Der Tanz der Goldenen Blume 3026982017

Die Erzählungen wurden der französischen Originalausgabe 'Romancero aux étoiles' entnommen."

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Der Tanz der Goldenen Blume
 3026982017

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Jacques Stéphen Alexis Der Tanz der Goldenen Blume Insel - Bücherei Nr . 994

12 THE NETTIE LEE BENSON LATIN AMERICAN COLLECTION of The General Libraries University of Texas at Austin PQ 2601 1446 R66515 LAC

THE UNIVERSITY OF TEXAS AT AUSTIN THE GENERAL LIBRARIES This Item is Due on the latest Date Stamped DUE RETURNED OCT 2 3 1995 11121 radio NOV 1 7 1995

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Jacques Stephén Alexis Der Tanz der Goldenen Blume 1974 Insel - Verlag · Leipzig

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Für Florence Alexis und für ihr Herz von ihrem Papa J . S . A .

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Prolog Immer waren meine Füße staubig . Staubig vom frischen Tau , vom Staub der Wege , vom Mehlstaub der Regengüsse , von der Glut der Mittagssonne , dem Pollenstaub aus allen Windrichtungen , von den abendlichen Arzneipülverchen , dem Sternenstaub - so wandern meine Füße unaufhörlich auf den Pfaden des Lebens . Als ich noch ein Knabe war , streifte ich eines schönen Mor gens heiter und unbesorgt umher , die Nase in der Luft , mit offenem Ohr und halbgeschlossenen Augen und einem glücklichen Lächeln um den Mund . An diesem Tage trugen mich meine Füße auf einen hohen Berg , sicherlich war es der höchste auf dieser mit Bergen gesegneten Insel Haiti . Da erblickte ich vor mir eine Grotte . Da ich nun einmal ein Topfgucker bin , drang ich gleich in sie ein . In dieser Grotte lag ein alter Mann und schlief . Dieser schlafende Patriarch war so eisgrau , daß sein prächtiger Bart , von einer Farbe , die ich nie zuvor gesehen hatte , ihn völlig bedeckte . Dieser Graubart war ein einziger Haufe seidenweicher Federn mit langen Fasern , die so durchschei nend und duftig waren wie die blaue Luft unserer Berge , und dieser Haufe hob und senkte sich in gleichmäßigen , ruhigen Atemzügen , die spinnwebfeinen Fäden flogen auf und legten sich mit so viel Anmut und Behagen wieder nieder , daß ich mit offenem Munde stehenblieb , um es zu betrachten . In meinem Entzücken war ich so versunken , daß ich eine kleine glänzende Fledermaus , die auf mich zuflog , nicht bemerkte . Als ich im Gesicht eine Berührung spürte , schlug ich mit den Händen heftig um mich . Bei der raschen Re gung verlor ich das Gleichgewicht und fiel in den zarten , unwirklichen Federflaum , der sich bei jedem Atemzug be bend bewegte . Ein Atemstoß des Greises schleuderte mich zurück . Ich flog durch Lianen und von der Decke regnende Wassertropfen und fiel in der anderen Ecke der Grotte auf

einen Teppich schwarzer Pilze , die hilfsbereit meinen Sturz milderten . Der Greis war mit einem Satz wütend aufgesprungen und stand nun da wie eine leuchtende Kaskade aus hauchfeinen Härchen . Die Fledermaus brach in ein spitzes Lachen aus , und ihre goldgelben Augen funkelten vor Bosheit und Ver gnügen . » Pub ! Caramba ! Wer ist der Unselige , der meinen Schlaf zu stören wagt ? Die ganze Nacht bin ich von Insel zu Insel über sämtliche Antillen bis hin zum Lande Anahuac geflo gen , und beim Morgengrauen bin ich in einem Schwung zurückgekommen . Habe ich nicht das Recht , ein wenig zu schlafen , in meinen Alter ? Los , komm her , du Schlingel ! « Ich zitterte wie Espenlaub . Der Greis trat rasch zu mir und nahm mich am Ohr . » Los , du Strolch , komm her , wenn ich mit dir rede ! Willst du deinem Großonkel gar den nötigen Respekt verwei gern ? « Der erstaunliche , muntere Alte war zerzaust wie der längste Kometenschweif , den man sich vorstellen kann . Er glänzte heller als das Licht . » So , du weißt wohl nicht , was sich gehört ? Willst du deinen Großonkel , den Alten Karibenwind , nicht um Verzeihung bitten ? « Ich riß die Augen noch weiter auf als die Fledermaus . Ich hatte also meinen Urahn vor mir , den Alten Karibenwind , den unvergeßlichen sagenhaften Spielmann , den größten Samba des ganzen Karibischen Meeres . Seit unvordenk lichen Zeiten singt und tanzt der alte Bursche , treibt sich herum und versteckt sich , musiziert und trällert immerzu unsere schönen Geschichten aus alter und junger Vergan genheit . Er ist der Vater der freundlichen Passatwinde , des zausenden Nordwinds , des brüderlichen Südwestwinds , der Vater aller Winde , die sich über unseren Inseln und über unserem mittelamerikanischen Binnenmeer tummeln , und sogar der Hurrikan , dieser sorglose und böse junge

Mann , dieser verrückte Landstreicher , der nur zu uns kommt , um großzutun , zu höhnen und Vogelnester und Hoff nungen zu zerstören , rühmt sich , sein mißratener Sohn zu sein . . . Dieser alte Bursche nun , der älteste Zeuge unserer fernsten Vergangenheit , der Träume , Kämpfe und Wunder aller haitischen Völker , unserer Vorfahren , der Ciboneys , der Xemez und der Kariben , unserer Väter , der Neger und der Zambos , dieser alte Kerl und zahnlose Notenquetscher musterte mich mit hochmütiger und zutraulicher Miene . » Los , du Stromer ! Willst du wohl antworten ? Warum und wieso hast du es gewagt , meine Ruhe zu stören ? « Ich warf mich meinem luftigen Ahnherrn in die weißwolli gen Arme . Er drückte mich zärtlich an sich , runzelte die Stirn und murmelte verdrießlich : » Jetzt kann ich ja doch nicht wieder einschlafen . In meinem Alter hat man nur wenig Schlaf , und er ist leicht gestört . Das Endchen Schlaf , das ich in der vergangenen Nacht erwischt habe , hast du nun in tausend Stücke zerbrochen . Das ist schlimm ! Zur Strafe dafür lasse ich dich jetzt nicht fortgehen . Du bist verurteilt , dem zotti gen Alten und Schwätzer , der ich geworden bin , Gesell schaft zu leisten . Ja , so ist das ; doch auch du wirst eines Tages den Rost der Jahre kennenlernen . « » Onkelchen , glaubt mir , ich kann nichts dafür . Eine Fleder maus mit goldgelben Augen ist schuld daran . . . « » Wie ? Dieser Nichtsnutz war hier ? Höre , du darfst dieses närrische Tier nicht wieder hier hereinbringen . « Kurze Zeit danach hatte mein Onkel , der Alte Kariben wind , seine gute Laune wiedergefunden . Er tanzte den Tanz der Alten Freuden . Mit Spiralbewe gungen der Arme , durch Schlangenlinien seines Bartes und das Pfeifen seiner Stimme beschrieb er mir die Tänze von Anacaona der Großen . Vor meinen Augen ließ er wieder das Zauberbild der Fleur d ' Or erstehen , und ich sah , wie sie vor ihrem Volk die Gefangennahme des schrecklichen Cao nabo durch die Konquistadoren tanzte . Der Alte Kariben

wind wirbelte verzückt umher , und königlich flatterten die Haare seines Bartes wie Musik im Winde . » Genug jetzt getanzt ! « Ganz außer Atem , setzte er sich hin . Ich kletterte auf seine Knie . » Onkelchen « , sagte ich zu dem Alten Karibenwind , » Ihr seid der größte Compose , Tequina und Erzähler von Ge schichten aus unserer Heimat , von dem ich noch alles zu ler nen habe . . . Aber Ihr habt gesagt , bei uns in der Ebene und an den Küsten scheine die alte , unvergängliche Kunst in Vergessenheit zu geraten , kurz gesagt , wir vernachlässig ten die Kunst des Fabulierens . Auch ich als Euer gelehriger Schüler versuche , schöne Geschichten zu erzählen . Ihr sollt mir sagen , ob man es früher in der gleichen Art getan hat . Ich will Euch eine Geschichte genau so erzählen , wie ich sie in hellen Mondnächten erzählt habe , die Geschichte von Anne mit den langen Wimpern i Die Kinder sagten zu mir : » Los , du alter Aufschneider , du Narr mit Musik im Munde , sieh , die Sterne zwinkern schon mit den Augen zur Nacht . Los , du alter Lügner und Drücke berger , komm , laß dich nicht lange bitten ! « » Wenn der Mond sein Auge noch nicht aufgeschlagen hat , dann verwandeln sich die Geschichten , das wißt ihr sehr wohl , in wilde Tiger . Es ist noch nicht ganz soweit , meine Herzchen . « » So reden immer die Sänger an den Straßenecken , die Ge schichtenmacher bei den abendlichen Zusammenkünften und die Märchenerzähler . Sieh , der Abendtau fällt schon tüchtig als feine Nadeln in den Hals . Komm unter den Laubengang , alter Zauberer , es ist Zeit ! « » So wartet wenigstens noch , bis die Anoli begonnen haben , den Abend mit ihren Melodien zu begleiten . « » Willst du denn gar nicht hören ? Los , komm ! « IO

» Also gut , meine Herzchen . . . Die wahre Weisheit ist es , sich die Augen und das heiße Herz der Kindheit zu bewah ren wie einen Schatz . Da nun die Anoli , der Tau , der Mond und die Sterne das Signal gegeben haben , so höret denn . Seid ihr auch bereit für die Zaubersprüche ? « » Jawohl , Zauberer , wir sind bereit . « » Krick ? « » Krack . « » Was bringt die Zeit ? « » Dürres Holz . « » Was ist ganz rund und hohl ? « » Ein Ring . « » Die Hauptsache hinter der Tür ? « » Der Besen . « » Die Hauptsache unterm Bett ? « » Die Hanchetopf . " Gebäuse ? » Winzig klein im Gehäuse ? « » Lampe . « » Kerze . « » Licht . « » Kinderauge . . . « Und nun , meine Herzchen , meine Kameraden der Träume und der Mühsal , beginne ich unter den tausendundein glit zernden Sternenaugen , den leuchtenden Pupillen der Bau ern , den großen Kinderaugen die wunderbare Geschichte von Anne mit den langen Wimpern . Im Saft der chromgelben Aprikosen , im perlglänzenden Fruchtfleisch und in der prickelnden Kühle köstlicher Ana nas , in den glänzenden Schalen und dem lächelnden Saft der Zitronen , im Rausch der klaren , den Geist arglistig verwirrenden Säfte der Feldblumen , im Tanz der schwe benden Pollen und der wogenden Düfte lebte und schlief die kleine Anne mit den langen Wimpern , dort war sie glücklich . Der verrückte alte Cyrillien , Taucher von Grande Saline , II

Austern - und Mondfischer und Heger aller weißen Koral len der Flußmündung , hat mir von der wunderbaren Ge burt der Anne mit den langen Wimpern erzählt , die die Tochter einer Seeanemone und einer Möwe ist . Der Grobian und verschlagene , freche Lügner Létendard , der Riese aus dem Cahosgebirge , der großartigste und fröh lichste Simidor bei allen Erntefesten , Totenwachen , Beerdi gungen und anderen ländlichen Festlichkeiten , behauptet , eines schönen Morgens mit eigenen Augen gesehen zu haben , wie Anne mit den langen Wimpern aus einer roten Beere des Kaffeestrauchs hervorkam , an der ein grausamer Koli bri mit dem Schnabel hackte . Der bedächtige , vorsichtige , untadelige Antoine Langom mier , dessen Augen zwei Sterne waren , Antoine Langom mier , der das Leben durchschaute und dessen Blicke durch Zeit und Raum drangen , behauptete , Anne mit den langen Wimpern sei einem Ei des abendlichen Passatwindes ent schlüpft , einem wirbelnden Phantom des Alten Kariben winds . Bevor ich aufbrach – denn welcher echte Compose ist gegen Irrtümer gefeit ? - , bevor ich also das gesegnete Land der Tomas von Haiti verließ , um in die weite Welt zu schwei fen , war ich darauf bedacht , sie alle noch ein letztes Mal zu befragen . Alle . Die Bauern mit ihrem Erdgeruch , die jungen Mädchen mit den bebuschten Schenkeln und der bal samischen Scham , die Schifferinnen mit den salzigen Lip pen und dem süßen Seidenhaar , die alten Weiber mit dem säuerlichen Bauch , die Kinder mit dem ziegenmilch beschmierten Mund , die Papaloas mit den grünlich schil lernden Bärten , die Savannenpriester mit den hallenden Gesängen , die Landgendarmen mit den zornigen Augen , die Lebensmittelspekulanten der Kleinstädte mit den Esels kinnbacken , die Straßenarbeiter , die Kaffeesortiererinnen bei ihrer eintönigen Arbeit , deren grobes , verschwitztes Haar wie mit Pfeffer bestreut aussieht ; die Schützen auf der Hühnerjagd , die Stockfechter und die Geschichtenerzäh 12

ler bei den abendlichen Zusammenkünften ; die Hafenarbei ter mit dem trappelnden Schritt , die Lastenträger vom Croix - des - Bossales , diese schuftigen Diebe , die Salzsiede rinnen und die Salzverkäuferinnen vom Portail Saint Joseph ; die schweißglänzenden Zuckerrohrschneider vom Cul - de - Sac ; die lästernden , keifenden und höhnenden Marktweiber ; die Lumpenhändler mit der scharfen Stimme ; die lustigen , gutmütigen Landstreicher mit dem Wams aus Papierfetzen , mit ausgefranster Hose und einer Rumfahne ; die Manolitas mit der blauen Blume und den dicken , roten , verseuchten Lippen , die mit ihrer vom Gebrauch struppig und kahl gewordenen und künstlich wiederaufgefrischten Scham in aller Unschuld ihr horizontales Gewerbe düsterer Lust betreiben ; die ausgedörrten alten Vetteln mit dem Lachen trauriger Katzen und der streng nach Moschus rie chenden Scheide ; die Bettler , vom Leben mit rohen Schlä gen geformt , ausgezehrt vom Fasten und vom Kummer des Flehens gezeichnet ; die Maschinisten mit ihren von zähem Öl blaugefärbten Fäusten ; - meine Brüder , meine Freunde und alle meine Gefährten der Träume und Mühsal . Nicht einen habe ich gefunden , der das Geheimnis von Anne mit den langen Wimpern nicht gekannt hätte . Der eine meint , sie entstamme der Verbindung einer Quelle vom Canapé - Vert mit einem Schmetterling von Saint - Jean , der andere hat sie selbst aus einem Staubkörnchen heraus kommen sehen und hat den scheeläugigen alten Hai vom Fort - l ' Islet mit einer Orangenschale im Verdacht ; dieser behauptet , sie sei zwischen den Früchten eines Mahagoni baums gereift , an der Spitze eines von einem tanzenden Leuchtkäfer bewohnten Zweiges , jener schließlich versichert , sie sei aus einer Flaumfeder und einer violetten Meduse hervorgegangen . Ein rosa Kieselstein , das Zirpen einer Grille , ein Kometen schweif , ein Skarabäus , ein Silberstrahl , eine Zuckermelone , das Blinzeln eines schelmischen Kindes , ein Doktorfisch , ein Glöckchenklang , ein Mondstrahl , der Splitter eines Regen 13

bogens , eine verzauberte Eidechse waren die Väter von Anne mit den langen Wimpern ; ihre Mutter war ein Klümp chen Gold , ein Krebs , ein Feuersteinsplitter , eine alte Freude , ein Kohlenstäubchen , ein Perlhuhn , ein Frühlings lied , ein Tropfen Milch , eine aus Liebessehnsucht gestorbene Wassernymphe . Aber immer war sie glücklich , die kleine Anne mit den lan gen Wimpern , sie lebte und sie schlief im Saft der Früchte , in der Milde der Sommernächte , im betäubenden Blüten tau , in den Duftschwaden , in der Überfülle der Knospen . Ihr ganzer frischer , unschuldiger Leib war vertraut mit der Morgenröte , den Jahreszeiten , dem Licht . Mit ihren zarten Fußsohlen , ihren blühenden Wangen , ihren in den Flüssen planschenden Beinen , ihrem unbefangenen Leib , ihrem war men , nackten Körper , den sie gegen die rauhen Stämme preßte , ihren quellenden Brüsten , mit denen sie das feuchte Erdreich der frühen Morgenstunden berührte , mit dem run den Mund , den sie auf den fetten Ton der Täler drückte , mit den Achselhöhlen , die sie an dem trockenen , steinigen Boden der Täler rieb , mit den schwarzen Lilien ihrer Arme , die sie in die schmutzigen Pfützen der nächtlichen Regen güsse tauchte , mit dem blauen Haarschopf , den sie dem scharfen Nordwind überließ , mit ihrem ganzen Körper durchdrang Anne mit den langen Wimpern das Leben . Anne mit den langen Wimpern hatte nämlich nur drei Sinne , um ihre Umgebung wahrzunehmen : die samtigen , roten Wärzchen ihrer Zunge , die geblähten Nüstern ihrer schmalen , spitzen Nase und die Papillen ihrer fröstelnden , empfindlichen Haut . Um Pflanzen zu erschrecken , Bäume erschauern und Blütenkelche sich schließen zu lassen , um eine Panik in der Luft zu erzeugen , entsprungene Katzen zu ergreifen und Vögel einzufangen , die kleinen Fische er starren zu lassen und den Lauf der Bäche abzuschneiden , hatte sie ihren hohen , durchdringenden Schrei und ihr schril les Lachen , das sie jedoch selbst nicht hören konnte . Der Hunger lenkte ihre Zunge auf die süßen Insekten , die bitte

ren Pflanzenschößlinge , die herbsüßen Wurzeln und den würzigen Saft der Wildfrüchte . » Guten Tag ! « rief sie in dem Verlangen ihres Körpers dem Ast zu , dann sagte sie einem von kleinen Insekten wim melnden Erdhügel einige Schmeicheleien und machte sich über den hohen blauen Himmel lustig . » Anne mit den langen Wimpern ! Anne mit den langen Wimpern ! « trällerten die Jahreszeiten . » Bist du glücklich über unsere Launen , unseren Verlauf , die Gerüche , den Geschmack und die Form , die wir dir verleihen ? « , » Ich bin glücklich ! Glücklich ! « antwortete Anne mit den langen Wimpern den vier großen Rittern des Jahres . Frühling auf fuchsroten Rossen mit Schabracken aus blü henden Wiesen , Sätteln aus Moos , Zügeln aus Lianen , Gur ten aus Winden , gespornt vom Ozon und vom Regen ge peitscht . Sommer , Reiter in kurzem Galopp , in hartem Trab , mit Handschuhen aus Wohlgerüchen und Schuhen aus Wiesen heu ; gerader , unmittelbarer , schroffer Sommer mit dem Kupferhelm , mit Stiefeln aus Stroh und Sporen aus Son nenstrahlen ; Sommer , Spielmann der Säfte , der Gelege und der jungen Brut , in das Wams der Felder gekleidet , mit reifender Frucht behost , mit hellen Rufen gegürtet und mit blitzenden Schnallen aus Lachen ; Sommer , Stallmeister der Brunst und der Beschälung . Herbst mit seinen langsamen Begleitern , den Schnecken , Herbst mit den grauen Perlhühnern , den buntschillernden Farben und dem Moder , den Regengüssen und dem rot braunen Gezweig ; Herbst , der das Gefieder beizt , brandiger Herbst , Jäger mit Gebell und Hörnerklang , Parforcejäger , Treiber des Wilds , Vertreiber der Illusionen . Winter , draufgängerischer , bissiger , wundenschlagender Winter ; Winter , in Wolle und Nebel gehüllter lanzen schwingender Kältebringer , der die letzten fahlen Früchte im Winde schaukelt und wiegt ; Tanz der silberhellen Fische , Manege geflügelter Trugbilder ; eidechsengleich huscht wir 15

belnd die Zeit und bleicht das Haar ; feierlicher Reigen der Todespein , Parade der Aschenurnen und der aufgebahrten Leichname . Der Tanz der Zeiten , der Triebsand der Jahre , Ebbe und Flut hinterließen bei Anne keine Spuren , bei Anne mit den langen Wimpern , Anne mit den drei Sinnen , Anne mit ihren Schreien und ihrem Lachen , das sie nicht hören konnte , Anne mit ihren vier ritterlichen Dienern . Alle kannten sie , die Kinder , die Jünglinge und die jungen Mädchen , und jene , die noch keinen Liebhaber gehabt hatten , die schönen Frauenlieblinge und die Verschmähten , die Alten , die Greise und die Uralten in ihren Lumpen , alle kannten Anne , hatten Anne gesehen und gehört dank den beiden Sinnen , die der Menschen größter Stolz sind : den Augen des Herzens und den Antennen des Verstehens . Die Spu ren Annes mit den langen Wimpern finden sich allerorten , in einem Kruge voll Quellwassers , in einer Prise Sand am Meeresstrand , in jeder Handvoll frischer Humuserde , im Feuer glühender Wangen , im Regen tropfender Lider , in der Trockenheit der Lippen , im feinen Netzwerk der Luft , in den Wolken , im Mond , sogar an jenem stillen Ort unse res Selbst , wo jeder Mensch , was er auch tun mag , einsam ist . So lebte Anne mit den langen Wimpern , der kleine Mund ein offener Schrein , die Nasenlöcher Ringe , hauchdünnes Porzellan die Haut , der kurze Schrei ein Edelstein , das zarte Lachen ein Glöckchenklang mitten im Herzen des Lebens . Niemand kann sagen , und nie hätte jemand sagen können , seit wann Anne durch Zeit und Raum schwebte , wie alt sie war , wann sie ihre Milchzähne bekam und wann sie sie verlor , welches die genaue Farbe ihres Haars war , die mit der Jahreszeit wechselte . Man muß wohl anneh men , daß Anne mit den langen Wimpern nirgends ver weilte , daß sie vorbeieilte wie der Strom des Wassers in den Schluchten der Berge , Laub und Zweige knickend , Land und Leben aufrührend , in trunkenem Reigen die zerklüfte ten Küsten von Quisqueya la Belle umkreisend . 16

der Eten und den en winkeln ; frir auf der Stirn , kam ich und Inen die ten Eden agen Spu - Angefressen von den Motten der Zeit , von den Jahren , die sen Wanderratten , zerschunden von den Katzenkrallen der Sekunden , hin und her geworfen von den Tagen und den Nächten , kehrte ich zurück . Wenn ich die Wellen in der weiten Welt durchpflügt hatte , kam ich wieder , mit blassen Lidern , eine weiße Strähne auf der Stirn und zwei Fältchen in den Augenwinkeln ; fröstelnd , zerschlagen und glücklich kam ich zu der kleinen Insel meiner Sehnsucht , der licht umflossenen , farbenschillernden , zu meinem Land mit den schlanken Armen und den kraftvollen Beinen . Kaum erahnten meine Augen in weiter Ferne das lächelnde Antlitz ihrer Berge , den warmen Hauch ihres krausen Haarschopfs , den reifen Mais ihrer Schläfen , die Hirsefel der ihres Halses , die Streifen und die Bänder der Bataten felder auf ihrem Scheitel und das Reisstroh ihrer Brauen , so wußten meine Hände gleich : Sie nähert sich . Sie fühlten sie , sie bebten , sie wollten Anne mit den langen Wimpern ein Zeichen geben . Die blaue Meute meiner Wogen , alle meine treuen Hunde des Meeres umsprangen mich , kläfften fröhlich und leckten mir die Hände . Bei meinem Nahen richteten sich die kegelförmigen Hüte der nördlichen Berge auf und riefen freundschaftlich : » Guten Tag , Bruder . Was macht die Gesundheit ? « » Guten Tag , Brüder « , antwortete ich . » Man schlägt sich so durch . Und ihr ? « . » Nun , es geht . Bei uns ist ' s auch nicht anders . Die Regen güsse machen uns zu schaffen . « Dann kam ich zu den Palmen von Bombardopolis , sie wink ten und warfen mir Hände voll kleiner , harter Datteln zu . » Wir haben die Ehre « , sagten sie . » Ein hoher Baum glaubt weit zu sehen , doch der verwehte Same sieht weiter . « » Meine Hochachtung « , antwortete ich , wie es Brauch ist . » Habt ihr Anne mit den langen Wimpern gesehen , Nach barn ? Sie wandten ihre zerzausten Wedel ab , verbargen das Ge sicht und antworteten nicht . 1 nᏚes . des ebe . ann ver SIN Land Eifte 17

ceine Basen hen , die unter : opfen bera , Die Gipfel der Cahos mit den leuchtenden Hauben und den blauen Miedern machten mir ihre Aufwartung und boten mir in vergoldeten Himmelstassen einen starken Kaffee aus schwarzen Wolken an , über denen sich duftende Wölkchen kringelten . » Zu Ihren Diensten « , sagten sie . » Recht so , ihr Mädchen « , antwortete ich . » Ach , was für ein guter Kaffee ! Ihr seid immer sehr liebenswürdig . Aber wo ist Anne mit den langen Wimpern ? « » Alles wird sich finden « , murmelten sie . » Die Zeiten sind schwer , und der Tau ist schlecht , aber die eine Hand nimmt , und die andere gibt . « Sie lächelten traurig , dabei entblößten sie das Fleisch ihrer langen Zähne . Ich vergaß nicht , vor dem Trinken das tra ditionelle Trankopfer darzubringen , und ließ eine Träne auf die Erde fallen , einen Tropfen berauschenden Kaffees für unsere Toten , die unter ihr schlafen . Doch die Gipfel , meine Basen , hatten meine Frage nicht beantwortet . General Artibonite , mein aufbrausender und gutmütiger Ahnherr , trug in seinem Paradebett immer seine große Uni form aus Bastseide , Epauletten aus Schwemmsand , Sporen aus Dornen und orangefarbene Tressen . Die alten Kaimane lagen in Habtachthaltung am Ufer . Verschnittene , leuch tendgrüne Bananenstauden sprangen über seine Klinge . Gestutzte violette Blauholzbäume schritten wie Prälaten in feierlicher Prozession neben dem windungsreichen Patri archen . Meine übermütigen , schwarzbraunen kleinen Vet tern hüpften ihm über die wässerigen Knie , zwängten sich durch das Fell seiner Hosen und zupften ihn stürmisch am Bart . » Wer kommt da ? « rief der Fluß in barschem Ton . » Ich bin es , Onkelchen , dein Neffe , der zurückkehrt . « Dann , um mir zu zeigen , daß er noch immer gut beisammen sei , löste er zum Willkommen einen dröhnenden Kanonen schuß . Aber er war doch gealtert , der Gute . Es ging bergab mit ihm . War er vielleicht etwas schwerhörig geworden , 18

weil er den Kopf abwandte , als ich mich nach Anne mit den langen Wimpern erkundigte ? Ich sandte ihm , wie es bei uns Brauch ist , eine Barke , gefüllt mit Blumen , Früch ten , Kuchen , Bonbons , Wein und Likör , mit Dingen , die ich auf meiner Fahrt über die Kontinente in meinem Sack ge sammelt hatte . Der Strand von Montrouis schickte mir , als er mich kom men sah , Flöße aus frischgefällten Kokospalmen . Als die Nüsse sich öffneten , weinten sie und sprachen : » Leb wohl , mein Lieber . Wenn man Pech hat , kann einem sogar eine harmlose Kokosnuß den Schädel einschlagen , doch ein eige nes kleines Heim ist besser als ein großes bei fremden Leuten . « » Vielen Dank , Kusinen « , erwiderte ich . » Aber wißt ihr vielleicht , wohin Anne mit den langen Wimpern gegangen ist ? « » Leb wohl , mein Lieber « , sagten die leeren Nüsse . Als die Brabanter Spitzen und die dunklen Umhänge der Berge der Enfants Perdus vor mir auftauchten , rief ich ihnen zu : » Seid gegrüßt , Gevatterinnen ! « » Seid gegrüßt , junges Volk « , antworteten sie höflich . » Man kennt den wohl wieder , der vorbeikommt , doch wer ver mag zu sagen , ob er kommt oder geht , ob er zurückgekehrt ist oder wiederkommen wird ? « » Gevatterinnen , habt ihr Anne mit den langen Wimpern gesehen ? « » Lebt wohl , junges Volk . Anne ist vorbeigekommen . Sie hat sich nach dem traurigen Süden gewandt . Man weiß nie , über welche verlorenen Kinder unsere Sturzbäche wei nen . « Eine düstere Ahnung durchdrang mich . Ich beeilte mich . Ein Flügelschlag meiner Singvogelschwingen warf mich zurück , mich , den Sohn des Manzanillenbaums und den Compose der Straßenecken . Ich öffnete meine Flügel und ließ mich auf die Landzunge von La Guinaudée nieder . » O weh , o weh ! Mein Gott ! Du lieber Gott ! « 19

fen Zusarschutt , ja aus ein des Gescheln . Gottla Die aufstipe violet losser Waisen Die ganze Küste war nur noch ein einziger Trümmerhau fen zusammengebrochener Hoffnungen . Steinhalden , Ge strüpp , Schutt , Berge faulender Kadaver , zwischen denen Dörfer wie Inseln aus einem Meer von Unrat und Schlamm herausragten . Ein Berg des Grausens und der Schrecken , geborstene Säulen und Todesröcheln . » O weh , o weh ! Mein Gott ! Du lieber Gott ! « Umgeknickt , mit abgebrochener Krone , lagen die riesigen Aprikosenbäume auf dem zerwühlten Leib der Ebene . Der Goldstaub der Kakaobäume bedeckte das aufgequollene Vieh und die Leichname der Bauern . Der von Einschnitten zerstückelte , bis auf den Grund umgewühlte und ver wüstete Boden war gespickt mit dem Stroh der zerfetzten Dächer . Verendete Fische hingen an den Spitzen der Zweige . Die eingebrachte Ernte bildete einen Morast , aus dem Bla sen aufstiegen . Die Vögel , mitten im Gesang zerschmettert , hatten die violetten Schnäbel aufgesperrt und die Krallen im Krampf geschlossen . Die junge Brut kroch noch in die sem apokalyptischen Waisenhaus umher und wühlte mit den Mäulern im Morast , um erstickte Fliegen zu schnappen und Krümchen geretteter Tonerde , noch nicht verfaulte In sekten und verzweifelte Pilze zu knabbern . Mit geöffneten Adern und geronnenem Blut lagen die Flüsse , armlos , lük kenhaft , ohne Bett und das Netzwerk der Nebenadern . Das Haar der Quellen war abgerissen und hing kläglich verschnitten herab . » O weh , o weh ! Mein Gott ! Du lieber Gott ! Wo ist Anne mit den langen Wimpern ? « Aber alles war tot , und nur das Röcheln des Todes ant wortete mir . Der Sang des Schweigens verlor sich in der unhörbaren , schauerlichen Melodie des erstarrten Windes . Nur die Greise , die Verrückten und die jämmerlich Ver schiedenen tönten und bebten in einem nicht wahrnehm baren Geläut . Alles übrige war dem Unheil entflohen . In dessen schien mir mein schwarzbrauner Fluß , meine Gui naudée , die erwürgte Tote , noch leise zu atmen . und Krümchen gefelte Pilze zu knablisse , armlos , lük 20

» O weh , o weh ! Mein Gott ! Du lieber Gott ! Wo ist Anne mit den langen Wimpern ? « Ich hatte Heuschreckenbeine . Ich sprang . Silbrige Flossen entsprossen meinen Flanken . Ich tauchte ins Wasser . Mir wuchsen Kiemen und eine Schwimmblase . Ich bereiste alle toten Gewässer bis zu den verborgenen Quellen der Gui naudée . Dahin hatte sich Anne mit den langen Wimpern geflüchtet als Gefangene der Brunnen , die , blockiert und erstickt von dem ständig wachenden Tode mit seiner Meute verwesender Hunde , nicht mehr sprudeln konnten . » weh , o weh ! Mein Gott ! Du lieber Gott ! « Wie sollte ich mit der armseligen Stimme eines Straßen sängers , den kleinen Flügeln eines Singvogels , meinen schwachen Beinchen , den zarten Flossen , den Kiemen und der Schwimmblase eines Fischchens Anne mit den langen Wimpern erreichen und befreien ? » O weh , o weh ! Mein Gott ! Du lieber Gott ! « Doch mein Weheruf wurde dröhnender Gesang , mein Mund eine Posaune der Morgenröte . Meine Stimme ward ein Heer von Grillen , die mit allen ihren Bohrern zum Angriff übergingen . » Anne mit den langen Wimpern ! Anne mit den langen Wimpern ! Gib mir deine Zauberformel ! « Da sprang Anne mit den langen Wimpern mit einem Satz auf , drang in meine Ohren und flüchtete in meine Zunge . Und da wußte ich alles . Der Januar war trügerisch und mild , sprach Anne mit den langen Wimpern durch meine , des Compose , arme Zunge . Der Januar kam als ein glänzender Ritter , in schimmern der Rüstung , mit messingnen Handschuhen , einem Sonnen schild , einem Flammendegen und einer Lanze aus Wärme . Er brachte den Bauern , die von grausamen Fiebern erstarrt , von Untätigkeit gelähmt und von Mißernten ausgezehrt waren , neue Hoffnung . Sie sagten : » Aber die Zeit der Dürre ist recht mild , und es gibt reichlich Wild . Kamerad Januar ist ja ein solcher Schalk und hat seine eigenwilligen 10 21

ohne die Harthne seine Gitarreifen und Flöten , die Launen . Nun , so laßt uns tanzen ! Tanzen wir ein Menuett zu Ehren des Januars , des großen Erweckers , denn Anne ist mit ihm gekommen . « So sprachen die Bodenhocker , und so geschah es . Die Luft war erfüllt von Zauberkraft . Das zierliche Menuett ergoß sich über Berge und Hügel , über Stock und Stein , durch Täler und Schluchten , über Ebenen und Ufer der ganzen Guinaudée . Eine neue Überraschung brachte der Februar . Er kam , die Hände in den Taschen , auf seinen Pfeifen und Flöten der Kühle blasend , aber ohne seine Gitarre der frischen Passat winde , ohne die Harfe des Abendtaus , ohne das Glocken spiel des Morgentaus , mit glühenden Wangen . » Man sagt guten Tag , Madames , doch es ist der Herr , der hereinkommt « , meinten die vorsichtigen Leute . » Haltet die Augen auf . Gebt gut acht , die Luft ist trügerisch . Der Februar ist ein ungezogener Bursche ; wenn er lacht , so will er beißen , und wenn er weint , so will er lachen . « Trotzdem nahmen die Kinder den Februar an der Hand und sangen an allen Ufern der windungsreichen Grande Alse : Heirate , wer mag . . . - Goldener Mais < - > Die Zwiebeln am Rande des Marktes . . . Anne drehte und wen dete sich in jeder verliebten Nachtigall , in jeder Honig wabe , in jedem Sonnenstäubchen . Und für das Unken der alten Schwätzer hatte man taube Ohren . Der März verjagte den Februar mit Tritten in den Hintern und lief herbei , ganz bedeckt mit Sonnenstroh . Jetzt aber zeigten sich die Papaloas ernstlich beunruhigt : » Aufgepaßt , Kinder ! Dieser März kommt wie einer , dem nicht zu trauen ist . Wo mag er dieses helle strohige Licht gestohlen haben ? Wie ! Keine Wolken , keine Regengüsse , keine Hagel schauer ? Dieser Herumtreiber ist imstande , uns mit seiner hellen Sonnenfarbe ins Unglück zu stürzen . Man sagt , die großen weißen Zauberer haben erst zehn große Bomben explodieren lassen , um zu sehen , ob sie mit einemmal hun dert Millionen lebender Christen in die Luft sprengen kön Cuberer hanen , ob sie Luft sprengo 22

nen . Sie haben diesen unverbesserlichen Mars , dessen Kopf ohnehin schon gelitten hatte , völlig durcheinandergebracht . Aber schließlich , Gott ist gut , und die Loas sind unsere Väter , und Anne mit den langen Wimpern ist immerhin da . . . « Man konnte nicht wissen , was noch geschehen würde , denn Antoine Langommier war seit langem tot , sein weißes Haar und das Leid , das ihm widerfahren war , hatten ihm den Rest gegeben . Ach , die alten Faselhänse werden immer was zu schwatzen haben . Man hatte ja Anne , Anne mit den langen Wimpern , die herumtollte und mit ihrer Zauber kraft tausend Wunder vollbrachte , trotz Sonnenglut und sengender Dürre . Der April war ein toller Feuerwerker . Er brachte Schweiß ausbrüche , versengte Augen , Hitzeblattern an den Beinen . Die Bataten auf den Feldern wurden bei lebendigem Leibe geröstet , die Erbsen in den Gärten wurden gekocht , das Zuckerrohr trocknete aus und fing an einigen Stellen Feuer . Alles lief mit Wassereimern herbei . » Wehe ! Wehe ! Wehe ! Der April ist ja ein solcher Vaga bund ! Wenn er sich nicht dort herumgetrieben hat , wo die Weißen , diese Tollköpfe , Wolken , Luft und Meer vergif ten ! Der Geruch von all diesen Teufeleien macht unseren tapferen April ganz verrückt . Man sollte einen Gottes dienst zu Ehren Azaca Médés , des himmlischen Landwirt schaftsministers , abhalten . « Doch obgleich die Sonne einem Schmelzofen glich , brauchte Anne mit den langen Wimpern nur einige Fingerspitzen Zauberpulver in die Bäche , in die Wassergräben und die Kanäle zu werfen , und die Gärten fanden ein wenig Was ser , ihren Durst zu löschen . Überall zugleich war sie , Anne mit den langen Wimpern . Sie drang in das Fleisch der Mangofrüchte , und sie erblühten wie die Morgenröte ; sie besuchte die Auberginen , und sie wurden wie die Abend dämmerung ; sie tauchte in den Rum , und er erhielt die Farbe des aufgehenden Mondes .

