Der Schulddiskurs in der frühen Nachkriegszeit. Ein Beitrag zur Geschichte des sprachlichen Umbruchs nach 1945 9783110188554, 3110188554

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Der Schulddiskurs in der frühen Nachkriegszeit. Ein Beitrag zur Geschichte des sprachlichen Umbruchs nach 1945
 9783110188554, 3110188554

Table of contents :
Vorwort
1. Einführung
2. Die Diskursgemeinschaft: Beteiligungsrollen und Texte
2.1. Die Diskursgemeinschaft der Opfer
Juden
Antifaschisten
Bürgertum und Militär
Geistliche und religiös Inspirierte
2.2. Die Diskursgemeinschaft der Täter
Regierung
Planer
Exekutor
Schrittmacher
Legitimator
Distributor
Militär
Vertreter
2.3. Die Diskursgemeinschaft der Nichttäter
Politiker/Gesellschaftskritiker
Theologen
Juristen
Wissenschaftler/Philosophen
Künstler/Dichter
3. Methodische Implikationen des Schulddiskurses
3.1 Kulturgeschichte
3.2 Sprachgebrauchsgeschichte
3.2.1 Diskurs
3.2.2. Argumentation
3.2.3. Lexik
Schlüsselwort
Stereotyp
Begriff
Deutungsmuster
4. Die Konfiguration der Diskursaussagen: Zeitreferenz und Schuldreflexion
5. Gegenwart: Umbruch - das Jahr 1945
5.1. Opfer: Freiheit
5.1.1. Überlebensschuld: Die Besten sind geblieben
5.1.2. Überlebensstolz: Wir sind gestählt
5.2. Täter: zum outlaw gemacht
5.3. Nichttäter: Abgrund der Vergangenheit – Berggrat der Zukunft
5.3.1. Die Deutschen in der Gegenwart
5.3.2. Die Zeit, in der wir leben
Ende der Geschichte
Wendest
6. Vergangenheit: Erinnerungsorte 1933 — 1945
6.1. Die Berichte der Opfer: L'Univers Concentrationnaire
6.1.1. Seinsweisen
6.1.2. Seelenlagen
6.1.3. Schauplätze
6.1.4. Gegenmenschen
6.1.5 „Selbstbefreiung“
6.2. Die Strategien der Täter: Ich bin unschuldig
6.2.1. Umdeuten
6.2.2. Geständnisse
Marginalisieren
Idealisieren
Egalisieren
6.2.3. Gegenklage
6.3. Die Analysen der Nichttäter: Die Epoche der Kollektivschuld
6.3.1. Abgrenzungen: Die Gesellschaft der Schuldigen
6.3.2. Erklärungen: Die Deutschen und der Nationalsozialismus
Idealismus
Hybris
Militarismus
Politische Unmündigkeit
Gesetze unseres Werdens
Verschüttet
7. Zukunft: deutsch werden
7.1. Die Restituierung der guten Kinderstube
7.1.1. Reinigung – Genesung
7.1.2. Verantwortung – Haftung – Wiedergutmachung
7.2. Systemabhängige Projekte
7.2.1. Kulturelle Identitäten
7.2.2. Politische Kultivierung
Kampf für den Frieden
Frieden undFreiheit
Freiheit des Volkes
Persönliche Freiheit
antifaschistisch-demokratisch vs freiheitlich-demokratisch
Antifaschistisch-demokratisch
Freiheitlich-demokratisch
8. Zusammenfassung
8.1. Der Schulddiskurs der Opfer
Wortliste
8.2. Der Schulddiskurs der Täter
Wortliste
8.3. Der Schulddiskurs der Nichttäter
Wortliste
9. Der Schulddiskurs als Phänomen eines sprachlichen Umbruchs
9.1 Dokumentation der Gewalt
9.2 Strategien der Schuldabwehr und Rechtfertigung
9.3 Identität – Konstruktion und Demontage
10. Bibliographisches Verzeichnis
10.1. Quellenverzeichnis
10.1.1 Sammlungen
10.1.2 Primärquellen
10.1.3 Sekundärquellen
10.2. Literaturverzeichnis
10.2.1. Linguistische Sekundärliteratur und Hilfsmittel
10.2.2. Histrioographische und sonstige Sekundärliteratur
11. Register
11.1. Wortregister
11.2. Namenregister
11.2.1. Namenregister der Primär- und Sekundärquellen
11.2.2. Register sonstiger Namen

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Heidrun Kämper Der Schulddiskurs in der frühen Nachkriegszeit

w DE

G

Studia Linguistica Germanica

Herausgegeben von Stefan Sonderegger und Oskar Reichmann

78

Walter de Gruyter · Berlin · New York

Heidrun Kämper

Der Schulddiskurs in der frühen Nachkriegszeit Ein Beitrag zur Geschichte des sprachlichen Umbruchs nach 1945

Walter de Gruyter · Berlin · New York

© Gedruckt auf säurefreiem Papier das die US-ANSI-Norm über Haltbarkeit erfüllt.

ISBN-13: 978-3-11-018855-4 ISBN-10: 3-11-018855-4 Bibliografische Information Der Deutschen Bibliothek Die Deutsche Bibliothek verzeichnet diese Publikation in der Deutschen Nationalbibliografie; detaillierte bibliografische Daten sind im Internet über abrufbar. © Copyright 2005 by Walter de Gruyter GmbH & Co. KG, D-10785 Berlin. Dieses Werk einschließlich aller seiner Teile ist urheberrechtlich geschützt. Jede Verwertung außerhalb der engen Grenzen des Urheberrechtsgesetzes ist ohne Zustimmung des Verlages unzulässig und strafbar. Das gilt insbesondere für Vervielfältigungen, Übersetzungen, Mikroverfilmungen und die Hinspei eher ung und Verarbeitung in elektronischen Systemen. Printed in Germany Rinbandge staltung: Christoph er Schneider, Berlin

Und unsere Feinde sollen an uns denken nicht wie an Opfer,/sie sollten keine Angst haben vor unseren Schatten,/Sie sollen lieber ihren Wahn vergessen, und aufhören, toll zu sein./Das ist alles, was man von ihnen erwartet,/Und dann wollen wir, Menschen unter Menschen, zusammen leben. (Gebet einer Jüdin, die Auschwitz überlebte) Ihr habt es nicht gewußt, was uns geschehen?/So hoch war nicht der Lagerzaun, so stumm/das Sterben nicht, daß unser Hilfeflehen/im Knall der Schüsse mußte untergehen .../Ihr habt es nicht gewußt — warum? warum?//Ihr hörtet nicht den Schrei der Todeskammern,/der welterschütternd bis zum Himmel stieg,/der Kinder Wimmern und der Alten Jammern,/mit dem sich Sterbende ans Leben klammern — /ihr hörtet nichts. Ihr brülltet Heil! und Sieg!//Ihr sähet nicht die Berge unserer Leichen/und nicht der Ofen himmelhohe Glut?/Den Hunger nicht und nicht die Angst der bleichen/Gesichter und der Leiber Folterzeichen — /ihr saht bewundernd nur den Geßlerhut.//Ihr rocht auch nicht den Brandgeruch der Essen,/denn eure Sinne waren abgestumpft./Und rühmtet ihr euch nicht - habt lhr's vergessen? —/des Herzens Härte am Kristall zu messen?/Ihr habt ihn — wir sind Zeugen! — übertrumpft!/Ihr wußtet nichts. Laßt uns den Streit beenden:/Es sei! Wir führen nicht wie Krämer Buch./Die Zukunft aber liegt in euren Händen,/an euch ist's, unser Land zum Glück zu wenden — /wir spenden beides: Segen oder Fluch ... (Josef Eberle, Die Toten an die Lebenden) Die amerikanischen Korrespondenten beschweren sich/Uber die Gleichgültigkeit der deutschen Bevölkerung gegenüber/Den Enthüllungen der Kriegsverbrechen. Wie, wenn diese Leute/Über ihre Obrigkeit schon Bescheid wüßten und nur/Auch jetzt noch nicht sähen, wie/Die Verbrecher loswerden? (Bertolt Brecht, Der Nürnberger Prozess) Der Mensch ist das Wesen, das fähig ist, schuldig zu werden, und fähig ist, seine Schuld zu erhellen. (Martin Buber)

An der Stellung zur Schuldfrage entscheidet sich, ob wir als ein unbelehrtes oder als ein belehrtes Volk in die Zukunft gehen. (Helmut Gollwitzer) Wir haben sie nicht gemieden,/wir haben sie nicht gewusst .. Wir ließen sie im Lauen,/wir wollten keinen Bund./Jetzt zieht sie unsre Brauen/und zeichnet uns zu Grund,//hat uns mit Blut verkettet/in Schand und Schmach und Leid! .. Hat jeder nicht die Schranken/des kleinen Glücks gesucht?/Hat jeder nicht sein Wanken/im Herzen matt gebucht?//Wir können sie nicht erschlagen/die Schuld, die uns zu schwer. .. Sie schmiedet uns in Ketten/der Furcht, die uns umgibt,/zertrümmert uns die Stätten,/die wir zumeist geliebt. .. In unserer Kinder Schmerzen/blickt sie uns bitter an! .. Ο Gott, laß uns nicht weichen,/vergeuden Stund um Stund!/Gib uns die Flammenzeichen/der schweren Sühne kund, .. aus unserer Schuld der Segen/erneuter Menschheit dringt! (Susanne Kerckhoff, Die Schuld) Als ob die Verwerfung des Wortes „Kollektivschuld", das der moraltheoretischen Kritik nicht standhält, die Schuld selbst aufheben könnte, die eben die Anteilnahme jedes einzelnen des nationalen >Kollektivs< gewesen wäre! (Eugen Kogon) So scheint mir der zukünftige Geist der deutschen Politik abhängig zu sein von der Kraft, die wir in der Gegenwart entfalten, um unsere Vergangenheit zu überwinden. (Julius Ebbinghaus) das Verhängnis unserer Geschichte will .., daß die Demokratie sich uns immer bloß als Notausgang aus einem lichterloh brennenden Haus aufdrängt. (Erik Reger)

Vorwort Die Untersuchung legt Ergebnisse des von der Deutschen Forschungsgemeinschaft geförderten Projekts „Zeitreflexionen" vor. Dieses Projekt war von 2000 bis 2002 am Institut für Deutsche Sprache etabliert. Die vorliegende Studie ist ein Ergebnis dieses Projekts, dem ein umfassendes Korpus von digitalisierten Quellen texten aus den Jahren 1945 bis 1955 zugrunde liegt. Der Grundgedanke war zu untersuchen, wie in der frühen Nachkriegszeit über den Nationalsozialismus gesprochen wurde, und zwar in Bezug auf Vergangenheit, Gegenwart und Zukunft. Im Schulddiskurs wird gleichsam die sprachliche Essenz dieses Redens über den Nationalsozialismus rekonstruiert. Ein weiteres Strukturelement sind neben der Zeitreferenz die an diesem Diskurs beteiligten Formationen. Sie wurden unterschieden nach Opfern, Tätern und Nichttätern. Opfer sind diejenigen, die in der Zeit des Nationalsozialismus verfolgt, diskriminiert, inhaftiert waren. Ihr hier rekonstruierter Beitrag besteht in der Mitteilung von Tatsachen. Sie sind Zeugen, die mit ihren autobiografischen Berichten in der frühen Nachkriegszeit belegen, worin die Schuld der Täter besteht. Täter sind die Funktionsträger und Legitimatoren des Nationalsozialismus. Im ,Schulddiskurs' werden diejenigen Tätertexte untersucht, die im forensischen und im autobiografischen Zusammenhang stehen. Dieser Beitrag der Täter zum Schulddiskurs besteht darin, dass sie eine persönliche Schuld mit verschiedenen argumentativen Strategien abwehren. Nichttäter sind diejenigen, die nicht beteiligt waren, die nach dem 8. Mai 1945 mit hoher Bereitschaft zu Erkenntnis und Aufklärung kritisch reflektieren und die Rolle der Funktions- und Interpretationselite der neuen politischen und gesellschaftlichen Gegebenheiten übernehmen. Ihr für die Studie analysierter Beitrag zum Schulddiskurs ist komplex. Er ist ein Identitätsdiskurs und besteht in Analysen und Diagnosen: „Wie konnte es dazu kommen?", „Worin besteht unsere Schuld?", „Welche Affinität besteht zwischen deutschem Wesen und Nationalsozialismus?" sind Fragen, die den Schulddiskurs der Nichttäter gestalten. Außerdem weisen sie in dem in die Zukunft gerichteten Teil ihres Diskurses ihren unbedingten Willen nach, die Wiederaufnahme der Deutschen in den Chor der Völkergemeinschaft als rehabilitiertes Mitglied zu befördern.

VIII

Vorwort

Dieses Reden über den Nationalsozialismus in den Zeitdimensionen aus der Perspektive derjenigen, die entweder, in diktaturtypischer Weise (als Opfer bzw. Täter), am Nationalsozialismus beteiligt waren, oder die sich fern halten konnten, ihn womöglich kritisch distanziert beobachtet haben und nicht involviert waren (Nichttäter), wird im Sinn einer Sprachgebrauchsgeschichte als Umbruch dargestellt. Die vorliegende Arbeit ist nicht nur Ergebnisdarstellung eines Forschungsprojekts. Sie wurde außerdem im Frühjahr 2005 von der Philosophischen Fakultät der Universität Mannheim als Habilitationsschrift angenommen. Im Namen des Instituts für Deutsche Sprache danke ich der Deutschen Forschungsgemeinschaft, die es durch ihre Förderung u.a. möglich gemacht hat, ein umfangreiches Korpus zu erstellen. Beteiligt waren hieran Kristine Fischer-Hupe und Michael Brodhäcker als wissenschaftliche Mitarbeiter, sowie Kristina Türschmann, Annabel Mathejczuk und Ute Paulokat als studentische Hilfskräfte. Danken möchte ich all denjenigen, die die Entstehung dieser Arbeit mit kritischem Interesse verfolgt haben, insbesondere meinen Düsseldorfer Kollegen, vor allem Georg Stötzel und Martin Wengeler, und meinem Heidelberger Kollegen Fritz Hermanns, sowie dem Direktor des Instituts für Deutsche Sprache a.D. Gerhard Stickel, der das Projekt besonders in seiner Frühphase interessiert begleitet hat. Ebenso danke ich Studierenden der Technischen Universität Darmstadt und der Universität Manheim. In den Seminaren, in denen die frühe Nachkriegszeit bzw. der Schulddiskurs Gegenstand der Lehre waren, haben sie durch ihre Beiträge meinen Blick auf die Arbeit geschärft. Ich danke den Gutachtern und der Gutachterin meiner Habilitationsschrift, besonders den Professoren Ludwig M. Eichinger und Werner Kallmeyer, sowie Frau Professor Beate Henn-Memmesheimer, für ihre Voten in der Philosophischen Fakultät der Universität Mannheim. Dem Verlag und den Herausgebern bin ich sehr verbunden: Dem Lektor des Verlags W. de Gruyter, Dr. Heiko Hartmann, der sehr frühzeitig die Fertigstellung der Arbeit mit Interesse begleitet hat. Außerdem danke ich besonders den Herausgebern der Reihe Studia Linguistica Germanica, den Herren Professoren Oskar Reichmann und Stefan Sonderegger, für ihre befürwortende Entscheidung. Mannheim, im Oktober 2005

Heidrun Kämper

Inhalt Vorwort 1. Einführung 2. Die Diskursgemeinschaft: Beteiligungsrollen und Texte 2.1. Die Diskursgemeinschaft der Opfer Juden Antifaschisten Bürgertum und Militär Geistliche und religiös Inspirierte 2.2. Die Diskursgemeinschaft der Täter Regierung Planer Exekutor Schrittmacher Legi tima tor Distributor Militär Vertreter 2.3. Die Diskursgemeinschaft der Nichttäter Politiker/Gesellschaftskritiker Theologen Juristen Wissenschaftler/Philosophen Künstler/Dichter

3. Methodische Implikationen des Schulddiskurses 3.1. Kulturgeschichte 3.2. Sprachgebrauchsgeschichte 3.2.1. Diskurs 3.2.2. Argumentation 3.2.3. Lexik Schlüsselwort Stereotyp Begriff Deutungsmuster

VII 1 9 16 29 33 37 38 39 43 46 46 48 48 49 50 50 52 60 61 61 62 62

65 66 70 79 92 96 97 99 100 103

χ

Inhalt

4. Die Konfiguration der Diskursaussagen: Zeitreferenz und Schuldreflexion 5. Gegenwart: Umbruch - das Jahr 1945

107 111

5.1. Op fer: Freiheit 5.1.1. Überlebensschuld: Die Besten sind geblieben 5.1.2. Überlebensstolz: Wir sind gestählt 5.2. Täter: %um outlaw gemacht 5.3. Nichttäter: Elbgrund der Virgangenheit — Berggrat der Zukunft 5.3.1. Die Deutschen in der Gegenwart 5.3.2. Die Zeit, in der wir leben Ende der Geschichte. Wendest

116 121 124 130 138 142 148 154 163

6. Vergangenheit: Erinnerungsorte 1933 — 1945

181

6.1. Die Berichte der Opfer: L'Univers Concentrationnaire 182 6.1.1. Seinsweisen 186 6.1.2. Seelenlagen 195 6.1.3. Schauplätze 200 6.1.4. Gegenmens chen 212 6.1.5. „Selbstbefreiung' 220 6.2. Die Strategien der Täter: Ich bin unschuldig 224 6.2.1. Umdeuten 234 6.2.2. Geständnisse 239 Marginalisieren 243 Idealisieren 248 Egalisieren 258 6.2.3. Gegenklage 260 6.3. Die Analysen der Nichttäter: Die Epoche der Kollektivschuld 277 6.3.1. Abgrenzungen: Die Gesellschaft der Schuldigen 301 6.3.1 A.Die wirklich Schuldigen 302 Exkurs: Metaphorik der Schuld 312 6.3.1.2. Wir haben versagt! 323 6.3.1.3. Schuldiggemacht 334 6.3.2. Erklärungen: Die Deutschen und der Nationalsozialismus ...347 6.3.2.1. Nationalstereotype 351 Idealismus 352 Hybris 354 Militarismus 356 Politische Unmündigkeit 363

Inhalt

6.3.2.2. Zwei-Seelen-Theorie Gesetze unseres Werdens Verschüttet 7. Zukunft: deutsch werden 7.1. Die Restituierung der guten Kinderstube 7.1.1. Reinigung— Genesung. 7.1.2. Verantwortung— Haftung— Wiedergutmachung. 7.2. Systemabhängige Projekte 7.2.1. Kulturelle Identitäten 7.2.2. Politische Kultivierung 7.2.2.1. Frieden: Kampf für den Frieden vs Frieden und Freiheit. Kampf für den Frieden Frieden und Freiheit 7.2.2.2. Freiheit: Freiheit des Volkes vs, Persönliche Freiheit Freiheit des Volkes Persönliche Freiheit 7.2.2.3. Demokratie: antifaschistisch-demokratisch vs freiheitlich-demokratisch Antifaschistisch-demokratisch Freiheitlich-demokratisch 8. Zusammenfassung 8.1. Der Schulddiskurs der Opfer Wortliste 8.2. Der Schulddiskurs der Täter Wortliste 8.3. Der Schulddiskurs der Nichttäter Wortliste 9. Der Schulddiskurs als Phänomen eines sprachlichen Umbruchs 9.1. Dokumentation der Gewalt 9.2. Strategien der Schuldabwehr und Rechtfertigung 9.3. Identität — Konstruktion und Demontage 10. Bibliographisches Verzeichnis 10.1. Quellenverzeichnis 10.1.1. Sammlungen 10.1.2. Primärquellen 10.1.2.1. Primärquellen alphabetisch geordnet 10.1.2.2. Primärquellen nach Beteilungsrollen geordnet 10.1.3. Sekundärquellen

XI

366 371 374 381 389 389 397 413 415 422 424 427 430 431 432 436 442 447 454 467 467 468 471 472 473 480 485 491 496 497 509 509 509 510 510 538 540

XII

Inhalt

10.2. Literaturverzeichnis 10.2.1. Linguistische Sekundärliteratur und Hilfsmittel 10.2.2. Historiographische und sonstige Sekundärliteratur 11. Register 11.1. Wortregister 11.2. Namenregister 11.2.1. Namenregister der Primär- und Sekundärquellen 11.2.2. Register sonstiger Namen

543 543 562 579 579 582 582 587

1. Einführung Unser Bild der Nachkriegszeit ist geprägt von Vorstellungen, die unter der Epochenbezeichnung ,Adenauer-Ära' bzw. ,Ulbricht-Ara' firmieren, und die mit den typischen und unablässig kolportierten Merkmalen der frühen Bundesrepublik bzw. DDR der 50er Jahre verbunden sind.1 Vor allem die ersten Nachkriegs jähre sind in unserem Denken über die Zeit nach 1945 entweder gar nicht, wenig oder aber im Sinn einer reduzierten bzw. pauschalen Vorstellung verankert. 2 Diese Vorstellung, wie sie uns etwa auch Zeitzeugen vermitteln, ist — bezogen auf die westdeutsche Gesellschaft — die von einem geschlagenen Volk, das in aktionistischer Besinnungslosigkeit hungernd und frierend Trümmer beseitigt. Man weiß, dass „sich nach zwölf Jahren Diktatur angesichts des persönlichen Elends viele Deutsche nicht in der Lage [sahen], mit dem Thema Schuld umzugehen. Es machte sich vielmehr die Tendenz zur Abschottung gegen die ständigen Schuldzuweisungen und Anklagen der Besatzer breit" (Kadereit 1999, S. 22). Wolfgang J. Mommsen stellt eine „Tabuisierung allen Reflektierens über nationale Fragen", einen „Verlust der Geschichte" heraus, „teilweise bedingt durch die drängenden Fragen einer unmittelbaren, von schweren materiellen Sorgen geprägten Gegenwart, teilweise als Ausdruck einer geistigen Flucht aus einer allzu bedrückenden jüngeren Vergangenheit" (Mommsen 1990a, S. 17). In weiten Teilen der deutschen Öffentlichkeit habe die Tendenz [bestanden], vor der eigenen Geschichte, die mit bedrückenden Momenten kollektiver Schuld und vielfach gar persönlicher Verstrickung verknüpft war, gleichsam wegzutauchen. Jedenfalls war die unmittelbare Vergangenheit etwas, über das man lieber nicht sprach und mit der man sich nur begrenzt auseinanderzusetzen bereit war (ebd., S. 119).

Assmann/Frevert sprechen von der „lähmenden Wirkung eines Tätergedächtnisses", das die Erinnerungen der Deutschen überschattet und teilweise blockiert .. Es verfestigt sich von innen durch einen kollektiven Habitus des Beschweigens

1 2

Vgl. etwa die umfassende Übersicht, welche die Beiträge in Schildt/Sywottek 1993 bieten. Vgl. Wolgast (2001): „die Zeit unmittelbar nach Kriegsende [ist] bisher vergleichsweise wenig beachtet" (S. 11).

2

Einführung

und Verdrängens .. und von außen durch die Mahnung des betroffenen Opfergedächtnisses (Assmann/Frevert 1999, S. 47).

Die Konsequenz sei eine „Spaltung zwischen kollektivem und kommunikativem Gedächtnis, d.h. zwischen einem offiziellen Bekenntnis und dem Schweigen individueller Lebensgeschichten" (ebd., S. 78). Adorno beschreibt frühzeitig im Verhältnis zur Vergangenheit viel Neurotisches. Gesten der Verteidigung dort, wo man nicht angegriffen ist; heftige Affekte an Stellen, die sie real kaum rechtfertigen; Mangel an Affekt gegenüber dem Emstesten; nicht selten auch einfach Verdrängung des Gewußten oder halb Gewußten. (Adorno 1959, S. 126)

Gelegentlich wird differenziert, wird erwähnt, dass wenigstens bei der Funktions- und Interpretationselite bereits ab 1945 ein starkes Bedürfnis bestand, die unmittelbare Vergangenheit zu reflektieren, die Gegenwart vor diesem Hintergrund einzuordnen und die Zukunft hinsichtlich Gesellschaft, Staat und Ethik neu zu konzipieren. Dieses seien „Bemühungen einer vergleichsweise dünnen Schicht von Intellektuellen und Politikern" gewesen, „denen es um die moralische Neubegründung einer demokratischen Ordnung ging", denen indes eine nachhaltige Resonanz in den breiten Schichten der Bevölkerung einstweilen versagt" geblieben ist. (Mommsen 1990b, S. 31) Peter Reichel verweist darauf, „dass bereits die fünfziger Jahre im Umgang mit der NS-Vergangenheit sehr viel widersprüchlicher, ereignis- und ergebnisreicher waren als uns ein populäres Geschichtsbild und prominente Autoren glauben machen wollen" (Reichel 2001a, S. 10). Dedef Garbe anerkennt die „zahlreichen Bemühungen zur Aufarbeitung der Vergangenheit in der unmittelbaren Nachkriegszeit". Sie wurden nicht von zahlenmäßig großen Volksbewegungen getragen, sondern von einer politischen und intellektuellen Gegenelite, die unter der Ägide der Besatzungsmächte stand und von diesen zunächst gefördert wurde. (Garbe 1993, S. 698)

Helmut Dubiel weist den Nachkriegsdiskurs dieser Deutschen als „moralische[n] Diskurs der Deutschen nach Hider" (1999, S. 11) aus, und Karl Dietrich Bracher schließlich erkennt, dass „1945 .. eine erfahrungsschwere, selbstkritische Auseinandersetzung um die Grundfrage" entbrannte, „wann und wie die verhängnisvolle Weichenstellung der deutschen Geschichte zu einem letztlich totalitären Rassismus, Sozialdarwinismus und Führerkult erfolgt sei" (Bracher 2001, S. 143). Aufs Ganze gesehen können wir wohl von einer gesellschaftlichen Schizophrenie sprechen: Eine

Einführung

3

vergessensbereite breite Basis der Bevölkerung steht einer erinnerungs-, analyse- und diagnosebereiten Elitenformation gegenüber. 3 Wir wollen den Diskurs dieser ,dünnen Schicht' von Intellektuellen und Politikern rekonstruieren und mit dem Diskurs der Opfer einerseits, dem der Täter anderseits in Beziehung setzen. Bezogen auf diese Diskursbeteiligten kann wohl mit Fug gesagt werden, dass kaum zu einer anderen Zeit soviel über Vergangenheit, Gegenwart und Zukunft nachgedacht wurde, wie in der deutschen Nachkriegszeit. Die These, „daß das Jahr 1945 ein blinder Fleck in der deutschen Erinnerungsgeschichte ist" (Assmann/Frevert 1999, S. 97), können wir nicht bestätigen: Opfer, Täter und Nichttäter reden mit großer Intensität und mit Nachdruck über Gegenwart und Vergangenheit, Nichttäter reden außerdem mit Emphase über Zukunft: Opfer wollen sich mit der Vergangenheit befassen — sie haben überlebt und berichten, aus welchem Inferno sie entkommen sind. Täter müssen sich mit der Vergangenheit befassen — sie werden beschuldigt, verbrecherisch gehandelt zu haben und fühlen sich unschuldig. Nichttäter sollen sich mit der Vergangenheit befassen — nicht nur auf Geheiß der Alliierten, sondern sie haben ein starkes eigenes Bedürfnis, nach Erklärungen zu suchen und diese zu artikulieren, Zukunftsentwürfe abzuleiten und zu formulieren, Schuld zu erkennen und zu differenzieren — kurz: eben nicht zu vergessen, sondern Vergangenheit, Gegenwart und Zukunft zu integrieren. 4 Die Bereitschaft dieser Nichttäter — ihr Diskurs ist der komplexeste und differenzierteste —, Ursachen des Nationalsozialismus aufzuspüren, seine Folgen festzustellen und daraus Programme für die Zukunft zu entwerfen, ist groß. Das Jahr 1945 — Kapitulation, Zusammenbruch, Besatzung — wirkt auf sie keineswegs als lähmendes Trauma — Die Bedrohung, die hinter uns liegt, und diejenige, die unserer wartet, hat nicht lähmenden Furcht geführt (Alfred Andersch) 5 —, sondern diese Erfahrung der Gegenwart ist der intellektuellen und politischen Gesellschaftsformation der Kielmannsegg beschreibt in diesem Sinn eine „paradoxe Wechselwirkung zwischen öffentlicher und privater Sphäre. .. In der öffentlichen Sphäre kann ja nicht davon die Rede sein, daß die Erinnerung an die zwölf Schreckensjahre verdrängt worden wäre. Die unbedingte Absage an den Nationalsozialismus war das politisch-moralische Fundament der Gründung von 1949. Und die stete Wiederholung und Bekräftigung dieses Urteilsspruchs hat von Anfang an einen zentralen Platz in der offiziellen Rhetorik, in der Selbstdarstellung der Republik gehabt bis hin zu den zahllosen Straßen, die nach Widerstandskämpfern benannt wurden. Sie ist Teil ihrer Identität geblieben. Ernsthaften Widerspruch hat es nie gegeben; das Urteil über die Vergangenheit, auf das die Bundesrepublik sich gründete, war fast allen selbstverständlich." (Kielmannsegg 1989, S. 66f.) „Nichtintegrierbarkeit von Vergangenheit und Gegenwart" (Assmann/Frevert 1999, S. 27) wird für die Zeitgenossen der Nazi- und Nachkriegszeit heute — es geht um Walser und seine Generation — festgestellt. Wir werden Zitate aus der Sekundärliteratur recte, solche aus Quellen kursiv präsentieren. Kursiv werden auch alle objektsprachlichen Ausdrücke notiert.

4

Kinführung

Nichttäter im Gegenteil Antrieb zur Inventur des Vorfindlichen in der Gegenwart, zur Analyse der deutschen Geschichte, die in Nationalsozialismus und Krieg mündet, und zur Konstituierung von Vorstellungen eines neuen Staates, einer neuen Gesellschaft, einer neuen Ethik. Vergangenheit ist gleichsam der Wald, in den die Menschen historisch erzählend hineinrufen, um mit dem, was dort herausschallt, das zu begreifen, was ihnen als Zeiterfahrung gegenwärtig ist (genauer: auf den Nägeln brennt), und um dadurch Zukunft sinnvoll erwarten und entwerfen zu können (Rüsen 1983, S. 54). Die Evidenz eines solchen Geschichtsmodells für den Historiker der frühen Nachkriegszeit ist offensichtlich: Und so ist die Bildung des geschichtlichen Bewußtseins immer auf die kritische X'ergangenheitserjorschung und auf die Erfassung der gegenwärtigen Situation wie der Zukunftsperspektiven zugleich angewiesen (Tellenbach 1946a, S. 228) — Vergangenheit — Gegenwart — Zukunft — nicht nur für den Historiker der frühen Nachkriegszeit ist historisches Denken in diesen Zeitkategorien stets ein auf die Jahre 1933 bis 1945 ausgerichtetes Denken. In diesem Sinn ist die gesamte deutsche Nachkriegselite eminent geschichtsbewusst. Insofern in der frühen Nachkriegszeit in erhöhtem Maß Zeit „als drohender Selbstverlust des Menschen im Anderswerden seiner Welt und seiner selbst" (Rüsen 1983, S. 52), insofern also nach 1945 Zeit als gefährdete Identität erfahren wird, ist Geschichstbewusstsein ein identitätswahrendes Konzept. Dieses Geschichtsbewusstsein drückt sich aus in den Texten, die den Schulddiskurs bilden. Grundlage dieser Untersuchung sind Texte der frühen Nachkriegszeit, die Antworten auf die Zeit des Nationalsozialismus zum Inhalt haben, indem in ihnen diese zwölf Jahre mehr oder weniger explizit thematisiert und problematisiert werden. Typisch hierfür ist die Referenz auf Vergangenheit, Gegenwart und Zukunft. Die Texte lassen erkennen, wie die Zeit von 1933 bis 1945 problematisiert und kritisch aufgearbeitet wird, sich die Diskursgemeinschaft selbst darstellt, welche Zukunftsentwürfe die Diskursgemeinschaft der Nichttäter als Ergebnis der zwölf Jahre nationalsozialistischer Herrschaft macht. Diese Texte bilden also in allen zeitlichen Ausrichtungen, vergangenheits-, gegenwarts- und zukunftsbezogen, den Schulddiskurs. Ihre Z,eit erfassen ist eine der unabweisbaren Aufgaben philosophischer Besinnung. Diese Besinnung im Jahre 1945 auf sich nehmen, hieß die frage der Schuld stellen (Kuhn 1954, S. 211) — der Münchner Philosoph Helmut Kuhn, zurückgekehrter Emigrant, Rektor der Hochschule für politische Wissenschaften, hält im Jahr 1954 Rückblick auf die frühe Nachkriegszeit und bezweifelt in Bezug auf die berühmte Schuldanalyse seines Philosophenkollegen Karl Jaspers aus dem Jahr 1946 den Erkenntnisgewinn philosophischer Deutungen von zeitgeschichtlichen Ereignissen: aus der Tiefe

Einführung

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der Bedrängnis eine bessere Weisheit ans Licht ψ bringen .. bedeutete[..] .. philosophisch .. weniger, als die damalige Erschütterung glauben ließ. Denn: die Philosophie [ist] den verborgeneren Kräften der Geschichte verbunden: als Kommentar den offenbaren Ereignissen ist sie in Gefahr, sich selbst verlieren (ebd.). Mochte der philosophische Ertrag einer Deutung gering sein — der Philosoph Karl Jaspers hat die Frage der Schuld gestellt und nicht nur er: Wohl zu kaum einer anderen Zeit ist so viel über Schuld nachgedacht worden wie zur frühen Nachkriegszeit. 1945 ist der Beginn einer Umbruchs- und Umwertungszeit, die in die Konstituierungsphase der BRD bzw. DDR bis 1949 mündet und deren Konsolidierung mit dem Jahr 1955 endet. Diese Charakterisierung des Berichtszeitraums der folgenden Untersuchung begreift gleichzeitig Aspekte des Erkenntnisziels ein: Diese Aspekte des Erkenntnisziels betreffen die sprachlichen Repräsentationen der Auseinandersetzung mit Vergangenheit, Gegenwart und Zukunft im gesellschaftlich-politischen Kontext der ersten Nachkriegsdekade. Hinsichtlich der deutschen Teilnehmer 6 sind es drei Gruppen, die aus verschiedenen Perspektiven den Schulddiskurs führen. Diese Perspektiven sind bestimmt durch Beteiligungsrollen, welche die Sprecher in der Nazizeit innehatten. Wenige Opfer — Verfolgte des NS, KZ-Gefangene — vermögen ihre Erfahrungen der jüngsten Vergangenheit zu artikulieren. Wenige Täter — solche Zeitzeugen, welche in den Jahren 1933 bis 1945 Funktionsträger waren — äußern sich. Viele Nichttäter — Politiker und Theologen, Juristen und Literaten, Wissenschafder und Philosophen — manifestieren ihr Denken in einer Flut von Publikationen. Aus ihren Publikationen und Äußerungen besteht das zugrundegelegte Textkorpus. Die Kontrastierung dieser drei Schulddiskurse von Opfern, Tätern und Nichttätern deckt die Dimensionen des Schulddiskurses in seinen Funktionen — des Berichts, der Entlastung, der Analyse — auf. Im Folgenden soll eine der bedeutendsten Phasen der Geschichte der deutschen Gegenwartssprache als Diskurs dargestellt und beschrieben werden derart, dass die Redeweisen der Diskursteilnehmer Opfer, Täter und Nichttäter als sprachgeschichtlich relevante serielle Manifestationen bewertet werden. Die Texte der Diskursteilnehmer sind Teil der Sprachgeschichte und sind innerhalb einer solchen Sprachgeschichte zu beschreiben. Wir fragen: Wovon und wie können nur Opfer, können nur Täter und können nur Nichttäter sprechen? Absicht ist, die Diskursvoraussetzungen als Bedingungen für die linguistisch manifesten und beschreibbaren Phänomene darzustellen und diese als sprachhistorische Nichtdeutsche Teilnehmer sind natürlich vor allem die Alliierten, deren Diskursbeiträge als bedeutende Impulsgeber (um nicht zu sagen Verursacher) des nachkriegsdeutschen Schulddiskurses zu bewerten sind, die aber im Zuge unserer, einer deutschen Sprachgebrauchsgeschichte verpflichteten Studie dann nur anzudeuten sind.

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Tatsachen zu bewerten und einzuordnen. Diese sprachhistorische Bewertung und Einordnung geschieht im Sinn einer Geschichte des Umbruchs. Der im Horizont der Zeitgeschichte stehende Schulddiskurs soll also als sprachgeschichtlicher Beitrag zur Geschichte des 20. Jahrhunderts gelesen werden. Er ist insofern in dieses „Zeitalter der Extreme" (Hobsbawm) einzuordnen in die Reihe der Jahreszahlen 1870/71, 1914, 1918/19, 1933, 1945, 1968, 1989/90, um nur die herausragenden Jahresmarken der deutschen Umbruchgeschichte des 20. Jahrhunderts zu nennen. Diese Jahresmarken markieren ereignisgeschichtliche Umbrüche und damit auch sprachgeschichtliche. 7 Zunächst werden die drei am Diskurs beteiligten Gruppen hinsichtlich ihrer Beteiligungsrollen Opfer, Täter, Nichttäter dargestellt, und zwar im Zusammenhang mit ihren Texten, die der Untersuchung als empirische Basis dienen, sowie, zur Begründung der argumentationsanalytischen Fokussierung der Studie, der Motivationen und Impulse, die diese Texte hervorbrachten (Kapitel 2). Der zeitgeschichtliche Bezug, die Tatsache, dass das Jahr 1945 eine tiefe gesellschaftliche und politische Zäsur darstellt, legen es nahe, zur Erlangung unseres Erkenntnisziels sprachgeschichtliche und zeitgeschichtliche Forschungsdimensionen zu einem Analysekonzept zusammenzuführen. Dies folgt in dem anschließenden Abschnitt (Kapitel 3). Wir schließen dann die quellennahe Beschreibung der Konfiguration des Schulddiskurses im Zusammenhang mit den drei Zeitstufen an, welche die Grundstruktur des Schulddiskurses bilden (Kapitel 5 bis 7). Der Darstellungsfokus dieser Kapitel ist ausgerichtet auf das thematische, argumentative und lexikalisch-semantische Potenzial des Schulddiskurses, um ihn in diesem Sinn als Umbruchphänomen in die pragmatisch-diskursiv ausgerichtete Sprachgeschichte nach 1945 einzuordnen. In dieser kontextbezogenen Analyse werden der Diskursgegenstand (das Thema ,Schuld"), die argumentative Repräsentierung dieses Gegenstands und die lexikalische Realisierung der Argumentationen zueinander in Beziehung gesetzt: •

Die Diskursvoraussetzungen werden beschrieben: Was die einen Zusammenbruch, die andern Befreiung nennen, das durch die bedingungslose Kapitulation herbeigeführte Kriegsende und der Niedergang des Nationalsozialismus, kurz: der 8. Mai 1945 und seine Folgen wird als bewusstseins- und wahrnehmungs steuern -

Obwohl linguistisch dargestellt, etwa die Sprache im Nationalsozialismus (die Publikationen sind Legion, vgl. die Literaturangaben in v. Polenz 1999, S. 572f.), ,1968 als sprachgeschichtliche Zäsur' (vgl. u.a. Wengeler 1995), die Wende von 1989/90 (vgl. u.a. Herberg/Steffens/Tellenbach 1997), steht ihre einordnende Beschreibung im Sinn einer Geschichte des sprachlichen Umbruchs noch aus, abgesehen davon, dass viele Umbruchphasen überhaupt noch der sprachgeschichtlichen Bearbeitung harren.

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des Ereignis im Sinn einer Voraussetzung für die Gegenwartsdeutungen der Opfer (Freiheit), der Täter {ψ/η outlaw gemacht), der Nichttäter {Abgund der Vergangenheit — Berggrat der Zukunft) beschrieben (Kapitel 5.1. bis 5.3.). Unter dieser Voraussetzung ihres jeweiligen Gegenwartsbewusstseins thematisieren Opfer, Täter und Nichttäter ihre jeweilige Vergangenheitswahrnehmung, die Zeit des Nationalsozialismus: Opfer berichtend, Täter taktierend, Nichttäter diagnostizierend (Kapitel 6.1. bis 6.3.). Der zukunftsbezogene Diskurs der Nichttäter, nur sie fuhren einen solchen, wird schließlich beschrieben im Sinn von Projekten der Nichttäter. Sie projektieren künftige Werte, die künftige Erscheinungsweise der deutschen Gesellschaft und Politik (Kapitel 7).

2. Die Diskursgemeinschaft: Beteiligungsrollen und Texte Der Inhalt der Korpus- resp. Diskurstexte ist das Thema ,Schuld', die dieses Thema bearbeitende Diskursgemeinschaft differenzieren wir nach Beteiligungsrollen. Darüber hinaus individualisieren wir ggf. die einzelnen Diskursbeiträge in dem Sinn, dass wir ihren jeweiligen Autor, Kotext (Anlass, Textsorte usw.), und ähnliche Bedingungen der Textentstehung in die Darstellung einbeziehen. Wir folgen mit dieser Vorstellung der Diskursakteure als einzelne identifizierbare Sprecher dem Konzept des methodologischen Individualismus, das „im Gegensatz zum üblichen holistischen Vorgehen der Historiker steht. In dieser Perspektive sind es nunmehr die Individuen, d.h. die — sicherlich in intersubjektive Beziehungen eingebundenen — Mitglieder einer Gesellschaft selbst, welche die natürliche Sprache als Kontext benutzen und ihren Handlungen durch die Vermittlung eines reflexiven Diskurses Sinn zuschreiben." (Guilhaumou 2003, S. 32) Es gibt eine Reihe unterschiedlicher Kategorisierungen der Beteiligungsrollen. Raul Hilberg (1992) etwa unterscheidet zwischen Opfern, Tätern und Zuschauern (engl, bystanders). Die Rolle der Zuschauer reflektiert ein Merkmal der gesellschaftlichen Struktur in der Diktatur. Die Tatsache, dass die „meisten Zeitgenossen der jüdischen Katastrophe .. weder Täter noch Opfer" waren (Hilberg 1992, S. 11), die Tatsache, dass in Deutschland „der Unterschied zwischen Tätern und Zuschauern am wenigsten ausgeprägt war" (ebd., S. 215) hat zu tun mit dem „Prinzip durchgängiger Überwachung", welches „auf der stillschweigenden Annahme [basierte], daß ein Heer von Deutschen .. ständig bereit war, alles Verdächtige in der jüdischen Gemeinschaft ständig zu berichten" (ebd., S. 216). Enzo Traverso (2000, S. 12ff.) gebraucht die vier Kategorien ,Kollaborateure', ,Verblendete' (die über den Nationalsozialismus schrieben, aber ihm und dem Genozid gegenüber blind blieben, wie die Autoren von ,Der Ruf', ,Die Wandlung' oder die der Gruppe 47 Zugehörigen), Feuermelder' (die Alarm schlugen wie Hannah Arendt, Theodor W. Adorno, Thomas Mann, Karl Jaspers) und ,Überlebende'. Wir unterscheiden Opfer, Täter, Nichttäter. Die grundlegende Ausdifferenzierung des Schulddiskurses findet auf diesen drei Ebenen statt. Das Reden der Opfer, Täter und Nichttäter über Schuld ist von ihrer jeweili-

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gen Beteiligungsrolle her bestimmt. Wir setzen damit voraus, was für die face-to-face-Situation hinsichtlich der roEenspezifischen Ausgestaltung verbaler Interaktion beschrieben ist: Verschiedene Interaktionsteilnehmer .. reden in unterschiedlicher Weise über Sachverhalte — und sie reden in für ihre Beteiligungsaufgaben ,typischer' Weise darüber. Die verwendeten sprachlichen Ausdrücke werden dadurch in bestimmter, beteiligungsrollenspezifischer Weise aspektualisiert und charakterisiert. Die Akkumulation der verschiedenen Bedeutungsaspekte konstituiert Bedeutung in einer Bedeutungskonfiguration, die sich im Interaktionsverlauf erst ergibt und die für den Interaktionsverlauf selbst wiederum funktional ist. Umgekehrt tragen die Bedeutungsaspekte aber auch ihrerseits zur Konstitution der Beteiligungsrollen der Interaktionsteilnehmer bei. (Spranz-Fogasy 1993, S. 1) Darüber hinaus ist die Erkenntnis des Standorts eine Obligation, welche das Streben nach Textverständnis aufgibt. 1 Dieses betrifft nicht nur die Hereinnahme der historischen Bedingungen der Textproduktion. 2 Die Bindung der sprachlichen Äußerungen an die Bedingungen der Sprecherperspektiven bedeutet, dass Sprecher ihr spezifisches und mit dem Text mitgeteiltes sprachlich realisiertes Wissen auf der Folie ihrer jeweiligen individuellen Perspektive ordnen. 3 Die Perspektive bestimmt demnach die Denkweisen und demnach die sprachlichen Repräsentationen dieser Denkweisen. Der Diskursgegenstand wird nach diesen Perspektiven je spezifisch konstituiert. M.a.W.: Der Schulddiskurs der frühen Nachkriegszeit ist zu unterscheiden nach den drei Subdiskursen der Opfer, der Täter, der Nichttäter. Wir werden sehen, dass diese drei Subdiskurse eigenständige Systeme sind hinsichtlich der jeweiligen Fokussierung des Themas ,Schuld', der Argumentationen und der lexikalischen Register. Das gemeinsame Thema ,Schuld' im Rahmen der Referenz auf die drei Zeitdimensionen ist die einzige Kohärenz schaffende Instanz.

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Denn „Perspektivität zu erkennen heißt, Standoftbedingtheit zu erkennen, und Standortbedingtheit zu erkennen heißt, sich andere Standorte mit entsprechend anderen Ansichten vorstellen zu können" (Canisius 1987, S. ΧΙΓ). Diese Fähigkeit, ,sich andere Standorte vorstellen zu können' heißt für uns: sprachliche Äußerungen bewerten z.B. als solche des Nachkriegspolitikcrs Kurt Schumacher oder als solche des Nachkriegsdichters Hans Brich Nossack — vor dem Hintergrund also ihrer jeweiligen biografischen, textsortenabhängigen und sonstigen pragmatischen Bedingungen.

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Damit wir „Texte als gesellschaftliche Manifestationen lesen können, müssen wir uns darum bemühen, die Perspektiven, die jene Menschen hatten, die mit den Texten in .echter' Interaktion verbunden waren, zu rekonstruieren oder wenigstens als mögliche Korrektive unserer eigenen Perspektiven in Rechnung zu stellen" (Härtung 1997, S. 22). „Perspektivität.. bewirkt, daß das in Texten Repräsentierte einen bestimmten individuellen, persönlichen Zuschnitt hat. Das Gleiche gilt für die in der Rezeption entstehenden gedanklichen Gebilde, die Kommunikate" (Härtung 1997, S. 20).

