Der urbane Code Chinas 9783034609524

  Bei der Lektüre chinesischer Städte, wie sie dieser Band vornimmt, geht es nicht in erster Linie um Beijing, Shangha

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Der urbane Code Chinas
 9783034609524

Table of contents :
Danksagung
Einführung
1 Kann man Stadt lesen?
2 Transformationen des leeren Stadtraumes
Schlafanzug und Wäscheleine
Offene und öffentliche Stadtplätze
Stein und Pflanze
3 Schwingende Zeilen und tanzende Punkte
4 Der abgeschlossene Stadtraum
Verriegelte Nachbarschaften
Introverse Nachbarschaftshöfe
Dach- und Lichtskulpturen
,Compound‘: Die Verpackung muß stimmen
Orient trifft Okzident – Hybride Wohnquartiere
5 Der aufgeschlossene Stadtraum
Lineare Zentralität oder Magie des Goldenen Korridors
Der offene Raum der Nachbarschaften
Integrierte Blockrandzeilen
Die Nachbarschafts-Fußgängerstraße
Nachbarschafts- und Gemeindezentren
Die ‚Marketender‘ des Städtewachstums
Mediapolis
Postmoderner Eklektizismus im Städtebau
6 Stadtfiktionen
Die neuen Satellitenstädte in Shanghai
Ein Stück ,richtiges Deutschland‘: Anting Neustadt
Europäische Travestien der chinesischen Stadt
Taiwushi Neustadt (Thames Town)
Luodian Neustadt (die nordische Stadt)
Neu Amsterdam in Shenyang: eine Stadtparodie
Blick vom Eiffelturm auf Angkor Wat
7 Kompakte Stadt
Große Straße - vertikaler Block
Die urbanen Dörfer von Shenzhen
Die große Stadt
Sprung über den Fluß
Hyperwachstum
8 Die chinesische Stadt als System von Bedeutungen
Zusammenfassung
Anmerkungen
Bibliographie
Bildnachweis

Citation preview

Bauwelt Fundamente 142

Herausgegeben von Ulrich Conrads und Peter Neitzke Beirat: Gerd Albers Hildegard Barz-Malfatti Elisabeth Blum Eduard Führ Werner Sewing Thomas Sieverts Jörn Walter

Dieter Hassenpflug

Der urbane Code Chinas

Bauverlag Gütersloh · Berlin

Birkhäuser Basel · Boston · Berlin

Gedruckt mit Unterstützung des Förderungs- und Beimittelfonds Wissenschaft der VG Wort. Umschlagvorderseite: Ausschnitt aus einem Straßenposter, Stadt Beijing (Foto: Autor) Umschlagrückseite: Kühlturm eines Kohlekraftwerks in Shenyang (Foto: Autor)

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Eine Kooperation im Rahmen der Fachverlagsgruppe Springer Science+Business Media Gedruckt auf säurefreiem Papier, hergestellt aus chlorfrei gebleichtem Zellstoff. TCF ∞ Printed in Germany ISBN: 978-3-7643-8806-5 9 8 7 6 5 4 3 2 1

http://www.birkhauser.ch

Inhalt

Danksagung . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . .    7 Einführung . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . .    9 1  Kann man Stadt lesen? . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . .   18 2  Transformationen des leeren Stadtraumes . . . . . . . . . . . . . . . . . .   Schlafanzug und Wäscheleine . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . .   Offene und öffentliche Stadtplätze . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . .   Stein und Pflanze . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . .  

25 25 34 41

3  Schwingende Zeilen und tanzende Punkte . . . . . . . . . . . . . . . . . .   47 4  Der abgeschlossene Stadtraum . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . .   Verriegelte Nachbarschaften . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . .   Introverse Nachbarschaftshöfe . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . .   Dach- und Lichtskulpturen . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . .   ,Compound‘: Die Verpackung muß stimmen . . . . . . . . . . . . . . . . .   Orient trifft Okzident – Hybride Wohnquartiere . . . . . . . . . . . . . .  

57 57 67 72 75 78

5  Der aufgeschlossene Stadtraum . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . .   83 Lineare Zentralität oder Magie des Goldenen Korridors . . . . . . . .   83 Der offene Raum der Nachbarschaften . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . .   91 Integrierte Blockrandzeilen . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . .   92 Die Nachbarschafts-Fußgängerstraße . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . .   96 Nachbarschafts- und Gemeindezentren . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . .   98 Die ‚Marketender‘ des Städtewachstums . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . .   102 Mediapolis . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . .   105 Postmoderner Eklektizismus im Städtebau . . . . . . . . . . . . . . . . . . .   111

6  Stadtfiktionen . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . .   Die neuen Satellitenstädte in Shanghai . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . .   Ein Stück ‚richtiges Deutschland‘: Anting Neustadt . . . . . . . . . .   Europäische Travestien der chinesischen Stadt . . . . . . . . . . . . . . .   Taiwushi Neustadt (Thames Town) . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . .   Luodian Neustadt (die nordische Stadt) . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . .   Neu Amsterdam in Shenyang: eine Stadtparodie . . . . . . . . . . . . .   Blick vom Eiffelturm auf Angkor Wat . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . .  

114 114 118 131 131 137 140 145

7  Kompakte Stadt . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . .   Große Straße – vertikaler Block . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . .   Die urbanen Dörfer von Shenzhen . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . .   Die große Stadt . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . .   Sprung über den Fluß . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . .   Hyperwachstum . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . .  

149 149 155 160 166 169

8  Die chinesische Stadt als System von Bedeutungen . . . . . . . . .   176 Zusammenfassung . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . .   191 Anmerkungen . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . .   196 Bibliographie . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . .   207 Bildnachweis . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . .   211

Danksagung

Das vorliegende Buch ist ein Ergebnis von Forschungen, die über einen Zeitraum von sechs Jahren, 2002 bis 2007 bei Reisen in China und bei Gast­aufenthalten an verschiedenen Universitäten des Landes durchgeführt wurden. Die Reisen führten mich in viele große Städte, vor allem im Osten und Norden des Landes, nach Beijing, Shanghai, Harbin, Changchun, Jilin, Shenyang, Dalian, Qingdao, Zengzhou, Xi’an, Ningbo, Changsha, Shenzhen, Hongkong, Macao, Zhongshan, Guangzhou und andere mehr. Die wichtigsten Stationen waren jedoch Gastprofessuren von jeweils sechs Wochen jährlich über einen Zeitraum von vier Jahren an der School of Architecture and Urban Planning des Harbin Institute of Technology (HIT) und von einem Monat in 2005 und von sieben Monaten in 2007 am Centre for Architecture and Urban Planning (CAUP) an der TongjiUniversity Shanghai. Mit der Tongji-University verbindet mich insbesondere der Aufbau des Doppeldiplomstudiums „Integrated International Urban Studies“ (IIUS) für das von mir mitbegründete Institut für europäi­ sche Urbanistik (IfEU) an der Bauhaus-Universität Weimar. Dieses Studiengangs-Projekt zog weitere Projekte, Forschungsvorhaben und Tagungen und dementsprechend zahlreiche Aufenthalte in Shanghai nach sich. Ich bedanke mich zunächst bei dem Deutschen Akademischen Austauschdienst (DAAD) und bei der Deutschen Forschungsgemeinschaft (DFG), die mit der finanziellen Unterstützung von Dozenturen, Vortrags- und Kontaktreisen, von Projekten und Programmen wie IIUS oder auch das Internationale Promotionsstudium „Europäische Urbanistik“ (IPP) zahlreiche Reisen und Aufenthalte ermöglichten. Ich bedanke mich beim Birkhäuser Verlag für die Bereitschaft, dieses Buch zu publizieren und beim Förderungs- und Beihilfefonds Wissenschaft der VG Wort GmbH für die finanzielle Förderung der Veröffentlichung. Dank auch an Frau Kästner, auf deren Unterstützung meines China-Engagements bei Antragsstellungen, Terminabstimmungen, Reiseplanungen, Kontenverwalt­ung und so weiter ich mich immer verlassen konnte. Ich bedanke mich vielmals bei meinen einstigen Studenten Lu Xin und Liu Chong, die am Anfang meiner China-Erfahrung stehen. Sie überzeugten mich von einem Besuch ihres Heimatlandes und begründeten auf diese 7

Weise eine bis heute andauernde Freundschaft. Ich bedanke mich bei dem Kollegen Zhang Lingling vom HIT (heute Dekan an der Architektur­ fakultät der Jianzhu-Universität Shenyang) für eine anhaltend vertrauensvolle Zusammenarbeit, die mir viele aufregende Reisen ins Landesinnere und tiefe Einblicke in Gesellschaft und Kultur des Landes ermöglichte; bei den vielen Freunden und Kollegen in Harbin, die mit ihrer von Herzen kommenden Gastfreundschaft die Sinophilie in mir weckten. Dazu trugen auch die Kollegen Wei Chunyu und Liu Su von der ehrwürdigen Wuhan Universität in Changsha bei, indem sie mir wertvolle Einblicke in die chinesische Stadtgeschichte gewährten. Zu bedanken habe ich mich bei dem Dekan des CAUP Wu Zhiqiang für eine mehrjährige konstruktive Zusammen­arbeit auf dem Gebiet der Studiengangsentwicklung und bei Forschungs- und Planungsprojekten, die mich in viele Provinzen und Städte führten und mir die Möglichkeit gaben, die Planungspraxis Chinas genauer kennenzulernen. In diesen Dank schließe ich zahlreiche Kollegen des CAUP ein, darunter Jongjie Cai, Zhang Guanzeng, Li Zhenyu, Tong Ming, Li Jingsheng, die mit engagier­ter Kollegialität mein Wissen um die Stadt Chinas bereicherten. Dank an meine einstige Doktorandin Ma Hang vom HIT-Shenzhen, die mit ihrem Projekt einer „sanften Restrukturierung“ der „Villages“ von Shenzhen der Stadtplanung einen innovativen Ausweg wies, jenseits von Abriß und informellem Fortbestand. Ein herzlicher Dank geht auch an Che Fei aus Beijing, der als Architekt, Künstler und Kurator der Architekturbiennale von Beijing meine chinesische Hauptstadterfahrungen bereicherte. Viele Personen, Kollegen, Beamte von Planungsbehörden, Studenten und Doktoranden aus allen Teilen Chinas wären hier noch zu erwähnen, doch würde dies den Rahmen der Dank­sagung sprengen. Bedanken möchte ich mich bei Ulrich Conrads und Peter Neitzke für Ihre Bereitschaft, das Buch Der urbane Code Chinas in die von ihnen herausgegebene Reihe Bauwelt Fundamente aufzunehmen. Mein besonderer Dank gilt Peter Neitzke für die angenehme und konstruktive Zusammenarbeit. Von seiner professionellen Bearbeitung des Manuskripts hat das Buch außerordentlich profitiert. Von ganzem Herzen dankbar bin ich meiner langjährigen Lebensgefährtin Gabriele Jahnke, die mein Wahrnehmen, Denken und Schreiben in einer auch für den vorliegenden Band wirksamen Weise nachhaltig prägte. Meine tiefe Dankbarkeit gilt schließlich meiner Frau Chen Fang und ihren Eltern Sun Zhi Fen und Chen Yong Kang, die mir in jeder Phase der Erarbeitung dieses Buches mit Liebe, Unterstützung und Ermutigung zur Seite standen. 8

Einführung

Wer sich mit China befaßt, wendet sich einer aufstrebenden Weltmacht zu. Hier ist alles wichtig, auch die Produktion des städtischen Raumes, seine ‚Sprache‘, ‚Grammatik‘, ‚Syntax‘. Das in der gegenwärtigen räum­lichen Stadtentwicklung Chinas Bemerkenswerteste ist wohl die Geschwindigkeit und Konsequenz, mit denen das alte, arme, gestrige China buchstäblich ab- und beiseite geräumt und durch ein neues, glitzerndes China ersetzt wird. In diesem, der Zukunft zugewandten China, das vor unseren Augen geradezu im Zeitraffertempo Gestalt annimmt, spiegeln sich die Visionen einer Nation, die nach fast zwei Jahrhunderten der Revo­ lutionen, Prüfungen und Heimsuchungen zu sich selbst findet und vergangene Größe wieder auferstehen läßt. Doch wodurch ist dieses Neue charakterisiert? Handelt es sich hier um Importe von Ideen und Konzepten, um Kopiertes, Nachgeahmtes – in Ermangelung eigener Vorstellungen? Oder haben wir es mit Eigenem zu tun, mit authentisch Chinesischem? Steckt in dem Neuen auch Altes, ohne das, nach einem Diktum Ernst Blochs, wirklich Neues gar nicht entstehen kann? Die Öffnung Chinas, eingeleitet durch den legendären Reformer Deng Xiao Ping vor etwa 30 Jahren, beschert dem einstigen Reich der Mitte eine gewaltige, nicht enden wollende Flut von Einflüssen von innen, aus der eigenen, teilweise neu zu entdeckenden, neu zu deutenden Geschichte und von außen. Durch die nur schwer kontrollierbaren Portale des Internet, durch die offenen Fenster des Fernsehens und im Schlepptau von Waren und Diensten, die der internationale Handel in das riesige Land spült, halten ausländische Ideen, Zeichen, Bilder, Stile, Konzepte, Tech­niken und Gebräuche Einzug. Insbesondere Einflüsse aus den USA, schon seit geraumer Zeit Heimat zahlreicher dort integrierter chinesischer Auswanderer, aber auch aus Europa und entwickelten ostasiatischen Anrainer­ staaten sickern in die Metropolen der östlichen Küstenregionen, des Nordens und inzwischen auch in das weite westliche Hinterland. Aus der globalen Kommunikationssphäre kommt auch die Sprache. Englische Worte und Sätze sind heute, anders als etwa im vergleichsweise nach innen gekehrten Deutschland, aus dem Zeichensystem des ‚öffentlichen 9

Raums‘ chinesischer Städte nicht mehr wegzudenken. Ob Hinweis- oder Straßenschild, Wegweiser oder Werbeplakat, ausländische Gäste müssen auf die englischsprachige Ergänzung in der Regel nicht verzichten. Aus den Vereinigten Staaten kommen Windows, Google, i-Pod und die Fast-food-Restaurants. Kaum ein neues Einkaufszentrum kommt ohne ein Ladenlokal aus der Riege KFC, Starbucks, Pizza Hut, Burger King, McDonalds und so weiter aus – und sorgt so für eine geradezu überwältigende Präsenz der zugehörigen Markenzeichen im Stadtraum. Die ‚Mc. Donaldisierung‘ der außergewöhnlich vielfältigen chinesischen Eß­kultur scheint kaum noch zu stoppen. Mit Begeisterung wird die einst US-amerikanische, heute globalisierte ‚Fast-food-Kultur‘ sogar auf chinesische Rezepte übertragen: Mc. Noodle läßt grüßen! Aus Frankreich kommen Rotwein, Parfum und TGV nach China, aus Italien die Fiktionen der toskanischen Villa, Armani und der Herren­ anzug, aus England die Bilder der Premier League und die Inspirationen für den Chinapop – und aus Deutschland, dem Weltmeister der konsumentenfernen ‚backstage economy‘ des Maschinenbaus, natürlich Kläranlage und Prozeßsteuerung, überhaupt das Engineering – aber eben auch das Konsumprodukt Automobil. Natürlich ist diese Auflistung bloße Karikatur. Sie steht als solche jedoch für die Unzahl sogenannter westlicher Importe in das nunmehr ‚auf­ geschlossene‘ China.1 Die architektonischen Stile und Moden, dazu die Prinzipien des Städtebaus scheinen gleichfalls westlicher Herkunft. Der von der Bewegung des neuen Bauens im frühen 20. Jahrhundert propagierte und in der Charta von Athen (1933) dogmatisierte Zeilenbau feiert in China seit der sowjetisch dominierten kommunistischen Frühphase Triumphe und ist aus dem Bild seiner Städte überhaupt nicht mehr wegzudenken. Die neuen Wohnsiedlungen der aufstrebenden Mittelklasse erinnern mit ihren Mauern, Zäunen und schlagbaumbewehrten Einfahrten stark an amerikanische ‚gated communities‘. Auf Planung und Bau neuer ‚Central Business Districts‘ will heute keine der selbstbewußten chinesischen Megastädte mehr verzichten. Angefüllt werden die CBD’s mit Wolkenkratzern im internationalen Stil, gelegentlich aufgelockert durch Leuchtturm-Architekturen postmoderner oder sogar dekonstruktivistischer Provenienz. Die Metropolen Beijing und Shanghai liefern sich seit geraumer Zeit einen Wettbewerb um die imponierendsten Bauwerke international renommierter Architekten wie Rem Koolhaas, Jean Nouvel, Helmut Jahn, Norman Foster, Jacques Herzog & Pierre de Meuron, Paul Andreu, von Gerkhan, Albert 10

Speer, Zaha Hadid und viele andere mehr. Mittlerweile beteiligen sich die meisten Provinzhauptstädte nach Kräften an diesem Wettlauf der Architekturmarken. Auch die Planungspraxis der raumfunktionalen Spezialisierung (Zonierung), die ihre Wurzeln im Westen hat, erfreut sich enormer Beliebtheit und wird ganz und gar in den Dienst der Steigerung des lokalen und regionalen Gross Domestic Product (GDP, Bruttoinlandsprodukt) gestellt. Es kann bei alledem kaum überraschen, wenn wir häufig hören und auch lesen, daß der westliche Einfluß auf die chinesische Entwicklung groß, ja tiefgreifend sei. China, so heißt es mit sinophil angehauchtem Bedauern, würde verwestlichen – was nichts anderes bedeutet, als daß das Land seine Identität zumindest in Teilen preisgeben würde.2 Shanghai, die einstige Kolonialmetropole und heutige Weltstadt, gilt als Sturmvogel dieser Preisgabe chinesischer Identität. Gestützt wird dieses Urteil übrigens auch durch zahlreiche chinesische Experten. Angesprochen auf die vermeintliche Verwestlichung erhält man oft die Antwort, daß China um seiner zukünftigen Entwicklung willen gar keine andere Wahl hat, als dem Westen nachzueifern. Insbesondere die Vereinigten Staaten seien eine Weltmacht, seien erfolgreich – und um selbst erfolgreich zu sein, müsse man dem amerikanischen Vorbild folgen. Doch folgt China tatsächlich westlichen Vorbildern? Wie weit folgt es ihnen beziehungsweise wie weit vermag es ihnen überhaupt zu folgen? Daß die Rede von der Verwestlichung Chinas mit Vorsicht zu behandeln ist, läßt sich bereits an zwei einfachen, aus dem Alltagsleben gegriffenen Beispielen verdeutlichen: Die Schnellimbiß-Ketten KFC und Pizza Hut sind in China von beispiellosem Erfolg gekrönt. In den Großstädten des Ostens sind die Läden geradezu omnipräsent. Wenn man deren Speisekarten untersucht, kann man allerdings deutliche Unterschiede zum westlichen Angebot ent­decken. Diese reichen von den verwendeten Würzmischungen bis zu chine­sischen Gerichten. Der Erfolg der Ketten basiert offenbar nicht allein auf der Neugier chinesischer Kunden auf neue Esserfahrungen, sondern auch auf der Anpassungsfähigkeit an deren Wünsche. Hinter dem Erfolg steht demnach zumindest teilweise die interkulturelle Kompetenz des jewei­ ligen Managements. Wo China sich westlichen Einflüssen aufschließt, öffnen sich diese Ketten offenbar erfolgreich den kulinarischen Vorlieben des Landes – ohne ihre Markenidentität preiszugeben. Im Ergebnis dieser Anpassung entstehen nord-amerikanisch-chinesische Fast-food-Hybride. Was also bedeutet hier Verwestlichung? 11

Ähnliches läßt sich am Beispiel des Westprodukts Automobil demonstrieren. Den Koreanern vergleichbar, bevorzugen die Chinesen große Autos. Die Gründe dafür sind in der extrem hierarchischen Gesellschaftsstruktur zu suchen. In dieser wird Status mittels akzentuierter Symbolik demonstriert. Was einst mittels Bekleidung und Wohnhaus, präziser durch Kopfbedeckung und Dachkonstruktion zum Ausdruck gebracht wurde, wird heute vor allem durch das Automobil auf die Bühne der Eitelkeiten gebracht. Bis in die jüngere Gegenwart hinein konnten sich vor allem diejenigen Autos leisten, die imstande waren, zugleich einen Chauffeur zu beschäftigen. Die Autos mußten groß sein und viel Platz bieten; denn der Fahrzeugeigner saß vorzugsweise im Fond und wünschte sich entsprechende Beinfreiheit. So wurden zum Beispiel die Autos der Firma Volkswagen mit den Markennamen Passat und Audi im Zuge eines Redesigns gegenüber den deutschen Originalen um etwa 10 cm verlängert. Vielleicht läßt sich die kulturelle Gestaltungskraft, die hier wirksam ist, als ‚RikschaMentalität‘ bestimmen … Inzwischen hat sich vieles geändert. Preiswertere Automobile wurden auf den Markt gebracht, die Löhne sind gestiegen, und Lebensstile haben sich verändert. Viele, die einen Fahrer beschäftigen könnten, wollen dies heute gar nicht mehr. Und andere, die sich keinen Chauffeur leisten können, sind sehr wohl in der Lage und willens, sich ein Auto zu kaufen. Geblieben jedoch ist der Hang zum großen Fahrzeug. Ein bemerkenswertes Paradoxon angesichts der hohen Dichte chinesischer Städte. China, so unsere Behauptung, verwestlicht keineswegs. Es konsumiert vielmehr westliche Angebote extensiv – und ‚verdaut‘ sie gründlich, um sie zum Bau einer neuen chinesischen Welt zu verwenden. Der hungrige, große chinesische ‚Magen‘ nutzt offenbar kulturelle Gestaltungs­energien (gleichsam ‚kulturelle Enzyme‘), die bewirken, daß eine mal mehr, mal weniger kraftvolle Sinisierung3 des von überall her importierten Mate­rials stattfindet. Dieser Satz gilt auch für die gegenwärtige Stadtentwicklung. Was auf den ersten Blick als Ergebnis sogenannter Verwestlichung erscheint, entpuppt sich bei genauerem Hinsehen als tief in chinesischen Traditionen verwurzelt. Ein gutes Beispiel dafür ist der populäre süd-orientierte Zeilenbau, der zwar eine europäische Wurzel haben mag, in seiner Realisierung jedoch chinesischen Traditionen gehorcht. Vergleicht man etwa die in Euro­pa nach dem Zweiten Weltkrieg entstandenen Satellitenstädte und Plattenbau-Siedlungen mit den fordistischen Siedlungen des kommu­nistischen und post-sozialistischen China, dann fällt auf, daß in diesen die Orientie12

rung viel konsequenter realisiert wurde und wird. Der Grund liegt nicht nur in den klimatischen Vorzügen der Süd-Orientierung, sondern in dem durch diese verbürgten sozialen Kapital beziehungsweise Status. Auf diese Zusammenhänge wird noch zurückzukommen sein. Über den Blick auf das Schicksal von nach China immigrierten Produkten und Ideen sollte nicht außer Acht gelassen werden, daß beim Bau des neuen China das alte – vor allem das China der Kaiserzeit, jedoch auch dasjenige der Republik und der Mao-Epoche – von innen her, mit endogenen Kräften fortgeschrieben wird. In der chinesischen Geschichte, in seinen in Tausenden von Jahren tief verwurzelten Traditionen, liegt das Geheimnis der erwähnten Gestaltungskräfte.4 Beides ist demzufolge im Blick zu behalten: das chinesische Projekt der Wiederaufrichtung aus Eigenem und aus Fremdem. Unsere Studie zum urbanen Code Chinas bewegt sich auf zwei mit­ einander verschränkten Ebenen. Die erste ist beschreibend-analytisch, die eigent­liche Lektüre des chinesischen Stadtraumes. Die zweite ist erläuternd und bietet Begriffe und Theorien zur diskursiven Einordnung des empirisch Vorgefundenen. So stellt die erste Ebene den Leser vor die Bühne, um ihn am Bühnenbild (die chinesische Stadt) und an der Aufführung (die Stadtlektüre) teilhaben zu lassen. Die zweite Ebene führt ihn gleichsam hinter und unter die Bühne, zu Probe, Bühneninfrastruktur und Bühnen­technik. Wir beginnen mit einer Erörterung der Frage, wie das Entziffern beziehungsweise die Lektüre des urbanen Raums überhaupt bewerkstelligt werden kann. In den Blick kommt hier Zweierlei: Zum einen die Semio­ logie des gebauten Raums, also die Wissenschaft, welche Landschaft, Dorf, Stadt, Stadträume und Architektur als Zeichen behandelt. Zum anderen das Wissen um die historischen und aktuellen chinesischen Praktiken der Aneignung und Produktion von Raum. Beide, Raum und Tradition, sind eng miteinander verwoben. Es folgt aus dieser Verbindung, daß der pro­duzierte Raum nicht nur von kurzfristig gültigen Moden und vorübergehenden Ideologien berichtet, sondern immer auch von tief verwurzelten kulturellen Praktiken. Die Semiologie des gebauten Raums ist insofern immer schon eine Wissenschaft kulturbedingter Raumzeichen. Hier verbinden sich die Gebiete der (historischen) Sino­logie und der Kultur­ geographie. Wer das erste Kapitel, es ist den Methoden und Theorien der Stadt­lektüre und Stadtsprache5 gewidmet, als theorielastigen Umweg betrachtet und überspringen möchte, kann dies problemlos tun: Wer einen Becher Joghurt 13

auslöffelt, muß ja auch nicht unbedingt dessen Wertschöpfungskette kennen, um ihn sich schmecken zu lassen. Unter der Überschrift Schlafanzug und Wäscheleine beginnen wir die eigentliche Stadtlektüre mit einem Thema, das wie kein zweites auf den Kern der chinesischen Raumkultur zielt, dem Verhältnis von ‚offenem‘ und ‚öffentlichem Raum‘. Der Beobachtung und Interpretation von Straßenszenen folgen eine Identifizierung wichtiger Typen offener Stadtplätze und ein Versuch, ihre soziale Botschaft zu verstehen (Kapitel 2). Es wird deutlich, daß das, was im westlichen Blick allzu vorschnell und verein­ fachend als öffentlicher Stadtraum identifiziert wird, in Wahrheit offener Stadtraum ist, ein unbeschriebenes Blatt soziokultureller Raumaneignung, das immer und überall, im Kleinen und Großen, vom Mikrokosmos irgend­einer Gehsteig-Szene bis zum Makrokosmos des Straßengewebes erfahrbar ist. Der Rang des Themas ‚leerer‘, beziehungsweise ‚offener Raum‘ teilt sich auch unserer Studie mit. In dieser verhält es sich wie eine Grund­melodie, die in den einzelnen Kapiteln variiert und thematisch umund überspielt wird. Aufgrund seiner Bedeutung erhält das Thema Offener Stadtraum auch die Pole-Position in unserer Studie. Gefolgt wird dieses Kapitel von Betrachtungen über die Weiterentwicklung der funktionalistischen Agenda des aus Europa nach China migrierten modernen Sozialwohnungsbaus (Kapitel 3). Wir erfahren, daß der chine­sische Urbanismus in ebenso eigenwilliger wie eigenständiger Weise das Erbe des fordistischen Siedlungsbaus antritt. Er läßt ihn hinter sich, indem er ihn zu schwingenden Zeilen und tanzenden Punkten weiterentwickelt, wie es in der Überschrift heißt. Der Rang des Themas Wohnen in dieser Arbeit spiegelt dessen Bedeutung für die gegenwärtige Stadtentwicklung insgesamt. Denn die neue chine­sische Stadt ist zu einem Gutteil die Stadt des weiterentwickelten sozia­listischen Siedlungsbaus. Sie ist jedoch auch die Stadt der verriegelten Nachbarschaften, der introversen Nachbarschaftshöfe, der verti­kalen Form, der Dach- und Lichtskulpturen und, nicht zuletzt, der Nachbarschaft als eines mit Markenidentität versehenen Lebensstil-Produkts.6 (Kapitel 4) In den neuen abgeschlossenen Nachbarschaften vermischen sich das alte und neue China auf eigene, kreative Weise. Es bietet sich an, an dieser Stelle, wo der siedlungsräumliche Dialog des alten mit dem neuen China dokumentiert wird, die Ergebnisse der Unter­ suchung raumkultureller Hybriden anzuschließen. Diese Hybriden sind aus der unmittelbaren Begegnung von Orient und Okzident hervor­ gegangen. Ein aufregendes Beispiel bieten die 1860 erstmals auftauchen14

den Lilong7 genannten Shanghaier Wohnsiedlungen. Es folgen die aus einer Kreuzung russischer und chinesisch-mandschurischer Einflüsse hervor­gegangenen Jingyu-Blocks in der Innenstadt von Harbin (DaowaiDistrikt). Der abgeschlossenen Stadt steht im neuen China die wenngleich noch nicht wirklich öffentliche, so doch offene Stadt gegenüber. Die Dar­bie­ tungsformen dieser offenen Stadt – von der Blockrandzeile über das Nachbarschaftszentrum bis zum Gemeindezentrum – sind Haupt­gegen­stand des 5. Kapitels. Bevor wir diese Strukturen näher untersuchen, wenden wir uns zunächst einer Betrachtung des Zentralitätskonzepts chine­sischer Großstädte zu. Hier treffen wir auf Bemühungen um eine Reaktivierung der historisch überkommenen linearen Zentralität. Als Zeichen reflektierte diese Form einst einen hierarchischen Gesellschafts­aufbau. Es fragt sich, was es bedeutet, wenn diese Raumfigur heute reanimiert wird – wie das Beispiel des ‚Goldenen Korridors‘ in Shenyang zeigt: mit großem Erfolg. Offenbar vermag sich die chinesische Gesellschaft in der hierarchisch strukturierten Raumfolge großer städtischer Achsen immer noch problemlos wiederzuerkennen. Die europäische Stadt bezieht bis auf den heutigen Tag ihre Atmosphäre aus der Begeisterung des mittelalterlichen und frühneuzeitlichen Bürger­ tums für die extraverse Stadtbühne, für die Inszenierung öffentlicher Räume mittels dekorierter Häuserfassaden. Was die Liebe zur Inszenierung betrifft, stehen die Chinesen den Europäern nicht nach. Mehr noch: Während in Europa die Freude am Theatralischen oder Dekora­tiven durch den Einfluß der Regeln und Dogmen der Moderne gelitten hat, feiert sie im aufblühenden postmodernen China der Gegenwart fröhliche Wiederauferstehung. Allerdings gilt es einen gewaltigen Unterschied zu beachten: Die Leidenschaft für das städtische Raumtheater artikuliert sich in China nicht in Fassadenornamenten, sondern in einer gelegentlich an das Ekstatische grenzenden und ästhetische Grundsätze westlicher Provenienz souverän ignorierenden Freude an buntem Glitter, Neonleuchten, Leuchtschlangen und farbigen Strahlern, an Symbolen, Zeichnungen, Logos, Piktogrammen und anderem mehr. Mit diesem Stoff aus Farben und Licht wird ein völlig neues Bild der offenen Stadt gezeichnet, das Bild des Medienraums und seiner Medien­fassaden. China, so die an eine Gewißheit grenzende Vermutung im vorletzten Teil des 5. Kapitels, ist das hyperaktive Laboratorium der Medienstadt der Zukunft. Die beeindruckenden Resultate lassen sich bereits heute besichtigen. 15

Das Kapitel über den offenen Stadtraum schließt mit einer beispiel­ haften Analyse des Konzeptkonglomerats und Eklektizismus eines als ideal­typisch erachteten Masterplans. Auf diese Weise wird exemplarisch ge­zeigt, wie importierte Stilelemente in eine chinesische Gesamtstruktur einfließen und dadurch ihre Sinisierung erfahren. Als thematisch benachbart erweist sich der medialisierende Umgang Chinas mit dem Kulturerbe der westlichen, namentlich der europäischen Stadt, weshalb wir das Kapitel „Stadtfiktionen“ der Analyse der MedienStadt folgen lassen (Kapitel 6). In China ist in den vergangenen 20 Jahren eine enorm vielfältige Landschaft urbaner Inszenierungen entstanden, so facettenreich, daß sich eine typologische Differenzierung empfiehlt. Wir beginnen dieses Kapitel mit einer Betrachtung von drei bereits größtenteils fertiggestellten thematischen Satellitenstädten des Shanghaier Eine Stadt, Neun Dörfer-Plans8, von Anting, Taiwushi und Luodian. Es folgen Betrachtungen einer Stadtkopie Amsterdams in Shenyang und eines mit urbanen Versatzstücken aufwartenden, in China populären Themenparks in der süd-chinesischen Stadt Shenzhen. Anting, die sogenannte deutsche Stadt, weist in ihrer offenen Grundstruktur tatsächlich Merkmale der deutschen beziehungsweise euro­pä­ ischen Stadt auf – und kommt damit dem chinesischen Dualismus von geschlossener und offener Stadt schwer ins Gehege. Unlösbare Widersprüche scheinen vorprogrammiert. Taiwushi, auch Thames Town, ist die so­genannte englische Stadt im Reigen der Neustädte. Tatsächlich handelt es sich jedoch um eine rein chinesische Stadt, deren offene Stadtbühne mit Kopien englischer Gebäude bestückt wurde. Taiwushi ist die englische Travestie9 einer chinesischen Neustadt. Gleiches gilt auch für die schwedische Satellitenstadt Luodian. Mit Neu-Amsterdam in Shenyang begegnen wir schließlich dem schon tragikomischen Beispiel einer europäischen Parodie10 der chinesischen Stadt. Diesen Betrachtungen folgt ein integrierender Blick auf die chinesische Stadt als solche, auf ihre Größe, ihre Dichte, ihren Wachstumstyp und ihre Gestalt; denn nicht nur gibt es die Idee der deutschen Stadt (dies anzunehmen, war nicht der Fehler von Albert Speer), sondern es existiert inzwischen auch die Idee der modernen chinesischen Stadt. In den zurückliegenden 30 Jahren bildete sich ihre Syntax aus. Wir zeigen, wie die Grundstruktur dieser neuen chinesischen Stadt vom Rhythmus der ‚großen Straße‘ und des ‚vertikalen Blocks‘ dominiert wird (Kapitel 7). In diese räumliche Grundmelodie der Stadt mischen sich lautstark Töne, von denen die ‚Dörfer‘ von Shenzhen zu den eigenartigsten gehören. 16

Denn diese ‚Dörfer‘ zählen zu den am höchsten verdichteten Stadträumen der Welt. Ihre Bewohner sind dieselben Familien, die einst in agrarischen Dorfkollektiven zusammenlebten, bevor die schnell wachsende Stadt ihre Reisfelder in einem Tsunami der Verstädterung fortriß. Statt Reis werden jetzt Arbeitsmigranten ‚angebaut‘. Dies unter Leitung einer informell agierenden Quartiersregierung, die aus den kommunistischen Dorfkollektiven hervorgegangen ist. Ein weiterer interessanter Ton in der chinesischen Stadtmelodie ist die Praxis des ‚Über-den-Fluß-Springens‘, die sich seit dem erfolgreichen Sprung Shanghais von Puxi nach Pudong zu einer Art von städtebaulicher Mode entwickelt hat (Kapitel 7). Das 8. Kapitel macht es sich schließlich zur Aufgabe, die aufgespürten partikularen Signifikate, Bedeutungen und Inhalte zu einem konsistenten Text der chinesischen Stadt zu integrieren. Um dies zu leisten, wird auf eine strukturale Hermeneutik rekurriert, deren Ausgangs- und Endpunkt der ‚binäre Code‘ von Gemeinschaft und Gesellschaft (räumlich: von Landleben und Stadtleben) ist. Auf dieser Grundlage läßt sich ein System von Begriffen entfalten, das den erarbeiteten Codes wissenschaft­lichen Halt gibt. Im heutigen China, so wird deutlich, sind die gesellschaftskonsti­tutiven Kräfte, insbesondere die wirtschaftlichen, von Institutionen der Gemeinschaft durchdrungen. Dieses Ineinanderreflektieren teilt sich dem städtischen Raum mit, weshalb sich dieser als eine Landschaft urbanisierter Dörfer offenbart. Entschiedener als der Westen scheint China im Verlauf des Modernisierungsprozesses am Erbe des rural konnotierten Gemeinschaftslebens festzuhalten, ein Sachverhalt, der regel­mäßig das Adjektiv ‚konfuzianisch‘ provoziert, wenn es um die Charakterisierung seines Entwicklungsmodells geht (zum Beispiel ‚konfuzianischer Kapita­lismus‘). Andererseits scheint es dem Land besser als dem Westen zu gelingen, das Erbe des Gemeinschaftslebens im Prozeß der Modernisierung zu bewahren. Die Arbeit schließt mit einer kurzen Zusammenfassung der wichtigsten Ergebnisse der Stadtlektüre. Sie ist um Anschaulichkeit bemüht. Durchgängig wurde versucht, die beschriebenen und analysierten Sachverhalte mit geeignetem Bildmaterial zu unterstützen. Es versteht sich daß die Lektüre der chinesischen Stadt dem westlichen Leser einen Spiegel vorhält, in dem er sich und seine eigene Lebenswelt besser zu erkennen vermag. Wenn wir also behaupten, daß in einem Buch über den urbanen Code der chinesischen Stadt zugleich der Code der westlichen Stadt mitverhandelt wird, dann ist dies keineswegs Ausdruck von Unbescheidenheit. Im Anderen erkennen wir uns selbst. 17

1  Kann man Stadt lesen?

Der Titel dieser Studie verweist auf die Annahme, daß der gebaute Raum ein soziokultureller Text sei, den man lesen und deuten könne.11 Menschen produzieren Räume zum Leben – und indem sie dies tun, schreiben sie dem Raum die Formen ihres erwünschten, erhofften und ihres wirklichen Zusammenlebens ein. Ihre Habitate formieren sich auf diese Weise zu räumlichen ‚Essays‘, die, wenn man sie zu lesen versteht, über das Leben, die Vorstellungen und Auseinandersetzungen ihrer Planer, Erbauer, Bewohner beziehungsweise Nutzer wertvolle Auskunft geben. Doch genau hier liegt auch ein Problem: Wir mögen den städtischen Raum zu nutzen und zu gestalten verstehen – doch zu lesen? Wie liest man einen Text, der nicht aus Buchstaben, Silben und Worten besteht, sondern aus Bildern, Konturen, Fassaden und Körpern, aus Gebäuden, Straßen, Plätzen, Parks – und darin die verschiedensten Menschen: arme und reiche, junge und alte, einheimische und fremde, Männer und Frauen, die diesen Raum auf unendlich verschiedene Weise bevölkern? In methodischer Hinsicht mag die Semiotik oder Semiologie des Raumes12 eine gewisse Hilfe bieten. Dieser Wissenschaft zufolge lassen sich auch Elemente des gebauten Raumes, Architekturen und Texturen als Zeichen interpretieren – und auf diese Weise mit dem Medium Sprache vergleichen. Damit wird dem funktionalen und ästhetischen Raumverstehen eine weitere Dimension hinzugefügt, die semiologische, die räumliche Phänomene als Zeichen zu interpretieren sucht. Raumelemente werden so zu Bedeutungsträgern (Signifikant), die auf Bedeutetes (Signifikat) verweisen. Umberto Eco spricht in seiner Architektur-Semiologie von ikonischen Botschaften13, die von räumlichen Gegebenheiten gesendet werden (Eco 1972 /1994). Dabei unterscheidet er, in Anlehnung an Roland Barthes (Barthes 1976), denotative und konnotative Botschaften. Denotiert werden primäre Funk­ tionen, konnotiert werden hingegen sekundäre beziehungsweise nach­ rangige Funktionen. Mit Blick auf eine soziale Semiologie (Gottdiener) ist diese funktions­ bezo­gene Interpretation allerdings zu verallgemeinern: Denotiert wird demnach das Essentielle beziehungsweise Wesentliche, dasjenige, was 18

dem Bedeutungsträger als Bedeutung zukommt. Damit ist ausgedrückt, daß die Bedeutung nicht nur eine Konstruktion des die Botschaft empfangenden Individuums, sondern zugleich objektiv vorgegeben ist und auf diese Weise den Deutungsspielraum subjektiv einschränkt. Eine üppig gestaltete und großzügig angelegte Villa denotiert in diesem Sinne zum Beispiel familiäre Geborgenheit, Privatheit oder auch Intimität. Konnotiert wird hingegen, was mit dem Bedeutungsträger subjektiv assoziiert oder in ihn hinein projiziert wird, die nominelle Bedeutung beziehungsweise das Flüchtige, Veränderliche, Akzidentielle. Die Villa kann in­sofern Reichtum, Oberklasse oder Leben im Überfluß konnotieren, wenn dies die Assoziationen beziehungsweise Projektionen des Betrachtenden sind. Tore, Schlagbäume, Mauern und Zäune lassen sich beispielsweise als Signifikanten verstehen, die auf eine abgeschlossene räumliche Einheit verweisen. Dabei kann es sich um eine Kaserne, einen Industriepark oder auch um eine Wohnsiedlung handeln. Ist der Referent eine Wohnsiedlung in China, dann sind die (denotierten) Signifikate, das heißt die Bedeutungen oder Inhalte zum Beispiel Gemeinschaft, Exklusion oder Intro­version. Die folgende Darstellung veranschaulicht diesen Zusammenhang. Der Zeilenbau mit vorfabrizierten Elementen, um ein weiteres Beispiel aus der Urbanistik zu nennen, denotiert als ikonischer Sender sozialen

Referent (Objekt, Gegenstand): Beispiel: Nachbarschaft, geschlossene Wohnsiedlung

Signifikat (Bedeutetes, Bezeichnetes, Inhalt): Beispiel: Exklusion, Introversion, Gemeinschaft

Die semiologisch informierte Raumdeutung: Nachbar­schaft als Beispiel

Signifikant (Bedeutungsträger, Bezeichnendes: Beispiel: Tor, Schlagbaum, Mauer, Zaun

denotiert werden …

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Massen-Wohnungsbau beziehungsweise preiswertes Wohnen, moderne Hygienestandards oder auch Monofunktionalität. Er konnotiert hin­ gegen – und nun werden die Deutungen sehr subjektiv und zeitgebunden – Kollektivismus, Monotonie oder auch Serialität. Denotierte Bedeutungen beanspruchen intersubjektive Geltung, konnotierte Bedeutungen hingegen werden dem Bedeutungsträger zugewiesen, der die Assoziationen oder Projektionen auslöst. Die Denotationen für Haus sind objektiv und lassen sich als universell gültig betrachten. Überall auf der Welt, zu allen Zeiten und in allen Kulturen bauen sich Menschen Wohnungen zum Leben. Insofern liegt man richtig, wenn man Menschen als wohnungsbedürftige Wesen bezeichnet. Die anthropologisch-kulturübergreifende Dimension des Begriffs enthält den Verweis auf Wohnung als Gattungsbegriff. Denn im wirklichen Leben haben wir es nicht mit dem Haus im platonischen Sinne einer unveränderlichen Realie, sondern mit einer enormen Vielfalt von Hausformen zu tun: mit subjektiven und objektiven Unterschieden ihrer Produktion, Distribution und Verwendung. Wenn in diesem Buch von Haus die Rede ist, dann stehen kulturelle Aspekte eindeutig im Vordergrund. Häuser unterscheiden sich nicht allein individuell nach dem Geschmack ihrer Erbauer, sondern auch nach soziokultu­ rellen Präferenzen und Praktiken. So finden wir nicht nur eine unend­ liche Vielzahl individuell verschiedener Häuser, wir entdecken auch, daß sie sich aufgrund gemeinsamer Merkmale zu Gruppen zusammenfassen lassen. Mit einer dieser soziokulturell bestimmten Gruppen haben wir es im folgenden zu tun: mit dem chinesischen Haus. Welche Botschaften denotiert das chinesische Haus? Ein Haus in China ist auch ein Haus – und insofern von Häusern in Europa (und überall sonst auf der Welt) nicht verschieden. Doch senden (denotieren) chine­sische Häuser zugleich eigene, von Europäern als fremd erlebte Botschaften. Diese werden nicht umstandslos verstanden, da sie in einer dem Gast aus der Fremde nicht geläufigen Raumsprache verfaßt sind. In dieser Situation neigt der Gast dazu, europäische beziehungsweise westliche Deutungs­ muster auf chinesische Raumphänomene anzuwenden. Die subjektiven Deutungen (Konnotationen) verwandeln sich auf diese Weise in Deno­ tationen des chinesischen Hauses, und der Europäer glaubt, das Gesehene beziehungsweise Erlebte zu verstehen. Ein Trugschluß! Erreicht wird auf diese Weise nicht viel mehr als ein Scheinverständnis, um nicht zu sagen: eine aus unzulässigen Projektionen westlicher beziehungsweise europäischer Deutungsmuster gefertigte Verschleierung der erlebten Wirklichkeit. 20

Im Prinzip trifft dasselbe auch auf die Wahrnehmung und Deutung der chinesischen Stadt zu. Um sie zu verstehen, muß ihr räumlicher Code bekannt sein. Ist dies nicht der Fall, besteht die Gefahr, daß sie zur Fläche von ebenso subjektiven wie äußerlich bleibenden westlichen Projek­tionen gemacht wird. Es verhält sich demnach mit dem „Pseudotext Stadt“ (Gottdiener) ganz ähnlich wie mit Texten, die aus Buchstaben, Silben und Worten zusammengesetzt sind. Sie zu verstehen setzt die Kenntnis der Sprache voraus, in der sie verfaßt sind. Die vorliegende Arbeit hat sich zur Aufgabe gemacht, genau dies zu leisten: unsere Kenntnis der chine­sischen Raumsprache zu verbessern und zu vertiefen – in der Absicht, uns zu befähigen das Essentielle vom Akzidentiellen zu unterscheiden. Dieser Anspruch ist freilich nicht einfach einzulösen, bedarf es dazu doch eines beträchtlichen Maßes an kulturellem und interkulturellem Wissen. Denn die chinesischen urbanen Bedeutungsträger senden zwar unentwegt, liefern ihre Decodierung jedoch nicht mit. Um Stadt zu lesen, ihren urbanen Code zu verstehen, reicht ein sozialsemiologischer Ansatz nicht aus, denn dieser akzeptiert nur bewußt von sozia­len Akteuren gesetzte räumliche Zeichen als solche. Die soziale Semiologie tendiert aus diesem Grunde zu einer Ideologiekritik räum­ licher Praktiken, beziehungsweise zu einer Analyse der ikonischen Strategien der Selbstbehauptung sozialer Schichten und Klassen. Wir hingegen sind der Auffassung, daß der Begriff des Zeichens dahingehend erweitert werden muß, daß auch die Manifestationen schichtenübergreifender soziokultureller Praktiken damit verbunden werden können.14 Als methodischer Zugang zu einer so verstandenen Semiologie kultu­reller Raumzeichen bietet sich hier die von Walter Benjamin vorgeschlagene Technik der ‚Superposition‘ beziehungsweise ‚Überlagerung‘ an. Superposition meint die Fähigkeit, Neues zu erinnern, das heißt im Gegenwärtigen zugleich das Vergangene und das Zukünftige zu erkennen (Benjamin 1991, V 1, 493, 576; V 2, 1023f ). Damit ist gesagt, daß die gegenwärtigen Raumphänomene als Gedächtnis invarianter soziokultureller Sachverhalte betrachtet werden können, daß sie an und durch sich selbst Aufschluß geben können über die in ihnen enthaltene Bedeutung (Hassenpflug 2006a). Wir meinen, daß es notwendig ist, die Technik der Superposition in den Kontext einer semiologisch informierten Betrachtung einzubringen, um sich über das vordergründige Zeichen-Angebot hinaus des kulturell bedeutsamen ikonischen Gehalts zu vergewissern. So gesehen müssen zwei wichtige Bedeutungs- beziehungsweise Deutungslieferanten hinzukommen: die Sozial- und Kulturwissenschaften und 21

die chinesische Geschichtsschreibung oder Kulturgeschichte. Wir benö­ tigen Kenntnisse der Geschichte Chinas, seiner Traditionen, seiner Gesellschaft, seines Denkens und Handelns. Erst diese Wissensbestände können die Bedeutungs- und Assoziationsgehalte (Denotationen und Konnotationen) der Elemente des chinesischen Stadtkörpers aufschließen. Die semiologisch informierte Betrachtung der Raumphänomene ist insofern durch ein integrierendes, ganzheitliches Wissen um die Besonderheiten der chine­sischen Kultur zu untermauern.15 Durch diese Verbindung von Kultur und (städtischem) Raum ergeben sich starke Berührungspunkte mit den Forschungsinteressen der Kulturgeographie. Wenn ein Haus, um unser Beispiel wieder aufzugreifen, einen Innenhof (etwa einen Tíng Yuàn, dem römischen Peristyl vergleichbar), jedoch keine dekorierte Fassade besitzt, dann sendet es eine völlig andere Botschaft als ein Haus, das eine Schmuckfassade exponiert, jedoch über keinen gestalteten Innenhof verfügt. Ersteres, dem wir im chinesischen Sìhéyuàn begegnen, denotiert durch seine introverse Konzeption unabweis­bar den Vorrang von Familie und Gemeinschaft. Letzteres hingegen verweist mit seiner extraversen Geste auf die Anwesenheit des bürgerlich-vergesellschafteten Individuums. Wo es in China zu Kolonialzeiten (wie auch gegenwärtig) zu einer Vermischung westlicher und östlicher Raumsprachen kommt, entstehen raum­sprachliche Hybriden, gleichsam Hofhäuser mit Schmuckfassaden. Diese Spezies vermag, einer Sphinx gleich, doppelt zu denotieren, westlich und östlich, introvers und extravers. Im Abschnitt Orient trifft Okzident – Hybride Wohnquartiere stellen wir unter anderem den Shanghaier Lilong und den Jingyu-Block Harbins als Beispiele dieser raumkultu­rellen Hybridisierung vor. Kompliziert wird es, wenn wir uns der Stadt in semiologischer Absicht zuwenden. Denn bei diesem Signifikanten läßt sich die von Eco mit Blick auf Objekte von Architektur und Design vorgeschlagene Terminologie der primären und sekundären Funktionen aufgrund der Vielzahl von sich mischenden und einander überlagernden Funktionen nicht umstandslos anwenden. Die urbane Komplexität führt dazu, daß Essentielles und Akzidentielles oft weit auseinanderfallen. Vor diesem Hintergrund mag es überraschend klingen, doch hinsichtlich der Denotationen (verstanden als streng objektive Bedeutungszuweisungen) erlaubt ‚Stadt‘ ebenso wenig Spielraum, wie ‚Wohnung‘ oder ‚Haus‘. In universaler Perspektive denotiert Stadt vor allem (bürgerliche) Gesellschaft (Hegel, Marx, Weber) 22

oder, nach einer Definition Georg Simmels „Anwesenheit des Anderen und Fremden“ (Simmel 1992) oder, nach Lefèbvre, ‚Zentralität‘.16 Wenn man anstatt der Gattungsbezeichnung ‚Stadt‘ die historische Typenbezeichnung ‚Großstadt‘ zugrunde legt, könnte zum Beispiel das Bahrdt‘sche Theorem der „unvollständigen Integration“ als essentielle Deutung Anwendung finden (Bahrdt 1961). Diesem Theorem zufolge fördert die Großstadtbildung im Zuge der Individualisierung zugleich die Entfremdung von familiär verbürgter sozialer Integration.17 Es gibt Städte, die den genannten Denotationen nicht genügen.18 Als Beispiel können hier die Stadtutopien der klassischen Moderne angeführt werden. Diese, von Henri Lefèbvre dem geplanten Raum (espace conçu) zugeordneten Visionen, etwa Le Corbusiers berühmte Studie La  Ville Contemporeine, haben eher etwas mit kollektivistischen Raummaschinen zu tun als mit Räumen, in denen sich Gesellschaft vergegenständlicht. Man kann dies für die Moderne verallgemeinert auch so formulieren: Der Körper der modernen Stadt denotiert Tatbestände, denen er selbst nicht genügt. Idee und Wirklichkeit dieser Stadt brechen auseinander: Das Gesendete entspricht nicht dem Sender, das Denotierte nicht dem Signifikanten. Will man den Bedeutungsträger Stadt also nicht zur Projek­ tionsfläche von ihm völlig äußerlichen Inhalten machen, dann ist die Zahl der strengen Bedeutungszuweisungen (Denotationen) – ganz im Unterschied zu den Konnotationen – eher begrenzt.19 In diesem Sinne mag die moderne Stadt nach Maßgabe der Charta von Athen Städtisches konnotieren, doch denotiert sie dieses nicht. Stadt, so hieß es mit Bezug auf Lefèbvre, denotiert unter anderem Zentralität. Nun gilt es allerdings die kulturelle Dimension des Bedeuteten zu beachten. Vergleicht man etwa die Zentralität nordamerikanischer, europäischer und chinesischer Städte, so findet man bei der amerikanischen die kommerzielle Zentralität der ‚Downtown‘ beziehungsweise des CBD (Central Business District), bei der traditionellen europäischen Stadt die öffentliche Zentralität der Mitte mit Marktplatz, Rathaus und Kirche und bei der chinesischen Stadt die an die römische Stadt erinnernde linea­re Zentralität mit hierarchisch strukturierter Raumfolge (Vgl. auch Hassenpflug 2006b). Welche Botschaften sendet die chinesische Stadt darüber hinaus? Kompakte Stadt? Verriegelte Stadt? Zelluläre Stadt? Mediastadt? Die vorliegende Arbeit beansprucht, Antworten auf diese Fragen anzubieten. Eine einfache, sich auf eine oder wenige festgefügte Denotationen stützende 23

Antwort gibt es nicht. Dazu ist der Gegenstand Stadt in seiner kulturellen und geschichtlichen Ausprägung viel zu komplex. Darüber hinaus haben wir es in China mit einer unglaublichen urbanen Dynamik zu tun (Hyperwachstum oder Hochgeschwindigkeits-Urbanisierung sind geläufige Termini zur Beschreibung dieses Phänomens), die selbst wieder mit der Unbestimmtheit beziehungsweise Veränderlichkeit des urbanen Senders zu tun hat. Indem die Chinesen im Begriff sind, sich als Kulturnation (repräsentiert durch die Hauptstadt Beijing) und Weltwirtschaftsmacht (repräsentiert durch die Kommerzstädte Shanghai und Shenzhen) neu zu erfinden, stellen sie auch ihre Idee von Stadt zur Disposition. China ist im Begriff, die Stadt für sich selbst neu zu erfinden – und ist bereit, für dieses Ziel ungewöhnliche Wege zu gehen. Andererseits sollte von einer gewissen Bodenhaftung der Stadtidee in China ausgegangen werden, von der Wirksamkeit eines mehr oder weniger invarianten Satzes von Traditionen, sozialen Mustern und kultu­rellen Regeln, welche die Plastizität der Stadtidee erheblich einschränken. Nicht nur daß Stadtentwicklung in vergleichsweise geringem Umfang von Stadtplanern und -experten beeinflußt wird, sondern auch, daß der allgemeine Wille, sich urbanistisch am Westen zu orientieren, an den tief in der chine­ sischen Kultur verwurzelten Beharrungskräften seine Grenze findet. Auf diese Gravitations- beziehungsweise Beharrungskräfte sind wir bei unserer Stadt- und Raumanalyse immer wieder gestoßen. Sie helfen uns nicht nur die urbane Gegenwart Chinas zu verstehen, sie zeigen auch an, daß China sich, allen Veränderungen zum Trotz, in einem ebenso über­raschenden wie beachtlichen Ausmaß treu bleibt.

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2  Transformationen des leeren Stadtraumes

Schlafanzug und Wäscheleine In Shanghai ist es im Sommer sehr heiß, wie überall in China. Es kann dann vorkommen, daß man mitten in der Stadt am hellichten Tage Männer und Frauen im luftigen, leichten Schlafanzug auf der Straße antrifft. Als ich das erste Mal im Shanghaier Yangpu-Distrikt auf einen so gekleideten Mann in Begleitung einer mit Jeans und T-Shirt bekleideten Frau traf, glaubte ich noch einen Patienten vor mir zu haben, der für einen Moment das Gelände des nahe gelegenen Krankenhauses verlassen hat. In der Nähe gab es jedoch kein Krankenhaus. Zudem traf ich im Laufe des tropischheißen Junitages noch auf weitere Passanten im Schlafanzug. Nein, dachte ich, so etwas würde es in Europa nicht geben! Das würde man als peinlich empfinden oder als Verwahrlosung der Sitten anprangern. Bereits kurz nach der ersten Begegnung mit dem unbekümmerten Schlafanzug-Träger erblickte ich ein mir inzwischen schon vertrautes Bild: Auf

Bürgersteig mit Wäscheleine und Wäsche in Shanghai

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dem Gehweg waren Wäscheleinen zwischen Bäumen, Zäunen und Beleuchtungsmasten gespannt, und von der Bettwäsche über Hemden und Hosen bis zur Unterwäsche flatterte der komplette häusliche Wäschesatz unschuldig im staubigen und abgasgeschwängerten Stadtwind. Wie alle Passanten wurde auch ich durch diese heterotopische Idylle genötigt, vom Trottoir auf die Straße zu wechseln, um einige Schritte weiter wieder auf dem Gehsteig Zuflucht vor dem hektischen Verkehrsgeschehen zu finden. Es bedarf keiner besonders intensiven Studien, um den Zusammenhang zwischen dem Schlafanzugträger und der Wäscheleine auf dem Trottoir zu verstehen. In beidem drückt sich eine eigentümliche Unbefangenheit im Umgang mit jenem Stadtraum aus, den wir als öffentlich bezeichnen, eine sorglose Überschreitung jener Schwelle, die den privaten, intimen Raum von der offenen Stadtbühne trennt. Kein Problem, Leute zu entdecken, die auf dem Trottoir, neben ihrer kleinen Suppenküche, auf dem aus­gebauten Autositz ein Nickerchen machen oder um eine umgedrehte Obstkiste herum sitzend Mahjong-Klötzchen oder Karten spielen. Lautstarkes Räuspern und Spucken gehört auch hierher. Ohne viel Federlesens werden nahezu alle Wohnfunktionen in den städtischen Straßenraum hinein verlängert – wie auf dem Dorf. Der Gehsteig als Küche, Schlaf- und Wohnzimmer, als Ort selbstverständlicher „Intimisierung“ (Vgl. Busch / Ebrecht 2005). Der Gehsteig, so wird deutlich, ist erst in Ansätzen ein Bürgersteig. Er ist ein proto-öffentlicher Raum.

Bürgersteig als Wohnraum

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Bezeugt wird diese Leichtigkeit des Überschreitens der Grenze zwischen privat und öffentlich auch durch den Brauch, Grünanlagen beziehungsweise Parks mit Musik aus meist sichtbaren, gelegentlich aber auch versteckten Lautsprechern zu berieseln. In Deutschland würde man diese unfreiwillige Beschallung vermutlich als Zumutung empfinden und mit dem Vorwurf der akustischen Luftverschmutzung kommentieren. In China, einem ungewöhnlich lärmtoleranten Land (dazu ausführlich Hassenpflug 2006e), bewertet man die Musik im öffentlichen Grünraum als Bereicherung des Ambientes, vergleichbar mit der ‚Verschönerung‘ von Gebäudevorplätzen mit Rabatten aus Plastikblumen, Plastikpalmen und Plastikbambus. Vergleichbar auch mit der alltäglichen nächtlichen ‚Verzauberung‘ von Blumen, Büschen und Bäumen durch grellbunte Lichtstrahler oder Lichtschlangen. Typisch chinesisch eben! Oder etwa nicht? Doch nicht nur die Funktionen der privaten Wohnung, auch diejenigen der Werkstatt und Verkaufstheke werden in den Straßenraum exportiert. Dabei verwandelt sich der Gehsteig nicht selten in eine Werkbank, auf der Fahrräder, Mopeds, Fernseher und Schuhe repariert, oder in eine Tisch­ lerei, in der Türen und Fenster montiert werden; oder in ein Ladenlokal, in dem Zierfische, Singvögel und Katzen angeboten, Knödel, Maultaschen und Pfannkuchen gefertigt und verkauft und auch schon mal ein mobiler Frisiersalon eröffnet wird. Ganz zu schweigen von den zahllosen Händlern und Bauern, die spät des Nachts außerhalb der Dienstzeiten der Polizei die Gehwege in veritable informelle Basare mit einem kaum überblickbaren Warenangebot verwandeln. Es geht jedoch auch umgekehrt. Nicht wenige der neuen Wohnsiedlungen der Mittelklasse beherbergen, obschon nach Flächennutzungsplan als reine Wohnquartiere gekennzeichnet, eine beträchtliche Zahl an Büros, Geschäften und Dienstleistungsunternehmen aller Art, vom Architektur­ büro über das Maklerbüro bis zur multifunktionalen Hochzeitsagentur, die Frisieren, Schminken, Hochzeitsvideo und -photographie, Moderation und Fahrservice aus einer Hand anbietet. So strömen die Kunden durch die mit bewachten Laufgittern und Schlagbäumen bewehrten Eingangsbereiche und tragen so eine gehörige Portion Öffentlichkeit in die ansonsten so introvers anmutenden Wohnquartiere. Die Unbekümmertheit, ja Nachlässigkeit Chinas im Umgang mit dem Stadtraum, den wir gemeinhin als öffentlichen apostrophieren, spiegelt sich in der nach wie vor kärglichen Ausstattung der Städte mit solchen Räumen und, wenn überhaupt vorhanden, in deren Zustand. So gibt es auffallend viele mehr oder weniger durchgestaltete Plätze, insbesondere 27

offene Stadträume an und in Einkaufszentren, denen jegliche Möblierung fehlt. Piazzas unter freiem Himmel oder unter gläsernen Arkaden sind auch in China inzwischen ein ebenso beliebtes wie vielfach anzutreffendes Gestaltungselement. Doch das darin schlummernde öffentliche Raum­ potential wird entweder nicht erkannt oder als zu vernachlässigen gedeutet. Um so entschiedener werden diese Räume kommerziell verwendet. Das Bestreben geht dahin, sie bis auf den letzten Quadratmeter zu verwerten. Wer sitzen und sich ausruhen möchte, muß schon ein Restaurant oder Café betreten – und davon gibt es mittlerweile reichlich. Anschauungsmaterial für die geringe Aufmerksamkeit, die öffentlichen Stadträumen gewidmet wird, liefert auch der optische beziehungsweise hygienische Zustand vieler kleinteiliger Grünräume an Straßen aller Größenordnung. Diese sind oft mit Abfällen und Unrat übersät, ungepflegt, verschmutzt, niedergetreten. Auch die Reinigungsdienste machen hier und da einen mehr als kläglichen Eindruck: Welcher Gast in China hat sie nicht schon gesehen, die armen, mit einem Mund- und Atemschutz maskierten Frauen (gelegentlich auch Männer) unter großen Hüten aus Reisstroh, die mit einem primitiven Besen aus den Zweigen der achtblättrigen Besenblume, dem Stroh der Reispflanze oder ähnlichem für einen Hunger­lohn den Straßenstaub aufwirbeln. Wenn man dennoch mittlerweile in den großen Metropolen des Ostens viele gepflegte Grünanlagen findet, dann hat dies mit einer zunehmend professionell agierenden Stadtreinigung zu tun, die den Imperativen der Hygiene und der Verschönerung des Stadtbildes zu genügen trachtet und emsig aufliest, was andere zuvor acht- und rücksichtslos weggeworfen haben.

