein Bruder Tiberius den Oberbefehl. Dieser durfte sich später mit Recht rühmen durch künstliche Mittel mehr als durch Waffengewalt ausgerichtet zu haben . Unter handlungen brachten viele Völkerschaften zwischen Rhein und Elbe zur Ergebung, auch die Sygamber, diese wacke ren Vorkämpfer der Freiheit. Vierzigtausend derselben wurden nach Gallien verpflanzt, wo ihr Name noch nach Jahrhunderten Ehrenname der Franken galt. Um die Zeit der erzwungenen Auswanderung der Sygamber gaben die Markomannen ihre Wohnsitze an der fränkischen Saale freiwillig auf, und zogen in das Bojerland.

In Böhmen, wo sie sich niederliessen, schulte

König Marbod, welcher als Jüngling in Rom gelebt hatte, das gewissermaassen stehende Markomannenheer nach rö mischer Weise. Auch die geringe Anzahl von Reitern, nämlich nur viertausend neben siebenzigtausend Fuss gängern ), lässt das römische Vorbild erkennen. Marbod zeigte Kraft und Willen den Römern Widerstand zu leisten ; zur Waffenentscheidung kam es nicht. Tiberius , durch Aufstand der Pannonier und Dalmatier gezwungen vom Kriege Abstand zu nehmen, wusste als geschickter Unterhändler schnell mit Marbod Friede zu schliessen . 1) Florus 4, 12. ,, Cherusci equos - elegerant: sed omnia retrorsum . Victor namque Drusus equos ―――― eorum, ipsoque, praeda divisit, et vendidit". 2) Vell. Paterc. 2 , 109. ,, ~ exercitumque , quem LXX millium pe ditum, quatuor equitum , fecerat, assiduis adversus finitimos bellis exercendc , maiori, quam quod habebat, operi praeparabat".

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II

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Friede herrschte nun und Varus wurde sogar durch die Ruhe verführt unsere Vorfahren , an denen er „ nur Stimme und Glieder menschlich erfand " , als römische Thörichtes Beginnen , das Unterthanen zu behandeln. theuer zu stehen kam.

,,Die bei aller Rohheit höchst

schlauen Germanen“ hatten sich schon längst nach ihren verrosteten Waffen und müssigen Pferden umgethan '). Ob in wald- und sumpfreicher Landschaft, wo die Legionen des Varus niedergemetzelt wurden, die Reiterei zur Geltung gekommen, ist nicht bekannt. In den folgenden Kriegen , welche die Römer mehr zur Tilgung der Schande , als · Erweiterung ihrer Herrschaft oder des Gewinnes wegen führten , zeichnete sich dieselbe durch ihre Leistungen aus. Dann war stets Reiterei mit den germanischen Heer haufen und diesen zum Kundschafterdienst voran. Aus dem Schnauben von Rossen konnten die römischen Späher auf die Nähe der Feinde schliessen 2). In der letzten Schlacht des Rachekrieges, welche auf engem Gefechts felde am Steinhuder See (?) geliefert wurde, griff die, hinter Gehölz verdeckt aufgestellte Reiterei der verbündeten Cherusker und Angrivarier rechtzeitig in den Kampf ein, zeigte sich , wie aus den Worten des Tacitus zu schliessen ist , der römischen Reiterei überlegen ³). Dieser Krieg kostete viel Blut , aber nicht die Freiheit. Die Römer verliessen das Land. Von äusserer Gefahr befreit kehrten die Germanen die Waffen gegen einander.

Als ihre Fehden ausgefochten waren lag die vor nehmste Kriegsmacht der Römer, acht Legionen stark, am Rhein , gegen Gallier und Germanen , gleicherweise auf der Wacht. Doch meist zog das weltbeherrschende

1) Florus 4, 12 , — qui iam pridem rubigine oblitos enses , inertesque moererent equos -- duce Arminio arma corripiunt ". 2) Tacit. ann. 2, 12 ,, - suggressique propius speculatores audiri fremitum equorum inmensique et incondidi agminis murmur attulere". 3) Ebd. 2, 19 „ — equitem propinquis lucis texere, ut ingressis silvam legionibus a tergo foret". - Ebd. 2, 21 ,,Equites ambigue certavere "

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Volk vor, feindliche Keckheit mit ausländischem Blut zu bestrafen, und dieses war käuflich . Auch unsere Urahnen trugen den Römern die Haut zu Markt. Aber wie oft Germanen ihren starken Arm Fremden geliehen, bald aus Thatendrang, bald des Lohnes willen in anderer Herren Länder Kriegsdienste geleistet haben mögen , im Vater lande duldeten sie fremde Herren nicht, wenigstens nicht lange. Das Volk der Friesen , an der nordwestlichen Küste Germaniens sesshaft , war den Römern von des Drusus Zeit her zinspflichtig. Im Jahre 29 u . Z. erhob sich das selbe wider die herrsch- und habsüchtigen Steuerempfänger. Den Aufstand zu dämpfen wurden mit einigen Abthei lungen der am Rhein lagernden Legionen germanische Hilfstruppen , vorzugsweise Reiterei , darunter Cannine faten, gegen die Friesen entsendet . Die Friesen wussten aber in geregelter Schlacht stellung ebensowohl die feindlichen Brüder , wie die Le gionsreiterei abzuwehren, welche den zur Umgehung ver wendeten Canninefaten Beistand leisten sollte ¹). Ueber Stärke und Fechtweise der friesischen Reiter fehlen An gaben.

Dass die Friesen sich zahlreicher Reiterei be

dient haben ist um so mehr anzunehmen , als die nord westlichen Landschaften Germaniens, der Schilderung des Plinius entsprechend, trotz dünnen Rasens und sandigen Untergrundes , vortrefflichè Weiden für Pferde boten 2). So konnten auch die im Küstenlande von der Ems bis zur Weser wohnhaften , friedliebenden Chauchen , wenn es

I) Ebd. 4, 73. „ Quod ubi L. Apronio inferioris Germaniae pro praetore cognitum, vexilla legionum e superiore provincia peditumque et equitum auxiliarium delectos accivit - Atque interim repertis vadis alam Cannine fatem et quod peditum Germanorum inter nostros merebat circumgredi terga hostium iubet, qui iam acie compositi pellunt turmas sociales equi tesque legionum subsidio missos". 2) Plinii hist. natur. 17, 3 ,, - quid laudatius Germaniae pabulis ? et tamen statim subest arena tenuissimo cespitum corio".

13 noththat , ein an Mannschaft wie an Rossen zahlreiches Heer ins Feld stellen ¹). „ Nur wo ein Land viele und gute Pferde erzeugt , wird das Volk stets Vorliebe für die Reiterei haben ; der macht den guten Reiter, und tapfern Krieger zu berühmten Feldherrn 2)

stete Umgang mit dem Pferde der gute Reiter den gewandten Pferd." Dieser Ausspruch eines trifft auch für die Urzeit zu.

Während diejenigen Chatten, welche im gebirgigen Theil des heutigen Hessen, in einer der Pferdezucht wenig zu sagenden Gegend, angesiedelt waren, ihre Stärke in das Fussvolk setzen lernten, bewahrte ein Zweig des gleichen Volksstammes , der weidereiche Landschaft am Nieder rhein, die batavische Insel, zum Wohnplatz erwählt hatte, altgermanische Reiterneigung. Die unter dem Namen Bataver in die Geschichte eintretenden Chatten leisteten oft den verbündeten Römern durch ihre vorzügliche Reiterei wesentliche Dienste 3). Eigenthümlich war den batavischen Reitern , mit den Waffen und den Rossen an der Hand schwimmen zu können. In ganzen Geschwadern setzten sie über den Rhein ; in der Vorhut des von Germanicus befehligten Heeres über die Weser, wo die Strömung am stärksten war 4 ) . Als die Römer gegen die ihnen verbündeten Bataver anmaassend aufgetreten waren, Aushebungen geboten und sich hierbei Erpressungen und Schändlichkeiten erlaubt hatten, erhob sich das Volk wider seine Bedrücker. Civilis , ein Mann von königlichem Geblüt , trat an die Spitze der empörten Menge. Mit den Batavern gingen deren östliche Nachbaren , die nach Herkunft , Sprache 1) Tacit. Germ. 35 ,,Prompta tamen omnibus arma, ac, si res poscat, exercitus, plurimum virorum equorumque 11 2) Des Feldmarschalls Grafen Radetzki. 3) Tacit. hist. 4, 17. 4) Ebd . 4 , 12. ,,Erat et domi delectus eques , praecipuo nandi studio arma equosque retinens integris turmis Rhenum perrumpere". ――― Tacit ann. 2 , II .

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und Tapferkeit ihnen gleichen Canninefaten ; als Reiters leute bereits genannt.

Auch die Friesen schlossen sich

der Bewegung an. Die ersten Waffenerfolge im Jahre 69 u. Z. machten Civilis noch kühner ; die aus dem engeren Vaterlande verdrängten Römer wollte er nun aus ganz Gallien vertrieben wissen. Diese stellten mit ihren Le gionen Hilfstruppen der Ubier , trevirische Reiterei und einige noch ergeben scheinende batavische Reiterhaufen ins Feld . Auf der Wahlstatt gingen die letzteren zu ihren Landsleuten über , die Trevirer wurden geworfen, das Römerheer musste nach Vetera Castra flüchten. Die gemeinsamen Feinde im Lager anzugreifen, gesellten sich Bructerer und Tenchterer den Schaaren des Civils zu. Auf die Nachricht, dass vom Oberrhein her Legionen im Anmarsch wären um das belagerte Römerheer zu ent setzen , schickte Civilis einen Theil seiner Streitmacht diesen entgegen, darunter die brauchbarsten der Germa nen. Zwischen Xanten und Neuss lagernde römische Truppen wurden überfallen. „ Ein Schlachten war's, nicht eine Schlacht zu nennen ", als Zuzug plötzlich Wendung der Lage, ja Niederlage des Fussvolkes der Verbündeten herbeiführte. Doch die schnelle Reiterei entging den im Rücken erschienenen Cohorten, zog mit Gefangenen und eroberten Feldzeichen ab ¹). Im batavischen Kriege spielte die Reiterei immer hervorstechende Rolle , denn selbst als Civils genöthigt war sich auf kleinen Krieg zu be schränken , konnte er noch durch geschickte Benutzung seiner leichten Reiterei den Gegnern Abbruch thun. Dann gelang es auch den Trevirern unter Führung des mit Civilis verbündeten Classicus der nach Neuss entsendeten römischen Reiterei ein glückliches Gefecht zu liefern 2). 1 ) Ebd. 4, 33 ,,Caedes inde, non proelium". ――― ད་ eques evasit cum signis captivisque, quos prima acie corripuerant“. 2) Ebd. 4, 79 " Classicus quoque adversus Novaesium a Ceriale praemissos secundum proelium fecit : quae modica sed crebra damna famam victoriae nuper partae lacerabant."

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Die Trevirer, ein germanisches Volk, das sich schon. in früherer Zeit in der Moselgegend niedergelassen hatte und hier germanischer Sitte treu blieb ') , stellten zahlreiche und gute Reiterei ins Feld. Zu Caesars Zeit standen die trevirischen Reiter im Ansehen ausgezeichneter Tapfer keit ) ; im batavischen Kriege bewährten sie diesen Ruf. Nach dem Friedensschluss mit Civilis nicht stark genug gegen die Bundesgenossen der Bataver angriffsweise vor . zugehen, beschränkten sich die Römer darauf, Streifzüge germanischer Abenteuerer über gallisches Gebiet hin und wieder durch kurzen Verheerungszug an rechtsrheinischer Landschaft zu rächen . Erst Trajan dachte wieder an Eroberungen und überschritt den Rhein mit einem Heere, konnte aber nur die Einrichtung des schon früher römi schen Grenzlandes befestigen. Seine Nachfolger liessen sich an Sicherstellung des Reichsgebietes genügen. Ha drian verstärkte desshalb die lange Befestigungslinie von Cöln bis Kehlheim , welche das Rheinthal bis zur Lahn, das Flussgebiet des Neckar , den Schwarzwald und die rauhe Alp gegen die „, Barbaren" abschloss. Bei den Germanen wirkte Kriegslust immer neue Gährung. Zuvor hatten sich in den Gefolgeschaften kecker und siegreicher Herzoge streitbare Männer verschiedener Gaugemeinden zu Raubzügen vereinigt. Im zweiten Jahr hundert verbanden sich grössere Heerhaufen zu gemein samer Unternehmung. Im Jahre 167 griffen Markoman nen , Quaden , Hermunduren, Langobarden und andere, meist der suevischen Gruppe angehörige Volkshaufen im Verein mit sarmatischen Nachbaren die römische Donau linie an . Ihre Schaaren überschwemmten Pannonien , und drangen über die Alpen bis Aquileja verheerend vor.

1) Tacit. Germ . 28. 2) Caesar d. b. G. 2 , z4 ,, equites Treviri , quorum inter Gallos virtutis opinio est singularis" - Ebd. 5, 3 ,,Haec civitas longe plurimum totius Galliae equitatu valet σε

16 Der erste Vorstoss eröffnete jahrelangen , wechselvollen Krieg; nach Angabe des Vellejus den grössten, welchen Rom bis auf seine Zeit geführt hat. Nicht den buntge mischten Söldnerheeren , aber der Unterhandlungskunst und dem Golde der Römer gelang endlich die Völker fluth in die alten Grenzen einzudämmen. Einzelheiten, welche über den Antheil der Reiterei an den kriegerischen Ereignissen Aufschluss geben könnten , sind uns nicht überliefert . Aus den von Dio aufgeführten Friedensbe dingungen für die Quaden ist zu ersehen , dass den Römern Pferdeheerden gestellt werden mussten¹). Dieses Zeugniss über Pferdereichthum des von den Quaden be wohnten Landes Mähren, und die aus dem vierten Jahr hundert stammende Nachricht , welche noch des Näheren beigebracht werden soll, dass die Quaden dann ein Reiter volk waren , machen wahrscheinlich , dass sie bereits in diesem Kriege mit zahlreicher Reiterei aufgetreten sind. Einzelfriedensschlüsse sprengten den im Markomannen kriege mächtigen Bund der Germanen . Bald entstanden neue, engere Verbindungen. Im dritten Jahrhundert erscheinen die früher selbst ständigen Gaugemeinden in grossen Eidgenossenschaften oder Völkervereinen, deren Gesammtname die Einzelnamen jener in Vergessenheit gerathen liess. Auch andere Ger manenstämme , welche zuvor keine Rolle im bekannten Völkerleben gespielt, treten dann in den Vordergrund des geschichtlichen Schauplatzes. Unter Caracalla wird der Alamannenbund zum ersten

mal genannt. Den Kern dieses , anfangs in der Main gegend auftretenden Bundes machten suevische Waffen genossenschaften aus. Allmälig schlossen sich demselben Theile stammverwandter und benachbarter Völkerschaf ten an. Durch Verbindung mit keltischen Ansiedlern des rechtsrheinischen , römischen Vorlandes wurden die

1 ) Dio (Xiphilinus) 71 .

17

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Alamannen

ein Mischvolk .

Trotzdem erhielt sich bei

demselben , über die Einverleibung in das Frankenreich hinaus , altgermanische Vorliebe für den Reiterdienst. Die Nachrichten , welche uns über die Kriege der Ala mannen erhalten sind , bestätigen vollkommen den Aus spruch des Aurelius Victor , der sie ein im Kampf zu Ross bewunderungswürdiges Volk nennt '). Während die Alamannen das römische Vorland be drängten , auch mit ihren Schaaren die Richtung auf Rhätien und Italien einschlugen, wählten anfänglich klei nere, dann grössere Kriegerhaufen der Franken vornehm lich das nördliche Gallien zum Angriffsziel. Franken, d. h . die Freien , Frechen oder Kühnen , war der Wahlname

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unter welchem sich germanische Völkerschaften am Nieder

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rhein bis zur Weser zusammengethan hatten . Oft durch zogen auch Frankenschaaren ganz Gallien ) und die

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Schnelligkeit mit welcher ihre Raubzüge in der Regel ausgeführt wurden, lässt vermuthen, dass sie sich zu diesen

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Unternehmungen der Reiterei bedient haben.

Mit karger

Hand geschriebene Geschichte der Frankenzüge giebt nicht Aufschluss hierüber.

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Von den Gothen dagegen, diesem östlichsten und somit letzten und jüngsten der germanischen Stämme, welche in vorhistorischer Zeit von den Steppen Asiens -- dem grossen Vorrathshause der Reitervölker --- über die Weichsel vorgedrungen, bezeugt unverdächtige Ueber lieferung, dass sie, wie bei dem Eintritt in die Geschichte , Jahrhunderte hindurch , auch in enger Verbindung mit fremden Völkern der eigenen Sitte treu, die Stärke ihrer Heeresmacht in die Reiterei gesetzt haben . Zur Zeit da Alamannen und Franken gen Westen drängten, breiteten sich gothische Völkerschaften mit ¹ ) Aur. Victor , de caes. 21 (Caracalla) Alamannos, gentem popu losam, ex equo mirifice pugnantem , - devicit." 66 2) Vopisc in Aureliano 7 ,, — cum vagarentur per totam Galliam Aur. Victor, de caes. 33. Becker, Deutsche Reiterei. 2

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ihren Stammverwandten, den Gepiden und Vandalen, bis zu den Küstenländern des schwarzen Meeres aus. Die Grenzprovinzen der Römer beunruhigend , geriethen sie häufig in Kriege mit diesen. Claudius gelang es im Jahre 269 den bis dahin siegreichen Gothen eine Niederlage beizubringen und von ihnen Pferde zu erbeuten , deren Schönheit die Römer in Erstaunen versetzte ; namentlich die Stuten gefielen ihnen ¹) . Die Gothen liebten ihre edelen Rosse mit reichen Zaumzeugen zu schmücken. Schwert und Lanze waren die Hauptwaffen der Reiter, die sich des von frühe an allen östlichen Stämmen eigen thümlichen, runden Schildes bedienten 2). Die Vornehme ren des Volkes trugen kurze Pelzmäntel über dem Linnen gewand, und Stiefel aus Rosshäuten gefertigt . Eine Kappe von Thierfell machte die Kopfbedeckung aus 3). Die Sitte mit sehr zahlreicher Reiterei ins Feld zu ziehen , zeigt sich auch bei der vom Hauptstamm abge zweigten gothischen Völkerschaft der Juthungen, welche mit Markomannen und Alamannen in Italien verheerend einbrach. Nachdem Aurelian diese Gegner über die (obere) Donau zurückgedrängt hatte , kam es zu Friedensunter handlungen , bei welchen die Juthungen besonders her vorhoben , dass sie keineswegs gezwungen wären Friede zu schliessen, da noch ein ganzes Heer erprobter Reiter, ,,ächte Juthungen", den Kampfwieder aufnehmen könnten¹). Die Vandalen ,

vor dem Wanderzuge nach Süden

an der Küste der Ostsee , im heutigen Pommern und Mecklenburg sesshaft, ursprünglich ein Volk mit den Gothen, entsendeten gleichfalls ihre Reiterheere wider die

¹) Treb. Poll, in Claud. 9 ,, quid equarum, quas forma nobilitat, Celti carum ?" 2) Tacit. Germ. 43. 3 ) Apoll. Sidon. 7, 454-457. - Veget. d. re militari 1, 20. 4) Excerpta e Dexippo ,, Trecenta equitum millia in pugnam educimus, quae non ex convenis , aut imbecillibus , sed ex Juthingis pure constat, quos equestri proelio praestare pure frequens fama est. 11

-

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Römer. Schwert und Lanze waren die Hauptwaffen der Vandalen , welche ausschliesslich zu Pferde¹) zu fechten pflegten, und bis zur Zeit ihres Untergangs dieser Sitte treu blieben. Aurelian schloss Friede mit ihnen. Sie mussten den Römern zweitausend erlesene Reiter als Hilfstruppe stellen 2), behaupteten aber, gleich den Gothen, die in Dacien eingenommenen Wohnplätze. Kaum war Aurelian ermordet, da durchbrachen Fran ken und Alamannen abermals die römische Grenzwehr und bemächtigten sich viele Städte Galliens. Probus zog mit einem zahlreichen Heer dahin. Sein Waffenglück war gross : er brachte den Gegnern schwere Verluste bei und trieb den Rest der fränkischen Schaaren über den Rhein , die Alamannen über den Neckar und die rauhe Alp zurück. Fränkische Gefangene wurden nach Thracien versetzt, sechszehntausend Alamannen zu fünfzig und sechs zig in römische Heeresabtheilungen eingestellt. Neun ala mannischen Herzogen wurde aber gegen die Verpflich tung Abgabe zu entrichten und erforderlichen Falls Kriegs dienste zu leisten , die Niederlassung im Grenzlande Baden - gewährt. Probus konnte im Jahre 278 an den Senat berichten, dass fortan die alamannische Pferdezucht der römischen Reiterei zu gut kommen werde³). Abge sehen von dem erwähnten Lob gothischer Pferde, beweist schon dieser Bericht des Probus, dass zu Ende des dritten Jahrhunderts die Rosse der Germanen den Römern be gehrenswerth erschienen . Der zu den Zeiten des Caesar und Tacitus unansehnliche Pferdeschlag muss also sehr veredelt worden sein , da nicht anzunehmen ist , dass die

"

Anforderungen der Römer an ein Reitpferd früher grössere gewesen wären. Nicht lange stellten die Alamannen als

1) Procop. d. b. Vand. 1 , 8. 2 ) Excerpta e Dexippo . "",Vandali Romanis bis mille equites auxi liarios ex foedere suppeditabant 1s 3) Vopisc. in Probo 15 ,, - equinum pecus nostro iam fecundatur equitatui." 2*

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Lehenleute und Zinsbauern den Römern Kriegsrosse , Ge spanne und wahrscheinlich auch Postpferde ), deren latei nischer Benennung ( paraveredi) unser, hier so häufig ge brauchtes Wort Pferd entlehnt ist . Bald nach dem Tode des Probus nahmen sie im Bunde mit den Burgundern , welche im beweglichen Treiben germanischer Völker schaften aus östlichen Wohnsitzen verdrängt , sich am unteren Main niedegelassen hatten , die Feindseligkeiten wieder auf. Erst im vierten Jahrhundert , nach Constantin des Grossen Tode , als Thronzwistigkeiten , durch Theilung des Reiches hervorgerufen, die Römermacht geschwächt hatten , schien günstige Gelegenheit für die Alamannen herbeigekommen sich auf fremdem Boden behaupten zu können. Dem Constantius gelang zwar mit zwei ihrer ,,Fürsten" Friede zu schliessen , doch die Ruhe währte nicht lange. Auch ein anfänglich ungünstiger, dann aber glücklicher Kampf des römischen Feldherrn Arbetio mit der alamannischen Völkerschaft der Lentienser (Linzgauer), deren Reiter , wenn mit ihren Pferden niedergestreckt, noch als Leichname auf dem Rücken der Thiere fest sassen²) , hemmte keineswegs nachhaltig die Kriegslust des Reitervolkes der Alamannen. Julian musste bald darauf in Gallien , weil alamannische Heerhaufen die Römer umgangen und zwei Legionen der Nachhut er folgreich angegriffen hatten , überall den Hinterhalt der beweglichen Feinde fürchten . Trotz eines ungünstig aus gefallenen Treffens (bei Brocomagum - Brumat) forder ten diese gebieterisch , die Römer sollten das von ihnen eroberte Land verlassen .

