Der Weg zu einer archäologischen Wissenschaft. Band 2. Die Ur- und Frühgeschichtliche Archäologie 1630-1850 [2] 3110472872, 9783110472875, 9783110474749

Die Archäologien gelten als junge Wissenschaften, da sie erst vom 19. Jahrhundert an zu universitären Fächern wurden. Di

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Der Weg zu einer archäologischen Wissenschaft. Band 2. Die Ur- und Frühgeschichtliche Archäologie 1630-1850 [2]
 3110472872,  9783110472875,  9783110474749

Table of contents :
Vorwort v
1. Die Aufklärungsarchäologie – Von der Gründung des Reichsantiquarsamts 1630 in Schweden bis zur Gründung des Nationalmuseums in Kopenhagen 1807 1
2. Die historistische und frühe evolutionistische Archäologie der ersten Hälfte des 19. Jahrhunderts und die Grundlegung der heutigen archäologischen Disziplinen 245
3. Das Erbe der Frühzeit der Archäologien 387
4. Bibliographie 401
Personenregister 435
Orts- und Sachregister 455
Tabelle 472
Tafeln 475

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Barbara Sasse Der Weg zu einer archäologischen Wissenschaft Band 2

Ergänzungsbände zum Reallexikon der Germanischen Altertumskunde

Herausgegeben von Heinrich Beck · Sebastian Brather · Dieter Geuenich · Wilhelm Heizmann · Steffen Patzold · Heiko Steuer

Band 69.2

Barbara Sasse

Der Weg zu einer archäologischen Wissenschaft Band 2 Die Ur- und Frühgeschichtliche Archäologie 1630–1850

ISBN 978-3-11-047287-5 e-ISBN (PDF) 978-3-11-047474-9 e-ISBN (EPUB) 978-3-11-047423-7 ISSN 1866-7678 Library of Congress Cataloging-in-Publication Data A CIP catalog record for this book has been applied for at the Library of Congress Bibliografische Information der Deutschen Nationalbibliothek Die Deutsche Nationalbibliothek verzeichnet diese Publikation in der Deutschen Nationalbibliografie; detaillierte bibliografische Daten sind im Internet unter http://dnb.dnb.de abrufbar © 2018 Walter de Gruyter GmbH, Berlin/Boston Satz: Dörlemann Satz GmbH & Co. KG, Lemförde Druck und Bindung: Hubert & Co. GmbH & Co. KG, Göttingen ♾ Gedruckt auf säurefreiem Papier Printed in Germany

Vorwort Mit der vorliegenden Arbeit erscheint der zweite Teil meiner zwischen 1994 und 2000 entstandenen Habilitationsschrift, die 2001 unter dem Titel Der Weg zu einer archäologischen Wissenschaft. Studien zu Voraussetzung, Erkenntnis und Anwendung von Methoden und Theorien bis zum Frühevolutionismus (1850) an der Universität Freiburg angenommen wurde. Der erste Teil erschien 2017 als Band 69.1 der Ergänzungsbände zum Reallexikon der Germanischen Altertumskunde unter dem Titel Der Weg zu einer archäologischen Wissenschaft. Bd. 1. Die Archäologien von der Antike bis 1630. Die Habilitationsschrift besaß damals einen Umfang von wenig mehr als 200 Seiten. Inzwischen wurde vor allem die Auswertung der Zeit zwischen Antike und 1800 mehrfach aktualisiert und ganz wesentlich erweitert (Bd. 1; Bd. 2, Gliederungspunkte 1–1.7.4). Dabei konnte einerseits auf die freundliche Unterstützung einer Reihe von Bibliotheken, in erster Linie der Bibliothek der Römisch-Germanischen Kommission in Frankfurt, zurückgegriffen werden, andererseits aber zunehmend auf die immer weiter anwachsende Datenbasis der Digitalisate, die auch weiträumige Vergleiche möglich machen. Der Text zur 1. Hälfte des 19. Jahrhunderts mit dem Schwerpunkt auf dem deutschen Sprachraum und Skandinavien wurde allerdings weitgehend unverändert aus der Habilitationsschrift übernommen, da er fast ausschließlich eine Interpretation der wesentlichen Arbeiten von Forschern wie Carl Hermann Kruse, Karl Wilhelmi, Ludwig Lindenschmit, Christian Jürgensen Thomsen, Sven Nilsson und Jens Jakob Asmussen Worsaae darstellt und deshalb seine Gültigkeit behalten hat. Eine Umarbeitung, Ausweitung und umfassende Aktualisierung hätte das Erscheinen der Gesamtarbeit noch weiter verzögert und zu einem erneuten Veralten der übrigen Textteile geführt. Nicht mehr voll rezipiert werden konnten z.  B. einige Arbeiten von Gisela Eberhard (2008, 2011a, 2011b, 2015) oder von Chris Manias (2013). Internetzitate ohne Datum wurden im Juni 2017 aktualisiert. Auch am Zustandekommen des zweiten Bandes sind viele Kollegen beteilig gewesen, denen allen mein Dank gilt. Zunächst sind die Gutachter der Habilitationsschrift zu nennen, deren Hinweise mir vor allem für die Bearbeitung des Textes des zweiten Bandes von großem Nutzen waren, Heiko Steuer, Christian Strahm und Dieter Mertens (gest. 4. 10. 2014), alle 2001 Professoren der Universität Freiburg. Besonders danke ich aber meinem Mann, Michael Kunst (DAI Madrid), der geduldig und hilfreich die lange Bearbeitungszeit des Textes ertragen hat, sowie Michael Blech (ehemals DAI Madrid, im Ruhestand), der viele der Texte teilweise auch mehrfach gelesen und kommentiert hat. Auch dieser Band wäre ohne die vielfältige Unterstützung der Römisch-Germanischen Kommission und ihrer Mitarbeiter und die kundige Arbeit der Grafiker Michael Kinsky (Institut für Archäologische Wissenschaften der Universität Freiburg) und Guida Casella (Lissabon) nicht zu denken.

VI 

 Vorwort

Nicht zuletzt aber bedanke ich mich bei der Deutschen Forschungsgemeinschaft für die finanzielle Unterstützung durch ein Habilitationsstipendium, bei den Herausgebern der Reihe Ergänzungsbände des Reallexikons der Germanischen Altertumskunde für die Aufnahme in die Reihe sowie den Mitarbeitern des Verlags De Gruyter für die gute Zusammenarbeit.

Inhalt Vorwort  1

 V

Die Aufklärungsarchäologie – Von der Gründung des Reichsantiquarsamts 1630 in Schweden bis zur Gründung des Nationalmuseums in Kopenhagen 1807   1 1.1 Politische, soziale und institutionelle Rahmenbedingungen für archäologische Arbeit   1 1.1.1 Ämter und Gesellschaften   1 1.1.2 Ausbildung, Lehre und berufliche Tätigkeit   9 1.1.3 Sammlungen   20 1.2 Probleme – Motive, Forschungsthemen und Fragestellungen   35 1.3 Die Quellen   37 1.3.1 Der Einsatz schriftlicher und archäologischer Quellen und die wachsende Bedeutung empirischer archäologischer Forschung   37 1.3.2 Denkmalschutz   45 1.3.3 Prospektionen und systematische Fundaufnahmen   46 1.3.4 Grabungen und Grabungstechnik   49 1.4 Die Analyse   63 1.4.1 Quellenkritik   63 1.4.2 Deskription, bildliche Darstellung und optische Klassifikation   65 1.4.2.1 Antike Denkmäler und Funde   65 1.4.2.2 Ur- und frühgeschichtliche Denkmäler und Funde   78 1.4.2.2.1 Runendenkmäler   78 1.4.2.2.2 Megalithbauten   82 1.4.2.2.3 Urnen- und Hügelgräber sowie andere Geländedenkmäler   92 1.4.2.2.4 Die Fundlandschaft   97 1.4.2.2.5 Fundobjekte – Beschreibung, Abbildung, optische Klassifikation und Funktionsbestimmung   100 1.5 Auswertung deskriptiver Merkmale – objektbezogene Interpretationsmethoden   119 1.5.1 Gruppierung und Klassifikation aufgrund von Merkmalen und der Beginn des Arbeitens mit Grabungskomplexen   119 1.5.2 Die räumliche Verteilung von Fundstellen und Funden   127 1.5.3 Datierung   132 1.6 Die Interpretation   144 1.6.1 Vom humanistisch-antiquarischen Paradigma zur Kunst-, Kultur- und Landesgeschichte   144 1.6.2 Von antiken und christlichen Weltaltern zur geologischen und archäologischen Überprüfung der universalen Gültigkeit der biblischen Schöpfungsgeschichte   164

VIII 

1.6.2.1 1.6.2.2 1.6.3 1.6.3.1 1.6.3.2 1.6.3.3 1.7 1.7.1 1.7.2 1.7.3 1.7.3.1 1.7.3.2 1.7.3.3 1.7.4

2

 Inhalt

Die Abstammung der Dynastien und Völker von Noah, antike Traditionen und das Wanderungsprinzip   164 Die Sintflut als Forschungsgegenstand   171 Ansätze zu neuen Konzepten und Paradigmen   175 Die Historisierung archäologischer Quellen   175 Der Beginn der Erforschung kultureller Diversität und die ersten Definitionen archäologischer Kulturen   185 Rezeption und Modifikation antiker universaler Stufenmodelle und die Universalgeschichte   196 Ergebnisse und Wertungen   208 Die Rolle der Archäologie in der Aufklärung und der Aufklärungsforschung   208 Erfindung und Entwicklung archäologischer Methoden und die Bildung von Traditionen   218 Überlegungen zu einer Phasengliederung der Aufklärungsarchäologie   230 Phase I: Übergang zwischen Spätrenaissance und Frühaufklärung 1630–1670   231 Phase II: Frühaufklärung 1670–1740   232 Phase III: Archäologie der entwickelten Aufklärung 1740– 1800/10   232 Allgemeine Ansichten der Archäologen des 17. und 18. Jahrhunderts und die Wechselwirkung zwischen Politik und Archäologie   234

Die historistische und frühe evolutionistische Archäologie der ersten Hälfte des 19. Jahrhunderts und die Grundlegung der heutigen archäologischen Disziplinen   245 2.1 Zum politischen, sozialen und institutionellen Umfeld   245 2.1.1 Sammlungen   245 2.1.2 Ausbildung, Lehre und berufliche Tätigkeit   250 2.1.3 Ämter und Gesellschaften   256 2.2 Motive, Forschungsthemen und Fragestellungen   260 2.3 Die Quellen   262 2.3.1 Informationsphase   262 2.3.1.1 Denkmalpflege und Dokumentation von Fundstellen   262 2.3.1.2 Grabungen und Grabungstechnik   264 2.4 Die Analyse   276 2.4.1 Fundterminologie und Klassifikation   276 2.4.2 Bildliche Darstellung und optische Klassifikation   287 2.4.2.1 Denkmäler und Grabungen   287 2.4.2.2 Zeichnungen von Fundobjekten und ihre Anordnung zu Tafeln   293



Inhalt 

2.4.3 2.4.3.1 2.4.3.2 2.4.3.3 2.5 2.5.1 2.5.2

2.5.3 2.5.4 2.6 2.6.1 2.6.2 2.6.3 2.6.3.1 2.6.3.2 2.6.3.2.1 2.6.3.2.2 2.6.3.3

Zur Auswertung deskriptiver Merkmale sowie objektbezogene Interpretationsmethoden   301 Topographie und Kartographie   301 Kombination von Merkmalen und das Problem geschlossener Funde   305 Chronologie   315 Die Interpretation   331 Das Weiterleben des humanistisch-antiquarischen und des kulturhistorisch- archäologischen Paradigmas   331 Vom weltchronistischen Paradigma zum evolutionistischarchäologischen Paradigma: wandernde Völker, Kulturstadien und Fortschritt   333 Der historistische Ansatz: Völker und Kulturen als einzigartige Individuen   338 Wirtschafts-, siedlungs- und sozialgeschichtliche Themen   345 Ergebnisse und Wertungen   348 Archäologische Quellen zwischen historischer Tradition, Philologie und empirischer archäologischer Forschung   348 Archäologische Methoden und Formen archäologischer Publikationen   356 Ziele und allgemeine Ansichten archäologisch arbeitender Gelehrter und der Einfluss von Politik und ‚Zeitgeist‘   364 Die Rolle der einheimischen Archäologie bei der Bildung nationaler Identitäten   364 Geschichtstheoretische Grundlagen   371 Historismus   371 Teleologische Geschichtssysteme und der aufkommende Evolutionismus   376 Zur Leistung der Konzepte und ihrer regionalen Akzeptanz   382  387

3

Das Erbe der Frühzeit der Archäologien 

4 4.1 4.2 4.3

 401 Bibliographie  Antike Quellen   401 Frühneuzeitliche und neuzeitliche Quellen ab 1400  Sekundärliteratur   412

 435 Personenregister  Orts- und Sachregister   455 Tabelle  Tafeln 

 IX

 472  475

 401

1 Die Aufklärungsarchäologie – Von der Gründung des Reichsantiquarsamts 1630 in Schweden bis zur Gründung des Nationalmuseums in Kopenhagen 1807 1.1 Politische, soziale und institutionelle Rahmenbedingungen für archäologische Arbeit 1.1.1 Ämter und Gesellschaften Im Rahmen der mit dem Aufstieg des nördlichen Europas im 17. Jahrhundert verbundenen nationalen und religiösen Bewegungen richtete der schwedische König Gustav II. Adolf 1630 im Jahr seines Eintritts in den Dreißigjährigen Krieg das Amt des Antiquarius regni ein, das Bestand haben sollte. Sein Programm galt dem Beweis des hohen Alters und der historischen Bedeutung des gerade von Dänemark abgetrennten Königreichs und seiner nichtrömischen Altertümer einschließlich der Betreuung einer fürstlichen Sammlung. Es umschließt also die Denkmalpflege eines ganzen Landes und besaß von Anfang an einen großen archäologischen Aufgabenbereich1. Deshalb ist es mit der schon früher entstandenen Institution des päpstlichen Commissario delle antichità vergleichbar, der für den Erhalt, Grabungen, Ausfuhrkontrolle, Veröffentlichung und Deutung der antiken Überreste Roms zuständig war. Das päpstliche Amt bestand nach den Anfängen von Raffael unter Leo X. kontinuierlich seit 1534 die ganze uns hier interessierende Zeit hindurch und sah bedeutende Vertreter wie z.  B. Giovanni Pietro Bellori und Johann Joachim Winckelmann (Ridley 1992, S. 118  f., S. 132  f., S. 141  f.; Fröhlich 2011, S. 55  ff.). Im Gegensatz zum Vatikan handelt es sich

1 Seit den Siebzigerjahren des 17.  Jahrhunderts findet man zunehmend die von dem griechischen archaiologia gebildeten Bezeichnungen  – hier wird immer von Archäologie gesprochen, wenn archäologische Quellen und Methoden gemeint sind. Zu der Entwicklung der Begriffe, besonders des Antiquars und anderer von antiquitas abgeleiteten Bildungen für Altertumswissenschaftler und Altertumswissenschaften sowie zu den damit verbundenen Inhalten, für die seit kurzer Zeit auch das aus dem Englischen hergeleitete Lemma Antiquarianismus benutzt wird, siehe Bd. 1, S. 32  f. Während der langen Anwendungszeit von der Antike bis ins 19. Jahrhundert und der weiten geographischen Verbreitung blieb die Bedeutung nicht einheitlich. Der Begriff Antiquarianismus ist auch deshalb problematisch. Er war auch nie identisch mit dem in der Renaissance auf antiker Grundlage entwickelten humanistisch-antiquarischen Paradigma (siehe Bd. 1, S. 308; hier S. 144). Gemeinsam aber bleibt das Konzept einer quellenpluralistischen Altertumsforschung, in der die eigentlich archäologischen Quellen und Methoden einen jeweils unterschiedlichen Anteil besaßen. Einen Überblick über die Anwendung der Begriffe in der Renaissance und antike Vorläufer gibt Marco Sawilla, 2009, S. 238. Sawilla gehört trotz der Erkenntnis der Uneinheitlichkeit zu den wenigen deutschen Anwendern des Begriffes Antiquarianismus.

2 

 Die Aufklärungsarchäologie

bei Schweden aber um einen großen frühneuzeitlichen Flächenstaat. Damit stellte der König Schweden an die Spitze der Entwicklung antiquarischer Institutionen. Erster Reichsantiquar wurde der schon seit Ende des 16. Jahrhunderts aktive Pfarrerssohn Johannes Bureus, der zunächst in der königlichen Kanzlei gearbeitet hatte, 1602 Lehrer des Kronprinzen Gustav II. Adolf geworden war und dadurch großen Einfluss auf den Prinzen gewonnen hatte. Bure war humanistisch gebildet, wenn auch teilweise autodidaktisch und ohne das eigentlich für seine Aufgaben notwendige Curriculum. Für das neue Amt empfahl er sich dadurch, dass er sich schon in den Jahren vor seinem Amtsantritt vor allem auf dem Gebiet der Runensteine und der Runenschrift bedeutende Verdienste erworben hatte (Svenskt biografiskt Lexikon 6, 1926, S. 688 [E. Vennberg]; Schück 1932, S. 46  ff., S. 116  ff.; Klindt-Jensen 1975, S. 16  ff.; Schnapp 1993[2009], S.  174  ff.; Stille 2006, S.  453  ff.; Håkansson 2012, S.  501; siehe S. 79). Eigentlicher Grund für die Berufung von Bure dürfte die gotizistische Überlegenheitsideologie auf der Basis der Schriften der Gebrüder Magnus gewesen sein, die Bure vertrat und die auch Gustav II. Adolf sich zu eigen machte (Neville 2009, S. 219; siehe S. 166). Nach dem Tod König Karl X. Gustav 1660 nahm man während der Minderjährigkeit Karls XI. das vernachlässigte archäologische Programm Gustav II. Adolfs wieder auf. Im Jahre 1662 förderte der damalige königliche Kanzler und gleichzeitige Kanzler der Universität Uppsala Magnus Gabriel de la Gardie zusammen mit seinem Sekretär Johan Hadorph die schwedische Altertumskunde zusätzlich durch die Einrichtung einer eigenen Professur an der Universität Uppsala. Sie wurde mit Olof Verelius besetzt, der 1666 auch das Amt des Antiquarius regni erhielt, das bis dahin mit Mitgliedern der Familie des Bureus besetzt worden war (Klindt-Jensen 1975, S. 26  f.). Damit war das königliche Antiquarsamt auch mit der Lehre verknüpft und konnte Fachleute ausbilden. Die Rolle der Universität Uppsala wurde außerdem verstärkt durch die Gründung des Collegium Antiquitatum, zu dem neben Hadorph vier weitere Professoren gehörten. In den folgenden Jahren wurden die ersten Gesetze zum Denkmalschutz erlassen. Es kam dann aber zwischen dem Medizinprofessor in Uppsala Olof Rudbeck dem Älteren, der archäologische Grabungen vornahm und durch seine gotizistischen Ideen Einfluss gewonnen hatte, und Johan Hadorph zu Auseinandersetzungen und schließlich 1692 zu einer Verlegung des Collegiums nach Stockholm. Wie schon die anfängliche Verbindung des Amtes mit der Universität Uppsala und die Arbeit von Rudbeck erkennen ließen, kamen Innovationen zunehmend von den Universitäten und hier aus dem Bereich der Medizin bzw. Naturgeschichte. Im Weiteren erlangte in der ersten Hälfte des 18. Jahrhunderts vor allem die Universität Lund durch den Mediziner Kilian Stobaeus Bedeutung, der an medizinische Vorarbeiten wie die von Michele Mercati anknüpfte und so eigentlich prähistorische Forschungen möglich machte (Stobaeus 1738; Klindt-Jensen 1975, S. 38). In Dänemark kam es dagegen nicht zu einer dauerhaften Installierung eines Antiquarius regni und eines aus diesem Amt entwickelten Apparates. Der mit Schwe-



Politische, soziale und institutionelle Rahmenbedingungen für archäologische Arbeit 

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den gleichzeitige Aufschwung archäologischer Forschung entwickelte sich durch die Initiative einiger gelehrter Mediziner, die in Europa während ihrer Studienzeit weit gereist waren und in ihrer Arbeit vom König unterstützt wurden. Er war von Anfang an stark italienisch geprägt. Hier spielte die Gruppe der Kommilitonen, Studenten und Freunde des Johannes Rhodius an der Universität Padua die entscheidende Rolle (siehe S. 100  ff.). Der in Bd. 1 schon mehrfach erwähnte Ole Worm wurde zwar später Professor in Kopenhagen und sogar mehrmals Rektor der Universität sowie Leibarzt des dänischen Königs, er bekleidete jedoch trotz seines großen Einsatzes für die altertumskundliche Forschung kein antiquarisches Amt, wenn er auch u.  a. antiquarische Aufgaben erhielt (siehe S.  128). Erster Antiquarius regni wurde der Großneffe Ole Worms Thomas Bartholin der Jüngere im Jahre 1684 (Klindt-Jensen 1975, S. 26). Schon der Vater gleichen Namens, Professor für Anatomie und Mathematik in Kopenhagen und Entdecker des Lymphsystems, Thomas Bartholin der Ältere, hatte für die Archäologie Bedeutendes geleistet, ebenso der Großvater Caspar Bartholin (siehe S.  139). Das Amt erlangte allerdings keine Kontinuität. Im 18.  Jahrhundert gewannen in Dänemark einige Geistliche große Bedeutung für die Altertumsforschung, der Hofkaplan Eric Pontoppidan und später schon am Ende der universalwissenschaftlichen Epoche Frederik Münter, der Bischof von Seeland (Klindt-Jensen 1975, S. 35  ff.). Beide besaßen unmittelbaren Einfluss auf die archäologischen Tätigkeiten der Königsfamilie, ohne antiquarische Ämter einzunehmen. Antiquar war aber vor allem eine Bezeichnung für die Betreuer fürstlicher Sammlungen und besaß auch in diesem Sinne die Qualität eines Amtstitels. Zur Aufgabe des Antiquars gehörten der kontrollierte Ankauf, die Überführung der Sammlungsstücke in die fürstliche Sammlung, ihre Ordnung, Beschreibung und Deutung. Häufig kann man wie schon im 16. Jahrhundert die Verbindung zur Bibliothek und die Verknüpfung mit dem Amt des Bibliothekars beobachten. Adam Olearius, Hofmathematiker, Bibliothekar und Antiquar der Herzöge von Schleswig, hatte u.  a. die Aufgabe, die Aufnahme der Sammlungen des Bernardus Paludanus in Enkhuizen in die Wunderkammer der Schleswiger Herzöge zu organisieren (Olearius 1666[1674], Vorrede). Ähnlich erwarb August der Starke 1728 unter Mithilfe Johann Wilhelm von Bergers die römischen Sammlungen Chigi und Alessandro Albani, 1736 kamen ebenfalls durch Berger die 1710 entdeckten sogenannten Herkulanerinnen aus dem Sammlungsnachlass des Prinzen Eugen von Savoyen hinzu (Berghaus 1983, S.  210; Knoll 2009, S. 108  f.). Die bedeutendsten archäologischen Arbeiten der zweiten Hälfte des 17. und des 18. Jahrhunderts stammen jedoch nicht aus der Feder dieser fürstlichen Antiquare, denn weder Ole Worm in Dänemark noch William Stukeley oder James Douglas in England noch Johann Daniel Major oder Christian Detlev und Andreas Albert Rhode im deutschen Sprachgebiet gehörten je zu diesem Kreis. Der französische Adlige und Benediktiner Bernard de Montfaucon war ab 1694 lediglich Leiter des Münzkabinetts

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 Die Aufklärungsarchäologie

seiner Abtei Saint Germain-des-Prés (Schiering 1969, S. 11  ff.; Berghaus 1983, S. 192) und der Soldat und Diplomat Graf Caylus seit 1731 Mitglied der Académie royale de peinture et de sculpture (ebd., S. 236; Sichtermann 1996, S. 77). Der Protestant aus Stendal Johann Joachim Winckelmann stammte aus einfachen Verhältnissen und musste sich nach seinem Studium (Theologie, Jura und Philologie) in Halle und Jena bis zu seinem Durchbruch 1755 auf kleinen Stellen durchschlagen. Erst sein Übertritt zum Katholizismus machte Winckelmanns Karriere in Rom möglich, die 1763 durch das Amt des Commissario delle antichità gekrönt wurde, also wenige Jahre vor seinem gewaltsamen Tod 1768 (Berghaus 1983, S. 219; Sichtermann 1996, S. 80  ff.; Fröhlich 2011, S. 55). Das Leben Johann Joachim Winckelmanns zeigt deutlich, wie sehr das Auseinanderklaffen der archäologischen Interessen noch im 18. Jahrhundert mit der Konfessionspolitik verbunden war. Als Protestant hätte er sein Amt und den überragenden Einfluss auf die Entwicklung der Klassischen Archäologie wohl nicht erreichen können. Ein Jahrhundert vor ihm schon hatte die Königin Kristina von Schweden diesen Gegensatz erkennbar gemacht. Sie demonstrierte auf höchster Ebene eine mit Religion und Ideologie verbundene Trennung von klassischer und ur- und frühgeschichtlicher Altertumskunde. Die Tochter König Gustav II. Adolfs war zwar als Königin ‚Chefin‘ der ersten schwedischen gotizistischen Reichsantiquare, besaß aber offenbar wenig Interesse an der enzyklopädischen Sammlung ihres Vaters, für die Philipp Hainhofer in Augsburg einen Kunstschrank gebaut hatte, der 1694 an die Universität Uppsala gelangte (Boström 1985, S. 94  f.). Dagegen trug sie nach ihrem Übertritt zum Katholizismus und ihrer Abdankung ab 1654 in Rom eine Sammlung antiker Kunstwerke zusammen, die sie teilweise von Giovanni Pietro Bellori betreuen ließ. Dieser sollte im Jahre 1670 unter Papst Clemens X. zum Commissario delle antichità ernannt werden (Berghaus 1983, S. 181; S. 183). So kam Kristina am Ende ihres Lebens auch in den Genuss der Zusammenarbeit mit einem Amtsinhaber des römischen Antiquarsamtes. Ihre Sammlung allerdings hatte das Schicksal vieler Privatsammlungen, sie wurde nach ihrem Tod verkauft und die spanischen Könige erwarben 1723 die römische Sammlung von Livio Odescalchi aus ihrem Nachlass (Elvira Barba 2009, S. 122). In England, Spanien und in Frankreich bildeten sich im 17. und 18. Jahrhundert nicht so scharfe Gegensätze zwischen der einheimischen prähistorischen oder provinzialrömischen und der klassisch-antiken archäologischen Forschung heraus wie im deutschen Sprachgebiet und vor allem in Skandinavien. Die klassischen Studien und die Sammlungen klassischer und provinzialrömischer Antiquitäten hatten seit der Renaissance eine große Rolle gespielt, und auch die einheimische Archäologie wies bedeutende römische Denkmäler auf (siehe S. 70  f.). Neben den ersten staatlichen denkmalpflegerischen Organisationen wurden wissenschaftliche Gesellschaften und Akademien zum Träger eigener archäologischer Forschungen und Sammlungen und richteten dafür spezielle Ämter ein. In der zweiten Hälfte des 17. und im 18. Jahrhundert entwickelte sich so ein reger Wissen-



Politische, soziale und institutionelle Rahmenbedingungen für archäologische Arbeit 

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schaftsbetrieb außerhalb der Universitäten2. Universalgelehrte wie Gottfried Wilhelm Leibniz durchdachten in diesem Rahmen auch archäologische Probleme und gaben ihre Erkenntnisse weiter. Diese Gesellschaften wurden wichtige Foren zum fachlichen auch internationalen Austausch. Außerdem setzten sie auch methodische Normen. Zwar waren die meisten gelehrten Gesellschaften noch universalwissenschaftlich oder nach den alten Fakultäten wie z.  B. der Medizin ausgerichtet, doch lassen sich auch in dieser Zeit schon fachspezifische Gründungen benennen. 1663 kam man in Frankreich zu einer ersten archäologischen Institution innerhalb der akademischen Organisationen, der Petite Académie, einer Kommission von vier Mitgliedern, die Jean-Baptiste Colbert von der Académie française abgetrennt hatte (Laming-Emperaire 1964, S. 64). 1701 entstand aus ihr die Académie royale des inscriptions et médailles, 1716 umbenannt in Académie royale des inscriptions et belles-lettres, Vorgängerinstitution der heutigen Académie des inscriptions et belles-lettres. Sie war auch für das königliche Cabinet, d.  h. die Sammlung zuständig, aber nicht nur auf die Altertumskunde beschränkt. Seit 1717 gab sie mit den Mémoires auch eine Zeitschrift heraus (Laming-Emperaire 1964, S. 64; Leclant 1995, S. 101  ff.; Gran-Aymerich 1998, S. 32; S. 135). Wissenschaftliche Gesellschaften bzw. Akademien entstanden aber in der zweiten Hälfte des 17. Jahrhunderts auch in verschiedenen Städten im Lande wie in Caen, Arles, Soisson oder Nîmes, wo man auch gallorömische Überreste suchte (Laming-Emperaire 1964, S. 65). In dieser Zeit begann sich darüber hinaus das Interesse für die keltische Vergangenheit durchzusetzen (Schnapp 1993, S. 132  ff.)3. Das 18. Jahrhundert brachte auch die Ausdehnung des archäologischen Interesses auf den gesamten Mittelmeerraum, wenn auch dies erst an seinem Ende einen institutionellen Niederschlag fand. Die Ägyptologie erhielt ihr erstes Institut anlässlich der Eroberung Ägyptens durch Napoleon I. 1798, als mit der Gründung eines französischen Instituts in Kairo die Grundlage für diese Wissenschaft gelegt wurde (Daniel 1975, S. 22; Vercoutter 1990, S. 25  ff.). Die schon während der Renaissance 1586 gegründete und damit älteste dezidiert altertumskundliche Gesellschaft, die Society of Antiquaries in London, besaß entgegen älteren Darstellungen keine Kontinuität bis ins 18.  Jahrhundert, so dass die heute noch bestehende Gesellschaft als eine Neugründung des 18. Jahrhunderts anzusehen ist. Die Legende einer Kontinuität beruht auf den ersten Darstellungen der Geschichte der Gesellschaft, besonders auf der Richard Gaughs, der ihre Anfänge auf die Tudorzeit zurückführte, die archäologisch durch William Camden und Robert Cotton geprägt war (Gough 1770, S. III ff.; Herendeen 2007, S.  311). Zwischen den

2 Einen umfangreichen Einblick hierzu bieten zwei Tagungen: Neumeister/Wiedemann (1987); Garber/Wismann (1996). Eine Vollständigkeit ist kaum zu erreichen, z.  B. wird die schon 1652 als Medizinergesellschaft gegründete Leopoldina, in der auch archäologisch tätige Ärzte organisiert waren, in vielen wissenschaftsgeschichtlichen Darstellungen übersehen (Troeller 2008, S. 182  f.). 3 Zu den Anfängen siehe Bd. 1, S. 191.

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 Die Aufklärungsarchäologie

ersten Jahren des 17. und dem Beginn des 18.  Jahrhunderts klafft aber eine Lücke, die von den Sechzigerjahren des 17. Jahrhunderts an allerdings von der entstehenden Royal Society, also einer thematisch übergreifenden, universalwissenschaftlichen Institution aufgefangen wurde (Fussner 1962[2010], S. 68  ff.; siehe unten)4. Diese seit 1660 bestehende Gesellschaft zählte zahlreiche am Altertum interessierte Gelehrte zu ihren Mitgliedern – in ihr spielten z.  B. John Aubrey und Elias Ashmole und später William Stukeley eine Rolle, vor allem aber Isaak Newton (Piggott 1950[1985], S. 34  f.; Fussner 1962[2010], S. 76; siehe S. 173). Ab 1707 trafen u.  a. unter dem Einfluss von William Stukeley an Altertümern interessierte Personen regelmäßig zusammen, 1718 institutionalisierten sie sich regulär (Gough 1770, S. XXV f.; Society of Antiquaries of London 1951, S.  9  ff.; Evans 1956; Pearce 2007). Deshalb kann man sagen, dass die Society of Antiquaries aus der Royal Society hervorgegangen ist. Sowohl der Rückgriff auf die Institution der Renaissance als auch das Gründungsdatum von 1707 werden heute als historische Konstruktionen des 18. Jahrhunderts angesehen (MacGregor 2007, S. 49; Pearce 2007a, S. 1  f.; Morgan Evans 2009, S. 333  f.)5. Diese Geschichte wurde mit dem Erscheinen der von der Gesellschaft herausgegebenen Zeitschrift Archaeologia 1770 aber manifest. Die Londoner Society of Antiquaries war jedoch nicht die einzige wissenschaftliche Gesellschaft, die sich in dieser Zeit in England archäologischen Fragen widmete, wenn auch andere Gesellschaften weiter definiert waren: 1709/1710 hatte Maurice Johnson, ein Freund William Stukeleys, die Spalding Gentlemen’s Society gegründet, die ebenfalls heute noch existiert. Stukeley verband die Royal Society, diese Gesellschaft, die Society of Antiquaries, teilweise sogar als ihr Sekretär, eine Gesellschaft der Equites Romani und die 1719 institutionalisierte Freimaurerei (Haycock 2002, S. 116, S. 174  ff.). Etwas später wurde dann in der aufkommenden Begeisterung für die Besichtigung antiker Stätten 1732 die Society of Dilettanti von Italienreisenden ins Leben gerufen (Daniel 1975, S. 24), von der Mitte des 18. Jahrhunderts an entdeckten Engländer in diesem Rahmen die klassischen Altertümer in Griechenland, Kleinasien, im Vorderen Orient und Ägypten (Daniel 1975, S. 21). Diese Entwicklung spiegelt sich auch in dem Namen der 1770 begründeten Zeitschrift der Society of Antiquaries, Archae­ologia. Die erst 1780 gegründete Society of Antiquaries of Scotland verfuhr ebenfalls noch zweigleisig und knüpfte mit ihrem Namen und dem Namen ihrer ältesten Publikationsserie, der 1792 erstmals erschienenen Archaeologia Scotica, an die Londoner Gesellschaft an6

4 Die für die frühe Geschichte der Gesellschaft grundlegende ungedruckte Dissertation von Linda Van Norden war mir nicht zugänglich: Van Norden, Linda (1946): The Elizabethan College of Antiquaries. University of California and Los Angeles. 5 Dennoch feierte die Gesellschaft 2007 ihr dreihundertjähriges Jubiläum (Pearce 2007)! 6 http://www.socantscot.org/publications. Besucht am 22. 5. 2017.



Politische, soziale und institutionelle Rahmenbedingungen für archäologische Arbeit 

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In Rom entstand durch die päpstliche Gründung der Accademia delle Romane Antichità 1740 ebenfalls eine archäologisch definierte Gesellschaft, deren Nachfolgeorganisation bis heute besteht7. Ältere, universaler ausgerichtete Institutionen spielten jedoch in Italien ebenfalls für die Altertumswissenschaft eine bedeutende Rolle wie die Accademia dei Lincei und die Accademia della Crusca, deren Sekretär Carlo Roberto Dati sich um die Publikation der Metallotheca von Michele Mercati bemühte (siehe Bd. 1, S. 149). Spanien ging mit der 1737 gegründeten Real Academia de la Historia einen eigenen Weg. Sie erhielt erst 1792 mit der Comisión de Antigüedades eine archäologische Abteilung, allerdings entstand schon 1763 das Amt des Anticuario für das Gabinete de Antigüedades (Almagro-Gorbea/Maier 2003, S. 12, S. 21). Im deutschen Sprachraum kann im 17. und 18. Jahrhundert von einer den skandinavischen und englischen Einrichtungen entsprechenden archäologischen Organisation noch nicht die Rede sein. Dazu fehlten der politische Zentralismus und vor allem eine einheitliche Identifikation mit der eigenen Vergangenheit (siehe S.  242). Das übernationale und im Prinzip überkonfessionelle Kaiserreich stand einer zerklüfteten deutschen Staatenlandschaft entgegen, aus der sich im Laufe des 18. Jahrhunderts die großen rivalisierenden Territorialstaaten als Machtblöcke herausbildeten. Das führte zu einer Schwächung der Reichsstrukturen und einer Stärkung des Landespatriotismus mit dem Aufbau unterschiedlicher Identitäten (Demel 2002, S. 70). Die konfessionellen Unterschiede und das stark divergierende Verhältnis zur römischen Vergangenheit standen ebenfalls einer einheitlichen historischen Identität entgegen. Das änderte sich erst nach der Durchsetzung der religiösen Toleranz im aufgeklärten Absolutismus. So wurde der Weg für die Überwindung der Konfessionsspaltung und die Idee der gemeinsamen Kulturnation frei (Muhlack 1989[2006], S. 277  f.). Vielleicht deshalb blieb das deutsche Sprachgebiet im 18.  Jahrhundert noch ohne spezialisierte archäologische oder historische Gesellschaften. Das Themenfeld wurde aber von anderen mitbehandelt. Auf universalwissenschaftlicher Ebene existierte reges Interesse. Sowohl die medizinische Leopoldina, ab 1652 zunächst in Schweinfurt, später in Halle, die Königlich-Preußische Akademie der Wissenschaften zu Berlin (1700), die Akademie der gemeinnützigen Wissenschaften zu Erfurt (1754), die auf Betreiben des auch archäologisch bedeutenden Johann Daniel Schoepflin 1763 gegründete Academia Theodoro-Palatina in Mannheim (Kurpfälzische Akademie der Wissenschaften) sowie die Oberlausitzische Gesellschaft der Wissenschaften in Görlitz (1779) bildeten auch archäologische Gelehrtenzirkel und stellten Publikationsmöglichkeiten zur Verfügung (Gummel 1938, S.  106  f.). Da die Gelehrten noch in verschiedenen Bereichen tätig waren, wurden sie auch Mitglieder in sehr unterschiedlichen Gesellschaften. Der archäologisch arbeitende Jurist Christian Ernst

7 http://www.pont-ara.org/index.php?module=Pagine&func=display&pageid=16. Besucht am 8. 12. 2014.

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 Die Aufklärungsarchäologie

Hansselmann z.  B. fand in der Königlich-Preußischen Akademie der Wissenschaften zu Berlin, der Herzoglichen Deutschen Gesellschaft zu Jena, der Akademie der Wissenschaften zu Göttingen, der Kurpfälzischen Akademie der Wissenschaften, der Bayerischen Akademie der Wissenschaften sowie der Leopoldina Aufnahme (Neumaier 1993, S. 18). Sein bedeutendes altertumskundliches Werk zum Limes ist 1768 aus einer Preisfrage der Königlich-Preußischen Akademie der Wissenschaften zu Berlin hervorgegangen (ebd., S.  43  ff.). Über die archäologischen Tätigkeiten dieser Gesellschaften fehlen allerdings bisher Grundlagenforschungen. Jedenfalls waren in Bayern die archäologisch tätigen Gelehrten der zweiten Hälfte des 18. Jahrhunderts Akademiemitglieder und publizierten ihre Arbeiten u.  a. auch dort (Schwarz 1972/73, S. 134). In letzter Zeit sind die ersten wissenschaftlichen Gesellschaften in Zürich, das Collegium Insulanum (1679–81), das Collegium der Vertraulichen (1686–96) und das Collegium der Wohlgesinnten (1693–1709) gut erforscht worden. Auch sie waren nicht spezialisiert, sondern arbeiteten auf verschiedenen Gebieten. Durch den äußerst aktiven Johann Jakob Scheuchzer und die anderen promovierten Mediziner überwog das naturgeschichtliche Themenfeld, man war aber im Gegensatz zur lange vorherrschenden Forschungsmeinung auch politischen und religiösen Themen offen. Diese Gesellschaften entsprechen deshalb der Royal Society, mit der sie auch rege Kontakte verbanden (siehe S. 173). Interessant ist die soziale Zusammensetzung der Mitglieder, die sich aus Medizinern, Theologen, Magistraten, Offizieren und Kaufleuten rekrutierten. Bei den wissenschaftlichen Vorträgen zeigt sich aber die eindeutige Dominanz der nur wenigen Mediziner (Kempe/Maissen 2002, S. 12, S. 88, S. 172). Eine ähnliche Zusammensetzung der Autoren und ein Überwiegen der bürgerlichen Bildungsschicht erbrachten übrigens auch Untersuchungen der sehr viel jüngeren Berlinischen Monatsschrift (Möller 1986, S. 295  f.). Wie in der Renaissance in den italienischen und süddeutschen Städten kann man also in London, Zürich und Berlin im 17. und 18.  Jahrhundert das gebildete Bürgertum als Träger der Gelehrtenkultur ausmachen. Die wissenschaftlichen Gesellschaften boten auch den Rahmen für die seit der zweiten Hälfte des 17. Jahrhunderts explodierende Gelehrtenkorrespondenz (Kempe 2001, S. 73). Diese hatte zwar schon im 16. Jahrhundert einen wesentlichen Teil des gelehrten Kontakts ausgemacht (siehe Bd. 1, S. 164). Private Verbindungen und die Entwicklung der Post waren eine wichtige Voraussetzung (Kempe 2001, S.  79). Die wissenschaftlichen Zeitschriften, die seit den Sechzigerjahren des 17.  Jahrhunderts von den Gesellschaften selbst oder von Privatleuten ins Leben gerufen wurden, wie das Pariser Journal des sçavants, die Philosophical Transactions der Royal Society, beide 1665, bildeten für die Veröffentlichung der wissenschaftlichen Korrespondenz, Rezensionen und kleinerer Publikationen ein neues und wachsendes Forum (Möller 1986, S. 277  ff.; Israel 2001, S. 142  ff.)8. Die Miscellanea curiosa der Leopoldina, später

8 Israel nannte dagegen als älteste mitteleuropäische wissenschaftliche Zeitschrift die Acta Erudito-



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Ephemerides, erschienen als erste mitteleuropäische wissenschaftliche Zeitschrift ab 1670 (Girlich 2012, S. 7). Damit war eine wichtige Voraussetzung für den wissenschaftlichen Streit und seine schnelle Verbreitung gewonnen. Gottfried Wilhelm Leibniz z.  B. veröffentlichte viele seiner Werke in Form von öffentlichen Briefen, so z.  B. die Dissertatio academica de origine Germanorum9. Auch die Adressaten stammten aus dem Kreis der internationalen Gemeinde der verschiedenen Akademiemitglieder. Die Aufklärung, deren Ziel unter anderem in der Verbreitung der öffentlichen Bildung bestand, führte jedoch auch außerhalb der eigentlich wissenschaftlichen Sphäre zur Entstehung von Gesellschaften, die u.  a. auch archäologische Inhalte vermitteln konnten. Hierzu gehören die überall in der zweiten Hälfte des 18.  Jahrhunderts sprießenden Lesegesellschaften, die ebenso wie die Leihbibliotheken auch wissenschaftliche Schriften bekannt machten (Prüsener 1972; Möller 1986, S. 261  ff.; Wittmann 2011, S. 2006  ff.).

1.1.2 Ausbildung, Lehre und berufliche Tätigkeit Die Grundlage für die Entwicklung der Archäologien hatten in der Renaissance überwiegend Juristen und bildende Künstler gelegt, erst später kamen auch Geistliche und immer mehr Mediziner dazu. Die meisten von ihnen gehörten zur bürgerlichen Elite oder zum städtischen Adel. Fast alle besaßen ein Hochschulstudium mit Abschluss in einer der drei hohen Fakultäten, nur wenige waren bei den Artes liberales, dem Grundstudium, geblieben. Das änderte sich während des 17. und 18.  Jahrhundert kaum, wenn auch die ersten Disziplinen wie die Geschichte und die Philosophie begannen, aus den Artes herauszuwachsen und an Bedeutung zu gewinnen (Berghaus 1983, S. 154  ff.; Tab. 1). Wie früher gab es aber auch Quereinsteiger wie Ferdinando Cospi in Bologna oder die Familie Tradescant in Oxford (MacGregor 2001, S. 125  f.). Wie in der Spätrenaissance war Medizin bis etwa 1740 das häufigste Hauptfach archäologisch tätiger Wissenschaftler. In unserer Tabelle 1 stehen 12 Medizinern acht Juristen und nun erstmals auch sieben protestantische Pfarrer gegenüber – nur sechs der Gelehrten besaßen lediglich einen Abschluss an der Artistenfakultät, obwohl diese in der zweiten Hälfte des 17. Jahrhunderts zur philosophischen Fakultät wurde und immer mehr gegenüber den drei anderen Fakultäten an Wert gewann (Hammerstein 2001, S. 89  f.; hier Tab. 1; siehe Bd. 1, Tab. 1).

rum aus Leipzig, die seit 1682 veröffentlicht wurden. Die Nova literaria maris baltici & septentrionalis, die seit 1698 einige Jahre erschien, befand sich also schon im frühen Mainstream. 9 Nouveau Journal des Savants, 1696, Berlin 1697 = Gottfried Wilhelm Leibniz (1768): Opera omnia, Bd. 4,2, S. 198–205. Genf.

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 Die Aufklärungsarchäologie

Diese Ausbildungsgänge bestimmten auch die Berufswege und brachten es mit sich, dass Archäologie noch für die meisten eine Nebenbeschäftigung blieb. Viele der hier behandelten Gelehrten, so fünf der Mediziner, zwei der Juristen und zwei Artisten, bekleideten aber bedeutende Professuren und konnten ihre archäologische Tätigkeit in ihren wissenschaftlichen Alltag und in die Institutionen und Gesellschaften einbringen, denen sie angehörten, wie z.  B. Johann Daniel Major in Kiel. Neben den Professuren spielten die Hofämter eine große Rolle, gelegentlich auch in Personalunion mit einer Professur wie bei Ole Worm. Fast alle befanden sich in öffentlichen Diensten, teilweise in engem Kontakt zu ihren Herrschern, sei es als Leibärzte, Geistliche oder Lehrer, darunter auch Prinzenerzieher. Das erklärt auch den starken gegenseitigen ideologisch-politischen Einfluss wie im Fall des Gotizismus in Schweden (siehe S. 2). Die Wahl des Studienplatzes wurde im 17. Jahrhundert zunehmend vom Konfessionskonflikt bestimmt. Dieser hatte die Universitätslandschaft schon seit der zweiten Hälfte des 16. Jahrhunderts zunehmend verändert. Während die Jesuiten in den katholischen Gebieten an vielen Universitäten die artistischen bzw. philosophischen und die theologischen Fakultäten übernahmen und zusätzlich eigene Universitäten und Kollegien im Sinne der Gegenreformation gründeten (Ridder-Symoens 1996, S. 341  f.), gewannen in den protestantischen Gebieten reformierte und neu ins Leben gerufene landesherrliche protestantische Universitäten und auch Gymnasien immer mehr an Bedeutung. Die schulische und universitäre Ausbildung und der weitere berufliche Werdegang in der eigenen Region wurden nun in den protestantischen Ländern zu Kennzeichen der Gelehrten. Diese Entwicklung betraf zwar in erster Linie die Theologen, denn als angehender Pfarrer hatte man an einheimischen Universitäten zu studieren, da sonst schon aus konfessionellen Gründen keine Pfründe im Lande zu erreichen war (Beyer 2010, S. 139). Aber auch die Studenten der anderen Fakultäten, besonders die Philosophen und die Juristen, die in die landesherrliche Verwaltung strebten, aber sogar Mediziner waren davon betroffen. Dabei spielte eine große Rolle, dass weder das zivile Recht noch die Medizin zum Lehrplan der Jesuiten gehörte und jesuitisch geprägte Universitäten deshalb für diese Studentengruppen als Studienorte ausfielen, ein Vorteil für neutrale und protestantische Studienorte (Hengst 1981, S. 59, S. 64  ff.). Die Peregrinatio academica verlor während dieses Prozesses immer mehr an Bedeutung bzw. wurde auf einen engeren, durch Konfession oder politische Zusammenarbeit bestimmten Bereich eingeschränkt. Eine ganze Reihe von Staaten kontrollierten vor allem im 17.  Jahrhundert den Studienplatzwechsel regelrecht, indem sie die Ausreise von einer obrigkeitlichen Genehmigung abhängig machten, ganz besonders, wenn es sich um eine Ausbildung im verfeindeten katholischen bzw. protestantischen Ausland handeln sollte. Interessant und für den weiteren Wissenschaftsprozess ausschlaggebend ist die weitgehende Einseitigkeit der Studentenwege von Norden nach Süden bzw. von Osten nach Westen – wenn hier auch noch Studien fehlen, nahmen an dieser akademischen Wanderungsbewegung Italiener, Spanier und Franzosen nur in geringem Umfang teil (Asche 2005, S. 31). Sie ist von der Kava-



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lierstour des Adels zu trennen, auch wenn es Überschneidungen gibt und der Adel für das gehobene Bürgertum eine Vorbildfunktion innehatte (Leibetseder 2004, S. 197  ff.; Asche 2005). Für die Mediziner spielte sie aber während des 17. Jahrhunderts noch eine große Rolle. Speziell die Promotion in Padua, durch welche die Ausbildung abgeschlossen wurde, oder zumindest ein längerer Studienaufenthalt dort behielten noch ihren Wert als Qualitätssiegel, selbst, wenn das eigentliche Studium an anderen Universitäten absolviert worden war. Das gilt schon für die Generation der in der ersten Hälfte und dem 3. Viertel des 17.  Jahrhunderts tätigen Gelehrten wie Jean-Jacques Chifflet, Ole Worm, Caspar Bartholin, Thomas Bartholin dem Älteren sowie Thomas Browne, die noch vor und sogar während des Dreißigjährigen Krieges ihre Studienreisen unternommen hatten. Thomas Browne, dem in letzter Zeit mehrere Studien gewidmet wurden (Hack-Molitor 2001; Preston 2005; Barbour/Preston 2008; Murphy/Todd (2008)10, ließ sich in Padua, Montpellier und Leiden ausbilden. Dänische Mediziner bevorzugten Basel als Promotionsort  – hier kamen sie durch die Professorenfamilie Zwinger mit dem Kreis um Basilius Amerbach in Berührung (Grell 1998, S.  249, Anm. 15). Die Konfession hinderte die protestantischen Mediziner nicht an der Italienreise, denn im venezianischen Padua und auch an anderen eher neutralen Plätzen nahm die Universität die Studenten ungeachtet ihres Glaubens auf, und auch für die Promotion der Ausländer fand man Wege (Ridder-Simoens 1996, S. 342). Der gebürtige Breslauer Protestant Johann Daniel Major konnte in der Zeit nach dem Dreißigjährigen Krieg an den protestantischen Universitäten Wittenberg und Leipzig studieren und, wie in der Vorkriegszeit üblich, 1660 in Padua in Medizin promovieren. Schlesien gehörte allerdings damals noch zu Österreich. Den späteren Zusammenhalt der Schule von Padua und die gemeinsame Wissenschaftsauffassung zeigt auch die Gründung der heutigen Deutschen Akademie der Naturforscher Leopoldina im Jahre 1652 unter dem Namen Academia Naturae Curiosorum überwiegend durch ehemalige Paduaner Absolventen  – ihr Ziel war „utilitas“ durch „curiositas“ (Müller 2008, S.  23  ff.). Die Gründer wählten ihren ehemaligen Kommilitonen, den noch nicht in Kiel als Medizinprofessor etablierten jungen Arzt Major 1664 zum Mitglied (ADB 20, 1884, S. 112 [Heß, Wilhelm]; Steckner 1994, S. 610  f.)11. Aber die Alternativen zu Padua entwickelten sich, und die große Italientour wurde auch in dieser Gelehrtengruppe seltener. In England besaß die einheimische

10 Bis auf die kommentierte Herausgabe der Hydriotaphia durch Pfister (2014) sind die Studien darauf angelegt, das gesamte Schaffen des Mediziners und dessen wissenschafts- und geistesgeschichtlichen Hintergrund zu beleuchten, behandeln aber auch die archäologische Arbeit des Autors in ihrem kulturgeschichtlichen, religiösen und moralischen Kontext (Preston 2005, S. 150  f.). 11 Neuere Literatur zum Leben von Major siehe Sawilla 2010, S.  486, Anm.  17; zur Geschichte der Leopoldina: http://www.leopoldina.org/de/ueber-uns/akademiegeschichte/, besucht am 11. 11. 2014.

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 Die Aufklärungsarchäologie

Erziehung schon seit dem Mittelalter selbst in höchsten Kreisen Tradition und die Universitäten Oxford und Cambridge genossen auch jenseits der englischen Grenzen den besten Ruf. In der Renaissance befanden sich humanistische und aristotelische Studien auf tatsächlich höchstem Niveau, wie das Werk von Francis Bacon zeigt. Das betrifft im 18.  Jahrhundert auch die Medizin. Ein Beispiel ist William Stukeley (Haycock 2002, S. 33  ff.). Er studierte in Cambridge sowohl Theologie als auch Medizin und sezierte noch im Studium selbst: „He took with him from Cambridge a scientific training probably as good as any that could be obtained at that time: he had learnt to observe accurately and to record his observations in writings and by drawings“ (Piggott 1950 [1985], S. 29, S. 32). Entscheidend wurde für seine späteren Ansichten, dass er hier mit den Neuplatonikern und der Prisca Theologia in Berührung kam (Haycock 2002, S.  149  ff.). Jedoch nicht allein Cambridge formte den jungen Stukeley – ein bedeutender Anteil kommt dem Arzt und ersten Dienstherren Dr. Richard Mead zu, der in Utrecht, Leiden und Padua studiert hatte und eine eigene Antikensammlung besaß, die er für das Studium auch anderen zugänglich machte (Piggott 1950 [1985], S. 1). Stukeley verzichtete allerdings nicht freiwillig auf eine akademische Reise – nach dem Tod seines Vaters fehlten ihm einfach die Mittel dafür. Also gab er sich mit der Heimat zufrieden, deren Studium er dann aber ab 1710 gezielt aufnahm (Haycock 2002, S. 110). In den Generalstaaten nahm die Bedeutung der medizinischen Fakultät der kalvinistischen Universität Leiden durch die konfessionelle Spaltung weiter zu (MacGregor 1994, S. 83; Ridder-Simoens 1996, S. 339  f.). Leiden und auch die Universität von Utrecht findet man im 17. Jahrhundert oft in den medizinischen Bildungswegen, daneben das ebenfalls reformierte Basel. Eine Ausbildung an diesen Universitäten konnte jedenfalls selbst für die Mediziner die Promotion an einer der renommierten italienischen Universitäten ersetzen. Nikolaus Stensen (Steno) begann sein Studium zwar in Kopenhagen unter Thomas Bartholin, erwarb aber dann während einer umfangreichen Peregrinatio academica die Promotion in Leiden. Beide wurden später in ihren Heimatländern Professoren für Anatomie. Auch Olof Rudbeck besaß wie Steno Studienkontakte nach Leiden und wahrscheinlich auch nach Italien, und zwar zur medizinischen Fakultät in Padua (Porzionato/Macchi/Stecco/Parenti/De Caro 2012, S. 910)12. Wie sich auch an diesen archäologisch bzw. geologisch arbeitenden Wissenschaftlern zeigt, blieb das Auslandsstudium für die Skandinavier, die nur über wenige und späte Universitäts-

12 Ob Rudbeck auch in Padua studiert hat, muss allerdings weiterhin als umstritten gelten, da Porzionato/Macchi/Stecco/Parenti/De Caro (2012) nicht die Angabe entkräften können, Rudbeck fände sich nicht in den Studienbüchern der Universität, siehe Hansson, Emma/Svensson, Henry/Brorson, Håkan (2010): Den medicinska forskningens vagga  – och et svenskt geni. In: Läkartidningen, 107, S. 1097.



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gründungen verfügten, existenziell für die Weiterentwicklung der Wissenschaft und wurde entsprechend gefördert (Asche 2005, S. 26  f.). Medizinerpromotionen an landesherrlichen Universitäten bildeten im 17.  Jahrhundert selbst in Deutschland noch die Ausnahme. Nach Hermann Conring 1636 in Helmstedt promovierten als Nächste unter den hier behandelten altertumskundlich interessierten deutschsprachigen Medizinern Johann Heinrich Cohausen 1699 in Frankfurt (Oder) und Johann Christian Kundmann 1708 in Halle (Gummel 1938, S.  408; Hakelberg 2010, S.  201). Kilian Stobaeus erlangte 1721 als Erster an einer schwedischen Universität den medizinischen Doktortitel. Als Professor an derselben Universität, Lund, legte er später die Anfänge der akademischen Ausbildung des großen Systematikers der Biologie Carl von Linné, ein Zeichen dafür, dass eine der Peregrinatio academica und dem Studium in Oberitalien gleichwertige medizinische Ausbildung nun auch in Skandinavien möglich war13. Das Fach Jura, das ja schon seit dem Mittelalter und in der Renaissance durch die immer stärker entwickelten Verwaltungsstrukturen an Bedeutung in der Universität gewonnen hatte, überrundete in der zweiten Hälfte des 17. Jahrhunderts die Theologie und Medizin (Hammerstein 2001, S. 88, hier Tab. 1). Die hohe Wertigkeit des Faches spiegelt sich auch in der gesellschaftlichen Stellung wieder. Juristen kamen aus dem gehobenen gebildeten Bürgertum oder dem Adel und erreichten bedeutende fürstliche und politische Ämter, aber auch die Leitung bedeutender wissenschaftlicher Einrichtungen (Tab. 1). Häufiger wurden Juristen auch geadelt, wie zum Beispiel Johann Georg (von) Eckhart. Wie schon in der Renaissancezeit bildeten sie Dynastien. Im 17.  Jahrhundert findet man noch mehrere Studienplatzwechsel in Mitteleuropa, aber keiner unserer Juristen hat mehr in Italien studiert, im Gegensatz zu den Juristen in der Renaissance (siehe Bd. 1, S. 160 und Tab. 1). Wenn überhaupt Universitäten im Ausland aufgesucht wurden, dann in den Generalstaaten, in England und in Frankreich. Nach dem Dreißigjährigen Krieg besuchte z.  B. Thomas Bartholin der Jüngere als Artist und Jurist Leiden, Oxford und London sowie Paris, sein einziger katholischer, aber nicht jesuitischer Studienort (Danske biografisk Leksikon I, 1887– 1905, Stichwort: Bartholin Thomas (1659–1690), S. 573, [H. F. Rørdam]). Martin Friedrich Seidel studierte in Frankfurt (Oder), Königsberg und Köln, Daniel Georg Morhof promovierte nach einem Studium in Rostock, London und Oxford im niederländischen Franeker und Gottfried Wilhelm Leibniz suchte mit Leipzig, Jena und Altdorf drei verschiedene, aber einheimische Hochschulen auf. Im 18. Jahrhundert ging das akademische Reisen noch mehr zurück, selbst der Südwestdeutsche Johann Daniel Schoepflin beschränkte sich auf Basel und Straßburg. Johann Georg Keyssler, Jurist und Privatlehrer der Grafen von Bernstorff, hatte ausschließlich in Halle studiert,

13 http://www.med.lu.se/english/about_the_faculty/history_of_the_faculty/personalities_discoveries_and_innovations/kilian_stobaeus. Besucht am 10. 2. 2017.

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reiste dann aber mit seinen Zöglingen durch Europa und ist u.  a. auch durch seine Reisebeschreibungen bekannt geworden (Krieger 2000, S. 66  ff.)14. Es fällt auf, dass sich unter den deutschsprachigen Gelehrten mit einem Interesse für provinzialrömische Denkmäler viele Juristen befinden. Wie in der Renaissance, als die Juristen die größte Gruppe der Altertumsforscher und die Hauptvertreter des humanistisch-antiquarischen Paradigmas gestellt hatten, scheint für sie die römische Vergangenheit im Vordergrund gestanden zu haben. Einheimische Funde, wie z.  B. die sog. Bader-Würfel, römische Spielwürfel, die zunächst als Mirabilia galten (Kreienbrink 2010, S. 261; Hakelberg 2010, S. 210), standen aber eher im Fokus dieser Forschergruppen als Antikes im mediterranen Raum. Der Lateinschulrektor von Weißenburg Johann Alexander Döderlein und der Jurist Christian Ernst Hansselmann, Hof- und Regierungsrat der Fürsten von Hohenlohe, arbeiteten über Probleme des Limes und legten so die ersten Grundlagen für die Limesforschung des 19. Jahrhunderts (Döderlein 1731; Hansselmann 1768; Schwarz 1972/73, S. 134  ff.), Johann Daniel Schoepflin schrieb über römische Funde aus dem Elsass (Schoepflin 1751). Auch Anton Roschmann, der gleichaltrige erste Leiter der Bibliothek der Innsbrucker Universität, war Jurist. Er grub römische Funde aus seiner Heimat aus und beschrieb sie (Müller/ Schaffenrath 2010, S.  344). Diese Gelehrten führten miteinander eine reichhaltige Korrespondenz. Hansselmann z.  B. verzeichnete seine Briefe so akribisch, dass für seine gelehrten Kontakte – z.  B. zu Schoepflin – eine hervorragende Überlieferungslage besteht (Neumaier 1993, S. 11). Für die Entwicklung der Provinzialrömischen Archäologie in Deutschland war in der zweiten Hälfte des 18. Jahrhundert Freiherr Wilhelm von Edelsheim von überragender Bedeutung, Wirklicher Geheimer Rat und Minister des Markgrafen KarlFriedrich von Baden. Von einem längeren privaten Aufenthalt Anfang der Siebzigerjahre in Rom, kurz nach Winckelmanns Tod, brachte der in Göttingen ausgebildete Jurist Kenntnisse über die römische Archäologie mit (Fabricius 1936, S. 133; NDB 4, 1959, S. 310  f. [Hauck, Dorothea]). Im Markgrafen fand er einen interessierten Förderer für die Ausgrabung und Erhaltung der Ruinen in Badenweiler  – er unternahm diese archäologischen Aufgaben aber im Rahmen seiner politischen Tätigkeiten für den Fürsten. Das Interesse der Öffentlichkeit an diesen Grabungen scheint groß gewesen zu sein. In einem Schreiben an seinen Mitarbeiter, den Kirchenrat Sachs, schrieb von Edelsheim: „Selbst die in Rom befindlichen Bäder des K. Titus geben kein so anschauliches Beyspiel der römischen Bäder wie die Hiesigen und die Wirthe in Badenweiler spüren genug den Nutzen den ihnen diese Entdeckung bereits giebt“ (ebd., S. 137). Es hatte sich also herumgesprochen, dass es in Badenweiler etwas Außerordentliches zu

14 Keyssler, Johann Georg (1740): Neueste Reisen durch Deutschland, Böhmen, Ungarn, die Schweiz, Italien und Lothringen. 2. ergänzte Auflage 1751. Hannover.



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sehen gab, und man erkannte auch den wirtschaftlichen Gewinn, den die Archäologie bringen konnte! Wenn auch unter den Juristen das Verständnis für provinzialrömische Funde besonders groß gewesen zu sein scheint, findet man doch auch unter ihnen Interessenten für die ‚barbarischen‘ Funde ihrer Regionen, wie den Hohenloher Protestanten Christian Ernst Hansselmann, den fränkischen Protestanten Johann Georg Keyssler oder den Katholiken Jodocus Hermann Nunningh aus dem Fürstbistum Münster in Westfalen, Geistlicher und Scholaster des Stifts von Vreden seit 1706 (Dethlefs 2010, S. 463). Nunningh ist unter den hier behandelten Gelehrten der einzige katholische Geistliche, der sich einheimischen Funden zugewendet hat, sein Studienfach aber war Jura. Besonders interessant ist die dritte große Gruppe, die Theologen. Bei ihnen fielen Studienfach und Berufswahl in der Regel zusammen (Tab. 1). Die meisten der archäologisch interessierten Theologen waren Protestanten. Gotthilff Treuer, Trogillus Arnkiel, Leonhard David Hermann, Vater und Sohn Rhode, Johannes Christopherus Olearius oder die Dänen Eric Pontoppidan und Frederik Münter kamen aus protestantischen Pfarrersfamilien und wurden selbst wieder Pfarrer, oft sogar in derselben Gemeinde wie ihre Väter. Auch der erste schwedische Reichsantiquar Johann Bure kam aus einem Pfarrhaus. Hermann verbrachte, wie schon sein Vater, sein ganzes Leben als Pfarrer der Gemeinde Massel in Schlesien. Eingeschlossen in seinen kleinen Wirkungsbereich und ausgebildet an nahe gelegenen Universitäten konzentrierte man sich auf die einheimischen Funde. Für die meisten dieser Gelehrten war die klassische Antike weit entfernt, obwohl ihre Grundbildung natürlich auf der humanistischen Erziehung beruhte. Römische Funde aber begegneten in ihrem Wirkungsbereich nur selten. Hier macht sich auch bemerkbar, dass in den protestantischen Ländern die Umstrukturierung der Seelsorge zu einer Erscheinung führte, die auf die Weiterentwicklung der archäologischen Forschung einwirkte: Durch die Heiratsmöglichkeit bildeten sich Pfarrerdynastien, und viele von ihnen entwickelten ein altertumskundliches Interesse. Die zumeist finanziell bescheidene, aber intellektuelle Herkunft dieser Gruppe begünstigte die Wahl des geistlichen Studienfachs des Vaters in einem eingeschränkten regionalen Radius. Selbst in England, protestantisch, aber ehemals Teil des Römischen Reiches, hatten die Pfarrer Bryan Faussett und James Douglas an den berühmten einheimischen Universitäten Oxford und Cambridge Theologie studiert15. Beide konzentrierten sich später auf angelsächsische Funde. Leiden war übrigens auch für Studenten der Artes liberales, der späteren philosophischen und mathematischen Fächer, eine gute Adresse: Zu den Mitgliedern der protestantischen Elite, die ihre Ausbildung in Leiden und nicht mehr im katholi-

15 http://venn.lib.cam.ac.uk/cgi-bin/search.pl?sur=&suro=c&fir=&firo=c&cit=&cito=c&c=all&tex= %22DGLS777JJ%22&sye=&eye=&col=all&maxcount=50. Besucht am 3. 12. 2014.

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schen Italien suchten, gehörte z.  B. der Prinz von Brandenburg Friedrich-Wilhelm, der spätere Große Kurfürst. Im für den armen, kriegsgebeutelten Prinzen viel zu teuren Leiden lernte er neben der niederländischen neostoizistischen, pragmatischen Staatslehre auch die Altertumskunde schätzen (Bothe 1979, S. 293; Hüttl 1981, S. 51  ff.). Im deutschen Sprachgebiet lässt sich beobachten, dass um einige dieser Bildungseinrichtungen so etwas wie archäologische Schulen entstanden, ausgelöst durch die Berufung bestimmter Personen mit archäologischen Interessen in wichtige Lehrämter. Dabei bildeten sich Zentren wie Breslau, Kiel, Halle und Helmstedt. Vor allem die ersten drei pflegten gegenseitigen Kontakt. Süddeutschland und Österreich fielen dagegen im 17. Jahrhundert aus (Fehr 2008, S. 18  f.; siehe Bd. 1, Abb. 5a). In Breslau entstand unter Lehrern und Schülern des Maria-Magdalenen-Gymnasiums sowie der anderen Lateinschulen um St. Elisabeth und St. Berhardin ein regelrechter Nukleus für archäologische Forschungen. Da die Stadt als Zentrum des habsburgischen Schlesiens zu dieser Zeit noch keine Universität besaß, übernahmen diese Schulen deren Rolle. Ein gewisser Leistungsanreiz mag sich auch während der Gegenreformation und des Dreißigjährigen Krieges durch die Konkurrenzsituation zwischen schlesischem Protestantismus und habsburgischem Katholizismus herausgebildet haben (Hakelberg 2010, S. 199; Hakelberg 2012, S. 55)16. Dazu kam aber die besondere Fundsituation der Urnengräber, die ja schon als selbst gewachsene Naturwunder allgemeine Aufmerksamkeit erregt hatten. Nun waren sie zu Zeugen der eigenen Vorfahren geworden wie für die Skandinavier die Runensteine (siehe S. 37). In Breslau liegen auch die Ursprünge des archäologischen Interesses von Johann Daniel Major, dessen Vater Elias Rektor des Elisabeth-Gymnasiums war. Johann Daniel hatte das Maria-Magdalenen-Gymnasium besucht und bearbeitete später dort aufbewahrte archäologische Grabfunde (Major 1692, S.  24; Hakelberg 2012, S.  62; siehe S. 168). Durch seine medizinische Laufbahn und sein Studium in Padua bekam er jedoch auch andere Anregungen als z.  B. der protestantische Theologe Leonhard David Hermann, der nach seinem Schulbesuch im Maria-Magdalenen-Gymnasium nur in Leipzig studiert hatte. Im 18. Jahrhundert führte Christian Stieff das archäologische Interesse weiter. Dieser, ein ehemaliger Schüler von St. Elisabeth und Student ebenfalls in Leipzig, hatte zwischen 1717 und 1734 das Amt des Rektors des MariaMagdalenen-Gymnasiums inne und unterrichtete dort Rhetorik und Geschichte. Ein weiterer Absolvent war der ein Jahr jüngere Johann Christian Kundmann, der später Medizin in Frankfurt an der Oder und in Halle studierte, als Arzt in Breslau arbeitete und sich neben der Numismatik ebenfalls mit Urnengräbern beschäftigte (Hakelberg 2010, S. 200  f.).

16 Projekt „Archaeologische Praktiken im frühmodernen Schlesien“ am Institut für Ur- und Frühgeschichte und Archäologie des Mittelalters der Universität Freiburg im Rahmen des Forschungsverbundes AREA (Archives of European Archaeology).



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Diesen Schulen kommt also ein ähnlicher Einfluss auf die Entwicklung der Archäologie zu wie der St. Pauls School in London im 16.  Jahrhundert. Durch die Interessen dieser Lehrer zeigt sich die Bedeutung der Schulen im für die Frühaufklärung typischen Prozess der fortschreitenden Säkularisierung der Bildung (Oberschelp 2008, S. 233, S. 248). Besonders eindrucksvoll ist in diesem Zusammenhang das Bildnis des Rektors Stieff, auf dem die Vitrine mit den archäologischen Funden das Bücherregal mit den der „Gottesgelahrheit“ zugeordneten Schriften teilweise verdeckt (siehe S. 28). Die Gelehrten schlesischer Herkunft tauschten sich jedenfalls mit der Gruppe um die Franckischen Stiftungen in Halle aus, zu der die pietistischen Theologen David Sigismund Büttner und August Hermann Francke gehörten, korrespondierten aber auch mit dem Züricher Arzt und Sammler Johann Jakob Scheuchzer. Ähnlich wie die italienischen und süddeutschen Sammler des 15. und 16. Jahrhunderts tauschten sie Objekte und Schriften (Wehmann 2010, S. 527  ff.)17. Ein weiteres Zentrum bildete sich in der zweiten Hälfte des 17. und im frühen 18.  Jahrhundert um Schleswig-Gottorf und die vom Herzog Christian Albrecht 1665 gegründete Universität Kiel. Nicht nur die Gottorfer, sondern auch die Familie Rantzau wurden zu dauerhaften Förderern der einheimischen Archäologie. Zum Zeitpunkt der Universitätsgründung war durch Henrik Rantzau und Adam Olearius schon eine gewisse Tradition begründet worden. Letzterer, Hofbibliothekar und Antiquarius des Schleswiger Herzogs und Betreuer seiner Kunstkammer, kam aus einem sächsischen Schneiderhaushalt. Sein Studium der Artes und der Theologie an der Universität Leipzig endete wohl kriegsbedingt schon mit dem Magister, eine Promotion folgte nicht. Das hinderte aber den mathematisch und naturwissenschaftlich Hochbegabten nicht an einer späteren diplomatischen und wissenschaftlichen Karriere im Dienst des Herzogs von Gottorf (Maletzke 2011, S. 15, S. 162  ff.). Von größter Bedeutung aber wurde die Berufung des ehemaligen Breslauer Lateinschülers Johann Daniel Major 1666 an die medizinische Fakultät der Universität Kiel. Wie er es in seiner Studienstadt Padua kennengelernt hatte, richtete der Medizinprofessor in Kiel einen botanischen Garten ein, den er vor dem Schloss anlegte, das sich in unmittelbarer Nachbarschaft der Universität befand. Dazu kam 1688 ein Museum in seinem Privathaus. Die Anfänge des Museums lassen sich weit vor 1688 datieren. Es dürfte wegen seiner Universalität auch den Studenten der anderen Fakultäten bekannt gewesen sein (Major 1674; Steckner 1994, S. 607). Wahrscheinlich gilt das für die Theologen Jacob von Melle, Trogillus Arnkiel und für August Hermann Francke, die in Kiel vermutlich alle drei beim Theologen Christian Kortholt gehört hatten, und es gilt sicher für die vielen Familienmitglieder der Grafenfamilie Rantzau, die in Kiel studierten. Die Verbindung der Theologen zum Mediziner Major ist allerdings bezweifelt worden18. Die Indizienkette erscheint jedoch zumindest für von Mellen und Arnkiel

17 Von Scheuchzer sind über 5000 Briefe an etwa 700 Personen erhalten (Kempe 2003, S. 23, Anm. 35). 18 Skeptisch Hakelberg 2011, S. 591. Nach Hans Gummel (1938, S. 105) hielt der spätere Jurist und

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erdrückend. Der Pfarrerssohn Arnkiel, der nach seiner Schulerziehung in Lübeck und Reval zwischen 1664 und 1667 in Leipzig und zwischen 1667 und 1670 in Kiel Theologie studierte, arbeitete nach seinem Magister zudem zwei Jahre als Prediger der Kieler Universitätskirche und widmete später Johann Daniel Major in einer von dessen medizinischen Schriften ein Gedicht (Beyer 2010, 139  ff.). Von Mellen begann schon mit 15 Jahren, d.  h. 1674, sein Studium in Kiel, ging dann nach Jena und Rostock und veröffentlichte sein altertumskundliches Werk mit 20 Jahren 1679, offensichtlich eine Frucht seines Studiums. Die Verbindung von Mellens zu Medizinern der Leopoldina ergibt sich durch die Widmung seiner archäologischen Arbeit an den kursächsischen Leibarzt Georg Wolfgang Wedel, die Beziehung zu Major bekräftigt die Erwähnung des 1669 durch Majors Vater Elias nachgedruckten Flugblattes von Caspar Cunradi mit der Darstellung und Beschreibung der Urnen von Ransern (Breslau) ebenso wie das Lob, das Major für die Arbeit von Mellens aussprach, dem er auch Funde verdankte (Mellen 1679, S. 16; Major 1692, S. 69  f., siehe auch S. 11). Francke studierte in Kiel von 1679–1682 und koinzidierte also ebenfalls noch mit Major. Über von Mellen und die Familie Rantzau gehörte auch Christian Detlev Rhode zu dieser Gruppe, denn ein wissenschaftlicher Austausch zwischen beiden Pfarrern ist belegt, und Rhode erhielt die Pfarrei im Hauptort der Freien Reichsgrafschaft Rantzau, in Barmstedt19. Von Mellen z.  B. veröffentlichte die Grabungsergebnisse Rhodes in der u.  a. von ihm herausgegebenen Zeitschrift Nova literaria Maris Balthici et Septentrionis, einer der frühen wissenschaftlichen Zeitschriften mit hohem archäologischem Anteil (Mellen 1699, S. 88  ff.; Gummel 1938, S. 27  f., Anm. 3; S. 94, Anm. 3). Ein Kontakt Rhodes zu Major und dessen Kenntnissen könnte durchaus auch über die Grafen Rantzau erfolgt sein, auf deren Gebiet Vater Rhode und Major ja etwa gleichzeitig ausgruben (siehe S. 56, S. 92), und nicht über die Universität. Ein weiteres Zentrum entstand in Helmstedt und Hannover. Der Universalgelehrte Hermann Conring, Mediziner, Naturphilosoph, Historiker, Theologe und Jurist verbrachte fast sein ganzes Leben in Helmstedt. Er stammte wie viele ur- und frühgeschichtliche Archäologen des 17. und 18. Jahrhunderts aus einer protestantischen Pfarrersfamilie. 1620 war er zum Studium an die 1576 gegründete Julius-Universität gekommen. Sein einziger fremder Studienort war, wie oben schon berichtet, die Universität Leiden, die er zwischen 1625 und 1631 besuchte. Der Mangel einer Peregri-

Polyhistor Daniel Georg Morhof in Rostock eine Vorlesung „De Antiquitatibus Gentilium“. Nach der Promotion in Jura wurde er als einer der Kollegen von Major nach Kiel berufen (NDB 18, 1997, Stichwort: Morhof (Morhoff), Daniel Georg, S. 127–128 [Elschenbroich, Adalbert]). Er kommt also auch als ein Vermittler altertumskundlichen Wissens an die Kieler Studenten in Frage. 19 Die Studienorte konnte ich nicht nachweisen. Weder Hans Gummel (1938, S.  452  f.) noch die Allgemeine Deutsche Biographie (ADB 28, 1889, S. 390  f. [Samwer, Karl F. L.] machen Angaben zum Studienort. Rhode ist weder in Kiel noch in Rostock als Student zu fassen, siehe Gundlach, Franz (Hrsg.) (1915): Das Album der Christian-Albrechts-Universität zu Kiel 1665–1865. Kiel; http://matrikel. uni-rostock.de/simplesearch.action. Besucht 13. 07. 2015.



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natio academica, wohl hauptsächlich durch den Krieg bedingt, behinderte jedoch seine Karriere nicht. Das Studium bei ausgezeichneten Professoren und an allen drei Fakultäten ersetzte die italienische Ausbildung. Sein erster akademischer Lehrer, Cornelius Martini, hatte ihn in aristotelischer Methode unterrichtet; später lernte er bei dem damals berühmten Verfechter der Unionstheologie, Georg Calixt, der auch Martini-Schüler war, einen humanistischen Rationalismus und die aktuelle Bedeutung historischer Studien kennen – in seiner Bibliothek ist Calixt der bei weitem häufigste Autor (ADB, 4, 1876, S. 446–451 [H. Breßlau]; Stemmermann 1934, S. 82; Raabe/ Schinkel 1979, S. 348; Stolleis 1983, 13  ff.; Raabe 1983, S. 431; Jori 2006). Seit 1632 war Conring ebenfalls in Helmstedt Professor für Naturphilosophie und wissenschaftlicher Berater von Herzog August dem Jüngeren von Braunschweig-Lüneburg (Raabe/ Schinkel 1979, S. 153  f.). Selbst nach auswärtigen Verpflichtungen z.  B. als Leibarzt der schwedischen Königin Christine kehrte er immer wieder dorthin zurück. Die Juristen Gottfried Wilhelm Leibniz und sein jüngerer Mitarbeiter Johann Georg Eckhart entstammten zwar nicht der Schule Conrings, der junge Leibniz korrespondierte aber mit ihm (Ammermann 1983, S. 453  ff.; Leibniz 2003, S. 322  ff., S. 453 [Busche]). Conring, Leibniz und Eckhart setzten sich im Dienste der Welfenherzöge auch mit archäologischen Themen auseinander. Während Leibniz als Hofbibliothekar in Hannover und auch kurz in Wolfenbüttel arbeitete und dann später die neu gegründete Königlich-Preußische Akademie der Wissenschaften zu Berlin leitete, konnte Eckhart nach einer Tätigkeit als Professor an der Universität Helmstedt zwischen 1707 und 1713 seinen Meister Leibniz 1713 in Hannover beerben. Nach seinem erzwungenen Übertritt zum Katholizismus 1726 bekleidete er dieselben Ämter in Würzburg (NDB 4, 1959, S.  270–271 [Brill, Richard]). Sein archäologisches Werk ist wohl noch vor 1726 während seines Aufenthaltes in Hannover „ex mente Leibnitii“, d.  h. im Geiste von Leibniz entstanden. Es ist deshalb immer wieder diskutiert worden, in welchem Maße Eckhart sonst nicht veröffentlichte archäologische und historische Arbeiten seines Meisters verarbeitet hat (Gummel 1938, S. 95). In der Tat edierte Eckhart während seiner Hannoveraner Zeit auch andere Werke von Leibniz. Er war also mit dessen Schrifttum vertraut. Eckharts Werk wiederum wurde erst postum von Christian Ludwig Scheidt (Scheidius) herausgegeben, der die Hofbibliothekarsstelle in Hannover zwischen 1748 und 1761 einnahm (Eckhart 1750, Vorwort)20.

20 Zur sehr ambivalenten Beurteilung der wissenschaftlichen Tätigkeit Eckharts siehe Wallnig 2012, S. 190  ff. – Das hier interessierende Werk wird leider nicht behandelt. Der Herausgeber Scheidt hat jedenfalls alle Abbildungen und deshalb wohl auch die Abbildungshinweise und die Literatur zu den Abbildungen beigesteuert, die deshalb auf 1750 zu datieren sind. Inwieweit auch die archäologischen Argumentationen von ihm überarbeitet worden sind, müsste noch einmal untersucht werden. Paul Hans Stemmermann (1934, S. 120–122, Anm. 112) und Hans Gummel (1938, S. 95) beriefen sich auf das Vorwort, wenn sie angaben, dass Manuskriptteile von Leibniz stammten – diese werden im Vorwort aber nur als Idee bezeichnet, die Eckhart im Geiste des Meisters ausgeführt hat (Eckhart 1750, S. IV [Scheidius]). Eine eingehende stilkritische und inhaltliche Analyse des Textes und der Vergleich mit

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Ein ähnliches Zentrum war schon im 17. Jahrhundert an der medizinischen Fakultät der Universität Kopenhagen durch Ole Worm und seine Verwandten und Freunde Bartholin entstanden, die alle auch in Padua studiert hatten und den Kontakt aufrechterhielten. Nikolaus Steno, der spätere Erfinder der Stratigraphie, erwarb in Kopenhagen bei Thomas Bartholin dem Älteren seine ersten medizinischen Kenntnisse und auch das Interesse für Fossilien. Bartholin blieb während seiner ganzen Studienzeit sein Mentor, so wie einst Ole Worm ihn gefördert hatte (Kardel/Maquet 2013, S. 38  ff.). Die große Zahl von Universitätsprofessoren, für die man archäologische Interessen und Arbeiten nachweisen kann, spricht jedenfalls dafür, dass auch in der Universitätslehre archäologischer Stoff verbreitet wurde. Indirekt sprechen die aufgezeigten wissenschaftlichen Schulen dafür. Der Medizinprofessor in Uppsala Olof Rudbeck, Konkurrent des archäologischen Kollegen und Runenforschers Olof Verelius, vermaß mit seinen Studenten nach eigenen Angaben die Königshügel von Uppsala (Abb. 1). Was die Entwicklung der Klassischen Archäologie an den Universitäten betrifft, so begann die kontinuierliche Lehre in der zweiten Hälfte des 18. Jahrhunderts mit der Entstehung von Lehrkanzeln für Münz- und Altertumskunde in Wien für Joseph Hilarius von Eckhel 1774 und in Budapest 1777. Das Forschungsfeld etablierte sich also schon in dieser Zeit durch feste universitäre Einrichtungen. Gelehrt wurde in Wien vor allem Numismatik. In Göttingen hatte Christian Gottlob Heyne, Professor für Rhetorik und ein kritischer Verehrer der Arbeit Winckelmanns, schon kurz davor 1767 eine Vorlesung zu klassischen Altertümern angeboten. Aubin-Louis Millin de Grandmaison scheint in Frankreich der Erste gewesen zu sein, der 1795 Lehrveranstaltungen am Cabinet des Médailles anbot und diese auch veröffentlichte (Millin 1796; LamingImpéraire 1964, S. 103  f.; Schnapp 1993[2009], S. 302). Freilich dauerte es bis in die zweite Hälfte des 19. Jahrhunderts, Archäologie und Philologie bei der Erforschung der alten Kulturen institutionell und methodisch zu trennen (siehe auch Bd. 1, S. 11).

1.1.3 Sammlungen Wie in der Renaissance spielten die Sammlungen eine wichtige Rolle bei der Erforschung und Vermittlung archäologischen Wissens. Deshalb interessieren hier weniger die nach ästhetischen und finanziellen Gesichtspunkten angehäuften Kostbarkeiten, wie sie auch noch im 18. Jahrhundert bei einer breiten Schicht von Angehörigen der Elite üblich waren. Für die wissenschaftliche Entwicklung kommt der Gruppe der Gelehrtensammlungen die größte Bedeutung zu. Auch Universitäts- und Schulsammlungen entstanden meist durch die Initiative einzelner Gelehrter bzw. Professo-

anderen Texten der Hannoveraner Wissenschaftler würde sicher mehr Klarheit bringen, siehe auch Anm. 98.



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Abb. 1: Uppsala (Schweden), Reliefplan mit Grabhügelfeld, Kirche und Ottarshügel, gezeichnet von Olof Rudbeck und Studenten. Rudbeck 1679, Tafelband Tab. 9, Fig. 27. © Barbara Sasse, Michael Kinsky, RGK.

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ren und Lehrer. Ein gutes Beispiel gibt Bologna, wo im 17. Jahrhundert die Stadt die Sammlungen des Patriziers und Universitätsprofessors Ulisse Aldrovandi (siehe Bd. 1, S. 148) und des Patriziers und Senators Ferdinando Cospi, das sog. Museo Cospiano, zunächst zusammen unterbrachte, dann aber 1742 in die 1709–1712 im Instituto delle Scienze durch Luigi Ferdinando Marsigli begründete Universitätssammlung verlegte (Legati 1677, Widmung; Morigi Govi/Vitali 1982, S. 11; Tagliaferri/Tommasini/Tugnoli Pattaro 1994, S. 272, S. 280  f., Anm. 26)21. Durch verschiedene private Schenkungen kam hier auch eine erstaunlich reiche Münzen- und Medaillensammlung zustande. Diese Art wissenschaftlicher Museen sind von den städtischen, den fürstlichen und anderen privaten Sammlungen deshalb nicht strikt zu trennen, da sie oft in diese übergingen, wie das Beispiel Bologna lehrt, wo die Gelehrtensammlung des Universitätsprofessors Aldrovandi zuerst an die Stadt und dann an die Universität ging. Außerdem wurden auch die fürstlichen und städtischen Institutionen von Wissenschaftlern betreut, geordnet und beschrieben. Das 17. und 18.  Jahrhundert brachte in diesem Prozess eine Weiterentwicklung der Systematisierung des Stoffes. Systematische Inventare wurden immer häufiger angelegt22. Außerdem entstanden in der Nachfolge des Werkes von Samuel Quiccheberg (1565) museumskundliche Schriften, in denen auch archäologische Objekte berücksichtigt und das richtige Ordnen thematisiert wurde (Major 1674; Neickel 1727; siehe auch S. 26  ff.). Noch auf die Zeit vor 1630 geht die berühmte Sammlung des Kopenhagener Professors Ole Worm zurück. Sie wird häufig als Prototyp eines Kuriositätenkabinetts oder einer Wunderkammer dargestellt (Schnapp 1993[2009], S.  177  ff.). Doch muss man sie ganz im Gegensatz dazu als eine typische medizinisch-naturphilosophische Gelehrtensammlung ansprechen (siehe S.  24). Für die italienischen Sammlungen des späten 16. Jahrhunderts, die mit den Namen Ulisse Aldrovandi, Antonio Giganti, Ferrante Imperato und Francesco Calceolari verbunden sind, wurde ebenfalls schon vor Zeiten der Begriff Wunderkammer oder auch Kuriositätenkabinett abgelehnt  – sie sind, ebenso wie die jüngeren Sammlungen, als wissenschaftlich anzusehen (Laurencich-Minelli 1985, S. 23; Olmi 1985, S. 6  ff.). Allerdings erreichten sie nicht die Strenge der Organisation des Museums des Michele Mercati im Vatikan (siehe Bd. 1, Abb. 12). In den Publikationen wählte man gerne ein Bild des Museums, des Museumseingangs oder seines Inhalts als Frontispiz. Die meisten der bildlichen Darstellungen dieser Museen des ausgehenden 16. und des 17.  Jahrhunderts wirken für uns zwar abenteuerlich, sie erfüllen aber in der Publikation den Zweck, die Aufmerksamkeit des Lesers zu erwecken und sind stilistisch voneinander abhängig. Dennoch nehmen die Darstellungen aber Bezug auf tatsächlich vorhandene Objekte und das konkrete Ausstellungskonzept. Das berühmte, immer wieder reproduzierte Frontispiz des

21 http://arachne.uni-koeln.de/item/buchseite/409896. Besucht am 10. 2. 2017. 22 Z. B. für das deutschsprachige Gebiet siehe Gummel 1938, S. 53, Anm. 5.



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Abb. 2: Das Museum Wormianum. Worm 1555, Frontispiz. © Universitätsbibliothek Heidelberg, http://digi.ub.uni-heidelberg.de/diglit/worm1655.

Sammlungskatalogs von Ole Worm zeigt die Ordnung in der Vielfalt der Welt. In der Mitte des Raumes steht, gut durch zwei Fenster beleuchtet, der Studiertisch des Gelehrten – es handelt sich um eine Studierstube, ein Studiolo (siehe Bd. 1, S. 169) und nicht um ein Museum für Besucher. Die italienischen Sammlungspräsentationen wie z.  B. die Imperatos und Calceolaris standen sicher für dieses Frontispiz Pate (Worm 1655, Frontispiz; Schepelern 1985, S. 123; MacGregor 1994, S. 90  f.; hier Abb. 2 und Anm. 21). Worms Museum wies wie die wissenschaftliche Sammlung des Michele Mercati auch beschriftete Abteilungen auf. Die kleineren Objekte waren in den Regalen in Kästchen untergebracht und nach Kategorien beschriftet, wie „lapides“ oder „conchillata“ oder „animalium partes“. Nur die großen Objekte befanden sich gut sichtbar an den Wänden und der Decke. Ausgestopfte Tiere, Exotika und Mirabilia lagen und hingen hier dicht gedrängt beieinander. Worm hatte sein Museum noch selbst inventarisiert, sein Inventar erschien aber erst nach seinem Tode. Hier behandelte der Mediziner zwar im Prinzip die Artificialia von den Naturalia getrennt und die meisten archäologischen Funde zusammen mit den übrigen rezenten Artificialia  – Antikes separierte er noch nicht. Die Cerauniae

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jedoch, die er in der traditionellen Weise nach Konrad Gesner und Johannes Kentmann darstellte und deren wahre Natur er offenbar nicht erkannt hatte, verblieben wie bei Ulisse Aldrovandi und sogar bei Michele Mercati nach dem Muster des Plinius noch im Bereich der Naturalia zusammen mit den Ombriae und Brontiae und anderen echten Fossilien (Worm 1655, S.  74–76; Schepelern 1985, S.  123; hier Abb.  2; siehe Bd. 1, Abb. 31 a-b). Mercati wenigstens war sich aber bewusst, dass diese Ordnung korrigiert werden musste, wenn sich seine Ergebnisse erhärten würden (siehe Bd. 1, S. 351). Worm besaß außerdem auch prähistorische Funde aus Ausgrabungen in Dänemark wie die Funde aus Egerup (Seeland) und Lindholm, die er von den Ausgräbern als Geschenke erhalten hatte (Worm 1643, S. 41). Nach Worms Tod 1654 bildete das Museum Wormiani kein Universitätsmuseum wie das Ulisse Aldrovandis, sondern wurde der Grundstock der königlichen Sammlung im Alten Schloss in Kopenhagen. Hier hatte ein bei Gallehus (Tondern) im Jahre 1639 gefundenes mit Reliefs und Runen verziertes goldenes Horn den ersten Anlass für die Gründung einer Königlichen Kunstkammer gegeben, die dann allerdings erst zusammen mit der Übernahme von Worms Museum eingerichtet wurde – seine Systematik übernahm man freilich nicht (Klindt-Jensen 1975, S.  25; Schepelern 1985, S. 124). Nach dem Tode König Frederiks III. zog die inzwischen umfangreiche Sammlung 1680 in ein neues extra dafür gegenüber von Schloss Christiansborg errichtetes Gebäude um, das im Obergeschoß die Gemäldegalerie, die Heroenhalle, den Antiquitätenraum, die Indische Halle, das Artefaktenkabinett sowie das Naturalienkabinett und im Untergeschoß die Bibliothek beherbergte. Die Sammlung war für ein Eintrittsgeld zu besichtigen (Klindt-Jensen 1975, S.  25). Sie enthielt auch ethnologische Objekte, die in der weiteren Entwicklung der Archäologie wichtig werden sollten (siehe S. 187). Ein weiteres Beispiel für eine Gelehrtensammlung, die nach dem Tod des Urhebers in fürstlichen Besitz kam, bildet das umfangreiche enzyklopädische Kabinett des niederländischen Mediziners Bernardus Paludanus, ebenfalls eines Absolventen der medizinischen Fakultät von Padua. Einen Teil der auch wegen der weiten Reisen des Sammlers hochinteressanten Objekte erwarben die Schleswiger Herzöge für die Gottorfer Kunstkammer, ein anderer Teil erweiterte die Sammlung der Württemberger Herzöge (Olearius 1666[1674], S. b). In der Publikation der Sammlung der Schleswiger Herzöge auf Schloss Gottorf von Adam Olearius verband man das klassische architektonische Motiv mit der Darstellung einer fiktiven Eingangssituation in das Museum im Schloss mit dem Wappen der Fürsten über der Tür und einem Blick auf einige Ausstellungsstücke – man erkennt Fische, ein Ungeheuer, Fossilien, ägyptische Statuen und vielleicht ein Einhorn (Olearius 1666[1674], Frontispiz; hier Abb. 3): Dieses Museum lädt zum Eintreten ein. Als Beutegut geriet die Gottorfer Kunstkammer dann ebenfalls an die dänischen Könige nach Kopenhagen, wo sich heute noch das Inventar des Paludanus befindet (Schepelern 1985, S. 125  f.).



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Abb. 3: Die Gottorfer Kunstkammer. Olearius 1666[1674], Frontispiz. © Barbara Sasse, RGK.

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Ein weiteres und ganz außerordentliches Beispiel stellt die Sammlung des Jesuiten deutscher Abstammung Athanasius Kircher in Rom dar. Kircher, Zeitgenosse von Ole Worm und Olof Rudbeck, saß an der Quelle jesuitischer Missionstätigkeit und besaß so Zugang zu außereuropäischen und orientalischen Informationen und Objekten (Leinkauf 1993, S. 22  f.). Ganz anderer Art war die Sammlung von Vater und Sohn Johannes Smetius, die sich aus eigenen Funden im römischen Nimwegen rekrutierte. Das Frontispiz des Museumskatalogs verband zwei Ebenen, die rohen, zerscherbten, aber durch ihre Inschriften definierten Funde und das Museum mit heilen, vielleicht restaurierten Gegenständen. Das Bild stellt das Innere eines Raumes dar, in dem die Funde aus Novomagium noch ungeordnet liegen, zusammen mit dem Grabungsgerät; ein alter Mann in antiker Kleidung ordnet eine heile Vase und eine Schale mit Münzen in eine Nische, über der „Smetii Antiquitates“ steht, die Rekonstruktion im Geiste der Antike? Durch die großen Fenster schaut man in eine heitere, antike Landschaft mit einem Gebäude, vielleicht einem Mausoleum, ein Sinnbild für den Tod und die Pflege der antiken Vergangenheit (Smetius 1678; hier Abb. 4). Die Klärung der Mirabiliagruppen der ‚gewachsenen Töpfe‘ als Urnen, der Cerauniae als Steingeräte und der Fossilien als Zeugen urzeitlichen tierischen Lebens führte in der zweiten Hälfte des 17. Jahrhunderts zu einem Anwachsen dieser Sammelstücke in enzyklopädischen Sammlungen, aber dann auch zur Entstehung spezialisierter prähistorischer Sammlungen. Schon in die Jahre vor 1630, vermutlich bis 1614, dem Fundjahr der Urnen von Ransern, gehen die Anfänge der Sammlungen der Breslauer Lateinschulen zurück (siehe S. 18 und S. 38). Einige der mit den Breslauer Sammlungen groß gewordenen Schüler legten später selbst Sammlungen an, in denen sie selbst ausgegrabene Funde beherbergten. Dazu gehören Christian Stieff, Leonhard David Hermann und die Mediziner Johann Daniel Major und Johann Christian Kundmann, in zweiter Linie dann aber auch der Kreis, der um Major in Kiel entstanden war, Jacob von Mellen und Christian Detlev Rhode, August Hermann Francke und David Sigismund Büttner (Mencfel 2010, S.  230  ff.; Hakelberg 2010, S. 209  f.). Von ganz besonderer Bedeutung wurde unter ihnen der Kieler Medizinprofessor Johann Daniel Major. Bevor er 1688 seine Museum Cimbricum genannte Sammlung als öffentliches Museum der Universität Kiel eröffnete, schrieb er ein Kompendium zur Einrichtung von Museen (Major 1674). Am Ende dieses Werkes findet sich eine Liste von Sammlungen aus der ganzen Welt. Zur Gründung seines Universitätsmuseums entwarf er eine Gedächtnismedaille, aus der seine Wissenschaftssystematik erschlossen werden kann. Dieser Medaille zufolge bildeten die Antiquitates neben der Physis und der Techné ein Gesamtsystem des Wissens, dessen Schutz er als Aufgabe des Staates sah. Mit Natur, Kunst und Altertümern fand er so schon unsere heutige Museumsgliederung. Das Museum selbst ließ er auf der Medaille als antikisierenden Tempel darstellen, auf dessen Dach der Reichsadler mit schützend ausgebreiteten Flügeln und der



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Abb. 4: Antiquitates Neomagenses: Eine Allegorie auf Smetius’ Museum. Smetius/Smetius 1678], Frontispiz. © Barbara Sasse, Michael Kinsky, RGK.

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Inschrift „Protectio“ thronte. Durch die Buchstaben C. A., die Initialen des Landesherrn, Universitätsgründers und Dienstherrn Christian Albrecht, symbolisierte der Gelehrte die Übertragung der Protectio der Wissenschaft vom Reich an den Landesfürsten (Major 1688, Kap. 1, 10–14, n. S. 54; Steckner 1994, S. 607). Majors Meinung nach solle man in einer naturkundlichen Sammlung nicht Artificialia unter die Naturalia mischen, es sei denn, man ordne sie nach dem Material ein. Eine andere Möglichkeit sei es, sie wie die Münzen in gesonderten Schränken aufzubewahren (Major 1688, Kap. 3). In der tatsächlichen Ordnung seines Museums wurde er diesem Anspruch aber nicht voll gerecht (Major 1688, Kap. 5). Interessant ist, dass der Mediziner thematisierte, dass es für viele Gegenstände mehrere Varianten der Einordnung gebe, abhängig davon, nach welchen Merkmalen man sich richte (Major 1688, Kap. 7, § 8). Ihm war also das Problem der eindimensionalen Klassifizierung bekannt. Auch zu seinem Museum gehörte eine Bibliothek. Interessant ist deshalb sein Konzept, die Literatur thematisch zu den Vitrinen zu ordnen und so beide Medien miteinander zu verzahnen. Seine bedeutenden archäologischen Ausgrabungen mit ihren bahnbrechenden Ergebnissen fanden erst 1690 statt und sind deshalb in den museumskundlichen Schriften noch nicht behandelt (Major 1692; siehe S. 86). Wie wichtig die Kombination von Bibliothek und Sammlung auch für andere didaktische Museen war, zeigt der für das Selbstverständnis des Schulleiters des Maria-Magdalena-Gymnasiums aufschlussreiche Stich von Benjamin Strahovsky. Er stellt den Rektor Christian Stieff in einer nach Sachgebieten aufgestellten Bibliothek dar, in der sich eine große, nach oben pyramidenartig verjüngte Regalvitrine mit der Aufschrift „Schlesische Urnen“ befindet. In ihr stehen wohlgeordnet Tongefäße der Lausitzer Kultur, und sie verdeckt zur Hälfte das Regal mit der Aufschrift „Gottes Gelahrtheit“ – Theologie! Die Vitrine, einige Gefäße und die Stirn und Hände des Lehrers sind hell gegenüber dem Dunkel des übrigen Raumes gezeichnet. Die übrigen, nicht verdeckten, aber dunkel gehaltenen Regale tragen die Aufschriften „Geschichts Kunde“, „Dichtkunst“, „Philologie“, „Natur Lehre“. In der einen Hand aber hält der Rektor einen Band wohl mit mathematischem Inhalt, die andere zeigt den Redegestus (Hakelberg 2012, S. 64)23. Wie Christian Stieff trug auch Leonhard David Hermann ein regelrechtes schlesisches Urgeschichtsmuseum zusammen. In beiden Fällen wurden eigens Vitrinen entworfen (siehe S. 160). Man darf allerdings nicht vergessen, dass auch diese Sammlungen naturgeschichtliche Objekte besaßen. Umgekehrt bildeten in der typisch enzyklopädisch-naturgeschichtlichen Sammlung Kundmanns die Keramik aus der Grabung von Gräbschen sowie verschiedene Steinbeile einen wichtigen Komplex (Kundmann 1737, S. 239, S. 305  ff.).

23 http://www.freidok.uni-freiburg.de/volltexte/9000/pdf/Silesia_ESD_Hakelberg_2012.pdf. Besucht am 11. 2. 2017.



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Christian Detlev Rhodes Sammlung dagegen enthielt ausschließlich die von ihm selbst in Holstein ausgegrabenen Antiquitäten. Das veranlasste den Sohn, Andreas Albert Rhode, der den Katalog zusammenstellte und die Sammlung auch auswertete, von einem „Antiquitaeten-Cabinet“ zu sprechen – vermutlich dem ersten regionalen Museum der Ur- und Frühgeschichtlichen Archäologie. Freilich war es nicht öffentlich, sondern „im verborgen bey uns auffbehalten worden“ (Rhode 1719, Vor-Bericht). Rhode fuhr fort: Das Rhodische heisset es billig, weil der sel. Herr Christian Detlev Rhode … solche [die Antiquitäten] nicht allein colligiret  /  sondern mehrentheils selber aus denen tumulis veterum dieser Gegend heraus geholet  /  auffs fleissigste untersuchet  /  und auffs sorgfältigste auffgehoben  … (ebd.).

Sowenig der Vater Christian Detlev mit seinen Forschungen an die Öffentlichkeit gegangen war und sogar die Publikation z.  B. von seinem Freund Jacob von Mellen besorgen ließ (Mellen 1699), umso mehr zeigte der Sohn Andreas Albert ein ausgesprochenes publizistisches Talent. Neben dem übersichtlichen Katalog erschienen als Auswertung der Sammlung die populär und witzig geschriebenen Cimbrisch=Hollsteinische Antiquitaeten-Remarques, billige Wochenheftchen, die bei Zeitungshändlern erstanden werden konnten (Rhode/Rhode 1720). Dabei verwendete er die Aufzeichnungen des Vaters über die Grabungen und beschrieb und interpretierte die Funde. Katalog und Antiquitaeten-Remarques nehmen aufeinander Bezug. Seit 1698 baute auch der ehemalige Kieler Student August Hermann Francke in Halle die didaktische Sammlung des von ihm gegründeten Schulkomplexes der Franckischen Stiftungen mit dem Pädagogium für Schüler vornehmer Herkunft und dem Waisenhaus aus (Müller-Bahlke/Göltz 1998, S. 13). Francke erbat sich dafür die Unterstützung seines Landesherrn, des brandenburgischen Kurfürsten Friedrich III. Archäologische Funde erhielt er z.  B. von Pastor David Sigismund Büttner, der selber eine Besuchern zugängliche Privatsammlung unterhielt, von der er als Bibliothek sprach, ein weiterer Beleg für die enge Verbindung der Medien. Diese Sammlung enthielt neben selbst ausgegrabenen archäologischen Funden auch Münzen und vor allem Fossilien (Wehmann 2010, S. 527  ff.; Hakelberg 2011, S. 591). In Halle wurde der Unterricht wie in Italien und Kiel auch durch die Anlage eines botanischen Gartens unterstützt. In den ersten Jahrzehnten des 18.  Jahrhunderts war die Sammlung zwar Besuchern zugänglich, doch offenbar ungeordnet. Das änderte sich erst 1734 durch die Zusammenlegung verschiedener Sammlungsteile im Dachgeschoss des Waisenhauses und die Einstellung Gottfried August Gründlers zur Katalogisierung und Neuaufstellung der Sammlung. Allerdings schätzte man dessen erfolgreiche und sorgfältige Arbeit so wenig, dass man Gründler vor dem endgültigen Abschluss entließ  – Gründlers Katalog und ein Teil der Sammlung haben sich aber glücklicherweise erhalten (Müller-Bahlke/Göltz 1998, S.  18  ff.). Der Anhänger Franckes Johann Julius Hecker übertrug das Hallesche Modell des realen Anschau-

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ungsunterrichts 1746 auf die von ihm ins Leben gerufene Heckersche Realschule in Berlin24. In den Zusammenhang der Halleschen Schulsammlungen dürfte auch das Kabinett des Privatlehrers und Prinzenerziehers Johann Georg Keyssler gehören, der in Halle zur Zeit der Tätigkeit Franckes studiert hatte. Für dieses Kabinett existiert nicht nur ein Katalog aus der Zeit kurz nach Keysslers Tod, es ist auch zu einem Teil im Museum Lüneburg erhalten (Krieger 2000, S.  84). Für den Gelehrten wurde der Kontakt zu William Stukeley und der Royal Society wichtig, die auch den Diluvianer Johann Jakob Scheuchzer zu ihren Mitgliedern zählte – Keyssler war ab 1718 Mitglied der Royal Society (Haycock 2002, S. 131; Kempe 2003, S. 24)25. Der eben erwähnte Johann Jakob Scheuchzer prägte die Entwicklung in Zürich (siehe S. 8). Hier hatte man 1677 durch bürgerliche Aktivität eine Sammlung in der Wasserkirche zusammengetragen, die sog. Züricher Kunstkammer. Scheuchzer, der z.  B. Funde mit David Sigismund Büttner, aber auch mit seinen Korrespondenzpartnern in England tauschte (Kempe 2001, S. 77  ff.), ordnete sie in die drei Kategorien Naturalia, Artificialia und Münzen und machte sie zu einer wissenschaftlichen Sammlung. Die archäologischen Objekte klassifizierte er konsequent nach dem Material in alle drei Gruppen und separierte sie nicht (Rütsche 2010, S. 278  ff.). Schul- und Universitätssammlungen wurden nun überall angelegt. In Oxford gründete man 1683 ein öffentliches Universitätsmuseum, das Ashmolean-Museum. Auch hier stand die Botanik im Vordergrund. Es rekrutierte sich aus der Schenkung des Naturalienkabinetts der Reisenden und königlichen Gärtner John Tradescant des Älteren und des Jüngeren an die Universitäten Oxford oder Cambridge über Elias Ashmole, der nach dem Tod der Sammler als offizieller Schenker auftrat, weswegen das Museum auch nach ihm benannt ist und nicht nach den eigentlichen Urhebern. Er hatte allerdings schon 1653 für diese einen Katalog ihrer Sammlung erstellt, der 1656 publiziert wurde (MacGregor 1983, S. 3  ff.; London 1983, S. 24–28; Welch 1983a, S. 41  ff.; MacGregor 2001, S. 124  f.). Man sieht daran, welche Bedeutung die Sammler ihr zumaßen. Über der Tür der Neugründung stand dann: „Museum Ashmoleanum. Schola Historiae Naturalis, et Officina Chymica“ (Welch 1983b, S. 59). Die ursprüngliche Sammlung scheint noch kaum archäologische Objekte enthalten zu haben (MacGregor 1983, S. 272  ff., Nr. 211–213). Die Sammlung des Professors Kilian Stobaeus (1690–1742) in Lund, gegründet 1735, wurde die Grundlage des heute noch bestehenden Universitätsmuseums, das

24 Später Königliche Realschule – hier liegt der Beginn des Typs der praxisorientierten Oberschule, in der nach halleschem Muster der Realienunterricht eine große Rolle spielte. Zu den gesammelten Apparaten und Gegenständen siehe Schulz, J. H. (1842): Die Königliche Realschule zu Berlin, S. 20  f. Essen. Allerdings ist hier nicht von prähistorischen Funden die Rede; Gummel 1938, S. 53, Anm. 5; zur wesentlichen Rolle der Realien und Experimente in der Ausbildung siehe Müller-Bahlke 2004, S. 366. 25 Schütze, M. Gottfried (1751): Das Leben Johann Georg Keyslers, Mitgliedes der Königl. Großbritannischen Societät der Wissenschaften. In einer Vorrede zu dessen neuesten Reisen, S. VII. Hannover.



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später neben dem Nationalmuseum in Kopenhagen für die Geschichte des Dreiperiodensystems wichtig werden sollte (Klindt-Jensen 1975, S. 38  f., S. 62; Gräslund 1981, S. 48). Sein Schüler Carl von Linné führte diese Tradition fort und konnte seine botanische und zoologische Sammlung durch sein ausgedehntes Netzwerk so vervollständigen (Dietz 2009, S.  243  ff.), dass sie die Grundlage seines Klassifikationssystems werden konnte. Im deutschen Sprachraum galt es nach dem Dreißigjährigen Krieg, die an vielen Stellen hohen Verluste auszugleichen. Besonders hart hatte es Brandenburg getroffen. Nach 1640 konnte der u.  a. in den Niederlanden ausgebildete Große Kurfürst unter Einfluss der neuen Besitzungen im ehemals römischen Rheinland aber schon wieder eine Kunstkammer von Bedeutung und Kontinuität mit überwiegend römischen Antiken anlegen, der bescheidene Anfang der Staatlichen Museen Preußischer Kulturbesitz in Berlin (Ledebur 1838, S. IV, S. 174; Gummel 1938, S. 53, Anm. 5; Bothe 1979, S.  293  ff.; Hoffmann 2012, S.  36  f.). Die ältere kurfürstliche Kunstkammer war trotz der Auslagerung der Objekte im Krieg verloren gegangen (Theuerkauff 1985, S.  112). Die ersten Stücke des neuen Fundus entstammten Privatsammlungen aus Kleve und Xanten wie der Münzsammlung des Erasmus Seidel (Kirchner 1972, S. 7, S. 23  ff.; Bothe 1979, S. 293). In den Sechzigerjahren des 17. Jahrhunderts erhielt die neue kurfürstliche Kunstkammer mit Christian von Heimbach dann auch den ersten hauptamtlichen Antiquar, dessen Hauptaufgabe die Anlage eines Inventars wurde. Nachfolger wurden Christian Albrecht Kunckel, der Schweizer Christoph Ungelter und Lorenz Beger (Theuerkauff 1985, S. 111). Das Hauptinteresse aber galt römischen Antiquitäten, die man in den rheinischen Besitzungen erwerben und auch ausgraben konnte. Es verwundert deshalb nicht, dass die bedeutende Sammlung einheimischer prähistorischer Altertümer, die Erasmus Seidels Sohn Martin Friedrich teilweise aus eigenen Grabungen in der Mark Brandenburg zusammengetragen hatte, nicht in die königliche Kunstkammer gelangte, sondern verstreut wurde. So kamen Funde in die Berliner Freimaurerloge Zu den drei Weltkugeln, wo man mehr Verständnis für die Problematik der eigenen heidnischen Vergangenheit hatte (Kirchner 1972, S. 10, S. 14). Die Unkenntnis der fürstlichen Antiquare war aber so groß, dass gelegentlich auch nichtrömische Antiquitäten aufgekauft wurden, wenn sie nur vom Verkäufer als römisch angepriesen wurden (Ledebur 1838, S. IV). Die Habsburger Sammlungen des 17.  Jahrhunderts waren wie schon die der Renaissance auf verschiedene Schlösser verteilt. Die vielen Mitglieder dieser europäischen Familie betrieben eine unterschiedliche Sammlungspolitik, so auf dem Schloss Ambras oder in Prag. Die Sammlung Rudolf II. aus Prag z.  B. wurde zu einem Teil nach Wien gebracht (Scheicher 1979, S. 60, S. 65, S. 139; Scheicher 1985, S. 29  ff.; Die­stelberger 1985, S. 39  ff.; siehe Bd. 1, S. 178). Eine wichtige Erweiterung verdankt die Wiener Kunst- und Schatzkammer Erzherzog Leopold Wilhelm. Der ehemalige Statthalter der Spanischen Niederlande installierte nicht nur seine Kunstkammer mit zahlreichen Gemälden, Skulpturen und Zeichnungen in der Stallburg und ließ ein

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Inventar anlegen (Diestelberger 1985, S. 45  f.), sondern brachte auch, wenngleich nur vorübergehend, die Ausstattung des Childerichgrabes nach Wien. Nach Leopold Wilhelms Tod 1662 wurde sie in die kaiserliche Schatzkammer überführt. Damit erlangte erstmals in der Frühen Neuzeit ein frühgeschichtliches Prunkgrab internationale politische Bedeutung als dynastisches Beweisstück der Verwandtschaft der Habsburger mit den Merowingern (siehe Bd.  1, S.  218). Der Vorgang wirft jedenfalls ein Schlaglicht auf die politische Bedeutung, die der Besitz besonderer nichtrömischer archäologischer Funde in einer fürstlichen Sammlung gewinnen konnte und sei deswegen hier näher behandelt. Die Entdeckung des Childerichgrabes 1653 in Tournai (Belgien), sein Schicksal und seine Erzherzog Leopold Wilhelm von seinem Leibarzt gewidmete Publikation führen an eine brisante Stelle europäischer Nationenbildung (Chifflet 1555): die Entstehung der Niederlande und den Aufstieg Frankreichs als Großmacht unter der Königsfamilie der Bourbonen (Wagner 1973, S. 18). Dies geschah u.  a. auf Kosten der Spanischen Niederlande, einem der katholischen Reste des durch die Ehe Maximilians I. mit der Erbin Maria von Burgund durch die Habsburger erworbenen Burgunderreiches. Der Religionskonflikt hatte diese Spannungen noch verschärft. Im Jahr des Westfälischen Friedens 1648 hatte Spanien im Haager Frieden die Generalstaaten anerkennen müssen. Gleichzeitig begann Frankreich die Eroberung der Spanischen Niederlande. Selbst im Reich mussten sich in der Folgezeit die Habsburger einer starken, französisch gesinnten Opposition katholischer Fürsten erwehren, die sich 1658 in der Rheinischen Allianz zusammengeschlossen hatten und zu denen der Erzkanzler und Mainzer Erzbischof Johann Philipp von Schönborn gehörte. Im selben Jahr stand die Kaiserwahl des Habsburgers Leopold I. gegen einen potenten Gegenkandidaten an, den jungen bourbonischen König Ludwig XIV., der sich bis kurz davor unter der Regentschaft seiner habsburgischen Mutter Anna von Österreich befunden hatte. Während sich bei der Kaiserwahl mit Leopold I. der Herrschaftsanspruch der männlichen Habsburgerlinie durchgesetzt hat26, so scheiterte die Machtpolitik gegenüber Frankreich. Dieses gewann in den folgenden Jahren weite Teile des ehemaligen burgundischen Reiches, d.  h. Teile der Spanischen Niederlande, die Freigrafschaft Burgund (Franche Comté), das Elsass und Lothringen (Dee 2013, S. 295). Damit nicht genug – das geschwächte Reich musste 1663 den Kampf gegen die erneut nach Mitteleuropa vordringenden Türken aufnehmen und bedurfte dazu französischer Unter-

26 Folglich führte Chifflet gemäß der Herkunftslegende die Habsburger auf Karl den Großen, diesen aber auf Childerich zurück, indem er in der Widmung des Werkes an Erzherzog Leopold schrieb: „Magnus enim Imperator CAROLUS ab CHILDERICO Rege nostro ducebat ortum per BLITILDEM, Clotarij primi Regis filiam, Clodouei primi neptem, Childerici primi proneptem. Reges autem, & IMPERATORES AUSTRIACI, Maiores Tui, ab MAGNO CAROLO, ductu multiplici, lineam generationis trahunt cum praerogativa natalium prae Capetianis Regibus: sic ut primaria Francorum gloria ad Augustissimam Gentem Tuam iure sanguinis tota pertineat“ (Chifflet 1655, Widmung an Erzherzog Leopold; hier Abb. 5).



Politische, soziale und institutionelle Rahmenbedingungen für archäologische Arbeit 

Abb. 5: Die Abfolge merowingischer und karolingischer Könige. Chifflet unterteilt drei Gruppen, die mythischen Könige (oben links), die Könige der merowingischen Dynastie (Hauptstrang), die karolingischen Könige (unten rechts). Die Übernahme der Karolinger erfolgt durch Gewalt. Chifflet 1655, S. 3. © Barbara Sasse, Michael Kinsky, RGK.

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stützung. Hier diente der Grabschatz König Childerichs als Pfand. 1665 lieferten die Habsburger ihn als Dank für die Hilfe gegen die Türken an Ludwig XIV. aus. Vermittler in dieser Aktion war nicht umsonst der antihabsburgische Erzbischof von Mainz Johann Philipp von Schönborn. Die geringe Würdigung, die man dem so gewonnenen Schatz in der Folgezeit in Frankreich angedeihen ließ, zeigt, dass er seine politische Bedeutung im 18.  Jahrhundert verloren hatte, allerdings, um sie in Napoleonischer Zeit wiederzugewinnen (Chifflet 1655; Stemmermann 1934, S. 56  f.; Böhner 1948; J. Werner 1971, S. 43  ff.; Wagner 1973, S. 11  ff.; J. Werner 1980, S. 1  ff.; J. Werner 1981, S. 20  ff.; Böhner 1981a, 441  ff.; K. F. Werner 1983; Kazanski/Périn 1988; Neumayer 1996, S. 35  f.; Quast 2015). Der Autor der ersten Monographie über einen frühmittelalterlichen Grabfund Jean-Jacques Chifflet, der Leibarzt des Habsburgers Erzherzog Leopold Wilhelm, des Gouverneurs der Spanischen Niederlande in den Jahren 1647–1656, war persönlich von diesem Konflikt betroffen. Die Familie Chifflet stammte aus der Freigrafschaft Burgund. Seit Generationen Ärzte, Juristen und örtliche Amtsträger in Besançon war sie politisch aktiv und Parteigänger der Habsburger. Jean-Jacques und sein Bruder, der Jesuit Philippe Chifflet, hatten sich seit den Dreißigerjahren immer wieder mit historischen Argumenten gegen den bourbonischen Anspruch auf den französischen Thron gewandt, u.  a. Jean-Jacques in einer Schrift über das angeblich auf die Taufe des ersten christlichen Merowingerkönigs Chlodwig in Reims zurückgehende Salböl der Könige von Frankreich, dessen viel jüngeres Alter er zu beweisen versuchte. Es ging schon hier wie später in der Publikation des Childerichgrabes darum, die merowingische Kontinuität der französischen Könige zu widerlegen (Wagner 1973, S. 6–10)27. Wie sehr das Childerichgrab seine für die damalige Zeit hervorragende Publikation und die Rettung der Funde der politischen Nützlichkeit des Fundes verdankte, wird besonders deutlich, wenn man einen Vergleich zu den zwischen 1643 und 1646 geplünderten Gräbern der Merowingerdynastie in der heutigen Basilika Saint-Germain-des-Prés in Paris zieht (Oberlin 1773, S. 142, nach Bernard de Montfaucon und Jean Mabillon; Neumayer 1996, S. 36  ff.). In Frankreich legte man zu dieser Zeit keinen Wert auf die merowingischen Vorfahren. Die Gräber wurden geplündert, die Goldfunde verkauft und eine Orgel davon gebaut. Auch im 18. Jahrhundert besaßen merowingische Funde für die Franzosen keinen Identifikationswert. Das gilt auch für das Childerichgrab. Es blieb weitgehend unbeachtet und wurde im Gegensatz zu vielen anderen Schätzen sogar in der französischen Revolution verschont. Im 19. Jahrhundert allerdings fiel es großenteils einem Raub zum Opfer. Private Collections Curieuses ganz unterschiedlicher Zusammensetzung gehörten aber zum Lebensstil der Elite,

27 Chifflet, Jean-Jacques (1651): De ampulla Remensi nova et accurata disquisitio … accessit parergon de unctione regum, contra Jacobum Alexandrum Tenneurium. Antwerpen.



Probleme – Motive, Forschungsthemen und Fragestellungen 

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und allein in Paris existierten mehr als 450 solcher Sammlungen (Dietz/Nutz 2005, S.  44). Der Graf Caylus sammelte und ordnete Antiquitäten ganz unterschiedlicher Herkunft, darunter auch frühgeschichtliche Funde (Caylus 1752/56/59/61/62/64/67). Das 18. Jahrhundert ist letztlich durch die Entstehung der ersten großen öffentlichen nationalen Museen in England und Frankreich gekennzeichnet, in denen einheimische archäologische Funde freilich noch keine Rolle spielten. Zunächst entsprach ihr Aufbau enzyklopädischem Muster. In die Mitte des Jahrhunderts fällt die Gründungszeit des British Museum in London. Es wurde 1759 eröffnet und enthielt staatlich angekaufte Privatsammlungen. Diese waren in drei Abteilungen geordnet: Druckschriften, Handschriften sowie als dritte Abteilung Medaillen, Naturalia und Artificialia. Die letzte Abteilung, in der sich auch archäologische Funde befanden, stellte zunächst noch ein typisches Raritätenkabinett dar  – weder die Funde der klassischen Antike noch die Funde der Britischen Inseln besaßen bis 1772 eine nennenswerte Bedeutung im Kabinett. Nicht etwa der Zuwachs einheimischer archäologischer Denkmäler, sondern der Ankauf einer Sammlung antiker Vasen und die zur Kriegsbeute von 1801 gehörenden ägyptischen Antiquitäten führten endlich im British Museum 1807 zu einer Trennung von Altertümern und Naturalien, d.  h. zu einer eigenen Abteilung für Altertümer (Grigson 1957, S. 33). Die Umgestaltung aller Institutionen nach der Revolution brachte 1793 in Paris die Umwandlung der königlichen Sammlungen in das öffentliche Musée Central des Arts  – den Louvre, unter Napoleon dann 1801 Musée Napoléon. Durch die Kriegsbeute Napoleons erhielt es die größte Antikensammlung der damaligen Zeit (GranAymerich 1998, S.  38; Martinez 2004, S.  13  ff.). Eigene archäologische Abteilungen kamen wie die für die ägyptischen Denkmäler während der Tätigkeit Jean-François Champollions erst während des 19. Jahrhunderts hinzu (Gran-Aymerich 1998, S. 80). Die Objekte der Ur- und Frühgeschichte fanden hier allerdings keine Heimat. Erst Napoleon III. schuf ihnen im Zuge der Rückbesinnung auf die Gallier als Vorfahren in Saint-Germain-en-Laye bei Paris 1867 ein großes Museum (Olivier/Périn 2012, S. 5  f.).

1.2 Probleme – Motive, Forschungsthemen und Fragestellungen Warum beschäftigte man sich mit Altertümern? Wie in der Renaissance, als die Humanisten die römische Kultur untersuchten, um sie als Vorbild verwenden zu können, der genealogische Ursprung der Dynastien und Völker vor allem die Europäer außerhalb Italiens interessierte und die Mediziner begannen, alle ihnen greifbaren Objekte der Natur zu sammeln und zu klassifizieren, blieben die Beweggründe für die gelehrte Arbeit mit archäologischen Problemen abhängig von der Grundhaltung zur Vergangenheit und zur Religion. Das konstante Motiv der Schatzsuche und des Erwerbs von Reichtümern bleibt hier unbehandelt, soweit es nicht mit einer bestimmten Ideologie oder anderweitigen politischen Motivation verknüpft war, wie z.  B. beim Childerichgrab (siehe S. 32  ff.).

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Man kann das 17. und 18. Jahrhundert als eine Zeit der allmählichen Veränderung der Fragestellungen definieren, und die folgenden Einzelabschnitte, die nach dem dieser Untersuchung zugrundeliegenden Methodenalgorithmus von den Quellen zu den Analysemethoden, der Auswertung der Analysen und den Interpretationen fortschreiten (Bd. 1, Abb. 9), sollen diesen Prozess verdeutlichen. Sie zeigen, wie aus dem humanistisch-antiquarischen Paradigma (siehe Bd. 1, S. 306  ff.; hier S. 144) und dem weltchronistischen Konzept (siehe Bd. 1, S. 319  ff.; hier S. 164  ff.) ein neuer, auf der Historisierung beruhender Fragenkodex wurde (Taf. 5). Während das Vorbild der Antike aus verschiedenen Gründen verblasste (siehe S. 216), blieben die von den Humanisten gestellten Fragen weiterhin gültig: nach der Funktion der Monumente und Objekte, der Einordnung in kulturelle Bereiche wie Religion, Bestattung, Spiele, Kleidung oder Kunst. Vor allem die Funktion als ein Problem, dass sich bei jedem Gegenstand wieder neu stellte, musste geklärt werden. Für die zeitgenössische Gesellschaft verloren diese Fragen aber vor allem an Brisanz, wenn sie nur die klassische Antike betrafen. Das 17. Jahrhundert mit seiner bedrohlichen konfessionellen Auseinandersetzung in der ersten Hälfte bewegten jedoch andere Probleme, vor allem das der Religion. Das weltchronistische biblische Konzept geriet dabei auf den Prüfstand: Hatte es tatsächlich nur eine Schöpfung gegeben, stammten alle Menschen von Adam ab? Hatten vielleicht doch einmal Riesen und Zwerge auf der Erde gelebt, war die Sintflut universell und hatte die ganze Erde und alles Leben vorher zerstört, so dass sie nur noch eine Ruine war? Waren die Überlebenden in der Arche Noah der Ausgangspunkt alles weiteren Lebens und stammten deshalb auch alle Europäer vom Noahsohn Japhet ab? Die kurz vor oder während des 17.  Jahrhunderts gelösten archäologischen und naturwissenschaftlichen Probleme klärten einige dieser Fragen entweder schon für das 17. Jahrhundert oder bald danach, so dass sie Ausgangspunkte für neue Fragestellungen werden konnten: – Fossilien sind Überreste von Tieren und Pflanzen, – Urnen enthalten Leichenbrand, sind Überreste menschlicher Bestattungen und haben nichts mit Zwergen zu tun, – Menschen stellten einst Waffen aus Stein her und bei diesen handelt es sich nicht um Fossilien im heutigen Sinne, – Runensteine sind historische Denkmäler, – Großsteinbauten wurden nicht von Riesen erbaut, sondern von Menschen. Aus den auf diese Weise der menschlichen Geschichte gewonnenen Denkmälern erhoben sich nun neue Fragen, zunächst, wie bei den Megalith- und auch Urnengräbern durch den Vergleich mit der Antike, dann aber zunehmend durch den Vergleich mit den immer besser bekannt werdenden außereuropäischen Kulturen. Da man die Sintflut auch durch die nun dokumentierten Erdschichten als bewiesen erachtete, blieb die Frage des Ursprungs der europäischen Völker nach der Sintflut eine Fragestellung, die man erstmals versuchte, mit Hilfe der Urnengräber zu lösen. Katastro-



Die Quellen 

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phe, Wanderung und die genealogische Abkunft blieben zunächst die wesentlichen Faktoren des Geschichtsprozesses. Um 1700 entwickelten sich hieraus die Anfänge einer vergleichenden globalen Kulturforschung, deren Kernfrage die der Religion wurde: der Bestattungsbrauch, das Heidentum und seine Merkmale, der Götzendienst, die Brandbestattung und vor allem das Menschenopfer. Erst um die Mitte des 18. Jahrhunderts begann sich zur Historisierung die kulturelle Entwicklung und damit auch die Chronologie als Fragestellung zu gesellen, und zwar einerseits das Problem der Verschiedenheit der Völker und ihrer Kulturen, andererseits die Frage von globalen Entwicklungsstadien wie das Barbarentum. Der erste Versuch zu einer chronologischen Abfolge von Bestattungsbräuchen geht sogar bis in die Mitte des 17. Jahrhunderts zurück (Worm 1643, S. 43; siehe S. 138  f.), Werkstofffolgen auf die erste Hälfte des 18. Jahrhunderts (Eckhart 1750, S. 188; siehe S. 140  f.). Durch die historisch gesicherte Abfolge der Kulturen im mediterranen Raum und die kontinuierliche Arbeit innerhalb des humanistisch-antiquarischen Paradigmas war es dagegen in der zweiten Hälfte des 18. Jahrhunderts möglich, die Frage einer kulturellen Entwicklung schon gezielt am archäologischen Material anzugehen (Winckelmann (1764[1934]).

1.3 Die Quellen 1.3.1 Der Einsatz schriftlicher und archäologischer Quellen und die wachsende Bedeutung empirischer archäologischer Forschung Viele der Gelehrten, die noch in der Zeit vor dem Dreißigjährigen Krieg in Italien studiert hatten, führten die dort gelernte Arbeitsweise im späteren Berufsleben weiter und wendeten sie auch innovativ auf anderes Material an. Ein gutes Beispiel stellt Ole Worm dar. In seinem archäologischen Hauptwerk Danicorum monumentorum libri sex bekommen die Megalithgräber und vor allem die Runensteine schon eine viel konkretere Bedeutung als in den älteren Arbeiten des Nikolaus Marschalk oder der Gebrüder Magnus, in denen sie noch in mythischem Rahmen behandelt worden waren (siehe Bd. 1, S. 277; Worm 1643). Im Mittelpunkt dieses und der Mehrzahl der skandinavischen Werke stehen Runensteine. Sie ersetzten die Inschriften in den Sprachen der klassischen Antike, mit denen in der Renaissance die klassische Epigraphik begonnen hatte. Voraussetzung hierfür bildete der von Henrik Rantzau und seinem Mitarbeiter Peter Lindeberg erbrachte Beweis, dass es sich um historische Quellen handelte (siehe Bd. 1, S. 340). Seit Johannes Bureus und Ole Worm wurden sie systematisch aufgesucht, gelesen und durch andere antike und mittelalterliche Quellen gedeutet. Andere archäologische Quellen ohne Inschriften nehmen dagegen in den Arbeiten zunächst noch einen geringen Raum ein. Zwar behandelte Ole Worm auch prä-

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historische Objekte wie die Megalithgräber. Die sehr ungenaue Wiedergabe dieser archäologischen Denkmäler verrät aber eine geringe Wertschätzung der Aussagefähigkeit ihrer äußeren Merkmale und führte den Autor auch zu Fehldeutungen (siehe S. 84; Abb. 6). Selbst in seinem Kapitel zum Bestattungsbrauch „De Sepulturis Veterum“ nehmen nur wenige Sätze wirklich auf archäologische Funde Bezug. Diese haben allerdings Gewicht (siehe S. 120). Worm arbeitete immerhin so empirisch, dass er Knochen aus Megalithgräbern als wichtige Funde erwähnte. Vorbild mag ihm hier William Camden in seiner Argumentation zu Stonehenge gewesen sein (siehe Bd. 1, S. 340), zumal er diesen ja auch hinsichtlich der „barrows“ zitierte (Worm 1643, S. 33  ff.). Im Vordergrund aber stehen die schriftlichen Quellen. Besonders ihre Auswahl ist interessant: Es handelt sich um einen Strauß von antiken Schriften, deren Themen sowohl zeitlich als auch räumlich weit gespannt waren, sowie von einheimischen, viel jüngeren Quellen, die sich wenigstens auf denselben Großraum bezogen. Kontexte bildeten für Worm nicht Zeit und Raum, sondern Gegenstände, Institutionen oder Kategorien wie Bestattungs- oder Herrschaftsformen oder die soziale Stellung. In der Literatur so unterschiedlicher Provenienz suchte Worm wie vor ihm Nikolaus Marschalk nach Analogien z.  B. zu monumentalen Gräbern seiner dänischen Heimat. Worm ging also so vor, wie Arnoldo Momigliano die Arbeitsweise eines Antiquars charakterisierte: systematisch und nicht chronologisch (Momigliano 1950, S. 286  f.; siehe Bd. 1, S. 306  ff.). Während noch in der zweiten Hälfte des 17. Jahrhunderts Arbeiten entstanden, die wie im 16. Jahrhundert die Funerali antichi von Tommaso Porcacchi alte Bestattungssitten überhaupt ohne die Heranziehung von archäologischen Quellen behandelten (Porcacchi 1574 [1591]; Stemmermann 1934, S. 84)28, lässt sich aber doch konstatieren, dass seit etwa der Mitte des 17. Jahrhunderts Grabungsberichte zunehmen, aus denen hervorgeht, dass größere Fundkomplexe ausgegraben worden sind und dass diese auch analysiert und interpretiert wurden. Ähnlich wie erst der Einsatz der Runeninschriften als Geschichtsquellen in Skandinavien den Höhenflug der Runenforschung möglich machte, so im deutschen Sprachgebiet und in England die Widerlegung des Mythos von den natürlich gewachsenen Töpfen die Erforschung der Urnengräber. Auch sie wurden nun zu Zeugen der Geschichte und Informationsquellen für ganz neue Fragen (siehe S. 92  ff.). Von der ersten noch knappen Zusammenstellung von 16 Urnen des Gräberfeldes von Ransern (Breslau) 1614 an (siehe Bd. 1, S. 271) publizierte der archäologisch interessierte Kreis um die Breslauer Lateinschulen, die Franckischen Stiftungen in Halle sowie die gleich gesinnten Gelehrten um die Universitäten Kiel und Rostock Urnengräberfunde und werteten sie auch individuell aus.

28 Z. B. Quenstedt, Johann Andreas (1660): Sepultura veterum, sive tractatus de antiquis ritibus sepulchralibus Graecorum, Romanorum, Judaeorum & Christianorum. Wittenberg = http://www.mdznbn-resolving.de/urn/resolver.pl?urn=urn:nbn:de:bvb:12-bsb11096149–6, besucht am 20. 07. 2015.



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Abb. 6: Birkede (Roskilde, Seeland), Megalithgrab (Altar). Frontale Skizze ohne Perspektive. Räumlichkeit ist durch Schraffur angedeutet. Worm 1643, S. 8. © Barbara Sasse, Michael Kinsky, Universitätsbibliothek Freiburg, Historische Sammlungen.

Am konsequentesten ging unter ihnen Jacob von Mellen vor, der Urnengräber aus der Sammlung des Hallenser Pfarrers Johann Gottfried Olearius veröffentlichte und diskutierte und sowohl die Beigaben als auch den Leichenbrand zur Interpretation heranzog (Mellen 1679, S. 20). Der gelehrte Pfarrer begann seine Untersuchung mit der ausführlichen Beschreibung der Funde und ihrer Fundumstände, die er dann im Folgenden unter Heranziehung überwiegend adäquater archäologischer und historischer Literatur auswertete29: Vergils Aeneis benutzte er nicht als historische Quelle, anders als die meisten der früheren und zeitgenössischen Autoren. Dagegen verwendete er Vergleichsdaten aus der römischen Literatur sowie die archäologischen Funde von Noviomagus (Nijmegen), um den römischen Charakter seiner mitteldeutschen und polnischen Funde abzulehnen (Mellen 1679, S.  19  ff.). Archäologische Objekte

29 Er zitierte u.  a. Balthasar Bebel, Ole Worm, Saxo Grammaticus, Pomponius Mela, Prokop, Adam Olearius, Johannes Smetius, Jaen-Jacques Chifflet (Chifletius), Johannes Rhodius, Martin Friedrich Seidel, Pietro Gassendi (dasLeben des berühmten Sammlers Peiresc), Tacitus, Plinius und Petrus Albinus.

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werden niemals dafür eingesetzt, um die antike Literatur zu illustrieren. An einer Stelle bezeichnete er die Funde sogar als „testis“, d.  h. Zeugnis (Mellen 1679, S. 23  f.)30. Das nun erwachsene Interesse an der Publikation und Auswertung größerer Fundkomplexe kulminierte erstmals in einer Monographie, die zu einem großen Teil über das riesige Urnengräberfeld von Massel (Schlesien) handelt (Hermann 1711). Auch in England gewannen die archäologischen Funde an Gewicht. Der Erste, der einen größeren Urnenkomplex bearbeitete, war hier Thomas Browne (1658[1890], S.  237  ff.). Browne benutzte aber die Funde über die Tatsache der Brandbestattung hinaus nicht als Quellen, sondern nahm sie zum Anlass einer Abhandlung über antikes Bestattungswesen (siehe S. 106). Die ausschließlich empirische Vorgehensweise Jacob von Mellens aber teilten nicht alle Gelehrten im nordostdeutschen Sprachgebiet. Der wesentlich ältere Berliner Lehrer und Pfarrer Gotthilf Treuer erweist sich trotz Bemühens als weniger kritisch: „… wovon ich nur ein Wort gehöret / habe ich nicht nachgelassen / völlige Erkundigung einzuziehen / wie denn der günstige Leser bey keinen andern dieses / was er hier lieset / finden wird“ (Treuer 1688, Vorrede). Unter diesen Erkundigungen befanden sich aber noch unwiderlegte Wundergeschichten; Treuer bezog sich außerdem noch auf das Wort und nicht ausdrücklich auf Beobachtungen. Auch sein Schluss zeigt, dass ihm nicht bewusst war, dass diese nur in einer kontrollierten Versuchsanordnung beweiskräftig werden können, wie wir sie beispielsweise bei Michele Mercati finden (siehe Bd. 1, S. 350 und Taf. 2–3): „Die tägliche Erfahrung wird von allen bis hieher geführten Muthmassungen den richtigen Entscheid ertheilen / und was diese beglaubwürdiget / wird durch Gottes Gnade / allhier gelesen werden.“ Typische Beispiele für die noch überwiegend von schriftlichen Quellen abhängige Arbeitsweise bieten auch die etwas jüngeren Arbeiten von Olof Rudbeck (1679), Trogillus Arnkiel (1691[1702], Bd. 1, S. 169  ff.) oder Leonhard David Hermann (1711). Arnkiel ging zwar an einigen Stellen seiner Schriften auch empirisch vor, so an zahlreichen Stellen seines Abschnittes „Von denen Heydnischen Todten-Gräbern Unserer Vorfahren“ (Arnkiel 1691[1702], Bd.  3, S.  203  ff.) oder auch bei der Beschreibung des großen Goldhorns von Gallehus (Tondern). Hier verdankte er Ole Worm, den er verehrte, aber inhaltlich widerlegte, methodisch Vieles (Arnkiel 1691[1702], Bd.  2, Vorrede). Die folgende Auswertung der Bilder des Horns ist aber ein typisches Beispiel für das universale, unkritische Heranziehen von Erklärungsmodellen mit Hilfe von Analogien, deren Vergleichsparameter sich aus einer Mischung von Quellenbelegen, Mythen und Volksüberlieferung aus der ganzen Welt rekrutieren. Leonhard David Hermann begann seine Schrift von 1711 über die Geschichte seiner Pfarrei Massel und das im Töppelberg gefundene Urnengräberfeld mit einer weitschweifigen Abhandlung über das Bestatten an sich und enteilte nach einer

30 „Quos cum ipsis testis Tab. IV. num. 6. & 7. delineari fecimus“. Übersetzung: Diese ließen wir zum Zeugnis auf Tafel IV. Nummer 6 und 7 zeichnen.