Der zierliche junge Mai nahte in der Gestalt eines glieder lahmen , kleinen alten Weibleins . » Tip ! Tap . . . Tip ! Tap . . . Mühsam schleppt man sich ab . . . « . Nun kannte die Verwunderung keine Grenzen . » Wenn der prächtige Mai in einem solchen Zustand ist , wie wird es dann erst demnächst bei uns aussehen ? Schaut nur , was sie angerichtet haben ! Ah , sie haben den Jahresablauf durcheinandergebracht , die Jahreszeiten auf den Kopf ge stellt , und alle Monate tragen nun ein falsches Gewand . Ihr werdet es sehen ! Bald wird es über die Wochen her gehen . Der Mittwoch wird dem Sonnabend die Hand rei chen , der Freitag dem Montag folgen , der Donnerstag wird sich dem Dienstag zugesellen , und auf den Sonntag wird man überhaupt nicht mehr rechnen können . Sei ' s viel oder wenig , es ist besser als gar nichts . « Auch die Alternden sahen sich in ihrer Hoffnung , das Früh jahr würde ihre Triebe neu beleben , getäuscht . Kein Trop fen Wachstumsmilch stieg den jungen Burschen in die Nase , obgleich sie , da sie vorsichtshalber saure Früchte gegessen hatten , keineswegs zurückgeblieben waren . Nicht ein ein ziges junges Mädchen sah die rote Blume der ersten Regel erblühen , und die sprossenden jungen Brüste , diese warmen , jungen Vögelchen , kannten kein Erschauern . Selten knüpf ten sich neue Liebesbeziehungen an . Es lag keine Zärtlich keit in der Luft . Kein schmeichelnder Windhauch strich über die fruchtverheißenden Schenkel dieser sinnlichen Erde . Brü tende Hitze . Gereiztheit . Sengende Glut . Das Land lohte . Gevattern und Gevatterinnen mühten sich in der brennend heißen Sonne . Vergebens hatte Anne mit den langen Wim pern ihre zarten Würzelchen eingerollt , so daß sie wie ein runzliger Kaktus aussahen . Sie zog aus , die Wolken zu holen . Der Juni lieh sich den silbernen Nachen Agouet - Arroyos , des göttlichen Königs der Gewässer . Juni , der mutige Schif fer , kam an der Spitze aller Arten von Regen , die man sich nur vorstellen kann : rosenfarbiger Mehlstaub , menthol obciachstumsmitzebe neu belah rer Hoffnun 24

duftender Sprühregen , heißer Brodem , große Tropfen mit dem Geruch feuchter Tonerde , singende Regengüsse , tan zende Kaskaden , tolle Sturzbäche , hart zuschlagende Ge witterstürme . Anne mit den langen Wimpern führte die Parade der gesegneten Niederschläge an . » Juni , der Schiffer , hat uns gerettet « , sagten die alten Leute , » aber die Uhr der Jahreszeiten ist völlig durcheinander geraten . Die Weißen haben sicherlich wieder etwas Bösarti ges in der Luft explodieren lassen . Der Juni ist gut , aber früher war er nicht so ungestüm und viel vernünftiger . Was soll das viele Wasser bedeuten ? « » So sind die Alten « , spotteten die jungen Leute . » Kaum scheint mal die Sonne , da stöhnen sie gleich , sie bekämen einen Sonnenstich , wird es kalt , so beklagen sie sich über die Grippe , ist es feucht , so jammern sie über Rheumatis mus . Und ist die Dürre endlich vorüber , so prophezeien sie Epidemien und die Sintflut . Laßt euch nichts weismachen ! Baden wir im Regen ! « Die Schmetterlinge kamen . Die zum Johannistag gepflanz ten Bananenstauden würden zwei Büschel geben , die Gua javenbäume zwei Ernten , und die Mangobäume würden in jeder Jahreszeit Früchte tragen . In den Büschen hörte man den frohen und glücklichen , den rauhen oder klagenden , unschuldigen Gesang der Paarung der Geschlechter , diesen heiteren und reinen Dank an das Leben , das Abc der Menschlichkeit , Zauberborn aller Schönheit und Freude , Stein der Weisen , Wunder aller Wunder . Juli , der reiche Händler , kommt wie eine große Ratte . - Wenn er die Schnauze vorstreckt , so will er alles haben , Ähren und Trauben , die Nachlese und das letzte kleinste Träubchen . Die Kinder haben ihren Zahnwechsel . » Ratz ! Ratz ! Hier ist mein schöner , kleiner Zahn , schaff mir ’ nen neuen großen an . « Milchzähne , Augenzähne und Schneidezähne purzeln über Giebel und Dächer . » Seit wann ist es beim Juli Mode , so einen feuchten Schim 25

mer zu haben ? Sicherlich haben diese verflixten Weißen wieder einen Sprengkörper für ihre Kriege losgelassen . « » Hört nur diese Griesgrame ! Die Tracht der Blüten , die Früchte und die Samen quellen im Schoß der Erde und drängen empor zu den Wonnen des Lebens . Und sie finden immer noch etwas auszusetzen . « Was Anne mit den langen Wimpern betraf , so schaukelte sie sich mit den Libellen im Glanz der Teiche . Sie zuckte zusammen , wenn sie mit gespanntem Ohr der schmerzlichen Klage der reifenden Kassawen lauschte . Ihren saugenden Mund legte sie an die Retorten der Fruchtstiele . Mit Ent zücken nahm ihre Nase den süßen Duft der frischen Säfte auf . Mit gierigem Verlangen drang sie ein , und ihr Herz jubelte über das Wachsen und Reifen allerorten . Der Monat August , der Küster , war voller Klang . Er brachte bronzene , kupferne und helle Töne . » Seht nur , seht ! Der August hat den ganzen Blütenwein getrunken . Er ist besoffen wie ein Stint . Eine Standesper son ! Seht ihn nur an ! Ein Bauch wie ' n Erzbischof , schlur fender Gang , den Bart voller Eiszapfen . Wo hat er nur das Eis her in dieser Jahreszeit ? Aha ! Die Weißen haben sicher wieder ein neues Feuerwerk erfunden . Ich sage euch , einst wird es ihnen in die Fresse fliegen , diesen Idioten ! Reden wir nicht von Unglück , aber das muß man sagen , der Him mel kennt keine Gerechtigkeit mehr . Elend und Erbarmen ! « » Der Himmel nicht mehr gerecht ? Was sie nur wollen ! Habt ihr das gehört ? Wegen eines kleinen Hagelschauers , der kei nem Kohlkopf was zuleide getan hat ! Seit zweihundert Jahren lebt der Bauer im Elend . Wenn er es satt hat , wird er wieder zum Gewehr greifen müssen . Aber jetzt laßt uns tanzen , und ein Hoch auf den August ! « Der Hagel klang hell auf den hohlen Bäuchen , der scharfe , kalte Hagel . Die Pipirites , die Morgensänger , begannen mit der Méringuée , die Ammern fielen mit dem Congo ein , und die Holztauben schlossen mit dem Rada . Anne mit den langen Wimpern schlief in dem Gesang . 26

Der September war weder warm noch kalt , weder naß noch trocken , weder verschwenderisch noch knauserig . » Das lasse ich mir gefallen ! Endlich ein September , wie wir ihn kennen . Ein September für Bauern , der uns die Ernte einbringen hilf . « Oje ! Sie hatten noch nicht ausgeredet , da stürzte ihnen der Himmel auf den Kopf . Ein Zyklon , wie man dergleichen nicht gesehen hatte . Ein Hurrikan , der die Felder in die Lüfte hob , die Dörfer auf die Gipfel der Berge trug und die Städte ins Meer warf . Die Erde bebte , die Flüsse stiegen stromauf zu den Quellen und ergossen sich über Ebenen und Täler . Die Berge dagegen stürzten sich ins Meer . Das Meer überschwemmte in einer rasenden Sturmflut das Land . Hunderttausend kamen darin um . Damals geschah es , daß Anne mit den langen Wimpern verschwand , untergegangen mit der ganzen Grande - Anse , untergegangen mit der Belle Guinaudée , sang - und klanglos , einfach erstickt . Der Oktober war ein Meerungeheuer . Wer nicht in Stücke gerissen , zerfetzt , zermalmt , ausgelöscht , verdampft war , der kam im Wasser um . Der Oktober ersäufte alles , was übrig war . Der Oktober war die Sintflut , die Apokalypse , das Ende der Welt . Wieder kamen hunderttausend ums Leben . Der November war ein wütender Hund , ein Wolf , ein Oger . Er brachte eine Hungersnot , wie kein Mensch sie sich vorstellen kann . Der Schrecken waren so viele , daß ein Mund , der sie aufzählen wollte , für immer verstummen müßte . Noch einmal gingen hunderttausend zugrunde . Der Dezember war der Leichenkärrner . Er war Präsident der Republik , Wohltäter des Vaterlandes , Minister , Bür germeister , Abgeordneter , Senator , General und Oberst . Er vollendete alles . Der Zyklon war Hazel , der Schlächter , doch die Menschen waren mit Zähnen , Klauen und Haken Leichenkärrner . Hunderttausend wurden zum Tode ver urteilt . Jeder Monat hat seine vier Schmetterlinge , und jede Woche hat ihre sieben Farben , einen blauen Tag , einen rosaroten 27

Tag , einen grauen , einen grünen , einen weißen und einen violetten Tag , und der letzte schmückt sich mit der Farbe eines jeden Herzens . Jeder Tag hat seine vierundzwanzig Mäuse , die an dem Brot der Stunden knabbern , und jede Sekunde ist ein kleiner Zahn , der am Herzen nagt . . . Anne mit den langen Wimpern war nicht tot . Eine Prise Zauber pulver genügte , die Guinaudée ins Leben zurückzurufen , so daß sie mit frohem Herzen von neuem zu fließen begann . Hunderttausend Bauern standen wieder auf , und der Mut , die Arbeit , die Brüderlichkeit , Tugenden , die ebensoviel wiegen wie das Zauberpulver , taten das übrige ; doch das ist eine andere Geschichte , die ich besingen werde , wann im mer Anne mit den langen Wimpern auf meiner Zunge wohnen will , wenn ich die Flügel eines Singvogels , die Beine einer Grille , die silbrigen Flossen und die Kiemen eines Fischchens wiederzufinden vermag . Doch kaum hatte ich meine Blicke über das neuerblühte Land schweifen lassen , da erschien schon ein Wachtmeister der Landgendarmerie mit einem langen Schnurrbart . Er warf mir vor , die Behörden zu verunglimpfen , beschuldigte mich , durch aufrührerische Reden die öffentliche Ordnung zu stören , schlug mich mit seinem Stock und gab mir einen Tritt in den Hintern . Durch diesen Fußtritt bin ich heruntergefallen und hier ge landet , wo ich euch die wunderbare Geschichte von Anne mit den langen Wimpern erzähle , eine Geschichte , die besser als ich der Alte Karibenwind besingen wird , der Passat der Menschen liebe , der erste unter allen Composes , Märchen erzählern und Zauberern , die Quisqueya la Belle hervor gebracht hat . Die Geschichte von Anne mit den langen Wimpern , die , wenn nicht die großen Zauberer unserer Zeit eines Tages die Erde in die Luft sprengen werden , ewig fortleben wird im Saft der chromgelben Aprikosen , in der prickelnden Würze , dem kühlenden Eis der lieblichen Ana nas , im Schimmer der Schalen und dem herben Lächeln des Saftes der Zitrone , im Rausch des Nektars und in dem ver

führerischen Geist der Feldblumen , in den duftschwangeren Wanderungen wirbelnder Pollen , in der dunklen , pulsen den Lust der Wohlgerüche . » Bravo , Freundchen ! « sagte der Alte Karibenwind zu mir . » Übe dich fleißig , arbeite , vielleicht wirst du eines Tages noch Besseres machen . Ich hatte die Absicht , an einem die ser Abende die Geschichte von Anne mit den langen Wim pern zu besingen , aber da du es schon getan hast , brauche ich es nur in den Spinnstuben zu wiederholen , diesen Abendschulen des Landes und der Vorstädte . Um die alte Poesie und den Sagenschatz von Quisqueya la Belle leben dig zu erhalten und um das Leben kennenzulernen , sind die Abendunterhaltungen der sogenannten unwissenden Neger ebensoviel wert wie die großen Schulen in den Städten . Schließlich haben sie meist nur diese eine Schule ! Tun wir unser möglichstes , um den Geist von 1804 in den Herzen der Menschen zu erhalten , die Erinnerung an unsere Kämpfe , die Überlieferungen , die guten Sitten , all unsere Schätze , die Brüderlichkeit , die Freundschaft , die Liebe und ein rei nes Herz ! Es gibt eine Fabel , die du vielleicht vergessen hast , sie ist alt und groß und tief . . . Höre also , mein Sohn , die Fabel von Tatez ’ o - Flando Unsere Erinnerung und unser guter Wille sind durchwebt und durchwirkt von alten Geschichten . Die Männer spre chen oft schlecht von den Frauen , abends in den Spinn stuben , und die Frauen machen es ebenso mit den Männern . In das Wechselspiel ihrer Liebesbeziehungen legen indes Männer wie Frauen soviel Leidenschaft , warum also reden sie schlecht voneinander ? Liebe ist blind , unvernünftig und unerklärlich , und sie wird immer jeder Erklärung spotten , so hört man oft die Leute sagen . Aber ich , der Alte Kariben wind , glaube , das Menschengeschlecht hat noch nicht das

Verstandesalter erreicht . . . Und doch , wie stolz seid ihr auf eure Vernunft , auf euer Wissen , auf euren Fortschritt ! Ihr gebt der Liebe schuld ? Ich sage euch , ihr selbst seid trotz aller eurer Fortschritte blind , uneinsichtig , verrückt , unver nünftig , krank an Kopf , Herz und Sinnen geblieben . Bei der Liebe ist es wie bei eurem gesamten übrigen Tun : In vieler Hinsicht seid ihr noch in einem vorlogischen Stadium , seid Mystiker , vernünftelnde Tiere , aber noch nicht ver nünftige . Ich bemerke wohl , daß es sich zu wandeln beginnt , aber noch seid ihr nicht soweit , merkt euch das ! Eine Frau hatte einen Fremden geheiratet , dessen Namen niemand kannte . Wie kann man denn überhaupt einen Mann heiraten , dessen Namen man nicht weiß ? werdet ihr mich fragen . Mysterium der Liebe , Geheimnis des Herzens oder Rätsel der Zeit , jedenfalls verhielt es sich so , daß diese Frau ihn , dessen Namen sie nicht kannte , geheiratet hatte . Sie hatte schon drei Kinder , und noch immer raunten die Leute , wenn sie vorbeikam , einander zu : » Wie kann man nur einen Mann heiraten , dessen Namen man nicht kennt ? « Diese Scheinheiligen ! Sie sprachen nur so , weil es ihnen nicht ebensogut ging , weil sie gar schlechter daran waren . Wie dem auch sei , das Hauswesen war tadellos und sauber gehalten . Die Frau betätigte sich als Mutter einer ehren haften Familie , und ihr Mann brachte ihr pünktlich das Wirtschaftsgeld heim . Es war nicht viel , doch genug , um be scheiden und würdig leben zu können , während die meisten anderen Frauen im Ort sich über den elenden Lohn ihres Mannes beklagten . Indessen war diese Frau seit ihrer Heirat so traurig gewor den , wie wohl nie zuvor ein menschliches Wesen gewesen sein mag . Sogar die Form ihres ovalen Gesichts schien gräm lich , ihr Teint war spröde und gelblich , ihre Stirn war um wölkt , die Ohren waren duckmäuserisch , die Brauen sor genvoll , streng und düster , die Augen blickten finster , die Nase war geheimnisvoll und tragödenhaft , der Mund voller 30

Weltschmerz , das Kinn heimwehkrank , der Hals herb , die Kleider und der ganze Körper waren eitel Kummer , Sorge und Verdruß , die Beine übellaunig , die Füße verzweifelt und unbeholfen . . . Wenn sie auf den Markt kam , dann flüsterten die Gevatterinnen so laut , daß sie es hören konn te : » Das hat man davon , wenn man einen Mann heiratet , dessen Namen man nicht kennt . < < Sie antwortete niemals , beklagte sich nicht und beeilte sich , nach Hause zu gelangen , um ihren häuslichen Arbeiten nachzugehen . Jeden Abend , bei Einbruch der Nacht , kehrte der Mann , der immer schon beim ersten Morgengrauen fortging , zu rück . Pünktlich . Er küßte schweigend seine Frau und seine drei Jungen und setzte sich ruhig in seinen Lehnstuhl , dann schrie er plötzlich mit schrecklicher Stimme : » Frau , zieh mir die Stiefel aus ! « Alles im Hause zitterte dann . Die Frau zitterte , die Kinder zitterten , die Nachtfalter zitterten , sogar der Fußboden und die Decke zitterten . Darauf lief die Frau eilig herbei , warf sich vor ihrem im Lehnstuhl bequem zurückgelegten Mann auf die Knie und machte sich daran , ihm die Stiefel auszuziehen . Wenn sie damit fertig war , verging eine Weile in Schweigen , dann schrie der Mann von neuem : » Frau , wasch mir die Füße ! « Alle im Hause zitterten wieder , alles bebte , das Tischtuch auf dem Tisch , die Bettlaken , die Gardinen , der Papagei in seinem Käfig , die Maus in ihrem Mauseloch . Die Frau stürzte herbei , einen Krug warmen Wassers in der Hand , und wusch ihrem Mann sorgfältig die Füße . Wenn das ge schehen war , dann war es wieder eine Zeitlang still . Doch plötzlich brüllte der Mann mit Stentorstimme : » Frau , bring mir mein Abendbrot ! « Das ganze Haus bebte , die Wände , die Stühle , der Tisch , der Hund , die Katze , sogar die Abendluft . Die Frau rannte in die Küche und war wie der Blitz wieder da , trug auf , gab ihrem Mann zu trinken , wischte ihm den Mund ab ,

fächelte ihm Kühlung zu , immer neben ihm stehend . Der Mann aß schweigend , man hörte nur das Geräusch seiner mahlenden Kiefer , nie ließ er einen Vorwurf hören , er be anstandete nichts und sagte nichts . Wenn er gegessen hatte , erhob er sich ohne ein Wort , betrachtete die Nachtfalter , die um die Lampe flatterten , das Mauseloch , den Papagei , der in eine Ecke seines Käfigs geflüchtet war , die Katze unter dem Bett , den Hund , der sich in einen Winkel hinter dem Lehnstuhl verkrochen hatte , die drei Jungen , Jacquot , Pier rot und Paulo , die eng aneinandergeschmiegt und an die Wand gedrückt auf dem Bett lagen , und schließlich die Frau , die mit keuchender Brust , schlotternden Armen und geschlossenen Augen mitten im Zimmer stand . Dann ging er langsam , mit schweren , stampfenden Schritten , um den Tisch herum , während alles schwieg , die Fliegen wie ge lähmt an den Wänden saßen , die Nachtfalter reglos in der Luft hingen und das ganze Haus vor Schreck erstarrte . Er blieb stehen , löste langsam seinen Ledergürtel , schwang ihn in der Hand , und dann brach ein Donnerwetter los : » Frau ! Wie ist mein Name ? « Die Frau öffnete den Mund wie ein großes O und blieb so einige Sekunden stehen . Dann brach der Sturm los , der Hurrikan , der Zyklon . Wie Regen prasselten die Gürtel hiebe nieder auf die heulende Frau . Fliegen und Nachtfal ter begannen mit surrenden Flügeln einen Höllentanz , die Maus in ihrem Loch wurde verrückt und piepste in den höchsten Tönen , die Katze jaulte wie ein verwundeter Tiger , der Hund kreischte wie ein ganzes Dschungeldickicht am Amazonas , die Kinder plärrten wie ein Nest voll jun ger Kuckucke , die Wände klirrten , Fußboden und Decke bebten , die Möbel wankten vor Schreck . Die Frau antwor tete laut heulend : » Du heißt Gustave . . . « Alles erstarrte , und eine Stille entstand . » Du lügst , Frau ! Frau , wie ist mein Name ? « Und wieder hagelten die Schläge nieder auf die Frau , die flehend , keines Wortes mächtig , die Arme hob . Und wieder 32

wütete der Sturm in wilder Erregung und blies seinen Atem durch das ganze Haus . Die Frau antwortete : » Du heißt Nebukadnezar . « Das ganze Haus hielt den Atem an . Ruhe . Schweigen . » Du lügst , Frau ! Frau , wie ist mein Name ? « Und wieder zischte der Gürtel und klatschte nieder auf die arme Frau , die mit erhobenen Armen dastand . Der tolle Wirbel wiederholte sich und warf alle und alles durchein ander in dem kleinen , in einsamer Nacht verlorenen Haus . Die Frau antwortete : » Du heißt Ua - Tse - Tschang - At schum . « Totenstille . Aufatmen . Ruhe . » Du lügst , Frau ! Frau , wie ist mein Name ? « Jahre vergingen , lange Jahre , in denen sich Abend für Abend dieses unwürdige Possenspiel wiederholte , das je nach der Jahreszeit kürzer oder länger dauerte . Nach einer Weile ließ dann der Mann den Arm sinken , eine Wolke überzog seine Stirn , und er murmelte zwischen den Zähnen wirre Worte . Mit einem Seufzer der Erleichterung ent spannte sich die Atmosphäre , und der Friede kehrte wieder ein . Alle machten sich bereit , schlafen zu gehen , das Licht erlosch , der Mann murmelte noch lange vor sich hin , dann schwieg er . Vielleicht schlief er gar zuweilen ? Jacquot , Pierrot und Paulo wuchsen heran . Paulo war sie ben , Pierrot zehn , Jacquot zwölf Jahre alt geworden . Mit zwölf wird ein Mann sich seiner selbst bewußt , er nimmt sich ernst , er traut sich Kraft zu und träumt davon , das Leben zu meistern und die Welt zu bessern . Eines Morgens war der Vater , wie üblich , beim ersten Tageslicht fortge gangen . Tags zuvor war die abendliche Komödie unseliger und heftiger gewesen denn je zuvor . Jacquot sagte zu seiner Mutter : » Mutter , was hier geschieht , das darf so nicht wei tergehen . Ich will nicht mehr , daß du geschlagen wirst . Ich gehe fort , ich werde den Namen meines Vaters erfahren , und alles wird ein Ende haben . « 33

» Mein armer Junge « , antwortete die Mutter , » du bist ja erst ein ganz kleines Stückchen von einem Mann . Wie sollte es dir gelingen , das Geheimnis deines Vaters , dieses riesigen Mannes , zu ergründen ? Keiner hat es je erfahren können , auch andere nicht , die viel stärker sind als du . Auch ich , deine Mutter , habe zwölf Jahre lang alles versucht . Schlag dir diese törichten Pläne aus dem Kopf , geh fleißig in den Unterricht , mach deine Schulaufgaben , iß , trink , schlafe , geh an den Fluß spielen und jage den Schmetterlingen nach . Immerhin bin ich ja nicht gestorben an all dem Elend , und ich habe dich . Nehmen wir als gute Christen schweigend unseren Leidensweg auf uns , und solange wir noch leben , wollen wir uns des Lebens erfreuen . « » Heute bin ich zwölf Jahre alt geworden , ich bin jetzt groß , und ich sage dir , du wirst nicht länger unglücklich sein . « Die Mutter mochte tun und sagen , was sie wollte , Jacquot war starrköpfig . Seine Brüder hörten verwundert zu . Heim lich schlich er eines Morgens seinem Vater nach , als dieser , wie immer , bei den ersten zärtlichen Strahlen der Sonne fortging . Mit raschen Schritten marschierte Jacquot hinter seinem Vater her , der weit ausschreitend in den frühen Tag hinein wanderte . Sie kamen durch den noch im Schlafe liegenden Weiler , durch Maniokfelder , die mit geschlossenem Munde ihre schmerzliche , gepreßte Klage in die Morgenkühle rie fen , durch fröhlich raschelnde Zuckerrohrfelder , durch smaragdgrüne Bananenpflanzungen , sie streiften die Mee resküste , erstiegen Hügel und dichtbewaldete Berge , gingen durch große Wälder , in denen Vögel hingebungsvoll ihre Stimme übten , über weite Steppen mit großen , leuchtenden Gräsern , sie überquerten die fette , fruchtbare Ebene , sahen einen grünschillernden Teich , einen vom Rausch der Höhe verzückten Flamingo , einen Stier , der mit bösen Augen wütend stampfte , Jonjons mit ihren fröhlichen , unschuldi gen Schnäbeln ; nachdem sie zahlreiche silbrige Bäche durch watet hatten , gelangten sie an den großen Fluß mit dem 34

schaumigen weißen Gefieder . Von beiden Seiten senkten sich die Berge steil zu dem Tal hin und bildeten zwei Mauern der Harmonie für die Musik der Wogen . Der Mann entkleidete sich . Jacquot verbarg sich in einem Gebüsch und hielt gespannt Augen und Ohren offen . Sein Vater war schön wie ein Baum . Welch blühender Körper , welche Kraft und Fülle ! Die Schenkel , die Beine fielen zum Boden ab wie ein senkrechter Sturzbach , die Arme stiegen gen Himmel wie Geysire , und die Seen der großen Augen glänzten und lebten in erschütternder Verzweiflung . Der Vater begann zu tanzen . Er tanzte mit kurzen , raschen Sprüngen auf der Stelle wie ein Bär . Er sang : » Ich heiße Tatez ' o - Flando ! Ich heiße Tatez ' o - Flando ! An dem Tage , da mein Weib den Namen weiß , zerspringe ich wie eine Bombe ! Ich heiße Tatez ’ o - Flando ! « Begierig lauschte er der Stimme seines Vaters , der sang und dazu tanzte . Das war es also ! Tatez ' o - Flando ! Dann legte sich der Mann auf die Uferböschung , sein Haar tauchte in den Fluß . Er weinte . Jacquot sprang aus dem Gebüsch und flog davon wie ein Pfeil . Immer sprach er hastig vor sich hin : » Mein Vater heißt Tatez ’ o - Flando . An dem Tage , da sein Weib den Namen weiß , zerspringt er wie eine Bombe , hat er gesagt . « Jacquot verließ die Schlucht , in der der große Fluß mit dem schneeigen Gefieder rauschte . Tatez ’ o - Flando . . . Er durch watete die zahlreichen Silberbäche , die ihn freundlich ein luden : » Jacquot ! Komm baden ! Vertreib dir die Zeit ! « Er antwortete nicht und zog vorüber wie ein Stern . Tatez ’ o Flando . . . Mein Vater heißt Tatez ’ o - Flando . Tatez ’ o Flando . Er begegnete den Jonjons , die über ihm kreisten und ihm fröhlich zuriefen : » Jacquot , sieh doch , wie hübsch wir sind ! Komm mit uns ! « Er sah nicht hin und hastete weiter . Tatez ’ o - Flando . . . Mein Vater heißt Tatez ’ o - Flando . Tatez ’ o - Flando ! Er sah 35

den bösen Stier , der mit den Hufen stampfte und sagte : Jac quot , komm , bleib stehen ! Hast du je einen schöneren und wilderen Stier gesehen ? Komm und bewundere mich . « Er wandte den Kopf ab und flog durch die Luft wie ein Blitz . Tatez ' o - Flando . . . Mein Vater heißt Tatez ’ o - Flando . Tatez ’ o - Flando ! Er sah den Flamingo mit ausgebreiteten Schwingen reglos in der Luft hängen , er öffnete den großen Schnabel und rief : » Jacquot , halt an ! Ich komme dich holen und will dich durch die Wolken tragen . « Jacquot blickte nicht einmal auf und lief , so schnell er konnte . Tatez ’ o - Flando . . . Tatez ’ o - Flando . . . Tatez ' o Flando . . . An dem grünschillernden Teich lächelten ihm die Lotosblüten zu . Nein ! Tatez ’ o - Flando . Mein Vater heißt Tatez ' o - Flando . . . Er rannte mit keuchender Brust über die saftige Ebene , durch den verwunschenen Wald und über die strahlenden Hügel , und alle riefen sie ihn . Er antwortete nicht . Atemlos lief er weiter . Tatez ' o - Flando ! Mein Vater heißt Tatez ’ o - Flando . Er gelangte ans Meer , das seine königsblauen Röcke schwenkte und rief : » Jacquot , komm baden . Ich tanze . Komm , tummle dich mit mir . « Der kleine Jacquot hörte nicht darauf , er lief weiter , mit schleppenden Schritten , und ganz außer Atem , aber hart näckig wiederholte er : » Tatez ’ o - Flando . « Er sah wieder die Bananenpflanzungen , die Zuckerrohr - und Maniokfelder , und alle sangen , wie es ihnen ums Herz war : » Jacquot , sieh hier , die Früchte , die Stengel , die Blumen . . . Ruh dich aus in unserem kühlen Schatten und spiel mit den Zikaden . « Keinem von ihnen antwortete Jacquot , er stolperte , doch verbissen setzte er seinen Weg fort . Tatez ' o - Flando ! Auf der Place d ' armes gab es einen Zirkus mit großen Ele fanten , die tanzten , mit zähnefletschenden Tigern , mit Af fen , die Possen trieben , und mit Clowns , die den Kindern Bonbons , Eis und Kuchen zuwarfen . Jacquot blieb außer Atem stehen und sah zu . Gleich trat ein Clown an ihn her an , dessen Gesicht sieben verschiedene Farben zeigte , und die Augen waren wie Abende , der Mund wie der Morgen . 36

» Guten Tag , Jacquot « , sagte er zu ihm . Er schenkte ihm einen schönen roten Luftballon , Gersten zucker und Kuchen , schnitt lustige Grimassen für ihn , spielte Flöte und tippte ihn an die Stirn . Jacquot staunte , doch er riß sich los und ging weiter . Wie sagte doch mein Vater , daß er heiße ? Ich glaube , er sagte : Claquez ’ un Baba . Ja , das mußte es sein , Claquez ' un Baba . So ist ' s Claquez ’ un Baba . Er kam atemlos zu Hause an , unaufhörlich wiederholte er : » Claquez ' un Baba . Mein Vater hat gesagt , er heißt Cla quez ' un Baba . « » Mutter ! Mein Vater heißt Claquez ’ un Baba . « » Claquez ' un Baba ? Bist du sicher , mein Kind ? Wie kann man nur Claquez ’ un Baba heißen ? Du hast es gewiß falsch verstanden , mein Kleiner . « » Ich bin ganz sicher , Mutter . Mein Vater hat gesagt , er heißt Claquez ’ un Baba . Ich bin nicht mehr klein . Claquez ' un Baba , sage ich dir . « Als es Abend war und die Mutter ihrem Mann antwortete , er heiße Claquez ' un Baba , da wurde sie ärger geschlagen als je zuvor . Nun erklärte Pierrot , er sei imstande , den Namen seines Vaters herauszubekommen . » Mein guter Pierrot ! Du ? Ein solches Männlein , das noch weint , wenn es seinen Erbsbrei essen soll ? Auch Jacquot hat geglaubt , er könne es , mit dem Erfolg , daß ich ärger ge prügelt wurde als je zuvor . Nein , Pierrot , wenn dein Bru der es nicht fertiggebracht hat , dann wirst du es auch nicht besser machen . Er wird mir zumindest den Arm zerbrechen , wenn du dahin gehst . Bleib hier , mein Kleiner . « Pierrot stampfte mit dem Fuß auf . » Ich bin ebenso stark und ebenso schlau wie Jacquot . Es ist auch schon lange her , daß ich geweint habe . Ich gehe , und es wird mir glücken . « Man konnte zu Pierrot sagen , was man wollte , er runzelte nur trotzig die Brauen und antwortete nicht . Eines Morgens ging er im auberginenfarbigen Frühlicht fort und schlich seinem Vater nach . 37

Alles , was Jacquot gesehen hatte , sah auch Pierrot . Alles , den schlafenden Weiler , die Felder , das Meer , die Berge und die Hügel , die großen Wälder , die Steppe , die fruchtbare Ebene , den Teich , den Flamingo , den Stier , die Jonjons , die Silberbäche und schließlich das Tal mit den Felswänden der Harmonie und den großen singenden Fluß . Pierrot sah , daß sein Vater sich entkleidete . Sein Vater war schön wie ein Gipfel der La - Selle - Berge . Er tanzte , und dann sang er : » Ich heiße Tatez ’ o - Flando ! An dem Tage , da mein Weib den Namen weiß , zerspringe ich wie eine Bombe . « Pierrot prägte sich die Worte fest ein . Ebenso wie Jacquot hörte er alle die Stimmen und Rufe , den Gesang und die Aufforderungen der ländlichen Welt . Unterwegs wieder holte er unaufhörlich die Worte , die er gehört hatte . Wie Jacquot sah er auf der Place d ' armes den Zirkus , die Ele fanten , die Tiger und die Clowns , die ihm Zuckerwerk zu warfen und schöner und betörender waren als je . Er blieb nicht stehen . Doch als er schon in der Nähe des Hauses war , begegnete ihm Antoine , ein Bürschchen , das in der Schule den Stutzer spielte und der geschworene Feind seines Bru ders Paulo war . Antoine gab Pierrot ein paar Ohrfeigen . Dieser verlor die Beherrschung , und bald war eine wilde Schlacht im Gange . Sie endete damit , daß Antoine unter einem Hagel von Schlägen das Weite suchte . Pierrot richtete sich auf , warf sich in die Brust und kehrte nach Hause zu rück . Was hatte sein Vater doch gesagt ? Ja , richtig , er würde wie eine Bombe zerplatzen an dem Tage , an dem seine Frau seinen Namen wüßte . Aber wie war dieser Name ? Gâté . . . Gâteau . . . Gâteau - Blanc - d ' œuf . . . ja , Gâteau - Blanc - d ' oeuf . . . An dem Tage , da sein Weib den Namen wüßte , würde er wie eine Bombe zerspringen . » Mutter ! Mutter ! Mein Vater heißt Gâteau - Blanc - d ' auf . « » Pierrot , mein Kind ! Willst du mich denn unter den Schlä gen sterben lassen ? Wie könnte ich wagen , deinem Vater zu sagen , er heiße Gâteau - Blanc - d ' oeuf . « 38

» Du mußt es ihm sagen ! Gâteau - Blanc - d ' oeuf . Er hat es mehrmals wiederholt und hinzugefügt , an dem Tage , da du seinen Namen wüßtest , würde er wie eine Bombe zer springen . « » Er würde wie eine Bombe zerspringen ? Sieh mal , Pierrot , wo hast du jemals gehört , daß Menschen wie Bomben zer springen ? Du machst mir ja Angst . Ich möchte nicht deinen Vater wie eine Bombe zerspringen sehen . Wenn er mich auch schlägt , so ist er doch sonst immer ein guter Familien vater gewesen . Was soll ohne ihn aus uns werden ? Übrigens ist es unmöglich , daß er Gâteau - Blanc - d ' euf heißt . Pierrot , du bist doch noch ein kleines Kind , du lutschst ja noch am Daumen . Reden wir nicht mehr davon . . . Komm , ich will dich waschen . « » Mutter , ich bin ganz sicher . Gâteau - Blanc - d ' auf , das ist sein Name . Du brauchst ihn nur auszusprechen , und er wird wie eine Bombe zerspringen . « Nach dem Abendessen gab der Mann seiner Frau eine solche Tracht Prügel , daß sie , da ihr Arm schon ausgerenkt war , fürchtete , von ihm totgeschlagen zu werden und die Kinder als Waisen zurückzulassen . Wer vermag zu sagen , ob sie den Tod ihres Mannes wünschte ? Es war ihr sicherlich nicht bewußt , aber am ganzen Leibe zitternd , preßte sie zwischen den Zähnen hervor : » Gâteau - Blanc - d ' auf . . . Du heißt Gâteau - Blanc - d ' auf . « Ihr Mann barst zwar vor Lachen , doch er barst nicht wie eine Bombe . Und dann ging es los , großer Gott ! An diesem Abend bearbeitete er sie mit seinem Ledergürtel , wie er es nie zuvor getan hatte . War das eine Abreibung ! Meine Herren . . . Paulo entschloß sich nun auch , sein Glück zu versuchen . Trotz seiner sieben Jahre machte er zwar noch gelegentlich ins Bett , aber er war für sein Alter recht aufgeweckt . Durch nichts ließ er es sich ausreden . Alles , was seinen Brüdern be gegnet war , begegnete auch ihm , und auf dem Heimweg sprach er immer wieder vor sich hin : 39