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Die Rollen von Opfern, Tätern und Nichttätern sind verteilt, und obwohl wir die dritte Kategorie (,Nichttäter') einbeziehen, beobachten wir mit dieser Rollendifferenzierung ein binäres Konzept. Binäre Konzepte gehen in der Realität nicht auf, das gilt auch für die Konzepte ,Opfer' und ,Täter', und sie können Ausdruck manichäischen Denkens sein.4 Um Grundstrukturen des nachkriegsdeutschen Redens über Schuld aufzudecken, wollen wir uns nicht auf die Problematik schuldiger Opfer und unschuldiger Täter einlassen, wir ignorieren diese für den Nationalsozialismus typische Beteiligungskonstellation. 5 Die Realität derjenigen, die hier zu betrachten sind, rechtfertigt diese einfache Klassifizierung. Menschen wie Benedikt Kautsky, Eugen Kogon, Victor Frankl, Lucie Adelsberger, Isa Vermehren, Hans Eiden, Werner Eggerath können nicht anders denn als Opfer bezeichnet werden: Sie sind Opfer, weil sie von den Nationalsozialisten verfolgt, diskriminiert und ins KZ bzw. Zuchthaus verschleppt wurden. Und Menschen wie Hermann Göring, Alfred Rosenberg, Albert Speer, Rudolf Höß, Oswald Pohl, Carl Schmitt können nicht anders denn als Täter bezeichnet werden: Sie sind Täter, weil sie der Funktions- und Interpretationselite des Nationalsozialismus angehörten. Die Kategorie ,Nichttäter' ist auch Teil des binären Konzepts. Nichttäter sind diejenigen, die weder verfolgt haben noch verfolgt wurden. Es sind diejenigen, denen es gelungen ist, zumindest äußerlich unbeteiligt zu bleiben. Dennoch: ,Nichttäter' grenzt von Täter' ab, oder anders: ,Nichttäter' ist die Negation der Aussage ,Täter' und damit eine Aussage über ,Täter'. Mit dem Rollennamen ,Nichttäter' soll zwar nicht eine etwaige Disposition zum Nationalsozialismus behauptet werden. Aber die Tatsache, dass sie — als nichtjüdische, nichtkommunistische, nichtsozialdemoVgl. zum Problem solchen reduktionistischen und moralisierenden Denkens u.a. Fetscher 1989, der sich in seinem Beitrag vor allem auf die selbstgerechte, puristische Geschichtsschreibung derjenigen bezieht, die das Erbe der ,68er' und der Frankfurter Schule angetreten haben. Als einer von vielen weist H. G. Adler auf die vielen Gelegenheiten hin, sich als Opfer des Nationalsozialismus schuldig zu machen: Gan™frei von Schuldverstrickung ist wohl keiner geblieben, derje im Lager handelnd eingegriffen hat. Warum? Weil es sich bei jedem Eingriff in diese Geschichte erwies, daß er Schicksal hervorbrachte. .. Hat etwa der gütigste Mensch in der internen Leitung durch seine aus lautersten Gründen geübte Intervention den besten Menschen von der I Verschickung nach Auschwitz gerettet, so hat dies zwangsläufig einem anderen Menschen Verderben gebracht, und die tragische Schuldverstrickung ist eingetreten. (Adler 1955, S. 636) Daher interessiert uns auch nicht der Aspekt des Schulddiskurses der Opfer, der die Opfer selbst und ihre Schuld zum Gegenstand hat. Ein Teil dieses Diskurses wurde vor sogenannten „Ehrengerichten" ausgetragen, deren „hauptsächliche Aufgabe es sein sollte, die Vergangenheit der Männer zu untersuchen, die für leitende Stellen in Frage kämen; denn man könnte es nicht dulden, dass wir von Männern repräsentiert würden, die in den Lagern Capos, 0[rdnungs].D[ienst].-Männer oder Lagerälteste gewesen seien und an deren Händen vielleicht jüdisches Blut klebe." (Bericht über den Münchner Kongress, Deggendorf Center Review vom 15. Februar 1946; zit. nach Geis 1999, S. 271).

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kratische, nichtgeistliche, nicht offensiv-widerständische Deutsche — keine potenziellen Opfer sind, sollte sich in ihrer Rollenbezeichnung ausdrücken. Texte sind, wie jegliches Produkt menschlichen Handelns, bedingte Sinneinheiten insofern, als ihre Produktion (wie ihre Rezeption) abhängt von gesellschaftlichen, historischen, biografischen Voraussetzungen. 6 Diese Voraussetzungen bilden das zu beschreibende Szenario sprachlicher Äußerungen. 7 Die Diskursgemeinschaft der Jahre 1945 bis 1955, wie sie die Korpustexte repräsentieren, besteht dementsprechend aus heterogenen Teil-Gemeinschaften und -Kollektiven mit unterschiedlichen Erfahrungs- und Wahrnehmungshorizonten und einem je spezifischen Selbstverständnis, mit dem sie dann reden und schreiben. Als Kriterium für dieses Selbstverständnis gilt im Folgenden die Beteiligungsrolle, welche die Autoren der untersuchten Texte während der Zeit des Nationalsozialismus innehatten. Wir setzen also die Spezifik der Aussagen mit der Beteiligung ihrer Verfasser in der Nazizeit in Verbindung und unterscheiden nach Rollenperspektiven — wenn die Autoren Funktionsträger, also Täter waren bzw. Opfer dieser Funktionsträger bzw. keine dieser beiden Rollen innehatten (Nichttäter), und als solche explizit auf diese Erfahrung Bezug nehmen. Der explizite Bezug ist Kriterium für die Zuordnung der Äußerungen. D.h.: Die hier untersuchten Autorinnen und Autoren haben in ihren Texten ihre jeweilige Beteiligungsrolle thematisiert, sie erkennbar gemacht. Die Beteiligungsrolle der Nichttäter unterscheiden wir zusätzlich nach Domänenperspektiven. Das Verständnis von Nichttätern ist nicht zuletzt über ihre fachlich-professionelle Zugehörigkeit definierbar. Denn sie argumentieren im Zuge des Schulddiskurses auf der Folie der Denk- und Argumentationsweise ihrer jeweiligen Profession, der Domäne, der sie aufgrund von Ausbildung und Beruf angehören. 8 Die spezifischen Denk„Individuen erleben eine kommunikative Situation aus der Perspektive ihrer Zugehörigkeit zu einer sozialen Gruppe, ihres Sich-Verpflichtet-Fühlens gegenüber einer augenblicklich verwirklichten Rolle oder Aufgabe, ihrer Zuordnung zu irgendeiner in der Gemeinschaft typisierten oder ad hoc typisierbaren Befindlichkeit in bezug auf andere Teilnehmer. Da zwei Individuen keine identischen Plätze in den verschiedenen Welten einnehmen, sind sie, sobald sie interagieren, notwendigerweise mit Perspektiven-Divergenzen konfrontiert" (Härtung 1997, S. 15). Das meint im Sinne Busses „das Beschreiben eines epistemischen Bezugsrahmens der Möglichkeitsbedingungen historischer diskursiver Aussagen" (Busse 1987, S. 268), selbstverständlich „immer nur das Umfeld eines einzelnen Bereiches, es kann nicht das gesammelte Wissen einer Epoche erfassen" (ebd., S. 267). Die Terminologie zur Bezeichnung solcher Rede- und Denkbedingungen ist offen. Man spricht gleichermaßen von kommunikativen ,Bezugsbereichen' bzw. ,Bezugswelten' (Schänk 1984, Steger 1984). Schlieben-Lange bezeichnet mit,Diskursuniversen' „die, je historischen, Prinzipien der Gestaltung von Textbereichen". Sie betreffen „die Gestaltung der

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und Ausdrucksweisen der Diskursbeteiligten werden also von ihrer jeweiligen Domänenzugehörigkeit geprägt. Die Unterscheidung sprachlicher Welten entspricht der Binnengliederung einer Gesellschaft hinsichtlich Wirtschaft, Politik, Parteien, Bildung, Kirche, Kultur u.a.m. 9 Die Auswahl der hier untersuchten Texte der Nichttäter orientierte sich an der Unterscheidung der Domänen Politik/Gesellschaft, Theologie, Recht, Wissenschaft/Philosophie sowie Literatur/Kunst/Kultur, um die gesellschaftlich weit gestreute Präsenz des Diskurs-Themas zu dokumentieren. Jedoch: Wenn wir nach fachspezifischen Domänen unterscheiden, kommt es uns selbstverständlich nicht auf die fachsprachliche Spezifik etwa der Rechts- oder theologischen Domäne an, sondern vielmehr auf so etwas wie eine allgemeingültige „lebenspraktische ,AJltagssemantik"' (Steger 1988, S. 298), die eine je spezifische Ausgestaltung derart erfährt, dass in ihr fachspezifische Denkweisen und Argumentationsmuster aufgehoben sind. So sind uns aus theologischen Texten solche Passagen nicht zugänglich, die rein theologische, spirituell, transzendental ausgerichtete Reflexionen enthalten, wohl aber solche, die etwa die Entstehung des Nationalsozialismus mit einem allgemeinen Abfall von Gott erklären, mit einem alltags- und lebensnahen Argumentationsmuster also. So ist uns das philosophische und gleichzeitig praktisch anwendbare Schuldmodell Karl Jaspers näher und verständlicher als hermetische Texte orthodox philosophischer Entwürfe. Fachbedingten Rücksichten bei der Auswahl des Korpus waren also mit dem Kriterium ,Laienverständlichkeit' Grenzen gesetzt. Der historische Ort der hier rekonstruierten Diskurse ist das geschriebene Buch, die gedruckte Rede, der veröffentliche Brief, der publizierte Tagebucheintrag — kurz: der öffentliche Text. Öffentlichkeit ist unabdingbare Voraussetzung, ja wesensgemäßes Bestimmungsstück von Diskurs. Öffentlicher Text in Bezug auf Vorliegendes meint aber nicht Zeitungs- und nur sehr ausnahmsweise Zeitschriftenartikel. Zeitungstexte sind bereits verschiedentlich zum Zweck von Sprachanalysen ausgewertet worden (vgl. u.a. Stötzel/Wengeler 1995, Böke/Liedtke/Wengeler 1996) und die Geschichte der Kultur-Zeitschriften in der frühen Nachkriegszeit ist, wenn nicht geschrieben, dann doch zu Teilen rekonstruiert.1" Es erArt des Redens über die Wirklichkeit und mithin die durch dieses Reden in den Texten konstituierten Welten .. und weiter die Typisierung verschiedener Zwecke (Politik, Recht usw.)" (Schlieben-Lange 1983, S. 146f.). Adamzik u.a. (1997) verwenden wie wir die Kategorie ,Domäne'. SchwitaUa (1976) unterscheidet die vier Welten Alltag, Wissenschaft, Literatur, Religion. Steger (1984) ergänzt eine fiinfte Welt der Institutionen (Gesetze, Urteile usw.) und eine sechste Welt der Technik. Vgl. etwa Eberan 1983, Widmer 1966; für die jüdische Nachkriegsgeschichte vgl. Geis 1999, die das hinsichtlich der nichtjüdischen Kulturzeitschriften bekannte Phänomen be-

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schien daher reizvoll, die Darstellung der argumentativen, referierenden und prädizierenden Entfaltungen von Schuldanalysen, wie sie kennzeichnend ist für die Diskursgemeinschaft der frühen Nachkriegszeit, auf solche Texte zu beziehen, die bisher noch nicht im Fokus der (sprachwissenschaftlichen Aufmerksamkeit standen. Wir wollen Eberans Befund, „hauptsächlich spielte sich die geschichtliche Auseinandersetzung mit den Zeitproblemen in den Kulturzeitschriften ab" (Eberan 1983, S. 46), nicht anzweifeln. Diese Auseinandersetzung spielte sich aber erstens nicht nur dort ab, zweitens spielte sie sich dort nur in Bezug auf Nichttäter (und manchmal Opfer) ab, Täter aber durften sich (zunächst aus Zensurgründen, dann wohl eher aus Gründen der politischen Moral) in solchen Zeitschriften nicht äußern. 11 Drittens spielte sich thematisch der Schulddiskurs nicht zur Gänze dort ab: Der hier als wesentlicher Diskursbeitrag der Opfer bewertete Bericht über ihr Schicksal in den Jahren 1933 bis 1945 wird entfaltet vor allem in ihren monographisch angelegten KZund Haft-Berichten. Die Zahl der selbständigen Publikationen war hoch, und der Auseinandersetzung mit der deutschen Schuld boten die unterschiedlichsten Redeanlässe ein beachtliches Forum: Opfer legen ihre Dokumente als Beweisstücke und Vermächtnis vor, Täter suchen sich im protokollierten und dokumentierten forensischen oder im biographischen Kontext zu rechtfertigen, Nichttäter verfassen zeitkritische Studien, halten Predigten und Reden zu verschiedenen Gelegenheiten, schreiben Memoiren und Briefe, entwerfen politische Programme. Diskurstexte sind stets ausgewählte Texte. 12 Diskurse als Ganzes zu untersuchen, ja, nur zu überblicken, ist ausgeschlossen. Indem wir frei sind, einen Diskurs, seinen Umfang und seine Grenzen selbst zu bestimmen (vgl. Busse/Teubert 1994), muss eine Auswahl begründet werden, auch wenn keine quantitativen Befunde erlangt werden sollen. In Bezug auf unseren Gegenstand kann es nicht sinnvoll sein, die Einhaltung der zur Verfolgung quantitativer sozialwissenschaftlicher Erkenntnisziele eingeführten Kriterien, die da heißen Gültigkeit, Zuverlässigkeit, Generalisierbarkeit und Repräsentativität, anzustreben. 13 Die folgende Untersuchung ist als ,hermeneutisch-qualitative Analyse' zu verstehen, die eher weichen Kriterien wie Transparenz („Offenlegung des Forschungsprozes-

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schreibt: "eine später nicht wieder erreichte Vielfalt deutschsprachiger jüdischer Presseorgane." (Geis 1999, S. 25) Dass Täter seit der Staatsgründung in den Nachkriegsillustrierten hingegen ein weites Forum verfugbar hatten, ihre Deutungen zu verbreiten, berührt diesen Kontext nicht; vgl. dazu Schornstheimer 1999. Vgl. etwa Büschs Unterscheidung: „Der Diskurs ist.. ein sprachüchcs Phänomen, während das Diskurskorpus eine Auswahl von Texten aus einem Diskurs darstellt, die unter spezifischen Untersuchungsperspektiven vorgenommen wird" (Busch 2002, S. 129). Vgl. Ostner (1982, S. 71).

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ses"), Fidelität („Beurteilung der Güte der Daten in Bezug auf das Erkenntnisziel"), Stimmigkeit („Vereinbarkeit von Zielen und Methoden"), Offenheit („Angemessenheit gegenüber der Komplexität der sozialen Forschungssituation" 14 ) genügen soll. So wurde das Korpus kontrolliert mit den Kriterien Elitendiskurs, Öffentlichkeit, ,Prominenz' des Autors, der Autorin, durch die Domänenverteilung, durch die zeitliche Begrenzung 1945 bis 1955, durch die Streuung Ost-West 15 , evangelischkatholisch, usw. Wenn das Korpus dennoch heterogen ist, dann nicht nur deshalb, weil das Prädikat systematisch ausgewählt' nicht beansprucht werden soll, sondern auch, weil die Jahre 1945 bis 1955 von diskontinuierlichen Publikationsphasen und von unterschiedlicher Schreibfreude bzw. von unterschiedlichen Publikationsmöglichkeiten gekennzeichnet sind. Auf die gesamte Bearbeitungszeit gesehen, ist die Publikationsfreude bis 1949 entschieden größer als danach. Während der ersten Nachkriegs jähre wiederum ist sie entschieden am größten in den Jahren 1946/47. Sie ist bei evangelischen Theologen größer als bei katholischen, bei Politikern größer als bei Wissenschaftlern. Der Hauptgrund für sein Ungleichgewicht liegt in den erheblichen Unterschieden der Textproduktion von Opfern, Tätern und Nichttätern. Opfer- und Tätertexte machen hinsichtlich ihres Umfangs einen Bruchteil des Umfangs der Nichttätertexte aus, ein Umstand, der sich an der unterschiedlich komplexen Analyse der drei Subdiskurse und der Darstellung der Befunde ablesen lässt. Dennoch stellen Opferund Tätertexte eine adäquate Vergleichsebene für die Texte der Nichttäter dar — Grundsätzliches, Dominierendes und Wesentliches wird von ihnen allemals vermittelt, was sich in ihrer jeweiligen sprachlichen Kohärenz niederschlägt. Einen Anspruch auf Repräsentativität erhebt das Korpus also nicht, wohl aber den auf Repräsentanz. 16 Aufs Ganze gesehen erfüllen die ausgewählten Texte eine „sinnvolle [..] Vertreterfunktion" (Bungarten 1973, S. 43) — mehr soll von dieser kulturgeschichtlichen Arbeit, die nicht beabsichtigt, statistische Erkenntnisse zu erlangen, nicht erwartet werden. 17 Insofern Diskurse aus forschungspraktischer Perspektive nach unterschiedlichen Gestaltungskriterien und -interessen zusammengestellte Texte sind, die in einem inhaltlich-thematischen Bezug zueinander stehen, ist Diskursanalyse qualitative Analyse, denn, hier schließe ich mich wiederum Busse/Teubert an, „in der Diskursanalyse [sind] Korpus und Untersu14 15 16 17

Vgl. Bogumil/Immerfall (1985, S. 71). Hier muss allerdings Dominanz von „westlichen" Texten eingestanden werden. Nach Lamnek (1995, S. 192). Zum Problem des Zusammenhangs von Korpus und Diskurs vgl. weiterhin u.a. Busse/Hermanns/Teubert 1994, Jung 1994, Böke/Jung/Wengeler 1996, Böke/Liedtke/Wengeler 1996, Jung 2000, Busch 2002.

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chungsgegenstand untrennbar miteinander verknüpft" mit dem Effekt, dass „das Korpus selbst .. das Untersuchungsobjekt und damit auch die erzielbaren Ergebnisse" (Busse/Teubert 1994, S. 15) konstituiert. Deshalb möchte ich nicht mit Jung (1994) von Subjektivität der Textauswahl sprechen.18 Subjektiv ist gleichbedeutend mit willkürlich, undurchsichtig und einseitig. Das aber ist hier nicht gemeint. Vielmehr möchte ich von forschungspraktischer Bedingtheit sprechen: Die Auswahl der Diskurse, ihrer Themen und Texte, steht stets im Zusammenhang mit dem formulierten Erkenntnisziel.

2.1. Die Diskursgemeinschaft der Opfer Die Kategorisierung derjenigen, die in den Jahren des Nationalsozialismus diskriminiert und verfolgt wurden, ist problematisch. 19 „Ehemalige Deportierte"? Ich mag diesen Ausdruck natürlich nicht besonders. Alte Deportierte, wie alte Kämpfer? Aber wie soll man es anders ausdrücken? Den Lagern des Todes Entronnene? Abgesehen von der lächerlichen Geschwollenheit des Ausdrucks bezieht sich das Wort ,entronnen' eher auf eine Naturkatastrophe: man ist einem Erdbeben, einer Überschwemmung entronnen. Also? (Semprun 1999, S. 135)

Überlebende — der intransitive Gebrauch er, sie hat überlebt bedeutet ,die Nazizeit, das KZ lebend überstanden' und ein Überlebender/eine Überlebende ist jemand, der oder die etwas Schweres, Gefahrvolles lebend überstanden hat.2" Ist also Überlebende eine angemessene Bezeichnung? Was sollte man überlebt haben? Den Tod? Das wäre komisch: man überlebt doch nie seinen eigenen Tod. Er ist immer da, zusammengekuschelt, zusammengerollt wie eine geduldige Katze, und wartet auf seine Stunde. Uberlebt man den Tod anderer? Das ist banal: man braucht Lager, um zu wissen, daß es immer die anderen sind, die sterben. (Semprun 1999, S. 135)

Wir gebrauchen die Kategorie Opfer und setzen sie mit ,Uberlebende' gleich. Wir wollen damit deutlich machen, dass es sich um diejenigen handelt, die erklärte Feinde des Nationalsozialismus waren und bzw. oder ihn 18

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„Bei diskursgeschichtlichen Untersuchungen hat man .. in besonderem Maße die Subjektivität des eigenen Ansatzes in Rechnung zu stellen" (Jung 1994, S. 13). Vgl. ,Zur Problematik des Opfer-Begriffs' (Untertitel) http://www.demokrariezentrum.org/download/botz.pdf. Der Verfasser Botz setzt bei dem inzwischen von der Geschichtsschreibung revidierten österreichischen Selbstverständnis als erstes Opfer Hitlers an, um zu verdeutlichen, dass es sich bei den Bezeichnungen Opfer und Täter „letztlich doch um Begriffe handelt, die aus dem Bereich des Sakralen, der Moral, des nationalistischen Überschwangs und der Gerichte kommen" (S. 2). Vgl. 10 Paul 2002, 3 GWb 1999, Bd. IX.

Die Diskursgemeinschaft der Opfer

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in aktivem politischem Widerstand bekämpften und im Zuge dessen als Häftlinge in Konzentrationslagern oder Zuchdiäusern der Willkür der nationalsozialistischen Herrschaft ausgesetzt waren — deren Leben akut bedroht war. Raul Hilberg weist in diesem Sinn auf eine Hierarchie jüdischer Überlebender hin: es gibt eine unverkennbare Rangordnung zwischen jenen Juden, die den Krieg unter den Nazis überlebt haben. Die entscheidenden Kriterien in dieser Hierarchie sind Größe der überstandenen Gefahr und Tiefe des Leidens. Mitglieder von Gemeinden, die unbehelligt blieben, oder λΐεηβώιεη, die in ihren Wohnungen bleiben konnten, gelten prinzipiell eigentlich gar nicht als „Uberlebende". Am anderen Ende der Skala stehen Menschen, die aus den Wäldern oder Lagern gerettet wurden: Sie sind die Überlebenden par excellence. .. Diese Menschen werden überhöht, weil sie im Besitz eines besonderen Wissens sind. Oft genug haben Uberlebende selber ein solches Wissen angesprochen. Sie umschrieben es mit Ausdrücken wie „Planet Auschwitz" oder deuteten es an in Sätzen wie: „Wer es nicht miterlebt hat, kann sich das nicht vorstellen." (Hüberg 1992, S. 207f.)

Es ist die Diskursgemeinschaft derjenigen, die sich sehen als Beute, Objekt der Willkür, des Schicksals, Spielball, Objekte von Macht, Gewalt, Unrecht, die ihre Entwürdigung herausstellen, die von sich und ihren Kameraden sagen wir, denen der Tod im Nacken saß, die dem Tode Geweihten, Leidensgefährten, Schicksalsund Yjeidensgenossen, Gemarterte, "Zertretene, sadistisch gequälte Menschen, ^Arbeits-, SS-Sklaven, wir lebend Gebliebenen, wir Zeugen der nautischen Bestialitäten — das sind Selbstbezeichnungen der Opfer, die niemals wir Opfer sagen, der von den Toten Wiedergekehrten. „Hier ist es schon mehr als Uberleben, es ist ein Wiederkehren von den Toten" — Elias Canetti (1971a, S. 223) kommentiert so eine Szene aus einem Hiroshima-Tagebuch: Ein Mann findet vierzehn Tage nach dem Unglück seine tot geglaubte Ehefrau wieder. Tot geglaubt waren auch die, hinter denen sich die Zuchthaus- und KZ-Tore schlossen, die Verfolgten und Bedrohten, die „Überwältigten" (Jean Amery). So nennen wir emigrierte Überlebende nicht Opfer im engeren Sinn und sie gehören demnach nicht zu der Diskursgemeinschaft der Opfer. 21 Wir orientieren uns dabei am Schicksal der Opfer, nicht an dem der vom Nationalsozialismus nicht verfolgten, aber vom Krieg heimgesuchten Deutschen, wie etwa Volkmar von Zühlsdorff dies tut, wenn er die Bezeichnung ,Opfer' für die Emigranten nicht mehr gelten lassen möchte. Er schreibt am 2. August 1945 an Hermann Broch: „was heißt denn ,Opf e r ? Vor dem Kriege — ja, vielleicht; denn Jahre in der Fremde sind ja bitter. Aber heute? Heute, nachdem Europa und vor allem Deutschland gelitten hat wie wohl noch kein Volk vorher in der Geschichte; preisgegeben einem unedlen Sieger, von Hunger und Seuchen bedroht, eines Landes jenseits der Oder beraubt; heute, wo 9 Millionen Deutsche vom Osten vertrieben auf den Landstraßen herumziehen, ausgewiesen mit 20 Pfund Habe — heute wollen Sie, daß diese Menschen uns, die wir den Krieg physisch nicht gespürt haben, die wir uns der Härte des nationalsozialistischen Regimes entzogen haben und während dieser Jahre in verhältnismäßiger Freiheit lebten und noch leben, daß sie in uns Opfer sehen? Ich kann es mir nicht denken" (Broch-Zühlsdorff S. 23). Wenn wir also Emigrantentexte nicht

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Opfer sind all diejenigen, die vom Nationalsozialismus diskriminiert, verfolgt, eingesperrt wurden und die mit diesem Selbstverständnis nach 1945 schreiben und die in ihren Texten auf diese persönlichen Erfahrungen, die sie zu Opfern machten, referieren. Es sind diejenigen, die der Nationalsozialismus sich zu Feinden erklärt hat: Juden, Widerständler jeglicher Provenienz (vom Kommunisten bis zum Militär), Kirchenmänner, intellektuelle Kritiker. Weitere Opfer, Homosexuelle, „Zigeuner" 22 , sind uns über Zeugnisse, die unseren Vorgaben entsprechen (Entstehung 1945 bis 1955, deutschsprachig), nicht zugänglich. Der Opferbegriff, der hier vorausgesetzt wird, ist also eng. Er wird aus den Texten, in denen sich die Opfer selbst als solche identifizieren, generiert. Diese Eingrenzung ist der Abgrenzungsschärfe geschuldet, dem Anliegen, die Typik dieses Diskurses deutlich zu machen. Diese Typik tritt am eindrücklichsten dort zu Tage, wo diejenigen über den Nationalsozialismus reden, die seinen Ζerstörungswillen in extremer Form erlebt haben. Opfer müssen reden, weil sie überlebt haben. Wir wissen natürlich, dass dieses ,Müssen' in größerem Umfang eigentlich erst etwa dreißig Jahre nach der Befreiung einsetzt, erst seither etwa haben Opfer die Kraft zu Mitteilungen, denn jeder, „der über seine Zeit in Auschwitz (oder anderen Konzentrationslagern) schreibt, nimmt es auf sich, diese Hölle noch einmal zu durchleben" (Lair 1997, S. 83).23 Andererseits: Hat man wirklich etwas erlebt, wenn es einem nicht gelingt, gut davon zu erzählen, wenigstens ein Kömchen Wahrheit bedeutungsvoll zu rekonstruieren — indem man es dadurch mitteilbar macht? Wirklich erleben, bedeutet das nicht, sich eine persönliche Erfahrung bewußt zu machen — das heißt, das

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als Texte von Opfern behandeln, so werden sie für die folgende Untersuchung doch als Nichttäter-Beiträge berücksichtigt, denn die vergleichende Einbeziehung der Außenperspektive ist, wie wir sehen werden, hinsichtlich der gebührenden Bewertung von Argumentations- und Wortschatzbefunden unerlässlich. Erstmals hat Ceija Stojka 1988 das Zeugnis einer Rom-Zigeunerin (Untertitel ,Erinnerungen einer Rom-Zigeunerin') abgelegt Die Autorin beschreibt, wie Imre Kertesz, aus der Kinderperspektive Auschwitz, Ravensbrück und Bergen-Belsen. Anders als Kertesz wertet sie aber, was SS und Nazis ihr und ihrer Familie im KZ-Alltag antun, dann aus der Erwachsenenperspektive, während Kertesz den naiven, unwissenden und daher zu jeder Plausibilisierung bereiten Kinderblick beibehält (Stojka 1988/2003). Einen möglichen, das verzögerte Schreiben auslösenden Impuls beschreibt der AuschwitzHäftling Hermann Langbein: „Meine Zweifel daran, ob ich schon die erforderliche Distanz zu meinen Erlebnissen erreicht hatte, um sie sachlich darstellen zu können, wurden endlich während des Auschwitz-Prozesses in Frankfurt überwunden. .. Als der große Frankfurter Auschwitz-Prozeß, in dem auch Klehr angeklagt war und den ich beobachtet habe, fünf Jahre später zu Ende gegangen war, sah ich in Klehr, dessen Verhalten ich besonders aufmerksam registriert hatte, nicht mehr einen Allmächtigen, den Schrecken des Krankenbaus, sondern einen gealterten, überaus primitiven Verbrecher, der sich ungeschickt verteidigte. Als mir dieser Wandel bewußt wurde, traute ich mich an die Arbeit." (Langbein 1972, S. 20)

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Erlebte ins Gedächtnis zu rufen und gleichzeitig dazu fähig zu sein, es zu gestalten? Aber kann man irgendeine Erfahrung verarbeiten, ohne sie sprachlich mehr oder weniger zu meistern? Das heißt, die Geschichte, die Geschichten, die Erzählungen, die Erinnerungen, die Zeugnisse: das Leben? Den Text, ja die Textur, das Gewebe des Lebens? (Semprun 1999, S. 59) Die Opfertexte weisen sozusagen die Antworten ihrer Autoren auf diese Fragen nach: Sie sind Produkte von Menschen, die, wie Jorge Semprun, glauben, dass man eigentlich nichts erlebt hat, wenn es einem nicht gelingt, gut davon zu erzählen, erzählend das, was ihm widerfuhr, bedeutungsvoll zu rekonstruieren und dadurch mittteilbar zu machen. Opfer, die unmittelbar nach ihrer Befreiung geschrieben haben, sagen: Nein, man kann eine Erfahrung nicht verarbeiten, ohne sie sprachlich zu meistern. Die erzählende Revitalisierung des Erlebten wider das Vergessen 24 — natürlich ist sie gleichsam Therapeutikum zur Verarbeitung der Erfahrung, vorausgesetzt, der Wille zur Therapie hat bestanden. „Ich hatte das Gefühl, daß der Akt des Schreibens für mich das gleiche bedeutete, wie mich auf Freuds Couch zu legen", bekennt Primo Levi in einem Gespräch mit Fernando Camon. 25 Dann treten sie aus sich heraus, beobachten sich von außen. Bereits in Auschwitz gebraucht Victor Frankl solche Art Selbstbetrachtung als einen „Trick", im Sinn einer Imagination: plöttfich sehe ich mich selber in einem hell erleuchteten, schönen und warmen, großen Τ rortragssaal am Rednerpult stehen .. und ich .. halte einen l'ortrag über die Psychologie des Konzentrationslagers! Und all das, was mich so quält und bedrückt, all das wird objektiviert und von einer höheren Warte der Wissenschaftlichkeit aus gesehen und geschildert ... Und mit diesem Trick gelingt es mir, mich irgendwie über die Situation, über die Gegenwart und über ihr Leid stellen, und sie so ^u schauen, als ob sie schon l Vergangenheit darstellte und ich selbst, mitsamt all meinem Leiden, Objekt einer interessanten psychologisch-wissenschaftlichen Untersuchung wäre, die ich selber vornehme. Wie sagt doch Spinoza in seiner „"Ethik "? .. Eine Gemütsregung, die ein Leiden ist, hört auf, ein Leiden -~u sein, sobald wir uns von ihr eine klare und deutliche l Erstellung bilden. (Frankl 1945, S. 120)26

In diesem Sinn beschreibt Harald Weinrich das Schreiben von Elie Wiesel, Jorge Semprun und Primo Levi als einen Aspekt von Lethe. (Weinrich 1997, S. 228ff.) Heinz Abels unterscheidet den Kampf um das Erinnern vom Kampf wider das Vergessen als Folgen von Täterhaltungen: „Auf den ersten Blick könnte man ihre [der Opfer] Erinnerungen als Teil eines Kampfes um die Erinnerung verstehen, doch das werden sie solange nicht sein, wie die Täter bestreiten, daß es überhaupt etwas zu erinnern gibt. Solange die Täter das bestreiten, geht es nur um einen Kampf gegen das Vergessen." (Abels 1995, S. 305) ,Ich suche nach einer Lösung, aber ich finde sie nicht.' München, Zürich 1993, S. 49 (zit. nach Traverso 2000, S. 251). Auch Eugen Kogon beschreibt diese Bewusstseinsspaltung: „Ich habe im Lager schizophren gelebt, das heißt die Emotionen und Reaktionen beobachtet, sie kritisch aufgenommen und analysiert, an mir und anderen. Nach 1945 habe ich das dann niedergeschrieben. Die Erinnerungen sind in den Griff genommen: sie sind zwar in mir vorhanden, weil ja

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Der sich selbst Entfremdete, er war, was bis dahin nur der andere war, von dem man hörte oder in der Zeitung las — der Irgendwer, der gepeinigt wurde, der Gefolterte, dessen „Seele .. Geist.. Bewußtsein", dessen „Identität .. zunichte wird, wenn es in den Schultergelenken kracht und splittert" (Amery 1977, S. 73) — in der Erinnerung erlangt er, wenn es glückt, seine Identität wieder. Für die Niederschrift des Totenwald-Berichtes wollte ich noch ein Jahr vorübergehen lassen. Noch war ich verwundet und wund, als daß ich es gleich hätte tun können (Wiechert 1948, S. 345) findet Ernst Wiechert kurz nach der Wiederkehr aus seiner viermonatigen Haft in Buchenwald. Ein Jahr ist wenig, die meisten brauchen viel länger und das verzögerte Schreiben setzt viel später ein. Aber die wenigen, die unmittelbar nach ihrer Befreiung reden (und nur um die geht es hier), die müssen reden, weil sie überlebt haben. Es sind wenige, die unmittelbar nach ihrer Befreiung reden konnten, und es sind überhaupt sehr wenige, die reden konnten — wann immer nach ihrer Befreiung. Die allermeisten Uberlebenden konnten niemals reden, z.B. diejenigen, die als verstörte Displaced Persons jahrelang in Lagern auf die Möglichkeit warteten, nach Palästina bzw. Israel zu gelangen (vgl. Jacobmeyer 1986) — Lucie Adelsberger ist Ausnahme —, oder diejenigen, deren im Zuge von Anerkennungsverfahren von psychologischen Sachverständigen zum Ausdruck gebrachte Biographien (vgl. Nederland 1980) erkennen lassen, dass ihre und die Biographien der hier untersuchten schreibenden Opfer nicht viel mehr als die Erfahrung des identischen Ortes Konzentrationslager miteinander verbindet. Und dann: Wir schreiben ein Kapitel deutsche Sprachgeschichte, sind also auf Texte deutschsprachiger Opfer angewiesen. Wie wir wissen, bestand aber die übergroße Mehrheit der Opfer aus polnischen und russischen Juden. 27 auch ich diese entsetzlichen Träume habe, .. aber bei Tag steht das Vergangene unter Kontrolle der Normalität." (Kogon 1974, S. 296f.) Innerhalb der deutschen Reichsgrenzen lebten am 30. Januar 1933 525.000 Juden, bis 1939 wanderten 250.000 bis 300.000 aus (vgl. Dippel 1997, S. 28). Nach der Kapitulation lebten mehr als 200.000 Juden in Deutschland (vgl. Silbermann/Sallen 1992, S. 11), aber: „Die meisten Juden in Deutschland nach dem Zweiten Weltkrieg waren nicht die Nachkommen deutscher Juden; viele waren Uberlebende der Konzentrationslager, die aus Osteuropa stammten, in Deutschland in Auffanglagern für ,Displaced Persons' interniert worden waren und im Lande blieben, als die meisten anderen Überlebenden Deutschland in Richtung Israel oder USA verließen. Zu den Überlebenden und ihren Kindern gesellten sich später eine relativ kleine Zahl von zurückkehrenden deutschen Juden und etwas größere Gruppen von Emigranten aus Israel, dem Iran und der Sowjetunion." (Barkai/MendesFlohr/Lowenstein 1997, S. 373) Ungefähr „15000 Juden überlebten in Deutschland, davon zirka 80 bis 90 Prozent in Mischehen" (Bodemann 1996, S. 21). Wolfssohn gibt an, dass „knapp 10.000 .. in Deutschland die judenmörderischsten Jahre von 1939 bis 1945 überlebt" haben, davon knapp 4.000 in Mischehen. (Wolfssohn 1997, S. 15f.)

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Die reden können und müssen, fuhren ihre Diskurse sehr früh in Zeitungen und Zeitschriften — einer dieser Diskurse ist selbstverständlich der Schulddiskurs. Jael Geis (1999) hat ihn rekonstruiert. Zeitungs- und Zeitschriftenartikel sind Texte, die wir uns für Folgendes nicht vornehmen. Uns interessieren vielmehr, als wesentlicher, einzigartiger und opfertypischer Beitrag zum Schulddiskurs, was sie in ihren monographischen Erzählungen über ihre Verfolgung und Zuchthauserlebnisse, über ihre Lagererfahrungen darlegen. Diese hier untersuchten Opfertexte sind insofern keine Auseinandersetzungen mit dem oder Reflexionen über den Nationalsozialismus. Sondern Opfer verfassen Berichte, Tatsachenberichte, und diese sind vor dem Hintergrund der Konstellation Opfer — Täter diejenigen Beiträge, die die als Schuld qualifizierten Handlungen der Täter im Sinn von Zeugenaussagen bestätigen und die das eigentliche Komplement zu den Narrativen der Täter darstellen. Es ist in diesen Blättern .. sehr viel von Schuld die Rede und auch von Sühne .. Dennoch glaube ich, daß diese Arbeit als ein Befund jenseits der Frage von Schuld und Sühne steht. Es wurde beschrieben, wie es bestellt ist um einen Uberwältigten, das ist alles.28 ,Beschreiben, das ist alles' — mit dieser Haltung verfassen sie Berichte, Juden und Nichtjuden. Freilich, die Nichtjuden schreiben nicht über den Holocaust, die Shoa, sondern sie schreiben über Nazi-Verfolgung, der sie aus politischen, weltanschaulichen, aber nicht aus ,rassischen' Gründen ausgesetzt waren. Die Erfahrung der diktatorischen Verfolgung und Eliminierung politisch Andersdenkender lässt die nichtjüdischen deutschen Opfer andere Fragen stellen, ,Wie konnte das geschehen?' fragt das nichtjüdische deutsche Opfer Eugen Kogon z.B., und so projektieren die nichtjüdischen deutschen Opfer Zukunft, fragen nach der Beschaffenheit eines künftigen deutschen Staates, einer künftigen deutschen Gesellschaft. Die hier untersuchten jüdischen Opfer tun das nicht — Wir, die wir von 1000 Menseben 990 haben sterben sehen, können nicht einmal — und hierin lieg ein ernstliches Manko — unser persönliches lieben und unsere eigene Zukunft wichtig nehmen (Adelsberger 1956, S. 104) — geschweige denn das Leben und die Zukunft der Deutschen, möchte man ergänzen. Nichtjüdische deutsche Opfer indessen haben ihre nationale Identität nicht verloren und sie können z.B. auch aus der WirPerspektive reden, wenn sie über die deutsche Schuld reden: Wir, aus deren Reihen in der Vergangenheit viele nicht ohne schwerste Schuld oder Schuldteilhaberschaft .. (Kogon); Zeit, in der wir uns schämen mußten, Deutsche sein (Lobe); Wir sahen ^u. .. Die Schuld ging durch das sterbende l^and und rührte jeden einzelnen von uns an (Wiechert) Amen' 1977 (Vorwort zur 1. Auflage 1966, S. 17).

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Diese Formulierungen drücken eine Haltung aus, die für jüdische deutsche Opfer nicht in Frage kommt. 29 Wer aus rassischen Gründen von den Deutschen verfolgt wurde, wer die Erfahrung des Genozids, die Verfolgung und Eliminierung als Zugehöriger zu einem rassistisch diskriminierten Volk gemacht hat, kann nicht mehr wir sagen, und damit sich u n d die Angehörigen dieses deutschen Volkes meinen, sondern wir ist nur noch: wir Überlebende. Der überlebende deutsche Jude ist, so scheint es, an Vergangenheit und Zukunft dieses Volkes der Deutschen, dem er sich so zugehörig fühlte, nicht mehr interessiert. Den Diskurs bilden zu einem geringeren Teil auch Texte von Autoren, die in den Jahren 1933 bis 1945 zwar auch vom Nationalsozialismus verfolgt waren und darauf wie immer nachdrücklich referieren in Texten, in deren Fokus dieser biografische Aspekt aber nicht zur Hauptsache liegt. So bewerten wir politische Reden von Franz Dahlem oder Predigten Martin Niemöllers in denjenigen Passagen als Beiträge des Opferdiskurses, in denen die Verfasser auf ihre KZ-Erfahrungen referieren. Texte des Opferdiskurses sind mithin diejenigen, deren Autoren sich in irgendeinem Kontext als Opfer zu erkennen geben, die Bezug nehmen auf Opfererfahrung (Verfolgung, Haft, KZ) und die damit eine Opferidentität offenbaren.3" Warum schreiben Uberlebende? Um der Wahrheit von willen: Alle die Toten schreien nach Vergeltung aber nicht mit dem brennenden Holzscheit und nicht mit dem Marterpfahl in der Hand. Das hieße, sadistische Methoden, die ivir aufs tiefste verabscheut haben, nachzuahmen oder zu modifizieren. Diese Toten fordern eine andere Rache: Die Wahrheit über Auschwitz. Die Welt muß wissen, daß ein kleiner Funke des Hasses einen übermächtigen Brand entfachen kann, den keiner mehr einzudämmen vermag. (Adelsberger 1956, S. 106) Die sprachliche Erfassung und Vermittlung dieser Wahrheit ist eine Herausforderung, der sich die Autoren kaum gewachsen fühlen:

Vom Historiker wird diese Haltung bestätigt: „Die meisten Überlebenden grenzen sich als Juden von ihrer nichtjüdischen Gesellschaft ab. Den Deutschen und ihren einstigen europäischen Kollaborateuren gegenüber verspüren sie — als unmittelbare Folge der Verfolgungen und Morde - eine tief verinnerlichte Wir-/Ihr-Distanz, sowohl sozial als auch politisch und normativ." (Wolfssohn 1997, S. 37) Wir vergewissern uns hinsichtlich unserer Befunde außerdem bei Opfern, die vor 1945, wie Ernst Wiechert, ,Der Totenwald', oder Marie-Luise Kaschnitz, .Gefängnistagebuch', oder nach 1955 geschrieben haben, wie Jean Amcry, Hermann Langbein, Bruno Apitz. Zeugen sind außerdem ins Deutsche übersetzte Berichte nichtdcutscher Opfer, wie Nico Rost, Fania Fenelon, Primo Levi, Jorge Semprun, Imre Kertesz, Elie Wiesel, Robert Antelme. Vergewissern soll heißen: überprüfen von Diskursmerkmalen, denen den Status eines Befunds zuzuschreiben eigentlich aufgrund der schmalen Basis der primären Quellen nicht zulässig ist. Ihre Diskursbeiträge, die wir als Sekundärquellen verstehen, notieren wir recte, im Gegensatz zu denjenigen des Primärkorpus, die wir kursiv notieren.

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w i r k a m e n g e r a d e zurück, w i r brachten u n s e r e E r i n n e r u n g mit, unsere n o c h g a n z l e b e n d i g e E r f a h r u n g , u n d w i r verspürten ein irrsinniges Verlangen, sie so a u s z u s p r e c h e n , w i e sie war. U n d d o c h schien es uns v o m ersten T a g an u n m ö g l i c h , die u n s b e w u ß t g e w o r d e n e K l u f t z w i s c h e n der Sprache, über die w i r v e r f ü g t e n , u n d jener E r f a h r u n g , die w i r größtenteils i m m e r n o c h a m eig e n e n L e i b verspüren, auszufüllen. A b e r w i e sollten w i r uns damit a b f i n d e n k ö n n e n , a u f d e n V e r s u c h zu verzichten, zu erklären, w i e wir in diesen Zustand geraten w a r e n , in d e m w i r uns i m m e r n o c h b e f a n d e n ? U n d d o c h w a r es u n m ö g l i c h . K a u m b e g a n n e n w i r zu erzählen, v e r s c h l u g es uns schon die Sprache. W a s w i r zu sagen hatten, b e g a n n u n s n u n selber unvorstellbar zu w e r d e n . D i e s e s Mißverhältnis z w i s c h e n d e r E r f a h r u n g , die w i r g e m a c h t hatten u n d d e m Bericht, der darüber m ö g l i c h w a r , bestätigte sich in der Folge i m m e r m e h r . ( A n t e l m e 1 9 5 7 / 1 9 9 0 , S. 9) Sie zweifeln stets an der Hinlänglichkeit sprachlicher Übermittlung, scheue n sich, in i h r e n freiwilligen B e r i c h t e n d a s G r a u e n , das n i c h t ein u n b e t e i ligt i m a g i n i e r t e s , s o n d e r n ihr selbst erlebtes G r a u e n w a r , z u E n d e d a r z u stellen.31 L u c i e A d e l s b e r g e r b e f ü r c h t e t n o c h n a c h z e h n J a h r e n , w ä h r e n d d e r Ü b e r a r b e i t u n g i h r e r A u s c h w i t z - E r i n n e r u n g e n , die sie 1 9 4 5 / 4 6 n i e d e r s c h r i e b u n d n u n z u r V e r ö f f e n t l i c h u n g v o r b e r e i t e t , m a n k ö n n e m e i n e n , daß wir ein normales lieben geführt haben, d a s s d a s B u c h ~uviel milde Stellen habe ( A d e l s b e r g e r 1 9 5 6 , S. 1 2 9 ) 3 2 u n d s i e h a t e i n e E r k l ä r u n g : Ich weiß.., daß ich 1946 absichtlich die leichteren Situationen wahrheitsgemäß habe, um dem Leser eine Atempause s y gönnen, das Schreckliche ξu verdauen Art des „escape" haben wir wohl auch in Auschwit^manchmal durchgemacht) 129f.).

beschrieben (und diese (ebd., S.