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kurzen und oberflächlichen Beschreibung der Funde und der Fundstelle zu Vorstellungen vom Götzenkult, die nicht auf Fundauswertungen beruhten, sondern auf der heidnischen Antike und den Berichten der Missionare der Neuen Welt. Dabei vermischte er Beschreibungen der Funde und Befunde mit unhistorischen Analogien wie der des Misenus-Grabes aus der Aeneis, einer Stelle, die schon Nikolaus Marschalk und Ole Worm zitiert hatten: I. Der Töppelberg ist ein Sand-Berg / oder das heydnische Begräbnüß lieget in einem Sand-Berge. Die Heyden begruben gerne in und unter die Berge / weil sie glaubeten / die Götter und Seelen der Verstorbenen wohneten gerne in Bergen und Hügeln; Schefferius in Upsal. antiq. c. 18. p. 366. P. 366. AEneas begrub des Miseni am Ufer gefundenen Cörper unter einem hohen Berge / der auch nach seinem Namen also genennet wurde. Virg. 1.6 AEneid. v. 232 (Hermann 1711, S. 44  f.).

Ähnlich sprang er an anderer von Massel zu den antiken Kulturen: „Der Töppelberg lieget … an der öffentlichen Heer-Strassen / die von Massel gegen Trebnitz und Praußnitz zu gehet. Anfangs begruben Griechen und Römer …“ (ebd., S. 45). Der Mediziner und Freund Jodocus Hermann Nunninghs, Johann Heinrich Cohausen, äußerte sich dagegen kaum später ganz eindeutig für empirische Forschungen auch auf archäologischem Gebiet: „Sed Physicus sum, non credo, nisi videam“ und fuhr etwas später fort: „demonstratio quippe realis in rebus naturalibus fortior est omni syllogismo“ (Cohausen 1714, S. 9). Auch die protestantischen Pastoren Vater und Sohn Rhode gingen – trotz vieler Kuriositäten ihrer Publikation  – empirisch an die Untersuchung der Denkmäler, welche immer an erster Stelle der Betrachtung stehen; entsprechend sind auch die Cimbrisch=Hollsteinische Antiquitaeten-Remarques des Sohnes Rhode aufgebaut, besonders augenfällig bei der Untersuchung eines von den Findern einer Urne wahrgenommenen ‚ewigen Lichts‘. Hier versuchte Rhode eine Klärung durch eine chemische Analyse am Objekt (Rhode/Rhode 1720, S. 100  ff., S. 108). Johann Georg von Eckhart dagegen kompilierte aus der Sekundärliteratur und scheint nicht selbst empirisch mit archäologischen Quellen gearbeitet zu haben. Er zog sie aber für die Diskussion einer chronologischen Werkstoffabfolge immerhin heran und Scheidius nummerierte die Objekte auf den Tafeln V und VI nach ihrem Werkstoff (Eckhart 1750, S. 62, S. 81, S. 188; siehe S. 117)31. Einen entscheidenden weiteren Schritt machten an der Wende vom 17. zum 18. Jahrhundert in Frankreich Benediktiner, die sogenannten Mauriner der Kongregation von St. Maur, sowie die jesuitischen Bollandisten, deren Zentrum in Antwerpen lag. Ihre empirische Arbeit betraf vor allem schriftliche Quellen zur Ordensgeschichte und zur Geschichte der Heiligen. Vor allem den Heiligenleben galten die umfassenden Editionsunternehmungen der Bollandisten, die sich bemühten, das gesamte Schrifttum einer breiten Öffentlichkeit in wissenschaftlichen Editionen zugänglich

31 Zur Entstehungsgeschichte des Werkes und zur Autorenfrage siehe S. 19 und Anm. 20.

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zu machen. Mit diesen Unternehmungen, vor allem mit dem Rückgriff auf die Originalmanuskripte, stehen sie am Anfang der sich emanzipierenden Geschichtswissenschaft (Gasnault 1999, S. 15; Sawilla 2009, S. 103  ff., S. 264  ff., S. 270  ff.; siehe auch S. 63, S. 134). Auch die Arbeit mit archäologischen Quellen profitierte von dieser Bewegung: Der Mauriner und Spezialist für Paläographie Bernard de Montfaucon entwarf ein umfangreiches, enzyklopädisches Werk zum Altertum (Montfaucon 1719–24; LamingEmperaire 1964, S.  70, S.  77, S.  80; Schnapp 1993[2009], S.  255–259; Gasnault 1999, S. 208), in dessen Mittelpunkt die Denkmäler der klassischen Kulturen im Wesentlichen aufgrund von älteren Darstellungen stehen. Er hatte eine dreijährige Reise durch Italien unternommen, um sein Material zusammen zu tragen und dieses dann durch französische und andere europäische Monumente und Objekte ergänzt. Man kann deshalb von dem Versuch einer umfassenden Materialvorlage sprechen. Die Sachkultur steht im Vordergrund. Ein früherer, ebenfalls vom Bildmaterial ausgehender Entwurf von Cassiano dal Pozzo, das Museo Cartaceo, war nicht vollendet worden (Herklotz 1999, S. 240  ff.). Die Idee des Corpus, der umfassenden Quellensammlung, findet man jedoch schon vom 15. Jahrhundert an z.  B. in den Inschriftensyllogen des Gian Francesco Poggio Bracciolini oder jenseits der Alpen bei Petrus Apianus und Bartholomaeus Amantius (1534) und Jan Gruter (1602) (siehe Bd.  1, S.  212). Durchaus in der Nachfolge von Pirro Ligorio und Cassiano dal Pozzo reduzierte Montfaucon seine Arbeit auf die Objekte und ihr Äußeres: … je réduis dans un corps toute l’antiquité: par ce terme d’antiquité j’entends seulement ce qui peut tomber sous les yeux, et ce qui se peut représenter dans les images … je conseille au lecteur de ne point courir en lisant, de se donner de loisir de bien considérer les image, de les comparer entre elles … (Montfaucon 1719–24, Bd. 1,1, S. VI).

Bei Interpretationen und Kontexten hielt er sich dagegen zurück. Der eigentliche Hauptfokus seiner Texte lag in der Beschreibung. So erklärte er, wohl ursprünglich aus einer platonischen Geisteshaltung, die Bilder bzw. Objekte durch Worte, d.  h. er beschrieb und kommentierte sie und maß ihnen ausdrücklich einen eigenen Wert bei. Ur- und frühgeschichtliche Funde behandelte er allerdings nur selten und aus der Sekundärliteratur, wie z.  B. Megalithgräber und Stonehenge überwiegend nach dem schon erwähnten Johann Georg Keyssler, der ebenfalls nur kompilierte, z.  B. Inigo Jones (Montfaucon 1719–24, Bd. 5,1, S. 147  ff.; Laming-Emperaire 1964, S. 95)32. Unter diesen Megalithen befand sich auch die 1685 ausgegrabene Allée couverte von Cocherel (Normandie), deren Untersuchung in Frankreich einen späten und verzögerten

32 Wie wenig Präzision Montfaucon für die Abbildungen und Beschreibungen dieser Funde aufwendete, zeigt die doppelte Behandlung von Stonehenge (Montfaucon 1719–1724, Supplement 5, S.  148 d, Taf. 64 = http://digi.ub.uni-heidelberg.de/diglit/montfaucon1724d/0288/image?sid=1eaa3 9dac9fadf93b345db2757690b08, S.  150 b, Taf. 66 = http://digi.ub.uni-heidelberg.de/diglit/montfaucon1724d/0294/image?sid=1eaa39dac9fadf93b345db2757690b08, besucht am 30. 12. 2014.



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Anfang für die Erforschung der Urgeschichte auf der Grundlage von archäologischen Funden markiert. Montfaucon erkannte offenbar die Bedeutung der Grabung, und es wurde überwiegend sein Verdienst, dass die Ergebnisse der Untersuchung Verbreitung fanden (siehe S. 140). Sein Text ist gleichzeitig wie der Bericht des Pfarrers von Cocherel erschienen, den Pierre Le Brasseur 1722 abgedruckt hat. Er ist unabhängig von diesem und geht direkt auf den Initiator der Untersuchung, den adeligen Präfekten M. de Cocherel zurück, mit dem der Autor befreundet war (L’Abbé de Cocherel (1685[1722]), S. 172  ff.; Montfaucon 1719–24, Bd. 5,2, S. 194  ff.). Den ältesten publizierten Bericht des nach England emigrierten Hugenotten Henry Justell erwähnte Montfaucon nicht (Justel 1686[1705]). Fast alle dieser Forschungen galten Grabfunden oder auch Heiligtümern unbekannter Funktion. Eine dokumentierte Prospektion in einer nichtrömischen Siedlungsanlage im deutschen Sprachgebiet unternahm erst 1725 der Pfarrer Mildahn von Zudar im Burgwall Garz (Rügen). Man suchte hier die in schriftlichen Quellen erwähnte Stadt Karentia oder Charenz, wo ein Fürstensitz gewesen sein sollte. Mit einer aus den Bürgermeistern und dem Richter bestehenden Kommission fertigte man ein Protokoll über das weithin sichtbare mittelalterliche Denkmal an, das außerdem leicht zugänglich am Rande der damals schwedischen Stadt Garz lag und deshalb immer wieder bei Arbeiten berührt worden war – so kam es sogar zu einer Wiederverwendung der zugespitzten Holzpfähle (Gummel 1938, S.  45; Herrmann/Donat 1979, S. 56–57 [P. Herfert])33. Grundsätzlich geht es aber auf die Entdeckung der verschütteten Städte am Vesus und ihrer Fülle an Funden zurück, dass Siedlungen als Quellen im 18. Jahrhundert mehr Interesse fanden als vorher. Gerade auch Funde wie die Bibliothek der Casa dei papiri in Herkulaneum 1750 machten die Öffentlichkeit auf die Chancen archäologischer Grabungen aufmerksam. Zunächst schien das so unwahrscheinlich, dass man die Berichte gar nicht glauben mochte (Richter 2005, S. 183  ff.). Mit Herkulaneum und Pompeji waren die archäologischen Quellen in der Wirklichkeit angekommen. Die Untersuchungen dieser Städte wurden zu einem königlichen Großunternehmen mit Gründung eines eigenen Museums vor Ort, dem Museo Herculanese, und einer eigenen Akademie zur Edition der Funde – zur Restauration der Papyri baute man eigene Apparaturen (Luzón 2010, S. 211–213). Trotz der Anstrengungen des Königs von Neapel und Spanien Carlos III. ging jedoch von den verschiedenen groß angelegten Grabungsphasen kein grundsätzlicher Impuls für die Auswertung archäologischer Quellen und die Grabungsmethoden aus (Schnapp 1993[2009],

33 Abdruck des Kommissionsberichtes: Schwartz, Albert Georg von (1755): Diplomatische Geschichte der Pommersch-Rügenschen Städte Schwedischer Hoheit nach ihrem Ursprung und erster Verfassung. Nebst angehängter Historie der pommerschen Grafschaft Gützkow, S. 575–582. Greifswald. = https:// books.google.de/books?id=JNhAAAAAcAAJ&pg=PA838&hl=de#v=onepage&q&f=false, besucht am 26. 10. 2016.

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S. 265  ff.). Die Ansicht, es habe sich hier um die ersten wissenschaftlichen Ausgrabungen gehandelt (Rumpf 1953, S. 60), ist deshalb abzulehnen, abgesehen davon, dass es frühere Beispiele für einen wissenschaftlichen Grabungsansatz gibt (siehe Bd. 1, S. 206, S. 208, S. 221, S. 292; hier S. 176). Um die Mitte des 18.  Jahrhunderts standen in dem Werk Alsatia illustrata von Johann Daniel Schoepflin (1751) in den Abschnitten zur Landesgeschichte der keltischen und römischen Zeit die schriftlichen Quellen noch immer ganz im Vordergrund. Ihre Schilderung und Interpretation bestimmte die Auswahl der archäologischen Quellen. In diesem Werk findet man aber bedeutende Ausnahmen bei der Behandlung der römischen Zeit, denn Schoepflin konnte diese Quellen schon sicher identifizieren (siehe S. 72)! Ähnlich wie schon lange vor ihm für Aventinus, aber mit ungleich größerer Sicherheit wurden die identifizierten Denkmäler für den Historiker zu historischen Quellen. Wenig später bekannte sich auch Johann Joachim Winckelmann zur empirischen Beobachtung archäologischer Objekte und thematisierte die Problematik von Hypothesen: In dieser Geschichte der Kunst habe ich mich bemüht, die Wahrheit zu entdecken … Ich habe alles, was ich zum Beweis angeführt habe, selbst und vielmal gesehen und betrachten können … Ich habe mich mit einigen Gedanken gewagt, welche nicht genug erwiesen scheinen können … Mutmaßungen, aber solche, die sich wenigstens durch einen Faden an etwas Festem halten, sind aus einer Schrift dieser Art ebensowenig als die Hypotheses aus der Naturlehre zu verbannen … Unter einigen Gründen, welche ich von Dingen, die nicht klar wie die Sonne sind, angebracht habe, geben sie einzeln genommen, nur Wahrscheinlichkeit, aber gesammelt und einer mit dem anderen verbunden, einen Beweis (Winckelmann 1764[1934], S. 18).

Gleichzeitig zu Winckelmann grub in England der Geistliche Bryan Faussett 1757–1773 verschiedene Nekropolen in Kent aus. Die über 600 teilweise beigabenreichen Gräber beschrieb er minuziös, wobei er die gesamten Grabausstattungen, die Lage im Grab und sogar organische Reste vermerkte. Er konnte damit die Grundlage für die Archäologie der Angelsachsenzeit legen34. James Douglas baute auf ihm auf und verwendete sein Material35. Sehr klar äußerte er sich ein Jahr nach der französischen Revolution zur archäologisch-empirischen Methode, die er in seiner Arbeit auch systematisch anwandte. Um ein sauberes Vorgehen zu erreichen, und – wie er erklärt, Anmerkungen zu sparen – begann er sein Werk mit der Deskription der Funde und interpretierte am Ende, ein Vorgehen, dass so vor ihm nur wenigen Gelehrten wie Michele Mercati und Jacob von Mellen gelungen ist. Besondere Bedeutung muss dabei dem indirekt beschriebenen Erkenntnisprozess von Beobachtung (eye) und verstandesmäßigem Schluss (reason) zugewiesen werden (Douglas 1793, S. V).

34 Sein Werk wurde erst 1856 durch Charles Roach Smith publiziert (Faussett 1757–1773[1856]). 35 Zum Verhältnis beider siehe Wright 2015, S. 200  ff.



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In Frankreich scheint sich die Einsicht der Notwendigkeit einer flächendeckenden Grabungsarchäologie für die Gewinnung der archäologischen Denkmäler als historische Quellen der urgeschichtlichen wie der historischen Zeit erst am Ende des 18.  Jahrhunderts durchgesetzt zu haben. Pierre Legrand d’Aussy sorgte sich nicht nur um ihre Organisation, sondern zeigte auch, zu welchen Ergebnissen man durch die Systematisierung der Funde kommen konnte (Laming-Emperaire 1964, S.  102, S. 100  f.; Schnapp 1993[2009], S. 299  ff.). Zusammenfassend kann man sagen, dass es seit der zweiten Hälfte des 17. Jahrhunderts zunehmend zu einer Bewusstwerdung der Eigenheit der archäologischen Quellen kam, und das in allen archäologischen Bereichen.

1.3.2 Denkmalschutz Das wachsende Interesse an der Bedeutung archäologischer Quellen führte in Skandinavien etwa 200  Jahre nach den ersten päpstlichen Versuchen für Rom zu einer Entwicklung der Denkmalpflege. Wie bei der Errichtung des Antiquarsamtes war Schweden auch in dieser Hinsicht fortschrittlich. Das oben schon erwähnte, anlässlich der Gründung des Antiquitäten-Kollegiums 1666 erlassene Gesetz sah schon die Entschädigung des Finders vor (Klindt-Jensen 1975, S.  26  f.). Eine Rolle spielten in diesem Zusammenhang der Reichsantiquar Olof Verelius und Johan Hadorph. Verelius beklagte nicht nur die Unkenntnis der Runendenkmäler, sondern sogar die mutwillige Zerstörung von Runensteinen, weil man der Meinung sei, diese schadeten dem Christentum: „rei Christianae obesse“ (Verelius 1675, S. 1). Hadorph setzte im Jahre 1676 Staatsbeamte für die systematische Erforschung und Publikation von Denkmälern ein (Klindt-Jensen 1975, S. 28). Das Gesetz aber bezog sich nicht nur auf die Runensteine, sondern auf die Gefährdung der archäologischen Denkmäler überhaupt wie Dolmen, Grabhügel oder Befestigungsanlagen (Klindt-Jensen 1975, S. 27). In anderen europäischen Gebieten entstanden Schweden entsprechende Schutzmaßnahmen erst wesentlich später. Wie auch das Antiquarsamt sich in Dänemark nicht etablieren konnte, so wurde ein Gesetz zum Denkmalschutz erst 1734 erlassen und 1752 auf den Stand des schwedischen Gesetzes angehoben (Klindt-Jensen 1975, S. 34). Auch die niederländische Provinz Drenthe folgte 1734 (Bakker 2010b, S. 62). In Preußen gehen die Anfänge immerhin bis in die Zeit Friedrichs I. zurück, als im Jahre 1712 eine Bestimmung zur Vorlage von Altertümern und anderen wichtigen Informationen aus den Gemeinden erlassen wurde (Schwarz 1972/73, S. 133). 1804 wurde das erste Denkmalschutzgesetz auf deutschem Sprachgebiet durch Großherzog Friedrich Franz I. von Mecklenburg-Schwerin erlassen (Jacob-Friesen 1928, S. 98; siehe S. 246). Wie man im Frankreich der zweiten Hälfte des 17. Jahrhunderts mit archäologischen Denkmälern verfuhr, zeigt der Fall der Allée couverte von Cocherel (Normandie) sehr deutlich. Zwar bestanden durchaus Skrupel, Steinmaterial historischer Denkmäler sekundär zu verwenden und sie dafür abzubauen, die Kriterien für ein

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prähistorisches Denkmal aber mussten erst gefunden werden. Da der Grundherr von Cocherel abklären wollte, ob er die merkwürdigen Steine auf seinem Gut entfernen durfte, beauftragte er eine Gerichtskommission u.  a. aus namhaften Juristen und einem Mediziner mit einer Grabung, die man sowohl textlich als auch bildlich dokumentierte (L’Abbé de Cocherel 1685[1722], S.  172  ff.). Als Ergebnis wurde jedoch das Steinmaterial freigegeben, da keine Inschriften oder irgendwelche Hinweise auf das Christentum der Bestatteten gefunden worden waren.

1.3.3 Prospektionen und systematische Fundaufnahmen Seit der Mitte des 17. Jahrhunderts lassen sich jedoch in den verschiedensten Gebieten Europas systematische Prospektionen archäologischer Funde in größerem Stil nachweisen. Am Anfang dieser Entwicklung steht im Norden die Tätigkeit von Ole Worm 1622 (Randsborg 1994, S. 142; siehe S. 128). Die Rezeption seiner Danicorum monumentorum libri sex erlaubte Johann Daniel Major 1692 eine Bemerkung zur Häufigkeit der Megalith- und Hügelgräber in Skandinavien und in Jütland. Für Jütland rechnete er mit mehr als „1. 2. oder 3. Tausend dergleichen Grab=Hügel“ (Worm 1643; Major 1692, S. 34). Zwischen 1665 und 1693 arbeitete John Aubrey an einer systematischen Landesaufnahme in Wessex, die er auch teilweise kartierte (Aubrey 1665–1693[1980–82], Bd. 1, S. 594  f.). Das zweite Zentrum seiner Tätigkeit lag in Wiltshire um Stonehenge und Avebury. Hier verband er archäologische Landesaufnahme und naturkundliche Landesbeschreibung (Aubrey 1656–1691[1847]). Da er auch Befragungen auswertete und vermessungstechnisch auf der Höhe seiner Zeit stand, konnte er die durch John Leland und William Camden begonnenen landesgeschichtlich-topographischen Werke erfolgreich fortführen (Piggott 1978, S. 17; Briggs 2012, S. 82–84). Wie Leland gelang ihm aber keine unmittelbare Veröffentlichung. Aubrey hatte die Hydriotaphia Thomas Brownes und vor allem die Danicorum monumentorum libri sex Ole Worms und die Atlantica Olof Rudbecks rezipiert und exzerpiert. Worm hat seine Methode stark beeinflusst – auch der Titel Monumenta Britannica zeigt dies mit seiner Anspielung an dessen Werk deutlich (Aubrey 1665–1693[1980–82], Bd. 2, S. 728  ff., S. 854– 862, 864–866). Glyn Daniel nannte ihn „the father of field archaeology“ (Daniel 1975, S. 19, S. 31). William Stukeley setzte seit 1710 diese Arbeit mit archäologischen Exkursionen fort, die er zusammen mit seinen Freunden unternahm und textlich wie zeichnerisch dokumentierte. Die Genauigkeit der Geländeaufnahmen krankte vor allem daran, dass bis zur zweiten Hälfte des 18. Jahrhunderts kaum wirkliche Fachleute hinzugezogen wurden. Aubrey und Stukeley verwendeten aber schon einen Messtisch und damit ein zeitgenössisch professionelles Instrument zur Triangulation (Piggott 1978, S. 40). In der zweiten Auflage seines Itinerarium Curiosum, die 1776 erst nach seinem Tod erschien, wurden allerdings auch eine Reihe von Stichen abgedruckt, die nicht



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von ihm stammten und deshalb nicht als Zeugnisse seiner Vermessungskunst und seiner Reisen gewertet werden können (Stukeley 1724; Piggott 1950[1985], S.  36  f.; Haycock 2002, S. 110  ff.; Briggs 2012, S. 86  f.). Auch in Frankreich entstanden während der zweiten Hälfte des 17. Jahrhunderts die ersten Landschaftsinventare. Sie gehörten zum Aufgabengebiet der schon oben erwähnten Petite Académie. Zunächst sammelte man aber entsprechend der französischen Tradition nur römische Monumente, vorwiegend Inschriften und Münzen. Erst am Anfang des 18. Jahrhunderts kamen auch gallorömische Fundstellen hinzu (Laming-Emperaire 1964, S. 64  f.). Gleichzeitig finden sich auch im deutschen Sprachgebiet systematische Fundaufnahmen. Im Jahre 1691 stellte der Aufklärer Gottfried Wilhelm Leibniz ähnlich wie schon 1622 Ole Worm in Dänemark Fragen vor allem zur Auffindung alter Gräber. Man kennt diese allerdings nur indirekt durch eine Antwort, die in einem Brief Georg Friedrich Mithoffs an Leibniz erhalten ist: 1. „ob sich in hiesiger gegend woll urnae sepulcrales finden“, 2. „ob sie in der ebene oder in hügeln gefunden werden?“, 3. „wie dieselbe beschaffen“,4. „was vor antiquitäten in hiesiger gegend seyn?“ und 5. „vvas nemlich für singularitäten in rebus naturalibus zu finden“36. Die mittel- und ostdeutschen sowie polnischen Urnengräber kamen dagegen überwiegend bei der Landwirtschaft durch Zufall ans Licht. Interessierte Gelehrte verfolgten diese Arbeiten aber aufmerksam und standen als Ansprechpartner im Fall einer archäologischen Entdeckung zur Verfügung. Das bedeutet aber nicht, dass sie bei den folgenden Ausgrabungen schonend mit den Funden umgegangen wären (siehe S. 55). Leonhard David Hermann stellte für die Urnengräber im Töppelberg bei Massel eine ganze Reihe von sowohl für die Auffindung als auch für die Quellenkritik nützlichen Beobachtungen zusammen. Sie zeigen, dass sich der Pfarrer mit diesen Problemen intensiv und interdisziplinär beschäftigt hat. So begann er mit dem sprechenden Namen Töppelberg und beschrieb die Form des Hügels, die Beschaffenheit und Lage (Hermann 1711, S. 3). Dagegen fällt auf, dass in der Publikation des Sohns Andreas Albert Rhode ausschließlich gut sichtbare „tumuli“ und deren Funde behandelt werden, interessanterweise mit dem uns schon seit Nikolaus Marschalk geläufigen Motto aus der Aeneis, das Rhode in dichterischer Freiheit locker übersetzte „ingentem mole sepulchrum imponit, suaque arma viro – Grosse Hügel hat man pflegen solchen Todten aufzulegen“ (Rhode/Rhode 1720, S. 97  ff.; siehe S. 56 und S. 93). Ähnlich wie Leonhard David Hermann machte sich auch um die Mitte des 18. Jahrhunderts der Professor für Geschichte in Straßburg Johann Daniel Schoepflin Gedanken über die Bedingungen zur Auffindung von nicht sichtbaren archäologi-

36 Leibnitii, Godofr. Guilelmi, Collectanea etymologica … cum praefatione Jo. Georgii Eckharti, T. II, Hannover 1717, S. 335–337; Gummel 1938, S. 101, modernisiert.

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Abb. 7: Karte des Elsass in römischer Zeit bis zum 5. Jahrhundert. Schoepflin, zu S. 123. © Barbara Sasse, Michael Kinsky, RGK.



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schen Denkmälern. Auf einer Karte des Oberrheingebietes bis zum 5. Jahrhundert nach Christus verzeichnete er: „loca recentiora ad sitium aliorum cognoscendum idonea“ (Schoepflin 1751, zu S. 123; hier Abb. 7). Auch Johann Christian Dünnhaupt veröffentlichte Empfehlungen, wie man Gräber auffinden könnte, so durch das Studium der Wald- und Flurnamen und die Beobachtung von Hügeln (Dünnhaupt 1778, S. 240  f.). Beide schlossen von zeitgenössischen Gegebenheiten auf Vergangenes. Dabei zogen sie schon Veränderungen der Landschaft unterschiedlicher, auch anthropogener Art in Betracht (Dünnhaupt 1778, S. 242  f.). Obwohl Spanien sich in der Zeit Philipps II. mit den Relaciones topográficas de los pueblos de España hinsichtlich der systematischen Aufnahme seiner Denkmäler an die Spitze Europas gesetzt hatte, konnte es diese Position nicht halten. Erst mehrere Jahrzehnte nach Gründung der Real Academia de la Historia unternahm man ab 1752 auf königliche Ordre hin eine weitere systematische Landesaufnahme in mehreren Reisen, mit denen das Akademiemitglied Luis José Velázquez, der spätere Marquéz de Valdeflores, beauftragt wurde (Canto 1994, S. 500). Der Pfarrer Bryan Faussett befragte auf seinen Reisen in Kent in den Fünfzigerbis Siebzigerjahren des 18. Jahrhunderts die Anwohner konsequent nach archäologischen Funden und bekam so Kenntnis von zahlreichen zufällig entdeckten Fundstellen, die er dann weiter untersuchte (Faussett 1757–1773[1856], S. 1).

1.3.4 Grabungen und Grabungstechnik Vor allem in Italien und Süddeutschland lassen sich bis 1630 schon zahlreiche Grabungen verzeichnen. Überwiegend fehlte ihnen jedoch noch eine annähernd exakte Dokumentation. Das Bewusstsein, dass Schichtbeobachtungen und Zusammenhänge wichtig sein konnten, musste sich erst bilden. Gelegentlich wurden aber vom Ende des 16. Jahrhunderts an schon größere Fundkomplexe als Einheit betrachtet. Dabei holte in dieser Zeit auch der Norden Europas auf (siehe Bd. 1). Wenn auch in den Danicorum monumentorum libri sex des Ole Worm hauptsächlich oberirdische, sichtbare Denkmäler beschrieben und gedeutet werden, wird im Kapitel über den Bestattungsritus – „De sepeliendi ritibus“ – doch ausdrücklich auf Ausgrabungen Bezug genommen. Worm hatte allerdings nicht selbst ausgegraben, sondern griff wie im Fall eines Hügelgrabes von Egerup (Seeland) auf Ergebnisse seines Schwagers, des Mediziners, Professors und Rektors Magnificus der Kopenhagener Universität Caspar Bartholin, des Vaters von Thomas Bartholin dem Älteren zurück. Außerdem nannte er den Fundort, den Anlass und das Motiv der Grabung sowie die Funde, deren Verbleib und die Probleme der Restaurierung: „Effossam aliquantulum terram, invenit urnam ex cerulea confectam argilla, cui inclusi cineres et ossium combustorum fragmenta. Quae ad nos detulit, mihique et ollae frustum, et costae partem dono dedit, quae inter rariora mea possideo. Urna detecta dissiliit in frusta, mollis enim erat, sed aeri aliquantulum exposita fragmenta, debitam acqui-

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siverunt duritiem“  … (Worm 1643, S.  41  f.). Durch die Beobachtung der Funde und Fundumstände gab es außerdem hinsichtlich der Interpretation als Brandgrab nicht den geringsten Zweifel. Nach dem Ende des Dreißigjährigen Krieges gewannen Ausgrabungen nördlich der Alpen eine eigene wissenschaftliche Dimension. Erwähnung verdienen die ersten Untersuchungen ganzer Gräberfelder oder zumindest großer Teile von ihnen, zeigen sie doch das von der zweiten Hälfte des 17.  Jahrhunderts an beginnende Bewusstsein für Fundzusammenhänge. Die ersten dieser Grabungen standen noch ganz im Zeichen der Legende von den selbstwachsenden Töpfen und ihrer Widerlegung vor 1630 (siehe S.  175  f.). 1650 grub man bei Old Walsingham in Norfolk ein Urnengräberfeld mit 40 bis 50 Urnen aus. Thomas Browne erhielt durch einen dort ansässigen Freund Kenntnis von den Funden und räsonierte über sie in der Hydriotaphia, ohne aber einen eigentlichen Grabungsbericht zu geben (Browne 1658[1890], S.  237  ff.; Schnapp 1993, S. 197; siehe S. 106). Von überragender Bedeutung für den weiteren Forschungsgang war dagegen die Entdeckung des Childerichgrabes in Tournai 1652. Nachdem die reichen Funde zufällig bei Bauarbeiten an der Kirche St. Brictius von einem angeblich von Geburt aus tauben und stummen Maurer entdeckt worden waren, wurden der Dekan der Kirche und später der Magistrat der Stadt Tournai eingeschaltet. So bekam auch der münzkundige Kanonikus Jule Chifflet, der zu diesem Zeitpunkt in Tournai lebte, Kenntnis des Grabfundes. Dieser informierte umgehend seinen Vater Jean-Jacques, der in seiner Publikation versuchte, die Auffindungsgeschichte und die Lage der Fundobjekte so detailliert wie möglich nach den Berichten der Anwesenden zu rekonstruieren (Chifflet 1655, S. 37  ff.). Das zeigt, dass ihm die Bedeutung dieser Beobachtungen durchaus bewusst war. Keiner, der bei der Bergung anwesend war, kam jedoch auf den Gedanken, eine Fundskizze anzufertigen, und auch Chifflet versuchte nicht, nachträglich wenigstens die Lage der Funde darzustellen. Dagegen verwendete er große Sorgfalt für die Abbildungen und die Interpretation der Fundstücke. Die Grabungen dieser Zeit litten nicht nur darunter, dass die Techniken für das Vorgehen erst entwickelt werden mussten. Die Übung zur Beobachtung und geeignete Maßstäbe zur Beurteilung des Beobachteten fehlten auch bei eigentlich empirisch arbeitenden Forschern. Etwas anders wird das erst am Ende des 17. Jahrhunderts, als erstmals stratigraphische Überlegungen und Diskussionen zur Grabungstechnik publiziert wurden. Eine unmittelbare Anwendung der stratigraphischen Ausgrabungsmethode mit einer entsprechenden Bodenbeobachtung, aber ohne eine chronologische Fragestellung findet sich in dem vor 1684 verfassten handschriftlich erhaltenen Werk des Jesuiten Alexander Wiltheim, das nur durch das Todesjahr des Autors als Terminus ante quem vor 1684 datiert ist und erst im 19. Jahrhundert gedruckt wurde. Wiltheim folgte hier Nicolas Bergier, der schon vor 1622 Vitruv und Plinius durch Grabung nachgeprüft und eine Schichtabfolge im römischen Straßenaufbau festgestellt hatte (siehe Bd. 1, S. 223). Auf einer Skizze stellte er nach Bergier den Querschnitt durch eine römische Straße mit vier Schichten dar, die er mit Glarea  – Kies, Ruderatio  –



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Mörtel, Nucleus – dem Kern und Statumen – Stickung – bezeichnete. Zwei Maßstabsleisten geben den Luxemburger Fuß an (Binsfeld 2000, S. 27, Abb. 2)37. Eine wichtige weitere Spur führt nach Leiden und nach Oberitalien, wo der Mediziner Nikolaus Stensen, gen. Steno seit 1666 im Großherzog der Toscana Ferdinand von Medici einen Patron für seine Forschungen gefunden hatte (Kardel/Maquet 2013, S. 1). Im Jahre 1669 formulierte er in seinem Werk De solido intra solidum naturaliter contento dissertationis prodromus das Altersgesetz der Schichten. Hier stellte er fest, dass jede Schicht jünger als ihr Liegendes und älter als ihr Hangendes sein müsse (Wagenbreth 1999, S. 53). Diese Arbeit von Steno übte großen Einfluss auf den nur wenig älteren Olof Rudbeck aus. Er wurde zum eigentlichen Erfinder der archäologischen Grabungsmethode und ihrer Dokumentation. Sein Grabungspensum scheint enorm gewesen zu sein. Er sprach selbst davon, 16000 Grabhügel untersucht zu haben (Rudbeck 1679, 6,5, S. 133). Dabei arbeitete er mit Stenos Methode und wandte den vertikalen Schnitt an. Allerdings werden in seiner Atlantica nur wenige seiner Ausgrabungen wie die Hügel von Häggeby und die von Uppsala behandelt (Rudbeck 1679, Tafelband Tab. 3, Fig. 3–5, 7, Tab. 9, Fig. 27, Tab. 31, Fig. 104 und 107; hier Abb. 8–9). Die Königshügel von Uppsala standen im Zentrum seines Werkes. Um die Bedingungen der Schichtenbildung und ihre Dauer festzulegen, suchte er historisch rezente Objekte mit sicherer Datierung in der Umgebung, wie die Schlossgärten. Die Mächtigkeit der Humusbildung in den Stratigraphien maß er dann mit einem eigens dafür entworfenen Maßstab, dessen Einteilung in zehn Kompartimente von je einem Zoll das Ergebnis der Beobachtungen der historisch sicher datierten Schichtbildungen war – ein interessanter und an sich methodisch einwandfreier Ansatz (Rudbeck 1679, 6,6, S. 134–136; hier Abb. 10, rechte Kolumne). In den vier Kolumnen der Abbildung stellte er vier verschiedene Stratigraphien gegeneinander und deutete in ihnen die verschiedenen Böden wie Sand, Kies, verschiedene Humusarten und in der linken Kolumne den Schnitt durch die Mitte eines Grabhügels mit der Lage der Funde durch Muster an. Dabei erscheint es unwichtig, dass er den Anfangspunkt seiner Messlatte bei der Sintflut ansetzte und sich in der chronologischen Regelmäßigkeit von Schichtbildungen irrte (siehe S. 133). Insgesamt ist es höchstwahrscheinlich, dass Rudbeck nicht nur als Erster die Stratigraphie, sondern auch Methoden der Bodenbeobachtung und des vertikalen Schnittes in der Archäologie mit chronologischer Fragestellung eingesetzt hat.

37 Wilthemius, Alexander (1842): Luciliburgensia sive Luxemburgum Romanum: Opus posthumum a med. doctore Aug. Neijen … nunc primum in lucem editum, S. 96, Taf. 9, Abb. 23 und 24. Luxemburg. = http://www.mdz-nbn-resolving.de/urn/resolver.pl?urn=urn:nbn:de:bvb:12-bsb10224935–4. Mit Abbildungen: https://books.google.be/books?id=r5FbAAAAQAAJ&printsec=frontcover&hl=nl&sour ce=gbs_ge_summary_r&cad=0#v=onepage&q&f=false. Besucht am 15. 8. 2015.

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Abb. 8: Ansicht eines Großhügels, Schnitt durch den Großhügel und einen kleinen Hügel, Häggeby, Skuttunge socken oder Uppsala (Uppland, Schweden). Der obere Hügelschnitt soll in der Mitte Leichenbrand und Holzkohlereste in einer Steinpackung zeigen, der untere Hügelschnitt Urnengräber. Rudbeck 1679, 24,4, S. 652, Tafelband Tab. 3, Fig. 4–5. Fig. 6 nicht zugehörig. © Barbara Sasse, Michael Kinsky, RGK.



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Abb. 9: Landschaftsansicht von Häggeby, Skuttunge socken mit dem Grabhügelfeld und drei Großhügeln (Uppland, Schweden). Den Namen des Grabhügelfeldes Skytehogar wertete Rudbeck als Beweis für eine Herkunft aus Skythien und schloss auf ihr hohes Alter. Die drei Hügel enthielten Knochen und Asche. Rudbeck 1679, 10,3, S. 446, S. 459  f., Tafelband Tab. 3, Fig. 7. © Barbara Sasse, Michael Kinsky, RGK.

Über die Grabungstechnik 1685 in Cocherel (Normandie) kann man nach dem von Henry Justell vorgetragenen Bericht immerhin sagen, dass das hochkarätige Grabungsteam der Untersuchungskommission die Lage der einzelnen Funde genau beschrieben, die Steine nummeriert und gemessen sowie Skizzen von Funden und Befunden angefertigt hat38. Man hat auch den Hügel geschnitten, das in ihm liegende Galeriegrab geöffnet und auf die Lage einzelner Funde geachtet. Auch eine Grube mit Brandbestattungen wurde erkannt und Fundzusammenhänge dokumentiert. Darüber hinausgehende stratigraphische Beobachtungen, wie sie sich schon bei Olof

38 Der Jurist Justell war ein französischer Hugenotte, ehemaliger Sekretär Ludwig XIV., nach der Aufhebung des Edikts von Nantes nach England emigriert und auch dort im Staatsdienst (Dictionary of National Biography, 1685–1900, 30 [Marzials, Frank Thomas].

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Abb. 10: Stratigraphien von Uppsala (Schweden). Rudbeck 1679, 6,6, S. 134  ff., Tafelband Tab. 31, Fig. 104. Von rechts nach links: 1. Maßstab, 10 Zoll in Zehnerabschnitten. 4. Kolumne von links, ungestörtes Profil im Schlamm. A: Steine und Kiesel vor Bildung der Humusschicht. B: Humus unterschiedlicher Schwärze und Zusammensetzung, 9 ½ Zoll. 3. Kolumne von links, ungestörtes Profil in der Ebene. C: Sand vor Bildung der Humusschicht (Sintflut). Darüber parallel zu 1. Humusschicht, 9 ½ Zoll. 2. Kolumne von links, anthropogen durch Viehhaltung beeinflusste Schichtbildung. D: Kies. E: Humus mit Sand- und Kieseinschlüssen. 1. Kolumne von links, Schnitt durch eine Grabhügelmitte – die darunterliegende natürliche Bodenbildung ist nicht dargestellt. bb: Grabhügelkörper mit Kies und Leichenbrand, a: Köcher mit Eisenpfeilen, c: Dolch. dd: Humusbildung über dem Grabhügel von 3 Zoll. © Barbara Sasse, RGK.



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Rudbeck finden, fehlten aber noch, so dass durch die Grabung kein weiterer Aufschluss über das Verhältnis der Körper- zu den Brandbestattungen gefunden werden konnte und man zu einem Fehlurteil kam (Justell 1685[1686], S. 221–226 und Abb. 182; L’Abbé de Cocherel 1685[1722], S. 172  ff.; Montfaucon 1719–24, Bd. 5,2, S. 194–197; siehe S. 133 und Abb. 24). Zeitgleich, aber wohl unabhängig und auch nicht von Skandinavien beeinflusst begann man auch in den Niederlanden, in Megalithgräbern zu graben, erreichte aber erst Mitte des 18. Jahrhunderts das Dokumentationsniveau von Cocherel (Bakker 2010b, 35  f., S. 74, Abb. 18). In der auf Olof Rudbeck unmittelbar folgenden archäologischen Literatur löste dessen Arbeit Diskussionen zum richtigen Vorgehen bei einer Grabung aus, so bei Gotthilff Treuer aus Frankfurt a. d. Oder, der auf unterschiedliche Bodenfarben aufmerksam machte und diese auch interpretierte (Treuer 1688, S. 11  f.). Er rezipierte Rudbecks Werk in seiner Veröffentlichung von etwa 100 Tongefäßen aus Brandgräbern der Mark Brandenburg, die er selbst in sandigem Boden untersucht hatte. Deshalb lehnte er auch Rudbecks Idee mit dem Argument ab, dass nicht überall Moos wachse (Treuer 1688, S. 22). Auch Johann Daniel Major machte sich Gedanken über die Art der Ausgrabung und bildete zwei Formen der Untersuchung von Grabhügeln ab, ein in die Mitte eingegrabenes Segment oder einen vertikalen Schnitt. Er habe beide Methoden anwenden wollen, aber nur den vertikalen Schnitt ausgeführt (Major 1692, S. 59). An anderen Stellen zitierte er wie Gotthilff Treuer vor ihm den ersten Band von Rudbecks Werk (Rudbeck 1679; Major 1692, S. 112, S. 17, S. 20, S. 31). Sicher kann man aus den Beschreibungen Majors schließen, dass er auch ein Grabungstagebuch führte, in dem er u.  a. die Bodenbeschaffenheit vermerkte (Major 1692, S. 43; siehe auch S. 86 und Abb. 32). Nicht alle aber nahmen die neuen Strategien sofort auf. Die Praxis des Urnenstechens gehört in die Kategorie der Raubgrabungen, wie sie ja schon im 16. Jahrhundert bezüglich der als Naturwunder betrachteten ‚gewachsenen Töpfe‘ stattgefunden hatten (siehe Bd. 1, S. 219). Speziell um das möglicherweise lukrative Ausgraben von Hügelgräbern machte man sich Gedanken und experimentierte mit verschiedenen Methoden – Gotthilff Treuer suchte die Hügel brutal mit einem Bratspieß, Degen oder spitzigen Eisen nach Urnen ab und nahm dabei das Durchstoßen der Urne in Kauf (Wiegel 1991, S. 100, Anm. 5; Wiegel 1994, S. 40  ff.). Auch Johann Daniel Major scheint trotz seiner sonstigen Verdienste ein eher brutaler Gräberschlächter gewesen zu sein: … derer eine gutte parthey ich bereits / von etlichen Jahren her / … / hier zehen, dorten zwölffe, anderwo 15. 20. bis 24. mit Spaden / Schauffeln / Ausrade=Aexten / Stangen / und Hebe-Bäumen gewaffnete Bauren / hurtig durchgewült / von oben bis unten durchgeschnitten / und der Erden gleich gemachet habe (Major 1692, S. 39).

Das entsprach wohl der Normalität, die auch David Sigismund Büttner bezüglich seiner Grabung in Liederstädt bildlich skizzierte (Hakelberg 2011, S.  600, Abb.  2).

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Major hat nach seinen eigenen Angaben auch den Dolmen von Bülcke bei Kiel „der Erden gleiche gemacht“, nicht allerdings, ohne seine Funde zu bergen und ihn zeichnerisch zu dokumentieren (Major 1692, zu S. 42; hier Abb. 25)39. Mit verhältnismäßiger Sorgfalt wurden auf Betreiben und im Beisein des Landgrafen Karls I. von Hessen-Kassel 1708 Hügelgräber auf der Mader Heide in Nordhessen ausgegraben, denn es gelang Johann Hermann Schmincke, die Funde aus dem Größten der Hügel zu dokumentieren (siehe S. 123). Leonhard David Hermann, nach dessen Angaben bis zum Jahre 1700 auf dem schon über hundert Jahre bekannten Töppelberg bei Massel 13000 Gefäße geborgen worden waren, führte Gott mit Wind und Regen als ‚Ausgräber‘ an, der die Bestattungen im Flugsand freigelegt hätte; die dargestellten Urnenensembles mit oder ohne Steinpackung lassen jedenfalls nicht darauf schließen, dass der Pfarrer sich des vertikalen Schnittes bedient hätte (Hermann 1711, S. 1  ff., S. 50, Tafel nach S. 91; Abb. 31). Erst Jodocus Hermann Nunningh übte mit seiner berühmten Abbildung der Ausgrabung eines Urnenfeldes Kritik an der Methode des Urnenschlachtens – man sieht im Vordergrund eine sorgfältige, liebevolle Behandlung der Urne und die am Boden liegenden, für die Grabung benutzten Schaufeln, im Hintergrund aber einen brutalen Urnenstecher, der mit einer Sichel die Urne zerschlägt. Diese Elemente stellte der Autor in eine archäologische Landschaft mit verschiedenen Denkmälern, zu denen ein Megalithgrab sowie kleine und große Hügelgräber gehören (Nunningh 1714, S. 52, Taf. 7; hier Abb. 11). Noch Martin Mushard gab 1764 an, die Urnen von Issendorf „vermittelst eines sucheisens“ gefunden zu haben (Musdard 1764[1927], S. 66). Vater und Sohn Rhode widmeten sich in derselben Zeit wie Nunningh vor allem Grabhügeln, bauten die Methode von Johann Daniel Major aus und empfahlen entweder einen vertikalen Schnitt durch die Mitte des Hügels von Ost nach West oder einen vertikalen Kreuzschnitt (Major 1692, S. 59; Rhode/Rhode 1720, S. 38  f.). Aber unter der Urne müsse man weitergraben, denn „… so wird man einen oder mehrere … Cuneos, oder von denen Einfältigen sogenannte Donner-Keile finden …“ (ebd.). Durch diese Beobachtungen kamen die Rhodes zur Erkenntnis von Hügelstratigraphien. Hier half die genaue Klassifikation der Funde, so einer Streitaxt der – natürlich noch nicht definierten – Einzelgrabkultur, die deutlich abgebildet und mit Paral­lelen, z.  B. im Frontispiz von Trogillus Arnkiel (siehe S. 191; Abb. 55), diskutiert wird. Die Axt lag zusammen mit einem steinernen Messer unter einem Grabhügel bei Lutzhorn (Grafschaft Rantzau) (ebd., S.  329, S.  334). Aus der schon oben zitierten Grabungsbeschreibung aus der Feder des Vaters von 1699, die der Sohn abdruckte, geht hervor, auf welcher Beobachtungs- und Grabungspräzision diese Ergebnisse beruhen. Der Vater grub im Fall eines Fundes selbst mit einer Handschaufel und mit einem Messer, d.  h. er schabte die Erde ab. So bemerkte er Verfärbungen und sogar orga-

39 http://digital.slub-dresden.de/id362885214/52.



Die Quellen 

Abb. 11: Synoptische Tafel zur Ausgrabungstechnik von Urnengräbern in einer archäologischen Landschaft. Nunningh 1714, Tab. VII n. S. 52. © Barbara Sasse, RGK.

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nische Reste wie an Metallgegenständen anhaftendes Holz (ebd., S. 39  ff., S. 252  ff., S.  293). Bei dieser Arbeitsweise musste auch die Zusammengehörigkeit bestimmter Funde durch den gemeinsamen Befund auffallen, wie im schon erwähnten Fall von Lutzhorn, sowie wiederholt auftauchende gleiche Fundumstände. Die Erfahrung der beiden Ausgräber machte auch eine Korrektur gegenüber Johann Daniel Major möglich: Nicht alle Grabhügeluntersuchungen erbrachten auch Donnerkeile, wenn sie aber vorhanden waren, dann lagen sie unter dem Grabhügel (ebd., S. 316  f.). Einen ähnlichen stratigraphischen Befund interpretierten 1744, also viel später, Erik Pontoppidan und Kronprinz Frederik von Dänemark schon ganz richtig relativchronologisch, wenn auch weiterhin Anhaltspunkte für absolute Daten fehlten – Pontoppidan zitierte übrigens Rhodes Ergebnisse (Pontoppidan 1745, S. 314  f.; Pontoppidan 1763, S. 108; Klindt-Jensen 1975, S. 36; Randsborg 1994, S. 150). Die Diskussion über die beste Grabungstechnik für die Untersuchung von Hügelgräbern dauerte weiter an und der vertikale Schnitt wurde dabei häufiger. Für das Bewusstsein der Wichtigkeit eines Schnittes spricht auch die Rekonstruktion einer Grabungszeichnung, die Christian Ernst Hansselmann auf einer kuriosen synoptischen Tafel veröffentlichte: Sie zeigt das merkwürdige Profil des in der Mitte durchgeschnittenen Hügels A aus Hohebach (Hohenlohekreis). Der Jurist hatte den – wie wir heute wissen bronzezeitlichen – Hügel nicht selbst ausgegraben, aber die Funde vor allem aus Hügel B in seinen Besitz gebracht und druckte den dazugehörigen Grabungsbericht von 1740 ab (Hansselmann 1768, S. 94–100, Tab. XV; Paret 1929, S. 30–32; siehe auch S. 95 und Abb. 34). Dem Bericht zufolge wurde der Hügel A nicht geschnitten, sondern abgetragen (Hansselmann 1768, S. 95). Ob der Autor die Bedeutung der Stratigraphie erfasst hat, geht daraus nicht hervor. Anders aber wohl der Engländer George Low, der 1775 ein Landschaftsbild mit den Profilen von zwei geschnittenen Hügeln publizierte, von denen der eine mehrere neben- und übereinanderliegende Steinkisten enthielt, was der Pfarrer auch kommentierte (Low 1775, S. 276, Taf. XIII; hier Abb. 12). Etwa gleichzeitig sprachen sich Christian Ludwig Schäffer und Johann Christian Dünnhaupt für eine Art Kreisgraben aus, von dem aus die Hügelmitte untersucht werden sollte (Dünnhaupt 1778, S.  247  ff.; Gummel 1938, S.  7  ff.; Wiegel 1994, S.  1). Besonders interessant ist die Idee Dünnhaupts, dass die Hügelmitte fixiert werden müsse, um nicht beim Weggraben die Orientierung zu verlieren. Außerdem bemühte er sich, die Funde bei der Ausgrabung nicht zu zerstören und gab detaillierte Anweisungen über das richtige Bergen der Urne, das Härten und das Ausgraben des Inhalts erst nach 14 Tagen – Vorschrift für die Beobachtung und Dokumentation des Befundes fehlen jedoch. Alle diese verschiedenen Rezepte zeigen aber doch deutlich, dass man sich von der Beobachtung der Schnitte Erkenntnisse versprach, auch wenn sicher der Wunsch nach einem schnelleren ‚Schlachten‘ des Hügels nicht erloschen war. 1780 findet sich bei dem Dänen Frederek Münter ein einigermaßen präzises Planum eines Hügels, woraus man schließen kann, dass die gesamte Fläche abgetragen worden war (Klindt-Jensen 1975, S. 45, Abb. 40).



Die Quellen 

Abb. 12: Skaill, Mainland (Okney). Ansicht in der Landschaft und Schnitte durch zwei Hügel. Im rechten Hügel Grabkisten (coffins) in verschiedener Höhe; Funde aus diesen Hügeln. Low 1775, S. 276. © Barbara Sasse, Michael Kinsky, RGK.

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Mitte des 18. Jahrhunderts grub Reverend Bryan Faussett mehrere hundert Gräber aus angelsächsischer Zeit in Kent aus. Er verzeichnete in seinem Grabungstagebuch jedes Grab einzeln, vermaß die Hügel und trug sie ab bis zum Niveau des Skeletts. Die Orientierung, die Erhaltung des Skeletts und die Lage der Beigaben verzeichnete er genau in seinem Grabungstagebuch, auch Holzspuren eines Sarges und eines Kästchens (Faussett 1757–1773[1856], S.  192  f.). Auch zeichnete er dort Funde mit großer Präzision (Wright 2015, S. 122, Abb. 19, S. 240). Er grub also ähnlich präzise wie Christian Detlev Rhode vor ihm, dokumentierte aber unvergleichlich viel besser. Der spätere amerikanische Präsident Thomas Jefferson war zwar der Erste, der in den Vereinigten Staaten von Amerika wohl 1784 einen Grabhügel systematisch ausgrub und beschrieb. Im Gegensatz zur Darstellung z.  B. von Manfred K. H. Eggert war er bei seiner Grabung aber methodisch nicht innovativ, sondern verwendete die zeitübliche Grabungsmethode eines mittleren Vertikalschnittes, die schon Johann Daniel Major vorgeschlagen hatte (Jefferson 1787, S. 157  ff.; Eggert 2001[2008], S. 167; siehe S. 55). Auch in Bayern förderte die Entwicklung der Vermessungstechnik am Ende des Jahrhunderts die Grabungstätigkeit und die Qualität der Dokumentation. Der ursprünglich jesuitische Geistliche Ignaz Pickel, der sich u.  a. dem staatlichen Vermessungswesen zuwandte, kam durch seine Vermessungsarbeit zur Archäologie und dokumentierte die von ihm ausgegrabenen über 100 Grabhügel im Raitenbucher Forst (Weißenburg) in einem Grabungstagebuch sowie in einer umfangreichen Mono­ graphie. Der Mathematikprofessor am Lyzeum war aber nur teilweise bei den Ausgrabungen dabei, so von Hügel 5, den er dann aber auch selbst vermaß (Pickel 1789[1990], S. 7; Fehr 2008, S. 20)40. Immerhin bemerkte er Bestattungen auf verschiedener Höhe und beschrieb die Gräber so individuell, dass die Inventare auf den nummerierten Abbildungen rekonstruiert werden können (Pickel 1789[1990], S. 32  ff.). Der Pfarrer Franz Xaver Therer grub 1791 die Hügel vom Spielberger Holz bei Mammendorf-Nannhofen in der Mitte von oben aus und fertigte von einem der Hügel auch eine Zeichnung mit einer Messlatte an, in der die Lage des Schnittes sichtbar ist  – es handelt sich aber nicht um die Darstellung eines Querschnittes durch den Hügel, der eine Stratigraphie hätte erkennen lassen. Dagegen legte er aber am Hügelboden ein Planum an, indem er mit Hilfe eines Messgitters die Funde einmaß und auch nummerierte (Hetzer/Stephan 2008, S. 111, Abb. 1.02). Die Abbildungen der Funde aus frühmittelalterlichen Gräbern, die James Douglas 1793 zum Teil nach den hervorragenden Unterlagen Faussetts publizierte, teils aufgrund von eigenen Grabungen, offenbaren ebenfalls schon einen entwickelten Sinn für Lage-, Grab- und Funktionszusammenhänge (Taf. 1–2). Bei aller Präzision hinsichtlich der geschlossenen Funde lässt die Dokumentation des Grabungsbefundes des Hügelgräberfeldes von Chatham Lines aber viel zu wünschen übrig. Douglas teilte

40 Faksimile aus dem Grabungstagebuch: Pickel 1789[1990], letzte Seite.



Die Quellen 

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Abb. 13: Upton Great Barrow (Wiltshire). Durch die Mitte geschnittener Grabhügel mit Kreisgraben und Glasperlenfunden. Cunnington 1806, S. 59. © Barbara Sasse, Michael Kinsky, RGK.

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 Die Aufklärungsarchäologie

zwar die Lage von Hügeln zueinander mit, bildete aber nur einmal eine „horizontal section“ mit der Lage der Funde ab: „in its original state“ (Douglas 1793, S. 3). Es handelt sich um ein Planum, aus dem auch die Lage der einzelnen Fundobjekte hervorgeht (Taf. 1). Nirgendwo aber findet sich bei ihm ein vertikaler Schnitt durch einen Hügel geschweige denn ein Hinweis auf eine kompliziertere Grabungsmethode, sehr selten differenziertere Angaben zum Grabbau, meist nur eine kurze Notiz über die Tiefe der Funde und gelegentlich auch die Orientierung. Hinsichtlich der Vermessung im Gelände war Douglas also offenbar nicht auf der Höhe seiner Zeit, wenn es auch einige Versuche zur orthogonalen Projektion gibt (siehe S. 97 und Taf. 3). William Cunnington dagegen beschrieb wenig später 1806 die Öffnung einer Reihe von Hügeln in Wiltshire. Er stellte einen einfachen, durch die Mitte eines Hügels gelegten vertikalen Schnitt dar und schloss sich damit faktisch dem Vorschlag Johann Daniel Majors an (Abb. 32). Aus dem Text gehen auch teilweise Fundzusammenhänge hervor (Cunnington 1806, S. 122  ff.). Zu eventuellen weiteren Funden schrieb er: „had there been more than one interment, I think we should certainly have discovered them, as we made some very large sections in those parts of the barrow where they are generally found“ (ebd., S. 127). Cunnington arbeitete als Ausgräber mit Richard Colt Hoare und dem Zeichner Philip Crocker zusammen – die Synthese ihrer Tätigkeit erschien in zwei monumentalen Bänden, ohne die Präzision der Arbeit von Douglas zu erreichen (Colt Hoare 1812/19; siehe S. 276). Ganz anders geartet waren die schon erwähnten Ausgrabungen der Ruinen der Thermen von Badenweiler. Von den Entscheidungen der beteiligten Personen, des Markgrafen Karl Friedrich von Baden, seines Wirklichen geheimen Rates und Ministers, des Freiherrn Wilhelm von Edelsheim sowie weiterer Würdenträger zeugt eine reichhaltige Korrespondenz. Dazu kommen Ausgrabungsberichte des Freiherrn und Pläne des Geometers v. Weißensee sowie durch von Edelsheim bei Kirchenrat Sachs in Auftrag gegebene Forschungen über römische Bäder (Fabricius 1936, S.  133  ff.). Schon die Tatsache dieser ausführlichen Dokumentation, die Bemühung um die Interpretation der Ausgrabung und die Überdachung der Ruine als konservatorische Maßnahme zeigen den hohen Stellenwert, den die Untersuchung eines römischen archäologischen Denkmals ersten Ranges in der zweiten Hälfte des 18. Jahrhunderts erreichen konnte, und das höchste landesherrliche Interesse an diesen Forschungen. Edelsheim untersuchte bei der systematischen Ausgrabung der Thermen von Badenweiler eine ganze Reihe römischer Baudetails. Er bemühte sich nicht nur um genaue Vermessung und um Planzeichnungen durch Vermessungsfachleute, sondern auch um die Analyse bestimmter Baumaterialien und ihrer Funktion, z.  B. der Kittschichten, der Reste von Malereien oder Ziegellagen und Marmorverkleidungen. Sein Interesse galt dem Bau und nur am Rande den schlecht erhaltenen Inschriften (Fabricius 1936, S. 146  f.). Sein Ziel war es u.  a., diese Baureste an Ort und Stelle zu erhalten, weswegen er ärgerlich bemerkte: „Die Wände dieser Löcher waren noch bei der Entdeckung mit Kitt überzogen davon noch in cc2 Stücker liegen weil die Unvorsichtigkeit der Arbeiter die Bekleidung zerstört hat“ (ebd., S.  145). Die Grabungsbeobachtung



Die Analyse 

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war so fein und das Bewusstsein stratigraphischer Befunde wach, so dass auch Hinweise auf Bauphasen mitgeteilt werden konnten: „In denen Mauren zwischen C. und B. u. zwischen C. und F. hat man Nichen α gefunden die vermuthlich bey einer Reparation gegen C. zugemauert worden sind“ (ebd.). An anderer Stelle heißt es: „Möglich ist es, dass diese obere Strada bey einer Reparation u. Verschönerung auf die untere gelegt worden ist“ (ebd., S.  141, Anm. a). „In H1 und H2 siehet mann an der Mauer die Überbleibsel von 2. Kittboden davon der untere um 1. Schuh tiefer als der obere gelegen hat“, eine Tatsache, die Edelsheim als weiteren Beweis für eine Reparation deutete (ebd., S.  146). Diese Beobachtungen erwiesen sich als richtig (Mylius 1936, S. 14  ff.). Wie aus den Zitaten erhellt, sind alle Räume so beziffert, dass eine sichere Orientierung unter Zuhilfenahme des Planes möglich ist.

1.4 Die Analyse 1.4.1 Quellenkritik Während des 17. Jahrhunderts setzt sich erstmals das Bewusstsein durch, dass nicht alle historischen Quellen gleich aussagefähig sind. Ansätze dazu findet man zwar schon in der Renaissance, z.  B. ausgerechnet bei dem Fälscher Annius von Viterbo. Die Mehrheit der Autoren kam jedoch über eine Unterscheidung zwischen echter Quelle und Fälschung nicht hinaus, und auch hier irrte man oft (siehe Bd. 1, S. 224, S. 323). Jetzt überwanden die Mauriner und Bollandisten jedoch dieses Stadium, indem z.  B. die Bollandisten zur wissenschaftlichen Prüfung der kirchlichen Quellen mit Erfolg auch die Paläographie einsetzten (Sawilla 2009, S. 16, S. 107  ff.). Das Verständnis von echt und falsch wurde gleichzeitig auch komplexer. So stellte der Jesuit Jean Bolland 1643 im Vorwort zum ersten Band der Acta Sanctorum Wahrscheinlichkeitsstufen für die Verlässlichkeit von Quellen auf. Sie reichten von der Augenzeugenschaft (verlässlich) bis zur Sekundärliteratur (nicht verlässlich)41. Der Benediktiner und Mauriner Jean Mabillon verfeinerte dieses System, indem er Sekundärliteratur aufwertete, wenn sie die Zitate echter Quellen enthielt (Mabillon 1692; Sawilla 2009, S. 264, S. 271  f.). Die archäologisch arbeitenden Gelehrten blieben von diesen Neuerungen nicht unbeeinflusst. Allerdings reichte die Kenntnis archäologischer Quellen und ihrer Probleme bei weitem noch nicht zu einer entsprechenden Systematik aus. Der Mauriner Bernhard de Montfaucon lässt z.  B. nur wenige quellenkritische Überlegungen erkennen. Wichtig allerdings ist sein grundsätzliches Bekenntnis zum Wert der Sachquelle. Außerdem fiel ihm auf, dass Alltagsgegenstände, überwiegend Grabfunde, zu seiner Zeit noch selten ausgegraben wurden, und er äußerte die Erwartung, dass man mit

41 Acta Sanctorum (AASS), I, Januarii, praefatio. Antwerpen 1643.

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exakter Forschung auf diesem Gebiet noch viel entdecken werde, auch Dinge, mit denen man gar nicht gerechnet hatte. Er vermutete auch, dass man diese Gräber vor allem in Kirchen finden würde, was bedeutet, dass er christliche Grabfunde meinte (Montfaucon 1719–1724, Bd. 1,1, S. XVII). Im Rahmen der Überlegungen zur Auffindungswahrscheinlichkeit von Bodenfunden und zur Grabungsmethode wurden schon vom Ende des 17.  Jahrhunderts an verschiedentlich quellenkritische Gedanken geäußert, so in der deutschen Forschergruppe von Gotthilff Treuer, Johann Daniel Major, Trogillus Arnkiel, Leonhard David Hermann, Christian Ludwig Schäffer und Johann Christian Dünnhaupt (siehe S.  55  ff.). Interessant sind z.  B. Treuers Bemerkungen über die Abschwemmung von Urnengräbern aus dem Berg von Lebus bei starken Regenfällen oder über die Zerstörung von vielen tausend Gräbern beim Bau des Müllroser Kanals in Brandenburg unter dem Großen Kurfürsten (Treuer 1688, S. 16)42. Eine andere Überlegung, ob Beigabenarmut auf tatsächliche Armut oder auf Angst vor Grabraub zurückzuführen sei, führte ihn schon zur Vorsicht bei der sozialen Interpretation von Grabfunden (Treuer 1688, S. 26). Eine interessante Bemerkung findet sich bei Trogillus Arnkiel: Es folget keineswegs: im Nord-Cimberland sind mehr Heyden-Gräber als im Süder-Theil / darumb müssen diese Einwohner von jenen ihren Nachbahren solche Arth Begräbnisse gelernet haben. Sondern das folget: im Nord-Cimberland sind mehr Heyden-Gräber verhanden / als im SüderCimberland / darumb müssen die Heyden-Gräber eine grössere Verwüstung hier / als dort außgestanden haben … (Arnkiel 1691[1702], Bd. 3, S. 273).

Beiden Pfarrern war demnach bewusst, dass inhaltliche Schlüsse nur unter Berücksichtigung von Erhaltungsbedingungen gezogen werden können. Das Verdienst Johann Daniel Schoepflins bestand dagegen in der kritischen Verknüpfung verschiedener Quellenarten, die fast schon einer modernen frühgeschichtlichen Forschung entspricht: Er besaß durch seinen Baseler akademischen Lehrer Jakob Christoph Iselin und durch seine Kontakte zu dem Mauriner Montfaucon schon eine ausgefeilte Methode der historischen Quellenauswahl (Schnitzler 1998, S. 31  f.), machte diese für seine Landesgeschichtsschreibung nutzbar, wies auf Fälschungen hin und argumentierte auch mit archäologischen Funden historisch. Als Beispiel sei hier die Diskussion des Alters von Argentoratum aufgrund von Monumenten mit römischen Inschriften genannt – der Gelehrte wies auf die Seltenheit der Inschriften überhaupt und auf die älteste Inschrift hin und fügte dann an: „anteriora perierunt“ (Schoepflin 1751, S. 225  f.). Damit arbeitete er schon mit statistischer Wahrscheinlichkeit und interpolierte nachweislich Fehlendes. Die Erkenntnis, dass bestimmte Quellen nicht mehr erhalten sein konnten, trieb auch James Douglas um. Er hatte bemerkt, dass in durchpflügtem Gelände keine

42 Später Friedrich-Wilhelm-Kanal.



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Hügelgräber mehr zu sehen waren (Douglas 1793, S.  1). Alle diese Beobachtungen gelangten aber noch nicht zu einer Systematik – teilweise fehlt sie heute noch. Hinweisen muss man darauf, dass Fälschungen weiter ein Problem archäologischen Arbeitens blieben und wie in der Renaissance besonders für genealogischdynastische Zwecke herhalten mussten, wie z.  B. die bekannten Prillwitzer Idole (Niedermeier 2010, S. 190; siehe S. 150). 1.4.2 Deskription, bildliche Darstellung und optische Klassifikation Nach 1630 lassen sich außerhalb Italiens zwei ganz verschiedene Darstellungsniveaus kontrastieren. Einerseits wurden provinzialrömische Denkmäler und sogar komplizierte nichtklassische Objekte nach dem in der Renaissance erreichten Standard der antiquarischen Dokumentation der klassischen Kultur beschrieben und gezeichnet. Andererseits findet man zunächst hinsichtlich prähistorischer Monumente eine auffallende Unsicherheit, die damit zusammenhing, dass man keine Modelle für Funktion und Rekonstruktion besaß. Einerseits wusste man nicht, welche Merkmale wichtig waren und andererseits deutete man den sehr unterschiedlichen Erhaltungszustand falsch. Ein gutes Beispiel hierfür geben die Megalithbauten, bei denen verfehlte Interpretationen zu falschen Rekonstruktionen als Altäre führten (siehe S. 84). Im Laufe der hier behandelten Epoche kann man aber beobachten, wie immer mehr Objekte in einem mühsamen Prozess definiert und dann auch adäquat bearbeitet werden konnten. Während die Beschreibung und die bildliche Darstellung die Voraussetzung für die erste Erfassung archäologischer Gegenstände und Monumente boten, so wurde erst die Klassifikation, d.  h. die Objektivierung von Ähnlichkeit zur Grundlage einer erfolgreichen funktionalen Interpretation wie der Erkenntnis eines Zusammenhangs von Erscheinungen. Auch hier waren in der Renaissance schon Erfolge erzielt worden, besonders für die römischen Monumente mit Inschrift und für die Objekte, deren Beschreibungen man in der antiken Literatur fand und für die man deswegen Ansätze einer funktionalen Deutung besaß oder zu besitzen vermeinte. Aber auch für prähistorische Keramik und Steingeräte waren die ersten Schritte gemacht und vor allem die Methodik entwickelt worden, mit der man weiterarbeiten konnte (siehe Bd. 1, S. 254  ff.). 1.4.2.1 Antike Denkmäler und Funde Die nach dem humanistisch-antiquarischen Paradigma arbeitenden Gelehrten des 16. Jahrhunderts hatten in und außerhalb Italiens in einigen wichtigen Bereichen der Präsentation antiker Denkmäler und Objekte schon einen Standard erreicht, der bis zur ersten Hälfte des 18. Jahrhunderts zwar einige Verbesserungen, aber doch keine grundlegenden Änderungen erfuhr. Von der zweiten Hälfte des 18. Jahrhunderts an wurden spezifische Merkmale vor allem der römischen Kultur nicht nur erkannt,

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sondern auch demonstrativ dargestellt. Nicht zuletzt trugen die Fortschritte in der Vermessungstechnik dazu bei. So hatte der Architekt Pirro Ligorio bezüglich der Architektur nach dem Prinzip der Kombination von Plan und Rekonstruktion Maßstäbe gesetzt; die Figuren auf den römischen Bildsteinen, zunächst als Zeitgenossen der Renaissance dargestellt, hatten um die Mitte des 16. Jahrhunderts römische Tracht erhalten und näherten sich der Gestalt des antiken Denkmals immer mehr an wie bei Markus Welser am Ende des Jahrhunderts. Letztlich hatte man auch bei Objekten wie z.  B. den römischen Fibeln am Anfang des 17. Jahrhunderts eine so präzise Wiedergabe erreicht, dass eine Basis für die Definition von Fundgruppen aufgrund von formalen Kriterien und der auf ihnen beruhenden Funktionsbestimmung im Prinzip möglich wurde – mit Auswirkungen auf die Entwicklung der Ur- und Frühgeschichtlichen Archäologie (siehe Bd. 1, Abb. 18). Dennoch verlief die weitere Entwicklung der Darstellungsmuster und –Techniken in diesen Bereichen durchaus nicht geradlinig. Ein eindrucksvolles Beispiel für die sehr unterschiedliche Präsentation von Inschriftensteinen mit figürlichen Reliefs geben für die Mitte des 17. und die erste Hälfte des 18.  Jahrhunderts Publikationen der Weihesteine aus dem Heiligtum der Nehalennia auf der Insel Walcheren (Seeland, Niederlande). Sie waren im Jahre 1647 nach einer Sturmflut sichtbar geworden und wurden umgehend durch den Kupferstecher Hendrick Danckers ohne eine weitere antiquarische Auswertung publiziert (Danckers 1647; hier Abb. 14). Da ein Brand im Jahre 1848 die Kirche in Domburg zerstört hat, in der die Weihesteine aus dem alten Fund aufbewahrt wurden, kommen als Vergleichsstücke nur die 1970 in der Oosterschelde bei Colijnsplaat gefundenen Altäre in Frage. Man sieht hier, dass Danckers sowohl die charakteristische Kleidung der Göttin als auch ihre Attribute und die Altäre in ihrer Form, Reliefdekoration und Inschrift richtig wiedergegeben hat. Er stellte sein Objekt in der Frontalperspektive oder in ungenau ausgeführter Parallelperspektive dar, so dass die rechteckige Form des Altars und eine dekorierte Seitenfläche sichtbar werden (Stuart/Bogaers 2001, Taf. 1, A1, Taf. 2, A2, Taf. 34, A 43, Taf. 35, A 44). Johann Georg Keyssler präsentierte hingegen 1720 die Göttin im Tor einer durch Pflanzen als Ruine erkennbaren klassischen Architektur, veränderte Kleid und Haltung und nahm ihr den charakteristischen Fruchtkorb. Auch die Inschrift auf dem Sockel gab er fehlerhaft wieder (Keyssler 1720, Abb. XII, hier Abb. 15). Was die Architektur betrifft, so stehen auch die Abbildungen bei Bernhard de Montfaucon (1719–24) häufig dem schon einmal erreichten Niveau nach. Pirro Ligorio hatte die Rekonstruktionszeichnung des Prätorianerkastells in Rom neben den Grundrissplan gesetzt, so dass ein Vergleich mit dem Befund möglich war. Montfaucon aber reproduzierte nur die Rekonstruktion43. Der Plan des Theaters von Sagunt (Valencia,

43 http://digi.ub.uni-heidelberg.de/diglit/montfaucon1722f/0283.



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Spanien) verknüpft, wie die viel ältere Abbildung des Theaters von Kaiseraugst bei Sebastian Münster (1544, S. 257), Ansicht, Grundriss und Landschaft, also mehrere perspektivische Ebenen44 – Basilius Amerbach und Andreas Ryff hatten für Kaiseraugst 1597 schon zwei verschiedene Zeichnungen für zwei verschiedene Ansichten vorgelegt (siehe Bd. 1, S. 221). Durch die kritiklose Verwendung von älteren Arbeiten konnte Montfaucon, der selbst auch kein Architekt war und auch nicht ausgrub, für die Architekturabbildung nicht zum Vorbild werden. Er beeinflusste aber den Stand der Arbeiten bis zur Mitte des 18. Jahrhunderts erheblich (Müller/Schaffenrath 2010, S. 352). Im Jahr 1722, während der Publikationszeit von Montfaucons Werk, erschien die zweite Neuauflage von William Camdens Britannia. Auch die älteren Ausgaben des 16. und 17. Jahrhunderts hatten sich – mit Ausnahme von Stonehenge – nicht durch Grabungs- oder Architekturabbildungen ausgezeichnet. Die Ausgabe von 1722 enthält immerhin eine Draufsicht auf das interessante römische Lager von Airdoch (Schottland), die zwar keine unterschiedlichen Perspektiven und Maßstäbe kombiniert und auch nicht in Kavalierperspektive dargestellt ist, deren Einmessung und Genauigkeit aber weit hinter den Abbildungen Montfaucons zurückbleibt. Das betrifft auch die Präsentation des Inschriftensteins (Camden 1586[1722], Sp. 1495, Sp. 1239)45. Insgesamt kann man aber feststellen, dass sich die Bezeichnung der einzelnen Architekturteile mit Ziffern oder Buchstaben, ihre Erklärung in den Abbildungen sowie Größenangaben seit der zweiten Hälfte des 16.  Jahrhunderts durchgesetzt hatten, nicht aber die einheitliche Perspektive, der einheitliche Maßstab und die Maßstabsleiste. Die übliche Darstellungsweise der antiken Architektur blieb noch im 17. Jahrhundert die Zentralprojektion mit dem Sonderfall der Zentralperspektive, in der nach der natürlichen Perspektive Körper entsprechend der Entfernung verjüngt und verzerrt wurden. Die Parallelprojektion bzw. Parallelperspektive als erster Schritt in Richtung auf eine wissenschaftliche Zeichnung begann sich erst im Laufe des 17. Jahrhunderts durchzusetzen. Die trigonometrische Einmessung, im Besonderen die Triangulation, deren Überlegenheit schon in der ersten Hälfte des 16.  Jahrhundert erkannt worden war (Lindgren 2007, S.  482; Torge 2007, S.  41  ff.), gehörte dennoch bis Mitte des 18. Jahrhunderts noch nicht zum Standard, zumindest nicht in der konsequenten Darstellung von Grundrissen in der Draufsicht. Diesen Stand zeigt

44 Montfaucont 1719–24, Bd. 3,2, S. 237- 245, Taf. CXLI [Emmanuel Marti, Dekan von Alicante] = http:// digi.ub.uni-heidelberg.de/diglit/montfaucon1722e/0087. Besucht 20. 06. 2015. 45 http://find.galegroup.com/ecco/retrieve.do?inPS=true&prodId=ECCO&userGroupName=fre iburg&tabID=T001&resultListType=RESULT_LIST&searchId=R1&searchType=AdvancedSearch Form¤tPosition=2&contentSet=ECCOArticles&relatedDocId=Roman%20Camp%20at%20 Aindoch|413|Illustration&bookId=0987900102&docLevel=FASCIMILE&retrieveFormat=MULTIPAGE_ DOCUMENT&callistoContentSet=ECCOArticles&pageIndex=413&docId=CW3303515150&relevancePa geBatch=CW103515150&workId=0987900102&sort=Author. Besucht 20. 06. 2015.

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Abb. 14: Walcheren (Seeland, Niederlande). Weihestein für die Göttin Nehalennia. Danckers 1647, S. 3. © Barbara Sasse, Michael Kinsky, RGK.



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Abb. 15: Walcheren (Seeland, Niederlande). Die Göttin Nehalennia in einer fantastischen Ruinenarchitektur. Keyssler 1720, S. 239, Taf. XII. © Barbara Sasse, RGK.

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sehr eindrucksvoll der Plan eines Gebäudes mit Hypokaustenanlagen, den der Jurist und Bibliothekar Anton Roschmann nach seiner Grabung in Aguntum bei Innsbruck 1746 anfertigen ließ (Müller/Schaffenrath 2010, S. 366, Abb. 2). Die Mauern sind hier leicht gekippt und in Parallelperspektive mit hoher Horizontlinie dargestellt. Auf dem wenig jüngeren Plan des Architekten Josef Anton Nagel, den Kaiser Franz I. Stephan, der Ehemann Kaiserin Maria Theresias, 1753 mit einer Nachgrabung beauftragt hatte, sieht man dagegen einen perfekten orthogonalen Grundriss der Anlage in der Draufsicht und in einheitlichem Maßstab. Die Grabungen der Jahre 2007 und 2008 bestätigten den Bericht Roschmanns, der am Ende auch Nagels Ergebnisse verarbeiteten konnte, weitgehend (ebd., S. 363, S. 368, Abb. 5). Der Plan Josef Anton Nagels entspricht dem Fortschritt des Vermessungswesens, der sich in der zweiten Hälfte des 18. Jahrhunderts überall bemerkbar machte: Einen perfekten Grund- und Aufriss durch die Mitte der Abteikirche von Ottmarsheim bildete z.  B. Johann Daniel Schoepflin in seiner Alsatia illustrata ab (Schoepflin 1751, S.  505, Taf. 11). Der systematischen staatlichen Vermessung Bayerns am Ende des 18. Jahrhunderts verdankt man die ersten genauen Einmessungen und Kartierungen römischer Straßen- und Limesabschnitte, besonders nach der Einrichtung des Topographischen Bureaus 1801 (Fehr 2008, S. 21). In Spanien profitierten von den Verbesserungen z.  B. die ersten monumentalen Unternehmungen der Real Academia de la Historia wie die als systematische Landesaufnahme auf königliche Ordre hin 1752 begonnenen Reisen Luis José Velázquez’. Die grafische Dokumentation übernahm anfangs Esteban Rodriguez, der z.  B. Grundriss, Ansicht und Schnitt des Theaters von Mérida mit Maßstäben und Anzeichnung der Schnittstellen abbildete. Das Programm war allerdings auf römische sowie Denkmäler der Westgoten und Araber konzentriert, es sollte die antike Geographie, Inschriften, Münzen, Statuen und architektonische Monumente erfassen (Canto 1994, S. 503, S. 505; Maier Allende 2010, S. 152, Abb. 42; Corona y Arqueología 2010, S. 180). Ein Ergebnis der Ausgrabungen der Academia in den Jahren 1789–90 stellt z.  B. der nach demselben Muster gezeichnete Plan der westgotenzeitlichen Basilika von Segóbriga dar (Corona y Arqueología 2010, S. 321, Abb. 75). Hervorragend in eindeutiger Perspektive vermessen und mit Maßstab präsentieren sich auch die Pläne, die der Graf Caylus seiner Recueil d’antiquités mitgegeben hat. Sie stammen zwar von verschiedenen Zeichnern, besitzen aber alle professionelle Qualität wie der Plan der Theaterruine von Drevant (Cher) (Caylus 1759, Bd. 3, S. 378, Taf. CIV)46 oder der Plan von Grand (Vosges) mit dem Semi-Amphitheater aus der Hand des Geographen Morlat (Caylus 1764, Bd. 6, S. 350, Taf. CXI, S. 352)47. Die Schwierigkeit dieser Darstellungstechniken zeigt sich z.  B. bei der Abbildung der

46 http://digi.ub.uni-heidelberg.de/diglit/caylus1759bd3/0522. Besucht 03. 07. 2015. 47 http://digi.ub.uni-heidelberg.de/diglit/caylus1764bd6/0479 Besucht 03. 07. 2015.



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Reste des Aquädukts von Arcueil (Paris), die trotz zahlreicher Vermessungsdetails und Schnitte unklar bleibt (Caylus 1756, Bd. 2, S. 374–376, Taf. CXI-CXII)48. Ebenfalls von hervorstechender Qualität sind die Pläne der Thermen von Badenweiler aus den Jahren 1784 und 1785 von G. W. von Weißensee (Mylius 1936, Texttafel J und Texttafel K). Sie sind maßstäblich, die einzelnen Räume sind beschriftet bzw. nummeriert sowie durch neuere Untersuchungen weitgehend verifiziert (siehe S. 62  f.). Eindeutig geht aus dem Bericht Edelsheims hervor, dass für ihn die Inschriften gegenüber den Bauresten an Bedeutung verloren hatten (Fabricius 1936, S. 146  f.). Auf diesen technischen Voraussetzungen beruhte die ungeheure Darstellungsleistung, die eine interdisziplinäre Forschergruppe im Auftrag von Napoleon I. 1798 bis 1801 in Ägypten in der Anfertigung der Description de l’Egypte vollbrachte, die zwischen 1809 und 1828 erschien (Bari 1990, S.  8). Die Aufzeichnungen  – u.  a. der Inschriften des Rosetta-Steins – sind so präzise, dass sie Jean-François Champollion eine Grundlage für die Entzifferung der Hieroglyphen boten (Ziegler 1990, S.  100). Neben dem Abbildungstyp der „Ruins in a Landscape“ (Piggott 1976) finden sich auch erstaunlich präzise Bauaufnahmen, ja sogar Schnitte durch Gräber im Tal der Könige. Technisch standen jedoch die zitierten Grundrisse und Schnitte der 2. Hälfte des 18. Jahrhunderts schon auf diesem Niveau. Durch ihre ungeheure Masse und die lange Publikationsdauer entfaltete die Description de l’Egypte jedoch ihre eigentliche Wirkung erst allmählich. Um die Mitte des 18. Jahrhunderts lassen sich noch andere entscheidende Neuerungen feststellen. Die Funktionsbestimmung römischer Bauten und ihrer Räume aufgrund von Inschriften war schon ein Erbe der Renaissance. In der zweiten Hälfte des 18. Jahrhunderts war sie schon weit entwickelt, wie der Ausgrabungsbericht der Thermen von Badenweiler zeigt. Freiherr Wilhelm von Edelsheim konnte hierfür neben den großen Thermen Roms Vergleiche mit anderen römischen Bädern aus dem Elsass und aus Öhringen heranziehen, die Johann Daniel Schoepflin und Christian Ernst Hansselmann publiziert hatten. Der in humanistischer Tradition stehende Vergleich mit den Angaben Vitruvs stand dagegen für ihn erst an zweiter Stelle (Farbricius 1936, S. 135, S. 137). Merkwürdig flüchtig, aber wohl richtig fiel die Erwähnung der Fragmente mit Inschriften aus, die aber für die Funktionsbestimmung nicht mehr entscheidend waren (ebd., S. 146  f.). Johann Joachim Winckelmann leistete ebenfalls einen wichtigen Beitrag zur empirischen Grundlage archäologischer Interpretation. Er brachte das Problem der fehlenden Genauigkeit bei Beschreibung und Darstellung auf den Punkt und verband es mit einer Kritik am damals immer noch richtungweisenden Werk von Bernhard de Montfaucon, der seine Vorlagen – im Gegensatz zu Winckelmann – oft nicht am Original geprüft habe: „Viele Vergehungen der Skribenten rühren auch aus unrichtigen Zeichnungen her“ (Winckelmann 1764[1934], S. 15).

48 http://digi.ub.uni-heidelberg.de/diglit/caylus1756bd2/0498. Besucht 03. 07. 2015.

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Winckelmann stellte sich das Problem der Funktionsbestimmung von unbekannten Gegenständen nicht mehr, da er nur bekannte Altertümergruppen wie Statuen oder Gemmen behandelte. Dagegen ging es ihm um das Detail, wie einerseits um das Erkennen von Fälschungen und Kopien sowie der Handschrift von Künstlern, andererseits um die Objektivierung des Schönen durch Beobachtung und Beschreibung. Er bemerkte 1764: „Aber so wie das wenige mehr oder weniger den Unterschied unter Künstlern macht, ebenso zeigen die vermeinten Kleinigkeiten den aufmerksamen Beobachter, und das Kleine führt zum Großen“ (Winckelmann 1764[1934], S.  273). Sein Verdienst ist es ohne Zweifel, dass er lehrte, Details zu beobachten und zur Klassifizierung und Deutung zu benutzen, u.  a. auch Details, die messbar sind wie der Aufbau einer Statue aus mehreren Kreisen (ebd., S.  151). Fragwürdig allerdings ist der aus dem humanistisch-antiquarischen Paradigma zu erklärende Anspruch, diese Merkmale zu werten und Normen zu setzen (siehe S. 202). Während Winckelmann klassische Denkmäler bearbeitete, kamen andere Ansätze aus den Anfängen der Provinzialrömischen Archäologie. Ziegel mit Legionsstempeln gehörten seit Johannes Aventinus zu den ersten sicheren archäologischen Indizien für die Anwesenheit römischer Truppenverbände und wurden als solche seit dem frühen 17. Jahrhundert auch dargestellt (Bd. 1, Abb. 19). Zunächst fehlte die Verknüpfung mit einer konkreten Fundkategorie. Diese führte Mitte des 18. Jahrhunderts zur Definition des Typs römischer Ziegelgräber. 1751 bildete Johann Daniel Schoepflin in seiner Alsatia illustrata drei römische Gräber ab, die von Tegulae (Dachziegeln) giebelförmig überdeckt waren (Schoepflin 1751, S. 508  f., Tab. XII; hier Abb. 16). Es handelt sich um eine Auswahl von Ziegelgräbern, die bei der Erneuerung der Außenbefestigung von Straßburg seit 1568 gefunden worden waren. Das erste dieser Gräber wurde außerhalb der Porte Blanche entdeckt und war durch eine Inschrift mit dem Namen Licinius Maximus der römischen Zeit zuzuweisen. Die meisten der Gräber aber wiesen keine Nameninschrift auf. Das obere Bild Nr. I. stellt ein im Jahre 1603 ebenfalls bei der Porte Blanche vom Stadtarchitekten dokumentiertes Grab dar. Das unterste Bild der Tafel Nr. III von 1663 nahm ein anderer Stadtarchitekt, Johan Jacob Arhart, auf. Zum mittleren, jüngsten schrieb Johann Daniel Schoepflin: Nostris temporibus An. MDCCXX. intra Argentorati hodiernae, sed extra veteris muros, fundamenta aedificii, prope aream Templi Praedicatorum, quum jacerentur, tertium ejusdem generis formaeque sepulcrum prodiit, quod in Commentariis Regiae Inscriptionum Academiae descriptum, delineatumque dedi (Memoires de l’Acad. Royale des Inscriptions X, S. 457), Tabulaeque nostrae XII. num. 2 exhibet (Schoepflin 1751, S. 508)49.

49 Übersetzung: Als in unserer Zeit im Jahre 1720 innerhalb des heutigen Straßburgs, aber außerhalb der alten Stadtmauern, nahe der Predigerkirche, die Grundmauern für ein Gebäude gesetzt wurden, kam das dritte Grab dieser Art und Form zu Tage, das ich in den Kommentaren der Académie royale des inscriptions beschrieben habe und zeichnen ließ und welches nun die Tafel XII, Nr. 2, darstellt.



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Abb. 16: Römische Gräber aus Ziegeln mit Stempel der LEG. VIII AUGUSTA. Straßburg. I: Porte Blanche, 1603; II: Nahe Predigerkirche, 1720; III: 1663. Schoepflin, 1750, S. 508  f., Tab. XII. © Barbara Sasse, RGK.

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Die Zeichnungen sind ganz offenbar voneinander abhängig und alle in Schrägansicht mit hoher Horizontlinie parallel angelegt. Sie präsentieren das jeweilige Grab also aus demselben Blickwinkel, im Halbprofil in die Landschaft eingebunden. Möglichweise sind die älteren der Zeichnungen auch überarbeitet worden. Dagegen aber spricht, dass man auf jedem Bild das Siegel in lateinischer Schrift auf den Ziegeln sieht, dass es aber auf dem ältesten Bild I noch nicht als Legionssiegel erkennbar ist. Die drei Abbildungen präsentieren auch einen gewissen didaktischen Fortschritt: Während das obere Bild von 1603 das intakte Grab zeigt und zwei danebenstehende, die Antike andeutende Gefäße, ist auf dem unteren Bild von 1663 der Giebel des Grabes geöffnet, so dass man das Skelett in Rückenlage sehen kann. Im mittleren und jüngsten Bild von 1720 hat man außerdem einen Ziegel beiseite geräumt. Durch die so entstandene Lücke werden die Urne und die beigegebenen Gefäße sichtbar, so dass für ein Skelett kein Platz mehr übrigbleibt: Es handelt sich nämlich um ein Brandgrab. Außerdem ist die Form des vorher entfernten und an das Grab angelehnten Ziegels besonders deutlich wiedergegeben. Schoepflin erkannte schon dieselbe Konstruktionsweise der Gräber: „Tria haec sepulcra …“ und wies sie den Legionären der LEG. VIII. AUG. zu (Schoepflin 1751, S. 510). Die demonstrative Präsentation der Gräber steht zwischen einer Allegorie und einer wissenschaftlichen Darstellung und ist zugleich ein wichtiges Dokument für den Einsatz der Grafik bei der Verbreitung der Methode der zeitlichen, kulturellen und sozialen Identifizierung von Gräbern durch Inschriften, die Definition bestimmender Merkmale und den Vergleich der Fundkategorien (siehe S. 124). Was die Darstellung von antiken Gebrauchsgegenständen und Münzen betrifft, wurde das in der Spätrenaissance erreichte Niveau z.  B. bei den Fibeln gehalten. Das zeigt ein Vergleich der Zeichnungen bei Lorenzo Pignoria, Johannes Rhodius, Vater und Sohn Johannes Smetius und Bernhard de Montfaucon in verschiedenen Ansichten, unter denen auch Schrägansichten vorkommen (siehe Bd.  1, S.  233, Abb.  18; Bd.  2, S.  104 und S.  114; Abb.  17–19)50. Um die Konstruktion zu zeigen, hatte auch der Innsbrucker Jurist und Universitätsbibliothekar Anton Roschmann zwischen 1746 und 1752 eine Aucissafibel aus seiner Ausgrabung im Halbprofil abgebildet (Müller/ Schaffrath 2010, S. 368, Abb. 4). Wie die Pläne archäologischer Monumente besitzen auch die vom Grafen Caylus publizierten Fundzeichnungen eine ausgezeichnete Qualität, z.  B. die einer Zwiebelknopffibel oder die einer Distelfibel (Caylus 1759, Bd.  3, Taf. 79, 2 und Taf. 120, 1)51. Beide Fibeln sind nicht gekippt, sondern in ihrer Vorderansicht dargestellt, d.  h. in einer eindeutigen Perspektive. Über die Funktionsbestimmung der Fibeln gab es

50 http://digi.ub.uni-heidelberg.de/diglit/montfaucon1722c/0103/image?sid=1eaa39dac9fadf93b345 db2757690b08. Besucht 03. 07. 2015. Als Urheber der Abbildungen gab Monfaucon Beger, wohl Lorenz Beger, an. 51 http://digi.ub.uni-heidelberg.de/diglit/caylus1759bd3/0409; http://digi.ub.uni-heidelberg.de/diglit/caylus1759bd3/0594. Besucht 03. 07. 2015.



Die Analyse 

Abb. 17: Tafel der Fibeln in den Antiquitates Neomagenses. Smetius/Smetius 1678, n. S. 86. © Barbara Sasse, Michael Kinsky, RGK.

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Abb. 18: Tafel zur Fibelklassifikation, die Thomas Bartholin der Ältere nach dem Vorbild von Johannes Smetius in die Neuauflage von De acia von Johannes Rhodius eingefügt hat. Rhodius 1639[1672], Abb. A-F. © Barbara Sasse, Michael Kinsky, RGK.



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Abb. 19: Tafel zur Fibelklassifikation, die Thomas Bartholin der Ältere nach dem Vorbild von Johannes Smetius in die Neuauflage von De acia von Johannes Rhodius eingefügt hat. Rhodius 1639[1672], Abb. G-Q (Vorwort von Thomas Bartholin). © Barbara Sasse, RGK.

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inzwischen keine Zweifel mehr (Caylus 1759, Bd.  3, S.  291; siehe S.  101  ff.). Caylus setzte auch verschiedene Ansichten bewusst ein, um besondere Konstruktionen zu zeigen, wie bei der byzantinischen Schnalle mit durchbrochenem Scharnierbeschlag vom Typ Korinth52: „Pour fair sentir les mouvements, et distinguer les charnières de cette Agraffe de bronze, je l’ai fait représenter de face, et de profil“ (Caylus 1759, Bd. 3, Taf. 69, 4, S. 258)53. Das Profil allerdings kippte der Zeichner leicht, was nicht nötig gewesen wäre. Fast wäre man hier also zu einem Schnitt gekommen. Den Beschreibungen des Grafen allerdings fehlt die Präzision der Mediziner. Zur Distelfibel heißt es: „La singularité de sa forme m’a paru mériter quelque distinction. Elle est de bronze, et a été trouvée á Reims il y a quelques années“ (ebd., S. 434). Worin aber eigentlich die Besonderheit der Form besteht, blieb offen. Wenigstens gibt es zu jedem abgebildeten Stück Größen- und Materialangaben. 1.4.2.2 Ur- und frühgeschichtliche Denkmäler und Funde 1.4.2.2.1 Runendenkmäler Der Beginn einer systematischen Erforschung ur- und frühgeschichtlicher Denkmäler wird durch die Erstellung von Katalogen der Runendenkmäler in Skandinavien geprägt, denen eine ähnliche Funktion zukam wie den klassischen Inschriftensyllogen der Renaissance. Die Gelehrten, die sich diesen Unternehmungen widmeten, konnten allerdings schon auf wesentliche Fortschritte des 16. Jahrhunderts zurückgreifen. Vor allem profitierten sie von der schon entwickelten Beschreibungstechnik, der erstmals bei William Camden in einem antiquarischen Werk angewandten zeitgenössischen Landschaftsgliederung und nicht zuletzt von der Erkenntnis, dass es sich um historische Denkmäler handelte (siehe Bd. 1, S. 251, S. 303  f., S. 317, S. 340). Dass im Fall der Runensteine die Fundorte zu den Hauptachsen der Gliederung wurden, brachte auch die Quellenart mit sich: Wenn auch manche in Kirchen eingebaut waren wie die klassischen Inschriftensteine, standen die Runendenkmäler doch überwiegend noch an ihrem ursprünglichen Ort und wurden nicht in Sammlungen sekundär aufbewahrt. Die modernen schwedischen und dänischen Kataloge folgen noch dem damals entwickelten Prinzip (Jacobsen/Moltke 1941–42; Sveriges Runinskrifter 1900–1981). Was die Darstellungen der Runensteine betrifft, findet man jedoch sehr unterschiedliche Resultate. Wie im Fall der römischen Bildsteine musste die Schrift richtig entziffert und in einen Kontext gesetzt werden, der durch die komplizierten, teilweise

52 Werner, Joachim (1955): Byzantinische Gürtelschnallen des 6. und 7. Jahrhunderts aus der Sammlung Diergardt. In: Kölner Jahrbuch für Vor- und Frühgeschichte, 1, S. 38, Abb. 3,1, S. 47, Karte 2; Riemer, Ellen (2000): Romanische Grabfunde des 5. – 8. Jahrhunderts in Italien. Internationale Archäologie, 57, S. 153–157. Rahden/Westfalen. 53 http://digi.ub.uni-heidelberg.de/diglit/caylus1759bd3/0365. Besucht 03. 07. 2015.



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figürlichen Darstellungen auf den Steinen ebenfalls komplex war. Vorreiter einer ganzen Reihe von Forschern, die sich diesem Problem stellten, wurde schon ab 1599 der spätere schwedische Reichsantiquar Johann Bure (Bureus), der zusammen mit Hilfskräften die Denkmäler selbst zeichnete und in Holzschnitte oder Kupferstiche umsetzen ließ. Teilweise stach er sogar selbst (Klindt-Jensen 1975, S. 16; siehe S. 82). Olof Verelius, selbst schwedischer Reichsantiquar, schrieb über seine Arbeiten: „ipsa monumenta lapidea oculo curioso inspexit, delineavit, ac aeri incidit“ (Verelius 1675, S.  2). Er verteidigte die Ergänzungen, die Bure grafisch vorgenommen hatte, gegen Ole Worm und fügte hinzu, sie seien „… cum observationibus necessariis“ angefertigt worden (ebd.). Worm dagegen sehe mit den Augen anderer: „Vormius autem aliorum oculis videt“ (ebd., S. 6  f.). In der Tat fällt heute auf, dass Bureus die erhaltenen Teile sehr genau wiedergegeben hat – und nicht nur die Inschriften. Dagegen irrte er bei den Rekonstruktionen, weil ihm Erfahrung und Vergleichsmöglichkeiten fehlten. Trotz dieses Lobes der frühen schwedischen Runenforschung beklagte Verelius die weitere Vernachlässigung der Runenmonumente – man kenne die Runenschrift nicht besser als die Hieroglyphen der ägyptischen Pyramiden (Verelius 1675, S. 1). Sein Rückgriff auf die Arbeiten des 1652 verstorbenen Johannes Bure zeugt außerdem von der Erneuerung der gotizistischen Geschichtsauffassung in dieser Zeit (siehe S. 166). Worm war, wie Verelius richtig bemerkte, offenbar abhängig von seinen Informanten bzw. Zeichnern. Eindringlich ist z.  B. der Vergleich der Zeichnungen des Runensteins von Tullstorp (Schonen) von Jon Andersen Skonvig mit dem Original (Worm 1643, S.  201; Klindt-Jensen 1975, S.  19, Abb.  11)54. Hier zeigt sich eine relativ hohe Genauigkeit bei der Runeninschrift, während fatale Fehler bei der Wiedergabe des Bildes von Wolf und Schiff sowie der Ornamente auffallen. So wird auf dem in Ole Worms Werk abgebildeten Kupferstich das mehrfach vorkommende Spiralornament zwar als ein wichtiges ornamentales Element des Bildes aufgefasst, aber nur an einer einzigen Stelle, dem Hinterbein des Wolfes, in richtigen Zusammenhang zu der Gesamtzeichnung gebracht, während es sonst seitenverkehrt und an Stellen eingesetzt wird, an denen es im Original gar nicht vorkommt. Außerdem wird das Schiff in eine Zickzacklinie mit erfundenen Seitenornamenten verwandelt und die Bewegung des Tieres und viele andere Details einfach übersehen. Vom selben Zeichner stammen auch die verzerrten Darstellungen des Komplexes von Jelling (Vejle). Wie Peter Lindeberg 1591 war Jon Skonvig mit der Abbildung der Hauptbildseite des großen Runensteins und mit der Darstellung des gesamten Ensembles überfordert. Lindeberg hatte in seinem in Zentralperspektive mit hoher Horizontlinie konstruierten Bild den Runenstein mit seiner Inschrift und die Kirche dahinter in den Mittelpunkt gestellt und eindeutige Fluchtlinien verwendet – bei ihm stehen die drei Kirchenteile exakt hintereinander im selben Winkel; Skonvig dagegen wechselte

54 DR 271, Abb. 649, 650. https://archive.org/stream/danicorummonumen00worm#page/201/mode/ 1up/search/201. Besucht am 22. 06. 2015.

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Abb. 20: Jelling (Vejle, Jütland). Grabhügel und Kirche. Worm 1643, S. 328. © Barbara Sasse, Michael Kinsky, Universitätsbibliothek Freiburg, Historische Sammlungen.

mehrfach die Winkel und Maßstäbe, indem er zur Frontalperspektive überging. Außerdem verzichtete er auf Bild und Inschrift des großen Runensteines, um diesen dann extra zu präsentieren (Worm 1643, S. 329–332; hier Abb. 20)55. Dadurch nahm er aber dem Bild die eigentliche Mitte. Dennoch sind die Monumente eindeutig erkennbar. Für die Hunnestad-Runensteine aus Schonen besaß Worm offenbar außer Skonvig noch weitere Quellen, denn die erhaltenen Fragmente stimmen besser mit den publizierten Zeichnungen überein als Skonvigs Aufnahmen von Tullstorp und Jelling (RGA 15, 2000, S.  265, Stichwort: Hunnestad [Aversson, Thorsten/Stoklund, Marie]; hier Abb. 21). Die Steine sind nummeriert, die Bild- bzw. Schriftseite frontal dargestellt mit einer Seite im Halbprofil, so dass diese verzerrt sichtbar ist. Sie wurden vom Gelehrten auch mit Größenangaben beschrieben. Die Erklärung der Bilder, die

55 https://archive.org/stream/danicorummonumen00worm#page/332/mode/1up . Siehe Bd. 1, S. 340; http://daten.digitale-sammlungen.de/~db/0002/bsb00021764/images/index.html?id=00021764& fip=193.174.98.30&no=&seite=97 und http://daten.digitale-sammlungen.de/~db/0002/bsb00021764/ images/index.html?id=00021764&groesser=&fip=193.174.98.30&no=&seite=98. Besucht am 23.  06. 2015.



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Abb. 21: Hunnestad-Monument (Marvinsholm bei Ystad, Schonen), DR 282–286. Heute zerstörter Runenstein. Worm 1643, S. 188. © Barbara Sasse, Michael Kinsky, Universitätsbibliothek Freiburg, Historische Sammlungen.

Lesung der Runen und die Beschreibung des gesamten Steins bilden die Basis für eine historische und genealogische Deutung: …  primum ejus saxum longitudine est trium ulnarum, latitudine duarum, conum habens obtusum, ferme semicircularem; qua Borream spectat planius, limbos literatos duos in summitate circulariter incurvatos et ambitu suo effigiem foeminae, ut videtur chlamidatae, cassidem in capite, et securem humero dextro gestantis, cingentes (Worm 1643, S. 188)56.

Worm ging also über die klassischen Inschriftensyllogen, die ihm unzweifelhaft Vorbild waren, weit hinaus: Der Fundort, das Ensemble, die Form und Größe des Steins, die Anordnung von Bild und Schrift und die Beschreibung beider geben einen vollständigen Eindruck des Monuments in seiner Umgebung.

56 Übersetzung: … Der erste von diesen Steinen ist drei Ellen lang, 2 Ellen breit, kegelstumpfförmig, ja fast halbrund; die plane Seite zeigt nach Norden. Zwei oben gebogene Spruchbänder am Rand umgeben eine Frauengestalt, wie es scheint mit einem Mantel, einem Helm auf dem Haupt und einem Beil, das sie über der rechten Schulter trägt.

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Der schon erwähnte Olof Verelius, schwedischer Reichsantiquar seit 1666, verteidigte nicht nur Johannes Bureus gegen Ole Worm, er übernahm auch dessen schematische Darstellungen in Rechteckrahmen mit angedeuteter Form der Schauseite des Steins und sparsamen stilisierten Landschaftssymbolen am Rand, wie z.  B. bei der Abbildung des Runensteins U460 von Skråmsta (Haga socken, Uppland) (Verelius 1675, S. 40; Wessén/Jansson 1943–46, S. 266, Pl. 79; hier Abb. 22)57. Allerdings zeigt ein Vergleich der Zeichnung mit dem heute noch erhaltenen Original, dass Verelius bezüglich der Genauigkeit von Bureus Recht hatte, obwohl auch hier kleine Abweichungen sogar bei der Runenwiedergabe bestehen. Wir können aber daraus auch schließen, dass Verelius die Zeichnungen vor Ort überprüft hat. Die Abbildungen der Goldbrakteaten, die der Jurist und dänische Reichsantiquar Thomas Bartholin der Jüngere, der Sohn des Mediziners gleichen Namens, in seiner einzigen antiquarischen Arbeit reproduzierte, wiesen jedoch wie die Zeichnungen von Bureus nur kleine Fehler auf. Das lässt sich an dem C-Brakteaten IK 58 aus Fünen gut zeigen (Bartholin 1689, S. 461, V). Runenschrift und Ikonographie sind deutlich erkennbar wiedergegeben, die Fehler beschränken sich auf nicht verstandene Linien und ungenaue Proportionen  – hier macht sich die Schule seines Vaters Thomas Bartholin des Älteren bemerkbar (Abb. 23, a und Abb. 23, b; siehe S. 102)58. 1.4.2.2.2 Megalithbauten Besonders für die Megalithgräber aber gilt, dass eine geeignete Form der Darstellung erst mühsam errungen werden musste. Deshalb differieren die bildlichen Wiedergaben von Anfang an sehr stark. Schon zu Beginn des 16. Jahrhunderts hatte man in der Handschrift der Reimchronik des Nikolaus Marschalk einen mecklenburgischen Dolmen als Miniaturgemälde in seiner Landschaft dargestellt (Bd. 1, Taf. 4.). Ebenfalls Landschaftsmerkmale trägt die Ansicht eines aus der Kavalierperspektive gesehenen Megalithgrabes am Bederkeser See, die der Autor Wilhelm Dilich etwa 1604 am Rande seiner Karte der Präfektur von Bederkesa abbildete und vermutlich auf der Karte auch als Steinkreis einzeichnete59. Zeitgenössische Personen als Maßstäbe auf den Decksteinen und die Aufschrift „Monumenta Chaucorum“ drücken die auch textlich geäußerte Diskrepanz zwischen dem Riesen zugeschriebenen ungeheuer

57 https://commons.wikimedia.org/wiki/File:U_460,_Skråmsta.jpg. Besucht am 10. 2. 2017. 58 Identifiziert: Bartholin 1689, S.  463, V = Hauck, Karl/Lange, Herbert/Padberg, Lutz von (Hrsg.) (1985): Goldbrakteaten der Völkerwanderungszeit, Bd.  1,3: Ikonographischer Katalog (IK 1, Tafeln). Münstersche Mittelalter-Schriften, 24, 3,2. Taf. 69, Abb. 58 a.b, Fünen (I)-C. München. Siehe auch http:// upload.wikimedia.org/wikipedia/commons/5/5f/Bracteate_from_Funen%2C_Denmark_%28DR_ BR42%29.jpg (Nationalmuseum Kopenhagen). Besucht 22. 06. 2015; Pesch 2007, S. 152  ff., S. 155. 59 Dilich, Wilhelm (ca. 1604): Urbis Bremae et praefecturarum quas habet typus et chronicon, S. 77, Taf. 9. Kassel. = http://digital.slub-dresden.de/werkansicht/?id=5363&tx_dlf%5Bid%5D=65673&tx_ dlf%5Bpage%5D=77. Besucht am 22. 11. 2016.



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Abb. 22: Runenstein von Skråmsta (Haga socken, Uppland), U460. Verelius 1675, S. 40, nach Vorlage von Johannes Bure. © Barbara Sasse, Michael Kinsky, RGK.

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Abb. 23: Fünen(I), C-Goldbrakteat. a: Zeichnung Thomas Bartholin der Jüngere. Bartholin 1689, S. 463, Abb. V., M. 2:1. Hauck/Lange/Padberg 1985 (siehe Anm. 58) Taf. 69, Abb. 58 b. a: © Barbara Sasse, Michael Kinsky, RGK. b: © Nationalmuseet (Kopenhagen).

großen Monument und einer Zuweisung zu den historischen Chauken oder Sachsen an: „… monumenta gigantum et veterum Chaucorum Saxonumque …“ (Dilich 1604 [Anm. 59], S. 26). Georg Owen hatte dagegen zu Beginn des 17. Jahrhunderts ein Megalithgrab aus Wales schon wissenschaftlich gezeichnet, indem er Himmelsrichtungen angab und die Steine einmaß und nummerierte  – zu Hilfe kam ihm, dass in diesem Fall der Hügel, in dem die Steine lagen, vollkommen verschwunden war (Bd. 1, S. 253, Abb. 27). Wie wenig geläufig eine solche Fundaufnahme noch Mitte des Jahrhunderts war, zeigt der etwas jüngere Holzschnitt des Dolmens von Birkede (Roskilde, Seeland) in den Danicorum monumentorum libri sex von Ole Worm (1643, S.  8; hier Abb.  6). Worm hielt ihn für einen Grabaltar und stellte ihn auf den mittleren von drei Hügeln. Auch hier sind die Steine frei sichtbar, die ganze Zeichnung entbehrt jedoch trotz der Zentrierung auf den Dolmen nicht nur perspektivischer Kenntnisse, sondern jedes Versuchs einer genaueren Einmessung oder wenigstens einer Nummerierung der Steine, was bei einem Naturwissenschaftler dieser Zeit eigentlich schon hätte erwartet werden müssen. Das ganze Bild hat mit der Wirklichkeit wenig zu tun und bestätigt die Ansicht von Verelius, dass die bildliche Darstellung bei Ole Worm oft Mängel aufwies. George Owen war hier also weit fortschrittlicher. Ganz anderer Art sind die Zeichnungen zu Fund und Befund der im Jahre 1685 untersuchten Allée couverte von Cocherel (Normandie). Die erste Publikation, der vom Mitglied der Royal Society Henry Justell in den Verhandlungen der Gesellschaft 1685 vorgetragene Bericht der Untersuchungskommission, präsentiert das Bild einer



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Abb. 24: Cocherel (Normandie), Allée couverte. Synoptische Darstellung von Grabhügel, Galeriegrab und Brandbestattungen mit wechselnder Perspektive. L’Abbé de Cocherel 1685[1722], S. 172–175, Abb. n. S. 173. Vorlage: Monumenta Germaniae Historica, Signatur Gd30240. ©Barbara Sasse, Monumenta Germaniae Historica, Michael Kinsky.

Steinkammer in nur sehr schwach verzerrter Zentralperspektive mit Blick schräg von oben. Man sieht sie in einem geschnittenen Hügel, dessen Kuppe zwei der Trägersteine überragen. Die Kammer ist aufgeschnitten, so dass man zwei Schichten von Skeletten in Rückenlage erkennen kann, die durch eine Steinplatte getrennt sind. Die Zeichnung besitzt sogar eine Windrose (Justell 1686, Abb.  182 n. S.  226). Auch die Beschreibung von Fund und Befund ist im englischen Text klar und die einzelnen Elemente sind deutlich mit Buchstaben bezeichnet. Diese Darstellung war innovativ, denn auch Rudbecks Skizzen von Megalithgräbern konnten als Vorbilder nicht dienen (Rudbeck 1679, Tafelband, Tab. 31, fig. 112). Die von Pierre le Brasseur 1722 mit dem Bericht des Pfarrers von Cocherel reproduzierte Zeichnung von Grab und Grabungsbefund stellt dagegen einen Versuch dar, den Gesamtbefund des Grabhügels in einem einzigen Bild zu erklären. Dabei setzte der Zeichner allerdings weder die einzelnen Elemente des Befundes noch die verschiedenen perspektivischen Prinzipien in einen sicheren Bezug zueinander (L’Abbé de Cocherel 1685[1722], S. 172–175, Abb. n. S. 173; hier Abb. 24)60. Die in die Landschaft

60 Deutsche Übersetzung leider nicht des gesamten Textes: Schnapp 1993[2009], S. 389–390.

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eingebettete Ansicht des Grabhügels ist vermischt mit dem Grabungsbefund, der in einem ‚vertikalen‘ und zugleich frontalperspektivischen Planum angelegt ist, in dem die eigentlich in der Kammer liegenden Skelette zu stehen scheinen. Außerdem sieht man ein weiteres rechteckiges, in die Vertikale gestelltes Planum einer Grube und darunter den zugehörigen Schnitt. Beide Texte allerdings enthalten Angaben zu den einzelnen Steinen, den Skeletten und den Funden, ihrer Größe und Lage, Form und Material und nehmen auf die unterschiedliche Nummerierung in den Abbildungen Bezug. Funde werden aufgrund ihrer Lage einzelnen Skeletten zugeordnet. Durch Abbildungen und Beschreibungen kommt in beiden Fällen klar zum Ausdruck, dass es sich um ein menschliches Kollektivgrab handelte, in dem an der einen Seite Körper-, an der anderen Brandbestattung belegt werden konnte und in dem zu den Körperbestattungen nur Stein- und Knochengeräte bzw. -waffen gehörten (siehe auch S. 121). Auch diese Funde sind übrigens bei Le Brasseur zum Bericht des Abbés abgebildet, bei Justell nicht. Dieser hatte 1685 in der Royal Society versprochen, auch Abbildungen der Funde zu präsentieren, war dabei aber bei der Beschaffung der Bilder wohl nicht erfolgreich (siehe S. 106). Bernhard de Montfaucon erwähnte Zeichnungen, verfügte aber offenbar ebenfalls nicht über diese (Montfaucon 1719–24, Bd. 5,2, S. 194  ff.). Insgesamt ist der Bericht Justells mit dem zentralperspektivischen Schnitt durch ein weit höheres technisches Niveau gekennzeichnet als der Bericht des Abbés. Während also die Gerichtskommission auf dem Stand der wissenschaftlichen Entwicklung arbeitete, einen Grabhügel schneiden und diesen auch darstellen konnte, gilt das offenbar nicht für den ebenfalls bei der Grabung anwesenden Pfarrer. Jedenfalls ist auffallend und nicht erklärt, warum der Pfarrer und auch später Le Brasseur, der seinen Bericht mit den Abbildungen ja abdruckte, nicht auf den Gerichtsbericht mit seiner Abbildung zurückgriffen. Dabei ist nicht ausgeschlossen, dass die von Justell publizierte Abbildung sogar als Vorlage gedient hat, die man als unzureichend empfand, weil sie nicht das Ganze zeigte. Allerdings verlangt auch die andere Orientierung zum Hügel eine Erklärung, zumal Justells Abbildung ja exakt eingemessen zu sein scheint. Sicher ist, dass die Urheber der Abbildung Le Brasseurs die zeitgenössischen Grundregeln der Vermessung im Gegensatz zu der Gerichtskommission nicht verstanden. Johann Daniel Major legte noch 1690 seine Zeichnung des Dolmens von Bülcke (Gut Alt-Bülk, Kreis Flensburg-Eckernförde) nach demselben Prinzip an wie Nikolaus Marschalk etwa 170  Jahre vor ihm. Dieser zeigte die Außenansicht frontal in einer blühenden Landschaft, ohne durch das Bild eine Interpretationsrichtung festzulegen (Bd. 1, Taf. 4). Major gab aber an, den Dolmen vor seiner Zerstörung durch seine eigene Grabung selbst am Objekt gezeichnet zu haben (Major 1692, S. 42; hier Abb. 25). Majors Bericht enthält keine vollständige Beschreibung des Dolmens, er wies aber darauf hin, dass er immer wieder die Fünf als Konstruktionsmerkmal beobachtet hätte, eine Tatsache, die auf seiner Zeichnung nicht zu sehen ist (vier Trägersteine und ein Deckstein). Außerdem ging er auf die Beschaffenheit der Erde in der Kammer



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Abb. 25: Der Dolmen von Bülcke (Gut Alt-Bülk, Kreis Rendsburg-Eckernförde). Frontales Landschaftsbild. Major 1692, n. S. 42. © Herzog August Bibliothek Wolfenbüttel < http://diglib.hab.de/drucke/ xb-4f-356/start.htm?image=00051>.

ein und brachte den schlechten Erhaltungszustand der Keramik mit ihr in Verbindung: „weil erwehnte gantze Grabes-Höle / nicht mit reinem gelblichem Sand / wie sonst hin und wieder / sondern mit gemeiner schwartz- oder grauen Erde ausgefüllet …“ und deshalb besonders der Feuchtigkeit ausgesetzt gewesen sei (ebd., S. 43). Im Gegensatz zur Zeichnung beschrieb er aber die ihm wichtig erscheinenden Ergebnisse der Grabung eindeutig (siehe S. 86). Die Gravur des Megalithgrabes von Bülcke fand wiederum Kopisten. Man findet sie bei Trogillus Arnkiel auf einer Tafel in Kombination mit dem Bild eines freistehenden Dolmens auf einem Hügel – Majors Bild soll angeblich den Riesenstein bei Minden abbilden, der zweite Dolmen geht auf die Darstellung von Birkede bei Ole Worm zurück (Abb.  6)  – Arnkiel ließ also keine eigene Zeichnung des Monuments drucken und bemerkte nicht einmal, dass die Beschreibung und Zuweisung nicht mit dem Bild übereinstimmte (Arnkiel 1691[1702], Bd. 3, S. 242, B und A)61. Dieses besaß für ihn also nur Symbolcharakter, ganz im Gegensatz zu Major, der sein konkretes Ausgrabungsobjekt gezeichnet hatte.

61 http://diglib.hab.de/drucke/hq-2–3/start.htm?image=00275. Besucht am 25. 11. 2016. Interessant ist der Kommentar von Andreas Albert Rhode zu diesem Problem (Rhode/Rhode 1720, S. 317.

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Abb. 26: Grundriss von Stonehenge. Die Buchstaben entsprechen Abb. 28 (Schnitt). Jones 1655, Abb. 6, n. S. 62. © Barbara Sasse, Michael Kinsky, RGK.

Einen wesentlichen Einfluss auf die Darstellung der Megalithgräber nahmen auch die Abbildungen von Stonehenge. Zum gemeinsamen technischen Problem der Einmessung der Steine kam die Unsicherheit der funktionalen Interpretation der Monumente und die erst im Laufe des 17. und frühen 18.  Jahrhundert endgültig verschwindende Vorstellung, diese seien von Riesen errichtet worden (siehe S. 179). Das 17. Jahrhundert brachte hier im Verhältnis zu dem von William Camden vorgelegten Forschungsstand bedeutende Neuerungen (siehe Bd. 1, S. 252  f.). In diesem Prozess hatte Inigo Jones Mitte des 17. Jahrhunderts Stonehenge zwar als römisches Monument interpretiert und nach den Methoden der humanistisch-antiquarischen



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Abb. 27: Zentralperspektivische Ansicht der Ruine von Stonehenge. P: Äußere Pfeiler, die einen Kreis bilden; Q: Innere Pfeiler, die ein Sechseck bilden; R: Maßstab nach englischem Fuß, nach dem der Bau konstruiert worden sein soll. Jones 1655, Abb. 7, v. S. 63. © Barbara Sasse, Michael Kinsky, RGK.

Abb. 28: Schnitt durch die Mitte von Stonehenge in Zentralperspektive. Die Buchstaben finden sich auch im Grundriss Abb. 26. Jones 1655, Abb. 4, v. S. 61. © Barbara Sasse, Michael Kinsky, RGK.

Planaufnahme erfasst (Jones 1655, S. 56  ff.). Die in den Grundrissen idealisierten konzentrischen Kreise der Steinsetzungen, die regelmäßigen Schnitte und Rekonstruktionen durch den Architekten, dessen Vorbild in dieser Hinsicht Pirro Ligorio gewesen sein mag (siehe Bd. 1, S. 231), bilden aber einen Kontrapunkt zu den alten Vorstellungen (Abb.  26–28). Wenn John Aubrey, William Stukeley und über Johann Georg Keyssler auch Bernhard de Montfaucon diese Darstellungsweise übernahmen bzw. die Bilder reproduzierten, so konnten sich weder sie noch die zugehörige Interpreta-

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tion auf die Dauer durchsetzen (Piggott 1978, S. 14  f., Abb. 6)62. Jones Verdienst blieb es aber, Stonehenge nun mit Sicherheit der menschlichen Architektur gewonnen zu haben, und die perspektivischen Ruinenansichten, die er auch reproduzierte und die eher dem von William Camden gesetzten Darstellungsmuster entsprachen, verbreiteten sich mit großem Erfolg (Jones 1655, S.  64)63. Der Kupferstecher David Loggan griff am Ende des 17.  Jahrhunderts auf diese bei Jones publizierten Ansichten von Stonehenge mit zwei Stichen zurück – einer stellte das Monument von Westen und ein weiterer von Süden dar (Piggott 1978, S. 16  f., Abb. 8). Loggan übernahm aber die Rekonstruktionen von Jones nicht und rekonstruierte auch selber nicht. Seine realistische Ruinenzeichnung ohne Nummerierungen stellte er wie vor ihm Jones und wenig später William Stukeley in eine weite Landschaft. Personen dienten als Maßstäbe. Das kam auch Johann Georg Keysslers Vorstellungen entgegen, der die beiden von Westen und Süden gezeichneten Ansichten aus der Hand Loggans fast ohne Änderungen reproduzierte (Fig. I; hier Abb. 29). Auch für die Darstellungen der Megalithgräber wählte er perspektivische Stimmungsbilder in der Landschaft und nicht präzise eingemessene Ansichten. Hierfür übernahm er den Stich des Dolmens von Bülcke in einer blühenden Landschaft von Johann Daniel Major (siehe S. 86). Bilder ähnlichen Stils reproduzierte er für die Lübbensteine bei Helmstedt sowie den Dolmen VII von Albersdorf (Kreis Süderdithmarschen), den er allerdings für einen Altar hielt  – in beiden folgte er Vater und Sohn Rhode (Rhode/Rhode 1720, S. 73; Keyssler 1720, Fig. III und V; Sprockhoff 1966, S. 40, Nr. 150). Bernhard de Montfaucon wiederum übernahm Keysslers Abbildungen wie für Stonehenge so auch für einige Megalithgräber unter der Überschrift: „Tombeaux des septentrionaux“ (Montfaucon 1724, Supplement 5, Taf. 64 und 65)64. Die Abbildungen der drei Megalithgräber fügte dann auch Christian Ludwig Scheidt bei der Herausgabe in das Manuskript Eckharts ein (Eckhart 1750, Taf. VII, VIII und IX n. S. 84)65. Für Cocherel wählte er die Zeichnung aus der Publikation von Henry Justell in Kombination mit dem Text von Montfaucon, den er sogar reproduzierte (Eckhart 1750, Tab. II n. S.  64, S.  65). Den Bericht des Pfarrers von Cocherel scheint er nicht gekannt zu haben (L’Abbé de Cocherel 1685[1722]).

62 Stukeley 1740, S. 8, Taf. 5. = http://find.galegroup.com/ecco/infomark.do?&source=gale&prodId= ECCO&userGroupName=freiburg&tabID=T001&docId=CW3303406070&type=multipage&contentSet =ECCOArticles&version=1.0&docLevel=FASCIMILE. Besucht am 10. 2. 2017. 63 Kendrick 1950, Taf. VII; Camden 1586[1600], S. 219 = http://eebo.chadwyck.com/search/full_rec? SOURCE=pgimages.cfg&ACTION=ByID&ID=99843087&FILE=&SEARCHSCREEN=param(SEARCHSC REEN)&VID=7796&PAGENO=121&ZOOM=FIT&VIEWPORT=&SEARCHCONFIG=param(SEARCHCONF IG)&DISPLAY=param(DISPLAY)&HIGHLIGHT_KEYWORD=param(HIGHLIGHT_KEYWORD). Besucht am 24. 11. 2016. 64 http://digi.ub.uni-heidelberg.de/diglit/montfaucon1724d/0288; http://digi.ub.uni-heidelberg.de/ diglit/montfaucon1724d/0290. Besucht am 24. 11. 2016. 65 http://diglib.hab.de/drucke/gl-4f-136/start.htm?image=00162. Besucht am 25. 11. 2016.



Abb. 29: Stonehenge. Keyssler 1720, S. 239, Taf. XII. © Barbara Sasse, Michael Kinsky, RGK.

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Wie gering der empirische Quellenwert eines einzelnen Megalithgrabes noch Mitte des 18.  Jahrhunderts galt, zeigt sich darin, dass selbst Erik Pontoppidan, der 1744 zusammen mit Kronprinz Frederik von Dänemark ein Ganggrab ausgegraben hatte und doch wissen musste, wie dieses aussah, noch 1763 die vollkommen unrealistische Abbildung aus Ole Worms Werk reproduzierte (Worm 1643, S. 8; hier Abb. 6; Pontoppidan 1763, Taf. VI n. S. 78). So zeigt es sich, dass alle Darstellungen nur auf wenige Quellen zurückgehen, und dass die Reproduktion eines anderen als des untersuchten Monuments bei vielen noch keine Bedenken auslöste. Ebenso weist keine der Abbildungen bis in die zweite Hälfte des 18. Jahrhunderts eine klare und zutreffende Deutungsrichtung auf, ganz im Gegensatz zu den Urnengräbern. Die Bedeutung des Megalithgrabes als Quelle hatte sich noch nicht durchgesetzt. 1.4.2.2.3 Urnen- und Hügelgräber sowie andere Geländedenkmäler Die Gruppe der Forscher, die sich u.  a. der Durchsetzung der Neuinterpretation der Urnengräber und deren Publikationen gewidmet hat, versuchte dagegen, die Gräber und ihren Fundzusammenhang grafisch so darzustellen, dass an ihrer Deutung als Zeugnisse menschlichen Bestattungsbrauches kein Zweifel blieb. Als Erster stellte Johann Daniel Major eine Urne in einer Steinpackung dar. Deutlich sieht man, wie sorgfältig die unbehauenen Steine geschichtet sind. In der Beschreibung ging er auf verschiedene Bauarten sowie mehrere Gräber in einem Hügel ein und bemerkte zu der Steinpackung: „…  und befütterten ihn [den Topf] mit 1.2.3. oder mehr  /  theils gemeinen grauen / theils auch röthlichen platten / irregulieren / ohngefehr 2.3. oder 4 Hände-breitten Steinen zu  … ohngefehr in dieser Ordnung  /  als aus beygefügter Figur zu sehen (Major 1692, S. 41; hier Abb. 30). Die Zeichnung des geöffneten Grabes in leicht verschobener frontaler Darstellung bezeichnete er durch das „ohngefehr“ eindeutig als Skizze. Leonhard David Hermann, der in Massel reichliches Material aus eigener Grabung zur Verfügung hatte, stellte auf einer Tafel die Varianten des Urnengrabbrauches zusammen, die Major nur beschrieben hatte und die nun durch die Abbildungen eine eindringlichere Präsenz gewannen: mehrere Arten von Steinpackungen, in denen sich unterschiedliche Mengen von Tongefäßen verschiedener Art und Größe sowie Geräte als Grabgut befanden (Hermann 1711, S. 91  f. und Taf. 2 n. S. 91; hier Abb. 31). Die geöffneten Gräber sind nummeriert und frontal mit tiefliegender Horizontlinie dargestellt, so dass die ovale Mündung und die Schattierungen der Wände der Gefäße die plastischen Formen deutlich erkennen lassen. Majors Skizze diente offenkundig als Vorbild. Im Grabungstagebuch werden sie einzeln angesprochen: „Das andre No. 3. hatte die Form eines halben Monden / etwan einer Ellen hoch und breit / mitten innen aber lag unter Gebeinen / Asche und Kohlen in einem Stücke Thon eine Schaff-Scheere“ (ebd., S. 92). Eine ganze Serie von Abbildungen widmet sich dem Problem, wie Hügelgräber auszugraben sind. Seit Olof Rudbeck findet man darunter auch Stratigraphien von



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Abb. 30: Frontaler, rekonstruierter Schnitt durch ein exemplarisches Urnengrab mit Steinpackung. Major 1692, S. 41. © Barbara Sasse, Michael Kinsky, RGK.

Grabhügeln. Bei Johann Daniel Major handelt es sich um didaktische Lehrstücke aufgrund einer Grabung in Dänischenhagen (Kreis Flensburg-Eckernförde). Seine Abbildung zeigt zwei Ausgrabungsmöglichkeiten, einen sehr regelmäßigen Schnitt durch die Mitte des ganzen Hügels bis zum Boden (A) im Halbprofil und die Abhebung eines Segments (B) in Frontalansicht. Majors Grabung zusammen mit dem Gutsherrn Friedrich Rantzau und seiner Frau war jedoch nicht besonders erfolgreich (Major 1692, S. 58  f; hier Abb. 32). Andreas Albert Rhode stellte dann 1720 eine Urne demonstrativ in den offenen, frontal etwas von oben gezeichneten Hügeldurchschnitt und setzte das Motto dazu: „Schaue  /  wo es Dir gefällt  /  was der Hügel in sich hält“. Im Text nahm er Bezug auf die Abbildung von Major (Rhode/Rhode 1720, S. 38; hier Abb. 33). Die Ausgrabungstechnik Majors wirkte noch bis ins England des beginnenden 19.  Jahrhunderts weiter: 1806 publizierte William Cunnington einen ganz offenbar dessen Zeichnung nachempfundenen Kupferstich des Upton Great Barrow (Wiltshire) nach der Ausgrabung. Die im Hügel gefundene Perlenkette bildete er auf derselben Tafel ebenfalls ab (Cunnington 1806, S. 126; hier Abb. 13). Hügel und Perlenkette sind in Kavalierperspektive als Schrägriss dargestellt. Die Darstellungen der Hügelstratigraphien sind individuell nach dem entsprechenden Befund gestaltet, also im Prinzip empirisch und sehr unterschiedlich stark

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Abb. 31: Urnengräberfeld Massel (Masłów bei Trzebnica, Schlesien). Frontale Darstellung verschiedener vertikal geöffneter Urnengräber mit und ohne Steinpackung. Hermann 1711, n. S. 91. © Barbara Sasse, Michael Kinsky, RGK.



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Abb. 32: Dänischenhagen, Gut Rantzau, Fünf-Bergen (Kreis Flensburg-Eckernförde), Grabungszeichnung. Zwei Schnitte durch zwei Grabhügel, A: Schnitt durch die Grabhügelmitte; B: Segmentschnitt. Major 1692, S. 59. © Barbara Sasse, Michael Kinsky, RGK.

systematisiert, sogar von ein und demselben Gelehrten. Deutlich sieht man, dass eine endgültige Darstellungsweise für die neue Erkenntnis noch nicht gefunden war. Olof Rudbeck dokumentierte vollständig: die Ansicht der archäologischen Fundstelle in der Landschaft, wie sie wenig später bei Stukeley perfektioniert wurde, und den eingemessenen Schnitt mit der deutlich sichtbaren Stratigraphie und der Lage der Funde in einem Hügel mit Maßstabsangabe und Nummerierung der einzelnen Elemente (Rudbeck 1679, Tafelband Tab. 3, Fig. 3–5, 7, Tab. 9, Fig. 27, Tab. 31, Fig. 104 und Fig. 107; hier Abb. 8–9). Vor allem die beiden Hügelschnitte lassen wenig zu wünschen übrig, zumal sie nicht kavalierperspektivisch angelegt sind. Christian Ernst Hansselmann strebte etwa 100  Jahre später ebenfalls eine vollständige Dokumentation für die Funde seiner Sammlung an, sowohl, was den Fundort als auch, was den Befund betrifft. Er war bei der Grabung nicht zugegen, versuchte aber, nachträglich den schematischen Hügelaufbau nach dem Fundbericht zu rekonstruieren und stellte das Ergebnis in einem Durchschnitt durch die Mitte des Hügels dar, daneben aber eine Seitenansicht des Hügels mit Schattierung, die seinen runden, nicht dargestellten Grundriss andeuten soll mit der Erklärung: „Ein uneröffneter Tumulus“. Das Ergebnis ist merkwürdig, es zeigt aber, dass Hansselmann bewusst war, wie es eigentlich hätte sein sollen (Hansselmann 1768, S. 94–100; Taf. XV; hier Abb. 34). Bryan Faussett dokumentierte seine Grabungsbefunde schon auf ganz andere Weise. In Sibertswold Down und in Adisham Down (Beakesbourne, Kent) skizzierte er die Lage der Straßen und der Hügel 1773 in der Draufsicht als Projektion in einer Ebene – allerdings sind diese Pläne nicht genau vermessen, wenn sie auch eine Windrose besitzen (Faussett 1757–1773[1856]), S. 134, S. 144; Wright 2015, S. 149).

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Abb. 33: Seitenansicht eines in der Mitte nach der Methode von Major geschnittenen Grabhügels. Im Schnitt befindet sich ein Urnengrab in einer Steinkiste. Frontispiz eines Monatsheftes. Rhode/ Rhode 1720, S. 38. © Barbara Sasse, Michael Kinsky, RGK.



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Kaum später veröffentlichte der Pfarrer George Low Hügelschnitte, die er 1772 an der Grabungsstelle selbst schematisch skizziert und wohl auch nicht exakt vermessen hatte (Low 1775, S. 276; hier Abb. 12). Dennoch zeichnete er saubere, nicht perspektivisch gekippte oder verzerrte Schnitte durch die Mitte der Hügel. Das Landschaftsbild, in das die geschnittenen Hügel eingepasst sind, ist dagegen kavalierperspektivisch, der Knochenfund und die Perle in der Seitenansicht mit Schattierungen dargestellt. Hansselmann und Low aber ist es gemeinsam, dass sie auch die Landschaft mit der Lage der Fundstelle berücksichtigten. Der im Verhältnis zum Befund auf der Abbildung Lows riesig wirkende Knochen aber täuscht  – Low hielt die Bestatteten für normale Menschen und nicht für Riesen und hatte den Knochen wohl im Verhältnis zur ebenfalls gefundenen Steinperle abbilden wollen. Die Darstellungsweise Olof Rudbecks fand also auch innerhalb des 18. Jahrhunderts noch keine Nachahmer. Major und die anderen Erforscher von Hügelgräbern in der ersten Hälfte des Jahrhunderts hatten zwar das Prinzip der Stratigraphie angewendet, nicht aber das Abbildungsschema kopiert. Im Gegensatz dazu wurden verschiedene andere Wege beschritten, die zunächst noch überwiegend von der Frontalperspektive, im 18. Jahrhundert aber dann von der Kavalierperspektive ausgingen. Diese wurde erst in der zweiten Hälfte des 18.  Jahrhunderts allmählich verlassen. Auf der Skizze des schon erwähnten Planums, das Frederik Münter 1780 vom Kong Svends Høj auf der dänischen Insel Lolland offenbar nach Abtragung des Hügels vor Ort zeichnete, findet man ähnlich wie bei Olof Rudbeck etwa einhundert Jahre früher Angaben zu Himmelsrichtungen und einzelne Nummerierungen, wohl aber noch keine genauen Einmessungen (Klindt-Jensen 1975, S. 45, Abb. 40), und auch die Perspektive ist noch nicht eindeutig. Das gilt nicht mehr für James Douglas: Er zeichnete den gegenüber der Skizze von Bryan Faussett korrigierten und erweiterten Plan des Hügelgräberfeldes von Sibertswold Down sowie die römische Befestigungsanlage von Coldred Church schon wie eine heutige Karte in der Draufsicht mit Windrose. Von Faussett trennt ihn allerdings nur die Weiterverarbeitung, nicht das Prinzip (Douglas 1793, S.  93, Taf. XXIII; hier Taf. 3). 1.4.2.2.4 Die Fundlandschaft Ein immer wiederkehrendes Merkmal der Präsentation von Denkmälern ist die Einbindung des archäologischen Objekts in die Landschaft, ein Phänomen, das Stuart Piggott zu seinem Titel Ruins in a Landscape anregte (Piggott 1976). Neben dem einzelnen Denkmal wurde das Motiv verschiedener Fundgruppen in der Landschaft seit der Jahrhundertwende zum 17. Jahrhundert immer häufiger. Oft findet es sich in den Genrebildern, z.  B. in Darstellungen von Ausgrabungen (siehe S. 56). Die Abbildung des Ensembles von Jelling, die Henrik Rantzau 1591 publiziert hat (siehe Bd. 1, Anm. 184) und die von Ole Worm in der Fassung von Jon Skonvig abgedruckt wurde, setzte hier die ersten Maßstäbe (Worm 1643, S. 328; hier Abb. 20).

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Abb. 34: Hohebach (Hohenlohekreis). Fundsituation der bronzezeitlichen Grabhügel, Schnitt und Funde. Hansselmann 1768, S. 94–100 und Taf. XV. © Barbara Sasse, Michael Kinsky, RGK.