Treffpunkt unter einer Hochstraße, Changsha

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Absichtsvoll gestaltete, einladende öffentliche Stadträume, die der Begegnung, der Versammlung, Kommunikation, dem geplanten und ungeplanten Zusammensein, dem Spiel oder einfach nur dem Sehen-und-GesehenWerden dienen, sind in China immer noch Mangelware – insbesondere in weniger begünstigten, alten Stadtgebieten. Das Faktum des Mangels an öffentlichem Stadtraum tritt zutage, wenn eine größere Zahl von Leuten unterhaltsam zusammen sein möchten, sei es zu den gymnastischen Übungen des Taixi, zur Unterhaltung, zum Spiel oder, ganz besonders beliebt, zum abendlichen Tanzen nach Dienstschluß und wenn die Tempera­turen auf ein erträgliches Maß absinken. Die Chinesen lieben diese Dinge, sind sie doch ein vergnügtes, ungezwungenes, geselliges und friedfertiges Volk. In Ermangelung geeigneter Plätze sehen wir dann die exerzierenden, zo­ckenden oder tanzenden Leute unter den Brücken der Hoch­straßen, auf verlassenen Parkplätzen oder lärmumtosten Verkehrsinseln – aus Mangel an geeigneten Orten. Öffentlicher Raum wird dringend benötigt, zumal vor dem Hintergrund einer stetig wachsenden Mittelklasse mit entsprechenden Lebensstilen und Raumansprüchen. Man hat jedoch in China wenig öffentlich nutz­ baren Raum, und dessen Zustand ist häufig so bedauerlich, weil man keine Tradi­tionen für ihn besitzt. Man verhält sich ambivalent: Man will ihn, weil man ihn braucht; man will ihn nicht, da er eine Raumsprache spricht, die man nicht versteht. Gemeinschaftlicher, nachbarschaftlicher, familiärer Raum: ja! Gesellschaftlicher, ziviler Raum: Was ist das? Schwanken zwischen Abwehr und Verlangen ist daher das Muster des Umgangs mit dem, was wir als öffentlichen Raum bezeichnen.

Nächtlicher Tanz unter einer Hochstraße, Harbin

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Wenn behauptet wird, es gebe einen unbekümmerten, nachlässigen oder sogar despektierlichen Umgang mit öffentlichem Raum in China, dann wird unterstellt, daß der gemeinte Raum als öffentlicher Raum wahr­genommen wird. Dem ist jedoch nicht so. Für Chinesen ist der Raum außerhalb des ummauerten beziehungsweise umzäunten Lebens-, Wohn-, Arbeits- und Bildungsbereichs, der Raum außerhalb von Familie und Gemeinschaft, immer noch primär ein Nicht-Raum oder „Nicht-Ort“20, eine stadträumliche Leerstelle mit bestenfalls funktioneller Bedeutung, zum Beispiel als Verkehrsraum. Diesen Raum bezeichnen wir als offenen Raum. Offener Stadtraum ist ein Raum, den man durchqueren oder überwinden muß, um am Ende wieder in einen bedeutungsvollen Raum einzutreten. In einer Schrift zur Stadtgeschichte Suzhous, dem einstigen ‚Venedig des Ostens‘, schreibt der Autor Xu, daß offener Stadtraum in China von jeher mit Unordnung, mit einem Raum außerhalb der Aufmerksamkeit und Zuwendung der chinesischen Gesellschaft, assoziiert wird (Xu 2000).21 Wer wissen möchte, was mit Unordnung als Charakteristikum des öffentlichen Raums gemeint sein könnte, sollte sich nur einmal der Zustände auf den belebten Straßen der Großstädte vergewissern. Allen Regeln des auch in China geltenden zivilen Verkehrscodex zum Hohn gilt das Recht des Stärkeren – mit klarer Hackordnung: vom Fußgänger über Fahrrad, Motorrad, Auto, Bus, Lastwagen bis zur schwarzen Limousine des Mächtigen mit getönten Scheiben. Fußgängermarkierungen sind bloße Deko­ ration, es wird gehupt, gedrängelt, rechts überholt, links gefahren – all das natürlich auch dann, wenn es ausdrücklich nicht gestattet ist. In der nordchinesischen Metropole Harbin ließ sich in unmittelbarer Nähe des Gebäudes der Fakultät für Architektur und Stadtplanung be­obachten, wie nicht nur Taxifahrer bei dem obligatorischen Stau ab 16 Uhr die Gehsteige in eine zusätzliche Fahrbahn verwandelten. Wer nun meint, daß sich die Fußgänger dagegen zur Wehr setzen, muß ansehen, wie diese mit Hupen und automobilen Drohgebärden wie das Federvieh auf der Dorfstraße davongejagt werden. Der Gehsteig ist ein Bürgersteig unter Vorbehalt. Allerdings wächst dem im Prinzip nichtssagenden offenen Raum Bedeutung zu, wenn er durch die Lebensäußerungen von Familie und Gemeinschaft vereinnahmt wird, das heißt wenn er etwa zur erweiterten Küche, zum erweiterten Speisezimmer, zur erweiterten Verkaufstheke oder zur erweiterten Werksatt erkoren wird. Gerade von den zahlreichen mobilen Arbeitsmigranten, die in großer Zahl in die Metropolen der östlichen Landeshälfte strömen, bieten sich die in vielfältigen Formen vorhandenen städtischen Residualräume als informell anzueignende (Überlebens-) 30

Bürgersteig als Um­gehungsstraße, Harbin

Räume an. Sie werden von dieser Bevölkerungsgruppe, jedoch auch durch die kommerziellen und nichtkommerziellen Nutzungen der ansässigen Bevölkerung, auf eine für die Stadtplanung höchst informative Weise programmiert und auf diese Weise formalisiert (Ruff 2007; 6ff). Ohne die Aufwertung durch Familie und Gemeinschaft, durch Alltagsleben oder Kommerz, bleibt der offene Raum jedoch grau, leer, inhaltslos und nichtssagend. Was demnach als Ungenauigkeit in der Bestimmung der Grenze zwischen privat und öffentlich erscheint, ist in Wahrheit nur Ausdruck der kulturellen Hegemonie des Familiären beziehungsweise Gemeinschaftlichen. Die Wäscheleine auf dem Gehweg ist nichts anderes als eine private Landnahme, durch welche bedeutungsarmer Raum temporär Bedeutung erhält. Die westliche Rede vom öffentlichen Raum enthält ein projizierendes Element: Der chinesischen Stadt wird durch diese etwas zugetragen, das sie selbst nicht reklamiert beziehungsweise erst in Ansätzen be­ansprucht. Was wir als öffentlichen Stadtraum in China identifizieren, mag zwar in einem formalen Sinne als öffentlicher Raum (öffentlich-rechtlicher Raum) bezeichnet werden. Doch in Wahrheit handelt es sich in der alltagskulturellen Wahrnehmung der Chinesen nur um offenen, will heißen: undefi­nierten Stadtraum. Es ist der Raum, der den Abstand zwischen den bedeutungsvollen Räumen mit Leere füllt. Dem offenen, bedeutungs­ armen Raum steht der abgeschlossene, bedeutungsvolle Raum entschieden gegenüber. 31

Bürgersteig – was ist das?

Öffentlicher Stadtraum ist demgegenüber ein mit westlichen Normen wie Zivilgesellschaft, Demokratie, Partizipation, Freiheit der Stadt und vergleichbaren Inhalten gefüllter Begriff. In dem Maße allerdings, in dem China sich auf die mit diesen Inhalten verknüpften Normen zubewegt, wird man auch von öffentlichem Raum in China sprechen können. Für die Hermeneutik der chinesischen Stadt empfiehlt sich allerdings vorerst der Dualismus von offenem und geschlossenem Stadtraum als strategischer Ansatz. Chinesischen Stadtplanern sind die Probleme der unkultivierten Nutzung und der Qualitätsmängel offener Räume durchaus bewußt. Es gibt deutliche Anstrengungen, offene Räume zu öffentlichen Räumen zu qualifizieren. Dementsprechend genießt das Thema Öffentlicher Raum in Fachkreisen große Aufmerksamkeit. Es wird viel darüber publiziert und auf Kongressen vorgetragen – wenngleich, in Ermangelung einer aufgeklärten öffentlichen Debattenkultur, wenig diskutiert. Vieles wurde bereits unternommen: Man hat in Shanghai ein Hupverbot erlassen. Man hat Indikatoren und Maßstäbe (benchmarks) entwickelt und entsprechende Beobach­tungssysteme (monitoring systems) eingerichtet. So versuchen die großen Städte zum Beispiel den Anteil Grünfläche pro Kopf von etwa 3 auf 6  qm anzuheben. Die südchinesische Küstenstadt Zhuhai brüstet sich mit rekordverdächtigen 30 qm pro Kopf und Shanghai hat sich zum Ziel gesetzt, zur Weltausstellung 2010 mit 10 qm pro Kopf aufzuwarten. Dabei müssen dann allerdings schon die Baumkronen der Alleen, die als 32

Freizeit- und Erholungsraum nicht verwendbaren Grünstreifen entlang der viel befahrenen Hauptstraßen, private Golfplätze und Parkanlagen in Hochschulgeländen, Hotelanlagen und Regierungsresorts mitgezählt werden – oder, wie im Falle von Shanghai22 geschehen, die agrarischen counties (Landbezirke) fast vollständig in districts, in Stadtbezirke mit nunmehr hohem Grünflächenanteil umgewandelt werden. Ob Parks und Grünräume überhaupt offen sind, sei im übrigen dahingestellt. In der Regel muß man zahlen. Dies gilt auf jeden Fall für öffen­t­ liche Parkanlagen, die kaiserliche Grabstätten umgeben (zum Beispiel Bei Ling und Dong Ling in Shenyang), ebenso wie für die einst nichtöffent­ lichen Gärten reicher Kaufmannsfamilien und für die Gärten der Mandarinpaläste und -villen. Ohne Eintrittsgebühr gibt es keinen Zugang. Auch der neue Shanghaier Central Park in Pudong kann nur nach Erwerb einer Eintrittskarte betreten werden – nicht gerade das, was man in Europa als öffentlichen Raum bewerten würde. Wer sich tagsüber in der Nähe des Shi Ji Park aufhält, stellt nicht ohne Verwunderung fest, daß zahlreiche Jogger auf Gehsteigen und Radwegen um den Park herumlaufen, um auf diese Weise den Eintrittspreis von 30 RMB (etwa 3 Euro) zu vermeiden und dennoch ein wenig von den Vorzügen der grünen Lunge Pudongs zu profitieren. In Reaktion auf zunehmende Kritik an den Eintrittsgebühren für öffent­ liche Parks, hat man in Shanghai reagiert und an einigen Parks die Schalter­ häuschen stillgelegt. Der Eintritt ist nun frei. Zugleich hat man jedoch durchwegs die Vergabe von Standflächen für kommerzielle Aktivi­täten im inneren der Parks liberalisiert. Besucher bezahlen zwar keinen Eintritt mehr, müssen sich jetzt jedoch ihren Weg zwischen Ständen und Buden hindurch bahnen – und gelegentlich mit Erstaunen feststellen, daß sie mehr Geld im Park gelassen haben, als zu Zeiten, als es noch Eintritt kostete. Auf die Kommerzialisierung als wichtigste Kraft der Nutzung und Gestaltung des offenen städtischen Raums wird noch ausführlich zurückzukommen sein. Politische Repräsentationsinteressen und die bereits skizzierten privaten Landnahmen folgen demgegenüber mit großem Abstand. Halten wir fest: Was der westliche Beobachter als öffentlichen Raum zu interpretieren und einzuordnen trachtet, ist in aller Regel offener Stadtraum. Im Verständnis des chinesischen Bürgers hat dieser Raum keinen Respekt verdient. Er ist gleichsam der Packesel der Stadt, wird malträtiert, geschlagen und verschlissen. Die einzige Chance, dieser Schinderei zu entkommen, sind die kleineren oder größeren gemeinschaftsbasierten – poli33

tischen, kommerziellen und nicht-kommerziellen – Landnahmen, mittels derer der leere Raum in einen sozial relevanten Ort transformiert wird. Für öffentlichen Stadtraum gibt es eigentlich (noch) keine richtige Verwendung; denn das Telos jedweder Verrichtung im städtischen Raum sind Familie und Gemeinschaft – und nicht Individuum und Gesellschaft. Um Geschäfte zu machen, Kunden anzulocken und Warenlieferungen sicherzustellen benötigt man offenen Stadtraum. Aber öffentlichen? Offene und öffentliche Stadtplätze In der chinesischen Stadt finden wir in erster Linie zwei Arten von Plätzen, den ‚erhabenen‘ und den ‚kommerziellen‘ Platz. Bei beiden handelt es sich um Produkte einer sinnstiftenden Transformation von offenem in machtsymbolisch oder wirtschaftlich angeeigneten Raum. Durch diese Aneignungen wird leerer Raum zum Ort sozialer Handlungen. Neben diesen beiden Hauptformen beobachten wir noch die Entstehung eines dritten Typus, der sich als Keimform des öffentlichen Stadtraums erweist: den Nachbarschafts- beziehungsweise Gemeindeplatz. Der ‚erhabene‘ Platz, als dessen Vorbild unzweifelhaft der Tian An Men angesehen werden kann, ist ein mächtiges Symbol des neuen China. Er ist vor allem groß, maßstabssprengend, erhaben. Er macht den mensch­lichen Körper klein, denn er dient vorzugsweise der Massendemonstration, dem Aufmarsch beziehungsweise der Massenornamentierung (Kracauer 1977).23 Er ist unzweifelhaft eine Hypostasierung der Idee der Volks­ gemeinschaft und insofern ein Element der Verräumlichung einer „hypermoralischen Gesellschaft“ (Gehlen 2004). Eine der Zivilgesellschaft beziehungsweise dem öffentlichen Stadtraum ein wenig näher stehende Variante des ‚erhabenen‘ Platzes können wir am Ufer des Huang Pu in Shanghai, in Höhe des Bund entdecken. Hier stoßen wir auf einen offenen Stadtraum mit spektakulärer Anmutung. Diese Wirkung verdankt er allerdings nicht allein der pudong-seitigen Wolken­ kratzer-Kulisse des neuen Central-Business-District Lu Jia Zhui und dem behäbig dahinfließenden Huang Pu, sondern ganz entscheidend auch dem Fassadenspiel der vor allem britischen Kolonialarchitektur des Bund. Diese Kulisse tritt in einen aufregenden Kontrast zur Silhouette des neuen China am gegenüberliegenden Flußufer. Gerade diese räumlichen Eigenschaften bewirken andererseits eine ebenso rasche wie gründliche Kommerzialisierung des Areals. 34

Tian An Men, Beijing

Der ‚kommerzielle‘ Stadtplatz nutzt jedes Medium, das geeignet ist, Aufmerksamkeit zu erzeugen, um Kunden in die Restaurants, Cafés, Bars, Teehäuser, Boutiquen und Galerien zu locken. Besonders geeignet für diesen Zweck scheint sich – neben Musik, Neonreklame, Videobildschirmen und die ins Bild gesetzte Exotik des Fremden – ein Medium heraus­ zukristallisieren, das wir als urbanes Ambiente bezeichnen können. Dieses Medium ist aus Bildern komponiert, die beispielsweise die Intimität der mediterranen Piazza, die Extraversion des europäischen Marktplatzes, dazu die Werbelogos amerikanischer Coffee Shops und Fast-food-Ketten mit den Xipiaos chinesischer Dienstmädchen vor den zahlreichen Restaurants zu einem multikulturellen Bühnenbild assemblieren. Xin Tien Di, ein saniertes Lilong-Teilstück in Shanghai ist für diese Form des chine­ sischen Platzes ein überaus bekanntes Beispiel – viel besprochen und von westlichen Touristen gern aufgesucht. Der Kommerz ist bei dieser Form des Citytainment die treibende Kraft der Platzgenerierung. Dabei nutzt er vorzugsweise die Atmosphäre eines urbanen räumlichen Milieus. Regelmäßig begegnen wir diesem Platztypus daher auch im Kontext der überall aus dem Boden sprießenden Einkaufszentren, wo noch mehr oder weniger unbeholfen versucht wird, urbanes Ambiente durch Nachahmung westlicher Vorbilder zu erzeugen. In den meisten der ebenfalls brandaktuellen Fußgängerzonen können wir zudem lineare Versionen des offenen kommerziellen Platzes erblicken, allen Fußgängerstraßen voran die nächtlich in einem delirierenden Lichtermeer badende Einkaufsstraße Nanjing Lu in Shanghai. 35

Beide Platztypen, der ‚erhabene‘ und der ‚kommerzielle‘, sind dem offenen Stadtraum zuzuordnen. In ihnen spiegelt sich der die Nation gegenwärtig prägende Dualismus von zentralistisch verfaßter Staatsautorität und liberalem Kapitalismus. Durch die autoritative beziehungsweise kommer­zielle Widmung erfährt der offene Raum eine ihn aus bloßer Funktiona­lität, Bedeutungsarmut und Nichtbeachtung heraushebende Sinnstiftung. Mit einer Widmung zum öffentlichen beziehungsweise gesellschaftlichen Raum hat diese Attribuierung von Sinn allerdings wenig zu tun. Wir sagen wenig; denn nichts zu sagen, würde das öffentliche Potential dieser Räume außer Acht lassen. Nehmen wir den kommerziellen Raum: Dieser bietet Tauschhandlungen einen Ort. Diese Handlungen vollziehen sich außerhalb der sozialen Unmittelbarkeit von Familie und Gemeinschaft. Tauschhandlungen sind insofern nicht gemeinschaftsbildend. Sie sind vielmehr als Interaktionsform rechtsgleicher (isonomischer) Wirtschaftssubjekte gesellschaftskonstitutiv. Kommerzialisierung ist insofern für die Genea­ logie gesellschaftlicher – und somit öffentlicher – Räume unabdingbar. Der Markt ist immer schon die nicht hintergehbare Voraussetzung von öffentlichem Raum und der Marktplatz sein Prototyp.24 Zugleich gilt, daß in China Institutionen der Gemeinschaft (Familie, Volksgemeinschaft) die treibenden Subjekte dieser, die Gemeinschaft transzendierenden Sinnstiftungen sind. Dies wird besonders in den kommerziellen Formen der Aufwertung des offenen Raums deutlich; denn die Geschäfte werden von Familien beziehungsweise Familien-Substituten beherrscht. Man hat diese gemeinschaftsbasierte Form der Kommerzialisierung als ‚konfuzianischen Kapitalismus‘, bezeichnet. Darin ist ausgedrückt, daß der Erfolg des unternehmerischen Handels vorzugsweise vergemeinschaftet – nicht vergesellschaftet – wird.25 Seit der Öffnung Chinas werden erhebliche Anstrengungen unternommen, qualitativ hochwertige öffentliche Stadträume zu gestalten (Hassenpflug 2004a). Wie schwer die Verwirklichung dieser Absicht allerdings immer noch fällt, zeigen zahlreiche Beispiele, etwa der Platz des Volkes in Shenyang oder der Platz an der Pagode der großen Wildgans in Xi’an. Wenn es um offene Stadtplätze geht, wandert der Blick der Gestalter nur allzu leicht nach Beijing, wo der auf Geheiß Mao Zedongs Ende der fünfziger Jahre südlich der verbotenen Stadt der Tian An Men zu einem Platz von gewaltigen Ausmaßen erweitert wurde. Auf diese Weise schuf er ein von machtbewußten Stadt-Oberhäuptern bewundertes Modell des heutigen chinesischen Stadtplatzes. Der Tian An Men wurde zum Idol des 36

‚erhabenen Platzes‘, einem bevorzugten Objekt der Selbstverwirklichung großer Männer – und fand entsprechend viele Nachahmungen. Der Tian An Men ist in seiner Dimension und Anmutung alles andere als bürgerlich. Er ist weder Marktplatz oder Plaza noch Square, sondern eine an barocke Raumgestaltungen erinnernde Machtdemonstration, eine kommunistische Version des Champs de Mars (Exerzier- und Aufmarschplatz) beziehungsweise der Place Royal. Ein Platz, der Zentralmacht denotiert, die Verräumlichung eines Machtanspruches, der unschwer als in der Tradi­ tion des Zentralismus stehend identifiziert werden kann. Wenn der Tian An Men dennoch immer wieder ein ‚menschliches Maß‘ aufblitzen läßt, dann ist dies den ungeheuren Menschenmassen, Stadtbewohnern, in- und ausländischen Touristen und Gästen, zu verdanken, die sich hier vor den Toren der Verbotenen Stadt, des Nationalmuseums oder des Mao-Mausoleums versammeln und mit ihren spontanen und ungeordneten Bewegungen, ihren Zusammenballungen, ihrem Auseinanderstieben, ihren bunten Kleidern und ihrer unterschiedlichen Haar- und Hautfarbe dem Platz ein wenig die Strenge nehmen. Vergleichbares gilt für den Platz der großen Wildgans in Xi’an. Auch dieser ist so weitläufig geraten, daß man auf ihm schon einmal die Orientierung verlieren kann. Die Regierung in Beijing, wurde mir vor Ort von einem kundigen Begleiter versichert, war über die Platzgestaltung in Xi’an nicht sonderlich amüsiert; denn nach ihrer Auffassung kann es nicht an­gehen, daß eine Stadt in China es wagt, einen Platz zu bauen, der die Größe des Tian An Men zu erreichen oder gar zu übertreffen sucht. Gleichwohl ist

Platz an der Pagode der Großen Wildgans, Xi’an

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der Platz der großen Wildgans – wie viele vergleichbare ‚erhabene‘ Plätze im Lande – für die Stadtbewohner ein Glücksfall, können sie ihn doch für alle kleinen und großen Freuden des städtischen Lebens beanspruchen und genießen, zur Begegnung und Entspannung, zum Taixi und Joggen, zum Tanzen, Spielen und Verkaufen und natürlich, nicht zu vergessen, zum Drachen steigen lassen. Vergleichbares ließe sich auch für die ‚Plätze des Volkes‘ in Shenyang oder Shanghai sagen. Damit erzielen diese Plätze einen urbanen Rang, den man als proto-öffent­ lich bezeichnen kann. Hat es im alten China überhaupt keine frei zugänglichen öffentlichen Plätze (außer an Tempeln oder Brückenköpfen) gegeben, so vermitteln die ‚erhabenen Plätze‘, darin den kommerziellen Plätzen gleich, in Richtung öffentliche Stadträume. Einer entsprechenden Aneignung durch die Stadtbewohner stehen sie im Prinzip nicht im Wege. In den Neuplanungen der Stadtrandgebiete setzt sich inzwischen immer stärker die Praxis durch, die neuen Nachbarschaften nicht nur durch kommerzielle Nachbarschaftszentren oder durch Gemeindezentren zu ergänzen, sondern diesen beiden Zentrums-Typen entsprechende Plätze, wenn schon nicht zur Seite, so doch gegenüberzustellen. Neben den beiden besprochenen Platzformen drängt so ein dritter Typus nach vorn, der Nachbarschafts- beziehungsweise Gemeindeplatz, häufig auch als offener Gemeindepark26 konzipiert. Stadtteilparks in älteren Stadtgebieten sind durchgängig eingezäunt, abschließbar und in der Regel nur über die Entrichtung eines Eintrittsgeldes zu betreten. Der Gemeindeplatz ist demgegenüber grundsätzlich offen zugänglich, nicht eingehegt und im Prinzip nicht-kommerziell. Räumlich steht er in derselben Beziehung zur Nachbarschaft wie das kommerzielle Nachbarschafts- beziehungsweise Gemeindezentrum. Wie bei diesen entscheidet der Bezug auf eine mehr oder weniger große Zahl an Nachbarschaften darüber, ob es sich um einen ‚Nachbarschaftsplatz‘ oder um einen ‚Gemeindeplatz‘ handelt. Der Nachbarschafts- beziehungsweise Gemeindeplatz ist der offene Gegentyp zum geschlossenen Nachbarschaftshof. So unauffällig die Ausbreitung der Nachbarschafts- und Gemeindeplätze in China vor sich geht, so bedeutsam ist deren Herausbildung. In ihnen wird nicht weniger denotiert als die allmähliche Herausbildung von öffentlichem Raum. Damit signalisiert dieser Raumtyp das Vordringen zivilgesellschaftlicher Elemente, das heißt die Stärkung von Gesellschaft und Individuum gegenüber Gemeinschaft und Familie. Die Nachbarschafts- und Gemeindeplätze sind freiraumarchitektonisch durchgestaltet, mit Wiesen, Baumgruppen, Blumenrabatten und Büschen in ausgewo38

genem Verhältnis ausgestattet, gelegentlich mit Pavillons und überdachten Lauben bestückt, ausreichend möbliert und mit Aufenthaltsflächen versehen. Der Versiegelungsgrad ist im Vergleich mit europäischen Stadt- oder Gemeindeparks relativ hoch, was auf erklärungsbedürftige chinesische Einflüsse schließen läßt (vgl. den Abschnitt Stein und Pflanze in diesem Kapitel). Die offenen Gemeindeplätze und -parks sind neueren Datums, weshalb wir sie auch nur in Neubaugebieten antreffen. Die Frage nach ihrer Dauer beziehungsweise Nachhaltigkeit ist daher noch eher akademischer Natur. In jedem Fall bieten sie eine Fülle jener Annehmlichkeiten, nach denen sich insbesondere Familien mit Kindern in der Großstadt sehnen, Raum zum Sitzen und Tratschen für die Erwachsenen, zum Versteckspielen für Kinder und so weiter. Gleichwohl fällt auf, daß die Pflege dieser Orte nicht ganz einfach zu sein scheint. Das muß nicht einmal an Defiziten bei der öffentlichen Pflege (Häufigkeit der Pflege- und Instandhaltungseinsätze) liegen – obschon ein entsprechender Befund in einem Land mit einer noch jungen zivilen Institutionenkultur nicht ganz überraschend käme. Die Gründe scheinen eher in der Art der Nutzung zu liegen. Der Zustand der Nachbarschaftshöfe und Gemeinschaftsplätze liegt in der Verantwortlichkeit sogenannter Nachbarschaftskomitees. Doch unabhängig von dieser Zuständigkeit wird diesen Orten von den Anwohnern viel Respekt gezollt. Manche Bewohner der ‚compounds‘ fühlen sich für deren Pflege verantwortlich und legen ungefragt Hand an. Demgegenüber trägt die Nutzung der öffentlichen Stadt- und Gemeindeplätze eher rauhe Züge: Papier, Flaschen, Zigarettenkippen und andere Abfälle werden nach dem abendlichen Picknick achtlos liegen gelassen, eine Haltung, die auch noch durch eine oft viel zu geringe Zahl von Abfallbehältern unterstützt wird. In China gibt es derzeit noch keine gefestigte Stadtbaukultur öffentlicher Räume – zumindest nicht im europäisch aufgeklärten Verständnis des bürgerschaftlichen, demokratischen beziehungsweise zivilgesellschaftlichen Raums. Die allgemeine und immer noch tief verwurzelte Geringschätzung des offenen Raums steht dem entgegen. Wenn der familiäre Raum auf die anfangs beschriebene Art und Weise in den offenen Raum interveniert, in ihn hineinregiert und ihn überwältigt, dann ist dies ein Indiz dafür, daß Gemeinschaft und Gesellschaft noch unzureichend ausdifferenziert sind. Bestenfalls ist von einem Stadium der Proto-Öffentlichkeit zu sprechen. Im Reich der Mitte ist es von jeher und immer noch die Familie, die das soziale Leben entscheidend bestimmt – also auch das Leben in jenen Räu39

men, die wir gemeinhin als öffentliche betrachten. Selbst gesellschaftliche Interaktionen, die ihrem Wesen nach auf den Institutionen der Vertraglichkeit und Rechtsförmigkeit beruhen, werden mit Vorliebe durch gemeinschaftliche Interaktionen überlagert, etwa durch Netzwerke (guanxi), die hier eine viel größere Bedeutung haben als in Europa. Jeder Geschäftsmann kann bestätigen, wie wichtig ein gemeinsames Essen und Trinken für erfolgreiche Vertragsverhandlungen ist. Erst durch das Abendessen, durch die solcherart initialisierte Gemeinsamkeit und Freundschaft können Verträge (als gesellschaftlich-formale Akte) jenen gemeinschaftlichen (familien-analogen) Grund erhalten, ohne den sie oft nicht das Papier wert sind, auf das sie geschrieben wurden. Diese Form der Intervention des Gemeinschaftlichen in das Gesellschaftliche ist in China auch raumrelevant: Gemeint ist die Positionierung chinesischer Restaurants – um nicht zu sagen: Esstempel – im offenen Stadtraum. Analog zu den Verträgen verhält es sich mit den offenen Räumen der Stadt: Von der überwältigenden Realität von Gemeinschaft und Familie her erklärt sich die Indifferenz der Bürger im Umgang mit ihnen. Allerdings geht diese nonchalante Haltung sofort in fürsorgliches Handeln über, wenn der offene Raum durch die Anwesenheit des Familiären oder Gemeinschaftlichen, durch die politische Symbolhaftigkeit seiner Inszenierung und, vor allem, durch die Kommerzialisierung seiner Nutzung aufgewertet wird. Durch Zuwendungen dieser Art verwandelt sich das Aschenputtel ‚offener Raum‘ in eine Prinzessin des chinesischen Stadtraums. Chinas Platztypen im Spannungsfeld von Gemeinschaft und Gesellschaft

GEMEINSCHAFT geschlossener Raum

GESELLSCHAFT offener Raum

erhabener Platz Nachbarschaftshof

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öffentlicher Raum

kommerzieller Platz Gemeindeplatz

Stein und Pflanze Bisher wurde der Stadt- beziehungsweise Gemeindeplatz vor allem aus der Perspektive einer sozialen Semiologie kommentiert. Es fehlt jedoch noch die Perspektive einer umfassenden kulturellen Semiologie beziehungsweise, wie man mit Bezug auf architektonische Werke auch sagen könnte, einer kulturell informierten Ikonologie. Werfen wir also einen exempla­rischen Blick auf die gestalteten Nachbarschafts- und Gemeindeplätze und versuchen, die ikonologischen Botschaften zu verstehen. Der von den heutigen Gestaltern öffentlicher Anlagen, von Gärten, Parks, Freiräumen aller Art hinterlassene Text ist diesbezüglich nicht einfach zu lesen. Nicht so sehr aufgrund unzähliger individueller Handschriften, sondern des Nebeneinanders unterschiedlicher westlicher und östlicher Raumsprachen. Man muß also schon zweimal hinsehen, um festzustellen, daß chinesische Stadtgärten im großen und ganzen artifizieller, dekorationslastiger und bildmächtiger wirken als vergleichbare europäische Anlagen. So scheint es allgemein einen höheren Grad an Versiegelung zu geben, eine üppigere Möblierung und Überbauung. Häufiger als in westlichen Beispielen sind Brücken, Pavillons, Lauben, Plätze, Gesteinsformationen anzutreffen, viele und breite gepflasterte Wege, mehr Fels, Stein und Kies, mehr technische Ausstattung mit Leuchten aller Art und Lautsprechern, aus denen unentwegt Musik rinnt oder tröpfelt. Die Grundrisse sind vorzugsweise organisch geschwungen, Bäume ungezwungen zu Gruppen zusammengestellt, gelegentlich auf angedeuteten Hügeln – und insofern scheinen die Grünanlagen in der Tradition pittoresker Gartengestaltung zu stehen. Doch zugleich wirkt das Ganze barock durchdrungen: Es gibt axiale Wege und geometrische Anordnungen, viele geschnittene Hecken, Sträucher und Bäume – und immer wieder rechteckige Bambusbeete. Es mag sein, daß die Auflösung der Gestaltungsparadigmen zu eklek­ tischen, organisch-geometrischen Mischgebilden ein Ingredienz des internationalen Stils in der Freiraumgestaltung ist, doch scheint es hier nicht nur um bloße Formen und deren Mischung zu gehen, sondern zugleich um Bedeutungen, die der verwendeten Materialität und ihrer Inszenierung direkt anhaften. Ein Hauch von Zen beziehungsweise Ikebana läßt sich gelegentlich verspüren, ein Echo der Sprache des traditionellen chine­ sischen Gartens, die als kulturelles Dispositiv dem individuellen Gestaltungswillen des Landschaftsarchitekten (oder wer auch immer chinesische Stadtplätze entwirft) offenbar zu trotzten scheint. Um richtig zu lesen, 41

sollten wir uns also über die Kultur des chinesischen Gartens verständigen. Ein Blick auf neuzeitliche Traditionen europäischer Gartenkultur ist dabei hilfreich. In Europa hatte die Emanzipation urbanen Denkens im Zuge der Renaissance-Kulturrevolution zur Praxis vernunftgemäßer, das heißt idealer Räume, Städte, Gärten und Landschaften geführt. Der zwittrige, zugleich feudale und bürgerliche Absolutismus griff die Idee des subjektiven – und darum perspektivischen – Raumes auf und entwickelte diesen zur Grammatik des Macht-Raumes weiter. So entstand der geometrisierte Barockgarten. Indem er die Vorherrschaft der Vernunft veranschaulichte, thematisierte er zugleich die Beherrschung der Natur durch den Menschen. In seiner Ikonographie der Macht, mit seinen Zentralachsen, Wegführungen, Labyrinthen, gestutzten Alleebäumen, Sträuchern und so weiter veranschaulichte er das absolutistische Zweckbündnis von bürgerlicher Vernunft und feudaler Herrschaft: die Verbürgerlichung des Hofes beziehungsweise die Feudalisierung des Marktes (Elias 78, Bd. II, 222ff ). Man muß sich nur Hubert Roberts Gemälde vom Park von Versailles anschauen, um sofort zu erkennen, daß bereits Zeitgenossen die Anmaßung der räumlichen Geste des Französischen Gartens zurückwiesen. Und so entstand eine Gegenbewegung, die ihr wichtigstes Argument in den pittoresken Gärten des halbstädtischen niederen englischen Adels fand. Während die geometrische Künstlichkeit des Barockgartens als Metapher für Naturbeherrschung und Symbol absolutistischer Macht gedeutet werden muß, verhält sich der Englische Garten reflexiv zur Naturbeherrschung, zur kulturellen Bedingtheit seiner Form: Als Gegenentwurf zum Französischen Garten zelebriert er natürliche Natur, Natur in Harmo­nie mit einer Kultur, welche ihr Rationales, Beherrschendes, Künstliches nicht preisgibt. Anders ausgedrückt: Im pittoresken Garten, dem gebauten arkadischen, pastoralen, bukolischen Landschaftsgemälde, wird das Künstliche so weit in das Natürliche gesteigert, bis jenes vollständig in dieses aufgehoben ist und verschwindet: Es bleibt die Illusion natürlicher Natur. Schauen wir uns demgegenüber den klassischen Chinesischen Garten an. Was im Französischen und Englischen Garten getrennt wird, ist in diesem eins: der chinesische Garten exponiert vollständige Künstlichkeit und zugleich vollendete Natürlichkeit. Er verbirgt seine Künstlichkeit nicht, seine kulturelle Herkunft, das heißt die menschliche Fähigkeit, Natur zu beherrschen und zu transformieren. Ebenso wenig verschleiert er das Natürliche. Vielmehr bringt er eine übersteigerte und eben darin vollendet-natürliche Natur zur Anschauung. Es geht um die Vergegen42

Chinesischer Garten in Suzhou

ständlichung einer alles übergreifende Einheit von Kultur und Natur. Der Chinesische Garten zeigt insofern eine Idee des Pittoresken, in der das Artifizielle und das Natürliche, das Rationale und das Emotionale sich in vollständiger Harmonie befinden. Im historischen Chinesischen Garten durchdringt das Artifizielle das Organische, das Künstliche das Natürliche von jeher bis zur Ununterscheidbarkeit – ganz im Unterschied zur europäischen Tradition der Garten­kunst, die sich in der Auseinandersetzung von geometrischen Barockgarten und organischem pittoresken Garten entfaltet. Während der Ba­rockgarten der Natur genau das verweigert, was sie wesensmäßig ausmacht, nämlich Eigensinn und Unverfügbarkeit, weist der pittoreske Garten die Idee einer künstlich-synthetischen zweiten Natur als Anspruch von Kultur zurück. Die Praxis des pittoresken Gartens stellt sich insofern ganz in den Dienst einer als objektiv erachteten Naturästhetik. Englischer und Französischer Garten stehen auf diese Weise gegeneinander – und exponieren genau darin etwas genuin Europäisches: Die Konzeptionalisierung von Dialektik als Kampf, Streit, Gegensatz.27 Die Garten­baukunst wird damit zum Feld einer Auseinandersetzung zwischen Kultur und Natur, worüber leicht verloren geht, daß das Eine immer schon im Anderen enthalten ist, daß erst die gestaltende Bewußtwerdung dieser Einheit der Gegensätze eine dem Gegenstand adäquate Formensprache hervorbringen kann. Genau dies jedoch, die Harmonie der Gegensätze zu verräumlichen, leistet der chinesische Garten auf einzigartige Weise. Nicht 43

überraschend insofern, daß zum Beispiel der kluge französische Revolutionsarchitekt Moll im Zentrum seiner republikanischen Idealstadt vier Gärten vorsah: einen französischen Garten im Westen, einen englischen Garten im Norden, einen botanischen (wissenschaftlichen) Garten im Süden und einen Chinesischen Garten (Harten / Harten 1989, 174ff ). Sie sollten in einer republikanisch-aufgeklärten Stadt alle ihr Recht erhalten. Wie bei keiner anderen Architektur erscheint beim Chinesischen Garten das Künstliche als absolut natürlich, das Natürliche als nicht minder künstlich. Es gibt keinerlei Differenz zwischen Mensch und Welt, nichts kann die prästabilierte Harmonie von Kultur und Natur trüben. Mate­riell artikuliert sich diese Weltsicht in einer doppelt codierten Inszenierung: erstens in einer in höchstem Maße artifiziellen Zusammen­fügung natür­ licher Elemente; so werden beispielsweise unbehauene Felsbrocken zu wildromantischen Landschaften aus miniaturisierten Zinnen und Schluchten geformt, in deren Spalten verwegene Pflanzen imaginären Unwettern trotzen. Und zweitens in einer nicht weniger natürlichen Kompo­ sition völlig artifizieller Elemente. So finden wir kleine Pavillons, Lauben, Gewässer oder Plätzchen, die von nach Bonsai-Art geschnittenen, alpinen Formen nachempfundenen Bäumen gerahmt werden. Auf diese Weise sind Künstliches und Natürliches in einer Weise miteinander verquickt und verwoben, die eine Unterscheidung völlig unmöglich und das bedeutet: zu einer rein analytischen beziehungsweise akademischen Übung macht, zu einer Frage des Wissens.28 Im Chinesischen Garten geht es jedoch nicht um Wissen. Auch nicht um das Bekenntnis zu einem Gestaltungskonzept, für das es auch eine Alternative gäbe. Der Chinesische Garten lädt vielmehr zur Anschauung ein, das heißt zur „höchsten Form des Erkennens“, wie der sinologisch nicht unbewanderte Goethe29 dies ausdrückte. In der kontempla­ tiven Ver­senkung in die Ästhetik des chinesischen Gartens als Gegenüber erfahren wir uns als Wesen, die in ihrem Denken und Handeln die Natur über­greifen, und zugleich von ihr in unserer natürlichen und kulturellen Existenz ‚übergriffen‘ sind (Vgl. Schmied-Kowarzik 1984, 35ff ).30 Der klassische Chinesische Garten ist ein Hofgarten. Er ist exklusiv und introvers. Außerhalb der kaiserlichen Anwesen konnten nur hohe Staatsdiener und reiche Kaufleute sich eine solche Anlage leisten. Zutritt hatten selbstverständlich nur geladene ranghohe Gäste. Für die ‚Öffentlichkeit‘ gab es dergleichen nicht. Natürlich hat sich das inzwischen geändert. Zahlreiche der einst exklusiven Chinesischen Gärten sind heute allgemein gegen eine Eintrittsgebühr zugänglich. 44

Im öffentlichen Raum tauchen die Hofgärten jedoch nicht auf. Hier gestalten heute Landschafts- und Freiraumarchitekten, und die Art und Weise, in der sie entwerfen, ist derjenigen der Architekten strukturverwandt. Es werden bildmächtige Räume geschaffen, die eher eklektischen Stilsammlungen gleichen als klassischer chinesischer Gartenbaukunst. Allerdings scheinen Elemente, vielleicht auch Zitate des klassischen Chinesischen Gartens einzufließen. Und selbst wenn dies nicht geschehen sollte, bliebe doch eine Art von Grundton erhalten, der sich in dem bereits erwähnten hohen Versiegelungsgrad und im Hang zu starker Bildhaftigkeit kundtut. In ihr kommt eine traditionelle Disposition zum Ausdruck, derzufolge Form und Funktion des zu Gestaltenden als gleichwertig und ungeschieden betrachtet werden. Die westliche Trennung dieser Dimensionen, die erst ihre Entgegensetzung oder Hierarchisierung ermöglicht, ist dieser chinesischen Betrachtungsweise trotz aller Verwestlichung eher fremd geblieben. Das gilt für Architektur ganz allgemein, Landschafts- und Freiraumarchitektur eingeschlossen. Deutsche Architekten und Städtebauer neigen aufgrund eines ausgeprägteren funktionalistischen Entwurfsverständnisses dazu, die Funktion von der Bedeutung und somit von der Form zu trennen. Dem chine­sischen Harmonieverständnis hingegen wäre die Formel ‚form follows function‘31 eher fremd. Hier werden Baugestalt und funktioneller Baukörper simul-

Schloß-Modell im zerstörten Yuan Ming Park, Beijing

Goethes Gartenhaus im pittoresken Ilmpark, Weimar

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tan gedacht und bis zur Ununterscheidbarkeit zusammengefügt. Der gebaute Raum hat demzufolge nicht allein funktionellen Anforderungen zu ge­nügen, er muß auch den Bedarf an Bedeutung und das heißt: an Bild- und Zeichenhaftigkeit befriedigen. Jeder Entwurf ist damit zugleich Symbol oder Chiffre einer Verheißung, und gut beraten sind insofern jene Architek­ten, deren Entwurfssprache auch von Glück, Gesundheit und Wohlstand kündet. (Lu 2008) Dazu ist es jedoch erforderlich, sich den ikonischen Vorrat, den die chinesische Kultur etwa in den Regeln des Feng Shui bereithält, anzueignen. Das Ineinander-Übergehen des Rationalen und Emotionalen finden wir in den grundlegenden Mustern der chinesischen Kultur und der zugehöri­ gen Kulturtechniken. Nehmen wir nur einmal die Schrift als Beispiel. In Euro­pa gehören die Schrift beziehungsweise das Wort der rationalen, das Bild hingegen der emotionalen Welt an. So konnten zum Beispiel im protestantischen Bildersturm Wort und Bild auf folgenreiche Weise miteinan­der in Konflikt geraten, wobei das Wort mit der mächtigen Waffe der Bibel auf seiner Seite, wo es im ersten Satz ganz platonisch heißt: „Am Anfang war das Wort […]“, den Sieg davontrug. Mit Folgen, die wir bis heute spüren – etwa im ‚protestantischen Charakter‘ der architektonischen Moderne. Wie das Beispiel der Kulturrevolution gezeigt hat, ist auch China gegen Bilderstürmerei nicht gefeit. Doch müssen die kulturellen Abwehrkräfte gegen einen Angriff auf das Bild im Namen des Wortes als beträchtlich eingeschätzt werden, zumal Bild und Wort immer schon sehr nah beieinander liegen. So gibt es kein Alphabet, daher keine Buchstaben und deren Organisation zu Worten. In China gibt es Silben, und jede Silbe ist ein Bild. Ähnliches gilt für die Sprache. Sie wird in gewisser Weise ‚gesungen‘, denn die Artikulation der Silben erfolgt nach Maßgabe von vier verschiedenen Tonverläufen (wenn man den beinahe tonlosen ‚Abspann‘ – etwa beim Xi, xi = Danke – hinzunimmt, sind es sogar fünf ‚Töne‘, die chinesische Sprache ist mithin ‚pentatonisch‘). In diesem Sinne könnte man ein wenig überspitzt sagen: Chinesen sprechen, wenn sie singen, sie singen, wenn sie sprechen. Sie sind emotional, wo sie rational sind und bildhaft, wo es um Funktionen geht.32 Der Westen demgegenüber spricht oder singt.33 Er ist emotional oder rational, bildhaft oder funktional.

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3  Schwingende Zeilen und tanzende Punkte

Es scheint, als seien die städtebaulichen Regeln der Charta von Athen keine europäische, sondern eine chinesische Erfindung. Nirgendwo sonst auf der Welt scheint der Wohn-Zeilen- und -Punktbau mit seiner Nord-SüdOrientierung, seinem ‚Abstandsgrün‘ – in China häufig auch Abstandsgrau, wenn die Zeilen-Zwischenräume mit tristem Asphalt oder Betonplatten versiegelt sind – und seiner kleinteiligen Funktionsdifferenzierung so konsequent umgesetzt worden zu sein wie dort. In Europa nicht und nicht einmal in den Staaten des sowjetischen Machtbereiches nach dem Zweiten Weltkrieg bis 1989. Für die ausgeprägte Praxis der Orientierung sind natürlich die geoklima­ tischen Bedingungen des sich nördlich und südlich des 35. Breitengrades ausdehnenden Landes von ausschlaggebender Bedeutung, immer schon.34 Eine Orientierung des Wohnbaus nach Westen oder Osten empfiehlt sich wegen der Aufheizung des Wohnungsinneren durch eine jeweils tiefer stehen­de, auf- beziehungsweise untergehende Sonne nicht, während die Südsonne hoch genug steht, um zur Sommerzeit in einem vergleichbar spitzen Winkel auf das Wohngebäude zu treffen. Im Winter hingegen steht die Südsonne tief genug, um Wärme in die Wohnung zu bringen. Die Nordor-ientierung spielt für den Wohnbau auf der nördlichen Halbkugel nördlich des 30. Breitengrades kaum eine Rolle – ganz im Unterschied zum Industriebau, dessen in die Sheddächer eingelassenen Fenster das gewünschte nördliche Streulicht sammeln. Eine vergleichende Untersuchung von Wohngroßsiedlungen in Deutschland – vom Märkischen Viertel im Berliner Westen bis nach Marzahn im Osten, von Bremen-Osterholz bis Hoyerswerder und von Halle-Neustadt bis München-Neuperlach – fördert zutage, daß das ‚Orientierungsgebot‘ der Charta von Athen in Deutschland niemals so streng umgesetzt wurde wie in China. Selbstverständlich spielt dabei wieder die geoklimatische Position eine Rolle. Im vergleichbar nördlich gelegenen Zentral­europa mindert sich die Strahlungsintensität der West- und Ostsonne. Immer wurde der Orientierungswechsel von Nordsüd in Richtung Westost daher als Möglichkeit zur Gewinnung von städtebaulichem Handlungsspielraum, etwa als Chance raumfigürlicher Auflockerung und Individualisie47

rung im Siedlungsbau betrachtet. Nicht selten wurden Wohngebäude auch zur Rahmung von Straßen verwendet, zum Beispiel als distanziert auf­ gestellte Spaliergebäude für Hauptstraßen und -achsen oder einfach nur als rahmende Elemente für Straßen untergeordneter Bedeutung. In vergleichsweise freier Deutung der ‚neuen Stadt im Park‘ wurde in Euro­pa ganz allgemein die süd-orientierte Zeilenbauweise im Wohnungsbau niemals vollständig umgesetzt – was allerdings nicht bedeutet, daß Elemente der klassischen europäischen Blockrandbebauung mit seiner Fassadenschau integriert wurden. Denn der moderne Wohnungsbau for­distischer Prägung lehnt raumpolitisch deren Bürgerlichkeit und Indivi­dualität einschließlich der zugehörigen öffentlichen Stadtbaukultur ab und ist diesbezüglich kaum zu Kompromissen bereit. Die Annäherungen an die Blockrandbebauung haben daher ihre Grenzen in der Verwendung der ansonsten dem Zeilenbau zugeordneten Elemente und in funktionalen Erwägungen. So versteht sich von selbst, daß die Aufgabe der Rahmung der Straße, so diese denn gewollt wurde, dem Einzelhandelsgeschäft, dem Dienstleistungsbetrieb, der Werkstatt oder auch dem Bürogebäude überlassen wurde. Der Grund liegt auf der Hand: Für diese Funktionen ist die Orien­tierung nicht so wichtig. Dieser Umstand wird im modernen Städte­ bau weltweit als Möglichkeit der Stadtgestaltung, der Verdichtung, der Zentrie­rung und Funktionsmischung gesehen und auch genutzt. In dieser Entkopplung vielfältiger Stadtfunktionen von der Orientierung ist auch der Grund dafür zu sehen, warum sich die städtebauliche Moderne mit den alteuropäisch geprägten Innenstädten im Medium der Fußgänger­zone versöhnen konnte; integriert diese doch beides: die Struktur der kleinteiligparzellierten Blockrandbebauung mit den Anforderungen der Moderne an raumfunktionale Spezialisierung. Die Fußgängerzone ist insofern die einzige Monostruktur, die sich mit dem Erbe der alteuropäi­schen Stadt problemlos verbinden ließ. Auf die Bedingungen der Möglichkeit einer attraktiven chinesischen Fußgängerzone kommen wir in dem Kapitel über die urbane Medien­fassade noch zu sprechen. An dieser Stelle ist allein der Hinweis wichtig, daß auch der gegenwärtige chinesische Städtebau – darin von der europä­ ischen Praxis nicht unterschieden – die Orientierungsfreiheit der genannten Basisfunktionen selbstverständlich für die gestalterische und funktionale Aufwertung des städtischen Raums nutzt: durch die Rahmung von Nachbarschaftsquartieren, durch die Bereitstellung von Nahversorgungseinrichtungen oder als willkommener Emissionspuffer zwischen Straße und Wohnsiedlung. 48

Allerdings läßt sich eine mit den europäischen Gepflogenheiten vergleichbare Flexibilität bei der Verwendung der Zeilenbauelemente für eine Blockrandtypologie im Wohnungsbau in China nicht nachweisen. Diesbezüglich erfolgt die Umsetzung der Ideale der Charta von Athen viel rigoroser. Luftaufnahmen chinesischer Städte sprechen dazu eine überaus klare Sprache. Wer etwa mit Google Earth auf eine chinesische Großstadt hinunterzoomt, oder von einem Fernsehturm oder einem Wolkenkratzer auf eine solche schaut, wird feststellen, daß die ausgedehnte Textur der Stadt immer noch ein wenig an einen Aufmarschplatz erinnert. Wie Soldaten in Reih und Glied scheinen die Gebäude der Städte mehr oder weniger komplett nach Süden ausgerichtet. Dabei verlaufen die Gebäudezeilen wie magnetisch aufgeladene Eisenspäne in Ostwest-Richtung. Die Ausnahmen mehren sich allenfalls im äußersten Norden (Harbin) und im Süden des Landes (Guangzhou). Dieses Muster verschwindet nicht einmal dort, wo die Wohnsiedlungen der neuen Mittelklasse sich ausdehnen. ‚Dort‘ meint hier in einem äußeren städtischen Ring, der sich um die vorausgegangene Generation des fordistischen Wohnungsbaus schließt. Hier sehen wir nun eigentümlich schlängelnde Häuserzeilen, die aus der Vogelperspektive wie mäandernde Ketten aus grauen und braunen Streifen und Klötzchen wirken. Doch damit ist die Orientierung keineswegs aufgekündigt, denn im großen und ganzen halten die nunmehr schwingenden und tanzenden Häuserkettchen die Ostwest-Richtung ein. Die Kraftfelder des Magnets der Süd-Orientierung bleiben weiterhin wirksam. Die organischen Grundmuster der

Fordistischer Zeilenbau, Shenyang

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neuen ‚compounds‘ finden ihre Grenze genau dort, wo die Schwelle zur all­gemeinen Südorientierung überschritten wird. Während man in Europa und Amerika – etwa im Städtebau des New Urbanism – das ohnehin schwach wirksame Orientierungsgebot im Wohnungsbau weitgehend aufkündigt, um sich, unter Nutzung der Poten­tiale fortgeschrittener Technik und moderner Baumaterialien, der Blockrandbebauung, der Stärkung urbaner Zentralität und kultivierter Bestands­ erhaltung zuzuwenden, läßt sich für China eine vergleichbare Entwicklung nicht nachweisen. Diese Aussage gilt trotz des auch in China populären New Urbanism und trotz der zahlreichen europäischen Themenstädte beziehungsweise Stadtfiktionen – denn all diese importierten Stadtgebilde dienen ausschließlich der Dekoration kommerzieller Räume, wo sie dem Orientierungsgebot nicht unterliegen. China bleibt im Wohnungsbau bei der Orientierung und geht dabei durchaus kreative Wege. So läßt sich die Verknüpfung von technizistischfunktionalistischem ‚Fordismus‘35, dessen Leitbild bekanntlich die Stadt­ maschine ist, mit den gefälligen Formen organischer Raumgestaltung als eine beachtliche postfordistische Fortentwicklung des Zeilen- und Punktbaus würdigen. Man muß nur einmal unvoreingenommen eines dieser neuen Wohnquartiere betreten, um sich von den Vorzügen des postfordisti­ schen Zeilen- und Punktbaus für das Wohnumfeld überzeugen zu lassen – allen Merkwürdigkeiten der verwendeten Bau‚stile‘, der Parkpflege, der Bewachung und Introvertiertheit zum Trotz. Aus dem Abstandsgrün sind

Schwingende Wohnzeile, Shanghai

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tatsächlich Elemente einer parkartigen Nahraumgestaltung geworden, es gibt Bäume, Sträucher, Wiesen und Blumenrabatten, komfortable Sitzbänke, Brunnen, gelegentlich sogar verwendbare Kinderspielplätze, viele offene Wasserflächen und dergleichen mehr. Wie jedoch erklärt sich diese radikale, offenbar zur kreativen Weiter­ entwicklung zwingende Hingabe an eine Bauregel, die wir gemeinhin dem modernen, fordistischen Wohnungsbau zuordnen? Ist dies wirklich nur der Furor der Moderne, der in einem sich rückständig empfindenden China auf besonders fruchtbaren Boden gefallen ist? Oder ist es die pure Notwendigkeit des Festhaltens am fordistischen Massenwohnungsbau? An beidem ist etwas dran: Die Energien der Erneuerung sind beim einstigen Opfer des westlichen Kolonialismus nicht zu unterschätzen. China will nach ganz oben und ist dabei nicht nur bereit, alte städtebauliche Zöpfe abzuschneiden, sondern die Errungenschaften der Moderne exzessiv für sich zu nutzen. Zu diesen Errungenschaften zählt der Massenwohnungsbau und es leuchtet absolut ein, daß sich für ein Milliardenvolk wie das chinesische hier ein unverzichtbares städtebauliches Potential verbirgt, das man ohne Not nicht preisgeben wird.36 Erst im Juni 2006 hat die chinesische Zentralregierung (das Ministerium für Land und Ressourcen) einen Erlaß ver­ öffentlicht, demzufolge der Bau von Villen, Einfamilienhäusern und anderen niedriggeschossigen Wohngebäuden dazu Siedlungen mit niedriger Einwohnerdichte nicht mehr genehmigungsfähig ist.37 Die Zukunft des chinesischen Wohnungsbaus liegt einleuchtenderweise im Wohnhochhaus – und der Fordismus liefert hier nun einmal die relevanten baukonzeptionellen Argumente. Doch dies ist es nicht allein. Die Radikalität der Hingabe an die Orientierung im Wohnungsbau erklärt sich vor allem (wieder einmal) aus der Geschichte: Denn in der räumlichen Positionierung historischer chine­ sischer Wohnhäuser spielt die Südausrichtung von jeher eine eminente Rolle. Als Beispiel kann das im Norden Chinas verbreitete, durch den großflächigen Abriß in Beijing zu trauriger Berühmtheit gelangte HutongSystem dienen. Auf einem schachbrettartigen Grundriß organisiert der Hutong Familien und Nachbarschaften. Dabei galt seit der Zhou-Dynastie für lange Zeit die Regel, wonach eine jeweils definierte Anzahl von Familien eine Nachbarschaft (Ling oder Bi) bilden. Eine wiederum definierte Anzahl von Nachbarschaften Ling bilden ein Quartier (Li) und eine definierte Anzahl von Quartieren bilden eine Verwaltungseinheit (Zhu). Wenn die Nachbarschaft aus fünf Familien besteht, das Quartier aus fünf 51

Nachbarschaften und die Verwaltungseinheit aus vier Quartieren, dann kann ein Zhu 100 Soldaten aufbringen, wenn jede Familie einen Sohn stellt. Im Li haftete einst jeder für jeden – auch mit dem Leben (Wu, Weijia 1993, 90ff). Die Familie beziehungsweise der Familienverband wohnt in einer Hofhausanlage, einem Sìhéyuàn. Die Innenhöfe des hierarchisch strukturieren Sìhéyuàn sind an allen vier Seiten von Gebäuden umschlossen. ‚Si‘ bedeutet ‚vier‘; ‚He‘ verweist auf einen Mehrgenerationen-Haushalt und ‚Yuan‘ ist das chinesische Wort für ‚Innenhof‘. Das Eingangstor befindet sich im Süden der Anlage. Das – elterliche – Haupthaus ist das größte Gebäude im Geviert und beherbergt immer die jeweils älteste Generation. Es liegt im Norden und ist nach Süden, zum Hof hin orientiert. Dadurch ver­bindet sich die Südorientierung mit der hochrangigen Stellung der Eltern in der Familienhierarchie. Da vergleichbare Strukturen auch für traditionelle Raumkonzepte anderer Regionen galten, verbinden sich in China die Südorientierung und die Größe der Wohnung zu einer auch heute noch unvermindert wirk­samen Kernaussage über sozialen Status. In den neuen Wohnquartieren der Mittel­klasse läßt sich dieses Zusammenspiel von Orientierung und Größe problemlos nachprüfen. Eine chinesische Mittelklassewohnung ist nicht nur fast ausnahmslos süd-orientiert, sie ist im Durchschnitt auch viel größer als entsprechende Wohnungen in Deutschland.38 Die chinesische Stadt, auf die man heute aus der Vogelperspektive blickt, ist nicht mehr die Stadt der Lis und Zhus. Es ist die durch sowjetische

Modell eines Sìhéyuàn

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Vermittlung nach China migrierte fordistische Stadt. War die Charta von Athen mit ihren Idealen des industriellen und sozialen Wohnungsbaus in der kommunistischen Sowjetunion schon auf fruchtbaren Boden gefallen, so erwies sich derjenige des kommunistischen China als mindestens ebenso ergiebig. Denn hier konnte sich die aus der Hygienebewegung abgeleitete Südorientierung mit ihrer Forderung nach Licht, Luft und Sonne mit der uralten chinesischen Tradition der Südorientierung und dem damit verbundenen Prestige umstandslos verbinden. Im fordistischen Städtebau blieb insofern immer auch ein Stück des alten China bewahrt – neben der kostengünstigen Bauweise und der hohen Dichte, die sich mit ihren kompak­ten Baukörpern erzielen läßt, die beste Voraussetzung für den phänomenalen Erfolg des modernen Siedlungsbaus. Vor diesem Hintergrund kann es daher kaum überraschen, wenn die Praxis des orientierten Zeilenbaus sogar durch lokale Bauvorschriften verlangt wird. Im Falle von Shanghai ist beispielsweise eine Abweichung vom ‚Orientierungsgebot‘ ohne besondere Genehmigung nicht zulässig. Ob es allerdings überhaupt einer solchen Vorschrift bedarf, darf angezweifelt werden; denn der chinesische Wohnungsmarkt verlangt nach strikter Orientierung, und jeder ausländische Architekt und Städtebauer ist gut beraten, den chinesischen Orientierungswunsch zu beherzigen. Auf diesen Punkt ist weiter unten bei der Diskussion chinesischer Stadtfiktionen (Kapitel 6) noch zurückzukommen. Zur besseren Nutzung des Lichtes und des Blicks von innen nach außen bei gleichzeitiger Optimierung der Dichtewerte (zum Beispiel Geschoßflächenzahl) findet sich zudem sehr häufig eine gestufte, kaskaden- beziehungsweise tribünenförmige Anordnung der Gebäude, wobei die Zahl der Geschosse nach Norden hin in zwei bis vier Stufen (am häufigsten drei Stufen) ansteigt. Danach stehen die zwei bis dreigeschossigen Villen in der ‚ersten Reihe‘, der Bautyp mit fünf bis zehn Stockwerken nimmt die mittleren Ränge ein, und die Massen, also die Wohnhochhäuser mit mehr als zehn Etagen werden in den hinteren Rängen untergebracht. Hoch aufragende Wohngebäude können einander erheblich im Wege stehen, gerade was die Orientierung zum begehrten Sonnenlicht betrifft. Es versteht sich daher, daß man inzwischen allerorts auf softwaregestützte Schatten­ berechnungen zurückgreift, um das Stufenmodell weiter zu verbessern. Durch die Stufung differenzieren sich die Lagequalitäten innerhalb des Quartiers kleinräumig. Insofern spiegelt diese Anordnung auch die finanziellen Möglichkeiten der Bewohner. Die obere Mittelklasse wohnt „vorn“, die mittlere „dazwischen“ und die untere Mittelklasse wohnt „hinten“, 53

Gestufte Anordnung von Wohnzeilen in einer Nachbarschaft von Qindao

sozusagen auf den preiswerten Rängen. Die Gebäudehöhen sind jedoch nicht der alleinige Differenzierungsfaktor. Auch die Lage im Verhältnis etwa zu Parkplätzen, Kinderspielplätzen und Abständen zu Straßen oder Grünflächen spielen eine Rolle bei der Bewertung der Immobilien. Sogar die Hausnummern können von großer Bedeutung sein.39 Über die stufenförmige Anordnung wird jedoch niemals unterlassen, die Gebäude um einen zentralen Grünbereich, der die chinesische Tradition der Intro­ version zum Ausdruck bringt, herum zu arrangieren. In China müssen hohe Dichten generiert werden, und dementsprechend muß hoch hinaus gebaut werden. Wohngebäude mit zwanzig bis dreißig und mehr Stockwerken sind keine Seltenheit. Inzwischen ist vielerorts der Wohnungshochbau per Erlaß vorgeschrieben, um die Überbauung von Ackerland einzugrenzen. Bereits heute ist es dem chinesischen Siedlungsbau zumindest in aussage­ fähigen Ansätzen gelungen, den modernen Zeilenbau – und damit die hygienischen Anliegen der Charta von Athen – mit einer ansprechenden Wohnumfeldgestaltung zu verbinden: den seriellen sozialistischen Plattenbau mit dem vielfältig und variabel gestalteten Wohnhochhaus, den orthogonal-starren Grundriß der modernen Wohnsiedlung mit dem organischen Grundriß einer Stadt im Grünen, die Wohnzeile mit dem kommerziellen Blockrand, die Monostruktur mit einer funktional vielfältigen Rahmung. Die trostlosen fordistischen Quartiere mit ihrer rein funktio­ nalistischen Struktur, ihren wie festgefroren wirkenden Zeilen sind dabei in Bewegung geraten, die Zeilenbauten begannen zu schwingen, die Punkt54

‚Tanzende Punkte‘ im Stadtzentrum von Shanghai

bauten zu tanzen. Schon am Aufstieg Japans, Koreas und Taiwans konnte der Westen lernen, daß das Kopieren und Nachahmen weder ein ostasia­ tischer Volkscharakter noch eine Einbahnstraße ist, sondern ein Stadium im Prozeß nachholender Entwicklung. Der Städtebau dürfte zu jenen Bereichen zählen, in denen China zuerst das Stadium des Nachholens hinter sich läßt. Und es gibt Anlaß zu der Vermutung, daß dies bereits geschehen ist – selbstverständlich mit kräftiger Unterstützung der für die chinesische Stadtentwicklung wichtigen Leitbilder Hongkong und Singapur.40 Bleibt zusammenfassend zu sagen, daß China das Erbe des Fordismus angetreten hat – der chinesische Siedlungsbau der schwingenden Zeilen und tanzenden Punkte hat ihn allerdings überwunden, indem er ihn postfordistisch fortentwickelte.41 Es dürfte nicht mehr allzu lange dauern, und China könnte mit seiner Form der Quartiersplanung in einer sich drama­ tisch verstädternden Welt eine Rolle als städtebauliches Vorbild übernehmen. In den megaurbanen Landschaften des Pearl-River-Delta, des Yang Zi Jiang-Delta, der Metropolregion Beijing-Tianjin, der Nordachse von Dalian über Shenyang, Changchun bis Harbin und entlang des Yang Zi Jiang werden bereits heute jene räumlichen Siedlungsmodelle entworfen und realisiert, die für die Zukunft hoch verdichteter, vertikaler und zugleich lebenswerter Megastädte Lösungen anbieten. Da in der chinesischen Tradition Armut traditionell negativ stigma­tisiert ist, richtet sich die städtebauliche Kreativität weitgehend auf die wachsende Mittelschicht aus. Darin unterscheidet sich das konfuzianisch geprägte China beispielsweise deutlich vom katholischen Lateinamerika, wo Armut 55

gesellschaftlich als weit weniger anstößig bewertet wird. Die soziale Akzeptanz von Armut liefert hier einen Grund für die erhöhte Aufmerksamkeit, die die entsprechenden Bevölkerungsgruppen auch von Architekten und Städtebauern erfahren. In China setzt man auf soziale Aufwärtsmobilität und verschwendet eher wenig Gedanken auf den Umgang mit den Siedlungsgebieten der armen Bevölkerungsschichten. Das muß nicht so bleiben. Doch fällt auf, daß in Lateinamerika die Formalisierung und Aufwertung von informellen Siedlungen (Favelas), die Weiter­entwicklung des sozialen Wohnungsbaus und des Wohnens für Arme einen dauer­haften Schwerpunkt urbanistischer Theorie und Praxis bilden.

