Des Kaisers Knechte: Erinnerungen an die Rekrutenzeit im k. (u.) k. Heer 1868 bis 1914
 9783205792130, 9783205788720

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Damit es nicht verlorengeht … 66

Begründet von Michael Mitterauer. Herausgegeben vom Verein „Dokumentation lebensgeschichtlicher Aufzeichnungen“ am Institut für Wirtschafts- und Sozialgeschichte der Universität Wien

Des Kaisers Knechte Erinnerungen an die Rekrutenzeit im k. (u.) k. Heer 1868 bis 1914 Herausgegeben, bearbeitet und erläutert von Christa Hämmerle

2012 BÖHLAU VERLAG WIEN KÖLN WEIMAR

Bibliografische Information der Deutschen Nationalbibliothek: Die Deutsche Nationalbibliothek verzeichnet diese Publikation in der Deutschen Nationalbibliografie; detaillierte bibliografische Daten sind im Internet über http://dnb.d-nb.de abrufbar. Umschlagabbildung: © Mag. Ingrid Altinger © 2012 by Böhlau Verlag Ges.m.b.H & Co. KG, Wien Köln Weimar Wiesingerstraße 1, A-1010 Wien, www.boehlau-verlag.com Alle Rechte vorbehalten. Dieses Werk ist urheberrechtlich geschützt. Jede Verwertung außerhalb der engen Grenzen des Urheberrechtsgesetzes ist unzulässig. Umschlaggestaltung: Michael Haderer, Wien Satz: Bettina Waringer Druck und Bindung: Druckerei Theiss GmbH Gedruckt auf chlor- und säurefrei gebleichtem Papier Printed in Austria ISBN 978-3-205-78872-0

Inhalt Den Militärdienst erinnern – eine Einleitung . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . .

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Martin Weber ( 1877 –1946 ) Nun konnte das grausame Spiel beginnen . . . . . . . . . 29 Josef Schönegger ( 1867 –1943 ) Von Tag zu Tag das jämmerliche Exerzieren . . . . . . . . 45 Leo Schuster ( 1889 –1974 ) Kein Wunder, dass es alle Jahre Selbstmorde gab . . . . . 55 Josef Jodlbauer ( 1877 –1960 ) Ein Bajazzo sind Sie, aber kein Soldat! . . . . . . . . . . . . 72 Emil Geissler ( 1876 –1957 ) Dressiert, sekkiert und geschlagen . . . . . . . . . . . . . . 80 Anton Kowatsch ( 1856 –1946 ) Schwein, Hund und Arsch, bloß Mensch nicht . . . . . . 103 Josef Schuster ( 1872 –1976 ) Nun bist du des Kaisers Knecht . . . . . . . . . . . . . . 114 Michael Macher ( 1874 –1953 ) Armer Pfeifendeckel! . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . 121 Alois Petrides ( 1890 –1967 ) Mir blieb bei der Rekrutenausbildung nichts erspart . . 136

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Eduard Lippert ( 1862 –1941 ) Ein Rekrut darf nicht viel fragen . . . . . . . . . . . . . . 164 Gottlieb Pomberger ( 1892 –1979 ) Wir mussten das Ärgste befürchten . . . . . . . . . . . . 185

Dank . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . 193 Glossar . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . 195

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Den Militärdienst erinnern – eine Einleitung

1. Ausgeklammerte Geschichte(n) Die irrige Annahme, dass von ehemaligen Mannschaftssoldaten der österreichisch-ungarischen Armee nur in äußerst seltenen Fällen Selbstzeugnisse überliefert sind, gehört zu den fest eingeschriebenen Topoi der einschlägigen Forschung. Besonders häufig findet sie sich in älteren militärhistorischen Darstellungen formuliert, die sich für diese große Mehrheit von Militärangehörigen kaum interessiert haben – weder für ihr Kämpfen und Sterben im Krieg noch für ihren meist jahrelang währenden Dienst in Friedenszeiten. Der Fokus der traditionellen Militärgeschichte auf eine „Geschichte von oben“, auf militärische Eliten, Operationsgeschichte und Waffen- oder Uniformkunde im Sinne einer Traditionspflege des Militärs klammerte die Erfahrungen „gemeiner“ Soldaten gewöhnlich aus und argumentierte das, wenn überhaupt, mit dem Mangel an Quellen. Übereinkunft herrschte folglich auch darüber, dass „Leute,­die oft nur mit Mühe darin abzurichten waren, eine Meldung halbwegs orthographisch niederzuschreiben, […] nicht dazu [neigten], ihre Memoiren aufzuzeichnen“ – wie es ­Johann Christoph Allmayer-Beck, der Doyen der österreichischen Militärgeschichte und langjährige Leiter des Heeresgeschichtlichen Museums in Wien, in Hinblick auf die k. (u.) k. Armee ab 1848 formuliert hat.1 Der erfolglose Versuch, im hiesigen Kriegsarchiv für die Zeit vor 1914 dennoch nach 7

„von Soldaten des Mannschaftsstandes verfaßten Autobiographien, Briefe[n], Tagebücher[n]“ zu recherchieren, wurde dort noch in den 1980er-Jahren mit dem Vorschlag beantwortet, stattdessen „literarische Texte zu untersuchen“2 – so als könnten der sich noch im Ersten Weltkrieg unaufhörlich an sein „Dienen“ im Frieden erinnernde „brave Soldat Schweijk“­ des Jaroslav Hašek3 oder andere literarische Kunstfiguren des tendenziell häufig als „vertrottelt“ dargestellten k. (u.) k. Mannschaftssoldaten dieses Quellenmanko beheben. Es setzte sich fort, bis hin zur Aussage des US-amerikanischen Historikers Istvan Déak, dass es „kaum Aufzeichnungen von einfachen Soldaten“ gebe; jene des in Trient dienenden Artilleristen, späteren Unteroffiziers und Gendarms Leo Schuster, die schon 1986 in der Reihe „Damit es nicht verlorengeht …“ erschienen sind und im Folgenden in einem Ausschnitt erneut abgedruckt werden, wertete Déak in seiner innovativen Geschichte des österreichisch-ungarischen Offizierskorps mit wenigen Worten als einzigartiges Zeugnis eines aus armen Verhältnissen aufgestiegenen „glückliche[n] Soldaten“.4 Solche pauschalisierenden Wertungen wurden zwar mittlerweile von der „Neuen Militärgeschichte“,5 zu der aufgrund seines starken sozialgeschichtlichen Interesses nicht zuletzt Istvan Deák selbst beigetragen hat, kritisch hinterfragt und aufgegeben. Das zeigt insbesondere auf internationaler Ebene eine Fülle von neuen Studien, die über den engen Fokus auf die Institution Militär hinausgehen und verschiedenste sozial-, wirtschafts-, kultur­-, mentalitäts- und geschlechtergeschichtliche Aspekte des komplexen Verhältnisses von Militär und Gesellschaft behandeln, gerade auch in Hinblick auf die Geschichte der Mannschaftssoldaten. Obwohl diese inzwischen in vielen Ansätzen erforscht wurde, hielt das Lamento über ein Quellenproblem jedoch an, und zwar insbesondere dort, wo es um den Militärdienst in Friedens- oder Vor- und Nachkriegszeiten geht, der als besonders aufschlussreiche 8

Nahtstelle zwischen der militärischen und der zivilen Gesellschaft gilt.6 Anders als die mittlerweile international etablierte „Erfahrungsgeschichte des Krieges“,7 die auch auf die massenweise überlieferte Feldpost der „gemeinen“ Soldaten oder auf von diesen verfertige Kriegstagebücher und -memoiren setzen konnte, fehlten in Hinblick auf die konkreten Militärerfahrungen in Friedenszeiten weiterhin ähnliche Zeugnisse – selbst für jenen Zeitraum ab dem 19. Jahrhundert, als sich europaweit das System der Allgemeinen Wehrpflicht durchsetzte. Seine Etablierung in der neuen konstitutionellen Doppelmonarchie Österreich-Ungarn Ende 1868 fiel demnach in einen die damalige europäische Militärpolitik bestimmenden Trend.8 Im Zuge dieser Entwicklung hin zu den „modernen“ Massenheeren, deren Geschichte in der Französischen Revolution und dem Konzept des „Bürgersoldaten“ wurzelt, wurde der Militärdienst enorm aufgewertet und verallgemeinert. Das mehrjährige „Dienen“ junger Männer einer Nation gerann nun zum gesellschaftlichen Leitbild und Inbegriff von Männlichkeit, was durch die gängig gewordenen Topoi vom Militär als „Schule der Nation“ und „Schule der Männlichkeit“ anschaulich belegt werden kann.9 Damit sind jedoch zunächst nur gesellschaftliche Idealvorstellungen oder Diskurse über den Militärdienst in den Wehrpflichtarmeen des 19. und frühen 20. Jahrhunderts angesprochen, die insbesondere in normativen oder obrigkeitlichen Quellen – als Blick auf Soldaten – begegnen. Sie mit von den betroffenen wehrpflichtigen Männern verfassten Selbstzeugnissen zu kontrastieren, bleibt eine Herausforderung der Forschung. Ihr konnte bislang – im besten Fall – mit wenigen im Umkreis der Arbeiterbewegung veröffentlichten Autobiografien10 begegnet werden oder mit vereinzelt auffindbaren, in Hinblick auf die Mannschaft selten empathischen Offiziersmemoiren11 und im schlechtesten durch die Fortschreibung des Verdikts, dass „so gut wie keine persönlichen Selbstzeugnisse“ vom „einfache[n] Mann9

schaftssoldat“ vorliegen – wie erst jüngst Daniel Kirn meinte, der damit die Neglektionsspirale erneut schloss.12

2. Die Quellen dieses Bandes Genau das widerlegt dieser Band der Reihe „Damit es nicht verlorengeht …“ Er zeigt für die Habsburgermonarchie von 1868 bis zum Ersten Weltkrieg, dass hier der drei- beziehungsweise ab 1912 teilweise zweijährige Präsenzwehrdienst im Frieden durchaus auch von ehedem „gemeinen“ Soldaten schriftlich bilanziert, ja ausführlich erinnert wurde. Aus den Beständen der „Dokumentation lebensgeschichtlicher Aufzeichnungen“ am Institut für Wirtschafts- und Sozial­ geschichte der Universität Wien können daher im Folgenden die schriftlichen Militärerinnerungen von elf Männern veröffentlicht werden, die einst als Wehrpflichtige in verschiedenen Waffengattungen und Einheiten des von ÖsterreichUngarn gemeinsam aufgestellten k. (u.) k. Heeres dienten.13 Sie alle waren, wie es damals hieß, „deutschstämmig“ beziehungsweise deutscher „Nationalität“, beherrschten aber zum Teil auch andere Sprachen der Monarchie und stammten entweder aus der Steiermark, Nieder- und Oberösterreich, Salzburg, Südtirol und dem kärntnerischen Kanaltal oder aus Böhmen und Mähren. Ihr Militärdienst brachte diese jungen Männer dann häufig weit weg von ihrer Heimat, nach Trient (ital. Trento) oder Görz (ital. Gorizia), Znaim (tschech. ­Znojmo) oder Mikolajow, ­Sarajevo und Trebinje – um nur einige der meist gemischtsprachigen und entlegenen Garnisonsorte der multiethnischen Habsburgermonarchie zu nennen. Die autobiografischen Texte sind ausnahmslos von Männern verfasst, die bei der jährlich stattfindenden ­„Assentierung“ einst als „ohne Gebrechen“ tauglich klassifiziert wurden und daraufhin ­ihren Militärdienst in vollem Umfang ableisteten. 10

Dieser war für sie offenbar so einschneidend und bedeutsam gewesen, dass sie darüber noch Jahrzehnte später ausführlich geschrieben haben. Das geschah aus verschiedenen Motiven heraus, wie sie der popularen männlichen Autobiografik generell eigen sind,14 sowie aufgrund persönlicher Anliegen, die ihren Rückblick im Alter ebenso leiteten. Zum Teil sind diese schriftlichen Militärerinnerungen in Verbindung mit umfassenderen lebensgeschichtlichen Aufzeichnungen entstanden, deren biografische Erzählung – ganz im klassischen Sinn – von der Kindheit und Jugend über den Wehrdienst und den Einsatz im Ersten Weltkrieg, die Gründung einer eigenen Familie, die Berufslaufbahn und den beruf­ lichen Erfolg etc. bis zu den Erlebnissen im Zweiten Weltkrieg sowie der Situation im Alter reicht. Zum anderen Teil handelt es sich dabei aber auch um eigens der Militärerfahrung gewidmete Memoiren, was die persönliche Bedeutung dieser Lebensphase unterstreicht, die dann umso ausführlicher und detaillierter beschrieben wird. Dabei ­mischen sich nicht zuletzt Erfahrungen mit „Expertenwissen“ zur k. (u.) k. Armee, die zum Zeitpunkt der Niederschrift längst nicht mehr bestand – etwa über ihre Organisation und Uniformierung, die Bezeichnung und Nummerierung einzelner Einheiten, die Namen von Truppenkommandanten. Solche Angaben bleiben gleichwohl subjektiv erinnert und wurden daher im Rahmen der Edition auch nicht systematisch überprüft; sie sind Teil des autobiografischen Rückblicks, der aus der einst erlebten empirischen Wirklichkeit immer selektiert und umgestaltet. Alle diese Texte blieben bislang, von den Aufzeichnungen des schon erwähnten ehemaligen Artilleristen Leo Schuster abgesehen,15 unveröffentlicht und wurden der „Dokumentation lebensgeschichtlicher Aufzeichnungen“ meist von Nachfahren und Nachfahrinnen in unterschiedlicher Form zur Verfügung gestellt. Die Auswahl umfasst eine große Band11

breite an Geburtsjahrgängen von 1856 bis 1892 – wodurch Dienstzeiten zwischen 1876 und 1914 in den Blick geraten, das heißt fast der gesamte Zeitraum von der Implementierung der Allgemeinen Wehrpflicht in Österreich-Ungarn bis zum Ausbruch des Ersten Weltkrieges. Die Männer, die dabei zu Wort kommen, waren nach ihrer Grundausbildung beziehungsweise nach ihrem ersten Dienstjahr in verschiedenen Funktionen tätig. Sie wurden beispielsweise Hornist, Kanzleioder Offiziersdiener; ein guter Teil von ihnen bekleidete auch eine sogenannte „Charge“ und avancierte zum Unteroffizier, wozu es in der k. (u.) k. Armee mehrere Möglichkeiten gab.16 Dass solche Aufzeichnungen heute vorliegen, verweist auf eine enge Verbindung zwischen Militärerfahrung und Schriftlichkeit, den sie gewissermaßen widerspiegeln, in die eine oder andere Richtung. Denn für einige Verfasser der in diesem Band abgedruckten Militärerinnerungen evozierte der Wehrdienst zweifelsfrei einen Schub hin zu erhöhter Schreibkompetenz, den sie ansonsten wohl nicht erfahren hätten, wenigstens nicht zu so einem frühen Zeitpunkt in ihrem Leben. Es scheint sogar, dass diese Männer mitunter erst im Lauf ihres Militärdienstes, der ja auch die Absolvierung von Mannschafts- und – für manche von ihnen – Unteroffiziersschulen inkludierte, besser schreiben und rechnen lernten.17 Damit verbunden konnte die Möglichkeit zum gesellschaftlichen Aufstieg aus armen Verhältnissen bis hin zum Rechnungsunteroffizier und späteren Gendarm sein,18 was ja viel Schreibarbeit beinhaltete. Die Erinnerungstexte dieser Gruppe ehemaliger Soldaten sind daher mitunter elaborierter formuliert und sogar – vielleicht als Abschrift eines ersten handschriftlichen Originals – als Typoskript erstellt; zum Teil wurden sie außerdem von den Autoren selbst stilistisch überarbeitet. Der Anspruch, eine im Sinne gängiger Standards gut geschriebene Lebenserzählung zu hinterlassen, wird so besonders deutlich. 12

Demgegenüber stehen die Texte von allein in originaler Handschrift überlieferten Militärerinnerungen, deren Duktus mitunter stark an Mündlichkeit orientiert ist – was im Einzelfall sogar in Hinblick auf die im Zuge des Wehrdienstes erlernten rudimentären Kenntnisse anderer Sprachen der k. (u.) k. Monarchie gilt. Solche Aufzeichnungen wurden, da sie sich seltener an schriftsprachliche Regeln der Syntax sowie der Grammatik, Interpunktion und Rechtschreibung ­orientierten und oft eine uneinheitliche Schreibweise (etwa für Orts- oder Personennamen) aufwiesen, den Richtlinien der Reihe „Damit es nicht verlorengeht …“ entsprechend stärker bearbeitet, um ihre Lesbarkeit zu erhöhen.19 Sie erschließen sich den Leserinnen und Lesern demnach im Vergleich zum vorliegenden handschriftlichen Original umso mehr auch als neue Textfassungen – was jedoch für Editionen immer auch prinzipiell gilt. Beeindruckend ist insgesamt, wie „lebendig“ alle diese Aufzeichnungen oft gestaltet wurden. Die Autoren staffieren die Erinnerung an den erfahrenen Militärdienst mit einer großen Bandbreite narrativer Formen aus, verwenden das Stilmittel des Dialogs ebenso wie das Kolorit der detailreichen Beschreibung und Ausführung von Erlebnissen. Oder sie folgen, in gleicher Weise beeindruckend, umgekehrt sogar auf sprachlicher Ebene dem einst erfahrenen militärischen Befehlsjargon, sind dann elliptisch gehalten, in der Abfolge knapper Sätze gestaltet. In der Edition wurde großer Wert darauf gelegt, dass solche Eigenheiten der Texte erhalten bleiben, auch wenn gleichzeitig Vereinheitlichungen in der Schreibweise, den verwendeten Formeln, Bezeichnungen und Abkürzungen etc. vorgenommen wurden.20 Heute fremd anmutende Begriffe oder altösterreichische Ausdrücke und militärisches Expertenwissen werden außerdem in einem umfassenden Glossar am Ende des Bandes erläutert. 13

3. Inhaltliche Tendenzen Wie auch immer überliefert und geschrieben: Mich haben diese Aufzeichnungen über einen längeren Zeitraum hinweg beschäftigt, insbesondere im Rahmen des Forschungsprojekts „Die Allgemeine Wehrpflicht zwischen Akzeptanz und Widerstand: Männlichkeit/en und Militär in der Habsburgermonarchie (1868–1914/18)“, das nun kurz vor dem Abschluss steht.21 Ich konnte Ausschnitte daraus auch in Vorlesungen und Kursen an der Universität Wien oder im Rahmen von Vorträgen diskutieren, immer haben sie dabei inhaltliche Fragestellungen nicht nur geschärft, sondern auch geleitet oder verändert. Denn die Blickweisen, die hier auf die Militärdienstzeit entfaltet werden, sind in vielerlei Hinsicht bemerkenswert und führen in eine große Vielfalt von Erfahrungen mit dem Soldatenleben in den Kasernen und Garnisonen des k. (u.) k. Heeres – gedeutet freilich immer aus der Position der Erinnerung, des Alters, der Lebensbilanzierung. Dass eine solche Perspektive dazu tendiert, vergangene Erfahrungen zu harmonisieren und mit (Be-)Deutungen oder Sinnstiftungen zu versehen, die sie einst nicht unbedingt hatten, wurde in der (auto-)biografischen Forschung oft dar­ gelegt, ebenso wie die Tendenz von lebensgeschichtlichen Erzählungen, gesellschaftlich normierte Männlichkeits- oder Weiblichkeitsmuster zu perpetuieren. Entsprechend folgen Autobiografien von Männern, mit denen wir es hier zu tun haben, meist dem Konzept einer berufsbezogenen männlichen „Normalbiografie“, die linear verläuft und um die Rollen des Mannes als erfolgreichem Erhalter und Oberhaupt einer Familie zentriert ist; seine öffentlichen Aufgaben als Staatsbürger und, daraus abgeleitet, als Soldat stehen damit in genuiner Verbindung.22 Umso auffallender ist, dass eine solche lebensgeschichtliche Kohärenz beziehungsweise eine „stimmige“ Deutung 14

einstiger Erfahrungen beim Militär – gleichwohl diese in ­einer weitgehenden Friedenszeit situiert sind, in der ein Soldat nicht töten musste – offenbar nicht immer leicht hergestellt werden konnte. Beim Lesen der hier veröffentlichten autobiografischen Texte werden im Gegenteil schmerzliche Brucherfahrungen und Dissonanzen, eine noch im Jahrzehnte später getätigten Rückblick mehr oder weniger misslingende Sinnstiftung mancher Militärerlebnisse deutlich23 – was für die sogenannte Rekrutenzeit, die im Zentrum dieses Bandes steht, in besonderem Maße gilt. Damit wurde damals nicht nur die erste Phase der acht Wochen dauernden, extrem mühevollen und verunsichernden Grundausbildung bezeichnet, sondern überhaupt das erste Jahr als eingezogener Soldat. Rekruten waren im streng hierarchisch organisierten, auf unbedingten Gehorsam und Subordination ausgerichteten Gefüge einer Kaserne oder militärischen Einheit die jeden Herbst neu einrückenden Soldaten, mithin der jüngste Jahrgang, der erst „abgerichtet“ werden musste, wie es im militärischen Jargon damals hieß. Diese Zeit bot wenig Anknüpfungspunkte für eine nachträgliche Verklärung des Militärdienstes und wird – bei aller Verschiedenheit in Hinblick auf ihr subjektiv erfahrenes Ende, das ungeachtet der institutionellen Zäsur bei den einen früher, bei den anderen später erfolgen konnte – in den vorliegenden Erinnerungstexten als ein besonders harter ­Lebensabschnitt, ja als regelrechtes Schockerlebnis thematisiert. Sie war das schmerzhaft erfahrene Nadelöhr, durch das man hindurchmusste, um später – vielleicht – im militärischen System Erfolg haben zu können. Die Entscheidung, in den folgenden Aufzeichnungen gerade die erste Phase des Militärdienstes ins Zentrum zu stellen, ergab sich demnach auch aus den Texten selbst. Denn es sind vor allem diese Erinnerungen an die so harte und erniedrigungsreiche Rekrutenzeit, die in den schriftlichen Erinnerungen ehemaliger Mannschaftssoldaten oft auf irritierende Art 15

und Weise ins Auge springen und die generelle autobiografische Tendenz zur Harmonisierung gemachter Erfahrungen konterkarieren oder ins Entgegengesetzte, nicht von vornherein Sinnhafte kehren. Damit wird anschaulich, dass der Wehrdienst, der in der gesellschaftlichen Deutung als Initiationserfahrung und Vorstufe zur späteren „Mannwerdung“ galt,24 für die betroffenen jungen Rekruten zunächst in der Tat eine massive Brucherfahrung ausgelöst hat. Diese sollte gleich nach dem Einrücken ihre unmilitärische, zivile Identität zerstören, griff damit verbunden tief in ihr Männlichkeitsverständnis ein und konfrontierte sie einschneidend mit dem absoluten Machtanspruch, dem unabdingbaren Zwang zum Gehorsam, zur Selbstaufgabe und Unterordnung unter die neuen militärischen Werte, die militärische Disziplin25 – eben auch in Friedenszeiten. Das verweist auf eine gegebene Gewaltförmigkeit in einer „totalen Institution“,26 die das auch dort blieb, wo später Freiräume möglich waren: Sie erzog, ­legitimiert durch das staatliche Gewaltmonopol der Moderne, nicht zuletzt mittels Gewalthandeln zur Gewaltausübung, in komplexer Art und Weise, sodass beides nicht voneinander getrennt gesehen werden kann. Militarisierte oder soldatische Männlichkeit als stark „disziplinierte“27 gründet demnach, ebenso wie der öffentlich inszenierte „Glanz der Montur“, nicht zuletzt in einem mühevollen doing gender hinter verschlossenen Kasernentoren.28 All das wird beim Lesen der im Folgenden veröffentlichten Militärerinnerungen rasch deutlich: Sie erzählen keinesfalls von einem „glücklichen Soldatenleben“, nicht einmal von einer im Zeitalter der Allgemeinen Wehrpflicht verstärkt geforderten und in den neuen Dienstreglements festgelegten humaneren „Erziehung“ der angehenden Soldaten, sondern ganz im Gegenteil: Stets wiederkehrende Begriffe wie „Sklavenleben“, „Sekkatur“ (oder „Sekkieren“), „Schinderei“, „unter der Knute stehen“ und das Bild vom Soldaten 16

als „des Kaisers Knecht“, dem während der Rekrutenausbildung „nichts erspart blieb“, sowie Erinnerungen an Beschimpfungen als „Saurekruten“ oder „Schwein Hund Arsch usw. bloß Mensch nicht“ weisen eindringlich darauf hin, wie damals vielfach „abgerichtet“ wurde. Das zeigt, dass es im k. (u.) k. Heer geradezu eine herrschende „Unkultur“ dieses „Abrichtens“ der neu eingerückten Rekruten gab, in der sich die Ausbildner gegenseitig antrieben, die sie sich gegenseitig vermittelten. Die in den Texten ebenfalls mehrfach angesprochenen, oft genauso erniedrigenden und körperlich schmerzenden „Mannschaftsspäße“ deuten in eine ähnliche Richtung des systemimmanenten Gegeneinanders entlang einer sehr feinen formellen wie informellen Hierarchie, in der man zunächst ganz unten zu beginnen hatte – inklusive dem „jämmerlichen Exerzieren“ und der steten Gefahr, von einer Disziplinar­strafe in die andere zu tappen.29 Die Implikationen von all dem ­trafen die einen mehr, länger und härter und andere weniger oft oder nur ganz am Anfang der Wehrdienstzeit. Indem sich die hier veröffentlichten Aufzeichnungen durchgehend auf das erste Jahr der Militärzeit beziehen, zeigen sie solche Unterschiede deutlich. Ungeachtet dessen erzeugen diese Texte in ihrer Gesamtheit eine Aura von als sinnlos erfahrenem Zwang zum absoluten Gehorsam und exzessivem Drill, ja mehr noch: von Willkür und Schikane bis hin zur körperlichen Misshandlung, was gleich in mehreren hier veröffentlichten Beiträgen thematisiert wird. Daher können sie wohl auch als Form des „Abrechnens“ gelesen werden – des Abrechnens mit einer Institution, die ungeachtet eines neuen Soldatenleitbildes im Zeitalter der Allgemeinen Wehrpflicht30 weitestgehend eine „totale Institution“ blieb, die allein auf die „Dressur“ der Soldaten und überkommene Drillkonzepte setzte und nicht auf deren „Erziehung“ im Sinne moderner Staatsbürgerschaft.31 Die große Kluft zwischen solchen Erfahrungen und dem mo17

dernen Soldatenleitbild respektive dem im politischen und militärischen Diskurs der späteren Neuzeit apostrophierten „strammen“ oder „feschen“, seinem Vaterland mit Stolz und Achtung dienenden Soldaten zeigt sich auch dort, wo auf die schlechte bis desolate Ausrüstung, zerlumpte oder unvollständige Uniformen oder „Monturstücke“ einerseits, und die „Lotterwirtschaft“ einzelner Kompaniekommandanten andererseits hingewiesen wird – was in den folgenden Texten ebenfalls immer wieder geschieht. Gleiches gilt in Hinblick auf die mancherorts geäußerte scharfe Kritik am wahrgenommenen Unteroffizierwesen, das eigenen Perspektiven in diese Richtung zuwiderlief. Demgegenüber stehen – eher als Ausnahmen – Aufzeichnungen, die das Bild eines wohlgeordneten, gut organisierten Militärs zeichnen; beide Deutungen stehen in diesem Band damit nebeneinander. Freilich ist es keinesfalls so, dass das gerade erwähnte „Abrechnen“ mit der Institution Militär beziehungsweise die teilweise sehr vehement vorgetragene Kritik an den erfahrenen desolaten Zuständen eine lebenslang wirksam gebliebene kritische Distanz zu dieser Einrichtung erzeugt hätten. Das Militär war, in Verbindung mit dem schon erwähnten erzieherischen Konzept als „Schule der Männlichkeit“, im umgekehrten Sinne auch eine effektive „Schule der Emotion“.32 In ihr zielten Drill und Gehorsam auf Verinnerlichung und ihre Akzeptanz, ihre Perpetuierung – umso mehr in einem gesellschaftlichen Klima, das den „Glanz der Montur“, den militärischen Kult verherrlicht und auf Patriotismus, auf Kriegsbejahung setzt.33 Das war in der späteren Habsburgermonarchie, in der es – wie in anderen europäischen Ländern – in den Jahrzehnten vor dem Ersten Weltkrieg zu einer beachtlichen Bedeutungssteigerung des Militärischen und damit verbunden zu einer sozialen wie kulturellen Militarisierung kam, ohne Zweifel der Fall; die hier veröffentlichten Aufzeichnungen sind daher auch in diesen Kontext einzuord18

nen und handeln von Männern, die in einem solchen gesellschaftlichen Klima sozialisiert wurden. Zusätzlich gilt selbstverständlich auch für sie ein militärisches Prinzip: Wer innerhalb dieses Systems als Rekrut einst unterworfen wurde, praktizierte das später auch bei anderen; wer aufstieg entlang der militärischen Stufenleiter, selbst zum „Führer“ oder, wie es in diesen Quellen auch heißt, zum „Macher“, zum „Abrichter“ wurde, eine „Charge“ bekam und so Schritt für Schritt das militärische Versprechen auf einen Zugewinn an Männlichkeit einlösen konnte, der exekutierte das Befehl-Gehorsam-Prinzip schließlich an anderen – und erzählte noch im Alter davon durchaus mit Stolz. Schon erwähnt wurde, dass einige der Männer, deren Erinnerungen an ihre Rekrutenzeit hier veröffentlicht werden, beim Militär aufstiegen und Unteroffizier, später in Fortsetzung ­einer solchen Berufslaufbahn Gendarm im Staatsdienst geworden sind; wie Leo Schuster, der als solcher jedem ­Regime treu dienen sollte.34 Andere jedoch haben gerade wegen ihrer vielen negativen Erfahrungen beim Militär eine frühere, schon vor der Assentierung vorhandene Perspektive, sich dort durch „Längerdienen“ eine zukünftige Existenz im Staatsdienst zu sichern, aufgegeben. Sie waren bitter enttäuscht ob der erfahrenen Zustände – nach der Ableistung der dreijährigen Präsenzdienstzeit trotz des Angebots ihrer Vorgesetzten, beim Militär zu bleiben, in andere Berufe gegangen; dabei profitierten sie vom damals verbreiteten Usus, „Gediente“ bevorzugt anzustellen. Und auch sie wurden dann – das ist zu betonen – im Ersten Weltkrieg zu funktionierenden Soldaten; das belegen ihre in diesem Band nicht publizierten, im jeweiligen Voroder Nachspann kurz dargelegten Lebensaufzeichnungen zweifelsfrei. Zu resümieren ist daher, dass fast allen einstigen Mannschaftssoldaten, die in diesem Band vorgestellt werden, ein 19

militärischer Aufstieg im Prinzip wichtig gewesen zu sein scheint, nicht zuletzt aus existenziellen Gründen, und dass die militärische Sozialisation, die sie durchliefen, letzten Endes „brauchbare“ Soldaten fabriziert hat – in einer nach wie vor weitestgehend autoritär strukturierten, soldatische Männlichkeit und den Bellizismus pflegenden Gesellschaft wohl umso mehr. Jene, für die das nicht zutraf, die sich dem Dienst an der Waffe entzogen oder im militärischen System in keinerlei Hinsicht erfolgreich sein wollten, sind hier kaum vertreten. Es sind somit keinesfalls einfach „Gegengeschichten“, die im Folgenden ediert werden, und nicht nur Darstellungen vom Leiden in der „totalen Institution“ der Kaserne – selbst wenn ausschließlich Texte über das erste Dienstjahr beim ­Militär, die allseits als besonders schwer definierte Rekrutenzeit, ausgewählt wurden. Letztlich mündeten jedoch auch sie in eine weitgehende Akzeptanz militärischer Werte, ja in militärnahe Lebenswege – von der Ausnahme eines Sozialdemokraten abgesehen, der schon als politisch aktiver Antimilitarist in die Kaserne eingerückt war. Aufgrund einer umgehend in den österreichischen Reichsrat gemeldeten, von ihm beobachteten Soldatenmisshandlung und der daraufhin erfolgten parlamentarischen Anfrage eines sozialistischen Abgeordneten wurde er jedoch schon nach der Grundausbildung beurlaubt, was einer gängigen Praxis des k. u. k. Militärs entsprach. In einer Zeit der wachsenden öffentlichen Kritik an den dort herrschenden Zuständen, wie den im europäischen Vergleich außergewöhnlich hohen mit Drill und Schikane oder Angst vor Strafe in Verbindung gebrachten Selbstmord­ raten insbesondere in der ersten Rekrutenzeit,35 entledigte man sich so auch unliebsamer, der Agitation verdächtigter Soldaten. Nur ansatzweise, das heißt lediglich in Einzelfällen als „Gegengeschichten“ zu lesen sind die in diesem Band edier20

ten Militärerinnerungstexte wohl auch in anderer Hinsicht. Sie behandeln zwar in ihrer Gesamtheit die sich in vielen Einheiten der k. (u.) k. Armee spiegelnde Polyethnizität der Doppelmonarchie Österreich-Ungarn durchaus facettenreich und vermitteln so gesehen neue Einblicke in eine Bandbreite von Selbst- und Fremdbildern, die durch die Begegnung mit anderssprachigen Kameraden und Vorgesetzten oder den Aufenthalt in einer völlig fremden Garnisonsstadt evoziert werden konnten.36 Dabei findet sich auch eine Haltung der gegenseitigen Toleranz beschrieben oder einfach eine Art von Selbstverständlichkeit, mit der die Polyethnizität der Armee im militärischen Alltag gelebt wurde – was schon beachtlich ist angesichts der vielen ethnischen Konflikte in der späteren Habsburgermonarchie, die lange das master narrative der Geschichtsschreibung und -deutung dieser Zeit determinierten. Ebenso stoßen wir beim Lesen der Texte jedoch auf überheblich anmutenden Deutschnationalismus, ethnische Stereo­ typisierungen und Antisemitismus oder die mitunter rassistisch erscheinende Abwertung anderssprachiger Menschen und Kulturen der österreichich-ungarischen ­Monarchie. Dass sie alle nach deren „Zusammenbruch“ im Herbst 1918 verfasst wurden, ein Teil von ihnen sogar während des nationalsozialistischen Regimes, hat solche Deutungsmuster mit Sicherheit figuriert – mehr oder weniger stark und abhängig von der ­politisch-ideologischen Verortung des jeweiligen Autors. Gerade die beschriebene Ambivalenz dieser schriftlichen Militärerinnerungen, die sich nicht so leicht einer Lesart zuordnen lassen, macht meines Erachtens ihre Veröffentlichung besonders interessant. Es bleibt zu hoffen, dass sie der zukünftigen Forschung einen Quellenfundus zur Verfügung stellen, der neue Fragestellungen, ja neue Betrachtungsweisen des Lebens, der Erfahrungen und Deutungsmuster ehemaliger Soldaten der Habsburgermonarchie ermöglicht. Für die österreichische Militärgeschichte, deren Verharrungstendenz 21

in den althergebrachten Bahnen der Traditionspflege und verklärenden „k. u. k. Nostalgie“ immer wieder konstatiert wurde,37 scheint das in gleichem Maße wichtig wie für die neuere Weltkriegsforschung, die verstärkt auch die Jahrzehnte vor 1914 in den Blick nehmen sollte, um jene Bereitschaft zu verstehen, mit der die meisten Soldaten – darunter auch die Männer, die hier zu Wort kommen – „für Gott, Kaiser und Vaterland“ in den Krieg zogen oder diesen an der „Heimatfront“ unterstützten. Der Militärdienst vor dieser Katastrophe, die im Frieden eingeübte und durchgesetzte Praxis von militärischer Unterordnung, Gehorsam und Kriegsbereitschaft trugen dazu wesentlich bei – Gewalt erleiden mündet so in Gewaltausübung.

Anmerkungen 

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Johann Christoph Allmayer-Beck, Die k. (u.) k. Armee 1848–1914, München/ Gütersloh/Wien 1974, S. 138; vgl. auch ders., Die bewaffnete Macht in Staat und Gesellschaft, in: Die bewaffnete Macht (= Die Habsburgermonarchie 1848– 1918, hg. von Adam Wandruszka und Peter Urbanitsch, Band V), Wien 1987, S. 1–141, hier 110. Die Bezeichnung „k. u. k.“ beruht auf dem Umstand, dass das Reichskriegsministerium, einem Wunsch Ungarns folgend, im Oktober 1889 als Eigenbezeichnung sowie für das gemeinsame Heer und die Marine den Zusatz „k. u. k.“ (kaiserlich und königlich) statt des früheren „k. k.“ einführte; nur für das Wiener Ministerium für Landesverteidigung und die österreichische Landwehr sowie für die Gendarmerie galt weiterhin das „k. k.“ (im Unterschied zum ungarischen „k. u.“ für königlich-ungarisch). Die einschlägige Forschungsliteratur verwendet daher, so für die gemeinsamen Institutionen der Zeitraum von 1868 bis 1914/18 angesprochen ist, meist das Prädikat „k. (u.) k.“ Dem folgt auch diese Einleitung. So erging es einem Diplomanden aus Graz, der in den 1980er-Jahren eine ambitionierte alltagsgeschichtliche Arbeit über Mannschaftssoldaten verfasst hat; vgl. Alfred Liebmann, Der Alltag des einfachen Soldaten und des Unteroffiziers in der k. k. Armee zwischen 1868 und 1914, Diplomarbeit Universität Graz, 1986, S. III. Die Originalausgabe des berühmten antimilitaristischen Romans von Jaroslav Hašek „Die Abenteuer des braven Soldaten Schwejk“ wurde auf Tschechisch in Prag von 1921 bis 1923 veröffentlicht, die erste deutsche Übersetzung

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folgte 1926 von Grete Reiner. Sie erschien ab 1960 neu, im August 2001 lag bereits die 36. Auflage vor (Reinbek bei Hamburg). Istvan Déak, Der k. (u.) k. Offizier 1948–1918, Wien 2. Auflage 1995 (1. Auflage 1991, engl. Original 1990), S. 126; Leo Schuster, „… Und immer wieder mußten wir einschreiten! Ein Leben im Dienste der Ordnung“, herausgegeben, bearbeitet – mit Unterstützung Ernestine Schusters – und mit einer Einleitung versehen von Peter Paul Kloß, Wien/Köln/Graz 1986 (= Damit es nicht verlorengeht …, hg. von Michael Mitterauer, Band 8). Vgl. zur „Neuen Militärgeschichte“ v. a. Thomas Kühne, Benjamin Ziemann, Militärgeschichte in der Erweiterung. Konjunkturen, Interpretationen, Konzepte, in: dies. (Hg.), Was ist Militärgeschichte?, Paderborn 2000, S. 9–46 sowie einzelne Beiträge in diesem konzeptuellen Band; zur englischsprachigen New Military History etwa die Bilanz von Joanna Bourke, New Military History, in: Matthew Hughes, William J. Philpott (Hg.), Modern Military History, London 2006, S. 258–280; zur nur zögerlich einsetzenden Entwicklung in diese Richtung in Österreich: Michael Hochedlinger, Kriegsgeschichte – Heereskunde – Militärgeschichte? Zur Krise militärhistorischer Forschung in Österreich, in: Zeitschrift für Heereskunde 63 (1999), S. 41–45; Günther Kronenbitter, Ein weites Feld. Anmerkungen zur (österreichischen) Militärgeschichtsschreibung, in: Zeitgeschichte 30/4 (2003), S. 185–191; Laurence Cole, Christa Hämmerle, Martin Scheutz, Glanz – Gewalt – Gehorsam. Traditionen und Perspektiven der Militärgeschichtsschreibung zur Habsburgermonarchie, in: dies. (Hg.), Glanz – Gewalt – Gehorsam. Militär und Gesellschaft in der Habsburgermonarchie (1800 bis 1918), Essen 2011, S. 13–28. Besonders Ute Frevert hat schon früh eindringlich dafür plädiert, das Militär „als dauerhafte gesellschaftliche Veranstaltung in den Blick“ zu nehmen, demnach auch den „Normalzustand des Friedens“ zu fokussieren, um das Verhältnis von Militär und Gesellschaft umfassend verstehen und beschreiben zu können: Ute Frevert (Hg.), Gesellschaft und Militär im 19. und 20. Jahrhundert: Sozial-, kultur- und geschlechtergeschichtliche Annäherungen, in: dies. (Hg.), Militär und Gesellschaft im 19. und 20. Jahrhundert, Stuttgart 1997, S. 7–14, hier S. 10; vgl. dazu auch ihre richtungsweisende Studie: Ute Frevert, Die kasernierte Nation. Militärdienst und Zivilgesellschaft in Deutschland, München 2001. Vgl. etwa Nikolaus Buschmann, Horst Carl (Hg.), Die Erfahrung des Krieges. Erfahrungsgeschichtliche Perspektiven von der Französischen Revolution bis zum Zweiten Weltkrieg, Paderborn/München/Wien u. a. 2001; noch immer richtungsweisend auch Benjamin Ziemann, Front und Heimat. Ländliche Kriegserfahrungen im südlichen Bayern 1914–1923, Essen 1997. Vgl. als Überblick zu dieser Entwicklung in Europa: Roland G. Foerster, Die Wehrpflicht: Entstehung, Erscheinungsformen und politisch-militärische Wirkung, München 1994; Eckhardt Opitz, Frank S. Rödiger, Allgemeine Wehrpflicht. Geschichte, Probleme, Perspektiven, Bremen 1995; als neuere Untersuchungen v. a.: für Preußen bzw. Deutschland Frevert, Kasernierte Nation, wie Anm. 6; Karen Hagemann, „Mannlicher Muth und Teutsche Ehre“. Nation, Militär und Geschlecht zur Zeit der Antinapoleonischen Kriege Preußens,

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­ aderborn/München/Wien u. a. 2002; für Russland Werner Beneke, Militär, ReP form und Gesellschaft im Zarenreich. Die Wehrpflicht in Russland 1874–1914, Paderborn/München/Wien u. a. 2006; für Frankreich Thomas Hippler, Citizens, Soldiers and National Armies. Military Service in France and Germany, 1789–1830, London/New York 2008; für Österreich-Ungarn Christa Hämmerle, Die k. (u.) k. Armee als ,Schule des Volkes‘? Zur Geschichte der Allgemeinen Wehrpflicht in der multinationalen Habsburgermonarchie (1866 bis 1914/18), in: Christian Jansen (Hg.), Der Bürger als Soldat. Die Militarisierung europä­ ischer Gesellschaften im langen 19. Jahrhundert: Ein internationaler Vergleich, Essen 2004, S. 175–213. Von allen am Ersten Weltkrieg beteiligten europäischen Mächten kämpfte nur Großbritannien bis 1916 noch mit einer Berufsarmee; vgl. etwa Sonya O. Rose, Fit to Fight but not to Vote? Masculinity and Citizenship in Britain, 1832–1918, in: Stefan Dudink, Karen Hagemann, Anna Clark (Hg.), Representing Masculinity. Male Citizenship in Modern Western Culture. New York/Hampshire 2007, S. 132–150. Vgl. etwa die in Anm. 8 zitierten Studien sowie für die Schweiz Christof Dejung, Aktivdienst und Geschlechterordnung. Eine Kultur- und Alltagsgeschichte des Militärdienstes in der Schweiz 1939–1945, Zürich 2006. So Frevert, Kasernierte Nation, wie Anm. 6, S. 228–271. Karin Egger, Disziplinierung in der k. u. k. Armee, Diplomarbeit Universität Wien, 1996, S. 72–76. Daniel Kirn, Soldatenleben in Württemberg 1871–1914. Zur Sozialgeschichte des deutschen Militärs, Paderborn/München/Wien u. a. 2009, S. 21. Der hier konstatierte Mangel an „direkte[n] Zeugnisse[n] der einfachen Soldaten“ wird auch in einer Rezension dieses Buches von Werner Bührer auf H-Soz-u-Kult, erschienen am 18. Februar 2011, nicht hinterfragt, sondern einfach als gegeben hingenommen. Ausgeklammert bleiben die Kavallerie des k. (u.) k. Heeres, die Marine und die beiden Landwehren, d. h. die von der ungarischen Reichshälfte aufgestellte k. ung. Honvéd und die österreichische k. k. Landwehr sowie der Dienst in der (Ersatz-)Reserve und im Landsturm. Im Rahmen der mit dem Wehrgesetz vom 5. Dezember 1868 etablierten Allgemeinen Wehrpflicht betrug der Präsenzdienst für alle tauglichen jungen Männer ab dem 20. (später ab dem 21.) ­Lebensjahr in der Regel drei Jahre, worauf sieben Jahre in der Reserve und zwei Jahre in der Landwehr folgten; in dieser Zeit waren periodische Waffenübungen verpflichtend. Erst mit dem Wehrgesetz von 1912 wurde die aktive Wehrpflichtzeit im stehenden Heer teilweise auf zwei Jahre reduziert. Vgl. Hämmerle, Die k. (u.) k. Armee als ,Schule des Volkes‘?, wie Anm. 8, bes. S. 179–186. Vgl. Günter Müller, „Vielleicht interessiert es mal jemand …“ Lebensgeschichtliches Schreiben als Medium familiärer und gesellschaftlicher Überlieferung, in: Peter Eigner, Christa Hämmerle, Günter Müller (Hg.), Briefe – Tagebücher – Autobiographien. Studien und Quellen für den Unterricht, Innsbruck/Wien/ Bozen 2006, S. 76–94; ders., „Vielleicht hat es einen Sinn, dachte ich mir … “ Über Zugangsweisen zur popularen Autobiographik am Beispiel der „Dokumentation lebensgeschichtlicher Aufzeichnungen“ in Wien, in: Historische

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Anthropologie, 5 (1997), S. 302–318; Christa Hämmerle, Nebenpfade? Populare Selbstzeugnisse des 19. und 20. Jahrhunderts in geschlechtervergleichender Perspektive, in: Thomas Winkelbauer (Hg.), Vom Lebenslauf zur Biographie. Geschichte, Quellen und Probleme der historischen Biographik und Autobiographik, Horn/Waidhofen an der Thaya 2000, S. 135–167. Dabei handelt es sich um einen Teil der schriftlichen Militärerinnerungen von Leo Schuster, „… Und immer wieder mußten wir einscheiten!“, wie Anm. 4. Im Prinzip konnte man Unteroffizier durch den Besuch der entsprechenden Schule werden, aber auch durch Beförderung. Überhaupt ist für die k. (u.) k Armee im späten 19. Jahrhundert davon auszugehen, dass sie Jahr für Jahr auch viele Analphabeten rekrutierte. Noch im Jahr  1880 betrug der Durchschnittswert „schreibkundiger“ Rekruten den ­Militärstatistischen Jahrbüchern zufolge monarchieweit nicht mehr als 55,8 Prozent, mit großen regionalen Differenzen – das Schlusslicht bildeten diesbezüglich die Territorialbezirke Lemberg mit nur 13,1 Prozent und Zara mit 14,9 Prozent. Vgl. Militärstatistisches Jahrbuch für die Jahre 1880, 1881 und 1882, I. Teil, Wien 1885, S. 5. Um die Jahrhundertwende hatte sich diese Situation – nicht zuletzt als Folge des Reichsvolksschulgesetzes von 1869 – bereits merklich verbessert, obwohl der statistisch erhobene Analphabetismus in manchen Ländern noch immer bei über 60 Prozent lag. Die im Jahr 1849 in Reaktion auf die revolutionären Ereignisse von 1848 gegründete Gendarmerie wurde zum vielfach genutzten Auffangbecken für ehemalige Unteroffiziere, die nach Ablauf ihres Längerdienens schon früher im zivilen Staatsdienst untergebracht wurden; vgl. Peter Melichar, Alexander Mejstrik, Die bewaffnete Macht, in: Die Habsburgermonarchie 1848–1918, Band IX, Soziale Strukturen: Von der feudal-agrarischen zur bürgerlich-industriellen Gesellschaft, Teilband 1/2: Von der Stände- zur Klassengesellschaft, Wien 2010, S. 1263–1326, hier 1311 f. Dies gilt insbesondere für die Texte von Josef Schönegger, Emil Geissler und Anton Kowatsch. Das gilt etwa für alte Schreibweisen wie „Civil“ oder Companie“, die immer wieder verwendet wurden, aber nicht durchgehend; sie wurden in der Edition der heutigen Rechtschreibung angeglichen. Auch von den Autoren mitunter sehr verschieden geschriebene (militärische) Begriffe sind vereinheitlicht, wie z. B. „Proprietät“, pl. „Proprietäten“, für eine beim Militär übliche Bezeichnung für mitgebrachte oder dort erhaltene persönliche Gegenstände, die sich in den Originaltexten ebenso als „Proberitäten“, „Prosperitäten“, „Properiäten“ geschrieben findet. Auch im Militärjargon oft gängige Abkürzungen, wie „Baon“ oder „Btl.“ für „Bataillon“, „Obstltnt.“ für „Oberstleutnant“ oder „Exerz.“ für „Exerzieren“ wurden aufgelöst. Das Projekt, aus dem auch der vorliegende Band resultiert, wurde 2002/03 vom Fonds zur Förderung der wissenschaftlichen Forschung in Österreich (FWF) gefördert und konnte im Rahmen eines Humboldt-Stipendiums für erfahrene Wissenschaftler am Max-Planck-Institut für Bildungsforschung in Berlin fertiggestellt werden. Die Monografie dazu erscheint voraussichtlich 2013.

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22 Das dem Idealtypus der modernen Autobiografie eingeschriebene Individuum ist ebenfalls als ein männliches konzipiert; vgl. dazu z. B. Michaela Holdenried, Autobiografie, Stuttgart 2000, S. 62–84; Gabriele Jancke, Claudia Ulbrich (Hg.), Vom Individuum zur Person. Neue Konzepte im Spannungsfeld von Autobiographietheorie und Selbstzeugnisforschung (= Querelles. Jahrbuch für Frauenund Geschlechterforschung), Göttingen 2005. 23 Zur Möglichkeit missglückender Sinnstiftungen im Kontext von Erlebnis und Erfahrung in einer wissenssoziologischen Perspektive vgl. etwa Klaus Latzel, Vom Kriegserlebnis zur Kriegserfahrung. Theoretische und methodische Überlegungen zur erfahrungsgeschichtlichen Untersuchung von Feldpostbriefen, in: Militärgeschichtliche Mitteilungen 56 (1997), S. 1–30. 24 Vgl. zu dieser generellen Bedeutung des Wehrdienstes in Zeiten der Allgemeinen Wehrpflicht, die zunächst auch eine systematische „Feminisierung“ der Rekruten implizierte, etwa Christof Dejung, Aktivdienst und Geschlechterordnung. Eine Kultur- und Alltagsgeschichte des Militärdienstes in der Schweiz 1939–1945, Zürich 2006, bes. S. 123 f.; Kathrin Däniker, Marianne Rychner, „Unter Männern“. Geschlechtliche Zuschreibungen in der Schweizer Armee zwischen 1870 und 1914, in: Brigitte Studer, Rudolf Jaun (Hg.), Geschlechterverhältnisse in der Schweiz: Rechtsprechung, Diskurs, Praktiken, Zürich 1995, S. 149–170; Hubert Treiber, Wie man Soldaten macht. Sozialisation in „kasernierter Vergesellschaftung“, Düsseldorf 1973, bes. S. 43 f. 25 Vgl. dazu v. a. das Standardwerk von Ulrich Bröckling, Disziplin. Soziologie und Geschichte militärischer Gehorsamsproduktion, München 1995. 26 Der Begriff stammt von Erving Goffman, Asyle. Über die soziale Situation psychiatrischer Patienten und anderer Insassen, Frankfurt a. M. 1972, bes. S. 15– 122. Zu den Merkmalen einer „totalen Institution“ gehören nach Goffman u. a. komplexe Demütigungsprozesse sowie die vielen an einem „Privilegiensystem“ ausgerichteten Strafmöglichkeiten im Falle von Regelübertretungen. Vgl. dazu auch Martin Scheutz (Hg.), Totale Institutionen, Themenheft der Wiener Zeitschrift zur Geschichte der Neuzeit 8/1 (2008). 27 Vgl. zur Hegemonialisierung militarisierter Männlichkeit im 19. Jahrhundert wiederum Frevert, Kasernierte Nation, wie Anm. 6; Wolfgang Schmale, Geschichte der Männlichkeit in Europa (1450–2000), Wien/Köln/Weimar 2003, S. 195–203; Ernst Hanisch, Männlichkeiten. Eine andere Geschichte des 20. Jahrhunderts, Wien/Köln/Weimar 2005, S. 17–99; Robert W. Conell, Der gemachte Mann. Männlichkeitskonstruktionen und Krise der Männlichkeit, Opladen 1995. 28 Zum doing gender als praxeologischem Konzept vgl. zusammenfassend Claudia­ Opitz-Belakhal, Geschlechtergeschichte, Frankfurt a. M./New York 2010, S. 27–30. 29 Vgl. dazu zuletzt Christa Hämmerle, „Dort wurden wir dressiert und sekiert und geschlagen …“ Vom Drill, dem Disziplinarstrafrecht und Soldatenmisshandlungen im Heer (1868 bis 1914), in: Cole, Hämmerle, Scheutz, Glanz – Gewalt – Gehorsam, wie Anm. 5, S. 31–54. 30 Vgl. dazu Christoph Allmayer-Beck, Menschenführung in der kaiserlich österreichischen Armee vom Wiener Kongreß bis zum Ersten Weltkrieg, in: Men-

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schenführung im Heer, hg. vom Militärgeschichtlichen Forschungsamt, Bonn/ Herford 1982, S. 62–80; Hämmerle, Die k. u. k. Armee als ,Schule des Volkes‘?, wie Anm. 8, bes. S. 189–196. Vgl. Hämmerle, „… dort wurden wir dressiert und sekiert und geschlagen …“, wie Anm. 29. Ute Frevert, Emotions in History – Lost and Found, Budapest/New York 2011, S. 128 f. Vgl. dazu etwa Laurence Cole, Danie�������������������������������������� l Unowsky (Hg.), The Limits oft Loyality. Imperial Symbolism, Popular Allegiances, and State Patriotism in the Late Habsburg Monarchy, Oxford/New York 2007; Laurence Cole, Militärische Loyalität in der späten Habsburgermonarchie, in: Nikolaus Buschmann, Karl Borromäus Murr, Treue. Politische Loyalitäten und militärische Gefolgschaft in der Moderne, Göttingen 2008, S. 347–376; Günther Kronenbitter, Krieg im Frieden. Die Führung der k. u. k. Armee und die Großmachtpolitik Österreich-Ungarns 1906–1914, München 2003; Cole, Hämmerle, Scheutz, Glanz – Gewalt – Gehorsam, wie Anm. 5. Peter Paul Kloß, Einleitung, in: Schuster, „… Und immer wieder mußten wir einschreiten!“, wie Anm. 4, S. 3–20. Zu Selbstmorden in der k. (u.) k. Armee und dem Militär als Politikum vgl. Melichar, Mejstrik, Die bewaffnete Macht, wie Anm. 18, S. 1302 f., 1316, 1319–1322 sowie Hannes Leidinger, Suizid und Militär. Debatten – Ursachenforschung – Reichsratsinterpellationen 1907–1914, in: Cole, Hämmerle, Scheutz, Glanz – Gewalt – Gehorsam, wie Anm. 5, S. 337–358. Zur multiethnischen Zusammensetzung im Heer, dessen Einheiten neben der deutschen Befehls- und Dienstsprache im Falle eines Anteils von 20 Prozent der Mannschaft aus einer Sprachgruppe auch sogenannte „Regimentssprachen“ hatten, vgl. Hämmerle, Die k. (u.) k. Armee als ,Schule des Volkes‘?, wie Anm. 8, S. 180–182, 211; zur Verteilung der Nationalitäten in den einzelnen Einheiten vgl. Maximilian Ehnl, Die österreichisch-ungarische Landmacht nach Aufbau, Gliederung, Friedensgarnison, Einteilung und nationaler Zusammensetzung im Sommer 1914, Wien 1934. Hochedlinger, Kriegsgeschichte, wie Anm. 5, S. 41; vgl. auch, am Beispiel der Historiografie zum Ersten Weltkrieg, Oswald Überegger, Vom militärischen Paradigma zur ,Kulturgeschichte des Krieges‘? Entwicklungslinien der österreichischen Weltkriegsgeschichtsschreibung im Spannungsfeld militärischpolitischer Instrumentalisierung und universitärer Verwissenschaftlichung, in: ders. (Hg.), Zwischen Nation und Region. Weltkriegsforschung im interregionalen Vergleich. Ergebnisse und Perspektiven, Innsbruck 2004, S. 63–122.