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Auch der königliche Park von Lejre, in dem Worm das königliche Zentrum von Lethra sah, wurde als perspektivische Landschaftsskizze in Vogelschau dargestellt. Die einzelnen Monumente versah der Mediziner mit Buchstaben und Erklärungen wie „H. Monumentum Regis Olai ibidem tumulati“ (Worm 1643, S. 23). Bäume und Hügelgräber erscheinen teilweise im Profil, teilweise in Frontal- oder Zentralperspektive. Es handelt sich also noch nicht um eine echte Vogelperspektive, die eine Parallelprojektion sein müsste. Olof Rudbeck stellte am Ende des 17. Jahrhunderts die Hügelgräber von Häggeby und von Uppsala in die Landschaft und publizierte Kartenskizzen mit den Hügeln. Besonders interessant ist die Darstellung von Uppsala, ein Plan in Vogelschau, in dem die Hügel im Profil zu sehen sind, die Kirche aber von oben (Rudbeck 1679, Tafelband Tab. 9, Fig. 27; hier Abb. 1). Eine vollständige Abstrahierung ist dem Mediziner hier also im Gegensatz zur Präsentation von Hügelschnitten noch nicht gelungen. Das chronologische Verhältnis verschiedener Denkmäler untereinander in einem geographischen Raum versuchten schon John Aubrey und William Stukeley darzustellen. Ersterer vermaß verschiedene Befestigungen, skizzierte sie grob und klassifizierte sie nach ihrer Form in quadratische und runde Anlagen. Aufgrund von Angaben bei Polybios schloss er, dass die quadratischen Befestigungen in der Nähe von Flussläufen römisch sein müssten, was allerdings William Camden schon aufgrund von Inschriften wusste (Aubrey 1665–1693[1980–82], S.  242). Runde Befestigungen hielt Aubrey dagegen für dänisch (ebd., S. 288). William Stukeley stellte in seinen kavalierperspektivischen und technisch modern mit Hilfe eines Messtisches eingemessenen Landschaftszeichnungen dagegen sogar eine Stratigraphie in der Landschaft dar (Stukeley 1740, vor S. 7; Piggott 1950[1985], S. 27  f., S. 36  f; Schofield/Carman/Belford 2011, S.  27  f.)66. Unabhängig von den Interpretationen schuf er damit vermutlich erstmals Landschaftsbilder mit Denkmälern der urgeschichtlichen und römischen Zeit mit deutlich sichtbaren Überschneidungen wie z.  B. von Woodyates (Salesbury, Wiltshire). Unter dem römischen Denkmal liegt das vorrömische (siehe S. 182). Erst in der zweiten Hälfte des 18. Jahrhunderts konnten auch prähistorische Denkmäler von dem für römische Monumente inzwischen üblichen Standard des Vermessungswesens profitieren. Graf Caylus publizierte 1761 u.  a. einen perfekten orthogonalen Grundrissplan der prähistorischen Befestigungsanlage Camp de Biere (Argentan, Normandie), deren Einmessung den von ihm behandelten römischen Denkmälern nicht nachstand, obwohl er aufgrund der Merkmale eine römische Bestimmung ablehnte67. Er bemerke dazu: „Le plan … a été levé a 1756, par M. de Trezagues, Sous-

66 http://find.galegroup.com/ecco/infomark.do?&source=gale&prodId=ECCO&userGroupName=fre iburg&tabID=T001&docId=CW3303406067&type=multipage&contentSet=ECCOArticles&version=1.0 &docLevel=FASCIMILE. Besucht am 26. 11. 2016. 67 Caylus 1761, Bd. 4, S. 381  ff., Taf. CXV = http://digi.ub.uni-heidelberg.de/diglit/caylus1761bd4/0515. Besucht am 26. 11. 2016.

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Ingénieur des Ponts et Chaussées, … qui par ce moyen, a donné à la fois, des preuves de son exactitude & de son intelligence“ (Caylus 1761, Bd. 4, S. 383). Das zeigt, dass sich Caylus der großen Bedeutung dieser Leistung bewusst war. Demgegenüber wirkt die Kartenskizze von Martin Mushard rückständig: Unterschiedliche prähistorische und frühgeschichtliche Geländedenkmäler sind hier in verschiedener Perspektive und verschiedenem Maßstab, überwiegend aber in Schräg­ ansicht von oben in der Landschaft dargestellt. Positiv fällt hier aber die Systematik mit Buchstabenlegende auf (Mushard 1764[1927], Taf. 2; Sprockhoff 1975, S. 4, Nr. 608 und Beilage 2)68. 1.4.2.2.5 Fundobjekte – Beschreibung, Abbildung, optische Klassifikation und Funktionsbestimmung Wie bei den Befundbildern der Urnengräber kann man auch bei der Darstellung der Funde beobachten, dass die Zeichnungen als didaktische Mittel zur Erklärung bisher mythischer oder unbekannter Sachverhalte eingesetzt wurden. Die einzigen prähistorischen Funde, die bis zum Ende des 16. Jahrhunderts häufiger abgebildet wurden, sind deshalb die Cerauniae, die sog. Donnerkeile. Sie befanden sich in den medizinischen Sammlungen als Naturalia und wurden zusammen mit anderen Steinfunden gezeichnet, beschrieben und klassifiziert. Mediziner dieser Zeit versuchten, ihre Entstehung zu klären. Dabei erfreuten sich die Zeichnungen von Johannes Kentmann aus der Mitte des 16. Jahrhunderts noch im 17. Jahrhundert großer Beliebtheit und wurden oft kopiert. Auf ihnen sind verschiedene Typen von Steingeräten ohne Maßstab und – bis auf die Durchlochung  – deutliche Bearbeitungsspuren frontalperspektivisch abgebildet. Licht, Schatten und Relief sind schraffiert (siehe Bd. 1, S. 259; Abb. 31a-b). Die auch hinsichtlich der Oberflächenbearbeitung perfekte und maßstäbliche Darstellung von Steinobjekten bei Michele Mercati, die Bearbeitungsspuren deutlich erkennen lässt, konnte erst frühestens am Ende des 17. Jahrhunderts Schule machen, da das Werk erst seit den Sechzigerjahren in wissenschaftlichen Umlauf kam. Hier ist konsequent nur eine Schauseite gezeichnet. Schatten und Körperformen sind durch Schraffuren dargestellt (siehe Bd. 1, S. 272  f., Abb. 39–40). Auch diese Tafeln besitzen noch keine Maßstabsleiste und keine Schnitte. Die gezielte Zusammenstellung und Behandlung untereinander ähnlicher Objekte der frühgeschichtlichen Zeit führte seit den Dreißigerjahren des 17. Jahrhunderts in Kombination mit schriftlichen Quellen zu den ersten erfolgreichen funktionalen Deutungen von Kleidungsaccessoires und Schmuck. Die durch die Paduaner altertumskundlichen Zirkel geprägten dänischen Ärzte Johannes Rhodius (Snorrason

68 Auf dem Messtischblatt Dorum 2317 zum Megalithgrab Nr. 608 Bülzenbett bei Sievern sind auch die anderen Elemente der Fundlandschaft Mushards in moderner Projektion eingezeichnet wie die Pippinsburg und Hügelgräber.



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1967) und Thomas Bartholin der Ältere stellten in diesem Zusammenhang archäologische Funde ihres Heimatlandes mit derselben Präzision dar, wie sie es für Gegenstände der klassischen Kulturen kannten. Dadurch schufen sie die Voraussetzung für erfolgreiche Klassifikationen. Rhodius publizierte 1639 eine Arbeit über bestimmte Geräte mit Dorn, die er als Fibeln identifizieren konnte, Bartholin 1647 eine Arbeit über Ringe (Rhodius 1639; Bartholin 1647; Klindt-Jensen 1975, S. 26). Rhodius konnte auf die Erkenntnisse des Lorenzo Pignoria und seines Lehrers Guido Panciroli sowie weiterer italienischer Sammler wie Francesco Gualdo zur Funktion der Fibeln in der Tracht aufbauen. Außerdem hatte der Jurist Pignoria eine Tafel mit Fibeln zusammengestellt (siehe Bd. 1, Abb. 18), die Ausgangspunkt für die weiteren Forschungen werden sollte. Nach humanistischer Art legte Rhodius zunächst das Problem dar, indem er zeittypisch eine Begriffserklärung suchte und eine Fülle von schriftlichen Quellen diskutierte. Dann ließ er ähnlich wie Ulisse Aldrovandi und Michele Mercati vor ihm für die Cerauniae „Notatio, Descriptio et Differentiae“ der Fibeln folgen (Rhodius 1639[1672], S. 7). Die Erstausgabe seines Werkes von 1639 zeigt aber, dass er ihre Merkmale noch nicht systematisch beschreiben und ordnen konnte (Rhodius 1639, S. 37  ff.). Auch die Abbildungen sind nicht einzeln nummeriert und werden auch im Text nicht angesprochen. Thomas Bartholin der Ältere, der Sohn Caspars und Schüler von Rhodius, bemühte sich in seiner Arbeit über die Armringe von 1647 schon um mehr empirischarchäologische Elemente als sein Lehrer. Auch er begann seine Abhandlung in der in den medizinischen Sammlungsbeschreibungen üblichen Weise mit der Begriffsbestimmung und Etymologie „§. I. Varia Armillae Notio et Etymologia“ (Bartholin 1647, S. 5–14)69. Dann behandelte er aufgrund von schriftlichen Quellen unterschiedlichster Provenienz und Zeitstellung und ohne einen kulturellen Zusammenhang „Armillae quas corporis partes exornarint?“ (ebd., S. 14–27). Im Kapitel „Armillarum Forma, Compages et Connexio“, d.  h. Form und Gefüge der Armillae und ihr Zusammenhang, verband der Gelehrte jedoch schon ausführliche und systematische Beschreibungen archäologischer Objekte mit äußerst genauen Zeichnungen (ebd., S.  38–62). Dass sich Bartholin der Bedeutung der bildlichen Darstellung bewusst war, ergibt sich u.  a. auch aus seiner Kritik an dem spanischen Altertumsforscher Juan Bautista Suárez de Salazar, bei dem er Abbildungen der erwähnten Ringe aus Grabfunden von Cádiz vermisste: „In cuius fide id tantum desideramus, quod rem adeo seculis inusitatam nulla icone adumbraverit“ (ebd., S. 38)70.

69 Das Exemplar der Staats- Stadtbibliothek Augsburg zählt das Kapitel von S. 1 an, http://www.mdznbn-resolving.de/urn/resolver.pl?urn=urn:nbn:de:bvb:12-bsb11256142–5. Besucht am 28. 11. 2016. 70 Übersetzung: wir vermissen es sehr, dass der Autor ein so lange nicht benutztes Objekt nicht als Beleg abgebildet hat. Der Bezug: Suárez de Salazar, Juan Bautista (1610): Grandezas y antigüedades de la isla y ciudad de Cádiz, S. 314. Cádiz.

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b

Abb. 35: Nahe Kolding (Süddänemark). Zwei spätbronzezeitliche Armreifen aus Ole Worms Sammlung. a: Zeichnung von Thomas Bartholin dem Älteren. Bartholin 1647, S. 45. b: Maßstab an Abb. 35, a angepasst. Broholm 1946, S. 239, M 205. a: © Barbara Sasse, Michael Kinsky, RGK. b: © H. C. Broholm, Nationalmuseet (Kopenhagen).

Wie viel Mühe Bartholin selbst auf die Zeichnung eines besprochenen Gegenstandes verwendete, zeigt sich dann vor allem in einer großartigen Darstellung eines der zylindrischen spätbronzezeitlichen Armreifen (Montelius V) aus der Sammlung seines Onkels und Mentors Ole Worm, von unten gesehen in Zentralperspektive. Ihr entspricht eine eingehende Beschreibung, die Angaben zum Material, zur Form mit ihren Details, zum Gewicht und zu den Maßen enthält. Auch auf die Detaildarstellung der Pendilien wird eingegangen. Der erhaltene Fund bestätigt die Qualität der Zeichnung (ebd. S. 46  f.; Abb. 35, a-b). Bartholin bezog sich allerdings bei seiner Ortsangabe wie die Autoren der Inschriftensyllogen noch auf die Sammlung und nicht auf den Fundort, was verwundert, da sein Vater Caspar ja schon ausgegraben hatte. Die Angabe zum Fundort findet sich dagegen bei Ole Worm, der die Zeichnung ebenfalls reproduziert hat (Worm 1655, S. 353  f.)71. Ole Worm besaß in seiner naturwissenschaftlichen Sammlung noch eine Reihe anderer archäologischer Funde, von denen ein Teil aus den Grabungen seines Schwagers Caspar Bartholin stammte und somit dokumentiert war. Einige seiner Beschrei-

71 Identifiziert: H. C. Broholm, Danmarks Bronzealder, Bd. 3, Kopenhagen 1946, S. 239, M 205: 2 breite Armringe aus Ole Worms Sammlung, Nähe Kolding. Museum Wormianum 1655, S. 353: „Prope Coldingam Cimbriae effossae sunt duae armillae aeneae, rarae structurae“. Worm erwähnte auch, dass die Zeichnung von Bartholin stammt („delineavit“) und in seiner Arbeit über die Ringe abgebildet worden ist.



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bungen und Abbildungen von Objekten bekannter Funktion befinden sich auf demselben Niveau wie die Bartholins, z.  B. die des Messers aus dem Urnengrab von Kalingborg (Kalundborg, Seeland): „Cultellus aeneus cum manubrio ejusdem Metalli, longitudinem obtinet trium unciarium, altera parte obtusus, altera acutus … inventus est in urna …“ (Worm 1655, S. 355). Von diesem Messer findet sich eine Abbildung in der Publikation von 1643, neben einem Bronzeschwert aus der Sammlung des Jacobus Matthias (Worm 1643, S. 50, Abb. A, Abb. C). Unzweifelhaft handelt es sich in beiden Fällen um Zeichnungen der Ansicht bzw. Schauseite der Gegenstände von hoher Qualität, wenn auch ohne Maßstab und Schnitt. Was die Cerauniae betrifft, von denen Worm angab, „varia“ in seiner Sammlung zu besitzen, so bleibt ihre Dokumentation ähnlich vage wie die der Megalithgräber und befindet sich wie diese noch nicht am richtigen Ort der Gliederung seines Katalogs: Wie alle Autoren vor ihm und selbst Michele Mercati ordnete er sie noch zu den Naturalia (siehe S. 24). Er beschrieb zwar fünf von ihnen näher, machte aber keine Bemerkungen zur Herstellungstechnik und gab auch keinen Fundort oder Fundzusammenhang an. Die Abbildung der Cerauniae übernahm er wie Ulisse Aldrovandi knapp 50 Jahre vor ihm von Johannes Kentmann, sie stellt also gar nicht seine eigenen Sammlungsobjekte dar, sondern besitzt lediglich symbolischen Wert (Gesner 1565a, n. S. 64; Bd. 1, Abb. 31, a-b; Worm 1655, S. 75)72. Seine eigenen Stücke bildete er weder 1643 noch 1655 ab. Wohl auch deshalb kam Worm inhaltlich über Kentmann nicht hinaus (siehe auch S. 176). Wie Johannes Rhodius und Thomas Bartholin der Ältere ließ auch Jean-Jacques Chifflet mitteleuropäische Fundstücke mit den Methoden der italienischen Altertumsforscher um Lorenzo Pignoria, Guido Panciroli und Cassiano dal Pozzo abbilden. Die Fundzeichnungen sind außerordentlich präzise mit technischen und ästhetischen Details ausgeführt, z.  B. die Schnallen und der goldene Armring (Chifflet 1655, S. 236). Der frontal mit hoher Horizontlinie dargestellte Fingerring mit dem Siegel und der Inschrift „Childirici regis“ stimmt mit dem daneben reproduzierten Siegelabdruck bis auf Kleinigkeiten überein (ebd., S. 96). Die Probleme der funktionalen Identifikation der Gegenstände kann man sehr gut anhand dieses Werkes verdeutlichen. Der Autor bestimmte die Funktionen nach antiquarischer Tradition, wobei ihm die lateinische Sprache seiner Publikation half, zumal er den Gegenständen Begriffe aus Werken antiker oder mittelalterlicher Autoren bzw. aus älteren antiquarischen Schriften zuwies, so „securis bipennis“, Franziska73 oder Ango. In der Merowingerarchäologie werden heute noch einige Bezeichnun-

72 https://archive.org/stream/gri_museumwormia00worm#page/n104/mode/1up. Besucht am 18. 01. 2015. Siehe die Vorlage Bd. 1, Abb. 31, b. 73 „Alia fuit securis duplici acie … Varroni cum adiectivo securis bipennis dicta“ (Chifflet 1655, 207). „… Franciscam vocarunt Hispani, a quibus ad Francos ipsos transivit ea nomenclatio. Isidorus Hispalensis …“ (ebd., S. 211).

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gen benutzt, die auf ihn zurückgehen bzw. durch ihn vermittelt wurden. Bei einigen Stücken aber irrte er sich gründlich, wie bei der Zwiebelknopffibel, die er als Schreibgriffel interpretierte: „graphiarium regis aureum“ (Chifflet 1655, S. 182; hier Abb. 36). Der Mediziner stellte die goldene Zwiebelknopffibel in Vorder- und Rückansicht in Zentralperspektive mit hoher Horizontlinie und mit allen Details und Schattierungen dar, gleichzeitig aber auch seine eigene, verfehlte Interpretation. Eine Hand, welche die Fibel demonstrativ zum Schreiben führt, dient gleichzeitig der Zeichnung als Maßstab. Die Genauigkeit der Darstellung der Fibel kann heute noch durch eine Kopie im Museum Ferdinandeum in Innsbruck überprüft werden (Die Franken 1996, 2, S. 361). In den kommenden Jahren wurde Chifflets Irrtum von verschiedenen Autoren korrigiert. Im Vorwort der von Thomas Bartholin dem Älteren besorgten Neuauflage des Werkes von Johannes Rhodius (siehe S.  101) nahm der Herausgeber als Ergänzung eine systematisierte Beschreibung und Klassifikation von Fibeln vor und bildete mehrere Tafeln mit Fibeln und Schnallen ab, die Johannes Smetius aufgrund der Vorarbeiten von Lorenzo Pignoria, Rhodius und den Funden von Novomagium (Nimwegen) entworfen hatte (Rhodius 1639[1672], Vorwort; Abb. A-Q, I-IX; Smetius 1678, S. 81  ff.; Abb. n. S. 86; hier Abb. 17–19)74. Wenn auch eine typologische Ordnung noch keinem der Beteiligten gelang, die Zeichnungen den verschiedenen Vorlagen entsprechend teils in der Seitenansicht, teils auf Schau- und Rückseite, aber auch in der Schrägansicht dargestellt und keine Zwiebelknopffibeln dabei sind, wird die Funktionsbestimmung eindeutig. Chifflet hatte die Erstauflage des Werkes zwar zitiert, die Ergebnisse aber nicht auf die Zwiebelknopffibel übertragen (Chifflet 1655, S. 238). Auch Jacob von Mellen wandte sich mit Rhodius’ Argumenten gegen Chifflets Fehlinterpretation (Mellen 1679, S. 25). Dessen präzise Abbildung des Stückes allerdings behält trotz der falschen funktionalen Rekonstruktion methodischen Vorbildcharakter. Die Darstellungen von Keramik profitierten noch bis ins 18. Jahrhundert hinein von der Widerlegung des Mythos der ‚gewachsenen Urnen‘. Am Beginn des 17. Jahrhunderts findet man deshalb auch schon die ersten Zeichnungen mit heute identifizierbaren Typen prähistorischer Keramik wie die von Ransern (Schlesien, siehe Bd. 1, S. 271). Wie bei den Grabhügeln entspann sich so allmählich eine Diskussion über Darstellungs- und Beschreibungsnormen. Der Mediziner Thomas Browne gehörte wie Thomas Bartholin der Ältere zu der Studentengruppe aus Padua. Er eröffnete das Thema durch die Veröffentlichung von vier wohl detailgetreuen Zeichnungen angelsächsischer Urnen aus dem Gräberfeld

74 Die Abbildungen der Fibeln aus der Sammlung Johannes Smetius des Älteren standen offenbar schon Anfang der Siebzigerjahre des 17.  Jahrhunderts befreundeten Altertumsforschern zur Verfügung, siehe auch Bd. 1, S. 233, Abb. 18.



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Abb. 36: Tournai (Belgien), Grab König Childerichs I., goldene Zwiebelknopffibel. Jean-Jacques Chifflet interpretierte sie als Schreibgriffel und verdeutlichte seine Interpretation durch die Zeichnung. Chifflet 1655, S. 182. © Barbara Sasse, Michael Kinsky, RGK.

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von Old Walsingham in Norfolk in Zentralperspektive mit einer oberhalb der Bildmitte liegenden Horizontlinie; zwar erkennt man die Formen und Muster der angelsächsischen Gefäße sehr gut, die Abbildungen sind jedoch nicht nummeriert, besitzen keinen Maßstab und werden auch im Text nicht erwähnt – die Tafel dient eher als allegorisches Frontispiz (Browne 1658[1890], nach S. 285; Schnapp 1993, S. 197; siehe auch S. 40)75. Sein Thema war die Brandbestattung an sich und diese Urnen dienten ihm vor allem als Zeugen dafür. Die Frontaldarstellung von oben finden wir schon bei Ulisse Aldrovandi vor 1605 und Caspar Cunradi 1614 (Bd. 1, S. 266, Abb. 37; Hakelberg 2012, S. 60). Was die Genauigkeit der Abbildung betrifft, so stand ihm Adam Olearius in seiner Beschreibung der Sammlung von Gottorf mit der plastischen Wiedergabe einer Urne der Lausitzer Kultur keinesfalls nach. Olearius bildete aber nicht nur alle charakteristischen Details wie die konische Form, Henkel und Buckel ab, sondern beschrieb sie auch (Olearius 1666[1674], Taf. XXXVI, 3; siehe S. 120  f.)76. Auch Martin Friedrich Seidel und Gotthilff Treuer bemühten sich darum, die wesentlichen Merkmale ihrer Urnen darzustellen77. Letzterer ordnete die skizzenhaften Zeichnungen auf seinen drei Tafeln sogar teilweise schon typologisch sinnvoll an wie z.  B. auf Taf. 1, 1–4 und bemühte sich um eine funktionale Interpretation. Er nannte das entsprechende Kapitel „Von den unterschiedlichen Figuren“ (Treuer 1688, S. 17  ff.; Taf. 1–2)78. Interessante Überlegungen zur Klassifikation von Keramikformen finden sich auch bei Trogillus Arnkiel (1691[1702], Bd.  3, S.  298  ff.). Er registrierte die Formen der Wandung, drei Größenklassen, die Farben, die Formen des Halses, des Bodens (überwiegend flach), die Verzierungen, die Beobachtung, ob die Gefäße ineinander gesetzt waren, und letztlich die Höhen der größten Weite. Gegenüber den Anfängen bei Petrus Albinus wusste man also im 17. Jahrhundert die ergrabenen Gefäße schon wesentlich besser zu erfassen (siehe Bd. 1, S. 271, S. 292). In diese Zeit gehören sicher auch die Zeichnungen neolithischer Steinobjekte auf den beiden Tafeln zum Ausgrabungsbericht des Pfarrers von Cocherel, der die Funde auf den Abbildungen auch einzeln erwähnt und beschreibt (L’Abbé de Cocherel 1685[1722], Tafeln n. S. 175; hier Abb. 37–38). Die Steinbeile sind auf der Schauseite dargestellt, die Oberflächen zwar schraffiert und schattiert, um die glatten Formen der Körper anzudeuten, sichere Bearbeitungsspuren aber nicht hervorgehoben. Schnitte hat man nicht genommen, so dass die Körper dennoch nicht eindeutig erkennbar sind. Dafür finden sich zwei Beile in ihrer Hirschhornschäftung in Schrägriss (Nr. 25

75 http://penelope.uchicago.edu/hydrionoframes/urns.html. Besucht am 25. 11. 2016. 76 http://reader.digitale-sammlungen.de/de/fs1/object/display/bsb10051222_00161.html. Besucht am 28. 11. 2016. 77 Damals nicht gedruckt, wohl nach 1679, vielleicht einige Teile schon zwischen 1659 und 1668; Kirchner 1972, S. 13  f. 78 http://reader.digitale-sammlungen.de/de/fs1/object/display/bsb11205951_00041.html. Besucht am 28. 11. 2016.



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und 29 sowie Nr.  26 und 28). Da die Nummerierung mit dem Text übereinstimmt, dürfte auch die Komposition der Funde auf den Tafeln original sein. Bemerkenswert ist, dass auch Keramikscherben gezeichnet wurden. Wie bei den Grabhügelschnitten war es aber Johann Daniel Major, der Darstellungsweise und Terminologie zum Thema machte und in Richtung auf eine wissenschaftliche Zeichnung experimentierte. Die Frontalperspektive ermöglichte es immerhin schon, ohne Schnitt den Anschein einer Dreidimensionalität zu erreichen. Das Interesse an der äußeren Realität wich nun zusätzlich Versuchen, inhaltliche Kriterien wie die Funktion schon auf der Abbildung sichtbar zu machen. Wie sollte man gleichzeitig das Innere und das Äußere einer Urne zeigen? Major zeichnete deshalb eine Urne in ihrer oberen Hälfte in Zentralperspektive mit über dem Bild liegender Horizontlinie von außen, schnitt dann aber den unteren Teil exakt durch die Mitte, um anzudeuten, dass sich im größeren Gefäß noch ein kleineres befand, aber auch, dass der Boden der beiden Gefäße konkav war sowie die Wandungsstärke (Major 1692, S.  48; hier Abb.  39). Das ebenfalls bei den beiden Steinbeilen in verschiedener Richtung verwendete Halbprofil ließ die regelmäßige Keilform erkennen, die Oberflächendarstellung deutlich glatte und retuschierte oder abgesplitterte Flächen (ebd.; hier Abb.  40). Es ist auch die regelmäßige Keilform, die Major neben dem Maßstab – „nach ihrem / auf die Helffte verjüngtem Maß“ – für wichtig erachtete. An ihr richtete er seine interpretationsneutrale Terminologie aus: „Ich sage mit Fleiß / Keile/ oder Cuneos lapideos, der Figur halber …“ (Major 1692, S. 43; siehe S. 76). Wenig später publizierte Johann Christopherus Olearius einen fast vollständigen Bericht des Urnengräberfundes von Rudisleben (Arnstadt, Ilm-Kreis, Thüringen), nannte das Funddatum, den Besitzer des Geländes, den Anlass, Grabbau und Tiefe, Größe und Orientierung, Lage, Zustand und Inhalt der Gefäße. Von der abgebildeten großen Urne aus Rudisleben gab er Größe, Volumen und Tonfarbe an (Olearius 1701, S. 20  f.; hier Abb. 41, II). Während der Arzt Major zur wissenschaftlichen Zeichnung griff, um ein Problem seines Fundes zu verdeutlichen, wählte der Pfarrer Olearius die symbolische, durch Pflanzen und herausgebrochene Steine als Ruine in Frontalperspektive dargestellte Grabpyramide. In diese hatte er auf Söckelchen in vertikaler Reihe die in üblicher Weise ebenfalls frontal mit hoher Horizontlinie gezeichneten Tongefäße gesetzt –im Verhältnis zu den Tongefäßen winzige Skizzen der Funde und zerscherbter Gefäße hängen am Basissockel der Pyramide über der Inschrift: „MAUSOLEUM.IN.MUSEO.IOH. CHRISTOPH.OLEARIUS“ (siehe S. 160). Diese Pyramide mit Grabfunden, das Mausoleum in seinem Museum, hat der Autor in eine Landschaft mit Boden, Bewuchs und Wolkenhimmel gestellt, in einen Landschaftsgarten. David Sigismund Büttner, zwar auch Pfarrer, aber naturwissenschaftlich hoch motiviert, machte sich über die maßstäbliche Darstellung Gedanken – wie sollte man die sehr unterschiedliche Größe zweier Gegenstände auf einer Tafel sichtbar machen? Er entschied sich, den größeren Gegenstand, das Keramikgefäß, zu verkleinern, stellte den kleineren Gegenstand, das Steinbeil, aber zweimal dar, einmal in seiner natürlichen Größe und einmal im Verkleinerungsmaßstab der Keramik. So erhielt er,

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Abb. 37: Cocherel. Funde aus der Allée couverte. L’Abbé de Cocherel 1685[1722], n. S. 175. © Bibliothek der Monumenta Germaniae Historica.



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Abb. 38: Cocherel. Funde aus der Allée couverte. L’Abbé de Cocherel 1685[1722], n. S. 175. © Bibliothek der Monumenta Germaniae Historica.

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Abb. 39: Dolmen von Bülcke (Gut Alt-Bülk, Kreis Rendsburg-Eckernförde). Ansicht und Schnitt eines Tongefäßes, in dem sich ein weiteres Gefäß befand. Major 1692, n. S. 48. © Barbara Sasse, Michael Kinsky, RGK.



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Abb. 40: Dolmen von Bülcke (Gut Alt-Bülk, Kreis Rendsburg-Eckernförde). Zwei der fünf Steinbeile. Major 1692, n. S. 43. © Barbara Sasse, Michael Kinsky, RGK.

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ohne dies angeben zu müssen, auch einen Maßstab für die Urne, was er auch kommentierte: „Die Urne wird in der XV. Tab. sich kleiner zeigen / dabey aber der Stein in seinem richtigen Ausmaaß“ (Büttner 1710, S. 92 und Taf. XV)79. Hatte Büttner damit auch den Grabzusammenhang dargestellt, so entschied sich Engelhard Guhr 1712 für eine Anordnung von Formen (Schnapp 1993, S.  212). Auf seiner Darstellung der Gefäße hob er das für ihn Wesentliche hervor: die verschiedenen Wandungsformen, ob sie bauchig waren und zum Rand hin enger wurden oder trichterförmig und zum Rand hin breiter. Innerhalb der Gruppen sind die Gefäße nach der Größe geordnet, was einen einheitlichen Maßstab verlangte. Somit sind beide Möglichkeiten der Präsentation schon belegt: der Fundzusammenhang und der zur Typologie führende Objektzusammenhang. Jodocus Hermann Nunningh erweist sich nicht nur bezüglich seiner allegorischen und didaktischen Illustrationen als innovativ. Er stellte die von ihm im Hünenkerchhof bei Bredberg (Vechta) gefundene Amazonenaxt in Vorder- und Seitenansicht dar und strichelte das im Inneren liegende Loch auf der Vorderansicht (Nunningh 1714, S. 44, Taf. V; hier Abb. 42). Auch das steinerne Walzenbeil aus dem Gut Ihorst (Vechta) bildete er frontal und in der Seitenansicht ab, so dass die zugespitzte Schneide und die Dicke des Beils deutlich zu sehen sind (Nunningh 1714, S. 44, Taf. VI; hier Abb. 43, oben). So kam er zu einer kompletten Dokumentation. Keramikgefäße aus westfälischen Megalithgräbern sind bei ihm ebenfalls frontal mit über dem Bild liegender Horizontlinie so gut wiedergegeben, dass heute durch die Muster ihre Zugehörigkeit zur Tiefstichkeramik der westlichen Trichterbecherkultur unzweifelhaft ist. Er rekonstruierte die Gefäße zwar und irrte hierbei auch, zeigte aber deutlich ihren zerscherbten Zustand. Die oberste Reihe widmete er jüngerer, unverzierter Keramik, woraus man schließen kann, dass ihm der Unterschied wohl bewusst war (Nunningh 1714, Taf. III; Bakker 2010a, S. 405, S. 418, Abb. 7, die drei unteren Reihen). Das in Uelsen (Grafschaft Bentheim) in einem Grabhügel gefundene eisenzeitliche Inventar stellte er außerdem als Komplex dar, die Gegenstände überwiegend frontal. Nur der Kamm ist in diesem Fall im Halbprofil etwas gekippt, damit sein nach unten verjüngtes konisches Profil zu sehen ist (Nunningh 1714, S.  44, Taf. VI; hier Abb. 43, unten). Auf jeder Abbildung zeigt sich also, dass der Autor bemüht war, die von ihm als wesentlich erkannten Eigenschaften seiner Gegenstände erkennbar zu machen und dem Betrachter auch Kritik zu ermöglichen. Die Major und auch noch Büttner und Nunningh bewegenden Probleme des Maßstabs und der Darstellung des Inneren eines Objekts wurden im 18. Jahrhundert auf verschiedene Weise gelöst. Johann Christian Kundmann gab 1723 schon zwei Maßstäbe auf einer Abbildung an – für die Keramik aus Gräbschen eine Maßstabsleiste nach Breslauer Elle, in das Beil mit unvollendetem Bohrloch schrieb er dagegen „Nach

79 urn:nbn:de:bvb.29-bv001380021–3. Besucht am 27. 11. 2016.



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Abb. 41: Rudisleben (Arnstadt, Ilm-Kreis, Thüringen). Drei Tongefäße in Zentralperspektive auf einer ihren Status als Graburnen symbolisierenden Pyramide, am Sockel weitere Funde. Olearius 1701, Frontispiz. © Barbara Sasse, Michael Kinsky, RGK.

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seiner Größe“80. Außerdem stellte er auf derselben Abbildung die Urnen transparent dar, d.  h. Leichenbrand, Beigaben und die Gefäßoberfläche mit der Verzierung – mit dem Ergebnis, dass alles nur skizzenhaft angedeutet werden konnte. Auch in der L’Antiquité expliqué von Bernhard de Montfaucon finden sich Beispiele für den neuen wissenschaftlichen Zeichnungsstil, allerdings verschwinden sie neben vielen aus älteren Werken kopierten und antiquierten Abbildungen. Fälschlich wird deshalb das negative Urteil Johann Joachim Winckelmanns verallgemeinert (Berghaus 1983, S.  192). Gelegentlich aber konnte Montfaucon bei der Darstellung nichtrömischer Objekte von der schon weiter professionalisierten Präsentationstechnik für Antikes profitieren. Das zeigt z.  B. die Zeichnung der Schauseite einer merowingerzeitlichen Schnalle mit Beschlag, der eigentlich nur die Schnitte fehlen. Sie stammt aus einem Grab in der Gemeinde Montbellet bei Mâcon (Montfaucon 1719– 1724, Bd. 5,2, S. 193 und Taf. 137; Schnapp 1993, S. 268)81. Leider fehlte Montfaucon aber noch das Bewusstsein für die richtigen chronologischen Zusammenhänge, weswegen er die Schnalle auf einer Tafel mit zwei neolithischen Beilen unter der Überschrift „coeffure et haches dans des sépulcres“ abbildete. Der Deutung der Schnalle als Frisurenschmuck lag eine Assoziation zur zeitgenössischen Damentracht zugrunde. Das Tertium Comparationis der Komposition auf der Tafel bildet der Fund in einem Grab, also eine funktionale, dem humanistischen Paradigma entsprechende Systematik, in der kulturelle und chronologische Aspekte zweitrangig sind. Auch auf der Tafel mit den bronzezeitlichen Beilformen der Sammlung Foucault finden sich andere, nach unseren heutigen Kriterien sachlich nicht zugehörige Gegenstände (Montfaucon 1719–1724, Bd. 3,2, S. 340d, Taf. 188)82. Auch die Fundtafeln des Werkes von Johann Georg von Eckhart sind aus verschiedenen Arbeiten zusammenkopiert (Eckhart 1750, S. 79, Taf. V, S. 80, Taf. VI, S. 84)83.

80 Kundmann, Johann Christian (1723): Neue Entdeckung vieler Heydnischen Todten-Töpffe in unterschiedenen Orten unweit Breßlau, als zu Grabischen, Klein-Muchber, Gandau, Pöpelwitz … In: Sammlung von Natur- und Medicin- wie auch hierzu gehörigen Kunst- und Literatur-Geschichten so sich von 1717–26 in Schlesien und anderen Orten begeben … und als Versuch ans Licht gestellet, 23, S. 171–188, Abb. n. S. 188 = http://diglib.hab.de/periodica/na-334–1723_23–24_171–188/start.htm?image=sr-00001. Besucht am 18. 11. 2016. Abgebildet auch bei Hakelberg 2010, Abb. 3. Das hier wiedergegebene Beil stammte nicht aus der Grabung Kundmanns in Gräbschen, dieselbe Zeichnung wurde schon 1717 von Georg Andreas Helwing publiziert, siehe Kundmann 1737, Sp. 238  f.; Helwing, Georg Andreas (1717), Lithographia Angerburgica. Leipzig, S. 81 und Taf. X, 1. Die Übernahme der Abbildung mag der eigentliche Grund für die beiden Maßstäbe gewesen sein. In der Publikation von 1737 ist das Steinbeil auf der Abbildung der Urnen aus Gräbschen durch Nadeln aus den Gräbern ersetzt (Kundmann 1737, Sp. 311–312, Abb. 29–31, Sp. 319). 81 http://digi.ub.uni-heidelberg.de/diglit/montfaucon1722j/0038/image?sid=1eaa39dac9fadf93b345 db2757690b08. Besucht am 30. 12. 2014. 82 http://digi.ub.uni-heidelberg.de/diglit/montfaucon1722e/0275?sid=1eaa39dac9fadf93b345db2757 690b08. Besucht am 30. 12. 2014. 83 http://diglib.hab.de/drucke/gl-4f-136/start.htm?image=00148, http://diglib.hab.de/drucke/gl-4f-



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Abb. 42: Links: Teufelssteine bei Heiden (Kreis Borken). Keramikgefäß mit Abdeckplatte. Rechts: Hünenkerchhof bei Bredberg (Vechta). Amazonenaxt in Vorder- und Seitenansicht mit Einzeichnung des Loches. Verschiedene Maßstäbe ohne Angabe auf der Abbildung. Nunningh 1714, Tab. V n. S. 44. © Barbara Sasse, Michael Kinsky, RGK.

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Abb. 43: Oben: Ihorst (Gut zwischen Damme und Holdorf, Kreis Vechta). Steinbeil aus Grabmonument. Unten: Uelsen (Grafschaft Bentheim). Funde aus dem in einem Grabhügel gefundenen intakten Urnengrab. Nunningh 1714, Tab. VI n. S. 46. © Barbara Sasse, Michael Kinsky, RGK.



Die Analyse 

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Allerdings zeigt ihre Auswahl, dass Christian Ludwig Scheidius die wissenschaftliche Bedeutung der einzelnen Abbildungen erkannt hat (z.  B. Nunningh 1714, Taf. V, S. 44; hier Abb. 42; Eckhart 1750, Taf. V, 4–7, S. 80; siehe auch S. 90). Er bildete z.  B. die beiden (?) Äxte Taf. V, 6 und 7 so ab, als ob es sich um zwei Ansichten desselben Stückes handelte und erreichte so ebenfalls die Information eines Schnittes. Die Anordnung der Gegenstände ist ebenfalls innovativ: Die Tafel V enthält nur Steingeräte, die Tafel VI überwiegend Metallobjekte. Dabei wurden die Gegenstände 1–24 auf beiden Tafeln durchgehend so nummeriert, dass zunächst Stein, dann Bronze und Gold und zuletzt Eisen kam. Die Anordnung der Stücke erfolgte aber funktional. Die einzige Eisenpfeilspitze Nr. 24 positionierte er in der Nähe der bronzenen Pfeilspitze Nr. 7, und nicht zusammen mit der Münze Nr. 22 und den Perlen Nr. 23, die zu dem von Nunningh publizierten eisenzeitlichen Fundkomplex gehören (Nunningh 1714, Taf. VI; hier Abb. 43). So nahm er seiner Abbildung die chronologische Brisanz (siehe S. 112 und S. 140  f.). Christian Ernst Hansselmann ordnete dagegen die Fundstücke nach ihrer Herkunft. Zu den mit den Buchstaben A-E bezeichneten Objekten auf der linken Hälfte seiner synoptischen Tafel schrieb er: „Diese Geräthschaft von Fig. A bis E inclusive ist in … Tumulo B gefunden worden“. Die Funde sind überwiegend mit der Schauseite und leichter Schattierung in verschiedenen, nicht auf der Zeichnung angegebenen Maßstäben, sonst aber präzise dargestellt. Nur die Radnadel erfuhr eine merkwürdige Rekonstruktion (Hansselmann 1768, Taf. XV; hier Abb. 26). Die Probleme, die bei der Funktionsbestimmung vieler Fundstücke bestehen blieben, spiegelten sich eben auch weiterhin in den Abbildungen, zumal man seine Irrtümer und Vorschläge gerne grafisch erklärte. Jérémie-Jacques Oberlin, der wie Jean-Jacques Chifflet noch lateinisch schrieb, fußte auf diesem bei der Analyse des 1740 gefundenen Waffengrabes von Verdun aus Johann Daniel Schoepflins Sammlung. Oberlin gelang zwar durch seine detaillierte Merkmalbeschreibung ein Vergleich mit den Funden aus dem Childerichgrab (siehe S. 135). Selbst aber irrte er bei der Deutung eines Eimerbeschlages als ‚corona‘ sowie eines Schildbuckels als Helm (Oberlin 1773, S.  143–145; Ament 1996, S.  30; Neumayer 1996, S.  38, Abb.  30)84. Die gesicherte Funktionsbestimmung war allein mit Merkmalen des Gegenstandes ohne die dazugehörigen Befundbeobachtungen nicht erreichbar. Interessant ist, dass Oberlin durchaus annehmbare antike Parallelen als Beweise für seine Fehldeutungen anführte und dass sich diese lange hielten: Noch 1839 wurde ein Eimerbeschlag als Krone dargestellt (Ament 1996, S. 27, Abb. 19).

136/start.htm?image=00152. Besucht am 14.  12. 2016. Zur Verfasserfrage siehe Gummel 1938, S.  95, hier S. 19 und Anm. 98. 84 Siehe Oberlin 1773, S. 145 (erster Absatz): http://reader.digitale-sammlungen.de/de/fs1/object/display/bsb11062669_00169.html?zoom=0.55. Besucht am 14. 12. 2016.

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 Die Aufklärungsarchäologie

Dass es die präzisen Beobachtungen bei der Grabung waren, die viele solcher Probleme zu einer Lösung brachten, setzte sich in der zweiten Hälfte des 18. Jahrhunderts erst allmählich durch, weswegen zunächst nicht nur der Theoretiker Oberlin, sondern auch praktische Ausgräber wie Johann Christian Dünnhaupt noch meinten, auf die Fundumstände verzichten zu können. Die 1778 von Letzterem nach dem inzwischen erreichten Standard frontal mit hochliegender Horizontlinie abgebildeten Tongefäße aus eigenen Grabungen besitzen zwar schon deutlich erkennbare Formen und Charakteristika, auf die Details der Grabung, vor allem aber auf Fundzusammenhänge ging der Autor auch in seinen Beschreibungen noch nicht ein (Dünnhaupt 1778, S. 228, S. 238  ff. und Tab. I)85. Anders aber gleichzeitig Bryan Faussett – er verzeichnete in seinem Grabungstagebuch nicht nur detaillierte Angaben zur Lage der Fundstücke in ihrem Fundzusammenhang, sondern zeichnete besondere Stücke auch akribisch, z.  B. Schauseite und Rückseite der Scheibenfibel aus Kingston Brooch (Wright 2015, S. 122, Abb. 19, S.  240). Die teilweise farbigen Tafeln der erst 1856 veröffentlichten Grabungspublikation ließ der Herausgeber Charles Roach Smith Mitte des 19.  Jahrhunderts durch William Patrick Herdman und Frederick William Fairholt stechen und kolorieren, sie gehen nicht direkt auf Bryan Faussett zurück, aber auf dessen Vorarbeiten (Faussett 1757–1773[1856], Taf. I-XX). James Douglas konnte einen Eimerbeschlag wie den aus Verdun aufgrund der Fundsituation schon 1793 vollkommen richtig erkennen und stellte ihn entsprechend dar (Douglas 1793, Taf. 12). Auch sonst zeugen Text und Tafeln der Funde frühmittelalterlicher Gräber aus Kent für eine erstaunliche Beobachtungsgenauigkeit, bei der Maß- und Lageangaben oft zu zutreffenden funktionalen Klassifikationen führten. James Douglas bildete die Funde alle individuell nummeriert und außerdem im Grabzusammenhang in einem Planum ab und beschrieb sie einzeln und detailliert, so die Funde von Chatham Lines, Tumulus 1 (Douglas 1793, Taf. I; hier Taf. 1) und Tumulus 18 (ebd., Taf. XV; hier Taf. 2). Die Zeichnungen stellen konsequent die Schauseiten der Objekte dar, sowohl in der orthogonalen Projektion des Planums als auch in der Objektabbildung, nur die Spatha ist leicht gekippt. Die Formen der Körper sind durch Schattierungen und Schatten angedeutet. Zu einer korrekten wissenschaftlichen Zeichnung nach heutigem Standard fehlen nur die Schnitte. Douglas urteilte und beschrieb außerdem mit einer erstaunlichen Klarheit. Eine Spatha ist bei ihm ein „iron sword  … flat, double edged, and sharp pointed“ (Douglas 1793, S. 4). Auch kleine, unscheinbare Funde wie opake Glasperlen, die man in Deutschland noch bis ins 20. Jahrhundert hinein falsch als Tonperlen ansprach, bezeichnete er korrekt: „A bead of red opake glass waved with yellow streaks“ (Douglas 1793, S. 9).

85 http://diglib.hab.de/drucke/gn-2596/start.htm?image=00330a. Besucht am 2. 12. 2016.



Auswertung deskriptiver Merkmale – objektbezogene Interpretationsmethoden 

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Die Zusammenfassung zu den Glasperlen aus „small barrows“, d.  h. zu frühmittelalterlichen Glasperlen, lautet wie folgt: The Glass-beads are transparent and opaque, and imitating in colour every species of precious stone, from the ruby to the pearl. The large kind exceed two inches and half in diameter, with great perforations, transparent with opaque spots of white; some rayed with convoluted stripes of yellow on a black opaque ground. But these, by their perforations, appear to have been used as fibulae on the dress; receiving the loops of drapery to fasten the garments. … The middling sized beads of glass vary in all shapes; to circular, flat, conic, barrel, oblong, square, round, button, two round united, virmicular, pendant bulla, and lozenge. The transparent, ornamented with discoloured opaque variegated glass; blue ground, with convoluted white lines and spots … (Douglas 1793, S. 115).

Insgesamt kann man also sagen, dass sich bei der Darstellung und Beschreibung von Fundgegenständen in der zweiten Hälfte des 18.  Jahrhunderts eine weitgehende Präzision durchgesetzt hat, wenn es auch noch viele gegenteilige Beispiele gibt. Was vorher nur vereinzelt gelang, z.  B. Michele Mercati oder Thomas Bartholin dem Älteren, begann jetzt in weiten Bereichen, zu denen die klassischen und die angelsächsischen Funde gehören, zum Standard zu werden. Bis zur Mitte des 17. Jahrhunderts konstruiert man die Zeichnungen in der von der Renaissancekunst entwickelten Zentral- oder in der Frontalperspektive. Für Keramikgefäße, die meist ohne Anzeichnen von Bruchstellen rekonstruiert wurden, setzte sich schon Anfang des 17. Jahrhunderts die Frontaldarstellung mit hoher Horizontlinie durch, für Schmuck, Waffen und Geräte während des 17. Jahrhunderts die Darstellung der Schauseite, die in einigen Fällen durch die Seitenansicht ergänzt wurde. Das führte zur Entwicklung von Kennzeichen wissenschaftlicher Zeichnungen wie der eindeutigen Perspektive und des Größenvergleiches durch Maßstäbe. Dazu kam die Hervorhebung besonderer Merkmale. Schnitte dagegen setzte man noch nicht ein. Als eine Vorstufe dafür findet man seit der zweiten Hälfte des 17. Jahrhunderts, wenn auch selten, Seitenansichten.

1.5 Auswertung deskriptiver Merkmale – objektbezogene Interpretationsmethoden 1.5.1 Gruppierung und Klassifikation aufgrund von Merkmalen und der Beginn des Arbeitens mit Grabungskomplexen Am Ende des 16.  Jahrhunderts wurden von verschiedenen Autoren wie William Camden, Henrik Rantzau und Peter Lindeberg oder Petrus Albinus erstmals Schlüsse gezogen, die auf der Kombination von Merkmalen einer Fundstelle beruhten. Helisaeus Röslin hatte sogar das Prinzip des Geschlossenen Fundes auf einen Münzfund

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 Die Aufklärungsarchäologie

angewandt (siehe Bd. 1, S. 298)86. Überlegungen dieser Art wurden zwar während des 17. und 18.  Jahrhunderts häufiger, die Einsicht der Bedeutung eines geschlossenen Fundes aus einer gesicherten Fundstelle setzte sich jedoch noch nicht grundsätzlich durch. Auch das Prinzip wurde noch nicht definiert. Daran mag es liegen, dass ein und derselbe Autor einmal Fundzusammenhänge berücksichtigt, ein andermal aber nicht. Ein großes Problem blieb es außerdem bis ans Ende des 18. Jahrhunderts, die Ähnlichkeit von Gegenständen zu erkennen und zu definieren, um diese miteinander in Beziehung setzen zu können. Ole Worm nannte in seinen verschiedenen Arbeiten eine Reihe von Fundarten und Fundorten. Die Megalithgräber bei Roskilde z.  B. beschrieb er konkret und erwähnte Maße sowie Skelettreste, die „haud raro ex talibus effodiuntur“, d.  h. nicht selten aus Megalithgräbern ausgegraben wurden (Worm 1643, S.  8  f., S.  35  f.). Der Mediziner hatte erkannt, dass es für die Vergesellschaftung von Fundart und Fund eine Regel gab. Dennoch scheint er aber noch kein grundsätzliches Bewusstsein für Fundzusammenhänge und bestimmte zusammengehörige Merkmalmuster gehabt zu haben. Darauf deutet zumindest eine Abbildung aus seinen Danicorum monumentorum libri sex, auf der er Gräber mit schiffsförmigen Steinsetzungen von der Insel Hjarnø, Horsens Fiord, sowie Funde aus anderen Fundstellen in eine Landschaft stellte und damit ganz verschiedene, nicht zusammengehörige Dinge miteinander kombinierte (Worm 1643, Additamenta 4; Klindt-Jensen 1975, S. 18  ff.; hier Abb. 44). Auch die Deutung der Knochen blieb diffus (siehe S. 179). Die Beobachtung von Fundkombinationen spielt auch eine Rolle bei der Festigung der Erkenntnis, dass die Cerauniae als Grabbeigaben ausgegraben wurden und die zu großen Mengen ausgegrabenen Tongefäße im Brandbestattungsbrauch als Urnen benutzt worden waren. Michele Mercati und Petrus Albinus hatten hier die Grundlagen geschaffen (siehe Bd. 1, S. 347  ff., S. 351  ff.). Adam Olearius hielt es 1666 zwar noch für wichtig, die alte Legende von den gewachsenen Töpfen anlässlich der Behandlung einer Urne der Lausitzer Kultur aus der Niederlausitz in der Gottorfer Sammlung zu diskutieren, bekannte dann aber: „Sie haben sonst meines Erachtens das Ansehen  /  als wenn es Heidnische Begräbnissen wären  /  weiln Hirnscha-

86 Zum Prinzip des Geschlossenen Fundes und seiner Definition durch Oscar Montelius (1903, S. 11) siehe Bd. 1, S. 19, S. 68. Es handelt sich um einen durch seine Fundumstände gesicherten Zusammenfund von mindestens zwei Objekten oder Befundmerkmalen, deren Fundumstände darauf schließen lassen, dass sie gleichzeitig bzw. in einem definierbaren Funktionszusammenhang an den Fundort gekommen sind. Unter der Gleichzeitigkeit kann sowohl ein bestimmter Zeitpunkt, wie bei der Grablege eines Individuums, oder eine Zeitspanne, wie bei einer Schicht verstanden werden. Bei einem Gebäude kann es sich z.  B. um die Erbauung, die Nutzung, den Umbau und die Aufgabe handeln. So entstehen geschlossene Funde verschiedener Wertigkeit. Zur neueren Geschichte der Methode siehe Daniel 1975, S. 78; Eggert et alii 1980; Gräslund 1974, S. 97; Gräslund 1981, S. 46; Gräslund 1987, S. 20  ff.; Eggert 2001[2008], S. 52  f.; siehe hier S. 301  ff.; zur Frage, ob es sich hierbei um ein Konzept, ein Prinzip, ein Axiom oder um eine Methode handelt, siehe S. 397).



Auswertung deskriptiver Merkmale – objektbezogene Interpretationsmethoden 

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len / Achseln / Beine / Armen und Beinknöchel nebenst Kohlen und Aschen darinnen gefunden werden“ (Olearius 1666[1674], S. 71). Olearius urteilte also nach dem Inhalt des Gefäßes auf seine Funktion und auf seine Eigenschaft als Artificialie. Eine Beobachtung, die schon früh ein exaktes Urteil auf der Grundlage eines Zusammenfundes offenbart, teilte Jacob von Mellen wenig später im Jahre 1679 mit: Er hatte festgestellt, dass sich in einer Urne die Reste von Schädeln unterschiedlicher Größe befanden und schloss daraus, dass der Leichenbrand von mehreren Individuen stammen musste (Mellen 1679, S. 20; Gummel 1938, S. 27). Auch Gotthilff Treuer richtete sich bei seiner Funktionszuweisung der Urnen als Behälter für den Leichenbrand nach dem gefundenen Inhalt, zog also einen Schluss aus dem gesamten archäologischen Fund (Treuer 1688, S. 13  ff.; siehe S. 106). Sonst diskutierte derselbe Autor aber weder Fundorte noch ganze Grabinventare. 1685 hatte die Untersuchungskommission für Cocherel festgestellt, dass sich bei den Körpergräbern der Allée couverte nur Stein- und Knochengeräte bzw. -waffen befanden und so eine Kombination zwischen der Bestattungsart und den Fundobjekten im Grab gefunden (Justell 1686, S. 443  ff.). 1690 kam auch Johann Daniel Major wohl ohne Kenntnis von Cocherel durch Grabungen so weit, dass er unter Bezugnahme auf seine eigenen Grabungen, wenn auch zaghaft, für die Steinbeile die Aufstellung einer Regel wagte: „…  dergleichen ich glaube  /  das in allen  /  oder in den meisten Riesen Gräbern gefunden werden“ (Major 1692, S.  43; hier Abb.  40). Wenn auch seine Definition der Gräber – ganz abgesehen von der Terminologie – noch nicht standhalten sollte, so hatte er doch erstmals einen Grundsatz des Dreiperiodensystems formuliert, der auf der Kombination von Fund- und Befundart beruhte. Majors Ergebnisse gingen hier über die Beobachtungen von Cocherel hinaus, weil es ihm damit gelungen war, eine ganze Fundgruppe zu definieren und die Einzelergebnisse zu verallgemeinern (siehe S. 139). Auch David Sigismund Büttner benutzte den Fund eines Steinbeils in einer Urne als Argument gegen dessen Interpretation als Donnerkeil. Dass er die Wichtigkeit dieser Beobachtung erkannt hatte, zeigt auch die Tatsache, dass er bei der Übersendung des Fundes an August Hermann Francke ausdrücklich darauf hinwies  – hier in den Franckischen Stiftungen verwahrte man die Fundbeschreibung sorgfältig (Büttner 1710, S. 92; Hakelberg 2011, S. 591). Derselbe Autor beobachtete und interpretierte auch schon Versteinerungen in konkreten geologischen Schichten (siehe S.  173). Er war also, wie Johann Daniel Major, schon in der Lage, mit den von ihm selbst empirisch beobachteten und dokumentierten Fundumständen zu arbeiten. Leonhard David Hermann, der die zitierte Stelle bei von Mellen kannte (siehe oben), machte sich sogar schon über das Problem der Interpretation von mehreren Tongefäßen in einem Grab Gedanken. Eine Deutung als Familiengräber verwarf er, da meist nur ein Gefäß Leichenbrand enthalten hatte (Hermann 1711, S. 106  f.). Seine Äußerungen zu den in den Gräbern gefundenen Gegenständen zeugen jedoch von der mangelnden Sorgfalt bei der Bergung. Außerdem entwickelte sich sein Bewusstsein für deren Bedeutung offenbar erst allmählich.

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 Die Aufklärungsarchäologie

Abb. 44: Hjarnø (Horsens Fiord, Midtjylland). Plan des Gräberfeldes mit Schiffssetzungen. Worm 1643, Additamenta 4. © Barbara Sasse, Michael Kinsky, Universitätsbibliothek Freiburg, Historische Sammlungen.



Auswertung deskriptiver Merkmale – objektbezogene Interpretationsmethoden 

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Johann Christian Schmincke und Jodocus Hermann Nunningh waren in dieser Hinsicht weiter. Der Erstere konnte auf die Grabungsergebnisse der Mader Heide (Nordhessen) zurückgreifen, wo mehrere Grabhügel untersucht und die Funde von Steingeräten und Keramik aus dem größten der Hügel so separiert worden waren, dass er sie auf einer Tafel darstellen und zum Gegenstand einer Abhandlung machen konnte, in der er sie sowohl zu den Grabungsergebnissen Majors und anderer als auch zu amerikanischen Steingeräten in Beziehung setzen konnte (Schmincke/Oesterling 1714, S. 4  f.; S. 26  ff.; S. 30). Nunningh erklärte nicht nur, wie eine sorgfältige Bergung einer Urne mit ihrem Inhalt zu praktizieren war, er beschrieb auch Urnengräber mit Leichenbrand und den Beigaben und schloss daraus auf das Geschlecht der Toten. Allerdings ist die Zuordnung der Objekte sowohl textlich als auch auf den beiden Abbildungen im Gegensatz zu Schmincke noch nicht sicher (Nunningh 1714, S. 36, S. 47  f., Taf. V-VI; hier Abb. 42–43). Auf ähnlichem Niveau bewegten sich Johann Christian Kundmann aus demselben Breslauer Gelehrtenkreis wie Major und Hermann (siehe S.  26) sowie Andreas Albert Rhode. Letzterer vermerkte, dass er sich nicht mehr entsinnen konnte, ob bestimmte Funde zusammengelegen hätten, erkannte also den Mangel der Dokumentation (Rhode/Rhode 1720, S.  323). Kundmann tilgte in seiner Publikation der Funde von Gräbschen von 1737 das 1723 mit diesen zusammen abgebildete, aber nicht zugehörige Steinbeil von der Tafel, erkannte also offenbar auch seinen Fehler (siehe S. 113  f. und Anm. 80). Dass die Beobachtung und Reflexion eines Zusammenfundes allein noch nicht ausreichte, um einen geschlossenen Fund zu definieren und zu interpretieren, zeigt eine Äußerung Johann Georg von Eckharts. Dieser hatte das Problem des empirischen Beweises eines Zusammenhangs überhaupt nicht verstanden, denn er meinte, dass ein Bronzeschwert ohne einen gesicherten Schichtbefund durch naheliegende kaiserzeitliche römische Münzen datierbar sei (Eckhart 1750, S. 81). Im Gegensatz zu Johann Daniel Major fehlten bei ihm die naturwissenschaftliche Ausbildung und wohl auch die Ausgrabungserfahrung. Nur wenige wie Olof Rudbeck und wohl auch Johann Daniel Major, Vater und Sohn Rhode und Erik Pontoppidan waren bis zur Mitte des 18. Jahrhunderts schon so weit, dass sie Schichten oder Plana erkennen konnten bzw. sich der Bedeutung dieser Beobachtungen bewusst waren. Pontoppidan gelang es Mitte des 18. Jahrhunderts immerhin, den Grabinhalt eines Ganggrabes von den darüber liegenden Urnengräbern abzusetzen und allgemeine Schlüsse z.  B. für die Cerauniae daraus zu ziehen (Pontoppidan 1745, S. 113  f.; Pontoppidan 1763, S. 108, S. 110; siehe S. 58). Die Interpretationen der Urneninhalte besaßen dagegen bessere Voraussetzungen: War die Urne unversehrt, so musste auch der Inhalt zusammengehören. Die bisher behandelten Schlussfolgerungen waren aufgrund der Funktion der Funde und Fundstellen gezogen worden. Dagegen besaß man bis Mitte des 18. Jahrhunderts offenbar noch keine Sicherheit darin, die Ähnlichkeit zwischen Objekten im Detail zu erkennen und äußere Kategorien der Zusammengehörigkeit für weitere Schlüsse einzusetzen.

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 Die Aufklärungsarchäologie

Das ergibt sich aus dem mangelnden Einsatz der numismatisch und historisch datierten Funde aus dem ja schon 1655 publizierten und von allen hier behandelten Forschern rezipierten Childerichgrabes für die Einordnung anderer Objekte. So nennt Trogillus Arnkiel Funde aus dem Childerichgrab neben Funden aus urgeschichtlichen Gräbern, ohne überhaupt Unterschiede zu kommentieren oder gar zu interpretieren (Arnkiel 1691[1702], Bd. 3, S. 302  ff.). Auch Andreas Albert Rhode konnte mit dem Childerichgrab noch nicht arbeiten (Rhode/Rhode 1720, S.  139  f.). Die kulturelle und chronologische Einordnung war allerdings auch bei Vater und Sohn Rhode noch keine dringliche Fragestellung, und die Idee, dass man durch den Vergleich undatierter und sicher datierter Funde eine Gleichzeitigkeit aufgrund von Ähnlichkeit feststellen konnte, lag noch fern. Hierin unterscheiden sich die Rhodes nicht von Bernhard de Montfaucon, der entgegen seiner Absichtserklärung im Vorwort Ähnlichkeiten noch nicht objektivieren konnte (siehe S.  42). Der gelehrte Franzose beschrieb allerdings die beiden Steinbeile, die ihm der Procureur der Abtei Corbie wohl ohne Angabe des Fundzusammenhangs zugänglich gemacht hatte, im Anschluss an den Fund von Cocherel und vor dem Brief von Jakob Christoph Iselin. Er scheint also den thematischen Zusammenhang der Steinbeile erkannt zu haben, d.  h. das gemeinsame Material und die gemeinsamen funktionalen Merkmale (Montfaucon 1719–24, Supplement Bd. 5,2, S. 197  f.; Schnapp 1993, S. 268; siehe S. 140 und Anm. 95). In der zweiten Hälfte des 18. Jahrhunderts änderte sich die Arbeitsweise jedoch grundlegend, und durch den beginnenden Siegeszug der systematischen, auf Detailmerkmalen beruhenden Klassifikation wurde die Voraussetzung für die wissenschaftliche Definition von Ähnlichkeiten auch der archäologischen Funde und Befunde gelegt. Die Beobachtung geschlossener Funde, die Definition von Fundgruppen auf der Grundlage ähnlicher Merkmale und ihr Vergleich mit anderen Funden führten nun bei einer Reihe von Autoren zu den ersten Erfolgen. Nicht unerheblich für die Durchsetzung des hierarchischen Klassifikationsprinzips gerade in dieser Zeit wurden die Arbeiten des schwedischen Mediziners Carl von Linné, dem es gelang, vor allem in der Biologie einschließlich der Physischen Anthropologie und der Mineralogie bis heute gültige Klassen aufzustellen. Linnés Hauptwerk Systema naturae, erstmals 1735 erschienen, erlebte schon im 18. Jahrhundert mehrere, teils vom Autor selbst besorgte Auflagen, war also verbreitet und wird zumindest den skandinavischen Antiquaren bekannt gewesen sein, zumal zu seinen Lehrern und Gönnern der Sohn Olof Rudbecks, Olof Rudbeck der Jüngere sowie Kilian Stobaeus gehörten. Linné war seit 1741 Professor in Uppsala. Diese Methoden führten zuerst für die römische und die frühgeschichtliche Epoche zu Ergebnissen. Der erste Gelehrte in dieser Reihe ist der Historiker Johann Daniel Schoepflin (1751, S. 509  ff.). Er kam zwar zu seiner zutreffenden Bestimmung römischer Gräber auf dem traditionellen Weg durch Inschriften, stellte aber doch zahlreiche gemeinsame Merkmale der Gräber aus Straßburg fest und schrieb zu den Sarkophaggräbern: „Sarcophagi, Argentoratensium nostrorum more, ex tegulis juxta



Auswertung deskriptiver Merkmale – objektbezogene Interpretationsmethoden 

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se positis constructi, minime licet impensae, rari tamen sint & vix alibi occurrunt“ (Schoepflin, 1751, S. 511). Damit hatte er einen Grabtyp aufgrund von Merkmalkombinationen definiert. In diesen Zusammenhang gehört auch die Geschichte der Kunst des Alterthums von Johann Joachim Winckelmann (1764[1934]). Dieser klassifizierte wie der Mediziner Linné aufgrund beobachteter Merkmale (siehe S. 124) und behandelte dabei das Kunstwerk als Einheit. Wie einst für Leon Battista Alberti wurde auch für ihn die Proportion zu einem seiner Hauptkriterien (Winckelmann 1764[1934], S. 173  f.). Am Ende wertete er die Kunststile aber ästhetisch und teilte sie nach einem vorher bestehenden Schema ein (siehe S. 225). Dabei überging er bei seiner Interpretation empirisch beobachtete Einzelmerkmale und formulierte formale Komplexe in Abhängigkeit von seiner Deutung der Plastik wie z.  B. beim Torso im Belvedere (Herkules) (ebd., S. 345  f.; Kunze 2007, S. 100). Der Mangel an Kontext wurde zu einem der weiteren Hauptprobleme bei seiner Arbeitsweise. Oft fehlten durch die schwierige Überlieferung Angaben zur Herkunft der Objekte, zu ihren Künstlern und auch zu ihrem Funktionszusammenhang und oft erwiesen sie sich letztlich als unzuverlässig. Der Autor arbeitete aber mit diesen Informationen und gliederte nach der Zuweisung zu Künstlern (siehe S.  143). Außerdem verfälschten irrtümliche Ergänzungen und Zusammensetzungen die Objekte und ihre Merkmale selbst. Winckelmann war sich dessen allerdings bewusst, was seine Ausführungen zur Laokoongruppe und die Auseinandersetzung mit den Angaben Pirro Ligorios zeigen (Winckelmann 1764[1934], S. 325  f.). Weit fortschrittlicher und methodisch strenger erweisen sich die Dokumentation und Interpretation von frühgeschichtlichen Fundzusammenhängen durch den Geistlichen Bryan Faussett, der zwischen 1757 und 1773 überwiegend angelsächsische Gräberfelder ausgrub. Er fand es nötig, Grab für Grab zu beschreiben und gab Details zu Grabbau, Geschlecht des Toten sowie eine Aufzählung des Grabinventars mit Angabe der Lage der Gegenstände (Faussett [1757–1773] 1856). Schoepflins Schüler Jérémy-Jacques Oberlin versuchte hinsichtlich der schon länger bekannten römischen Funde eine hierarchische Systematik der Gegenstände (Oberlin 1773, S.  92  ff.). Was die Merowingerzeit betrifft, erkannte er die allgemeine Ähnlichkeit der Funde des schon erwähnten Männergrabes aus Verdun (siehe S. 135  f.) zu den Funden aus dem Childerichgrab und nutzte sie, um beide Gräber miteinander in Beziehung zu setzen. Johann Daniel Schoepflin hatte um die Jahrhundertmitte noch keinen einzigen merowingerzeitlichen Fund – auch nicht unter falscher Datierung  – zitiert oder abgebildet, was ganz besonders verwundert, da sich das Grab von Verdun ja damals schon in seinem Museum befand. Sein Schüler bemühte sich sowohl um eine genaue Beschreibung der Funde mit Maßangaben, Material- und Formbestimmungen, die Deutung durch schriftliche Quellen als auch um Parallelen (Oberlin 1773, S. 143  f.). Damit schaffte er die Grundlagen sowohl für die Datierung als auch für die kulturelle Einordnung merowingerzeitlicher Grabfunde. Spektakuläre Ergebnisse brachte die Anwendung der Klassifikationsmethode für die bislang mythische Urgeschichte. Der fränkische Pfarrer Johann Friedrich Esper

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 Die Aufklärungsarchäologie

konnte trotz seiner überwiegend theologischen Ausbildung bei seiner Untersuchung der Gailenreuther Höhle in der Fränkischen Schweiz unter Heranziehung u.  a. der Arbeiten von Linné, Johann Jakob Scheuchzer und Georges Louis Leclerc Comte de Buffon Schichten, Versinterungen, ausgestorbene Tiere und unter ihnen menschliche Überreste erkennen, richtig klassifizieren und den Schluss ihrer Vergesellschaftung ziehen (Esper 1774, S. 26, S. 61, S. 82, S. 86)87. Auf Faussett und Oberlin fußte James Douglas, der als Erster in der angelsächsischen Frühgeschichte die Geschlossenheit von Fundkomplexen thematisierte und diese sogar durch Vergleich der Ähnlichkeit der Funde zu ganzen Fundgruppen erweiterte. Grundlage war detaillierte Beobachtung bei der Grabung und Beschreibung der Funde (Douglas 1793; siehe S. 118). Dies alles verdichtete sich in den folgenden Jahren: Der Botaniker und Mineraloge Aubin-Louis Millin de Grandmaison berief sich in der schriftlichen Fassung seiner Lehrveranstaltung zu einer Art Theorie der Archäologie unter der Überschrift „Plan d’un systême archaeographique“ neben Johann Joachim Winckelmann, Christian Gottlob Heyne und Jéremie-Jacques Oberlin auf Linné (Millin 1796, S. 63  ff.; LamingEmpéraire 1964, S.  103; Gran-Aymerich 1998, S.  37; siehe S.  124. und S.  20). Das Arbeiten mit Funden rechnete er zur Kategorie Archaeographie, wobei er mit diesem Begriff auf Jacques Spon 1679 zurückgriff, ihn aber dem allgemeineren der Archäologie unterordnete (siehe Bd. 1, S. 32; hier siehe S. 146). Jedenfalls sah er die Methoden und den Gegenstand archäologischer Arbeitsweise schon so weit entwickelt, dass er die Etablierung einer eigenständigen Disziplin mit einem eigenen, eigenständigen Namen forderte – sein Gegenstand aber waren in der Nachfolge der Werke Bernhard de Montfaucons und des Grafen Caylus die großen antiken Kulturen des Mittelmeerraumes (Millin 1796, S. 1). In der Tat kam es aber auf allen archäologischen Gebieten zu Bestätigungen und Erweiterungen des Erreichten. So gelangte 1797 der Engländer John Frere zu denselben Ergebnissen wie Esper. Er hatte wie dieser aufgrund eines geschlossenen Fundes, nämlich des Zusammenfundes von Faustkeilen (heute Acheuléen) und den Knochen ausgestorbener Tiere in einer ungestörten Schicht 12 Fuß unter damaligem Bodenniveau in der Gemeinde Hoxne (Suffolk) gefolgert, dass Menschen und ausgestorbene Tiere zur selben Zeit lebten. Frere schrieb 1797 an die Society of Antiquaries zu den „flint weapons“, d.  h. Faustkeilen: „The situation in which these weapons were found may tempt us to refer them to a very remote period indeed; even beyond that of the present world“ (Frere 1800, S. 204  f.; Daniel 1975, S. 26; siehe S. 126, S. 271). Grabungsbeobachtung und die Anwendung der Klassifikation kamen bei Esper wie bei Frere zusammen, eine Kategorie, die Millin gar nicht berücksichtigte.

87 Zitate mit kleinen Modernisierungen: Ranke 1911–12, Bd. 2, S. 343  f.; Gummel 1938, S. 96; Kossack 1999, S. 15.



Auswertung deskriptiver Merkmale – objektbezogene Interpretationsmethoden 

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Nicht zuletzt trug zu dieser Verdichtung archäologischer Methodik auch die naturwissenschaftliche Erhärtung zunächst nur optisch bestimmter Merkmale bei, durch welche die Klassifikationsergebnisse an Sicherheit gewannen, so die Metallurgie. Während der Schweizer Arzt Johann Jakob Scheuchzer am Anfang des 18. Jahrhunderts bei seiner Analyse der angeblich fossilen Bader-Würfel – römischer Spielwürfel – noch versuchsweise Methoden verschiedener Art einsetzte (Leu 2010, S. 378), gab der Graf Caylus Mitte des 18.  Jahrhunderts schon Bronzeanalysen und Experimente mit überwiegend römischen Bronzegegenständen in Auftrag und diskutierte den Härtegrad der ägyptischen Bronze. Analysiert wurde damals u.  a. auch eine indianische Axt aus Peru (Caylus 1752, Bd. 1, S. 241  ff. und Tab. 61, 2). Ende des 18., Anfang des 19.  Jahrhunderts verfügten verschiedene Chemiker, darunter Martin Heinrich Klaproth, schon über ein entwickeltes fachliches Spektrum von Materialanalysen. Im 6. Band der Sammlung seiner verschiedenen Arbeiten zu Mineralkörpern veröffentlichte er ältere vergleichende Metallanalysen von Funden u.  a. aus der Sammlung Eltester, welche die Großloge Zu den drei Weltkugeln in Berlin im Jahre nach dem Tod des Sammlers erworben hatte und zu denen er als Großmeister Zugang hatte. Antike Münzen und Metallspiegel, aber auch prähistorische Bronzeobjekte wurden auf ihren Zinn- und Kupfergehalt hin untersucht und dieser in Gewichtsprozenten angegeben (Klaproth 1815, S. 8288; Lisch 1837a, S. 29; Ledebur 1838, S. 59; Schreiber 1842, S. 14, Tab. S. 20). Klaproth beobachtete auch andere Materialeigenschaften wie den Glanz, die Patina, die Härte und die Geschmeidigkeit. Er war auch nicht der einzige, der sich mit chemischen Methoden der Frage der Zusammensetzung der Metalle archäologischer Objekte widmete89. Martin Heinrich Klaproth setzte in Untersuchungen, über die er 1807 vortrug, andere Metallmerkmale sogar in Beziehung zu seinen Analyseergebnissen, d.  h. die Elastizität von Ringen zu ihrem geringen Zinnanteil (Klaproth 1815, S. 86).

1.5.2 Die räumliche Verteilung von Fundstellen und Funden Obwohl schon seit Herodot die Verbreitung von Monumenten und anderen Zeugnissen der Vergangenheit als Belege von Mobilität verschiedener Art gedeutet wurden und die Abhängigkeit kultureller und physischer Eigenschaften von der Geographie

88 Chemische Untersuchung der Metallmasse antiker eherner Waffen und Geräthe. In: Klaproth 1815, S. 76. 89 Klaproth verwendete die Arbeit eines französischen Kollegen, des Citoyen Mongez (1804–8): Mémoire sur le bronze des anciens et sur une épée antique. In: Mémoires de l’Institut national des sciences et arts. … Littérature et beaux-arts, 5, S. 187–228. Mongez untersuchte nicht nur die Zusammensetzung der Bronze eines Schwertes in Gewichtsprozenten, sondern diskutierte auch den Nachguss in einem Experiment und Arsenkupfer (ebd., S. 190, S. 211  ff.) = http://gallica.bnf.fr/ark:/12148/ bpt6k63467076/f339.item.r=.zoom. Besucht am 17. 12. 2016.

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 Die Aufklärungsarchäologie

Allgemeingut wurde, entwickelte sich das Bewusstsein für die generelle Bedeutung des Fundortes und die geographische Verteilung von Funden bzw. deren Merkmalen nur langsam. Daran änderte sich auch dadurch nichts, dass vor allem in der Renaissance die Landesbeschreibung vom Illustrata-Typ zu den häufigsten antiquarischen Werkformen mit archäologischem Anteil wurde. Es ging hier um die Rekonstruktion der antiken Landschaft und Verwaltungsstruktur sowie um die Lokalisierung antiker Plätze, wie sie Johannes Aventinus sogar schon auf einer Karte darstellte, und noch nicht um ihr konkretes Erscheinungsbild oder die Verbreitung bestimmter Merkmale (siehe Bd.  1, S.  214). Hierfür musste der wissenschaftliche Zugriff erst entwickelt werden (siehe Kap. 1.5.1). Vor allem fehlte in der Sammlungspraxis die Registrierung der genauen Herkunft der Objekte und ihr Zusammenhang. Beides erfolgte bis zum Beginn des 19. Jahrhunderts nur in Einzelfällen, so z.  B. in der Sammlung Christian Detlev Rhodes (Rhode 1719; Gummel 1938, S. 52) oder in den Vorgängerinstitutionen des Nationalmuseums in Kopenhagen. Die systematischen Landesaufnahmen der Skandinavier brachten aber schon in der ersten Hälfte des 17. Jahrhunderts Erfolge, die sich nicht nur auf die Runensteine beschränkten. Bei diesen, die sich leicht auffinden und bestimmen ließen, wurde eine beachtliche Dichte erreicht, die allerdings noch keinen kartographischen Niederschlag fand (Randsborg 1994, S. 138  f., Abb. 3). Obwohl Johann Bure und Ole Worm die Bedeutung des lokalen Elements der archäologischen Aussage erkannten und man bei Ole Worm meistens eindeutige und heute nachvollziehbare Fundortangaben findet (Worm 1643, S. 41), so haben sich übergreifende kartographische Darstellungen und topographische Analysen doch erst später entwickelt. Die Kirchspielberichte, die Ole Worm seit 1622 in königlichem Auftrag zusammentragen ließ, enthalten aber Skizzen, in denen die Lage prähistorischer Monumente im Kirchspiel eingezeichnet ist (Randsborg 1994, S.  147, Abb.  7, S.  161–163; Jørgensen 1970; 1974). Eine entsprechende perspektivisch ausgearbeitete Skizze veröffentlichte Worm sowohl zu Lejre als auch zu Jelling (Worm 1643, S. 20  f., S. 329–332; hier Abb. 20). Von großer Bedeutung ist, dass die Skizze des Friedhofs von Hjarnø (Midtjylland) mit Schiffssetzungen eine Art Friedhofsplan darstellt, freilich ohne die Nummerierung einzelner Gräber (Worm 1643, Additamenta 4; hier Abb. 44). Diese leistete Olof Rudbeck dann wenigstens für die großen Königshügel von Uppsala (Rudbeck 1679, Tafelband, Tab. 9, Abb. 27; hier Abb. 1). Eine lange Tradition wiesen historische Landeskunden in England auf. Das Werk William Camdens Britannia von 1586 wurde während des 17. und 18. Jahrhunderts immer wieder aufgelegt und erhielt durch seine Bearbeitungen auch immer mehr archäologische Anteile. Camdens Verdienst war es u.  a., die Geographie seines Werkes auf der damals modernen Verwaltungsgliederung aufzubauen und damit für die ehemalig römischen und die nie römischen Landesteile eine einheitliche und eindeutige Gliederung eingeführt zu haben (siehe Bd. 1, S. 317). John Aubrey entwarf im 17. Jahrhundert dann vielleicht als Erster eine thematische archäologische Karte mit ‚sprechenden‘ Signaturen, auf der er die römischen,



Auswertung deskriptiver Merkmale – objektbezogene Interpretationsmethoden 

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rechteckigen Lager durch ein Quadrat, die rundlichen Anlagen, die er für britisch hielt, aber durch einen gefüllten Kreis bezeichnete (Aubrey 1665–1693[1980–82], Bd. 1, S. 594). Am Ende des 17. und am Anfang des 18. Jahrhunderts begann man auch im deutschen Sprachbereich, die Möglichkeiten der historischen Interpretation archäologischer Fundverteilungen zu erkennen, arbeitete also mit geographischen Kriterien, ohne diese jedoch so genau darzustellen wie die Engländer oder so systematisch zu erfassen wie die Skandinavier, von deren Vorarbeiten man aber profitierte. Dabei reagierte man auf die These Olof Rudbecks, die Germanen seien aus dem Orient über Skandinavien nach Deutschland gekommen. Johann Daniel Major ließ die Kimbern mit ihren Urnen wandern und eröffnete damit eine Diskussion, an der sich im ausgehenden 17. und beginnenden 18. Jahrhundert Johann Christopherus Olearius und Trogillus Arnkiel beteiligten, alle freilich, ohne ihre Vorstellungen durch Verbreitungskarten zu beweisen (Major 1692, S. 24  f.; Olearius 1701, S. 23; Arnkiel 1691[1702], Bd. 3, S. 273). Gleichzeitig wurden in derselben Forschergruppe auch Fundgebiete von Urnengräbern definiert. Auch diese findet man noch nicht kartiert. Schon Petrus Albinus hatte Ende des 16. Jahrhunderts hier die Grundlagen gelegt (siehe Bd. 1, S. 292). Ein typisches Beispiel gibt der örtliche Pfarrer von Massel (Schlesien) Leonhard David Hermann: „Von noch anderen Heydnischen Begräbnüssen umb Massel und in Schlesien“ (Hermann 1711, S.  78  ff.). Es handelt sich um die verbale Beschreibung eines Fundgebietes. Hermann und die ganze Gruppe sächsischer und schlesischer Urnenforscher sind sich der Bedeutung der Fundorte ihrer Urnengräber bewusst gewesen, zumal es ihnen immer noch um einen Beweis dafür ging, dass diese Tongefäße überall im Zusammenhang mit Brandgräbern standen und nicht nur an einer bestimmten Fundstelle, ihre Widerlegung der Qualität der Graburnen als Naturalia also verallgemeinert werden konnte. Der Einfluss der Fortschritte im Vermessungswesen, die sich um 1750 bei Plänen und Karten durchgesetzt hatten (siehe S. 67  ff.), führte auch zu einer genaueren Darstellung der Fundstellen im Gelände und zu einem wachsenden Bewusstsein für die archäologische Landschaft (siehe S. 99  f.). Für die thematische Kartierung einzelner Fundgruppen reichte aber der Stand der Systematisierung mit Ausnahme der römischen Monumente noch nicht aus  – selbst in Skandinavien, wo man hinsichtlich der Erfassung prähistorischer Denkmäler am weitesten war, kam man noch nicht zu systematischen Kartierungen. Was die topographische Registrierung von Funden betrifft, so arbeitete Erik Pontoppidan um die Mitte des 18. Jahrhunderts in Worms Sinne weiter. Sein Den Danske Atlas stellt eine umfassende Landesaufnahme dar, in der die archäologischen Funde nur eine Kategorie unter vielen darstellen. Da auch die Beschreibungen der Funde von großer Qualität waren, vermehrte sich durch seine textlichen Angaben das geographisch im Detail erfassbare archäologische Quellenmaterial aber beachtlich, wie die Zusammenstellung und Kartierung durch Klavs Randsborg zeigt (Pontoppidan 1763–81; Randsborg 1994, S. 163–167, Abb. 9).

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 Die Aufklärungsarchäologie

Thematische Karten römischer und spätkeltischer Ortschaften und Fundplätze sowie Pläne hoher Qualität auf neuestem Entwicklungsstand bildete Johann Daniel Schoepflin in seiner Regionalgeschichte Alsatia illustrata ab. Sie enthalten auch Ansätze zur Rekonstruktion der historischen Landschaft. Dazu veröffentlichte er z.  B. eine Karte des Elsass in römischer Zeit, auf der der alte Rheinarm bei Breisach dargestellt ist. Außerdem aber trug er in die Karte römische Denkmäler und vorrömische Oppida ein, so dass eine siedlungsarchäologische Darstellung entstand. Seine Merkmale sind „Urbes antiqua“; „Oppida Romanis cognita“; „Castra Romanorum“; „Castella Romanorum“ und letztlich mit „Castellorum Romanorum rudera“ eine rein archäologische Kategorie. Wie Aubrey vor ihm verwendete er sprechende Signaturen (Schoepflin 1751, S. 123, hier Abb. 7). Den alten Flusslauf beschrieb und kartierte er z.  B. auch für Basel (ebd., S. 162). Wenn auch seine Hauptgliederung mit den Büchern Alsatia Celtica, Alsatia Romana, Alsatia Francica kulturellen bzw. ethnischen und chronologischen Gesichtspunkten folgt, spielt in den Untergliederungen der Bücher die Geographie als jeweils erste Sektion eine große Rolle. Da das Elsass als Einheit in den behandelten Epochen nicht existiert hat, verwendete Schoepflin teils die auf das 13. Jahrhundert zurückgehende Gliederung in Ober- und Unterelsass bzw. verzichtete ganz auf durchgehende Verwaltungsgliederungen. Bemerkenswert ist es, dass er in jedem Buch in der geographischen Sektion zuerst die physische und dann die Anthropogeographie behandelte, freilich ohne diese Begriffe zu benutzen. Letzterer sind z.  B. im keltischen Buch Abschnitte über die Stammesgebiete, pagi (Gaue), oppida und vici zuzuschreiben. Im römischen Buch werden hier die Orte von Süden nach Norden im Verlauf der Römerstraßen beschrieben, beginnend mit Augst und den „rudera“ des von Basilius Amerbach ausgegrabenen Theaters (Schoepflin 1751, S. 168). In diesem Abschnitt behandelte der Autor also auch archäologische Denkmäler in geographischem Zusammenhang. Allerdings enthält das Buch über die römische Zeit eine Sektion mit dem Titel monumenta, in der ausschließlich Überreste aufgeführt sind. Hier folgte er anderen Gesichtspunkten, und lediglich die Kirche von Ottmarsheim, die Gräber aus Straßburg (siehe S. 135) und die Befestigungsanlagen von Dagsburg und dem Odilienberg sind schon in der Kapitelüberschrift geographisch fassbar. Vermutlich wurden sie nicht in die kulturell-chronologische Hauptgliederung und deren Unterpunkt Geographie eingeordnet, da ihre Zuordnung erst diskutiert werden musste wie die der Mauern des Odilienberges (Schoepflin 1751, S. 534 und Taf. XIV zu S. 533). Der aus der Antike übernommene geographische Determinismus der Aufklärer förderte außerdem als das erste Modell für die Verschiedenheiten von Menschen und Kulturen in der zweiten Hälfte des 18. Jahrhunderts das Verständnis für die Bedeutung einer vergleichenden Geographie, für die der Herkunftsort Voraussetzung war (siehe auch S. 194). In archäologischem Zusammenhang wurde er besonders deutlich durch Johann Joachim Winckelmann formuliert (Winckelmann 1764[1934], S. 35  ff.). Für den Grafen Caylus und für Winckelmann wurden die antiken Kulturregionen und damit auch der Fundort deshalb zu einem wichtigen Klassifikationsmerkmal (siehe



Auswertung deskriptiver Merkmale – objektbezogene Interpretationsmethoden 

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S. 215). Allerdings führte dies bei beiden wie bei Erik Pontoppidan noch nicht zum Zeichnen von archäologischen Verbreitungskarten, wie sie John Aubrey und Johann Daniel Schoepflin vorgelegt hatten. Auch diese hatten noch keine Einzelmerkmale archäologischer Fundstücke dargestellt. Graf Caylus’ topographisch exakte Pläne sind jedoch als Geländedarstellungen von ausgezeichneter Qualität und ihre Diskussionen zeigen wie die Schoepflins siedlungsarchäologisches Verständnis, z.  B. für die Abhängigkeit der Befestigungsanlagen vom Gelände (Caylus 1761, Bd. 4, S. 384). Zusammenfassend kann man feststellen, dass sich in der zweiten Hälfte des 18. Jahrhunderts das Bewusstsein für die Wichtigkeit der Lage und Geländebeschaffenheit großer Anlagen durchgesetzt hatte. Das zeigt sich auch bezüglich der ersten Pläne ganzer Friedhöfe. Den von Ole Worm und Olaf Rudbeck gemachten Anfängen, die sich noch auf große Hügelgräber bezogen, bemühte sich Christian Ernst Hansselmann mit seiner Skizze von Hohebach vergebens, gerecht zu werden – allerdings bezeichnete er die drei Hügel mit Buchstaben und individualisierte sie somit (Hansselmann 1768, S. 94–100 und Taf. XV; hier Abb. 26). Die Darstellung der Grabverteilung auf dem Urnenfriedhof von Issendorf gilt dann als ältester Versuch im deutschen Sprachbereich, ein Gräberfeld mit vielen nicht oberirdisch sichtbaren Gräbern topographisch zu erfassen (Mushard 1764[1928], Taf.  3; Gummel 1938, S.  46; Sawilla 2010, S.  503  f., S.  510, Abb.  3). Bemerkenswert ist, dass die Gräber gegenüber dem wenig jüngeren Plan von Bryan Faussett aus den Siebzigerjahren des Jahrhunderts (siehe S. 95) durchgängig mit Nummern bezeichnet sind, und so die Untersuchung der Lage der Gräber und ihrer Beigaben ermöglicht wird. Mushard beschrieb wie Faussett die einzelnen auf den Tafeln ebenfalls nummerierten Fundstücke im Grabzusammenhang, so dass auch diese räumlich zu bestimmen sind wie z.  B. die Funde aus Grab 1 (Mushard 1764[1927], S.  69  f., Taf. 4–5a-e). Seine Beschreibungen allerdings stehen noch nicht auf dem Niveau der Engländer Faussett und Douglas, und die Größenverhältnisse der verschiedenen Monumente wurden auf der offenbar nicht auf Vermessungen beruhenden teilperspektivischen Skizze nicht berücksichtigt. Das Verhältnis zwischen dem Urnengräberfeld und dem auf demselben Plan benachbart dargestellten Megalithgrab bleibt deshalb unklar. Faussett dagegen bemühte sich schon um eine moderne Projektion in die Ebene, nummerierte aber so wie vor ihm Rudbeck nur einige seiner Hügel. Anreiz für die Angabe der Lage war für Mushard offenbar „das steinerne Monumentum“, ein Megalithgrab, das sich am Rande des Urnenfriedhofs befand. Auf dieses nahm er mehrfach bei der Lagebeschreibung Bezug, hier zusammenfassend: §  9. Es ist auch ein unterschied des Ortes bey untersuchung dieser Grabstätte Zu observiren. Denn je näher man dehm monumento nach der Westseite Zu Kömt, je angesehener und reicher sind die dahin gegrabenen gewesen, welches aus der beysetzung derer urnen und utensiliis abzunehmen … (Mushard 1764[1927], S. 65  f.).

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 Die Aufklärungsarchäologie

Ignaz Pickel fehlte offenbar ein Auftrag zum Kartieren seiner Grabhügel bei Eichstätt. Er bemerkte aber: „So eine Übersicht von allen zugleich, könnte vielleicht dennoch zu gründlichen Muthmaßungen etwas beytragen“ (Pickel 1789[1990], S. 8). Auf den kartographisch moderneren Grabhügelplänen zu Sibertswold Down (Kent) von James Douglas fehlen die Nummerierungen noch (hier Taf. 3). Die Lage der Beigaben im Grab z.  B. in Chatham Lines ist jedoch eindeutig identifizierbar und wird auch eingehend beschrieben (hier Taf. 1). Erst die Überlegungen, die Verbreitung von Fundkategorien auf dem Friedhof auch für die Chronologie zu nutzen, brachten den Durchbruch. Diese gehören aber erst der zweiten Hälfte des 19. Jahrhunderts an (Vedel 1886). In Badenweiler hielt man es wenige Jahre vorher allerdings noch nicht für wichtig, die Lage der Funde zu registrieren. Während die Topographie der Thermen von Badenweiler im Detail aufgenommen und die Räume beziffert wurden, fehlen zur ursprünglichen Lage von Inschriftenfragmenten und anderen Kleinfunden jegliche Angaben (Schleiermacher 1936, S. 125).

1.5.3 Datierung Die absolute zeitliche Einordnung von archäologischen Monumenten und Funden beruhte während der Renaissance auf Inschriften und Münzen und war von der Entwicklung der Epigraphik und Numismatik abhängig. Sehr selten kamen auch andere schriftliche Quellen dazu. In der zweiten Hälfte des 16. Jahrhunderts gelangen für die römische Epoche sogar die ersten Schlüsse auf weitere, nicht direkt datierte Merkmale und die erste Auswertung eines geschlossenen Münzfundes (siehe Bd. 1, S. 292  ff.). Wenn man auf diese Weise auch die Zeit der römischen Republik erfassen lernte (siehe Bd. 1, S. 296), so rechnete man zunächst für die ältere Zeit doch noch in Weltaltern und Weltreichen. Alle Mutmaßungen gingen von der biblischen Chronologie und der Vorstellung einer kurzen Geschichte der Menschheit aus. Der Göttinger Universalhistoriker August Ludwig von Schlözer schrieb: „Die Welt stehet etwa 6000 Jahr. Ein langer, unüberdenklich langer Zeitraum!“ (Schlözer 1772, S. 59). Auch Peter Frederik Suhm in Dänemark, dessen Werk großen Einfluss auf die Väter des dänischen Nationalmuseums in Kopenhagen haben sollte, datierte die Urgeschichte nach diesen Vorstellungen und konstruierte die Entwicklung der menschlichen Sprachen ausgehend von den Söhnen Noahs (Suhm 1769)90. Auch die Autoren, die von den Neunzigerjahren des 16. Jahrhunderts und dann vermehrt im 17. und 18. Jahrhundert begannen, Merkmale urgeschichtlicher Zeiten zu erkennen (siehe S. 175  ff.), dachten noch nicht anders. Wenn von allen Autoren sehr

90 Eine kurze Zusammenfassung des Werkes mit übersichtlicher Tabelle siehe Rowley-Conwy 2007, S. 22  ff., S. 25, Fig. 2.2.



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späte Daten für diese Funde angegeben wurden, so liegt das daran, dass eine längere Zeitspanne zunächst ganz außer Diskussion stand und entsprechende Überlegungen auf jeden Fall bis zur zweiten Hälfte des 18. Jahrhunderts in den Bereich der spekulativen Philosophie verwiesen wurden (Cartier 2010, S. 109  f.). Eine relative Chronologie in unserem Sinne war noch nicht bekannt. Auch die von Nikolaus Stensen (Steno) entwickelte Stratigraphie konnte zunächst noch nicht erfolgreich eingesetzt werden, um Unterschiede zwischen älteren und jüngeren kulturellen Erscheinungen zu begründen. Ein revolutionärer und sehr früher Versuch hierzu findet sich in der Atlantica von Olof Rudbeck 1679 (hier Abb. 10, linke Kolumne; siehe S. 51  ff.). Anhand von verschiedenen Profilen in Uppsala, zu denen auch sicher datierte rezente Beispiele gehörten, kam Rudbeck zu der Auffassung, die Humusschicht wachse in 500  Jahren etwa um ein Zoll. Das führte ihn zum Schluss, dass das Alter einer Schicht berechenbar sein müsse, und damit auch zu absolutchronologischen Überlegungen. So datierte er einen Grabhügel nach der Stärke der darüber liegenden Humusschicht: Quartum denique et exiguum Schema collem sepulchralem ex sabulo congestum ob oculos ponit, in cujus visceribus carbones a et gladii veteris una cum ossibus olim humati frustrum c aliquando deteximus. Sabulum erit bb, humus vero atra ei incumbens dd, digitorum ferme trium, hoc est annorum circiter 1500 (Rudbeck 1679, 6,8, S. 139)91.

Der untere Beginn der Messlatte für die Humusbildung musste aber auch für Rudbeck durch die kurze biblische Chronologie bestimmt sein (siehe S.  165). Rudbeck war sich der Ungenauigkeit seiner Datierung durchaus bewusst  – sie sei nicht auf das Jahr-, den Monat- oder sogar den Tag genau, sondern nur auf mehrere Generationen (Rudbeck 1679, 6,9, S. 140). Johann Daniel Major vermutete z.  B., Dolche aus Erz gehörten in die Jahre um Christi Geburt (Major 1692, S. 73). Auch im Bereich der Frühgeschichte bestand weitgehend Unsicherheit. In England hielt z.  B. Thomas Browne angelsächsische Urnengräber wegen der Brandbestattungsweise noch für römisch (Browne 1658[1890], S.  237  ff.; Piggott 1976, S.  13). Robert Sibbald schrieb zu den von ihm noch einmal abgebildeten angelsächsischen Gefäßen: „sunt urnarum Romanarum repertarum in Britannia“ (Sibbald 1710, S. 111)92. Urgeschichtliches geriet in die jüngere Zeit: In der ersten Hälfte des 18.  Jahrhunderts wurden Megalithgräber sogar für völkerwanderungszeitlich erklärt, so Christophe-Paul de Robien für die Megalithgräber der Bretagne oder Jacques Martin im Jahre 1727 für Cocherel (Schnapp 1993[2009], S. 276–278, S.  292), und auch Johann Hermann Schmincke versuchte, das jungsteinzeitliche Hügelgrab von der Mader Heide mit Hilfe antiker Quellen den Chatten zuzuweisen –

91 Übersetzung: Schnapp 1993[2009], S. 388. 92 Zu dieser Version siehe auch Piggott (1978, S. 33).

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 Die Aufklärungsarchäologie

Äußerungen über ein besonders hohes Alter bleiben undeutlich (Schmincke/Oesterling 1714, S. 28). Wie weit entfernt Johann Georg von Eckhart trotz der Erwägung der Grundstoffabfolge von der Idee einer länger währenden Urzeit war, zeigt die schon erwähnte Datierung der Lübbensteine ins 6. Jahrhundert nach Christus, d.  h. in eine Zeit nach dem Childerichgrab und damit schon mitten in die fränkische Geschichte – immerhin waren sie seit Hermann Conring 1665 aus der vorsintflutlichen Zeit in die menschliche Geschichte übergewechselt (Eckhart 1750, S.  84). Da Cocherel ja als Exempel für eine Steinzeit diente, führte diese Datierungsangabe Bronze- und Eisenzeit ad absurdum, da für sie kein Platz mehr blieb. Etwas älter, aber nicht erfolgreicher datierte Erik Pontoppidan 1763 den Zeitpunkt des Übergangs von der Steinzeit zur Metallzeit in Dänemark an die Wende vom 2. zum 1. Jahrhundert vor Christus und begründete ihn mit der Rückkehr der Kimbern aus Rom und der Einwanderung Odins aus Asien. Dieser hätte auch die Sitte der Totenverbrennung mitgebracht (Pontoppidan 1763, S. 108; siehe S. 140 und S. 319). Pontoppidan ist hier ein echter Vorgänger von Christian Jürgensen Thomsen, dessen Vorstellungen von Geschichte und absoluter Chronologie gerne vergessen werden (Hansen, 2001, S. 10  ff.). Die Liste dieser Beispiele ließe sich fortsetzen. So wird deutlich, dass sich bis zum Ende des 18. Jahrhunderts trotz der Erkenntnis von vorrömischen Funden an der biblischen Chronologie nur wenig veränderte. Auch die Forscher des frühen 19. Jahrhunderts dachten noch ähnlich (siehe S. 317). Für die Urgeschichte gab es überhaupt noch keine chronologischen Anhaltspunkte, und die ersten Beobachtungen fossiler Menschenreste zusammen mit ausgestorbenen Tieren, die Johann Friedrich Esper und John Frere gelungen waren, deuteten nur eine zeitliche Tiefe an, ohne konkrete Daten liefern zu können (siehe S. 126). Auch die ägyptische und die orientalischen Chronologien konnten erst in der zweiten Hälfte des 19. Jahrhunderts genutzt werden. Anders aber die Erdgeschichte: In einer Art Lebenszyklus mit einer stufenförmigen Abkühlung stellte sich G. L. Leclerc Comte de Buffon 1775 die Entwicklung der Erde vor, für die er genau damals ungeheuerliche 74047 Jahre ansetzte, ohne jedoch den Menschen weiter zurückzudatieren als die christlich-jüdische Tradition (Buffon 1775, S. 373; Harris 1969, S. 86; Wagenbreth 1999, S. 25). Dagegen konnte für die jüngere Zeit eine absolute Datierung im Einzelfall gelingen. Der Mauriner Jean Mabillon ist der Erste, der durch die Aufstellung einer Klassifikation und Entwicklungsreihe von Merkmalen und insbesondere der Schrifttypen mittelalterliche Urkunden datiert hat. In seinem Fall konnte er allerdings von sicher datierten Texten ausgehen, und die Aufgabe bestand darin, Fälschungen mit falschen Daten von den echten Stücken unterscheiden zu können (Mabillon 1681, Buch V, S. 361, Tab. IX; Wahle 1950[1964] S.  57; Sawilla 2009, S. 668). Die Grundlage für diese Methode hatte schon Lorenzo Valla in seiner Abhandlung über die Konstantinische Schenkung gelegt (siehe Bd. 1, S. 336). Sie machte jedoch in der archäologischen Arbeit zunächst keine Schule, obwohl der ältere Mabillon in Saint-Germain-des-Prés (Paris) noch Klosterbruder eines der bedeutendsten Antiquare der ersten Hälfte des



Auswertung deskriptiver Merkmale – objektbezogene Interpretationsmethoden 

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18. Jahrhunderts war, Bernhard de Montfaucon. Die Merkmalsauswahl war hier komplizierter und vor allem die durch Inschriften datierten Stücke viel seltener. Auch die Vorstellung einer Entwicklung der Kultur überhaupt setzte sich nur mühsam durch und stand immer noch der chronologischen Deutung archäologischer Funde und Befunde entgegen. Hinderlich wirkte auch die Arbeitsweise des humanistisch-antiquarischen Paradigmas (siehe B. 1, S. 306  f.; hier S. 144). Das änderte sich erst um die Mitte des 18.  Jahrhunderts gleich auf mehreren Gebieten (Kunst 1982, S. 6). Was die archäologischen Funde betrifft, so wurden die römische Archäologie und die Frühgeschichte zu Vorreitern, da hier Fund und Monumente ohne Inschriften durch andere mit Inschriften datiert werden konnten, wie im Falle von Johann Daniel Schoepflins Legionsstempeln; die Datierung aufgrund von Referenzfunden gewann deshalb für die römische Zeit und die Frühgeschichte in der zweiten Hälfte des 18.  Jahrhunderts deutlich an Boden. Auch dieser schwierige Schritt lag nicht auf der Hand: Ein Zusammenhang zwischen den Merkmalen der Objekte und ihrer Zeitstellung war noch schwerer zu erkennen als die Ähnlichkeit an sich und das Prinzip des Geschlossenen Fundes. Näher lag dieselbe Funktion ähnlicher Gegenstände, Thema des humanistisch-antiquarischen Paradigmas. Einerseits musste nun gelernt werden, dass die Formen menschlicher Kultur sich mit der Zeit veränderten, andererseits, dass Formen, deren gleicher oder sehr ähnlicher geschlossener Kontext durch Beobachtung bei der Ausgrabung bewiesen werden konnte, mit größerer Wahrscheinlichkeit gleichzeitig sein müssen als Funde ohne Kontext, dass aber bei genauer Klassifikation in einem zweiten Schritt sogar Gegenstände ohne jeglichen Kontext allein aufgrund ihrer Beschaffenheit zeitlich eingeordnet werden können. Johann Daniel Schoepflin definierte die schon erwähnte Gruppe römischer Gräber aus Straßburg aufgrund gemeinsamer Merkmale, zu denen auch die Ziegelstempel gehörten, durch die er sie der römischen Zeit zuweisen konnte (Schoepflin 1751, S.  508  f.; hier Abb.  16; siehe S.  72). Schon bald danach ließ sich die Gruppe durch einen neuen Fund aus Yorkshire (England) erweitern  – hier verwendete der Autor die Kulturzuweisung und zugleich Datierung schon im Titel: „…  a Roman Sepulchre  …“, ein entscheidender Fortschritt gegenüber Browne und Sibbald und Voraussetzung für die Definition auch der angelsächsischen Gräber (Burton 1773, S. 177, Taf. 10). Für die Frühgeschichte wurde das Childerichgrab zu einem chronologischen Fixpunkt. Zunächst verstand man das aber nicht, sondern nahm nur die Identifikation des Childerichgrabes und damit auch seine Datierung zur Kenntnis. Chifflet hatte hier die schon bekannte Methode der Datierung eines Münzschatzes durch seine Schlussmünzen angewandt. Er bildete auch die spätantiken und byzantinischen Goldmünzen auf einer Tafel ab (Chifflet 1655, S. 252; S. 256; hier Abb. 45). Erst 1763 kam Johann Tobias Köhler von dem Todesjahr Childerichs zu einer Datierung der Bergkristallkugel aus dem Grab des Königs. Das könnte schon auf ein Verständnis der Gleichzeitigkeit des Grabinventars hindeuten (Gummel 1938, S. 97, Anm. 3). JérémieJacques Oberlin datierte dann 1773 mit dem Childerichgrab das 1740 bei Verdun ent-

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 Die Aufklärungsarchäologie

deckte Grab aus der Sammlung Johann Daniel Schoepflins, d.  h. ein anderes Grab (siehe S. 125). Wegen seiner verfehlten Deutung des Eimerbeschlages als eine Krone hielt er es ebenfalls für ein Königsgrab. Interessant ist seine Diskussion der zeitlichen Entwicklung der Form und Art von Kronen, woraus hervorgeht, dass er das Prinzip der typologischen Entwicklung kannte. Er kam so zu einer Datierung der Krone in justinianische Zeit und folglich zu zwei verschiedenen merowingerzeitlichen Perioden, der des Childerichgrabes und der des Grabes von Verdun. Letzteres setzte er wegen der Krone in die jüngere Periode und schrieb es Theuderich zu. Trotz dieser Fehldeutung hat Oberlin einen gewaltigen Schritt nach vorn getan, da der Kern seiner Überlegungen richtig war und er nur sekundär, d.  h. in der Deutung und der Begründung der Feindatierung irrte (Lindenschmit 1880–89, S. 71; Neumayer 1996, S.  38). Ganz wichtig erscheint, dass ihm seine methodisch zu lösende Aufgabe vor Augen stand: Childerici I tumulus & nummos ostendit sui aevi, & annulum ipsius regis nomine insculptum. … Itaque cum his si thesaurus noster conferatur, deterioris conditionis esse dicendus est; in eo quippe nec nummi, qui absque dubio aderant, & litem dirimere poterant, servati sunt, nec litterae loculo incisae aut annulus quidam arcani proditor simul est detectus. Ex ipsis itaque instrumentis & vasis in sepulcro reconditis judicium nobis ferendum est (Oberlin 1773, S. 148  f.)93.

Das änderte sich erst am Ende des Jahrhunderts durch James Douglas, der auf die Arbeit von Bryan Faussett zurückgreifen konnte und erstmals die Datierung zur bevorzugten Fragestellung machte, denn er begriff sich als Historiker: By contemplating the relics discovered in our antient sepultures, the historian may have an opportunity of comparing them with similar relics found in different places, and on which arguments have been grounded by authors who have written on the antient inhabitants of Britain. If a medal or inscription be found in a sepulchre among other relics, the undoubted characteristic of the customs of a people at the time of the deposit, and the superscription on the medal or the inscription evincing a low period, it will be a self-evident position, that similiar relics under similar forms of sepulture, discovered in other parts of the island, cannot apply to a period more remote; hence the most trifling fact will invalidate many received opinions, and history be reduced to a more critical analysis (Douglas 1793, S. V f.).

Douglas benutzte, wie dies auch später in der Frühgeschichtsforschung üblich war, eine Mischung zwischen einer Münzchronologie aufgrund der Grabfunde und his-

93 Übersetzung: Das Grab Childerich I. zeigt die zu Childerichs Zeit gehörenden Münzen und einen Ring, in den der Name eben dieses Königs eingraviert ist. … Daher muss man sagen, dass unser Grabschatz, wenn man ihn mit dem Childerichs vergleicht, in sehr viel schlechterem Zustand ist; z.  B. fehlen in ihm die Münzen, die sicher einmal vorhanden waren und den Streitfall gelöst hätten, und es wurde auch kein Sarg mit einer Inschrift oder ein Ring entdeckt, der das Geheimnis verraten hätte. Daher muss das Urteil aufgrund der Geräte und Gefäße gefällt werden, die im Grab verborgen waren.



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Abb. 45: Die spätantiken und byzantinischen Goldmünzen des 5. Jahrhunderts, mit denen JeanJacques Chifflet das Childerichgrab auf das Jahr 482 datierte. Nr. 12: Zeno (474–491). Chifflet 1655, S. 252. © Barbara Sasse, Michael Kinsky, RGK.

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torischen Daten und argumentierte folgendermaßen: Römisch konnten die Gräber nicht sein, obwohl auch römische Münzen gefunden worden waren, denn – neben anderem  – „The coins of Anthemius, Clovis, and Justinian, found in the barrows, will, without further discussion, prove them to have existed after the departure of the Romans“ (Douglas 1793, S. 127). Weiterhin bestimmte er sie als christlich, datierte sie deshalb später als 582 und begrenzte sie nach oben durch den Beginn der Kirchfriedhöfe innerhalb der Stadtmauern im Jahre 742 (ebd. f.) Wir sehen also, dass diese Grundsätze der archäologischen Fundauswertung in der mittel- und nordeuropäischen Frühgeschichte, d.  h. im Grenzbereich zur Schriftlichkeit entwickelt wurden. Hier war eine Nachprüfung möglich, die dazu führte, dass der geschlossene Fund in Kombination mit der Ähnlichkeit der Funde innerhalb einer Fundgruppe nicht in Dänemark im 19.  Jahrhundert von Christian Jürgensen Thomsen und Jens Jakob Asmussen Worsaae, sondern schon am Ende des 18.  Jahrhunderts in England von James Douglas beschrieben und die Fundgruppe als Komplex münzdatiert worden ist. Douglas konnte, da er die Gleichzeitigkeit ähnlicher Dinge erkannte und auf die Geschlossenheit der Funde achtete, von einem datierten auf einen undatierten Fund schließen. Außerdem kannte er das Prinzip der Datierung nach dem jüngsten Fund. Das Argument, dass das Childerichgrab kein geschlossener Grabfund sei, führte den Engländer dazu, seine Chronologie nicht darauf aufzubauen, d.  h. zur Vorsicht aus methodisch berechtigten Gründen (Douglas 1793, S.  123; siehe S.  183  f.). Erstmals findet man hier die später von Oscar Montelius formulierte Erkenntnis, dass nicht sicher dokumentierte Funde für einen harten, empirisch begründeten Beweis untauglich sind (siehe Bd. 1, S. 68). Dies schließt zwar die Erkenntnis spezifischer, zeitgebundener Erscheinungen der materiellen Kultur ein, wohl aber nicht den Entwicklungsgedanken, der sich erst in den typologischen Reihen der zweiten Hälfte des 19. Jahrhunderts fassen lässt. Für Douglas war noch die Münze, d.  h. die schriftliche Datierung, entscheidend. Auch bei der Untersuchung von „large barrows“ sollten ihm Münzen zu einer zeitlichen Einordnung verhelfen: „My great object was to discover coins, inscriptions, or other relics, to establish a descriptive relation, and to serve as undoubted principles for an historic application“ (Douglas 1793, S. 161). Neben diesen immer erfolgreicheren Versuchen, für einzelne Fundgruppen zu Datierungen zu kommen, blieben die Ansätze zu auf archäologischen Ergebnissen beruhenden Periodisierungen größerer Zeiträume noch in den Anfängen und schematisch. Das gilt besonders für die Urgeschichte. Zwar war der Einsatz stratigraphischer Beobachtungen im Prinzip seit der zweiten Hälfte des 17. Jahrhunderts möglich, er konnte jedoch noch nicht erfolgreich mit Funden verbunden werden (siehe S. 51  ff.). Deshalb beruhten die ersten Versuche in dieser Hinsicht auf schematischen Überlegungen. Seit Ole Worm (1643, S.  30  ff.) versuchte man im Norden, die Bestattungsformen relativ zu datieren, weil sie sich verhältnismäßig einfach erkennen ließen und Untersuchungen von Gräbern, wie oben ausgeführt, früher eine Häufigkeit



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erreichten, die zu Vergleichen einlud, als die anderen archäologischen Quellengattungen. Außerdem bildete die heidnische Brandbestattung nach der Klärung der ‚gewachsenen Töpfe‘ eines der Hauptthemen der Gelehrten. Worm führte eine Dreigliederung ein, Roisold=Scheiterhaufenzeit, Høigold=Hügelgrabzeit und Christendomsold=christliche Zeit. Für die älteste Zeit beschrieb er Brandbestattungen, für die mittlere und jüngste Zeit Körperbestattungen: „Secunda aetas Hoigold dicta, ea fuit, que cadavera integra et non cremata“ (Worm 1643, S. 43)94. Der humanistischen Arbeitsweise Worms entsprechend kam die Anregung zu einer Periodisierung nach der Brand- oder Körperbestattung aus der Literatur, in diesem Fall aus dem Vorwort der Heimskringla von Snorri (ca. 1225), nach welcher der Brandbestattung die Körperbestattung folgte (Randsborg 1994, S. 145  f.). Worm führte allerdings konkrete Beispiele an wie das von Caspar Bartholin untersuchte Grab von Egerup (Worm 1643, S. 41). Zu seiner Zeit war die Stratigraphie noch unbekannt. Seit dem Bekanntwerden des Manuskripts von Michele Mercati in den Sechzigerjahren des 17. Jahrhunderts und seit den Entdeckungen der Gräber von Cocherel und Bülcke 1685 und 1690 begegnen immer wieder Anzeichen für die Anwendung der antiken Idee der Abfolge der Materialien Stein, Kupfer (Erz) und Eisen auf die chronologische Interpretation archäologischer Funde. Sie waren jedoch zunächst nur dort archäologisch beweisbar, wo das alleinige Vorkommen von Steingerät gesichert war, und hier kann man tatsächlich von einer archäologischen Argumentation sprechen, so bei Johann Daniel Major und bei Vater und Sohn Rhode sogar schon mit einer stratigraphischen Beobachtung (Major 1692, S. 45; Rhode/Rhode 1720, S. 38  f.; siehe S. 56). Funde mit Bronze und Eisen konnte man zunächst nicht einordnen, da man noch nicht sequenziell dachte. Seit Mercati ging es lediglich um das Datum der Einführung des Metalls (siehe Bd.  1, S.  294). Entgegen den Ausführungen von Hans Gummel muss man deshalb zweifeln, ob Äußerungen zu den drei Perioden im 18. Jahrhundert tatsächlich schon auf Beobachtungen beruhen und nicht nur auf der Übernahme der griechischen Vorstellungen, die in belesenen Kreisen bekannt waren, sowie anderer Überlegungen (Gummel 1938, S. 126  f.). Anders aber Stein- und Metallzeit (siehe auch S. 140). Zurecht aber gab er dem Marburger Professor Johann Hermann Schmincke keine Priorität bei der Definition einer Steinzeit – Schmincke hatte lediglich die Funde aus dem größten Hügel der Mader Heide (Nordhessen) mit ihren Steinwaffen richtig in Beziehung zu entsprechenden schon bekannten Funden aus dem Norden gesetzt, diese aber nicht dezidiert einer Steinzeit zugewiesen (Gummel 1938, S.  74). Seine Datierungsvorstellungen entnahm er dagegen eher der Abfolge des Bestattungsritus, wie Ole Worm ihn beschrieben hatte, ohne den Widerspruch in Richtung auf ein im

94 Übersetzung: Im zweiten Zeitalter, Hoigold genannt, wurden die Toten ganz bestattet und nicht verbrannt.

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Verhältnis zur Brandbestattung höheres Alter der Körperbestattungen auflösen zu können (Schmincke/Oesterling 1714, S. 30; siehe auch S. 139). Der Basler Antiquar und Professor für Theologie Jakob Christoph Iselin ging einen wesentlichen Schritt weiter auf das archäologische Material zu, wenn er in einem Brief von 1718 an Bernhard de Montfaucon vorschlug, Gräber aus Mittel- und Norddeutschland nach den Materialien ihrer Funde zu ordnen, d.  h. nach Stein, Kupfer und Eisen, und damit offenbar schon eine Verbindung zwischen der Art der Fundstelle und der Art ihres Inventars sowie eine zeitliche Abfolge von Stein-, Kupfer- und Bronzegeräten herstellen wollte. Iselin, der Beziehungen nach Marburg hatte, schickte dem Franzosen auch die Tafel mit den Funden der Steinwaffen aus dem Grabhügel auf der Mader Heide und setzte diese Funde in Beziehung zu den Ergebnissen von Cocherel. Montfaucon druckte diese Meinungsäußerung nach seinem Bericht über Cocherel und die Funde aus der Abtei Corbie ab, ohne sie selbst näher zu kommentieren, sowie die Tafel mit der Überschrift „Pierre qui ont servi pour la guerre“. Das lässt sich wohl als Zustimmung werten95. Wesentlich ist, dass Iselin der Meinung war, man brauche nicht Lukrez und Hesiod zu bemühen: „… Cela se prouve aussi par les sepulcres des Germains“ (Montfaucon 1719–24, Bd. 5,2, S. 199; Stemmermann 1934, S. 124; LamingEmperaire 1964, S. 94; Schnapp 1993[2009], S. 291  f.). Noch für Erik Pontoppidan war entgegen der Auffassung von Randsborg mit den Cerauniae als ältester Fundgruppe nur die Steinzeit gesichert. Die als jünger erkannte Metallzeit ließ sich noch nicht nach dem Material gliedern (Pontoppidan 1763, S. 54, S. 110; Randsborg 1994, S. 150). Auch deshalb nahm er Worms Gedanken der Datierung durch den Brand- und Körperbestattungsbrauch auf. Aufgrund seiner stratigraphischen Ergebnisse im Hügel von Jaegerspris, wo er 1744 über einem Megalithgrab vier Urnengräber angetroffen hatte, konnte er Worms Reihenfolge korrigieren. Die ältere Phase wurde nun durch Körpergräber und die jüngere durch Brandbestattungen gekennzeichnet (Pontoppidan 1745, S. 314; 1763, Bd. 1, S. 108; Randsborg 1994, S. 150; siehe S. 139). Die Periodisierung der Ur- und Frühgeschichte nach dem Bestattungsbrauch sollte noch die ganze zweite Hälfte des 18. und den Beginn des 19. Jahrhunderts kennzeichnen (Laming-Emperaire 1964, S. 100  f.; Schnapp 1993, 279; siehe S. 267). Iselins Vorschlag aber wirkte weiter und wurde bei der Publikation des Werkes von Johann Georg von Eckhart in die Tat umgesetzt – auch hier überwiegt aber noch das literarische Schema die archäologische Argumentation (Eckhart 1750, S. 62, S. 81, S. 188). Der Autor befasste sich zwar mit archäologischen Funden, benutzte diese aber nicht erfolgreich zur Datierung, sondern ging von antiken Autoren, der antiquarischen Literatur, den Indianern und technischen Überlegungen aus: „Lapideis armis apud omnes successere aerea. Hebraeorum, Graecorum et Romanorum hac in re morem

95 http://digi.ub.uni-heidelberg.de/diglit/montfaucon1722j/0044?sid=1eaa39dac9fadf93b345db2757 690b08. Besucht am 30. 12. 2014.



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antiquarii exponunt. Nos idem institutum secuti sumus“ (Eckhart 1750, S. 81)96. Eine Beurteilung ist dadurch erschwert, dass der Herausgeber Christian Ludwig Scheidius nach seinen eigenen Angaben im Manuskript die beiden Fundabbildungen von Steingeräten und Geräten und Schmuck aus Metall und anderem Material ordnete und nicht Eckhart selbst (ebd., n. S. 78, Taf. 5 und n. S. 80, Taf. 6). Allerdings besteht kein Zweifel, dass Autor und Herausgeber Steinbeile für menschliche Waffen hielten, die man, wie amerikanische Objekte bewiesen, „abhuc nostro aevo observasse“ (ebd., S.  62)97. Dieser Abschnitt gewinnt durch den im Wesentlichen unkommentierten Abdruck des Textes von Montfaucon zu Cocherel mit der Abbildung aus den Philosophical Transactions an Gewicht – auch dies geht aber wohl auf den Herausgeber zurück. Der Argumentation fehlt außerdem deutlich die Erkenntnis des geschlossenen Fundes. Das zeigt die Behauptung einer späteren Zeitstellung des Eisens ganz deutlich, zumal die Objekte des für die Eisenzeit verwertbaren geschlossenen Fundes auf der Tafel 6 unter bronzezeitliche Objekte gemischt wurden und nur ein technologisches Argument angeführt wird (siehe S. 117): „Cum tamen ferrum operosius fundatur et fabricetur; aerea ego instrumenta et arma ferreis, ut aput caeteras gentes, ita etiam apud nos, antiquiora esse existimo“ (ebd., S. 188)98. Allerdings zeigte das Werk Wirkung (siehe S. 207).

96 Übersetzung: „Den Steinwaffen folgen überall bronzene Waffen. Die Antiquare legen das für die Hebräer, Griechen und Römer dar. Wir schließen uns dieser Meinung an.“ Zitiert teilweise auch bei Gummel 1938, S.  96, Anm.  1, der sich hier gegen Stemmermann wandte. Dieser hatte sich zurecht skeptisch wegen der Begründung der Eisenzeit durch Eckhart geäußert. 97 Übersetzung: … bis zu unserer Zeit beobachte. 98 Übersetzung: „Weil es mühsamer ist, Eisen zu gießen und herzustellen, nehme ich an, dass bronzene Geräte und Waffen auch bei uns älter sind als die eisernen“. Die Akzeptanz der Periodisierung des Lukrez in Leibniz’ Kreis ist übrigens auch wegen der umstrittenen Urheberfrage dieser Teile des Werkes interessant, besonders hinsichtlich der Vermutung einer gedanklichen Urheberschaft von Leibniz. Das Vorwort des Herausgebers gibt aber keine eindeutige Veranlassung, eine solche anzunehmen (siehe S.  19 und Anm.  20). Außerdem hat Leibniz an anderer, ebenfalls erst nach seinem Tode publizierter Stelle sich eingehend zum Kontinuitätsproblem ausgelassen und eine Stetigkeit der Erscheinungen uneingeschränkt auf alle Gebiete anwenden wollen. Mitte des 18. Jahrhunderts entschied man sich für die Echtheit dieses Textes (Leibniz, Über das Kontinuitätsprinzip [Aus einem Briefe von Leibniz an Varignon], in: Leibniz o. J. 1966, S. 74  ff.). Wenn also dieser Text echt ist, muss man schließen, dass die Ausführungen zum Stufensystem des Lukrez in dieser Form vermutlich nicht auf Leibniz zurückgehen. Die für die Argumentation wesentliche Abbildung von Cocherel aus den Philosophical Transactions der Royal Society ist allerdings 1686 erstmals erschienen, kann also sowohl Eckhart als auch schon Leibniz bekannt gewesen sein (Eckhart 1750, S. 65; http://diglib.hab. de/drucke/gl-4f-136/start.htm?image=00128. Besucht am 24. 11. 2016). Der zitierte Text von Bernhard de Monfaucon dazu erschien aber erst 1722, d.  h. nach Leibniz’ Tod. Leibniz dürfte als Mitglied der Royal Society sicher über Cocherel informiert gewesen sein, denn er korrespondierte in der fraglichen Zeit mit Henry Justell, der den Kommissionsbericht von 1685 der Royal Society vorgetragen hatte (Justell 1685[1686]; Leibniz 1950, Nr. 469, S. 557, Justell an Leibniz 1686).

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 Die Aufklärungsarchäologie

Die Beschränkung der Epochenmerkmale auf die Bestattungsart findet sich auch bei James Douglas in seinen Ausführungen zu den älteren Perioden, deren höheres Alter er erkannte, da er die jüngeren sicher bestimmen konnte. Er definierte – allerdings ohne Johann Daniel Schoepflin zu nennen  – zunächst römische Gräber aufgrund von Inschriften und Münzen richtig (Douglas 1793, S. 179) und schrieb dann über die „large barrows“: The size of our large barrows will ascertain the distinction between the Roman and the Saxon, and the contents which have been exhibited will prove an unerring criterion to judge of their identity. These facts … will also concur to prove that the very large barrows preceded the Roman times; and, as other facts have been established of a Roman road passing over the base of a large barrow … (ebd.).

Hier benutzte er darüber hinaus die Stratigraphie, das Beispiel allerdings stammt von William Stukeley (siehe S. 99). An einer anderen Stelle bemerkte er, dass Körper- und Brandbestattung in einem Grabhügel nicht aus derselben Periode stammen konnten und dass der Fund von römischen Münzen in einem „Steinhügel“ in Cornwall ungesichert sei bzw. ohne weitere römische Funde zur Datierung nicht geeignet sei (Douglas 1793, S. 156). Insgesamt zog er keine endgültigen Schlüsse, da er nicht genügend Informationen zur Verfügung hatte: „… as some distinguishing features have been apparently traced, the historic relation may in all probability be deduced from them“ (ebd., S. 183). Douglas waren auch das Modell der Rohstoffentwicklung bekannt sowie die Angaben verschiedener antiker Autoren über den Gebrauch von Eisen und Bronze, doch sah er sich wie alle anderen seiner Zeitgenossen noch nicht in der Lage, ohne Zuhilfenahme von Münzen allein aufgrund von Fundkombinationen eine Entwicklungsreihe zu konstruieren (ebd., S. 150  ff.). Die Versuche des 17. und 18. Jahrhunderts, Merkmale einer zeitlichen Abfolge zu erkennen, führten zwangsweise zu einer Vereinfachung, wie sie die Reduzierung auf den Rohstoff oder die Bestattungsart darstellten. Andererseits sind alle Versuche ohne die Hilfsmöglichkeit der Datierung durch Inschrift von der Ungewissheit geprägt, ob die gewählten Merkmale überhaupt eine chronologische Relevanz besaßen. Deshalb erwiesen sie sich als erfolgreicher, wenn wenigstens eine der Stufen  – die jüngste oder die römische  – absolut datiert waren. Dabei kam dann gelegentlich auch die Stratigraphie ins Spiel. Auch hier gab es aber Tücken. Im Gegensatz zu beiden Engländern hatte sich Ignaz Pickel mit einer stratigraphischen Überlegung bei der Altersbestimmung der latènezeitlichen Gräber im Raitenbucher Forst (Eichstätt) gründlich geirrt, indem er sie wegen ihrer Nähe zur Teufelsmauer (Limes) in eine Zeit nach deren Zerstörung, d.  h. das 6. Jahrhundert setzte. Es handelte sich eben nicht um eine Stratigraphie (Pickel 1789[1990], S. 15  f.). Es ergibt sich also, dass bis zum Ende des 18.  Jahrhunderts Steingeräte und Urnen durch Grabungsbefunde Komplexen zugeordnet werden konnten, deren relative Chronologie in der zweiten Hälfte des 18. Jahrhunderts aber noch kaum gesichert werden konnte. Sie bildeten noch Inseln im Geschehen ohne Koordinaten. Die Datie-



Auswertung deskriptiver Merkmale – objektbezogene Interpretationsmethoden 

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rung durch Fundsequenzen blieb dem 19. Jahrhundert vorbehalten. Für die frühgeschichtlichen und römischen Funde gelangten die ersten Definitionen komplexer Fundgruppen aufgrund von ähnlichen Merkmalen sowie kulturelle und chronologische Zuweisungen dieser Gruppen auch ohne direkte Inschriften schon in der zweiten Hälfte des 18. Jahrhunderts zu einer gesicherten Konsistenz. Damit waren sowohl für die ältere als auch für die jüngere Zeit wesentliche Grundlagen für ein historisches Gerüst gewonnen worden. Es fehlte noch die Formulierung eines Arbeitsrezepts und der sequenzielle Kontinuitätsgedanke in Kombination mit dem Stufenkonzept, Voraussetzungen für die Geburt eines neuen Paradigmas. In die Zeit der ersten Versuche, die Urzeit durch das aus der Antike überlieferte Dreiperiodensystem zu konkretisieren, fällt auch die Definition einer schematischen Entwicklung griechischer Kunststile durch Johann Joachim Winckelmann: „…  so wird man in der Kunst der Griechen, sonderlich in der Bildhauerei, vier Stufen des Stils setzen, nämlich den geraden und harten, den großen und eckigen, den schönen und fließenden und den Stil der Nachahmer“ (Winckelmann 1764[1934], S. 236). Sein Versuch der Systematisierung gerade dieser stilistischen Entwicklung und ihre Verwendung zur Datierung hatte eine durchschlagende Wirkung im Hinblick auf die Historisierung des Kunstschaffens und der materiellen Kultur überhaupt. Noch in der ersten Hälfte des 18. Jahrhunderts hatte die Auffassung von der Allgemeingültigkeit der Werke der bildenden Künste der Idee einer Stilabhängigkeit entgegengestanden (Giuliani 2001, S. 129  ff.). Winckelmann klassifizierte wie die angehenden Prähistoriker nach einem vorgegebenen Schema, dem Lebenszyklus (siehe S.  202). Die vier bzw. fünf Stufen wies er nicht aufgrund seiner empirischen Beobachtung, sondern aufgrund von theoretischen Überlegungen zu: Denn so wie eine jede Handlung und Begebenheit fünf Teile und gleichsam Stufen hat, den Anfang, den Fortgang, den Stand, die Abnahme und das Ende, worin der Grund liegt von den fünf Auftritten oder Handlungen in theatralischen Stücken, ebenso verhält es sich mit der Zeitfolge derselben: da aber das Ende derselben außer die Grenzen der Kunst geht, so sind hier eigentlich nur vier Zeiten derselben zu betrachten (Winckelmann 1764[1934], S. 207).

Die Datierung war hier ähnlich wie bei den Urkunden von Mabillon durch eine Inschrift oder durch die Zuweisung der Objekte nach schriftlichen Quellen vorgegeben: „… von dem Praxiteles an bis auf den Lysippus und Apelles erlangte die Kunst mehr Grazie und Gefälligkeit, und dieser Stil würde der schöne zu benennen sein“ (ebd.).

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 Die Aufklärungsarchäologie

1.6 Die Interpretation 1.6.1 Vom humanistisch-antiquarischen Paradigma zur Kunst-, Kultur- und Landesgeschichte In der Renaissance hatte sich die archäologische Forschung innerhalb humanistischer und medizinischer Studien als ein äußerst heterogenes Forschungsfeld etabliert. Humanistische Juristen aus der päpstlichen Kanzlei hatten schon im Laufe des 15.  Jahrhunderts ein Vergangenheitskonzept entwickelt, in dessen Interpretationsrahmen archäologische Denkmäler und unter ihnen vor allem solche mit Inschriften eine wesentliche Rolle spielten. Das Konzept, als dessen Vordenker Gian Francesco Poggio Bracciolini und Flavius Blondus gelten können, wird hier als humanistischantiquarisches Paradigma bezeichnet (siehe Bd.  1, S.  308). Vor allem die römische Antike galt diesen Gelehrten als moralisches und kulturelles Vorbild, das sie untersuchten, um es zu imitieren und zu übertreffen. Auf ihr Geschichtsverständnis geht auch die Einteilung der Geschichte in Altertum, Mittelalter und Neuzeit zurück (siehe Bd. 1, S. 135). Innerhalb des humanistisch-antiquarischen Paradigmas wurden schon von Flavius Blondus drei Hauptthemenbereiche entwickelt: die römische Kulturstruktur, die Funktionsbestimmung der römischen Architektur und die historische Landesbeschreibung, der Illustrata-Typ nach der Italia illustrata desselben Autors benannt (siehe Bd. 1, S. 306  ff.). Alle drei Themen wurden vom Ende des 15. Jahrhunderts an auch nach Mittel- und Nordeuropa übertragen, aber dort in unterschiedlicher Weise rezipiert, modifiziert und kombiniert (siehe Bd. 1, S. 311  ff.). So entstanden der englische Illustrata-Typ, in dem nicht mehr die römische, sondern die zeitgenössische Landschaftsgliederung ausschlaggebend war, und der mitteleuropäische IllustrataTyp, in dem die Stammesgliederung nach dem Vorbild der Germania des Tacitus zugrunde gelegt wurde. Vor allem zur Einordnung der Denkmäler in kulturelle Felder und zur Rekonstruktion der antiken Stadtbilder diente die Funktionsbestimmung der Objekte und Monumente. Wenn auch die antike Kultur im Vordergrund stand, so fanden interkulturelle Vergleiche im Rahmen der kulturellen Felder statt, also z.  B. Vergleiche von Göttern und Bestattungsformen. Chronologische Aspekte der materiellen Kultur gehörten nicht zu den vorzugsweise behandelten Themen, ebenso nicht der Ursprung der Dinge. Daneben aber spielte von Anfang an auch die Ästhetik der Antike eine wichtige Rolle für die Entwicklung der zeitgenössischen Architektur und Kunst. Im Verlauf des 17. und 18. Jahrhunderts verlor dieses Paradigma zugunsten von chronologischen und ethnisch-kulturellen Aspekten an Bedeutung. Zunächst aber bot es auch für die Autoren einen festen Rahmen, die seit der Mitte des 17. Jahrhunderts erstmals versuchten, die der Naturgeschichte und dem Mythos entrissenen nichtrömischen archäologischen Quellen zu interpretieren. Wie schon mehrfach festgestellt wurde, finden sich Spuren der für das Paradigma typischen römischen Kulturstruk-



Die Interpretation 

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tur, die in Felder sakraler und profaner, öffentlicher und privater Bereiche, Gebräuche (Mores), Verwaltung (Instituta) und Riten gegliedert war, in den Monumentorum Danicorum libri sex von Ole Worm (Worm 1643; Stemmermann 1934, S.  77; Randsborg 1994, S. 144; siehe Bd. 1, S. 307). Der dänische Arzt, der u.  a. in Padua mit dem humanistisch-antiquarischen Paradigma in Berührung gekommen war, gliederte sein erstes Buch, in dem er eine Übersicht über die Arten dänischer Monumente gab, in einen sakralen und in einen profanen Teil. Ersterer enthält Kapitel über „delubris et aris“ – Heiligtümer und Altäre –, „diis et idolis“ – Götter und Götterbilder –, „sacrificiis“ – Opfer –, „sepulturis“ – Begräbnisse – und „sepeliendi ritibus“ – den Bestattungsritus. Diese Gliederungspunkte finden sich teilweise mit denselben Begriffen in der „Ordo Antiquitatum Romanorum“ des sog. Papiermuseums seines Zeitgenossen Cassiano da Pozzo (siehe Bd. 1, Abb. 54). Die vorgegebene Ordnung schränkte die Interpretationsfreiheit sichtbar ein. Die Unsicherheit der Deutung und die Abhängigkeit von dieser nach schriftlichen römischen Quellen entwickelten Gliederung führten z.  B. dazu, dass Worm Megalithgräber sowohl im Kapitel „De Delubris et Aris veterum Danorum“ behandelte als auch im Kapitel „De Sepulturis Veterum“. Er musste sich in der Frage der Funktion der Megalithbauten entscheiden, die zu seiner Zeit noch nicht geklärt war. Auch eine sichere Trennung zwischen diesen, den Menhiren und den Runensteinen war noch nicht erfolgt (Worm 1643, S.  35). Die italienischen Renaissancearchäologen bestimmten dagegen seit der Entwicklung dieses Schemas erfolgreich die Funktionen antiker Bauwerke nach ihren Inschriften, aber auch schon durch die Beobachtung bestimmter Merkmale unter Zuhilfenahme der Beschreibungen des römischen Architekten Vitruv (siehe Bd. 1, S. 107, S. 228). Worm besaß dagegen keine Zusatzinformationen und war bei seiner Überprüfung der landläufigen Meinung allein auf seine Monumente angewiesen. Im Kapitel über die Altäre bildete er deshalb mit dem Grab von Birkede auf Seeland auch ein Megalithgrab ab, das er als Kultstätte auf einem Grabhügel deutete (ebd., S. 8; hier Abb. 6). Diese unglückliche Interpretation sollte die Forschung bis in die zweite Hälfte des 18. Jahrhunderts hemmen und konnte erst durch genauere und häufigere Grabungen korrigiert werden (siehe S.  223, S.  279). Dennoch ist bei dem Mediziner der Versuch zu einer eigenen Systematik zu erkennen, vor allem durch die Einführung eigener Kapitel über das Danewerk (Schleswig) und über die Runensteine: „De lapideis monumentis Danicis“ (ebd., S. 54  ff., S. 62  ff.). Auch seine noch missglückte chronologische Stufeneinteilung der Bestattungsarten geht über das humanistisch-antiquarische Paradigma hinaus (Worm 1643, S. 30  ff.; siehe S. 139). In den weiteren Büchern seines Werkes arbeitete Worm nach dem von William Camden modifizierten System des englischen Illustrata-Typs – er ordnete die Runendenkmäler nach der zu seiner Zeit gültigen Verwaltungsgliederung in Landschaften und Kirchspiele ein. In England wurde ebendieser Typ im 17. und 18. Jahrhundert zur Grundlage der weiteren Entwicklung. Hierher gehören die späteren Auflagen von William Camdens Werk Britannia mit Ergänzungen, ebenso wie das Werk von John Aubrey (Camden

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 Die Aufklärungsarchäologie

1586[1722]; Aubrey 1665–1693[1980–82]). Obwohl der deskriptive Charakter des Werktyps an sich im Zusammenhang mit der Tradition des englischen Empirismus des 17.  Jahrhunderts diesen Schriften eine gewisse Strenge verleiht, wirkt die Interpretation von Stonehenge als keltisch-druidischer Tempel durch Aubrey alles andere als nüchtern und führt über den englischen Illustrata-Typ hinaus (Aubrey 1665– 1693[1980], S.  24  f.). Aubrey wurde hier zum Erfinder der Keltomanie, die sich im 18. Jahrhundert durch die Arbeiten von William Stukeley voll etablieren sollte (siehe S. 241). Auch Stukeley stand aber mit seiner Landschaftsarchäologie in der Tradition von John Leland und William Camden, diese beide aber in der Tradition von Flavius Blondus (siehe Bd. 1, S. 303, S. 316  f.). Die französische archäologische Forschung der ersten Hälfte des 18.  Jahrhunderts, die sich überwiegend mit den mediterranen Kulturen beschäftigte, war dem ursprünglichen humanistisch-antiquarischen Paradigma näher als der Däne und die Engländer. Das zeigt sich deutlich in dem schon vielfach erwähnten Corpus L’Antiquité expliqué von Bernhard de Montfaucon (1719–24). Die Gliederung dieser kommentierten Bilderenzyklopädie richtet sich ohne wesentliche Änderungen nach der römischen Kulturstruktur innerhalb des humanistisch-antiquarischen Paradigmas: Götter, Kult, das menschliche Leben, aufgeteilt in öffentliche und private Sitten, Krieg und Verkehr sowie letztlich Bestattungen. Montfaucon wie vor ihm Cassiano dal Pozzo zeigte kein Interesse für den historischen Zusammenhang und die historische Vernetzung seiner Quellen und ordnete letztere in die aus der Antike entlehnten kulturellen Bereiche ein  – mit Ausnahme prähistorischer Monumente und Objekte (Montfaucon 1719–1724, Bd.  1–5, Supplement 1–5; Schnapp 1993, S.  235  ff.; Herklotz 1999, S. 302  ff.; siehe Bd. 1, S. 307; hier S. 144). Dass in der zweiten Hälfte des 18. Jahrhunderts dieses Modell zu wanken begonnen hatte, zeigt der Versuch einer theoretischen Verschiebung des humanistischantiquarischen Paradigmas durch Aubin-Louis Millin 1796. Der Autor bezeichnete das Themenfeld des Paradigmas, dem er Sitten und Gebräuche zuwies, als Archäologie und konstruierte für eine analytische, chronologische, geographische und alphabetische Ordnung die Unterkategorie Archaeographie, einen Terminus, den er von Jacques Spon (1679[2009]) entlehnt hatte – Spon hatte aber geschrieben „Archaeographiam sive Archaeologiam“ (siehe Bd. 1, S. 32). Diese Archaeographie sollte ihm zufolge die empirische Forschung an den archäologischen Funden werden (Millin 1796, S.  64  ff.). Wie seine vorwiegend deutschen Vorbilder beschränkte sich dieses System aber auf Museumsstudien. Die Grabungsarchäologie blieb Millin und damit auch seinen Schülern fremd (Schnapp 1993[2009], S. 302). Elemente der antiken Kulturstruktur des humanistisch-antiquarischen Paradigmas übertrug der jesuitische Missionar Joseph-François Lafitau in seiner Arbeit über die Sitten indianischer Völker Amerikas auch auf die Indianer (Lafitau 1724; JacobFriesen 1928, S. 79; Stemmermann 1934, S. 125; Meinecke 1936[1959], S. 70; Mühlmann (1947/48[1968], S. 44; Daniel 1975, S. 26; Schnapp 1993, S. 229  ff.; siehe auch S. 188). In ganz unhumanistischer Weise benutzte er aber die humanistisch-antiquarische



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Methode zum Beweis ihres altweltlichen Ursprungs im Sinne der biblischen Weltchronistik (Motsch 2001, S.  40  ff.). Dazu verglich er systematisch die Lebensweise („Moers“) von Indianern und antiken Völkern (Lafitau 1724, Bd.  1, S.  40  f.). Dieses Vorgehen steht übrigens schon in der Tradition älterer Abhandlungen über die Völker der Neuen Welt. Das zeigen z.  B. das Kapitel über den Ursprung der Mexikaner oder der Vergleich zwischen der Namengebung Roms nach Romulus und Mexikos nach dem Priester Meri in der Historia de las Indias de Nueva-España y islas de Tierra Firme von Diego Durán (Durán 1579[1867], S. 1  ff., S. 19  f.; siehe Bd. 1, S. 316). In den Werken der Mitte und zweiten Hälfte des 18. Jahrhunderts setzten sich die kulturspezifische, historische Arbeitsweise und der interkulturelle Vergleich immer stärker durch99. Dabei war die Tradition des Illustrata-Typs in Regionalgeschichten

99 Da in diesem Rahmen die Vorläufer archäologischer Kulturen entstanden und sich auch die ersten Begrifflichkeiten dieser Art bildeten und im Weiteren hier benutzt werden, wird hier Bd.  1, S.  5  f., Anm. 2 noch einmal abgedruckt. Auf einige der zahlreichen, das Thema dieser Arbeit betreffenden Kulturdefinitionen (Kroeber/Kluckhohn 1952; White 1959[deutsch 1963]); Mühlmann (1947/48[1968]), 209  ff.; Harris 1969; Harris 1987[1989]; Hachmann 1987; Barfield 1997, 98  ff.; Brumann 1999; Rieckhoff/ Sommer 2007; Mölders/Wolfram 2014, S. 139  ff. [Hans-Peter Wotzka]) wird an den gegebenen Stellen eingegangen. Dass Kultur ein veränderliches Phänomen des menschlichen Daseins darstellt, musste erst im Laufe der Zeit gelernt werden (grundlegend: Cassirer 1942, S. 3  ff.). Wie sie zum Gegenstand vergleichenden Forschens wurde, gehört zu den Kernthemen dieser Arbeit, sie verdichtet sich seit der Mitte des 18. Jahrhunderts, um in der ersten Hälfte des 19. Jahrhunderts auch fachliche Konturen anzunehmen. Zum für die Entwicklung in Deutschland grundlegenden Kulturbegriff von Johann Gottfried Herder siehe Löchte (2005, S. 27  ff.). Grundsätzlich wird hier unter Kultur die durch den Menschen geschaffene materielle und geistige Welt bezeichnet (nicht nur die künstlerische oder wissenschaftliche Seite dieser Welt). Kultur ist ein Merkmalkomplex, der die anerzogene Lebensweise und Organisation einer menschlichen Gruppe charakterisiert. Da Kultur das anerzogene Verhalten meint, ist die Abgrenzung zum biologisch geprägten Verhalten notwendig. Die Grenzen der Kultur bestimmen deshalb die vergleichende Verhaltensforschung, die Psychologie und die Genetik. Die Fähigkeit, Kultur zu bilden, wird als bestimmend für den Menschen angesehen, dieser als ‚Kulturwesen‘ definiert (Mühlmann (1947/48[1968]), 216). Der Merkmalkomplex Kultur (holistischer Kulturbegriff) kann generalisierend untersucht werden wie z.  B. bei der Behandlung genereller sozialer Phänomene in Raum und Zeit. Er ist aber auch aufgrund von verschiedenen Merkmalen in Untergruppen einteilbar (die Kulturen, partitiver Kulturbegriff) (Wotzka 1993; Wotzka 2000, S. 55, S. 58). Die Kulturen stellen alternative Lebenssysteme dar, entwickeln ein kollektives Selbstbewusstsein und zeigen eine teilweise aggressive Neigung zur Abgrenzung gegen andere Kulturen und zur Ausdehnung. Sie sind jedoch nicht zwangsweise territorial abgeschlossen und auch nicht deckungsgleich mit Völkern bzw. Nationen. Die Kulturwissenschaften beschäftigen sich mit der Deskription, Klassifikation, Interpretation und Wertung individueller und genereller Erscheinungen der Kulturen sowie ihrer gegenseitigen Interaktionen und Modifikationsmechanismen. Wenn sie die Kulturen werten, spricht man vom normativen Kulturbegriff, wie er für die humanistischen Richtungen der Archäologien grundlegend ist und auch in der Kategorie der Hochkultur zum allgemeinen Sprachgebrauch gehört (Dally 2000, S. 81, S. 88). Zu verschiedenen soziologischen Kulturbegriffen siehe Reckwitz 2012.