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4  Der abgeschlossene Stadtraum

Verriegelte Nachbarschaften Exklusion ist ein Schlüsselwort im Text der heutigen chinesischen Stadt. Denn diese ist eine verriegelte, aus allgegenwärtigen Mauern, Zäunen und Toren bestehende Stadt, eine zellulare Landschaft aus gegeneinander abgeschotteten Teilräumen: gewerblichen Räumen (zum Beispiel Industrieparks und Hotelanlagen), öffentlichen Einrichtungen (zum Beispiel Gerichtsgebäude, Stadtverwaltungen und Ämter aller Art), Bildungseinrichtungen (zum Beispiel Schulen, Universitäten), sozialen Einrichtungen (zum Beispiel Krankenhäuser) – und Wohnquartieren.42 In den Großstädten des heutigen China sind Wohnsiedlungen nahezu durchgängig abgeschlossen. Angesichts der Tatsache, daß das chinesische Wort für Wohnquartier (zhù zhái xiăo qū) mit ‚abgeschlossener Nachbarschaft‘ übersetzt werden muß, ist dies auch kaum verwunderlich. Abriegelung wird bei dem Wort Nachbarschaft oder Wohnquartier immer schon mitgedacht – und in der Verwirklichung der Wohneinheiten materialisiert.43 In gewissem Sinne handelt es sich bei abgeriegelten Nachbarschaf-

Erschließungsstraße im Hutong, Beijing

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ten um Dörfer in der Stadt, um rurale Elemente, aus denen die chinesische Stadt zusammengesetzt ist. „Räumlich sind die MRDs [die geschlossenen Wohnquartiere – D. H.] genau definierte Gebiete“, schreibt Barbara Münch, „die nicht nur durch Mauern, Zäune oder Gebäude begrenzt werden, sondern auch durch Straßen und Grünflächen bewußt einen insularen Charakter bekommen. Wie schon die Hofhäuser und die alten Danweis, zeichnen auch die modernen Wohngebiete nicht nur genaue Grenzen, sondern auch die klare Trennung von Innen und Außen aus. Folglich ist ihr inneres Erschließungssystem nicht Teil des städtischen Verkehrssystems. Außerdem gibt es immer einen Kern, sei es eine Schule, ein Kulturzentrum oder nur eine große Rasenfläche, welcher symbolisch Innen von Außen unterscheidet.“ (Münch 2004, 45) Vor diesem Hintergrund können die folgenden Zahlen auch nicht überraschen: „Chinese suburbs are becoming ‚gated suburbia‘, ranging from luxury gated compounds to more ‚ordinary‘ commodity housing estates. From 1991 to 2000, about 83% of Shanghai’s residential areas have been gated. In the same period, in Guangdong, 54.000 communities became gated, covering 70% of residential area and 80% of population […].“ (Wu, Fulong 2006, 1) Seit der dieser Veröffentlichung zugrunde liegenden Erhebung dürfte sich der Grad der Verriegelung noch deutlich erhöht haben.44 Die Wohnquartiere sind jedoch nicht nur räumlich durch Mauern, Zäune, kommerzielle Gebäudezeilen und so weiter abgeriegelt, sie sind auch sozial exklusiv organisiert. So ist jedes Wohnquartier gesetzlich zur Bildung eines Nachbarschaftskomitees verpflichtet (Lü Junhua, Shao Lei 2001, 270f). Diese Komitees sind aus Vertreterinnen und Vertretern so­genannter Wohn- beziehungsweise Hausgruppen zusammengesetzt, in der Regel vier oder fünf Personen. Ihre Aufgabe besteht darin, das Quartiersmanage­ ment bei der Gewährleistung der Sicherheit, der Sauberkeit und Inte­ grität der ‚öffentlichen‘ Anlagen zu unterstützen.45 Die Hausgruppen sind durch das interne Erschließungssystem und durch Grünanlagen voneinander getrennt und auf diese Weise deutlich im Raum identifizierbar. Da sie sich um den Innenhof des Quartiers gruppieren, spricht man auch von einer Struktur der ‚vier Gerichte und eine Suppe‘ (Vgl. Lü Junhua, Shao Lei 2001, 271). Die heutige chinesische Stadt ist allerdings auch eine aufgeschlossene Stadt.46 Sie bietet entriegelte Bereiche, verfügt über allgemein zugängliche, offene Räume. Nahezu alles, was Handel und Dienstleistungen betrifft, befindet sich in diesem offenen Bereich. Da vor allem die Straßen und Plätze 58

in den Stadtzentren und Subzentren zu den aufgeschlossenen Räumen gehören, durchziehen diese die abgeschlossene Stadt wie Stamm und Äste einen dicht belaubten Baum. In den offenen Räumen vollzieht sich die Interaktion der Wirtschaftssubjekte. Diese werden damit zum räumlichen Ausgangspunkt der Formierung einer chinesischen bürger­lichen Gesellschaft der Zukunft. Aus urbanistischer Sicht ist die offene Stadt als große Errungenschaft der jüngeren chinesischen Geschichte zu bewerten. Die chinesische Stadt, einst eher Kafkas Schloß verwandt, wurde in einem über einhundert Jahre dauernden Prozeß, der bereits im späten Kaiserreich einsetzte, immer durchlässiger, offener – und damit städtischer. Exklusiv ist das Wohnen, inklusiv der Handel. Der abgeschlossene und der aufgeschlossene Raum sind die beiden bestimmenden Raumelemente der ge­genwärtigen chinesischen Stadt, sozusagen ihr binärer Code. Im folgenden wenden wir uns diesen beiden Aspekten zu, zuerst der abgeschlos­senen chine­ sischen Stadt, der Blätterkrone, und sodann der aufgeschlossenen Stadt, dem Stamm und den sich in alle Richtungen verzweigenden Ästen.47 In der Praxis des Abriegelns überlagern sich mehrere Einflüsse, histo­rische und aktuelle. Zunächst zu den historischen Gründen: Entschiedener noch als die gegenwärtige Stadt war die kaiserliche Stadt ein Gebilde aus allgegenwärtigen Mauern, ein hierarchisch geordnetes, entlang sozialer Strati segregiertes, zelluläres Gebilde aus Familien- und Nachbarschaftseinheiten mit ausgeprägten ‚Zellmembranen‘. Wir können in diesem System die räumliche Repräsentation eines auf konfuzianisch geprägter Familienmoral aufruhenden ‚hypermoralischen‘ Systems identifizieren. Jede der weiter oben beschriebenen Stufen im hierarchischen System von Familie – Nachbarschaft – Quartier – Bezirk wurde durch Mauern von der jeweils übergeordneten Stufe getrennt. Die Quartiere (Ling) wurden, wie die Stadt selbst, nachts abgeschlossen. Je nach Rang der Stadt konnten der äußeren Stadtmauer weitere innere Stadtmauern folgen. Dabei repräsentierte jede Mauer die kaiserliche Ordnung. Je länger die Stadtmauer, und je größer ihre Zahl, desto bedeutender die Stadt und desto höher ihr Rang in der Hierarchie des Staates. In dieser Bestimmung unterscheidet sich die historische chinesische Stadt deutlich von der alten europäischen Stadt, deren Mauern in der Regel einen eigenständigen Rechtsbezirk anzeigten, oft auch völlige Unabhängigkeit von feudaler Autorität. In dieser mehr oder weniger ausgeprägten Autonomie der alten Stadt sind die geschichtlichen Wurzeln für die heutige Rechtsstellung als Gebietskörperschaft und die damit einhergehende Planungshoheit zu sehen. 59

Stadtmauer von Xi’an (Ming-Dynastie)

Vergleichbares hat es im kaiserlichen China nicht gegeben. „Chinese cities were never corporate entities with their own legislative bodies […]“ (Friedmann 2005, 95) Da aufgrund der Größe und des Bevölkerungsreichtums des Landes die lokale Administration sich vor wachsende Schwierigkeiten gestellt sah, habe sich, so Friedmann, eine Regierung des „gnädigen Wegsehens“ (benign neglect) herausgebildet, welche die Politik lokaler Wohlfahrt lokalen Eliten überließ – abgesehen von Aufgaben wie der Durchführung öffentlicher Bauprojekte oder des beschwerlichen Eintreibens von Steuern (Friedmann 2005, 7f ). Was das Ausmaß der Abgeschlossenheit betrifft, wurde die kaiserliche Hauptstadt Beijing von keiner anderen Stadt in China übertroffen, allenfalls vom historischen Chang’an (Xi’an). Beijing setzte sich aus vier hierar­ chisch gegliederten, von Mauern eingehegten Teilstädten zusammen: der Palaststadt (die in sich selbst wiederum hierarchisch strukturierte ‚Verbotene Stadt‘), der Kaiserstadt, der Hauptstadt und der Südstadt (als rea­ lisiertem Teil einer ursprünglich geplanten äußeren Stadt). Die Verbotene Stadt war als kaiserliches Domizil für Normalsterbliche unerreichbar. Vergleich bares galt auch für die massiv ummauerte und schwer bewachte, konzentrisch angelegte Kaiserstadt, die so etwas wie ein Regierungsviertel war und von gewöhnlichen Bürgern ohne hoheitliche Genehmigung nicht 60

betreten werden konnte. Die neun Tore der dritten, ebenfalls konzentrisch um die Kaiserstadt gebauten und mit 12 m hohen Mauern gesicherten Hauptstadt wurden nachts abgeschlossen – wie alle übrigen Mauern auch. Die vierte Stadt schließlich, ein Fragment der unfertig gebliebenen vierten konzentrischen Stadt, hatte die Funktion einer Schnittstelle nach außen, zum Land. Auch sie war selbstverständlich ummauert und bewacht. Stadtmauern sind in Beijing und anderswo zur Zeit Maos als Symbole der als feudalistisch inkriminierten Herrschaft des Kaisers weitgehend ab­gerissen und aus dem Stadtbild entfernt worden. Geblieben sind jedoch die abgeschlossenen Wohnsiedlungen – zunächst in der Form abgeschlossener Produktionseinheiten, der sogenannten Danwei und darauf folgend in den Nachbarschaften der neuen Mittelklassen. Bei den Danwei handelte es sich um städtische Versionen ländlicher Produktionsgenossenschaften. Als ummauerte und introverse Zellen kehrten sie dem offenen Stadtraum gleichsam den Rücken zu. Darin brachten sie zum Ausdruck, daß der städtische Straßen- beziehungsweise Verkehrsraum kein öffentlicher Raum ist. Mit den Danwei wurde versucht, die räum­ liche Einheit von Leben und Arbeiten zu verwirklichen.48 So integrierten diese Produktionsgenossenschaften Wohnung, Arbeitsplatz, Kindergarten, Schule, Gesundheitszentrum und Freizeiteinrichtungen: „Das chinesische Konzept sah vor, daß die Bewohner sich innerhalb ihres dayuan, der städtebaulichen Gebietseinheit der danwei, komplett versorgen konnten, so daß sie diese eigentlich nicht verlassen mußten. […] Das bedeutete, daß die Städte weiter additiv in ummauerten Einheiten wuchsen, die für ihre Mitglieder nicht nur Ersatzkollektiv waren, sondern ihnen auch neue territoriale Zusammengehörigkeiten anboten.“ (Münch 2004, 44f ) Seit Anfang der neunziger Jahre, das heißt im Zuge der allgemeinen wirtschaftlichen Öffnung Chinas wurden die Danwei allerdings nach und nach aufgelöst. Als Institutionen des gesellschaftlichen Lebens waren sie bereits vor der Jahrtausendwende verschwunden. An ihre Stelle sind nun ,compounds‘ getreten. Der Blick auf die Danwei erlaubt die Aussage, daß sich in der aktuellen Praxis des Siedlungsbaus die alte Tradition der abgeschlossenen Quartiere ohne nennenswerte historische Unterbrechung fortsetzt. In China werden gegenwärtig ausschließlich abgeschlossene Wohnsiedlungen geplant, gebaut und vermarktet. So ist die mit Mauer und Tor gesicherte Wohnsiedlung in China auch heute Norm – und nicht, wie etwa in Westeuropa, belanglose Ausnahme. Es gibt vermutlich weltweit keine Großstädte mit vergleichbarer Barrieredichte wie im Land der Verbotenen Stadt. 61

Die Wohnquartiere sind durch Mauern, eiserne Zäune, Hecken und dergleichen mehr vollständig abgeriegelt, oft noch zusätzlich durch Video­ kameras, Infrarotmeldesysteme und vergleichbare Sicherheitstechnik gesichert. Die Eingänge zur Siedlung gleichen mit ihren Schlagbäumen, ihrem militärisch gekleideten Wachpersonal, ihren Wach- und Schilderhäuschen Kasernenzufahrten. Das Erschließungssystem der Nachbarschaften ist dadurch vollständig von demjenigen des offenen Stadtraums abgetrennt. Doch was sich so martialisch darbietet, ist dies nicht unbedingt: „[…] the level of security control varies. According to a nationwide survey of community management in 2005, only one third of residential areas are strictly controlled. About 4.3% allows only homeowners to get in; about 26.3% have strict control and require no-owners to register; and 37.6% only have nominal control, and others had very loose gate control […]“ (Wu, Fulong, 2006) Die hier genannten Daten lassen eine gewisse Gelassenheit im Umgang mit der Bewachung der Quartiere vermuten. Und tatsächlich, die ‚compounds‘ sind häufig sehr viel offener, als sie auf den ersten Blick erscheinen. Nicht selten werden Wohnungen für gewerbliche Aktivitäten zweckentfremdet, Wäschereien, Krämerläden und Maklerbüros finden sich innerhalb der Nachbarschaft in für solche Geschäfte eigens vorgesehenen Parterreateliers. Wohnungskäufer vermieten entweder zur Überbrückung der Zeit bis zum eigenen Einzug oder bis zur Weiterveräußerung gern ihre im Rohbauzustand befindliche Wohnung an Wanderarbeiter – ohne dadurch

Tor zu einer Nachbarschaft, Shanghai

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erkennbaren Unmut bei Nachbarn oder beim Quartiers­management zu verursachen. Besucher werden vom Wachpersonal freundlich begrüßt, und Autos wird ohne besondere Kontrolle Einfahrt gewährt. Allerdings wird das Kennzeichen zusammen mit der Uhrzeit vermerkt; denn viele Nachbarschaftsordnungen erlauben das freie Parken nur für begrenzte Zeit. Fragt man nach den Hintergründen für diese Durchlässigkeit, dann bieten sich die Danwei mit ihren funktionsintegrierten Strukturen als Ahnen der heutigen geschlossenen Nachbarschaften (zhù zhái xiăo qū) an. Folgt man Münch, dann scheint sich dieser überkommene Einfluß allerdings allmählich zu verflüchtigen: Geschlossene Nachbarschaften würden sich allmählich in reine Wohnquartiere verwandeln, darin würden sie sich den westlichen beziehungsweise amerikanischen ‚gated communities‘ an­nähern. Allerdings gebe es wichtige Unterschiede zu konstatieren: So sei die chine­ sische geschlossene Nachbarschaft historisch gewachsen und würde von allen Bevölkerungsschichten nicht nur akzeptiert, sondern als Lebensform geteilt. Anders ausgedrückt: Die chinesische geschlossene Nachbarschaft an und für sich denotiert keine Segregationstendenzen. Ganz anders in den Vereinigten Staaten, wo ‚gated communities‘ als räumliche Antwort auf wachsende Polarisierung und damit einhergehende Spannungen in einer einst räumlich offenen Gesellschaft zu werten seien. Während sich in China die Wohnquartiere zudem funktional spezialisierten und dabei viele Nutzungen in den offenen Stadtraum auslagerten, gehe der Trend in den USA in die umgekehrte Richtung: Immer mehr Funktionen wandern in exklusive Räume ein (Münch 2004, 47; ähnlich auch Kögel 2004b). Die vielfach zu beobachtende Durchlässigkeit der Grenzen der Wohnquartiere könnte allerdings auch auf die symbolische Natur der Verriegelung verweisen. Die Abriegelung scheint sich in einigen Fällen zu einer Form verselbständigt zu haben, die sich gegen ihren Inhalt, nämlich Sicherheit und Kontrolle zu garantieren, verselbständigt hat. Inzwischen wirken manche abgeschlossenen Nachbarschaften nur noch wie Parodien ihrer historischen Vorläuferinnen. Fulong Wu kommentiert dies lapidar mit dem Satz: „Despite a gate, security is not a concern.“ (Wu, Fulong 2006) Die geschlossene Wohnsiedlung ist aus den hier dargelegten historischen Gründen in China selbstverständlich, darum unhinterfragt und insofern auch alternativlos. Gleichwohl können Einflüsse der nordamerikanischen ‚gated community‘ auf die chinesische geschlossene Nachbarschaft nicht ausgeschlossen werden. Medium dieses Einflusses dürfte der in China allseits bewunderte us-amerikanische Lebensstil sein – und zu diesem scheint in der Perspektive der chinesischen Mittel- und Luxusklasse auch die 63

‚gated community‘ zu zählen. Die Vereinigten Staaten, so heißt es immer wieder, sind als Nation erfolgreich. Um selbst erfolgreich zu sein, empfiehlt es sich, ihrem Vorbild zu folgen. Wenn demnach erfolgreiche Amerikaner in ‚gated communities‘ leben, dann könne es so falsch nicht sein, selbst in einer geschlossenen Nachbarschaft zu wohnen. Der Aussage eines chinesischen Planers zufolge gibt es weitere Gründe für die Nachhaltigkeit der geschlossenen Nachbarschaft in China. Diese Form entspreche den Wünschen der staatlichen und privaten Entwickler (,developer‘) in mehrfacher Hinsicht. Zum einen paßt das Format auf die Baufelder, das heißt auf die Blöcke, die sich bei der Baulanderschließung ergeben. Hinzu kommt, daß jedes Quartier aus Gründen der erfolgreichen Vermarktung die Handschrift des Entwicklers aufweisen und mit Alleinstellungsmerkmalen ausgestattet sein sollte. Jedes Quartier erhalte so den Status eines Produkts mit einer Art Markenidentität, die zugleich ein Zugehörigkeitsangebot an die Quartiersbewohner ist. Auf diese Weise ergibt sich die Gleichung ein Block = ein Quartier = eine Marke = eine Identität. Um die Sonderstellung des Quartiers angemessen zu inszenieren, sei Unverwechselbarkeit gefordert. Und um diese zu gewährleisten, sei die Abriegelung gegen die Umwelt ebenso hilfreich wie das ‚branding‘ durch repetitive Dekorationen, Farbgebung, architektonische ‚Handschrif­ten‘ oder durch einheitliche Dachverzierungen. In dem Term ‚Abriegelung gegen die Umwelt‘ schwingt jedoch noch etwas anderes, vermutlich viel Entscheidenderes mit. Es geht um das Wort

‚Essen ist das Himmelreich…‘, Fushun

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Umwelt, das hier auf den offenen, außerhalb des Quartiers befind­lichen Stadtraum verweist. Dieser ist der chinesischen ‚Seele‘ bis heute eher gleichgültig, ja sogar fremd geblieben. Im Horizont seines von Familie und Verwandtschaft zutiefst geprägten Weltverständnisses kommt der offene Raum bestenfalls als Funktionsraum vor, als ein Raum, der im Schatten der gemeinschaftsgeprägten chinesischen Lebensweise liegt. Er wird durchschritten, durchfahren, über-wunden, um am Ende dorthin zu gelangen, wo alles Wichtige geschieht: zur Familie, zu den Verwandten und Freunden, am besten bei einem guten Essen. Denn Essen ist das Himmelreich. Eine Anmerkung noch zu den Villennachbarschaften, deren serieller Luxus dem westlichen Beobachter die Sprache verschlagen kann: Europäer sind es gewohnt, die Villen ihrer Mittel- und Luxusklassen mit freistehenden Unikaten zu identifizieren. Sie lesen diese als Zuhause des wohlhabenden Bürgertums, als Villen, die mittels der Singularität ihrer jeweiligen Architektursprache Persönlichkeit, Individualität und Eigenständigkeit bekunden. Obschon zu Villenvierteln in topographisch und klimatisch bevorzugten Lagen konzentriert, formieren sich die einzelnen Gebäude kaum zu nachbarschaftlichen Gefügen. Räumlich dominiert die Zurschaustellung des Ich die Denotationen eines auf geteiltem Lebensstil gegründeten nachbarschaftlichen Wir. Ganz anders chinesische Villenquartiere: Hier sind zahlreiche, gelegentlich sogar bis zu einhundert und mehr nahezu identische Villen in ausgeborgten oder fiktiven ‚Stilen‘ (toskanisch, englisch, nordisch, spanisch,

Serieller Villen-Neubau, Qingdao

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märchenhaft und so weiter) mit teurer Anmutung in repetitiver Formation wie Soldaten auf dem Kasernenhof angeordnet. Das einzige, das sie gelegentlich nach außen hin unterscheidet, ist die Farbe des Daches oder Farbe und Stil der Vorhänge. Hinzu kommt, daß sie, darin den Gebäuden in abgeschlossenen vertikalen Nachbarschaftsblöcken gleichgestellt, von keinen individuellen, zum Haus gehörigen Hecken oder Zäunen umgeben sind, sondern, wie Zeilen- und Punktbauten im ‚Abstandsgrün‘, völlig frei und offen auf der Wiese stehen. Denn die Sicherheit ist hier auf Basis des Nachbarschaftskollektivs organisiert. Der europäische Betrachter ist es demgegenüber gewohnt, den Luxus einer teuren europäischen Villa durch eine individuell gestaltete Umfriedung demonstrativ geschützt zu sehen. Bei Münch finden wir einen Hinweis auf die Hintergründe dieser seltsamen chinesischen Anspruchslosigkeit: Zwar habe sich, schreibt Münch, in den neuen geschlossenen Nachbarschaften die „typologische Form […] radikal verändert, doch besteht eine gewisse Kontinuität in der architektonischen Bedeutung des Einzelbaus: Heute wie zu kaiserlichen und maoistischen Zeiten sind sie keine architektonischen Einzelentwürfe, sondern Baukörper, die innerhalb eines MRD [Micro Residential District, das heißt einer geschlossenen Nachbarschaft, D. H.] als exakte Kopien vielfach nebeneinander gestellt werden“ (Münch 2004, 45). In der Serialität heutiger Wohnbauten perpe­ tuiert sich nicht bloß die Praxis des fordistischen Siedlungsbaus, sondern zugleich die uralte Tradition der semiurbanen, halb dörflichen, halb städtischen Hofhausteppiche (etwa die Hutongs von Beijing). Auch hier also wieder das Spiel von Exklusion und Inklusion. Die chinesische Mittelklassefamilie demonstriert ihren Wohlstand in Gemeinschaft, in der Zugehörigkeit zu einem Kollektiv, das eine exklusive Nachbarschaft bewohnt. Als Zeichen unterstützen die Villenreplikate genau diesen Wunsch. In China reimt sich auch Wohlstand auf Kollektiv und Gemeinschaft. Ganz anders im Westen, wo die Villa Individualismus – und darin Distinktion – signalisiert, sich gegen andere Villen durch Eigenart, Zaun und Hecke abgrenzt. Der städtisch-offene Villenvorort des Westens steht der dörflich-geschlossenen Villennachbarschaft Chinas diametral gegenüber. In der chinesischen Luxusnachbarschaft erkennen wir das Habitat eines konfuzianisch geprägten Protobürgertums.

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Introverse Nachbarschaftshöfe Für das Verständnis der gegenwärtigen Produktion des chinesischen Stadtraumes ist der Begriff der ‚Introversion‘ unverzichtbar. Er ist ein sozial­ räumlicher Schlüsselbegriff par excellence. Das Adjektiv ‚introvertiert‘ bedeutet so viel wie nach innen gerichtet beziehungsweise in sich gekehrt. Aufgrund der starken psychologischen Konnotationen in der Verwendung des Wortes ziehen wir hier, wo es um die Betrachtung räumlicher Phänomene geht, das Adjektiv ‚introvers‘ vor.49 Den nach innen orientierten, in sich gekehrten Raum bezeichnen wir daher als introversen Raum. In der Architektur und im Städtebau spielen introverse Räume beziehungsweise Introversion als räumliche Praxis immer schon eine große Rolle. Introverse Räume, zum Beispiel Hofhäuser, denotieren Gemeinschaft beziehungsweise eine von einem Gemeinschaftsethos bestimmte Lebensweise. Dies gilt dann, wenn das Hofhaus eine vorherrschende, das Habitat bestimmende Wohnform bildet. Dies war im historischen China der Kaiser­zeit so, es blieb dabei in Gestalt der Danwei während der kommunistischen Modernisierung und es ist heute immer noch so: nunmehr in Gestalt des geschlossenen Wohnquartiers mit Nachbarschaftshof. Es kann so gesehen nicht überraschen, wenn nach einem Hinweis von Lü Junhua und Shao Lei der chinesische Bauminister erst vor wenigen Jahren anläßlich eines Pilotprojektes in Kunming die Stärkung des Konzeptes des Innenhofes gefordert habe.50

Nachbarschaftshof, Yangpu-Distrikt, Shanghai

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Die puristische Umsetzung der Charta von Athen gehört in China der Vergangenheit an, allem Festhalten an strikter Orientierung zum Trotz. Seit der Öffnung des Landes hat eine beachtliche Weiterentwicklung des Fordismus stattgefunden. Aus dem rationalistisch geprägten sozialen, sozia­listischen oder kollektivistischen Siedlungsbau wurde die ebenso pitto­reske wie ver­ tikale Nachbarschaft der schwingenden Zeilen und tanzenden Punkte. Diese Transformation geht einher mit der teils abrupten, teils allmählichen (endogenen) Auflösung der vormaligen Produktionsgenossenschaften chinesischen Typs (Danwei), welche die fordistischen Siedlungen zu sozialräum­ lichen Gemeinschaften integrierten. Sie beruht allerdings auch auf exogenen Einflüssen, insbesondere aus Ostasien, etwa aus Hongkong, Taiwan und Singapur, die seit der Öffnung des Landes Leitbilder, Moden und stilistische Anregungen (nicht nur) für den Siedlungsbau liefern. Die Anordnung der Wohngebäude zeigt eine aufgelockerte, sich organischen oder auch figurativen (beliebt vor allen Dingen die Formen des Fisches, der Schildkröte oder der Schlange) Grundstrukturen fügende Variante des vorzugsweise nach Süden ausgerichteten Zeilen- und Punktbaus. Ebenso lassen sich moderat bis extrem eklektische Entwürfe finden. Wir erachten diese Formen für postfordistische Weiterentwicklungen des fordistischen Zeilen- und Punktbaus. Ergänzt wird diese Lockerung der Grundrisse durch Entwicklungen wie die stufenförmige Anordnung von Gebäudezeilen und die Kultivierung von Dachaufbauten. Die spektakulärste Weiterentwicklung des modernen Siedlungsbaus in China ist zweifelsfrei der Nachbarschaftshof. Kein aktuelles Siedlungsbauprojekt mag auf diesen verzichten, hat er sich doch längst als Verkaufsschlager erwiesen. Beim Nachbarschaftshof handelt es sich um einen im Wohnquartier zentral gelegenen, reich möblierten und dekorativ aus­ gestatteten Grünraum, von der kreisrunden Blumenrabatte mit Brunnen bis zur veritablen Parkanlage. Die Wohngebäude des Quartiers sind, zu Gruppen geordnet, in mehreren immer westöstlich ausgerichteten Schichten um diesen Innenraum gebaut. Das zentrale Grün dringt dabei oft finger­artig in die Abstandsflächen, die sich gelegentlich fischbauch­ artig erweitern, um einem Kulturzentrum, gelegentlich auch einer Schule, immer jedoch Lauben, Kinderspielplätzen, Fitneßgeräten oder einfach nur Bänken Platz zu geben. In ambitionierten Mittelklassequartieren entdecken wir nicht selten gro­ße Innenhöfe, die, Landschaftsgärten vergleichbar, üppig mit Wasser- und Grünflächen, segelbespannten Pavillons, berankten Lauben, protzigen Brunnen und Sitzbänken, Wasserspielen, Brücken und Stegen, ge­legentlich 68

sogar mit Restaurants ausgestattet sind. Die Gestaltung beruht in der Regel auf einer eklektischen Mischung aus Konzepten des eng­lischen, franzö­ sischen und chinesischen Gartens, ergänzt durch eine Auswahl dekorativ eingesetzter Elemente aus dem stilistischen Repertoire von Moderne und Postmoderne. Auf den ersten Blick haben die Nachbarschaftsgärten, hierin den öffentlichen Parks vergleichbar, mit der traditionellen chinesischen Garten­ kultur wenig zu tun. Es dominiert ein gefälliges Design, dessen ikonographischer Ansatz sich am besten als Mischung aus gezähmtem Barock und dekorativ geglätteter organischer Landschaftsarchitektur beschreiben läßt. Dem Barock sind die Zähne des Machtausdrucks gezogen, während die Künstlichkeit arabesk gestalteter Gartenanlagen ins Auge fällt. Von Chine­sischem Garten kaum eine Spur, sieht man von einigen endemischen Gewächsen und wenigen belanglosen Zitaten ab, etwa den Schnitt von Bäumen und Sträuchern oder die gelegentliche Verwendung von zerklüftetem Gestein betreffend. Doch auch hier trügt wieder einmal der Schein. Es ist etwas geblieben, nämlich der in ‚westlicher‘ Betrachtung ungewöhnlich hohe Versiegelungsgrad der Grünanlagen, den wir bereits an den Nachbarschafts- und Gemeindeparks beobachteten. Die ausgiebige Nutzung von Stein und die reiche Ausstattung mit dekorativen Kleinbauten aller Art (Tempelchen, Galerien, Lauben, Sommerhäuschen und so weiter) ist beim klassischen Chinesischen Garten ein Apriori der Gestaltung. Denn diese Elemente

Nachbarschaftshof, Pudong-Distrikt, Shanghai

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sind ein unverzichtbares Material einer harmonischen, ein ausbalanciertes Verhältnis von Künstlichkeit (Kultur) und Lebendigkeit (Natur) anstrebenden Inszenierung. Demgegenüber wirkt die Ästhetik der heutigen Nachbarschaftsgärten eher anspruchslos. Denn bei den aktuellen Wohnquartieren haben wir es nicht mehr mit Gebirgsminiaturen oder steinernen Gartenlandschaften, mit Sommerpavillons und geschützten Meditations- und Kontem­plationsräumen unter ehrwürdigen Bäumen zu tun. Hier geht es vielmehr um asphaltierte und betonierte, mit Platten und Steinen aller Art belegte Wege, Plätze, hölzerne Stege und vielerlei Art von Unterständen, umstellt von schnell wachsendem und pflegeleichtem Blattgewächs. Das Maß an Versiegelung nimmt gelegentlich einen Grad an, der den zentral gelegenen Nachbarschaftspark beziehungsweise -hof eher als einen städtischen Platz erscheinen läßt. Hierin äußert sich nicht allein eine für die chinesische Produktion des Raums eigentümliche Harmonisierung von Unterschieden, eine als typisch zu charakterisierende Verschwommenheit bei der Unterscheidung von Platz und Park, sondern auch die bereits thematisierte Unschärfe in der Bestimmung von Funktion und Form des städtischen öffentlichen beziehungsweise offenen Raums. Formal betrachtet sind Nachbarschaftshöfe halböffentliche Räume. Sie stehen den Quartierbewohnern und ihren Gästen exklusiv zur Verfügung. Die Bewohner zahlen beim Erwerb ihrer Wohnung51 auch anteilig für die Grünanlagen und sie müssen fortlaufend Gebühren für deren Unterhalt und Pflege aufbringen – in der Regel verknüpft mit den Aufwendungen für die Sicherheitsdienste. Typologisch repräsentieren die Nachbarschaftshöfe die Tradition der chine­sischen Introversion. Was früher einmal das Hofhaus (Sìhéyuàn) war, ist nun das Wohnquartier. Aus dem Innenhof des einst familiären Anwesens bildet sich nun der halbprivate Nachbarschaftshof. Heute wird in China kaum noch ein neuer ‚compound‘ ohne dieses zentrale Raum­ element gebaut – schon aus Gründen der Vermarktung. Die Kunden aus der aufblühenden chinesischen Mittelklasse haben diese pittoreske Form der Introversion ebenso verinnerlicht wie die Architekten, die diese Siedlungen entwerfen und die Lehrer, die sie das entsprechende Design lehren. Dem Innenhof wird alles gegeben, dem öffentlichen Raum, der Straße, wird eher die kalte Schulter gezeigt – von der ständig wachsenden Zahl von Ausnahmen einmal abgesehen. In Gestalt von zentral angelegten Park- und Freizeitanlagen, Kinderspielplätzen, Wasserflächen und Brunnen perpetuiert sich die (nur anscheinend 70

im Verschwinden begriffene) Praxis introverser Raumgestaltung. Zwar gibt es in der modernen Nachbarschaftsgestaltung für das nordchinesische Hofhaus (Sìhéyuàn) beziehungsweise für dessen zentral- und süd­ chinesische Varianten keine Pendants mehr, doch hat das Wohnquartier als Ganzes das Erbe des Innenhofs – und mit ihm die Binnenorientierung – angetreten. Aus dem einstigen Familienhof entwickelte sich so der halb­ öffentliche Nachbarschaftshof als eigenständige städtische Raumfigur. Vermutlich würde eine empirische Erhebung in den neuen Mittelklassequartieren die Bahrdt’sche Theorie der „unvollständigen Integration“ verifizieren können. Anonymität und Vereinsamung sind in den städtischen Dörfern des modernen China keine Fremdworte, genauso wenig wie translokale Formen der sozialen Integration mittels moderner Kommunikationstechnologie und automobiler Mobilität unbekannte Praktiken sind. Andererseits scheinen abgeschlossene Nachbarschaften im Vergleich zu offenen Stadtrandsiedlungen europäischen Typs über eine sehr viel ausgeprägtere soziale Integrationskraft zu verfügen. In vielen ‚compounds‘ bildet sich tatsächlich so etwas wie eine gelebte nachbarschaftliche Identität – und dies trotz der sehr hohen Fluktuation.52 Die bereits erwähnten Nachbarschaftskomitees dürften dabei eine wichtige Rolle spielen.

Erschließungsweg, Xing Cheng

Familienhöfe, Xing Cheng

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Die baulichen Annehmlichkeiten der Nachbarschaftshöfe werden, wo es sie gibt, angenommen und stark frequentiert. Man trifft sich, unterhält sich, spielt und treibt miteinander Sportübungen. Es gibt zahlreiche Taixi-Gruppen und gelegentlich trifft man sich auch zum Musizieren oder zum Tanz auf geeigneten Flächen des Nachbarschaftshofs. Gründe für die beobachtbare soziale Kohärenz mögen die Qualität des räumlichen Angebots sein, die soziale Homogenität der Bewohner, die durch zahlreiche Maßnahmen gestützte Gruppenidentität der Nachbarschaften und, nicht zu unterschätzen, die Tradition des Zusammenhalts in Nachbarschaft und Quartier. Es sollte insofern außer mit der im Zentrum sozialer Identität stehenden Familie noch mit weiteren Gemeinschaftsidentitäten gerechnet werden, mit Wir-Identitäten, die sich, Zwiebelringen gleich, um die Familienidentität legen: ein Nachbarschafts-Wir, ein Freundschafts-Wir (guanxi), ein lokales und ein, über eine geteilte Kultur integriertes nationales Wir. Dach- und Lichtskulpturen Unübersehbar spielen auffällige, manchmal aufdringliche, nicht selten spektakuläre Dachaufbauten in den ‚compounds‘ der neuen Mittelschicht eine überraschend große Rolle. Die symbolische Bedeutung der dekora­ tiven Dachaufbauten wird durch deren häufig farbige nächtliche Beleuchtung zusätzlich unterstrichen. Erstaunt betrachtet insbesondere der westliche Besucher die mit eklektischem Dekor überladenen und nachts meist vielfarbig beleuchteten Dachskulpturen. Der Formenkanon reicht von einfachen Pavillons und Terrassen über gelegentlich geradezu fragil erscheinende Laubenkronen und Arkaden, naturalistisch anmutende Figuren bis zu expressionistisch anmutenden Skulpturen, Zeichen und miniaturisierten Kopien griechischer Tempel mit Säulen, Architraven und Tympana. Bei zumeist älteren Gebäuden mit Sattel- oder Walmdächern werden kurzerhand die Firste, Grate, Kehlen und Traufen nach dem Vorbild der Palastbauten der verbotenen Stadt am Tian An Men in Beijing mit Leuchtbändern nachgezeichnet. Im Falle von Flach- und Pultdächern (im fordistischen Wohnungsbau die Norm) werden bunte Lichterketten um die Dachkante gewunden oder Leuchtkörper aller Art an den Fassaden be­festigt, um zumindest nachts dem diesbezüglich ‚unterversorgten‘ Gebäude einen anständigen Hut aufzusetzen. Wie kann man diese deutliche Vorliebe für unübersehbare, expressive Dachaufbauten erklären? Das Wort ‚Hut‘ enthält einen ersten Hinweis. 72

Im alten China wurde der gesellschaftliche Rang insbesondere anhand der Kopfbedeckung zum Ausdruck gebracht. Zu den Kopfbedeckungen, die als Rangabzeichen dienten, zählten nicht nur Hüte, sondern auch Dächer – was keineswegs überrascht. Das Dach ist in China immer schon eine Art Kopfbedeckung, ein Rangabzeichen für den, der unter diesem Hut residiert oder wohnt. Je höher die Stellung in der gesellschaftlichen Hierarchie beziehungsweise je größer die spirituelle Bedeutung der unter dem ‚Hut‘ steckenden Institution, desto signifikanter der Dachaufbau nach Farbe, Material und Form. Dächer mit Bedeutungsüberhang gab es für die Mächtigen, Bedeutsamen und Erfolgreichen. Aus der Architekturgeschichte wissen wir, daß das Dach auch in Europa eine enorme Bedeutung hatte – bis es im Zuge des Funktionalismus als Gegenstand ästhetischer Zuwendung im wahrsten Sinne des Wortes wegrationalisiert wurde. Man denke nur an die Tempelbauten der klassischen Antike, deren Baumeister Architekten architéktôn genannt wurden, zusammengesetzt aus archós (Anführer, Oberhaupt) und téktôn (Zimmermann, Künstler, Handwerker, Baumeister). Gleichwohl erreichten Dächer im historischen Europa nie die Bedeutung und die konstruktive Aufwendigkeit, die ihnen in China zukam. Auch in China hatte der Fordismus die Tradition des Daches weitgehend beendet, vor allem im Wohnungsbau. Doch heute, wo sich das Land neu zu erfinden unternimmt, erinnert sich die aufstrebende Mittelschicht des Distinktionskapitals, das expressiv gestaltete Dächer und Dachaufbauten

Dach eines Tempels auf dem Campus der Hunan-Universität, Changsha

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Dachskulpturen in Shanghai

signalisieren. In bedeutungsgeladenen Dachausbildungen möchte sie ihren Aufstieg gespiegelt sehen. Verstehen läßt sich die Praxis der üppigen Dachausbildungen allerdings erst dann, wenn man die kulturelle Bedeutung des traditionellen chinesischen Dachaufbaus beachtet: Historische Dachaufbauten sind nämlich – trotz ihrer schwungvollen und eleganten Anmutung – schwer und konstruktiv aufwendig. Sie dienten nicht allein als Wetterschutz, sondern auch als Schutz gegen böse Geister und als soziales Rangabzeichen. Bei Weijia Wu haben wir einen Hinweis gefunden, der die Ausführungen über den ‚Hut‘ in der chinesischen Baukultur zu ergänzen vermag: Die mauerbewehrte Stadt ist Symbol für die Legitimität der Herrschaft des Kaisers. Die kaiserliche Herrschaft wird als großes Dach gedeutet, das alles unter sich befaßt (Wu, 202f ). Eine Siedlung ohne Mauer ist kein Herrschaftssitz, hat keine Dachfunktion, sie ist darum auch keine Stadt, sondern ein Dorf (Dekret der Song-Dynastie, 960–1279 u. Z.) auch dann, wenn sie eine großstädtische Einwohnerzahl und eine entsprechende Ausdehnung aufweist.53 Unterstrichen wird diese Deutung der Stadtmauer als 74

Repräsentation des Daches, also des Kaisers, durch die in der Regel an den Ecken und über den Toren errichteten, mit ausdrucksstarken Dächern versehenen Mauerpavillons. Die mittlerweile auch in China fortgeschrittene Entzauberung der Welt54 hat den verspielten Hang zur Symbolik nicht vertreiben können. Die starke Verankerung der chinesischen Alltagskultur in Familie und Gemeinschaft scheint das kollektive Gedächtnis zu stärken. So lieben die Chinesen ihre opulenten Dachdekorationen – und nutzen sie beiläufig auch als Identitätsund Orientierungsmarken in den schier endlosen Stadtlandschaften ihrer Megastädte. Das gute Leben wird nicht nur mit einer großen Wohnung und durch ein großes Auto zum Ausdruck gebracht, sondern auch durch ein Quartier, das ein distinktes Dachkonzept aufzuweisen hat. An dieser Stelle berührt die Dach und Beleuchtungsthematik die sich stark ausbreitende Praxis des ‚branding‘ der Nachbarschaften, das heißt der Verbindung von lokaler Identität mit Markenidentität. Dach- und Leuchtskulpturen sind insofern als Teil von Strategien zur Entwicklung von ‚corporate images‘ für Nachbarschaften zu werten. Hinzuzufügen ist hier noch ein Hinweis auf den immer schon engen, in Entwurf, Proportion und Baumasse begründeten Zusammenhang zwischen Dach und Fassaden. So teilt sich die zunehmend wichtige Rolle des Daches bei der Herausbildung von Distinktionsstrategien der Nachbarschaftsbewohner selbstverständlich der Fassadengestaltung mit. Diese wird buchstäblich in das ‚branding‘ hineingezogen. An neuesten Wohnsiedlungen läßt sich beobachten, wie eine integrale Architektursprache die Rolle des Daches übernimmt. Hier und da tauchen ‚compounds‘ mit solch elaborierter Architektursprache auf, deren Dächer diese direkt aufnehmen und als Dachaufbauten zugleich zurücktreten. Das Dach wird auf diese Weise integraler Bestandteil einer distinkten und zugleich Distinktion kommunizierenden Architektursprache. ,Compound‘: Die Verpackung muß stimmen Dach und Fassade als Zeichen der Selbstvergewisserung von Rang, Prestige, Status und Erfolg bilden einen Aspekt der Transformation von Nachbarschaftsidentität zu Markenidentität. ‚Transformation‘ besagt, daß die vormals sozialistisch eingefärbte Nachbarschaftskultur bei der sozial aufwärts mobilen Mittelklasse allmählich verblaßt und durch eine stärker ikonisch ausgestattete, auf Distinktion durch Inszenierung angelegte Iden75

tität ausgetauscht wird. Im Zuge dieses Wandels wird das abstrakt-kollektivistische durch ein nicht weniger abstrakt-individualistisches Über-Ich ausgetauscht. Für dieses ist der Markenkult essentiell. Aufgrund ihrer positiven Konnotationen ist die Idee der Nachbarschaft jedoch selbst eine wichtige Ressource im Konzept der nachbarschaftsbezogenen Markenidentität – und wird daher auch gern in deren Dienst gestellt. „The notion of ‚community‘ is a selling point for gated suburbia in China“ (Wu, Fulong 2006). Das Leben im geschlossenen Quartier ist heute weniger eine Frage vitaler Nachbarschaft, empfundener Zugehörigkeit und nachprüfbarer Sicherheit als vielmehr eine der richtigen Verpackung, des Images nach außen und, damit verbunden, der Identität nach innen. Nachbarschaft ist mithin ein Ingredienz der richtigen, standesgemäßen Verpackung, die für durch Familien- und Gemeinschaftsethik geprägte Chinesen einfach dazugehört. Dieser Aspekt des ‚branding‘ im modernen chinesischen Städtebau wird laut Fulong Wu in der Literatur bisher übersehen: „What is lacking in the literature is to see how the cultural politics (the politics of ‚niceness‘, politics of the aesthetic, politics of ‚good life‘, or in a word politics of ‚urbanism‘) is unfolded in the construction of gated community […], how the Chinese suburbia is becoming a new way of life. We see gating more as ‚branding‘: labelling and decorating the quality of life ‚behind the gate‘.“ (Wu, Fulong 2006) Das ‚branding‘ fängt mit den Dachhüten an: Entwicklungsgesellschaften, die die Wohnsiedlungen der neuen Mittelklasse vermarkten, nutzen

Bekannte Namen als Marken-Identität: Tor der ‚Weimar Villa‘-Nachbarschaft, Anting, Shanghai

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die Dächer gezielt als Markenzeichen mit nachhaltig wirksamem Wieder­ erinnerungswert. Das ‚branding‘ setzt sich fort in der Architektursprache der Fassaden und in den Namen für die Nachbarschaften. Denn für eine mediale Distinktionsstrategie sind Straßennamen mit Hausnummern nicht geeignet, zumal bei den oft viele Kilometer langen Ausfallund Tangential­straßen der Vororte. So hat sich aus Gründen der Vermarktung in einem ebenso gewaltigen wie konkurrenziellen Immobilienmarkt die Praxis etabliert, Nachbarschaftsblöcken klingende Namen zu geben. Die vorliegende Arbeit wurde, um ein Beispiel zu nennen, im Gebäude einer Nachbarschaft mit dem prätentiösen Namen ‚Shanghai International Maritime Garden‘ geschrieben. „Core to the concept is the brand – all these prestigious spaces have a name, not an ordinary street name such as ‚Beijing Road‘ and ‚Nanjing Road‘ but a label of life quality – Yosemite, Orange County, Rivera, Fontainebleau, and McAllen“ (Wu, Fulong 2006). Keine Sorge: Deutschland kommt auch vor. Ein ‚Weimar-Villa‘ gibt es bereits. Es liegt am Rande der Partnerstadt Weimars, Anting Neustadt, das Teil der Stadt Anting ist, dem Detroit oder Wolfsburg Chinas. Es wäre nicht erstaunlich, in China auch eine Nachbarschaft mit dem deutschen Namen ‚Heidelberg-Village‘ anzutreffen. Allerdings käme der Name dann vermutlich eher von einem der Heidelberg-Villages aus den Vereinigten Staaten oder Kanada. „The new rich […] began to seek difference and diversity; gated suburbia, tactically promoted by the real estate developer as an ‚exotic‘ and ‚stylish‘ new living space, meets such an imagination for a good life. The gated communities are branded through a melange

Toskanischer Stil als Marken-Identität eines ‚Compound‘, Ningbo

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of metaphors such as ‚classic‘, ‚continental‘, ‚authentic‘. ‚European‘ and ‚North American‘ lives, have indeed become the de-contextualized and diverse built forms“ (Wu, Fulong 2006). Durch die Markenorientierung des Siedlungsbaus werden Städtebau und Architektur zwangsläufig zu Instrumenten des richtigen, erfolgreichen Marketings. Dies zieht beides selbst in den Sog der Transformation von Nachbarschaftsidentität zu Markenidentität. Städtebau und Architektur werden zu Instrumenten der Verwirklichung jener Zeichen und Codes, die im globalen Dorf der virtuellen Räume von Fernsehen und Internet verabreicht werden, in die Köpfe gelangen – und dort als Träume vor­ gefunden werden, mit denen man sein gutes Leben bebildern kann. Fassen wir zusammen: Der gegenwärtige Städtebau in China ist in einem hohen Maße symbolisch aufgeladen. Namensgebung der Nachbarschaften, Dächer, architektonische Kopien, sogar das identitätsstiftende Potential des Nachbarschaftsbegriffs erweisen sich als Komponenten eines von den Entwicklungsagenten gezielt erzeugten Markenbewußtseins. Man wohnt in einer Nachbarschaft, der Name ist ‚New Venice‘, die Dach­ aufbauten sind imposant und singulär, man fährt BMW, und die Wohnung hat 180  qm. In den Nachbarschaften von Chinas neuen Mittelschichten ist Architektur immer schon Medienarchitektur, die neuen Städte mithin Mediastädte. Das Thema Medienarchitekturen und Mediastädte wird uns im folgenden noch weiter beschäftigen, zuerst im Rahmen der auf­ geschlossenen Stadt, wo wir auf das Phänomen der Medienfassade, des urbanen Bildschirms stoßen, schließlich im Kontext der in China weit fortgeschrittenen Praxis des Citytainment. Orient trifft Okzident – Hybride Wohnquartiere Die Vermischung chinesischer und europäischer Raumpraktiken und Stile ist nichts Neues. Schon in vorkolonialer Kaiserzeit wurden dem Yuan Ming-Park in Beijing, dem über einen Zeitraum von 150 Jahren gebauten Sommerpalast der Qing-Dynastie, barocke Gebäude und Gärten französischer Provenienz hinzugefügt.55 Noch heute kann man vielen Marmortrümmern des während des Opiumkrieges von europäischen Kolonialtruppen zerstörten Anwesens deutlich aus westlichen und öst­ lichen Elementen komponierte Dekorationen erkennen (Bild S. 45). Während die Begegnung der Kulturen im Yuan Ming-Park sich noch eher am Akzidentiellen versuchte, vollzog sich diese bei den ‚Lilong‘ genannten 78

Im ‚Lilong‘, Shanghai

Shanghaier Wohnquartieren auf der Ebene des Substantiellen. Denn die Lilong kombinieren – deutlich sichtbar mit der als ‚spätere Form‘ bezeichneten zweiten Generation56 – die westlich-extraverse öffentliche Straße mit dem östlich-introversen Quartier und dessen Innenhöfen. Die Lilong entstanden unter dem Einfluß der Kolonialmächte, vor allem Englands (seit 1840) und Frankreichs (seit 1847), aber auch, mit gewissem Abstand, der Vereinigten Staaten (seit 1846). Sie sind, darin den nördlichen Hutong vergleichbar, abgeschlossene Wohnquartiere mit zwei- bis dreigeschossigen Wohngebäuden. Die Quartiere sind durch Mauern von der Umgebung getrennt, werden durch Tore an öffentlichen beziehungsweise kommerziell genutzten Straßen betreten und über ein hierarchisch an­geordnetes Netz von Hauptwegen und Nebengassen erschlossen. Die Wohnungen betritt man von westöstlich verlaufenden Nebengassen aus durch Shikumen57 genannte, nach Süden ausgerichtete steinerne Tore (bei den früheren Formen!). Diese führen auf einen Vorhof, der durch eine hohe Mauer von der Gasse getrennt ist. Erst bei den neuartigen Lilong werden Shikumen und Mauer durch Gartentor und Zaun ersetzt. Die älteren Lilong verfügen über einen weiteren Innenhof, der im Lauf der Zeit zum bloßen Lichtschacht verkümmert, anfangs jedoch einen Brunnen besaß.58 79

Blick auf ein ‚Lilong’Quartier, Shanghai

Uns interessiert hier ein Detail, das in architektonischen und städtebaulichen Betrachtungen zu wenig gewürdigt wird. Es geht um die deutlich artikulierten, westlichen Einflüssen geschuldeten Fassaden beziehungsweise Fassadendekorationen. Diese blicken auf Schikumen-Gassen oder hintere Gassen, die sich dadurch von reinen Erschließungskorridoren in eine Art von öffentlichem Raum verwandeln: in öffentliche Räume inmitten der abgeriegelten, introversen, nichtöffentlichen Nachbarschaften. Es ist dieses Mit- und Beieinander von chinesischer Hofhaus-Reihenarchitektur und westlicher Fassaden- und Mauerdekoration59, die den einzigartigen, vielfach kommentierten Zauber der Lilong ausmacht. In neuartigen Lilong entwickelte sich mit den Vorgärten und einer deutlich verbesserten Infrastruktur eine Qualität, die auch heute höchsten Ansprüchen städtischer Wohnkultur genügt. Ein vergleichbares, in der Formensprache noch viel deutlicher ausgeprägtes Beispiel baukultureller Hybridisierung finden wir im Jingyu-Block im zentralen Daowai-Bezirk der nordchinesischen Provinzhauptstadt Harbin. Hier mischen sich chinesische Wohn- und Bauformen mit russischen Einflüssen zu einer in den kulturellen Anteilen sehr viel ausgewogeneren Form. Während in den Lilong die Zeugnisse der extroversen europäischen Stadtkultur auf Himmelsbrunnen und Binnengassen blicken, stehen wir in Harbin auf öffentlichen Straßen vor teilweise üppig eklektisch dekorierten Fassaden, die eine parzellierte Blockrandbebauung anzeigen. Geht man jedoch durch eines der auffällig großen Tore, steht man nach 80

Jingyu-Block von außen, Harbin

wenigen Schritten in einem charakteristisch nordchinesischen Innenhof, einer Art vergrößertem Sìhéyuàn mit einem nach Süden ausgerichteten Hauptgebäude, zwei Seitenflügeln und expressiven hölzernen, ins Obergeschoß führenden Stiegen. Diese Hofhausanlage bietet sieben Familien Wohnraum, wenn man das Obergeschoß des straßenseitigen Gebäudes hinzunimmt. Das Erdgeschoß des Blockrandgebäudes dient in der Regel gewerblichen Zwecken, das heißt als Werkstatt oder Geschäftsraum. In den Jingyu-Blocks, diesen russisch-chinesischen Multifunktionshybri­ den, artikuliert sich die Vereinigung von extraversem Stadtraum west­ lichen Typs und introversem familienbezogenen chinesischen Hofhaus auf ungewöhnlich klare Weise. Dabei orientiert sich die Größe des Hofhauses an den Repräsentationsbelangen der öffentlichen Fassade. Eine Quartiersmauer beziehungsweise -begrenzung, wie bei den klassischen chinesischen Wohnquartieren (Li), den Hutong, Lilong oder den neuen Wohnsiedlungen gibt es hier nicht. Der Blockrand übernimmt diese Funktion. Die eingefügten Bilder zeigen diese Perlen baukultureller Hybridisierung in einem beklagenswerten Zustand. Dafür gibt es zahlreiche Gründe: Der Wert dieser städtebaulichen Hybride wird außerhalb akademischer Kreise nicht gesehen, denn hier verschüttet immer noch kurzfristig orientiertes kommerzielles Denken die langfristig wirksamen wirtschaftlichen Potentiale des lokalen baulichen Kulturerbes. Darüber hinaus spiegeln diese Innenstadtquartiere, zumal in ihrer gegenwärtigen Verfassung, nicht die Wohnungs- und Lebensstilpräferenzen der auch in Harbin schnell wach81

senden Mittelklasse. Da Kundschaft nicht in Sicht ist, finden sich auch keine an der Erhaltung und Aufwertung der Quartiere interessierten Entwickler. Schließlich, und hier schließt sich der Kreis, wurden diese Innenstadtquartiere zu ‚Brückenköpfen‘ der in die Stadt strömenden Arbeitsmigranten. Gerade der heruntergekommene Zustand der Quartiere und die entsprechend niedrigen Mieten machen sie für diese Menschen interessant. Hier kommen die Glücksuchenden zusammen – und wenn sie fündig geworden sind, erwerben sie eine eigene Wohnung, lassen sich registrieren und machen so Platz für neue Wanderarbeiter. Der Müll und Schrott, der sich in den Innenhöfen stapelt, wird im sibirisch kalten Winter Harbins von den Quartiersbewohnern verheizt.