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Nun konnte das grausame Spiel beginnen Martin Weber wurde am 11. November 1877 in St. Marein am Pickelbach (Be­ zirk Feldbach) in der Steiermark geboren. Der Vater war vermutlich Störschuster, einer anderen Angabe zufolge auch Bauer; die Lebens­ verhältnisse der Familie in der Kindheit von Martin Weber dürften jedenfalls ärmlich gewesen sein. Er hatte 14 Geschwister und musste früh auf dem Hof seiner Zieheltern arbeiten. Danach absolvierte er bei einem Onkel, der in Kirchbach an der Raab eine Leinenweberei betrieb, eine Lehre, bevor er nach Graz ging und dort zunächst als Weber arbei­ tete, dann in einer Weinkellerei – bis er im Frühjahr 1898 zur Assen­ tierung musste und für tauglich erklärt wurde. Martin Weber rückte am 1. Oktober 1898 zum Infanterieregi­ ment Nr. 47 in die 13. Kompanie ins damalige Görz (ital. Gorizia) ein und verbrachte seine Militärdienstzeit im Wesentlichen dort. Sie bescherte ihm, ungeachtet aller Härten, auch einen sozialen Aufstieg, da er mehrfach befördert wurde und schließlich seinen eigenen Wor­ ten zufolge eine Art von „Unteroffiziersherrlichkeit“ genoss. Dennoch entschied sich Weber gegen eine militärische Laufbahn, obwohl er durchaus „Lust gehabt [hätte] weiter zu dienen und dann als Feldwebel die Manipulantenstelle, das war der damalige Rech­ nungsfeldwebel, anzustreben“, wie er am Ende seiner schriftlichen Militärerinnerungen festgehalten hat. Das ließ jedoch die „Scheu vor den Kameraden, die den Längerdienenden geradezu verachte­ ten“, nicht zu; Weber fürchtete die „unendlichen Hänse­leien“ der anderen und rüstete nach drei Jahren Militärdienstzeit ab; ein an­ schließendes Gesuch an den Stadtrat Graz um eine Wachmannstelle bei der Grazer Sicherheitswache blieb erfolglos. Nach Tätigkeiten als 29

Aushilfsarbeiter meldete er sich zur Gendarmerie und wurde dort am 1. Mai 1902 aufgenommen, womit eine fast 36-jährige Lauf­ bahn bis hin zum Postenkommandanten und Gendarmeriebezirks­ inspektor begann. Der hier abgedruckte Ausschnitt aus Webers Militärerinnerun­ gen reicht bis in die Zeit des zweiten Dienstjahres, da er auch an dieser Stelle noch das Rekrutenleben erinnert hat – nur dass er nun derjenige ist, der die neu eingerückten Wehrpflichtigen seiner Ein­ heit zu „strammen Soldaten abrichtet“. Der Text stammt aus den im Jahr 1942 in Wetzelsdorf in der Steiermark niedergeschriebenen Lebenserinnerungen des Autors. Das maschinschriftliche Manu­ skript umfasst 102 Seiten und ist seinen Nachfahren gewidmet, die er im Text immer wieder auch persönlich anspricht. Martin Weber schildert ihnen – auch in belehrender Art und Weise – die Lebens­ geschichten der Vorfahren, Eltern und Geschwister sowie seine har­ te Kindheit und Jugend ebenso wie seine Militärdienstzeit und die anschließende Karriere als Gendarm. Die Aufzeichnungen gelang­ ten 1987 durch einen Sohn des Autors, Dr. Johann Weber, ehemals ­Bischof der Diözese Graz-Seckau, an die „Dokumentation lebens­ geschichtlicher Aufzeichnungen“.

(…) Im Frühjahr musste ich zur Assentierung und wurde für den Herbst zum Einrücken bestimmt. Das hatte ich wohl geahnt, hatte ich doch deswegen gespart und keine Kleider angeschafft, sie wären ja zu klein geworden. Unser Hausdiener ging weg und mein Arbeitgeber sagte: „Mein Lieber, Sie sollten jetzt zum Rütteln und Degogieren angelernt werden. Da Sie nun aber einrücken müssen, zahlt es sich gar nicht aus, gehen Sie aus dem Keller und machen Sie den Hausdiener; wenn gerade keine Wege zu besorgen sind, helfen Sie dem Gärtner.“ Mir war dies recht lieb, denn der dumpfe Keller lag mir nicht besonders. 30

Zum Gut gehörten ein großer Obst- und Gemüsegarten und eine ziemliche Parkfläche. Der Gärtner war ein netter Kerl, die grobe Arbeit besorgten Taglöhner, die der Gärtner nach Belieben aufnehmen und auf Rechnung des Hauses entlohnen konnte. Ich durfte nun die Post holen, kleine Weinlieferungen zu den Kaffeehäusern nach Graz bringen, entweder mit dem Kutscher oder auch mit dem Handkarren. Ich durfte auch Geld für die Weine einkassieren, verschiedene Einkäufe besorgen, kurz, ich war Vertrauensperson des Hauses. Nur zu schnell kam die Zeit heran, zu der es Abschied nehmen hieß von dem mir lieb gewordenen Posten und den ­Kameraden. Am 1.  Oktober  1898 schied ich, fuhr zu den ­Eltern nach Hause, hatte schon vorher die Einberufung zum Infanterieregiment 47, 13. Kompanie in Görz erhalten und hatte, glaube ich, am 5. Oktober nach Marburg einzurücken. Bei der Assentierung war ich in den Steinfeldsälen in Graz und wollte nicht nach Feldbach fahren, war es mir nicht um das hierbei übliche Gejohle und auch nicht um meine ­Altersgenossen von der Schulbank her. So war ich fremd, doch ­einige Göstinger Burschen, die untauglich waren, hatten ein Einsehen und schmückten meinen Hut in üblicher Form. Ich habe diese Burschen dann nicht mehr gesehen, kam um die Mittagsstunde heim und arbeitete nachmittags wieder. Es war kein Rausch auszuschlafen. Weil ich bis dahin nicht wusste, dass man beim Militär oft und viel warten muss, fuhr ich am Tage vorher nach Marburg, übernachtete dort in einem Gasthaus mit noch zwei Leidensgenossen. In der Einberufung stand: Meldung 7 Uhr früh. So war ich auch pünktlich da und kam zur Überzeugung, wenn ich erst nachmittags mit einer guten Zugsverbindung angekommen wäre, wäre es auch noch früh genug gewesen. So mussten wir den ganzen Tag auf einer Wiese auf unseren Holzköfferchen sitzen und durften nicht weggehen. Mittags bekamen wir etwas, was uns als Gulasch angekün31

digt wurde. Ich fand wohl den Geruch einer dünnen, braunen Sauce, von Fleisch war keine Spur. Da hatten es die anderen Rekruten, die erst nachmittags ankamen, viel besser, die erhielten noch ein Menagegeld. Wir wurden nach und nach kompanieweise in zwei Reihen aufgestellt, es wurde uns immer wieder eingeschärft, dass wir den Platz nicht verlassen dürfen, er war übrigens eingefriedet und etwas bewacht. Es wurde langsam Nacht. Nun sickerte durch, ein Zug bringe von Graz 27 Rekruten, und wir waren dort angehängt, fuhren in der Nacht bis Laibach mit, wo die 27 in Garnison lagen. So war es auch. Wir wurden durch einen Durchgang geführt, dort erhielten wir Löhnung für fünf Tage, das waren 30 Kreuzer, auch bekamen wir Geld für Nachtmahl und Marschzulage. Alles in allem eine Handvoll Kleingeld, das uns recht wenig vorkam und kaum geachtet wurde. Dann ging es zum Zug. Vorher wurden noch von jeder Kompanie vier Mann herausgezogen, die zu einem Regiment im Wienerbogen transferiert wurden. So waren wir nur mehr 36 Mann für die Kompanie, ein Leutnant hatte das Kommando. Er zog auch die Leute zum Abgeben heraus. Ich hatte es bald begriffen, dass er nur Leute nahm, die ihm recht ungeschickt vorkamen. Ich wäre lieber nach Niederösterreich als nach Görz gegangen, bemühte mich daher, recht dumm dreinzuschauen, als er zu uns kam, hatte aber keinen Erfolg und es ging nach Görz. Nach langweiliger Fahrt durch die herbstlich kühle Nacht kamen wir um etwa 8 Uhr in Laibach an. Die 27 Rekruten hatten ab Marburg noch unter den Auswirkungen des Alkohols zu leiden, dem sie in Graz zum Abschied reichlich zugesprochen hatten, und schrien noch eine Zeit lang im Zuge. Doch allmählich wurden sie kleinlaut und die Natur forderte ihre Rechte. In Laibach stand die Musikkapelle schon bereit und empfing sie mit einem Tusch. Sie marschierten gleich in ihre Kasernen, während wir eine recht wohltuende Ein32

brennsuppe bekamen, die unsere ermatteten Lebensgeister wieder anfachte. Als Kameraden für die kommende Zeit auf uns gestellt, fing schon ein Sichfinden gleichartiger Männer an. Einzelne stellten sich stolz und scheu, dünkten sich wohl auch besser als der ganze Haufen, doch wurden diese kaum beachtet; wir waren ja durchwegs Steirer und meist vom Lande, manch einer, der vielleicht etwas in der Stadt war, zählte fast nicht. Da hatten wir einen wirklichen Herrschaftsdiener unter uns. Er hatte einen steifen Hut, eine Krawatte, einen Stehkragen und einen hochmütigen Blick, war aber durchaus kein Geisteskind, eben ein Lakai, dem das Rückgrat eines steirischen Dickschädels fehlte. Er wurde von uns nicht ernst ­genommen, sondern war das Ziel unserer Witze. Später war unser Genuss in dieser Richtung voll, als unsere Zivilkleider in eine Kiste gestopft wurden; weil der Deckel nicht zugehen wollte, stieg kurzerhand ein Mann auf den Haufen, trat den Inhalt so fest wie daheim das Sauerkraut. Der steife Hut gab so jämmerliche Laute von sich, dass seinem Träger die Tränen über das Gesicht liefen, wir hielten uns ob der Tragikomik vor Lachen den Bauch. Von Laibach fuhren wir bald nach der Suppe ab und brauchten bis zum Abend, um nach Görz zu kommen. Unterwegs sahen wir den Karst und empfanden schon wohltuend die südliche Luft. Lange darauf wartend, sahen wir das Meer, ein für uns Landratten, die wir bisher kaum einen Teich gesehen hatten, grandioser Anblick, eine Wasserfläche, so weit das Auge reichte, mit den Seevögeln darüber, einzelne Schiffe, wenn es auch nur Küstensegler waren. In Görz angekommen, wurden wir mit Mühe in Doppelreihen am Bahnhofsplatz geordnet und marschierten mit Militärmusik in die Kaserne. Nun begann gleich der Zwirn; kaum waren wir in unseren Stuben, sagten uns schon die für uns eingeteilten Chargen: So muss die Stube immer aussehen, so müssen die Betten gebaut 33

sein, so muss die Montur gelegt werden, kein Staub darf zu sehen sein, und so fort in endloser Reihenfolge. Wir dachten: Nun ist es aus mit der Bequemlichkeit, nun haben wir unsere Meister gefunden, nun kann es gut werden. Doch man ließ uns nicht lange Zeit zum Betrachten unseres Elends, man jagte uns gleich wieder auf den Gang, um in zwei Gliedern anzutreten. Dabei hörten wir unvergleichliche Titel, wie wir sie aus Witzblättern ab und zu heraus­lasen, doch in ungeschminkter Form, und wir konnten uns des Eindrucks nicht erwehren, es sei ein Wettbewerb für die passendsten Titel ausgeschrieben. Jeder Versuch, eine Frechheit oder eine Widerrede aufkommen zu lassen, wenn man etwa Schafkopf genannt wurde, erstickte schon im Keime unter der Wucht des Wortspieles unserer neuen Kameraden, das sich wie ein Sturzregen auf uns ergoss und alles Hoffen vernichtete. Wir erhielten unsere Ausrüstung, es war sehr eilig. Zuerst waren wir in Marburg den ganzen Tag im Herbstnebel auf einer Wiese gestanden, dann etwa 20 Stunden auf der Bahn gefahren, wohl im Personenwagen, doch waren wir wie zerschlagen. Statt uns nun Essen und Schlaf zu verschaffen, wurden wir auf den Gang gestellt und das Monturanpassen ging los. Vor jedem von uns baute ein Infanterist einen Berg von Sachen auf. Zuerst wurde ein alter Mantel herausgegriffen und auf dem Boden ausgebreitet, nachdem man ihn vorher der Länge nach an den Mann hielt und feststellte, dass er passe. Hierauf kamen die Hosen, die wurden an den Mann gehalten und passten. Die Bluse durften wir sogar anziehen. Da zeigte sich, dass sich die Bluse des Herrschaftsdieners absolut nicht zuknöpfen ließ. Der Feldwebel sah aber gleich, was fehlte, griff unter die Krawatte, riss sie samt dem Hemdkragen ab, warf sie verächtlich auf den Boden und meinte: „Du Ochs, was bringst du für Glump daher, da kann dir die Bluse nicht passen.“ Und schon passte ihm die schäbigste Bluse, die sich im Haufen fand. So 34

wurde Stück für Stück angepasst und dann auf den am Boden ausgebreiteten Mantel geworfen. Bei der Mütze merkte man, dass der liebe Feuchter auch eine bessere haben wollte, hatte er doch auch vorher einen schöneren Hut. Er hat sich aber verrechnet. Während er das Prachtstück von außen betrachtete, auf seinen Globus setzte und fand, dass es ihm zu klein sei, hatte der Feldwebel die Mütze beim Schirm erfasst und so unsanft über die Nase gedrückt, dass sich der gute Mann nicht mehr zu sagen wagte, sie passe nicht. Das war der erste Zwanziger, den ich ausgeben sah. So bekamen wir Schuhe, Tornister, Brotsack, Leibriemen, doch kein Gewehr, dazu seien wir noch zu „vertrottelt“, wurde uns geschmeichelt. Dann ging es mit dem ganzen Kram in die Stube, und wir hatten zu tragen daran. Dort begann das Ordnen unter Mithilfe eines alten Kameraden, der sich natürlich selbstlos erkundigte, was man alles vom Zivil mitgebracht hatte. Es war eine schwüle Luft, bis unsere neu gefassten Sachen halbwegs geordnet waren und wir todmüde auf den prall gestopften Strohsack fielen. Der Schlaf tat uns wohl, heimatliche Abschiedsszenen umgaukelten uns im Traume. Mit dem Vor­ leben hatte ich abgeschlossen. Meine Zivilkleider – es waren recht wenige – hatte ich zum Onkel Peter nach Kirchberg gebracht in der vorsichtigen Erwägung, dass sie sonst von meinen lieben Brüdern so lange angezogen würden, bis nichts mehr davon da wäre, wenn ich sie der väterlichen Obhut anvertraut hätte. Ich hatte auch ein Sparbuch der Steiermärkischen Sparkasse, in welches ich mein Erspartes eingelegt hatte. Das gab ich auch Onkel ­Peter zur Aufbewahrung mit der Bitte, wenn ich in Verlegenheit komme und um Geld schreibe, möge er mir den abgerufenen Betrag schicken. Einiges Geld für die erste Zeit hatte ich bei mir, und so konnte es vorwärts gehen auf der neuen Bahn des Lebens. Hätte ich daheim mein Geld aufbewahren wollen, so wäre Vater gewiss in solche Nöte gekommen, dass er davon An35

leihen gemacht hätte, und ich wäre dann, wenn ich wirklich etwas notwendig gebraucht hätte, leer ausgegangen. Ich hatte Vater noch in den letzten Monaten vor dem Einrücken mit 20 Gulden ausgeholfen auf seine dringenden Vorstellungen hin und gegen das bestimmte Versprechen, es mir beim Einrücken wieder zu geben. Er konnte es aber nicht und litt schwer darunter. Er konnte mir nur einen winzigen Betrag geben und versprach, wenn ich vom Militär schreibe, würde er mir gewiss mein Geld senden. Der Wille war wohl vorhanden, aber die Zeiten waren schlecht. Ich versuchte einige Male von meinem Geld etwas zu erhalten; ich hatte es doch verdient und schwer erspart, es war mehr als ein Monatslohn; es blieb vergeblich. Vater schrieb mir, dass er beim besten Willen nicht könne. Es dauerte lange, bis ich zur Einsicht kam, es gehe mir doch noch besser als den Eltern, da versuchte ich nicht mehr, mein Geld zu erhalten. Als ich auf Urlaub kam, erhielt ich noch etwas, sodass ich ein Viertel des Betrages hereinbrachte, den Rest erklärte ich dem Vater endgültig zu schenken, und dabei blieb es auch. Es mag kleinlich erscheinen, wenn ich dies hier ausspinne, aber es geschieht mit Absicht. Nicht um das Andenken des Vaters zu trüben, er litt mehr darunter als ich. Aber es ist mir bewusst, dass meine lieben Kinder, denen ich ein ungleich besseres Los bereiten konnte, als ich es erfuhr, mich oft nicht verstanden und der Meinung waren, ich sei ein Filz, der nichts auslassen wolle, der auf dem Gelde so lange herumdrücke, bis Wasser herausrinnt. Ich hoffe, dass angesichts der Unterstützung, die ich von meinen Eltern erfuhr, ihnen einleuchten wird, dass ich für ihr Wohl getan habe, was notwendig war. Hätte ich nach meinen Erfahrungen gehandelt, hätten sie vielleicht Ursache gehabt, sich vernachlässigt zu fühlen. So aber sollen sie daran glauben, dass es nur zu wundern sei, wenn ich nicht auch solches Maß anwandte, mit dem mir zugemessen wurde. Ich glaube, dass ich durch diese Auf36

klärung damit rechnen kann, verstanden zu werden. So, nun kann ich weitergehen, und die Ersteindrücke des Soldatenlebens anmerken. Von der ungewohnten langen Bahnreise und dem Alkoholgenuss – wie er beim Einrücken schon mal Brauch ist – recht ermüdet, schliefen wir Schicksalsgenossen in der Stube in der ersten Nacht den Schlaf der Gerechten. Morgens um 6 Uhr tat sich urplötzlich die Stubentüre auf, herein trat ein baumlanger, alter Infanterist mit vollem Kriegsschmuck, tat die mit einem mächtigen Schnurrbart umgebene Schnauze ungewöhnlich weit auf und ließ sich also vernehmen: „Guten Morgen, meine Herren, auf zu Gott, ist wer marod?“ Da standen wir schon neben dem Bett und wussten nicht, was jetzt werden sollte. Wir konnten ja die Betten nicht bauen. Bis sich ein Instruktor, der Zimmerkommandant, erbarmte und uns allen zeigte, wie das Bettzeug gelegt wird. Dann zogen wir erstmals die blauen Hosen an, wuschen uns am Waschapparat und versuchten uns soldatenmäßig anzuziehen, was nur zum Teil gelang. Hierauf gab es schwarzen Kaffee zum Frühstück, Brot hatten wir schon am Brotbrett liegen (zweieinhalb Wecken für fünf Tage). Hernach wurde versucht, die Zimmerordnung herzustellen, Monturen wurden angepasst und so lange gegenseitig ausgetauscht, bis wir so halbwegs Rekruten darstellten. ­Alles war uns neu, wir kamen erst langsam darauf, dass wir uns Mühe geben mussten, den Anforderungen, die man an uns stellte, gerecht zu werden. Nachdem wir unsere Sachen halbwegs in Ordnung hatten, erhielten wir jeder ein Paket in einem Leinwandsäckchen. Es enthielt die Proprietäten. Ein Wort, das wir zum ersten Male hörten. Es waren die mit dem Handgeld von drei Gulden angeschafften Putzmittel, Bürsten, Nähzeug usw. In das Leinwandsäckchen hatten wir unsere Zivilsachen einzunähen und einen Namenszettel daranzu­ geben. Alles musste mit Namenszetteln versehen sein. 37

Mittlerweile wurde es Mittag und wir bekamen die erste Mittagskost beim Militär. Wir erfuhren dabei, dass die Tischplatten umgedreht wurden, um auf der unteren Seite zu ­essen und um das Tischplattenreiben nicht so oft notwendig zu machen. In der blechernen Menageschale waren Suppe und Fleisch, die Zuspeise wurde auf den Deckel gegeben, auf den Gängen waren die Tische aufgestellt, zwei Mann trugen die großen Servierbretter, dort wurde gegessen. Teller und dergleichen waren damals noch unbekannt und entbehrliche Begriffe. Das Esszeug wurde auch mit dem Päckchen ausgefasst. Auch dieses musste gemerkt werden, weil es mit den Schalen in der Küche gewaschen wurde, jeder hatte gern sein eigenes Besteck. Als auch das Essen überstanden war, wurde die Stube halbwegs sauber gemacht, wir wurden eingeladen, uns wieder auf den Gang zu bemühen, wo uns die Instruktoren erwarteten. Wir wurden auf die einzelnen Chargen aufgeteilt, gewissermaßen verlost. Nun konnte das grausame Spiel beginnen. Wir erfuhren, dass wir nicht ordentlich angezogen waren, besonders die Halsbinde, an der der weiße Leinenstreifen täglich frisch aufzunähen war, wollte nicht liegen, sondern immer hinten hervorstehen, ein besonderes Kennzeichen des Neulings in der Uniform. Dann versuchte man, uns stehen zu lernen. Wir waren der Meinung, nicht nur stehen, sondern auch gehen zu können, mussten aber unsere Ansicht revidieren. Es wurde uns gezeigt, wie man militärisch richtig zu stehen habe. Also vorgebeugt, die Schwere des Körpers auf beiden Fußflächen gleichmäßig verteilt. Zum Gehen ­kamen wir vorerst nicht, war uns das Stehen schon schwer genug. Später gab es auch ein Nachtessen, irgendein Gemüse, Kartoffelsalat oder Reis, Brot hatten wir hinreichend, Wasser stand in Holzkübeln am Gang und war schal. So verging der erste Tag. Es war unmöglich, all die frommen Wünsche und Befehle, die wir empfangen hatten, zu 38

merken. Dies war auch nicht notwendig, sie wurden zur Genüge wiederholt. Wir waren auf die Offiziere neugierig, sie ließen sich nicht blicken. Erst nach einigen Tagen kam ein windiger Leutnant, er stellte sich als unser Ausbildungskommandant mit der Forderung vor, wir sollen uns recht bemühen, ordentliche Soldaten zu werden, damit er uns bald dem Herrn Hauptmann vorstellen könne, der uns als Zivilistenpack nicht sehen wolle. Da kamen wir dahinter, dass Zivilisten ein minderwertiger Menschenschlag waren, erst Soldaten als Kulturmenschen galten. Hatten wir doch den Zivilisten in unser Leinwandsäckchen eingenäht, so war es jetzt unsere Pflicht, uns die Haltung anzueignen, die für Uniformträger unerlässlich war. So ging unser Tagwerk fleißig vorwärts, wir nahmen langsam Schliff an, bekamen dann auch einen Leibriemen und ein Seitengewehr, durften auf dem Exerzierplatz außer der Stadt üben, und auf einmal wurde der Herr Hauptmann auch sichtbar. Er kam zu Pferd, es war ein alter, zahmer Gaul. Wir wurden zweigliedrig aufgestellt. Er ritt langsam die Front ab und meinte, er hoffe wohl, dass wir bald noch etwas mehr Militärisches zeigen würden, derzeit sehen wir alten Veteranen gleich. Der Herr Hauptmann ermunterte das Aus­ bildungspersonal, keine Mühe zu sparen, damit wir brauchbare Soldaten würden. So vergingen die ersten vier Wochen, im Schweiße unseres Angesichts arbeiteten wir, todmüde sanken wir abends auf den Strohsack. Zwischendurch hatte man uns melden und bitten gelehrt, dass man, wenn man etwas will, es nur im Dienstwege und beim Rapport anbringen dürfe, dabei auch ordentlich gekleidet und rasiert sein muss und was dergleichen Feinheiten mehr waren. So gewöhnten wir uns in den militärischen Drill ein. Es wurde die Aussicht laut, dass der General zur Besichtigung kommt. Das war wie ein Rühren im Ameisenhaufen. Unser Leutnant glaubte, uns neuerlich extra drillen zu müssen, 39

­ amit wir dem Brigadier ja gefallen. Wie sich militärischer d Ehrgeiz übel auswirken kann, spürten wir am Allerheiligentag: Wir mussten am Nachmittag im Kasernenhof Bewegungen machen, es ging scharf her. Auch die anderen Kompanien hatten das Bedürfnis zu drillen, der Raum war eng, vom Turme der nahen Kirchen läuteten die Glocken, ich überhörte dadurch das Kommando und machte statt rechts links um und stieß mit dem Nebenmann zusammen. Der Herr Leutnant hatte dies gleich gemerkt und stellte mich zur Kellertür, ließ das Bajonett aufnehmen und mich dort Übungen machen, bis ich die Arme nicht mehr aufheben konnte; dabei meinte er: „Ich werde dir schon zeigen, wie man aufpasst.“ Das war der erste Schatten, der sich auf meine militärische Laufbahn senkte und mir gerade keine Freude machte, auch meine Liebe zu den Vorgesetzten wurde nicht größer. Der General, der am nächsten Tag kam und sich von unserem Können überzeugte, war kein Menschenfresser. Er ging wieder fort, nachdem er uns ermahnt hatte, mit Fleiß und Eifer an unserer Ausbildung zu arbeiten; es sei eine große Ehre, des Kaisers Rock zu tragen, und wir müssten uns dessen würdig zeigen. Nun ging der Ausbildungsschliff weiter. Wir durften am Sonntag schon ausgehen, einige brachten auch kleine Schwipse heim. Sie waren verpönt, wurden aber mit dem Mantel der christlichen Nächstenliebe zugedeckt, zumal die südländischen Weine tückisch sind und die Wirkung uns Steirern noch nicht bekannt war. Wohltuend wirkte das milde Klima. Gegen unsere Oktoberstürme war dort im Isonzotal das reinste­ Frühlingswetter, die Bäume wollten gar nicht zu grünen aufhören und die Sonne wärmte uns noch immer. Schnee ­sahen wir dort keinen, an einigen Wintertagen fanden wir beim Brunnen Zeichen von Eis. Wenn die Bora wehte, war es em­ pfindlich kalt, waren wir ja sonst die Wärme gewohnt. Es ergab sich im Winter kurze Zeit die Notwendigkeit, die Schlaf40

und Schulräume zu heizen, aber es waren wohl recht milde Winter gegen jene in der Heimat. So lief das ganze Getriebe sanft ab; unser Hauptmann entpuppte sich als guter Mann, dem die Drillerei gar nicht lag, und wir trachteten stets, ihm dies zu vergelten. Bei jeder Besichtigung schnitt er besser ab als die Kompanien, die vorher schon unmenschlich drillten und deren Mannschaft sich dann rächte und umschmiss. In den Wintermonaten wurden wir nach der Ausbildung mit der alten Mannschaft vermengt, machten auch Wachdienst, wurden theoretisch geschult, gingen auf Feldübungen, die uns viel lieber waren als der Kasernen- und Exerzierplatzdrill. So kam der Mai heran, und ich erhielt mit noch drei Kameraden den ersten Stern. Der erste Schritt auf der militärischen Stufenleiter war getan. Für mich bedeutete dies viel, brauchte ich doch nicht mehr Posten stehen. War früher nur drei Mal dazugekommen, bin daher nur 24 Stunden Posten gestanden. Ich kam auch von den Arbeitstouren weg, musste dafür aber als Wachkommandant oder Tagcharge die Verantwortung tragen. Die alten Infanteristen, die schon im gleichen Jahr auf Urlaub gingen und die Tage zählten, die sie noch zu dienen hatten, machten sich zwar aus den jungen Gefreiten nicht viel, nur dass sie einer wirklichen Auflehnung aus dem Wege gingen. War es im Winter angenehm, so war die Hitze im Sommer bedeutend. Um 10 Uhr mussten wir eingerückt sein. Im Herbst ging es in die Kaisermanöver, die uns über Krain bis Völkermarkt in Kärnten führten. Der Kompaniestand wurde durch Reservisten auf 250 Mann gebracht, das war schon ein recht großer Haufen. Mir fiel dabei die Aufgabe zu, das Fleisch zu teilen. Das war nicht schwer, denn es waren für jeden Mann 25 Dekagramm bemessen, und so gab es schöne Portionen. Nachdem wir den Karst hinreichend durchquert hatten, kamen wir über den Loiblpass nach Kärnten, da wehte 41

uns schon Heimatluft um die Ohren. Man hörte die Zivilisten wieder deutsch sprechen, so fühlten wir uns bald heimisch, doch wussten wir, es geht nach Beendigung der Manöver wieder in unsere alte Garnison Görz. Wenn wir auch viel marschieren mussten und uns ausschwitzten, so war es uns ziemlich gleichgültig, was geschah. Wir hatten die Freude wahrzunehmen, wie die Herren Offiziere, die sonst immer so geschwollen dastanden, viel mehr besorgt waren, dass sie nicht unangenehm auffallen, hing doch das Fortkommen davon ab. Insbesonders war damals die Majorsecke gefürchtet, die die alten Hauptleute leicht überrennen mochten; statt zur Stabsoffiziersborte konnten sie leicht zum verhassten zivilen Zylinderhut kommen, und damit war alles Sehnen, das den Mann schon von der Kadettenschule her plagte, umsonst und nicht mehr wettzumachen. Es hieß dann Hauptmann a. D. oder wenn es gnädig ging, Major ad honores; kam nicht ein Krieg, war es aus mit der so schön geträumten Offizierslaufbahn, die mit den Generalsborten und den breiten roten Streifen an der Hose enden sollte. Wir sahen unseren alten Kameraden, die vom Manöverfeld weg nach Marburg mit der Bahn abgingen, mit wehmütigen Gefühlen nach und dachten, in zwei Jahren kommen auch wir daran, vorher müssen wir aber noch viel schwitzen. Es gab ein großartiges Händeschütteln und die Hoffnung auf ein Wiedersehen bei der Waffenübung in zwei Jahren, worauf dann auch wir mit auf Urlaub gehen werden. Wir marschierten dann auch zur Bahn und nach langem, üblichem Warten kam mal ein Transportzug, der uns wieder sachte nach Görz brachte. Wir waren über sechs Wochen unterwegs gewesen und sehnten uns schon wieder nach unserem Strohsack. Es gab viel Arbeit mit den Monturen, die wegen der Kaisermanöver hervorgeholt wurden und nun wieder in reinem Zustand als bessere Garnituren ins Magazin verstaut werden mussten. Neben der Fülle an Arbeit lief 42

noch die Reinigung der Unterkunft, Weißigen der Wände, Waschen der Strohsäcke und Frischfüllen derselben, Bodenreiben – alles unter der Leitung unseres Feldwebels, eines unberechenbaren Leuteschinders, das war ärger als alles Exerzieren, Üben und Manövrieren. Ich machte nicht alles mit. Es ging mir am Kragen inzwischen der zweite Stern auf. Es gab Handschuhe, Borten und Verantwortung. Um unseren Oberleutnant bildeten wir eine Gruppe Chargen, die als Ausbildner der zu erwartenden Rekruten bestimmt, eine eigene Ausbildung machten. Die Arbeit in der Kaserne blieb den wenigen Infanteristen und Chargen, die noch nebenbei Wachund Inspektionsdienste zu verrichten hatten und damit hinreichend vor Langeweile geschützt waren. Dann kam bald der Tag, an dem die Rekruten einrückten, und unsere Arbeit, aus diesen Kerlen gerade Soldaten zu machen, konnte beginnen. Nun erkannten wir erst, wie ungeschickt wir auch selbst noch vor einem Jahre waren. Hatten wir doch immer allerhand Hochachtung gehabt vor jenen Burschen, die bei der Assentierung verblieben waren, und gemeint, die am besten und schönsten Gewachsenen kämen zum Militär! Oh Jammer! Als ich meine mir zugewiesenen acht Mann in einer Reihe aufgestellt hatte und diese besah, gab es eine recht krumme Linie. Einer hatte hängende Schultern, der andere eine Brust wie eine Henne, der dritte einen Höcker wie ein Kamel, ein anderer O-Beine, die meisten ließen die Köpfe hängen wie ein armer Droschkengaul, ein Bild des Jammers. Es war keine dankbare Aufgabe, da eine gerade Linie zu bilden, aber gelingen musste dies um jeden Preis, und es gelang, wenn auch beiderseits viel Mühe und Fleiß aufgewendet werden mussten. Nach zwei Monaten waren die Burschen nicht mehr zu erkennen. Die Montur saß gut, das Auftreten war so stramm, dass es jedes Soldatenherz erfreuen konnte, auch der Hauptmann war zufrieden. Einer von diesen Leuten wohnt heute in 43

meiner Nachbarschaft, er begegnet mir noch immer mit Respekt und denkt mit Wonne daran, wie viel Mühe ich bei ihm aufwendete, damit er sich, als einer der klobigsten Kerle, mit der Zeit ohne aufzufallen in die Reihen der Kompanie einzufügen vermochte. (…) Mit diesem Blick auf sein zweites Dienstjahr beim Militär schließt sich für Martin Weber gewissermaßen der Kreis. Die darauf folgen­ de Erzählung über sein weiteres Soldatsein ist nur noch knapp ge­ halten; erwähnt werden die großen Herbstmanöver im Jahr 1900, zu denen aufgrund eines Jubiläums sogar Kaiser Franz Joseph nach Görz kam, sowie seine Zukunftsüberlegungen als Unteroffizier, der wie alle anderen der „ewig gleichgestellte[n] Uhr des Dienstes“ un­ terworfen war. Die erst nach seiner Abrüstung verfolgte Perspekti­ ve, zur Gendarmerie zu gehen, bot schließlich den Ausweg hin zum gesellschaftlichen Aufstieg.

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Von Tag zu Tag das jämmerliche Exerzieren Josef Schönegger ist laut Grundbuchblatt 1867 in Arnbach im damaligen Bezirk Li­ enz in Tirol geboren. Zur Zeit seiner Assentierung im Jahr 1887 ar­ beitete er als Knecht.1 Schönegger hatte vier Geschwister (drei Brü­ der, eine Schwester), wurde später Bauer, heiratete und war Vater von 13 Kindern. Die hier veröffentlichten Militärerinnerungen an das erste Dienstjahr bei den Kaiserjägern (36. Kompanie) in Südtirol stam­ men aus einem 66 Seiten dicken Schreibheft, auf dessen innerem Umschlag „Josef Schönegger Unterjäger 1887“ und auf der nächs­ ten Seite die Überschrift „Auszug aus den 3 Dienstjahren bei [den] Kaiserlichen, zwei Jahre in Bozen, ein Jahr in der Herzovina“ steht. Die dann folgenden Aufzeichnungen sind in Kurrent verfasst und teilweise schwer lesbar, nicht zuletzt aufgrund der langen, syntak­ tisch unvollständigen Satzkonstruktionen und fehlender Interpunk­ tion. Es wird deutlich, dass wir es hier mit einem Schreiber zu tun haben, der sich im schriftlichen Ausdruck auch an Mündlichkeit orientiert; auffallend sind etwa wiederkehrend eingeschobene, heute kaum mehr deutbare dialektale Redewendungen oder der Gebrauch einzelner Worte aus anderen Sprachen und die vielen nicht korrekt geschriebenen Ortsangaben. Diese wurden, soweit möglich, identi­ fiziert und berichtigt. Das überlieferte Manuskript dürfte zwar erst kurz nach dem dreijährigen Präsenzdienst verfasst worden sein, ist vom Duktus her an vielen Stellen aber tagebuchartig angelegt, wenn auch im Imperfekt gehalten. Immer wieder fällt sein Autor in einen geradezu 45

telegrammhaften Schreibstil, der das militärische Befehl-GehorsamSystem, dem er ausgesetzt war, anschaulich ausdrückt. Vermutlich lag dieser Fassung des Textes, die der „Dokumentation lebensge­ schichtlicher Aufzeichnungen“ im Jahr 2001 übergeben wurde, ein von Josef Schönegger schon während seines Militärdienstes für Er­ lebnisnotizen verwendetes Schreibheft zugrunde. Darauf deutet auch die Jahreszahl 1887 am inneren Umschlag des Heftes und der oben erwähnte Titel über der ersten Seite hin. Josef Schönegger diente aktiv vom Oktober 1887 bis Ende 1890, am 28. November dieses Jahres wurde er vom Präsenz- in den Urlauberstand versetzt. Wiewohl er seinen schriftlichen Erinne­ rungen zufolge kein leidenschaftlicher Soldat war und vor allem unter der Trennung von seiner Familie, dem vielen Exerzieren und den langen Märschen während verschiedener Truppenübun­ gen sehr gelitten haben dürfte, brachte er es beim Militär bis zum ­Pionierunteroffizier, wie der letzte Eintrag im Grundbuchblatt des 36. „Compagnie-Commandos“ in Nevesinjé in der Herzegowina am 12. Januar­ 1891 belegt. Der folgende Auszug bezieht sich auf das erste Dienstjahr in der Heimatregion des damaligen Tirol und steht in diesem Band auch für das Leben eines Rekruten, der in der Kaserne immer wieder von nahen Verwandten und Bekannten besucht werden konnte – was für diesen jungen Mann offensichtlich sehr wichtig war. Am 27. September ging ich von meiner Heimat um 9 Uhr Vormittag fort, wo ich dann von meinen Eltern und Geschwistern herzlich Abschied nahm. Ich musste mich nur so schnell wie möglich loszureißen suchen, um nicht meinen Eltern durch meine Tränen noch mehr Schmerz zu bereiten. In der Herneggn kehrte ich ein, weil ich dort drei Jahre in Diensten war, und nahm auch Abschied in der herzlichsten Weise, dann nach Sillian. Dort traf ich den Anton Juderist, der mir zu saufen zahlte, so viel ich nur wollte, und mich noch begleitete bis in den Bahnhof, wo sich dann auch mein teurer 46

Bruder Simon befand. Aber leider Gottes musste ich auch diesem ein herzliches Lebewohl sagen und dann ging’s fort. Ich kam um 9 Uhr abends nach Brixen. Ich ging in die Stadt hinein und kehrte beim Schwarzen-Adler-Wirt ein. Dort traf ich den Mühlhammer, der ebenfalls mit mir einrückte, und wir genossen die letzte Nacht, wo wir noch uns selbst gehörten. Den anderen Tag um 9 Uhr gingen wir in die Kaserne und meldeten uns dort, wo dann unser mehr zusammenkamen. Wir mussten den ganzen Tag in dem Kasernenhof herumstehen, und von Hinauskommen war keine Spur mehr, sehr langweilig. Endlich um 4 Uhr hat’s geheißen: „Der Transport nach ­Bozen zur Vergatterung!“ – wo ich aber von der „Vergatterung“ so wenig wusste, ob es etwas zum Essen oder Trinken ist. Dann im Laufschritt zum Bahnhof hinaus, um 6 Uhr abends kamen wir nach Bozen, wo mein Bestimmungsort war. Wir marschierten in die Kaserne und man hat gesagt: „Ihr könnt heute noch spazieren gehen.“ Von dem war aber keine Spur, auch noch länger nicht. Ich zerbrach am ersten Abend schon meine Pfeife und legte mich dann schlafen und schlief die erste Nacht auf dem ungewohnten Strohsack zu meinem Erstaunen sehr gut. Morgens in aller Gottes Früh ertönte der Ruf: „Auf!“ Ich sprang gleich auf, zog mich an und ging in die Kantine und wusste auch warum. Dann hat’s geheißen: „Montur fassen gehen!“ Ich packte meine Sachen in den Mantel, einen schlechten Plunder, und dann mussten wir in jedes Stück den Namen hineinmachen. Ich nähte den ganzen Tag wie ein Narr, es war gerade Rosenkranzsonntag und von Aus­gehen keine Spur. Ihr könnt euch denken, wie mir zumute war, ich hätte fast lieber geweint wie gelacht, wenn nicht andere Kameraden mich aufgemuntert hätten. Es waren auch zwei bis drei alte Jäger im Zimmer, diese haben die einen „Saurekruten“, die anderen „Sie“ geheißen und uns den Rat ge47

geben: „Hängt’s euch auf!“ Das fiel uns aber doch nicht ein. Den andern Tag ging das Exerzieren los, in aller Gottes Früh schon Habt-Acht-Stehen lernen, das war am Anfang auch keine Unterhaltung. Ich glaubte zwar, schon früher, stehen zu können, aber da war ich mit Dummheit ganz überschüttet, und so auch jeder andere. Ordentliches Wort hört man keins, alles bist du, nur Mensch keiner, und so acht Wochen lang. Ich habe zwar gut gelernt, aber eine zweite Rekrutenabteilung mitzumachen, verlangte es in mir nicht mehr. Am 1. Dezember ging die Schule an. Ich wurde für die Chargenschule bestimmt, obwohl ich mir dachte: Aus einem solchen Menschen eine Charge zu machen ist unmöglich – aber es ging ganz gut. Ich lernte leicht, aber wenn man etwas nicht konnte, so musste man bei Hauptmann Mörl zur Strafe fünfzigmal und auch noch öfter abschreiben. So verging der ganze Winter, am Vormittag Schule, Nachmittag Exerzieren bis 1. April, da ging die Kompanieausbildung an, von Tag zu Tag das jämmerliche Exerzieren. Am 6. April Inspizierung von Seiner k. u. k. Hoheit Erzherzog Albrecht, sehr gut gegangen, den andern Tag Ruhe. Ich aber wurde bestimmt, mit einem Arrestanten nach Trient zu gehen, und ging noch am selben Tage um 4 Uhr Nachmittag ab. 36 Stunden war ich in Trient, dann wieder zurück nach Bozen. Am 16. Mai wurde ich zum Patrouillenführer befördert, was mich anfangs nicht besonders freute. Am 29. Mai kam mein Bruder nach Bozen und ich freute mich ungemein, ihn wieder einmal zu sehen, aber wir hatten am selben Tage gerade unsere Visit. Der Oberst Merstig hielt sie ab, und ich konnte vor dem Befehl nicht spazieren gehen, das war für mich wieder schlecht. Der Bruder kam zu der Kaserne hin, und wir beschlossen dort, uns am Nachmittag beim Riesen zu treffen. Ich eilte nach dem Befehl gleich hinaus und traf den Bruder zu meiner größten Freude. Wir kamen in verschiedene Gespräche, er erzählte mir die Neuigkeiten von 48

Sillian, was sonst Besonderes vorgefallen usf., so verging dann die Zeit, ohne dass wir es bemerkten. Wir gingen auch in die Wilprianer Bierquelle, um ein Glas Bier zu trinken. Nun kam es wieder zum Abschiednehmen, und ich musste meinen Bruder wieder verlassen. Wir gingen mitsammen in die Restauration hinaus, verabschiedeten uns in der herzlichsten Weise, ich ging dann allein durch die Gassen der Stadt. Mein erster Weg war in die Kaserne, dort beschlichen mich quälende Gedanken, und ich legte mich zeitlich zu Bette. Den andern Tag wieder Exerzieren, und so von Tag zu Tag, denn es wurde alle Tage gehofft auf eine Inspizierung, wenn’s da schlecht ging, war’s der Teufel. Am 20. Juni Inspizierung von dem Herrn Brigadier Emmerich Polak von Zirndorf, dann ein wenig besser. Am 1. Juli gingen die Bataillonsübungen an. Jeden Vor­ mittag eine Übung, am Nachmittag wenig oder gar nichts mehr. Am 27. Juli wurde das Bataillon nach Fondo­Ronsberg verlegt, am ersten Tag bis nach Lana, eine furchtbare Hitze, angekommen um 2 Uhr. Dort über Nacht, am andern Tag um 4 Uhr auf, um 5 Uhr Abmarsch über Tisens und über ein Joch nach St. Maria im Wald und St. Felix nach Fondo. Angekommen um 5 Uhr sehr müde, dann Menage und auf ein hartes Lager. Und so 14 Tage, jeden Tag eine Übung bis 2, 3 Uhr Nachmittag. Am 8. August nach Cloz, feldmäßig. Schützenabmarsch um 5 Uhr Früh, angekommen um 11 Uhr, Menage um 2 Uhr. 87 Jäger zum Weitschießen auf einen Berg hinauf und eine furchtbare Hitze, um 8 Uhr zurück ins Quartier und noch Gewehrvisit. Den andern Tag das ganze Bataillon feldmäßig schießen, um 4 Uhr auf, hinaufmarschieren, um 12 Uhr zurück, Menage, um 3 Uhr Rückmarsch nach Fondo, angekommen um 9 Uhr. Den andern Tag Rast, Gewehrvisit. Am 11. August hatten wir Alarm in aller Gottes Früh, dann hinunter zur Justin-Brücke vier Stunden, dann eine Viertelstunde Rast, dann zurück über einen furchtbaren Weg nach 49

St. Romedio – ein berühmter Wallfahrtsort –, von allen Seiten mit furchtbaren Felswänden umgeben. Eine Stund Rast, aber leider nichts zu kaufen. Sogar Wasser bekamen wir keines zu trinken. Ich schaute den Wallfahrtsort an und widmete einige Vaterunser, dann ging’s wieder fort über eine tiefe Schlucht, von links und rechts standen zweimal kirchturmhohe Felsen empor. Um 5 Uhr nach Hause; es waren viele, die nicht um zwei Kreuzer Brot bekommen haben, ich auch nicht. Das war einer der strengsten Märsche, aber mich reut es doch nicht. Am 15. August Abmarsch von Fondo um 5 Uhr Früh, wo die meisten froh waren, dann über die Wänd nach Kaltern, zwei Stunden Rast. Dort bekamen ich und zwei meiner Kollegen von einer armen Witfrau Wein, was uns sehr wohl tat bei dieser Hitze, die dort war. Heute noch sage ich ihr herzlich Geltsgott. Dann wieder weiter nach Auer, dort ausquartiert, die meisten konnten das Hemd ausreiben, einige sind auch umgefallen. Dann Menage und noch Gewehrvisit, die ganze Nacht vor lauter Hitze nicht geschlafen. Den andern Tag, Maria Himmelfahrt, um 5 Uhr Abmarsch nach Bozen, mit Freuden wieder in Bozen angekommen. Dann nichts besonders Auffallendes bis 1.  September, da ging’s auf die große Übung ins Pustertal. Am 5. September Abmarsch von Bozen bis Klausen, in einen Stall einquartiert, den andern Tag um 5 Uhr Früh Abmarsch nach Brixen, 8. Bataillon. Alarm, dann über den Berg hinauf nach Raas, dort eine Übung mit dem 1. Bataillon und dem Infanterieregiment No. 73. Dann hinunter nach Schabs, dort ausquartiert. Um 5 Uhr Menage, und ich den Tag bekommen, zuerst ganz müd und noch die Nacht machen, das war traurig und am anderen Tag ging ich dazu noch bald links. Servus. Am andern Tag um 5 Uhr Abmarsch, und geregnet, was vom Himmel hat mögen. In Mühlbach Anschluss mit dem 1. Bataillon und Infanterieregiment No. 73. Eine Viertelstunde Rast, dann kam auch das 8. Bataillon. Das 1. Bataillon bildete 50

die Vorhut, das 8. Bataillon die Nachhut, und so ging’s dann nach Bruneck. Die Hornisten des 9.  Bataillons haben sich am besten ausgezeichnet, indem sie immer Exerziermärsche bliesen, obzwar es fest regnete, aber das war gleich. In Kiens mitten auf der Straße eine Stunde Rast, und geregnet, was vom Himmel hat mögen, dann weiter nach St. Lorenzen, total durchnässt, dort in Moos einquartiert in einen Stadel auf ein wenig Stroh. Das Wasser unten durchgeronnen, Menage und dann noch Gewehrvisit. Den andern Tag war Sonntag und zugleich Rasttag, und ich erwartete am selben Tage meinen Bruder. Weil aber ohne Erlaubnis niemand nach St. Lorenzen konnte, so war ich nicht sicher, ihn zu treffen bei dieser Masse Volk, die damals dort war. Ich bat den Kadettoffizier-Stellvertreter Vogl, der ein guter Kerl war, um die Erlaubnis, mich nach St. Lorenzen begeben zu dürfen, was er mir sogleich gab, und wie ich mich dann umschaute, sah ich von Weitem meinen Bruder daherkommen. Welch eine Freude war das für mich! Ich eilte ihm entgegen und reichte ihm mit Freuden meine Hand. Wir redeten eine Weile mitsammen und beschlossen dann, dass ich ihn am Nachmittag in Lorenzen beim Grauen­­Bären treffen werde. Ich wartete auf die Menage, ging dann sogleich nach St. Lorenzen hinunter und traf den Bruder dort gleich wieder. Wir tranken dort einen Liter Wein und gingen die Straße entlang nach Bruneck. Dort gingen wir zum Hirschen, wo ich schon früher einmal übernachtete und mir besser zumute war wie diesmal. Dort unterhielten wir uns ganz gut, er erzählte mir die Neuigkeiten von Sillian, was Merkwürdiges vorgefallen ist usw., und so verging der ganze Nachmittag, ohne dass wir es bemerkten, und es nahte wieder die Stunde des Abschieds heran. Wir gingen dann mitsammen zum Bahnhof hinaus und verabschiedeten uns dort herzlich. Der Bruder stieg ein, und ich schaute zu mit trauriger Miene. Der Zug fuhr ab, und ich 51

war allein und musste wieder in das schlechte Quartier zurückkehren, und es war finster wie in einem Kuhbauch. Ich dachte mir: „Da bleibst guat“, und es war auch so. Bis Lorenzen ging’s gut, aber ab dort kannte ich mich nicht mehr aus, denn die Gegend war mir unbekannt. Aber endlich und endlich gelangte ich doch glücklich zurück, total nass und dreckig, aber das war mir gleich. Ich packte noch meinen Tornister vorschriftsmäßig und legte mich dann auf das weiche Bett, habe sehr gut geschlafen zu meinem Erstaunen. Den andern Tag um 4 Uhr auf, um 5 Uhr musste die Kompanie gestellt sein mit Marschadjustierung – servus, Sack und Pack! 500 bis 600 Schritt marschiert, dann kam eine Ordonnanz und meldete: „Die Übung für heute untersagt.“ Ich lachte, weil ich noch Ziemliches im Kopf hatte, und geweint hat keiner! Zurück und dann Gewehrvisit. Den andern Tag detto, den dritten Tag Übung bei Pfalzen, wo das 9. Bataillon die Reserve bildete. Am 14. Übung bei Dietenheim, am 15. Schlussübung bei Percha, dann Füsilierung vor Seiner ­Exzellenz Feldzeugmeister Freiherr von Teicher und Regimentskommandant Oberst Karl Ritter von Kurz durch die Stadt, wo auch die Musik vom 73. Infanterieregiment spielte. Um 5 Uhr Menage, dann noch Gewehrvisit. Servus! Am 15. September Rückmarsch nach Bozen, Abmarsch um 5  Uhr Früh, am selben Tage bis Brixen, wo auch das 8. Bataillon und 1. Bataillon vom Infanterieregiment No. 73 dabei waren. In Mühlbach eine Stunde Rast, um 4 Uhr in Brixen angekommen. Menage, ich und sieben Mann beim Schlüssel-Wirt ausquartiert, wo ich dann auch noch spazieren ging und mich bis 9 Uhr sehr gut unterhalten habe, und dann sehr gut geschlafen. Am 16. nach Waidbruck, um 6  Uhr Abmarsch. In Klausen eine Stunde Rast, um 11  Uhr in Waidbruck angekommen, in einen kleinen Stadel einquartiert, alles aufeinander, schlecht geschlafen. Den andern Tag nach Bozen, Abmarsch um 6 Uhr, Ankunft in 52

Bozen um 11 Uhr, wo uns die Bürgermusik am Ausgang der Stadt erwartete und bis in die Kaserne begleitete. Dann Menage und Abrüstung der 88er, wo ich nur so traurig zusah und sie alle lustiger in Urlaub gingen, als sie einrückten. Dann Reinigen der Monturen, auf dem Strohsack liegen und von den Strapazen ausrasten. Den 26. September wurde ich zum Unterjäger ernannt und dann ging das erste Jahr auch zu Ende, Gott sei Dank. Satis prohai. Josef Schönegger, Unterjäger. Alles selbst mitgemacht. Tuti Gapi! (Tutti Capi) (…) Die anschließenden Aufzeichnungen über sein zweites Dienstjahr eröffnete Josef Schönegger mit dem Verweis auf die am 1. Oktober neu einrückenden Rekruten – für ihn „eine große Freude, als ich sah, dass wieder Jüngere hier waren als ich“. Nun wurde er zum „Abrichter“ bestimmt, der Kreis begann sich zu schließen. Außer­ dem schrieb er vom Besuch der Pionier- und Kompanieschule, von den als sehr anstrengend erlebten Waffenübungen in der näheren und weiteren Umgebung sowie weiteren Besuchen von Verwandten, die jeweils genau ausgeführt werden. Sein drittes Dienstjahr hat Schönegger dann gemeinsam mit sei­ ner Einheit im damaligen Okkupationsgebiet Bosnien-Herzegowina verbracht, wodurch er das erste Mal aus seiner engeren Heimat hin­auskam und die Multinationalität der Monarchie in besonderer Weise kennenlernte – bis hin zur montenegrinischen Grenze. Die auf diese Zeit bezogenen Militärerinnerungen sind folglich weitge­ hend eine Reiseschilderung. Schönegger erwähnt darin die unge­ wohnten klimatischen Gegebenheiten der Region ebenso oft wie eine Reihe von fremd klingenden Ortsbezeichnungen, wo seine Einheit jeweils stationiert war, Übungen abhielt, auf Kordonsposten stand oder Baracken baute. Es dürfte auch diese erstmalige Begegnung mit dem „Fremden“ in der Weitläufigkeit der Doppelmonarchie gewe­ sen sein, die ihn zur Niederschrift seiner Militärerlebnisse bewogen hat – noch nie war er so weit herumgekommen und vielleicht auch 53

nie wieder. Im Ersten Weltkrieg war er jedenfalls in der engeren Heimat eingezogen; er wurde im Zuge des Kriegseintritts Italiens im Mai 1915 reaktiviert und im Februar 1916 der Eisenbahnsiche­ rungsabteilung in Rovereto zugeteilt.2

Anmerkungen 1 2

Tiroler Landesarchiv, Evidenzarchiv, Grundbuchblätter. Tiroler Landesarchiv, Evidenzarchiv, Landsturm-Vormerkblätter.