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noch lebendig – z.  B. nimmt der Titel der Arbeit Eiflia illustrata von Johann Friedrich Schannat, die vor 1739 entstanden ist, auf ihn Bezug (Binsfeld 2000, S. 27). Obwohl der Jurist und Historiker an der Universität Straßburg Johann Daniel Schoepflin noch vom humanistisch-antiquarischen Paradigma beeinflusst war und mit dem Titel seiner Landesgeschichte des Elsass Alsatia illustrata ebenfalls deutlich auf den Illustrata-Typ anspielte, gelang es ihm, eine echte Landesgeschichte in unserem Sinne zu schreiben, die Historische Geographie, Kultur-, Struktur- und Ereignisgeschichte enthält (Schoepflin 1751). Im Gegensatz zur geographisch gegliederten Landesbeschreibung teilte Schoepflin sein Werk in chronologische Bücher. Dafür entwickelte er eine Kombination des Illustrata-Typs mit der Zeitalterlehre (siehe S. 201). Sein Gliederungsmodell für den ersten Band seiner Alsatia illustrata heißt allerdings nicht Antike, Mittelalter und Neuzeit, sondern nach den jeweils herrschenden Völkern „celtica  – romana  – francica“. Der Gliederung des ersten Buches „Alsatia Celtica“ ist noch die humanistisch-antiquarische Tradition der Tacitus-Interpretationen anzumerken: zuerst die Bewohner, die historische Landesaufteilung und die Besiedlung („pagus“, „populus“ und „oppidum“, Schoepflin 1751, S. 36  ff.), dann die Sitten („mores“, ebd., S. 63  ff.). Erst am Ende folgt die Ereignisgeschichte („res gestae“). Diese Ereignisgeschichte beginnt nicht bei Noah, sondern wie schon bei Polydor Vergil und William Camden am Beginn der historischen Überlieferung in den Jahrhunderten vor der römischen Eroberung. Entsprechend spielen auch unhistorische Legenden wie der trojanische Überlieferungsstrang der Franken keine Rolle (ebd., S. 99  ff.). Graf Caylus orientierte sich zwar 1752–1759, d.  h. gleichzeitig zu Schoepflin, noch am Prinzip der kommentierten Bilderenzyklopädie des Bernhard de Montfaucon. Wie diese besteht sein Werk, eigentlich der Katalog seiner umfangreichen Sammlung, in Kommentaren zu Tafeln, auf denen überwiegend Kunstgegenstände und Kuriosa abgebildet sind (Caylus 1759, Bd. 3, Taf. 76)100. Wenn möglich stellte der Autor diese aber in geographischen Zusammenhang und legte eine Gliederung nach Kulturen zugrunde. So verglich er ägyptische, etruskische, griechische, römische und gallische Antiquitäten und Fundplätze. Graf Caylus wurde damit mehrfach innovativ: Er übernahm zwar das enzyklopädische Konzept Montfaucons, verknüpfte es aber mit geographischen und klassifikatorischen Ansätzen, die auch die Kulturen einschlossen (siehe S. 193). Außerdem ordnete er Denkmäler nach äußeren Merkmalen und der Herkunft zu Gruppen und fand damit Ansätze einer Gliederung nach rein archäologischen Kriterien (Caylus 1752, Bd. 1, S. 190  ff.). Diese Elemente finden sich dann auch bei Johann Joachim Winckelmann (1764[1934])101. Im Gegensatz zu Graf Caylus machte dieser aber den für das huma-

100 http://digi.ub.uni-heidelberg.de/diglit/caylus1759bd3/0396. Besucht am 23. 1. 2017. 101 Zur Rolle des Grafen Caylus als Vorgänger Winckelmanns in kulturhistorischer Hinsicht siehe Bruer 1994, S. 14.



Die Interpretation 

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nistisch-antiquarische Paradigma charakteristischen normativen Kulturbegriff zum Prinzip. Sein Vorbild war jedoch nicht mehr das alte Rom wie für die italienischen Renaissance-Humanisten, sondern die altgriechische Kultur. Hier fand er ein „Bild reifer schöner Jugend, in vollkommener Proportion“ (Winckelmann 1764[1934]), S.  157). Unter dieser verstand er z.  B. das Zahlenverhältnis drei, neun, zwölf (ebd., S. 169). Die Natur sei die beste Lehrerin: „In der Bildung des Gesichts ist das sogenannte griechische Profil die vornehmste Eigenschaft einer hohen Schönheit“ (ebd., S. 174  f.). Wie subjektiv und ethnozentrisch diese Schönheitskriterien sind, zeigt z.  B. die Bemerkung, dass die Augen gerade im Gesicht stehen müssten (ebd., S. 146). Abgesehen von den bisher behandelten Merkmalen des humanistisch-antiquarischen Paradigmas muss man konstatieren, dass die gängigen Fragestellungen und Interpretationen kulturgeschichtlich-archäologischer und ethnographischer Art im 17. und am Beginn des 18. Jahrhunderts generell noch von der Konzeption der antiken kulturellen Felder beeinflusst waren. Solange archäologische Funde nicht selbständig ausgewertet werden konnten, waren die überwiegend humanistisch ausgebildeten Gelehrten auch noch nicht in der Lage, andere, von den antiken Schriftquellen unabhängige Interpretationsfelder zu erarbeiten. Die für diese Arbeitsweise essentielle Funktionsbestimmung blieb ein grundlegendes Thema in der archäologischen Literatur. So gelang im 17. Jahrhundert die für die spätere Grabforschung und Chronologie wichtige Identifizierung der Fibeln. Der dänische, in Padua arbeitende Medizinprofessor Johannes Rhodius wandte hierfür dieselbe, wenn auch nicht so streng ausgeführte und begründete aristotelische Methode an wie Michele Mercati. Allerdings fehlte ihm dessen Präzision auch bei der Fundbeobachtung (Rhodius 1639, S. 14  ff.). Fundorte und Fundumstände berücksichtigte er wie Mercati noch nicht. Die Bestimmung der Funktionen bildete fast ein Jahrhundert später noch für Andreas Albert Rhode das Hauptthema. Er kam aber in vieler Hinsicht weiter, da er nicht nur die Funde in der Sammlung seines Vaters, sondern auch dessen Grabungsaufzeichnungen zu den Fundumständen heranzog. Im Katalog der Sammlung gliederte er deshalb die Funde schon erfolgreich nach Funktionen, führte am Ende aber zwei unsichere Kategorien ein: ungeklärte Funktionen sowie Kuriosa, die zwar zur Sammlung, jedoch nicht zu den Antiquitäten gehörten (Rhode 1719; Rhode/Rhode 1720). Unter den systematischen kulturellen Themenbereichen nahm die Res divina, das sakrale Feld, die erste Stelle ein. Die geistliche Herkunft vieler Forscher aus dem radikalen Protestantismus und dem jesuitischen Katholizismus sowie der Zeitgeist nach den Religionskriegen führten um die Wende zum 18.  Jahrhundert zur Durchdringung der Arbeiten mit pietistischem und jesuitischem Gedankengut. Es war die Frage nach den Merkmalen des Heidentums, welche die altertumskundliche Literatur Mittel- und Nordeuropas im Jahrhundert nach dem Dreißigjährigen Krieg beherrschte. Im Gegensatz zu den Anhängern des humanistisch-antiquarischen Paradigmas betrachteten diese Gelehrten zunächst das Christentum als Norm und nicht

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die antike Kultur. Dieses kontrastierten sie mit dem Heidentum der Antike und der ganzen Welt und schufen damit eine Basis für religiösen Relativismus und Toleranz, wesentliche Bestandteile der Aufklärung (siehe S. 220). Götter, Altäre, Brandbestattung und vor allem Opfer wurden zu bevorzugten Interpretationsfeldern. Adam Olearius überschrieb eine Tafel, die neben Gottheiten aus Indien, Ägypten und Grönland auch die russische Ikone des Heiligen Nikolai enthält „Seynd lauter Abgötter“ (Olearius 1674, S.  5 und Taf. 4). Die schon seit der Renaissance immer wieder unternommenen Versuche, spezifische und historisch konkrete Götter darzustellen, zeigen sicher nicht zuletzt die methodische Unmöglichkeit einer Lösung, da man außerhalb des Mittelmeerraums nicht auf historische Darstellungen zugreifen konnte wie in der Antike. Hertha ist deshalb bei Trogillus Arnkiel nach der Diana von Ephesos gestaltet (Arnkiel 1691[1702], Bd. 1, n. S. 112), Odin, Thor und Freia, dem Holzschnitt von Johannes Magnus folgend, antik und zeitgenössisch – z.  B. trägt Odin eine Krone (ebd., S.  50  f.; Bd.  1, Abb.  44). Für die mecklenburgischen Götter Radegast, Prowe und Siwa stand für Arnkiel die Cronecken der Sassen in der Ausgabe von 1492 Pate (Arnkiel 1691[1702], Bd. 1, Abb. n. S. 84, S. 85)102, die auch schon Vorlage für die entsprechenden Miniaturen der Reimchronik des Nikolaus Marschalk gewesen war (Bischoff 2006, S. 45, S. 132  ff.; Bd. 1, S. 277). Bis ins 19. Jahrhundert griff man auf die einmal entwickelten Figurinen zurück. Der Fälscher des Prillwitzer Radegast, einer Götterfigur angeblich aus dem slawischen Heiligtum Rethra, kannte sicher diese Bilder oder die sehr ähnlichen der Ausgabe von Elias Schedius’ Werk von 1728 (siehe Anm. 105), als er um 1768 seine Figuren entwarf, die man lange für echt und für Zeugnisse der slawischen Kultur hielt. Zumindest sind auf den Kupferstichen nach Zeichnungen von Daniel Woge die Attribute des Radegast Lanze, Gans und ein Ochsenkopf auf der Brust zu erkennen  – dem Kopf des Gottes hat der Fälscher das Aussehen eines Löwenkopfes gegeben (Masch 1771, n. S. 50, Abb. 1–2, S. 53, n. S. 58, Abb. 3). Nach der Identifizierung der angeblich gewachsenen Tontöpfe durch den in ihnen enthaltenen Leichenbrand als Graburnen wurde die Leichenverbrennung zu einem der beliebtesten Themen. Man ging dabei von den Mustern Tommaso Porcacchis aus dem Jahre 1574 und Philipp Clüvers aus dem Jahre 1616 aus (siehe Bd. 1, S. 286, Abb. 51 und Anm. 216). Vor allem gewann das schon in diesen älteren Bildern vorhandene Motiv des Menschenopfers nun immer mehr Bedeutung. Während die Brandbestattung allein als ein Merkmal des klassisch-antiken Heidentums gelten konnte, so vereinigten sich beide Motive zu einem barbarischen Heidentopos, der sowohl für außereuropäische Heiden, vor allem die Indianer, als auch für die eigenen Vorfahren anwendbar wurde: Brandbestattung und Menschenopfer. Das Heidentum und die Grausamkeit kamen hier zusammen, besonders brisant, da ja schon die ersten nordalpinen Leser des Tacitus gerade am Vorwurf des Menschenopfers bei den Germanen Anstoß

102 Bote, Conrad (1492): Cronecken der Sassen, Fol. 121v. Mainz.



Die Interpretation 

Abb. 46: Gallehus (Tondern, Südjütland). Das goldene Horn. Nach Worm 1643, S. 344. © Barbara Sasse, Michael Kinsky, Universitätsbibliothek Freiburg, Historische Sammlungen.

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Abb. 47: Menschenopfer nach dem goldenen Horn von Gallehus (Tondern). Nach Arnkiel 1691[1702], Bd. 1, n. S. 151. © Barbara Sasse, RGK.



Die Interpretation 

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genommen hatten (siehe Bd.  1, S.  194). Dieses fand deshalb schon bei Elias Schedius 1648 eine eindrucksvolle Darstellung, bei der archäologische Funde allerdings noch keine Rolle spielen. Das Konzept des Opfers in einem heiligen Hain wurde jedoch im Folgenden von den archäologischen Arbeiten umgedeutet und modifiziert103. Eine wichtige Vorlage für die Darstellung des Menschenopfers bei den Kimbern entwickelte Trogillus Arnkiel auf der Basis eines archäologischen Fundes. Sein Bild einer nackten Opferpriesterin mit einem quer vor ihr fast schwebenden, am Bauch aufgeschlitzten Opfer geht auf ein Motiv des großen in Gallehus bei Tondern (Südjütland) gefundenen goldenen Horns zurück, das Ole Worm erstmals 1641 und dann 1643 publiziert hatte (Worm 1643, S. 344, hier Abb. 46). Arnkiel sah in den auf dem Horn dargestellten Figuren eine Opferszene und zitierte zur Bestätigung eine Stelle bei Strabon (Strab. geogr. 7, 2,3; Arnkiel 1691[1702], Bd. 1, S. 146, Abb. n. S. 146, Abb. n. S. 151; hier Abb. 47)104. Als sein Ziel gab er an, er wolle „das gülden Horn aus dem Heydentumb unserer Vorfahren … erläutern“ und überschrieb den Schluss des Kapitels über das goldene Horn: „Von der hoch-zu-preisenden Gnade Gottes / der uns aus den Finsternissen dieser Heydnischen Abgöttereyen / an dem gülden Horn abgebildet / durch das Licht des Evangeliums errettet“ (Arnkiel 1691[1702], Bd. 2, Vorrede und S. 203  ff.). David Sigmund Büttner kombinierte wenig später auf zwei Abbildungen dieses Menschenopfer mit der Brandbestattung (Büttner 1695, S. 79, S. 81; hier Abb. 48–49). Jodocus Hermann Nunningh stellte dagegen sowohl die ‚zivilisierte‘ antike Brandbestattung dar als auch die ‚barbarische‘: Bei Letzterer sehen wir am linken Bildrand unten den Opferpriester mit dem Messer in der rechten und der Innerei eines Opfers in der linken Hand. Zu seinen Füßen liegt das aufgeschlitzte Opfer aus Arnkiels Bild. Im Hintergrund ist der sorgfältig wie auf der Zeichnung zur Antike geschichtete Scheiterhaufen schon entzündet und ein anderer Toter wird eingeäschert. Die schon in der Grabungsdarstellung verwendeten Gräber und eine wandernde Kriegertruppe vervollständigen die lebendig gewordene archäologische Landschaft (Nunningh 1714, S. 8, Tab. I, S. 28, Tab. II; hier Abb. 50–51; siehe S. 56 und Abb. 47). Johann Georg Keyssler dagegen deutete das Bild von Elias Schedius um, ohne allerdings darauf zu verzichten, den Opferpriester Nunninghs durch sein Messer und seine Tracht erkennbar einzusetzen. Er steht bei einem kleinen Feuerchen in der Mitte eines eingefriedeten Kreises, in dem eine Eiche wächst, die das gesamte Bild beherrscht: Schedius’ heiliger Hain. Das Gewand des Priesters ist weiß wie bei diesem. Ein Horn liegt vor ihm am Boden. Vermutlich handelt es sich um einen Rest der geopferten weißen Stiere (Keyssler 1720, S. 304  f.). Es fehlt das menschliche Opfer,

103 http://digi.ub.uni-heidelberg.de/diglit/schedius1648/0005. Besucht am 18. 12. 2016. 104 http://diglib.hab.de/drucke/xb-7331/start.htm?image=00252;http://diglib.hab.de/drucke/xb-7331/ start.htm?image=00076a. Besucht am 18. 12. 2016.

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Abb. 48: Brandbestattung. Nach Büttner 1695, S. 79. © Barbara Sasse, Michael Kinsky, RGK.

und die Szene vermittelt keine heidnische Grausamkeit, sondern eine märchenhafte überirdische Würde. Der Rauch aus dem Stieropfer steigt in den Baum und in Richtung einer riesigen, strahlenden Sonne am linken Bildrand. Ganz im Vordergrund ist ein weißes Pferd an der Umfriedung des Feuerplatzes angepflockt. Im Hintergrund links verehrt eine Gruppe von Personen die Sonne, im Hintergrund rechts gräbt



Die Interpretation 

Abb. 49: Menschenopfer und Brandbestattung. Nach Büttner 1695, S. 81. © Barbara Sasse, Michael Kinsky, RGK.

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man Grabhügel aus (Keyssler 1720, Frontispiz; hier Abb. 52). Alle Einzelheiten dieser Darstellung begründen sich aus dem Text: der heilige Hain, die heilige Eiche, der Druide im weißen Gewand, das zu erschließende Stieropfer, das heilige weiße Pferd und der Sonnenkult. Das Pferd, das nur der Priester reiten durfte, übermittelte bei den Auspizien die Zeichen Gottes (Keyssler 1720, S. 318  f., S. 323  ff.). Über den Sonnenkult bei allen Völkern verfasste Keyssler 1728 eine eigene Studie, die er mit einer Neuausgabe des Werkes von Schedius drucken ließ105. Auch Keyssler selbst änderte seine Auffassung zum heidnischen Sonnenkult – 1720 hatte er ihn noch als typisch barbarisch bezeichnet (Keyssler 1720, S.  18). Die Wertung des Heidentums begann sich zu wandeln. Keyssler war zwar in Halle erzogen worden, aber doch kein von der pietistischen dänisch-halleschen Mission um August Hermann Francke beeinflusster Geistlicher wie Büttner, sondern Jurist, seit 1718 Mitglied der Royal Society und ein Aufklärer (siehe S. 30)106. Die Arbeitsweise aller dieser Gelehrten blieb dabei innerhalb des antiquarischhumanistischen Paradigmas. Zu diesem gehörte es schon in unserer dritten Phase der Renaissancearchäologie seit dem letzten Viertel des 16. Jahrhunderts, Quellen aus verschiedenem zeitlichen, regionalen und kulturellen Kontext zu einem kulturellen Thema zusammenzustellen und daraus seine Schlüsse abzuleiten. Die Begründer des Forschungsansatzes wie Flavius Blondus hatten sich dagegen noch fast ausschließlich auf Quellen aus dem antiken Kontext gestützt (siehe Bd.  1, S.  200). Allgemein vergleichend arbeiteten z.  B. Arnkiel, Leonhard David Hermann und Andreas Albert Rhode. Arnkiel überschrieb Kapitel folgendermaßen: „1. Die Todten sind mit ihren besten Kleidern angethan begraben. 2. Das ist geschehen/ bey den Römern. 3. Bey den Griechen. 4. Bey den Trojanern. 5. Bey den Türcken/ Tartern Indianern/ Sinesern/ Americanern“ (Arnkiel 1691[1702], Bd. 3, S. 67). Es folgen dann die nordischen Völker, der eigentliche Gegenstand der Arbeit. Leonhard David Hermann benutzte antike Texte, unter ihnen Vergil, bewusst als Analogien für die Interpretation (Wiegel 1992, S. 102). Das Verbindende bei diesem Vergleich, den wir schon bei Nikolaus Marschalk, bei Ole Worm und bei Trogillus Arnkiel finden, bildete der Bestattungsbrauch, weshalb alle Quellen über heidnische Bestattungen anzuwenden waren, egal, aus welcher Zeit oder aus welchem Raum sie stammten (siehe S. 38, S. 144). Entsprechend folgte Andreas Albert Rhode in seiner Quellenauswahl nicht Raum, Zeit und Kultur, sondern anderen, systematischen Kontexten, aus denen er auch Analogien bildete (Rhode/Rhode 1720, S. 74  ff., S. 231; siehe

105 Keyssler, Johann Georg (1728): De cultu solis, Freji et Othini. In: Schedius, Elias u.  a., De diis Germanis sive veteri Germanorum, Gallorum, Britannorum, Vandalorum religione syngrammata quatuor, S. 759–771. Halle (Ausgabe 1728[Erstausgabe 1648]). 106 Die Sonnenmetaphorik spielt z.  B. in den Kupferstichen der Publikationen von Christian Wolff eine große Rolle, siehe Albus 2001, S.  214.- Zur Bedeutung der dänisch-halleschen Mission für die Entwicklung der Ethnologie jetzt Vermeulen 2015, S. 106  ff.



Die Interpretation 

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Abb. 50: Synoptische Tafel zum Brandbestattungsritus in der Antike. Nach Nunningh 1714, Tab. I n. S. 8. © Barbara Sasse, Michael Kinsky, RGK.

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Abb. 51: Synoptische Tafel zur Brandbestattung innerhalb einer archäologischen Landschaft. Nach Nunningh 1714, Tab. II n. S. 28. © Barbara Sasse, Michael Kinsky, RGK.



Abb. 52: Opferszene. Nach Keyssler 1720, Frontispiz. © Barbara Sasse, Michael Kinsky, RGK.

Die Interpretation 

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S. 186  f.). In dieser Arbeitsweise aber lag ein Sprengstoff, der durch den sich immer weiter entwickelnden Kulturvergleich und die weltchronistische Fragestellung vieler Autoren dieser Gruppe zur Entwicklung einer partitiven Kulturforschung führen musste (siehe unten). Aufmerksamkeit verdient in diesem Zusammenhang der Einsatz der Pyramide als heidnisches Grabmal (Mencfel 2010, S.  235). Trogillus Arnkiel widmete ihr ein ganzes Kapitel (Arnkiel 1691[1702], Bd.  3, S.  233–241). Ursprünglich ägyptisch und heidnisch, wird sie zum universalen Grabmal. Man findet sie in verschiedener Form, so als Vitrine für Urnen wie der Aufsatzschrank in Pyramidenform, der eigens für die Grabfunde der Lausitzer Kultur aus dem Urnenfriedhof auf dem Töppelberg bei Massel konstruiert wurde (Hermann 1711, S.  1  ff.; Stemmermann 1934, Abb.  23–26; Gummel 1938, Taf. 5). Er besaß auf der Innenseite der Türen eine Darstellung der in den Urnen gefundenen Gegenstände und eine Inschrift: „diese Heidnische Todten Gefässe sind mehr denn Tausendt Jahr alt“, unten und außen aber: „Lobe den Herrn Meine Seele“. Gleichzeitig verstand der Ausgräber und Autor den Aufsatzschrank als ein Symbol für Leben, Tod und Welt, einen Mikrokosmos, bezogen auf seine eigene Person. Hermann setzte über das entsprechende Kapitel: „Von der Pyramide, die inwendig mit Töpfen erfüllet  /  von aussen aber mit Biblischen Emblematibus von Töpffen zur Erinnerung der Sterblichkeit gezieret ist“ (Hermann 1711, S.  169). Die Pyramide besaß für ihn eine solche Bedeutung, dass er sie ausführlich beschrieb und erklärte: Denn damit ich die Curiositäten und Schauwürdigkeiten von dem Maßler Töppelberge alle beysammen habe / und weil es heydnische Reliquien seyn / hab ich mir auch eine heydnische Pyramide machen lassen  /  und dieselbe oben und unten mit heydnischen Urnen besetzet.  … Zu oberste der Pyramide ist die Welt-Kugel mit zwey Flügeln / und daran auf einer Seiger-Taffel nebst drüber stehenden Sand-Uhr [steht]: Eine von diesen. Nemlich eine von diesen Stunden wird auch meine Todes-Stunde seyn (Hermann 1711, S. 169–171)107.

Hierher gehört auch der schon erwähnte Stich von Benjamin Strahovsky, der den Rektor des Maria-Magdalenen-Gymnasiums in Breslau Christian Stieff in seiner Sammlung und Bibliothek zeigt – die Urnenvitrine besitzt die Form einer Pyramide (siehe S. 28). Johann Christopherus Olearius bildete eine Pyramide mit der Sockelinschrift „Mausoleum in Museo Ioh. Christoph. Olearii“ als Frontispiz ab und setzte die Zeichnungen seiner Urnen wie in eine Vitrine hinein (Olearius 1701; hier Abb.  41; siehe S. 107).

107 Hans Seger schloss, daß es ursprünglich zwei solcher Pyramiden gegeben habe, eine, die Hermann für seine eigene Sammlung machen ließ und eine zweite, die in die Breslauer Bibliothek und später in das Schlesische Museum in Breslau gelangte (Stemmermann 1934, S. 92  ff.).



Die Interpretation 

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Ein weiterer Sinn der Pyramide Leonhard David Hermanns ist die Erlösung der Heiden. Hermann sah das Heidentum und den Tod als zentrale Merkmale der Vergangenheit an. Das Spezifische der heidnischen Kultur spielte zunächst dabei keine Rolle, denn damals begann man ja erst damit, Unterschiede zwischen Kulturen und ihren chronologischen Phasen zu erkennen. Fremde Kulturen sind zu dieser Zeit noch gar nicht definiert. Ein Heide war für Hermann vor allem Heide, ganz egal, wo auf der Welt. Die Pyramide bildete gleichzeitig für ihn eine Allegorie des Todes schlechthin, sie verband seinen eigenen Tod mit dem Tod früherer Generationen, eine bestimmte Form eines Memento mori. Wie Olearius nannte Hermann seine Pyramide Mausoleum, eine Totengedenkstätte im Museum, die man auch als eine christliche Sekundärbestattung der heidnischen Vorfahren auffassen kann. Hermann machte damit einen Schritt in Richtung auf die religiös-tolerante Seite der Aufklärung, obwohl für ihn wohl noch wie für Arnkiel das Christentum als Normreligion galt. Im Laufe des 18. Jahrhunderts gewann diese Haltung immer mehr an Boden und verdrängte zunehmend das Forschungsfeld der Religion zugunsten von Völkern und ihren Eigenschaften. Neben diesen Merkmalen des humanistisch-antiquarischen Paradigmas arbeiteten die letztgenannten Autoren aber nach dem weltchronistischen Modell und modifizierten dieses (siehe S. 164  ff.). Die Einordnung der Denkmäler in die soziale Hierarchie gehört ebenfalls zu den kulturellen Themenfeldern. Allerdings wurde dieses Thema bis zum Ende des 18. Jahrhunderts und in Gebieten mit andauernder Adelsherrschaft sogar noch länger von der Suche nach Beweisen für die dynastische Genealogie geprägt. Schon am Anfang des 16. Jahrhunderts hatte Nikolaus Marschalk Megalithbauten und große Hügel als Gräber der sagenhaften Vorfahren der mecklenburgischen Herzogsdynastie gedeutet, Urnengräber aber als Gräber der Untertanen (siehe Bd. 1, S. 314). Ole Worm verwendete dieselben Argumente wie Marschalk und griff wie dieser auf die Aeneis zurück, um zu begründen, dass es sich bei den monumentalen Gräbern um Herrscher- und nicht um Riesengräber handelte (Worm 1643, S. 38  f.). Außerdem wies er aber monumentale Gräber bestimmten Herrschern zu. Im Fall von Jelling erlaubte die richtig gelesene Inschrift eine einfache Identifikation der Monumente. Deshalb konnte Worm auch Henrik Rantzaus Darstellung und historische Interpretation aufgreifen (Worm 1643, S. 328; siehe Bd. 1, S. 251). Auch Trogillus Arnkiel beschäftigte sich mit Königsgräbern. Er stellte nach schriftlichen Quellen und der Arbeit von Ole Worm nordische Königsgräber zusammen und interpretierte die Größe der Grabhügel: Je größer / und höher dieselbe seyn / je grösser / und fürnehmer sind die Persohnen gewesen / welche darin begraben seyn … Die fürnehmste runde Berge sollen der Königen / Fürsten / und Kriegs-Helden Todten-Gräber seyn. Die länglichte Berge / und Hügel sind unterschiedlich …

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 Die Aufklärungsarchäologie

Hügelgräberfelder hielt er dagegen für die Grabstätten der auf einem Schlachtfeld gefallenen Krieger. Wie in seinem gesamten Werk üblich folgt eine Aufzählung von Parallelen bei den Römern, den Trojanern, den Skythen, den Persern, den Chinesen, den Mexikanern und den Hebräern (Arnkiel III, 1691[1702], S. 217). An anderer Stelle definierte Arnkiel entsprechend „absonderliche Gräber“: Die absonderliche Gräber sind / welche ein jeder für sich allein / insonderheit was fürnehme Persohnen gewesen  /  verschafft  /  oder verschaffen lassen  /  wie die Gräber der Regenten  / Könige  /  und Fürsten  /  und Obersten im Volck  /  welche sich gemeiniglich runde Berge  /  und Hügel / darin sie allein / und sonsten keiner begraben (ebd., S. 259).

Durch die zunehmende Beobachtung von Fundzusammenhängen kamen auch die Grabbeigaben als Argumente für die soziale Stellung des Bestatteten ins Spiel. Jean-Jacques Chifflet gelang mit der Publikation des Childerichgrabes ein vollkommen neuer Werktypus, in dem Fundplatz, Fundumstände, Funde und Interpretationen eines einzigen Fundes enthalten sind (Chifflet 1655)108. Allein die Grabfunde führten hier zur Deutung, denn ein monumentaler Grabbau war ja nicht erhalten. Dass dieses neuartige Werk in den Rahmen des humanistisch-antiquarischen Paradigmas gehört und nicht in das weltchronistische Konzept, zeigt sein Beginn mit den merowingischen Königen Pharamund und Chlodio (Chifflet 1655, S. 4  ff.). Selbst wenn diese heute auch in den Bereich der Sage verwiesen werden, bemühte Chifflet nicht Noah, Priamos, Francio oder die gallischen Königsliste nach Annius von Viterbo, sondern historische Quellen (siehe Bd. 1, S. 192)109. Er trennte diese Könige auch in der Königsliste von den Merowingern (Abb. 5). Wie für seinen Zeitgenossen Ole Worm, der für den dänischen König arbeitete, spielte die genealogisch-dynastische Interpretation aber für Chifflet und seinen Auftraggeber, den Habsburger Erzherzog Leopold, Statthalter der Spanischen Niederlande, noch eine entscheidende Rolle (siehe S. 32  ff. und S. 165). Im Mittelpunkt des Werkes aber stehen die reichen Grabfunde und die Klärung ihrer Funktion (siehe S. 104). Trotz dieses Fundes und der Verbreitung von Chifflets Werk erhebt sich schon früh Kritik an der Aussagekraft der Grabbeigaben für die soziale Bestimmung des Bestatteten. Gotthilf Treuer z.  B. äußerte sich skeptisch und führte quellenkritische

108 Die von Dieter Quast (2015) herausgegebene kommentierte Übersetzung des Werkes konnte nicht mehr genutzt werden. 109 Zum Themenkomplex, den Chifflet weitgehend ausblendet: Ewig, Eugen (1998): Troiamythos und fränkische Frühgeschichte. In: Geuenich, Dieter (Hrsg.). Die Franken und die Alemannen bis zur „Schlacht bei Zülpich“ (496/97). RGA, Ergänzungsbd. 19, S. 1–30; Anton, Hans Hubert (2000): TrojaHerkunft, origo gentis und frühe Verfasstheit der Franken in der gallisch-fränkischen Tradition des 5. bis 8. Jahrhunderts. In: Mitteilungen des Instituts für Österreichische Geschichtsforschung, 108, 1–2, S. 1–30; Plassmann 2006, S. 188  ff.



Die Interpretation 

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Überlegungen an (Treuer 1688, S.  26; siehe S.  64). Andreas Albert Rhode machte sich sogar schon Gedanken über die Auswahl der Grabbeigaben, eine ganz wichtige Voraussetzung für eine soziale Interpretation: „…  was entweder einem in seinem Leben am liebsten gewesen  /  oder er auch zu seiner Profession und Handthierung gebraucht  /  beyzulegen  …“ (Rhode/Rhode 1720, S.  7). An anderer Stelle schloss er vom Material des Schmuckes direkt auf die soziale Stellung des Bestatteten: „Selbige [die Armbänder] waren bey reichen und vornehmen Personen güldene / bey denen geringern und ärmern aber kupferne oder Metalline“ (ebd., S. 123). Das wissenschaftliche Bürgertum der zweiten Hälfte des 18. Jahrhunderts hatte sich aber doch schon weit vom humanistisch-antiquarischen Paradigma entfernt. Es lebte zwar noch mit den Traditionen, suchte aber eine Konfrontation mit ihnen. Jeder der bedeutenden Autoren fand hier seinen eigenen Weg: Johann Joachim Winckelmann übernahm die Antike als Normkultur, Johann Daniel Schoepflin das Illustrata-Konzept, der Graf Caylus die Form des kommentierten Tafel-Corpus. So ist es interessant, dass z.  B. James Douglas in seinem innovativen Werk, das ausschließlich auf teilweise eigenen Ausgrabungen beruht, diese ebenfalls formal noch in der Art von Bernhard de Montfaucon in kommentierten Tafeln vorlegte und sich inhaltlich gerade mit der Publikation des Childerichgrabes von Jean-Jacques Chifflet auseinandersetzte. Das betrifft sowohl die Interpretation der einzelnen Funde als auch besonders die Identifikation des Grabes (Douglas 1793, S. 54; S. 73; S. 123). Entsprechend findet man bei ihm auch trotz der Beschreibung reicher Grabbeigaben keine Stellungnahme zur sozialen Position der Bestatteten. Er beschränkte sich darauf zu bemerken, dass die Erbauer der kleinen Hügel, die er den Angelsachsen zuschrieb, in kleinen Bevölkerungsgruppen gelebt haben müssen, dass die bestatteten Männer, Frauen und Kinder in einem demographisch zu erwartenden Zahlenverhältnis vertreten waren und dass dies für eine friedliche Zeit spräche (Douglas 1793, S. 124): „their [der Gräber] numbers proportioned to a small clan of people existing at a peculiar aera“ (ebd., S. 177). Die Grabung ganzer Komplexe und die empirische Grabungs- und Vermessungsmethode führten ihn hier zu Kritik und eigenem Urteil. Während der Französischen Revolution interessierte sich Douglas für die Bevölkerungsgruppe und nicht für den Herrscher. Auch für wirtschaftsgeschichtliche Fragestellungen gab es in der zweiten Hälfte des 18. und am Beginn des 19. Jahrhunderts schon Ansätze und Lösungsmöglichkeiten, die u.  a. auch zur Erwägung des technischen Fortschrittes führten (siehe S. 207). Ein wichtiges Beispiel hierfür bietet die Metallurgie, der schon der Graf Caylus Mitte des 18. Jahrhunderts umfangreiche Forschungen widmete (Caylus 1752, Bd. 1, S. 241  ff.; siehe S. 220). Auch prähistorische Geräte und Waffen wurden untersucht: Martin Heinrich Klaproth zog aus seinen langjährigen chemisch-metallurgischen Analysen prähistorischer und antiker Bronzen Schlüsse auf die Technik- und Handelsgeschichte. So wies er auf die Bedeutung des Zinnhandels hin und interpretierte den von ihm festgestellten Zusammenhang zwischen der funktionalen Anforderung an das Metall und dem Zinngehalt in der Bronze als Zeichen eines hochqualifizier-

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ten Handwerks (Klaproth 1815, S. 89). Klaproth stand mit dieser Fragestellung nicht allein – die rasante technische Entwicklung des industriellen 19. Jahrhunderts basierte schon auf älteren Untersuchungen und damit auf einer Grundlagenforschung, auf der das Dreiperiodensystem aufbauen konnte.

1.6.2 Von antiken und christlichen Weltaltern zur geologischen und archäologischen Überprüfung der universalen Gültigkeit der biblischen Schöpfungsgeschichte Neben dem humanistisch-antiquarischen Paradigma jedoch lebte das auf der Bibel, aber auch auf anderen orientalischen und antiken Überlieferungen basierende mittelalterliche weltchronistische Konzept in der Renaissance weiter und erfuhr sowohl in Italien als auch im übrigen Europa verschiedene Veränderungen. Archäologische Funde wurden hier als Belege für die Wanderungsbewegungen von Dynastien und Völkern seit der Sintflut eingesetzt (siehe Bd. 1, S. 319  ff.). Die Mehrheit der Autoren der Renaissance, besondern die Anhänger des weltchronistischen Konzepts, glaubten nicht nur an die kurze biblische Chronologie und die Verteilung der Völker nach der Sintflut, sondern auch an Riesen, vom Himmel gefallene Fossilien und Steingeräte sowie im Boden gewachsene Tontöpfe. Durch Klassifikation der naturgeschichtlichen Sammlungen und exakte Beschreibung gelang es um die Wende vom 16. zum 17. Jahrhundert, die Steingeräte als Produkte des Menschen zu erkennen und darüber hinaus durch Ausgrabung und den Vergleich mit römischen Brandgräbern auch die Tontöpfe aus dem Bereich der Naturalia zu lösen (siehe Bd. 1, S. 347  ff.). Beide Ergebnisse konnten sich jedoch aus verschiedenen Gründen zunächst nicht durchsetzen, und vor allem das Problem der Megalithgräber und ihrer Erbauer blieb noch eine komplexe Forschungsaufgabe für die Zukunft. Deshalb prägten diese Themen im 17. und – zumindest bis in die Dreißigerjahre – im 18. Jahrhundert immer noch die Forschung. Das auf der Bibel beruhende Geschichtsbild aber hielt sich noch bis ins 19. Jahrhundert. Im Gegensatz zu früher begann man es aber seit den Neunzigerjahren des 16. Jahrhunderts wissenschaftlich zu überprüfen und schuf hierfür Methoden: aus dem weltchronistischen Konzept entwickelte sich so das weltchronistische Paradigma. 1.6.2.1 Die Abstammung der Dynastien und Völker von Noah, antike Traditionen und das Wanderungsprinzip Eine wichtige Antriebskraft für die Beschäftigung mit archäologischen Funden und insbesondere mit Gräbern bildete wie in der Zeit davor die Suche nach den Ahnen. Woher kamen sie, oder lebten sie vielleicht schon immer in derselben Region? Die Bibel gibt auf diese Frage eine eindeutige Antwort: Alle Menschen gehen als Gottes Geschöpfe auf Adam und Eva zurück sowie nach der Sintflut auf die drei einzig über-



Die Interpretation 

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lebenden Söhne Noahs. Die Völker Europas stammen von Japhet ab und sind durch Migration nach Europa gekommen. Am Ende des 15. Jahrhunderts hatte Annius von Viterbo u.  a. durch die Fälschung des verschollenen Werkes eines chaldäischen Priesters namens Berosus vorgegeben, die Geschichte Noahs durch eine unabhängige Geschichtsquelle beweisen und sie gleichzeitig mit anderen Überlieferungen der Alten Welt koordinieren zu können. So hatte er genealogische Herkunftsgeschichten auch der europäischen Völker entwickelt, deren Urgeschichte in der mediterranen Überlieferung nicht reflektiert wird, und damit vor allem im Norden Europas großen Erfolg gehabt. Obwohl die Fälschungen des Annius vielfach entlarvt worden sind, spielten sie dort noch bis an das Ende des 17. Jahrhunderts eine Rolle (Wifstrand Schiebe 1992, S. 66  f.; siehe Bd. 1, S. 322). Mit der biblischen Herkunftslehre ist auch die biblische Chronologie verbunden (siehe auch S. 132). Sie blieb noch die ganze hier behandelte Zeit für die Geschichte der Menschheit verbindlich. Der anglikanische Erzbischof von Armagh und Primas von Irland, James Ussher, berechnete 1650 in seinen Annales veteris testamenti, a prima mundi origine deducti: una cum rerum Asiaticarum et Ægyptiacarum chronico, a temporis historici principio … den Anfang der Welt auf 4004 vor Christus; Adam und Eva wurden am 6. Tage erschaffen (Ussher 1650, S. 1  f.). Diese Daten verbreitete auch die autorisierte englische Bibelübersetzung, die King-James-Bibel, in ihren Randbemerkungen (Daniel 1975, S. 27; Harris 1969, S. 86; Piggott 1989, S. 39, S. 43; Biographisch-Bibliographisches Kirchenlexikon, 12, 1997, Sp. 979–983, Stichwort „James Ussher“ [Peter Mommer]). Wie gering die Bereitschaft zum Umdenken war, zeigt, dass der Jesuit Athanasius Kircher selbst die ägyptischen Königslisten in die kurze biblische Chronologie einarbeitete, obwohl zu diesem Zeitpunkt u.  a. Johann Justus Scaliger schon andere Daten vorgelegt hatte (Schmidt-Biggemann 2013, S. 339). Der Gedanke, dass die Menschheitsgeschichte länger gewesen sein könnte, als nach der Bibel so viele Jahre hindurch angenommen worden war, lag auch Wissenschaftlern fern, und auch Kircher konnte Hieroglyphen noch nicht entziffern. Zum weltchronistischen Geschichtsbild muss auch das biblische, zusätzlich von Annius von Viterbo in seinen gefälschten Antiquitates verbreitete genealogische Herkunftsprinzip gerechnet werden. Es findet sich im 17. Jahrhundert auch in Arbeiten, die eher dem humanistisch-antiquarischen Paradigma zuzuordnen sind bzw. Mischformen darstellen, wie die Werke von Ole Worm (1643) und Jean-Jacques Chifflet (1655). Beide Autoren waren als Leibärzte den Herrschern verpflichtet, deren Genealogien sie schrieben. Für Chifflet wurde der politische Beweis, dass die Habsburger und nicht die Bourbonen die echten Nachkommen der fränkischen Könige seien, zum eigentlichen Ziel des Buches (siehe S. 32  ff.). Zur Beweisführung diente ihm ein Bruch in der Genealogie der französischen Könige (Chifflet 1655, S. 3). Außerdem versuchte er zu beweisen, dass die Bienen das Symbol der Merowingerdynastie gewesen seien und die französische Lilie damit keine Kontinuität bis in diese frühe Zeit besitze (Chifflet 1655, S. 172). Ausgangspunkt aber war die historische Identifikation des Childerichgrabes (siehe S. 182).

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 Die Aufklärungsarchäologie

In den skandinavischen Ländern war im Zuge des politischen Aufstiegs der archäologische Rückgriff auf die Vorfahren besonders beliebt, zumal eine ungebrochene Kontinuität zwischen der vorhistorischen und der historischen Zeit leichter herzustellen war als in Mittel- und Südeuropa. Das in Dänemark und Schweden in der zweiten Hälfte des 18. und dem Beginn des 19. Jahrhunderts an der Schwelle zur Entstehung des Dreiperiodensystems herrschende Kontinuitätsdenken hat tiefe historische Wurzeln. Von besonderer Bedeutung wurde für Skandinavien der sog. Gotizismus. Er hatte sich auf der genealogischen Basis des Alten Testaments und unter Einfluss der Schriften des Annius von Viterbo sowie mittelalterlicher Quellen zu den Goten entwickelt. Seit dem 15. Jahrhundert spielte er in verschiedenen europäischen Ländern eine unheilvolle Rolle, besonders aber in Schweden (siehe Bd.  1, S.  191). Unter der durch die Trennung von Dänemark und Norwegen 1523 zur Herrschaft gelangten Wasa-Dynastie wurde er regelrecht zur Staatsideologie (Svennung 1967, S.  83  ff.; Schmidt-Voges 2004, S.  95  ff.; Neville 2009, S.  218). Deshalb wurden auch die im römischen Exil entstandenen Werke der katholischen Erzbischöfe von Schweden Johannes und Olaus Magnus in der zweiten Hälfte des 16. Jahrhunderts in ihrer protestantischen Heimat so dankbar aufgenommen (Svennung 1967, S.  83). Ihnen zufolge waren die Runen die älteste Schrift und die Schweden (Goten) nach der Sintflut aus dem Osten nach Skandinavien gekommen (siehe Bd. 1, S. 333). Die Basis aber bildete die Genealogie der Könige, die sich als gotisch und wendisch bezeichneten und ihre Ahnen bis auf Noah und dessen Nachkommen Magog zurückführten (Wifstrand Schiebe 1992, S. 26; siehe Bd. 1, Anm. 210). Dieses Legitimationsbedürfnis des schwedischen Königshauses war im 16. und im 17. Jahrhundert außerdem durch eine explizit antidänische Tendenz gekennzeichnet (Johannesson [1982]1991, S.  103  ff.). Die Erforschung der angeblich gotischen Runensteine und die Gründung des Reichsantiquarsamtes für Johannes Bure durch Gustav II. Adolf stehen hiermit in engstem Zusammenhang (siehe S.  2). Die weltchronistische gotizistische Ideologie rechtfertigte sogar das schwedische Eingreifen in den Dreißigjährigen Krieg (Svennung 1967, S. 85; Zellhuber 2002, S. 85  f., S. 96  ff.; Schmidt-Voges 2004, S. 142). Am Ende des 17. Jahrhunderts führte Olof Rudbeck den schwedischen Gotizismus zu seinem Höhepunkt, durchbrach aber gleichzeitig das bisher vorherrschende dynastische Prinzip. In seinem Werk wandert das Volk der Goten als Japhetiten nach der Sintflut in Schweden ein. Von dort hätte es dann die Welt besiedelt, zivilisiert und beherrscht. Schweden wird gleichzeitig das gelobte Land der bei Herodot erwähnten Hyperboreer, der Schützer Apolls und eigentlichen Schöpfer der griechischen Kultur (Rudbeck, 1979, Kap. 9; Neville 2009, S. 219). Der Autor war trotz seiner Fortschrittlichkeit hinsichtlich archäologischer Grabungsmethoden in seiner Interpretation noch von Annius von Viterbo und den Brüdern Magnus beeinflusst, wie schon aus dem Titel seines Werkes hervorgeht: Atlantica sive Manheim. Vera Japheti posterorum sedes ac patria, ex qua non tantum Monarchae & Reges ad totum fere orbem reliquum regendum ac domandum, Stirpesque suas in eo conden-



Die Interpretation 

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das, sed etiam Scythae, Barbari, Asae, Gigantes, Gothi, Phryges, Trojani, Amazones … Cimbri … Germani, Svevi, Langobardi … aliique virtute clari & celebres populi olim exierunt … (Rudbeck 1679, Titelblatt; Lindqvist 1936; Alkemade 1991, S. 273  f.; Schmidt-Voges 2004, S. 190  f.)110.

In Rudbecks Titel und in seinen Argumentationen stehen die „populi“ schon neben den Herrschern. In der zweiten Hälfte des 17. und der ersten Hälfte des 18. Jahrhunderts beschäftigten sich dann immer mehr Autoren nicht mehr mit dem Ursprung von Dynastien, sondern mit dem von Völkern, so der Kelten, Germanen, Goten, Kimbern oder Skythen, und suchten diesen ebenfalls in den Wanderungen der Söhne Noahs nach der Sintflut und dem Turmbau zu Babel. Zu ihnen gehört die Gruppe aus dem heutigen Schleswig-Holstein um Johann Daniel Major, die Grafenfamilie Rantzau und die Universität Kiel in ihrer Auseinandersetzung mit Rudbeck (siehe S. 166). Schon vorher hatten die Dänen den schwedischen antidänischen Gotizismus beantwortet, indem sie ebenfalls die Goten als ihre Ahnen reklamiert und diese mit den Kimbern gleichgesetzt hatten (Wifstrand Schiebe 1992, S.  26; Schmidt-Voges 2004, S.  370  ff.; Neville 2009, S.  221). Johann Daniel Major (1692), Trogillus Arnkiel (1691[1702]) sowie Christian Detlev und Andreas Albert Rhode (1719; 1720) verfuhren in ihren Arbeiten zu den Kimbern ebenso. Wie Rudbeck führten sie die Besiedlung ihrer Gebiete auf Japhet und seine Nachkommen, folglich auf Wanderungen aus dem Südosten zurück, wie Rudbecks Goten hatten auch die Kimbern einst Rom besiegt. Major schrieb entsprechend, die Kimbern seien: „ursprünglich aus Armenien nach Babylonien / von dar nach Natolien / oder Klein-Asien / wie dann ferner von dar  /  umb das Schwartze Meer herumb  /  durch den Cimmerischen Sund  /  in klein Scythien oder die Krimmische Tartarey“ u. s. w. gezogen, bis sie ganz im Norden, d.  h. in Schonen ankamen (Major 1692, S. 32). Er folgte also Rudbeck darin, dass er annahm, die Kimbern seien nach der Sintflut zunächst nach Schonen gezogen und von dort erst nach Jütland ausgewandert (Major 1692, S.  17). Für die hier verfolgte Fragestellung ist wichtig, dass er auch versuchte, die Wanderung archäologisch zu beweisen: Ja / das sie außerhalb Pommern / vom Balthischen Meer was Südlicher wieder zurücke / sich nach Brandenburg  /  Pohlen und Schlesien gewendet  /  und daselbst ihre Todten  /  gleich den Unsrigen und Mitternächtischen uhr-alten Cimbrern / verbrennt / die Asche in Töpfe gethan … (Major 1692, S. 24).

110 Übersetzung: Atlantis oder Manheim. Die wirkliche Heimat der Nachfahren Japhets, von der aus nicht nur Herrscher und Könige fast den ganzen übrigen Erdkreis regiert und beherrscht und ihre Sippen dort begründet haben, sondern auch Skythen, Barbaren, Asen, Giganten … Trojaner, Amazonen … Kimbern … Germanen, Sweben, Landobarden … und andere durch ihre Virtus berühmte Völker einst ausgezogen sind.

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 Die Aufklärungsarchäologie

Weitere äußere Merkmale der Funde verglich er jedoch nicht. Als Beweis dient ein Fundbericht über Urnen aus Ransern, die 1614 gefunden und dann in die Ratsbibliothek von St. Maria-Magdalenen in Breslau gelangten, wo Major drei von ihnen selbst gezeichnet und vermessen hatte (ebd., S.  25; siehe Bd.  1, S.  271). An anderer Stelle interpretierte er die Beobachtung, dass Hügelgräber in Schweden am häufigsten, in Schleswig aber weniger häufig und in Holstein am seltensten vorkamen, als einen Hinweis für die Herkunft der Bestattungssitte und damit der Kimbern aus Schonen. Für ihn waren die Grabhügel nur ein Beweis unter anderem, führte er doch vorher eine Fülle von sprachlichen Übereinstimmungen mit dem Norden an (Major 1692, S. 35  ff.). Trogillus Arnkiel reagierte direkt darauf und änderte die Wanderungsrichtung. Er berief sich auf Johannes Aventinus, wenn er schrieb: Nach der Sündfluth werden bey dem Außzug und Wanderschaft der Nachkömmlingen Nohe / aus Asien in Europen / die Japheten gegen Norden zuerst in Teutschland / und weiter in diese Cimbrische Gegend sich begeben / und von dannen ihre Colonias in die mitternächtige Königreichen gesandt / und dieselbe bevolcket haben (Arnkiel 1691[1702], Bd. 1, S. 12).

Bei ihm wurde also Skandinavien von Deutschland aus besiedelt und nicht umgekehrt wie bei Rudbeck und Major von Schweden aus. Goten und Kimbern setzte er gleich, indem er den Stammesnamen Gote von Jüte = Jütländer ableitete (Arnkiel, ebd.). Die These Majors, für deren Richtigkeit der Mediziner die archäologische Fundverteilung als Argument benutzt hatte, widerlegte Arnkiel durch eine bewunderungswürdige quellenkritische Überlegung zur Interpretation von Fundverbreitungen überhaupt (Arnkiel III, 1691[1702], S. 273, s. auch oben zur Quellenkritik). Gottfried Wilhelm Leibniz, seit 1667 im Dienst des Hauses Braunschweig-Lüneburg, besaß ebenfalls Interesse an Völkern und deren Wanderungen. Allerdings stehen bei ihm sprachwissenschaftliche Argumente im Vordergrund. Neben seiner „Dissertatio de origine Germanorum“ von 1696, in der er dieselbe Meinung wie Arnkiel vertrat111, zeigt das auch seine Schrift „Brevis designatio meditationum de originibus gentium ductis, potissimum ex indicio linguarum“ von 1710 (Jakob Friesen 1928, S. 9; Schröder 2010, S. 66)112. Johann Georg von Eckhart schloss sich in seiner Arbeit über

111 Die Argumentation ist sprachwissenschaftlich und historisch, nicht archäologisch. Am Anfang seiner Kritik an Rudbeck stellte er aber eines sicher: „Ante omnia autem assumo ex Scripturae Sacrae auctoritate homines ex Asia in Europam venisse“  – Übersetzung: Vor allem aber ziehe ich aus der Heiligen Schrift den Schluss, dass die Menschen aus Asien nach Europa gekommen sind (Gothofredi Guillelmi Leibnitii, Opera omnia, Bd.  4,2, 1768, S.  199. Genf = https://books.google.de/ books?id=2GuESsu9c-kC&hl=de&pg=RA1-PA198#v=onepage&q&f=false. Besucht am 13. 1. 2017). 112 Miscellanea Berolinensia ad incrementum scientiarum, 1, S. 1–16.



Die Interpretation 

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den Ursprung der Germanen Arnkiel und seinem Mentor Leibniz an: „Germanos non ex Suecia, sed Suecos ex Germania venisse“ (Eckhart 1750, S. 39). Leibniz war übrigens nicht der Erste, der Sprachen für den Nachweis von Wanderungen heranzog – schon Thomas Browne hatte das Englische aus dem Hebräischen hergeleitet, das er für die Ursprache hielt, so auch Johan Picardt (Hack-Molitor 2001, S.  63; Bakker 2010b, S.  46). Olof Rudbeck, Athanasius Kircher und Major gehören ebenfalls in die Reihe dieser frühen historischen Sprachforscher, und sogar Annius von Viterbo versuchte lange vor ihnen, das Etruskische durch das Chaldäische zu erklären (Rudbeck 1679; Kircher 1679; Major 1692; siehe Bd. 1, S. 329). Wenn auch durch die Entdeckung der Neuen Welt schon im 16. Jahrhundert die Schöpfungsgeschichte der Bibel in Frage gestellt war und die grundsätzliche Möglichkeit kritischer Überlegungen zu einem Aufschwung des naturwissenschaftlichen Denkens geführt hat, so erreichte die Auseinandersetzung mit den neuen Gegebenheiten doch erst im 17. Jahrhundert ihren ersten Höhepunkt, ohne zu einem Umdenken zu führen. Dass auch die Völker des europäischen Nordens  – wie die Indianer  – dem Gesichtskreis der Schöpfer des Alten Testaments unbekannt waren und deshalb nur durch schwierige Konstruktionen zur Familie Noahs erklärt werden konnten, wird aber vereinzelt trotz der vorherrschenden Meinung deutlich (Eckhart 1750, S. 9). Die Bibel reichte jedoch noch in der zweiten Hälfte des 18. Jahrhunderts als Grundlage für die Vorstellung einer Abkunft von Noah aus: „Wie nun Deutschland und auch unser Niedersachsen ihre Einwohner aus den Morgenländern bekommen  …“ (Dünnhaupt 1778, S.  106). Wer wollte das Gegenteil beweisen? Abgesehen von der biblisch bedingten Monogenese gewannen aber die verschiedenen aus der Antike bekannten historischen Völker in ihren jeweiligen Zielgebieten die Qualität von Urvölkern, wie die Goten bei Olof Rudbeck oder die Kimbern in Jütland. Diese Auffassung scheint schon auf der Grundlage der frühesten Rezeptionen der Germania des Tacitus und der Aborigines des Wolfgang Lazius immer wieder durch (siehe Bd. 1, S. 118, S. 341)113. Der Fall des Kalvinisten sephardischer Abstammung Isaac de La Peyrère aus Bordeaux zeigt deutlich, dass eine wirkliche Kritik an der biblischen Urgeschichte im 17. Jahrhundert weit davon entfernt war, Akzeptanz zu finden. Noch vor der Jahrhundertmitte hatte der zur Patronage des aus hugenottischer Familie stammenden Grafen von Condé gehörende La Peyrère wie vor ihm Paracelsus den polygenetischen Ursprung des Menschen angenommen und Paulus V, 12–14 als biblische Belegstelle für die Existenz von Menschen vor Adam angeführt, die er Präadamiten nannte und zu Vorfahren der nichtjüdischen Völker machte. Das Werk wurde freilich nicht gleich publiziert (La Peyrère 1655; Harris 1969, S.  87; Piggott 1989, S.  45  f.; BiographischBibliographisches Kirchenlexikon 4, 1992, Sp. 1145–1155, Stichwort „La Peyrère, de

113 Deshalb greift die Darstellung der Vorformen der Urvolkhypothese bei Manfred Petri auch zu kurz (Petri 1990, S. 107  ff.; Siehe S. 182 und S. 241).

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 Die Aufklärungsarchäologie

Isaak“ [Klaus Grünwaldt]). Es zeigt sich, dass sein Verhältnis zu seinem Patron, dem Grafen, seinen Lebensweg und seine Ideen stark bestimmte (Pietsch 2012, S.  266; Oddos 2012, S. 43  ff.). Er besaß aber noch andere höchste Fürsprecher und Freunde z.  B. durch seine diplomatische Tätigkeit in Skandinavien. Dazu gehörte die Königin Christina von Schweden, mit der er sowohl vor als auch nach ihrer Abdankung mehrfach zusammenkam (Popkin 1987, S.  12). Aus seiner Publikation über Island geht seine ausgesprochen antigotizistische Haltung hervor, die den Dänen gelegen kam, vermutlich aber auch Christinas Auffassung entsprach (La Peyrère, 1644[1665], S. 55)114; La Peyrère war mit Ole Worm befreundet, der als Mediziner schon von Paracelsus beeinflusst war (siehe S. 228), nahm in seinen Publikationen auf ihn Bezug, z.  B. zu den Runen, und korrespondierte mit ihm (Oddos 2012, S. 164–208). Aus einem Brief Worms lässt sich schließen, dass dieser die Präadamitenthese auch vor seinem König vertrat, d.  h. mit einer längeren Urgeschichte nicht nur der Erde, sondern auch des Menschen rechnete, als die offizielle Auslegung der Genesis vorgab (Schnapp 1993, S.  229; Randsborg 1994, S.  135). Mehr noch, in seiner Publikation über Grönland beschrieb La Peyrère seine enge Zusammenarbeit mit Worm in dessen Museum (La Preyrère 1647, passim). Die Forscher gingen gemeinsam der für den Beweis der Sintflut wichtigen Frage der Fischfossilien nach, aber weder La Peyrère noch Worm brachten in ihren Publikationen die prähistorischen Funde, die in Worms Museum lagen, mit den Präadamiten oder wenigstens den zeitgenössischen Naturvölkern in Zusammenhang (La Peyrère, ebd.; La Peyrère 1655, Kap. VIII und Schluss; Schnapp 2006, S. 411)115. Auf Bitten La Peyrères vermittelte Worm auch die Bekanntschaft mit Thomas Bartholin dem Älteren (Oddos 2012, S. 174, S. 197, S. 202). Man muss allerdings sehen, dass zu diesem Zeitpunkt eine evolutionäre Entwicklung des Menschen außerhalb jeder Vorstellungsmöglichkeit lag und es auch noch keinen schlüssigen naturwissenschaftlichen oder archäologischen Beweis für La Peyrères These gegeben hätte – diese war ein rationales Ergebnis der Bibelexegese. Der einzige, der es bis dahin gewagt hatte, die Frage einer menschlichen Kulturentwicklung und einer Steinzeit anzusprechen, blieb Michele Mercati, allerdings ohne die konventionelle Chronologie und den Schöpfungsmythos anzurühren (siehe Bd.  1, S.  294). La Peyrère wurde 1657 gezwungen, seine Thesen zu widerrufen und zum Katholizismus überzutreten. Seine Theorien jedoch wurden heimlich weiter diskutiert (Mühlmann 1947/48[1968], S. 43; Popkin 1987, S. 115  ff.; Schnapp 1993[2009], S. 249  ff.). Das persönliche Schicksal La Peyrères aber dürfte andere, die an verwandten Fragen arbeiteten, zur Vorsicht gemahnt zu haben (siehe S. 237).

114 Svennung 1967, S. 87; Zu Christinas skeptischer Haltung gegenüber dem Gotizismus siehe auch Schmidt-Voges 2004, S.  293  ff. Sie verstand sich nicht als Gotin, sondern als unverheiratete antike Amazone. – Zu den Amazonen als eines der Schweden und die Welt besiedelnden Völker siehe, S. 167. 115 Missverständlich Daniel 1975, S. 26.



Die Interpretation 

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1.6.2.2 Die Sintflut als Forschungsgegenstand Nach dem Dreißigjährigen Krieg entstanden zahlreiche Studien, in denen Tatsache und Ausmaß der Sintflut zu einer wissenschaftlichen Fragestellung gemacht wurde. Es handelte sich um eine Weiterentwicklung der schon im 16.  Jahrhundert erfolgreichen Fossilienforschung. Das Stichwort gab Michele Mercati, als er 1593 fragte: „Quis aestus invexerit summis montibus genera concharum?“  – Welche Flut trug die Muschelarten auf die höchsten Berge? (Mercati 1717, S. 217, S. 219  f.). Hier schien sich eine Möglichkeit zu bieten, mit Hilfe der Fossilienforschung die vor allem durch die Entdeckungsreisen und erneut durch Isaak de La Peyrère angestoßene Kritik am Prinzip der Monogenese der biblischen Urgeschichte überprüfen zu können. Die Universalität der Sintflut, die als eines der Kernthemen die Gemüter der Historiker der Erde und der Menschheit beschäftigte, interessierte überall in Europa sowohl Mediziner, die Fossilien in ihren Sammlungen ordneten und beschrieben, als auch Theologen, also einen weiten Kreis von Gelehrten, die sog. Diluvianer. Ihr Ziel war aber nicht etwa die Widerlegung der universalen Sintflut und der Monogenese, sondern ihre Bestätigung (Kempe 2001, S. 84  f.; Kempe 2003, S. 110  ff., S. 276  f.). Ein frühes Beispiel gibt der Universalgelehrte Hermann Conring, der in seinem Werk De antiquissimo Helmestadii et viciniae statu coniecturae 1665 auf den gesamten Fragenkomplex, auch speziell auf die Thesen Isaak de La Peyrères, einging und in Zusammenhang mit der Wertung der Lübbensteine, eines Megalithgrabes bei Helmstedt, diskutierte. Er erklärte die Sintflut Noahs im Gegensatz zu La Peyrère für universell und bemühte sich um Belege. Hier dienten ihm die Glossopetrae (fossile Haifischzähne) aus der Umgebung von Helmstedt, die er mit entsprechenden von Fabio Colonna 1616 erwähnten Funden aus Malta verglich. Da er dessen Deutung als Überreste von Fischen anerkannte, bewiesen sie ihm die Ausdehnung der Flut bis Helmstedt (Conring 1665, S.  35  f.)116. Außerdem lehnte er eine menschliche Ausbreitung auf so weit vom Paradies entfernte Gebiete vor der Sintflut ab, weswegen nur eine spätere Besiedlung durch die Überlebenden oder ihre Nachkommen in Frage kam (Conring 1665, S. 25  ff.; Stemmermann 1934, S. 83). Sicher hielt er die Megalithgräber für vorsintflutlich, also nicht für Denkmäler der Nachkommen Noahs (siehe S. 177). Am Ende des Kapitels über die Lübbensteine schrieb er : „Age autem relinquamus antediluvianum & Helmestadij ac Viciniae statum, & quae post diluvium contigere nunc perlustremus“117.

116 Fabio Colonna (1616), Ekphrasis altera, Appendix: De glossopetris dissertatio. Rom. Conrings Zitat zeigt, dass sich die Ergebnisse der Glossopetrae-Forschung nicht nur über das Manuskript von Michele Mercati verbreiteten, das zu dieser Zeit zumindest nicht leicht zugänglich war (siehe Bd. 1, S. 149). 117 Übersetzung: Wohlan, verlassen wir nun die vorsintflutliche Zeit Helmstedts und seiner Nachbarschaft und betrachten jetzt, was sich nach der Sintflut zugetragen hat.

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 Die Aufklärungsarchäologie

Conring zeigte seine universelle Gelehrsamkeit auch dadurch, dass er seine Arbeit mit einer Ablehnung der Lehre der drei Zeitalter Marcus Terentius Varros begann (von den Anfängen bis zur Sintflut, von dort bis zur ersten Olympiade, von der ersten Olympiade bis in Varros Zeit). Er setzte sich also mit der Frage der Periodisierung auf der Grundlage seiner humanistischen Bildung auseinander, entschied sich dann aber für die biblische Wahrheit (ebd., S. 1). Wenig später erschien Stenos (Nikolaus Stensens) Arbeit über die Glossopetrae (fossile Haufischzähne). Sie sollte den Durchbruch der richtigen Fossiliendeutung bringen, deren Anfänge u.  a. Michele Mercati gelegt hatte. Dessen Manuskript war zu diesem Zeitpunkt zwar immer noch nicht gedruckt, aber Steno bekannt und wird von ihm ausdrücklich als Ausgangspunkt seiner Forschungen genannt. Steno verwendete auch die Abbildungen Mercatis (Steno 1667, S. 70; Bd. 1, Abb. 13–14)118. Es folgte seine für die Erdgeschichte grundlegende Arbeit über die Stratigraphie (Steno 1669; siehe S. 51). Eigentlich handelt es sich um die den Medizinern naheliegende Übertragung der Methode der Anatomie auf die Erde. 1679 erschien das Werk von Olof Rudbeck über Uppsala. Ziel war der Nachweis der Sintflut auch in Schweden. Der schwedische Arzt suchte hier erstmals bei einer archäologischen Grabung nach einer stratigraphischen Schichtenabfolge und ließ diese bei Noahs Flut beginnen, die er auf 4000 Jahre vor das 17. Jahrhundert setzte, den Turmbau zu Babel dann 100 Jahre später. Auf die 4000 Jahre kam er durch seine Beobachtungen der Humusbildung in Gamla Uppsala. Hier meinte er festgestellt zu haben, dass der Humus innerhalb von 500 Jahren einen Zoll anwüchse und addierte nun die Ergebnisse seiner Untersuchung eines Grabhügels (Abb. 10, linke Kolumne; siehe S.  51  ff. und S.  133). Im Folgenden erklärt er zuerst die ungestörte Schichtabfolge, dann die Schichtabfolge mit dem hineingebauten Grabhügel: Ad humum igitur atram ipsi terrae inductam inter i & n, quae annorum est 3900. addatur humus suprema & arenariam molem tegens, quae annos habet 100. eruntque anni 4000. pari modo ad atram humum sub collis sepulchralis basi, inter i & o, quae annorum est … 1900. Addatur humus atra collem tegens inter n & e, quae annos habet … 2000. Itemque humus molem arenariam colli aggestam cingens dd, quae annis creverat … 100. Erunque denuo anni 4000 (Rudbeck 1679, 6,6, S. 135)119.

118 „Similiter clarissimum Nicolaum Stenonem, qui in suo de Glossopetris Tractatu Lamiae caput, & Glossopetrarum figuras a Mercati Metallotheca se mutuatum fuisse fatetur“ (Mercati 1717, S. XVIII, praefatio des Herausgebers). Übersetzung: Gleichfalls gesteht der berühmte Nikolaus Steno, dass die Abbildungen des Haufischkopfes und der Glossopetrae in seiner Abhandlung über die Glossopetrae aus der Metallotheca Mercatis ausgeborgt sind. 119 Übersetzung: Zur Humusschicht aus schwarzer Erde zwischen den Buchstaben i und n, deren Entstehung 3900  Jahre brauchte, kommt die oberste, sandige Schicht von 100  Jahren, und damit waren es 4000 Jahre. Ebenso brauchte die schwarze Schicht unter der Hügelbasis zwischen den Buchstaben i und o 1900 Jahre. Dazu kommt die schwarze Schicht, die den Hügel bedeckt, zwischen den Buchstaben n und e, deren Bildung 2000 Jahre dauerte [zusammen entspricht das der ungestörten



Die Interpretation 

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Rudbeck stellte hinsichtlich der Entwicklung der Menschheit nach der Sintflut sehr ähnliche Überlegungen an wie der Jesuit Athanasius Kircher in seinem ebenfalls von 1679 stammenden Werk Turris Babel. Obwohl beide Werke aus einem anderen religiösen Hintergrund geschrieben sind, sind sie vermutlich nicht unabhängig voneinander entstanden (Rudbeck 1679, 3,1, S. 36  ff.; Kircher 1679, S. 9  ff.). In den folgenden Jahren setzte sich die Forschung intensiv sowohl mit den Ergebnissen Stenos als auch mit den Thesen Rudbecks auseinander (siehe auch S. 174). Im Jahre 1681 publizierte der Theologe Thomas Burnet den ersten Band eines Werkes, das die erdgeschichtliche Sintfluttheorie zum Hauptthema machte und zahlreiche Übersetzungen und Auflagen erlebte120. Es bekam für die Diluvianer einen programmatischen Charakter, obwohl der Autor die neuen geologischen Erkenntnisse und Fossilien als Überreste der Sintflut nicht diskutierte, sondern die Bibel auslegte (Kempe 2003, S. 48  ff.; Sequeiros San Roman/Pelayo López 2011, S. 24  ff.). Besondere Bedeutung sollte eine Forschergruppe in der Royal Society in London bekommen, deren führender Kopf John Woodward wurde (Kempe 2001, S.  80  ff.). Durch das Interesse der Royal Society am Sintflutbeweis wurde der Kontakt zum Züricher Arzt Johann Jakob Scheuchzer interessant. Er war ein reges Mitglied verschiedenster Gesellschaften (siehe S. 8), 1704 auch der Royal Society. John Woodward entwickelte sich zu seinem englischen Hauptkorrespondenz- und Tauschpartner, denn beide verband die Leidenschaft für Fossilien, und beiden gelang es, eine breite Öffentlichkeit für die richtige Deutung als versteinerte Überreste von Tieren und Pflanzen und auch für die Erklärung dieser Funde als Zeugen der biblischen Sintflut zu gewinnen. Was allerdings die menschlichen Opfer der Sintflut betrifft, irrte sich der Mediziner Scheuchzer aufs Peinlichste, als er das Skelett eines Riesensalamanders für den Überrest eines vorsintflutlichen Menschen hielt (Wehmann 2010, S. 524). Von den Forschern, die sich außer mit Fossilien auch intensiver mit prähistorischen Funden beschäftigten, gehörte der protestantische Pastor David Sigismund Büttner zweifelsohne zu den Diluvianern. Er tauschte nicht nur Versteinerungen mit Scheuchzer, sondern vertrat auch dessen Thesen, z.  B. vor seinem Patron, dem Herzog Christian von Sachsen-Weißenfels, und vor August Hermann Francke. Beiden ließ er Funde zukommen (Wehmann 2010, S. 531, S. 541, Abb. 1; Hakelberg 2011, S. 591). Deutlich spricht der programmatische Titel seines Werkes Rudera diluvii testes, in dem er Versteinerungen als Beweis der Richtigkeit der Genesis anführte, der Erfüllung des dort angekündigten Strafgerichts (Büttner 1710, S. 9). Aber Büttner dachte nicht nur moraltheologisch, sondern auch geo- und archäologisch. Er schrieb: „Einen feinen Beweiß der Sündfluth würden wir auch aus der Tieffe erhalten / wenn man hier und da in die Erde nach Bley recht auff eine Meile einfahren / und die Strata nacheinander

Schicht i-n, B. S.]. Ebenso die sandige Schicht mit der Bezeichnung dd, die den Hügel umgibt, die in 100 Jahren entstanden ist. Und es waren auch 4000 Jahre. 120 Burnet, Thomas (1681/1689): Telluris theoria sacra, Bd. 1–2. London.

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untersuchen solte …“ und bezog sich dann auf die Schichtenbildung an konkreten Beispielen (ebd., S. 55  ff.). So erklärte er den Befund des Mansfeldischen Steinbruchs und die dort in bestimmten Schichten angetroffenen Versteinerungen: „Es befinden sich erstlich 4. Ellen Kalckstein in unterschiedlichen Bäncken / deren stärkeste nicht wohl über 8. Zoll / und hierinnen werden die ossa petrifacta angetroffen …“ (ebd., S. 62). Er erkannte außerdem, dass sich hier auch Reste ausgestorbener Tiere befanden (ebd.). Die Ausführungen Hermann Conrings zu den Glossopetrae beeinflussten Gottfried Wilhelm Leibniz, seit 1673 auch Mitglied der Royal Society, bei der Formulierung des ersten Bandes seiner nie vollendeten genealogischen Geschichte der Braunschweiger Herzöge, die nach 1685 entstanden ist (Wellmer 2014, S. XXIV ff.). Wie viele andere Schriften von Leibniz wurde auch diese erst lange nach seinem Tod veröffentlich  – Christian Ludwig Scheidius gab den Text unter dem Titel Protogaea erst 1749, d.  h. ein Jahr vor dem auch thematisch anschließenden Werk Johann Georg von Eckharts heraus (siehe S.  19). Leibniz bezog sich auf Steno und nicht auf Conring: „Besser aber hatte alles überlegt, der Autor, der de solido intra solidum geschrieben …“ (Leibniz 1685[1749], § 21, S. 76; § 31, S. 90  f.). An anderer Stelle: „Der Glaubwürdigkeit des Plinius setze ich den Fleiß des Steno entgegen“ (Leibniz 1685[1749], § 9, S. 59). So leugnete Leibniz zwar die universale Sintflut keinesfalls, verwies sie aber mehrfach in den Bereich des Glaubens: „Was verschiedene Gelehrte dagegen einwenden, hat wenig zu sagen. Sie wollen nicht glauben, dass das Meer auf den höchsten Bergen gewesen …“ (Leibniz 1685[1749], § 26, S. 82), oder „so will ich lieber mit dem Conring glauben, dass sie von einer großen Überschwemmung so zusammen geführet worden …“ (Leibniz 1685[1749], § 34, S. 99). Seine Schrift enthält dagegen verschiedenste Fakten und Überlegungen zur Veränderung der Erde und der Tierwelt. Mythen begegnete Leibniz mit Kritik (Leibniz 1685[1749], § 37, S. 103  f.). Ein später Diluvianer der zweiten Hälfte des 18. Jahrhunderts und Mitglied der Royal Society war übrigens der archäologisch so innovative James Douglas. Er nahm eine universale Sintflut an und wandte sich vor allem gegen Georges Louis Leclerc Comte de Buffon (siehe S. 134). Douglas, aus dessen Nenia Britannica man entnehmen kann, dass er außerordentlich klar und kritisch argumentieren konnte, setzte sich auf diesem Gebiet deutlich Grenzen: „In metaphysical and philosophical studies it is therefore necessary, as in the actions of our lives, to know when to limit our researches“121.

121 Douglas, James (1785): A Dissertation on the Antiquity of the Earth. Read at the Royal Society, 12th May 1785, S. 37. London. Ganz ähnlich äußerste sich David L. Clarke 1968 (siehe Bd. 1, S. 27).



Die Interpretation 

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1.6.3 Ansätze zu neuen Konzepten und Paradigmen 1.6.3.1 Die Historisierung archäologischer Quellen Schon Archäologen der Renaissance setzten nach dem Vorbild Herodots und Thukydides’ archäologische Quellen mit Inschriften als Beweise für verschiedene historische Sachverhalte ein und verwendeten dafür die Begriffe Testimonium, Indicium oder das griechische Tekmerion. Auf diese Weise gelang es z.  B., Fälschungen, Herkunftslegenden und Mythen zu widerlegen. Die für die Weiterentwicklung der Archäologie bedeutendste Leistung war vielleicht die Widerlegung der Verbindung der Runensteine mit dem Riesenmythos durch die Lesung der mittelalterlichen Inschrift von Jelling, die diese für Nordeuropa so wichtige Quellengruppe der Geschichte gewann (siehe Bd. 1, S. 340). Die Abwendung vom Mythos und von Wundern jeglicher Art wurde in der zweiten Hälfte des 17. und der ersten Hälfte des 18. Jahrhunderts immer wichtiger, gleichzeitig aber auch immer mehr Gegenstand von Kontroversen (Isreal 2001, S. 215  ff.). Giambattista Vico erkannte Thukydides als den ersten kritischen Historiker, dem bewusst war, dass schon die Generation seiner Väter nichts über die ältere Geschichte wusste, sie also im Mythos blieb (Vico 1725[1744], S.  7). Früher noch hatte der aus einer in die Niederlande geflüchteten sephardischen Familie stammende Baruch von Spinoza sogar Aberglauben jeglicher Art angegriffen und damit auch die göttlichen Wunder. Wie der ältere Isaak de La Peyrère gründete er seine Ansichten in der Exegese des Alten Testaments. Ausgerechnet der unter italienischem Einfluss zum Katholizismus konvertierte Begründer der Erdgeschichte und Paläontologie Nicolaus Steno wandte sich in einem offenen Brief gegen diese Auffassung, und auch ein niederländischer Wegfährte Spinozas, Albert Burgh, kämpfte gegen seinen ehemaligen Freund. Es ist gerade das Kapitel über die Wunder, dass 1674 sogar in den freien Niederlanden zum Verbot der Schrift führte (Spinoza 1670[1999, 2012]), VI; Israel 2001, S.  224  ff.; Wulf 2014, S. 84  ff.). Durch die von Steno entwickelte Stratigraphie besteht ein unmittelbarer Zusammenhang zur Prähistorischen Archäologie, die ja auf anderer Grundlage schon lange mit demselben Thema rang, aber Schlüsse, wie sie Spinoza zog, vermied. Dass bestimmte Gefäßfunde nicht natürlich gewachsen, sondern tatsächlich Urnen waren und Leichenbrand enthielten, war schon am Ende des 16.  Jahrhunderts bewiesen worden (siehe Bd. 1, S. 219). Diese Einsicht setzte sich aber erst Anfang des 18. Jahrhunderts endgültig durch. Gotthilff Treuer wetterte in den Achtzigerjahren des 17. Jahrhunderts: Fälschlich werden sie genennet (1) Zwerg-Töpffe  /  indem man gemuthmasset  /  dass die Zwerge  /  oder kleine Menschen  /  unter der Erden ihre Wohnungen gehabt  /  und dergleichen Geschirr zu ihrem Nutzen angewendet … Falsch ist es (2) dass sie sollen seyn Erd- und selbstgewachsene Töpffe / von der Natur also formiret … (Treuer 1688, S. 2).

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 Die Aufklärungsarchäologie

Für den sächsischen Geistlichen Johann Christopherus Olearius, Diakon und Bibliothekar zu Arnstadt, war es 1701 schon keine Frage mehr, ob man in den Gefäßfunden „heydnische Begraebniß-Toepfe“ bzw. „URNAE SEPULCRALES“ oder natürlich gewachsene Erscheinungen sehen sollte: Er kämpfte nur noch gegen den Aberglauben, die Anwendung dieser Gefäße in der Landwirtschaft hätte eine frucht- und segenbringende Wirkung (Olearius 1701, Titelseite und S. 28  f.). Dennoch stellte Leonhard David Hermann noch zehn Jahre später die Frage „Ob die sämtlichen Urnen vor selbst-gewachsene Erd-Töpffe zu halten?“ (Hermann 1711, S. 108  ff.). Auch er wusste jedoch die eindeutige Antwort, denn er hatte große Mengen dieser Urnen mit ihrem Leichenbrand und den Grabbeigaben ausgegraben. Ole Worm hatte in seinem Museum die Cerauniae noch zu den Naturalia geordnet, akzeptierte allerdings in einem Brief von 1650 Flintdolche wegen der Bearbeitungsspuren als Geräte  – allgemeine Konsequenzen für die ganze Fundgruppe zog er jedoch in seinen letzten Lebensjahren nicht mehr (Randsborg 1994, S. 142). In Mitteleuropa folgte dann Johann Daniel Major als Erster Michele Mercati durch eigene technische Beobachtungen an ungeschliffenen und geschliffenen Steingeräten und durch seine Ausgrabung. So konnte er eindeutig beweisen, dass diese archäologischen Funde menschliche Produkte waren. Er erklärte: „Nein  /  nein. Sondern dieser arth Keile sind bloß von Menschen Händen … dann zu solcher Figur oder euserlicher Gestalt gebracht“ und beschrieb als Beweis einen nicht zu Ende geführten Schliff (Major 1692, S. 44). Schon Hans Gummel hat darauf verwiesen, dass Major in Padua Medizin studiert hatte und dabei mit dem 1648 erschienenen Werk Ulisse Aldrovandis bekannt geworden sein wird, zumal aus einem Brief die Übernahme dieser Erkenntnis aus Italien hervorgeht (Gummel 1938, S. 73  f.). Major schätzte aber Aldrovandis wissenschaftliche Leistung nicht besonders hoch ein, und Aldrovandi war nach Aussage seiner Schriften ja hinsichtlich der Ceraunia tatsächlich nicht weitergekommen, weil er sich gar nicht empirisch mit ihnen auseinandergesetzt hatte. Anders aber Michele Mercati, dessen Metallotheca allerdings lange nicht zugänglich war. Dass die späte Veröffentlichung dieses Werkes eine Rolle für die späte Verbreitung der bahnbrechenden Erkenntnis Mercatis gespielt hat, lässt sich auch aus der Tatsache schließen, dass Worm, der ja schon am Anfang des 17. Jahrhunderts in Padua Medizin studiert hatte, Mercatis Ergebnisse nicht kannte. Major traf hier das Glück des später Geborenen, denn von den Sechzigerjahren an wurde Mercatis Werk Interessierten wie z.  B. Steno (siehe S. 172), wahrscheinlich aber auch ihm selbst direkt oder indirekt bekannt. Über diese vermutliche Rezeption von Michele Mercati hinaus schloss Major aus eigenen Grabungsergebnissen, z.  B., dass die „ins gemein so-genennte Donnerkeile … in allen / oder in den meisten Riesen Gräbern (=Megalithgräbern) gefunden werden“ (ebd. 43; hier Abb. 40). Es ist hier das räsonierte anatomische Experiment der Grabung, das einen Schritt weiterführte. In der Beschreibung seines Museum Cimbricum in Kiel allerdings hatte er Donnerkeile noch zu den Naturalia geordnet, vermerkte aber, sie hätten „wie-wol kein warhafftiges Fundament in der Natur“ (Major



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1688, S. 25, Kap. 5, § 8). Das Zaudern, die Objekte in der Sammlung an die richtige Stelle zu setzen, verbindet ihn mit Mercati und Worm. Offensichtlich gewann er erst durch die späteren Grabungsergebnisse wirklich Sicherheit. Über Worm kam er aus demselben Grunde auch hinsichtlich der Klassifikation von Hügel- und Megalithgräbern hinaus (Major 1692, S. 39  f.). Die Ansicht von Major zu den Donnerkeilen wurde sowohl von Christian Stieff als auch von David Sigismund Büttner und Leonhard David Hermann rezipiert, wobei Büttner als ganz konkreten Beweis den Fund eines Steinbeils in einer Urne publizierte und Hermann den ganzen mit den Donnerkeilen verbundenen Aberglauben noch einmal aufrollte (Stieff 1704, S. 33; Büttner 1710, S. 92; Hermann 1711, S. 166). Konventionell wirkt dagegen die Diskussion des Ceraunia-Problems bei Robert Sibbald im Zusammenhang mit Ombriae und Brontiae auf der Basis von Johannes Kentmann, Ulisse Aldrovandi u.  a. – Michele Mercati war ihm nicht bekannt. Sibbald bildete zwar Flintpfeilspitzen schon auf einer Tafel mit menschlichen Waffen ab und erkannte ihre Hauptcharakteristika  – die Oberfläche der Geräte gab er jedoch sehr ungenau wieder, so dass die Retusche als Beweis der künstlichen Herstellung ausfällt (Sibbald 1710, S. 30  ff.; Tab. II, 1–2. 4–6). Für Johann Hermann Schmincke kommt ein Vergleich mit den Indianern hinzu, stellt aber nur ein Nebenargument dar: Der eigentliche Gegenstand seiner Arbeit war der Fund von drei Skeletten und Steinwaffen aus dem größten von mehreren untersuchten Hügeln der Mader Heide in Nordhessen, u.  a. der Zusammenfund eines Feuersteindolchs mit den Knochen eines Menschen (Schmincke/Österling 1714, S. 26  ff., S.  30)122. Schmincke arbeitete sonst aber hauptsächlich mit antiken Quellen, aus denen er seine These über Waffen in Gräbern ableitete und archäologisch illustrierte. Christian Detlev und Andreas Albert Rhode führten alle diese Ansätze erfolgreich weiter. Einerseits untersuchten sie die Lage der Steingeräte in den Megalithgräbern, andererseits die Herstellungstechnik. Andreas Albert berichtete, dass Steinbeile geschliffen waren, noch Schleifspuren aufweisen sowie bestimmte Proportionen haben, ja er stellte in einem Experiment sogar einen Donnerkeil her und bewies damit, dass es sich um ein menschliches Produkt handelte (Rhode/Rhode 1720, S. 311; S. 319  f.; Gummel 1938, S. 72  f.). Der eigene und entscheidende Beitrag dieser Forschergruppe bestand aber in der Auswertung von Zusammenfunden. Da während der Renaissance die Grabungsmethoden noch nicht ausgereicht hatten, um Megalithgräber adäquat untersuchen zu können, war es noch nicht gelungen, den Riesenmythos, der u.  a. mit dieser Gräbergruppe verbunden war, schlüssig zu widerlegen (siehe S. 38). Lediglich die Runensteine hatte man ihm aufgrund der Inschriften entreißen können. Der Glaube an die ehemalige Existenz von Riesen auf der Erde stützte sich auf die antiken und orientalischen Weltalterlehren. Riesen

122 Das Werk des Professors wurde zeitweise dem Doktoranden Johannes Österling zugeschrieben, der dazu Stellung nehmen musste (Niemeyer 1964, S. 58  ff.).

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 Die Aufklärungsarchäologie

lebten im heroischen Zeitalter nach Hesiod und begegnen sowohl im Alten Testament als auch in vielen europäischen Überlieferungen (siehe Bd. 1, S. 128  f.). Ole Worm nahm sich dieses Themas durchaus kritisch an, indem er Funde und Befunde von Megalithgräbern berücksichtigte. Bevor er die Riesenthese zu widerlegen versuchte, berichtete er von einem angeblichen Riesengrab: „Non procul hinc tumulus visitur alius, sub quo gigantem Langbeen=Riser dictum, sepultum ferunt“ (Worm 1643, S. 8)123. Ganz typisch ist die Argumentationskette, die der Gelehrte auf neuneinhalb Seiten ausbreitete und die der von Michele Mercati benutzten Interpretationsmethode ähnelt (Bd. 1, Taf. 2–3). Sie beginnt mit dem Examen mentale, dem daraus durch Vergleich zu ziehenden diffusen Schluss, dem empirisch-experimentellen Beweis und der dadurch ermöglichten neuen Hypothese, die durch ein neues Examen mentale gestützt wird (Worm 1643, S. 33  ff.). Dabei ist auch auf die Reihenfolge von archäologischen und schriftlichen Argumenten zu achten: Examen mentale: 1. schriftliche Quellen: die Bestattung außerhalb von Siedlungen in römischer Zeit; 2. archäologisch: die Via Appia bestätigt dies; 3. schriftliche Quellen zur Bestattung von Gefallenen in Hügeln; 4. archäologisch, aber keine eigene Beobachtung: Worm berichtet, dass William Camden ebenfalls Grabhügel erwähnt und als „barrows“ bezeichnet habe; 5. Schriftliche Quelle: Tacitus bezeugt den Typ bei den Römern. Diffuser Schluss mit Hypothese: In der römischen Antike hat es Grabhügel außerhalb der Siedlungen gegeben, in England Grabhügel. Deshalb wahrscheinlich auch in Dänemark. Experimenteller Beweis: 6. eigener archäologischer Beitrag: Kurze Beschreibung und Maßangaben eines Hügeltyps mit umgebender Steinsetzung (12 Zeilen); 7. Schriftliche Quelle: eine Steinsetzung ist auch bei den Griechen für einen Grabhügel überliefert; 8. eigener archäologischer Beitrag: kurze Beschreibung eines anderen dänischen Fundtyps, des Megalithgrabes, für das er den Riesenglauben als Volksglauben bezeichnet: „vulgo credit“, 9 Zeilen (ebd., S. 35). Den eigentlichen Beweis, warum die Megalithgräber im Zusammenhang der Bestattungen behandelt werden, bildet nicht der Volksglauben zu den Riesen, sondern es sind die Funde von Knochen, die „haud raro ex talibus effodiuntur“, d.  h. nicht selten dort ausgegraben wurden (ebd., 35  f.). Worm schrieb dies zwar im Kapitel über Gräber, rang

123 Übersetzung: Nicht weit von diesem Hügel sieht man einen anderen, unter dem, wie man sagt, der Riese Langbeen begraben ist.



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sich aber zur richtigen Erkenntnis noch nicht durch, sondern sprach sich für die Deutung als Altäre von Familiengruppen aus und lies am Ende das Riesenproblem offen. Zweites Examen mentale, zweiter diffuser, nicht bewiesener Schluss: 9. schriftliche Quellen: antike Quellen, auch Vergil, sollen die These stützen, dass es sich bei den monumentalen Gräbern um Königsgräber gehandelt hat (dreieinhalb Seiten). Er bediente sich also derselben oberitalienischen Medizinermethode wie Mercati vor ihm, blieb jedoch bei der Deutung wesentlich unbestimmter als dieser (siehe Bd. 1, S. 350). Paul Hans Stemmermann und Hans Gummel haben versucht, die neuen Ergebnisse Worms auf die Rezeption des zu dessen Zeiten nur teilweise veröffentlichten Werkes von Nikolaus Marschalk zurückzuführen und seine Leistung so zu schmälern (Stemmermann 1934, S.  22, S.  76–79, S.  131; Gummel 1938, S.  77). Worm hat dieses Werk in der Tat gekannt und an anderer Stelle zitiert (Worm 1643, S. 45). Dass auch er sich im zweiten Examen mentale auf die Aeneis gestützt hat, ist jedoch kein Argument gegen die Originalität seiner Beweisführung, denn genau dieses Zitat findet man überall, wenn die Monumentalität von Königsgräbern diskutiert wird. Während aber die These Stemmermanns zu Marschalks empirischer Unterscheidung von Hügel- und Megalithgräbern und ihrer ethnischen Deutung, die in der neueren Literatur häufig wiederholt wird (z.  B. Kossack 1999, S. 10; Brather 2000, S. 139), ein forschungsgeschichtliches Konstrukt darstellt, beschrieb Worm Hügel- und Megalithgräber wirklich und stützte sich dabei u.  a. auf Grabungen seines Freundes, Schwagers und Kollegen Caspar Bartholin. Das empirische Ergebnis des Fundes von Knochen in Megalithgräbern wird bei ihm als Beweis angeführt, wenn er daraus auch noch nicht die verallgemeinernden Schlüsse zog. Deshalb aber konnte Marschalk für ihn hier kein Vorbild sein (Sasse 2010, S. 257; siehe Bd. 1, S. 215). Wie für die Cerauniae hat Ole Worm den letzten Schluss aus seinen Forschungen aber nicht gezogen. Die Riesentradition war zu lebendig, um schnell aufgegeben zu werden. Fest daran glaubte noch Johan Picardt seiner Beschreibung von Drenthe und Umgebung zufolge aus dem Jahre 1660. Er berief sich dabei auf Saxo Grammaticus, die Gebrüder Magnus, auf den gefälschten Berosus des Annius von Viterbo und auf die Bibel (Bakker 2010a, S. 399; Bakker 2010b, S. 40  ff.; siehe S. 177). 1665 zweifelte auch der Helmstedter Professor Hermann Conring noch nicht an den Riesen der vorsintflutlichen Zeit und fand deshalb ihre Gräber in den Lübbensteinen (Conring 1665, S. 3, S. 5, S. 9, S. 53). Der bezüglich der Cerauniae so kritische Johann Daniel Major aber behandelte sogar noch 1692 Riesenknochen (Major 1692, S.  57  f.; Kossack 1999, S.  13; hier Abb.  53). Er vermaß sie sogar seriös, bestimmte sie als Arzt genau und berechnete die Größe des Riesen. Trogillus Arnkiel, der in vielem und wohl auch in diesem Punkt Ole Worm folgte, berichtete unkommentiert zwei Versionen über

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ein Riesengrab und zog es auf diese Weise vorsichtig in Zweifel (Arnkiel 1691[1702], Bd. 3, S. 278). Bei der schon erwähnten Ausgrabung eines Megalithgrabes 1744 beobachteten Erik Pontoppidan und Kronprinz Frederik die Vergesellschaftung menschlicher Gebeine mit Flintgeräten und konnten deshalb die herkömmlichen Ansichten zu Megalithgräbern und Steingeräten durch diesen Zusammenhang endgültig zurückweisen (Klindt-Jensen 1975, S.  36). Der regelmäßige Zusammenfund von Megalithgräbern und Steinobjekten war jedoch schon von Johann Daniel Major beschrieben worden (siehe S. 176 und S. 58). Versuchten diese Autoren, ihre historischen Hypothesen durch archäologische Funde zu beweisen oder zu widerlegen, so findet man bei dem angeblich fortschrittlichen Johann Georg von Eckhart noch eine Legende als historische Erklärung, die zur methodisch falschen Münzdatierung der Lübbensteine ins 6.  Jahrhundert passen sollte. Er nahm bei seiner Interpretation der Lübbensteine bei Helmstedt auf Hermann Conring, den Juristen, Mediziner und Professor in Helmstedt Bezug, der an diesem Megalithgrab noch das Problem möglicher antediluvialer Riesen diskutiert hatte (Conring 1665, S. 1, S. 47; Wilbertz/Maier 1991, S. 20; siehe S. 171). Das Megalithgrab trägt nun den Namen des sächsischen Heroen Lubertus – gebildet von Lubbo  –, der im 6.  Jahrhundert im Krieg der Sachsen mit den Thüringern gefallen und hier mit seinen Mannen begraben worden sei: „Lubbonis saxum Helmstadienses apellant. Unde suspicio est, heroem hic sepultum cum suis Luberti nomen habuisse. Et cecidit forte in bello Saxonum contra Thuringos“ (Eckhart 1750, S.  84; Gummel, 1938, S.  98; Schnapp 1993, S.  206). Wie bei Marschalk gehört dieser Heros zu den Vorfahren. Voraussetzung für die Weiterentwicklung der Prähistorischen Archäologie wurde die Einordnung dieser seit dem Ende des 16. Jahrhunderts der Naturgeschichte entrissenen Artefakte und Monumente in die menschliche Urgeschichte. Auch ohne schriftliche Denkmäler konnten hinsichtlich der Religion, des Bestattungswesens sowie der Funktion der Gegenstände belastbare Ergebnisse erzielt werden. So ließ sich seit Ende des 16. Jahrhunderts zunehmend die Existenz einer menschlichen Urgeschichte sichern, die sogar Gestalt gewann. Die zeitliche Dimension der Urgeschichte dagegen und die Stellung der biblischen Schöpfungsgeschichte in ihr blieben bis zum Ende des 18. Jahrhunderts noch im Bereich der Conjectura, d.  h. der Mutmaßung (Zedelmaier 2010, S. 99). Auch die Äußerungen zu historischen Völkern und ihren Wanderungen verharren noch im Mythischen und werden deshalb hier in anderem Zusammenhang behandelt (siehe S. 164  f.). Um aber diese verschiedenen, als Äußerungen vergangener menschlicher Kulturen erkannten Altertümer ohne Inschriften in ein historisches System einordnen zu können, mussten stratigraphische Beobachtungen von geschlossenen Funden, das Stufensystem des Lukrez und die Idee einer globalen Entwicklung der Kulturen von der Barbarei zur Zivilisation zusammenkommen. Die Beweislast für die Chronologie und die Zuordnung aller weiteren kulturellen Details sollte aber letztlich bei der



Die Interpretation 

Abb. 53: Text und Abbildung zu einem Riesenknochen unbekannten Fundorts aus Dänemark – zum Vergleich ein Menschenknochen im selben Maßstab. Nach Major 1692, S. 57. © Barbara Sasse, Michael Kinsky, RGK.

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Ur- und Frühgeschichtlichen Archäologie liegen, und sie war erst auf einer größeren Materialbasis zu erreichen und abhängig von der Qualität der Ausgrabungen, ihrer Dokumentation und schlüssigen Interpretationsmethoden. Am Ende des 18.  Jahrhunderts jedoch erlaubten die ersten Zusammenfunde von Menschen, Steingeräten und ausgestorbener Tierwelt die ersten Schritte zu einer Erweiterung der relativen historischen Dimension der Urgeschichte: Grabung, Stratigraphie, archäologische und paläontologische Klassifikation von Steingeräten und ausgestorbenen Tieren machten die begründeten Schlüsse Johann Friedrich Espers und John Freres möglich (siehe S. 125  f.). Viel weiter kam man jedoch in den historischen Zeiten, wo Inschriften und historische Quellen ausgewertet werden konnten. Deshalb findet man hier auch deutlich frühere Entwicklungen. Auch hier wurden aber Zusammenhänge von Fundstücken und Monumenten gebraucht, um Geschichte konstruieren zu können. Ein gutes Beispiel ist das Childerichgrab, seine Publikation und Rezeption. Es ist Jean-Jacques Chifflets Verdienst, dass ihm eine eindeutige historische Zuweisung des Fundes gelang. Dafür war die Inschrift auf dem Siegelring „Childirici regis“ nicht allein ausschlaggebend (Chifflet 1655, S. 40  ff.). Ohne diese wäre es aber wahrscheinlich trotz der reichen Funde nicht zur ersten wissenschaftlichen Monographie über ein Prunkgrab gekommen. Dazu kommt die Leistung der Datierung des Münzschatzes durch die Schlussmünzen, ein Verfahren, dass in dieser Zeit zwar schon bekannt war, das Chifflet aber noch durch einige Beispiele erläuterte, um endlich durch die Münzdatierung zu beweisen, dass es sich bei dem Bestatteten um Childerich I. und nicht einen späteren König desselben Namens handelte (Chifflet 1655, S. 240  f., S. 252; S. 256; hier Abb. 45). Das Problem der Geschlossenheit des Fundes sah Chifflet übrigens durchaus. Wie die weitere Forschungsgeschichte gezeigt hat, hat er sich aber bei der Datierung nicht geirrt, und auch die Methode der Identifikation der Person durch vier Argumente, den Fundort, die soziale Zuweisung aufgrund des Reichtums und der Art der Funde, den Siegelring und die absolute Datierung sind heute noch gültig. Diese richtige Zuweisung war allerdings damals für die Frage der Kontinuität der nach Childerich regierenden Herrscherhäuser von Interesse und nicht für die Kenntnis der Zeit Childerichs. Hierher kam man erst durch die Übertragung der Ergebnisse auf andere Gräber mit ähnlichen Merkmalen und mit Münzdatierungen. Kelten und Kimbern ließen sich durch historische Quellen in der republikanischen und außerhalb Roms vorrömischen Zeit verorten und konnten deshalb von Johann Daniel Major, Trogillus Arnkiel, den Rhodes, William Stukeley und Johann Daniel Schoepflin als vorrömische Bewohner ihrer Länder begriffen und mit prähistorischen Denkmälern ausgestattet werden – besonders interessant sind William Stukeley und später James Douglas, die das gegenüber den römischen Denkmälern höhere Alter stratigraphisch begründeten (siehe S. 99). Bei Stukeley erlangten die Kelten so den Rang eines Urvolkes, während Schoepflin im historischen Zeitrahmen blieb – die Tiefe der urgeschichtlichen Zeit kannte ja noch keiner dieser Forscher. Auf wie schwachen Füßen diese Argumentationen standen, zeigt das Problem der Goten, deren im



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Gotizismus behauptetes hohes Alter historisch keinesfalls zu begründen war  – sie folgten in der realen Geschichte den Römern und gehörten nicht einmal in der Völkertafel der Genesis zu den unmittelbaren Nachkommen Noahs. Die Publikation des Childerichgrabes wurde in vielen archäologischen Arbeiten der Folgezeit zitiert. Teilweise bezog man sich aus ganz anderem Zusammenhang auf einzelne Funde, oft ausgehend vom Thema des Königsgrabes (siehe S. 124). Das änderte sich erst seit den Siebzigerjahren des 18. Jahrhunderts, als es Jérémie-Jacques Oberlin gelang, andere Funde durch Vergleich mit dem Childerichgrab dem Zeithorizont der Merowinger zuzuordnen (Oberlin 1773, S.  143  f.; siehe S.  135  f.). Erst jetzt begann das Childerichgrab kulturgeschichtlich zu wirken. Ein großer Schritt in Richtung auf eine historische Auswertung der Kunst war kurz vorher dem Platonisten und Idealisten Johann Joachim Winckelmann gelungen. Obwohl er den Verlauf der Geschichte noch nach antikem Muster und dem Vorbild des Werkes von Giambattista Vico in einem Kreislauf von Aufstieg und Verfall vorgegeben sah (siehe S.  201), schuf er doch durch seine Methode, die Deutung der Denkmäler aus den Schriften der Antike, einen konsequenten archäologischen Forschungsansatz. Dass dieser letztlich zum Historismus führte (Borbein 1979, S. 102), erscheint zwar fraglich, zumal Elemente seiner Methode erst in der zweiten Hälfte des 19. Jahrhunderts aufgenommen wurden (siehe S. 204 und S. 203). Sicher aber ist er als Historisierung der Denkmäler zu werten. Um dieselbe Zeit regten sich auch die ersten Ansätze, ganze Gräberfelder als historische Quellen zu begreifen und sie so von Mythen und Geschichtsdogmen zu befreien, ein Anliegen, das erstmals von James Douglas (1793) formuliert und mit großem Erfolg ausgeführt wurde. Sein Vorgänger war Bryan Faussett, von dem er wichtige Daten und Erkenntnisse übernahm. Auch Martin Mushard mit seiner Grabung und Dokumentation von Issendorf gehört in diese Reihe (siehe S. 131). Auch Douglas arbeitete nach einem kulturhistorischen Forschungsansatz, gab als sein Ziel aber ausdrücklich Geschichte an, lässt sich also auch als ein Vorläufer des archäologischen Historismus verorten: If the study of Antiquity be undertaken in the cause of History … authority will be found to deviate from conjecture, and the eye of reason more or less taught to discern the fable (Douglas 1793, S. V) … No position in the work has been assumed on mere conjecture; and when deductions have been made, they have been founded on a scrupulous comparison of facts; but, free to form his own opinion, the work has been aranged under such heads, that the reader may frame his own conclusions, without any apprehension of beeing involved in the confusion of self-opinionated theory (ebd., S. VI).

Douglas, der das Prinzip des Geschlossenen Fundes und die komparative Münzdatierung voll beherrschte (s.  o.) und dadurch als Erster in der Lage war, die frühmittelalterlichen Gräber Englands sicher zu datieren und historisch zuzuweisen, versuchte in einer zweieinhalb Seiten umfassenden Anmerkung, das Childerichgrab zu entmythisieren und den datierenden Schatzfund sowie den Siegelring als Fälschung zu entlar-

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ven (Douglas 1793, S. 55  ff.). Seine Ausführungen sind allerdings durch die Schwierigkeit geprägt, selbst zu verlässlichen Daten zu kommen. Die Französische Revolution und die schwache Position des Königtums zur Zeit der Abfassung von Douglas’ Werk machte die Argumentation Chifflets hinsichtlich der Kontinuitätsfrage der Dynastien noch lächerlicher, als sie dies von einem aufgeklärten Standpunkt her ohnehin war. Douglas wendete sich jedoch nicht gegen dieses Kuriosum, sondern gegen die Auffindungsumstände, die angebliche Geschlossenheit des Fundes, insbesondere des Münzschatzes und des Childerich-Ringes, sowie Ausführung und Inschrift desselben. Er hatte das Werk von Chifflet jedenfalls sehr genau gelesen. Seine Kritik ist, abgesehen von seiner methodisch für diese Zeit interessanten Argumentation ein Dokument über den Zustand der Funde aus Tournai im Jahre 1787, d.  h. lange vor dem Raub, das Beachtung verdient: … many of which [treasures] are now deposited in the King of France’s cabinet of medals; and which, in the month of April, 1787, I visited, and took a close inspection of. I was favoured by M. the Abbé De Courcay with two impressions of the ring. … Many of the relics were not to be found; the horse-shoe, the spear, a fragment of an agate vase, not in Chiflet’s general description, p. 37; but mentioned as a relic he had purchased, p. 47; and several of the gold ornaments and coins. These relics, I suspect, from the industry of Chiflet, his son, canon of Tournay, being empowered to purchase as many as he could, perhaps with the Archduke of Austria’s money from whom I conjecture they came into the King’s possession, were preserved from the fate of the rest, consigned very probably to the melting-pot. Many relics were also there, not noted in Chifflet; several gold inlaid ornaments, and amongst them the head of a fish of gold inlaid with stones. The latter, instead of Chiflet’s pyropus, I found were of garnet, set on a gold file, which gave them the carbonic lustre, and in every respect similar to the workmanship of the ornaments in Plate X … of this work. Among the gold coins there were several as low down in the empire as Valentinian, Marcianus, Leo and Zeno, Basiliscus and Marcus. As Childeric died in 471, and Basiliscus in 476, Chiflet makes the discovery of the ring accord with chronology. But this ring was an after-discovery, and he himself confesses the inscription was suspected as a forgery. … If there has been no similar specimen of an intaglio ring, of an Emperor’s name, of the aera of the fifth century, with the genitive case in Latin, … I believe Childeric’s ring will be found to be an unique. … But the letters on the engraving, themselves establish the forgery. Their structure is not similar to those used at that aera. The H and the rest of the letters would have been engraved much thicker at the end: they were probably copied from those of the time. They are not sufficiently embossed, and some of them towards the head take an irregular inclination … (Douglas 1793, S. 55).

Ob Douglas damit Recht hatte, ist für die hier verfolgte Fragestellung nicht relevant, seine Überlegungen aber zeigen eindeutig, wie schwer das genealogisch-dynastische Herkunftsmodell mit seinen vielen Fälschungen der neuen historischen Quellenkritik standhalten konnte. Zusammenfassend kann man Schoepflin, Oberlin, Caylus, Winckelmann, Faussett und Douglas durch einen auf humanistischer Basis und noch in Formen oder Normen des humanistisch-antiquarischen Paradigmas entwickelten archäologischkulturhistorischen Forschungsansatz charakterisieren. Erstmals kamen sie zur Definition von Kulturen bzw. chronologischen Phasen durch unterschiedliche Merkmale



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der Sachkultur. Noch konnte aber die Historisierung der archäologischen Quellen nur wie ein Puzzle aus Bausteinen konstruiert werden, die eine kontinuierliche Entwicklung und den ungeheuren Zeitrahmen nicht erkennen ließen. Noch waren es außerdem wenige, die den Verlauf der Geschichte so wie einst schon Thukydides durch menschliche Aktivitäten erklärten, und selbst Winckelmann war noch im zyklischen platonischen Schema gefangen. Deshalb dachte man auch im 17. und 18. Jahrhundert noch nicht historistisch, und die Geschichte „wie es eigentlich gewesen“, besser sollte man sagen ‚geworden‘, war noch nicht das Forschungsziel (Muhlack 1989[2006], S. 239; siehe Bd. 1, S. 52). Die Veränderung während der Jahrzehnte um die Jahrhundertwende und die Französische Revolution ist jedoch unverkennbar. James Douglas’ Weltbild zeigt schon die Entwicklung zum linearen und globalen kulturellen Fortschrittsdenken, das in der ersten Hälfte des 19. Jahrhunderts dann auch dem System Christian Jürgensen Thomsens zugrunde liegen sollte (Hansen 2001, S. 13).

1.6.3.2 Der Beginn der Erforschung kultureller Diversität und die ersten Definitionen archäologischer Kulturen Voraussetzung der beginnenden Historisierung der Kultur in der zweiten Hälfte des 18.  Jahrhunderts war der mühsame Prozess der Individualisierung der Kulturen in Raum und Zeit, der seit der Spätrenaissance immer mehr Boden gewann. Noch im 15. Jahrhundert hatte man keinen Blick für die äußeren Unterschiede zwischen den Denkmälern verschiedener Kulturen und stellte z.  B. antike Personen in zeitgenössischer Tracht dar (siehe Bd. 1, S. 242, Abb. 22). Schon seit Wolfgang Lazius (1557[1572]) gehört aber die Verschiedenheit der Angehörigen historischer Völker zu den beliebten Motiven. Dieser und John Speed in seinem The Theatre of the Empire of Great Britaine von 1611 verwendeten zwar antike Vorbilder als allgemeine Symbole für hohes Alter, nicht aber für die römische Kultur (Bd. 1, S. 246, Abb. 25; Kendrick 1950, Taf. XVI). Auch bei Philipp Clüver (1616) sind die Figuren noch phantastisch, teilweise auch orientalisch gekleidet oder weisen überwiegend unhistorische Antikensymbole auf. Üblicherweise versah man sie aber mit charakteristischen, allgemein erkennbaren, unhistorischen Primitivitätsattributen wie Nacktheit oder Keulen (Kendrick 1950, Taf XII b-XVI; siehe Bd. 1, S. 286; Bd. 1, Abb. 50). Dass es sich hier nur um ganz allgemeine Symbole handelte, zeigt auch die Austauschbarkeit dieser Figuren. Das änderte sich erst in mehreren Schritten im 17. Jahrhundert. Neben dem allmählichen Erfassen der Merkmale der römischen Kultur spielten die zunehmenden Kontakte zu außereuropäischen Völkern und die Rezeption vor allem der Germania des Tacitus eine Rolle. So wurden wichtige Voraussetzungen für kulturgeschichtliche und ethnologische Interpretationen geschaffen, die allerdings erst seit der zweiten Hälfte des 17. Jahrhunderts zum Tragen kamen. Die europäischen Entdeckungsfahrten und die ihnen folgenden Eroberungen, Handelsreisen und Missionen begannen aber schon im 16. Jahrhundert, die Vorstellungen der universalen Menschheitsentwicklung zu verändern. Vor allem die Idee,

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dass die eigenen Vorfahren einmal eine ähnliche materielle und geistige Kultur gehabt haben könnten wie einige zeitgenössische Einwohner der eroberten Gebiete enthielt den Sprengstoff für eine historische Revolution, obwohl diese Erkenntnis schon Thukydides für seine Vorfahren gewonnen hatte (siehe Bd. 1, S. 103). Interessant ist, dass ihr der Vergleich der Hochkulturen Amerikas mit der römischen Kultur vorausgegangen war (siehe Bd. 1, S. 316; hier S. 146). Besonders augenfällig und in die erste Hälfte des 18. Jahrhunderts hinein wirkte der Vergleich der antiken mit den indianischen heidnischen Göttern (siehe S. Bd. 1, S. 310  f.)124. In England hatte John White schon 1585 Indianer als Vorbild für eine phantastische Darstellung der eigenen Vorfahren verwendet, ohne, dass er allerdings dabei europäische archäologische Funde zu zeitgenössischen außereuropäischen Gegenständen in Beziehung setzte. Den ersten Schritt in diese Richtung machte 1593 Michele Mercati, indem er vermerkte, dass man in Amerika vor der Eroberung keine Metallwaffen gehabt hätte. Als päpstlicher Amtsträger stand er aber noch auf dem Boden der alttestamentarischen Geschichtsvorstellungen (siehe Bd. 1, S. 348). Mercati war nicht nach Amerika gereist, er hatte aber wohl von den indianischen Gegenständen der päpstlichen Sammlung profitiert, obwohl das aus seinem Manuskript nicht sicher hervorgeht. Diese Objekte von Übersee wurden mit der Zeit immer weiteren Kreisen zugänglich. Seit der Wende zum 17. Jahrhundert stellten schon viele Sammlungen außereuropäisches Vergleichsmaterial zur Verfügung, wie z.  B. die von Ulisse Aldrovandi, von Bernardus Paludanus, von Ole Worm oder auch die Sammlung der Tradescants. Letztere bildete den Fundus des Ashmolean Museums, des Museums der Universität Oxford, der indianische, afrikanische und asiatische und mit der Zeit auch prähistorische Objekte umfasste (MacGregor 1983, S. 108  ff.). Es dauerte allerdings bis zu den letzten Jahrzehnten des 17. Jahrhunderts, bis man begann, prähistorische Funde aus Grabungszusammenhang in Beziehung zur materiellen Kultur der eigenen historischen oder außereuropäischer Völker zu setzen. Die erste eindeutige Äußerung findet sich in dem Bericht der Untersuchungskommission von Cocherel, den Henry Justell 1685 in der Royal Society bekanntgab: „… their Arms shew that they had not the use either of Iron or Brass to make Arms of, but using such as Nature afforded first, as some Indian Nations do now“ (Justell 1686, S. 226). Da sich diese Gedanken auch in der Abhandlung des Abbés von Cocherel finden, die Pierre Le Brasseur 1722 abdruckte, stammen sie sicher aus derselben Quelle (L’Abbé de Cocherel 1685[1722], S. 181  f.). Objekt- als auch Ereignisanalogien zu den Indianern finden sich in der zweiten Hälfte des 17. Jahrhunderts auch in den Werken von John Aubrey (Piggott 1976, S. 112). Dieser dürfte als Mitglied der Royal Society von dem Bericht über Cocherel gewusst haben. Sicher aber kannte er auch die Sammlung der Familie Tradescant, deren Katalog ja schon 1656 durch Elias Ashmole publiziert worden war (siehe S. 30).

124 Zu diesem Thema siehe Effinger/Logemann/Pfisterer (2012) mit reichem Bildmaterial.



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Trogillus Arnkiel trug dagegen zwar zu bestimmten kulturellen Interpretationsfeldern Parallelen aus der ganzen Welt zusammen, z.  B. zum Brauch, die Toten mit Waffen zu bestatten, er verglich aber die Geräte nicht miteinander (Arnkiel 1691[1702], Bd. 3, S. 155  ff.). Im 18. Jahrhundert wurden die ethnologischen Analogien verschiedener Art häufiger. In Dänemark brachte Johannes Laverentzen bei der Neuauflage des Katalogs der Königlichen Kunstkammer 1710 steinerne Waffen aus Dänemark und Island aus Ole Worms Sammlung zu grönländischen und amerikanischen Steinobjekten in Beziehung und wies ihnen so auch Funktionen zu – Ole Worm und Isaak de La Peyrère waren trotz des vorhandenen isländischen und grönländischen Vergleichsmaterials noch nicht zum Durchbruch gekommen (Klindt-Jensen 1981, S.  15; siehe S.  170). U. a. auf diesen unmittelbar davor von ihm zitierten Katalog der Sammlung bezog sich Johann Hermann Schmincke, wenn er 1714 schrieb: Si tamen quisquam sit, qiu neget haec armorum vicem praestasse Germanis, adeat ille Louisianos aliosque populos Americae septentrionalis inexcultos, qui in hunc usque diem lapidibus acutis pro cultris et armis utuntur, ut multi testes oculati mihi retulerunt (Schmincke/Oesterling 1714, § XXVIII, S. 30)125.

Andreas Albert Rhode zog dann außer den schriftlichen antiken Quellen und der Bibel völkerkundliches Vergleichsmaterial sowohl als Illustrationen von Funden und Befunden als auch als Analogien z.  B. für die steinernen Messer und Waffen und den Opferritus heran (Rhode/Rhode 1720, S. 74  ff., S. 231). Er machte den Vergleich zwischen dem holsteinischen Altertum und den Naturvölkern geradezu zu einer seiner Methoden. Den archäologischen Funden konnten damit andere, nicht originär antike Interpretationsfelder zur Seite gestellt werden. Allerdings muss man bedenken, dass auch die Quellen über die Naturvölker zunächst von der klassischen Antike und die Methode vom humanistisch-antiquarischen Paradigma beeinflusst waren (siehe S.  147). Nach diesen Anfängen verfestigte die völkerkundliche Analogie der Steingeräte dann sehr bald die Auffassung, die europäischen Vorfahren hätten den zeitgenössischen Wilden geglichen, z.  B. bei dem Mediziner Antoine de Jussieu. Er setzte die Cerauniae mit indianischen Steingeräten in Beziehung und schloss: „Les peuples de France et d’Allemagne, et des autres pays du Nord, pour ce qui est la découverte du fer, sont assés semblables à tous les Sauvages d’aujourd’hui …“ (Jussieu 1723[1725],

125 Übersetzung: Wenn dennoch jemand behaupten möchte, den Germanen hätten solche Waffen nicht gedient, der soll zu den Louisianern und anderen Völkern Nordamerikas gehen, die bis zum heutigen Tage scharfe Steine als Messer und Waffen benutzen, wie mir viele Augenzeugen berichtet haben. – Schmincke verwies in dem gesamten Paragraphen übrigens mehrfach auf unumstößliche Fakten wie Grabungszusammenhänge, so dass man den unmittelbar folgenden Begriff der Conjectura nur entweder auf die Analogie beziehen oder als rhetorische Formel werten muss, siehe dagegen Zedelmaier 2010, S. 96. So sah das übrigens auch Antoine-Yves Goguet (siehe S. 207).

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S. 9). Auch Jussieu hatte Mercati offenbar nicht sorgfältig gelesen und auch die übrige Literatur des 17. und frühen 18. Jahrhunderts über die Cerauniae kaum rezipiert – er zitierte lediglich Georg Andreas Helwing (siehe Anm. 114) und Georg Eberhard Rumphius, dessen Sammlung aus Amboina (Molukken) auch Donnerkeile enthielt126. Diese beiden Autoren arbeiteten aber nicht mit geschlossenen archäologischen Funden, die deswegen auch nicht zu Jussieus Beweisführung gehörten. Allerdings erinnert der zitierte Satz an die Texte zu Cocherel – das Werk von Pierre Le Brasseur war unmittelbar davor 1722 erschienen, wird aber von Jussieu nicht erwähnt, der Bericht von Henry Justell war aber schon lange veröffentlicht (siehe S. 238). Im Jahre 1724 vertrat Joseph François Lafitau dieselbe Meinung. Er bemerkte, dass die Indianer steinerne Streitäxte hätten und verglich diese mit den Cerauniae in europäischen Sammlungen (Lafitau 1724, Bd. 2, S. 109–112). Auf die aktuelle archäologische Literatur ging er allerdings nicht ein – lediglich die Hinweise auf die Cerauniae als solche und auf jüdische Beschneidungsmesser aus Stein könnten auf die Kenntnis der 1717 erschienenen Arbeit Michele Mercatis hindeuten. Darüber hinaus aber schuf die Beobachtung ähnlicher Sitten, Institutionen und einer ähnlichen Sachkultur bei ‚Barbaren‘ jedweder Zeitstellung die Basis für die Idee von Entwicklungsstufen und schärfte gleichzeitig das Auge für Unterschiede. Dass Lafitau dabei auf dem Boden des weltchronistischen Paradigmas stand, zeigt, dass er die Ähnlichkeiten noch durch die Wanderungen nach der Sintflut erklärte (Lafitau 1724, Bd. 1, S. 19, S. 40). Entwicklungsstufen und kulturelle Konvergenzen gehörten noch nicht zu seinem Interpretationsinstrumentarium. Eine offizielle Anerkennung erfuhr die Interpretation der Cerauniae als Steinwaffen erst etwas später durch die Kombination der Ergebnisse Michele Mercatis zur Herstellungstechnik mit der völkerkundlichen Analogie, die Nicolas Mahudel in der Académie royale des inscriptions et belles-lettres 1734 vortrug (Mahudel 1734[1740], S. 163  ff.). Der Begriff Donnerkeil hielt sich übrigens noch bis in das 19. Jahrhundert, obwohl seit der Profanisierung im 18. Jahrhundert der Begriff celt (Pickel) zur Verfügung stand, durch den das Steingerät (vielfach auch die Bronzebeile) außerdem mit dem angeblichen Urvolk, den Kelten, in Verbindung gebracht werden konnte (siehe Anm. 177). Auch die Erkenntnis der Gleichartigkeit prähistorischer Steinbeile und indianischer Geräte war noch 1813 interessant, wie die Publikation von Steinbeilen aus Italien und Jamaika in der Zeitschrift Archaeologia, dem Organ der Society of Antiquaries

126 Rumphius’ Entdeckungen wurden über die medizinische Gesellschaft der Leopoldina bekannt, deren Mitglied er war – er schickte das Exemplar eines Donnerkeils an Christian Mentzel, den damaligen Präsidenten der Gesellschaft. 1690 wurde das Problem der Donnerkeile auf den Molukken auch von Wilhelm Ernst Tentzel in seinen Monatlichen Unterredungen einiger guten Freunde …, November, S.  894, reflektiert. 1695 berichtete Tentzel in derselben Zeitschrift über die Ausgrabungsergebnisse von Johann Daniel Major Monatlichen Unterredungen einiger guten Freunde …, Dezember, S. 945.



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London, zeigt (Knight 1814, S. 220  ff.; hier Abb. 54). Im Gegensatz zum 18. Jahrhundert wurden hier aber die Detailmerkmale präzise dargestellt, so dass man von einer echten Objektanalogie sprechen kann. Die wachsende Kenntnis außereuropäischer Kulturen öffnete aber nicht nur den Weg zu einer wertenden Kulturklassifikation, beginnend bei der Erkenntnis ‚barbarischer‘ Merkmale, wie wir das ja auch schon bei Thukydides finden (siehe Bd.  1, S. 117), sondern auch den Weg zum Vergleich der einheimischen europäischen Kulturen untereinander, der chronologischen Bedeutung ihrer Merkmale wie der Mode und damit zur Grundlegung einer vergleichenden Kulturtheorie. Diese Entwicklung begann in der Wirkungszeit von Ole Worm und Isaak de La Peyrère, also nur wenig später als die ersten Ansätze zu Objektanalogien. Angeregt durch eine Phase militärischer Reisen während des Dreißigjährigen Krieges artikulierte René Descartes in seinem 1637 anonym publizierten Discours de la Méthode erstmals die kulturelle Verschiedenheit in Raum und Zeit und griff damit auch das noch vorherrschende genealogische Prinzip an127. Allerdings ging er dabei sehr viel vorsichtiger vor als Isaak de La Peyrère (siehe S. 170). Vor allem die auf der Germania des Tacitus und anderen antiken Schriften beruhenden landesgeschichtlichen Arbeiten des mitteleuropäischen Illustrata-Typs waren in der ersten Hälfte des 17. Jahrhunderts bei der Lokalisierung germanischer Stammesgebiete schon weit fortgeschritten (siehe Bd. 1, S. 196). Aber auch William Camdens Britannia, die englische Variante des Illustrata-Typs, die ja immer wieder in jeweils aktualisierter Form neu aufgelegt wurde, lieferte das Material für die Erkenntnis des geographisch Besonderen. Mitte des 18. Jahrhunderts finden sich die ersten Arbeiten, in denen nach archäologischen Merkmalen kultureller Verschiedenheit gefragt wird, wie bei Johann Daniel Schoepflin, dem Grafen Caylus und bei Johann Joachim Winckelmann. Die ersten Ansätze, bestimmte prähistorische Funde zu definieren und sie konkreten aus der historischen Literatur bekannten Völkern zuzuschreiben, gehen aber schon in die letzten Jahrzehnte des 17.  Jahrhunderts zurück. Eine erste Spur davon finden wir bei den noch missratenen Versuchen, das Aussehen der Angehörigen historischer Völker darzustellen, so bei Trogillus Arnkiel. Seine Cimbrische Heyden-Religion besitzt als Frontispiz eine Tafel mit verschiedenen Phantasiefiguren. Drei von ihnen sind ganz nach alter Tradition gestaltet und geben ihre Vorlagen sehr gut zu erkennen, der Kimber und der Sachse entsprechen jeweils dem Briten und dem Sachsen von John Speed, der Schwabe ähnelt der Figur von Philipp Clüver mit Swebenknoten

127 „ … weil ich mir überlegt hatte, wie ein und derselbe Mensch mit denselben geistigen Anlagen ein ganz anderer wird, wenn er von Kind auf unter Franzosen oder Deutschen aufgewachsen ist, als er es sein würde, hätte er immer nur unter Chinesen oder Kannibalen gelebt, und wie – bis hin zur Kleidermode – dasselbe Ding, das uns vor zehn Jahren gefiel und das uns vielleicht in zehn Jahren wieder gefallen wird, uns jetzt unpassend und lächerlich erscheint“ (Descartes 1637, 2,4).

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Abb. 54: Geschliffene Steinbeile aus Italien und Jamaika (Knight 1814, S. 222, Taf. XVII). © Barbara Sasse, Michael Kinsky, RGK.



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und dem keltischen Reiter mit einer Kopftrophäe (Clüver 1616, n. S. 148, III; Arnkiel 1691[1702], Bd. 1, Frontispiz; Bd. 1, S. 285  ff., Abb. 49; hier Abb. 55; siehe S. 185). Hier wurden in der Literatur beschriebene Merkmale bildlich umgesetzt. Erstmals aber wird nun bei Arnkiel ein archäologisches Fundstück für eine Figurine verwendet: Der Wende, sonst in ein zeitgenössisches Wams gekleidet, schwingt eine spätneolithische Bootaxt. Besonders interessant ist es, dass Arnkiel, dessen Thema ja die Religion war und dessen Methode weltweite Vergleiche implizierte, hier weder eine Darstellung heidnischer Gräuel wählte, noch indianische Motive aufgriff, sondern einen Reigen fast zeitgenössisch wirkender Figurinen historischer, mitteleuropäischer Völker präsentierte: der Vorfahren. Mit ihnen und auch mit dem archäologischen Fund sollte man sich identifizieren, nicht mit ihrem Heidentum. Spätere Autoren folgten teils diesem Ansatz der Historisierung, teils den traditionellen Vorlagen. 1740 veröffentlichte William Stukeley als Weiterentwicklung des erwähnten Briten von John Speed seine eigene Zeichnung eines Druiden mit einem bronzezeitlichen Randleistenbeil am Gürtel, das immerhin schon damals der vorrömischen Zeit zugewiesen werden konnte128. Seine Kleidung, Tunika und Paludamentum bzw. Sagum, ist römisch wie schon die der Vorlage. Noch Erik Pontoppidan sollte aber 1763 den Kimber und den Jüten fast unverändert in den ersten Band seines Den Danske Atlas übernehmen (Pontoppidan 1763, Bd. 1, Tab. III, n. S. 54). Etwas erfolgreicher war man bei der Zuweisung bestimmter Fundstücke zu Regionen  – ihre Zuweisung zu Völkern musste wegen der fehlenden Chronologie noch fehlgehen. Johann Daniel Major, der zumindest als Mediziner Anhänger Descartes’ war (Major 1688, S. 7; Steckner 1994, S. 612  f.), legte in seinem Werk Bevölckertes Cimbrien archäologische Funde verschiedener Zeitstellung aus dem heutigen SchleswigHolstein vor und interpretierte sie als kimbrisch. Damit lieferte er durch seine relativ präzisen Abbildungen das Material für den ersten überregionalen Vergleich prähistorischer Fundobjekte aufgrund der Ähnlichkeit des Inventars (Major 1692, S. 41, S. 69). Johann Christopherus Olearius stellte dann an einem Grab aus Rudisleben (Thüringen) Parallelen zu den von Major beschriebenen, abgebildeten und den Kimbern zugewiesenen Gräbern fest und hielt es fast für möglich, es were dis Grab von denen aus Cymbrien in Thüringen eingezogenen Völckern verfertiget / weil Herr D. Major in seinem bevölckerten Cimbrien dergleichen Gräber gefunden / mit eben dergleichen Urnis, Knochen / Grifeln und anderen Sachen mehr angefüllet / wie solches sonderlich … allwo dergleichen in Holz geschnitten / zu ersehen.

128 Stukeley 1740, Taf. 1 = http://find.galegroup.com/ecco/infomark.do?&source=gale&prodId=EC CO&userGroupName=freiburg&tabID=T001&docId=CW3303406056&type=multipage&contentSet=E CCOArticles&version=1.0&docLevel=FASCIMILE. Besucht am 19. 12. 2016.

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Abb. 55: Figurinen verschiedener historischer Völker überwiegend Nordmitteleuropas. Nach Arnkiel 1691[1702], Bd. 1, Frontispiz. © Barbara Sasse, RGK.



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Aber nur fast, denn der Autor entschied sich dann doch „weil ich solchen historischen Punct aus denen ältesten Scribenten noch nicht befestiget finde“ für die Wenden, da diese vor den Thüringern in Thüringen gelebt hätten und von Rudisleben ein slawischer Ortsname überliefert sei (Olearius 1701, S. 23). Ein Schluss allein aufgrund der Ähnlichkeit der Funde erschien ihm also noch nicht möglich – unseren heutigen Kriterien würde dieser Vergleich mit Ausnahme der Bronzenadel („Grifeln“) in beiden untersuchten Gräbern auch nicht standhalten. Die eigentlichen Grundlagen zur Durchsetzung einer vergleichenden, auf Klassifikation beruhenden archäologischen Kulturforschung aber wurden seit der Mitte des 18. Jahrhunderts in Weiterentwicklung des humanistisch-antiquarischen Paradigmas zunächst in Frankreich und Deutschland entwickelt. In der römischen Archäologie besaß man durch die lange Forschungstradition römischer Kulturelemente und deren Klassifikation seit Beginn der Rezeption Vitruvs ein Instrumentarium zur Bestimmung kultureller Charakteristika. Bernhard de Montfaucons teilweise sehr traditionelles und monumentales Werk zeigt schon in der ersten Hälfte des 18. Jahrhunderts ein beginnendes Interesse an den Unterschieden von Kulturen, da sich der Autor unterhalb der humanistisch-antiquarischen Hauptgliederung auch mit der Trennung römischer und griechischer Werke beschäftigte (Montfaucon 1719–24; Herklotz 1999, S. 303  f.). Um die Mitte des 18. Jahrhunderts besaß man die Kenntnis von so vielen kulturellen Unterschieden, dass es erstmals gelang, diese in Einzelfällen zu konkretisieren und in ein chronologisches Schema einzubinden. Graf Caylus, der sein Werk nicht antiquarisch-systematisch, sondern nach Kulturen gliederte, versuchte auch, Merkmale zu erarbeiten, die für diese Kulturen charakteristisch sind. Es zeigt sich also ein Interesse daran, die Unterschiede zwischen ihnen zu fassen. So ergab sich auch die Grundlage für die Bearbeitung nicht nur einer, der klassischen Kultur des Altertums, sondern auch der ägyptischen, etruskischen oder keltischen Kultur, ein Ansatz, der sich nun wenigstens im mediterranen Raum durchsetzte. Hier bereitete sich neben dem schon in der zweiten Hälfte des 17. Jahrhunderts entwickelten Interesse für Griechenland die Ägyptologie als eigene archäologische Disziplin vor. Für das Verhältnis zwischen dem Land, den Bewohnern (Volk) und ihrer Kultur sowie deren Entwicklung äußerte Graf Caylus entscheidende neue Ideen: Le goût d’un pays étant une fois établi, on n’a plus qu’à le suivre dans ses progrès, ou dans ses altérations … Il est vrai que cette seconde opération est plus difficile que la première. Le goût d’un peuple diffère de celui d’un autre peuple presqu’ aussi sensiblement que les couleurs primitives diffèrent entr’ elles; au lieu que les variétés du goût national en différens siècles peuvent être regardées comme des nuances très-fines d’une même couleur (Caylus 1752, Avertissement, S. VIII, auch abgedruckt bei Schnapp 1993, S. 241; Übersetzung Schnapp 1993[2009], S. 263).