Innenhof eines Hauses im Jingyu-Block, Harbin

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5  Der aufgeschlossene Stadtraum

Lineare Zentralität oder Magie des Goldenen Korridors Wenn Städte als Zeichen aufgefaßt werden, denotieren sie zuerst Zentra­ lität – in welchen Formen auch immer, punktuelle Zentralität, lineare Zentralität, disperse Zentralität und so weiter (Hassenpflug 2006b). Louis Wirth zufolge verweist städtische Zentralität auf einen Ort höchster symbo­lischer Bedeutung, bester Erreichbarkeit und zugleich größter Knappheit (Wirth 1964). Das Stadtzentrum ist damit in der Regel auch der teuerste und damit in gewisser Weise der ‚goldene‘ Ort der Stadt. In Europa hat sich im Lauf der Zeit eine der Form nach punktuelle und dem Inhalt nach öffentliche Zentralität herausgebildet. Zunächst in Gestalt der sich stadträumlich noch embryonal artikulierenden Agora der griechischen Polis, sodann im repräsentativ ausgearbeiteten römischen Forum, und schließlich, im Zuge der Reurbanisierung ab etwa 1000 u. Z., in dem die europäische Stadt noch heute raumbestimmenden Ensemble von Marktplatz, Kirche und Rathaus. In diesem Ensemble sah sich eine in christlichem Glauben und bürgerschaftlicher Selbstbestimmung gegründete Stadtgesellschaft räumlich angemessen repräsentiert. In den USA, die die feudalen und altbürgerlichen Traditionen Europas nie teilten, sondern sich vielmehr als dessen republikanischer Gegenentwurf betrachteten, wurde von Anfang an der Kommerz zum Motor der Stadtentwicklung. Die stadtbildenden Kräfte des Marktes brachten den ‚Central Business District‘ (CBD) hervor, einen Ort, wo sich die Konzernzentralen des ‚big business‘, Banken, Konzernzentralen, Einkaufszentren, Hotels, neuerlich auch Kultureinrichtungen und wohlhabende Urbaniten in schicken Wohntowers versammeln, um ihrem Image das symbolische Kapital von Zentralität hinzuzufügen – und natürlich vice versa. Für die chinesische Stadt ist die Form der linearen beziehungsweise axialen Zentralität die charakteristische Form. Sie empfiehlt sich für die Gestaltung hierarchischer Raumfolgen. Für deren Stellenwert im chinesischen Urbanismus gibt es zwei herausragende Gründe. 83

Der erste ist, wie könnte es anders sein, ein historischer. Kosmolo­ gischen Regeln folgend, wie sie einst ähnlich bei römischen Stadtgründungen Anwendung fanden, waren auch klassische chinesische Städte, eingeschlossen Nekropolen, spirituell positioniert und orientiert. So erhielt die Stadt einen rechteckigen Grundriß in Nordsüd-Orientierung und zwei (oder mehr) sich im Zentrum der Stadt kreuzende Zentralachsen. Sie erinnern deutlich an die von römischen Stadtgründungen her bekannten Zentralachsen Cardo und Decumanus. Wo sich die beiden Hauptachsen kreuzen, befindet sich in der Regel der Glocken- beziehungsweise Trommelturm, neben den Stadtmauern das herausragende Symbol der All­gegenwart kaiserlicher Gewalt. Der kaiserliche Palast beziehungsweise die Anwesen seiner Statthalter wurden oft nördlich der in westöstliche Richtung verlaufenden Achse(n), häufig die Nordsüd-Achse in sich aufnehmend, angesiedelt. Die in Ostwest-Richtung verlaufende Hauptachse unterstreicht ihre Bedeutung durch die Erschließung des kaiser­ lichen Ahnentempels im Osten und der Tempel für die Götter des Ackers und der Feldfrüchte im Westen. Für die Größe, Anlage, Ausstattung eines jeden Gebäudes und jeder Straße gab es genaue Vorschriften, die die Hierarchie von Funktion und Bedeutung ausdrückten. Die Hierarchie wurde dabei immer in eine lineare Raumfolge übersetzt. Diese Linearität dokumentiert die Geltung einer einzig gültigen Perspektive: diejenige des Kaisers. Die Stadt repräsentiert auf diese Weise in ihrer Anlage die von ihm verbürgte, unverrückbare Ordnung der Dinge (Wu Weija 1993). Die lineare beziehungsweise axiale Zentralität hat sich im räumlichen Gedächtnis chinesischer Hauptstädte (Beijing, Xi’an, Nanjing, Hangzhou) und vieler anderer kaiserlicher Stadtgründungen bis auf den heutigen Tag erhalten. Sie wurde auch Teil des kollektiven Gedächtnisses des chinesischen Volkes. Wir sind damit bereits bei dem zweiten Grund für die Popularität linearer Zentralität im chinesischen Städtebau. In der axialen Zentralität mit ihrer hierarchischen Raumsequenz vermochte sich eine zentralistisch verfaßte und streng hierarchisch geordnete Gesellschaft (korrekterweise wäre von einer Volksgemeinschaft zu sprechen) angemessen im Raum wiederzu­ erkennen. Da sich diese Gesellschaftsstruktur bis auf den heutigen Tag trotz Republik und Kommunismus weniger tiefgreifend verändert hat, als man auf den ersten Blick glauben mag, reflektiert sich die nach wie vor hyper­moralisch verfaßte (papaistische) chinesische Gesellschaft in der hierarchischen Raumfolge der Zentralachse auf bevorzugte Weise. Hierin ist das lineare Zentrum dem vielfach zu beobachtenden barocken Auftritt 84

von Rathäusern und Regierungsgebäuden aller Art und, nicht zu vergessen, den erhabenen Plätzen zu vergleichen – wobei die letztgenannten Raum­ figuren eine sehr viel jüngere Geschichte haben, als die uralten Achsen. Wie groß die Kraft der linearen Zentren auch heute noch ist, läßt sich am besten am Beispiel der alten und neuen Hauptstadt Beijing illustrieren. Wie selbstverständlich wurden in dieser Stadt die Sport-, Dienst­leistungs- und Wohnanlagen der für 2008 geplanten Olympischen Spiele an und auf den nördlichen Teil der historischen Nordsüd-Achse, der einstigen DrachenAchse, gelegt. Doch das war nur der Auftakt zu einer kompletten Überarbeitung, Verlängerung und Revitalisierung des nördlichen Abschnitts dieser Achse. Blickt man nach Süden, trifft der Blick auf den ausgedehnten Tian An Men-Platz, der sich vor den Toren der Verbotenen Stadt wie selbstverständlich auf der Nordsüd-Achse positioniert. Als Mao Zedong den Bau dieses gewaltigen, offenen, mit Kulturbauten flankierten Platzes anordnete, ging es ihm nicht nur um einen Gegenentwurf, der dem symbolischen Gewicht der geschlossenen Anlage des kaiserlichen Palastes standhalten sollte, sondern um eine Brechung der Raumfolge und somit um eine Neuordnung der zentralräumlichen Hierarchie. Diese Absicht hatte die Verwendung der historischen Achse zur Voraussetzung.

Zentralachsen in der strategischen Planung Beijings

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Nun gibt es jedoch noch die kaum minder bedeutungsvolle OstwestAchse. Sie kreuzt die Nordsüd-Achse genau dort, wo der Tian An Men, vor Maos Erweiterung nur ein kleiner Platz vor dem Haupttor der Verbotenen Stadt, diese berührt. Diese Achse ist der zweite Brennpunkt (man sollte hier von einer ‚Brennlinie‘ sprechen) der städtischen Bemühungen um die Kontrolle der Zentralitätsdynamik von Beijing. Als in den neunziger Jahren die Idee geboren wurde, der Hauptstadt des neuen China ein angemessenes Tor zur Welt in Gestalt eines ‚Central Business District‘ zu geben, war schnell klar, daß als Lage für das neue kommer­ zielle Zentrum nur der Bezirk Chaoyang in Frage kommt, und zwar dort, wo sich die dritte Ringstraße mit der Ostwest-Achse, das heißt mit der Chang’an-Straße kreuzt. Im Klartext heißt das aber, daß das Businesszentrum sich der historischen Achse ein- und damit unterzuordnen hat. Die Einfügung in die ‚Erste Straße Chinas‘, die Chang’an-Achse, war das entscheidende Kriterium. Zweitrangig waren dagegen die Orientierung zum Flughafen und zum Quartier der Botschaften im östlichen Teil der Achse. Mit dieser Zuordnung war jedoch von Anfang an klar, daß Beijings CBD niemals den Rang eines städtischen Superzentrums nach us-amerikanischer Art erhalten kann; denn Beijings Superzentrum ist ein für alle Mal an das ‚Große Kreuz‘, wie der Schnittpunkt von nordsüdlich verlaufender Drachenachse und ost-westlich verlaufender Chang’an-Straße genannt wird, vergeben. Zieht man andererseits in Betracht, daß es in Beijing bereits drei weitere CBDs gibt, dann gebührt dieser neuen CBD der oberste Rang dieser Zentren. Warum? Weil es mit dem Kreuzungspunkt von Chang’an Straße und östlicher zweiten Ringstraße das sogenannte Goldene Kreuz von Beijing in sich aufnimmt. Hier allerdings, auf der Zentralitätslinie, muß der neue CBD seine Position in der Hierarchie der symbolischen Orte erkämpfen. Mit welchen Mitteln dies geschehen kann, verrät das folgende Zitat des Parteisekretärs des Bezirks Chaoyang: „Our CBD is not an 8 hours CBD. If the people working here in day time are gone with the wind after they ring out, the CBD would be a nightmare city zone. Our target is to make our CBD a livable international business community. We will call it 24 hours business community, which is full of life and busy beside working time.“ (www.bjcbd.gov.cn) Das Wort, auf das es hier ankommt, ist die Gemeinschaft (,community‘); denn in ihm irrlichtern die positiven Konnotationen von Familie, Introvertiertheit und Exklusion. Ein guter CBD ist eine ‚gated community‘, ein Familienverband, ein städtisches Dorf, das in Arbeit und Freizeit zusammenhält und darüber hinaus das 86

eine, die Arbeit, in das andere, die Freizeit, aufgehen läßt: Arbeit ist freie Zeit, Freizeit ist Arbeitsleben. Der CBD als Symbolort des ‚konfuzianischen Kapitalismus‘.60 Der Logik von Zentralität und hierarchischer Raumfolge entsprechend, muß der Ostwest-Achse im Westen ein angemessenes Gegengewicht ge­geben werden. Mit dem ‚Science Park‘ (gern mit dem Silicon Valley der San Francisco Bay verglichen) und dem Bankenviertel an der westlichen Chang’an-Straße scheint die gewünschte Balance gegeben. Doch so einfach liegen die Dinge nicht; denn welche Implikationen hat es, wenn man einen Bankendistrikt westlich der Verbotenen Stadt hat und auf deren östlicher Seite ein mit extremen Erwartungen überhäuftes CBD-Projekt? Es heißt, daß IBM und Google in den neuen CBD umgezogen seien  – doch hätten sie es bei einem Besuch bewenden lassen und seien nach kurzer Zeit in das alte Quartier zurückgekehrt. Daß eine der Banken der west­lichen Chang’an beschlossen hätte, in den neuen CBD umzuziehen, wurde bisher nicht bekannt. Damit droht nicht nur dem CBD mit seinen teilweise spektakulären Gebäuden Ungemach, sondern der kreuzförmigen Zentralitätskonstruktion der Stadt Beijing als Ganzer ein Problem. Denn was wäre ein CBD ohne Banken. Der starke Flügel könnte sich als der schwache entpuppen. Der vormalige Oberbürgermeister von Beijing, Liu Qi, hat das Bewußtsein von der Bedeutung des kreuzförmigen Zentrums etwas unbeholfen, wenngleich treffend als ‚eine Linie, zwei Flügel‘ zum Ausdruck gebracht (vom Drachen mit zwei Flügeln konnte er nicht sprechen, da der chinesische Drachen keine Flügel hat, obwohl er fliegen kann). Ein Vogel mit einem starken Flügel, sagen wir dem Wissenschaftspark und dem Bankencluster und einem schwachen Flügel, sagen wir dem projektierten CBD, kann schlecht fliegen. Es wird sich zeigen, was der synkretistische Aufbau eines CBD am ‚Goldenen Kreuz‘ für die Balance des Stadtkörpers bedeutet. Wird etwas Ähnliches geschehen wie in Paris, wo man dem Amerikanismus mit La Defense eine Bühne auf unvertrautem Boden schuf – mit teilweise unerquicklichen Folgewirkungen wie Leerständen, teuren Beatmungs­maßnahmen und Schaffung von Beamtenghettos. Oder kann die Ostwest-Achse doch ihre integrierende Kraft ausspielen? In China mag es nur ein Großes Kreuz geben – was der Ausnahmestellung der Hauptstadt geschuldet wäre. Überall wirksam ist jedoch die Magie der orientierten linearen Zentralität mit ihrer hierarchischen Raumfolge. Es mag daher die eine oder andere goldene Achse geben. Zu den bekanntesten des neuen China zählt der von den Planern des Centre for Architec87

Der ‚Goldene Korridor‘, Shenyang

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ture and Urban Planning (CAUP) der Tongji-Universität Shanghai ersonnene ‚Goldene Korridor‘ von Shenyang. Dieser ist im Durchschnitt etwa 2  km breit, wird durch die Qingnian Straße zentriert und verläuft dem Originalplan zufolge in nordsüdlicher Richtung vom Beiling-Park bis zum neuen Rathaus der Stadt auf der südlichen Uferseite des Hun He (Hun Fluß). Die Stadt hat diesen Vorschlag mit großer Begeisterung rea­ lisiert und hat den ‚Goldenen Korridor‘ inzwischen sogar bis zum internationalen Flughafen verlängert.61 Der ‚Goldene Korridor‘ stellt sich nicht nur der in China bislang unterschätzten Frage städtischer Zentralität. Er beantwortet sie vielmehr auf klassisch chinesische Weise: Das Zentrum der chinesischen Stadt, so die bereits bekannte Botschaft, ist vorzugsweise ein linearer Raum, der historisch durch zwei (oder mehr) sich im Stadtzentrum kreuzende Achsen gebildet wird. Kaiserlichen Ursprungs, ist er mit einer Glücksverheißung aufgeladen und organisiert, der Idee der Linearität gemäß, den Raum in hierarchischen Sequenzen von Bedeutung. Die Wahl des Beiling-Parks als einen Endpunkt und des Rathauses als anderen läßt darauf schließen, daß man bei der Planung des Goldenen Korridors von Beginn an eine lesbare Abfolge urbaner Bedeutungsträger vor Augen hatte. Dennoch erscheint eines an dem Korridor irritierend – und diese Irritation betrifft unter anderem das Verständnis von urbaner Zentralität im gegenwärtigen China. Irritierend ist, daß der historische Kaiserpalast der frühen mandschurischen Qing-Dynastie (Gu Gong) in seiner Zentralität nicht gewürdigt wird. Der Goldene Korridor integriert Gu Gong nicht, sondern positioniert sich mit zwei bis drei Kilometern Abstand westlich der historischen Hauptachse. Man kann die Irritation vielleicht auch so fassen: Es fehlt die Ostwest-Achse, die den Kaiserpalast integrieren könnte. Kann man aber einen Kaiserpalast in die Westost-Achse stellen? Natürlich nicht. Offenbar haben die Stadt Shenyang und ihre Berater die Bedeutung des Gu Gong unterschätzt oder sie messen dem einstigen kaiserlichen An­wesen keine große Bedeutung bei. Das tut allerdings die Weltöffentlichkeit, die die Verbotene Stadt Shenyangs genau wie den Pekinger Folgepalast zum Unesco-Weltkulturerbe erkor. Das Konzept des ‚Goldenen Korridors‘ berücksichtigt die Vorstellung einer radialkonzentrischen Zentralität nicht; denn eine solche hat es im historischen China aufgrund der Dominanz der axialen Hierarchie nie gegeben. Eine Analyse der heutigen Stadtstruktur Shenyangs ergibt allerdings, daß sich ein punktuelles Zentrum als Mittelpunkt einer radialkonzentrischen Stadtstruktur empfehlen würde. Denn das Hauptzentrum 89

Shenyangs ist in drei Teilzentren gliedert, die sich zu einem megaurbanen Superzentrum zusammenfassen ließen: in den erwähnten Kaiserpalast Gu Gong, in das Gebiet um den Platz des Volkes und den Bereich um den Nordbahnhof. Versuche, ein solches Superzentrum zu entwerfen, sind jedoch unterblieben – aus Gründen, die inzwischen einleuchten dürften. Eine solche Häufung aus drei Teilzentren ließe sich nicht in eine linear-hierarchische Raumfolge übersetzten. Sie verlangt vielmehr nach räum­licher Gleichberechtigung, ein Gedanke, der offenbar instinktiv abgewehrt wird, da er nicht in die geistige Landschaft des gegenwärtigen chinesischen Urbanismus gehört. Der ‚Goldene Korridor‘ integriert den Platz des Volkes und den Nordbahnhof – nicht jedoch den Kaiserpalast, der auch heute noch im Gefühlsund Identitätshaushalt der Einwohner Shenyangs eine herausragende Position einnimmt. Das neue axiale Zentrum orientiert sich an den im Zuge der Industrialisierung entstandenen räumlichen Gegebenheiten der Stadt. Es ist jedoch nicht in der Lage, das Neue mit dem alten China auf überzeugende Weise zu verbinden. Andererseits ist der ‚Goldene Korridor‘ ein Erfolg, da er einige für die Großstadtentwicklung im heutigen China wichtige Elemente aufgreift und zu einer kohärenten Gestalt integriert. Dazu gehört die ‚Große Straße‘, die sich als Derivat der einstigen kaiserlichen Achse erweist. Es gehört dazu aber auch der ‚Sprung über den Fluß‘, ein in China als städtebauliche Modeerscheinung einzuordnendes Stadtentwicklungskonzept, auf das wir noch ausführlich zu sprechen kommen. Zum Abschluß noch ein Beispiel für die Selbstverständlichkeit, mit der in der gegenwärtigen Stadtentwicklungsplanung das Ziel einer Stärkung axialer Zentralität verfolgt wird. Als der Architekt Zhang Lingling vom Harbin Institute of Technology den Auftrag erhielt, für die aufstrebende Industriestadt Jilin (nach der Haupt- und Automobilstadt Changchun die zweitgrößte Stadt der gleichnamigen Nordprovinz) ein artikuliertes Zentrum mit einer ordnenden Landmarke zu entwerfen, hat er ganz selbst­ verständlich an die fast verloren gegangene historische Nordsüd-Achse angeknüpft, in der Absicht, diese wieder zu stärken. Dabei konnte er nicht nur auf eine wichtige Brücke über den Songhua Jiang zurückgreifen, sondern auch eine von Franzosen erbaute gotische Kirche in die chinesische Nordsüd-Achse aufnehmen. Mit der Verwirklichung des ‚JahrhundertPlatzes‘ ist es ihm gelungen, das Signal für eine räumliche Restrukturierung zu geben, für die die nunmehr ins Licht gerückte Nordsüd-Achse als Rückgrat dient (Zhang, Lingling 2004). 90

Der offene Raum der Nachbarschaften Je mehr man sich den innerstädtischen Räumen chinesischer Städte nähert, desto häufiger treten die Mauern und Zäune der ‚compounds‘ zurück, um allgemein zugänglichen, offenen Räumen Platz zu machen. Die Zahl und Größe der Läden nimmt ebenso zu wie diejenige der Restaurants, Bürogebäude, Hotels. Immer häufiger sehen wir Grünflächen, die den Blick auf öffentliche Einrichtungen freigeben, Plätze öffnen sich vor und in Einkaufszentren, und schließlich stoßen wir sogar auf Fußgängerzonen – nicht nur in Shanghai und Beijing. Zwei Fragen stellen sich: Welche Funktionen lassen sich dem aufgeschlossenen Raum zuordnen? Und wie verhalten sich geschlossene und offene Stadträume zueinander? Die erste Frage ist schnell beantwortet: Offene Räume finden wir dort, wo wir kommerzielle Nutzungen antreffen, Einzelhandel, Shopping Center, Supermärkte, Straßenhandel, Dienstleistungsbetriebe aller Art, vom Friseur bis zum Luxushotel, Restaurants, Maklerbüros und vieles mehr. Offene Räume finden wir aber auch im Umfeld öffentlicher Gebäude, von Museen, Galerien, Konzerthäusern, Büchereien, Registrierungsbüros und städtischen Verwaltungsgebäuden – allerdings nicht im Umfeld von Kindergärten, Schulen, Universitäten und Regierungsgebäuden. Waren in historischen Zeiten selbst die Märkte geschlossene Einrichtungen oder, wie in der Zeit Maos, fast vollständig stillgelegt, so manifestieren die offenen Räume der chinesischen Stadt die Öffnung Chinas zur Marktwirtschaft.

Kommerzialisierung eines einstigen Lilong-Quartiers, Shanghai

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In den Neubaugebieten Shanghais stoßen wir in bezug auf den Zusammenhang von abgeschlossenen und offenen Räumen auf eine signifikante Typologie von offener, kommerziell definierter Infrastruktur. Das einigende Merkmal ist der Bezug zur abgeschlossenen Nachbarschaft. Das unterscheidende Merkmal ist der Grad der Zentralität, wobei Größe und Funktionsvielfalt oder auch, in Opposition zur Funktionsvielfalt, der Spezia­lisierungsgrad mit dem Grad der Zentrierung zunehmen. Ein Nachbarschaftszentrum für vier bis zwölf Nachbarschaften ist natürlich kleiner und weniger differenziert als ein Multifunktionszentrum, dessen Einzugsbereich von vierzig bis achtzig Quartieren gebildet wird. Im folgenden unterscheiden wir die Blockrandzeile, die NachbarschaftsFußgängerstraße, das Nachbarschaftszentrum, das Gemeindezentrum und das Multifunktionszentrum auf Distriktebene. Zur Zeit kann in den Stadtrandgebieten noch die alte Dorfstraße hinzugezählt werden. Ihre Tage sind jedoch gezählt. Der gesamten Struktur ist das System einer an amerikanischen Vor­bildern orientierten Nachbarschaftsplanung anzumerken. Dies ist auch als ein Ergebnis der Öffnung Chinas zu werten; denn die zu Zeiten der Republik populäre Nachbarschaftsplanung aus der Neuen Welt wurde nach der kommunistischen Machtergreifung 1949 ad acta gelegt (Kögel 2007). Integrierte Blockrandzeilen Das kulturell verwurzelte Orientierungsgebot im Wohnungsbau bewirkt eine spürbare Einschränkung städtebaulicher Gestaltungsspielräume. Diese werden jedoch teilweise wiedergewonnen durch kommerzielle Funktionsbauten, die in bezug auf die Himmelsrichtung keinerlei Bindung unterliegen. So kommt es in der chinesischen Stadt zu einer bemerkenswerten städtebaulichen Symbiose zwischen streng orientierten Nachbarschaften und orientierungsfreien Geschäftszeilen. In China bilden Zeilenbebauung und Blockrandbebauung keinen Gegensatz, auch keinen ideologisch unterfütterten. Beide Grundformen ergänzen einander vielmehr auf harmonische Weise. Alle Wohngebäude der Nachbarschaften, ob Zeilen- oder Punktbauten, sind mehr oder weniger nach Süden orientiert. Die Wohnzeilen verlaufen daher in Ostwest-Richtung – auch dann, wenn sie ‚schwingen‘ und ‚tanzen‘. In älteren Siedlungen ergaben sich aus dieser räumlichen Grammatik in aller Regel an der nördlichen und südlichen Grenze der Nachbarschaft 92

Kommerzielle Quartiersrahmung, Shanghai

direkt an Straßen grenzende Blockrandzeilen62, hingegen an der west­lichen und östlichen Begrenzung meist eine duale Sequenz von ‚Abstandsgrün‘ und Zeilenbau-Stirnseiten. Doch bereits bei älteren fordistischen Wohnsiedlungen wurde jene städte­ bauliche Freiheit genutzt, die die gewerbliche und kommerzielle Nutzung gewährt. So wurden die ‚offenen Flanken‘ des Zeilenbaus gelegentlich durch Gebäuderiegel geschlossen, die kleine Läden und Werkstätten aufnahmen. Zwei wichtige Ziele konnten so mit einer Maßnahme erreicht werden: Zum einen ließ sich die Nahversorgung räumlich sinnvoll organisieren, zum anderen konnte durch den Verriegelungseffekt der Spangen dem Exklusions- und Sicherheitsbedürfnis der Bewohner der Nachbarschaften entsprochen werden. Durch Anpassung an die durch Geschlossenheit, Orientierung und Introversion vorgegebene Grundstruktur der Wohnquartiere ergibt sich an den östlichen und westlichen, auch nördlichen Quartiersrändern eine radikale Kontrastierung des Orientierungsgebotes. Die kommerzielle Nutzung stellt diesen Spielraum bereit. Er verschafft der chinesischen Stadt einen flexiblen Baustein und auf diese Weise dem chinesischen Städtebau gestalterische Freiheitsgrade. So konnte sich eine Mischnutzung mit klarer räumlicher Rollenverteilung herausbilden, ein Zusammenspiel von ab­geschlossener Wohnsiedlung und offenen, kommerziellen Rändern. Im Zuge des neofordistischen Wandels wurde diese Grundstruktur erheblich weiterentwickelt und verfeinert. Die spangenartige Rahmung der 93

Kommerzielle Quartiersrahmung, Shanghai

an Straßen grenzenden Zeilenbebauung ist in China inzwischen außer­ ordentlich oft anzutreffen. Viele ältere Quartiere wurden mit diesen gleichsam nachgerüstet. In der Siedlungsplanung neueren Datums werden sie von vornherein mitgebaut. Inzwischen sind diese Spangen aus dem Stadtbild nicht mehr wegzudenken, ein Gestaltungselement, deutlich wahrnehmbar als Botschaft des Dualismus von geschlossenem und offenem Stadtraum.63 Auch die Integration von Geschäftsräumen in die Zeilen der nörd­lichen und südlichen Quartiersgrenze ist inzwischen gang und gäbe. Mehr noch: Die nördliche und südliche Blockrandzeile wird inzwischen nahezu durchgängig als rein kommerzielle Gebäudezeile ausgeführt. Sie übernimmt damit wie die westliche und östliche Spange eine Mauer- beziehungsweise Zaunfunktion für die dahinter liegende Nachbarschaft.64 Inzwischen finden wir in China nicht wenige gut erschlossene, zentral positionierte Nachbarschaften, die vollständig von solchen Einzelhandels- und Gewerbespangen umgeben sind, so daß sie ohne Mauer und Zaun auskommen. Es gibt dann nur noch das Tor. Natürlich finden wir auch Quartiere mit zwei oder drei Spangen und Nachbarschaften mit nur einer oder gar keiner kommerziellen Spange sind keine Seltenheit. Für zwei­geschossige Villenquartiere beispielsweise können randständige Einkaufzeilen schnell eine räumliche Lageverschlechterung bedeuten. Insbesondere südliche Einkaufszeilen sind hier darum auch nicht anzutreffen. Hinzu kommt, daß die ver94

Süd-Orientierung der Wohngebäude

Wohngebäude-Zeile kommerzielle Rahmung (orientierungsfreie Nahversorgung) Tor Nachbarschaftshof geschlossene Nachbarschaft mit Zeilenbauten

‚Compound‘ mit orientiertem Zeilenbau und nicht-orientierter kommerzieller Rahmung

gleichbar geringe Einwohnerzahl der Villenquartiere dem Einzelhandel auf Nachbarschaftsebene nicht förderlich ist. Warum ist diese kommerzielle Infrastruktur für die gegenwärtige Stadt­ gestaltung so wertvoll? Die Antwort liegt auf der Hand: Durch die nachbarschaftsbezogene kommerzielle Infrastruktur wird der durch Mauern und Zäune verursachte visuelle Verriegelungseffekt wirksam konter­kariert. Ein Wohnquartier, das sich hinter Einkaufszeilen verbirgt, wird nicht so stark als ‚gated‘ wahrgenommen. Aufgrund des Funktions­pluralismus, den das Quartier durch die Geschäfte erwirbt, wirkt er zudem wesentlich urbaner als ein Quartier, das sich als verriegelte nachbarschaftliche Monostruktur zum offenen Raum hin exponiert. Hinzu kommt, daß die Bewohner des Quartiers hinter der oder den Einkaufszeilen ebenso wie die Bewohner angrenzender Quartiere von den angebotenen Nahversorgungsleistungen profitieren. Da sie stark von objektiven lokalen Standortbedingungen abhängig sind, können die quartiersgebundenen Einkaufszeilen nur in begrenztem Umfang als unmittelbare städtebauliche Strategie gegen den Verriege­ lungseffekt eingesetzt werden. Zu den härtesten dieser Faktoren zählt die 95

Einwohnerzahl in den ‚compounds‘. Da es sich in der Regel und nach Lage der Dinge in Zukunft ausschließlich um Wohnhochhaussiedlungen mit hoher Einwohnerzahl und entsprechenden Dichtewerten65 handelt, rentiert sich das kleinräumliche Heranrücken an die Wohnsiedlungen. Zu den weiteren harten Faktoren zählt auch die Erschließung, wobei Quartiersstraßen mit ihren Parkmöglichkeiten, ihren Überquerungsmöglichkeiten für Fußgänger und so weiter deutlichen Vorrang gegenüber den übergeordneten Stadtstraßen genießen. Als unmittelbar städtebaulich wirksame Konzepte gegen den Verriegelungseffekt finden demgegenüber insbesondere landschaftsarchitektoni­ sche Elemente Verwendung, zum Beispiel der Bau von Grün- beziehungsweise Baum- oder Bambusstreifen, die Nutzung von vorhandenen Fließgewässern (in Shanghai, das im Mündungsgebiet des Yang Zi Jiang liegt, häufig anzutreffen) oder einfach durch die Akzentuierung des Alleencharakters übergeordneter Straßen. Die Wirkung der kommerziellen Infrastruktur auf die Stadtgestalt ist enorm groß. Da Zäune und Mauern immer wieder durch Blockrandzeilen abgelöst werden, ergibt sich schon allein durch die kleinräumliche Nachbarschafts-Infrastruktur eine Balance, ein städtebaulicher Rhythmus von geschlossenen und offenen Raumelementen. Im Ergebnis läßt sich feststellen, daß auch die Lebbarkeit der gegenwärtigen chinesischen Stadt entscheidend von ihren kommerziellen Elementen geprägt wird. Damit wird allerdings nur jene fundamentale Erkenntnis des Urbanismus bestätigt, derzufolge der (Einzel-)Handel eine feste Säule der Stadtgestalt von säkularer, wenn nicht gar universalhistorischer Bedeutung ist. Die Nachbarschafts-Fußgängerstraße Bei der Nachbarschafts-Fußgängerstraße handelt es sich um eine ‚inverse‘, von außen nach innen gewanderte Version der zuvor beschriebenen organisierten Blockrandzeile. Münch sieht in ihr darum auch ein Beispiel für die Integration des städtischen Raums in die geschlossene Nachbarschaft (Münch 2004, 45). Die blockrandständige Bebauung wird gleichsam nach innen gestülpt. Man kann sie auch als eine für kommerzielle Zwecke ausformulierte Variante der fußläufigen Innenerschließung des Wohnquartiers definieren. Auf jeden Fall verbindet diese eigentümliche Fußgängerzone charakteristische Elemente der Blockrandzeile und der Wohnbebauung miteinander. Von der Blockrandzeile stammen beispielsweise die in einer 96

Introverse Einkaufsstraßen, Shanghai

homogenen Architektursprache verpackten Läden, Lokale und Werkstätten, dazu die orientierungsfreie Ausrichtung und die Funktion der Abriegelung des Quartiers vom öffentlichen Stadtraum. Vom Wohnquartier hingegen stammen die mäandernde Form und die sich als Sackgasse artikulierende Introversion. Durch den Bezug auf die Raumelemente der Nachbarschaft verwandelt sich die Fußgängerzone in ein Element introverser Raumgestaltung. Die Nachbarschafts-Fußgängerzone ist immer zur übergeordneten Stadtstraße hin erschlossen. Sie ist öffentlich zugänglich, nutzbar und lockt die Kunden mit den gleichen Mitteln, wie andere Einkaufzeilen und Fußgängerzonen. Ihr öffentlicher Charakter wird andererseits konterkariert durch eine gewisse Intimität, die nicht allein auf das Anschmiegen an das Quartiersdesign zurückzuführen ist. Sie wird auch durch das spezifisch nachbarschaftliche Sortiment der Läden (Drogeriemarkt, Kinderbekleidung und -spielzeug, Sportartikel, Restaurant, Mobiltelefon-Bedarf, Back- und Süßwaren uns so weiter), durch die üppige Ausstattung mit Straßen- und Platzmöbeln, aber auch durch quartiersbezogene Freizeitinfrastruktur (Tischtennisräume, Musikübungsräume und anderes) unterstrichen. Die Nachbarschafs-Fußgängerzone wird dadurch zur Sphinx, die in beide Richtungen zugleich blickt, nach außen ins Öffentliche und nach innen, ins Private. Ob diese Form der nachbarschaftsorientierten Einkaufsinfrastruktur funktioniert, kann in Ermangelung entsprechender Studien hier nicht beurteilt werden. Meine gelegentlichen Besuche dieser Orte zeigten ein eher tristes Bild, was allerdings nicht viel heißt, denn punktuelle Besuche gestatten auch nur punktuelle Eindrücke. 97

Die Nähe zu den Wohngebäuden, der Mangel an Platz und die Entfernung von den Frequenzströmen der übergeordneten Straßen und Einkaufs­ zentren stecken dem Bau von Attraktoren (etwa von Kaufhäusern) in den introversen Fußgängerstraßen allerdings enge Grenzen. Sollte es schwierig sein, überörtliche Kundschaft in diese Einkaufsstraßen zu locken, dann sind die Gründe sicher in diesen Restriktionen zu suchen. Anderer­seits muß man davon ausgehen, daß sich aufgrund der hohen Kundendichte, welche die ‚compounds‘ selbst bieten, eine bestimmte Anzahl kleiner Geschäfte erfolgreich etablieren könnte. Als eine übergeordnete Variante dieser Form der Nachbarschafts-Fuß­ gängerzone entdeckt man bei neuesten Siedlungsprojekten inzwischen auch die räumliche Integration großer vertikaler Nachbarschaftsquartiere und Gemeinschaftszentren. Durch die Verknüpfung von Nahversorgung mit der Versorgung auf Gemeindeebene soll der Lage der betroffenen Nachbarschaft offenbar ein Schub in das Premiumsegment gegeben werden. Im Prinzip unterscheidet sich dieser Typus nicht von anderen Gemeindezentren. Wir finden eine offene oder geschlossene Piazza, um die sich einige Kaufhäuser gruppieren, die als Attraktoren wiederum die Kundschaft für zahlreiche kleinere Geschäfte, Boutiquen, Friseursalons, Bankfilialen und Cafés anlocken. Nachbarschafts- und Gemeindezentren Stadtplanerischen Vorschriften zufolge muß in den neuen suburbanen Entwicklungsgebieten chinesischer Großstädte jeweils eine Gruppe von Nachbarschaften ein oberhalb der dezentralen Einkaufszeilen angesiedeltes Einkaufs- und Dienstleistungszentrum besitzen. Zwei Typen lassen sich hier identifizieren, die sich nach Größe, Zahl der Geschäfte, Vielfalt der Angebote und Mischung der Funktionen unterscheiden: das kleinere Nachbarschaftszentrum und das größere Gemeindezentrum. Das Gemeindezentrum selbst wird überboten durch das Distriktzentrum, das aufgrund seiner Größe und Formenvielfalt in der Regel den Kern eines vorhandenen oder eines neu zu bildenden Stadtzentrums beziehungsweise Subzentrums bildet. Nachbarschaftszentren finden sich in der Regel an den Kreuzungen übergeordneter Stadtstraßen. Ihren Mittelpunkt bildet ein amerikanisierend als ‚Mall‘ bezeichnetes Einkaufszentrum mit großem Supermarkt (in Shanghai häufig unter Beteiligung der britischen Supermarktkette Tesco oder des 98

französischen Einzelhändlers Carrefour), garniert mit zahlreichen kleinen Spezialgeschäften, Dienstleistungseinrichtungen und vor allem mit chinesischen Fast-food-Restaurants. Parkmöglichkeiten gibt es wenige beziehungsweise keine. Statt dessen gibt es einen eigenen Bus-Schuttle-Service des Supermarkts und einen vergleichsweise gut entwickelten Lieferservice. Das Nachbarschaftszentrum reflektiert insofern die gegenwärtig immer noch relativ niedrige chinesische Automobilisierung. Nachbarschaftszentren sind häufig auch Konzentrationspunkte für die kommerziellen Blockrandzeilen angrenzender Wohngebiete, in deren Laden­sortimenten Maklergeschäfte zu dominieren scheinen. Durch die Ansammlung von Geschäften aller Art entsteht eine gewisse Mischung und Lebhaftigkeit. Diese wird noch deutlich gesteigert durch öffent­liche Einrichtungen, insbesondere Kindergärten und Schulen. Gleiches gilt für die informellen Geschäfte der Bauern, die Obst und Gemüse feil­bieten, oder für die kleinen, oft winzigen Garküchen, Grillöfen und Pfann­ kuchenbäckereien von Migranten. Die Agglomerationswirkungen der Nachbarschaftszentren sind unbestreitbar. Basis dieser Zentrenbildung sind natürlich stadtplanerische Entscheidungen, die sich jedoch in der Regel mit den Interessen der Investoren und Entwickler decken. Entsprechende Vereinbarungen wurden frühzeitig getroffen. Räumlicher Ausgangspunkt sind nicht selten repräsentative Gebäude, die aufgrund ihrer aufwendigen Gartenanlagen typologisch eher an öffentliche Gebäude erinnern. Tatsächlich handelt es sich jedoch um Verkaufspavillons lokaler Grundstücksentwickler, die sich aus Gründen besserer Vermarktung mit einem großzügigen Ambiente umgeben. In den oberen Stockwerken dieser Gebäude finden sich hin und wieder Restaurants für gehobene Ansprüche. Nach Abschluß der Wohnungsvermarktung verwandeln sie sich meist vollständig und endgültig in Restaurants. Kennzeichnend für Gemeindezentren ist das Angebot von Versorgungsfunktionen übergeordneter Bedeutung. In der Regel handelt es sich um offene Einzelhandelszentren, gelegentlich auch um eine Kombination aus offenem und geschlossenem Zentrum. Die Geschäfte des offenen Bereichs gruppieren sich meist um einen Platz, von dem fingerartig eine oder auch mehrere Fußgängerstraßen abgehen. Es gibt mindestens ein Anker­geschäft in Gestalt eines großen Supermarkts, eines Kaufhauses oder auch einer Anhäufung von Restaurants aller Art (von Fast Food über Ethnical Food bis zu chinesischen Restaurants für gehobene Ansprüche). Neben dem üblichen Einzelhandel gibt es auch Kinos, Fitneßzentren, Schönheits­ salons und dergleichen mehr. Vorbild dieser Gemeindezentren sind ameri99

kanische Malls, weshalb nicht zufällig viele der chinesischen Nachahmungen das Wort ‚mall‘ im Namen tragen. Für die Lage der Gemeindezentren ist die Erreichbarkeit ein entscheidendes Kriterium. In einem Land mit vergleichbar geringer Automobildichte folgt daraus, daß ein U-Bahnhof in der Nähe sein sollte, eine Kreuzung übergeordneter Straßen, ein großer Taxihalteplatz. Es ist daher kein Zufall, daß gerade an Umsteigebahnhöfen der Untergrundbahn beziehungsweise der Stadtbahn die größten Shoppingzentren zu finden sind, oft mit direkter Anbindung an U-Bahnen. Oft suchen Gemeindezentren auch die Nähe von Ausstellungsflächen oder Messehallen, von öffentlichen Einrichtungen (Museen, Kunsthäuser), von großen Hotels oder von Fachbeziehungsweise Großhandelsmärkten. Nicht selten ziehen vorhandene Funktionen weitere Funktionen an, ein Effekt, der durch den hohen Verriegelungsgrad des umgebenden Stadtraumes verstärkt wird. Durch einen U-Bahnhof verwandeln sich diese Orte in Stadtteiltore, die die Einwohner anziehen. Solche Plätze sind gleichermaßen attraktiv für Taxis und für den kleinen informellen Handel. Ein gutes Beispiel für ein neues Gemeindezentrum ist der ‚Große Daumen‘ an der Fangdian Lu in Shanghai, im Wohngebiet nördlich des Jahrhundertparks in Pudong. Hier hat man versucht, nach dem Vorbild des offenen amerikanischen Community-Centers einen Stadtplatz zu schaffen, einen offenen zivilgesellschaftlichen Raum. Das Einkaufszentrum nimmt einen ganzen Block ein. Der mittig angeordnete Platz ist für den Autoverkehr unzugänglich. Er öffnet sich zu einem lebhaft frequentierten Taxistand an der Fangdian Lu und bietet Durchgänge nach Norden zu einer mit Kopf-

Gemeinde-Einkaufs­ zentrum ‚Großer Daumen‘ in Pudong, Shanghai

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steinen gepflasterten Lieferanten- und Parkverkehrs-Straße, nach Osten zu einer weiteren Erschließungsstraße. Ein U-Bahnhof in unmittelbarer Nähe fehlt allerdings. Dieses Defizit wird durch die große Siedlungsdichte der angrenzenden Nachbarschaften ausgeglichen. Es ist interessant zu sehen, daß sich um den Hauptplatz vor allem westliche Firmen mit ihren Markenzeichen gruppieren, allen voran das sich selbst als ‚Hypermarkt‘ ankündigende Carrefour, dazu ein Starbucks Café, Pizza Hut, zwei kleinere Bäckereien, die französische Brot- und Backwaren anbieten. In den Seitenarmen des Einkaufszentrums konzentrieren sich viele Restaurants: japanische, koreanische und chinesische. Hinzu kommen Boutiquen, Schönheitssalons und eine Bücherei mit dem Namen ‚Heidegger Books‘. Wenn gesagt wurde, man versuche Stadtplätze nach dem Vorbild des offenen amerikanischen Community Centers einzurichten, dann weil man solchen Zentren an allen Ecken und Enden die Unbeholfenheit in der Produktion und im Konsum eines solchen Ortes anmerkt. So gibt es am ‚Großen Daumen‘ nur ein Ankergeschäft, das Carrefour, mit der Konsequenz, daß die Besucherfrequenz in den Seitenarmen der Mall teilweise drastisch absinkt, wenn nicht regelrecht abbricht. Der Platz selbst ist großzügig mit einigen langen Bänken ausgestattet, die zum Sitzen und Verweilen einladen. Wer lange genug sitzen bleibt, kann bei Starbucks Müßiggänger, Zeitungsleser und diskutierende Gruppen beobachten, die in der Regel Kaffee trinken und alle irgendwie westlich aus­ sehen, wenngleich nicht wie Touristen. Die chinesischen Kaffeehaus-Besucher hantieren demgegenüber ständig an ihren Mobiltelefonen, blicken auf die Bildschirme ihrer Laptops, reden geschäftlich-konzentriert, machen Notizen und nippen hin und wieder an Fruchtsäften, Tees oder Schokoladengetränken. Für die sie umgebende Betriebsamkeit haben sie wenig Aufmerksamkeit. Müßiggang, Flaneurshaltung, öffent­liche Kommunikation sind vorerst noch eher westliche Verhaltensweisen. Über­raschen kann dies nicht; denn wie wir inzwischen wissen, existiert in China keine Tradition des öffentlichen Raums, daher auch keine Tradi­tion des zivilgesellschaftlichen, öffentlichen Gesprächs. Wer im Kaffeehaus eine chinesische Zeitung liest, nimmt verordnete Meinungen ent­gegen. Debatten darüber erübrigen sich in der Regel. Die dem chinesischen Volk bisher zugestandenen Freiheiten beschränken sich weitgehend auf das wirtschaftliche Handeln – und diese werden exzessiv genutzt. Abends geht es auf dem vorderen Platz zu wie auf dem Münchner Christkindl-Markt: Teile des Platzes werden abgesperrt, um Kindern Unter101

richt im Inline-Skating zu erteilen, selbstverständlich eine kommerzielle Aktion, bei der es vor allem um den Verkauf von Skatern geht. Daneben fahren ein paar blankpolierte Autos mit Hochzeits-Blumenschmuck vor, und ein paar Männer und Frauen, gekleidet wie Models, steigen aus. Autowerbung ist angesagt. Doch entfernt man sich von diesem Geschehen im vorderen Platzteil nur wenige Schritte nach hinten, findet man sich plötzlich allein im Finstern. Die asiatischen Restaurants leeren sich spätestens um 21 Uhr. Wenn sie ihre Lichter ausschalten, wird man plötzlich gewahr, daß es eine öffentliche Beleuchtung nur rudimentär gibt. Ein Gemeindezentrum ganz anderer Art befindet sich südlich des Jahrhundert Parks an der Longyang Straße, direkt am stadtseitigen Haltepunkt des mit dem internationalen Flughafen Pudong verbundenen Maglev, jener von Thyssen-Siemens entwickelten Magnetschwebebahn, die bis heute auch in Shanghai immer noch als Versuchsbahn deklariert wird. Hier, am Endpunkt im Nirgendwo der neuen Nachbarschaftsquartiere, haben insbesondere deutsche Handelsunternehmen versucht, Akzente zu setzen; so etwa das Großhandelsunternehmen Metro oder der Fachmarkt Obi, der sein Engagement inzwischen allerdings aufgeben mußte und an die britische B & Q verkaufte. An dieser Stelle haben sich nicht nur zahlreiche Einzelhändler für die lokale Versorgung etabliert, sondern auch übergeordnete, auf die ganze Stadt als Einzugsbereich orientierte Unternehmen und Dienste ließen sich nieder. Dazu zählt auch das Shanghaier Messegelände, vom Flächenangebot her eines der größten weltweit. Das Gemeindezentrum an der Longyang Straße hat das Potential zu einem übergeordneten Zentrum. Doch fehlt zu einem kommunalen Superzentrum noch ein hoch integriertes, kleinteilig organisierten Einkaufszentrum. Die abschließende Bestimmung des Ortes ist noch nicht abgeschlossen. Gegenwärtig erscheint es als funktional determiniertes Gemeindezentrum, als ein Zentrum ohne Ambitionen auf urbane Qualitäten. Die ‚Marketender‘ des Städtewachstums Eine ganz besondere Form der Einkaufsmeile oder Einkaufszeile für suburbane Nachbarschaften der Mittelklasse bieten schließlich dörfliche Siedlungsgebilde, die nach Maßstab, Größe, Materialität, Bausubstanz und räumlicher Anmutung gar nicht zu ihrer nagelneuen Umgebung passen. Diese in der Regel ärmlich anmutenden ‚Dörfer‘ bilden händlerische und 102

gewerbliche Strukturen aus, die sich auf den zeitlichen und dauerhaften Bedarf der neuen Siedlungen spezialisieren. Auf diese Weise sichern sie ihren ‚ländlichen‘ Bewohnern zumindest befristet ein Auskommen. Zwei Siedlungstypen lassen sich unterscheiden: Zum einen handelt es sich um Dörfer, die in Reichweite der wuchernden Metropolen geraten und von diesen umschlossen werden. Wie noch ausführlich am Beispiel der Dörfer von Shenzhen gezeigt wird (Kapitel  7), können diese Dörfer eine erstaunliche soziokulturelle Anpassungsfähigkeit an ihre neue Umgebung entwickeln. Da jedoch nicht überall in China die gleichen stabilisierenden Voraussetzungen gegeben sind wie in Shenzhen (zum Beispiel das Fortbestehen der Landnutzungsrechte für den gesamten Immobilienbestand des Dorfes), handelt es sich bei den hier zu betrachtenden ‚Dörfern‘ meist um Siedlungen auf Abruf. Ihre Bewohner werden, nachdem ihr Land, ihre Gärten und Äcker zu Bauland gewidmet wurden, zum Verlassen ihrer Häuser aufgefordert und für den Verlust ihrer Landnutzungsrechte entschädigt. Die Dörfer entleeren sich allmählich, werden Stück für Stück abgerissen – oft bis auf eine oder zwei Gebäudezeilen an der Haupterschließungsstraße. Diese kann dann für eine mehr oder minder lange Zeit die Funktion einer lokalen Einkaufsstraße übernehmen, ein Nahversorgungszentrum mit dörflicher Anmutung: kleinteilig, äußerst vielfältig, bunt gemischt, mit einem Maßstab, der sich großer Beliebtheit erfreut. Nicht von ungefähr locken diese leben­digen Straßenzüge nicht nur Obst- und Gemüsegeschäfte an, Fleisch- und Fischgeschäfte, kleine ‚Supermärkte‘, Gemischtwaren- und Kramläden aller Art, dazu kleine Textilgeschäfte, sondern auch Restaurants, Blumen­läden, Mobilfunkstatio­ nen, Bankfilialen und Reparatur- und Handwerker­stuben aller Art. Zum zweiten haben wir es mit informellen Siedlungen zu tun, die von Arbeitsmigranten im ‚Kielwasser‘ der in die Landschaft vordringenden Neubaugebiete errichtet werden. Wie einst Marketender die Truppen auf ihren Kriegszügen begleiteten, folgen diese Siedlungen den Bau­kränen und Mörtelwagen, Polieren und Bauarbeitern. Errichtet werden die Hütten und Baracken vorzugsweise an den großen Erschließungs­straßen. Hier stellen sie ihre Auslagen in den Blick der vorbeifahrenden Bauleute und Neusiedler. Dabei entstehen, aller ärmlichen Anmutung zum Trotz, nicht selten hoch spezialisierte Einkaufszeilen, die in der Lage sind flexibel auf den mannigfaltigen Bedarf der gewaltigen Neubauaktivitäten zu reagieren. Die Existenzgrundlage dieses ‚Dorftypus‘ ist nicht agrarisch, sondern händlerisch und handwerklich. Präziser noch: Die Bewohner dieser informellen Siedlungen bieten Nischenprodukte und Dienstleistungen für die 103

um sie herum sich ausbreitenden Neubaugebiete an. Feilgeboten werden Lackfarben, Nägel, Schrauben, Türschilder, Steine, Fliesen, Zement, Blumentöpfe, Besen und viele andere Utensilien, für die sich eine Nachfrage an diesem Ort erwarten läßt. Dieser Bedarf wird insbesondere durch die aufwendigen Dekorationsarbeiten generiert, die vor dem Bezug einer Neubauwohnung fällig werden. Denn Wohnungen in Neubaugebieten werden bisher in der Regel im Rohzustand verkauft, und es obliegt daher dem Erstbezieher, die erworbene Wohnung auch bewohnbar zu machen. Dabei werden keine Mühen und Kosten gescheut. Auf die hierbei ent­ stehende Nachfrage nach Putzmaterial, Dekor-Utensilien, Verkabelungen, Beleuchtungskörpern, Klimaanlagen und so weiter sind die Bewohner der Marketendersiedlungen bestens vorbereitet. Neben den Läden, die alles Erforderliche anbieten, entstehen Handwerksläden, die Schweiß­arbeiten, Zuschnitte von Glas, Maßanfertigungen von Fenstergittern, Reparaturen kleiner Maschinen und Geräte und vieles mehr anbieten. Sie profitieren dabei von der Nähe zu den Kunden. Nicht selten gesellt sich auch noch der eine oder andere Lebensmittelhändler zu diesen, auf den Nischen­ bedarf von im Bau befindlichen Mittelklassewohnquartieren spezialisierten gewerblichen Dörfern. Bemerkenswert an diesen kleinen informellen Siedlungen ist jedoch nicht nur ihre symbiotische Beziehung zu den Neubaugebieten, sondern fast mehr noch die räumliche Offenheit ihrer Wohngebäude. Vermutlich zählen sie heute zu den wenigen Wohnquartieren der boomenden Großstädte, die überhaupt noch im Sinne der Wohnfunktion räumlich offen sind. Diese ‚Offenheit‘ reflektiert freilich nicht nur den kommerziellen Grund ihrer Existenz, sondern vor allem den Tatbestand, daß offenes Wohnen sich im heutigen China auf Informalität und Armut reimt. Im Blickwinkel des gründerzeitlichen Mainstreams sind die kleinen Dörfer, die wie der Karren von Brechts Mutter Courage den Landnahmen der Developer folgen, nur Teil des leeren Raums. Ihre Legitimität beziehen sie ausschließlich aus ihrer kommerziellen Funktion. Sie existieren, weil sie ein willkommenes Schmiermittel des Städtewachstums sind, mehr nicht. Die Leute, die hier wohnen, kommen aus dem armen Hinterland. Sie können sich das Leben in einer abgeschlossenen Nachbarschaft nicht leisten. Und weil sie das nicht können, erhalten sie auch keinen zivilen Stadt-Status, sondern bleiben im Sprachgebrauch des offiziellen Meldesystems Landbewohner. Sie müssen mit einem Leben im Residualraum der Stadt vorlieb nehmen. Daß ihnen dies gestattet wird, zeigt nur, daß sie gebraucht werden. 104

Andererseits sollte nicht übersehen werden, daß so manche Familie, die sich in diesen Marketendersiedlungen engagiert, ein Einkommen rea­ lisiert, das nach einigen Jahren den Erwerb einer Wohnung ermöglicht und damit, nach den Regeln des Hukou-Melderechts auch den Erwerb des chinesischen Stadtbürgerrechtes. Die temporären mobilen ‚Dörfer‘ sind durchaus in der Lage, den konfuzianischen Traum vom Wohlstand der Familie wachzuhalten und diesen sogar in Erfüllung gehen zu lassen. Für die Dauer der chinesischen Gründerzeit werden sie eine Begleiterscheinung der Urbanisierung des Landes bleiben. Von den hier beschriebenen Neubaugebietsdörfern sind die von John Friedmann gewürdigten ‚ethnischen‘ Enklaven beziehungsweise ‚Migrantendörfer‘ zu unterscheiden (Friedmann 2005, 57ff ). Diese ‚Dörfer‘ sind dauerhaft und finden sich in allen Megastädten Chinas. Dabei handelt es sich um zumeist informelle Siedlungen von Menschen aus denselben Regionen, gelegentlich sogar um miteinander verwandte Einwohner eines Dorfes, die sich entschlossen, ihrem Dorf den Rücken zu kehren, um in einer Großstadt Ostchinas ihr Glück zu versuchen. Insofern gleichen diese ‚Dörfer‘ auch ein wenig den überseeischen ‚Chinatowns‘, die nicht nur Chinesen allgemein, sondern oft auch Familien bestimmter Städte, Regionen oder Provinzen ein Zuhause in der Fremde bieten. „Ethnic enclaves are called ‚villages‘ (cun) and some are preceded by the name of the province from which migrants come. Thus Beiing has its Henancun, An­huicun, Xinjiangcun, Zhejiiangcun, and so forth, whose inhabit­ ants think of themselves as tongxiang or compatriots (,homies‘) and stand ready to help and support each other […]“ (Friedmann 2005, 70). Mediapolis Daß die offenen Straßenräume angesichts des enormen Vorranges der nach innen gerichteten Nutzungen nicht völlig verkommen, ja oft sogar ein ungemein lebhaftes, buntes und von Vielen als attraktiv empfundenes Stadtleben zeigen, ist den Eigenarten des Kommerzes mit seinem unablässigen Buhlen um die Aufmerksamkeit der Kunden zu verdanken. Um diese Wirkung des Handels auf den Stadtraum besser einordnen zu können, gehen wir zunächst einen kleinen Schritt zurück. In der chinesischen Stadt sind die straßenseitigen Gebäudefassaden im Prinzip bedeutungslos. Entsprechend ‚gesichtslos‘ wenden sie sich in der Regel dem Straßenraum zu. Einen Fassadenkult, das heißt ein Zusam105

menspiel von dekorativen Fassaden und dem auf diese Weise inszenierten Straßenraum hat es hier nie gegeben, ganz im Unterschied zu Europa, wo dieses, auf die Evolution einer individualisierten Gesellschaft verweisende Zusammenspiel für die urbane Ästhetik konstitutiv ist. In der Nicht­ beachtung des ästhetischen Potentials der Fassade und überhaupt in dem geringen Interesse, das dem Straßenbild entgegengebracht wird, artikuliert sich das historisch überkommene Desinteresse am öffentlichen Stadtraum. Es fehlt an einer kulturellen Referenz für die ästhetische Aufwertung des offenen Stadtraums mittels Fassadenkunst. Zwar gibt es Abgrenzungen der Gebäude zur Straße hin, seit Beginn des 20. Jahrhunderts sogar deutlich artikulierte Blockrandbebauungen. Doch haben diese vor allem etwas mit raumfunktionalen Praktiken zu tun und mit den Imperativen der Bodenwirtschaft, nichts jedoch mit der Inszenierung von öffentlichem Stadtraum. Wenn beispielsweise blockrandständige Einkaufszeilen eine dahinter liegende Wohnsiedlung vor dem Lärm, Staub und den unsichtbaren Emissionen der Straße schützen, dann ist dies in Sinne der Funktionalität der Stadtstraße als Zusammenhang von Verkehrsraum und rahmender Bebauung aus mehreren Gründen eine sinnvolle Struktur: aus Gründen der Nahversorgung, des Emissionsschutzes und der Begrenzung der Wohn-

Europäische Extraversion: Fassaden in Quedlinburg

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quartiere. Mit einer kulturell artikulierten Form der Beziehung von Straße und Blockrand, welche die Stadtstraße als Bühne sieht, hat dieser Zusammenhang in China jedoch nichts zu tun. Entsprechend uneinheitlich, zerrissen, fragmentarisch und transitorisch wirkt der Raum der Straßen und Plätze daher oft auf europäische Besucher. Und umgekehrt: Das Fassadenspiel alter europäischer Städte wird von Chinesen als Exotik und darin als mögliches Distinktionsmittel wahrgenommen. Mit entsprechend großer Begeisterung wird es daher in allen erdenklichen Formen konsumiert: von der freien Nachbildung in Themenparks über die anspruchsvolle Trans­ position bis hin zur gnadenlosen Kopie.66 Wenn gleichwohl unzählige Einkaufsstraßen (in China ist nahezu jede öffentliche innerstädtische Straße eine Einkaufsstraße), als ausgesprochen lebendig, pulsierend, dynamisch und gelegentlich in einem orientalischen Sinne auch als pittoresk empfunden werden, dann müssen die Gründe woanders zu suchen sein als in einem rahmenden, den öffent­lichen Straßenraum auf eine je kulturspezifische Weise theatralisierenden Spiel von Fassaden. Sie liegen, wie unschwer herauszufinden ist, in dem nachgerade zügel­losen Gebrauch von Bildern, Zeichen und Symbolen, mittels derer unzählige kleine, mittlere und große Geschäfte, Werkstätten und Dienstleistungseinrichtungen die Aufmerksamkeit der vorübereilenden Verkehrsteilnehmer auf sich zu ziehen versuchen. Und wenn in den Haupteinkaufsstraßen (Nanjing Rd; Huai Hai Rd.; Lu Jia Zhui in Shanghai) die Gebäudefronten als Werbeflächen nicht ausreichen, werden diese mit überdimensionalen Bildschirmen einfach zugehängt oder es werden, wie das Beispiel Huai Hai Rd. zeigt, etwa alle 50 Meter fest verankerte Videobildschirme an der Straßenkante aufgestellt. Auf diese Weise entstehen, jedweder theatralisierenden Absicht zum Trotz, überbordend bunte Bühnenbilder, hier und da auch an Tumult, Chaos und Ekstase grenzende Raumanimationen. Vor den Tanz der Bilder und Zeichen schiebt sich in den weniger betuchten Bezirken das kaum weniger vielfältige Schauspiel städtischen Lebens – jene im westlichen Auge abenteuerlich anmutende Mischung aus Repara­ turwerkstätten, Garküchen, Obstläden, Frisiersalons, Zeitschriftenständen und davor auf Obstkisten und wackeligen Hockern oft ältere, gelegentlich auch jüngere Frauen und Männer, die schwatzen, spielen, arbeiten. Es sind allein schon diese Szenen aus dem Alltagsleben einer immer noch zwischen Bettelarmut und funkelndem Reichtum ihren Weg suchenden Nation, die die chinesische Stadtstraße zur vitalen urbanen Bühne macht, und dies selbst dann, wenn ihr rahmender Hintergrund nichts anderes als puren Funktionalismus zur Anschauung bringt. 107

Nanjing Lu bei Nacht, Shanghai

Bildschirme an der Huai Hai Lu, Shanghai

Insbesondere nachts offenbart sich das zirzensische Wesen des Handels. Wenn die Lichterketten und Leuchtreklamen, die Scheinwerfer und Vitrinen­beleuchtungen angeschaltet werden, entfalten selbst die tagsüber als chaotisch, gelegentlich sogar als heruntergekommen empfun­denen, grauen und verschmutzten Gehwege und Hauswände einen magischbunten Zauber, wie ihn so offenbar nur Ostasiaten zustandebringen. Es ent­stehen dann Straßen- und Platzrahmungen, die wir als Lichtfassaden erleben. 108

Typische Ladenzeile, Shanghai

So kommt die Fassade unversehens über die Medien der Reklame und des Lichts doch noch zu ihrem Auftritt, dem chinesischen Hang zu bunter, glitzernder Vielfalt sei Dank. Die moderne chinesische Blockrandbebauung – ob als Spange oder als (in das Wohnquartier) integrierte Form die offene Zeilenbebauung straßenseitig schließend – inszeniert anstatt dekorativer steinerner Fassaden, vor allem Bühnenwände aus Werbebotschaften, aus Bildern, Piktogrammen, Schriftzeichen, Figuren, Leuchtkörpern und Tand aller Art. Diese Wände wirken wie animierte Collagen, kunterbunte Webseiten oder Fernsehbildschirme. Insofern kann festgestellt werden, daß sich im Laboratorium der dynamischen Städte des heutigen China ein neuartiger Typus des öffentlichen Raums herausbildet, ein Raum, dessen Inszenierung statt durch Fassaden durch eine Art Medienarchitektur erfolgt. Die Medienfassade zeugt vom zügigen Vordringen extraverser Praktiken. Es entbehrt daher nicht einer gewissen Konsequenz, wenn man sich in China inzwischen das öffentliche Inszenierungspotential der Wolkenkratzer – in Shanghai: von Pudong und Puxi – zunutze macht. So findet man Bürotürme, die nachts als Videobildschirme genutzt werden, oder Hochhäuser, die sich nach Sonnenuntergang in Lichtskulpturen verwandeln, dies alles in einer Größenordnung, die vergleichbare Lichtspektakel in New York oder Tokyo sozusagen in den Schatten der chinesischen Medienfassaden stellt. Besonders hervorgetreten ist in dieser Hinsicht Hongkong, das zur Zeit, als diese Zeilen geschrieben werden, bei Eintritt der Dunkelheit die dem Meer zugewand109

ten Außenhäute von 26 Wolkenkratzern in Videoschirme umfunktioniert – eine Touristenattraktion, die ihre Wirkung nicht verfehlt. In China bildet sich die generische Mediastadt von morgen. Dieser Befund wird noch durch eine weitere Beobachtung gestützt. Gemeint ist hier die Grundfigur und -ausstattung der großstädtischen Haupt- und Ausfall­ straßen. Mit ihren acht bis zwölf und mehr Fahrspuren, ihren grünen Begrenzungsstreifen, strauch- und baumbestandenen Randstreifen, ihren zusätzlichen Fahrstreifen für Mopeds und Fahrräder, ihren Bus­spuren und Parkbuchten, dann ihrem flankierenden Bestand an Gebäuden, an Wolkenkratzern aus Glas, spektakulären öffentlichen Gebäuden hinter gewaltigen Skulpturen aus poliertem Stahl oder Marmor, schmiedeeisernen Lanzettstangen-Zäunen vor Siedlungen aus Wohnhochhäusern wirken sie wie städtische Landschaften, die aus der Zukunft kommen. Natürlich reflektieren diese Boulevards zunächst die Mobilitätswünsche der globalisierten Megastädte von heute. Damit nicht genug: Medienfassaden vergleichbar verwandelt sich der Funktionsraum Straße durch die in seiner imposanten Anlage verräumlichten Bildbotschaften, Bildvisionen, erträumten Zukunftswelten in einen Medienraum von beachtlicher Ausdruckskraft. Der Nicht-Ort Straße wird auf diese Weise mit Bedeutung aufgeladen. Der formale Charakter des öffentlichen Straßenraums wird zwar nicht transzendiert; doch er wird durch die beschriebene Inszenierung zur Bühne eines selbstbewußten Aktes spektakulärer Zukunfts­erwartung. Als zivilgesellschaftlicher öffentlicher Raum völlig wertlos, kündigt er zugleich von den hochgesteckten Ambitionen einer Weltmacht der Zukunft. Die Große Straße, wie wir sie hier nennen möchten, ist kein Boulevard, auch keine Kopie desselben. Sie ist eine Verwandte des Tian An Men, des erhabenen Platzes, der Bühne von Massenornamentier-ungen. Als Botschafterin der Mediapolis ist sie den Stadtoberen ebenso wichtig, wie der große Platz. So wichtig, daß für deren Erbauung die Zerstörung ganzer Stadtquartiere, sogar von Innenstädten, billigend in Kauf genommen wird. Ein Beispiel dafür liefert die Stadt Changsha in der Provinz Hunan, Ort einer der ältesten, zum großen Teil erhaltenen und von dem Architekten Liu Su von der Hunan-Universität hervorragend restaurierten konfuzianischen Universität. In dieser Stadt wurde, dem Leitbild des sich in der Großen Straße spiegelnden, erhabenen Chinas folgend, die kleinteilige Textur der multifunktionalen, mit offenen Wohnquartieren durchdrungenen Innenstadt fast vollständig zerstört. Zwar wird zu Recht darauf verwiesen, daß die Innenstadt als Folge japanischer Bombardements im Zweiten Weltkrieg nahezu vollständig abgebrannt sei und in Zeiten vor der 110

Öffnung für einen hochwertigen Wiederaufbau die Mittel fehlten. Doch können diese Fakten nicht als Entschuldigung für die gegenwärtige Form städtebaulicher Praxis herhalten, in der die Innenstadt vorrangig als Reservefläche für den maßstabslosen Bau großer Straßen beansprucht wird. Die gegenwärtigen Interventionen erinnern ein wenig an den westdeutschen Wiederaufbau der zerbombten Städte im Dienste einer funktionalistischen Modernisierung, die die historischen Zentren vieler Städte nachhaltig ruinierte. Nun liegt Changsha im Süden Chinas, im subtro­pischen Klimabereich. Die Folge ist, daß sich die riesigen Asphaltflächen der vielspurigen Straßen enorm aufheizen und das Mikroklima in den verbliebenen Resten der kleinteiligen Innenstadt belasten. Mit einer nachhaltigen Stadtentwicklung haben diese Straßen nichts zu tun. Es drängt sich der Eindruck auf, daß ‚große Straße‘ und ‚erhabener Platz‘ nicht bloß die Raumansprüche von Millionen- und Megastädten reflektieren, sondern als petrifizierte Resultate von zu Ideologie geronnenen Visionen zu bewerten sind. Mediastadt als Ideologie. Postmoderner Eklektizismus im Städtebau Ein Modell aus der Galerie des Stadtplanungsamtes von Harbin soll am Ende dieses Kapitels über den offenen Stadtraum beispielhaft das Zusammenspiel von Grund- und Füllstruktur in einer Planung für die Neustadt von Harbin westlich des Songhua Jiang zeigen. Die Erschließungsstruktur ist insgesamt rasterförmig und erinnert an den ‚grid‘, der in den Vereinigten Staaten in seiner Zurückweisung jeglicher räumlicher Hierarchie Demokratie und Chancengleichheit konnotiert. In diesem Plan ist die Botschaft jedoch eine andere. Hier steht die Ikono­ graphie der Macht im Vordergrund. So zeigt der mittlere Teil des Plans eine stark zentrierende barocke Achse mit einer hierarchisch strukturierten Folge repräsen­tativer Verwaltungsgebäude, an deren Ende in schloßartiger Pose ein neuer Regierungsbau thront. Die Achse beginnt an einer Uferstraße, durchzieht eine aus rosettenartig angeordneten quadratischen Gärten komponierte Grünzone, dann einen runden Platz, der die mittlere Hierarchieebene besetzt – um schließlich in einen ebenfalls runden ‚erhabe­nen Platz‘ einzumünden, der von einer ‚großen Straße‘ durch­ zogen wird. Über die Straße streckt sich eine geometrisch geschwungene Brücke, die in einen barock gestalteten Garten führt, einem Vorhof des Respekt einflößenden Hauptgebäudes. 111

Modell für ein neues Regierungsviertel, Harbin

Modell des neuen Zentrums von Shenzhen

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Unterstützt wird diese hierarchische Folge zudem durch eine hyperbel­ artig in Richtung Hauptgebäude gekrümmte Straße, die zu den Rändern hin mittels zweier Biegungen den Anschluß an das orthogonale Grundmuster findet. Im konkreten räumlichen Kontext lassen sich diese Straßen­ krümmungen durchaus als Zitate gebogener alteuropäischer Stadtstraßen deuten. Bei näherem Hinsehen erkennt man zu den Rändern hin, entlang der Gewässer und in der Uferzone des Flusses, Grünflächen, deren Gestaltung deutlich pittoreske Züge aufweist. Wir sehen unregelmäßigorganisch geschwungene Wasserflächen und Wiesen mit lockerem Strauch und Baumbestand, die die geometrisch angelegten Blumenrabatten und Hecken des Achsenbereichs deutlich kontrastieren. Ebenfalls zu den Rändern des Modells hin entdecken wir zahlreiche Nachbarschaften, die alle bereits diskutierten Merkmale deutlich auf­weisen. Gefaßt sind sie in einer aus großer Straße und vertikalen Blöcken formulierten räumlichen Syntax. Die Quartiere sind, was man zwar nicht erkennen kann, jedoch vermuten sollte, abgeschlossen. Wir erblicken, wenn schon nicht tanzende Punkte, so doch mehr oder weniger deutlich nach Süden hin orientierte schwingende Zeilen und vor allem noch viel alt­ backenen fordistischen Zeilenbau. Und bei genauerem Hinsehen lassen sich hier und da innerhalb der Nachbarschaftsblöcke auch die sogenannten Nachbarschaftshöfe ausmachen. Eine vergleichbar eklektische Kompilation aus Achsialität, Linearität, Hierarchie, Erhabenheit, Vertikalität, durchdrungen von einer Mischung aus barocken und organischen Mustern, zeigt auch die Planung des Zentrums von Shenzhen (Seite 112).