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Kein Wunder, dass es alle Jahre Selbstmorde gab Leo Schuster wurde im April 1889 im Dorf Wachtl (tschech. Skripov), gelegen in einer deutschen Sprachinsel im damaligen Mähren, als Kind einer Kleinhäuslerfamilie geboren. Er wuchs mit zwei älteren Brüdern und einer Schwester auf und wurde früh zur Kinderarbeit in der Hausweberei oder zu anderen Heimarbeiten herangezogen; vor al­ lem die Mutter bewirtschaftete daneben die wenigen Felder der Fa­ milie. Seine Kindheit schildert Leo Schuster folglich als von Arbeit und Armut geprägte Zeit, nicht ohne gleichzeitig ausführlich die sozialen Lebensverhältnisse der Zeit zu erläutern. Durch den älteren Bruder Hieronymus, der dort als Kaffeehaus­ kellner arbeitete, kam Leo Schuster 1903 nach Wien. Er wollte ei­ gentlich Schriftsetzer lernen, suchte jedoch längere Zeit vergeblich nach einer Lehrstelle. Deshalb entschied er sich für die Schneiderei; die Aussicht, ansonsten daheim beim Vater Hausweber zu werden, spielte bei dieser Entscheidung die maßgebliche Rolle. Nach einer vierjährigen Lehrzeit, der kurzen Arbeit als Geselle und dem Beginn eines Handelskurses, in den Leo Schuster nach dem Tod des Vaters seinen gesamten Erbschaftsanteil investierte, ohne die Ausbildung abschließen zu können, folgte die „dunkelste, elendigste Zeit“ seines Lebens – wie er Jahrzehnte später in seiner Autobiografie schreiben sollte. Er war damals ohne Geld und ohne Beschäftigung, konnte kein Quartier mehr bezahlen und hatte oft Hunger. Schließlich fand er eine schlecht bezahlte und von Arbeits­ konflikten begleitete Beschäftigung als „Sackflicker“, wodurch er wenigstens als „Bettgeher“ wohnen konnte. 55

Die Assentierung zum Militär kam in dieser Situation gerade recht. Sie endete zur Freude des Autors mit dem Tauglichkeitsbe­ fund. Die anschließende Zeit bis zum Einrücken zur Artillerie im Oktober 1910 verbrachte er bei seinem Bruder in Wachtl und half diesem bei den Erntearbeiten. Der folgende Ausschnitt aus Leo Schusters Militärerinnerungen stammt aus seiner im Jahr 1986 als Band 8 der Reihe „Damit es nicht verlorengeht …“ veröffentlichten Autobiografie mit dem Ti­ tel „… Und immer wieder mußten wir einschreiten! Ein Leben im Dienste der Ordnung“. Diese wurde, mit Unterstützung der Toch­ ter Ernestine Schuster, von Peter Paul Kloß bearbeitet und heraus­ gegeben. Neben einzelnen Kapiteln zu Kindheit, Jugend und Mili­ tärzeit enthält der Band vor allem Erinnerungen an spätere Zeiten – an den Ersten Weltkrieg, als der Autor an verschiedenen Fronten der Habsburgermonarchie als Unteroffizier eingesetzt war, sowie an die Jahrzehnte danach, als er ein jedem politischen Regime ergeben dienender Gendarm blieb, bis er 1947 in Pension ging. Es deutet auf die hohe lebensgeschichtliche Relevanz der Militär­ zeit für Leo Schuster hin, dass er die 1966 auf Drängen der Tochter begonnene Niederschrift seiner Lebensgeschichte mit den hier ver­ öffentlichten Erinnerungen begonnen hat.1 Diese lesen sich in der Tat wie eine im Alter noch einmal schmerzlich hervorgerufene Lei­ densgeschichte eines ehemaligen Rekruten, dessen Erwartungen an das Militär im ersten Dienstjahr auf das Nachhaltigste enttäuscht wurden. Den erfahrenen Drill, die vielen aus seiner Sicht völlig willkürlich verhängten Disziplinarstrafen und Schikanen durch bestechliche Vorgesetzte schildert Schuster sehr genau, auch in Hin­ blick auf das Gegeneinander der in einem alten Kastell im damaligen Trient (ital. Trento) kasernierten Soldaten der verschiedenen Jahr­ gänge. Als Einziger der hier zu Wort kommenden Männer spricht er außerdem explizit die aus solchen Verhältnissen resultierenden Soldatenselbstmorde an – ein Thema, das in der Zeit seines Mili­ tärdienstes auch in der politischen Öffentlichkeit wie im Reichsrat heftig debattiert wurde. 56

(…) Es war ein schöner Märztag im Jahre 1910, als ich mit knapp einundzwanzig Jahren mit allen Stellungspflichtigen meines Geburts- und Heimatortes Wachtl zur Assentierung in das fünf Kilometer entfernte tschechische Städtchen Konitz musste. Assentierungspflichtig waren alle Burschen der Jahrgänge 1887/88/89, die Letzteren erster Klasse, wir mussten also das erste Mal zur Assentierung. Die in der ersten und zweiten Klasse für tauglich Befundenen wurden für drei Jahre dienstverpflichtet, die dritte Klasse zu acht Wochen. Dies war der Landsturm. Ich wurde also in der ersten Klasse für tauglich befunden. Von da an war ich schon Rekrut in Zivil und durfte schon eine Militär-Extrakappe tragen, auf welcher man den bei der Assentierung erhaltenen Widmungsschein hinter dem Kappenumschlag trug. Die Assentierung war ein feierlicher Akt. Wir wurden mit Musik nach Konitz begleitet, und die Tauglichen wurden von den Untauglichen mit Sträußchen aus künstlichen Blumen und Zigarren beschenkt, die einem auf den Hut gesteckt wurden. Außerdem wurden wir von den Untauglichen an diesem Tag freigehalten. Anschließend an die Assentierung wurden wir mit Musik nach Hause ins Gasthaus geleitet, wo eine Tanzunterhaltung stattfand. Natürlich waren wir Tauglichen die Hauptpersonen. Bemerken will ich noch, dass die Assentierung im Konitzer Rathaus zu ebener Erde stattfand und die Mädchen durch die Fenster zuschauen konnten, wie wir splitternackt untersucht wurden. Das hat mich unangenehm berührt. Zu all dem muss ich gestehen, dass dieser Tag für mich ein Freudentag war, denn ich hatte zwei bittere Jahre hinter mir, hatte in Wien große Not gelitten und war nun froh, auf drei Jahre versorgt und alle meine Sorgen los zu sein. Im Oktober 1910 war es dann so weit. Ich musste zum ­Militär einrücken, und zwar nach Mährisch-Schönberg, ­einer netten deutschen Stadt in Nordmähren. Dort wurden wir 57

nochmals ärztlich untersucht und zu den einzelnen Truppenkörpern eingeteilt. Ich kam zum Infanterieregiment Nr. 93 in Mährisch-Schönberg. Obwohl ich mit dieser Einteilung hätte zufrieden sein können, da diese Garnison nicht weit von meinem Heimatort entfernt war, passte mir das gerade deshalb nicht, denn ich dachte mir: „Wenn schon, dann in eine Garnison, die ich nicht kenne.“ Und auch die Infanterie passte mir nicht. Während meines Aufenthaltes in Wien sah ich alle Arten von Soldaten der ­österreichisch-ungarischen Monarchie, und am besten gefielen mir die Festungsartilleristen, mit braunem Waffenrock, roten Aufschlägen, blauen Hosen mit breiten Lampassen – ähnlich den Generalslampassen – und Tschako mit Rosshaarbusch und die Vorreiter, das war die niedrigste Charge, mit reichlicher Verschnürung auf der Brust. Ich bat daher, mich zur Festungsartillerie einzuteilen, in der Hoffnung, dass ich nach Wien kommen würde. Nachdem man mich zuerst grob abgewiesen hatte, wurde ich später aufgerufen, und es wurde mir mitgeteilt, dass ich mit einem Rekruten, der von der Artillerie zur Infanterie wollte, tauschen könne. Ich wurde also zu einem Häuflein auf den Kasernenhof geschickt. Dort fragte ich, wo wir hinkommen werden, und erfuhr, dass es nach Trient gehen sollte. Mein Gott, das war eine Enttäuschung! Ich hatte von dieser Stadt noch nie gehört und wusste auch nicht, wo diese lag. Ich wusste nur, dass es weit sein müsse. Ich habe es in der Folge noch oft und oft bereut, dass ich mich zur Artillerie gemeldet hatte. Ein Trost war nur, dass das Infanterieregiment Nr. 93 im nächsten Jahr nach dem von Österreich besetzten Bosnien verlegt wurde, wo es die Soldaten noch schlechter hatten als wir in der italienisch sprechenden und Österreich feindlich gesinnten Stadt Trient in Südtirol. Nachdem wir fast den ganzen Tag im Kasernenhof zugebracht hatten, wurden wir spätabends in Viehwaggons verla58

den. Sie trugen die Aufschrift: „Für 40 Mann oder 6 Pferde“. Um 5 Uhr früh wurden wir in Olmütz in eine Kaserne geführt, wo wir das erste Frühstück, bestehend aus schwarzem Kaffee und trockenem Brot, fassten. Dann ging es weiter bis Wien. Dort hatten wir einen halben Tag frei und konnten in die Stadt gehen. Am Abend ging es wieder weiter, diesmal nicht im Viehwaggon, sondern im Personenzug, nach ­Trient, wo wir gegen Mitternacht ankamen. Das war eine lange Fahrt! Es war für mich ein deprimierender Eindruck, als wir dort in der Kaserne ankamen und sich das massive Eichentor knarrend hinter uns schloss. Im Hof standen Kanonen. Als wir über eine breite Stiege endlich in ein Zimmer im ersten Stock kamen, mussten wir alle antreten, und wir wurden auf die vier Kompanien aufgeteilt. Ich kam zur dritten Kompanie und konnte gleich im Zimmer bleiben. Zimmer kann man das eigentlich nicht nennen, denn es war ein großer Saal wie in einem Museum. Die Kaserne war auch nicht als Kaserne gebaut, sondern es war ein mittelalterlicher Bischofspalast, in welchem im sechzehnten Jahrhundert ein Konzil abgehalten worden war. Die Decken waren reichlich mit Holzverzierungen und Fresken von bedeutenden Malern ausgestattet. Als Sehenswürdigkeit war dieses Gebäude für Touristen sehr interessant, keinesfalls aber für uns. Die Mauern waren einen Meter dick, und im Sommer war es wie in einem Backofen, im Winter dagegen saukalt. Öfen gab es keine. Das Wasser zum Kochen mussten wir von der einzigen Wasserleitung neben dem Eingangstor holen, jedoch nicht über die Hauptstiege, sondern wir mussten es den langen Hof hinunter, dann über Stiegen und endlose Gänge tragen. Das Wassertragen, wozu man schon um 4 Uhr früh geweckt wurde, sowie Abort- und Zimmertour waren Strafdienste, die ich schon im ersten Jahr reichlich zugeteilt bekam, oft aus nichtigen Anlässen. 59

So saß ich einmal zum Beispiel beim Nachtmahl, als der dienstführende Feuerwerker hereinkam. Alles musste aufspringen und Habt-Acht-Stellung einnehmen, bis er „Weitermachen!“ kommandierte. Als er das Zimmer verließ, sagte er: „Schuster, vierzehn Tage Wassertour!“ und ging in den Nebensaal. Als er wieder zurückkam, fragte er mich, ob ich wisse, wofür ich die Strafe bekommen hätte. Ich wusste es natürlich nicht, und da sagte er, weil ich beim Essen die Mütze aufgehabt hätte – obwohl dies niemals verboten worden war. Bei dieser Wassertour hatte man von 4���������������������  Uhr����������������� früh bis zum Antreten zum Ausrücken auf den Exerzierplatz reichlich zu tun, und wenn man endlich im letzten Moment atemlos dahergelaufen kam und sich einreihte, wurde man gleich vom Feuerwerker visitiert, ob man richtig adjustiert usw. war. Wenn das Geringste beanstandet wurde, bekam man gleich nochmals vierzehn Tage Wassertour. Ich war daher auf längere Zeit versorgt. Dies aber nicht deshalb, weil ich besonders schlampig gewesen wäre oder sonst irgendwie ein tadelnswertes Benehmen zeigte, sondern der Grund war der, dass ich den Chargen und besonders dem dienstführenden Feuerwerker nichts „schmieren“ konnte, wie es sonst üblich war. Ich bekam ja außer meiner Löhnung sonst kein Geld, und diese betrug im ersten Jahr sechs Kreuzer und wurde später auf acht Kreuzer pro Tag erhöht. Ein Krügel Bier kostete auch so viel. Davon musste man sich Putzzeug und Reinigungsrequisiten zur Kasernenreinigung kaufen, obwohl dies hätte vom Ärar beigestellt werden sollen. In meinem Schlafraum waren drei Bettreihen, immer zwei nebeneinander, und man konnte sich den Schlafkameraden aussuchen. Wir schliefen auf gestopften Strohsäcken. Das Strohsackstopfen war schon eine harte Nuss: Der Strohsack musste nämlich hart und kantig sein, das war unsere Beschäftigung gleich am ersten Tag. Auch die Alltagsuniform wurde uns ausgefolgt. Das war für mich schon wieder eine gro60

ße Enttäuschung. Sie war zerrissen und schmutzig, und am nächsten Tag musste sie geflickt und gereinigt sein. Auch das Riemen- und Waffenputzen wollte gelernt sein. Jeden Abend vor dem Schlafengehen um 9 Uhr wurde Monturvisite abgehalten. Da wurde immer etwas beanstandet. Am Kopfende des Bettes befanden sich zwei Querbretter; obenauf in der Mitte musste die Montur kantig geschlichtet werden. Nach dem Aufstehen musste der Strohsack umgedreht, gebürstet und in der Mitte ein Streifen in Bürstenbreite gegen den Strich gezogen werden, damit man sofort sah, dass er gebürstet war. An das Kopfende wurden Leintücher und ­Decken gelegt, ebenfalls vierkantig gefaltet. Das konnte man nie recht machen. Wo es nicht klappte, da gab es reichlich Strafe, die vom visitierenden Kameradschaftsführer – gewöhnlich ein Vormeister, die niedrigste Charge – nach Gutdünken verhängt wurde. Da wirkte sich wieder alles zum Nachteil aus für den, der kein Geld zum „Schmieren“ hatte. Denn ausgehen durften wir nur in Begleitung eines Kameradschaftsführers, und der musste natürlich mit Essen, Trinken und Rauchen freigehalten werden. Unter diesen Umständen musste ich aufs Ausgehen verzichten, und gewöhnlich wurde auf mir und meinesgleichen herumgeritten. Als Strafe gab es in leichteren Fällen Zimmertouren, Wippen bis zum Umfallen oder Froschhüpfen, das ist in tiefer Kniebeuge durchs Zimmer hüpfen und das Gewehr immer vor der Brust vorstoßen. Da gab es direkt Sadisten unter den Chargen. Man musste diese Strafe über sich ergehen lassen – und das zu einer Zeit, wo man genug zu tun hatte, um bis zur Visite mit der Putzerei fertig zu werden: Natürlich wurde man dann wieder beanstandet und bestraft. Später, als wir in der Ausbildung schon weiter fortgeschritten waren, kam das strafweise Antreten in Marschadjustierung dazu; da musste der Rucksack oder der Tornister vorschriftsmäßig gepackt sein. Das war die ärgste Strafe. 61

Es war also kein Wunder, dass es alle Jahre Selbstmorde gab. Burschen mit weichem Gemüt hatten am meisten dar­ unter zu leiden. Und wenn einer nicht mehr konnte, dann wurde er nicht etwa von seinen Kameraden bemitleidet, wie man es für logisch halten würde, sondern er wurde von diesen noch verhöhnt und ausgelacht, und sie verbitterten den Bedauernswerten noch mit allerlei rohen Späßen. So wurde ihm zum Beispiel das Bettgestell ausgehängt, sodass es, wenn er sich hineinlegte, zusammenbrach. Da um 9 Uhr alle zu Bett sein mussten, wurde das Petroleumlicht ausgelöscht, und das Opfer musste im Finstern, ohne Lärm zu machen, das Bett wieder in Ordnung bringen. Oder man legte ihm unbemerkt den Deckel der Menageschale, mit Wasser gefüllt, unter das Leintuch; oder man füllte ihm die Feldflasche, die in der Mitte des Kopfgestelles hing, mit ­Wasser, daran wurde eine Schnur gebunden, und wenn er im Bett lag, wurde an der Schnur gezogen, sodass die Flasche sich über seinem Kopf entleerte. Und wenn der Betreffende dann schimpfte, wurde er vom Zimmerkommandanten angebrüllt, ruhig zu sein. Oder es wurde dem „Kameraden“ eine Decke über den Kopf geworfen, und er wurde verdroschen. Es gab auch noch Belustigungen für die Ältergedienten auf unsere Kosten. Zum Beispiel hieß es an einem Sonntagnachmittag: „Alles antreten!“ Wir fragten uns, was wohl jetzt wieder los sein werde, denn wir waren ja schon ganz blöd und eingeschüchtert. Plötzlich wurde die Tür aufgerissen, und es kamen circa zwanzig Mann in zwei Reihen hereinmarschiert: mit nacktem Oberkörper, Gewehr und Leibriemen und mit todernsten Mienen. Vom Kompanieschneider kommandiert, der nur einen Uniformkragen am nackten Hals mit Hauptmannsdistinktionen anhatte, stellten sie sich vor uns auf, und es wurde „Habt Acht!“ kommandiert. Dann kommandierte der Schneider die Kommandos zum Schießen. Diese Kommandos wurden ausgeführt, und bei „Feuer!“ spie jeder dem 62

gegenüberstehenden Rekruten ein Maul voll Wasser ins Gesicht. Oder es wurden einem Rekruten die Augen verbunden, nachdem eine brennende Kerze auf den Tisch gestellt worden war, und es wurde ihm befohlen, die Kerze auszublasen. Mittlerweile wurde die Kerze weggestellt, und es kniete sich einer mit heruntergelassener Hose an deren Stelle auf den Tisch. Wenn nun der mit den verbundenen Augen vermutete, bei der Kerze zu sein, wurde er mit dem Gesicht auf den nackten Hintern gestoßen. Es gab noch viele solch derbe Späße, und manchmal heiterten sie das Kasernenleben auch auf. Sie waren übrigens nicht nur geduldet, sondern sogar erwünscht. Ich selbst konnte mich zwar gegen die Vorgesetzten nicht auflehnen, aber von meinen gleichgestellten Kameraden ließ ich mir nichts gefallen. Auch wäre es mir nie eingefallen, mich an solchen sogenannten Späßen gegen die Weichlinge zu beteiligen. Der Tag in der Kaserne begann folgendermaßen: Um 6 Uhr Tagwache – sie wurde vom Wachzimmer aus mit Trompetensignal geblasen –, dann kam Waschen, Bettenmachen – wie bereits erwähnt, war das eine miese Angelegenheit – und um drei viertel 7 Uhr Antreten im Hof zum Ausrücken auf den Exerzierplatz, welcher außerhalb der Stadt lag. Wir mussten dann singend durch die Stadt marschieren. Wenn das Exerzieren nicht zur Zufriedenheit der Dienstführenden ausfiel, gab es wieder verschiedene Strafen: zum Beispiel lang andauerndes Wippen, tiefe Kniebeugen und Froschhüpfen mit dem Gewehr und beim Heimmarsch auf kotigem Weg das berüchtigte „Auf! Nieder!“, „Auf! Nieder!“, wodurch die Uniform total verdreckt wurde. Danach gab es eineinhalb Stunden Mittagspause, dann wieder Ausrücken. Natürlich musste zu diesem Zeitpunkt die Uniform schon wieder in tadelloser Ordnung sein. Es war ein Jammer! Es gab im Kasernengraben nur ein Bassin in der Größe von zwei mal zwei Metern. Dort konnte man die Uniform wa63

schen. Das Gedränge kann man sich vorstellen, denn alle hatten es eilig. Da diese Sekkaturen meist durch einzelne Rekruten verursacht wurden, die sich beim Exerzieren ungeschickt anstellten, richtete sich der Zorn bei den Kameraden gegen diese, und es wurden ihnen in der Kaserne die erwähnten Bosheiten zugefügt. Unsere Kaserne war ein jahrhundertealtes Kastell. Die Menage musste sich jeder aus der Küche holen, wohin man durch lange und winkelige Gänge gelangte. Genauso wurde der Abort erreicht. Dieser bestand aus einer Sitzbank mit acht Löchern, und es kam nicht selten vor, dass, wenn man gerade drauf saß, eine riesige Ratte aus dem Nebenloch kam. In der Senkgrube zwitscherte es von den jungen Ratten, als wenn es Vogelnester wären. Auch Skorpione hatten wir, und – was das Ärgste war – es gab unzählige Wanzen! Diese saßen unter den Goldverzierungen auf dem Plafond. Da die Kaserne eine Sehenswürdigkeit war, wurde sie viel besucht. Mich ärgerten solche Besichtigungen immer, und ich fühlte mich in meiner Sonntagsruhe gestört. Am meisten ärgerten mich die Äußerungen, dass wir in einem so prächtigen Bau untergebracht seien. Bis zu Weihnachten im ersten Jahr gab es für mich überhaupt keinen Ausgang, weil ich kein Geld hatte und auch für die Chargen, die uns begleiteten, nicht hätte bezahlen können. An Geldmangel litt ich die ganzen drei Jahre, so kam es, dass ich mich an Sonntagen, an denen wir das Nachtmahl gleich mit dem Mittagessen bekamen, ins Bett legte mit einem Buch der Leihbibliothek der Stadt. So lag ich im Bett bis Montag früh. Gelegentlich wurde ich später von Kameraden mitgenommen, die auch die Zeche für mich bezahlten. Das Ausgehen hatte auch seine Nachteile. So wurde bei jenen, denen die Chargen aufsässig waren, kurz vor dem Schlafengehen Monturvisite abgehalten, und natürlich wurde dann eine Menge beanstandet: Es gab dann nebst Aus64

gangssperre noch Strafen. Oder es wurde einem von den ­Kameraden, die nicht ausgehen konnten beziehungsweise nicht durften, die tadellos zusammengelegte Uniform mit Stroh aus dem eigenen Strohsack ausgestopft und ins Bett gelegt. Für den Heimkehrenden war das eine böse Überraschung, denn meist kam er knapp vor der Sperrstunde zurück, und da das Licht abgelöscht wurde, versuchte er im Finstern geräuschlos alles in Ordnung zu bringen. Da dies kaum möglich war, musste er sich meist schon um vier Uhr früh wecken lassen, um seine Sachen in Ordnung zu bringen, da er sonst bis zum Antreten nicht fertig geworden wäre. Meist waren es dieselben, denen solcher und ähnlicher Schabernack gemacht wurde, nämlich harmlose, verweichlichte Muttersöhnchen. Es war wirklich nicht zu verwundern, wenn mancher diese Torturen nicht aushielt und Selbstmord verübte, was immer wieder vorkam. Die Bevölkerung war durchwegs feindlich gegen Österreich gesinnt. Diese Einstellung wirkte sich auf uns Soldaten sehr nachteilig aus. Bekanntschaften mit einheimischen Mädchen waren ausgeschlossen, dagegen gab es Raufereien mit Zivilisten, von Letzteren provoziert, am laufenden Band. Die Polizei, es waren ja lauter Italiener, trachtete immer nur, die Soldaten zu erwischen, und diese waren auf jeden Fall das Opfer: Ließ man sich diese Provokationen gefallen, um eine Rauferei zu vermeiden – wobei man auch Prügel, Messerstiche und dergleichen einstecken musste –, wurde man bestraft, weil man sich als Soldat das gefallen ließ; wehrte man sich jedoch, so wurde man ebenfalls bestraft. In der Stadt gab es keine Zerstreuungen, so waren die früher geschilderten Schikanen an den Rekruten, also den Neueingerückten im ersten Jahr, unsere Ablenkung. In den anderen zwei Jahren taten sie dies wieder den neuen Rekruten an. Wir hatten aber zum Beispiel auch einen Kameraden, der war im Zivilberuf Zirkusclown. Dem hatten wir viele heitere 65

Stunden zu verdanken, leider war er öfter eingesperrt als in Freiheit. Einmal kam er abends betrunken aus einer Osteria herausgetorkelt und stieß mit einem frisch gebackenen Leutnant zusammen; der hatte Kaserneninspektionsdienst und ging eben vorbei. Nun, das war für den Leutnant etwas Furchtbares, noch dazu war der Mann nicht vorschriftsmäßig adjustiert. In der folgenden Debatte hieß er den Leutnant einen grünen Rekruten, und er möge ihn in Ruhe lassen und schauen, dass er weiterkommt. Das war für den jungen Leutnant fast eine Majestätsbeleidigung. Er lief in die nahe gelegene Kaserne und ließ die Bereitschaft alarmieren. Ich hatte damals zufällig Bereitschaftsdienst, und wir erhielten vom Leutnant den Befehl, den Kanonier Thoma, so hieß der Kamerad, zu suchen. Wir, sechs Mann und ein Komman­dant, durchstreiften die Stadt, suchten alle Gasthäuser und Bordelle ab, doch ohne Erfolg. Am Morgen saß Thoma im Wachzimmer der Kasernenwache und ließ sich festnehmen. Er hatte in einem Möbelwagen, der auf einem Platz vor der Kaserne stand, seinen Rausch ausgeschlafen, und wir waren einige Male an ihm vorbeigegangen. Das Resultat: Er bekam einige Monate Garnisonsarrest. Ein anderes Mal war er bei einem Reserveoffizier, der eine Waffenübung machen musste, Pfeifendeckel. Dieser gab ihm seinen Waffenrock, damit er ihn zum Schneider trage. Der gute Thoma verkaufte den Rock, und nach einiger Zeit, als das Geld aus war, kam er wieder. Der Reserveoffizier war gar nicht mehr da, und das nützten die Vorgesetzten aus. Thoma diente nämlich schon das fünfte Jahr, da er ja alle Strafen nachdienen musste. Auf diese Art wären sie ihn überhaupt nicht mehr losgeworden. Er hatte sich, als er mit der Hand kräftig auf den Tisch schlug, eine Prellung zugezogen, und mit dieser Prellung schickten sie ihn zur Superarbitrierungskommission, wo er dienstunfähig erklärt und entlassen wurde. 66

Noch eine kleine Episode: Thoma saß wieder einmal im Arrest. Wir hatten, es war ein Sonntag, Kirchgang. Zu diesem Zwecke war das ganze Bataillon im Hof angetreten, in Paradeadjustierung. Unser Kompaniekommandant und alle Offiziere waren schon angetreten, und nun warteten wir nur noch auf die Ankunft des Bataillonskommandanten und auf die Militärmusikkapelle. Wir standen schon mindestens eine halbe Stunde und warteten, plötzlich hörten wir Musik spielen, alles stand in Erwartung, der kommandierende Offizier stand mit gezogenem Säbel beim Tor und erwartete gespannt den Oberst, um ihm bei seinem Erscheinen Meldung zu erstatten. Doch die Musik kam nicht näher, bis man endlich draufkam: Es war eine Täuschung. Der Thoma war unter den Gefangenen, welche den Hof kehrten, und er stellte sich in das Wartehäuschen und markierte eine Militärmusik. Das hörte sich so natürlich an, als käme aus der Ferne eine ganze Musikkapelle. Das war eine große Blamage für die Offiziere, und wir konnten uns das Lachen nur mit Mühe verbeißen. Natürlich wurde Thoma sofort wieder eingesperrt. An Vergnügungen gab es nur ein Stummfilmkino, Spaziergänge in die Umgebung, Osterien und zwei Bordelle. Für eine Krone standen die Frauen des Bordells zur Verfügung. Sie waren bestens besucht. Für mich gab es allerdings keine solchen Vergnügungen, wie gesagt, ich hatte kein Geld. Im Sommer gab die Mailänder Scala immer ein Gastspiel in Trient: Eintritt für Soldaten zehn Kreuzer. Diese Vorführungen besuchte ich öfter. Im ersten Ausbildungsjahr kamen wir auch auf vier Wochen zur Bewachung der Festungswerke an die italienische Grenze, und zwar nach Lordano im Judikariental und nach Riva. Wir waren Ersatz für die Infanteriebewachung, die auf Manöver war. Das war für uns eine Erholung. Wir brauchten nur Wache zu schieben, das Exerzieren fiel aus. 67

Dieses Wacheschieben lief folgendermaßen ab: Das Fort besaß vor dem Tor einen Vorhof. Diesem Vorhof zu lagen zwei Fenster vom Wachzimmer und zwei Schießluken vom Tor. Das Betreten war nur mit Genehmigung des Festungskommandanten in Trient möglich. Jeder Besucher, auch wenn es ein bekannter Offizier von der eigenen Kompanie war, wurde vom Posten, der vor dem Vorhof stand, mit dem Ruf: „Halt, wer da?“ angerufen und nach Feldruf und Losung, die täglich neu ausgegeben wurden und geheim waren, befragt und, nachdem diese beantwortet waren, in den Vorhof eingesperrt. Der Posten verständigte dann den Wachekommandanten, daraufhin wurden die Fenster und die Schießluken mit Schützen besetzt. Nun prüfte der Wachekommandant die Ausweispapiere, und wenn alles in Ordnung war, wurde das Tor geöffnet. Meist waren es ja Visitierungsoffiziere. Da es aber auch vorkam, dass sich verdächtige Elemente heranschlichen und Wachposten erschossen wurden, war die Bewachung sehr streng, und die Posten haben auch beim geringsten Anlass sofort geschossen. Dies wurde auch manchmal dazu benützt, dass ein unbeliebter Offizier einfach abgeknallt wurde. Selten konnte man dem Wachsoldaten eine Schuld nachweisen. In Riva hatte ich das Pech, dass ich eine volle Weinflasche versehentlich zerschlug, die dem diensthabenden Feuerwerker gehörte. Er verlangte von mir eine Krone Schadenersatz. Da ich aber selbst diesen kleinen Betrag nicht aufbringen konnte, schrieb ich meinem Bruder Hieronymus von meiner Verlegenheit und bat ihn, er möge mir das Geld schicken. Insgeheim rechnete ich damit, dass er mir bei dieser Gelegenheit mehrere Kronen schicken würde. Aber nein, er schickte genau eine Krone per Postanweisung. Ich habe mich furchtbar geschämt und hätte ihm diese Krone am liebsten wieder zurückgeschickt, wenn ich sie nicht so dringend benötigt hätte. Mein Bruder hat mir übrigens noch eine andere Suppe eingebrockt: Da einige Kameraden aus Wachtl, die mit mir zur 68

Infanterie eingerückt waren, schon befördert waren – dort war das schon im darauffolgenden Frühjahr möglich, da sie nicht so viel zu lernen hatten –, machte mir mein Bruder deshalb Vorwürfe. Bei uns erfolgten die ersten Beförderungen erst im Herbst, kurz vor dem Einrücken der nächsten Rekruten. Nachdem auch bei uns die ersten Beförderungen – ohne mich – stattgefunden hatten, erklärte ich ihm, dass der Grund hierfür darin lag, dass ich nicht „schmieren“ konnte, wie es die anderen taten. Eines Tages wurde ich zum Kompanierapport bestimmt. Da ich aber nichts angestellt hatte, konnte ich mir nicht erklären, was das zu bedeuten habe. Beim Rapport waren wir sechs Personen. Jeder bekam seine Strafe aufgedonnert, und dann kam der Hauptmann zu mir. Als ich meinen Namen gemeldet hatte, sprach er in seiner näselnden Stimme: „Sie haben also einen Bruder, der heißt Hieronymus. Dieser Bruder hat an den Feuerwerker Kögler einen Brief geschrieben, in dem er ihm Geld anbietet, damit Sie befördert werden.“ Ich wäre am liebsten in die Erde versunken vor Scham. Das hatte ich nicht erwartet. Wie stand ich denn nun da vor meinen Kameraden? Ich wurde zwar nicht bestraft dafür, aber zum Bataillonsrapport bestimmt. Das erschien mir noch schlimmer, als wenn ich eine Strafe erhalten hätte. Der Bataillonskommandant war ein Oberst und ein sehr strenger Herr. Vor ihm zitterten auch die Offiziere. Einige Tage später war es so weit. Vorher erhielt ich die Paradeuniform, und die Vorbereitungen waren schon allerhand: Putzen und putzen und Riemenzeug wechseln, und der Hauptmann hatte nicht weniger Angst als ich. Er und der Feuerwerker mussten auch dabei sein und auch der Adjutant. Ich meldete mich also stramm – dabei war wichtig, ihm in die Augen zu schauen und laut zu reden, mit dem Daumen an der Hosennaht. Er fragte mich, ob ich meinem Bruder den Rat zu diesem Brief gegeben habe, und ich erklärte, dass ich 69

mit keinem Gedanken an so etwas gedacht hätte, sondern ich hätte nur die Verhältnisse so geschildert, wie sie wirklich waren. Es war ja schließlich mein Bruder, dem ich schrieb: Ihm hatte ich mein Herz ausgeschüttet. Das hat dem Oberst anscheinend einen guten Eindruck gemacht, und er ließ mich abtreten. Alle anderen mussten noch bleiben. Als ich draußen stand, hörte ich ihn drinnen brüllen, und wie ich nachher von den Kanzleischreibern, die im Nebenzimmer arbeiteten, erfuhr, haben der Hauptmann und der Feuerwerker sauber abgeräumt. Der Oberst hatte mir mehr geglaubt als dem Feuerwerker. Trotzdem war aber für mich die Lage unhaltbar: Alle Chargen bis zum Hauptmann waren gegen mich, und als eine Stelle in der Rechnungskanzlei frei wurde, meldete ich mich. Somit war ich der Befehlsgewalt aller meiner bisherigen Vorgesetzten entzogen. (…) Diese Versetzung sollte jedoch, wie Leo Schuster im Anschluss an die hier wiedergegebenen Ausschnitte aus seiner Autobiografie schrieb, „auch keine Patentlösung“ sein. Sie ermöglichten ihm zwar den Kanzleidienst außerhalb seiner Kaserne, doch war der Leiter der Rechnungskanzlei in der Jägerkaserne von Triest, dem er nun unterstellt war, in seiner Erinnerung „ein ordinärer und durchaus kein feinfühlender Mensch“. Die Beförderung Schusters erfolgte da­ her erst im dritten Dienstjahr, das er in seinen schriftlichen Militä­ rerinnerungen nur noch knapp thematisierte. Nach der Beurlaubung ging er zunächst zurück nach Wachtl, wo ihm sein Bruder jedoch eröffnete, dass dort für ihn kein Auskommen mehr sei und er „hätte sollen beim Militär bleiben“. Genau das tat Leo Schuster schließlich – „widerwillig“ und allein aus existenziel­ len Gründen, weil er im Zivilleben keine geeignete Arbeit finden konnte, die ihm und seiner Braut eine Zukunft ermöglicht hätte. Daher schrieb er in seiner „Verzweiflung“ an vier Regimenter mit dem Ersuchen um Reaktivierung und rückte im Januar 1914 als 70

„Längerdienender“ zum Feldkanonenregiment No. 9 in Klagenfurt ein. Wenige Monate später brach der Erste Weltkrieg aus.

Anmerkung 1

Vgl. dazu sowie zu Entstehung, Inhalt und ideologischen Färbungen dieser Aufzeichnungen die Einleitung von Peter Paul Kloß im eingangs zitierten Band, S. 3–20.

71

Ein Bajazzo sind Sie, aber kein Soldat! Josef Jodlbauer wurde am 3. Februar 1877 in St. Thomas bei Grieskirchen im Inn­ viertel als lediger Sohn einer Dienstmagd und eines Knechtes ge­ boren. Er wuchs zunächst als Pflegekind bei der Großmutter müt­ terlicherseits auf, dann im örtlichen Gemeindehaus. Als er dort misshandelt wurde, holte ihn die Mutter zu sich an ihren Dienst­ platz bei einem Bauern. Nach ihrer Heirat bekam sie fünf weitere Kinder, die Familie wohnte nun in sehr ärmlichen Verhältnissen in Ried im Innkreis. Die Kindheit von Josef Jodlbauer war geprägt von Arbeit und Entbehrung. Schon mit zwölf Jahren begann er eine Bäckerlehre und wandte sich dann früh der Sozialdemokratischen Arbeiterpartei Österreichs zu. Er organisierte sich in der Partei und war am gro­ ßen Bäckerstreik in Graz im Jahr 1898 beteiligt, bei dem es – ohne Erfolg – darum ging, für dieses Gewerbe die gesetzlich festgelegte Sechstagewoche durchzusetzen. Außerdem hielt er damals ers­ te Reden und schrieb sozialpolitische Artikel für das Fachblatt der Bäckerei­arbeiter. Als Josef Jodlbauer Anfang Oktober 1899 gemeinsam mit anderen jungen Männern seines Berufs als Verpflegssoldat zum 59. Infante­ rieregiment nach Salzburg einberufen wurde, war er demnach schon ein äußerst aktiver Sozialdemokrat, der auch beste Verbindungen zu den Abgeordneten seiner Partei im Wiener Reichsrat hatte. Das führ­ te, wie er in seinen Erinnerungen an diese Militärzeit beschreibt, schließlich dazu, dass er noch während der Grundausbildung in die Ersatzreserve beurlaubt wurde – er war den Ausbildnern und Mi­ litärbehörden als Sozialist ganz offensichtlich zu (militär-)kritisch. 72

Der im Folgenden abgedruckte Text ist ein Ausschnitt aus den sehr umfangreichen schriftlichen Lebenserinnerungen des spä­ teren Landtagsabgeordneten Josef Jodlbauer, die er vermutlich im Jahr 1948 in Wien verfasst hat. Sie tragen den Titel „Selbst­ biographie eines Altösterreichers“ und wurden der „Dokumenta­ tion lebensgeschichtlicher Aufzeichnungen“ 1982 in Kopieform übergeben; das Original ist heute nicht mehr zugänglich. Ein Teil der Kindheitserinnerungen ist im Band „Häuslerkindheit“ (hg. von Therese Weber, 2. Auflage 1992) der Reihe „Damit es nicht verlo­ rengeht …“ veröffentlicht. Darüber hinaus erschienen unter dem Titel „Dreizehn Jahre in Amerika 1910–1923“ im Jahr 1996 eben­ falls im Böhlau Verlag Wien die schriftlichen Erinnerungen Jodl­ bauers an seine Zeit in den USA, wohin er – vorübergehend – mit seiner Lebensgefährtin und ihrem gemeinsamen Kind auswanderte und wo er sich ebenfalls politisch betätigte. Der hier erstmals veröffentlichte Text über Josef Jodlbauers Re­ krutenzeit in einer Salzburger Kaserne ist der einzige in diesem Band, der von einem politisch organisierten Sozialdemokraten stammt und aus dieser Perspektive die – wenn auch nur kurze – Militärerfahrung beleuchtet. Dafür bedient sich der Autor der Er­ zählung in der dritten Person. Sein kritischer, auch ins Ironische gewandte Tenor ist unverkennbar, nicht nur in Hinblick auf die Thematisierung einer beobachteten Soldatenmisshandlung, die er sofort meldete. (…) So verging der Sommer und es kam der Einrückungsbefehl. Er lautete, sich am 3. Oktober 1899, um 9������������  Uhr�������� vormittags, in der Klausenkaserne in Salzburg zur Ableistung der Militärdienstpflicht zu melden. Nach der stattgefundenen Assentierung war mit der Partei in Ried brieflich eine Verbindung aufrechterhalten worden. Auch mit Salzburg, wo jetzt Jakob Prähauser die „Salzburger Volkswacht“ redigierte, bestand eine solche Verbindung. Zum Abschied von dem Zivilleben wurde daher für Sonntag, den 1. Oktober, in Ried eine 73

Volksversammlung und für montagabends in Salzburg eine solche arrangiert, mit der Tagesordnung: „Die Militärlasten in Österreich und die indirekten Steuern“, mit Jodlbauer als Redner. Diese Frage war damals besonders aktuell, weil die Regierung eine Erhöhung des Rekrutenkontingents und eine Erhöhung der indirekten Steuern vertrat. Es gab in beiden Versammlungen einen Massenbesuch. Aber am Dienstag, 3.  Oktober, um 10 Uhr vormittags, wurde in der Klausenkaserne die Zivilkluft ausgezogen und mit Überresten einer Uniform des 59. Infanterieregiments vertauscht. Alle Verpflegssoldaten, 25 an der Zahl, welche diesem Infanterieregiment zur militärischen Ausbildung zugewiesen waren, wurden mit einer Zwilchhose, einem Ärmelleiberl statt Bluse, Überschwung und Kappe bedacht. Alles Stücke, die wegen ihrer Zerlumptheit oder Schadhaftigkeit keinem Rekruten des Regiments mehr gegeben werden konnten. Die eigene Zivilkluft musste abgegeben werden. Eine zweite war aber vorsichtsweise privat zur Aufbewahrung gegeben worden, für eine eventuelle Abreise in die Schweiz, wohin es von Salzburg aus ja gar nicht so weit gewesen wäre. Diese 25 Bäcker hatten es in ihrer Ausbildung gleich von Anfang an bedeutend besser als die dem Regiment zugeführten Rekruten. Dafür wurden sie auch allgemein die „Zivilistenbagage“ genannt. Mit Jodlbauer gab es schon in der ersten Stunde einen Auftritt. Als die 25 neu eingekleidet in einer Doppelreihe im Hof aufgestellt standen, schritt der Leutnant Fraissauf die Reihen zweimal ab, musterte scharf jeden Einzelnen, blieb schließlich vor Jodlbauer stehen, fuhr ihm mit seinem Zeigefinger auf die Nasenspitze und sagte: „Wie heißt er?“ Nach Nennung des Namens hieß es: „Mitkommen, in die Kanzlei!“ Dort angelangt, lautete die Frage: „Was ist er?“ ­Worauf der Mann hinauswollte, war sofort klar. Mit einem recht wehleidigen Blick auf die zerrissenen Fetzen einer Uniform wurde daher geantwortet: „Soldat!“ Polternd kam es 74

zurück: „Ja, das stimmt! Ich möchte ihm auch nicht geraten haben, jetzt noch etwas anderes sein zu wollen. Nun ist es Schluss mit dem Sozialismus und mit Versammlungsreden, wie er noch gestern Abend eine gehalten hat. Soldat sein heißt es jetzt und nichts anderes mehr, sonst geht es aber schon sehr schief mit ihm!“ Dann schrie und tobte der Herr Leutnant eine halbe Stunde über die Schlechtigkeit der Sozialisten, bis er heiser war und ihm die Stimme versagte. Schließlich wurde der Feldwebel Klee gerufen und alle drei gingen gemeinsam in das Mannschaftszimmer der 25, um eine Koffervisite des so verdächtigen Menschen vorzunehmen. Ein regelrechter, hölzerner Rekrutenkoffer, mit dem ­Namen Jodlbauer versehen, stand am Fußende eines der am Boden liegenden Strohsäcke. Als auf die Aufforderung „Öffnen!“ der Deckel hochging, war nichts zu sehen als eine absolute Leere, wenn von dem Inhalt an Luft abgesehen wird. Erst gab es einen fragenden Blick, der zwischen dem Feldwebel und dem Leutnante gewechselt wurde. Dann frug der Letztere: „Wo haben Sie Ihre Proprietäten?“ Darauf kam die harmlos gegebene Antwort: „Ich habe keine, denn ich habe an­genommen, dass mir der Kaiser, dem ich dienen soll, auch alles gibt, was ich für diesen Dienst brauche.“ Es gab ein verlegenes Räuspern und dann hieß es: „Es ist gut. Er kann gleich hier bleiben, denn es ist sogleich Zeit zum Essen­ holen.“ Feldwebel und Leutnant marschierten ab, und herauf kamen die 24 Leidensgefährten, schon neugierig, was es denn gegeben habe. Damit war der Sozialist in seinen neuen Kreis gleich richtig eingeführt. Weil der Feldwebel seinen Mund nicht halten konnte, sprach sich alles gleich in der ganzen ­Kaserne herum, und schon am Nachmittag gab es Besuch von ein paar roten Soldaten, die jetzt bereits begonnen hatten, das zweite Jahr zu dienen. Die Ausbildung der 25 wurde nicht besonders forciert. Während die dem Regiment zugeteilten Rekruten nachmit75

tags im Kasernenhof gemartert und gequält wurden, machte die „Zivilistenbagage“ im Gang, vor der Türe des Mannschaftszimmers, einige Gelenkübungen und begann dort in der zweiten Woche ihre Schießübungen mit einem einfachen Kapselgewehr. Jodlbauer fungierte da als „Zieler“ und durfte dabei in Gemütsruhe seine Pfeife rauchen. An einem solchen Nachmittag, durch das Fenster in den Hof blickend, bemerkte er, wie der Leutnant Fraissauf einem Rekruten den bei diesen Übungen als Gewehrersatz dienenden Stock aus der Hand riss und ihn damit in das Gesicht schlug. Der Mann taumelte, fiel nieder, wurde von zwei Mann aufgehoben und dem Hauseingang zugetragen. Das Gesicht war etwas mit Blut überronnen. Die Aufregung der im Gang versammelten 25 war darüber sehr groß. Gleich nach der um 4 Uhr nachmittags ausgeführten ­Befehlsausgabe gab es einen durch das Kasernentor schlüpfenden Jodlbauer, und im Eilschritt wurde dem nächsten Postamt zugesteuert. Dort wurde ein ziemlich umfangreiches Telegramm an einen sozialdemokratischen Reichsratsabgeordneten aufgegeben, die vorgefallene Soldatenmisshandlung betreffend. Zufällig tagte gerade das Parlament, und so gab es am nächsten Tage darüber bereits eine scharfe Interpellation an den Heeresminister. Am zweitnächsten Tage erschien Leutnant Fraissauf nicht mehr in der Kaserne. Er wurde dort nie wieder gesehen. Einige Tage später wurde Jodlbauer zum Rapport befohlen. Er wurde als Letzter vom Hauptmann Weber ins Verhör genommen. Die erste Frage war, ob er an so und so vielen ­Tagen des Monats etwas Besonderes wahrgenommen habe. Da half nichts, da musste klar gesprochen werden. Die Antwort gab denn auch eine genaue Schilderung der wahrgenommenen Soldatenmisshandlung. Und nun kam die weitere Frage, was man denn getan habe. Es musste nun auch gesagt werden, dass „man“ nach der Befehlsausgabe die Kaserne 76

verlassen und ein Telegramm an den im Parlament interpellierenden Abgeordneten abgesendet habe. Es gab dann noch die Frage, warum man sich nicht lieber zum Rapport gemeldet und ihm, dem Hauptmann, darüber Bericht erstattet habe. Diese Frage wurde in der Weise beantwortet, dass die bisherige militärische Ausbildung noch nicht so weit vorgeschritten sei, um von dieser Möglichkeit Kenntnis zu haben. Es gab ein bisschen Gepolter wegen des noch unerlaubten Verlassens der Kaserne, eine dafür zu erwartende Strafe wurde angedroht, verhängt wurde sie aber nicht. Das Gegenteil davon trat ein. In der dritten Abrichtungswoche wurde „man“ in die Kanzlei gerufen, um zu unterschreiben, dass man die Versetzung von dem aktiven Stand in die Ersatzreserve, wegen Überzähligkeit, zur Kenntnis genommen habe. Ja, das alte Österreich. Da wusste man an verschiedenen Stellen noch, wie man sich lästige Leute, ohne Aufsehen zu machen, vom Halse schafft. Dankbar war der so freundschaftlich vom aktiven Dienst zum Ersatzreservisten degradierte Verpflegsbranchler für dieses Entgegenkommen aber nicht. Wohl waren ihm dadurch 36 Monate Dienstzeit geschenkt worden, ihm waren aber auch die verbliebenen zwei Monate Dienstzeit nicht wert, dafür besondere Anstrengungen zu machen. Ja, noch mehr. Er strotzte vor Bosheit. Schon am Sonntag nach dieser Degradierung gab es ein neues Zwischenspiel. Es war der vierte Sonntag nach dem Einrücken und daher nach altem Brauch erster Ausgehtag für die neu eingerückten Rekruten. Die 24 Zimmerkollegen bemühten sich, für gute Worte und auch für Geld von den schon länger dienenden Soldaten für einen Ausgang brauchbare Monturstücke zu bekommen. Jodlbauer erklärte erst, er gehe überhaupt nicht aus. Als alles fort war, es gab einen wunderschönen Spätherbsttag, nahm er Überschwung und Kappe und schlich sich in dem Anzug, in welchem er steckte, beim Kasernentor hinaus. 77

Die ausgefasste Zwilchhose reichte nur bis zu den Knöcheln, war unten mit verschiedenen, längeren Einrissen versehen, die schön ausgefranst waren. Das sogenannte Ärmelleibel war im gleichen Zustand, von den Ellbogen abwärts. In einer Anwandlung von Pflichtbewusstsein war jedoch der Überschwung mit dem Bajonett ganz schön geputzt worden. So ging es hinauf auf die Festung Hohensalzburg. Viele Menschen sahen sich nach dieser „schmucken“ Soldaten­ gestalt um. Diese stand nun gerade vor der „Camera obscura“, überlegend, ob man eintreten sollte, um herauszufinden, was sich da drinnen eigentlich tut; da stand plötzlich, wirklich und leibhaftig der Hauptmann Weber vor ihm. Taktlos, wie solche Leute schon sein können, rief er den Dastehenden zu sich, der natürlich sofort Habt-Acht-Stellung nehmen musste. Nun kam ein Donnerwetter. Die Worte „Mensch, wie sehen Sie denn aus? Sie sind eine Schande für die ganze Armee. Ein Bajazzo sind Sie, aber kein Soldat! Schämen Sie sich, in solchem Aufzug, in solchen Lumpen herumzulaufen!“ sprudelten nur so heraus. Natürlich nicht leise und nur für den Angesprochenen verständlich. Nein, im Ton und mit den Stimmkräften, wie dies in der Kaserne gebräuchlich ist. Und schließlich, nachdem sich über sein Geschrei rasch ein paar Hundert Menschen rundherum angesammelt hatten, schrie er in fragendem Tone: „Was sagen Sie dazu, zu solchen Fetzen?“ Oh Schlagfertigkeit, du bist eine Göttin! Mit einer Stimme, als ob es gelten würde, sich der größten Volksversammlung verständlich zu machen, kam die Antwort: „Herr Hauptmann, des Kaisers Rock ist mir gut genug in jeder Verfassung.“ Darüber gab es Beifall und Händeklatschen ringsherum. Der Herr Hauptmann wurde jetzt zum Flüstertenor und gab die Weisung: „Heim, bei der Tagwache melden!“ Dies geschah denn auch. Es nahm nicht viel Zeit in Anspruch. Da der Auftrag in seinen Worten aber nicht gelautet hatte, daheim zu bleiben, wurde nach erstatteter Meldung 78

bei der Tagwache sofort wieder beim Kasernentor hinausgeschlüpft und in den Mirabellgarten gegangen. Dort ereignete sich aber nichts mehr. Es war bei dieser Jahreszeit inzwischen wohl schon etwas zu dunkel geworden, um dort noch besonders aufzufallen. Alle 25 Mann der „Zivilistenbagage“ bekamen aber in der darauffolgenden Woche gut brauchbare Ausgehmonturen ausgefolgt. Unter ihrer fleißigen Benützung vergingen die zweiten vier Wochen der militärischen Ausbildungszeit viel rascher als dies bei den ersten vier Wochen der Fall war. Es gab ja dann auch noch verschiedene andere Abwechslungen, die mit viel Humor gewürzt wurden, wie das Schießen auf die Zielscheibe, Scharfschießen auf der Zieselalpe und endlich die so gefürchtete Inspektion. Bei dieser Sache bekam der die Ausbildung der 25 Mann überhabende Kadettoffizier-Stellvertreter Wendelin – ein ganz fesches Haus – den Auftrag, im Dickicht des bei dem Truppenübungsplatz gelegenen Waldes mit seiner „Zivilistenbagage“ zu verschwinden, damit der General die Kerle nicht sieht. Niemand von den Betroffenen war darüber beleidigt. Ja, man sagte hernach, die Bäcker hätten sich so gehalten, dass sie dem General gar nicht einmal aufgefallen sind. Er sah ein Regiment, wie aus einem Guss. Blitzblank, sauber und schlagfertig. Die acht Wochen Ausbildung waren damit vorüber. Anstatt in eines der vielen Verpflegsmagazine abgeschoben zu werden und dort erst die vorgeschriebenen 36 Monate zu dienen, ging es nun wieder in das Zivilleben zurück. (…)

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Dressiert, sekkiert und geschlagen Emil Geissler wurde am 27. Juni 1876 in Wien-Favoriten geboren und wuchs dort gemeinsam mit seinem um drei Jahre jüngeren Bruder auf. Der Vater war Vorstand des Staatsbahnhofs, die Familie lebte daher zunächst in einer Dienstwohnung im Reisingerhof. Als der Vater infolge eines schweren Unfalls am Bahnhofsgelände starb, zog die Mutter mit ihren Buben in das Haus des Großvaters in die nahe gelegene Puchsbaumgasse. Sie konnte ihnen dennoch eine gute Aus­ bildung ermöglichen: Emil Geisslers Bruder Viktor lernte zuerst Maurer, besuchte dann die Staatsgewerbeschule für das Baufach und wurde Bauzeichner; später kam er wie sein Vater zur Staats­ eisenbahn. Emil Geissler selbst absolvierte nach der Bürgerschule ein Jahr Handelsschule und traf dann dieselbe Berufswahl wie sein Bruder. Dass er ebenfalls ein Bauzeichner war, hebt er in seinen lebensgeschichtlichen Aufzeichnungen immer wieder hervor; auch während seines Militärdienstes sollte ihm diese Ausbildung von Nutzen sein. Nach der Abrüstung kam er bei der Postsparkasse, dann als Straßenbahnschaffner unter und heiratete 1902 die Tochter eines Trafikanten aus seinem Heimatbezirk, wo er weiterhin lebte; das Paar hatte drei Kinder. Seine in zwei Teile gegliederte Autobiografie hat Emil Geissler in den Jahren 1942 bis 1946 geschrieben. Sie umfasst in hand­ schriftlichem Kurrent fast 400 Seiten und widmet sich nach der Kindheitserzählung sehr ausführlich und detailliert der Militärzeit bei der k. u. k. Pioniertruppe in Klosterneuburg, die Geissler im Herbst 1895 begann – damals noch mit weiter reichenden Berufs­ 80

perspektiven. Darauf deutet auch das Grundbuchblatt seiner Ein­ heit, welches verzeichnet, dass Geissler als „Dreijährig-Freiwilliger“ eintrat – also vor dem eigentlichen Militärantrittsalter, das damals im 21. Lebensjahr begann.1 Als „Dreijährig-Freiwilliger“ verzich­ tete man auf das der Assentierung vorhergehende Losverfahren und konnte den Truppenteil selbst wählen, was Emil Geissler in seiner Autobiografie unerwähnt ließ. Das hängt vermutlich damit zusammen, dass er seine Erfahrungen beim Militär in sehr kriti­ scher Weise darlegt und im Lauf seines Wehrdienstes einen Einstel­ lungswandel vollzogen haben dürfte, der sich schon im untenste­ hend abgedruckten Ausschnitt über das erste Dienstjahr abzeichnet. Als er Ende 1898 im Rang eines Oberpioniers beurlaubt und in die Reserve­ übersetzt wurde, schlug Geissler das Angebot eines Ge­ nieobersten, länger zu dienen und sich so eine gesicherte Existenz aufzubauen, jedenfalls mit Nachdruck aus. Der folgende Text enthält den ersten Teil dieser schriftlichen Militärerinnerungen. Emil Geissler erzählt darin unter anderem anschaulich vom während der Grundausbildung zum Pionier er­ fahrenen Drill, den vielen Schikanen und körperlichen Misshand­ lungen der Rekruten im Zuge ihrer „Abrichtung“. Zudem zeich­ net er ein drastisches Bild vom Alltag und der Befehlshierarchie in der Kaserne; dort herrschte ihm zufolge Willkür, insbesondere der mehrheitlich slowenischen und italienischen Unteroffiziere, die er sehr negativ und stereotyp darstellt. Auch die heruntergekommene „Lotter­wirtschaft“ des Kommandanten wird thematisiert, dazwi­ schen wird aber – gleichsam in Form von Gegengeschichten – eben­ so auf unterstützende, gegen solche Missstände angehende Vorge­ setzte verwiesen. Sein eigenes Auf und Ab in der Zeit des dreijährigen Militär­ dienstes beschreibt Geissler in diesem Spannungsfeld: Da die einen, die ihn – den ambitionierten Deutschösterreicher – unterstützten, beförderten und in die Bildungsschule für Unteroffiziere brach­ ten, und dort jene, die ihn immer wieder sekkierten, zu degradie­ ren versuchten. All das wird eingepasst in das Deutungsmuster 81

der nationalistischen Spannungen in der späteren Habsburger­ monarchie und liest sich entsprechend tendenziös. „Heil“ scheint diese Soldatenwelt nur dort, wo Beförderungen ausgesprochen werden und man selbst zum mit Befehlskompetenz ausgestatteten ­„Macher“ wird oder wo der „Glanz der Uniform“ zählt, wie wäh­ rend eines Heimaturlaubes. Ähnliches gilt für das Wirtshaus, wo Geissler ­Klavier spielend an vielen Abenden seinen Sold aufbessern konnte. Das minutiöse Bilanzieren seiner finanziellen Lage, der er­ haltenen Zulagen, Ersparnisse etc. zieht sich ebenfalls durch diese sehr umfangreichen, durch das oft verwendete Stilmittel des Dia­ logs ­besonders lebendig gestalteten Militärerinnerungen. Sie liegen heute auch in einer Abschrift von Susanne Borik, der Enkelin des Autors vor. Weggelassen wurden im Folgenden kurze Passagen, in denen sich Emil Geissler fast wortident wiederholt hat oder die weit weg­ führen vom Thema Militär. So sinnierte er an einer Stelle über den Fremdenverkehr, den Preiswucher und die wirtschaftlichen Ver­ hältnisse Italiens zur Zeit der Niederschrift seiner Erinnerungen im Zweiten Weltkrieg, und an einer anderen, dass er im Mai 1944, als er Luftschutzdienst bei der Postdirektion verrichtete, Mangel an Zigaretten und Wein litt. Ansonsten erfahren wir über diese Kriegs­ jahre hier nichts.