» Tatez ' o - Flando ! Tatez ' o - Flando ! An dem Tage , da sein Weib den Namen weiß , zerspringt er wie eine Bombe . « Der Zirkus auf der Place d ' armes war phantastischer und feenhafter denn je , doch er ließ sich nicht verführen . Als An toine , sein geschworener Feind , ihm ein paar schallende Ohr feigen versetzte , kümmerte er sich gar nicht um Antoine . Als er bereits durch die Gartenpforte trat , erblickte er eine arme , blinde Frau , die von einem großen Tiger verfolgt wurde . Vielleicht war es einer der Tiger aus dem Zirkus . » Hilfe , Hilfe ! Habt Erbarmen mit einer blinden alten Frau ! Rettet mich vor dem Tiger ! « Paulo schnürte es das Herz zusammen . Noch nie hatte er sich so geschämt , aber er trat in das Haus mit dem Ruf : » Tatez ' o - Flando ! Mein Vater heißt Tatez ' o - Flando . « Dann brach er völlig verzweifelt in Tränen aus . Allmählich indessen beruhigte er sich wieder und erzählte , daß er der alten Frau nicht geholfen habe . » Tatez ' o - Flando sagtest du , Paulo ? « fragte die Mutter . » Ja , Mama . Mein Vater heißt Tatez ’ o - Flando . Ich bin ganz sicher . Ich will tot umfallen , wenn mein Vater nicht Ta tez ' o - Flando heißt . « Die Mutter zuckte die Achseln und antwortete nicht , aber sie glaubte kein Sterbenswörtchen von all dem , was Paulo gesagt hatte . Als indessen die Nacht hereingebrochen war und der Mann seine Frau befragte und sie schlug , wie nur je ein Menschenwesen geschlagen worden ist , da brachen über die Lippen der unglücklichen Frau mit Gewalt die Worte : » Tatez ' o - Flando ! Du heißt Tatez ' o - Flando ! « Da begann der Mann anzuschwellen , er quoll auf wie ein Luftballon und zersprang mit einem fürchterlichen Knall . . . Ich , der Alte Karibenwind , kam gerade vorbei , und die Ex plosion schleuderte mich bis in meine Behausung , in diese Höhle . Die Geschichte berichtet nicht , was aus der Frau und den drei Kindern geworden ist , aber mitunter begegne ich auf 40

meiner Rundreise einer armen Witwe . Sie ist so traurig , wie nur je ein Menschenkind gewesen ist . Sogar das Oval ihres Gesichts ist melancholisch , ihr Teint ist spröde und gelb lich , die Stirn finster , die Ohren sind duckmäuserisch , die Nase ist geheimnisvoll und tragödenhaft , der Mund voller Weltschmerz , das Kinn heimwehkrank , der Hals herb , die Kleider und ihr ganzer Körper sind eitel Kummer , Sorge und Verdruß , die Beine übellaunig , die Füße verzweifelt und unbeholfen . Vielleicht trauert sie einer Zeit nach , in der sie geschlagen wurde ? Jedenfalls , wenn man in dieser Angelegenheit meine Meinung hören will , so antworte ich , daß Tatez ' o - Flando sicherlich ein armer Mensch war , und seine Frau war es nicht minder . Arme Menschen . Jeder lebt , leidet und stirbt mit seinem Geheimnis , und all euer Un glück kommt nur daher , daß niemand sich bemüht , den an deren zu verstehen und ihm sein Los zu erleichtern . Und ich glaube auch , daß der Mann und die Frau einen Ausweg aus ihrem Elend gefunden hätten , wenn sie wirklich danach ge sucht hätten , doch dann hätte es diese ganze häßliche Fabel von Tatez ’ o - Flando niemals gegeben . . . Fresentlich als Zombis Ersthaften . Ten , die iht beschrä » Onkelchen « , sagte ich zu dem Alten Karibenwind , » war um erzählt man eigentlich keine Geschichten von Zombis , diesen Personen , die angeblich in einem kataleptischen Zu stand , in dem sie als tot galten , wiedererweckt und vom Friedhof als Gefangene fortgeführt wurden ? Ich habe mich gelegentlich für diese phantastischen Geschichten interes siert , aber die als Zombis geschilderten Fälle , die ich gesehen habe , haben nie einer ernsthaften Prüfung standgehalten . Immer handelte es sich um Individuen , die ihr Gedächtnis verloren hatten , an Amnesie litten , um geistig beschränkte Subjekte , wenn nicht um mehr oder weniger blödsinnige Taubstumme . Meist sind es Eltern eines verstorbenen Kindes , meist einfache Leute , die auf Grund einer gewissen Ähnlich keit eine herumirrende Person als denjenigen oder diejenige zu erkennen behaupten , die sie vor Jahren beerdigt haben . 41

Einmal habe ich allerdings auf dem Speicher eines alten Hauses ein vergilbtes Dokument gefunden , in dem , wie es scheint , eine Zombie ihre eigene Geschichte erzählt hat . Da bei handelte es sich um eine Person aus der ersten Gesell schaft . Vielleicht ist es auch nur ein Scherz eines schalkhaf ten Compose ? Ihr , Alter Karibenwind , der Ihr alles wißt , sagt mir , ob es wirklich Zauberer oder Werwölfe gibt , die die Fähigkeit haben , eine lebende Person für tot auszugeben , sie ins Leben zurückzurufen und dann nach Gutdünken über sie zu ver fügen . Aus welchen Gründen mögen diese Missetäter so handeln ? Wie es auch sein mag , ich werde sie Euch erzählen , die Chronik einer unglücklichen Liebe Selbst das Blut in meinen Adern ist traurig . Ich fühle es langsam rieseln wie einen langen , düsteren , kriechenden Regen , aus dieser Quelle bitterer Trübsal , meinem Herzen , dessen Klappen sich stromaufwärts öffnen und dem Rück strom verschließen . Mein Blut treibt dahin durch die Ver ästelungen der Gefäße , durch die Glieder bis in meine Fin gerspitzen . Auf dem Tisch die geschäftige Uhr streut seit Jahren in endloser Litanei ihre kleinen Kieselsteine ; ich denke sie mir weiß - weiße Sekunden , die eine nach der an deren pochend herabfallen und dann an meine Schläfen rollen . Nun sind es zehn Jahre , die ich auf meine erste Lie besnacht warte , die Nacht , die mich erwecken und ins Licht führen , die mich dem doppeldeutigen , farblosen Hinterland entreißen soll , in dem ich dahinvegetiere , in dem mein Geist verkommt zwischen zwei Landstrichen . Zur Linken das Königreich der Lebenden , in dem der Fürst der Morgenröte einherreitet , die Liebe mit den rubinroten Lippen , zur Rechten das Reich des Todes , in dem der Fürst der Finster nis galoppiert , das Nichts und die Niedrigkeit des Geldes . Doch ich warte geduldig . Ich warte . . . 4EE5 g 5 3 & 6 2 8 13 589 . I em E 42

Diesen Morgen - man sagte mir zumindest , es sei Morgen - , an diesem Morgen also kam die Mutter Oberin in meine Zelle . Sie legte mir die Hand auf die Stirn , lächelte mir zu und sprach von der Sonne . Ich habe sie gern , die Mutter Oberin , wegen ihrer gefältelten Haube , wegen ihres blauen Schleiers , ihrer gelben Augen , ihrer Runzeln , ihres ent gegenkommenden Lächelns , ihrer mittelalterlichen Klei dung und ihres goldenen Ringes . Sie hat mir zugeredet , mich zu erheben , und ich habe mich erhoben . Sie hat mich an der Hand genommen , und wir sind durch die Wandel gänge des alten Klosters geschritten . Dabei begegneten wir der Schwester Türmerin , die ebenfalls einen Spaziergang machte . Sie sagte uns guten Tag und fragte mich , wie es mir gehe . Ich antwortete ihr , daß ich es nicht wisse . Wahrlich , ich weiß es nicht , ich weiß nicht mehr , wie ich mich fühle , weiß es niemals . Die Mutter Oberin wollte mit mir einen Spaziergang machen , über die Wiesen und durch das Unter holz , sagte sie . Ich war gern bereit . Als wir hinkamen , zeigte sie mir die Sonne . Ich lachte und erklärte , das sei nicht die Sonne . Ich kannte sie sehr wohl , die Sonne . Bei uns zu Hause , da gibt es Sonne . Man kann mich nicht täuschen , hier gibt es keine Sonne . Und mein Lachen breitete sich aus in dem Morgen wie das scheppernde Gurren einer Lachtaube . Der Tag rückte vor , von der Wiese – wo es , was man auch sagen mag , weder Sonne noch Luft , noch Gras , noch Bäume , noch Insekten gibt – ging es zur Kapelle . In der Kapelle gibt es Orgelklang , Kirchenfenster , Kerzen , Spitzbogen und zum Ruhme der Heiligen Jungfrau den Gesang der Schwestern , die es den Vögeln gleichtun möchten . Das Ge webe ihrer Stimmen ist dünn , es ist ein Spitzenwerk anein andergereihter , auf - und absteigender Töne ; doch wie ver schieden ist er vom Gesang der Vögel , wie ich ihn kenne ! Es hat mich traurig gemacht , sehr traurig ! Immerhin blieb ich , um der Mutter Oberin und meinen Schwestern keinen Kummer zu bereiten , in der Kapelle . Hin und wieder fragt mich die Mutter Oberin , ob ich nicht 43

meine Gelübde ablegen und eine Braut Christi werden möchte . Dabei weiß sie , weshalb ich hier bin . Ich bin schon verheiratet und erwarte in diesem Karmeliterinnenkloster nur meinen Gatten , der eines Tages kommen wird , mich zu holen . Dessen bin ich gewiß . Er wird mich befreien aus diesem Lande , in dem ich dahinlebe , ohne den Tag von der Nacht unterscheiden zu können , das Licht vom Schatten , in diesem Land ohne Sonne , in dem der Mittag der Mitter nacht gleicht , diesem schwindelerregenden Land , in dem ich vielleicht verrückt geworden bin . Warum stellt man mir immer wieder diese Frage ? In manchen Augenblicken frage ich mich , ob diese Mutter Oberin und alle diese Schwestern überhaupt Frauen sind . Vielleicht sind es Kröten , die mit grünen Stirnen , wässerigen Augen und breiten Mäulern durch den blauen Schleier aus dem Visier zwischen der wei Ben Haube und der Kinnbinde aus feinem Perkal hervor lugen ? Aber warum sage ich so etwas ! Dabei liebe ich die Mutter Oberin . Was weiß ich ? Und wenn ich mich selbst , ohne es zu wissen , in eine Kröte verwandelt hätte ? Von der Kapelle gingen wir in die Küche , um Kartoffeln zu verlesen . Bei der Arbeit haben wir den Rosenkranz her untergebetet . » Maria , du gnadenreiche . . . Sei gegrüßt . . . Gnade . . . deine . . . Maria . . . « Die Worte strömten , ein gedämpftes Summen , wie aus einem laufenden Wasserhahn . Mit einemmal war mir , als bohrte ein ganzes Heer verrückt gewordener Klempner mit blauen Meißeln aus kaltem Stahl , mit fahlen Zangen , mit Sägen aus Phosphor , Bohrern aus Schwefel in meinem Kopfe herum . Ich habe unaufhörlich geschrien . In der all gemeinen Verwirrung hat man mich in meine Zelle gebracht . Ich werde meine Zelle nicht wieder verlassen . Doch wer be freit mich von der Uhr auf meinem Tisch , die unerbittlich die Sekunden zermahlt , die so herzzerreißend zwischen den Zahnrädern stöhnen ? Den ganzen Nachmittag bin ich in meiner Zelle geblieben , die Wange an den kalten Stein des schmalen Fensters ge 44

lehnt , die Finger in den Ohren , und habe den schwärzlichen Granit der Säulen und der Bogen angeblickt , die den run den Hof unseres Karmeliterinnenklosters umschließen . Ohne die Schwestern zu sehen , kann ich mir gut vorstellen , was sie jetzt tun . Die Laienschwestern im Gemüsegarten , im Hühnerhof oder in den Wirtschaftsräumen , Schwester Türmerin in ihrem Turm über dem Stickrahmen . Die Schwester Pförtnerin an der Gitterpforte des Klosters beim Ausmalen ihrer Folianten mit roter Farbe . Die Mesnerin im Chorraum vor der Ewigen Lampe , die Choristinnen im Querschiff der Kapelle unter der hallenden Wölbung . Schwestern zum Singen , Schwestern zum Beten und Schwe stern , die sich , auf den grauen Steinfliesen der Zellen lie gend , geißeln , und schließlich die Mutter Oberin in ihrem Bußgewand , die , immer lesend , die Runde durch die kilo meterlangen Wandelgänge des Klosters macht . Den ganzen Nachmittag habe ich sie , an das Spitzbogenfenster meiner Zelle gelehnt , mit zugehaltenen Ohren und weit geöffneten Augen gehört . Ich bin nicht im Refektorium gewesen . Ich werde meine Zelle nicht mehr verlassen . Der Engel des Herrn verkündete Maria . . . Es läutete zum Angelus . Die Mesnerin schwebt am Seilende des Glocken stuhls zum Himmel . Der Engel des Herrn . . . Ein Regen von Glockentönen schwingt durch die Dämmerung . Es läu ter zum Angelus . Geräuschvoll entfalten die Fledermäuse unter der hohen Wölbung der Wandelgänge ihre Flügel , die wie schmutziges Leinen aussehen . Von meinem Zellenfen ster aus sehe ich die marineblaue Prozession der Schwestern des himmlischen Gefängnisses , blinde Ameisen , die ihre Fühler zu dem rasengesäumten Fliesenbelag hinabsenken . Diese Stunde erfüllt mich immer mit Furcht . Die letzten schattenhaften Gestalten werden vom Rachen des gotischen Portals verschlungen , Weihrauch und der Gregorianische Gesang des > O salutaris hostia < steigen plötzlich auf . Gleich werde ich den orientalischen Duft des > Tantum ergo < atmen , den herben Muskatduft und das Gewimmer verliebter Kat 45

zen des > Stabat mater < , die lieblichen Klänge des > Magni fikate wahrnehmen . Dann wird über dem ununterbrochenen Flug der dunklen Fledermäuse das Schweigen anheben . Das Schweigen , der unhörbare Schrei der fliegenden Säugetiere , das Schweigen , dieser schlimmste Feind des Klosters . Jetzt sind es zehn Jahre , die ich gegen das Schweigen an kämpfe . Zehn Jahre , die ich gegen den Schlaf ankämpfe . Ich will nicht schlafen . Niemand kann sich vorstellen , was mich dort erwartet . Zum Glück habe ich einen silbernen Löffel in meiner Zelle . Vor zehn Jahren habe ich ihn im Refektorium entwendet . Ich werde unaufhörlich mit dem silbernen Löffel an meinen goldenen Ring schlagen . Meinen goldenen Ring hat man mir nicht genommen , und nie werde ich mir den Ring entreißen lassen , den mein Gatte mir an den Finger gesteckt hat vor nun schon zehn Jahren . Ich will nicht schlafen . Ich werde stundenlang unablässig mit dem silbernen Löffel an den goldenen Ring schlagen , um den Schlaf zu verscheuchen . Mitunter gelingt es mir , das abend liche Angelusläuten fünf - oder sechsmal nacheinander läu ten zu hören , ohne einzuschlafen . Sobald es schweigt , er greife ich den silbernen Löffel und schlage stundenlang an den goldenen Ring . Der Löffel hat an seiner Wölbung all mählich ein kleines Loch bekommen . Wenn nötig , werde ich mit diesem Löffel noch Jahre hindurch klopfen , bis er nur noch ein dünnes Stückchen Metall ist , nur um nicht in die sen gähnenden Abgrund , diesen aufgesperrten Rachen des Schlafs zu stürzen . Das Einschlafen bringt die Erinnerung zurück . Ich will nicht mehr sehen , was der Schlaf mit seinem Besen herauskehrt , den Ruß der Alpträume , vermischt mit dem Himmelblau der Träume und der Erinnerung . Lieber will ich alles vergessen ! Die kalte Angst läßt mich mit den Zähnen klappern , die Angst macht meine Muskeln zu einem Eisberg , die Angst windet sich in meiner Zunge wie ein schlüpfriger Wurm . Ich schlage mit dem silbernen Löffel an meinen goldenen Ring , um die Totengrüfte , die schwarzen Katarakte , die Kloaken des Schlafs zu bannen . - - - - - - -

Klingen von Gold und Silber , ich schlage mit dem Löffel an den goldenen Ring , um den Stierkampf der Särge zu verjagen , die brüllenden Stiere des Todes , die hervor brechen , und das Ballett der Toreadore , Erinnerungen an lichte Gewänder . . . Gold ! Silber ! Nicht an diesem Abend ! Ich will den Schlaf verscheuchen . . . Gold ! Silber ! Die Saug arme des Schlafs . Ich will mit dem silbernen Löffel an mei nen goldenen Ring schlagen . Wenn ich eingeschlafen bin , dann habe ich jedesmal das gesehen , was ich nicht wieder sehen will . . . Gold ! Silber ! Nicht an diesem Abend ! Es muß mir gelingen , wenigstens das siebente abendliche Angelus läuten zu hören , ohne einzuschlafen . Ich schlage mit dem Löffel an meinen goldenen Ring . Sogar mein Blut will ein schlafen . Gold ! Silber ! Mein Herz , stromaufwärts offen , stromab geschlossen . Gold ! Silber ! Klingelt , Sekunden , an meine Schläfen . Ich werde an diesem Abend nicht schlafen . . . Zur Linken entfernt sich das Königreich der Lebenden und mein Fürst der Morgenröte , zur Rechten naht das Reich der Toten und der Fürst der Finsternis . . . Gold ! Silber ! Ich wer - de nicht schla - fen . . . Nicht an diesem Abend ! Gold . . . Silber ! . . . Gold ! . . . Ich trage ein Kleid aus weißer Spitzenstickerei und Schuhe mit korallenroten Absätzen ; ein langes rotes Samtband flattert um meine Hüfte , und meine runden Brüste , die warm sind wie frischgelegte Eier , beben unter meinem Brusttuch . Mein Blut ist ein einziges , immer wiederkehren des Erschauern , meine Sinne vergehen und beleben sich ab wechselnd , die heftige Atmung macht meine Kehle rauh , ein Strom von Wärme läuft durch meine pulsenden Schenkel , und meine sechzehn Jahre sind ebenso viele Sonnen in der blauen Nacht . Der Spiegel zeigt mir die Anmut meines Halses , der von elfenbeinfarbener , von drei rubinbesetzten Spangen gehaltener Spitze eingefaßt ist ; den Halsansatz bedeckt ein siebenfach geschlungener Brustschleier . Ich beiße mir auf die Lippen , um sie rot zu machen . Mein Mund wird

wie eine Bougainvillea auf meiner wachsbraunen Haut sein . Ein leichter Zug von Strenge liegt um die Mundwinkel , doch die Nasenflügel sind glücklich wie Libellen . Die schwarzen Azaleen meiner Augen lächeln ihrem Spiegelbilde zu . Sech zehn Blütenblätter hat die vollerblühte rote Rose in meinem dunklen Haar . Ihr Tau glitzert wie die Sterne meiner Ohr ringe , die Milchstraße meines Brillantendiadems und die mondsichelförmigen Spangen , die die Wellen und Löckchen meiner Frisur halten . Lamercie , meine Amme Mouka aus Martinique , geht in ihrem Madraskleid um mich herum und ordnet meine Un terröcke aus weißer Moiréseide . » Sei fröhlich und lache , Kind « , sagte sie . » Für dich beginnt heute das Leben . Draußen im Hof scharren die vier grauen Pferde vor dem Buggy schon ungeduldig und warten auf dich . Wenn du hinaustrittst , werden alle verstummen . Du wirst sehen , daß ihre Blicke alle wie ein Wespenschwarm auf dich zufliegen . Die Musik wird für dich einen trium phalen Galopp anstimmen . Er wird schon dasein . Du brauchst ihn nur noch aus der Menge , die auf dich zustürzen wird , herauszufinden . Du wirst ihn wie ein Parfüm ein atmen . Für dich ist das Leben ein Triumphzug . Ich werde deinen Augen jeden Tag ein wenig mehr entschwinden . Doch so muß es wohl sein . . . , und du wirst mich rasch ver gessen , ich werde für dich bald nur noch die alte Dienerin sein . . . Und jetzt sage ich dir Lebewohl . « Und Lamercie , meine Amme Mouka , wendet den Kopf ab und weint lautlos . Ich aber , ich singe . Mag sie an ihre Koch töpfe und ihren Abwasch zurückkehren ! Alles hat seine Zeit . Von nun an werde ich ihrer Küsse , ihrer Zärtlichkeiten und ihrer groben Hände nicht mehr bedürfen . Heute endet die Kindheit , und die Liebe beginnt . Mein Vater hat mir ein in rotes Juchtenleder gebundenes Ballheft geschenkt . Trallala ! Ich werde Quadrille tanzen , Lanciers und Chaîne des Dames . Trallala ! Méringuée , Wal zer , Polka und Galopp . . . Trallala ! Schon explodieren Zeit , ihrer groben die Liebe beginTuchtenleder , 48

heute , am Silvesterabend , die Knallfrösche auf den Straßen , auf denen Kutschen fahren und kleine Negerjungen in übermütiger Laune herumlaufen . Das düstere Hospital ragt mit seiner nachtgrünen Masse heraus . Der Stadtteil Turgeau unter dem Fenster ist ein barockes Mosaik von hellen und dunklen Karos , von Kreisen aus Bäumen und Winkeln aus Straßen . Port - au - Prince dehnt sich , stufenweise abfallend , bis ans Meer , überall sind die hellen Tupfen der Straßen laternen , überall klingt rasender Trommelwirbel und das Singen liebestoller Moskitos . Meine Seele ist an diesem Abend ein Viergespann ungebändigter Gefühle : Begeiste rung , Verlangen , Freude und Unruhe . Unmerklich zittern meine Hände . Mein Vater wird mir nicht den Arm reichen , wenn ich zum erstenmal den großen Ballsaal des Cercle Bellevue betrete . Heute morgen hat er eine unvorherge sehene Reise angetreten . Gleich wird meine verblühte und konventionelle Tante kommen , mit ihren drei Quarte ronentöchtern , Hopfenstangen mit Köpfen wie Kamin besen . Sie sollen mich begleiten . Während ich auf sie warte , sitze ich am Tisch vor einer leichten Mahlzeit aus kaltem Huhn , Salat und Austern . Ich öffne die Austern gern selbst . Die Schale ist ein kühler Kuß in der hohlen Hand , und das Fleisch ist ein Blitz , der über die Zunge fährt und dem ein Geschmack nach Salz , Jod und Eis folgt . Genießerisch öffne ich eine nach der anderen und schlürfe sofort jedes der zitternden Schalentiere , um die Un geduld zu besänftigen , die an mein Herz pocht . Plötzlich gleitet das Messer an der Schale ab , fährt mir in die Hand und bringt mir eine schmerzhafte Wunde bei . Ich schreie auf . Aus der häßlichen Schnittwunde tropft Blut , in rascher Folge treten kleine scharlachrote Birnen hervor , die herab fallen , sich runden und auf die Serviette rollen , die sie gie rig aufsaugt . Ich bin aufgesprungen , schwenke den Arm mit ausgestreckter Hand hin und her , schreie . . . Vor meinen Augen verwirrt sich alles , hinter einem Vorhang jagen sich graue Arabesken , werden bald größer , bald kleiner , bäu auf . Aurreten kiden unaufgespr 49

men sich in wirbelndem Tanz . Ich schreie . Ich sinke um . Mir schwinden die Sinne . . . Und nun dringt von allen Seiten eine Flut unheimlicher Messer auf mich ein , Myriaden weißer Dolche mit blitzen den Flügeln , ein ungeheurer Schwarm von Klingen mit scharfen Spitzen wirft mich zu Boden . Eine nach der an deren durchbohrt mich jede der scharfen Spitzen mit geiler Lust . Die elektrische Spannung in mir entlädt sich in alle Richtungen in langen Kurvenlinien , als gezackte Streifen , als Spiralen , die in Kugeln , Kometen , Medusenhäupter und Funkenregen zerplatzen . Ich schluchze hemmungslos , ich versinke und komme wieder zu mir , um abermals zu vergehen . Über einem Wald von Spießen öffnen und schlie Ben unzählige Muscheln ihre Schalen mit dem Geräusch von klappernden Schnäbeln . Die schwarzen Vögel kommen ! Sie fliegen in einem Wirbel von Schmutz , der rings um mich pfeift , tost und gurgelt . Sie kreisen in hehren Spiralen , sie verdecken den Himmel , sie gleiten und lassen sich mit wie genden , spähenden Köpfen auf ihr Ziel herunter . Die ganze Oberfläche meines Körpers bedeckt sich mit Wunden , die aus vollem Halse lachen , bis ihnen der Atem ausgeht und sie zu ersticken drohen , und dann niesen sie . Lachsalven krachen wie grüne Schrapnelle . Ich zittere bei dem Gedan ken , daß die bange Freude beim ersten Blut jungfräulicher Regel sich ins Gegenteil verkehrt hat . Ein kleiner heller Schein am fernen Horizont , meine Jungmädchenträume , die sich unschuldsvoll im milchigen Licht einer Morgenröte tummeln und allmählich entschwinden . Doch in allen vier Windrichtungen hat der Tanz toter Schatten und lebender Substanz von neuem begonnen . Ich hatte immer einen schwachen Kopf und ein etwas lah mes Herz . Wie lange werden dieser Kopf , dieses Herz in dieser vergeblichen Hoffnung aushalten , in der verzweifel ten Erwartung dessen , dem immer meine Hoffnung gelten wird ? Er wird in der Zeitspanne eines > abrir y cerrar de So

a zerbrechet und seheer Eglantineid in wir ojos < , wie meine Patin zu sagen pflegte , in der Zeit eines Augenblicks kommen . Wahrscheinlich ist meine Gebrech lichkeit sogar meine Stärke . Der Sturmwind zerreißt mit unter ganze Vögel mitten im Flug , aber eine einzelne Feder vermag er nicht zu zerbrechen . Ich habe die Augen geöffnet und sehe , über mich gebeugt , das zerknitterte Gesicht der Schwester Eglantine . Sie hat sich rasch wieder aufgerichtet und hat hüstelnd und in wir ren Worten eine Erklärung stammelnd die Flucht ergriffen . Sie war also gekommen , um mich im Schlafe zu bespitzeln . Sie war also gekommen , um zu versuchen , mir mein Ge heimnis zu entreißen . Was konnte sie erfahren ? Ich denke , nicht viel . Niemand hier weiß wirklich etwas von mir , mit Ausnahme der Mutter Oberin , der man wahrscheinlich das Wesentlichste meiner Geschichte anvertraut hat , als man mich hier einsperrte . Was tut es ! Mein Geheimnis ist un durchdringlich und wohlverwahrt . Die Geschichte kennen führt zu nichts , das macht das Geheimnis nur noch kompli zierter . Im besten Falle kann man sich danach ein Men schenwesen vorstellen , ausdenken , aus allen Einzelteilen zusammensetzen , das möglicherweise und wahrscheinlich gelebt hat . Und das ist schrecklich schwierig und undank bar . Alle Wesen , die überhaupt geboren wurden , sind frei , sie entziehen sich der Geschichtsschreibung , in die man sie einzwängen möchte , und handeln nach ihrem freien Willen . Schwester Eglantine mag ruhig weiter auf den Korridoren ihre Brosamen zusammenlesen . Die Geheimnisse der Non nen und Karmeliterinnen werden immer mit ihnen unter gehen , solange es ihnen nicht gelingt , aus dem Gefängnis auszubrechen . Soll sie nur mit kleinen Schritten trippeln , die Schwester Eglantine mit ihrem schleichenden Gang , ihrer nachschleifenden schwarzen Schleppe und ihren asth matisch röchelnden Seufzern . Wie sie ihre roten Ohren mit der orangefarbenen Haut spitzt , sich dann rasch , hast du nicht gesehen , wie ein scheinheiliger Schleicher in Sicherheit bringt , die holprigen Stufen der Wendeltreppe hinunter SI

wirbelt , springt , purzelt und außer Atem gerät , hinfällt , sich auffängt , wieder zu Atem kommt , um wieder von Stufe zu Stufe zu einem anderen Korridor zu stürzen . . . Schwe ster Eglantine mag sich noch so sehr bemühen , sie mag noch so sehr verzweifeln , es wird ihr nie gelingen , die Fetzen wieder aneinanderzuheften , die der Wind verweht . Nie wird sie eine Seele ganz in die Hand bekommen . Das heißt , sie wird niemals wissen . Schwester Eglantine ist die un glücklichste von uns allen , denn sie scheint keinen Skorpion in der eigenen Brust zu haben . Manchmal frage ich mich , was sie hier eigentlich zu suchen hat . Schwester Eglantine ist keine echte Nonne . Vielleicht ist sie ein Teufel , der in das Kloster abgeordnet wurde ? Jede von uns übersteht den Tag nur dank ihrem eigenen Geheimnis , wir sondern uns ab , wir betäuben uns mit dem eigenen Gift . Schwester Eglantine ist die allerunglücklichste . Schwester Eglantine ist eine Heuch lerin . Der Anstaltsgeistliche geht mit lebhaftem Schritt über den inneren Hof . Der Pfarrer ist ein braver Mann . Der Pfarrer ist kurzsichtig . Der Pfarrer ist taub , das ist offenbar . Er kommt , die Beichte der Schwestern abzunehmen . Sie wer den sich erleichtert fühlen , wenn sie ihm irgend etwas vor schwatzen , ihm etwas anvertrauen , was er , taub oder nicht , doch nie begreifen würde . Nach der Absolution wird jede einige Minuten lang eine flüchtige tiefe Freude empfinden , die Illusion , sich erleichtert zu haben . Eine tiefe Freude , ge webt aus vergangener Jugendkraft , vertrockneten Säften , aus geruchlos gewordenem Blütenstaub und unvergeßlichen Keimen , eine tiefe Freude , bestickt mit Heuschrecken , Ko rallen und Liebesschwüren , erschaffen aus Marienkäferchen , Medusen und dem Frühlingswunder unerreichbarer Man neskraft , tiefe Freude , ein Gebilde , aus dem unablässig un sere immer wiederkehrenden qualvollen Träume aufstei gen . Die Erinnerung ist ein Gespenst , von dem man sich nicht befreien kann . " Ich betrachte die alten Pfeiler aus behauenem Stein , die 52

salzzerfressenen Mauern , den Salpeter auf den Statuen , den Grünspan , den Rost und die grinsenden Wasserspeier , zwi schen deren Lefzen das Moos hervorquillt . Eine weiße Taube stolziert auf dem granitenen Sims meines Fensters . Mutter Oberin ist eben verstohlen in meine Zelle getreten und sieht mich ruhig an . » Seit Tagen schon nehmen Sie keine Nahrung zu sich , mein Kind . Man muß essen , wenn man lange fasten will . Sehen Sie , wie hinfällig Sie geworden sind , mein Kind . Essen Sie , meine Schwester , hier ist ein Krug Milch und ein Laib Brot . Drei neue Schwestern kommen heute zu uns . Wissen Sie es schon ? Gesegnet sei der Herr ! Gestern nacht ist ein breiter Riß im linken Flügel des Klosters entstanden , und einige Steine haben sich gelöst . Ich muß nach unseren Schwestern sehen , die mit der Kelle in der Hand dort hingeeilt sind . Hören Sie nur den Wind , wie er sich in dem ganzen alten Klosterbau verfängt ; er wirbelt die Seiten der Gebetbücher herum und stimmt das De profundis an . . . Die Märtyrer schwester liegt im Sterben , sie röchelt schon seit dem frühen Morgen , ich muß sie noch einmal besuchen , bevor es mit ihr zu Ende geht . Aber nun essen Sie , meine Schwester . « Ich wechsele einen freundschaftlichen Blick mit der Mutter Oberin und trinke einen kleinen Schluck Milch . Mutter Oberin hüllt sich in ihr unveränderliches , abweisendes Lä cheln und verläßt mit klappernden Sandalen die Zelle . , Ich habe also noch einige Tage vor mir , bevor ich wieder in meinen tiefen Schlaf verfalle . Heute nachmittag werde ich bereit sein , mich , und sei es nur für einen Augenblick , auf die steinerne Bank im Innenhof zu setzen , danach werde ich zum Abendgebet der heiligen Messe gehen , vielleicht sogar ins Refektorium . Beim Essen zusehen macht hungrig . Meine Glieder sind wie zerschlagen . Doch ich werde aufstehen . Die Zeit ist ein Harlekin mit einem Wams aus veilchen blauer Eintönigkeit und farblosen Karos . Die Tage werden vorübergehen . An mein Zellenfenster gelehnt wie an eine Reling , reise ich an Bord der Melancholie . Der zudringliche

Staub der Erwartung legt sich auf mich , ich werde einige flimmernde Sterne sehen , das Zufallsspiel der Winde , der Wolken und des Mondes , wandernde Gestirne , lichtlose Tage und halbdunkle Nächte werden vorbeiziehen . Dann werde ich fühlen , daß mein Feind sich nähert , der schwarze Drache des Schlafs . Mein lahmes Herz wird auf seinen Krücken hinken , bald wird es dahinstürmen im Wechsel mit langsamen , ungleichmäßigen Schlägen , bald wird es einen Doppelschlag tun , bald wie Dampf zischen , wie Hämmer pochen , pfeifen oder in rasendem Galopp davonjagen ; doch die verrotteten alten Kolben werden bei all dem Strampeln nicht stehenbleiben . Auf dem Tisch die geschäftige Uhr scheppert unentwegt weiter . Ich fühle , daß eine Spinne an meiner Wade hochkriecht . Ein Wadenkrampf . Ein Prickeln läuft über meine Augenlider . Ich richte mich auf , um den silbernen Löffel zu ergreifen . Ich will nicht schlafen . Gold ! Silber ! . . . Meine Ohren fül len sich mit dem metallischen Geräusch , die Krämpfe stechen die Haut wie Taranteln , heißer Sand rinnt durch meine Kehle , meine aufgerissenen Augen sind Sonnen . Gold ! Sil ber ! . . . Nicht heute abend ! Ich versinke in den Abgrund . Das Klingen von Gold und Silber entfernt sich allmählich auf dem Traumschiff . Der freie Fall beginnt . . Der Ballsaal des Cercle Bellevue ist voller Lichter , und es herrscht ein Gedränge von Männern , deren hohe Kragen die doppelte Wölbung der Aufschläge auf den enganliegen den Röcken noch runder über dem prallen Brustkorb her vortreten lassen . In schwarzen Fräcken und giftgrünen Smokings tragen die Engel in Alpaka und Elbeuf hinter sich schöngespaltene Schwalbenschwänze , mit denen sie hin ter dem weißen Schild der gefältelten Hemdbrust und der duftigen Kaskade des Spitzenjabots ein Rad schlagen . Die Musik prickelt in den Beinen und im Kreuz und entzündet kalte Brände in der Magengrube . 54

Ich bin ihm entgegengegangen wie einem Prinzen . Er hat mich gleich ergriffen und in die Arme genommen . Er hat meinen Duft gewittert , den sinnlichen Moschusduft , der meinen Achselhöhlen entströmt . Er hat die helle Wärme gespürt , die von meinem Nabel aufsteigt , und hat sich an ihr versengt . Er war gekitzelt von dem wiederholten Er schauern meiner Hüften , die erbebten wie bei einem Stuten füllen . Er ist schön wie die Morgenröte auf dem Bilde eines großen Malers . Er hat mich auf meinen hohen , korallen roten Absätzen wie einen Kreisel umhergewirbelt . Alle ha ben den Kopf gewandt nach meinem ausgelassenen , glück lichen Mädchenlachen . Er hat bewirkt , daß meine kecken Brüste hüpften bei den Blitzen ihrer entrüsteten Blicke und dem Flüstern , das wie raschelndes Papier klang . Ich habe den Puder , mit dem meine weißen Schuhe gefärbt sind , über sie hinwehen lassen . Ich mache mir nichts daraus ! Ich bin die Erste unter all den wissenden jungen Mädchen , die den großen Saal des Cercle Bellevue füllen , mein Blut ist blau , und mein Vater ist beinahe ein König . In einem betäuben den Galopp schwinge ich meine goldfuchsverbrämten , glü henden Hüften . Ich stolziere und brüste mich wie ein Pfau . Bei einer Figur der Chaîne des Dames habe ich , als ich an ihm vorbeikam , mit den brennenden Früchten meiner Brust seinen seidenen Klappzylinder gestreift . Bei der Quadrille hat man meine Knie gesehen , und ich habe den Stutzern , die sich vor Gier wanden , Blick für Blick zurückgegeben . Ich bin die Heißeste , die Schönste und die Reichste . Damit Er die schlanke Form meiner Schenkel ahnt , bin ich bei den Lanciers herumgewirbelt wie ein Wüstensandsturm . Ich habe meine Hand losgerissen von der Hand meiner Tante , die mich fortzuziehen versuchte . Sie hat nicht gewagt , ihre Stimme zu erheben , da sie weiß , daß mein Vater , daß alle Welt mir immer recht gibt . Denn vom Gelde meines Vaters , ihres Schwagers , lebt sie . . . Der Walzer hat aus meinem Rock eine Blumenkrone gemacht , die Méringuée aus dem Spitzenüberwurf meines Kleides eine Milchstraße , und der SS