A u f d i e s e „ e s c a p e s " w i r d z u r ü c k z u k o m m e n s e i n — es s i n d d i e k o m p e n s a torischen Bilder der Gegensätzlichkeiten, die sich in der B e s c h r e i b u n g der durch das K Z z w a r verfremdeten, aber idyllischen N a t u r u n d von Glücks-

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[Ich weiß,] dass atles noch viet schrecklicher war, als ich es schildern kann. Es ist unmöglich, mit Worten die Wirklichkeit wiederzugeben. Daini ist keine Sprache der Welt reich genug an Worten. .. Wenn ich schrieb: es warfurchtbar, oder es war grauenerregend, oder derAbgrund der Hölle tat sich vor uns auf, so erscheinen mir diese Phrasen gamj harmlos, ganζ nüchtern. Was kann man eigentlich mit solch nichtssagenden Worten ausdrücken? Menschen sagen ja auch: „Es marfurchtbar", wenn sie erzählen, wie sie gesehen haben, dass ein Kind, das über die Strasse l i e f , beinahe überfahren worden wäre. ,.Fürchterlich, grauenerregend", sagen sie, und vielleicht fügen sie noch hin^u: „Das Herζ ist mir fast stehengeblieben". Mit welchen Worten soll man nun schildern, dass man gesehen hat, wie man tausende und aber tausende kleiner, unschuldiger Wesen in die Gaskammern schleppte! Dass man gesehen hat, wie die SS-Offiziere Baby's an den Füssen packten und ihre Köpfchen gegen Baumstämme schmettertenl Dass man gesehen hat, wie die Mütter dabeistanden und vor Entsetzen nicht einmal schreien konnten, weil ihnen der Mund mitten im Schrei o f f e n blieb! Kann ich das schildernd Wenn ich es könnte, so wäre ich kein Mensch mehr, sondern ein Gott. (Klieger 1958, S. 11 Of.) Beim Lesen des Manuskriptes nach 10 Jahren erscheint mir alles so abgeschwächt. Ich bin noch immer innerlich krank von dem Erleben, bei allem meinem Optimismus und dem Glauben an Gott und an die Menschen — ich sehe die Bilder wieder vor mir, alles bis ins Einzelne, und im Lesen scheint mir das so schwach, als ob keiner begreifen kann, wie grauenhafi es war. Lest es sich nicht beinahe, als ob es eine Sommerfrische war? (Adelsberger 1956, S. 129)

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empßndungen niederschlägt. — Der frühe Rückblick ermöglicht also nicht den Nachvollzug, der überhaupt eigentlich unmöglich ist: „Es wäre ohne alle Vernunft, hier die mir zugefügten Schmerzen beschreiben zu wollen", teilt Amery im Zuge der Schilderung seiner Tortur mit, der man ihn am 23. Juli 1943 aussetzte, als er „an den ausgerenkten, von hinten hochgerissenen und über dem Kopf .. verdreht geschlossenen Armen" an einem an der Zimmerdecke befestigten Haken hing und ein SS-Mann ihn währenddem mit dem Ochsenziemer prügelte: Der Schmerz war, der er war. Darüber hinaus ist nichts zu sagen. Gefühlsqualitäten sind so unvergleichbar wie unbeschreibbar. Sie markieren die Grenze sprachlichen Mitteilungsvermögens. Wer seinen Körperschmerz mitteilen wollte, wäre darauf gestellt, ihn zuzufügen und damit selbst zum Folterknecht zu werden. (Amery 1977, S. 63)

Daher rührt eine zeitweilige Nüchternheit der Diktion — das Grauen ist sprachlich nicht zu bewältigen, weil Grenzen überschritten wurden: Will man sich mit dem Verhalten der Mitglieder eines Sonderkommandos befassen, dann .. müssen [alle Vergleiche] versagen. Die Grenzen, welche durch eine erzwungene Arbeit dieser Art überschritten worden sind, kann man nachträglich selbst gedanklich nicht überwinden. Man hat zur Kenntnis zu nehmen, was über die Existenz und das Verhalten dieser Menschen festzustellen ist. (Langbein 1972, S. 222)

,Feststellen' ist die Aufgabe der Chronisten und die Diktion der Autoren scheint der Distanz, die Chronisten zu ihrem Gegenstand halten, oftmals angepasst. Opfertexte erscheinen uns daher bisweilen als Euphemismen der Hölle, weil das Unerträgliche nicht zu Ende buchstabiert ist.33 Das wird aus Opferdarstellungen in anderen Kontexten deutlich, in solchen, in denen die Opfer gezwungen sind zu reden, und zwar bis zu Ende, etwa vor Gericht oder um Entschädigungsansprüche nachzuweisen. Dann lesen wir Texte, die wir hier nicht zitieren (vgl. etwa Langbein 1972, S. 120ff.), die aber auch Teil der deutschen Sprachgeschichte des 20. Jahrhunderts wären, wenn diese Sprachgeschichte die sprachliche Realität Hannah Arendt erkennt in diesem Sinn in den „Berichtefn] der Überlebenden von Konzentrations- und Vernichtungslagern" eine „auffallende[..] Monotonie. J e echter diese Zeugnisse sind, desto kommunikationsloser sind sie, desto klagloser berichten sie, was sich menschlicher Fassungskraft und menschlicher Erfahrung entzieht. Sie lassen den Leser kalt, stoßen ihn, wenn er sich ihnen wirklich überläßt, in das gleiche apathische Nichtmehr-Begreifen, in dem sich der Berichterstatter bewegt, und sie lösen fast niemals jene Leidenschaften des empörten Mitleidens aus, durch die von jeher Menschen für die Gerechtigkeit mobilisiert wurden. Trotz überwältigender Beweise haftet das Odium der Unglaubwürdigkeit, mit dem Berichte aus Konzentrationslagern zuerst aufgenommen wurden, immer noch jedem an, der davon berichtet; und je entschlossener der Berichterstatter in die Welt der Lebenden zurückgekehrt ist, desto stärker wird ihn selbst der Zweifel an seiner eigenen Wahrhaftigkeit ergreifen, als verwechsele er einen Alptraum mit der Wirklichk e i t " (Arendt 1955/1998, S. 908f.)

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vollständig abbilden wollte. Die Opfer, die freiwillig reden, sterilisieren ihre Texte, weil ihnen das Grauen nicht darstellbar erscheint, weil sie fürchten, es sprachlich zu ,entwerten'. „Diskret und gelassen, ohne Aufhebens und ohne Zorn" 34 gehen sie nicht nur in die Gaskammern, sondern protokollieren auch den Horror. Können Opfer also überhaupt schreiben, um den Leser in die Lage zu versetzen, wo möglich nach zu erleben, was eigentlich nicht nach zu erleben ist? Wohl ja, trotz aller Unzulänglichkeit. Frankl möchte auch dem Außenstehenden das Erlebnis der andern verständlich .. machen, die FLrlebniswelt des Häftlings verstehen .. lassen (Frankl 1945, S. 21). KZ-Berichte sind in diesem Sinn gleichsam verbalisierte Dokumentarfilme des Lagerlebens. Ihre Szenarien sind wie Drehbücher, beschrieben werden Rollen und Masken, entworfen werden Kulissen, gespielt werden Szenen — Stationen des Weges von Sein zu Nichtsein —, genannt werden Regisseure: In der Sauna überschreibt Lucie Adelsberger einen Abschnitt, der nur ^ehn Minuten, flüchtig und schnell vorüberhuschend in dem langen, nicht endenden Film des Konzentrationslagers mit seinen viel wuchtigeren und grausigeren Findrücken festhält (Adelsberger 1956, S. 67). Schließlich — sie erfüllen ein Vermächtnis, Vermächtnis ist ein Bekenntniswort der Uberlebenden jeglicher Provenienz: Es ist ein Wunder und eine Gnade, daß wir Auschwitz überlebt haben; und es ist eine Verpflichtung. Wir halten das Vermächtnis der Toten in Händen. Uns obliegt es, von ihnen ^u sprechen. (Adelsberger 1956, S. 105); Wenn Haß und l'erleumdung leise keimen, dann, schon dann heißt es n/ach und bereit sgt sein. Das ist das Vermächtnis derer von Auschwitz (ebd., S. 106). Rache soll der Bericht der Opfer nicht sein, in auffallender Häufigkeit versichern sie, Rache nicht zu wollen. 35 Um der Wahrheit von Auschwitz willen berichten ist aber ein Beitrag zur Erinnerung, damit nicht vergessen wird, der Gerechtigkeit wegen. Die Erinnerung der Opfer und das kollek-

So beschreibt Ptimo Levi (2002, S. 61 f.) die Haltung eines Mithäftlings, der in die Gaskammer geht. Flie Wiesel beschreibt den Augenblick der Befreiung: „Unsere erste Handlung in der Freiheit: wir stürzten uns auf den Proviant. Man dachte an nichts anderes. Weder an Rachc noch an die Eltern. Man dachte nur an Brot. Auch als der erste Hunger gestillt war, dachte keiner an Rache." (1958/1996, S. 156) So ist nicht Rache, sondern Recht ihre Leitvokabel (vgl. auch Geis 1999, S. 239ff.). Thomas Mann beschreibt fehlendes Rachebedürfnis als ethnisches Stereotyp. In seiner Radioansprache vom 27. September 1942 ruft er den ,Deutschen Hörern' zu: „Ihr steht immer weiter zu Hitlers Krieg und ertragt das Äußerste aus Furcht vor dem, was die Niederlage bringen würde, vor der Rache der mißhandelten Nationen Ruropas an allem, was deutsch ist. Aber gerade von den Juden ist ja solche Rache nicht zu erwarten. .. und wenn es mit euch zum Ärgsten kommt, wie es wahrscheinlich ist, — sie gerade .. werden davon abraten, euch Gleiches mit Gleichem zu vergelten." (Mann 1942, S. 75)

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tive Gedächtnis der Gesellschaft — jenes ist Voraussetzung für dieses. 3 6 Z u r ,Moralisierung der Geschichte' (Traverso 2000, S. 269ff.) bedarf es der Erinnerung. D a m i t ,Auschwitz' nicht egalisierend eingereiht wird in die Ereigmsgeschichte und so vergessen u n d vernichtet wird, muss die „lebendige E r f a h r u n g der U b e r l e b e n d e n der Todeslager .. weitergegeben werden, w e n n die Menschheit v o n ihren Deformationen genesen und schließlich, w i e Ernst Bloch sagte, ,den aufrechten Gang' lernen soll" (ebd., S. 264). S e m p r u n stellt Erinnerung in den Kontext mit der Geschichtsschreibung der Eliten — u n d auch die KZ-Geschichtsschreibung w i r d v o n ihnen besorgt: [ich] fragte .. mich, .., warum es immer die gleichen sind, die Geschichten erzählen, die Geschichten machen. Oh, ich wußte .. genau, daß es die Massen sind, die Geschichte machen! Man hatte es mir eingehämmert — in schneidenden und schrillen, ja zuweilen sogar vernichtenden Tönen; .. und auch in sanften Tönen, in den Augenblicken der großen Bündnisse und der verschlungenen Hände .. daß die Massen Geschichte machen, .., daß ich mir schließlich diese Eselei selbst einhämmerte, um so zu tun, als glaubte ich an die protzige Dummheit. .. [ich] hatte .. die Fragestellung in Klammern dank einer provisorischen Kompromißformulierung abgeschlossen: Die Aiassen machen vielleicht Geschichte, aber sie können sie bestimmt nicht erzählen. Es sind die dominierenden Minderheiten - die man auf der Linken „Avantgardisten" und auf der Rechten, ja sogar im Zentrum, „natürliche Eliten" nennt — die die Geschichte erzählen. Und die sie nach Bedarf neu schreiben, wenn der Bedarf spürbar wird, und von ihrem dominierenden Gesichtspunkt aus wird der Bedarf danach oft spürbar. Um auf die wirren Erzählungen von Manuel Azaustre und Fernand Barizon zurückzukommen [die wie Semprun Buchenwald-Häftlinge waren]: das Lagerleben läßt sich nicht leicht erzählen. (Semprun 1999, S. 60) D i e A u f g a b e stellen sich die O p f e r auch — Zeugnis ablegen u m derjenigen willen, die nicht glauben k ö n n e n oder wollen u n d die nicht vergessen sollen, u m der Wahrheit willen — es ist die Wahrheit, die zur Zeit ihrer E r i n n e r u n g erzählbar ist. Wenn man den jungen Oeutscben die Wahrheit verschweigt, gibt man gewissenlosen Demagogen die Möglichkeit ^u behaupten, dass all' das, was im Ausland über die sogenannten „Judenvernichtungen" erzählt wird, glatter Schwindel ist. Von den Juden erfunden, um der deutschen Nation wieder einmal einen „Dolchstoss von hinten" ~u versetzen. Mit dem \rerschweigen der Wahrheit erlaubt man, alles, was geschah, nach berüchtigtem Vorbild als „Greuelpropaganda" ab^utun. (Klieger 1958, S. 7); es [gibt] noch immer in so er-

Enzo Traverso fordert sie: „Die Erinnerung an Auschwitz ist zunächst die der Überlebenden der Vernichtungslager, aber sie muß verallgemeinert werden, muß in das Gedächtnis der gesamten Gesellschaft eingehen. Einzig diese Dialektik von Erinnerung und Gedächtnis .. kann das Vergangene erlösen, die Besiegten der Geschichte vor dem Vergessen bewahren. Die Erinnerung erlischt mit den Zeugen, die ihre Träger sind, das Gedächtnis kann aber in der gesellschaftlichen Tradition bewahrt werden." (Traverso 2000, S. 265)

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schreckend hohem Maße Menschen .., die nicht glauben können und wollen, daß hinter den glorreichen Kulissen der Na^ipropaganda wirklich Ströme von unschuldig vergossenem Blut geflossen sind. In dem drängenden Anliegen, diese Ungläubigen endlich widerlegen und ^u Überzügen, mag auch ein Versuch wie der vorliegende seinen gerechtfertigten Plat~ finden können. (Vermehren 1946, S. 5) Opfer verzweifeln über der Vorstellung, dass man nicht für wahr hält, was die Geschichtsbücher dann erzählen werden, dass man nicht glaubt, was sie erlebten, darum schreiben sie unter dem Zeichen Wirklichkeit verkünden·. Wer diese l'ernichtung nicht an sich selbst erfahren hat, weiß es nicht, wird es nie wissen. Er hat ^u schweigen. Er hat ant^uhören und seine Aufgabe vor sich selbst und als Mensch in der Welt überprüfen. Wer aber durch diese lettre Verzweiflung durch die Nacht der Nächte, durch den namenlosen Untergang geschritten ist, ihn überdauert hat und s^u neuem Eeben gelangt ist, wer wieder ist und seinen Namen, den man raubte, ivieder erworben hat, der soll seine Stimme erheben und sagen, wie es wirklich war. Er soll die Wirklichkeit verkünden .. die Wirklichkeit gilt es nennen, die eine lebende Seele hinnehmen kann in der bohrenden Zernichtung, ausgesondert aus jeder Einsamkeit und aus jeder Gemeinschaft, die Wirklichkeit des Nichts, die weder denkbar noch nachfühlbar ist, denn nicht ^u denken und nicht fühlen ist das Nichts. (Adler 1955, S. 209) ,Sagen, wie es wirklich war' — wir werden sehen, dass sich Opfer und Täter in diesem Anspruch ihres vergangenheitsorientierten Redens treffen, selbstverständlich unter entgegengesetzten Voraussetzungen: Das Reden der Opfer ist der Bericht darüber, was geschah. Das Reden der Täter ist, wenn nicht die Leugnung dieses Geschehens, aber doch die ihrer persönlichen Beteiligung daran und jedenfalls Lüge. Ebenso wie die Ungläubigkeit ihrer Umwelt ist Opfern die Vorstellung eines sinnlosen Sterbens um sie her unerträglich. Politische Opfer leiten Sinnhaftigkeit aus ihrer Mission ab. Mit ihrer Selbstidentifizierung als Kämpfer (im KZ wie außerhalb, vor, während und nach der Gefangenschaft), mit der Klassifizierung ihrer Haftzeit als Teil ihres Widerstandskampfes, mit der Bewertung ihrer Hafterfahrung als Charakterbildung ist für sie die Sinnfrage gelöst. — Darin bilden politische Opfer eine Koalition mit religiösen. 37 — Nichtpolitische, sagen wir: nicht aus weltanschaulichen Gründen verfolgte Opfer, diejenigen, die keine rationalisierende Verbindung zwischen ihrer Gefangenschaft und einem diese Gefangenschaft begründenden Ideal verfügbar haben, suchen auch nach einem Sinn 38 : Wir.., die wir für die unabsehbaren Reihen gemarterter Opfer stehen, Elie Wiesel stellt einen sinnstiftenden Zusammenhang zwischen religiösem Glauben und Leiden her: „Armer Akiba Drumer! Hätte er sich seinen Glauben an Gott bewahren, hätte er in diesem Leidensweg eine Prüfung Gottes sehen können, er wäre nicht ein Opfer der Auslese [i.e. Selektion] geworden. Sobald er aber den ersten Riss in seinem Glauben spürte, verlor er jeden Grund zum Weiterkämpfen, und der Todeskampf begann." (1958/1996, S. 109) In Bezug auf jüdische Opfer vgl. Dan Diner: Für „die Opfer ist [es] unerträglich, die Tatsache hinzunehmen, in Auschwitz habe ein sinn- und zweckloses Ereignis stattgefunden"

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die alle nur die eine Frage haben: Wofür sind wir gestorben! (Kogon 1947b, S. 240) Sinngebungsversuche sind ihre Erzählungen, die sie nach ihrer Befreiung verfassen, auch dann, wenn sie Sinnlosigkeit feststellen. Wenn etwa Kogon das System der deutschen Konzentrationslager analysiert, oder wenn Adler das Lager Theresienstadt nach wissenschaftlichen Kriterien untersucht, sind das Versuche von Sinngebungen. Sinn erweist sich als Kategorie solcher Opfer, und sie suchen ihren Inhalt zu bestimmen derart, dass sie die ganze Wirklichkeit des KZ-Daseins erfasst. 39 Wir sehen: Das Reden um der Wahrheit von Auschwitz willen hat viele Funktionen. Zum Nachvollzug für diejenigen, die es nicht erlebt haben, zur Selbsttherapie, um ein Vermächtnis zu erfüllen, damit nicht vergessen wird, Zeugnis ablegen um der Ungläubigen willen, als nachträgliche Sinngebung. Es ist nun zweierlei zu fragen: Welche Opfer reden überhaupt? Abgesehen davon, dass solche mit KZ-*' oder mit Zuchthauserfahrung reden, sind sie nach ihren Biographien zu unterscheiden: Juden', ,Antifa(Diner 1988, S. 192). Victor Frankl beschreibt in seinem Auschwitz-Bericht solche Sinngebungsversuche: Uns ging es um den Sinn des Lebens alsjener Totalität, die auch noch den Tod mit einbegreift und so nicht nur den Sinn von „lieben"gewährleistet, sondern auch den Sinn von leiden und Sterben: um diesen Sinn haben wir gerungen! (Frankl 1945, S. 126f.) Adler beschreibt die Nichtbereitschaft der Gettoinsassen von Theresienstadt, sich den Gang der jüdischen Geschichte bewusst zu machen, und Theresienstadt in diese Geschichte einzuordnen — dem Ereignis den gemeinsamen Sinn der jüdischen Leidensgemeinschafl zu geben: Man versenkte sich ru wenig in die jüdische Geschichte und sah über der äußeren Gemeinsamkeit des Martyriums von heute und ehedem nicht den gemeinsamen Sinn der Leidensgemeinschaft. Das Leiden schien immer nur ein „Unglück" gewesen *u sein — sein Grund mar unbegreiflich. (Adler 1955, S. 648f.) Diese bekannte religiöse Konstruktion, Leben und Tod als Einheit zu betrachten, dient, wie wir sehen, zur Bewältigung des KZ-Alltags: Die permanente Todesdrohung erträglich zu machen dient die Deutung von Uberleben als ,unbedeutender Zufall'. Diese Abwertung von Überleben ist die Aufwertung von Leiden — mit der religiösen Haltung, die eine Schickung zu ertragen dann ermöglicht, wenn sie als Aufgabe eingeordnet wird: War uns der Sinn des Leidens einmal offenbar geworden, dann lehnten wir es auch ab, die Leidjulie des Lagerlebens -~'U verharmlosen oder verniedlichen, indem wir sie „verdrängten ' und uns über sie hinwegtäuschten — etwa durch billigen oder verkrampften Optimismus. Für uns war auch das Leiden eine Aufgabe geworden, deren Sinnhaftigkeit wir uns nicht mehr verschließen wollten. Für uns hatte das Leiden seinen Leistungscharakter enthüllt. (Frankl 1945, S. 127) Jael Geis weist auch aus ihren Quellen — deutschsprachigen jüdischen Zeitschriften — die, zwar nur fragmentarische, aber immerhin bestehende Beschäftigung der Uberlebenden „mit der Frage nach dem Sinn der Vernichtung der europäischen Juden, mit der Frage nach der möglichen Einbettung in die jüdische, deutsche und .. menschliche Geschichte bzw. der Singularität des Geschehens" nach (Geis 1999, S. 165). Die Vorstellung der Toten als „Märtyrer" und „Helden" (ebd., S. 186), das Läuterungskonzept (ebd., S. 192f.) - bei Adler finden wir diese Vorstellung ausgedrückt so allein wurde diese Geschichte überwunden, die gar keinen anderen Sinn ^uließ ah die menschliche Bewährung (Adler 1955, S. 639) — und die Sakralisierung ihres Todes („geopfert auf dem Altar der menschlichen Kultur", „der Freiheit", „der Demokratie", „der Gleichberechtigung") (Geis 1999, S. 196f.) sind Rationalisierungsstrategien der Überlebenden. Die breiteste Textgrundlage liefern KZ-Berichte — sie sind insofern, aus der Analyseperspektive, die eindeutigsten Manifestationen des Schuldbegriffs der Opfer.

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schisten' (i.e. Angehörige des kommunistischen und sozialdemokratischen Widerstands), solche mit bürgerlich-konservativem (,Bürgertum und Militär') und mit religiösem Hintergrund (,Geistliche und religiös Inspirierte1). Jedenfalls können wir in Bezug auf die Opfertexte wie für alle hier untersuchten Texte sagen, dass sie einen Elitendiskurs repräsentieren. Welche Texte verfassen die Opfer? „Ein Bericht" nennt Isa Vermehren ihre ,Reise durch den letzten Akt': kein Buch im literarisch abgerundeten Sinne .. ich wollte niederschreiben, was ich gesehen und gedacht habe (Vermehren 1946, S. 5). Es sind Tatsachenberichte über die Konzentrationslager (Frankl 1945, S. 21), Hans Eidens ,Das war Buchenwald' trägt den Untertitel /Tatsachenbericht' ebenso wie Lucie Adelsbergers Auschwitz-Darstellung. Es sind Erlebnisschilderungen aus KZ und Zuchthaus, gan~ einfach eine Reportage über ein, hoffen wir es, einmaliges Geschehen (Klieger 1958, S. 1), Schilderung von Ereignisseti und Erfahrungen (Steinwender 1946, S. 10). Dieses Buch ist nicht geschrieben — es ist erzählt. Und es ist nicht erfunden — es ist erlebt. In jeder Einzelheit tatsächlich erlebt von einem Menschen, der nichts weiter sein wollte als ein Mensch, teilt der Verlag von Werner Eggeraths ,Nur ein Mensch' dem Leser mit (Eggerath 1947, S. 11). Unmittelbarkeit ist Merkmal dieser Texte, Vielfalt und Intensität ihres Leidens wollen die Gepeinigten vermitteln, konkret wollen sie sein, aber auch distanziert betrachten, sachlich beschreiben, was in den Pro^eßakten der Wahrheit als ermittelt und bezeigt geschrieben steht (Kogon 1946a, S. 407). Im Folgenden werden diese Texte skizzenhaft vorgestellt.

Juden Der österreichische Jude Victor Frankl 41 beschreibt Auschwitz als Psychologe. Der Titel seines Buches, ,... trotzdem Ja zum Leben sagen', zitiert einen Vers aus dem Buchenwald-Lied von dem in Auschwitz umgebrachten Friedrich Löhner-Beda, Schlagertexter (u.a. ,Dein ist mein ganzes Herz') und Librettist (u.a. ,Land des Lächelns*), der das Lied in Buchenwald schrieb:

Viktor Frankl, geboren 1905 in Wien, ab 1940 Leiter der Abteilung für Neurologie und Psychiatrie des Rothschild-Hospitals, wurde im September 1942 zusammen mit Eltern, Bruder und Frau deportiert, zunächst nach Theresienstadt, wo sein Vater starb, dann nach Auschwitz, wo Mutter und Bruder 1944 ermordet wurden. Seine Frau wurde 1945 in Bergen-Belsen umgebracht. Frankl diktierte seinen Auschwitz-Bericht 1945 innerhalb von neun Tagen. Die deutsche Fassung kam über eine erste Auflage (3000 Exemplare) nicht hinaus, zwölf Jahre später erschien die englische Ausgabe in den USA, die dann in über fünfzig Auflagen und fünf Millionen Exemplaren verbreitet wurde.

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Wenn der Tag erwacht, ehe die Sonne lacht,/Die Kolonnen ziehn zu des Tages Mühn/Hinein in den grauenden Morgen./Und der Wald ist schwarz und der Himmel rot,/Und wir tragen im Rucksack ein Stückchen Brot/Und im Herzen, im Herzen die Sorgen./Oh Buchenwald, ich kann Dich nicht vergessen,/Weil Du mein Schicksal bist./Wer Dich verläßt, der kann es erst ermessen,/Wie wundervoll die Freiheit ist./Doch Buchenwald, wir jammern nicht und klagen./Und was auch unsere Sorge sei,/Wir wollen trotzdem ja zum Leben sagen,/Denn einmal kommt der Tag, dann sind wir frei. (Zit. nach Overesch 1995, S. 37) Benedikt Kautsky (s.u.) berichtet, dass das Lied auf ein vom Ersten Lagerführer Rödl veranstaltetes Preisausschreiben zurückgeht: „Er durfte nicht wissen, dass es ein Jude .. gedichtet und ein anderer Jude — Leopoldi — komponiert hatte: es segelte unter der Flagge eines ,arischen' Kriminellen." (Kautsky 1948, S. 130) Eine ,Aufführung' beschreibt der in Buchenwald inhaftierte katholische Priester Leonhard Steinwender (s.u.): Am Morgen der 16. November 1940 mußte das gesamte Lager eine Stunde früher als sonst %um Morgenappell antreten. Als Strafe war eine Morgensingstunde angesetzt- worden. Im Halbdunkel stand der Lagerkapellmeister auf dem großen Kieshaufen vor dem Tore. Mit einer Taschenlampe gab er den Takt den Uedem, die wir mit müden Stimmen sangen, unterbrochen von den brüllenden Rufen des unausgeschlafenen diensthabenden SSFührers. Wir sangen wiederholt das Buchenwaldlied mit dem Schlußrefrain: ,,Ο Buchenwald, ich kann dich nicht vergessen .. "(Steinwender 1946, S. 131) Der Psychologe Frankl reflektiert, analysiert: die Erlebnisseite dessen, was so tausendfältig von Millionen erfahren wurde, soll hier dargestellt werden: das Konzentrationslager ,νοη innen gesehen' — vom Standort des unmittelbar Erlebenden (Frankl 1945, S. 15). Der deutschsprachige belgische Jude, Bernard Klieger 42 , beschreibt mit ,Der Weg, den wir gingen' den Todesmarsch 43 von Auschwitz über Groß42

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Sein Buch erschien zuerst 1946 in französischer Sprache unter dem Titel ,Le chcmin que nous avons fait ... (Reportages surhumains)'. Die 1957 erschienene deutsche Ausgabe „ist keine Ubersetzung. Der Autor hat sie in deutscher Sprache geschrieben." (S. 4) „Todesmärsche, erzwungene Märsche großer bewachter Gefangenenkolonnen über lange Strecken unter sehr schlechten Bedingungen, in deren Verlauf die Gefangenen brutal mißhandelt und viele von ihren Wachen ermordet wurden. Der Begriff wurde von den I Iäftlingen der nationalsozialistischen Konzentrationslager geprägt und später von I Iistorikern übernommen." (Enzyklopädie des Holocaust III, S. 1412) Ernst Wiechert beschreibt einen solchen „Todeszug der Verdammten" aus der Außensicht: „Tausende lagen zu Tode erschöpft oder sterbend am Rand der Dorfstraße, indes die Henker mit Pistolen und Bluthunden an ihnen entlanggingen. Noch immer .. war das Volk nicht fähig, die Hand gegen das Grauen zu erheben und sah zu, wie die Hunde auf die Sterbenden gehetzt wurden. Die meisten mit Abscheu und Entsetzen, aber manche mit Genugtuung und der Freude am Grauen, die überall an der Wurzel des Menschlichen liegt. Dann wurde der Zug weitergetrieben .. Regen und Schnee fiel, und .. im nassen und dunklen Gebüsch, an den Rändern der grünen Wege und angesichts der großen Freiheit starben sie zu Hunderten wie die verlassenen Tiere, ärmer und elender als diese, und der nasse Schnee fiel in ihre offenen Augen." (Wiechert 1948, S. 374f.)

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Rosen nach Buchenwald. Klieger ist einer der 66000 Auschwitz-Insassen, die am 18. Januar 1945 auf den Todesmarsch gezwungen wurden, auf dem mindestens 15000 Menschen starben. Dieser Todesmarsch geht von Auschwitz nach Loslau, von dort nach Groß-Rosen, von dort am 7. Februar nach Buchenwald, von dort in das Nebenlager Zwiebergen bei Halberstadt (18. Februar), von dort am 9. April erneut Marsch, derfiir mich der Marsch in die Freiheit werden sollte (Klieger 1958, S. 215) — Klieger gelingt die Flucht. 44 Er versteht sein Buch trot^ aller Objektivität als den grausame[n] Spiegel eines fast unauslöschlichen Schandflecks der deutschen Geschichte. Es weist auf, wie, beinahe über Nacht, aus dem ,, Τ rolke der Dichter und Denker" ein „ Volk der Vernichter und Henker" ward (ebd., S. 6). Dennoch: Es ist Kliegers Wunsch, dass diese neue deutsche Ausgabe meines Ruches ein weiterer grosser Schritt sein [möge] über die Brücke %ur Versöhnung ^wischen uns: den ehemaligen Opfern und dem heutigen deutschen Volke (ebd., S. 9). Die jüdische Häftlingsärztin Lucie Adelsberger, im Mai 1943 von Berlin nach Auschwitz deportiert, nach der Befreiung und vor ihrer endgültigen Auswanderung in die USA als Displaced Person nach Amsterdam geraten, schreibt dort in den Jahren 1945/46 ihren Auschwitz-Bericht, Auschwitz. Ein Tatsachenbericht', den sie zehn Jahre später zur Publikation nochmals bearbeitet. Lucie Adelsberger berichtet die Geschichte derer von Auschwitz ... nicht um Sensation erregen, sondern um sie als ein Vermächtnis für uns Juden und für alle Menschen weiterzugeben. Nur wenn wir, die wir uns Gottes Geschöpfe nennen, daraus lernen, bessere Menschen tyt werden, unseren Nächsten wahrhaft ψ lieben und dafür wirken, daß die Greuel von der Erde verschwinden, kann dieses Buch seinen Zweck erfüllen. (Adelsberger 1956, S. 6) Hans Günther Adler 45 legt im Jahr 1955 mit seinem aus persönlichem Erleben bestehenden Tatsachen-Bericht ,Theresienstadt 1941-1945' die erste umfassende Monographie über ein rein jüdisches 7.wangslager der SS (Adler 1955, S. IX) vor, die nach wissenschaftlichen Kriterien erstellt wurde. Adler fasst diese Zwangsgemeinschaft als conditio humana zusammen:

Auf eben diesen Todesmarsch wird auch Elie Wiesel gezwungen, der ihn beschreibt, wie um die Wortbildung zu motivieren: „Der eisige Wind peitschte mein Gesicht. Pausenlos biss ich mir auf die Lippen, damit sie nicht erfroren. Ringsum schien alles einen Totentanz aufzuführen, sodass mir schwindelig wurde. Ich bewegte mich auf einem Friedhof, zwischen starren Leibern, zwischen Holzklötzen. Kein Verzweiflungsschrei, keine Klage, nichts als ein massenhafter stummer Todeskampf. Niemand flehte den anderen um Hilfe an. Man starb, weil man sterben musste. Man machte keine Schwierigkeiten" (Wiesel 1958/1996, S. 125) - Todes-Marsch. 1 lans Günther Adler, geboren am 2. Juli 1910 in Prag, 1942-45 Haft in Theresienstadt und den Konzentrationslagern Auschwitz und Buchenwald, nach seiner Rückkehr nach Prag 1945 Erzieher für überlebende Lagerkinder, 1947 Emigration nach London, dort Privatgelehrter und Schriftsteller, 1973 Präsident des PEN-Zentrums deutschsprachiger Autoren im Ausland.

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Paradigmatisch und in einer seltenen Konzentration erhält das Werden, Geschehen und l'ergeben des Lagers in Theresienstadt die Summe der Leiden und Obel, die sonst mehr verteilt und weniger sichtbar in allen anderen Gemeinschaften ivirken können und auch wahrhaft wirken. Es ist ja das Besondere an dem betrachteten Lager, daß alles Schiefe, Gefährliche, Närrische und Gemeine, was in Menschen und menschlichen Institutionen wuchert, oft heimlich und gewöhnlich mit einigen ästhetischen Konventionen geschmückt, hier unheimlich und unbarmherzig nackt sich so hervorn>agt, daß keinem, der nicht angstvoll flüchtend den Blick abwendet, die Einsicht in die herrschenden Verhältnisse erspart bleibt. (Adler 1955, S. 677) Texte ehemaliger KZ-Insassen, die die Grundlage des Subdiskurses der Juden bilden, werden ergänzt von Tagebucheinträgen und von Passagen aus ,LTI. Aus dem Notizbuch eines Philologen' des in ,Mischehe' lebenden jüdisch geborenen Konvertiten Victor Klemperer. Freilich: Klemperer will nicht Opfer sein. Er berichtet Mitte September von der vom AntifaBlock zu veranstaltenden Propagandamche, gedacht als Begegnung von Opfern, NichtOpfern und womöglich Tätern, die man Verhörversammlungen genannt hat: Es sollen dort nicht Reden gehalten werden, sondern das Publikum, hoffentlich auch Pg. 's selber, denn sie werden dar^u eingeladen — solle sich durch eigene Fragen darüber belehren, wie es um das Recht im 3. R^ich gestanden, was der Mann im KZ gelitten habe. In jeder Versammlung sollen sich 1 bis 3 Opfer des Faschismus fragen lassen. .. Ich sagte, ich sei kein KZ-Mann und möchte mit fast alltäglichen guai [Klemperers aus dem Spanischen übernommene Wort für Unbequemlichkeiten'] nicht „renommieren". Das wurde entrüstet zurückgewiesen. Niemand werde renommieren, jeder nur sein Erlebnis aussagen, und auch meines sei wichtig. .. Diese Versammlung ist nicht ^ustände gekommen. (Klemperer, Tagebücher 1945-1949, S.80) Klemperer ist Opfer: Er erfährt während der Nazizeit in Dresden neben der existenziell sich auswirkenden Amtsenthebung all die Alltagsschikanen und Peinigungen, vom Verbot, in bestimmten Täden einzukaufen bis zur Zwangsarbeit, vom Kinoverbot über Enteignung bis zur Zwangseinweisung in Judenhäuser — Diskriminierungen, die diejenigen erfahren, denen Auschwitz erspart bleibt. 46 Klemperer, der unermüdliche Diarist, schreibt ,nur' Tagebuch. Dieses Schreiben, zu dem auch ,LTI' zu zählen ist, ist es doch aus den Tagebucheinträgen der Jahre 1933 bis 1945 entstanden, erschließt uns die sehr persönliche Wahrnehmung desjenigen, der auch nach dem Ende der Naziherrschaft privilegiert ist: Man hat mich mehr mißachtet als einen Hund, man bewirbt sich jet^t mit allen Mitteln um mich — was wird morgen sein? (Klemperer, Tagebücher 1945-1949, S. 53).

„Im großen und ganzen waren diese Juden .. vor der Vernichtung sicher. Daraus folgt jedoch nicht, daß sie ein ruhiges Leben gehabt hätten oder daß keiner von ihnen im dichten Netz gefangen wurde. Besonders in Deutschland blieben sie ständig unter Bespitzelung, und in der deutschen Bürokratie kam es häufig zu Kontroversen über diese Menschen: Sie konnten nie wissen, was ihnen der nächste l a g brachte." (Hilberg 1992, S. 150)

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Wir sehen: Diejenige Gruppe mit der höchsten Zahl an Opfern ist in unserem Korpus die mit dem geringsten Textanteil. Abgesehen davon, dass die wenigsten der deutschen Juden, die Auschwitz oder andere Lager oder überhaupt überlebt haben, willens waren, nach Deutschland, ins Land der Täter, zurückzukehren, denn sie „hatten ihre Familien verloren und waren entwurzelt. Für die meisten von ihnen wurde Palästina nun das neue Ziel" (Bodemann 1996, S. 27) 47 , abgesehen davon waren die wenigsten in der Lage, ihre Erlebnisse schriftlich niederzulegen.

Antifaschisten Franz Dahlem, in Mauthausen inhaftiert, dessen hier ausgewertete Texte — es sind politische Reden — nicht den Alltag im KZ beschreiben, sondern auf seine KZ-Haft in politischer Funktion referieren, stellt den Bezug zu seiner KZ-Erfahrung her, um Ansprüche an die Gegenwart mit dem KZOpfer der Kommunisten zu legitimieren: Wir Kommunisten [bringen] aus den Konzentrationslagern ein Kapital an Zuversicht in die eigene Kraft und an allgemeinem Vertrauen mit, das uns befähigt und berechtigt, sammen mit den erprobten antifaschistischen Kämpfern im hande .. an die Arbeit gehen. (Dahlem 1945, S. 252)' Hans Eiden, ,Das war Buchenwald', teilt seine Sicht aus der Perspektive des Mitglieds des illegalen Lagerkomitees und des Lagerältesten in Buchenwald mit. Eiden bewertet den Anteil der deutschen Antifaschisten an der relativen Erträglichkeit des Buchenwalder KZ-Lebens: Diese[n] deutschen Antifaschisten und ihrfem] erfolgreiche[n] Kampf in Buchenwald gegen den Hitlerfaschismus sei es zu verdanken, daß Buchenwald trot~ aller Schreckenstaten, trot^ aller Massenmorde, die dort durch entmenschte Kreaturen verübt wurden, doch noch milde war im Verhältnis ^u anderen Konzentrationslagern, z-B. dem von Auschwitz (Eiden 1946, S. 213)48 Gleichwohl ist auch auf gegenläufige Bestrebungen zu verweisen: Gerade mit dem Selbstverständnis als Uberlebende und dem Gefühl der Verpflichtung den Toten gegenüber sich in Deutschland zu formieren und den deutschen politischen und gesellschaftlichen Wiederaufbau kritisch zu begleiten, wo nicht zu gestalten, war das Anliegen jüdischer Überlebender, immer auch begleitet von dem Motiv, das sich in dem Satz ausdrückt: Hitler soll nicht noch nachträglich gesiegt haben. Mit dieser Haltung institutionalisiert sich das deutsche Judentum (etwa mit der Gründung des Zentralrats 1950). Vgl. Bodemann 1996, Geis 1999. Bernard Klieger macht am Ende seines Todesmarsches von Auschwitz eine Erfahrung in Buchenwald, die dieses Bild bestätigt: Es ging uns gut in Buchenwald. .. Wir hatten den Eindruck, dass man uns verhätschelte. Tatsächlich war es auch so. In Buchenwald war nicht Gnin [Berufsverbrecher] Trumpf, sondern Rot [Politische, i.e. Kommunisten], Nur Kotmnklige hatten etwas sagen. Leute, die eines Ideales wegen im K.Z. gelandet. Sie hatten unsere Transporte in Empfanggenommen, und sie wussten, welche Leiden wir durchgemacht. (Klieger 1958, S. 178)

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Diesem Selbstbild entsprechend ist wesentlicher Bestandteil seines KZBerichts der organisierte Widerstand. Wie dieser Widerstand aussah, berichtet der Lagerälteste von Buchenwald in der idealisierten Version desjenigen, der das Bild wohl organisierten und geplanten, listigen und klugen Widerstands zu zeichnen und das manichäische Weltbild, hier repräsentiert durch die Freund-Feind-Konstellation SS und Berufsverbrecher da, Antifaschisten hie, zu bestätigen sucht: [die Antifaschisten] begriffen sehr bald, daß sie ihre Lage wesentlich erleichtern würden, wenn sie die SS ihres verlängerten Armes, der Berufsverbrecher, in der inneren Verwaltung beraubten. Und deshalb ging es ^iinächst um die Entfernung der Berufsverbrecher aus allen Stellungen in der inneren Verwaltung und ihre Ersetzung durch Antifaschisten. Das war ein schwerer, opferreicher Kampf. Er ist von Erfolg gekrönt worden. (Eiden 1946, S. 244)49 Werner Eggerath 5n , %ehn Jahre und vier Monate verachteter Zuchthäusler.. streng isoliert von anderen Menschen, und behandelt als eine Sache, die an sich wertlos ist (Eggerath 1947, S. 14), legt mit ,Nur ein Mensch' Zeugnis vom kommunistischen Widerstand während der Nazizeit ab, und Friedrich Schlotterbeck, Gefangener im KZ Colditz und im Zuchthaus, erzählt seine Geschichte, ,... wegen Vorbereitung zum Hochverrat hingerichtet' jenen, die immer noch fassungslos sind und hoffen, alles Geschehene sei nur ein wüster Traum;jenen, in deren Köpfen die Ahnung einer großen Schuld dämmert: die Schuld der Gleichgültigkeit und der Tatenlosigkeit. (Schlotterbeck 1945b, S. 3) Günther Weisenborn, Mitglied der Widerstandsgruppe Rote Kappelle, 1942 in einem Hochverratsprozess zum Tode verurteilt und aus dem Zuchthaus Luckau befreit, bearbeitet die Tätigkeit der ,Illegalen' aus eigener Anschauung dramaturgisch. Weisenborn gedenkt damit jenefr] jungen Menschen, die sich damals gegen die Geivalt erhoben, heldenhafte Männer und F'rauen in Berlin. Er nennt ihre Namen — Harro Schul^e-Boysen, Walter Husemann, Kurt Schumacher, Elisabeth Schumacher, Walter Küchenmeister — und er mahnt: die bitterste Front war die Schafottfront, und hier fielen die Helden in bleichen, schwei-

Kogon und Kautsky bestätigen zwar die segensreichen Auswirkungen kommunistischer Solidarität, die ohne ihre disziplinierte Organisation und ihren entschlossenen Widerstand unmöglich gewesen wären. Andererseits haben bereits zeitgenössische amerikanische Recherchen „Erkenntnisse über ein von politischem Kadergehorsam, korrupter Mittäterschaft, moralischen Entgleisungen und tödlichen Selektionen anderer Häftlinge gezeichnetes Fehlverhalten kommunistischer Funktionshäftlinge" zu Tage befördert (Overesch 1995, S. 35) — schuldige Opfer. Werner Eggerath, geboren 1900, in den Jahren 1947 bis 1952 Ministerpräsident von Thüringen. Thomas Mann begegnet ihm anlässlich seiner Goethereise im Jahr 1949, erinnert sich an ihn als an den „kommunistische[n] Ministerpräsident|en] von Thüringen, Eggebrecht [!j, der unter Hitler Schlimmstes gelitten hat und nun sein Amt mit der Überzeugungstreue versieht, der man, von Mensch zu Mensch, so schwer seine Achtung versagen kann." (Mann 1949, S. 137)

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genden Kolonnen, die dir den Weg gewiesen haben, den Weg in die Menschlichkeit1. (Weisenborn 1946, S. 90) Der kommunistische Literat Alfred Andersch ästhetisiert in ,Die Kirschen der Freiheit' sein lumpiges Vierteljahr Haft (Andersch 1952, S. 39) in Dachau und eine kurze Zeit im Herbst 1933, injener Zelle des Münchner Gestapo-Gefängnisses (ebd., S. 83): Mein Buch hat nur eine Aufgabe: einen einzigen Augenblick der Freiheit beschreiben, nämlich jenen Augenblick der Entscheidung .. ^wischen Mut und Angst (ebd., S. 84). Der Kulturhistoriker, Publizist und Essayist Ernst Niekisch, 1937 bis 1945 im Zuchthaus gefangener „Nationalbolschewist", verfasst seine Analyse des Nationalsozialismus ,1m Reich der niederen Dämonen' während der Nazizeit, und in einem nach 1945 dann ergänzenden Kapitel stellt er dar, in welchem Zustand, dem dauernder Ergriffenheit, innerer Bewegtheit, kämpferischer Frische, .. bebenden Protestes, dieser Text entstanden ist: Da^u kam das immer wache Gefühl, am Rande des Abgrunds entlangryigehen. Ich wußte, daß ich durch diese Arbeit mein Leben riskierte. Mir ivar bekannt, daß mich die Gestapo ständig belauerte .. von 1933 bis 1937 lebte ich in der steten Erwartung des Verhängnisses. (Niekisch 1953, S. 310) Zu den kommunistischen Widerstandskämpfern sind schließlich auch zu zählen Udo Dietmar, der in ,Häftling ... X ... in der Hölle auf Erden' das KZ Natzweiler und Buchenwald beschreibt, und Manfred SchifkoPungartnik, Österreicher, der Dachau und Mauthausen erlebt für seine blinde Uebe ^u seinem Vaterlande. Er nennt seinen ,Bericht aus fünf Jahren Konzentrationslager' (Untertitel): ,Leichenträger ans Tor!' und zitiert damit einen häufig über die Lautsprecher erteilten Befehl der SS, den der in Buchenwald inhaftierte katholische Geistliche Leonhard Steinwender (s.u.) thematisiert: Oer erste Morgengruß durch den Lautsprecher des Lagers war oft der Ruf: , Leichenträger ans Tor!" Dieser Ruf galt einem kleinen Kommando jüdischer Gefangener, die die Aufgabe hatten, die Leichen im Lager ™u sammeln und die in der Nacht verstorbenen Häftlinge fortzutragen. (Steinwender 1946, S. 69) Texte des sozialdemokratischen Widerstands, in denen KZ- oder andere Verfolgungserlebnisse dargestellt werden, sind selten. Zu den wenigen Monographien zählt Benedikt Kautskys ,Teufel und Verdammte'. Kautsky, Mitverfasser des Buchenwalder Manifests (s.u.), war österreichischer Nationalökonom, Schriftsteller und Journalist und von 1938 bis 1942 Häftling in Buchenwald, 1942 bis 1944 in Auschwitz, 1945 wieder in Buchenwald. Nach der Befreiung war Kautsky Sekretär der Wiener Arbeiterkammer. Sein Buch, das den Untertitel „Erfahrungen und Erkenntnisse aus sieben Jahren in deutschen Konzentrationslagern" trägt, soll zwar ,,kein[..] Erlebnisbericht, sondern ein politisches Buch" (Kautsky 1948, S. 7) sein, dennoch ist es, ähnlich wie Kogons „SS-Staat", eine systematisch

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dargestellte Analyse, deren biographische Voraussetzungen offensichtlich sind. Kautskys Anliegen ist motiviert im Kollektivschuldvorwurf: Die Aufdeckung der in den deutseben Konzentrationslagern vollbrachten Scheußlichkeiten [rief] in der Welt vielfach eine falsche Deutung des Wesens der Konzentrationslager und damit auch des Na^iterrors überhaupt hervor[..]. Die begangenen Schandtaten erschienen als die sadistischen Grausamkeiten der SS, und da es massenhafte Grausamkeiten waren, schrieb man sie einer besonderen sadistischen Veranlagung des gesamten deutschen l rolkes Gegen diese Geschichtsfälschung glaubte ich mich wenden müssen, nicht etwa aus dem Grund, um eine Rechtfertigung des deutschen Volkes ^u liefern, sondern u?n die Welt darauf aufmerksam ιψ machen, welche Lyhren man aus den Erfahrungen mit dem Faschismus über das Wesen der modernen Massendiktaturen Riehen habe. (Kautsky 1948, S. 7)

Nur sehr vereinzelt nehmen die Autoren des sozialdemokratischen Widerstands in anderen Zusammenhängen auf ihre Haft- oder KZ-Erfahrung Bezug, wie etwa Hermann Brill, Hauptautor des ,Buchenwalder Manifests' 51 vom 13. April 1945, der seine Lebenserinnerungen verfasst, weil er in steigendem Maße und mit Erstaunen feststellen mußte, daß selbst hochstehende und maßgebliche Persönlichkeiten über die Art und den Umfang der Widerstandsbewegung in Deutschland fast nichts wissen .. daß sie mit einer für uns, die wir in Deutschland gekämpft haben, fast unverständlichen l 'oreingenommenheit an die Dinge herantreten (Brill 1946, S. 5).