Johann Daniel Schoepflin gelang es erstmals, römische Gräber zu erkennen und zu datieren. Er ging hierbei weiter als Jean-Jacques Chifflet, da er Merkmale der Grabfunde abstrahierte und durch die Legionsstempel datierte. Schoepflin ist auch in

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anderer Hinsicht interessant, als er das Völker- und Stufenschema erstmals in eine Werkkonzeption übernahm und so das traditionelle Schema der Landesgeschichte und der Mores et Instituta im Haupttitel Alsatia illustrata mit dem ethnischen Schema im Untertitel celtica, romana, francica verband. Letztere verstand Schoepflin sowohl als Kulturen als auch als chronologische Stufen im Sinne von Herrschaftsvölkern. Es ist auffallend, dass das Thema der Unterschiede zwischen den Völkern um die Mitte des 18. Jahrhunderts gleichzeitig Archäologen, Historiker und Philosophen beschäftigte. Eine Erklärung für diese Unterschiede aber konnte man damals noch nicht wie im 19. Jahrhundert in der Vererbung finden. Caylus’ Ideen entspringen dem unwesentlich früher von Charles de Montesquieu in seinem De l’esprit des loix entwickelten geographischen Determinismus (Montesquieu 1748, 3, 14–19; Harris 1969, S. 20). Das Erklärungsmodell entnahm man der griechischen Geschichtsschreibung. Es handelt sich um die auf Herodot und Hippokrates zurückgehende antike Ansicht, dass das Klima und die Landschaft eines Landes den Menschentyp und die Kultur prägen (siehe Bd. 1, S. 103). Schon in der ersten Hälfte des 18. Jahrhunderts erklärte Johann Jakob Scheuchzer wie Herodot Rassenunterschiede als klimatisch bedingt (Kempe 2003, S.  285  f.)129. Auf dieser Basis entwickelte Voltaire in seinem Essay sur l’histoire général et sur les moeurs et l’esprit des Nations depuis Charlemagne jusqu’à nos jours die Idee des Volks- bzw. Nationalgeistes (Voltaire 1756; siehe auch S. 368), die bis in die erste Hälfte des 20. Jahrhunderts auch in Arbeiten der Ur- und Frühgeschichtlichen Archäologie weiterwirken sollte. Dabei ist zu betonen, dass diese Idee des gleichbleibenden Volkscharakters grundsätzlich statisch ist und deshalb der vorevolutionistischen Zeit angehört. Die eigentliche Grundlage dieser Theorien war noch immer das biblische Schöpfungsmodell: nicht genetische Unterschiede, sondern äußere Einflüsse machten die einmal von Gott gleich geschaffenen Menschen verschieden. Diese Gedanken sind auch für die Arbeiten von Johann Joachim Winckelmann grundlegend. Hier beeinflusste die verschiedene Geographie den Sinn für Schönheit (Winckelmann 1764[1934], S. 46  f.; Sichtermann 1996, S. 77). Die Ägypter wären hässlich, denn das Land präge Kunst und Menschen: Die Geschichte der Kunst der Ägypter ist, nach Art des Landes derselben, wie eine große verödete Ebene, welche man aber von zwei oder drei hohen Türmen übersehen kann.  … Mit der griechischen und etrurischen Kunst hingegen verhält es sich wie mit ihrem Lande, welches voller Gebirge ist und also nicht kann übersehen werden“ (Winckelmann 1764[1934], S. 77).

Ursache für die günstige Entwicklung der griechischen Kunst sei das Klima und die Landschaft: „die Künstler sahen die Schönheit täglich vor Augen“ (Winckelmann

129 Scheuchzer, Johann Jakob (1707[1746]): Natur=Geschichte des Schweitzerlandes, samt seinen Reisen über die Schweitzerische Gebürge, Bd. 1–2, hrsg., übersetzt und mit Anmerkungen versehen von Johann Georg Sulzer. Zürich.



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1764[1934], S. 129). Herder baute auf Winckelmann auf, sah das Problem aber schon differenzierter, indem er zu der geographischen Lage die „Umstände und Gelegenheiten der Zeit“ und den „angeborenen oder sich erzeugenden Charakter der Völker“ hinzufügte (Herder 1784- 85[1989], Buch 12, Kap. VI). Hier scheinen also schon angeborene Unterschiede durch. Interessant ist in diesem Sinne auch Schoepflins Ansatz: Nur wenige Jahre nach Montesquieu beschrieb er die Unterschiede der chronologisch nacheinander folgenden Völker in einem Gebiet (siehe oben). James Douglas stand am Ende des 18.  Jahrhunderts schon auf der Schwelle zu einem komplexeren System der Diversität. Vor allem aber betonte er die Einheit der Menschheit in ihrem Entwicklungsprozess von der Barbarei zur Zivilisation. Dabei ist zu beachten, dass er für die dennoch vorhandenen Unterschiede, dem geographischen Determinismus des 18. Jahrhunderts folgend, das Klima als eine der entscheidenden Ursachen nannte, aber auch schon auf die physische und mentale Verschiedenheit der Rassen hinwies: The plausible objection to all enquiry into the distinct races of men, is, that mankind, in the various stages from rudeness to civility, will be found to have the same religious sentiments, the same occupations, and the same customs and manners; this will be readily granted: but the variation of climate, the different conceptions of art, inflexions of language, and, indeed, the physical difference of the various races of human beings, corporeal as well as mental, will give a discriminating peculiarity to their customs and manners, especially after their establishment in a country for a length of ages … (Douglas 1793, S. 185).

Auch die schon vor der Jahrhundertmitte beginnende biologische Erforschung menschlicher Rassen durch Carl von Linné 1735, den Comte de Buffon im dritten Band seiner Histoire naturelle générale et particulière (Buffon 1749[2009]) und Johann Friedrich Blumenbach in seiner Schrift De generis humani varietate nativa von 1775 (JacobFriesen 1928, S. 7  ff.; Schwidetzky 1988, S. 59  f.) führte zunehmend in diese Richtung. Die Erklärungen für die Ursache der Verschiedenheit beruhten nicht mehr auf dem weltchronistischen Paradigma. Vererbte Unterschiede erwähnte aber auch Blumenbach noch nicht, und seine Behandlung der Degeneration zeigt, dass er, wie auch der Comte de Buffon, nach griechischem Vorbild noch an die Erwerbung von Merkmalen durch Geographie und Umwelt glaubte (Harris 1969, S. 83  ff.). Er räumte aber schon ein, dass nicht alle Phänomene so verständlich seien: … daher dann freylich von tausend Phänomenen der Ausartung keine bestimmte Ursache angegeben werden kan. Genug, dass die Phänomene selbst nun einmal als unverkennbare Folgen der Veränderlichkeit der Natur so sind (Blumenbach 1790, S. 35).

Obwohl er die Europäer als „die bestgebildetsten Menschen“ ansah (Blumenbach 1790, S. 82), und Winckelmann die Griechen und die ihnen nahestehenden Völker für vollkommen hielt, die anderen aber für hässlich, fehlt diesem Rassismus die Totali-

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tät: degenerative und andere in irgendeiner Weise ungünstige Merkmale sind unter günstigen Umständen reversibel, was sich ja auch durch ihre Abhängigkeit von der Geographie erklärt. Gegen die Bedeutung des Klimas und des Landes für die Unterschiedlichkeit von Völkern und Rassen sprach sich erst Immanuel Kant 1798 in seiner Anthropologie in pragmatischer Hinsicht aus. Er charakterisierte die europäischen Völker und bemerkte ein Gleichbleiben des Volkscharakters vor und nach einer Wanderung. Damit schloss er äußere Faktoren – wie die geographischen – aus (Kant 1798[1968], S. 661): Auch Klima und Boden können den Schlüssel [zum Volkscharakter] … nicht geben; denn Wanderungen ganzer Völker haben bewiesen, dass sie ihren Charakter durch ihre neuen Wohnsitze nicht veränderten, sondern ihn diesen nur nach Umständen anpassten, und doch dabei in Sprache, Gewerbeart, selbst in Kleidung, die Spuren ihrer Abstammung und hiermit ihren Charakter noch immer hervorblicken lassen.

1.6.3.3 Rezeption und Modifikation antiker universaler Stufenmodelle und die Universalgeschichte Die Mitte des 18.  Jahrhunderts brachte nicht nur erstmals die Bereitschaft, fremde Kulturen als solche wahrzunehmen und entsprechend auch negativ oder positiv zu werten, wir finden auch und mit ihnen kombiniert eine Wiederaufnahme der Modelle der Antike zum gesetzmäßigen Verlauf der Geschichte und das Erwachen einer neuen Bewusstseinsdimension: der Zeit130. Unbestritten ist, dass auch dieser Prozess ohne den großen Eindruck, den die Beschreibungen außereuropäischer Völker hinterließen, nicht denkbar ist. Moderne Darstellungen der historischen Wissenschaftsgeschichte der Aufklärung verweisen allerdings darauf, dass sich schon in dieser Zeit eine Trennung zwischen der eigentlichen, schriftlich überlieferten Geschichte und der Urgeschichte vollzogen hätte und archäologische Forschung in diesen Prozess nicht einbezogen worden wäre (Harris 1969, S.  146; Zedelmaier 2003, passim; siehe S.  198). Viele Autoren der Aufklärung grenzten zwar die Urgeschichte nach Art des humanistisch-antiquarischen Paradigmas aus der historischen Forschung aus und begannen erst mit der schriftlich überlieferten Geschichte. Die Wiederaufnahme historischer Vorstellungen der klassischen Antike und des Renaissancehumanismus und der Anspruch auf historische Wahrheit waren mit einer Kampfansage gegen die Weltchronistik verbunden. Folglich lassen

130 Reinhart Koselleck sprach von Verzeitlichung (Koselleck 1979, S. 362), ein etwas unglücklicher Begriff. Die Tatsache des Bewusstseinswandels ist jedoch unbestritten, auch, dass in der Mitte des 18. Jahrhunderts eine neue Stufe erreicht ist. Die Anfänge gehen jedoch, wie wir gesehen haben, mit der Historisierung der archäologischen Quellen bis an das Ende des 16.  Jahrhunderts zurück, und auch die Reflexion der Zeit beginnt in unseren Arbeiten schon bei Olof Rudbeck (siehe S. 198). Zu weiterer Kritik an Koselleck siehe Jung 2011, passim.



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sich auch Meinungen nachweisen, welche der Bibel eine Kompetenz für die Chronologie der Urgeschichte und die Universalgeschichte überhaupt absprachen (Seifert 1986, S.  87). Wie die Schöpfer des antiquarisch-humanistischen Paradigmas vermieden viele Historiker des 18. Jahrhunderts so eine Stellungnahme zur biblischen Schöpfungsgeschichte und zu den neuen naturwissenschaftlichen Forschungsergebnissen. Weltchronistik verwandelte sich in Universalgeschichte und diese in eine wissenschaftliche Weltgeschichte, wobei die Ausgrenzung der biblischen Urgeschichte und der Geschichtstheologie von den einzelnen Gelehrten in unterschiedlichem Maße vollzogen wurde (Seifert 1986, S. 81  ff.; Zedelmaier 2010, S. 97; Zedelmaier 2011, S.  19, S.  22; Blanke 2011, S.  71  ff.). Der Jenaer Professor Christoph Cellarius, der als Erster die auf die Renaissance zurückgehende Epocheneinteilung in Antike, Mittelalter und Neuzeit in universalhistorischen Werken verwirklichte131, verzichtete auf jegliche Geschichtstheologie, hielt es aber noch für nötig, sich in der Einleitung der zweiten Auflage seiner Historia Nova von den Fälschungen des Annius von Viterbo abzuwenden und ihnen „fides et veritas“ als „anima historiarum“ entgegenzusetzen (Cellarius 1702, S. 10). Auch der Göttinger Universalhistoriker August Ludwig von Schlözer schrieb: Die ganze Periode vor der Sündflut schneide ich ab, das gibt eine Ersparung von 1656 Jahren … Jenseits dieses Jahrhunderts Roms, mit dem ich die Weltgeschichte anhebe, liegen zwei große wüste Räume, beide von beinahe gleicher Länge, jeder etwa 1600 Jahre lang: I. Von der Schöpfung bis zur Sündfluth; II. von der Sündfluth bis Rom. Beide zeigt die Universalhistorie bloß von der Ferne und eilet in bekannte Gegenden hin (Schlözer 1772, S. 52, S. 62).

Diese wüsten Räume, denen er auch den Bezeichnung „Vorgeschichte“ gab (ebd., S.  67), lagen für Schlözer also vor der eigentlichen Weltgeschichte: „Zwar giebt es eine Geschichte vor den Geschichtsschreibern, vor der Schreibkunst, so gar vor der Zeitrechnung: allein diese ganze Geschichte ist  … nur Fragment und Reliquie, nur Finsternis und Ungewissheit“ (ebd., S. 61). Ähnlich dachte Friedrich Schiller, der sich bekanntlich mit dem Thema der Universalgeschichte herumschlagen musste: Die Quelle aller Geschichte ist Tradition, und das Organ der Tradition ist die Sprache. Die ganze Epoche vor der Sprache … ist für die Weltgeschichte verloren. … Die lebendige Tradition oder die mündliche Sage ist daher eine sehr unzuverlässige Quelle für die Geschichte, daher sind alle Begebenheiten vor dem Gebrauche der Schrift für die Weltgeschichte so gut als verloren (Schiller 1789, S. 23).

131 Cellarius, Christoph (1685): Historia antiqua multis accessionibus aucta et emendata, cum notis perpetuis et tabulis synopticis. Zeitz; Cellarius, Christoph (1688): Historia medii aevi: a temporibus Constantini Magni ad Constantinopolim a Turcis captam deducta; cum notis perpetuis et tabulis synopticis. Jena; Cellarius, Christoph (1696): Historia Nova, hoc est XVI et VII saeculorum, qua eiusdem auctoris historiae, antiqua et medii aevi, ad nostra tempora continenti ordine proferuntur. Halle.

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Entsprechend wurde auch die entstehende Ethnographie der ‚wilden Völker‘ aus der Geschichte ausgegrenzt (Vermeulen 2008, S. 222). Frontispize archäologischer und ethnologischer Werke aber sprechen eine andere Sprache und thematisieren die Zeit unter Einbeziehung der Urgeschichte. Hierher gehört das Frontispiz der Atlantica Olof Rudbecks von dem niederländischen Kupferstecher Dionysius Padt-Brugge (Rudbeck 1679, Tafelband, Taf. 1; hier Abb. 56). Die Großen der klassischen Antike beugen sich über einen Globus, auf dem Olof Rudbeck die Wanderungen der Japhetiten zeigt. Neben Rudbeck aber sitzt und erklärt eine Gestalt, die im Gegensatz zu den Zuhörern nicht namentlich bezeichnet ist und eine geflügelte Sanduhr als Kopfbedeckung trägt. Über seinem Kopf hält sie in der linken Hand eine große Sense: Kronos, die Zeit. Eine andere, aber verwandte geschichtsphilosophische Allegorie vermittelt der einleitende Kupferstich des Werkes von Jodocus Hermann Nunningh. Dort ist unter dem Motto „Memoria Temporum“ die Geschichte der Menschheit in zwei Altersstufen dargestellt, der Kindheit, in der ein Kind mit archäologischen Grabfunden aus verschiedensten Zeiten spielt, und dem Erwachsenenalter mit der Geschichtsschreibung und einem Münzkabinett mit der Aufschrift „1714“ (Nunningh 1714, Frontispiz; hier Abb. 57). Hier diktiert Merkur der Geschichtsschreibung, wohl der Muse Klio, die ein Buch und einen Federkiel in der Hand hält, während Kronos, die Zeit, als Zeichen des Unglücks und des Todes die Sichel schwingt. Deutlich aber sind unter den Funden die durchlochte Axt, der Kamm und die Perlenkette zu erkennen, die Nunningh in seiner Publikation behandelte (siehe S. 112). So gibt dieses Bild auch gleichzeitig eine chronologische Erklärung: Diese Funde stammen aus dem Kindheitsalter der Menschheit vor der Entstehung der Geschichtsschreibung. Ähnlich ist das Frontispiz des Werkes von Joseph-François Lafitau Moeurs des sauvages américains comparées aux moeurs des premiers temps gestaltet. Hier weist Kronos die Geschichtsschreibung allerdings auf die Schöpfung und das Christentum hin, und es sind nicht prähistorische, sondern römische und ägyptische Antiquitäten dargestellt. Der Globus deutet aber wie auf dem Frontispiz von Olof Rudbeck die Wanderungen der Menschheit an (Lafitau 1724, Bd. 1, Frontispiz; Effinger/Logemann/ Pfisterer 2012, S. 141)132. Auffallend oft ist die Zeit, Kronos, Bestandteil dieser Bilder. Die Sanduhr verbindet sie mit der Urnenpyramide von Leonhard David Hermann und so mit dem Tod: „Eine von diesen. Nemlich eine von diesen Stunden wird auch meine Todes-Stunde seyn“ (siehe S. 160). Trotz dieses in der zweiten Hälfte des 17. Jahrhunderts entstandenen Zeitbewusstseins blieb die Geschichte der Menschheit kurz (siehe S.  132  f.). Um sie zu strukturieren, griff man zunächst auf antike lineare und zyklische Stufenmodelle zurück. Die Aufklärer kannten diese einerseits durch direkte Antikenrezeption, andererseits durch die Renaissance (siehe Bd. 1, S. 116  ff., S. 294, S. 354). In der geschichtsphiloso-

132 http://digi.ub.uni-heidelberg.de/diglit/lafitau1724bd1/0005. Besucht am 1. 1. 2017.



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Abb. 56: Olof Rudbeck erklärt die Geschichte. Frontispiz der Atlantica. Nach Rudbeck 1679, Tafelband. © Barbara Sasse, Michael Kinsky, RGK.

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Abb. 57: Allegorie der menschlichen Geschichte. Die archäologische Frühzeit gleicht dem Kindes­ alter. Nach Nunningh 1714, Frontispiz. © Barbara Sasse, RGK.



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phischen Literatur begegnen die verwendeten Schemata dann in ihren verschiedenen antiken und frühneuzeitlichen Ausprägungen: – als linearer wirtschaftlich-technischer oder auch politischer Fortschritt, – als treppenförmige Dekadenz, meist mit einer transzendenten oder utopischen Möglichkeit der Besserung, – als Zyklus, in dem der Fortschritt entweder in seiner Entwicklung abrupt durch Katastrophen abgebrochen oder in einem natürlichen Wechsel mit der Dekadenz immer wieder zum Erliegen kommt und in die Abfolge von Jugend, Reife und Alter eingebunden ist. Alle drei Modelle treten sowohl kultur- bzw. volksspezifisch als auch universal auf und kommen auch in Mischungen vor. Häufig begegnet im 18. Jahrhundert wie beim Dreiperiodensystem und den Zeitstufen Antike, Mittelalter und Neuzeit die Drei (Rapp 1992, S. 67). Die zyklischen Geschichtsvorstellungen besaßen einen ausgesprochen ge­schichts­theologischen Charakter. Giambattista Vico hatte am Anfang des 18. Jahrhunderts ein universalgeschichtliches Entwicklungsmodell aufgrund der antiken Geschichte und Literatur entworfen, in das er den biblischen Schöpfungsmythos mit der biblischen Chronologie, die universale Sintflut und die „provvedenza divina“133, das heißt weltchronistische Elemente integrierte. Für die Existenz seiner drei Zeitalter aber führte er Marcus Terentius Varro als Zeugen an und schloss damit seine Geschichtsphilosophie auch an das humanistisch-antiquarische Paradigma an (Vico 1725[1744], S. 3, S. 6, S. 48  f.). Unverkennbar griff er außerdem auf Hesiod zurück, wenn er von den Zeitaltern der Götter, der Heroen und der Menschen sprach (siehe Bd. 1, S. 116  f.). Dieser ursprünglich absteigenden dreistufigen Bewegung stellte er aber wie Dikaiarchos eine aufsteigende entgegen: Im ersten Zeitalter sind die Menschen roh, im zweiten unfrei und im dritten frei. Hier scheitern sie dann durch zu viel Luxus, ähnlich der Auffassung der Stoa (siehe Bd. 1, S. 117, S.  119), d.  h. nicht durch Katastrophen, sondern durch ihr eigenes menschliches Verhalten, so dass der Prozess von neuem beginnen kann. Vico zufolge musste jede Kultur diese Stufen durchlaufen – er verwandelte so das ursprüngliche Dekadenzmodell Hesiods in eine zyklische Bewegung von Aufstieg und Fall. Die aufsteigende Richtung unterstrich er außerdem durch die zukünftige Möglichkeit einer vollkommenen Gesellschaft und schlug damit auch eine Brücke zu den seit der Renaissance beliebten Utopien (Vico 1725[1744], S.  468, S.  536  ff.; Meinecke 1936[1959], S.  57; Harris 1969, S. 27). Trotz der angenommenen göttlichen Vorsehung steht eine Entwicklung des menschlichen Geistes im Vordergrund, weshalb Vico für seine Zeit modern war (Vico

133 Übersetzung: Göttliche Vorsehung.

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1725[1744], S.  139)134. Vico erarbeitete seine Lehre also hauptsächlich auf der Basis antiker Geschichte und Philosophie. Auch die Vorstellung vom zyklischen Aufstieg und Verfall fand er dort bei Platon, Aristoteles und der Stoa sowie bei neuplatonischen Autoren der Renaissance (Siehe Bd. 1, S. 354). Seinen Ideen sollte im Verlauf des 18. Jahrhunderts großer Erfolg beschieden sein. Schon 1734 unternahm Charles de Montesquieu einen Versuch, sie auf die römische Geschichte anzuwenden (Meinecke 1936[1959], S. 146)135. Später sollte Edward Gibbon seine Geschichte des Aufstiegs und Untergangs des Römischen Reiches nach diesem Muster entwickeln (Gibbon 1776–88). Durch Johann Joachim Winckelmann wurde das Modell des Lebenszyklus der Kultur zum ältesten chronologischen Gerüst für die Bearbeitung der antiken Kunst. Neben Vico bildeten für ihn sowohl der dramatische Handlungsverlauf im griechischen Theater als auch das für die Kunstgeschichte grundlegende Werk Le vite von Giorgio Vasari (1550) Vorlagen (Winckelmann 1764[1934], S. 207, Zitat siehe hier S. 143; Harloe 2013, S. 108  f.). Die archäologische Anwendung der Idee von Aufstieg, Höhepunkt und Abstieg von Kulturen oder Völkern brachte erstmals den Versuch einer Überprüfung dieses Geschichtsmodells durch kulturelle Merkmale (Winckelmann 1756[1776], S. 5; Bruer 1994, S. 15; Harloe 2013, S. 107). Winckelmann schrieb: Die Geschichte der Kunst soll den Ursprung, das Wachstum, die Veränderung und den Fall derselben, nebst dem verschiedenen Stile der Völker, Zeiten und Künstler lehren, und dieses aus den übriggebliebenen Werken des Alterthums, so viel möglich ist, beweisen“ (Winckelmann 1764[1934], S. 9).

Die Zeitstufen charakterisierte er durch Notwendigkeit, Schönheit und Überfluss. Winckelmann ging also ähnlich hypothetisch-deduktiv vor wie die Diluvianer, die eine universale Sintflut beweisen wollten. Er nahm ein Modell und suchte nach Beweisen für seine Richtigkeit. Dabei verließ er auch die traditionellen Formen des humanistisch-antiquarischen Paradigmas und gliederte nach Raum und Zeit. Seine Geschichtsauffassung beruhte jedoch auf der klassischen Antike und dem Humanismus der Renaissance, und die griechisch-römische Kultur blieb für ihn die Norm. Winckelmann wirkte durch seine stilgeschichtliche Arbeit eher auf die allgemeine Kulturgeschichte und Kulturphilosophie, die Kunstgeschichte und den Klassizismus ein als auf die unmittelbare Entwicklung der Klassischen Archäologie, die bis in die zweite Hälfte des 19. Jahrhunderts überwiegend philologisch orientiert war. Zumindest in Deutschland setzte sich in der Disziplin allerdings die Fragestellung der antiken Kunst, die Vorbildfunktion des Griechentums sowie die Verehrung Win-

134 Zur kontroversen Diskussion über die philosophiegeschichtliche Einordnung Vicos siehe Israel 2001, S. 664  ff. 135 Montesquieu, Charles de (1734): Considérations sur les causes de la grandeur des Romains et de leur décadence. Paris.



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ckelmanns als Gründerfigur durch (Bruer 1900, S. 22; Bruer 1994, S. 27  ff.). Wie sehr Winckelmanns Ergebnisse von seinem Schema und wie wenig von einer systematischen, wissenschaftlich strengen Untersuchung der Merkmale seiner antiken Objekte abhängig waren, fiel in der zweiten Hälfte des 18. Jahrhunderts zahlreichen Gelehrten auf. Das Problem führte sogar zu einer Preisaufgabe der Société des Antiquités de Cassel, sich in einer Lobschrift auf Winckelmann mit ihm auseinanderzusetzen. Ausgezeichnet wurde die methodisch sehr kritische Arbeit von Christian Gottlob Heyne, während der sehr viel positiver urteilende Johann Gottfried Herder für seine Lobschrift keinen Preis erhielt. Heyne verwies die Altertumsforschung in die Philologie, da er das archäologische Material für eine Stilchronologie noch nicht für geeignet hielt. Damit erklärte er auch Winckelmanns Beweis für sein chronologisches Schema für hinfällig (Dönike 2013, S. 4  f.). Herder war bekanntlich hinsichtlich der Übernahme des Lebensalterzyklus für einzelne Eigenschaften eines jeden Volkes durch die Geschichte der Kunst des Alterthums von Winckelmann beeinflusst (Harloe 2013, 205  ff., bes. 209). Vorherrschend ist bei ihm aber der Gedanke des Fortschritts der aus einer einzigen Schöpfung hervorgegangenen Welt und Menschheit, d.  h. der aus der Weltchronistik kommende universalgeschichtliche Ansatz wie bei Vico (Rapp 1992, S. 79  f.). Das führte ihn sogar schon zu einer Entwicklung von den Tieren zu den Menschen und zum Verständnis des zeitgenössischen Menschen als das Anfangsglied einer Vervollkommnung zu „einer höhern Gattung von Geschöpfen“ (Herder 1784–85[1989], Buch 5, Kap. 6). Zu einer Differenzierung der kulturellen Erscheinungen kam es nach Herder aber nicht direkt durch Gott, sondern durch ein Zusammenwirken von Faktoren, die sich änderten. Klima und Geographie spielten, wie auch bei anderen Autoren des 18. Jahrhunderts, dabei die Hauptrolle (Adler 1968, S. 209; Harris 1969, S. 42), Herder rechnete aber außerdem schon mit angeborenen Eigenschaften und damit, dass auch der Mensch selbst die Geschichte formt136. Gerade die Einführung des Menschen als Entwicklungsfaktor und die teilweise Anknüpfung an Thukydides machen die besprochenen Arbeiten zu Vorgängern des Historismus und historischen Positivismus des 19. Jahrhunderts (siehe S. 371  ff.). Der wesentliche Unterschied dieser Geschichtsbetrachtung des 18. Jahrhunderts zum Historismus aber besteht darin, dass die Autoren zwar die biblische Urgeschichte der Weltchroniken ausklammerten oder schon kritisch reflektierten, nicht aber den heilsgeschichtlichen Aspekt ablehnten. Der Ablauf der Geschichte war für sie noch von

136 „Was ist das Hauptgesetz, das wir bei allen großen Erscheinungen der Geschichte bemerkten? Mich dünkt, dieses: dass allenthalben auf unsrer Erde werde, was auf ihr werden kann, theils nach Lage und Bedürfnis des Orts, theils nach Umständen und Gelegenheiten der Zeit, theils nach dem angebornen oder sich erzeugenden Charakter der Völker“ (Herder 1784–85[1989], Buch 12, Kap. 6). Es ist der Mensch, der die Geschichte formt: „Lebendige Menschenkräfte sind die Triebfeder der Menschengeschichte“ (Herder 1784- 85[1989], Buch 12, Kap. 6, 1).

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außen vorgeprägt, da für eine Strukturierung mit kulturellen und historischen Merkmalen noch Material und Systematik fehlten, wie Heyne das richtig bemerkt hatte (siehe S.  203). Außerdem interpretierten sie Unterschiede zwischen den Menschen und ihrer Kultur überwiegend geographisch und noch nicht ethnisch. Ihr Ziel war die Bildung allgemeiner Gesetze, nicht die Erforschung des Individuellen, ihre Methode deshalb nicht induktiv wie später im Historismus, sondern deduktiv (Muhlack 1995[2005], S. 217  f.; siehe S. 202)137. Parallel entwickelte sich im 18. Jahrhundert das lineare Modell des technischen Fortschritts. Für das Nachdenken über eine Steinzeit war das in der zweiten Hälfte des 17. Jahrhunderts langsam unter der Hand bekanntwerdende Werk Michele Mercatis von 1593 richtungweisend. Nach seinem Druck 1717 erreichte es weitere wissenschaftliche Kreise. Seine Verbreitung über die Akademien ist deshalb vorauszusetzen, und die aktive Beteiligung der Royal Society in London und der Académie royale des inscriptions et belles-lettres am urgeschichtlichen Forschungsfeld überhaupt offenkundig (siehe S. 238). Wie wir oben gesehen haben, waren bedeutende archäologisch arbeitende Autoren Mitglieder der Akademien (siehe S. 6). Spätestens 1734 hatte sich zumindest in Frankreich die Erkenntnis durchgesetzt, dass auch in Europa einmal eine Steinzeit existiert hatte (siehe S. 223). Sogar Bronze- und Eisenzeit wurden nach dem Forschungsstand auch archäologisch diskutiert138, sie waren jedoch noch nicht gesichert (siehe S. 141). Wie in der Antike wies man auch in der Aufklärung den Stufen unterschiedliche Inhalte zu. So hat sich in der philosophischen Literatur des 18. Jahrhunderts die Idee der aufeinander folgenden Nahrungsproduktionsstadien durchgesetzt, die vor allem auf Dikaiarchos und Varro beruhen (siehe Bd. 1, S. 117). Man findet sie bei Montesquieu, der für die erste Stufe der Wildheit und die zweite Stufe der Barbarei schon eine Abhängigkeit zwischen Wirtschafts- und Gesellschaftsformen konstruierte und damit seinem Prinzip des geographischen Determinismus untreu wurde (Montesquieu 1748, 3. Teil, Buch 18,11, S. 78; Harris 1969, S. 29).

137 Zu der innerhalb der letzten 20 Jahre viel diskutierten Frage über den Zeitpunkt des allgemein angenommenen Paradigmenwechsels zum Historismus kann hier nur insofern Stellung genommen werden, als archäologische Methoden und Fragestellungen betroffen sind. Hinsichtlich der Darstellung der antiken Kunst und der Urgeschichte muss die Antwort deshalb eindeutig im Sinne der deutschen Geschichtsschreibung in der Nachfolge Friedrich Meineckes beantwortet werden, die auch Ulrich Muhlack vertritt: der weltchronistischen Phase der Universalgeschichtsschreibung bis zum beginnenden 18. Jahrhundert folgte eine Phase der Adaptation antiker Geschichtsmodelle im 18. Jahrhundert und erst danach eine empirische Geschichtsschreibung ohne die Annahme einer Vorsehung welcher Art auch immer. Wie bei jeder Periodisierung gibt es aber Übergänge, und wesentliche belastbare Ergebnisse für die Formulierung des neuen Paradigmas lagen schon vor – zur Beurteilung des Dreiperiodensystems in dieser Hinsicht siehe S. 379. 138 So zu Recht auch Bakker 2010b, S. 53, Anm. 126.



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Mit dem Fortschrittsmodell nahm man auch seine Umkehrung aus der Antike auf, den Kulturpessimismus, der neben der Idee der Monogenese und des verlorenen Paradieses auch von der antiken Vorstellung des edlen Wilden und vom stoischen Weltbild ausging139. Diese Ideen vermischten sich mit den Erfahrungen der Entdecker der Neuen Welt, enthielten aber auch Elemente, die aus der Germania des Tacitus entnommen sind (siehe Bd. 1, S. 108). Ihr wichtigster Vertreter wurde Jean-Jacques Rousseau, der bis heute großen Einfluss auf die weitere Entwicklung anthropologisch-archäologischer Interpretationen haben sollte140. Es überrascht vielleicht, dass ausgerechnet er das wichtigste Gegenbeispiel gegen die Ausgrenzung der archäologischen Urgeschichtsforschung durch die Philosophie bietet (siehe S. 196  ff.). Es lässt sich nämlich entgegen modernen Darstellungen klar zeigen, dass der Philosoph seine Thesen in Kenntnis der ihm zugänglichen Forschungen der Ur- und Frühgeschichtlichen Archäologie aufgestellt hat. Das betrifft sowohl die Ergebnisse der auf der Weltchronistik beruhenden Sintflutforschung des 17. und beginnenden 18. Jahrhunderts als auch den inzwischen mehrfach erbrachten Beweis einer Steinzeit. Deshalb ist es auch nicht dienlich, zwischen einem philosophischem und einem historischen Geschichtsdiskurs zu unterscheiden: der philosophische beruht auf den Ergebnissen des historisch-archäologischen und reflektiert diese (siehe S. 211). Im Discours sur les sciences et les arts forderte Rousseau die Rückkehr der Menschheit zu einem vermeintlich glücklichen und natürlichen, konfliktlosen Urzustand, d.  h. die Rückkehr aus der Verderbnis der Kultur, Kunst und Wissenschaft zum Paradies der Unwissenden (Rousseau 1750[2012], S. 29  ff.; Specht 1990, S. 76). Urmenschen in ihrem ersten Stadium verstand er als Tiere mit Instinkt, und in der Schilderung der weiteren Entwicklung spielen sowohl die Steingeräte als auch der Übergang zum Metall als Werkstoff in Verbindung mit dem Ackerbau und der Vergleich mit Amerika eine bestimmende Rolle141. Auffallend ist hier die Auslassung der Bronze, die den Griechen und Römern ja als Etappe vor dem Eisen bekannt war. Man kann daraus

139 Grundlegend hierzu Lovejoy/Boas 1935, zum Irrtum, dieser „primitivism“ ginge auf Rousseau zurück, ebd., S. xi. 140 So schon Eggers 1959, S. 31. 141 „Bientôt cessant de sʼendormir sous le premier arbre, ou de se retirer dans des cavernes, on trouva quelques sortes de haches de pierres dures et tranchantes“ (Rousseau 1754, S. 39). – Übersetzung: „Schon früh, als man aufhörte, unter dem erstbesten Baum zu schlafen oder sich in Höhlen zurückzuziehen, erfand man verschiedene Arten von Beilen aus harten und scharfen Steinen“ (Rousseau 1755[2010], S. 78). „La métallurgie et lʼagriculture furent les deux arts dont lʼinvention produisit cette grande révolution. Pour le poète, cʼest lʼor et lʼargent, mais pour le philosophe ce sont le fer et le blé qui ont civilisé les hommes, et perdu le genre humain. Aussi lʼun et lʼautre étaient-ils inconnus aux sauvages de lʼAmérique …“ (Rousseau 1754, S. 41). – Übersetzung: „Die Metallbearbeitung und der Ackerbau waren die beiden Künste, deren Erfindung diese große Umwälzung (Eigentum und Ungleichheit, B. S.) hervorgebracht hat. Für den Dichter sind das Gold und Silber, für den Philosophen jedoch das

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schließen, dass Rousseau hinsichtlich dieser Frage nicht auf Lukrez oder anderen antiken Autoren basierte, sondern direkt oder indirekt auf Mercati. Insofern reflektierte er zwar antike Ideen und verarbeitete Montesquieu, bildete seine Theorie aber nach dem Stand ur- und frühgeschichtlicher Erkenntnisse und nach Joseph-François Lafitau aus. Da der letztere auf der Idee des weltweit vergleichenden christlich-antiquarischen Paradigmas beruhte, stellt sich auch die Frage, ob Rousseau verwandte archäologische Literatur herangezogen hat wie z.  B. Trogillus Arnkiel. Ein Urteil ist jedoch schwierig, da der Philosoph seine Quellen nicht zitiert hat. Letztlich besteht auch eine Verwandtschaft zu den Utopien, die das Bild des edlen und weisen, auch außereuropäischen Wilden schon in der Renaissance mit dem des Idealstaates und eines idealen neuen und vollkommeneren Menschen verbunden hatten (Saage 1991, S. 126  f.; Israel 2001, S. 591–598). Es ist sicher angebracht, Rousseaus neue Normsetzung als primitivism bzw. Primitivismus zu bezeichnen, so Lovejoy/Boas (1935; Mühlmann (1947/48[1968], S. 26)142. Bei vielen anderen Autoren der zweiten Hälfte des 18. Jahrhunderts findet man entsprechende positive oder negative Fortschrittsstufen, und der große Einfluss der Gedanken Rousseaus zeigt sich in den späteren Arbeiten in der zumeist negativen Auseinandersetzung mit ihnen (Harris 1969, S. 28  ff.; Israel 2011, S. 248). Auch die aus universalgeschichtlichem Rahmen entstehende deutsche Ethnologie beteiligte sich selbst, wenn auch unter Vorbehalt, an den Diskussionen über Entwicklungsstufen (Schlözer 1772, S. 93  f.; Vermeulen 2008, S. 221  f.). Immanuel Kant sah als das kennzeichnende Merkmal der Entwicklung des Menschen ebenfalls die mit Mühen und Krieg verbundene, sich in wirtschaftlichen Epochen vollziehende Vervollkommnung aus einem zwar glücklichen, aber unfreien Urzustand zur Freiheit an wie vor ihm Vico und verkehrte damit Rousseaus Idee wieder ins Positive – eine Rückkehr zum faulen Leben im Paradies hielt er weder für wahrscheinlich noch für wünschenswert (Kant 1786[1968], S. 95  ff.). Ähnlich dachte Friedrich Schiller: Sie (die Entdeckungen, B. S.) zeigen uns Völkerschaften, die auf den mannigfaltigsten Stuffen der Bildung um uns herum gelagert sind, wie Kinder verschiednen Alters um einen Erwachsenen herum stehen, und durch ihr Beyspiel ihm in Erinnerung bringen, was er selbst vormals gewesen … Eine weise Hand scheint uns diese rohen Völkerstämme bis auf den Zeitpunkt aufgespart zu haben, wo wir in unsrer eignen Kultur weit genug würden fortgeschritten seyn, um von dieser Entdeckung eine nützliche Anwendung auf uns selbst zu machen (Schiller 1789, S. 11  f.).

Eisen und das Getreide, welche die Menschen zivilisiert und das Menschengeschlecht ins Verderben gestürzt haben. So war auch beides den Wilden Amerikas unbekannt …“ (Rousseau 1755[2010], S. 84). 142 Zur heutigen Kritik siehe Geertz 2004, S. 37  ff.



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Dann zeigte er, deutlich von der Schilderung Rousseaus ausgehend (hier Anm. 141), aber ihn ins Gegenteil verkehrend, nicht den edlen, sondern den erbärmlichen Wilden und schloss mit der Erkenntnis: „So waren wir. Nicht viel besser fanden uns Caesar und Tacitus vor achtzehn hundert Jahren“ (ebd., S. 13). Auf dieser Grundlage sollte der Primitivismus für die weitere Ausbildung der Ur- und Frühgeschichte nur untergeordnete Bedeutung erlangen. Prägend wurde dagegen der Fortschrittsgedanke. Durch die enzyklopädischen Werke von Bernhard de Montfaucon und Comtes de Caylus und speziell durch eine Rezension des Werkes von Johann Georg von Eckhart wurde Antoine-Yves Goguet auf die mittel- und nordeuropäische archäologische Forschung und die Überlegungen zur Steinzeit und zu den Metallzeiten aufmerksam (Journal des Scavans 1751, S. 771–780, hier S. 778  f.). Ohne eigene Kenntnis der archäologischen Funde leitete er daraus die erste Darstellung des Dreiperiodensystems ab. Sein universalgeschichtliches Werk erregte große Aufmerksamkeit und erreichte sehr bald zahlreiche Auflagen und Übersetzungen ins Deutsche, Englische und Italienische (Goguet 1758, Bd. 1, S. 133  ff.; Trigger 1989, S. 105; Wolloch 2007, S. 429  ff.). Goguet ging grundsätzlich von der Argumentation Rousseaus aus (siehe Anm. 141), den er jedoch hinsichtlich der Dekadenztheorie zu widerlegen versuchte, indem er die technische Entwicklung als Fortschritt darstellte (Wolloch 2007, S. 439, S. 444). Dafür wertete er zwar die antiken Quellen aus, die ihn zusammen mit Überlegungen zur Metallurgie selbst zu der Annahme der Abfolge von Stein, Bronze und Eisen führten. Den entscheidenden Beweis aber lieferten ihm die Cerauniae für die Steinzeit und prähistorische Grabfunde mit Bronzefunden für die Bronzezeit (Goguet 1758, Bd. 1, S. 148). Er schrieb: „En Angleterre, dans la Suisse, dans l’Allemagne, & surtout dans les pays du Nord, ou trouve fréquemment dans les anciens tombeaux des armes de cuivre, des anneaux & d’autre instrument du même metal“ (ebd., S. 149  f.). Außerdem verwies er auf die schon erwähnten Metallanalysen und -experimente, die der Graf Caylus in Auftrag gegeben hatte (ebd., S. 150; siehe S. 127). Im Zusammenhang mit der Herstellung der Cerauniae durch den Menschen äußerte er: „Ce n’est point même ici une simple conjecture“ – das ist hier keine simple Vermutung (ebd., S. 148  f.)143. Er schätzte also den Wert dieser Quellen für seine Fragestellung richtig ein und verhalf archäologischen Ergebnissen zum Durchbruch. Dass er auf diesem Feld kein Spezialist war, zeigt allerdings vor allem sein Literaturzitat zu den Cerauniae144.

143 Übersetzung B. S. – Diesen Ausspruch nahm Gibbon auf, dem mit Sicherheit auch der Zusammenhang geläufig war  – ohne diesen Zusammenhang als allgemeine Wertung zitiert bei Wolloch 2007, S. 429; 449. 144 Es handelt sich um die durch Adrianus Tollius besorgte Neuauflage des Werkes von Anselm de Boodt, Gemmarum et lapidarum historia, Leiden 1647, S.  483, in dem noch die Auffassung und die Abbildungen von Johannes Kentmann dargestellt werden (siehe Bd. 1, S. 287), und nicht um die neuen Forschungsergebnisse, die Goguet aber aus irgendeiner Quelle gekannt haben muss. Jedenfalls ist seine Auffassung aus der zitierten Stelle nicht belegbar. Außerdem zitierte er für Bronzefunde aus

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 Die Aufklärungsarchäologie

Das zeitliche Verhältnis der Entwicklungsstufen zur Sintflut blieb aber auch für Goguet noch eine Fragestellung und ungeklärt. Die ersten sicher beobachteten Vergesellschaftungen von Faustkeilen und ausgestorbenen Tieren, die man als Belege der Existenz des Menschen in einer Welt vor der unsrigen hätte ansehen können, wurden zunächst nicht als ein Beweis von Entwicklung verstanden und nicht chronologisch eingeordnet (Daniel 1975, S. 25; Schnapp 1993, S. 285  ff.; Kossack 1999, S. 15; siehe S. 125  f. und S. 271). Die fehlende Einbindung solcher Beobachtungen in eine Kontinuität und eine Synchronisierung zwischen der geschichtlichen mediterranen Welt und den Randgebieten waren einem begründeten historischen Urteil noch im Wege.

1.7 Ergebnisse und Wertungen 1.7.1 Die Rolle der Archäologie in der Aufklärung und der Aufklärungsforschung Wie die Renaissance stellt die Aufklärung eine zeitgenössische Kategorisierung dar, die im Rahmen einer längeren Geschichtsbetrachtung als wissenschaftlicher Terminus für eine einzige Epoche fragwürdig werden kann. Beide Bezeichnungen lassen sich jedoch vertreten, da sie das Selbstgefühl der Zeit beschreiben, damals auch definiert wurden und auf spezifische historische Situationen zu beziehen sind145. Wie das ‚tenebre‘, als das Petrarca das ‚dunkle‘ Mittelalter bezeichnet hatte (siehe Bd. 1, S. 135), so nimmt die Aufklärung ihre Symbolik aus der Lichtmetapher. Die Definition Immanuel Kants wird zwar am häufigsten zitiert146, aber auch Gelehrte wie Denis Diderot, Moses Mendelssohn und Jean-Jacques Rousseau haben sich an der Diskussion über das Wesen der Aufklärung beteiligt. Die Bedeutung ging über den neuen Glauben an die Erklärungskraft der Wissenschaft weit hinaus und meinte die Verbesserung aller Lebensverhältnisse durch die Erziehung zur all-

Gräbern z.  B. einen Aufsatz von Jacob von Mellen (1699), in dem die Grabungsergebnisse Christian Detlev Rhodes dargestellt werden, sowie die Atlantica von Olof Rudbeck. 145 Zur Renaissance siehe Bd. 1, S. 354; zur Aufklärung Möller 1986, S. 18. 146 Die Äußerungen Immanuel Kants und Moses Mendelssohns stammen aus dem Jahre 1784, d.  h. aus der späten Aufklärung kurz vor der Französischen Revolution. Überhaupt wurde die bewusste Reflexion über die Epoche erst in ihrer letzten Phase häufiger. Während Mendelssohn die kulturelle Erscheinung auf die Begriffe Aufklärung und in humanistischer Weise auf Kultur, Bildung und den Menschen verdichtete, stellte Kant mit seinem Leitspruch „Aufklärung ist der Ausgang des Menschen aus seiner selbst verschuldeten Unmündigkeit. Unmündigkeit ist das Unvermögen, sich seines Verstandes ohne Leitung eines anderen zu bedienen. … Sapere aude! Habe Muth dich deines eigenen Verstandes zu bedienen! ist also der Wahlspruch der Aufklärung“ das Wissen im Allgemeinen in den Mittelpunkt (Berlinische Monatsschrift 1784, S. 193 [Mendelssohn]; ebd., S. 481 [Kant]).



Ergebnisse und Wertungen 

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gemeinen Urteilskraft (Enskat 2008, S.  23  ff.). Deutlich wurde die Aufklärung auch als ein Prozess verstanden sowie als eine Anleitung zur praktischen Verbesserung der Lebensverhältnisse wie z.  B. im deutschen Pietismus (Möller 1986, S.  17, S. 77). Der wissenschaftliche Begriff Aufklärung bezieht sich auf eine geistesgeschichtliche und nicht auf eine politische Epochendefinition, für die andere Begriffe gewählt werden147. Für die Charakterisierung der archäologischen Forschung dieser Zeit wird hier Aufklärung bevorzugt, da die Säkularisierung und Historisierung der archäologischen Denkmäler als übergreifendes Merkmal der Archäologie des 17. und 18. Jahrhunderts in allen hier behandelten Ländern begriffen wird. In der historischen und philosophischen Literatur über Aufklärung werden außerdem charakteristische Merkmale dieser Zeit angesprochen, die mit den hier gewonnenen Ergebnissen zu konfrontieren sind148: – erstmals das globale Reisen und der globale Vergleich, – Vernunft als oberstes Handlungsgebot und Kritik an Religion und Autorität welcher Art auch immer, so an der Schöpfungsgeschichte und am antiken Vorbild, – die Durchsetzung der Volkssprache und der mit ihr zusammenhängenden öffentlichen Bildung mit dem Ziel der – Emanzipation des Volkes bzw. der Nation bzw. des Bürgertums und ihrer Kultur im Verhältnis zum dynastischen Herrscher und zum Adel und der – wissenschaftliche und technische Fortschritt zum Nutzen aller (Möller 1986, S. 113  ff.). Beginn, innere Gliederung und Ende der als Aufklärung bezeichneten Epoche differieren zwischen den einzelnen Autoren stark, u.  a. auch abhängig von den europä-

147 So für die Zeit des 17. Jahrhunderts bis etwa 1740 bzw. für Teile davon Konfessionelles Zeitalter, Dreißigjähriger Krieg und Absolutismus, für die entwickelte Aufklärung Aufgeklärter Absolutismus, Ancien Régime, Revolutionszeitalter, Napoleonische Zeit. In der Kunst- und Musikgeschichte entsprechen ungefähr die Begriffe Barock für die Zeit von 1590 bis 1720/40, mitunter auch bis 1770, Rokoko für die zweite Jahrhunderthälfte vor der Französischen Revolution und Klassizismus bzw. Klassik für die Jahrzehnte um die Jahrhundertwende zum 19. Jahrhundert. Barock wird von einer Reihe von Autoren auch als übergreifender historischer Epochenbegriff verwendet, hat sich jedoch für Wissenschaft und Geschichte bisher nicht umfassend durchgesetzt (Hubatsch (1958[1973]), S. 276  f.; Burgard 2001; Duchhardt/Schnettger 2015, S.  173; siehe dagegen den Titel des Werkes: Barock und Aufklärung. Einige Merkmale lassen sich allerdings übertragen, so das übersteigerte Interesse an Religion oder auch das für den kunst- und musikwissenschaftlichen Barock typische Merkmal der Sinnlichkeit, z.  B. in der Inschrift der Pyramidenvitrine Leonhard David Hermanns (Hermann 1711, S. 169  ff.; siehe S. 160). 148 Grundlegend Hazard 1935, S. 12  ff. – Die Hauptmerkmale der Aufklärung bilden in dieser Arbeit mit dem Schwerpunkt der Entstehungsphase der späteren französischen Aufklärung des 18. Jahrhunderts Gliederungspunkte. Eine Zusammenfassung der Merkmale für die Frühaufklärung in Deutschland Bödeker 2008, S. 10  ff.; allgemein auch Dönike 2013, S. 26. Ein kurzer Überblick über Probleme und die umfangreiche Literatur siehe Duchhardt/Schnettger 2015, S. 127  ff.

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 Die Aufklärungsarchäologie

ischen Nationen, die sie schwerpunktmäßig behandeln (Jüttner/Schlobach 1992, S. VII ff.). Für die Schweiz und England kann man als früheste Daten 1630 (Descartes, Hobbes), für die Niederlande 1640 (de La Peyrère, Spinoza), für Deutschland 1670 (Leibniz) und für Frankreich 1680 (Fontanelle) angeben. Italien erlebte schon am Übergang vom 16. zum 17. Jahrhundert mit Giordano Bruno eine erste grausam unterdrückte Phase, die Descartes inspirierte (Cassirer 1932[2007], S. 37; Monroy Nasr 2000, S. 73  ff.). Diese aufgrund der Philosophie gewonnenen Daten sollen im Folgenden mit der archäologischen Entwicklung verglichen werden. Besonders die Fokussierung auf Frankreich hat die Forschung geprägt, in deren Zentrum naturgemäß die französische Spätaufklärung steht, d.  h. die Zeit von den Vierzigerjahren des 18. Jahrhunderts an. Aber schon Paul Hazard hat für Frankreich eine Vorphase als „La crise de la conscience européenne“ zwischen 1680 und 1715 definiert (Hazard 1935; Edelstein 2010, S. 3). Für Deutschland werden diese Daten in der Forschung in etwa bestätigt, aber die Deutung einer Krise abgelehnt (Bödeker 2008, S. 9). Jonathan I. Israel hat es in seiner monumentalen Trilogie unternommen, den Beginn der Aufklärung noch weiter vorzuziehen und den Zeitraum zwischen 1650 und 1790 in eine radikale (1650–1750), eine mit Enlightenment Contested, dem Titel des zweiten Bandes seines Werkes bezeichnete Phase der Gegenaufklärung zwischen 1670 und 1752 und eine gemäßigte und demokratische, auch als „mainstream“ charakterisierte Phase (1750–1790) zu unterteilen. Den Beginn der radikalen Aufklärung markiert das pantheistische Werk Baruch von Spinozas, in dem der Niederländer sephardischer Herkunft dem Schöpfergott des Christen– und Judentums die göttliche Natur gegenüberstellte (Israel 2001, S.  159  ff.). Seit 1650 „everything  … was questioned“ (Israel 2001, S. 3). Seine zweite Phase, das Zeitalter der Auseinandersetzung um die radikale Aufklärung zwischen 1670 und 1752, die Krise der Aufklärung, ließ er länger als Hazard laufen, für den der Tod Ludwig XIV. das Enddatum dargestellt hatte (Israel 2001, S. 20; Israel 2006, S. 11  f.; Israel 2011). Die Jahre zwischen 1720 und 1752 sah Israel als eine Übergangsphase an, die durch den Siegeszug der Erkenntnisse und religiös konservativen Ansichten Isaac Newtons in ganz Europa, aber auch durch entscheidende Herrscherwechsel wie den in Preußen gekennzeichnet gewesen sei, darunter auch durch das Pontifikat des reformfreudigen Jesuitengegners Benedikt XIV. 1740–1758 (Israel 2001, S. 515  ff.; Israel 2011, S. 326). Wenn Israel auch ein ungeheures Material erfolgreich bearbeitet hat, scheint sich sein Grundkonzept der Unterscheidung zwischen teilweise ineinanderlaufenden Strömungen einer radikalen, einer „mainstream“ – und einer Gegenaufklärung allerdings nicht durchzusetzen (Edelstein 2010, S. 95; Israel/Mulsow 2014; siehe dazu hier S. 231  ff.). Die Frühaufklärung, ob radikal oder nicht, könnte man ihrer Hauptanliegen wegen eher als religiöse Aufklärung, die Zeit nach 1720 aber als gesellschaftliche Aufklärung bezeichnen (Bödeker 2008, S. 17  f.; Duchhardt/Schnettger 2015, S. 129) oder nach Günter Mühlpfordt neutrale Begriffe verwenden wie Primäraufklärung, Frühaufklärung, Hochaufklärung und Spätaufklärung (Vermeulen 2015, S. 100  f.).



Ergebnisse und Wertungen 

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Die Weichen für eine gesellschaftspolitische Ausrichtung wurden schon in den Zwanzigerjahren des 18. Jahrhunderts gestellt, und die Erschütterung Europas über das epochale Erdbeben von Lissabon 1755 ausgerechnet zu Allerheiligen markierte nur noch eine neue Stufe der Diskussion über das Wirken Gottes in der zeitgenössischen Geschichte (Israel 2011, S.  52  ff.) und damit eine weitere Emanzipation der Geschichte. Dass sich das Bewusstsein, in einer Aufklärung zu leben, und auch viele der Einzelmerkmale erst nach 1740 und besonders in der zweiten Hälfte des 18. Jahrhunderts durchsetzten und vor allem die politisch-emanzipatorische und kulturnationale Bewegung an Fahrt aufnahm und deshalb in den amerikanischen Unabhängigkeitskrieg und in die Französische Revolution einmünden konnten, steht außer Frage. Stellt man Frankreich in den Mittelpunkt der Betrachtung, so bietet sich die Französische Revolution als Enddatum der Aufklärung an, in anderen europäischen Gebieten wie in Deutschland muss das erste Jahrzehnt des 19. Jahrhunderts mit der politischen Neuordnung und den Reformen noch in die Überlegungen einbezogen werden (Möller 1986, S. 32  f.). Das hier als Enddatum gewählte Jahr 1807, die Gründung des Nationalmuseums in Kopenhagen, entspricht diesem Zeitansatz (Ende des Alten Reiches 1806). Der Beginn der Aufklärungsarchäologie wird in dieser Arbeit mit 1630 sogar noch früher angesetzt, wenn auch nach dem hier verfolgten Prinzip aus institutionellen Gründen. Es lassen sich aber auch inhaltliche Merkmale anführen, die im Kontinuum der Entwicklung auf eine grundsätzlich frühere Änderung wissenschaftlicher Ziele und Arbeitsweisen hindeuten. Die Vernunft (Ratio) hielt mit René Descartes bekanntlich schon 1637 Einzug in die allgemeine Wissenschaftsgeschichte (Descartes 1637). Descartes aber versuchte auf subtile Art, der seines Erachtens zu unrecht auf den Index geratenen Methode Galileo Galileis zum Durchbruch zu verhelfen (ebd., 6,1, S. 98). Wenn betont wird, dass der ältere Aristotelismus durch Descartes überwunden worden sei (Israel 2001, S. 18), so wird vergessen, dass die oberitalienischen Naturwissenschaftler die aristotelische Methode schon in der zweiten Hälfte des 16. Jahrhunderts in Richtung auf eine durch die Ratio geleitete empiristische und experimentelle Forschung hin reformiert hatten (siehe Bd. 1, S. 350  ff.). Galileo gehörte als Mitglied der Accademia dei Lincei und der medizinischen Fakultät von Padua in den Kreis der an allgemeiner Naturforschung interessierten Mediziner, zu dem auch die Erforscher der Fossilien und damit der Cerauniae zu rechnen sind (siehe Bd. 1, S. 155). Seine Methode war auch die Methode Michele Mercatis. Nicht umsonst waren es die neuen Erkenntnisse zum Blutkreislauf, die Descartes Menschen- und mechanistisches Tierbild prägten (ebd., 5, 5, S. 76  ff.), Erkenntnisse, die ebenfalls aus dieser oberitalienischen Medizinerschule stammten und mit dem Paduaner Professor Girolamo Fabrizio, seinem Schüler William Harvey und Thomas Bartholin d. Ä., dem dänischen Archäologen, Neffen und Zögling Ole Worms sowie Entdecker des Lymphsystems verbunden sind. Dass Bartholin gleichzeitig der Lehrer und Mentor von Nicolas Stensen (Steno) war, bekräftigt den wissenschaftsgeschichtlichen Zusammenhang und die Bedeutung dieser Ärzteschule für die Archäologischen Wissenschaften (siehe S. 3).

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 Die Aufklärungsarchäologie

In der Generation Stenos kann man die vier Gründer der Leopoldina, gleichzeitig Begründer der ältesten medizinisch-naturwissenschaftlichen Zeitschrift weltweit, und unter ihnen den Breslauer Schulkameraden und Freund Johann Daniel Majors, Philipp Jacob Sachs von Lewenheimb und Major selbst zu dieser Gruppe von Medizinern rechnen149. Mit Worm, Bartholin, Major und Steno sind unter ihnen wesentliche Pioniere der Prähistorischen Archäologie bzw. ihrer Methoden vertreten, wobei die älteren von Ihnen einen Übergang zur Renaissancewissenschaft bilden. Sie leisteten also nachweislich durch ihre Forschungen einen wesentlichen Beitrag zur wissenschaftlichen Revolution, die an der Entstehung der frühen Aufklärung maßgeblich beteiligt war. Übrigens wird auch Hermann Conring, der nicht zu dieser Gruppe gehörte, aber als Mediziner sich für die Fossilienforschung und die Prähistorische Archäologie interessierte, zu den Wegbereitern der Aufklärung gezählt (Möller 1986, S. 237; siehe S. 171). Die bewusste Einführung der Ratio in den wissenschaftlichen Diskussionslauf betrifft auch die frühe Entwicklung des für die Entstehung der Menschenrechte grundlegenden Naturrechtsgedankens schon 1604 durch Hugo Grotius, der sich in den Vierzigerjahren des 17. Jahrhunderts mit zwei weiteren Arbeiten auch an der Auseinandersetzung um die Thesen von Isaak de La Peyrère zur Herkunft der Indianer beteiligt hat (Gelderen 2003, S. 64, S. 73; siehe oben S. 169  f.). Gelderen stufte Grotius noch als Späthumanisten ein. Eindeutig gaben die Anfänge ethnologischer Beobachtungen den Anstoß für diese so wichtig werdende Idee, die dann in Deutschland von Samuel Pufendorf in der Frühaufklärung weiter ausgebaut wurde (Möller 1986, S. 28). Hier kann man noch weiter zurückgehen zu den Spaniern des 16. Jahrhunderts und zu Michel de Montaigne und der Entstehung des Bildes vom Guten Wilden (Gelderen 2003, S. 55; Kohl 1996, S. 72; siehe S. 206). Als Anfangsmarke der französischen Aufklärung in den Achtzigerjahren des 17. Jahrhunderts wird außerdem seit Paul Hazard das Erscheinen des Werkes Digression des anciens et des modernes von Bernhard le Bovier de Fontenelle 1687/88 genannt (Duchhardt/Schnettger 2015, 127). Hier ging es um die Auseinandersetzung mit der vorbildhaften Antike und dem Primat des Lateinischen, die gleichzeitig den Beginn des Siegeszuges des Französischen als Sprache der politischen und wissenschaftlichen Elite Europas bedeutete. Die Wendung zur Volkssprache setzte jedoch nach einzelnen Ländern verschieden und schon wesentlich vor 1680 ein, wenn auch nach 1680 immer mehr volkssprachige Publikationen zu verzeichnen sind. In Italien spielte die schon im 16. Jahrhundert gegründete Accademia della Crusca eine bedeutende Rolle, aber schon in der Frührenaissance begegnen dort volkssprachige wissenschaftliche Abhandlungen auch auf archäologisch relevantem Terrain, wie z.  B. Werke von Leon Battista Alberti (siehe Bd. 1, S. 182). Spanien zog mit den antiquarischen

149 Zu Sachs von Lewenheimb und den Nachruf, den Major für ihn schrieb siehe Girlich (2012, S. 2  ff.).



Ergebnisse und Wertungen 

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Werken Antonio Agustíns oder Ambrosio de Morales’ nach (siehe Bd. 1, S. 324, S. 190). Gewiss wurde dadurch das Lateinische als Wissenschaftssprache in den romanischen Ländern noch nicht verdrängt. Aber auch im deutschen Sprachraum publizierten Adam Olearius (1666[1674]) und Johann Daniel Major Arbeiten mit teilweise archäologischem Inhalt noch vor der Querelle des anciens et des modernes in der Volkssprache (Major 1674; 1688; 1692): Es war der für die Aufklärung typische Bildungsauftrag, der nur in der Volkssprache erfüllt werden konnte. Vorausgegangen war nämlich in verschiedenen deutschen Landesteilen eine der Accademia della Crusca verwandte Organisation, die 1617 gegründete Fruchtbringende Gesellschaft. Es gab allerdings auch Gegenbewegungen wie das Verbot volkssprachiger Vorlesungen an der Universität Halle 1704/05. Eine Diskussion über Deutsch als Wissenschaftssprache in der zweiten Hälfte des 18. Jahrhunderts erscheint aber mehr als anachronistisch, obwohl sie, z.  B. von Friedrich dem Großen, geführt wurde (Möller 1986, S. 21  f., S. 23). Der Schwede Olof Rudbeck publizierte gar Lateinisch und Schwedisch, was seiner internationalen Durchschlagskraft zugutekam. Man muss nämlich sehen, dass deutschsprachige wissenschaftliche Publikationen einen schweren Stand hatten – nicht umsonst zitierte Antoine-Yves Goguet 1758 die Atlantica von Olof Rudbeck und Jacob von Mellens lateinischen Bericht über die Grabungen von Christian Detlev Rhode in der Zeitschrift Nova literaria Maris Balthici und nicht die deutschen Antiquitaeten-Remarques, die außerdem vielleicht auch schwerer zu haben waren (siehe S. 18). Dieser positive Beitrag zur Querelle des anciens et des modernes hat sich also für die Akzeptanz der deutschen archäologischen Forschung nicht unbedingt günstig ausgewirkt, sie hat sie aber nicht verhindert, da es gleichzeitig noch lateinische Publikationen gab. Allen heutigen Autoren zur Aufklärung ist dagegen gemeinsam, dass selbst hinsichtlich der Kritik an der biblischen Urgeschichte oder hinsichtlich des Themas der Historisierung und Kulturdefinition die Forschungskomplexe von Geologie, Paläontologie und Archäologie und deren Erkenntnisse nicht oder kaum Berücksichtigung finden (siehe auch S.  196  ff.). Es ist interessant, dass sich selbst die Medizin nicht immer angemessen gewürdigt fühlt (Troeller 2008, S. 177  ff.). Auch die Anfänge der Ethnologie und die wissenschaftliche Verarbeitung der Konfrontation mit den außereuropäischen Völkern, vor allem mit den Indianern, werden unterbewertet und die Philosophen der französischen Aufklärung fälschlicherweise als Urheber der anthropologischen Diskussion dargestellt – sie verarbeiteten jedoch nur die neuen Erkenntnisse anderer (Vermeulen 2008, S.  200; siehe auch S.  205). In der breit angelegten Arbeit von Jonathan I. Israel fehlt sogar ein Hinweis auf die für die Entwicklung der Kulturphilosophie so wichtige Arbeit Lafitaus, während der natürlich nicht zu unterschätzende Einfluss Isaac Newtons ausführlich dargestellt und im Sinne von Thomas Kuhn als „full-scale revolution“ bezeichnet wird (Israel 2006, S. 201; siehe Bd. 1, S. 50). Auch Stenos für die Erdgeschichte bahnbrechende Erkenntnisse kommen zu kurz. Wie aus der Bearbeitung der archäologischen Schriften hervorgeht, haben diese aber einen bedeutenden Anteil an der Wertung und Entwicklung des Humanismus,

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 Die Aufklärungsarchäologie

der Entstehung der allgemeinen und nationalen Kulturwissenschaften und der mit ihnen verbundenen Erkenntnis der Verschiedenheit kultureller Erscheinungen in Zeit und Raum, an der Kritik der Schöpfungsgeschichte, der Verzeitlichung (siehe S. 196) sowie an der besonders während der zweiten Hälfte des 18. Jahrhunderts entstehenden Fortschrittsvorstellung, vor allem aber an der bis heute unumkehrbaren Historisierung der Natur- und Humangeschichte. Ohne die archäologischen Ergebnisse zur Historisierung der Urgeschichte wären einige wichtige Änderungen auf dem Weg zur Moderne gerade am Beginn der Aufklärung nicht möglich gewesen. 1630 waren zwar eine ganze Reihe von ur- und frühgeschichtlichen Denkmäler- und Objektarten bekannt, aber nur die Runensteine sicher einem historischen Kontext zugewiesen worden. In den Vierzigerjahren erfolgte dann ein erster, chronologisch noch gescheiterter Versuch einer Systematik der urgeschichtlichen Funde Dänemarks durch Ole Worm nach dem Bestattungsritus sowie La Peyrères philologisch-exegetische Kritik der biblischen Urgeschichte, bei der auch die Zusammenarbeit mit Ole Worm eine Rolle spielt. In den Sechzigerjahren begann Steno auf der Basis der Ergebnisse von Mercati, die Erde zu sezieren, um die universale Sintflut zu beweisen, eine Frage, die Mercati aufgeworfen hatte (siehe Bd. 1, S. 376). Mit ihm und Conring beginnt die archäologische Sintflutforschung und der Einsatz der stratigraphischen Methode – alles vor dem ‚offiziellen‘ Beginn der Frühaufklärung während und teilweise sogar vor ihrer radikalen religionskritischen Vorphase (1650–1680). In die schon innerhalb der religiösen Aufklärung mit Israel als Gegenaufklärung definierte Zeit nach 1680 gehört auch die Tätigkeit der Royal Society in London mit den bahnbrechenden Forschungen Isaac Newtons und der entwickelten Sintflutforschung, beide mit dem Ziel, den Glauben gegen den Unglauben zu verteidigen. Newtons Idee der absoluten Zeit beruht deshalb noch ganz auf der kurzen biblischen Chronologie (Israel 2006, S. 202  f.). Zur religiösen Thematik der frühen Aufklärung gehörten jedoch nicht nur die Genesiskritik bzw. ihr Beweis, sondern auch schon von den Sechzigerjahren an archäologische und ethnologisch vergleichende Arbeiten zum Heidentum wie die von Adam Olearius (1666[1674]) oder Trogillus Arnkiel (1691[1702]), die sich in den Komplex der Erforschung der Prisca Theologia einordnen lassen. Die pietistischen Theologen Arnkiel, Jacob von Mellen und August Hermann Francke, die alle bei dem Gegenaufklärer Christian Kortholt in Kiel studiert hatten150, verteidigten zwar das Christentum gegen das Heidentum, waren aber sonst wissenschaftlich und gesellschaftspolitisch innovativ. Diese vergleichenden Arbeiten deutscher Protestanten lassen auch auf deistische Tendenzen schließen, die in diesem Kreis verbreitet waren  – jedenfalls bereiteten sie durch die Historisierung der Religion den Boden für die vor allem in der Spätaufklärung verbreitete religiöse Toleranz vor (Möller 1986, S. S.  37, S.  85).

150 Zu Kortholts Haltung zu Spinoza und Hobbes siehe Israel 2006, S. 181.



Ergebnisse und Wertungen 

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Besondere Bedeutung bekamen auch aus archäologischer und ethnologischer Sicht die Übergangsjahre zwischen 1720 und 1740, denn in dieser Zeit lässt sich einerseits die Breitenwirkung der 1717 endlich mit einer Verspätung von fast 130  Jahren erschienenen Publikation Michele Mercatis auf die Académie royale des inscriptions et belles-lettres feststellen, die letztlich zur Anerkennung der Steinzeit führte. Unterstützend erschienen der Grabungsbericht von Cocherel 1722 gleich zweimal in verschiedener Form, wichtig, da die erste Publikation 1686 durch die Royal Society in London ihre Wirkung in Frankreich offenbar verfehlt hatte (siehe S.  43, S.  85). Die in allen diesen Arbeiten nur angedeutete Analogie zu den Indianern unterstrich die Publikation von Joseph-François Lafitau 1724  – alle diese hier vermittelten neuen Erkenntnisse sprachen für eine weltweit von primitiven, ‚natürlichen‘ Formen ausgehende kulturelle und auch technische Entwicklung zur Zivilisation, wie sie in den Arbeiten der Philosophen seit den Vierzigerjahren des 18.  Jahrhunderts dann auch zum Ausdruck kam. Graf Caylus in Frankreich und Johann Joachim Winckelmann in Deutschland und Italien konnten andererseits durch ihre Arbeit an archäologischen Objekten diese kulturellen, noch mit dem geographischen Determinismus und ohne die Vererbungslehre arbeitenden antiken Entwicklungshypothesen für die mediterranen Hochkulturen erhärten (siehe S. 193  f.). Eine Ursache für die Position am Rande der allgemeinen Wissenschaftsgeschichte über diese Zeit bildet u.  a. die Bearbeitung der archäologischen Wissenschaftsgeschichte selbst, die einerseits zu einseitig auf die Archäologie bezogen war und den Zusammenhang zu den großen wissenschaftlichen und geistesgeschichtlichen Strömungen nicht ausreichend hergestellt, andererseits aber die Wertungen von außen ungeprüft übernommen hat151. Dabei hat man auch zu wenig bedacht, dass nicht nur Physik und Astronomie, sondern auch die Urgeschichtsforschung ein heikles Tätigkeitsfeld darstellt, das zwangsweise bei Beweis und Widerlegung in Konkurrenz zur biblischen Urgeschichte treten musste und deshalb ein hohes Maß an Vorsicht verlangte. Auch der Gedanke der kulturellen Entwicklung selbst widerspricht schon dem Schöpfungsprinzip. Weniger entscheidend für die geringe wissenschaftsgeschichtliche Wertschätzung der archäologischen Forschung erscheint die Tatsache, dass sie außerdem im 17. und 18.  Jahrhundert mit Ausnahme von Schweden noch ein heterogenes Tätigkeitsfeld ohne gesicherte Ausbildungsgänge darstellte. Abgesehen davon, dass sie diese Stellung im Zuge der noch universalwissenschaftlichen Organisation der Wissenschaft mit vielen anderen Disziplinen teilte, hatten archäologische Methoden und Erkenntnisse ausgehend von Italien seit der Renaissance Eingang in die Universität gefunden. Die Renaissance-Archäologie ließ sich entgegen den üblichen Definitionen eindeutig als ein Teil der Studia humanitatis verorten, die ihrerseits während der

151 So Hakelberg/Wiwjorra 2010b, die schon im Titel die archäologische Forschung der Frühen Neuzeit nur als Spiegel der eigentlichen Entwicklungen begreifen, siehe Sasse 2016, S. 214  f.

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 Die Aufklärungsarchäologie

Renaissance in die Studiengänge der Artes liberales integriert worden waren, d.  h. in das Grundstudium, das alle Studenten absolvieren mussten. Das gilt auch für die Mediziner, die aber zusätzlich zu ihrer Kenntnis der Studia humanitatis berufseigene empirische Methoden und rationale Schlussverfahren einbrachten (siehe S. 178). Es war deshalb kein Handicap für die allgemeine Anerkennung, dass die Vermittlung von archäologischen Kenntnissen an den Universitäten bis ins 18.  Jahrhundert im Bereich der Rhetorik stattfand – wie übrigens auch die Vermittlung der Geschichte, so von Johan Daniel Schoepflin in Straßburg oder von Daniel Georg Morhof in Kiel (Gummel 1938, S. 105). Nicht nur hierin zeigt sich, dass die Bedeutung des Humanismus auch im 17. und 18. Jahrhundert grundsätzlich bestehen blieb. Allerdings war das Verhältnis zu ihm in diesem langen Zeitraum nicht immer gleich und es lässt sich sogar als ein wichtiges Merkmal der Untergliederung verwenden. Das Problem, das 17. Jahrhundert wissenschaftsgeschichtlich zu verstehen, stellt sich auch außerhalb der Archäologie gerade deswegen (Troeller 1980, S. 17). Einerseits verschwand weder das Studium der antiken Autoren noch die humanistische Arbeitsweise. Alle hier behandelten Arbeiten enthalten humanistisch-antiquarische Elemente, wie z.  B. die bekannten Themenfelder, und beruhen zu einem großen Teil auf antiken Quellen. Andererseits begannen diese jedoch, wie auch unsere archäologische Literatur deutlich zeigt, immer stärker mit kulturellen Phänomenen der gesamten Welt zu konkurrieren. Vor allem aber stand das 17.  Jahrhundert im Zenit der konfessionellen Auseinandersetzungen und nach dem 1648 endlich beendeten Dreißigjährigen Krieg am Beginn des Zweifels am Christentum überhaupt. Weltchronistische Forschungsprobleme wie die Überprüfung der Sintflut und der Monogenese überwiegen deshalb humanistische Ansätze. Die Innovationen kamen aus den protestantischen Hochburgen: Skandinavien, England, die Schweiz, Norddeutschland, die Niederlande und das hugenottische Frankreich. In den Siebzigerjahren des 17. Jahrhunderts lässt sich auch erstmals ein vermehrtes Interesse an griechischen Altertümern feststellen, welches man in gewisser Weise ebenfalls als antihumanistisch interpretieren kann, da der klassische Humanismus ja hauptsächlich die römische Kultur untersuchte. Das Interesse am Griechischen manifestierte sich deutlich 1673 bei Jacques Spon, dem Protestanten aus Lyon, der als Erster den Anstoß zu dem griechischen Namen gab, den die Archäologischen Wissenschaften heute führen – das Ende seines Lebens verbrachte er in der kalvinistischen Schweiz (Schnapp 2009, S. 25  ff.; siehe Bd. 1, S. 33). Der Norden entnahm dem Griechentum die Idee der Hyperboreer, die es erlaubte, sich trotz der geographischen Ferne als Teil und Urheber der bewunderten Kultur zu fühlen (siehe S. 166). In den geschichtsphilosophischen Arbeiten des entwickelten 18.  Jahrhunderts griff man wieder stärker auf die Grundsätze des Humanismus zurück, so dass man nun geradezu von seiner Erneuerung sprechen kann, z.  B. bei Johann Daniel Schoepflin oder bei Johann Joachim Winckelmann (siehe S. 163). Interessanterweise gehörten viele dieser Autoren der katholischen Konfession an – auch Winckelmann



Ergebnisse und Wertungen 

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war Konvertit. Kaiserin Maria Theresia förderte sogar die klassische Epigraphik an der Wiener und Budapester Universität und war hierin innovativ – die Entstehung der Klassischen Altertumskunde an der protestantischen Universität Göttingen, insbesondere die Tätigkeit des Christian Gottlieb Heynes, der Winckelmann kritisierte (siehe S.  203), ging Wien aber um wenige Jahre voraus (Möller 1986, S.  244; siehe Bd. 1, S. 11). Dass die weltchronistische Fragestellung des 17. und beginnenden 18. Jahrhunderts der erfahrbaren historischen und menschlichen gewichen war, ist jedenfalls ein Kennzeichen des Humanismus. Die Antike hatte aber schon während der weltchronistischen Phase der religiösen Aufklärung ihre Vorbildfunktion verloren, die antike Kultur stellte nicht mehr die Normkultur schlechthin dar und konnte diese Funktion auch in der Spätaufklärung und im Klassizismus trotz des erfolgreichen Wechsels zum Griechentum nicht wiedergewinnen. Es ist deshalb sicher richtig, von einem Modifikationsprozess des humanistisch-antiquarischen Paradigmas zu sprechen, den man auch als Krise bezeichnen kann, weil letztendlich im 19.  Jahrhundert die Historisierung zu seiner Auflösung führte (siehe S. 331  ff.; Muhlack 2003, S. 9). Dass vor allem im 18. Jahrhundert als typisch für den Antiquar angesehene Eigenschaften wie Pedanterie, der Mangel an Sachkenntnis, Präzision und Kritikfähigkeit, der Glaube an Mirabilia sowie Egoismus auch literarisch angeprangert und derselbe zur Spottfigur wurde (Herklotz 2011, S. 146  ff.), hat vermutlich mit dieser Krise und der noch nicht erfolgreichen Durchsetzung neuer Paradigmen zu tun und ist als eine Art Ablösungsprozess zu werten. Ingo Herklotz stellte fest, dass „Antiquarskomödien“, wie er sie nannte, vor allem in der zweiten Hälfte des 18. Jahrhunderts reüssierten, d.  h. gleichzeitig mit den großen, reformatorischen Werken des Grafen Caylus, Schoepflins und Winckelmanns. Letzterer sparte selbst nicht an Kritik älterer Arbeiten. Herklotz brachte diese Erscheinung zu Recht in Verbindung mit der Querelle des anciens et des modernes und einem generellen Paradigmenwandel vom Wort zu Realien in der Aufklärung (ebd., S. 143). Man darf dabei auch nicht vergessen, dass der Antiquar als Altertumsforscher hauptsächlich Philologe war und nicht nur die antike Kultur als Vorbild betrachtete, sondern vor allem auch die klassischen Sprachen. Für den klassischen Altertumsforscher gilt das noch bis in die Mitte des 19. Jahrhunderts (siehe S. 349). Latein aber befand sich nicht erst seit den letzten Jahrzehnten des 17. Jahrhunderts gegenüber den neuen, mittel- und nordeuropäischen Nationalsprachen im Rückzug und das nicht nur in Frankreich, wo die Querelle ausgetragen wurde (Laming-Emperaire 1964, S. 66). Italien und Spanien hatten diesen Prozess zur Nationalsprache schon im 15. bzw. 16.  Jahrhundert durchgemacht, allerdings ohne dabei das antike Vorbild anzutasten. Wie aus den vorherigen Kapiteln erhellt, ist die in den Antiquarskomödien geäußerte Kritik nicht durchwegs zutreffend und es ist keinesfalls richtig, dass unter den Altertumsforschern generell keine Bereitschaft zu einem Umdenken bestanden hätte. Graf Caylus und Wickelmann und die zitierten Autoren, die auf dem Gebiet der

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 Die Aufklärungsarchäologie

Ur- und Frühgeschichtlichen Archäologie arbeiteten, zeigen das deutlich genug. Im Gegenteil nahmen einige von Ihnen schon sehr früh am Prozess der Umformung des Wissens durch die experimentellen Naturwissenschaften aktiv teil oder arbeiteten auch philologisch an der Widerlegung von Mythen und Legenden durch empirische Methoden. Vor allem aber arbeiteten sie an der Entstehung neuer Paradigmen, an der Einführung der Zeit als historische Kategorie, an der Relativierung und Präzisierung menschlicher Kulturen in Zeit und Raum, alles Kategorien, die dem humanistischantiquarischen Paradigma unbekannt waren.

1.7.2 Erfindung und Entwicklung archäologischer Methoden und die Bildung von Traditionen Die Renaissancearchäologie hatte der Antike einen grundlegenden, aus der griechischen Philosophie stammenden Gedanken entnommen: das Tekmerion, das Beweisstück, mit dem es gelang, falsche Traditionen und Fälschungen zu überführen (siehe S.  336  f.). Primär interessierte den Renaissancehumanismus aber die Kenntnis der antiken Sachkultur, vor allem der antiken Kunst und Architektur, als Vorbild für die Gegenwart. Deshalb begann man zu prospektieren, unternahm die ersten Grabungen und Beschreibungen des antiken Roms und Italiens und entwickelte Methoden zur deskriptiven Erfassung und Ordnung von Altertümern in Katalogen und Sammlungen. Im Vordergrund standen Münzen und Objekte mit Inschriften, später ganze architektonische Komplexe. All dies befand sich jedoch noch in den Anfängen. Vor allem die Epigraphik hatte mit Fälschungen zu kämpfen, erarbeitete dabei aber die ersten quellenkritischen Kriterien, zu denen Schrift- und Abkürzungstypen gehörten. Für die Sammlungen wurden Ordnungsprinzipien entwickelt, die auf der schwierigen Unterscheidung zwischen natürlichen und künstlichen Gegenständen beruhten, die, was prähistorische Objekte betrifft, zunächst in die Irre führte, dann aber durch die wachsende Genauigkeit der Beobachtung doch Ergebnisse brachte. Die grafische Umsetzung antiker Objekte und Befunde erweist sich als ein wesentlicher Indikator für die empirische Arbeit mit den archäologischen Quellen. Sie besaß bis zur Mitte des 16. Jahrhunderts noch Symbolcharakter, und der historische Gegenstand wurde nicht als solcher abgebildet. In der zweiten Hälfte des 16.  Jahrhunderts wurden die Darstellungen aber immer authentischer, so dass am Ende des Jahrhunderts funktionale, technische, aber auch historisch-kulturelle Merkmale erkannt und thematisiert werden konnten. Die Beobachtung des Realen erstreckte sich besonders auf den naturwissenschaftlichen Bereich der Mediziner, d.  h. auf Mineralien, Fossilien u.  ä., unter denen sich aber zu dieser Zeit noch prähistorische Objekte befanden. Empirische Methoden setzten sich dabei immer mehr durch und führten in der von oberitalienischen Medizinern entwickelten Argumentationskette von Hypothese,



Ergebnisse und Wertungen 

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Experiment und rationaler Deutung zu Ergebnissen. Auch die gezielte Grabung kann hier als Experiment verstanden werden, wenn auch eine kontrollierte Methode für den Eingriff selbst, dessen Beobachtung, Dokumentation und Deutung noch fehlte. Wir kennen aber aus der zweiten Hälfte des 16. Jahrhundert trotzdem schon Grabungsbeschreibungen und sogar zeichnerische Dokumentationen sowie einige erfolgreiche Problemlösungen durch Grabungen. Im Fall von Basilius Amerbach lässt sich die Übernahme der Bergbautechnik nachweisen. Zwar beruhte die Interpretation zumeist noch auf Einzelstücken oder -Monumenten ohne Berücksichtigung des Kontextes, aber auch damit kam man vereinzelt bei gezielter Fragestellung und genauer Beobachtung zu sicheren Ergebnissen. Noch fehlten in den meisten Arbeiten die kombinatorische Beobachtung von Merkmalen und die Einsicht der Bedeutung des Fundortes weitgehend. Dennoch gibt es für das Arbeiten mit Fundzusammenhängen schon vor 1630 die ersten Belege, z.  B. die Interpretation eines römischen Brunnenschatzes mit der Datierung durch Münzen. Überwiegend blieb man aber von den Inschriften und schriftlichen Quellen abhängig. Vor allem hatte man mit dem von der Bibel vorgegebenen mittelalterlichen Weltbild zu kämpfen, das für die Urgeschichte und auch die Alte Geschichte der mediterranen Völker unverrückbare Systeme anbot. Die Humanisten des 15. Jahrhunderts stellten das humanistisch-antiquarische Paradigma entgegen, in dem man sich ursprünglich nur mit der römischen, historisch erfassbaren Vergangenheit beschäftigte, sie als Vorbild betrachtete und nicht chronologisch, sondern nach kulturstrukturellen Merkmalen untersuchte, z.  B. nach der Funktion von Gebäuden (siehe S. 144  f.). Ausgehend von Inschriften kam man im 16. Jahrhundert hier auch zur Erfassung charakteristischer Merkmale wie zu einem Plan mit den antiken Bauten Roms oder auch zu Datierungen republikanischer Münzen. Weitgehend bestimmten aber das ursprünglich spätantike, auf die Bibel zurückgehende weltchronistische Konzept, dynastische Genealogien und Geschichtsmythen die Interpretationen, besonders vom Ende des 15. Jahrhunderts an und außerhalb Italiens. Archäologische Funde und Argumentationen integrierte man in der Renaissance in verschiedene Werktypen: den Katalog bzw. Corpus einer bestimmten Objekt- oder Monumentengruppe oder einer Sammlung, den Illustrata-Typ, eine historische Landesbeschreibung (siehe Bd.  1, S.  299  ff., S.  313), die abhängig von den Quellen in verschiedenen regionalen Varianten entwickelt wurde, sowie Stadt- und Landesoder dynastische Geschichten und Weltchroniken (siehe Bd.  1, S.  330  f.). Alle diese Geschichtswerke gingen noch wie im Mittelalter bis zum biblischen Ursprung zurück oder begannen, wenn sie dem humanistisch-antiquarischen Paradigma folgten, in der Antike. Die Verbreitung der Schriften und Abbildungen profitierte zunehmend vom Buchdruck und der Stichtechnik, die Verbreitung der Ideen im 16. Jahrhundert außerdem von der wachsenden Gelehrtenkorrespondenz. Das hier als Zäsur gewählte Jahr 1630 bildet keinen inhaltlichen Bruch der Forschung. In weiten Teilen Europas wurde mitten im Dreißigjährigen Krieg archäolo-

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gisch nicht publiziert. Viele Sammlungen waren zerstört worden (siehe S. 31). Wichtigste Ausnahmen machten die skandinavischen Länder Dänemark und Schweden, und hier lässt sich die Kontinuität seit Ende des 16. Jahrhunderts ganz klar fassen, während man in anderen Gebieten frühestens in den späten Vierzigerjahren an die Zeit vor dem Krieg anknüpfen konnte. Von etwa 1640 bis etwa 1720 überwog zunächst der Wunsch nach der Überprüfung der Genesis, der Sintflut und der Völkertafel sowie der Lehre der Weltalter auf biblischer Basis. Hierzu gehörten dynastische und Völkergenealogien ausgehend von Noah, die Frage nach einer oder mehreren Schöpfungen und der vielleicht dazugehörenden Wesen wie der Riesen und Zwerge, kurzum eine Überprüfung der biblischen Darstellung der Urgeschichte und weiterer Legenden. Nach 1670 führten noch unter dieser Prämisse die Beobachtungen der Fernreisenden über die außereuropäischen Völker und die als menschliche Produkte erkannten prähistorischen Funde zum Vergleich zwischen den ‚Wilden‘ und den eigenen Vorfahren und zu neuen Fragestellungen: Man stellte Ähnlichkeiten fest und suchte zunächst die Erklärungen für das Vorhandensein und die Eigenschaften der nicht in der Bibel erwähnten Völker innerhalb des weltchronologischen Konzepts, d.  h. der gemeinsamen Schöpfung und einer Verbreitung durch Wanderungen: Ergebnis war die Idee einer allen Menschen gemeinsamen Religion sowie das allen auf barbarischem Niveau gemeinsame Heidentum mit Brandbestattungen und Menschenopfern. Hieraus entstand das Konzept der Entwicklungsstadien. Dagegen setzte man das Christentum als Normreligion. So verlor die antike Kultur für viele Forscher ihren Normcharakter, aber auch das Christentum büßte in Folge seine unumschränkte Stellung ein, denn die Forschungen zur Naturreligion schufen letztlich eine Grundlage für religiöse Toleranz und Indifferenz. Als Interpretationsmethode wurde die Analogie bevorzugt angewandt. In letzter Konsequenz war das auch eine Absage an die Genealogie als Geschichtsmodell, die nun durch Völker und deren Entwicklung ersetzt wurde. Seit 1750 führte diese Fragestellung zu den ersten empirisch aus archäologischen Objekten begründeten Kulturdefinitionen. Die immer greifbarer werdenden Unterschiede zwischen den Völkern ließen sich allein durch das weltchronistische Konzept nicht mehr erklären, so dass man die antike Vorstellung des geographischen Determinismus aufgriff (siehe S. 194). Die ersten in der zweiten Hälfte des 18. Jahrhunderts historisch bzw. durch Inschriften datierten und definierten antiken bzw. frühgeschichtlichen Kulturen lieferten endlich Fixpunkte, von denen aus in der Folgezeit eine fortschreitende Historisierung auch der Urgeschichte möglich wurde. Für diese war man jedoch noch auf Schemata angewiesen: Wie zuvor das Dogma der Sintflut prüfte man nun antike Vorstellungen zu Weltaltern: den technischen Fortschritt, die moralische Dekadenz und zyklische Erscheinungen. Gleichzeitig aber wurde die ästhetische Normsetzung der antiken Kunst mit dem Ziel ihrer Bestätigung überprüft. Es ist wichtig zu konstatieren, dass sich die meisten der später weiterführenden Methoden innerhalb der vorgegebenen traditionellen Maßstäbe entwickelt haben



Ergebnisse und Wertungen 

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und dass die belegbaren Ergebnisse dann auch einen Einfluss auf ihre Weiterentwicklung, auf Innovationen oder den Umsturz der Konzepte oder Paradigmen gehabt haben. Die archäologische Arbeit fand dabei aber in verschiedenen Fakultäten statt (Schnapp 1991, S. 19  ff.; 2010, S. 43  ff.): der philologisch-humanistischen (Artes, Jura), der philologisch-theologischen (Theologie) und nicht zuletzt der naturwissenschaftlich-medizinischen und profitierte von den unterschiedlichen Arbeitsweisen. Deshalb erscheint es auch sinnvoll, zwischen den traditionellen Arbeitsweisen und den Methoden zu unterscheiden, mit deren Hilfe es gelang, neue Erkenntnisse zu erlangen und zu beweisen, sowie die Wirkung der gegenseitigen Einflussnahme zu betrachten. Die traditionelle, überwiegend von Juristen entwickelte Arbeitsweise des humanistisch-antiquarischen Paradigmas gab antiken literarischen Werken Vorrang vor Monumenten und war außerdem abhängig von Inschriften, ohne welche die Objekte nicht gedeutet werden konnten (siehe S. 145). Deshalb blieb auch der eigene Quellenwert der archäologischen Denkmäler zunächst zweifelhaft und eingeschränkt. Grundsätzlich fällt auf, dass die meisten Werke dogmatisch und schematisch angelegt sind. Die Schemata kamen von außen und verhinderten daher eine ergebnisoffene Untersuchung. Schriftliche und archäologische Quellen wurden ihnen eingefügt. Zwar fiel es im Ursprungsland des humanistisch-antiquarischen Paradigmas, in Italien, wegen des Reichtums der schriftlichen Quellen verhältnismäßig leicht, die Monumente in diese Überlieferung einzupassen, doch auch hier brachte es der Mangel an Datierungsmöglichkeit mit sich, dass die Themen nicht historisch spezifisch, sondern allgemein abgehandelt werden mussten. Nördlich der Alpen und speziell in Skandinavien konnte ein konkreter historischer Sachverhalt dagegen in den meisten Fällen überhaupt nicht geklärt werden, da die Denkmäler und häufig auch die antiken Zitate historisch nicht sicher eingeordnet werden konnten und deshalb als Quellen fragwürdig blieben. Das änderte sich am Ende des 16. Jahrhunderts zuerst für die bis dahin als Mirabilia geltenden Runensteine, die zu historischen, datierbaren Quellen wurden – deshalb konnten sie auch den Ausgangspunkt für die Historisierung archäologischer Denkmäler außerhalb Italiens bilden. Diese Arbeitsweise charakterisiert noch die Behandlung der prähistorischen Denkmäler Dänemarks 1643 durch Ole Worm. Er illustrierte kulturstrukturelle Themen durch Realien und Traditionen oft verschiedenster Provenienz und Zeitstellung, da er noch nicht datieren konnte. Einen Beleg hierfür bilden z.  B. die Quellenzitate, mit denen bewiesen werden sollte, dass monumentale Gräber Fürstengräber waren. Er zitierte hier Vergil zum Grab eines Gefolgsmanns des Aeneas, wie schon der Humanist und Jurist Nikolaus Marschalk zur Erklärung mecklenburgischer Megalithgräber am Anfang des 16. Jahrhundert (siehe Bd. 1, S. 338). In der zweiten Hälfte des 17. und in der ersten Hälfte des 18. Jahrhunderts kamen die Analogien aber aus der ganzen Welt. Am Beispiel Worms lässt sich auch gut zeigen, wie aus der Kombination der humanistischen Methode mit der empirisch-rationalen, medizinischen Methode Innovationen erreicht wurden. Worm hatte durch seine archäologische Landesaufnahme Kenntnis von einer ausreichenden Zahl von Megalithgräbern und Grabhü-

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geln und außerdem Angaben aus den Grabungsbefunden seines Schwagers Caspar Bartholin. Seine Schlussfolgerungen beruhten deshalb auf der Kombination schriftlicher, historisch nicht konkreter Quellen mit konkreten archäologischen Erkenntnissen. Leider fehlte Worm, wie wir oben gesehen haben, die notwendige Genauigkeit, um zu klaren Ergebnissen zu kommen (siehe S. 179). Das betrifft auch seine Arbeit an den Runensteinen. Es zeigte sich deshalb auch bei ihm, dass nur aufgrund von empirischer Forschung und genauer Beobachtung weitere Erkenntnisse zu gewinnen waren, und genau das kommentierte auch die schwedische Kritik (siehe S. 79). Ganz ähnlich war die Vorgehensweise des fast gleichzeitigen und ebenso ausgebildeten Arztes burgundischer Herkunft Jean-Jacques Chifflet. Auch er stellte verschiedenste antike Quellen zu Königsgräbern zusammen, um zu beweisen, dass das Childerichgrab ein typisches Königsgrab war. Chifflet hatte jedoch im Gegensatz zu Worm für seine Argumentation Denkmäler mit Inschriften zur Verfügung und ging von der Zusammengehörigkeit insbesondere auch des Münzschatzes aus. Die Numismatik seiner Zeit war schon so weit entwickelt, dass sie Chifflet erlaubte, über die historische Zeitbestimmung durch den Siegelring hinaus mit dem Münzschatz zu datieren. Deshalb finden sich bei ihm auch mehr historisch konkrete Zitate als bei Worm. Worm wie Chifflet sind insofern gleich modern, als sie beide ihre Funde nicht nur illustrativ verwendeten, sondern erklären wollten. Bei Worm zeigt sich dies z.  B. in seinem oben besprochenen Kapitel über die Gräber ganz deutlich in einem Wechsel der Darstellungsreihenfolge: Es sind die Hügel- und Megalithgräber, durch deren Erklärung mit Hilfe antiker Quellen Aufschluss über die große Vergangenheit Dänemarks gewonnen werden sollte. Methodisch außerordentlich aufschlussreich gestaltete sich die Geschichte der Deutung der Cerauniae bis zum Beginn der Dreißigerjahre des 18.  Jahrhunderts. Eigentlich war das Problem bekanntlich schon von Michele Mercati vor 1593 gelöst worden (siehe Bd. 1, S. 270). Interessant ist, dass der neuen Interpretation trotz mehrfach gleichen Ergebnissen und zusätzlichen Argumenten immer noch Zweifel entgegengebracht wurden. Dass Mercatis Arbeit erst 1717 gedruckt wurde, ist dabei unerheblich, da sie zumindest seit den Sechzigerjahren des 17. Jahrhunderts bekannt war. Man ahnte aber wohl von Anfang an, dass in der Klärung dieser Frage der Zündstoff für eine Revolution der Geschichtsschreibung der Menschheit verborgen war und äußerte sich deshalb vorsichtig. In der Zeit der Sintflutforschung bis etwa 1720 prüfte man zwar religiöse Dogmen und übernatürliche Erklärungen, die überwiegende Mehrheit der Autoren verwarf sie aber noch nicht. Erst kurz vor 1720 verdichteten sich die Arbeiten zu diesem Thema, und zwar, indem alle drei Argumente, die Untersuchung von Bearbeitungsspuren, die Regelhaftigkeit der Ausgrabungsbefunde und der völkerkundliche Vergleich zusammenkamen, so von Johann Hermann Schmincke 1714 und Andreas Albert Rhode 1720. Einen gültigen Beweis ähnlich dem Michele Mercatis beschrieb Rhode in einem Experiment, wodurch er bewies, dass man Donnerkeile herstellen konnte. Die Beobachtung führte bei ihm zu einer ergebnisoffenen Hypothese, die beweisbar war. Es handelt sich also um eine rein empirische Vorge-



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hensweise. 1717 war aber auch endlich Michele Mercatis Manuskript erschienen (siehe Bd. 1, S. 149). Die seit Cocherel und den Grabungen Majors in Bülcke immer wieder erbrachten Beweise durch Grabungsbefunde bestätigten Erik Pontoppidan und der dänische Kronprinz Frederik mit dem Zusammenfund menschlicher Gebeine und Steingeräte 1744 in einem Megalithgrab (siehe S. 140). Zu diesem Zeitpunkt waren die Ceraunia jedoch schon als menschliche bearbeitete Gerätschaften akzeptiert. Neben der schon erwähnten Vorsicht der Forscher lassen sich jedoch auch methodische Gründe für die verzögerte Akzeptanz benennen. Die Sammlungssystematik erwies sich dabei als außerordentlich hinderlich, weil sehr traditionell. Bis ins 18. Jahrhundert hinein wurde sie trotz neuer gerade in den Sammlungen errungenen Erkenntnisse nicht grundlegend geändert (siehe S. 177). Noch 1734 musste Nicolas Mahudel in der Académie royale des inscriptions et belles-lettres seine Ablehnung der Donnerkeile begründen (Mahudel 1734[1740]; siehe S. 188). Der völkerkundliche Analogieschluss, der methodisch noch auf die Arbeitsweise des humanistisch-antiquarischen Paradigmas zurückgeht (siehe S. 118, S. 221) und sich seit 1710 hinsichtlich der Steinwaffen in fast allen und dann auch besonders in den französischen Arbeiten findet, spielt bei der Anerkennung eine große Rolle und ist auch formallogisch korrekt. Als eine typische Induktion aber ist er nur wahrscheinlich und nicht beweiskräftig, weswegen er im 18. Jahrhundert auch als Conjectura bezeichnet wurde. Er beschreibt außerdem nur ein Phänomen und bietet keine Erklärung für die Ursachen der Konvergenz. Die Durchschlagskraft dieser Analogie gerade zu dieser Zeit erklärt sich vermutlich durch die Beliebtheit der Methode in der christlich-antiquarischen Forschung der Frühaufklärung und der inzwischen großen Verbreitung entsprechender Informationen. Damit konnten die beweiskräftigen Untersuchungen zur Herstellungstechnik seit Michele Mercati nicht mithalten, zumal sich zeigt, dass bis ins 18. Jahrhundert veraltete Sammlungskataloge benutzt und zitiert wurden (siehe S.  207). Auch das war ein Grund, warum die Sammlungssystematiken neueren Erkenntnissen nicht angepasst wurden. Es zeigt sich dabei auch, dass es nicht nur schwer war, gegen die Bibel anzugehen, sondern auch gegen die Naturalis historia des Plinius. Möglich, dass Mercati zunächst gar nicht verstanden wurde, da er ja selbst zögerlich argumentierte, möglich, dass die Mehrheit der die Realien noch ungenau und nicht individuell beobachtenden Gelehrten den Unterschied zwischen Johannes Kentmann, Ulisse Aldrovandi und Mercati gar nicht bemerkten. Man sieht aus diesen Beispielen, dass entscheidende Fragen wie die Überprüfung der biblischen Urgeschichte, die Erklärung der Völker der Neuen Welt oder die Frage des aufstrebenden europäischen Nordens nach Alter und Ursprung seiner Herrscher und Völker mit humanistisch-philologischen Methoden alleine nicht befriedigend geklärt werden konnten. Außerdem waren die Nachrichten der antiken Autoren über das nichtmediterrane Europa denkbar gering, die Neue Welt war ihnen unbekannt. Wie wir gesehen haben, stellten sie zwar Modelle zur Verfügung, die halfen, neue Quellen aufzuschließen, nicht aber die Methoden, um sie zu testen. Mit den alten Methoden kam man jedenfalls über die Kenntnisse der Antike und des Mittelalters

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noch nicht hinaus, aber auch nicht mit reiner Deskription und oberflächlichen Klassifikationen. Erst Genauigkeit, die rationale Versuchsanordnung und das Experiment führten zu den ersten weiterführenden Ergebnissen. Wesentlich weiter sollte man mit der Ausgrabung kommen. Die Entwicklung der Ausgrabungstechnik und –Dokumentation von der ersten Anwendung der Stratigraphie, den gleichzeitig belegten ersten Schnitten und den bald folgenden frühesten Beobachtungen von geschlossenen Funden kann man als das große methodische Verdienst der zweiten Hälfte des 17. Jahrhunderts bezeichnen. Besonders fruchtbar erwies sich nun die noch im 16. Jahrhundert durch Ausgrabungsbeobachtung erreichte Klärung der Urnengräber als menschliche Bestattungen. Die Arbeiten, in denen besonders die Ausgrabungsmethode von Hügelgräbern mit Urnen diskutiert wurde, folgten in der zweiten Hälfte des 17. Jahrhunderts dicht hintereinander, so Olof Rudbeck (1679), Gotthilf Treuer (1688) und Johann Daniel Major (1692). Diese Autoren konnten ihre Stratigraphien zwar noch nicht richtig deuten, da sie nicht wussten, wie Schichten entstanden und welche ihrer Beobachtungen von Wichtigkeit waren. Außerdem gingen sie bei der Interpretation von falschen Fragen und Voraussetzungen aus. Die Grundannahme, dass sich die Geschichte und damit auch Überflutungen aus Erdschichten ablesen lassen müssten und dass man Älteres und Jüngeres würde trennen und Informationen über die bestatteten Vorfahren erringen können, hat sich jedoch bewahrheitet. Dem Arzt Major halfen seine Grabungen, Zusammenhänge zu erkennen und aus ihnen Schlüsse zu ziehen. Interessant ist, dass Rudbeck trotz erstaunlich genauer Beobachtungen durch seine Ausgrabungen zu keinem belastbaren Ergebnis gelangte, seine Methode aber dennoch Schule machte. Durch die Urnengräber schloss sich so als Erstes ein neues, wenn auch noch nicht chronologisch eingeordnetes Forschungsfeld auf: Kultur und Religion der heidnischen Vorfahren und in letzter Hinsicht vergleichende Religions- und Kulturforschung. In dieser Zeit nimmt auch ganz allgemein die Genauigkeit der zeichnerischen Darstellung, der Vermessung und Dokumentation zu, gleichzeitig auch eine bessere und ergebnisneutrale Erfassung von Merkmalen. Man hatte offenbar gelernt, dass die Beobachtungs- und Darstellungsgenauigkeit eine Hauptvoraussetzung für den Erfolg einer empirischen Arbeitsweise bildete. Doch auch diese neue Genauigkeit führte nur allmählich zu Veränderungen der Sichtweise. Sie bildete aber die Basis für die ersten Klassifikationen prähistorischer Funde und das erste Kennenlernen regionaler und zeitlicher kultureller Unterschiede in der zweiten Hälfte des 18. Jahrhunderts. Dazu kam die Anwendung der neuen Landvermessungsmethoden wie der Triangulation und der Darstellung in der Draufsicht auch in archäologischen Arbeiten und damit eine Voraussetzung für die korrekte Einmessung von Funden und die archäologische Fundkarte, die im 19.  Jahrhundert als Interpretationsinstrument so wichtig werden sollte (siehe Bd. 1, S. 68). Im geschichtlichen mediterranen Bereich, wo schon die Weltchronistik eine Abfolge von Herrschaftsvölkern vorgegeben hatte, besaß man andere Grundlagen.



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Dies konnte sich Johann Joachim Winckelmann zunutze machen, der neben Versuchen der Merkmalfindung bemüht war, ein kulturell-chronologisches System aufzubauen und dabei zur Periodisierung mit den fünf Aufzügen des griechischen Theaters, den Lebensaltern und den Weltreichen drei nicht kongruente Schemata benutzte (siehe S.  143). Die Merkmale, die Winckelmann der Kunst dieser Völker zuschrieb, beinhalteten aber ein Entwicklungsprinzip und gleichzeitig eine Normsetzung in Richtung auf die griechische Kunst (siehe S.  149). Trotz vieler Irrtümer, die dazu führten, dass sein System nicht übernommen werden konnte, zeichnete auch er sich aber durch genaue Beobachtung aus. Auch andere Arbeiten zeigen, wie schwer das konkrete Erfassen und Werten von Merkmalen im kulturellen Bereich war und dass hier das von Carl von Linné 1735 vorgegebene Niveau der Biologie bei weitem nicht erreicht wurde, ja auch bis heute nicht erreicht ist. Dennoch entwickelte sich aus diesen Anfängen das Denken in Merkmalkomplexen. Seit den Sechzigerjahren des 18. Jahrhunderts führte es zur Datierung der ersten frühgeschichtlichen Funde jenseits des antiken Einflussbereichs, wie durch Bryan Faussett in England oder durch Jérémie-Jacques Oberlin im Elsass. Auf dieser Grundlage gelang James Douglas 1793 trotz seiner Ablehnung des Childerichgrabes die Datierung und ethnische Deutung der angelsächsischen Gräber. Arbeiten dieser Art waren jedoch Ausnahmen: Das Denken in Ensembles hatte sich noch nicht allgemein durchgesetzt, die Neuerungen des 18. Jahrhunderts noch nicht zu einer allgemein anerkannten Lehre geführt, die Erfolge blieben Inseln in der Zeit, für deren Ausdehnung man noch keine Richtlinien besaß. Die Anfänge aber waren gemacht. Für die Publikationen dieser Forschungen wurden zunächst dieselben Werktypen verwendet, die schon aus der Renaissance bekannt waren, so die Sammlungskataloge und thematischen Corpuswerke, die nach dem Muster der Inschriftensammlungen immer umfassender wurden. Im 17. Jahrhundert gehören zu dieser aus dem humanistisch-antiquarischen Paradigma entstandenen Werkgruppe auch die Arbeiten von Johannes Rhode De acia und von Thomas Bartholin dem Älteren De armillis. Das Bemühen um mehr Faktenkenntnisse und deren Verbreitung ist überall unverkennbar und erklärt z.  B. am Anfang des 18. Jahrhunderts die Bildenzyklopädie von Bernhard de Montfaucon (1719–24). Die Bereitstellung von Fakten und Wissen erweist sich als typisches Merkmal der Aufklärungsbewegung (Möller 1986, S.  124). Schon in den Sechzigerjahren des 17. Jahrhunderts gab Adam Olearius in der Einleitung zu seinem kommentierten Katalog der Sammlung der Herzöge auf Schloss Gottorf seiner Arbeit diesen Sinn: Etliche aber / derer Natur und Verstand sich auff etwas höhers erstrecket / haben ihre meiste Beliebung und Ergetzung / nehest Beobachtung der Gottesfurcht / ihr Gemüthe mit herrlichen Wissenschaften der natürlichen und ungemeinen Dingen zu zieren / und so viel in dieser Sterblichkeit zugelassen wird  /  vollkommen zu machen. Hierzu gehöret auch die Historische Wissenschafft der Antiquitäten / dass man weiß was bey den Alten / so längst vor unsern Zeiten

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gelebet / passiret und im Gebrauch gewesen: item / was künstliche und frembde Hände bereitet. Gibt auch durch Anschauung solcher Sachen nicht schlechte Ergetzung. Solche herrliche Ingenia werden bißweilen auch getrieben / zu erforschen / was in frembden weit abgelegenen Landen anzutreffen. Daher begibt sich mancher mit grossen Unkosten auff gefährliche Reysen  /  muß auch offt gleich wie Plinius bey Erforschung des Vesuvii sein Leben einbüssen. Solchen Liebhabern aber kan gutes theils geholffen werden  /  wenn sie an gewisse Oerter kommen  /  da man solche herrliche  /  rare  /  wunderbare und frembde Sachen in den Cabinetten / Musaeis und Kunst-Kammern zusammen getragen … Und thun Potentaten / und andere / so des Vergnügens seynd / wol und loblich daran / dass sie zu Erforschung der Natur / und Befoderung der Wissenschafften von denselbigen / keine Unkosten sparen … Noch besser thun die / so solche denck- und besichtigungs-würdige Sachen in ein Corpus zusammen tragen  /  wenn sie Gelegenheit darzu haben  /  Kunst- und Raritäten-Kammern anordnen  … (Olearius 1666[1674], Vorrede).

Auch die zum humanistisch-antiquarischen Paradigma gehörende historische Landesbeschreibung vom Illustrata-Typ wurde in ihren verschiedenen Varianten weiterentwickelt. Hierher gehören die Bearbeitungen des Werks von William Camden, das erst im 20. Jahrhundert publizierte Werk von John Aubrey oder die Alsatia illustrata von Johann Daniel Schoepflin. Als traditionell und aus der Weltchronistik entwickelt müssen auch genealogisch aufgebaute Landesgeschichten gewertet werden. Ein gutes Beispiel bietet Gottfried Wilhelm Leibniz, der als Hannoveraner Historiker diesem Problem ausgesetzt war. Er stand in fürstlichen Diensten und musste die ihm auferlegten Erwartungen erfüllen. Aus der Weltchronistik entstand im 18. Jahrhundert die Universalgeschichte als Fach- und Werktyp, die unter dem Einfluss des humanistisch-antiquarischen Paradigmas aber einer Stellungnahme zur Vorzeit und zu ihrer Chronologie auswich (siehe S. 197  f.). Daneben entwarf man auch neue Werktypen, allen voran den Fundbericht. Man findet ihn sogar ganz ohne Kommentar und nur mit interpretierenden Abbildungen (Danckers 1647), im Fall des Childerichgrabes aber auch als umfangreiche historischgenealogische Abhandlung und Kombination zwischen dem Fundbericht und der dynastisch-genealogischen Geschichtsschreibung. Neu sind thematische Schriften, die Elemente aller anderen Werktypen aufnehmen konnten, teilweise aber auch sehr individuelle Schöpfungen darstellten und deshalb im Gegensatz zu den schematischeren Werken der Renaissance auch keine neuen Typen generieren konnten. Hierzu gehören z.  B. die Atlantica von Olof Rudbeck, Rudera diluvii testes von David Sigismund Büttner oder auch die Abhandlungen Johann Daniel Majors, Trogillus Arnkiels und der Rhodes zu den Kimbern (Cimbern). Auch die Geschichte der Kunst des Alterthums von Winckelmann wird man hierzu rechnen können. Da die Stufen eines Kreislaufmodells zu seiner Zeit keinem Literaturschema in der Archäologie entsprachen, schuf der Autor ein neues Werkkonzept, in dem er den Bogen von Aufstieg, Höhepunkt und Dekadenz mit den Völkern der Ägypter, Phönizier und Perser, mit den Etruskern, den Griechen und den Römern füllte – eine Modifikation der alten Weltreiche.



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Viele der behandelten Werke nutzten das Medium des Bildes, um den Leser in die archäologische oder museale Arbeit einzuführen, ihm Vorstellungen vom Leben der Vorfahren und ihrem Aussehen zu geben oder auch Geschichts- und Weltbilder zu vermitteln, mit denen die archäologische Arbeit in einem Zusammenhang steht. Oft informieren sie über Auffassungen der Autoren, die sonst in den Werken nicht direkt thematisiert werden. Hierbei wurde mit künstlerischen Mitteln gearbeitet, und ihre umfassende Deutung verlangt eine interdisziplinäre Vernetzung (Hakelberg/Wiwjorra 2010b, S. 37). Hierzu gehören phantastische historische Illustrationen sowohl klassischer, orientalischer als auch ur- und frühgeschichtlicher Thematik. Sie wurden im 17. Jahrhundert vom Entwicklungsstand der Renaissancearchäologie und des Stils all’antichità ausgehend weiterentwickelt (siehe Bd. 1, S. 271  ff.). Dabei gewannen nun außereuropäische, vor allem indianische Motive immer mehr Gewicht gegenüber den antiken Motiven, und Denkmäler und Funde der Ur- und Frühgeschichte begegnen immer häufiger. Außerdem lässt sich ein Trend zu Allegorien und synoptischen Tafeln konstatieren, die den didaktischen Zweck dieser Abbildungen unterstreichen. Die archäologischen oder außereuropäischen Bildelemente wurden nicht mehr nur als Symbole für ihr Alter oder ihre Primitivität, sondern für bestimmte Merkmale eines spezifischen Altertums eingesetzt, das man allerdings noch nicht datieren konnte. Es fällt auf, dass auf fast allen komplexeren Bildern mehrere Szenen auf verschiedenen Zeitebenen nebeneinander vorkommen und Vordergrund und Hintergrund, Hell und Dunkel zur Gliederung dieser Elemente eingesetzt wurden (siehe z.  B. Abb.  11 und Abb. 51). Sehr häufig handelt es sich wie schon im 16. Jahrhundert um Frontispize (siehe z.  B. Abb. 56; Bd. 1, S. 286). Trotz der noch mangelnden Institutionalisierung der Ausbildung lassen sich, wie schon mehrfach angesprochen, Schulen erkennen, die deutliche Auswirkungen auf die Fragestellung und das methodische Vorgehen der Gelehrten zeigen. Gewiss gab es auch zwischen Angehörigen verschiedener Schulen z.  B. durch die Tätigkeit in denselben Universitäten, Gesellschaften und Akademien Kontakte, die Arbeitsweise und der Zusammenhalt wurde jedoch offenbar entscheidend im Studium geprägt. Allen voran ist die oberitalienische Ärzteschule mit ihrer Fossilienforschung zu nennen, die in der zweiten Hälfte des 16. Jahrhunderts zur Wiege der Prähistorischen Archäologie wurde. Auf sie gehen im 17. Jahrhundert sowohl die dänische Medizinerschule der verwandten Familien Bartholin/Worm als auch Jean-Jacques Chifflet und die nord- und mitteldeutschen Forschungszentren um Kiel und Halle zurück. Zumindest was die Entwicklung der stratigraphischen Grabungsmethode betrifft, ist auch die schwedische Archäologie in den Universitäten Uppsala und später Lund anzuschließen. Ihre Kennzeichen sind Klassifikation und Grabung, seit den Sechzigerjahren des 17. Jahrhunderts auch die Stratigraphie, beginnendes Denken in Zusammenhängen, durch Ratio gesteuerte Empirie, eine Kombination von Induktion und Deduktion und eine eklektische, zwischen der Weltchronistik und dem humanistisch-antiquari-

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schen Paradigma stehende Interpretation. Die Verlagerung des Schwerpunkts dieser ursprünglich italienischen Medizinerschule nach Dänemark und Norddeutschland führte während des 17.  Jahrhunderts zu einem starken pietistischen Einfluss und zur Konzentration der Fragestellungen auf die Sintflut, die Wanderungen nach der Sintflut und um die Jahrhundertwende die Naturreligionen und das Heidentum. Im kalvinistischen Basel, einem weiteren Studienzentrum der Dänen, und in Dänemark selbst waren die dänischen Gelehrten auch mit anderen Strömungen in Berührung gekommen, wie mit Anhängern von Paracelsus, dem frühpietistischen Staatsmann und Theologen Holger Rosenkrantz152 und auch mit der Rosenkreutzerbewegung (Grell 1998, S. 260  ff.). Archäologisch konnten sie in Basel vermutlich von den Unternehmungen von Basilius Amerbach profitieren (siehe Bd. 1, S. 221). Diese Schule traf auf einen in Mitteldeutschland und Schlesien konzentrierten Forschungszweig zu den Urnengräbern, dem die Klärung der angeblich natürlichen Tontöpfe als Gräber der heidnischen Vorfahren gelungen war. Schüler aus Breslau wurden zu Medizinstudenten in Padua, profitierten vom Zusammenhalt dieser Gruppe und gaben ihr methodisches Wissen nach Schlesien weiter. In diesem Prozess um die Jahrhundertwende zum 18. Jahrhundert nahm die Zahl der protestantischen Theologen in beiden Gruppen immer mehr zu. Ebenfalls auf die Spätrenaissance geht eine Schule humanistischer Tradition zurück, die in Südwestdeutschland, dem Elsass und der Nordschweiz angesiedelt ist. Juristen der Universität Basel kommt hier eine führende Rolle zu, ausgehend von den Sammlungs- und sehr erfolgreichen Grabungsaktivitäten der Familie Amerbach. Vor allem durch Korrespondenz reichte ihr Einfluss weit nach Südwestdeutschland. Noch im 18. Jahrhundert sind ihre Spuren bei Jakob Christoph Iselin und seinem Schüler Johann Daniel Schoepflin festzustellen. Weitere Forscher wie Christian Ernst Hansselmann und Johann Hermann Schmincke standen in engem Kontakt. Eine Schule mit überwiegend historischen Arbeiten unter Einbeziehung archäologischer Funde entstand im Zusammenhang der Herrscherfamilien von Helmstedt und Hannover. Ihr gehörten Hermann Conring und die Juristen Leibniz, Johann Georg von Eckhart und Christian Ludwig Scheidius sowie im weiteren Sinne auch Johann Georg Keyssler an. Sie stand in engem Kontakt zur Londoner Royal Society, die seit ihrer Gründung in den Sechzigerjahren des 17. Jahrhunderts u.  a. die Fossilien- und Sintflutforschung verfolgte. Auch hier wurde zwar die Stratigraphie zur Klärung der Erdgeschichte rezipiert, die archäologischen Ergebnisse kamen jedoch aus zweiter Hand.

152 Worms Monumentorum Danicorum libri sex enthalten Briefe an Rosenkrantz und Tyge Brahe, einen Neffen des berühmten Astronomen, verbunden mit dem Stammbaum der Adelsfamilie Thott (Worm 1643, S. 106  f., S. 150, S. 159  f.). Die Hochadelsfamilien Brahe, Thott und Rosenkrantz waren miteinander verschwägert und besaßen archäologische Denkmäler auf ihren Ländereien.



Ergebnisse und Wertungen 

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In England hatte sich die Forschung hauptsächlich durch die Tätigkeit von William Camden auf der Basis des englischen Illustrata-Typs entwickelt. Sein Werk Britannia blieb bis ins 18.  Jahrhundert hinein richtungweisend. Typisch war für England der Autodidakt, der Anregungen von vielen Seiten aufnahm und verarbeitete, so wie Camden das humanistisch-antiquarische Paradigma oder William Stukeley die Landschaftsvermessung. Im 18. Jahrhundert bildete die Society of Antiquaries ein wichtiges Forum, ihre seit 1770 erscheinende Zeitschrift Archaeologia spiegelt die Wirksamkeit des alten Paradigmas, gleichzeitig aber auch die methodische Heterogenität wieder, die es erlaubte, in Auseinandersetzung mit der kontinentalen Forschung angelsächsische Gräberfelder flächig auszugraben, zu dokumentieren und historisch zu interpretieren oder Höhlengrabungen erfolgreich vorzunehmen. Auch in Frankreich kann man eigentlich nicht davon sprechen, dass sich bis 1800 verschiedene archäologische Schulen gebildet haben. Das humanistisch-antiquarische Paradigma und der Einfluss der Mauriner durch Bernhard de Montfaucon erwiesen sich als stark und prägten z.  B. auch die Arbeit des Grafen Caylus. Beide aber integrierten Prähistorisches in ihr Werk. Zusammenfassend kann man festhalten, dass alle die bis 1800 eingesetzten empirisch-archäologischen Methoden planmäßig für bestimmte Fragestellungen entwickelt und überwiegend auch erfolgreich angewandt worden sind. Obwohl die archäologischen Fächer noch nicht institutionalisiert waren, haben sich einige Methoden  – wie die Stratigraphie  – außerordentlich schnell durchgesetzt, obwohl die Ergebnisse im archäologischen Bereich zunächst nicht überzeugten; andere, wie das handwerkliche Experiment, der völkerkundliche Vergleich und das Beobachten von Merkmalen und Denken in Zusammenhängen brauchten viele Generationen. Wie ein Lauffeuer verbreiteten sich dagegen einige Fragestellungen, besonders, wenn sie an bedeutender Stelle vorgetragen wurden. Besonders gut lässt sich das beim Gotizismus der Atlantica Olof Rudbecks demonstrieren, auf den eine ganze Reihe von Forschern mit ähnlichen, aber meist konträren Ideen reagierten. Auch die Stratigraphie wurde durch diese Publikation verbreitet. Gewiss ist es schwierig, hier zu generalisieren. Einerseits hängt die Durchschlagskraft einer Methode auch von der Bereitschaft ab, die erreichten Ergebnisse zu billigen. Im Fall der Stratigraphie und des Grabhügelschnittes war das unproblematisch, im Fall der Steingeräte aber ein mögliches Risiko für Leib und Leben. Die mögliche Verknüpfung mit der Präadamitenthese machte die Akzeptanz dieses Ergebnisses bis zum Ende der Aufklärung hinein gefährlich (siehe S.  237), und sogar während der Restauration entwickelte man es zunächst nicht weiter. Die Suche nach der Sintflutstratigraphie dagegen schien systemkonform und wurde von Theologen selbst betrieben. Interessant ist auch ein Blick auf den Zusammenhang zwischen philosophischen Strömungen und der biologisch-medizinischen, geologischen und archäologischen Forschung. Ein Blick auf Bd. 1, Tabelle 1 zeigt, dass die Arbeit an der Entmythologisierung der archäologischen Funde und der Kampf um die Anerkennung der Steingeräte als menschliche Geräte frühester Zeit früher als die ersten Entwicklungsvorstellungen

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 Die Aufklärungsarchäologie

in der neuzeitlichen Philosophie bei Giordano Bruno und René Descartes begannen (Descartes 1637, S.  71). Mercati arbeitete seit den Siebzigerjahren des 16.  Jahrhunderts an diesem Thema. La Peyrère forschte in der ersten Hälfte des 17. Jahrhunderts gleichzeitig mit Descartes und zusammen mit Ole Worm – Steno, der Schüler Thomas Bartholin des Älteren, in den Sechzigerjahren. Die sich Bahn brechenden Erkenntnisse reihen sich dann von den Siebzigerjahren des 17.  Jahrhunderts an als eine wesentliche Komponente in die auf verschiedenen Feldern wirksame wissenschaftliche Revolution ein, die durch die Theorien Issac Newtons angeführt wurde – in der Wissenschaftsgeschichte wird die Archäologie dabei aber in der Regel vergessen (Huff 2011, S. 293). Ihre methodische Grundlage, die stratigraphische Grabungsmethodik, begann sich in den Sechzigerjahren gleichzeitig mit Newton zu entwickeln, der 1667 mit seinen Forschungen begann. Diese Phase spiegelt sich sehr gut in den Themen der Züricher Collegia der Insulaner, Vertraulichen und Wohlgesinnten zwischen 1679–1709 (Kempe/Maissen 2002, S. 178  ff.). Sie wirkten weiter in die Jahrhundertmitte des 18. Jahrhunderts, wo archäologische Arbeiten unter einer Fülle von Arbeiten zu Stufentheorien und Klassifikationen biologischer und kultureller Merkmale erschienen. Die Biologie hatte für ihre vorevolutionistischen Klassifikationen, wie die von Carl von Linné, eine bessere Ausgangsbasis als die Archäologischen Wissenschaften, die noch zu wenig im jeweiligen Zusammenhang gesichertes Material besaßen und zunächst nur an wenigen Stellen, so bei einigen römischen und frühmittelalterlichen Funden in der Kombination mit Inschriften und Münzen oder bei der griechisch-römischen Kunst zu Ansätzen einer zeit- und kulturspezifischen Charakterisierung gelangten. Wie brisant diese Ergebnisse aber sein konnten, zeigt der große Erfolg Johann Joachim Winckelmanns. Eigentlich besaß man jedoch erst in der zweiten Hälfte des 19. Jahrhunderts genug gesichertes Fundmaterial, um archäologisch kulturspezifisch arbeiten zu können. All dies leistete einen enormen Beitrag zur Säkularisierung der europäischen Gesellschaft, zur Abkehr von Dogmen, Mythen und Legenden und zur Vermehrung des Wissens.

1.7.3 Überlegungen zu einer Phasengliederung der Aufklärungsarchäologie In dieser Arbeit wurde das Ende der dritten Phase der Renaissancearchäologie mit der Gründung des schwedischen Antiquarsamtes begründet, weil dadurch die Forschungs- und in der Folge auch die Lehrbedingungen wesentlich verbessert wurden und erstmals Voraussetzungen für eine fachliche Kontinuität entstanden (siehe S.  1  ff.). Die entscheidenden inhaltlichen und methodischen Schritte erfolgten aber früher oder später153. Während die Historisierung der Runensteine in den Neunziger-

153 Zum Problem der Periodisierung generell und speziell dieser Zeit in der Literatur zur archäolo-



Ergebnisse und Wertungen 

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jahren des 16. Jahrhunderts die Basis für die Gründung des Amtes und den Beginn der ersten Phase der Aufklärungsarchäologie 40 Jahre später bildete, so das Amt in seiner Verbindung mit der Universität Uppsala den Rahmen für die erste archäologische Anwendung der gerade erfundenen Stratigraphie in den Siebzigerjahren des 17. Jahrhunderts und damit den nächsten Fixpunkt, der die zweite Phase der Aufklärungsarchäologie bestimmen sollte. Um eine Phase verschoben wirkte die Klärung der Urnengräber Ende des 16.  Jahrhunderts. Trotz der Anfänge bei Ole Worm und Thomas Browne kam es erst in der zweiten Phase der Aufklärung in den Sechzigerjahren des 17. Jahrhunderts durch sie zur Historisierung des Heidentums und unter Einbeziehung der Entdeckungen außerhalb Europas zu einer analogen Kulturforschung. Die technologische Klärung der Ceraunia ebenfalls am Ende des 16. Jahrhunderts endlich sollte erst, bekräftigt durch Grabungsergebnisse, weitere technologische Untersuchungen und außereuropäische Analogien, in den Dreißigerjahren des 18.  Jahrhunderts zur Voraussetzung der letzten Phase der Aufklärung werden. Aus diesen Überlegungen ergeben sich folgende inhaltlich begründete Phasen: 1.7.3.1 Phase I: Übergang zwischen Spätrenaissance und Frühaufklärung 1630–1670 Inhaltlich und methodisch schließt diese Phase an die dritte Phase der Renaissancearchäologie an. Die Weltchronistik wurde erstmals durch die Präadamitenthese begründet angefochten. Die archäologisch arbeitenden Gelehrten waren überwiegend Mediziner, die auf der Peregrinatio Academica die oberitalienische Medizin und Naturkunde kennengelernt hatten (Tab. 1). Bis 1650/60 fallen allerdings weite Teile Europas durch den Dreißigjährigen Krieg und seine erst langsam beseitigten Verwüstungen aus. Vor allem die skandinavische Forschung erlebte dagegen ihren Durchbruch mit der Institutionalisierung der Runenforschung, der systematischen Landesaufnahme und katalogmäßigen Veröffentlichung der Runensteine und dem Gotizismus mit seinen Varianten. Dynastische Genealogien und das humanistischantiquarische Paradigma bildeten aber noch die Grundlage der Arbeiten, wenn auch die Historisierung von Grabfunden bei Jean-Jacques Chifflet, Ole Worm und Thomas Browne schon ihre Wirkung zeigte und die ersten Schlüsse zu Megalithgräbern aufgrund von Grabungen ermöglichte. An das Ende dieser Zeit fiel die Entwicklung der Stratigraphie auf der Suche nach der universalen Sintflut als Antwort auf die Frage Michele Mercatis (siehe Bd.  1, S.  376) und die Präadamitenthese. Damit wurde die methodische Grundlage zur zweiten Phase gelegt.

gischen Forschungsgeschichte siehe Bd. 1, S. 44  f., S. 64; speziell zur Aufklärung siehe S. 209  ff. Zur Begründung der frühen Ansetzung des Beginns der Aufklärung siehe S. 211.

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 Die Aufklärungsarchäologie

1.7.3.2 Phase II: Frühaufklärung 1670–1740 Die Basis dieser Phase entwickelte sich seit den Vierzigerjahren des 17. Jahrhunderts in Skandinavien und den Niederlanden auf italienischen Grundlagen. Geologie und Grabungsarchäologie sind jetzt stark beteiligt, zumal eines der Kernthemen die Diskussion der biblischen Monogenese und die wissenschaftliche Untersuchung der Sintflut darstellte, z.  B. in der Royal Society und den mit ihr kollaborierenden Gelehrten um Gottfried Wilhelm Leibniz und in den Züricher Gesellschaften, die kürzlich als typisch für die Frühaufklärung herausgestellt worden sind (Kemke/Maissen 2002, S. 9, S. 198  ff.; siehe auch oben S. 8). Zu den weiterhin dominanten Medizinern kamen in den protestantischen Gebieten immer mehr Theologen  – in beiden Gruppen findet man ganze Dynastien. Die älteren Mediziner dagegen gehörten überwiegend zur letzten Generation der Naturwissenschaftler aus protestantischen Ländern, die noch in Padua oder Leiden studiert oder gelehrt hatten: Johann Daniel Major und Olof Rudbeck. Die gemeinsame Grundlage und Kontakte erklären, dass in den verschiedenen Schulen ähnlich gearbeitet wurde. Die Grabungsmethode wurde wesentlich weiterentwickelt bis hin zu Argumentationen aufgrund von Befunden und zu Diskussionen über die richtige Grabungstechnik. Stratigraphien und Schnitte wurden eingeführt und so die ersten Argumentationen aufgrund von gesicherten Fundzusammenhängen möglich. Noch vor der Jahrhundertwende geriet mit den ersten Schritten zu einer vergleichenden Kulturforschung, mit weltweiten Analogien, den ersten Überlegungen zu Entwicklungsstadien und vor allem der Naturreligion und dem globalen Heidentum als Fragestellungen das humanistisch-antiquarische Paradigma in eine Krise, ohne, dass es jedoch ganz verdrängt wurde. Noch verglich man systematisch und nicht chronologisch. Die Zeit wurde aber erstmals als eine der wesentlichen Kategorien des Seins wahrgenommen, ohne, dass sie schon in ein konstantes historisches System gebracht werden konnte – noch konnte man nicht kulturgeschichtlich datieren. Die neue Arbeitsweise gewann aber so feste Formen, dass man von zwei zusammenwirkenden innovativen Paradigmen sprechen kann: Dem weltchronistischen (Sintflutforschung) und dem christlichantiquarischen Paradigma (Kultur- und Völkerforschung). 1.7.3.3 Phase III: Archäologie der entwickelten Aufklärung 1740–1800/10 Die Antike galt schon in der Frühaufklärung nicht mehr als moralisches Vorbild. Als Modell für die Interpretationen der prähistorischen Funde wurde sie durch den völkerkundlichen Vergleich verdrängt. Kunst und Philosophie orientierte man seit der Mitte des Jahrhunderts an der griechischen und nicht mehr an der römischen Tradition. Vor allem aber unterzog man die antiken Kunstwerke und damit die Normsetzung kritischen Studien und knüpfte damit an die Anfänge der Klassifikationen kultureller Merkmale bei Leon Battista Alberti und Leonardo da Vinci an (siehe Bd. 1, S. 228  f.).



Ergebnisse und Wertungen 

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Für die Interpretation griff man aus der Fülle des antiken Schrifttums andere Ideen auf als in der Renaissance. Besonders die ethnologische griechische Literatur gewann gegenüber der römischen an Bedeutung und wurde vergleichend über Kultur- und Zeitgrenzen hinweg herangezogen, z.  B. zu Sitten und Gebräuchen verschiedener Völker. Seit Herodot finden sich solche Angaben in der antiken Literatur (siehe Bd. 1, S. 103  f.). Von Herodot übernahm man auch den geographischen Determinismus als Erklärungsmodell für die Verschiedenheit von Kulturen und Rassen. Daraus und aus der biblischen Monogenese und der Rezeption antiker Zeitaltermodelle wie der materiellen Entwicklungsstadien des Lukrez formte sich in den Vierzigerjahren erstmals die Idee eines Konzepts für eine globale Urgeschichte und für eine vergleichende Erforschung der Verschiedenheit menschlicher Kulturen. Neben schematischen Modellen wie dem der zyklischen Entwicklung und der hypothetischdeduktiven Arbeitsweise (Winckelmann) findet man im provinzialrömischen und frühgeschichtlichen Zusammenhang auch empirisch-induktiv angelegte Forschungen mit systematischen Grabungen und Interpretationen aufgrund von geschlossenen Funden (Schoepflin, Douglas). Der archäologische Beweis für die kulturelle Diversität gelang bis zum Ende des 18. Jahrhunderts für die großen Kulturen des Mittelmeerraums und für die europäische Frühgeschichte, so dass eine Basis für die historistische Archäologie der ersten Hälfte des 19. Jahrhunderts geschaffen werden konnte (siehe S. 184  f.). Er gelang aber noch nicht für die Urgeschichte, in der man bis ins 19.  Jahrhundert hinein nur die Tatsache einer Stein- und einer Metallzeit und die geologische Tiefe der Steinzeit beweisen konnte und noch nicht die drei kontinuierlichen Perioden. Deshalb findet man noch die auf Ole Worm zurückgehenden, aber modifizierten Versuche einer Periodisierung nach dem Bestattungsbrauch, die sich aber nicht generalisieren ließen. Beide Erscheinungen konnte man chronologisch noch nicht einhängen. Die Ergebnisse blieben vereinzelt und ließen ein tragfähiges, kontinuierliches System für die menschliche Urgeschichte noch nicht zu. Das hatte zur Folge, dass das weltchronistische Konzept mit der kurzen biblischen Chronologie bis zum Ende des 18. Jahrhunderts unangefochten blieb und sogar vor seiner endgültigen Verwerfung im Zeitalter der Restauration noch einmal Aufschwung nahm (siehe S. 289). Die Erfolge der Geologie und der Historisierung und Entmythologisierung verschiedener prähistorischer Fundgattungen konnten hieran noch nichts ändern, wenn sie auch Forschungen im Sinne des weltchronistischen Paradigmas in Frage stellten. Wie in der ersten Phase der Renaissance findet man überwiegend Juristen und Theologen mit archäologischen Themen beschäftigt (Bd. 1, Tabelle 1). Das entspricht übrigens auch dem Verhältnis der Studenten überhaupt – die Mediziner erreichten in dieser Zeit nur einen Anteil von etwa 10% an den Gesamtstudierenden (Möller 1986, S. 245). Der Personenkreis erklärt auch, dass das Hauptinteresse dem Umbau des humanistisch-antiquarischen Paradigmas galt. In diesem Sinne lassen sich in dieser Phase

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 Die Aufklärungsarchäologie

Anzeichen eines Paradigmenwechsels erkennen: 1. wurden die humanistischen Literaturschemata weiterentwickelt oder verlassen; 2. wurden die archäologischen Funde als Hinterlassenschaften von Völkern, Kulturen und Stadien der menschlichen Geschichte erkannt. Zeit und Raum wurden entscheidende Faktoren der archäologischen Arbeit, die antiquarische, systematische Arbeitsweise durch die archäologische ersetzt. Das Gemeinsame all dieser Forschungen stellt der kulturhistorischarchäologische Ansatz dar, den man vielleicht trotz der Heterogenität der Arbeiten mit Vorsicht als das kulturhistorisch-archäologische Paradigma bezeichnen kann. Die Vorsicht, hier von einem Paradigma zu sprechen, bezieht sich auch darauf, dass all dies noch nicht zu einer neuen Lehre gefestigt werden konnte, und die im 19. Jahrhundert entstehende Klassische Archäologie der selbständigen Aussagekraft der Objekte noch nicht vertraute und noch überwiegend philologisch arbeitete (siehe S. 349).

1.7.4 Allgemeine Ansichten der Archäologen des 17. und 18. Jahrhunderts und die Wechselwirkung zwischen Politik und Archäologie Während des 17. und 18. Jahrhunderts bewegten die archäologisch arbeitenden Forscher zunehmend die Zielsetzungen der Aufklärung, als deren Teil auch die archäologische Arbeit verstanden werden muss (siehe S. 209): Wissen und seine Verbreitung mit dem Ziel des eigenen Urteils und der Emanzipation von Autoritäten welcher Art auch immer. Traditionell wird die Aufklärung in eine empirische und eine rationale Richtung eingeteilt, die jedoch chronologisch nebeneinanderlaufen. Allerdings gibt es, wie auch hier nachgewiesen werden kann, Schwerpunkte, besonders, wenn man die Art der induktiven und deduktiven Schlussfolgerungen untersucht (Specht 1979, S. 15; siehe S. 230  ff.). Die hier vorgelegten Ergebnisse zeigen, dass in der archäologischen Arbeit in dieser Zeit beide methodischen Grundrichtungen angewandt wurden und teilweise erfolgreich waren. Einige Archäologen des 17. und 18. Jahrhunderts, die sich mit Themen der späteren Prähistorischen Archäologie beschäftigten, bekannten sich ausdrücklich zur empirischen Forschung (siehe S. 41). Im 17. Jahrhundert lässt sich zunächst der Einfluss von Francis Bacon feststellen, z.  B. bei Ole Worm, der ja in der ersten Hälfte des Jahrhunderts gleichzeitig zu Bacon während des Dreißigjährigen Krieges arbeitete154.

154 Bacon schrieb während des in Kontinentaleuropa tobenden Dreißigjährigen Krieges sein Novum Organum: Im Aphorismus 69 geißelte er die Deduktion (Bacon 1620[1990]), S. 147) und stellte ihr im Aphorismus 19 eine Induktion auf verschiedenen Ebenen dagegen (ebd., S.  89), die auf möglichst exakter Beobachtung und auf Messungen beruht: (Aphorismus 98: ebd., S. 215). Entscheidungen aber „über die Natur und die Sache selbst“ seien nur durch geeignete Experimente möglich (Aphorismus 50, ebd., S. 113).