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6  Stadtfiktionen

Im folgenden werden vier Grundtypen von Stadtfiktionen unterschieden: erstens die eher anspruchsvolle Transposition der europäischen Stadt nach China. Vorgestellt wird hier eine der Satellitenstädte des Shanghaier ‚Eine Stadt, Neun Dörfer-Plans‘, das Projekt ‚Anting Neustadt‘; zweitens die Travestie chinesischer Neustädte mittels europäischer Stadtgewänder, hier die ebenfalls dem Shanghaier Entlastungsplan zugehörigen Projekte Taiwushi Neustadt (ein Stadtteil der ‚einen Stadt‘ Songjiang) und Luodian Neustadt; drittens die Parodie der chinesischen Nachbarschaft mittels einer Kopie städtischer Ensembles und prominenter Gebäude, hier das Beispiel Neu Amsterdam aus Shenyang; viertens die Stadt im Themenpark, sozusagen die Disney-Variante des Citytainment. Als Beispiel gehen wir kurz auf den bekannten Themenpark ‚Window of the World‘ im südchinesischen Shenzhen ein. Die neuen Satellitenstädte in Shanghai Unter dem Eindruck des permanenten Bevölkerungsdrucks in den Kernbezirken der 18 Millionen-Einwohner Metropole Shanghai griff deren Stadtregierung um die Jahrtausendwende auf eine klassisch zu nennende Maßnahme zur Entlastung des Stadtwachstums zurück: auf den Bau von Satellitenstädten. So wurde im Rahmen des zehnten 5-Jahres-Plans unter dem Titel ‚One City, Nine Villages‘67 das neue strategische Entwicklungskonzept der Stadt beschlossen. Als ‚1966-Plan‘ wurde es im Rahmen des elften 5-Jahres-Plans bestätigt. Durch den Bau der Stadt Songjiang (die eine Stadt) und von 9 neuen Kleinstädten (,Dörfern‘) mit einer projektierten Einwohnerzahl von etwa 5,4 Millionen soll die Innenstadt (etwa 8  Millio­nen Einwohner) bis 2020 um etwa 1,1 Millionen Einwohner (gegenüber dem Stand von 2000) schrumpfen. Darüber hinaus soll mit diesen Plänen die Stadtentwicklung in geordnete Bahnen gelenkt werden. Das Schlüsselwort dafür heißt ‚polyzentrisches Wachstum‘: Die zehn (1+9) Neustädte sollen demzufolge ‚autark‘ beziehungsweise funktional integriert sein, was so viel bedeutet, daß sie 114

in ausreichender Zahl über lokale Arbeitsplätze, öffentliche Versorgungseinrichtungen (Kindergärten, Schulen, Krankenpflege-Einrichtungen), Geschäfte und so weiter verfügen müssen. Auf diese Weise sollen überbordende Pendlerströme zwischen Kernstadt und Peripherie vermieden werden. Durch die Polyzentralität sollen zudem verbliebene Ackerflächen gesichert, Zersiedelung reduziert, der Aufbau von Grünzonen gestärkt und insbesondere die Verkehrsströme konzentriert und effektiver gelenkt werden. Ein großräumig angelegter Verkehrsentwicklungsplan ist daher integraler Bestandteil des ,Eine Stadt, Neun Dörfer-Plans‘.68 Die EXPO 2010, Shanghai, die diesen Plan inzwischen adoptiert hat, hebt darüber hinaus die Bedeutung der Satelliten- und Trabantenstädte69 für die sich dynamisch ändernden Lebens- und Raumansprüche der wachsenden Mittelschichten Chinas hervor.70 Man kann diesen Plan insofern als ‚klassisch‘ bezeichnen, als er auf Modelle und Praktiken der Entlastungsplanung zu Zeiten der europäischen und nordamerikanischen Großstadtentwicklung rekurriert. Schon der philanthropische Werkssiedlungsbau in Großbritannien, Frankreich und Deutschland71, jedoch auch die Gartenstadtbewegung des ausgehenden 19. und des beginnenden 20. Jahrhunders72 und die sogenannte NewTown-Bewegung der sechziger Jahre des 20. Jahrhunderts, die ihren Ausgangspunkt in Großbritannien und Frankreich hatte (zum Beispiel Milton Keynes), seien in diesem Zusammenhang genannt. Als städtebauliches Referenzmodell muß freilich auch der aus den USA kommende New Urbanism73 hinzu gezählt werden (Ziegler 2006). Dies nicht nur, weil er im Kontext des Shanghaier ,Eine Stadt, Neun DörferPlans‘ explizit auftaucht, sondern auch weil er für das Thema Citytainment in China von großer Bedeutung ist. Der historisierende New Urbanism verweist nämlich auf einen Paradigmenwechsel im Verständnis von Stadtentwicklung, der sich in einem Satz folgendermaßen zusammenfassen läßt: Weg vom geschichtslosen Funktionalismus der klassischen Moderne, hin zu einer, Tradition und Moderne versöhnenden, ‚reflexiven Urbanistik‘ (Hassenpflug 2006c). Das bedeutet jedoch zugleich: Weg von der Förderung zentrifugaler Kräfte der Stadtentwicklung, hin zur Unterstützung und Formierung zentripetaler Dynamik! Der Sache nach geht es also beim New Urbanism nicht um Entlastungsplanung für wachsende Städte, sondern, ganz im Gegenteil, um eine Opposition gegen den ‚urban sprawl‘, um Rückkehr zu Stadt, Dichte, öffentlichem Raum, Zentralität. Er richtet sich insofern gegen das, was nicht zuletzt im Namen frühindustrieller und fordistischer Entlastungsplanung geschaffen wurde. 115

Das Auftauchen des New Urbanism im Kontext der Shanghaier Ent­ lastungsplanung ist vor diesem Hintergrund nicht ganz einfach zu erklären; denn wir finden in China weder einen mit Nordamerika vergleich­ baren ‚urban sprawl‘ noch ein diese Form der Landflucht unterstützendes Narra­tiv des ‚common man‘ und der ‚frontier‘ (Hardinghaus 2004). Warum spielt der New Urbanism gleichwohl eine Rolle? Für den Moment wollen wir uns mit zwei kurzen Erklärungen begnügen, nicht ohne dabei auf die Ausführungen in Kapitel 8 zu verweisen, wo weitergehende Reflexionen angeboten werden. Als erste Erklärung bieten sich die ungewöhnlich ambitionierten, gerade­zu experimentellen Vorstellungen an, die mit dem ‚Eine Stadt, Neun DörferPlan‘ verknüpft werden. Die eine Stadt und die neun Dörfer sollen nämlich nicht nur technisch fortgeschrittene Bauweisen in den Bereichen Umweltverträglichkeit, Nachhaltigkeit, Energieeffizienz und Material­ einsatz demonstrieren, sondern zugleich die mit vorwiegend westlichen Lebensstilen verbundenen stadtästhetischen Konzepte veranschaulichen. Eine der Deutungen dieses Anspruchs ist die bildhafte Darstellung des kulturell Typischen (typisch amerikanisch, deutsch, englisch, mediterran, nordisch und so weiter) im Medium des Städtebaus. Die zweite Erklärung führt uns zu dem Phänomen der rapiden Aus­ differenzierung einer starken, selbstverständlich heterogenen chinesischen Mittelklasse und die mit dieser Entwicklung einhergehende Änderung der funktionalen und ästhetischen Anforderungen an den Siedlungsraum. Da der Blick auf die eigene chinesische Geschichte durch die Traumatisie­ rungen der jüngeren Vergangenheit immer noch partiell befangen ist, geht dieser im nunmehr offenen China um so befreiter nach außen, um dort insbesondere die stadtästhetischen Schemata und Moden der westlichen Mittelklassen, vorzugsweise der us-amerikanischen aufzugreifen. „The selling point of Chinese new (sub-)urbanism is a ‚new way of (good) life‘, distinguishing itself from the outdated socialist utopianism. The devel­opers“, so Wu in seinem aufschlußreichen Essay über das ‚branding‘ des neuen chinesischen Nachbarschaftsblocks, „are becoming ‚community builders‘ like their North American counterparts and attempting to capture the imagination of upwardly-mobile middle class. Through the im­agination of simulated landscapes, often copied from foreign places, the developers are shaping a new myth of Chinese suburbia. The gate, especially built into spectacular and iconic styles, serves a visual anchor in the imagination of (sub-)urbanism.“ (Wu, Fulong 2006) 116

China, das ist die Botschaft des ‚Eine Stadt, Neun Dörfer-Plans‘, ist noch auf der Suche nach sich selbst – und Shanghai sieht sich als auf die Welt schauender Kopf des chinesischen Drachens in der Pflicht, hier voranzuschreiten und Wege aufzuzeigen. Projektiert wurden zehn Themenstädte in zehn Distrikten, die nach Maßgabe von teils beauftragten, teils in Wettbewerben ermittelten Master­ plänen im Stil totaler Planung (also dem exakten Gegenteil inkrementalistischen Städtebaus) als Retortenstädte realisiert werden sollen. Nach meinen Ermittlungen handelt es sich um die folgenden Projekte: Die Entlastungsstädte des ‚Eine Stadt, Neun Dörfer-Plans‘

Thema /  Themenschwerpunkt

Stadtbezirk

Songjiang-New City / Taiwushi

englische Stadt

Songjiang

1

Luodian

skandinavische Stadt

Baoshan

2

Anting

deutsche Stadt

Jiading

3

Zujiajiao

chinesische Stadt

Qingpu

4

Gaoqiao

niederländische Stadt

Pudong

5

Pujiang

italienische Stadt

Minhang

6

Bao

amerikanische Stadt

Chongming County

7

Fengjing

amerikanische Stadt

Jinshan

8

Fengcheng

spanische Stadt

Fengxian

9

Zhoupu

amerikanische Stadt

Nanhui

Nr.

Name

Seit einigen Jahren wird der ‚Eine Stadt, Neun Dörfer-Plan‘ umgesetzt, vor allem mit Investitionsmitteln aus öffentlichen Kassen; denn private Investoren lassen sich für derartige Modellprojekte nur in begrenztem Maße begeistern. Da während der Implementierung immer wieder Ände117

rungen vorgenommen werden, entsprechen die Ergebnisse nicht mehr durchgängig den ursprünglichen Planungen.74 Hinzu kommt, daß die Zahl der geplanten Satellitenstädte inzwischen die Zahl zehn offensichtlich weit überschreitet. Verbliebenen historischen Dörfern und Kleinstädten in der Peripherie Shanghais wird zudem immer mehr Aufmerksamkeit zuteil. Ihr touristisches Potential wird entdeckt und man sucht es durch groß angelegte Restaurierungs- und Revitalisierungsplanungen zu sichern. Eines dieser ‚Dörfer‘ erscheint bereits im ‚Eine Stadt, Neun Dörfer-Plan‘ (Zhujiajiao). Es ist nicht so einfach herauszufinden, welche neun Satelliten­städte nun wirklich aktuell dazugehören.75 Allerdings sind wir ganz auf der sicheren Seite, wenn wir uns nun den drei Fallstudien zuwenden: Anting (Jiading-Distrikt), Taiwushi (,Thames Town‘ als Teil der einen Songjiang New City im gleichnamigen SongjiangDistrikt) und Luodian (Baoshan-Distrikt). Alle drei Projekte zählten von Anfang an zum ‚Eine Stadt, Neun Dörfer-Plan‘ der Stadt Shanghai und sind zudem weitgehend fertiggestellt. Ein Stück ‚richtiges Deutschland‘: Anting Neustadt Anting Neustadt ist ein Produkt städtebaulicher Mimesis und insofern einzigartig.76 Das Projekt ist der ambitionierte Versuch, die Idee der deutschen Stadt in China zu materialisieren. Anting Neustadt ist nicht die Kopie einer wirklichen deutschen Stadt, etwa von Rothenburg o. d. T., von Ulm, Celle, Görlitz oder gar der Partnerstadt Weimar, sie ist auch keine Assemblage oder Collage von Kopien deutscher Ensembles oder Gebäude. Anting soll vielmehr die deutsche Stadt ‚als solche‘ vorstellbar machen. Im Sprach­ gebrauch der Philosophie würde man das so aus­drücken: Im Medium von Städtebau und Architektur soll die deutsche Stadt auf den Begriff gebracht werden, sozusagen ein Idealtyp von ihr in Beton, Glas, Asphalt und Stein errichtet werden. Eine wahrhaft herku­lische Aufgabe! In gewisser Weise hat das Frankfurter Architektur- und Planungsbüro AS & P sich diese Aufgabe selbst gestellt, da es sich um eine Interpretation des Auftrags handelt, in der Provinz Jiading eine ‚deutsche Stadt‘ zu bauen. Die Auftraggeber selbst haben vermutlich an eine schlichte Stadtkopie gedacht, an ein Stück Weimarer Altstadt mit Frauenplan und Goethe­haus, Schillerstraße und Schillerhaus, Marktplatz und Rathaus, Anna Amalia Bibliothek und Stadtschloß, also eine Assemblage oder Collage von Stadtbausteinen, gestellt auf eine offene Stadtbühne, gerahmt mit abgeschlos118

senen Nachbarschaften (,gated communities‘). Albert Speer und Partner entschieden sich jedoch anders. In ihrem Masterplan trachteten sie zwei anspruchsvolle Ansätze miteinander zu kombinieren: Zum einen legten sie ihm die als ‚organischer Grundriß‘ typisierte räumliche Grundstruktur der mittelalterlichen europäischen Stadt zugrunde. Möglich erschien dies, weil die deutsche Stadt in ihrem traditionellen Grundriß diese räumliche Grammatik teilt und weil die mittelalterliche Stadtfigur die (für Bild und Identität gleichermaßen bedeutsamen) Stadtzentren der meisten deutschen Städte immer noch prägt. Hinzu kommt, daß Deutschland bis heute eine klein- und mittelstädtisch geprägte Landschaft ist, ein Umstand, der noch deutlicher als sonst zutage tritt, wenn man der deutschen Stadtlandschaft die chinesische mit ihren vielen Megaund Millionenstädten gegenüberstellt. Zum anderen führten sie ihrem Masterplan die Ansprüche zu, die in Deutschland heute an einen guten Städtebau gerichtet werden. Dies betrifft insbesondere die nachhaltige Stadtentwicklung, das heißt unter anderem Energieeffizienz, Materialqualität, Reduktion von Emissionen aller Art, getrennte Müllsammlung, ausgewogenes Angebot an Grünund Er­holungsraum, kurze Wege und, nicht zu vergessen, ein sachliches, deutlich in den funktionalistischen Traditionen der klassischen Moderne stehendes Design. Während der erste Ansatz vor allem die Grundstruktur der projektierten Stadt betrifft, wirkt sich der zweite Ansatz auf die Füllstruktur aus. Grund- und Füllstruktur zusammen genommen ergibt das Bild der Stadt. Im folgenden gilt unser Hauptaugenmerk dem ersten Ansatz. Dazu ver­ sichern wir uns erst einmal der wichtigsten Elemente der Grundstruktur der europäischen Stadt. Es sind die folgenden: – Das Zentrum ist soziokulturell definiert, Marktplatz mit Kirche (als Repräsentantin des sakralen Stadtraums) und Rathaus (als Repräsentant des zivilen Stadtraums) definieren die räumlich ‚inklusive‘, öffentliche Stadtkrone. – Das punktförmige (nodale) Zentrum ist funktional vielfältig und ge­mischt. – Es dominiert eine parzellierte, kleinteilige Blockrandbebauung (Orientierung nachrangig). – Straßen und Plätze inszenieren den öffentlichen Raum mittels dekorierter beziehungsweise ornamentierter Giebelfassaden (Extraversion). – Die Raumfolge ist hierarchisch strukturiert, das Stadtbild kontext­ integriert: Während zum Zentrum hin die Dichte abnimmt, nehmen die 119

Größe und Höhe der Baukörper zu; die Baukörper der Zivil­gebäude sind in der Höheorientiert (Giebel- oder Traufenhöhe). – Die Straßen sind im Sinne eines organischen Grundrisses krumm beziehungsweise gebogen.77 – Stadtmauern und Gräben repräsentieren ikonisch eine strikte, nicht nur räumliche, sondern auch kulturelle Trennung zwischen innen und außen (einst zwischen bürgerlicher Stadt und feudalem Land). Ein erster Blick sowohl auf die ursprünglichen Modelle als auch auf die inzwischen im ersten (deutschen) Bauabschnitt realisierte Stadt zeigt diese Charakteristika mehr oder weniger deutlich: Es gibt einen zentralen Platz mit einer Kirche und größeren Gebäuden für öffentliche und kommer­ zielle Nutzungen, man findet Blockrandbebauung aus höhen­orientierten Gebäuden mit Sattel- und Walmdächern, gekrümmte Straßen, Giebel­ fassaden und eine Umgrenzung durch eine Art von Stadtgraben. Auch die auffällige Farbigkeit – die Fassaden sind in Rot-, Gelb-, Ocker- und Blautönen gestrichen – zitiert die einstige Farbigkeit der europäischen Stadt. Anting wirkt überraschend offen, Mauern und Zäune vor Wohnquartieren sind nicht vorhanden. Man hat offenbar ernsthaft versucht, die Idee der deutschen beziehungsweise euro­päischen Stadt der Erde von Jiading aufzuprägen – und dieser Versuch ist, was die genannten Struk­ turen betrifft, in gewissem Umfang, sozusagen ‚in abstracto‘, gelungen.

Modell von Anting Neustadt, Shanghai

120

Der zweite Blick auf das Dargebotene läßt jedoch erhebliche Abweichungen von den europäischen Regeln, ja sogar massive Auflösungserscheinungen zum Vorschein kommen. Die Absicht beispielsweise, durch Blockrandbebauung das Aroma der deutschen Stadt zu importie­ren, hat sicht- und spürbar gelitten. ein Eindruck, der durch die vorhandenen Blockrandstrukturen nicht etwa gemindert, sondern vielmehr verstärkt wird. Man sieht es der Siedlung an, daß hier um den eigentlich unverzicht­baren Blockrand gerungen und Kompromisse gesucht wurden. Große Teile der Stadt sind bereits – und werden noch – in Zeilen- und Punkt­bauweise beziehungsweise als einzeln stehende, seriell angeordnete Villen ausgeführt. Die Blöcke sind in die Länge gezogen, teils im west­lichen und öst­lichen Bereich aufgerissen oder nur noch als Fragmente zu identifizieren. Die Straßen sind zu breit geraten und die Gebäude zu modernistisch, um ein Altstadtgefühl aufkommen zu lassen. Zahlreiche Gebäude mit Sattel-, Walm- und Pultdächern wenden der Straße ihre Traufenseite zu, und auch die wenigen blanken, auf ihre bloße Funktionalität reduzierten Giebel sind kaum in der Lage, öffentlichen Stadtraum wirksam zu inszenieren. Die Schwünge der Straßen wirken zudem angesichts ihrer Breite ästhetisch eher kraftlos. Am Ende wirkt der erste, fast fertiggestellte Bau­abschnitt von Anting Neustadt wie eine spätfordistische Siedlung, die in das Korsett einer mittelalterlichen Grundstruktur gezwungen wurde. Das Ergebnis erinnert ein wenig an Kohl und Kriers Kirchsteigfeld bei Potsdam, allerdings deutlich weniger historisierend, eher ein Hybrid von Altdeutsch und Bauhaus.

Überbreite gebogene Straße im Zentrum von Anting Neustadt

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Mischnutzung in Anting Neustadt

Das Seltsamste jedoch ist das Oszillieren des gesamten Stadtraums zwischen Abgeschlossenheit und Aufgeschlossenheit. Anting Neustadt präsentiert sich als offener Stadtraum. Der deutschen städtebaulichen Tradition folgend, wurden Mauern, Hecken und Zäune zur Abriegelung von Nachbarschaften vermieden. Allenfalls der die Neustadt umgebende Wassergraben läßt sich als Barriere im Sinne der geschlossenen Stadt deuten. Geht aber so viel Offenheit in China? Immerhin machen Wohngebäude den größten Teil der Stadt aus! Natürlich geht es nicht! Also mußten die Wohnquartiere irgendwie abgeschlossen werden. Folgerichtig wurden überall, an den Hauptzufahrten und an den Abzweigungen zu den Seitenstraßen, kleine rote Wachhäuschen – natürlich mit Wachpersonal – auf­ gestellt. Wo aber bleibt dann der offene Stadtraum, der zu dem geschlossenen gehört wie der Schlüssel zum Schloß? Was ist geschehen? Warum wirkt die transponierte Struktur so unanschaulich? Weshalb stellt sich in Anting nicht einmal ein Hauch der Atmosphäre heutiger deutscher Kleinstadtzentren ein? Hat dies damit zu tun, daß Albert Speer eigentlich eine moderne deutsche Kleinstadt bauen wollte, eine Stadt, die er in Deutschland so entwerfen würde (wenn man solche Städte in Deutschland noch bauen könnte)? Oder hängt es einfach damit zusammen, daß der Grundriß, obschon einer alten Grundstruktur huldigend, mit einer modernen Füllstruktur überzogen worden ist? Ist Anting Neustadt als deutsche Kleinstadt dem Shanghaier Baurecht zum Opfer 122

Zeilenbau-Stirnseiten statt geschlossener Block­ ränder, Anting Neustadt

gefallen? Oder ist Anting einfach noch zu neu, zu unbelebt, zu wenig von Bewohnern angeeignet? Das befremdliche Resultat der ‚Transposition‘ (Cai / Bo 2004, 45ff) der deutschen Stadtidee nach Shanghai wirft viele Fragen auf und erheischt viele Antworten. Ihr Schlüssel liegt allerdings nicht so sehr bei den Absichten der deutschen Planer und Architekten und, so sollte man hinzufügen, bei ihren chinesischen Gewährsleuten. Er liegt primär in der chinesischen Kultur der Aneignung, der Produktion und Konsumtion von Raum. Drei Schlüsselworte sind hier von Belang: Orientierung (1), Exklusion (2) und Introversion (3): 1.  Die Südorientierung war bekannt und ist bei der Transposition des deutschen Stadtideals nach China reflektiert, jedoch in ihrer Bedeutung offenbar unterschätzt worden. Erst im Zuge der Realisierungsplanung hat sich die Brisanz dieses Aspekts den Akteuren mitgeteilt, was zu teilweise drastischen Anpassungen führte. Dabei dürfte das Shanghaier Bau- und Planungsrecht eine Rolle gespielt haben. In Befolgung ohnehin tief verwurzelter alltagskultureller Praktiken gestattet dieses keine Abweichung von der Südorientierung ohne Sondererlaubnis. Die Stadt war schließlich bereit, eine Abweichung für 30 Prozent des Wohnungsbestandes zu genehmigen (Cai / Bo 2004, 74). Der Blockrand läßt sich nur dann problemlos für die Rahmung oder Inszenierung des Straßenraums durch Wohnbebauung nutzen, wenn die 123

Süd-Orientierung gewährleistet ist. Eine Analyse des traditionellen und modernen chinesischen Städtebaus hätte die Planer darüber belehren müssen, wie gering der Spielraum für Abweichungen von dieser Regel ist – und daß daher andere Wege zur Absicherung der ‚Transposition‘ hätten eingeschlagen werden müssen: zum Beispiel die Trennung von Wohnfunktion und kommerzieller Funktion zur Nutzung der dadurch gewonnenen Orientierungsfreiheiten oder die Unterbringung der kommerziel­len Nutzungen in nordsüdlich verlaufende Blockränder. Statt dessen wurde nicht nur an der Mischnutzung festgehalten, sondern ein großer Teil der Läden in ostwestlich verlaufende Wohn-Zeilengebäude unter­gebracht, was darauf schließen läßt, daß das Potential gewerblicher Nutzungen zur Bildung von in Nordsüd-Richtung verlaufenden Blockrandzeilen nicht erkannt wurde. Vor diesem Hintergrund ist es wenig verwunderlich, daß im Zuge der Implementierung der Wohnbereiche zurückgerudert werden mußte: Blocks wurden zusammengepreßt und in die Länge gezogen, um mehr Südfassaden zu generieren. Bei anderen wurden die östlichen und / oder westlichen Blockzeilen herausgenommen. Durch diesen Eingriff ver­wandelten sich die geschlossenen Blöcke in (fordistische) Zeilen und die Blockinnenhöfe zu Abstandsgrün. Im Zuge einer verspäteten, reaktiven Kompromiß­bildung wurde so auf der einen Seite verloren, nämlich die unverzichtbare Introversion, was an anderer Stelle gewonnen wurde, nämlich die Südorientierung. Es klingt daher ein wenig zu euphemistisch, wenn in diesem Zusammenhang von der Kreation einer neuen Haus­ typologie, dem ‚Anting Block‘ gesprochen wird (Dong/Ruff 2006). Die Zeichnung von Victor Oldiges veranschaulicht exemplarisch den Wandel der ursprünglichen Grundrisse im Laufe des Implementierungsprozesses (Oldiges 2007). Blickt man auf die Modelle für den zweiten Bauabschnitt von Anting Neustadt, immerhin mehr als 50 Prozent der Gesamtfläche der Stadt, dann kann einem wegen der Vielzahl der nach Westen orientierten Wohn­ gebäude schon angst und bange werden. Dieser Planungsstand mag auch der Grund dafür sein, daß für den Bau bisher keine Freigabe erteilt wurde. Gibt es in diesem Teil der Stadt noch Spielräume für eine verbesserte

Anting Neustadt in der Planung (2000) und nach der Ausführung (2004): Strecken und Öffnen von Blöcken (Olgides 2007)

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Süd-Orientierung? Wohl kaum, denn die aufwendige ‚unsichtbare Stadt‘ (Infrastruktur) und das Netz der Straßen sind bereits fertiggestellt. Die dadurch vorgegebenen kompakten Baublöcke bieten zu wenig Raum für nach Süden orientierte (Blockrand)Zeilen. Einzige Lösung könnte eine Bespielung der Baufelder mit vertikalen Punktbauten sein. Dies würde jedoch den Charakter einer deutschen oder europäischen Stadt vollständig zerstören. 2. Das kulturelle Gewicht des Dualismus von abgeschlossener und auf­ geschlossener Stadt beziehungsweise der urbanen Dialektik von Exklusion und Inklusion scheint den Planungen von vornherein äußerlich gewesen zu sein. Anting wurde als offene, funktionsintegrierte deutsche Stadt geplant. In der Mischung von Wohnfunktion und Handelsfunktion im offenen Stadtraum sollte offenbar so etwas wie das Ideal eines deutschen städtischen Lebensgefühls zum Ausdruck gebracht werden. Geschlossene Nachbarschaften waren nicht vorgesehen. Der breite Wassergraben, der die ganze Stadt umgibt, läßt sich jedoch als Absicht interpretieren, Anting Neustadt als Ganzes abzuriegeln – und damit einer einzigen Nachbarschaft gleichzustellen. Mit Blick auf die Wohnfunktion wären Stadt­ gemeinde und Nachbarschaft damit ein und dasselbe. Wohngebiete sind in China Nachbarschaften, und diese müssen abgeschlossen sein. Dies ist ein soziokultureller Imperativ. In Anting Neustadt kann man ihm jedoch nicht genügen; denn im Versuch, funktions­ gemischte und belebte urbane Räume zu schaffen, integriert dieses Projekt die Handelsfunktion unmittelbar in die Wohngebiete. Anting Neustadt muß wegen der integrierten kommerziellen Funktionen offen sein. Das wiederum geht wegen der Wohnfunktion nicht. Mit der Orientierung an dem europäischen Ideal der funktionsintegrierten offenen Stadt, das heißt mit dem Verzicht auf die Trennung von offenem und geschlossenem Stadtraum, wurde also ein unlösbarer Konflikt heraufbeschworen. Entsprechend ambivalent wirken die getroffenen Exklusionsmaßnahmen: Für die Wohnfunktion werden Tore benötigt, also sind sie da. Sie müssen jedoch weg, da sie die kommerzielle Funktion behindern. Wie entkommt man diesem Dilemma? Der Ausweg heißt (wie so oft) Minia­turisierung! Die Wohngemeinde Anting Neustadt wurde, den vom Masterplan geprägten räumlichen Gegebenheiten entsprechend, in zahlreiche kleinere Nachbarschaften gegliedert. Jede der auf diese Weise nachträglich definierten Nachbarschaften erhielt daraufhin ein Tor: eine Barriere mit Bremsschwelle und zierlichem Schlagbaum, immerhin, jedoch ohne den üblichen symbolträchtigen Auftritt eines Tors mit Torbogen, 125

Öffnen oder schließen? Pseudo-Tore in Anting Neustadt

Tor­säulen, Wachgebäude und so weiter – ein Tor ohne Mauer und Zaun. Eine Kuriosität! So finden wir allenthalben kleine mobile rote Wach­ häuschen, die ihren provisorischen, rein symbolischen Charakter nicht verbergen können. Ein bißchen ‚gated‘! Will sagen: für das Wohnen zu wenig ab­geschlossen, für den Kommerz zu sehr abgeschlossen. Da die innere Verriegelung schwach ist, sollte sich diese am Stadtrand exponieren, beispielsweise an den Brücken über dem Wassergraben. Das könnte jedoch auf potentielle Kunden des geplanten Einkaufszentrums im Stadtinneren abschreckend wirken, zumindest nicht gerade einladend. Wenn die Kommerzfunktion jedoch schwächelt, könnte dies Folgen für die Bereitschaft haben, nach Anting New Town zu ziehen. Damit würden 126

dem Einzelhandel weitere Kunden verloren gehen. So würde ein Teufelskreis in Gang gesetzt, aus dem die Stadt insgesamt als Verliererin hervorgehen müßte. Noch allerdings ist es nicht so weit. Das Stadtzentrum befindet sich im Bau, und bereits jetzt ist man dabei, zu korrigieren und nachzujustieren. Es ist daher absehbar, daß sich Anting Neustadt allmählich sinisiert in dem Sinne, daß am Ende ein aufgeschlossenes Stadtzentrum entsteht, das über zwei bis vier offene Zufahrtsstraßen erreichbar ist. Der ganze Rest, gegenwärtig noch offen beziehungsweise nur symbolisch geschlossen, würde dann in Nachbarschaften aufgeteilt und verriegelt sein. Welche Konsequenzen eine derartige räumliche Zäsur für den einheitlich entworfenen Stadtgrundriß nach sich ziehen würde, vermag man sich nur schwer vorzustellen. In Anting Neustadt wurde das Prinzip der inklusiven Stadt naiv in einen exkludierenden kulturellen Kontext implantiert. So strauchelt die Inklusion über die Exklusion. Man hat sich zu wenig Rechenschaft darüber abgelegt, daß in China die Wohnsiedlung der Familie und Gemeinschaft gehört, der Handel beziehungsweise Markt jedoch der offenen Stadt. Die Akzeptanz dieser Doppelstruktur wäre die Voraussetzung für eine gelingende Transposition räumlicher Strukturen und Qualitäten aus Deutschland nach China. Den urbanen Code Chinas verstehen und ernst nehmen bedeutet nämlich, daß man sich aktiv gestaltend auf die Produktion räumlicher Hybride einläßt anstatt erst naiv zu insistieren und dann im Angesicht der normativen Kraft des Faktischen nachzubessern. Doch um diesem Schicksal zu entgehen, fehlte es offenbar an einem elaborierten Verständnis für den urbanen Code Chinas. Wäre Anting Neustadt, wie die beiden gleich noch zu betrachtenden Neustädte Taiwushi und Luodian, klar in abgeschlossene Nachbarschaften und in aufgeschlossene Kommerzbereiche gegliedert, dann gäbe es den genannten Konflikt nicht. Dann wäre Anting Neustadt eine offene Stadt mit geschlossenen Quartieren und damit eine funktionierende Travestie der deutschen Stadt: eine chinesische Stadt mit deutschem Stadtgrundriß. So jedoch zeigen sich Probleme, wo immer man hinschaut. 3. Dem deutschen Ideal der offenen Stadt entsprechend, wurden in Anting Neustadt auf dem Gebiet innerhalb des symbolischen Stadtgrabens keine Nachbarschaften vorgesehen. Dadurch bot sich auch keine Gelegenheit, dem Bedürfnis nach introversen Räumen Rechnung zu tragen. In China geht es jedoch nicht ohne, also mußte nachgebessert werden. Als eine Art Notprogramm ergab sich die Möglichkeit, die durch die Blockrandbebauung entstehenden Innenhöfe zu Nachbarschaftshöfen umzucodieren. 127

Die europäische Form der Blockrandbebauung ist nämlich eine Sphinx. Sie blickt nach zwei Seiten: zum öffentlichen Raum, den sie zu rahmen und zu inszenieren trachtet und nach innen, zu einem Hof, dem über eine funktionelle Nutzung als Parkplatz, Lichtschacht, Abstellplatz, Platz zum Wäschetrocknen, Kleingarten, Grünfläche und gelegentlich auch Kinderspielplatz traditionell wenig Aufmerksamkeit geschenkt wird. Er ist daher auch oft verwahrlost. Hauptgrund für seine Geringschätzung ist seine Parzellierung beziehungsweise die sich darin ausdrückende Privatisierung. Diese verhindert eine ‚soziale Integration‘ zu einem Nachbarschaftshof. In China, mit seiner integrativen, Parzellierungen ausschließenden Nachbarschaftsplanung, sind solche Flächen jedoch als Familien- beziehungsweise Nachbarschaftshof prinzipiell interessant. Immerhin wurde die Möglichkeit gesehen und auch zu nutzen versucht, durch eine pittoreske Gestaltung von Abstandsflächen und Blockinnen­ höfen dem Mangel an introversem Raum zu begegnen. Durch Eingriffe in die ursprüngliche vorgesehene Blockrandbebauung, die zu einer Verengung der Hofflächen führten, wurden vorhandene Spielräume jedoch erheblich eingeschränkt. Wie die Skizze von Oldiges zeigt, konnten nur durch Herausnahme kompletter Blöcke Substitute für Nachbarschaftshöfe geschaffen werden. Ansonsten wurden räumliche Lösungen, die den chinesischen Wünschen entgegenkommen, dadurch beeinträchtigt, daß man die neofordistische Partitur der ‚schwingenden Zeilen und tanzenden Punkte‘ nicht zu spielen verstand. In Anting wurde durchaus versucht, durch eine Vielzahl von kleineren, mal repräsentativen, mal pittoresken Plätzen dem Wunsch nach Introversion zu entsprechen. Viele der geometrisch durchgestalteten Plätze, zum Beispiel der Weimarplatz mit der Kopie des Goethe- und Schillerdenkmals, der einzigen ‚echten‘ Kopie in Anting, lassen sich jedoch nicht als introverse Räume interpretieren. Allzu entschieden denotieren sie europäische Extraversion. Betrachten wir dazu den Weimarplatz ein wenig genauer: Die Anwesenheit des Goethe-Schiller-Denkmals verweist auf Weimar als Partnerstadt Antings. Es besitzt damit einen für die ganze Stadt (zumindest für den Raum innerhalb des Wassergrabens) identitätsrelevanten Charakter. Das Denkmal ist insofern Element des ‚branding‘ von Anting, seines Images. Nun stelle man sich aber vor, Anting Neustadt wird, wie prognostiziert, im Zuge seiner Sinisierung in Nachbarschaften aufgeteilt und verriegelt. Dann verwandelt sich der Weimarplatz in einen Nachbarschaftshof ohne Bedeutung für den Rest der Stadt. Goethe und Schiller sind dann vollstän128

Weimar-Platz mit Kopie des Weimarer Goetheund Schiller-Denkmals, Anting Neustadt

dig in einer Nachbarschaft eingeschlossen und auf diese Weise eingemeindet – symbolisch ‚vergemeinschaftet‘, wenn man so will. Sie stehen dann nur noch für die Markenidentität eines ‚compound‘ zur Verfügung. Ein groteskes, jedoch kein aus der Luft gegriffenes Szenario. Das Beispiel Weimarplatz zeigt überdies, daß die Möglichkeit, europäische Piazzas, Marktplätze, Barockplätze von vornherein zu Nachbarschafts­ höfen umzucodieren offenbar nicht gesehen wurde. Sie wurde nicht erkannt, da Nachbarschaften nicht vorgesehen waren. Daß diese Inanspruchnahme jedoch gängige Praxis ist, kann man an zahlreichen ‚compounds‘ in Beijing, Shanghai, Shenzhen und anderen fortgeschrittenen Städten entlang der Ostküste studieren. Kopierte Plätze sind dort Teil des ‚compound branding‘. Dieser Punkt führt uns zu einer weiteren grundsätzlichen Aussage: Die Attribuierung von Markenidentität erfolgt in China vorzugsweise direkt an die Nachbarschaften, die sich auf diese Weise kollektive Distinktions­ gewinne verschaffen. Anting ist jedoch weder eine Nachbarschaft, noch eine offene Stadtbühne, sondern eine deutsche Stadt, die sich räumlich entlang des Dualismus von öffentlich und privat, und nicht entlang von offen und geschlossen organisiert. Wäre Anting eine offene Stadtbühne, dann ließe sich ihr deutsches, klassizistisches und bauhäuslerisches Imagekapital den um sie herum gelagerten ‚compounds‘ zuweisen. Doch diese Nachbarschaften gibt es nicht – mit Ausnahme des (allerdings außerhalb des Stadtgrabens gelegenen) ‚Weimar Villa‘. Wird Anting jedoch in ‚com129

pounds‘ zerstückelt, dann fragmentiert man auch die Stadtbühne, die das Image liefern soll. Um diese Wirkung zu vermeiden, könnte man daran denken, Anting Neustadt als Ganzes zu einer Nachbarschaft zu integrieren. Dann allerdings würde zum Beispiel dem Marktplatz die Rolle eines Nachbarschaftshofes zugewiesen. Er wäre dann kein Marktplatz mehr, sondern allenfalls eine nicht-kommerzielle Fiktion desselben; denn ein Nachbarschaftshof hat keine kommerzielle Funktion. Der zentrale Marktplatz soll jedoch explizit Teil eines Einkaufszentrums sein, das auf einen über Anting Neustadt hinaus reichenden Einzugsbereich orientiert. Er soll darin zugleich europäische Zentralität und Öffentlichkeit repräsentieren. In dieser Funktion kann er jedoch nicht Teil einer Nachbarschaft sein. Also integriert man ihn in eine offene Stadtbühne. Das geht aber auch nicht, weil die Wohngebiete untrennbarer Teil der deutschen Stadt sind. Man kann es also drehen und wenden wie man will: Der offene steht dem geschlossenen Raum und dieser jenem im Wege. Anting ist ein vom Scheitern bedrohtes Projekt; zumindest gilt diese Aussage für die für die gegenwärtige Form der Implementierung (Juni 2007). Die Verlaufsform dieses Scheiterns haben wir uns als eine Kette von Kompromissen vorzustellen, die die Wunden eher offenlegen, statt sie zu heilen: Die Nachbarschaften können nicht mehr abgeschlossen werden, also geschieht dies mit symbolischen Aktionen nach Art der Miniaturisierung. Der zentrale Stadtplatz muß, um den Einzelhandel zur Niederlassung zu bewegen, offen sein. Dies geht jedoch nicht, da die integrierten Nachbarschaften geschlossen werden müssen. Durch die Streckung der Blöcke und deren Öffnung wird zwar mehr Südorientierung gewonnen, doch werden zugleich vorhandene Spielräume für die Gestaltung von Nachbarschaftshöfen eingeschränkt. Behält man jedoch die Blockrandbebauung, verstößt man gegen die Orientierungsregel. Werden die derzeit noch offenen Plätze durch nachträglich vorgenommene Verriegelungen in Nachbarschaftshöfe umcodiert, findet eine Vergemeinschaftung ihres öffentlichen (gesellschaftlichen) Charakters statt – eine riskante Form der Intimisierung von Orten mit identitätsstiftender Bedeutung für ganz Anting Neustadt. Bei aller Kritik sollten jedoch die positiven Anliegen und vor allem die Verdienste der Verantwortlichen nicht übersehen werden. Für uns beginnt die Liste der Errungenschaften damit, daß mit dem Realexperiment Anting Neustadt dem Westost-Dialog (beziehungsweise dem Deutschland-China-Gedanken- und Erfahrungsaustausch) ein unbezahlbar wert130

volles Erfahrungsobjekt zur Verfügung gestellt wurde (von dem nicht zuletzt dieses Buch profitiert). In der Auseinandersetzung mit diesem Experiment konnten interkulturelle Aufmerksamkeit geschärft und das Wissen um den urbanen Code Chinas vertieft werden. Daß dieses Argument nicht nur für uns gilt, zeigt die große Welle an Sekundärliteratur, an Büchern, Aufsätzen, Zeitungsartikeln, Blog-Beiträgen und so weiter, die das Projekt ausgelöst hat und immer noch auslöst. Dies ist jedoch nur ein Punkt. Es ist der Hartleibigkeit der Verantwortlichen zu danken, insbesondere der Autorität Albert Speers, daß Anting Neustadt mit hohen konstruktiven und technischen Qualitätsstandards, teilweise mit ‚High-End‘-Produkten, ausgerüstet werden konnte. Das ist in dieser Größenordnung bis dato ein Novum in China, wo gegenwärtig immer noch fragwürdige Qualität in der Materialverwendung und technischen Ausstattung den Städtebau dominiert. Die ‚deutsche Stadt‘ kann damit zum baukonstruktiven Schaufenster in China werden. Anting Neustadt ist in jedem Fall ein mutiges und ungemein anspruchsvolles Projekt, technisch gesehen sozusagen der Mercedes-Benz78 unter den bislang realisierten thematischen Städten des ‚Eine Stadt, Neun Dörfer-Plans‘. Europäische Travestien der chinesischen Stadt Taiwushi Neustadt (Thames Town) Thames Town läßt sich mit Anting Neustadt nicht vergleichen. Anting ist ein mit Idealismus randvoll gefülltes Projekt. Es ist darin typisch deutsch. Es will authentisch sein, die Welt besser machen, Problemlösungen aufzeigen – und nebenher die überall bewunderte deutsche Ingenieurskunst demonstrieren. Ganz anders ‚Thames Town‘, das angelsächsischen Pragmatismus aus jedem verbauten Molekül verkündet. Der Masterplan von Atkins lieferte, was der Kunde bestellt hatte. Der Kunde wünscht das Bild der englischen Stadt? Nichts einfacher als das! Es werden altenglische Architekturen und Ensembles photographiert, gefilmt, gescannt, kompiliert und zu einer Stadt synthetisiert. Der Kunde liebt barocke Anmutung? Kann er haben! So wird der Zentralplatz als idealer Rundplatz mit axialer Öffnung zum See entworfen. Die Stadtfiktion wird sodann dem kommerziellen Stadtraum zugeordnet. Die Nachbarschaften werden säuberlich ab­getrennt und 131

Straßenszene mit Hochzeitspaar in Taiwushi

mit der üblichen Sicherheitsinfrastruktur ausgestattet. Fertig ist ‚Thames Town‘, die Travestie einer chinesischen Stadt. Taiwushi ist ein englischer Traum, ein gebautes Märchen. Die Stadt ist ein Themenpark, der sich etwa so bewohnen läßt, wie ein Theaterbesucher sich auf einem Sitz im Parkett niederläßt. Man wohnt in einer Nachbarschaft am Stadtrand und schaut auf eine Stadtbühne, auf der ein eng­lisches Stück aufgeführt wird. Mit dem Konzept von Anting Neustadt hat Taiwushi nichts zu tun. Zwar ist auch diese Neustadt keine Kopie einer bestimmten englischen Kleinstadt, doch folgt daraus keinesfalls, daß hier der Versuch unternommen wurde, die Idee oder den Begriff der eng­lischen Stadt umzusetzen. Um nichts in der Welt! Wir vermuten, daß ein derartiger Versuch einem gestandenen Briten niemals in den Sinn kommen würde. Der offene Teil von Taiwushi Neustadt ist vielmehr eine Assemblage aus dreidimensionalen Bildern, will heißen: aus kopierten und im Maßstab 1:1 nachgebauten Elementen aus englischen Städten. In dieser Form der Raumkompilation ähnelt die Stadt dem von Sorkin zuerst diagnostizierten medialen räumlichen Organisationsschema der Disneyworlds (Sorkin 1992). Wer durch Taiwushi Neustadt spaziert, geht in einem drei­dimensionalen, gebauten Film; nahezu jede Straßenecke bietet das Erlebnis eines Filmschnitts. So durchschreitet man die enge Gasse einer südenglischen Kleinstadt, um nach der ersten Biegung in eine Seitengasse auf einem typischen Londoner Square mit viktorianisch dekorierten Häusern zu stehen. Da die britischen Städte die räumlichen Ideale ihrer Schwestern jenseits des 132

Viktorianische Wohn­ gebäude an einem Square in Taiwushi

Kanals in großen Stücken teilen, fehlt im Grundriß von Taiwushi Neustadt auch nicht der zentrale Platz mit Kirche und – scheinbar – öffentlichen Gebäuden. Wir finden Blockränder und Fassadenspielereien im Überfluß und ohne Kompromisse, kräftig gebogene, enge Gassen, alle möglichen Formen von Dächern – eben richtige Kopien englischer – und darin europäischer – Stadtkomponenten. In anderen Worten: Wir finden sowohl auf der Ebene der Grund- als auch der Füllstruktur all das in Reinform, was in Anting Neustadt unter den Auspizien des modernen Deutschland und der Suche nach Kompromissen mit den chinesischen Raumansprüchen verwässert wurde. So erscheint Taiwushi Neustadt als Stadtkopie gehobener Art ohne Wenn und Aber. Keine wirkliche Stadt, jedoch ein gebauter Traum, der kraftvoll in die Phantasie der Chinesen greift. Es ist daher überhaupt nicht verwunderlich, daß Thames Town zu einem Eldorado der gewaltigen Shanghaier Hochzeitsindustrie geworden ist. Die pseudoöffentlichen Gebäude um den Square an der Kathedrale sind mit ihren Kosmetik-, Photo-, Video- und Bekleidungsstudios fast komplett in Beschlag genommen. An schönen Tagen kann man in Thames Town Dutzende von Hochzeitspaaren auf einmal sehen, die Bräute in wallenden weißen, beige- oder rosafarbenen Kleidern, die Bräutigame gelegentlich mit einem britischen Zylinder auf dem Kopf oder in der Hand und manchmal ein Paar auf einer Kutsche durch die mit Kopfsteinpflaster versehenen Gassen rumpelnd. Einfach märchenhaft! 133

Die ‚Kathedrale‘ von Taiwushi

Demgegenüber sind die Wohnquartiere, von wenigen Ausnahmen abgesehen, ‚echt chinesisch‘. Mit den Englandkopien im Zentrum von Taiwushi Neustadt haben sie – außer gelegentlicher Verwendung viktorianischer Stilelemente – faktisch nichts zu tun. Es sind Villenquartiere, ‚compounds‘ der gehobenen Mittelklasse, wie man sie heute überall in den Randbezirken chinesischer Großstädte findet. Der abgeschlossene Teil der Stadt ist also deutlich vom aufgeschlossenen getrennt. Das gilt auch für die Wohngebäude, die in die Innenstadt integriert wurden und ihre nach außen gerichteten Fassaden dem öffentlichen Raum schenken. Hier hat man jene Technik der kleinräumlichen Verbindung von geschlossenem und offenen Raum angewandt, die in Anting ungenutzt liegen geblieben ist: So finden sich in Taiwushi Blöcke, die nach Süden hin als Wohnquartiere gewidmet, nach Westen und Osten jedoch als gewerbliche Bereiche definiert sind. Für das Wohnen reicht diese Trennung allein noch nicht. Man hat daher den Zufahrten deutlich artikulierte, prägnante Toranlagen verschrieben, mit livrierten Wächtern im Buckingham-Palace-Look. Und die Innenhöfe wurden mit aufwendiger Freiraumgestaltung bedacht. 134

Für die Wohnquartiere gilt ansonsten: Sie sind verriegelt, das heißt mit Zaun, Wärterhäuschen, Schlagbaum, Videokameras, Infrarotmelder und allem, was zu einer ordentlichen Exklusion dazu gehört, ausgestattet. Alle Wohngebäude richten sich nach Süden aus. Ein Blockrandproblem gibt es, von Ausnahmen abgesehen, nicht. Schließlich sind die Quartiere introvers, das heißt mit Nachbarschaftshöfen beziehungsweise introversen Park­anlagen ausgestattet. An Großbritannien erinnern in diesen Bereichen außer der Bekleidung des Wachpersonals nur noch die Ausstattung der offenen Erschließungsstraßen mit den bekannten roten Giles G. ScottTelefon­zellen, ebenfalls roten Postboxen und Feuermeldern. Da Atkins die Wohnquartiere aus der englischen Stadtfigur herausgetrennt und als chinesische Nachbarschaften um sein ‚Disneyland‘ herum gruppiert hat, konnte es eine Vermengung von Introversion und Extraversion nicht geben: Introvers sind die Wohnquartiere (man ist versucht zu sagen: wie es sich für chinesische Verhältnisse gehört) und extravers ist der ganze Rest, der offene Bereich. In Taiwushi Neustadt wurde gar nicht erst versucht altenglische Wohnhäuser als Wohnhäuser bereitzustellen. Alles, was alt und englisch scheint, ist kommerzieller Raum und kommerzielle Fläche. Notfalls stehen die Gebäude der Stadtbühne leer; das macht nichts. Als Kulissen eines englischen Traums funktionieren sie allemal, wie die Gebäude der Mainstreet in Disneyland als Bühnenbild eines amerikanischen Traums. Und vielleicht, wer weiß, ziehen in Zukunft Leute aus dem Westen in die Gebäude der Stadtbühne mit ihren Bars und Cafés ein. Die Unterschiede zwischen Taiwushi und Anting Neustadt springen ins Auge. Während die Planer Antings den binären Code der chinesischen Stadt entweder nicht kannten oder aber ignorierten, um dem Ideal der allseits offenen deutschen Stadt keinen Zacken aus der Krone zu brechen, haben die Briten diesen Dualismus nicht nur gekannt, sondern akzeptiert und zur zentralen Planungsgrundlage gemacht. Während die Deutschen mit ihrem Ansatz ein für die europäische Lesart integeres Stadtbild erzielten, nahm man bei Taiwushi das Auseinanderbrechen in zwei Teilstädte – eine Stadt introverser Mittelstandsghettos und eine Stadt auf der DisneyBühne – billigend in Kauf. Auf diese Weise wurde eine leichte Lesbarkeit für chinesische Bürger erzielt. Um als Stadt bewohnbar zu sein, reklamiert Anting von den Chinesen hingegen eine deutsche Perzeption und einen zugehörigen Lebensstil. Hier Taiwushi, dort Anting – unterschiedlicher könnten die Richtungen des Weges der Transposition von Europa nach China nicht sein. Es ist 135

davon auszugehen, daß die Startposition von Taiwushi Neustadt für eine chinesische Aneignung sehr viel besser ist als diejenige von Anting Neustadt, das zwischen Fiktion und Authentizität, traditionell und modern, offen und geschlossen, ein- und ausschließend, West und Ost schwankt. Zu dem Zeitpunkt, da diese Zeilen geschrieben werden, sind allerdings nicht nur das deutsche Anting, sondern auch das britische Taiwushi mehr oder weniger Geisterstädte, die von Hochzeitspaaren, Touristen und neugierigen Chinesen besucht werden. Es heißt gegenwärtig, daß in Thames Town alle Villen und Wohnungen der Nachbarschaften verkauft seien, an Spekulanten zumeist, und daß die Preise steigen. In Anting Neustadt, so wird berichtet, seien im Sommer 2007 bereits 80 Prozent der Wohnungen verkauft – bei leicht rückläufigen Immobilienpreisen. In Weimar Villa, der Villen-Nachbarschaft am Rande von Anting Neustadt hingegen sollen alle Immobilien verkauft sein, bei steigenden Preisen in der weiteren Vermarktung. keine Orientierung der Wohngebäude

Anting Neustadt: Integration von abgeschlossenem und aufgeschlossenem Stadtraum Deutsche Stadt mit modernen Gebäuden (BauhausAbkömmlinge)

Süd-Orientierung der Wohngebäude

kommerzieller Raum Wohngebiete Tor kleines Tor

Anting Neustadt und Taiwushi im schematischen Vergleich

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Taiwushi Neustadt: Trennung von abgeschlossenem und aufgeschlossenem Stadtraum Chinesische Stadt mit englischer Dekoration

Luodian Neustadt (die nordische Stadt) Wenn Anting die idealistische und Taiwushi die pragmatische Antwort auf die Frage nach dem Wie einer Transposition der europäischen Stadt nach China gibt, dann Luodian die routinierte. Wie Taiwushi ist auch Luodian eine Travestie der chinesischen Stadt. Die Satellitenstadt ist chinesisch, ihr Zentrum ist in einen skandinavischen Mantel gehüllt. Das ist alles. Luodian Neustadt, für eine Einwohnerzahl von etwa 30.000 Einwohner im nördlichen Shanghaier Distrikt Baoshan vom schwedischen Büro Sweco in sechsjähriger Planungs- und Bauzeit realisiert, beruht auf denselben Grundannahmen wie Taiwushi Neustadt. Offener und geschlossener Stadtraum sind deutlich voneinander getrennt. Die Villenquartiere weisen nur noch partiell nordische Architektursprache an den Eingangstoren auf. Die dichtbepackten Nachbarschaften sind mit hohen Zäunen gesichert, mit jenen unsäglichen, in China weit verbreiteten seriell-eklek­ tischen Villen bestückt und selbstverständlich mit Nachbarschaftshöfen an mäandernden Gewässern ausgestattet. Die Stadt wird von einer breiten, sechsspurigen Straße zerschnitten – auf der einen Seite die geschlossenen Nachbarschaften, auf der anderen Seite die offen aufgestellte Stadtbühne. Um eine Kopie der schwedischen beziehungsweise skandinavischen Stadt zu bewerkstelligen, ist man weder den deutschen, noch den kopiertechnisch anspruchsvollen britischen Weg gegangen. Vielmehr wurden frei gestaltete, jedoch idealtypisch gemeinte nordische Häuser in Musterblöcken arrangiert. Die Produktion von Blöcken bereitete dabei über-

Blick auf die offene Stadtbühne von Luodian

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haupt keine Probleme, da sowieso niemand in den Gebäuden des offenen Stadtbereichs wohnen wird. Jeder Block ist an irgendeiner passenden oder unpassenden Seite aufgebrochen. Durch ein symbolisches hölzernes Tor kann man den Innenhof betreten und steht dann auf einem versiegelten Platz in den meist runde oder ovale Grünflächen eingelassen sind. Den nordischen Stil soll man vor allen Dingen an der emblematischen Verwendung von Mansardgiebeldächern erkennen. Diese sind hier und da durch Satteldächer, Walmdächer und andere, meist von Mansardgiebelund Walmdächern abgeleitete Dachformen ergänzt worden. Als weiteres Merkmal des Nordischen wird offenbar die Ausstattung mit Bronzeskulpturen nackter Männer, Frauen und Kinder angesehen. Nackte Menschen werden schon durch die bloße Häufigkeit zum Markenzeichen von Luodian. Offenbar soll Skandinavien beziehungsweise Schweden mit Freikörperkultur assoziiert werden. Auf alle Fälle hat sich im Stadtzentrum bereits ein großer Saunabetrieb niedergelassen. Er machte zum Zeitpunkt der Besichtigung allerdings einen verwaisten Eindruck, war geschlossen, die Anzeigetafeln verblaßt. Als weiteres Merkmal des Nordischen hat man schließlich noch das hölzerne Tor an den Plätzen ausgegeben. Moment! Hölzerne Tore an schwedischen Stadtplätzen? Handelt es sich dabei um ein Wiedererkennungsmerkmal der skandinavischen Stadt? Mir scheint dies etwas weit hergeholt, um nicht zu sagen: abwegig. Bleibt als Erklärung nur die Absicht von Sweco, durch die Tore einen in China als willkommen unterstellten Verriegelungs-

Die Markenidentität von Luodian

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effekt zu erzielen. Da es eine Fülle von Blocks gibt, gibt es entsprechend viele Plätze, und da die Plätze manchmal mehr als einen Eingang /Ausgang besitzen, zudem für viele Platzzugänge zwei Tore, straßenseitig und platzseitig, vorgesehen sind, entsteht in einigen Bereichen eine gerade­zu groteske Verriegelungsdichte. Luodian hat natürlich wie Anting und Taiwushi eine Kirche. So etwas darf in einer europäisch-christlichen Stadt natürlich nicht fehlen. Während jedoch Anting beansprucht, ein echtes Gotteshaus in moderner Hülle anzubieten, in der Kathedrale von Taiwushi vermutlich schon chinesische Hochzeiten nach christlichem Ritual angeboten werden, scheint die Kirche von Luodian noch auf ihre Bestimmung zu warten. Ersichtlich beherbergt sie bisher nur eine öffentliche Toilette als Ort profaner Notdurft. Natürlich ist Luodian für Chinesen leicht lesbar: Hier die Nachbarschaft, dort, durch eine breite Straße und durch einen Kanal von den Wohn­ bereichen deutlich abgegrenzt, die Stadtfiktion als offener Raum. Im Unterschied zu Anting, wo die Ambivalenz von offenem und geschlossenen Raum die Serviceagenturen und Sicherheitsdienste offenbar nervös macht, kann man hier, ebenso wie in Taiwushi, nach Herzenslust die toten, mit Plastikblumen und Kunststoffranken animierten Fassaden photographieren. Luodian wirkt mehr noch als Taiwushi wie eine Geisterstadt – und, was überraschend ist, mehr noch als Anting. Die Gründe dafür sind schwer