„ König“ Chnodomar, ein zwei

ter Ariovist, verstand im Jahre 357 germanische Gefolge schaften und Volkshaufen zu vereinigen. Mit fünfund

1) Mone, Urgeschichte des badischen Landes Bd. 1 S. 227. 2) Amm. Marc. 15, 4 ,,Multique cum equis interfecti, iacentes etiam 6 tum eorum dorsis videbantur innexi 16

21 dreissigtausend Streitern trat er bei Argentoratum (Strass burg) den Römern zur Entscheidungsschlacht entgegen. Den Aufzeichnungen eines militärisch gebildeten Zeit genossen über diese Schlacht ist zu entnehmen, dass die Alamannen dann ihre vortreffliche Reiterei noch in gleicher Weise verwendeten, wie vierhundert Jahre zuvor Sueven und Tenchterer gethan hatten. Nach Ammians Angabe standen , als die Römer gegen den Rhein vorrückten, unfern des Flusses auf kornbewachsener Anhöhe (An höhen von Oberhausbergen) drei alamannische Reiter, welche, nachdem sie den Anmarsch beobachtet , davon eilten um zu melden ). Ein Fussgänger , der mit ihnen war, fiel den Römern in die Hände und sagte aus, dass die Germanen drei Tage und drei Nächte gebraucht hätten über den Strom zu kommen. Höchst besonnen stellten sich die Alamannen (bei Schiltigheim) zur Schlacht. Die gesammte Reiterei der Römer auf deren rechtem Flügel gewahrend , zogen sie ihre Geschwader auf den linken Flügel zusammen.

Auch mischten sie leichte Fuss

gänger unter die Reiter , welche den Pferden der ge harnischten Feinde von unten beikommen und dadurch den Reitern im Kampfe nützlich werden sollten ²) . Der Hauptmasse des Fussvolkes gaben sie auf dem rechten

" Flügel verdeckte Aufstellung ; hier wurden Gräben und Hohlwege besetzt. Chnodomar , der angesehenste und einflussreichste Anführer , befehligte die Reiterei. Mit feuerrothem Haarbusch auf der Kopfbedeckung , ausge zeichnet durch der Waffen Schönheit , sprengte er mit

1) Ebd. 16, 12. ,, — exercitus prope collem advenit molliter editum , opertum segetibus iam maturis , a superciliis Rheni haud longo intervallo distantem : e cuius summitate speculatores hostium tres equites exciti, subito nuntiaturi Romanum exercitum adventare , festinarunt ad suos 16 2) Ebd. ,, - equitatum omnem a dextro latere sibi vidissent oppo situm , quidquid apud eos per equestres copias praepollebat , in laevo cornu locavere confertum . Iisdemque sparsim pedites miscuere discursatores et leves , profecto ratione tuta poscente."

22 eingelegter Lanze auf schäumendem Rosse daher. Seinem Neffen Serapio, dessen Flaum noch nicht Bart zu nennen, war das Fussvolk unterstellt. Gegen dieses rückte Sever, der römische Feldherr, weil er Hinterhalt fürchtete, nur zögernd an. Als Julian , mit zweihundert Reitern her beigeeilt, die Römer durch Zuruf zum Vorgehen ermun tert hatte , glückte es denselben , das germanische Fuss volk aus vortheilhafter Stellung zu vertreiben. Indessen war die alamannische Reiterei zum Angriff vorgegangen ; sie jagte die römische in die Flucht '). Nur die Abthei lung eines Tribun vermochte Julian zum Stehen zu brin gen. Ohne Säumniss sprengten die alamannischen Reiter nun gegen das römische Fussvolk an²).

Lange blieb der

Kampf unentschieden. Unter Führung der Fürsten drang eine Schaar sogar bis zum Kern der Legionen vor und wahre Verschwender ihres Blutes kämpften die Ger manen um den Sieg . Doch ihr kühner Muth scheiterte an der Meisterschaft römischen Fussvolkes, zumal die im Solde der Römer stehenden Bataver und Heruler mit frischer Kraft in das Gefecht eingriffen . Sechstausend Alamannen fielen in der Schlacht ; die übrigen suchten schliesslich den Rhein zu erreichen und über den Strom schwimmend sich zu retten . Chnodomar entkam nicht, sein Pferd sank in dem weichen Boden des Ufers ein. Höchst vorsichtig wurde er umstellt. Zweihundert Ge treue folgten dem Fürsten in die Gefangenschaft. Unser Gewährsmann gedenkt noch eines Vorfalls, welcher zu der Vermuthung Anlass gegeben , alle An führer der Alamannen hätten bei Argentoratum zu Fuss gefochten. Als nämlich das germanische Fussvolk von den Römern bedrängt wurde, wollte dasselbe den Fürsten söhnen, deren zehn beim Heere waren, die Gelegenheit

¹) Ebd. "" equites nostri cornu tenentes dextrum , praeter spem in condite discesserunt 66 2) Ebd. „ Proinde Alamanni , pulsis disiectisque equitibus nostris , 42 primam aciem peditum incesserunt

23 zu schneller Flucht entzogen wissen und forderte mit wildem Lärmen, diese Jünglinge sollten von den Pferden absteigen und zu Fuss kämpfen. Chnodomar war der erste, der vom Pferde sprang.

Dass er dies that, durch

sein Beispiel jene zur Nachahmung veranlasste und so mit die Aufregung der buntgemischten , durch allerlei Versprechungen zusammengebrachten Menge ') beschwich tigte, ist wohl Zeugniss für die Klugheit dieses Mannes, beweist aber nicht, dass er und andere Reiterführer dar nach zu Fuss gekämpf haben.

An der Spitze der Ala

mannen, welche die wohlgeübten Cataphracter in die Flucht jagten , Reiter , auf deren Stärke und Erfahrung Julian seine Siegeshoffnung gesetzt hatte ), wird Chno domar wohl nicht zu Fuss einhergeschritten sein ³). Bei Argentoratum erlittene Niederlage lähmte nur für kurze Zeit die Kraft der Alamannen. ,,Fast aufge rieben wuchsen sie immer wieder zu neuer Macht." Die wechselvollen Kämpfe dieses kühnen, wilden Volkes mit

1) Ebd. 16, 12 ,, millia triginta et quinque , ex variis nationibus partim mercede, partim pacto vicissitudinis reddendae quaesita." 2) Zosim. hist. 3, 3. 3 ) Dies würde altgermanischer Kriegssitte widersprechen , welcher, wie der Schlachtbericht zeigt, die Alamannen in jeder anderen Beziehung treu geblieben waren. Könige und Herzoge der Urzeit werden von den Geschichtsschreibern als Reitersleute geschildert und einige Angaben stellen ausser Zweifel , dass sie zu Ross zu kämpfen pflegten. König Bojorich ritt mit kleinem Gefolge zum Lager des Marius (Plutarch . in vita Marii 25) ; Ariovist forderte , dass die Unterredung mit Caesar zu Pferde stattfinden sollte (Caesaris c. d. b. g. 1 , 43 ) ; Arminius kämpfte bei Idistavis zu Pferde (Tacit. ann. 2 , 17 ,,Medii inter hos Cherusci colli bus detrudebantur, inter quos insignis Arminius manu voce vulnere susten tabat pugnam. Incubueratque sagittariis, illa rupturus, ni Raetorum Vinde licorumque et Gallicae cohortes signa obiecissent . Nisu tamen corporis et impetu equi pervasit , oblitus faciem suo cruore , ne nosceretur. “) ; vor der Schlacht mit Marbod ritt er durch die Reihen seines Heeres (Tacit. ann. 2, 45 ) ; Inguiomer jagte auf der Wahlstatt am Steinhuder See umher (Tacit. ann. 2 , 21.) ; Civilis stürzte im Treffen mit dem Pferde (Tacit. hist. 4, 34 - Civilis lapsu equi prostratus — “).

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den Römern, welche theils in Gallien, theils diesseits des Rheins bei Solicinum (Schwetzingen) , am Berge Pirus (Heiligenberg bei Heidelberg) , zuletzt am Bodensee aus gefochten wurden, müssen hier übergangen werden, weil in den Berichten darüber die Reiterei nicht erwähnt ist. Aus dem gleichen Grunde die Kriegszüge der Franken, ,,der salischen“, welche in Batavien festen Fuss zu fassen versuchten , und die wiederholten Einfälle der Sachsen in das Römerreich. Schon zu den Zeiten Diocletians waren sächsische Abenteuerer auf kühner Seefahrt bis zu den Küsten der römischen Provinzen gelangt.

Nach

Vereinigung der Gaugemeinden zwischen Niederelbe und Weser

zu

einem

grossen Sachsenvolk brachen beute

lustige Schaaren desselben auch auf dem Landwege in Gallien ein.

Im Bunde mit Sarmaten streiften die Quaden von Mähren her gleichfalls in das Römerreich über , doch ohne Gewinn . Ein Zeitgenosse schildert die Quaden als den Sarmaten in Sitte und Kriegsweise sehr ähnlich. Sie führten lange Lanzen und pflegten auf schnellen und gewandten Rossen in aufgelösten Schwärmen zu fechten, während bei allen übrigen Germanen Sitte war in ge schlossenen Geschwadern gegen den Feind anzureiten. Die Quaden bedienten sich meist der Wallachen , um im Hinterhalt , überhaupt in der Nähe des Feindes , weder durch Geschlechtstrieb noch Gewieher der Hengste ver rathen zu werden. Auch nahmen ihre Reiter Handpferde in das Feld , auf dass im Fall der Ermüdung des einen, schnell ein anderes Ross bestiegen werden konnte¹) .

Mit

1) Amm. Marc. 17, 12. ,, equorumque plurimi ex usu castrati , ne aut feminarum visu exagitati raptentur , aut in subsidiis ferocientes, pro dant hinnitu densiore vectores. Et per spatia discurrunt amplissima sequen tes alios, vel ipsi terga vertentes, insidendo velocibus equis et morigeris, trahentesque singulos, interdum et binos, uti permutatio vires foveat iumen torum, vigorque otio integretur alterno."

1

25 Hornstücken schuppenartig besetzte Leinwandröcke ) , wie solche bei den Sarmaten in Gebrauch waren, machten den Anzug aus. In späterer Zeit bedienten sich auch andere germanische Völkerschaften ähnlicher Schutzklei dung. Das deutsche Heldenlied gedenkt der Recken in hörnerner Rüstung und noch im Jahre 1114 waren mit Heinrich V. vor Cöln deutsche Reiter, welche Harnische aus Horn trugen , undurchdringlich für Eisen , wie der Chronist angiebt ²). Die grösste Gefahr drohte dem Römerreich von den Gothen, welche trotz eines Friedensschlusses mit Kaiser Valens den Nachbaren feindlich gesinnt blieben. Der Gothenbund hatte gerade unter König Hermanerich die weiteste Ausdehnung und den höchsten Glanz erreicht, als im Jahre 376 die Horden der Hunnen, von Asien her beigekommen, zunächst gegen die Alanen anprallten. Von den Alanen , durch Gestalt und Haarfarbe als Germanen gekennzeichnet ,

waren,

wie an der Grenz

scheide der Völker zu geschehen pflegt, viele Sitten der Nachbaren angenommen worden. Doch keineswegs alle Lebensgewohnheiten dieses Volkes tragen fremdes Ge präge an sich. Unter anderen kann auch die Reitlust der Alanen für ächt germanisch gelten, zumal sich die selbe in gleicher oder ähnlicher Weise bei Sueven, Tench terern , Gothen , Vandalen und Quaden zeigt , überhaupt allen germanischen Völkern eigen gewesen zu sein scheint so lange sie auf der Stufe der Nomaden standen. Die Alanen ritten von den Knabenjahren an ; zu Fuss zu Die Pferdezucht gehen wurde für Schande erachtet. liessen sie sich daher auch besonders angelegen sein 3).

¹) Ebd. ,, - et loricae ex cornibus rasis et levigatis, plumarum specie 66 linteis indumentis innexae ―――― 2) Annal . Colon . m. "" qui loricis corneis ferro impenetrabilibus utebantur." 3) Amm. Marc. 31 , 2. 39 - maximeque equini pecoris est eis sollicitior 86 99 --cura. iuventus vero equitandi usu a prima pueritia coalescens , 66 incedere pedibus existimat vile 1

T 26

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Möglicherweise ¹) war das kleine, unscheinbare Pferd, von dem einst Gefangene den Römern erzählten, dass es acht bis zehn Tage lang täglich hundert Meilen (d . h. etwa einhundert und fünfzig Kilometer) zurücklegen könnte, ein alanisches. Die Römer warfen um dieses erbeutete Wunderthier das Loos.

Ob dasselbe dem Probus, seinem

neuen Herrn, die gerühmten Dienste geleistet, ist der Nachwelt nicht überliefert worden.

Die Alanen wurden von den Hunnen theils verdrängt, theils überwältigt. erlagen den Asiaten .

Auch die Greuthungen (Ostgothen) Vor diesen weichend , suchten Volks

haufen der Therwinger (Westgothen) Aufnahme bei den Römern. Nicht vergeblich boten sie für Wohnplätze auf den grasreichen Fluren Thraciens ihre Kriegsdienste an. Doch bald nach dem Donauübergange reizte üble Be handlung die Römergäste zum Aufstand. Umsonst ver suchten römische Heeresabtheilungen derselben Herr zu werden. Immer zunehmende Reitermenge ergoss sich über das Land. Endlich zog Kaiser Valens selbst aus entscheidenden Schlag zu thun. Am neunten August des Jahres 378 führte er sein Heer zur Schlacht. Hinter kreis

1

runder, wie „,gedrechselt" aufgefahrener Wagenburg stan den die Gothen bei Hadrianopel. Durch Friedensvorschläge versuchten sie die Römer aufzuhalten bis ihre Reiterei, deren Ankunft mit jedem Augenblick erwartet werden konnte, von einem Streifzuge zurück wäre . Zu rechter Zeit trafen denn auch die gothischen Reiter, darunter alanische, ein. Von Alatheus und Saphrax geführt , brachen sie blitz schnell aus den Thälern hervor. Wer ihnen in den Weg kam, wurde niedergeritten oder in die Flucht gejagt ²).

Reiterei

1) Vopisc. in Probo 8. "" -- sive ex Alanis sive ex alia gente incer tum est." 2) Amm. Marc. 31 , 12. ,, — et equitatus Gothorum cum Alatheo rever sus et Saphrace, Alanorum manu permista, ut fulmen prope montes celsos excussus , quoscumque accursu veloci invenire cominus potuit, incitata caede turbavit."

·

27

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eröffnete das Gefecht, wirkte zur Entscheidung und über nahm die Verfolgung an diesem Tage , dem unglück lichsten für die Römer seit jenem bei Cannae, doch ver derblicher in seinen Folgen. Die Mauern Hadrianopels und Constantinopels erwiesen sich zwar als unbezwingliche Feinde des Reitervolkes , dennoch herrschte Furcht im ganzen römischen Reich vor Allem was gothisch hiess, und im Frieden wurde den Siegern zugestanden nach ihren eigenen Sitten und Gesetzen im römischen Gebiet als Bundesgenossen zu leben. Nur während der Regie rung des Theodosius blieben die Gothen in diesem Ver hältniss ; nach dem Tode des Kaisers wurden sie aber mals gefährliche Römerfeinde. Bevor Alarich der Balthe mit dem Gothenheere nach Rom zog , brachen zu Anfang des fünften Jahrhunderts unter des Radagais Anführung von Norden her unge heuere Massen sarmatischer und germanischer Auswan derer , in der Mehrzahl gothischen Stammes , in Italien ein. Besser als diesen glückte den gen Westen vordrin genden Germanen der Angriff auf das erschütterte Römer reich. Vandalen , Alanen und suevische Völkerschaften überschritten den Rhein ; die Burgunder breiteten sich über das südöstliche Gallien aus ; die ,,salischen" Franken fassten nun endlich am linken Ufer des Niederrheins festen Fuss ; die Alamannen dehnten ihr Gebiet am Ober rhein über den Elsass aus .

An der Spitze der sich über

das Römerreich ergiessenden Germanen hielten diejeni gen Völkerschaften Einzug, deren streitbare Männer aus schliesslich oder in der Mehrzahl zu Ross zu kämpfen pflegten: Gothen , Vandalen, Alanen und Sueven. Nach Reiterart beweglich, zogen sie lange ruhelos umher.

Die

Gothen liessen sich nach ihrem Siegeslauf durch Italien im südwestlichen Gallien nieder, Sueven und Alanen gingen nach Spanien, die Vandalen sogar nach Africa . Das für den Entwickelungsgang germanischer Völker so bedeutungsreiche fünfte Jahrhundert bietet mit seinen

28 vielen kriegerischen Ereignissen nicht den geringsten Anhalt für unseren Zweck , denn selbst über die grosse Reiterschlacht auf den catalaunischen Feldern , zu der mit Römern und Hunnen die germanische Welt in Waffen stand , sind kaum mehr als Namen und Zahlen überliefert. Die Westgothen standen hier , als Bundes genossen der Römer , ihren Stammesbrüdern gegenüber und führten die Entscheidung herbei . Erst Attilas Tod machte die Ostgothen von der Hunnenherrschaft frei ; sie erwählten dann Pannonien zum Wohnplatz. In Ger manien blieben,

von der allgemeinen Völkerströmung

weniger berührt , die Friesen in ihren früheren Wohn sitzen, ebenso die Sachsen, deren Auswanderer den Weg Auch die ,, ripua nach Britannien genommen hatten. rischen“ Franken behaupteten im alten Chattenlande das Südlich der Sachsen und östlich der bisherige Gebiet . Franken, zwischen Harz und Donau, erscheinen nach der Völkerwanderung die Germanen unter dem Namen der Thüringer vereinigt ; neben den Alamannen, nördlich der die späteren Schwaben; zwischen Donau, die Sueven Alpen, Lech, Ens und Donau die Baiern. Fester als alle übrigen Auswanderer gründeten die salischen Franken in zuvor römischen Landen ihre Herr schaft. Von Glück begünstigt wuchs das schon von Chlodio bis zur Somme erweiterte Gebiet zu dem mäch tigen Reich Karls des Grossen.

Wie bisher an die römi

sche , knüpft mit Beginn des sechsten Jahrhunderts die Geschichte der hier in Betracht kommenden germanischen Völkerschaften an die fränkische an, und dieser folgend sollen nun die leisen Spuren des Lebensganges deutscher Reiterei weiter aufgesucht werden. Chlodovech (481-511 ) machte dem letzten Rest der Römerherrschaft in Gallien ein Ende, gewann durch Sieg über die Alamannen das Land zwischen Main und Lahn,

schränkte das gallische Gebiet der Westgothen auf einen kleinen Landstrich ein, zwang die Burgunder zur Tribut

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zahlung und vereinigte durch tückische Mordthat das Reich der ripuarischen Franken mit dem seinigen. Ueber Anzahl und Wirken der Reiterei in den Heeren Chlodo Dass der erste christliche vechs fehlt jede Angabe. Frankenkönig - freilich ein schlimmer Christ -―――――――― zu Pferde focht, geht aus der Erzählung Gregors von Tours hervor : der König wäre in der Schlacht bei Poitiers von zwei Gothen hart bedrängt worden , und hätte nur seinem Panzer und der Schnelligkeit seines Pferdes die Errettung aus der Gefahr zu verdanken gehabt¹). Vier Söhne theilten das grosse Reich Chlodovechs unter sich. Theoderich , dem ältesten , fiel der östliche, rein germanische Gebietstheil ―――――― Austrasien ――― zu. In dem Heere, welches er gegen die Thüringer führte, scheint die Reiterei zahlreich gewesen zu sein, gruben doch die Thüringer auf dem Felde , wo der Kampf stattfinden sollte, Löcher und bedeckten diese mit Rasen, um mittelst solcher Fallgruben sich der fränkischen Reiter zu er wehren ). Die gleiche List wurde im Mittelalter oft gegen Reiterei in Anwendung gebracht³) ; wenn dem Berichter statter Glauben geschenkt werden darf, zu Ende des zehnten Jahrhunderts einmal in sehr grosser Ausdehnung und mit so gutem Erfolge , dass zwanzigtausend Streiter Im Jahre 539 ging dadurch in Verwirrung kamen 4). Theodebert, der Sohn Theoderichs, nach Italien nur mit einer Leibschaar Berittener ; sein angeblich hunderttausend

1) Greg. Tur. 2, 37. ,,Sed auxilio tam loricae, quam velocis equi, ne periret exemtus est." 2) Ebd. 3, 7. ,,Thoringi vero venientibus Francos dolos praeparant. In campo enim , in quo certamen agi debebat , fossas effodiunt : quarum ora, operta, denso caespite, planum adsimulant campum. In has ergo foveas cum pugnare coepissent, multi Francorum equites conruerunt , et fuit eis valde impedimentum -66 3) Paul. Diac. de gestis Langob . 4, 45 . ―――― Reginonis chron. a. 887 - Annales Vedastini a. 886. 4) Richeri hist. 4, 83-85.