Galopp hat mein Haar in eine Mondnacht verwandelt . Meine Tante hat nicht zu protestieren gewagt , als ich den > Unbekanntens aufforderte , mich nach Hause zu begleiten , denn ich wäre sonst allein mit Ihm im Buggy weggefahren . Und niemand wird wagen , die abfälligen Bemerkungen , die ihnen auf der Zunge liegen , laut auszusprechen . Soll ich mich Ihm sofort hingeben , im Tau auf dem Gartenrasen ? Wir verlassen den Saal . Er und ich schreiten in triumphie rendem Tanzschritt durch den schreckensstarren Saal , ge folgt von meiner Tante , die in Begleitung ihrer drei Tu gendrosen , Quarteronen mit Wuschelköpfen , hinter uns hertrottet . Im malvenfarbenen Licht des anbrechenden Ta ges steigen wir alle zusammen in den Buggy . Er setzt sich dicht neben mich , und ich lasse mein Haar auf Seinen Hals flattern . Mein Vater gestattet mir alles und wird es immer tun ! Vor der Villa hat Er sich verabschiedet . Ich bin abge stiegen , der Kutscher wird meine Tante und ihre drei Töch ter nach Hause bringen . Vielleicht wird Er zurückkehren , bevor die Sonne über dem noch schlafenden Stadtteil Tur geau ihre gelbe Mähne schüttelt . Meine Tante hat mit der Abfahrt gewartet , bis Lamercie mir die Tür aufgemacht hat , aber ich werde wieder hinuntergehen . . Ich bin wieder hinuntergegangen . Er ist zurückgekommen . Aber ich habe Ihn bis aufs Blut gebissen , als Er mich in dem von Bougainvilleas umgebenen Laubengang auf den Diwan warf . Ich habe Seinen Hals mit den Fingernägeln bearbei tet , ich habe Ihn ins Gesicht geschlagen . Warum habe ich Ihn geohrfeigt ? Er ist fortgegangen , und ich bin allein . Warum habe ich mich Ihm nicht hingegeben in dieser rosi gen , graugestreiften Morgenfrühe ? Ich sehe wieder mein Erwachen . Stechende Leere im Kopf , ein bitterer Geschmack im Mund , die Beine wie Watte , die Brüste schlaff und schmerzend . Die Glieder sind wie zer schlagen , und der Rücken tut weh . Mein Vater , noch im Reitanzug , steht an meinem Bett . Nie zuvor habe ich mei nen Vater mit einem solchen Gesicht gesehen . Er zittert . Er 56

tobt . Auch ich schreie aus Leibeskräften , geduckt wie ein Cahoshühnchen . Ich kann nichts anderes denken , als daß Er schön ist wie eine Morgenröte im Gebirge . Ich weiß nicht , ob ich Ihn liebe , aber ich will Ihn heute noch für mich haben , weil Er der Schönste ist . . . Was heißt eigentlich lie ben ? Ich liebe die schöne Rundung des Moiréfutters in sei nem Alpakazylinder . . . Ich habe meinen Vater angeschrien , daß ich Ihn nie vergessen werde , es sei denn , er fände als Ersatz für Ihn einen noch Schöneren . Ich will nichts hören und heule wie eine Wahnsinnige . Darauf hat mein Vater mich geohrfeigt ! Ich richte mich im Bett auf und spucke ihm ins Gesicht . Darauf hat mein Vater mich zu trösten ver sucht und hat es mir erklären wollen . Er sagt , daß der , den ich haben will , nicht der Meine sein kann . Er behauptet , er habe mir ein Geständnis zu machen . Mein Vater streicht mir über das Haar und liebkost mich beruhigend wie eine kleine Katze . Ich will nichts von seinen Geständnissen hören , ich will nichts wissen von seinen beruhigenden Zärtlichkeiten , mich verlangt nach anderen Zärtlichkeiten , die die Sinne aufwühlen . Ich schluchze hemmungslos . Mein Vater kann tun und reden , was er will , er vermag nichts , er weiß nichts , mich berührt nichts ! Was erzählt er ? Ich will seine Ge schichte nicht . Ich bin hungrig auf Ihn , den ich haben will . Er sagt , daß der , den ich haben will , ein Bastard sei . Was ist ein Bastard ? Er sagt , der , den ich erwählt habe , sei sein Bastard ! Er lügt ! Es ist nicht wahr , daß Er mein Halbbruder ist . Es ist eine Lüge , es ist ein Vorwand . Er , den ich haben will , kann nicht mein Halbbruder sein . Was ist überhaupt ein Halbbruder ? Ich hasse meinen Vater ! Selbst wenn Er mein Halbbruder ist , werde ich mich Ihm bei der ersten Gelegen heit hingeben . Das werde ich tun ! Jeder weiß , daß ich dazu imstande bin . Ihm werde ich mich öffnen wie eine reife Frucht , die in der Sonne platzt . Ihm werde ich mich auftun , wann immer und wo immer , und Er wird mich nehmen . Er wird mich nehmen , wie man den Duft einer Blume ein atmet , Er wird mich trinken , wie man alten Wein schlürft . SZ

Er wird in mich eindringen , wie man in einer Quelle badet . . . Ich kenne meinen Vater nicht mehr . Ich hasse ihn . Ich kenne nur Ihn , den ich haben will . Auch wenn Er mein Halbbruder ist , wird er mich mit seinem Körper bedecken , so wie die Rüden in den Wochen der Hitze die Hündinnen decken , so wie die Schmetterlinge zur Zeit der Jasminblüte sich ihren Weibchen gesellen , so wie die Mäuseriche sich unter einem Regen von Säften und mit einem Wasserfall klagender Rufe an die Mäusinnen klammern . Mein Vater hat sich erhoben . Mein Vater ist verrückt . Er schlägt mich mit geballten Fäusten , er schlägt mich wie einen Sträfling . Er zerschmettert mir das Gesicht , zertrümmert mir den Schädel mit Faustschlägen . Mein Vater ist verrückt ! Der Schmerz nagelt mich ans Bett , und der Schreck jagt mich hinaus . Ich laufe im Zimmer umher , dessen Wände tanzen . . . Mein Vater ist verrückt ! Er gibt mir Fußtritte , er schlägt mich mit Fäusten , er züchtigt mich mit seiner Reitpeitsche . Mein Vater brüllt und verfolgt mich wie ein Tobsüchtiger . Ich flüchte , doch mein Bauch begegnet immer wieder seinem Fuß , Blut rinnt mir aus der Nase , die Reit peitsche schneidet mir ins Fleisch und zeichnet mich mit Striemen . Mein Vater ist verrückt ! Ich werde ohnmächtig . Mein Vater schlägt immer weiter zu mit seiner Reitpeitsche , er kann nicht mehr aufhören . Mein Vater ist verrückt ! Ich versinke . . . Die Luft scheint nur noch aus Reitpeitschen , entfesselten Fäusten und Füßen zu bestehen , die auf mich eindringen . Schlangen pfeifen rings um mich und peitschen mich mit ihren brennenden Spiralen . Ich schreie aus , voller Kehle , aber nur ein winziges Band von Schweigen , die Reihe mei ner Zähne , glänzt in dem geöffneten Schrein meines Mun des . Wer sind diese Bestien aus Leder , diese blutdürstigen Reißzähne , diese spitzkralligen Füße , diese behaarten Tat zen , wer sind diese Tiere der Apokalypse , die sich unauf hörlich auf mich stürzen ? Der Himmel ist nur ein blutiger Morast , in dem riesige Füße stapfen , lüsterne Hände um 58

herfahren . Mein Fleisch ist zerrissen und fliegt in Fetzen davon . Ich bin eine sprudelnde Quelle , ein Geysir von Furcht und Schrecken , ein Scherzo von Schmerzen , Krämp fen und Vierteilungen . Die unreinen Tiere werfen mich von einer Tatze in die andere , schleudern mich umher zwischen ihren bohrenden Augen , ich werde hin und her gerissen zwi schen den dornbewehrten Wirbeln ihrer Schwänze , zwi schen ihren blitzenden Krallen , zwischen den gelben Hauern ihrer dunklen Mäuler . Ein roter Diabolo , steige ich in die Lüfte wie ein Rad , ein Kreuz , ein blutiger Stern , wie eine Rakete , eine Granate , und unablässig falle ich zurück auf meine Wunden in die peitschenschwingende Raserei des heulenden Schneesturms , in die beißenden Kiefer , die mich gierig zerreißen , zerfetzen und in alle vier Winde zer streuen . Aber immer wieder , in einer Blitzsekunde , kommt die menschliche Eidechse zu sich und sammelt unverzüglich ihre Fetzen , ihr Fleisch , ihre Glieder und ihre Eingeweide . Ich bin nur ein epileptischer Hampelmann , ein unheimlicher . Seiltänzer , eine zerbrochene , kraftlose Puppe , die dennoch ewig springt wie eine Heuschrecke . Und mein Martyrium dehnt sich im Gelächter der Stunden , in der wilden Raserei der Sekunden . . . Ich finde zurück zu dem lieblichen Gesang der Frühmesse , zu der schleichenden , ruhigen Hoffnungslosigkeit des Kar mel , zu all den vertrauten Geräuschen , dem heiseren Gebell des alten Hundes , den gleitenden , schlurfenden Schritten der Nonnen , der eintönigen Schnur des Rosenkranzes , dem Himmelsblau eines Wolkenstücks zwischen dem zerfresse nen , schimmeligen , hohen Gemäuer , zu den blassen Veilchen des künstlichen Gartens , den Lauten des Schweigens und schließlich zu dem dumpfen Schmerz meiner Schwestern zwischen Stein und Himmel . Heute ist Lichtmeß . Ich bin des zufrieden , denn man sagt , daß die weniger grauen Abschnitte , die wir Tage nennen , nun länger werden . Unter den schrägen Strahlen der Sonne , des künstlicheligen , hohen Gorlicks zwischen de 59

die nur eine ärmliche Kerze aus durchscheinendem Wachs ist , geht jetzt die Mutter Oberin durch den Bogengang der Galerie . Ich sehe die drei Neuen unter der Haube der hei ligen Elisabeth bei der Schwester Türmerin stehen . Was mag heute die Schwester Türmerin hinter der dreifachen Vergitterung der Fenster von der Höhe ihres Turms ge sehen haben ? Die drei Bewerberinnen sind glücklich , es zu erfahren . Sie hüpfen herum wie Finken und lachen . Schwester Türmerin hat von weitem auf der Landstraße einen alten Bauern ge sehen mit dem Stachel und drei langsamen Ochsen . Drei weißen oder drei schwarzen Ochsen ? Und unsere drei neuen Schwestern drehen ihre weißen Hau ben , ihre rosigen Gesichter , ihre meergrünen Augen und ihre korallenroten Münder . Sie haben sogar gelächelt . Schwester Türmerin tuschelt . Zwei junge Menschen sind den Wiesenpfad entlanggegangen , und an der Biegung , ge rade unter dem kahlen Apfelbaum . . . hat der junge Mann die Dame auf den Mund geküßt . Auf den Mund ? Sie haben ganz laut gelacht , mit einem hellen , wiehernden Lachen , die drei Nönnchen . Ja , meine Schwestern , die rote Ziege hat sich mit der schwarzen um ein Büschel Klee gebalgt , das wie ein Wunder zwischen den großen , verwitterten Steinen des Hügels her vorsproß . Gebalgt , meine Schwestern ? Ha , jawohl ! Aber die schwarze Ziege ist mit einem gelbgrau gefleckten Zie genlamm niedergekommen , das ihr immerfort hinterher läuft . Niedergekommen ? Allen drei Schwestern entfuhr ein kurzer , heiserer Aufschrei . Und dann ist unter Geigenklängen ein ländlicher Hoch zeitszug auf der Straße vorbeigekommen . Die Braut ist schön in ihrem Organdykleid und fröhlich in ihrem dufti gen Spitzenschleier ; unter vielem Lachen und Singen lenkt sie selbst den ersten Wagen im Galopp . Der Bräutigam hat den Kopf auf den Schoß seiner jungen Frau gelegt und schläft , eine Flasche in der Hand . Auf den Schoß ? Die drei 60

neuen Schwestern haben sich schweigend abgewandt . Und dann schien mir , daß sie alle eine kleine graue Wolke über der Stirn hatten . Es gab auch einen Trauerzug , der mit Kreuzen , Trauer floren , schwarzen Anzügen und einem schneeweißen klei nen Sarg vorbeikam . Der Vater und die Mutter weinten hinter dem Sarg , aber sie hielten sich fest an den Händen . Da haben die drei kleinen Schwestern mit dem kindlichen Mund den Kopf gesenkt und sind langsam , jede in eine an dere Richtung , davongeschlichen . Die eine nach Westen den Taubenschlägen zu , die andere nach Süden , wohin die Schwalben ziehen , die dritte ist die östliche Treppe hin untergestiegen , und die Schwester Türmerin ist über den nördlichen Steilweg zu ihrem Turm gegangen . Die Wange an den kalten Stein gedrückt , sehe ich den ersten Schnee fallen . Er ist wie leichter Mehlstaub , der das Spit zenwerk der Nadelbäume , die Granitbänke , die marmor nen Heiligen und die alten schwarzen Schieferdächer mit Puder bestreut . Vielleicht ist heute in meinem ganzen We sen ein unmerkliches Nachlassen der Lebenskraft , vielleicht ist die Bitterkeit noch etwas größer als gestern , eine Trau rigkeit , die von Erschöpfung , Gleichgültigkeit , Angst und den Nachwehen des Schrecks herrührt . Meine Lilie wächst nicht mehr , sie wird kleiner , geht ein , kehrt in die Erde zu rück . Mein Rosenkranz , den abzubeten mir Gewohnheit geworden ist und der mir im allgemeinen ein gewisses Ver gessen bringt , einen nebelhaften Zustand , weder Schlaf noch Wachen , ein indifferentes Gleichgewicht durch die unbe wußt bewegten Lippen und die Finger , die mechanisch über die schwarzen Jettperlen gleiten - Logogriph eines mysti schen Dialogs mit den unsichtbaren Sphinxen , von denen wir glauben , daß sie uns lenken - , mein Rosenkranz , so sage ich heute , am Tage der Lichtmeß , bereitet mir schmerz lichen Kummer , größeren , als ich sonst in den Phasen des Bewußtseins empfinde . Noch immer fällt Schnee . Plötzlich ertönt ein lauter Schrei . Er hallt durch alle Gänge , 61

fräulind ihr Gester Lyse an hat verliert sich in den Gewölben der riesigen Säle und kehrt zurück in den inneren Klosterhof , nachdem er den Eifer der Flagellantinnen jäh unterbrochen und den Faden der Ro senkränze , der Unterweisungen , der Stoßgebete , der Ver dummungen und der Ekstasen abgeschnitten hat , und zer reißt schließlich das Kokongespinst , das wir jeden Tag um unsere im Winterschlaf liegenden Seelen neu weben . Die Glöcknerin hat , als sie wie üblich zum Himmel schwebte , das Seil losgelassen . Sie ist auf den Steinfliesen zerschellt . Sie war gleich tot . Schwester Lyse ist glücklich . . . Eine Sa rabande schwarzer Gewänder ist in den Innenhof gewirbelt . Was von ihrem Gesicht übrig ist , verdient nicht mehr diesen Namen . So kann niemand mehr daraus das letzte Gefühl ablesen , das immer bis zur Verwesung im Antlitz eines To ten eingegraben bleibt . Man hat die sterbliche Hülle weg getragen . Schwester Lyse war noch nicht dreißig Jahre alt . Sie wird ihr Geheimnis für sich behalten , ihre wahre Jung fräulichkeit , vielleicht die einzige , die sie bewahrt hat . Wie und warum , niemand wird es je erfahren . Die Schwestern kommen und gehen , beobachten einander verstohlen , wäh rend sie ihr schuldbewußtes Gezwitscher fortsetzen . Alles liegt wieder in Schweigen . Ich habe mich nicht von der Stelle gerührt . Die Litaneien erfüllen das alte Haus mit einem Frieden , der seit Jahrhunderten unbewegt über all dem ist , was es gesehen hat , sieht und noch sehen wird . Die Litaneien und die Trauergesänge sind vielleicht die letzten religiösen Hymnen , die noch nicht ganz vom Staub der Zeit verschüt tet und zerstört worden sind , des Lebens beraubte und leere Worte gewordene Anrufungen , die einst Ausdruck des gan zen Menschenherzens waren . Das menschliche Herz hat sich gewandelt . Wir , die beim Eintritt in eine Ordensgemein schaft geglaubt haben , in den Verliesen einer Vorstellungs welt verschwinden zu können , bringen es nicht mehr fertig , unsere menschliche Komödie in diesen abgebrauchten Altar räumen , diesen erschöpften , hieratischen und entmenschlich 62

ten Formeln ablaufen zu lassen . Wenn wir danach streben , die Grundzüge unseres Wesens zu erkennen , wenn wir ver suchen , in den Zustand einer Entrückung zu geraten , dann beten wir zum Himmel mit unseren eigenen Worten . Doch die Gesänge und die Melodien bei Trauerfeierlichkeiten machen noch immer einen tiefen Eindruck . Wir haben keine Alternative mehr , und wir erkennen keine mehr an . Uns , die unvoreingenommen sind , zieht nur das Jenseits an ; sonst wäre unser tägliches Tun ein eitler Akt , eine Bejahung des Nichts , eine Sklaverei des Hangs zum Absurden . Wir leben von unserem Tod , für unseren Tod , er allein ist un sere Freude , unsere Orgie , unser Bacchanal , unser Orgasmus und unsere Verklärung . Wenn ich im Tode wiederaufer stehe , unter meinen schwarzen Sonnen , dann wird mir viel leicht die Hoffnung wieder leuchten . Inzwischen , im Hin terland , schlagen die Wogen zweier Brandungen ständig an die Tore des Klosters , die des Reiches , in dem der schwarze Höllenfürst einhersprengt , der Widersinn und die Niedrig keit des Geldes , aber auch , trotz allem , die unvergeßliche Woge des Königreichs , in dem der Fürst der Morgenröte reitet , die Liebe mit rubinrotem Geschlecht . Requiescat in pace ! . . . Nein , die Glöcknerin hat kein Ver langen mehr , weder nach Schlaf noch nach dem ewigen Frie den . Schon seit Jahren ist Schwester Lyse verzaubert in diesem halboffenen Grabgewölbe , in dem wir alle dahin welken . Die Glöcknerin hat ihre sogenannte Glückseligkeit bereits gekannt . Wir alle verlangen nach einem Leben , das stürmischer , ereignisreicher , strahlender ist als das irdische Dasein . Der glatte Aal der Litaneien kommt daherge schwommen , er wallt in feierlichem Zuge , beugt den Rük ken und kniet nieder , Motetten und Responsorien , er wiegt seinen kleinen lüsternen Kopf durch die Gänge . . . Wer wird die neue Glöcknerin sein ? Alle Riten sind erfüllt , alle Wechselgesänge zu Mariä Rei nigung sind gesungen worden . Das Dauernde beschränkt sich auf den Wirkungsbereich der Gesten und Gestikulatio

den haben keine Fluiden bedürfen keine keine Dichte nen . Auf Mariä Lichtmeſ folgen andere Ritualien , andere Gesänge werden zelebriert , die Reihe setzt sich fort , der eherne Ring , der den Kosmos umgibt , schließt und öffnet sich , verengt und erweitert sich unaufhörlich . Die Zeit läßt sich mit Händen greifen , die Zeit ist Materie . Der Zeitraum eines Vormittags , die Dauer eines Klosters , die Oberfläche eines Lebens , die Frist eines Lebens , die Frist eines Univer sums , das ewige Kreisen der Welten , all das ist materiell . Dann und wann wird der Tod einer Schwester , ein im Äther abgeschossener Vogel , dieses eherne Gewölbe spren gen , dieses Dauernde , das von allen Seiten den Raum , den unser stupider Kosmos einnimmt , gefangenhält . In den Klöstern bedürfen die Tage keines Namens . Alle Tage gehören dem Herrn . Die Stunden bedürfen keiner Zahl , die Sekunden haben keine Flügel , die Augenblicke keine Dichte . Die gleiche gespenstische Erinnerung kehrt immer wieder , der Schädel ohne Ruhestatt , der Schlaf , die ser Lord mit der Spinnwebperücke , der auf seinem Sack von Wolle und Treibsand sitzt . . . Klinge , mein silberner Löf fel ! Klinge , mein goldener Ring ! . . . Dieser rieselnde Dü nensand erschreckt mich . Klinge , Gold und Silber ! Beim Klingen der kostbaren Metalle , die Zwiesprache halten , werden mein schwacher Kopf und mein unsicheres Herz standhalten . Möge mir die ewige Bewegung beschieden sein , denn ich darf nicht einschlafen . Das Gold und das Silber sind nur das Röcheln einer Nachtigall , die allmählich er würgt wird . Singt hell , ihr metallenen Musikanten ! Euer Kontrapunkt ertöne aus vollem Herzen , aus voller Kehle , wie ein ganzer Wald voller Singvögel . Gold und Silber werden den Rhythmus und die Klangfarbe zweier Zimbeln haben . Warum in der Brust dieses Läuten von zwei klang losen Vierundsechzigsteln ? Das Läuten soll aufhören , sonst wird es mein Leidensweg sein . Kein Grillenzirpen über mei nem Kopf . Das Gold soll gelb und das Silber weiß tönen . Ich darf nicht einschlafen . Ewig laufende Maschine , ich schlage den silbernen Löffel . . . . . 64

lugten in unserer ex Man muß sich Bürgerlichen gesich Eine schwarze Kugel . . . neun weiße Kugeln . Nein , da ist noch eine elfte Kugel , eine schwarze . Man hat mir die Wahl urne des Cercle anvertraut . Ich zähle sie mit zwei kleinen Kindern aus . Das eine hat ein Engelslachen , und sein Ge sicht ist goldbraun , das andere hat zimtfarbenes Haar , und seine Pausbacken sind so rot wie Kurkumapulver . Ihre Augen rings um mich sind wie ein Sternbild aus vier Mor gensternen . . . Für jeden Kandidaten legen die Mitglieder des Komitees eine Kugel in den Kasten . Noch eine schwarze Kugel , und der Eindringling wäre für unwürdig befunden worden , in unserer exklusiven , glänzenden Gesellschaft zu gelassen zu werden . Man muß sich tatsächlich mitleidlos zeigen diesen Emporkömmlingen und Bürgerlichen gegen über , die sich in unsere Elite einzuschleichen versuchen . . . Ich bin an diesem Nachmittag fast frohgelaunt , und dabei habe ich meinem Vater ohne jede Begeisterung nachgegeben , als er mich aufgefordert hat , ihn in den Cercle zu begleiten . Seit Wochen ist mein Herz ein Rehböckchen , das in Hitze ist . Der gute alte Papa scheint einen finsteren Anschlag gegen mich im Schilde zu führen . Ich hätte Lust , darüber zu lachen ! Papa mißbraucht seinen Einfluß . Er macht wahrhaftig Regen und Sonnenschein in diesem verehrungswürdigen Cercle Bellevue , dessen Präsident er ist und damit zugleich der grimmige Zerberus , der über die geheiligten Traditionen unserer schönen Welt wacht . . . Der Cocktail ist köstlich in diesen feinen Gläsern aus böhmischem Kristall mit dem schönen Schliff . Das Glas singt zwischen den Zähnen . War um wohl hat mein Vater , der doch sonst so snobistisch ist , einen Druck ausgeübt und mir diesen Monsieur Lucien Da maze , den fast keiner kennt , beinahe aufgezwungen ? Ohne ihn hätte er sich nicht zur Wahl stellen können . Eine schwarze Kugel mehr , und es war um ihn geschehen ! Man sagt , dieser junge Mann sei aus Deutschland zurückgekom men , wo er studiert habe . Er ist zwar , wie es scheint , von nicht zu dunkler Hautfarbe , was allerdings ein fast untilg bares Verbrechen wäre , aber er ist von zweifelhafter Her 65

kunft und hat keinerlei Verwandtschaft , deren er sich rüh men könnte . Andererseits gilt er für sehr reich . . . Ich sehe wieder das Ende dieser Cocktailparty vor mir , die mein erster Ausgang nach dem Nervenzusammenbruch in den letzten Wochen gewesen ist . Unbeteiligt betrachte ich unsere Dandys , wie sie in der Bar das Tanzbein schwingen . Großer Gott , unter ihnen ist keiner , der vor meinen Augen Gnade fände ! Weder heiter noch traurig , warte ich auf die Über raschung , die mein Vater mir nach soviel Geheimnistuerei versprochen hat . . . Auf dem Heimweg , in dem Buggy , ge steht er mir , daß er für mich einen Bewerber hat . Meinen Schmerz und meine Verärgerung werde ich nicht so leicht vergessen . Er bemüht sich vergebens . Und nun stehe ich vor diesem geheimnisvollen Bewerber . Er trägt einen Überzieher von grauem Samt , eine weiße Krawatte mit großen , olivgrünen Punkten , eine hellgrüne Weste , flaschengrüne Hosen und aschgraue Gamaschen und sieht mich an , seinen Strohhut in der Hand haltend . Ein Gesicht , das zum Träumen anregt . Eine hohe , ruhige und zuweilen etwas frostige Stirn unter dem seidigen , gewellten Haar , eigenwillige , lebhafte Augen wie die eines Kindes mit dunklen Ringschatten ; das Oval des Gesichts ist so voll kommen , daß es unwirklich scheint . Die Wangenknochen sind ein wenig hoch , die Nase ist fast gerade , lebendig und rein wie ein Segelschiff , unter dem feinen Schnurrbart ge wahrt man schmale , kraftvolle Lippen , auf denen ein rätsel haftes Lächeln liegt , und das Kinn - nein , dieses Kinn ! Mein Vater ist ein wundervoller Mensch ! Der Schuft ! Jetzt be greife ich alles , er hat ihn für mich ausgesucht . Köstlicher kleiner Papa ! Ich war verrückt , zu glauben , ich sei in diesen Gecken verliebt , den Bastard meines Vaters ! Ich glaube , ich wäre davongelaufen , wenn ich nach meiner Hochzeit diesem fast braunen Mulatten begegnet wäre . Wenn er nicht der schönste Mann wäre , den es überhaupt geben kann , so wäre er für meinen Geschmack vielleicht eine Kleinigkeit zu dun kelhäutig . Aber bin ich nicht hell genug für uns beide ? Er 66

sieht mich an . Ich liebe ihn ! Ich liebe ihn ! Ich liebe ihn ! Ich bin verrückt ! Lucien Damaze , heute erst bin ich zum Leben erwacht ! Und nun treten mir die glücklichen Tage unserer Ver lobungszeit wieder vor Augen , in einem Schimmer von Sonnenlicht . Seine Hand umspannt fest meine Taille , sein Finger streichelt meine Lippen , und er spricht zu mir , wie nie zuvor jemand zu mir gesprochen hat . Er hat mir die Tore des Lebens geöffnet . Er lehrt mich den Wechsel der Jahreszeiten kennen . Durch ihn werden mir die Stunden Minuten . Er macht mich vertraut mit dem Spiel von Licht und Schatten . Er erklärt mir den Gesang der Vögel . Er ist Kraft , er ist Salz , er ist Geist , er ist einzigartige Schönheit , vollkommene Anmut , makellose Perle , Wunder des Lebens . . . Wir sitzen im offenen Wagen , rings um uns die Bananen pflanzungen der Ebene , mein Vater zu meiner Rechten , der Geliebte zu meiner Linken . Wir wollen dem Adoptivvater meines Verlobten einen Besuch abstatten . Dieser alte . Krö sus , gestern noch Generalstatthalter , ist heute ein großer > Don < der Ebene , ein hochherrschaftlicher Pflanzer , von dem man sagt , daß er als echter > Bauernneger selbst nicht weiß , wieviel er besitzt . Lustig schaukelt die Landschaft im Trott der Pferde . . . Ich habe immer eine Abneigung dagegen ge habt , mit Leuten zu verkehren , die nicht zu unserer Welt gehören . Natürlich gehört der , der nun der Meine ist , zu unseren Kreisen ; man braucht ihn nur anzusehen , um das zu wissen . Alle meine Freundinnen beneiden mich schon . . . Auf der Landstraße kommen Bauern in schmutzigen Klei dern und mit schlammbedeckten nackten Beinen an uns vor bei . . . Mein Vater war der Meinung , wir hätten die Pflicht , diesem alten Onkel einen Besuch abzustatten , der , wie man sich erzählt , ein ungehobelter Mensch und immer in derbes Blau gekleidet ist , rohlederne Sandalen trägt und sich nicht einmal auf französisch auszudrücken versteht . Sollte Papa in Geldschwierigkeiten sein ? Die Hand meines Verlobten zittert in der meinen , offenbar schämt er sich ein wenig ,

mich diesem bäuerlichen Großonkel vorzustellen , aber ich werde ihn weder meine Verwirrung noch meinen Wider willen merken lassen , denn er , er ist schön . Ich liebe ihn . . . Da ist das große Haus mit dem in das Satteldach eingebau ten Stockwerk , ein beunruhigendes Oberhauss , umgeben von Weinlauben , affenähnlichen Mapoubäumen mit grün schillerndem , rauhem Laub . . . Hier sind die teuflischen Medizinbäume , die verrückten Manzanillenbäume , die ge wundenen » Zombigurken « und die ganze mysteriöse Flora , die wuchernd diesen breiten und fetten alten Mann mit dem roten Kraushaar umgibt , der uns , unter den Bäumen sit zend , empfängt . Dieser fratzenhafte Neger , ein Gorilla mit ziegelroter Haut und zweideutigem Lächeln um die Lippen , betrachtet mich mit lebhaften roten Augen , die tanzen , als bewegten sich große Fliegen vor seinen von schlaffer , runz liger Haut eingefaßten Augenhöhlen . Seine Blicke umgeben mich mit einem Dickicht ineinander verschlungener Lianen , süßliche Blicke , die von meiner Stirn zum Nacken gleiten , auf meinen Hals , meine Schultern , dann über meinen gan zen Körper laufen wie ein Strom von Ameisen mit unzüch tigen Stacheln . Seine Blicke weben regelrechte Netze um mich , die mich festhalten und an den Boden nageln . . . Ich entreiße mich diesem vergiftenden , hypnotisierenden Ein druck und zwinge mich , auf diesen fetten Silen zuzugehen . Er erhebt sich , streckt die Hände aus , ergreift meinen Kopf und drückt seine Sauglippen auf meinen Hals . Die Augen werden ruhig , dann verschwinden sie in den Fältchen der Augenhöhlen . Er begrüßt meinen Vater und meinen Ver lobten . Dann , mit unglaublicher Behendigkeit , hebt er sei nen schwabbeligen , schaukelnden Bauch an , stellt sich hin , wühlt in der Tasche seiner Jacke und zieht einen Gegen stand aus grünem Leder heraus . Er schüttet mir Goldstücke aus einer gefüllten Börse in die Hand . Nun endlich lächelt er und fordert uns durch ein Zeichen auf , das Haus zu be treten . Ich halte die brüderliche Hand meines Verlobten in der meinen . Ich brauche keine Angst zu haben . . . 68

Wenn ich diesen beunruhigenden Alten wiedergesehen habe , dann hat er jedesmal den gleichen peinlichen Eindruck bei mir hinterlassen , einen Schwindel wie von einem schleichen den , betäubenden Gift . Heute findet die Ziviltrauung statt , die kirchliche Zeremonie soll morgen feierlich begangen werden . Ich trage eine Robe aus Köper mit enganliegendem Mieder ohne andere Verzierung als eine Knopfreihe im Rücken , mattsilberne Sterne in Übereinstimmung mit den Sternen an dem Gürtel , der meine Taille andeutet . Auf dem weiten , langen Rock heben sich kostbare Silberfadensticke reien ab , Mondsicheln , Sternbilder , Saturne , Kometen , Sonnensysteme , die um eine Milchstraße kreisen , Nebel aus kleinen silbrigen Punkten , die schräg über den von duftigen Unterkleidern gebauschten Rock laufen . Meine Schuhe sind aus Silberlack , und mein mit Puder getöntes Haar ist zu einer einzigen gedrehten Flechte zusammengefaßt , die mir auf die rechte Schulter fällt . Noch niemals ist meine strah lende , natürliche Schönheit so leuchtend in Erscheinung ge treten . Ich bin schön wie eine helle Nacht . . . Während ich mich in dem hohen Spiegel betrachte und unten schon die ersten Gäste herbeiströmen höre , öffnet sich langsam die Tür . Er ist es ! Der fratzenhafte alte Gorilla mit dem roten Kraushaar ist da , noch immer in blauer Bluse und mit roh ledernen Sandalen . Er kommt auf mich zu , öffnet meine Finger und nimmt mir den Lilienstrauß aus der Hand . Er legt mir ein Bukett kostbarer , gekräuselter , milchiger Blu men hinein , die das Zimmer mit einem ätherischen , über sinnlichen , strahlenden , lichten Duft füllen , der wie eine Romanze im April ist . Er drückt mir ein Platindiadem ins Haar , eine mit bläulichen , wie Morgentau glitzernden Bril lanten besetzte Filigranarbeit . Seine welken , feuchten Pran ken bemächtigen sich meiner Hände , legen sie zu einer Mulde zusammen und entleeren darein den Inhalt eines Perlmutterkästchens . Diamanten , Brillanten , Solitäre , Gem men , Kameen und Chalzedone rieseln in meine Hände . Das leere Kästchen stellt er auf den Untersatz des Spiegels ; eine 69

Schlange aus Aquamarin ist daran , deren grünliche Augen funkeln und deren Zunge aus einem Karfunkel besteht . Man könnte sie für lebend halten . . . Der schreckliche Alte ist verschwunden und hat meinen Lilienstrauß mitgenommen . Während der Standesbeamte spricht , atme ich den Duft meines weißen Buketts aus gekräuselten Blumen . Wir alle haben Angst , daß der struppige alte Bauer während der Zeremonie plötzlich wie ein Lemure auftaucht . Er sollte nicht kommen , doch ist er nicht eben noch in meinem Zim mer erschienen ? Wenn er in den Salon eindringen sollte , was werden wir unseren Gästen sagen ? Und plötzlich wird die Menschenmenge vor meinen Augen abwechselnd kleiner und größer . Mein Vater hat keinen Kopf und dreht die Schultern . Das Gebiß meiner Tante beißt in die Gehänge des Kronleuchters . Die Köpfe meiner Kusinen gehen an der Decke spazieren , meine Brautjungfern werden teuflisch grinsende Gnomen . Was ist das in meinem Kopf ? Was ist das in meinem Munde ? Mein Bräutigam hat keinen Körper mehr , seine Hände und Füße schweben frei in der Luft . Die Stimmen schwellen ins Ungeheure , sie werden Höhlen der Disharmonie , Echos , stimmlose Wirbelstürme . Eiweißge schmack verklebt mir den Gaumen . Der ringelnd aufstei gende Duft meines Buketts umkreist mich . Ich schreie . Ich gehe unter in einem milchigen , zähklebrigen Schleim . . . Ich liege ausgestreckt auf dem Parkett in meiner weißen Robe . Die Leute tuscheln und beugen sich über mich . » Sie ist tot « , sagen sie . Nein , ich bin nicht tot ! Aber ich kann nicht mehr schreien . Ich fühle mein Herz nicht mehr , mein Herz hat aufgehört zu schlagen . Ich habe kein Gefühl mehr , ich bin eine Statue aus Eis und völlig bewegungslos . Zuletzt sehe ich nur noch den blauen Vogel auf dem Hut meiner Tante , der immer wieder auf meine Augen zukommt und meine Hornhaut durchbohrt . Alles ist blau . Blau ! Blau ! . . . Mein Hals ist zu geschnürt von einem Ring . Mein Mund ist nur noch Schwe fel und Schleim . 70