Fußgängerstraße in Luodian

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auszumachen. Ist es die Abtrennung durch die sehr breite Straßenschneise und den ebenfalls breiten Kanal? Oder ist es die etwas zu grau geratene Farbwahl, das viel verwendete, in der subtropischen Sonne und in den Monsunregen und Taifunen verblassende Holz, sind es die allzu vielen Holztore oder ist es etwa die insgesamt etwas billige Anmutung der Stadtfiktion? Auf jeden Fall wirkt Luodian, anders als Taiwushi, wie Citytainment ohne Entertainment. Ein kraftloses Bühnenbild! Sollte das anspruchsvolle Konzept von Anting (wider Erwarten) eher aufgehen, als das aus chinesischer Sicht leicht lesbare Luodian? Kann Anting Neustadt vielleicht doch irgendwann einmal in synergetischer Weise von der unkonventionellen Integration von offenen und geschlossenen Räumen profitieren? Würde eine solche Synergie funktionieren, dann könnten die beiden anderen vorgestellten Neustädte nicht mithalten. Neu Amsterdam in Shenyang: eine Stadtparodie Kommen wir zu einem weiteren Typus der in China geläufigen Stadt­ fiktionen, den radikalen Kopien beziehungsweise Stadtparodien. Ein Beispiel, das in dieser Hinsicht für sich spricht, ist der Nachbau von Straßenszenen, öffentlichen und halböffentlichen Gebäuden aus Amsterdam in Gestalt einer geschlossenen Nachbarschaft der Hauptstadt der LiaoningProvinz, Shenyang. Nicht nur werden in Neu Amsterdam Straßenzüge, Plätze, Kanäle und Brücken der niederländischen Stadt nachempfunden, sondern auch die dazu gehörigen Straßenleuchten, Papierkörbe und Straßenschilder. Wir finden eine 1:1-Nachbildung des Rathauses, ebenso den Nachbau einer Korvette mit eisernen Kanonen an Bord, deren Läufe auf die gegenüberliegende Nachbildung des Hauptbahnhofs gerichtet sind. Und natürlich fehlt auch eine Windmühle nicht. Unter der Decke eines galerieartigen Laubenganges sehen wir aufwendige Reproduktionen alter niederländischer Maler allmählich erblassen und verfallen. Denn das Neue Amsterdam von Shenyang ist eine Geisterstadt. Wenn man nach Neu Amsterdam kommt, geht man durch große unbewachte Torbögen. Die Fenster der meisten Gebäude wirken blind, die Farben stumpf und hier und da sind Rostflecken zu sehen. Selbst vollständige Fassadenfronten wirken wie Hollywoodkulissen. In einigen Bereichen stehen halbfertige Gebäude inmitten von ausgedehnten Brachflächen. Nur wenige Menschen beleben tagsüber die im Sonnenlicht gleißenden Straßen und Plätze. Belebt ist eigentlich nur der Platz vor dem 140

Rathauskopie in Neu Amsterdam, Shenyang

Kopie des Amsterdamer Hauptbahnhofs, Shenyang

Bahnhof, von dem niemand mit dem Zug abfährt und an dem niemand mit dem Zug ankommt. Denn Gleise gibt es nicht. Woher kommen die Menschen? Ein Teil der Frage beantwortet sich sofort; denn regelmäßig entsteigen Hochzeitspaare samt Entourage zu ‚Photo-Shootings‘ den vorfahrenden Limousinen. Chinas Hochzeitsindustrie hat von diesem Ambiente Besitz ergriffen, ähnlich wie in Taiwushi Neustadt. Doch dies erklärt die Betrieb141

samkeit an diesem Ort vor dem Bahnhof nicht allein. Man muß schon in den Bahnhof eintreten, um vollständige Auskunft zu erhalten: Anstatt auf Schalterhallen, Abfahrts- und Ankunftsanzeigen, Zeitungskioske und Schnellimbisse treffen wir hier auf die verwaisten Verkaufsräume und verstaubten Modelle für die Vermarktung der Wohnungen in der Nachbarschaft von Neu Amsterdam. Und dennoch stoßen wir auch auf hektische Betriebsamkeit. In den Hallen und Fluren eilt Restaurant-Dienstpersonal auf Rollschuhen aus allen Richtungen in alle Richtungen. Denn dort, wo man die Bahnsteige und Gleise vermutet, breiten sich unter dem Glas einer Art von Gewächshausarchitektur endlos die Tische und Stühle eines Megarestaurants jener Größen­ordnung aus, wie man sie vielleicht nur im volkreichen China mit seiner inzwischen enorm angewachsenen Mittelschicht finden kann. Neu Amsterdam ist ein als Stadtcollage ausgeführter ‚compound‘. Zur Bebilderung hat man sich ausschließlich bei der reichhaltigen Ausstattung der berühmten holländischen Grachtenmetropole bedient. Ähnlich wie in Taiwushi und Luodian wurden Siedlungsbereiche und kommer­ zielle Bereiche unterschieden, doch wurden die Grenzen hier weniger genau gezogen. Die Syntax von offen und geschlossen ist daher nicht deutlich erkennbar – und hierin gibt es, allerdings entfernte, Parallelen zu Anting. So finden wir typische holländische Blockrand-Wohnhäuser. Diese sollen nicht nur als Kulissen, sondern auch als Wohnhäuser dienen. Sie müssen daher, wie wir wissen, eine Südorientierung aufweisen. Durch die Vorgabe der totalen Fiktion entsteht nun allerdings ein Problem: Eine in OstwestRichtung verlaufende Straße bringt es mit sich, daß die Eingangstüren auf der einen Straßenseite im Süden, auf der anderen im Norden liegen. Für die südlich plazierte rückwärtige Front der niedrigen, nur zweigeschossigen Gebäude ergibt sich dadurch die Möglichkeit, die für die chinesische Familie wichtige Veranda beziehungsweise den Balkon nach Süden zu orien­tieren. Diese Seite ließe sich also vermarkten, wenn nicht straßenseitig auf den ebenfalls wichtigen Nordbalkon verzichtet werden müßte. Man muß nämlich wissen, daß sich Nordbalkone auch im Zeitalter des Kühlschranks, das in China längst angebrochen ist, als Ort der Auf­bewahrung von Lebensmitteln und als willkommener Stellplatz für Waschmaschine oder anderes Gerät großer Beliebtheit erfreuen. Man mag auf sie nicht verzichten. Im nördlichen Straßenbereich ist es genau umgekehrt: Aus Gründen der fiktionalen Authentizität ist ein straßenseitiger Süd-Balkon nicht möglich. 142

Grachtenhäuser in Neu Amsterdam, Shenyang

Es kann daher nur einen Nordbalkon geben. Das ist nicht wenig, jedoch nicht genug für den anspruchsvollen chinesischen Kunden. Schlechte Karten für die Vermarktung also. Ein weiteres Problem resultiert daraus, daß es in einer extraversen euro­ päischen Stadt gemeinschafsgebundene Innenhöfe kaum gibt – außer in Klöstern und Burgen beziehungsweise Domänen als Kreuzgänge und horti inclusi. Kopierbedingt fehlen solche Räume natürlich in Neu Amsterdam. Es mangelt an unverzichtbaren Abgrenzungen, Mauern und Zäunen, an Nachbarschafts- und Familienhöfen. Innen und außen, offen und geschlossen, Siedlungsgebiete und Einzelhandelsbereiche sind nicht klar voneinander getrennt. In vielen Blockrandbereichen mußte auch die für das Wohnen unverzichtbare Südorientierung aufgegeben werden. Schließlich ist eine artikulierte hierarchische Raumfolge der großen AmsterdamReplikate nicht ersichtlich. Diese stehen städtebaulich unvermittelt in der Gegend. In Neu Amsterdam ist alles ambivalent: Der Haupteingang gibt sich einerseits wie das Tor zu einer geschlossenen Nachbarschaft. Andererseits präsentiert sich diese als thematische Stadt im Stile der Shanghaier Neustädte. Neu Amsterdam ist geschlossen und spricht zugleich die Raumsprache der offenen Stadt; denn im Innenverhältnis gliedert sich die Stadt in mehrere offene Pseudonachbarschaften, darunter Villenquartiere, gemischte Quartiere (nach Art der stufenförmigen Bebauung), Hochhausquartiere und, nicht zu vergessen, in den fiktionalen Stadt­körper inte143

grierte Wohngebäude im holländischen Grachtenstil. Zur Stadt Shenyang hin sind sie als Teil eines einzigen ‚mega-compounds‘ jedoch geschlossen. Widersprüche wo man hinschaut. Die Ungereimtheiten lassen auf einen defizitären Masterplan schließen, auf die Unfähigkeit, die Konsequenzen des europäischen Bilderimports für den chinesischen Stadt- und Siedlungsraum abzuschätzen. Offenbar mangelte es weitgehend an interkultureller Kompetenz. Entsprechend fragmentiert ist der Gesamteindruck der Stadtkopie. Kein Wunder, daß diese Stadtkopie unbewohnt geblieben ist. Wenn dennoch am Hauptbahnhof von Amsterdam oder am Wasser vor der Rathaus eine gewisse Betriebsamkeit anzutreffen ist, dann hängt das damit zusammen, daß keines der Tore bewacht ist. So kommt man nach Belieben zum Angeln oder zu Familienausflügen, zum Essen und zum Aufzeichnen von Hochzeitsvideos. Neu Amsterdam ist eine weitgehend informell angeeignete Geisterstadt, eine tote Kulissenmetropole, eine mit Stadtbildern vollgestellte Citytainment-Brache. Wenn die Blumenrabatten dennoch gepflegt erscheinen, dann ist das auf die Gartenbau-Weltausstellung zurückzuführen, die zum Zeitpunkt unserer Inspektion ihre Tore unweit der niederländischen Stadtfiktion öffnete. Die Vermarktung der Wohnungen von Neu Amsterdam wurde, kaum hatte sie begonnen, bereits gestoppt. Es heißt, der Projektentwickler sei in Konkurs gegangen. Über Details hüllt man sich in Schweigen und man wird den Eindruck nicht los, daß Neu Amsterdam ein heißes Eisen ist, das niemand anpacken will. So kann man auch nicht feststellen, worin im Detail die Vermarktungsprobleme zurückzuführen sind. Daß mit importierten oder endemischen Ideen am Immobilienmarkt vorbei produziert wird, ist in China nichts Außergewöhnliches. In den meisten Fällen wird abgerissen und neu gebaut. Diese Praxis verweist vor allem auf die enorme Diskrepanz zwischen Grundstückswert und Gebäudewert im Niedriglohnland China, eine Diskrepanz, die derartige Reaktionen wirtschaftlich vertretbar macht. Hinzu kommt allerdings auch das Denken und Handeln in Komplettlösungen: Eine Nachbarschaft wird ebenso wie eine komplette Neustadt wie ein einziges Produkt betrachtet. Gibt es Probleme, die zum Entzug der Genehmigung führen oder zum Desinteresse des Konsumenten, dann wird nicht differenziert reagiert, sondern so, als ob es sich eben um ein Produkt handelt. Es wird komplett vom Markt genommen. So ist davon auszugehen, daß Neu Amsterdam bereits eine Spekulationsbrache ist – und eines Tages dem Erdboden gleich gemacht wird. Es wäre der Untergang der Titanic der Stadtkopien. 144

Blick vom Eiffelturm auf Angkor Wat Wenden wir uns dem Themenpark zu: Weltumspannendes Vorbild aller Erlebniswelten, welche Elemente der Stadt zum Gegenstand haben, sind die von Walt Disney ersonnenen Vergnügungsparks, namentlich Disneyland im Südwesten und Disneyworld im Südosten der Vereinigten Staaten. Die Stadtfiktionen artikulieren sich hier primär in Gestalt einer zentralen, barock anmutenden Achse mit der Bezeichnung ‚Mainstreet‘ und in zweiter Linie im New Orleans Square oder auch in der Stadttravestie ‚Mickey’s Toontown‘. Damit sind bereits drei der insgesamt acht thematischen Räume benannt, die allesamt auf us-amerikanische Mythen Bezug nehmen, allen voran Frontierland, Adventureland, Tomorrowland, Critter Country und Fantasyland. Das letzte der Reiche artikuliert, worum es vor allen Dingen geht, um Phantasien, Träume, Imaginationen – mit einem Wort: um Emotionen. Die Besucher sollen in die rosafarbene Watte des ‚glücklichsten Ortes der Welt‘ gehüllt werden. Die Mainstreet ist der Inbegriff eines invertierten städtischen Raums, wo das Öffentliche privat und das Private öffentlich ist. In der Mainstreet vergegenständlicht sich der Traum von der guten alten Zeit, als die amerikanische Stadt noch eine überschaubare Kleinstadt mit klarer Funktions­ zuweisung war: dem ‚common man‘ (Hardinghaus 2004) alles zu bieten, was er für seinen harten Kampf draußen in der Wildnis benötigt. Die Mainstreet USA orientiert auf die feudal-rurale Ikone Cinderella Castle.79 Eine solche Nebeneinanderstellung ist in Traumwelten problemlos und bereitet den gegen Stadt-Land-Dichotomien resistenten Nordamerikanern keiner­ lei Kopfzerbrechen.80 Anders das ‚Fenster der Welt‘ in Shenzhen. Hier geht es nicht um Traumwelten; es werden keine Phantasiegebilde oder bauliche Übertreibungen angeboten, sondern gleichsam dreidimensionale Photographien prominen­ ter Bauwerke aus nahezu allen geschichtlichen Epochen und Kontinenten (außer der Antarktis) ausgestellt – das Ganze mit einer Garnierung aus Fontäne (100 m hoch), Matterhorn- und Fujiama-Imitaten und, nicht zu vergessen, ‚Gottes Hand‘. Zwar geht es auch hier um Emotionen, jedoch in abgewogener Form. Das Gegengewicht bilden Inhalte, die insbesondere an wißbegierige Kinder und Erwachsene vermittelt werden. Für Schulklassen ist ‚Window of the World‘ ein beliebtes Ziel. Das ‚Fenster der Welt‘ in Shenzhen zeigt auf 480.000 qm laut Eigen­ werbung etwa 130 Reproduktionen der berühmtesten Attraktionen aus aller Welt, darunter eine Kopie des Eifelturms mit immerhin 108 m Höhe 145

als weithin sichtbare Landmarke. Der Park ist in neun Sektionen unterteilt (Asien, Ozeanien, Europa, Afrika, Amerika, Erholungsbereich im Wissenschafts- und Technologiezentrum, Skulpturenpark und, wichtig, Internationaler Boulevard). Unter den 67 wichtigsten Kopien befinden sich immerhin sieben aus Frankreich, fünf aus Großbritannien und eine aus Deutschland (der Kölner Dom im Maßstab 1:15). Obschon geografisch-thematisch aufgebaut und insofern an rationale Ausstellungskonzepte von Museen orientiert, ist der Park im Großen und im Kleinen gespickt mit willkürlichen Nebeneinanderstellungen, die einen anonymen Wikipedia-Autor dazu hinreißen, von einem ‚slightly kitsch appeal of this theme park‘ zu sprechen. Hinter diesem ‚Kitsch‘ steht jedoch nichts anderes als eine dreidimensionale Spiegelung der Fähigkeit, im Zeitalter der digitalen Bildbearbeitung beliebige Personen und Objekte in einem Bild zusammenzuführen – und dabei Raum und Zeit souverän zu transzendieren. Windows of the World reflektiert diese Fähigkeit, indem es die Leuchttürme und Bauwunder der Welt dem staunenden Betrachter als räumliche Kopien im verkleinerten Maßstab vorführt.

Hyperreale Assemblage im Themenpark ‚Fenster zur Welt‘, Shenzhen

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Noch bevor der Haupteingang durchschritten ist, grüßt und lockt der Themenpark seine Besucher mit einer giebelwandigen Häuserreihe, die mit Fassadenspiel und Fiktion parzellierter Blockrandbebauung bella città signalisiert. Gleich am Eingangstor finden wir Michelangelos Florentiner David friedlich neben einer griechischen Helena vor der Kulisse des Eiffelturms und gerahmt von Hybriden des Brandenburger Tors und römischen Säulen­reihen. Hier geht es zu wie beim chinesischen Essen: Nicht die Komposition des Ganzen steht im Vordergrund, sondern der Inkrementalismus der Komponenten: Alles geht zusammen, alles kann nebeneinander bestehen. Beim Essen geht es um die Sensationen des Gaumens, im Themenpark um die Sensationen des Auges. Die Sphinx von Gizeh und die Freiheitsstatue? Kein Problem! Window of the World, so die Werbung, gestattet es Ihnen, mexikanisch zu essen, dabei die Niagara­fälle zu bewundern und nach dem Essen in Angkor Wat zu flanieren oder im Alpen-Skiparadies Snowboard zu fahren. Den Abend kann man bei Bikinimädchen ausklingen lassen, die zu Tom Jones’ ‚Sex Bomb‘ über die Bühne stolzieren. Themenparks sind in China außergewöhnlich beliebt. Sie reflektieren eine Neugier an den Dingen, die man in ihrer Intensität eigentlich nur als radikale Negation einstiger Isolierung betrachten kann, eine Isolierung, die weniger total war, als sie vielfach in diesem Lande dargestellt wird, jedoch wie ein kollektives Trauma ausagiert wird. Isolationismus soll es nie mehr geben! Also wird alles, was die Welt an Schönem, Sensationellem, Verwunder­ lichem, Märchenhaftem, Beeindruckendem, Unverwechselbarem zu bieten hat, photographiert, gescannt, abgemalt, nach China transponiert, 1:1 oder en miniature nachgebaut und mit staunenden Augen besichtigt. In China soll es derzeit etwa 1000 Themenparks geben (Sheng, Haitao 2007). Deren Hauptstadt ist ohne Zweifel die Boomstadt Shenzhen, wo bereits 1989 der erste Miniaturlandschaftspark unter dem Namen ‚Prachtvolles China‘ eröffnet wurde. Der beispiellose Erfolg dieses Parks löste den ThemenparkBoom aus, der China zum Weltmeister der fiktionalen Welten gemacht hat. Seit Georgs Simmels Beobachtungen des Verhaltens modernen Großstadtmenschen oder Theodor Adornos, Max Horkheimers und Herbert Marcuses Kritik der Kulturindustrie und vor allem seit Gerhard Schulzes nüchterner Studie über Ästhetisierungen im spätindustriellen Zeit­alter wissen wir um die Bedeutung von Erlebniskonsum für den individua­ lisierten Menschen (Schulze 1992).81 Ästhetisierungen scheinen jene Lücke an Erleben und Sinn zu schließen, die eine durchrationa­lisierte, naturferne Welt der verstädterten Räume hinterläßt. Erlebniswelten scheinen unlösbar mit Stadtleben und Stadt verbunden. 147

Auf die besondere Situation, die die fordistische beziehungsweise funktionalistische Moderne für die urbane Mimikry mit sich brachte, ist bereits wiederholt hingewiesen worden (Hassenpflug 2000; Hassenpflug 2002). So hat der Funktionalismus in Architektur und Städtebau – in der Absicht, den gebauten Raum durch Zonierung und Beschleunigung effektiver zu gestalten – eine narrative Verarmung der Raumproduktion verursacht, die für die fulminante Rückkehr urbaner Fiktionen entscheidend wurde. Es konnte gezeigt werden, daß die Erlebnisindustrie den entstandenen Mangel an räumlichen Ästhetisierungen als erste identifiziert und in ein kommerziell zu befriedigendes Bedürfnis übersetzt hat. Die derart erkannte marktgängige Nachfrage nach Erlebniswelten befriedigte sie vorzugsweise durch Fiktionen der alteuropäischen Stadt mit ihren durch dekorierte Fassa­den geschmückten öffentlichen Räumen. In China verbindet sich dieser kompensatorische Aspekt der Ästhetisierung mit einem unbändigen Interesse an Neuem, Fremdem, Exotischem, daß sich seit der Öffnung des allzu lange in sich gekehrten Landes Bahn brach. Mit dem erwähnten Hinweis auf geschichtliche Randbedingungen für die Popularität von Themenparks in China relativieren wir den Geltungsanspruch einer allgemeinen Theorie der Erlebniswelten, wonach diese generell als Reaktion auf den Funktionalismus der klassischen Moderne betrachtet werden. Das chinesische Beispiel lehrt uns, daß kulturelle Faktoren und die besonderen Entwicklungsbedingungen eines Landes eine große Rolle bei der Beurteilung von urbanen Ästhetisierungen spielen. Die umstandslose Überstellung des Citytainment an die Postmoderne oder zweiten Moderne bleibt als alleiniger Erklärungsansatz ersichtlich unterkomplex.

Citytainment im ‚Fenster zur Welt‘, Shenzhen

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7  Kompakte Stadt

Große Straße – vertikaler Block Wer sich als Europäer oder Amerikaner einer chinesischen Großstadt von der Autobahn her nähert, kann die Erfahrung machen, daß dort, wo zuvor der Blick aus dem Fenster über endlose, nur von Dörfern durch­brochene Felder glitt, plötzlich eine geschlossene Häuserfront steht. Davor geschäftiges, buntes Treiben. Chinesische Großstädte sind ungewöhnlich kompakt. Der Übergang vom agrarisch geprägten Umland in das städtische Gewebe ist, verglichen mit den meisten westlichen Städten, geradezu abrupt. Auf vergleichbarer Fläche werden sie zudem von deutlich mehr Menschen besiedelt, als dies in westlichen Städten der Fall ist. In Europa ist das kompakte Städtewachstum dem 19. Jahrhundert zuzuordnen. Im Verlauf des 20. Jahrhunderts hat sich die städtische Peri­pherie, der Bereich des Übergangs zwischen Stadt und Land, immer weiter aus­ gedehnt. Ein Stadt-Land-Kontinuum ist dadurch entstanden, zugleich städtisch und ländlich – und doch weder das eine noch das andere. Thomas Sieverts hat zur Charakterisierung dieses Raumphänomens das einprägsame Wort ‚Zwischenstadt‘ vorgeschlagen (Sieverts 1997; Christ, Bölling 2006). Demgegenüber scheinen chinesische Städte zu wachsen, ohne ihre Grenzen zu verwischen. Indem sie sich ausdehnen, schieben sie ihre Ränder deutlich wahrnehmbar vor sich her. Eine Zwischenstadt scheint sich nicht auszubilden; auch von einem ‚urban sprawl‘ nordamerikanischen Typs mit seinem grotesken Landverbrauch kann mit Blick auf China – der Jahrtausende alten Stadt-Land-Identität zum Trotz – nicht die Rede sein. Die Siedlungsdichte der chinesischen Stadt nimmt in suburbanen Bereichen nicht generell ab, wie wir dies aus Europa kennen. Im Gegenteil: Die Siedlungen der neuen Mittelschichten, die die Grenzen der Stadt nach außen, in das Ackerland hinausschieben, sind in der Regel – und in Zukunft wohl noch entschiedener als heute – hoch verdichtete Nachbarschaften. In ihrer Studie über die chinesische Großstadt in der Phase des Übergangs von 149

der Staats- zur Marktwirtschaft sprechen Xiaopei Yan et al. daher auch von einem ‚Pfannkuchenmuster‘ („pattern of making a pancake“) beziehungsweise von einem ‚verdichteten Wachstum“ („concentrated outward expansion“) der Stadtentwicklung (Xiaopei / Li /Jianping 2002). Bei diesen Nachbarschaften handelt es sich um die bereits bekannten, postmodern gestalteten vertikalen Wohnblocks in ‚schwingender und tanzender‘ Zeilen- und Punktbauweise. Wohngebäude mit 20 bis 30 und mehr Geschossen sind keineswegs selten. Wir nennen diesen für die Stadtentwicklung im neuen China charakteristischen Siedlungsbaustein den ‚vertikalen Block‘, ein Grundbaustein der heutigen chinesischen Stadt. Als Hauptgrund für die Herausbildung des kompakten, verdichteten Städtewachstums muß die Knappheit des verfügbaren Landes bei zugleich sehr hohem Bevöl­ kerungsdruck gewertet werden (Lü Junhua, Shao Lei 2001, 204). In ihrer Vertikalität findet dieser Siedlungstyp nicht einmal in den europä­ i­schen ‚Schlafstädten‘ der sechziger und siebziger Jahre des 19. Jahrhunderts eine Entsprechung, denn hier haben horizontale Zeilenbauten meist den Vorzug vor vertikalen Punktbauten erhalten. In China scheint das Verhältnis dieser beiden modernen Baukörper-Typen ausgewogen. Allerdings erhalten in innerstädtischen Lagen mit kleinen und engen Baufeldern Punktbauten aufgrund der größeren Gestaltungsfreiheit kleiner Grundflächen den Vorzug vor Zeilenbauten. In jedem Fall haben die Gebäude, ob Zeile oder Punkt, sehr viel mehr Geschosse und so überwiegt der Eindruck von Vertikalität.

‚Vertikaler Block‘ am Suzhou He, Shanghai

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Während fordistische Quartiere in Europa häufig mit Gettoisierung, so­zialer Depravation, Vandalismus, Imageproblemen und Leerstand zu kämpfen haben, erfreuen sich die vertikalen chinesischen Nachbarschaften großer Beliebtheit. Das hat nicht allein mit den räumlichen Qua­litäten der neofordistischen Weiterentwicklung zu tun, sondern auch mit der Bereitschaft, wie selbstverständlich in Hochhäusern und verdichteten Wohnumwelten zu leben – wenn nur die wichtigsten Bedingungen erfüllt sind: Das Quartier muß abgeschlossen und gut gesichert, die Wohnungen müssen groß und orientiert, und das introverse Element muß durch einen gefällig gestalteten, Glück verheißenden Nachbarschaftshof repräsentiert sein. Dazu muß das (Marken-)Image Distinktionsgewinn82 garantieren, und ein Parkplatz für das möglichst große neue Auto sollte natürlich auch verfügbar sein. Damit sind wir beim Thema Auto und Straße. Wir wissen aus der europäischen und nordamerikanischen Stadtgeschichte, daß die Automobilisierung zu den mächtigsten Wirkkräften der Zersiedelung gehört und damit entscheidenden Anteil an den im 20. Jahrhundert entstandenen Formen ruraler und urbaner Peripherisierung hat. Die Zwischenstadt ist ein Produkt des Automobilismus. Die Eisenbahn als Massentransportmittel verbindet Städte miteinander, stärkt deren Zentralität und fördert dadurch sogar deren kompakte Form. Mit ihren zentrumsnahen Kopfbahnhöfen bescherte die Eisenbahn der europäischen Stadt des 19. Jahrhunderts eine Blütezeit ihrer zentripetalen Dynamik. Der motorisierte Individualverkehr hingegen löst verdichtete Räume auf. Er transformiert Städte, die im Raum gebaut sind‚ in Städte, die in der Zeit errichtet sind, wie Robert Fishman treffend formulierte.83 Das Auto ist ein Vehikel des Stadtrandes. Es ist die stärkste Wirkkraft hinter der Ausdehnung der Grenze von Stadt zum Land, hinter der Zersiedelung, der Entstehung des ‚urban sprawl‘. Berechtigt jedoch dieser Befund zu der Annahme, daß chinesische Städte – auch an ihren Peripherien – nur so kompakt gebaut werden können, weil die Motorisierung noch so niedrig ist? 84 Gewiß, in China beginnt das Auto gerade erst, auf die Raumproduktion Einfluß zu nehmen. Doch dort, wo dies geschieht, nämlich an der städtischen Peripherie, scheint dieser Einfluß nicht, wie eigentlich zu erwarten, zur netzartig-kleinteiligen und von Straßenbändern zerschnittenen Landschaft des europäischen und nord­ amerikanischen Stadtrandes zu führen. Im Gegenteil: Die Strukturen großer Dichte breiten sich aus und die Dichte nimmt sogar noch zu, erst recht 151

nach dem Willen der Stadtplanungsbehörden und den Regelungen des neueren Planungs- und Baurechts. Wie können wir uns diese aus europäischer Sicht paradoxe Entwicklung erklären? In China scheint der Automobilismus den Bau der ‚großen Straße‘ zu befördern. Es sieht alles danach aus, als ob der gewaltige Strom an Automobilen, der sich seit einigen Jahren auf die chinesischen Städte zubewegt, durch diesen Straßentypus aufgefangen und in geordnete Bahnen gelenkt werden soll. Bei der ‚großen Straße‘ handelt es sich in erster Linie um übergeordnete Erschließungs- und Tangentialstraßen der städtischen Randzonen. Ihre Breite übertrifft diejenige von Stadtautobahnen oft erheblich. Während Autobahnen (meist Ring- beziehungsweise Radialstraßen) als vier- bis achtspurige reine Autostraßen konzipiert sind, werden sechs- bis achtspurige Haupterschließungsstraßen noch durch beidseitige Rad- und Motorradstreifen, breite Fußgängerwege (in Shanghai behindertengerecht mit Blindenleitstreifen und Bordkantenabsenkungen versehen) und gelegentlich auch mit Parkbuchten samt eigenen Parkplatzzubringern angelegt. So entstehen enorme, nur durch Grünstreifen verzierte Barrieren von einer Breite, die jede europäische Stadt marginalisieren und zum Verschwinden bringen würde. Nicht so in den chinesischen Großstädten. Denn die hoch aufragenden Gebäude der Wohnquartiere bilden dort ein maßstabsgerechtes vertikales Gegengewicht zur ‚großen Straße‘. Wo mit hohen Dichten Mittelklasse-Wohnbau betrieben wird, muß man mit dem verstärkten Auftreten jenes Statussymbols rechnen, das auch

‚Große Straße‘ in Qingdao

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Chinesen das allerliebste ist: mit dem Auto. So findet die Entwicklung der neuen, hoch verdichteten Siedlungsgebiete nicht ohne den vorran­ gigen und zeitlich vorausgehenden Bau dieser überaus breiten Ausfallund Tangen­tialstraßen statt. Für die Ausdehnung der Stadt ergibt sich damit eine signifikante Doppelstruktur von ‚großer Straße‘ und ‚vertikalem Block‘. Dieser Städtebau ist ausgewogen und daher längst zum allgemein akzeptierten Modell geworden. So wird es auch bei der Umgestaltung der Innenstädte angewendet. In diesen Kernbereichen wird das alte China – als alt gilt oft schon, was vor der Öffnung in 1978 gebaut wurde – seit etwa zwei Jahrzehnten groß­flächig abgeräumt und durch die neue Struktur von ‚großer Straße‘ und ‚vertikalem Block‘ ersetzt, und um primär radiale Stadtautobahnen ergänzt. Der Dualismus von großer Straße und vertikalem Block ist die chinesische Form, in der die städtische Peripherie von der umgebenden Landschaft und der Kernstadt gleichermaßen Besitz ergreift. Gut möglich also, daß die chinesische Großstadt diesen Dualismus zu ihrer zukünftigen, den räumlichen Rhythmus prägenden Grundstruktur macht. Diese muß nicht zwingend eine räumliche Verarmung nach sich ziehen – wenn man einmal von dem bereits ebenso gedanken- wie bedenkenlos zerstörten kulturellen Erbe kleinteiliger, introverser Wohnquartiere mit Revitalisierungspotential absieht. Denn schon allein aus kommerziellen Gründen gibt es genügend offenen Stadtraum, in dem sich die Stadt für ihre Bewohner und Gäste fein, bunt, vielfältig und somit auch interessant machen kann. In Europa ist man seit geraumer Zeit dazu übergegangen, das Auto durch Entschleunigungsmaßnahmen und Beschränkungen aller Art, das heißt zum Beispiel durch Verkehrsberuhigung, Anliegerstraßen, Fußgängerzonen, Geschwindigkeitsbegrenzungen, Straßenschwellen an den innerstädtischen Raum anzupassen. In China sind vergleichbare Restriktionen bisher nur in Ansätzen erkennbar. Auch wird nicht, wie in Nordamerika, eine neue autogerechte Stadt jenseits der verdichteten, historischen Stadt gesucht. In China scheint man eher jenen Weg zu beschreiten, der in den kriegszerstörten deutschen Städten nach dem Zweiten Weltkrieg innerstädtische Mondlandschaften hat entstehen lassen: den Weg der autogerechten Innenstadt. Tatsächlich werden die Großstädte einschließlich ihrer Zentren an das Auto angepaßt, wenn es sein muß durch aufgeständerte Autobahnen, die sich wie zyklopische Spaghettifäden durch die Stadt schlängeln. Sind damit jene fordistischen Asphaltwüsten vorprogrammiert, die einst an vielen deutschen Städten nahezu irreparable, bis heute schwelende Raumwunden und andauernde Imageschäden verursachten? 153

Offenbar nicht! Denn die chinesischen Innenstädte wirken vital, bunt, funktionsgemischt, frequenzstabil, in einem Wort: ausgesprochen urban. Dieser Befund ist nicht weniger bemerkenswert als die bereits beobachtete Kompaktheit des Stadtrandes. Doch dieser Hinweis enthält mehr als einen Vergleich. Die Ursachen für die überraschenden Resultate (Kompaktheit der Peripherie, Vitalität der Kernstädte) sind dieselben. Es ist die Ausgewogenheit von ‚großer Straße‘ und ‚vertikalem Block‘, die Balance von Breite und Höhe, die die Stadt zusammenhält. Die chinesische Form der Peripherisierung der Kernstädte bringt die alte, horizontale Siedlungsstruktur der introversen Nachbarschaften und der fordistischen Zeilenbauten zum Verschwinden und ersetzt diese durch eine vitale und ausbalancierte Struktur von aufgeschlossenem und abgeschlossenem Stadtraum. Daß die Kernstädte sich durch deren Peripherisierung nicht in jene ‚Mondlandschaften‘ verwandeln, wie wir sie in einigen fordistisch wiederauf­ gebauten europäischen Stadtzentren vorfinden, hat auch mit der chinatypischen Vitalität und Medialität des kommerzialisierten offenen Stadtraumes in Verbindung mit der vertikalen Dichte der geschlossenen Quartiere zu tun. Die vertikale, kompakte Stadt mit ihren lebhaften offenen Räumen vermag die ausgedünnte Stadt der ‚großen Straße‘ wenn schon nicht problemlos, so doch eher recht als schlecht und oft sogar sehr überzeugend zu konterkarieren. Nicht selten entsteht eine städtische Landschaft urbaner Canyons, in denen das Leben zwischen Medienfassaden brodelt. So wie eine funktionale, ästhetische und ikonische Beziehung zwischen der kleinen Straße und dem Einfamilienhaus angenommen werden kann, so sollte auch eine funktionale, ästhetische und ikonische Beziehung zwischen der ‚großen Straße‘ und der ‚vertikalen Nachbarschaft‘ unterstellt werden. Der in Europa eher seltene Anblick von achtspurigen Ausfallstraßen, die an einer Ackerkante enden, ist an den Rändern chinesischer Städte ein alltäglicher Anblick. Hier ist die Übergangszone zwischen Stadt und Land (zwischen verstädterter Zone und Randzone) im Vergleich mit dem Kerngebiet eher klein. Und selbst neue Erschließungen am Stadtrand wie Gewerbegebiete, Tangentialstraßen, Logistikzentren, Freizeitparks und dergleichen baulich-räumliche Aktivitäten bleiben dem Stadtrand nicht lange erhalten. Denn die Geschwindigkeit der Stadtentwicklung hat eine Wirkung wie große Wellen. Tangentialstraßen, die heute in den städtischen Orbit gelegt werden, sind morgen schon von neuen Gewerbegebieten und Nachbarschaften überwachsen. Sie rücken in die sich ausbreitende Stadt und verwandeln sich von Trabantenstraßen in Satellitenstraßen und von diesen in innerstädtische Ringstraßen.85 Vergleichbares geschieht mit 154

den umliegenden Dörfern, die in kürzester Zeit in den hoch verdichteten Stadtkörper integriert werden. Die urbanen Dörfer von Shenzhen Zu den urbanistisch aufregendsten Phänomenen der neueren chinesischen Stadtentwicklung zählen die sogenannten Villages, die ‚Dörfer‘ von Shenzhen, Habitate, die sich als hochverdichtete, geschlossene und introverse Strukturen deutlich von dem sie umgebenden Stadtraum abheben (Ma 2006). Ipsen identifiziert sie unter dem Terminus ‚Verinselung‘ als eines von fünf Raumprinzipien beziehungsweise räumlichen Strukturelementen des chinesischen Hochgeschwindigkeits-Urbanismus (Ipsen 2004, 28). Zunächst zu Shenzhen: Zum Zeitpunkt der Öffnung Chinas im Jahre 1978 lebten etwa 30.000 Menschen in dem einstigen Fischernest. Nachdem die damalige Gemeinde Bao’an 1980 von Deng Xiao Ping höchstpersönlich zur ersten Sonderwirtschaftszone des neuen China auserkoren und in Shenzhen umbenannt wurde, brach ein weltweit beispielloser Entwicklungssturm los. Heute nähert sich die Kernstadt (Stadt- + Stadtrandkreise) der 5 Millionen Einwohnergrenze und die Gebietskörperschaft Shen­ zhen (inklusive Landbezirke) dürfte etwa die doppelte Einwohnerzahl haben. Das bedeutet, daß die Einwohnerzahl jährlich um etwa 200.000 bis 250.000 gestiegen ist. Das ist eine gewaltige Herausforderung an die strate-

‚Dorf‘ im Zentrum von Shenzhen

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gische und praktische Stadtentwicklungsplanung, die jedoch, wie die Stadt beweist, mit dem urbanistischen Rüstzeug von offener und geschlossener Stadt, von großer Straße und vertikalem Block, von schwingenden Zeilen und tanzenden Punkten, von erhabenen Plätzen und introversen Nachbarschaftshöfen so gut gemeistert wurde, daß die Stadt zu einer ernst­ zunehmenden Imagekonkurrentin für das benachbarte Hongkong wurde und das Stadtplanungsamt für seine Leistungen nationale Auszeichnungen erhielt. Eine Stadt mit einer derartigen Wachstumsdynamik ergießt sich wie eine Sturmflut über das sie umgebende Land und begräbt dort alles unter sich, was sie vorfindet. Nun war die Gegend ursprünglich, von der Fischerei abgesehen, agrarisch geprägt, vor allem durch Reisanbau. Überall verstreut lebten Fischer und Ackerbauern in kleinen Dörfern, deren Familien häufig auf nur einen oder zwei Nachnamen hörten. Die Habitate dieser Familienclans wurden nun von der der Turbo-Urbanisierung Shenzhens überrollt. Sind sie in ihr ‚ertrunken‘? Keineswegs. Die Bauernfamilien verloren zwar ihre Reisfelder, durften jedoch im Gegenzug die Nutzungsrechte für die Bodenflächen ihrer Wohnhäuser behalten. Auch die ländlichen Produktionsgenossenschaften beziehungsweise die Dorfkollektive existierten weiter, verwandelten sich jedoch kurzerhand in kommerzielle Unternehmen (‚joint stock companies‘). Während also rings herum die Häusergebirge der Urbanisierung die kleinen Dörfer in den Würgegriff nahmen, suchten deren ganz und gar ausgeschlafenen Bewohner nach neuen Geschäftsfeldern, sozusagen nach Ersatz für die entgangenen Reis- und Fischernten. Der erste und beste Geschäftszweig, der sich auftat, war die Vermietung von Wohnraum an die aus dem westlichen Hinterland ins goldene Shenzhen strömenden Arbeitsmigranten. Die immer noch funktionsfähigen Dorfkommunen oder besser: die Firmen nahmen die Sache professionell in die Hand und sorgten dafür, daß auf den im Dorfbesitz verbliebenen Grundstücken solide gebaut wurde: für Migranten, Geschoß um Geschoß, Jahr für Jahr. Die Arbeitsmigration wurde zum neuen Acker erkoren. Er wurde bestellt durch die Erweiterung des Wohnraums, und geerntet wurde in guter, harter chinesischer Währung. Von diesen ‚Villages‘, deren Ausgangspunkt die Dörfer der einstigen lokalen Ackerbauer und Fischer waren, sind deutlich jene informellen oder ethnischen ‚Dörfer‘ zu unterscheiden, die im Zuge der seit Mitte der neunziger Jahre in die Metropolen des Ostens fließenden Migrantenströme entstehen. Eduard Kögel schreibt: „Diese Migrantendörfer in der Stadt bilden 156

In einem ‚Dorf‘ von Shenzhen

eigene soziale Kerne, die ohne die formelle Hilfe der Stadtverwaltung entstehen. In der Grauzone von legal und illegal, unter schlechten Rahmenbedingungen, auf der Basis von kleinen Familienbetrieben entwickeln sich unterschiedlichste Dienstleistungs- und Produktionsbetriebe. Kriminelle Organisation und sogenannte black societies operieren hier im Schutze der undurchsichtigen Verhältnisse.“ (Kögel 2004a, 52) Obwohl sie die Bedeutung familiärer Strukturen und in Teilen auch die Informalität mit illega­len Migrantendörfern teilen, erweisen die Dörfer von Shenzhen sich demgegenüber als sozial hoch wirksame städtische Integrationsmaschinen für die vernachlässigte Landbevölkerung. Sie bilden eine geduldete, teils informelle Struktur, die mittels ihrer Integrationsleistung Formalität beziehungsweise Legalität ermöglicht. So mancher der heute registrierten Bürger von Shenzhen hat durch das ‚Tor‘ eines ‚village‘ den Raum der Stadtbürgerschaft betreten. In ihrer grundlegenden Studie zu den ‚Villages in Shenzhen‘ beschreibt Ma Hang das Managementsystem der von ihr untersuchten Dörfer als aus drei, in unterschiedlicher Weise agierenden (teils enger, teils unab­ hän­giger) Institutionen geformte Einheit: 1. Gemeindeamt (,sub-district office‘). Es repräsentiert die Stadtregierung vor Ort, ist jedoch auf die Zusammen­arbeit mit den übrigen Institutionen der ‚Dörfer‘ angewiesen. 157

2. Gemeindeausschuß (,community committee‘). Dieser leitet sich von den Leitungs­gremien der einstigen Dorfkollektive ab und ist direkt mit der lokalen Gruppe der kommunistischen Partei (,root Party branch‘) verbunden. 3. Firma (,joint stock company‘). Die Firma ist das dominierende Leitungs­organ der Dörfer. Sie integriert soziale, ökonomische und administrative Funktionen. Nicht selten sind die Leitungsfunktionen mit denselben Personen besetzt, die auch den Gemeindeausschuß kontrollieren (in kleinen ‚Dörfern‘ ist das grundsätzlich so). Gesellschafter sind die­jenigen, die Landnutzungsrechte besitzen und Mitglied eines Familienclans sind: die originären Dorfbewohner. Die Dorfadministration beziehungsweise Dorfregierung ist somit eine Art von Familienunternehmen oder ein ökonomisiertes Dorfkollektiv (Ma 2006, 155ff). Während rings herum die Stadt Shenzhen sich zur Millionenstadt aufschwingt, werden die einstigen Dörfer zu Einfallstoren, zu hoch effizienten Transformationsräumen für die strukturelle Integration der Arbeits­ migranten. Es werden gute Geschäfte gemacht – wenn irgend möglich: informell (Ma 2006, 166). Aus den Gewinnen der ‚Firma‘ wird Infrastruktur realisiert 86, Plätze werden mit Tempeln und Statuen ausgestattet, Darlehen für Investitionen vergeben, neue Geschäftsbereiche erschlossen: Restaurants, Drogerien, Prostitution, oft unter dem Titel ‚Friseurhandwerk‘ (‚hairdressing‘) versteckt, Sportwetten, Golfplätze, auch zahllose kleine Fabrikationsbetriebe – vieles ist nun möglich und wird umgesetzt.87 Eigentlich verhält man sich noch wie früher, als man nicht von Stadt, sondern von Wasser und Erde umgeben war. Nun jedoch ist man wohlhabend und kann weitere Geschäftsfelder erschließen: Auf diese Weise entstehen schließlich Gebilde, die zwar als ‚Dörfer‘ bezeichnet werden, die man jedoch als die am höchsten verdichteten Stadtquartiere der Welt betrachten muß (Ma 2006). Die Gebäude sind zehn und mehr Geschosse hoch, die rasterförmigen angelegten Erschließungsstraßen und -wege oft kaum mehr als einen Meter breit. Nur selten öffnet sich das labyrin­thische, dunkle Straßengewirr zu lebhaften Plätzen, die mit bunten Buddha- und Konfuzius-Figuren, Tempelchen, Springbrunnen, Leuchtbändern, Neonreklamen, Plastikpflanzen und -blumen verziert sind. Da es etwa 240 solcher, von der wuchernden Metropole umgebene ‚Dörfer‘88 gibt, prägen diese das Stadtbild von Shenzhen; aus Sicht der Planer und Stadtoberhäupter offenbar zu Ungunsten des Stadtimages. Die Dörfer sollen daher verschwinden. Ersatzlos. Dies in die Tat umzusetzen ist jedoch nicht ganz einfach; denn die ‚Dörfer‘ haben Macht, Einfluß und 158

Blick nach oben in einer ‚Dorfstraße‘, Shenzhen

Ressourcen – und wußten die Begehrlichkeiten der Stadt bisher zurückzuweisen. Die ‚Villages‘ sind in vielfacher Hinsicht bemerkenswert, nicht nur hinsichtlich ihres Beitrags zum urbanen Code der Stadt Shenzhen. Bemerkenswert ist auch die Persistenz ihres sozialen, familienbasierten Systems. Die Firmen beziehungsweise ‚joint stock companies‘, so Ma Hang, reflektieren in ihrer personellen Zusammensetzung durchgängig die Clanstruktur des jeweiligen ‚Dorfes‘. Nichtbewohner sind nur in wenigen Aus­ nahmefällen in der Firma tätig (Ma 2006, 158). Im Grunde setzt sich in diesen Organisationen das Dorfleben des historischen China fort. In der Mühelosigkeit, mit der sich die Transformation des Arbeitsinhalts von Ackerbau und Fischzucht zur Vermietung von Wohnraum an Arbeits­ migranten und anderen unternehmerischen Betätigungsfeldern vollzog, wird jene prinzipiell niedrige Schwelle zwischen der ländlichen und städtischen Kultur in China erkennbar, auf die wir im Abschnitt ‚Stein und Pflanze‘ (Kapitel 2) hingewiesen haben. Dieses Phänomen eines kaum vorhandenen kulturellen Gefälles zwischen Stadt und Land läßt sich auch daran erkennen, daß den ‚Villages‘ aufgrund ihrer Dichte und Vertikalität jede Spur dörflicher Extensität und Horizon­talität fehlt. Dennoch werden diese Gebilde mit voller Überzeu159

gung als Dörfer bezeichnet, ohne jede Spur von Ironie. Das ist möglich, da das Leben aus der Sicht der Dorfbewohner sich faktisch nie geändert hat. Gut, man hat seine Reisfelder verloren. Doch, Buddha sei Dank, man durfte wohnen bleiben und konnte so einen neuen Acker bestellen. Auch das Dorfkollektiv ist geblieben, die Familien sind immer noch dieselben. Wo sind da die existentiellen Unterschiede? Es ist, als wollten die Dorf­ bewohner die als gesichert geltenden Theorien über den Stadtmenschen von Simmel bis Bourdieu komplett widerlegen. In der Tat scheint in China allgemein, und dies nicht nur in den urbanen Dörfern von Shenzhen, die Resistenz gegen eine zugespitzte Individua­ lisierung und eine mit diesem Prozeß verbundene Vergesellschaftung so­zialer Integrationsmechanismen und Infrastrukturen (Arbeit, Alterssicherung, Pflege, Kinderbetreuung) deutlich stärker ausgeprägt als in der westlichen, zumal der europäischen Welt. In China wird der Ver­ gesellschaftungs- und Modernisierungsprozeß, der sich in Europa eher in Reibung mit und Kontrast gegen Familie und Gemeinschaft artikuliert, gleichsam in die Obhut der Gemeinschaft genommen. Die kulturelle Hegemonie der Gemeinschaft bleibt auf diese Weise aufrecht erhalten und den gesellschaftlichen Prozessen – vom Geldverkehr über die Institutionalisierung bis zur Individualisierung – wird Rang und Grenze zugewiesen. Es bleibt der Primat der Gemeinschaft. Und dieser Primat artikuliert sich räumlich zu allererst in der Bedeutung exklusiver, introverser Nachbarschaften und in ihren Sonderformen wie den urbanen Dörfern. Diese lassen sich somit als Formen der Ruralisierung des Städtischen (nicht als Urbanisierung des Ländlich-Dörflichen) deuten. Die ‚Dörfer‘ von Shenzhen lassen uns erkennen, daß die abgeschlossenen, inversen Nachbarschaften, denen wir in den chinesischen Großund Megastädten begegnen, Dörfer sind, die das Städtische in Regie nehmen. Der chinesische Urbanismus untersteht der sozialen und kulturellen Hegemonie der Gemeinschaft. Kein Stadtraum denotiert dies nachdrücklicher als die Dörfer von Shenzhen. Die große Stadt Die chinesische Stadt hat eine uralte Geschichte. Städtische Siedlungen hat es schon vor über 5.000 Jahren gegeben. Sie befanden sich in der Nähe der Ufer des Gelben Flusses (Huang He) und des Yang Xi Jiang. Sie müssen als Tempelstädte oder Superoikoi (Weber 1923/1981 270ff, Childe 1955, 84f, 160

Hassenpflug 1990, 194ff, 298ff) gedeutet werden, als Häuser von Gottkönigen, die an der Spitze von ‚hydraulischen Gesellschaften‘ (Wittfogel 1932) standen. Die chinesischen Kaiser regierten in der Tradition der ein­ stigen ‚Pharaonen‘ des fernen Ostens. Der Permanenz der chinesischen Stadt entsprechend, hat sich auch deren städtebauliches Konzept bis zu Beginn des 20. Jahrhunderts nie grundlegend geändert. Chinesische Städte waren immer Palaststädte, das heißt Orte, die die Allmacht und Allgegenwart des Kaisers und seines zentralen Machtapparats repräsentierten. Nach der Reichseinigung durch den Kaiser Qin wurde ab der Han-Dynastie jenes semi-aufgeklärte zentralistische Herrschaftssystem errichtet, das über 2.000 Jahre bestand und entscheidend dazu beitrug, daß sich ein feudales System europäischer Prägung in China nie durchsetzen konnte. Dieses Herrschaftssystem verdrängte den Einfluß des Adels weitgehend und stützte sich vor allem auf die Verwaltungstätigkeit gebildeter, des Lesens und Schreibens kundiger und künstlerischer Ausdrucksformen fähiger Beamter (Literatenbeamte oder auch Mandarine). Die Mandarine waren keine Feudalherren, ihr Status war nicht vererbbar. Sie erreichten ihre Position durch Erfolg in Prüfungen, mit denen ihre jeweilige Ausbildungsstufe abgeschlossen wurde. Schmitz-Glinzer ist darum vollkommen Recht zu geben, wenn er mit Blick auf das LiteratenBeamtentum von einer semi-aufgeklärten Gesellschaft spricht und damit den immer noch üblichen Vergleich des chinesischen Kaisertums mit dem europäischen Feudalismus zurückweist (Schmitz-Glinzer 1997, 66ff ). Die ‚scholar officials‘ und der durch sie exekutierte kaiser­liche Zentralismus hatten entscheidenden Anteil an der Permanenz der chinesischen Kultur und ihres Städtesystems. Das ganze Land gehörte dem Kaiser ungefähr so, wie heute Grund und Boden im Eigentum des Staates sind. Jede Stadt mit ihren Mauern, ihrem Glockenturm, ihren Ahnen- und Erntedanktempeln galt als räumliche Repräsentation des Kaisers und war als solche seinem Willen vollständig unterworfen. In den Städten und an den Stadträndern wurden Märkte unter seiner Oberaufsicht abgehalten. Das Marktrecht und alle anderen Stadtrechte wie Münzregal, Gerichtsbarkeit, Gewicht, Zoll- und Steuerrecht, die in Europa die städtische Freiheit und damit die Existenz der Städte begründeten, blieben dabei in der Hand des Kaisers (Hassenpflug 2004, 27ff ). Zu einer Zeit, da es in Westeuropa überhaupt keine nennenswerte Städte mehr gab (vom 7. bis 9. Jahrhundert) beherbergte die Tang-Kaiserstadt Xi’an (vormals Cháng‘ân) auf 88 qkm etwa 1 Million Einwohner und war 161

damit die bei weitem größte Stadt der damaligen Welt. Das Leben in großen und sehr großen Städten ist außerdem nie, wie in Westeuropa nach dem Zerfall des weströmischen Imperiums, erloschen. China verfügt insofern nicht nur über eine sehr alte sondern über eine zugleich ungebrochenkontinuierliche Tradition des Großstadtlebens – und, dies gehört dazu, des Großstadt-Städtebaus. Ein Fall wie der, daß eine Millionenstadt wie Rom für Jahrhunderte ihr Stadtleben nahezu vollständig aushauchte (im Mittelalter betrug die Einwohnerzahl zeitweilig nicht mehr als 20.000 Einwohner) hat es in der chinesischen Geschichte nicht gegeben. Wurde eine Stadt niedergeworfen und zerstört, wurde sie am selben Ort oder an anderer Stelle umgehend wieder aufgerichtet. China ist mit dem Großstadtleben vertraut. Eine großstadtkritische oder gar großstadtfeindliche Bewegung wie im Europa des 19. und 20. Jahrhundert (Hassenpflug 2006d) wäre hier kaum vorstellbar und hat sich auch niemals entwickelt. Diese Aussage gilt auch vor dem Hintergrund der Politik Maos, die seit Mitte der fünfziger Jahre in der Entwicklung des Hukou-Meldesystems und während der Politik des ‚Großen Sprungs nach Vorn‘ (von 1957–1960) stadtfeindliche Züge aufzuweisen scheint. Das Hukou-Meldesystem, das über die Öffnung Chinas hinaus bis Mitte der achtziger Jahre streng umgesetzt wurde, richtete sich gegen die LandStadt-Migration und zog eine scharfe Grenze zwischen Stadtbewohnern und Landbewohnern. Es war insofern zutiefst anti-republikanisch. Die bäuerlichen Bevölkerungsteile hatten diesem Meldesystem zufolge kaum Aussicht auf den Erwerb des Status eines Stadtbürgers. Sie wurden faktisch ausgeschlossen – und dies, obwohl die Verfassung von 1954 Freizügigkeit garantierte (Zhang, Minjie 2004). Wer auf dem Dorf geboren wurde, blieb ein Landmensch und hatte so gut wie keine Chance, eine dauerhafte Bleibe in der Stadt zu bekommen. Er benötigte eine Geneh­ migung für seinen jeweiligen Stadtaufenthalt. Mit Stadtfeindlichkeit hat dieses System nichts zu tun. Eher schon umgekehrt mit Landfeindlichkeit, obschon es mit der Notwendigkeit der ländlichen Entwicklung begründet wurde. Auf der einen Seite steht es in der Tradition eines hierarchisches Denkens, in dem Stadt und Stadtleben gegenüber dem Land und dem Landleben als höher stehend gelten. Auf der anderen Seite droht es jedoch die Ordnung dieser Hierarchie gerade dadurch zu sprengen, daß es das Dorfleben als außerhalb derselben stehend diskriminiert. So versah die Hukou-Meldepraxis das Landleben mit einem ganz unchinesischen, jedoch bis heute nachwirkenden Makel. 162

Auch die mit dem ‚Großen Sprung nach Vorn‘ einsetzende und danach noch bis zum Tod Maos 1976 fortgesetzte Vernachlässigung der Stadtplanung, welche die Schließung der entsprechenden Behörden einschloß, bringt keine stadtfeindliche Gesinnung zum Ausdruck. Denn diese Politik war nicht primär gegen die Städte gerichtet, sondern drückte die Priorität bei der Entwicklung des agrarischen Hinterlandes nach der Beendigung der Entwicklungskooperation mit Rußland Mitte der fünfziger Jahre aus (Friedmann 2005). Schließlich läßt sich auch der ‚Große Sprung‘ selbst mit westlichen Formen der Stadtfeindschaft nicht verbinden. Grundlage dieser Politik war vielmehr die urchinesische Annahme einer (zuvor im Kaisertum symbo­ lisierten und nunmehr durch die kommunistische Partei tradierte) Wesenseinheit von Stadt und Land. Nur vor dem Hintergrund dieses Identitätsdenkens läßt sich überhaupt die Idee begreifen, aus Bauern Stahlkocher zu machen. Angeleitet von sinisierten Visionen einer egalitären kommunistischen Gesellschaft sollte der ‚Große Sprung‘ der Auffassung von der Minderwertigkeit des Landlebens entgegentreten, indem er Bauern in Prole­ tarier und so das Landleben in Stadtleben verwandelt. Ansonsten dachte Mao vorzugsweise in militärischen Kategorien. Von einer Verländlichung der Stahlproduktion versprach er sich offenbar einen besseren Schutz der in den Großstädten konzentrierten Schwerindustrie, dazu logistische und distributive Vorteile (Friedmann 2005, 20f ). Eine eigenwillige, von der Geschichte auf brutale Art korrigierte Interpretation der Industrialisierung des Ländlichen, ein Realexperiment, das bekanntlich Millionen von Menschen das Leben kostete. Mit Stadtfeindschaft hatte diese Kampagne freilich nichts zu tun. Der Gedanke, daß die Stadt ein verruchtes Babylon sein könnte oder gar ein Krebsgeschwür am Körper Gaias, ist der chinesischen Kultur vollständig fremd. Genauso fremd übrigens, wie der ebenfalls stadtkritische Mythos von der Stadt als einem heiligen Jerusalem.89 China leben etwa 1,3 Milliarden Menschen. Etwa 500 Millionen (ca. 38 Prozent) davon leben heute in Städten. Von den verbleibenden 62 Prozent sind viele Millionen dabei, sich in Richtung Stadt auf den Weg zu machen, in der Hoffnung, dort ihren Traum von einem besseren Leben – zumindest ihrer Nachkommen – zu verwirklichen. Jede Stadt in China hält ein solches Versprechen bereit, und da es Tag für Tag eingelöst wird, strömen die Menschen vom Land in die Stadt. Möglich ist diese gewaltige Umschichtung vom Land in die Stadt seit der Lockerung der nach wie 163

vor geltenden Hukou-Meldegesetze. So ist es seit 1984 für Dorfbewohner möglich, zumindest temporär einen Nicht-Land-Hukou-Status zu erwerben. Nach und nach erfolgte eine weitere Liberalisierung der Zuzugspraxis, mit welcher den Bedingungen eines Schwellenlandes Rechnung getragen wurde (Zhang, Minjie 2004). Demgegenüber nährt das Land seine Menschen immer besser. Die Produktivität steigt, und das Gespenst der Arbeitslosigkeit geht um. Hoffnungen auf eine bessere Zukunft nährt das Land darum nicht. Von 1989 bis 2000 waren über 100 Millionen Frauen und Männer dem Ruf der Stadt gefolgt – und der Strom nimmt weiter zu. Anfang 2008 soll die Zahl der Wanderarbeiter bei etwa 250 Millionen liegen. In der Boomstadt Shanghai sollen etwa 5 Millionen Menschen mit befristeter Aufenthaltsgenehmigung leben, der überwiegende Teil davon Arbeitsmigranten mit ländlichem Status. Auch in Beijing, Shenzhen, Xi’an, Guangzhou und vielen anderen Megastädten dürfte die Zahl der Wanderarbeiter die Millionenzahl mehrfach überschreiten. Die Situation ist vordergründig mit derjenigen in Europa im 19. Jahrhundert vergleichbar. Eine beispiellose Umschichtung der Menschen vom Land in die Stadt hatte sich auch damals vollzogen. Die Gründe scheinen ebenfalls vergleichbar: Auch damals bewirkte die Einführung kapitalistischer und rationeller Arbeits- und Distributionsmethoden einen sinkenden Bedarf an Arbeitskräften in der Landwirtschaft, während die sich in den Städten konzentrierende Entwicklung der Industrie nach preiswerter Arbeitskraft verlangte. Doch dieser Migrationsprozess findet in China, was die Größe der Städte betrifft, in einer anderen Liga statt. Man kann davon ausgehen, daß chine­ sische Städte im Vergleich mit deutschen Städten das fünf- bis zehn­ fache an Einwohnern haben. Wenn also in Deutschland der fiskalisch relevan­te Status der Großstadt ab 100.000 Einwohner erworben wird, dann in China bei 500.000 bis 1 Million Einwohner. Es wird damit gerechnet, daß in China bis 2010 etwa hundert Städte die Millionen-Einwohner-Marke überschreiten werden, und schon heute haben vier Städte mehr als 10 Millio­nen registrierte Einwohner: Chongching, gelegen am zentralen Lauf des Yang Zi Jiang als größte Stadt der Welt mit über 30 Millionen Einwohnern, Shanghai über 18 Millionen, Beijing über14 Millionen und Guangzhou etwa 13 Millionen Einwohner. Es wird erwartet, daß etliche Städte, darunter Tianjin, Shenyang und Xendu, bis 2015 die 10 MillionenMarke überspringen werden. Hierbei sollte man jedoch in Rechnung stellen, daß die Gebietskörperschaften beziehungsweise Gemeinden (‚munici164

palities‘) in China anders aufgebaut sind als beispielsweise in Deutschland. Sie umfassen häufig ‚counties‘, das heißt Landkreise, die in Deutschland als eigenständige Gebietskörperschaften gelten und im Landrat ein dem städtischen Bürgermeister entsprechendes Oberhaupt besitzen.90 Chinesische Städte sind jedoch nicht nur sehr groß, sie sind auch außerordentlich dicht besiedelt. Im Durchschnitt liegt die Bevölkerungsdichte von Innenstadt- und Stadtrandbezirken (ohne Landbezirke) bei 16.500  Einwohner /qkm (Shanghai etwa 16.950 Einwohner/qkm).91 Die vier Stadtbezirke von Shenyang, mit über 7 Millionen Einwohnern die fünftgrößte Stadt Chinas, haben eine durchschnittliche Einwohnerdichte von 23.700 Einwohnern pro qkm (zum Vergleich Berlin: 3.800 Einwohner/ qkm). Der Shenhe-Distrikt rangiert dabei mit 34.070 Einwohnern/qkm an erster Stelle, der Distrikt Heping mit 30.502 an zweiter Stelle und Tiexi mit 20.600 an dritter Stelle (zum Vergleich Berlin-Kreuzberg: 15.000 Einwohner/qkm). Die Siedlungsdichte der Stadtrandbezirke von Shenyang beträgt demgegenüber 1420 Einwohner /qkm und der ländlichen Bezirke etwa 210 Personen auf einen Quadratkilometer. Das große Gefälle in den Einwohnerzahlen zwischen Stadtbezirken und den ‚counties‘ verweist auf die Intensität des Bruchs im räumlichen Erscheinungsbild der Grenze von Stadt und Land. Es unterstreicht insofern auch die These von der Kompaktheit der chinesischen Großstadt.92 Das Gefälle wird noch einmal größer, wenn man sich von den Metropolregionen weiter entfernt, zum Beispiel nach Westen, wo Städte wie Wuhan, Zhengzhou oder die alte Kaiser­stadt Xi’an liegen. Alle dazu angesprochenen chinesischen Experten bestätigten, daß Chinesen belebte, lebhafte und vielfältige Orte gern aufsuchen und allzu ruhige, leise, zurückgezogene Räume eher als unattraktiv empfinden. Selbst ex­treme Unübersichtlichkeit und Chaos verbreiten keinerlei Unwohlsein oder gar Schrecken, solange man im Gewirr noch seinen Weg bestimmen und finden kann. Eine Mentalitätsfrage? Ganz gewiß gibt es kultu­ rell unterschiedlich ausgeprägte Reaktions- und Verhaltensweisen im Umgang mit unübersichtlichen, kakophonischen, chaotischen Umwelten. Im Unterschied zu Nordeuropäern scheinen Chinesen – darin Italienern oder Spaniern vergleichbar – sehr viel toleranter mit solchen Heraus­ forderungen verdichteter urbaner Milieus umzugehen. Mag sein, daß es auch dafür geschichtliche Ursachen gibt. Schließlich läßt sich das Leben in den Nachbarschaften und Quartieren in den alten chinesischen Städten mit einem Leben in labyrinthischen Räumen vergleichen. Großstadtleben und urbane Dichte scheinen ein integraler Bestandteil von Sinität. 165