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Mann starkes Frankenheer bestand aus Fussgängern ¹). Auch in dem zwei und siebenzigtausend Mann zählenden fränkisch-alamannischen Heere, welches die tapferen ala mannischen Brüder Butilin und Leutharis im Jahre 552 nach Italien führten, kann die Reiterei nur schwach ver Agathias, der die Kampfweise der

treten gewesen sein.

Franken und Alamannen dieser Zeit schildert, giebt an, dass sie sich der Pferde wenig bedient hätten, alter Sitte gemäss im Kampf zu Fuss geübt gewesen wären 2). Sein Bericht³) über ein Gefecht im italienischen Kriege zeigt zwar, dass sich die Reiter des Beistandes der Fussgänger bedienten, lässt aber nicht die wechselseitige Unterstützung, nicht die treue Kampfgenossenschaft des einzelnen Reiters mit einem Fussgänger erkennen, jene enge Verbindung, welche noch zu Ende des vierten Jahrhunderts bei den Alamannen volksthümlich war. Als aus der Stadt Rimini dreihundert römische Reiter gegen eine Heeresabtheilung der Germanen vorgingen, welche, zweitausend Mann stark, aus Reiterei und Fussvolk zusammengesetzt war, zogen sich die umherschweifenden Reiter sogleich auf die Flügel des geschlossene Stellung annehmenden Fussvolkes zu rück, und erwarteten hier stehend den Angriff. List der Gegner lockte sie aus dieser Stellung. Die Römer er griffen nämlich zum Schein die Flucht. Nun stürmten die Reiter und ein Theil des Fussvolkes ordnunglos zur Verfolgung vorwärts. Doch auf verabredetes Zeichen wendeten die Feinde plötzlich um. Ohne sich weiter in ein Gefecht einzulassen und die mit ihnen vorgeeilten Fussgänger zu unterstützen flüchteten die germanischen Reiter unter den Schutz des in fester Stellung zurück gebliebenen Fussvolkes.

Verschwender ihres Lebens er

1 ) Procop. d. b. Goth. 2. 25 . 2 ) Agath. hist. 2 , 5 ,,Equis, nisi paucis admodum, non utuntur ; avito more et educatione ad pedestrem pugnam exerciti.“ 3) Ebd. 1 , 21 .

31 scheinen diese Reitersleute nicht, deren Anzahl allerdings nur gering gewesen sein mag. Waren sie ihren Vorfahren , den rohen Helden aus der Zeit des Caesar und Tacitus , in Thatkraft ungleich, so waren sie ihnen doch dem Aussehen nach sehr ähn lich.

Langes Beingewand aus Linnen oder Leder bildete

das einzige Kleidungsstück der Krieger , welche weder Panzer noch Beinschienen anzulegen gewohnt waren. Nur wenige hatten Helme, die meisten fochten baarhäuptig. Im Nothfall bedienten sie sich solcher Waffen , die ein jeder leicht selbst herstellen konnte. In der Regel ge hörten Schild, Schwert, die den Franken eigenthümliche zweischneidige Streitaxt Francisca und der Angon zur Ausrüstung ). Letzterer, ein Speer mit eisenbeschlagenem Schaft, nach Gräberfunden zu urtheilen etwa 130 Centi meter lang ) , wurde zum Wurf in die Ferne wie zum Handgemenge gebraucht.

Zwei nahe der scharfen Spitze

des Angon befindliche, rückwärts gekrümmte Haken soll ten jede Verwundung gefährlich machen und , wenn im Schilde des Gegners haftend , zum Niederzerren dieser Schutzwaffe dienen. Reich, ja prunkvoll gerüstet treten uns aus dem gleichen Zeitrahmen die Ostgothen entgegen. Zu Ross im Lanzenrennen wohl geübt, durch kriegerischen Muth und Uebermuth ausgezeichnet, bis zum letzten Verzweif lungskampf heldenhaft, zeigen die Ostgothen in Reiterart und Kriegsweise das Vorbild deutscher Ritter späterer Zeit. Theoderich , in der Geschichte der Grosse , in der

1) Ebd. 2 , 5 . ,,Loricas et tibialia plane ignorant , intecti caput pleri que, pauci galeati praeliantur. Pectus et terga nudi lumbos usque, inde feminalia induuntur, ad tibias descendentia, e lino alii, nonnulli e corio. ――― Enses a femore , a sinistro latere clypeus dependet; arcus , fundas, et quae alia eminus feriunt, non habent ; sed ancipites secures, (vulgo Fran ciscas , a gente cognominatas) et angones , maximorum operum instru menta. - ce 2 ) San Marte. Zur Waffenkunde des älteren deutschen Mittelalters S. 25 bringt bei : Lindenschmit, Hohenzollern - Sigmaringensche Sammlung.

32 Heldensage Dieterich von Berne (Verona) genannt, hatte im Jahre 489 die kriegslustigen Ostgothen aus Pannonien nach Italien geführt , wo Odoacer, ein Rugier, einst An führer der kaiserlichen Leibwache, nach Entthronung des letzten weströmischen Kaisers als Heerkönig herrschte. Sieger über diesen hielt Theoderich im Jahre 493 seinen Einzug in Ravenna und regierte von da ab drei und dreissig Jahre über das weite , Italien, Pannonien , Savien, Dalmatien , Noricum , Rhätien und einen Theil des süd östlichen Gallien (Provence) umfassende Reich.

Er , der

mächtigste König seiner Zeit , überzeugte seine Waffen gefährten , dass ein Reich durch dieselben Künste be wahrt werden müsse , durch welche es erworben worden. Nach seinem Beispiel strebten sie sich nicht nur in Hand habung der Lanze und des Schwertes , der Werkzeuge ihrer Siege, sondern auch im Gebrauch der Wurfwaffen hervorzuthun. Das bewegte Bild des Krieges wurde durch tägliche Uebungen und die jährliche Heerschau der gothi schen Reiterei immerwährend aufgefrischt ²). Nach Theoderichs Tode mussten die Eroberer ihr Besitzrecht auf Italien gegen die Feldherren des ost römischen Kaisers Iustinian vertheidigen. Auch die Fran ken gelüstete dann sich an ostgothischem Gebiet zu be reichern. Zur Belagerung Roms , wo sich Belisar fest gesetzt hatte, zog der Gothenkönig Vitiges im Jahre 537 mit einhundert und fünfzigtausend Streitern.

Die meisten

seiner Reiter waren gepanzert , ebenso deren Pferde²). In Italien hatten die Gothen ihre Volkstracht abgelegt und besonders die Reiter die Sitte angenommen in schwerer Schon im vierten Jahr Schutzkleidung zu fechten. hundert müssen gothische Reiter , wahrscheinlich die jenigen welche im römischen Gebiet lebten, sich der Rüstungen bedient haben , erwähnt doch Vegetius, dass ¹) Gibbon, history of the decline and fall of the Roman empire. c. 39 (Cassiodor Var.) 2) Procop. d. b. Goth. 1 , 13.

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nach ihrem Beispiel die Schutzwaffen der römischen Rei ter dann verbessert worden wären ). Während der ein undzwanzig Monate andauernden Belagerung wurden vor den Thoren Roms neunundsechszig Treffen geliefert , in welchen die gothischen Geschwader meist in erster Linie kämpften. Den Fussgängern, als Bogenschützen berühmt, fiel oft nur die Aufgabe zu , die etwa abgeschlagene Reiterei aufzunehmen . Die gefährlichsten Gegner der gothischen Reiter waren hier die hunnischen des römi schen Heeres. Diese geschickten Schützen verstanden aus weiter Entfernung ihr Ziel zu treffen, konnten auch im vollen Lauf der Pferde den Bogen gebrauchen. Weil ausschliesslich zum Handgemenge bewaffnet und durch schwere Rüstung in der Beweglichkeit gehindert , ver mochten die gothischen Reiter so flinken Feinden nicht beizukommen ) . Nach Jahrhunderten befanden sich deutsche Ritter „ im gekettelten Kampfhemd unter Helmes Dach" Ungarn und Polen gegenüber in dem gleichen Verhältniss . Unverrichteter Dinge mussten die Gothen von Rom abziehen. Auch darnach war das Glück nicht mit ihnen. Ueberall zeigte sich Belisar ihr Meister. Erst Totilas, der erwählte König , heftete wieder den Sieg an ihre Seine erste Schlacht , von einem ritterlichen ●Fahnen. Zweikampf zu Ross eingeleitet³), eröffnete den Siegeslauf ¹) Veget. d. re militari I , 20 ,,nam licet exemplo Gothorum equitum arma profecerint." 2 ) Procop. d. b. Goth. I , 27 ,, - Hunnique , eorum (Romanorum ) socii, equites, sagittarii sint peritissimi ; huic autem arti Gothorum nemo operam dederit. Sed horum equites hastis tantum et gladiis uti solent: sagittarii vero pedibus pugnant, ordinibus protecti militum gravioris arma turae. Quamobrem equites, nisi pugnetur cominus, quoniam armis carent, quae adversus hostes sagittarios valeant, facile confixi cadunt : nec pedites unquam in equites incursiones facere possunt." 3) Der Gothe Vilaris , ein Mann von gewaltigem Gliederbau , mit Panzer und Helm bewehrt, sprengte den in Schlachtordnung aufgestellten Römern entgegen und forderte einen von ihnen zum Zweikampf heraus. Nach längerer Pause ritt der Armenier Artabazes vor und erbot sich Becker, Deutsche Reiterei. 3

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der Gothen durch Italien. Zehn Jahre hindurch kämpften sie erfolgreich wider die Kaiserlichen. Dann kam Narses, des Justinian Kämmerling, mit einem neuen Heere nach Dalmatien. Neben Persern und Hunnen waren in dem selben viele germanische Hilfs- und Soldtruppen : zwei tausend und zweihundert Langobarden mit einem Gefolge von mehr als dreitausend bewaffneten Fussknechten ; vier hundert Gepiden ; die Heruler hatten Reiter gestellt ¹). Die Heruler, sonst nur gänger bekannt, dienten zu allen Zeiten Geld. Sie waren seltsame Käuze, legten

über dreitausend als hurtige Fuss den Römern um

vor der Schlacht auch die wenigen Kleidungsstücke ab , deren sich die Germanen zu bedienen pflegten , weil es ihnen ehrenvoll erschien nackend den Feinden entgegenzutreten. Mit diesem buntgemischten Heere wagte Narses längs der Ostküste Italiens vorzudringen. Bei Taginae in den Apen ninen stellten sich ihm die Gothen in den Weg. Vor

Beginn des Treffens ritt auch hier ein tapferer Gothe aus der Schlachtreihe vor und forderte zum Zweikampf heraus , und Totilas , in von Golde strahlender Rüstung mit purpurnem Schmuck an Helm und Lanze , tummelte Angesichts der feindlichen Reihen sein schönes Ross, trieb Lanzenspiel , als ob es Kurzweil gälte 2). Ebenso ritter

hierzu. In vollem Rosselauf, mit eingelegten Lanzen stürmten beide dann aufeinander los (Ergo equis concurrunt adversis ambo ; hisque admotis proxime, hastas contorquent.) Vilaris empfing tödtliche Wunde ; er würde hintenüber gestürzt sein, hätte nicht die zurücksinkende Lanze, weil gegen die Erde gestemmt, ihn von dem Fall bewahrt. An der hochstehenden Spitze derselben verletzte sich der aufs Neue andrängende Artabazes. 1) Procop. d. b. Goth. 4 , 26. „ Auduinus , Longobardarum rex , a Justiniano Augusto multa pecunia et foederis sanctione inductus, delectu suorum habito , bis mille ducentos bellatores egregios auxilio miserat, hisque in famulatum addiderat amplius tria pugnatorum millia. Equitum quoque Erulorum plus tria millia sequebantur - Aspadus quoque, Gepaes adolescens, strenuissimus, populares suos DC viros bello praestantes, habe bat secum." 2 ) Ebd. 4, 31 .



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mässig wie Aussehen und Benehmen war auch seine An ordnung für den Kampf, doch zum Nachtheil der Gothen. Er verbot ihnen den Gebrauch der Pfeile und anderer Geschosse mit Ausnahme der Wurfspeere, forderte, dass sie nur im Handgemenge fechten sollten. Ungestüm eilte die gothische Reiterei vorwärts, so dass die Fussgänger, wiederum in das zweite Treffen gestellt , nicht folgen konnten. Aber Kühnheit machte sie blind. Viertausend feindliche Bogenschützen , in halbmondförmige Stellung vorgezogen, überschütteten die Geschwader von drei Seiten zugleich mit Geschossen. Unter schwerem Verlust mussten die Reiter weichen. Auch ihre ferneren Angriffe wurden abgeschlagen. Auf das Fussvolk geworfen, rissen sie in der Flucht dieses mit fort ). Sechstausend Gothen fielen in der Schlacht, auch König Totilas. Viele geriethen in Gefangenschaft und wurden nachher von den Kaiser lichen getödtet. Diejenigen welche entkommen waren, eilten nach Ticinum (Pavia). Dort erwählten sie Tejas zum König. Nachdem dieser vergeblich die Hilfe der Franken angesprochen, führte er seine kleine Schaar nach Campanien. Am Fusse des Vesuv, durch den Fluss Draco von den Kaiserlichen getrennt, lagerten die Gothen zwei Monate hindurch. Als für Menschen und Thiere nicht mehr Lebensmittel vorhanden waren, stiegen sie von ihren Rossen und liessen die treuen Kriegsgefährten ungehindert laufen. Den letzten Verzweiflungskampf focht das Häuf lein des Reitervolkes zu Fuss. Wahrscheinlich hinderte die Beschaffenheit des Gefechtsfeldes die Verwendung der Pferde, denn auch die Kaiserlichen liessen die Pferde zurück und gingen zu Fuss ins Treffen , was schwerlich aus ritterlicher Höflichkeit geschah. Nur tausend Gothen überlebten den Kampf. Sie schlossen sich dem schon erwähnten fränkisch - alamannischen Heere an, das nach vollständiger Niederlage der Ostgothen die Kaiserlichen

1) Ebd. 4, 32. 3*

36 aus Italien zu vertreiben , dieses Land für die Franken zu gewinnen trachtete. Das gelang zwar nicht, aber als bleibende Folge des Unternehmens ist die Herrschaft der Franken über die Donauländer bis in die Alpen zu be trachten . König Theodebald war bereits vor Ausgang des ita lienischen Feldzuges gestorben, Austrasien seinem Oheim Chlothar zugefallen, der bald darauf auch seinen Bruder beerbte , und für wenige Jahre das ganze Frankenreich an sich brachte. Vier seiner Söhne theilten im Jahre 561 das Land.

Ihre Fehden füllen für längere Zeit die Jahr

bücher der fränkischen Geschichte. Diese inneren Kriege wurden meist von den durch Verleihungen zu beständigem Kriegsdienst verpflichteten Leudes , oder einer höheren Klasse derselben, den Antrustionen, ausgefochten. Antru stionen waren Dienstmannen , welche selbst ein Gefolge freier Leute (arimannia) führten ; sie bildeten den Stand, den man den fränkischen Adel heissen kann¹) . Während die ärmeren Freien des Volksheeres zu Fuss ins Feld rückten, zogen die durch Verleihungen bereicherten Königs leute, selbst beritten , mit zum Theil berittenem Gefolge in den Krieg.

So die Anhänger König Sigiberts von Au

strasien im Jahre 570³) , die Herzoge König Gunthramms von Burgund im Jahre 585³) . Nur die Könige und Vor nehmen des Landes unterhielten Gestüte und Pferde heerden ). Die Pferdezucht war bei den Franken nicht volksthümlich. Namentlich bei den salischen Franken standen die Rosse, weil selten, hoch im Werth ; bestimmte doch ihr Gesetz , welches einen Knecht fünfunddreissig 1) Eichhorn. Deutsche Staats- und Rechtsgeschichte . 4te Auflage Thl. I S. 207 ,,unter dem Namen Proceres , Optimates , seniores populi, meliores natu oder meliores Franci begriffen, zu welchen keineswegs alle Leudes gehören." 2) Greg. Tur. 4, 30. 3) Ebd. 7, 35. 4) Ebd. 8, 40 und 7, 22 .

37 Solidi schätzte , die Busse für Diebstahl eines Hengstes auf deren fünfundvierzig ), was den Werth einer zahl reichen Heerde Kühe bedeutet. Der Reiterdienst er forderte grossen Aufwand , und desshalb konnten nur ver mögende Leute denselben leisten . Sigibert musste auch äussere Feinde bekämpfen , denn die Avaren waren verheerend in das Frankenreich ein gefallen ; die Langobarden zeigten sich gleichfalls gefähr liche Nachbaren. Dieses Suevenvolk, das zur Zeit des Tacitus, obgleich klein an Zahl , durch Tapferkeit seine Unabhängigkeit inmitten mächtiger Gaugemeinden zu behaupten gewusst, war im krausen Völkertreiben von der mittleren Elbe nach Pannonien gelangt . Im Jahre 563 zogen die Lango barden unter Führung ihres Königs Albuin im Verein mit zwanzigtausend Sachsen und anderen Abenteuerern nach Italien. Hier erstritten sie von den Römern , denen sie früher gegen die Gothen Beistand geleistet hatten, das Gebiet, welches noch jetzt nach ihnen benannt wird . Die erste eingenommene Provinz (Venetia) verlieh Albuin seinem Vetter Gisulf, der auch sein ,,Marpahis" (Marschalk) war. Erst nachdem ihm vornehme Geschlechter (Faren) gegeben worden , auf dass sie mit ihm im neuen Lande leben könnten, übernahm er das Ehrenamt eines Herzogs. Doch forderte er auch , der königliche Vetter solle ihm Das Verlangen eine Zucht edeler Stuten überlassen. kennzeichnet den Reitersinn des Sueven , dessen jüngster Knabe schon meisterlich auf dem Pferde zu sitzen ver stand.

Rosse gehörten überhaupt zum Hausstande des

vornehmen Langobarden ). Wie bei diesem Volk frühe Standesunterschied edeler Geschlechter scharf hervortritt so zeigt sich bei demselben auch frühe die Reiterei als bevorzugte Truppe. Schwer gerüstet und zu Ross zog

1) L. Sal. tit. II und tit. 41 . 2) Paul. Diac. de estis Langob. 5, 4.

38 der vornehme Langobarde in den Krieg ¹) ; der Dienst zu Fuss blieb dem gemeinen Manne überlassen. Die Be zeichnungen ,, edel“ und „ vornehm" dürfen aber nicht zu falschen Vorstellungen verführen . Tapferkeit, nicht Sitte adelte den Langobarden , der roh und zügellos zu leben gewöhnt war. Ihrer Wildheit und Raubsucht wegen ent liess Narses die langobardischen Hilfstruppen aus seinem Heere ) . Die Kriegsgeschichte dieses Volkes ist reich an kecken Reiterstücken ³) , lässt jedoch nicht erkennen wie die mit Helm und Panzer gerüsteten und mit Speer 4) und Streitaxt 5) bewaffneten Reiter in offener Feldschlacht an den Feind zu gehen pflegten. Gelang es auch den Franken die Einfälle der Langobarden in ihr Reich ab zuwehren, so mischte sich doch Childebert, nach Sigifrids Ermordung König von Austrasien , erfolglos in die ita lienischen Händel. Lange bewahrten die Langobarden ihre Selbstständigkeit neben den Franken. Ebenso die Sachsen , welche Jahrhunderte hindurch Freiheit und Glauben gegen die mächtigen Nachbaren kraftvoll zu vertheidigen wussten. Unter Dagobert, der gleich seinem Vater das ganze Frankenreich beherrschte, wurde zwar im Jahre 631 ein Zug wider die Sachsen unternommen, denselben aber bald der schon früher auf erlegte Jahreszins von fünfhundert Kühen erlassen , um den Beistand der tapferen Krieger gegen die Wenden zu gewinnen. Aus den Nachrichten über die Kriege der Sachsen ist nicht zu entnehmen, dass sie sich der Reiterei bedient hätten.