» Sie ist tot « , sagen sie . Nein , ich bin nicht tot ! Ich höre . Ich höre sie alle rings um mich , meinen Vater , Lamercie , meine Amme Mouka , meine Tante und meine Kusinen . Ein Finger hebt meine Augen lider . » Sie ist tot . « Nein ! Ich kann nicht tot sein ! Ich höre die Stimme meines Bräutigams , er ruft mich . Ich fühle seine Tränen auf mein Gesicht tropfen . Ich höre ihn . » Sie ist tot . « Nein ! Ich bin nicht tot . . . Die Schwester Pförtnerin ist in meine Zelle getreten . » Wie geht es Ihnen , liebe Schwester ? Sie wissen , eigentlich darf ich Sie nicht besuchen . « Die Schwester Pförtnerin ist bleich wie eine Teerose . Ihre grauen Augen sind bleich wie die Erwartung . Ihre schmalen Hände sind bleich wie das Pergament , das sie für die Ewig keit bemalt . Ihre Stimme ist bleich wie das Lied der blühen den Bambuswälder . Die Schwester Pförtnerin lächelt mir zu , und ihr Lächeln ist bleich wie der Tod . » Eine Schwester empfängt gerade einen Besuch im Kreuz gang , und Mutter Oberin wartet stehend im Bußgewand , eifrig in einem Buche lesend , das aber geschlossen ist . « Die Schwester Pförtnerin berührt meine Stirn . Sie lächelt . Dann geht sie und winkt mir zum Abschied mit ihrer welken Hand . » Eine Schwester empfängt einen Besuch im Kreuzgang . « Die Schneeflocken bilden Arabesken an meinem Fenster . Der Himmel ist eine Mischung von Blau und Rötlichgrün . Das Glatteis im Innenhof des Klosters glitzert wie ein Salz see . Eine Laienschwester geht mit einem Sack voll Sand vorbei und läßt den Sand zwischen den Fingern durch rieseln . Nun stellt sie den Sack hin und haucht sich in die Hände . Die Laienschwestern haben immer blaue Finger . Die Uhr schlägt . Die Schwester Glöcknerin fliegt am Seil ende des Glockenstuhls zum Himmel auf . 71

Ich steige die steile Treppe hinunter , durchquere den pok kennarbigen Korridor , ich laufe auf dem sandbestreuten Glatteis . Ich sage den Sperlingen guten Tag , die unter dem spitzbogigen Tor der Kapelle nisten . Meine Schritte klap pern im Querschiff bis an den Altar der Heiligen Jungfrau . Ich knie nieder . » Ich liebe das Blau deines Gewandes , Maria . . . Deine nack ten Füße sind traurig und scheinen zu frieren . . . Geschmei dig und harmonisch bauscht sich dein Kleid über dem Band , das deinen Leib gürtet . . . Immer lächelst du nur in deinem weißen Schleier . Lachst du auch zuweilen , Heilige Jung frau ? Laß mich den Klang deines Lachens hören . Du willst nicht . . . Lehre mich die Hände falten , wie du es tust . « Ich erhebe mich und mache ein großes Kreuzeszeichen . Der Anstaltsgeistliche erwartet mich im Beichtstuhl . » Segne mich , mein Vater , denn ich habe gesündigt . Ich habe mich über den unaufhörlichen Schneefall geärgert . Ich habe seit Jahren nicht geweint , mein Vater , ich kann nicht mehr weinen . Ich kann nicht mehr lachen wie die Kinder . . . Ich habe mit Vergnügen ein Schneeglöckchen zerzupft . Ich habe den Himmel mit unzüchtigen Blicken betrachtet . Ich habe einen Stern angelogen , der in meine Zelle schaute . Ich sehne mich nicht nach dem Tode . Ich habe nicht über die Liebe nachgedacht . Ich habe mich vom Monde streicheln lassen , der seinen Arm bis an mein Lager ausgestreckt hat . « Ich erhalte Absolution von dem braven , tauben Geistlichen , den ich nicht sehe , der mich nicht sieht und der niemals hört , was die Nonnen sagen . Der Tag ist wie eine langsame Prozession vorübergegangen mit seinen Kreuzen , seinen Chorhemden , seinen Gesängen , seinen Kirchenfahnen , seinen Gebeten , seinen Glaubens übungen und seiner Farblosigkeit . Die Nacht ist gekommen , nicht düsterer als die Tage , und ich bin von Nebelfleck zu Nebelfleck gereist mit meinem Herzen , das stromauf offen , stromab geschlossen ist , traurig , eine Beute meines Nacht gestirns . Der erste Tagesschimmer hat seine Lippen geöff

net , die Morgenröte hat gelächelt , und von meinem Fenster aus habe ich das Lachen des Morgens gehört . Die Uhr auf dem Tisch schlägt hastig wie ein erschrockenes Herz und verschlingt die Sekunden . Seit heute früh hat man Schwe ster Chantal nicht mehr gesehen . Sie ist nicht in ihrer Zelle . Sie ist nicht in der Kapelle , sie ist nicht auf den Korridoren und nicht im Turm . Sie ist auch nicht unten an den Klippen gewesen . Schwester Chantal hat gestern einen Besuch im Kreuzgang empfangen . Schwester Chantal ist Annamitin . Ich liebe ihre schmalen Augen und ihren gelblichen Teint . Man wird Schwester Chantal nicht wiedersehen . Vielleicht wird Schwester Chantal glücklich sein . Die Schwestern wandeln sich im Wechsel der Stunden , sie sind schleichende Derwische , sie singen , sie malen Bilder aus , wachen , beaufsichtigen , bügeln , kochen und verbrühen sich . Warum tanzen sie nicht ? Der Schlaf nähert sich mit seinen unerbittlichen Saugarmen . Ich schlage mit dem silbernen Löffel an meinen goldenen Ring . . . Aufgebahrt im offenen Sarge , höre ich die Familie und die versammelten Freunde schluchzen . Die Kerzen weinen heiße Tränen auf mein Gesicht und mein weißes Brautkleid . Ich bin eine Statue aus Eis , mein Hals ist zugeschnürt , und mein Mund ist Schwefel und Schleim . Man hat meinen Kör per mit einer Fülle kostbarer , milchsaftgebender , gekräusel ter kleiner Blumen bedeckt , deren Duft auf mich einströmt . Rings um mich ist ständiges Kommen und Gehen . Ich fühle den Mund meines Vaters auf meiner Hand , und von seinem Schluchzen erbebt der Sarg . Da ist meine wimmernde und zitternde Amme Mouka . Ich weiß , daß das Gesicht meines Bräutigams sich nähert . Ich ahne es . Er soll zu mir kommen , er soll mich voll auf den Mund küssen , und ich bin sicher , zu erwachen . Seine Lippen berühren die meinen , seine Zunge dringt zwischen meine Zähne , aber meine Zunge ist eine leblose Molluske , meine Zunge ist ein Schleimklumpen . Er küßt mich voll auf den Mund , und ich werde nicht er

weckt ! Immer heftiger und lauter wird das Schluchzen , es wird eine Sturmglocke des Schreckens . Man schließt den Sarg über mir . Die Schrauben knirschen und kreischen . . . Die Pferde bleiben stehen , das Holpern hört auf . Ich werde behutsam auf den Armen getragen , man setzt mich ab , Weihrauch dringt durch die Ritzen des Mahagonisargs . Ein Harmonium maunzt wie eine müde Katze , die sich streckt . Dieser Tag ist ein Tag des Zorns . Die Harmonien erheben sich , die Stimmen schwellen an , verflechten und lösen sich , leidvoll und prophetisch . Der Offiziant singt näselnd im Wechsel mit dem Kantor , und die Totenmesse des Requiems fällt herab auf mich , die ganz frisch und wohlbehalten , ge froren und steif , lebend auf dem Totenbett liegt . Ohnmäch tige Schreie , gedachte Bewegungen , die ich nicht ausführen kann , drängen sich in mir zusammen . Wassertropfen dröh nen schaurig auf meinem Sarg . Mein Mund ist ein Brand aus Schwefel und Schleim . Ich werde fortgetragen . Alles ist schwarze Nacht , alles ist Abschied . Das Grab gewölbe wird gemauert . Ich liege in diesem dunklen Blau , allein mit dem Summen einer Fliege , die mit mir in der Ma hagonikiste eingesperrt ist . Sie schwirrt seit Stunden über meinem Kopf , geht auf meinen Lippen spazieren , auf mei nen Augen , meinem Hals . Ein kleines , bohrendes Geräusch . Ist es ein Wurm bei seiner Arbeit ? Ist es die beginnende Ver wesung ? Bin ich schon grün wie ein verfaulter Leichnam ? Das Holz ächzt in der Hitze . Ich höre noch mehr Würmer , die ein Loch bohren , um bis zu mir vorzudringen . Bin ich schon Gas , Miasma , wimmelndes Gewürm , Ameisen , Maul würfe und Mikroben ? Bin ich unangreifbarer Marmor ? Ein Meißeln durchbricht die Stille . Man zieht mich , man zieht mich heran . Eine Trommel scheppert vor Angst . Die Schrauben knirschen und kreischen . Der Sarg ist offen ! Ein Löffel wird mir zwischen die Zähne geschoben . Das Leben strömt . Es dringt in meine Kehle , sie öffnet sich . Es rinnt durch meine Arme , es fließt in meinen Leib . Mein Geschlecht lebt wieder auf und beginnt zu pulsen . Meine Beine . . . 74

Jetzt beginnt mein Herz stürmisch , wie rasend zu schlagen . Ich werde hochgerissen . Die Trommel schlägt rasende Wir bel , Glocken und Zimbeln klingen mir in den Ohren . Ich stehe ! Ich schreie . Sie mißhandeln mich , sie peitschen mich , sie stoßen und schlagen mich . Ich gehe . . . Ich gehe über den Friedhof , diese Liliputanerstadt , ich lasse ihn hinter mir . Da sind schon die Lichter von Port - au - Prince vor mir hinge breitet wie eine Traumblume . Ich schreie . Sie peitschen mich . Ich wehre mich , ich schlage um mich , ich beiße und kratze , aber ich kann nicht entkommen . Sie binden mich . Die Trom mel schnarrt zu den Rufen meiner Kerkermeister und dem Zischen der Reitpeitschen . . . Nun bin ich in der schwarzverhangenen Stube . Ich bin al lein mit einem abscheulichen Ziegenbock in roter Jacke . Ein Baca ! Es ist ein Baca ! Ein menschliches Wesen ! Verzaubert in ein Tier ! Hier bin ich in meiner silberbestickten weißen Robe , den Brautschleier auf dem Kopf . Hin und wieder be tritt der fette alte Silen den Raum und gibt mir zu essen . Die Speisen sind immer salzlos , und der Ziegenbock macht im mer seine Kapriolen rings um mich und sieht mich dabei mit seinen Menschenaugen an . Auch eine Schlange ist da , die auf dem Fußboden umherkriecht . Das behaarte , rote Menschen tier kniet manchmal vor mir nieder wie vor einer Madonna und stammelt in einer Sprache mit schreckenerregenden Lauten Gebete . Ich bin einem Totengott geweiht , einem un züchtigen Beelzebub . Ich bin lebendig und tot zugleich , um mich ein Stuhl , ein Tisch , ein Bett und der Ziegenbock in roter Jacke , der stundenlang meckert , und die Schlange , die sich auf dem Boden ringelt . . . Die Speisen sind immer salz los . Mein Hochzeitskleid wird auf die Dauer schön aussehen . Ich bin lebendig und tot , ohne Kraft , ohne Stimme , ohne Willen . Nun kreist der Gorilla bereits seit Jahren um mich , mit rotem Haar , das schon weiß wird , und verehrt mich wie ein Götterbild . Meine Augen sind trüb und teilnahmslos . Die Speisen sind immer salzlos . . . Ich bin eine Zombie . Mutter Oberin ist an meinem Bett . Nun erinnere ich mich .

liebe die Liebe in seinecem farblosen Hint Ich glaube da Man hat mich eines Tages neben dem Leichnam des unheim lichen Alten gefunden . Mein Bräutigam hat mich gesehen und geschwiegen . Ich bin eine Zombie gewesen ! Man hat mich über den Ozean gebracht in dieses steinerne Kloster , in dieses Land , in dem es keine Sonne gibt . Mutter Oberin sieht mich an , streicht mir über die Stirn und schenkt mir ihr immerwährendes Lächeln . Aber ich bin keine Nonne ! Ich will mich nicht dem himm lischen Bräutigam vermählen . Ich bin keine Zombie mehr . Ich will keine Zombie mehr sein . Ich bin keine Nonne ! Ich glaube , daß mein Gatte eines Tages wiederkehrt , es kann nicht sein , daß er meinen Ruf nicht hört , er hat mich ge liebt , er liebt mich noch , er muß mich lieben ! Eines Tages wird die Liebe in seinem Herzen siegen . Und dann wird er kommen , um mich diesem farblosen Hinterland , in dem ich zwischen zwei Welten lebe , zu entreißen . Ich glaube daran . Eines Tages wird er wieder zu sich finden . Er wird nicht leben können , solange er mich nicht befreit hat . Nur die bleiben im Kloster , die kein Liebesleid erfahren haben . Ich bin zu ihm gekommen , wie man einem Prinzen entgegentritt . Lucien Damaze , erinnerst du dich , wie ich dich sah und neu geboren wurde ? Du hast mir die Tore des Lebens geöffnet , du hast mich den Wechsel der Jahreszeiten gelehrt , du hast mich vertraut gemacht mit dem Spiel von Licht und Schatten . Ich begehre deine Stärke , ich begehre deinen Geist , deine vollkommene Schönheit , du bist wunder bar wie das Leben . In allen Zellen sind Schwestern , Sing schwestern , Betschwestern , Schwestern , die sich auf den grauen Steinfliesen geißeln , Laienschwestern im Gemüse garten , auf dem Hühnerhof oder in der Verwaltung , Schwe ster Türmerin stickt auf ihrem Turm Altardecken , Schwe ster Pförtnerin malt ihre Folianten an der Gitterpforte des Klosters , die Glöcknerin fliegt am Seilende des Glocken stuhls zum Himmel auf , und schließlich Mutter Oberin in ihrem Bußgewand , immer lesend auf ihrer Runde durch die kilometerlangen Gänge des Karmeliterinnenklosters . 76

Schwester Eglantine horcht an der Tür meiner Zelle . Schwe ster Chantal ist vielleicht glücklich . Ich . . . ich warte . Ich warte geduldig . Die geschäftige Uhr auf dem Tisch haspelt ihren endlosen Rosenkranz ab . Heute abend werde ich mit dem silbernen Löffel an den goldenen Ring schlagen , den mein Gatte mir gegeben hat . . . » Mein Sohn , das ist eine recht seltsame Geschichte . Es heißt , was man nicht weiß , das ist stärker als man selbst . Wenn die Zombigeschichten Legenden sind , dann sind die Völker glücklich , die so große und lebendige Legenden haben . Was kann ein Volk nicht erreichen , das Herz hat und eine so rei che Erfindungsgabe ? Wenn die Zombigeschichten wahr sind , warum willst du der einzige sein , der davon überzeugt ist ? Ich brauche es dir nicht erst zu sagen . Wenn du Gewißheit haben willst , brauchst du aus dir nur einen Zombi machen zu lassen . Und dann noch eins : Mir scheint , ihr Composes von heute seid rechte Schelme . Ich möchte nicht gern , daß du herumerzählst , du hättest deinem Großonkel , dem Alten Karibenwind , mit deiner Zombigeschichte einen Bären auf gebunden . Der Hund , der den Knochen gestohlen hat , ist nicht weit . Ich habe ein Auge auf dich , Bürschchen ! « » Onkelchen « , antwortete ich lachend , » Ihr habt mir eben eine Liebeserklärung gemacht , und auch ich habe Euch eine Liebesgeschichte erzählt . Sagen wir lieber , die Geschichte einer unglücklichen Liebe . . . Aber wer vermag mit Sicher heit eine glückliche von einer unglücklichen zu unterschei den ? Ubrigens , Ihr selbst , bei allem Respekt , Alter Kariben wind , seid niemals verheiratet gewesen und habt auch nicht mit einer Frau zusammengelebt . . . Indessen sind die Winde oft heitere Gesellen , sie sind gut , fröhlich , hübsch , zärtlich und schmeichelnd . Man erzählt sich , daß Ihr ein Schürzen jäger seid , der den Mädchen die Röcke hochhebt , ein Tau sendsassa , ein alter Fuchs und Liederjan trotz Eures hohen Alters . Reden wir frei heraus , sagt mir die Wahrheit : War um seid Ihr Junggeselle geblieben , Onkel ? «

Da wurde der Alte Karibenwind ganz traurig , und ohne Umschweife und ohne sich bitten zu lassen , begann er nach einem kurzen Räuspern : Der Tanz der Goldenen Blume Siehst du , Neffe , die Leute sehen den Wind und bilden sich ein , er tut nichts anderes , als daß er wie ein Verrückter bläst . Die Menschen sprechen denen , die nicht die gleiche Gestalt wie sie selbst haben , die Gabe des Herzens ab . In dessen habe ich , der Alte Karibenwind , ganz so wie ich bin , doch geliebt , ich habe Angst gehabt , ich bin eifersüchtig ge wesen , ich bin tapfer , ich bin feig gewesen , ich habe oft ge lacht und manchmal geweint . Wenn ich auch in meinem Da sein als unkörperliches Luftwesen , als ein Wesen aus Nichts hin und wieder einen Sonnenstrahl im Herzen verspürt habe , so bin ich , glaube ich , nur einmal , ein einziges Mal ernsthaft verliebt gewesen . Niemals habe ich eine andere gefunden , die dieser Unvergleichlichen gliche . Nun , es ist weder eine Brise noch die Morgenröte , noch ein Stern oder ein Fluß oder eine Wassergöttin gewesen , sondern eine ein fache Frau . Aber was für eine Frau ! Nach ihrem Tode hat man mich nur noch den Alten Karibenwind genannt , und hat recht genauhon einmal von in Goldene Blu Sicherlich hast du schon einmal von der sprechen hören , die man für alle Zeiten unter dem Namen Goldene Blume ken nen wird , von der großen Anacaona , die als erste in beiden Teilen Amerikas sich gegen die Konquistadoren erhob ; aber du kannst dir nicht vorstellen , was für eine Frau sie gewesen ist . Niemand kann das . Vielleicht erinnert sich mein Vetter , der Fluß Artibonite , mehr oder weniger gut an die große Samba , aber außer ihm kann sich niemand von dieser Frau einen Begriff machen . Was meine Augen gesehen haben , was mein Herz empfunden hat , das wird nie wieder jemand in Anwesenheit einer gewöhnlichen Frau sehen oder emp finden . Allerdings hat Anacaona mir den großen Kaziken 78

vom Goldenen Haus , den schrecklichen Caonabo , vorge zogen , die Geschichtsbücher berichten es , aber der letzte Grund und die letzte Ursache davon werden immer ver borgen bleiben . Zwei Jahrhunderte habe ich dem großen Krieger des Cibao gegrollt , der mir die Liebe der Goldenen Blume geraubt hat . Ich bin eifersüchtig gewesen . Entsetzlich eifersüchtig . Doch ich schwöre , daß ich nichts gegen den edlen Caonabo unternommen habe , und ich habe nicht zu seinem traurigen Ende beigetragen . Ich habe ihn unterstützt und habe ihm gedient , so wie jeder loyale Arawak seine Pflicht gegenüber seinem Kaziken erfüllt hat . Heute hat mein Herz ein weniges von seiner Bitterkeit verloren , und ich muß auch gestehen , daß der Kazike vom Goldenen Haus in mehrfacher Hinsicht , doch nicht in jeder , die Goldene Blume eher verdient hat als ich . Caonabo war ein Mann ohne Tadel , schön , vornehm und ungestüm wie ein Wir belsturm vom Cibao . Vielleicht ist die Erinnerung an ihn neben der an die große Königin ein wenig verblichen , aber trotz allem hat er die karibische Ehre gerettet . Er hat sich geschlagen wie ein rechter Hurrikan . Er ist besiegt worden , aber sein Beispiel ist nicht untergangen . Ihm sei Ehre ! Ehre der Insel Ahity la Belle ! Ach , mein Sohn , du kannst dir nicht vorstellen , wie das Leben auf dieser Insel zur Zeit unserer großen Kaziken war . Alles gehörte allen , auch den Naborias , und wir waren nicht hassenswert , wie ihr es heute geworden seid . Brauchte jemand eine Banane , so nahm er sie , ohne jemanden dafür Rechenschaft schuldig zu sein . Dieser Maiskolben , dieser Goldklumpen , dieser blaue Stein ? Jeder konnte ihn nehmen und nach Belieben verwenden . Die Flaschenbäume , die Mameyäpfel , die Pommes - cajou , die Cacheopalmen , die Aprikosen trugen für uns ihre Früchte . Und die Vögel ! Ihr habt die Vögel ausgerottet . Sie flogen über unseren Guano palmen , über unseren Yucuyaguas aus rotem Lehm , zwi schen unseren Riesenstatuen der Xemezgötter in dichten , fröhlichen Schwärmen . Gewiß , man arbeitete ein bißchen 79

wenig , sehr wenig . Man baute ein wenig Baumwolle , Yuc cas , Mais , man buk einige Kassawen , verfertigte Tongefäße und unsere Waffen , baute die Ajoupas , aber jeder arbeitete , wie er gerade Lust hatte . Es ist recht wenig übriggeblieben von unseren schönen Skulpturen , unseren Wandmalereien mit ihren frischen Farben , von unseren sprechenden Bil dern . Doch es gab sie überall , in allen Grotten , auf den Gip feln der Berge , auf den Felshängen an den Küsten . Abends zogen wir uns nackt aus , und mit schönen , leuchtendroten Farben bemalt , tanzten wir im Mondschein märchenhafte Reigen . Unsere Butios schlugen ihre Zimbeln und Trom meln , unsere Dichter trugen ihre Gedichte vor , die wie un sere Flüsse rauschten , unsere Tequinas tanzten , und die Sambas sangen die Gesänge von der ewigen Glückseligkeit . . . Ach , die Freude ist ausgestorben in Quisqueya la Belle ! Wenn man alles so bedenkt , ist man seit dem Eintreffen dieser verfluchten Spanier und der anderen nie mehr recht glücklich gewesen . Aber ich lasse mich hinreißen , und das ist nicht meine Absicht . Als die Goldene Blume auf unserer Insel erschien , wunderte sich jedermann . Doch ich hatte schon in Boinatel das Kei men , Knospen und Sichöffnen des Sonnengotts gesehen . Die Füße der Goldenen Blume waren schöner als die roten und goldenen Skarabäen des Plateau Central , sie waren wohl geformt , glatt , intelligent , und ihre Zehen wahre Edel steine , lebendig , flink und behende . Ich umspielte sie , und sie lebten in mir wie matte , atmende Vögelchen . Ich ließ meine Zunge von den Knöcheln zu ihren Knien wandern , an den rötlichen Beinen entlang , die zart und ungeduldig und lieblich waren wie unser schönes kreolisches Zucker rohr . Vorsichtig leckte ich an der Aubergine ihrer Schenkel , und an der Stelle , wo sie sich berühren , hatten die Poren ihrer Haut einen Duft , der lieblicher war als unser Jasmin . Ich nahm ihren flaumigen Schoß in meinen Windmund , und da ging ihr hüpfender Puls in meinen luftigen Leib über , und ich wurde das , was kein Wind je wieder sein wird , ein 80

die verlosophischerung , Musikerinneren selbst . Die Kraft , die frischduftendes Pulsen , das das ganze Karibische Meer be deckte , einhüllte und kräuselte . Die Blüten , die ich an man chen Abenden in meinen Zähnen herbeitrage , haben bei weitem nicht die berauschende Süßigkeit der Goldenen Blume . Ihr Steiß war eine Narde , zwei köstliche , im Raum schwebende Äpfel , klingende Noten , eine langsam schwin gende Doppelsonne . Ich umkreiste den Regen ihrer Hüften , um mich in der Nische ihres Kreuzbeins zu bergen , dieser melodischen Muschel , dem Gefäß würzigen Wohlgeruchs , der rosigen Lambischale . Ihr Leib bewegte sich im Spiel der Atmung wie die glasig - gallertige ewige Meduse des Lebens , ihr Oberkörper war der Schwung , die Form , die Kraft , die Gnade und die Inkarnation der Liebe selbst . Die wie aus einem Guß geformten Brüste erinnerten zugleich an Birnen , eine Olbaumpflanzung , Muskatwein und an den heiteren und philosophischen Kreislauf der Jahreszeiten . Wenn sie die verschränkten Hände hob , so stieg der schlanke Spitz bogen ihrer Arme gen Himmel wie ein Morgengebet . Das große Oval , die schwarze Scham ihrer Augen öffnete sich wie unerfüllte Träume . Die Flut des gelösten Haars fiel zu nächtlicher Stunde im Schwung einer Parabelkurve herab wie das finstere Lachen der Tropen . Wenn Anacaona tanzte , so erschuf sie wieder das geheimnisvolle Arkanum der Freude , alle Abstufungen des Lächelns , die Spiralen und Arabesken des belebten Reifs der Frühlingsnächte . Wenn die Königin das große Areyto der Schwarzen Schmetter lingeư sang oder den Leuchtenden Vogel der Lufts , wenn die Goldene Blume den großen Sprechgesang vom Glück in poetischer Ausschmückung vortrug , so erstarrte das ganze Karibenland in Schweigen , der Tag hielt in seinem Lauf inne , und die Nacht kam , verträumt und ruhig , um zuzu hören . Ja , mein Junge , die Goldene Blume zögerte lange , aber schließlich zog sie mir den großen Caonabo vor . Damals nahte die Zeit des großen Wütens und der Barbarei , und die Königin gehörte ihrem Volk . Ihre Wahl war wohlerwogen , 81

denn wenn auch ich , der Alte Karibenwind , so wie sie ein großer Samba und Matuhen von königlichem Blute war , so war sie das ganze Karibenland , war Geist , Weisheit , Salz , Blitz , Feuer , Pfeil , Krieg , Himmel und schließlich eine Königin . Alle wissen , was Anacaona die Große mit ihrem schrecklichen königlichen Gatten Caonabo , dem Kaziken des Goldenen Hauses , zu ihrer Rechten und mir , ihrem Freund , dem Alten Karibenwind , zu ihrer Linken tat . . . Aber warum war diese Zeit so bitter , in der die Große Gol dene Blume , ihre Tänze , ihre Gesänge und Gedichte der Xemeznation in Waffen vorausflogen ? Das ist eine ganze kleine Geschichte , die ich dir , mein Sohn , erzählen will , eine Geschichte , die in keinem Buche steht , indessen eine schöne und wahre Geschichte ist . Ich will dir das Geheimnis des > Tages des Blutes anvertrauen . Nun , da der große Caonabo gefangengenommen worden war , da auf der Vega Real hunderttausend Krieger von Ahity la Belle gefallen waren , da Anacaona ihre letzte Parole , ihr Gedicht > Aya bombés – > Lieber den Tod ! – über die Inseln geschleudert hatte , keimte im Herzen der Golde nen Blume ein großer , königlicher Gedanke . Sie dachte , wenn Christoph Kolumbus , Bobadilla und Ovando bisher gesiegt hatten , so darum , weil die Konquistadoren über Feuerwaffen verfügten , die die Tainovölker nicht besaßen . Man mußte sie also mit einem solchen Hagel von Pfeilen , Lanzen und Wurfspießen überschütten , daß ihre Feuerrohre und ihre verzierten Kanonen nicht nach allen Seiten zu gleich antworten konnten . Zu diesem Zweck entwarf sie einen geheimen Plan von genialer Größe . Da tatsächlich alle amerikanischen Reiche durch die Eindringlinge bedroht waren , mußte man alle Herrscher der Azteken , Maya und Inkas aufrütteln , damit sie zusammen mit den Xemez , den Tainos und den Karaiben handelten . Die gesamten ver einigten Streitkräfte würden an einem bestimmten Tage wie ein ungeheurer Hurrikan mit Donnergepolter über die Ein dringlinge in ihren Silberrüstungen herfallen . Sie wären an

einem Tage vernichtet , als wäre der Himmel selbst über ihnen zusammengestürzt . Die Goldene Blume ordnete da her an , es solle ein Friedensangebot gemacht werden . Gleich darauf sollte ich , der Alte Karibenwind , nach Tenochtitlan im Lande Anahuac reisen und den großen König Mocte zuma besuchen und Guautemoc , den großen Aztekenhäupt ling , den man heute Guatimozin nennt . Ich sollte auch nach Yucatán gehen und den Kaiser Maya benachrichtigen , und schließlich nach Cuzco , um mit dem Sohn der Sonne , dem König Atahualpa , und den anderen Inkakönigen der gro Ben Ketschuareiche im Süden zu beratschlagen . Ich sehe noch in Gedanken die letzten schönen Tage der Goldenen Blume in ihrer Hauptstadt Yaguana la Belle , im Herzen Xaragua . Den Körper mit leuchtendem Krapprot bemalt , dank den Buchten mit Orleanbäumen , von Kopf bis Fuß mit Goldstaub gepudert , trug die Königin keinen einzigen Schmuck ; nackt , um sich ganz von Boinatel durch dringen zu lassen , dem Sonnengott und Urheber der großen Gedanken , und abends unter Loaboina , der Mondgöttin und Ratgeberin des Gefühls , den ganzen Tag über ohne einen Bissen Nahrung , so lag Anacaona entblößt in der über dem flachen Boden gespannten königlichen Hängematte und dachte nach . Ein dunkelblauer Nachthimmel wölbte sich über dem großen Platz vor dem Palast der Königin , die großen steinernen Götterbilder der Xemez waren alle dort hingebracht worden , und ihre bunten Kolossalgestalten reckten sich überall um die Goldene Blume auf : göttliche Tiere mit wild aufgerissenen Augen , mit den runden , ver zückten Nüstern verstörter Kinder und aufgesperrten , in himmlischer Harmonie grinsenden Mäulern . Das weibliche Gefolge der Königin hielt sich , mit Panpanyas bekleidet und Palmzweige in den Händen , in respektvoller Entfer nung ; und ich , der Alte Karibenwind , kauerte , mich hin und her wiegend , zu Füßen der Goldenen Blume , meine Pfeife mit Cohybablättern in der Nase . Zur Linken , hinter dem Gewirr der Hütten , wogte ein smaragdgrünes Mais

feld , zur Rechten rollte der Fluß wie eine große Träne , da hinter sah man die kahle , ockerfarbene Hochebene , und in der Ferne schließlich türmten sich unsere aquamarinblauen deshen Berge . mt sah ich in Poßen Bohechen Riesen , u Guario Einen Moment sah ich in den weitgeöffneten Augen der Königin den Schatten des großen Bohechio erscheinen , dann gewahrte ich Cotubanama , den tapferen Riesen , und ver folgte seine unsterblichen Kämpfe . Auch der alte Guario nez , der leidenschaftliche und tragische , tauchte auf , und im Gefolge all der vorbeiziehenden großen Kaziken von Quis queya erschien auch Caonabo . Die Goldene Blume schlief . Der Hofstaat der Königin näherte sich , und eine der Frauen bewegte beide Arme in einer symbolischen Beschwörungs geste über der Stirn der Goldenen Blume , während die an deren ihre Arme wie Wogen in wechselndem Rhythmus über der Herrscherin hin - und herschwangen . Eine grelle , synkopierte Musik erklang . Eines der jungen Mädchen trat vor , legte sich , rückwärts auf die Ellbogen gestützt , nieder , ergriff mit den Zehen die Kante der Matte und schaukelte sie langsam , während sie das andere Bein anzog . Eine an dere kniete nieder , das Gesicht der Erde zugewandt , die Arme nach vorn gestreckt , wobei ihr Haar in die Richtung der großen Xemezstatue aus weißem Stein fiel , und ver harrte so reglos und mit entblößtem Nacken . Anacaona stieß in ihrem Schlaf einen langen Klagelaut aus und be gann , noch immer in ihrer Hängematte schlummernd , den > Tanz des unruhigen Schlafss , des Schlafs , der von nun an für die ganze Xemeznation unruhig sein sollte . Die Goldene Blume schien unter den schwingenden Armen ihres Gefolges über der Erde zu schweben , sie lag , doch sie tanzte . Langsam hob sich ihr rechtes Bein wie ein langge streckter roter Flamingo beim Auffliegen , der Oberschenkel begann zu beben , und ein Erschauern , das Schrecken aus drückte , teilte sich dem Fuß mit , dessen schwingende Spitze nach Osten wies . So schwebte das ganze Glied frei im Raum . Das linke Bein lag hingegeben auf dem Boden , es 84

rollte sich sanft wie in Liebeslust und drückte das unstill bare Entzücken haitianischer Umarmungen aus . Das schöne , flaumige Geschlecht der Königin atmete lieblich , geöffnet , keusch wie die heiteren Blüten der wilden Orchideen in un seren Pinienwäldern : ruhige Zärtlichkeit der karibischen Pflanzenwelt , Lieblichkeit , Daseinsfreude , Bewegung einer immer strahlenden und verzückten Natur . Ihr Leib war in Unruhe wie unsere Ebenen zur Zeit der Feldarbeit , aufge wühlt und von Furchen und Erhebungen durchzogen , er tanzte und gab ein Spiegelbild der täglichen Arbeiten vor der Invasion der barbarischen Hidalgos . Die Musik belebte sich , sie wurde lärmend , abgehackt und bellend wie die Bluthunde , die damals von den Karavellen auf die Küsten unseres sanften Volkes von Xaragua losgelassen wurden . Die Brüste der Goldenen Blume sprangen in Furcht und Schrecken gen Himmel , so wie die indianischen jungen Mäd chen beim Anblick der Pferde der Konquistadoren , doch der edelgeformte Hals der Königin drehte sich , drehte sich unablässig , er drehte auf der Töpferscheibe das ewige Ge schirr des neubegonnenen Lebens . Das lange , verschlossene Gesicht drückte höchste Not und Verzweiflung aus , ihre Arme schlugen in rasendem Takt durch die Luft , sie waren Haß , Krieg , Kampf . Die Goldene Blume beruhigte sich . Der > Tanz des unruhigen Schlafs war zu Ende . Nun folgte der Traum vergangener Freudens . Er näherte sich aus der Ferne wie ein Sonnenhof in der blauen Nacht , gerade über der ockerfarbenen , kahlen Ebene am anderen Ufer des Flusses . In einem leuchtenden Staubnebel sprangen Scharen von Kindern , der Widerhall fröhlicher Rufe schwoll auf und ab , das Rauschen des Meeres , Gesang von den Einbäumen auf den Flüssen , ein Schwingen und Singen der Aprikosenbäume und der Bana nenstauden erhob sich über den eingeschlafenen Menschen . Der Traum kam näher , wie eine Aureole flog er über den Fluß , erschien auf dem Platz wie ein durchscheinendes klei nes Kind und verschmolz schließlich mit dem Körper der 85

Die der en annaffend das bei alle hen . Sie die Blister is Bar Goldenen Blume . Alsbald erhob sich die Königin von ihrem Lager , sie schlief noch immer , aber sie tanzte , tanzte alle unsere vergangenen Freunden . Ja , mein Junge , der Schritt der Königin war rein und einfach wie der des Lichts . Wenn sie ihre Beine warf , wie es noch heute die kleinen Könige unserer Karnevalsgruppen tun , so schien der Tag über der schlafenden Natur anzubrechen . Ihr Körper war ein riesi ger Tautropfen , ihre Arme waren Aste , ihre Finger Zweige . Eine Trommel schlug wie ein Herz durch die ganze Natur . Die Goldene Blume flatterte wie in der antiken Tanzkunst , von der sich noch Reste erhalten haben , man dachte an Badeszenen am Strande , sie drehte sich um sich selbst , ge staltete nachschaffend die Tätigkeit des Töpfers , die Be wegungen des Jäters , das Rollen der Goldkörner in der Hand des erntenden Bauern , alle die schlichten und lieb lichen Arbeiten glücklicher Menschen . Sie gestaltete alles , die Pirogenschiffer , die Jäger , die Fischer , die Bildhauer , die Holzfäller , die Goldschmiede und die Baumeister . . . Vor unseren Augen erstanden wieder die Spaziergänge , das Ba torspiel , das Tabakrauchen , die Paraden , die Weihe unserer Kaziken , die Verlobungen , das Gebären unserer Frauen , das Wachstum der Pflanzen und der Kinder , die Launen der verschiedenen Lebensalter , die unschuldigen Spiele verlieb ter junger Menschen am Strande , die Kraft und das Er blühen der Körper , das Alter , das die Menschen allmählich niederbeugt und fällt , die gelehrten Beschwörungen der Butios , das ausgelassene Ritual der Totenbestattung , die heitere Ruhe der Nitainowitwen , wenn sie ihre Gatten ins Grab begleiten . . . Ja , mein Sohn , Anacaona tanzte alle Freuden der Vergangenheit von Quisqueya la Belle , und einmal schien sogar die Nacht aus der ungeheuren , unwirk lichen Schwärze ihres blauen Haars hervorzuquellen . Plötz lich geriet die Goldene Blume in ein wirbelndes Kreisen . Sie war Boinatel , der Sonnengott selbst , geworden . Ihr ge bogener , bebender Körper ließ uns alle schillernden Farben karibischer Sonnenuntergänge sehen . Unter Krämpfen und lichen Schien sogar die magie von 86

einem letzten Gleißen und Funkeln sank sie zusammen und streckte sich auf der königlichen Hängematte aus . Fried licher Schlummer umfing sie wieder . Doch plötzlich sah man die Königin aufspringen und wie der auf ihr Lager zurücksinken , als der Alptraum der Gol denen Reiter erschien . Sie kamen von rechts , überschritten den Fluß wie eine Herde unheimlicher großer Tiere mit ihren goldenen Rüstungen , ihren schwarzen , glänzenden Reitpferden , ihren Federbüschen , ihren Hakenbüchsen und ihren Rapieren . Ein Butio erhob sich und beschwor sie . Sie verschwanden in den silbrigen Fluten , dann tauchten sie von neuem auf und galoppierten über die ockerfarbene Hochebene . Die Königin beruhigte sich wieder auf ihrem Lager . Eine riesige Armee von Tainos , mit Hosen bekleidet , trat den Eindringlingen entgegen , und die Schlacht auf der Vega Real begann . Unter der Führung ihrer Hauptleute warfen sich die roten Krieger den Reitern entgegen , Wol ken von Pfeilen flogen von ihren Bogen , ein Hagel von Steinen ergoß sich aus ihren Schleudern , und sie schwangen ihre Stöcke . Der Kampfruf des Karibenlandes erscholl wie ein Liebeslied in der Steppe . Die Goldene Blume in ihrer Hängematte stellte den wilden Kampfesmut und die Ge sten der Verzweiflung dar , die sich in den Herzen der Men schen abspielten . Die Feuerstöße der Hidalgos rissen große Breschen in die Reihen der Eingeborenen , die hin und her wogten , um sich immer wieder wie ein göttliches Wesen aus den Teilen zusammenzufügen und unablässig die Konqui stadoren zu bedrängen . Doch bald gab es nur noch Berge von Toten und Verwundeten , Männer , die noch am Boden liegend kämpften , und eine kleine Schar , die heldenhaft und unentwegt immer wieder auf den Feind eindrang . Nun er klang siebenmal der Ton der Lambimuschel . Seine Hoheit , unser großer Matuhen Guan ' onex , hatte sich endlich ent schlossen , das Zeichen zum Rückzug zu geben . . . Mein Gott , wie schmerzlich war der Schlaf der Goldenen Blume , mein Sohn ! In ihren Augen erschien plötzlich der schreckliche 87