(…) und ich kam zum Militär, und zwar nach Klosterneuburg zum k. u. k. Pionierbataillon No. 15 im Jahre 1895. Als geborener Wiener hätte ich zu den Deutschmeistern (Hoch- und Spleni genannt) gehört, nachdem ich aber vom Baufach war, musste ich zu den Pionieren. Mit 19 Jahren habe ich mir am Bau in der Fasangasse den linken Fuß gebrochen und war vier Monate im Rudolfspital, III., Boerhaavegasse. Bei der Assentierung wurde ich für tauglich befunden und meldete, dass ich einen gebrochenen Fuß habe. Der Regimentsarzt sagte: „Gehen Sie durch das Zimmer!“, dann sagte er kurz und 82

bündig: „Na schön, der Fuß ist vollkommen geheilt, wenn nur jeder so gehen könnte wie Sie, dann wäre alles recht.“ Und noch einmal das Wort „tauglich“, „zu den Pionieren“. Nun begann für mich eine neue, andere Zeit, und ich will schildern, wie es mir beim Militär ging. Im Jahre 1895 hatte die österreichische Armee zwei Genieregimenter und fünf Pionierbataillone. Die zwei Genie­ regimenter wurden aufgelöst und zehn Pionierbataillone daraus gemacht. Die Pionierbataillone 1 bis 5 hatten hechtgraue Montur mit olivgrünen Aufschlägen, und die neuen zehn Pionierbataillone trugen noch die Geniemontur, weil eben so viele Bestände vorhanden waren, und die mussten ausgetragen werden. In Klosterneuburg waren im Jahre 1895 zwei Pionierbataillone, und zwar No. 5 und No. 15. Die 5er hatten die graue Montur und waren meistens Deutsche und Tschechen, welche aber in der Minderzahl waren. Die 15erPioniere trugen die fesche Geniemontur, und zwar schwarze Hosen mit einem roten, schmalen Streifen, himmelblaue Waffen­röcke mit karmesinrotem Kragen und gelben Knöpfen mit einer 2 drauf (nämlich für 2. Genieregiment), schwarze Kappen und den Pioniersäbel und Stechbajonett, und waren alle mit dem alten Werndlgewehr bewaffnet. Die Mannschaft bestand meistens aus Italienern von Pola, Fiume, Triest und Umgebung, dann vielen Slowenen aus der Marburger Gegend, Pettau, Agram etc. und sehr wenigen Deutschen. Nachdem damals der Stand der neu aufgestellten Pionierbataillone sehr gering war, wurden die Kompanien neu aufgefüllt und ich als Wiener kam zum Pionierbataillon No. 15 zur 3. Kompanie. Der dienstführende Feldwebel war natürlich ein Italiener mit Namen Peter Lociancich, der Rechnungsunteroffizier war ein Deutscher und hatte den schönen Namen Vierbauch; er hätte sollen Siebenbauch heißen, da er so dick war – na ja, kein Wunder wenn man zwölf Jahre ­ärarische Suppe frisst. 83

Die Herren Supparschen waren fast alle dick und schauten gut aus, denn sie haben ja von der Kompanie alles weggefressen. Sie waren ja trotzdem arm dran, denn so ein Feldwebel hatte pro Tag 45 Kreuzer Löhnung und alle Monat 17 Gulden Dienstprämie, das war doch kein Gehalt für einen Menschen. Dann waren die meisten schon in den Jahren und verheiratet und hatten oft mehrere Kinder. Und das Leben war damals auch nicht so billig, wenn es auch die gute alte Zeit geheißen hat, und die Kompanie musste alles für diese Feldwebel leisten und herhalten. Der Kompanieschuster musste für die ganze Familie Schuhe machen, der Schneider musste auch herhalten. Von der Mannschaftsküche wurde für die ganze Familie die Menage gratis geholt. Kurzum, es war für einen länger dienenden Feldwebel nicht leicht, mit dem wenigen Einkommen sein Drauskommen zu finden. Also, der dienstführende Feldwebel war ein Italiener und war in Zivil ein Facchino, auf Deutsch ein Lastträger, der in Triest die Warencolli auf die Schiffe und von den Schiffen transportierte. Er war ein großer, starker Mann, fast zwei Meter hoch, und hatte Hände zum Erschrecken, hat fast die Kompanie arm gefressen. Wie er nach Klosterneuburg einrückte, konnte er kein Wort Deutsch sprechen oder ­schreiben; er wurde unter sechs Jahren Feldwebel und konnte schon ziemlich gut Deutsch. Als Feldwebel war er doch bei der Kompanie der Herrgott, und in Zivil war er ein armer Teufel, der froh war, als Lastträger alle Tage sein Brot zu verdienen. Nun, es war immer so beim Militär: Wenn einer aber schon gar niemand war in Zivil und er wurde Unteroffizier und musste weiße Lederhandschuhe tragen, dann ist er gerne beim Militär geblieben, hat seine zwölf Jahre abgedient und bekam eine Staatsanstellung bei der Post, Bahn oder Polizei; die ausgedienten Pionierunteroffiziere wurden überall gerne eingestellt. Die meisten kamen zur Gendarmerie auf das flache Land und merkwürdigerweise heirateten die meisten 84

r­ eiche Bauerntöchter. Denn die Bauerntöchter hatten wieder ein Faible für die Uniform, und der Gendarm war ja am flachen Land wirklich ein Herr. Die Bauern hatten vor ihm heillosen Respekt, er lebte mit seinen Angehörigen in guten Verhältnissen, und die Frau war versorgt durch die Pension. In Zivil war er oft ein Bauernknecht und musste immer einer sein, aber durch das Militär hat er sich eine Stelle erworben und ist doch ein angesehener Mann geworden. Ich habe ja mehrere solche Unteroffiziere kennengelernt. Ich rückte zur 3. Kompanie des Pionierbataillons No. 15 in Klosterneuburg ein. Da wurden wir in das am Dachboden befindliche Monturmagazin geführt, und jeder bekam auf den am Boden ausgebreiteten Militärmantel seine Ausrüstungsgegenstände. Der Tschako wurde jedem auf den Kopf gesetzt mit den Worten „Passt schon“, wenn er auch über die Ohren gegangen ist. Jetzt hat keiner gewusst, wie er den Haufen (Binkel) wegtragen soll, und das sollte rasch gehen, da eine Menge solcher Zivilschädel zum Abfertigen da waren. Der „Rechtsum“, wie der Rechnungsunteroffizier genannt wurde, schimpfte uns Rekruten gleich anständig zusammen: dass wir blöde Affen etc. sind, die nicht einmal ihre Sachen wegtragen können. Der dicke Supparsch bückte sich sehr schwer, nahm den Lederriemen, Überschwung genannt, schnallte den ganzen Binkel zusammen, steckte das Gewehr durch, und der ganze Binkel wurde geschultert. Und nun marsch in das Mannschaftszimmer, wo immer zwei Mann zwei Betten nebeneinander bekamen und gleich Schlafkameraden wurden. Jeder hat den Binkel auf sein zugewiesenes Bett gelegt und gewartet, was weiter geschehen wird. Dann ist der Zimmerkommandant eingetreten, die Binkel wurden aufgemacht, und nun wurden gegenseitig die Monturstücke ausgetauscht und umgetauscht, bis die Burschen so halbwegs in der Montur steckten. Das war ein Hallo, dem einen war die Hose zu kurz, dem andern zu lang, dem 85

einen war das Ärmelleibel zu schmal, dem andern zu weit, aber bis am Abend war es schon so weit, dass jedem die Montur ziemlich passte. Dann rasch in die Kantine hinunter, um einen Fleck weiße Leinwand zu kaufen um vier Kreuzer, und dann lernten uns die älteren Diener, wie man die Halsstreifen aufnähen musste. Natürlich hatte fast keiner ein Nähzeug mit, und nun wieder in die Kantine und Nadel und Zwirn kaufen. Wir bekamen so schlechte Monturstücke, Blusen und Hosen mit mordstrumm Löchern, und da bekamen wir vom Kompanieschneider Flecken und mussten die Löcher schön zunähen. Natürlich war das keine Kleinigkeit, mit Nadel und Zwirn umzugehen, wenn man nie damit zu tun hatte. Und wenn ein Fleck nicht schön genug geflickt war, so hat gleich der Zimmerkommandant sein Taschenmesser genommen, den Fleck weggeschnitten, und das musste so oft probiert werden, bis der Korporal gesagt hat, es geht an. Ich habe das natürlich so ziemlich heraus gehabt, wie man Flecken einsetzt, denn das habe ich als Bub schon unserer guten Mutter abgespickt. Die konnte nicht genug Flecken in die Hosen ihrer beiden Söhne einsetzen, denn alle paar Tage ist einer gekommen: „Mutter, mir scheint, meine Hose kriegt ein Loch.“ Ich hab das erste Mal beim Militär einen Fleck in meine Bluse eingesetzt, das hat dem Korporal gefallen, und er fragte mich, ob ich vielleicht Schneiderei gelernt hätte. Ich sagte: „Das nicht, aber ich bin ein Bauzeichner.“ Am nächsten Tag nahm der Korporal ein Gewehr, es waren noch die alten Werndlgewehre mit dem 11-mm-Patronenkaliber, zerlegte es in seine Bestandteile und sagte: „Das Gewehr ist die Mutter des Soldaten und muss immer rein und sauber sein.“ Wir mussten jeder durch den Lauf durchschauen, er musste so blank wie ein Spiegel sein. Ich bekam das Gewehr No. 502, wollte auch durchschauen und sah nicht durch, denn der Lauf war nicht blank. Ich sagte: „Herr Korporal, mein Ge86

wehr muss verstopft sein, man kann nicht durchschauen.“ Der gleich zu mir: „Sie Esel, Sie Trottel, das gibt‘s net!“ Er nahm das Gewehr und konnte auch nicht durchschauen; da nahm er einen Putzstock und fuhr damit durch, und es war dasselbe. Kurzum, der Lauf war total verrostet und verdreckt, und es stellte sich heraus, dass einer von den abgerüsteten Soldaten beim Verschlussstück Watte eingestopft und in den Lauf hineingeschifft hatte, und durch das lange Stehen im Magazin ist der Urin eingetrocknet, verdunstet, und darum war das Gewehr No. 502 total verrostet und nicht mehr auf gleich zu bringen. In der Früh um 5 Uhr war Tagwache, rasch waschen, Kaffee­holen, essen, und dann in den Hof hinunter, im Kreis aufstellen und Gelenksübungen machen, dann zum Exerzierplatz, welcher neben der Donau war, abmarschieren, und dort wurden wir dressiert und sekkiert und geschlagen. Wir bekamen oft Ohrfeigen von dem Abrichter, dann hat er uns oft mit seinem Gewehr auf die Zehen aufgestampft, dass man glaubte, die Zehen sind alle zerquetscht. Dann die Exerzierabrichtung, war kein Schwindel, dann die Gewehrgriffe, bis die klappten. Ich machte bei den Pionieren drei Abrichtungen mit: Exerzieren, Landbefestigung mit Krampen und Schaufel und Wasserdienst: Pontonfahren, Zillenfahren, Brückenschlagen – bis man das alles kann, vergeht das erste Dienstjahr. Es waren alle drei Abrichtungen eine Tierquälerei, und noch dazu die Grobheiten von den Feldwebeln und den Chargen. Wir hatten bei meiner Kompanie einen Kadettoffizier-Stellvertreter, der war gar gemein und grob, er war von dem in Wien sattsam bekannten Oberlandesgerichtspräsidenten Holzinger, der so viele Menschen zum Tode verurteilte, der Sohn. Na ja, der Apfel fällt nicht weit vom Stamm, der Präsident hat sich selbst zum Tod verurteilt und erschossen. Sein Sohn wurde später Leutnant und wegen Feigheit zum Feldwebel degradiert, aber Soldaten sekkieren und schlagen, das hat er 87

großartig zuwege gebracht. Der Kerl ließ uns Rekruten oft so lange auf einem Fuß stehen, bis wir umgefallen sind, dann hat der Kerl gelacht, wir waren ja keine Gänse oder Hühner, die das können. Auf der Donau mussten wir Pontonrudern lernen, so ein Ruder ist 3,5 Meter lang und schwer, weil es aus gutem, hartem Holz erzeugt wird. Und da mussten wir oft eine Stunde ohne Unterbrechung rudern, und wenn einer oft nicht mehr konnte, hat der Kadett geschrien: „Feldwebel, tun‘s den Kerl ein bisschen aufmuntern, der ist faul!“ Der lange italienische Feldwebel ist in den Ponton hineingestiegen, hat dem Soldaten mehrere Ohrfeigen versetzt, dann die Handsösse genommen, das war eine Art Schaufel und gehörte zum Wasserausschöpfen, wenn welches im Ponton war, und hat den Mann mit dem Donauwasser so angeschüttet, dass kein trockener Faden auf ihm war – als ob er mitsamt der Montur ein Donaubad genommen hätte. Dann musste er allein die Rudergriffe machen und die anderen hatten zehn Minuten Rast. Und das wurde als faul bezeichnet von so einem Hundskadetten. Na ja, er wurde in der Pionierkadettenschule in Hainburg erzogen, er hatte den Pionierdienst im kleinen Finger, ihm konnte ja keiner etwas vormachen, er war Pionier vom Scheitel bis zur Sohle. Mir ist es öfters so gegangen, aber alles hat ein Ende, so auch die drei Abrichtungen. Ich kam nach dieser Quälerei in die Kompaniekanzlei als Schreibkraft, da ich der Einzige war als Wiener, der die deutsche Sprache in Wort und Schrift beherrschte und vor 50 Jahren eine sehr schöne Schrift hatte. Unser Rechnungsunteroffizier war ein alter Geniefeldwebel und hatte schon zehn Dienstjahre. Er war mir gegenüber sehr gut und hatte eine Freude, dass er endlich einmal einen Mann in die Kanzlei bekam, der leicht zum Abrichten war. In drei Monaten konnte er sich schon auf mich verlassen, dass ich alles richtig machte. Und ich hatte mit der Schinderei auf der Donau nichts mehr 88

zu tun, brauchte nicht um 5 Uhr früh aufstehen und aus­ rücken und war schon ein kleiner Macher bei der Kompanie. Der Feldwebel kam erst um halb 8 Uhr früh in die Kanzlei, ich war schon um 7 Uhr früh dort und habe schon manches Dienststück verfertigt gehabt, er hat es nur durchgesehen und unterschrieben. Ich hatte immer zu tun, schön langsam. Formulare zu machen, Drucksorten zu rastrieren, um 4 Uhr nachmittags war ich frei und konnte ausgehen. Natürlich hatte ich viele, die mir nicht vergönnten, dass ich ein Kanzleifuchs war. Die Chargen untersuchten in meiner Abwesenheit meine Montursorten, und wenn eine Kleinigkeit entdeckt wurde, wurde gleich dem dienstführenden italienischen Feldwebel gemeldet, und ich musste in Marschadjustierung antreten und wurde sekkiert wie nur möglich. Aber ich ertrug alles mit Geduld und war nur froh, dass ich nicht ausrücken musste und Kanzleikraft war. Beim Rechnungsfeldwebel war ich bald eingehaut, und er hatte mich sehr gerne. Das merkte der dienstführende italienische Feldwebel und ging noch mehr los auf mich, denn er hatte das Gefühl, der Geissler ist ein Wiener und der muss niedergehalten werden, der darf bei der Kompanie nicht in die Höhe kommen, damit er uns nicht zu gescheit wird. Ich habe ihm gewiss nichts in den Weg gelegt, und er sagte zu mir: „Solange ich dienstführender Feldwebel bin, werden Sie keine Charge bekommen, dafür werde ich sorgen.“ Die Chargen bei der Kompanie hatten vor mir Angst und dachten, der Wiener wird uns über­flügeln, den müssen wir sekkieren und wegen jeder Kleinigkeit zum Rapport bestimmen, damit er viele Strafen zusammenbringt, dann wird so und so nichts aus ihm. Es kam aber in ganz kurzer Zeit anders, als ich gedacht und geglaubt hätte. Es rückte ein ganz kleiner Kerl zu der Kompanie ein, er trug Augengläser, war ein intelligenter Bursch, ein Slowene, welcher auch die deutsche Sprache in Wort und Schrift beherrschte und am Bezirksgericht Laibach 89

ein Gerichtsschreiber war. Wie der zur Kompanie kam, war es direkt ein Aufsehen, der musste zuerst einmal zum Exerzieren abgerichtet werden, damit er sich halbwegs militärisch benehmen konnte. Unser Hauptmann war ein alter Genieoffizier, groß, und wie der den Burschen gesehen hat, sagte er: „Um Himmels willen, so einen Kretin schickt man zu den Pionieren, was soll man mit so einem Knirps anfangen, der kann ja in keinen Ponton hineinsteigen, den sieht man ja nicht.“ Er fragte den Mann: „Von wo kommen Sie, und was sind Sie in Zivil?“ Er war ja noch in keiner Uniform und sagte ganz keck: „Ich kann ja nichts dafür, dass man mich zu den Pionieren schickt, ich bin am Bezirksgericht Laibach ein Schreiber.“ – „Na ja, Ihnen sieht man die Schreiberseele sofort an, und Augengläser trägt er auch noch. Das hab ich noch nicht erlebt, einen Pionier mit Augengläser.“ Nun wurde mit den beiden Feldwebeln beraten, was mit dem Mann zu machen ist. Der Hauptmann sagte: „Der Bursche ist zum Pionierdienst nicht geeignet, wenn er schon so ein Federnfuchser ist, so kommt er in die Kompaniekanzlei, und der Geissler ist ein fester Bursch, und der muss aus der Kanzlei heraus und mit der Kompanie ausrücken und fest mitarbeiten.“ So kam ich um meinen schönen Schwindel in der Kanzlei und wurde wieder Pfostenträger, Balkenträger, Pfostenleger etc., und der Katzelmacher-Feldwebel und die anderen Chargen hatten eine Freude, dass ich wieder ausrücken und beim Brückenschlag fest arbeiten musste und sie mir alle anschaffen konnten. Und immer musste ich anhören: „Du fauler Kanzleifuchs wirst rennen, jetzt hast du nichts gearbeitet, das muss eingebracht werden.“ Fast alle 48 Stunden war ich zum Wachdienst kommandiert, beim Haupttor, Train-Zeugsdepot, Pionier-Zeugsdepot, dann die Kasernarbeiten, mit großen Strohwascheln und nassen Sägespänen Gang reiben, Abort putzen, Zimmer reiben, kurzum: Wo man sauber draufzahlte bei der Arbeit, dort war sicher der Geissler dabei. 90

Wir hatten bei der Kompanie eine deutsche, eine slowenische und eine italienische Mannschaftsschule und die Unteroffiziers-Bildungsschule. Ich als Wiener war natürlich in die deutsche Mannschaftsschule eingeteilt worden. In der Bildungsschule waren lauter Landsleute vom italienischen Feldwebel und auch Slowenen, die sollten alle Chargen werden, nur ich nicht. Aber es kam wieder ganz anders, als man glaubte und dachte. Wir bekamen zur Kompanie einen neuen Oberleutnant aus Prag vom 3. Pionierbataillon, der war ein Deutscher mit Namen Emil Kander. Er war ein Koloss von einem Mann, fast zwei Meter lang, breit und stark, hatte einen festen blonden Schnurrbart und war ein Soldatenfreund. Er besuchte nach ganz kurzer Zeit, es war ja Winterzeit und Schulzeit, alle vier Klassen und fragte jeden einzelnen Mann: „Was sind Sie für ein Landsmann? Was sind Sie in Zivil?“ Er machte sich Notizen, kam auch in die deutsche Mannschaftsschule und fragte auch mich: „Wie heißen Sie?“ Ich sagte: „Emil Geissler.“ – „Wie, Emil heißen Sie? Was sind Sie für ein Landsmann?“ – „Ein Wiener.“ – So, und was sind Sie in Zivil?“ – „Ein Bauzeichner, Herr Oberleutnant.“ – „Was haben Sie für eine Schulbildung?“ –„Volks-, Bürgerschule, ein Jahr Handelsschule und vier Wintersemester Staatsgewerbeschule für das Baufach.“ Er hörte mich an und sagte dann: „So, so, mit so einer Schul­ bildung sitzen Sie in der deutschen Mannschaftsschule, warum nicht in der Bildungsschule?“ Ich sagte darauf ganz kurz: „Für mich ist dort kein Platz, da sitzen die Landsleute vom Herrn Feldwebel drinnen und mehrere Slowener, die sollen Chargen werden.“ Er meinte: „Ihre Angaben stimmen, ich war in der Bildungsschule und konnte mit niemandem sprechen, die Leute lernen erst beim Militär Deutsch, sind ja lauter Leute aus der Umgebung von Pola, Fiume, Triest, und die Slowener von Pettau, Agram, Laibach etc.“ Er fragte die Soldaten alle aus und notierte sich die Leute, welche gut Deutsch konnten, machte kurzen Prozess, führte 91

die Gesellschaft aus der Bildungsschule auf den Gang, ließ sie antreten, schickte den Korporal vom Tag um den dienstführenden Feldwebel und übergab ihm die Leute mit der kurzen Ansprache, er könne sie einteilen, wie es ihm beliebt, nur in der Bildungsschule hätten sie nichts verloren, da sie nicht deutsch lesen und sprechen können und daher keine Unter­offiziere werden können. Wir Deutsche kamen in die Bildungsschule, der Herr Oberleutnant sagte, er wird mit uns lernen und wir müssen Chargen werden, und nicht solche Leute, die erst deutsch reden lernen müssen. Jetzt war der Zorn vom Herrn Feldwebel gegen mich noch größer. Jetzt war ich von der Kanzlei weg und wurde momentan Bildungsschüler und war bei dem neuen Oberleutnant eingehaut, weil ich auch so wie er Emil hieß und in der Schule der Erste war. Ich musste auf der Tafel zeichnen etc., und der italienische Feldwebel schäumte vor Wut, weil ich ihm aus der Hand gerutscht bin und er mich nicht mehr so sekkieren konnte, wie er gerne mochte. Denn die Italiener waren und sind ein falsches, hinterlistiges, feiges Volk, man hat es im Weltkrieg 1914–1918 sattsam kennengelernt, und in der ganzen Welt sind sie unbeliebt, weil sie durch ihre Genügsamkeit und Sparsamkeit in allen Ländern sehr billige Arbeitskräfte waren und die Löhne überall verdorben haben und billiger arbeiteten, als die landesüblichen Arbeitslöhne in allen Staaten waren. (…) Also ich kehre wieder zurück zum ehemaligen k. u. k. Pio­nierbataillon No. 15 in Klosterneuburg im Jahre 1895/96. Der gute Feldwebel als Deutschhasser konnte uns von der Bildungsschule aus nicht mehr so schikanieren, aber damit wir uns ärgern sollen, ließ er uns Bildungsschüler in der Woche zwei- bis dreimal um 4 Uhr früh aus den Betten jagen, und wir mussten mit großen Strohwascheln und nassen Sägespänen den Asphaltgang reiben. Die anderen konnten bis 5 Uhr liegen, und wir wurden von ihnen ausgelacht, denn auf 92

uns arme Bildungsschüler war niemand gut zu sprechen bei der Kompanie. Aber ich sagte zu den Burschen: „Ich werde dem Katzelmacher das Gangreiben schon austreiben. Folgt alle mir, ich bin euer Partieführer, ihr seht ja, der Herr Oberleutnant ist mit mir sehr gut. Wenn er wieder in die Schule kommt, so markiert ihr einen Schlaf, gähnt, macht die Augen zu etc., und er wird mich fragen, was los ist, und er wird die richtige Antwort bekommen.“ Der Herr Oberleutnant kam in die Klasse, jeder sprang auf und stand Habt-Acht, bis der Oberleutnant „Setzen“ sagte. Er begann mit dem Unterricht über Details vom Brückenschlag und bemerkte, wie so mancher gähnte, sich die Augen rieb etc. Er fragte mich: „Geissler, was ist los mit den Bildungsschülern, die scheinen schläfrig zu sein. Habt ihr ausrücken müssen, und seid sehr spät eingerückt, oder was war los?“ Ich stand sofort Habt-Acht und sagte: „Herr Oberleutnant, melde gehorsamst, wir müssen in der Woche oft zwei bis dreimal um 4 Uhr früh aufstehen und den Gang reiben.“ Er sagte: „Wer hat das anbefohlen?“ – „Der dienstführende Herr Feldwebel.“ Der Herr Oberleutnant ging zur Türe und rief mit seiner enormen Stimme: „Tagcharge!“ Es stürzte sofort der Korporal vom Tag herbei und sagte: „ Herr Oberleutnant befehlen?“ – „Rufen Sie mir den dienstführenden Feldwebel in die Bildungsschule.“ – „Jawohl, Herr Oberleutnant!“ Im Nu stand der Feldwebel vor dem Oberleutnant und fragte: „Befehlen, Herr Oberleutnant?“ Der Herr Oberleutnant sagte: „Sie, Feldwebel, sagen Sie mir einmal, wann ist beim Militär Tagwache im Sommer und im Winter?“ Der Feldwebel sagte: „Im Sommer um 5 Uhr, im Winter um 6 Uhr früh.“ – „Na schön, das wissen Sie ganz genau, aber seit wann jagt man die Bildungsschüler um 4 Uhr früh aus den Betten und lässt sie Gang reiben?“ Momentan keine Antwort, er war sprachlos und auf so etwas nicht gefasst. „Ich werde Ihnen etwas sagen. Sollte es noch einmal vorkommen, dass Sie mir die 93

Bildungsschüler zum Gangreiben kommandieren und vielleicht schikanieren wollen, dann waren Sie die längste Zeit bei der Kompanie dienstführender Feldwebel und kommen sofort in das Augmentationsmagazin. Haben Sie verstanden, Feldwebel? Abtreten!“ Er machte stramm „Kehrt euch“ und war weg. Der Oberleutnant sagte zu mir: „Geissler, wenn er auf euch Bildungsschüler losgehen will, so melden Sie es mir, und ich werde schon Ordnung unter der Gesellschaft ­machen.“ Er konnte wahrscheinlich die Italiener auch nicht schmecken, der Katzelmacher nahm sich zu viele Rechte heraus. Denn der Herr Hauptmann Otto, der kümmerte sich schon gar nicht um seine Kompanie, er kannte niemand als die zwei Feldwebel, und die beförderten die Mannschaft zu Chargen, Hauptsache, dass es Landsleute waren, wenn sie auch nicht Deutsch und lesen und schreiben konnten, das war ganz gleichgültig. Und der Hauptmann war froh, dass da ein neuer Oberleutnant gekommen ist, der sich um die Kompanie gekümmert hat. Kurzum: Uns Bildungsschülern ging es besser, wir wurden nur zum Wachdienst eingeteilt, als Tagchargen verwendet. Freilich hatte der Feldwebel das Gefühl, dass ich dem Herrn Oberleutnant alles melde, und er hatte vor mir Angst, dass er seine dienstführende Stelle verlieren könnte und in das Monturmagazin versetzt wird, was ihm der Herr Oberleutnant versprochen hat, wenn er auf uns losgehen sollte. Am 18. August, zum Geburtstag von Kaiser Franz ­Joseph I., war in der österreichischen Armee immer Beförderung, und ich war von den Rekruten der erste Oberpionier. Wie der Feldwebel den Befehl mit der Beförderung verliest und sagt: „Zu Oberpionieren wurden befördert: Pionier Geissler“, da wurde er vor Zorn ganz rot im Gesicht, spuckte aus und schrie: „Borko malora Maggago Aschino“,2 lauter italienische Schimpfnamen. Es nützte alles Schimpfen nichts, ich war doch der erste Oberpionier von dem letzten Jahrgang 1895 und bekam um 94

vier Kreuzer mehr Löhnung als die anderen und hatte täglich zehn Kreuzer. Ich wurde beim Wachdienst schon als Aufführer eingeteilt, auf der Donau beim Brückenschlag wurde ich Partieführer und hatte es schon bedeutend besser. Die Sticheleien von den andern, ich sei ein Kanzleifuchs, hörten sich schon langsam auf, meine gleichen Diener hatten schon vor mir Respekt, denn sie wussten ja, dass ich Unteroffizier werden würde, und hielten alle zu mir. Und nun einiges über unseren Hauptmann Otto. Er war ein großer Herr, schon etwas grau meliert, trug einen Hornzwicker und war Junggeselle. Er kannte nur seine Offiziere, die der Kompanie zugeteilt waren, und die zwei Feldwebel, besonders den Rechnungsunteroffizier Vierbauch. Der musste immer dem Hauptmann Geld vorstrecken, er war immer ohne Geld. Es war so, er ist alle Tage um 1 Uhr Mittag nach Wien gefahren und mit dem letzten Zug immer mit einer Halbweltdame heim nach Klosterneuburg in die Pionier­ kaserne gekommen, wo er eine große Wohnung hatte mit drei Zimmern. Im letzten Zimmer hauste er, die vorderen zwei Zimmer waren leer, und wer den Hausbrauch nicht kannte, klopfte vergeblich, denn niemand sagte „Herein“, und so glaubten die meisten Leute, es ist niemand zu Hause, und sind weggegangen. Die Kompanie war direkt verwahrlost, die Magazine leer, es waren keine Monturen vorhanden, die Stellagen alle leer, die Mannschaft ist so zerlumpt und mit so geflickten Monturen herumgelaufen, es war rein gar nichts da. Der Hauptmann und der Feldwebel haben alles, was nur möglich war, zu Geld gemacht und angebracht. Die Kompanie war verlottert und verludert, und der Schandfleck vom Bataillon war die 3. Kompanie. Einmal bin ich dem Hauptmann im Hof begegnet, ich salutierte stramm, er sagte zu mir „Halt!“ und meinte: „Sagen Sie mir, wie kann man so ein abgeflicktes Ärmelleiberl tragen! Sie schauen ja aus wie ein Vagabund und keinem Pionier ähnlich. 95

Von welcher Kompanie sind Sie denn?“ Ich meldete gehorsam: „Von der 3. Kompanie.“ – „Was, von meiner Kompanie sind Sie und laufen mit so einer geflickten Montur herum? Gehen Sie sofort in die Kompaniekanzlei zum Rechungsunteroffizier, der muss Ihnen eine ordentliche Bluse geben, und dass Sie mir nicht mehr so herumlaufen wie ein Vagabund.“ – „Jawohl, Herr Hauptmann!“ Ich kam in die Kanzlei und meldete, dass mich der Hauptmann um eine anständige Bluse schickt. Er schrie mich an: „Ich habe nichts zum Umtauschen“, hat die Kanzleitür aufgerissen und mich hinausgeworfen, und wenn ich mich nicht am offenen Gangfenster beim Mittelstück erfangt hätte, wäre ich über drei Stockwerke in den Hof gestürzt. Einmal war ich auf Wache eingeteilt, die Wacher wurden noch vor Abmarsch von dem diensthabenden Garnisons-Inspektions-Offizier visitiert. Er kam auch zu mir, schaute mich genau an und sah, dass bei mir am Kommissstiefel ein weißer Fleck sichtbar ist. Es war ein mordstrumm Loch im Stiefel und der Stiefelfetzen war sichtbar, denn wir mussten damals alle Leinwandfetzen tragen statt Socken. „Was ist das, so können Sie nicht in den Wachdienst gehen mit so zerrissenen Stiefeln. Gehen Sie sofort zum Feldwebel, Sie müssen gute Stiefel anhaben. Die Wache darf nicht abmarschieren, bis Sie gute Stiefel haben.“ Der Leutnant war vom 5. Bataillon. Ich kam in die Kanzlei mit der Meldung: „Ich muss unbedingt andere Stiefel für den Wachdienst bekommen, der Leutnant lässt die Wache nicht früher abmarschieren.“ Ich wurde wieder hinausgeworfen und kam wieder so zur Wache, wie ich weggegangen war. Der Leutnant ist böse geworden und ging mit mir zur Kompaniekanzlei und forderte den Feldwebel auf, mir sofort auf seinen Befehl gute Stiefel vom Magazin zu geben. Der Feldwebel sagte, er habe keine Stiefel im Magazin. Der Leutnant sagte: „Das gibt‘s nicht, beim Militär muss jeder Mann ein paar Reservestiefel im Magazin stehen haben.“ Sofort gingen wir in das Magazin am Dachboden, aber es war dort 96

furchtbar leer. „Herr Leutnant, wenn Sie Stiefel finden, dann geben Sie dem Mann ein Paar.“ Wir suchten alles ab, aber es war kein Stiefel zu finden. Der Leutnant schimpfte: „Sauwirtschaft elende!“ etc., und zu mir sagte er: „Haben Sie vielleicht ein paar Extraschuhe?“ Ich sagte: „Jawohl, aber die dürfen im Wachdienst nicht getragen werden“, da ja die Pioniere die Hosen im Stiefel tragen mussten. „Ausnahmsweise gehen Sie mit Stiefeletten und langer Hose in den Wachdienst.“ Griff in seine Hosentasche und gab mir 20 Kreuzer dafür, dass ich mit meinen eigenen Schuhen in den Wachdienst gehe. Jetzt kam wieder eine Schweinerei heraus: Der alte Wachkommandant machte eine Meldung an das Bataillon, dass die neue Wache um drei viertel Stunden zu spät zur Ablöse kam und seine Leute so lange mehr Posten stehen mussten. Ich kam zum Bataillonsrapport und der damalige diensthabende Leutnant auch, und der meldete dem Herrn Major Baumgartner: „Ja, das ist der Mann, dem damals beim Wacheabteilen die Zehen aus den Stiefeln herausschauten.“ Ich wurde gefragt und musste zugeben, dass wegen mir die Wache so spät zur Ablöse kam. Ich konnte abtreten und hörte nichts mehr von der Stiefelgeschichte. So verging die Zeit als Oberpionier ganz gut, nur die schwere Arbeit auf der Donau, die passte mir gar nicht recht, aber ich musste alles mitmachen und bemühte mich, allen gerecht zu werden, damit ich es besser haben sollte. Aber die Luder von Italienern und Slowenen vom Feldwebel abwärts hatten alle auf mich einen Pick. Und warum? Weil ich ein Wiener war, in der Bildungsschule der erste Oberpionier und mit dem neuen Herrn Oberleutnant Kander sehr gut war. Das hat der ganzen Kompanie nicht gepasst, dass ich auf einmal so einen Rang einnahm und der Oberleutnant mich um alles fragte, was bei der Kompanie vorgeht. Er hatte mich halt gerne, denn er war ja ein Deutscher und sagte zu mir: „Ich sehe ja ein, dass Sie als Wiener nicht in diese Gesellschaft hinein97

passen, und verstehe auch, dass man auf Sie losgeht, da alle Angst vor Ihnen haben, dass Sie bei der Kompanie Charge werden, wo bis jetzt nur Italiener und Slowener Unteroffiziere wurden. Aber ich werde mich schon um Sie annehmen, und es darf keine Ungerechtigkeit und Willkür vom Feldwebel aus mehr geben.“ An einem schönen Sonntag bin ich mit mehreren Kameraden, welche Deutsche waren, in Weidling in ein Gasthaus geraten. Es war ein ganz schönes Lokal, hatte rückwärts einen großen Verandasaal mit Parkettboden, und die Wirtsleute waren ein paar alte Leute mit Namen Wiedermann. Ich kam mit meinen Kameraden in das Lokal, wir traten in den Saal, und da waren viele Gäste anwesend. Trotzdem war es sehr still, da keine Musik war, obwohl in der einen Ecke ein Klavierflügel stand. Wir bestellten uns Bier und nach einer Weile sagte mein Schlafkollege Werdnig zu mir: „Geh Emil, spiel was am Klavier, dass bisserl a Stimmung wird!“ Ich befolgte den Rat, spielte einige Wienerlieder, und a­ lles hat gleich mitgesungen, die Stimmung war schon da. Der Wirt kam herbei, schaute, wer da so harbe Wienerlieder spielt und hatte eine Freude, als er sah, dass ein Geniesoldat beim Klavier sitzt und spielt. Der Wirt lachte über das ganze Gesicht und brachte sofort einen Doppelliter Bier, denn er witterte ein Geschäft. Es dauerte nicht lange, so kam ein sauberes Mäderl zu mir und fragte, ob ich auch einen feschen Walzer spielen könnte. Ich sagte: „Gewiss kann ich auch Walzer spielen“, und begann die ersten acht Takte von der „Blauen Donau“, und fast alles ist zum Tanz angetreten. Ich spielte den Walzer zweimal durch und hatte einen riesigen Beifall. Die Gäste klatschten und alles schrie: „Bravo Genist!“ Da kam gleich der Kellner und stellte einen Liter Wein auf den Tisch, ich bedankte mich bei dem edlen Spender, und nun musste ich wieder Wienerlieder spielen zum Mitsingen, dann kam wieder ein Walzer etc., und die Stimmung wurde immer ge98

mütlicher, es kamen eine Menge Zigaretten für mich und meine drei Kollegen. (…) Und wieder brachte der Kellner einen Liter Wein, der damals 40 Kreuzer kostete, und ein anständiges Nachtmahl für den Klavierspieler. Ein Gast erwischte einen Teller und ging absammeln und sagte: „Gebt´s jeder etwas her für den Soldaten, ihr wisst ja eh alle, dass so a Soldat nur sechs Kreuzer Löhnung hat und der Genist ist a harber Weaner und spielt saubere Wienertanz.“ Der ist zweimal sammeln gegangen und hat mir dann über fünf Gulden Kleingeld auf das Klavier gelegt und gesagt: „Genist, komm öfters und du wirst keinen Schaden haben, denn es werden immer mehr Gäste da sein, wenn du Klavier spielst, und eine Gaudi, also komm öfters!“ Und erst der Wirt, der gab mir beim Fortgehen einen Silbergulden und eine Menge Zigaretten und sagte: „Kommst nächsten Sonntag wieder, aber früher, und spiel bei mir alle Sonntage und Feiertage, bekommst von mir zwei Gulden und Essen und Trinken, was dein Herz begehrt, aber komm bestimmt, es wird für dich kein Schaden sein!“ Ich kam fast jeden Sonntag, wenn ich nicht Dienst hatte, und tatsächlich: Die Gäste wurden immer mehr, und nachdem ich viel Tanzmusik spielte, war die Unterhaltung in schönstem Schwung. Und ich wurde mit den Gästen immer mehr bekannt und beliebt und verdiente immer mehr. Ein Zivilist hatte Freude, wenn er Geld einsammeln konnte für mich, und ich verdiente öfters an so einem Sonntag 10 bis 12, ja sogar bis 14 Gulden. Gar oft kam der Kellner mit einem Liter Wein, ich hatte immer genug Wein am Klavier stehen und sagte: „Verkaufe den Liter und gib mir drei Sechserln und ein Sechserl gehört dir.“ Wenn dann der betreffende Gast zum Klavier kam und sagte, er hätte mir einen Liter Wein geschickt, so bedankte ich mich herzlich und sagte: „Der Kellner bringt mir den Liter viertelweise, so wird er nicht warm, und es schaut auch nicht schön aus, wenn so viel Wein am Klavier steht. Ich trinke im99

mer sehr mäßig, sonst werde ich benebelt und das geht nicht, dann spiele ich nicht schön und mache Fehler, das würde die Gäste nicht erfreuen. Und als Soldat darf oder soll man sich nicht besaufen, das ist kein Zeichen von Intelligenz.“ Nachdem ich beim Wiedermann-Wirt so viel verdiente, legte ich mir in Klosterneuburg ein Postsparkassenbuch an und legte fast meinen ganzen Verdienst ein. Wenn ich hie und da unter der Woche beim Rapport um einen dienstfreien Tag bat und denselben bekam, so fuhr ich nach Hause zur Mutter und hatte eine fesche Extramontur. Dieselbe bestand aus einem himmelblauen Waffenrock mit karmesinroten Aufschlägen, Achselkipfeln, schwarzen Tuchhosen mit roten Passpoils, schwarzer Kappe, kurzum: Die Geniemontur war eine der schönsten und hatte sogar den ersten Preis bei der Konkurrenz erhalten. Also, ich war bei Mutter auf eine anständige Jause, und wenn ich dann fortgehen musste, wollte sie mir öfters einen Silbergulden zur Aufbesserung geben. Ich aber nahm aus dem Waffenrock meine Brieftasche heraus und zeigte der Frau Mutter eine Menge Banknoten, sie war sprachlos vor Erstaunen und sagte: „Emil, wo hast du das viele Geld her, hast vielleicht ein Mädel? Die gibt dir vielleicht ihre Ersparnisse, und du bringst ihr das sauer ersparte Geld an.“ – „Oh nein, ich habe kein Mädel, aber ich verdiene an Sonn- und Feiertagen eine Menge Geld mit Klavierspielen in Weidling in einem Gasthaus.“ Meine Mutter meinte: „Gib mir das Geld zum Aufheben!“ Ich sagte: „Danke, ich hebe es mir selber auf.“ Sie wusste ja nichts von meinem Postsparkassenbuch. Oft habe ich auch unter der Woche, wenn ich in Wien war, ein Gasthaus besucht und dort ein paar Stückerl gespielt, da sagte der Wirt, ich soll dableiben und spielen. Ich war ja als Soldat Geldmann und konnte mir zu jeder Zeit Bier und Essen kaufen und brauchte nicht die Kreuzer zusammenzählen, ob es noch auf ein zweites Krügel Bier reicht oder auf einige Zigaretten. Ich rauchte nur die besseren Sorten und brauchte 100

nicht genau zu rechnen. Ich spielte bei dem betreffenden Wirt einige Wienerlieder und der Wirt fragte, ob ich Zeit hätte und dableiben möchte. Die Gäste hatten Freude mit den Liedern, der eine sagte: „Hörst, Genist, wenn du da bleibst, hole ich meine Alte …“, ein zweiter: „I hol a mei Alte“, und auf ja und nein war das Extrazimmer besetzt. Alles sang zum Klavier mit, alles war in bester Stimmung, der Wirt machte sein Geschäft und ich ebenfalls. (…) Also ich verbrachte das erste Jahr ganz schön und gut in Klosterneuburg. Auf einmal kam der Befehl, das Pionierbataillon No. 15 hat eine Kompanie nach Mikolajów zum Schanzenbau zu entsenden. Es wurden gegen Russland im Jahre 1896 Schanzen gebaut, die damalige Politik war ja auch eine Augenauswischerei. Wir bauten gegen den Zar Schanzen, und er war in Wien bei Kaiser Franz Joseph I. auf Besuch, auch in Klosterneuburg bei den Pionieren. Hat den Übungen zugeschaut, hat sich sehr lobend ausgedrückt, und dieselben Pioniere bauten gegen ihn die Schanzen. Der Schanzenbau sollte sehr geheim gehalten werden, kein Mensch sollte wissen, wo wir bauten, was es wird. Der Zutritt von Zivil war streng verboten, Fotografieren streng verboten, und trotzdem pfiffen es die Spatzen von den Dächern, dass Schanzen gebaut werden. Die Spionage hat bis jetzt in jedem Staate gut funktioniert, und ohne Spionage kann kein Staat existieren. (…) Die weiteren Militärerinnerungen Geisslers schildern zunächst die Tätigkeit des Schanzenbauens und -bewachens in Galizien im Win­ ter des zweiten Dienstjahres – fern von der Garnison in Mikolajów (heute Polen), wo Geissler und seine Kameraden viele Freiräume genossen. Die dort lebende jüdische Bevölkerung wird dabei, dem ideologischen Grundmuster dieser autobiografischen Aufzeichnun­ gen folgend, auch in antisemitischer Manier beschrieben. Zurückge­ kehrt in die Kaserne nach Klosterneuburg, vermisste dieser Soldat dennoch das Leben in Mikolajów, wurde wieder viel sekkiert und 101

„wegen jeder Kleinigkeit zum Rapport bestimmt“. Er bekam un­ ter der Herrschaft des italienischen Feldwebels, dem er all das zu­ schrieb, „eine Menge Strafen“, sodass er „dickschädelig“ wurde und „glaubte, mit dem Kopf durch die Wand zu müssen“. Sein aufmüpfiges Verhalten einem Hauptmann gegenüber brach­ te Geissler sogar in den durch die Disziplinarstrafe des sechsstün­ digen „Schließens in Spangen“ verschärften Garnisonarrest – was im Originalmanuskript wiederum eindringlich und sehr militärkri­ tisch dargelegt wird. Ähnliches gilt für Geisslers Schilderungen je­ ner Zeit, in der seine Einheit in seinem dritten Dienstjahr aufgrund einer vom Kriegsministerium als Meuterei ausgelegten Beschwer­ de mehrerer Soldaten bei der Frühjahrsinspizierung gemeinsam mit ihrem inkriminierten Hauptmann nach Bosnien-Herzegowina strafversetzt wurde. Der Aufenthalt dort stellte einen weiteren ne­ gativen Höhepunkt von Geisslers militärischer Laufbahn dar. Der herbeigesehnte Austritt nach Ende der aktiven Wehrdienstpflicht war von daher nur konsequent und wird in dieser Autobiografie entsprechend inszeniert, etwa durch Aussagen wie: „Denn ehrlich gesagt, ich hatte wirklich keine Freude beim Militär. Immer HabtAcht stehen, gehorsamst bitten und danken. Wenn man vom Arrest wieder die Freiheit bekam, musste man sich beim Kompanierapport beim Herrn Hauptmann für die Strafe gehorsamst bedanken, wo man zu etwas anderem große Lust gehabt hätte. Pfui Teufel! Ich sah, dass beim Militär eine große Willkür war.“ Oder: „Und wir Reser­ visten gingen endlich nach drei langen Jahren aus der Pionierka­ serne in Klosterneuburg hinaus und ich dachte mir: „Da hat man mich geschunden an der Donau, geschlagen, geohrfeigt, eingesperrt. Gott sei Dank, jetzt brauchst keinem mehr stramm salutieren, jetzt können mich alle in Uniform wie eine Briefmarke behandeln!“

Anmerkungen 1 2

Österreichisches Staatsarchiv, Kriegsarchiv, GGBL Wien 1876 (ILb-553). Nicht eindeutig zu übersetzende Schimpftirade.