Doch die Namen der Herzoge Hengist

und Horsa , d. i. Hengst und Stute , zeugen von hoher

1) Procop. d. b. Goth. 3 , 39 99 milites cataphractos mille , quos paratos habebat (Longobardarum rex) -" Ebd. 4, 26. Siehe Anmerkung I der Seite 34. 2) Ebd. 4, 33. 3 ) Paul. Diac. de gestis Langob. 5 , 17 -- 5, 24. 4) Greg. Tur. 10, 3 . 5) Paul. Diac. de gestis Langob. 3. 30.

39 Bedeutung des Rosses im Leben der Sachsen ; spätere Pferdelieferungen von dem Betrieb der Pferdezucht '). Dass bei den Alamannen der Reitergeist der Vor fahren sich erhalten hatte , geht aus ihren , vermuthlich zur Zeit Dagoberts aufgezeichneten Gesetzen hervor. Die Fähigkeit die Waffen führen und ein Ross besteigen zu können gilt darin Maassstab des Manneswerthes. Nur so lange sollte ein Herzog wider den eigenen Sohn geschützt sein, als er im Stande war beides zu thun 2) . Auch in den, bald nach Abfassung der alamannischen Gesetze, nieder geschriebenen Gesetzen der Baiern findet sich diese Stelle ³). Spätere deutsche Rechtsbücher 4) machen das Recht freier Verfügung über Eigenthum und Lehen von der Fähig keit des Mannes abhängig, ein Pferd besteigen oder reiten zu können. Noch in den Jahren 1777 oder 1778 wurde in Chursachsen der Vorritt oder sogenannte Rittersprung zweimal gefordert und feierlich vollzogen , ein Brauch, der keineswegs adelige Kunstpflanzung des jüngeren Mittelalters ist 5 ) , sondern in der vom Reitergeist ein gegebenen deutschen Denkart früher Zeit wurzelt. Kehren wir zu dieser, in das siebente Jahrhundert zurück .

Ala

¹) Ann. Mettenses a. 753. Einhardi ann. a. 758. 2) L. Alem. tit. 35. 3) L. Bajuv. tit. 2 c. 10 § 1. ,,Si quis filius Ducis patrem suum dehonestare voluerit, et regnum ejus auferre ab eo, dum adhuc pater ejus potest iudicio contendere, in exercitu ambulare, populum iudicare, equum viriliter ascendere - in omnibus iussionem regis implere -66 4) Jus provinc. Saxon. I art. 52. ' ,,Alle varende haue gift en man ane erven ghelof dat he begört mit enen Swerde , unt mit enen Schilde unt up en ors comer mach van enen stene oder stocke ener dum elen ho, ane manes helpe. Ersten men eme dat ors in den steg herep halde. Also he desses nicht don ne mach , sone mach he ghenen noch laten noch lenen dar het ghene mede unt fere de des na sinen dode warende is - " Auch das schwäbische Landrecht stellt die Bedingung. 5) Kaiser Ferdinand I. ertheilte im Jahre 1544 der Ritterschaft der Oberlausitz das Privilegium, auf dem Falle stehendes Lehengut veräussern zu dürfen , unter der Einschränkung , es müsse zu einer Zeit geschehen, da der Vasall noch die Leibeskraft hat einen Hengst in voller Rüstung

40 mannen , Baiern und Thüringer wurden dann , obgleich sie nicht vermocht hatten sich der fränkischen Oberhoheit zu entziehen, von eigenen Herzogen regiert.

Radulf von

Thüringen gewann sogar im Jahre 640 nahezu königliche Gewalt, indem er das Heer, welches Sigibert III, der Sohn Dagoberts , wider ihn führte , entscheidend schlug. Die tapfersten Reiter des fränkischen Adels und ein grosser Theil der übrigen Mannen blieben im Treffen ¹). Die Frage, ob die Thüringer sich in siebenten Jahrhundert zahlreicher Reiterei bedient haben, ist nicht mit Bestimmt heit zu beantworten. Die Nachrichten über ihre Krieg führung stammen aus späterer Zeit , können daher nicht festen Anhalt gewähren , und an der Hand der Sage in das Feld der Vermuthungen einzutreten liegt nicht im Plane dieses Vortrags. Bemerkenswerth ist , dass Ve getius ) und Jornandes ³) die thüringischen Pferde rühmen, und Theoderich der Grosse , welcher von Hermanfried, dem Könige der Thüringer, eine Sendung Apfelschimmel erhielt, der Vorzüge dieser Thiere mit grosser Anerkennung gedenkt; er lobt namentlich Farbe, edele Gestalt, räumige Gangart und ruhiges Temperament derselben 4). Auch die friesischen Pferde wurden , nach Angabe des Fach schriftstellers Vegetius, und zwar ihrer Schnelligkeit und Ausdauer wegen , hochgeschätzt 5). Zweifellos war Ger manien noch zu der hier in Betracht kommenden Zeit reich an Pferden , musste doch später Bonifacius , der Apostel unseres Volkes , auf päpstliche Weisung denen besteigen und vor dem Landvoigte auf demselben reiten zu können , d. i. ,,den Vorritt" oder „ Rittersprung" zu vollziehen . Vergleich dieser Ver ordnung mit den oben angeführten Gesetzesstellen ergiebt , dass Kaiser Ferdinand nur den altgermanischen Maassstab in Anwendung brachte. 1) Fredegar. 87. 2) Veget. mulom. 4 , 6 ,,Toringos - iniuriae tolerantes." 3) Jornandes de rebus Get. 3 ,,Turingi equis utuntur eximiis." 4) Cassiodor. Var 4 epist. Theodor. rex. 5) Veget. mulom 4 , 6 ,, Frisiscos , non minus velocitate quam con tinuatione cursus invictos."

41 Busse auferlegen ¹), welche heidnischer Opfer- und Lebens sitte treu, dem Genuss des Pferdefleisches nicht entsagen wollten. Als im Jahre 853 in Sachsen grosse Hungers noth ausbrach, konnten sich viele von Pferdefleisch nähren²) Die germanischen Reiter bedienten sich im siebenten Jahrhundert

des Sattels ,

im angelsächsischen Helden

gedicht Heersessel genannt ; auch wurde es dann allgemein Brauch den Sitz im Sattel durch Stegreif und Steigleder zu befestigen 3). Beim Aufsteigen verschmähte aber der Kriegsmann die Hilfe des Steigbügels ; diesen einem Vor nehmen beim Absitzen zu halten, erheischte die Höflich keit 4) .

Der Reiter konnte Sattel und Bügel nicht mehr

entbehren , weil die Sitte aufgekommen war gerüstet in den Krieg zu ziehen. Nicht allein die Brüne , ein mit eisernen Schuppen besetzter Lederrock , bei den ripua rischen Franken vierundzwanzig Kühen gleichgeschätzt, und die Pferdeausrüstung machten fortan den Reiterdienst kostspieliger, die schwer Gewappneten brauchten auch schwere Pferde und diese standen , da der Pferdeschlag des Landes nur leicht war , hoch im Werth.

Aus keiner Nachricht, wie viele deren von Vorliebe germanischer Völker für den Reiterdienst

und davon

zeugen , dass Könige , Herzoge , überhaupt die Anführer stets zu Ross ins Feld zogen , ist zu ersehen , dass vor

1) Schmidt, Geschichte der Deutschen Bd. 1 S. 8. ( Conc. Labb. col . 1468 Tom. 6). 2) Ann. Xantenses a. 853. 3) San Marte. S. 226 und S. 235 (Panegyr. Constant-――― Beowulf 1050). 4) Diese Artigkeit, von Pipin dem Papst Zacharias freudig erwiesen , fiel Friedrich I. dem Rothbart gar schwer. Papst Hadrian empfangend erfasste er nämlich an Stelle des rechten , den linken Steigbügel. Der Nachfolger Petri , ob des Verstosses gegen die Sitte erzürnt , zog ohne Friedenskuss davon . Friedrich musste seinen Stolz überwinden und den Papst in das Lager zurückrufen lassen , wo er ihm dann die begehrte rechte Ehrfurcht bezeigte .

42

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Ende des fünften Jahrhunderts dem Reiter Vorrecht oder Vorrang vor dem Fussgänger eingeräumt worden wäre. Unter Freien, die alle keine andere Beschäftigung, keinen anderen Ehrgeiz kannten, als den Waffendienst, gewährte Tapferkeit Auszeichnung , gleichviel ob sie im Kampf zu Ross , oder im Kampf zu Fuss an den Tag gelegt wurde. Zuerst kommt bei den Ostgothen zur Zeit Theo derichs des Grossen '), dann bei den Langobarden²) Unter scheidung der Kriegsleute vor, welche bei ersteren , wahr scheinlich, bei letzteren bestimmt Vorrang der Reiter an zeigt. Bei den Franken wurde die Reiterei von der zweiten Hälfte des sechsten Jahrhunderts an Waffe der Vornehmen. Adel und Reiterdienst gewannen bei ihnen miteinander auf dem Boden des Verleihungs- oder Lehen wesens Bedeutung. Nach fester Vereinigung der im sieben ten Jahrhundert entweder noch selbstständigen, oder nur locker angeschlossenen germanischen Stammvölker mit den Franken, wirkte das Verleihungswesen bei diesen gleich falls grosse Ungleichheit der Güter, und damit schärfere Trennung der Stände. Steigende Kostspieligkeit schränkte dann auch hier den Reiterdienst auf den engen Kreis der Reichen und Mächtigen ein. Mit Umwandelung aus leichter in schwere , trat die Reiterei überall mehr in Vornehmheit hervor. So lange die Nachkommen Pipins (von Heristall), des Hausmeiers oder Vorstandes der Leudes, welcher besonders durch Unterstützung des austrasischen Adels im Jahre 687 Herzog und Haupt (dux et princeps) der Franken - ge worden, Macht besassen die von ihnen beherrschten Völker zur Heerfahrt zu mahnen oder zy bannen fand die Reiterei in der Regel nur neben der Masse des Fussvolkes Ver

¹) Procop. d. b . Vand. 1 , 8. ( Theodericus) ,,misit cum comitatu Go thorum mille nobilium , qui stipatorum munus obirent: hos secuta sunt ministeria, e viris bellicosis collecta, ad quina circiter millia." 2) Siehe Anmerkung I der Seite 34 und Anmerkung I der Seite 38.

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wendung.

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Hauptwaffe wurde dieselbe erst, als schwache

Fürsten und dem Kriegsdienst abgeneigtes Volk den Nachdruck kriegerischer Unternehmungen von Leudes und Antrustionen , dann Vasallen und Vassen genannt, abhängig werden liessen . Oft ist in Schönfärberei den Volksheeren der Karo linger der Anstrich patriotischer Begeisterung gegeben, Raub- und Beutelust der freien Männer des Volkes über tüncht worden. Dem geschminkten Heerbann gegenüber spielen dann, in nackter Hässlichkeit eines rohen Zeitalters dargestellt, die Vassen und Vasallen die Rolle der Böse wichte im geschichtlichen Trauerspiel des Mittelalters . In Wahrheit waren jene weder biedere Landwehrmänner, noch diese ganz schwarze , höchstens fleckige Seelen. Trotz aller Laster, die nach dem Sittengesetz ihrer, nicht unserer Zeit gemessen werden müssen, bewahrten sie die altgermanische Thatkraft, und an ihren Bildern aus den folgenden Jahrhunderten finden wir auch die andere Familienähnlichkeit mit den Urahnen wieder : die Reit lust , die Neigung zu Ross zu kämpfen.

Nach Maassgabe der Entfernung müssten Umriss und Farbe an den Reitergestalten des frühen Mittelalters deut licher zu erkennen . sein , als an denen der Urzeit , doch ungünstige Beleuchtung hebt den Vortheil der grösseren Nähe auf. Die mit Brüne und Eisenhemd gewappneten Reiter stehen ja nicht gleich den halbnackenden Ur dragonern im Lichte römischer und griechischer Geschichts schreibung vor uns. Von Karls des Grossen Zeit an nehmen zwar die Aufzeichnungen über Ereignisse des deutschen Lebens , zuvor meist Geflick übelsten Mönch geschmacks , an Werth zu , aber wie reiche Fülle wich tiger Angaben auf dem Literaturgebiet des neunten, zehnten und elften Jahrhunderts für Staats- , Kirchen- , Rechts und Culturgeschichte einzusammeln ist , für die Kriegs geschichte finden sich in Annalen und Chroniken nur wenige Körner unter vieler Spreu leerer Redensarten von Blutvergiessen, Leichendämmen und dergleichen mehr. Es gilt daher für die Wanderung von den Reitern Karls des Grossen bis zu denen Heinrichs IV. das Wort : ,,Lange Reise - schmale Speise."

Karl Martell hatte viele Verleihungen mit der Ver pflichtung zum Heeresdienst ertheilt, um über stets kriegs bereite Streitmacht verfügen zu können. Auch Pipin, welcher dem Possenspiel merowingischer Schattenkönige ein Ende machte , und sich mit dem Recht des Starken

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als König salben liess , that das Gleiche. Es ist bereits früher gesagt , dass die Entwickelung des Reiterwesens mit der des Verleihungswesens zusammenfällt. In eben dem Verhältniss als Vassen und Vasallen Kriegsdienst leistung übernahmen, stiegen Anzahl und Bedeutung der Reiterei in den fränkischen Heeren. Zur Zeit da Karl der Grosse die Regierung antrat, war das Reiten bei den Franken schon Sitte. Einhard bezeichnet Jagd und Reiten als Künste, in welchen sich dann kein anderes Volk mit den Franken hätte messen können. Karl der Grosse, der sich beständig im Reiten übte, seine Söhne vom frühen Knabenalter an hierzu anhielt ¹) und vor dem gutes Reiten beste Empfehlung galt ') , machte noch ausgedehnteren Gebrauch von der Reiterei als seine Vorfahren. Er zog auch Männer zum Reiterdienst heran, welche nicht durch Verleihungen unterstützt wurden. Allmälig war aus der Mahnung (mannitio) zur Heer fahrt der Heerbann (Heribannus) entstanden . Diese Ein richtung bildete Karl der Grosse weiter aus , indem er alle freie Männer nach Maassgabe ihres Besitzstandes zur Kriegsdienstleistung verpflichtete. Von seinen gesetzlichen Bestimmungen über den Dienst zu Ross ist nur eine aus dem Jahre 807 bekannt, welche allen Pferdebesitzern Fries lands aufgab , sich wohlgerüstet auf dem Sammelplatz einzufinden ³). Es darf angenommen werden, dass, gleich

1) Einhardi vita Karoli M. 19 ,,Tum filios, cum primum aetas patie batur , more Francorum equitare , armis ac venatibus exerceri fecit . —“ (S. r. G. Pertz. 19.) 1 Ebd. 22 ,,Exercebatur assidue equitando ac venando, quod illi gen tilicium erat ; quia vix ulla in terris natio invenitur, quae in hac arte Francis possit aequari. " (S. r. G. Pertz. 22). 2) Der Mönch von St. Gallen erzählt, Karl habe einst einen jungen. Bischof nur desshalb zum Gefährten erwählt , weil derselbe rasch sein Pferd besteigen konnte. 3) Cap. Karoli M. a. 807 c. 6. ,, De Frisionibus volumus, ut comites et vassalli nostri , qui beneficia habere videntur , et caballarii , omnes generaliter ad placitum nostrum veniant bene praeparati."

46 wie für die Dienstpflicht im Allgemeinen und für die Rüstung insbesondere, so auch für den Reiterdienst das Vermögen den Maassstab abgab. Wohl nur in Wieder holung der Satzungen Karls des Grossen, oder als Aus druck des Herkommens schreibt ein Capitulare Karls des Kahlen aus dem Jahre 864 vor, dass alle, welche Pferde besitzen , oder - der Vermögenslage nach - besitzen könnten, beritten ins Feld ziehen sollen ¹). Ueber die Rüstung der zur Heerfahrt gebannten Franken erfahren wir aus den Capitularien, dass ein Jeder, der zwölf Hufen Ackerland zu eigen oder zu Lehen besass, die Brüne anzulegen hatte ²). Auch für die homines, d . s. die Dienstmannen, welche von den Grossen des Reiches gestellt wurden, waren Panzer und Helm vorgeschrieben ³). Mit breitem Behagen schildert der Mönch von St. Gallen die Rüstung des Frankenkönigs und des von ihm im Jahre 774 gegen die Langobarden geführten Heeres. ,,Man sah", schreibt er, „ den eisernen Karl, behelmt mit eisernem Helm, die Arme mit eisernen Schienen bedeckt, die eiserne Brust und die breiten Schultern geschützt durch einen eisernen Harnisch ; die Linke trug die hoch aufgerichtete eiserne Lanze, denn die Rechte war immer für den siegreichen Stahl bereit ; die Schenkel , welche von den Anderen, um leichter zu Pferde steigen zu können, ohne Harnisch gelassen zu werden pflegen , waren bei ihm nach aussen mit eisernen Schuppen bedeckt. Die eisernen Beinschienen brauche ich nicht zu erwähnen,

ut pagenses Franci qui ¹) Cap. Karoli calvi a. 864. 36 , 26. 29 caballos habent vel habere possunt , cum suis Comitibus in hostem pergant." 2) Cap. Karoli M.2 a, 805 c. 6 - Cap. 3. h. a. c. 8 - Cap. 5. h. a. c. 7 ,,Et insuper omnis homo de duodecim mansis bruniam habeat." 3) Cap. Karoli M. 2. a. 813 c. 17. ,,Et Episcopi, Comites, Abbates, hos homines habeant qui hoc bene provideant, et ad diem denuntiati placiti veniant , et ibi ostendant quomodo sint parati. Habeant loricas vel galeas."

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denn die waren bei dem ganzen Heere gebräuchlich. An seinen Schilde sah man nichts als Eisen. Auch sein Pferd war eisern an Farbe und Muth.

Diese Rüstung

hatten alle, die ihm voranzogen, die ihm zur Seite gingen, und alle , die ihm nachfolgten, und überhaupt die ganze Heeresmacht nach Kräften nachgeahmt" ) . Wegen des Gewichtes ihrer Waffen geriethen die Franken bei dem durch Sage und Lied bekannten Rückzuge Karls aus Spanien im Jahre 778 den Waskonen gegenüber sogar in Nachtheil 2). Schild und Lanze gehörten zur Ausstattung aller Krieger ³). Der Reiter führte ausser der Lanze das Schwert als Hauptwaffe. Dem Abt von Nieder- Altaich befahl Karl in einem Briefe , dass er die zu stellenden Reiter mit Schild und Lanze, Schwert und Halbschwert, auch mit Bogen, Köcher und Pfeilen auszurüsten habe ¹) . Das Schwert Karls des Grossen , jetzt in Wien , misst vom Griff bis zur Spitze 112 Centimeter.

Die Schwerter

der gemeinen Kriegsleute waren in der Regel weniger lang . Unter Halbschwert ist ein kurzes Hiebmesser zu verstehen. Die Scheide galt schon in der merowingischen Zeit werthvolles Zubehör des Schwertes 5). Wahrscheinlich bestand die Frankenschaar, an deren Spitze Karl der Grosse sich in seinen Kriegen zeigte, aus Reitern. Solche Schaarmänner (scararii oder scare

¹) Mon. Sangall. de gestis Karoli M. 2 , 17. (Nach der Ausgabe der Monumenta Germaniae übersetzt von Dr. W. Wattenbach. - Die Ge schichtsschreiber der deutschen Vorzeit. Liefg. 10. S. 65.) 2) Einhardi v . K. M. 9. ,, e contra Francos et armorum gravitas et loci iniquitas per omnia Wasconibus reddidit impares." (S. r. G. Pertz II). 3) Cap. Karoli M. 3 a. 806. c. I. „ Ut nullus ad mallum vel ad placitum infra patriam arma, id est, scutum et lanceam portet." 4) G. A. Stenzel. Versuch einer Geschichte der Kriegsverfassung Deutschlands , vorzüglich im Mittelalter. Beilage D. Monum . Boic. 11 , 100 29 ita ut unus quisque caballarius habeat scutum et lanceam et 1 spatham et semispatham arcum et pharetram cum sagittis 1 5) L. Ripuar. tit. 36. § 11.

48 manni), welche besondere Unterstützungen an Geld , Klei dungsstücken, Lebensmitteln, Pferdeausrüstung, Schmuck u . dergl. m. empfingen ¹), auch Vorrechte genossen, bildeten schon das Gefolge merowingischer Könige und der Vor fahren Karls 2). Wenn diese, von Schaargrafen befehligte Truppe zu kriegerischen Unternehmungen nicht genügte, welche schneller ausgeführt werden mussten, als das Auf gebot des gemeinen Heerbannes zu bewirken war, dann berief Karl die stets kriegsbereiten Vassen mit ihrer Dienstmannschaft. Als ihm im Jahre 782 die Nachricht zuging, dass die Sorben, Bewohner des Landes zwischen Elbe und Saale , verheerend in Thüringen und Sachsen eingefallen wären, gab er sogleich drei seiner Ministerialen, dem Kämmerer Adalgis, dem Marschalk Geilo und dem Pfalzgrafen Worad den Auftrag, Ostfranken und Sachsen zu entbieten und mit diesen die Vermessenheit der Slaven zu bestrafen. In das sächsische Land gekommen, erfuhren die drei aber, dass die Sachsen sich aufRath ihres Herzogs Widukind wider die Franken gerüstet hätten. Sie gaben desshalb den Zug gegen die Sorben auf, und eilten mit den Ostfranken an die Weser gegen Widukind .

Auf

dem Wege dahin begegnete ihnen Graf Theoderich, ein Verwandter des Königs , mit Truppen, welche er in der Eile in Ripuarien aufgebracht hatte. Beide Heere sind solche Aufgebote von Dienstmannschaft, und das erstere bestand wahrscheinlich ausschliesslich aus Reitern, denn Adalgis , Geilo und Worad , welche besorgten dem Theoderich möchte die Ehre des Sieges zufallen, griffen ohne dessen Beistand allein mit ihrem Heere, und zwar „ so schnell als jeden sein Ross tragen konnte" die Sachsen an.