Caonabo , wie er die Konquistadoren empfing , die zu Frie densverhandlungen gekommen waren . Man sah den Kazi ken des Goldenen Hauses die sogenannten königlichen Armreifen entgegennehmen , die die Spanier ihm als Ehren geschenk darzubringen vorgaben . Man streifte ihm die Handschellen über , bog ihm die Arme auf den Rücken . Er wurde als Gefangener auf einem Pferd weggebracht . Von fern sah man noch , daß er sich wütend wehrte und seine gewaltigen Arme anspannte bei dem Versuch , die eisernen Armringe zu sprengen . Anacaona erwachte . Ihr Gefolge wich zurück . Sie erhob sich , nackt , leuchtend rot und goldbestäubt , wahrhaft ein Morgengestirn . . . Ach , mein Junge , wie groß und schön war die Goldene Blume an diesem Tage ! Wenn Königinnen und Könige das Leben ihres Volkes lebten , wie die Goldene Blume es tat , so hätten die Menschen nicht all das Leid er fahren , das sie noch heute erdulden . . . Anacaona richtete sich also in ihrer Hängematte auf , und man hatte den Ein druck , die Insel Ahity selbst erhöbe sich . Durch ein Zeichen befahl sie , ihr den großen Mantel aus Paradiesvogelfedern , ihre Glocke , ihre goldene Pfeife und alle ihre wunderbaren Schmucksachen zu bringen . Ein großer Augenblick in der Geschichte des Karibenlandes stand bevor . Das Volk ver sammelte sich , Nitainos , Bohitos und Naborias . Die Köni gin hatte reiflich überlegt , sie hatte gefastet und geschlafen , Erinnerungen , Träume , Alpträume und Visionen waren zu ihr gekommen . Die große Samba würde es in poetische Form gießen und ihre Befehle dem Volke der Xemez durch ihre großen patriotischen Areytos übermitteln , die wie ein Kampflied auf der ganzen mißhandelten Insel widerhallen würden . Die Gesichter waren gespannt , und die Ohren lauschten erwartungsvoll . Zuerst trug die Goldene Blume das Gedicht der Grubensklaven vor , die in den goldhaltigen Schluchten arbeiteten ; sie schilderte die Verzweiflung der Familien in den Repartimientos , die unbarmherzigen Peit schenhiebe der Aufseher über den kichernden Wasserläufen , 88

caona spe instande walichen und dener höchsten die von den Hidalgos eingeschleppten Epidemien , Pocken und Syphilis , die Verheerungen unter den in den Hütten zusammengepferchten Gefangenen anrichteten , die Massen selbstmorde nach langen , im Gebet verbrachten Nächten , und schließlich das unaufhörliche Geplärr der spanischen Priester , die die Indianer aufriefen , sich zu dem Gott der Sklavenhalter zu bekehren , die Kruzifixe , die Mönchskut ten , den Weihrauch der Priester , der über der systemati schen Ausrottung eines ganzen Volkes schwebte . Die große Samba sang das Lied der Erdrosselten Kinders , sie besang die von Blut geröteten Wasserläufe der Gebirgsbäche , die Freude der Kaimane und Haifische , das lüsterne Kreisen der Aasgeier und Kondore über den Leichenhaufen . Ana caona sprach von der Notwendigkeit eines Auszugs derer , die nicht imstande waren zu kämpfen . Sie trug das Ge dicht von den Jugendlichen und den Mannbaren vor , die nach einer Flucht auf die Gipfel der höchsten Berge das Leben und den Lebensstil des Volks der Xemez neu begin nen würden . Das Volk hörte schweigend , mit gesenktem Blick zu und nickte zustimmend . Zum Schluß trug die Kö nigin in feierlichem Sprechgesang ein Kriegsgedicht vor , das zum Frieden aufrief . . . Die Goldene Blume befahl allen Fürsten von königlichem Geblüt , Ihren Gnaden den Gua oxeris , Ihren Herrlichkeiten den Baharis , Ihren Hoheiten den Matuheris und allen Kaziken der Insel , in drei Tagen zu ihr nach Yaguana , in ihre Hauptstadt , zu kommen . Sie sagte , sie habe sich entschlossen , das Friedensangebot der Konquistadoren , die sich erst tags zuvor bei den Vorver handlungen des Kaziken vom Goldenen Hause bemächtigt hatten , anzunehmen . Die Überraschung des versammelten Volkes war grenzenlos . Die Goldene Blume sprach in könig lichem Ton , sie war der größte Schatz alter Volksweisheit der Xemez , Anacaona befahl nur das , was den nationalen Erfordernissen entsprach , was das einzig Mögliche war . . . Ihre laute , klingende Stimme schwoll immer mehr an und gewann an Tragweite , als sie großartige , tönende Verse 89

sang , die durchdrungen waren von allen Wohlgerüchen des Heimatlandes . Sobald die Goldene Blume den Vortrag ih rer Dichtung beendet hätte , würden die Sambas in raschem Schritt über alle Pfade der Insel eilen , um der Nation die Gedichte zu überbringen , in denen die große Herrscherin ihre Botschaften und Befehle aussandte . Wie konnte die Goldene Blume erwarten , die Konquista doren dahin zu bringen , daß sie einem ehrlichen Frieden zustimmten ? Dies war die Frage , die sich jeder stellte . Die Königin hatte sich ihres großen Federmantels entledigt , sie hatte sämtlichen Schmuck , den sie angelegt hatte , ihre Pfeife und ihre goldene Glocke , Zeichen der Samba , auf den Bo den geworfen . Anacaona ging schweigend der Reihe nach zu den großen Xemezstatuen . Nacheinander legte sie die Stirn auf alle die grinsenden Mäuler , dann kehrte sie zurück in ihre königliche Hütte . Kurz darauf trat sie insgeheim wieder heraus , mit einer kurzen Nayue bekleidet , den Bo gen in der Hand , an der Hüfte die Schleuder . Wir beide , sie und ich , zogen aus im rosigen Morgenlicht . Doch was die Königin im Laufe dieser Reise tat , das versetzte sogar mich , den Alten Karibenwind , in Staunen . Wir waren rasch an den Meeresstrand gelangt . Sie blieb stehen . Plötzlich begann sie mit einer so wohlklingenden Stimme zu singen , daß alle Fische und alle belebten Meeresblumen aus der Flut herauf stiegen . Da kamen riesige stachlige Rochen mit langen Schwänzen auf uns zu , blaue Bekinen , graue Tazars , Dok torfische , Meerschwalben , Medusen , Haifische , Seeanemo nen , Korallengebüsche , eine solche Menge von Fischen und Meeresgetier , wie ich nie geglaubt hätte , daß derlei Volk in den Unterwassergärten gedeiht . . . Die Goldene Blume sprach zu dem Meeresvolk in einer Sprache mit seltsamen Lauten . Die Fische und die Pflanzentiere tanzten alle und strömten sodann wieder dem Meere zu . Anacaona folgte ihnen . Ich sah sie in den Fluten verschwinden . Ich wartete einen ganzen Tag verzweifelt und in dem Glauben , die Goldene Blume sei in der verrückten Idee , alle wunder 90

baren Geheimnisse der mysteriösen Tänze des Volkes der Tiefen kennenlernen zu wollen , im Meer ums Leben ge kommen . Doch als die Nacht hereingebrochen war , o Wun der , sah ich die Königin strahlend und lächelnd aus den Fluten steigen . Ja , Junge , der Gang der Goldenen Blume war schon immer etwas Außerordentliches gewesen , ich habe dir , glaube ich , davon erzählt . Aber was ich jetzt sah , als sie aus dem Wasser auftauchte , das war einfach nicht auszudenken . Ihre Haltung zu beschreiben , fehlen mir die Worte ; sie war so schön , daß ich wie betäubt war . Die Gol dene Blume hatte sich an diesem einen Tage so sehr dem Leben im Wasser angepaßt , daß sie all das flinke und zu gleich lässige Schwirren , dieses göttliche Wunder des Glei tens und Sprudelns , des Gallertigen und Venushaften der karibischen Meeresgründe angenommen hatte . Doch die Königin gab mir ein gebieterisches Zeichen . Ich nahm meine ganze Kraft zusammen , um mich von ihrem Anblick los zureißen und ihr zu folgen . Wir wanderten die ganze Nacht hindurch und erreichten bei Tagesanbruch die Ufer des Azueysees . Dort begann Anacaona wieder mit paradiesischer Stimme zu singen , und ich glaube , sogar die Luft blieb vor Entzücken reglos . Dann sah ich , daß alle Kaimane des Sees auf die Königin zu kamen und sich ihr zu Füßen warfen . Desgleichen nahten in dichtem Gewirr riesige Schwärme von Leguanen , Chamä leons , grünen Eidechsen , Riesenschlangen , kleinen Nattern , silbrigen Salamandern , Anolis , Schildkröten - eine solche Menge von Kriechtieren aller Art , daß man sich keine un gewöhnlichere Versammlung vorstellen konnte . Auch zu ihnen sprach die Goldene Blume in einer geheimnisvollen Sprache . Sie begannen darauf zu tanzen und verschwanden in den großen Wäldern . Die Königin folgte ihnen . Ich war tete wieder einen ganzen Tag in Verzweiflung , und am Abend erschien sie , von der ich schon geglaubt hatte , sie sei gefressen worden . Himmel ! Schon am Abend zuvor wäre mir beinahe das Herz stehengeblieben , aber diesmal , mein 91

Junge , war die Königin nicht mehr eine einfache Frau . Als die Goldene Blume heranschritt , bewies sie eine solche Ge schmeidigkeit , daß die Linien ihres bewegten Körpers ein Gewirr von Filigran und Arabesken waren , das die Augen blendete . So hatte sich die Königin , nachdem sie die Kunst der tanzenden Fische erworben hatte , nun auch die sagen hafte Geschmeidigkeit der Reptilien angeeignet . Nein , wirk lich , sie schien keine Knochen mehr zu haben ! Wir gingen fort und wanderten die ganze Nacht hindurch . Am Mor gen gelangten wir auf den höchsten Gipfel der Chaîne de La Selle . Die Königin sang wieder , und alle Vögel des gan zen weiten Himmelsraums flogen herbei . Sie sprach zu ihnen , und sie kreisten in tollen Kurven und Schleifen am Himmel , dann trugen sie die Goldene Blume geradenwegs in die Wolken . Als die Nacht anbrach und ich mich noch fragte , ob sie vielleicht auf die Erde gestürzt sei , sah ich einen ungeheuren Schwarm von Vögeln nahen . Die Goldene Blume flog an der Spitze eines Trupps von Königsflamin gos . Jawohl , mein Sohn ! Anacaona hatte gelernt , wie ein Vogel zu fliegen ! Dieses Erlebnis erfüllte mich mit Liebe , mit einer Liebe , so über alle Maßen , daß ich glaubte , daran zu sterben . Jede ihrer Armbewegungen hatte einen solchen Glanz , eine solche Anmut im Flug , ihre Hüften bewegten sich mit einer solchen Geschmeidigkeit , ihre Beine steuerten mit einer solchen Vollkommenheit durch die Luft , daß es fast grausam , fast unmenschlich war , eine solche Schönheit zu besitzen . Jetzt wußte ich , daß es keinen Menschensproſ geben würde , der Anacaona und dem Volk der Xemez widerstehen könnte . Doch wie du weißt , mein Junge , habe ich die bittere Erfah rung gemacht , daß es Wesen gibt , die zwar Menschengestalt haben , aber nicht den Menschengeschlecht zugerechnet wer den können . Wenn ein menschliches Wesen einem solchen Schauspiel beiwohnen kann , ohne von diesem Gipfel der Schönheit bewegt und hingerissen zu sein , so muß man den Eroberern und Menschenschlächtern den Namen eines Men 92

schenwesens absprechen , ja , nicht einmal Mapoya hätte sie erschaffen können . Tagelang bot Anacaona an der Spitze von Tausenden von Tänzerinnen , Tequinas und Sambas den Konquistadoren , die sie bei sich empfing , und dem in dianischen Adel und der großen Menge versammelten Volks solche Schauspiele dar , daß die Erinnerung daran in unserem Lande niemals verlöschen kann . Alle , die in Quisqueya la Belle das Licht des Tages erblicken und heranwachsen , wer den aus diesem Grunde tanzen von nun an bis in alle Ewigkeit ! Doch was sich in den acht Tagen zu Ehren der Spanier ereignete , die gekommen waren , um einen Friedens vertrag zu unterzeichnen , das kann man nicht Schautänze nennen . Das war kein Tanz mehr , es war der kostbarste Schatz des Lebens , das einzige Gut , das der Mensch besitzt , sein Herz . Wie du weißt , war der letzte Tag der > Tag des Blutess . Die Hidalgos waren niedriger als die wilden Tiere der Erde , des Himmels und des Meeres , denn sie sahen , und doch begingen sie das Verbrechen . Der Konquistador wußte nicht , was Schönheit ist , er kannte nur das Gold . Der Kon quistador legte seine Hand an sein Alcantarakreuz , und seine Gastgeberin , die Königin , wurde ergriffen . Der ge samte Adel der Xemeznation wurde umgebracht , die Stadt zerstört , und das ganze Volk in Gefangenschaft geführt . Wie du weißt , erzählt man , die Königin sei gehenkt wor den , aber ich kann dir sagen , sie wurde lebend verbrannt . Und als die Flammen schon emporzüngelten , tanzte die Goldene Blume auf dem Scheiterhaufen und sang das schön ste Lied des ganzen Karibenlandes . Sie starb so , wie eine große Samba stirbt und wie wir alle zu sterben lernen soll ten . Dies war ihre Verklärung , und von diesem letzten Tanz werde ich nie ein Wort erzählen . Ja , mein Sohn , die Goldene Blume hat trotz allem recht ge habt , sie hat triumphiert . Es war tatsächlich nicht möglich gewesen , die Spanier zu besiegen . Auch nach einer Nieder lage wären sie wiedergekommen . Die Goldene Blume hat triumphiert , weil in jedem Fall das Volk der Xemez als . . 93

Volk untergehen mußte , was schon in den Tagen vor dem > Tag des Blutes < geschehen war , doch die Goldene Blume erhielt es unserem Lande für die Ewigkeit , und es war nie mals verloren . Unser Kazike Henri hat es an die Neger und die Indianer weitergegeben , die unter seinem Befehl in den Provinzen Xaragua und Bahoruco gekämpft haben . Padre jean hat es von neuem gesammelt , seine aufständischen Neger , seine entlaufenen Indianersklaven und seine Zam bos haben es auf das Volk von 1804 übertragen . Wir alle sind Söhne der Goldenen Blume . . . Da ich am Ende des großen Unabhängigkeitskrieges an der Schlacht von Ver tières teilgenommen habe - denn ich bin dabeigewesen - , kann ich dir nur sagen , daß hier die großen Schautänze , die vor dem Tag des Blutess getanzt wurden , Wirklichkeit ge worden sind . Vor der Schanze von Vertières habe ich mit eigenen Augen die Goldene Blume den fanatischen Batail lonen des Kaisers Dessalines vorausfliegen und tanzen sehen . Du siehst also , mein Junge , ich kann mich nicht mehr ver lieben . Es hat genug leuchtende Frauengestalten auf unserer Insel gegeben , aber welche könnte mir je meine unvergleich liche Goldene Blume ersetzen ? Und seitdem gilt der Alte Karibenwind als Narr und Aufschneider . » Onkelchen « , sagte ich zu dem Alten Karibenwind , » gewiß , wir vergessen nicht unsere großen Vorfahren : Cotubanama , Caonabo , die Goldene Blume , Hatuey und unseren großen Kaziken Henri . . . Das Volk der Xemez ist untergegangen , aber es ist nicht ganz verschwunden . Ein großes Volk stirbt niemals . Sicherlich hat es uns einen Geist hinterlassen , der alle unsere Kräfte beseelt und aus uns das gemacht hat , was wir sind . Aber auch ihr Blut ist , wie Ihr wißt , erhalten ge blieben . Ebenso wie ich seid gewiß auch Ihr in diesem Lande oft genug einer Onéga begegnet , wie man heute die Haiti anerinnen indianischer Abstammung nennt , die ein wenig der Goldenen Blume ähneln . . . Ubrigens haben auch jene , 94

die höchstens noch einen Tropfen Xemezblut in ihren Adern haben , keineswegs die Erinnerung an ihre großen Vorfahren verloren . Der Karneval und andere Feste sind dafür Be weis genug . . . Außerdem müßt Ihr doch mehr als jeder an dere in manchen Liedern und Tänzen unserer Zeit die Spu ren der Goldenen Blume erkennen können . Ihr wiſt ja auch , daß man sich erzählt , auf den Höhen un serer großen Gebirge gebe es noch überlebende Gruppen von fast reinblütigen Xemez , die Vien - Viens , wie man sie nennt . Ob und wieweit man dabei übertreibt , ist schwierig zu er fahren , jedenfalls aber kenne ich zu diesem Thema eine auf regende Geschichte ; wenn sie sich wirklich ereignet hat , wie ich annehme , so muß man wohl an die Vien - Viens glauben . Wollt Ihr die Geschichte hörens « Der verzauberte Leutnant Selbst kann ich ihn nicht mehr gekannt haben , den Leut nant Wheelbarrow . . . nein , doch schwören möchte ich nicht , ihm nicht schon einmal begegnet zu sein . Ich glaube seine graugrün schimmernden , harten , rotgeäderten Augen zu sehen , seine gebogene , ungleichmäßige Nase , die sich über seinen schmalen Lippen wölbt , und sein spitzes , aufwärts gerichtetes Kinn . Sein Haar stelle ich mir rötlich und ge wellt vor , eine struppige Bürste , die wie ein Heiligenschein über dem schlotterigen Körper schwebt . Vielleicht ist dies auch nur das Bild eines anderen Yankeesoldaten , der mir in meiner Kindheit eines schönen Morgens , als ich mich herum trieb , über den Weg lief , jedenfalls sehe ich den Leutnant Wheelbarrow vor mir . Geheimnisvoller Zauber der Kind heit ! Gestaltende Einbildungskraft ! Erlebnis und Traum gesicht ! Unglaubliche bildnerische Kraft der Erinnerung , die der ganzen kleinen Umwelt , mit der wir uns auseinander gesetzt haben , in der wir herangewachsen sind und gespielt haben , Relief , Form , Farbe und Leben gibt . Ihr dürft jedoch nicht daraus schließen , den Leutnant heit ! Gestrow vor mir . Gebedenfalls sehe ich da mich herum 95

Wheelbarrow habe es gar nicht gegeben . Jeder weiß , wie eng ich mit Marschall Célomme befreundet war - Friede seiner Asche ! – und wie sehr er mich geliebt hat . Dieser alte , etwas väterlich - poltrige Biedermann , ein frommer und strenger Papaloa , war in der Tat ein großer Liebhaber von Pflanzen , Tieren und kleinen Kindern . Er war es , der mir vor nun schon geraumer Zeit diese wenigen vergilbten Blät ter anvertraute , auf denen der Leutnant seine seltsame und kurze Geschichte erzählt hat . Marschall Célomme hat mir sogar das kleine , mit Basilikum geschmückte Grab gezeigt , in dem der verzauberte Leutnant ruht , wenige Schritt von der berühmten Grotte La Voûte auf den Höhen bei Saint Marc entfernt . Ein kleines Grabmal aus Ziegeln , Metall abfällen und Lambimuscheln , das am Rande eines über grünten kleinen Pfades verwittert . Für sich betrachtet , ist das Manuskript lediglich die verwirrende Aufzeichnung eines inneren Traums , und ohne den Bericht , den mir Mar schall Célomme - Marschall der Landgendarmerie - gab , hätte ich die herbe Poesie , die seltsame Liebe , die wie ein bengalisches Feuer ein kurzes , verzaubertes Leben in den rauhen violetten Bergen der Bassin - Coquilleaux aufleuch ten ließ , nicht rekonstruieren können . Die Begebenheiten müssen sich in den Jahren 1913 oder 1914 abgespielt haben , damals , als Earl Wheelbarrow ge rade Kavallerieoffizier in der Armee der Vereinigten Staa ten war . Er stammte aus Kentucky , war arm und wußte noch nicht , welchen Gebrauch man von einem Menschen leben machen kann ; so hatte Earl wie ein Schimmelpilz da hinvegetiert , ohne jemals sein Herz zu erforschen . Nach Be endigung seiner Studien an der Hochschule , auf die ihn sein Onkel , ein Major beim Marinekorps , nach dem Tode seiner Eltern geschickt hatte , war der junge Mann in rechter Ver legenheit . Er wollte nicht in das einzige große Unternehmen der Stadt Chattanooga eintreten , einer typischen Klein stadt des Südens , in der er immer gelebt hatte . Es war ein Hüttenwerk , in dem sein Vater ums Leben gekommen war , 96

als er in ein Walzwerk geriet . Earl war nicht sehr stark im Rechnen , infolgedessen hatte er keine großen Chancen im Einzelhandel oder als Vertreter . Auch der Beruf eines Buch machers reizte ihn nicht . Sein Traum , der » Schrecken von Tennesseex zu werden , konnte auch nicht in Erfüllung ge hen , einmal , weil es zu verkehrsreich war , zum anderen , weil er , da es in Chattanooga keine Erpresser und Mörder gab , eine eigene Bande hätte aufstellen müssen . Eine Zeit lang erwog er den Gedanken , » Prediger « zu werden und eine neue Sekte zu gründen , doch die Bibel langweilte ihn . Also weggehen ? Ja , aber . . . Ohne wahre Freunde , ohne andere Vergnügungen als Ice - cream - soda , einige Parties , zu denen ihn flüchtig bekannte Kameraden mitunter einluden , Erntedankfeste , gelegentlich das erbärmliche Schauspiel der Lynchjustiz an Negern , die einer Schändung verdächtigt worden waren , und andere Unzuchtsdelikte , die seine Hei matstadt Chattanooga in Aufregung versetzten , war es für diesen jungen Mann , der so lang wie drei brotlose Tage war , nicht leicht , eine wohlüberlegte Wahl zu treffen . Kurze Zeit betätigte er sich als Wahlagent für einen Gouverneurs kandidaten namens Dixiecrat , er versuchte sich im Baseball , trat in die Heilsarmee ein , wurde Mitarbeiter bei dem Lo kalblatt , bediente eine Tankstelle , doch nichts wollte recht gelingen . Schließlich , da sein Onkel , den er nur aus Briefen kannte , ihm wiederholt riet , zur Army zu gehen , die eine ruhige Sache sei und einen der Sorge eigenen Denkens ent hebe , ließ er sich anwerben . Bald darauf wurde er , er wußte selbst nicht wie , zum Leutnant befördert . Im Leben Earl Wheelbarrows hatte es drei Frauen gegeben , Rosasharn , Dorothy und Eleanor , aber er hatte sich nie entschließen können , eine von ihnen zu wählen , noch hatte er sich hinreißen lassen , eine der drei Grazien , zwischen denen sein Herz keinen Unterschied machte , zu lieben . Die eine wie die andere war ihm gleich notwendig für das Gleichmaß seiner Gewohnheiten . Zwischen Rosasharn und ihm – sie war die Schwester eines Klassenkameraden - gab 97

es wohl das Samenkorn einer Kinderliebe , aber es hatte niemals gesproßt und geblüht , geschweige denn Frucht ge tragen , kaum eine Fruchtanlage hatte sich gebildet , eine zögernde Kameradschaftsneigung . Später , als sie heran wuchs , wurde aus ihr ein geistreichelnder Blaustrumpf . In ihren äußeren Beziehungen , auf der Straße , mochte Earl das recht gern , aber nur , solange Rosasharn in der Intimität zu ihrem Gefühlsleben von einst zurückfand . Doch um nichts in der Welt hätte Earl mit diesem Mädchen eine echte Bindung eingehen mögen . Sie allein hätte seine Seele nicht auszufüllen vermocht , denn er war , ohne sich selbst darüber im klaren zu sein , ebensosehr monogam und puritanisch wie begehrlich . Dorothy hatte er zu seinem Sweetheart erkoren . Er liebte es , sie zu streicheln , so wie man ein hübsches kleines Tier liebkost , in irgendeinem Kino in ihre kirschroten Lippen zu beißen , ihren katzenhaften Körper beim Tanzen an sich zu pressen , ihrem nichtssagenden Geplauder zuzuhören oder zuzusehen , wenn sie Süßigkeiten naschte , doch das war alles . Diese Dorothy , Tochter eines Businessman , war köst lich dumm , wunderbar schön , gut gebaut , hatte eine üppige Brust , ein flaches Hinterteil , schmale Hüften , einen schlan ken , hohen Wuchs , kurz , sie war eine typische Illustration des vollendeten amerikanischen Schönheitsideals . Earl dachte nicht daran , daß ihre Beziehungen sich anders ge stalten könnten , als sie waren . Schließlich war sie ein ent täuschendes , unerreichbares Mädchen , das den blassen Offi zier zugleich suchte und floh . In manchen Augenblicken setzte sie ihm mit leidenschaftlichen Redensarten aus schlech ten Romanen zu , ein andermal wieder schickte sie ihn ohne jede Ankündigung zum Teufel und ließ ihn wegen des er sten besten ohne weiteres sitzen . Doch immer kam sie ohne jede Befangenheit zu ihm zurück , wie eine chronische Krank heit . Dieses verspielte Kind ertrug den Gedanken nicht , sich angebunden zu fühlen , und sobald sie es sich einbildete , be wies sie sich das Gegenteil . Außerdem liebte sie es , von 98

eilte , er sei einem aber ein Schreibwar , nur eine , allem zu naschen , denn die Freuden der Liebe hinterließen bei ihr eine eigentümliche Todesahnung . Es war geradezu köstlich . . . und das Leben ist ja so kurz . Beim Tode seines Onkels , der in Port - au - Prince , wo er irgendeinen Posten in den Büros der Militärmission bei der Gesandtschaft Uncle Sams hatte , einem Schlaganfall erlag , erhielt Earl , wie vorauszusehen war , nur eine magere Erb schaft , außerdem aber ein Schreiben , in dem der Major mit teilte , er sei einem wunderbaren Schatz auf der Spur . Er be reitete sich gerade auf eine Expedition vor , als der Tod ihn ereilte . Immerhin , er hatte alles vorausbedacht , und in dem Umschlag , der für den Fall seines Todes für seinen Neffen bestimmt war , hatte er Dokumente beigefügt , die an nähernd den wahrscheinlichen Ort bezeichneten , an dem der Schatz lag . Es war irgendwo in der Gegend der Bassin Coquilleaux , auf den Höhen von Saint - Marc . Eine bisher ungewohnte Energie bemächtigte sich des Leutnants . Da er nur seinen Sold hatte , setzte er sich in den Kopf , einen Schatz zu finden , mit dem er die kleine Summe , die ihm sein Onkel hinterlassen hatte , aufbessern könnte . Er mußte allerdings mit einer systematischen Suche rechnen , die mehr oder weniger lange Zeit beanspruchen würde . In ihrer Ver zweiflung erbot sich Dorothy nun , da er sich anschickte , sie zu verlassen , zwischen Earl und ihrem Vater zu vermitteln , mit dem Ziel , ein Darlehen auszuhandeln . Der alte Affe zweifelte zwar an der Ernsthaftigkeit des Geschäfts , doch wagte er gern einen Einsatz . Erst schimpfte und wetterte er , dann überlegte er , und da er seiner Tochter nichts abschla gen konnte , willigte er ein . Übrigens war es kein so furcht bar hoher Betrag , Earl war ein Ehrenmann und würde ihn in jedem Fall von seinem Sold erstatten . Außerdem - konnte man wissen , ob Earl nicht als Multimillionär zurückkam ? Die > Muslins , ein kleiner Frachter von dreitausend Tonnen , tanzte im Hafen von Saint - Marc . Vom Rauchsalon aus schaute Leutnant Wheelbarrow durch die Bullaugen auf das 99

schaumgekrönte Meer und die hohen Berge , die um die kleine Stadt einen ländlich - idyllischen Kranz bilden . Earl wartete in Gesellschaft von zwei oder drei anderen Fahr gästen auf die Behörden mit ihren Zollformalitäten , die in der damaligen Zeit keine große Sache waren . Earl betrach tete die gewaltigen , gierigen Kiefer dieser Bucht , ihre Zähne aus goldgelben Sandbänken und die riesige blaue Zunge , das Meer , die gefräßig den Strand leckte . Earl ließ seine Blicke hierhin und dorthin schweifen , zugleich neugierig , zerstreut und träumerisch . Er hatte sich mit einiger Besorgnis eingeschifft , denn er fragte sich , ob es ihm möglich sein würde , sich an die kaum vorstellbare Tatsache zu gewöhnen : ein Land , in dem Neger die Gesetze machten ! Earl trug keinen Arg in seinem Her zen , aber ganz natürlich entrüstete er sich als junger Süd staatler , der im Rassenwahn erzogen und von den Vorstel lungen der > Apartheid durchdrungen war , bei diesem Ge danken . Bisher hatte Earl , wie viele andere , noch nicht ein mal Gelegenheit gehabt zu einem echten Kontakt mit den Negern in Chattanooga oder auf den benachbarten Pflan zungen . Arglos in seinen Ansprüchen , unbekümmert in der unversöhnlichen Grausamkeit seiner Gesinnung , blieb Earl gleichwohl nachsichtig gegenüber diesen Parias des Men schengeschlechts . Der eigenartige Wahlspruch > Be happy , go luckyc gab ihm die Gewißheit , das Seelenleben derer zu kennen , denen er höchstens auf der Straße begegnet war oder von denen er das Weiße in den Augen und die ver krampften Lippen über dem roten Zahnfleisch gesehen hatte , wenn man einen > Nigger « gesteinigt hatte oder ihn an einem Seilende zappeln ließ . Als echter Nachfahr Jim Crows widerspruchsvoll , idealistisch und hochherzig , dabei gleich zeitig der schlimmsten verbrecherischen Wahnsinnstaten fähig – sei es als Reflexhandlung , sei es aus innerer Ge fühlsregung - , würde Earl Wheelbarrow in den Monaten , die er in diesem Lande zu verbringen hoffte , doch manches zu zügeln , zurückzudrängen , zu verbergen und in sein In 100

Baumwnd schwankend uber , und ihr Ganenüberglänzt ; int neres zu verschließen haben . Man sagte , diese haitianischen Neger seien sich ihrer angeborenen Minderwertigkeit nicht bewußt , ja , sie seien gar stolz auf ihre Rasse und ihre legen däre Vergangenheit , empfindlich für die geringste Anspie lung , aufbrausend bei der leichtesten Stichelei , leidenschaft lich und dabei doch so umgänglich . Kleine Segler , dreieckige weiße Vögel , laufen über die Wel len . An der Flußmündung sieht man halbnackte Wäsche rinnen und Badende mit dem unterhalb des Nabels hängen den Schurz . Negerkinder kreischen und schwimmen heftig strampelnd im Wasser . Der Himmel ist mit flockigen Wölk chen gesäumt . Bronzebraune Dockarbeiter mühen sich auf dem Kai , lachend , schwitzend und sonnenüberglänzt ; ihr lautes Rufen klingt herüber , und ihr Gang ist torkelnd , ge bückt und schwankend unter der Last der Kaffeesäcke und Baumwollballen , ein wahrer Liedertanz , ein Ragtime der Arbeit . Das Schiff ist von einem Schwarm kleiner Boote um ringt , in denen Händler auf breiten Holzplatten Obst feil bieten und Kokosnüsse hochhalten , die , durch einen raschen Machetehieb geköpft , lachen und weinen , bevor die an der Reling lehnenden Matrosen sie an die Lippen führen . Vom Kirchturm , der dort hinten seinen spitzen Finger über das Laubwerk und die Gruppen rotblühender Flammenbäume reckt , schlägt die Uhr zehn . Hier , gleich hinter der Zoll station , auf der kleinen Place d ' armes , schmettert plötzlich eine Militärkapelle . Ein General , schwarz wie Pechkohle , in flaschengrüner , goldbetreſter Uniform , tänzelt zwischen Soldatenliedern , Kanonenschüssen und Gewehrknattern auf einem weißen Gaul . Er brüllt Befehle und exerziert eine Armee von Cacosplaqués , die in Wämser aus rohem Leder und Fellen gekleidet sind . Der Leutnant Earl Wheelbarrow , dessen Augen von allen Seiten zugleich beansprucht sind , denkt gerade an sein heimatliches Chattanooga mit den hölzernen Villen an der Straße , den Negern in der Stadt , und die drei Gesichter von Rosasharn , Dorothy und Elea nor schwirren in seinem Kopf durcheinander . . . IOI