Brill nennt seine Memoiren ,Gegen den Strom', weil er als Natur der illegalen Arbeit erkennt: Sie ist Briickenbaugegen einen reißenden Strom (ebd., S. 6). Der mehrfach verhaftete Weimarer Reichstagsabgeordnete der SPD, Paul Löbe, nimmt in seinen Lebenserinnerungen ,Der Weg war lang' selten Bezug auf seine Haft-Erfahrung, stellt sich kaum mit einer OpferIdentität dar. Vielmehr spricht er von der Nazizeit als Zeit, in der ivir [!] uns schämen maßten, Deutsche sein (Löbe 1949a, S. 272). Löbe leitet die Möglichkeit des Nationalsozialismus vor allem aus dem deutschen Militarismus ab, da der „Reserveleutnant a.D." mehr galt, als Tüchtigkeit im Beruf (ebd., S. 270), und er beantwortet die Frage, wie konnten ernste, aufrechte Menschen

Hermann Brill, geboren 1895 in Gräfenroda/Thüringen, 1920 bis 1933 Mitglied des Thüringischen Landtags, in der Nazizeit „theoretischer Kopf der Widerstandsbewegung Deutsche Volksfront", im Juli 1939 vom Volksgerichtshof wegen Vorbereitung zum Hochverrat zu zwölf Jahren Zuchthaus verurteilt, im Dezember 1943 als „nicht besserungsfähiger Häftling" nach Buchenwald deportiert. Dort formierte er zusammen mit dem Magdeburger Redakteur Ernst Thape, dem österreichischen Sozialisten Benedikt Kautsky, dem Leipziger Zentrumsführer Werner Hilpert und den Kommunisten Walter Wolf, Johannes Brumme und Otto Kipp den „theoretisch-programmatischen Widerstand Buchenwalds" (Overesch 1995, S. 34). Das Buchenwalder Manifest gilt als „eines der bemerkenswertesten Dokumente zum demokratischen Neubeginn" (Benz 1987, S. 204). Als „Bekenntnis zu einer demokratischen deutschen Republik in einer europäischen Staatengemeinschaft" sei es „ein wahrhaft bedeutendes und in die Zukunft weisendes politisches Programm des deutschen Widerstands" (Overesch 1995, S. 34).

Die Diskursgemeinschaft der Opfer

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solche [Bestien] widerstandslos hinnehmen? wie viele mit dem Zusammenfall des Wertesystems und den Folgen des nazistischen Terrors: es war der geistige Zusammenbrach und die Angst vor den täglich und nächtlich sich wiederholenden körperlichen Quälereien (ebd., S. 228f.). Der von den Nazis mit Berufsverbot belegte Ernst Müller-Meiningen jr. verweist in einer Bemerkung an die Adresse der tatsächlich und nachweislich von den Na^is Verfolgten und Geschädigten, denen .. auch der Verfasser gehört, auf die besondere Verantwortung der Opfer im Nachkriegsdeutschland: Ihnen, die nicht durch Zugehörigkeit ^ur Na^ibewegung kompromittiert sind, fallen beim Wiederaufbau von Staat und Wirtschaft führende Aufgaben ™u (Müller-Meiningen 1946, S. 16). Bürgertum und Militär Der privilegierte' weibliche Sippenhäftling des Frauenkonzentrationslagers Ravensbrück, die Kabarettistin Isa Vermehren 52 , beschreibt ihre ,Reise durch den letzten Akt' des Dramas Nationalsozialismus'. Isa Vermehren war, was man auch Ehren-, Sonder-, Untersuchungr- oder Schutzhäftling (Vermehren 1946, S. 20) nannte, und wurde in Ravensbrück inhaftiert, weil ihr Bruder, Diplomat in der Türkei, sich 1944 zu den Engländern abgesetzt hat. Isa Vermehren will deutlich machen, dass es an der Zeit [ist], sich endgültig loszumachen von dem harmlos optimistischen Bilde des natürlicherweise .guten"Menschen (ebd., S. 5). Fabian von Schlabrendorff gehörte zum Widerstand des 20. Juli, wurde verhaftet und am 4. Mai 1945 befreit. Er beschreibt den Versuch der ,Offiziere gegen Hider', militärischen Widerstand zu formieren. Ihm gelingt die Ethisierung des Widerstands, zu der die meisten Militärs nicht fähig waren: Da ich Verbrechern gegenüberstand, die nur in der Maske einer staatlichen Behörde auftraten, fühlte ich mich moralisch %u meinem Verhalten berechtigt. (Schlabrendorff 1946, S. 163f.)

Isa Vermehren, geboren 1918 in Lübeck, wird, nachdem sie sich geweigert hat, die Hakenkreuzfahne zu grüßen, der Schule verwiesen, worauf sie mit ihrer Mutter nach Berlin geht. Als Fünfzehnjährige tritt sie dort in Werner Fincks politisch-literarischem Kabarett „Katakombe" auf. 1938 konvertiert sie zum katholischen Glauben. In der frühen Nachkriegszeit spielt sie in zahlreichen Spielfilmen. Anfang der fünfziger Jahre geht sie als Nonne ins Kloster und arbeitet als Schulleiterin in Bonn und Hamburg.

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Betciligungsrollen und Texte

Geistliche und religiös Inspirierte Der österreichische katholische Geistliche Leonhard Steinwender war als „Schutzhäftling" von November 1938 bis November 1940 in Buchenwald inhaftiert. Er spiritualisiert in ,Christus im Konzentrationslager' das KZ: Dieses kleine Buch hat sich nicht tyr Aufgabe gesetzt, Qualen und Todesnot ψ schildern, die blutigen Pfade entmenschter Brutalität wieder ξu gehen. Es will den Versuch wagen, das religiöse Lieben im KZ. darzustellen, den Spuren der Gnade folgen, die gläubigen Menschen in den härtesten Jahren ihres Lebens eine geheimnisvolle Kraft gab. (Steinwender 1946, S. 9f.) Der Mitbegründer der Bekennenden Kirche, der evangelische Pastor Martin Niemöller, 1937 bis 1945 in Dachau inhaftiert, lässt seinen Opferstatus als Politischer Häftling und persönlicher Gefangener des Führers vor sich selbst nicht als Endastungsargument gelten: Wer will mir denn eigentlich nachweisen, daß die Schuld, diejet^t von meinem l 'olk eingefordert wird, mich irgend etwas angeht? .. %wei Zahlen: „1933 — 1945".. Mein Alibi reichte vom 1. Juli 1937 bis Mitte 1945. .. „Wo warst du 1933 bis t^um 1. Juli 1937?" (Niemöller 1946, S. 31 f.) Der ,Ni e m öller der SBZ', Probst Heinrich Grüber, mahnt: Unsere .Aufgabe als KZler ist es, jet^t den Weg von Negativem, von Neid und Niedertracht ^uriick^itführen ^u dem, was uns trägt und erhält. (Grüber 1947, S. 367) In den religiösen Kontext zu zählen ist Ernst Wiechert 53 , der bereits 1939 in seinem „Bericht" ,Der Totenwald' (gemeint ist Buchenwald) Zeugnis ablegt, das „nichts sein [will] als die Einleitung zu der großen Symphonie des Todes, die einmal von berufeneren Händen geschrieben werden wird" (Wiechert 1939/1964, S. 5): „den Toten zum Gedächtnis,/den Lebenden zur Schande,/den Kommenden zur Mahnung" (ebd., S. 134). In seiner Biografie Jahre und Zeiten' gedenkt Wiechert dieser Erfahrung: Es wäre ^uvielgesagt, wenn ich behaupten wollte, daß ich es überwunden hätte. Ich habe es aufgenommen und verwandelt, aber ich habe es niemals so überwunden, daß es ausgelöscht wäre. Ich habe alles vergeben, aber ich habe nichts vergessen. Es gibt keine Stunde vor dem Einschlafen, in der es nicht wieder da wäre, nicht mein eigenes Eeiden, sondern das der anderen. (Wiechert 1948, S. 339) Was Wiechert belastet,

In seinen sonst nicht immer von Urteilssicherheit zeugenden Geheimberichten empfiehlt Carl Zuckmayer Wiechert den Amerikanern: „in jeder seiner Äußerungen .. hat Wiechert seinen aus religiösen und weltanschaulichen Quellen erwachsenen Widerstand gegen die Nazis dargetan. Einer der besten und tapfersten von allen in Deutschland verbliebenen Schriftstellern. .. Wiechert wird einer der berufensten Sprecher und Vertreter der anständigen und wertvollen Deutschen sein, und falls er das Hitlerende überlebt, vor allen Dingen von der Jugend in Deutschland gehört werden." (Zuckmayer vor 1943, S. 22f.)

Die Diskursgemcinschaft der Täter

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ist das schwere Wissen, daß die Menschheit und die Menschlichkeit geschändet werden können und daß das Geschehen oder Nichtgeschehen dieser Schändung nur von der Gewalt abhängt, von der Gewalt der Guten zwar, aber doch von der Gewalt, mit der es verhindert werden kann. Nicht von der Menschheit und der Menschlichkeit an undfür sich (ebd., S. 339f.). Einen besonderen Status hat der katholische intellektuelle Opponent, Eugen Kogon, der als zuverlässiger, nicht einseitig orientierter früherer Häftling des Lagers (Kogon 1946a, S. 10), beauftragt worden war, zu berichten, wie ein deutsches Konzentrationslager eingerichtet war, welche Rolle es im nationalsozialistischen Staat zu spielen hatte, und welches Schicksal überjene verhängt wurde, die von der Gestapo in die Lager eingewiesen und von der SS dort festgehalten wurden (ebd., S. 9). Kogons Buch — er ist der einzige, der konsequent statt KZ KL sagt — über den ,SS-Staat. Das System der deutschen Konzentrationslager' gehört zu den ersten Opferdarstellungen. Jorge Semprun, Buchenwald-Häftling wie Kogon, verleiht ihm und diesem Buch das Prädikat,objektiv': schließlich brauchten seine [Kogons] Beobachtungen und Analysen, da er kein Marxist, sondern ein Christdemokrat war, nicht mit den festgelegten Vorschriften der Dialektik übereinzustimmen. Sie konnten also objektiv sein. (Semprun 1999, S. 100) Festzuhalten ist: Opfer gleich welcher Provenienz hefern mit ihren Texten zum Schulddiskurs Berichte. In ihren Reportagen dokumentieren und referieren, bezeugen und verbürgen sie, was ihnen widerfuhr, was sie zu Opfern machte also. Das dominierende Handlungsmuster des Schulddiskurses der Opfer ist berichten. Insofern erfüllen Opfer mit ihren Berichten die Funktion von Zeugen. 54 Diese Zeugen sind, als Opfer, unmittelbar Beteiligte 55 , der Wahrheitsanspruch, den Berichte und den diese Zeugen vor allem erheben, ist geschützt durch das Tabu. KZ-Berichte sind unantastbar.

2.2. Die Diskursgemeinschaft der Täter Goldhagen setzt Täter und deutsch synonym: [Wir] müssen .. bequeme, aber oft unangemessene und vernebelnde Etikettierungen wie ,Nazis' oder ,SS-Männer' vermeiden und sie als das bezeichnen, was sie waren, nämlich Deutsche. Der angemessenste, ja der einzig angemes-

„Den Anforderungen an die Zeugenaussage entspricht als Textsorte vor allem der ,Bericht'" (Hoffmann 1983, S. 271). Obwohl in unserem Fall die Zeugenrolle und die des „involvierten Beobachters" zusammenfallen: „Die Perspektive |in Zeugenberichten] ist die eines in das wiedergegebene Geschehen nicht involvierten Beobachters" (Hoffmann 1983, S. 272).

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Beteiligungsrollen und Texte

sene Begriff für diejenigen Deutschen, die den Holocaust vollstreckten, lautet ,Deutsche'. (Goldhagen 1996, S. 19)

An anderer Stelle bestimmt Goldhagen Täter als jeden, „der wissentlich zum Massenmord an den Juden beitrug" (Goldhagen 1996, S. 201). Vorausgesetzt, wir setzen die Schuld des Nationalsozialismus mit dieser Schuld gleich: Was heißt dann ,Deutsche' und was heißt ,wissentlich beitrug'? Am Ende hat doch jeder und jede, der und die sich irgendwie affirmativ zum Nationalsozialismus verhalten hat, zu diesem Massenmord, der ja nationalsozialistisches Hauptziel war, beigetragen. Mit diesem Täterbegriff ist nicht viel anzufangen. Reicht der andere, der die engere Personage des KZ- und Vernichtungsszenarios meint? Tom Segev schätzt die Zahl der in den Lagern Beschäftigten auf 40.000 (Segev 1995a, S. 18). Ein Täterbegriff, der Lagerwachen, Lagerverwaltung, Einsatzgruppen, Polizeibataillone etc. einschließt, umfasst eine Anzahl von ca. 100.000 bis 200.000. 56 Täter, sind das die Klehr und die Kaduk, die Hoffmann und die Mulka und die Boger 57 ? Sind Täter diejenigen „Sadisten oder Schizophrene, die es in jeder Gesellschaft gibt" oder sind das „die typischen NS-Täter .. die einen eher kleinen Anteil an der Bevölkerung haben"? (Schwan 2001, S. 74) Sind Täter auch „die vielen anderen .., denen noch ein (rudimentäres) Gewissen schlägt, denen Reste der traditionellen Moral noch gegenwärtig

Peter Steinbach nimmt für den Völkermord an den Juden 100.000 Täter an (Steinbach 1981, S. 74). Kielmannsegg gibt 200.000 an Verbrechen des Nationalsozialismus Beteiligte an (Kielmannsegg 1989, S. 43). Goldhagen hingegen findet, dass eine „brauchbare Schätzung, wie viele Personen sich am Genozid beteiligt haben, wie viele Täter es also gab, .. nie vorgelegt worden" sei (Goldhagen 1996, S. 18). Es sind dies Angeklagte im Frankfurter Auschwitz-Prozess: Josef Klehr „hat mehr Menschen durch .. Spritzen ermordet.. als irgendein anderer SS-Mann" (Langbein 1972, S. 134) und ist schuldig des Mordes in mindestens vierhundertfünfundsiebzig Fällen und der gemeinschaftlichen Beihilfe zum gemeinschaftlichen Mord in mindestens sechs Fällen, davon in zwei Fällen begangen an mindestens je siebenhundertfünfzig Menschen, im dritten Fall an mindestens zweihundertundachtzig Menschen, im vierten Falle an mindestens siebenhundert Menschen, im fünften Falle an mindestens zweihundert Menschen und im sechsten Falle an mindestens fünfzig Menschen. Oswald Kaduk, Rapportführer in Auschwitz, war eine der Personen, „in denen sich die Unmenschlichkeit der SS personifiziert" (ebd., S. 438), schuldig des Mordes in zehn Fällen und des gemeinschaftlichen Mordes in mindestens zwei Fällen, begangen in einem Fall an mindestens tausend, in dem anderen an mindestens zwei Menschen. Franz Hoffmann führte die Aufsicht über die Vernichtungsaktionen in Auschwitz und ist schuldig des Mordes in einem Fall, des gemeinschaftlichen Mordes in mindestens dreißig Fällen, sowie des gemeinschaftlichen Mordes in mindestens drei weiteren Fällen an je mindestens siebenhundertfunfzig Menschen. Robert Mulka wird der gemeinschaftlichen Beihilfe zum gemeinschaftlichen Mord in mindestens vier Fällen an mindestens je siebenhundertfünfzig Menschen für schuldig befunden. Friedrich Boger ist schuldig des Mordes in mindestens einhundertvierzehn Fällen und der gemeinschaftlichen Beihilfe zum gemeinschaftlichen Mord an mindestens tausend Menschen sowie einer weiteren gemeinschaftlichen Beihilfe zum gemeinschaftlichen Mord an mindestens zehn Menschen. (Vgl. Justiz und NS-Verbrechen 1979 XXI, S. 381-383)

Die Diskursgemeinschaft der Täter

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sind und die sich trotzdem an Mord, Lüge, Verrat beteiligen" (Schwan 2001, S. 74)?58 Wir wollen uns, wie gesagt, nicht auf die Problematik der aufgeweichten Täter- und Opferklassifizierungen einlassen59, nicht auf die Fragwürdigkeit der Vorstellung von unschuldigen Tätern und schuldigen Opfern — sie scheint auch im Zusammenhang der Täterdefinition für unsere Zwecke von zu vernachlässigender Bedeutung. Denn wir beziehen uns auf die eindeutigen Fälle und im Zusammenhang mit dieser Studie legen wir fest: Täter sind Handlungs- und Funktionsträger des ,Dritten Reichs', wie z.B. die in Nürnberg verurteilten Hauptkriegsverbrecher, wie der Kommandant von Auschwitz Rudolf Höß, und wie der Leiter des Wirtschafts- und Verwaltungshauptamts der SS Oswald Pohl. Täter ist weiterhin der Legitimator des Nationalsozialismus Carl Schmitt, und Schrittmacher des Nationalsozialismus, wie z.B. der früh sich abkehrende Rudolf Diels. Täter sind auch diejenigen, welche man in Nürnberg freisprach, die aber einen wesentlichen Anteil an der Inthronisierung Hiders und an seiner zwölf Jahre währenden Machtausübung hatten (und die dann in separaten Entnazifizierungsverfahren für schuldig befunden wurden), von Papen, Schacht und Fritzsche. Und Täter sind solche, welche keine Nationalsozialisten im Sinn von Parteimitgliedern waren, aber eine handlungstragende Rolle spielten, wie der in Nürnberg im sogenannten Wilhelmstraßenprozess 1949 ebenfalls freigesprochene Otto Meißner. Täter sind auch solche Generäle, die politisch involviert waren und die sich vor Gericht zu verantworten hatten (wie z.B. Kesselring, List und Leeb). Zur Rekonstruktion des Schuldbegriffs von Tätern sind zwei Textarten zugrunde gelegt: Zum einen die gut zugänglichen Äußerungen der Haupttäter vor dem Internationalen Militärtribunal (IMT) in Nürnberg oder anderen Gerichten, dokumentiert in den veröffentlichten Protokollen. Es handelt sich um Äußerungen in rechtfertigender Funktion, denn Rusinek schlägt vor zu unterscheiden „zwischen direkt am Mordgeschehen Beteiligten, etwa KZ-Schergen oder Einsatzgruppen-Angehörigen, und indirekt Beteiligten - Bürokraten, Wirtschaftsführern, Militärs, Wissenschaftlern, Ideologen und Propagandisten. Das Segment der indirekt Beteiligten ist wieder in Beteiligte durch Handeln und Beteiligte durch Unterlassen aufzugliedern." (Rusinek 2000, S. 2) Vgl. auch Wodak u.a. 1990. Bemerkenswert ist in diesem Zusammenhang die Nachsicht des Opfers. Der ehemalige Auschwitz-Häftling und nachmalige Leiter der Gedenkstätte Auschwitz Hermann Langbein etwa warnt vor der Suggestion scheinbar einfacher Sachverhalte: „Man soll es sich nicht so leicht machen. Unter anderen Bedingungen hätten sich Moll, Boger und all die anderen, deren Namen man heute mit Abscheu nennt .., kaum von der Masse der Unbekannten unterschieden" (Langbein 1972, S. 405). Rudolf Höß etwa hätte „unter anderen Verhältnissen möglicherweise ein gewissenhafter Leiter eines Postamtes .. werden können". Er „wurde durch ein pervertiertes Pflichtgefühl und durch ein nach Himmlers Rezept entwickeltes ebenfalls perverses Selbstmideid instand gesetzt, ein Vernichtungslager zu kommandieren" (ebd., S. 345).

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Beteiligungsrollen und Texte

sie stehen sämtlich in dem forensischen Kontext der Schuldzuweisung, die von den Haupttätern Göring, Rosenberg, Kaltenbrunner, Funk, Schacht, Papen, Dönitz, Raeder, Seyss-Inquart, Frick, Ribbentrop, Heß, Streicher, Neurath, Frank, Fritzsche, Keitel, Jodl, Sauckel, Speer, Schirach und von angeklagten Generälen zurückgewiesen werden. Zum anderen bilden in den ersten Nachkriegsjahren verfasste ,Lebenserinnerungen' (von Best, Papen, Schacht, Frank, Höß, Rosenberg, Diels, Dietrich, Pohl, Meißner, Kesselring) und das Tagebuch Albert Speers das Diskurskorpus. Auch hierbei handelt es sich um Äußerungen in rechtfertigender Funktion, denn auch sie stehen in dem zwar nicht forensischen, aber ein anklagendes Nachkriegs-Klima beherrschenden Kontext. Damit soll natürlich nicht gesagt werden, dass die deutsche Gesellschaft derart mit ihrer Vergangenheit aufzuräumen bereit war, dass die Täter gesellschaftlich isolierte Parias waren. 60 Aber allein die Tatsache, dass etwa die Parteimitgliedschaft eines Zeitgenossen z.B. bei informellen Anlässen überhaupt der Erwähnung wert waren (bei Klemperer ist nachzulesen, wie etwa im nachbarschaftlichen Gespräch des einen oder anderen braune Vergangenheit thematisiert wird), dass eine verbrecherische Nazi-Vergangenheit, wenn sie bekannt wurde (allzu oft wurde sie nicht bekannt), vor Gericht aufgearbeitet wurde61, der Umstand, dass viele Täter 1945 aus Angst vor Verfolgung ihre Identität wechselten (der Fall Schneider/Schwerte ist wohl nur der bekannteste) — all dies macht offensichtlich, dass Täter sich zumindest in ihrem öffentlichen Reden an einem allgemein gültigen System von Werten und Normen zu orientieren hatten, dem sie sich derart anpassen mussten, dass sie in Biographien und Tagebüchern durch Leugnen oder Rechtfertigen eine mit diesem Wertesystem kongruierende Wirklichkeit konstruierten. Zwar: „die in Nürnberg davonkamen .., haben mit einem vom Freispruch geschwellten Kamm das Wort ergriffen" (Freund 1954, S. 327), aber der moralische Druck scheint doch so hoch, dass selbst Täter, die ihre Haut vor Gericht retten konnten, sich schreibend vor der Öffentlichkeit rechtfertigen. Auch hier gilt: Es ist nationalsozialistische und militärische Täterelite, die uns zugänglich ist. Die „mit der Mentalität von Kammerjägern" (Langbein 1972, S. 324) mordenden ,Desinfektoren', die, die ihre Opfer von Angesicht zu Angesicht sahen, schreiben nicht. Mit welchen Texten haben wir bezüglich des Schulddiskurses der Täter zu rechnen, welche

Vgl. den auch als Milieustudie zu lesenden Beitrag von Barbara Fait (1990). Zur forensischen Bearbeitung von NS-Verbrechen vgl. unter vielen anderen Rückerl 1984; Redaktion kritische Justiz 1998. Zu Urteilsbegründungen in den fahren 1945 bis 1955 als zeit- und sprachgeschichtliche Dokumente vgl. Kämper 2002. Vgl. außerdem Niethammer 1972.

Die Diskursgemeiiischaft der Täter

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Gestalt hat der Täterdiskurs hinsichtlich der SelbstdarStellung seiner Teilnehmer in ihren Schriften?

Regierung Hans Frank zeigt nicht Schuldeinsicht ,Im Angesicht des Galgens' 62 , sondern sucht sein Verbleiben im Amt zu erklären mit einem Racheakt Hitlers: ich [wurde] als Generalgouverneur von Hitler in grausamster Weise, meinen vierzehn Rücktrittsgesuchen zum Trot™, selbst dann auszuharren gezwungen .., als ich 1942 aus meinen sämtlichen Ämtern in Reich und Partei cum infamia entlassen wurde. Hitler wußte, warum er mir das antat. Das Amt in Krakau war seine Verfluchung, seine Rache gegen mich. Er wußteja, was in Treblinka und an anderen Orten vor sich ging. Und wußte, was er mir und meinem Namen damit allein insgeheim aufbürdete. (Frank 1945/46, S. 404) Der religiöse Frank, der am 16. Dezember 1941 in einer RegierungsSitzung verlauten lässt, „Mideid wollen wir grundsätzlich nur mit dem deutschen Volke haben, sonst mit niemandem auf der Welt. Wir müssen die Juden vernichten, wo immer wir sie treffen" (zit. nach Klee 2003, S. 160), überantwortet sein Tun: Gott, mein Gott, warum hast du uns nicht geholfen, den armen Deutschen und den armen, armen Juden? (Frank 1945/46, S. 37) Alfred Rosenberg ist in ,Letzte Aufzeichnungen. Ideale und Idole der nationalsozialistischen Revolution' der missverstandene und tolerante Völkerversöhner und der unbeirrbare Panegyriker des Nationalsozialismus. Diesen hält er für die edelste Idee, für die ein Deutscher die ihm gegebenen Kräfte einzusetzen vermochte. Der Nationalsozialismus war der Inhalt meines tätigen Löbens, ihm habe ich treu gedient trotz aller Irrtümer und menschlicher Unzulänglichkeiten. Ihm bleibe ich auch treu, solange ich noch lebe. (Rosenberg 1945, S. 272) Er findet die Formulierung Auschwitzer Vorgänge, die von den Anklägern als Ergebnis der Verschwörung ausgegeben würden, denn sie wollen eben ihre Opfer haben, wie es die , Weltmeinung"fordert. Im Übrigen: eine antijüdische Gesinnung sei verständlich, ja moralisch erlaubt, und gegen diese Gesamterscheinung [dominierende jüdische Präsen~ in der Öffentlichkeit, Wucher, antideutsche und antichHstliche Absichten, Pornographie] aufzutreten, geboten Anstand und Wille zjtr kulturellen Sauberkeit (ebd., S. 287). Albert Speer, den Klee als „Autor apologetischer Schriften" führt (Klee 2003, S. 590), ringt scheinbar Seite um Seite seines ,Spandauer Ta-

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Der Sohn Niklas Frank vermutet, dass der Titel nicht vom Vater stamme, „denn Du rechnetest wohl doch mit einer Gefängnisstrafe" (Frank o.J., S. 45).

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Betciligungsrollen und Texte

gebuchs' mit der Erkenntnis seiner Schuld auf der Suche nach einer (neuen?) Identität: Hitler hat mich nicht von mir selbst abgebracht. Mein Widerwille gegen die Großstadt, den Menschentypus, den sie hervorbrachte, .. meine Leidenschaftfür das Ritdern, Wandern und Bergsteigen: das alles waren ja schon romantische Protesthaltungen gegen die Zivilisation. In Hitler sah ich vor allem anderen den Bewahrer der Welt des neunzehnten Jahrhunderts .. So gesehen, muß ich auf Hitler geradezu gewartet haben. .. Also wäre das Gegenteil richtig: durch ihn erst habe ich eine gesteigerte Identität gefunden. Man könnte noch weiter fragen, ob Hitler — merkwürdiger Gedanke! — nicht die Ursache dafür ist, dass ich jettj im Gefängnis noch einmal eine neue Identität wiedetfinde: Hätte ich ohne die Erfahrungen und Einsichten, die ich durch jene Jahre gewonnen habe, je gelernt, dass alle historische Größe weniger ist als eine bescheidene Geste der Menschlichkeit, alle nationale Ehre, von der wir träumten, nichtiger als schlichte Hilfsbereitschaft? Wie sonderbar sich mir die Perspektiven verschieben! (Speer 1949, S. 219) Mit der Selbsteinschätzung ,zu Unrecht angeklagt' liefern Täter Darstellungen aus ihrer Sicht. Franz von Papen sucht, der ,Wahrheit eine Gasse' zu bahnen, und diese Wahrheit ist seine: All^uoft müssen Biographien, wenn nicht der Glorifi^ierung so doch der Entschuldigung des Autors dienen. Mein Bericht über ein Heben, das in der Wende zweier Zeitalter und \wischen den Fronten der ^erbrechenden europäischen Welt verlief, ist nicht um eines solchen Ehrgeizes willen geschrieben (Papen 1952, S. 11) — ein Erinnerungswerk, das so beginnt, ist nichts anderes, als was es vorgibt, nicht zu sein. Und so ist aus der Sicht der Historiographie über dieses Geschichtenbuch vor allem zu sagen, dass „Papens Erinnerungen .. für die Zeitgeschichte (als Geschichtsschreibung) so kennzeichnend [sind], wie die Figur Papens kennzeichnend für die Untergangs]ahre der Weimarer Republik war." Ein „schauerlich gutes Gewissen" lässt „den Autor nicht merken .., w o eigentlich etwas verschwiegen werden müsste." (Freund 1954, S. 318) Dieses schauerlich gute Gewissen' hat auch Hjalmar Schacht. Er setzt zwei Mal an, sein Handeln und Denken zu plausibilisieren. Seinen ersten Versuch nennt er .Abrechnung mit Hider' (1948) — der Titel sagt es: Da soll Vergeltung geübt werden, da gibt jemand vor, betrogen worden zu sein und jetzt auf Heimzahlung zu sinnen. Diese erste als Rowohlts Rotations Roman im Zeitungsformat erschienene biographische Version setzt mit dem Jahr 1923 ein, und ihr Generalbass lautet wie der der 1953 erschienenen Autobiographie: Diese Aufgabe lag mir vor allem anderen am Herten. Sechseinhalb Millionen Arbeitslose wieder in Hohn und Brot bringen, ihrem Eeben wieder Sinn und Inhalt geben, war des Schweißes der Edlen wert. (Schacht 1948, S. 8) Dieser frühe Text bildet gleichsam den Grundstock für die spätere ausführliche Version, die dieser Täter mit der Selbstsicht Jodler 1953 vorlegt. Auch Schacht, von dem Goebbels am 6. Januar 1931 in seinem Tagebuch

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vermerkt: „Er sagt mir viel Schmeichelhaftes, aber ich traue ihm nicht" (Tagebücher II, S. 551), schreibt, um seine Vergangenheit aufzuarbeiten, seine lebendige Vergangenheit, nicht die, welche man in Nürnberg, Stuttgart und Ludwigsburg anlässlich seiner dortigen Prozesse oft genug zur Sprache gebracht habe: Man hatte versucht, jeden einzelnen Schritt meines Lebens sozusagen dokumentarisch belegen. .. In Nürnberg und vor den Spruchkammern hatten die Ankläger Dokumente vorgewiesen, mit denen sie meine l rergangenheit lückenlos ζu belegen glaubten. Die l rerteidiger und Zeugen hinwiederum hatten andere Dokumente votge/egt, auf denen genau das Entgegengesetzte stand. .. jedes Stück Papier, das fiir oder wider mich gebraucht wurde, war nicht die wahre Vergangenheit, war immer nur ein Stückchen von ihr, aus dem Zusammenhang gelöst und deshalb tot. (Schacht 1953, S. 11) Da also Verteidiger wie Ankläger seine Vergangenheit je nach ihren Interessen — Freispruch oder Verurteilung — zurecht machten, schickt Schacht sich nunmehr — in der Attitüde des Objektiven — an, die wahre Geschichte dieser Zeit niederzuschreiben: Ich will weder freigesprochen noch verurteilt werden. Ich will sagen, wovon man heute schweigt! (ebd., S. 14) Der Regierung gleichsam assoziiert war Otto Meißner. Er gebraucht in seinen Memoiren Staatssekretär unter Ebert, Hindenburg, Hitler' wie Schacht und viele andere das klassische ,ich blieb, um Schlimmeres zu verhüten'-Argument: In diesem meinem Entschluß wurde ich in jenen Tagen von Politikern der bürgerlichen Parteien und auch von kirchlicher Seite bestärkt, die mir %um l'erbleib zuredeten, damit auch nach dem Tode Hindenburgs noch eine Stelle erhalten bliebe, welcher politisch entmachtete und bedrängte Kreise ihre Wünsche und Beschwerden ~ur Übermittlung an den Kegierungs- und Staatschef vortragen könnten. Ich habe meinen datnaligen Entschluß, obgleich er mir später eine vierjährige Internierung und die Anklage vor dem Nürnberger amerikanischen Militärgerichtshof einbrachte, nicht bereut, denn ich habe durch mein Verbleiben im Amte unter Hitler, namentlich durch die Behandlung der Gnadensachen, in vielen Fällen Unrecht und Gewalttat abwenden, in anderen Fragen vermittelnd und ausgleichend wirken und vielen Bedrängten helfen können. Der Nürnberger amerikanische Militärgerichtshof hat dies in der Begründung des mich freisprechenden Urteils ausdrücklich anerkannt. (Meißner 1950, S. 388f.) Michael Freund beschreibt diese Erinnerungen Meißners als Musterbeispiel für den für die Träger des ,Dritten Reiches' typischen „unpersönlichen bürokratischen .. geschichtskalenderartigen Bericht über die Zeit", hinter dem sich der Autor versteckt: „Was nie in das Innere eines Menschen eindrang, dessen kann sich der Mensch auch nicht erinnern." (Freund 1954, S. 327) Und dass der Nationalsozialismus ,nie in diese Menschen eindrang', ist die Voraussetzung für ihren zwölfjährigen Dienst als Funktionsträger in diesem System, ist eine der Voraussetzungen für zwölfjährige Existenz und Verbrechen dieses Systems, und ist die Vorausset-

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Beteiligungsrollen und Texte

zung für die Abwesenheit einer Verbindung zwischen Erinnertem und Erinnerndem, wie sie ein Schuldbewusstsein herstellen würde.

Planer Oswald Pohl, der „Herr über die Arbeitssklaven in den KZ, die rücksichtslos ausgebeutet wurden", der „Exekutor von Himmlers Auftrag ,Vernichtung durch Arbeit'" (Benz/Graml/Weiß 1997, S. 870), von „Mitarbeitern als Despot beschrieben" (Klee 2003, S. 467), präsentiert in seiner Bekehrungsgeschichte ,Credo. Mein Weg zu Gott' — bemerkenswert die Verfasserangabe: „Von General der Waffen SS [in den bekannten Runen] a.D. Oswald Pohl" — den Weg des endlich tiefreligiösen Katholiken, mit vielen Stationen: religiös erzogenes Kind, quälenden Seinsfragen ausgelieferter junger Mann, nach Nietzsche-Lektüre Abgefallener (Da warf ich voller Verzweiflung die Bibel ins Feuer.; Pohl 1950, S. 22), dann zu den Sternen Geflüchteter, schließlich in der Waffen-SS Erfolgreicher, Mit der Annahme des Auftrages Himmlers [die Verwaltung der Waffen-SS aufzubauen] geriet ich nichtsahnend in jene Organisation, die elf Jahre später als „verbrecherisch" gebrandmarkt werden sollte (ebd., S. 29), nach 1945 Gefangener und nach einer Erkenntnis, die er ,Schuldeinsicht' nennen würde, Geläuterter: am Sonntag Sexagesima 1950 erlebte ich die Gipfelstunde meines Febens in der Feier meiner Ersten heiligen Kommunion (ebd., S. 66), und: So wurde aus einem SS-General ein gläubiger Katholik (ebd., S. 66).

Exekutor Höß schreibt seine Memoiren, ,Kommandant von Auschwitz', während seines Prozesses in Polen 1946/47 (im April 1947 wird das Todesurteil vollstreckt). Diese „Selbstdarstellung, im Bewusstsein des bevorstehenden Todes geschrieben, gilt.. als ein Schlüsseltext für das Verständnis von SSKarrieren und Täter-Biographien" (Reichel 2001a, S. 170). Höß versucht, den gespaltenen Ehrenmann, der den Kampf des Pflichtgetreuen mit der Ethik verliert, zur Geltung zu bringen: menschliche[..] Kegungen kamen mir.. beinah wie Verrat am Führer vor. Es gab für mich kein Entrinnen aus diesem Zwiespalt. Ich mußte den Vernichtungsvorgang das Massenmorden weiter durchführen, weiter erleben, weiter halt auch das innerlich zutiefst Aufwühlende mit ansehen. Kalt mußte ich allen l rorkommnissen gegenüberstehen. .. ich hatte mich .. in Auschwitz wahrhaftig nicht über Langeweile t y beklagen. Hatte mich irgendein Vorgang sehr erregt, so war es mir nicht möglich nach Hause, meiner Familie s^u gehen. Ich setzte mich dann aufs Pferd und tobte so die schaurigen Bilder weg oder ich ging oft des nachts durch die Pferdeställe undfand dort bei meinen Lieblingen Beruhigung. .. wenn ich

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.. nachts draußen bei den Transporten, bei den Gaskammern, an den Feuern stand, rnußte ich oft an meine Frau und die Kinder denken, ohne aber sie näher mit dem ganzen Vorgang in Verbindung bringen. .. Ich war in Auschwitz seit Beginn der MassenVernichtung nicht mehr glücklich. Ich wurde unt^tfrieden mit mir selbst. Da^it noch die Hauptaufgabe, die nie abreißende Arbeit und die XJn^uverlässigkeit der Mitarbeiter. Das Nichtverstanden- und Nichtgehörtwerden von meinen Vorgesetzten. Wirklich kein erfreulicher und wünschenswerter Zustand (Höß 1947, S. 129) — Arbeitsplatz Auschwitz. Der Gerichtspsychologe Gilbert erkennt in Höß, den er in Nürnberg anlässlich seines dortigen Auftritts als Zeuge der Verteidigung beobachtet, einen geistig normalen Mann „mit einer schizoiden Apathie" und „Mangel an Einfühlungsvermögen" (Gilbert 1995, S. 253). Höß ist der Prototyp des deutschen Befehlsempfängers — Ich setzte mein ganzes Können, mein ganzes Wollen für meine Aufgabe ein, ich ging gant^ in ihr auf (ebd., S. 94) — und das Gegenstück zum Schreibtischtäter. Sein Hauptwort, das Wort, das ihm Halt gibt und das seine Psyche mehr als alle weitschweifigen Auslassungen offenbart, ist ich musste·. Ich mußte mich, um die Beteiligten ^um psychischen Ourchhalten ^wingen, felsenfest von der Notwendigkeit der Durchführung dieses grausam-harten Befehls überzeugt geigen. Alles sah auf mich. .. Ich mußte mich sehr zusammenreißen, um nicht einmal in der Erregung .. meine inneren Zweifel und Bedrückungen erkennen lassen. Kalt und herzlos mußte ich scheinen, bei Vorgängen, die jedem noch menschlich Empfindenden das Her.~ im Eeibe umdrehen ließen. .. Ich mußte dies alles tun — weil ich derjenige war, auf den alle sahen, weil ich allen geigen mußte, daß ich nicht nur die Befehle erteilte, Anordnungen traf, sondern auch bereit war, selbst überall dabei ^u sein, wie ich es von den von mir dat^i Kommandierten verlangen mußte (Höß 1947, S. 127£). Allerdings: Ihm wegen solcher von Höß als Zwang dargestellten Handlungsbedingungen eine antisemitische Weltanschauung abzusprechen, würde die psychologisierende Deutung seines Tuns überdehnen. Für Höß gilt, was Regel war: Die „meisten Mitglieder traten der SS bei, weil sie sich mit ihr identifizierten", und die Lagerkommandanten unter ihnen „taten sich von Anfang an durch ihren Fanatismus und ihre emotionale Investition in die Durchsetzung der Sache hervor" (Segev 1995a, S. 72) — Höß unterscheidet einen ernsthaften Antisemitismus von demjenigen Streicher'scher Prägung. Den „Stürmer" habe er immer abgelehnt: Die Zeitung hat viel Unheil angerichtet. Warum? Die endarvende Begründung heißt: sie hat dem ernsthaften Antisemitismus .. bösen Abbruch getan. (Höß 1947, S. 109) Die Darstellung Höß' ist insofern das direkte Komplement zu den KZBerichten der Opfer, als sie in demselben Raum situiert ist, denselben Wirklichkeitsausschnitt zum Gegenstand hat.

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Schrittmacher Der ehemalige Gestapo-Chef und KZ-Einrichter Rudolf Diels verteidigt die Demokratie und warnt vor ,Lucifer ante Portas'. Als einer von sehr wenigen Tätern entwirft er eine bessere Zukunft für die Deutschen (der Kampf um die Freiheit muß ein Kampf um die Ordnung sein, Diels 1950, S. 448). Diels war preußischer Beamter und überzeugter Nationalsozialist, der die politische Abteilung des Berliner Polizeipräsidiums, also die Nachrichtenorganisation eines demokratischen Rechtsstaats, umkehrte in einen „gesonderten Polizeiapparat mit Vollzugsgewalt in einer Diktatur". Er kämpfte seinen Kampf um Ordnung, der in der „Ausschaltung ,politisch unerwünschter Elemente' und jüdischer Beamter" bestand. Das Hauptquartier seines Apparats heißt Gestapa (Geheimes Staatspolizeiamt, später umbenannt in Gestapo), dessen Handlungsspielraum seit den Notverordnungen' vom 28. Februar 1933 erweitert wurde: Jeden in „Schutzhaft" zu nehmen zur Verhinderung unerwünschter politischer Aktivitäten, Abhören und Uberwachen Verdächtiger waren ungehindert möglich. Nach langen Auseinandersetzungen mit SA und SS gelang es Diels, „die formelle Zuständigkeit für Konzentrationslager innerhalb Preußens zu erhalten" (Enzyklopädie des Holocaust I, S. 532). Diels schickt sich an, in seinen Memoiren das ,Rätsel des Nationalsozialismus' zu lösen und seine Antwort heißt wie die vieler, Hitler, der sich anlässlich der Röhm-Morde offenbart habe: Die Geschichte des ΌrittenReiches nach dem 30. Juni 1934 ist daher die Geschichte eines Einst Inen. Jede geschichtliche Darstellung kann sich von da ab auf die Darstellung Hitlers und seiner Wandlungen beschränken (Diels 1950, S. 29). Diels hatte im April 1934 den Kampf mit Himmler verloren, der dann die Gestapo übernahm, und wurde zum politisch bedeutungslosen Regierungspräsidenten von Köln entmachtet. Legitimator Carl Schmitt 63 , staatsrechtlicher Wegbereiter und Kronjurist des Nationalsozialismus, im Juli 1933 von Göring zum preußischen Staatsrat ernannt, der 1934 in seinem Beitrag über „Das Judentum in der Rechtswissenschaft" dazu aufruft, „den deutschen Geist von allen jüdischen Fälschungen [zu] befreien" (zit. nach Klee 2003, S. 549), legt in gebildeter Mani-

Traverso nennt ihn als Repräsentanten der Kollaborateure und weist ihn einer Kategorie zu, die er (mit dem Schweizer Historiker Philippe Burrin, La France a l'heure allemande, 1940-1944, Paris 1995) mit,angeworbene Musen' bezeichnet.

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riertheit ,Ex Captivitate Salus' (Rettung aus der Gefangenschaft) den selbstmideidigen Anspruch eines unbeteiligten Rechtsgelehrten dar: Mein Wesen mag undurchsichtig sein, jedenfalls ist es defensiv. Ich bin ein kontemplativer Mensch und neige wohl ψ scharfen Formulierungen, aber nicht ςur Offensive .. Mein Wesen ist langsam, geräuschlos und nachgiebig, wie ein stiller Fluß, wie die Mosel. .. Aber auch in der Defensive bin ich schwach. Ich habe wenig praktisches Interesse an mir selbst und soviel theoretisches Interesse an den Ideen meiner Gegner, auch wenn sie als Ankläger auftreten. .. Deshalb gebe ich weder einen guten Angeklagten noch einen guten Ankläger ab. Doch ich bin immer noch lieber Angeklagter als Ankläger. (Schmitt 1945/1947, S. lOf.)

Sind langsam, geräuschlos und nachgiebig Schmitts Epitheta zur Kennzeichnung seiner Verteidigung des Nationalsozialismus, die dem Rechtstheoretiker anlässlich der die Röhm-Morde von 1934 nachträglich legitimierenden Gesetzgebung (sein Beitrag zu diesem Rechtsbruch heißt: „Der Führer schützt das Recht" 64 ) einfiel und der Attitüde, mit der er als antisemitischer Fürsprecher der sogenannten Nürnberger Rassengesetze auftrat? Sein Fall lasse sich benennen, mit Hilfe eines Namens, den ein großer Dichter gefunden hat. Es ist der schlechte, unwürdige und doch authentische Fall eines christlichen Epimetheus (Schmitt 1945/1947, S. 12) - Carl Schmitt, der ,Hinterherdenkende' (.Epimetheus), der sich trotz Warnung mit der Pandora Nationalsozialismus vermählte, die alles Unheil über die Welt brachte und nur die Hoffnung zurückließ?

Distributor Die Täter sind Meister der Dissoziation. Dem ehemaligen ,Reichspressechef Otto Dietrich, Autor des Buches „Mit Hider an die Macht" (1933), der ,Zwölf Jahre mit Flider' (Titel seiner Autobiographie von 1955) zubrachte und der nach 1945 in schöner Wendung verkündet: Die Voraussetzung internationaler Geltung .. ist heute und für die Zukunft die demokratische Staatsgrundlage (Dietrich 1955, S. 144), Otto Dietrich also gelingt die Abspaltung des Nationalsozialismus und seiner Funktion von seiner Nachkriegsidentität in der Weise, dass er umfänglich darstellt, wie Hider die Deutschen verführte, ohne sein eigenes zwölf Jahre währendes Verführtsein — wenn es denn eines war — zu berühren: War es Schuld oder Schicksal, die das deutsche Volk in seine Fage gebracht haben und sein Dasein heute so erdrückend belasten?.. Nicht schlechter oder gar verbrecherischer Wil„Der Führer schützt das Recht vor dem schlimmsten Mißbrauch, wenn er im Augenblick der Gefahr kraft seines Führertums als oberster Gerichtsherr unmittelbar Recht schafft. .. In Wahrheit war die Tat des Führers echte Gerichtsbarkeit. Sic untersteht nicht der Justiz, sondern war selbst höchste Justiz" (Schmitt 1940, S. 200).