102

Schwein, Hund und Arsch, bloss Mensch nicht Anton Kowatsch stammt aus Leopoldskirchen (ital. San Leopoldo Laglesie) im ­Kanaltal (ital. Val Canale), das bis zum Ende des Ersten Weltkriegs als Teil von Kärnten zur Habsburgermonarchie gehörte. Er wurde dort am 5. Juni 1856 als Sohn einer angesehenen Familie geboren, unter anderem war der Großvater väterlicherseits Dorfrichter und – wie später auch Anton Kowatsch und seine Brüder – Bürgermeister. Die Eltern waren Bauern und besaßen ein paar Ochsen zum „Fuhr­ werken“, wodurch der Vater oft bis nach Udine kam, um verschiede­ ne Waren zu transportieren. Sie hatten sieben Buben und drei Mäd­ chen; fünf davon starben im Kleinkindalter. Nach dem Tod des Vaters im Jahr 1870 war Anton Kowatschs Berufswunsch, ein Schlosser zu werden, nicht mehr realisierbar. Wegen der Verschuldung des elterlichen Hauses blieb er zunächst als Halterbub, lernte dann die Weberei und ging als Holzknecht in die Steiermark, bis er 1876 zum 2. Genieregiment nach Krems an der Donau assentiert wurde. Dort absolvierte Kowatsch die Re­ krutenzeit und das erste Jahr seines Militärdienstes, danach wurde er als Offiziersdiener abgestellt und reiste mit seinem „Herrn“ an mehrere Orte in das damalige Banat und nach Siebenbürgen, wo er gegen Ende der Wehrdienstzeit an Typhus erkrankte. Er kehrte 1879 in die Heimat zurück, erholte sich allmählich und lernte dann seine spätere Ehefrau kennen, die er 1886 heiratete. Das junge Paar konn­ te Haus und Hof des Stiefvaters der Frau übernehmen. Die im Folgenden abgedruckten Militärerinnerungen sind Teil eines zweibändigen, insgesamt 343  Seiten umfassenden hand­ 103

schriftlichen Manuskripts, das Anton Kowatsch 1928 begonnen und 1944 beendet hat. Es wurde der „Dokumentation lebensge­ schichtlicher Aufzeichnungen“ zunächst in Form einer von seinem Enkel Walter Errath 2001 angefertigten Abschrift zur Verfügung gestellt, dann auch als Kopie des in Kurrent geschriebenen Ori­ ginals. Dieses ist stark am mündlichen Ausdruck orientiert und in der Schreibweise uneinheitlich. Eröffnet werden die „Aufzeich­ nungen des Großvaters Anton Kowatsch“, wie damals oft üblich, „Mit Gott“ und setzen die Formel „Der auf Gott geglaubt, hat gut gebaut“ gleich eingangs als Motto. Sie sind an die Enkelkinder ad­ ressiert, die im Lauf der Lebenserzählung immer wieder direkt an­ gesprochen werden, auch um so moralische Gebote und Lebensweis­ heiten zu vermitteln. Nach der Präambel beginnt die Autobiografie im Jahr der Geburt des Autors und verfährt dann chronologisch ent­ lang der Jahresgliederung – von 1856 bis ins Kriegsjahr 1944, als die Niederschrift tagebuchähnlich wird und zuletzt in die Schilde­ rung von Luftangriffen mündet. Ihr Autor starb zwei Jahre später, am 24. Februar 1946, in Villach. Neben den hier veröffentlichten Auszügen (den Seiten 15 bis 25 des Originals) handelt die Autobiografie des Anton ­Kowatsch von Kindheitserinnerungen, dem Krieg Österreichs gegen Preußen im Jahr 1866 und dem Ersten Weltkrieg, den er besonders ausführlich thematisiert hat – wohl auch, weil sein Heimatort damals lange Zeit hindurch evakuiert war und nach Kriegsende aufgrund des Friedensvertrages von St. Germain ein Teil von Italien wurde, was die Aufzeichnungen über die darauf folgenden, für Kowatsch be­ sonders schweren Jahre leitet. Daneben geht es um Familiäres und verschiedenste Arbeiten im Lauf der Zeit, sei es als Holzknecht und Zimmerer, Bauer, Vorarbeiter bei der Bahn, Gastwirt usw.; nach dem Krieg war auch ein neues Haus gebaut worden, in das später Sommergäste aufgenommen wurden. Schließlich musste Anton Kowatsch in hohem Alter noch den Zweiten Weltkrieg erleben; den Anschluss Österreichs an das Deutsche Reich beschrieb er zunächst ausführlich und in positivem Licht und optierte auch dafür – um 104

dann, gegen Ende seiner Aufzeichnungen, die Kriegszerstörungen in Villach hervorzuheben und folgendermaßen zu resümieren: „Wir armen Kreaturen wissen sehr wenig im Frieden, heute im Krieg ist aber Schweigen geboten.“

(…) Jetzt kommt das Jahr 1876, ein trauriges Jahr für mich. Es war der 10. Mai, als die Assentierung stattfand und ich als tauglich befunden wurde, und zwar zum 2. Genieregiment. Noch zwei meiner Cousins und noch einer, sodass vier von Leopoldskirchen tauglich waren. Es war schon wieder ein „Streich“ für mich und die Familie. Wieder kein Verdiener, es war mit dem Fortgehen nichts mehr. So habe ich mich hier um Arbeit umschauen müssen. Einen Monat zu den Holzknechten, dann auf die Alm Kälber halten. Das war eine sehr gute Zeit, aber nicht lustig, die Gedanken waren schon beim Militär. Nur hie und da, wenn das junge Volk zusammen­ gekommen ist, war es wieder vergessen. So hat sich der 1. Oktober genähert. Aber auch dieser Tag hat uns nicht fortgebracht. Es war gerade am 1. Leopoldskirchner Kirchtag. Da war Musik, die ganze Nacht hindurch haben wir getanzt. In der Früh noch in die Messe, dann auf Leiterwagen bis Tarvis. Auf keiner Hochzeit waren so ­viele Zuschauer als damals. Böller schossen, die Musik spielte, und was am Wagen Platz hatte, hat uns begleitet bis St. Kathrein. Bis Tarvis fuhren wir mit dem Wagen, von Tarvis bis Villach mit dem Zug. In Villach haben wir übernachtet, dann am nächsten Tag, am 3. Oktober, nach Klagenfurt. In Klagenfurt angekommen, haben uns schon Soldaten erwartet. Nicht mehr in die Stadt, sondern gleich in die Kaserne. Warst schon nicht mehr dein eigener Herr, warst schon unter der Knute. Dort sind wir schon auseinandergekommen. Alle vier sind wir, jeder Einzelne, zu einem anderen Regiment gekommen. Der Erste, Michael Temel, der ist schon am selben Abend 105

weg, nach Pola. Dann am anderen Tag ein Cousin zum 7. Infanterieregiment nach Innsbruck. Der andere Cousin zum 33. Jäger­bataillon nach Ungarisch-Skalitz. Mit dem sind wir am anderen Tag bis Wien zusammen gefahren. In der Früh angekommen, mussten wir bis Nachmittag im Hof stehen. Dann war schon der erste militärische Gruß: Schwein, Hund, Arsch usw., bloß Mensch nicht. Am Nachmittag hieß es auf einmal antreten: Genie rechts, Jäger links. Dort sind uns beiden Cousins die Tränen gekommen. Mein Cousin hat es schöner gehabt, er hat mehrere Kollegen vom Kanaltal gehabt, aber ich war allein. Schnell ein Händedruck und „Rechts um Marsch!“ zum Kaiser-Franz-Joseph-Bahnhof, dann nach Krems. Um halb 10��������������������������  Uhr���������������������� abends in Krems angekommen, dann verteilt zum Schlafen. In der Früh schon um 5 Uhr auf. Dann haben wir schon gesehen, was die anderen machen, die schon sechs Tage dort waren. Da sind uns die Haare zu Berge gestanden. Um 8 Uhr in den Hof, wir waren noch in Zivil, dann ist die Kompanie-Nr. mit der Kreide auf den Rock geschrieben worden. Ich erhielt Nr. 19. Wir waren nur Kärntner allein. Von allen Ländern waren sie schon dort. Unser Regiment bestand aus fünf Bataillonen. Das 1. Bataillon aus lauter Kärntnern, das 2. Bataillon aus meistenteils Wienern und Niederösterreichern, das 3. Bataillon aus Böhmen, das 4. Bataillon aus Ungarn, das 5. Bataillon alles zusammengeworfen von ganz Österreich. Dort im Hof, wo wir die Nummern erhielten, war schon ein Gefreiter oder ein Korporal von jeder Kompanie. Es hat jeder seine Leute genommen: „Marsch, zur Kompanie!“ Und bei der Kompanie hat schon der Feldwebel gewartet. Haben sofort Montur und Gewehr und die ganze Ausrüstung ausgefasst. Das war so viel Zeug, dass jeder genug zu tragen hatte. Dann sofort überziehen und um 2 Uhr am Nachmittag schon hinaus und Exerzieren bis 4 Uhr. Dann Löffeln, bis jetzt hat niemand gefragt, ob du was zum Essen hast oder nicht. Wer 106

kein Geld im Sack hatte, der hat können hungern. Das Essen war erst am nächsten Tag um 12 Uhr mittags, weil dazumal nur einmal zu essen war. Wer kein Geld in der Tasche hatte, der konnte volle 24 Stunden warten. Was war nachher das Essen, wenn er so ausgehungert war – er hat ja leicht zwei Menagen weggegessen. Das Essen war zwar nicht schlecht, war in Suppe eingekochtes Fleisch und Zuspeise und ein Laib Kommissbrot alle Tage. Für mich war es genug, weil ich Geld gehabt habe und mir etwas zum Frühstück und zum Nachtmahl gekauft habe. Aber wer nichts hatte, sondern nur Mittagessen, der hat oft die Sterne gesehen bei Tag. Jetzt ist die Geschichte losgegangen: In der Früh um 5 Uhr auf. Zuerst aufbetten, dann waschen, auskehren. Ich habe zum Unglück noch dem Zugskommandanten seine Sachen zu putzen gehabt. Dann um 7 Uhr antreten. Eine Stunde Gelenksübung. 8 Uhr hinaus, bis 10 Uhr exerzieren, dann einrücken, putzen, waschen, neue Halsstreifen aufnähen. Um 12����������������������������������������������  Uhr������������������������������������������ Menage, dann wieder putzen. Um 2���������  Uhr����� wieder ­hinaus. Um 4 Uhr zu Hause, 5 Uhr Befehl: von 5 bis drei viertel 9 Uhr immer putzen. Um drei viertel 9 Uhr hat sich jeder anziehen müssen, samt Überschwung, und beim Bettstattl aufstellen. Dann ist von den Abrichtern einer immer visitieren gekommen. Wer nicht alles in Ordnung hatte, hat müssen wieder putzen und nochmal aufstellen. Dann wurde er nochmal visitiert. Dann ausziehen, die Montur ober dem Kopf schön zusammenlegen, und wenn es nicht richtig beinander war, hat er die ganze Montur auf den Kopf herunter­ geschmissen, hast müssen schön ruhig aufstehen, kein finsteres Gesicht machen und neu zusammenlegen. Und wenn es nicht anständig war, so hat er es dir oft sogar fünf- bis sechsmal abgeschmissen. Diese Komödie hat sechs Wochen gedauert. Wenn das einmal vorüber war, war es schon bedeutend besser. Da hast du wenigstens abends, wenn deine Sachen in Ordnung waren, 107

früher schlafen gehen können. Das war bei mir wohl gut, ich war sehr willig und hab mir nie etwas zuschulden kommen lassen. Hab mich zusammengenommen. Das beweist die folgende Tatsache: Wir waren erst acht Tage dabei, als wir vom Exerzieren nach Hause kamen und der Leutnant sagte: „Wer heute gut exerziert hat und die Chargen schon nennen kann, vom Gefreiten bis zum Kaiser, der kann heute nach dem Befehl spazieren gehen.“ Da hat sich mein Zugskommandant gleich gemeldet, dass ich gut exerziert habe, und die Chargen nennen konnte ich wie das Vaterunser. Da sind wir nur sieben von der Kompanie gewesen, die wir hinausgehen konnten. Doch wir wussten nicht wohin, wir waren fremd, keiner hatte ein Geld in der Tasche, nur ich. Da sind alle über mich, ich soll einen Liter Wein zahlen, sie werden es mir schon zurückgeben. Aus dem einen Liter sind zwei geworden. Trotzdem der Liter nur 16 Kreuzer gekostet hat, waren es doch 32 Kreuzer, die haben sie mir bis heute nicht zurückgegeben. Ich habe dann diese Gesellschaft gemieden und mir andere Kollegen ausgesucht, wenn auch nicht von meiner Kompanie. Als dann acht Wochen vorüber waren, war die Rekrutenabrichtung beendet. Dann sind wir nach der Größe samt der alten Mannschaft eingeteilt worden, das war schon lustiger. Aber wenn ich zurückdenke an diese acht Wochen, so graust mir davor. Was der Mensch alles mitmachen muss, und man weiß nicht warum. Am 1. Dezember hat dann die Schule begonnen, hat vier Monate gedauert. Da war in der Früh Tagwache um 6 Uhr, nur in der Küche war es finster. Von 7 Uhr früh bis 8 Uhr Gelenksübung. Von 8 Uhr früh bis halb 12���������������������������������������������������  Uhr����������������������������������������������� Schulunterricht: befestigte Schanzen, Brückenbau und Sprengungen. Am Nachmittag um halb 2 Uhr war wieder Schule bis halb 4������������������������������������  Uhr�������������������������������� . Von 4�������������������������  Uhr��������������������� bis halb 5����������  Uhr������ Exerzieren. Um 5 Uhr Befehl, dann Ausgang oder Faulenzen. Jetzt war ganz ein anderes Leben. Das erste Mal war ich im Dienst am 4. Dezember, am Übungsplatz bei Nacht auf Posten. Es 108

hat geschneit, dass man nicht auf fünf Schritte gesehen hat, da hab ich mir gedacht: „Heute war das erste Mal und wird das letzte Mal.“ Drei Jahre sind lang. Unser Herrgott hat es aber anders geschlichtet. Es waren nicht drei Jahre, sondern ein Jahr und dieses Jahr war ich 36-mal im Dienst. Die Schule hat bis 1. April 1877 gedauert. Vom 1. April an alle Tage auf den Übungsplatz. Dort wurde von 6 Uhr früh bis 11����������������������������������������������������������  Uhr������������������������������������������������������ vormittags gearbeitet, aber wie. So, dass ich in meinem Leben nie so gearbeitet hab, nicht einmal bei den Holzknechten. Mit hungrigem Bauch war in der Früh um 5 Uhr Abmarsch, eine Stunde marschieren und um 6 Uhr anfangen. Von 11 ��������������������������������������������������� bis 12���������������������������������������������  Uhr Rückmarsch. Dann war bis halb 2 Uhr����� Pause. Am Nachmittag dann Brückenbau und Wasserfahren. Es muss noch erwähnt werden, dass es im Frühjahr beim ersten Korbflechten eine alte Sitte war, dass jeder Rekrut sich hat müssen über den Korb legen und fünf Stockstreiche bekommen hat, so auch die Offiziere. Die ersten vier Streiche hat der Feldwebel ausgeteilt, und zwar den ersten für den Kaiser, den zweiten für die Kaiserin, den dritten für das Regimentskommando, den vierten für das Kompaniekommando. Der letzte, fünfte, hieß es, sei für sämtliche Kameraden. Beim fünften Streich konnten alle alten Soldaten dreinhauen. Nur das war beim fünften gut: Wer eine gute Charge gehabt hat, der hat einen Prügel oder Stock schnell daruntergehalten, so hat man vom fünften nicht viel gespürt. Wer aber niemanden hatte, der hat beim fünften wenigstens 25 bis 30 Hiebe bekommen. Bei mir hat mein Zugsführer einen festen Prügel untergehalten, so habe ich vom fünften gar nichts bekommen. Manche haben es so stark bekommen, dass sie acht Tage auf dem Hintern nicht sitzen konnten. Wenn das vorüber war, dann waren wir erst wirkliche ­Geniesoldaten und nicht mehr Rekruten. So ist die Zeit vergangen, immer auf Arbeit, bis zum 20. September. Dann, am 20. September, wurden die Alten, die drei Jahre gedient ha109

ben, beurlaubt. Das war der lustigste Tag für diejenigen, die beurlaubt wurden, und der traurigste Tag für die Zurückgebliebenen. Leider war es so still und ruhig in der Kaserne, wie wenn alles ausgestorben wäre. Auch manche Tränen sind vergossen worden, von zurückgebliebenen Mädchen, denn die haben ihren Schatz das letzte Mal gesehen. Sie gingen noch bis zum Bahnhof mit der Musik, dann noch ein Kuss und ein Händedruck und aus. Gott sei Dank, für mich hat diese Stille nur sechs Tage gedauert. Am 24. September musste ich noch Dienst machen, und zwar Kasernenwache. Habe aber schon eine Ahnung gehabt, dass das vielleicht das letzte Mal war. Von 1 bis 3 Uhr nachts bin ich auf Posten gestanden. Zu Mittag war unser Dienst aus. Bevor ich nach Hause kam, begegnete mir unsere Charge, und die sagte mir, dass ich morgen zu Mittag, am 26. September, nach Wien zum Oberleutnant Leo Lederle in die Kriegsschule komme. Ihr könnt euch vorstellen, was das für eine Freude war. Und richtig, am 26. September um 1 Uhr Mittag fuhr ich mit dem Dampfer auf der Donau weg. In Wien angekommen und unbekannt in einer Großstadt, habe ich einen Dienstmann aufgenommen, dass er meinen Koffer getragen hat und zugleich auch Wegweiser war. Zur damaligen Zeit gab es noch keine elektrische Tramway, sondern Pferdebahn. Wien hat dazumal nur zehn Bezirke gehabt. So habe ich am selben Tag in der Transportkaserne geschlafen. Erst am anderen Tag bin ich in der Kriegsschule beim Herrn dort angekommen. Ich habe ca. eine Stunde gewartet, dann ist der Herr gekommen und hat mich in seine Privatwohnung geführt, sie war nur vis-à-vis der Kriegsschule. Dort, wo er gewohnt hat, waren sehr gute Leute, die Frau sowie die Töchter, auch die Köchin und das Stubenmädchen. Er hat für mich nur ein kleines Zimmer gehabt. Der Boden war mit Linoleum überzogen, was alle Tage zum Wichsen 110

war. Es war aber leicht, weil es klein war. Die Hausfrau war sehr liebenswürdig, hat mir alles gezeigt: aufbetten, auskehren, wichsen, kurzum alles. Zuerst hätte ich es bald bereut, gekommen zu sein, aber in ein paar Tagen habe ich schon eingesehen, dass ich nicht unter der Knute stehe, sondern nur einem Herrn zu gehorchen habe. Dann habe ich dürfen die Frau, wenn sie ausgegangen ist, nämlich ins Geschäft – sie haben eine große Niederlassung eines Lampengeschäftes an der Ringstraße gehabt – sauber abbürsten. Dafür habe ich jedes Mal 20 Kreuzer bekommen. Dann waren drei Töchter, zehn bis 14 Jahre alt, die haben mir die Schuhe zum Putzen gebracht. Eine hat Schuhe gebracht, eine Kaffee, eine Brot. Der Köchin habe ich Wasser und Holz gebracht, weil die Wohnung im dritten Stock war. Da habe ich immer ein Glas Wein, ein Stück Brot und was dazu bekommen. Dann ist noch das Stubenmädchen gekommen, ich soll Bodenwichsen helfen, da habe ich jedes Mal 20 Kreuzer bekommen. Da sind mir erst die Augen aufgegangen, dass das ganz ein anderes Leben war wie bei der Kompanie. Keine Knute mehr. Doch habe ich gewusst, dass dieses Leben nicht lange dauern würde, weil der Herr nur noch die Prüfungen zu vollenden hatte, und dass wir dann von Wien wegkommen. Es hat aber doch sechs Wochen gedauert. Das war schnell vorüber. Ich habe immer gedacht, dass wir vielleicht nach Graz oder Klagenfurt kommen, zu fragen hab ich mich aber nicht getraut, und selbst der Herr hat nicht gewusst, wohin wir kommen. Am 1. November 1877 sagte dann der Herr zu mir: „Anton, können Sie ein Pferd putzen, jetzt bekomme ich ein Pferd.“ Ich war ganz erstaunt, aber zum Lügen war ich nicht erzogen und rückte sofort mit der Wahrheit heraus: „Ich habe nie ein Pferd geputzt, noch eines in der Hand gehabt.“ Trotzdem das schon von der Kompanie aus bekannt war, hat er mich gefragt. Weil ich dort die Wahrheit gesagt hatte, ist ein 111

anderer statt meiner zu einem Oberleutnant nach Graz gekommen. Der hat gelogen, wie er fort ist, sagte er zu mir: „Ich kann gerade so wie du kein Pferd putzen.“ Ich habe die Wahrheit gesagt, er hat gelogen, er war nicht glücklich damit, und ich war glücklich. Er war nur drei Monate dort, ist erkrankt, hat drei Monate Krankenurlaub bekommen, dann hat er müssen zu einer fremden Kompanie einrücken. Dort wurde er nur sekkiert und hat eineinhalb Jahre zugebracht bis Dienstende. Beim Gespräch mit meinem Herrn betreffend Pferdputzen war auch die Hausfrau anwesend. Diese Frau hat mich durch sechs Wochen so lieb gewonnen, dass sie zum Herrn sagte: „Der Anton wird das Pferdputzen schon lernen.“ Und dass ich so ein braver Bursche bin und dass sie keinen solchen mehr bekommen würde. Mit einem Wort: Ich wurde so empfohlen wie ein nächster Verwandter, sodass der Herr Hauptmann herzlich gelacht hat und keiner etwas gesagt hat. Nur bevor wir von Wien fort sind, hat er mich noch einmal gefragt, ob ich Freude dazu hab‘, und ich habe gesagt: „Ja.“ Am 3. November kam die traurige Botschaft, dass wir, anstatt nach Graz oder Klagenfurt, nach Ungarn, und zwar nach Großwardein versetzt werden. Das ist im Siebenbürgischen, das nach dem Weltkrieg zu Rumänien gekommen ist. Es hieß nun packen und gehen. Da hat mir wieder die liebe Frau alles gezeigt, wie man einpackt, und hat bei allem mitgeholfen wie eine Mutter. Und sooft der Herr Hauptmann geschrieben hat, war für mich ein Gruß dabei. Schwer war der Abschied von Wien, dieser schönen Wienerstadt. Noch schwerer war mir beim Herzen, als wir in Großwardein angekommen sind. (…)

Die weiteren Aufzeichnungen Anton Kowatschs über seine Zeit als Offiziersdiener führen nicht nur ins damalige Großwardein (ru­ män. Oradea), sondern über Szegedin (ung. Szeged) und Temes­ war (rumän. Timişoara) auch nach (ung.) Weißkirchen (serb. Bela 112

Crkva) an der rumänischen Grenze. Auch dort war sein „Herr“, dem ­Kowatsch zwei Jahre hindurch treu ergeben diente, für längere Zeit stationiert. Er beschreibt genau die dort von ihm verlangten ­Arbeiten, wie das Putzen im Haus und die Versorgung der Pferde im Stall, und hebt stolz hervor, dass er sehr gut reiten lernte, im Unterschied zu anderen Offiziersdienern sogar selbstständig ausrei­ ten durfte. Sein Offizier wird als „guter Herr“ charakterisiert; dass es auch anders hätte sein können, wird mehrfach deutlich. Auch die Multiethnizität der Habsburgermonarchie und ihrer ge­ meinsamen Armee wird in den hier nicht mehr veröffentlichten Mi­ litärerinnerungen von Anton Kowatsch besonders anschaulich. Sein Dasein als Offiziersdiener brachte es mit sich, dass er weite Reisen unternahm und im Zuge dessen – selbst dreisprachig – neue Erfah­ rungen mit anderen Ethnien und Kulturen machte. So hebt er etwa unterschiedliche Bekleidungs- und Essgewohnheiten sowie verschie­ dene klimatische Bedingungen und hygienische Standards hervor, ohne das abzuwerten; das Neben- und Miteinander der „Nationen“ im ehemaligen Banat beschreibt Kowatsch im Gegenteil als von „Ruhe und Eintracht“ bestimmt. „Landsmannschaft“, ein Wiedersehen mit Bekannten aus der engeren Heimat, blieb dennoch sehr wichtig für ihn; gerade solche Begegnungen erinnert der ­Autor mehrfach, ebenso wie die Gemeinschaft oder Konflikte unter den ­Offiziersdienern. Die Bilanz von Anton Kowatsch über diese Zeit als Offiziers­diener ist zwiespältig: „Trotzdem es mir so gut gegangen ist – in meinem Le­ ben habe ich es nicht mehr so schön gehabt als in den zwei Jahren beim Herrn Hauptmann –, habe ich mich sehr gefreut auf das Jahr 1879. Es war die Hoffnung, dass heuer meine Dienstzeit aus ist und dass ich nach drei Jahren meine liebe Heimat wiedersehe“, schrieb er etwa gegen Ende seiner Militärerinnerungen, und weiter über ebendieses Jahr 1879, in dem der Autor schwer erkrankte: „Bevor ich das Jahr 1879 verlasse, muss noch erwähnt werden: Es war das traurigste, weil ich bald gestorben wäre, aber auch das lustigste, weil ich von der Knu­ te befreit war. Es waren die zwei Jahre beim Herrn Hauptmann die schönsten meines Lebens, doch war ich nicht frei.“ 113

Nun bist du des Kaisers Knecht Josef Schuster ist am 14. März 1872 nahe Wies in der Weststeiermark geboren. Als Sohn einer Bauernfamilie mit neun Kindern lernte er früh die Ar­ beit und Entbehrung, mitunter auch Schläge kennen. In der Schule hatte er gute Noten, konnte jedoch keine Berufsausbildung machen – abgesehen davon, dass Josef Schuster schon mit zwölf Jahren zur Kirchenmusik ging und dort nicht nur das Singen, sondern auch das Trompeten- und Orgelspielen erlernte. Nach der Schule kam dennoch, was für viele Bauernsöhne damals galt: Schuster arbeitete daheim als Knecht, bis er im Frühjahr 1893 bei der Assentierung für tauglich befunden wurde und im Herbst desselben Jahres zum Infanterieregiment Freiherr von Beck nach Graz einrückte. Die erste Zeit dort schildert er als Soldatenschin­ derei, aus der er herauskam, als er zum Hornisten ausgebildet und zur Militärmusik abgestellt wurde. Dadurch begannen für ihn, wie er Jahrzehnte später schrieb, angeblich sogar „die glücklichsten Zei­ ten“ seines Lebens – ungeachtet einer Ohrfeige, die er einmal von einem Feldwebel erhielt. Die folgenden Erinnerungen an sein erstes Jahr beim Militär vor der Versetzung seines Regiments ins damalige Görz (ital. Go­ rizia) sind Josef Schusters Autobiografie entnommen, die den Titel „Die Familie Schuster und ihr Stammhaus Strauss“ trägt. Sie stellt auch eine Art Familienchronik dar und erzählt neben dem eigenen, oft schwierigen Leben die Geschichte des elterlichen Hofes und der Verwandtschaft. Verfasst wurde der Text knapp vor seinem Tod in der Nähe von Buenos Aires, wohin der Autor, frisch verheiratet, im Jahr 1910 gemeinsam mit seiner Frau ausgewandert ist. Der 114

„­ Dokumentation lebensgeschichtlicher Aufzeichnungen” liegt die Autobiografie seit 1983 in Form eines 25-seitigen maschinschriftli­ chen Manuskripts vor.

(…) Mit 21 Jahren fing der zweite Abschnitt meines Lebens an. Im Frühling musste ich mich präsentieren zur ärztlichen Visite und wurde als zum Militärdienst tauglich befunden. Ich freute mich sehr. Nun bin ich Soldat und die Liesl würde es nicht mehr wagen, mich einen dummen Depp zu schelten. Nun komme ich einmal los von dieser verhassten Bauernarbeit. Tags zuvor zog ich mich aus und wusch mich gründlich mit einer Seife. Dann brachte mir ein Mädchen einen Strauß herrlicher Blumen. Der Vater schenkte mir fünf Gulden, ich hatte noch nie so viel Geld in der Tasche. Zwei Tage blieb ich in Eibiswald, verliebte mich in die schöne Kellnerin bei Brenners Gasthaus; da sie in der Nacht nicht einwilligen wollte, machte ich ihr am nächsten Tag keinen Hof mehr. Warum auch das viele Herumschwänzeln und Betteln, in Graz wird es noch schönere Mädchen geben, dachte ich mir. Als ich nach Hause kam, sagte der Vater: „Nun bist du nicht mehr mein, sondern des Kaisers Knecht, lass es dir leicht geschehen von nun an.“ Am 30. September 1893 rückte ich zum Militär ein, zusammen mit mehreren Bauernburschen. Wir jauchzten, sangen, machten einen Heidenspektakel, damit die Leute auf uns aufmerksam sein sollten. „Dumme Burschen, morgen woant´s scho um eure Muatta“, sagte der Schmidlenz. Abends kamen wir in Graz an und nahmen beim Dreihakenwirt Quartier. Morgens am 1. Oktober präsentierten wir uns in der Dominikanerkaserne. Am ersten Tag war die Fassung, da wurden uns die Monturfetzen vor die Füße geworfen zum Anprobieren, sie waren zerrissen, voll Schmutz. Am zweiten Tag lernten wir Bettma115

chen, Montur zusammenlegen, Namenszettel hineinnähen. Am dritten Tag ging es hinunter in den Kasernenhof, „Marsch eins!“ klopfen. Mit „Eins!“ mussten wir das linke Bein vorwärts werfen, mit „Zwei!“ das rechte. Mit „Herstellt!“ musste ich die vorherige Stellung annehmen. Das dauerte bis abends, „Eins! Zwei! Herstellt!“ usw. „Krumme Bauern gerade machen, das bringt Teufels Urgroßvater nicht fertig“, sagte der Korporal. Ich wurde der 10. Kompanie II. Zug des k. u. k. Infanterieregiments Freiherr von Beck zugeteilt. Mein Zimmerkommandant war ein Slowene, Korporal Cursche. Bei dem hatte ich keine guten Zeiten, er schikanierte und bestrafte mich wegen jeder Kleinigkeit. „Ich werde dir noch in Garnisonsarrest bringen, du deutscher Hund“, sagte er einst. Ich war noch zu dumm, wegen diesem Wort hätte ich ihn in den Garnisonsarrest bringen können. In der sechsten Woche musste ich wieder einmal den ganzen Tag exerzieren, „Auf!“ und „Nieder!“, „Marsch eins!“ klopfen, meine Knie waren dick geschwollen, todmüde sank ich ins Bett. Da kam einer mir avisieren, ich sollte in die Kantine kommen, es sei wer unten. Es war mein Vater, der brachte mir einen Pack Geselchtes, Gugelhupf und Geld. Meine Freunde kamen auch, und mein Zimmerkommandant, der glaubte, ich werde ihn einladen. Ich hatte eine Wut auf ihn, weil er mich so quälte. Und so zahlte mein Vater für alle Bier. Bis zum Retraiteblasen, wo ein jeder ins Bett muss. In der Früh, bei der Retraite, wartete der Korporal nicht, bis ich selbst aus dem Bett kroch, er drehte den Strohsack um, und ich kroch mühsam unter dem Strohsack hervor. „Diesen Hund werde ich heute im Kasernenhof tanzen lernen“, sagte er. Ich überlegte mir eine Zeit lang: Tanzen im Kasernenhof mit meinen geschwollenen Knien, nein, das geht nicht – und ließ mich ins Marodenbuch einschreiben. Sollte der Arzt mich nicht als krank befinden, nun, so komme ich ins Loch; noch immer besser als tanzen mit geschwollenen 116

Füßen. Als ich im Marodenzimmer war, kam mein Hauptmann zum Arzt und sagte ihm, er möge den Schuster nicht als krank anerkennen, denn gestern war sein Vater da, der zahlte zu viel Bier, und heute habe der Kerl einen Katzenjammer. Der Arzt befand mich trotzdem als dienstuntauglich, ich blieb zwei Wochen im Marodenzimmer. Als ich zurückkam ins Mannschaftszimmer, hing schon ein Horn über meinem Bett. Der Hauptmann hatte mich währenddessen zum Kompaniehornisten gemacht. Nur musste ich ein wenig die Signale üben, außerhalb der Stadt, neben der Mur. Ich schrieb die Signale auf Noten, und in ein paar Tagen konnte ich alle. In der Früh und nachmittags ging ich fleißig zur Hornistenschule, nur um aus der Kaserne fort­ zukommen. Der Bataillonshornist ließ mich ungeschoren im Gras herumwälzen und Zigaretten rauchen, denn nach einer Woche blies ich besser als er. Da wurde ich zum Regimentsstab zur Prüfung gerufen, nachdem ich schon zwei Wochen die Hornistenschule besuchte. Man gab mir einen Walzer zu blasen mit einer Trompete. „Sehr schwach im Notenlesen“, sagte Feldwebel Sernig. Dann sagte er, ich solle auswendig was blasen, und ich blies den Generalmarsch, den ich in der Hornistenschule­ lernte. Das kam mir zugute. Der Feldwebel lächelte und notierte ­etwas auf. Die Prüfung war beendet, und ich hatte wenig Hoffnung. Eines Tages sollte ich als Hornist mit der Kompanie nach dem Lazarettfeld ausrücken. Da kam ein Bescheid vom Regimentsstab, der Schuster soll sofort dorthin ein­ rücken. Ich warf den Tornister, den ich schon am Rücken hatte, aufs Bett und packte meinen Koffer auf die Schulter. Korporal Cursche schäumte vor Wut: „Komm mir nur wieder, du Gauner!“ Nun kamen für mich die glücklichsten Zeiten meines Lebens. Ich war glücklich wie die Seligen im Himmel. Man behandelte mich höflich, „Schuster, wollen Sie meine Schu117

he putzen“, „Schuster, wollen Sie mir etwas holen von der Kantine.“ Die Musiker spielten fast jede Nacht irgendwo. Sie schliefen bis Mittag. Währenddessen mussten wir Anfänger die Instrumente abholen, nachmittags probten sie Schrammel, eine Harfe, Cello, Bratsche, Violine, ich schrieb im Nebenzimmer Noten. Wie schön spielten sie, das Zimmer schön warm, draußen war es eisig kalt, vom Kasernenhof klangen Kommandoworte herauf: „Auf! Nieder! Schultert! Kniet!“ Wie wohl fühlte ich mich, ein himmlisches Leben! Also, die Aufgabe der Anfänger war, die Instrumente und Notenkisten von dort, wo gespielt wurde, heimzuholen oder dorthin zu schaffen, wo gespielt wird; das dauerte den ganzen Fasching 1894. Von dem Einkommen durch die Musik bezog zwei Drittel die Regimentskasse, ein Drittel wurde unter den Musikern nach Rangklassen verteilt. Für die Musiker ohne Charge blieb so sehr wenig. So verdiente ich später für ein Eiskonzert am Hilmteich einen Schoppen Bier, zwei Würstel und 15 Cent, aber für ein Promenadekonzert in der Industriehalle vier Schoppen, einen Schweinsbraten und 30 Cent. Da ich sehr schwach war im Notenlesen, übte ich mich, wenn nichts zu tun war, fleißig an der Trompete. Und nicht umsonst. Im Frühjahr fingen die Marschproben an, da sollten wir schon so viel können, um bei der Ausrückung mitzuspielen. Wehe dem, der während dem Winter nichts lernte, der musste zur Kompanie zurück. Während des Winters scherte sich kein Teufel um uns, ob wir das lernten, aber im Frühjahr bekam jeder Rekrut seinen Lehrer. Der ließ mich blasen, dass es mir schwarz wurde vor den Augen. Da gab es viel zu spielen: sonntagvormittags Eiskonzert am Hilmteich, das war der Anfang nach dem Fasching, dann kamen die Gartenkonzerte, bei den Regimentsübungen mussten wir das Regiment abholen, bei der Defilierung den Präsentiermarsch spielen und einmal in der Woche in der Offiziersmesse. 118

Aber wir mussten auch Zimmertour machen, den Gang reinigen. Da passierte es, als ich den Gang fegte. Ich war etwas zerstreut, der Feldwebel Moravek ging vorbei, und ich staubte mit meinem Besen seine Hosen. Der gab mir eine Trumm Ohrfeige und plärrte mich an: „Du dummer Steirer, kannst nicht aufpassen!“ Der Tagskorporal Steiner war anwesend, zu ihm sagte er: „Führen Sie diesen in die Wachstube!“ Es gab an diesem Tag ein großes Doppelkonzert mit zwei Regimentsmusiken, bei dem „Der Traum eines Reservisten“ aufgeführt wurde, da brauchte mich der Regimentstambour Mühlberger. So war ich nur zwei Stunden im Arrest, aber die Folgen davon waren schwer. Am nächsten Tag beim Rapport wurde ich zu 30 Tagen Kasernenarrest verurteilt, wegen Unaufmerksamkeit einem Vorgesetzten gegenüber. Korporal Schneider bekam 15 Tage Dunkelarrest wegen Aufhetzung der Untergebenen gegen ihre Vorgesetzten. Korporal Schneider gab mir nämlich den Rat, ich soll zum Regimentsrapport gehen, da würde Feldwebel Moravek degradiert werden und in Garnisonsarrest kommen. Das hörte ein Unberufener. Feldwebel Moravek bekam sieben Tage Einzelarrest, die er nach seiner Dienstzeit ver­büßen musste. Wenn ein deutscher Feldwebel mir eine Ohrfeige gegeben hätte, wäre es bei der Ohrfeige geblieben, aber der Tscheche Moravek hat damit alle deutschen Musiker beleidigt. Im Herbst 1894 wurde unser Regiment nach Görz versetzt, nach Graz kam ein Bosniakenregiment. Bei den Herbstmanövern – die musste ich bei der Kompanie mitmachen –, als wir ausmarschierten aus Graz, standen alle Mädel Spalier, wir wurden mit Blumen beworfen, viele liefen nebenher mit bis Straßgang, wo das Manöver anfing. Die auf diesen Ausschnitt folgenden Militärerinnerungen Josef Schusters sind nur mehr sehr knapp gehalten. Sie thematisieren das 119

„Kaisermanöver“ im damaligen Görz sowie einen Zwischenfall bei der Platzmusik in Triest kurz vor seinem Abrüsten, als das natio­ nalistisch aufgeheizte „Volk“ Steine gegen das dort spielende deut­ sche Militärorchester warf – was vom Autor der Aufzeichnungen dahingehend gedeutet wurde, dass „der österreichische Staat schon morsch war“. Wenige Tage nach der Rückkehr zu seiner Familie, wo er erneut die Bauernarbeit aufnehmen musste, bereute Josef Schuster seinen Aufzeichnungen zufolge schon, dass er „nicht beim Militär weiter­ diente“. Er blieb dennoch bis zu seinem 34. Lebensjahr Knecht am elterlichen Hof; seine mehrfachen Versuche, in einen Nachbarhof einzuheiraten, scheiterten. Daraufhin ging er nach Graz und ar­ beitete dort bis zu seiner Auswanderung nach Argentinien in einer Großbrauerei.

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Armer Pfeifendeckel! Michael Macher wurde am 22. September 1874 im niederösterreichischen Weitersfeld geboren. Seine Eltern hatten neun Kinder, der Vater war Tischler­ meister, die Mutter Taglöhnerin und Hausfrau. Die Familie lebte in ärmlichen Verhältnissen, daher konnte auch dem Sohn Michael sein Wunsch nach dem Besuch einer höheren Schule nicht erfüllt werden; er absolvierte die Tischlerlehre im Handwerksbetrieb des Vaters. Danach ging er nach Wien und arbeitete dort als Geselle bis zum großen Tischlerstreik von 1894, den Macher ablehnte. Dass er aufgrund dieses sozialen Konflikts nicht arbeiten konnte, obwohl er wollte, ließ Michael Macher an den Zukunftsperspektiven in seinem erlernten Beruf zweifeln; daher erschien ihm die nahen­ de Stellungspflicht als ein möglicher Ausweg. Er schrieb darüber: „Also was? Nun, nächstes Jahr kommst du zur Assentierung. Viel­ leicht wirst du ,behalten‘, wirst Unteroffizier, dienst länger und wirst zum Schluss Beamter. Ein schöner Beruf, allseits geachtet, sicher bezahlt – auch damals – und Altersversorgung! So packte ich rasch entschlossen meine ,sieben Zwetschken‘ – oder waren es weniger? – zusammen und fuhr nach Hause, wo ich gern und gut aufgenommen wurde und bis zum Einrücken im Oktober 1895 als Gehilfe arbeitete.“ Dieses Zitat aus seiner 375 maschinschriftliche Seiten umfassen­ den Autobiografie mit dem Titel „Werdegang eines kleinen Mannes“ beschreibt Michael Machers anfängliche Einstellung zum Militär treffend. Mit dem Vorhaben, eine militärische Laufbahn einzu­ schlagen und sich durch „Längerdienen“ als Unteroffizier schließ­ lich eine Stelle im Staatsdienst zu erwirken, rückte dieser junge 121

Mann im Herbst 1895 zur k. u. k. Traindivision Nr. 2 in Wien ein. Dort war er zunächst in der Trainkaserne in der Ungargasse stationiert, wurde aber nach der Grundausbildung und nachdem eine „Abstellung“ in die Bildungsschule für Unteroffiziere nicht geklappt hatte, als Offiziersdiener nach Sarajevo transferiert – was seinem ehrgeizigen Ziel, bald selbst zu „führen“, diametral ent­ gegenstand. Die Abstellung zum umgangssprachlich abfällig als „Pfeifen­ deckel“ taxierten Offiziersdiener, dessen vielfach auf diverse Putz­ arbeiten reduzierten Tätigkeiten er genau darlegt, provozierte ­Machers Renitenz „seinem“ Oberstleutnant in Sarajevo gegenüber. Daraufhin wurde er von diesem umgehend zur 19. Gebirgstraines­ kadron nach Trebinje in Bosnien-Herzegowina strafversetzt. Dort arbeitete er hart, bei den Pferden wie in der Schreibstube der Einheit und verlor sein ehrgeiziges Vorhaben, ein Rechnungsunter­offizier zu werden, doch nie aus den Augen. Davon schreibt er auch am Ende des hier veröffentlichten Ausschnitts seiner umfangreichen Militärerinnerungen, die in mehrere Kapitel unterteilt sind, von der „Assentierung“ bis zum „Längerdienen“. Der Text stammt aus der in den Jahren  1937/38 verfassten ­Autobiografie mit dem oben zitierten Titel, der auch Michael ­Machers späteren beruflichen Erfolg als höherer Polizeibeamter impliziert. Auf seinen sozialen Aufstieg trotz vieler Widrigkeiten blickte dieser politisch stets konservativ gebliebene Mann dem­ nach im Alter mit Stolz zurück; er erzählt im Bewusstsein seiner erlangten Bedeutsamkeit. Dieses Motiv leitete auch die Abfassung der Lebenserinnerungen, die er, nachdem ihn bei seiner Pensionie­ rung im Jahr 1934 der Präsidialvorstand der Polizeidirektion zum Schreiben angeregt hatte, seinen Kindern widmete. Sie wurden der ­„Dokumentation lebensgeschichtlicher Aufzeichnungen“ im Jahr 1991 durch die Enkelin des Autors übergeben.

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(…) Und so kam im März 1895 der sehnsüchtig erwartete Tag der „Stellung“ heran. Die Assentierung erfolgte im Gasthaus Kepler in Geras. In „Konkurrenz“ mit mir für das „Soldatwerden“ in der ersten Altersklasse waren noch vier Altersgenossen, von denen ich allerdings nicht behaupten kann, dass sie gleich mir gerne als „tauglich“ erklärt zu werden gewünscht hätten, eher das Gegenteil. Denn ihnen als Söhnen wohlhabender Bauern ging es besser als mir, wegen der Versorgung brauchte ihnen nicht bange zu sein, und dann war auch das „Soldatwerden“ damals in diesen Kreisen nicht sehr beliebt. Aber von meinem Standpunkte aus, hatten alle vier einen Vorteil voraus: Sie waren alle kräftig und wohlgenährt – war doch der Winter, die Ruhe- und „Fresszeit“ der Bauern, noch nicht vorüber, während ich, ausgerackert und so ziemlich mager, mich mit ihnen körperlich nicht messen konnte. Bange Momente, bis die Reihe an mich kam. Drei von den vieren waren schon „behalten“ und so fürchtete ich, als ich „unter das Maß“ kam, die Assentierungskommission würde ihren Bedarf bereits gedeckt haben und mich für das nächste Jahr zurückstellen. Nach der Feststellung der Körpergröße durch einen Unteroffizier kam der Regimentsarzt. „Hören Sie gut?“ – „Ja.“ – „Sehen Sie gut?“ – „Ja.“ – „Heben Sie den rechten Fuß; den linken Fuß; lesen Sie rasch das!“, er zeigte mir eine Schrift; „Husten Sie!“ Ich fürchtete noch stärker als vorher eine Rückstellung und platzte heraus: „Herr Regimentsarzt, ich möchte gerne Soldat werden!“ Prompt erfolgte die lächelnd gegebene Antwort: „Versäumen Sie´s, Sie sind schon einer.“ Gott sei Dank! Ein Stein fiel mir vom Herzen. Der erste Schritt zum – nun, zu was? – war getan. Nun, sagen wir zum „Adjunkten“ oder dergleichen … schwebte mir vor. Nach der „Beeidigung“ und Bekränzung des Hutes durch die „nicht behaltenen“ Kameraden und der darauf folgenden Sauferei (traditionell, um ein heute viel gebrauchtes Wort zu brauchen) ging es „hoch zu Ross“ (mit dem Schlit123

tengespann) die zwölf Kilometer lange, verschneite Straße nach dem und durch den Heimatort, wo die Eltern und einige ­Geschwister vor dem Haustor standen. Weinend rief die Mutter: „Jetzt haben sie ihn wirklich behalten.“ Ich aber war glücklich und zufrieden. Am 5. Oktober 1895 rückte ich, nachdem ich einige Wochen vorher die Einberufung zur k. u. k. Train­division Nr. 2 in Wien erhalten hatte, erst nach St. Pölten (Ergänzungsbezirks-Kommando) und dann nach Wien in die Trainkaserne III, Ungargasse Nr. 49, die auch „Poststallkaserne“ genannt wurde, ein. Train? Was ist das? Kein Mensch meines Milieus konnte mir genau sagen, was das ist. Nur so viel, dass es mit dem Militärfuhrwesen zu tun habe. Ich war baff. Wie komme ich dazu, eine Art Pferdeknecht zu werden, wenn auch k. u. k.? Noch mehr entsetzt war ich, als mir die Anfangsgründe des Dienstes in dieser edlen Truppe in der Poststallkaserne beigebracht wurden. In welcher Form, wird jeder wissen, der das Glück hatte, damals „dienen“ zu müssen – beim Militär. Aber – du musst durch, dachte ich. Ich kam durch. Unter welchen Schwierigkeiten, Strapazen, Leiden und Demütigungen sei im Nachfolgenden erzählt. Kurz nach beendeter Ausbildung (zwei Monate) hieß es eines Tages „im Befehl“, wer von den neuen Mannschaften die Unteroffiziers-Bildungsschule frequentieren wolle, möge sich melden. Natürlich, ich einer der Ersten. Aber da kam schon die Enttäuschung: Von meiner Eskadron (der 82.) hatten sich außer mir noch drei Kameraden gemeldet. Einer von diesen Mitbewerbern hatte vier Klassen Gymnasium, der zweite einige Realschulklassen absolviert, der dritte hatte „Protektion“. Und so kam es, dass ich zurückgestellt wurde, obwohl sich meiner der damalige Leutnant Wilhelm Hladik angenommen hatte. Leutnant Hladik war einer von jenen wenigen Offizieren, die „ein Herz“ für die Mannschaft hatten und nicht nach dem abscheulichen Grundsatz handelten: Der 124

Mensch fängt beim Leutnant an. Ich bringe ihm hier nochmals meinen Dank entgegen und hoffe, dass es ihm gut geht. Er war nach dem Umsturz Prokurist in einer sehr bekannten Wiener Handelsfirma, mit deren Inhaber er verwandt ist oder war. Welchen Schmerz ich empfunden habe, als ich abgewiesen worden war, kann man sich vorstellen, wenn man bedenkt, dass ja auf dieser Grundlage – Unteroffizier – mein ganzes ferneres Leben aufgebaut werden sollte. Jung wie ich war, tröstete ich mich aber bald in dem Bewusstsein, dass ich durch Fleiß, Ausdauer und gute Führung auch ohne Bildungsschule Unteroffizier werden könne. Da kam aber ein neuer Schlag. Bei der Befehlsausgabe – ich war damals im Augmentationsmagazin, Favoritenstraße 26, in der sogenannten „Holzhofkaserne“ kommandiert, um bei der Abwehr der Motten in den Spätfrühjahrswochen mitzuwirken, man nannte das „Schabenklopfen“ – hieß es eines Abends: „Trainsoldat Macher hat morgen, 10�������������������������������������  Uhr��������������������������������� vormittags, in Ausgangsadjustierung im Hofe der Poststallkaserne gestellt zu sein!“ Was war denn da wieder los? Niemand konnte mir Aufschluss geben. Und so machte ich mich am nächsten Morgen „schön“ – soweit ich dies noch nötig hatte – und wanderte, hoffend und fürchtend, an den Bestimmungsort. Dort fanden sich nach und nach auch ungefähr 20 Kameraden meines Assentjahrganges ein, die der gleiche Befehl gerufen hatte. Ein geschäftig tuender Wachtmeister stellte uns in eine Reihe und kommandierte dann: „Ruht!“ Wir warteten. Plötzlich das Hornsignal: „Habt Acht!“, der Wachtmeister kommandiert: „Haaabt Acht!“, und schon ist der Herr Oberstleutnant und Divisionskommandant da. In seiner Begleitung der Divisionsadjutant und ein Unteroffizier der Kanzlei. Von Mann zu Mann gehend und an Einzelne einige Fragen richtend, kam er endlich zu mir. In Erwiderung seines Blickes blickte ich fest in seine Augen. Er begann: „Wie heißen 125

Sie?“ – „Trainsoldat Michael Macher.“ – „Beruf?“ – „Tischler.“ – „Eltern?“­– „Tischlermeister-Eheleute in Weitersfeld.“ – „Schule?“ – „Fünfklassige Volksschule in Weitersfeld.“ – „In Wien gewesen früher?“ – „Ja.“ Er wendet sich um und sagte zum Adjutanten: „Der wird recht werden.“ Der Adjutant notierte, und weg war die hohe Kommission. Der Wachtmeister kommandiert: „Abtreten!“, und wir zerstreuten uns. Zu was werde ich „recht werden“? Niemand wusste Bescheid. Ich sollte es aber bald erfahren! Am Abend bei der Befehlsausgabe hieß es unter anderem: „Der Trainsoldat ­Michael Macher von der Traineskadron Nr. 82 hat heute noch abzurüsten und geht im Transportwege nach Sarajevo mit der Bestimmung als Offiziersdiener für den dortigen Divisionskommandanten, Herrn Oberstleutnant …, ab.“ – Na schön. Da hatte ich die Bescherung. So gerne ich auch nach Sarajevo, der Hauptstadt des Wunder- und Sagenlandes Bosnien ging, so sehr widersprach es meinem Geschmack „Pfeifendeckel“ zu werden. Ich, der ich selbst ein bisschen „Herrennatur“ in mir fühlte, sollte die niedersten Arbeiten verrichten? Nein, das tue ich nicht! Und schnurstracks ging ich in die Eskadronkanzlei zum Rechnungsunteroffizier – ein solcher zu werden war mein Ideal –, meldete mich bei ihm und sagte: „Ich mag nicht ­Offiziersdiener werden.“ – „Habt Acht!“, kommandiert er und sagt: „Das Wort ,Ich mag nicht‘ gibt es beim Militär nicht, wohl aber das Wort ,Ich muss‘! Also rüsten Sie schleunigst ab, hier sind die Verpflegsdokumente für das Transporthaus, und marsch mit Ihnen!“ Also aus. Gehst halt, dachte ich, und wartest ab, was weiter geschieht. Zumindest machst du eine lange und schöne Reise auf Staatskosten, siehst etwas und erlebst manches. Ich habe erlebt – manches? – nein, vieles! Im Transporthaus (auf dem Getreidemarkt) durfte ich die Nacht auf dem Fußboden verbringen, dann ging es zum Südbahnhof und nach der Einwaggonierung über Graz, Agram, 126

Bosnisch-Brod im Schneckentempo nach Sarajevo, wo ich an einem heißen Junitag des Jahres 1896 eintraf und mich sogleich bei der Traindivision Nr. 15 meldete. Ein Trainsoldat führte mich in die Wohnung meines zukünftigen Herrn, die in der Stadt gelegen war, während sich „das Lager“ (die ­Kaserne) außerhalb der Stadt befand. In der Wohnung wurde ich der Gattin des Herrn Oberstleutnant vorgestellt (der Herr Gemahl war verreist und inspizierte seine Untergebenen im ganzen Lande). Nachdem ich die Musterung durch „die Gnädige“, welche mit einem Lorgnon bewaffnet war, über mich hatte ergehen lassen, sagte ich: „Gnädige Frau, ich bitte um meine Ablösung!“ Das Lorgnon entfiel ihrer Hand, das Gesicht wurde „indigniert“ (wie es so schön in Romanen heißt), und: „Das müssen Sie meinem Mann, dem Herrn Oberstleutnant sagen, wenn er zurückkommt.“ Abwenden und Abgang. Die Köchin, die alsbald erschienen war, führte mich in „mein Zimmer“, eine fensterlose Hinterkammer, in der es recht unordentlich aussah, deutete auf einige auf dem Bette liegende Kleidungsstücke und sagte: „Hier ist die Livree.“ Na also, auch das noch! Sie sah aus – die Livree! So wie das Zimmer; wie, will ich nicht beschreiben, weil es unbeschreiblich aussah; noch heute „graust es mir“, wenn ich daran denke. Ich probierte vorsichtig den Rock. Gott sei Dank! Viel zu groß. Vielleicht bekommst du eine neue Livree oder darfst in Uniform Dienst machen. – Ja, freilich! Ein Eskadronschneider verkleinerte die Livree und so paradierte ich schon am zweiten Tage in der nicht sehr geschmackvollen Kleidung. Der Kutscher und die Köchin unterwiesen mich in den von mir nur sehr widerwillig erlernten Obliegenheiten, als da sind: „Zimmer wachseln“ (Parkettboden bürsten), Schuhzeug putzen, in der Küche helfen, Abfälle zum „Mistbauer“ tragen, den Hund „äußerln“ führen und dergleichen angenehme Dinge mehr. 127

Es wurde eine äußerst sparsame Hauswirtschaft geführt, obwohl der Eiskasten in der Vorratskammer mit Wild und Geflügel – Geschenke der Trainoffiziere an ihren obersten Chef – gefüllt war. Aber diese Herrlichkeiten musste ich zum größten Teil befreundeten Hausfrauen anbieten – für die gnädige Frau alleine wäre es unmöglich gewesen, sie zu verspeisen, für uns drei Diener waren sie offenbar zu vornehm, und verderben wollte sie die Hausfrau doch nicht lassen. Wir drei Diener bekamen höchstens Rindfleisch mit Gemüse als Gerichte, an denen auch noch der Hund teilnahm; die Gnädige speiste anders. Ich erinnere mich an einen Abend, an welchem die Gnädige Gesellschaft hatte. Nach dem Weggehen der Gäste – meist Offiziere und höhere Beamte mit ihren Damen – musste ich die Reste der in den Gläsern verbliebenen Wein- und Likörsorten wieder in die Flaschen füllen, aus denen sie eingeschenkt worden waren. Ein andermal war die Gnädige auf kurze Zeit verreist. Auf zu kurze Zeit. Diese Gelegenheit benützte die Köchin, eine Ungarin, um für uns drei aus den vom „ausgelassenen“ Schweinespeck gebliebenen „Grammeln“ unter Hinzufügen von ein wenig Mehl und Eiern ein ungarisches Nationalgericht, „Grammelpogatschen“, zu bereiten. Die Gnädige kehrte aber ungücklicherweise – als wenn sie den Braten gerochen hätte – früher als erwartet zurück. Ein Sturm erhob sich. Weinend gestand die Küchenfee das Pogatschen-Verbrechen. Zornfunkelnden Blickes sagte die Gestrenge:­„Paschawirtschaft!“, und entschwebte. Endlich, nach vier leidensvollen Wochen, eröffnete mir eines Morgens die Gnädige: „Heute Abend kommt mein Mann, der Herr Oberstleutnant, zurück. Sie werden ihn am Bahnhof erwarten.“ Ich aber machte gleich nachher einen Ausflug auf den Trebovic, einen der Berge, die Sarajevo in malerischem Kranz umgeben, genoss den herrlichen Rundblick, tat mich gütlich an einheimischem Schafkäse und Brot und leistete mir – Feier des Tages – ein Viertel leichten roten Landeswein. 128

Dabei vergaß ich – nicht unabsichtlich – meinen Auftrag samt dem Herrn Oberstleutnant, obwohl mir derselbe heute noch – im guten wie im bösen Sinne – unvergesslich ist. Etwas spät am Abend, lange nach der Ankunft meines Herrn, kam ich nach Hause, begab mich in mein schönes Logement und schlief – ohne Gewissensbisse – bis in die Früh. Erste Arbeit: Stiefelputzen für den Herrn Oberstleutnant, dann Bringen des Kaffees an das Bett des „Gestrengen“. Nun sollte ich ihn zum ersten Mal sehen! Doch etwas bangen Herzens trug ich die Platte mit dem Frühstück in das Schlafzimmer, wo der gnädige Herr, noch im Bett, zu rufen geruhte. Er blickte mich durch die Brille durchdringend an, sagte aber nichts. Ich stellte die Platte auf einen beim Bett stehenden Sessel, nahm die über die Lehne hängenden Kleidungsstücke und entfernte mich. Nach Reinigung der Kleider brachte ich diese und die Stiefel zum Bett. Und nun begann es. Erst kritische Besichtigung der Stiefel. „Sind das geputzte Stiefel?“ Achselzucken meinerseits – ich war in Hemdärmeln wegen dem unterbrochenen „Zimmerwachseln“. „Wo warst du gestern und warum hast du mich nicht am Bahnhof erwartet, wie dir befohlen worden ist?“ Neuerliches Achselzucken meinerseits und: „Herr Oberstleutnant, ich bitte gehorsamst um meine Ablösung.“ – „So, ganz recht, ich habe mir während meiner Inspizierungsreise ohnehin einen braveren Burschen, als du einer bist, als Offiziersdiener ausgesucht, und zwar in Trebinje“ (einer Garnisonsstadt an der montenegrinischen Grenze), „der kommt zu mir und du wirst an seiner Stelle nach Trebinje zur 19. Gebirgstraineskadron gehen, dort zwei Pferde übernehmen und täglich im Sonnenbrand auf die Forts mit ihnen marschieren, abends die kalte Menage fressen und schon noch kennenlernen, was besser ist: für einen Oberstleutnant Dienst zu machen oder zwei Pferde putzen. Warum willst du nicht Offiziersdiener sein?“ – „Ich möchte Unteroffizier werden und 129

weiterdienen.“ – „So, abtreten, das Übrige wirst du erfahren; gleich einrücken zur Division!“ Das „Übrige“ war, dass ich nach dem Melden im „Lager“ (so hießen im Okkupationsgebiete die von einer hohen Mauer umgebenen Kasernen, auch „Defensionslager“ genannt) mit der angenehmen Mitteilung überrascht wurde, ich sei „wegen unmilitärischen Benehmens“ – das Achselzucken während meiner „Unterredung“ mit dem hohen Herrn – und weil ich „zur Besorgung eines Auftrages außerhalb des Hauses ungebührlich und unbegründet lange“ ausgeblieben sei, mit drei Tagen strengem Arrest (meine erste Strafe!) bestraft und hätte mich sofort in den Arrest zu begeben. Nach Verbüßung dieser Strafe – die durch einen Tag Fasten, einen Tag Verdunkelung der Zelle und einen Tag Fesseln an Händen und Füssen verschärft war1 – hätte ich im Transportwege nach Trebinje zur 19. Gebirgstraineskadron abzugehen, an Stelle des Trainsoldaten Jaklič, der an meine Stelle als Offiziersdiener zum Herrn Oberstleutnant käme. Also, abgelöst bist du. Nur Mut, es geht vielleicht doch noch, dass du dein Ziel erreichst! Nach Verbüßung der Strafe: Transporthaus. Mit der Bahn über Mostar (vorher „Ivan-Sattel“, eine Art Semmering) nach Metković in die Transenabteilung. Metković, an der Mündung der Narenta in das adriatische Meer gelegen, ist jene Stadt, wo ich zum ersten Male in meinen Leben einen Esel – aber einen wirklichen, vierbeinigen – sah und – oh Schrecken und Entsetzen! – auch hörte. In der Transenabteilung musste ich einen Tag auf das Schiff warten, welches mich nach Ragusa (Gravosa) bringen sollte, von wo es dann im Fußmarsch nach Trebinje gehen sollte. Der Leiter der Transportabteilung, ein Feldwebel der Verpflegsbranche, ein humaner Mann, beschäftigte mich mit Gartenarbeit in seinem Gemüsegarten. Ich fieberte schon, das Meer, von dem ich schon so viel gelesen hatte, zu sehen. In 130