Ergebnisse und Wertungen 

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Worm war aber, wie aus seiner empirisch-rationalen Argumentationsweise erhellt, durch seine medizinische Universitätsausbildung u.  a. in Oberitalien geprägt (siehe S. 11), außerdem aber ein Anhänger von Paracelsus und Tycho Brahe (siehe S. 228). Das Werk Bacons beeinflusste auch noch die frühe Royal Society. Isaac Newton als bedeutendster Vertreter bekannte sich in den späteren Ausgaben seines erstmals 1687 erschienenen Hauptwerkes Philosophiae naturalis principia mathematica zu einem Verfahren, in dem „propositiones“ aus Beobachtungen gewonnen und durch „induction“ generalisiert werden (Harper 2011, S. 260)155. Auch der Bericht Henry Justells zu Cocherel (Normandie) in den Verhandlungen der Gesellschaft gehört hierher (Justell 1686). Ideologisch ging man in dieser Zeit aber schon wieder in konservative Richtung (siehe S. 210 und unten). Die Autoren der zweiten Hälfte des 17. Jahrhunderts erweisen sich auch deshalb überwiegend als Anhänger von René Descartes, der einen Kompromiss mit dem Glauben möglich machte. Gerade auch für Mediziner mit einer Ausbildung auf der Peregrinatio Academica musste die Verarbeitung der oberitalienischen empirisch-rationalen Methode attraktiv erscheinen. Johann Daniel Major stellte deshalb sein Museum Cimbricum an der Universität Kiel in die Tradition von Descartes (siehe oben S. 191). Z.  B. beherzigte er bei der Bearbeitung der Donnerkeile den Grundsatz, keine Meinungen von außen zu übernehmen und mit dem eindeutig Erfahrbaren zu beginnen156. Er warb außerdem für eine interpretationsneutrale Terminologie, die von Form und Material ausgeht (Major 1692, S. 43; siehe S. 176). John Aubrey schrieb in ebendiesem Sinne: … the discovery whereof I do here endeavour … to work-out and restore after a kind of algebraical method by comparing them what I have seen one with another; and reducing them to a kind of Equation … to make the stones give evidence for themselves. I shall procede gradually, a notoribus ad minus nota … (Aubrey 1665–1693[1980–82], S. S. 32).

155 Newton, Isaac (1726[1972]): Philosophiae naturalis principia mathematica, 3. Auflage, Faksimile mit verschiedenen Varianten, hrsg. von Koyré, Alexander und Cohen, Bernard. Cambridge (Massachusetts), Buch 3, Prop. 5, Reg. IV. 156 Einige von Descartes formulierte Vorschriften für das methodische Vorgehen bei der Auswertung empirischer Daten und der Ordnung gedanklicher Überlegungen lassen sich auch bei Major wiederfinden: „… niemals eine Sache als wahr anzuerkennen, von denen ich nicht evidentermaßen erkenne, dass sie wahr ist …“ (Descartes 1637, 2, 7); „… jedes Problem, das ich untersuchen würde, in so viele Teile zu teilen, wie es angeht und wie es nötig ist, um es leichter zu lösen“ (Descartes 1637, 2, 8) und dabei „… in der gehörigen Ordnung zu denken, d.  h. mit den einfachsten und am leichtesten zu durchschauenden Dingen zu beginnen, um so nach und nach, gleichsam über Stufen, bis zur Erkenntnis der zusammengesetztesten aufzusteigen“ (Descartes 1637, 1, 9). Die menschliche Erkenntnismöglichkeit sah er positiv: „alle unsere Vorstellungen und Begriffe  …“ haben „…  irgendeine Grundlage in der Wahrheit“ (Descartes 1637, 4, 8). Vieles jedoch verband ihn mit Bacon. Wie dieser lehnte er die Übernahme der Meinungen anderer ab und äußerte sich gegen den Syllogismus (Descartes 1637, 2, 6).

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 Die Aufklärungsarchäologie

Genau dieser methodische Aspekt erwies sich für die Interpretation der archäologischen Beobachtungen als äußerst fruchtbar. Auch Johann Daniel Schoepflin deutete Mitte des 18.  Jahrhunderts vom Bekannten aus das Unbekannte: Da für ihn nur Denkmäler mit Inschriften deutbar waren, ging er nach humanistischer Methode auf andere Altertümer, die sich nachweislich auch in seiner Sammlung befanden (Oberlin 1773), gar nicht ein. Dieses methodisch saubere Vorgehen führte ihn für Denkmäler mit Inschriften in Kombination mit der Analyse ihrer Merkmale zu konkreten, neuen Ergebnissen. Hinsichtlich der merowingerzeitlichen Altertümer fehlte ihm aber noch das Bekannte, das Jérémy-Jacques Oberlin und später Ludwig Lindenschmit der Ältere dann im Childerichgrab fanden (siehe S. 136). Die Wahl der jeweiligen Grundkonzepte lässt sich deutlich auch als eine Reaktion auf politische Gegebenheiten interpretieren. Es war nicht zuletzt der Dreißigjährige Krieg, der in den betroffenen Gebieten, vor allem in Mitteleuropa, einen Einschnitt bildete und die Entwicklung behinderte, z.  B. bei der Akzeptanz der Volkssprache als Wissenschafts- und Literatursprache (Möller 1986, S.  19  ff.). Was archäologische Arbeiten betrifft, ging der Einschnitt viel weiter: aus den Jahren zwischen 1618 und 1648 finden sich im Bestand der Römisch-Germanischen Kommission lediglich Publikationen aus den Niederlanden und aus Skandinavien (siehe Bd. 1, Abb. 3–5). Die Schrecken des Krieges und die Kriegserfahrung wirkten dazu noch Jahrzehnte hinaus. Es ist deshalb sicher richtig, die Schriften der zweiten Hälfte des 17. und des Beginns des 18.  Jahrhunderts, die im Zeichen der Untersuchung der Schöpfungsgeschichte stehen, in Zusammenhang mit dem blutigen Konfessionsstreit und der daraus resultierenden geistigen Krise des Christentums zu sehen. Sie sind allerdings auch nicht ohne die Ergebnisse der schon älteren Fossilienforschung zu denken, was ja auch durch die zweigleisige Argumentation, die Isaak de La Peyrère für seine Präadamitentheorie anführte, bestätigt wird: Bibelexegese und Fossilienforschung (siehe S. 170). Der Widerruf Isaak de La Peyrères 1657 führte zu einer Verdichtung des Prinzips der Monogenese und damit zu einer Bekräftigung der traditionellen Deutung der biblischen Urgeschichte. Hier setzten die Diluvianer an, die versuchten, mit naturwissenschaftlichen Mitteln die Sintflut zu beweisen. Wie stark diese Forschung mit der Religionspolitik verbunden ist, zeigt die Konversion Nicolaus Stensens (Steno) zum Katholizismus 1667 vor Veröffentlichung seiner Werke zu den Fossilien und zur Stratigraphie. Sie wurde durch die Priesterweihe 1675, das Bischofsamt und die postume Seligsprechung 1988 bekräftigt (NDB, 25, 2013, S. 251–253 [Online-Version], Stichwort „Steno, Nicolaus“ [Sobiech, Frank])157. Der archäologisch interessierte Gottfried Wilhelm Leibniz zeigt deutlich, dass der Empirismus, auch wenn er rational gesteuert war, an der Jahrhundertwende vom 17. zum 18. Jahrhundert in eine Krise geraten war. Während dieser Zeit der Überprüfung

157 URL: https://www.deutsche-biographie.de/gnd118617737.html#ndbcontent. Besucht am 22.8.2017.



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der universalen Sintflut äußerte sich der Philosoph skeptisch gegenüber empirischen Forschungen und sprach sich für eine Abstimmung mit bestehenden Ansichten aus  – eine Voraussetzung für das weltchronistische Paradigma158. Mit dem Gedanken der Voraussage als Test wies er allerdings auf einen neuen, statistischen Weg der Überprüfung hin. Die Vorsicht, mit der Leibniz dieses Thema behandelte, ist jedoch aufschlussreich. Theorien, die einen negativen Einfluss auf die Moral und die bestehende Ordnung haben konnten, stand er mit Skepsis gegenüber und befürwortete dagegen sogar eine moderate Zensur, die jedoch die Ideen und nicht Leib und Leben der Autoren vernichten sollte (Laerke 2009, S. 169  ff.). Hinter den Ängsten dieser Wissenschaftler des 17. Jahrhunderts stand noch die Hinrichtung Giordano Brunos. Doch auch im 18.  Jahrhundert waren diese Ängste berechtigt, denn noch fanden Hinrichtungen wegen Blasphemie und Hexerei statt (Möller 1986, S.  99; Israel 2011, S.  126). Auch die von Leibniz tolerierte moderatere Vernichtung des Werkes war eine wirksame Drohung – sie hatte Galileo Galilei und noch erfolgreicher Isaak de La Peyrère getroffen. Es ist dabei paradox, dass Leibniz für die Art, durch die Steno sein Werk rettete, kein Verständnis besaß, obwohl er Stenos geologische Forschungen außerordentlich schätzte (Israel 2001, S. 508; siehe S. 236). Leibniz und Voltaire fanden dagegen im zunehmend aufgeklärten Preußen eine sichere Wirkungsstätte. Auf die Erfahrung der langen Religionskriege wird man auch den Wunsch zur Aussöhnung der Religionen und der Toleranz in der Spätaufklärung zurückführen können, der in der Frühaufklärung schon bei Trogillus Arnkiel und Leonhard David Hermann nachzuweisen ist. Im Fall der oben beschriebenen Pyramide von Hermann ist es die versöhnliche Gnade Gottes, die alle Menschen, auch die Heiden, im Tode aufnimmt. Damit ist ein gewaltiger Schritt getan: die Funde sind Hinterlassenschaften von Menschen, von Heiden, die wie die Christen dem Tod unterworfen sind und durch die Gnade Gottes errettet werden können, wie die zeitgenössischen Heiden durch die zeitgenössische Mission. Gleichzeitig wurde so die Möglichkeit zur kulturübergreifenden, globalen Analogie frei und der Boden für eine vergleichende Kulturforschung bereitet.

158 „Das überzeugendste Zeichen für die Realität der Phänomene aber, das für sich schon ausreicht, besteht in der Möglichkeit, zukünftige Phänomene aus den vergangenen und Gegenwärtigen mit Erfolg vorauszusagen … Denn wie stünde die Sache, wenn unsre Natur etwa zur Erkenntnis realer Phänomene gar nicht fähig wäre  … Wie ferner, wenn dies ganze, kurze Leben nur eine Art Traum wäre und wir erst im Augenblick des Sterbens daraus erwachten, wie dies die Platoniker anzunehmen scheinen? … Betreffs der Körper kann ich beweisen, dass nicht nur Licht, Wärme, Farbe u.  dgl., sondern auch Bewegung, Figur und Ausdehnung nur erscheinende Qualitäten sind. Gibt es etwas Reales, so ist dies allein in der Kraft des Handelns und Leidens zu suchen, die gleichsam als Materie und Form das Wesen der körperlichen Substanz ausmacht.“ Zitate aus: Über die Methode, reale Phänomene von imaginären zu unterscheiden. In: Leibniz o.  J. [1966], S. 125–126, S. 128.

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 Die Aufklärungsarchäologie

Wie der Wunsch nach Überprüfung der Genesis in der Frühaufklärung mit der Krise des Christentums in den religiösen Auseinandersetzungen erklärt werden kann, so die Veränderung der Fragestellungen von etwa 1720 ab mit der Krise der absoluten Monarchie. Diese konnte der Emanzipationsbewegung und den neuen Erkenntnissen, zu denen auch die der sich emanzipierenden Wissenschaften Physik, Biologie, Geologie, Archäologie und Ethnologie und die übergreifende Kulturforschung gehörten, nicht mehr standhalten. Sicher aber wäre in Frankreich schon nach 1685 die urgeschichtliche Forschung auf der Basis der Funde von Cocherel weiterentwickelt worden, wenn nicht die restriktive Religionspolitik unter Ludwig XIV. hier Grenzen gesetzt hätte. Nur der Hugenotte Henry Justell, nach der Aufhebung des Edikts von Nantes 1685 nach England geflohen, berichtete umgehend über den Fund in der Royal Society und publizierte diesen Bericht sofort in den Philosophical Transactions Januar 1686, während die Publikationen in Frankreich erst weit nach dem Tode Ludwigs XIV. in den Zwanzigerjahren des 18. Jahrhunderts erfolgten (Justell 1686; L’Abbé de Cocherel (1685[1722]), S. 172  ff.; Montfaucon 1719–24, Bd. 5,2, S. 194  ff.). Erst ab 1740 setzte sich im katholischen Konfessionsgebiet durch den Papstwechsel zu Benedikt XIV. mit der Anerkennung der Ergebnisse Newtons ein freieres Denken durch (Israel, 2011, S. 326). Sicher nicht zufällig fanden jetzt auch die zwischen 1717 und 1735 publizierten urgeschichtlichen Ergebnisse zur Steinzeit in Frankreich Akzeptanz. Unter diesem Papst konvertierte Johann Joachim Winckelmann, zu seiner Zeit entstanden die Werke, die Winckelmanns Ruhm begründen sollten, außerdem das Werk Johann Daniel Schoepflins und die Werke des Grafen Caylus. Die Lockerung zum sog. aufgeklärten Absolutismus betrifft auch nicht katholische Länder, ist aber nicht überall zeitgleich, sondern an Herrscherpersonen gebunden – so in Preußen an Friedrich II., ebenfalls 1740, in Österreich-Ungarn vor allem an Joseph II. 1765 (Duchhardt/Schnettger 2014, S.  136  ff.). Aber obwohl die Zensur teilweise entschärft und zunehmend auch thematisiert wurde (Mix 2007, S. 18), zeigt sich die potentielle Bedrohung auch noch in Kants Schriften. Winckelmann hatte sich darüber hinaus dem konservativen Kardinal Alessandro Albani angeschlossen und erlangte sein Antiquarsamt erst unter dem ebenfalls konservativen Nachfolger Benedikts, Clemens XIII. Aus der Darstellung ergibt sich weiterhin, dass sich die archäologischen Forschungen nicht nur in zeitlichen, sondern auch in regionalen Schwerpunkten unterschiedlich entwickelt haben. Es zeigt sich, dass diese Schwerpunkte einerseits politisch begründet sind, andererseits aber auch durch die Quellenlage und die jeweilige Tradition, als deren Hauptkomponenten das Vorhandensein und das Fehlen einer römischen Vergangenheit auszumachen sind (siehe Bd.  1, Abb.  1), nicht zuletzt aber auch durch die geschaffenen Institutionen. Diese Beobachtung betrifft einerseits die europäischen Großregionen, andererseits aber auch Teilgebiete. So war in der Renaissance die Entwicklung des humanistisch-antiquarischen Paradigmas aus der päpstlichen Kanzlei eng mit der Politik des Papsttums und der Überlieferungslage in Italien, aber auch mit dem päpstlichen Antiquarsamt verbunden. Vom 15. bis



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zum Beginn des 18. Jahrhunderts hat der italienische Humanismus dann vor allem dort und in Frankreich und Spanien eine Blüte der klassischen Studien hervorgebracht. Die Entwicklung archäologischer Forschung in den protestantischen Ländern nördlich der Alpen wird von der Suche nach einer eigenen, nicht römischen und – durch die religiöse Opposition gegen die katholische Kirche bedingt – nicht katholischen Vergangenheit geprägt. Hier konnte und wollte man nur bedingt oder gar nicht an die für die Renaissance und den päpstlichen Führungsanspruch maßgebliche antike Vergangenheit anknüpfen. Vor allem wollte man sich überall seiner eigenen Vorfahren versichern, und diese konnten nur die in den antiken Quellen erwähnten europäischen Völker gewesen sein. Neben der ethnologischen Analogie stand deshalb die historische. Für die Schweden und die Spanier waren es die Goten, für die Dänen und Norddeutschen in Jütland die Kimbern (Cimbern), die Deutschen in der Mitte des Kaiserreichs und im Süden die Römer, Germanen, Kelten und Slawen, für die Schweizer, Franzosen und Engländer die Römer oder die Kelten, die Franken, Alamannen oder Angelsachsen (siehe auch Bd. 1., S. 189  ff.). Die Länder des protestantischen Nordens Schweden und Dänemark gewannen in der ersten Hälfte des 17. Jahrhunderts, d.  h. während des Dreißigjährigen Krieges, politisches Potential und verwendeten dafür den Gotizismus und seine Derivate im Kampf um die neue Machtstellung gegen Rom und das Kaiserreich. Deshalb, aber auch, weil hier die archäologischen Quellen am wenigsten römischen Einfluss aufweisen und die schriftlichen antiken Quellen nicht einsetzbar sind, konnte der Aufbau einer eigenen archäologischen Vergangenheit ungehemmt fortschreiten. Für die Fortschritte des 17. Jahrhunderts spielte das schwedische Antiquarsamt eine Rolle, auch durch die dänische Opposition gegen die vertretenen Ansichten. Die von ihren Herrschern oder bedeutenden Adligen bestellten Autoren des 17. Jahrhunderts waren noch bemüht, besondere archäologische Objekte in die dynastische Tradition ihrer Auftraggeber einzubinden und diese und ihr Alter durch die Funde bis zum politischen Einsatz aufzuwerten. So verknüpfte Ole Worm Hügelgräber im königlichen Park des seeländischen Lejre, das schon seit dem Mittelalter mit dem dänischen Königszentrum Lethra identifiziert wurde, mit sagenhaften Herrschern159. Seine genealogische Arbeitsweise und der Einsatz eines Grabhügels als Denkmal für den Heros Eponymos zeigt sich bei der Behandlung der bedeutenden, mit Tycho Brahe verwandten Adelsfamilie Tott, die er bis zum Jahre 290 nach Christus zurückverfolgte. So schuf er eine mit einem Grabhügel verbundene Kontinuität nicht nur auf königlicher Ebene. Der erste des in seinem Werk abgebildeten teilweise fiktiven Stammbaums der Familie und erste Christ, Tor Tott, sollte im Kiøjlinghøj bestattet

159 Worm 1643, S. 20  f.; zu frühen dänischen Königsmonumenten: Andersen 1958; Müller-Wille 1982, S. 361  f., bes. Anm. 26; Müller-Wille 1992, S. 10; Andersen 1987; Randsborg 1994, S. 144; Andersen 1996.

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sein: „Id est: Primus ex familia Axiliorum qui Christo nomen dedit, dictus est Domin TORO TOTT, qui in colle Kiøjlinghøj tumulatus fertur“ (Worm 1643, S. 149  ff.)160. Die in Dänemark von Worm begründete Tradition wurde hier und im dynastisch verbundenen Norwegen noch im 18.  Jahrhunderts fortgeführt, so von dem Theologen und späteren Bischof von Seeland Frederik Münter, der sowohl im schon von Worm behandelten Lejre ausgrub als auch auf Lolland den Hügel des ‚König Sweyn‘. In Norwegen suchte man die Gräber sagenhafter Könige aus der Heimskringla (KlindtJensen 1975, S. 40; S. 45). Künstliche archäologische Monumente zeigen im 18. und frühen 19.  Jahrhundert einerseits, wie populär Archäologie geworden war, andererseits aber, wie die nicht mehr unangefochten regierenden Herrscherfamilien sich des Mittels der repräsentativen Vergangenheit bedienten, um ihren Herrschaftsanspruch zu festigen. Ein ganz besonderes Beispiel für diese Präsentation und Aneignung der archäologischen Überlieferung gibt der sog. Julianehøj, genannt nach der Mutter von Erbprinz Frederik von Dänemark, Juliane Marie von Braunschweig-Wolfenbüttel. Frederik sollte nie König werden, erlebte aber zwischen 1772 und 1784 eine Periode, in der er und seine Mutter Juliane zusammen mit dem Kabinettssekretär Ove Høegh-Guldberg die Staatsgeschäfte für den geisteskranken König Christian VII. führten. In dieser Zeit konzipierten der Prinz und sein Sekretär im Schlosspark von Jaegerspris, Seeland, ein komplexes Gedenkmonument für die dänisch-norwegischen Könige. Dass auch hier die neue Zeit der Kritik angebrochen war, zeigt, dass auch die bedeutenden Dänen unterschiedlicher Herkunft aus beiden Reichsgebieten integriert wurden. Ausgangspunkt war das 1744 im königlichen Park ausgegrabene Ganggrab (Pontoppidan 1745; Wahle 1950[1964], S. 31; Klindt-Jensen 1975, S. 43; Randsborg 1992, S. 218  ff.; siehe S. 140). Zum monumentalen, allegorischen Julianehøj aber wurde ein zweites, 1776 von Høegh-Guldberg selbst ausgegrabenes Megalithgrab am Rande des Parks umgebaut und in ihm Gedenksäulen mythischer und historischer Könige Dänemarks und Norwegens aufgestellt. Die Heroen des Volkes dagegen finden sich im Park verteilt. Hier erhielt u.  a. auch Ole Worm eine Stele (Randsborg 1992, S. 222  ff.). In diesem Sinne errichtete man noch 1801 für die Gefallenen der Seeschlacht gegen die Engländer bei Kopenhagen ein Grabmonument nach dem Vorbild eines Megalithgrabes (Klindt-Jensen 1975, S. 39, S. 48). Die allegorische Verwendung prähistorischer Denkmäler bzw. Denkmalsformen lässt sich auch in Schweden nachweisen  – so entwarf der Bildhauer Johan Tobias Sergel im Jahre 1792 ein entsprechendes Grabmonument für den ermordeten König Gustav III. Frankreich ist trotz der römischen Vergangenheit des ganzen Landes von dieser Entwicklung zeitweise durch die Hugenotten betroffen. Während der Religionskriege

160 Übersetzung: Das heißt: der Erste aus der Familie der Axilii (Axelsson), der christlich wurde, hieß Dominus Toro Tott. Er wurde, sagt man, im Kiøjlinghøj bestattet.



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des 16. Jahrhunderts machte sich die geistige Unruhe dahingehend bemerkbar, dass man nun nicht mehr an die Römer, sondern an die gallisch-französische und später auch an die griechische Kultur angeknüpfte (Schnapp 1993, S. 133). Obwohl die Idee der Gallier und Bretonen als gemeinsame Vorfahren ursprünglich aus der französischen Renaissance kam, tat sich das romanische Frankreich mit der keltischen Identifikation wesentlich schwerer als England, vielleicht auch, weil die Britische Insel ja nur im Süden eine römische Vergangenheit besaß (siehe S. 329) – anders aber das elsässisch-südwestdeutsche Grenzgebiet. Das Nebeneinander einer römischen, keltischen oder fränkisch/angelsächsischen Identität hat sich jedenfalls trotz der überwiegenden humanistischen Tradition in beiden Ländern immer wieder bemerkbar gemacht. Im 17.  Jahrhundert spiegelte sich dies in Frankreich auch in der überwiegend das Verhältnis zum Latein betreffenden ‚Querelle des Anciens et des Modernes‘ (Laming-Emperaire 1964, S. S.  65  ff.), in England in der Keltenforschung. England aber profitierte sichtlich durch das große archäologische Interesse der Royal Society und durch die Society of Antiquaries, in der alle archäologischen Richtungen gleichberechtigt verfolgt wurden. Beim Engländer William Stukeley und auch bei Johann Daniel Schoepflin aus dem deutsch-französischen Grenzgebiet finden wir als älteste Bevölkerung ihrer Regionen vor den Römern die Kelten. Mit dieser im 18. Jahrhundert progressiven Urvolkhypothese gelang eine Entmythologisierung der ältesten Phase. Alle vermutlich vorrömischen Funde wurden dem historischen Volk zugewiesen. William Stukeley folgte hierin John Aubrey und baute die Stonehenge-Verehrung dafür mystisch aus. Aubrey und er wurden so zu den britischen Pionieren der sog. Keltomanie, die allerdings schon bei Polydor Vergil und William Camden auf französischer Basis angelegt war (Stukeley 1740; Piggott 1935, S.  26  ff.; Piggott 1950[1985]; RGA 16, 2000, S.  369–371, Stichwort „Keltomanie und Kelten-Ideologie“ [Maier, Bernhard]; siehe auch Bd.  1, S. 192). Am Anfang seiner Arbeit zu Stonehenge erklärte Stukeley das Monument als ein Werk der Druiden, deren Zugehörigkeit zur Religion des Abraham und Neigung zum Christentum er zu beweisen versuchte: „For instance, the great Columbanus himself was a Druid“ (Stukeley 1740, S. 1  ff.; siehe hier Anm. 128). Diese ‚Christianisierung‘ der Druiden wurde durch die schon erwähnte erneute neuplatonische Welle erleichtert, die vom Synkretismus der Prisca Theologia oder Philosophia perennis beeinflusst war, einer aus Ägypten stammenden angeblich uralten Religion, von der man glaubte, dass sie wie die Kabbala das Adam im Paradies offenbarte Wissen überlieferte. Ein einflussreicher Vertreter dieser Auffassung war im 17.  Jahrhundert der Jesuit und Sammler Athanasius Kircher, der wie vor ihm Annius von Viterbo vorgab, Hieroglyphen lesen zu können (Schmidt-Biggemann 2013, S. 332  ff.). Die neuplatonische Prisca Theologia hatte schon in der Renaissance Einfluss auf die Entwicklung der entstehenden Archäologien genommen (siehe Bd. 1, S. 373). In England behielt sie lange Bedeutung: Selbst die ebenfalls auf neuplatonischer Grundlage stehende Lehre von der alles durchdringenden formativen Kraft, die eben auch in der Lage war, Tongefäße und Steine in Waffenform wachsen zu lassen, lässt sich noch in der

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Mitte des 17. Jahrhunderts bei Thomas Browne nachweisen (Hack-Molitor 2001, S. 141, S.  185), der allerdings als Arzt Keramikfunde als Urnen mit Leichenbrand erkannt hatte. Nun fanden die Druiden und mit ihnen die heidnischen Vorfahren ihren Platz in dieser ewigen Religion und in der seit 1717 in London etablierten ersten Freimaurerloge, deren sehr frühes Mitglied Stukeley wurde (Piggott 1935, S. 22  ff.; Haycock 2002, S. 172, S. 174  ff.). Auch das Römische Reich besaß für ihn die Bedeutung, die es in der christlichen Weltalterlehre erhalten hatte, das letzte der Weltreiche, in dem sich das Christentum vor dem Weltende ausbreitete (ebd., S. 120). Sehr uneinheitlich präsentiert sich die Archäologie im Kaiserreich mit seiner nur teilweisen römischen Tradition und den verschiedenen konfessionellen Richtungen. Das zeigt sich ganz besonders auch an seinen Rändern. Die gebrochene und regional zersplitterte Kontinuität des deutsch-französischen Sprachgebietes machte eine so geradlinige Identifizierung mit den Vorfahren gerade im mit Frankreich umstrittenen Westen schwierig. Für die fränkische Herrschertradition der Habsburger leistete JeanJacques Chifflet mit seiner Publikation des Childerichgrabes zwar Ähnliches wie Ole Worm (siehe S. 32, S. 165). Obwohl sich seine Deutung des Grabes durchsetzte, konnte er aber mit seiner Identifikation des Prunkgrabes als Begründung einer dynastischen Tradition keine Schule machen. Im deutsch-dänischen Norden gab es für eine Identifikation mit den Vorfahren bessere historische Bedingungen, und diese prägten die Ähnlichkeit der Forschungsgeschichte zu Dänemark und Schweden. Das zeigt sich schon bei den Anfängen in der Renaissance (siehe Bd. 1, S. 342), dann aber manifest in der in Auseinandersetzung mit dem Gotizismus entstandenen Forschung zu den Kimbern (Cimbern), den ersten Bezwingern der Römer vor den Goten. Für Andreas Albert Rhode stammten alle von seinem Vater und ihm untersuchten Denkmäler von den eigenen Vorfahren, den alten Kimbern, die er auch oft die alten Deutschen nannte. Wie ernst es ihm bei der Identifikation mit diesen Vorfahren war, zeigt der Titel einer geplanten Publikation „Anastasis Cimbrorum Veterum“, der deutlich auf das Werk Chifflets zum Childerichgrab anspielt, aber 1720 das Volk der Kimbern und nicht mehr einen dynastischen Herrscher meinte (Chifflet 1655; Rhode/ Rhode 1720, S. 338)161. Das norddeutsche Küstengebiet jedoch war ein Randgebiet, in dessen Urgeschichte sich im übrigen Deutschland niemand wiederfinden konnte. Dennoch griff der Adel wie in Dänemark und Schweden archäologische Grabmonumente als Herr-

161 Hans Gummel zitierte einen Abschnitt, der ihn dazu veranlasste, Andreas Albert Rhode als Vorläufer von Gustav Kossinna zu bezeichnen: „wir wollen/ als ihre Nachkommen/ ihr Andencken in Ehren halten/ und ihre Ehre auf alle Weise zu retten suchen/ doch so/ dass die Wahrheit allemahl zum Grunde bleibe“ (Rhode/Rhode 1720, S. 227; Gummel, 1938, S. 40). Rhode hatte aber hier betont, dass er die Kimbern als seine Vorfahren ehren wollte, für ihn aber die Wahrheit vor dem Patriotismus kam, weswegen ein Vergleich zu Kossinna nicht angebracht ist.



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schaftssymbole auf. Interessanterweise handelt es sich aber besonders oft um die ägyptische Pyramide, also um eine Form, die nach Trogillus Arnkiel ein allgemeines Grabmonument darstellte (siehe S.  160). Im Zentrum von Karlsruhe entstand z.  B. noch während der Napoleonischen Zeit die die Gruft des Stadtgründers Markgraf Karl Wilhelm markierende Pyramide als ein echtes Heroengrab – wie das Grab des Orestes auf der Agora in Sparta (Vorbach 2003, S. 213; siehe Bd. 1, S. 91). Die fürstliche Gartenarchitektur bot in der zweiten Hälfte des 18.  Jahrhunderts nicht nur für Pyramiden ein Forum, sondern für verschiedene Arten von Fälschungen und historischen Konstrukten (Ament 1996, S.  28; Niedermeier 2010, S.  173  f.). Das Megalithgrab des Friedrich Christian Ludwig Emil von Zieten im Park des Rittergutes von Wustrau (Ruppin, Brandenburg) gehört schon in die Mitte des 19. Jahrhunderts162. Den nationalen Aufbruch der Deutschen begleitete im 18. Jahrhundert deshalb nicht die eigene Ur- und Frühgeschichte, sondern die Identifikation mit der griechischen Antike, ein Weg, der teilweise auch in England und Frankreich beschritten worden war und in den skandinavischen Ländern etwas später, vor allem in Dänemark durch Georg Zoëga zum Tragen kam (Randsborg 1992, S. 211; siehe Bd. 1, S. 11). Dass man sich in Deutschland nicht der skandinavischen Urgeschichte anschließen konnte und die Keltomanie Großbritanniens und Frankreichs keine große Rolle spielte, hängt vermutlich auch mit den großen regionalen Unterschieden der historischen Völker im deutschsprachigen Raum zusammen, die eine Identifizierung mit nur einer Wurzel schwermachte. Man sieht das aus den Streitigkeiten, die im 19. Jahrhundert entstanden, als man eine solche Identifikation versuchte und begann, sie mit archäologischen Objekten zu füllen (siehe S.  332). Dass das Gedankengut der Druidenreligion allerdings auch in Deutschland eindrang, u.  a. durch die Hugenotten, zeigen Übersetzungen wie die des Werkes von William Cooke 1754 aus dem Jahre 1756 durch J. P. Cassell (Cooke 1754[1756], Vorrede). Wie wir gesehen haben, war aber bis 1800 weder eine keltische noch eine germanische oder slawische archäologische Kultur definiert, die Zugpferd einer Identifikation hätten werden können. Dagegen konnte das aufstrebende Bürgertum des 18.  Jahrhunderts den für seine Lebensform grundlegenden Freiheitsgedanken aus der griechischen Antike begründen. Wenn auch die ersten Vertreter dieser Geistesrichtung auf dem Gebiet der Archäologie aus Frankreich und England stammten und vor allem England bei der Beschreibung der Altertümer Griechenlands zum Vorreiter wurde (siehe S.  6), war doch der eigentliche methodische Begründer dieser Richtung Johann Joachim Winckelmann. Die große Akzeptanz der von Winckelmann formulierten Gedanken, besonders die Begründung der Schönheit durch die Freiheit und der Niedergang der Schönheit durch ihren Verlust (Winckelmann 1764[1934], S. 332), machte im Kampf

162 Fontane, Theodor (1861[1987]): Wanderungen durch die Mark Brandenburg, Bd. 1: Die Grafschaft Ruppin. = Theodor Fontane Werke, hrsg. von Walter Keitel und Helmuth Nürnberger, Abt. II, Bd. 1, 3. Auflage, S. 27. München/Wien.

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 Die Aufklärungsarchäologie

gegen Napoleon und im Vormärz das gemeinsame Griechentum zur Leitfigur des deutschen Einheitsgedankens und der damit verbundenen Freiheit. Außerdem fällt es auf, dass in dieser Zeit besonders oft dynastische, religiöse und ethnische Krisenregionen archäologisch fruchtbar wurden. Das betrifft z.  B. die immens politische Arbeit Jean-Jacques Chifflets aus der religiös-nationalen Konfliktzone zwischen Frankreich, dem Habsburgerreich und den Generalstaaten. Auch das deutsch-dänische Mischgebiet Südjütlands, das multinationale protestantischkatholische Schlesien und Südwestdeutschland mit dem Elsass und der Schweiz zeigen ähnliche Erscheinungen. Die dänisch-norddeutsche prähistorisch-archäologische Schule hatte es trotz ihrer methodischen Fortschrittlichkeit schwer, wegen ihrer pietistischen, aber auch ihrer regionalen Prägung einen Einfluss im übrigen Deutschland und im Ausland zu gewinnen. Die frühe Abkehr vom Latein mag hier auch eine Rolle gespielt haben (siehe S.  213). Dass ihre Arbeiten trotzdem in der französischen Aufklärung Gehör fanden, liegt an ihrer empirischen, durch die oberitalienische Medizinerschule geprägte Ausgrabungsmethode.

2 Die historistische und frühe evolutionistische Archäologie der ersten Hälfte des 19. Jahrhunderts und die Grundlegung der heutigen archäologischen Disziplinen 2.1 Zum politischen, sozialen und institutionellen Umfeld Die erste Hälfte des 19. Jahrhunderts brachte mit der Gründung des dänischen Nationalmuseums eine weitere wissenschaftliche Organisation der Ur- und Frühgeschichtlichen Archäologie in Skandinavien, in der diese Disziplin ihre ersten methodischen Lehren erarbeiten und kodifizieren sollte. Die anderen europäischen Länder gelangten aus verschiedenen Gründen erst nach 1850 zu entsprechenden Institutionen wie z.  B. dem Römisch-Germanischen Zentralmuseum in Mainz 1852. In Mitteleuropa, aber auch in England und Frankreich waren öffentliche bzw. fürstliche Einrichtungen überwiegend noch den antiken Funden der klassischen Länder sowie Ägyptens vorbehalten.

2.1.1 Sammlungen Das 1807 entstandene Nationalmuseum (Nationalmuseet) in Kopenhagen ging aus der königlichen Sammlung und letztlich dem Museum von Ole Worm hervor (siehe S. 23  f.). Es wurde wohl durch die französische Idee des 1793 gegründeten Musée des Monuments Français angeregt (Klindt-Jensen 1975, S. 46). Dabei besaß das französische Institut keine eigene Abteilung für prähistorische oder frühgeschichtliche Funde, sondern beherbergte Ägyptisches, Antikes, Gallorömisches und vor allem mittelalterliche Kunstwerke. In erster Linie diente es der Rettung der durch die Revolution geschändeten Königsgräber und Kunstschätze aus Abteien wie Cluni oder Saint-Dénis (Lenoir 1800, S. 14  f.; Lenoir 1801, S. 14  ff.). Die Idee des Gründers Alexandre Lenoir, einen Ort für schützenswerte Objekte in gefährlicher Zeit zu schaffen, war jedenfalls auch auf ur- und frühgeschichtliche Funde übertragbar, zumal nationale Monumente in den skandinavischen Ländern mit ihrer ur- und frühgeschichtlich begründeten nationalen Identität für die ältere Geschichte nur ur- und frühgeschichtliche Denkmäler sein konnten. Der unmittelbare Anlass und die Geschichte der Gründung des dänischen Nationalmuseums sind hinreichend bekannt, dass es sich um ein öffentliches Museum handelte, selbstverständlich (Brøndsted 1957, S.  7  ff.; Klindt-Jensen 1975, S.  46  ff.; Kristiansen 1981, S. 20  f ). Die Museumsgründung wurde eingeleitet durch Denkmalschutzmaßnahmen, in deren Zusammenhang eine königliche Kommission für den Schutz und die Sammlung von Altertümern ins Leben gerufen wurde, zunächst als

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Teil des Museums163. Der Philologe und Theologe Børge Riisbrigh Thorlacius, ein Mitglied dieser Kommission und Professor an der Kopenhagener Universität, schrieb über die Bedeutung der Denkmäler für die Gegenwart: „They remind us about the heroic deeds of the Scandinavian, they speak loud about his strength and giant force [im dänischen Original: Kaempestyrke = Kampfstärke], they offer a rich opportunity to compare the past and the present“ (Thorlacius 1809, S. 68, zit. englisch nach Kristiansen 1981, S. 22  f.)164. Das Museum gewann durch Christian Jürgensen Thomsen, der von 1816 an für die Sammlung zuständig war, ausschlaggebende Bedeutung für die Entwicklung der Methode der Ur- und Frühgeschichtlichen Archäologie. Einerseits war dort eine kleine, aber repräsentative Auswahl von Funden verschiedener Zeiten aus einem relativ einheitlichen Gebiet vorhanden, andererseits waren aber vor allem auch die Fundzusammenhänge und Fundumstände zuverlässig archiviert worden. Man profitierte davon, dass wichtige Ausgräber wie Erik Pontoppidan in der Lage gewesen waren, Nachbestattungen zu erkennen (siehe S. 58). So konnten die hier verwahrten Funde zur Grundlage des archäologischen Beweises des Dreiperiodensystems werden (siehe S. 321; Jensen 1992; Hansen 2001, S. 12). Kopenhagen wurde auch für andere skandinavische Museen zum Vorbild, so für das durch Bror Emil Hildebrand neugeordnete Historiska Museet der Universität Lund (Klindt-Jensen 1975, S. 61  f.). Hildebrand war 1830 bei Thomsen ausgebildet worden. Seine Leistung in Lund fand so große Anerkennung, dass er 1837 schwedischer Königlicher Antiquar wurde. Dadurch bekam dieses Amt nach längerer Zeit wieder einen hauptsächlich archäologischen Inhalt. In der folgenden Zeit ordnete Hildebrand nun auch die archäologische Sammlung in Stockholm, die er 1844 eröffnen konnte (Klindt-Jensen 1975, S. 64). Wie schon in der Aufklärung kann man auch in der ersten Hälfte des 19. Jahrhunderts zwischen der Entwicklung im norddeutschen Küstengebiet und in Skandinavien sehr ähnliche Erscheinungen feststellen. So ließ der Großherzog Friedrich Franz von Mecklenburg-Schwerin schon im Jahre 1804, also vor der Gründung des dänischen Nationalmuseums, die archäologischen Funde seiner Sammlung vom Naturalienkabinett trennen und richtete das Amt eines Aufsehers über die Sammlung als ein vollwertiges archäologisches Amt ein, das er besonders förderte. Die Veröffentlichung seiner Sammlung im Schloss Ludwigslust (Friderico-Francisceum) legte er in die Hände des Rostocker Professors Hans Rudolf Schröter, der immerhin im Museum in Kopenhagen einige verwertbare Aufzeichnungen machte, seinen großen Plan einer

163 Die Vorlage Frederik Münters zur Gründung der Kommission 1807 in englischer Übersetzung siehe Rowley-Conwy 2007, S. 32, S. 295  ff. 164 Thorlacius, Børge Riisbrigh (1809): Bemærkninger over de i Danmark endnu tilværende Hedenolds-Höie og Steensætninger. Kopenhagen.



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umfassenden Altertumskunde aber nicht verwirklichen konnte (Lisch 1837a, S. V). Er tat sich schwer mit der Aufgabe, zumal die Sammlung kurz zuvor nach Objektklassen geordnet worden war – 1824 konnte er wenigstens die ersten Hefte des Francisco-Francisceums mit Abbildungen zur Publikation vorlegen. Da er aber schon 1823 unheilbar erkrankte und sein Nachfolger bald starb, übergab der Großherzog 1836 das Museum und die Aufgabe der Veröffentlichung an Friedrich Lisch, einen Schüler Schröters, der dann das sechste Heft vollständig neu konzipierte (ebd.; Andre/Schmitz 2001, S. 123). Es handelte sich hier um die Sichtung und Neuordnung eines schon bestehenden, aber durch Lischs Neufunde und die ebenfalls unter seiner Leitung stehende Sammlung des 1835 gegründeten Vereins für mecklenburgische Geschichte und Altertumskunde anwachsenden Materials. Alles legte der Großherzog in eine Hand, auch die Kontrolle der Denkmalpflege. Lisch ordnete die Funde im Museum nun wie Thomsen nach Fundkomplexen (ebd., S.  124). Grundsätzlich hatte aber ein Nationalmuseum selbst in einem kleinen Land wie Dänemark ganz andere Vergleichsmöglichkeiten als eine regionale Sammlung eines deutschen Kleinstaates. Dieser fehlte außerdem die Bedeutung für die nationale Identität, die das dänische Museum für Dänemark beanspruchen konnte. Nicht alle fürstlichen Sammlungen fanden so viel Zuwendung wie die mecklenburgische. Leopold von Ledebur ordnete die Sammlung der preußischen Könige im Schloss Monbijou in Berlin nach dem Material: Keramik und andere Stoffe wurden bei der Aufstellung und der Inventarisierung getrennt und somit die Fundorte und damit auch geschlossene Funde auseinandergerissen. Der Gelehrte rechtfertige dies noch 1838 (Ledebur 1838, S. IX; Bertram 2005, S.  32  ff., S.  52). Dieses Vorgehen ist nicht entschuldbar, da er die dänischen Bemühungen, so auch Christian Jürgensen Thomsens gerade erschienenen Leitfaden, kannte und auch zitierte (Ledebur 1838, S.  34  f.). Im Osten des Reiches machten sich die provinziale Verwaltungsstruktur Preußens und der Mangel einer zentralistischen Denkmalschutzgesetzgebung für die Bodenfunde wie in Mecklenburg im Jahre 1819 bemerkbar: „Gegen 200 Thongefässe [aus einer Grabung zu Cameese, Kreis Neumarkt] kamen in die Breslauer Sammlung, welche dem Museum [Monbijou] drei Stücke gelassen hat“ (Ledebur 1838, S. 52). Gewiss war das auch eine Folge des geringen königlichen Interesses an den einheimischen Funden in Preußen zumindest bis zum Ende der Regierungszeit Friedrich Wilhelms III. Der Kronprinz und spätere König Friedrich Wilhelm IV. interessierte sich für Archäologie, vor allem aber für die klassisch-antiken Monumente und für das Mittelalter. Er förderte allerdings neben dem Instituto di Corrispondenza Archeologica auch die provinzialrömische Denkmalpflege im Rheinland, wo Staatskanzler Karl August Fürst von Hardenberg 1820 das Antiquitätenkabinett für die Rheinisch-Westfälischen Provinzen in Bonn gründete, als dessen Leiter Wilhelm Dorow bestimmt wurde (Allroggen-Bedel 2002–3, S. 415  f., S. 423–426; Meinecke 2013, S.  99). Dorow beachtete die Zusammengehörigkeit der Denkmäler (Dorow 1819/21; siehe S.  297). Der Königliche Regierungs- und Bau-Rath Carl Friedrich Quednow in

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Trier allerdings musste ältere Funde zur Finanzierung seiner Grabungen verkaufen  – die Unterstützung Preußens für die Erforschung und Erhaltung dieser römischen und zugleich vaterländischen Altertümer war zu gering (Allroggen-Bedel 2002–3, S.  27; Meinecke 2013, S.  100). Dass man sich im mittleren und östlichen Teil des Königreichs Preußen von staatlicher Seite so wenig mit den eigenen Altertümern beschäftigte, mag vielleicht auch mit der von Ledebur geäußerten Befürchtung zusammenhängen, man werde hauptsächlich Slawisches finden (Ledebur 1838, S. 60). Interessiert waren dagegen, wie man auch aus den Funden von Cameese sieht, die Breslauer – der Kreis Neumarkt gehörte allerdings tatsächlich zum Regierungsbezirk Breslau, was das nicht entschuldigt, denn der mecklenburgische Großherzog sowie der dänische und der schwedische König hätten alle Funde eingezogen bzw. angekauft. Schlesien aber hatte schon in der Frühaufklärung eine archäologische Tradition entwickelt, die durch die Verbindung zu Kiel internationale Bedeutung erlangt hatte (siehe S.  26), und es behauptete diese auch als erst im Siebenjährigen Krieg erworbener, also neuer Teil Preußens. Dementsprechend versuchte der gebürtige Berliner Johann Gustav Gottlieb Büsching, als preußischer Säkularisierungskommissar die durch die Säkularisierung gefährdeten Kulturschätze und Altertümer aus ganz Schlesien zu katalogisieren und in Breslau zu vereinen (Gummel 1938, S.  128  f.; Hałub 1997, S.  40  ff.). Seine Sammlung zeichnete sich dadurch aus, dass nicht nur die Fundorte der Stücke, sondern auch ihre Fundzusammenhänge verzeichnet waren (Büsching 1824, S.  5). Friedrich Carl Hermann Kruse zufolge archivierte er Angaben zum Material, den Maßen und der Form, eine Zeichnung des Stückes sowie Fundort und Namen des Einsenders (Kruse 1819, S. 61). Außerdem bemühte sich Büsching auch um Vergleichstücke aus anderen Regionen, auch Nachbildungen waren ihm willkommen (Schlette 1979, S.  528). Es ging ihm dabei vor allem um einen größeren Überblick und um die Kenntnis der Verbreitung bestimmter Erscheinungen (Büsching 1824, S. 6). Auch er beklagte darüber hinaus den schlechten Zustand der deutschen Sammlungen, vielleicht auch unter dem Einfluss von Christian Jürgensen Thomsen, mit dem er in brieflicher Verbindung stand (Seger 1930; siehe S.  318  f.). Kruse dagegen empfahl, auf geschlossene Funde zu achten und zusammengehörige Gegenstände beieinander zu lassen (siehe S. 308). Auch die Geschichtsvereine und ihre privaten Mitglieder unterhielten Sammlungen (siehe S.  256), die aber teilweise unter wissenschaftlicher Betreuung standen. Lisch z.  B. kümmerte sich nicht nur um die fürstliche Sammlung, sondern auch um die Sammlung des von ihm und seinem Fürsten ins Leben gerufenen Vereins (Andre/ Schmitz 2001, S. 123). Ein weiteres Beispiel bietet Karl Benjamin Preusker, der besonders seit 1824 sicher nicht ohne Beeinflussung durch Büsching und Kruse eine Sammlung in Großenhain (Oberlausitz, Sachsen) einrichtete (Gummel 1938, S. 125; Coblenz 1987, S. 11  ff.; Reuter/Herrmann 2011, S. 83  ff.). Ein Teil der Privatsammlungen der Mitglieder gelangte später in die Obhut der Geschichtsvereine selbst, einige, wie die von



Zum politischen, sozialen und institutionellen Umfeld 

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Preusker, auch in die Bestände der aus den älteren fürstlichen Sammlungen entstehenden Museen165. Die Sammlung des 1843 gegründeten Württembergischen Geschichts- und Altertumsvereins ging 1876 in die 1862 gegründete Staatssammlung für vaterländische Kunst- und Altertumsdenkmale ein, diese ins Württembergische Landesmuseum (Schiek, 1992, S. 20). Stimmen, die sich dafür aussprachen, dass die Funde einer Fundstelle in einer Sammlung beieinanderbleiben sollten, mehrten sich auch in diesem Kreis. Karl Benjamin Preusker gehörte zu ihnen (1829, S. 42). Auch Karl Wilhelmi in Baden hob die Funde aus seiner Grabung bei Sinsheim zusammen auf und wies ausdrücklich darauf hin: Schließlich bemerke ich noch, dass alle diese auf den Tafeln dargestellten Gegenstände, so wie noch sehr viele andere nicht abgebildeten, durchaus nicht zerstreut, sondern wohl zusammen gehalten, und hier in Sinsheim in einem eigenen Schranke zusammen geordnet und aufbewahrt sind. Und recht gern wird dieser, seltene Schätze enthaltende, Schrank jedem Freunde Deutschen Alterthumes geöffnet (Wilhelmi 1830, S. 182).

Außerordentlich aufschlussreich über den Zustand der deutschen archäologischen Sammlungen noch am Ende der hier behandelten Epoche ist ein Reisebericht des Dänen Jens Jakob Asmussen Worsaae (1846). In Kenntnis der skandinavischen Sammlungen bereiste er Mecklenburg, Preußen, Sachsen, Österreich, Bayern, Baden, das Elsass, Hessen und Hannover. Lediglich einige der nördlichen Sammlungen, vor allem die von Lisch betreute in Ludwigslust, hielt er für brauchbar. Sonst herrsche eine große Unordnung. In Bayern und Österreich systematisiere man überhaupt nicht. Es zeige sich, dass man früher versäumt habe, den Herkunftsort von Funden und bei Grabfunden „Form und Einrichtung jener Gräber“ zu verzeichnen (Worsaae 1846, S. 18). Wie dies schon bei Ledebur anklang, war das Problem einer deutschen Identifikation mit den Vorfahren auch nach Worsaae ein Haupthinderungsgrund für die Entfaltung der Erforschung der einheimischen Archäologie. Die Frage des Ethnikums der ehemaligen Bewohner der einzelnen Regionen Deutschlands stellte das Hauptthema der Diskussionen dar, ließ sich nicht vereinheitlichen und überlagerte das der Chronologie (siehe S. 338  ff.). Zum Slawenproblem des Ostens kam das Germanen- Keltenund Römerproblem des Westens. Folglich war, wie auch Worsaae sah, das Mittelalter für die nationale deutsche Identifikation besser tauglich als die Urgeschichte. Die Germanisierung der Reihengräberfelder im Westen und Süden Deutschlands durch Karl

165 Zusammenstellung: Gummel 1938, S. 131  f.; Preusker organisierte die Übergabe seiner Sammlung 1853 an das Antikenkabinett noch selbst und stellte vor allem die Bedingung, dass die Funde zusammenbleiben sollten. Er kümmerte sich auch um die Schränke für die Aufbewahrung. Erst 1879 wurde sie zum Grundstock der Prähistorischen Staatssammlung in Dresden (Coblenz 1987, S. 13  ff.).

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Wilhelmi und die Brüder Lindenschmit war jedenfalls auf die anderen Regionen nicht übertragbar (siehe S. 341). Dazu kam der immer noch überwiegende Humanismus. Die Deutschen standen damit nicht allein: Als Charles Roach Smith die auf Ausgrabungen beruhende Sammlung überwiegend angelsächsischer Grabfunde von Bryan Faussett Mitte des 19. Jahrhunderts dem 1753 gegründeten Britischen Museum London anbot, stieß er auf Desinteresse (Faussett [1757–1773] 1856, S. V). Die Abteilung der Altertümer enthielt zu diesem Zeitpunkt noch eine Mischung von Funden verschiedenster Provenienz. Das Ashmolean-Museum in Oxford dagegen nahm 1829 durch Vermittlung von Sir Richard Colt Hoare angelsächsische Funde aus den 1793 publizierten Grabungen von James Douglas auf und besaß damit einen auswertbaren Bestand frühgeschichtlicher Grabfunde mit Dokumentation (Douglas 1793; University of Oxford 1951, S. 63; siehe S. 118). Das sonst so fortschrittliche Frankreich kam dagegen mit der Gründung eines der Archäologie des Landes gewidmeten Museums in der ersten Hälfte des 19. Jahrhunderts überhaupt nicht voran. Das oben erwähnte Musée des Monuments Français entwickelte sich nicht weiter. Pierre Jean-Baptiste Legrand d’Aussy machte vergeblich den Vorschlag, wenigstens eine Sammlung von Nachbildungen jedes Typs anzulegen. Versuche, ein Museum für die ‚nationalen Antiquitäten‘ zu gründen, scheiterten 1819. Auch 1843/46 kam es trotz des Eingreifens von Jacques Boucher [de Crèvecœur] de Perthes noch nicht zu einer Gründung, und erst unter Napoleon III. entstand das Musée des antiquités nationales in Saint-Germain-en-Laye im Jahre 1867 (Lantier 1935, S. 85  ff.; Wahle 1950[1964], S. 50; Daniel 1975, S. 32; Moisset 1977, S. 92  ff.; Méry de Bellegarde 1984, S. 14; Schnapp 1993, S. 279).

2.1.2 Ausbildung, Lehre und berufliche Tätigkeit Keinesfalls kann man diejenigen Gelehrten, die sich in dieser Zeit mit ur- und frühgeschichtlichen Funden und Ausgrabungen beschäftigten, rundweg als Dilettanten bezeichnen, wie dies z.  B. Ernst Wahle tat (Wahle 1950[1964], S. 37  f.). Die Mehrheit besaß wie in den Jahrhunderten davor eine wissenschaftliche Ausbildung (siehe Tab. 1). Die überwiegende Fächerwahl allerdings hatte sich geändert, denn seit der Mitte des 18. Jahrhunderts begannen die Geschichtswissenschaft und die Philologien sich wissenschaftlich zu etablieren und wurden attraktive Studienfächer. Deshalb wählten die am Altertum jeglicher Art interessierten Studenten nun Studiengänge auf historischem und philologischem Gebiet. Die Wahl der häufig kombinierten Theologie oder auch, seltener, Jura, erklärt sich einerseits durch die Aussicht auf einen gesicherten Lebenslauf durch die Ausbildung an einer der alten Fakultäten, andererseits aber auch dadurch, dass viele der Studenten schon aus Pfarrers- oder Juristenfamilien kamen und das Studienfach deshalb nahelag. Die spätere Abwanderung in das neue Fach Geschichte und sogar in die exotische Archäologie entsprach dann dem eigentlichen Interesse.



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Johann Gustav Gottlieb Büsching z.  B. stammte aus einer Lehrer- und Theologenfamilie, studierte in Halle, Erlangen und Berlin Jura und habilitierte sich dann in Diplomatik, d.  h. in Historischen Hilfswissenschaften. Karl Wilhelmi arbeitete nach seinem Studium der Theologie und Philologie in Heidelberg tatsächlich als Pfarrer in Sinsheim bei Heidelberg, war schon als Schüler in Kontakt mit dem sich formierenden Heidelberger Kreis der Romantiker gekommen und betrieb seine archäologischen Studien nebenbei (Wahle 1933[1964], S. 1  ff., S. 137). Friedrich Kruse, der Katholik Heinrich Schreiber, übrigens aus einer mittellosen Familie adliger Dienstleute (Garscha 1950, S. 3–18; Bittel 1981, S. 22; Speck 1996, S. 73), Hans Rudolf Schröter und sein Schüler Friedrich Lisch sowie Johann Friedrich Danneil hatten alle Geschichte, Philologie oder Theologie studiert und sich später beruflich der Geschichte und der einheimischen Archäologie zugewandt. Schreibers Studienprogramm war außerordentlich weit gefächert (Speck 1996, S. 74). Ihre Studienorte waren Berlin, Freiburg, Göttingen, Halle, Jena, Leipzig und Rostock. Aus demselben überwiegend protestantisch-theologischen Kreis kamen übrigens auch die Philosophen des deutschen Idealismus Johann Gottlieb Fichte, Georg Wilhelm Friedrich Hegel und Friedrich Wilhelm Joseph Schelling (Gamm 1997). Schreiber hatte als sehr kritischer katholischer Theologe große Probleme an der katholischen Freiburger Universität (Speck 1996, S. 91). Die gleiche Ausbildung in Theologie und Geschichte erwarb auch der Schwede Bror Emil Hildebrand auf der Universität Lund – sein Vater übte allerdings als Bergwerksingenieur einen eher naturwissenschaftlichen Beruf aus (Berghaus 1983, S. 337). Auch Rasmus Nyerup und Friedrich Karl Heinrich Münter, die archäologischen Lehrer Thomsens, waren Theologen und Philologen (Nyerup 1829, S.  22  ff.; ADB 23, 1886, S. 35–37, Stichwort „Münter, Friedrich“ [Carstens, Carsten Erich]). In Frankreich findet man ebenfalls Juristen und Philologen in der prähistorisch-archäologischen Forschung wie Arcisse de Caumont oder Pierre Jean-Baptiste Legrand d’Aussy. Insofern setzte sich, was den interessierten Personenkreis betrifft, in der ersten Hälfte des 19. Jahrhunderts noch die dritte Phase der Aufklärung fort. Auch inhaltlich gibt es viele Gemeinsamkeiten (siehe S. 233). Es ist jedenfalls bemerkenswert, dass Mediziner, die früher so häufig Interesse für archäologische Studien zeigten, in dieser Zeit in unserem Kreis selten sind. Eine gewichtige Ausnahme stellen der schwedische Biologe Sven Nilsson sowie die dänischen Biologen und Geologen Johannes Japetus Smith Steenstrup und Johann Georg Forchhammer und der Anatom Ib Pedersen Ibsen dar – letztere arbeiteten als Naturwissenschaftler mit Christian Jürgensen Thomsen und Jens Asmussen Worsaae zusammen und wurden für die weitere Entwicklung der naturwissenschaftlichen Richtung der Archäologie in der zweiten Hälfte des 19. Jahrhunderts bedeutsam, in der dann wieder viele Naturwissenschaftler sich der archäologischen Forschung zuwandten (siehe Bd. 1, S. 16  f.). Besonderes Interesse verdienen auch die Gebrüder Wilhelm und Ludwig Lindenschmit. Auch sie gehörten zu den Akademikern, denn sie studierten zwischen 1825 und 1831 auf der Königlichen Akademie für Bildende Künste in München bei dem

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Nazarener Peter von Cornelius, von dem sie mit Sicherheit eine kunsthistorische Ausbildung in alter Kunst bekamen. Beide arbeiteten später als Kunstlehrer (Gummel 1938, S. 438; Böhner 1978, S. 24  ff.; Panke 1998, S. 758; Hase 2004, S. 587)166. Außerdem war Ludwig aber von seinem 18. Lebensjahr an vier Jahre lang an der Münchner Universität für Philosophie und Geschichte eingeschrieben, wo u.  a. Friedrich Wilhelm Joseph Schelling Philosophie, Johann Joseph Görres Geschichte und Ludwig von Schorn „Archäologie oder Geschichte der Kunst des Alterthums“ anboten (Panke 1998, ebd., Anm. 443). Im Gegensatz zu den Archäologen des 16. und 17.  Jahrhunderts hat keiner der hier untersuchten deutschen Gelehrten des frühen 19. Jahrhunderts im Ausland studiert. Anders aber einige Dänen, die nach dem bestandenen Theologieexamen an der Kopenhagener Universität ein Auslandsstipendium erhielten wie Børge Riisbrigh Thorlacius und der gebürtige Deutsche Friedrich Christian Carl Heinrich Münter, die beide u.  a. in Göttingen Christian Gottlob Heyne hörten, den klassischen Altertumsforscher, der sich mit Winckelmann auseinandergesetzt hatte (siehe S. 203). Münter gelangte gar nach Italien. Bror Emil Hildebrand kam aus Lund zur Weiterbildung bei Thomsen nach Kopenhagen. Über die Geschichtsvereine, die Sammlungen oder auch ihre berufliche Tätigkeit kamen jedoch auch echte ‚Quereinsteiger‘ zur Beschäftigung mit einheimisch-archäologischen Funden. Einige von ihnen wurden für die Entwicklung des Faches bestimmend und beeinflussten den unsere heutigen Methoden begründenden Paradigmenwechsel von 1850 mehr als die meisten der oben genannten Akademiker. Hierher gehören im deutschen Sprachgebiet adlige Privatgelehrte wie der Kammerherr Georg Otto Carl Freiherr von Estorff oder Beamte wie der Rentamtmann Karl Preusker (Wiemer/ Görner 2011, S. 19  ff.) oder der Topograph Eduard Paulus der Ältere, nicht zuletzt aber der Bergmeister Ramsauer (Gummel 1938, S.  396  ff.; Bittel 1981, S.  22; Kreienbrink 2007, S. 4; Kreienbrink 2012). Von Estorff, Paulus und Ramsauer eint, dass sie auch Vermessungsfachleute waren, also für die technische Seite der Ausgrabungen besser ausgebildet als die Doktoren der Fächer Theologie, Jura, Philosophie oder Philologie. Ein ‚Quereinsteiger‘ war in gewisser Weise auch Christian Jürgensen Thomsen, wenn man den Mangel eines Universitätsstudiums als Kriterium werten möchte. Er hatte als Sohn einer der bedeutenden Kaufmannsfamilien Kopenhagens eine Kaufmannslehre absolviert, allerdings eine ausgezeichnete Privatausbildung genossen. An archäologische Fragen wurde er von zwei Professoren der Kopenhagener Universi-

166 Bei Hase (2004, S. 587) wird zwar die entsprechende Literatur zitiert, aber das Münchner Studium nicht erwähnt, und es heißt: „Obwohl ohne eine entsprechende Ausbildung, war er doch  … durch ernstzunehmende archäologische Publikationen an die Öffentlichkeit getreten“. Von einem Laien ohne Ausbildung kann aber gar nicht die Rede sein, wenn auch ein herkömmlicher Studienabschluss fehlte und das Kunststudium in Düsseldorf fortgesetzt werden sollte (Panke 1998, S. 760) – unklar erscheint, ob die Abschlussarbeit in München als Meisterarbeit zu werten war.



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tät, dem Theologen Friedrich Münter und dem dänischen Philologen Erasmus Nyerup herangeführt, das erlernte Geschichtsbild entsprach allerdings noch dem weltchronistischen Paradigma (Jensen 1987, S. 5; Hansen 2001, S. 14  ff.; siehe S. 319). Das System des Anlernens spielte in Dänemark aber beim konsequenten Ausbau des Dreiperiodensystems in der Nachfolge von Thomsen weiterhin die Hauptrolle, zumal man es nirgendwo studieren konnte: von den wichtigen Leuten waren Jens Jacob Asmussen Worsaae, Christian Frederik Herbst und Conrad Engelhardt auf diese Weise von Thomsen erzogen worden und gehörten so in seine Schule. Worsaae hatte schon als Schüler Kontakt zu Thomsen, studierte nach dem Abitur aber erst Jura, um dann jedoch bald an das Museum zu Thomsen zurückzukehren (Street-Jensen 1985, S. 5  ff.). Auch in England spielte das Anlernen innerhalb der Gesellschaften eine Rolle und ersetzte das oft fehlende Studium wie bei Charles Road Smith. Die Ergebnisse des Zollinspektors Jacques Boucher de Perthes in Abbeville (Somme), eines späten Quereinsteigers, sind durch die Auseinandersetzung mit der Geologie und Paläontologie zu erklären, wie sie in Frankreich in der Nachfolge von Georges Louis Leclerc Comte de Buffon (siehe S.  134) und von Georges Cuvier häufig wurde (siehe S. 270). Mit wissenschaftlichen Fragen kam Boucher de Perthes als Präsident einer der vielen wissenschaftlichen Gesellschaften in Berührung, der schon sein Vater angehört hatte. Seine archäologischen Kenntnisse und Methoden allerdings stammten von einem wissenschaftlichen Freund, dem schon mit 35 Jahren verstorbenen Arzt Casimir Picard (Chaline 1998, S. 330  ff.; Sackett 2014, S. 5)167. Während der Anteil an Universitätsprofessoren und anderen hohen akademischen Würdenträgern sowohl bei den archäologisch arbeitenden Medizinern als auch bei den Juristen in der Spätrenaissance und der Aufklärung sehr hoch war, gelangten in der ersten Hälfte des 19. Jahrhunderts nur wenige der prähistorisch tätigen Gelehrten in ein akademisches Amt, das ihnen die Weitergabe ihrer Kenntnisse erleichtert hätte. Diejenigen, die es aber dahin schafften, boten tatsächlich auch regelmäßig Lehrveranstaltungen zur einheimischen Archäologie an. Dass im deutschen Sprachgebiet keine Mediziner mehr unter ihnen sind, ist auch als ein Schritt zur für die Zeit typischen Integration in die Geschichtswissenschaft zu werten. Ein gutes Beispiel hierfür gibt der Jurist Johann Gustav Gottlieb Büsching, der 1816 die Venia Legendi für Diplomatik errungen hatte und 1822 in Breslau auch eine ordentliche Professur für Kunstgeschichte, Urkunden- und Wappenkunde erhielt168. Sein Abriß der Deutschen Alterthumskunde war, wie der Untertitel sagt: Zur Grundlage von Vorlesungen bestimmt. Seine Vorlesung „Deutsche Alterthümer mit Benutzung der Alterthümersammlung“ hielt er in den Zwanzigerjahren acht Mal (Hałub 1997, S.  62). Er gab also mit seiner

167 Mit weiterer Literatur, zum Leben Boucher de Perthes siehe Cohen/Hublin 1989, S. 25  ff., S. 32 skeptisch zur Wertung als Autodidakt. 168 Meves, Uwe (2011): Deutsche Philologie an den preußischen Universitäten im 19.  Jahrhundert. Dokumente zum Institutionalisierungsprozess, S. 241, S. 250. Berlin.

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privaten Sammlung, die er ab 1817 selbst für den Unterricht aufgebaut hatte, Anschauungsunterricht. Die Sammlung erhielt damit den Charakter eines Universitätsmuseums (ebd., S. 64). Dennoch wird man ihn wohl kaum als „ersten deutschen Ordinarius unserer Wissenschaft“ (Schlette 1967, S. 161) oder als Inhaber „des ersten Lehrstuhls unseres Faches in Deutschland überhaupt“ bezeichnen können (Kossack 1999, S. 20), denn sein Lehrstuhl entsprach eher den Historischen Hilfswissenschaften. Allerdings könnte man die vielleicht erstmals regelmäßige Präsenz ur- und frühgeschichtlicher Lehre an einer deutschsprachigen Universität doch als einen Schritt in Richtung auf die Institutionalisierung des Universitätsfaches werten (Hałub 1997, S. 66  f.)169. Büschings Bedeutung lag aber eher im Bereich des Aufbaus der altdeutschen Germanistik, des Archivwesens und der Rettung der durch die Säkularisierung heimatlos gewordenen geistlichen Archive Schlesiens, die archäologische Forschung spielte also nur eine Rolle unter anderen historischen Disziplinen (Schlette 1979, S. 524  f.). Außerdem fand seine Tätigkeit an der Universität nach seinem frühen Tod 1829 auch keinen Nachfolger, so dass es zu keiner weiteren Entwicklung eines In-stituts kam. Seine Vorlesungen zum Altertum allerdings wurden gut besucht (Hałub 1997, S. 65). Büsching war aber nicht der einzige, der ur- und frühgeschichtliche Funde in den historischen Unterricht einbrachte. Friedrich Carl Hermann Kruse gelang es immerhin, den Thüringisch-Sächsischen Verein für Erforschung des vaterländischen Alter­ thums und Erhaltung seiner Denkmale und dessen Sammlung 1822 mit der Universität Halle räumlich und organisatorisch zu verbinden (Schlette 1967, S. 163, S. 171). Seit 1821 bekleidete er hier das unbesoldete Amt eines außerordentlichen Professors für alte und mittlere Geschichte und wird diese Universitätssammlung auch im Unterricht verwendet haben. Kruses Einfluss auf die Entwicklung der Ur- und Frühgeschichtlichen Archäologie in Deutschland endete allerdings schon 1828 mit seiner Berufung auf eine besoldete Professur an der Universität Dorpat (Tartu, Estland) (Schlette 1967, S. 168). Heinrich Schreiber dagegen konnte in Freiburg trotz vieler Auseinandersetzungen mit seinen Kollegen am Ende seiner Karriere auf 40  Jahre Universitätstätigkeit von 1826 an zuerst in Theologie und dann ab 1836 in Historischen Hilfswissenschaften und Geschichte der deutschen Sprache und Literatur zurückblicken und avancierte sogar zum Prorektor der Universität (Garscha, 1950, S. 3–18; Bittel 1981, S. 22)170. Vom WS 33/34 an bot er auch Vorlesungen zu archäologischen Themen an (Speck 1996, S. 84; Fehr 2006, S. 534). Noch innerhalb der theologischen Fakultät: – Vom WS 33/34 bis zum SS 36 Archäologie der Christen.

169 Zu früheren Versuchen zur Einbindung entsprechender Inhalte in die Lehre siehe S. 18, S. 216. 170 Von Haus aus katholischer Theologe, verlor Schreiber 1846 durch seinen Austritt aus der katholischen Kirche 1845 seine Professorenstelle an der Freiburger Universität, nachdem man ihn schon 1836 aus der theologischen Fakultät entfernt hatte (Speck 1996, S. 91  f., S. 100  ff.).



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Innerhalb der philosophischen Fakultät: – WS 40/41 Archäologie der christlichen Kultur (ausgefallen), – WS 37/38, WS 38/39 und SS 40 Deutsche Altertumskunde (WS 37/38 ausgefallen), – SS 41 Altertumskunde von Deutschland, – WS 43/44 Einleitung in die römische Numismatik, – WS 43/44 Keltische Altertumskunde in Vergleichung mit der Germanischen, – WS 44/45 Numismatik der Deutschen. Andere, wie Friedrich Creuzer in Heidelberg, lehrten zwar auf ihrer Professur für Theologie oder Geschichte ur- und frühgeschichtliche Inhalte, berücksichtigen aber keine archäologischen Funde (siehe auch S. 334). Dennoch wurde Creuzer z.  B. für seinen Schüler Karl Wilhelmi wichtig (siehe S. 354). Außerdem gewann er großen Einfluss auf die frühen Arbeiten von Carl Ritter. Ritter wurde 1820 als Geograph nach Berlin berufen und erreichte dort die Akademiemitgliedschaft (Demandt 1979, S. 74; Demandt 1992, S. 159, S. 175). Bedeutung besitzt er als Begründer der Anthropogeographie und als einer der Urväter der für die Ur- und Frühgeschichtliche Archäologie teilweise fatalen, aber als Theorie wichtigen Kulturkreislehre (Ritter 1852; siehe Bd. 1, S. 34). Es lässt sich also schließen, dass sich die Situation der Lehre für die nicht mediterranen archäologischen Funde an den deutschen Universitäten in der ersten Hälfte des 19. Jahrhunderts gegenüber der Zeit vom Ende des 16. bis zum Ende des 18. Jahrhunderts nur geringfügig verbessert hatte (siehe S. 20). Anders aber die klassischen Kulturen! Dies zeigt sich in der Konzeption der Berliner Universität 1810 genauso wie in der Gründung der Urinstitution des Deutschen Archäologischen Instituts, des u.  a. von Eduard Gerhard und Christian Karl Josias Freiherr von Bunsen ins Leben gerufenen Instituto di Corrispondenza Archeologica in Rom 1828/29 (Rieche 1979, S. 5  ff.). Sieht man sich den Ausbildungsgang Klassischer Archäologen der frühen Jahrhundertmitte an, die in der ersten Hälfte des 19. Jahrhunderts im Rahmen der Klassischen Altertumskunde schon einen anerkannten Universitätsbetrieb besaßen, so konnten schon die meisten auf ein Universitätsstudium der Altertumswissenschaft zurückgreifen, das jedoch fast ausschließlich klassisch-philologisch und nicht archäologisch ausgerichtet war. Interessant ist aber, dass die dänischen Studenten und Mitbegründer des Nationalmuseums in Kopenhagen Børge Riisbrigh Thorlacius und Friedrich Münter in Göttingen Vorlesungen über das Klassische Altertum bei Christian Gottlob Heyne gehört hatten, insofern also auch eine Beeinflussung der dänischen einheimischen Archäologie durch die Diskussionen um Winckelmanns Methode am Ende des 18. Jahrhunderts stattfand (siehe S. 203). Als typisch für die philologisch geprägte Klassische Altertumskunde der ersten Hälfte des 19.  Jahrhunderts sind Karl Otfried Müller (1797–1840), Friedrich Gottlieb Welcker und Eduard Gerhard (Berghaus 1983, S.  301, S.  304) zu nennen  – wichtig wurden für die Ausbildung auch die Altphilologen August Böckh (1785–1867) und Friedrich August Wolf (1759–1824) an der Berliner Universität (Unte 1979, S.  9  ff.; Trabant, 2009, S.  25  ff.; Poiss 2009, S.  50  ff.). Erst in den Vierzigerjahren kam die

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archäologische Forschung innerhalb der Klassischen Altertumswissenschaften durch Ernst Curtius in Forschung und Lehre voran (Wrede 2009, S. 169  f.), also gleichzeitig zu den Fortschritten der Ur- und Frühgeschichtlichen Archäologie durch Heinrich Schreiber in Freiburg (siehe S. 254).

2.1.3 Ämter und Gesellschaften Während in der Aufklärung noch überwiegend allgemeine Gesellschaften wissenschaftlich Interessierte zusammengeführt hatten, überwogen nun nach den Befreiungskriegen in Deutschland, den österreichischen Ländern und in Frankreich historische Vereine, die aber auch oft das Altertum in ihrem Titel führten. Es handelt sich um Laienorganisationen mit teilweise fachlicher Anleitung, deren Hauptanliegen in der Regional-, Heimat- und Nationalgeschichte lag171. Da man nach den Erfahrungen der Revolutionskriege die politische Integration möglicher Revolutionäre und die Schaffung eines Regional- und mit ihm verbundenen Nationalbewusstsein anstrebte, wurden die Vereine in Deutschland von den Regierungen gefördert (Heimpel 1972,

171 Wissenschaftliche Vereine allgemeiner Art oder gemeinnützliche Vereine waren vielerorts schon im Zeitalter der Aufklärung und der Französischen Revolution entstanden, wie z.  B. die Oberlausitzische Gesellschaft der Wissenschaften von 1779. Ab 1819 nach der Gründung der Gesellschaft für ältere deutsche Geschichtskunde in Frankfurt am Main als Trägerin der Monumenta durch den Freiherrn vom Stein entstanden überall regionale Geschichtsvereine, die von den jeweiligen Regierungen der deutschen Kleinstaaten gegründet, protegiert und teilweise auch geleitet wurden. Die Entwicklung des Vereinswesens spiegelt hier u.  a. die wachsende Spezialisierung der Wissenschaften und die wachsende Bedeutung der Geschichtswissenschaft im 19. Jahrhundert. Daten zu Gründungen historischer Vereine im deutschsprachigen Gebiet: Gummel 1938, S. 200  ff.; Wahle 1950[1964], S. 36; Heimpel 1972, S. 48  ff.; Mikoletzky 1994, S. 12  ff. Eine Liste der im Gesamtverein zusammengeschlossenen Vereine mit den Gründungsdaten gibt nach dem Correspondenzblatt des Gesamtvereins von 1853 auch Wendehorst (2002, Anm. 49): 1812 der Verein für Nassauische Alterthumskunde und Geschichtsforschung in Wiesbaden; 1819 der Thüringisch-Sächsische Verein für Erforschung des vaterländischen Alterthums in Naumburg, ab 1824 in Halle; 1818 der Verein für Schlesische Geschichte, Kunst und Alterthümer (gestiftet von Kruse und Büsching); 1824 die Gesellschaft für pommersche Geschichte, Alterthumskunde und Kunst (Stettin; Sammlungen in Stettin und Greifswald); ebenfalls 1824 der Königlich Sächsische Verein für Erforschung und Erhaltung vaterländischer Geschichts- und Kunstdenkmale; 1825 der Vogtländische Alterthumsforschende Verein zu Hohenleuben; 1830 die Sinsheimer Gesellschaft zur Erforschung der vaterländischen Denkmale der Vorzeit; 1833 die Schleswig-Holstein-Lauenburgische Gesellschaft für vaterländische Geschichte (heute Gesellschaft für Schleswig-Holsteinische Geschichte); 1835 zum 50jährigen Regierungsjubiläum des Großherzogs Friedrich-Franz der Verein für meklenburgische Geschichte und Alterthumskunde, der im Gegensatz zu vielen anderen Vereinen mit den Jahrbüchern von 1836 an regelmäßig publizierte; 1843 der Württembergische Geschichts- und Alterthumsverein, der allerdings im Verein für Vaterlandskunde eine 1822 gegründete Vorgängerinstitution besaß. In Österreich-Ungarn wurden die Gesellschaften staatlicherseits im Gegensatz zu Kleindeutschland nicht gern gesehen, da man nationale Auflösungserscheinungen befürchtete. Deshalb waren die Vereine mit Museen verbunden, in Brünn, Prag oder Linz (Mikoletzky 1994, S. 13).



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S. 51). Aus archäologischer und historischer Sicht dienten sie vor allem der Rettung und Sammlung von Geschichtsquellen jeder Art, ein in der Zeit der Säkularisierung und des wirtschaftlichen Umbruchs verdienstvolles und nötiges Anliegen, das sie mit den gleichzeitigen Gründern z.  B. des Nationalmuseums in Kopenhagen verband  – Büschings Tätigkeit in Schlesien ist hierfür typisch (siehe S. 248). Unter den vielen Pfarrern, Ärzten, Apothekern, Lehrern, ehemaligen Offizieren u.  a. fanden sich hier auch die Forscher, die an der Entwicklung archäologischer Methoden weiterarbeiteten wie Johann Gustav Gottlieb Büsching, Friedrich Carl Hermann Kruse, Karl Preusker, Karl Wilhelmi, Georg Otto Carl Freiherr von Estorff, Friedrich Lisch und die Gebrüder Wilhelm und Ludwig Lindenschmit. Büsching rief zwar 1818 zur Gründung des Vereins für schlesische Geschichte, Kunst und Alterthümer auf, konnte damit aber keine dauerhafte Organisation ins Leben rufen (Hałub 1997, S.  71  ff.). Kruse versah dagegen zwischen 1823 und 1828 das Amt des wissenschaftlichen Sekretärs des heute noch bestehenden Thüringisch-Sächsischen Vereins für Erforschung des vaterländischen Alterthums mit großem Erfolg. Preusker z.  B. war in mehreren wissenschaftlichen Gesellschaften in Dresden, Görlitz und Leipzig tätig und erhielt für seine hier u.  a. ausgewertete Arbeit Über Mittel und Zweck der vaterländischen Alterthumsforschung. Eine Andeutung sogar die Silbermedaille der Oberlausitzischen Gesellschaft der Wissenschaften (Preusker 1829; Bierbaum 1927, S.  20  ff.; Gummel 1938, S.  449). Zu seinem Kreis gehörte der Oberlausitzer Polizei-Sekretär Johann Traugott Schneider, Mitglied in teilweise denselben Vereinen. Schneider hatte 1811 aber keine historische, sondern die Naturforschende (ursprünglich Ornithologische) Gesellschaft zu Görlitz ins Leben gerufen und gründete als ihr Vorsitzender 1830 eine Altertumssektion. Er grub selbst Urnengräber aus und publizierte sie (Schneider 1827, Titelblatt; Feyerabend 1890, S.  6; Bierbaum 1927, S.  20; Gummel 1938, S.  455  f.). Seine größte Bedeutung für die Archäologie liegt aber wahrscheinlich in der Vermittlung eines Kontaktes zwischen der sächsischen Forschergruppe und dem Sinsheimer Pfarrer Karl Wilhelmi in Baden, den er als korrespondierendes Ehrenmitglied in seine Gesellschaft aufnahm. 1829 schickten die Görlitzer ihn dann „als ihren Deputirten“ auf die Versammlung der Deutschen Naturforscher und Ärzte in Heidelberg, was ihm Gelegenheit gab, in diesem illustren Kreis auszustellen und vorzutragen (Wilhelmi 1830, S. IX f.)172. Wilhelmi schrieb in seiner Widmung der Vierzehn Todtenhügel: Welchen verehrten Männern des Auslandes sollte ich diese Blätter darbringen, als denjenigen, welche, ebenso wie wir, von Liebe für Deutsches Alterthum erfüllet, auf meine öffentlichen Nachrichten von unsern Ausgrabungen zuerst die hohe Wichtigkeit derselben anerkannt und mich auf ehrende Weise in ihre hoch angesehene Gesellschaft aufgenommen haben? (ebd., S. V).

172 Die Gesellschaft deutscher Naturforscher und Ärzte wurde 1822 gegründet und galt den Konservativen zunächst als gefährlich, wurde jedoch ab 1827 in Bayern, ab 1828 in Preußen (durch Alexander von Humboldt) von den Regierungen gefördert (Poggi 1989, S. 17).

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Der Zeit entsprechend gipfelte auch das Sinsheimer Grabungsunternehmen in der Gründung eines Vereins, der, wie das Mitgliederverzeichnis zeigt, vom Sinsheimer Bürgertum getragen wurde sowie von zahlreichen Beamten, Professoren und Pfarrern der umliegenden Ortschaften einschließlich Heidelbergs. Von den 88 Gründungsmitgliedern stammten 83% aus dem Bürgertum, davon 22 aus Sinsheim, und 17% aus dem Adel; mit 53% überwiegen Beamte, gefolgt von Geistlichen (16%), Lehrern und Professoren (13,6%) sowie Ärzten/Apothekern und Gewerbetreibenden je mit 6,8% (Wilhelmi 1831, S.  6  ff.). Damit spiegelt die Sinsheimer Gesellschaft die Schicht, welche die bürgerliche Entwicklung der Wissenschaften im 19. Jahrhundert geprägt hat. Außerdem aber beteiligte sich die Familie des Großherzogs Markgraf Wilhelm von Baden, der auch selbst ausgrub. Eine aus politischen Ursachen späte Gründung war der Verein zur Erforschung der Rheinischen Geschichte und Altertümer in Mainz im Jahre 1844, der u.  a. durch Ludwig Lindenschmit zu einer treibenden Kraft für die Entstehung des Gesamtvereins wurde. Dieser entstand dann im Jahre 1852 als Gesammtverein der deutschen Geschichts- und Alterthumsvereine, allerdings durchaus auch mit Bedenken und Widerständen der Einzelvereine (Wendehorst 2002, S. 8). Mit der Gründung des Römisch-Germanischen Zentralmuseums in Mainz sowie der ersten Limeskommission innerhalb der Römisch-Germanischen Kommission des Gesamtvereins mündeten sie endlich in wissenschaftliche Organisationen, die bis heute existieren. Eine ganze Reihe der damals gegründeten regionalen Vereine spielt jedoch ebenfalls bis heute eine gewichtige Rolle, so dass man auf der Ebene der Vereine eine Kontinuität seit dem Ende des zweiten Jahrzehnts des 19. Jahrhunderts feststellen kann. Mitunter wurden allerdings die Namen der Vereine und die Konzeption geändert. Auch die 1825 ins Leben gerufene dänische Kongelige nordiske Oldskrift-Selskab besteht bis heute. Am Anfang beschäftigte sie sich zwar nur mit altnordischer Philologie, besonders den Sagas, aber seit 1832 inkorporierte sie die dänische Archäologie; 1830 waren allerdings nur 15–20 % ihrer Mitglieder Akademiker, also weniger als in Sinsheim. 1836 begann die Publikation der Annaler for nordisk oldkyndighed der Gesellschaft, etwas später die Antiquarisk Tidsskrift – beide gingen 1866 in den heute noch bestehenden Aarbøger for Nordisk Oldkyndighet auf. Die französische Entwicklung litt an den konzeptionellen Wirren, die durch die Revolution, die Napoleonische Zeit und die Restauration bedingt waren. Die 1804 gegründete Académie celtique, die im Musée des Monuments Français tagte (siehe S.  245) und ihren Titel programmatisch festgelegt hatte, ging 1814 ein und wurde durch die königstreue Société royale des antiquaires de France ersetzt, deren erste Publikation, die Mémoires, 1817 erschienen, für lange Zeit die einzige blieb. Die für die Urgeschichtsforschung entscheidende Arbeit von Jacques Bouches de Perthes aber konnte sich in einer noch universalwissenschaftlich orientierten Laiengesellschaft, der 1797 gegründeten und heute noch aktiven Société d’émulation de Abbeville entwickeln, in der schon Jacques Vater, ein Amateur der Botanik, mitarbei-



Zum politischen, sozialen und institutionellen Umfeld 

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tete. In der Anfangsphase kamen hier vor allem Ärzte und andere naturwissenschaftlich Interessierte zusammen173. In Frankreich gab es außerdem auch Vereine, die den deutschen Geschichtsvereinen ähnelten. Die ältesten unter ihnen nannten sich noch antiquarische Gesellschaften, z.  B. die Société des antiquaires de Normandie in Caen (gegründet 1825), die 1833 entstandene Société des antiquaires de la Morinie in Saint-Omer und die durch Zusammenschluss verschiedener Gesellschaften 1834 entstandene Société des antiquaires de l’Ouest (Wahle 1950[1964], S.  36; Sociétés Savantes 1976, S.  113, S.  134  f.; Effros 2012, S. 64). Es waren auch die regionalen Quellen selbst, die zu Forschungen Anlass gaben, wie die Megalithdenkmäler des Morbihan. Die dortige allgemein definierte Gesellschaft, die Société polymathique de Morbihan, richtete für ihren Kongress 1843 eine archäologische Sektion ein (Sociétés Savantes 1976, S. 125). Wie ihre Schwestern in Deutschland unterhielten die Gesellschaften auch Sammlungen verschiedenster Art (Chaline 1998, S. 310  f.). Vor allem aber bemühte sich der schon erwähnte Arcisse de Caumont um eine Koordinierung des archäologischen Vereinswesens und seiner Ziele. 1834 rief er für ganz Frankreich die Société française d’archéologie pour la conservation et la description des monuments historiques ins Leben, die Vorgängerorganisation der Société française d’archéologie. Seit ihrem Gründungsjahr 1834 gab sie auch eine Zeitschrift, das Bulletin Monumental heraus (Chaline 1998, S. 314; GranAymerich 1998, S. 61, S. 135). Sie beschäftigte sich aber überwiegend mit dem Mittelalter und der gallorömischen und kaum mit der urgeschichtlichen, mit den Kelten assoziierten Epoche (Laming-Emperaires 1964, S. 112). Gesellschaften, deren Gegenstand explizit die Archäologie war, entstanden erst seit 1844 (Lequeux/Mainjonet/Roscian 1986, S.  16). Die in diesem Jahr begründete Revue archéologique publizierte aber erst von 1859 an mit der Übernahme der Redaktion durch Alexandre Bertrand Arbeiten über einheimische prähistorische Funde (Gran-Aymerich 1998, S.  136). Dennoch hatte sich 1848 das Forum schon zugunsten der ‚nationalen Archäologie‘ verändert: Nicht mehr nur die traditionelle Académie des inscriptions et belles-lettres, sondern auch die anderen wissenschaftlichen Gesellschaften, das Comité historique des arts et monuments und die Commission nationale des monuments historiques beschäftigten sich – neben anderem – ebenfalls mit ihr (Gran-Aymerich 1998, S. 116  f.). Die Archäologie der klassischen Mittelmeerländer aber behielt, wie auch in Deutschland, immer noch Vorrang: 1846 kam es zur die Gründung der École française d’Athènes. Aber auch anderen wissenschaftlichen Gesellschaften, die sich nicht in erster Linie mit archäologisch-historischen Fragen beschäftigten, kommt große Bedeutung zu. Deshalb muss man wohl JeanPierre Chaline folgen, der herausgestellt hat, dass gerade eine nicht spezialisierte Gesellschaft wie die Société d’émulation d’Abbeville mit Mitgliedern verschiedener, auch medizinischer Profession und naturwissenschaftlichen Interessen ein Forum

173 https://www.societe-emulation-abbeville.com/historique/origines/. Besucht am 24. 2. 2017.

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bildete, in dem sich die geniale und unkonventionelle Tätigkeit Jean-Jacques Boucher de Perthes entwickeln konnte (Chaline 1998, S. 332). Relativ früh begründete man auch in der Schweiz eine eigenständige, einheimischen Funden gewidmete Gesellschaft. Sie trug zunächst den Namen Gesellschaft für vaterländische Alterthümer und begann in Zürich 1832 unter der Leitung von Ferdinand Keller eine intensive prähistorische Forschung, die ganz wesentlich von den Seeuferfunden geprägt war, ihren großen Durchbruch aber erst seit den Fünfzigerjahren erlebte (Kossack 1999, S. 23  ff.). Wie in Deutschland verstand sie sich als Geschichtsforschung, obwohl der Verein das Wort Geschichte nicht in seinem Namen trug und später in Antiquarische Gesellschaft umbenannt wurde  – unter diesem Namen existiert sie noch heute (Antiquarische Gesellschaft Zürich 2004). Die älteren wissenschaftlichen Gesellschaften in Zürich waren noch ganz allgemein definiert, unterhielten aber auch eine Sammlung (siehe S. 8). In England dagegen stellte die Society of Antiquaries, seit 1718 schon eine Gesellschaft mit Tradition (siehe S.  6), einen inhaltlich weiten institutionellen Rahmen für die Publikation und Diskussion ur- und frühgeschichtlicher, provinzialrömischer, antiker und mittelalterlicher Quellen und Forschungen. Publikationen betrafen jedoch zwischen 1814 und 1850 kaum ur- und frühgeschichtliche Themen. Dass sich jedoch wie anderswo in den Vierzigerjahren ein wachsendes Interesse an archäologischer Forschung einschließlich der einheimischen Archäologie entwickelte, zeigt die gegen die konservative Society of Antiquaries gerichtete Gründung der British Archaeological Association 1843, die 1844 unter ihrem Präsidenten Lord Albert Conyngham das erste Mal tagte (Daniel 1975, S. 114  f.; Wetherall 1994, S. 8  ff.; Wetherall 1998, S. 21  ff.). Die neue Gesellschaft gab seit ihrem Gründungsjahr auch eine neue Zeitschrift heraus, das Archaeological Journal. Lord Conyngham war aber auch in der Society of Antiquaries aktiv, so in Archaeologia, 30, 1844, mit mehreren Beiträgen (siehe auch Abb. 60). 1812 wurde auch in Amerika eine archäologische Gesellschaft gegründet, die American Antiquarian Society, die ihren Namen noch von den alten britischen und schottischen Gesellschaften ableitete (Wahle 1950[1964], S. 67).

2.2 Motive, Forschungsthemen und Fragestellungen Nach den Napoleonischen Kriegen knüpfte man zunächst an ein Thema der Frühaufklärung an, den Beweis der Sintflut. Der Gegensatz zwischen Christentum und Heidentum, der die Frühaufklärung aber vor allem beherrscht hatte, verlor immer mehr an Interesse. Forschungen zum Verlauf der Erdgeschichte und zur Anwesenheit des Menschen in geologischen Schichten mit ausgestorbenen Tieren, die schon von der späten Aufklärung begonnen worden waren, folgten dann im weiteren Verlauf des Jahrhunderts. Die Chronologie als eines der Hauptthemen der Aufklärung entwickelte sich weiter: Die normative Klassifikation der Funde in globale Kulturstadien,



Motive, Forschungsthemen und Fragestellungen 

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die Herkunftsfragen und die Geschichte individueller Kulturen gewannen zeitliche Dimensionen. Die alte Fragestellung der Geschichte der Dynastien wich der Völkergeschichte, der Frage nach den Merkmalen der Völker und besonders des eigenen Volkes und nach seinem Nationalcharakter oder ‚Volksgeist‘. Dieser, die Sprache und die erstmals eindeutig historisch gedeutete Kultur wurden zu Forschungsobjekten. Das Anliegen, die Natur der historischen Völker des eigenen Vaterlandes durch ihre Überreste zu bestimmen und dadurch die eigene Identität zu definieren, einte Archäologen ganz verschiedener Richtungen, Historisten und Evolutionisten (siehe S. 282  ff.). Wie wir im Folgenden sehen werden, konnten Antworten auf diese Fragen zunächst kaum gegeben werden. Für die Chronologie der menschlichen Rolle in der Erdgeschichte fehlte in der ersten Hälfte des Jahrhunderts noch jede Grundlagenforschung, nicht aber die Methode, die Stratigraphie. Es wurden aber Voraussetzungen geschaffen. Vor allem sah man die Geschichte und damit auch die ihr zugeordneten Quellen erstmals als Zeugen eines diesseitigen, vom Menschen, seinen Fähigkeiten und seiner Entwicklung und auch seiner Biologie geprägten Geschehens. Geschichte selbst wurde zu einer Fragestellung, die mit empirischen Methoden Lösungen zugeführt werden konnte. Die Quellen, die man in der Renaissance und der Aufklärung entmythisiert und für die Geschichte gewonnen hatte, konnten nun für die neuen Fragestellungen, die säkulare Menschheitsgeschichte selbst, eingesetzt werden. Auch die im Prinzip strukturellen Themenkomplexe des humanistisch-antiquarischen Paradigmas begann man, kurz vor der Jahrhundertmitte zu historisieren, als man die ersten archäologischen frühgeschichtlichen Kulturen definierte. Dabei wurden die Forschungsmethoden selbst heftig diskutiert, sowohl die Grabungsmethoden als auch die Klassifizierungen und Systematisierungen. Außerdem blieb der immer wichtiger werdende Denkmalschutz ein Hauptanliegen. Zusammenfassend kann man folgende Hauptfragen nennen, die alle griechischen Ursprungs sind. Vorbild für die neue, säkulare Auffassung von der Geschichte wurde Thukydides (siehe Bd. 1, S. 94, S. 103; hier Taf. 5): – Der Ablauf der Erdgeschichte; – Identität und Alterität, wie ist das eigene Volk historisch-archäologisch zu definieren und wie unterscheidet es sich von anderen Völkern; – Entwicklungsabläufe wie Zyklen oder lineare Evolution, Zeitalter; – Technische Entwicklung, Fortschritt; – Kulturstufen; – wie ist die Menschheitsgeschichte tatsächlich abgelaufen.

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2.3 Die Quellen 2.3.1 Informationsphase 2.3.1.1 Denkmalpflege und Dokumentation von Fundstellen Obwohl schon seit dem 16. Jahrhundert in Rom und Spanien und vom 17. Jahrhundert an in Dänemark und Schweden Versuche unternommen worden waren, die Erfassung und teilweise auch den Schutz archäologischer Denkmäler zu einer staatlichen Aufgabe zu machen (siehe Bd. 1, S. 143; hier S. 45), war man in der ersten Hälfte des 19. Jahrhunderts in großen Teilen Europas von diesem Ziel immer noch weit entfernt. Im napoleonischen Frankreich versuchte man zwar mehrfach, dem durch die Säkularisierung drängenden Problem Herr zu werden, kam aber nicht voran, zumal die Institutionen keinen Bestand hatten (Gran-Aymerich 1998, S. 156; siehe S. 250). Die schon erwähnte 1804 gegründete Académie celtique entwarf immerhin einen Fragebogen und plante eine Statistik der alten Gallier zu entwerfen sowie keltische Monumente und Sprachdenkmäler zu sammeln und zu vergleichen (ebd., S. 112). Dies war allgemeiner gedacht, als es sich heute anhört, da man ja in Frankreich die römische Zeit, aber auch alles Vorrömische den Kelten (Galliern) zuschrieb. 1830 nach der Julirevolution wurde wenigstens die Stelle eines Generalinspektors für historische Monumente eingerichtet, der sich auch um prähistorische und frühmittelalterliche Denkmäler kümmern sollte. Sie war 1834–1853 mit dem Literaten Prosper Mérimée besetzt (ebd., S. 111  ff.). Im Jahr der Gründung der Académie celtique hatte auch Großherzog Friedrich Franz I. von Mecklenburg-Schwerin ein sehr modernes Denkmalschutzgesetz erlassen, das bestimmte, dass alle Funde, auch die, welche von Privatpersonen gemacht wurden, dem Fürsten abgeliefert werden mussten. Er war damit früher als die Dänen (siehe im Folgenden). Allerdings sollte es, bedingt durch die folgende Franzosenzeit und persönliche Umstände der Verantwortlichen bis in die Dreißigerjahre dauern, bis die Gesetzgebung die gewünschten Früchte trug (siehe S. 269). Schon 1808 folgte Bayern mit einer ähnlichen Bestimmung nach. Zunächst sollte die Bayerische Akademie der Wissenschaften archäologische Funde sammeln bzw. auch den Findern abkaufen (Fehr 2008, S. 21). In Dänemark konnte man zwar schon auf den durch Ole Worm und Erik Pontoppidan zusammengetragenen Gemeindeberichten aufbauen, begann aber 1808–1809 nach der Gründung des Nationalmuseums 1807 mit einer neuen Serie von Fundberichten. Interessant ist allerdings, dass die Dokumentation von Fundstellen in der ersten Hälfte des 17. Jahrhunderts die intensive Tätigkeit Worms und in der zweiten Hälfte des 18. Jahrhunderts das Wirken Pontoppidans wiederspiegelt, während der Zuwachs an dokumentierten Funden in der ersten Hälfte des 19. Jahrhunderts noch relativ gering ausfiel (Randsborg 1994, S.  152 und Abb.  11 und 13). Auch Denkmalschutzmaßnahmen waren in Dänemark noch nicht von durchschlagendem Erfolg (Klindt-Jensen 1975, S. 60).



Die Quellen 

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In Mitteleuropa kam den Geschichtsvereinen eine große Rolle bei der Zusammentragung von Kenntnissen über archäologische und andere Quellen von landeskundlichem Interesse wie z.  B. Orts- und Flurnamen zu. Die ersten Gelehrten, die sich diesen Fragen intensiv widmeten, waren noch vor 1820 Johann Gustav Gottlieb Büsching in Schlesien und Carl Hermann Kruse in Schlesien und Sachsen. So wurde Büsching vom preußischen Staatskanzler Karl August Fürst von Hardenberg 1810 ausdrücklich als Säkularisierungskommissar mit der Rettung der historischen Denkmäler Schlesiens beauftragt und kam so auch zu den archäologischen Funden (Schlette 1979, S. 524). Kruse versuchte, das schon vor ihm durch Leonhard David Hermann gut erfasste Gebiet um Massel bei Breslau komplett zu erfassen und zeichnete auch eine Fundkarte (Kruse 1819; hier Abb. 73). Büsching baute ein Netz von Informanden auf und ermahnte sie 1824, ihm über alle anfallenden Funde zu berichten (Schlette 1979, S. 527). Auch in Bayern übernahmen auf königliche Verordnung die Geschichtsvereine 1830 die Rolle des regionalen Denkmalschutzes (Fehr 2008, S.  22). Ein königliches Inventarisierungsprogramm, das ab 1828 in Planung war und in den Dreißigerjahren auch zu Verordnungen führte und zur Anwendung kam, zeugt zwar von einer richtigen Einschätzung der historischen Bedeutung der archäologischen Bodendenkmäler durch König Ludwig I., berücksichtigte allerdings dann in der Praxis die archäologischen Fundstellen nicht ausreichend und kam am Ende überhaupt zum Erliegen (Fehr 2008, S. 22; Bachmann 2008, S. 29  ff.; Hetzer/Stephan 2008, S. 149  ff.). Anfang der Dreißigerjahre veröffentlichte Karl Wilhelmi unter ausdrücklicher Berufung auf Karl Preusker im ersten Heft des Organs der Sinsheimer Gesellschaft einen Aufruf an die Mitglieder, u.  a. „über alle merkwürdigen Trümmer von Bauwerken aus der Vergangenheit“ … und „über alt-Deutsche Todtenhügel, zumahl auf flachen Waldhöhen, und über Gegenstände daraus: Gefäße, Donnerkeile, Ringe  … über Steinkreise, Rundschanzen oder Heidenringe, Gränzwälle, Gräben, Gerichtsplätze“ zu berichten. Wie diese Daten gewonnen werden sollten, bleibt jedoch unklar. Wilhelmi wollte „Erkundigungen“ einziehen, d.  h. er dachte wohl in erster Linie an Befragungen (Wilhelmi 1831, S. 11). Aus Wilhelmis Beschreibungen seiner eigenen Tätigkeit geht hervor, dass er Wanderungen unternahm, auf denen er sich Aufzeichnungen machte. In seinem Katalog der aufzunehmenden Denkmäler sind aber bezeichnenderweise nur obertägig sichtbare Objekte genannt. Noch stand, wie in der Zeit davor, die Rettung der sichtbaren Denkmäler und ihre zunehmende Zerstörung im Vordergrund, im klassischen und mittelalterlichen Feld die Architektur, im prähistorischen Grabhügel und Megalithgräber. Wie schon im 18. Jahrhundert verwiesen aber einzelne Autoren auf Merkmale, die Bodenfunde anzeigen konnten, so Sir Richard Colt Hoare, dem Bodenverfärbungen und Veränderungen im Bewuchs aufgefallen waren (Colt Hoare 1812, S. 16). Die Dänen Christian Jürgensen Thomsen und Jens Jakob Asmussen Worsaae rechneten dagegen noch im zweiten Viertel des Jahrhunderts damit, dass man auf eigentliche Bodenfunde zufällig stieß bzw. diese bei der Feldarbeit störten (Thomsen 1836[1837]; Worsaae 1843). So war es auch mit dem bronzezeitlichen Grabhügel von

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Hvidegaard (Kongens Lyngby, Seeland), den ein Bauer einfach zur Hälfte abtrug, bis dann die Grabkammer sichtbar wurde. Ein Blick ins Grab ermahnte ihn aber an seine Meldepflicht, die dann den Prozess von Denkmalschutz und Grabung durch die örtlichen Behörden sowie Thomsen und seine Assistenten auslöste (Thomsen/Ibsen/ Strunk/Herbst 1848, S. 137). Was die ungefährdeten Monumente betrifft, mischte sich Innovation noch kurz vor der Jahrhundertmitte mit veralteter Tradition: Es fällt z.  B. auf, dass immer noch viele der in den schriftlichen Quellen erwähnten Königshügel zu Untersuchungen ausgewählt wurden. 1846–1847 grub Bror Emil Hildebrand in Gamla Uppsala den „Oden’s tumulus“ oder „Östhögen“ und den „Frö’s tumulus“ oder „Mellanhögen“ und bewies dabei immerhin, dass es sich um künstliche Hügel handelte (Lindqvist 1936, S. 334  f.). Eine widersprüchliche Rolle spielten weiterhin viele Privatsammler, selbst, wenn sie jetzt in den Geschichtsvereinen organisiert waren und dadurch wenigstens teilweise unter deren Kontrolle standen. Einige aber erwarben sich wissenschaftliche Verdienste. Schon in den Zwanzigerjahren hatte Friedrich von Hagenow Material für eine archäologische Karte von Rügen gesammelt, die er 1829 veröffentlichte (Hagenow 1829; Baier 1904, S.  5  ff.). Georg Otto Carl Freiherr von Estorff, dessen Tätigkeit auf die private Initiative von Großgrundbesitzern zurückging, hatte das Gebiet, das seine Karte erfasste, nicht gleichmäßig untersuchen können und erwähnt dies als Ursache für das Fehlen von Denkmälern. Für eine genaue Aufnahme der Fundstellen fehlte trotz der Fortschritte der Vermessungstechnik im 18.  Jahrhundert und der vermutlich militärischen Ausbildung des Freiherrn noch der Anspruch und die Ausführung. Dieser Mangel ist von Estorff wohl erkannt, nicht aber beseitigt worden (Estorff 1846, III) – vielleicht hatte er vor, in seinem zukünftigen Werk andere Maßstäbe zu setzen. 2.3.1.2 Grabungen und Grabungstechnik In der ersten Hälfte des 19.  Jahrhunderts, vor allem aber seit den Dreißigerjahren, begannen auch die Ausgrabungen einen größeren Stellenwert zu bekommen. Das hatte verschiedene Gründe. Einerseits geriet mit dem Bevölkerungszuwachs und den Reformen sowie der Säkularisation der Napoleonischen Zeit die Gefährdung der Denkmäler immer mehr ins Bewusstsein. Diese umfassenden Veränderungen der Besitzverhältnisse und der Bodennutzung führten zu massiveren Eingriffen in die Landschaft als früher (Danneil 1836, S. 548). Großbauten wie Chausseen und Eisenbahnen taten ein übriges – die archäologischen Monumente störten und verlangten Entscheidungen. Diese waren nicht so einfach wie früher zu treffen, da die seit der Mitte des 18. Jahrhunderts zunehmende Historisierung und Entmythologisierung zu einem wachsenden Bewusstsein für den Wert der Objekte geführt hatten, dem die Gesetzgebungen teilweise schon Rechnung trugen (siehe S. 45, S. 262). Die Einsicht, dass Ausgrabungen archäologischer Objekte zu exzeptionellen und neuen Erfahrungen führen konnten, fand wie schon in den vorherigen Jahrhunderten



Die Quellen 

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im mediterranen Raum Nahrung. Ein den Untersuchungen Pompejis und Herkulaneums im 18. Jahrhundert ähnlicher Stellenwert kommt den ältesten Grabforschungen in Athen und der Etruskerforschung in Norditalien zu. Otto Magnus von Stackelberg präsentierte das 1813 von ihm selbst ausgegrabene Kindergrab aus Athen zwar mit der Aufsicht auf die Steinkiste und die Lage des Skeletts mit allen Keramikbeigaben, legte den Grabinhalt aber weder verbal noch zeichnerisch vollständig vor. Auch die Beigaben aus dem Ziegelgrab von Sami auf Kefalonia sind nur in Auswahl präsentiert, sie zeigen aber mit den anderen in der Publikation besprochenen Funden das Potenzial der Gräberforschung – von Stackelberg war Ehrenmitglied des Instituto di Corrispondenza Archeologica 1829 (Stackelberg 1837, S. 42  f., Taf. VII, 8–13, Taf. VIII; Rieche 1979, S. 54; Gran-Aymerich 1998, S. 45, Abb. 20)174. Seit 1823 wurden die Grabkammern von Tarquinia freigelegt. Von 1828 an gruben Lucien Bonaparte und seine Frau Alexandrine die Kammergräber von Vulci aus (Costantini 1997). 1836 fand man das Regolini-Galassi-Grab in Cerveteri ungestört (GranAymerich, S. 50). Diese Ausgrabungen versetzten George Dennis in die Lage, eine für die damalige Zeit umfassende Darstellung der etruskischen Monumente vorzulegen, deren Pläne und Objektzeichnungen der Description de l’Egypte nicht nachstehen (Dennis 1848, Bd. 2, S. 32). 1835 setzte mit der Nekropole der Certosa auch die Erforschung der großen Grabstätten um Bologna ein, die freilich erst 1854 mit der Ausgrabung von Villanova durch den Conte Giovanni Gozzadini einen ersten Höhepunkt erreichen sollte (Govi/Vitali 1982, S. 13. 20). In den Vierzigerjahren drangen Grabungen langsam auch in Bereiche vor, wo man vorher rein philologisch bzw. mit Museumsfunden kunsthistorisch gearbeitet hatte. 1840 begann Karl Otfried Müller, einer der für diese Zeit typischen Vertreter der philologischen Richtung der Klassischen Altertumskunde, auf seiner einzigen Griechenlandreise kurz vor seinem Tod acht Tage in Delphi mit Ausgrabungen – Anlass war ein Streit mit Friedrich Wilhelm von Thiersch über den Plan von Delphi. Neben dem Gewinn von Statuen im Apollotempel ging es ihm darum, „allerlei Aufklärungen über das Local dieses wunderbaren Heiligthums“ zu bekommen (Fittschen 1998, S. 208  ff.). Die Ruinen des östlichen und südlichen Mittelmeerraums eröffneten außerdem nach dem napoleonischen Vorbild in Ägypten für Europäer ganz neue Betätigungsfelder (Gran-Aymerich 1998, S. 63  ff.). Hier spielte wie im Altertum und in der Renaissance der Raub der Kunstwerke noch die Hauptrolle. Abenteuer und Exotik verstärkten aber das allgemeine Interesse an diesen Grabungen noch. Vor allem am Anfang wurde nur wenig Wert auf die Grabungsmethoden gelegt. So raubte Giovanni Battista Belzoni ab 1817 die Pharaonengräber von Theben aus

174 http://digi.ub.uni-heidelberg.de/diglit/stackelberg1837/0104. http://digi.ub.uni-heidelberg.de/ diglit/stackelberg1837/0105. Besucht am 2. 4. 2017.

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 Die historistische und frühe evolutionistische Archäologie

(Daniel 1975, S. 69, S. 155; Gran-Aymerich 1998, S. 96). In den Vierzigerjahren nahm jedoch auch hier und im Vorderen Orient die Qualität der Grabungen zu: 1840 grub Karl Richard Lepsius auf seiner vom preußischen König Friedrich Wilhelm IV. ausgestatteten Expedition an verschiedenen Stellen Ägyptens und wendete dabei die stratigraphische Methode an (Gran-Aymerich 1998, S. 162), 1842 der französische Diplomat Paul-Émile Botta in Ninive und 1843 in Chorsabad, 1845–1847 Austen Henry Layard in Nimrud (Daniel 1975, S. 70  ff.). Nördlich des Mittelmeeres sind bis 1830 relativ wenige qualitätsvolle Grabungen zu verzeichnen, darunter die, auf denen die Sammlung des Großherzogs Friedrich Franz I. von Mecklenburg-Schwerin in Ludwigslust beruhte, der selbst nach Vorbild dänischer Könige eine rege Grabungstätigkeit entfaltete (Lisch 1837a, S. 4  ff.; Schacht 2003, S. 54). In den Dreißiger- und Vierzigerjahren aber lässt sich sowohl theoretisch als auch praktisch eine stringentere Systematisierung der Arbeit feststellen, die auch zu einer Vereinheitlichung des Dokumentationsniveaus führte. In den ersten Jahrzehnten des 19. Jahrhunderts blieb die Ausgrabungsmethode von Grabhügeln, erstmals von Johann Daniel Major 1692 thematisiert, weiterhin ein lebhaft diskutiertes Problem (Wiegel 1994, S. 42  ff.; siehe S. 55  f. und Abb. 32). Sowohl die vom Kreuzschnitt ausgehende Segmentmethode als auch die konzentrische Abtragung von Hügeln standen zur Debatte. In Süddeutschland taten sich Franz Anton Mayer und Karl Wilhelmi als Ausgräber von Hügelgräbern hervor. Ersterer, Pfarrer in Gelbelsee (Eichstätt) und korrespondierendes Mitglied der königlichen Bayerischen Akademie der Wissenschaften, wie Wilhelmi in einem Limesgrenzland ansässig, grub eine ganze Reihe von Grabhügeln aus, da er sich für die „altteutsche“ Seite des Limes entschieden hatte (Mayer 1825; 1831; 1835; 1836). Für Mayers Grabungstätigkeit spielte sein ebenfalls aus Eichstätt stammender Lehrer, der ursprüngliche Jesuit, Mathematiker und Vermesser Ignaz Pickel eine große Rolle (Gäck/Grabe 1973, S. 12  f., S. 28; siehe S. 60). Die erste rundherum sorgfältige Ausgrabung mit Dokumentation in Südwestdeutschland führte jedoch Wilhelmi zwischen 1827 und 1828 in Sinsheim bei Heidelberg (Baden) durch (Wilhelmi 1830). Die Untersuchung der 14 Todtenhügel kann man als eine Übungsgrabung unter wissenschaftlicher Leitung bezeichnen, bei der hintereinander mehrere Methoden getestet wurden (Wilhelmi 1830). Hier grub ein ganzer Ort unter Heranziehung der Honoratioren seine Grabhügel aus. Deswegen besaß das Unternehmen von vornherein die Vorteile der Interdisziplinarität. Hatte man den Sinsheimern zunächst empfohlen, die Hügel kegelförmig zu schneiden, so wurde diese Methode verworfen zugunsten einer Abtragung in der gesamten Hügelmitte. Die Erkenntnis, dass man auf diese Weise wichtige Teile des Hügels vernachlässigte und Probleme mit dem Abraum hatte, führte zur Aufnahme der von Wilhelmi vorgeschlagenen Methode, den Hügel in aufeinander folgenden Abschnitten auszugraben. Er wurde daraufhin Grabungsleiter. Besonders eindringlich hat der Sinsheimer Pfarrer später die völlige Abtragung des Hügels in konzentrischen Kreisen beschrieben (Wilhelmi 1834, S. 8  f.; hier Abb. 58). Diese Methode sollte später als Cohausen Methode



Die Quellen 

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bekannt werden (Eberhardt 2012, S. 159  f., Fig. 3). Von der Ausgrabung des zweiten Hügels an wurde auch ein Grabungstagebuch geführt. Man konnte jetzt verschiedene Verfärbungen und Überschneidungen erkennen, stellte Bauart und Größe der Gräber fest, nahm ihre Tiefe und Orientierung auf und maß sie auch ungefähr absolut ein, so dass Pläne von ihrer Lage gezeichnet werden konnten. Bemerkenswert ist die Zeit von fast einem Jahr, die man dem Grabungsvergnügen widmete. Insgesamt verbrachte man damit 110 Arbeitstage (Wahle 1933[1964], S. 156). Die Ausgrabung des dritten Hügels z.  B. dauerte vom 14. bis zum 29. August. Im Prinzip grub man wohl mit Arbeitern, doch war einer der Verantwortlichen immer zur Stelle, und Wilhelmi bedauert oftmals, nicht immer dabei gewesen zu sein. Die Gräber selbst wurden, wenn möglich, von den Arbeitern präpariert und dann im Detail vom Grabungsleiter freigelegt, wobei man für die Feinarbeit kleine Messer verwendete, die man speziell dafür angefertigt hatte (Wilhelmi 1830, S. 30). Interessante Befunde wurden auch schon im Block geborgen (Wahle 1933[1964], S. 153). Die Grabungstechnik von Johann Friedrich Danneil, der von 1820 an in der Altmark etwa 100 Gräber ausgrub, ermöglichte ihm zwar in mehreren Fällen Überschneidungen von Bestattungen in Hügeln festzustellen. Wie vor ihm Erik Pontoppidan gelang es ihm, die Abfolge von Körperbestattung zur Brandbestattung zu belegen (Danneil 1836, S. 555, S. 577; siehe S. 140). Er scheint aber nicht nach einem festen Prinzip vorgegangen zu sein, sondern berichtet, er habe die hochliegende Bestattung in einem Hügel nur gefunden, weil er „zur Ersparung der Zeit die Arbeit von oben beginnen“ ließ, obwohl „es in der Regel gerathener“ sei, „am Fuß des Hügels anzufangen“ (Danneil 1836, S. 555). Von Schnitten ist nicht die Rede, und eine Fundzeichnung der Grabungssituation fehlt bis auf eine Skizze des Keramikinhalts zweier Steinkisten (ebd., S. 556). Wie Danneil es wohl eigentlich für richtig hielt, so beschrieb auch John Gage 1836 in der Zeitschrift Archaeologia eine Hügelöffnung durch einen zur Mitte des Hügels geführten Tunnel, also dorthin, wo man das Grab vermutete (Gage 1836, S. 301  f.). Auf diese Weise mussten natürlich Nachbestattungen übersehen werden oder rutschten, wie das auch Danneil berichtete, in die Tiefe und gerieten so durcheinander. Die gleichzeitigen Grabungen der dänischen Antikenkommission auf Bornholm konnten wie Danneil Überschneidungen mehrerer Bestattungen feststellen, dokumentierten diese aber schon durch Profilzeichungen (Klindt-Jensen 1975, S. 52  f.). In England zog zur selben Zeit ein besonders gut erhaltener Grabfund die Aufmerksamkeit auf sich und machte den Erkenntnisgewinn einer genauen Beobachtung und Dokumentation der Lage der Überreste des Toten und des Fundgutes im Grab deutlich: 1834 wurde in Gristhorpe (Scarborough) durch den Bodeneigentümer William Beswick und einen gewissen Alexander of Halifax in einem Hügelgrab ein Baumsarg mit einem perfekt erhaltenen Skelett eines „Ancient Briton“ gefunden, in Schafs- oder Ziegenfell gewickelt. Zahlreiche Beigaben wurden beschrieben, auch Holz, sowie „a quantity of vegetable substance“, die allerdings bei der Auffindung zu Staub zerfiel. Es handelte sich um eine gezielte Grabung, deren weitere Betreu-

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 Die historistische und frühe evolutionistische Archäologie

Abb. 58: Die Methode Karl Wilhelmis zur Ausgrabung eines Grabhügels. Wilhelmi 1834, S. 9. © Barbara Sasse, Michael Kinsky, RGK.



Die Quellen 

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ung von der Scarborough Philosophical Society und ihrem Museum übernommen wurde. Der Fund wurde noch im selben Jahr publiziert und 1836 in einer anonymen Schrift vermutlich durch Christian Jürgensen Thomsen kommentiert (Williamson 1834; Daniel 1975, S. 161; William J. Thoms, Einleitung zu Worsaae 1849, S. XII, S. XVI; Rowley-Conwy 2007, S. 118; Melton/Beswick 2013, S. 8). Beobachtung, Bergung und Dokumentation solcher Details aber besaßen seit Bryan Faussett und James Douglas in England schon Tradition (siehe S. 118). Nachdem die nordische Alterthumsgesellschaft schon 1831 ein Heftchen über das Verhalten bei Funden von Altertümern an Schullehrer verteilt hatte, als dessen Urheber neben Christian Jürgensen Thomsen ihre führenden Mitglieder Carl Christian Rafn und Finn Magnusen gelten (Kristiansen 1981, S. 24; Kunst 2010, S. 112), veröffentlichte Thomsen 1836 einen teilweise fast gleichlautenden Text im Kapitel: „Allgemeine Bemerkungen über Fund und Aufbewahrung von Alter­thümern“ seines Ledetraat. Er wandte sich ebenfalls an den Laien, der zufällig bei Arbeiten mit Altertümern in Kontakt kam und stellte folglich keine Anleitung zum Ausgraben zur Verfügung. Im Gegenteil verfolgte er den Zweck, Ausgrabungen auf die Fachleute der dänischen Denkmalpflege zu beschränken. Die einzigen genaueren Angaben betreffen das Ausgraben von Hügeln, die Thomsen jedoch folgendermaßen einleitete: „Sollte es doch bei Wege- und Feldarbeiten zum Ausgraben solcher Hügel Veranlassung geben …“. Die einzelnen Hinweise sollten offenbar die schlimmsten Zerstörungen verhüten, u.  a. auch von Skeletten und Tierknochen. Einerseits lohne sich das Öffnen der Grabhügel gar nicht, andererseits solle man durch den Gang eindringen und wenigstens die Fundzusammenhänge zu erkennen suchen: Da die Alterthümer durch die Länge der Zeit immer von Staub bedeckt oder bald verborgen gefunden werden, so muß man die größte Behutsamkeit anwenden, um die gegenseitige Verbindung zwischen den niedergesetzten Sachen bemerken zu können, was oft wichtiger zu kennen ist, als diese selbst, und um die Spuren derjenigen Sachen verfolgen zu können, welche ganz oder zum Theil verzehrt sind  … Bei Skeletten muss man zu bemerken suchen, ob es männliche oder weibliche sind  … desgleichen wo die mit denselben gefundenen Sachen angebracht gewesen sind … Wenn Arbeitsleute Alterthümer spüren, so thun sie am besten sich an den Prediger, Schullehrer oder einen andern kundigen Mann zu wenden, der die Verbindung derselben beobachten und aufzeichnen kann, was zu wissen wünschenswerth ist. Die königlichen Verordnungen sichern den Findern von goldenen und silbernen Sachen den vollen Metallwerth zu … (Thomsen 1836[1837], S. 89  ff.).

Einen offiziellen Charakter wie Thomsens Leitfaden besaß auch die 1837 veröffentlichte „Instruction für Aufgrabungen vorchristlicher Grabdenkmäler in Meklenburg, entworfen von der Aufgrabungs-Deputation des Vereins für meklenburgische Geschichte und Alterthumskunde“, sowohl durch das großherzogliche Engagement im Verein als auch durch die Stellung von G. C. Friedrich Lisch. Die AufgrabungsDeputation, der neben Lisch zwei weitere Mitglieder angehörten, wurde von Johann Friedrich Danneil beraten und kann als erste Bodendenkmalpflegeorganisation im

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deutschsprachigen Raum verstanden werden (Jöns 2001, S.  60). Die Deputation führte aus: Unerlässlich ist die beständige Gegenwart des Leiters. … Die Führung eines Tagebuchs an Ort und Stelle ist auf jeden Fall zu empfehlen, indem die Erfahrung lehrt, dass nach wenigen Stunden eine Beschreibung, an einem entfernten Orte verfasst, schon von der Wahrheit abweicht (Lisch und Aufgrabungsdeputation 1837, S. 167).

Kompass und Maßstab sollten mitgenommen werden. In diesem Zusammenhang wurde ein Fragenkatalog veröffentlicht, der zwar – neben Sagen und Flurnamen – genaue Angaben über Lage, Form, Art, Zahl der Gräber, Lage der Skelette, der Beigaben, über nicht geborgene Stücke, Bodenbeschaffenheit, Brandstätten oder Spuren von organischem Material verlangte. Es fehlten jedoch grundsätzlich alle Fragen über die Bodenverfärbungen, Eingriffe oder Schichten, was bedeutet, dass die Voraussetzungen der Erkenntnis des zeitlichen Verhältnisses mehrerer Gräber oder Schichten zueinander nicht gegeben waren. Die „Instruction“ forderte keine Zeichnungen von Profilen, ja überhaupt keine zeichnerische Grabungsdokumentation (Lisch und Aufgrabungsdeputation 1837). Ein Bewusstsein hierfür begann sich jedoch in den Vierzigerjahren langsam zu entwickeln. Wieder war es ein neuer Schritt in der Sintflutforschung, der der schon wesentlich älteren stratigraphischen Methode zum erneuten Durchbruch verhalf und den entscheidenden Anstoß in Richtung auf eine entwicklungsgeschichtliche Sicht der Welt und des Menschen gab. In der durch den Bergbau schon früh institutionalisierten Geologie wurde das stratigraphische Prinzip überwiegend im deutschsprachigen Raum, aber auch in anderen europäischen Nationen durch die Schule von Abraham Gottlob Werner an der Bergakademie in Freiberg verbreitet175. Um die Wende vom 18. zum 19. Jahrhundert arbeiteten schon verschiedene Gelehrte mit Leitfossilien, wie der Engländer William Smith, der Franzose Georges Cuvier oder der Deutsche Ernst Friedrich von Schlotheim. George Cuvier erklärte dann 1812 nach stratigraphischen Untersuchungen von Schichten des Pariser Beckens den Ablauf der Erdgeschichte als eine Folge aufsteigender Stufen, Katastrophen und Neuschöpfungen, die sogenannte Katastrophentheorie. Am Ende der Napoleonischen Zeit entstanden, wurden diese Theorie bis in die Dreißigerjahre des 19. Jahrhunderts rezipiert, wie auch die Neuauflagen seiner Werke zeigen (Zimmermann 1953, S.  563; Harris 1969, S. 111; Wagenbreth 1999, S. 62). Wenig später, im Jahre 1818, schrieb die Göttinger Universität gegen Cuvier eine Preisschrift aus, worauf Carl Ernst Adolf von Hoff in seinem in den Jahren 1822–1834 erschienenen fünfbändigen Werk Geschichte der durch Über-

175 Wagenbreth (1999, S. 43  f.) gibt an: 342 Studenten aus Sachsen, 220 insgesamt aus den anderen kleindeutschen Staaten, 100 Ausländer aus England und Irland, Frankreich, der Schweiz, Italien, Österreich, Ungarn, Polen, Russland, Norwegen und Schweden, Dänemark, Spanien und Portugal sowie ein Brasilianer.



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lieferung nachgewiesenen natürlichen Veränderungen der Erdoberfläche das Aktualitätsprinzip formulierte: Geologische Erscheinungen ließen sich durch heute gültige Gesetze erklären (Wagenbreth 1999, S. 62). Vor allem in England und etwas später in Frankreich führte der Versuch der Überprüfung der Katastrophentheorie Cuviers zu einem Aufschwung von Höhlengrabungen. Dabei griff man auch auf die schon 1774 von Johann Friedrich Esper beschriebene Höhle von Gailenreuth (Franken) zurück (Kossack 1999, S. 15; siehe S. 126). Der Engländer William Buckland versuchte Esper und auch seinen Landsmann John Frere zu widerlegen und maß dafür schon vor 1823 seine Grabungsschnitte in der Höhle von Paviland ein, bezeichnete sie mit Buchstaben und versuchte den Inhalt der Schnitte zu differenzieren. Das war methodisch wichtig, wenn er sich bei der Deutung auch irrte – Esper und Frere waren im Recht, menschliche Artefakte waren tatsächlich mit ausgestorbenen Tieren vergesellschaftet. 1830–33 erschien die bahnbrechende Arbeit des Engländers Charles Lyell Principles of Geology. Lyell beschrieb Abfolgen von Lebewesen in aufeinanderfolgenden Erdschichten. Der große Erfolg dieses Werkes – es erlebte bis 1843 sechs Auflagen – gab der Katastrophenlehre den Todesstoß (Zimmermann 1953, S. 195; Daniel 1975 38; Harris 1969, S. 112  ff.; Wagenbreth 1999, S. 63). 1842 bewies Johannes Japetus Smith Steenstrup aufgrund von Stratigraphie in dänischen Mooren die Abfolge verschiedener Pflanzenwelten. Er nannte sie, wie Christian Jürgensen Thomsen die Perioden in seinem Dreiperiodensystem, Zeiten, und bestimmte sie durch Leitpflanzen, die Espen- und Kiefer- Eichen- und Erlenzeit. Ohne die Idee einer mit Merkmalen gefüllten Stratigraphie wären diese Ergebnisse nicht möglich gewesen (Wahle 1950[1964], S. 54; Rowley-Conwy 2007, S. 57, Fig. 3.2). Auch Steenstrup hatte in seiner Stratigraphie keine Anzeichen von Katastrophen erkannt (Rowley-Conwy, 2007, S. 58). Boucher de Perthes Ergebnisse zu Zusammenfunden von Steingeräten und ausgestorbenen Tieren beruhten ebenfalls auf stratigraphischen Beobachtungen. Zuerst untersuchte er 1841 die Stratigraphie der Sandgrube Menchecourt bei Abbeville. 1847 beschrieb er dann den Fundvorgang mit allen seinen Schwierigkeiten und mit einer kommentierten Zeichnung der Schichten (Boucher de Perthes 1847, S. 234  f.; Groenen, S. 54, fig. 1–2). Die Schichten wurden nummeriert, ihre Tiefe gemessen und sie wurden inhaltlich beschrieben. Dadurch gelang es ihm in einigen Fällen, gesicherte Funde zu bekommen. Teilweise kuriose Fehler vor allem bei der Klassifikation und wohl auch die Person Boucher de Perthes selbst behinderten jedoch bis 1859 die Anerkennung dieser Grabungsergebnisse und damit auch ihrer Methode (Sackett 2014, S. 9). Beides setzte sich aber seit dem Ende der Fünfzigerjahre durch zahlreiche Parallelbefunde durch, zu denen auch die überzeugenden Forschungsergebnisse Edouard Lartets gehörten. Wie stark Jens Jakob Asmussen Worsaae bei der Abfassung seines Werkes Dänemarks Vorzeit durch Alterthümer und Grabhügel beleuchtet von dem Ledetraat seines Lehrers Thomsen abhängig war, zeigt, dass er ihm einen Anhang über die „Ausgrabung der Hügel und Aufbewahrung der Alterthümer“ hinzufügte, der sich inhaltlich

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von dem Thomsens nur wenig unterschied, also die neuesten Entwicklungen nicht reflektierte – auch er beschrieb eine Kombination von Kreuzschnitt und Kessel, d.  h. die alte Methode des 17. und 18. Jahrhunderts (Worsaae 1844, S. 119  ff.). Die Untersuchung des Hügelgrabes von Hvidegaard, Kongens Lyngby, Seeland, im Jahre 1845 ist eines der ersten staatlichen interdisziplinären Grabungsunternehmen. Beteiligt waren neben der örtlichen Ordnungsmacht Thomsen, seine Schüler und Assistenten Christian Frederik Herbst und Adolph Strunk, sowie der Regimentsarzt Ib Pedersen Ibsen für die menschlichen Überreste. Besondere Hervorhebung verdient, dass die Ausgräber bemerkten und kommentierten, dass das Grab vollkommen ungestört war: „Man saae nu at Alt i Graven laae i fuldkommen urört Stand“ (Thomen/Ibsen/Strunk/Herbst 1848, S. 339). Die organischen Funde, d.  h. in diesem Fall wohl der gesamte Grabinhalt, da alles in Stoff eingefüllt war, wurden mit Schellackfirnis gehärtet und dann zur Untersuchung ins Labor nach Kopenhagen gebracht. Die Bestimmung der tierischen Reste (ein Schlangenschwanz) übernahm der Zoologe Johannes Japetus Smith Steenstrup. Außerdem waren Textilien und Leder erhalten (Thomen/Ibsen/Strunk/Herbst 1848; Klindt Jensen 1975, S. 53  f., Abb. 46–47). Jens Jakob Asmussen Worsaae führte den interdisziplinären Grabungsansatz seines Lehrers Thomsen weiter. 1848 untersuchte er in Zusammenarbeit mit dem Geologen Johan Georg Forchhammer und dem Zoologen Steenstrup Muschelhaufen. Das Grabungstagebuch zeigt präzise empirische Beobachtung als Grundlage von plausiblen logischen Schlüssen (Klindt-Jensen 1975, S.  71  f.). Die Zusammenfunde von Muscheln, Geräten und Tierknochen erwiesen sich als äußerst wichtig für die Interpretation, vor allem für die Einbindung der archäologischen Datierung in die naturwissenschaftliche Datierung der Nacheiszeit. Damit war ein wichtiger Schritt in Richtung auf eine längere Chronologie gemacht. Im Gegensatz zu den später berühmteren gleichzeitigen Untersuchungen von Jacques Boucher de Perthes beruhten diese Grabungen und ihre Ergebnisse auf festen methodischen Grundsätzen und wurden auch nicht in Zweifel gezogen. In den Dreißiger- und Vierzigerjahren untersuchte man außerdem zunehmend wieder größere Teile von Friedhöfen, wie ja vereinzelt schon um 1700 (siehe S. 40). In Deutschland kümmerten sich vielfach die Geschichtsvereine darum, wenigstens einen Teil der Gräber durch eine wissenschaftliche Ausgrabung zu retten, wie im Fall von Selzen. Dass eine große Zahl von Gräbern vor dem Eingreifen von ‚Fachleuten‘ ohne Dokumentation zerstört wurden, war jedoch üblich (Lindenschmit/Lindenschmit 1848[1969], S. 2  f.). Im französischen Burgund wurde ab 1832 von Henri Baudot der Friedhof von Charnay (Saône-et-Loire) untersucht und publiziert (Baudot 1834), in der Schweiz durch Frédéric Troyon der Friedhof von Bel-Air bei Lausanne von 1838 an (Troyon 1841); in Deutschland sind neben Selzen Nordendorf (Lkr. Augsburg) und Oberflacht (Lkr. Tuttlingen; seit 1846) zu nennen (Raiser 1842–43[1844]; Dürrich/ Menzel 1847). Die von Ludwig Lindenschmit dem Älteren geleitete Grabung in Selzen sticht durch ihre wachsende Präzision hervor (Lindenschmit/Lindenschmit 1848[1969]).



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Die Gräber wurden so freigelegt, dass es möglich war, eine Art Planum mit der Lage des Skeletts und den Beigaben zu zeichnen, ähnlich, wie dies James Douglas schon 1793 vorgelegt hatte (Taf. 1). Schnitte wurden aber offenbar nicht grundsätzlich angelegt und auch die Befunde und Verfärbungen nicht im Einzelnen beschrieben. Wurde bei der Grabung 1845 nur eine geöffnete Grabgrube gezeichnet, so waren es bei der nächsten und letzten Ausgrabung offenbar schon alle Gräber mit Grabgut. Man bewahrte auch die Skelette auf und legte Listen der Beigaben an. Die Wichtigkeit der Verteilung der Funde auf dem Gräberfeld war den Brüdern Lindenschmit aber noch nicht klar. Deshalb enthält der aufgrund einer Flurkarte gezeichnete Plan auch noch keine Grabnummern, und die Grabgruben wurden nur ganz schematisch eingemessen und gezeichnet. Ganz ähnlich arbeitete man in Nordendorf (Raiser 1842–43[1844]); hier Abb. 59). Was die Nummerierung der Gräber betrifft, war Martin Mushard 1764 schon weiter, wenn auch bei ihm Maßstab und Perspektive noch nicht stimmten (siehe S. 131). 1846 begann auch Johann Georg Ramsauer seine Ausgrabungen auf dem Friedhof von Hallstatt (Daniel 1975, S.  109; Kossack 1992, S.  79). Ramsauer war als k. k. Bergmeister, der Bodenverhältnisse und Funde beobachten, vermessen und zeichnen sowie eine Mannschaft dirigieren konnte, ein Grabungstechniker, wie er nicht besser hätte ausgebildet werden können. Dazu kam der Kustos des Museums FranciscoCarolineum in Linz, Georg Weishäupl, der für die Führung eines Grabungstagebuches, die Inventarisierung und durchgehende Nummerierung der Funde die Angabe der Fundumstände und Lage der Skelette und Objekte sorgte. Außerdem gab Ramsauer im Museum eine Arbeit über das Gräberfeld mit eigenhändigen Fundzeichnungen ab (Pertlwieser 1980, S. 9  ff.). Die eigentlichen Publikationen aber erfolgten von anderen Autoren unter Verwendung seiner Materialien, primär von Joseph Gaisberger (Gaisberger 1848; Sacken 1868). Viele Grabungen entsprachen jedoch bis zur Jahrhundertmitte überhaupt nicht unseren heutigen Anforderungen. Oft fehlte das Bewusstsein für den Ernst der Sache, und man scheint eine Grabung eher für ein gesellschaftliches Ereignis gehalten zu haben. Gern verschenkte man auch Funde an anwesende Honoratioren. Bei der ersten Tagung der British Archaeological Association 1844 in Canterbury wurden z.  B. auf einer Exkursion der Tagungsteilnehmer zehn Hügel der schon bekannten Fundstelle bei Breach Downs an einem Tag ausgegraben (Daniel 1975, S. 154; ähnlich: Gummel 1938, S. 128). Die Funde aus dem Jahr 1842 allerdings wurden in ihrer Lage zu den Skeletten beschrieben (Akerman/Conyngham 1844, S. 50). Die malerisch drapierte Abbildung der Objekte lässt allerdings auch hier trotz der Nummerierung der Einzelstücke Zweifel an den Angaben aufkommen (hier Abb. 60). Ein besonders eindrucksvolles Beispiel für den Grabungstourismus der höchsten Kreise bietet das Gräberfeld von Hallstatt, wo auch noch nach der Jahrhundertmitte für die Anwesenheit der kaiserlichen Familie besonders reiche Gräber aufgespart wurden – doch ganz Europa betrieb im schönen Salzkammergut Grabungstourismus (Pertlwieser 1980, S. 12).

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Abb. 59: Nordendorf (Lkr. Augsburg). Plan des Gräberfeldes ohne Nummerierung und Funde. Raiser 1842–43[1844], Taf. III. © Barbara Sasse, Michael Kinsky, RGK.



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Abb. 60: Funde aus der Grabung von 1842 in Breach Downs, Grafschaft Kent (Akerman/Conyngham 1844, S. 50). © Barbara Sasse, Michael Kinsky, RGK.

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2.4 Die Analyse 2.4.1 Fundterminologie und Klassifikation Wenn auch die Systematik der archäologischen Monumente und Objekte seit der Frührenaissance von Architekten und seit dem 16.  Jahrhundert von Medizinern in ihren enzyklopädischen Sammlungen auf der Basis von Aristoteles, Vitruv und Plinius thematisiert wurde und man seit dem Ende des 16. Jahrhunderts auch begonnen hatte, mythische und humanistisch-antiquarische Vorprägungen der bisherigen funktionalen Gliederung empirisch zu prüfen, zeigt die intensive theoretische Diskussion der ersten Hälfte des 19. Jahrhunderts, dass nun eine Phase der methodischen Vereinheitlichung auf empirischer Basis einsetzte. Das Problem der Fundstellen-, aber auch der Objektklassifikation bestand nach wie vor in der nicht ausreichend entwickelten Grabungstechnik und -beobachtung. So wurden falsche Zusammenhänge konstruiert und keine Ergebnisse erreicht. Ein Beispiel hierfür gibt Richard Colt Hoare für Wiltshire (Südengland). Er klassifizierte Grabhügel auf der Grundlage umfangreicher Grabungen nach ihrer äußeren Form und unterschied zwölf verschiedene Hügeltypen (Colt Hoare 1812, S. 20  ff.; Schofield/ Carman/Belford 2011, S. 28). Wie wenig er die Methode von Douglas verstanden hatte, zeigt, dass er angelsächsische Gräber noch nicht bestimmen konnte, obwohl er auf die Arbeit des nur wenig Älteren, den er auch aus der Society of Antiquaries persönlich kannte, Bezug nahm (Colt Hoare 1812, S. 7  f.). Trotz detaillierter Zeichnungen fehlt sogar eine genauere Klassifikation der Gegenstände, die sich meist auf Angaben zu Funktion, Material und gelegentlich die Größe beschränkt. So kommt keine leicht fassbare Bestimmung zustande, die zu einem weiträumigen Vergleich eingeladen hätte, erst recht nicht zu chronologischen Überlegungen. In Deutschland fand diese Entwicklung vor allem im Rahmen der Geschichtsvereine statt, betraf natürlich aber auch andere Sammlungsordnungen. Nach Friedrich Carl Hermann Kruse (1819, S.  61) hielt Johann Gustav Gottlieb Büsching in seiner Sammlung Materie, Maß und Form der Gegenstände fest. Diese Angaben sind übrigens seit dem 16. Jahrhundert schon in vielen Sammlungskatalogen zu finden (siehe Bd. 1, S. 255). Als besonders schwierig erwies sich die nähere Befundbeschreibung, die deswegen nur selten über Äußerungen hinausführte wie „Ein Grabhügel, welcher am 18. May 1816 eröffnet ward, enthielt …“ (Schaum 1819, S. 35). Danach wurden in diesem Fall die Fundobjekte ohne eine Lageangabe beschrieben, nähere Eigenschaften des Hügels blieben ungenannt. Das hatte z.  B. der Mathematik- und Vermessungslehrer Ignaz Pickel am Ende des 18. Jahrhunderts schon wesentlich besser im Griff gehabt (siehe S. 60). Carl Friedrich Quednow, dem vor allem an den architektonischen Denkmälern von Trier gelegen war, beschrieb die römischen Funde aus seiner Sammlung, die zum Teil aus seinen Grabungen stammten, nach ihrer Funktion und ihrem Material



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(Quednow 1820, T. 2, S. 172  ff.). Die Fundorte werden am Ende des Textes nur ganz allgemein angegeben: „in den Bädern“ … „bei Aufgrabung eines Kellers in Trier“ … „an verschiedenen Orten in der Gegend von Trier“ (ebd., S. 174). Die römischen Großbauten wie die Bäder und das Amphitheater allerdings stellte er nach dem Stand seiner Zeit im Detail dar, z.  B. auch mit Angaben zur Qualität des Mörtels (ebd., S. 5). Für die Beschreibung von Befunden und Funden in seinen Vorlesungen entwarf Johann Gustav Gottlieb Büsching dann 1820 erstmals eine umfassende Systematik. Auffällig ist die hierarchische Zerlegung von Merkmalen mit der Angabe der jeweiligen Gliederungsstufe, ein System, das direkt in ein Dendrogramm überführt werden könnte, wie z.  B. die Gliederung der Fibeln (Büsching 1820; 1824, S. 27). Die Vorbilder Carl von Linnés und Jérémie-Jacques Oberlins werden hier offenkundig (siehe S. 124). Zunächst teilte er Grabformen nach äußeren Gesichtspunkten ein, dann den Grabinhalt. Die Unterteilung der Grabbeigaben geht vom Material aus, dann erst von funktionalen und formalen Gesichtspunkten (Büsching 1824, S.  21  ff.). Die Klassifikation ist hierarchisch und weder kulturell noch ethnisch oder chronologisch determiniert. Wie nützlich diese Systematisierung war, zeigt sich darin, dass Büsching veraltete funktionale Begriffe, die er 1820 noch gebraucht hatte, wie z.  B. „Abhäutemesser“ oder „Griffel“, 1824 durch „Beile ohne Schaftloch“ bzw. „Nadel“ ersetzte – Kupfer und Bronze unterschied er wie viele seiner Zeitgenossen noch nicht (Büsching 1820, S. vor Taf. V, 3–4, S. vor Taf. VII; Büsching 1824). Auch im Gelände versuchte man, Merkmale für eine Klassifikation zu gewinnen. So finden sich gleichzeitig Ermahnungen zur Beobachtung der Fundumstände und des Kontexts des Fundes, d.  h. zu einer systematisch gesteuerten empirischen Beobachtung: … Vorzüglich aber merke man 1) auf die Localität, den Namen des nächsten Ortes …, eines etwa dabei befindlichen Flusses, Waldes, einer Quelle oder dergl.; 2) auf die Höhe oder Tiefe des Grabes; 3) die Richtung desselben nach Norden und Süden oder nach Osten und Westen; 4) auf die Steinumsetzung der Hügel, wobei zu bemerken, dass die Steine umher manchmal mit herabgeschwemmter Erde bedeckt seyn können; 5) ob mehrere Grabhügel mit einzelnen oder mehreren Gräbern zusammen liegen, oder ob sie einzeln stehen; 5) ob das Grab inwendig mit Steinen oder Steinplatten ausgesetzt ist oder nicht; 6) auf die Zahl, Form, Stellung, Farbe, Verzierung der Urnen (Kruse 1924, S. 29  f.).