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le haben dieses Volk in seine heutige Situation und den niedergehenden RuJ politischer Amoralität gebracht. Hitler hat dieses Volk .. nicht nur geführt, er hat es durch die Dämonie seines Wesens auch verführt! (Dietrich 1955, S. 280) Dietrich, der sich in eleganter Bescheidenheit in den Hintergrund der Bedeutungslosigkeit zu spielen weiß — Das ivar der Gang der Dinge, den ich bei weniger wichtigen Entscheidungen oft mit anhörte, bei den wichtigen und geheimen wird es wohl nicht anders gewesen sein (ebd., S. 28) — wurde im WilhelmstraßenProzess wegen antisemitischer Indoktrination zu sieben Jahren Haft verurteilt.

Militär Die Generäle, wie Kesselring und List, durchdrungen vom „trotzigejn] Bewußtsein getaner Pflicht" (Freund 1954, S. 323), wollten nichts gewesen sein als ,Soldaten bis zum letzten Tag', die ,Verlorene Siege' errangen: Als Soldaten vermeinten sie im Dritten Reich nichts anderes zu tun, als was sie immer getan hatten: sie kämpften, übten Kameradschaft und verteidigten .. das Vaterland. Sie taten Dinge, die der Krieg gebot und die er unter jedem Regime geboten hätte (ebd.). Von Gestelztheit nur unzureichend camoufüerte Gemeinplätze und Plattitüden (,alles ist relativ', ,niemand ist unfehlbar' und ,irren ist menschlich') verweisen auf banale Einsichten, die für Kesselring, er ist „verantwortlich für das brandschatzende und mordende Vorgehen der Wehrmacht, auch gegen die Zivilbevölkerung" (Klee 2003, S. 305), von Nöten sind: Das Buch sollte kein Panegyrikos werden. Für nachdenkliche Menschen bewahrheiten sich darin die alten Febenserkenntnisse von der Relativität allen Geschehens; der Jugend aber will es sagen, daß in dem Streben nach richtigem Handeln sich des Febens Sinn erfüllt und daß die Vollendung dem Menschen auf dieser Erde nicht beschieden ist. In dem alten Wort „errare humanuni est" klingt die Forderung nach Selbstbescheidung des Menschen und die Mahnung an den Nächsten auf, in der Beurteilung des anderen Menschen, der anderen Völker, Maß ψ halten. (Kesselring 1953, S. 457)

Vertreter Werner Best, „der Mann hinter, eine Zeidang wohl eher neben, Reinhard Heydrich" (Herbert 2001, S. 12), der „die Voraussetzungen der Gestapoallmacht s c h u f (Klee 2003, S. 45), Organisationschef des SD, stellvertretender Leiter, Justitiar, Personal- und Organisationschef sowie Leiter der polizeilichen Abwehr beim Geheimen Staatspolizeiamt, Ministerialdirektor der Militärverwaltung beim Militärbefehlshaber in Frankreich mit den Aufgaben, die resistance niederzuschlagen und Frankreich zu „entjuden",

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und schließlich seit 1942 Reichsbevollmächtigter in Dänemark, versucht in seinem Tätigkeitsbericht,,Dänemark in Hitlers Hand', einerseits seine eigene Verantwortlichkeit innerhalb des nationalsozialistischen Polizeiapparats, während der deutschen Besatzung in Frankreich und Dänemark sowie seine Verstrickung etwa in die Einsatzgruppenmorde, die Judendeportationen oder den ,Gegenterror' möglichst auszublenden (Herbert 2001, S. 408). Anderseits vermag der Eitle nicht, was die meisten Täter qua Selbstentmündigung versuchen, sich in die Bedeutungslosigkeit zu flüchten. Der damalige ,Höhere SS- und Polizeiführer' Best redet von sich in der dritten Person mit Funktionsbezeichnung: Nach der von Hitler befohlenen Auflösung und teilweisen Internierung der dänischen Polizei .. versuchte der Höhere SS- und Poli^eiführer vergeblich, .. die Wahrnehmung der .. Poli^eiaufgaben ermöglichen. .. Wegen dieser Festnahmeaktion .. wurden der ehemalige Höhere SS- und Poli^eiführer und der ehemalige Befehlshaber der Sicherheitspolizei angeklagt und verurteilt (Best 1949, S. 104) angeklagt und zum Tode verurteilt wurde dieser Höhere SS- und Polizeifuhrer auch, weil er, nach vorhegenden Quellen, „zunächst die Deportation der dänischen Juden vor [bereitete]", die er aber „auf Intervention hin nur begrenzt durchführen" ließ (Enzyklopädie des Holocaust I, S. 211). 65 Man mag die hier untersuchte Diskursgemeinschaft der Täter für zu klein halten oder auch für zu homogen, um aus ihren Texten z.B. argumentative Muster abzuleiten. Die Zahl und Art dieser Tätertexte jedoch ist im Gegenteil als vollkommen ausreichend anzusehen. Kennzeichen des Redens der Täter über ihre Vergangenheit und Gegenwart ist die Stereotypie ihrer Argumentation und damit auch ihres lexikalischen Registers. Täter reden, wann, wo und wer immer, in stets wiederkehrenden Mustern. 66 Ob vor Gericht oder retrospektiv, ob in forensischem oder biographischem Kontext — diese Täter reflektieren über Schuld, weil sie sich dem Best muss sich nicht in Nürnberg verantworten. Das „erklärt sich im wesentlichen daraus, dass der neben Himmler, Heydrich und Kaltenbrunner führende Organisator und Ideologe des SS- und Polizeistaates 1939/40 durch seinen Rivalen Heydrich teilweise entmachtet worden war und dass ihm 2ur gleichen Zeit in Kopenhagen, seinem letzten Wirkungsort, der Prozess gemacht.. wurde." (Reichel 2001b, S. 619) Ralph Giordano bestätigt hinsichtlich der Gesamtgesellschaft, dass die „Verleumdungsarbeit .. 1945 sofort einsetzte] und .. überall mit den gleichen Artikulationen aufftrat]. Millionen, die sich nie begegnet waren und einander nicht kennen konnten, Menschen zwischen Flensburg und München, Köln und Berlin, fanden bis auf den Buchstaben genau die gleichen Entlastungsformulierungen. Sie waren so elementar, daß sie sich damals nicht nur epidemisch verbreiteten, sondern sich bis in unsere Zeit so gut wie unversehrt erhalten haben." (1990, S. 30) Giordano nennt diese Argumentationen daher „kollektive Affekte", die zeigen, „daß sich die Artikulationen rhetorischer Schuldabwehr seit vierzig fahren nicht geändert haben" (ebd., S. 31).

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direkten Vorwurf einer persönlichen kriminellen Schuld gegenüber sehen und aus diesem justiziären Kontext heraus argumentieren, oder, weil sie durch retrospektive Analyse ihr Gewissen zu entlasten suchen — das allgemeine Klima gab ihnen dieses auf. Während Opfer berichten, tragen Täter in Erzählungen 67 ihre Versionen argumentativ, rechtfertigend und begründend vor. Rechtfertigen und Begründen, die beiden Grundformen der Argumentation, sind die Handlungsmuster der Täter, die die grundlegenden kommunikativen Strategien der Angeklagten ,Ausweichen', l e u g nen', ,Gestehen' (s. Hoffmann 1983, S. 80 u. passim) realisieren, die auch den Schulddiskurs der Täter konstituieren.

2.3. Die Diskursgemeinschaft der Nichttäter Nichttäter verstehen wir als diejenigen, die sich vom Nationalsozialismus fern halten konnten. Angehörige dieser Gruppe sind Personen mit verfügbaren ,Gegenidentitäten', etwa in Gestalt katholischer, kommunistischer oder liberaler Milieubindungen. Zwar haben solche ,Ligaturen' (Dahrendorf) im seltensten Fall zu regelrechten Widerstandshandlungen verleitet, doch konnten sie wohl bisweilen der totalen identitären Einverleibung des einzelnen entgegenwirken. Auf diese Weise mögen sie zumindest minimale Voraussetzungen für einen demokratischen Neuanfang bereitgestellt haben. (Ladwig 1997, S. 60f.) Obwohl sich auch für sie persönlich „die völlig neue Situation [ergab], daß das Faktum der bloßen Existenz im Dritten Reich rechtfertigungsbedürftig wurde" (Friedrich 2000, S. 4f.) — darin unterscheiden sie sich von den Tätern wie von den Opfern, die über Schuld als persönlich Betroffene reden: Ihre „Bereitschaft zur Teilnahme an politischen Selbstverständigungsdiskursen unter Bedingungen der Nachkriegszeit [war] erwartbar" (Ladwig 1997, S. 61) — und vorhanden. Der Bremer Bürgermeister Wilhelm Kaisen stellt diese Bereitschaft in zeitgemäßem Pathos heraus: nicht vergessen werden darf, daß wir, die wir von den Vertretern der Siegeimäcbte eingeht aufgesucht lindfür die Leitung der Regierungsgeschäfte geradelt überredet werden mußten, ausschließlich nur aus innerem Pflichtgefühl dem Rufe gefolgt sind, dem l roIk in der StunIm institutionellen forensischen Kontext nehmen „alle Formen des ERZÄHLENS .. in irgendeiner Weise Bezug auf die der Anklage zugrundeliegenden Sachverhalte; sie können sie ganz oder teilweise stützen, bestreiten, in Aspekten modifizieren oder auch umgehen. .. ein Wahrheitsanspruch wird erhoben und in der Regel im Falle einer Problematisierung auch verteidigt." Unter dieser Voraussetzung ersetzt Hoffmann den Ausdruck ,Erzählung' durch ,erzählende Darstellung': „Wer erzählt, verfolgt eine bestimmte kommunikative Strategie" (Hoffmann 1983, S. 80). Solche Festlegungen berühren nicht die gelegentliche allgemeinsprachliche Charakterisierung der Opferbenchte als Erzählungen.

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de der Not bei^isteben, eine vorläufige Regelung der Staatsgewalt rqt schaffen, schließlich Wahlen ausschreiben, um wiederum einer ordnungsmäßigen, vom J'olk gewollten Regierung ^u kommen. (Kaisen 1945, S. 16)68 Nichttäter sind diejenigen, für die es nach 1945 „nicht ums Ganze" geht. Weil ihr „psychische[s] ,Überleben[..]'" (Ladwig 1997, S. 60) nicht in Gefahr ist, können sie den Schuld-Diskurs führen, wie sie es tun — von der Warte sozusagen der teilnehmenden Beobachter und mit höchstem moralischem Anspruch. Die Frage von Schuld, kollektivem Verbrechen, Gedenken, Vergebung und Verzeihung zu erörtern, setzt voraus, daß man einer geistigen Haltung, nämlich der Suche nach Kohärenz — im moralischen Urteil mehr als in der Analyse - einen Wert und moralisches Gewicht beimißt. Mit anderen Worten: daß man über die Leiden und das Gedenken hinaus die Suche nach Wahrheit als einen grundlegenden geistigen Wert betrachtet. \^or allem dann, wenn man eine gewisse Intellektualität für sich in Anspruch nimmt. (Grosser 1990, S. 262f.) Diesen Anspruch hatten die Nichttäter gewiss, und in Kategorien von Ethik und Moral bewerten sie ihre jüngste Vergangenheit, betrachten ihre Gegenwart und projektieren ihre Zukunft. Sie tun dies, wie Zeitgenossen tun. Den Nichttätern versagen Entsetzen, Scham und Schuldbewusstsein ein solches Reden über Schuld, das — aus heutiger Sicht — ethischmoralischen Ansprüchen genügen würde. Über die jüdische Katastrophe erweitern wir: die Katastrophe der Opfer — zu reden, überließ man diesen selbst (vgl. Kwiet 1989, S. 196) - genauer: konkret darüber zu reden. Nicht, dass man die sechs Millionen Ermordeten vergäße, ,Rassismus' ist signifikantes Diskursfragment und Juden, Judenverfolgung, Mord an sechs Millionen Juden sind seine lexikalischen Repräsentanten: Mehr als 9,6 Millionen Juden lebten bis vor wenigen Jahren in den Teilen Europas, die Hitlers Herrschaft unterstanden. Sechs Millionen davon waren nach einer Schätzung des Nürnberger Militärgerichtshofes bei Kriegsende „verschwunden". Der Scheiterhaufen besitzt sein neuzeitliches Gegenstück in der Gaskammer, das Massen^eitalterfand mit Hilfe der seinem Schöße entstiegenen Technik die moderne Form der Massenvernichtung. .. Der Antisemitismus ist nicht Hitlers Erfindung, er läßt sich wohl ^wei Jahrtausende zurück verfolgen, da die Juden ihre westasiatische Heimat verloren, und auf fast alle Länder der Erde aufgeteilt wurden. Hitler und seiner Doktrin allerdings blieb es vorbehalten, JudenInsofem ist die dominante Vorstellung von personeller Kontinuität in der frühen Nachkriegszeit zu differenzieren. In Bezug auf die neue politische Funktionselite kann keine Rede davon sein. Sie „rekrutierte sich zu einem erheblichen Teil aus Politikern, die sich schon in der Weimarer Republik ihre Sporen verdient hatten." (Rauh-Kühne 2001, S. 121) Speziell diejenigen unter den Akademikern, die sich nicht ins politische Privatleben zurückzogen, „nutzten die Chance, sich als politische, gesellschaftliche und kulturelle Elite der westdeutschen Demokratie neu zu sammeln und zu profilieren. Sie wollten ein ,Bürgertum' .. als sozial exklusive, nun aber auch politisch integrationsfähige Formation wiederherstellen" (Siegrist 1994, S. 290).

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furcht und judenheiß zum Ausgangspunkt einer neuen Heilslehre z>i machen, die einen geschichtlich bisher ungekannten Ausbruch des Vernichtungswahns entfesselte. Dies geschah durch Einbau des Antisemitismus in eine Kassentheorie, um die letztlich die gesamte nationalsozialistische Ideologie kreist. (Aich 1947, S. 132f.) Solche Analysen und Diagnosen sind durchaus Bestandteil des Nichttäterdiskurses. Indes: Wenn man es nicht den Opfern überließ, den Massenmord der Nazis zu thematisieren, dann ist jedoch diese Thematisierung allzu oft bis zur Unkenntlichkeit eingebettet in eine Analysekonstruktion, ein Erkenntnissystem, welches theoretisch-analytisch kausalistisch so korrekt wie opferdistanziert ein Wiedererkennen der Opfer und deren Aufgehobensein in dieser Konstruktion unmöglich machen. Eine solche, sicher so gutgemeinte wie zutreffende Diagnose legt etwa Grimme vor: das war das eigentliche Kennzeichen dieser vergangenen Epoche: der Versieht auf TolerantUnd diese Toleranz sie war deshalb nicht da, weil dem Staat der Blick für den Menschen verlorengegangen war. Der totale Staat war die totale Mißachtung des Menschen. Nichts zeigt deutlicher, als daß der Staat den Menschen in allem regulierte und ihm nicht einmal Freiheit ließ in den intimsten Dingen. Der Mensch war bis in die private Sphäre seiner Existenz hinein bedroht, d. h. hinein bis in den persönlichsten Bezirk, aus dem das kulturelle Eeben auf steig und der Mensch als geistige Person erwächst. Das aber heißt: der Mensch war als Mensch bedroht. Sein Menschtum war gefährdet. Es war das Verhältnis vom Mensch zum Staat so pervertiert, daß dieser Staat nicht mehr im Dienst des Menschen, sondern der Mensch nur noch im Dienst des Staates stand. Und es wurde so Zu einer Krankheit unserer Nation, daß der Mensch und mit ihm alle seine Wertgebiete wie Justiz um^ Wissenschafl und Kirche, daß alle Werte wie Gerechtigkeit und Wahrheit und Religiosität nur noch als Mittel angesprochen wurden, als Mittel für die Festigung der Macht des Staates. Sie wurden Instrutnente der Politik. Anstatt daß Politik im Dienst des Menschen stand, stand alles Menschentum nur noch im Dienst der Politik und wurde so verbogen und verarmt (Grimme 1946a, S. 59£). Eine solche Diagnose, wie sie für die Perspektive der Nichttäter typisch ist, kann aus Sicht der Opfer nicht angemessen sein: der Mensch als Mensch bedroht, Krankheit unserer Nation, das Menschentum im Dienst der Politik — solche abstrakten Konstrukte können Uberlebende von KZ-Haft und Verfolgung nicht als gehörige und zureichende Erkenntnisleistung akzeptieren, denn als Opfer haben sie da keinen Platz. Dennoch: Aufs Ganze gesehen haben die hier präsentierten Zeitgenossen alles andere als eine unkritische Haltung. Vielmehr sind Entsetzen und Fassungslosigkeit wohl zu groß, eben Erlebtes, die Katastrophe sind zu nah, als dass sie Haltungen so ausdrücken konnten, wie es für ihre Töchter und Söhne akzeptabel gewesen wäre. 69 Auch wenn aus heutiger Sicht der Diskurs über die deutsche Stellvertretend Haug „die Phrasen .. verwalten nach wie vor 1945 die öffentliche Entrüstung oder, je nach Bedarf, Erschütterung. In der Auseinandersetzung mit dem Faschismus okkupieren sie den Platz, für den sonst kritische Begriffe gefunden werden müßten. Die Phrasen entstammen teils der gehobenen I .eichen rede, teils bis zur Unkenntlichkeit verblaßter meist manichäischer Mythologie, teils dem billigen Allgemeingut idiosynkrati-

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Schuld moralisch-ethisch defizitär erscheint — gerechterweise sollten wir konzedieren: Mehr war wohl nicht möglich. Wenn Judenverfolgung in der frühen Nachkriegszeit nicht in dem heute erwartbaren Umfang Teil des Schulddiskurses war, müssen wir, was Dubiel als „von Scham diktierte stumme Befangenheit gegenüber den Opfern der Massentötungen" (1999, S. 68) eher nebensächlich abtut, als wichtiges, nicht entehrendes (vgl. dazu die Thematisierung von Verantwortung und Wiedergutmachung, s.u. Kapitel 7.1.2. Wiedergutmachung, sondern moralisch akzeptables Motiv dieses vermeidenden Redens beschreiben. Für die Nichttäter gilt, was für Jaspers güt:

der Genozid an den Juden war eines der impliziten Themen; er war hier [in der ^chuldfragej durchgehend präsent, auch wenn Jaspers es niemals wagte, ihn zu erwähnen. Ein überwältigendes Scham- und Schuldgefühl lähmte ihn. (Traverso 2000, S. 34)™ Die hier untersuchten Nichttäter sind nicht nur Angehörige der neuen politischen Elite, sondern auch Intellektuelle, diejenigen, die auf ihrer Suche nach Wahrheit darlegen, argumentieren, begründen — wie z.B. der Philosoph Julius Ebbinghaus: fleh beweise] einer Überzeugung, deren Gegenstand ich für böse und schändlich hatte, nicht dadurch Achtung .., daß ich sie gelten lasse, sondern dadurch, daß ich sie, statt ihre I rertreter mit Hitler beschimpfen, ™u brandmarken und t^u ächten, mit Gründen widerlege. Denn etwas anderes ist es, einen Menschen verdammen, ein anderes ihm nachweisen, daß er verdammenswerte Meinungen vertritt. (Ebbinghaus 1945, S. 35f.) So sind Nichttäter die um Erkenntnis und Aufklärung bemühten Geister, Angehörige derjenigen Minderheit der deutschen Gesellschaft, die den Schulddiskurs gestalten, ihn „gefordert und vertieft wissen wollten": Den Schuldbekennern oder Fragern stand, getrennt durch eine unsichtbare Mauer, die schweigende oder abwehrende Alajorität der deutschen Bevölkerung gegenüber: .. So verfehlten die ,Moralisten' im Bewußtsein ihrer Minderheit oder Vereinzelung, die ihnen nicht fremd sein konnte nach zwölf Jahren Terrorherrschaft, ihr Ziel. (Koebner 1987, S. 325)

scher Bestände." (Haug 1977, S. 17f.) Denselben Sachverhalt bezeichnet ein Urteil des Jahres 1999: „das Denken im Umkreis von Auschwitz" findet „an den Grenzen des begrifflich Kommensurablen" statt (Kramer 1999, S. 5). Traverso beschreibt für die außerdeutsche Perspektive „die Unfähigkeit der aus dem Zweiten Weltkrieg hervorgegangenen europäischen Kultur .., im Genozid einen Zivilisationsbruch zu erkennen und, davon ausgehend, eine Neuinterpretation der Geschichte vorzunehmen". Vom Beispiel Sartres ausgehend beschreibt Traverso seinen Findruck: „Fs war, als weigerten sich Huropa und die westliche Welt, das ungeheuerliche Ereignis zur Kenntnis zu nehmen, dem sie beigewohnt hatten. War es ihnen, wie manche glauben, unmöglich, die Schuld auf sich zu nehmen? In jedem Fall waren sie außerstande, die Wirklichkeit wahrzunehmen." (traverso 2000, S. 28f.)

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Nur die Nichttäter reden in diesem Sinn von Schuld, die die Gegenwart beherrscht — seien sie bekennende christliche Schriftsteller, wie Reinhold Schneider 71 , oder kommunistische, frühzeitig aus dem Exil zurückkehrende Funktionäre, wie Alexander Abusch. 72 Und sie reden von Schuld in einem Ausmaß und in einer Art und Weise, welche Ernst Wiechert verdächtig sind: Ich erkannte .., wie angesichts dieser Stimmen [aus dem Äther] das meiste unseres vergangenen Jahres vertan worden war wie ein Geschwät% IVie wir versucht hatten, das Furchtbare dieser leisen Stimmen, und hinter ihnen das Furchtbare von Millionen anderer leiser Stimmen zu übertönen mit dem Wort. Nicht mit der Tat, der letzten Kraft unserer Hände und Herten, sondern nur mit dem Wort. Mit Anklage und Verteidigung mit Analyse und Theorie, mit der Begutachtung der Schuld, einer logischen, einerjuristischen, einer psychologischen, einer metaphysischen Begutachtung. .. Aber nicht mit der Τ at. Der geschändete Leichnam der Menschlichkeit lag vor unseren Füßen, aber wir begruben ihn nicht. Wir häuften nicht Erde auf ihn und gingen nicht davon, um mit blutenden Händen z}1 arbeiten. Wir trieben Philosophie mit dem Feichnam, eine griindliche, tiefsinnige Philosophie, wie sie uns entspricht, und inzwischen wurden wir selbst zu Feichnamen des Gedankens, Zu denkenden Schatten, die in einem Reich der Trümmer lebten und nichts anderes erstrebten als die Fösung der Fragen: „Wer ist schuld?" „Wer ist ohne Schuld?" „Sind ivir alle schuld?" „Sind nicht alle schuld?" Die Zeitungen schrieben es, die Theater spielten es, die Regierungen und Parteien verkündeten es. Aber niemand deckte die barmherzige Erde über den Toten, und er lag inmitten des zerstörten Abendlandes, die starren Augen aufgeschlagen, und wartete, daß die Münder verstummten und eine Hand sich seiner erbarmte, eine einzige Hand, die Gutes tun würde, um einen winzigen Teil des Bösen auszjJtilgen aus dem Gedächtnis der Menschheit. (Wiechert 1946, S. 198f.) Diese Leichname des Gedankens führen den Schulddiskurs mit dem Bewusstsein, Führungs- und Repräsentationsfunktion zu haben bzw. übernehmen zu müssen und zu sollen — das entspricht der Selbstwahrnehmung der Funktions- wie der Interpretationselite: Wie sollte Deutschland jemals aus seinem Elend sich wieder erheben können, wenn ihm nicht eine geistige Elite voranleuchtet, die über die Alltagssorgen und die Parteischranken hinweg die großen Zusammenhänge der geschichtlichen, ethischen, religiösen, politischen, wirtschaftlichen und sozialen Fragen durchdenkt und ihm dann den Weg aus dem Chaos erhellt? (Pribilla 1947, S. 81) Der Moraltheologe Max Pribilla bezeichnet die Identität, welche das Denken und Sprechen der Intellektuellen bestimmt: über die Alltagssorgen und die so furchtbar ist die Erde, überdeckt von Gräbern und Trümmern, von Schuld, die zu verschweigen Feigheit wäre. Ein männlicher Sinn stellt sich der Schuld, sucht sie ergründen und verstehen. .. das Wort [Schuld] ist da und bestimmt die gegenwärtige Wirklichkeit (Schneider 1945, S. 213). Durch die Haltung seiner Mehrheit konnte das deutsche Volk von 1933 bis 1939 allmählich in ein Instrument der Weltbedrohung verwandelt werden. Das deutsche I rolk kann die Verantwortung dafür nicht ablehnen, daß Deutschland — mitten in der hochentwickelten Xiinlisation des 20. Jahrhunderts — Zum Hort der entmenschten Theorie und Praxis Hitlers wurde. Wenn die Deutschen von der Nazidiktatur auch selbst mörderisch unterdrückt wurden, so waren sie im Jahre 1933 doch nicht mitten im Schlaf Überfallene Opfer. (Abusch 1946, S. 252f.)

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Parteischranken hinweg und die großen Zusammenhänge. Der Rektor der Technischen Hochschule Karlsruhe appelliert an die Exponenten des geistigen Löbens. Sie dürften j e t t f . . in Deutschland in erster Unie berufen sein, den anderen Völkern geigen, daß das deutsche Volk als Ganges nicht mit den Mord- und Brandbuben der SS und Gestapo ΐΊ< identifizieren ist, daß es vielmehr.. genügend sittliche Kraft, Aufbauwillen und schöpferische Poten^ besitzt, um auf Achtung und Anerkennung Anspruch erheben ψ dürfen. (Plank 1946, S. 13) Mit diesem Selbstbild beanspruchen die Nichttäter Kompetenz der Zeitund Gesellschaftsanalyse und leiten daraus ein Recht zu Korrektur und Wegweisung ab. Sie verstehen sich als Geburtshelfer; sehen sich als die geistigen Führer von Deutschland, die unbedingt mitverantwortlich dafür sind, dass Deutschland uns keine Schande bereitet.. und damit es aufgenommen wird im Kreise der großen Welt (Färber 1947, S. 423f.) — so Ilse Färber, Schriftstellerin und Mitarbeiterin im ,Kulturbund zur demokratischen Erneuerung Deutschlands' auf dem ersten deutschen Schriftstellerkongress 1947. Die geistige Elite sei Anwalt, Sprachrohr der Nachkriegsgesellschaft? Nichts weniger als dieses. Ihre Angehörigen sind vielmehr die zeitgenössischen Chronisten, Kritiker und Utopisten dieser Gesellschaft, zu der sie die Distanz halten, derer sie zur Erfüllung ihrer selbst gestellten Aufgaben bedürfen. Sie sind die Mechaniker, die die Nation reparieren, diskurssprachlich manifestiert durch Formeln wie der Welt geigen, unser Volk %um gleichgeachteten machen — Rehabilitierungsaufgabe heißt ihr Auftrag. 73 Rehabilitierung der Deutschen ist zentrales Anliegen der nachkriegsdeutschen Funktions- und Interpretationseliten in West und Ost und quer durch die Gesellschaft: Wir werden gewissenhaft die Verpflichtungen erfüllen, die uns das Potsdamer Abkommen auferlegt, wodurch wir uns wieder das l Tertrauen der Welt erobern und uns in die Gemeinschaft derfriedliebenden demokratischen Völker einreihen wollen (Pieck 1949, S. 301) verspricht Wilhelm Pieck 1949 und Konrad Adenauer erinnert sich im Jahr 1953: Nach der Katastrophe des Jahres 1945 mußte es für jede deutsche Regierung die erste Aufgabe sein, Deutschland wieder einen angesehenen Plat% in der Gemeinschaft der I rölker ^u erringen (Adenauer 1953a, S. 210). es wäre schön, es wäre den Rest eines Lebens wert, der Welt geigen %u können, daß trot% allem und trot~ allem noch einige Millionen Deutsche auf dieser I\"elt sind, von einer Art, die ihr vielleicht dennoch neu ist. Weniger um dieser Welt einen Gefallen tun, sondern durchaus um unsertwillen, um unseres besseren nationalen Teiles willen. (Windisch 1946, S. 30); Für uns, das „andere"Deutschland, ist das höchste Ziel unserer politischen Arbeit: unser Volk wieder %um gleichgeachteten unter den Γ ölkern der Erde machen, weil wir uns sym Recht und ψΓ Humanität bekennen (Köhler 1947, S. 15); Wer sich den Blick auf die offenbarste Wirklichkeit dessen, was im Dritten Reich geschehen ist, nicht durch Ressentiments und enge Selbstgerechtigkeit oder durch die Gegenbilan^en .. verstellen läßt, wird anerkennen müssen, daß im internationalen Zusammenhang zunächst eine deutsche Rehabilitienmgsaujgabe bestand und besteht, so wie die Männer und Frauen des deutschen Widerstands sie sahen (Rothfels 1954, S. 152).

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Beteiligungsrollen und Texte

Dass dieses Projekt erfolgreich abgeschlossen wurde, bescheinigt im selben Jahr der Bundespräsident, der daraus ein Kanzler-Projekt macht, von der nationalgeschichtliche[ti] l^eistung des Bundeskanzlers ist die Rede: Ich meine, der dankbare Respekt vor einer Leistung, die Deutschland aus der Mißachtung in die seinem inneren Sein und seinem geschichtlichen Gewicht entsprechende Stellung zurückführte .. muß an diesem Abend ausgesprochen werden (Heuss 1953, S. 242). Das Jahr 1945 — Kapitulation, ,Zusammenbruch'/,Befreiung', Besatzung — diese Erfahrung der Gegenwart ist der Gesellschaftsformation der Nichttäter Antrieb zur Rekonstruktion der deutschen Geschichte, die in Nationalsozialismus und Krieg mündet, zur Inventur des Vorfindlichen in der Gegenwart und zur Konstituierung von Vorstellungen eines neuen Staates, einer neuen Gesellschaft, einer neuen Ethik. Die Gruppe der Nichttäter ist groß. Bei der Fesdegung des Korpus mussten daher Auswahlkriterien angelegt werden. Das Korpus der Primärquellen enthält keine Emigrantentexte und keine Texte, die vor 1945 entstanden sind. Hintergrund dieser Einschränkung ist die Absicht, solche Texte zu interpretieren, deren Verfasser den Nationalsozialismus und sein Ende aus der Innensicht erlebt haben, oder aber nach 1945 mit der Absicht aus der Emigration zurückgekehrt sind, sich am (Wieder-)Aufbau in wie immer verantwortlicher Weise zu beteiligen. So wurden zum Beispiel Texte von Bertolt Brecht, Ernst Reuter, Theodor W. Adorno und Wilhelm Röpke aufgenommen, Texte von Thomas Mann und Karl Barth nicht. Gleichwohl werden Texte der Letztgenannten (und weiterer Emigranten) natürlich berücksichtigt, und zwar als Sekundärquellen. Sie sind wichtige Gegentexte, geschrieben aus der Außensicht und ohne exkulpatorische Absichten. Insofern geben sie hinsichtlich ihrer Argumente eine Interpretationshilfe zur Analyse der binnendeutschen Texte. Ein weiteres Kriterium, nach dem das Korpus zusammengestellt wurde, ist von der Ereignisgeschichte vorgegeben. Zeitgeschichtlich bedeutende Daten und Ereignisse waren deshalb Auswahlkriterium, weil vorauszusetzen ist, dass diese in bzw. von den zeitgenössischen Texten reflektiert werden. Zu diesen Daten zählen z.B. ,erste' Texte anlässlich ,erster' Veranstaltungen — Tagungen, Konferenzen, Synoden, Versammlungen anlässlich von (Wieder-) Gründungen —, erste Aufrufe, erste Reden von ersten Ministerpräsidenten, die ersten Regierungserklärungen Adenauers und Grotewohls, außerdem historisch wichtige Texte, die ein hohes zeitreflektierendes und damit identifikatorisches Potenzial erwarten lassen. Wir integrieren hier auch bestimmte Opfertexte, und zwar mit denjenigen Passagen, die nicht auf Verfolgung referieren, sondern die Zeitanalysen sind — geschrieben weniger aus der Perspektive und mit dem Anliegen des Opfers, als vielmehr als politisch bzw. gesellschaftlich ambitionierter nachkriegsdeutscher Zeitgenosse: Franz Dahlem ist eine

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politische Zentralfigur der SBZ, Paul Löbe und Ernst Reuter stehen als SPD-Genossen im Zentrum des westdeutschen politischen Lebens. Pastor Niemöller kämpft in seinen Reden und Predigten um die Erneuerung der evangelischen Kirche. Ernst Müller-Meiningen jr. ist publizistisch tätig und reflektiert über die „Parteigenossen" (Titel 1946). Ernst Niekisch analysiert die Entstehung des Nationalsozialismus. Eugen Kogon bemüht sich um eine ethische Restituierung der Deutschen. Victor Klemperer schreibt Tagebuch wie immer. Nur solche Partien ihrer Texte werden der Gruppe der Nichttäter zugeordnet, in denen ihre Opfer-Erfahrungen nicht im thematischen Fokus liegen. Ihr Anliegen ist vielmehr dann — wie das der Nichttäter — vor allem, Zeitanalysen vorzunehmen und mitzuteilen — in je spezifischem programmatischem (politischem, theologischem etc.) und funktionalem (Lebenserinnerungen, Predigt, Tagebucheintrag etc.) Kontext. Andererseits werden als ausschließlich der Gruppe der Nichttäter zugehörig betrachtet auch Verfolgte der Nazizeit, Opfer also, dann, wenn sie in keinem der hier untersuchten Texte Bezug nehmen auf ihre Opfererfahrung, ihre Haftzeit u.ä., wie etwa Adolf Grimme (1942 Verhaftung und Zuchthaus), wie Konrad Adenauer (1933 seines Amtes als Kölner Oberbürgermeister und als Präsident des preußischen Staatsrates enthoben, zwei Mal vorübergehend in Haft, das zweite Mal im Zusammenhang mit dem 20. Juli 1944), Thomas Dehler (1944 Zwangsarbeitslager), Reinhold Maier (1938 Zwangsarbeit), Gerhard Ritter (1944 Untersuchungshaft und KZ Ravensbrück), Kurt Schumacher (1933 bis 1943 Gefangenschaft in verschiedenen KZs, 1944 verhaftet, bis September 1944 KZ Neuengamme), Theodor Steltzer (August 1944 Verhaftung, Januar 1945 Todesurteil, durch Intervention von Freunden wurde die Vollstreckung verhindert). Sie alle sind mit Texten in unserem Korpus vertreten, haben jedoch in unserem Sinn keinen Opferstatus: Wir zählen sie zu den Nichttätern, weil sie in den von uns zugrundegelegten Texten nicht auf ihren Opfer-Status, ihre Hafterlebnisse referieren. Ein Grund dafür wird darin gesehen, „daß zukunftsorientiertes materielles Kalkül den Rahmen setzte, in dem moralische Besinnung zur Geltung gebracht werden konnte". Dies verdeutliche nicht zuletzt das Verhalten Deutscher, die im ,Dritten Reich' Verfolgte gewesen waren und nun Führungs- und Repräsentationsfunktionen einnahmen. Kurt Schumacher, .., und einige früh aus dem Exil zurückgekehrte Emigranten .. profilieren sich nicht, indem sie ihren eigenen Lebensweg zum Thema machten, sondern indem sie sich als Anwälte auch von Kreisen der Bevölkerung zeigten, die sich nicht zu ihren früheren politischen Weggenossen zählten (Sywottek 1987, S. 245).

Geführt wird dieser Diskurs im Kommunikationsbereich der Eliten, der politischen und der Interpretationsehte. Wir haben diese Kommunikati-

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Beteiligungsrollen und Texte

onsbereiche unterschieden nach den Domänen Politik und Gesellschaft, Theologie, Justiz, Wissenschaft und Philosophie und Literatur, Kunst, Kultur. Die folgende Ubersicht ist bei weitem nicht vollständig. Sie deutet lediglich an, wie das Korpus beschaffen ist. Seine Vielfalt und sein Umfang verbieten eine genauere Spezifizierung wie sie bei der Vorstellung des Korpus der Opfer- und der Tätertexte möglich war. Politiker/Gesellschaftskritiker Adenauer und Schumacher, die beiden politischen Antipoden der frühen Nachkriegszeit, sind mit wichtigen Ansprachen, Reden und Erklärungen repräsentiert. Adenauers Ansprache, die er als Kölner Oberbürgermeister am 1. Oktober 1945 vor der Stadtverordnetenversammlung hält, seine erste Grundsatzrede als Vorsitzender der CDU in der Aula der Kölner Universität vom 24. März 1946, seine erste Regierungserklärung vom 20. September 1949 und die Erklärung der Bundesregierung zur Haltung der Bundesrepublik gegenüber den Juden vom 27. September 1951 wurden u.a. berücksichtigt. Kurt Schumacher ist vertreten, z.B. mit seiner wichtigen ersten Nachkriegsrede vom 6. Mai 1945, seinem Hauptreferat auf dem ersten Nachkriegsparteitag der SPD vom 6. Mai 1946 sowie seiner Erwiderung auf die erste Regierungserklärung Adenauers. Theodor Heuss ist mit seiner Antrittsrede als Bundespräsident vom 12. September 1949 vertreten und mit zahlreichen weiteren Reden und Ansprachen, u.a. mit der Rede, die er vor der zu gründenden Gesellschaft für Christlich-Jüdische Zusammenarbeit im Dezember 1949 gehalten hat. Die textlichen Manifestationen der Parteigründungen sind berücksichtigt mit den Gründungs aufrufen von KPD, SPD, CDU, LDPD, NDPD. Erste Ministerpräsidenten sind repräsentiert: Reinhold Maier von Württemberg-Baden mit Briefen und Tagebuchaufzeichnungen, Karl Geiler von Hessen und Hans Ehard von Bayern mit Ansprachen und Reden. Hier sind auch zu nennen die Reden der Oberbürgermeister: Wilhelm Kaisen von Bremen, Ernst Reuter von Berlin, Max Brauer von Hamburg. Außerdem wurden bearbeitet Reden von Justizminister Thomas Dehler, vom Präsidenten des Wirtschaftsrats Erich Köhler, die Autobiographie des SPD-Politikers Wilhelm Keil, Tagebuchaufzeichnungen des Generalsekretärs des Länderrates der Bizone Heinrich Troeger. Hermann Ehlers, CDU-Politiker, Justiziar der gesamtdeutschen evangelischen Synode und Bundestagspräsident ist mit Reden, Artikeln und Vorträgen vertreten. Den Wirtschaftsminister Ludwig Erhard repräsentieren Reden, Ansprachen und Artikel aus den Jahren 1945 bis 1954.

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Die Gewerkschaftsseite ist berücksichtigt mit dem Gründungsprotokoll des DGB und einer Rede Hans Böcklers. Programmatische Schriften, wie ,Das Demokratische Deutschland' und Texte aus dem Nauheimer Kreis um Ulrich Noack wurden bearbeitet. Außerdem sind vertreten der wichtige Beitrag des Kanzlerberaters Wilhelm Röpke, ,Die deutsche Frage' und die Reden des niedersächsischen Kultusministers Adolf Grimme ebenso wie Ansprachen, Reden und Erklärungen des CDU-Politikers und Gewerkschafters Jakob Kaiser sowie Beiträge des Innenministers Gustav Heinemann. Das Grundgesetz ist mit den Grundrechtsartikeln und einem Kommentar von 1949 berücksichtigt. Für die SBZ/DDR wurden u.a. aufgenommen die Antrittsrede des Präsidenten der DDR Wilhelm Pieck vom 11. Oktober 1949 sowie die erste Regierungserklärung Otto Grotewohls vom 12. Oktober 1949. Außerdem wurden Reden von Franz Dahlem sowie programmatische Texte von Anton Ackermann und Alexander Abusch berücksichtigt, ebenso eine Rede der Justizministerin der DDR Hilde Benjamin sowie Protokolle des ersten Parlaments der FDJ mit einer Rede Erich Honeckers vom Juni 1946. Der erste Sekretär des ZK der SED und Staatsratsvorsitzende Walter Ulbricht ist mit wichtigen Reden vertreten. Als kritischer und schließlich dissidenter Kommentator ist Wolfgang Leonhard, ,Die Revolution entläßt ihre Kinder', aufgenommen.

Theologen Die Domäne Theologie repräsentieren wichtige Texte (vor allem Predigten, Hirtenworte, Ansprachen) der herausragenden NachkriegsKirchenmänner Martin Niemöller, Romano Guardini, Hans-Christian Asmussen, Otto Dibelius, Heinrich Grüber, des katholischen Bischofs Konrad Graf von Preysing sowie von Theologen wie Max Pribilla, Paul Althaus, Karl Heim, Günter Jacob, Walter Künneth, Heinrich Vogel und Günther Dehn sowie die Tagebuchaufzeichnungen des Kriegsgefangenen Helmut Gollwitzer. Außerdem wurden u.a. aufgenommen das Stuttgarter Bekenntnis und Texte der Konferenz von Treysa sowie synodale Erklärungen.

Juristen Texte aus dem Rechtswesen sind Tagebuchaufzeichnungen des Nürnberger Verteidigers der SS Carl Haensel, Publikationen des Freiburger

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Beteiligungsrollen und Texte

Rechtsprofessors Siegfried J. Bader sowie Gustav Radbruchs berühmtes ,GesetzEches Unrecht und übergesetzliches Recht'. Wissenschafder/Philosophen Die Soziologin Gertrud Bäumer ist vertreten ebenso wie der Soziologe Alfred Weber, der Arzt und Neurologe Viktor von Weizsäcker, die Historiker Gerd Tellenbach, Friedrich Meinecke, Hans Rothfels, Hans-Joachim Schoeps, Gerhard Ritter, die Philosophen Julius Ebbinghaus, Theodor Litt und Karl Jaspers, die Erziehungswissenschafder Eduard Spranger und Heinrich Deiters. Aufgenommen wurden Texte des Staatsrechders Rudolf Smend und des Nationalökonomen Alfred Müller-Armack sowie die Berichterstattung über den Nürnberger Ärzte-Prozess von Alexander Mitscherlich und Fred Mielke. Berücksichtigt wurden schließlich Festansprachen anlässlich von Universitätsneu- bzw. -Wiedergründungen. Küns der/Dichter Reinhold Schneiders früher Nachkriegsbeitrag ,Das Unzerstörbare' wurde (u.a.) aufgenommen, die Tagebuchaufzeichnungen Ernst Nossacks und Ruth Andreas-Friedrichs. Carl Zuckmayers ,Des Teufels General' und Hans Hellmut Kirsts ,Null-Acht Fünfzehn' sowie Wolfgang Borcherts ,Draußen vor der Tür' und Walter Kolbenhoffs ,Heimkehr in die Fremde' wurden berücksichtigt ebenso wie Günter Weisenborns ,Die Illegalen' und Alfred Anderschs ,Kirschen der Freiheit', Wolfgang Koeppens Nachkriegstrilogie ,Tauben im Gras', ,Das Treibhaus' und ,Tod in Rom', Gedichte von Bertolt Brecht, Oda Schäfer und Erich Kästner sowie der Essay von Walter Dirks ,Das Abendland und der Sozialismus', Marie Luise Kaschnitz' ,Menschen und Dinge 1945', Wolfgang Weyrauchs Nachwort zu Tausend Gramm' und Essays von Ernst Jünger. Der erste deutsche Schriftstellerkongress ist mit den Protokollen berücksichtigt sowie der ,Kulturbund zur demokratischen Erneuerung Deutschlands' mit programmatischen Texten. Dieses Teilkorpus von Texten der Nichttäter umfasst ein Mehrfaches des Anteils von Opfer- und von Tätertexten. Insofern stellt sich der Diskurs der Nichttäter ungleich komplexer und aspektreicher dar, was sich wiederum in der ungleich größeren Differenziertheit der analytischen Befunde und ihrer Darstellung widerspiegelt.

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Festzuhalten ist: Der Schulddiskurs der Nichttäter wird charakterisiert von einer diagnostisch angelegten Auseinandersetzung mit der Schuld der Deutschen. Diese Diagnose, die Anamnese und Therapie umfasst, repräsentieren Handlungsmuster, deren Aporezität in der typischen Nachkriegskonstellation, bestehend aus schuldbewusster Befindlichkeit und gleichzeitiger Rehabilitationsabsicht, angelegt ist. Während wir für die Opfer als dominierendes Handlungsmuster den Bericht herausstellen in Korrespondenz mit ihrer Funktion als Zeugen, für die Täter die Erzählung in Korrespondenz mit ihrer Funktion als Angeklagte, können wir für die Nichttäter und ihre Texte keine derartig eindimensionale Zuschreibung eines einheitlichen Textmerkmals vornehmen. Die diagnostischen Texte der Nichttäter sind verfasst unter den Bedingungen des Kollektivschuldvorwurfs der Welt, dem sie sich gegenüber sehen. Insofern entspricht ihr Sprachhandeln demjenigen von Angeklagten und insofern ist zu erwarten, dass Nichttäter, indem sie unter diesen Voraussetzungen des Angeklagtseins über die Schuld der Deutschen sprechen, entsprechende Strategien anwenden (Ausweichen, Leugnen, Gestehen). Was sie darüber hinaus eint, ist der Wunsch, die Deutschen mögen in die Reihen der Völker reintegriert werden. Insofern sprechen sie über die Schuld der Deutschen unter der Voraussetzung gleichsam des Anwalts und entsprechend argumentierend. Schließlich sprechen sie auch über die Schuld der Deutschen in einer Rolle, die derjenigen von Richtern nahekommt — sie bewerten, ordnen ein, messen an einer Norm. Insofern ist zu erwarten, dass Nichttäter, indem sie auch unter den Voraussetzungen dieses Selbstbildes ,Richter' über die Schuld der Deutschen sprechen, entsprechende Strategien anwenden (Bewerten, Richten, Urteilen). Trotz ihres Ungleichgewichts lassen sich die drei Subdiskurse der Opfer, Täter und Nichttäter vergleichen: Sie dokumentieren das nachkriegsdeutsche Reden über die Schuld der Deutschen aus den drei Perspektiven der Beteiligungen. Sie zeigen, dass jede Perspektive ihre je spezifischen Referenzen und Argumentationsziele fokussiert. Sie belegen, dass jeder Teildiskurs ein eigenes System darstellt, ohne Rekurrenzen auf die anderen Teildiskurse. Vor diesem Hintergrund des funktionalen Ungleichgewichts 74 erklärt sich z.T. auch die den je spezifischen Texteigenschaften angepasste Darstellung, und zwar die Darstellung dessen, was diskursgeschichtliche, argumentationstheoretische, lexikalische, mentalitätsgeschichtliche Relevanz und Evidenz hat. Je nach thematischem Bezug und bzw. oder je nach Sprecherperspektive sind die Befunde entsprechend zu vermitteln, deren Gestalt ihrerseits unterschiedlich determiniert ist. Wir müssen also sagen, 74

Auf das auch quantitativ begründbare Ungleichgewicht wurde bereits hingewiesen.