Metković ist davon nichts zu sehen, bloß merkt man durch die Breite der eigentlich kleinen Narenta, dass das Meer hier schon hereindringt. Endlich war es so weit, und ich bestieg – auch zum ersten Mal – ein Seeschiff, allerdings war es bloß ein alter Kasten – aber was verstand ich damals davon! Ein Küstenfrachtdampfer, doch war es für mich „Provinzler“ ein gewaltiges Ereignis. Nach kurzer Fahrt die Narenta abwärts erblickte ich es endlich, das lang ersehnte Meer. Der Eindruck war ein gewaltiger und daher unvergesslich. Ich hatte auch Gelegenheit, während der Fahrt nach Gravosa eine „Wasserhose“ – allerdings in ziemlicher Entfernung – zu sehen. Im Hafen von Gravosa angelangt, hieß es zu Fuß den beiläufig dreiviertelstündigen Weg nach Ragusa zu wandern, um dort im Transporthaus zu übernachten. Ein herrlicher, meist von prächtig blühenden Oleanderbäumen eingesäumter Weg, vorüber an dem prachtvollen Hotel „Imperial“, und dann war die Stadt Ragusa, heute Dubrovnik, die Perle der – damals österreichischen – Adria da. Ein großartiger Anblick, die alten Palazzi, die schönen Plätze, allen voran der Hauptplatz mit dem Springbrunnen, aber – alles wie ausgestorben! Nun ja, bei der Hitze. Abends war aber ein sehr bewegtes Korsotreiben von vielen sehr hübschen Damen, meist von fremdländischem Typus und prächtig gekleidet, die sich mit Fächern Kühlung zufächelten und mit den Offizieren kokettierten. Mich hat keine beachtet. Armer Pfeifendeckel! Das Transporthaus in Ragusa lag damals auf einem kleinen Kap (Vorgebirge), von welchem aus man einen herrlichen Überblick über das Meer, das dort in wunderbarem Blau erglänzte, hatte – auf die gegenüberliegende, nicht weit entfernte Insel Lacroma, Eigentum der damaligen Kronprinzessin-Witwe Stefanie; herrlicher Ausblick! Ich konnte der lockenden Bläue des Meeres nicht widerstehen und nahm – auch zum ersten Mal – ein Bad im Meer. Ach, wie leicht 131

schwamm es sich in der Salzflut! Aber dann das Transporthaus! Die miserable Verpflegung, das nicht besonders reine Nachtlager – doch es ist ja bloß für eine Nacht, tröstete ich mich, und schon morgen geht es nach Trebinje neuen Ereignissen entgegen. Neuen Menschen und neuen Gegenden. Was wird dort sein und wie wird es werden? Nachdem ich mir noch einmal das Leben und Treiben auf dem Korso angesehen und die vielen Damen bewundert hatte, ging es wieder in das Transporthaus zur Ruhe. Am folgenden Morgen Fußmarsch nach Trebinje, welches von Ragusa 30 Kilometer entfernt ist. Schon um 8 Uhr früh eine Hitze, von der sich niemand, der es nicht mitgemacht hat, eine Vorstellung machen kann – und ich mit meinem, wenn auch kleinen und nicht besonders schweren, aber immerhin durch scharfe Kanten drückenden Holzkoffer. Und 30 Kilometer, bei 50 Grad Wärme, das konnte lustig werden. Ich erkundigte mich daher bei einem Soldaten, ob er mir nicht einen Rat geben könne wegen des Koffers. Er sagte mir: „Du bist ja vom Train, nicht wahr? Nun, da gibst du den Koffer bei der Wache im Platzkommando-Gebäude ab, und der nächste Traintransport nach Trebinje wird ihn mitnehmen, das dauert höchstens ein bis zwei Tage. Und dann lass dir nur Zeit. Der Weg führt über ein ziemlich hohes Gebirge und die Hitze spürst du ja jetzt schon.“ Ich bedankte mich, folgte seinem Rate und begann meinen Marsch. Der Weg aus der Stadt hinaus führte erst an schönen Gärten mit fast tropischer Vegetation vorüber, aber dann begann es! Als die Mittags­ hitze einsetzte und sich nachmittags noch steigerte, lernte ich kennen, was es heißt, in einer völlig baum- und strauchlosen Landschaft, ohne Gras und Kräuter, ohne die geringste Spur von Wasser, auf kalkstaubiger Gebirgsstraße zwischen völlig kahlen, die Hitze reflektierenden Felsen und Bergen, ohne den geringsten Schatten den glühenden Sonnenstrahlen ausgesetzt zu marschieren! Kein Lebewesen weit und breit. 132

Bald spürte ich auch ein eigentümliches, vorher nie gekanntes Jucken, eher ein „Beißen“ im Nacken, welches unmöglich von der allerdings sehr reichlichen Transpiration kommen konnte. Also herunter mit dem Hemd! Die Bluse hatte ich schon gleich nach dem Verlassen der Stadt ausgezogen und nachgesehen. Und siehe da – bald hatte ich die Ursache des Beißens gefunden. Ich entdeckte zwischen den Falten des Hemdkragens zwei Läuse und einige Nissen (die Eier des Weibchens der niedlichen Tiere). Auftrennen des Kragens, Verbrennen der Schmarotzer und ihrer Ableger und Ausräucherung der Umgebung der Fundstelle. Also so war das Transporthaus in Ragusa beschaffen? Oder hatte ich die angenehmen Tierchen im Eisenbahnzug von einem Mitreisenden oder schon in Sarajevo im Arrest bekommen? Gleichviel. Ich war entsetzt und fürchtete, das Ungeziefer nicht mehr loswerden zu können, deshalb war es, angelangt in Trebinje, wo ich in den ersten Abendstunden angekommen war, mein Erstes, einen Kameraden zu bitten, mir eine Garnitur Wäsche – Hemd und Unterhose – sowie Seife und Bürste zu borgen. So ausgerüstet ging ich zu der nahen Trebinčica, einem bei Bilek, 29 Kilometer von Trebinje, als ziemlich starker Wasserlauf aus den Felsen kommenden Fluss, der bei Ragusa wieder in den Bergen verschwindet. Dort badete ich, obwohl es verboten war, reinigte mich gründlich mit Seife und Bürste, schwamm längere Zeit in dem kalten Wasser und ließ meine Wäsche wegschwimmen. Am nächsten Morgen Meldung in der Kanzlei beim Rechnungsunteroffizier. (Bei dem „dienstführenden Wachtmeister“ hatte ich mich gleich nach dem Eintreffen gemeldet, er hatte mir mein Bett im Mannschaftszimmer angewiesen, wo mir mein Bettnachbar die Wäsche gegeben hatte.) Der Rechnungsunteroffizier, ein länger dienender Wachtmeister ­namens Povondra, ein Tscheche, aber gutmütigster Prägung – und Österreicher! –, führte mich in das Monturmagazin, um 133

mich auszurüsten, das heißt, mir Uniform, Waffen und Wäsche auszufolgen. Dabei examinierte er mich folgendermaßen: „Was sind Sie für ein Landsmann?“ – „Wiener.“ – „Aha, hab mir´s gleich gedacht. Was haben Sie in Sarajevo angestellt?“ – „Ich glaube, Herr Wachtmeister werden es ohnehin wissen!“ – „Na, ist schon gut. Können Sie lesen?“ So eine Frage! „Ich glaube, ja!“ – „Schreiben?“ – „Ja.“ – „Rechnen?“ – „Auch!“ – „Also tragen Sie Ihre Sachen ins Zimmer und dann kommen Sie zu mir in die Kanzlei“. Also tat ich. In der Kanzlei sagte der Herr Wachtmeister auf einen Sessel vor einem Schreibtisch deutend: „So, setzen Sie sich da her, hier haben Sie Papier, Feder und Tinte, und nun schreiben Sie, was ich Ihnen diktieren werde.“ Das Diktat dauerte eine halbe Stunde, der Wachtmeister besah es eingehend, dann musste ich den Inhalt des Geschriebenen aus dem Kopf kurz wiedergeben. Hierauf musste ich einen Abschnitt aus dem Dienstreglement vorlesen, dann musste ich einige Rechnungen lösen, und dann sagte Herr Povondra: „Es ist gut. Ich habe hier in der Kanzlei einen Korporal als Hilfskraft, der taugt aber nicht viel. Ich will es mit Ihnen versuchen, bis der Herr Rittmeister vom Urlaub kommt. Wenn Sie entsprechen und der Herr Rittmeister erlaubt es, können Sie hier weiter bleiben.“ Wer war glücklicher als ich! Da hatte ich rascher und unverhofft mehr erreicht, als ich hatte hoffen dürfen. Endlich schien der Grundstock zum Unteroffizier und somit zum Beamten vorhanden zu sein. Es sollte aber anders kommen! (…) Auch durch die weiteren schriftlichen Militärerinnerungen Michael Machers zieht sich – neben vielen präjudizierenden, von Deutsch­ nationalismus geleiteten Verweisen auf Militärangehörige ande­ rer ethnischer Gruppen – als Leitlinie des Erzählens das Auf und Ab, Rückschläge und Fortschritte im beharrlichen Verfolgen seiner ­beruflichen Perspektive. Sie schien immer wieder bedroht zu sein, 134

obwohl er sich selbst als äußerst tüchtig und lernwillig darstellt. So wurde Macher zwar am Ende seiner Wehrdienstzeit doch noch zum Unteroffizier befördert, lehnte aber das ihm angebotene „Längerdie­ nen“ zunächst ab, um von Trebinje wegzukommen. Erst in Wien meldete er sich wieder als Anwärter auf eine Stelle als Rechnungs­ unteroffizier und wurde erneut aufgenommen – quittierte jedoch den Dienst zwei Jahre später, weil er mit den „Drangsalierungen“ einiger Vorgesetzter nicht zurechtkam. Vom Militär zutiefst enttäuscht, suchte Michael Macher da­ raufhin eine geeignete „Zivilanstellung“ – mit Erfolg. Schon im Jahr 1901 begann er, mittlerweile verheiratet, seine Karriere als ­Polizeiagent und blieb auch nach dem Ende der Monarchie im Poli­ zeidienst. Er arbeitete unter anderem eng mit dem 1927 für die blu­ tige Niederschlagung der „Julirevolte“ verantwortlichen Polizeiprä­ sidenten Johann Schober zusammen. Seine Erinnerungen an diese Zeit enthalten, neben zahlreichen Anekdoten, viele stark ideologisch gefärbte Deutungen des politischen Geschehens während der Ersten Republik; dabei blieb Michael Macher stets großdeutsch eingestellt und thematisierte in einem solchen Erzählmuster auch mehrfach den Zerfall der k. u. k. Monarchie.

Anmerkung 1

Laut der „Disciplinar-Vorschrift für das k.  k.  Heer“ von 1869 konnte das „Schließen in Spangen“ als Disziplinarstrafe bis zu sechs Stunden verhängt werden und das „Anbinden“ zwei oder drei Stunden; hier bleibt unklar, welche dieser beiden Körperstrafen Michael Macher meint. Beide waren sehr schmerzhaft und wurden bis zur Änderung der Disziplinarordnung von 1903, die Ersteres verbot und Zweiteres auf den Kriegsfall einschränkte, sehr häufig angewendet.

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Mir blieb bei der Rekrutenausbildung nichts erspart Alois Petrides wurde am 10. Juni 1890 im damaligen Iglau (tschech. Jihlava) in Mähren geboren. Sein Vater arbeitete zu dieser Zeit als Maschinist in einer Zigarrenfabrik, die Mutter betrieb ein eigenes Kaufmanns­ geschäft; die beiden hatten fünf Kinder. Alois war der älteste Sohn der relativ gut situierten Familie. Er konnte nach dem Abschluss der Volks- und Realschule von 1904 bis 1907 die Staatsgewerbeschule in Graz besuchen, wo er in der Kunst­ anstalt und Buchdruckerei Senefelder zum Lithografen ausgebil­ det wurde. Danach wechselte er zur Firma Schulze nach Prag und lernte dort noch die Fotochromie, wurde dann aber – wie er schrieb, aus nationalistischen Gründen – zusammen mit anderen deutschen ­Arbeitskollegen gekündigt. Seine hier abgedruckten Militärerinnerungen setzen schon mit der darauf folgenden Arbeitssuche von Alois Petrides ein. Der Autor erläutert zunächst, dass er damals keine seiner Ausbildung entsprechende Stelle fand, weil er – als gerade Neunzehnjähri­ ger – den Wehrdienst noch nicht abgeleistet hatte, was seitens der ­angeschriebenen Firmen als Nachteil gewertet wurde. Daher mel­ dete sich Petrides schon vor Erreichung des gesetzlich vorgeschrie­ benen Stellungsalters zum Militär und wurde im Herbst 1909 ­außertourlich assentiert. Als sogenannter „Dreijährig-Freiwilliger“ konnte er den Wunsch deponieren, bei welcher Einheit er am liebs­ ten dienen würde. Er entschied sich mit dem dezidierten Anliegen, so Ungarisch lernen zu können, an erster Stelle für das damals etwa zu 90 Prozent aus ungarischer und slowakischer Mannschaft be­ 136

stehende Infanterieregiment Parmann Nr. 12 in Klosterbruck (tschech. Loucký klášter) bei Znaim (tschech. Znojmo), in das er kurz darauf tatsächlich aufgenommen wurde. Die Erinnerungen an das erste Dienstjahr in dieser Einheit sind in mehrerlei Hinsicht außergewöhnlich. Sie belegen einen be­ achtenswert raschen militärischen Aufstieg ihres Verfassers, der schon während seiner Rekrutenzeit Freiräume im Kasernenleben zu nutzen wusste und nach nur sieben Monaten zum Unteroffi­ zier befördert wurde. Auch in Hinblick auf die Multiethnizität des Heeres beschreibt Petrides seine Dienstzeit äußerst facettenreich, in­ dem er mitunter zwar nationale Stereotypen verwendet, diese aber gleichzeitig immer wieder durchbricht; einzelne Passagen im Text formuliert er sogar auf Ungarisch – wohl um so deutlich zu machen, dass er, der neben Deutsch bereits Tschechisch konnte, die mit dem Wehrdienst in der österreichisch-ungarischen Armee verbundene Chance zur Mehrsprachigkeit zu nutzen wusste und dort tatsäch­ lich ­Ungarisch gelernt hat. Diese Stellen sind im Original zwar feh­ lerhaft beziehungsweise als gesprochene Sprache festgehalten und wurden daher für die Drucklegung korrigiert; sie zeigen dennoch, dass solche beim Militär erworbenen Kenntnisse lange gespeichert werden konnten. Außerdem enthalten diese Aufzeichnungen, die im Original als Teil eines 186 Seiten starken maschinschriftlichen Manuskripts überliefert sind und die Lebensgeschichte von der Kindheit bis zum Ausbruch des Ersten Weltkriegs erzählen, eine Reihe von Foto­ grafien – auch aus der Militärdienstzeit. Sie wurden teils von einem befreundeten Offiziersdiener, teils aber auch von Alois Petrides und seinem Bruder aufgenommen, die beide schon in der Kindheit mit dem selbst gebauten Fotoapparat des Vaters hantieren durften. Eine Auswahl daraus enthält der Bildteil dieses Bandes, in den die zu den einzelnen Fotografien gehörenden autobiografischen Erläuterungen übernommen wurden. Diese fehlen im hier abgedruckten Text. Die Bearbeitung des Originals erfolgte sehr zurückhaltend; bewusst bei­ behalten wurden etwa der beliebige Wechsel zwischen deutschen, 137

ungarischen, tschechischen oder slowakischen Ortsangaben und die vielen für die alte Schreibweise typischen Dativendungen auf e. Die „Dokumentation lebensgeschichtlicher Aufzeichnungen“ erhielt die Lebenserinnerungen des Alois Petrides im Jahr 2000 in Form einer gebundenen Broschüre von Ingrid Altinger, Marlies Hödl und Angelika Blaser, den Enkelinnen des Autors. Dieser ging nach der Ableistung des dreijährigen Präsenzdienstes und nachdem er erneut vergeblich Arbeit als Lithograf gesucht hatte, zur Gendar­ merie und war dann Jahrzehnte hindurch in mehreren Gemeinden Niederösterreichs als Gendarm eingesetzt – auch während des Zwei­ ten Weltkriegs, über den in der Familie weitere schriftliche Erinne­ rungen von Alois Petrides vorliegen. Außerdem hat er sich künst­ lerisch betätigt; zu seinen bildnerischen Werken gab es auch eine eigene Ausstellung in Mürzzuschlag, wo die Familie seit 1948 lebt. (…) Nach einigen Wochen der Erholung schrieb ich dann ein Offert an die Firma Nenke & Ostermayer in Dresden, legte meine Zeugnisse und Muster meines Arbeitskönnens bei. Nach 14 Tagen erst folgten die Beilagen mit der Verständigung zurück, dass ich für eine Anstellung im dortigen Unternehmen, trotzdem ich bereits 19 Jahre zählte, noch zu jung wäre, zumal ich meine drei Jahre Militärdienstzeit noch nicht abgeleistet hätte. Diese dann mit dem 21. Lebensjahre ein­ tretende Unterbrechung werde nach erfolgter Einarbeitung im Betriebe bei einer Festanstellung unliebsam empfunden und sei unrentabel. Auch lehre die Erfahrung, dass die Lithografen nach vollendeter Militärdienstzeit ihre Kondition zumeist verändern oder doch wenigstens längere Zeit benötigen, um sich ordentlich einzuarbeiten, was wieder auf Kosten des Firmeninhabers gehe. Nahezu dieselbe Antwort erhielt ich auch auf mein Ansuchen von den Firmen Orell & Füssli aus Zürich sowie Lampe aus Innsbruck. Durch den Umstand, dass ich erst auf die Rücksendung der Originalzeugnisse und sonstigen Beilagen von einer 138

Firma warten musste, bevor ich sie einer anderen absenden konnte, verging die Zeit, und mit ihr vergingen auch meine Ersparnisse, die ich mir von Prag mitgebracht hatte. Dazu drängte der Schneidermeister Liebl auf die Begleichung des Turneranzuges. Um meinen Eltern nicht unnötig zur Last zu fallen, sah ich mich genötigt, den für mich an diesen Tagen ohnehin wertlosen Anzug bei Verfall der Angabe und der bis dahin geleisteten Ratenzahlungen rückzustellen und eine eventuelle vorzeitige Erfüllung meiner Militärdienstpflicht in Betracht zu ziehen, um dieses mich an der weiteren Berufsausübung Hindernde wenigstens hinter mir zu haben. Ich begab mich in die Landwehrkaserne zu meinem Onkel, dem dort länger dienenden Feldwebel Stryček, und besprach, Rat suchend, mit ihm die näheren Bedingungen für eine Aufnahme zum Militär. Er schilderte mir das Soldatenleben in den schönsten Farben und setzte mir sogar ein diesbezüg­ liches Aufnahmegesuch auf, das ich, fein säuberlich geschrieben, nach einigen Tagen an das Ergänzungsbezirkskommando in Iglau zur Absendung brachte. Ich musste in demselben, außer den Gründen für die vorzeitige Assentierung, meine bisherige Schulbildung, das Beherrschen der zweiten Landessprache in Wort und Schrift und ferner meine Zeichenkenntnisse anführen, um eines Erfolges sicher sein zu können. Nach Wochen bangen Wartens war es endlich so weit, dass dem Gesuche stattgegeben und ich Anfang November 1909 zur Musterung beziehungsweise außertourlichen Assentierung in die Rudolfskaserne in Iglau beordert wurde. Bei dieser wurde ich sorgfältig durch den Regimentsarzt auf Herz und Nieren geprüft und als zwar etwas hoch aufgeschossen, mit geringem Senkfuß behaftet, doch als zum „k. u. k. Militärdienst tauglich“ befunden. Für das MilitärGrundbuchblatt wurde nachstehende Personenbeschreibung ausgefertigt: „Statur: groß; Haare: blond; Augen: grau; Augenbrauen: braun; Nase: normal; Mund: proportioniert; 139

Kinn: oval; Angesicht: oval; besondere Merkmale: keine; redet Sprachen: Deutsch und Böhmisch; geimpft: ja; misst: 1,81 m.“ Gleichzeitig wurde mir bedeutet, dass der Termin der allgemein üblichen Assentierung (1. Oktober eines jeden Jahres) schon vorbei sei, dies jedoch bei einer Freiwilligkeit der Militärdienstzeitableistung nichts zu sagen habe und ich auf eine baldige Einberufung rechnen könne. Bei den Rekruten (damaliger Ausdruck für die Jungmannen) des Infanterieregiments Nr. 81 in Iglau hatte ich gesehen, dass diese auf der Straße mit Monturen herumgingen, deren Blusen nur etwas über den Ellbogen und die Hosen kaum bis zu den Fußknöcheln herabreichten, sodass sie dem Spotte der Bevölkerung preisgegeben waren. Ich machte daher in dem erwähnten Gesuche von der Begünstigung Gebrauch, drei Regimenter für meinen zukünftigen Militärdienst wählen zu können. In Iglau wollte ich schon aus vorgeschilderten Kleidungsgründen nicht dienen und führte dieses Regiment als letzten der drei Dienstorte an. Als Erstes erbat ich die Aufnahme zum ungarischen Infanterieregimente Parmann Nr. 12 in Klosterbruck bei Znaim, als Zweites gab ich das k. u. k. Infanterieregiment Nr. 99 in Znaim an. Ersteres war mir deshalb sympathisch, weil ich Lust und Liebe zur Erlernung der ungarischen Sprache hatte und ich bei diesem zum Teil aus Slowaken bestehenden Truppenkörper durch meine Kenntnisse im Tschechischen eine Verständigung für möglich hielt; die Kommandosprache war ja ohnedies in der ganzen Monarchie Deutsch. Das Regiment ergänzte sich aus dem Komitate Komorn (Komárom), zu welchem unter anderen die Orte Komárom, Tátabánya, Miskolc, Újvidék usw. gehörten, und es lag in der erstgenannten Stadt stets ein Bataillon (vier Kompanien) dieses Truppenkörpers in einer ehemaligen Festung, während sich drei Bataillone in Klosterbruck befanden. Dieses Regiment, das gelbe Knöpfe und kaffeebraune Aufschläge (Parolis) auf den Kragen- sowie Ärmelenden der Waf140

fenröcke aufwies, trug an den Letztgenannten – zum Zeichen, dass ein Kommandant desselben in alter Zeit einen Kampf mit einem Bären ohne jede Waffe siegreich ausfocht – Ärmellitzen in Silber beziehungsweise aus weißem Tuch, die eine Bärenpranke darstellen sollten. Spaßhalber ging unter den Soldaten die Märe um, dass man diese durch das Silberdrahtgespinst etwas rauen Litzen deshalb anbringen ließ, um den Bedjaren (Spottausdruck für die Magyaren – Ungarn) das Abwischen des Nasensekrets am Ärmel – wie es in ihrer Heimat üblich sein soll – unmöglich zu machen. Weiters trug diese Truppenart, wie alle ungarischen Regimenter, eng anliegende Hosen mit am Oberteile derselben aufgenähten, seltsam verschlungenen, schwarzgelben Schnüren, Schinors genannt; auch an der äußeren Längsseite der Hosen war eine solche als Art von Passepoile an beiden Seiten angenäht. Die Farbe der ganzen Uniform war graublau. Als weiteren Vorteil in diesem Regimente rechnete ich damit, dass bei einigermaßen guter Aufführung, bei dem Mangel an deutschen Soldaten, ich sicher rascher die Stufenleiter der Chargen erklimmen könnte als bei einem deutschen Truppenkörper. Schließlich sagte mir die Lage Znaims – nur drei Bahnstunden von Iglau auf der Hauptstrecke Prag – Wien, genau in der Mitte zwischen Iglau und Wien befindlich – sehr zu. Dieser Umstand war mir auch für die Wahl dieses Garnisonsortes für das österreichische Infanterieregiment Nr. 99 (das Hausregiment Znaims), welches gelbe Aufschläge trug, maßgebend. Am 18. November 1909 jagte uns das plötzliche Erscheinen eines finster dreinblickenden Gendarmen, der damals statt ­eines Helmes noch einen Hut mit Hahnenfederbusch trug, in unserer Wohnung am Schlachthofe Angst und Schrecken ein; zu allem Überfluss zierte ein martialischer Schnurrbart sein braungebranntes Gesicht, und wir waren – unser Gewissen erforschend – auf das Schlimmste gefasst. Unsere Mienen er141

hellten sich aber sogleich, als er uns, seinen Notizblock aus der Brusttasche ziehend, bekanntgab, dass ich am 20. November 1909 zwecks „Präsentierung“ beim Infanterieregiment Nr. 12 in Klosterbruck zu erscheinen habe; bis dahin müsse ich mich beeilen, mir einen schwarz gestrichenen Koffer im Ausmaße 60 x 30 x 30 Zentimeter anzuschaffen. Er selbst werde mich am genannten Tage abholen und zeitgerecht zum ersten Frühzuge auf den Hauptbahnhof bringen. Während mein Vater mir bei einem ihm bekannten Tischler die Anfertigung meines Koffers besorgte, suchte ich in der Frauengasse – auf Anraten meines Onkels, des Feldwebels – einen Friseur auf, der mir meine Künstlerlocken um mindestens die Hälfte kürzte, da man beim Militär solche nicht tragen dürfe beziehungsweise solche verpönt seien. Wenn ich gewusst hätte, was mir hinsichtlich meiner Mähne noch bevorstand, hätte ich weiser gehandelt. Am 20. November traf mich der pünktlich erschienene vorerwähnte Gendarmerie-Wachtmeister schon reisefertig auf ihn wartend. Bürsten, Wäsche usw. nahm ich keine mit, da man mir sagte, dass die „Proprietäten“, die zur ersten Ausstattung eines Militärmannes dienen, vom k. u. k. Ärar, nebst einem „Handgelde“ zur Anschaffung des Nötigsten, beigestellt würden. Neben den Eltern begleitete mich das Auge des Gesetzes noch auf den Bahnhof, löste mir dort von seinem Gelde anhand einer mir später übergebenen Marschroute eine ermäßigte Fahrkarte bis Znaim und ging aus dem Coupé nicht früher weg, bis sich der Zug nahezu in Bewegung setzte. Warum diese übermäßige Vorsorglichkeit geschah, ist mir heute noch unerklärlich, da ich doch noch gar nicht vereidigt und deshalb eine „Desertion“ (Fahnenflucht) meinerseits nach dem Gesetze noch unmöglich war. In Znaim angekommen, musste ich zuerst den langen Weg vom Bahnhofe bis Klosterbruck bei Alt-Schallersdorf mangels einer Elektrischen oder sonstigen Fahrgelegenheit zu Fuß zu142

rücklegen. Nach meiner Meldung in der Regimentskanzlei und Abgabe der Marschroute wurde ich neuerlich, und zwar vom Bataillonsarzte untersucht und nach abermaliger Aufnahme der Personaldaten der 4. Kompanie des Hauptmannes Sommer zugewiesen. Beim Marsche über den großen Kasernhof in Begleitung einer Ordonnanz wurde ich, da es auf demselben von Soldaten nur so wimmelte, von diesen – als Zivilist mit meinem schwarzen Samtrocke und breitkrempigen, weiten Lederhute, der nur mit Kolophoniumstaub gereinigt werden durfte – lebhaft bestaunt. Hauptmann Sommer, der aus Neusatz (ungarisch Újvidék) stammte und ein verhältnismäßig kleiner Offizier mit bis zu seiner hell schimmernden Glatze wettergebräuntem Gesichte war, empfing mich herzlichst und gab dem dienstführenden Feldwebel den Befehl, mich sofort einzukleiden. Am Wege in das Monturmagazin traten wir vorerst noch in ein kleines Mannschaftszimmer, in welchem er einem alten (bereits mehr als zwei Jahre dienenden) Soldaten befahl, mir meine Haare um die Hälfte zu kürzen. Mir sagte er, dass er mich nach erfolgter Prozedur in soldatenmäßigem Haarschnitte im Magazin erwarte. Natürlich verlangte der Barbier für die Arbeit seinen Obolus, den ich, nachdem er meine Locken bis auf zwei Zentimeter zustutzte, kaltblütig hergab. Daraufhin erhielt ich meine erste Montur: Soldatenwäsche (die bekannten kurzen, kaum bis zum Nabel reichenden Hemden), Fußfetzen statt Socken, Tschako, Strohsack und was sonst noch alles dazugehörte, in zwei großen Schlafdecken (Kotzen) eingepackt. Ich schulterte den unförmigen Binkel und wurde in das Mannschaftszimmer geleitet. Bei meinem Eintritte war in demselben alles in peinlichster Ordnung; als der Feldwebel und ich eintraten, wurde vom Zugsführer laut „Habt Acht!“ gerufen und alle Mannschaft stand, wie aus dem Boden gewachsen, auf ihren Plätzen. Ich glaubte damals, bevor ich eines Besseren belehrt wurde, dies geschehe 143

meinethalben! Der Zugsführer, ein rassiger Ungar, der in der rechten Ecke des Schlafsaales sein nachtsüber von einem Leinenvorhang verhülltes Bett hatte, schrie mich nach Abgang des Feldwebels, auf meinen Kopf deutend und die Augen dabei rollen lassend, an, und als ich ihm mein Nichtverstehen der ungarischen Sprache bekanntgab, führte er mich zu einem zweiten Ungarn, der auf seinen Befehl hin aus dem unter dem Kopfende des Bettes aufbewahrten Koffer ein schafscherenartiges Instrument hervorholte, mir ein nicht ganz sauberes Leintuch umhing und die Haare zur Gänze – wie er sagte „Fiesko!“ – herunterschor. Also dreimaliges Haarschneiden war notwendig, um mich von einem Zivilisten zum Militärmanne umzuwandeln! Darauf erhielt ich mein Bettgestell, ­Kavalett genannt, zugewiesen. Dann musste ich mich umkleiden und meine Zivilklamotten, auf ein Bündel verschnürt, für drei Jahre im Magazine der Kaserne verstauen lassen. Natürlich bekam ich für den täglichen Gebrauch keine neuen Uniformsorten und musste an denselben sogleich vom Kompanieschneider kleinere Reparaturarbeiten vornehmen lassen, damit sie halbwegs passten. Die zwei Stock hohe Kaserne hatte lange, mit einem Meter im Gevierte großen Steinplatten belegte Gänge und mächtige, reich mit Stukkaturarbeit versehene Säle und Hallen, wie der Schlafraum, der einst als Refektorium den Mönchen diente und in dem 70 Mann unserer Kompanie ihre Betten stehen hatten. Auf den hallenartigen Gängen befanden sich in die Wände eingelassene Waschmuscheln aus herrlichem rotem Marmor, die jedoch ihrem ursprünglichen Zwecke nicht mehr dienen konnten, da sämtliche Wasserhähne an denselben fehlten. Die Kellerräume waren, da sie vermutlich zur Einlagerung einer großen Weinmenge dienen mussten, ausnehmend groß gebaut worden. Es konnten sogar Wagen, mit großen Weinfässern beladen, bis in die Mitte des Kellerganges fah144

ren und mit Leichtigkeit samt dem Gespanne in demselben umkehren, um wieder herauszugelangen. Zu meiner Dienstzeit dienten nur ein kleinerer Kellerraum als Lagerstätte für die Wein- und Bierflaschen der Offiziersmesse, ein weiterer als Mannschaftsbaderaum und einer als Waschküche und Baderaum für den persönlichen Gebrauch des damaligen Herrn Obersten und seiner Familie. Gegen Mittag meines Eintrefftages wurde ich noch in der Regimentskanzlei durch einen Offizier auf unseren alten ­Monarchen, Kaiser Franz Joseph I., vereidigt. Der Nachmittag – weil gerade Sonnabend war – sah mich schon in der Reihe der angetretenen Soldaten mit der Reinigung unseres Schlafsaales beschäftigt. Ein Gefreiter, damals schon ein ­großer Herr, schüttete reihenweise mit Kalkstaub vermischten Sand auf den Fußboden, und wir mussten mit zusammengeballten Strohwischen denselben rein sowie glatt reiben. Diese Arbeit, die mir in Bälde Schweißtropfen entlockte, sowie das Reinigen des zumeist arg beschmutzten Klosetts, fiel mir nicht leicht, doch gewöhnte ich mich – da es turnusweise erfolgte – nach Überwindung des Ekels daran. Mir blieb bei der dann einsetzenden Rekrutenausbildung nichts erspart. Die Ausrückungen auf den Kuhberg bei Znaim – unseren Exerzierplatz – waren wegen seines lehmigen Bodens bei den Übungen, zumal bei Ausführung des Kommandos „Auf und nieder!“, bei welchem man sich, mit dem Gewehre in der Hand, an Ort und Stelle, wo man sich gerade befand, sofort niederwerfen musste, sattsam bekannt. Sie brachten uns wegen dem Reinigen der Monturen sowie Waffen nahezu zur Verzweiflung. Mir schien es bald Absicht, wenn der Zugsführer uns gerade an Stellen, wo der Boden von dem vorher weidenden Vieh mit Kuhfladen übersät war, mit diesem Kommando erfreute. Sommer und Winter über wurde am Brunnen im Kasernhofe der Oberkörper mit dem fließenden kalten Wasser ge145

waschen, während Bluse und Hemd im Kompaniezimmer im Bette liegen mussten. Auch das Reinigen der Menageschalen erfolgte stets nur mit kaltem Wasser und einem Lappen bei diesem Brunnen. Auch an die ungarische Kost musste ich mich erst gewöhnen. Alles war übermäßig papriziert und musste – wegen der oft kurzen zwischen den Ausrückungen verbliebenen Zeit – kochend heiß genossen werden; auf der Suppe schwamm überdies jedes Mal fingerhoch das heiße Fett. Das übliche Mittagessen war Suppe, Grenadiermarsch, Lekvartascherln, Gulyás, Bohnen, Krautfleckerl, Szegediner Gulyás, Linsen, Erbsen mit Kartoffel oder Knödel; das Frühstück bestand aus schwarzem, schwach gezuckertem Kaffee, nur an Sonnund Feiertagen wurde etwas Milch zugesetzt. Abends gab es unter der Woche nur eine dicke Suppe und am Sonntage ­kaltes Abendessen, das aus Wurst, Käse oder einem Stückchen Fleisch bestand. Von den zwölf Hellern Löhnung, die ein gewöhnlicher Soldat ohne Chargengeld dekadenweise erhielt und die nahezu für die Schuhwichse aufgingen, konnte man sich Würfelzucker zur Verbesserung des Frühstücks oder Semmeln in der Kantine im Kasernhof kaufen, falls das ­wöchentlich gefasste, sehr schmackhafte „Kommiss“-Kornbrot nicht auslangte. Auch der sogenannte „Limito“-Rauchtabak wurde regelmäßig gefasst und zumeist später bei der Zivil­bevölkerung, als von den Pfeifenrauchern sehr begehrt, gegen Geld oder Zigaretten eingetauscht. In der ersten Zeit war das Leben trotz der Abwechslung für mich – der ich noch keinen mir wohlgesinnten Kameraden hatte – eintönig und machte mich, zumal es für die Rekruten noch keinen Ausgang gab, sehr bange. Ich schrieb meinen Eltern verzweifelte Briefe und schilderte mein Leid schriftlich der einzigen Bekannten, Mitzi Lipp in Graz, der ich seit meiner Abreise von Graz, trotz ihrer Bitte, keinerlei Nachricht zukommen lassen hatte. Unser Briefwechsel riss in der Folge 146

innerhalb der drei Jahre Kasernenlebens überhaupt nicht ab, und unsere Schreiben wurden nahezu Liebesbriefe, die meine einzige Zerstreuung waren. Mein Freund Ledl schrieb sehr selten. Es war auch überaus schwer, einen wirklichen Freund zu finden. Der einzige Volksdeutsche meiner Kompanie namens Thonhauser lag nicht in meinem Schlafsaale, und die Slowaken – vier derselben waren Rastelbinder im Zivilberuf – waren mir zu wenig intelligent; drei Juden, die wir ferner bei der Kompanie hatten und die selbstverständlich alle drei Sprachen beherrschten, waren mir unsympathisch. Mit den Ungarn konnte ich mich, schon wegen der Unkenntnis der Sprache, nicht verständigen. Dann hatten wir noch vier waschechte Zigeuner – einer davon war sogar Primas einer Zigeunerkapelle – bei unserer Unterabteilung. Ich bemerkte auch, dass die Ungarn mit den Slowaken (Totuls genannt) nicht ganz harmonierten und überhaupt für Slawen nichts übrig hatten. Die Deutschen wurden als „Bydesch Schwoob“ (Dummer Schwabe) angesprochen. Das Erste, was ich von den Ungarn erlernte, war ihr grässliches Fluchen und die Anrede „Sie, Sie, Nadragsie.“ Nadrágszíj heißt nämlich wörtlich „Hosenriemen“ und wurde wegen seiner Endungsähnlichkeit mit dem persönlichen Fürworte, spotthalber als Ansprache gebraucht. Auch die Worte „igen“ als Bejahung und „izé“ als Verlegenheitswort lernte ich rasch. Erst nach und nach lebte ich mich, mit fortschreitender Aneignung des Ungarischen, in die Kompanie ein. Das tägliche Aufstehen um 5, oft auch bereits um 4 Uhr früh, wurde mir langsam zur Gewohnheit. Das frühe, durch Hornruf (sogenanntes „Tagwach“-Blasen) erfolgte Aufwecken geschah aus dem Grunde, da die Ubikation vor der Ausrückung vollkommen in Ordnung gebracht werden musste. Die eisernen Bettgestelle wurden nach einer vom ersten bis zum letzten Bette gespannten Schnur gerade ausgerichtet be147

ziehungsweise zurechtgeschoben. Die Strohsäcke mussten jeden Tag, ohne Zugabe von Stroh, mit einer Holzstange, die von Hand zu Hand wanderte, derart gestopft werden, dass die Ecken wie bei einer Schachtel wegstanden und die Mitte des Sackes keine Einbuchtung vom Liegen auf demselben aufwies. Die Mannschaftskoffer unter den Kopfenden der Betten waren gleich den Paradeuniformen und Tschakos (die Uniformen nach einer bestimmten Vorschrift zusammengelegt) auf den Kopfbrettern sowie den zusammengefalteten Decken und Leintüchern auf den Betten gleichfalls mit der Schnur in eine Linie gebracht, nachdem alles vorher vom Staube gereinigt worden war. Sogar die Seitenwände der Strohsäcke wurden, um ihnen eine schöne, viereckige Form zu geben, mit einer an dieselben gehaltenen Mannschaftsbank und durch Draufschlagen mit dem Kommissbrotlaib eben gemacht. Nahezu unertragbar war die Ausdünstung dieser vielen Männer in einem Raum in den Wintermonaten, wenn zumeist bei nur halb geöffneten Fenstern geschlafen wurde, zumal wenn am Vortage die Fassung frischen Brotes erfolgte. Auch an Soldatenspäßen fehlte es später nicht. So mussten die Rekruten auf Befehl der Chargen (zumeist des Zugsführers) abwechselnd vor dem Schlafengehen in Hemd und Unterhosen ihr Leid dem kalten Zimmerofen anvertrauen, welches dadurch erfolgte, dass sie das Ofentürchen öffneten und ihre Wünsche und Beschwerden hineinsprachen. (Dies war im Winter symbolisch, da sie sozusagen ihre Klagen in den Rauch sagten.) Auch mussten alle Rekruten – das waren die Angehörigen des ersten Jahrganges ihres Dienstes –, selbst wenn sie schon in ihren Betten lagen, auf den Ruf „Feuer!“ des Zugsführers oder einer anderen Charge mit einem Satze von ihrem Lager aufspringen, zu dessen Bette eilen und ihm ein Zündholz anstreichen, damit er ihnen den Rauch in das Gesicht blasen konnte. 148

Auch befestigte man, obwohl um 9����������������������  Uhr������������������ abends die Nachtruhe begann (um diese Zeit blies der Hornist auf dem Kasernhofe die „Retraite“), manchmal am Kopfbrette, wo die Namenstafel des Rekruten angebracht war, einen Trinkbecher, füllte ihn mit Wasser und zog eine an demselben befestigte Schnur 10 bis 21 Betten weit entlang der Wand; wenn nun der darunterliegende Rekrut im besten Schlafe lag, zog der zehn Betten weit im Bette liegende Soldat an der Schnur, jedoch nur derart sanft, dass einige Tropfen Wassers auf den ­Rekruten herabträufelten und ihn gewöhnlich am Kopfe trafen. Kaum schlief er wieder weiter, wiederholte sich das Spiel, ohne dass er in der Dunkelheit den Becher sehen oder den Missetäter ahnen konnte, da seine Kameraden in den nebenan liegenden Betten sich im schönsten Schnarchen befanden. Auch das Aushaken der Seitenspreizen an den eisernen Betten, sei es vor dem Schlafengehen oder wenn der Rekrut bereits schlief, war ein beliebter Sport der älteren Kameraden. Warf man sich dann ahnungslos in das Bett, krachte dieses zusammen und man landete mit dem Strohsacke auf dem Fußboden; oder man machte im Schlafe eine auch nur kleine Bewegung, und schon wankte der Strohsack, und die Bett­ füße sackten mit einem Schlage zusammen. Das Aufrichten des Bettes verursachte in der Dunkelheit nicht geringe Mühe. Untertags auf den Betten schlafende Rekruten wurden durch mit Zündholzfeuer auf einer Messerspitze heiß gemachte Kupfermünzen, die ihnen, während sie schliefen, auf die über den Beinen gespannten, eng anliegenden Hosen (meist Waden) gelegt wurden, nach Durchdringen der Hitze zum plötzlichen Wachwerden und Aufspringen vom Bette gezwungen – was ein höllisches Gelächter bei den zumeist schon wieder auf ihren Betten liegenden Nachbarn auslöste. Wurde ein solcher Missetäter erwischt, wurde er zur Strafe „gehobelt“, falls es sich nicht um eine Charge handelte. Dazu dienten unter anderem die langen Mannschaftstische. Über den Delinquen149

ten wurde überraschend eine Bettkotze geworfen und er in dieselbe – ohne dass er sich wehren konnte – derart einge­ wickelt, dass er mit seinem Rücken auf die Tischplatte zu liegen kam. Zwei handfeste Rekruten packten dann die Enden der Kotze, drehten sie zusammen und zogen den Übeltäter entlang des Tisches bis zu zwanzigmal hin und her – auf das Anstoßen des Körpers an den Kanten der Platte wurde dabei nicht geachtet. Als Strafe diente auch der Befehl des Holens einer Zündholzschachtel aus der Kantine mit „Kondukt“, welchen jedoch nur Chargen den Rekruten gaben. Es befahl hierzu der Zugsführer meist sechs bis acht Mann, die etwas auf dem Kerbholz hatten: Diese mussten vor allem zuerst die Tischplatte abheben und in die Kantine tragen. Dort wurde durch Zusammensteuern des Betrages eine Zündholzschachtel gekauft, diese mitten auf die Tischplatte gelegt und so, förmlich als Leichnam, durch vier Männer an ihren Ecken auf der Schulter getragen; die übrigen Männer gingen als Leid­ tragende, Schluchzen markierend, hinterher. Dieser Kondukt bewegte sich unter dem Gelächter der denselben Beobachtenden quer über den großen Kasernhof, vorsichtig über die vielen Stufen zu unserem Kompaniegange herab und landete schließlich beim Zugsführer unseres Zimmers. Wiederholt kamen Zugsführer und Korporale anderer Kompanien ­wegen dieses Ulkes zum Rapporte und erhielten empfindliche Freiheitsstrafen wie Einzelarrest usw., doch sah man immer wieder solche Kondukte. Der sonntägige Gottesdienst und die damit verbundene, meist auf ungarisch gehaltene Predigt wurde von den Soldaten in den Sitzbänken dazu benützt, um den Schlaf wenigstens an einem Tage der Woche nachholen zu können. Ich sah selbst, wie der Kirchendiener mit seinem an einer langen Stange befestigten Klingbeutel, einen nach dem anderen in den Bänken sitzenden Schläfer an die Stirne stieß, um sie zu wecken. 150

Bei regnerischem Wetter, wenn keine Ausrückung erfolgte oder es der wöchentlich vom Dienstführenden verfasste Stundenplan vorschrieb, wurde auf den Gängen exerziert und in den Zimmern durch die Chargen unter Leitung des jeweiligen Subalternoffiziers gruppenweise Mannschaftsschule gehalten. Wir lernten die verschiedenen Horn­signale (Trompeten- und Flaggensignale), Zielübungen, Waffenkunde, Meldungserstattung usw. Auch musste jeder Soldat in deutscher Sprache die militärischen Vorgesetzten in nachfolgend angeführter Reihenfolge auswendig lernen und heruntersagen können: „Allerhöchster Kriegsherr: Seine Majestät Kaiser Franz  Joseph  I.; Reichskriegsminister: Seine Exzellenz General der Infanterie Franz Baron Schön­ aich; Korpskommandant des 2. Korps: Seine Exzellenz General der Infanterie Mansuet Ritter Versbach von Hadamar; Truppendivisionär der 4.  Division: Seine Exzellenz Feldmarschallleutnant Karl  Freiherr von Pflanzer-Baltin; ­Brigadekommandeur der 7. Brigade: Herr Generalmajor Vinzenz Fox; 12. Regimentskommandeur: Herr Oberst Godwin von Lilienhoff; Bataillonskommandeur: Herr Major Komauer; 4. Kompaniekommandant: Herr Hauptmann Sommer; Stellver­treter:  Herr  Oberleutnant  Lotter; Subalternoffiziere: Herr Leutnant Luger, Fähnrich Benedek.“ Was da oft für ein Kauderwelsch zwischen Ungarisch, Slowakisch und Deutsch herauskam, kann man sich lebhaft vorstellen. Auch auf die Instandhaltung der Montur und Ausrüstung wurde großer Wert gelegt, und regelmäßig wurden Montursvisiten durch die Offiziere abgehalten. Kam es einmal vor, dass sich der Zwirn bei den Hosenverschnürungen lockerte und die Schlingen der Bänder dadurch etwas vom Stoffe abstanden, fuhr der Vorgesetzte mit der Fingerspitze in dieselbe und riss mit einem Rucke die ganze Verschnürung, die aus einem Stücke bestand, herunter. Als Strafe gab es dann „Nachexerzieren“, wenn die anderen Soldaten bereits 151

ruhen konnten, und überdies die Arbeit des neuerlichen Festnähens der Schnurschlingen, welches sehr mühselig war. Zu dem vorgenannten Oberleutnant Lotter muss ich noch erwähnen, dass dieser seinem Namen – „nomen est omen“ – alle Ehre machte und die Stelle des Kompaniekommandanten-Stellvertreters nicht gar lange innehatte. Es ging auch bald das Gerücht um, dass er sich von einem Einjährig-Freiwilligen einer anderen Kompanie eine Taschenuhr ausgeliehen und diese nicht mehr zurückerstattet sowie leichtsinnig übermäßig Schulden bei Offizierskameraden gemacht hatte. Eines Tages sahen wir Oberleutnant Lotter nicht mehr und bemerkten beim Kompanieschneider, wie derselbe von einer Offiziersbluse die goldenen Distinktionssterne entfernen musste. Da erst wussten wir, dass er degradiert worden war und im Kittchen seine Zeit verbrachte. An die Stelle des Vorgenannten trat dann Oberleutnant Roth, ein Siebenbürger Sachse. Außer diesem waren noch Oberleutnant Luger, ein Ungar, der eine Hünengestalt sowie Glotzaugen hatte, und der Fähnrich  Benedek, der ­während meiner Dienstzeit noch Leutnant wurde, bei der Kompanie. Ich führe diese mir gut in Erinnerung bleibenden Offiziere nur deshalb an, weil ich dem damaligen Fähnrich Benedek, wie folgt, vieles zu verdanken hatte. Eines Tages nach erfolgter Waffenvisite fetteten wir unsere Gewehre wie vorgeschrieben gehörig ein und hatten kurz darauf auf unserem Kompaniegange Anschlagübungen mit denselben. Dabei musste das erste Glied kniend, das zweite stehend und das dritte Glied gleichfalls stehend und in die Lücken des zweiten tretend, die Gewehre in Anschlag bringen. Dabei schlug mir mein Hintermann des dritten Gliedes mit seinem Gewehre auf meine die Waffe haltende Linke, sodass er mir mit dem Zielkorne den Zeigefinger dieser Hand verletzte beziehungsweise bei der Nagelwurzel aufriss. Anfangs achtete ich nicht auf die geringfügige Verletzung 152

und exerzierte mit den vom Öle schmierigen Händen weiter, trotzdem sich am Steinboden meines Standortes bereits ­größere Blutflecken zeigten. Ich maß diesem Zwischenfalle auch deshalb keinen Wert bei, weil die Blutung nach Kurzem von selbst aufhörte. Zwei Tage darnach schwoll jedoch das Endglied des Fingers derart an, dass ich mich beim Frührapporte als marode melden und den Bataillonsarzt aufsuchen musste, der mich sodann auf acht Tage als dienstunfähig bezeichnete; von ihm erhielt ich auch täglich einen neuen Verband auf die stark eiternde Wunde. Während diesen Tagen meines Befreitseins von den Ausrückungen überraschte mich im Kompaniezimmer Fähnrich Benedek, gerade als ich meinem Freunde Ledl ein Selbstporträt – als biederer Landser (ungarisch katona) – auf einen Karton malte, was ich ihm als Revanche für eine Postkarte senden wollte. Der Fähnrich Benedek zeigte reges Interesse für die Malerei und frug mich um meinen Zivilberuf und sonstige Maltechniken. Nachdem ich ihm im Gespräche meldete, dass durch die Fortsetzung der mir vom Zugsführer anbefohlenen Kasernreinigungsarbeiten (die widerliche Klosettreinigung usw.) die Wunde statt besser immer schlechter wurde, ordnete er die Befreiung meiner Person von diesen Arbeiten ab sofort an und erlaubte mir schließlich, ihn in seiner dienst­ freien Zeit in seiner unweit der Kaserne in Alt-Schallersdorf befindlichen Wohnung aufsuchen zu dürfen. Der Neid meiner Kameraden, die gerade große anstrengende Übungen in der Umgebung Klosterbrucks – Kukrowitz, Brenditz, Winau, Zuckerhandl, Esseklee, Pumlitz und Edelspitz usw. – hatten, war sehr groß, zumal sie sahen, dass mich die Offiziere nicht wie einen gewöhnlichen Soldaten behandelten. In des Fähnrichs Wohnung musste ich ihm Vergrößerungen von Karstbildern, die er selbst verfertigt hatte, sowie verschiedene Diapositive mit Ansichten von Trebinje und Umgebung – dem früheren Garnisonsorte des Regimentes, 153

das erst vor Kurzem nach Klosterbruck versetzt worden war – kolorieren. Er erwähnte dabei auch, dass bei Trebinje der „Todesmarsch“ der „Zwölfer“ (unseres Regiments) stattfand, wo bei einer überanstrengenden Übung durch Verschulden eines Offiziers 36 Soldaten durch Hitzschlag getötet wurden. Ich musste ferner das Lichtbild der Braut des Fähnrichs vergrößert in Ölfarben ausführen, was mir damals ausnehmend gut gelang und sogar etwas klingenden Lohn eintrug. Unser Kompaniechef (ung. kapitány úr), Hauptmann Sommer, gab mir – von Fähnrich Benedek auf mein zeichnerisches Talent aufmerksam gemacht – auch den Auftrag, ihm zu Manöverschulungszwecken im Gelände der Umgebung Znaims, wo am 10. und 11. Juli 1809 eine Schlacht zwischen Franzosen und Österreichern stattgefunden hat, einen Plan im vergrößerten Maßstabe der Spezialkarte (und zwar 1 : 37.500) anzufertigen und – da er mehrere Exemplare desselben für die Offiziere des Regimentes benötigte – zu hektografieren und abzuziehen. In diese Abzüge musste ich dann die Stellungen der französischen Heereskommandanten Davout, Marmont und Massena (violett) sowie die Österreicher (rot) einzeichnen. Einen dieser von mir verfertigten Pläne habe ich mir die Jahre hindurch aufbewahrt. Diese Arbeit durfte ich in der Kompaniekanzlei mit Genehmigung des Hauptmannes, zum Teile unter den Augen des vor Neid mich förmlich fressenden dienstführenden Feldwebels (ungarisch őrmester) Reszer, verrichten. Fähnrich Benedek brachte es durch seine Fürsprache beim Hauptmanne Sommer auch so weit, dass ich im Februar 1910 nur an den größeren Ausrückungen teilnahm, die übrige Zeit aber, meiner guten Schrift halber, als Gehilfe des Rechnungsunteroffiziers I. Klasse mit Namen Machowski sein durfte. Machowski war ein alter Militärknochen und hatte ein fast gelbes Asiatengesicht mit stark vorstehenden Backenknochen und zahllosen Falten in demselben. Er diente bereits 40 Jahre, 154

und ich war ihm – da man damals noch keine Schreibmaschine kannte – eine sehr willkommene Hilfskraft. Nur mit dem Feldwebel Reszer, der ein bissiger Ungar war und mir als jungem Soldaten diese Ausnahmestelle nicht gönnte, konnte ich mich nicht recht vertragen. Er hätte lieber den Juden Raabe, der wie bereits erwähnt alle drei Sprachen vollkommen beherrschte sowie als Ungar dessen ausgesprochenes Liebkind war, an meiner Stelle in der Schreibstube gesehen. Mich über Reszer beim Chef beklagen durfte ich auch nicht, so musste ich ohne Wissen und Willen des Hauptmannes auf Reszers Befehl hin wiederholt Dienste verrichten, die mir der Kommandant nie anbefohlen hätte. Bei einem solchen Nachtdienst, welchen ich bei einer ­Petroleumlaterne am kalten Gange einsam sitzend von 10 Uhr abends bis 4 Uhr früh halten musste und die Kontrolle des rechtzeitigen Nachhausekommens der „Überzeit“ (Erlaubnis zum Ausbleiben über die Retraite) habenden älteren Mannschaft überhatte, ereignete sich einmal folgender Vorfall: Ich saß gerade etwas frierend, einen Brief meinen Lieben schreibend, „bei der Lampe hellem Schein“, als die�����������������  Uhr������������� der Klosterbrucker Kirche in meine Einsamkeit und Stille hinein 12 Uhr schlug. Plötzlich ertönten vom Nebengange aus dem Zimmer, in welchem die Musikeleven des Regiments untergebracht waren und dessen Tür offen stand, schmetternde Töne eines Flügelhornes. Ich sprang, meine Laterne rasch ergreifend, erregt auf und eilte in dieses Zimmer, um diese nächtliche Ruhestörung sofort abzustellen. Dort musste ich zu meinem Staunen feststellen, dass mein leibhaftiger Stiefonkel Heinrich Honsig, von dessen Existenz bei unserem Regimente ich bisher gar nichts wusste, mit geschlossenen Augen, anscheinend schlafend, auf seinem Bette saß und einen lustigen Marsch blies. Es waren auch schon andere Jünger der Musik aufgewacht, die staunend dieses Bild betrachteten. Honsig hatte im Traum die oberhalb seinem Kopfe am Monturs­brette 155

hängend gewesene Trompete heruntergenommen und zu blasen begonnen. Mein Stiefonkel, der gleichen Alters mit mir war, weilte erst einige Tage beim Regimente als Musikeleve und wusste dann, aufgeweckt, nichts von seinem Musizieren zur Nachtzeit. Im Wissen um die Nähe meines Stiefonkels Heinrich fühlte ich mich nicht mehr so verlassen in der Fremde, nur bedauerte ich den Umstand, dass wir infolge seines steten Beschäftigtseins selten zusammenkommen konnten. Bei unserer Kompanie wurde auch der Offiziersdiener (in der Soldatensprache „Pfeifendeckel“ genannt) unseres Herrn Obersts, Josef (Józsi) Schuster, der jedoch nicht in meinem Schlafraume schlief, im Stande geführt. Dieser war ein Volksdeutscher (Kaufmann) aus Handlová und wurde mir ein aufrichtiger Freund. Honsig, Schuster und ich bildeten in der Folge ein unzertrennliches Kleeblatt. Schuster hatte nur eine einzige schlechte Gewohnheit, unausgesetzt, nicht nur beim Sprechen, zu spucken und hielt deshalb fast immer seinen Kopf gesenkt. Ich nannte ihn – im Gedenken an die Tafelrunde – stets „Spuck“, er mich, wegen meines oftmaligen Rauchens der Pfeife, „Rauch“. Mein Stiefonkel Honsig, in dessen ­Musikzimmer wir uns immer trafen, nannten wir „Napf“. Józsi Schuster, begeistert von deutschen Liedern, zumal von den in seiner Heimat gesungenen, machte mir den Vorschlag, ein Liederbuch (wie es damals bei fast allen Soldaten üblich war) anzulegen und in diesem die gebräuchlichsten Volks- einschließlich Militärlieder zu verewigen. Er beschaffte sich in einer Znaimer Buchhandlung zu diesem Zwecke ein mit Metallecken beschlagenes Buch und bat mich, die Illustration der Lieder zu übernehmen und auch die Lieder einzuschreiben. Auf der ersten Seite musste ich unser Freundschaftswappen (Spuck, Rauch und Napf) einzeichnen und als erstes Lied „Teure Heimat sei gegrüßt“ einfügen sowie die Ansicht der Kirche seiner Heimatstadt Handlová 156

in ­Federzeichnung nach einer Ansichtskarte anbringen, da ja das Buch ihm gehören sollte. Mangels Zeit wurde ich mit dem Vollschreiben des Liederbuches in der Militärzeit nicht fertig, nahm es nach den drei Jahren in meine Heimat mit und wollte es dort vervollständigen. Schuster schrieb mir später noch einmal, doch blieb er mir nach dem Ersten Weltkriege verschollen, und ich hörte seither nichts mehr von ihm; das Buch befindet sich aber noch immer in meinem Gewahrsam. Zu Weihnachten 1909 durfte ich das erste Mal auf einige Tage, ich glaube es waren drei, zum Besuche meiner Eltern fahren. Am 19. April 1910 erklomm ich die erste Stufe der militärischen Chargenleiter, indem ich zum Infanteristen-TitularGefreiten befördert wurde. Nun mussten mich die Rekruten bereits grüßen, und ich durfte mir rechts und links am Kragenspiegel je einen Zelluloidstern annähen und tragen; infolge der Titularcharge trat jedoch eine Änderung in meiner Löhnung (Taggeld) nicht ein. Meine Beanspruchung in der Kanzlei mehrte sich, zumal Rechnungsunteroffizier Machows­ki beabsichtigte, in Pension zu gehen. Er musste mich in alle Geheimnisse der Geschäftsführung einweihen, um einen tüchtigen Nachfolger zu haben, zu dem mich mein Hauptmann endgültig erkoren hatte. Kamerad Schuster fotografierte mit dem Apparate seines Obersten fleißig, und ich half ihm stets beim Entwickeln der lichtempfindlichen Glasplatten (Filme gab es damals noch nicht!). Dabei saßen wir einmal um 10 Uhr abends im Reitsitz auf einer langen Bank der Waschküche im Keller der Kaserne; da es uns in diesem Raume zu schwül war, stellten wir dieselbe auf den zugigen Gang. Zwischen uns befanden sich die rote Lampe und die nötigen Schalen und Fläschchen mit den zur Entwicklung nötigen Chemikalien. Hier war es besonders zu dieser späten Abendstunde derart dunkel, dass der lang gestreckte Gang zu dieser Tätigkeit wie geschaffen 157

war. Auf einmal hörten wir entlang der von der Offiziersmesse herabführenden Stufen Schritte; es näherte sich uns ein ­Offiziersdiener, der für seinen Herrn aus dem Keller Wein ­holen musste – ohne Licht, da er den Weg schon kannte. Als er, um die Stiegenecke tretend, den Schein unserer roten Lampe und unsere schwarzen, rot umschienenen Gestalten erblickte, stieß er einen markerschütternden Schrei aus, machte, Gespenster wähnend, kehrt und stürmte in wilder Hast, mehrere Male stolpernd und stürzend, die Stufen wieder empor. Für uns war es aber auch höchste Zeit, unsere Siebensachen zusammenzupacken und gleichfalls zu flüchten, da anzunehmen war, dass auf die Gespenstererzählung des aus mehreren Wunden blutenden Burschen hin sich bald mehrere Personen im Keller einfinden würden. Seit diesem Vorfalle betraten die Offiziersdiener nie mehr ohne Licht und aus Furcht vor Geistern nur zu zweit zaudernd den Kellerraum. In unserer Waschküche (zugleich Badezimmer der Familie Oberst), in der sich außer dem Waschkessel nur eine große Blechbadewanne befand, saßen mein Freund Schuster und ich, gleichfalls gegen 22��������������������������������������  Uhr���������������������������������� , badend in dem mollig warmen Wasser, das uns bis zum Halse reichte. Unsere mündliche Unterhaltung wurde nach ungefähr einer Stunde immer stiller und stiller und verstummte plötzlich zur Gänze, da uns der Schlaf übermannte. Unser Kerzenlicht brannte gleichfalls herab und verlöschte. Hiervon bemerkten wir nichts. Plötzlich weckten mich gurgelnde Töne meines Vis-à-vis. Dadurch gelang es mir noch im letzten Augenblicke, meinen schon stark benommenen Kameraden Józsi vor dem Ertrinkungstode zu bewahren. Schuster hatte sich in der Person des Stubenmädchens seines Obersten ein Soldatenliebchen zugelegt und wollte mir die Köchin seines Herrn verkuppeln, die – schon etwas bejahrt – noch immer keinen Verehrer hatte. Sie sendete mir durch Schuster auch oft gute Bäckereien und sonstiges Ess­ bares aus des Obersten Küche, da ein Zusammenkommen mit 158

ihr nicht leicht möglich war. Außerdem war sie eine Tschechin aus der Znaimer Gegend. Wie mich revanchieren? Der an alles denkende Jószi wusste auch da einen Ausweg! Eines Tages brachte er mir ihr von ihrer Schulzeit her stammendes Stammbuch, in welches ich ihr folgenden Vers, mit einigen gemalten Blumen, einfügte: „(J. Sládek) – V změnách života! Jak noc a den a mrak a jas, a krutá zima, jaro zas se vystřídají spolu, tak v�����������������������������������  ���������������������������������� lidském přijdou životě den radostný, den v trampotě, pak mír po každém bolu. Dnes všeho máme dostatek – a zítra vchází do vrátek nám hlad a nouze krutá; dnes jsme jak růže červená – a zítra větrem zlomená, neb mrazem ožehnutá. Teď s rodiči jsme milými a sestrami a bratřími a po letech tak sami! Po listu list, po květu kvĕt nás osud roznes’ v širý svět a Bůh jen zůstal s námi. Však nezoufej a bázně nech, On v utrpeních bude všech tě sílit dobrotivě. On stokrát vrátí, co vzal dnes; jen pracuj, doufej, věř a nes, co určil, trpělivě. V upomínku!“1 Und meine Unterschrift! Der Name meiner Kostverbesserin, ja sogar ihr Vorname, ist mir entschwunden. Eines einzigen Spazierganges mit ihr, in Begleitung Schusters, der uns an Fähnrich Benedeks Wohnbaracke vorbeiführte und der um 17�������������������������  Uhr��������������������� – wegen Nachtmahlzubereitung für die Oberstenleute – beendet sein musste, kann ich mich noch erinnern. Die Kanzleiarbeit nahm mich sehr in Anspruch, zumal unser Manipulant – wie der Rechnungsunteroffizier von den Offizieren damals genannt wurde – sich öfters marode meldete und ganze Tage lang oft der Kanzlei fernblieb. Außerdem hatte ich über Ersuchen meines Hauptmannes zwei Zigeuner – einer war sogar Primas (Kapellmeister) der eigenen Zigeunermusikkapelle des Regiments – mir zugeteilt, denen ich Schreiben und etwas Deutsch beibringen sollte, damit sie sich leichter in Gesellschaft bewegen könnten; bis zum Ende meiner Dienstzeit gelang es mir auch, das diesen Analphabeten so halbwegs beizubringen. 159