Wesentlich pauschaler klingt die Äußerung Karl Preuskers in seiner in Görlitz prämierten Schrift (Preusker 1829, S. 35  f.): Auf diese getreuliche Aufzeichnung der bei der Auffindung obwaltenden Verhältnisse wird mithin, so wie auf die sorgfältige Aufgrabung und auf Bewahrung vor Beschädigung, bis sie in die Sammlung abgeliefert werden, bei der erwähnten Bekanntmachung vorzüglich aufmerksam zu machen seyn (ebd., S. 36).

Was Wilhelmis Terminologie und Klassifikation der Funde in seiner Bearbeitung der 14 Todtenhügel betrifft, so ist der Einfluss Johann Gustav Gottlieb Büschings, den er

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auch zitiert, unverkennbar (Wilhelmi 1830, S. 146). Die Begriffe sind funktional, das Material ist im Gegensatz zu Büsching nur bei den Halsringen erste Kategorie, eine Hierarchie wird aber auch angestrebt. In der funktionalen Ordnung finden sich wie bei Büsching 1820 noch Begriffe wie „Abhäuteinstrumente“, „Würgedolche“ und „Donnerkeile“, die zeigen, dass eine Loslösung von alten Topoi zumindest terminologisch noch nicht gelungen war (ebd., S.  166). Ganz anders war Johann Daniel Major schon 1692 vorgegangen (siehe S.  176)! Dennoch beruhen viele Begriffe auf der Beobachtung der Lage, mitunter auch der Zahl der Gegenstände und auch ihrer Eigenschaften, wie im Fall der bronzenen Halsringe hohl oder massiv, Schlussknöpfe, dick und dünn u. s. w. Andererseits ist die Abhängigkeit von Tacitus immer wieder zu bemerken, begründet durch die falsche Datierung der prähistorischen Gräber und ihrer ethnisch-germanischen Bestimmung, die zu unangebrachten Analogien führte. Sicher konnte Wilhelmi nicht mehr leisten, da die Kenntnis von Vergleichsfunden zu gering war, um die letztendlich wenigen Funde aus den Hügeln aus zwei Jahrtausenden richtig einzuordnen und ihm dazu auch das methodische Grundgerüst fehlte. Was allerdings die naturwissenschaftliche Bestimmung des Stoffes betrifft, aus dem die Funde gemacht waren, ist die Sinsheimer Grabung die erste gewesen, die dank der vielfältigen beruflichen Herkunft der Ausgräber und des Interesses der Heidelberger Professorenschaft sowohl Metall-, Glas- als auch anthropologische Analysen verzeichnen kann. Auch in dieser Hinsicht handelt es sich also um eine fast schon moderne Materialvorlage. Bei der Klassifizierung römischen Materials, das ja auch für die ‚barbarischen‘ Gegenstände wichtige funktionale und chronologische Fixpunkte liefert, war man in den Dreißigerjahren dagegen auf der Basis des 18. Jahrhunderts schon recht sicher. So bildete Alfred John Kempe 1832 ausgezeichnete Zeichnungen von Terra Sigillata ab, die er als „fine red ware, commonly called Samian“ bezeichnete (Kempe 1832, S. 190  ff., Zitat S. 192). 1834 konnte Wilhelmi sogar schon die Unterschiede zwischen den prähistorischen Grabhügeln verschiedener Zeitstellung und den frühmittelalterlichen Gräbergruppen näher definieren und eine ganze Reihe charakteristischer Merkmale zusammenfassen, die ungeachtet der unrichtigen Deutung der prähistorischen Gräber eine gültige Klassifikation darstellen und als ein ganz wichtiges Ergebnis die richtige Einordnung frühgeschichtlicher Gräber brachten. Er schrieb zu den prähistorischen Hügeln: … so gehören sie in eine gleiche Classe: sie sind von derselben Art … wir haben denselben Hügelbau mit eingeschnittenen mit Asche und Kohlen ausgefüllten Gräbern, und zwar mit Gräbern in verschiedenen Lagen über einander (in den Rappenauern mit drey Lagen, nehmlich mit einer 3’, einer 5’ und einer gut 7’ unter dem Gipfel); so wie dieselben hohlen und massiven Ringe von Erz, denselben Korallen-Schmuck, dieselbe Form der Fibeln, dieselben Eisenschnallen, dieselben Spiral-Gewinde … (Wilhelmi 1834, S. 14).



Die Analyse 

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Dann setzte er die andersartige frühmittelalterliche Gräbergruppe ab: „Eine ganz andere Beschaffenheit haben die Gräber … Sie waren sämmtlich in der Richtung von O nach W …“ (ebd., S. 15)176. Die alten Begriffe, die auf längst überholte Anschauungen zurückgehen, hielten sich zäh. Wie bei Wilhelmi finden sie sich auch bei dem angeblich so fortschrittlichen Johann Friedrich Danneil. So sprach der Lehrer immer wieder von Altären, wenn er Dolmen meinte und kam so nicht zu klaren Definitionen seiner Megalithgrabtypen (Danneil 1836, S.  551). Bei seinen vielen anderen Verdiensten gehört die systematische Klassifikation im Gegensatz zu der Ansicht von Jürgen Jensen auch nicht zu den Stärken des Kopenhagener Museumsmanns Christian Jürgensen Thomsen (Jensen 1988, S, 15). In seinem Ledetraat findet man mehrere Klassifikationsprinzipien durcheinander. Entsprechend fehlt auch jeder theoretische Hinweis zur Klassifikation von Monumenten und Funden (Thomsen 1836[1837]; Daniel 1975, S. 46  f.). Thomsen gliederte ausschließlich obertägig sichtbare Monumente, die er in nur zwei Gattungen einteilte, Grabhügel und Steinsetzungen. Dabei fällt auf, dass er bei der Einordnung große Probleme hatte, z.  B. kannte er Brandbestattungen in Urnen, musste sie jedoch unter die Grabhügel subsumieren. Die Gliederung der Steinsetzungen lässt noch die Auseinandersetzung mit Ole Worm erkennen und insofern auch noch Reste des alten humanistisch-antiquarischen Schemas, so Dingstätten oder Opferplätze, eine Rubrik, unter der ebenfalls die alte Interpretation der Megalithgräber als Altäre diskutiert wird (so auch Randsborg 1994, S. 150; siehe S. 179): „Grabhügel und Grabstellen“ Hügel: „1. Die runden Hügel“, „2. Die länglichen Hügel“, „3. Steinhügel“, „4. Die niedrigen Grabhügel“ (Thomsen 1836[1837], S. 31–35). „Steinsetzungen“ „1. Dingstätten“, „2. Kampfplätze“, „3. Opferplätze“, „4. Schiffssetzungen“, „5. Dreieckige und runde Steinsetzungen“, „6. Bautasteine“, „7. Rokkesteine“ (Thomsen 1836[1837], S. 31–35).

Die Klassifikation der Funde in die 1. Kategorie „heidnisch“ oder „christlich“ und eine zweite Kategorie, in der Material und Funktion, darunter auch sehr zweifelhafte Bestimmungen, miteinander gemischt sind, war nicht dazu geeignet, das Dreiperio-

176 Gummel 1938, S. 183; Wahle 1950[1964], S. 158.

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densystem mit konkretem Material zu füllen. Die einzige und wirkliche Klassifikationsleistung Thomsens war neben der Grundeinteilung des Materials die der Verzierungen auf Metallgegenständen (Thomsen 1836[1837], S. 63; hier Abb. 61) in „Wellen-, Ring-, Spiral-, Doppelspiral-, Schlangen- und Drachenzierathen“. Wie mühsam die funktionale Bestimmung war und wie schwierig die Wahl geeigneter Begriffe, zeigt die Entwicklung der Typologie der Bronzebeile sehr deutlich, deren Bezeichnung Celt oder Kelt im 18. Jahrhundert in England üblich war, von dort als Hache gauloise oder Hache celtique nach Frankreich gekommen war, als „celt“ bei Thomsen (1836[1837], S. 53) für das Tüllenbeil gebraucht wurde und über dessen Leitfaden, in dem sonst andere Klassifikationsprinzipien verwendet wurden, auch nach Deutschland eindrang, mit dem Zusatz: „In England hat man geglaubt, daß sie von celtischen Nationen herrühren und daher ihnen den Namen gegeben, der hier beibehalten ist“ (ebd.). G. C. Friedrich Lisch reagierte wohl darauf mit der Suche nach einem germanischen Begriff, den er Tacitus entnahm, „framea“ (Lisch 1837a, S.  37  ff.). Eigentlich aber kommt der Begriff celtis aus dem Lateinischen und bedeutet ethnisch neutral Pickel, oder Bickel, d.  h. ein Arbeitsgerät177. Leopold von Ledebur (1838, S. IX) bedauerte deshalb sicher mit Recht die „schwankende Terminologie“, auf der er sein Werk, die Veröffentlichung der Berliner Sammlung, nicht aufbauen mochte. Vor allem die Funktionsbestimmungen hielt er noch für zu unsicher – ohne jedoch selbst durch hilfreiche Versuche auf diesem Gebiet weiterzuarbeiten. Am Ende der Dreißigerjahre wurde die Klassifikation der frühmittelalterlichen Funde zu einer weiteren sicheren Basis, die ja schon von Jérémie-Jacques Oberlin und James Douglas vorbereitet worden war (siehe S. 135  ff.). Karl Wilhelmi war bei der Definition der merowingerzeitlichen Merkmale in Südwestdeutschland 1838 schon wesentlich weitergekommen. Er umriss an dieser Stelle das übliche Fundgut merowingerzeitlicher Gräber grob, aber zutreffend, wies sogar auf vereinzelte Funde von Terra sigillata hin, die er richtig als römisch bezeichnete und schrieb: … so ist hier nicht mehr jene höchst verschiedene Richtung der begrabenen Todten nach allen Weltgegenden hin, sondern haben alle Skelette die gleiche Lage von Abend nach Morgen  … schauen wir hier aber das seltenere bei drei Fuß lange Schwert, die eiserne Schildbuckel und den hölzernen gezierten Schild … und fast bei allen Skeletten, an der linken Hüfte, das kurze nicht zum Zulegen eingerichtete Messer … (Wilhelmi 1838, S. 27).

Wesentlich weiter als seine Zeitgenossen war der schwedische Zoologe Sven Nilsson bei der Klassifikation der Steingeräte aus Skandinavien und aus völkerkundlichem Zusammenhang. Sein Zugang zu den archäologischen Funden bildeten die Objekte und ihr Gebrauch, nicht aber ihre Kombination, nicht einmal ihr genauer Fundort.

177 Siehe Bd. 1, S. 430, die lateinische Übersetzung des Namens Konrad Bickel in Konrad Celtis.



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Abb. 61: Die Entwicklung von Verzierungsmustern auf Bronzeobjekten. Thomsen 1836[1837], S. 63. © Barbara Sasse, Michael Kinsky, RGK.

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 Die historistische und frühe evolutionistische Archäologie

Nach der Tradition der enzyklopädischen medizinischen Sammlungen und der Klassifikationsmethode Carl von Linnés klassifizierte er sehr konsequent nach Material, Funktion und Form – z.  B. unter den Steinobjekten „Werkzeuge ohne Schaftloch“ oder „Werkzeuge mit Schaftloch“ oder „solche Werkzeuge, bei denen die Schärfe mit dem Schafte parallel liegt“, worunter er z.  B. Hammer und Amazonenaxt fasste (Nilsson 1838–43, Kap.  1, S.  41; deutsche Übersetzung: Nilsson 1838–43[1868], S.  46, S.  55, S. 56). Ähnlich behandelte er die Meißel (Nilsson 1838, Kap. 1, S. 61; Nilsson 1838– 43[1868], S. 46). Dies war schon eine sehr weit entwickelte Basis für die weiträumige Komparatistik, die Nilsson ja dann auch anstrebte (siehe S. 336). Bemerkenswert ist ferner, dass er sichere von unsicheren Klassifikationen unterschied und ein Kapitel den Objekten widmete, die von den Klassifikationen nicht erfasst waren, also hier ähnlich wie Michele Mercati vorging. Bei Nilsson finden wir auch eine Auswertung von Gebrauchsspuren, um die Funktion zu erkennen: „Eine aufmerksame Beobachtung der Art und Weise wie ein Werkzeug verschlissen ist, führt nicht selten zu einem richtigen Schluss auf seine einstmalige Nutzanwendung“ (Nilsson 1838, 1838–43, Kap. 1, S. 49; deutsch: Nilsson 1838–43[1868], S. 68). Es ist besonders interessant zu beobachten, wie der Autor zwischen 1838 und 1868, d.  h. zwischen der ersten und der dritten, wesentlich erweiterten Auflage seines Werkes seine Methode verbesserte und die neuen Arbeiten, z.  B. von John Lubbock, reflektierte. Da das Werk erst von der zweiten Ausgabe an auch in deutscher Übersetzung erschien, erfuhren die jüngeren Bearbeitungen größere Verbreitung als das anfängliche, mehrteilige Werk. Die Unterschiede betreffen aber nicht das Wesentliche des Forschungsansatzes. Die Klassifikation wurde zwar verbessert, aber alle wichtigen Aspekte finden sich schon 1838. So war der Biologe Nilsson vermutlich der erste, der in einer archäologischen Arbeit Maße auswertete und unter Verwendung des gerade von Anders Retzius, dem Sohn seines Lehrer Anders Jahan Retzius, einem Schüler Linnés, entwickelten LängenBreiten-Index Schädelmaße tabellarisch darstellte (Nilsson 1838–43, Kap.  2, S.  13; Nilsson 1838–43[1868], S. 94). Die jüngere Tabelle freilich ist reichhaltiger und besser strukturiert. Zu Recht wird gerade diese Auswertung, welche die steinzeitlichen Schädel mit den Eskimos verband und nicht mit den neuzeitlichen Einwohnern Skandinaviens, als der argumentative Kern der Untersuchung angesehen, die hier auch rassistische Züge trägt (Nicklassen 2011, S. 163  f.; siehe S. 335)178. Auch die Ganggrabklassifikation und der Vergleich mit dem Eskimoiglu stammen schon aus der ersten Auflage (Nicklassen 2011, S. 169  ff.; Nilsson 1838–43, Kap. 3, S. 1–31, bes. S. 11; Nilsson 1838–43[1868], Taf. XIV; hier Abb. 62). Heinrich Schreiber, als Keltomane gescholten, ist dagegen vielmehr um Neutralität bemüht gewesen. Er verwendete in seiner 1842 erschienen Arbeit Die ehernen

178 Bei Nicklassen (ebd.) findet sich eine ausführliche Forschungsgeschichte gerade zu diesem Aspekt.



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Abb. 62: Grundrisse verschiedener Grabformen aus Schweden, darunter Ganggräber. Eskimoiglu als Analogie für ein Ganggrab. Nilsson 1838–43[1868], Taf. XIV. © Barbara Sasse, Michael Kinsky, RGK.

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 Die historistische und frühe evolutionistische Archäologie

Abb. 63, a: Typologie der Bronzebeile. Schreiber 1842, Taf. I. © Barbara Sasse, Michael Kinsky, RGK.

Streitkeile zumal in Deutschland wie Nilsson das Prinzip der Kombination von Material, Funktionsbestimmung und Form. Schreiber erkannte außerdem noch heute für die Klassifikation gültige Merkmale und führte sie richtig auf die Funktion, in diesem Fall die Schäftung, zurück: „Schaft-Grathen, Schaft-Lappen, Schaft-Röhren“ (Schreiber, S. 1842, Taf. I. II, hier Abb. 63, a-b). In der heutigen Terminologie heißt es analog: Randleisten, Lappen, Tüllen. Die Argumentationsweise Schreibers gegenüber G. C. Friedrich Lischs Hügelgräberterminologie ist besonders charakteristisch: Die oben charakterisirten Grabhügel unterscheidet Lisch als: Erdkegel oder Kegelgräber. Dieselben sind aber, – wie schon der Blick auf die Vignette des Friderico-Francisceum’s ausweiset, und wie Jeder wohl weiß, der mit solchen Gräbern bekannt ist, – wirkliche Halbkugeln, oder Kugelabschnitte von Erde, dürfen also bezeichnender Halbkugelgräber genannt werden (Schreiber 1842, S. 53  f.), Anm. 53).

Christian Jürgensen Thomsens Ledetraat wurde 1843 von seinem Schüler Jens Jakob Asmussen Worsaae modernisiert. Die Klassifikation betrifft das jedoch nur teilweise. In seiner Darstellung der Steingeräte verwendete Worsaae aber das strenge funk­ tionale Klassifikationsprinzip nach der Schäftungsart von Nilsson, dessen erste drei Hefte ja 1838 erschienen waren (Nilsson 1838–43). Auf Nilssons Tafeln ist wohl auch die im gesamten Text häufigere Angabe von Maßen zurückzuführen. Die Anregung zu Statistiken allerdings nahm er nicht auf (siehe S. 282). In die Zukunft gerichtet schrieb



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Abb. 63, b: Typologie der Bronzegeräte und -Waffen. Schreiber 1842, Taf. I; Taf. II. © Barbara Sasse, Michael Kinsky, RGK.

er jedoch im Anhang: „Dass sie [die Gegenstände] gewöhnlich sind, thut nichts zur Sache; denn historische Resultate gehen erst aus der Betrachtung vieler gleichartigen Exemplare vor“ (Worsaae 1844, S. 126). Worsaaes Klassifikation der Funde aus jüngeren Zeiten weist dagegen noch viele Sprünge bei den angewandten Kriterien auf und erinnert vielfach noch an Thomsen. Hier bot ihm Nilsson kein Vorbild. Heinrich Schreibers Arbeit war ihm wohl noch nicht bekannt. Worsaaes Klassifikation ist in das Dreiperiodensystem als oberstes Ordnungsprinzip eingeteilt, so dass Thomsens übergreifende Prinzipien wie „Urnen und andere Gefäße“ oder „Sachen, welche man als die heidnische Gottesverehrung betreffend ansieht“ wegfallen. Er benutzte aber weiterhin Begriffe wie „Celte“ (ebd., S. 22). Mitte der Vierzigerjahre war folglich nur vereinzelt schon Gültiges geleistet. Da aber der Fundstoff zunahm und der Vergleich der Objekte zumindest in Mittel- und Nordeuropa, aber auch, wie die Arbeit von Nilsson zeigt, weltweit wieder wichtiger wurde, wurde die Frage der Terminologie immer brennender. Besonders bemühte sich Georg Otto Carl Freiherr von Estorff um dieses Thema. Er war offenbar bei seinen Vorarbeiten zu Heidnische Alterthümer der Gegend von Uelzen im ehemaligen Bardengaue (Königreich Hannover), d.  h. seiner ‚archäologischen Landesaufnahme‘ des Kreises Uelzen, auf das Problem der Bezeichnung der Fundstellen und Funde gestoßen. Seine Intention war es, „eine klare, bezeichnende und dabei die

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 Die historistische und frühe evolutionistische Archäologie

bisherige Terminologie möglichst berücksichtigende Classification der heidnischen Todten- und götterdienstlichen Denkmale Deutschlands zu versuchen“ (Estorff 1846, Sp. 10)  – leider ein unmögliches Unterfangen, da Estorff wie Thomsen schon mit seinen Grundbegriffen noch auf den Themen der antiquarischen Paradigmen beruhte. Das Ideal des Freiherrn bildete aber offenbar die hierarchische Klassifikation, nach der er anfänglich auch vorging, wenn er Stein- und Erddenkmäler trennte und diese dann weiter untergliederte. „Ich gehe vom Einfachen zum Zusammengesetzten über“ (ebd.). Dabei sah er offenbar, dass unsichere Bestimmungen zur Bezeichnung nicht geeignet waren, und wandte deshalb keine übergeordnete Klassifikation nach der mutmaßlichen Zeitstellung an (Bath 1959, S. 48), aber auch keine ethnischen Bestimmungen wie keltische Altertümer, germanische Altertümer, slawische Altertümer. Blieb Estorff also in seiner Terminologie hinsichtlich der großen Streitfragen seiner Zeit neutral, gelang ihm diese Neutralität doch nicht im antiquarischen Funktionsbereich – offenbar, da ihm der Anschluss an Überkommenes wichtiger war als eine Hinterfragung weiterer Interpretationen wie Opferstein, Versammlungsplatz, Hünengrab, Urnenhügel einer ausgezeichneten Person, Urnenhügel einer oder mehrerer Familien u. s. w. Besonders deutlich wird seine die Klassifikationsebenen und die Interpretation vermischende Arbeitsweise bei der Klassifikation der Steingeräte. Er unterschied die Steinaxt, den Steinhammer und den Donnerkeil – letzteren, weil er „dem Thordienste“ geweiht sei und in „heidnischen Steindenkmälern und unter Eichen“ gefunden worden sei (Estorff 1846, Sp. 67). Direkt anschließend relativierte er aber seine Aussage dahingehend, wenn ein Fundort nicht „so götterdienstlichem“ Zweck entspräche, dann sollte man allgemein „Steinkeil oder Steinwaffe oder Steinhacke oder Steinmeissel“ benutzen (ebd.). Für die bronzenen Beile aber lehnte er sowohl „Celt“ als auch den von Lisch als germanisch vorgeschlagenen Begriff „framea“ zugunsten neutraler Termini ab (ebd., Sp. 76, Anm. 41; siehe S. 343). Ludwig Lindenschmit der Ältere forderte 1846: Was aber nun, ganz abgesehen von etwa neu zu unternehmenden Ausgrabungen etc. vor Allem hergestellt werden muss, ist ein Verzeichnis und die Beschreibung sämmtlicher bis jetzt entdeckter, nichtrömischer heidnischer Grabalterthümer jedes einzelnen Landes und seiner Provinzen, und Darstellung der charakteristischen Fundstücke durch gute Zeichnung oder, wo es erforderlich scheint, durch Gipsabguss (zit. nach Lindenschmit der Jüngere 1902, S. 4  f.).

Nach Gründung des Gesamtvereins 1852 strebten die Geschichtsvereine an, einen Fragebogen zu entwerfen und allen Mitgliedern vorzulegen. Deshalb machte man Georg Otto Carl Freiherr von Estorff zum Vorsitzenden einer Kommission für Terminologie. Als er jedoch Mitarbeit von den einzelnen Vereinen forderte, ließ man ihn im Stich, so dass das ganze Unternehmen steckenblieb (Bath 1959, S. 50). Estorff war außerdem, wie dargestellt, für diese Aufgabe nicht geeignet. Die Diskussion über die Terminologie blieb in der für Estorff typischen Mischung aus neutralen Beobachtungen und ungeprüften – wenn auch nicht ethnischen oder chronologischen – Interpretationen im Versuch stecken. Die Klassifizierung der Denkmäler durch Estorff krankte



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zusätzlich am Fehlen genauer Beobachtung bei den Grabungen, die dazu führen konnte, dass schon bei der grundsätzlichen Trennung zwischen Stein- und Erddenkmälern Irrtürmer unterliefen. Grund seines Scheiterns war aber wohl eher seine Zurückhaltung in der ethnischen Interpretation als seine systematischen Fehler. Er verlor schon bald das Amt des Vorsitzenden der Archäologischen Kommission des Gesamtvereins, was letztlich wohl seinen frühen Rückzug 1857 aus der archäologischen Forschung überhaupt bewirkte. Lediglich für die datierbaren merowingerzeitlichen Gräber war man schon zu einer besseren Klassifikation gekommen: „theils in Erd-, theils in Felsenboden eingegraben, Gräber ohne alle Steineinfassung, oder Gräber mit Steinplatten oder gemauerte Gräber“ (Wilhelmi 1986 [1848–1852], S. 98  f.). Auch die von Karl Wilhelmi schon seit 1830 dokumentierten Lagebeobachtungen führten weiter: z.  B. konnte er nach der Lage der Funde bewiesen, dass die Menschen Kniebänder und Knieriemen trugen (ebd., S. 103).

2.4.2 Bildliche Darstellung und optische Klassifikation 2.4.2.1 Denkmäler und Grabungen Das Interesse von Architekten an baugeschichtlich interessanten Ruinen betraf natürlich vor allem die klassischen Länder des Mittelmeerraums. Maßstäbe setzte die bewunderungswürdige Description de l’Egypte, zwischen 1798 und 1801 entstanden und zwischen 1809 und 1828 erschienen (Bari 1990; siehe S. 71). Aber auch andere antike Monumente wurden exakt vermessen und in Schnitt, Grundriss und Aufriss dargestellt. Zwischen 1809 und 1811 untersuchte z.  B. der Franzose François Mazois (1783–1826) Architektur und Stadtbild von Pompeji (Gran-Aymerich 1998, S.  41  f.). Auch die Qualität der Abbildungen provinzialrömisch-antiker Denkmäler baute in der ersten Hälfte des 19. Jahrhunderts auf dem Niveau der Arbeiten der Aufklärung auf. Das zumindest zeigen die Bauaufnahmen des Königlichen Regierungs- und BauRaths Carl Friedrich Quednow aus Trier wie z.  B. der Porta Nigra oder des Amphitheaters. Quednow hatte an verschiedenen Stellen der Stadt gegraben und machte Grabungsergebnisse  – z.  B. durch eine dunklere Einfärbung beim Grundriss des Amphitheaters  – auch auf seinen Tafeln deutlich, um seine Rekonstruktionen zu belegen (Quednow 1820, T. 2, S. 24 und Taf. III)179. Außerdem aber sind seine Grundrisse, Schnitte und Aufrisse exakt eingemessen und eindeutig orientiert. Das gilt auch für den 1831 in der Archaeologia publizierten Stich mit einer Ansicht des Mausoleums des Theoderich in Ravenna in der Landschaft (Smirke 1831, S. 323  ff.; hier Abb. 64). Die Einzelheiten kann man mit dem heutigen Zustand sehr gut vergleichen: die Zeichnung ist bis ins Detail hinein genau.

179 http://arachne.uni-koeln.de/item/marbilder/1440414. Besucht am 28. 3. 2017.

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 Die historistische und frühe evolutionistische Archäologie

Abb. 64: Mausoleum des Theoderich in Ravenna in der Landschaft. Der Stich zeigt den damaligen Konservierungsstand in allen Details (Smirke 1831, S. 323  ff.). © Barbara Sasse, Michael Kinsky, RGK.

Ganz anders aber sieht es mit den prähistorischen und frühgeschichtlichen Grabungsbefunden aus. Wie schon aus den verschiedenen Anweisungen für Ausgrabungen deutlich wurde, war die Einsicht fast durchgängig noch nicht vorhanden, dass die Zeichnung von Befunden auf der Grabung mindestens so wichtig ist wie die Zeichnung der Fundgegenstände (siehe S. 270). Weder Friedrich Lisch noch Christian Jürgensen Thomsen forderten sie. Der als Ausgräber so gelobte Friedrich Danneil veröffentlichte von seinen vielen Grabuntersuchungen lediglich eine einzige Lageskizze mit Gefäßen aus einer Steinkiste (Danneil 1836, S. 556). Vor allem bis 1840 gibt es nur wenige Beispiele für Befundzeichnungen, die über grobe Skizzen hinausgehen. Wenigstens Kruse verlangte 1824, man solle sogleich bei Entdeckung eines alten Grabes eine genaue Zeichnung von dem Ganzen machen, damit „der Hauptcharacter nicht verloren gehe, und die Gelegenheit nicht fehle, die ganzen Gräber mit denen in anderen Gegenden gefundenen zu vergleichen“. Auch der Gedanke, diese Dokumentation zu archivieren, begegnet hier. „Von solchen Zeichnungen möchte dann sofort eine Copie gemacht und der Direction der Gesellschaft übersandt werden“ (Kruse 1824, S. 29).



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Ein Fingerzeig auf die immense Wichtigkeit des Schichtzusammenhangs und seiner Darstellung sollte von ganz anderer Seite kommen. Der Geistliche William Buckland, der ursprünglich in Oxford Theologie studiert hatte und dann der erste dortige Reader für Geologie geworden war, wollte 1823 in seinem Werk mit dem programmatischen Titel Reliquiae Diluvianae wie viele Gelehrte in der Nachfolge Stenos die Universalität der Sintflut beweisen, indem er die Behauptungen von Zusammenfunden menschlicher Reste und ausgestorbener Tiere z.  B. in der Gailenreuther Höhle zu widerlegen versuchte. Er setzte u.  a. Schnittzeichnungen durch die Höhle ein (Buckland 1823, S. 100, S. 271 und Pl. 17). Auf Pl. 21, einer synoptischen Tafel, stellte er einen Schnitt durch die Höhle Goat’s Hole bei Paviland dar, auf dem die Lage am Meer mit einem Segelschiffchen, der schwierige Weg in die Höhle durch drei Figuren markiert und die Grabungsstellen als Schnitte angegeben werden. Eine zweite Zeichnung bildet ein Planum des Höhlenbodens ab. Die einzelnen Bereiche nehmen aufeinander Bezug und sind mit Buchstaben bezeichnet180. Es ging ihm darum, zu zeigen, dass das fossile Skelett der „red lady“ aus der Höhle in einer rezenten und gestörten Einlagerung gefunden wurde, d.  h. nicht in gesichertem Zusammenhang mit fossilen Tieren (Buckland 1823, S.  87  ff., S.  274–276; Daniel 1975, S.  37; Schnapp 1993[2009], S. 310). Auch Karl Wilhelmi stellte in seinem Werk über die 14 Todtenhügel die Grabungssituation auf einer synoptischen Tafel in vielen Ebenen dar (Wilhelmi 1830, Taf. I; Wilhelmi 1830, S. 175  f.). Sie zeigt den Lageplan der Hügel, die Orientierung der Gräber darin, Aufsichten auf zwei Hügel, in denen die Gräber auf mehreren Ebenen liegen und sich teilweise überschneiden, Schnitte durch fünf Hügel ohne Einzeichnung von Gräbern, drei Grabaufsichten mit Skeletten und Grabgut, sowie einige besondere Grabungsbefunde. Schnitte in unserem Sinne sind nicht aufgenommen worden. Vor allem wurde so nur ein ganz geringer Teil der Gräber zeichnerisch dokumentiert. Auch in den beiden letzten Jahrzehnten vor 1850 steht die Qualität der wissenschaftlichen Zeichnungen der Monumente der der Objekte bei Weitem nach. In den Dreißigerjahren findet man z.  B. bei Sven Nilsson und G. C. Friedrich Lisch Grundrisse von Megalithgräbern (Nilsson 1838–43, Taf. C; hier Abb. 62). Zumindest die von Lisch publizierten Zeichnungen sind exakt eingemessen. Das zeigt der Vergleich der entsprechenden Abbildung des Grabes von Naschendorf (von Lisch fälschlich als Aufriss bezeichnet) mit dem Grabungsergebnis von 1972, in dem zusätzlich der Gang zur Kammer dokumentiert ist, der erst durch die Grabung erkennbar wurde (Lübke 2001, S. 77, Abb. 48–49; hier Abb. 65). Lisch kombinierte diese Art von Zeichnungen allerdings im Fall von Naschendorf mit einer Seitenansicht, im Fall von Katelbogen bei Bützow (Lkr. Rostock, früher Güstrow) noch mit einer romantischen Ansicht (Lisch 1837a, Taf. XXXVI, I-III; hier Abb. 66).

180 https://upload.wikimedia.org/wikipedia/commons/7/7e/Goat%27s_Hole_Paviland.jpg. Besucht am 25. 3. 2017.

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 Die historistische und frühe evolutionistische Archäologie

Abb. 65: Links: Naschendorf, Lkr. Nordwestmecklenburg, rechts: Katelbogen bei Bützow (Lkr. Rostock, früher Güstrow); Grundrisse beider Megalithgräber mit Maßstab und Nordpfeilen (Lisch 1837a, Taf. XXXVI, III). © Barbara Sasse, RGK.

Die Präsentation der Fundstätten bei Worsaae ist wie bei Thomsen noch völlig vernachlässigt. Im ganzen Werk finden sich sechs konventionelle Ansichten von Megalithgräbern und Steinsetzungen in der Landschaft sowie zwei schematische Aufsichten auf die Steinsetzung von Ganggräbern. Letztere beide sind in der Darstellungsart wohl von Nilsson abhängig (Nilsson 1838–43, Taf. C; Worsaae, 1844, S. 70–71; hier Abb. 62). Wie wenig Sorgfalt noch in den Vierzigerjahren für die Dokumentation der Grabungsergebnisse aufgewendet wurde, geht auch aus der Publikation von Georg Otto Carl Freiherr von Estorff über Uelzen hervor. Kleine, ganz offenbar nicht eingemessene Skizzen zeigen verschiedene Grabhügelansichten in der Kavaliersperspektive. Schnitte durch die Hügel und durch Urnengräberfelder sollen zwar die verschiedene Bauart der Gräber verdeutlichen, geben aber nicht wesentlich viel mehr Informationen als die Darstellungen der verschiedenen Urnengräberarten von Massel (Schlesien) durch Leonhard David Hermann 1711 (Estorff 1846, Taf. III; Abb. 67, Abb. 31). Das Körpergrab auf Abb. 67, Fig. 1k liegt sogar vertikal auf der Seite und ähnelt insofern den stehend dargestellten Skeletten von Cocherel (L’Abbé de Cocherel (1685[1722]; hier Abb. 24). Die Hauptkarte des Werkes begleiten an deren Rand Skizzen von Aufsichten auf die Steinsetzungen von Gräbern, überwiegend von Megalithgräbern. Sie sind immerhin nummeriert und orientiert und mit dem Ortsnamen versehen und erinnern in ihrer Anlage, nicht aber in der Präzision an die Abbildungen von Lisch181. Eine weitere Tafel zeigt allerdings, dass von Estorff und sein Zeichner und Vermesser der Förster Hagen durchaus wussten, in welche Richtung eine wissenschaftlich brauchbare Erfassung der Megalithgräber gehen musste: hier hätten für die Steinkammer von Molzen, Amt

181 http://arachne.uni-koeln.de/item/marbilder/3622366. Besucht am 3. 4. 2017.



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Abb. 66: Katelbogen bei Bützow (Lkr. Rostock, früher Güstrow); romantische Ansicht eines Megalithgrabes. Lisch 1837a, Taf. XXXVI, I. © Barbara Sasse, RGK.

Oldenstadt, Ansicht und Grundriss mit Maßstab, Orientierung und nummerierten Steinen aufeinander bezogen werden können, wenn der Grundriss ordentlich eingemessen und nicht auch noch ein Stein vergessen worden wäre (Estorff 1846, Sp. 23, Taf. II, Nr. 18; Sprockhoff 1975, S. 65, Nr. 773)182. All das ist besonders bedauerlich, als heute nur noch wenige dieser Gräber erhalten sind. An anderer Stelle erfuhren Gräber mit ihren Befunden und Beigaben aber schon die Darstellung, die letztlich zur Interpretation von Zusammenhängen führen musste und in England im Fall von James Douglas ja schon 1893 praktiziert wurde. Die Grabzeichnung des 1845 untersuchten bronzezeitlichen Steinkistengrabes von Hvidegaard (Seeland, siehe S.  272) ist zwar kein Planum nach unseren heutigen Maßstäben, sondern ein synoptisches Schaubild des Befundes; die Form und Beschaffenheit der Steinkiste, des Grabbodens, die erhaltenen Kleider sowie die Lage des Bronzeschwertes sind aber zu sehen (Thomsen/Ibsen/Strunk/Herbst 1848, Taf. II).

182 http://arachne.uni-koeln.de/item/marbilder/3622335. Besucht am 3. 4. 2017.

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 Die historistische und frühe evolutionistische Archäologie

Abb. 67: Skizzen zu Grabtypen und Fundverteilungen aus dem Kreis Uelzen (Niedersachsen). Estorff 1846, Taf. III. © Barbara Sasse, Michael Kinsky, RGK.



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Trotz der sonst umfassenden Dokumentation mit einem Profil des schon vor der Grabung halb abgetragenen Grabhügels und der so freigelegten Grabkammer (Taf. I), den Beigaben (Taf. IV) und dem merkwürdigen Inhalt der Tasche (Taf. V; siehe S. 272) konnte man wohl die Lage aller Beigaben nicht darstellen, da die Bergung der organischen Reste kompliziert war und ihre Untersuchung erst im Museum stattfand (Thomen/Ibsen/Strunk/Herbst 1848, S. 339  f., S. 342–345; Klindt-Jensen 1975, S. 53). Die erste Publikation im deutschen Sprachraum mit einer repräsentativen Reihe von Grabzeichungen, auf denen sich ausschließlich der Grabbefund mit dem Toten und dem Grabgut auf einer Darstellungsebene befindet, ist die der Gebrüder Lindenschmit über Selzen (Lindenschmit/Lindenschmit 1848[1969]). Wir finden auch deutliche Darstellungen von Verfärbungen (z.  B. Nr. 21, hier Taf. 4), aber nur einen Schnitt (ebd., S. 18). Die Gebrüder Lindenschmit erreichten hiermit das Darstellungsniveau von James Douglas (Douglas 1893; siehe S. 118; hier Taf. 1–3). Ebenfalls war der Gräberfeldplan noch schematisch – ein „Handriss“, sollte aber die westöstliche Orientierung der Gräber und die Gruppierung in „Furchen- und Plattengräber“ zeigen, denn beides ist deutlich dargestellt. 2.4.2.2 Zeichnungen von Fundobjekten und ihre Anordnung zu Tafeln Die Fundzeichnungen befanden sich bei vielen Autoren jedoch schon auf hohem Niveau. Das Werk Jakob Carl Schaums z.  B. enthält Tafeln im Maßstab 1:1 mit ausgezeichneten Zeichnungen, die allerdings zeitüblich noch gekippt sind. Schnitte gibt es nicht, auch keine einzige Grabungszeichnung. Schaum ordnete die Funde auch nicht nach den Fundstellen, sondern auf humanistisch-antiquarische Art nach ihrer Funktion. So befindet sich auf Taf. III Schmuck von verschiedenen Fundstellen, die Armspirale aus Grabhügel 3 von Niederwetz (Schaum 1819, S. 42), die Fibeln aus dem ersten Grabhügel vom Steindorfer Wald, Oberholz (Schaum 1819, S. 64) und der Armreifen aus Grab 4 der Fundstelle Bauwald (ebd., S. 61; hier Abb. 68). Baurat Carl Friedrich Quednow erreichte auch bei der Darstellung der römischen Kleinfunde aus Trier und Umgebung einen erstaunlichen Präzisionsgrad, wenn auch Schnitte noch fehlen. Da die Gegenstände erhalten sind, kann man sich von der Genauigkeit der Zeichnungen überzeugen (Faust 1995, S. 345  f.). Die Reihenfolge der Gegenstände auf der Tafel folgt aber wie bei Schaum dem humanistisch-antiquarischen Prinzip der Funktion – dass die Nummern 3–6 von einem Fundort stammen, ist Zufall, da es sich um Reste von Lanzenspitzen handelt, die aus funktionalen Gründen zusammenstehen. Der Maßstab wird am Ende der Beschreibung der Tafel zwar angegeben, nicht aber auf der Tafel selbst (Quednow 1820, T. 2, Taf. 19)183. Ein Bewusstsein für die Fundstelle und auch schon den geschlossenen Fund vermitteln dagegen gleichzeitig die von Friedrich Carl Hermann Kruse und dem könig-

183 http://arachne.uni-koeln.de/item/marbilder/1440446. Besucht am 17. 3. 2017.

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 Die historistische und frühe evolutionistische Archäologie

Abb. 68: Funde aus Braunfels (Lahn-Dill-Kreis, Hessen). 86: Niederwetz, Grabhügel 3, Armspirale. 136–137: Steindorfer Wald, Oberholz, Grabhügel 1, 2 Fibeln. 128: Bauwald, Grab 4: Armreif. Schaum 1919, Taf. III. © Barbara Sasse, RGK.



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Abb. 69: Kobelwitz (Kobylice, Opole, Schlesien) und andere Fundorte. Der Autor unterteilte die Tafel mit nummerierten Strichzeichnungen der Funde in drei Komplexe und kreiste den zusammengehörigen Grabkomplex oben links ein. Kruse 1919, Taf. II (Falttafel). © Michael Kinsky, Universitätsbibliothek Freiburg, Historische Sammlungen.

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Abb. 70: Bronzezeitliche Funde aus Grabhügel B in der sogenannten Geishecke, am Fasaneriegebäude, bei Wiesbaden (Dorow 1819/1821, Taf. III) © Barbara Sasse, RGK.



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lich-preußischen Hofrat Wilhelm Dorow publizierten Abbildungen, allerdings ebenfalls ohne eine Darstellung des zugehörigen Befundes. Kruse zeigte die Funde zwar wie Schaum gekippt, verschieden orientiert und drapiert und ohne Maßstab, aber sehr einleuchtend mit allen ihren Charakteristika. Die 2. Kupfertafel ist nach Herkunft bzw. Aufbewahrung in drei Abschnitte geteilt, die Funde nummeriert bzw. mit Buchstaben versehen und das Inventar aus einem kaiserzeitlichen Grab von Kobelwitz (Kobylice, Opole, Schlesien) eingekreist und mit der Bemerkung kommentiert: „I. ein ganzes Grab in Kobelwitz“ (Kruse 1819; Sasse-Kunst 2001, S. 444, hier Abb. 69). Auch das Werk Dorows enthält ausgezeichnete, maßstabsgerechte Fundzeichnungen, zu einem Teil mit Schnitten, identifizierbar nummeriert und entsprechend dem Fundvorgang, d.  h. auch entsprechend der Grabzusammenhänge, beziffert und angeordnet, z.  B. die hügelgräberbronzezeitlichen Funde aus Grabhügel B in der sogenannten Geishecke, am Fasaneriegebäude, bei Wiesbaden (Dorow 1819/1821, S. 12  ff. und Taf. III; hier Abb. 70). Lange nicht so verlässlich sind z.  B. die Zeichnungen, die Johann Gustav Gottlieb Büsching (1820) abbildete, sie sind zwar maßstäblich, aber unterschiedlich gekippt und stimmen perspektivisch nicht. Wenn auch keine Schnitte genommen wurden, so gibt es hier wenigstens Seitenansichten. Ähnlich unsystematisch stellte Johann Traugott Schneider seine Urnengrabfunde von Zilmsdorf (Oberlausitz) dar. Obwohl er zwei Pläne mit Maßstab abbildete und die Zeichnungen von Urnen und Metallfunden einzeln beziffert und beschrieben sind, geht weder die Lage der einzelnen Urnen noch der Zusammenhang zwischen Urnentyp und Metallfund hervor (Schneider 1827). Die Zeichnungen auf den drei Tafeln mit den Funden aus den 14 Grabhügeln bei Sinsheim stellen zwar nur einen Teil des Materials dar, sind aber beziffert und den Gräbern zuzuordnen, zumal sie neben Tafelbeschreibungen auch im Text besprochen werden. Es findet sich auch eine Angabe zum Maßstab (Wilhelmi 1830, S. 179). Die Zeichnungen selbst bringen die Gegenstände relativ genau, die Eisenstücke mit starkem Rost und mit Bruchstellen, sind aber so eng und ohne Ansehen von Grabhügel und Grab durcheinander angeordnet, dass sie der Bildung einer durch geschlossene Funde gestützten Systematik entgegenstehen. Die dänische Königliche Gesellschaft für Nordische Alterthumskunde gab 1835 eine kleine Schrift über Steinaltertümer heraus, die mit außerordentlich qualitätsvollen Abbildungen ausgestattet war, z.  B. der Steinbeile und ihrer Herstellung (Abb. 71)184. Einige dieser Abbildungen druckte Christian Jürgensen Thomsen dann in

184 Kurzgefasste Übersicht über nordische steinerne Alterthümer aus der heidnischen Zeit mit in Kupfer gestochenen Abbildungen. In: Historisch-Antiquarische Mitteilungen, hrsg. von der Königlichen Gesellschaft für Nordische Alterthumskunde, 1835, S. 63–86 und Taf. II-IV. Der Übersicht folgen anschließend weitere Kapitel mit Fundbeschreibungen, die nach dem Material geordnet sind. Den Abschluss bilden wikingerzeitliche Funde. Die Fundberichte berücksichtigen auch die Qualität des Befundes. Der Gesamtbericht ist nur mit den Initialen F. M. unterschrieben, wahrscheinlich der Stellvertretende Vorsitzende der Gesellschaft Finn Magnusen.

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seinem Ledetraat wieder ab. Eine ganz besondere eigene Leistung stellen Thomsens Musterbildchen dar (Thomsen 1836[1837], S.  63, hier Abb.  61); sie sind abstrahiert, aber genau, und zeigen die wesentlichen Elemente der dargestellten Muster. Allerdings wird die typologische Reihe, die Thomsen vorschwebte, bildlich nicht deutlich gemacht. Deswegen konnte es passieren, dass derjenige, der sich nur nach dem Bild orientierte, glaubte, alles sei gleichzeitig (siehe unten zu Wilhelmi). Die anderen unregelmäßig und assoziativ in den Text eingestreuten Zeichnungen von Funden sind unterschiedlicher Qualität und Herkunft (Thomsen 1836[1837], S. 37), teilweise aber stark stilisiert und skizzenartig wie die Musterbildchen. Es fällt auf, dass immer das für Thomsen Wesentliche hervorgehoben ist, wie z.  B. ein Mäandermuster oder Spiralen (Thomsen 1836[1837], S. 40). Die Maßstäbe sind sehr verschieden und nicht angegeben, was nur ganz selten durch Maßangaben ausgeglichen wird. Außerdem sind die Abbildungen nicht nummeriert und stellen nicht immer die beschriebenen Objekte dar. Deshalb sind sie nur auf der Grundlage von Thomsens Text mit keinem bestimmten Fund zu identifizieren. Die Zeichnungen, die G. C. Friedrich Lisch publizierte, beziehen sich dagegen immer auf konkrete Funde, geben sehr präzise Details wieder und sind auch maßstäblich genau wie z.  B. das Bronzeschwert von Lehsen, Lkr. Ludwigslust (Lisch 1837a, Taf. XIV; hier Abb.  72). Da die Funde erhalten sind, ist ein Vergleich mit dem Original möglich (Jöns/Lüth/Andre/Röpcke/Ende/Zander 2003, S.  186, Abb. oben). Es versteht sich, dass der Gelehrte den Maßstab oder die Größe angab, in vielen Fällen ist es die natürliche Größe. Schnitte fehlen, gelegentlich gibt es aber andere, erklärende Ansichten. Die Anordnung der Tafeln folgt allerdings noch dem Material und der Funktion (siehe S. 311). Geschlossene Funde bzw. Befundbeobachtungen lassen sich nur aus der Tafelbeschreibung erkennen, Zeichnungen hierzu fehlen (Lisch ebd., S. 148). Die Aufgrabungsdeputation des Vereins für meklenburgische Geschichte und Alterthumskunde empfahl auch nicht deren Anfertigung bei neuen Grabungen, d.  h., dass Lisch auch im Erscheinungsjahr des Frederico-Francisceums hierin noch keinen Mangel erblickte (Lisch und Aufgrabungsdeputation 1837). Ganz ähnlich Leopold von Ledebur – auch bei ihm schränkten starke Verkleinerung, fehlende Maßstäbe, Schnitte und Rückansichten sowie eine undurchsichtige Anordnung trotz offenbarer Bemühung um Exaktheit den Wert der Fundzeichnungen stark ein – auf seinen Tafeln finden sich auch, wie in vielen Publikationen vor ihm, nicht zugehörige Stücke (Ledebur 1838, Taf. I-IV). Sven Nilsson scheint die dänische Arbeit von 1835 zu den Steinobjekten zum Vorbild genommen zu haben. Die einzelnen Abbildungen sind exakt gezeichnet, nummeriert, mit Größenangaben versehen und werden im Text entsprechend besprochen. Allerdings präsentieren sie die Objekte noch wie in dieser in Frontalperspektive oder in Schrägansicht. Schnitte fehlen grundsätzlich, so bei den Steinbeilen (Nilsson (1838–43, Taf. II). Der nächste Schritt zu einem Bezug von Befund und Fund wurde auch von Nilsson noch nicht getan. Die Objekte sind nach Material sowie funktionalen und



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Abb. 71: Steinbeile der Trichterbecherkultur und ihre Herstellung. Fig. 4 ist nicht geschliffen und trägt deutliche Schlagspuren. Königliche Gesellschaft für Nordische Alterthumskunde 1835, Taf. XI. © Barbara Sasse, RGK.

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Abb. 72: Lehsen, Lkr. Ludwigslust, Mecklenburg. Bruchstück eines altbronzezeitlichen Vollgriffschwertes. Lisch 1837a, Taf. XIV 1b. © Barbara Sasse, RGK.

typologischen Gesichtspunkten geordnet. Geschlossene Funde werden nicht berücksichtigt. Den von Nilsson eingeschlagenen Weg verfolgte fast zeitgleich auch Heinrich Schreiber mit den Tafeln der Publikation Die ehernen Streitkeile zumal in Deutschland (Schreiber 1842, Taf. I. II; hier Abb. 63, a-b). Die sehr exakt, aber ohne Schnitte und Seitenansichten in gleichem Maßstab gezeichneten, mit der Schneide nach oben typologisch nach den Merkmalen ihrer Schäftung angeordneten und nummerierten Bronzebeile sind zwar nicht nach ihrem Befund, wohl aber dem Zweck des Werkes entsprechend funktional und typologisch nach äußeren und technischen Merkmalen geordnet dargestellt. Schreiber hat damit einen ganz neuen Typ der archäologischen Abbildung eingeführt, die Typentafel. Jens Jakob Asmussen Worsaae streute 1843 bei seiner Modernisierung des Lede­ traat seines Lehrers Christian Jürgensen Thomsen ähnlich wie dieser Bilder in verschiedenen Maßstäben in den Text. Im Gegensatz zu seiner Vorlage besitzen die Abbildungen jedoch immer einen unmittelbaren Bezug zum Text, werden oft direkt angesprochen und sind auch vereinzelt nummeriert (deutsch: Worsaae 1844, S. 10  f.). Einige Zeichnungen sind von Thomsen übernommen, andere auch bei Sven Nilsson abgedruckt (Worsaae 1844, S. 17, das rechte Gefäß), die meisten finden sich dann aber 1854 in einem Tafelwerk mit Maßstäben und Nummern (Worsaae 1854) und haben insgesamt an Genauigkeit und Qualität gewonnen. Auch jetzt fehlen zwar noch die Schnitte, doch sind die Gegenstände so gekippt, dass die Form im Wesentlichen zu erschließen ist. Die Fundzeichnungen von C. H. Hagen in der Publikation Georg Otto Carl Freiherr von Estorffs (Estorff 1846, Taf. V-XVI) sind zwar maßstäblich genau, doch teilweise gekippt, so dass Verzerrungen eintreten, und weisen folglich auch keine



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Schnitte auf. Man erkennt Rekonstruktionen (Taf. IX, Fig. 6) und Bruchstellen (ebd. Fig. 24)185. In der Oberflächenschraffur wird jedoch kein Unterschied zwischen guter und schlechter Erhaltung gemacht. Die Anordnung der Funde richtet sich nach dem Material, das auch deutlich in der Überschrift als das Wichtigste zu lesen ist wie auf Taf. XI (hier Abb. 74), und nach der Funktion, d.  h. alle Ringe befinden sich auf einer Tafel. Die einzige Ausnahme bildet eine Auswahl des bronzezeitlichen Schmuckes von Klein-Hesebeck, d.  h. von einem Fundort, auf einer Tafel (ebd., Sp. 98 und Taf. XII)186. Auch die Publikation der Gebrüder Lindenschmit über den Friedhof von Selzen (Rheinhessen) macht keine rühmliche Ausnahme. Die Funde sind eng zusammengedrängt auf einer Tafel dargestellt und nur durch die Nummerierung und die Listen im Text den einzelnen Gräbern der letzten Grabungskampagne zuzuordnen (Klapptafel am Ende). Die eingehaltene Ordnung ist funktional. Die Zeichnungen selbst allerdings enthalten bis auf Schnitte die meisten notwenigen Informationen und weisen immer Maßstabsangaben auf. Sie präsentieren überwiegend in eindeutiger Perspektive die Ansicht und in einigen wichtigen Fällen auch die Seitenansicht. Das zeigt, dass auch Ludwig Lindenschmit der Ältere noch die Funktion als die wesentliche Information angesehen hat. Deshalb hat er keine Konsequenzen für seine Tafelgliederung gezogen.

2.4.3 Zur Auswertung deskriptiver Merkmale sowie objektbezogene Interpretationsmethoden 2.4.3.1 Topographie und Kartographie Obwohl das Bewusstsein, dass der Fundort und damit die geographische Fixierung archäologischer Informationen zu den wichtigsten archäologischen Daten gehören, schon früh entwickelt war, wurde auch in der ersten Hälfte des 19. Jahrhunderts die archäologische Karte noch kein gängiges Hilfsmittel. Noch immer waren zu wenige Funde bekannt und systematisiert. Häufiger beschränkte man sich auf den ungenaueren verbalen regionalen Vergleich. Topographische Aufnahmen archäologischer Fundplätze dagegen oder auch Bauaufnahmen besaßen teilweise schon eine beachtliche Qualität, zumal sie an die technischen Fortschritte des Vermessungswesens im 18. Jahrhundert anknüpfen konnten (siehe S. 46 und S. 67 ff.). Die Arbeit von Sir Richard Colt Hoare (1812, S. 20  ff.) steht am Anfang des 19. Jahrhunderts noch in der historisch-geographischen Tradition Flavius Blondus’, William Camdens und John Aubreys. Es ging ihm um die umfassende Landschaftsbeschreibung Wiltshires nach Gemeinden und Itinerarien, einer kleinen, aber archäologisch

185 http://arachne.uni-koeln.de/item/marbilder/3622349. Besucht am 3. 4. 2017. 186 http://arachne.uni-koeln.de/item/marbilder/3622355. Besucht am 3. 4. 2017.

. 73: Das alte Schlesien hauptsächlich zu den Zeiten der Römer. Kruse 1919, Taf. III (Falttafel; oberer Teil S. 302). © Barbara Sasse, Michael Kinsky, Universitätsbibliothek Freiburg, Historische Sammlungen.

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durch Stonehenge seit der Zeit Camdens immer wieder behandelten Region, deren Kenntnis er durch die Ausgrabung zahlreicher Grabhügel in Zusammenarbeit mit William Cunnington wesentlich erweitert hatte. Für die Zukunft verwies er aber auf die Notwendigkeit eines Vergleichs mit weiteren Gebieten (Colt Hoare (1812, S. 30  ff.; siehe S. 128). Auch diese Arbeit zeigt, um wie viel fortschrittlicher die Kartographie einschließlich der Pläne von Geländedenkmälern im Vergleich zur Darstellung von Funden und Befunden war. Die vielen entsprechenden Karten – auch mit abstrahierter Einzeichnung von Fundstellen – sind zu einem großen Teil eindeutig orientiert, in der Draufsicht dargestellt und perfekt eingemessen, z.  B. zu Haytesbury (Colt Hoare 1812, n. S. 74, n. S. 84). Im damaligen deutschen Sprachraum zeichnete Friedrich Carl Hermann Kruse die erste archäologische Karte eines größeren Gebietes. Sie trug den Titel „Das Alte Schlesien hauptsächlich zu den Zeiten der Römer nach gefundenen Alterthümern und den Angaben der Alten gezeichnet von F.C.H. Kruse“ und enthielt die Namen der Kruse bekannten archäologischen Fundorte mit einer Kennzeichnung durch eine Kreissignatur, aber noch keine weitere Klassifizierung, besitzt aber einen Maßstab (Kruse 1819; hier Abb. 73). Die ganze Schrift Budorgis, der die Karte beigegeben ist, zeigt, dass auch Kruse den Wert archäologischer Funde für die Landesgeschichte grundsätzlich verstanden hatte. 1829 beendete Friedrich von Hagenow seine Special-Charte der Insel Rügen mit vorgeschichtlichen Denkmälern – er hatte Megalithgräber, Hügelgräber und Urnenfriedhöfe aufgenommen (Hagenow 1829; Gummel 1938, S. 142). Auch Karl Wilhelmi erkannte offenbar früh die Wichtigkeit archäologischer Karten, doch kam ein projektiertes Unternehmen nicht zustande (Wahle 1933[1964], S.  173). Interessant ist, dass er und auch Heinrich Schreiber die Beschreibung von archäologischen Verbreitungsgebieten an Flusssystemen orientierten wie die antiken Autoren und nicht auf die nach den Schriftquellen, vor allem nach Tacitus rekonstruierten Stammesgebiete zurückgriffen (Schreiber 1842, S. 33  ff.; siehe Bd. 1, S. 196, S. 197, Abb. 16). Der Vergleich archäologischer Phänomene über große Entfernungen, wie er vor allem im ethnologischen Analogieschluss des christlich-antiquarischen Paradigmas schon sehr lange, im 19. Jahrhundert dann aber bei Sven Nilsson angewandt wurde, bewegte auch Jens Jakob Asmussen Worsaae. Er schrieb: „Künftige Untersuchungen werden erläutern, ob die Steinsachen auf gewisse Gegenden sich beschränken, oder ob sie nicht vielmehr über fast die ganze Erde verbreitet sind“ (Worsaae 1844, S. 18). Zu dieser Zeit waren schon so viele Funde bekannt, dass er z.  B. Bronzefunde aus den skandinavischen Ländern, Irland, England, Frankreich, Deutschland und Ungarn vergleichen konnte (ebd., S. 34  f.). Worsaae zeichnete aber damals noch keine archäologischen Karten zur Verbreitung der Objekte. Ludwig Lindenschmit der Ältere sollte dann im Römisch-Germanischen Zentralmuseum in Mainz eine Sammlung von Gipsabgüssen aufbauen, um überregionale Vergleiche zu ermöglichen (Panke 1998, S.  715  f.). In der zweiten Hälfte des Jahrhunderts entwickelte sich auf dieser Basis



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die Kreuzdatierung (Cross Dating), durch welche die ersten absoluten Daten für die jüngere Prähistorie gewonnen werden konnten (siehe Bd. 1, S. 18). Eine Pioniertat stellte die Karte der Gegend von Uelzen von Georg Otto Carl Freiherr von Estorff dar, auf der Stein- und Erddenkmäler sowie Dorfformen durch sprechende Signaturen verzeichnet sind187. Die Karte im Maßstab 1:100000 ist nach dem magnetischen Nordpol orientiert und in Planquadranten eingeteilt. Die Fundstellen sind nach den Quadranten nummeriert, so dass sie schnell zu finden sind. Für unsere heutigen Ansprüche ist sie schon durch ihren kleinen Maßstab viel zu ungenau (Estorff 1846, S. 123), was der Autor dadurch auszugleichen suchte, dass er zusätzlich auf den Tafeln III und IV und der Hauptkarte vergrößerte Spezialkarten abbildete. Auf der Hauptkarte führte es dazu, dass die übrigen Fundbereiche, vor allem mit mehreren Gräbern, nur ganz grob umrissen werden konnten. An die synoptische Tafel erinnert die Gegenüberstellung von perspektivischer Ansicht und archäologischer Karte, die Estorff auch anderswo verwendete (ebd. Taf. III, I. II; hier Abb. 67). 2.4.3.2 Kombination von Merkmalen und das Problem geschlossener Funde Die erste Hälfte des 19.  Jahrhunderts ist die Zeit, in der sich in einigen Regionen Europas die Erkenntnis der methodischen Bedeutung des Fundzusammenhanges durchzusetzen begann. Allerdings wurde der eigentliche Durchbruch auch 1850 noch nicht erreicht. Bei einem geschlossenen Fund handelt sich nach der hier vertretenen Auffassung um einen durch seine Fundumstände gesicherten Zusammenfund von mindestens zwei Objekten oder Befundmerkmalen, deren Fundumstände darauf schließen lassen, dass sie gleichzeitig bzw. in einem definierbaren Funktionszusammenhang an den Fundort gekommen sind. Unter der Gleichzeitigkeit kann sowohl ein bestimmter Zeitpunkt, wie bei der Grablege eines Individuums, oder eine Zeitspanne, wie bei einer Schicht verstanden werden. Bei einem Gebäude kann es sich z.  B. um die Erbauung, die Nutzung, den Umbau und die Aufgabe handeln. So entstehen geschlossene Funde verschiedener Wertigkeit, von der ersten Kategorie, die auf ein einziges, an einem Zeitpunkt geschehenes Ereignis zurückgeht, über eine in einem längeren Zeitraum entstandene Fundschicht bis zu einer komplexen Fundstelle, die ihre Entstehung vielen verschiedenen Ereignissen verdankt, aber z.  B. durch eine einzige Funktion eine Einheit bildet188. Die Erkenntnis der Geschlossenheit eines

187 http://arachne.uni-koeln.de/item/buchseite/457449. Besucht am 10. 6. 2017. 188 Die bekannteste Definition stammt von Oscar Montelius (1903, S. 11; siehe hier auch Bd. 1, S. 19, S. 68). Wesentlich ausführlicher behandelte Sophus Müller Zusammenfund und geschlossenen Fund in einer gegen verschiedene ältere Arbeiten von Hans Hildebrand und Montelius gewandten Abhandlung (Müller 1884, S.  163, S.  183  ff.). Zur neueren Geschichte siehe Daniel 1975, S.  78; Eggert/Kurz/ Wotzka 1980; Gräslund 1974, S. 97; Gräslund 1981, S. 46; Gräslund 1987, S. 20  ff.; Eggert 2001[2008], S. 52  f.; Thrane 2008, S. 51  ff., siehe hier S. 51  ff.; zur Frage, ob es sich hierbei um ein Konzept, ein Prinzip, ein Axiom oder um ein Gesetz handelt, siehe S. 397).

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Fundes ist aber immer das Ergebnis einer wissenschaftlichen Grabung, und der wissenschaftliche Wert des Fundes abhängig von der Genauigkeit der Beobachtung der Fundumstände sowie dem Ausschluss oder der Eingrenzung möglicher Störungen und möglicherweise kontaminierten Materials (Thrane 2008, S. 55). Da man sich in der ersten Hälfte des 19. Jahrhunderts noch in der Ausbildungsphase der Theorie vom gesicherten oder geschlossenen Fund befand, wird im Folgenden meist vom Fund­zusammenhang gesprochen  – dieser wurde in der fraglichen Zeit jedenfalls mehrfach thematisiert. Der Anfang, den Bryan Faussett und James Douglas mit ihrer kulturhistorischen Erforschung angelsächsischer geschlossener Grabinventare methodisch gesetzt hatten, fand in England zunächst keine Fortsetzung und offensichtlich auch kein Verständnis (Schofield/Carman/Belford 2011, S. 28  ff.). Ein deutliches Beispiel hierfür gibt das eigentlich sorgfältig und vor allem mit großem Aufwand aufgebaute Werk von Sir Richard Colt Hoare (1812; 1819) sowohl durch die vermischten Abbildungen der Funde ohne Nummerierung des einzelnen Stückes, als auch durch die Beschreibungen. Sie geben zu erkennen, dass der Autor die erwähnten englischen Arbeiten der Neunzigerjahre nicht verstanden hatte. Zwar sah er, seinem geographischen Ansatz entsprechend, die Bedeutung der Fundstelle an sich, nicht aber die der genauen Beobachtung und Darstellung von Fundzusammenhängen. Zunächst erhob sich überall noch die Frage, wie ein Zusammenhang von Funden überhaupt bewiesen oder auch widerlegt werden konnte. Besonders brisant gestaltete sich diese Frage für die Höhenforscher, die ja seit Buffon schon mit einer wesentlich längeren Erdgeschichte rechneten als die auf der Bibel beruhenden Hypothesen ergaben. Gehörten die Funde der Überreste von Menschen und ihrer Kultur tatsächlich in diese frühen Erdschichten, die auch Fossilien ausgestorbener Tiere enthielten oder waren sie durch Störung hineingeraten? Hierher gehört die schon erwähnte Auseinandersetzung des Diluvianers William Buckland mit den älteren Entdeckungen von Johann Friedrich Esper in der Fränkischen Schweiz und John Frere in Suffolk (siehe S. 289). Das Problem blieb die genaue Beobachtung der Schichten und deren Zusammensetzung, und Buckland kam hier, aus Unkenntnis oder auch bewusst, zu falschen Ergebnissen. Am Ende der Dreißigerjahre wurde die Beschäftigung mit Zusammenfunden von älteren Pflanzen- und Tiergesellschaften teilweise mit menschlichen Überresten oder Artefakten von neuem aktuell. Sie ließen die Ergebnisse von Esper und Frere wieder in anderem Licht erscheinen und sollten langsam die Anhänger von Georges Cuviers Katastrophentheorie und die alte biblische Chronologie verdrängen. Jedenfalls gab es für den Beweis oder die Widerlegung nur einen Weg: Die gesicherte Kombination in einem gesicherten, gut beobachteten Fund oder auf einem Fundstück. Hierher gehören die schon erwähnten Untersuchungen von Jacques Boucher de Perthes bei Abbeville (Somme) seit 1837, der mehrfach ungestörte Zusammenfunde von Steingeräten und Knochen ausgestorbener Tiere beobachten konnte. Bis zur Anerkennung der Gültigkeit der Methode durch Paul-Jean Rigollot, Joseph Prestwich,



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John Evans und Charles Lyell dauerte es etwa zwanzig Jahre. Sie ist durch die Bestätigung der Ergebnisse an anderen Fundorten geprägt (Wahle 1950[1964], S. 53; Harris 1969, S. 147; Daniel 1975, S. 58  f.; Sackett 2014, S. 9). Diese Forschungen sollten auch den Bildungsprozess der Grabungsmethodik der verantwortlichen dänischen Archäologen prägen, denn der Däne Peter Wilhelm Lund konnte in den Annaler for nordisk Oldkyndighed 1838–1839 seine Grabungsergebnisse aus Höhlen in Brasilien zu Zusammenfunden von Steinäxten, menschlichen Gebeinen und ausgestorbenen Tieren publizieren. Außerdem beschrieb er die Technik der Eingeborenen, Steinäxte zu polieren (Klindt-Jensen 1981, S. 16). Ein schichtenspezifischer Merkmalzusammenhang ist dann auch die Grundlage der Ergebnisse des Biologen Johannes Japetus Smith Steenstrup in dänischen Mooren (Wahle 1950[1964], S. 54). Gleichzeitig (1838/40) hatten Schweizer Geologen bewiesen, dass eine Datierung nur durch Leitfossilien zu falschen Schlüssen führen konnte. Man musste den Zusammenhang verschiedener Merkmale betrachten und die Entstehungsbedingungen der Schichten untersuchen. Deshalb wurde der später auch in der Prähistorischen Archäologie z.  B. für paläolithische Fundgesellschaften wie das Moustérien verwendete Begriff der Fazies189 eingeführt, der alle „zur Bildung eines bestimmten Gesteins notwendigen Bedingungen“ umfassen sollte und nicht nur ein Merkmal (Wagenbreth 1999, S. 64  f.). Als ebenso komplex erwies sich die Gräberforschung, wenn sichere Kombinationen berücksichtigt werden sollten. Hier kam man bis 1850 noch nicht so weit. Welche Grabfunde konnten als zusammenhängend angesehen werden  – Grabhügel, ein Megalithgrab, ein Gräberfeld oder nur ein sicher individuelles Grab? Die Diskussionen über die richtige Ausgrabung eines Grabhügels vom 17. Jahrhundert an erwiesen sich als grundlegend, da sie am Ende dazu führten, dass einige begnadete Ausgräber, wie der Däne Erik Pontoppidan schon seit Mitte des 18. Jahrhunderts, jüngere Nachbestattungen isolieren konnten und so der häufigen Vermischung der Funde innerhalb eines Grabhügels Herr werden konnten. Wesentlich einfacher war die Aufgabe bei der Freilegung von individuellen Körpergräbern (siehe S. 183  ff.). Wir haben also drei Aspekte zu betrachten: – einerseits die Fähigkeit, Grabungen so anzulegen, zu beobachten und zu deuten, dass Fundzusammenhänge gesichert werden konnten, sowie die Möglichkeit, ihre Ergebnisse späteren Forschern aufzubewahren, – andererseits die Einsicht einer Notwendigkeit der Beachtung des Zusammenhangs – und letztlich die Ablehnung seiner Bedeutung auf der Grundlage falsch interpretierter Grabungen.

189 Z. B. Groenen 1994, S. 140.

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Im Gegensatz zu Johann Gustav Gottlieb Büsching (1820, 1824), bei dem sich noch keine Anzeichen für die Darstellung von geschlossenen Funden, geschweige denn für ein Arbeiten mit diesen finden, gehörten Hofrat Wilhelm Dorow und Friedrich Carl Hermann Kruse schon 1819 zu den Forschern, denen nicht nur der wissenschaftliche Wert der Kenntnis des Fundortes, sondern auch der Wert des geschlossenen Fundes klar gewesen zu sein scheint (siehe S. 297). 1824 versuchte Kruse, hieraus schon einen Grundsatz für die allgemeine museale Aufbewahrung der Funde zu machen: „Daher möge man bei Sammlung derselben (Funde), wo möglich alles zusammenlassen, was und wie es zusammen gefunden ist, durch Tausch oder Verkauf nichts davon trennen“ (Kruse 1824, S. 29). Ähnlich äußerte sich Karl Wilhelmi 1830 zum Verhältnis von Fund und Befund: Allein es genügt nicht, dieselben [die Funde, B.S.] überhaupt nur zu kennen, sondern die Hauptsache ist vielmehr genau zu wissen, welche Gegenstände und wie viele, und wie dieselben bey den einzelnen Skeletten in den einzelnen Gräbern zusammen gelegen sind (Wilhelmi 1830, S. 169).

Im Folgenden wird tatsächlich über Kombinationen diskutiert: „Die mit den Schwertern Bewaffneten trugen nie einen erzenen Halsring, wohl aber zwei derselben den eisernen“ (ebd., S. 170). Wilhelmi zog jedoch nicht immer die richtigen Konsequenzen aus seinen Erkenntnissen. Franz Anton Mayer, der teilweise ähnliche Ansichten hatte wie Wilhelmi, bemühte sich in allen seinen Publikationen um die Dokumentation der Grabzusammenhänge und um genaue Beobachtung, steht allerdings hinsichtlich der Präzision seiner Arbeit weit hinter Wilhelmi zurück (Mayer 1825; 1831; 1835; 1836). Auch Gustav Friedrich Klemm zog schon 1836 Schlüsse aus der Kombination von Merkmalen des Befundes und der Funde. Seine Systematik der Gräber zeigt eine Klassifikation mit sinnvoll korrelierten Befundmerkmalen, indem er Megalithgräber (Hünenbetten), Grabhügel mit Brandbestattungen und Grabhügel mit Körperbestattungen, Gräberfelder mit Brand- und Gräberfelder mit Körperbestattungen sowie Sonderformen in Mooren, Gewölben und Kammern unterschied. Auch die Bemerkung über die von diesen Befundtypen abhängigen Kombinationen der Fundmaterialien ist ohne ein Verständnis für das Fundensemble nicht möglich (Klemm 1836, S. 99  f.; siehe S. 320). Klemms Arbeit veranlasste Wilhelmi, noch im Jahresbericht desselben Jahres eine eigene Gräberklassifikation vorzulegen, die der Klemms sehr ähnlich ist, unterschied er doch ebenfalls drei Gruppen, die Megalithgräber (die „Weißen- oder Steinkreise und die länglich-viereckigen Riesenbetten … oberhalb und unterhalb des Erdbodens“), runde Grabhügel und flache Gräberfelder, wobei er die letzteren in eine Gruppe mit Brand- und eine Gruppe mit Körpergräbern teilte; die mittlere Gruppe, „die eigentlichen runden erhabenen schön gewölbten Germanischen Grabhügel“, charakterisierte er durch das Vorhandensein von drei verschiedenen Gräberformen, von Körpergräbern mit Steingeräten, von Brandgräbern und von Körpergräbern



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ohne Steingeräte, aber mit Bronze, Eisen, Gold, Silber und Terra sigillata (Wilhelmi 1836, S.  17  ff.). Seine primäre Klassifikation besteht damit, wie bei Klemm, im Gräbertyp, dem sich der Bestattungsritus und damit auch das Grabgut unterordnet. Wie alle deutschsprachigen Forscher machte er den uns schon aus dem 18. Jahrhundert bekannten Fehler, den Bestattungsritus für wichtiger zu erachten als die Fundstücke (ebd., S. 20  f., siehe S. 267). Heute wissen wir, dass in der Tat alle Merkmale berücksichtigt werden müssen, doch kommt es eben auf die feine Beobachtung und vor allem auf die Identifikation von Störungen und Nachbestattungen an. So konnte Wilhelmi zwar erkennen, dass die Funde aus den einzelnen Gräbern in seinen Hügeln ganz unterschiedliche Charakteristika aufwiesen, zog aber noch nicht den Schluss, dass sie individuelle geschlossene Funde darstellten. Wie Wilhelmi systematisierte der Gymnasialdirektor in Salzwedel Johann Friedrich Danneil in seinem „Generalbericht“ die Ergebnisse seiner eigenen Ausgrabungen (Danneil 1836, S. 544  ff.). Er ging ebenfalls von den Grabformen aus und geriet wie auch die anderen Forscher damit in die Irre. Er machte dabei aber einige interessante Bemerkungen, die ihn als guten Ausgräber und guten Beobachter charakterisieren und zeigen, dass er die Bedeutung von Fundkombinationen kannte und mit Merk­ mal- bzw. Fund- und Befundkombinationen arbeiten konnte. Heute wissen wir, dass hierfür statistische Methoden notwendig sind, über die die Autoren der ersten Hälfte des 19. Jahrhunderts noch nicht verfügten. So stellte er fest, dass sich in ‚Hünengräbern‘ Keramikscherben und keine Metallobjekte fanden; die runden Hügelgräber teilte er wie Gustav Friedrich Klemm in zwei Gruppen. In die erste setzte er Urnen mit Bronzefunden, in die zweite Gräber mit Bronze und Eisen. Ganz wichtig ist seine Bemerkung, dass Eisen in der ersten dieser beiden Gruppen nicht vorkommt (Danneil 1836, S.  580). Als letzte Gruppe nannte er Flachgräber mit überwiegend Eisenfunden. Es überrascht übrigens nicht, dass das Problem der Kombination von älteren und jüngeren Materialien, das ja methodisch dem Münzschatz mit Schlussmünze entspricht und zumindest seit der Publikation von Jean-Jacques Chifflet zum Childerichfund weiten Kreisen bekannt war, sich bei mehreren Autoren reflektiert findet. Zu nennen ist neben Danneil und Klemm Lauritz Schebye Vedel-Simonsen (siehe S. 317). Auch wenn es nicht immer betont wird, ist diese Beobachtung ohne ein Verständnis des Fundzusammenhangs nicht zu treffen (siehe S.  320). Danneils Sammlung kam nicht in die Sammlung des Thüringisch-Sächsischen Vereins, sondern nach Berlin, wo Leopold von Ledebur sie in seinem Katalog mit Angabe zu den Grabungs- und Fundumständen beschrieb (Ledebur 1838, S. 104  ff.; siehe S. 312). Auch Thomsen stellte eine Klassifikation der Gräber- und anderer Monumente an den Anfang seines Ledetraat, die dem alten Schema von Ole Worm noch sehr stark ähnelt. Er ging also zunächst traditionell vor (Thomsen 1837, S. 25  ff.; Randsborg 1994, S. 150, siehe S. 278). Eine der Kernfragen, warum es Thomsen im Gegensatz zu den deutschen Forschern gelang, seine Funde zu ordnen, betrifft deshalb in erster Linie die Qualität der älteren dänischen Grabungen, in zweiter Linie aber sein Verständnis

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der Merkmal- und Fundkombination und des geschlossenen Fundes (Gräslund 1974, S. 97  ff; Hansen 2001, S. 12). Beides lässt sich aus seiner Hauptpublikation zu diesem Thema, dem Ledetraat nur schwer erschließen, da er sich nie direkt dazu geäußert hat. Sicher aber ist, dass er die Bedeutung einer genauen Fundbeobachtung und der „Verbindung“, wie er sagte, kannte, denn er äußerte sich dazu hinsichtlich von Fund und Aufbewahrung (Thomsen 1836[1837], S. 90). Deutlich ist in diesem Zusammenhang auch der Text zu der Abbildung der „Zierathen“ (siehe S. 320). Außerdem zeugen davon aber mehrere Briefe, z.  B. aus dem Jahre 1821: „It is evident, that one has not hitherto paid attention to what has been found together“ und 1822: „the antiquaries will never be able to fix a chronology if they don’t observe what has been found together“ (zit. in englischer Übersetzung nach Gräslund 1981, S. 46). Die erste Äußerung geht zwar über die von Friedrich Carl Hermann Kruse oder Wilhelmi vertretenen Ansichten nicht hinaus, die letzte aber zeigt, dass Thomsen 1822 schon seine Methode vor Augen stand. Es fehlt jedoch bei allen, d.  h. auch bei Thomsen, die klare Definition, wie ein hierfür tauglicher Zusammenfund eigentlich beschaffen sein musste, so dass man dies nur aus den Publikationen nicht lernen konnte. Anders war es vielleicht mit der persönlichen Anschauung in Thomsens Museum, aus der eine Methodik hervorgehen musste, denn sonst hätte Thomsen nicht seine Schüler anlernen können (siehe S. 253). Man muss also festhalten, dass er zwar keine klare verbale Definition vorlegte, dass ihm aber der Sachverhalt klar war und dass er das Glück hatte, im Kopenhagener Museum über so gut ausgegrabene Funde zu verfügen, dass seine Ordnung zu Ergebnissen führte und, was noch wichtiger ist, dass diese Ergebnisse generalisiert werden konnten (Jensen 1988, S. 15). Die wenigen Funde aus den Jahren 1806–1826 geben einen Eindruck davon, auf welch quantitativ bescheidener Basis diese Resultate erzielt worden sind (Street-Jensen 1988, S. 22–25). Aber es kam eben nicht auf die Menge an, sondern auf die Qualität der Grabung und deren Dokumentation und auf den Ausschluss kontaminierten Materials. Anderenorts fehlten das geeignete Anschauungsmaterial und die ältere Funddokumentation. Der Mangel an belastbarer Information behinderte das Neuordnen und damit das Arbeiten mit Fundkombinationen, aber auch eine richtige Klassifikation der Fundstellen. Man sieht das sehr deutlich am Beispiel von G. C. Friedrich Lisch, der sich ja bemühte, Thomsen nachzueifern, und dem die Einsicht des Prinzips der Registrierung des Fundortes und der Fundumstände und der entsprechenden Publikation durchaus geläufig war. Auch bei so fortschrittlichen Forschern wie ihm klaffen Absichtserklärungen, Forschung und Ergebnisse auseinander. Teilweise ist es schwierig, sich hierüber ein klares Bild zu machen. Lisch äußerste sich am Anfang seines Werkes zur herzoglichen Sammlung wie folgt: Soll  … aus den Altertümern ein wahrer Gewinn erwachsen, so hilft es nicht, die gefundenen einzelnen Stücke abgerissen und ohne Verbindung zu beschreiben, … sondern es muss eine Gräberkunde gegeben werden. Erst wenn dem Forscher … eine vollständige Ansicht des gesamten,



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wenn auch vergangenen und zertrümmerten Inhalts eines Grabes vor Augen liegt, – und ihm dann wo möglich ganze Reihen von Gräbern verschiedener Art mit ihrem gesammten Innern zur Vergleichung zu Gebote stehen: erst dann kann er sich erlauben, die Alterthümer zur Alterthumskunde zu benutzen (Lisch 1837a, S. IV).

Das Friderico-Francisceum, in dessen Einleitung dieser Satz steht, entsprach jedoch nicht diesen Anforderungen. Erschwerend wirkte, dass einer der früheren Aufseher der Sammlungen die ursprünglich nach Ausgrabungen geordneten Funde 1804 nach Altertümerklassen umgeordnet hatte und viele Funde keine Dokumentation besaßen. Lisch musste versuchen, „alles Getrennte wieder zu vereinigen“ und seiner „Grundansicht gemäß  … jedes einzelne Stück als Theil eines Ganzen“ darzustellen (Lisch 1837a, S. VI). Deshalb schrieb er: „Sollte dies Werk eine Fortsetzung wünschenswerth machen, so würden Abbildungen des Inhalts einzelner Gräber von Nutzen und Interesse sein“ (ebd.). Hans Rudolf Schröter, von dem er das Werk halbfertig übernommen hatte, hatte sich noch die „Herausgabe einer bildlichen Darstellung der vorzüglichsten Alterthümer und der repräsentierenden Stücke jeder Gattung“ zum Ziel gesetzt (Lisch 1837b, S.  8). In dieser Weise hatte er auch den bis 1824 fertigen Tafelteil (Heft 1–5 des Friderico-Francisceums) angelegt. Im Heft 6 von 1837, das Lisch besorgte, ist das Konzept jedoch nicht wesentlich geändert. Kurze Grabungsberichte wurden zwar gegeben, doch fehlt jede Befundzeichnung. Ganz offenbar bestanden auch Mängel bei der Befundbeobachtung. So fehlte Lisch zu dieser Zeit noch wie Karl Wilhelmi die Einsicht, dass in einem Grabhügel oder auch Gräberfeld Bestattungen verschiedener Epochen vertreten sein konnten (Lisch 1837b, S. 12  ff.). Das führte dazu, dass er das Vorkommen von Eisen in sicher ausgegrabenen Großsteingräbern nicht erklären konnte (ebd., S. 25; Lüth 2001, S. 101). Wie die meisten anderen zeitgenössischen Autoren richtete sich auch Lisch nach der alten Tradition einer Klassifizierung der Gräber nach äußeren Merkmalen, denen er die Funde unterordnete (Lisch 1837a, S. 23  f.). An einer Stelle erkannte er immerhin, dass diese Klassifizierung in einem Widerspruch zum Inhalt der Gräber stand und bemerkte: Nach dem Inhalt scheinen diese Gräber [die der I. Klasse, gemeint sind Megalithgräber, bei denen der Hügel nicht erhalten ist, B. S.] zu der IV. Classe: den sogenannten Hünengräbern zu gehören. Der gewöhnliche Inhalt beider Arten von Gräbern ist gleich (Lisch 1837a, S. 26).

Die Feststellung, dass in Kegelgräbern Spiralornamente typisch seien, geht wohl auf Christian Jürgensen Thomsen zurück (Lisch 1837b, S. 17). Hinsichtlich der Urnen aus den sog. Wendenkirchhöfen (kaiserzeitlichen Brandgräberfeldern) beobachtete er aber charakteristische Merkmale: … sie sind oben weit geöffnet und laufen nach dem Boden hin sehr spitz zu … Die Verzierungen … bestehen nämlich nicht selten aus parallelen, in spitzen oder in rechten Winkeln gebrochenen Linien, den Mäanderformen ähnlich, und sind offenbar mit einem viereckig gezahnten, wahr-

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scheinlich radförmig gearbeiteten Instrumente eingedrückt. … Oft sind die verzierten Urnen mit Asphalt von tiefschwarzer Farbe überzogen (Lisch 1837b, S. 20).

Dass der Direktor der Berliner Königlichen Kunstkammer Leopold von Ledebur trotz seines engen Kontaktes zu Lisch und der Übernahme der Grabungsergebnisse und Funde von Danneil hinsichtlich einer moderneren Systematik überhaupt nicht weiterkam, lag an der weit schlechteren, sehr heterogenen Beschaffenheit der Sammlung der preußischen Könige (siehe S.). So entschied er sich für „das Ähnliche und Verwandte in Form und Stoff“, d.  h. für eine rein antiquarische Gliederung (Ledebur 1838, S. VIII f.). Die Funde sind jedoch nach verschiedenen Registern katalogisiert, von denen das erste sich auf den Fundort bezieht und alphabetisch angeordnet ist (ebd., S. X). Dennoch beweisen sowohl die regionale Aufteilung des Katalogs als auch die Angaben der Fundumstände eine Einsicht des Autors in die wissenschaftliche Bedeutung der Fundzusammenhänge. Z.  B. schrieb er zum Fund einer römischen Plastik in der Ziegelei bei Lichtenberg (Brandenburg) zusammen mit Urnen: Dergleichen seltene Funde sollten von den vaterländischen Alterthümern nie getrennt werden, da sie als Dokumente des Verkehrs mit den Römern, als Haltpunkte für Altersbestimmung der heimathlichen Gräber meistentheils viel wichtigere Zeugnisse für die Geschichte des Vaterlandes sind, als sie erhebliche Beiträge für die Kenntniss des ohnehin bekannteren klassischen Alterthums sein … können, wo das Wichtigste, der Fundort, gar nicht oder nur beiläufig in Betracht gezogen wird (ebd., S. 84, Anm. **).

Außerdem zeigt auch die große Wertschätzung, die Ledebur der Grabungstätigkeit Friedrich Danneils entgegenbrachte, dass er wusste, was eigentlich zu tun war. Entsprechend behandelte er im Katalog diese Funde mit der dazugehörigen Dokumentation – auch Ledebur hatte jedoch nicht verstanden, dass jedes einzelne Grab individualisiert werden musste. So beschrieb er den Urneninhalt für die gesamte Fundstelle von Lohne (Arendsee, Altmark), die Danneil ausgegraben hatte, pauschal (Ledebur 1838, S. 119  ff.). In den Vierzigerjahren scheint das Prinzip des Fundzusammenhangs genauso wie die Klassifikation nach Merkmalen endlich deutlich an Boden gewonnen zu haben. Der Freiburger Professor Heinrich Schreiber konnte mit beidem arbeiten (Schreiber 1842). Er zeigte dies einmal durch seine Typologie der Bronzebeile, in der er mehrere äußere Merkmale zu Typen verband und diese nach dem technischen Kriterium der Optimierung der Schäftung auch zeitlich ordnete (Schreiber 1842, S.  2  f; Taf. I.II; hier Abb. 63, a-b; Wahle 1950[1964] 42). Bei der Ablehnung der Fundkombination des Silberschatzes von Münsterwalde, in dem angeblich Bronzebeile zusammen mit arabischen Dirhems gefunden worden waren, argumentierte er ganz klar mit der ungenauen Beobachtung bei der Bergung der Funde190.

190 „Grosses Aufsehen machte seiner Zeit der sogenannte Münsterwalder-Fund (Frühjahr 1832),



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Jens Jakob Asmussen Worsaae gilt als der eigentliche Erfinder des Geschlossenen Fundes, so dass man geradezu von „Worsaae’s Law“ gesprochen hat (Rowe 1962, S. 129) – wie sich hier ergeben hat, besitzt dieser aber viele Väter, darunter eindeutig in erster Linie Thomsen, bis endlich Oscar Montelius ihn definiert hat (siehe S. 305). In der Tat gibt es in Worsaaes Werk von 1843 aber deutliche Hinweise darauf, dass dem Autor die Wichtigkeit des Zusammenfundes für bestimmte Fragestellungen deutlich war. Er schrieb: Wir würden so im Vorhergehenden die Alterthümer kaum auf drei auf einander folgende Zeitalter haben beziehen können, wenn nicht die Erfahrung gelehrt hätte, dass Alterthümer, die verschiedenen Zeitaltern angehören, auch in der Regel für sich gefunden werden. Jedoch sind es bei weitem nicht alle Findorte, die hier auf gleiche Art in Betracht kommen werden. Eine große Menge von Alterthümern wird z.  B. in Torfmooren aufgegraben, allein wer darf mit Sicherheit behaupten, jene Sachen hätten von der Zeit an, da sie gebraucht wurden, immer daselbst gelegen, und jedenfalls, wer kann entscheiden, ob sie nicht späterhin mit jüngern hineingeworfenen oder verlornen Sachen gemischt worden seien? Sonach werden es nicht die Stellen, wo Alterthümer zufällig können angetroffen werden, sondern vielmehr unsere uralten Steinsetzungen und Grabhügel sein  … Hier können wir also im Allgemeinen erwarten diejenigen Sachen beisammen zu finden, die ursprünglich zu einer Zeit gebraucht worden sind (deutsch Worsaae 1844, S. 61  f.).

Trotz dieser Äußerung behandelte er im Folgenden zwar Grabtypen geordnet nach den drei Perioden, beschrieb aber nirgendwo zum Beweis geschlossene Grabfunde oder bildete sie ab. In seinem Teil über die Gräber findet man zwar einzelne Gräber beschrieben, wie z.  B. die Königshügel von Jelling, vermisst aber auch hier Details zu Befunden, Funden und Lage – immerhin vermerkte er Grabraub, was nur bei einer genauen Beobachtung der Fundumstände möglich ist (ebd., S. 77  ff.). Da dies auch für sein späteres Abbildungswerk zutrifft (Worsaae 1854), müssen wir annehmen, dass er bis zur Mitte des Jahrhunderts die richtige Darstellungsform und die eigentlichen Konsequenzen dieser Erkenntnis noch nicht gefunden hatte. Er unterschied auch noch nicht Kollektivgräber von individuellen Bestattungen, behandelte also das große Problem, welche Gräber eigentlich als geschlossen gelten können, überhaupt

woraus man Veranlassung nahm, die Periode der ehernen Streitkeile bis in das Mittelalter zu verlängern.  … stießen sie [die Arbeiter B. S.] auf fünf eherne Streitkeile, eine anderthalb Ellen lange spiralförmige Schlange von Silber … und 500 ganze und 300 zerschnittene Silbermünzen, aus den ersten drei Jahrhunderten der mohammedanischen Zeitrechnung. … Wie wild es bei dem Funde hergegangen, zeigt der Umstand, dass die Finder in dem Wahne standen, sie hätten die zerschnittenen Münzen zerhackt. Höchst auffallend wäre freilich ein solches Vorkommen von ehernen Streitkeilen mit arabischen Dirrhems an demselben Orte, wenn daraus auch die Gleichzeitigkeit dieser Gegenstände nothwendig sich ergeben müsste. Diesem ist aber nicht so. Die Keile lagen ohne Zweifel schon Jahrhunderte lang bei oder unter diesem Felsblocke, ehe demselben auch ein morgenländischer Handelsmann … sein Geld und seine Silberwaaren anvertraute“ (Schreiber 1842, S. 61  f.).

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nicht. Auch Angaben zur Tracht aufgrund von Lagebefunden sucht man vergeblich – hier werden noch schriftliche Quellen zu Rate gezogen (Worsaae 1844, S. 47). Im selben Jahr schrieb Charles Roach Smith in seiner Publikation von Funden aus Gilton, Kent, in der er auch auf James Douglas Bezug nahm: „considering, at the same time, that the best foundation for successful investigation is in combined and accumulated facts recorded and preserved for reference, and forming, as it were, the statistics of antiquities“ (Smith 1844, S. 136). Weit von der Erkenntnis des Wertes archäologischer Befunde war dagegen Georg Otto Carl Freiherr von Estorff noch im Jahre 1846 entfernt. Entsprechend hatte er sein Werk über den Kreis Uelzen aufgebaut, in dem er erst die Fundstellen behandelte und später die abgebildeten Funde, die er nach dem Rohstoff ordnete und aufzählte; nur selten und schwer lässt sich eine Verbindung zwischen Fundstelle und Fund herstellen. Abgebildet sind von den 1053 Funden nur 366, so dass nach dieser Publikation auch kein Fundzusammenhang nachträglich rekonstruiert werden kann. Das Festhalten des Grabungsbefundes und des Fundzusammenhanges in Wort und Bild sah Estorff offenbar nicht als wichtig an (Estorff 1846, Taf. III, Fig. 1–14a, Taf. XI; hier Abb. 67 und 74; siehe S. 328). Seine Intention war eine andere und für diese Zeit typische: er wollte das Fundspektrum wie G. C. Friedrich Lisch repräsentativ darstellen. Die Gebrüder Lindenschmit gingen zwar einen großen Schritt weiter in Richtung auf die nachvollziehbare Veröffentlichung von gesicherten Zusammenfunden, verfuhren in ihrer Publikation des Friedhofs von Selzen aber noch zweigleisig. Sie bildeten die Funde nach Typen geordnet ab, die Gräber aber als individuelle Planumzeichnungen mit den Beigaben und listeten letztere nach Gräbern geordnet auf (Lindenschmit/Lindenschmit 1848, S. 20  ff., Taf. 1–21, 2. Falttafel; hier Taf. 4 ). So schufen sie für die Merowingerzeit Westdeutschlands erstmals ein Vorbild für die Vorlage von Grabbefunden. Karl Wilhelmi, der ja in den Vierzigerjahren hinsichtlich der frühgeschichtlichen Grabfunde aus Südwestdeutschland mit Ludwig Lindenschmit zusammenarbeiten wollte, besprach dagegen keine Fundzusammenhänge (Wilhelmi 1986[1848–52]). Sein eigentliches Ziel bildete der regionale Vergleich der Funde. Deshalb interessierte er sich immer für den Fundort und ordnete seine Arbeit geographisch nach den Flusssystemen. Auch bei der Klassifikation der Ornamentik merowingerzeitlicher Grabfunde nach Merkmalen hatte er nur scheinbar Fortschritte gemacht, da sie lebhaft an Christian Jürgensen Thomsens Text zu den „Zierathen“ der Bronze- und der Eisenzeit erinnert (Thomsen 1836[1837], S. 63, hier Abb. 61): Wellen- und Ringzierrathen, diese einzelnen Ringe oder Kreise, diese Kreise in einander, und diese Kreise mit einem Puncte in der Mitte, diese Spirale und Doppelspirale, dieses Netzwerk, diese Rauten, diese Dreiecke, welche Zickzack bilden und diese Sternformen, diese zopfförmig geflochtenen Bänder, dieses seltsam verschlungene Blätterwerk, diese Schlangen- und Drachenzierrathen oder wundersame Verschlingungen von Schlangen und Drachen, diese



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Abb. 74: Bronçe-Sachen aus dem Kreis Uelzen (Niedersachsen). Estorff 1846, Taf. XI. © Barbara Sasse, Michael Kinsky, RGK.

eigenthümlichen phantastischen Thier- und Vogelgestalten und diese posirlichen Menschenfiguren nicht minder … Glaseinsätze sind besonders häufig (Wilhelmi 1986 [1848–52], S. 119)191.

Wilhelmi hatte offensichtlich die Idee der kontinuierlichen Stilentwicklung, d.  h. der Sequenzdatierung, bei Thomsen nicht verstanden und verwendete den Text nur für das merowingerzeitliche Material. Die Arbeit von Jens Jakob Asmussen Worsaae (1844), in der ja gerade die Entwicklung der Schlangen- und Drachenzierathen aus den Ringzierathen verworfen wurde (siehe S. 325), zog er jedenfalls nicht heran – sie hätte ihm vielleicht die Problematik erklärt. 2.4.3.3 Chronologie Zeit und Geschichte waren Kernfragen des 19. Jahrhunderts. Die Frage nach der Datierung der vom 16. bis 18. Jahrhundert als menschliche Überreste erkannten archäologischen Funde und nach dem Alter der Menschheit und ihrer Ausprägungen bestimmte deshalb die Forschung in ganz anderer Weise als vorher. Die Ursache hierfür ist allerdings nicht ausschließlich in dem gewandelten Interesse der europäischen Gesellschaften zu suchen. Auch der Fundstoff war angewachsen und nahm nun durch den

191 Fett: Text nach Thomsen formuliert.

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Bevölkerungszuwachs und die verschiedenen Umstrukturierungen immer schneller zu, z.  B. in Dänemark (Randsborg 1994, S. 155, Abb. 12, S. 156, Abb. 13; siehe S. 264). Außerdem erkannte man immer deutlicher, dass in einer richtigen Datierung der Schlüssel zur Beantwortung weiterer historischer Fragen lag, und hier interessierte immer mehr die ethnische Deutung der Funde, um damit die Entstehung und Entwicklung der europäischen Völker und Nationen beantworten zu können. Besonders von den Dreißigerjahren an wurde der Gedanke der biologischen, technologischen und zivilisatorischen Evolution immer bestimmender. Im Folgenden ist zu zeigen, welche Probleme sich stellten, als das sich mühsam entwickelnde Arbeiten mit gesicherten Fundkomplexen zur Grundlage einer Chronologie gemacht wurde. Abgesehen von der Erkenntnis des Fundkomplexes an sich und seiner methodischen Möglichkeiten machte auch bei der relativen Datierung der Mangel an absoluten Daten Schwierigkeiten, zumal der Beweis für eine relative Abfolge nur durch die Stratigraphie oder die Kenntnis eines Endes einer Sequenz zu gewinnen war, d.  h. durch eine teilweise absolute Datierung. Diese konnte, wie in der Zeit davor, nur von den historischen Zeiten ausgehen. Daneben wendete man auch in der ersten Hälfte des 19. Jahrhunderts Ordnungsprinzipien an, die nicht beweisbar waren, sondern vorausgesetzt werden mussten wie das Fortschreiten aller Dinge vom Einfachen zum Komplizierten oder die technische Optimierung. Eine solche Ordnung konnte den Funden zugrunde gelegt werden wie im 18. Jahrhundert die zyklische Entwicklung. Vor allem aber dachte man in der ersten Hälfte des 19. Jahrhunderts noch in Zeitstufen. Noch bei keinem der archäologischen Autoren wird diskutiert, ob das Entwicklungsprinzip auch kontinuierlich funktionieren könne. Die Grundlage vieler Überlegungen bildete deshalb das aus dem 18. Jahrhundert bekannte Stufenmodell antiker Provenienz (siehe S. 198  ff.), das verschiedene, auch miteinander verbundene Formen annehmen konnte: die Werkstoffabfolge, gesellschaftliche Entwicklungsstadien, aufeinander folgende Religionen, Bestattungssitten oder Herrschaftsvölker. Die Unsicherheiten verwundern aber auch, da die Tatsache einer Steinzeit als älteste Periode am Übergang vom 17. zum 18.  Jahrhundert auch archäologisch schon Formen angenommen hatte (siehe S.  139  f.). Was die jüngere Datierung des Metalls betrifft, so findet man abgesehen von den Zitaten der antiken Schriftsteller zwei Begründungen: – erstens war das Metall das Material der bekannten historischen Kultur einschließlich der eigenen des 19. Jahrhunderts; – zweitens war das Eisen schwieriger zu gewinnen als die Bronze. Dieses letztere Argument führte den Metallurgen Martin Heinrich Klaproth in einem 1807 der Berliner Akademie der Wissenschaften vorgetragenen Text zu der Überlegung, dass der Übergang von Bronze zu Eisen allmählich erfolgt sein müsse und lange Bronze- neben Eisengeräten in Gebrauch gewesen sein müssten. Damit war die Sequenz schon vorgedacht, es fehlte aber die Anwendung auf gesicherte Fundkom-



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plexe192. Sein technologischer Schluss findet sich allerdings im 18. Jahrhundert schon bei Johann Georg Eckhart und Antoine-Yves Goguet (siehe S. 207). Der Sammler Lauritz Schebye Vedel-Simonsen scheint 1813 der Erste gewesen zu sein, der das ganze antike Dreistufenparadigma mit archäologischen Funden füllte und eine überlappende Folge der Werkstoffe annahm. Er erklärte das mit einem einleuchtenden modernen Beispiel: „wie auch in unseren Tagen gab es Haushalte mit Ton-, Zinn- und Porzellangeschirr“ (Jacob-Friesen 1928, S. 107; Seger 1930, S. 6; Wahle 1950[1964] 47; Daniel 1975, S. 40; Kunst 1982, S. 5, S. 11)193. Das Prinzip der Reduzierung einer komplizierten Kombination auf ein Merkmal – wie hier die Werkstoffe – entspricht der Idee des Leitfossils und umging vor allen Dingen zwei damals noch nicht gelöste Probleme: – hatte man vor 1850 noch keinen umfassenden Überblick über die Funde und auch noch keine allgemein anerkannte Klassifikation (Typologie); – konnte man die verschiedenen Befundtypen noch nicht zuverlässig kategorisieren, da die entsprechenden Grabungen und ihre empirische, aber rational gestützte Interpretation noch fehlte. Zu einer ungefähren absoluten Datierung der römischen und merowinger- bzw. angelsachsenzeitlichen Funde gab es am Anfang der Epoche lediglich die Ansätze von Johann Daniel Schoepflin, Jéremie-Jacques Oberlin und James Douglas. Wie schon aus der Darstellung des Problems des sicheren Zusammenfundes hervorgeht, war man weitgehend noch nicht so weit, mit diesen Ergebnissen arbeiten und sie auf andere Funde anwenden zu können. Im Norden war das Ende der Wikingerzeit durch Geschichte und Runeninschriften absolut fixiert. Für die Zeit davor gab es dort und im Westen nur sehr vage und durch die allgemein noch herrschende biblische Zeitrechnung kurze chronologische Vorstellungen. Die ersten Ansätze, hierüber hinauszukommen, sollte die Erschließung der schriftlichen Quellen der alten Hochkulturen Ägyptens und des Vorderen Orients bringen, die mit der Entzifferung der Schriften begann. Voraussetzung waren die jungen orientalischen Philologien, in deren Entwicklung vor allem Frankreich voraus war (Gran-Aymerich 1998, S. 72). 1824 veröffentlichte Jean-François Champollion die Entzifferung der Hieroglyphen und legte damit den Grundstein für eine absolute Chronologie der jüngeren Prähistorie in Europa (Daniel 1975, S. 68; Lacouture 1990, S. 74  ff.; Ziegler 1990, S. 81  ff.). Nach Anfängen 1802 durch Georg Friedrich Grotefend folgte 1837 mit den ersten Lesungen und Übersetzungen von altpersischen Texten durch Sir Henry Creswicke Rawlinson auch die Geschichte der vorderasiatischen Hochkulturen. Bis Resultate gewonnen waren, die die Chronologie der Alten Welt

192 Erst 1815 veröffentlicht: Klaproth 1815, S. 78. 193 Vedel-Simonsen 1813, S. 76. Deutsche Übersetzung Michael Kunst. Originaltext: Kunst 1982, S. 11, Anm. 132. Vedel-Simonsen fehlt bei Svend Hansen (2001, S. 10  ff.).

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umstoßen konnten, dauerte es jedoch in beiden Fällen bis in die zweite Hälfte des Jahrhunderts (Daniel 1975, S. 70, S. 73  f.). Die sächsisch-thüringisch-schlesischen Forscher Friedrich Carl Hermann Kruse, Johann Gustav Gottlieb Büsching und Karl Preusker kamen noch zu keinen weiterführenden Datierungen, und selbst die Frühgeschichte konnte von ihnen nicht sicher erfasst werden. Kruse gelang durch seine Erkenntnis kaiserzeitlicher geschlossener Gräber noch am ehesten ein belastbares Ergebnis (siehe S. 297). Wie seit langem bekannt ist, konnte Büsching keine nähere chronologische Eingrenzung vornehmen, obwohl er die Idee der Abfolge von Stein, Kupfer und Eisen kannte und mit Christian Jürgensen Thomsen im Briefwechsel stand. Ihm fehlten geschlossene Funde und deshalb die Beweismöglichkeit für eine Abfolge: Wir müssen hoffen und erwarten, dass es die Alterthumskunde noch einmal hierin zur Sicherheit und Festigkeit bringen und dass man bestimmtere Zeichen finden wird, die für höheres Alter, oder dem Christentume nähere Zeit der gefundenen Sachen sprechen, als die nur zu oft trüglichen sind, welche wir jetzt immer aufstellen, nämlich die Folge von Stein, Kupfer und Eisen bei Anfertigung der Geräthe und Waffen (Büsching 1824, S. 11).

Thomsen korrespondierte den erhaltenen Briefen zufolge von 1823 bis 1825 mit ihm. Er hatte zwar sein Museum schon 1819 eingerichtet (Gräslund 1981, S. 46), aber noch nichts zu seinen Vorstellungen publiziert. Die zitierte Äußerung von Büsching provozierte ihn, im Februar 1825 zu seinem eigenen System Stellung zu nehmen. Daraus wird deutlich, dass er von der „alten Idee“ der Werkstoffabfolge ausging und sie an den Funden „immer bewährter“ fand (Seger 1930, S. 4). Thomsen benutzte die antike Vorstellung zur Aufstellung einer Hypothese, die er meinte, empirisch verifizieren zu können. Die älteste Zeitstufe glaubte er in Skandinavien, Norddeutschland, England, Frankreich und bei den nordamerikanischen Indianern zu finden und interpretierte sie deshalb, der aus dem 18.  Jahrhundert stammenden Idee der kulturellen Entwicklungsstadien folgend, als erste, einfachste Entwicklungsstufe. Zur zweiten Epoche schrieb er schon 1825: „Das Charakteristische dabei sind Form und Zierathen“ und skizzierte die Muster. Diese waren ihm so wichtig, dass er die letzte Periode nach dem vorherrschenden Muster definierte und „Schlangengeschmack“ nannte (Seger 1930, S. 4), unser heutiger Tierstil. Bei seiner Abfolge ist das Entwicklungsprinzip vom Einfachen zum Komplizierten zu erkennen: „Unter den nordischen Altertümern sind nach allen Spuren die einfachen die ältesten. Alles, was künstlicher und zusammengesetzter ist, kommt unsrer Zeit näher. Nach dieser Ansicht ist unser System eingerichtet …“ (November 1824, ebd., S. 3). 1824 äußerte er sich Büsching gegenüber auch zu Eckdaten der urgeschichtlichen Perioden auf der Grundlage der biblischen Chronologie und der Historisierung skandinavischer Mythen. Die zweite Periode sollte danach in Deutschland zu Beginn der Herrschaft der Franken geendet haben  – hier spielte sicher das Childerichgrab mit eisernen Waffen eine Rolle, ohne erwähnt zu werden. Den Beginn der zweiten Periode und damit den Beginn des Metalls löste aber nach seinen damaligen Erwägungen wie



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schon bei Erik Pontoppidan die als historisches Ereignis interpretierte Einwanderung Odins und der Asen aus Asien aus, die er um Christi Geburt datierte. Der Beginn der zweiten Periode sei etwas später, so „von Ao. 200“ nach Christus erfolgt (Seger 1930, S. 4). Insofern folgte Thomsen damals noch wie Lauritz Schebye Vedel-Simonsen ungefähr den Vorstellungen Peter Frederik Suhms vom Ablauf der Urgeschichte nach der Bibel und Erik Pontoppidans und Suhms von der Geschichtlichkeit des skandinavischen Mythos der Einwanderung Odins (Jensen 1988, S.  12  ff.; Rowley-Conwy 2007, S. 39  ff. und fig. 2.3; siehe auch S. 379). Die Mehrzahl der Forscher verfolgten zu dieser Zeit jedoch noch von den Bestattungsriten ausgehende Periodisierungen, richteten sich wie Thomsen aber dabei ebenfalls nach dem Prinzip vom Einfachen zum Komplizierten, da der älteste Bestattungsritus das Körpergrab, der jüngere aber das Brandgrab sein müsste. Insgesamt stimmten alle von der Bestattungsweise ausgehenden Forscher überein, dass die Megalithgräber die ältesten sein müssten  – das „Unförmlich-Primitive“  – wie der Sammler Schleswig-Holsteinischer Altertümer und Justitiar des Gutes Oestergaard bei Flensburg Claus Jaspersen 1828 (Wahle 1950[1964], S. 48  f.). So dachte auch Johann Friedrich Danneil und wähnte, einen verlässlichen Ansatz für eine zeitliche Abfolge gefunden zu haben: während die Grabformen immer einfacher wurden, wurde das Inventar bzw. die Bestattungsart immer kunstvoller (Danneil 1936, S. 587). Die beginnenden Ergebnisse von Zusammenfunden wurden oft nicht genutzt: Karl Wilhelmi stellte 1830 bei der Publikation der Sinsheimer Grabhügel das gemeinsame Vorkommen von eisernen und bronzenen (erzenen) Gegenständen in einem Grabhügel, aber auf verschiedenem Niveau fest und hatte dafür eine ganz andere Erklärung als die Chronologie: Eben so stehen unläugbar mit diesen Gebräuchen in Verbindung die Abhäute-Instrumente und Würgedolche, welche, dem alten Ritus gemäß, noch aus Stein gehauen werden mussten, während man schon Werkzeuge genug von Eisen hatte und auch das Erz wohl zu bearbeiten verstand. Ich habe Grund, zu vermuthen, dass diese Abhäute-Instrumente immer nur in das erste Grab des Hügels kamen. Und bitte alle, welche Gräber öffnen, darauf aufmerksam zu seyn (Wilhelmi 1830, S. 138  f.).

Der gute Beobachter Karl Wilhelmi kannte Stratigraphien und beschrieb sie mehrfach, interpretierte sie jedoch nicht in erster Linie chronologisch – heute wissen wir, dass die Bestattungen von der Schnurkeramik bis in die Latènezeit reichten. Das Prinzip der Stratigraphie scheint Wilhelmi aber klar gewesen zu sein: Auch er hielt das unterste Grab für das älteste, er rechnete nur mit keinem größeren zeitlichen Abstand, da er für die absolute Chronologie nur einen Maßstab besaß: seine Gräber waren älter als die fränkisch-alamannischen Gräber, die er durch das Childerichgrab kannte. Dies kann man ihm 1830 nicht vorwerfen, ganz im Gegenteil war die richtige Erkenntnis des höheren Alters eine Neuerung; das Argument des steinernen jüdischen Beschneidungsmessers findet sich schon in dem Examen mentale zur Datie-

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rung der Steingeräte bei Michele Mercati (Wahle 1933[1964], S.  158  f.; Ament 1996, S. 31; siehe Bd. 1, S. 350). Der fast eine Generation jüngere Gustav Friedrich Klemm, der, wie oben schon festgestellt, evolutionistisch dachte, Fundkombinationen beachtete und als ein Vertreter des Dreiperiodensystems anzusehen ist, arbeitete 1836 drei Fundkomplextypen heraus, die „meist nur steinerne“, „vorzugsweise eherne“, und „auch eiserne Geräthschaften“ enthielten. Er hatte also wie Vedel-Simonsen verstanden, dass die eisernen Gegenstände mit denen aus den ‚älteren‘ Materialien hergestellten Gegenständen kombiniert sind: Denn die Hünenbetten enthalten meist nur steinerne, die Brandhügel vorzugsweise eherne, die Grabhügel auch eiserne Geräthschaften. Die steinernen Geräthschaften deuten auf eine sehr alte Zeit, vielleicht auf die vorrömische Periode; die ehernen, neben denen sich auch die meisten schön geformten Urnen vorfinden, zeigen einen vorgeschrittenen Culturzustand. Das Eisen gehört seiner Natur nach in spätere Zeit … Dazu kommt, dass die Geschichtsschreiber berichten, wie spätere Fürsten und Helden, z.  B. Alarich, Attila, Childerich begraben worden (Klemm 1836, S. 100).

Seine Vorstellung der absoluten Chronologie war also nicht viel anders als die von Wilhelmi oder sogar Christian Jürgensen Thomsen. Wilhelmi präzisierte seine chronologischen Ideen ebenfalls 1836 in einer Kritik an Klemm und verband sie mit ethnischen Deutungen. Die Bestattungssitte besaß für ihn genauso wie für die anderen deutschen Forscher die wichtigste chronologische Bedeutung. Die Körperbestattungssitte müsse die primäre sein. Die erste, megalithische Grabgruppe mit Körpergräbern hielt er deshalb für die älteste und vermerkte richtig, dass man nie Metallsachen fände. Die Grabhügel seien jünger und germanisch, sie enthielten Körper- und Brandgräber gemischt. Die „flachen Todtenfelder“ mit Brandgräbern wies er dann heidnischen Slawen zu  – man denke an die Wendenkirchhöfe (siehe S.  322). Am Ende stünden die „Todtenfelder“ mit westöstlich orientierten Körpergräbern und komplizierten, wertvollen Schmucksachen einer späteren, christlichen Bevölkerung (Wilhelmi 1836, S.  20  ff.). Man sieht, dass diese Argumentation nur teilweise funktionierte, zumal sie nicht empirisch, sondern von einer äußeren Idee gelenkt wurde. Die von Christian Jürgensen Thomsen 1836 publizierte Fassung seines Dreiperiodensystems unterscheidet sich von dem 1825 brieflich gegenüber Johann Gustav Gottlieb Büsching geäußerten Stand nur geringfügig. Die drei bekannten Begriffe Stein-, Bronze- und Eisenzeitalter bleiben in Gebrauch. Weiter ausgebaut aber findet man die Hauptleistung Thomsens, den Weg zur typologischen Sequenzdatierung (Daniel 1975, S. 47; Trigger 1989; Hansen 2001, S. 13). Er sagte nämlich zu den Musterbildern folgendes: die angewandten Formen und Zierathen zu untersuchen, um durch Vergleichung und durch Bemerkung, welche Arten in Verbindung gefunden werden, dahinter zu kommen, in welcher



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Ordnung hiemit Veränderungen vorgegangen sind, und was man, schon den Zierathen nach, zu einem gewissen Zeitraume wird hinführen können (Thomsen 1836[1837], S. 62  f.).

Das Ordnungsprinzip ist, wie das des gesamten Systems, vom Einfachen zum Komplizierten angelegt  – Thomsen dachte zumindest in einer Richtung (Rodden 1981, S. 61  ff.): Wellen, konzentrische Kreise, Spiralen, Doppelspiralen, Schlangen, Drachen. Zum Verhältnis von konzentrischen Kreisen zu Spiralen und Doppelspiralen schrieb er: „Die ersten [Spiralen] scheinen aus den Ringzierathen entsprungen zu seyn, und die doppelten oder zusammengesetzten bilden den Übergang zu den folgenden“ (ebd., S. 63, hier Abb. 61). Wir wissen heute, dass er sich in den Ergebnissen völlig irrte, wenn er aus der Bronzezeit den frühgeschichtlichen Tierstil ableiten wollte! Der Fehler, den Thomsen machte, da er sich mit zu wenig Funden und Merkmalen eine kontinuierliche und kurze Entwicklung vorstellte, schmälert aber nicht sein Verdienst, sondern zeigt von vornherein die Fallen dieser Methode. Für uns ist dagegen von Wichtigkeit, dass ihm auch bei Stilfragen das Gerüst der geschlossenen Funde als Leitschnur diente und dass er darüber hinaus erwartete, durch die geschlossenen Funde über die chronologische Richtung Aufschluss gewinnen zu können, genau, wie später Oscar Montelius (siehe Bd. 1, S. 68). Im Gegensatz zu Montelius brachte er dies auch sehr deutlich zum Ausdruck. Insofern charakterisierte ihn Svend Hansen zu Recht als Empiriker (Hansen 2001, S. 12). Er arbeitete aber nicht primär induktiv, sondern hypothetisch deduktiv – der Beweis der abgeleiteten Hypothese wurde dann induktiv geführt und auf die Hypothese rückgeschlossen. Was die absolute Chronologie betrifft, war der Däne 1836 vorsichtiger geworden und argumentierte nun nur noch mit gesicherten historischen Daten. Deshalb äußerte er sich im Ledetraat nur hinsichtlich der jüngsten Zeit, dem „Schlangengeschmack“, konkreter. Die Datierung der beiden anderen Perioden blieb mit Ausnahme der Erwägung einer Einwanderung in der Zeit Julius Caesars für den Beginn der Eisenzeit völlig unklar (Thomsen 1836[1837], S. 61). Das Dreiperiodensystem konnte Thomsen deshalb nur in seiner jüngsten und letzten Stufe beweisen, denn die Ordnung des Fundstoffs allein konnte die Abfolge der drei Stufen noch nicht absichern und vor allem nicht datieren (Gräslund 1974, S. 102). Dass zunächst durch eigene schriftliche Quellen nur die jüngsten Funde sicherer chronologisch eingeordnet werden konnten, war auch dem Archivar G. C. Friedrich Lisch klar, der wohl als der erste in Deutschland die Idee verfolgte, dass urkundliche Erwähnungen von Gräbern für ihre Datierung wichtig sein könnten: „um aus ihnen Resultate für das Alter der Grabdenkmäler ziehen zu können“ (Lisch 1837a, S. 10  ff.). Inwieweit die Personen, die an verschiedenen Stellen Nord- und Mitteleuropas Sammlungen archivierten und ordneten, voneinander abhängig oder unabhängig auf das Dreiperiodensystem gekommen sind, ist viel diskutiert worden (Kossinna/ Mötefindt 1910, S. 294  ff.; Jacob-Friesen 1928, S. 107  ff.; Seger 1930, S. 3  ff.; Eggers 1959, S. 43  ff.; Daniel 1975, S. 42  f.; Böhner 1981b, S. 120), aber eigentlich zweitrangig. Einerseits ordnete man seit Mitte des 18.  Jahrhunderts archäologische Objekte nach dem

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 Die historistische und frühe evolutionistische Archäologie

antiken Prinzip (siehe S. 140  f.), andererseits bedeutete die Annahme des Systems von Christian Jürgensen Thomsen bzw. die Bereitschaft dazu keineswegs das Verständnis von dessen Methode. Dies war, wie wir sahen, der Fall von Hans Rudolf Schröter und Lisch. Die einzige Passage, die darauf hindeutet, dass Lisch gleichzeitig tatsächlich dabei war, selbständig einen Schlüssel für ein Datierungssystem zu entwickeln, ist die Argumentation zu den Wendenkirchhöfen, d.  h. in Wirklichkeit den kaiserzeitlichen Urnenfriedhöfen: „Hier in den Wendenkirchhöfen ist alles mehr neu und bekannt, an die moderne Zeit grenzend, ja mit ihr übereinstimmend. … Das Material, aus dem die meisten Sachen gefertigt sind, ist Eisen“ (Lisch 1837b, S. 21). Die Datierung in die Slawenzeit begründete er einerseits durch das Silber, es sei erst durch die Araber in die Ostseeländer gekommen, andererseits durch Funde des 12. und 13.  Jahrhunderts in ähnlichen Urnen (ebd.). Diese Äußerung verwundert, da Lisch ja die kaiserzeitliche Keramik gut beschrieben hatte – nicht aber gut genug, um sie von der spätslawischen Ware abgrenzen zu können (siehe S. 311). Das unrichtige historische Argument musste an einem falschen Material zu einem doppelten Fehlschluss führen, die Fundgruppe aber war erkannt und grob chronologisch fixiert worden. Die Fehleinschätzung innerhalb der Frühgeschichte ist dabei nebensächlich, denn Lisch schrieb das in einer Zeit, da auch Thomsen die Eisenzeit noch nicht untergliedern konnte und außerdem so spät beginnen ließ, dass Ostdeutschland tatsächlich in dieser Zeit von Slawen besiedelt war – beiden Forschern und auch dem jungen Jens Jakob Asmussen Worsaae war das Problem einer älteren Eisenzeit und einer römischen Kaiserzeit noch nicht geläufig. Es sollte erst nach 1850 einer Lösung zugeführt werden, an der Lisch dann allerdings auch beteiligt war (Lisch 1870). Theoretisch war Lisch aber schon 1837 zur absoluten Datierung durch sichere Zusammenfunde von typisch mecklenburgischen und römischen Altertümern fähig: „Von großem Interesse könnten römische Alterthümer werden, wenn sie erweislich in einheimischen Gräbern in Verbindung mit anderen Alterthümern gefunden wären“ (Lisch 1837a, S. 101). Lisch beschrieb hier schon die Kreuzdatierung, die in der ersten Hälfte des 20. Jahrhunderts eine so große Rolle spielen sollte. Leopold von Ledebur, der ein Jahr nach Lischs Frederico-Francisceum die Sammlung des Berliner Museums im Schloss Monbijou veröffentlichte, fand „eine Chronologie der Alterthümer  … äußerst schwankend“ und verzichtete folglich darauf (Ledebur 1838, S. VIII). Im selben Jahr veröffentlichte Karl Wilhelmi in seiner Publikation der Hügelgräber von Wiesenthal erstmals seine gesamte Argumentation für die Datierung und damit verbunden die ethnische Einordnung der merowingerzeitlichen Gräber (die er noch nicht so nannte). Diese ist in verschiedener Hinsicht interessant: – erstens beschrieb er die ganze Gruppe durch eine Fülle von Merkmalen (siehe S. 341  f.); – zweitens versuchte er auch schon, eine Gruppe von Fundstellen zu benennen, die diesen Merkmalen entsprachen; – drittens unterteilte er innerhalb dieser Gruppe zwei Untergruppen, Grabhügel und „flache Grabfelder“.



Die Analyse 

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Letztere definierte er als christlich, erstere als heidnisch und damit als älter. Er schrieb: „Die Todtenhügel bei Wiesenthal sind gebaut worden von heidnischen Allemannen und zwar nicht vor Ende des dritten Jahrhunderts“ (Wilhelmi 1838, S. 32). Es handelte sich hier also um eine historische Datierung und um eine Art Zirkelschluss (die Ersterwähnung der Alamannen)  – wie wir heute wissen, sind die Gräber spät und ins 7. Jahrhundert zu setzen. Für Wilhelmi war aber die Bestattungssitte – vom heidnischen Grabhügel zum christlichen Friedhof – die zunächst naheliegende Art einer inneren Gliederung der Merowingerzeit. Wilhelmis Fehler liegt darin, dass er sein Argument der christlichen westöstlichen Bestattung nicht auch auf die ‚heidnischen‘ Grabhügel anwandte. Es war also letztlich der Heidentopos Grabhügel, der ihn fehlleitete, sowie die Tradition der Datierung durch die Bestattungssitte, aber wohl auch seine Vorstellung von der folgerichtigen Entwicklung der Bestattungssitte und der alamannischen Grabhügel als Endphase der ‚altgermanischen‘ Grabhügel, d.  h. das bekannte Entwicklungsmodell der Bestattungsformen. Die Vierzigerjahre sind durch die Auseinandersetzung um das Dreiperiodensystem geprägt, das teilweise zunächst aufgenommen, dann aber wieder verworfen wurde. Gleichzeitig gewann aber die Datierung der frühgeschichtlichen Funde an Boden. Manche Autoren äußerten sich einfach nur vorsichtig abwartend, wie Heinrich Schreiber. Er benutzte nicht eigentlich die Begriffe Bronzezeit oder Eisenzeit, lässt aber mehrfach erkennen, dass er die von ihm monographisch behandelten „Streitkeile“ aus Bronze für sehr frühe Formen hielt, die sowohl älter als die schriftliche Überlieferung seien, als auch aus einem älteren Stoff als dem Eisen (Schreiber 1842, S. 1  f., S. 14, S. 60  f.). Die typologische Reihe seiner Beile und Äußerungen zur Abfolge von Bronze und Eisen lassen erkennen, dass er eine zielgerichtete Entwicklung des technischen Fortschritts annahm. Die weiteren Versuche von G. C. Friedrich Lisch, der Datierung der Eisenzeit näher zu kommen, zeigt selbst bei der Entdeckung hervorragender Fundstellen den Mangel an sicheren geschlossenen Funden. 1841 lieferte man im Schweriner Museum die reichen Funde des später als Lübsow-Grab klassifizierten Grabes von Hagenow (Mecklenburg) ein (Lisch 1843, S. 179  f.; Gebühr 1974, S. 98). Trotz Nachgrabung kam es aber in der Kartoffelgrube, in der die Funde gelegen hatten, zu keiner sicheren Befundbeobachtung. Lisch erkannte zwar die römischen Inschriften der Bronzekellen, wagte aber noch nicht auf die Gleichzeitigkeit der übrigen Funde zu schließen, „welche den in den Wendenkirchhöfen gefundenen einheimischen Geräthen gleich sind“ (Lisch 1843, S. 180). Er schrieb: Es liesse sich freilich wohl denken, dass die Eisencultur gerade bis in die ersten Jahrhunderte nach Chr. zurückreiche; allein eine solche Annahme würde die in Norddeutschland und Skandinavien bisher angenommenen Ansichten von den Perioden der heidnischen Alterthümer zu bedeutend erschüttern (Lisch 1843, S. 398  ff.).

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 Die historistische und frühe evolutionistische Archäologie

Zur Akzeptanz der Gleichzeitigkeit von römischen und einheimischen Funden gesellte sich ein weiteres Problem: Lisch hielt die Bronzepatina auf den römischen Altertümern für älter als die auf den übrigen Bronzefunden. Er blieb auch in den nächsten Jahren trotz weiterer Zusammenfunde von römischem Import und anderen kaiserzeitlichen Funden bei seiner späten Datierung und damit auch der ethnischen Interpretation194. In Dänemark wurde das System Thomsens weiter ausgebaut. Während dieser dem Dreiperiodensystem in seinem Ledetraat nur ein Kapitel von sechs Seiten gewidmet und die Beschreibung der Funde nach funktionalen Kriterien gegliedert hatte (Thomsen 1836[1837], S.  57–64; hier siehe S.  279), machte sein Schüler Jens Jakob Asmussen Worsaae die drei Zeitalter zur Hauptgliederung seiner Überarbeitung des Ledetraat (Worsaae 1844): Erste Abtheilung. Von unseren Alterthümern I. Alterthümer aus dem Steinalter II. Alterthümer aus dem Bronzealter III. Alterthümer aus dem Eisenalter Zweite Abtheilung. Von unseren Steinsetzungen und Grabhügeln etc. I. Gräber aus dem Steinalter II. Gräber aus dem Bronzealter III. Gräber aus dem Eisenalter IV. Gräber in anderen Ländern (besonders in Schweden und Norwegen) V. Runensteine

Andere Kriterien, wie die Funktion, werden der Periodisierung untergeordnet. Nirgendwo in seiner Arbeit von 1843 erwähnte er die antiken Stufentheorien. So entsteht das Bild einer rein empirischen Forschung ohne eine Ausgangshypothese von außen. Während in vielen forschungsgeschichtlichen Arbeiten wie z.  B. bei Glyn Daniel oder Herbert Kühn Worsaae als methodisch fortschrittlicher Ausgräber dargestellt wird (Daniel 1975, S.  78; Kühn 1976, S.  54  ff.), spielen, wie schon Rowley-Conwy zu Recht festgestellt hat, empirisch gewonnene Fundkomplexe in seinen frühen Werken für den Beweis des Dreiperiodensystems oder sonstiger chronologischer Konzepte keine oder nur eine sehr untergeordnete Rolle (Rowley-Conwy 2007, S. 16; siehe auch hier S. 313 zu Worsaaes’ Law). Eine andere Frage ist die, inwieweit die Übernahme der Forschungsergebnisse aus den dänischen Mooren und der Kulturstadien- und Rassentheorien Sven Nilssons schon in dieser Zeit von ihm zur Begründung des Dreiperiodensystems bzw. seiner absoluten Datierungen herangezogen wurde. Sie fällt negativ aus. Die durch die Forschungen in dänischen Mooren naturwissenschaftlich begrün-

194 Lisch, G. C. Friedrich, Mecklenburgische Jahrbücher, 10, 1845, S.  238; ders., Mecklenburgische Jahrbücher, 12, 1847, S. 434.



Die Analyse 

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deten Vegetationszeiten diskutierte er zwar, leitete hieraus aber noch kein wesentlich höheres Alter der menschlichen Besiedlung Dänemarks ab (Steenstrup 1842; Worsaae 1844, S. 8). Dass die Steingeräte die ältesten sind, beweist nach Worsaae die ethnologische Analogie (Worsaae 1844, S. 6). Eine gewisse Rolle spielt auch für ihn das Entwicklungsschema vom Einfachen zum Komplizierten (ebd., S. 19), nicht aber die Stratigraphie. Die Entscheidung, welches der beiden Metalle, Eisen oder Bronze, jünger sei, fiel, wie schon bei mehreren älteren Autoren, aus technologischen Gründen auf das Eisen. In der Darstellung des Ergebnisses war Worsaae also entschiedener als Thomsen, die methodische Begründung erweist sich jedoch der Thomsens gegenüber als rückschrittlich, obwohl er auf weitere Forschungen zurückgreifen konnte. Das zeigt sich auch bei der Behandlung der Ziermusterbildchen, in denen die Idee der typologischen Sequenz schon angelegt war (siehe S. 321). Thomsen erwartete, sie durch geschlossene Funde nachweisen zu können. Worsaae benutzte nur die vier die Bronzezeit betreffenden „Zierathen“ und bildete sie bei der Bronzezeit ab (Worsaae 1844, S. 33). Die „Schlangen- und Drachenzierathen“ Thomsens dagegen, d.  h. den Tierstil, setzte er nicht in dieselbe Entwicklungsreihe, sondern stellte ihre Verbreitung richtig auf angelsächsischen und fränkischen Arbeiten fest und schloss: „Dagegen ist völlig klar, dass die für das Eisenalter characteristischen Verzierungen keineswegs ursprünglich in dem Norden entwickelt sind“ (Worsaae 1844, S. 56). Da nun also der sichere Endpunkt der Verzierungsreihe  – die „Drachenzierathen“ des Silberbechers der Thyra aus ihrem Grab in Jelling (10. Jahrhundert) – nicht aus den Spiralverzierungen entstanden sein konnte, ordnete Worsaae die bronzezeitliche Verzierungsreihe gerade umgekehrt an, indem die Spiralen an den Anfang, die Wellenverzierungen aber ans Ende kamen und schrieb dazu: Die Spiralverzierungen sind die eigenthümlichsten und wohl auch die ältesten. Die Ringverzierungen kommen besonders an größern Gegenständen vor … und scheinen demnach jünger zu sein; als die jüngsten möchten vielleicht die Wellenverzierungen betrachtet werden, die zunächst den Übergang zu den Verzierungen bilden, die im Eisenalter allgemein wurden (ebd., S. 33).

Wie „vielleicht“ ausdrückt, war sich Worsaae hier jedoch keinesfalls sicher. Es ist auch nicht sicher, ob Worsaae das Prinzip vom Einfachen zum Komplizierten bewusst verlassen hat oder nicht, da er bis auf die angeführten keine weiteren Gründe angab. Jedenfalls griff er den Gedanken Thomsens, dass geschlossene Funde ein Beweis für die Richtigkeit seiner Vermutung sein könnten, nicht auf und nahm der Idee der Verzierungsreihe damit ihre methodische Grundlage. Damit nicht genug: Einen weiteren Beweis für die Abfolge der Perioden versuchte Worsaae durch die Kombination des alten, letztlich auf Ole Worm zurückgehenden Schemas der Bestattungssitten mit der Periodisierung der Werkstoffe zu geben, nämlich die Abfolge: Körperbestattung=Steinzeit, Brandbestattung=Bronzezeit, Körperbestattung=Eisenzeit. Es ist das Schema, mit dem man in Deutschland und Frankreich so viel Probleme hatte und das auch im Norden nur scheinbar funktio-

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nierte. Nur an einer Stelle findet man ein stratigraphisches Argument für das höhere Alter der Steinzeit gegenüber der Bronzezeit: Am Gipfel und an den Seiten eines Erdhügels finden sich sehr oft Thonkrüge mit verbrannten Gebeinen und daneben Bronzesachen, während man am Boden des Hügels die eigentliche alte Grabstätte, eine Jettenstube mit unverbrannten Leichen und Steinsachen, antrifft (ebd., S. 74).

Was die absolute Datierung betrifft, so nahm Worsaae wie Thomsen seinen Ausgangspunkt in der Eisenzeit, wo mehrere sichere Fixpunkte zur Verfügung standen, nämlich die sich auf bestimmte Denkmäler beziehenden Runeninschriften wie z.  B. in Jelling oder eine historische Datierung für die Schalenspangen: Dass sie wirklich aus der letzten Zeit des Heidenthumes herrühren, wissen wir mit völliger Gewissheit, weil sie häufig in Gräbern auf Island sich finden, welches Land zuerst von heidnischen Norwegern am Schlusse des neunten Jahrhunderts bevölkert wurde (ebd., S. 42).

In Norwegen und Schweden sei der Beginn der Eisenzeit durch byzantinische Münzfunde spätestens ins 5.  Jahrhundert nach Christus zu datieren. Für einen späteren Beginn in Dänemark sprächen die geringeren eisenzeitlichen Fundmengen (ebd., S.  59  f.)  – an anderer Stelle schrieb er „gegen das Ende des Heidenthumes“ (ebd., S. 79). Entbehrten schon diese Angaben einer belastbaren Begründung, so erst recht die Datierung des Beginns der Steinzeit und der ersten Besiedlung Dänemarks. Sie sei „vor mehr als drei tausend Jahren“ erfolgt (ebd., S. 8)! In den Vierzigerjahren gewann dagegen die frühgeschichtliche Gräberforschung in verschiedenen Ländern wieder bzw. weiter an chronologischer Sicherheit, und zwar aufgrund von Fundkombinationen mit Münzen. In Süddeutschland gelang es, durch römische Münzfunde in den Gräbern von Nordendorf (Landkreis Augsburg) Argumente für eine Datierung von eisernen Waffen und Geräten in die ersten Jahrhunderte nach Christus zu gewinnen. Das war im Prinzip korrekt, denn man kannte in dieser Zeit die Spanne der Münzspiegel ja noch nicht, ein Problem der Quantität (Raiser 1842–43, S. 67). Ins 6. Jahrhundert kam John Yonge Akerman 1844 in einem Brief an Lord Albert Conyngham bezüglich der Funde aus Breach Downs (Abb. 60). Er bezog sich auf die Nenia Britannica von James Douglas (1793), stellte fest, dass ähnliche Funde dort mit Münzen des byzantinischen Kaisers Justinus I. (450–527; Kaiser 518–527) vergesellschaftet sind und schrieb über Douglas: „I find this opinion recieves confirmation from the very minute descriptions and exact drawings of that intelligent and accurate antiquary.  … In some of the tumuli opened by Douglas, coins of Justin were discovered“ (Akerman 1844, S. 54). Beide Beobachtungen waren präziser als die gleichzeitigen Worsaaes und widersprachen ihnen, denn dieser setzte bekanntlich den Beginn der Eisenzeit in Dänemark ins 8. Jahrhundert und erreichte eine frühere Datierung in anderen Ländern nur durch eine gewagte historische Konstruktion, die jeder Grundlage entbehrte.



Die Analyse 

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Die Gebrüder Lindenschmit verkündeten ihr wichtigstes Ergebnis, die Datierung eines Abschnitts der Eisenzeit, schon auf dem Titelblatt ihrer Publikation Das germanische Todtenlager bei Selzen. Die Gräber mit Eisenwaffen stammen aus der Zeit der Völkerwanderung. Gleichzeitig erweiterten sie die schon von Karl Wilhelmi begonnene Definition einer Gruppe von Friedhöfen, die durch das Childerichgrab und nun in Selzen auch durch zwei Münzen von Justinian I. datierbar waren: Die Fülle nämlich der hier gefundenen Uebereinstimmungen in dem Geschmack der Verzierung, den Gefässen und Geräthen, den Waffen und Trachten, den Sitten und Gebräuchen, erlaubt einen sicheren Schluss auf ein gemeinsames Zeitalter dieser Alterthümer (Lindenschmit/Lindenschmit 1848[1969], S. 29).