Diese,

vor ihrem Lager auf dem Dachtelfeld in Schlachtordnung

¹) Hincmar de ord . pal. c. 27. ,, ut absque ministeriis expediti milites - nunc victu, nunc vestitu, nunc auro, nunc argento, modo equis, porrectis." vel ceteris ornamentis 2) Fredegar c. 74. c . 135.

49 aufgestellt , wehrten den ungestümen, regellosen Angriff nicht nur ab, sondern brachten den Franken vollständige Niederlage bei¹). Adalgis und Geilo, vier Grafen und an zwanzig vornehme Männer, auch sehr viele ihres Gefolges fielen in dem Gefecht , dessen schlimmen Ausgang Karl bald darauf durch Hinrichtung von viertausend und fünf hundert Sachsen blutig rächte. Besseren Erfolg erzielte Karls gleichnamiger Sohn im Jahre 784 bei einem Reitertreffen, welches in West falen - im Draignigau an der Lippe - zwischen den Franken und Sachsen stattfand 2) .

Es ist dies die erste

Nachricht , welche andeutet , dass auch die Sachsen sich während ihrer Selbstständigkeit der Reiterei im Kriege bedient haben. Sehr zahlreich scheint diese in dem gegen die Avaren geführten Heere Karls gewesen zu sein , welches aus dem ganzen Reich aufgeboten, im Sommer des Jahres 791 den Marsch antrat, denn Einhard berichtet, es wäre in Folge einer Pferdeseuche in der von dem Könige selbst be fehligten Heeresabtheilung kaum der zehnte Theil von ebensoviel tausend Pferden übrig geblieben ³). Ueber die Fechtweise der Reiter Karls giebt keine der Quellen schriften Aufschluss. ¹ ) Einhardi ann . a. 782. „ Ideo sine illo cum Saxonibus congredi decernunt , sumptisque armis, non quasi ad hostem in acie stantem, sed quasi ad fugentium terga insequenda spoliaque diripienda , prout quemque velocitas equi sui tulerat, qua Saxones pro castris in acie stabant , unus quisque eorum summa festinatione contendit. Quo cum esset male per ventum, male etiam pugnatum est ; nam commisso proelio circumventi a Saxonibus, paene omnes interfecti sunt. " (S. r. G. Pertz. 24). 2) Ebd. a. 74 ,,Karlus vero filius eius, cum ei iter agenti in pago Draigni iuxta Lippiam fluvium Saxonum occurrisset exercitus , commisso 6 (S. r. cum eis equestri proelio, felici ac prospero eventu dimicavit 16 G. Pertz. 26). 3) Ebd. a. 791 . ,,Facta est haec expeditio sine omni rerum incommodo, praeter quod in illo quem rex ducebat exercitu, tanta equorum lues exorta est, ut vix decima pars de tot milibus equorum remansisse dicatur.“ (S. r. G. Pertz. 35). Becker , Deutsche Reiterei. 4

50 In den vielen Kriegen, die sein Nachfolger, der fromme Ludwig, wider die eigenen Söhne, und diese untereinander führten, spielen die Pferde bedeutungsvolle Rolle. Bald muss ein Feldzug aufgegeben werden, weil auf den durch Regen und Eis unwegsamen Strassen so viele Pferde die Beine gebrochen haben, dass kaum noch eines zum Reiten übrig ist¹) ; bald hindert Ermüdung der Pferde an Ver folgung des Feindes ²) , oder Mangel an Pferden bringt in Verlegenheit ³ ) . Wann die feindlichen Brüder einander Friedensvorschläge machen, sind sie bereit alles zu opfern, nur Waffen und Pferde nicht ). Aus der steten Ab hängigkeit von

den Pferden kann mit Sicherheit ge

schlossen werden , dass die Heere überwiegend aus Reiterei bestanden. Die um die Mitte des neunten Jahrhunderts beliebte Fechtweise der Reiter kennen wir nur aus ihren Scheinkämpfen. Im Jahre 842 stellten nämlich Ludwig (der Deutsche) und Karl (der Kahle) bei ihrer Zusammen kunft in Strassburg , der Uebung wegen, häufig Reiter spiele an. Ein Augenzeuge schreibt darüber : „ Sie kamen auf einem besonders auserlesenen Platze zusammen . Wäh rend rings umher die Volksmenge sich lagerte, sprengten zuerst von beiden Seiten gleich starke Schaaren von Sachsen, Wasken, Austrasiern und Brittonen in schnellem Laufe , als ob ein wirklicher Kampf stattfinden sollte, gegen einander. Dann wendeten die einen ihre Rosse und versuchten, mit den Schilden sich deckend, den anderen zu entfliehen, welche nachjagten . Zuletzt stürmten beide Könige mit einer Schaar erwählter Jünglinge, Schlacht ruf anstimmend und die Lanzen schwingend, herbei. Bald wurde der eine, bald der andere Theil verfolgt" 5).

¹ ) Vita Hludowici imp . 47. 2) Nithardi hist. 2, 6. 3) Ebd. 2, 10. 4) Ebd. 2, 9. 5) Ebd. 3 , 6. „ Ludos etiam hoc ordine saepe causa exercitii frequen tabant. Conveniebant autem quocumque congruum spectaculo videbatur,

51 Nicht unter allen Verhältnissen tummelten sächsische und fränkische Reiter ihre Rosse gleich behende. Wenige

"

Jahre nach der im Vertrage zu Verdun vollzogenen Thei lung des Frankenreiches, durch welche Lothar als Kaiser Italien und Mittelfranken, Karl Westfranken oder Frank reich und Ludwig Ostfranken oder Deutschland erhielt, erlitten sächsische, von Karl in Sold genommene Truppen und fränkische Reiter ihrer Schwerfälligkeit wegen in der Bretagne Niederlage. Beim ersten Anprall der Brittonen wichen die in das Vordertreffen gestellten Sachsen. Jene sprengten mit ihren auf solchen Kampf eingeübten Pferden bald hier bald da gegen die geschlossenen Massen der Franken an , und überschütteten sie mit Wurfspeeren. Regino schreibt , die Franken wären, weil nur mit dem Schwert vertraut und zum Kampf Mann gegen Mann geübt, ob der Neuheit der Fechtweise wie betäubt, weder zur Abwehr, noch zur Verfolgung der sich stets schnell zurückziehenden Feinde geschickt gewesen. Viele Franken wurden getödtet, die Mehrzahl trug Wunden davon, un zählige Pferde gingen zu Grunde ¹).

et subsistente hinc inde omni multitudine , primum pari numero Saxo norum, Wasconorum, Austrasiorum, Brittonorum , ex utraque parte, veluti invicem adversari sibi vellent, alter in alterum veloci cursu ruebat ; hinc pars terga versa protecti umbonibus, ad socios insectantes evadere se velle simultabant ; ad versa vice , iterum illos quos fugiebant, persequi stude bant ; donec novissime utrique reges cum omni iuventute ingenti clamore, equis emissis , astilia crispantes exiliunt , et nunc his , nunc illis terga dantibus, insistunt. " (S. r. G. Pertz. 41 ). 1) Reginonis chron. a. 860. „ Sed primo impetu spiculis Britonum in acie (Saxones) se recondunt. Britones more solito huc illucque cum equis ad hujuscemodi conflictum exercitatis discurrentes, modo confertam Francorum aciem impetunt , ac totis viribus in medio spicula torquent, nunc fugam simulantes , insequentium nihilominus pectoribus spicula figunt. Franci , qui , quo minus strictis gladiis pugnare consueverant, attoniti stabant , novitate autem inexperiti discriminis perculsi , nec ad insequendum idonei , nec in unum conglobati, tuti. Multi ex Francis interfecti, quam plurimi vulnerati, innumerabiles equi perierunt." (S. r. G. Pistorius. 1, 62).

4*

0

52 Unzählige Pferde wollte auch Karl der Kahle im Jahre 876 zum Kriege aufbringen. Seine nunmehr gerade eintausend Jahre alte Prahlerei , er werde , nachdem die Pferde seines Heeres den Rhein ausgesoffen , trockenen Fusses zur Verwüstnng Deutschlands schreiten ) , wirkte aber damals ebensowenig Furcht, wie in unseren Tagen die fränkische Drohung , den Schwarzwald mit Erdöl in Brand stecken zu wollen , Deutschland zittern gemacht

·

hat. Als Ludwig sein Heer zusammenzog bat Karl um Friede. Das war der klägliche Ausgang sogrosssprecherisch angekündigter Feindseligkeit , der hier nur Erwähnung geschieht , weil aus der klappernden Redensart hervor geht, dass Reiterei die Stärke des Heeres ausmachen sollte. Als Hauptwaffe erscheint die Reiterei denn auch in demselben Jahre bei Westfranken wie bei Deutschen in dem Kriege , den Ludwigs gleichnamiger Sohn mit dem ebenso eigennützigen wie prahlerischen Oheim um Lothringen führen musste . Mit angeblich fünfzigtausend und mehr Streitern rückte Karl vor ). Seine Absicht war, den unfern Andernach lagernden Ludwig überraschend anzugreifen. Dieser erhielt zu spät Nachricht von dem Anrücken der Feinde, als dass Zeit geblieben wäre seine über viele Orte zerstreute Mannschaft zu sammeln. Trotz gebotener Eile forderte er aber , dass alle seiner Partei vor dem Aufbruch weisse Kleider (Binden ?) als Erkennungs zeichen ihrer Gemeinschaft anlegen sollten.

Dann trat

er mit den Wenigen , die bei ihm waren , den Franken entgegen. Die Sachsen , in das erste Treffen gestellt, wichen sehr bald der Ueberzahl. Doch die auf beiden Flügeln wacker fechtenden Ostfranken wurden der Gegner Herr; sie tödteten Karls Bannerträger und erbeuteten ,

¹) Ann. Fuldenses . 3. a. 876 2 ) Reginonis chron . a. 876. ,,Movit vero absque mora exercitum cum quinquaginta et eo amplius, ut ferunt, millibus, in pago Meginense, non longe ab Andernaco castello." (S. r. G. Pistorius 1 , 79)

53 die Fliehenden verfolgend ,

Gold und Silber , Kleider,

Panzer, Waffen und Pferde der Mannen des übermüthigen Frankenkönigs¹). Gefährlichere Feinde zeigten sich in diesen Zeiten Slaven und Normannen. Das deutsche Volk war nicht im Stande die Grenzen des Reiches gegen die raublustigen Eindringlinge zu schützen . Wegen Uneinigkeit ihrer Führer ergriffen Thüringer und Sachsen vor den mährischen Slaven die Flucht. Aller Kriegsordnung baare , der Waffenführung unkundige Volkshaufen erlagen bei Ebs torf den Normannen. Im Jahre 881 drangen diese rhein aufwärts in Deutschland ein, plünderten Lüttich, Aachen, Cöln , Bonn und andere Städte. Schlechten Rath be folgend schloss Karl der Dicke entwürdigenden Frieden mit ihnen. Erst Arnulf, ein natürlicher Sohn des Baiern königs Karlmann, den das Volk, empört über die Schwäche des dicken Karl, auf den Thron erhoben, rächte an dem wilden Normannenvolke die Schmach, welche Deutschland erlitten hatte. Die Nachrichten über Arnulfs Kriege lehren , dass zu Ende des neunten Jahrhunderts bei den Ostfranken ein Kampf zu Fuss bereits ungewöhnlich war. Als die Normannen nach Verwüstung des lothringischen Landes sich an der Dyle bei Löwen verschanzt hatten , kam Arnulf mit seinem Heere dahin. Schnell wurde der Fluss überschritten ; ohne Verzug sollten die Feinde ange griffen werden . Doch ebensowohl die Bodenbeschaffen 1) Ann. Fuldenses a. 876. (,,Hludowicus) Rheno flumine transito, in castello Andernaco cum suis consedit , dispersusque est per diversa loca omnis pene exercitus illius ad colligenda equorum pabula —.“ ,,cum paucis qui secum erant - dispersos enim congregare non poterat Karolo viriliter occurrit , iussitque omnes ex sua parte candidis uti ve stibus pro signo cognoscendae societatis. Saxones autem , qui in prima fronte contra hostes positi erant, primum iniere certamen, sed multitudine adversariorum territi, parumper terga verterunt. Franci autem orientales ex utraque parte fortiter repugnantes, ac signiferis Karoli occisis, ceteros fugere compulerunt." (M. G. Ss. I , 390).

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heit wie die feste Stellung der Normannen liessen ein Vorgehen zu Pferde nicht rathsam erscheinen . Arnulf rief desshalb die edelen Herren der Franken herbei, und setzte ihnen in beweglicher Rede auseinander, dass sie zu Fuss kämpfen müssten . Das war eben nicht ihr Brauch ). Da aber Arnulf selbst das Beispiel gab, willigten sie ein von den Pferden zu steigen, allerdings nicht ohne den König zu bitten , er möge doch dafür sorgen , dass sie während des Kampfes durch Reiterei gegen feindliche Umgehung geschützt würden . Sie errangen grossen Sieg, und verloren nach Angabe der Jahrbücher von Fulda nur einen Mann ! Reginos Aufzeichnung zu Folge war die Aufforderung des Königs zum Fusskampf kürzer ge fasst, erregter Galle soll er den Herren das Absitzen be fohlen , und diese schneller als Worte es auszudrücken vermögen der Weisung gehorcht haben 2).

Wie dem auch

sein möge , zweifellos waren es Reiter die zu Fuss den Sieg erfochten. Reiter bildeten schon die Mehrzahl der Krieger. Richer, Mönch von St. Remy, giebt die Stärke eines um diese Zeit gegen die Normannen geführten west fränkischen Heeres auf zehntausend Reiter und sechs

tausend Fussgänger an. Seiner Schilderung nach leiteten die Fussgänger das Gefecht durch Pfeilschüsse ein und rückten dann in enggeschlossenen Haufen mit gefällten Lanzen gegen den Feind an. Nach dem Fussvolk ging die Reiterei vor , um in starkem Anlauf die bereits er schütterten Reihen zu durchbrechen 3).

1) Ebd. 5 a. 891 , quia Francis pedetemptim certare inusitatum 66 (M. G. Ss. I , 407). 2) Reginonis chron. a. 891. 3) Richeri hist. I , 7 . དད་ exercitus regius, in decem milibus equitum , peditum vero sex milibus erat." Ebd. 1 , 8. ,,Sed peditum copias praemittit, atque ex eis primum im petum infert. Ipse cum equitatu succedens , peditum fortunam opperie At regii pedites hostibus directi , primo certamine sagittas iacu batur.

est

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;

Bei den Deutschen wurde, mit Ausnahme der Sachsen,

dem Fussvolk nur noch selten der Vorzug eingeräumt in erster Linie dem Feinde entgegen treten zu dürfen . Die Reiterei nahm Vorrechte, daher auch den Vorkampf in Anspruch. ,,Ihr seid Feiglinge und versteht nicht zu reiten !" rief ein baierischer Kriegsmann den Italienern vor Pavia zu¹). Die Beschuldigung nicht reiten zu können kám ja nach oberdeutschen Begriffen der anderen gleich, kein rechter Kriegsmann zu sein . Trotz aller Schwierig keiten, die der Rückzug durch die Alpenpässe im Jahre 894 seinen Reitern bereitet hatte, indem die Pferde von Abhang zu Abhang hinunterspringen mussten²) , unter nahm Arnulf zwei Jahre darnach einen Feldzug nach Italien abermals mit zahlreicher Reiterei . Seine abge sessenen Reiter erstürmten dann das befestigte Rom . Sättel und Mantelsäcke, von den Pferden genommen und an den Mauern aufgethürmt , dienten ihnen als Sturm leitern ³). Es kann nicht befremden , dass der Kriegsdienst mehr und mehr den Vassen und Vasallen überlassen blieb , war doch zu Anfang des zehnten Jahrhunderts sogar Androhung der Todesstrafe erforderlich das Volk zur Abwehr der in Baiern eingefallenen Ungarn zu treiben. Zuvor Bundesgenossen Arnulfs gegen die mährischen Slaven, hatten die Ungarn bald nach dem Tode des Kaisers diese ihrer Herrschaft unterworfen. Dadurch Nachbaren der Deutschen geworden , überflutheten sie nun deren Land mit ihren raublustigen Reiterschwärmen. Ludwig,

lantur ; densatique, lanceis obversis, in illos feruntur. - Post pedites vero et regius equitatus succedit ; ac acies hostium, copiis peditum divisas , multo nisu irrumpit." (M. G. Ss. 3). 1) Liudprandi Antap . 1 , 21 . 2) Ann. Fuldenses a. 894. 3) Liudprandi Antap. 1 , 27. „ - sagmatibus sellisque quibus equis insederant iuxta murum proiectis, per eorum acervum murum ascendunt." (M. G. Ss. 3, 282.)

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der unmündige Sohn Arnulfs , war nicht im Stande hin reichend Streitkräfte zu vereinigen, um der Ungarn Herr zu werden. Missvergnügte Vasallen verweigerten die Heeresfolge, befehdeten sich untereinander ; Ritterburgen wurden erbaut , das Faustrecht geübt , und viele vom Adel lagen in diesen Zeiten dem Räuberhandwerk ob. Während Conrads I. vielfach angefochtener, kurzer Regierung trat keine Veränderung der Verhältnisse ein. Erst als Heinrich , des Sachsenherzogs Otto Sohn , zum König erwählt worden , begann strengere Handhabung der Gesetze. Zunächst ordnete er die Kriegsverfassung. Seine Einrichtungen stärkten die Wehrkraft des Volkes. Für unsern Zweck ist hervorzuheben, dass der stattliche König, selbst guter Reiter, sich angelegen sein liess die sächsische Ritterschaft im Reiterdienst auszubilden , um mit dem Reitervolk der Ungarn den Kampf aufnehmen zu können . Kampfspiele , von Einigen für Turniere ge halten, in welchen Heinrich alle Theilnehmer durch Ge schicklichkeit übertraf ¹ ) , dienten zur Uebung. Bald lieferten schwer gewappnete sächsische Reiter im Kriege mit den Redariern den Beweis ihrer Tüchtigkeit. Diese zinspflichtige slavische Völkerschaft hatte sich im Jahre 929 empört. Heinrich sendete Aufgebote der nächsten Marken wider sie aus . Des Angriffs der Slaven gewärtig blieben die Sachsen während der Nacht im Lager unter Waffen. Bei Morgengrauen wurde die Loosung ausgegeben und von der Mannschaft, wie es die Sitte erheischte, das Ge löbniss abgelegt dem Feldherrn und einander in der Schlacht treuen Beistand leisten zu wollen. Darauf rückten sie mit fliegenden Bannern ins Feld . Markgraf Bernhard zog , von Wenigen begleitet, voran, um Stärke und Stel lung der Gegner zu erkunden . Als er erfuhr, dass diese nur wenige Reiterei hätten und zahlreiches Fussvolk auf

¹) Widukindi r. g. Sax . 1 , 39. ,,In exercitiis quoque ludi tanta emi nentia superabat omnes, ut terrorem caeteris ostentaret. (S. r. G. Pertz 40).

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dem vom Regen aufgeweichten Boden nicht vorwärts kommen könnte, hielt er gerathen zum Angriff vorzugehen. Lauten Schlachtruf anstimmend eilte das sächsische Fuss auf die festgeschlossenen Massen der Redarier. Doch vergeblich strengte sich dasselbe an in die Front

volk

einzudringen ; auch Flankenangriffe hatten nur geringen Erfolg. Jetzt verlangte der Markgraf, dass die, von Graf Thiatmar befehligte , in Reserve stehende Reiterei zu Hilfe komme. Fünfzig Geharnischte , von einem Haupt mann (?) geführt, brachten mit dem ersten Anlauf gegen die Flanke Verwirrung in die feindlichen Haufen ). Die Redarier wendeten sich zur Flucht. Graf Thiatmar aber hatte ihnen mit seinen Reitern den Weg verlegt . Es zeugen diese , den Geschichten Widukinds entnommenen Angaben von gut geplanter Verwendung der an Zahl wahrscheinlich nur schwachen Reiterei. Dem rechtzeitigen Eingreifen der fünfzig Ritter in das Gefecht verdankten die Sachsen den Sieg, und von den übrigen Reitern ge schickt ausgeführte Umgehung vollendete die Niederlage der heidnischen Feinde , deren Gefangene nach Brauch der rohen Zeit aufgehängt wurden. Die Bezeichnung Gewappnete oder Ritter, Wörter mit denen sich leicht der Gedanke an das spätere Mittel alter verbindet, dürfen nicht zu der Annahme verführen, dass zu der hier in Betracht kommenden Zeit die Reiters leute in Plattenpanzern gesteckt hätten . Solche kamen in den Kreuzzügen auf. Im zehnten und elften Jahrhundert bildeten Ringpanzer die bei den vornehmen

erst

Reitern allgemein gebräuchliche Schutzbekleidung. Der ritterliche Streiter hüllte sich von Kopf bis zu Fuss in eisernes Ringgeflecht ein, welches aus mehreren Stücken bestand : dem Panzerhemd , der Halsberge und den Isen hosen, die angeschuht oder angeschüttet wurden.

Den

1) Ebd. 1 , 36 ,,Ille (Thiatmarus) vero praefectum cum quinquaginta armatis lateri hostili inmisit, et ordines conturbavit -- " (S. r. G. Pertz 36).