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Beteiligungsrollen und Texte

dass die Darstellung nicht einem einheitlichen Raster folgen kann, das allen drei Teildiskursen gleichermaßen unterzulegen wäre. Vielmehr werden unterschiedliche Analyse- und Darstellungsschwerpunkte zu setzen sein, je nach Evidenz und Ergiebigkeit und Erkenntniswert der einzelnen Beobachtungen. Die methodischen Grundannahmen werden nun, nach der Vergegenwärtigung der Textgrundlage und der Diskursgemeinschaft, vorgestellt.

3. Methodische Implikationen des Schulddiskurses Die Studie soll einen Beitrag leisten zur pragmatisch, also gesellschaftlich orientierten Sprachgeschichte des 20. Jahrhunderts. Sie ist kulturgeschichtlich ausgerichtet und diskursiv angelegt. Die Texte, die dieser Studie zugrunde liegen und die sämtlich das Thema ,Schuld' zum Gegenstand haben, sind nach Beteiligungsrollen der Sprecher strukturiert. Darüber hinaus ist der Schulddiskurs nach Zeitreferenzen und Subthemen konfiguriert. Seiner linguistischen Beschreibung sind folgende Implikationen vorausgesetzt: Der Schulddiskurs der frühen Nachkriegszeit ist gekennzeichnet durch seine argumentative Beschaffenheit, die sich begründet aus der Zusammensetzung der Diskursgemeinschaft von Opfern, Tätern, Nichttätern und aus dem Thema ,Schuld', über das die von diesem Thema Betroffenen nicht anders denn argumentierend reden können, nämlich z.B. bezeugend, abwehrend, anklagend, richtend. So ist dieses Reden der Beteiligten darzustellen als perspektivenabhängige, von den durch diese jeweiligen Perspektiven geprägten Argumentationszielen und sich in entsprechenden lexikalischen Registern manifestierenden Redeweisen. Diese Beschreibung der Argumentationen und ihrer lexikalischen Repräsentation rückt die folgende Diskursanalyse in den linguistischen Horizont, der die Anlage der Studie als Beitrag zur Sprachgebrauchsgeschichte rechtfertigt, der außerdem mentalitätsgeschichtlich interpretierbar ist. Als Perspektiven einer sprachgeschichtlichen Analyse sind die auf diesem Weg erlangten Ergebnisse Teil einer Sprachgebrauchsgeschichte des 20. Jahrhunderts. Insofern für „die Zwecke einer sozial- und mentalitätsgeschichtlich erweiterten Begriffsgeschichte .. die etablierten linguistischen Methoden der Semantik, Lexikographie, Sprechakttheorie nur wenig helfen" können (Knobloch 1992, S. 15), muss einer diskurs- und mentalitätsgeschichtlich erweiterten Sprachgebrauchsgeschichte eine methodisch komplexe und vor allem offene Beschreibungs- und Darstellungsweise zu Grunde liegen.1 Dem Erkenntnisziel der Sprachgebrauchsgeschichte entsprechend, das, in großer Allgemeinheit formuliert, die Frage beantworten soll, wie bestimmte Formationen einer Sprachgemeinschaft zu bestimm-

Zur notwendigen methodischen Offenheit eines solchen Ansatzes vgl. etwa die Einleitung von l i n k e 1996, bes. S. 9-18 und 32-45; außerdem Wodak u.a. 1998 und Wengeler 2003b. Das Konzept der folgenden Untersuchung ist auch dargestellt in Kämper 2003a.

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Methodische Implikationen des Schulddiskurses

ten Zeiten über bestimmte Gegenstände und warum sie so geredet haben, sind die Mittel zur Erlangung dieser Erkenntnis anzupassen. — Es sind dies Fragen, die man auch als Anliegen einer Hermeneutik beschreiben könnte: Sie haben damit zu tun, dass sie auf Verstehen abzielen, wenn Hermeneutik nicht nur die Wissenschaft vom Verstehen aus der Perspektive des Teilnehmers, sondern auch aus der des Beobachters ist, wenn also Hermeneutik auch methodisch als Wissenschaft vom Verstehen von Texten und ihre Darstellungsweise akzeptiert wird. 2

3.1. Kulturgeschichte Sprache und Kultur, Sprachwissenschaft und Kulturwissenschaft, Sprachgeschichte und Kulturgeschichte treffen sich in dem Konzept von der gesellschaftlichen Konstituierung von Wirklichkeit. Kultur ist „das ,Ganze' des wechselseitigen Zusammenspiels von Denkformen, Formen des Sich-Verhaltens und sozialen Handelns und den wiederum daraus entstehenden Objektivationen" (Oexle 1996, S. 26). So verstanden ist Kultur mit Sinn und Bedeutung versehene Wirklichkeit, ein „Rahmen, in dem Ereignisse, Verhaltensweisen und Institutionen beschreibbar sind" (Mergel 1996, S. 59f.), der „Einfluß materieller und symbolischer Produkte der Gesellschaft auf das Handeln der Individuen" (Witte 1989, S. 400f.) - und ohne Sprache nicht zu denken. Kultur ist auf Kommunikation angewiesen und wird durch Sprache vermittelt und konstituiert in der Funktion von „Wirklichkeitsdeutung" (Hansen 2000, S. 391). Hans-Ulrich Wehler segmentiert Gesellschaft nach den drei Dimensionen Herrschaft, Wirtschaft und Kultur 3 , und Kultur soll in dieser Vorstellung die ideellen und institutionellen Traditionen, Werte und Einstellungen, die Denkfiguren, Ideologien und Ausdrucksformen, jene symbolisch verschlüsselte Erfassung und Deutung von Wirklichkeit umfassen, mit deren Hilfe nicht nur sprachlich-schriftliche, sondern schlechterdings jede Art von Kommunikation unterhalten und gespeichert wird, so daß alles Verhalten und Handeln in diesen Komplex symbolischer Interaktion eingebettet bleibt, durch ihn angeleitet wird. (Wehler 1987, S. 10)

Hermanns (2003b) plädiert für ein Verständnis von Linguistik als Verstehenswissenschaft, die er ,linguistische Hermeneutik' nennen möchte, und er legt dar, dass Linguistik gleich welcher Provenienz und mit gleich welchen Erkenntniszielen, stets mit Verstehen von Texten zu tun hat. „Herrschaft, Wirtschaft und Kultur stellen [die] drei, in einem prinzipiellen Sinn jede Gesellschaft erst formierenden, sich gleichwohl wechselseitig durchdringenden und bedingenden Dimensionen dar" (Wehler 1987. S. 7).

Kulturgeschichte

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Sprache ist „Voraussetzung und Medium der kulturellen Entwicklung" (Gipper 1984, S. 11). Indem mittels Sprache Bedeutungen konstituiert werden, ist Sprache bekanntlich nicht nur Indikator, sondern auch Faktor historisch-sozialer Prozesse (Koselleck 1979, S. 29). Sprache schafft Wirklichkeit als die, wie sie den Menschen erscheint. Hardtwig/Wehler (1996, S. 10) sprechen von der „Orientierungs- und Deutungsmacht der Sprechweisen und Begriffe". Sprache ist Medium und Ort der Konstitution von Wirklichkeit und Weltwissen „als so und so typisch geordnetf..] und zusammengefaßt[..], ohne natürlich „den typisierend geordneten ,Stoff'" zu konstituieren (Knobloch 1992, S. 19). Mit der „Konstitution von Sinn in der kommunikativen Interaktion wird die Wirklichkeit gesetzt, bestätigt und so als gesellschaftliche erst geschaffen" (Busse 1987, S. 283). Insofern sind Texte Modelle über Welten (d.h. über strukturierte und perspektivisch selektierte Sachverhaltskomplexe). .. Ivlit Texten werden diese Welten (unter intertextuellem Rückbe2ug) sprachlich erst geschaffen (oder qua Rezeption und Reproduktion immer wieder erschaffen) (Antos 1997, S. 52).

In diesem Sinn stellt sich Sprachhandeln dar als „eine Folge der jeweiligen Interpretation der außersprachlichen Bedingungen durch die beteiligten Sprecher und Sprecherinnen". In diesen „Interpretationsprozessen" kommen „die kollektiven Deutungsmuster einer Sprachgemeinschaft zum Tragen", hier findet „die gesellschaftliche Konstruktion der Wirklichkeit'" statt (Linke 1998, S. 139). Insofern kann heute weitgehend Einigkeit darüber erzielt werden, daß es bei der geschichtlichen Behandlung von einzelnen Sprachen darauf ankommt, die jeweils zeit- und sozialgebundenen Prozesse der ,Konstruktion von Wirklichkeit' im sprachlichen Medium nachzuzeichnen und ihre kommunikative Aneignung, Vermittlung und Umsetzung in den historischen Sprachgemeinschaften zu rekonstruieren (Cherubim 1998, S. 540f.).

Kultur ist also Schnittpunkt der kulturwissenschaftlichen Disziplinen, und Sprache ist eine Objektivation sozialen kulturellen Handelns. 4 Damit ist Sprachwissenschaft d a n n eine Kulturwissenschaft, wenn sie sich — als interpretierende Wissenschaft, die Bedeutungen ermittelt - mit der Beschreibung und Deutung von Sprache und sprachlichem Ausdruck als Form sozialen kulturellen Handelns beschäftigt: Sprachliche Ausdrücke zeigen in kulturellen Kontexten veränderte Sichtweisen, Beziehungsverhältnisse oder Selbstverständnisse an, also neue Deutun„Der Zusammenhang einer Kultur und der in ihr gesprochenen Sprache besteht .. darin, dass die Sprache — ob als Wissen oder als gewohnheitsmäßiges Verhalten — so zusagen quantitativ ein Teil der Kultur ist. .. Doch ist eine Sprache außerdem auch immer mitkonstitutiv für die gesamte Kultur der sozialen Gruppe, deren Sprache sie ist." (Hermanns 2003a, S. 365)

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Methodische Implikationen des Schulddiskurses

gen im interpretierenden Umgang der Menschen mit ihrer Umwelt. Dorthin müßte also eine Sprachanalyse vorstoßen: zu den Deutungssystemen in kulturellen Lebensgemeinschaften. (Ingendahl 1996, S. 388)

Übrigens: Trotz dieser Grundüberzeugung von der sprachlich getragenen, vermittelten, erzeugten Kultur — was wäre im übrigen im gesellschaftlichen Kontext in diesem Sinn nicht sprachlich getragen? —: Wann immer die Disziplinen inventarisiert werden, wenn es um die Teilnehmer an der ,Superdisziplin' Kulturwissenschaft bzw. Kulturgeschichte geht — die Sprachwissenschaft kommt systematisch nicht vor.5 Vermutlich hat es sich die Linguistik am Ende aber selbst zuzuschreiben, wenn sie noch nicht einmal als mögliche Stimme im kulturwissenschaftlichen Chor wahrgenommen wird. Hermanns (2003b, S. 128) nennt es ein „Selbstmissverständnis", dass „die Linguistik naturwissenschaftlich-szientifisch zu sein hätte". — Immerhin ist es „erfreulich, dass der Anschluss an den internationalen Wissenschaftsstandard im Rahmen der kulturwissenschaftlich orientierten Sprachgeschichtsschreibung geschafft zu sein scheint." (Busse 2003b, S. 8) Für „sprachliche Artikulationen" in kulturgeschichtlichen Manifestationen interessieren sich allererst Sprachwissenschaftler. Sprachgeschichte stellt sich mithin dar als eine Sektorwissenschaft der Kulturgeschichte, die sich mit der Geschichte dieser ,Form sozialen Handelns' beschäftigt. 6 Das Verständnis von Kulturgeschichte ist geprägt von der Vorstellung sprachlich vermittelter Deutungen. Kulturwissenschaftlich orientierte Sprachgeschichte fragt nach den historischen und gesellschaftlichen Bedingungen und Veränderungen von Sprache, und zwar nicht nur in ihrer Funktion als Vermittlerin zwischen Mensch und Mensch bzw. Wirklichkeit, sondern auch als Erzeugerin von Wirklichkeit. M.a.W.: Mit dem

Exemplarisch Aleida Assmann: „Historiker, Politologen, Soziologen [haben] in den letzten Jahren mehr oder weniger programmatisch zur Konstitution des neuen Forschungsgegenstandes ,Gedächtnisgeschichte' beigetragen .. An diesem interdisziplinären Projekt können sich auch Literatur- bzw. Kulturwissenschaften beteiligen, die sich für sprachliche Artikulationen [sie!] und symbolische Formen gesellschaftlicher Kommunikation interessieren und nach den Bedingungen der Wahrnehmungen, Wertsetzungen und Identitätskonstruktionen fragen." (Assmann/Frevert 1999, S. 33) Abwesenheit der Sprachgeschichte im Bewusstsein etwa von kulturgeschichtliche Forschungsprogramme formulierenden Historikern vermerkt auch Kilian (1997, S. 60). Wengeler notiert: „Eine soziopragmaüschc Sprachgeschichte .. kann zu einer Mentalitäts- und Diskursgeschichte beitragen, wie sie von Historikern in letzter Zeit auch in Deutschland diskutiert und konzipiert wird, die dabei aber nicht allzu viel Wert auf sprachwissenschafdiche und sprachgeschichtliche Erkenntnisse legen." (Wengeler 1997a, S. 96) Peter Auer hat ein Programm einer solcherart kulturwissenschaftlich orientierten Linguistik entworfen. Er nennt ihre Implikationen paradigmatisch „empirisch statt spekulativ", „interpretativ statt positivistisch", „partikularistisch statt universalistisch", „Bühlerianisch statt Saussurcianisch", „historisch statt zeitindifferent". (Auer 2000, S. 60f.)

Kulturgeschichte

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Selbstverständnis von Linguistik als Kultur- und Gesellschaftswissenschaft, von Sprachanalyse als Kultur- und Gesellschaftsanalyse ist der Grundton ihrer erkenntnisleitenden Fragestellungen angestimmt. Indem sich kulturwissenschaftliche Linguistik in der Nachbarschaft zu anderen kulturwissenschaftlichen Disziplinen befindet, ist ihre methodologische Reflexion auf Abgrenzung auszurichten. Auch Historiker sind im Zuge des als ,linguistic turn' die Fragestellungen der Geisteswissenschaften insgesamt verändernden Paradigmenwechsels z.B. interessiert an „emotionell hoch besetztefn] Schlüssel-Wörter[n] .., in denen sich .. Haltungen', ,Dispositionen' und ,Lebensrichtungen' konkretisierten." (Oexle, 2000, S. 8) Auch Historiker machen sich daran, z.B. „Argumentationsweisen, Sprachmuster und Schlüsselbegriffe anhand einiger diskursgeschichtlicher Überlegungen zu ergründen" (Wolfrum 1999, S. 8f.). Die Sprachwissenschaft tut das natürlich per se, hat jedoch andere Erkenntnisinteressen. Sie ist nicht dem sprachlich vermittelten historischen Gegenstand, sondern der diesen Gegenstand erfassenden Sprache zugewandt, ihr Interesse gilt der Untersuchung von Sprache, dem Verstehen von Sprachgebrauch und seiner Erklärung unter den je spezifischen gesellschaftlichen und politischen Bedingungen. 7 Dieses Erkenntnisinteresse manifestiert sich in der folgenden Untersuchung nicht zuletzt in einer intensiven Belegung sprachlicher Ausdrucks formen. Die Vermittlung und Darstellung sprachwissenschaftlich ermittelter Befunde setzt den Nachweis derjenigen Beobachtungen voraus, die zur Erlangung dieser Befunde geführt haben. Der Abgrenzung also dient die Erarbeitung genuin disziplinärer, zur sprachlichen Analyse bereit stehender Instrumentarien, die dementsprechend zu sprachlichen Erkenntnissen verhelfen. Insofern scheint auf die heutige Linguistik mutatis mutandis zuzutreffen, was de Beaugrande für ihre frühen Jahre beschreibt, da sie „mit Recht [fürchtete], von den Nachbarwissenschaften vereinnahmt zu werden" (Beaugrande 1997, S. 6). Das daraus entstandene Anliegen, „eine Wissenschaft sein [zu wollen], die nur ,Sprache an sich' ergründen sollte", kann allerdings (hoffentlich) wohl als obsolet betrachtet werden. Vereinnahmung einerseits, Abgrenzung andererseits sind heute weniger Angstkategorien, als vielmehr Anlässe, sich der disziplinären Erkenntnisleistung zu vergewissern, ohne Exklusivität des Gegenstandes zu beanspruchen. Der Vorwurf der Vereinnahmung wird dennoch erhoben — aus der Gegenperspektive: „der Geländegewinn für In diesem Sinn grenzt Koselleck Begriffs- und Sozialgeschichte voneinander ab: Begriffsgeschichte beschäftigt sich „in erster Linie mit Texten und mit Worten", Sozialgeschichte bedient sich „nur der Texte .., um daraus Sachverhalte abzuleiten und Bewegungen zwischen Gruppen, Schichten, Klassen .. Texte und die ihnen zugeordneten Entstehungssituationen haben allenthalben nur Hinweischarakter" (Koselleck 1979, S. 19).

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die Historiker kam dadurch zustande, daß man Territorien der anderen annektierte." (Chartier 1989, S. 8) Mit diesen Territorien meint der Historiker Chartier z.B. „die Techniken linguistischer und semantischer Analysen" (ebd., S. 9). Die Situation besonders der kulturwissenschaftlich betriebenen Sprachgeschichte heute ist gekennzeichnet nicht nur von Methodenpluralität und dem Bemühen um Operationalisierbarkeit ihrer Analysen, sondern vor allem auch von der Auseinandersetzung mit Analyseansätzen, die sie mit kulturwissenschaftlich orientierten Nachbardisziplinen, vor allem mit der Historiographie, teilt. Denn die wissenschaftstheoretisch bedingte Entdisziplinierung der Analyseansätze erfordert gleichzeitige Disziplinierung ihrer fachbezogenen Ausformung, ein Erfordernis, welches die Bearbeitung identischer Themen — wie hier zeitgeschichtlicher — noch erhöht. Ich beziehe mich auf Oexle, der für eine ,,entschlossene[..] Entdisziplinierung" der Geschichtswissenschaft optiert, „was vielleicht auch für andere kulturwissenschaftliche Fächer gilt". Gleichzeitig fordert er das Gegengewicht einer Disziplinierung „in dem Sinne .., daß die einzelnen kulturwissenschaftlichen Fächer sich ihrer historisch gewordenen, spezifischen Leistungen bewußt sind und sie zur Geltung bringen" (Oexle 1996, S. 31). Das Fundament der Untersuchung des deutschen Schulddiskurses in der frühen Nachkriegszeit bildet also die für die kulturwissenschaftlichen Disziplinen insgesamt approbierte These von der gesellschaftlichen Konstruktion von Wirklichkeit' (so der Titel von Berger/Luckmann 1965). gesellschaftlich' bedeutet sprachlich' und damit ,kommunikativ', so dass wir aus linguistischer Sicht von der sprachlichen Konstruktion von Wirklichkeit' sprechen. Indem über Wirklichkeit gesprochen wird, wird sie existent: „Die wirklichkeitsstiftende Macht des Gesprächs ist mit der Tatsache der Objektivation durch die Sprache bereits vorgegeben" (Berger/Luckmann 1965/1999, S. 164). Unter dieser Grundvoraussetzung ist im Folgenden darzulegen, dass die analytischen Implikationen der Sprachgebrauchsgeschichte mit ihren Darstellungsaspekten Diskurs, Argumentation, Lexik zu der methodischen Gesamtkonstruktion beitragen, um den Anspruch zu erfüllen, der mit dem Programm Sprachgeschichte als Zeitgeschichte' erhoben wird.

3.2. Sprachgebrauchsgeschichte Originäre Aufgabe der Sprachgeschichte ist ohne Frage die Beschreibung der Entwicklungsgeschichte von Veränderungsprozessen, die das System der Sprache betreffen. Diese Aufgabe erfüllt Sprachgeschichte dann (und

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kann sie nur dann erfüllen), wenn sie die weiten Zeiträume und die langen Phasen beobachtet. Erkenntnisse über Systemveränderungen sind nicht anders zu haben als in Jahrhundertdimensionen. Insofern ist die Geschichte des Deutschen sinnvoll periodisiert in Althochdeutsch, Mittelhochdeutsch, Frühneuhochdeutsch, Neuhochdeutsch. 8 Ihre Gegenstände sind vernünftigerweise Phonologie, Morphologie, Graphie, Lexik, Syntax, Semantik. Auch die Sprachgeschichte kleinerer Zeiträume oder begrenzterer Sprecheraus schnitte bzw. historischer Sprachzustände ist dann Systemgeschichte, wenn der epochale Großraum sozusagen den systematischen Bezugshintergrund abgibt. Denn: Sprachgeschichte setzt sich auch aus synchronen Schnitten historischen Sprachgebrauchs zusammen. 9 Das ist in traditionellem Sinn verstandene Sprachgeschichte. Sprachgeschichte wäre jedoch arm und hätte ihre Gegenstände bald erschöpft, wenn sie nur systemrelevante Fragestellungen gelten ließe. Sprachgeschichte ist auch die Rekonstruktion, die Darstellung, Beschreibung, Kommentierung des Sprachgebrauchs historischer Epochen, der zwar womöglich keine Veränderungen des Systems erwarten bzw. erkennen lässt, der aber in bedeutender Weise Teil sprachlicher Wirklichkeit war — und damit als beschreibens- und darstellenswertes sprachhistorisches Ereignis legitimiert ist. Sprachgeschichte ist also auch Sprachgebrauchsgeschichte, abgesehen davon, dass solche Art Sprachgeschichte vorbereitende Systemgeschichte ist oder sein kann — oder anders: abgesehen davon, dass Systemgeschichte auf Befände der Gebrauchsgeschichte angewiesen ist. Es ist ein Gemeinplatz, den auch Saussure in seiner Sprachtheorie zugestanden hat, dass natürlich erst Erkenntnisse des Sprachgebrauchs Erkenntnisse von Systemveränderungen zulassen. Sprachgeschichte in diesem weiteren Sinn ist pragmatische Sprachgeschichte. Marcel Μ. H. Bax, der mahnt, die ,,diachrone[..] Dimension von Phänomenen des Sprachgebrauchs" (Bax 1991, S. 199) nicht weiter zu vernachlässigen 10 , entwirft ein Programm, wenn er historische Pragmatik definiert als ein[en] Forschungszweig der Linguistik, der (1) die Beschreibung und das Verstehen von Konventionen des Sprachgebrauchs in Gemeinschaften, die Vgl. zur Geschichte der Periodisierung des Deutschen Roelcke 1995. Die Diskussion über Synchronic und Diachronic und deren Beziehung zur Sprachgeschichte wurde in den 1970er Jahren geführt. Den entscheidenden Beitrag zur ,Synchronisierung' der Sprachgeschichte, zur Uberwindung der „Antinomie Synchronic — Diachronie allein in und durch die Geschichte" (Coseriu 1974, S. 10) hat Coseriu, ,Synchronic, Diachronie und Geschichte' (1974), geliefert. Mattheier stellt noch im Jahr 1998 fest, dass „der eigentliche' Gegenstand der (deutschen) Sprachgeschichte .. in den Augen vieler Sprachhistoriker [Linguisten überhaupt, füge ich hinzu] immer noch das Beschreiben der Systemveränderungen in der deutschen Sprache" sei. (Mattheier 1998, S. 1)

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direkter Beobachtung nicht mehr zugänglich sind und (2) die Beschreibung und die Erklärung der Veränderung von Sprachkonventionen durch die Zeit hindurch zum Ziel hat (Bax 1991, S. 200).

Merkmal einer solchen pragmatischen Sprachgeschichtsschreibung scheint das Fehlen des „organisierende[n] Zentrum[s]" zu sein, „aus dem heraus eine Sprachgeschichte ,wie aus einem Guß' fließen könnte: ein einheitliches theoretisch-methodisches Konzept" (Mattheier 1995, S. 2). „Parzellierte Sprachgeschichtsschreibung" hat Rainer Wimmer sie genannt (Wimmer 1996, S. 411) und sie hinsichtlich ihres enorm erweiterten Spektrums von Analysemethoden als „nicht [mehr] operationalisierbar" (ebd., S. 408) gekennzeichnet. Ist mit ,operationalisierbar' die Anwendung festgelegter allgemeiner modellhafter Analyseverfahren gemeint? Operationalisierbar kann nur bedeuten: ein dem Erkenntnisziel und der empirischen Grundlage angemessenes und angepasstes Instrumentarium, das freilich immens divergieren und daher keinen Modellcharakter mehr haben kann. Dieser ,weitere' Sinn meint diejenige Perspektivenerweiterung, die mit der linguistischen Pragmatik möglich wurde: Wenn .. Sprachgeschichte etwas anderes oder mehr sein soll als diachronische Sprachwissenschaft bzw. die Erforschung des Sprachwandels wird sie nicht auf einen engeren (systembezogenen), sondern einen weiteren (verwendungsbezogenen) Sprach(zeichen)begriff rekurrieren müssen, wie ihn die pragmatischen Ansätze unterschiedlicher Provenienz fordern. Das heißt aber auch, daß pragmatische Ansätze in der Sprachgeschichtsforschung heute nicht additiv zu strukturalistischen Ansätzen hinzutreten, sondern einen grundsätzlichen Perspektivenwechsel verlangen, da sie den Rahmen darstellen, aus dem erst andere Ansätze durch Reduktion und Idealisierung abzuleiten sind. (Cherubim 1998, S. 538) 11

M.a.W.: Pragmatische Sprachgeschichte integriert unterschiedliche Beschreibungsmethoden, nach je spezifischen Erkenntnisinteressen. 12 Eine auf den Gebrauch gerichtete pragmatische Sprachgeschichte ist Sprachgeschichte, deren Erkenntnisinteresse weniger auf Systemveränderungen gerichtet ist, als eher auf die Darstellung und Beschreibung typischer historischer Sprachverwendungsformen in einer bestimmten Epo-

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In diesem Beitrag gibt der Verfasser einen Überblick über die Geschichte der pragmatischen Sprachgeschichtsschreibung. Institutionalisiert ist die pragmatische Sprachgeschichte seit dem Zürcher Kolloquium 1978 (vgl. die Akten in Sitta 1980) einerseits, mit der durch Peter von Polenz (1991) etablierten pragmatischen Sprachgeschichtsschreibung andererseits, deren Programm lautet: „Sprachgeschichte, die über bloße historische Linguistik hinausgeht und auf historische Zusammenhänge zwischen Sprache und Gesellschaft im Rahmen kommunikativer Praxis hinweist" (1991, S. 17).

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che, innerhalb einer bestimmten gesellschaftlichen Gruppierung, unter bestimmten sozialen oder politischen Bedingungen. 13 Mit dieser Vorstellung von Sprachgeschichte stellt sich der Zusammenhang von Sprache und Gesellschaft her — dem ein sprachgeschichtliches Konzept mit langer Tradition verpflichtet ist, und das durch Anreicherung mit neuen Forschungsperspektiven und Erkenntnisinteressen immer wieder belebt wird. Sprachtheoretische Grundlage der Prinzipienlehre Hermann Pauls ist bekanntlich seine Uberzeugung von der gesellschaftlichen Bedingtheit von Sprache (Paul 1920). Die Sprachgeschichte von Adolf Bach (1938/1970) stellt Sprache als Kulturgut dar mit Aspekten wie Gemeinschaft, Gesellschaft, Sozialgeschichte — die völkischen Wertungen Bachs verbieten selbstverständlich die Einreihung seiner Sprachgeschichte in den Kanon. Hans Eggers (1963/1986) beschreibt ,Sprache und Gesellschaft'. Wilhelm Schmidt (1993) stellt Sprache und ihre Geschichte im Kontext ihrer politischen und sozialökonomischen Bedingungen dar. Cherubim reklamiert für die pragmatische Sprachgeschichte, sie müsse „die Entwicklung einer Sprache als soziales Handeln von Menschen unter historischen Bedingungen beschreiben". (1984, S. 810) Biere/Henne setzen voraus, dass eine „Sprachgeschichte nach 1945 .. erst einmal eine Geschichte des Sprachgebrauchs, von Sprache in Funktion [ist]" (Biere/Henne 1993, S. VIII). Stötzel/Wengeler verstehen ihre Arbeit als „Rekonstruktion der Geschichte unter sprachwissenschaftlichem Aspekt" (1995, S. 2) und als „sprachbezogene zeitgeschichtliche Darstellung" (ebd., S. 3) — der Beispiele, Sprache und Gesellschaft zusammen denkender Ansätze sind viele. Fritz Hermanns (1995a) bringt „das heute gültige Programm der deutschen Sprachgeschichte, die als soziopragmatische beschrieben wird", auf die Formel „Sprachgeschichte als Gesellschafts- und Sozialgeschichte". 14 Mattheier nimmt als „Grundlage für die deutsche Sprachgeschichte" eine sich abzeichnende „Theorie des Sprachwandels als Veränderung gesellschaftlichen Handelns" wahr (Mattheier 1995, S. 3). Angelika Linke erkennt in der Beschreibung von Sprachgebrauch, von „in einer gesellschaftlichen Situation konkret gegebenen Sprachverwendungsmuster[n]", die Möglichkeit, „zu einem differenzierteren und dynamischeren Bild der gesellschaftlichen Geprägtheit

Vgl. etwa (die Beiträge in) Cherubtm/Henne/Rehbock 1984, Linke 1996, Kämper/Schmidt 1998, Cherubim/Grosse/Mattheier 1998. „Sie versteht sich selber als Bestandteil eines großen Unternehmens der gesellschafts- und sozialgeschichtlichen Erforschung der Vergangenheit, in dem sich linguistische Sprachgeschichte und geschichtswissenschaftliche Sozialgeschichte wechselseitig unterstützen. Denn Zusammenhänge der Sozialgeschichte machen sprachliche Veränderungen vielfach erst erklärlich. Umgekehrt hilft Sprach- und Kommunikationsgeschichte, die sozialgeschichtlichen Zusammenhänge besser zu verstehen." (Hermanns 1995a, S. 70)

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von Sprache" zu gelangen (Linke 1998, S. 138) und Sigurd Wichter plädiert dafür, als „wohl sicherlich nicht.. geringste[n] Gegenstand .., zu dem eine Linguistik beitragen kann", die „Verständigung der Gesellschaften mit sich und untereinander in grundlegenden Dingen anzunehmen als Aufgabe im Erkennen und Mithandeln" (Wichter 1999, S. 279) - kurz: Sprache und Gesellschaft ist die zentrale Implikation pragmatischer Sprachgeschichtsschreibung. Solche Einordnungen pragmatischer Sprachgeschichtsschreibung lassen erkennen, dass eine Verbindung zur allgemeinen Geschichte herzustellen ist — insofern Sprache der Ort ist, wo Geschichte stattfindet 15 , Ereignisse und Prozesse und ihre Erzählung. Sprache ist auch — unser Gegenstand — der Ort der Zeitgeschichte. Die berühmte Definition von Hans Rothfels, Zeitgeschichte ist die „Epoche der Midebenden und ihre wissenschaftliche Behandlung" (Rothfels 1953, S. 2), hat der Historiker Peter Steinbach als Forschungsperspektive formuliert: „Gegenwart in Beziehung zur Vergangenheit zu setzen und auf diese Weise Anfänge von Entwicklungen in das Bewußtsein zu heben, die wir zu vollenden haben" (Steinbach 1994, S. 136f.).16 Sprachgeschichte im Horizont so definierter Zeitgeschichte ist dann entsprechend die Darstellung zeitgeschichtlich relevanten, auf unsere Gegenwart in spezifischer Weise bezogenen Sprachgebrauchs. Da also eine „pragmatisch orientierte Sprachgeschichte" ohne „Kenntnis der allgemeinen historischen Hintergründe" nicht vorstellbar ist, ist sie daher in besonders hohem Maße auf die interdisziplinäre Zusammenarbeit mit den verschiedenen historischen Wissenschaften angewiesen. Im Zentrum pragmatischer Sprachgeschichte steht immer die Frage nach den Möglichkeiten und der Praxis sprachgebundenen sozialen Handelns unter bestimmten historischen Bedingungen (Cherubim 1998, S. 544).

Sprachgebrauch ist erklärbar nur in dem gesellschaftlichen, historischpolitischen Raum, in dem er stattfindet. Das sind nicht nur die „Voraussetzungen .., die das in einem gegebenen Zeitpunkt Sagbare und Denkbare17 überhaupt erst möglich machen" (Busse 2003a, S. 27), sondern auch

„ce lieu oü se passe l'histoire" (Greimas 1958, S. 112). Peter Steinbach adaptiert die Rothfelssche Definition von Zeitgeschichte als „die Geschichte .., die in besonders prägender Weise mit unserer Gegenwart zusammenhängt" (1994, S. 134). Als wissenschaftliche Disziplin verstanden, stünde Zeitgeschichte „für eine Perspektive und für eine Absicht" (ebd., S. 136f.). Ob wir übrigens tatsächlich mit linguistischem Instrumentarium Denken bzw. Wissen (Kilian 2003, S. 108) in diesem Sinn aufzudecken vermögen? Können wir mit sprachlichen Analysen aufspüren, wovon „Produzenten und Rezipienten [von Texten] noch gar nichts ahnen" (Busse 2003a, S. 29)? Können wir m.a.W. erkennen, was in ihren Köpfe vorgeht?

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das einen Diskurs Bedingende. Dieser Raum 18 ist beides, Teil der methodisch-theoretischen Orientierung ebenso wie Gegenstand der Darstellung insofern, als er als Bedingung von Sprachgebrauchsweisen den Erklärungshintergrund darstellt. So kann pragmatische Sprachgeschichte nicht als bloße Erweiterung fachautonomer Systemlinguistik betrieben werden, sondern hat interdisziplinäre und bildungspolitische Voraussetzungen und Aufgaben ähnlich wie Literaturgeschichte, Kunstgeschichte oder Musikgeschichte, usw., ist also von vornherein und unausweichlich eine ,Bindestrich'-Disziplin (v. Polenz 1995, S. 41).

Damit erweist sich die Darstellung von Sprachgebrauch zu Teilen als ein narratives Unternehmen. Die Vermitdung einer diskursiv angelegten Sprachgebrauchsgeschichte ist nicht ohne Erzählung zu denken 19 — unter der Voraussetzung, dass keine Geschichte, also auch keine Sprachgebrauchsgeschichte den Charakter einer reinen Erzählung hat, wenn ,reine Erzählung' eben jenes bloße Aufeinanderfolgen (s.o.) meint.20 Sondern ,narrative Sprachgebrauchsgeschichte' ist die, linguistische Beobachtungen auf Zeit und Sprecher beziehende, mit der Mitteilung sprachlicher Befunde gesättigte, und somit den je beschriebenen Sprachgebrauch linguistisch plausibilisierende Historiographie. Es ist dies eine Sprachgeschichtsschreibung, die unter dem Namen ,deskriptive Linguistik' firmiert. Fassen wir für den Schulddiskurs zusammen: Die Darstellung und Beschreibung des Schulddiskurses in der frühen Nachkriegszeit in unserem Sinn als sprachgeschichtlicher Gegenstand ist eine auf spezifischen Sprachgebrauch gerichtete Zeitgeschichte. Dies bedeutet konkret, diesen Diskurs und seine Sprachgebrauchsweisen zu reflektieren und zu erklären vor dem Hintergrund der gesellschaftlichen und politischen Gegebenheiten der ersten zehn Nachkriegsjahre. Die Einbeziehung dieser Gegebenheiten ist unabdingbare Voraussetzung für die Erklärung von Sprachgebrauch — nämlich als ,Indikator' und ,Faktor' (Koselleck) dieser Gegebenheiten. 21 Damit ist diese Arbeit der äußeren Sprachgeschichte 18

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Bernd-Α. Rusinek gebraucht in diesem Sinn das von Bourdieu eingeführte ,Feld', in dem „Gegenstände, zum Beispiel Forschungsgegenstände und Leitfragen, konstituiert, Probleme entweder zu gesellschaftlich relevanten Fragestellungen erhoben oder als nicht von Interesse beiseitegeschoben" werden (Rusinek 2000, S. 7). Haj'den White verweist auf das durch die narrative Darstellungsweise hervorgerufene Misstrauen: „für viele von denen, die die historische Forschung gern in eine Wissenschaft umgewandelt sähen, ist der fortgesetzte Gebrauch narrativer Darstellungsweisen bei den I listorikern ein Indiz für ein gleichermaßen methodisches wie theoretisches Versagen. Eine Disziplin, die über ihren Gegenstand narrative Schilderungen produziert, erscheint methodisch unsolide; eine Disziplin, die ihre Daten untersucht, um darüber eine Geschichte zu erzählen, erscheint theoretisch defizient" (White 1990, S. 40). Vgl. Wiehl 2003, S. 85. So ist eine „historische Semantik ohne sozialhistorische Fundamentierung und Zielsetzung schlechterdings undenkbar." (Busse 2003b, S. 10)

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zuzuordnen, die der ,„geistigen' oder besser gesellschaftlich-kulturellen Seite der Sprache unter den externen Bedingungen des konkreten Sprachgebrauchs" zugewendet ist (Mattheier 1995, S. 8).22 So erweist sich dann auch die Grundmaxime von der gesellschaftlichen Konstruktion von Wirklichkeit als Erkenntnis fördernd. Dann gelingt es der Sprachwissenschaft, den Nebel der Interdiszipünarität da zu durchstoßen, wo die einzelnen Fächer gefordert sind. Ein weiterer Gedanke ist hier einzubringen, der das Konzept einer Sprachgebrauchsgeschichte wesentlich betrifft. Es ist dies die mentalitätsgeschichtliche Dimension von Sprachgeschichte, der u.a. Fritz Hermanns zu linguistischer Dignität verholfen hat: „die Gesamtheit von Dispositionen zu einer Art des Denkens, Fühlens, Wollens - die Gesamtheit der kognitiven, affektiven (emotiven) sowie volitiven Dispositionen — einer Kollektivität", worunter auch „Dispositionen .. zu sprachlichem Verhalten" zu verstehen sind (Hermanns 1995a, S. 76) — eine Zuwendung zu solchen sprachlichen Manifestationen mentaler Dispositionen ist in einem sprachgebrauchsgeschichtlichen Untersuchungsvorhaben angelegt derart, dass sich Mentalitätsgeschichte als eine Lesart, ein z.B. aus einer diskursanalytisch angelegten, sprachgebrauchsgeschichtlichen Darstellung herauslesbarer Befund darstellt (vgl. Kämper 2003a, 2003b). In dem Merkmal,kollektiv' treffen sich Kultur- und Diskursgeschichte ebenso wie Kultur- und Mentalitätsgeschichte. Kultur und Kollektivität machen „die überindividuellen, der individuellen Umsetzung vorausliegenden Verhaltensangebote, die sozusagen unsichtbar in der Luft liegen", aus (Hansen 2000, S. 213). Bestimmungsstücke sind also lebensweltlicher Bezug — „Mentalitäten spiegeln soziale und kulturelle Erfahrungen wider, die im Kontext einer bestimmten Lebenswelt miteinander verknüpft sind" (Kuhlemann 1996, S. 203) - und Kollektivität - „Mentalität.. ist kollektiv angeeignete Kultur" (ebd., S. 209). 23 Die heute etablierte Mentalitätsgeschichte gründet auf Begriffsgeschichte und historischer Semantik, die aus der Perspektive der Historiographie die „Methode zur Erforschung von Mentalitäten" darstellen. Denn: „Die Geschichte der Bedeutungen ist nur die Kehrseite der Ge22

Sie unterscheidet sich von der „materiellen Seite der Sprachgeschichte" (Eggers), „der Sprachformengeschichte, der Historischen Grammaök/Lautlehre/Wortkunde .. Strukturelle Sprachgeschichtsschreibung konzentriert sich weitgehend auf den inneren Bereich" (Mattheier 1995, S. 8); vgl. dagegen v. Polenz (1995, S. 39ff.), der die „Trennung von äußerer und innerer Sprachgeschichte .. wissenschaftsgeschichtlich" für „eine Verengung der Methodik und Zielsetzung im Sinne des Szientismus des 19. Jh." hält (ebd., S. 40).

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An anderer Stelle: „Wenn von Mentalitäten die Rede ist, sind damit vornehmlich kollektive geistige Prozesse und Verhaltensweisen gemeint" (Kuhlemann 1996, S. 208). Im selben Band wird präzisiert: „der Mentalitätsbegriff [entstammt] einer Denktradition, die den kollektiven Vorstellungen epistemologisch den Vorrang einräumt" (Raphael 1996, S. 174).

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schichte der Einstellungen. Sie bringt die unwillkürlichen Sinngebungen zum Vorschein, in denen eine Sprachgemeinschaft .. lebt" (Sellin 1987, S. 117). Voraussetzung für mentalitätsgeschichtliche Erkenntnisse ist die „serielief..] Erfassung und Verarbeitung von Massendaten" (Hardtwig/Wehler 1996, 8), die diskursive Serie also - Mentalitätsgeschichte ist demnach eine Perspektive der Diskursanalyse (vgl. Busse 1988, S. 264, Anm. 37). Das gilt für die mentalitätsgeschichtlich orientierte Sprachanalyse gleichermaßen, indem sie „Sprachgebräuche-in-Diskursen" untersucht Insofern stellen Diskurse „die eigentlichen Gegenstände dieser Spielart der historischen Semantik" dar (Hermanns 1995a, S. 93). Präziser: Das mentalitätsgeschichtliche Ergebnis setzt die diskursgeschichtliche Methode voraus. Indem Mentalität verstanden wird als „das Ensemble der Weisen und Inhalte des Denkens und Empfindens, das für ein bestimmtes Kollektiv in einer bestimmten Zeit prägend ist" (Dinzelbacher 1993, S. XXI), indem sie die Funktion hat, „dem Menschen für sein Verhalten Orientierung, das heißt unwillkürliche Sinngewißheit zu vermitteln" (Sellin 1985, S. 584), indem sich „Mentalität .. in Handlungen [manifestiert]" (ebd.) und indem schließlich Sprechen und Handeln in eins zu setzen sind - sind Sprachgeschichte und Mentalitätsgeschichte zwei aufeinander bezogene Disziplinen. Insofern ist unbestritten, dass „,Mentalitäten, Einstellungssysteme, Bewertungen, Stereotype' .. für die sprachhistorische Analyse an Bedeutung [gewinnen]" (Mattheier 1990, 309), und dass das Verständnis von Sprachgeschichte als Kulturwissenschaft verlangt, den „Blick auf die mentalitären Aspekte sprachlicher Form" zu erweitern (Linke 2003, S. 44). Indes: Trotz dieser Gewissheiten kann noch keine Rede davon sein, dass das Verhältnis Mentalitätsgeschichte — Sprachgeschichte forschungspraktisch geklärt sei. Das Dunkel, welches Angelika Linke 1996 feststellt — „die Diskussion über das Verhältnis von Sprachgeschichte und Mentalitätsgescliichte [ist] noch nicht geführt und das Verhältnis von Sprachanalyse und Mentalitätsanalyse [ist] noch keineswegs geklärt" (Linke 1996, 2) — dieses Dunkel herrscht auch noch heute. Das lässt sich sagen: Auf dem Weg der Diskursanalyse erlangte sprachgeschichtliche Befunde können mentalitätsgeschichtlich interpretiert und eingeordnet werden. Mit dieser Zurückhaltung möchte ich den über die pragmatische Sprachgeschichte i.e.S. hinausgehenden Ertrag der Untersuchung verorten. Die im Folgenden rekonstruierten Denkmuster der hier untersuchten Diskursgemeinschaft in der frühen Nachkriegszeit lassen sich im Sinn von Haltungen, Einstellungen, Bewertungen, Attitü-

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den 24 deuten. Sie dienen zu einer Bestimmung der Haltungen von Opfern, Tätern und Nichttätern — zu sich, zu ihrer Gegenwart und Vergangenheit (und Zukunft) und damit insgesamt zu der Schuld der Deutschen. Um die wichtige Beschreibungskategorie ,Mentalität' für die Linguistik zu fixieren, um Einstellungsgeschichte als sprachgeschichtlichen Gegenstand zu erschließen, um es uns zu ermöglichen, sinnvoll von Einstellungen zu reden, beschreiben wir Texte und Wörter mit hohem attidunalen Potenzial als sprachliche Repräsentanten von Einstellungen und Haltungen. Wir richten also, anders als die allgemeine Geschichtsschreibung, unser Augenmerk auf den sprachlichen Ausdruck, aus dem mentale Dispositionen abzulesen sind, deshalb, weil es die sprachlichen Manifestationen von Haltungen, Einstellungen etc. sind, die linguistische Mentalitätsgeschichte als sprachliche Manifestationen beschreibt. 25 Man kann unter dieser Voraussetzung als sprachlich manifesten mentalitätsgeschichtlichen Befund lesen, wenn befreite nichtpolitische Opfer ihr Uberleben als Schuld, befreite politische Opfer ihr Ubnerleben hingegen als Anlass zu Stolz empfinden und entsprechend bezeichnen (die Formulierungen die Besten sind geblieben bzw. wir sind gestählt sind die sprachkchen Entsprechungen dieser Haltung, s.u. Kapitel 5.1.1., 5.1.2.), wenn Täter ihre Schuld in Kategorien des wühelminischen Kanons fassen (es war meine Pflicht, s.u. Kapitel 6.2.2.), wenn Nichttäter das Desaster der Nachkriegsgegenwart übergehen und zukunftsorientiert denken und reden (das Deutungsmuster Wendest drückt diese Befindlichkeit aus, s.u. Kapitel 5.3.2.) usw. Solche sprachlich ausgerichtete Mentalitätsgeschichte kann sich dort voll entfalten, wo Verfasser in Texten eigene oder fremde Einstellungen, Haltungen, Attitüden, geistige Dispositionen, Bewertungen, Befindlichkeiten, Denkstile, Gruppengeist selbst reflektieren oder explizieren, wie immer also thematisieren. Ein solcher Ausdruck von Mentalitätsbewusstsein besteht also darin, dass Mentalität reflektiert, und dass diese Reflexion in Sprache Diese Bezeichnungen beschreiben alle mehr oder weniger dasselbe. Hermanns schlägt vor, den „Komplex aus Denken, Fühlen, Wollen .. in Bezug auf je bestimmte Gegenstände oder Sachverhalte" als „Einstellung, als Attitüde im Sinne der Sozialpsychologie [zu] bezeichnen" (Hermanns 1995a, S. 77f.). Kuhlemann führt in diesem Sinn drei Kategorien ein und unterscheidet zwischen Totalmentalitäten („epochale, mehr oder weniger von allen Zeitgenossen geteilte Einstellungen und Selbstverständlichkeiten"), Makromentalitäten („können .. nationale oder auch religiöse Unterschiede innerhalb einer Epoche einfangen") und Mikromentalitäten/ Partikularmentalitäten („repräsentieren .. zusätzliche Differenzierungen") (Kuhlemann 1996, S. 193). Als einschlägige historiographisch ausgerichtete Studie ist außerdem zu nennen Niethammer (2000). Mit Marquard/Stierle (1979) liegt ein literaturwissenschaftlich bezogener Sammelband zu dem Thema vor. So könnten, wenn einmal ausreichend Erträge linguistischer mentalitätsgcschichtlicher Studien vorliegen, diese in einem ,Handbuch des Wortschatzes der Mentalitätsgeschichte' zusammengetragen werden. Es wären hier Parallelen zu ziehen z.B. zu bereits vorliegenden Untersuchungen zum Gefuhlswortschatz (vgl. etwa Jäger 1988).