Ich selbst machte im Ungarischen unter Beihilfe Schusters auch schon ganz gute Fortschritte und konnte in Bälde einwandfrei in dieser Sprache schreiben. Es war dies aber auch sehr notwendig, da mir mein Kompaniechef stets die Einvernahmeprotokolle in die Feder diktierte, die Rechtfertigungen und Tatbestandsberichtigungen, Zeugeneinvernahmen usw. von Soldaten enthielten, die zu kurzen Ernteurlauben entlassen waren und während dieser Zeit daheim Raufhändel mit Ortseinwohnern oder sogar Morde zum Gegenstand hatten. Diese Einvernahmen usw. erfolgten zumeist über Ersuchen der dortigen ungarischen Gendarmerie-(csendőr-)posten und wurden nach unserer Erledigung auch wieder dorthin zur Verfassung der Gerichtsanzeigen übersendet. Schließlich erlernte ich, schon von meinen Ausrückungen her, die verschiedenen ungarischen Soldaten- und Marschlieder, wie „Egy, kettö, három, négy, öt, hat, hét“, „Ferenc Jóska, öreg magyar király“, „Kimegyek a budapesti vasutállomásra“2, das slowakische „U kremnici mlyn mele, a mlynarik doma nje“3 sowie einige Volkslieder, von denen mir das nachstehende, schon wegen der schönen Arie, besonders gut gefiel; es lautete: „Kék nefelejcs, kék nefelejcs, virágzik a virágzik a, tó partján. Beteg vagyok, fáj a szivem, nem sokáig élek már. Hanem azért, hanem azért, koszorút, ha meghalok, a síromra, sírhalmomra nefelejcsből fonjatok!“4 „Esik esö, esik esö, kerget a szél, kergeti a felleget, annál inkább kitépdesi az én, árva szívemet. Söpörje el ez a vihar, söpörje el a világot örökre, úgyis minden reménységem, boldogságom rég sírba van temetve.“5 Interessant war, dass die Marschlieder nur einstimmig und zumeist nur am Schlusse mit Überschlag gesungen wurden. Auch hatten die verschiedenen militärischen Hornsignale einen von der Mannschaft traditionsweise weitergegebenen, ungarischen, deutschen oder slowakischen Text untergelegt. So zum Beispiel das Tagwachsignal: „Auf, heraus 160

ihr Lumpeng‘sindel, außi aus dem Bett“, das Sturmsignal: „Utečte Honvedi, kráva vás kopne“ („Lauft davon Honveds, die Kuh stößt euch!“), der Zwölfer-Regimentsruf: „Tizenkettes, gyalogezred Janó-Regiment“ („Zwölftes Infanterie-HanslRegiment“; Hansl ist ein Spottname für die Rastlbinder-Slowaken) usw. Ich gewöhnte mir damals – in Anpassung an unseren Hauptmann, der stets nur Steilschrift gebrauchte – diese so sehr an, dass man auf den ersten Anblick unsere Zeilen fast nicht mehr auseinanderkannte. Er berechtigte mich daraufhin oft auch, belanglosere Schriften, wenn er gerade keine Zeit hatte, ruhig für ihn mit seinem Namen zu fertigen. Es kam sogar oft vor, dass sein Stellvertreter (nach Degradierung Lotters), Oberleutnant Roth, dem Hauptmann Sommer ein wichtiges Dienststück – wegen bevorstehender Ausrückung – zum Durchlesen und Fertigen übergab und es mir später mit dem Beifügen aushändigte, dass er mir voll vertraue und ich nur ruhig nach Studium desselben seinen Namen daruntermalen solle. Dessen Unterschrift war besonders leicht nachzuahmen, da er förmlich wie ein Kind einen Buchstaben langsam nach dem anderen malte. Am 26. Juni 1910, also zwei Monate nach dem Annähen meiner ersten Sterne, erfolgte – bei Überspringen der Ernennung zum „wirklichen“ Gefreiten – meine Beförderung zum Gefreiten-Titular-Korporal. Damit trug ich nach sieben Monaten meiner Dienstzeit bereits den Unteroffizierstitel. Von da ab nahm ich an den Ausrückungen der Kompanie nicht mehr teil, was mir nicht unlieb war. An einem Spätabende kam mein Onkel Honsig zu mir und bat mich, mit Rücksicht auf meine schon etwas Achtung bei den gemeinen Soldaten erfordernde Charge, ihn zu der an der Kaserne angebauten Arrestbaracke zu begleiten. Er wollte dort einem Musikfeldwebel, der eine Disziplinar­strafe von 21 Tagen Einzelarrest abzubüßen hatte, eine Flasche Wein 161

und einige Virginierzigarren in die Zelle schmuggeln. Als wir in die Baracke eintreten wollten, hinderte uns der an der Türe Dienst versehende Soldat mit vorschriftsmäßig in die Balance genommenem Gewehre daran. Selbst ein von Honsig ihm entgegengehaltenes 20-Heller-Stück, das anzunehmen er sich stolz weigerte, erzielte nicht die gewünschte Wirkung. Erst als wir die Münze auf den Gewehrständer legten und ich dem Mann auf Ungarisch versicherte, dass wir nur einige Minuten mit dem Musikfeldwebel sprechen würden, gab er, uns den Rücken zudrehend, den Eingang frei und beobachtete uns von der Türe aus. Honsig, der die Weinflasche unter dem offenen Mantel verborgen gehalten hatte, reichte sie dem Inhaftierten derart geschickt, dass der Posten trotz größter Aufmerksamkeit nichts davon bemerkte, wie derselbe sie sofort in das rasch geöffnete Türchen des kalten Ofens steckte und dasselbe sogleich wieder schloss. Meine in der Kappe verwahrt gewesenen Zigarren verbarg er unter der Lagerdecke. Die leere Flasche baten wir ihn vor Verlassen des Arrestes beim Fenster herauszuwerfen, von wo wir sie später dem Gastwirte Wittrich in Alt-Schallersdorf zurückstellten. Gerührt wegen unserer Obsorge dankte uns der Feldwebel tränenden Auges. Der Posten ließ uns dann anstandslos passieren und ein Blick auf das Gewehrständerholz überzeugte uns, dass das Geldstück verschwunden war. Nachdem ich mit 11. Oktober 1910 zum wirklichen Korporal befördert worden war, sahen mich meine Lieben zu den Weihnachtstagen in Iglau wieder auf einige Tage, schon mit der neuen Distinktion. (…) Nach dieser im Original wiederum mit einer Fotografie belegten Passage umfassen die Militärerinnerungen von Alois Petrides nur mehr wenige Seiten. Es geht darin insbesondere um seine weiteren Beförderungen in der „militärischen Stufenleiter“ bis zum „wirkli­ chen Zugsführer“ als dem „höchsten Dienstgrad, den ein gewöhn­ 162

licher Soldat während seiner drei Jahre Dienst erklimmen konnte“ – was sich erneut in Form höherer „Löhnung“ und vermehrten Distinktionszeichen niederschlug. Auch seine Tätigkeiten als Rech­ nungsunteroffizier werden beschrieben sowie ein Besuch des Vaters in der Kaserne, natürlich mit Fotoapparat, und das große Herbst­ manöver des Jahres 1912, an dem Petrides noch teilnahm. Danach rüstete er ab, eine Zukunft beim Militär konnte er sich nicht vorstel­ len, obwohl man versuchte, ihn zum „Längerdienen“ zu überreden. Kurz darauf kam er bei der Gendarmerie unter.

Anmerkungen 1

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Hier handelt es sich um ein tschechisches Kindergedicht von Josef Václav Sládek (1845–1912) mit dem Titel „V zm���������������������������������� ě��������������������������������� n�������������������������������� á������������������������������� ch ž��������������������������� ���������������������������� ivota“, was mit „Lebensveränderungen“ wiedergegeben werden kann. Es ist im Zyklus „Zvony a zvonky“ (Glocken und Glöckchen) erschienen und beschreibt in Anlehung an die Jahreszeiten und die Natur das ständige Auf und Ab des Lebens, das aber mit einem starken Glauben und der Hilfe Gottes gemeistert werden kann. Die Übersetzung der einzelnen Textfragmente lautet: „Eins, zwei, drei, vier, fünf, sechs, sieben“, „Ferenc Jóska, alter ungarischer König“ und „Ich gehe zum Budapester Bahnhof hinaus“. „In Kremnica mahlt die Mühle und der Müller ist nicht zuhause.“ Text von Antal Kazaliczky (1852–1917), „Kék nefelejcs“ – „Blaues Vergissmeinnicht“. Übersetzung: „Ein blaues Vergissmeinnicht, blaues Vergissmeinnicht blüht am, blüht am Rande des Sees. Ich bin krank, mein Herz tut weh, nicht mehr lange, nicht mehr lange lebe ich. Jedoch dafür, jedoch dafür, wenn ich sterbe, bindet für mein Grab, für meines Grabes Hügel, einen Kranz aus Vergissmeinnicht.“ Möglicherweise vermischt Alois Petrides hier in der Erinnerung zwei Lieder oder der Text des Volksliedes hat sich im Lauf der Zeit verändert. Ein vom Text her fast identes Lied (nur der Anfang ist anders) heißt „Zúg a vihar, jajgat a szél …“ Der Text lautet: „Zúg a vihar, jajgat a szél, kergeti a felleget. De még nagyobb bánat járja az én árva szívemet. Seperje el ez a vihar, seperje el a világot örökre. Úgyis minden reménységem, boldogságom rég sírba van temetve.“ Übersetzung, wie der Autor den Liedtext erinnert: „Es regnet, es regnet, der Wind jagt; er treibt die Wolken, zupft umso mehr mein verwaistes Herz heraus. Soll dieser Sturm es wegfegen, soll er die Welt auf ewig wegfegen. All meine Hoffnung, all mein Glück ist ohnehin längst für immer begraben.“

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Ein Rekrut darf nicht viel fragen Eduard Lippert wurde am 26. Mai 1862 im damaligen Brüx (tschech. Most) in Böh­ men geboren. Seine Eltern hatten sieben Kinder, Eduard war ihr zweiter Sohn. Über seine Kindheit im ländlich-unterbäuerlichen Milieu ist wenig bekannt, da die vorhandenen Aufzeichnungen erst mit der Assentierung Lipperts zum Militär im März 1882 ein­ setzen und sich dann ausschließlich auf seine Laufbahn als Rekrut und Unteroffizier bei der Gebirgsbatterie Nr. 1 im damaligen Trient (ital. Trento) sowie die unmittelbar daran anschließende Tätigkeit als Gendarmerie-Inspektor und -Postenkommandant in mehreren Orten Tirols und Vorarlbergs beziehen. Als Beamter im Staats­ dienst absolvierte er danach 1896 einen viermonatigen Postkurs in Wien und wurde ab 1. Mai 1897 Postassistent in Amstetten. Der im Folgenden gedruckte Text ist der erste Teil seiner autobio­ grafischen Erzählung, der Eduard Lippert vermutlich selbst den Titel „Erinnerungen an meine Militärdienstzeit“ gab. Das 90 Seiten um­ fassende Typoskript von Erna Lippert, der Tochter des Autors, stellt die Abschrift eines nicht mehr zugänglichen Originalmanuskripts dar und wurde der „Dokumentation lebensgeschichtlicher Aufzeich­ nungen“ 1993 von Dr. Josef Leb übergeben. Erna Lippert war des­ sen langjährige Sekretärin und hatte ihm die Aufzeichnungen ihres Vaters in dieser Form überlassen. Dem Manuskript vorangestellt ist eine Fotografie Eduard Lipperts, im Anhang befindet sich zudem ein zweiseitiges, handgeschriebenes Curriculum Vitae mit den wichtigs­ ten Berufsdaten bis zum Beginn seiner Laufbahn bei der Post. Es mag mit seinem geglückten Aufstieg und Erfolg beim Militär zusammenhängen, dass Lipperts „Erinnerungen an meine Militär­ 164

dienstzeit“ so detailreich ausgefallen sind und von einer hohen Iden­ tifikation mit dieser Institution zeugen. Schon seine Assentierung im Jahr 1882 sowie das damalige „Stellungswesen“ und die Zeit bis zum tatsächlichen Eintritt ins Militär schildert er außergewöhnlich genau und umfassend, ebenso wie die lange Reise der neu einrü­ ckenden Soldaten in die Garnisonsstadt Trient, wo Lippert bei der Gebirgsbatterie Nr. 1 diente – immer mit dem Ziel vor Augen, sich beim Militär durch „Längerdienen“ eine berufliche Existenz sichern zu können. Auch die Rekrutenzeit, als er trotz seines Vorsatzes, „ein rechter Soldat zu werden, beinahe verdrießlich geworden“ wäre, bewertet er in diesem Licht; am Ende des hier abgedruckten Aus­ schnitts schreibt Lippert nicht ohne Stolz, dass er danach in die Un­ teroffiziersschule kommandiert wurde – wovon dann der nächste, nicht mehr abgedruckte Teil seiner Erinnerungen handelt.

Ich bin am 26. Mai 1862 in Brüx in Böhmen geboren. Wenn in damaliger Zeit sich ein junger Bursche dem 20. Lebensjahr näherte, so oblag ihm die Pflicht, sich im vorhergehenden Jahre, ehe er das 20. Lebensjahr erreichte, als stellungspflichtig für den Militärdienst bei der Polizei bzw. bei seiner Aufenthaltsgemeinde zu melden. Diese Meldung war der erste Akt eines allfälligen späteren Soldatenlebens. Zeitgerecht erhielt dann der Stellungspflichtige von seinem zuständigen Ergänzungsbezirke eine Vorladung zu einer grundsätzlich im zeitigen Frühjahr stattfindenden Assentierung. Dieser Vorladung zur Assentierung ging jedoch eine Kundmachung voraus, in der der Tag der Losung – in manchen Ländern auch Spieltag genannt – bekannt gegeben wurde. Wohnte aber der Stellungspflichtige nicht im Bereiche des Ergänzungsbezirkskommandos, so wurde ihm das Losen nicht zur Pflicht gemacht, weil in diesem Falle der Gemeindevorsteher für den Abwesenden die betreffende Losnummer zog, nach der sich der Stellungspflichtige der Musterung zu stellen hatte. 165

Ich wurde, weil damals nach Franzensbad zuständig, für den 2. März 1882 nach Eger ins Gasthaus Frankental zur Assentierung vorgeladen. Wie es zu dieser Zeit üblich war, hatten sich die Stellungspflichtigen an diesem Tage mehr Freiheit in Bezug auf Lustigkeit herausgenommen, was aber auch gerne geduldet wurde, freilich unter der einen Voraussetzung, dass keine Rohheiten verübt wurden. Leider war dieser Assentierungstag für mich kein freudiges Ereignis, weil mein lieber Vater im Februar gestorben war. Ich und mein älterer Bruder Franz, der sich in der zweiten Altersklasse zu stellen hatte, gingen mit sehr gemischten Gefühlen zur Assentierung nach Eger, denn wir mussten doch auch bedenken, was unsere liebe Mutter mit den fünf noch kleineren Geschwistern anfangen werde. Geld, das bei solchen Anlässen eine nicht unbedeutende Rolle spielte, war bei mir und auch bei meinem Bruder nur in sehr geringem Masse vorhanden. Mein Bruder hatte sich einen Tag früher, ich einen Tag später zu stellen, und so fuhren wir getrennt einen Tag vor der Assentierung nach Eger und besuchten unsere in der Umgebung von Eger wohnenden Verwandten, um bei ihnen zu nächtigen. Die Verwandten, hauptsächlich Nachkommen der Brüder unseres Großvaters, kannten wir nur dem Namen nach. Ein Bruder unseres Großvaters namens Wolfgang ­Lippert war noch bayrischer Untertan und wohnte bei Waldsassen. Der zweite Bruder unseres Großvaters Leonhard, der in Palitz am Hübel wohnte, war uns persönlich bekannt. Doch weil dieser Ort so weit weg von Eger liegt, nächtigten wir bei Verwandten in Schönbach. Der Vetter Leonhard (Hardl) hatte mir einige Jahre vor der Assentierung einmal gesagt: „Bub, wenn du zum Militär kommst, vielleicht ist‘s dein Glück.“ Ein Sohn seines bayrischen Bruders hatte nämlich in der bayrischen Armee gedient und sich zu einer Staatsstellung emporgearbeitet. Dies will 166

ich deshalb erwähnen, weil ich mir dachte, dass ich, wenn bei der Assentierung das Wort „tauglich“ fiele, nicht mit trauriger Miene abziehen müsste, wenn mir der Militärdienst möglicherweise eine Existenz böte. Durch den Militärdienst wurde so mancher junge Mann und seine Familie wirtschaftlich beeinträchtigt, weshalb das Wort „tauglich“ nicht immer die größte Freude bereitete. Wenn es auch bei den jungen Burschen einen gewissen Stolz hervorrief, körperlich tauglich zu sein, so waren doch diejenigen am meisten lustig und froh, die als untauglich befunden wurden und so dem Militärdienst entrinnen konnten. Bei meinem Eintritt in das Vorzimmer des Assentsaales ­kamen mir die für untauglich befundenen Rekruten entgegen. Da ich nicht wusste, dass die Tauglichen einen anderen Weg aus dem Assentsaale hatten, fragte ich, wer von ihnen tauglich sei. Als ich von allen die Antwort „untauglich“ erhielt, trotzdem mir die angekleideten Burschen als kräftige, starke Männer erschienen, hatte ich die Meinung, dass ich dann auch untauglich bin. Aber das war nur meine Meinung. Nachdem bei mir das Längen- und Brustmaß abgenommen worden war, richtete der Regimentsarzt an mich die Frage: „Hören und sehen Sie gut oder haben Sie irgendein Leiden?“ Die erstere Frage wurde von mir bejahend, die zweite verneinend beantwortet. Dann befahl mir der Arzt sechs Schritte nach vor und sechs zurück zu gehen, hob mir beide Arme auf, besah meine Hände und sah mir in den Mund. Die Untersuchung war beendet, der Befund lautete: „Ohne Gebrechen tauglich“. Zur Aufnahme der Personalien musste ich vor die an den Tischen sitzenden Schreiber treten. Da hörte ich von einem Mitglied der Kommission, dass ich zu einem Dragonerregiment eingeteilt werden sollte. Es war mir aber auch bekannt, dass nach dem Wehrgesetz dem Rekruten die Wahl der ­Waffengattung nach Körperbeschaffenheit und allfälligem 167

Abgang offenstand. Jetzt hieß es schnell den Mund aufmachen, ehe es zu spät war. Ein sehr alter Herr hatte mir, bevor ich zur Assentierung ging, geraten, mich für den Fall der Tauglichkeit zur Artillerie zu melden. Auf meine Bitte hin, mich zur Artillerie einzureihen, wurde ich befragt, ob ich lesen und schreiben könne. Mit der Bejahung dieser Frage war für mich die Assentierung bis zur Beeidigung beendet. Die Eidesleistung erfolgte nach durchgeführter Assentierung. Der Soldateneid, den man dem Kaiser leistete, wurde von einem Offizier vorgelesen und musste Wort für Wort nachgesprochen werden. Die Eidesformel enthielt in der Hauptsache die Bestimmung, dass der Soldat zu jeder Zeit, bei Tag und bei Nacht, zu Wasser und zu Land, mit einem Worte, an jedem Orte für Kaiser und Vaterland zu kämpfen und zu sterben bereit sein müsse, und dass er die Befehle und die Anordnungen der Vorgesetzten und Höheren unbedingt zu vollziehen habe. Nur wenn der Befehl ganz augenscheinlich gegen die beschworene Treue zu Kaiser und Vaterland gerichtet wäre, dürfe die Vollziehung eines solchen Befehles nach kurzer Berufung auf die beschworene Treue verweigert werden. Nach der Vereidigung erhielt jeder Rekrut einen Widmungsschein, in welchem der Truppenkörper und die Unterabteilung angegeben waren, in denen der junge Soldat Aufnahme gefunden hatte. In meiner Heimat war es ein alter Brauch, dass sich jeder Taugliche eine seiner Waffengattung entsprechende Militärkappe kaufte. Bis zum Einrücken im Herbst durfte er diese Kappe ungehindert tragen. Obwohl ich sehr wenig Geld besaß, konnte ich es doch nicht übers Herz bringen, diesem Brauch zu entsagen, und kaufte mir daher für einen Gulden und zehn Kreuzer eine Artilleriekappe. Es war mir bekannt, dass der Gemeinde Franzensbad, wenn sie ihre Rekruten von auswärts zur Assentierung ein168

berief, auch die Pflicht oblag, eine Reisetour der Rekruten zu begleichen. Um gleich an die richtige Stelle zu kommen, bat ich einen auf der Straße stehenden Polizisten, er möge mich zur Gemeindekasse führen, wo mir die Rückreisegebühr in die Heimat ausbezahlt würde. Diese Bitte wurde mir auch in kürzester Zeit und ohne Anstand erfüllt, sodass ich wieder Geld zur Heimreise hatte. Am gleichen Abend noch ging ich nach Schönbach, um bei meinen Verwandten zu nächtigen. Auch mein Bruder Franz, der einen Tag früher zur Ersatzreserve assentiert worden war, fand sich dort ein. Am nächsten Morgen gingen wir dann gemeinsam nach Eger und fuhren nach Brüx. Bei der Heimkehr fand es mein Bruder für geraten, dass er, der keine Militärkappe trug, zuerst in die Wohnung eintrete, um unsere liebe Mutter darauf vorzubereiten, dass beide Söhne Soldaten seien. Unsere liebe Mutter war wohl darauf gefasst gewesen, dass ich tauglich sei, aber bei Franz hatte sie doch im Stillen mit dem Untauglichsein gerechnet. Zum Glück wurden wir beide nicht im gleichen Jahre zur Dienstleistung einberufen.1 Das Frühjahr und der Sommer verstrichen schnell, die Zeit des Einrückens nahte. Mein Bruder Franz kümmerte sich mehr um die Bedürfnisse eines Rekruten und besorgte mir, so gering unsere Mittel auch waren, die gewissen Kleinigkeiten, wie Kot-, Schuh- und Kleiderbürste, Schmier- und Wichsbüchse, Salz- und Pfefferbüchse, Essbesteck, Nähzeug usw., die für einen Soldaten nun einmal unentbehrlich sind. Die letzte Woche vor dem 1. Oktober war mit Abschiednehmen von allen Verwandten und Bekannten ausgefüllt. Bei solchen Gelegenheiten war es üblich, dem Rekruten einige Goldmünzen zuzustecken; auch mir wurden mehrere Silber­ gulden und Silbermünzen zugesteckt. Vom pensionierten Major Pohnert, einem Bruder des Herrn meines verstorbenen Vaters, erhielt ich sogar einen Doppelgulden mit dem gleichzeitigen guten Rat, wenn ich beim Militär etwas angestellt 169

hätte, den Vorgesetzten zur Beschönigung der Sache ja nicht anzulügen, da der Vorgesetzte leichter Nachsicht übe, wenn er die volle Wahrheit erführe. Der 1. Oktober war da. Es war ein Sonntag. Meine liebe Mutter hatte einen Gugelhupf gebacken, den ich in meinem Koffer versorgte. Als ich von meinen kleinen Geschwistern und der Mutter Abschied genommen hatte, ging ich um 9 Uhr vormittags auf den Bahnhof. Unterwegs traf ich auch andere Rekruten. Ungefähr tausend Schritte vom Bahnhof entfernt, rief mir meine Mutter, die im Laufschritt nachgekommen war, zu, dass sie mir etwas Vergessenes nachbringen wolle, ich solle stehen bleiben, mich aber nicht mehr umsehen, sie werde mir etwas in die Hand geben. Dies war der letzte Händedruck meiner lieben Mutter auf fünf Jahre. Die abfahrenden Rekruten hatten als Reiseziel Theresienstadt. Auf dieser Fahrt kam ich neben dem Fleischergehilfen Timmel zu sitzen, dessen Bruder ein eigenes Fleischergeschäft besaß. Als sich die Fahrt bis in den späten Nachmittag hinein ausdehnte und der Magen etwas verlangte, grub ich meinen Gugelhupf aus und begann meinen Hunger zu stillen. Mein Nachbar Timmel brachte ein grosses Quantum Presswurst zu Tage. Meine Augen richteten sich auf die Wurst, die seinen auf mein Gebäck. Nach kurzer Aussprache wurden wir einig, gegenseitig zu halbieren. Kurz vor Eintritt der Dunkelheit kamen wir in Theresienstadt an und fanden auch bald die richtige Kaserne. Theresien­stadt war damals eine Festung, es gab daher bereits keine Privathäuser mehr, aber sehr viele Gasthäuser. In der großen Kaserne trafen wir einen Korporal, dem wir uns vorstellten. Seine Antwort war: „Heute ist Sonntag und es ist schon so spät, daher wird heute nicht mehr präsentiert.“ Wir sollten uns um ein Nachtquartier umsehen und am nächsten Morgen wiederkommen. 170

Wie nun überall auf der Welt die mit den Verhältnissen unkundigen Menschen von anderen leicht ausgenützt werden, so war es auch hier. Freilich konnte man es in unserem Falle leichter verzeihen, denn jeder weiß, dass ein Soldat in der Regel kein Geld in der Tasche hat und sich begreiflicherweise zu dem Rekruten hingezogen fühlt, bei dem er noch Geld in der Tasche vermutet. Das soll aber durchaus kein schlechtes Licht auf die Soldaten werfen. Als wir nun aus dem Tor der Kaserne traten, standen viele Soldaten auf der Gasse, und die Rekruten wurden von den Einzelnen befragt, von woher sie kämen, aus welchem Ort sie seien. Auch an mich richtete ein Soldat diese Frage. Als ich als meinen Geburtsort Brüx genannt hatte, gab sich der Fragesteller auch als Brüxer aus und nannte seinen Namen. Er war ein Sohn des Wasenmeisters Schubert in Brüx. Ich sagte ihm kurz und bündig, ich müsse mich um ein Nachtquartier umsehen und könne keine Zeit verlieren. Auf diese Äußerung erhielt ich die für mich natürlich sehr angenehme Erwiderung: „Du schläfst heute bei mir! Ich habe ja ein eigenes Zimmer. Das Nachtessen musst du dir eben in einem Gasthaus kaufen, ich werde dich schon in ein Gasthaus führen.“ Das war eine Selbsteinladung des guten Landsmann-Soldaten. Die Notwendigkeit, etwas zu essen, war ja vorhanden, und so war ich gerne mit dem Vorschlag einverstanden. Das erste Gasthaus hatte dem Zweck, meinen Hunger und Durst zu stillen, vollkommen entsprochen; natürlich musste das angehende Soldatenherz auch für die Bekämpfung von Hunger und Durst des Landsmann-Soldaten Sorge tragen. Als wir das erste Gasthaus verließen, war ich der guten Meinung, dass wir jetzt schlafen gehen würden. Weit gefehlt. Kaum waren wir in die Nähe des nächsten Gasthauses gekommen, so wollte mein Begleiter auch dort hineinschauen, um vielleicht noch Brüxer zu treffen. „Nein“ zu sagen war mir unmöglich, weil ich doch den Nachtquartiergeber nicht 171

abstoßen konnte. Also wurde ein zweites Gasthaus absolviert mit einigen Krügeln Bier auf Lipperts Rechnung. Ich mahnte zart zum Schlafengehen. Die Antwort war: „Ja, jetzt gehen wir gleich.“ Aber unterwegs kamen wir wieder an einem Gasthaus vorbei und der gute Landsmann-Quartiergeber ging, da ich keine Lust mehr zeigte einzukehren, allein hinein mit der Versicherung, gleich wiederzukommen. Ja, er kam wohl nach einiger Zeit wieder zum Eingang, aber mit den Worten: „Ich bleib noch hier, komm herein, es ist hier recht angenehm.“ Nun sage mir jemand, was mir in vorgerückter Nachtstunde, ohne Nachtquartier, anderes übrig geblieben wäre, als dem lieben Quartiermeister zu folgen. Wir saßen noch gar nicht lange im Gasthaus – mir war das Trinken durch die verschiedenen Biere eine wahre Last –, als eine militärische Patrouille auftauchte und alle anwesenden Soldaten zur Nachweisung der Erlaubnis zum Ausbleiben über die Retraite verhielt. Mein guter Landsmann besaß ­natürlich keine solche Erlaubnis, wandte sich aber an den Führer der Patrouille und gab an, er sei von meinem Eintreffen in Theresienstadt verständigt und ersucht worden, für meine Unterkunft zu sorgen. Weil ich mich aber in Theresienstadt verlaufen hätte, hätte er mich suchen müssen und hier in diesem Gasthaus eben getroffen. Weil diese Angabe glaubhaft erschien, ließ die Patrouille meinen Landsmann unbehelligt und zog ab. Ich drängte nun neuerlich zum Schlafengehen, damit uns nicht eine andere Patrouille aufgreifen könne; würde mein Begleiter aufgegriffen werden, so stünde ich mitten in der Nacht allein auf der Straße, unbekannt mit den Vorschriften einer Festungsstadt. Das Gasthaus wurde nun zwar verlassen, aber bevor wir zum Quartier kamen, fand es mein Schutzgeist abermals für notwendig, in aller Eile nochmals einzukehren. Ich bekämpfte diese Zumutung auf das Schärfste, weil ich auch des Trinkens überdrüssig und schläfrig war. 172

Mein Landsmann aber bat, nur noch ein Krügel Bier trinken zu dürfen, dann gehe er bestimmt heim. Als nun auch dieses letzte Krügel Bier, aus Lipperts Kasse gezahlt, getrunken war, gingen wir tatsächlich dem Nachtquartier zu. Mein Schutzgeist war nämlich Offiziersdiener und hatte in der Wohnung seines Vorgesetzten einen mit einem Militärbett ausgestatteten Wohnraum. Die Wohnung des Offiziers befand sich, so viel ich nachts und am nächsten Morgen wahrnehmen konnte, in einem großen Offizierspavillon mit einem großen Hof. Der Offizier, dem mein Schutzgeist als Diener zugeteilt war, hatte einen großen Hund, und zwar eine Dogge. Dieser Hund befand sich im Vorhaus der Offizierswohnung. Als wir eintraten, sprang nun der Hund unter lautem Gebell auf mich los und wollte mich beißen. Mein Begleiter hatte große Mühe, den Hund zu bemeistern. Wir legten uns nun beide auf den militärischen Strohsack, aber der Hund gab keine Ruhe und bellte fortwährend. Beständig suchte er, über meinen Schlafkameraden hinwegzuspringen und mich anzufallen. Mein Schlafkamerad war infolge des vielen Trinkens fest eingeschlafen und konnte daher den Hund nicht abwehren. Was blieb mir anderes übrig, als meinen Koffer aufzumachen und dem Hund immer ein Stückchen Presswurst als Freundschaftsbezeugung zuzuwerfen. Während dieser vergeblichen Bemühungen um die Hundefreundschaft kam eine neuerliche Überraschung. Der Offizier kam nach Hause, hörte das endlose Bellen des Hundes und trat nun in das Dienerzimmer, um den Hund zu beruhigen. Jetzt bestand für mich die Gefahr, entdeckt, wenn nicht gar ausgewiesen und eingesperrt zu werden. Glücklicherweise hatte der Offizier das Dienerzimmer nur teilweise beleuchtet, sodass ich nicht gesehen wurde. Aber mein Plagegeist, der Hund, gab noch immer keine Ruhe, sodass ich in immer längeren Pausen ein immer kleineres Stückchen Wurst abgeben musste, damit sie auf diese Weise bis zum Morgen reichte. Das geschilderte Manöver 173

dauerte ungefähr drei Stunden. Von einer wenn auch noch so kurzen Zeit des Schlafens konnte keine Rede sein, denn dann wäre ich der Bestie ausgeliefert gewesen. Sobald der Morgen graute, war ich entschlossen, mich aus dieser Zwangslage zu befreien. Ich stieg, da ich am Strohsack gegen die Wand lag, über meinen noch immer tief schlafenden Kameraden hinweg, nahm in die eine Hand meinen Koffer, in die andere Hand das letzte Stückchen Wurst und versuchte nun auszubrechen. Den Hund mit der Wurst befriedigend, erreichte ich die Wohnungstür, welche glücklicherweise nicht versperrt war. Im Hausgange musste ich mich erst zurechtfinden, um zur Stiege zu kommen. Dann ging‘s im Eilschritt hinunter und über den Hof dem Tore zu. Ein Unteroffizier aber hatte mich doch gesehen und hielt mich an mit der Frage, was ich da oben zu tun hätte. Der Wahrheit gemäß antwortete ich, dass ich bei meinem Landsmann die Nacht verbrachte. Und ehe der Unteroffizier sich recht versah, sprang ich beim Tor hinaus und war nun frei. Meinen Quartiergeber bekam ich nie mehr zu sehen. Jetzt war meine erste Sorge, in irgendeinem Gasthaus einen Kaffee zu erhalten. Mittlerweile wurde es Zeit, mich, wie am Vortag erwähnt wurde, präsentieren zu lassen. Die Kaserne war auch bald wieder gefunden, und um 10 Uhr war ich mit einigen Hunderten ein neu präsentierter Rekrut. Am frühen Nachmittag wurden alle Präsentierten verlesen und jeder bekam eine Portion Brot, Menage und die Löhnung in barem Geld auf die Hand. Die Kaserne durften wir nicht verlassen, jedoch konnten wir in die Kantine gehen. Das erhaltene Geld langte natürlich nicht für ein Mittagbzw. Abendessen. Ein Entfernen aus dem riesengroßen Kasernengebäude, welches gleichzeitig Transporthaus war, war deshalb unmöglich, weil alle Ausgänge mit Posten besetzt waren. Uns Rekruten wurde bedeutet, dass wir uns in die Transportzimmer zu begeben hätten. Diese Räume befanden 174

sich im ersten Stock und waren sehr große Säle. Auf den Fußböden dieser Säle waren mehrere Hundert Strohsäcke in Reihen so aufgelegt, dass man noch durchgehen konnte. Auf den Gängen standen die Wachtposten, die ab und zu auch in die Säle hereinkamen, um das Rauchverbot zu überwachen. Beim Eintritt in diese Räume war man in der Lage, die Größe und Beschaffenheit der österreichischen Monarchie in überraschender Weise kennenzulernen. Da lagen oder saßen in Gruppen deutsche Österreicher, Tschechen, Slowaken, Polen, Zigeuner und polnische Juden, Dalmatiner und Ungarn, unter ihnen reine Pusztasöhne, die als Bekleidung nicht Hosen, sondern kurze Weiberkittel trugen. Ein Gemisch von Sprachen ging durch die Säle. Es waren eben alle Nationen vertreten, die damals zur Monarchie gehörten. Die Rekruten saßen oder lagen friedlich nebeneinander. Es gab kein böses Wort oder einen bösen Blick; ein jeder lächelte den Neuankommenden an in dem Bewusstsein: Wir sind ja alle Rekruten. Freilich konnte niemand wissen, ob alle diese aus allen Teilen der Monarchie zusammengekommenen Leute ehrlich waren, denn der ärztliche Befund entscheidet ja nicht über den Charakter, sondern nur über die körperliche Tauglichkeit. Jeder Rekrut hatte, wenn er auch nicht viel besaß, so doch ein kleines Bündel bei sich mit Sachen, die ihm lieb und teuer waren. Dieses konnte er nun dort, wo er sich mit den gleichzeitig Angekommenen niedergelassen hatte, am Kopfende seines Strohsackes niederlegen. Entfernte er sich von seinem Platze, so war seine Habe unbewacht. Es mag vielleicht schon das Bewusstsein, dass Kameradschaftsdiebstahl strenge bestraft wird, mitgewirkt haben, dass keine Eigentumsschädigungen vorkamen. Zwei ganze Tage brachten wir in diesem Raume zu, bis endlich eine Wendung eintrat und ein Transport zusammengestellt wurde. Vor dem Abmarsch erhielten wir noch eine Portion Brot; das Brot war aber sehr bitter, was auf kein gutes 175

Brotmehl schließen ließ. Am dritten Tag ging es zur Bahn und wir fuhren nach Prag. Wie viel Mann wir waren, blieb mir unbekannt, denn ein Rekrut darf nicht viel fragen, noch weniger lange schauen, sondern hat nur die Befehle zu befolgen. In Prag wurden wir in eine Kaserne geführt, die recht abschreckend aussah. Wir bekamen eine Portion Menage und wurden eigentlich gar nicht einquartiert, sondern es ging noch am selben Nachmittag weiter in Richtung Budweis. In Budweis kamen wir spät in der Nacht an und sollten in einem Transporthaus, das sich ziemlich außerhalb der Stadt befand, einquartiert werden. Es war das erste Drittel des Monats Oktober und die Nächte waren kalt. Kein Rekrut hatte außer seinem gewöhnlichen Gewand noch einen Mantel bei sich. In dem Transporthaus war nun ein Zimmer vorhanden mit zirka zehn Betten. Unser Transport war aber fünf- bis sechsmal stärker als diese Bettanzahl. Die ersten der Rekruten, die den Transportraum betraten, sahen sofort die Unmöglichkeit der Unterkunft in diesem Raume, rissen rasch entschlossen die Betten auseinander, um so wenigstens die Strohsäcke als Kopfkissen verwenden zu können, und erreichten so, dass wenigstens eine doppelte Anzahl von Personen, wenn auch am Boden, so doch unter Dach schlafen konnte und nicht die Nacht im Freien verbringen musste. Den anderen Rekruten, unter denen auch ich mich befand, blieb keine andere Wahl, als im Freien vor dem Transporthaus die ganze noch übrige Nacht spazieren zu gehen, um die Kälte nicht allzu arg zu empfinden. Dies war ein Vorgeschmack vom Soldatenleben. Gegen 7 Uhr früh wurde uns bekannt gegeben, dass wir uns in die Stadt begeben dürften, um ein warmes Frühstück zu erhalten; um 9 Uhr müssten wir aber alle an Ort und Stelle sein. Diese Freiheit wurde von allen Rekruten ausgenützt, und wir konnten nur alle unser Lob über den guten Budweiser Kaffee und die großen und guten Semmeln und Kipfeln aussprechen. 176

Zur oben erwähnten Stunde waren alle wieder vollzählig anwesend und nach einiger Zeit marschierten wir wieder zum Bahnhof mit dem Ziele: Fahrt nach Linz. Dort kamen wir zeitgerecht an, mussten aber in der Kaserne bleiben, wo ­natürlich wieder die Kantine für Futter in Anspruch genommen wurde. In Linz hoffte ich einen bekannten Ökonomieadjunkten namens Littauer zu treffen, der als Soldat beim Hesser-Regiment diente. Ich wusste, dass er Korporal war und fragte darum einen Unteroffizier, wo ich Korporal ­Littauer treffen könne. Die Auskunft lautete: „Heute ist es schon zu spät, fragen Sie morgen früh nach ihm.“ Am anderen Tag ging ich in den betreffenden Kasernenteil, wo er untergebracht sein sollte, und fragte in der Kanzlei nach. Als Antwort erhielt ich die Auskunft: „Littauer ist gestern mit seinem Bataillon nach Salzburg abmarschiert.“ Also war wieder eine Freude, einen Bekannten als Soldaten zu treffen, zerstört. Am Nachmittag marschierten wir wieder zum Bahnhof, um nach Salzburg zu fahren. Dort langten wir erst spätabends an und wurden sofort einquartiert. Am anderen Tag aber gab es doch noch ein wenig freie Zeit, um die Stadt anzusehen. Wieder ging am Nachmittag unser Transport weiter, diesmal nach Innsbruck. Es war wieder spät in der Nacht, als wir dort eintrafen. Auch hier fanden wir für jeden von uns einen leeren Strohsack zum Schlafen. Am nächsten Tag hatten wir bis 5 Uhr frei und durften in die Stadt gehen, mussten aber dem Transporthausleiter versprechen, zur bestimmten Stunde wieder in der Kaserne zu sein. Gegen 6 Uhr abends ging unser Transport unter Leitung eines Einjährig-FreiwilligenKorporals nach Bozen weiter. Der Einjährige war als Kranker in Prag zurückgeblieben und musste nun seinem in Südtirol garnisonierenden Regiment Montel nachreisen, hatte daher den gleichen Weg wie unser Transport. Nach der Einwaggonierung in Innsbruck war die Unterhaltung nicht mehr groß und langsam schliefen wir alle 177

mehr oder weniger ein. Wir hatten keine Ahnung, dass in Südtirol eine Überschwemmung stattgefunden hatte. Als die Station Waidbruck erreicht war, wurden wir durch ein lautes „Alles aussteigen!“ aus unserem Schlummer geweckt und mussten die Bahn verlassen. Es wurde uns nun klar gemacht, dass wir zu Fuß weitermarschieren müssten, um unser Ziel, Bozen, zu erreichen. Zu unserem Leidwesen war aber weder von einer Straße noch von einer Eisenbahnstrecke etwas zu sehen. Als es vollkommen Tag wurde, sah man an den Talwänden die verbogenen Schienenstränge hängen. Unser Transport konnte sich nur längs der Bergeshänge vorwärts bewegen, was bei dem aufgeweichten Boden recht mühsam war; zudem war unser Transportkommandant ebenso wegunkundig wie wir. Auch musste jedermann seinen Handkoffer selbst tragen. Mit vielem Auf- und Niedersteigen, wie es eben die Notwendigkeit ergab, kamen wir gegen 4 Uhr nachmittags in Bozen an, selbstverständlich hungrig, müde und schmutzig. Ein leeres Mannschaftszimmer wurde uns mit dem Bemerken zugewiesen, dass wir uns bis 5 Uhr ruhig zu verhalten hätten und auch die Kantine nicht besuchen dürften, weil im Nebenzimmer die bereits eingerückten Kaiserjäger Schule hätten. So setzte sich denn jeder von uns auf einen Strohsack. Auch ich setzte mich am Fußende meines Bettes hin in der festen Absicht, um 5 Uhr in die Kantine zu gehen, um doch einmal am Tag etwas Warmes zu essen. Der Wille war stark, aber Schlaf und Müdigkeit waren noch stärker. Sitzend schlief ich ein, den Oberkörper auf den Strohsack zurückgelehnt. Ungefähr um 4���������������������������������������������������  Uhr����������������������������������������������� früh erwachte ich und sah bei Zündholzbeleuchtung auf meine Uhr. Obwohl ich sehr hungrig war, blieb mir doch nichts anderes übrig, als ruhig sitzen zu bleiben, bis um 6 Uhr Tagwache geblasen wurde und alle Rekruten aufstehen mussten. Dann stillte ich endlich in der Kantine meinen Hunger mit zwei Schalen Kaffee und genügend Brot. 178

Gegen 8��������������������������������������������  Uhr���������������������������������������� versammelte unser Kommandant seine Leute und wir marschierten frohgemut von Bozen gegen Trient. Dieser Tagmarsch war nicht mehr so anstrengend, weil wir nicht mehr so oft auf- und niedersteigen mussten, dafür begann die Südtiroler Wärme schon lästig zu werden. Unser Tagesziel war Neumarkt, das wir gegen 3��������������������  Uhr���������������� nachmittags erreichten. In einem Gasthaus fanden wir Unterkunft und auch Verpflegung zu Zivilpreisen. Die Kellnerin war eine Deutsche, beherrschte aber auch die italienische Sprache, und so erlernten wir an diesem Abend noch einige Worte Italienisch für die zukünftige Garnison. Am nächsten Tag, halbwegs gut ausgeruht und gefüttert, marschierten wir weiter. Die Sonne brannte ganz entsetzlich, und wir schwitzten nicht wenig, als wir in Gordolo, eine gute Gehstunde von Trient, ankamen. Dort erfuhr unser Führer, dass die Bahn für den Verkehr von Schotterzügen wieder hergestellt sei. Wir gingen zum Bahnhof, und auf inständiges Bitten unseres Führers gestattete uns der Stationsvorstand, dass wir gegen Zahlung von zehn Kreuzern pro Person in ­einem leeren Schotterwagen nach Trient mitfahren durften. Die zehn Kreuzer aber zahlte jeder Mann gerne, weil wir so eine Stunde Fußmarsch ersparten. Dies war unser letzter Reisetag zur Garnison, in der wir gegen 3 Uhr Nachmittag eintrafen und wieder im Transporthaus untergebracht wurden. Das Transporthaus befand sich in der Laurentius-Kaserne, wo die beiden Gebirgsbatterien 1 und 3 untergebracht waren. Kaum ­waren wir eine Viertelstunde im Transitraum, so kam schon ein Unteroffizier, um die zu den Batterien eingeteilten Rekruten diesen Abteilungen zu überstellen. Von da an begann für mich das Soldatenleben. Von unserem Transport gehörten nur drei Mann der Gebirgsbatterie an. Der übernehmende Rechnungsunteroffizier führte uns sogleich auf die einzelnen Mannschaftszimmer. Wir machten große Augen, als jeder Einzelne von uns bereits die Kopftafel 179

mit seinem Namen und einer Charge oberhalb seines Bettes vorfand. Mein Bett stand im Professionistenzimmer. Beim Eintritt war der Zimmerkommandant sofort zur Stelle und befahl mir, mich gründlich am ganzen Körper zu waschen, bevor ich es mir auf meinem Bett zurechtmachen würde. Der Waschapparat stand in einem Eckplatz in einem geräumigen Abort. Der militärische Waschapparat besteht aus einem auf einem Gestell ruhenden Wasserkasten und einem darunter befindlichen großen Schaff. Zur Verhinderung größeren Wasserverbrauches hat der Wasserkasten ein sehr kleines Ventil. Das gründliche Waschen war sehr notwendig, denn während des Transportes hatten wir nicht immer Gelegenheit gehabt, auch nur das Gesicht zu waschen. Auch waren wir fast nie aus Stiefeln und Kleidern herausgekommen. Mit frischer Leibwäsche versehen, hätte ich mich nun gerne auf meinem Bett ausgestreckt, aber da hieß es warten, bis die Tagesbefehlsausgabe vorüber war. Auf Befehl des Zimmerkommandanten hatte ich meinen neben mir schlafenden „Schlafkameraden“ ersucht, mich im Bettaufmachen und -zusammenlegen zu unterweisen. So einfach auch ein Militärbett aussieht, so bedarf es doch einiger Fertigkeit, bis man es zur Benützung am Abend, und was die Hauptsache ist, während des Tages nach Kasernvorschrift hergerichtet hat, was mit ­einem bloßen Vorzeigen nicht gleich gelingt. Am nächsten Morgen, als die Tagwache geblasen war, hieß es rasch heraus aus dem Bett. Die Inspektion geht von Zimmer zu Zimmer und ruft: „Guten Morgen, meine Herren, aufstehen! Alles gesund, niemand marod?“ Wer krank ist, hat sich bei dieser Gelegenheit zu melden. Der erste Tag war mit dem Ausgeben und Anpassen der Uniform, der Stiefel und der Wäsche sowie der Paradestücke vollkommen ausgefüllt, weil jedes Stück, ob nun Uniform oder Wäsche, mit dem ­Namen versehen werden muss. Der auf Leinwand geschriebene Name wird in das Uniformstück eingenäht. Die Unifor180

men, die die Rekruten erhalten, sind meist stark abgetragen und es bedarf großen Fleißes, jede Naht so auszubessern, dass sich bei einer Visite kein Anstand ergibt. Aber bei dieser Gelegenheit lernt man eben auch das Nähen. So war es notwendig, dass man für die roten Lampassen roten, für die blauen Hosen blauen und für die braune Waffenrockbluse und das Ärmelleibchen braunen Zwirn im Vorrat hatte. Die Einkleidung der Rekruten war am zweiten Tage vorüber, und ein jeder von uns hatte seine vollständige Ausrüstung, und zwar Pioniersäbel, Tornister, Brotsack, Essschale, zwei Paar Stiefel, zwei Garnituren Wäsche, einen Mantel und einen Tschako, eine Dienst- und eine Paradeuniform sowie eine Feldkappe erhalten. Mit Ausnahme der Wäsche waren alle Gegenstände ziemlich abgetragen. Das vorschriftsmäßige Zusammenlegen der Uniform­­­­ stücke zur Hinterlegung auf der Brotstelle war wiederum ein Kunststück. Alle Monturstücke, mit Ausnahme des Mantels, wurden gleich lang und derart glatt zusammengelegt, dass keine Falten an der Montur sichtbar blieben. Die Länge wurde von der Blutrinne am Säbel bestimmt. Der Mantel musste der Länge nach von oben nach unten von beiden Seiten der Mitte zu gerollt und mit dem Mantelriemen zusammengeschnallt auf dem Waffenrechen, dem Säbel entgegengesetzt, aufgehängt werden. Am dritten Tage unserer Einkleidung hätte nun die Schule beginnen sollen, aber es war wieder eine neue Überschwemmung im Anzug. Sämtliche Rekruten erhielten den Befehl, unter Leitung eines Zugführers mit einem großen Handwagen, der auch für Mulibespannung brauchbar war, Bretter vom Gemeindehaus (Municipio) zu holen, die zur Erbauung einer Brücke dienen sollten, die den erhöht liegenden Kaserneingang mit dem gegenüberliegenden Bahndamm verbinden sollte. Bei der Ankunft mit den Brettern konnten wir nur mehr beim rückwärtigen Tor einfahren, weil das vordere, 181

der alten Etsch gegenüberliegende Tor bereits unter Wasser stand. Alle Mannschaft wurde aufgeboten, und wir mussten, im Wasser stehend, die Bretter zulangen und mithelfen, die Brücke zu erstellen. Vom strömenden Regen und im Wasser arbeitend, waren wir bis auf die Haut durchnässt und vom Schlamm derart schmutzig, dass man uns als Artilleristen kaum erkannt hätte. Glücklicherweise brachte der nächste Tag wieder Sonnenschein und warmes Wetter, und alle Soldaten konnten ihre Monturen schnell und gründlich trocknen. Jetzt begann das Putzen der Kleider. Am nächsten Tag, als die Reinigungsarbeiten so ziemlich beendet waren, begann die Schule. Die Kriegsartikel mit den gewaltigen Strafen schwirrten durch den Kopf, und ich konnte es mir nicht gleich zusammenreimen, dass die dienenden Soldaten bei all dem so lustig und guter Dinge waren. Zu allem, was man lernen soll, muss man eine entsprechende Zeit haben; dennoch sollte uns in kürzester Zeit der volle Name und der Charakter eines jeden unserer Vorgesetzten, wie diese auf Pappendeckeltafeln an der Eingangstür zu den Mannschaftsräumen vermerkt waren, geläufig sein, was natürlich bei den verschiedenen Abstufungen der Chargen nicht so leicht war. Man bedenke: Die vielen Namen, vom Kameradschafts-, Zimmerkommandanten bis zum höchsten Kommandanten der Truppe mit den dazugehörigen Chargen in ein oder zwei Tagen auswendig zu wissen, ohne Verwechslung der Chargen und ihrer Wirkungskreise, war keine Kleinigkeit. Das aber nur so nebenher; der Artillerieunterricht war ja doch die Hauptsache. Man konnte sich kaum erfangen, so reichlich war der Stoff, den man rasch bewältigen sollte. War der Unterricht vorbei, begannen die körperlichen Übungen. Von 8 bis 9 Uhr früh waren immer Gelenksübungen zur Erhaltung der Gelenkigkeit, aber sie waren auch gut zur Erwärmung des Körpers, wenn es kalt war. Während der Rekrutenausbildung gab es 182

keine wirklich freie Zeit, vom Aufstehen bis zum Niederlegen um 9 Uhr abends; tagsüber fand man kaum so viel Zeit, um eine Pfeife Tabak zu rauchen, obwohl man den guten Militärtabak um vier Kreuzer pro Paket fassen konnte. Eine Erklärung über Wesen und Dauer der Rekrutenzeit war mir im Zivil nicht zuteil geworden, und so wäre ich trotz meines festen Vorsatzes, ein rechter Soldat zu werden, beinahe verdrießlich geworden. Bei der ganzen Gebirgsartillerie war auch kein einziger alter Soldat aus meinem Geburtsort, an den ich mich hätte wenden können. Nach mehrfachem Herumfragen unter den alten Dienern fand ich endlich einen tschechischen Tragtierführer, der in Zivil als Bauer in Brüx gearbeitet hatte. Dieser gab mir den Trost, dass dieser endlose Drill nur während der acht Wochen langen Rekrutenzeit andauere. Jetzt war ich wieder guten Mutes und lernte mit Eifer, was nur immer möglich war. Als ich eines Abends vom Exerzieren einrückte, machte mir der Batterieschneider, der im Zimmer mir gegenüber sein Bett und seinen Tisch hatte, die Mitteilung, dass ich in den nächsten Tagen zur Aufnahmeprüfung in die Unteroffiziersschule kommandiert sei. Ich gab ihm zur Antwort, dass ich mich ja nicht für die Schule gemeldet habe. Er entgegnete mir, dass es nicht darauf ankomme, ich würde eben dazu kommandiert. Heimlich war ich doch ein wenig stolz auf diese Antwort, wenn ich mich auch nicht zu fragen getraute, wie er diese Mitteilung erhalten habe. Es vergingen noch einige Tage, bis wirklich der Batteriebefehl verlesen wurde, laut dem ich mit sieben anderen Rekruten in die Schule kommandiert war. Nachdem die Rekrutenzeit vorüber war, wurden die alten­ Diener gesprächiger und erzählten, dass die Schule eine furchtbare Plage für die betreffenden Soldaten sei. Wenn man aber die Schule nicht mitmachen wolle, gebe es nur die eine Möglichkeit, sich bei der Aufnahmeprüfung recht dumm zu stellen; man könne bei der Batterie ja ebenso eine Charge er183

langen. Mein Plan war, es zu versuchen, mich dumm zu stellen. Aber es kam anders, und ich habe es niemals bereut, die Schule mitgemacht zu haben, die meine alten Schulkenntnisse gewaltig auffrischte. (…) Eduard Lippert absolvierte die Unteroffiziersschule seiner Batterie mit Fächern wie Rechnen, Geometrie, Terrainlehre und Pferdewe­ sen erfolgreich. Seine weiteren Militärerinnerungen behandeln diese Zeit ebenso ausführlich wie die anschließenden praktischen Übun­ gen, das Verhältnis zu Kameraden und Vorgesetzten, den täglichen Dienst. Nach Ende der Ausbildung wurde Lippert Oberkanonier, dann Vormeister, dann Korporal – ein steter Aufstieg, nur durch eine längere Erkrankung unterbrochen, die seinen Aufenthalt im Truppenspital Trient erforderlich machte. Das dritte Dienstjahr verbrachte Lippert als ambitionierter Füh­ rer mit untergebener Mannschaft und eigenem „Putzer“, der ihm gegen fünf Kreuzer „die Menage holte, die Stiefel putzte, das Bett machte, die Handschuhe wusch und auf der Halsbinde täglich ein frisches Halsstreiferl aufnähte sowie Kleider und Waffen reinigte“ – wie er im Rückblick, seinen Aufstieg illustrierend, genau auf­ listet. Gegen Ende seiner Dienstzeit und nachdem er unter anderem kommandiert worden war, die Klassifikation der Pferde und Trag­ tiere der größtenteils italienischsprachigen Zivilbevölkerung rund um Trient durchzuführen, wurde er nochmals befördert. Danach entschloss er sich, zur Gendarmerie zu wechseln und verließ nach seiner Beurlaubung mit der belobigenden Qualifikation im Militär­ pass, dass er „als Zugsführer einer Gebirgsartillerie sehr gut ausge­ bildet“ sei, die Garnisonsstadt Trient Richtung Innsbruck.