Dies war zwar nicht neu, aber so eindringlich präsentiert und durch die Münzen Kaiser Justinians bewiesen, dass es von nun an zum festen Bestandteil archäologischen Wissens gehörte. Dass dieses jedoch noch nicht so fest gegründet war, zeigt, dass Ludwig Lindenschmit der Ältere 1852 Grabhügel in das 5.  Jahrhundert nach Christus datierte (Wahle 1950[1964], S. 44). Wilhelmi seinerseits akzeptierte in dem Entwurf für eine gemeinsame Schrift mit Lindenschmit das Dreiperiodensystem, obwohl auch er dessen methodische Grundlagen nicht ganz verstanden hatte: „In dieser ganzen Todtenbestattung prädominieren aber das Eisen und Silber, die Stoffe der Alterthümer der jüngsten Periode“ (1986[1848–52], S. 96). Im Gegensatz zu anderen seiner Zeit konnte Wilhelmi aber mit stratigraphischen Beobachtungen argumentieren, was ihn in seiner jüngsten Arbeit zu Erkenntnissen über die innere Chronologie von Gräberfeldern führte. Wilhelmi kam dadurch über den Irrtum seiner Zeit hinaus, dass ein Gräberfeld nur eine einzige Epoche repräsentieren musste: Die Gräber überhaupt aber bilden beinahe immer nur eine Lage oder Schichte; und wo es ihrer mehrere, ja ganze große Kirchhöfe oder Leichenfelder sind, ziehen sie sich in regelmäßigen Reihen, einzeln von Abend nach Morgen gerichtet, von Mittag nach Mitternacht  … Bei OberStotzingen sind noch Grabhügel und bloße Gräber in der Erde in zwei Schichten über einander beisammen, und während die Todten in der obern Gräberschichte schon keine Mitgaben mehr haben, haben die Todten in der untern Schichte und in den Hügeln noch ganz dieselben Mitgaben. Und in den Gräberhügeln bei Wiesenthal und bei dem Göfelhofe waren die Todten mit denselben Mitgaben ausgestattet, welche man bei den Skeletten in den Gräbern in der bloßen Erde findet (ebd., S. 99  f.). … Die heidnische Sitte der Mitgaben ließ jedoch mit dem Christenthume immer mehr nach; und wir müssen so die Gräber in der bloßen Erde für die ältesten erklären, diesen aber die Plattengräber der Zeit nach folgen lassen und die trocken gemauerten Gräber für die jüngsten halten (ebd., S. 101).

Die chronologische Einordnung der Gesamtgruppe nahm Wilhelmi jedoch  – im Gegensatz zu Christian Jürgensen Thomsen  – wie Ludwig Lindenschmit der Ältere und vor ihnen Jean-Jacques Oberlin durch das Childerich-Grab vor, zu dessen Identifikation er  – ganz im Gegensatz zu James Douglas  – trotz offenbarer Benutzung

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des Berichts von Chifflet ganz unkritisch schrieb: „Die Gemme führte die lateinische Inschrift: Childerici regis. An dieser eben erkannte man sogleich, daß das Grab das des Königes Childerich war“ (ebd., S. 39). Was die Gesamtperiodisierung der Ur- und Frühgeschichte betrifft, standen im deutschen Sprachgebiet in den Vierzigerjahren und noch lange danach die meisten Forscher dem Dreiperiodensystem ablehnend oder vorsichtig abwartend gegenüber. Georg Otto Carl Freiherr von Estorff, der später zu einem entschiedenen Gegner des Systems werden sollte, bietet ein gutes Beispiel hierfür. Er hatte ursprünglich die Abfolge von Stein, Bronze und Eisen als Rohstoff zur Grundlage des Aufbaus seines Werkes gemacht. Da er auf Fundkombinationen, die allerdings nicht ausreichend gesichert waren, achtete, war er schon damals wegen des gemeinsamen Vorkommens von Stein, Bronze und Eisen irregeworden und hatte an „eine Gleichzeitigkeit, nämlich ein Hinübergreifen der Zeit-Abschnitte“ gedacht (Estorff 1846, Sp. V f.). Sein Problem war offenbar – viel stärker als das von Ludwig Lindenschmit dem Älteren und Christian Hostmann, bei denen vor allem politische Gründe sowie der Historismus in der zweiten Hälfte des Jahrhunderts zur Ablehnung des Dreiperiodensystems führten195 – dass er mit dem Problem nicht fertig wurde, dass eine Rohstoffart nach der anderen auftreten sollte, dann aber weiterleben, d.  h. in jüngeren Funden in Kombination mit jüngeren Rohstoffen noch vertreten sein konnte. Diese Beobachtung forderte den Schluss, dass das jüngste Stück datiert, in einem Fund mit Eisen immer das Eisen, in einem Fund mit Bronze ohne Eisen immer die Bronze, in einem Fund ohne Eisen und Bronze, aber mit Stein immer der Stein. Es war die übergroße Reduzierung der Merkmale auf den Rohstoff, der einerseits wegen der Einfachheit die Durchsetzung des Systems als Schlagwort erleichterte, wegen der zu großen Vereinfachung jedoch im Detail auch Schwierigkeiten bereitete. Estorff und anderen fehlte die methodische Grundlage, einerseits, weil sie von Christian Jürgensen Thomsen nicht deutlich genug vermittelt worden war, andererseits, weil ihnen auch keine sicheren Fundkomplexe zur Verfügung standen. Deshalb hielt Estorff zunehmend die ganze Einteilung für falsch bzw. für nicht übertragbar. Der Mecklenburger Archivar G. C. Friedrich Lisch vertrat dann als einer der ersten deutschen Forscher das Dreiperiodensystem. 1852 hielt er deshalb bei der ersten Versammlung des Gesamtvereins für Geschichte und Alterthumskunde einen programmatischen Vortrag „Über die Hauptunterschiede der drei Zeitperioden, aus welchen wir im Norden Deutschlands Gräber heidnischer Vorzeit besitzen, nämlich

195 Tanja Panke war der Meinung, Lindenschmit hätte sein Kulturkonzept nicht reflektiert und sieht hierin den Grund für seine Ablehnung des Dreiperiodensystems (Panke 1998, S. 714). Lindenschmit hatte aber ein sehr festes Kulturkonzept, in dem Kulturen als Individuen angesehen und Völkern zugeschrieben wurden (siehe S. 343). Dieses System arbeitete nicht mit übergreifenden Gesetzmäßigkeiten. Lindenschmit war außerdem die Bedeutung der geschlossenen Funde und das Prinzip einer sequenziellen Entwicklung nicht klar. Deswegen verstand er nicht, dass Thomsen empirisch arbeitete. Außerdem waren ihm dessen und Worsaaes Ansichten zu Wanderungen nicht akzeptabel.



Die Analyse 

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der Hünen, der Germanen und der Wenden“196. Lischs Hauptgegner blieben Ludwig Lindenschmit der Ältere und Georg Otto Carl Freiherr von Estorff, in Norddeutschland vor allem sein pommerscher Kollege Ludwig Giesebrecht, der das stratigraphische Prinzip in Grabhügeln überhaupt nicht verstanden hatte, bezüglich der ethnischen Interpretation der Wendenkirchhöfe allerdings bessere Argumente hervorbrachte als Lisch (Bath 1959, S. 66  ff.; Gummel 1938, S. 167  f.; Mangelsdorf 2003, S. 66). Jens Jakob Asmussen Worsaae jedoch konnte für das System ganz offiziell und international werben. 1846–47 unternahm er eine vom dänischen König unterstützte England- und Irlandreise, um Wikingermaterial zu studieren, und gewann die Überzeugung, dass das Dreiperiodensystem auch dort anzuwenden war (Daniel 1975, S.  78; Rowley-Conwy 2007, S.  17  ff.). Dennoch stieß Worsaae auch in England auf Widerstand und Ignoranz. Peter Rowley-Conwy, der diesen Vorgang im Vergleich zu Schottland und Irland untersucht hat, vermutete als einen Grund das Sprachproblem, da wenige Arbeiten übersetzt wurden und das erst spät (ebd., S. 83  ff.). Dagegen spricht, dass auch die unmittelbar auf die Publikationen auf Dänisch folgenden deutschen Übersetzungen genauso wie die noch früheren und weitergeführten Kontakte im deutschen Sprachbereich zu keiner schnelleren Akzeptanz geführt haben. Die Kampagne Worsaaes in England, Schottland und Irland fand zwar später statt, die Übersetzungen der Werke erschienen jedoch unmittelbar danach, d.  h. auch hier fand ein intensiver Versuch statt, die britischen Kollegen zu überzeugen. Die Gründe der Ablehnung waren in beiden Fällen inhaltlicher und methodischer Art. Bei der Beurteilung der Schnelligkeit von Thomsens und Worsaaes Erfolg in Skandinavien darf man dagegen nicht vergessen, dass der Ledetraat in hoher Auflage erschienen war, vor allem aber ein königliches Programm und eine offizielle Kommission dahinterstanden und nicht zuletzt im Museum auf zwar nicht sehr, aber doch ausreichend viele geschlossene Funde zurückgegriffen werden konnte. All das war in England und Deutschland nicht gegeben. In Schottland dagegen war Daniel Wilson nach Ansicht von RowleyConwy nicht aus theoretischen Überlegungen, sondern durch stratigraphische Beobachtungen selbst zu einem Beweis der Richtigkeit der Abfolge gekommen– Wilson allerdings führte in seinem Vorwort den neuen Ansatz auf die Skandinavier Thomsen, Eschricht und Nilsson zurück und seine Übertragbarkeit auf die gemeinsame Lage im Norden des Römischen Reiches, d.  h. auf historische Gründe (Wilson 1851, S. XI f.; Rowley-Conwy 2007, S. 152  ff.). Jedenfalls ordnete er noch in den Vierzigerjahren die Sammlung der Society of Antiquaries of Scotland nach dem Prinzip Thomsens, das er aber nicht durch sichere Zusammenfunde beweisen konnte und der auf den Britischen Inseln und in Frankreich üblichen Völkerfolge unterordnete: Celtic bedeutete

196 Korrespondenzblatt des Gesamtvereins der Deutschen Geschichts- und Alterthumsvereine, 1, 1 (Probeheft), 1852–53, S. 4; Diskussion darüber: Korrespondenzblatt des Gesamtvereins der Deutschen Geschichts- und Alterthumsvereine, 2, 1853–54, S. 30  f.

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 Die historistische und frühe evolutionistische Archäologie

die Stein- und Bronzeperiode, der dann die römische und angelsächsische Periode folgten (Wilson 1849). 1851 publizierte er sein nach den drei Perioden gegliedertes Überblickswerk unter dem provokanten Titel: The Archaeology and Prehistoric Annals of Scotland. Hier setzte er erstmals in einer englischen Publikation den schon von Worsaae in den Vierzigerjahren verwendeten Kampfbegriff Prehistoric ein (Daniel 1975, S. 86; Trigger 1992, S. 61). Dieser Begriff, der ursprünglich gegen die von dänischen Historikern noch als historisch aufgefassten traditionellen Mythen, Legenden und Fälschungen entwickelt worden war und die naturwissenschaftlich und nicht historisch belegte Zeit bezeichnen sollte, wurde von Worsaae seit den Vierzigerjahren immer häufiger eingesetzt und auch nationalistisch im Konflikt um Schleswig missbraucht (Rowley-Conwy 2007, S. 66, S. 80)197. Die spätere Akzeptanz des Dreiperiodensystems in England war aber nicht nur die Folge dieser dänischen Vorlagen oder eines eventuellen Einflusses aus Schottland. Wie wir gesehen haben, besann man sich in den Vierzigerjahren wieder auf die Fortschritte des späten 18.  Jahrhundert bei der Definition angelsächsischer Gräber auf der Grundlage von geschlossenen Funden und gewann so für die Frühgeschichte eine zuverlässigere Basis als Worsaae sie 1849 anbieten konnte (siehe oben). Diese kulturhistorisch-archäologische Forschungsrichtung mit der Völkerfolge der Kelten, Römer und Angelsachsen, die noch überwiegend aufgrund von schriftlichen Quellen behandelt wurden, hielt sich wie in Frankreich bis in die Sechzigerjahre. Sie konnte frühmittelalterliche und römische Funde aber schon sicher einordnen. Thomas Wright, einer der späten Vertreter, behandelte in seinem Werk The Celt, the Roman, and the Saxon die genannten Völker überwiegend nach den alten landesgeschichtlichen und antiquarischen Themen. Unsicher blieb das Vorrömische, die Celts. Der noch dem christlich-antiquarischen Paradigma entsprechenden Wanderschaft der Japhetiten aus Asien widmete Wright nur drei Seiten, die er als „Ethnological Views“ bezeichnete. Dieser kurze Abschnitt zeigt deutlich, dass für ihn noch die biblische Chronologie galt (Wright 1852, S. 1  ff.)198. In seinem im Verhältnis zum Gesamtwerk knappen Kapitel über die vorrömischen Funde kommt er zu der Ansicht, dass die meisten Funde und so auch Stonehenge und die Cromlechs nur wenig älter als die römische Periode seien, denn überall habe man Römisches gefunden (ebd., S. 80  ff.). Dennoch bleibt bestehen, dass diese Forschungen genauso wie die Lindenschmits oder Wilhelmis die historische Seite des Dreiperiodensystems schon sicher erfassten.

197 Zur weiteren Geschichte und der Durchsetzung des Begriffs siehe Bd. 1, S. 34  f.). 198 Peter Rowley-Conwy sieht das, wenn ich ihn richtig verstanden habe, als einen Einfluss der sich entwickelnden Ethnologie und nicht als ein Relikt der Forschungen des ausgehenden 17. und des 18. Jahrhunderts, durch die man die biblische Chronologie und mit ihr die Urgeschichte der Genesis beweisen wollte (Rowley-Comwy 2007, S. 82  f.). Diese waren ja bekanntlich in der Restaurationszeit z.  B. durch William Buckland wiederaufgenommen worden (siehe S. 289).



Die Interpretation 

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Gleichzeitig begann aber die Höhlenforschung Erfolge zu erzielen, so dass endlich in den Sechziger und Siebziger Jahren die Akzeptanz des Dreiperiodensystems und die Einsicht in die Tiefe der Zeit jenseits der biblischen Chronologie belastbare Unterstützung erfuhr (Rowley-Conwy 2007, S. 235  ff.).

2.5 Die Interpretation Den bisher dargestellten Forschungsstand zusammenfassend, muss man konstatieren, dass auch in der ersten Hälfte des 19. Jahrhunderts für die Anwendung komplexerer archäologischer Methoden und für einigermaßen solide Erkenntnisse noch nicht genügend zuverlässig dokumentiertes Material vorhanden und vor allem deshalb die Datierung noch nicht ausreichend fortgeschritten war. Abgesehen davon kann man die Interpretationsansätze in drei Hauptrichtungen gliedern. Sie unterscheiden sich nicht zuletzt dadurch, dass sie der ethnischen Deutung der Funde einen sehr verschiedenen Stellenwert einräumten. Dass sie auch regional sehr verschieden stark vertreten waren, hat u.  a. politische Gründe. Das Interesse an der Völkergeschichte, schon in der zweiten Hälfte des 18. Jahrhunderts gewachsen, wurde durch die Entstehung und Neuordnung der europäischen Nationalstaaten nach den Napoleonischen Kriegen vor allem in den betroffenen Ländern Mitteleuropas dringlicher, während z. B. England nicht betroffen war. Die skandinavischen Länder dagegen hatten die von Olof Rudbeck aufgeworfene Frage nach der Herkunft ihrer Bevölkerungen seit Noah noch immer nicht befriedigend beantwortet und entwarfen hierzu neue Methoden.

2.5.1 Das Weiterleben des humanistisch-antiquarischen und des kulturhistorischarchäologischen Paradigmas Die Arbeitsweise des humanistisch-antiquarischen Paradigmas, überformt durch seine um 1750 entwickelte kulturhistorische Variante, blieb in den ehemals römischen Gebieten Frankreich, England und Südwestdeutschland teilweise noch bis nach 1850 der bevorzugte Forschungsansatz. Durch die historisch und archäologisch gesicherte römische Zeit besaß man hier einen festen historischen und kulturhistorischen Ausgangspunkt. Die archäologische Definition der frühmittelalterlichen Epoche machte zwar teilweise noch Schwierigkeiten, ihr jeweiliges Ethnikum war aber historisch eindeutig überliefert. Auch für die vorrömische Zeit hatte man seit der Renaissance die Kelten gesichert, die dann, als man immer mehr vorrömische Funde fassen konnte, zum Volk der noch ungegliederten vorrömischen Zeit wurden. Dagegen erhoben sich allerdings auch in Arbeiten Zweifel, die sonst im Wesentlichen dieser Forschungsrichtung angehörten. Eine dezidierte Ablehnung dieser das 18.  Jahrhundert in England prägenden romantischen Keltomanie findet sich am Anfang des 19. Jahrhunderts bei Sir Richard

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 Die historistische und frühe evolutionistische Archäologie

Colt Hoare. Der Autor machte den Satz „we speak from facts, not theory“, zum Motto der „Introduction“ seines Werkes The History of Ancient Wiltshire. Entsprechend hielt er sich bei Interpretationsdetails zurück. Die Einwohner Britanniens in vorrömischer Zeit waren für ihn aber ebenfalls, durch schriftliche Quellen gesichert, Kelten (Colt Hoare 1812, S. 7  ff.). Er erwog übrigens auch die Möglichkeit, dass es sich nicht nur um ein einziges Volk gehandelt haben könnte (Daniel, 1975, S. 31). Die Gedanken zu den nachfolgenden Landschaftsbeschreibungen, Geländevermessungen und Grabungsberichten, die aber entgegen einer strengen Versuchsanordung schon in der am Anfang des Werkes stehenden „Introduction“ enthalten sind, beruhen vorwiegend auf der humanistischen Tradition der schriftlichen Quellen. Dazu gehört auch, dass die biblische Überlieferung wie bei Johann Daniel Schoepflin oder William Camden in diesem Werk keine Rolle spielt. Auch durch den regionalen Ansatz gehört es zur britischen Variante des Illustrata-Typs. In Deutschland entbrannte der bekannte Kampf zwischen den Keltomanen und den Germanomanen, wohl ausgelöst durch eine Arbeit des Niederländers Nicolaas Westendorp, der Megalithgräber in ihrer ganzen Verbreitung für keltisch erklärte. Die Kimbern inkorporierte er in diese Theorie und machte auch sie zu Kelten (Westendorp 1822; Jacob-Friesen 1928, S. 209). Heinrich Schreiber setzte sich schon 1826 in seiner Arbeit Die neuentdeckten Hünengräber im Breisgau für die keltische Interpretation – in diesem Fall frühmittelalterlicher  – Grabfunde ein (Schreiber 1826, S.  50), ohne sie datieren zu können, so die Steinplattengräber aus Ebringen (Kr. Breisgau-Hochschwarzwald), die in Wirklichkeit aus dem 7.  Jahrhundert nach Christus stammen. Schreiber urteilte nach der volkstümlichen Bezeichnung der Hünengräber, sie seien urgeschichtlich. Er beharrte auch trotz der Arbeiten Karl Wilhelmis in den Vierzigerjahren auf dieser Deutung und fand dafür in dem Schweizer Ferdinand Keller, dem Begründer der Gesellschaft für vaterländische Alterthümer in Zürich und späteren großen Pfahlbauforscher, einen Mitstreiter (Garscha 1950, S.  6  ff.; Garscha 1970, S.  43  ff.). In dieser Zeit war für ihn noch alles Vorrömische in Südwestdeutschland und der Schweiz nach dem Vorbild der Franzosen und Engländer keltisch. 1842 musste er sich aber der Diskussion der germanophilen Kollegen stellen und übernahm dabei auch deren Argumentationsweise, nicht aber deren ethnische Interpretation (siehe S. 342). Auch in den Vierzigerjahren blieb man in England und Frankreich beim ethnischen Dreistufensystem (Kelten, Römer, Angelsachsen bzw. Franken). Auf der ersten Tagung der British Archaeological Association 1844 in Canterbury wurden die heidnischen „primeval antiquities of our Island“ in die Sektionen „British“, „Roman“ und „Saxon“ eingeteilt (Daniel 1975, S. 114  f.; 154). 1847 erschien von John Yonge Akerman Archaeological Index to Remains of Antiquity of the Celtic, Romano-British and Anglo-Saxon Periods, eine Arbeit, in der ebenfalls alles Vorrömische keltisch ist. Zum Dreiperiodensystem findet sich kein Bezug, die angelsächsische und römische Periode waren aber zu diesem Zeitpunkt zumindest in England schon relativ gut bekannt – es sollte bis in die Sechzigerjahre hinein



Die Interpretation 

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dauern, bis das Dreiperiodensystem in England übernommen wurde (Daniel 1975, S. 79  f.; Rowley-Conwy 2007, S. 235  ff.). In der nationaler gestimmten Zeit kurz vor der Revolution blieben die Kelten auch in Südwestdeutschland und Bayern für die Urgeschichte bestimmend. 1844 hatte Johann Nepomuk Franz Anton von Raiser den Friedhof von Nordendorf (Lkr. Augsburg) wegen der römischen Münzfunde in den Gräbern in römische Zeit datiert und einer Mischbevölkerung zugeschrieben: romanisierten Vindelikern, römischen Kolonisten sowie Soldaten und Flüchtlingen aus dem Dekumatenland – die keltische Zuweisung schien ihm die Arbeit von Schreiber über die Funde aus Ebringen (Kr. Breisgau-Hochschwarzwald) zu bestätigen (Raiser 1842–43[1844], S. 23. 65  ff.). Heinrich Schreiber beeinflusste auch den Juristen Christian Kieferstein. In seinem einzigen archäologischen Werk Ansichten über die keltischen Alterthümer, die Kelten überhaupt und besonders in Teutschland, sowie den keltischen Ursprung der Stadt Halle nannte er unter Gegenständen aus Metall „a) Anticaglien aus Kupfer und Bronze“, darunter „1. Celts, Bronze- oder Streitkeile“. Diese beschrieb er als waffenartige Körper, die „durch alle sonst keltische Länder auf ganz gleiche Art vorkommen … In England heissen diese Anticaglien seit alter Zeit schon Celts, in Frankreich Haches gauloises, weil man sie in beiden Ländern für keltischen Ursprungs hält“ (Kieferstein 1846, S. 324–326). Auch in Frankreich waren die vorrömischen Funde noch wie bei Johann Daniel Schoepflin die „Antiquités celtiques“. Die Werke von Jacques Boucher de Perthes beruhten noch auf diesem System. 1847 publizierte er Antiquités celtiques et antédiluviennes und datierte damit Menschen in Frankreich vor die Sintflut und die Kelten. Damit war dem alten Dreistufensystem einfach eine Stufe vorangestellt worden, der eine ethnische Zuweisung fehlt. Die Anerkennung erfolgte aber erst später.

2.5.2 Vom weltchronistischen Paradigma zum evolutionistischarchäologischen Paradigma: wandernde Völker, Kulturstadien und Fortschritt Während das weltchronistische Thema in der Spätaufklärung wenig Zuspruch fand, griff man während der Restaurationszeit wieder vermehrt auf das alte Wanderungskonzept der Völkertafel der Genesis und auf die historischen Völker zurück, die schon während der Aufklärung zu den ersten eingewanderten Einwohnern Europas gemacht worden waren: die Kelten in den westeuropäischen Ländern, in Norddeutschland und Skandinavien die Kimbern und die Goten (siehe S. 242). Bei der Annahme einer Einwanderung der Germanen schieden sich die Geister (siehe S. 364). Auch die Idee der asiatischen oder ostmediterranen Herkunft dieser Völker entnahm man der Aufklärung, die hierin auf der Bibel ruhte (siehe S. 169). Vor der allgemeinen Durchsetzung des Historismus in Deutschland und der damit verbundenen Einengung der historisch-archäologischen Forschung auf den jeweiligen kulturel-

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len Kontext wurde die Erforschung der eigenen kulturellen Herkunft aus dem Raum orientalischer und klassischer Kulturen regelrecht zur Modeerscheinung. In dieser Richtung entstanden mehr oder weniger seriöse Werke über weiträumige Kulturverbindungen, deren Hauptanliegen die Eingliederung Deutschlands in den ostmediterranen Kulturraum war. Weiterhin spielten die Nachfahren Noahs eine große Rolle, daneben aber auch die Phönizier (Donop 1819). Entsprechend beschäftigten sich Georg Friedrich Creuzer (1810) und Carl Ritter (1820) auf dem Gebiet der überwiegend philologisch-historischen Altertumskunde mit Armenien und dem Schwarzmeergebiet als Urheimat der europäischen Völker. Sie beruhten dabei aber nur indirekt auf der Bibel, ihre Hauptquellen kamen aus der antiken Ethnographie (siehe Bd. 1, S. 103  ff.). Ritter ließ in Anlehnung an das religionsgeschichtliche Werk Creuzers nicht nur Religionen und Symbole, sondern auch Völker wandern und kolonisieren – „Völkerzüge, Völkerwanderungen, Colonisationen, aus Mittelasien …“ (Ritter 1820, S. 16). In dieser Literaturgattung aber wurden kaum archäologische Funde herangezogen. Ritter begründete seine Beschreibung der Grabhügel im Pontosgebiet daher zu einem großen Teil mit antiken Quellen (Ritter 1820, S. 245  ff.). Die Gemeinsamkeit der dortigen Völker mit Indern und Germanen erklärte er folgendermaßen: … ein gemeinsamer Grund musste es seyn und zwar ein für die Gesamtausbildung des Volkes höchst wichtiger und aufschlußreicher. Seine tiefste Wurzel musste er doch wohl im Glauben und in der ältesten, religiösen Gesetzgebung finden, über die Fortdauer nach dem Tode, über das Erbschaftsrecht und die Geschlechtsverwandschaft …“ So zeige sich eine Übereinstimmung „… in den wesentlichen Verhältnissen bey den Indern, Atheniensern und alten Germanen, nach ihren ältesten Gesetzen …“ (Ritter 1820, S. 259).

In diesen Zusammenhang gehören auch die sprachgeschichtlichen Arbeiten, die in die Indogermanistik (der Begriff existiert seit 1823) einmünden sollten, so von Friedrich von Schlegel (1808) und Franz Bopp (1816). Die beiden Autoren bewiesen die Verwandtschaft zwischen den Einzelsprachen, und Bopp stellte die These einer gemeinsamen Wurzel auf (Jacob-Friesen 1928, S. 41  f.; Meiner-Brügge 2010, S. 136). Gleichfalls suchten in dieser Zeit die Germanisten Kaspar Zeuß und Jacob Grimm sowie der Philosoph Georg Wilhelm Friedrich Hegel die Urheimat in Asien (Zeuß 1837; Jacob-Friesen 1928, S. 46  f.; Harris 1969, S. 70). In den Dreißigerjahren entwickelte der englische Arzt James Cowles Prichard den Begriff der Allophylian, der europäische Völker bezeichnen sollte, deren Sprache keine indoeuropäischen Wurzeln haben. Daraus ergab sich auch eine Chronologie: Da die Indoeuropäer eingewandert sein sollten, mussten die Allophylian älter sein als diese (Rowley-Conwy 2007, S. 96). Eine weitere Voraussetzung für den Durchbruch der ethnischen Fragestellung stellten die neueren Ergebnisse der Biologen und Anthropologen dar. Sie wurden in der Zeit der Restauration bis 1830 allerdings noch heftig angefeindet. Sir William Lawrence, Professor für Anatomie und Chirurgie in London, geriet z.  B. wegen seiner mechanistischen Auffassungen in Schwierigkeiten (Schwidetzky 1988, S. 61). James



Die Interpretation 

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Cowles Prichard, der sich nicht nur mit Sprachen, sondern als Arzt vor allem mit medizinischer Anthropologie befasste, war als Monogenist bibelkonform. Er blieb 1813 in seinem Werk Researches into the Physical History of Man nahe bei Johann Friedrich Blumenbachs Thesen, wenn er die weiße Hautfarbe als ein Merkmal der Zivilisation, d.  h. ein, wenn auch in langem Zeitraum erworbenes Domestikationsmerkmal ansah  – Adam war für ihn schwarz, d.  h., dass die Rassen sich nach ihm monogenetisch nach dem Stand ihrer Zivilisation auseinanderentwickelten und vervollkommneten (Harris 1969, S.  95). Er führte dabei einen interessanten Gedanken ein: Nicht mehr nur die Geographie, sondern auch der Stand der Zivilisation veränderten den Menschen körperlich. Wir befinden uns hier noch in der Zeit von Jean-Baptiste Pierre Antoine de Monet, Chevalier de Lamarck, der 1809 die Vererbung erworbener Merkmale annahm und mit diesem Transformismus noch auf der Basis des geographischen Determinismus stand  – wirklich genetische Erwägungen waren noch unbekannt (Kunst 1982, S.  4). In den Dreißigerjahren wurde Prichard durch die Forschungen prähistorischer Schädelmaße des Dänen Daniel Eschricht und der Schweden Retzius und Sven Nilsson beeinflusst (Rowley-Conwy 2007, S. 121). Viele Archäologen dieser Zeit dachten transformistisch, so z.  B. Jacques Boucher de Perthes, der die philosophischen Grundlagen seiner Gedanken zu Beginn seiner größeren empirischen Forschungen in fünf Bänden publizierte (Groenen 1994, S. 81  ff.)199. Christian Jürgensen Thomsen entwickelte seine Thesen zur Datierung der archäologischen Funde seit 1816 (siehe S. 246). Dass er dabei nach alter skandinavischer Tradition mit verschiedenen Einwanderungen rechnete, wird aus seinen wenigen Schriften, aber auch aus seinen Briefen deutlich. In seinem Briefwechsel mit Johann Gustav Büsching 1825 wagte er aber doch vorsichtig eine Zuweisung seiner Perioden zu einzelnen Völkern. Zu dieser Zeit ging er von der ehemaligen Existenz eines Urvolkes aus sowie von der Einwanderung der germanischen Asen zu Beginn der Bronzezeit – von der Bronzezeit an wäre danach, obwohl er das nicht ausdrücklich erwähnt, Skandinavien Siedlungsgebiet der eingewanderten Germanen gewesen. Die Bestimmung der Völker durch archäologische Funde war aber nie Thomsens Hauptanliegen – ihm ging es um die Chronologie (siehe S. 336). Auch 1836 in seinem Ledetraat blieb er bei der Abfolge verschiedener Völker in Dänemark, die er mit den Perioden gleichsetzte, jedoch wie 1825 nicht eindeutig benannte. Ob die Benutzung des Begriffs Celt für das Bronzebeil dafür spricht, dass er nun die Bronzezeit für eine keltische Zeit hielt, ist nicht beweisbar (Thomsen 1836[1837], S.  53). Jedenfalls gab er zu, hinsichtlich der Ausbreitung der Kelten von Nicolaas Westendorp beeinflusst zu sein (Seger 1930, S. 6). Die Zuweisung der Funde zu Völkern zählte er aber nicht zu seinen Hauptinteressen. Das stellte er jedenfalls 1860 in einem Brief an Ludwig Lindenschmit den Älteren klar:

199 Boucher de Perthes, Jacques (1838–41): De la Création: essai sur l’origine et la progression des êtres, Bd. 1–5. Abbeville.

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Es ist mir immer fatal gewesen über Namen zu streiten Celten, Germanen, Ureinwohner, Bataver etc.: etc: ich will nicht von alle die Volkerschaften reden die man mühselig neben ein ander grupiren will u vergist dasz sie nach ein ander kommen (zit. nach Street-Jensen 1985, S. 100).

Die Einwanderungsthese bezüglich der Germanen und die Vorsicht bei der Zuweisung der älteren Perioden hat die Akzeptanz seiner chronologischen Thesen durchaus erschwert. Ende der Dreißiger-, Anfang der Vierzigerjahre begannen die ersten genetischen Argumente, den Geographischen Determinismus bzw. den Transformismus zu verdrängen. Die ethnischen Diskussionen wurden gleichzeitig aggressiver und politischer. Die ersten in Paris und London gegründeten ethnologischen Gesellschaften verbanden rassische und kulturelle Gesichtspunkte, so die Pariser Société ethnologique 1839 (Mühlmann (1947/48[1984], S. 78  f.) und die Ethnological Society. Ihr Präsident war zeitweise James Cowles Prichard, der ja auf sprachlichem und anthropologischem Gebiet arbeitete. So entwickelte sich die Ethnologie hier schon in die Richtung der späteren anthropologischen Gesellschaften. Sven Nilsson hielt die Lappen für minderwertige Ureinwohner Skandinaviens, die heutigen Schweden dagegen für edlen gotischen Ursprungs (1838–43, 1. H., S. 9  ff.). Als Argument setzte er die gerade 1842 von Anders Adolf Retzius entwickelte Methode des Längen-Breitenindex bei Schädelmessungen ein (Nilsson 1838–43[1868], S. 83; siehe auch S. 282). Retzius allerdings stand mit seinen Ideen und Forschungen nicht allein da. So konnte Nilsson auch auf das Material des Dänen Daniel Eschricht zurückgreifen (Rowley-Conwy 2007, S.  61). Grundlagen dieser Deutung empirischer Messungen waren die Lehren des Amerikaners Samuel George Morton und des Österreichers Franz Joseph Gall, die in die Phrenologie einmündeten, d.  h. die Lehre einer Übereinstimmung der äußeren Schädelformen mit geistigen Fähigkeiten  – auch polygenistische Auffassungen kamen hier wieder zum Tragen (Nilsson 1838–43, Teil 1, 2, S. 8; Harris 1969, S. 99). 1842, gleichzeitig mit dieser Arbeit von Nilsson, prägte Charles Darwin in einer unveröffentlichten Studie erstmals den Begriff der natürlichen Selektion als Motor der biologischen Veränderung (ebd., S. 123). Diese wieder monogenistische Auffassung sollte sich allerdings erst langsam durchsetzen. Nilsson legte großen Wert auf die komparative Methode, die er schon in seinem Titel von 1838 als comparative Ethnographie bezeichnete. Über die durch eine für seine Zeit hervorragende Klassifikation der Objekte kam er zur Objektanalogie und auf dieser Basis für die Steinzeit zu einer weltweiten Kulturanalogie, mit der er die schon im 18.  Jahrhundert aufgeworfene Frage nach einer überall gleichen Entwicklung von Kulturstadien beweisen wollte. Insofern muss man ihn als einen archäologischethnologischen Vorläufer von Lewis Henry Morgan und Friedrich Engels ansehen. In Deutschland baute Gustav Friedrich Klemm in seinem zehnbändigen Werk Allgemeine Kulturgeschichte der Menschheit die Idee der Kulturstadien aus und billigte so allen Völkern eine Kultur zu (Klemm 1843–1852). Dadurch, dass er die Menschheit in aktive und passive Rassen einteilte, vermittelte er aber ein Werturteil.



Die Interpretation 

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Kulturanalogien führten auch dazu, innere gesellschaftliche Verhältnisse zu übertragen. Sven Nilsson tat das für die Wirtschaftsweise der Steinzeit in Skandinavien auf der Grundlage der Funktionsanalyse und -analogie der Objekte (Nilsson 1838–43). Die eigentlich archäologische dänische Richtung geriet in den Vierzigerjahren durch die Rezeption des Werkes von Nilsson ebenfalls in den Sog der ethnisch-evolutionären Auseinandersetzungen, blieb aber bei der biblischen Urgeschichtskonstruktion und verband diese immer stärker mit dem Dreiperiodensystem. War Christian Jürgensen Thomsen 1836 und auch später an der ethnischen Bestimmung seiner Perioden kaum interessiert, so gewann sie bei seinem Schüler Jens Jakob Asmussen Worsaae 1843 eine fast größere Bedeutung als die Chronologie, ja letztere steht nun im Dienste der ethnischen Bestimmung und, wie schon bei Thomsen, der Wanderungstheorien: Der Übergang ist so schroff, dass wir schon aus den Alterthümern gleich vermuten können …, dass das Bronzealter erst mit der Einwanderung eines neuen Völkerstammes, der im Besitze einer höhern Cultur, als der der frühern Einwohner, gewesen sei, ihren Anfang müsse genommen haben (Worsaae 1844, S. 2).

Diese Einwanderer gehörten nach Worsaae dem skandinavisch-gotischen Volksstamm an, im Westen Europas waren es die Kelten (Worsaae 1844, S. 109, S. 111). Bei Alexander Häusler steht diese Äußerung des Dänen am Anfang der Wanderungstheorien aus dem Osten, die doch auf der Bibel beruhen und über Annius von Viterbo und Olof Rudbeck 1843 schon eine lange Geschichte aufwiesen (Häusler 1996, S. 75). Die Periodengrenze ist hier gleich der Volksgrenze. Für die Steinzeit nahm Worsaae gleich zwei Bevölkerungen an, die erste, nomadische, hielt er, Sven Nilsson folgend, für Verwandte der heutigen Finnen oder Lappen, die sesshaften Erbauer der Großsteingräber aber waren schon eingewandert (Worsaae 1844, S. 109). Methodisch interessant ist die Argumentation, warum die bronzezeitlichen Einwanderer keine Kelten gewesen seien, sondern Goten. Sie geht zunächst aus von der falschen Datierung der Bronzezeit, die ja erst im 8. Jahrhundert nach Christus zu Ende gegangen sei, Goten aber hätten schon um und sogar vor Christi Geburt in Dänemark gewohnt, was ja auch Tacitus im 1.  Jahrhundert nach Christus bezeuge, der ja die Waffen des Bronzealters beschreibe (ebd., S.  112). Man sieht, wie sich Worsaae hier durch die falsche Datierung in demselben Argumentationskreis befand wie vor ihm G. C. Friedrich Lisch und Heinrich Schreiber (siehe S. 341). Die falsche Datierung beruhte zwangsläufig auch bei Worsaae auf der unzulässigen Verknüpfung archäologischer Quellen mit historischer Überlieferung. Die Einwanderungstheorie war bei Worsaae so ausgeprägt, dass er sich auch den Übergang zur Eisenzeit nicht ganz ohne Einwanderung vorstellen konnte (ebd., S.  114  f.). Dieser Punkt wird aber, wie vieles seiner historischen Konstruktion, nicht ganz deutlich.

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 Die historistische und frühe evolutionistische Archäologie

Wenig später, 1854, sollte Joseph Arthur Conte de Gobineau in seinem Werk Essai sur l’inégalité des races die Ungleichheit der menschlichen Rassen verkünden (JacobFriesen 1928, S. 31  ff.; Harris 1969, S. 103  ff.). Der Begriff der natürlichen Selektion wurde erst 1866 von Darwin in der 5. Auflage seines Werkes Origin of the Species durch das von Herbert Spencer stammende Schlagwort des „survival of the fittest“ ersetzt (ebd., S. 128). Ähnliches, aber noch als Forschungsproblem definiert, findet man bei Nilsson: Sollte der Paragraph im Gesetzbuche der Schöpfung, welcher gebietet, dass alles schlechtere, nachdem es seine Bestimmung erfüllt, vergehe und besserem Platz mache, auch die verschiedenen Rassen des Menschengeschlechtes umfassen? – Dieser Gegenstand verdient von Denkern näher geprüft und begründet zu werden (Nilsson 1838–43[1868], S. 138)200.

2.5.3 Der historistische Ansatz: Völker und Kulturen als einzigartige Individuen Die dritte Forschungsrichtung entstand aus dem kulturhistorisch-archäologischen Paradigma, mit dem sie auch den landesgeschichtlichen Ansatz teilt, wie er von Johann Daniel Schoepflin aus dem Illustrata-Typ entwickelt worden war. Sie ging deshalb von der ethnisch und historisch durch schriftliche, vor allem römische Quellen oder Münzfunde definierten Klassischen Altertumskunde und der Frühgeschichte aus. Schoepflins Arbeit und verwandte Ansätze wie der Johann Joachim Winckelmanns führten zur Entstehung des Kulturbegriffes von Johann Gottfried Herder, der für die Weiterentwicklung des partitiven Kulturbegriffs im 19. Jahrhundert grundlegend wurde (siehe S. 147, bes. Anm. 99). Als man dann in den Zwanzigerjahren des 19.  Jahrhunderts begann, konkrete archäologische Denkmalskategorien ethnisch zu bestimmen, spielten die verschiedenen in den jeweiligen Regionen historisch belegten Völker eine Rolle; gleichzeitig mit der archäologischen Konkretisierung der Ethnika fand die zeitliche Entzerrung aber nur sehr zögerlich statt (siehe S. 350). Bei allen diesen Diskussionen muss man immer vor Augen haben, dass am Anfang die heidnische Zeit als eine sehr kurze Epoche angesehen wurde, für deren Erklärung ein einziges Urvolk ausreichte und bis zur Sintflut herabreichen konnte, die aber nicht Gegenstand dieser Forschungen war. Viele Datierungsversuche auch urgeschichtlicher Funde trafen sich noch um Christi Geburt, so dass antike Quellen zu ihrer weiteren Erläuterung geeignet erschienen. Ohne die sprachlichen und biologischen Voraussetzungen der Ethnizität zu berühren, hatte Friedrich Carl Hermann Kruse schon 1819 ein archäologisch-histo-

200 Nach einer Durchsicht der ersten Auflage scheint dieser Satz dort noch nicht formuliert worden zu sein. Die zweite Auflage von 1866 stand mir nicht zur Verfügung. Er klingt jedenfalls nach einer Reaktion auf das Schlagwort „Survival of the fittest“.



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risches Modell für ethnische Bestimmungen archäologischer Objekte entwickelt. Er schlug vor, die Verbreitung archäologischer Funde mit der schriftlichen Überlieferung über die Verbreitung gleichzeitiger Völker zu verbinden, konnte jedoch diese Methode wegen des Mangels an archäologischem Material und der herrschenden Datierungsunsicherheit noch nicht erfolgreich einsetzen. Dass er schon 1819 auf dem Wege war, mit diesem Werkzeug auch arbeiten zu können, zeigt die wahrscheinlich erste Äußerung zur Verbindung von Chronologie, Verbreitung, Typen und Ethnikum: Die Frage ob gerade alles, was in diesen Urnen gefunden wird, so wie alle Urnen selbst alt-Germanisch sind, wage ich noch nicht zu beantworten. Aber das halte ich für gewiss, dass diejenigen Gräber, welche Römische Münzen und andere eherne Geräthe mit verbrannten Knochen enthalten, so wie diejenigen, die den vorigen gleich sind und in derselben Form auch in anderen Gegenden Deutschlands vorkommen, wohin die Slaven nicht vordrangen, für echt Germanische Alterthümer zu halten sind (Kruse 1819, S. 37  f.).

Johann Gustav Gottlieb Büsching besaß dagegen für die ethnische Bestimmung der Funde noch gar keinen Schlüssel und war sich dessen auch bewusst: „So ist es z.  B. für Schlesien noch ganz dunkel, ob die hier gefundenen Alterthümer der frühern Deutschen oder der spätern Slavischen Zeit zugehören“ (Büsching 1824, S. 11). Dieser Satz zeigt aber wohl auch die Einsicht, dass die Datierung für die ethnische Bestimmung eine Grundvoraussetzung ist. In Preußen führte der bei der chronologischen Einordnung der Funde übliche Fehler des Primats der Bestattungssitten zusätzlich zu grotesken ethnischen Bestimmungen. So kam man nach schriftlichen Quellen zu der Auffassung, alle Brandgräber müssten Germanengräber sein, da die Slawen Körperbestattung geübt hätten (Kruse 1824, S.  59  ff.). Wer nur konnte, ordnete archäologische Erscheinungen Völkern zu (Hakelberg 2003, S. 18), so Johann Friedrich Danneil 1836, für den die Megalithgräber wegen ihrer Verbreitung außerhalb des slawischen Gebietes germanisch, die flachen Urnengräber und die Nachbestattungen in Hügelgräbern slawisch waren, da er wusste, dass die Altmark im Mittelalter von Slawen bewohnt war (Danneil 1836, S. 583  f.). Die Ethnisierung und Nationalisierung der archäologischen Denkmäler war aber eine so allgemeine Erscheinung, dass das neue Griechenland 1834 per Gesetz alle Altertümer als hellenisch erklären konnte. Etwas später, 1843, bezeichnete Jens Jakob Asmussen Worsaae Altertümer und Grabhügel als nationale Denkmäler (Worsaae 1844, S. 118; Wahle 1950[1964], S. 34). In der ersten Hälfte des 19. Jahrhunderts wurde es Mode, auf dem dargestellten Wissensstand germanische, slawische oder keltische Altertumskunden zu schreiben, in der die Ergebnisse der jungen Sprachwissenschaften und Philologien mit landesgeschichtlichen, volkskundlichen und archäologischen Quellen einer Region gemischt wurden. Es handelt sich um die ethnisierte Variante des Illustrata-Typs, der landesgeschichtlichen Literatur der Renaissance (siehe Bd.  1, S.  299  ff., S.  311  ff.), wie sie Mitte des 18. Jahrhunderts von Johann Daniel Schoepflin modernisiert worden war. Schon bei ihm hatten sich die Anfänge der Ethnisierung und Periodisierung gezeigt:

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 Die historistische und frühe evolutionistische Archäologie

die Zeit der Kelten, der Römer und der Franken. Getragen wurde diese – wir würden heute fast sagen: strukturgeschichtliche  – Richtung in Deutschland von den vor allem in den Zwanzigerjahren entstandenen Geschichtsvereinen (Wahle 1950[1964], S. 98  ff.). Leider gewann man aber erst während dieser Zeit die ersten vagen Ansätze für die ethnische Zuweisung der Funde – die meisten Forscher waren eigentlich ratlos. Gustav Friedrich Klemm, der sein Werk von 1836 Handbuch der germanischen Alterthumskunde nannte, war sich der Probleme sogar teilweise bewusst, fand jedoch keine Mittel der Abhilfe: Die meiste Noth macht dem deutschen Alterthumsfreund das Slawenthum … Wir haben zur Zeit noch keine slawische Alterthumskunde … Dennoch aber ist es hohe Zeit den Muth zu fassen, das germanische vom slawischen zu trennen … Will man die allerdings löbliche … Bescheidenheit beobachten und ehrlich gestehen, man wisse nicht was das für ein Ding sey, so nenne man dasselbe vorchristlich.

Dann führte er aus, es gäbe keine slawischen Denkmäler: „Ich habe die Ueberzeugung, dass sich später bei sorgsamer Untersuchung des reinslawischen Bodens, diese Ansicht bewähren werde“ (Klemm 1836, S. XIII-XVII). Im Anschluss an Klemm und Danneil versuchte sich Karl Wilhelmi in der ethnischen Gesamtinterpretation. Die Sinsheimer Grabhügel mit ihren vielen Nachbestattungen waren jedoch schon 1830 von ihm in eine Übergangszeit – die römische – gesetzt und deshalb für germanisch oder deutsch bzw. unter Rückgriff auf Tacitus für chattisch erklärt worden, da ja die Markomannen vorher nach Böhmen abgezogen seien (Wilhelmi 1830, S. 174). Nun spezifizierte er weiter: seine erste und älteste Grabgruppe, die Megalithgräber, gingen auf ein Urvolk zurück und dieses sei vielleicht keltisch, was sich aus den genannten Fundgegenden ergeben könnte; die zweite Gruppe sind die „eigentlichen Germanischen Grabhügel“, zu denen auch die Sinsheimer gehören. Sie enthielten erst Körper-, dann Brand- und zuletzt wieder Körperbestattungen, u.  a. mit römischer Terra sigillata. Die „Todtenfelder“ mit Urnen (Heidenkirchhöfe) „finden sich in den Ländern, in denen sich die Slaven nieder gelassen haben, und sie gehören wohl diesen an“ (Wilhelmi 1836, S. 18  ff.). Bei diesen beiden Gruppen führte die falsche Datierung zur falschen ethnischen Interpretation. Die Einordnung der Grabhügel in die römische Eroberungszeit erwuchs für ihn aus einer Art von Entwicklungsgedanken: Da er annahm, dass die Hügel in einer einzigen Epoche entstanden waren, fand er primitives neben entwickeltem Gerät. Also mussten die Funde in einer Übergangszeit entstanden sein, diese aber war historisch gerade für dieses Gebiet in der Zeit der römischen Eroberung belegt. Daraus ergibt sich der weitere historische Schluss: Die Hügel befanden sich am Rande des Herkynischen Waldes, wo nach Tacitus Chatten lebten. Aus diesem Gemisch von in mehrfacher Hinsicht falscher und teilweise detaillierter Interpretation schrieb Wilhelmi unter Umgehung des Problems des Dekumatenlandes in einem sonst logischen historischen Schluss die Gräber in den Grabhügeln den Chatten zu.



Die Interpretation 

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G. C. Friedrich Lisch war mit seinen ethnischen Bestimmungen zwar sehr vorsichtig, wagte dann im Laufe seiner langen Arbeitsjahre aber doch immer wieder Hypothesen, bei denen er sich irren sollte. Sein Vorgänger Hans Rudolf Schröter war an seiner Aufgabe der Herausgabe der mecklenburgischen Sammlungen u.  a. gescheitert, weil er sich durch sein Konzept der Altertumskunde als Völkerkunde selbst überfordert hatte (Lisch 1837a, S. V). Deshalb war für Lisch nach Übernahme des Friderico-Francisceum zwar die Trennung der Funde nach Ethnien eine wichtige Frage, er war jedoch zu kritisch, um sie diesem seinem Hauptwerk zugrunde zu legen: So sehr ich es auch wünsche, durch die Alterthümer, die es allein vermögen, die vorgermanischen, germanischen und slavischen Völker in allen ihren Eigenthümlichkeiten von einander geschieden und dargestellt zu sehen, so habe ich es doch nicht über mich gewinnen können, die Erfüllung dieses Wunsches als mein Ziel aufzustellen, welches nur eine möglichst vollständige Beschreibung und Erläuterung des Friderico-Franciscei sein konnte (Lisch 1837a, S. S. VI f.).

Lisch war aber zu sehr von der Wichtigkeit dieser Fragestellung überzeugt, dass er nicht doch zu einer sehr entschiedenen Zuordnung gelangte: Diese Art von Gräbern [Kegelgräber] ist gefunden von dem Weichselgebiete bis an die Pyrenäen und von den deutschen Hochländern bis tief in Skandinavien und Schottland hinein. Nimmt man dazu die auffallend hiemit übereinstimmenden Berichte des Tacitus, so lässt sich wohl kaum bezweifeln, dass diese Art von Gräbern den Germanen angehört (Lisch 1837b, S. 18).

Lisch arbeitete hier durch die Heranziehung des Tacitus ebenfalls mit Datierung und Verbreitung wie Wilhelmi. Der Archivar zog neben erzählenden Quellen auch urkundliche Erwähnungen alter Gräber heran, indem er besonders auch auf die in den Urkunden überlieferte slawische Terminologie für vermeintlich slawische Grabhügel einging. Die systematische Heranziehung der einheimischen mittelalterlichen Urkunden auf der Suche nach den ältesten schriftlichen Erwähnungen konkreter Fundstellen war ein neuer Ansatz, den er selbst zwar nicht erfüllte, dem er aber große Zukunft beimaß. Dabei verkannte er, dass sowohl die in Urkunden als auch die in Flurnamen überlieferten Bezeichnungen, z.  B. die Wendenkirchhöfe, sich auf Denkmäler jeden Alters und Ursprungs beziehen konnten, da man ja auch im Mittelalter und später auf archäologische Denkmäler stieß, ohne sie beurteilen zu können (siehe Bd. 1, S. 110). Bemerkenswert ist es, dass Lisch im Friderico-Francisceum eine ethnische Dreiteilung der vor- und frühgeschichtlichen Zeit Mecklenburgs in (zeitlich absteigend) Slaven, Germanen und Vorgermanen vornahm, insofern also ein ethnisch bestimmtes Dreiperiodensystem einführte, wie wir es zuerst bei Schoepflin kennengelernt haben (siehe S. 130). Das verbindet ihn mit englischen Forschern (siehe S. 332). Im Jahr 1838 kam Karl Wilhelmi zu einer dezidierten ethnischen Deutung der frühmittelalterlichen Gräber, von der ein direkter Weg über Ludwig Lindenschmit den Älteren zur heutigen Forschung führt. Seine Argumentation aber war folgende:

342 

 Die historistische und frühe evolutionistische Archäologie

Wir haben [wegen zahlreicher gleicher Merkmale der Bestattungen, B. S.] somit dasselbe Volk, welches bei Wiesenthal und vielleicht auch bei Russikon, noch dem Heidenthume ergeben war und nach seiner Väter Weise seinen Todten Hügel gebaut hat, bei Ebringen, Bühlingen und Döggingen aber bereits sich zu Christus gewandt und für seine Todten Gottesäcker angelegt hatte. Wir haben ein Germanisches Volk, das nicht bloß in unseren Gegenden gewohnt und da mit den bereits noch in Deutschland angesiedelt gewesenen Römern in Verbindung gestanden und von ihnen die Gefäße aus Terra sigillata erhalten, sondern auch sich bis fern in den Breisgau und an den obern Neckar, ja bis zu den Quellen der Donau und noch über dieselben hinaus bis an den Bodensee und in die Schweiz hinein ausgebreitet hatte. Und welches Germanische Volk könnte dieses anders sein, als das Alamannische … (Wilhelmi 1838, S. 31  f.).

Wilhelmi wandte hier die schon von Friedrich Carl Hermann Kruse formulierte, aber noch nicht praktizierte Methode an, die Klassifikation der Funde und Befunde sowie ihre Datierung und Verbreitung mit historischen Nachrichten zu kombinieren. Dennoch bleibt der Verdacht, ob er nicht nur zufällig zu einem noch heute vertretenen Ergebnis gekommen ist und ob seine Argumentation nicht primär von der fälschlichen ethnischen Zuweisung der Grabhügel an die Chatten und ihrer ebenso irrigen kurzen Dauer und Kontinuität und sekundär von der Verbreitung der Funde ausgeht (am Limes). Daraus ergibt sich dann die ethnische Zuweisung und darüber die historische Datierung (siehe S. 340). Auch die These der Völkerausbreitung ist irrig, da sie als historische Deutung auf der von Wilhelmi noch umgekehrt gesehenen Chronologie der Merowingerzeit beruht – erst die Nachbestattungen in den Hügeln, dann die Reihengräberfelder. Die Heranziehung des Childerichgrabes zur Datierung erfolgte erst in den Vierzigerjahren (siehe S. 327  f.). Auch Lisch beharrte weiterhin auf einem Primat der historischen Argumentation vor der archäologischen Beobachtung. Offensichtlich war für ihn bei der Interpretation der Wendenkirchhöfe die angebliche ethnische Zuweisung der Funde in den Urkunden, die außerdem mit der von ihm akzeptierten Lehre übereinstimmte, noch sicherer als der Schluss aufgrund von archäologischen Beobachtungen (siehe S. 341). Beim kaiserzeitlichen Grab von Hagenow 1841 hatte er aber sicher Recht zu zweifeln, da die Geschlossenheit des Fundes tatsächlich unsicher ist. Sein langes Zögern trotz immer mehr archäologischer Belege zeigt jedenfalls seine am Schriftlichen orientierte Denkweise ganz deutlich. Dazu kommt der Zweifel, wie die sicher römischen Funde mit lateinischen Inschriften und die einheimischen, mit ihnen zusammen gefundenen Objekte in Mecklenburg eigentlich zu beurteilen seien. Handelte es sich um Römergräber? Die Frage des römischen Imports war noch lange nicht gelöst und sollte auch noch einige Zeit für die Erklärung der älteren Bronzeobjekte im Norden aktuell bleiben. Heinrich Schreiber nahm in seiner Arbeit zu den ehernen Streitkeilen auch zu den 1842 im Vormärz heiß diskutierten ethnischen Fragen Stellung. Er schrieb die Bronzebeile den Kelten zu, in denen er die Bergwerks- und Schmiedespezialisten zu erkennen meinte, deren Andenken in den Zwergen der Märchen und Sagen bewahrt sei (Schreiber 1842, S. 79  f.). Interessant ist Schreibers Methode der ethnischen Bestimmung auf-



Die Interpretation 

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grund von Metallanalysen, für die er allerdings auch Vorgänger benannte (Schreiber 1842, S. 18). Er benutzte ein Ausschlussverfahren, das wir schon beim Grafen Caylus finden (siehe S. 163), in dem er Römer, Griechen und Germanen aufgrund der vorher beschriebenen Metallanalysen als Urheber der Bronzebeile ablehnte (Schreiber 1842, S. 19). Die Germanen seien auch keine Metallarbeiter gewesen. Außerdem griff er die Verwendung von ethnisch determinierten Termini an. Lisch hatte vorgeschlagen, den mit den Kelten verbundenen Begriff Celt für Bronzebeile durch die bei Tacitus für die Germanen erwähnte Framea zu ersetzen, Klemm hatte ihm zugestimmt (siehe S. 280 und S. 350). Schreiber entgegnete deshalb: Bei dieser Argumentation fällt die unlogische Voraussetzung dessen, was erst bewiesen werden soll (Petitio principii) um so mehr in die Augen, als Klemm selbst in der Note beifügt: „Die Frameen werden in Frankreich und freilich höchst selten in Italien, wohin Gothen, Heruler, Longobarden diese Waffen gebracht, gefunden“. Mit einem Worte, diese sogenannten Frameen werden nicht einmal in solchen Ländern zahlreich gefunden, wohin sie von ganzen Stämmen der Germanen, als deren Nationalwaffe, hätten gebracht werden müssen. Umgekehrt erscheinen sie in solchen Ländern (wie z.  B. Irland), – mit allen übrigen sie gewöhnlich begleitenden Goldund Bronze-Gegenständen, – sehr häufig … (Schreiber 1942, S. 70).

Auch die Slawen könne man ausschließen, da die Wendenkirchhöfe – in Wirklichkeit kaiserzeitliche Urnenfriedhöfe! – eine andere Verbreitung hätten. Die positive, keltische Zuweisung also ist eine Kombination der Verbreitung der Funde mit der bewussten Rückschreibung schriftlicher Quellen in eine noch kurz gedachte schriftlose Zeit. Wie wir heute wissen, irrten alle Beteiligten, weil sowohl die Datierung als auch die Verbreitungsbilder noch unzuverlässig waren. Für die frühgeschichtlichen Reihengräber setzten die Gebrüder Lindenschmit erst 1848 die germanische Auffassung durch. In der Publikation der beiden Künstler zu Selzen (Ldkr. Mainz-Bingen) mischt sich Gefühl mit Wissenschaft. Im Revolutionsjahr 1848 sind es Ludwig Lindenschmits des Älteren bäuerliche Grabungsarbeiter, die erfühlen, dass das deutsche Volk immer gleichgeblieben ist: „ich aber dachte, dass diese Bauern nicht blos in der Knochenbildung, sondern auch in der Sinnesart ihren Alten glichen  …“ (Lindenschmit/Lindenschmit 1848[1969], S.  9  f.). Die Hochschädel stimmten mit modernen deutschen Schädeln überein: „… Auf diesen Schädeln wuchsen einst keine schwarze, sondern helle Haare und in diesen Höhlen waren einst keine dunkle, sondern hellfarbige Augen“ (ebd., S.  12). In dieser Darstellung offenbart sich im Gegensatz zu Karl Wilhelmi eine rassistische Komponente, die Idee einer reinen Rasse. Ludwig Lindenschmit der Ältere ließ die Schädel anthropologisch untersuchen wie kurz vor ihm Sven Nilsson und erwähnt das biologische Argument bei der ethnischen Bestimmung an erster Stelle (ebd., S. 33  f.). Für die Methode der ethnischen Bestimmung versuchte er, ähnlich wie vor ihm Friedrich Carl Hermann Kruse, eine Methode aufzustellen. Es solle

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 Die historistische und frühe evolutionistische Archäologie

… wohl aber ein Beitrag zu den Prinzipien an’s Licht gestellt werden, wodurch man der ungebundenen Vermuthungswillkür Schranken und Regeln zu setzen und für die Forschung festen Boden zu gewinnen hofft. Diese Prinzipien betreffen die Aufstellung verlässiger Kennzeichen, welche, wenn sie übereinstimmen, uns vor trügerischen Schlüssen schützen (ebd., S. 33).

Es sind 1. Knochen, 2. Schrift und Sprache, 3. Kunstgeschmack an Geräthen und Denkmalen, 4. Münzen, 5. „Geschichte, d.  h. die geschriebene, übereinstimmende und unparteiische Ueberlieferung der Vorzeit“ (ebd., S. 35). Abgesehen von der zweifelhaften Zuweisung der Körper aufgrund der Vermessung zu einer germanischen Bevölkerung, handelt es sich um eine klassische Bestimmung der Funde durch Schriftdenkmäler und Münzdatierung. Sie unterscheidet sich von den älteren Versuchen durch die Gruppierung von immer mehr Funden mit datierenden Inschriften und durch den sicheren Fund der Justinianmünzen in den Selzener Gräbern, d.  h. durch gesicherte und gut dokumentierte Grabungsergebnisse. Das war offenbar auch Ludwig Lindenschmit klar, denn er schrieb: „Die Münzen sind eine unwiderlegbare Zeitbestimmung, in der Art, dass die Vergrabung eines Fundes nie älter als die beigegebenen Münzen sein kann. Hier ist ein Irrthum nicht denkbar“ (ebd., S. 35). Die Zeitbestimmung aber führt im Zusammenhang mit der Geschichte zur ethnischen Bestimmung. Diese Rasse ist schon immer dagewesen: Die Deutschen sind nicht eingewandert, ein fremdes Urvolk, welcher Nationalität auch immer, hat es nicht gegeben. Der Kampf gegen dieses Urvolk, vor allem in keltischer Prägung, war bei den Lindenschmits, später bei Ludwig Lindenschmit dem Älteren, verbunden mit dem Kampf gegen das Dreiperiodensystem (ebd., S. 23), an dem die Lindenschmits eben auch die Einwanderungsthesen störten, die in der Fassung von Jens Jakob Asmussen Worsaae von 1843 noch viel stärker ausgearbeitet waren als bei Christian Jürgensen Thomsen (siehe S. 382)201. Der nie veröffentlichte Entwurf Wilhelmis zu einer gemeinsamen Publikation mit Lindenschmit (Wilhelmi 1986 [1848–1852], S. 15) fasste den methodischen Ansatz noch einmal zusammen: Die inschriftliche Datierung durch Münzen und Grabinschriften sollte also eine durch ihre Merkmale definierte Fundgruppe sowohl chronologisch als auch ethnisch bestimmen, das Gesicherte die Grundlage für die weitere Eingrenzung der älteren Funde bilden. Dies waren Gedanken, wie sie auch von Thomsen in seinem

201 In diesem Zusammenhang findet sich auch die einzige Erwähnung des Begriffes der Kultur in dieser Schrift (Lindenschmit/Lindenschmit 1848, S. 39). Hier heißt es, dass es in Deutschland zur Zeit Tacitus keine Spuren früherer Kulturen gegeben hätte – als eben die Germanischen. Das zeigt, dass sowohl eine germanische Kultur angenommen wurde als auch die Möglichkeit älterer Kulturen. Damit benutzte Lindenschmit genauso wie G. C. Friedrich Lisch kurz nach ihm den partitiven Kulturbegriff im Sinne von Gustav Friedrich Klemm. Jedes Volk besaß somit eine Kultur unabhängig vom Stand der Kulturhöhe (siehe zu Klemm und Lisch Hachmann 1987, S. 14  f.; siehe Bd. 1, S. 69).



Die Interpretation 

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Leitfaden geäußert worden waren (siehe S. 321). Was die Methode der absoluten Chronologie betrifft, waren sich Lindenschmit, Wilhelmi und Thomsen durchaus einig. Darüber hinaus unterteilte Wilhelmi sogar die einzelnen Stämme der Burgunden, Alamannen und Franken geographisch und nach den heutigen Ortsnamen (ebd., S. 120–125): Und es ergibt sich für uns hinsichtlich unserer Gräber das Nachfolgende als das End-Resultat: 1) die Gräber der westlichen Schweitz an allen den Orten vorzüglich, welche jetzt Französische Namen haben, gehören unwidersprechlich den Burgunden an, und ihr Glanzpunct ist Bel Air; 2) alle die Gräber an dem Ober-Rheine von der Oos an, die Rauhalp und den Schwarzwald hinauf bis an den Rhein und über denselben bis tief in die größere östliche Hälfte der Schweitz hinauf und bis zu dem Fuße der Alpen, so wie an der obern Donau bis zu dem Inn hinab, rühren ursprünglich von Alamannen her. Sie befinden sich besonders bei Orten, welche sich auf ingen endigen; … 3) die Gräber an der untern Schelde und dem Unter-Rheine bis an den Neckar und die Oos, hauptsächlich an auf die Sylbe -heim ausgehenden Orten, sind Fränkische Gräber; und herrlich strahlen selbst in Gold und Silber Sinsheim … Lede, Xanten, Neuwied, Selzheim (gewöhnlich Selzen).

Wir sehen, wie hier die ethnisch geprägte Ortsnamensforschung der südwestdeutschen frühmittelalterlichen Stämme schon ausgebildet war (Stoll 1942; Fingerlin 1974; Steuer 1988). Georg Otto Carl Freiherr von Estorff erwarb sich Verdienste bei der Erkenntnis slawischer Ortsformen im Hannoverschen Wendland durch eine historisch-kartographische Methode. Auf seiner archäologischen „Charte“ des Kreises Uelzen kartierte er die Rundlinge und kombinierte sie mit dem noch bekannten Siedlungsgebiet der wendischen Drewanen (Estorff 1846, Klapptafel)202. Die Bestimmung slawischer Funde konnte er jedoch an diesem Material und mit seinen Methoden nicht lösen (siehe S. 286, S. 290). Noch in den Fünfzigerjahren war der Konflikt um die Kelto- und Germanomanie nicht ganz beigelegt, obwohl nun die merowingerzeitlichen Funde endgültig definiert waren. Ungelöstes Problem blieb die ethnische Bestimmung der undatierten vorgeschichtlichen Funde, im Norden und Osten Deutschlands die der Eisenzeit. Für die slawischen Funde sollte erst Rudolf Virchow in den Siebzigerjahren ein Durchbruch gelingen (siehe Bd. 1, S. 16).

2.5.4 Wirtschafts-, siedlungs- und sozialgeschichtliche Themen Wenn auch in der ersten Hälfte des 19. Jahrhunderts weiterhin überwiegend Gräber untersucht wurden und die archäologische Siedlungsforschung noch eine sehr

202 http://arachne.uni-koeln.de/item/buchseite/457449. Besucht am 27. 5. 2017.

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 Die historistische und frühe evolutionistische Archäologie

geringe Rolle spielte, findet man doch hin und wieder Äußerungen, die zeigen, dass auch die Siedlungsgeschichte als ein wichtiges Forschungsobjekt erkannt war. Entsprechende Anzeichen gibt es schon 1819 bei Friedrich Carl Hermann Kruse. Den Hinweis auf die Siedlungen geben aber noch die Gräber und die Ortsnamenforschung: Und so kommen wir auf die alten Gräber, die sich in Schlesien noch finden, und die besser als der genaueste Geograph oder Historiker, die Plätze angeben können, die einst bewohnt waren, die Verhältnisse der Macht, des Reichtums, der Bildung  … In vielen von diesen Örtern liegt gewiss der alte Name versteckt … (Kruse 1819, S. 34).

Siedlungsarchäologie in dem heutigen Sinne war dagegen weder Kruse noch Johann Gustav Gottlieb Büsching bekannt. Kruses Methode wurde aber in den oben zitierten Ausführungen von Karl Wilhelmi schon präzise angewandt (Wilhelmi 1986[1848– 1852]; siehe S.  344). Ebenso führen die archäologischen Karten wie die von Rügen oder die des Kreises Uelzen mit den eingezeichneten Rundlinden in diese Richtung (Hagenow 1829; Estorff 1846, Klapptafel). Siedlungsgrabungen in größerem Ausmaß brachten erst die Pfahlbauuntersuchungen in der Schweiz und die Untersuchungen der Terramare in Italien von den Fünfzigerjahren des 19. Jahrhunderts an. Die ersten Funde gehen allerdings schon in die Dreißigerjahre zurück (Daniel 1975, S. 89  f.). Im Zeitalter der ethnischen Bestimmungen und der Wandertheorien konnten auch Arbeiten zu Handwerk und Handel wenig begeistern. Dennoch fragten sich gerade die Gegner der Wandertheorien, ob nicht die Gegenstände von höherer technischer Qualität in Wirklichkeit Importware aus dem Süden darstellten. So wurden römischer Import im Norden, römische Münzen, aber auch Bronzegefäße oder Terra sigillata zum Forschungsthema (z.  B. Lisch 1843; siehe auch S. 324). Karl Preusker diskutierte schon 1828 Import von Luxusware aus Rom. Auch, dass man extra für den germanischen Geschmack, d.  h. für den Export produziert habe, hielt er für möglich, und Gustav Friedrich Klemm sowie Johann Friedrich Danneil, G. C. Friedrich Lisch und Ludwig Lindenschmit der Ältere hielten den römischen Ursprung bronzener Waffen und bronzenen Schmucks überhaupt für wahrscheinlich. Besonderes Interesse fanden die schon seit der zweiten Hälfte des 18. Jahrhunderts immer wichtiger werdenden Bronzeanalysen, für die seit 1807 im deutschen Sprachgebiet Martin Heinrich Klaproth die Grundlagen gelegt hat (siehe S.  342  f.). Karl Wilhelmi ließ bei seiner Grabung in Sinsheim 1827 durch den Sinsheimer Apotheker Greiff Erd-, Bronze-, Glas- und Tonproben analysieren (Wilhelmi 1830; Wahle 1933[1964], S.  155. 1836 publizierte der Freiherr Jöns Jacob Berzelius aus Kopenhagen unter Bezugnahme auf Klaproth Bronzeanalysen (Bath 1959, Anm. 48) und 1842 arbeitete Heinrich Schreiber damit. Fragestellungen waren einerseits die Erkenntnis von charakteristischen Eigenheiten der Völker, andererseits aber die eigene Herstellung oder Abhängigkeit von anderen. Verbreitet wurde das Forschungsfeld u.  a. durch das Werk von George Dennis The Cities and Cemeteries of Etruria von 1848, in



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dem der Autor den etruskischen Import in alle mittel- und nordeuropäischen Länder beschrieb (Dennis 1848; Daniel 1975, S. 111). Auch die soziale Organisation der alten Gesellschaften war für die Gelehrten der ersten Hälfte des 19. Jahrhunderts noch kein wichtiges Thema. Ganz vereinzelt findet man Überlegungen dazu, die jedoch noch kein Eigengewicht haben. So deutete Jens Jakob Asmussen Worsaae bronzezeitliche Hügel mit mehreren Gräbern als Familiengräber, erwog aber auch, „dass viele Arme nach und nach ihre Aschenkrüge in die Hügel der Reichen eingesteckt haben“ (Worsaae 1844, S. 76  f.). Eher grotesk soll die ablehnende Diskussion von Stein, Bronze und Eisen als Werkstoffe von drei gleichzeitigen gesellschaftlichen Klassen wirken, die eigentlich der Vorbereitung einer ethnischen Interpretation der drei chronologischen Perioden dient (ebd., S. 101  ff.). Ganz wichtig ist aber Worsaaes ‚Entthronung‘ der Königsgräber Skandinaviens. Bis in seine Zeit arbeiteten alle skandinavischen Forscher mit sagenhaften Identifikationen von Gräbern, wie sie oben seit Ole Worm verfolgt und als ein Charakteristikum der skandinavischen Gräberforschung definiert werden konnten. Warsaae erklärte, dass das von der Sage dem dänischen König Harald Hildetand (etwa 647–735) zugeschriebene Grab ein „ganz gewöhnliches Grab aus dem Steinalter“ sei (Worsaae 1844, S. 91, S. 93). 1846 findet man in der Publikation der Gräber von Nordendorf die ersten dezidierten Gedanken über die Spiegelung von sozialen Unterschieden in frühgeschichtlichen Gräbern: Wohlbegründet bemerkt Hr. Inspektor Feigele [der Ausgräber, dessen Vortrag hier referiert wurde, B. S.] noch zum Schlusse, daß – obwohl in den Gräber-Reihen kein Standes- oder AltersUnterschied wahrgenommen worden wäre, es ihm doch leicht gewesen sey, die vornehmen und im Leben reich gewesenen Verstorbenen, von der Mittelklasse, und von den Aermern,  – und die Mädchen von den Frauen zu unterscheiden, weil die Vornehmen und Reichen männlichen und weiblichen Geschlechts, jene mit mehr und reichern Waffen, und Verzierungen der WaffenZugehörden, und diese mit reicherm Damenschmuck versehen gewesen wären, während z.  B. der Offizier oder Anführer das große zweischneidige Schwert zwischen den Füßen, und auf der rechten Seite noch den Dolch und sein Messer gehabt, auch mit Gürtelschnallen aus edlerm Metall, oder mit Gold und Silber eingelegt, und mit der großen Fibula ausgestattet gewesen sey, habe der gemeine Soldat oder der bewaffnete Colonist und Gränzbewohner nur eine Lanze, oder Speer, und das kurze Schwert mit bronçenen Gürtel-Schnallen, alle vom geringen Stande aber nur eine Semispada und nur eiserne Schnallen und Ringe am Wehr-Gehänge gehabt. Eben so habe sich die vornehme Dame durch ihre goldenen und silbernen Schmuckgegenstände, durch große und kunstvoll gearbeitete Corallen, durch die Menge derselben, durch eine reiche Fußverzierung, durch die Abkühlungskugel, die Halbedelsteine als Hals- und Handschmuck, und andere werthvollern Beigaben, von der mit minderwerthen ähnlichen Grabesbeygaben ausgestatteten Frau der Mittelklasse, und von der nur mit gemeinen oder mit wenigen Corallen aus terra cotta begrabenen Soldatenfrau oder Bäuerin unterschieden (Raiser 1842–43[1844], S. 25  f.).

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 Die historistische und frühe evolutionistische Archäologie

Zähne und Haarnadel ließen außerdem „auf das Stufenalter der Jungfrau oder der Frau“ schließen. Man bette das „Kind der Reichen … neben der Grabstätte der liebenden Eltern“ (ebd., S. 26). Diese Beobachtungen sind erstaunlich, zumal sie Schlüsse aus der Zusammensetzung vieler geschlossener Grabfunde bezeugen. Die Ergebnisse beruhen auf den Gräbern selbst. Raiser kommentierte dies mit dem Prädikat „wohlbegründet“ und widmete dem Thema relativ viel Text in seinem kurzen Bericht. Das Interesse der Leser konzentrierte sich allerdings auf die Widerlegung seiner These der keltisch-gemischten Ethnizität der Bestatteten (Lindenschmit/Lindenschmit 1848[1969], S. 30).

2.6 Ergebnisse und Wertungen 2.6.1 Archäologische Quellen zwischen historischer Tradition, Philologie und empirischer archäologischer Forschung Die erste Hälfte des 19. Jahrhunderts ist durch die Reaktion auf die Französische Revolution und durch die Napoleonische Zeit geprägt, von der sich Europa erst langsam und in Schüben erholte. Marvin Harris hat das erste Viertel des Jahrhunderts als philosophisch, das zweite als wissenschaftlich charakterisiert (Harris 1969, S. 54). Ließen sich am Ende der Aufklärung einige Forscher wie James Douglas und John Frere nicht mehr durch das dogmatische, biblische Weltbild und den Primat des Wortes an der eigenen Beobachtung und dem aus der Beobachtung gewonnenen Schluss beirren, so machte die Restauration diese Ansätze zunichte (Harris 1969, S.  55; Röd 1989, S. 252  ff.). In der ersten Hälfte des 19. Jahrhunderts gewannen deshalb zunächst biblische oder bibelgestützte Vorstellungen noch einmal und zum letzten Mal an Gewicht, so noch 1833 im Kommentar zu William Paleys erstmals 1802 veröffentlichter Natural Theology, den sogenannten Bridgewater Treatises. Hier kommentierten verschiedene vom Erzbischof von Canterbury, dem Bischof von London und von der Royal Society ausgewählte Autoren, u.  a. der Diluvianer, Theologe und Geologe William Buckland, der Zusammenfunde von menschlichen Überresten mit ausgestorbenen Tieren leugnete, Paleys Werk (Daniel 1975, S.  27; siehe S.  271). Besonders auch in Frankreich kämpfte man gegen revolutionäres Gedankengut, so z.  B. François René de Chateaubriand (Harris 1969, S. 55). Sprache und schriftliche historische Überlieferung blieben deshalb noch die ganze erste Hälfte des Jahrhunderts gegenüber den archäologischen und materiellen Quellen führend. Die Bedeutung von Sprache und Schrift wurde außerdem durch die Entzifferung der ersten altorientalischen Schriften und der altägyptischen Hieroglyphen unterstützt (siehe S. 317). Der universalgeschichtliche, aber philologisch bestimmte Ansatz, wie er im Bereich der Klassischen Altertumskunde von August Böckh, Friedrich August Wolf und später von Karl Otfried Müller vertreten wurde, schloss zwar eine Realienkunde



Ergebnisse und Wertungen 

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mit ein, die archäologischen Quellen wurden aber wie überwiegend im frühneuzeitlichen humanistisch-antiquarischen Paradigma illustrativ verwendet (Fittschen 1998, S. 193). Eduard Gerhard, Mitgründer des Instituto di Corrispondenza Archeologica in Rom, publizierte noch 1850 programmatische Thesen zur Archäologie, in denen er die Klassische Archäologie als einen Zweig der Klassischen Philologie definierte und Grabung als Methode gar nicht erwähnte, obwohl die ersten Schritte zur Grabungsarchäologie in den antiken Kulturen 1850 ja schon gemacht waren und diesbezüglich ja sogar seit der Renaissance Vorläufer existierten (Schnapp 1993, S. 309; Rößler 1997, S. 55  ff.; siehe Bd. 1, S. 206  f.; hier siehe S. 172). Er schrieb: Die Denkmälerforschung des klassischen Alterthums muss von dessen litterarischer Kenntniss ausgehen, auf welcher die im engeren Sinn so genannte Philologie beruht; ihren monumentalen Theil bearbeitet auf philologischer Grundlage der Archäolog  … Um die Archäologie in jenem philologischem Sinn zu fördern, ist deren Methode nicht sowohl den Bedürfnissen des Alterthumsfreundes oder des Künstlers anzupassen … sondern in strengem Zusammenhang mit dem gesammten philologischen Unterricht zu begründen (Gerhard 1850, S. 203  f.).

Empirische archäologische Forschungen und ein entsprechender Argumentationsapparat mussten sich gegen diese Hauptströmung entwickeln. Weiterhin war es deshalb auch keineswegs selbstverständlich, dass zur Behandlung der Ur- und Frühgeschichte oder anderer altertumskundlicher Bereiche archäologische Quellen herangezogen wurden. Die so entstandene nicht oder kaum archäologische Literatur transportierte jedoch Ideen, die später teilweise in die archäologischen Schriften einflossen. Dies zeigt sehr deutlich ein noch der frühhistoristischen Zeit angehörendes (Walther 1996, S. 101  f.), ganz ohne archäologische Quellen aus Berichten antiker Autoren erarbeitetes Werk des bayerischen Regierungsrats Christian Karl von Barth, Teutschlands Urgeschichte. Dessen Verfasser wollte „…  das Werden des Landes, das wir im zweiten Jahrtausend schon als Teutschland kennen, das wir als Teutsche lieben, dem wir angehören“ darstellen (Barth 1817–20, S. 1). Auch Georg Friedrich Creuzer und Carl Ritter behandelten ur- und frühgeschichtliche Fragestellungen fast ohne Heranziehung von archäologischen Quellen. Die im Abstand von zehn Jahren publizierten Werke (Creuzer 1810; Ritter 1820) beschäftigten sich mit kulturübergreifender Symbolgeschichte, mit der Idealisierung des klassischen Griechenlands und, wie die beginnende Indogermanistik, mit Völkerwanderungen (Schlegel 1808; Bopp 1816; siehe S. 334). Ziel war der Beweis einer Einbindung Deutschlands in einen indisch-mesopotamisch-ägyptisch-griechisch-italischen Kulturraum. Standen archäologische Funde im Mittelpunkt, wie z.  B. bei ausgesprochenen Grabungspublikationen und Katalogen, so Die fürstliche Alterthümer-Sammlung zu Braunfels (Wetzlar, Hessen) von Jacob Carl Schaum, so wurden sie gern mit Hilfe der Germania des Tacitus kommentiert (Schaum 1819). Das Heranziehen von antiken Quellen ohne gesicherten Zeit- oder Kulturbezug ist zwar ein Erbe der Archäologie der frühen Aufklärung, wir müssen aber bedenken, dass die Autoren der ersten Hälfte des

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 Die historistische und frühe evolutionistische Archäologie

19. Jahrhunderts der Meinung waren, zumindest die Germania liefere ihnen schriftliche Kommentare zu gerade ihren Funden – die ganze Urgeschichte drängte sich eben um Christi Geburt zusammen (siehe S. 133, S. 340). Das zeigt sich im zweiten Jahrzehnt des Jahrhunderts beim Historiker Friedrich Carl Hermann Kruse, bei dem sich archäologische Erkenntnis, antike Autoren und kosmische Mystik mit dem Zauber des Geheimnisses alter und fremder Kulturen mischen. Seine eigentlich historische Darstellung der Budorgis (Hauptort der in Schlesien lokalisierten Lugier nach Ptolemäus) bezieht sich jedenfalls auf bronzezeitliche und kaiserzeitliche Funde (Kruse 1819). Auch Johann Gustav Gottlieb Büsching arbeitete in erster Linie mit schriftlichen Quellen und erst in zweiter Linie mit archäologischen Funden. Der erste Hauptteil seines Abrisses sollte folglich ein nach schriftlichen Quellen (vor allem Tacitus) und der Volkskunde entworfenes Gerüst einer germanischen Altertumskunde darstellen (Büsching 1824). Die von ihm hier abgedruckte Karte Großdeutschlands „nach einem Entwurf von Dr.  Wilhelm“ enthält deshalb eine Rekonstruktion der germanischen Stammesgebiete nach antiken Quellen, d.  h. ohne archäologische Funde (Büsching 1824, S. 9; Falttafel). Ebenso hielt G. C. Friedrich Lisch 1837 die bei Tacitus genannten Begriffe für bronzezeitliche Funde (z.  B. Framea anstelle des mit keltomanischem Beigeschmack behafteten Celt für Bronzebeile) für anwendbar, und die Bezeichnung von Friedhöfen als Wendenkirchhöfe in den mecklenburgischen Urkunden des Mittelalters war für ihn Beleg genug für eine ethnische und chronologische Interpretation. In England und Frankreich, aber auch in Skandinavien finden wir ebenfalls bis 1830 nur wenige Arbeiten, in denen archäologische Funde eine nennenswerte Rolle spielen, z.  B. The History of Ancient Wiltshire von Richard Colt Hoare (siehe S. 276). Zwischen 1813 und 1830 erschienen z.  B. nur fünf Bände der Zeitschrift Archaeologia der Society of Antiquaries in London, in denen sich nur zwei Beiträge zur einheimischen Archäologie befinden. In den Bänden 20 von 1824 und 21 von 1827 werden mit Ausnahme von Inschriften keine archäologischen Funde behandelt. In den Dreißiger- und Vierzigerjahren wird die Archäologie zwar wieder etwas häufiger, um dann aber erst 1852 wirklich Bedeutung zu gewinnen. Selbst am Anfang der Dreißigerjahre des 19.  Jahrhunderts urteilte man in Skandinavien noch ganz von der schriftlichen Überlieferung abhängig. Dies machte sich wie früher bei der Wahl der untersuchten Fundplätze bemerkbar. So untersuchte der Gemeindepfarrer Johan Lyder Brun das reiche spätkaiserzeitliche Grab von Avaldsnes (Karmøy, Rogaland, Norwegen) 1835 nur, weil der Platz als Königshof der ältesten norwegischen Könige in schriftlichen Quellen erwähnt war (Klindt-Jensen 1975, S. 65). Entscheidende Weichen für die wissenschaftliche Arbeit mit archäologischen Funden und deren Anerkennung als historische Quellen wurden zwar erst ab 1830 gestellt, seit den Zwanzigerjahren zeichnet sich diese Entwicklung aber ab, zumal sie mancherorts ja an die letzten Jahrzehnte der Aufklärung anknüpfen konnte (siehe S. 250). Die Dynamik wies in den verschiedenen europäischen Regionen Unterschiede auf. Unter den hier behandelten Ländern vollzog sich dieser für die Archäologischen Wissenschaften grundlegende Übergang in England und Frankreich besonders



Ergebnisse und Wertungen 

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langsam, obwohl oder vielleicht gerade weil beide Länder ja auf eine lange antiquarische Vergangenheit mit einem hohen Anteil an archäologischer Arbeit zurückblicken konnten (siehe Bd. 1, S. 316  ff.; siehe S. 146). Erst 1843 gründeten archäologisch Interessierte aus Enttäuschung über die Untätigkeit der Society of Antiquaries die British Archaeological Association, was zu teilweise lächerlichen Grabenkämpfen und zur Spaltung in zwei Institutionen führte (Wetherall 1994, S. 8  ff.). In Frankreich begann sich das Interesse in den wissenschaftlichen Gesellschaften erst vom Ende der Dreißiger-, vor allem aber in den Vierzigerjahren den archäologischen Quellen zuzuwenden, so z.  B. durch Arcisse de Caumont in der Normandie (Effros 2012, S. 152). Besonders die klassischen Kulturen wurden noch überwiegend mit philologischen Methoden bzw. quellenpluralistisch bearbeitet. Das erklärt sich vor allem dadurch, dass alle sicheren Ansätze zur Datierung bis zu dieser Zeit noch von Inschriften abhängig waren (Gran-Aymerich 1998, S. 129  f.). In Skandinavien verlief diese Entwicklung besonders erfolgreich, da sie durch Herrscher und Institutionen zentral unterstützt wurde, während in den einzelnen deutschen Regionen die Voraussetzungen und die Förderung sehr unterschiedlich waren. Hier bestand das Problem aber überall in der Durchsetzung gegen die auch politisch immer stärker werdende Geschichtswissenschaft, deren Hauptvertreter archäologische Funde als historische Quellen ablehnten (z.  B. Leopold von Ranke, siehe Bd. 1, S. 15). In dieser Zeit des intellektuellen Übergangs ist oft in den Arbeiten ein und derselben Person eine Spannung zwischen dem Alten und dem Neuen festzustellen. So gründet die Arbeit von Karl Wilhelmi von 1830 über die 14 Totenhügel zwar in ihrem empirisch-deskriptiven Teil ganz auf den Grabungsergebnissen, die historische Interpretation konnte jedoch nur durch schriftliche Quellen erfolgen und kam deshalb zu falschen Ergebnissen. Interessanterweise zeigt gerade Christian Jürgensen Thomsen in seinem Ledetraat, einem der innovativsten archäologischen Werke dieser Zeit, die Abhängigkeit von der schriftlichen Überlieferung ganz deutlich. Traditionsgemäß begann der Ledetraat mit einer Beschreibung der schriftlichen Quellen, die aus der Hand des Historikers Niels Matthias Petersen stammt, um dann aber den Wert der archäologischen Quellen zu reklamieren – und doch einzuschränken: … so gewiß ist es zugleich, daß auch Denkmäler und Alterthümer aus der Vorzeit, sowohl stumme als redende, mit Fug Anspruch machen können für mittelbare geschichtliche Quellen angesehen zu werden. Vermögen nämlich solche auch nicht, uns mit neuen Thatsachen bekannt zu machen, können sie weder dazu dienen alte Königsreihen zu berichtigen, noch chronologische Bestimmungen festzusetzen, so sind sie doch, gesammelt und zusammengehalten, im Stande, uns eine anschaulichere Vorstellung von der Stammväter Religion, Kultur, äußerem Leben und Anderem zu geben, als die schriftlichen Quellen, denen nie ein so hohes Alter beigelegt werden kann, in denen alte Sagen mit neueren Überlieferungen vermischt sind und von denen man, da sie in späterer Zeit niedergeschrieben sind, annehmen muß, daß sie oft bedeutende Entstellungen erlitten haben (Thomsen 1837, S. 25).

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Da sprach ausgerechnet Thomsen den archäologischen Quellen die Möglichkeit ab, „chronologische Bestimmungen“ festzusetzen! Natürlich meinte er damit die absolute Datierung, zumal der Weg zur relativen Datierung ja gerade erst von ihm entwickelt wurde. Er billigte den Funden aber Aussagen über die seit der Renaissance traditionellen Felder von Religion, Kultur u. s. w. zu, die typischen Felder des humanistischantiquarischen Paradigmas und der zeitgenössischen Altertumskunden! Den eigentlichen Kampf gegen die unreflektierte Anwendung schriftlicher Tradition auf die Interpretation archäologischer Quellen und besonders den Missbrauch von Mythen als historische Quellen nahm sein Schüler Jens Jacob Asmussen Worsaae auf. Er lehnte die Identifikation einer Moorleiche mit der Königin Gunnhildr, der Gattin von König Erik Blut-Axt, durch den Historiker Niels Matthias Petersen ab sowie 1841 eine Arbeit über die gefälschte sogenannte Runamo-Inschrift (Blekinge, Schweden), die er als Erfindung entlarvte. Damit bewies er die Wichtigkeit des richtigen Sehens und der richtigen Darstellung. Nach diesem Erfolg genoss er besondere Förderung durch den König (Klindt-Jensen 1975, S. 69, Abb. 60). Auch in seiner Arbeit von 1843 unterschied er sich ganz deutlich von Thomsen in seinem Verhältnis zur skandinavischen Geschichtswissenschaft. Die historische Einleitung des Ledetraat, die ja auf Petersen zurückging, diente dem Jüngeren nur zur Begründung ihrer Verwerfung. An späterer Stelle schrieb er: Die Wichtigkeit der solchergestalt durch Grabhügel erworbenen kritischen Erläuterungen beschränkt sich jedoch nicht darauf, daß einige einzelne unbegründete Sagen, die zum Theil in spätern Zeiten zusammengesetzt sind, widerlegt und aus der Geschichte gebannt werden. Aber … wir lernen außerdem daraus, daß man nur mit der größten Behutsamkeit auf ähnliche Sagen bauen darf, selbst wenn diese auf bestimmte Orte und Grabhügel bezogen werden, und selbst wenn die Aufzeichnung derselben etliche Jahrhunderte in die Zeit zurück reicht, wofern nicht besondere Umstände für das Alter und die Zuverlässigkeit sprechen möchten (Worsaae 1844, S. 92  f.)203.

Dies war außerdem auch ein massiver Angriff auf die vielen skandinavischen Königshügel (siehe S.  179)! Interessant ist, dass Worsaae den Begriff der Vorgeschichte gerade auch übernahm, um seine Forschungen von den Mythen der Historiker abzusetzen (Rowley-Conwy 2007, S.  66, S.  80). In seinen Erinnerungen schrieb er stolz:

203 Worsaae praktizierte hier, was August Comte 1844, d.  h. ein Jahr nach dem Erscheinen von Worsaae’s Originalschrift in seinen Discours sur l’esprit positif formuliert hat: „Sie [die Logik] anerkennt von nun an als Grundregel, daß keine Behauptung, die nicht genau auf die einfache Aussage einer besonderen oder allgemeinen Tatsache zurückzuführen ist, einen wirklichen und verständlichen Sinn enthalten kann“ (zit. nach Riedel 1991, S. 281). Der englische Positivist John Stuart Mill sah 1843 in seinem Werk A System of Logic die Erfahrung als einzige Quelle wissenschaftlicher Erkenntnis an. Die Hauptrolle spielt ihm zufolge eine induktive Methode der Prüfung von Differenzen und Gemeinsamkeiten zur Gewinnung von Wirkursachen (Poggi 1989, S. 44  ff.). Induktiv gewonnene Verallgemeinerungen können als Ausgangspunkte deduktiver Schlussfolgerungen dienen (ebd., S. 52  f.).



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„Just as conservative as I was in politics, so was I liberal, nearly radical, in science“ (zit. nach der englischen Übersetzung von Kristiansen 1981, S. 23). Georg Otto Carl Freiherr von Estorff trug jedoch 1846 noch Bedenken hinsichtlich der Aussagekraft der archäologischen Funde und anderer nichtschriftlicher Quellen, so dass er sich auch an grundsätzlicher Stelle widersprüchlich äußerte: Einerseits bezeichnete er die Einbeziehung der „bildlichen oder Kunst-Denkmalen“ nur als „die einzige Hoffnung, die letzte“, wenn das verlorene Werk des Plinius über die germanischen Kriege nicht gefunden würde, andererseits begrüßte er sie. Gerade auch unbedeutende Dinge ohne offensichtlichen Wert könnten historisch aussagefähig sein (Estorff 1846, S. II): Freudig kann man daher behaupten, dass Deutschland in Hinsicht dieser Anerkennung des Werthes seiner Antiquitäten und der Nothwendigkeit, dieselben für seine alte Geographie und Geschichte zu benutzen, keinem Volke mehr nachsteht, ja selbst vielen Nationen als Vorbild voranleuchtet.

Bei denselben Gelehrten, die die Vor- und Frühgeschichte mithilfe später schriftlicher und teilweise auch mündlicher Tradition darstellten, findet sich also in zunehmendem Maße auch die Einsicht, dass archäologische Quellen zur Klärung von Fragen herangezogen werden konnten, die mit schriftlichen Quellen nicht zu lösen waren. Deshalb lassen sich immer mehr empirische Ansätze zu archäologischer Forschung nachweisen. Teilweise wurden diese auch reflektiert. Man sah ein, dass die vorhandene Quellenbasis und die Methoden für die Beantwortung der jeweiligen Fragen – wie in den deutschen Regionen nach der ethnischen Bestimmung oder in Skandinavien nach der Herkunft der nationalen Bevölkerungen – noch nicht ausreichten, und arbeitete an der Verbesserung der Qualität. Friedrich Carl Hermann Kruse z.  B. erklärte sich schon 1819 gegen die ungeprüfte Übernahme von Fundortangaben: Ich werde immer genau bemerken, was sicher und was nicht sicher als schlesisch anzunehmen sey, und ich hoffe, daß sie an dem Ganzen sehen werden, daß ich nicht aus vorgefaßten Meinungen sondern immer nach möglichst genauer Nachforschung meine Angaben feststelle (Kruse 1819, S. 36).

1824 sind Mystik und Symbolismus von Budorgis einem nüchternen Arbeitsprogramm gewichen, die archäologischen Funde haben ein größeres historisches Eigengewicht bekommen: „Die Geschichte aller Länder wird vorzüglich aus zweierley, Quellen geschöpft, diese sind: redende Schrift und stumme Denkmäler alter Zeit“ (Kruse 1824, S.  9). Die archäologische Literatur anderer Länder wurde rezipiert oder zumindest ihre Anschaffung gefordert (ebd., S. 30). Basis für jede archäologische Auswertung seien die Fundumstände. Diese Auffassung führte ihn zu einer positiven Beurteilung des Friderico-Francisceum, das damals nur in den ersten Bänden Hans Rudolf Schröters vorlag. Absolut negativ aber fiel das Urteil über die königliche Altertümersammlung in Berlin aus, bei der man auf Fundumstände keine Rücksicht genommen hatte,

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„ein Umstand, der sie für die strenge wissenschaftliche Benutzung fast unbrauchbar macht“ (ebd., S. 36  f.). Auch die Gliederung von Funden und Befunden, die Johann Gustav Büsching im archäologischen Teil seines kurzen Werkes von 1824 veröffentlichte, beruhte offenbar auf dem eingehenden empirischen Studium seiner Sammelobjekte, selbst wenn der Autor das nicht theoretisch begründete. Er arbeitete hier wie Christian Jürgensen Thomsens mit Funden seiner Sammlung, d.  h. als Museumsmann. Sein hierarchisches Klassifikationssystem ist nicht dogmatisch, sondern so wertfrei wie nur möglich angelegt und dem biologischen System Carl von Linnés ähnlich. Z.  B. ordnete er die Objekte nach ihrem Material, so Geräte von Metall, Geräte von Kupfer (hier ist überwiegend Bronze gemeint) oder Geräte von Kupfer und Eisen, und behandelte die Funktion nachrangig (Büsching 1824, S. 26  ff.). Der Vorrang des Werkstoffs gegenüber der Funktion in seiner Klassifikation ist sicher nicht durch seinen Briefwechsel mit Thomsen angeregt worden (siehe S.  248), denn einerseits kannte er natürlich ganz unabhängig von Thomsen die antiken Vorstellungen, andererseits ordnete er die Steingeräte hinter die Metallgeräte. Vielmehr handelt es sich um einen Versuch, von Merkmalen auszugehen, die allein auf Beobachtung beruhten, während die funktionalen Deutungen subjektiv bleiben mussten. Die empirische Arbeit der Ausgrabung und deshalb auch das Kriterium der Fundkomplexe waren ihm aber trotz der Forderung nach generellem historischem Zusammenhang der Argumentation fremd. Bis auf das Plädoyer Hans Gummels ist er in das Bewusstsein deutscher Prähistoriker des 20. Jahrhunderts deshalb vor allem durch seinen Briefwechsel mit Thomsen eingegangen (Seger 1930; Jacob-Friesen 1928, S. 107; Gummel 1938, S. 110  ff.; Eggers 1959, S. 35; Kühn 1976, S. 56). Das Urteil Georg Kossacks, der seinen Abriß gar als „disappointment“ bezeichnete und auf die originelle Klassifikation gar nicht einging, ist allerdings nicht zu teilen (Kossack 1992, S. 76; Kossack 1999, S. 20). Wie Kruse und Büsching zeigen, entwickelte sich das zunehmende Gewicht der archäologischen Funde in Deutschland vor allem in den Geschichtsvereinen, die gleichzeitig zumeist Alterthumsvereine hießen und ein breites Spektrum an Mitgliedern aufwiesen. Das trifft auch für die erste archäologische Arbeit Karl Wilhelmis zu. Wenn sich seine germanische Ausrichtung auch in seinen ethnischen Deutungen niederschlägt und er das rechtsrheinische Gebiet, zu dem Sinsheim gehört, für germanischer hielt als das linksrheinische (Wilhelmi 1830, S.  170  ff.), so war er in seinen empirischen Forschungen doch um neue Erkenntnisse durch richtige Beobachtung der Funde und auch der Befunde bemüht. Sein Ziel war es bei der Ausgrabung der 14 Todtenhügel, so viel wie möglich zu lernen. Dabei änderte er auch Taktiken und richtete sich nach seinen Erfahrungen. Die Zeit, in der Wilhelmi seine archäologischen Forschungen aufnahm, ist dieselbe, in der auch der klassische Philologe Georg Friedrich Creuzer, sicher einer der Universitätslehrer der Brüder Wilhelmi in Heidelberg, zu konkreten archäologischen Studien gelangte. Karl Wilhelmi, aber auch wohl z.  T. die beteiligte Sinsheimer Honoratiorenschar, waren Empiriker, keine Theoretiker. Der Pfarrer lernte



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durch eigene Erfahrung und Beobachtung, durch eigene Schlüsse, aber in Austausch mit möglichst vielen anderen, die ebenfalls Erfahrungen in dieser Hinsicht gemacht hatten. Kein Dogma und keine Schulweisheit hätte ihm geholfen! Dogmen sind es aber doch, die Wilhelmi am Ende seines Werkes die richtige Deutung seiner Beobachtungen verschlossen, wie der Heidentopos mit der Opferdeutung und die kurze, bibelbestimmte historische Dimension. 1837 nutzte G. C. Friedrich Lisch die Veröffentlichung der Sammlung der Großherzöge Mecklenburgs auch zu einigen grundsätzlichen Äußerungen. Er sah die deutsche Alterthumskunde als eine „Wissenschaft“, die jedoch „bisher zu keiner Vollendung, Sicherheit und allgemeinen Anerkennung gediehen“ war. Dies sei so, weil man „gewöhnlich nur einzelne Stücke sammelte“, aber auch, weil man zu oft von vorgefaßten Meinungen ausging und mit einzeln gefundenen Alterthümern irgend einen historischen Satz beweisen wollte, endlich, weil man mehr beschrieb, als Abbildungen mittheilte, und selbst die Beschreibungen durch vorgefasste Ansichten verdunkelte (Lisch 1837a, S. III f.).

Er versuchte also, Quellenpublikation und Interpretation sauber zu trennen, und erwies sich somit als Empiriker. Die Interpretation der Funde des Friderico-Francisceum nannte er vorsichtig Andeutungen über die altgermanischen und slavischen Grabalterthümer (Lisch 1837c) und veröffentlichte diese nicht in dem Hauptwerk. Zum Verhältnis beider Publikationen schrieb er: Zwar wird das Friderico-Francisceum alle diese Resultate enthalten, aber, wie es bei einer kritischen Untersuchung ohne Vorarbeiten nur der Fall sein kann, werden sie bei der reinen Darstellung der gemachten Erfahrungen nur als bescheidene, gelegentliche Vermuthungen, nicht als gewonnene, an die Spitze gestellte Wahrheiten erscheinen können. Diese Resultate sollen hier nach nackten Erfahrungen gegeben werden, ohne irgend eine Beimischung geschichtlicher Ausführungen. (Lisch 1837b, S. 11).

Diese sollten sogar ohne Hinzuziehung weiterer Literatur für sich stehen: Ganz ist mir dagegen die Ausführung meines ursprünglichen Vorsatzes, die Eigenthümlichkeiten der verschiedenen Arten der Gräber in nackter und getreuer Schilderung ohne weitere Forschung hinzustellen, nicht gelungen;  … aber diese Forschungen sind so gestellt, dass sie die Beschreibung nicht trüben und jedem Beobachter die Benutzung der einzelnen Aufgrabungen und Funde zu jedem, ihm beliebigen Zwecke freistellen (Lisch 1837a, S. VII).

Sicherere Ergebnisse sind seines Erachtens durch mehr „nach ihrem Innern und Aeussern“ studierte Grabfunde erreichbar (ebd.). Entsprechend wurden auch sichere von unsicheren Funden getrennt (ebd., S. VIII). Lisch fühlte sich in diesen Anschauungen offenbar nicht allein:

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Überall spricht sich bei den Forschern unserer Tage die Ansicht aus, zuvor mit Vorsicht zu beobachten und zu sammeln, gewissenhaft darzustellen und, wenn erst alle Gaue des deutschen Vaterlandes vorgearbeitet haben, die Benutzung für den höchsten, den historischen Zweck Männern zu überlassen, welche im Besitze eines reichen Materials aus vielen Gegenden sind (Lisch 1837a, S. 22).

Der Mecklenburger, der in seinen Schlüssen außerordentlich vorsichtig war, formulierte hier zwei ganz wesentliche Punkte der archäologischen Arbeit: die Trennung von Deskription und Interpretation sowie das Mengenkriterium: ein einzelner archäologischer Fund reicht zu einem historischen Schluss nicht aus, d.  h. die historistischhermeneutische Methode ist auf archäologische Funde nicht anwendbar. Er forderte den induktiven, aber auf ausreichenden Quantitäten beruhenden Schluss. Er handelte auch danach, als er gezwungen wurde, seine Lehre von den Wendenkirchhöfen aufgrund von römischen Importfunden zu revidieren.

2.6.2 Archäologische Methoden und Formen archäologischer Publikationen In der ersten Hälfte des 19. Jahrhunderts kann man bedeutende Verbesserungen in allen beschreibenden und primär auswertenden Methoden feststellen. Allerdings ist noch keine dieser Methoden ausgereift. Viele der beteiligten Forscher aber hatten erkannt, dass die sorgfältige Aufbewahrung aller Informationen zu Funden und die Präzision der Präsentation ein Schlüssel für die Interpretierbarkeit sein würde. Zunächst wurden sowohl die Vermessungen präziser und die Beschreibungen besser systematisiert. Die Abbildungen der Objekte entwickelten sich vereinzelt schon im zweiten Jahrzehnt zu modernen wissenschaftlichen Zeichnungen mit eindeutigen Perspektiven, die Schrägansichten wichen messbaren Flächen, Grundrissen und vereinzelt auch Schnitten. Daneben aber findet man bis 1850 immer noch romantische Ansichten (siehe S. 291 und S. 363). Grabungszeichnungen dagegen sind überhaupt noch nicht entwickelt. Ganz offenbar haben viele Zeitgenossen die Notwendigkeit nicht erkannt. Die einzige Ausnahme machen in den Vierzigerjahren frühgeschichtliche individuelle Gräber und Stratigraphien (siehe S. 271). Zeichnungs- und Beschreibungsgenauigkeit gehören eindeutig zusammen. Während man am Anfang des Jahrhunderts gelegentlich noch mythisch bestimmte funktionale Klassifikationen oder auch verschiedene Systeme gemischt findet, so verwendete man von der zweiten Hälfte der Dreißigerjahre immer mehr technisch oder optisch eindeutige, hierarchisch gegliederte Merkmale. Besonders Sven Nilsson ist hier hervorzuheben – er machte sich dieses auf der Grundlage von Linné entwickelte System nämlich für den Objektvergleich zunutze und hob damit die analoge Methode auf eine wissenschaftliche Ebene, die ihn dann auch zum Kulturstufenvergleich führen sollte (siehe S. 336).



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In der archäologischen Literatur der Zeit erkannte und benannte man auch erstmals das Problem der Quantität, z.  B. bei G. C. Friedrich Lisch. Ab 1838 findet man bei Sven Nilsson die ersten Statistiken in archäologischem Zusammenhang. Der Beginn der Statistik für empirische Forschungen im historisch-kulturellen Bereich zeigte sich auch an anderer Stelle (siehe S. 282)204. Die große Leistung der Zeit besteht aber in der Erkenntnis der Wichtigkeit des archäologischen Zusammenhangs. Dieser bezog sich zunächst auf den Fundort, so dass – in Kombination mit der verbesserten Klassifikation der Denkmäler – auch die ersten verlässlichen Verteilungskarten gezeichnet werden konnten. Die Klassifikation der Merkmale reichte aber noch nicht aus, diese zu kartieren. Man brauchte den Zusammenhang als Ergebnis gut dokumentierter Grabungen. Auch hier aber fehlte weitestgehend die Grabungstechnik: methodisches Vorgehen, Beobachtungsgenauigkeit des Befundes und seiner Merkmale, Erkennung von Störungen und vor allem die Art der Dokumentation und Inventarisation. In Kopenhagen zumindest war man durch die lange, von höchster Hand geförderte Tradition im Königlichen Museum zu einer verlässlichen Inventarisation gekommen (siehe S.  310). Auf dieser Grundlage entwickelte Christian Jürgensen Thomsen das Axiom des Zusammenfundes, das sog. Prinzip des Geschlossenen Fundes, das für ihn die Grundlage für eine Sequenzdatierung bildete (siehe S. 320). Die von G. C. Friedrich Lisch 1837 geforderte ausreichende Materialbasis für Vergleiche zu gewinnen, war ein Hauptanliegen des gesamten 19. Jahrhunderts (siehe S. 356). Nur fehlte noch die Erfahrung, wie diese Materialbasis eigentlich aussehen sollte. Neben den Museen, die diese Aufgabe bis 1850 überwiegend schlecht erfüllten, da die Sammlungen nicht geordnet waren (siehe S. 249), mussten die archäologischen Funde in Publikationen zugänglich gemacht werden. Zwar besaßen Corpora im humanistisch-antiquarischen Paradigma eine lange Tradition, die im 18.  Jahrhundert vor allem durch die Werke Bernard de Montfaucons und des Grafen Caylus weiterentwickelt worden waren und auch nichtantike Denkmäler und Funde aufgenommen hatten. Was die Zeichnungen der Funde betrifft, war in diesen Arbeiten schon ein beachtliches Niveau erreicht worden, während die Darstellungen der nichtantiken Denkmäler meist noch zu wünschen übrigließen. Nun schwebte den Forschern der ersten Hälfte des 19. Jahrhunderts eine systematische Gliederung der Funde vor, weswegen man seit Johann Gustav Büsching versuchte, Terminologie und Klassifikation zu vereinheitlichen und dabei auf die noch von Georg Otto Carl Freiherr von Estorff praktizierte Ordnung nach dem Material der Gegenstände kam (Estorff 1846; Bath 1959, S. 21). Wenn durch diese Ordnung Zusammenfunde auseinandergerissen wurden wie in diesem Fall, verloren die Materialvorlagen ihren Wert

204 So bei dem Belgier Adolphe Quetelet (1796–1874), der Gesetzmäßigkeiten bei Kriminalstatistiken feststellte und damit die empirischen Forschungsmöglichkeiten ganz wesentlich erweiterte und die Akzeptanz des Positivismus förderte (Harris 1969, S. 73  f.).

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für weitere Auswertungen. Die Form aber blieb wie bei Graf Caylus das kommentierte Tafelwerk. Erfolgreicher waren Corpora der philologischen Altertumswissenschaft, weil hier die alten Formen nur modernisiert werden mussten (Gran-Aymerich 1998, S.  60)  – das Instituto di Corrispondenza Archeologica hatte die Edition von Denkmälern (in der Serie Monumenti inediti) in seine Satzung aufgenommen (Rieche 1979, S. 49), und Eduard Gerhard selbst einige Denkmälergruppen ediert (Kästner 1997; Hurschmann 1997; Zimmer 1997). Wieder entstanden große Inschriftencorpora, wie das von August Böckh 1815 ins Leben gerufene Corpus Inscriptionum Graecarum (CIG) sowie das Corpus Inscriptionum Latinarum (CIL), ein 1845 geplantes und seit 1853 durchgeführtes Projekt Theodor Mommsens (Unte 1979, S. 18. S. 49). Auch hier gab es seit dem 16. Jahrhundert Vorläuferwerke (siehe Bd. 1, S. 212). Die traditionelle Form der historisch-archäologischen Publikation war in dieser Zeit in Deutschland die Altertumskunde. Dieser Literaturtyp sollte für die erste Hälfte des 19. Jahrhunderts charakteristisch werden und blieb Vorbild für die Konzeptionen ethnisch gebundener umfassender Darstellungen bis in unsere heutigen Tage. Wie in anderen Arbeiten über vor- und frühgeschichtliche Themen spielten archäologische Quellen am Anfang des Jahrhunderts auch hier keine Rolle. Das Werk Christian Karl von Barths von 1817–20 enthält Völkergeschichte, eine historisch ausgerichtete Geographie, Verkehrswege und auch Sitten und Gebräuche sowie Etymologien. Der Verfasser behandelte nicht nur die germanischen Stämme und die Kelten, er erwähnte die ganzen bei Herodot und Strabo genannten Völker der alten Welt. Das Werk steht der oben besprochenen Schrift von Carl Ritter (1820) nahe. Ritters Thema aber waren die Ethnien vor Herodot. Am Ende der Zwanzigerjahre hatten die archäologischen Quellen schon einen anderen Stellenwert bekommen. Was Karl Preusker unter Altertumskunde verstand, definierte er damals folgendermaßen: … die Kenntnis der Einrichtungen, Anstalten, Gebräuche und Grundsätze in Hinsicht auf Staatsverfassung und Verwaltung, der Kriegsführung, Rechtspflege, Literatur und Sprache, der Künste und Gewerbe, so wie des gottesdienstlichen, sittlichen und häuslichen Lebens und der geographischen Verbreitung unserer Vorfahren, wie sie sich aus den noch vorhandenen Überresten der Literatur, Sprache, Sitten und Gebräuche, aus Sagen und persönlichen oder örtlichen Namen, oder auch durch Alterthümer im engsten Sinne, nämlich materielle Überreste von der Hand des Menschen … ergeben (Preusker 1829, S. 4).

Dieses Konzept, das aus dem traditionellen quellenpluralistischen Schema des humanistisch-antiquarischen Paradigmas entwickelt ist (siehe Bd. 1, S. 306, S. 312, Abb. 54; hier S. 144), enthält deutlich die archäologischen Überreste; es setzte aber voraus, dass diese sowohl zeitlich als auch ethnisch oder sprachlich zugeordnet werden konnten, wie das ja für römische Denkmäler der Fall war. Dazu besaß Preusker, wesentlich weniger entwickelt als Friedrich Carl Hermann Kruse, überhaupt keine methodischen Mittel.



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Eine unmittelbare Weiterentwicklung der Gedanken Preuskers zur Altertumskunde findet sich in der Arbeit des 16 Jahre jüngeren Gustav Friedrich Klemm verwirklicht (Klemm 1836). Dieses Werk ist jedoch einerseits durch seine Entscheidung für das Germanische, andererseits durch seine evolutionistische Gräberabfolge und Typologie – so der bronzezeitlichen Beile – moderner. Klemm dachte schon in zeitlichen Kategorien, obwohl er noch nicht sicher datieren konnte. Ernst Wahle charakterisierte diese Arbeit – sicher im Verhältnis zu moderneren Werken – noch als ganz statisch (Wahle 1950[1964], S. 51). Statisches Denken und Bewegung im Raum, aber nicht in der Zeit charakterisiert zwar die ganze Gruppe, die Arbeit von Klemm jedoch am wenigsten von allen, da sie schon auf dem Wege zu neuen, chronologisch bestimmten Formen ist. Christian Jürgensen Thomsens Ledetraat ist insofern an dieser Stelle zu behandeln, als der Autor mit seinem Werk eine – wenn auch nur kurze – Gesamtdarstellung der Altertumskunde seines Landes bezweckte. Der fundamentale Unterschied zu allen älteren Arbeiten besteht in der Chronologie. Die Veröffentlichung zeigt die großen Schwierigkeiten, die sich dem Museumsmann stellten, sein neues chronologisches System adäquat darzustellen. Entsprechend ist sowohl die Systematik der Gräber und Funde als auch der gesamte Plan des Werkes eine Mischung von Tradition und Innovation (siehe unten das Inhaltsverzeichnis). Dazu passt auch, dass der Verfasser seinem Werk sein eigenes Schema nicht als Hauptgliederungspunkte unterlegte, sondern in eine seit dem Ende des 17. Jahrhunderts übliche Einteilung in christliche und heidnische Dinge (siehe S. 161) einband. Das Dreiperiodensystem war für ihn noch kein bestehendes Paradigma, er stellte es noch nicht an den Anfang seiner Darstellung, sondern gliederte es in die ältere Periodisierung ein, obwohl er wusste und auch beschrieb, dass die jüngste Phase in die christliche Zeit hineinreichte. Seine Hauptgliederung gestaltete er deshalb noch in dieser Form: Leitfaden zur Nordischen Alterthumskunde Umfang und Wichtigkeit der altnordischen Literatur (Autor Niels Matthias Petersen) Kurzgefaßte Übersicht über Denkmäler und Alterthümer aus der Vorzeit des Nor­dens Grabhügel und Grabstellen Steinsetzungen Sachen aus der heidnischen Zeit Die verschiedenen Perioden, in welche die heidnischen Alterthümer gesetzt werden können Sachen aus der christlichen Zeit Als Anhangsabtheilungen Gebäude Schrift und Inschriften Münzen Schildzeichen Allgemeine Bemerkungen über Fund und Aufbewahrung von Alterthümern

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 Die historistische und frühe evolutionistische Archäologie

Im Gegensatz zum Ledetraat machte Jens Jacob Asmussen Worsaae 1843 dann die Chronologie seines Lehrers zur Gliederung seines wesentlich erweiterten Überblicks über die archäologischen Funde Dänemarks. Er schuf so aus der noch im Alten beharrenden Vorgabe von Thomsen ein neues weiteres Werkparadigma, dem das Dreiperiodensystem zugrunde liegt (siehe S. 324). Den Vorspann über die schriftlichen Quellen und Sagen strich er komplett und arbeitete mit ihnen lediglich in der Einleitung und der Interpretation. Damit wandte er sich von der quellenpluralistischen Altertumskunde ab und der reinen Archäologie zu und entwarf ein noch heute gültiges Gliederungsschema für archäologische Darstellungen. Im Gegensatz zu den anderen in den Dreißiger- und Vierzigerjahren entstehenden Werkformen ist dieses jedoch nicht rein empirisch aufgebaut, sondern setzt eine Lehre voraus: das Dreiperiodensystem, das von Worsaae nicht mehr bewiesen wird. Dass zu diesem Zeitpunkt das relativchronologische Dreiperiodensystem in seinem jüngeren Teil, der Differenzierung von Bronze- und Eisenzeit und seiner Verbindung mit dem Bestattungsritus noch ganz unklar war und Worsaae dies durchaus sah, hinderte ihn nicht an seiner paradigmatischen Gliederung. Einen anderen Weg, archäologische Denkmäler stärker in die Altertumskunde einzubinden, beschritt Otto Carl Freiherr von Estorff in seinen Heidnische Alterthümer der Gegend von Uelzen im ehemaligen Bardengaue (Königreich Hannover) von 1846. Seine Darstellung der archäologischen Funde einer Kleinregion steht jedoch wieder stärker auf der Seite der Tradition, denn von Estorff konnte seine Funde nicht datieren. Das Grundmuster liegt deshalb zwischen einem Corpus, einem Illustrata-Typ und einer Altertumskunde alten Stils; auch die historische Karte als Mittel der Darstellung gehört der Tradition des Illustrata-Typs an, Form und Interpretation tragen aber schon modernere Züge. In seinem Vorwort ließ der Verfasser sowohl seine grundsätzliche Auffassung vom Stellenwert seiner Forschungen sowie die theoretische Grundlage und die Ziele seines Tuns erkennen. Dass Estorff in der Tat eine quellenpluralistische Geschichtsforschung, eben eine Altertumskunde, vorschwebte, beweist der Plan eines weiteren, nie ausgeführten Werkes, das einen „streng wissenschaftlich abgefassten Katalog der entdeckten Anticaglien“, aber auch sprachliche und sittliche Relikte, „Sprichwörter, sowie den Aberglauben, die Legenden und Sagen“ beinhalten sollte (Estorff 1846, S. VI). Das einem Frontispiz vergleichbare Titelbild des Tafelteils nennt die vier Säulen der Altertumskunde: Geschichte, Mythologie, Topographie und Archäologie (ebd., Taf. I)205. Die Schwierigkeit der Datierung dieser Relikte thematisierte der Autor nicht, wie ja auch die archäologischen Funde zeitlich nicht recht festgelegt sind: 1846 war für ihn wie für Johann Gustav Büsching 1824 noch der Raum die Hauptdimension. Seine Ziele formulierte er deshalb noch folgendermaßen:

205 http://arachne.uni-koeln.de/item/marbilder/3622333. Besucht am 29. 5. 2017.



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Resultate zur genaueren Kenntniss des Landes und seiner Producte, des physischen, moralischen und Cultur-Zustandes, des Religionswesens, des häuslichen und öffentlichen Lebens im Frieden und Kriege unserer heidnischen Vorfahren, sowie ihrer Verbindungen mit anderen Nationen (Estorff 1846, S. II).

Innovativ entwickelte sich der schon auf Anfänge im 17. Jahrhundert zurückgehende Fundbericht in Einzelfällen zum Grabungsbericht und nahm hier schon moderne Formen an, die archäologische Materialvorlagen bis heute prägen sollten. So fällt die Schrift Karl Wilhelmis Beschreibung der vierzehn alten Deutschen Todtenhügel durch einen neuartigen Aufbau auf. Der Verfasser stellte nicht, wie bis zu dieser Zeit üblich, ein umfangreiches gesamthistorisches Panorama seines Gegenstandes voran; er ging 1.  gleich in medias res und beschrieb zunächst die Lage des Fundorts und ihre natürlichen Gegebenheiten nach der Anschauung. Dann folgt der Grabungsbericht nach dem Grabungstagebuch. Im Anschluss werden 2.  erst die Befunde und Funde systematisiert, dann im Prinzip funktional gegliedert, z.  B. Haarschmuck, Ohrringe, Halsschmuck, d.  h. Schmuck im Kopfbereich, oder einfach Waffen. Ein kurzer Abschnitt handelt von Wilhelmis Beobachtungen zu Kombinationen dieser Funde in den Gräbern. Insofern kann der heute noch instruktive deskriptive Teil von den 3.  aus unserer Sicht völlig verfehlten Überlegungen zur zeitlichen Einordnung und ethnischen Bestimmung getrennt werden. Diese brachte Wilhelmi im Anschluss an den Grabungsbericht und die primäre Auswertung der Funde. Er arbeitete also dreiteilig und entsprach damit schon unserem Methodenalgorithmus (siehe Bd. 1, S. 76, Abb. 9). Die Gebrüder Wilhelm und Ludwig Lindenschmit übernahmen in der Publikation von Selzen ganz wesentliche Gedanken von Wilhelmi: die neue Form der archäologischen Gräberpublikation, in der zuerst der Fundbericht und dann die Auswertung gebracht wird; die Gliederung der Funde in Männer- Frauen- und neutrale Beigaben; die Einordung in eine Fundgruppe ähnlicher Gräber und die ethnische Interpretation. Dessen Entwurf wurde jedoch präzisiert und so standardisiert, dass ein Werkschema entstand, das sich bis heute gehalten hat (Lindenschmit/Lindenschmit 1848): Das germanische Todtenlager bei Selzen Der Fundort Geschichte des Fundes Beschreibung der zuerst entdeckten Gräber Die zweite Ausgrabung Dritte und letzte Ausgrabung Beschreibung der Furchengräber Die Körper der Todten Kleidung und Bewaffnung der Männer

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Kleidung und Geräthe der Frauen Die anderen Beigaben der Todten Die Plattengräber Lage und Form derselben Die Skelette und Beigaben der Todten Tabellarische Grabinventare Vergleich mit einigen der wichtigsten neueren Ausgrabungen in Deutschland und der Schweiz Zeitbestimmung unserer Alterthümer Ueberblick des Wechsels und der Kämpfe der rheinischen Bevölkerungen Endlich steht in diesen beiden Publikationen der archäologische Fund im Mittelpunkt der Betrachtung, endlich beginnt die Publikation mit der Beschreibung des Fundes und seiner Auswertung, nicht mit einer schon vorher die Ergebnisse bestimmenden Darstellung schriftlicher Quellen. Diese steht am Ende. Ludwig Lindenschmit der Ältere setzte im Folgenden seine eigene Priorität mit so viel Erfolg durch, dass seine Vorgänger Wilhelmi und James Douglas in Vergessenheit gerieten. Wie gründlich ihm das in Deutschland für Wilhelmi gelungen ist, zeigt, dass dieser bei Karl Hermann Jakob-Friesen (1928) nicht erwähnt wurde und auch nach seiner Rehabilitierung durch Ernst Wahle (1933[1964]) nur als lokale Größe bekannt geworden ist. Hans-Jürgen Eggers behandelte ihn nicht und Herbert Kühn widmete ihm nur fünf Zeilen – anders aber Hans Gummel (1938, S. 174; Eggers 1959; Kühn 1976, S. 79). Licht auf die Ursachen dieser Entwicklung wirft ein erst 1986 publizierter Entwurf Wilhelmis aus den Jahren 1848–1852 Die Grabalterthümer der Burgunden, Franken und Alamannen aus den ersten Zeiten des Christenthums (Wilhelmi 1986 [1848–1852]). Dieses Werk wollte der Sinsheimer Pfarrer zusammen mit Lindenschmit veröffentlichen. Er scheint nach der Publikation des Friedhofs von Selzen durch die Gebrüder Lindenschmit in dem überlebenden Ludwig einen Bundesgenossen für seine ethnische Interpretation gesehen zu haben (Wahle 1933[1964], S. 189; Eckerle in Wilhelmi 1986 [1848–1852], S. 14). Es kam 1853 aber lediglich zu einer Ankündigung in den Heidelberger Jahrbüchern und im Archäologischen Korrespondenzblatt, in der auch die Ziele der Arbeit erläutert wurden. Danach ging es den Autoren (oder nur Wilhelmi?) darum zu zeigen, dass „Zeit und Ursprung“ der Gräber unzweifelhaft festzustellen sind, wie diese sich hier aus dem übereinstimmenden Zeugnisse der römischen und fränkischen Münzen, der Inschriften der Gräberplatten und der Schmuckgeräthe, aus dem Style der Ornamentik und dem vollständigen Zusammentreffen aller beachtenswerthen Merkmale ergeben. Das hiermit gewonnene Resultat … muss vielmehr der Untersu-



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chung unsers gesamten Alterthumes zu wesentlicher Förderung gereichen, da eine vorsichtige und strenge Forschung erst nach erlangter Sicherheit auf nähergelegnem Gebiete mit Erfolg in die ferne Vorzeit zurückzuschreiten vermag (ebd., S. 15  ff.).

Inwieweit Lindenschmit an der Abfassung des Textes beteiligt war, ist fraglich206. Wilhelmis Arbeit gebührt jedoch als dem ersten übergreifenden und zusammenfassenden Werk über die Merowingerzeit Westdeutschlands, der Schweiz und Burgunds eine kurze Kritik, zumal es in vieler Hinsicht das Vorgängerwerk des ersten Teils von Ludwig Lindenschmits Handbuch darstellt (Lindenschmit 1880–89). Es ist eine ethnisch festgelegte Altertumskunde im Sinne Karl Preuskers, in der aber, wie schon der Titel sagt, die Grabaltertümer selbst eine eigenständige Rolle spielen. Ihre Hauptargumentation ist aber traditionell historisch, die politische und kulturgeschichtliche Darstellung zu den drei betreffenden Stämmen beruht wie in den älteren Arbeiten auf schriftlichen Quellen, sie nimmt etwa die Hälfte der Arbeit in Anspruch. Der Text geht insofern weit hinter das von Wilhelmi selbst schon Erreichte zurück. Der eigentliche archäologische Teil beginnt mit einem Fundkatalog, der zwar nach Fundorten innerhalb von Flusssystemen vorgeht und Befunde berücksichtigt, geschlossene Funde aber nicht respektiert. Auch damit erreichte Wilhelmi in dieser Arbeit nicht den methodischen Stand seiner frühen Werke. Dies und der baldige Tod des Sinsheimer Pfarrers dürften die eigentlichen Ursachen für das Scheitern des gemeinsamen Projektes gewesen sein. Auch die Präsentation der Werke gibt Aufschluss, weswegen sie abschließend kurz angesprochen sei. Die allegorische Darstellungsform, die in der Aufklärungsarchäologie besonders gerne für Frontispize verwendet wurde und häufig als synoptisches Bild verschiedene Ebenen verband, war vor allem am Anfang der ersten Hälfte des 19.  Jahrhunderts noch üblich. Durch Symbole und die Zusammenführung verschiedener, natürlich nicht zusammen vorkommender Aspekte sollte eine Stimmung erzeugt oder eine komplexe Erklärung gegeben werden, aber kein Beweis. Allegorische Elemente im Sinne der Synopsis finden sich z.  B. noch auf einer Serie von Tafeln mit Grabhügeldarstellungen bei Sir Richard Colt Hoare (1812/1819) und in späteren Publikationen bis zur Mitte des 19. Jahrhunderts. Eine für die frühe deutsche Romantik typische Mischung von Empfindungen erzeugt das Titelbildchen der Publikation von Jakob Carl Schaum Die fürstliche Alter­ thümersammlung zu Braunfels mit der Unterschrift des Tacitustextes: „Sepulcrum cespes erigit“ – hier stehen heidnische Urnen in einer deutschen Landschaft, die im Hintergrund christlich durch ein Dörfchen mit Kirche geprägt ist (Abb. 75). Die Fundkarte Friedrich Carl Hermann Kruses aus dem selben Jahr (Kruse 1819) zeugt von ähnlicher Haltung: Allegorische Zeichnungen wie Urnen und Beigefäße in Steinhaufen,

206 Wilhelmi wollte den über 20  Jahre jüngeren Zeichenlehrer offenbar nur als Tafelautor haben, weswegen sich Lindenschmit womöglich zurückzog (ebd., S. 17).

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Lampen, Münzen oder Fibeln schmücken den Rand der erwähnten Karte, so als ob ein komplettes Bild der schlesischen Vor- und Frühgeschichte gegeben werden sollte. Im Laufe der Jahrzehnte des 19. Jahrhunderts wurde die Präsentation der meisten archäologischen Arbeiten sachlich. Der Name des Autors, der Titel, der Verlag und der Erscheinungsort ersetzten die zumeist in den Frontispizen oder Titelbildern prangende Allegorie. Gewiss gab es weiterhin Ausnahmen, wie Wilhelm Lindenschmits Streitschrift Die Räthsel der Vorwelt, oder: sind die Deutschen eingewandert? (Lindenschmit 1846; hier Abb. 76). Der Künstler griff hier bewusst auf alte Vorlagen zurück und verband diese mit einem Schnitt durch ein Körpergrab (siehe Bd. 1, S. 289, Abb. 50, S. 291, Abb. 52). Auch die vielfach zitierte Publikation des merowingerzeitlichen Friedhofs von Selzen durch die Gebrüder Lindenschmit zeigt auf dem Titelblatt einen Eichenstamm mit angeschnittener Laubkrone, Grabfunden und Grabungswerkzeug (Lindenschmit/Lindenschmit 1848).

2.6.3 Ziele und allgemeine Ansichten archäologisch arbeitender Gelehrter und der Einfluss von Politik und ‚Zeitgeist‘ 2.6.3.1 Die Rolle der einheimischen Archäologie bei der Bildung nationaler Identitäten Versucht man nun, die Beweggründe der Altertumsforscher der Zeit zwischen den Befreiungskriegen und der Zeit um die Revolution von 1848 zu erfassen, so lässt sich auch hier eine Mischung von Altem und Neuem konstatieren. Einer der Hauptgesichtspunkte blieb weiterhin die Begründung der Identität durch die Vergangenheit, ein Anliegen, das in der älteren Zeit zum Auffinden von Heroen-, Königs- und Heiligengräbern, patriotischen Stadt- und Landesgeschichten und Herrschergenealogien Anlass gab. Nun musste man – besonders deutlich in Deutschland, dessen alte Reichs­identität durch Napoleon I. gründlich zerschlagen war – eine neue Identität bilden, deren konkrete und organisatorische Form noch zu schaffen war, die nationale Identität. Das Volk, seine Kultur, seine Sprache und sein Charakter wurden zu neuen Identifikationskriterien, man identifizierte sich nicht wie bisher mit dem herrschenden Geschlecht oder dem Geburtsort und dessen Heroen oder Heiligen. Diese Entwicklung hatte in Frankreich und dem deutschen Sprachraum seit etwa 1750 begonnen (siehe S. 193) und richtete sich in unterschiedlichem Maße gegen die noch oder wieder herrschenden Monarchien. Das Identitätsbild spiegelt sich deutlich in den Arbeiten der Restaurationszeit zur fernen deutschen Vergangenheit (Brather 2000, S. 140  ff.; Brather 2004, S. 15  ff., S. 32  ff.). Das archäologische Hauptziel dieser Bestrebungen war die Konkretisierung der ethnischen Bestimmung, d.  h. die Klärung der Frage nach den Ureinwohnern Deutschlands und der anderen europäischen Länder. Dies war auch die Frage, durch die die ur- und frühgeschichtliche Forschung am ehesten Aufmerksamkeit bei den Leitwissenschaften der Zeit gewinnen konnte, der Geschichtswissenschaft sowie der



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Abb. 75: Die fürstliche Alterthümersammlung zu Braunfels. Schaum 1919, Frontispiz. © Barbara Sasse, RGK.

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Abb. 76: Die Räthsel der Vorwelt, oder: sind die Deutschen eingewandert? Lindenschmit 1846, Frontispiz. © Barbara Sasse, Michael Kinsky, RGK.



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Indogermanistik und Germanistik. Ihre Klärung hätte eine Beachtung der archäologischen Funde von den benachbarten historischen Wissenschaften erzwingen müssen. Es ging um den Versuch, im Westen die schon früher aufgeworfene Germanen- und Keltenfrage, im Osten die Germanen- und Slawenfrage aufgrund einer besseren Quellenbasis archäologisch zu lösen: Wer waren die Deutschen? Wir haben gesehen, mit welchen Traditionen und methodischen Problemen man hier kämpfen musste und wie schwierig sich deshalb auch die Anerkennung gestaltete – mangelnde Anerkennung und Förderung aber erschwerte wiederum das Vorankommen, wie die erfolgreicheren Skandinavier zeigen. Diese bewegte die alte Frage der Einwanderung der Germanen, die Identifizierung mit den Goten und das Problem einer Urbevölkerung im Norden, die sie zwar auch nicht befriedigend lösen konnten; dafür bekamen sie aber die Möglichkeit, die methodischen Grundlagen für die Beantwortung historischer Fragen zu entwickeln. In Frankreich und England war dagegen das Problem der historischen Identität nicht so dringlich: In der ersten Hälfte des 19. Jahrhunderts war man mit den Kelten als den Ureinwohnern zufrieden und besaß außerdem andere Identifikationsmöglichkeiten. Für die europäischen Völker im Osten Deutschlands wurde der deutsche Identifikationsprozess zum Vorbild, da auch sie durch die Veränderung der Staatenwelt der Frühen Neuzeit betroffen waren. Das spiegelt sich z.  B. in den Arbeiten tschechischer Gelehrter sehr deutlich (Kalina von Jäthenstein 1836, S. XII, S. 211  ff.; Šafárik 1837, S. 18; Wocel 1845, S. 33  ff.; Sklenář 1976, S. 39  ff., S. 66, S. 79; Sklenář 1981, S. 15  ff., S. 114; Sklenár 1983, S. 93  ff.). In Deutschland schrieb Christian Karl von Barth 1817 in seiner Altertumskunde: „Wenn wir oft zurücksehen wie es ward und ward, dann wird es uns vertraulich und lieb, dann gehören wir einander herzlich an, es ist unser und wir sind sein“ (Barth 1817, Bd. 1, S. 3). Der Verfasser war ein Verfechter deutscher Einheit und missbilligte sowohl den Religionsstreit als auch eine Trennung des Landes in ehemals keltische und ehemals germanische Gebiete. Außerdem war er als Anhänger Johann Gottfried von Herders überzeugt vom Individualismus der Völker. Aber jedes sollte seine eigene Geschichte betrachten. Weltbürgertum schade dem Volk! In der Kelten- und Germanenfrage nahm er einen Kompromiss ein, wenn er schrieb: „die Kelten, welche wir Germanen nennen“. „Germanen“ sei eine „Zusatzbenennung“ (ebd., S.  133  f.). An anderer Stelle: „Der Skythen Name geht in Germanen über und mischt sich mit Kelten, die Europas West-Hälfte füllen“ (ebd., S. 160). Auch Johann Gustav Büsching hegte eine deutsche, wohl großdeutsche Gesinnung. Diese hat Hans Gummel angezogen, wohl einer der Hauptgründe, warum er den Breslauer Professor in den Mittelpunkt seiner Darstellung dieses Zeitabschnittes stellte (Gummel 1938, S. 110  ff.). Dessen Haltung war sicher für die Entwicklung des Faches bedeutsam, forderte er doch eine Gesamtübersicht über die deutsche Altertumskunde, eine Forderung, die sich erst nach 1848 durch die Gründung des Gesamtvereins der Geschichts- und Alterthumsvereine und des Römisch-Germanischen Zentralmuseums in Mainz 1852 in kleindeutschem Rahmen einer Realisierung annäherte. Z.  B. schrieb er: „… und überhaupt war es nöthig, die ganzen Germanischen Lande

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mit ihren Angränzungen, so viel wie möglich, in einem Bilde darzustellen“ (Büsching 1824, S. 10). Hier zeigt sich deutlich der auch durch germanistische Studien gestützte Gedanke der Germanen als gemeinsame deutsche Basis (Schlette 1979, S. 524), noch nicht aber der Versuch, diese archäologisch festzulegen. Büsching war hierin von den Frühgermanisten beeinflusst und trug wie diese den altertümlichen ‚deutschen Rock‘ (Hałub 1997, S. 66). Das gemeinte Bild ist die Karte von Großdeutschland mit den germanischen Stämmen nach schriftlichen Quellen (siehe S. 350). Wenn sich auch in den Schriften Friedrich Carl Hermann Kruses Kurioses neben Wichtigem findet und wohl auch in seiner Persönlichkeit (Schlette 1967), lassen sich doch einige wesentliche Unterschiede gegenüber Büsching verzeichnen. Bei Kruse stand die Erforschung des Volksgeistes im Vordergrund. Sein 1819 publiziertes Werk Budorgis lässt dabei noch den Schrecken der Napoleonischen Zeit erkennen: „Der herrliche Deutsche Geist aber, der darin seit Jahrtausenden sich gleich blieb, daß er sich nie schöner als im und nach dem Unglücke bewährte, und nach Überschätzung des Auslandes zu der Fülle seiner eigenthümlichen Kraft zurückkehrte“ (Kruse 1819, S.  36  f.). Im ersten Heft der von ihm gegründeten Zeitschrift Deutsche Alterthümer oder Archiv für alte und mittlere Geschichte, Geographie und Alterthümer insonderheit der germanischen Völkerstämme, dem Organ des Thüringisch-Sächsischen Vereins, erklärte er unter Bezugnahme auf Barth programmatisch: Aus der Asche der Zerstörung schwingt sich der Phönix durch den Zauberstab der Wissenschaften zum neuen Leben gerufen, freudig empor, und erhebt sich über den Streit der Elemente, in deren Chaos der begeisternde Strahl des Lichtes Ordnung und Einheit zurückführt. Die Geschichte ist die unsterbliche Tochter des Zeus, der mit gleicher Liebe alle Völker umfaßt. Darum möge ihre Fackel nicht bloß die Pracht Hellenischer und Römischer Tempel beleuchten, sondern auch die Cimmerische Finsternis des Nordens erhellen. Die classische Bildung und die germanischen Studien stehen sich nicht einander entgegen, sondern sie unterstützen sich gegenseitig, und keine von beiden hat ein Recht, sich über die anderen erheben zu wollen (Kruse 1824, S. 32  f.).

Es ist der Volksgeist, der immer gleichbleibt und – höchstens einmal verschüttet – charakteristisch für eine Region ist, in diesem Fall für das nach der Kriegszeit neu zu schaffende Deutschland. Die Idee des Vo