Der Rauchsalon hat sich mit Menschen gefüllt . Earl , der zu erst abgefertigt wird , beantwortet die Fragen eines Gri maud mit Pockennarben und einem gewaltigen Balken von Schnurrbart über den Lippen . . . Reiseziel . . . Aufenthalts dauer . . . Durch die Ankunft eines dicken Mannes in schwar zem Lüsterjackett und heller Basthose wird dem Befragen ein Ende gesetzt . Freimütig streckt Maître Desagneaux seine fleischige , feuchte Hand dem Leutnant Wheelbarrow ent gegen , der diese schwarze Hand eilfertig ergreift . » Leutnant Wheelbarrow ? Maître Desagneaux , Anténor Desagneaux , der Bevollmächtigte Ihres Onkels . . « In seiner gespielten höflichen Beflissenheit fegt der Leut nant beinahe die Papiere des Einwanderungsoffiziers vom Tisch . Er entschuldigt sich . Maître Desagneaux nimmt den Einwanderungsoffizier beiseite und spricht mit ihm . » Alles ist geregelt , Leutnant , wir können gehen . « Earl Wheelbarrow fühlt einen Arm sich vertraulich wie eine Schlange um seine Schulter legen und eine Hand seinen linken Deltamuskel drücken . Er erschauert vor Schreck , lächelt und läßt sich , an die Schulter von Maître Desa gneaux gedrückt , fortziehen . Tisch . Inderungsoft , Leutnantin Bei strömendem Regen erklommen die Pferde die steilen Hänge der Berge um Saint - Marc . Sogar für den Eingeweih ten galt der Leutnant als Archäologe , der auf vorkolumbia nische Altertümer versessen war . Kaum an Land , hatte er nur die eine Idee , die Gebirgsausläufer zu ersteigen , die vor ihm aufragten . Der Vorwand archäologischer Forschungen hatte gegen jede Verdächtigung Wunder gewirkt , sogar bei dem alten Bevollmächtigten seines Onkels , Maître Anténor Desagneaux . In dieser kleinen Stadt , einem richtigen Pro vinznest , klapperten unaufhörlich die Holzjalousien , als der Leutnant vorbeikam . Nur das Kirchweihfest hatte eine Zeitlang davon abgelenkt . Man hatte ständig alle Bewe gungen des Weißen verfolgt , und seine Eile , trotz aller guten Ratschläge auf die Berge zu klettern , hatte Aufsehen 102

erregt und von bestem Wissenschaftlergeist gezeugt . Tat sächlich war in diesen Zeiten die unerschrockene Besteigung des als wenig sicher geltenden Gebirges , in dem es entfes selte Gebirgsströme und reißende Sturzbäche geben sollte , eine mutige Tat , vor allem , da man von schwärmenden Cacobanden unter dem Befehl eines unrühmlich bekannten Prahlhanses sprach , die auf den Höhen ihr Unwesen trie ben und im Begriff waren , in die Stadt einzudringen . Eine solche Unerschrockenheit , wie die des Leutnants , war dazu angetan , Sympathie zu erwecken . Der weiße Mann ging allein , nur von einem Führer be gleitet , und mit drei schwerbepackten Maultieren . Zwischen herabstürzenden Wassermassen , mit am Körper klebenden Kleidern , die Augen krampfhaft auf die Abgründe gerich tet , so drangen sie vor . Sie mußten unter allen Umständen La Voûte erreichen . Diese Grotte sollte der beste Unter schlupf bei dieser Sintflut sein . Übrigens zeigte sich der Führer ziemlich unruhig . Er hatte Angst , einigen Cacos zu begegnen , die ihm üble Streiche spielen könnten , wenn sie ihn für einen Spion hielten : die Ohren abschneiden , mit dem flachen Machete tüchtig durchbleuen oder wohlver schnürt in einer Schlucht liegenlassen . Sie trieben ihre Tiere aufs äußerste an und gelangten bald ans Ziel , trotz der ge genteiligen Bemühungen der Zweige und des Laubwerks , die sich mit dem Regen verbündet hatten . Wheelbarrow schnarchte in der Grotte mit großem Getöse , das von dem Echo erwidert wurde . Der Führer war mitten in der Nacht trotz anhaltenden wütenden Regens fortge gangen . Er sagte , er wolle über Nacht lieber bei einem Bauern Zuflucht suchen , bevor er in die Stadt zurückkehre . Der Leutnant war etwas erregt von der wilden Bewegtheit dieser Grotte ; sie war hoch wie eine gotische Kathedrale und mit Schlingpflanzen ausgekleidet , die allerorten von der Decke herabhingen wie Schlangen , die zu einem Ver einstreffen zusammengekommen sind . Der Leutnant schlief noch , als sich eine zierliche Gestalt mit vorsichtigen Schrit 103

ten in die Grotte schlich und auf das Feldbett zutrat , auf dem Earl Wheelbarrow ruhte . Bei einem Rascheln öffnete er ein Auge , tat , als schliefe er ruhig weiter , eine Taschen lampe in der einen , den Browning in der anderen Hand . Die Gestalt war ganz nahe bei ihm , sie beugte sich über sein Lager . . . Da erhob sich der Leutnant mit einem Satz und ließ den Strahl der Taschenlampe auf das Gesicht des Besuchers fal len . Die Gestalt stieß einen grellen Schrei aus und fuhr zu rück . Es war eine Frau mit ungleichmäßigem , rötlichem Ge sicht und weichen Zügen , das von einer Kaskade schwarzen Haars wie von einem Heiligenschein umgeben war . Sie war hoch und gerade gewachsen wie der Stamm eines Blauholz baums . Sie rollten auf dem Boden , sie wehrte sich verzwei felt , er hielt ihre Hände fest . Dreimal bekam der Leutnant , der ihre Hände wie in einem Schraubstock zusammen preßte , die Oberhand , dreimal brachte sie ihn wieder zu Fall . Beim viertenmal schlug sein Kopf mit der Stirn auf . Betäubt , ließ er sie los . Sie entfloh . Der Leutnant folgte ihr mit den Augen , den Finger am Abzug des Brownings . Er schoß nicht . Schweißbedeckt lag Leutnant Wheelbarrow den Rest der Nacht wach . Der anbrechende Morgen sah ihn , den Brow ning in der Hand , mit verstörten Augen vor einer Reihe geleerter Whiskyflaschen sitzen . . . Einige Zeit später hatte sich der Leutnant in Bassin - Coquil leaux eingerichtet . Der kleine Landsitz am Berghang , den ihm sein Onkel hinterlassen hatte , lag dicht oberhalb der sieben runden , blauen Bergseen , die wie Menschenaugen zum Himmel blicken und sich wie Stufen einer geheimnis vollen Treppe aufbauen und bis auf die Hochebene hin führen , ein so uraltes Geheimnis , daß niemand sagen könn te , ob die Natur oder die Hand der Menschen diese Wunder an einem so wilden Ort geschaffen haben . Die ersten Berührungen mit den Bauern waren enttäu schend gewesen . Beim erstenmal , als sich dem Leutnant ein Well , 104

Bauer genähert und ihm ein Stück Feuerstein entgegen gehalten hatte , hatte ihn Wheelbarrow nur trocken gefragt : > Wieviel ? < Der Mann hatte nicht geantwortet , doch der Leutnant hatte den gereichten Stein genommen . Am selben Abend prasselte ein Hagel von Steinen auf das Haus des Leutnants . Sie kamen von allen Seiten , ja , sie schienen sogar vom Himmel zu fallen . Es dauerte mehrere Tage , bevor Earl sich von seiner Verblüffung erholt hatte . Die feindselige Haltung wurde allgemein , ohne daß er wußte , warum . Wenn er vor beikam , wandten die Männer den Kopf zur Seite und spuckten aus . Die Frauen tuschelten einander , sobald sie ihn erblickten , Geschichten ins Ohr und brachen in schallendes , verächtliches Lachen aus . Sogar die Kinder folgten ihm bis weilen in sicherem Abstand und vollführten mit unschul digster Miene auf alten Kochtöpfen einen Höllenspektakel , einen aufreizenden , rasenden Chalbarrique : > Seht den wei Ben Bôzô . . . Nach einem tragödienhaften Gewissenskonflikt stieg Earl zu dem Weiler in der kleinen Talsenke hinunter , wo der Fluß sein tausendjähriges Lied singt , schäumend und weiß wie das Geröll , das er tosend mit sich führt . Er ging gera denwegs auf eine Hütte zu , vor der ein alter Mann döste , und bat radebrechend um Feuer für seine Pfeife . Er wurde aufgefordert einzutreten und mußte einen Kaffee trinken , der ihm von jungen Mädchen gereicht wurde , die ihre Gabe mit einem Knicks anboten . Der Friede war allerdings erst hergestellt und die Steine hörten erst auf zu fliegen , als er allen Negern der Umgebung einen Besuch abgestattet , ihnen auf den Rücken geklopft hatte , sie ihrerseits ihm auf den Rücken geklopft und alle miteinander , das Wetter und die Ernteaussichten erörternd , getrunken hatten . All das hatte den Leutnant in tiefes Nachdenken versetzt . In der Stadt , die er aufsuchte , um seine Besorgungen zu machen , wagte er mit niemandem darüber zu sprechen , nicht einmal mit Maître Anténor Desagneaux , der seine IOS

Strauß Fel Besuche abstarten ihm Feuers Post annahm . So hatten ihn also die Menschen dieser Berge zur Kapitulation gezwungen ! Andererseits war er über rascht festzustellen , daß ihm das nicht mißfiel . Als ihm ein kleines Mädchen eines Tages an einem Wegrand einen Strauß Feldblumen überreichte , blieb es nicht mehr dabei , daß er nur Besuche abstattete , sondern er empfing auch Be such . Die Bauern brachten ihm Feuersteinsplitter , vor kolumbianische Hacken , ganze Stücke Feuerstein , Früchte . . . Er galt als verdrehter Sammler von Altertümern , und wenig hätte gefehlt , so hätte er unter ihren Laubengängen den Martinique , den Calinda oder den Mahi mitgetanzt , und die Leute hätten gar nicht mehr bemerkt , daß er ein Weißer war , und hätten ihn als einen guten gebürtig - ein geborenen < Neger betrachtet , einen guten farbigen Toma von Haiti . Sein Vorhaben behielt er für sich ; bald würde er seine Grabungen beginnen , ohne daß der geringste Verdacht dadurch erweckt werden würde . Vergebens hatte er die Leute nach einer Frau mit aprikosen gelbem Teint und wildem schwarzem Haarschopf ausge fragt . Sie hatten ihn aufmerksam angesehen , aber nicht ge antwortet . Eines Abends nun glaubte Earl die Frau an der Ufer böschung des dritten Sees gesehen zu haben . Er war über zeugt , daß sie es war , er hätte die Hand dafür ins Feuer ge legt . Sie saß mit den Füßen im Wasser und strähnte ihr Haar mit einem glitzernden Kamm , wobei sie in einem selt samen Rhythmus sang , den er in der Gegend nie zuvor ge hört hatte . Earl rannte wie ein Irrsinniger den Abhang hin unter . Als er auf einige Schritte herangekommen war , wandte die Frau sich um , erhob sich und brach in Lachen aus , ein tolles , kaskadenhaftes Lachen . Sie begann im Mond licht zu laufen , und ihr Lachen sprang über die Felder wie das Meckern einer glücklichen Ziege . Dann verschwand sie in den Büschen . Als der Leutnant in seine Hütte zurückkehrte , in der schon 106

. Abgesandcht , als er spliselebrierte , wok die Moskitos surrten , legte er sich nieder . Bald darauf wurde er von Fieber befallen , einem kalten Fieber , das sei nen Körper mit klebrigem Schweiß bedeckte . . . Tagelang blieb der Leutnant zu Hause , von Fieberschauern geschüt telt , eine Unzahl Chinintabletten schluckend und eine Menge Whisky , die einen Ochsen umgeworfen hätten . Eines Abends , als er , mitgenommen von seinen Wachträumen , von Fieber und Alkohol , fluchend und mit seinem Schicksal hadernd , halbnackt auf seinem Lager saß , traten zwei Be sucher ein . Von plötzlichem Schrecken gepackt , richtete der Kranke sich auf und brüllte wie ein Stier . Die Besucher flüchteten . Die seltsamsten Gerüchte begannen über den Weißen umzulaufen , der an den Seen lebte . Man erzählte , er sei ein Abgesandter des Teufels , und man habe ihn in sei ner Hütte überrascht , als er splitternackt einen Satanskult mit den Geistern der Unterwelt zelebrierte , wobei er in selt samen Worten fluchte und brüllte wie ein Wahnsinniger . Man machte einen Bogen um ihn , und niemand wagte mehr , ihn aufzusuchen . Als er sich besser fühlte , ging er aus . Die Leute wandten sich ab , wenn er vorbeikam . Er wollte Besuche machen , aber er traf niemals jemanden an . Noch schwach , die Sinne vom Fieber getrübt , war Earl sich im klaren , daß er rasch han deln mußte , wenn er seinen Schatz heben wollte . Das Klima in diesen Bergen war für ihn mörderisch . Es war ihm Ge wißheit geworden , daß der Schatz unterhalb des letzten Sees lag , dort , wo er die geheimnisvolle Frau wiedergesehen hatte . Das stimmte übrigens auch mit den von seinem Onkel hinterlassenen Aufzeichnungen überein , die sich auf eine alte , unter den Papieren eines ehemaligen französischen Kolonisten gefundene Skizze stützten . Abgezehrt , nur noch ein Schatten seiner selbst , war Earl Wheelbarrow nun eine Beute seltsamer Wunschbilder , träumte von spanischen Golddublonen , von wilden Tieren und einer wunderbar schönen Frau , die wie toll lachte . Eines Nachts begann der Leutnant zu graben . Er hatte eine 107

stockdunkle Nacht gewählt , die heiß und klebrig war wie eine Calalou - djon - djon - Suppe . Nach mehrstündiger Arbeit beim Licht einer Taschenlampe hatte er eine wenigstens drei Meter tiefe Grube ausgehoben . Wasser quoll hervor . Es war eine unterirdische Ader mit kristallklarem Wasser , die auf gebrochen war . Das Wasser füllte allmählich die Grube . Seine Nerven waren durch die Ermüdung gereizt , zu dem wütenden Ärger gesellte sich eine bedrängende Angst . Earl zögerte einen Augenblick , dann griff er von neuem zur Spitzhacke und schuf einen Abfluß , um das Wasser aus der Grube abzuleiten . Nach zwei Stunden erschöpfender Ar beit im Wasser , das ihm schon an den Gürtel reichte , war die Grube entleert . Aus der Öffnung kam das Wasser nur noch in unregelmäßigen Stößen , dann versiegte es plötzlich ganz . Earl begann wieder zu graben . Als er mit großer Mühe eine Steinlage überwunden hatte , traf die Spitzhacke auf bröckligen Tuffstein . Er legte die Hacke beiseite , nahm die Schaufel und grub ohne Pause mit schweißgebadetem Körper . Plötzlich wandte sich der Leutnant um und blieb schreckens starr wie angewurzelt stehen . In der Grube lag eine riesige Schlange ! Lautes Lachen ertönte über ihm . Er blickte auf . Da stand die Frau und beobachtete ihn , dieselbe Frau , die er in der Grotte überrascht und später an dem dritten See mit dem blauen Wasser wiedergesehen hatte . Er richtete seine Taschenlampe auf sie . Sie rührte sich nicht . Sie stand aufrecht wie eine Statue aus der Frühzeit , hieratisch , im Glanz einer natürlichen Schönheit , in einem einfachen , um die Hüfte geschlungenen Lendenschurz . » Du bist sehr kühn , an die Vien - Vien - Berge zu rühren « , sagte sie , und ihre Worte waren wie langsam fallende Tropfen . » Du bist sehr kühn « , wiederholte sie nach einer Pause . » Sehr kühn « , sagte sie ein letztes Mal . Sie war verschwunden . Die Schlange , die eben noch in der Grube gewesen war , gleichfalls . Wütend erkletterte Earl die 108

Wände des tiefen Grabens . Die erste Morgenröte erhellte jetzt den Himmel und entzündete im Osten Wunder von Rosenrot und Orange . Der Leutnant entkleidete sich rasch und tauchte in das nahe Wasser des letzten Sees , um wieder zu sich zu kommen . Er war jetzt ganz wach . Alsbald stieg er aus dem Wasser und rannte wie ein Verrückter zu seiner Hütte . Er raffte einige vorkolumbianische Hacken zusam men und alle Tongefäße , die er bisher gesammelt hatte . War er das Opfer eines dieser seltsamen Trugbilder gewor den , die dieses Land barg , dessen Boden sogar noch zauber kräftig zu sein schien ? Ihm war , als hörte er noch aus der Ferne die Stimme der Frau rufen : > Viens ! Viens ! Nach drei Tagen mörderischen Fiebers ging es Wheelbarrow besser . Sobald er aufstehen konnte , zerriß er sämtliche Briefe von Rosasharn , Dorothy und Eleanor , die er er halten hatte , desgleichen alle seine Ausweispapiere , mit einem Wort alles , was ihn an Chattanooga und die Repu blik des Sternbanners band . Er wollte diese Frau haben , und sei es um den Preis des Lebens ! Er überlegte lange . Dann erinnerte er sich , daß er von dem Marschall Célomme gehört hatte , einem ehemaligen Sek tionschef der Landpolizei , einem Patriarchen und Papaloa ohne Tadel , der noch weiter oben in den Bergen , in der Gegend von Gouyaviers lebte . Kein Mysterium des Men schenherzens , kein Mysterium des liliengleichen Körpers der Unsichtbaren war dem Marschall Célomme verborgen , so sagten die Bauern . Er hatte die Gabe der Augens , die Sehergabe . Er wußte sogar , was > nur das Messer weiß , das in das Herz der Jamswurzel eindringt « , so sagte man . Das Leben ist eine Jamswurzel . . . Wheelbarrow entschloß sich also , den Bergpfad hinaufzusteigen , der sich unermüdlich um die Gipfel windet , um bei dem Hohenpriester , dem Diener des Himmels und der Elohim , Rat einzuholen . Ich erinnere mich an den Marschall Célomme bis auf den Ton seiner Stimme , als er mir diese Geschichte erzählte . Der 109

Alte hat mir in der Tat so oft seine Begegnung mit Leut nant Wheelbarrow beschrieben , daß seine Worte sich mir tief ins Gedächtnis eingegraben haben . Ich glaube nicht , daß der alte Weise die Tatsachen ausgeschmückt hat , denn er war nicht nur unfähig zu lügen , sondern er hat auch später nicht die geringste Einzelheit anders dargestellt . Ich bin schon oft Papaloas begegnet , die die strengen Bräuche ihrer verehrungswürdigen Religion achteten , ich habe mich mit unter sogar lange mit ehrenwerten Priestern unterhalten , die mit brennendem Glaubenseifer dem Vaudou und den Elohim ihrer Väter dienten , doch nie habe ich einen auf rechteren , reineren , menschlicheren und uneigennützigeren Menschen gekannt als den Marschall Célomme , und das trotz seiner Leichtgläubigkeit und Unwissenheit . Er hat mir seine Begegnung mit Leutnant Wheelbarrow so geschildert , wie ich sie im folgenden wiedergebe . Als Earl in Gouyaviers ankam , deren Gipfel die Bassin Coquilleaux und die ganze Umgegend überragen , stieg er von seinem erschöpften Maultier und erkundigte sich nach der Wohnung des Papaloa . Marschall Célomme erwartete ihn vor der Tür des Heiligtums . Als Earl auf ihn zutrat , begrüßte er ihn mit den Worten : » Ich habe dich erwartet , mein Sohn . « Sie verneigten sich . Der Leutnant reichte ihm die Hand und sagte , er komme , um das Geheimnis eines aprikosengelben Mädchens zu erfahren , das in den Mondnächten bei den blauen Seen umgehe . Der Papaloa ließ ihn in den Badgi raum eintreten , über dessen goldgelbem Strohdach der große Flaschenbaum seine Früchte , grüne , warzige Hänge brüste , schaukelte . Es war ein unvergeßliches Erlebnis , zu sehen , wie der Marschall Célomme sich der Kräfte bediente , die der höchste Grad der Vaudouweihe verleiht , der Kraft des Schauens . Nach einem kurzen Gebet vor dem Badgi nahm Marschall Célomme feierlich das Auge des Himmelse in seine Hand , eine kleine indianische Hacke aus blauem Stein , Unterpfand des Verschmelzungsprozesses von ent 110

laufenen Negersklaven und Zambos mit den unabhängigen Indianern des großen Kaziken Henri . Marschall Célomme nahm eine Handvoll Asche und ließ sie langsam durch die welken Finger rieseln . » Wer an den Schatz der Berge zu rühren wagt , der wird sterben . . . Aber der Mensch kann des Schatzes des Lebens teilhaftig werden . . . Ich sehe eine rote Frau , die schöne Herrin der Gewässer . . . sie ruft dich . . . Gehe hin zu ihr ohne Furcht und ohne Hast , es ist der Schatz deines Lebens , der dich erwartet . . . Jedes Goldstück kostet einen Tropfen Blut . . . « » Ich trachte nicht mehr nach dem Schatz der Berge « , sprach der Leutnant mit Festigkeit . » Liebst du dieses Land und die Menschen dieser Erde ? Willst du dich ihnen weihen , alles opfern ? « » Ich kenne nur noch dieses Land und die Menschen dieser Erde « , versicherte der Leutnant . » Wohlan , wenn dein Herz keine Furcht kennt , wenn dein Blut rein ist wie der Tau , deine Seele heiter wie die Augen eines Kindes , so schreite über die Schwelle des Tores . Wenn nicht , so versuche nicht die Götter dieser Erde . . . Verfolge deinen Weg , und rasch ! « Was sich danach noch in dem Hounfort des Marschalls Cé lomme zugetragen hat , habe ich nie erfahren können . In die sem Punkt ist der Alte immer verschwiegen gewesen . Auch das Manuskript des Leutnants schweigt darüber . Wahr scheinlich wird es nie jemand erfahren . Als einziges weiß ich , daß Leutnant Wheelbarrow an einem mondhellen Abend der Frau begegnet ist . Frau oder Wassernymphe , Sirene oder Meerjungfer , Vien - Vien oder Göttin , jedenfalls hat er sie gesehen . Wir benennen die Dinge nach unserem Herzen , und alles ist wirklich , wenn wir den Schlüssel dazu besitzen . Seitdem war Leutnant Wheelbarrow verzaubert , und seine Augen konnten sehen , was ihm in seinen Fieber träumen erschienen war . Jeder hat seine Mühsal auf Erden zu tragen , der Gläubige so gut wie der Ungläubige ; die III

einen berichten nur über die Wunder des Lebens , die an deren suchen sie zu erklären . Die blauen Seen flimmerten , glänzten wie Spiegel . Die strahlende Schönheit , die der unvergängliche Glanz stets der haitianischen Erde verleiht , hatte für Earl Wheelbarrow keine Geheimnisse mehr . Er hatte sich von seinen Schlacken befreit , der alte Mensch in ihm war gestorben , und mit ihm der alte Mißmut und Müll . . . Sie erwartete ihn am Ufer des Sees . Sie war ein zierliches Geschöpf , dessen Formen und Gesichtszüge trotz des offenbaren Einschlages hamiti schen Blutes überwiegend indianisch waren . Sie wartete reglos auf ihn . » Viens ! Viens ! « sagte sie zu ihm . Er näherte sich ihr . » Ich bin die Wächterin dieser Berge und Seen « , sagte sie . » Sieh meine grünen Herden , wie sie sich drängen , so weit das Auge reicht , sieh meine blauen Seen , wie sie sich aufbauen bis zu dem größten See , dem Himmelszelt . . . Sie schlafen ruhig mit allen meinen Schätzen . Die Stunde ist für die Men schen dieser Erde noch nicht gekommen , sich der verborge nen Schätze zu bemächtigen . . . Ich habe dich erwartet . « Er trat ganz dicht an sie heran . Sie streckte ihm die Hände entgegen . Er nahm sie . » Die Erde wird sich eines Tages auftun , um ihre Schätze allen Söhnen dieser Erde zu geben . Heute muß man über sie wachen . Willst du mir helfen , sie zu hüten ? Wenn du die Geheimnisse der Erde verrätst , dann wird die Erde dich rascher verschlingen , als du den Gedanken daran zu fassen vermagst . « » Die Erde wird mich verschlingen « , wiederholte Earl Wheelbarrow . » Um die Erde zu besitzen , um an der Bewachung ihrer Schätze teilzuhaben , mußt du mich im Kampf besiegen . Bist du imstande , meinen Rücken auf den Boden zu zwingen ? « Er ergriff sie , und der Kampf begann . Sie rangen im Mond schein an den Ufern der Seen , sie rangen auf dem feuchten I 12

Rasen , sie rangen auf der kühlen Erde , sie rangen im Was ser . Im letzten See geschah es , daß sie sich umschlangen . Später hat niemand den Leutnant Wheelbarrow wieder in seiner Hütte von Bassin - Coquilleaux gesehen . Sein Manuskript ist recht lückenhaft , recht dunkel , doch er spricht darin in einem so freudigen und erfüllten Ton , daß er wohl das Glück gefunden hat . Wenn die Bruchstücke sei nes Tagebuches , die mir zugefallen sind , das Werk eines Wahnsinnigen sind , so möchte ich glauben , daß dieses Glück das wir alle suchen , sich nicht allzusehr vom Wahnsinn un terscheidet . Vielleicht sind diese Aufzeichnungen etwas un zusammenhängend , aber ich mißtraue einer allzu kühlen und vernünftelnden Vernunft . > Wenn sie eine Guajave essen möchte , schrieb Leutnant Wheelbarrow , > so fühle ich den frischen , säuerlichen Saft durch meine Kehle rinnen . Sie bedarf keiner Worte . Unsere Augen begegnen sich , unsere Hände fassen einander , und wir stürmen durch das Land . Es scheint , daß sie ruhelos waren und jede Nacht in die Berge wanderten . Earl schrieb in seinem Tagebuch : > Ich habe mich bei einem Sturz in eine tiefe Schlucht verletzt . Sie hat mich aufgehoben und in die Grotte getragen . Ich habe mir die halbe Wade aufgerissen , doch ich habe keine Schmerzen . Sie sammelt frischen Tau und wäscht damit die Wunde aus , das ist alles . Sie pflegt mich , und wenn sie ein mal an meinen Augen nur eine Spur von Schmerz wahr nimmt , dann legt sie einfach ihre Lippen auf meine Wunde , und der Schmerz weicht sofort . Earl Wheelbarrow hatte wohl einen Grad menschlicher Er kenntnis erreicht , der ihn befähigte , an jedem Atemzug , an jeder Schwingung lebender Substanz teilzunehmen . Er no tiert : > Gestern sagte sie zu mir , sie wolle mich lehren , wie die Blumen zu lachen . Stundenlang hat sie meine Bemühun gen geleitet . Danach empfand ich einen tiefen Frieden , und unsere Körper verschmolzen miteinander . « 113

Weiter berichtet er : > Jetzt kann ich mehrere Minuten unter Wasser bleiben . Rings um uns ist ein Gewimmel von Fi schen , sie kommen heran , sehen uns an , streifen uns und schwimmen mit langsamen Bewegungen wieder fort . . . Es gelingt mir nicht , sie dazu zu bringen , sich in meiner Hand zu bergen wie bei ihr . < Dann : Gestern abend war es kalt . Ich fror . Da gab sie mir ein Zeichen . Ich glitt , ihrem Beispiel folgend , in den engen Spalt der Grotte , der fast senkrecht in die Tiefe führt . Viel leicht eine Stunde drangen wir in das Herz der Erde vor . Als wir an eine Stelle gelangten , an der sich der Spalt er weiterte , blieben wir stehen und bargen uns in einer Nische . Hier herrschte eine milde Wärme . Ich fühlte an meinem Körper die Schwingungen des strahlenden Lebens der Tiefe und das Beben der großen warmen Quellen , die unter dem lebendigen Leib der Erde tanzen . Um uns flog eine Art goldgelber Mücken . Ich habe sie genommen , und wir haben geschlafen . . . Wir stiegen herauf , als es Tag wurde . < Wenn man dem Manuskript Glauben schenken darf , so ist das Leben bei dem Volk der Vien - Viens ein brüderliches Leben . > Das Leben in den Bergen ist mitunter hart , und es kommt vor , daß wir Hunger leiden . Wenn ich eine Frucht , eine bittersüße Wurzel , einen Zuckerrohrstengel heimgebracht habe , so will sie nicht davon essen , wenn ich nicht abwech selnd mit ihr davon abbeiße . Dann haben ihre Augen den schönsten Ausdruck von Liebe , den ich je gesehen habe . < Nie war ein Bund inniger als der Earl Wheelbarrows mit der Überlebenden des sanften Volks der Xemez . Ich habe in den Blättern gelesen : > Kürzlich schweifte mein Geist nur wenige Sekunden in die Ferne . Sie wußte es sofort . Da nahm sie den Singvogel in die Hand , der bei uns lebt , und schloß meine Finger über diesem lebenden Federball . In diesem Augenblick fühlte ich den ganzen Strom ihrer Liebe in mich überfließen , einer Liebe , die groß ist wie das Leben selbst . 114

war noch jungenden Zeit , altern oder In einem anderen Fragment entziffere ich : » Sie nimmt meine Hände , legt den Kopf an meine Brust und verharrt so lange Stunden , um mein Herz schlagen zu hören . Ich bin ganz mit ihr verschmolzen . Oft spielen wir : Sie ist der Was serfall , und ich bade unter dem wilden Sturz ihres blau schwarzen Haars . < Earl Wheelbarrow war noch jung , und doch bedrückte ihn der Ablauf der unablässig fliehenden Zeit . Ich erkenne diese Sätze : » Ich habe nicht den Eindruck , zu altern oder mich zu verbrauchen , ich habe das Gefühl , daß ich eines fernen Tages verlöschen werde wie eine Kerze . Möge dieser Tag so fern wie möglich sein , denn sie kann nicht weinen . Sie würde sich an meine Hülle klammern und mich um schlungen halten , bis der Tod sie selbst wegrafft . Sie würde vor Hunger und Erschöpfung sterben , aber nicht mich los lassen . So taten es einst , erklärte sie mir , die Frauen der großen Kaziken , die ihren Lebensgefährten ins Grab be gleiteten . Vielleicht hat der verzauberte Leutnant alle Geheimnisse der Xemez kennengelernt , alle die Geheimnisse , die wir sehnlichst zu erfahren wünschen . Jedenfalls hat es den An schein , daß er mehrmals mit anderen Vien - Viens in Berüh rung gekommen ist . Er berichtet darüber : > Ich habe den großen roten Xemezgott gesehen , der in der riesigen unter irdischen Höhle ist . Sie hat mir von der großen Samba der Xemez erzählt und hat mich die Worte der großen alten Areytos gelehrt . Es ist mir gelungen , in dem alten abgenutzten und zerrisse nen Dokument , dessen Schriftzüge oft von den großen Regengüssen verwaschen und von der Sonnenhitze gebleicht sind , weiter zu entziffern : Mit der Regenzeit kommen die großen Sambafeiern . Wir blasen in drei verschiedenen Tö nen in die großen Lambimuscheln , und unsere Brüder und Schwestern antworten uns hier und dort von fern . Dann kommen wir zusammen , und wir singen und tanzen bis zum Ende der Regenzeit . Die Musik macht aus mir ein armseli IIS

ges und zerrissenes Ding , doch sogar meine Zerrissenheit ist melodisch und gehört dazu . < Das ist alles , was ich über das Leben des verzauberten Leutnants zu sagen weiß , von der strengen Poesie , der selt samen Liebe , die ihn in den rauhen , rötlichen Bergen von Saint - Marc wie ein bengalisches Feuer aufflammen ließ . Wie ein Elf lief er jede Nacht , trunken vom Glanz der Berge , lief mit seiner Gefährtin über die grünende Erde , dem Winde entgegen , durch die kühlende Flut der Gewäs ser . Tagsüber lebte er in den Grotten , in denen die von dem Kaziken des Goldenen Hauses , dem schrecklichen Caonabo , aufgehäuften Schätze ruhen . Er kannte alle alten Zauber formeln , alle Lieder , alle Tänze der großen Königin Ana caona , der Goldenen Blume , dieselben Lieder und Tänze , die die Herrinnen der Gewässer und die Herrinnen der Berge noch heute in hellen Nächten singen und tanzen . Manche Leute behaupten , diese Vien - Viens , die letzten Nachkommen der Xemez von Haiti , Schutzwächter der Reichtümer von morgen , die unerreichbar auf den schroffen , unzugänglichen Gebirgshöhen leben , gebe es nicht . Nun , wohl bekomm ' s ihnen ! Ich kann dazu nur soviel sagen , daß der Leutnant Wheelbarrow in seinem Manuskript versichert hat , er habe das Leben der letzten Vien - Viens gelebt . Ich habe keine Ursache , daran zu zweifeln . Whisky oder Wahn sinn scheinen mir keine stichhaltigen Einwände zu sein , wenn man sein erschütterndes Zeugnis gelesen hat . Mein Freund , der Marschall Célomme , hat mir schließlich noch erzählt , daß der Leutnant eines Nachts , damals , als die erbitterten Kämpfe zwischen bewaffneten Patrioten , den Cacos des Charlemagne Péralte , und den Truppen der amerikanischen Eindringlinge im Gange waren , von ameri kanischen Marineeinheiten gefangengenommen wurde . Mehrere alte Bauern aus der Gegend der Bassin - Coquil leaux haben mir erzählt , daß sie den Leutnant gefesselt und an seine Gefährtin gebunden gesehen haben , daß er abge urteilt und wegen Hochverrats und Zusammenarbeit mit 116

dem Feind auf der Stelle erschossen wurde . Die beiden Leichname wurden von den Bauern geborgen und ehr furchtsvoll in dem kleinen Grab bestattet , das neben der Grotte La Voûte verwittert . Sie sind tot , und doch sehen die Leute dieser Gegend noch immer , wie sie sagen , eine > Herrin des Wassers in mond hellen Nächten unermüdlich die schwarze Seide ihres unge bärdigen Haares kämmen , am Ufer der blauen Seen , die stufenweise das Gebirge erklimmen . Vielleicht haben der Leutnant Wheelbarrow und seine Gefährtin Kinder hinter lassen ? Jedenfalls ist es eine schöne Sache für ein Volk , seine Legenden lebendig zu erhalten . » Junge « , sagte der Alte Karibenwind zu mir , » deine Ge schichte hat einen bitteren Kern , der mich stört . Ich bin nicht viel gereist , obgleich ich mich unaufhörlich von Insel zu Insel bis ans Festland herumgetrieben habe , und ich habe immer gezögert , darüber zu sprechen . Ich kenne nur die alte Poesie , ich erzähle und begnüge mich damit , zu erzählen , was ich weiß . Es ist freilich wahr : Um der Tradition treu zu bleiben , müssen wir das Leben besingen , das ganze Le ben . Ich gestehe , ich habe die alten Geschichten immer wie der erzählt und an ihnen herumgefeilt . Ich frage mich , ob ich nicht in meinen Erzählungen , Romanzen und Balladen gewisse völlig neue Dinge , die besungen zu werden ver dienen , vernachlässigt habe . Wenn man sie aber vernach lässigt , dann wird auch die alte Poesie von Tag zu Tag an Reiz verlieren , und das sollte nicht sein . . . Aber das Leben ändert sich , ich begreife nicht immer alles und werde alt . So will ich dir also erzählen : Der Rost der Jahre Als ich einmal an einem dunstigen Abend an einem Sumpf vorbeikam , hörte ich zwischen dem Schilf , den Seerosen und anderen Wasserpflanzen ein geschäftiges Treiben . Ich bin 117

neugierig und zudringlich , doch da man es mir immer nach gesehen hat , lasse ich mich nicht abhalten . Ich trat also mit harmloser Miene , heimlich lauschend , naher und gab mir den Anschein eines Müßiggängers . Ich habe nie Tiere ge sehen , die , wenn sie erst einmal in Fahrt kommen , leiden schaftlicher singen als Kröten . Was für ein Konzert , du meine Güte ! Stimmen jeder Art , schöne tiefe Stimmen , dröhnende Bässe , Klagelaute wie bei einem Leichenbegräb nis , dumpfe , vornehme Organe wie das unserer großen königlichen Assotortrommel , weitschallende Stimmen wie das Echo unserer Berge , vielleicht auch einige Stimmen , die von ihrem Glanz und ihrer Kraft schon ein wenig verloren hatten , einige etwas brüchige , heisere Stimmen , die nicht immer ganz rein klangen ; aber in seiner Gesamtheit sang das mit einem solchen Schwung , einer solchen Tiefe , einer solchen Kraft und Schönheit , daß ich davon ganz ergriffen war . Ich blieb stehen und konnte mich nicht entschließen weiterzugehen . » Quak ! Quak ! Quak ! « Man spricht schlecht vom Gesang der Kröten , doch ich glaube , auch in ihrer Musik steckt viel Kunst . Übrigens , wenn sie es selbst nicht schön fänden , würden sie nicht sin gen . Schönheit ist vor allem das , was in unseren Herzen lebt . . . Nun , sie sangen ohne Unterlaß , aus voller Kehle und mit einer solchen Hingabe , daß es unter dem nächt lichen Sternhimmel wahrhaftig etwas Großes war . Der Sumpf wetteiferte mit dem Himmel und stellte seine schön sten Gewebe , seine kostbarsten Seiden , seine schweren Gold und Silberbrokate zur Schau , ein Prunk zwar von Trauer kleidern , aber wie glänzend und strahlend war er ! Der Krötenchor sang ohne Pause unter der Leitung eines Simi dor , eines Kapellmeisters , einer violetten Kröte , die ihren Stab im Takt über dem modrigen , in schwarzen und grünen Farben schillernden Wasser schwang . » Quak ! Quak ! Quak ! « Bald bemerkte ich , daß der Simidor , die violette Kröte , un 118

geduldig und immer nervöser wurde . Einmal schlug sie mit ihrem Taktstock so heftig auf eine Seerosenblüte , daß vier oder fünf Kröten den Kopf einzogen . Unter ihnen be merkte ich eine eisengraue Kröte , eine olivgrüne und eine graugrüne Kröte . Indessen sangen sie vorsichtig weiter , ver mieden es , ihre Stimme zu sehr hervortreten zu lassen , und waren mit gespannter Aufmerksamkeit darauf bedacht , nicht aus dem Takt zu geraten . Der Kapellmeister , die vio lette Kröte , beruhigte sich allmählich , und das Konzert wurde mit noch vollerem Klang und größerer Schönheit fortgesetzt . » Quak ! Quak ! Quak ! « Ich weiß nicht , wie es kam , daß ich es nicht gleich bemerkte , aber eine andere Kröte hockte neben dem violetten Simidor , eine rötliche Kröte . Von Zeit zu Zeit flüsterte sie der vio letten Kröte etwas ins Ohr . Ich konnte nicht verstehen , was es war , aber jedesmal änderte der Stab des Kapellmeisters danach das Tempo , und der Chor begann in einem neuen Takt zu singen , der lärmender , ausgewogener und rhyth mischer war . Ich möchte nicht behaupten , daß es melodiöser war , denn damit wäre vielleicht nicht jeder einverstanden , aber es war unbestreitbar harmonischer . » Quak ! Quak ! Quak ! « Ich war sehr gespannt . Seit Jahrhunderten und aber Jahr hunderten höre ich Kröten singen , und ich kenne mich darin aus . Ich darf wohl mit Fug und Recht behaupten , daß es sich hier nicht um ein gewöhnliches Orchester ungebildeter Kröten handelte . Aufrichtig gesprochen , es war eine bemer kenswerte Vereinigung . Jetzt erst gewahrte ich eine rost farbene Kröte , von einem dunklen Rostbraun , die matt und erschöpft auf einem Seerosenblatt saß . Sie schien dort irgend etwas zu tun , doch ich konnte nicht erkennen , was es war . Das Orchester wurde immer leidenschaftlicher , und ich hörte ganz entzückt zu , da sah ich , daß die dicke rostfarbene Kröte sich der roten Kröte näherte und ihr einen Zettel reichte . 119