Anmerkung 1

Der Dienst in der Ersatzreserve inkludierte damals lediglich eine achtwöchige Grundausbildung; dann wurde der Soldat beurlaubt und nur noch zu sporadischen Waffenübungen eingezogen.

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Wir mussten das Ärgste befürchten Gottlieb Pomberger wurde am 23. Oktober 1892 in Gosau am Dachstein in Ober­ österreich geboren. Er war der älteste Sohn einer Bauernfamilie und machte nach der Pflichtschule eine Lehre am Gemeindeamt Bad Ischl, wo er bis zur Erreichung des Wehrpflichtalters arbeitete. Pombergers Hoffnung, wegen eines früheren Leistenbruchs bei der Hauptassentierung im Jahr 1913 für untauglich erklärt zu werden, erfüllte sich nicht. Er holte daraufhin selbst ein ärztliches ­Attest ein, das den Befund der Militärkommission jedoch bestätigte. Daraufhin wurde er im Anschluss an die Nachstellung im Herbst desselben Jahres zum 2. Tiroler Landesschützenregiment eingezo­ gen – einem militärischen Verband, der in jener Zeit kurz vor dem Ersten Weltkrieg, was die aktive Dienstdauer anbelangt, anderen Einheiten des k. u. k. Heeres bereits gleichgestellt war. Der hier abgedruckte Text über den Dienst in der 4., später – nach einer mehrwöchigen Beurlaubung wegen Standesüberzahl – in der 2. Kompanie dieser Einheit stammt aus einem autobiografischen Manuskript, in dem es vor allem um den Ersten Weltkrieg geht. Es wurde der „Dokumentation lebensgeschichtlicher Aufzeichnungen Ende der 1980er-Jahre übergeben, umfasst 166 maschinschriftliche Seiten und trägt den Titel „Wiedergabe der Erlebnisse und Bege­ benheiten im Weltkriege vom Jahre 1914 bis 1918 des gefertigten Gottlieb Pomberger aus Gosau Nr. 92“. Eine Veröffentlichung des Manuskripts erfolgte Mitte der 1990er-Jahre im Eigenverlag der Schreibwerkstätte der Hauptschule 1 Bad Goisern in Zusammen­ arbeit mit dem Heimatverein Gosau. Ausschnitte sind außerdem im 185

von Hannes Leidinger und Verena Moritz 2008 herausgegebenen Band „In russischer Gefangenschaft. Erlebnisse österreichischer Soldaten im Ersten Weltkrieg“ der Reihe „Damit es nicht verloren­ geht …“ publiziert worden. Seine Erinnerungen an die „aktive Militärdienstzeit“ im Frieden hielt Gottfried Pomberger in einem eigenen, die Kriegsaufzeichnun­ gen einleitenden Kapitel fest. Als Motivation dafür gab er an, dass er bei seiner „Erzählung der Kriegserlebnisse nicht nur von Kriegs­ schauplatz, Gefangenschaft und Flucht aus der Gefangenschaft“ schreiben wolle, sondern beabsichtige, sein „Militärleben tatsächlich lückenlos wiederzugeben und für die weiteren Ereignisse die rich­ tige Einleitung zu finden“. Weiters heißt es hier, bezogen auf die „Friedensmilitärdienstzeit“: „Auch schadet es sicher nicht, unseren Nachkommen aufzuzeigen, unter welchen Schikanen man oftmals den Dienst in Kaisers Rock zu verrichten gezwungen war. Trotzdem aber will ich hierbei nicht auf alle Einzelheiten eingehen, weil dies eben nicht meine Absicht ist, sondern will nur von den bedeutungs­ volleren Begebenheiten und Vorfällen sprechen.“

(…) Es war am 15. März 1913, als mein Jahrgang (1892) zur Assentierung nach Bad Ischl gerufen wurde. Ganz wider mein Erwarten wurde ich nebst mehreren anderen Kameraden als tauglich befunden. Da ich von meiner Kindheit an mit einem Leistenbruch behaftet war und auch zur Zeit der Stellung diesen noch als ungeheilt betrachtet habe, hoffte ich auf eine Irrung der Kommission und begab mich deshalb gleich die nächsten Tage, schon der Neugierde halber, zu einem ­Zivilarzt nach Bad Ischl, um mich gründlich auf mein Leiden untersuchen zu lassen. Zu meinem Erstaunen konstatierte auch dieser nur mehr ganz geringe Anzeichen von einem in völliger Heilung begriffenen Leistenbruch. Jetzt musste ich freilich daran glauben, mich drei Jahre der militärischen Knechtschaft zu unterziehen. 186

So kam ich Mitte September 1913 in den Besitz meiner Einberufungskarte zum 2.  Tiroler Landesschützenregimente, welches damals in Bozen in Südtirol lag. Es war der 7. Oktober 1913, als wir, vier Gosauer Kameraden und ich, uns in der Hellbrunner Kaserne in Salzburg der Präsentier- oder Nachstellung zu unterziehen hatten. Am 6. Oktober nahmen wir Gosauer Kameraden von Gosau Abschied, nächtigten in Salzburg und wurden pflichtgemäß am 7. Oktober in der besagten Kaserne stellig. Nach unserem zweiten Tauglichkeitsbefund wurden wir regimentsweise zusammengestellt und nach mehrstündigem Herumlungern auf dem Kasernenhof gegen Abend einwaggoniert und abtransportiert nach Bozen, woselbst wir am nächsten Tag gegen Mittag ankamen. Noch vor unserem Ankommen in Bozen musste ich von allen meinen Gosauer ­Kameraden Abschied nehmen, da einige dieser Kollegen schon in Salzburg zurückgeblieben waren, einige aber noch weiter gegen die italienische Grenze zu fahren hatten. Am selben Tag noch (8. Oktober) wurde ich der 4. Kompanie zugeteilt, woselbst ich gleich zwei weitere Rekruten als gute Freunde fand, und zwar waren dies Rudolf Daxner aus Ebensee und Franz Meyer aus Vöcklabruck. Wir drei waren wie Brüder. Überall konnte man uns drei während unserer freien Zeit zusammen sehen. So gingen denn nun die mit dem Militärleben, welches berechtigterweise als Sklavenleben galt, verbundenen Schmerzen an. Es kam die gefürchtete Ausbildung, die mit nicht wenig Sekkaturen verbunden war. Volle fünf Wochen hatten wir keinen wie immer gearteten freien Ausgang, wogegen die Strapazen während dieser Zeit keine unbedeutenden waren. Erst nach Ablauf der sechsten Woche durften wir in Begleitung einer Charge sonntagnachmittags auf kurze Zeit ausgehen, und erst nach einer weiteren Woche gedieh der Freiheitssinn unserer Offiziere so weit, dass wir alleine aus187

gehen konnten und bis 7 Uhr abends ausbleiben durften. Von diesem Tage an war es dann schon etwas leichter, da auch die Bosheiten und Feindseligkeiten der älteren Soldaten ab diesem Momente geringer wurden. Ganz überraschend kam am 16. Dezember der Befehl, dass von jeder Kompanie 13 Mann wegen Standesüberzahl bis 1. April 1914 beurlaubt werden, und zwar werden diejenigen darauf Anspruch haben, die wegen Familienverhältnissen um Übersetzung in die Ersatzreserve angesucht haben. Da kam nun auch ich in Betracht, hatte doch mein damals 70 Jahre alter Vater ein derartiges Ansuchen mit Rücksicht darauf, dass mein Bruder Balthasar zu dieser Zeit ebenfalls aktiv diente, eingebracht. Gleich am 17. Dezember rüstete ich ab. So schnell aber, wie ich hier schreibe, ging das Abrüsten nicht, denn ich verstand es nicht, dass ein Urlaubsgeher nur den „Gelben“ etwas zu „spicken“ brauchte, um ungeniert das Weite suchen zu können. Weil ich diese Bestechung eben unterlassen habe, wurde mir das Gewehr vielleicht viermal zurückgeworfen mit der Weisung, es ordentlicher zu reinigen. Ich gab mir Mühe und abermals Mühe, und das Gewehr war immer noch nicht rein, natürlich nur nach Ansicht des „Gelben“. Ich wurde schon fast verzagt bei dieser Sache, bis mir ein Unterjäger Namens Beilsteiner zuflüsterte: „Hau iahm zuawö a K.“ Ich kannte mich auf diesen Wink gleich aus und gab ihm ­wirklich diese Krone, worauf das Gewehr übergenügend rein war. Hierauf wurde mir mein Zivilanzug herausgegeben, und ich konnte schon mit dem Nachmittagszuge abfahren. In Salzburg musste ich mangels eines Anschlusses nächtigen und kehrte folglich erst am 18. Dezember ganz unverhofft in mein Heimattal zurück. Nur allzu schnell verging dieser ­Urlaub. Schon zeigte der Kalender den 31. März 1914, und ich musste von meinen Angehörigen wieder Abschied nehmen, 188

da ich mich doch am 1. April 1914 wieder bei meiner Kompanie zu melden hatte. Mit den übrigen Urlaubern dort angekommen, wurde uns angedeutet, dass wir auf eine Einteilung in unsere Kompanien nicht mehr rechnen dürfen, sondern einem anderen ­Regimente zugewiesen werden. Welchem Regimente wir zugeteilt werden sollten, konnte uns vorderhand niemand sagen. Volle vier Tage lungerten wir in der Kaserne wie herrenlose Hunde umher und hofften jeden Moment, unseren Bestimmungsort erfahren zu können. Aber erst am 4. April kam der Befehl, dass ich sowie sieben weitere Rekruten zum 3. Tiroler Landesschützenregimente nach Fiera di Primiero, also an die italienische Grenze, abzugehen haben. Wir fuhren mit dem Zuge um 8���������������������������������������  Uhr����������������������������������� früh von Bozen ab, stiegen in Neumarkt aus, mussten nun über Cavalese – Predazzo – Rollepass – San Martino nach Fiera di Primiero marschieren, woselbst wir jedoch erst am Sonntag, den 5. April, ankamen, da uns in Predazzo die Nacht ereilte und wir folglich dort nächtigen mussten. Sonntag, den 6. April, wurde ich der 2. Kompanie zugeteilt. Unser Kompaniekommandant war Hauptmann Johann Seelbacher, ein strenger, aber gerechter Offizier. Bis 9. Juni stand ich in den Reihen dieser Kompanie, machte natürlich alle Übungen und Strapazen mit, fand aber auch wieder gleich gute und ehrliche Kameraden, sodass das Los nicht hart zu ertragen war. Am 9. Juni wurde ich plötzlich während des Mittagessens gerufen, um mich sofort in der Kompaniekanzlei bei Hauptmann Seelbacher zu melden. Trotzdem mir von einem Fehltritt nicht das Geringste bekannt war, hatte ich etwas Angst, nun irgendwie zur Verantwortung gezogen zu werden. Dies traf aber nicht zu, sondern ich stand abermals vor e­ iner Transferierung, nicht aber zu einem anderen Regimente, sondern nur zur Stabsabteilung, und zwar behufs Übernah189

me der Garnisonsmenage. Mit Leib und Seele stimmte ich dieser Transferierung zu, hatte ich doch die Gewissheit, den anstrengenden Übungen und Diensten für fernerhin auszukommen. Noch am gleichen Tage musste ich mich zwecks Übernahme der Magazine um 2 Uhr nachmittags im Stabsgebäude bei Major Pomo von Weyertal, welcher unser Bataillonskommandant war, melden, und gleich hierauf den Dienst an­treten. Mein Vorgänger (Wiener Poldl genannt), welcher wegen Aneignungsdelikten dieser Stelle verlustig wurde, hatte nun die Aufgabe, mich durch 14 Tage in die mir als Manipulant obliegenden Aufgaben einzuführen. Nach Ablauf dieser 14 Tage übernahm ich das Magazin sowie die Buchführung. Es wurden mir vier Mann beigestellt, über welche ich zu verfügen hatte respektive die die Magazinsarbeiten zu verrichten hatten. Ich selbst brauchte mich nur bei der Ausgabe der Lebensmittel an die Unterabteilungen und Offiziere zu beteiligen und die Buchführung genau in Ordnung zu halten. Immerhin hatte ich die erste Zeit keine leichten Tage, da die mir zugeteilten vier Mann alte Diener waren und ich als „Junger“ mit meinen Anordnungen gewöhnlich keinen Erfolg erzielen konnte. Freilich wäre diesem Übelstand durch Vorlage einer Anzeige leicht abgeholfen gewesen, aber so etwas durfte man nicht machen, wollte man nicht alle älteren Diener am Halse haben. Diese Differenzen legten sich aber, als wir uns näher kennengelernt hatten. Mit diesem Amte war ich nun sehr zufrieden, war ich doch jeder groben Arbeit und Strapaze enthoben. Ich konnte sozusagen einen Herren spielen und meinen Magen aus den ­Magazinsvorräten nach Belieben füllen, was ja beim Militär als besondere Wichtigkeit galt. Nun kam Sonntag, der 28. Juni 1914, und mit diesem die Nachricht, dass der Thronfolger Ferdinand in Sarajevo in ­Bosnien einem Attentat zum Opfer gefallen sei. Von dieser 190

Stunde an mussten wir mit vollem Rechte das Ärgste befürchten, nachdem doch zwischen unserer Monarchie einerseits, und dem Königreiche Serbien anderseits schon durch mehrere Jahre hindurch wegen der Politik der Großagrarier eine starke Spannung bestand und die Vermutung sehr, ja, sehr nahe lag, dass der Mord an dem Thronfolger von Seiten der serbischen Regierung angezettelt worden sei. Und wirklich wurde es in der Angelegenheit immer düsterer bis endlich Ende Juli 1914 an Serbien die Kriegserklärung erfolgte. (…) Im Anschluss an diese Passagen bricht der Kriegsbeginn mit aller Gewalt in die Ruhe der Friedensgarnison ein. Anfang August ging es – in der heimatlichen Öffentlichkeit noch feierlich inszeniert – an den östlichen Kriegsschauplatz nach Galizien, wo die Einheit Gott­ lieb Pombergers in den ersten Kämpfen gegen Russland mehrmals zersprengt und rasch bis zur Hälfte dezimiert wurde. Er selbst ge­ riet schon Ende 1914 in russische Kriegsgefangenschaft. In den Aufzeichnungen über die Monate vorher schildert der ­Autor außergewöhnlich genau seine von Hunger, Hitze, Grauen und Todeserfahrung geprägten Erlebnisse im industrialisierten Krieg und „europäischen Massenmorden“, wie er selbst es nann­ te; damit waren zu Kriegsbeginn noch Soldaten konfrontiert, die „keinen blauen Dunst von einem Feldzug [hatten]“; entsprechend erinnert sich Pomberger an Szenen der Angst und des Entsetzens, bei denen in seinem Inneren „nicht mehr ein Herz, sondern eine vollendete Höllenmaschine [arbeitete]“ – auf die „Urkatastrophe des 20. Jahrhunderts“ (George F. Kennan) war er, waren Millionen anderer Soldaten im Lauf des Wehrpflichtdienstes im Frieden nicht vorbereitet worden.

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Dank Ein Buch fertigzustellen, das bedeutet immer auch, besonderen Dank an all jene zu richten, die seine Entstehung begleitet und in vielfältiger Art und Weise unterstützt haben. Im Falle dieser Edition ist dabei an erster Stelle selbstverständlich den Nachfahrinnen und Nachfahren der hier zu Wort kommenden ehemaligen Rekruten des k. (u.) k. Heeres zu danken. Sie haben, nachdem die zugrunde liegenden Texte schon in früheren Jahren der „Dokumentation lebensgeschichtlicher Aufzeichnungen“ am Institut für Wirtschaftsund Sozialgeschichte der Universität Wien zur Verfügung gestellt wurden, nicht nur ihr Einverständnis für die Veröffentlichung gegeben, sondern diese zusätzlich unterstützt – vor allem durch die Übermittlung von Fotografien und fehlenden biografischen Angaben. Es ist zu hoffen, dass das Zeugnis, welches ihre Vorfahren in diesem Band ablegen, so auch ein Stück weit im kollektiven Gedächtnis zur späten Habsburgermonarchie verankert wird. Danken möchte ich des Weiteren insbesondere Günter Müller von der „Dokumentation lebensgeschichtlicher Aufzeichnungen“: Er hat, seit ich damit begonnen habe, im Kontext meiner Forschungen zur Allgemeinen Wehrpflicht in Österreich-Ungarn auch nach Erinnerungstexten von ehemaligen Mannschaftssoldaten an ihren Militärdienst „im Frieden“ zu suchen, einen „Schatz“ nach dem anderen gehoben, sodass der Wunsch entstanden ist, einen Sammelband mit einer Auswahl daraus zusammenzustellen. Günter Müller und Michael Mitterauer sei außerdem sehr für die Möglichkeit gedankt, diese Edition im Rahmen der Reihe „Damit es nicht verlorengeht ...“ zu veröffentlichen. Beide haben die Manu193

skripterstellung von Anfang an begleitet und viele wichtige, auch kritische Hinweise und Kommentare angebracht – ebenso wie Johannes van Ooyen, der den Band seitens des Böhlau Verlages in Wien optimal betreut hat. Ingrid Brommer, Jana Noskova und Oswald Überegger sei herzlich gedankt für ihre Hilfe bei der Bearbeitung der Texte von Alois Petrides und Josef Schönegger. Sie haben geholfen, alte Ortsnamen zu entschlüsseln und einzelne Passagen aus dem Italienischen, Ungarischen, Slowakischen oder Tschechischen zu übersetzen, wodurch diese Aufzeichnungen erst profund ediert werden konnten. Last, not least geht mein besonderer Dank an Jürgen Ehrmann für sein umsichtiges Lektorat und seine hilfreichen – immer auch kritischen – Anmerkungen zum Druckmanuskript. Seine Mitarbeit hat die Fertigstellung des Bandes wesentlich erleichtert. Ermöglicht wurde sie durch meinen Aufenthalt als Humboldt-Gastwissenschaftlerin am Forschungsbereich „Geschichte der Gefühle“ des Max-Planck-­ Instituts für Bildungsforschung in Berlin. Seiner Direktorin Ute Frevert und der Humboldt-Stiftung Köln gilt daher ebenfalls ein großes Dankeschön. So konnte abgeschlossen werden, was im Rahmen des vom Österreichischen Wissenschaftsfonds (FWF) in den Jahren 2002/03 geförderten Projekts „Die Allgemeine Wehrpflicht zwischen Akzeptanz und Verweigerung: Militär und Männlichkeit/en in der Habsburgermonarchie 1868–1914/18“ begonnen worden war. Christa Hämmerle, im Mai 2012

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Glossar abräumen – hier: verbale oder körperliche Strafe erhalten abspicken, abgespickt – abschauen, sich zum Vorbild nehmen, abkupfern Abrichter, abrichten – alter militärischer Fachausdruck für: Ausbildner, ausbilden abschmeißen – herunterwerfen, hinunterwerfen, nach unten werfen Adjunkt –alter österreichischer Beamtentitel, veraltet für: Amtsgehilfe Adjustierung (z. B. Marsch-, Feld-, Paradeadjustierung) – Bezeichnung für eine Uniformart bzw. die Umschreibung für die befohlene Uniformierung und Ausrüstung Adjutant – ein dem Truppenbefehlshaber beigegebener höherer Offizier bzw. militärischer Führungsgehilfe Agram – deutscher Name für das heutige Zagreb, die Hauptstadt Kroatiens Ärar – alte Bezeichnung für: Staatseigentum ärarisch – zum Staatseigentum gehörend, staatlich Ärmelleibe(r)l – Unterkleid der militärischen Uniform Ärmellitzen (siehe Litze) Assentierung – Musterung, Prüfung der Tauglichkeit für den Militärdienst Assentjahrgang – Jahrgangsgruppe bei der Musterung Assentsaal – Raum, in dem die Musterung stattfand Aufführer – Gruppenführer Augmentation, Augmentationsmagazin – Vorrat, Vorratsmagazin baff sein – verblüfft, erstaunt sein Bagage – hier: Gesindel Bajonett, das Bajonett pflanzen – Seitengewehr, das heißt 195

eine auf den Gewehrlauf aufsteckbare („aufpflanzbare“) Stichwaffe in Form eines langen Dorns oder einer Stahlklinge Bataillon – militärischer Verband, umfasst mehrere (meist drei bis fünf) Kompanien oder Batterien Batterie, Batterist – Teil eines Bataillons Befehl, Befehlsausgabe – im Kasernenalltag am Abend stattfindend, zum Abschluss des Diensttages Bedjar, Bedjaren – abschätzige Bezeichnung für Ungarn (Magyaren) im Sinn von: grobschlächtiger, ungeschliffener (Bauern-)Kerl, Knecht, Diener für grobe Arbeiten, auch: Nichtsnutz, Gauner, Spitzbub Bettstattl – Bettgerüst Binkel – Bündel Bosniaken – Bosnier; Angehörige der ab 1882 aufgestellten bosnisch-herzegowinischen Infanterie Brigadier – höherer Offiziersdienstgrad Charge(n) – Mannschaftsdienstgrad(e) Chargenschule – Ausbildungsschule für Mannschaftsdienstgrade (bis Zugsführer) Cordon (siehe Kordon) Defilierung, defilieren – feierlich an einer zu ehrenden Persönlichkeit vorbeimarschieren Degogieren – Entfernen des im Flaschenhals angesetzten Hefesatzes bei Schaumweinen; auch: degorgieren Dekagramm – österreichisches Gewichtsmaß; 1 Dekagramm = 10 Gramm Detachment – kleinere Truppenabteilung, zur Lösung einer selbstständigen Aufgabe gebildet Distinktion, Distinktionszeichen, -sterne – Rangabzeichen, das auf Uniformen angebracht wird Einbrennsuppe – Suppe aus einer Mehlschwitze, die mit Wasser aufgegossen und eventuell mit Kräutern und Gewürzen verfeinert wird 196

sich einhauen, eingehaut sein – sich beliebt machen, beliebt sein Elektrische – Straßenbahn Eskadron – kleinste taktische und administrative Einheit der Kavallerie Eskortierung, Eskorte – bewaffnete Begleitung Fassung – Erhalt der Montur- und Ausrüstungsgegenstände, vor allem am Beginn des Wehrdienstes Federnfuchser – abwertend für: Kanzleiangestellter, Bürokrat, Pedant, Paragrafen- oder Prinzipienreiter (Schulmeister, Rechthaber) fesch – hübsch; hier auch: schwungvoll fesches Haus – hier für: guter Kamerad, Kumpel Feuerwerker – (ehemaliger) Unteroffiziersgrad der Artillerie Fiesko (schneiden) – eine Glatze schneiden, kahl scheren Filz – hier für: Geizhals Fiume – italienischer bzw. ungarischer Name für das heutige Rijeka in Kroatien Füsilierung – Hinrichtung durch ein Erschießungskommando, standrechtliche Erschießung Garnison – Ort, an dem Truppenteile oder militärische Dienststellen ständig untergebracht sind bzw. Bezeichnung der dort untergebrachten Truppenteile Gelbe – Bezeichnung für Feldwebel, in Anlehnung an die kaisergelbe Distinktionsborte Genie, Genieregiment, Genietruppe – Truppenteil des Heeres, zur Ausführung aller im Feld- und Festungskrieg vorkommenden technischen Arbeiten bestimmt Genist – Soldat eines Genieregiments Geselchtes – geräuchertes Fleisch Gespinst – Geflecht, Gewebe Glump – hier: unnötiges Zeug

197

Gravosa – italienischer Name für Gruž, heute Stadtteil im Nordwesten Dubrovniks, wo sich der Haupthafen der Stadt befindet Grammeln – Speckgrieben Gugelhupf – österreichische Mehlspeise, Napfkuchen Gulyás – Gulasch; vom ungarischen gulyá (Rinderherde) Habt-Acht-Stellung, Habtachtstellung – nach dem militärischen Befehl „Habt Acht!“ für das Still- bzw. Stramm­ stehen harb – hier: schneidig, schwungvoll hektografieren – kopieren, abziehen, vervielfältigen Hesser-Regiment – Infanterieregiment Nr. 14, vor allem aus Oberösterreichern rekrutiert, benannt nach Ernst Ludwig Großherzog von Hessen und bei Rhein hineinschiffen – hineinurinieren Hoch und Spleni – Ausdruck für das Wiener Deutschmeister Regiment Nr. 4; auch „Wiener Edelknaben“ genannt interpellieren, Interpellation – (eine) parlamentarische Anfrage an die Regierung (richten); um 1900 oft verwendet, um Soldatenmisshandlungen oder andere Missstände im Heer aufzuzeigen izé – ungarisch für: Dingsda, Zeug, sag mal, wie heißt es denn; im Ungarischen eine ganz gebräuchliche Redewendung: ez az izé = dieses wie heißt es noch Kaiserjäger – Tiroler Jägerregimenter, 1815/16 durch Kaiser Franz Joseph I. gegründet Kaisermanöver – große vor dem Kaiser abgehaltene Manöver Kanzleifuchs – abwertend für: Kanzleidiener, ein in der Kanzlei dienender Soldat kapitány úr – ungarisch für: Herr Hauptmann Kartätsche, Kartätschendistanz – mit einer größeren Anzahl kleinerer Kugeln gefülltes Artilleriegeschoss mit einer Reichweite von 300 bis 600 Metern Katzelmacher – altes österreichisches Schimpfwort für: Itali198

ener; ursprüngliche Bezeichnung für: eingewanderte italienische Handwerker, die Küchengeräte, insbesondere Löffel (cazzo) herstellten Koloss – besonders große Figur Kommandosprache – in der k. u. k. Monarchie war Deutsch für alle Truppenteile der gemeinsamen Armee verbindlich Kommis – Handlungsgehilfe, Kontorist Kommiss – Heeresvorräte, Heeresvorratsversorgung Kommissbrot – Brot aus den Heeresvorräten Kondukt – feierliche Begleitung eines Sarges von der Aufbahrungshalle bis zum Grab Kordon, Kordonsposten – ein in die Länge gezogenes Festungssystem, Posten zur Bewachung eines solchen Krampen – Spitzhacke Kretin – hier: ein kleinwüchsiger, schwächlicher, für militärische Aufgaben untauglicher Mann Kriegsschule – die k. (u.) k. Kriegsschule wurde 1852 geschaffen und befand sich im 6. Wiener Gemeindebezirk; es war die höchste militärische Aussbildungsstelle für höhere ­Offiziere; die Ausbildung dauerte erst zwei, später drei Jahre Lafette – ein meist fahrbares Gestell, auf dem eine Waffe montiert werden kann, diente der Zielgenauigkeit und der Rückstoßminderung Lampasse – breiter, meist farbiger Zierstreifen auf oder neben beiden Außennähten von bestimmten Uniformhosen Leibriemen – lederner Gürtel des Soldaten zum Befestigen des Seitengewehrs (siehe Bajonett) Lekvartascherln – mit Marmelade gefüllte Teigtaschen Litze, Litzen – Geflecht von Bändern an Uniformen des 19. Jahrhunderts Logement – Unterkunft Loch, ins Loch kommen – hier: Arrest, in den Arrest kommen Löhnung – Sold 199

Lorgnon – Lesehilfe, die mithilfe eines Griffs vor die Augen gehalten wird Losen, Losung, Losverfahren – der Militärstellung vorangehendes Verfahren zur Reihung der Wehrpflichtigen der ersten Altersgruppe Manipulant – Hilfskraft Marschadjustierung (siehe Adjustierung) marode, marod sein – krank bzw. leicht erkrankt, kränkeln Marodenbuch – Verzeichnis der erkrankten Soldaten Maß, unter das Maß kommen – für die verschiedenen Truppenteile der k. (u.) k. Armee war eine gewisse Körpergröße vorgeschrieben; „unter das Maß kommen“ ist eine Umschreibung dafür, dass das erforderliche Maß für die Militärtauglichkeit nicht erreicht wurde Menage – Verpflegung, Ausspeisung beim Militär menagieren – Essen fassen Montur – Uniform Montursvisite – Uniformkontrolle mordstrumm – groß, riesig, riesengroß Nachstellung – im Herbst eines jeden Jahres stattfindende nachträgliche Militärstellung für jene, die bei der Hauptstellung (Assentierung) im Frühjahr nicht anwesend waren Neusatz – deutscher Name für das heutige Novi Sad in Serbien Obolus, seinen Obolus verlangen – kleine Geldspende Offiziersmesse – Speisesaal für Offiziere Okkupationsgebiet – Bezeichnung für das 1878 von österreichischen Truppen besetzte Bosnien-Herzegowina Osteria – italienisch für: Gastwirtschaft, Wirtshaus, Schänke Pack, Packen – Bündel, Haufen Paradestück(e), Paradeuniform – besonderes Monturstück, festliche Uniformierung für feierliche militärische Anlässe wie etwa Militärparaden Passepoil – schmales Vorstoßband mit angewebtem, oft farb200

lich abstechendem Wulstrand oder einem formgerecht zugeschnittenen Stoffstreifen zur Abgrenzung oder Verzierung von Kanten und Nähten an der Uniform Pick, einen Pick auf jemanden haben – Groll, einen Groll auf jemanden haben, jemandem etwas nachtragen Pola – italienischer Name für das heutige Pula auf Istrien Ponton, Pontonfahren, Pontonrudern – militärische Schwimmbrücke Plunder – Unsinn, Blödsinn; auch: altes Zeug Proprietät, Proprietäten – persönliche Gegenstände, die schon mitgebracht oder am Beginn des Wehrdienstes vom Militär an jeden einzelnen Rekruten ausgegeben wurden Professionist – gelernter Arbeiter oder Handwerker Quatsch – hier: Schneematsch Rapport – militärische Meldung oder ein Bericht in unterschiedlicher Form (Bitt-, Beschwerde-, befohlener Rapport) Rastelbinder – wandernder Kesselflicker, Siebmacher; hier: Spottname für Slowaken rastrieren – (Noten-)Linien ziehen Regimentssprache – in der k. u. k. Armee galten als Regimentssprachen jene Sprachen der Monarchie, die von mindestens 20 Prozent der Mannschaftssoldaten eines Regiments gesprochen wurden Rekrut – Bezeichnung für neu eingetretene Soldaten während der Grundausbildung bzw. generell für Soldaten des ersten Dienstjahres, bis die neuen Rekruten in die Kaserne kamen Rekrutenabteilung – hier: Rekrutenabrichtung Rekrutenkoffer – kleiner Koffer, vielfach eigens aus Holz gefertigt, in dem die einrückenden Rekruten ihre persönlichen Gegenstände mitbrachten Retraite, Retraiteblasen – eigentlich für: Signal zum Rückzug aus dem Gefecht, zum Rückzug aus dem Gefecht blasen; hier bzw. im österreichischen Kasernenalltag als Synonym für „Zapfenstreich“ verwendet (siehe dort) 201

reüssieren – Erfolg haben rütteln – Tätigkeit im Weinkeller zum Lockern der Hefe im Flaschenhals (bei Schaumweinen) Schaff – Gefäß für Wäsche Schanze, Schanzen bauen – aus einem Erdaufwurf bestehende Verteidigungsanlage, alleinstehend oder in Verbindung mit anderen Feldbefestigungen Schrammel(-musik) – Musikgattung, die vornehmlich in Heurigen und Gaststätten gespielt wurde; benannt nach den Gebrüdern Johann und Josef Schrammel Schwindel – hier: leichte Beschäftigung Sechserl – 20 Heller der altösterreichischen Währung Seitengewehr (siehe Bajonett) Sekkatur – Quälerei, Belästigung sekkieren – quälen, schikanieren spicken, jemandem etwas spicken – bestechen, schmieren Stechbajonett – Stichbajonett, als besondere Form eines Bajonetts (siehe dort) stellig werden – stellungspflichtig werden Streich (siehe Zapfenstreich) Strohwaschel, Strohwisch – Bündel Stroh, das an einem Holzstock befestigt zum Kehren bzw. Putzen verwendet wurde Subalternoffizier – niederer Offiziersrang, in der k. (u.) k. Armee vom Leutnant bis zum Hauptmann Supparsch – despektierliche Bezeichnung für: Feldwebel, auch: Suppak, Suppendiener Superarbitrierungskommission – Ausschuss, der die Entlassung aus dem aktiven Militärdienst durch Untauglichkeitserklärung (wegen Krankheit, Schwäche usw.) zu entscheiden hatte (den) Tag haben – Tagdienst verrichten Totul – alte, abwertende ungarische Bezeichnung für Slowake Train, Trainregiment – Versorgungseinheit, Tross 202

Transenabteilung – Transportabteilung Trumm; eine Trumm Ohrfeige – großes Ding, großes Stück, eine starke Ohrfeige Tschako – eine militärische Kopfbedeckung von zylindrischer oder konischer Form Tusch – kurzes Musikstück Ubikation – militärische Unterkunft, Kaserne Überschwung – Lederriemen als Teil der Uniform, Koppel umschmeißen – (absichtlich) aus dem Tritt bzw. Takt kommen Umsturz – gemeint ist hier die politische Zäsur 1918, das heißt der Zerfall der Donaumonarchie und die Entstehung der Ersten Republik in Österreich Ungarisch-Skalitz – die im Nordwesten der Slowakei gelegene Stadt Skalica, damals zum ungarischen Teil der Doppelmonarchie gehörend Vergatterung – formelle Belehrung der Wache vor Antritt des Dienstes und Unterstellung unter das Kommando der Wachvorgesetzten, Wachbelehrung Visite, Visit, Visitierung, visitieren – Überprüfung, Besichtigung, Kontrolle Vormeister – Mannschaftsdienstgrad; gehörte ursprünglich zur Artillerie und entsprach dem Dienstgrad Gefreiter bei der Infanterie und dem Patrouillenführer bei den Jägern Vormeisterschnüre – besonderes Adjustierungsstück der Artillerie, eine sogenannte „Geschützaufsatzumhängeschnur“ für die Geschützvormeister und Vormeister, auf dem obersten Kleidungsstück zu tragen Warencolli – kleinste Einheit einer Warensendung, Ladeeinheit im Transportwesen Wasenmeister – Tierleichenverwerter weißigen (der Wände) – weiß streichen Werndlgewehr – in der österreichisch-ungarischen Armee nach der Niederlage gegen Preußen 1866 angeschafftes Hinterladergewehr für die Infanterie, benannt nach dem 203

Steyrer Waffenfabrikanten Joseph Werndl bzw. der Waffenfabrik J. F. Werndl u. Comp. wichsen – Polieren und Einwachsen des Fußbodens durch Einreiben von Wachs (Bohnern) Witfrau – Witwe Zapfenstreich – Bezeichnung für den Beginn der Nachtruhe; Zeitpunkt, zu dem die Soldaten normalerweise wieder in der Kaserne sein mussten Zeugsdepot – Materiallager; Gebäude zur Aufbewahrung von Waffen und Kriegsmaterial, auch Kriegsbeute Zille – flaches Wasserfahrzeug Zuspeise – Beilage

Bildnachweis Mag. Ingrid Altinger (Umschlag, Abb. 6–11) Susanne Borik (Abb. 1, 3) Karl Höll (Abb. 5)

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Steyrer Waffenfabrikanten Joseph Werndl bzw. der Waffenfabrik J. F. Werndl u. Comp. wichsen – Polieren und Einwachsen des Fußbodens durch Einreiben von Wachs (Bohnern) Witfrau – Witwe Zapfenstreich – Bezeichnung für den Beginn der Nachtruhe; Zeitpunkt, zu dem die Soldaten normalerweise wieder in der Kaserne sein mussten Zeugsdepot – Materiallager; Gebäude zur Aufbewahrung von Waffen und Kriegsmaterial, auch Kriegsbeute Zille – flaches Wasserfahrzeug Zuspeise – Beilage

Bildnachweis Mag. Ingrid Altinger (Umschlag, Abb. 6–11) Susanne Borik (Abb. 1, 3) Karl Höll (Abb. 5)

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Abb. 1: Emil Geissler (links) mit seinem um drei Jahre jüngeren Bruder Viktor, der auch eine Lehre als Bauzeichner machte.

Abb. 2: Grundbuchblatt von Emil Geissler, der am 23. September 1895 assentiert wurde und sich als „Dreijährig-Freiwilliger“ den Truppenteil frei wählen konnte.

Abb. 3: Der Hobbymusiker Emil Geissler besserte sich während seiner Militärdienstzeit als Klavierspieler in einem Wirtshaus an vielen Abenden den Sold auf.

Abb. 4: Grundbuchblatt von Josef Schönegger, der am 17. März 1887 „nach der Loosreihe auf die gesetzliche Dienstzeit zum Tiroler Jäger Regimente“ assentiert und am 1. Oktober des gleichen Jahres eingereiht wurde.

Abb. 5: Gottlieb Pombergers Wunsch, für den Wehrdienst untauglich zu sein, erfüllte sich nicht. Er musste im Herbst 1913 zum 2. Tiroler Landesschützenregiment nach Bozen in Südtirol einrücken.

Abb. 6: „Das Bild zeigt den Offiziersdiener Josef (Jozsi) Schuster [einen Freund von Alois Petrides], der wegen seiner gärtnerischen Kenntnisse auch den Garten des Obersten betreuen musste.“

Abb. 7: „Zu Weihnachten 1909 durfte ich das erste Mal auf einige Tage, ich glaube es waren drei, zum Besuche meiner Eltern fahren. Das von meinem Bruder Sepp verfertigte Bild zeigt mich mit dem ärarischen Waffenrocke sowie mit der aus Eigenem gekauften, hohen Extrakappe und ebensolchen Schuhen.“

Abb. 8: „Kamerad Schuster fotografierte mit dem Apparate seines Obersten fleißig und es entstand dabei das nachfolgende Bild, das mich auf dem Pferde seines Chefs, gehalten von seinem Stallburschen, zeigt.“

Abb. 9: „Meinen ersten Ausgang als ‚Herr!’ Gefreiter nach Znaim in das Gasthaus Rößler am Hauptplatze, wo ich mit meinen älteren Chargenkameraden den ‚Einstand’ zu den ‚Sterntragenden’ (Chargen) feiern musste, zeigt der obige Bildausschnitt. Dieser Einstand bestand in Bezahlung eines mächtigen Kruges des etwas sauren mährischen Weines und in der Verteilung einiger Zigaretten. In der Mitte des Bildes steht der Wirt Rößler und neben ihm sein Schwager, der als Kellner fungierte.“

Abb. 10: „Mein Schreibtisch, mein Bett in der Kompaniekanzlei sowie die Inspektionschargen (diensthabender Unteroffizier) Korporal Balogh und (Inspektionssoldat) Gefreiter Lunger.“

Abb. 11: „Dieses Bild fertigte mein Bruder Sepp abermals an unserer Hausmauer am Schlachthofe an, nur musste ich diesmal auf einem Steinpostamente Platz nehmen, um – wie er sich ausdrückte – einigermaßen eine bessere (Denkmal-) Wirkung zu erzielen.“

„Damit es nicht verlorengeht ...“ ist ein Leitmotiv vieler Menschen, die sich im fortgeschrittenen ­Alter verstärkt mit ihrer Lebensgeschichte beschäftigen und selbst Erlebtes in der einen oder anderen Form zu dokumentieren versuchen. Daran orientiert sich der Titel dieser Buchreihe, die seit 1983 besteht und vom Verein „Dokumentation lebensgeschichtlicher Aufzeichnungen“ herausgegeben wird. Persönliche Erinnerungstexte bieten vielfältige Einblicke in vergangene Lebens-, Arbeits- und Beziehungsverhältnisse und können das Verständnis für historischen Wandel sowie für unterschiedliche Denkweisen und Traditionen erweitern. Über den privaten Familienkreis hinaus haben solche Lebensaufzeichnungen in den letzten Jahrzehnten in vielen gesellschaftlichen Bereichen als sozial-, kultur- und zeitgeschichtliche Dokumente Aufmerksamkeit gefunden. Aus diesem Grund wurde am Institut für Wirtschafts- und ­S ozialgeschichte der Universität Wien die „Dokumentation ­lebensgeschichtlicher Aufzeichnungen“ eingerichtet, ein Text­ archiv, in dem schriftliche Lebensaufzeichnungen aller Art (Autobiographien, kürzere Erinnerungstexte, Tagebücher, Familiengeschichten, Chroniken usw.) gesammelt, wissenschaftlich genutzt und für fachlich Interessierte bereitgestellt werden. Die Leserinnen und Leser sind eingeladen, Beiträge zu dieser Textsammlung zu leisten, indem sie eigene lebensgeschichtliche Texte oder überlieferte Aufzeichnungen von Vorfahren zur Verfügung stellen oder uns auf entsprechende Materialien in Privat­besitz aufmerksam machen. Ebenso freuen wir uns über Kontakte zu schreibfreudigen Menschen, die sich durch das Motto der Buchreihe angesprochen fühlen. Kontaktadresse: Institut für Wirtschafts- und Sozialgeschichte, Universität Wien „Dokumentation lebensgeschichtlicher Aufzeichnungen“ Universitätsring 1, 1010 Wien (z. H. Mag. Günter Müller) Tel. +43 (0)1/42 77-41306 E-Mail: [email protected] http://lebensgeschichten.univie.ac.at 205 http://www.MenschenSchreibenGeschichte.at

dAmit es nicht verlorengeht ... HErausgEgEBEN voN: vErEiN „dokumENtatioN lEBENsgEsCHiCHtliCHEr auFZEiCHNuNgEN“

EiNE auswaHl

Bd. 35 | kristiNa PoPova (Hg.) „ein roter und ein Weisser ZWirn“

Bd. 28 | Eva Ziss (Hg.)

jugEnd auf dEm balkan

Ziehkinder

1996. 152 s. 16 s. s/w-aBB. gB.

1994. 327 s. gB. | isBN 978-3-205-98184-8

isBN 978-3-205-98430-6

Bd. 30 | Pavla vosaHlíková (Hg.)

Bd. 36 | ErHard CHvojka,

Auf der WAlZ

jaNa losová (Hg.)

ErinnErungEn böhmischEr

grossväter

handwErksgEsEllEn

EnkElkindEr ErinnErn sich

1994. 348 s. 16 s. s/w-aBB. gB.

1996. 239 s. 8 s. s/w-aBB. gB.

isBN 978-3-205-98147-3

isBN 978-3-205-98170-1

Bd. 31 | PrivE FriEdjuNg

Bd. 37 | Pavla vosaHlíková (Hg.)

Wir Wollten nur dAs PArAdies

von Amts Wegen

Auf erden

k.u.k. bEamtE ErzählEn

diE ErinnErungEn EinEr jüdischEn

1998. 374 s. 8 s/w-aBB. gB.

kommunistin aus dEr bukowina

isBN 978-3-205-98418-4

1995. 344 s. 25 s/w-aBB. gB. isBN 978-3-205-98237-1

Bd. 38 | gErt drEssEl,

Bd. 32 | gENNadi E. kagaN

geboren 1916

die Welt von gestern – heute

nEun lEbEnsbildEr EinEr

ErinnErungEn EinEs russisch-

gEnEration

jüdischEn gErmanistEn

1996. 456 s. 16 s. s/w-aBB. gB.

1995. 208 s. 16 s. s/w-aBB. gB.

isBN 978-3-205-98492-4

güNtEr müllEr (Hg.)

isBN 978-3-205-98368-2 Bd. 39 | agota BartNykaitE-saviCkiENE Bd. 34 | jürgEN EHrmaNN (Hg.)

„ein dorf ZWischen grossen

WAs Auf den tisch kommt,

Wäldern“

Wird gegessen

ErinnErungEn aus dEm altEn

gEschichtEn vom EssEn

litauEn

und trinkEn

1997. 309 s. 8 s. s/w-aBB. gB.

1995. 208 s. 12 s/w-aBB. gB.

isBN 978-3-205-98613-3

RT029

isBN 978-3-205-98370-5

böhlau verlag, wiesingerstrasse 1, a-1010 wien, t: + 43 1 330 24 27-0 [email protected], www.boehlau-verlag.com | wien köln weimar

dAmit es nicht verlorengeht ... Bd.40 | maria sCHustEr

Bd. 46 | dorotHEa mutHEsius (Hg.)

Auf der schAttseite

„schAde um All die stimmen …“

1997. 300 s. 12 s. s/w-aBB. gB.

ErinnErungEn an musik im

isBN 978-3-205-98781-9

alltagslEbEn 2001. 415 s. 24 s/w-aBB. gB.

Bd. 41 | Erika FlEmmiCH (Hg.)

isBN 978-3-205-99135-9

erinnerungen einer Alten Wienerin

Bd. 47 | güNtHEr douBEk

1998. 443s. 12 s/w-aBB. gB.

„du Wirst dAs sPäter verstehen …“

isBN 978-3-205-98848-9

EinE vorstadtkindhEit im wiEn dEr drEissigEr jahrE

Bd. 42 | PEtEr gutsCHNEr (Hg.)

2003. 392 s. ZaHlrEiCHE s/w-aBB.

„JA WAs Wissen denn die grossen …“

gB. | isBN 978-3-205-77018-3

arbEitErkindhEit in stadt und land 1998. 373 s. 8 s. s/w-aBB. gB.

Bd. 48 | ruPErt maria sCHEulE (Hg.)

isBN 978-3-205-98916-5

beichten autobiographischE zEugnissE

Bd. 43 | BarBara PassruggEr

zur katholischEn busspraxis im

mein neues leben

20. jahrhundErt

1999. 209 s. 23 s/w-aBB. gB.

2001. 301 s. gB. | isBN 978-3-205-99314-8

isBN 978-3-205-98917-2 Bd. 49 | maria sCHustEr Bd. 44 | HaNNEs stEkl

Arbeit gAb‘s dAs gAnZe JAhr

„höhere töchter“ und „söhne

vom lEbEn auf EinEm lungauEr

Aus gutem hAus“

bErgbauErnhof

bürgErlichE jugEnd in

2001. 264 s. 16 s. s/w-aBB. gB.

monarchiE und rEpublik

isBN 978-3-205-99405-3

1999. 346 s. 42 s/w-aBB. gB. isBN 978-3-205-99059-8

Bd. 50 | kurt BauEr (Hg.) fAsZinAtion des fAhrens

Bd. 45 | ErNst BruCkmüllEr (Hg.)

untErwEgs mit fahrrad, motorrad

ludWig funder. Aus meinem

und automobil

burschenleben

2003. 316 s. ZaHlr. s/w-aBB. gB.

gEsEllEnwandErung und braut-

isBN 978-3-205-77097-8

wErbung EinEs grazEr zuckErbäckErs 1862–1869

Bd. 52 | HElga maria wolF (Hg.)

2000. 307 s. 1 kartE. gB. | isBN 978-3-

Auf ätherWellen

205-99060-4

pErsönlichE radiogEschichtE(n) 2004. 236 s. 40 s/w-aBB. gB.

RT029

isBN 978-3-205-77279-8

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dAmit es nicht verlorengeht ... Bd. 53

Bd. 61 | ElisaBEtH amaNN

„Als lediges kind geboren …“

“dieses bisschen glück …“

autobiographischE ErzählungEn,

stationEn EinEr rastlosEn

1865–1945

kindhEit und jugEnd, 1941–1955

2008. 386 s. 23 s/w-aBB. gB.

2009. 260 s. 11 s/w-aBB. gB.

isBN 978-3-205-77284-2

isBN 978-3-205-78431-9

Bd. 54 | irENE EggEr,

Bd. 62 | aNdrEa altHaus (Hg.)

HEidE stoCkiNgEr Hg.

mit kochlöffel und stAubWedel

generAtionen erZählen

ErzählungEn aus dEm diEnst-

gEschichtEn aus wiEn und linz

mädchEnalltag

1945–1955

2010. 293 s. gB. | isBN 978-3-205-78581-1

2005. 296 s. gB. | isBN 978-3-205-77356-6 Bd. 63 | ElisaBEtH glEttlEr Bd. 56 | HaNNEs lEidiNgEr,

kein siebenter tAg

vErENa moritZ (Hg.)

kindhEit in dEr Einschicht

in russischer gefAngenschAft

2010. 230 s. 12 s/w-aBB. gB.

ErlEbnissE östErrEichischEr

isBN 978-3-205-78580-4

soldatEn im ErstEn wEltkriEg 2008. 292 s. gB. | isBN 978-3-205-77283-5

Bd. 64 | toNi distElBErgEr (Hg.)

Bd. 58 | tHErEsia oBlassEr

sEchs lEbEnsgEschichtEn

von der liebe erZählen dAs köPfchen voll licht

von frauEn

und fArben …

2011. 304 s. 33 s/w-aBB. gB.

EinE bErgbauErnkindhEit

isBN 978-3-205-78749-5

2006. 154. s. 16 s. s/w-aBB. gB. isBN 978-3-205-77464-8

Bd. 65 | saBiNE liCHtENBErgEr, güNtEr müllEr (Hg.)

Bd. 59

Arbeit ist dAs hAlbe leben …

ledige mütter erZählen

ErzählungEn vom wandEl dEr

von liEbE, kriEg, armut und

arbEitswEltEn sEit 1945

andErEn umständEn

2012. 320 s. 29 s/w-aBB. gB.

2008. 302 s. 16 s. s/w-aBB. gB.

isBN 978-3-205-78703-7

isBN 978-3-205-77989-6 Bd. 66 | CHrista HämmErlE (Hg.) Bd. 60 | rosa sCHEuriNgEr (Hg.)

des kAisers knechte

bäuerinnen erZählen

ErinnErungEn an diE rEkrutEnzEit

vom lEbEn, arbEitEn, kindEr-

im k. (u.) k. hEEr 1868 bis 1914

kriEgEn, ältErwErdEn

2012. 212 s. 11 s/w-aBB. gB.

2007. 326. s. 32 s. s/w-aBB. gB.

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RT029

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