58 Kopf umgab der Reiter entweder auch enge mit Ketten geflecht, oder er bedeckte denselben mit einem aus Eisen blech oder Stahlplatten gefertigten Helm, den die Hals berge mit dem Panzerhemd verband. Die Helme glichen dann runden Mützen mit nach vorne gebogener Spitze. Mund , Nase und Augen blieben frei. Zum Schutz des Gesichtes diente die über die Nasenspitze hervorragende Helmleiste , das Nasenband.

Die Hauptschutzwaffe , der

unten zugespitzte , mit Leder bezogene Holzschild, meist mit Buckel und Beschlag aus Erz versehen , hatte etwa halbe Manneslänge . Als Haupttrutzwaffen führte der Gewappnete die Stosslanze und das Langschwert mit Kreuzgriff. Die Stange der ersteren war rund und glatt aus hartem Holze gearbeitet , die stets zweischneidige Lanzenspitze dolch- oder blattförmig.

Erst nach Zer

splitterung der Lanze wurde das doppelschneidige Lang schwert aus der Lederscheide gezogen, in welcher dasselbe auf der linken Seite am Gürtel hing. In der Regel war noch ausserdem ein Halbschwert oder Hiebmesser an der rechten Seite mit Ketten am Erzhemd befestigt.

Die

Sachsen führten deren sogar mehrere ; bei ihnen war diese Waffe volksthümlich . Zweifellos wurden , wiewohl auf den berühmten Tapeten von Bayeux (um 1070) die Mehr zahl der Krieger ohne Sporen dargestellt ist , schon im zehnten Jahrhundert beide Hacken bespornt und diesem Ausrüstungsstück auch symbolische Bedeutung beigelegt. Berichtet doch Liudprand : Herzog Burchard von Schwaben habe im Jahre 926 gedroht , er wolle die Italiener dahin bringen nur einen Sporn zu tragen und Stuten zu reiten¹). Es deutet dieser Ausspruch auf den erst aus späterer Zeit bekannten Ritterbrauch , dass der im Kampfe Ueber wundene dem Sieger nebst seinem rechten Handschuh

¹ ) Liudprandi Antap. 3, 14. „ Si Italienses omnes uno uti tantummodo —66 calcari, informesque non fecero caballicare equas, non sum Bruchardus ( M. G. Ss . 3, 305).

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auch seinen rechten Sporn geben musste, als Versicherung, er werde versprochene Bedingungen treu erfüllen¹). Aus der angeführten Stelle ist ferner zu entnehmen, dass be reits in der ersten Hälfte des zehnten Jahrhunderts dem ritterlichen Kriegsmanne nicht standesgemäss erschien Stuten zu reiten. Schwerer Rüstung wegen wurden starke Pferde gebraucht. Diese standen sehr hoch im Preise. Zu Anfang des zehnten Jahrhunderts soll ein Pferd mit dreissig Joch Landes und einem Hofplatze bezahlt worden sein "). Wahrscheinlich war es üblich die Pferde als Fohlen durch aufgesetzte Puppen an Reiter und Last zu gewöhnen³). Schwere Sättel vermehrten noch die Last für das Reitpferd. Hatten diese auch nicht den Umfang jener Turniersättel , welche in den Sammlungen aus späterer Ritterzeit unser Staunen erregen, so waren sie doch keines wegs klein , und die Kriegsstrafe des Satteltragens , für Freie , vorzüglich vom Adel, zu der Karolinger Zeit auf Diebstahl gesetzt 4), mag wie der Ehre so auch dem Körper empfindlich gewesen sein . Zur Zäumung diente einfache Trense, althochdeutsch : gibiz, gipiz. Die Kantare gehört dem späteren Mittelalter an, welches Reiter- wie Pferde

1 ) Büsching, Ritterzeit und Ritterwesen. Bd . 1. S. 212. 2) G. A. Stenzel. Versuch einer Geschichte der Kriegsverfassung Deutschlands , vorzüglich im Mittelalter. S. 93. (Schannat. trad. Fuld .) 3) Liudprandi leg. 23. vergleicht den zu Pferde sitzenden Kaiser Nicephorus mit einer Puppe, wie slavische Stallknechte Ottos I. solche auf die Fohlen zu binden pflegten. 4) G. A. Stenzel . S. 65. (Cap. Lud . II . c. 10. ,, et liber armis cara id est sella ad suum dorsum ante nos a suis semotus dirigatur“). Die andere, eines Druckfehlers wegen falsch bezeichente Stelle, auf welche Stenzel verweist, zeugt, dass die Strafe im zwölften Jahrhundert vorkommt. Ottonis Fris. de reb. gest. Fr. imp. 2, 28 ,,Denique vetus consuetudo pro lege apud Francos et Suevos inolevit, ut si quis nobilis, ministerialis vel colonus coram suo iudice pro huiusmodi excessibus reus inventus fuerit, antequam mortis sententia puniatur, ad confusionis suae ignominiam nobilis canem, ministerialis sellam, rusticus aratri rotam de comitatu in proximum comitatum gestare cogatur". (S. r. G. Pertz 2, 153.)

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rüstung, daz pfertkleit, metallne kovertiuren, bis zur Un geheuerlichkeit anwachsen liess. Die ältesten Bildwerke zeigen uns die Reiter des zehnten und des folgenden Jahrhunderts mit geradem Oberleib und weit vorwärts gestreckten Unterschenkeln. Zuweilen erscheinen die, durch breite , aber nicht schaufelförmige Steigbügel ge schobenen und gegen die Sohle derselben angestemmten Füsse des Reiters sogar vor den Pferdeschultern ; die Isenhosen hinderten eben die Kniebeugung ). Auffällig ist, dass die im frühen Mittelalter noch nicht verdachten oder bedachten Rosse fast ausnahmelos gut beigezäumt vorkommen , während die Zügel nur selten anstehen , häufig nicht einmal in der Hand des Reiters ruhen. Als Heinrich I eine im Reitergefecht bewährte Ritter schaft hatte, fühlte er sich stark genug den Kampf mit den Ungarn zu beginnen und schickte deshalb deren Ge sandte, welche gekommen waren Tribut einzufordern, mit leeren Händen heim. Bald darauf (im Jahre 933) fielen die Ungarn mit verschiedenen Heeren in Deutschland ein. Heinrich lag krank darnieder als der Anmarsch der Feinde gemeldet wurde. Sogleich sendete er Boten durch ganz Sachsen und befahl allen , die zu erreichen waren, bei Todesstrafe sich innerhalb dreier Tage bei ihm ein zufinden. Also auch die Sachsen mussten durch Drohung angetrieben werden. Ein starkes Heer sammelte sich in der gegebenen Frist. Die im westlichen Theile des Sachsen landes erschienenen Ungarnschaaren wurden unter dem Beistande der Thüringer in einzelnen Zusammenstössen aufgerieben. Auch hatten hier die Einwohner alle Lebens mittelvorräthe in Burgen gebracht, um den Feind durch Hungersnoth zum Abzug zu zwingen . Die anderen „ Kin der Belials, welche wie Heuschrecken die Erde bedeckten",

¹) Mit Plattenpanzern gerüstete Ritter des späteren Mittelalters sassen dagegen, weil das bewegliche Schenkelstück die Beugung zuliess , meist mit hochgezogenen Knieen im hochlehnigen Sattel.

GVDRSITY OF CALIFORNI 61

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ereilte der König selbst in Ostsachsen.

Vor ihm , der

durch sein Beispiel alle Kriegsleute zur Tapferkeit an feuerte , wurde das Hauptfeldzeichen , ein Bild des Erz engels Michael , einhergetragen. Den Schlachtruf „ Herr erbarme dich unser" anstimmend , griffen die Deutschen an.

Auf Rath des Königs , dass niemand , ob er gleich ein rascheres Pferd habe, dem anderen vorauseilen möge, nahmen die sächsischen Reiter in Linie ihren Anlauf. Mit vorgehaltenen Schilden fingen sie die Pfeile der Ungarn auf und trieben die Feinde zu Paaren ¹). Nach anderer Angabe flohen die Ungarn schon beim Anblick der Ge wappneten, und zwar so schnell, dass diese sie nicht er reichen konnten 2) . Deutsche Ritter legten zwar zuweilen weite Märsche in kurzer Zeit zurück, aber ihre schweren, plumpen Pferde vermochten nicht anhaltend zu kalopieren oder walopieren, noch weniger in der rabbine, d. i. in vollem Laufe die ungarischen Rosse zu ereilen. Das Lager der Ungarn wurde erstürmt. Nach diesem Treffen , welches angeblich bei Merseburg stattfand, blieb Norddeutschland längere Zeit

von den gefährlichen Feinden verschont.

Heinrich starb wenige Jahre nach dieser Waffenthat. Die Hälfte der thatenreichen Regierung seines Sohnes

1) Liudprandi Antap . 2 , 31 ,,Dederat rex Heinricus suis ante belli inchoationem huiusmodi sapiens ac salubre consilium : „,,,Cum ad Martis ludium ceperitis properare, nemo sotium velotiori, quamquam habeat, tem ptet equo praeire. Verum clipeis altrinsecus operti , primos super scuta sagittarum ictus recipite ; deinde cursu rappido impetuque vehementissimo super eos irruite , quatinus non prius vobis secundo sagittarum possint ictus emittere, quoad vestrorum sibi armorum sentiant vulnera pervenisse.“ “ Saxones igitur admonitionis huius saluberrimae non inmemores, ordinata aequaliter acie currunt, nec est , qui velociori tardiorem transeat equo ; verum clipeis, ut rex dixerat, altrinsecus cooperti, sagittarum super clipeos recipiunt ictus innocuos ; deinde - super hos cursu praepeti veniunt 16 (M. G. Ss. 3, 294). 2) Widukindir. g. Sax. 1 , 38 „ Actumque est ita ; sed nichilominus videntes exercitum armatum , fugerunt , ut per octo miliaria vix pauci caederentur vel caperentur. (S. r. G. Pertz 40.)

62 und Nachfolgers Otto erfüllten innere Kriege , welche ausschliesslich mit Vasallen und Dienstmannen ausge fochten wurden. Nach Italien ging Otto auch nur mit ritterlichem Gefolge. Zu einem Feldzuge nach Frankreich und zur Abwehr der Ungarn entbot er aber die Land folge. Diese stand dem Heerbann Karls des Grossen weit nach, denn der Waffenführung unkundig und schlecht gerüstet erschien das Volk zur Heerfahrt. In den zwei und dreissig Abtheilungen (legiones) des im Jahre 946 bis Paris geführten Volksheeres befanden sich nur wenige Männer, welche andere als ihre alltägliche Kopfbedeckung , nämlich Strohhüte, hatten. Die Streitkraft ruhte in den Händen der Vasallen, die zweckentsprechend gewappnet, in den Waffen geübt , auch im Stande waren den kost spieligen Reiterdienst zu leisten. Mit dem Einfluss der Vasallen auf die Kriegsverhältnisse . stiegen deren An sprüche an den Lehenherrn . Schon früher waren an die Stelle der ursprünglichen Verpflichtung, für das aufLebens zeit zu Lehen empfangene Reichsgut den Kriegsdienst auf eigene Kosten und in unbeschränkter Zeitdauer zu leisten , günstigere Bedingungen getreten , wie Entschä digung für die Kosten der Ausrüstung und Begrenzung der Zeitdauer der Dienstleistung. Da Landbesitz Reich thum bedeutete , wurde Erweiterung der Verleihung von allen angestrebt , ebenso die Berechtigung das für Lebenszeit erhaltene Gut auf die Nachkommen übergehen zu lassen.

Die höchsten Forderungen stellten diejenigen,

welche nicht nur als Lehenträger , sondern auch durch Verleihung ihres freien Eigenthums an andere, oder durch theils willigen, theils widerwilligen Anschluss freier Männer an ihr Machtbereich über sehr zahlreiche Dienstmann schaft gebieten konnten. Der Beistand dieser Grossen des Reiches fiel unter Umständen entscheidend in das Gewicht. Dem Gelöbniss nach sollten zwar alle Vasallen dem Könige heerespflichtig sein , doch in Zeiten die so erfindungsreich waren in ,, Tincturen für Meineid", kam

63 es oft vor, dass der König um den Beistand der Vasallen werben musste. Kennzeichnend ist , dass ein vornehmer Vasall, der zahlreiches Gefolge hatte, von Otto I. gerade in dem Augenblick die Abtei Loresheim als Preis seiner Dienste begehrte, da dieser, von vielen verlassen, sich in übeler Lage befand.

Das Verleihungswesen , einst ein

Mittel unabhängig von dem für das allgemeine Aufgebot nothwendigen Volksbeschluss über kriegsbereite und kriegs tüchtige Mannen verfügen zu können, machte die Könige in eben dem Maasse als des Volkes Wehrkraft sank von dem Willen , wenn nicht aller , so doch der grossen Va sallen abhängig. Vasallen bildeten einen Kriegerstand , dessen Mitglieder ausschliesslich mit dem früher für alle Krieger zu Pferde gebräuchlichen Namen milites , d. i. Ritter, bezeichnet wurden , und welche die Waffenführung kunstgemäss zu erlernen pflegten. Wesentlich hatten die von Heinrich I. in Sachsen eingeführten Reiterspiele beigetragen, das Waffenhandwerk zur Kunst werden zu lassen. Die Reiterspiele kamen um so mehr in Auf nahme, als auch Otto I dieselben liebte und gleich seinem Vater mit wahrhaft königlichem Anstande die Waffen zu führen und das Ross zu tummeln verstand ). Wahr scheinlich legte Otto I. den Grossen des Reiches, so sie sich des Friedensbruches schuldig oder der Untreue ver dächtig gemacht , Pferdelieferungen auf, um seine Ge treuen mit den für Reiterspiel und Ernstkampf noth wendigen, kostbaren Streitrossen beschenken zu können. Den Frankenherzog Eberhard , König Konrads Bruder, verurtheilte er wegen einer Fehde Pferde im Werthe von hundert Pfunden zu geben ) , den Erzbischof Anthilbert zur Lieferung so vieler Pferde, als er dem Herzog Heri mann von Sachsen hatte Glocken läuten und Kronen

¹) Ebd . 2. 36 ,, equitatus gratiam regia gravitate interdum exercens." (S. r. G. Pertz . 66.) centum talentis aestimatione equorum 2) Ebd. 2 , 6 ,, - " (Ebd . 49 :

64 leuchter anzünden lassen ¹) . Die Annahme dass Otto I., welcher kühne Thaten seiner Dienstmannen mit Land gütern zu belohnen, seine Anhänger mit goldener Kette dieser Vorgängerin der neuzeitigen Ehrenzeichen zu schmücken pflegte, auch Pferde verschenkt habe, wird durch Zeugnisse über diese königliche Sitte aus früherer und späterer Zeit unterstützt . Schon in der Urzeit statte ten die Gefolgeherren edele Jünglinge zum Kriegszuge mit Streitrossen aus 2); unter Merowingern und Karo lingern waren Ross und Waffen die Gaben königlicher Huld ³), und auch Heinrich III. belohnte um die Mitte des elften Jahrhunderts die Dienste eines Edeln durch Schenkung des werthvollen Rosses , welches ihm der Herzog von Böhmen gegeben hatte. Dieses Ross trug einen Sattel von aussergewöhnlicher Schwere , der „ ganz aus Silber und Gold kunstvoll gearbeitet war ¹)". Der Ausspruch des griechischen Kaisers Nicephorus zu dem Gesandten Ottos I.:,,Die Deutschen verstehen nicht zu reiten und zu Fuss zu kämpfen ist ihnen ganz unbekannt. Die Grösse ihrer Schilde, das Gewicht ihrer Panzer , die Länge ihrer Schwerter und die Last ihrer Helme hindern sie von allen Seiten zu fechten. Gefrässig keit hindert sie ebenfalls , denn ihr Bauch ist ihr Gott. Ihre Kühnheit besteht im Rausche , ihre Tapferkeit in 1 ) Thietmari chron . 2, 18 „ Aethilberto per epistolam mandavit epi scopo , ut tot sibi equos mitteret , quot duci campanas sonare vel quot coronas accendi preciperet." (M. G. Ss. 3, 752.) 2) Tac. Germ. 14. „ Exigunt enim , principis sui liberalitate , illum bellatorem equum 15 3) König Pipin dem Remistanius, der ihm und seinen Söhnen Treue schwört ,, - equos et arma largiendo eum ditavit." (Fredeg. cont. 128.) — Als Harold , der Normannenkönig , von Ludwig dem Frommen sein eigenes Reich zu Lehen nahm : ,,Mox quoque Caesar ovans Francisco more veterno Dat sibi equum nec non, ut solet, arma simul." (Ermoldi Nigelli carm . 4) . ―――― M. G. Ss. 2. 513. 4) Ann. Altahenses m. a. 1041. „ Idem Liutpoldus Radasponae regi redeunti obviam venit et gratias maximas cum meritis muneribus accepit,

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der Trunkenheit. Wenn sie fasten sind sie hinfällig, wenn nüchtern furchtsam )" trägt so deutlich das Ge präge falschen Vorurtheiis an sich , dass wohl niemand denselben für richtiges Urtheil nehmen wird . Freilich kann nur dem Eifer blinder Ahnenliebe Rohheit und Zügellosigkeit der Ritter jener Zeit entgehen , aber die Tapferkeit derselben stellt das Zeugniss der Geschichte ausser Zweifel . Vollständiges Bild der dann allgemein oder über wiegend üblichen Fechtweise deutscher Reiter liefert keine, wenigstens keine der für diesen Vortrag benützten Quellenschriften. Vergleichung und Verbindung einzelner Stellen der krausen Schlachtberichte, die durch lateinische Wörter, für welche der deutsche Begriff fehlt, noch räthsel voller erscheinen, ergiebt, dass die ritterlichen Streiter des zehnten Jahrhunderts gegen Reiterei wie gegen Fussvolk geschlossen vorzugehen pflegten . Heinrichs I. Ermah nung an die sächsischen Reiter , keiner solle dem ande ren aus der Linie voreilen, ist bereits angeführt worden 2). Da jene Reiter einander mit den Schilden deckten, kann die Linie nur eine geschlossene gewesen sein.

Nach An

gabe Richers, dessen Vater Dienstmann König Ludwigs IV. gewesen, sprengten im Jahre 943 achthundert westfrän kische Reiter oder Ritter dieses Königs, die Schilde vor haltend , enggeschlossen gegen das Fussvolk der Nor mannen an. Sie durchbrachen die feindlichen Reihen und machten dann kehrt, um abermals wider die Gegner anzustürmen ³).

Die Kehrtwendung zu wiederholtem An

inter alia equum optimum, ducis Boemi donum, quem ipse regi detulerat, cum sella miri ponderis et operis , quae tota ex argento et auro fabre facta fuerat." (S. r. G. Pertz 31.) 1) Liudprandi leg. II. 2) Siehe Anmerkung 1 der Seite 61 . 3) Richeri hist. 2 , 35 . ,,At regius equitatus , ensium nube dilapsa, clipeorum obiectione tuti in pedites feruntur. Ac densati acies sternendo atque interimendo indivisi penetrant egrediunturque . Rursusque regressi penetrant, ac disrumpunt." (M. G. Ss. 3, 595). Becker , Deutsche Reiterei. 5

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griff, schon in den Kampfspielen bei Strassburg im Jahre 842 Gegenstand der Uebung , blieb ――――― in der Kunstsprache der Turniere diu kêre und kêren geheissen ') ―――― weit über die hier zu besprechende Zeit hinaus der Reiterbeweis für gute Abrichtung des Kampfrosses. Erst nach Zer sprengung der feindlichen Linien oder Haufen, auch wenn die eigene Schlachtordnung beim Anprall aufgelöst wor den , begann das Handgemenge . Stürmische Tapferkeit liess hierbei oft ebensowohl einzelne Mannen , wie im blutigen Strauss zusammengeballte Häuflein die Feld zeichen aus dem Gesicht verlieren und den herehorn - Ruf der trumlierer überhören. Es fehlt daher nicht an Bei spielen, dass ein Theil des Reiterheeres auf der ursprüng lichen Wahlstatt Niederlage erlitt und andere Theile, welche des Glaubens waren ihre Waffenerfolge hätten den Sieg eingetragen, bei der Rückkehr dahin den Irr thum schwer büssen mussten 2) . Parallelangriff war , so weit die Schlachtberichte dies erkennen lässen, die Regel ; Attake auf die Flanken kommt selten vor³). Zuweilen theilten die ritterlichen Streiter ihre Geschwader, um den Gegner in Front und Rücken gleichzeitig anzufallen . Als im Jahre 939 hundert Anhänger Ottos I. , durch den Rhein von ihren Gefährten getrennt, sich zahlreichen feindlichen .Schaaren gegenüber befanden , bildete das Häuflein so gleich zwei Abtheilungen. Eine sprengte den Feinden entgegen, während die andere einen Teich umritt und den Gegnern in den Rücken fiel. In die Mitte genommen mussten die meist lothringischen Mannen, trotz ihrer Ueber legenheit an Zahl, den sächsischen Rittern weichen 4). Der Ritter verschmähte Vorsicht ; im Lager wurde

¹ ) San Marte. S. 248. 2) Ein auffälliges Beispiel hierfür liefert die Schlacht an der Elster im Jahre 1080. Brunonis d. b. Sax. 121 . 3) Gegen Fussvolk z. B. in der Schlacht bei Lenzen. Siehe S. 57. Liudprandi Antap. 4, 23. 4) Widukindi d. g . Sax. 2, 17

67 daher der Sicherheitsdienst entweder gar nicht, oder nur lässig betrieben ¹). Bei grösseren Unternehmungen zogen aber Reiter vorauf, um Kundschaft über Stärke, Stellung und Absicht des Feindes zu gewinnen. Ganze Heere Ehre galt im marschirten mit Vorhut und Nachhut. ersten Treffen zu sein ; die Nachhut blieb den minder angesehenen Kriegsleuten überlassen.