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umgesetzt wird. Wir können solche Reflexionen von Mentalität und mentalen Dispositionen Mentalitätsbewusstseinsgeschichte nennen. 26 Auf unseren Gegenstand bezogen: Mentalitätsbewusstseinsgeschichte ist es, wenn die Nichttäter über diejenigen Mentalitäten der Deutschen nachdenken, die dem Nationalsozialismus und seiner Entstehung Vorschub leisteten, z.B. über den deutschen Idealismus und Militarismus (s.u. Kapitel 6.3.2.1). Sprachgeschichte als methodisch nicht mehr operationalisierbare Forschungsperspektive eröffnet Möglichkeiten: den Gegenstand in den ihm angemessenen Dimensionen zu beschreiben und darzustellen. Die dem Gegenstand ,Schulddiskurs' angemessenen Ebenen seiner sprachgebrauchsgeschichlichen Darstellung sind ,Diskurs', A r g u m e n t a t i o n ' u n c j ,Lexik'. 3.2.1. Diskurs In den Sozialwissenschaften mehr oder weniger etabliert, ist der Diskursbegriff eine offene Kategorie, die je spezifisch gefüllt wird von unterschiedlichen Methoden und Erkenntnisinteressen. 27 Wir verstehen Diskurs als eine von einer Gemeinschaft realisierte und durch thematische Kohärenz gekennzeichnete sprachliche Manifestation oberhalb der Textebene. Anders formuliert: Diskurs besteht aus einer Serie referenzidentischer Äußerungen (wobei ,identisch' eine großzügige Auslegung erfordert). Serie ist im Gefolge Foucaults zum einen grundlegendes Bestimmungsstück der Diskursanalyse im hier verstandenen Sinn. 28 Zum andern trifft sich im Begriff der Serie das für die Kultur- und Damit ist eine Analogie zu der Sprachbewusstseinsgeschichte hergestellt, wie sie in den letzten Jahren einige Aufmerksamkeit erfahren hat. Nicht zuletzt wegen eines großen ,,Klärungsbedarf[s] bezüglich des Diskursbegriffs im Hinblick auf die forschungspraktische Umsetzung von Diskursanalysen" (Keller u.a. 2001, S. 15) legen diese Autoren ein zweibändiges ,Handbuch sozialwissenschaftliche Diskursanalyse' vor (vgl. Keller u.a. 2001, Keller u.a. 2003). Die Gesellschaftsgeschichte bestimmt Diskurs als „Serie ähnlicher Aussagen" (Sarasin 1996, S. 143). Dietrich Busse kennzeichnet als „Merkmale von Diskursen .. Serien kommunikativer Akte" (1987, S. 265). Claudia Fraas definiert Diskurs als „Menge von Texten, die unter dem Aspekt einer gemeinsamen Einordnungsinstanz — eines gemeinsamen Themas — aufeinander bezogen sind" (1996, S. 4). Wichter beschreibt Diskurs als eine „texttranszendente Einheit", die durch ein gemeinsames Thema kohärent wird — das „Thema ist die Bindung der Texte untereinander" (Wichter 1999, S. 265). Warnke (2002a) versteht „für textlinguistische Zwecke" unter Diskurs „die Gesamtheit der Texte .., die über Gleiches bis Ahnliches sprechen/schreiben" (S. 10). Neben thematischer Kohärenz beschreiben Heinemann/Hememann „pragmatische Determiniertheit" als weiteres Kriterium (2002, S. 114f.). Darüber hinaus ist Kriterium ihre mediale Realisation (monomedial oder

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damit auch für die Sprachgeschichte konstitutive Signum ,kollektiv'.29 Im Rahmen kulturwissenschaftlicher Diskursanalysen referiert ,kollektiv' auf Themenidentität, und damit auf Bündelungen von individuellen Repräsentationen eines Gegenstands. Diskursive Serien, m.a.W. (mehr oder weniger) große Mengen von inhaltlich bzw. thematisch kohärenten Texten bzw. Textabschnitten, sind Archive, die je nach Disziplin und Erkenntnisinteresse unterschiedlich befragt und ausgehoben werden. Dementsprechend unterschiedlich sind die disziplinären Verständnisse von ,Diskurs'. Insofern lässt sich von Diskursanalyse eigentlich nur sprechen im Sinn eines „Untersuchungsprogramm [s]", nicht aber im Sinn einer Methode (vgl. Keller 1997, S. 325). So fragen Historiker nach dem „vielfältigen Wirken der Aussagen", um sie „in ,wirklichen' kulturellen Konfigurationen zu verorten — und es gilt vor allem zu zeigen, dass und auch wie innerhalb dieser Konfigurationen etwas mit Menschen passiert" (Martschukat 2003, S. 76). Insofern sich dieses ,Wirken von Aussagen' in geschichtlich relevanten Kontexten manifestiert, fragen sie, wie sich Diskurse in der Praxis manifestieren, „den Lebensraum von Menschen konfigurieren und mit Inhalten füllen" (ebd., S. 85). So fragen Politologen, „wie häufig Argumente und Diskursbeiträge entweder ablehnend oder zustimmend diskutiert werden", denn dieses „sagt etwas über ihren Geltungsbereich und ihren Institutionalisierungsgrad aus" (Schwab-Trapp 2003, S. 179), es geht um Diskurshoheiten und Machtbildung und Machterhalt. Diskursgeschichte ist zunächst Themengeschichte 3 " und — damit zusammenfallend — Geschichte von Sinngebungen. Die Beschreibung dieser Sinngebungen leisten die unterschiedlichen Disziplinen mit je spezifischen Erkenntnisinteressen und Instrumentarien. 31 In methodischer Hinsicht ist intermedial) sowie ihre Textsortenstruktur (Textsortenkonstanz oder Textsortenvarianz) (ebd., S. 115). „Die moderne Kulturwissenschaft ist sich .. einig .., daß die Gegenständlichkeit von Kultur als kollektive Geistigkeit bestimmt werden muß" (Hansen 2000, S. 247). Unabhängig davon existiert eine eigene Forschungsperspektive ,Thematische Diskursanalyse' (TDA), die gekennzeichnet wird als „theoriegeleitet, rekonstruktiv und empirisch .. Es geht dabei um die Rekonstruktion spezifischer semantisch-thematischer Grundstrukturen von diskursivem, d.h. sprachlich-zeichenhaftem Material, woraus sich das Attribut .thematisch' .. herleitet. In Bezug auf den Diskursbegriff der TDA wird davon ausgegangen, dass Diskurse primär thematisch gebunden sind." (Höhne 2003, S. 389f.) Chartier formuliert entsprechend „drei Fragen .., auf die sich jede historische Analyse von Diskursreihen einlassen muß", „erstens die Frage des Ortes (oder Milieus) der Herstellung und der Möglichkeitsbedingungen der Aussagen, zweitens die ihrer Bauschemata und der ihrer Regelmäßigkeit zugrundeliegenden Prinzipien", drittens die Frage „der spezifischen Formen, nach denen wahr und falsch geschieden werden bzw. der Kriterien, nach denen eine Behauptung als wahrhaftig angenommen oder als irrig verworfen wird" (Chartier 1989, S. 15f.). A m Beispiel des historischen Ereignisses ,Holocaust' macht Sarasin etwa eine „diskursive Tradition [deutlich], die unter anderem bis in die Reinigungs- und Gesundheitsdiskurse der (Sozial )Hygiene des späten 19. Jahrhunderts zurückreicht ..: Teile dieser

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also der Untersuchungsgegenstand ,Diskurs' eine Schnittstelle der kulturwissenschaftlichen Disziplinen — an dieser Schnittstelle findet ,Entdisziplinierung' statt. Und hier muss gleichzeitig ,Disziplinierung' stattfinden (vgl. Oexle 1996, S. 31). Da als „Teil einer Epistemologie .. die semantische Diskursanalyse im Rahmen der Kulturwissenschaften verankert ist" (Busse 2000, S. 46), gilt es, die Disziplinen und ihre Erkenntnisinteressen und Instrumentarien voneinander abzugrenzen. Aufgabe der Linguistik ist es, den Diskurs und die, seine Funktion repräsentierenden sprachlichen Strukturen darzustellen, einerseits. Dies bedeutet einerseits, forschungspraktisch, diskursive Serien derart zu parzellieren, dass Linguistik am Ende wieder da anlangt, wo sie immer schon war, bei wort- und textsemantischen Analysen etwa.32 Dieses fachliche Verbundensein mit der traditionellen Linguistik enthebt andererseits nicht von dem Anspruch, den linguistische Diskursanalyse an sich selber hat, nämlich eine Forschungsperspektive der kulturwissenschaftlich orientierten Sprachwissenschaft zu sein. In diesem Sinn ist linguistische Diskursanalyse als sprachwissenschaftlicher und sprachgeschichtlicher Ansatz unübersehbar existent.33 Aus der Sicht der Linguistik ist Diskurs analyse „Teil einer Semantik" insofern, als „die sprachliche Form des Ausdrucks von Inhalten als unmittelbar relevant für die Art und Weise der Ausformung, Ausbildung und Weiterentwicklung der Inhalte selbst" beschrieben wird (Busse 2003b, S. 17). Dies setzt voraus, hygienischen und bakteriologischen Diskurse haben solange Denkweisen geformt, bis auch Unaussprechliches, diese Taten konkreter Täter, an den Rand des Denkbaren gerieten" (Sarasin 1996, S. 158). Eine solcherart angelegte Diskursanalyse soll erklären, wie „die Zustimmung der Vielen und die Taten Einzelner" möglich waren. „Erst dann verstehen wir etwas" (ebd., S. 159). Kittsteiner (1990) sucht in seinen .Studien zur Entstehung des moralischen Bewußtseins' (Untertitel) ,Gewissen und Geschichte' zu ergründen, „wo die Phänomene der Gewissensbildung zu lokalisieren sind, welche Schichten sie vorantreiben, welche sich ihnen widersetzen", und er wählt dazu den Weg der „Disursanalyse der Texte, die vom Gewissen reden. Es sind Schriften der gebildeten Schichten, man muß zusehen, auf wen sie einreden." (S. 17f.) 32

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Vgl. vor allem Jäger (1993), der eine vollständige linguistische Diskursanalyse vorfuhrt, indem er unterschiedliche sprachwissenschaftliche Methoden anwendet. Busse/Teubert proklamieren: „Linguistische Diskursanalyse unterscheidet sich von den etablierten sprachwissenschaftlichen Disziplinen der Lexikologie, Lexikographie, Wort-, Satz- und Textsemantik .. nicht so sehr in ihren Methoden; sondern der Unterschied besteht hauptsächlich in ihrer anderen Zielsetzung und in ihrer anderen Auswahl der untersuchten Bezugsgrößen, also etwa in der Zusammenstellung des Korpus oder in der Untersuchung von semantischen Beziehungen im Wortschatz bzw. innerhalb von Aussagengefügen über die Textgrenzen hinweg" (Busse/Teubert 1994, S. 26f.), wiederholt von Busse (2003a): „Diskursanalyse muss im Rahmen einer historisch-semantisch verfahrenden Epistemologie nicht so sehr eine völlige Neuorientierung auf der mikro-semantischen Ebene der Korpusanalyse bedeuten, als vielmehr eine makro-semantische Neuausrichtung des Blicks, der Korpuswahl und der epistemisch-semantischcn Analyse." (S. 27) Vgl Jen Forschungsüberblick von Bluhm u.a. 2000.

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dass Denkentwicklungen, Entwicklungen der gesellschaftlichen Episteme in ihren fundamentalen Strukturen und Tendenzen nur oder vor allem über eine Analyse der Semantik des Redens und Schreibens über diese Inhalte erschließbar sind (ebd.). Linguisten unter den Diskursanalytikern 34 sind sich einig, dass Diskurs strukturell als sprachliche Einheit oberhalb von Text zu situieren ist (wie Text oberhalb von Satz, dieser oberhalb von Wort, dies oberhalb von Morphem). 35 Damit ist Diskursanalyse ein linguistisches Aufgabenfeld sui generis, deren Gegenstand hinsichtlich des Merkmals ,Themenidentität' ausgewiesen ist und die häufig aus kurzen überschaubaren Texten, oft aus dem Bereich der Massenmedien (Pressetexte, Leserbriefe, Interviews, Talkshows u.a.) besteht — damit ist die diskursive Bedingungsinstanz Ö f fentlichkeit' 36 vor allem bezogen (um nicht zu sagen eingeschränkt) auf Texte der Massenmedien. Wie es scheint, erklären die Eigenheiten dieses Gegenstandsbereichs einige analytische Vorgehensweisen bzw. methodische Festlegungen, wie die, dass linguistische Diskursanalysen bei Texten im Sinn von Diskursfragmenten 37 ansetzen. Als Aufgabe der linguistischen Diskursanalyse optiert Jäger dafür, den Zusammenhang von sprachlichen Äußerungen im Diskurs und ihren Bezug zur Wirklichkeit, auf die sie sich beziehen und aus der sie sich auch speiZu nennen sind etwa die Vertreter der Kritischen Diskursanalyse Siegfried Jäger (seine Definition von Diskurs als „de[rj Fluß von Wissen durch die Zeit, das sozial — und das heißt immer auch: historisch — tradiert wird" [1996, S. 392] belegt die Orientierung an Foucault), sowie Ruth Wodak et al. (1998); außerdem die ,Düsseldorfer Schule', u.a. mit Wengeler, Jung, Boke, Niehr; Busse, Hermanns und Teubert u.a. Hier soll im Übrigen nicht der in der (Sprach-)! listoriographie geführte ,Diskurs'-Diskurs rekapituliert und bewertet werden, der sich u.a. durch die Klärung des einerseits bereits von der Gesprächsanalyse besetzten (vgl. etwa Ehlich 1994), andererseits aus dem französischen Konstruktivismus stammenden Terminus auszeichnet. Vgl. u.a. Busse/Teubert 1994, Mainguenau 1994; Fraas 1996; Wengeler 1997a und b und besonders 2003b, wo der Autor zudem einen gründlich erarbeiteten Forschungsüberblick gibt (vgl. S. 137ff.). Vgl. etwa Warnke (2002a): „Phoneme realisieren sich in morphologischen Strukturen, die ihrerseits in syntaktisch organisierte Äußerungen bzw. Sätze integriert werden. Sätze realisieren sich prototypisch in Texten. Dieser hierarchische Aufbau des Sprachsystems bottom-up ist durch die Perspektive top-down zu ergänzen. Denn Texte werden maßgeblich determiniert durch transtextuelle Strukturen, durch Diskurse. Mithin kann als textkonstitutives Merkmal die Diskursivität angeführt werden" (S. 9). Wamke stellt vor diesem Hintergrund „ein Bündel von Merkmalen" zusammen, „das zur Kennzeichnung des sprachwissenschaftlichen Diskursbegriffs .. geeignet sein mag", nämlich „textübergreifende Extension", „vorrangig literale Manifestation", „dialogische Kommunikationsrichtung", „sukzessive Erzeugung und prozessuale Existenz" (ebd., S. 10). „Diskurse, wie sie in der historischen Semantik oder jeglicher Semantik des öffentlichen Sprachgebrauchs untersucht werden, sind ohne diese Öffentlichkeit gar nicht denkbar" (Busse 1996, S. 347). Unter ,Diskursfragment' versteht Jäger „einen Text oder Textteil, der ein bestimmtes Thema behandelt" (1993, S. 181).

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sen, zu untersuchen - Texte also (zunächst einmal) als Diskursfragment zu begreifen, in denen gesellschaftliche Inhalte aller Art transportiert werden und die sich auf gesellschaftliche Prozesse beziehen, auf diese einwirken, zu ihrer Veränderung oder Stabilisierung beitragen etc. etc. (Jäger 1993, S. 11 f.).

Dagegen hat Jung ein Konzept gestellt, welches, Foucaults Kategorie der enonce ,Aussage' aufnehmend 38 , Diskurs als Aussagengeflecht versteht: ,Diskurs' bezeichnet die „Gesamtheit der Beziehungen zwischen thematisch verknüpften Aussagenkomplexen" (1996, S. 463; vgl. außerdem Jung 2001), mit dem Effekt, dass Diskurstexte lediglich hinsichtlich ihrer „Kontextualisierungsfunktion für die Interpretation von Aussagen" (Jung 1996, S. 461) — und damit nicht als Ganzes — zu analysieren sind.39 Es ist dies eine Vorstellung, die sich insbesondere hinsichtlich der Forschungsperspektive Argumentationsanalyse als zweckmäßig erweist (s.u.). Weiterhin erklärt sich aus dem Untersuchungsgegenstand ,Medientexte', dass linguistische Diskursanalyse häufig auf Themen eingeschränkt ist, wenn nicht der Tagespolitik, dann doch auf solche, welche politisches Handeln zum Gegenstand haben, die sich als gesellschaftliche „Problemfelder" (Stötzel/Wengeler) erweisen. Solcherart angelegte Diskursanalyse versteht Diskurs als massenmedial repräsentierte Kommunikation politischer Themen. Der Vorstellung folgend, dass jede Zeit, Epoche, Phase, Periode ihre typischen Themen hat, realisieren etwa Stötzel/Wengeler ein solches Konzept einer „Sprachgeschichte der Gegenwart als Themengeschichte (oder Problemgeschichte)". Den Anspruch einer Sprachgeschichte will dieses Konzept erfüllen insofern, als „die sprachrelevanten Aspekte der Zeitgeschichte weitgehend zu Themenkreisen zusammengefaßt worden sind" (Stötzel/Wengeler 1995, S. 9). Abgesehen von dieser methodischen und inhaltlichen Praxis betreffen linguistische Interpretationen von ,Diskurs' kommunikative Merkmale. linguistische Diskursanalyse hat sich darauf verständigt, Diskurs als eine Art Gespräch, als ,Zeitgespräch'41' oder auch ,Gesellschaftsgespräch' 41

Ein Diskurs besteht aus „in ihrer Form verschiedenen, in der Zeit verstreuten Aussagen" (Foucault 1990, S. 49). In diesem Sinn verstehen Niehr/Böke (2003) unter Diskurs nicht eine „Menge von Texten sondern kleinere und abstraktere Untereinheiten, nämlich thematisch zusammenhängende Aussagenkomplexe" (S. 327). „,Diskurs' [ist] in der historischen und der politischen Semantik eine Konstruktion, verstanden als Rekonstruktion von etwas, was als ,Zeitgespräch' bezeichnet werden könnte. In diesem Zeitgespräch .. werden alle Sprachgebräuche ausgebildet, die politisch und historisch von Belang sind. Auch die Schlüssel-, Schlag- und Fahnenwörtcr haben ihren kommunikativen Ort in solchen Zeitgesprächen, in ,Diskursen'" (Hermanns 1994a, S. 50). Wichter gebraucht die Kategorien ,Mikrogespräch' für herkömmliches Gespräch und ,Gesellschaftsgespräch' für Diskurs (1999, S. 274ff.) Diese „Analogie zwischen Gespräch und Diskurs" erreicht allerdings ihre Grenze mit dem Kriterium der Zeitversetzung. Dem

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zu verstehen. Die Nähe zu dieser Kommunikations form scheint unumstritten: die Intertextualität der Texte des Diskurses beruht vor allem auf dem dialogischen bzw. quasi-dialogischen Charakter, den Diskurse haben, und insofern ist es sehr willkommen, wenn ,Diskurs' im Rahmen der Diskursgeschichte an ,Diskurs' im Rahmen der Gesprächs- bzw. Diskursanalyse denken läßt. Manchmal ist ein Text im Rahmen eines einzelnen Diskurses wirklich (auch im Wortsinn) eine Antwort auf einen ganz bestimmten anderen Text. Manchmal ist er auch ein sozusagen fernes Echo eines anderen Textes; dann ist der Bezug der Texte nur ein indirekter. .. Ex- oder implizit, indirekt oder auch direkt beziehen sich die Texte des Diskurses quasi dialogisch oder quasi-responsorisch aufeinander. (Hermanns 1994b, S. 51f.) Linguistische Diskursanalyse setzt also einen relativ hohen Grad an Dialogizität, wenn nicht Responsivität der einzelnen Diskursbeiträge voraus. Da diese vorgestellte Nähe zur Kommunikationsform Gespräch bedeutet, explizit oder implizit aufeinander bezogene Redebeiträge zu untersuchen, ist die Analyse von Diskursen auf sprachliche Manifestationen dieser diskursiven Dialogizität bezogen. 42 Dieses „Anschließen an Vorgängiges stellt sich als zentraler Faktor für die Entfaltung von Diskursen dar: Diskursgenesen sind sinnhafte Prozesse, die sich qua Rezeption vollziehen" (Wenderoth 2000, S. 71). Untersuchungsgegenstand seien mithin „Texte, die explizit oder implizit aufeinander Bezug nehmen" (ebd., S. 72). Diese Gleichsetzung von ,Diskurs' mit ,Gespräch' 43 zeigt sich ausgeprägt darin, dass Beispiele linguistischer Diskursanalyse einen hohen Grad von Kontroversität und Brisanz des Diskursthemas vorauszusetzen scheinen, weshalb ,Diskurs' gelegentlich gleichbedeutend mit ,Debatte' verwendet wird. Analysegegenstand sind damit vor allem solche Texte, in denen semantische Kämpfe stattfinden. 44

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„Zeitversetzungsverbot im Gespräch" steht das „Beharren auf Zeitversetzung" im Diskurs gegenüber, welches diesen erst ermöglicht (ebd., S. 275). In diesem Sinn versteht Warnke (2002b) unter Diskursivität den „kommunikativen[n| Zusammenhalt einer Vielzahl singulärer Vertextungen .., der als seriell organisierte und anonyme Praxis historisch real ist." (S. 136) Dialogizität kennzeichnet auch die Kategorie ,Denkkollektiv', die Ludwik Fleck (zu dessen Zeit von ,Diskurs' natürlich noch keine Rede war) benutzt. Er definiert,Denkkollektiv' als „Gemeinschaft der Menschen, die im Gedankenaustausch oder in gedanklicher Wechselwirkung stehen". So verstanden „besitzen wir in ihm [dem Denkkollektiv] den Träger geschichtlicher Entwicklung eines Denkgebietes, eines bestimmten Wissensbestandes und Kulturstandes, also eines besonderen Denkstiles" (Fleck 1934, S. 54f.). Assmann/Frevert sprechen von „Erfahrungs-, Erinnerungs- und Erzählgemeinschaft" (1999, S. 37). Vgl. hierzu auch die Ein- und Abgrenzungsversuche von Stenschke 2002 und Warnke 2002b. Zum Beispiel das an der Universität Oldenburg bearbeitete Projekt ,Ethik-Diskurse: Praktiken öffentlicher Konfliktaustragung', dessen Ziel es ist, „die Praxis der öffentlichen Bear-

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Hinsichtlich der Merkmale thematische Identität' bzw. ,Kohärenz', ,massenmediale Repräsentanz' und ,Dialogizität' scheint also Konsens zu bestehen darüber, was Diskurs ist. Und die entsprechend angelegte analytische Bearbeitung fördert Befunde zu Tage, die nur auf Grund dieser Vorstellungen entstehen können, etwa, dass Diskursbeiträge „stets in einem begrenzten Spektrum wiederkehrender Sinnbezüge verortet" werden (Wenderoth 2000, S. 73); oder, dass „die Quantität der [zu analysierenden] Fälle .. erstaunlich gering" sei (Jäger 1993, S. 208) und ausreiche, um zu typisierenden Aussagen zu gelangen: Wenderoth (2000) untersucht Talkshows, Zuschauerbriefe und Interneteinträge, Jäger Interviews und damit allenfalls einen sehr eng begrenzten Ausschnitt möglicher diskursiver Erscheinungsformen und auf jeden Fall solche Erscheinungsformen, die durch einen hohen Grad an Responsivität gekennzeichnet sind. Für die vorliegende Untersuchung habe ich diesen Horizont, in dem sich linguistische Diskursanalyse bisher vor allem bewegte, erweitert. Diese Erweiterung knüpft an den Bedingungsaspekt Öffentlichkeit' an. Selbstverständlich: Die dominante Erscheinungsform von Öffentlichkeit ist die der Massenmedien. Abgesehen davon aber, dass Massenmedien in der frühen Nachkriegszeit einen äußerst geringen Öffentlichkeitsgrad herstellten — und damit eigentlich gar keine Massenmedien waren —, sind sie nicht die einzige Erscheinungsform. Öffentlicher Diskurs ist vielmehr eine gesellschaftliche Erscheinung, die textlich auf den unterschiedlichsten Ebenen, in unterschiedlichsten Formen von Öffentlichkeit repräsentiert wird. Diskurse werden midiin in unterschiedlichen Argumentationsformen und Textsorten gefuhrt — mündlich und schriftlich, in Zeitungen und Monographien, in Tagebüchern und Präsidentenreden, in Briefen und in politischen Programmschriften usw. Diese Heterogenität der empirischen Grundlage ist gerade ein Merkmal von Diskursanalyse. Denn gerade die Präsenz eines Themas in sehr unterschiedlichen Texten und Kommunikationssituationen ist ja Voraussetzung dafür, dieses gesellschaftliche Phänomen der thematischen Omnipräsenz Diskurs zu nennen. — ,Schuld' ist omnipräsentes Thema in Büchern, Reden, Predigten, Tagebucheinträgen gleich welcher Provenienz. ,Öffentlichkeit' meint weiterhin: Diskurs ist eine sämtliche gesellschaftliche Daseins- und Ausdrucksformen betreffende dominante gesellschaftliche Sinngebungsinstanz. Diskursanalyse ist mithin eine spezifische (dem jeweiligen Erkenntnisinteresse entsprechende) Art von Gesellschaftsanalyse, 45 welche auf sämtliche eine Gesellschaft realisierende Sphäbeitung von ethisch-moralisch Strittigem" zu beschreiben" (Wenderoth 2000, S. 70, die Diskurs und Debatte quasi synonym verwendet) (vgl. Bluhm u.a. 2000, S. 11 ff.). Im Sinne Foucaults beschreibt Jäger den „Gesamtdiskurs, der eine Gesellschaft überspannt" als „ein komplexes Geflecht von in sich verzahnten und sich überlappenden, ge-

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ren — nicht nur Politik, sondern auch Wissenschaft, Kultur, Religion, Alltag — referiert (vgl. zur Beschaffenheit des hier rekonstruierten Diskurses hinsichtlich Texten und Rollen- bzw. Domänenspezifik oben Kapitel 2). ,Schuld' ist Thema der Nachkriegsgesellschaft, deren Grundstruktur aus der Gruppe der Opfer, der Täter und der Nichttäter besteht, letztere wiederum unterschieden nach Domänen. ,Öffentlichkeit' schließlich kann nicht zwangsläufig bedeuten, einen hohen Grad von Dialogizität bzw. Responsivität als wesenhaft für den Diskurs anzunehmen. Auch niedrige bzw. vielleicht auch gänzlich fehlende Explizitheit von Referenzialität, also geringer oder fehlender expliziter Bezug auf andere Diskursbeiträge, ist ein mögliches Kennzeichen eines Diskurses. Als diskursive Kohärenzfaktoren festgelegte Phänomene sind, neben dem thematischen, nicht responsive Bezugnahmen. Als wesentlichen diskursiven Kohärenzfaktor verstehen wir vielmehr den kulturgeschichtlichen, den historisch-politischen, den gesellschaftlichen Kotext, die Bedingungen also, die Orts- und Zeitgeist schaffen. Es sind dies diejenigen Faktoren mithin, von denen anzunehmen ist, dass sie Entstehung und Beschaffenheit eines Diskurses begründen können. Während die Kohärenz von Gesprächen durch Dialogizität - durch das mehr oder weniger explizite adressierte Referieren auf zeitgleiche Beiträge der Gesprächsteilnehmer — erzeugt wird, muss man bezüglich Diskursen dagegen nicht nur „zugestehen, dass Diskurse sich nicht vollständig auf intertextuelle Relationen und Textgeflechte reduzieren lassen" (Busse 2000, S. 49), sondern dass Diskursbeiträge auch mehr oder weniger unverbunden und ohne explizit referenzielle, adressierte Bezüge zu anderen Diskursbeiträgen nebeneinander stehen können. 46 Das ist ein Grund für die gewisse Beliebigkeit, mit der ein Diskurs — als analytische Kategorie — hinsichtlich seines Umfangs, seiner Teilnehmer, seiner zeitlichen Erstreckung, seines Themas festgelegt werden kann. 47 Busse/Teubert (1994) sprechen insofern von einem Diskurs im Sinn von „virtuellem Korpus" thematisch und intertextuell verknüpfter Texte, dessen Umfang und Beschaffenheit uns gar nicht zugänglich ist einerseits, und andererseits von Diskurs als einem

genseitig durchdringenden Diskurssträngen .. Damit stellt Diskursanalyse zugleich den Anspruch, Gesellschaftsanalyse zu sein" (Jäger 1993, S. 210). Jung (2001) problematisiert in diesem Sinn das Diskurskriterium der ,,ausdrückliche[n] gegenseitige[n] Textreferenzen". Ihr Nachweis sei „im Einzelfall nicht zu fuhren und würde die Korpuszusammenstellung .. enorm verkomplizieren" (S. 32£). „Diskursanalyse wird gerade heißen, bestimmte spezifische Wissensstränge auch in verschiedensten Texten, Textsorten, Artikulations- und Diskursbereichen nachzuverfolgen, also eine thematisch gelenkte Konzentration auf Ketten einzelner enonces, einzelner epistemischer Leitelemente vorzunehmen. Insofern muss auch Diskursanalyse auswählen, gelenkt durch thematische .1 -eitlinien, doch ausgehend vom methodischen Grundgedanken des,offenen, sich im Forschungsprozeß erweiternden Korpus'." (Busse 2003a, S. 28)

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„konkreten Korpus", welches eine zu Forschungszwecken zur Erlangung bestimmter Erkenntnisse getroffene Auswahl darstellt.48 Im Vergleich dazu ist die Kategorie ,Gespräch' weniger elastisch. Ein Gespräch ist weder hinsichtlich seines Umfangs, noch seiner Teilnehmer, seiner Dauer oder seines Themas je nach Forschungsinteresse beliebig eingrenz- oder erweiterbar, um zureichend beschrieben werden zu können, sondern das Forschungsinteresse hat sich umgekehrt der Beschaffenheit des Gesprächs anzupassen. Insofern wird ,Dialogizität' als ein Merkmal zur Charakterisierung von ,Diskurs' zu stark betont, wenn für „alle Einzeltexte" eines Diskurses festgeschrieben wird, sie seien „im Grunde dialogisch, nämlich so, daß sie auf andere Mono- oder Dialoge reagieren" (Hermanns 1994b, S. 51) — wenn dieses Reagieren als kommunikatives Phänomen von Responsivität verstanden wird und nicht als die Herstellung einer semantischen Beziehung. 49 Vielmehr setzen wir voraus, dass Diskurse entstehen können ohne jegliche Bezugnahme aufeinander und ohne diskursive Initialzündung oder „diskursives Ereignis". 5 " Um auf unser Korpus zu verweisen: Weder Karl Jaspers' ,Schuldfrage' noch Eugen Kogons ,SS-Staat' haben den Schulddiskurs in der frühen Nachkriegszeit ausgelöst, sondern diese Werke sind Ausdruck eines Bedürfnisses, über Schuld nachzudenken, wie auch die vorangegangenen oder folgenden Diskursbeiträge Ausdruck eines solchen Bedürfnisses sind, mit äußerst sporadischen, jedenfalls diskursiv und damit diskursanalytisch unerheblichen expliziten Bezügen zu bereits existierenden Diskursbeiträgen zu diesem Thema. Entstehung und Progression von Diskursen scheinen aller erst abhängig zu sein von einem Klima, von der Atmosphäre, die in einer Gesellschaft herrschen und die sozusagen den diskursiven Raum herstellen. Dieses Klima können wir Latenz nennen. Diese Latenz entsteht auf Grund von gesellschaftlichen und politischen Konstellationen und Konditionen, die zu einem bestimmten Zeitpunkt bzw. über eine bestimmte zeitliche Dauer herrschen, und wir können sagen: Latenz bedingt einen Diskurs hinsichtlich seiner Entstehung und seiner Progression. Ein Diskurs scheint also zunächst einmal dadurch zu entstehen, dass ein Thema sozusagen in der Luft liegt, ein Zeitthema ist, und das ist dann der Fall, wenn in einer Gesellschaft AffiniKeller bestimmt den Gegenstand der Diskursanalyse als „ein analytisches Konstrukt", und „gesellschaftliche Phänomene als Diskurse zu analysieren, bedeutet, sie unter spezifischen Gesichtspunkten zusammenzufassen und zu rekonstruieren" (Keller 2001, S. 127). Diese Unterscheidung zwischen ,kommunikativ' und ,semantisch' ist hier aus heuristischen Gründen getroffen. Natürlich bilden die beiden Kategorien keine Gegensätze. Es sollte aber deutlich gemacht werden, dass sich diskursive Bezüge aller erst über inhaltlichthematische Referenzialität herstellen und nicht über dialogische Responsivität. Diskursive Ereignisse sind „solche Ereignisse, die diskursiv groß herausgestellt worden sind und die Richtung und die Qualität des Diskursstrangs, zu dem sie gehören, mehr oder minder stark beeinflussen" (Jäger 1993, S. 181).

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tat, zumindest aber Bereitschaft hinsichtlich der Aufnahme und diskursiven Bearbeitung eines Themas besteht. Diskursive Kohärenz entsteht vor allem auf der Ebene des referenziellen Bezuges selbst, weniger auf der metasprachlichen Ebene des Redens über diesen referenziellen Bezug, was Dialogizität meint. Ein Beispiel für Latenz als Bedingung für die Entstehung von Diskurs ist das Schreiben von Uberlebenden: die Texte der Überlebenden [waren] so gut wie nie das Resultat eines gemeinsamen Nachdenkens .. Celan, Levi, Amery und Antelme hatten keinen Umgang miteinander. .. Die Uberlebenden bildeten keine homogene und fest verbundene Gruppe, sondern eher ein durch literarische Fronten abgegrenztes intellektuelles Milieu - ohne Organisation und ohne ein eigenes soziales Leben. Vielleicht kann man nicht einmal von einem intellektuellen Milieu sprechen. Die Überlebenden bildeten so etwas wie einen geheimen, unsichtbaren Zirkel; sie waren durch eine Art Wahlverwandtschaft über Grenzen und Sprache hinweg miteinander verbunden — durch eine Solidarität und ein geheimes Einverständnis, die es ihnen ermöglichten, Distanz zu halten. (Traverso 2000, S. 27)

So lässt sich die Entstehung eines Diskurses überhaupt beschreiben: Das kollektive Reden über ein Thema schuldet seinen Impuls einer ,Wahlverwandtschaft', einer Solidarität' und einem ,geheimen Einverständnis', die ihrerseits entstehen aus gleichen Erfahrungen und Weltsichten, die den stummen Hintergrund — Latenz — eines Diskurses bilden. Diskurse sind m.a.W. von einem geringeren Grad an Dialogizität, von einem höheren Grad an Thematizität gekennzeichnet. Oder anders: Dialogizität ist kein notwendiges Konstituens von Diskurs, Thematizität aber sehr wohl. Umgekehrt beim Gespräch: Ein Gespräch muss nicht notwendig thematisch kohärent sein. Dialogisch zu sein indes — durch die zeitgleiche Anwesenheit von mindestens zwei Personen, die redend aufeinander Bezug nehmen —, ist hingegen Bedingung für Gespräch. Diskurs ist demzufolge auch nicht notwendig nur eine Serie kontroverser Aussagen zu einem bestimmten Thema, Diskursanalyse ist mithin nicht nur eine Darstellungs- und Analysemethode, die etwa Strategien semantischer Kämpfe, des Aushandelns von Bedeutungen und des Besetzens von Begriffen offen legt. Diskurs ist vielmehr ein gesellschaftliches Gesamtereignis, das seine Existenz nicht notwendigerweise der Kontroversität seines Themas verdankt, sondern zunächst einmal der allgemeinen Tatsache geschuldet ist, dass Menschen kommunizierende Wesen sind. Diskurse sind konsensuell und dissensuell und auch neutral — unterscheiden sich insofern von Debatten, die eher Kontroverses und Konfliktäres bezeichnen. Debatte könnte insofern als eine diskursive Subspezies von Diskurs definiert werden. Das „diskursive Ereignis" muss nicht durch einen gesellschaftlichen Konflikt ausgelöst sein, sondern ist zunächst einmal nichts weiter als die sprachliche Manifestation eines eine Gesellschaft bewegenden Problemfeldes. —

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,Schuld' ist solch ein, die deutsche Nachkriegsgesellschaft bewegendes Problemfeld, dessen gesellschaftliche Präsenz weniger durch strittige Kontroversität — noch nicht einmal die Antagonisten Opfer und Täter nehmen strittigen Bezug aufeinander — als vielmehr durch komplexe aspektreiche Bearbeitung gekennzeichnet ist. Diese Vorstellung von der Entstehung und Beschaffenheit von Diskursen hat nichts damit zu tun, dass sie von Machtkonstellationen abhängen.51 Gerade die politischen Bedingungen der deutschen Nachkriegsgesellschaft zeigen, dass unser Gegenstand, der Schulddiskurs, den Nichttätern z.B. durch die alliierten Siegermächte aufgezwungen wurde. Jedoch macht gerade auch dieser nachkriegsdeutsche Schulddiskurs deutlich, dass seine Realisierung und Gestalt dann nicht zuletzt von der Bereitschaft dieser Interpretations- und Funktionselite abliing, ihn eben auch zu führen. ,Diskurs' verstehen wir also als die Bezeichnung für die Manifestation eines themenkohärenten, textuell heterogen repräsentierten, konsensuell und bzw. oder dissensuell geführten kollektiven kommunikativen Akts einer unbestimmten Anzahl von Diskursbeteiligten über einen unbestimmten Zeitraum. M.a.W.: Diskurs ist eine formal offene Kategorie hinsichtlich der Teilnehmer, der Texte und Textsorten und der zeitlichen Erstreckung. 52 Mit dieser Definition ist es uns möglich, einen Diskurs als gesellschaftliches Phänomen in seiner Komplexität und Heterogenität hinsichtlich der Diskursbeteiligten und seiner sprachlichen Manifestation als historisches Phänomen zu beschreiben. Linguistische Diskursanalyse ist so nicht nur zu verstehen als Instrumentarium, größere Datenmengen nach inhaltlichen Kriterien zu strukturieren — als Hilfskonstruktion mithin zur Erlangung sprachlicher Erkenntnisse. Sprachwissenschaftliche Diskursanalyse stellt vielmehr dar, wie eine gesellschaftliche Formation einer bestimmten Epoche einen Sachverhalt, ein Ereignis, eine Befindlichkeit in Sprache fasst und damit konstituiert und warum sie dies so tut — unab-

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„Diskurse sind mit Macht verbunden — und mit Gegenmacht. Insofern kann man auch von einem ständigen ,Kampf der Diskurse' sprechen." (Jäger 1993, S. 153) Busse nennt „die überzeugende Deskription diskursiver Strukturen und Bewegungen" als Voraussetzung für die Erarbeitung jener „Grundmuster .., die überhaupt erst danach als möglicherweise machtverbundene und machtinduzicrte Muster dechiffriert werden können." (Busse 2003a, S. 34) Vgl. dazu etwa die Kritik an dem ,Oldenburger Konzept' (s.o.). Bluhm u.a. (2000, S. 14) erachten als fraglich, „ob der detaillierte Nachweis der Verknüpfung der Texte, den die Oldenburger anhand relativ eng gefasster Korpora geführt haben, auch für umfangreichere, weniger klar umgrenzte (historische) Diskurse geleistet werden kann, besonders, da der Erkenntnisgewinn über den untersuchten Gegenstand (der nicht unbedingt an Argumentationsmuster gebunden ist) gegenüber dessen sprachlicher Verwirklichung zum Teil in den Hintergrund zu treten scheint."

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hängig von historischer ,Wahrheit'. Alles, worüber Menschen (in bestimmten Zeiten) reden, gilt sprachlich als ,wahr' und ist sprachwissenschaftlicher Gegenstand, bzw., im Fall der Geschichtlichkeit des Redens, sprachgeschichtlicher Gegenstand, dessen Beschreibung Auskunft gibt über das je historische Verhältnis von Sprache und Gesellschaft. 53 Das Erkenntnisinteresse von kulturgeschichtlich arbeitenden Sprachwissenschafdern sucht Fragen zu beantworten, wie • Welche Welt ist Gegenstand des Redens einer Sprachgemeinschaft? • Wie hat es eine „Sprachgemeinschaft geschafft, die sich .. ändernde Welt sprachlich zu bewältigen" (Wolf 1990, S. 428)? • Wie hat sie es geschafft, die Welt sprachlich zu verändern? Sprachgemeinschaft i.S.v. Diskursgemeinschaft kann unter solchen Fragestellungen Verschiedenes meinen, und der Begriff reicht von einem übernationalen über ein nationales Kollektiv bis hin zu begrenzten gesellschaftlichen Formationen — wie im Folgenden. Keinesfalls aber ist natürlich mit Sprach- oder Diskursgemeinschaft eine kohärente, notwendig sich als geschlossene Formation verstehende und sich als solche aufeinander beziehende Gruppierung gemeint. Vielmehr ist ,Diskursgemeinschaft' gleichsam eine retrospektiv begründete Klassifizierung aus der Perspektive der Analyse. Eine Diskursgemeinschaft entsteht erst durch die analytische Strukturierung eines Textkorpus und ist wie Diskurs eine heuristische Kategorie. So verstandene Diskursgeschichte ist als eine Dimension von Kommunikationsgeschichte zu beschreiben. Aus der Perspektive der Gesellschaftswissenschaft umfasst Kommunikationsgeschichte nicht nur alle Formen und Medien menschlicher Kommunikation in der Gesellschaft, sondern auch den gesamten Prozeß der Kommunikation von der Aussageentstehung über die Inhalte und das Publikum bis zur Wirkung. (Bohrmann 1987, S. 47)

„Für die historische Semantik liegen mit den textuellen oder diskursiven Spuren gesellschaftliche Verhältnisse in der Form vor, in der sie das praktische Bewußtsein der Akteure von ihren Verhältnissen bildeten. Insofern reflektiert der Zustand eines Vokabulars soziale Zustände. Die Beschäftigung mit vergangener Kommunikation kann so als Versuch gelten, anhand der Deutungsmuster Sinnbildung und symbolische Vergesellschaftung zu entziffern." (Bollenbeck 1994, S. 19) Wengeler formuliert in diesem Sinn als Ziel diskursgeschichtlicher Analyse: „die Erforschung der Wirklichkeitssichten, der Denkweisen, des sozialen Wissens, der Mentalität von sozialen Gruppen bezüglich eines Themas" (2000a, S. 54). Aufgabe historischer Diskurssemantik ist es, „die sprachliche Konstruktion der Wirklichkeit, die Bedeutungs- und Weltkonstitution durch Sprache, wie sie jeweils von einzelnen Gruppen in geschichtlich vergangenen Zeiten geschaffen wurde und für sie gültig war, durch Analyse sprachlicher Handlungen aufzuzeigen" (ebd., S. 55).

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Für die Sprachgeschichte bedeutet Kommunikationsgeschichte, über diese Sprachgeschichte hinaus „politische und soziale Bedingungen, wirtschaftlich-technische Möglichkeiten und kulturgeschichtliche Implikationen der sprachlichen Kommunikation" (Fleischer 1997, S. 283) zu beschreiben. Dieses Programm ist auch das Programm der Diskursanalyse, welches um die Beschreibung thematischer, funktionaler und lexikalischer Kohärenzstrukturen erweitert ist, während Kommunikationsgeschichte zusätzlich, ursprünglich und hauptsächlich Mediengeschichte ist.54 Innerhalb einer allgemeinen Kommunikationsgeschichte ist Diskursgeschichte also derart zu verorten, dass Diskursgeschichte kommunikationsgeschichtlich bedeutende, d.h. medial in spezifischer, auffallender Weise repräsentierte Ereignisse hinsichtlich ihrer thematischen, funktionalen und lexikalischen Repräsentanten beschreibt. Diskursgeschichte verhält sich so gesehen zu Kommunikationsgeschichte, wie diese zu Sprachgeschichte: als eine Forschungsperspektive eines aus einer komplexen Gesamtgeschichte isolierten Phänomens. Fortzusetzen ist diese Relation unterhalb der Diskursgeschichte als Textgeschichte, unterhalb der Textgeschichte als Wortgeschichte. Damit wird deutlich, was linguistische Diskursanalyse ist und nicht ist, was sie sein kann und nicht sein soll. Peter Auer hat kulturwissenschaftliche Linguistik als „Differenzwissenschaft" beschrieben und reklamiert das ,Wie' als einen ihrer zentralen Gegenstände (Auer 2000, S. 67f.) - wir ergänzen um das ,Warum', das Fragen nach der Funktion sprachlicher Äußerungen beantwortet. Die Antwort auf die Frage, w a r u m ein Diskurs die Beschaffenheit hat, die er hat, die Frage also nach seiner Funktion, beantwortet sich mit der Untersuchung seiner argumentativen Struktur. Die Antwort auf die Frage nach dem Wie, nach der sprachlichen Realisation seiner Funktion also, liefert die Beschreibung der lexikalischen Repräsentierung dieser Funktion. Das ,Warum' (Argumentation) und das ,Wie' (Lexik) ist die sprachliche Ausgestaltung des Diskurses, seine Manifestierung in Sprache, welche ihrerseits Interpretation von Wirklichkeit ist. Auf unseren Gegenstand bezogen: Als Beitrag zur diskursiv angelegten Sprach(gebrauchs)geschichte geht es bei der Untersuchung des Schulddiskurses um die Beantwortung der Frage, warum und wie ein Sachverhalt, ein Ereignis, eine Befindlichkeit — gleichgültig, ob real oder nicht, ob wahr oder nicht, ob auf Vergangenheit, Gegenwart oder Zukunft bezogen — sprachlich gefasst und gedeutet, w a r u m Wirklichkeit so und w i e sie im Zuge dieses Diskurses sprachlich konstituiert wird. Damit richtet „Zeitungswissenschaft ist die Ursprungsdisziplin des Faches Kommunikationswissenschaft" (Bohrmann 1987, S. 45). Demzufolge sind etwa die Beiträge in Bobrowsky/Langenbucher (1987) Untersuchungen zum Thema Zeitung, Medien, Kommunikation, Publizistik, Pressewesen und ihre Geschichte.