Sprung über den Fluß Von Hongkong und Singapur war bereits als Leitbildern die Rede. Die Wirkmacht dieser urbanen Leitfiguren wird auch durch das unübersehbare Engagement von Investoren und Entwicklern (Developern) aus diesen Städten untermauert. Besser noch als die ebenfalls erfolgreichen Amerikaner, Kanadier, Australier verstehen es die Entwickler aus Ostasien, die Wünsche ihrer chinesischen Kundschaft zu deuten und in entsprechende räumliche Arrangements und Bilder umzusetzen. Dabei dienen die Stadtbilder von Hongkong, Singapur und Taipei nur als ‚Sprungbrett‘ für viel höher fliegende Raumbilder. In diesen verschmilzt der historische Zeichenschatz aus Kunst und Architektur mit barock anmutenden Macht­ räumen und den Ikonen des modernen Universalismus zu einer buchstäblich neuen Welt – einer Welt, in der die millionenfache Armut, der Schmutz und die Armut des westlichen chinesischen Hinterlandes vollständig ausgeblendet sind. Doch das neue China, jene aus kaiserzeitlichem Palast, Barock, Moderne, Universalismus und Postmoderne gegossene Utopie ist konkret und befeuert den urbanen Transformationsprozeß nachhaltig. Auch urbane Leitbilder folgen Moden. Eine solche Mode ist in China der ‚Sprung über den Fluß‘. Shanghai hat es vorgemacht. Mit dem städte­baulichen ‚Sprung‘ von Puxi (dem westlichen Ufer des Huangpu Jiang) nach Pudong (dem östlichen Ufer des Huangpu Jiang) wurde ein Innenstadt­ensemble mit singulärer Bildmacht geschaffen: Auf der einen Seite des Flusses die kolonialen Prachtbauten des Bund, auf der anderen das sich in einer Biegung des Huangpu ausbreitende neue Wolkenkratzer­ zentrum Lu Jia Zhui Pudongs: Das Image der alten Kolonialstadt Shanghai gegen das Bild des neuen, zu Weltmacht strebenden China, eine atem­ beraubende Kulisse, insbesondere nachts, wenn die europäischen Fassaden des Bund goldgelb strahlen und die Wolkenkratzer des neuen Bankenund Geschäftszentrums gegenüber in kühlen Blaugrün-Tönen leuchten, durchmischt mit dem vielfarbigen Funkeln medialisierter Hochhaus­ fassaden. Dies ist das Symbol des neuen China, und viele chinesische Städte sehen sich aufgefordert, dem Beispiel Shanghais zu folgen und zum ‚Sprung über den Fluß‘ anzusetzen. Daß die geographischen Voraussetzung für das Übersetzen über den Fluß existieren, hat historische Gründe. Kaiserliche Stadtgründungen erfolgten nach uralten, kosmologisch begründeten Regeln. Sie besagen, daß eine Stadt vorzugsweise südlich der Berge und nördlich des Flusses gebaut werden sollte. Die Berge stehen dabei für Schutz vor Feinden und vor 166

Das neue Rathaus von Harbin als Pionier­ gebäude beim ‚Sprung über den Fluss‘

Kälte, der Fluß symbolisiert Fruchtbarkeit, Nahrung, Mobilität, Handel. Die Folge dieser geographischen Stadtgründungsregel des kaiserzeitlichen China ist, daß bis heute viele chinesische Städte ‚Ein-Ufer-Städte‘ sind, die sich zwischen nördlichen Bergen und südlichem Fluß ausbreiten. Allerdings gibt es zahlreiche Ausnahmen, Shanghai gehört selbst dazu. Diese Metropole ist aus einem Fischerdorf entstanden und als Kolonial­ siedlung groß geworden. Hier gibt es auch keine Berge, die Orientierung fügt sich ebenfalls nicht den alten Regeln. Doch Shanghai war bis vor gar nicht langer Zeit im großen und ganzen eine ‚Ein-Ufer-Stadt‘. Vergleichbares wie für Shanghai gilt auch für die nordchinesische 5 Millionen-Metro­ pole Harbin, die Hauptstadt der Nordprovinz Heilongjiang. Harbin wurde von den Russen im Zuge des Baus der südlichen Strecke der transsibirischen Eisenbahn am Songhua Jiang gegründet und breitete sich auf der südlichen Uferseite rund um den strategisch bedeutsamen Bahnhof mächtig aus. Hier fließt der Songhua Jiang von Westen nach Osten, nahe gelegene Berge fehlen weitgehend. Doch die ‚Ein-Ufer-Lage‘ ist vorhanden, und so kann, dem Vorbild Shanghais folgend, Anlauf zum Sprung von Süd nach Nord genommen werden. Die Landung auf der gegenüberliegenden Seite des Songhua Jiang erfolgte in Form eines mitten in die Sümpfe gebauten gewaltigen Rathauskomplexes: er ist umgeben von barock anmutenden Gartenanlagen und erschlossen mit einer achtspurigen ‚großen Straße‘. Das Rathaus wurde zum Fanal einer städtebaulichen Entwicklung, in deren Verlauf sich die Ausdehnung der Stadt verdoppeln wird. 167

Blick vom neuen Rathaus auf die Stadt Harbin

Zum „River-Jumping“ angesetzt hat inzwischen auch die 7 MillionenEinwohner Metropole Shenyang. Hier wird das lineare Zentrum des ‚Goldenen Korridors‘ mit seinen kommerziellen, kulturellen und hoheitlichen Funktionen die Brücke zwischen alter und neuer Stadt schlagen. Das neue, südliche Ufer des Hun He steht dabei – dem Vorbild Pudong folgend – für Erfolg, Glück und Zukunft. Nimmt man hinzu, daß die Preise für Landnutzungsrechte in den neu erschlossenen Gebieten vergleichsweise günstig sind, dann kann man sich den Zulauf für das neue Entwicklungs­gebiet gut vorstellen. Unter den ‚Kunden‘ des neu erschlossenen Ufers sind nicht nur die üblichen Wohnungsbau-Investoren und Gewerbepark-Entwickler, sondern, wie die Beispiele Harbin oder auch Ningbo (Zhejiang-Provinz) zeigen, vorzugsweise die Stadt- oder Distriktregierung oder, bei Hauptstädten, die jeweilige Provinzverwaltung. In Shenyang ist es nicht anders. Auch hier ist das Rathaus ‚über den Fluß gesprungen‘ und in einem stattlichen neuen Gebäude gelandet. Im Streben nach profitabler Vermarktung ihrer guten Innenstadtlage und bei gleichzeitiger Verbesserung ihres institutionellen Images entschließen sich nahezu alle Universitätsverwaltungen zum Verlassen der Innenstädte und zum Aufbau neuer, vermeintlich prestigeträchtiger neuer Campi auf der grünen Wiese am Stadtrand. Wie in vielen anderen Fällen läßt sich die Bedenkenlosigkeit gegenüber den urbanistischen Konsequenzen dieser Standortwahl letztlich nur durch Berücksichtigung des Einflusses bildungsinstitutioneller chinesischer Traditionen begreifen. Vergleichbar mit angelsächsischen Universitäten, die ihre kirchlich168

‚Sprung über den Fluß‘ in Shenyang und Harbin

klösterliche Herkunft deutlicher als ihre kontinentaleuropäischen Pendants bewahrt haben, kann sich auch China auf eine beachtliche Tradition seiner Bildungseinrichtungen berufen, etwa auf konfuzianische Weihe­ stätten beziehungsweise Bildungseinrichtungen. Als Stadtbaustei­ne ha­ben sie nie gewirkt. Hyperwachstum Die nachholende Modernisierung Chinas, dirigiert von einem zentralisti­ schen Machtapparat und orchestriert von einem überkommenen ‚asia­ tischen‘ Hang zur Vielgestaltigkeit und Harmonisierung von Gegensätzen bietet dem Land Gelegenheit, die in Europa diachronisch verlaufene Modernisierung synchronisch nachzuvoll­ziehen und auf diese Weise Ge­schwindigkeit aufzunehmen. Als europäische Urbanisten und Adepten einer strukturalen Sicht auf die Geschichte sind wir darin eingeübt, die kulturelle Zeitbetrachtung auf die Annahme einer evolutionär oder auch revolutionär vermittelten Abfolge von Epochen oder auch Entwicklungsstufen (innerhalb einer Epoche) zu stützen. Eine geläufige Geschichtsgliederung der Moderne stützt sich auf eine Weiterentwicklung der Marx’schen Theorie der Mehrwertproduktion. Dieser zufolge lassen sich drei Stufen deutlich unterschieden, extensive Industrialisierung (auch: Frühindustrialisierung), intensive Industrialisie­ rung (Fordismus oder auch ‘etatistische‘ beziehungsweise ‘sozialdemo169

kratische‘ Moderne) und flexible Industrialisierung (gelegentlich auch als nach-industrielles Zeitalter oder 2. Moderne bezeichnet).93 In morphologischer Perspektive läßt sich jede einzelne Stufe als Totalität deuten, als System, das, einem Organismus gleich, alle seine Teile beziehungsweise Subsysteme zu einer Art von Zeitpersönlich­keit integriert. Die Abfolge dieser Zeitpersönlichkeiten kann dann, wie dies in geschichts­ phi­losophischen Dogmen geschehen ist, als ‚Höherentwicklung‘ (Hegel) gedeutet werden oder auch als Phasen eines ‚Lebenszyklus‘ (etwa bei O. Spengler). Sie lassen sich jedoch auch ohne ideologische Überhöhung als heuristische Modelle nutzten, die sich, wie es hier geschehen soll, für einen interkulturellen Vergleich anbieten. Wird dieses Sukzessionsmodell der Moderne auf die Stadt als verräumlichte Form der jeweiligen Industrialisierungsstufe bezogen, dann erhalten wir die folgende urbanistische Geschichtsglie­derung: Industriestadt, Stadt der Gründerzeit oder „liberale Stadt“, wie es bei Benevolo heißt (Benevolo 1984), „soziale Stadt“ (die moderne, fordistische Stadt) und schließlich die Stadt der reflexiven Moderne, die Stadt des neuen Urbanismus beziehungsweise die „thematische Stadt“, wie wir sie hier unter Verweis auf die Ausführungen im sechsten Kapitel bezeichnen wollen. Das Verhältnis der drei Phasen hat man sich dabei so vorzustellen, daß die jeweils spätere Phase Elemente der vorausliegenden aufnimmt, vereinnahmt und in Elemente der eigenen Struktur verwandelt. So schließt die post-fordistische ‘thematische Stadt‘ die fordistische so­ziale Stadt ein, weist ihr jedoch eine untergeordnete Rolle zu. Während sich jene gleichsam auf die Bühne stellt, muß sich diese mit einem Platz hinter und unter der Bühne begnügen. Der fordistische Rationalismus wird insofern nicht dementiert, sondern inkorporiert und mit den Formen des Traditionellen dekoriert. Vergleichbares gilt für das Verhältnis von sozia­ ler und liberaler Stadt, das heißt von Stadt des Fordismus und Stadt der Gründerzeit: Die Antworten, die letztere auf die Land-Stadt-Umschichtung (Urbanisierung) gibt, etwa Gartenstadt und Hygiene-Infrastruktur werden aufgenommen, jedoch einer fundamentalen Revision nach Maßgabe der „aufgelockerten und gegliederten Stadt“94 beziehungsweise der rational-egalitären Maschinenstadt nach den Grundsätzen der Charta von Athen unterzogen. Die folgende Tabelle ordnet einige stadträumliche Merkmale den drei genannten Perioden zu:

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Industrialisierungsphasen

Extensive Industrialisierung

Intensive Industrialisierung

Flexible Industrialisierung

Produktionsmodell

Manufaktur / Handwerk

große Serie / ‚blue collar‘

kleine Serie / ‚white col­lar‘

Staatsmodell

Nachtwächterstaat

Sozialstaat

aktivierender Staat

Gesellschaftsmodell

polarisierte Klassen­ gesellschaft

nivellierte Mittelstandsgesellschaft

Wissens­ gesellschaft

Stadtmodell

Industriestadt

soziale Stadt

kreative Stadt

Füllstruktur

parzellierter Blockrand

Zeilenbau

Blockrand und Zeile

raumfunktionales Konzept

hierarchisch, gemischt

funktionsdifferenziert, zoniert

funktions­ plura­listisch (gemischt, mono­funk­tional, funktionsdiffus)

Zentralität

zentrierte Stadt

dezentrale Stadt

polyzentrisches Stadt-LandKontinuum

urbanes Leitbild

die Stadt der Gründerzeit

aufgelockerte und gegliederte Stadt

narrative, thematische Stadt

Stadt-Land

dualistisch

integriert

kontinuierlich

Wachstumstyp

radialkonzentrisch

peripher, dispers

invers

Industrialisierungs­ phase

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Wenn man das dreigliedrige Entwicklungsmodell auf die gegenwärtige chinesische Stadtentwicklung bezieht, dann fällt auf, daß die drei historischen Stufen im Zuge der nachholenden Entwicklung eher synchron als diachron durchlaufen werden. Wir haben es mit einem triadischen Entwicklungsmodell zu tun, das auf einer Gleichzeitigkeit von extensiver, intensiver und flexibler Industrialisierung beruht. China befindet sich in Zeitgenossenschaft mit den entwickelten tertiären Gesellschaften – und erledigt zusätzlich historische ‚Hausaufgaben‘ der extensiven und intensiven Industrialisierung. Wir beobachten nicht nur die Inkorporierung der Elemente der extensiven in die intensive und der intensiven in die flexible Entwicklung, sondern darüber hinaus eine eigenständige Parallelentwick­lung aller drei Phasen. Das chinesische Entwicklungsmodell erhält dadurch eine außerordent­ liche Komplexität, die im Begriff des Hyperwachstums nur teilweise reflektiert ist. Denn die Komplexität des chinesischen Entwicklungs­ modells wird noch dadurch verstärkt, daß es vor der Öffnung gegen Ende der siebziger Jahre eine ausgeprägte Periode fordistischer Moderni­sierung sino-kommu­nistischer Art gegeben hat. China durchschreitet ohne Zweifel – und zum wiederholten Male – eine Gründerzeit. Der heutige chinesische Kapitalismus trägt Züge des Kapitalis­mus des 19. Jahrhunderts in Europa. Die soziale Polarisierung ist enorm, der Staat tritt als sozial ausgleichende Kraft wenig in Erscheinung. Der frühindustrielle Status wird zudem nicht nur durch das nach wie vor große Gewicht des primären Sektors (Landwirtschaft) indiziert, sondern auch durch die enorme Land­-Stadt-Migration und das damit eng verbundene Hyperwachstum der Städte. Mit derselben Plausibilität, mit der wir Elemente und Prozesse des Modells extensiver Industrialisierung identifizieren können, lassen sich auch Elemente und Prozesse fordistischer Modernisierung ausmachen. Die Anwendung wissenschaftlicher Produktionsmethoden und die systematische Organisation des Wissenstransfers aus Labors in die marktorientierte Produktion ist selbstverständlich und wird durch Gemeinschaftsunternehmen mit ausländischen Partnern (‚Joint-Ventures‘) ebenso beflügelt, wie durch mächtige eigene Forschungsanstrengungen – und durch eine von geringen Skrupeln beeinflußte Aneignung geistigen Eigentums, von Urheber­ rechten, Patenten etc. Die rasche Verbreitung des Automobils, insbesondere die Zunahme von Mittelklasse- und Kleinwagen, verweist zudem auf eine ebenso schnell wachsende Mittelschicht und das Entstehen einer Konsumgesellschaft hin. Weitere Indikatoren sind die Ausbreitung öffent172

licher Personennahverkehrssysteme und – allerdings noch im Anfangs­ stadium – Ansätze zu einer Art sozialen Wohnungsbaus. Allgemein werden Stimmen lauter, die nach einem stärkeren Engagement des Staates bei Angelegenheiten rufen, die den sozialen Ausgleich einer allzu sehr in die Polarisierung driftenden Gesellschaft betreffen, sozialdemokrati­sche Forderungen mithin, wie sie für den Fordismus endemisch sind, ganz gleich durch welches politische Subjekt sie verfolgt werden. Insbesondere der Blick aus der Vogelperspektive auf chinesische Städte vermag uns über die Bedeutung der fordistischen Raumproduktion aufzuklären. Man schaut in diesem Fall nämlich auf einen Ozean von orien­ tierten Zeilen- und Punktbauten, auf Wellen von gleichsam in Reih’ und Glied stehenden Monostrukturen, zusammengefaßt in vormalige DanweiQuartiere oder heutige Nachbarschaftssiedlungen. Viele dieser Bauten stammen noch aus der Zeit vor der Öffnung; doch das Gros ist bereits danach entstanden, wie man an den organischen Grundrissen der Siedlungen und den schwingenden Zeilen und tanzenden Punkten leicht erkennen kann. Keine andere Epoche industrieller Entwicklung ist jedoch ästhetisch und ikonisch so präsent, wie der Postfordismus mit seinen Ästhetisierungen, Fiktionen, Dekorationen, Medialisierungen. Dies nicht nur auf offener Stadtbühne, sondern auch in abgeschlossenen Nachbarschaften. China ist unangefochtener Weltmeister der Disneyfizierung, der Themenparks, der Copy-Städte, der urbanen Fiktionen und des stilistischen Eklektizismus. Das Land träumt den westlichen Traum – und es verwirklicht ihn auf der Stelle, indem es seinen chinesischen Werken ‚rosarote‘ westliche Träume umhängt. Die Ubiquität disneyfizierter Zeichen und Räume findet in den industriell entwickelten Ländern der westlichen Welt und Asiens, mit denen es sich in Zeitgenossenschaft befindet, keine Parallele. Es überrascht darum auch nicht, daß die Stadtvisionen des New Urban­ ism hier auf größtes Interesse treffen, wird an ihnen doch nur das Pitto­ reske gesehen: wie das Stadtinnere, die Grundstruktur der Stadt auszusehen hat, weiß man in China am besten. China träumt den westlichen Traum, um das Trauma der Zurückgebliebenheit zu therapieren – nicht, um zu verwestlichen. Sieht die hier und da in ihrer Entwicklung immer noch ein wenig abseits stehende chinesische Stadt im westlichen Outfit etwa nicht viel besser aus? Aus chinesischer Sicht lautetet die Antwort eindeutig: ja! Doch China holt mächtig auf. Das große Spektakel, in dem das Land mit seinem städtischen, aus den Stoffen der Fremde und dem eigenen Vermächtnis gewebten Kleid die Weltbühne betritt, hat bereits begonnen. 173

Für das ‚triadische Entwicklungsmodell‘, demzufolge China das euro­päische 19., 20. und 21. Jahrhundert synchron durchläuft, gibt es Rand­bedingungen und Voraussetzungen, von denen einige auf die Besonder­heiten der chinesischen Geschichte verweisen. Eine dieser Randbedingungen ist die ungewöhnliche Entwicklungsoffenheit des Landes. Die Kette von dramatischen gesellschaftlichen Veränderungen, die bereits während der Qing-Dynastie im 19. Jahrhundert einsetzten, in der republikanischen Revolution, in Maos Gesellschaftsexperimenten vom Bürgerkrieg über den ‚großen Sprung nach vorn‘ und die Kulturrevolution ihre Fortsetzung fanden, dazu die Wirtschaftspolitik Dengs, haben das Land dermaßen durcheinandergerüttelt und von seinen Traditionen distanziert, daß es dazu tendiert, seiner eigenen Geschichte reflexiv gegenüberzu­treten. Nichts scheint mehr selbst­ verständlich. Mehr noch: Offenbar fällt es nach diesen radikalen Umbrü­ chen weniger schwer, sich neuen Einflüssen zu öffnen, als dies bei manch anderem Entwicklungs­- beziehungsweise Schwellenland der Fall ist. Unter den Randbedingungen der triadischen Hochgeschwindigkeits-Entwicklung scheinen die technischen herauszuragen. Als Europa die Phase der extensiven Industrialisierung durchlief, gab es kein Internet, kein Mobiltelefon, kein GPS und kein Fax. Auch gab es weder Flugzeuge oder Containerschiffe noch andere hoch effiziente Transport- und Mobilitätstechnologien. Mit Blick auf diese Errungenschaften können wir daher, analog zum Begriff des ‚Hyperwachstums‘, von einer ‚Hypermodernisierung‘ Chinas sprechen. In dieser vollzieht sich die extensive Industrialisierung auf der Basis jener Hochtechnologien, die in Europa die flexi­ ble Industrialisierung kennzeichnen. Das kann zum Beispiel bedeuten: lange Arbeitstage mit niedrigen Löhnen an hochproduk­tiven computer­ gesteuerten Ferti­gungslinien. Vergleichbares konnte es in Europa und Amerika nicht geben. Denn als hier jene Steuertechnolo­gien in die Fertigung implementiert wurden, die die Flexibilisierung der Arbeit ermöglichten, war der Achtstunden-Tag bei vergleichbar hohen, tariflich abgesicherten Löhnen längst durch­gesetzt. Insofern mag der in China als selbstverständlich empfundene – und daher unhinterfragte – Mix der Arbeits- beziehungsweise Industrialisierungsregimes zum Teil die enorme Entwicklungsgeschwindigkeit des Landes erklären. China hat hinreichend wirtschaftlichen Erfolg, um sich die Techniken für die Hypermodernisie­rung des Landes leisten zu können; und da es sich diese leisten kann, hat es wirtschaftlichen Erfolg. Dieser Erfolg teilt sich dem Städtebau auf eine durchaus vielschichtige Weise mit. Zum einen ganz allgemein in dem von Ipsen so genann174

ten „Hochgeschwindigkeits-Urbanismus“ (Ipsen 2004), im Zuge dessen Millio­nenstädte zu gigantischen Megastädten mit mehr als 10 Millionen Einwohnern und Stadtagglomerationen mit über 100 Millionen Einwohnern heranwachsen. Da ist zum anderen der einerseits mit fortgeschrittenen Technologien beschleunigte, auf der anderen Seite mit teilweise unzulänglichen Materialien und Fähigkeiten vollzogene Bauprozeß, der nicht nur gewaltige Städte, sondern zugleich enorme Stadtlandschaften in schlechter Bauqualität entstehen läßt. Es zeigt sich allerdings noch ein weiteres – und dies nicht allein auf dem Gebiet des Städtebaus: eine sich anbahnende überholende Modernisie­rung. Um diese in den Blick zu bekommen, muß man den Vorhang importierter Stile und Bilder zur Seite schieben und auf das tatsächliche Geschehen blicken. Und dort sieht man die Keime einer neuen städtischen Wohnkultur, neue introverse Gartenstädte mit aufwendig gestalteten Nachbarschaftsgärten umgeben von schwingenden Reihen und tanzenden Punkten. Man sieht die Doppelstruktur von Zeilen­bau und Blockrandbebauung, in der sich der grundlegende Dualismus von abgeschlossenen Wohnsiedlungen und aufgeschlosse­nen kommerziellen beziehungsweise gewerblichen Räumen reflektiert. Während in den offenen Räumen neue, extraverse Stadtbühnen aufgebaut und auf diese Weise dem wachsenden Bedürfnis nach Distinktion entsprochen wird, setzen die abgeschlossenen Nachbarschaften das Bedürfnis nach Stadträumen fort, die der starken Stellung des Gemeinschaftlichen Gestalt verleihen, dem Wunsch nach urbanen Dörfern.

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8  Die chinesische Stadt als System von Bedeutungen

Aufgabe dieses abschließenden Kapitels ist es, die verschiedenen Beobachtungen in und an der chinesischen Stadt zu einem in sich schlüssigen morphologischen Verständnis dieses Stadttyps zu integrieren. Jede Stadt läßt sich als ein System räumlicher Zeichen beschreiben. Zeichen werden jedoch erst dadurch zu Bedeutungsträgern, wenn ihnen Inhalte zugewiesen werden. Nur durch einen solchen Zuweisungsprozeß wird eine Stadt zum lesbaren Text. Da die Bedeutungen den städtischen Zeichen jedoch nicht so einfach zugeordnet werden können, wie zum Beispiel das Sitzen (als primäre Funktion) dem Stuhl (als Signifikant), bedarf es eines Wissens, vermittels dessen die in den städtischen Zeichen ent­haltenen Botschaften entschlüsselt werden können. Die hier erforderlichen Inhalte finden wir in den Ergebnissen der strukturalen Stadtforschung. Dabei handelt es sich um eine Urbanistik, die die Stadt in dialektischer Weise als soziokulturelles System erfaßt. Um den Wissensvorrat dieser dialektischen Stadtwissenschaft zu erschließen, ist eine Deutungskunst des urbanen Textes erforderlich. Zweck dieser Hermeneutik ist die Aufdeckung wesensmäßiger innerer Beziehungen zwischen stadträumlichen Zeichen und soziokulturellen Botschaften. Denn eine Stadtlektüre, die auf die morphologische Dimension des Städtischen zielt, kann sich mit einer sporadischen Identifizierung städtischer Zeichen und zugehöriger Bedeutungen allein nicht begnügen. Sie zielt vielmehr auf das innere Band der Zeichen und ihrer Bedeutungen. Für die chinesische Stadt folgt daraus: Nur eine strukturale Hermeneutik ihrer eigentüm­lichen Gestalten und Formen ist in der Lage, eine morpholo­gische Integration identifizierter Bedeutungen so zu leisten, daß ihre Sinität erkennbar wird. Zentral für die Generierung urbanistischer Inhalte ist die auf Charles Peirce zurückgehende, im ersten Kapitel bereits erläuterte triadische Konstellation von Referent – Signifikant – Signifikat (vgl. S. 19) oder auch von Gegenstand – Bedeutungsträger – Bedeutung (Interpretant). Durch Anwendung dieser semiologischen Heuristik auf den urbanen Text lassen sich jene Inhalte oder Begriffe den ausgewählten Zeichen zuordnen, deren strukturale Kontextualisierung Aufschluß über die Sinität der chine­ sischen Stadt gibt. 176

Die strukturale Kontextualisierung erfordert mithin zweierlei: zum einen die Aufbereitung raumrelevanter soziokultureller Begriffe zu einer logischen Ordnung, zum anderen die Verknüpfung stadträumlicher Zeichen (Signifikanten) und soziokultureller Inhalte (Signifikate) durch eine Semiologie des städtischen Raumes (als Wissenschaft soziokultureller räumlicher Zeichen).95 Die semiologisch informierte Stadtlektüre hat uns an zahlreiche Orte (Referenten) geführt, die als Bausteine der chinesischen Stadt erkennbar sind, zu Wohnsiedlungen, Straßen, Plätzen aller Art, Stadtzentren, suburbanen Stadtgebieten, zu Einkaufsstraßen und -zentren, zu historischen Quartieren und Neubaugebieten. Wo immer wir hingekommen sind, wurden in und an den urbanen Objekten Zeichen erkannt, die als Signifikanten, Bedeutungsträger oder Sender soziokultureller Inhalte entschlüsselt werden konnten. Um relevante Denotationen (auch: primäre Funktionen) identifizieren zu können, wurde bisher jedoch in einer eher ungeordneten oder beliebigen Weise auf soziokulturelle Begriffe rekurriert, zum Beispiel auf den Zusammenhang von Introversion und Gemeinschaft, von linearer Zentralität und gesellschaftlicher Hierarchie oder von ‚Sprung über den Fluß‘ und der zwischen Wunsch, Beschwörung und Mode schwankenden Absicht, den wirtschaftlichen Aufstieg der Metropole Shanghai auf diese Weise nachvollziehen zu können. Was unserer Arbeit bisher jedoch fehlt, ist eine in sich schlüssige, rationale, über partikulare Entschlüsselungen hinausgehende Einbettung der vorgenommenen Deutungen in ein System soziokulturellen Wissens. In anderen Worten: Es geht darum, die bisher erarbeiteten Schlüsse von Signifikaten (Bedeutungsträgern) auf Signifikate (Inhalte oder Bedeutungen) um eine Darstellung des inhaltlichen Zusammenhangs (der Struktur) der Signifikate zu ergänzen. Dies soll hier in einem ersten skizzenhaften Anlauf geschehen. Um eine rationale Begründung des strukturalen Zusammenhangs der bereits erarbeiteten soziokulturellen Signifikate anbieten zu können, ist es erforderlich, den logischen Spuren einer dualen oder auch dialektischen Begrifflichkeit zu folgen, wie sie von der strukturalen Methode eingefordert wird. Die soziokulturelle Raumanalyse ist demzufolge als ein System des Wissens zu bestimmen, dem ein spezifischer ‚binärer Code‘ zugrunde liegt. Diesem Code läßt sich ein großer Teil der verwendeten Signifikate so zuordnen, daß ihr Systemcharakter hervortritt. Auf diese Weise begründet sich die Wissenschaftlichkeit der identifizierten Denotationen (der Schlußfolgerungen von den Signifikanten auf die Signifikate). 177

Der Code, der sich für unsere Zwecke verwenden läßt, ist der durch Ferdinand Tönnies berühmt gewordene (auch bei Riehl, Marx, Weber und vielen anderen bereits verhandelte) soziologische Dualismus von Gemeinschaft und Gesellschaft (Tönnies 1979/1991). Gemeinschaft und Gesellschaft (‚community‘ and ‚association‘) sind die beiden möglichen sozialen Verfaßtheiten oder ‚Aggregatzustände‘, in denen jeder Mensch sich jederzeit und an jedem Ort zugleich befindet. Beide Begriffe bilden einen Ver­ weisungszusammenhang, der das beanspruchte soziokulturelle System zu tragen vermag. Gemeinschaft, der erste der sozialen Aggregatzustände, verweist auf di­rekte, unmittelbare menschliche Beziehungen. Diese gründen in Verwandtschaft (,Blut‘), Freundschaft (,Gefühl‘), geteilten Ansichten (,Interesse‘), Ideologien (,Überzeugungen‘), in Konventionen oder auch in direkten Formen der Herrschaft. Die älteste und wichtigste Form der Gemeinschaft ist die Familie und die sich von ihr ableitenden Formen wie Clan, Stamm, Groß- und Kleinfamilie. Auch christliche Gemeinden, ‚Bruderschaften‘, Netzwerke und Bünde aller Art sind dem Begriff der Gemeinschaft zuzuordnen. In unserer Arbeit wird postuliert, daß die chine­sische ‚Gesellschaft‘ 96 entschieden stärker gemeinschaftszentriert ist als die westlichen beziehungsweise europäischen ‚Gesellschaften‘, und daß sich dieser Gemeinschaftszentrismus der Produktion des sozialen Raums auf vielfache Weise mitteilt. Gesellschaft, die zweite der sozialen Verfaßtheiten, verweist demgegenüber auf vermittelte menschliche Beziehungen, auf sozial konstitutive Inter­ aktionen von Individuen. In gesellschaftlicher Perspektive ist der Mensch nicht Verwandter, auch nicht Freund, nicht Feind, sondern ausschließlich Vertragspartner, Käufer, Verkäufer, Berufsspezialist (Fachmann, Experte). Auf gesellschaftlicher Bühne interagieren Menschen auf eine mittelbare Weise miteinander. Medien dieser Vermittlung sind Geld, Verträge, ausdifferenzierte Institutionen. Geld und Vertraglichkeit machen es möglich, daß Menschen, die sich nicht kennen, nichts voneinander halten oder einander gleichgültig sind, sich sozial erfolgreich aufeinander beziehen können. Gesellschaft stiftet einen ‚kalten‘, rationalen, vernunftgegründeten, arbeitsteilig institutionalisierten sozialen Zusammenhang Einzelner. Der Ursprung jeder Form der Vergesellschaftung ist der Warentausch, der Markt beziehungsweise die auf ihm beruhende Wirtschaftsweise. Wir bezeichnen daher das gesellschaftliche Individuum auch als Wirtschaftsoder Vertragssubjekt. Die Entfaltung des Warenverkehrs, die Evolution von Ware und Kapital, trennt die Gemeinschaft von der Gesellschaft. Der Warentausch löst das ‚Ich‘ aus dem ‚Wir‘. 178

Der Zusammenhang von Gesellschaft, Individuum und Markt enthält einen mehrfachen Verweis auf die Stadt: Zum einen ist Stadt als eine kultu­ relle Superstruktur vom Austausch mit dem Land, mit Agrikultur und Nährstand abhängig. Im Prinzip ist Landleben ohne Stadtleben denkbar, dieses jedoch nicht ohne jenes. Die Grundlage des Landlebens sind Ackerbau und Viehzucht, die Lebensgrundlage der Stadt hingegen ist der Warentausch und die auf diesem gegründete Wirtschaftsweise. Genau aus diesem Grunde ist es auch kein Zufall, daß in geschichtlicher Perspektive Städte immer dort entstanden sind, wo die Warenform des Produkts sich durchsetzte, wo sich Handel und Märkte entwickelten. Stadt und Markt sind voneinander nicht trennbar und alle Stadtformen, die dieser Grundbeziehung nicht genügen, können allenfalls den Status der Proto-Stadt beanspruchen. Im wirklichen sozialen Leben können, historisch und kulturbedingt, die Anteile von Gemeinschaft und Gesellschaft stark variieren. In sogenannten traditionalen Gesellschaften sind die Institutionen des sozialen Zusammenhangs primär auf Gemeinschaft (Familie, Clan, Stamm) gegründet. Die Rede von ‚traditionalen Gesellschaften‘ ist insofern widersprüchlich, da es sich bei diesen ‚Gesellschaften‘ soziologisch eher um Gemeinschaften handelt, die jedoch proto-gesellschaftliche und gesellschaftliche Institutionen umschließen können. In sogenannten entwickelten Gesellschaften führt der gesellschaftliche Charakter der sozialen Interaktion zu ausgeprägter Individualisierung bei gleichzeitiger Abwertung oder Schwächung gemeinschaftsbezogener Interaktion, etwa durch Vergesellschaftung von sozialen Sicherheitsfunktionen (zum Beispiel Alterssicherung und -pflege, Kinderbetreuung und Ausbildung). Doch selbst in den am weitesten vergesellschafteten sozialen Zusammenhängen bleibt das Indivi­ duum an das Gemeinschaftsleben zurückgebunden; denn Gemeinschaft umgibt und durchdringt die gesellschaftlichen Institutionen. Ein Beispiel für diese Durchdringung in modernen Gesellschaften ist die Vertraglichkeit der Ehe oder auch die Vergemeinschaftung zur Bildung juristischer Personen, wie wir sie im Geschäftsleben auf vielfältige Weise finden. Wie jede soziale Interaktion, so verräumlicht sich auch die Tauschhandlung. Sie tut dies idealtypisch in Gestalt des Marktplatzes. Dieser, historisch als Agora, ist der Urort des öffentlichen Raums und als solcher eine ‚totale Institution‘ (Habermas 1981 II, 235), die die entwickelten gesellschaftlichen Institutionen noch undifferenziert in sich enthält.97 Erst im Zuge der Stadtgeschichte entfaltet der Markt sein sozialsystemisches Potential. Insofern die Evolution des Marktplatzes untrennbar mit der­ 179

jenigen der Stadt verknüpft ist, erscheint uns diese zwingend als das Laboratorium von Individualisierung und Vergesellschaftung. Bereits Max Weber hatte dargelegt, daß die Evolution der Gesellschaft entlang einer durch Arbeitsteilung, Institutionalisierung, Bürokratisierung und Verwissenschaftlichung geprägten Individualisierung verläuft, deren Bühne und Schauplatz die Stadt ist. Sie ist der Raum, in dem sich die Scheidung von Gemeinschaft und Gesellschaft vollzieht, ein Prozeß, der auch als Zivilisierung bezeichnet wird. Die Stadt gilt darum vielen auch als ‚Zivilisationsmaschine‘. Weber spricht in diesem Zusammenhang von der „Entzauberung der Welt“.98 Gesellschaft verräumlicht sich in extraversen Orten. Der offene, sich in extraversen Formen darstellende öffentliche Raum, zum Beispiel die Piazza, ist insofern ein genuin gesellschaftlicher Ort. Gemeinschaft verräumlicht sich demgegenüber in nach innen gerichteten, introversen Orten, zum Beispiel in Innenhöfen. Introversion ist die Raumsprache eines aus direkter, unmittelbarer Interaktion, aus Nähe konstituierten sozialen Zusammenhangs. Je nachdem, welche Form des sozialen Nexus in einem kulturellen Zusammenhang, in einer Region oder einem Staatswesen den Vorrang einnimmt, wird der räumliche Kontext eher introverse oder eher extraverse Spuren aufweisen. So wird in gemeinschaftsdominanten Kulturen das von Introversion zeugende Hofhaus eine herausragende Rolle spielen, hingegen in gesellschaftsdominanten Kulturen der offene beziehungsweise öffentliche Raum des Platzes oder der Straße. Orient und Okzident unterscheiden sich gerade hinsichtlich dieser Differenzierung von Gemeinschaft und Gesellschaft beziehungsweise – in räum­ licher Fassung – von Introversion und Extraversion nach wie vor deutlich voneinander. Die extraverse europäische Raumkultur ist der introversen chinesischen diametral entgegengesetzt. Eine mit China vergleichbare Hinwendung zum Hofhaus beziehungsweise zum Innenhof hat es in Europa zuletzt bei den Römern und bei den Mauren im muslimischen Apennin gegeben und natürlich in der – an das römische Peristyl-Haus anknüpfenden – sakralen Baukultur des Kreuzgang-Hofes. In Europa – und nur dort – hatte sich um das 1. Jahrtausend u. Z. im Zuge der Wiederaufrichtung der nach dem Zusammenbruch des weströmischen Imperiums niedergegan­genen Stadtkultur ein völlig neuer, zuvor gänzlich unbekannter extraverser Stadttypus herausgebildet. Diesen verdanken wir dem Synoikismos von Händlern und Handwerkern, das heißt von marktwirtschaftlich orientierten und insofern genuin städtischen Akteuren, die sich in Zünften, Gilden, Han180

sen und Städteallianzen aller Art für die Stadtfreiheit und gegen feudale Bevormundung organisierten99. Wenn die bürgerlichen Akteure es den feudalen Herrschern, dem Kaiser, den Bischöfen, Königen, Fürsten und anderen Feudalherrschaften gleichtaten und den repräsentativen Raum für sich beanspruchten, dann konnte sich daraus allmählich ein offener Raum besonderer Art bilden: der bürgerlichen Pluralismus denotierende Marktplatz. Dieser Raum ist besonders, da seine Gestalt nicht länger den Herrschaftsanspruch eines großen Einzelnen reflektiert sondern eine im Prinzip demokratische Verfassung der Bürgerschaft.100 Der Unterschied zwischen singulärer und pluralistischer Gestaltungsperspektive wird beim Vergleich etwa eines Barockplatzes (Place Royal) mit einem Marktplatz (Piazza) sofort sinnlich erfahrbar. Während jener Signifikant sich ikonologisch aus ‚einem Guß‘ präsentiert und die Insignien des sich in ihm vergegenständlichenden Herrschers inszeniert, artikuliert der Marktplatz durch seinen Rahmen aus parzellierten Blockrandbauten die Idee bürgerschaftlicher Vielfalt. Mit dem Altbürgertum hielt die Praxis der Inszenierung des öffentlichen Raums durch die Giebelfassade Einzug. Wie Bühnenbilder rahmen Fassaden nun Platz und Straße und verwandeln diese in theatralische Räume, in Bühnen des städtischen Lebens. Diese Bühnen mit ihren pluralistisch ausgestatteten Bühnenbildern denotieren – wenn schon nicht den Vorrang – so doch den wachsenden Einfluß des Gesellschaftlichen gegenüber dem Gemeinschaftlichen. Das Fassadenspiel mittelalterlich geprägter Städte, das sich spätestens in der Renaissance als allgemeines Kennzeichen der europäischen Stadt durchsetzt und damit gleichrangig neben den Kathedralen-, den Rathaus- und den Befestigungsbau tritt, verweist auf das Erstarken einer sich schrittweise individualisierenden Bürgergesellschaft. Für die Idee der europäischen Stadt ist Inklusion beziehungsweise Offenheit bedeutsam, auch wenn es so etwas wie eine altbürgerliche (ständische beziehungsweise genossenschaftliche) Segregation und Exklusion durchaus gegeben hat. Abgeschlossene Wohnquartiere konnten sich allerdings nicht dauerhaft halten. Sie wurde im Zuge der politischen Emanzipation des städtischen Bürgertums ebenso beseitigt wie im Zuge republikanischer Reformen die althergebrachten Lehens- und Flurordnungen. Der offene Raum dominiert schließlich den geschlossenen Raum – und diese Dominanz ist die Grundlage der Emanzipation des offenen zum öffentlichen Raum. Im kaiserlichen China konnte sich demgegenüber eine scharfe Trennung von Gemeinschaft und Gesellschaft und somit von Land und Stadt 181

oder auch von Öffentlich und Privat nie durchsetzen. Entsprechend läßt sich eine Kultur des öffentlichen Stadtraumes, die mit Euro­pa auch nur in Ansätzen vergleichbar wäre, historisch nicht nachweisen. Die Straße hat im alten China in der Regel eine reine Erschließungsfunktion. Oder sie ist als Straße höheren Ranges ein Symbolraum, welcher in Orientierung, Breite, Raumfolge und Bestand (Glockenturm, Tempel der Vorfahren, Gebäude der Stadtregierung) die hierarchisch gegliederten Bedeutungszuweisungen des kaiserlichen Hofes reflektiert. Gewiß, es existierten – zunächst abgeschlossene, seit der Tang-Dynastie (siebtes bis zehntes Jahrhundert) auch aufgeschlossene – Marktplätze. Auch wurden seit der Tang-Zeit viele Straßen für den Marktverkehr geöffnet. Doch blieben Marktrecht, Markt­ordnung und die Beaufsichtigung ihrer Befolgung jederzeit in den Händen der kaiserlichen Verwaltung. Synoikistische Handlungen zum Zweck der Bildung unabhängiger Stadtregierungen, auch von unabhängigen Gilden und Zünften konnte es in China darum nicht geben.101 Eine Emanzipation der Repräsentanten des Marktverkehrs, von Händlern und Handwerkern, blieb aus. Eine bürgerliche Rechtsgleichheit des Wirtschaftssubjekts wie in Europa hat sich darum auch nicht ausbilden können. Da der Handel ein von Beamten (Mandarinen) streng beaufsichtigter Staatshandel blieb, verharrten Händler und Handwerker in einem protobürgerlichen Zustand. Hier ist der Grund dafür zu sehen, weshalb sich in chinesischen Städten niemals eine öffentliche Kultur entwickeln konnte. Der Kaiser blieb der Herr aller Räume, ihr Repräsentant, wodurch jeder Flecken der Stadt zu einem Teil, einer Erweiterung des kaiserlichen Palastes wurde – und damit zu einem Bedeutungsträger kaiserlicher Macht. Man kann dies auch so ausdrücken: Zwar entwickelten sich mit der Ausdehnung von Handel und Gewerbe so etwas wie bürgerschaftliche beziehungsweise gesellschaft­ liche Elemente, doch blieben diese immer vollständig beherrscht von einer Gemeinschaft, die im Kaiser ihren Anfang und ihr Ende, ihren Sinn und Zweck hatte. Der zügellose Kapitalismus im heutigen China steht der einstigen Palast­ ökonomie nicht so fern. Er ist immer noch eine politisch massiv ge­deckelte Veranstaltung, eine ‚freie Wirtschaft‘ unter Vorbehalt des politischen Zentra­lismus. Allerdings mischt sich in das Echo des einstigen Palasthandels nun auch ein neuer Ton. Es ist derjenige der (Zivil-) Gesellschaft, die sich entlang der (kapitalistischen) Marktwirtschaft entwickelt, die die ab­geschlossene Welt der Gemeinschaften, der Familien und Nachbarschaf­ ten immer stärker durchdringt. 182

Die offene Ökonomie des neuen China ist doppelt kodiert: Indem sie einen über Verträge und Institutionen vermittelten sozialen Zusammenhang von Individuen stiftet, setzt sie Kräfte der Vergesellschaftung frei. In der Konsequenz - dies jedenfalls ist zu hoffen - könnte die heute noch weit­gehend chancenlose Demokratiebewegung nicht nur gestärkt werden, sondern auch ein sozial ausgleichender Regulationsstaat allmählich Konturen gewinnen. Andererseits ist davon auszugehen, daß in China der gesellschaftskonstitutive Marktverkehr viel stärker als in der westlichen Welt der Regie der Gemeinschaft unterworfen bleiben wird, von der Familie bis zur Hypergemeinschaft des chinesischen Zentralstaates. Die traditional geprägten Institutionen sorgen für eine ‚kollektivistische‘ beziehungsweise ‚familiäre‘ Prägung des kapitalistischen Ökonomie-Modells. Der Begriff des ‚konfuzianischen Kapitalismus‘ reflektiert genau diesen, zwischen Gemeinschaft und Gesellschaft oszillierenden Charakter des chinesischen Entwicklungsmodells (Souchou Yao 2002). Die sich ausbreitende arbeitsteilig-differenzierte ‚berufsbürgerliche‘ Ge­sellschaft bietet den gemeinschaftszentrierten Ansprüchen der chinesischen Stadtgesellschaft immer weniger Verwirklichungsmöglichkeiten. Ausgeglichen wird die sich daraus ergebende Spannung zwischen gemeinschaftsbezogenen Ansprüchen und gesellschaftlicher Realität durch vielfältige Formen der Vergemeinschaftung gesellschaftlicher (geschäftlicher, institutioneller) Interaktion. Bis auf den heutigen Tag ist ein formaler Vertrag um so belastbarer, je fester die Bande des Netzwerkes geknüpft werden, das die Vertragspartner integriert. Geknüpft werden sie vorzugsweise im Restaurant beim Essen und Trinken. Hier wird alles diskutiert und entschieden. Erst durch diese Form familiär geprägter Beglaubigung kann ein Vertrag tatsächlich das sein, was zu sein er ansonsten eher nur vorgibt: eine gesellschaftliche Institution. So dient das gemeinsame Essen und Trinken der Bildung und Stabilisierung von quasi-gemeinschaftlichen gesellschaftlichen Netzwerken, die die fortdauernde Schwäche gesellschaftlicher Interaktion ausgleichen müssen. In China muß man das richtige guanxi haben oder entwickeln, um geschäftlich erfolgreich sein und sozial weiter aufsteigen zu können. Wer über dieses ‚Bindemittel‘ nicht verfügt, ist ein ‚armer Teufel‘; und sein guanxi verliert, wer die Gebote der Familien- und Gemeinschaftsmoral nicht beachtet, zum Beispiel die Bedeutung persönlicher Bindungen unterschätzt oder die so­ziale Hierarchie durch Kritik einer höher stehenden Person ignoriert (Souchou Yao 2002, 101ff ). Es ist der enorme Bedarf an Bestätigung gesellschaftlicher Interaktion durch gemeinschaftliche, die das Verköstigungsgewerbe zu einem stadt183

Kleiner Hausaltar in Shenzhen

raumrelevanten Faktor gemacht hat. In Europa mag es Einkaufszentren geben, in denen es einige oder sogar viele kleine und größere Restaurants gibt, auch Fußgängerstraßen oder Plätze. In China jedoch finden wir eine Spezies von ‚Shopping Centers‘, die fast ausschließlich aus Restaurants besteht – und vielleicht noch den einen oder anderen Laden mit Produkten rund um die Rituale des Essens aufweist. In diesem Land finden wir komplette Straßenzüge, ja Quartiere und sogar ganze Dörfer, die fast nur aus Restaurants bestehen, und keineswegs selten treffen wir auf regelrechte Eßtempel: mehrstöckige, reich verzierte Gebäude mit barocken Auto­auffahrten und einer veritablen Heerschar von Dienstpersonal. Der Fortbestand des Oikistischen zeigt sich überdies in der Lebendigkeit der Tradition des (buddhistischen oder auch konfuzianischen) Hausaltars. Dieser erinnert daran, daß es auch im aufgeklärten Europa Zeiten gegeben hat, als das Haus der Familie noch zugleich ein (kleiner) Tempel war. Gleichfalls als Bestätigung des Oikos-Gedankens lassen sich die hin und wieder anzutreffenden Schwellen-Altäre deuten, die an die Magie dieser sphinxhaften Orte gemahnen, die beides zugleich sind, Innen und Außen. China ist unterwegs zu einer mit Europa vergleichbaren Kultur des öffentlichen Raums. Der offene Stadtraum wird in dem Maße in öffentlichen Raum transformiert, in dem sich marktwirtschaftliche Elemente ausbrei184

Kleine Schwellenaltäre in Macao

ten. Doch zugleich bleibt diese Öffnung unter dem Vorbehalt jener Institutionen, die im Besitz der kulturellen Hegemonie im Lande sind – und dies sind die konfuzianisch geprägten Institutionen der Familie und Gemeinschaft. Dieser Hegemonie ist geschuldet, daß sich offener Raum nur sehr langsam zum öffentlichen Raum weiterentwickeln kann. Doch andererseits ist absehbar, daß im Zuge einer stetig anwachsenden Mittelschicht die zivilgesellschaftlichen Elemente gestärkt und dem entsprechende räum­liche Ansprüche angemeldet werden. Die Zukunft eines chinesisch geprägten öffentlichen Stadtraums ist in der gegenwärtigen Entwicklung vorprogrammiert. Allerdings wird die gegenwärtige ‚Lücke‘ zwischen offenem und öffentlichem Stadtraum durch europäische Stadtkopien nach Art von Thames Town oder Luodian nicht geschlossen. Zwar transportieren diese Orte die Fiktion öffentlicher Stadträume nach China, doch werden deren Plätze und Straßen sofort in offene Räume des Kommerzes umcodiert. Sie verwandeln sich dadurch in bloße Bühnenbilder und somit in Quellen der von den neuen chinesischen Mittelschichten begehrten Distinktionskapita­lien und Markenidentitäten. Die geschlossenen Wohnsiedlungen, denen immer noch etwas Dörfliches anhaftet, verlieren erst durch die Existenz des kommerzialisierten offenen 185

Raums ihre ruralen Konnotationen; denn eine Nachbarschaft ohne Markt ist ein Dorf und keine Stadt. Insofern die chinesische Stadt die abgeschlossenen Nachbarschaften mit den aufgeschlossenen Räumen des Kommerzes verbindet, läßt sie sich auch als eine Landschaft urbanisierter Dörfer beschreiben. Wir stoßen damit auf ein bereits von Walter Benjamin notiertes Phänomen. Nicht einmal die moderne europäische Großstadt habe es vermocht, den Stadtbewohner vollständig vom ruralen Pol seines Daseins abzukoppeln. Im Passagenwerk schreibt er, daß der typische Einwohner von Paris sich überhaupt nicht als solchen betrachtet. Als Bewohner eines Quartiers oder Arrondissements sei er sozusagen Bewohner eines Dorfes in der Stadt: „Mit einem Achselzucken lehnt der echte Pariser, und wenn er auch jahraus jahrein niemals auf Reisen ginge, es ab, Paris zu bewohnen. Er wohnt im treizième, oder im deuxième oder im dixhuitième, nicht in Paris, sondern in seinem Arondissement – im dritten, siebenten oder im zwanzigsten – und das ist Provinz. Vielleicht ist hier das Geheimnis der sanften Hegemonie der Stadt über Frankreich: daß sie im Herzen ihrer quartiers […] mehr Provinzen besitzt als ganz Frankreich. […] Paris hat mehr als zwanzig Arrondissements und steckt voller Städte und Dörfer.“ (Benjamin V 2, 999) Die Arrondissements von Paris waren schon damals, im 19. Jahrhundert räumlich offene Verwaltungseinheiten, ganz im Unterschied zu den Nachbarschaften der chinesischen Stadt, die damals wie heute gegen ihre Umgebung abgeriegelt sind und mit Unterstützung durch Nachbarschaftskomitees verwaltet werden – weshalb diese mit noch größerem Recht als städtische Dörfer bezeichnet werden können. Lassen sich die geschlossenen Nachbarschaften der Stadtbezirke (districts) umstandslos als städtische Dörfer, als semi-urbane Gebilde identifizieren, so gilt für die ländlichen Gebiete, die Landkreise (counties) vergleichbares. Der Blick auf die Dörfer läßt semi-rurale Siedlungen erkennen, dörfliche Städte mit dicht zusammengerückten Wohngebäuden, die in kurzen, nur von Äckern, Feldern, Gewächshäusern und Fischteichen erzwungenen Abständen das Land übersäen. Die Einwohnerdichte vieler ländlicher, als counties ausgewiesener Regionen, überschreitet diejenige suburbaner Gebiete im Westen in der Regel beträchtlich (Vgl. Friedmann 2005, 40ff ). Insofern ist in China das Ländliche städtisch und das Städtische ländlich. Die Botschaft dieser Stadt-Land-Indifferenz ist der gemeinschaftliche Charakter der Gesellschaft beziehungsweise der gesellschaftliche Charak­ter der Gemeinschaft. Beides durchdringt sich mit einer Intensität, die für westliche, aufgeklärte Zivilisationen weder vorstellbar noch annehmbar ist. 186

Nicht nur in China, sondern überall dort, wo Stadtleben anzutreffen ist, strukturieren die Verhältnisse von Abgeschlossenheit und Aufgeschlossenheit den städtischen Raum. Allerdings geschieht dies kulturbedingt auf unterschiedliche Weise. Während in Europa der abgeschlossene Raum eher die Form der Privatheit annimmt, tritt dieser in China zusätzlich in Gestalt der Nachbarschaft als Lebensstil-Gemeinschaft auf. Und während in Europa der offene Stadtraum (oft mehr schlecht als recht, gelegentlich jedoch grandios) sich zum öffentlichen Raum zu qualifizieren vermag, gelingt dies in China bisher nur in ersten Ansätzen. Hier wird der offene Raum vorwiegend durch kommerzielle Interessen aus seiner Eigenschaftslosigkeit herausgehoben, jedoch auch durch die Repräsentationswünsche politischer Akteure, die an der Spitze einer durch und durch hierarchisch formatierten Gesellschaft stehen. Der Dualismus von ab- und aufgeschlossenem Stadtraum ist inhaltlich eng verbunden mit einigen weiteren Begriffspaaren, die in Verlaufe der semiologisch informierten Stadtlektüre eine Rolle gespielt haben. Zu nennen ist in erster Linie der Dualismus von Introversion und Extraversion, wobei Introversion auf abgeschlossenen Raum und Extraversion auf öffent­ lichen Stadtraum verweist. Als Beispiele für introverse Raumfiguren wurden Hofhaus und Nachbarschaftshof vorgestellt und diskutiert. Beide konnotieren primär eine rurale, gemeinschaftszentrierte Wohntypologie. Dabei zeigt das Beispiel des Nachbarschaftshofes folgendes: Um im urbanen, das heißt in einem ihm wesensfremden Kontext weiter existieren zu können, muß der rurale Raum sich abschließen, abschotten, verkapseln. Jede Nachbarschaft ist insofern ein urbanisiertes Dorf, eine nach Maßgabe städtischen Lebens restrukturierte dorfähnliche Gemeinschaft. Jedes städti­sche Hofhaus, jede introverse Nachbarschaft, jeder exklusive städtische Palast, ob klein oder groß, ist ein urbaner Heterotop.102 Extraversion, etwa der von Giebelfassaden gerahmte städtische Marktplatz, denotiert demgegenüber öffentlichen und darin zivilgesellschaft­ lichen Stadtraum. In der Extraversion stimmen Begriff und Wirklichkeit der Stadt überein. Der von extraversen Fassaden gerahmte Platz oder die entsprechend inszenierten Straßen lassen sich aus diesem Grunde als ‚Isotope‘ des städtischen Raums bestimmen. Ist der rurale Raum als abgeschlossener und introverser Raum mit sich selbst identisch (isotopisch), so der städtische als ein offener und extraverser Raum. Vermittelt durch seine Kommerzialisierung entwickelt der offene – und in dieser Offenheit noch unbestimmte – städtische Raum eine Tendenz zum öffentlichen Raum, zum Raum der Stadtgesellschaft beziehungsweise zum ‚zivilen Raum‘. 187

Damit sind wir bei einem weiteren Begriffspaar, das ebenfalls in einer engen Verbindung zum abgeschlossenen und aufgeschlossenen Stadtraum zu sehen ist: Gemeint sind die ebenfalls in Zuge unserer Studie aufgetretenen Begriffe räumliche ‚Exklusion‘ und ‚Inklusion‘. So ist der abgeschlossene Stadtraum nicht nur in der Regel introvers, sondern zugleich exkludierend. Das Abschließen ist ein wichtiges Element der Exklusion. Sehr oft hat das Abschließen dabei weniger mit physischer Abwehr zu tun als vielmehr mit einem schichtenspezifischen Distinktionsverhalten. Beim Abschließen geht es vorrangig um Symbolik, um zeichenhafte, ikonische Abgrenzung. So kann eine chinesische Nachbarschaft in der Regel von Außenstehenden (meist unter Aufsicht von Wachpersonal) betreten werden, doch wird Besuchern zugleich deutlich gemacht, daß man nicht dazu gehört, daß der Raum, den man betreten hat, ein fremdes Territorium ist, daß man hier, wenn überhaupt, nur auf Zeit geduldet ist. Als introverse und exklusive Räume sind Nachbarschaften rurale Elemente im Körper der Stadt. Da das städtisch-gesellschaftliche Leben das ländlich-gemeinschaftsgebundene überall zurückdrängt, muß die Anpassungsfähigkeit der abgeschlossenen, introversen und exklusiven Nachbarschaften in den chinesischen Groß- und Megastädten als erstaunlich eingestuft werden: als bemerkenswerte Resistenz des ‚Ländlichen‘ gegenüber den zersetzenden Kräften des ‚Städtischen‘ und ‚Gesellschaftlichen‘. Vor einer allein entwicklungslogischen Deutung des Verhältnisses von Gemeinschaft und Gesellschaft in China sollten wir uns hüten. Sie reicht keineswegs aus, um die gegenwärtige städtische Raumpraxis in China zu verstehen. Was hier als Hegemonie des Gemeinschaftlichen bezeichnet wurde, ist keineswegs allein Ausdruck einer gewissen Zurückgebliebenheit, wie sie für ein Schwellenland als charakteristisch anzusehen wäre. Sie ist vielmehr auch Ausdruck tief verwurzelter und insofern nachhaltiger kultureller Dispositive, die dafür sorgen, daß der chinesische Städte­bau auf Dauer der Gemeinschaft, der Nachbarschaft mit ihrem abgeschlossenen, introversen und exklusiven Raum einen hohen Stellenwert einräumen wird. Mögen die chinesischen Städte daher die weltweit größten und verdichtetsten sein, wahre Asphaltdschungel, so bleiben sie doch zu einem Gutteil dörflich beziehungsweise ländlich strukturiert, eine chinesische Variation von Stadt-Land. Einen mit der europäischen Geschichte vergleichbaren Stadt-Land-Dualismus hat es im Reich der Mitte nie gegeben. Undenkbar daher der Gegensatz von Landleben und Feudalismus einerseits und Stadtleben und bürgerlicher Gesellschaft andererseits. Unvorstellbar auch, daß Stadt und Land 188

jeweils eigenständige kulturelle (soziale, politische, ökonomische) Sphären repräsentieren. Stadt und Land waren in China immer „miteinander verwoben“, wie Friedmann sagt, ein „Stadt-Land-Kontinuum“ besonderer Art (Friedmann 2005, 8). Städte waren in ihrer Bestimmung als kaiser­ liche Anwesen niemals frei im Sinne der Verfügung über eigenes Recht, eigene Verwaltung, eigene Regierung. Den Grund hatten wir bereits im Ausbleiben eines bürgerlichen Synoikismos mit dem Ziel einer Schwächung der königlichen beziehungsweise kaiserlichen Zentralgewalt angesprochen. Statt eines solchen hat sich nach der Reichseinigung, etwa ab der Han-Dynastie (etwa 200 v. u. Z.) ein semi-aufgeklärtes zentralistisches Herrschaftssystem mit den zwei Säulen des Kaisertums und des LiteratenBeamtentums herausgebildet. Aufgrund der fehlenden soziokulturellen Differenzierung von Landleben (Feudalismus) und Stadtleben (bürgerliche Gesellschaft) wurde das außerhalb der Stadtmauern sich ausdehnende Land, sofern es innerhalb Chinas lag, auch als ‚Vorstadt‘ bezeichnet (Wu, Weijia 1993, 90ff ). ,Vorstadt‘ darf nicht mit dem europäischen ‚Weichbild‘ verwechselt werden. ‚Weichbild‘ war das von den freien Städten kontrollierte Rechtsgebiet außerhalb der Stadtmauern, das sich wie ein Puffer zwischen Stadtraum und feudalem Lehen erstreckte. Die chinesische ‚Vorstadt‘ war demgegenüber das Land zwischen Stadtmauer und Reichsmauer oder zwischen Stadtmauer und Gebirge und Fluß. Die chinesische Raumkultur kennt kein Weichbild. Das Verhältnis von Stadt und Land war nie eines substantieller kultu­reller Differenzen, sondern allenfalls ein Verhältnis hierarchischer Positionierung innerhalb einer alles übergreifenden politischen und soziokulturellen Totalität. Aus der Tatsache, daß zu Beginn des 20. Jahrhunderts nur etwa sechs Prozent der chinesischen Bevölkerung in Agglomerationen mit mehr als fünfzigtausend Einwohnern lebten, läßt sich nicht ableiten, daß China zu diesem Zeitpunkt ein reiner Agrarstaat gewesen sei. Und ebenso wenig läßt sich daraus ableiten, daß die Stadtbewohner einen ausgeprägt städtischen, sich vom Landleben signifikant unterscheidenden Lebensstil pflegten. Das Städtische war im wesentlichen rural, während das Länd­ liche seit über zweitausend Jahren durch die politische und kulturelle Hegemonie der kaiserlichen Zentralmacht zwangsurbanisiert wurde, als Vorhof des Kaiserpalastes. Die chinesische Schreibweise des Wortes ‚Stadt‘ bewahrt die Erinnerung an die erwähnte Integration von zentralistischer Macht und Markt unter dem Dach des integrierenden Kaisertums. So setzt sich das Wort ‚Stadt‘ aus den beiden Elementen ‚Mauer‘ und ‚Markt‘ zusammen. Dabei ver189

weist die Mauer – anders als in Europa, wo sie sich zu einem Symbol der städtischen Freiheit und des altbürgerlichen Stolzes entwickelte – auf die Herrschaft, ja Anwesenheit des Kaisers als einer allenfalls proto-bürgerlichen Institution. Das Element ‚Markt‘ steht demgegenüber für das, was einen Tempelpalast beziehungsweise Superoikos (die Wohnstätte des ‚großen Einzelnen‘) erst zu einer Stadt macht: die Anwesenheit von Handel und Gewerbe.103 Der Preis, den China für seine zentralistische, die Differenz von Gemeinschaft und Gesellschaft, von Land und Stadt, von Ruralem und Urbanem abspannenden Integrationskultur zahlte, ist das Ausbleiben einer stadtbürger­lichen Emanzipation – und einer dadurch möglichen radikalen Aufklärung (Verwissenschaftlichung und Individualisierung), Demokratisierung (Gewaltenteilung) und Kapitalisierung (Weiterentwicklung des Handels- zum Produktionskapitalismus). Dem Raum teilt sich dieses Faktum in der Weise mit, daß die chinesische Stadt (der Referent) sich aus urbanisierten dörflichen Strukturen (Signifikanten) zusammensetzt, die den Primat der Gemeinschaft (Signifikat) denotieren. Dies gilt bis in die Gegenwart.