So in der ruhm

reichsten Schlacht Ottos I. , welche er mit Vasallen und Landfolge den Ungarn lieferte. Herbeigerufen von Ludolf, des Königs eigenem Sohne, und dem baierischen Arnulf, gegen deren Mannen Ottos Reiter bei Regensburg wacker gestritten hatten 2), waren im Jahre 955 die Ungarn über Oestreich in Baiern ein gefallen.

Otto eilte ihnen entgegen, nahm aber nur sehr

wenige Sachsen mit sich, weil diesen der Krieg mit den Slaven vollauf zu thun gab. In der Mark der Stadt Augsburg schlug er sein Lager auf.

Hier stiessen die

Heere der Baiern und Franken zu ihm, auch Herzog Konrad, der Eidam des Königs, führte zahlreiche, aber des Krieges noch unkundige Ritterschaft zu . Durch die Ankunft des bewährten Mannes ermuthigt, wünschten die Kriegsleute zum Angriff zu schreiten, und da auch die Kundschafter meldeten , der Feind wäre nahe , ward Fasten angesagt und allen befohlen am folgenden Tage für den Kampf bereit zu sein. Bei Morgendämmerung des zehnten August rückten sie , nachdem gelobt worden dem Führer und einander in der Schlacht treue Dienste leisten zu wollen, in acht Heerhaufen (von Widukind Legionen geheissen) mit fliegenden Bannern aus dem Lager.Ueber Stärke und Gliederung dieser aus Reiterei und Fussvolk zusam mengesetzten Legionen fehlt jede Angabe. Doch wie in der Urzeit die Germanen zur Schlacht nach Sippe und Volksstamm zusammenzutreten, aber Jünglinge verschie ¹) Thietmari chron. 7 , 44 berichtet von traurigem Wachdienst vor Nimptsch. 2) Widukindi d. g. Sax. 3 , 36.

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68 dener Gaugemeinden das persönliche Gefolge des Führers auszumachen pflegten, so schaarten sich auch hier Baiern, Franken und Schwaben nach Landsmannschaft zusammen, während die stärkste Abtheilung, die königliche genannt, aus muthigen , erlesenen Jünglingen aller Stammvölker gebildet, mit Otto war. Vor ihm wurde das Hauptfeld zeichen, der sieggewohnte Erzengel einhergetragen . Er selbst hielt die heilige Lanze in der Hand, dieses angeblich mit Nägeln aus dem Kreuze unseres Heilandes geschmückte Kleinod , für welches einst ein ansehnlicher Theil des Schwabenlandes als Gegengeschenk an Rudolfvon Burgund gegeben sein soll. Damit, den Feinden keine Gelegenheit geboten würde das Heer auf dem Marsche durch Pfeil schüsse beunruhigen zu können , wählte dasselbe steile , schwierige Zugänge zu der zwischen den Flüssen Lech und Wertach gelegenen Ebene. Drei Heerhaufen der Baiern , dieser Vaterlandsvertheidiger im engeren Sinne des Wortes, bildeten die Vorhut, geführt von den Grafen des erkrankten Heinrich, welchem nach Aussöhnung mit seinem Bruder Otto Baiern verliehen worden war. Den Baiern folgten die Franken unter Herzog Konrad. Dann kam des Königs Schaar , der sich zwei Heerhaufen der Schwaben, von Herzog Burkhard befehligt , anschlossen. Tausend böhmischen Steitern,,,reicher an Rüstung als an Glück", war die Nachhut überlassen, diese für sicher ge haltene Stelle , an der sich auch Gepäck und Tross be fanden. Doch die Sache kam anders als vermuthet wor den. Einige Schwärme der beweglichen Ungarn hatten den Lech überschritten , das königliche Heer umgangen, und griffen die überraschten Böhmen erfolgreich an . Auch die Schwaben geriethen in Mitleidenschaft. Erst den von Otto zu Hilfe gesendeten Franken gelang es die Feinde zu vertreiben, ihnen die Beute abzujagen und die Gefangenen zu befreien. Nach dieser Waffenthat kehrte Herzog Kon rad mit den Franken zu Otto zurück, und unterstützte nun dessen Schaar und die Baiern beim Angriff auf die

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Ungarn.

Konrad blieb im Treffen.

Von Sonnengluth

und Anstrengung erhitzt , hatte er die Halsberge abge nommen, um ein wenig Kühlung zu geniessen ; ein Pfeil traf die entwappnete Stelle und streckte den im Kampf zu Ross wie im Kampf zu Fuss unwiderstehlichen Mann nieder. Trotz tapferen Widerstandes erlitten die Ungarn vollständige Niederlage. Diejenigen welche durch Flucht zu entkommen versuchten , wurden theils von den nach setzenden Kriegern, theils von den Landesbewohnern ge tödtet. Drei in Gefangenschaft gerathene Ungarnfürsten liess Otto aufhängen. Der Sieg auf dem Lechfelde be freite das innere Deutschland für Jahrhunderte von den Räuberhorden des wilden Nachbarvolkes. Der magere Schlachtbericht des Mönches von Corvei ¹), dem wir hier gefolgt sind, hebt die Leistungen der frän . kischen Ritterschaft hervor. Dass die Reiter der anderen Heerhaufen in erster Linie , vor dem minder geachteten Fussvolk gekämpft , dürfte ohne äussere Beglaubigung für gewiss anzunehmen sein. Bemerkenswerth ist die Angabe , Otto habe den Herzog Konrad mit der frän kischen Abtheilung entsendet , also demselben die Wei sung ertheilt in das Gefecht der - Nachhut einzugreifen ²). Es ist damit ein Zeugniss von einheitlicher Heeresleitung gegeben. Schwerlich hätte auch Otto so Grosses auszu richten, die Grenzen des Reiches nach allen Seiten aus zudehnen vermocht , wenn seine Streiter stets in unge zügelter Tapferkeit an den Feind gegangen wären. Eben sowenig wie in der Urzeit platzten im frühen Mittelalter ganze Heere planlos aufeinander. Die Heerführer jener Zeiten verstanden wohl den Angriff zu leiten, nicht aber die im Handgemenge aufgelösten Schaaren zu sammeln und ein Gefecht rechtzeitig abzubrechen. Den geschicht

1) Ebd. 3, 44–48. 2) Ebd. ,,Rex autem cum intellexisset, bellum ex adverso esse et post 66 -tergum novissima agmina periclitari , misso duce cum quarta legione (S. r. G. Pertz 88).

70 lichen Ueberlieferungen ist kein Beispiel geregelten Rück zuges zu entnehmen .

Sogleich nach der Ungarnschlacht zog Otto gegen die Slaven. An der Raxa (Recknitz) wirkte Waffenthat seiner Ritter , dass die zähen Wenden des Oder- und Spreelandes aufs Neue die deutsche Herrschaft anerkennen mussten ¹). Auch die Kaiserkrone errang der kühne Ludolfinger wenige Jahre darauf mit seinen ritterlichen Mannen unter Beistand schwäbischer und schwer ge rüsteter lothringischer Reiter 2). Otto II , der, schon bei Lebzeiten seines Vaters als Mitkaiser gekrönt , demselben im Jahre 973 in der Regierung folgte, liess die Strohhutmänner der sächsischen Landfolge bei Acker und Pflug. Von diesem wohlfeilen Pöbel kriegsunkundiger Fussgänger war bei ihm nicht Rede als es darauf ankam den Friedensbruch des Franken königs zu rächen. Er zog vor, Vasallen durch Geschenke und Gunstbezeigungen für das Unternehmen zu gewinnen ³). Mit angeblich dreissigtausend Reitern ¹ ) , in welcher Zahl wahrscheinlich die Trossknechte einbegriffen sind, drang er bis Paris vor. Witterung und Seuchen nöthigten hier zur Umkehr , und auf dem Rückzuge erlitt des Reiter heer , das sich an Verheerung des feindlichen Gebietes hatte gnügen lassen, nicht unerhebliche Verluste. Dennoch wirkte der Feldzug, dass Lothringen deutsches Land blieb. Nach Italien zog der Kaiser gleichfalls mit ritterlichem Gefolge. Erst im Kriege um den Besitz Calabriens und Apuliens

berief er die Baiern und die kampfgeübten

1) Ebd . 3, 53. 2) Ruotgeri v. Brun. a. 961 „ (Bruno) domino et fratri suo, quia ipsum per se ire non licuit, auxiliares copias non levem armaturam (gravis arma turae equites , quibus hodieque Lotharingia antiqua excellit) de Lotha riorum populo misit." (M. G. Ss. 4, 270). 3) Richeri hist . 3 , 72. 4) Ebd. 3, 74. ,,Interea Otto cum triginta milibus equitum in Gallias ire parabat." (M. G. Ss. 3, 622)

71 Alamannen zur Ergänzung seines Heeres , das anfangs siegreich , später von den Sarazenen , welche Bundes genossen der Griechen waren , vollständige Niederlage erlitt. ,, Die Besten des Reiches" , „ unzählige Edele “ tränkten die Wahlstatt bei Basantello mit ihrem Blute. Der flüchtende Kaiser entkam durch List seinen Feinden , starb bald darauf an den Folgen einer Wunde im frem den Lande. Ueber die Kampfweise der Reiter Ottos II. fehlen Nachrichten. Aus den Angaben des Bischofs Thietmar von Merseburg ) ist nur zu ersehen , dass der Kaiser , der vor dem Angriff durch gewandte Späher Stärke und Stellung der Sarazenen hatte erkunden lassen , nach glücklichem Treffen höchst unvorsichtig verfuhr. Mangelhafter Sicherheitsdienst , ein Uebel an welchem Ritterheere stets krankten , trug Schuld , dass die ge schlagenen Feinde sich unbeobachtet sammeln und einen Ueberfall ausführen konnten. Zur Zeit des dritten Otto, der im Jahre 983 zunächst unter Vormundschaft seiner Mutter, der Griechin Trophania, zur Regierung gelangte, nahm die Landfolge nur hin und wieder in den Marken des Reiches zum Schutz von Haus und Hof die Waffen zur Hand. Den jungen , deutscher Sitte abholden Kaiser begleiteten auf seinen Zügen aus schliesslich ritterliche Mannen , denen weniges Fussvolk in der Eigenschaft bewaffneten Trosses folgte. Reiter, vom Scheitel bis zu Sohle in Eisen gekleidet ²) , welche sich von Jugend an bei Kampfspielen in den Waffen ge übt³) , dann in blutigen Fehden ihre Kraft erprobt hatten. fochten in der Fremde für Ottos Sache und die Ritter ehre. Das gemeine Volk , das an der Scholle klebend , seinen Vortheil darin fand in Ruhe und Frieden zu

1) Thietmari chron. 3, 12. 2) Ebd. 4, 9 ,, - exercitus et omnis est ferreus." 3) Ebd. 4, 14.

quantitate parvus, qualitate sua optimus

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―――

bleiben, glich längst nicht mehr den kampflustigen Vor fahren. Aber im Adel lebte die altgermanische Gesinnung fort, es sei feige mit Schweiss zu erwerben , was durch Blut zu gewinnen¹). Zu Ende des zehnten Jahrhunderts hatte sich der Kriegerstand schon vollständig abgeschie den ; Reiterdienst , Adel , Ritter und Kriegerstand , auch in der Benennung gleichbedeutend , fielen dann in eins zusammen. Heinrich II, nach Ottos frühem Tode im Jahre 1002 aus blutigem Parteienkampf um die Krone des Reiches als Sieger hervorgegangen , zog gleichfalls in das Land der Tücke und Hinterlist. Auf dem ersten Zuge dahin konnte sein Reiterheer nicht über die besetzten Alpen pässe vordringen. Die Hilfe der Kärnthener musste an gesprochen , durch das Fussvolk derselben den Rittern der Weg nach Italien eröffnet werden ) . Zwiespalt der Gegner förderte hier Heinrichs Absichten. Kriege mit Böhmen und Polen beschworen grössere Gefahr herauf. Die deutschen Eisenreiter, welche, wie von Ritter Wulferam erzählt wird³), das wuchtige Schwert zu führen verstan den, dass es durch den Helm des Feindes schlug , ge riethen den Polen gegenüber oft in Bedrängniss . Wenig beweglich und ausschliesslich zum Handgemenge bewaff net, konnten sie weder den ,, mit der Schnelligkeit flüch tiger Hirsche" ausweichenden polnischen Reitern , noch den im Hinterhalt lauernden polnischen Pfeilschützen beikommen ). Der deutsche Reitersmann jener Zeit ver schmähte nicht bei Fehden hin und wieder Kriegslist anzuwenden, durch täuschende Mummerei Einlass in Burg oder Stadt zu gewinnen 5), aber im offenen Felde kannte

1) Tac. Germ. 14. „,Pigrum quin imo et iners videtur sudore acquirere quod possis sanguine parare." 2) Thietmari chron. 6, 4. —— Adalboldi v. Heinrici II. imp. 34. 3) Ebd. 6, 6. 7, 13. 4) Ebd. 6, 16. 5 ) Ebd. 5, 14.

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er nur ehrlichen Kampf von Mann gegen Mann . Eine solche Fechtweise erwies sich im Kriege mit den Polen keineswegs vortheilhaft. Ohne Unterstützung guten Fuss volkes - denn weder die heidnischen Bundesgenossen , noch die schliesslich entbotene Landfolge können dafür - vermochten die Ritter nicht den Sieg zu ge gelten winnen. Friede,,, wie er dem Reich nicht geziemte , aber wie ihn die Noth gebot ", machte dem Kriege ein Ende, der übrigens nicht mit der gesammten Streitmacht des Reiches geführt werden konnte, da gleichzeitig auch nach anderen Richtungen die Waffen getragen werden mussten. Zwei Monate nach dem Tode des ,,heiligen" Heinrich,

mit welchem das sächsische Kaiserhaus erlosch, erwählten Fürsten und Stände unter beifälligem Zuruf grosser Volks menge den fränkischen Grafen Konrad zum König. Gleich den Vorgängern in der Regierung wurde auch er viel fach von den Grossen des Reiches bedrängt ihnen Ver leihungen für ihre Dienste zu ertheilen. Konrad verstand aber bald die Zuneigung des hohen wie niederen Adels zu gewinnen. Er erkannte nämlich den bisher nur ge duldeten Brauch der Grossen , ursprünglich auf Lebens zeit empfangene Reichsgüter den Nachkommen zu über lassen, für die Reichsvasallen als zu Recht bestehend an, und sprach den Reichsständen das Recht zu , von ihren Vasallen und Dienstleuten den Lehendienst zu fordern . Dagegen verpflichtete er die Erblehenträger den Kriegs dienst nach gesetzlich geregelter Weise zu leisten. Bieten nun zwar die Nachrichten über kriegerische Ereignisse während der fünfzehnjährigen Regierung Konrads ( 1024 bis 1039) keinen Anhalt für unsern Zweck , so gewährt doch die von ihm eingeführte Dienstordnung, welche in Bezug auf den schon längst zur Erwerbung der Kaiser krone nothwendigen Feldzug nach Italien der Reichs wehrverfassung neue Gestalt gab , Aufschlüsse über die Reiterei des elften Jahrhunderts. Mit dieser Romfahrts constitution wurde die Dienstpflicht aller Freien nicht

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geradezu aufgehoben , aber die Landfolge auf das Ver hältniss von Landsturm gebracht, zur Heerfahrt nur von der Ritterschaft persönliche Leistung und die Aufbringung eines Reiterheeres gefordert. Es sollte der für die Krone oder zu des Reiches Nutzen und Ehre zu unternehmende Feldzug allen Reichs lehenleuten und Getreuen ein Jahr und sechs Wochen im voraus angesagt werden. Vasallen, welche dann ohne Vergunst des Lehenherrn ausblieben , oder auf dem Sammelplatze (für die Romfahrt das roncalische Feld) ohne ritterliche Rüstung erschienen, verloren ihr Lehen gut. Jeder Adelige oder Freie musste von je zehn Höfen, die er vom Reich zu Lehen hatte, einen vollständig, d. i. ritterlich Gerüsteten ¹ ) und zwei Schildknappen stellen. Dem ersteren wurden drei Mark, jedem Schildknappen eine Mark Silber von dem Lehenherrn als Unterstützung für den Feldzug gewährt. Zu Schadenersatz oder Soldzahlung war derselbe aber nicht verbunden. Ministerialen der Kirche und Dienstleute der Fürsten, unter welchen keines wegs gemeine Dienstmannen zu verstehen sind , waren in strengerer Verbindlichkeit gehalten schon von je fünf Höfen einen ritterlich Gewappneten und einen Schild knappen mit sich zu führen. Der Reichsvasall konnte bestimmen , welche seiner Dienstleute aus dem Stande

1) Constitutio de expeditione Romana. „ Qui autem per hominium, sive liberi sive famuli dominis suis adhaeserint , quot decem mansos in beneficio possideant , tot brunias cum duobus scutariis ducant 11 Der Sinn dieser Stelle ist nach Eichhorn (Deutsche Staats- und Rechtsgeschichte 4te Aufl . 2ter Thl. S. 407 ) wie oben angegeben. Die gleiche Deutung findet sich bei Stenzel (Versuch einer Geschichte der Kriegsverfassung Deutsch lands S. 215 ) . Weniger Beifall verdient die Auffassung Bartholds (Ge schichte der Kriegsverfassung und des Kriegswesens der Deutschen Bd. I S. 72 der 2ten Auflage : ,,Wer zehen Höfe als Lehn besass musste ebenso viele volle Harnische hebst zwei Schildknappen mit sich bringen — “ ), denn es ist nicht anzunehmen , dass die Reichsvasallen mehr zu leisten hatten, als sie von ihren Lehenleuten fordern durften.

75 der gemeinen Ritterschaft Geld zur Heerfahrt steuern , und welche in Person mitziehen sollten. Dem Mitziehenden hatte er sechs Pfund Landesmünze zu geben und zwei Pferde ¹): den ravit oder loufer, d. i . ein für den Marsch geeignetes, im Nothfall auch als Streitross verwendbares Reitpferd, und einen Streithengst, später dextrarius ge nannt , weil dieses schwere Pferd auf dem Marsche von dem Knappen rechter Hand geführt wurde ; der Ritter bestieg dasselbe erst zum Kampf. Ferner lag dem Va sallen ob, für je zwei seiner Dienstleute einen soumaere, d. i. ein Saumthier zu liefern, und zwar mit Lebensmitteln gut beladen ?), welches sie aber zum Dienste ihres Herrn wohl zu behüten hatten. Dienstleute aus dem Stande der gemeinen Ritterschaft lebten im Felde auf Kosten ihrer Herren und empfingen ein Dritttheil der Kriegsbeute , während der Vasall , welcher auf eigene Kosten lebte, nur ein Dritttheil der Beute an den Lehenherrn abzu liefern hatte.

Die Romfahrtsconstitution führt noch als

Gefolge der Fürsten und Herren des hohen Adels einen Marschalk , Truchsess , Schenken und Kämmerer auf. Diesen gebührte wegen grösserer Mühe höherer Lohn, nämlich zehn Pfund Geldes, Kleider, Pferdeausrüstungs stücke. Auch standen ihnen drei, dem Marschalk sogar vier Pferde zu : ein Reitpferd , ein Streithengst, ein Zelter oder Passgänger und ein Saumthier 3).

Wer von diesen

adeligen Dienstmannen nach des Herrn Gunst zurückblieb,

66 ¹) Ebd. 32 et duo equi, unus currens, alter ambulans ac duobus sociis soumarius victualibus bene oneratus 2) Ebd. ‫در‬ committatur _66 Im Mittelalter wurden, der schlechten Wege halber, Feldgeräth und Lebensmittel in der Regel auf Lastthieren, nur ausnahmsweise auf Wagen fortgeschafft. Tragekisten oder Körbe , soumschrîn , leitschrîn , dienten zur Aufnahme des Gepäcks. 3) Ebd. 29 ――――― cum tribus equis tribuantur ; quartus Marscalco addatur ;

quorum unum ad praecurrendum , alterum ad pugnandum , tertium ad spatiandum, quartum ad loricam portandum.“

76 musste denselben entweder mit eben so vielen Pfunden Silber als er Höfe besass, oder mit der Jahreserndte ent schädigen. Von dem gemeinen Volke forderte das Reich

. zur Heerfahrt nur sachliche Leistung. Jedem Bauer lag ob, seinem Herrn zehn Schillinge, zwölf Hanfstricke und ein Saumthier mit der Halfter zu liefern. Wenn es ver langt wurde musste er dieses alles bis zum ersten schiff baren Wasser bringen. Hintersassen , Zinsbauern und herab bis zu dem Geringsten hatten Geld zu steuern . Die genannten Reitpferde , besonders die Streithengste standen sehr hoch im Werth. Zu Anfang des elften Jahrhunderts bezahlte der Bischof Meinwerk von Pader born ein Ross mit einem Talent, ein anderes mit dreissig Schillingen ¹). Auch die Waffen waren kostbar. Aus stattung

der Dienstmannen für den Krieg

erforderte

daher grossen Aufwand, den die Sucht mit starkem Ge folge auftreten, andere darin überbieten zu können , der artig steigerte, dass viele vom Adel schnell arm wurden. Rittersleute, welche sich die Mittel zum Aufwand durch Raub- und Gewaltthaten zu verschaffen pflegten, kamen, als das von Konrads Nachfolger eingeführte Landfriedens gesetz strenge gehandhabt wurde , vom stolzen Hengst auf den Bauerngaul, mussten dann an Stelle der goldenen, eiserne Sporen tragen ²). Die neue Einrichtung des Reichsheerdienstes, Grund lage der späteren Eintheilung aller Freien in sieben Heer schilde , schränkte den Kreis der zur Heerfahrt Waffen fähigen enger - ein , doch die gemeine Ritterschaft war zahlreich genug, dass im Nothfall starke Heere aufge bracht werden konnten. Nach Angabe Brunos befanden sich im Jahre 1078 allein im sächsischen Heere sechszig

¹) G. A. Stenzel S. 93 (Vita Meinwerci). 2) Vita Heinrici IV imp. 8. „ Qui nuper spumeo ferebatur equo , con tentus esse coepit vel rustico iumento. - Gaudebat aurum non se iam in luto calcari, dum ferreis calcaribus inopia cogeret uti. “ (S. r. G. Pertz 19).