» Quak ! Quak ! Quak ! « Die rote Kröte prüfte das Blatt , dann gab sie der violetten Kröte , dem Simidor , ein Zeichen . Der Kapellmeister ließ den Stab sinken , und das Orchester schwieg einen Augen blick . Der violette Simidor prüfte nun seinerseits das Blatt , nahm Kenntnis von dem , was darauf geschrieben stand , kurz danach ergriff er wieder seinen Stab , und das Orche ster begann mit neuem Schwung . Jetzt wurde es ein Getöse von einer Kraft und Vielfalt , daß ich ganz betäubt war . » Krr . . . krr . . . krrah ! Quakquak ! Krr . . . krr . . . krrah ! Quakquak ! « Das Orchester spielte lange , und alle schienen hingerissen . Ich blieb erwartungsvoll stehen , aber die Stunde des Nacht mahls nahte . Plötzlich brach die Musik ab . Eine hellgraue Kröte hatte sich aufgerichtet . Sie hüpfte und rief aus : » Kröten ! Kommt alle , Wasser holen ! « Alle Kröten stürzten herbei , mehr oder weniger schnell , aber sie kamen alle , die eisengraue , die olivgrüne , die blau grüne , die violette und die rote Kröte . Alle , bis auf die rost braune . Als die hellgraue Kröte sie bemerkte , rief sie ihr zu : » Großpapa Kröte ! Kommt , Wasser holen ! Ihr auch ! « » Ich bin krank « , stammelte die rostbraune Kröte . Alle blickten die rostbraune Kröte an , während sie mit kleinen Stücken von Seerosenblättern Wasser in den Kessel schöpften . Als sie fertig waren , hüpfte die hellgraue Kröte wieder und rief aus : » Kröten ! Kommt alle , Feuer während madder , und sie fertig warmblättern Alle Kröten eilten herbei . Einige schwangen Streichhölzer , andere Torfstückchen , kleine Zweige , Holz , und sie ver sammelten sich um den Wasserkessel . Die rostbraune Kröte war liegengeblieben . Die hellgraue Kröte rief ihr mit bar scher Stimme zu : » Großpapa Kröte ! Kommt , Feuer ma chen ! Ihr auch ! « » Ich bin krank . « Die ganze Gesellschaft lächelte ironisch . Der gefüllte Was serkessel stand auf dem Feuer , und das Wasser begann zu 120

Heiteraue Kröte auchres Gedränge chulig Kröten sarer sieden . Die Kröten bliesen mit allen Kräften in die Glut . Die graue Kröte richtete sich von neuem auf , hüpfte und rief aus : » Kröten ! Kommt , rührt die Suppe um ! « Die eine nahm einen Löffel , die andere eine Kelle , die dritte einen langen Stock , jede gehorchte . Jede , bis auf die rost braune Kröte , und als man sich an sie wandte und sie auf forderte , die Suppe umzurühren , antwortete sie wieder : » Ich bin krank . « Darauf brachen alle Kröten in schallendes Lachen aus . Die Heiterkeit wurde so groß , daß es erst ruhig wurde , als die hellgraue Kröte ausrief : » Kröten ! Kommt zum Essen ! « Ein außerordentliches Gedränge entstand um den Suppen topf . Du weißt ja , wie leckermäulig Kröten sind . Ihre Augen leuchteten , ihre aufgesperrten Mäuler waren groß wie Untertassen , und die weichen Wammen ihrer hellen Kehlen zitterten . Zur allgemeinen Verwunderung sah man nun die rostbraune Kröte , so gut es ging , ihren Platz im Schilfrohr verlassen und herbeikommen . Sie sprach : » Quak quak ! Ich will mir Mühe geben , auch einen Bissen zu essen . . . Quakquak ! Ich will mir Mühe geben . . . « » So ein Faulpelz , diese rostbraune Kröte ! « hörte man von allen Seiten . » So ein Faulpelz ! « Die rostbraune Kröte aß schweigend ihren Anteil Suppe , dann kroch sie wieder in ihre Ecke im Schilfrohr . Niemand beachtete sie . Und als die ganze Gesellschaft sich anschickte , schlafen zu gehen , trat ich , der Alte Karibenwind , näher , wandte mich an die rostbraune Kröte und sagte : » Gevatter , ich bin ' s , der Alte Karibenwind , aller Freund . Ich will nicht indiskret sein , aber ich möchte Sie fragen , warum Sie nicht geholfen haben , die allgemeine Suppe zuzubereiten . Sicher lich hatten Sie Ihre guten Gründe . . . « » Wie ? Sprechen Sie lauter ! « Ich wiederholte meine Frage mehrmals , aber um mich ganz verständlich zu machen , mußte ich der rostbraunen Kröte ins Ohr schreien . Da sah sie mich an , schüttelte den Kopf und fragte : » Haben Sie denn nicht meine Farbe gesehen ? « I21

» Ihre Farbe ? « » Nun ja ! Ich bin eine rostbraune Kröte . « » Ich verstehe nicht ganz . . . « » Wenn Sie gut hingesehen hätten , dann hätten Sie bemerkt , daß fast alle Kröten dieser Gesellschaft grau sind , mehr oder weniger dunkel , aber grau . Mit einigen Ausnahmen natürlich , dem Schieferblau , dem Olivgrün , dem Blaugrün , dem Violett , dem Rot , und ich selbst , ich bin rostbraun . Ich bin ein Faulpelz , weil ich eine rostbraune Kröte bin . Ein Faulpelz , verstehen Sie recht ? « Sie weinte heiße Tränen . Ich tröstete sie , so gut ich es ver mochte , so daß sie , als ich weiter mit Fragen in sie drang , sich bereit zeigte , mir das Geheimnis zu erklären . Sie sah mich mit ihren großen , verstörten Augen an , trocknete be trübt ihre Tränen und sprach : » Haben Sie nicht während des Konzerts bemerkt , daß vier oder fünf Kröten falsche Noten gesungen haben ? Nun gut , sie waren nicht grau . Einstmals war auch ich grau wie alle anderen , ganz asch grau , eine der schönsten Kröten der ganzen Gesellschaft . Ach , das waren Zeiten ! . . . Nicht nur in diesem Sumpf , nein , in allen Kanälen und Lagunen der Umgebung sprach man von meinen tollen Streichen und Abenteuern . Ich hatte vor nichts Angst , und mein Reichtum war unermeßlich . Eines Tages bemerkte ich , ich weiß nicht recht warum , daß ich keine Lust mehr hatte , jeden Abend zu singen . . . Die Stimme ist noch immer rein und klar , aber sie ist nichts Be sonderes . Oh , jawohl , man begeht noch hin und wieder eine kleine Dummheit zwischen den Seerosen , im Moos , im Schilf . Man stellt noch den kleinen Froschmädchen nach , doch eines Tages nimmt man sich vor , damit Schluß zu machen , denn man will seine Ruhe haben . Man wählt sich ein Krötenweib . Man singt noch immer mit im Chor , das geht noch einigermaßen , aber man wird allmählich nei disch . Und mit dem Neid beginnt die Sache ernst zu wer den . . . Dann merkt man eines Tages , daß man eisengrau geworden ist , schiefergrau wie jene Kröte , die so falsch ge I22

sungen hat . Die Weisheit blitzt in einzelnen Funken auf , die rasch wieder verlöschen . Man gibt Ratschläge nach rechts und links , man wird gelehrt und erfahren , kurz , man ist eine olivgrüne Kröte geworden . Aber im Konzert singt man immer öfter falsche Töne . Doch man hat einen reichen Schatz an Wissen und Erfahrung , und man möchte gern alles , was man geschaffen hat , noch einmal von vorn be ginnen . Der Geist hat im Schwinden an Scharfsinn und Weite zugenommen , man versteht alle Schattierungen des Lebens , man kennt alle Geheimnisse des Gregorianischen Kirchengesangs , aber die Kraft und die Stimme lassen mehr und mehr nach . Man ist eine blaugrüne Kröte geworden . . . Dann läßt auch das Bedürfnis nach , mit anderen Leuten zu verkehren , und man singt immer mehr falsche Töne im Konzert . . . Ich sah ein , daß ich meine Opernlaufbahn auf geben mußte , außerdem hatte man es mir deutlich genug zu verstehen gegeben . Ich war inzwischen violett geworden . Ich nahm den Dirigentenstab und leitete das Orchester . . . Man hat ein vollkommenes Wissen , und das Tempo kommt fast von allein . Doch wenn Sie wüßten , wie einem in dieser Lebensepoche die Erinnerungen zusetzen ! Sie kommen von allen Seiten in Schwaden , wie der zarte Duft der Seerosen . . . Eines Tages , mein Weib war bei mir , mein Krötenweib , an dem der Rost der Jahre ebenso gefressen hatte wie an mir , dem ich meine Gedanken anvertraute , mit dem ich in Erinnerungen schwelgte und das in mir noch immer den schönen aschgrauen Kröterich sah , der ich einst gewesen war . . . Eines Tages , sage ich , fiel ein Stein in den Sumpf . Es machte plumps im Wasser , und ich sprang weg , um mich in Sicherheit zu bringen . . . Ich kam zurück , aber ich hatte gut suchen , mein Weib war verschwunden , ich war allein . . . Seitdem war ich verdrießlich und launisch , ärgerte mich über alles und hatte keine Lust mehr , mich mit irgendwem zu unterhalten . Ich sprach allein . Man gab mir zu verstehen , daß ich immer weniger gut dirigiere , dann wurde es mir allmählich auch schwer , die Arme zu bewegen . Ich war eine 123

rote Kröte geworden , ich ließ das Dirigieren sein , aber da mein Ohr sehr feinhörig geblieben war und ich ein voll kommenes musikalisches Wissen besaß , blieb ich an der Seite des neuen Kapellmeisters , eines violetten Simidor , der recht begabt war . Ich verstand die Zeit immer weniger , ärgerte mich über alles , fand an allem etwas auszusetzen . Der Sumpf hatte nicht mehr den gleichen Geruch ; die Trok kenzeit hatte den alten Kanal , in dem ich so gern spazieren gegangen war , endgültig ausgetrocknet . Und dann hatte das Feld auch nicht mehr den gleichen Duft , denn man baute in der Gegend keinen Reis mehr , sondern Mais . Auch die Sitten der jungen Leute hatten sich geändert , ich verstand sie nicht mehr . Sie spotteten über mich . Ich wurde gereizt . Ich lehnte mich auf . Nach einer gewissen Zeit lehnte ich mich auch nicht mehr auf . Der Rost der Jahre tat das Seine . Ich ergab mich in mein Schicksal , blickte in das fließende Wasser , hörte die Stunden verrinnen und hatte immer we niger Lust , mich zu bewegen . Ich verlor das Gehör , wurde fast taub und mehr und mehr gelähmt . Ich war eine rost braune Kröte geworden und verließ meinen Platz neben dem Kapellmeister , der inzwischen auch gewechselt hatte . Aus Mangel an Bewegung fehlte mir zwar der richtige Ap petit , aber von Zeit zu Zeit hat man doch noch das Bedürf nis , etwas zu essen . Außerdem hat man ein schlechtes Ge wissen beim Essen , wenn man weiß , daß man sein Brot im mer weniger verdient hat . Und die Zeiten sind schwer ! Nur weil ich dann und wann noch etwas komponiere , wage ich , essen zu gehen . Man mokiert sich über mich , weil ich nicht beim Suppekochen helfe . Man nennt mich einen Faulpelz , und das bin ich auch , denn ich bin eine rostbraune Kröte . Zudem habe ich vor allem Angst , beinahe sogar davor , mich zu bewegen . Man sieht eine junge Kaulquappe mit verwun derten Augen durch den Sumpf schwimmen . Man möchte sie protegieren , ihr raten , sie belehren , aber sie hört einem nicht einmal zu . Der Rost der Jahre ! Alles fließt zusammen zu einem seltsamen Gemenge : Erinnerungen , Bedauern , 124

Vorwürfe , Furcht , Liebe , Gefühlsregungen , Verständnis losigkeit , Auflehnung , Vereinsamung . Der Rost der Jahre . . . Und das ist noch nicht alles . « » Wie ? « fragte ich als neugieriger Alter Karibenwind . » Ja , natürlich . Wenn Sie alles wissen wollen , warum wen den Sie sich dann an mich ? Warum fragen Sie nicht die Kröte , die nicht mehr iſt ? « » Die Kröte , die nicht mehr iſt ? « » Gewiß ! « » Ich habe noch keine gesehen . « » Sie haben noch keine gesehen ? Und dies , was ist das ? « » Was ? Das vertrocknete große Blatt ? « » Haben Sie um diese Jahreszeit schon vertrocknete Blätter gesehen ? Schauen Sie genau hin , das ist eine Kröte . Sie hat , das ist wahr , die Farbe eines vertrockneten Blattes . Das ist eben der Rost der Jahre . Bald werde ich so sein wie sie . Eines Tages findet man eine verendete Kröte , und das stinkt . Das stinkt fürchterlich , eine verendete Kröte ! Sie ist nur noch ein vertrocknetes Blatt , nur noch Rost und Ge stank . Ja , das ist der Rost der Jahre ! « Epilog Die Stimme des Alten Karibenwindes hatte sich allmählich gesenkt und eine so düstere Färbung angenommen , daß ich widersprach : » Aber Onkelchen ! Kommt zu Euch , zum Teu fel ! Ihr seid doch Compose ! Wenn ein Compose auch mit ganzer Seele bei der Sache sein soll , so darf er es sich doch nicht so zu Herzen gehen lassen ! Und dann – seit wie vielen Jahrhunderten , wenn nicht Jahrtausenden - aber das sagt Ihr mir doch nicht - , seit wie langer Zeit braust Ihr nun schon über das Karibische Meer ! Ihr dürft Euch weder über die Kürze des Lebens noch über den Rost der Jahre bekla gen , der Euch nicht berühren kann . Ihr seid mein Onkel , und ich schulde Euch allen Respekt , aber was könnten wir Menschen nicht alles dazu sagen ! Eure Kröte hatte sich 125

sicherlich etwas vorzuwerfen , sonst wäre sie nicht so ver bittert gewesen , als der Rost der Jahre über sie kam . Wir rosten , nun wohl , laßt uns heiter rosten , laßt uns lachend rosten ! Übrigens hätte ich Euch zu diesem Thema eine Ge schichte zu erzählen . . . « » Leb wohl , mein Sohn . Hundedreck hat keine Dornen , und doch fängt man an zu hinken , wenn man drauftritt . So ist es nun mal . Ich weiß übrigens nicht , warum ich gerade diese Geschichte erzählt habe . Es gibt so viele andere . Gevatter Hund hat so viele Abenteuer erlebt . Von dem Riesen Mor rocoy , der auch ein großer Faulpelz war , haben wir nicht eine einzige Geschichte erzählt . Auch Loufré , die Schlange , hätte wohl verdient , erwähnt zu werden . Und gar vom Hofe des Königs , an dem sich so viele außerordentliche Be gebenheiten zugetragen haben , hätten wir eine oder zwei zum besten geben sollen . . . Aber die gewohnte Stunde mei ner Fahrt naht , und ich kann nicht mehr lange hierbleiben . Wir haben ganz schön fabuliert . « » Onkelchen , ich bedaure , daß ich der Geschichten und Le genden aus der Zeit des Unabhängigkeitskrieges nicht ge dacht habe . Ich hatte gehofft , Ihr würdet die Geschichte der Henriette Saint - Marc in Erinnerung bringen , die Ihr in jener berühmten Nacht erzählt habt , als der große Kaiser die Djoubas tanzte . . . Auch die Legende von der Groß mama « , der großen Kanone auf der Zitadelle , hätte mich gereizt . Und die phantastischen Einfälle des Generals Jean Jumeau verdienten auch , wieder hervorgeholt zu werden . « » Kann man alles erzählen ? Es gibt so viele Geschichten , mein Junge , daß kein Ende abzusehen wäre , wenn alle Composes der ganzen Insel einen Wettstreit in den besten Geschichten und Legenden aus der Vergangenheit veran stalteten . Im übrigen muß ich jetzt gehen , mein Sohn . Komm ein andermal wieder . Aber paß auf , daß du mich nicht zu früh weckst , und vor allem , bring mir nicht wieder diese verflixte Fledermaus mit den goldgelben Augen her ein . « 126

» Darauf könnt Ihr Euch verlassen , Onkelchen . Doch bevor Ihr weggeht , will ich Euch ein Rätsel aufgeben . « » Komm her , ich höre . « » Er ist auf seinem Gebiet Kommandierender General und trägt einen hellen Federbusch . Alle Tage macht er die Runde in seinem Bezirk . Am Abend verwandelt sich sein Bart in Vögel und in Träume , sein Leib verwandelt sich in eine kühle Brise , seine Stimme in Wohlgerüche , und diese Wohl gerüche werden Erinnerungen , bei denen die Menschen lächeln und träumend sinnen . Wer ist das ? « » Das ist leicht . « » Also , wer ? « » Das ist ein Compose , mein Junge , oder ein großer Simi dor . « » Der allergrößte , Onkelchen . Und der erste . . . Der Alte Karibenwind ! « 127

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Nachwort Der hier erzählt , ist des modernen Haiti bedeutendster Schrift steller Jacques Stéphen Alexis . Er wurde 1922 in Gonaives , einer Stadt an der Westküste , geboren . Seine Familie konnte sich lan ger nationaler Traditionen rühmen . Die Mutter , einer Guts besitzerfamilie entstammend , war Nachfahr des schwarzen Kai sers Jean - Jacques Dessalines , der 1804 Haiti von der zweihun dert Jahre währenden französischen Kolonialherrschaft befreit hatte ; der Vater stand als Journalist und Politiker in den vor dersten Reihen des Kampfes , den die Haitianer seit 1915 gegen die USA um ihre Unabhängigkeit führten . Verwunderlich ist es daher nicht , daß Jacques Alexis seit frühe ster Jugend ein inniges Verhältnis zu den nationalen Bestrebun gen seines Volkes besaß . Bereits als Student – er studierte Medi zin - nahm er an politischen Versammlungen teil , die der junge Schriftsteller und Gründer der Kommunistischen Partei Haitis Jacques Roumain organisierte . Die Freundschaft dieses Mannes sollte für den gesamten Lebensweg von entscheidender Wirkung sein . Durch ihn fand Alexis zum Marxismus , an seiner Seite stritt er gegen die Yankees . Politisch gereit führte er dann nach dem Tode seines Vorbildes 1944 dessen Kampf fort . Ein Jahr später , als die vom Faschismus befreite Welt aufatmete und die internationale Befreiungsbewegung Auftrieb erhielt , steht er an der Spitze einer revolutionären Jugend , die sich gegen das Regime des nordamerikanischen Satrapen Elie Lescot auflehnt . Das Regime wird gestürzt , die Unabhängigkeit in Demokratie liegt in greifbarer Nähe , da verfliegen alle Hoffnungen , als sich durch Verrat die Reihe der Diktatoren durch Estimé und General Magloire fortsetzt . Alexis , mittlerweile der bekannteste Patriot seines Landes , wird eingekerkert , und erst der Protest der demo kratischen Offentlichkeit des Landes öffnete die Verliese von Port - au - Prince . Ein jahrelanges Exil in Frankreich folgte . In Paris , wo Alexis fortan lebte und seine Studien fortsetzte , ist schnell der Kontakt zu progressiven Intellektuellen hergestellt . Die Mitarbeit an den literarischen Zeitschriften > Lettres Fran 129

çaises < , > Lettres Nouvelles < , > Nouvelle Revue Françaises und > Présence Africaines vermittelte die Freundschaft mit Louis Ara gon , Aimé Césaire und Léopold Sédar Senghor . Weit mehr als früher standen nun Fragen der Literatur im Mittelpunkt . Nach geholt wurde die Lektüre von Werken des französischen Realis mus , insbesondere die von Emile Zola und Anatol France , aber auch die des sozialistischen Realismus von Maxim Gorki und Ilja Ehrenburg . Mitte der fünfziger Jahre begann Alexis selbst zu schreiben . Neben einer Vielzahl von Artikeln zu kulturpolitischen Themen entstanden in rascher Folge drei Romane , die die literarische Of fentlichkeit aufhorchen ließen . Im renommierten Pariser Verlag Gallimard erschien 1955 der Roman » Compère Général Soleik ( General Sonne ) , die beiden anderen > Les arbres musiciens ( Die singenden Bäume ) und > L ' espace d ' un cillement ( Im Handum drehen ) 1957 bzw . 1959 . Eines ist allen diesen Werken wie auch den vorliegenden Erzählungen , die der Autor 1960 veröffentlicht hat , gemeinsam : Es wird versucht , die gesellschaftliche Wirklich keit Haitis mit ihren kompliziert verflochtenen ethnischen , kultu rellen und sozialen Gegebenheiten über die künstlerische Verdich tung lebendig gebliebener poetischer Traditionen zu erfassen . Seine Art künstlerischen Weltverständnisses faſte der Dichter unter dem Begriff > Wunderbarer Realismuss . Auf dem Ersten Kongreß der Farbigen Künstler und Schriftsteller 1956 in Paris hat er ihn in einem Manifest erläutert : > Realistisch sein bedeutet für den haiti anischen Künstler , in der gleichen Sprache zu sprechen wie sein Volk . Der Wunderbare Realismus ist also ein wesentlicher Be standteil des Sozialen Realismus . . . Er verlangt die Hervor hebung des Schatzes der Märchen und Legenden , der gesamten musikalischen , rhythmischen und plastischen Symbolik , aller For men der haitianischen Volkskunst , mit dem Ziel , der Nation zu helfen , die Probleme und Aufgaben zu lösen und zu erfüllen , die vor ihr stehen . Die westlichen Stile , die uns überkommen sind , müssen bewußt in einem nationalen Sinn übernommen werden , und überhaupt muß alles im Kunstwerk die besondere Gefühls welt der Haitianer ansprechen , die doch Söhne dreier Rassen und 130

so zahlreicher Kulturen sind . Aufgabe muß es sein , die Schönheit , die Größe , aber auch das Leid des haitianischen Vaterlandes zu besingen , immer mit dem Ziel einer grandiosen Perspektive , die durch die Kämpfe seines Volkes und die Solidarität mit allen Menschen gegeben ist ; vorzudringen zum Menschlichen , zum All gemeinen und zur tiefen Wahrheit des Lebens ; Aufgabe muß es weiter sein , eine ausdrucksvolle Sprache zu suchen , eine , die das Volk versteht und die seiner Seele entspricht , selbstverständlich verdichtet und erneuert durch die Persönlichkeit des Schöpfers ; Aufgabe muß es auch sein , ein klares Bewußtsein zu haben von den genauen und aktuellen Problemen und der Wirklichkeit , denen die Massen gegenüberstehen , mit dem Ziel , sie zu rühren , tiefer zu bilden und in ihrem Kampf zu schulen . Um die Quellen dieser ästhetischen Konzeption steht es wie folgt : In der Zeit zwischen den beiden Weltkriegen , als Haiti nach über hundertjähriger nationaler Unabhängigkeit unter die politische und wirtschaftliche Herrschaft seines großen nordamerikanischen Nachbarn geriet , war eine literarische Bewegung aufgetaucht , die sich ihrer nationalen Vergangenheit und ihrer autochthonen Werte besann . Als herausragendster Repräsentant der Schule des Indigenismuś , wie sie sich nannte , gilt Jean Price - Mars mit seiner Schrift > Ainsi parla l ' Oncle ( Also sprach der Onkel , 1928 ) . Diese Bewegung , die auch in Südamerika stark vertreten war , richtete sich gegen die aus Europa und den USA hereingeholte spät bürgerliche Kultur , die im schroffen Gegensatz zum Volksemp finden der Haitianer stand . Künstlerisches Universum der neuen Schule war die alles bestimmende Natur . Hier lag aber auch ihre Beschränktheit . Der Mensch wurde nicht in seinen sozialen Bin dungen gesehen und dargestellt , er versank im exotischen Milieu . Erst Jacques Roumain , der Schüler von Jean Price - Mars , der mit seinem Roman Gouverneurs de la Rosée « ( Herren über den Tau , postum 1944 ) international bekannt wurde , korrigierte das und brachte den sozialen Konflikt in diese Literatur ein . In dem Ar tikel > Die Kunst als Waffes , der 1944 in der kubanischen Zeit schrift > Gaceta del Caribe erschien , forderte er , daß Kunst die Widersprüche und Gegensätze der politisch - ökonomischen Struk 131

tur einer Gesellschaft in einem bestimmten Augenblick ihrer Ent wicklung < widerspiegeln müsse , eine Forderung , die die sästhe tische Negation des Menschen sowohl in der esoterischen als auch in der rein folkloristischen Dichtung verurteilte . Solche Auffassung wurde vorbildlich für Jacques Alexis . Er ging jedoch weiter , indem er die schöpferische Einbeziehung aller künstlerischen Leistungen , auch die der modernen westeuropä ischen Literatur als Bereicherung der eigenen , verlangte . Alexis sah die nationale Kunst nicht mehr wie Roumain isoliert , sondern als Bestandteil einer Weltkultur , die in ihrer Gesamtheit dem sozialen und moralischen Fortschritt zu dienen hat , als deren Ver künder er die Künstler in vorderster Linie erblickte . Aufgefor dert , seine Hoffnungen für das Jahr 1957 zu äußern , rief er alle Künstler auf , sich von äthetizistischen Interpretationen des Hu manismus loszusagen , sich durch eine soziale und menschliche Kunst zu artikulieren und zu engagieren , denn allein die prak tische Wirklichkeit und die Wahrheit mit allen ihren Gesichtern können die Inspiratoren einer menschlichen Kunst , einer morali scheren Gesellschaft sein . Daß er besonders prädestiniert war , solche Forderungen in seinem literarischen Schaffen umzusetzen , sah er in seinem unbedingten Vertrauen auf die wahrhaft huma nistischen Ziele der marxistischen Weltanschauung , doch nicht zu letzt auch in seiner Herkunft . > Als Neger , Lateinamerikaner und Haitianer bin ich das Produkt mehrerer Rassen und Zivilisa tionen . Vor allem bin ich als Sohn Afrikas nichtsdestoweniger Erbe der Kariben und der amerikanischen Indianer wegen der Blutsverwandtschaft und des langen Überlebens dieser Kulturen nach ihrem Tod . Desgleichen bin ich aber gewissermaßen auch Erbe des alten Europas , Spaniens und besonders Frankreichs . < Die Erzählungen dieses Autors sind ein Stück haitianischer Ge schichte . Sie verbinden alten mythologischen Volksglauben , Re miniszenzen einer Kindheit und einzigartige erzählerische Phan tasie , Rückbesinnung auf eine glorreiche Vergangenheit , um die unerträgliche Schmach der Gegenwart zu tilgen . Im wechselseiti gen Gespräch berichten der Autor als Zeuge der Gegenwart und der Alte Karibenwind als der fernster Vergangenheit über die 132

Träume , die Leiden und die Kämpfe der Kinder ihres Volkes . Nach langer Zeit begegnet der Dichter seiner Heimat wieder , den vertrauten Küsten , den Bergen , Tälern und Flüssen , denen in der Ferne all seine Sehnsucht galt . Aber das Wiedererkennen fällt schwer , alles ist so verändert und verlassen , ein sapokalyptisches Waisenhaus < , wo nur das Röcheln des Todes « und der > Sang des Schweigens < zu hören ist . Heraufbeschworen ist die Agonie eines Landes unter Diktatorenherrschaft . Erst als der Dichter die kari bische Seele , die allen innewohnende > Anne mit den langen Wim pern < , wiedergefunden hat , als ihre Zauberformel in seine Ohren drang « und » in seine Zunge flüchtetes , » da wußte er alles < , so daß sein > Weheruf dröhnender Gesang « , sein Mund eine > Posaune der Morgenröte wurde . Die eingangs erwähnte Aufgabe des Dich ters , hier ist ihre poetische Entsprechung . Überhaupt ist die Ge schichte typisch für den Autor und seine Ausdrucksmittel , die uns fremd anmutende Metaphorik , die nachhallenden sinnlichen Ver gleiche , die doch so plastisch auch die politische Realität wieder geben , wenn es etwa heißt : » Der Dezember war der Leichenkärr ner . Er war Präsident der Republik . Neben Geschichten , die meist afrikanischer Herkunft sind und mit allgemein - menschlichen Themen nationale Probleme behan deln , so die Parabeln vom Tatez ’ o - Flando < und vom > Rost der Jahres , stehen die , welche die heroische Geschichte Haitis besin gen : die Legende vom > Tanz der Goldenen Blume und die vom > Verzauberten Leutnants . In der Legende vom > Tanz der Goldenen Blumec steht die Köni gin und Samba des alten Volkes der Taino , Anacaona , ihre alles verzaubernde Schönheit und Poesie als unvergängliches Symbol eines kraftvollen und stolzen Volkes , das durch die spanischen Eroberer unterging , Hymne auf eine moralische Überlegenheit und Elegie auf ein tragisches Ende zugleich . Was Alexis in der Geschichte vom Verzauberten Leutnants schreibt , fällt dagegen in die Zeit der nordamerikanischen Beset zung . Auch hier ein Sang auf die alles bezwingende Schönheit und Liebe , auf den fortlebenden Geist des Widerstandes . Weniger leicht erfaßbar ist die > Chronik einer unglücklichen 133

Liebes , weil sich der Autor hier auf den von ihm schöpferisch umgestalteten karibischen Glauben an Zombis , wesenlose Men schen also , beruft . Die unglückliche Liebe des Mädchens ist in dessen die des Dichters zu seiner Heimat , die er im > kalten Euro pa < , hier als Kloster wirklichkeitsleerer Traditionen dargestellt , so sehr vermißt . Als Emigrant ist der Dichter Zombi wider Wil len , richtige Zombis sind nur jene Künstler , die im Exil ihr Vater land vergessen und verleugnen . Alexis wollte nie ein Zombi sein , er trug Haiti im Herzen , bis er das Heimweh nicht mehr ertragen konnte und nach Hause zu rückkehrte . Mitte April 1961 landete er mit einigen Begleitern an der Nord ostküste Haitis , auf dem gleichen Strand , wo das Verderben der Antilleninsel begann , wo 1492 Christoph Kolumbus im Auftrage der Allerchristlichsten Krone Kastiliens und der mächtigen Ge nueser Bankherren Sevillas das von der indianischen Urbevölke rung als Quisqueya bezeichnete Land unter dem Namen Hispa niola in ein grausames Kolonialjoch zwängte , wo 1650 franzö sische Schiffe landeten und die Insel für das Lilienbanner erober ten und wo schließlich 1915 der großmächtig gewordene Yankee an Land ging , um die seit einem Jahrhundert selbständige Neger republik Haiti für die Wallstreet zu > kolonisierens . Auf diesem Strand war es auch , wo 1961 die Schergen des Diktators Duvalier Alexis auflauerten , ihn höchstwahrscheinlich nach dem Fort Di manche verschleppten , und ihn dort umbrachten . Wann er genau gestorben ist und wo man ihn verscharrt hat , weiß keiner . Eberhard Wesemann 134

Worterklärungen abrir y cerrar de ojos : Offnen und Schließen der Augen . Ajoupa : Laubhütte . Alcantarakreuz : grünes Lilienkreuz , Abzeichen des altspanischen geistlichen Ritterordens von Alcantara . Anacoana ( die Große ) : Königin der Xemez - Indianer , die Fleur d ' Or ( Goldene Blume ) , die von den spanischen Konquistadoren gefangengenommen wurde ; sie war eine bedeutende Dichterin , Musikerin , Tänzerin und politische Führerin . Anahuac : aztekischer Name des mexikanischen Küstenlandes . Anoli : Leguane , die auf Haiti häufig und in vielen Arten vor kommen . Antoine Langommier : ein durch seine Hellsehergabe berühmter Hoherpriester der Vaudou - Religion . Arawak : Angehöriger des Völkerstamms der Aruaken ( Süd amerika ) . Areyto : Volkslied der Antillen - Indianer . Artibonite : Fluß auf Haiti . Badgi : Vaudou - Altar . Batorspiel : eine Art Fußballspiel der Xemez - Indianer . Bohitos : freie Männer . Bôzô : eingebildeter , stutzerhafter Mensch . Buggy : leichter Wagen . Businessman : Geschäftsmann . Butio ( Mz . : Butios ) : Xemez - Priester . Cacos - plaqués : revolutionäre Bauern ; in früheren Zeiten häufig von Generalen angeworbene , zu Militärputschen mißbrauchte Söldnertruppen . Calalou - djon - djon : Suppe aus Pilzen und Gombo , einer kleinen Gemüsepflanze . Chaîne des Dames : ein Tanz . Cobyba : Tabaksorte , meist aus der indianischen Pfeife ( Kalumet ) durch die Nase geraucht . Compose : volkstümlicher Geschichtenerzähler und Dichter . Dessalines : s . Geist von 1804 . 135

Elbeuf : Anzugstoff ( nach der französischen Stadt Elbeuf ) . Elohim ( hebräisch ) : Gottheiten . Geist von 1804 : Jean - Jacques Dessalines verkündete im Jahre 1804 nach Vertreibung des französischen Expeditionskorps die Unabhängigkeit Haitis und ließ sich im Dezember 1804 als Jac ques I . zum Kaiser krönen . Grimaud : Mestize ( Nachkomme eines Weißen und einer India nerin mit blondem oder rotem Haar . Hidalgo : spanischer Adliger . Hounfort : Vaudou - Heiligtum . Kassawen : Maniokfladen . Kazike : Stammes - oder Dorfhäuptling der Indianer . Lambischale : große Muschelschale . Lanciers : Tanz , eine Art Quadrille . Manolitas : Freudenmädchen . Manzanillenbaum : Wolfsmilchgetränk der Karibischen Inseln , dem magische Kräfte zugeschrieben werden . Mapoya : der Teufel bei den Xemez - Indianern . Matuhen : höchster Rang nach dem Kaziken ( s . d . ) . Méringuée , Congo , Rada : volkstümliche Tänze und Tanzlieder . Naborias : tributpflichtige Indianer . Nayue : kurze Hose . Nitaino ( s ) : Xemez - Häuptling ( e ) . Panpanya : Lendenschurz aus Orangenblättern . Papaloa : Vaudou - Priester . Pipirites : Sperlingsart . Pommes - cajou : birnenförmige Früchte des Acajoubaumes oder Nierenbaumes . Quarteron : Mischling von Mulattennachkommen und Weißen . Quisqueya : alter indianischer Name für die Insel Haiti . Repartimientos : Bezeichnung für die Sklavengruppen , die den Konquistadoren zugeteilt wurden . Samba : indianischer Dichter , Musiker , Tänzer auf Haiti . Savannenpriester : ehemalige Kirchendiener oder Chorknaben , die ein wenig Latein können und auf dem Lande die Funktion von Geistlichen ausüben . 136

Simidor : Leiter einer Musikgruppe bei Volksfesten . Tag des Blutes : der Tag , an dem der gesamte indianische Adel Haitis niedergemetzelt wurde . Tainos : Indianerstamm auf Haiti . Tequina : indianischer Tänzer und Choreograph auf Haiti . Tomas von Haiti : aus dem Namen eines Volksstammes in Liberia hervorgegangene Bezeichnung , die sich die haitianischen Neger gegeben haben . Yuccas : Yamswurzel ( Wurzelstock einer Kletter - oder Schling pflanze im tropischen Amerika ) . Yucuyaguas : Dörfer der Xemez - Indianer . Zambo : Mischling von Neger und Indianer . 137

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Inhalt Ιο Prolog . . . . . . . Die Geschichte von Anne mit den langen Wimpern . . . . . . Die Fabel von Tatez ’ o - Flando . . . . . Chronik einer unglücklichen Liebe . . . Der Tanz der Goldenen Blume . . . Der verzauberte Leutnant Der Rost der Jahre . . . . . . Epilog . . . . . . . . . . . . . Nachwort . . . . . . Worterklärungen . . . . . . . 125 129 135 139

Die Erzählungen wurden der französischen Originalausgabe > ROMANCERO AUX ÉTOILESL entnommen . © Editions Gallimard 1960 Die Nutzung der deutschen Übersetzung von Ewald Czapski erfolgt mit Genehmigung des Verlages Volk und Welt , Berlin . Nachwort von Eberhard Wesemann Insel - Verlag Anton Kippenberg , Leipzig Erste Auflage Gesetzt und gedruckt im VEB Messedruck , gebunden in der VOB Kunst - und Verlagsbuchbinderei Leipzig Schrift : Garamond - Antiqua Lizenz Nr . 351 / 260 / 21 / 74 Bestell - Nr . 786 7699 LSV 7361

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