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Zusammenfassung

Jede Stadt ist einmalig. Das gilt auch für chinesische Städte. Auch sie sind Stadtindividuen, soziokulturelle Plastiken von jeweils singulärer, unverwechselbarer Beschaffenheit. In diesem Sinne kann jede Stadt als Gesamtkunstwerk ihr Portrait beanspruchen. Mit Recht und mit gutem Grund, wie man in jedem guten Stadt- beziehungsweise Fremdenführer nach­lesen kann. Bei unserer Stadtlektüre geht es jedoch nicht primär um Beijing, Shanghai, Xi’an, Shenzhen, Harbin und anderen Städten. Uns interessiert vielmehr das Chinesische an der chinesischen Stadt, das Allgemeine, uns beschäftigen jene Merkmale, die alle chinesischen Städte mehr oder weniger teilen. Die vorliegende Schrift richtet sich insofern vor allem an Architekten, Städtebauer, Stadtplaner und an Urbanisten beziehungsweise Stadtwissenschaftler, das heißt an alle, die, aus welchen beruflichen Gründen auch immer, Interesse an der Grund- und Füllstruktur der chinesischen Stadt als einem räumlichen Kulturphänomen haben. Für diese Zielgruppe ist es wichtig, über das Einzigartige der jeweiligen urbanistischen Erscheinung hinaus zum Kern der chinesischen Stadt vorzudringen, zu ihrer Syntax, ihrem Code. Wir haben es daher als unsere Aufgabe angesehen, darzustellen, was einzelnen chinesischen Städten gemeinsam ist – und nicht, was sie voneinander unterscheidet. Erst die Entschlüsselung dieses Gemeinsamen – dessen, was wir als Sinität der chine­sischen Stadt bezeichnen – öffnet den Blick auf ihre innere Struktur und läßt uns verstehen. Von hierher ist es dann auch möglich, die Vielfalt der empirischen Eindrücke zu gewichten und sinnvoll zu ordnen. Wie ungemein wichtig es ist, genau zu wissen, was die chinesische Stadt denotiert, hat uns der Fall der deutschen Stadt Anting deutlich vor Augen geführt. In dem naiven Glauben befangen, man könne eine europäische Stadt substantiell in den chinesischen Kulturraum transponieren, hat man letztlich einen Fremdkörper implantiert, den man nun mit allen möglichen Korrekturen anzupassen sucht, wobei jede Korrektur sich als fragwür­ diger, an der Identität der deutschen Stadt zerrender Kompromiß erweist – ohne im Gegenzug die Lesbarkeit des Gebildes für den chinesischen Bürger und ‚Kunden‘ entscheidend zu verbessern. 191

Im Kern erweist sich die Grundstruktur der chinesischen Stadt von heute als Dualismus von abgeschlossener und aufgeschlossener Stadt. Die ge­samte Orchestrierung der Stadt muß sich diesen beiden Raumtypen fügen. Das gilt selbstverständlich auch für die funktionale Gliederung. Dem Ideal der Zonierung am nächsten kommen die vielen neuen Industrie- und Gewerbeparks. Der Siedlungsbau hingegen erscheint auf den ersten Blick stark monostrukturiert, erweist sich jedoch bei näherem Hinsehen als klein­ teilig gemischt – und zwar entlang der Differenz von geschlossenem Raum (Wohnen) und offenem Raum (Nahversorgung, soziale Dienste, Parks und so weiter). Zur Kernstadt hin werden die offenen Räume großfläch­ iger, nehmen Gebäude und Anlagen mit politisch-administrativen, kulturellen und kommerziellen Funktionen in sich auf. Der Grad der Vertika­ lität erhöht sich, und was in den Randbereichen sichtbar als abgeschlossen wahrnehmbar ist, versteckt sich hinter immer zahlreichere Blockrand­ zeilen, beziehungsweise wandert gleichsam in die Foyers der Hochhäuser und Wolkenkratzer. Auf diese Weise trägt die Inversion der Verriegelung in den Stadtkernen dazu bei, die abgeschlossene Stadt zu verdecken und die aufgeschlossene Stadt um so deutlicher hervortreten zu lassen. Diese Offenheit ist jedoch nicht umstandslos mit Öffentlichkeit gleich­ zusetzen. Öffentliche Räume gehören zwar zum offenen Stadtbereich, sind jedoch eher schwach ausgeprägt, wie etwa die Sparsamkeit beziehungsweise Abwesenheit öffentlicher Möblierung der offenen Plätze von Einkaufs- beziehungsweise Gemeindezentren zeigen. Es dominiert eindeutig der kommerziell verwertete offene Raum. Den offenen Stadtraum beherrschen, von außen nach innen gehend, die ‚große Straße‘, die kommerzielle Blockrandzeile und das kommerzielle Zentrum auf unterschiedlichen Integrationsebenen – vom Nachbarschaftszentrum über das Gemeindezentrum zum innerstädtischen Einkaufszentrum und zur Fußgängerzone – und der ‚erhabene Platz‘. Den abgeschlossenen Raum hingegen hält die Nachbarschaft, das urbane Dorf, als ein introverser, vertikaler, orientierter und mit Markenidentität ausgestatteter Stadtbaustein (gated, introverted, vertical, oriented, branded compound) fest im Griff – in einer das Stadtbild prägenden Weise. Natürlich sind viele weitere Funktionen, vor allem gewerblicher Art (Industrieparks) abgeschlossen, jedoch treten diese nicht so sehr hervor, weil sie sich entweder an der Peripherie der Städte befinden, oder aber in ihren Kerngebieten, wo sich die abgeschlossene Stadt in das einzelne Gebäude oder hinter Blockrandzeilen zurückzieht. 192

In China herrscht Gründerzeit. Eine gewaltige Umschichtung von Menschen vom Land in die Stadt vollzieht sich. Es heißt, daß gegenwärtig über 200 Millionen Arbeitsmigranten in die Großstädte drängen. Zur Ent­ lastung der aus ihren Nähten platzenden Kernstädte werden überall im Lande Satelliten- und Trabantenstädte aus dem Boden gestampft. Dabei werden vielfach neue, postmoderne Wege beschritten, die sich deutlich von den westlichen Entlastungsplanungen des 19. und 20. Jahrhunderts unterscheiden. Besonders hervorzuheben sind die Themenstädte, mittels derer versucht wird, die Stadtbaukultur, die Lebensart oder einfach nur das verräumlichte Bild fremder Kulturen nach China zu holen. Es stellt sich die Frage, wie diese Transposition geschieht – und warum sie geschieht. In Beantwortung des ersten Teils der Frage untersuchten wir drei Themenstädte des ‚Eine Stadt, Neun Dörfer-Plans‘ von Shanghai: die ‚deutsche Stadt‘ Anting, die ‚englische Stadt‘ Taiwushi (als Teil der Stadt Songjiang) und die ‚schwedische Stadt‘ Luodian. Die deutsche Stadt, so wurde deutlich, zeugt von Idealismus und interkultureller Schwäche – und hat dem entsprechend mit enormen Schwierigkeiten bei der Vermarktung zu kämpfen. Der urbane Code Chinas wurde nicht verstanden oder ignoriert. Demgegenüber zeugen die Beispiele Taiwushi und Luodian von Pragmatismus und interkultureller Routine. Es wird geliefert, was der chinesische Auftraggeber wünscht: eine Stadt aus geschlossenen Nachbarschaften mit einer kommerzialisierten, offenen Stadtbühne gescannter oder imitierter europäischer Architekturen und Texturen. Warum diese Stadtfiktionen? Weil die Anwesenheit des Anderen und Fremden als Befreiung erlebt wird – und keinesfalls als Bedrohung. Und weil die Symbolik des Exotischen als Distinktionsgewinn verbucht wird – in einer Lebenswelt, für die Markenidentität (,branding‘) längst Norma­ lität ist. Die neuen chinesischen Mittelschichten befinden sich inzwischen in bewußter postmoderner Zeitgenossenschaft mit ihren westlichen Mitbürgern. Sie schätzen die Ästhetisierungen der Postmoderne allerdings nicht nur als Antwort auf das, was die fordistische Moderne (welche auch die Maoistische ist) vermissen ließ, sondern auch als Zeichen, als ikonische Repräsentation des neuen China. Im Ergebnis unserer Stadtlektüre erhalten wir unter anderem die folgenden Besonderheiten als Bausteine des Codes der chinesischen Stadt: – einen die Grundstruktur der chinesischen Stadt nachdrücklich bestimmenden Dualismus von aufgeschlossenem (offenem) und abgeschlossenem (geschlossenem) Raum; 193

– eine eindeutige Bevorzugung des privaten beziehungsweise gemeinschaftsbezogenen gegenüber dem öffentlichen oder auch gesellschaft­ lichen Raum; – das Festhalten an der Tradition der klimatisch bedingten, jedoch mit Status aufgeladenen Süd-Orientierung im Wohnungsbau; – die kreative Weiterentwicklung der modernen Zeilenbauweise zu ‚schwingenden Zeilen und tanzenden Punkten‘, zu gestuften Anordnungen (Kaskaden, Tribünen) und pittoresken Wohnlandschaften; – die Nutzung kommerzieller, gewerblicher oder öffentlicher Funktionen für orientierungsfreie Blockrandbebauungen; – die sinnvolle Kombination von Zeilen- und Blockrandbebauung beim Typus der geschlossenen Nachbarschaft mit kommerzieller Rahmung; – die selbstverständliche Praxis, Siedlungsbereiche als exklusive, abgeschlossene Räume zu deuten und zu gestalten: – ein ebenso deutliches wie kreatives Festhalten an den introversen Raumtraditionen Chinas in den diversen Formen des Nachbarschafts­ hofes; – die Aufwertung des rein funktional bestimmten, ansonsten eher bedeutungsarmen offenen Stadtraumes durch dessen Kommerzialisierung und Vergemeinschaftung; – die Ergänzung des erhabenen und des kommerziellen Stadtplatzes um den Typus des tendenziell gesellschaftlich konnotierten, öffentlichen Gemeindeplatzes; – die Ausbildung der kompakten und zugleich autogerechten Grundstruktur von ‚großer Straße und vertikalem Block‘; – die Verwendung von Dachsymbolen, Lichtskulpturen, glückverheißenden Namen, Fassadendekorationen und in zunehmendem Maße auch der Architektursprache zur Schaffung von distinkten Marken­ identitäten für die Nachbarschaften (,branded neighbourhoods‘); – eine aus europäischer Sicht verblüffende, jedoch in introversen Tradi­ tionen verwurzelte Unfähigkeit beziehungsweise Unwilligkeit, das ästhetische Potential von Fassaden zu erkennen und zu nutzen; – die naturwüchsig-kreative Verwandlung offener städtischer Räume, von Gebäudefronten, Fassaden, Brücken, Straßen und Gehsteigen in ebenso reichhaltig wie redundant sendende urbane Medien-Landschaften (Medien-Fassaden); – den exzessiven Gebrauch von Stadt- und Architekturfiktionen zur Inszenierung offener Stadtbühnen, die sich als soziales Distinktions194

mittel und als ikonische Repräsentation des offenen China deuten lassen; – eine bildvergessene, von Identitätsdebatten unbehelligte Ausrichtung der Stadtentwicklung an städtebaulichen Utopien und Moden; – erste Ansätze einer Rekonstruktion linearer städtischer Zentralität mit hierarchisch gegliederter Raumfolge vor dem Hintergrund einer zur Zeit noch schwach ausgeprägten, zwischen linearer und punktueller Zentra­lität schwankenden Konzeptionalisierung von Zentralität. Wir gehen davon aus, daß es sich bei diesen Elementen, Merkmalen, Eigenschaften und Botschaften um die wichtigsten Inhalte des urbanen Codes der chinesischen Stadt von heute handelt, hinreichend repräsentativ zumindest, um die Sinität der gegenwärtigen Raumproduktion des Landes deutlich zu machen. China, so finden wir bestätigt, verwestlicht keines­wegs. Es konsumiert westliche Ideen, Konzepte, Bilder ebenso wie die Ideen, Konzepte, Bilder aus der eigenen Geschichte, um aus diesem Stoff einen neuen chinesischen Raum zu bilden, den zukünftigen Körper des chinesischen Drachens. Quod erat demonstrandum!

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Anmerkungen

1 ,Aufgeschlossen‘ in der dreifachen Bedeutung des Wortes: geöffnet – bereit für Neues – aufgeholt. 2 Von dieser Position läßt sich die in architekturtheoretischen Diskursen durchaus verbreitete Auffassung unterscheiden, derzufolge im Zuge der Globalisierung der inter­ nationale Stil, der ex negativo an die Nation gebunden sei, durch eine allgemeine, transnationale Vermischung regionaler Architekturdialekte auf der Weltbühne abgelöst werde. Dazu u. a. Global Village 2000. 3 Der Neologismus ,Sinität‘ wurde von Roland Barthes eingeführt und bezeichnet bei ihm einen aus ,Rikschas, Glöckchengeklingel, Opiumrauchen‘ etc. komponierten Begriff, welcher noch zu seiner Zeit das Bild des ,französischen Kleinbürgers‘ von China reflektierte. (Barthes 1964) 4 Im gegenwärtigen Diskurs um die Entwicklungsrichtung der chinesischen Stadt haben nicht viele Beteiligte diesen Zusammenhang von kulturellem Gedächtnis und aktuellem Urbanismus so klar gesehen wie die in Beijing lebende Architektin und Planerin Barbara Münch. (Münch 2004) 5 Der Begriff ,Stadtsprache‘ findet im Deutschen bisher ausschließlich Verwendung in der sogenannten Dialektologie, wo er im Zusammenhang mit der linguistischen Erforschung städtischer Dialekte auftaucht. Mit diesem Gebrauch hat unsere Verwendung des Begriffs ersichtlich nichts zu tun. 6 Im internationalen Sprachgebrauch hat sich für diese chinesische städtische Siedlungsform die Bezeichnung compound durchgesetzt, ein Nomen, das sich auch mit ,Ver­ packung‘ oder ,Lager‘ übersetzen läßt. Meines Erachtens kommt die deutsche Bezeichnung ,Nachbarschafts-Einheit‘ der aktuellen Verwendung des Begriffs am nächsten. 7 Li bedeutet etwa ,Nachbarschaft‘ und Long ist die chinesische Bezeichnung für ,Gasse‘ (siehe dazu Kapitel 4, Abschnitt ,Orient trifft Okzident – Hybride Wohnquartiere‘). 8 In dieser Bezeichnung, welche in europäischen Ohren – angesichts der Tatsache, daß die neuen ,Dörfer‘ durchwegs mehr als hunderttausend Einwohner haben sollen (Lingang ist sogar mit einer Million Einwohner geplant) – merkwürdig klingt, reflektiert sich die historisch begründete Abwesenheit einer begrifflich distinkten Unterscheidung von Stadt und Land (dazu mehr unter Kapitel 2 im Abschnitt Stein und Pflanze). 9 Da der Begriff in der urbanen Semiologie bisher keine Rolle spielt, sei dieser kurz er­läutert: Von einer urbanen Travestie sprechen wir, wenn der unveränderliche Inhalt (die chinesische Stadt) in einer ihr fremden Form (englische Stadt) inszeniert wird. 10 Von einer urbanen Parodie sprechen wir dann, wenn der Inhalt (die chinesische Stadt) durch die ihm fremde Form (Amsterdam) verändert und dadurch seiner Identität beraubt wird. 11 Die Annahme, daß jede Gesellschaft sich auf singuläre Weise verräumlicht, liegt bereits dem 1974 erschienenen Buch La production de l’espace von Henri Lefèbvre zugrunde. Seither gilt die Decodierung des gebauten städtischen Raums als fester Bestandteil der Urbanistik. Von einer auf die Stadt angewandten Semiologie versprach sich Lefèbvre

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nichts weniger als eine Wiederbelebung dessen, was der Logos einst für die griechische Polis war (dazu auch Lefèbvre 1968). Für ihn ist die Tätigkeit des Architekten und Städte­bauers in erster Linie soziale Praxis. Es geht ihm darum, einen räumlichen Text zu produzieren, der den Ansprüchen einer sozialistischen Ethik zu genügen vermag. Dazu bedarf es des Wissens um die Decodierung und Recodierung des städtischen Raums. Die vorliegende Arbeit beschränkt sich demgegenüber auf das Decodieren, das heißt, auf das Erkennen und Verstehen der urbanen ,Zeichengalerie‘ Chinas. Marc Gottdiener zufolge ist städtischer Raum kein einfacher Container sozialer Prozesse, sondern Ergebnis von – häufig kontroversen – zeichen- beziehungsweise bedeutungsstiftenden Praktiken, signifying practices (Gottdiener 1986, 214). Ganz im Sinne von Lefèbvre geht es ihm darum, diese zu decodieren in der Absicht einer emanzipato­ rischen Recodierung. Seine soziale Semiologie entwickelt er aus einer scharfen Kritik am semiologischen Reduktionismus des sozialökologischen liberalen Gesellschaftsmodells. Wir meinen, daß sein sozial-semiologischer Blick auf die Zeichenschemata sozialer Konflikte stratifizierter Gesellschaften – zum Beispiel von Distinktionsstrategien und Ideologisierungen – um eine kulturelle Semiologie des städtischen Raums ergänzt werden sollte. Deren Aufgabe wäre es, die tief im soziokulturellen Gedächtnis von Gesellschaften verankerten Praktiken aus den signifikanten Formen ihrer Verräumlichung heraus zu erkennen. Denn städtischer Raum wird zunächst als Ensemble soziokultureller Zeichen produziert – vor jeder Bedeutungszuweisung im Zuge sozialer Selbst­behauptung und Auseinandersetzung. Die von Kevin A. Lynch (Lynch 1960) erarbeiteten urbanen Raumkategorien (Wege, Kanten, Quartiere, Knotenpunkte und Landmarken) beziehen sich auf die Aneignung und Organisation von Rauminformationen zum Zweck der Orientierung. In ihrer abstrakt-universellen Zielrichtung sind sie für eine auf kulturelle Zeichen zielende Hermeneutik des städtischen Raums nicht verwendbar. Indem Eco von ikonischen Botschaften spricht, gibt er zu erkennen, daß er den ersten der Peirceschen Zeichentypen, das ikonische Zeichen, als Sendeformat architekto­nischer und städtebaulicher Denotationen bestimmt. Peirce unterscheidet überdies indizierende Zeichen und Symbole, die als nominelle Zeichen konnotiert werden (Peirce 1991). Kultur ist diesem umfassenden Verständnis zufolge Ausdruck von Strategien der Anpassung sozialer Gruppen an ein Habitat (Cohen 1971; Vivelo 1988). Die Südorientierung der Wohnung beispielsweise ist in diesem Sinne eine Anpassung – und wo die Südlage sich als knappe Ressource erweist, kann sie zum Objekt von Privilegien werden, entlang derer sich soziale Hierarchien bilden. Bei Lefèbvre liest sich dieses Deutungsproblem so: „Nowadays the most subtle of semiologists are saying that a code is a voice and a way: from the ,text‘ – the message – arise several possibilities, choices, various utterances, a plurality, a fabric rather than a line. […] Each coding would be a proposed outline, taken up again, abandoned, always at the outline stage, engendering a meaning among many others.“ (Lefèbvre 1996/2005, 192) Das angesprochene Problem der Bedeutung gilt genauso für die Decodierung, das heißt in umgekehrte Richtung, als Problem der Deutung. Daß selbst bei ausgezeich­neten sinologischen Kenntnissen Lese- und Deutungsprobleme bleiben, dies zuzugeben ist ein Gebot intellektueller Redlichkeit. Trotzdem gehen wir hier keinesfalls so weit zu sagen, daß „ein weißes Blatt, der ärmste der Texte“, der am besten lesbare ist. (Lefèbvre 1996/2005, 193) Wohin es führen kann, wenn man Ideologien als Deutungsschemata (Signifikate) von außen an die Stadt heranträgt, habe ich anhand eines kritischen Kommentars zu Umberto

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Ecos semiologischer Würdigung des Entwurfs der brasilianischen Hauptstadt Brasilia von Costa und Niemeyer aufgezeigt. (Hassenpflug 2006b und Hassenpflug 2004b) Hans P. Bahrdt kann dafür kritisiert werden, daß er den Städtebau als Möglichkeit der Kompensation, das heißt, der sozialen Integration betrachtet. Er unterschätzt insofern die Möglichkeiten der Informationstechnologie und der automobilen Kommuni­kation beziehungsweise Integration. Diese Kritik desavouiert jedoch nicht die Theorie der unvollständigen Integration, die sich ausschließlich auf die Integrationsleistungen des urbanen Raumes beziehen läßt. Man kann einwenden, daß der Terminus Stadt angesichts der weit fortgeschrittenen Ausdifferenzierung der Stadtformen viel zu abstrakt sei. Im Prinzip ändert sich jedoch durch die Ausdifferenzierung überhaupt nichts; denn die Begriffe Industriestadt, Weltstadt, Megastadt, Randstadt, chinesische Stadt und so weiter beanspruchen nicht, Stadt zu denotieren, sondern Industriestadt, Weltstadt, Megastadt und so weiter. Es ist im übrigen interessant, daß die Semiologie in der Unterscheidung von Denotation und Konnotation auf ihre Weise den seit Plato die Philosophie bewegenden Diskurs über Reales und Nominales fortschreibt. Der Begriff Stadt konnotiert eine unendliche Vielfalt von Bedeutungen, sowohl in diachronischer als auch in synchronischer Perspektive. Das Spektrum der Assoziationsgehalte reicht hier vom heiligen Jerusalem bis zum verdorbenen Babylon, von einem ,Krebsgeschwür‘ am Körper des Planeten Erde bis zur Zivilisationsmaschine, vom Angst erzeugenden Moloch bis zum Hoffnungsinhalt für eine bessere Welt. Das Repertoire mehr oder weniger gut begründeter subjektiver Deutungen ist von beträchtlichem Umfang. Diese Verwendung des Begriffs ,Nicht-Ort‘ entspricht nicht der Bedeutung, die ihm Marc Augé gegeben hat. Während ,Nicht-Ort‘ bei Augé (Augé 1994) primär einen Raum ohne lokale Eigenart beziehungsweise Identität meint, einen Raum, der gerade durch seinen ubiquitären Funktionalismus bedeutsam ist, sprechen wir hier von einem Raum, dessen Identität darauf beruht, als bedeutungsarmer Raum angesehen zu werden, als Raum, den man benötigt, doch nicht würdigt. Xu merkt an, daß es im historischen China auch öffentlichen Raum gegeben habe: introverse öffentliche Räume in geschlossenen Orten, in Tempelanlagen und konfuzianischen beziehungsweise taoistischen Schulen (dazu auch Zhang, Guanzeng 2004). Der einzige verbliebene Landkreis von Shanghai ist die Yang Xi Jiang-Insel Chong Ming. In China kann man übrigens lernen, daß das Massenornament nicht nur, wie Kracauer vermutete, als Figuration eines vergesellschafteten Körpers zu deuten ist, sondern auch als Symbol vergemeinschafteter Menschen. Es verweist insofern auf ein Wir ohne Ich. Die Tauschhandlung, so heißt es bei Hegel, transzendiert die Unmittelbarkeit des Fressens und Gefressen-Werdens zur Sittlichkeit der ,Produktion für Andere‘ (Vgl. Hegel 1970, 353). Er bezeichnete daher die auf dieser Interaktionsform beruhende Wirtschaftsweise als „System der Sittlichkeit“. So gesehen kann Chinas Öffnung zur Marktwirtschaft als positiv bewertet werden. Vergemeinschaftung bedeutet hier, daß Erträge den Mitgliedern von Familien oder Netzwerken zugute kommt, und nicht, wie im Falle ihrer Vergesellschaftung, den Gesellschaftern beziehungsweise Anteilseignern und, zumindest partiell, dem Staat. Die aus­geprägte Unwilligkeit, Steuern zu deklarieren beziehungsweise Einkommensdaten

für die öffentliche Statistik zur Verfügung zu stellen, reflektiert ebenfalls den ,konfuzia­ nischen‘ Charakter der chinesischen Marktwirtschaft (Vgl. Souchou Yao 2002). 26 Man könnte hier auch den Begriff des Nachbarschaftsplatzes beziehungsweise -parks verwenden. Um jedoch die Vermischung mit dem wichtigen Begriff des Nachbarschaftshofes (dazu Kapitel 4) zu vermeiden, beschränken wir uns auf die Verwendung des Begriffs Gemeindeplatz beziehungsweise Gemeindepark. 27 Den Lehren des Konfuzius und des Taoismus entsprechend, identifiziert sich China nach wie vor (beziehungsweise inzwischen wieder) mit einer Kultur, in der natürliche und kulturelle Gegensätze zu harmonischen, friedfertigen Dualismen versöhnt sind (Yin-Yang-Prinzip). In dieser Deutung der Polaritäten unterscheidet sich die chinesische Philosophie deutlich von antagonistischen (kontinental)europäischen Interpretationen, in denen sich Dialektik nie gänzlich von manichäischen Einflüssen befreien konnte. Während in China Dialektik auf eine harmonisch komponierte Weltordnung zielt, ist Dialektik im europäischen Denken der Name jenes ontischen Schauplatzes, wo die Dinge aus Gegensätzen erwachsen, ein zugleich zerstörerischer und produktiver Urgrund des Werdens. Die Ursachen für diese Deutungspraxis mögen in den teilweise intransigenten Dok­trinen des Christentums verortet werden und in dem darauf fußenden mittelalterlichen und frühneuzeitlichen Antagonismus von kirchlich-feudalem Landleben einerseits und einem tendenziell laizistisch-bürgerlichen Stadtleben. Wohl nicht zufällig haben die großen deutschen Philosophen Schelling, Hegel und Marx ihre dialektischen Systeme im Stil von natur- und geschichtsteleologischen Titanenkämpfen choreographiert. 28 Eine vergleichbare Botschaft wie der Chinesische Garten denotiert übrigens auch die klassische chinesische Musik auf eigentümliche Weise. Auch hier offenbart sich im Künstlichen der Musik zugleich eine als völlig natürlich konzipierte Welt der Töne, Lieder und Geräusche. 29 Zur Beziehung Goethes zur klassischen chinesischen Kultur siehe Zhang, Yushu 2007. 30 Ich kenne keinen Philosophen, der dieses doppelte Übergreifen von Kultur und Natur so umfassend bedacht hat wie Wolfdietrich Schmied-Kowarzik, vorzugsweise in seiner Schelling-Rezeption. Im Chinesischen Garten fände er einen architektonischen Verbündeten mit großer Aussagekraft (vgl. Schmied-Kowarzik 1996). 31 Ein programmatischer Satz, der dem US-Amerikaner Louis Sullivan (1856–1924) zuzuschreiben ist. 32 Die Sprachen-Expertin Chiang-Schreiber (Chiang-Schreiber 2007) bemerkt zur Didaktik des Chinesisch-Unterrichts:  – „Die 4 ‚Töne‘ machen Chinesisch zu einer überaus ‚musikalischen‘ Sprache, die nicht nur über das Hören sondern auch über kinästhetische, visuell und emotional affektive Lernstrategien leichter erlernt werden kann.  – Das scheinbar einfache Grammatiksystem (ohne Konjugation, ohne Deklination, ohne Artikel) verlangt in erster Linie nicht einen analytischen oder logischen Geist sondern ein feines Gespür für Intention, Gefühlslage der Sprechpartner und Einschätzung der Sprechsituationen.  – Die chinesische Schrift ist ein Zeichensystem, in dem sich abstrahierte Bildvorstellungen erhalten haben. Die Beschäftigung mit diesen Zeichen fördert kognitive Fähig­ keiten wie Sinnverknüpfung und assoziatives Denken und damit das visuelle Denk­ vermögen …“

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33 Möglich, daß diese westliche Antinomie der tiefere Grund dafür ist, warum im ethnischkulturellen Schmelztiegel Nordamerika der Rap entstehen konnte – gleichsam als Ergebnis der „Aufhebung und Verwirklichung“ (Hegel) dieses Gegensatzes. 34 Zum Vergleich: Berlin liegt etwa auf 52º, Shanghai auf etwa 31º nördlicher Breite. 35 Der Begriff Fordismus wurde durch Antonio Gramsci bekannt. Von ihm stammt auch der von uns weiter unten verwendete Begriff der kulturellen Hegemonie. Durch ihr analy­tisches Potential und die dadurch ausgelöste vielfache Verwendung haben sich diese Begriffe jedoch längst ihrer ursprünglichen Kontexte entledigt. Sie sind sozio­ logisches Allgemeingut geworden. 36 Eigentlich müßte von ,industrialisierten Massenwohnungsbau‘ die Rede sein. Die sehr niedrigen Löhne für Bauarbeiter und Baufachkräfte reduzieren jedoch den Rationalisierungsdruck in dieser Branche ganz beträchtlich. 37 Wenn gegenwärtig noch viele neue niedriggeschossige, ausgedünnte Villenquartiere entstehen, dann erklärt sich dies aus bereits zuvor erteilten Genehmigungen. 38 Die von der Architektin Jia Hu (Hu 2006) behaupteten 60 Prozent sind allerdings stark anzuzweifeln, zumal weder die gesellschaftliche Vergleichsgruppe noch Vergleichs­ objekte genannt werden. 39 Ein Haus mit der Nummer 8 hat eine wesentlich höhere Wertschätzung als etwa ein Haus mit der Nummer 4, das gelegentlich sogar schlecht zu vermarkten ist. Auch die Regeln des Feng Shui spielen eine nicht unerhebliche Rolle. Die chinesische Alltags­ kultur ist durchsetzt von magischen Symbolen. 40 Unseres Erachtens gibt es nur wenige andere Länder, in denen die Entwicklung des Wohnquartiers als Marke weiter fortgeschritten ist als im heutigen China. Auf diesen Aspekt kommen wir weiter unten ausführlicher zu sprechen. 41 Hegel hätte wohl von einer „Aufhebung und Verwirklichung“ des Fordismus gesprochen – und auf diese Weise zum Ausdruck gebracht, daß er den rastlos innovativen Geist der Menschheit, den er ,Weltgeist‘ nannte, in der städtebaulichen Evolution am Werke gesehen habe. Das kann man nicht nur so sehen, daß sollte man so sehen. 42 Daß sich in der Form der Verriegelung in der jüngeren Geschichte eine Änderung vollzogen hat, welche man als semiologisch bedeutsam werten kann, darauf haben Halik und Küchler hingewiesen: „Symbolhaft für die Zersetzung der alten Zellenstruktur der chine­sischen Gesellschaft […] steht der Ersatz der Mauern durch sog. ,europäische Zäune‘. Es bedeutet einen Bruch mit der Vergangenheit, wenn seit 1996 die Grenz­ mauern der Fabriken, Wohnquartiere, Schulen, Kliniken und Verwaltungseinheiten abgebaut und durch transparente, i.d.R. gußeiserne Zäune ersetzt werden.“ (Halik, Küchler 2004, 50) 43 Münch verweist auf eine planerisch und administrativ angewandte Typologie, derzufolge in der Stadtentwicklung die Siedlungsräume in drei Ebenen gegliedert sind: Demnach werden Siedlungsgebiete mit 30.000 bis 50.000 Einwohnern (jū zhù qū) von ,microresidential-districts‘, kurz MRDs (xiăo qū) mit 7.000 bis 15.000 Einwohnern und ,neighbourhood clusters‘ (jūtúan) mit 1.000 bis 3.000 Einwohnern unterschieden (vgl. Münch 2004, 48). Da sich die Unterscheidung nach MRDs und ,neighbourhood clusters‘ nicht beziehungsweise nur schwer mit meinen eigenen Beobachtungen in Übereinstimmung bringen läßt, verzichte ich auf die Verwendung des Fachterminus MRD. Denn die ab­geschlossenen Wohnquartiere, welche die empirische Grundlage meiner Ausführungen sind, liegen mit ihrer Einwohnerzahl teils deutlich unter den MRDs und teils deutlich über den ‚neighbourhood clusters‘. Münchs Ausführungen zu den beiden Typen

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legen allerdings nahe, daß sie die von mir sogenannten abgeschlossenen Nachbarschaften vor Augen hat (Münch 2004, 45ff). Als räumliches Strukturelement findet die ,abgeschlossene Nachbarschaft‘ in dem in archplus veröffentlichten Bericht zum Forschungsprojekt ,High Speed Urbanismus‘ keine Erwähnung. Diese Nicht-Beachtung überrascht um so mehr, als es sich bei den abgeschlossenen Nachbarschaften beziehungsweise ,compounds‘ um ein in chinesischen Großstädten (auch im untersuchten Perlfluß-Delta) omnipräsentes Phänomen handelt (Ipsen 2004). „The public services included cleaning public spaces inside and outside of buildings; disposing of rubbish; planting trees, flowers and grass; handling residents‘ complaints; and maintaining public order.“ (Lü Junhua, Shao Lei 2001, 270) Das Wort ,public‘ wird hier freilich mißverständlich verwendet: tatsächlich müßte es ,gemeinschaftlich‘ heißen, denn die genannten Dienstleistungen kommen ausschließlich den Bewohnern der geschlossenen Nachbarschaft zugute. Dem Wort ,aufschließen‘ beziehungsweise ,aufgeschlossen‘ wird hier der Vorzug gegeben, da die Märkte bis zum Beginn der Song-Dynastie im 10. Jahrhundert abgeschlossene und streng überwachte Räume in unmittelbarer Nachbarschaft zu den Herrschafts­gebäuden des Kaisers oder seiner Hofbeamten waren. Gefolgt wurde diese Phase von einer partiellen Öffnung der Märkte. Diese bewirkte, daß etliche Stadtstraßen sich in Marktstraßen verwandelten, wie man sie vielfach heute noch antrifft. Gleichwohl blieben die Märkte faktisch bis zum Ende der Kaiserzeit (und dann wieder während der Herrschaft Maos) unter der Aufsicht der kaiserlichen (später kommunistischen) Zentralregierung – ganz im Sinne des von Karl Polanyi beschriebenen und untersuchten proto-marktwirtschaftlichen ,Palasthandels‘ (Polanyi 1979, 387ff). Die kaiserliche Form der Supervision erklärt, weshalb sich in China kein freier Kapitalverkehr und keine selbständige bürgerliche (städtische) Klasse herausbilden konnten – mit allen kulturellen Folgen (wie dem Ausbleiben des Individualisierungsschubs von Renaissance und Aufklärung …). Dieser Dualismus scheint einer Analyse ihrer Grundstruktur besser gerecht zu werden als die Unterscheidung von privatem und öffentlichen Raum. Während sich diese Differenzierung aufgrund der Hegemonie des Privaten räumlich eher unbestimmt artikuliert, ist die Differenzierung von offen und geschlossen vergleichsweise anschaulich. Es ist in diesem Zusammenhang von Interesse, daß das chinesische Wort für ,Stadt‘ die Bedeutungen von ,Mauer‘ und ,Markt‘ (seit der Song-Dynastie, 960-1279 u. Z.) miteinander verbindet (Vgl. Wu, Weijia 1993, 90ff). Indem Friedmann eine Parallele zwischen Danwei und abgeschlossenen Quartieren der Kaiserstadt Chang’an (heute Xi’an) zur Zeit der Tang-Dynastie zieht, gibt er sich bei der Dechiffrierung gegenwärtiger urbaner Phänomene als Anhänger eines strukturalistischen Ansatzes zu erkennen. (Friedmann 2005, XVIII) Gleiches gilt für die Substantive ‚Extravertiertheit‘ (auch ‚Extrovertiertheit‘) gegenüber ‚Extraversion‘ und dem Adjektiv ‚extravers‘. „… the Chunyuan neighbourhood […] – a pilot project of the Ministry of Construction – put forth the idea of […] strengthening the concept of the courtyard, thus improv­ing the area’s living environment and public facilities.“ (Lü Junhua, Shao Lei 2001, 271) Der Mietwohnungsbau, auch der soziale Wohnungsbau, spielt in China bisher eine völlig untergeordnete, ja marginale Rolle. Erstrebt wird allein Wohneigentum, wenn

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irgend möglich ohne Hypotheken-Belastungen – wofür man geduldiges Ansparen (häufig für die Nachkommenschaft) aufzubringen bereit ist. Der Anteil an privatem Wohn­ eigentum liegt in chinesischen Großstädten inzwischen deutlich über 80 Prozent, zum Vergleich in Deutschland: bei knapp über 50 Prozent. Die hohe Fluktuation in chinesischen Nachbarschaften ist unter anderem auf die Praxis zurückzuführen, Spekulationsgewinne in einem boomenden Wohnungsmarkt mitzunehmen. Um die Wohnungsspekulation einzugrenzen, wurde in Shanghai eine 5-JahresSperrfrist für Wohneigentum erlassen. Diese bewirkt nun, daß zahlreiche chinesische Familien nach genau ,5 Jahren und einem Tag‘ umziehen. An dieser Stelle wird deutlich, daß die Differenz zwischen Stadt und Land in China eine Sache von Nähe und Ferne, Zentralität und Marginalität ist. Das Landleben bildet keinen Gegensatz zum Stadtleben. Vielmehr kreist es im fernen Orbit um das kaiser­liche Zentral­gestirn (vgl. auch Wu, Weijia 1993, 202f). Max Webers Ausdruck für Vergesellschaftung als Summe von Vertraglichung, Individualisierung, Institutionalisierung und Verwissenschaftlichung. Manche Plätze, Pavillons, Brunnen und Gartenanlagen entstanden während der ersten Hälfte des 18. Jahrhunderts nach Plänen der am kaiserlichen Hofe tätigen Missionare und Künstler M. Benoist aus Frankreich und G. Castiglione aus Italien. Drei Generationen beziehungsweise Grundformen lassen sich unterschieden (Vgl. www.lilong.de): frühe Lilong (ab1860), spätere Lilong (ab 1900) und neuartige Lilong (ab 1920). Neben diesen Grundformen haben sich noch zwei Spezialtypen im 20. Jahrhundert gebildet: Gartenhaus Lilong (ab 1900) und Apartment Lilong (ab 1920). Die Lilong werden häufig auch als Shikumen bezeichnet. Darin reflektiert sich eine alte südchinesische Wurzel dieses Siedlungstyps. Der sich im Brunnenwasser spiegelnde Himmel brachte den Innenhöfen die Bezeichnung „Himmelsbrunnen“ ein. Auch die der chinesischen näher stehende japanische Wohnsiedlungskultur hat in einigen Fällen die Shanghaier Lilong beeinflußt (zum Beispiel im Lilong an der Sichuan Lu, in der Nähe des Luxun-Parks). Der konfuzianische Kapitalismus teilt mit dem patronistischen Kapitalismus (zum Beispiel italienischer Prägung) den Stellenwert der Familie oder des Clans, mit dem kalvi­nistischen Kapitalismus beziehungsweise mit der ,protestantischen Ethik‘ südwestdeutscher oder niederländischer Prägung die Arbeitsauffassung. Während diese sich institutionsethisch weiter entwickelten, ist der konfuzianische Kapitalismus nach wie vor fest in die Familie eingebunden (vgl. Souchou Yao 2002). Shenyangs Goldener Korridor zählt zu den bekanntesten seiner Art im gegenwärtigen China. It „enjoys the reputation of ,a place of fortune‘“. Die Stadt nutzt ihn, um ihr Image aufzupolieren und für sich zu werben: „Where to go at this year‘s Lantern Festival? […] Golden Corridor may become a charming place to visit since Shenyang city government has launched a lighting project for the golden corridor on December 15. The project taken part in by many Chinese and overseas lighting designers will be completed around February 2. Citizens could go along the corridor at lantern festival which falls on February 12, being inspired by the wonders created by the experts. Golden corridor starts at Beiling park in the north and terminates at Taoxian airport in the south with a total length of 17 kilometers and an average width of 1-2 kilometers.“ (www. sybuy.net/bbs/dispbbs.asp?boardID=29&ID=7669&page=4) Auf die Bedeutung der

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Lichtskulptur für das Image der chinesischen Stadt bei Nacht kommen wir im Abschnitt über die Mediastadt zurück. Im Kontext der Lektüre der chinesischen Stadt bevorzuge ich den in sich widersprüchlich erscheinenden Begriff ‚Blockrand-Zeile‘, da er die sich tatsächlich vollziehende Zusammenfügung des Zeilenbaus und des Blockrandbaus reflektiert. Der parzellierte Charakter dieser Blockrand-Zeilen hat natürlich nichts mit den Eigentumsverhältnissen zu tun, sondern artikuliert den nachbarschaftlich-dezentralen beziehungsweise klein­ teiligen Charakter von Einzelhandel und Dienstleistungen auf dieser Ebene. Die spangenartige Rahmung von Wohnzeilen durch Einzelhandelsgeschäfte und Dienstleistungsgebäude ist auch vom fordistischen Städtebau in Europa her bekannt. Beispiele finden wir vor allem in den neuen Bundesländern, etwa in der Dresdener Seestraße. Eine Abkopplung von Geschäftszeile und Straße wie beim bekannten Karl-Marx-Haus in Chemnitz, wo offenbar auf die europäische Tradition der Piazza beziehungsweise des Marktplatzes Bezug genommen wird, ist mir bisher nur in einem Fall in China bekannt geworden. Dieser wird im Fortgang dieses Kapitels unter der Typenbezeichnung ‚Nachbarschafts-Fußgängerstraße‘ beschrieben. Die Geschoßflächenzahl (GFZ) bezeichnet die Quadratmeter Geschoßfläche je Quadratmeter Grundstücksfläche: Gebäudefläche = Grundstücksgröße x Geschoßflächenzahl. In neueren chinesischen Quartieren dürfte die GFZ im Schnitt über 0,8 liegen. Dazu ausführlich Kapitel 6: Stadtfiktionen. In dieser Bezeichnung, welche europäischen Ohren – angesichts der Tatsache, daß die neuen ‚Dörfer’ durchweg mehr als 100.000 Einwohner haben sollen – befremdlich klingt, reflektiert sich die historisch begründete Abwesenheit einer begrifflich distinkten Unterscheidung von Stadt und Land (dazu mehr in Kapitel 8). Man kann diese Unschärfe mit der Abwesenheit der Pronomina ‚Er‘ und ‚Sie‘ in der chinesischen Sprache vergleichen. In einem Bericht über Anting Neustadt übersetzt Lilian Pfaff mit ‚Eine Hauptstadt, Neun Städte Plan.‘ (Pfaff 2006) Satellitenstädte liegen der Typologie von Olaf Boustedt zufolge innerhalb, Trabantenstädte außerhalb der sogenannten städtischen Randzone (Boustedt 1970, 3207ff ). Der ‚Eine Stadt, Neun Dörfer-Plan‘ (S. 117) weist beide Typen auf, Satelliten- und Trabantenstädte. „All of these towns have a common point: emphasizing sustainable development, eco­ logical protection and industrial support.” (Dai 2007) Im Ruhrgebiet ist der frühindustrielle Werksiedlungsbau bis auf den heutigen Tag landschaftsprägend. Neben den Werkswohnungen Krupps in Deutschland sind international die Siedlungen von Pullmann (Pullman Town bei Chicago, 1880), Cadbury (Bourne­ville bei Birmingham, 1880) und Lever (Port Sunlight bei Liverpool, 1887) bedeutsam (Kiess 1991). Siedlungen im Londoner Orbit wie Welwyn oder Letchworth, die Siedlung Hellerau in Dresden oder die Essener Margarethenhöhe sind bekanntlich aus dieser Bewegung hervor­gegangen. Zum ‚New Urbanism‘ allgemein siehe Bodenschatz 2000 Unter www.designbuild-network.com heißt es zum Beispiel noch: „Organised by the Urban Planning Institute, One City, Nine Towns involves the creation of a series of satellite communities around Shanghai, each inspired by a country that played a pivotal

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role in the colonial and commercial history of the city. The nine countries are the UK, the USA, Russia, Spain, Sweden, France, the Netherlands, Germany and Italy.“ 1990 wies die Statistik Shanghais 13 ‚towns‘ aus, 1998 waren es bereits 117. Zwischen dem enormen Anstieg der Zahl der ‚Ortschaften’ und der Umwidmung der Land­bezirke in Stadtbezirke besteht ein unmittelbarer Zusammenhang: Nicht nur die Zunahme der Stadtbezirke, sondern insbesondere die starke Expansion der Zahl der Ortschaften indiziert den enormen Urbanisierungsprozess (Wu/Li 2002). Unter ‚Mimesis‘ verstehen wir hier die Nachahmung einer ideellen räumlichen Wirklichkeit, zum Beispiel, die strukturhomologe Reproduktion einer urbanen Grundform. Seit Humpert und Schenk wissen wir, daß dieses Strukturmerkmal nicht nur der An­passung an topographische Bedingungen geschuldet ist, sondern zugleich (beziehungsweise vor allem) ästhetischen Idealvorstellungen (Humpert / Schenk 2001). Entsprechend teuer soll angeblich auch der Betrieb des zentralen Klimasystems unabhängig von der Zahl der Nutzer sein. Bei Cinderella Castle handelt es sich um ein freies Replikat des von dem bayerischen König Ludwig II. beauftragten Schlosses Neuschwanstein. Neuschwanstein wiederum ist nach Anregungen aus dem Stundenbuch des französischen Herzogs von Berry entstanden, ein Büchlein, das zum Ergötzen des hohen Adeligen mit zwölf Burgminiaturen der Brüder Limburg illustriert ist, für jeden Monat eine Berry-Burg – eine schöner und gewaltiger in Szene gesetzt als die andere. Räumlich repräsentiert wird die Abwesenheit eines Stadt / Land-Gegensatzes durch die Abwesenheit von Landschaft (als Gegensatz zu Stadtschaft). Ideell repräsentiert wird dieser Sachverhalt beispielsweise durch die Vision der Broad-Acre-City von Frank Lloyd Wright. In den Vereinigten Staaten stehen Wildnis und Stadt/Land einander gegenüber; in Europa ist der Dreiklang aus Landschaft, Stadtschaft und Wildnis aus­ differenziert, wobei Wildnis eher eine mythische Realität besitzt. Meines Erachtens wird in der Landschaftstheorie, die von Nordamerika ausging, dieser grundlegende Unterschied zu wenig gewürdigt. Mirjam Bürgi zufolge hat Georg Simmel in seinem Begriff des ‚Erlebens‘ die Erlebnis­ orientierung des modernen Großstadtmenschen bereits vorweggenommen. (Bürgi 2003) Geprägt wurde dieser wichtige soziologische Begriff von Pierre Bourdieu in seinem Buch Die feinen Unterschiede. Kritik der gesellschaftlichen Urteilskraft. (Bourdieu 1982) Das Phänomen, auf das diese Wortschöpfung abstellt, ist folgendes: Die Größe einer in der Zeit gebauten Stadt mag ein Vielfaches der im Raum gebauten Stadt betragen, doch wird jene in nur einem Bruchteil dieser durchquert – mit dem Auto natürlich! (Fishman 1996/1997) In den USA kommen etwa 950 Autos auf 1000 Einwohner, in Deutschland 550, in China z. Z. etwa zehn. Allerdings wächst der Kraftfahrzeugbestand dramatisch. In Shanghai hat sich die Zahl der Automobile von 2006 auf 2007 um 80 Prozent erhöht und liegt in 2007 bei ca. 2. Mio. Fahrzeugen. Für eines von 67.000 im Jahr 2005 freigegebenen Nummernschildern zahlte der Bürger von Shanghai im Durchschnitt über 3000 Euro. Es läßt sich beobachten, daß die große Aufmerksamkeit, die den konzentrischen Ent­ lastungsstraßen der Megastädte geschenkt wird, zu einer gewissen Vernachlässigung der Radialstraßen führt. Jede Firma hat in seinem Leitungsgremium einen für die Dorf-Feuerwehr zuständigen Manager, der einem ‚fireproofing office‘ vorsteht. Diese Einheit reflektiert die besondere

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Herausforderung, die es bedeutet, einen Stadtkörper vor Bränden zu schützen, dessen Straßen für die üblichen Löschfahrzeuge unpassierbar sind. In Xi’an ließen sich 2003 urbane Dörfer besichtigen, die sich auf Internet-Teehäuser spezialisiert haben. Die Kundschaft wird zur Hauptsache aus Studierenden nahegelegener Universitäten gebildet, die angesichts chronisch überlasteter Zugänge zum Internet nach effizienten und offenen Alternativen Ausschau halten. Ma Hang gibt 241 ‚Dörfer‘ für Shenzhen an, 139 für Guangzhou und 417 für das zentralchinesische Xi’an (Ma 2006, 25). Der durchschnittliche Flächenanteil der Dörfer in den Innenstadtdistrikten von Shenzhen liegt bei deutlich über 20 Prozent (Ma 2006, 166). Zu einer meines Erachtens etwas einseitigen Bewertung des Jerusalem-Leitbildes in der europäischen Stadtgeschichte vgl. Badde 1999. Die stadtkritische Dimension beruht im Falle des ‚Leitbilds Jerusalem‘ in der Identifikation der ‚Civitas‘ (der Bischofstadt beziehungsweise Tempel- oder Burgstadt) mit der bürgerlichen Stadt. Zur allgemeinen Stadtentwicklung in China vgl. auch Yusuf, Shahid und Wu, Weiping 1997. Zum Verständnis der Berechnung der Siedlungsdichte ist die Differenzierung in Innenstadt-, Stadtrand- und Landbezirke sehr wichtig. Das chinesische Distriktmodell unterscheidet sich darin von der deutschen Raumordnung, in welcher Landkreise von den Städten unabhängige Gebietskörperschaften sind. Dem Vorbild Shanghais folgend, plant auch Shenyang den Bau von Entlastungsstädten. Da sie innerhalb der suburbanen Peripherie (verstädterte Zone und Randzone) gebaut werden sollen, handelt es sich um Satellitenstädte. Analog zum Plan Shanghais erhielt der Plan von Shenyang die Bezeichnung ‚One City, Four-Towns-Plan‘ (Shenyang Urban and Rural Construction Committee 2006). Beeinflußt wurde diese Periodisierung von Schriften des französischen Wirtschafts­ wissenschaftlers und Politikers Alain Lipietz, insbesondere von seinen Ausführungen zur sogenannten ‚Regulationstheorie‘ (Lipietz 1998 und 1991). Diese Formulierung zitiert ein bekannt gewordenes Buch von Göderitz, Rainer und Hoffmann über das vorherrschende städtebauliche Leitbild in Deutschland unmittelbar nach dem Ende des Zweiten Weltkrieges (Göderitz et. al. 1957). Es ist kein Zufall, daß die strukturale Sichtweise von Anfang an mit der semiologischen Methodik untrennbar verbunden, ja sogar aus ihr hervorgegangen ist (de Saussure, Ferdinand 1967). In der deutschen Sprache wird der Terminus ‚Gesellschaft‘ umgangssprachlich so all­ gemein verwendet, daß er auch ‚Gemeinschaft‘ mit umfaßt. Stammesgemeinschaften werden dadurch ebenso als Gesellschaft bezeichnet wie feudale oder moderne Staatswesen. Dies erleichtert nicht gerade die soziologische Verwendung des Begriffs Gesellschaft. Unter einer ‚totalen Institution‘ verstehen wir ein soziales beziehungsweise sozialräumliches System, das aus zahlreichen Subsystemen zusammengesetzt ist, die sich jedoch noch nicht beziehungsweise erst geringfügig arbeitsteilig und somit auch räumlich ausdifferenziert haben. Wenn der historische Marktplatz zugleich Ort des Handels, des Gerichts, der Versammlung, der Information, der Unterrichtung oder des Kultes ist, dann handelt es sich um eine ‚totale Institution’. Die ganze Riege der großen deutschen Soziologen des 19. und 20. Jahrhunderts von Marx über Tönnies, Weber bis Simmel hat diesen Zusammenhang erkannt – allerdings auf verschiedene Weise gedeutet. Marx wollte die bürgerliche Gesellschaft revolutio-

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när aufheben, der konservative Tönnies wollte die Gemeinschaft bewahren und stärken, Weber, der als Liberaler die bürgerliche Gesellschaft bejahte, wollte diese institutions- beziehungsweise verantwortungsethisch rahmen, und Simmel entdeckte, daß das ver­gesellschaftete, urbanisierte Individuum eigene Wege der ‚Vergemeinschaftung‘ zu gehen vermag. 99 In Europa ist es zu zwei folgenreichen synoikistischen Revolutionen gekommen: Aus dem ackerbürgerlichen Synoikismos ist die Polis attischen Typs hervorgegangen, welche bestimmenden Einfluß auf die gesamte Entwicklung der griechischen und römischen Antike gewann. Aus dem stadtbürgerlichen Synoikismos ist die hochmittelalterliche Stadtkultur hervorgegangen, deren erste urbane Kulturrevolution wir gemeinhin als ‚Renaissance‘ bezeichnen, der erste große Befreiungsversuch des individualistischen, laizistischen, wissenschaftlichen, aufgeklärten Denkens. Im Zusammenspiel von zentra­ listisch organisierter Politik und liberal strukturiertem Markt versucht China derzeit einen Entwicklungspfad ohne Rückgriff auf das stadtbürgerliche Erbe Europas ein­ zuschlagen. 100 In der mittelalterlichen Stadt verfügte in der Regel zunächst nur ein zahlungskräftiger patrizischer Teil des Stadtbürgertums über das Wahlprivileg. 101 Dem von Weber im Kontext seiner sinologischen Studien verwendeten Begriff des ‚zwangsweisen Synoikismos‘ (Weber 1922) betrachten wir allerdings als ‚contradictio in adiecto‘; denn das Subjekt des Synoikismos kann nicht außerhalb des synoikistischen Resultats (der Bürgerstadt) stehen. Ein verordnetes Zusammensiedeln, etwa in Gestalt einer sogenannten Gemeindereform, sollte unseres Erachtens nicht mit Synoikismos identifiziert werden. In der Genealogie der mittelalterlichen europäischen Stadt markiert der händlerische und handwerkliche Synoikismos den Übergang von einer Markgenossenschaft zu einer Marktgenossenschaft (dazu auch Maurer 1869/1962). 102 Unter einer ‚Heterotopie‘ verstehen wir in lockerer Anlehnung an Foucault und Lefèbvre Orte, die ihren genuinen Kontext verloren beziehungsweise noch nicht gefunden haben; Orte, die in eine Wirklichkeit gestellt sind, die nicht mehr oder noch nicht die ihre ist. Sie verweisen auf Vergangenes – oder auch Zukünftiges – im Gegenwär­tigen. Der Gegenbegriff zu Heterotopie ist Isotopie. Als isotopisch bezeichnen wir einen Ort, der in einem ihm zugehörigen Kontext aufgehoben ist. Ein isotopischer Ort ist mit seinem Kontext identisch. 103 Dies kann auch für Europa Geltung beanspruchen: Eine Civitas (Bischofsresidenz) oder Burg (Domäne eines Lehnsherren) wird erst durch die Anwesenheit von ‚Bürgern‘ zur Stadt. Man kann dies dahingehend historisch verallgemeinern, daß erst die Präsenz von marktwirtschaftlichen Institutionen aus einem Ort (Dorf) eine Stadt macht. Stadt denotiert Marktwirtschaft. Eine autarke Wirtschaftsweise steht ihr prinzipiell nicht zu Gebote.

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Bildnachweis Seite 52: Modell eines Sìhéyuàn (Ausstellung ABB I, Luo Li, Che Fei 2006) Seite 85: Strategic Plan of Beijing (2004-2010): Municipal Institute of City Planning & Design, Beijing Seite 88: Shenyang Urban and Rural Construction Committee (2006): New Century New Shenyang (Eds.: Xing Kai, Hou Bowei, Qin Wenjun et al.), Shenyang Seite 112: Municipality of Harbin (2004): Planning Exhibition of Harbin Seite 112: Municipality of Shenzhen (2002), City Planning Exhibition. Seite 169: Shenyang Urban and Rural Construction Committee (2006): New Century New Shenyang (Eds.: Xing Kai, Hou Bowei, Qin Wenjun et al.), Shenyang Seite 169: Municipality of Harbin (2004): Planning Exhibition of Harbin Seite 184: Ma Hang (2006)

Alle übrigen Fotos, Abbildungen, Figuren und Tabellen vom Autor

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Bauwelt Fundamente (lieferbare Titel) 1 Ulrich Conrads (Hg.), Programme und Manifeste zur Architektur des 20. Jahrhunderts 2 Le Corbusier, 1922 – Ausblick auf eine Architektur 12 Le Corbusier, 1929 – Feststellungen 16 Kevin Lynch, Das Bild der Stadt 50 Robert Venturi, Komplexität und Widerspruch in der Architektur 53 Robert Venturi / Denise Scott Brown / Steven Izenour, Lernen von Las Vegas 56 Thilo Hilpert (Hg.), Le Corbusiers „Charta von Athen“. Texte und Dokumente. Kritische Neuausgabe 86 Christian Kühn, Das Schöne, das Wahre und das Richtige. Adolf Loos und das Haus Müller in Prag 118 Thomas Sieverts, Zwischenstadt – zwischen Ort und Welt, Raum und Zeit, Stadt und Land 123 André Corboz, Die Kunst, Stadt und Land zum Sprechen zu bringen 125 Ulrich Conrads (Hg.), Die Städte himmeloffen. Reden und Reflexionen über den Wiederaufbau des Untergegangenen und die Rückkehr des Neuen Bauens (1948 / 49) 126 Werner Sewing, Bildregie. Architektur zwischen Retrodesign und Eventkultur 128 Elisabeth Blum, Schöne neue Stadt. Wie der Sicherheitswahn die urbane Welt diszipliniert 129 Hermann Sturm, Alltag & Kult. Gottfried Semper, Richard Wagner, Friedrich Theodor Vischer, Gottfried Keller 130 Elisabeth Blum / Peter Neitzke (Hg.), FavelaMetropolis. Berichte und Projekte aus Rio de Janeiro und São Paulo 131 Angelus Eisinger, Die Stadt der Architekten 132 Karin Wilhelm / Detlef Jessen-Klingenberg (Hg.), Formationen der Stadt. Camillo Sitte weitergelesen 133 Michael Müller / Franz Dröge, Die ausgestellte Stadt 134 Loïc Wacquant, Das Janusgesicht des Ghettos und andere Essays 135 Florian Rötzer, Vom Wildwerden der Städte 136 Ulrich Conrads, Zeit des Labyrinths 137 Friedrich Naumann, Ausstellungsbriefe Berlin, Paris, Dresden, Düsseldorf 1896 –1906. Anhang: Theodor Heuss − Was ist Qualität? (1951) 138 Undine Giseke / Erika Spiegel (Hg.), Stadtlichtungen. Irritationen, Perspektiven, Strategien 140 Erol Yildiz / Birgit Mattausch (Hg.), Urban Recycling. Migration als Großstadt-Ressource 141 Günther Fischer, Vitruv NEU oder Was ist Architektur? 142 Dieter Hassenpflug, Der urbane Code Chinas