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tausend Ritter in voller Rüstung ). Es gehörten damals, wenn auch in überwiegender Mehrzahl , so doch keines wegs ausschliesslich Leute adeliger Geburt dem Krieger stande an; erst die Hohenstaufen machten die Ertheilung des Lehengutes von dem Nachweis ritterlicher Vorfahren abhängig . In der Regel wurden , weil die Aufbringung und Erhaltung der Ritterschaft mit so grossen Kosten verbunden war , nur kleine Heere aufgeboten. In den meisten Fällen genügte auch geringe Anzahl von Streitern. Kriegerischer Geist lieh denselben die Thatkraft zahl reichen Feinden die Spitze bieten zu können. So gelang es Adalbert von Oestreich und seinem Sohne Luipold mit einem kleinen Häuflein von Rittern und Schildknappen unter dem Beistande herzueilender Edelleute und Mannen, mit im Ganzen kaum dreihundert Streitern zehn Heerhaufen der Ungarn entscheidend zu schlagen 2). Mit nur kleiner Schaar gewann auch der durch Kraft und Würde , Geist und Tugend gleich ausgezeichnete Heinrich III . im Jahre 1044 auf der Ebene an der unteren Raab eine Hauptschlacht über die Ungarn ³). Doch wie schöne Blüthen das Ritter thum während seiner Regierung trieb, die Berichte über Gefechte und Schlachten sind allzudürr, als dass Einzel heiten über die Reiterei daraus zu entnehmen wären, und so wenden wir uns denn der Zeit Heinrichs IV . zu , um zum Schluss noch einige Angaben über Marschleistung und Kampfweise ritterlicher Streiter des elften Jahrhunderts beizubringen. Heinrich IV. , nach deutscher Sitte im vierzehnten Lebensjahre in feierlicher Weise mit dem Schwerte um gürtet, lernte frühe den Krieg kennen. Während seiner drangvollen Regierung ruhten die Waffen selten. Die

¹ ) Brunonis d. b. Sax. 103. „ Nam de militibus armatis milia fere sexaginta habebant —66 (S. r. G. Pertz 99.) 2) Ann. Altahenses m. a. 1042 . 3) Ebd. a. 1044 .

78 Fürsten des Reiches zeigten sich oft gefährliche Feinde des Königs, der, wenn von ihnen verlassen, mit Städtern und Bauern ins Feld zog. Auch seine Gegner verschmähten nicht die Bundesgenossenschaft des gemeinen Volkes. Der sächsische Pöbel diente ihren Zwecken als er sich wider Heinrich erhob und mit bewaffneter Hand forderte, was nur auf Kosten der königlichen Würde gewährt werden konnte. Der Uebermacht weichend musste Heinrich einwilligen, dass die festen Burgen des Landes geschleift würden. Erst als die entfesselte Menge die Harzburg geplündert und den schändlichsten Frevel verübt hatte, trat Umschwung der Meinung ein. Die Grossen des Reiches , auch sächsische Fürsten und Herren schlossen sich dann dem Könige an. Zur Heerfahrt wider die übermüthigen Empörer entboten , trafen sie mit ihren Mannen am achten Juni des Jahres 1075 auf dem Sammel platze bei Breitenbach an der Fulda ein. Noch an dem gleichen Tage führte Heinrich das stolze Reiterheer in der Richtung auf Eisenach nach Elenen (Ober - Ellen). Bei Anbruch des folgenden Tages wurde der Marsch , und zwar sehr schnell fortgesetzt , schon Vormittags in Beringe (bei den Dörfern Gross- , Wolfs- und Oester Behringen) ein Zeltlager bezogen. Noch war die Mann schaft mit Herbéischaffung der Lebensmittel beschäftigt, nur der König, vom scharfen Ritt ermüdet, pflegte schon der Ruhe, als Herzog Rudolf von Schwaben meldete, die Sachsen ständen nahe. Seine Meinung war, man müsse den Feind , der, keine Gefahr ahnend, alle Vorsicht ausser Acht gelassen habe, sofort angreifen. Der König dankte für die Botschaft und liess , den Rath des Herzogs be folgend, sogleich das Zeichen zum Aufbruch geben. In kurzer Zeit sammelten sich die Reiterschaaren und jeder Führer ordnete die seinige. Den Oberbefehl führte Heinrich . Herzog Rudolf erhielt von ihm den Auftrag mit den Schwaben voraufzuziehen . Angeblich gebührte denselben, kraft eines aus der Zeit des grossen Karl stammenden

79 Rechtes, die Ehre des Vorkampfes. Vielleicht hat des Volkes Einbildungskraft Wunsch in Recht verwandelt, denn einhundert und zwanzig Jahre zuvor nahmen noch zwei schwäbische Abtheilungen im Heere Ottos I. be scheidenere Stelle ein. Den Schwaben zunächst folgten die Baiern unter Führung ihres Herzogs Welf¹). Dann Truppen aus Brabant und Lothringen und die Franken. Der König befand sich, wie einst Otto I. in der Ungarn schlacht, bei dem fünften Heerhaufen , den er gleich falls aus erlesener Mannschaft zusammengestellt hatte 2). Böhmen, Westfalen und Friesen machten wahrscheinlich die Nachhut³) des wohlgeordneten ) Reiterheeres aus, dessen Spitze , trotz vorangegangener Marschleistung, früh am Nachmittage bei Hohenburg (Böhmen-Homburg) den Feind überraschte. Alle Anführer der nacheinander vorrückenden Abtheilungen waren angewiesen in der Nähe der Sachsen halt zu machen, und nur nach Umstän den in das Gefecht der Vorhut einzugreifen 5). Während Heinrichs Heer, aus erlesener und vortreff lich berittener Mannschaft zusammengesetzt, in jeder Be ziehung den in der Romfahrtsconstitution gegebenen Be dingungen entsprach , zeigte das sächsische zum Theil ein anderes Gepräge. Neben Rittern und deren Gefolge lagerten an beiden Ufern der Unstrut Volkshaufen, welchen

1) Gesta Heinrici imp . metrice 3, 140 und Bertholdi ann . a. 1075 zu Folge waren die Baiern mit den Schwaben in der Vorhut. 2) Lamberti ann. a. 1075 ,, Rex in quinta erat legione, quam ex lec tissimis et erga se admodum spectatae fidei iuvenibus stipatam ornatissi mamque instituerat" (S. r. G. Pertz 183). Nach den Gesta Heinrici be fand sich der König in Mitte der Franken. 3) Gesta Heinrici imp. metrice 3 , 87-90. 4) Lamberti ann. a. 1075. ,,Ita paulatim servatis ordinibus ad castra Saxonum procedunt.“ (S.-r. G. Pertz 183.) 5) Ebd. ,,Ceteris iussum , ut propter assistentes pugnantibus , prout res posceret, auxilio concurrerent." (Ebd .)

80 es nicht allein an Kriegszucht, sondern auch an Kriegs waffen gebrach. Mit Blei oder Eisen beschwerte Holz keulen waren die einzige Trutzwaffe Vieler ; Helm und Schild standen nur Wenigen zu Gebot. Die Sachsen bil deten sich ein , der weite Weg von Ober- Ellen bis zu ihren Lagerplätzen könnte kaum von einem leichten Reiter, geschweige von dem ganzen Heere des Königs in einem Tage zurückgelegt werden, vermutheten daher nichts weniger als den Angriff Heinrichs. Als nun plötzlich der Feind erschien , geriethen sie ingrosse Bestürzung. Sich gegenseitig der Fahr lässigkeit beschuldigend, griffen die Einen flugs zu den Waffen, die Anderen , welche weder Waffen noch Muth zu fassen wussten, wendeten sich zur Flucht ¹). Benachrich tigung der etwa sechs Kilometer entfernt, am linken Ufer der Unstrut bei Nägelstedt Gelagerten wurde in der Auf regung versäumt. Die Führer dachten nicht daran ihre Schaaren zu ordnen oder durch Ansprache zu ermuthigen. Das Lager erhielt keine Besatzung. Es unterblieb überhaupt alles, was herkömmliche Kriegszucht erforderte 2). Reiter, deren viele nicht Zeit gefunden Panzer anzulegen, schlossen sich regellos in Haufen enge aneinander . Ohne das Zeichen zum Vorgehen abzuwarten sprengten sie gestreckten Laufes den Schwaben entgegen 3). Durch so ungestümen Anprall erschüttert , hätten diese den Kampf nicht eine Stunde aushalten können , wäre nicht rechtzeitig Herzog Welf mit den Baiern herzugekommen ). Schon der erste stür mische Zusammenstoss kostete Speere und Lanzen. Dar

1 ) Brunonis d. b. Sax, 46. berichtet dies sogar von der Mehrzahl. 2) Lamberti ann. 1075. — nec aliud quicquam facere , quod mili taris disciplinae solemnitas exigebat . “ (S. r. G. Pertz. 184). 3) Ebd. 291 cum in globum densissimum tumultuaria se statione stipassent , non expectato signo, ut consuetudo est pugnatoris , equis sub 66 dunt calcaria, et summo nisu praecipites feruntur in adversarios 4) Ebd. ,,Nec impetum sustinere vel ad horam Suevi potuissent, nisi loco motis iamque pedem retro ferentibus dux Welf cum exercitu Baioa rico concurrisset."

81 nach wurde mit den Schwertern gekämpft , deren die Sachsen zwei bis drei am Gürtel führten. Meisterlich wussten sie diese Waffe zu gebrauchen. Die Königlichen gestanden , dass sie noch niemals so gewaltige Schwert hiebe gehört", doch sie hörten nicht nur, sondern fühl ten auch die wuchtigen Streiche.

Markgraf Ernst von Oestreich wurde halbtodt aus dem Gefecht getragen ; viele Edele der Schwaben und Baiern fielen. Auf Her

zog Rudolf drangen oft mehrere Gegner gleichzeitig ein. Sein guter Panzer schützte ihn gegen Verwundung. Dem Tode entging er nur dadurch, dass die Helmleiste , „ das Nasenband", den Schwerthieb des eigenen Vetters , des Markgrafen Udo von der Nordmark, auffing. Vor allen Sachsen glänzte Otto von Nordheim, der ehemalige Baiern herzog , durch seine Waffenthaten. An der Spitze der edelsten Jünglinge brach sich der Empörer durch das dichte Schlachtgetümmel Bahn. Sein Beispiel und sein Zuruf spornte alle zur Tapferkeit. Nach mehrstündigem Kampfe waren Schwaben und Baiern in Gefahr zu erliegen. Schon wiederholt hatten sie ihre Bedrängniss dem Könige mel den lassen , als von der einen Seite Herimann Graf von Glizberg und wahrscheinlich der König selbst mit seiner Leibschaar, von der anderen Seite die Bamberger Reiter anrückten. Zuletzt kamen in gestrecktemGalopp die Böhmen und Lothringer herbei¹). Dem dreiseitigen Angriff der überlegenen Feinde vermochten die Sachsen nicht zu widerstehen. Vergeblich mühte sich Otto von Nord heim sie von der Flucht abzuhalten. Nach verschiedenen Richtungen stoben sie auseinander . Nun begann die Ver

1) Ebd. ,,Protractum a media die usque in horam nonam certamen iam in eo erat, ut duo duorum regnorum exercitus, Sueviae et Baioariae, terga verterent ; et regi frequentes nuncii salutem suorum in extremo sitam nunciabant: cum repente ex uno latere Herimannus comes de Glizberg, ex alio latere Babenbergenses milites signa inferunt. Tum dux Boemo rum, tum Gozelo dux Luteringorum , multis prius periclitantium in praelio legationibus et supplicationibus fatigatus, suas uterque copias, incitatis ad cursum equis, immittit.“ ( 185.) Becker, Deutsche Reiterei. 6

82 folgung ; regellos stürzten die Sieger den Fliehenden nach. Auch das inzwischen herbeigekommene gemeine Volk und die Bauern , welche im Heere des Königs knech tischen Dienst leisteten , betheiligten sich an der Treib jagd.

Das sächsische Lager bei Hohenburg (Böhmen

Homburg), wohin viele Flüchtlinge sich zunächst gewendet ohne Schutz zu finden , wurde erstürmt. Bei dem Ver such in das andere Lager bei Nägelstedt zu entkommen fanden viele Sachsen den Tod in den Fluthen der Un strut. Meilenweit setzten die Königlichen den Fliehenden längs des Flusses nach. Die Angabe , Gottfried von Brabant wäre sogar auf einer Brücke von Leichen über die Unstrut vorgedrungen '), erinnert an Plutarchs und Dios Schlachtfabeln. Glaubwürdiger klingt, dass im Lager bei Hohenburg (Böhmen - Homburg), wo reiche Beute den Siegern in die Hände fiel, die nackende plebs die Schuld der Häupter des Aufstandes mit ihrem Blute büssen musste. Erbarmungslos wurden die Holzkeulenmänner, welche am Kampfe keineswegs Theil genommen, nieder gemetzelt. Erst die Nacht setzte dem Morden ein Ende. Auf beiden Seiten waren die Verluste gross. Die Sachsen zählten achttausend Todte, von den Königlichen blieben auf dem Schlachtfelde fünfzehnhundert , darunter viele edelen Geschlechtes 2). An dem geschichtlichen Nebelbilde der Reiterschlacht bei Hohenburg ist nicht zu erkennen , ob Führung des Feldherrn, oder der sogenannt glückliche Zufall den Sieg gewirkt hat. Nach den Jahrbüchern Lamberts 3) , welche 1 Hauptquelle sind, hinderten Truppenanzahl und örtliche

1) Gesta Heinrici imp. metrice 3 , 197. 2) Bertholdi ann. 1075. 3) Lamberti ann. 1075 . ,,Et quia nec situs loci nec multitudo patiebatur, ut uno eodem que tempore omnibus una fieret manus conserendi copia -- 66 (S. r. G. Pertz 183).

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Verhältnisse gleichzeitiges Vorgehen der gesammten Streit macht. Die einzelnen Heeresabtheilungen mussten nach einander , vermuthlich durch Wald marschiren ) . Der Vorhut wurde Vorsprung gelassen, den die Eile Rudolfs von Schwaben , des damals erbitterten Sachsenfeindes, noch vergrösserte. Nur Herzog Welf folgte mit den Baiern schnell. Die übrigen Abtheilungen gingen ent weder sehr langsam vor, oder sie machten in weiterer Entfernung von dem Feinde halt, denn darauf deutet die Aussendung der Boten an den König.

Lambert lässt

den König nur vor und nach der Schlacht erscheinen. Schwerlich blieb der vier und zwanzigjährige Heinrich müssiger Zuschauer derselben. Nach den Gesta Heinrici führte er sogar selbst die Entscheidung herbei 2). Die Ursache, wesshalb Heinrich erst nach wiederholter Auf forderung den bedrängten Schwaben und Baiern Beistand geleistet , ist ebensowenig bekannt , wie der Grund der Hilfsverweigerung des Herzogs von Böhmen und des ritter lichen Gozelo von Lothringen ³) , es sei denn die Angabe eines dem Heinrich sehr abholden Geschichtsschreibers würde in Betracht gezogen. Bruno giebt nämlich an, dass die letzten Abtheilungen des königlichen Heeres in Ueberschätzung der Stärke der Sachsen angefangen hätten sich zurückzuziehen ¹ ). Aus dem Befehl Heinrichs, ein jeder Anführer solle nach eigenem Ermessen in das Gefecht der Vorhut eingreifen , kann nicht geradezu , wie einigen Schriftstellern beliebt, auf ritterliche Geistesarmuth geschlossen werden. Auch in Zeiten belobter höherer Kriegskunst mussten sich Reiter

1 ) Die Annahme wird dadurch unterstützt , dass auf älteren Karten der Hainich , Gr. Haart und Behringer Wald als zusammenhängende Waldung gezeichnet sind. 2) Gesta Heinrici imp. metrice 3, 167. 3) Siehe Anmerkung 1 Seite 81 . 4) Brunonis d. b. Sax. „,Postremi enim illorum nescientes , quod nostrorum pars maior fugae se dedisset, coeperunt et ipsi fugae praesidia quaerere - " (S. r. G. Pertz 41). 6*

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führer an ähnlicher Weisung genügen lassen. Der König gab diesen Befehl in dem Augenblick , da er von den Feinden nicht viel mehr wusste, als dass dieselben nahe und höchst sorglos wären. Wie hätte er auf so karge Meldung hin für den Ueberfall, den Rudolf von Schwaben ausführen wollte , einen künstlichen Schlachtplan ent werfen können? Der Umstand dass, nachdem der König von der Bedrängniss der Schwaben und Baiern Kenntniss erhalten, wiewohl erst spät, so doch von zwei Seiten zu gleich der Graf von Glizberg und die Bamberger auf die Sachsen losgingen und dann auch die Böhmen und Lothringer herbeikamen, spricht mehr für Heeresleitung , als für Zufall. Wer kann es wissen ? Es ist anzunehmen, dass die Reiterschaaren nach uns frei lich unbekannten Regeln gegliedert waren. Wohlgeordnet rückte das königliche Heer von dem Lagerplatze bei den Behringsdörfern, und den Sachsen fehlte ja nur die Zeit ihre Geschwader nach herkömmlicher Kriegsregel zu bilden. Bestimmter als alles Uebrige lassen die Beschreibungen der Schlacht die zähe Ausdauer der Reiter und Rosse des königlichen Heeres erkennen . Die Behringsdörfer (Beringe) liegen etwa dreissig Kilometer von Ober-Ellen

(Elenen) entfernt.

Diese Wegstrecke hatte das Heer be reits zurückgelegt , als es zur Mittagszeit ausrückte um die in einem Abstande von fünfzehn Kilometer lagernden

Sachsen anzugreifen . Die Rittersleute, denen allerdings, wie die Romfahrtsconstitution lehrt, mehrere Pferde zu Gebot standen, ritten also nachdem sie einen Marsch von im Ganzen fünf und vierzig Kilometer gemacht an den Feind ; nach dem Gefecht verfolgten sie die Sachsen meilenweit, bis in die Nacht hinein blieben sie im Sattel. Der Tag bei Hohenburg, welcher für die Leistungs fähigkeit der Reiterei des elften Jahrhunderts zeugt, führte nicht unmittelbar Unterwerfung der Sachsen her bei. Die Häupter des Aufstandes waren entkommen und wussten das kriegsmüde Volk zur Fortsetzung des Kampfes

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anzureizen.

Der König aber sah sich nach kurzem Ver heerungszuge genöthigt sein Heer zu entlassen , da der blumenreiche Paradiesesgarten", wie einst der zweite Hein rich Sachsengeheissen , vor der Erndte nicht kornreich genug war die Truppen zu ernähren . Im Herbst sollten sich alle Fürsten und Herren mit ihren Mannen bei Gerstungen (Gerstingun) zu neuer Heerfahrt einfinden. Heinrich unter nahm noch zuvor mit fünfhundert leichten Reitern seiner Haustruppen, welche Gepäck und Kriegsgeräth zurück liessen, und im Beistande des Grafen Herimann von Gliz sowie des Böhmenherzogs einen Zug gegen die Aufständigen, doch diese traten ihm mit fünfzehntausend wohlgerüsteten Streitern ') entgegen, und er musste sich unverrichteter Dinge zurückziehen. Erst als er an der Spitze des zahlreichen, trefflich gewappneten Ritterheeres erschien, welches sich bei Gerstungen versammelt hatte, berg

beugten sich die Empörer der königlichen Macht. Ein neuer , gefährlicherer Feind stand nun gegen Heinrich auf. Es ist bekannt, dass Gregor VII. den

Bannfluch wider den deutschen König aussprach , und dieser die Sünde beging in Canossa Busse zu thun. Im Bunde mit dem Papste waren viele Fürsten des Reiches ; St. Peter lautete das Feldgeschrei des Gegenkönigs Rudolf. Wie in der Urzeit konnte Rom sich deutscher Zwie tracht freuen.

Das ist eine hässliche Aehnlichkeit der ritterlichen Streiter des elften Jahrhunderts mit den Urahnen , dass sie sich oft einander Wunden schlugen . Aber nicht allein in den Fehlern , sondern auch in den guten Eigenschaften prägt sich die Blutsverwandtschaft aus. Thatendrang und Heldenmuth der Vorfahren zieren die Kraftgestalten des Mittelalters ; Tapferkeit deutscher Reiter aller Zeiten!

ist das

1) Lamberti ann . 1075 .

BRARY NIVERSITY

CALIFORNI

Familienzeichen

Druck von Bär & Hermann in Leipzig.