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sich unser Erkenntnisinteresse nicht auf die Systematisierung sprachlicher Phänomene des Schulddiskurses, sondern vielmehr auf die Deutung und Erklärung von Sprachgebrauchsweisen einer spezifischen Sprachgemeinschaft (Opfer, Täter, Nichttäter) zu einer bestimmten Zeit (frühe Nachkriegszeit) und auf die sprachhistorische Einordnung dieser Sprachgebrauchsweisen (als Umbruch). 3.2.2. Argumentation Nach dem Warum von Sprachgebrauchsweisen fragen, heißt vorauszusetzen, dass Aussagen nicht um ihrer selbst willen gemacht werden. Wir folgen der von der Textlinguistik aufgestellten These, „dass Texte generell primär funktional geprägt sind" (Heinemann/Heinemann 2002, S. 97) und verstehen unter ,funktional' ihren kommunikativen Zweck. Dieser kommunikative Zweck kann sein: andere überzeugen, sie zur Aufgabe ihrer Sicht bringen, die eigene Position durchsetzen — zu argumentieren mittels Rechtfertigen und Begründen. 55 Kopperschmidt definiert Argument als „Funktionskategorie, die [...] die Rolle einer Äußerung als Geltungsgrund für den problematisierten Geltungsanspruch einer anderen Äußerung kennzeichnet" (Kopperschmidt 1989, S. 95). Dementsprechend bezeichnet den Handlungsaspekt von Argumentation die spezifische Sprechhandlungssequenz, in der eine Sprechhandlung aufgrund ihrer positionsbedingten Rolle als Argument fungieren und entsprechend als Geltungsgrund für den problematisierten GA [Geltungsanspruch] einer anderen Sprechhandlung beansprucht werden kann. .. Argument [ist] konstitutives Element jeder Argumentation (ebd., S. 96).

Was für einzelne Aussagen gilt, gilt auch für die Aussagenserien von Diskursen. Diskurstexte sind — abgesehen von ihrer Themenidentität — nicht geordnete Archive sprachlicher Äußerungen, die hinsichtlich ihrer Argumentationen strukturiert werden können. Heuristisch verstanden und in forschungspraktischer Hinsicht sind Argumentationen also Strukturierungsinstanzen. 56 Darüber hinaus sind Argumentationen PlausibilisierungRechtfertigen und Begründen sind die Grundmuster argumentativen Handelns (vgl. I lerbig 1992, S. 52; Klein 1999, S. 5). Die argumentative Grundstruktur von Diskursen beschreibt auch die Wissenssoziologie. Voraussetzung ist die diskursive Konfiguration: „kollektive Akteure aus unterschiedlichen Kontexten (z.B. aus Wissenschaft, Politik, Wirtschaft) koalieren bei der Auseinandersetzung um öffentliche Problemdefinitionen durch die Benutzung einer gemeinsamen Grunderzählung, in der spezifische Vorstellungen von kausaler und politischer Verantwortung, Problemdringlichkeit, Problemlösung, Opfern und Schuldigen formuliert werden. Probleme können (ent)dramatisiert, versachlicht, moralisiert, politisiert, ästhetisiert werden. Akteure können aufgewertet, ignoriert oder denunziert werden. Angesprochen sind damit

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einstanzen, mit deren Analyse z.B. aporetische Strukturen von Diskursargumentationen erklärt werden können. Insofern Reden dann Argumentieren ist, wenn es so beschaffen ist, als ob eine Gegenmeinung bestünde oder möglich wäre 57 , kann eine vorausgesetzte Argumentstruktur des Diskurses der Nichttäter z.B. erklären, warum der Kollektivschuldvorwurf abgewehrt, warum eine deutsche Gesamtschuld aber zugegeben wird, warum Denken in kollektiven Kategorien abgelehnt, kollektiven Eigenschaften des ,deutschen Wesens' als Erklärungsmuster aber Gültigkeit zugesprochen wird. Wir setzen also voraus, dass Diskurse, verstanden als Bündelungen von Aussagen (vgl. Jung 2000), argumentative Strukturen haben. Die Beschaffenheit von Diskursen lässt sich mithin funktional argumentationsanalytisch beschreiben. 58 In ihnen wird argumentiert. In ihnen drücken die Argumentationsbeteiligten ihr Wollen aus, und dieses Wollen lässt sich als kohärentes, weil seriell auftretendes Phänomen beschreiben. Nochmals: Das bedeutet nicht etwa, dass Diskursteilnehmer sich explizit über diese Absicht verständigen würden. Vielmehr ist das Erkennen, die Identifizierung dieser Absicht bereits ein Ergebnis der linguistischen Diskursanalyse. Erst die Analyse der Textserien offenbart, dass ihre Autoren eine übereinstimmende Intention haben: Opfer wollen berichten, Täter wollen Schuldvorwürfe abwehren, Nichttäter wollen zur Rehabilitierung der Deutschen beitragen, indem sie das deutsche Schuldphänomen diagnostizieren. In diesem Sinn lässt sich der Schulddiskurs hinsichtlich der seriellen Aussagen der Diskursteilnehmer im Sinn einer plausiblen DiskursArgumentation strukturieren. 59 Die Gesamtheit der den Schulddiskurs bildenden Texte (von denen wir hier einen kleinen Ausschnitt beschreiben) ist eine diskursbasierte Argumentation, denn die Texte kondensieren Serien quasi referenzidentischer individueller Argumentationen zu einer kollektiven Argumentation. Genauer: Die Diskursbeteiligten verfolgen übereinstimmend eine bestimmte Absicht, haben ein Argumentationsziel, Deutungs- oder Argumentationseffekte, die etwa innerhalb politischer Diskurse in der Regel intendiert, wenn auch nicht unbedingt vollständig kontrolliert sind" (Keller 2001, S. 133). Vgl. auch Donati (2001): „Diskursanalyse versucht, die Argumentationsstruktur, die benutzt wird, um ein Problem oder ein Objekt zu definieren, zu rekonstruieren. Üblicherweise wird ein Text dabei so aufgefaßt, als ob ein Problem, Objekt oder Sachverhalt gemäß eines Deutungsrahmens (frame) definiert wird. Die Kodierarbeit besteht darin, die relevanten Texte zu klassifizieren, die gemäß eines Deutungsrahmens den Forschungsgegenstand definieren" (S. 155). 57 58

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„as if opposition were manifest or possible" (Willard 1989, S. 13). Vgl. die Arbeiten von Wengeler (bes. 2003b, S. 238-246, wo er einen Überblick gibt und eine Bewertung „sprachwissenschaftlicher Argumentationsanalysen von Diskursen" [S. 238] vornimmt), Klein (bes. 2000), Kienpointner (1992), Kopperschmidt (1989). In diesem Sinn stellt etwa Wengeler (2003b) den Migrationsdiskurs der Jahre 1960 bis 1985 dar: Er unterscheidet Argumentationsmuster pro und contra I Einwanderung.

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und Aufgabe der Analyse ist es, dieses explizit zu machen. Insofern leisten diskursbasierte Argumentationsanalysen einen Beitrag zur Beschreibung (historisch bedingter) kulturgeschichtlich geprägter Denkweisen, und insofern geben Analysen diskursiver Argumentationen Aufschluss „über dominierende Denkfiguren, Denkstrukturen, Wirklichkeitskonstitutionen bezüglich eines Themas" (Wengeler 2000c, S. 222).6n Eine durch die sprachliche Realisierung eines identischen Themas konstituierte Diskursgemeinschaft lässt sich unterscheiden nach je unterschiedlichen Argumentationszielen und nach sozial oder historisch bedingtem divergierendem Argumentationsverhalten. Dieser Argumentationen prägende Aspekt der Domänen- und Zeitspezifik setzt ein von diesen Bedingungen abhängiges Argumentationsverhalten voraus derart, daß sich in der Art des Argumentierens von Subjekten auch die Denk-, Wertungs- und Urteilsmuster zur Geltung bringen, die in den Gruppen (Schichten, Klassen, Verbänden, Organisationen usw.) konventionalisiert sind, denen argumentierende Subjekte sozial angehören und aus denen sie entsprechend u.a. Orientierungen für die Bewältigung ihrer gesellschaftlichen Existenz beziehen (Kopperschmidt 1989, S. 175).

Solche gruppenspezifischen Orientierungsmuster nennt Kopperschmidt „soziale Topik" (ebd., S. 176). Toulmin spricht hier von „Bereichsabhängigkeit" (1975, S. 37 u. ö.), Klein von „gesellschaftlichen Teilsystemen, deren Diskursnormen an je spezifischen Relevanzkriterien ausgerichtet sind" (2000, S. 626). Wir setzen in diesem Sinn voraus: Das Reden der Opfer, Täter und Nichttäter über Schuld lässt sich auf Grund ihrer je spezifischen Beteiligung und Erfahrung in der Nazizeit hinsichtlich je spezifischer gruppenkonstituierender Argumentationsweisen unterscheiden, innerhalb der Gruppe der Nichttäter hängt die Argumentation zusätzlich von Domänenzugehörigkeiten ab. Diese Beschreibung von Argumentation(sziel)en im Zuge der Diskursanalyse bedeutet, das real existierende Nebeneinander unterschiedlicher Positionen und Haltungen innerhalb eines Diskurses im Hinblick auf identische Ziele zu ordnen und überindividuelle argumentative Hauptströme, i.e. kongruierende Argumentationen darzustellen.61 Eng geführt Vgl. auch: „Mit der Argumentationsanalyse soll ein Zugang geschaffen werden zu den in einem Diskurs zu einer bestimmten Zeit dominanten Denkmustern, da diese sich besonders in öffentlichen Debatten immer auch in Argumentationen pro oder contra politische Entscheidungen, Überlegungen und Meinungen niederschlagen." (Wengeler 1997a, S. 98) Der Problematik dieser überindividuellen Perspektive sind wir uns bewusst. Indem wir individuelle Einzelaussagen zu einem überindividuellen Korpus bündeln, ist die Gefahr des Einschleifens gegeben: Die jeweiligen Autoren von Texten mögen z.B. ihre einzelnen Aussagen späterhin verworfen oder modifiziert haben, die einzelnen Aussagen mögen innerhalb eines Gesamttextes den Status der Antizipation einer Gegenmeinung haben, die im weiteren Verlauf abgewiesen wird u.ä. Um dieser Gefahr zu entgehen — sie ist bei der Ana-

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sind also die Texte in der gemeinsamen Gegenstandsorientierung des Diskurses zum Thema ,Schuld', eng geführt sind die Diskursteilnehmer in ihren jeweiligen Aussagen über diese Schuld. Die Gesamtheit der argumentativen Manifestierung der dieser Art interpretierten Aussagen von Opfern, Tätern und Nichttätern ist der Schulddiskurs. In den Stellungnahmen zu dem Thema ,Schuld' sind die dabei verwendeten Argumentationsweisen aufgehoben. Damit wird deutlich, dass es bei der argumentationsanalytischen Bearbeitung der Diskurstexte uns nicht um eine formale Analyse (vgl. Kienpointner 1992 und zu Teilen auch Wengeler 2003b) geht. Wir bleiben auf der inhaltlich-materialen Ebene zum Nachweis der konkreten argumentativen Funktion von Aussagen, ohne auf dem Weg von Toposanalysen den Anspruch zu verfolgen, eine Typologie nachkriegsdeutscher Topik zu entwerfen. 62 Wir rekonstruieren konkrete Topoi als im Argumentieren vollzogene, ohne formales Interesse an dem Systeminventar einer generellen Topik. Insofern wollen wir die argumentationstheoretische Abstraktion nicht überdehnen, sondern der Beschreibung und Darstellung des Schulddiskurses dessen Handlungsmotivationen vielmehr im Sinn latenter argumentativer Funktionen unterlegen. Wir sind uns m.a.W. der Spezifik der hier untersuchten Argumentationen bewusst, und die Beachtung dieser Spezifik kongruiert mit unserer Gesamtkonzeption einer Sprachgebrauchsgeschichte. Diese hat zum Ziel, den Schulddiskurs der deutschen Nachkriegszeit zu strukturieren nach Sprecherperspektiven und Zeitbezügen und auf diesem Raster Sprecher- und zeitspezifische Redeweisen über deutsche Schuld darzustellen und zu beschreiben. An dieser Stelle ist nochmals auf das Verständnis von Diskursbeiträgen i.S.v. Aussagen zurückzukommen: Es erweist sich die Evidenz dieses Verständnisses vor allem, wenn man als Kohärenzfaktor eines Diskurses dessen argumentative Struktur bewertet. Wir werden feststellen, dass ohne die Darstellung und Beschreibung seiner argumentativen Kohärenz ein Diskurs hinsichtlich seines sprachlichen Potenzials nicht \rollständig zu erfassen ist. Erst die Argumentations struktur des Schulddiskurses der Nichttäter weist etwa die diskursive Bearbeitung der Subthemen des Schulddiskurses, etwa ,Zeit, in der wir leben' oder ,Zwei Seelen' oder ,Frieden', ,Freiheit' und ,Demokratie' als seine argumentativ obligatorischen Konstituenten aus. M.a.W.: Ohne die Kenntnis des Argumentati-

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v e von Texten, die keine überschaubaren Zeitungsartikel sind, besonders groß — haben wir die Einzelaussagen überprüft und jeweils, wo nötig, in den angemessenen Kontext gestellt. So ist der Individualität einzelner Texte die gebotene Rücksicht widerfahren. Diesen Anspruch erfüllt Wengeler (2003b), wenn er den Migrationsdiskurs der Jahre 1960 bis 1985 auf der Basis einer Topostypologie beschreibt. Wengeler formuliert auch die kategorialen Probleme einer solchen Typologie (vgl. S. 276ff.).

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onsziels ,Rehabilitation' wäre die Einbeziehung etwa des Subdiskurses ,Frieden' in den Schulddiskurs nicht sinnfällig zu begründen. 3.2.3. Lexik Das Destillat, sozusagen diejenigen sprachlichen Entitäten, auf die solche Sprachgebrauchsanalysen hinauslaufen und welche die markantesten Erscheinungen von Sprachgebrauch darstellen, sind Wörter. Zugespitzt können wir sagen, dass eine pragmatische Sprachgebrauchsgeschichte auch eine Wortgebrauchsgeschichte ist, die die Verwendung von Wörtern in ihrem jeweiligen historischen Kontext beschreibt und analysiert. Ihre Aufgabe besteht darin, „anhand zentraler Ausdrücke jeweils für verschiedene soziale Gruppen gültige Wirklichkeitssichten herauszuarbeiten." (Wengeler 2003a, S. 198) Linguistische Diskursanalyse im zeitgeschichtlichen Horizont beschäftigt sich mit dem Gebrauch lexikalischer Einheiten in Bezug auf ihr serielles Vorkommen auf der Folie der historischen politisch-gesellschaftlichen Bedingungen dieses Gebrauchs, m.a.W. in Bezug auf den Kotext der „Zusammenhänge .., in denen ihre [der Diskursgeschichte] Quellentexte stehen" (Hermanns 1995a, S. 89). Diskursiv rekonstruierte Semantik geht über die traditionelle lexikalische Semantik hinaus, die durch die diskursive Darstellung insofern eine neue Dimension erhält, als die lexikalische Serie es erlaubt, semantische Einheiten im kommunikativen Kontext, d.h. in Bezug auf Funktionen und Absichten größerer Sprechergruppen zu rekonstruieren: Aus der Sicht der Sprachwissenschaft hat Diskursanalyse das Ziel, die sprachlichen Manifestationen alternativer Sichtweisen und Vorstellungswelten, Gedanken- und Bedeutungsparadigmen, der epistemischen Voraussetzungen und Leitelemente, die das Thema bzw. den Untersuchungsgegenstand bestimmen, ausfindig zu machen, zu dokumentieren und zueinander in Beziehung zu setzen. (Busse/Teubert 1994, S. 18)

Diskurse sind so gesehen sprachliche Komplexe, die sich aus unterschiedlich motivierten sprachlichen Manifestationen konstituieren. Sie sind Archive von durch die jeweils spezifischen (historischen, gesellschaftlichen, politischen, individuellen) Bedingungen jeglichen Sprechens geprägten Ausdruckseinheiten. Erkenntnisinteresse der Diskurslexikologie ist die Darstellung und Beschreibung des lexikalisch-semantischen Potenzials eines Diskurses, „die Analyse der kommunikativen Phänomene, der Wortschatzphänomene und ihrer Regeln". Diskurslexikologie stellt „grundlegende Prozesse, Lexikalisierungsvorgänge und Sprachhandlungsphänomene ins Zentrum ihres Blickfeldes" (Busch 2002, S. 137). Wortschatz ist also eine zentrale For-

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schungsperspektive des Untersuchungsgegenstands Diskurs. Zur Beschreibung der lexikalischen Diskurseinheiten stehen unterschiedlich ausgerichtete, aber auch aufeinander bezogene Modelle zur Verfügung, die den semantischen Einheiten je nach Erkenntnisziel unterschiedliche Status gegeben haben. Diese Statusunterschiede sind terminologisch erfasst. Vor allem Untersuchungen, die aus dem Forschungsschwerpunkt,Sprache und Politik' hervorgegangen sind, haben eine differenzierte Terminologie zur Beschreibung des Wortgebrauchs in der politischen Kommunikation erarbeitet.63 Das hier untersuchte Korpus besteht einerseits nur zu einem Teil aus Texten der Domäne Politik. Diese haben zwar auch die Funktion der politischen Willensbildung. Unser Aufmerksamkeitsfokus indes ist weniger auf diese Funktion gerichtet, als vielmehr auf Argumentationsmuster und deren sprachliche Umsetzung als Konstituenten des Schulddiskurses, der seinerseits als politische Kommunikation' unzureichend erfasst wäre. Unserer Vorstellung von Diskurs entsprechend — eine in unterschiedlichen Domänen und Textsorten und zu unterschiedlichen Anlässen realisierte omnipräsente kommunikative Erscheinung — besteht unsere Untersuchungsgrundlage andererseits nicht nur aus persuasiven Texten der Domäne Politik, sondern darüber hinaus aus den deskriptiven Texten der Opfer, aus den exkulpierenden Texten der Täter, sowie aus rationalisierenden Texten (Gesellschaftskritik, Wissenschaft und Philosophie), aus spiritualisierenden Texten (Theologie), aus ästhetisierenden Texten (Literatur) der Nichttäter. Das lexikalische Inventar all dieser ,nichtpolitischen' Texte lässt sich nicht mit den funktional stark festgelegten Terminologien der politischen Lexik erfassen. Insofern beschränken wir uns auf die unseren Zwecken angemessenen Klassifikationen ,Schlüsselwort', ,Stereotyp', ,Begriff' und ,Deutungsmuster'.

Schlüsselwort Ergebnisse von Untersuchungen politisch-gesellschaftlichen Wortschatzes werden traditionell in wörterbuchartigen, jedenfalls auf die Beschreibung von Einzelwörtern ausgerichteten Darstellungen gefasst. Die Kategorien zur Bezeichnung dieser Einzelwörter heißen ,Schlagwörter' 64 oder ,Schlüs63 w

Vgl. etwa Dieckmann 1964, Strauß/Zifonun 1986, Hermanns 1994a, Boke 1996. Begründet wohl von Otto Ladendorf, Historisches Schlagwörterbuch (1906), fortgeführt von Wulf Wülfing, Schlagworte des Jungen Deutschland (1982). Vgl. neuerdings Felbick (2003). Die Definition Dieckmanns gilt weiterhin: ,Schlagwort' bezeichnet „das gemeinsame Bewußtsein oder Wollen, eine bestimmte Tendenz, ein Ziel oder Programm einer Gruppe gegenüber einer anderen oder einer Mehrzahl von anderen, bewegt sich meist auf einer höheren Abstraktionsebene und vereinfacht die Wirklichkeit gemäß den Erfordernis-

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selwörter' 65 - Konzeptionen, deren Fortführung in Titeln wie den genannten kategorielle Abgrenzungen suggerieren, die mit einer perspektivenabhängigen Funktion begründbar ist: Schlüsselwörter bezeichnen „entscheidende Tendenzen einer Epoche oder Bewegung" und enthalten in ihrer „Semantik gewissermaßen den ,Schlüssel' zum Verständnis einer historischen Entwicklungsstufe" (Schmidt 1972, S. 34). Hermanns grenzt ,Schlagwort' und ,Schlüsselwort' insofern voneinander ab, als der Terminus ,Schlüsselwort' das Wort, das er bezeichnet, nicht hinsichtlich der Funktion [benennt], die es für die Beteiligten, die dieses Wort verwenden, hat [wie Schlagwort]; sondern hinsichtlich der Funktion, die es für die Betrachter der Verwendung hat, z.B. für Flistoriker und Linguisten (Hermanns 1994a, S. 43). So bezeichnen ,Schlag-' bzw. ,Schlüsselwort' eigentlich keine unterschiedlichen Kategorien, sondern unterscheiden eher Perspektiven desjenigen, der mit ihnen umgeht, abgesehen davon, dass sie hinsichtlich ihrer Konnotationen verschieden gebraucht werden: ,Schlagwort' ist sozusagen die negativ ,konnotierte' Version von eher neutralem ,Schlüsselwort'. 66 Schlag- oder Schlüsselwörter können als Leitvokabeln beschrieben werden. Karin Boke (1996) definiert etwa politische Leitvokabeln' als „Wörter, die in diesen [öffentlich relevanten] Themenfeldern zu größtenteils umstrittenen, politische Leitbilder vermittelnden Schlüsselwörtern' [sie!] wurden", als „Wörter[..] oder Wortkomplexe[..], die im Sprachgebrauch der konfligierenden Gruppen mit bestimmten Leitgedanken ihrer (kontroversen) politischen Programme oder Ziele verbunden werden" (S. 19f.). Zu verweisen ist schließlich auf die Arbeit von Dieter Felbick, der sen des kollektiven Handelns, hat die Aufgabe, Anhänger zu werben und zu sammeln oder den Gegner zu bekämpfen und zu diffamieren, ist in seiner appellativen Funktion hörerorientiert und zieht seine Wirkungen vornehmlich aus angelagerten Gefühlswerten." (Dieckmann 1964, S. 79f.) Vgl. etwa Karl Dietrich Bracher, Schlüsselwörter in der Geschichte (1978). Das „WörterBuch" Schlüsselwörter der Wendezeit' (Herberg/Steffens/Tellcnbach 1997) ist eine „textorientierte[..], d.h. auf der Basis eines definierten Textkorpus .. erarbeitete[..]" (S. 1) Darstellung, Erläuterung und Kommentierung ausgewählter Lexeme, die zur Zeit der politischen Wende 1989/90 eine wichtige Rolle im öffentlichen Sprachgebrauch spielten. Die Untersuchung versteht sich als lexikalisch geronnene Zeitgeschichte. Die Autoren definieren Schlüsselwörter als „solche[..] lexikalischef..] Einheiten .., die dominanten Inhalten der wendezeitbezogenen öffentlich-politischen Kommunikation in einer, tn mehreren oder in allen Phasen der Wendezeit typischen sprachlichen Ausdruck geben, sie gleichsam kondensiert auf den Punkt bringen, und die daher in dem jeweiligen Zeitraum in der Regel häufig gebraucht werden" (S. 3). In diesem Sinn Schlag- oder Schlüsselwortstudie ist auch .Brisante Wörter von Agitation bis Zeitgeist'. In diesem ,Lexikon zum öffentlichen Sprachgebrauch' analysieren Strauß/Haß/Harras (1989) „Wörter .., deren Gebrauchsweisen die sprachliche Verständigung erschweren oder sogar stören können, also Wörter, die unter verschiedenen Gesichtspunkten erklärungsbedürftig sind" (S. 9). Vgl. außerdem Niehr 1993.

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,Schlagwörter der Nachkriegszeit 1945-1949', und zwar „fast 60 Lemmata" und „über 130 .. Lexeme" (Felbick 2003, S. 14) lexikographisch beschreibt.67 — Wir beschränken uns im Folgenden auf den Terminus ,Schlüsselwort', weil in ihm semantisch aufgehoben ist, was ein Kennzeichen gesellschaftlich ausgerichteter Sprachgeschichte ist: die Erweiterung der Beschreibung von Sprachgebrauch durch Einbeziehung des zeitgeschichtlichen Horizonts. Dieser zeitgeschichtliche Horizont erschließt sich über Schlüsselwörter (vgl. oben Hermanns). So können wir Λ/igst (Opfer), Wahrheit (Täter) oder Kollektivschuld (Nichttäter) nicht als Schlagwörter der frühen Nachkriegszeit bezeichnen. Sie sind nicht, um die Kriterien von Dieckmann (1964) und Felbick (2003) anzulegen, Ausdrücke auf einer höheren Abstraktionsebene, vereinfachen nicht, dienen nicht dazu, Gegner zu bekämpfen oder Anhänger zu werben. Wohl aber haben sie aus der Perspektive der Analyse die Funktion, Leitgedanken derjenigen, die diese Wörter gebrauchen, zu erschließen. Diese Leitgedanken sind Ergebnisse wesentlicher im zeitgeschichtlichen Kontext stehender Erfahrungen. Stereotyp Lexikalische Einheiten werden dann als Stereotype beschrieben, wenn sie als Träger von Einstellungen, Haltungen, Meinungen und daher als werthaltige Bezeichnungen evident sind. Der Referenzbereich sozialer Kategorisierungen im Sinn von Fremd- und Selbstbezeichnungen ist mit den typsemantischen Beschreibungskategorien A utostereot yp' bzw. Heterostereotyp' zu erfassen. Allport kennzeichnet aus der Sicht der Sozialpsychologie Stereotyp als „eine überstarke Uberzeugung, die mit einer Kategorie verbunden ist. Sie dient zur Rechtfertigung (Rationalisierung) unseres diese Kategorie betreffenden Verhaltens" (Allport 1971, S. 200). Witte (1989, S. 261) definiert Stereotyp als

Felbick definiert ,Schlagwort' als ein „(Mehrwort-)Lexem, das in der Regel durch seine gesteigerte Frequenz auffallt. Es steht verkürzend als Zeichen für Programme, Ideen oder Sachverhalte und verbindet mit diesem programmatischen Gehalt einen Meinungsgehalt. Beide Teile des Wortinhaltes sind innerhalb eines semantischen Spielraums variabel, insbesondere bei solchen Lexemen, die umstritten sind oder von unterschiedlichen Gruppen gebraucht werden. Im Verhältnis zu anderen Gebrauchsweisen verfügt das Schlagwort über eine Art Mehrwert, der in einem großen Assoziationsreichtum besteht. Es handelt sich um eine weitgehend konventionalisierte Gebrauchsweise, die dem Sprachusus zuzurechnen ist. Das Schlagwort wird in einem Diskurs über ein brisantes Thema appellativ zur Werbung für oder gegen eine Position gebraucht, wobei es eine affektive Stellungnahme beim Rezipienten auslöst. Sehr häufig dient der gemeinsame Schlagwort-Gebrauch als Identifikationsmerkmal einer Gruppe, vor allem bei umstrittenen Schlagwörtern." (Felbick 2003, S. 25)

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eine sozial erworbene und kulturell verankerte Stellungnahme kognitiver und affektiver Art, verbunden mit der Erwartung von Verhaltensweisen, die zwischen Makrosystemen und Gesamtgesellschaften differenzieren.

Die Linguistik betrachtet die sprachliche Ausdrucksform Stereotyp als Manifestierung einer Wahrnehmungsselektion, in der Definition Putnams als „eine konventional verwurzelte (häufig übelmeinende und möglicherweise völlig aus der Luft gegriffene) Meinung darüber, wie ein X aussehe oder was es tue oder sei" (Putnam 1979, S. 68).68 Im Sinne Kleins ist Stereotyp eine „auf eine soziale Formation gelichtete, in einer Kommunikationsgemeinschaft verfestigte Menge von Zuschreibungen mit Bewertungsund Einstellungsimplikationen" (Klein 1989, S. 30). In diesem Sinn plädiert Mangasser-Wahl (2000) für eine Anwendung des Stereotypkonzepts v.a. auf den Wortschatzbereich der Personenkategorien bzw. der ,sozialen Formationen' .. Denn im Zusammenhang mit diesen Wortschatzkategorien sind Wertungen, Sprechereinstellungen (v.a. negativer Art) und die Nähe zum sozialpsychologischen \^orurteilsbegriff häufig nachweisbar (ebd., S. 166).

Die identitäts- und gruppenkonstituierende Potenz von Stereotypen ist offensichtlich. Sie erfassen diejenigen Diskurs-Repräsentanten, die gruppenkonstituierende, gruppenabgrenzende oder gruppenspezifizierende Funktion haben. Diversifiziert wird das Konzept des Stereotyps mit der Kategorie ,Nationalstereotyp', womit die identitäts- und mentalitätsbezeichnende Funktion der entsprechenden lexikalischen Einheiten erfasst ist. - In diesem Sinn gebrauchen wir im Folgenden ,Stereotyp', in der Differenzierung Auto-, Hetero- und Nationalstereotyp, z.B., wenn politische Opfer sich selbst als Kämpfer (Autostereotyp) bezeichnen, wenn Opfer die SS mit unterschiedlichen Kennzeichen [korrupt, faul, dumm) charakterisieren (Heterostereotyp), wenn die Entstehung des Nationalsozialismus mit bestimmten mentalen Dispositionen der Deutschen erklärt wird {Militarismus ist in diesem Sinn ein Nationalstereotyp).

Begriff Diskursbasierte Wortanalysen sind methodisch der von der Historiographie etablierten Begriffsgeschichte nahe. Begriffsgeschichte erklärt und beschreibt Sprachgebrauch im Zusammenhang mit historischen und gesellschaftlichen Bedingungen. Die in den geschichtlichen Grundbegriffen' von Brunner, Conze und Koselleck manifest gewordene Disziplin der Hinsichtlich der Unterscheidung zwischen Prototyp (Rosch) und Stereotyp (Putnam) und zur Forschung vgl. u.a. Quasthoff 1973; Schwarze 1982; Mangasser-Wahl 2000; kurz gefasst in I Icrmanns 2002.

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Begriffsgeschichte ist von der Linguistik hinsichtlich Theorie und Methode kritisiert worden. So wurde seitens der Linguistik die Definition Kosellecks „Ein Wort wird zum Begriff, wenn die Fülle eines politisch-sozialen Bedeutungs- und Erfahrungszusammenhanges, in dem und für den ein Wort gebraucht wird, insgesamt in das eine Wort eingeht" (Koselleck 1979, S. 29) nicht gebilligt.69 Im Zuge der Erarbeitung diskursanalytischer Ansätze wurden Abgrenzungsversuche unternommen, um den Unterschied zwischen Begriffsgeschichte und Diskursanalyse festzulegen.7" Nichtsdestotrotz: Die Beschreibungskategorie ,Begriff', zur Bezeichnung der „komplexe [n] Einheit aller zeichen theoretischen Aspekte eines Lexems" (Klein 1991, S. 51), erweist sich als unverzichtbar. Als Terminus zur Bezeichnung der Extensionalität eines Lexems bzw. der Intensionalität lexikalischer Einheiten ist ,Begriff weiterhin etabliert, vor allem zur Beschreibung sozialgeschichtlicher Phänomene. Begriffsgeschichte „im Horizont der Sozialgeschichte" fragt in der Vorstellung Bollenbecks „nicht nach spracheigener Strukturierung, sondern nach dem Zusammenhang von historischer Konstellation und begrifflicher Repräsentation." (Bollenbeck 1994, S. 16) Solche Art Begriffsgeschichte „zielt nicht auf die Geschichte wissenschaftlicher Erkenntnis. Sie handelt vorrangig von gesellschaftlicher Kommunikation, von allgemeinem Weltwissen und seiner Handlungsanbindung" (ebd., S. 17). Begriffsgeschichte kann mithin Kommunikationsgeschichte sein. Vorausgesetzt ist die Vorstellung von historischer Semantik bzw. Begriffsgeschichte als „Entstehung, .. Kontinuität und .. Wandel eines kollektiven Wirklichkeitsbewußtseins, welches an sprachlichen Spuren ausgemacht werden soll" (ebd., S. 16). Denn Begriffsgeschichte geht auf den kulturhistorischen Zusammenhang, den das jeweilige Sprechen mit dem Inbegriff seiner thematischen, sozialen und historischen Bedingungen bildet, auf den diskursiven Sinn, den die Sprachelemente organisieren, nicht auf ihre systemische Bedeutung (Knobloch 1992, S. 13). Vgl. zu den Geschichtlichen Grundbegriffen u.a. Peter von Polenz' Rezension in der Zeitschrift für germanistische Linguistik 1973 und Busse 1987. Busse/Teubert etwa setzen voraus, dass Begriffsgeschichte auf Lexemeinheiten gerichtet ist, während „Diskursanalyse .. semantische und epistemische Beziehungen untersuchen [möchte], die nicht nur durch die Einheit von Lexemen ausgedrückt werden, sondern die die Lexemeinheit transzendieren" (Busse/Teubert 1994, S. 19). Nähe und Ferne von Begriffs- und Diskursgeschichte sucht auch Bollenbeck zu fixieren, indem er darlegt, dass nicht „einzelne .Begriffe'.. die Fülle eines politisch-sozialen Bedeutungszusammenhangs [enthalten]. Der erschließt sich erst innerhalb der gesellschaftlichen Kommunikation - also in der Verwendungsgeschichte der Begriffe. Auch um den Eindruck eines sprachlichen Substantialismus zu vermeiden, ersetzen deshalb neuere Forschungen die etwas irreführende Bezeichnung ,Begriffsgeschichte' durch .Semantik der Diskurse', ,Diskursanalvse', .Argumentationsgeschichte' oder .diskursanalytische Kulturgeschichte'" (Bollenbeck/Knobloch 2001, s! 23).

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Damit ist deutlich: Diskursgeschichte und Begriffsgeschichte lassen sich nicht gegeneinander ausspielen, sondern bedingen einander als Analyseparadigmen. Begriffsgescliichtliche Befunde (die sich in der Beschreibung von Einzellexemen zuspitzen können, aber nicht müssen) sind ohne Diskursanalysen nicht zu haben, oder anders: Begriffsgeschichte setzt Diskursanalyse voraus, wenn wir unter Diskursanalyse die Untersuchung referenzidentischer Texte verstehen. Denn erst eine solche Vergewisserung gesellschaftlicher ,Bedeutungszusammenhänge', welche die Diskursanalyse aufdeckt, lässt das begriffliche Potenzial ihrer sprachlichen Manifestationen, die „begrifflichen Verdichtungen" 71 als solche überhaupt in Erscheinung treten. Die Erkenntnis gesellschaftlicher Bedeutungszusammenhänge, die auf die Erlangung kulturhistorischer Erkenntnisse zielt, setzt weiterhin selbstverständlich voraus die Einbeziehung von historischem Voraussetzungs- und Hintergrundwissen. Sie setzt voraus, den Text und die Begriffsverwendung in ihm so zu situieren, daß die Vollzugsfunktionen, die Leistungen der Begriffe als Faktor begreifbar werden. Es ist klar, daß das nur geht vor dem Hintergrund einer gut ausgeleuchteten Faktengeschichte. Um zu wissen, was ein Begriff in der mentalen Ökonomie und in der sozial-kommunikativen Praxis einer Schicht für eine Rolle gespielt haben könnte, müssen wir die objektive Lage dieser Schicht gut kennen. Die Deutung muß aus der Textstelle hinaus in die allgemeinen Zeitumstände und den allgemeinen Sprachgebrauch fuhren und umgekehrt von außen in den Text hinein, bis zu den sprachlichen und biographischen Eigenheiten des Verfassers (Knobloch 1992, S. 19).

In diesem Sinn kategorisieren etwa Stötzel/Wengeler (1995) die von ihnen beschriebenen semantischen Einheiten als ,Kontroverse Begriffe' und verstehen ihre Darstellung als eine „Geschichte des öffentlichen Wortschatzes" (S. 15), der Uberzeugung folgend, daß eine sektorale Aufteilung der Sprachgeschichte die Bedeutung wichtiger Vokabeln durch Bedeutsamkeitserzählung wesentlich besser vergegenwärtigen kann, als dies isolierte Einzelworterläuterungen vermögen (Stötzel 1995a, S. 15).72

Wenn wir die Merkmale, die einen Ausdruck zu einem Begriff machen, komprimieren, so können wir sagen, dass Begriffe sich durch Relevanz

71

72

Vgl. Jäger (1996, S. 401): „Gegenstand einer Sprachgeschichte der Gegenwart könnte vielleicht das Netz der Bedeutungen sein, ihre begrifflichen Verdichtungen, die sich dann in bestimmten überindividuellen gesellschaftlichen Entwicklungen zur Geltung bringen. Begriffsgeschichte würde auf diese Weise zum Bestandteil von Diskursgeschichte." Vgl. auch die Untersuchung ,Der Wortschatz des Ethischen' (1984) von Edeltraud Bülow, in der die Autorin das lexikalische Potenzial der Grundwerte-Diskussion beschreibt, das sie mit ,Begriffe' oder ,Grundbegriffe' klassifiziert. Insofern hier ein Korpus von Basistexten ausgewertet wurde und insofern die Autorin „die aus ihnen erschließbaren Befindlichkelten" (S. 3) interpretiert, verfolgt sie ein diskurs- und mentalitätsanalytisches Konzept.

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und Komplexität auszeichnen: Relevanz weisen sie in Bezug auf ihren gesellschaftlichen bzw. politischen Wert auf als Repräsentationen zentraler gesellschaftlicher bzw. politischer Konstellationen; komplex sind sie als Einheiten mit intensionaler und extensionaler Dimension, indem sie einerseits das Zentrum eines Hofs begrifflicher Aspektualisierungen bilden (intensional), anderseits diese Aspektualisierungen bündeln zu einem begrifflichen Extrakt (extensional). — Wir nennen im Folgenden diejenigen lexikalischen Einheiten ,Begriff, auf die diese Merkmale der Relevanz und Komplexität zutreffen: Appellplat^ ist ein relevanter und komplexer Opferbegriff, in dessen Semantik all die Erfahrungen, die Opfer dort machen mussten, aufgehoben ist (Schikane, Gewalt, Qual). Treue ist ein Täterbegriff als Aspekt des nationalsozialistischen Wertesystems, mit dem sie versuchen, ihr Tun zu legitimieren. Ikeinigung ist ein Begriff der Nichttäter, mit dem sie ein Schuldbewusstsein ausdrücken und der gleichzeitig eine der Bedingungen für eine deutsche Zukunft mitbezeichnet.

Deutungsmuster In der Kategorie ,Deutungsmuster' ist eine mentalitätsgeschichtliche Dimension aufgehoben. Ein Deutungsmuster verfestigt sich kollektiv, ist ein Typus vorangegangener Erfahrung, dient als Bestimmungsrelation zur gegenwärtigen Zeit und kann mit seinen programmatischen Uberschüssen auf zukünftige Möglichkeiten verweisen (Bollenbeck 1994, S. 19).

,Deutungsmuster' bezeichnet „von außen angeeignete, vorgefertigte Relevanzstrukturen" (ebd., S. 199), mit welchem Wirklichkeit interpretiert wird, und ist eine Beschreibungskategorie zur Darstellung von einstellungsbedingten Gebrauchsphänomenen. Deutungsmuster sind hinsichtlich ihrer gesellschaftlichen Relevanz erkennbar, wenn sie diskursiv repräsentiert sind.73 Die Nähe von Deutungsmuster und Begriff ist evident. ,Begriff ist wie ,Deutungsmuster' die Bezeichnung für Sinneinheiten, die über Lexemgrenzen hinausgehen können. Sie unterscheiden sich insofern, als ,Begriff gleichsam eine kognitiv neutrale Kategorienbezeichnung darstellt, während ,Deutungsmuster' den Vorgang einer Wahrnehmung und Auslegung mitbezeichnet. — In diesem Sinn beschreiben wir z.B. Irrtmn als lexikalisch geronnenes Deutungsmuster der Täter, mit dem sie versuchen, ihre nationalsozialistische Begeisterung zu erklären, verschüttet als DeuBollenbeck nennt etwa das Deutungsmuster ,Bildung und Kultur' „eine Art diskursive [n] Angelpunkt deutscher Geschichte seit der Auflösung der Ständegcsellschaft" (1994, S. 25).

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Methodische Implikationen des Schulddiskurses

tungsmuster der Nichttäter, mit dem sie die Tatsache, dass der Nationalsozialismus gesellschaftliche und politische Realität des deutschen Bildungsvolks in den Jahren 1933 bis 1945 war, erklären. Allen diesen mit ,Schlüsselwort', ,Stereotyp', ,Begriff und ,Deutungsmuster' bezeichneten lexikalischen Kategorien gemeinsam ist, dass jede von ihnen unverzichtbarer Klassifikator ist zur Beschreibung der mit diesen Kategorien je differenzierbaren Aspekte des lexikalisch-semantischen Potenzials eines Diskurses. Insofern sind in der vorliegenden Darstellung sowohl Schlüsselwörter, als auch Stereotype, sowohl Begriffe, als auch Deutungsmuster zu beschreiben, je nach Erkenntniswert, den diese Klassifikatoren im jeweiligen Kontext haben. Sie werden aus der Perspektive der Deduktion verwendet. Das bedeutet, dass eine lexikalische Einheit gleichzeitig unterschiedlichen Klassifikatoren zugeordnet werden kann. So ist z.B. von den Opfern gebrauchtes Freiheit sowohl Schlüsselwort (indem es einen zeitgeschichtlichen Horizont eröffnet), als auch Begriff (indem es relevant und komplex ist), von den Nichttätern gebrauchtes Wendest ist sowohl Begriff (hinsichtlich seiner Relevanz und Komplexität), als auch Deutungsmuster (hinsichtlich seines interpretierenden Potenzials), usw. Erweitert werden diese Klassifizierungen jeweils durch solche Kategorien, die ihre Funktionalität im Diskurs erfassen. Denn ,Schlüsselwort', .Stereotyp', ,Begriff' und ,Deutungsmuster', diese Namen sagen nicht, wozu diese Einheiten in der Kommunikation dienen. Wir verstehen als Aufgabe unserer diskursbasierten, im Horizont der Zeitgeschichte stehenden Sprachgebrauchsgeschichte, den für den Diskurs typischen Wortschatz zum einen als zeitbedingte, zum andern aber auch als sprecherbzw. perspektivenbedingte lexikalische Realisierung a r g u m e n t a t i v e r Z w e c k e darzustellen und zu beschreiben, im engeren Sinn also das in seiner Funktion, das Argumentationsziel realisierende lexikalische Inventar zu analysieren. Unser diskurslexikologisches Interesse richtet sich m.a.W. darauf, den Zusammenhang zwischen Argumentationen und den sie repräsentierenden lexikalischen Einheiten zu erfassen und zu beschreiben. Eine weiche Definition von Diskurswortschatz voraussetzend, wie etwa die, dass Diskurswortschatz der den Diskurs in seiner Spezifik repräsentierende Wortschatz ist, beschreiben wir den lexikalischen Untersuchungsgegenstand der folgenden Diskurs analyse eben dieser Spezifik folgend, die sich in den unterschiedlichen Argumentationszielen der drei Beteiligtenperspektiven manifestiert und die mit dem jeweiligen Zeitbezug Gegenwart und Vergangenheit (und Zukunft) korreliert. Wir ergänzen also zur Bezeichnung des lexikalischen Potenzials des Schulddiskurses die Kategorien .Schlüsselwort', .Stereotyp',,Begriff' und ,Deutungsmuster' um solche Klassifikatoren, die die argumentative Funktion dieser lexikalischen Einheiten terminologisch repräsentieren. Mit Hilfe dieser Klassifikatoren

Sprachgebrauchsgeschichte

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soll darstellbar sein, wie der Wortschatz in funktionaler Hinsicht den Schulddiskurs und seine je spezifischen perspektivenabhängigen Zwecke der Opfer, der Täter und der Nichttäter realisiert. Wir können aufgrund der untersuchten Texte hinsichtlich dieser ergänzenden Klassifikatoren Vorannahmen treffen: Wir hatten im Zuge der Korpusvorstellung (s.o. Kapitel 2) für die Berichte der Opfer ihren dokumentarischen, für die Strategien der Täter ihren exkulpatorischen, für die Analysen der Nichttäter ihren diagnostischen Charakter erkannt. Dieser Beschaffenheit der Texte, die mit ihrem argumentativen Zweck zusammenfällt — berichten, exkulpieren, diagnostizieren — sollten die Klassifizierungen der lexikalischen Einheiten, die diese Funktionen realisieren, entsprechen. Insofern rechnen wir mit deskriptivem, also beschreibendem Vokabular der berichtenden Opfertexte 74 , mit exkulpatorischem Vokabular der Schuld abwehrenden Tätertexte. Die komplexe Funktion der Nichttätertexte (wir hatten oben auf die komplexe Argumentationsstruktur des Nichttäterdiskurses hingewiesen) wird sich in deskriptivem sowohl wie in explikativem (erläuternden 75 ) sowohl wie in exkulpativem Vokabular manifestieren. In Bezug auf das zukunftsbezogene Segment des Nichttäterdiskurses ist darüber hinaus mit solchem Vokabular zu rechnen, welches einerseits Bedingungen benennt, unter welchen die Deutschen rehabilitiert werden können, welches anderseits Bekenntniswörter bezeichnet, welche die Nichttäter benutzen, um ihre Zugehörigkeit zur Wertegemeinschaft zu bezeichnen. Diese Prädikate lexikalischer Einheiten — deskriptiv, exkulpativ, explikativ, bedingend oder bekennend — sind also Supplemente: Sie erweitern die Klassifizierung lexikalischer Einheiten als Schlüsselwort, Stereotyp, Begriff oder Deutungsmuster um die Kennzeichnung ihrer jeweiligen Funktion, die den argumentativen Status eines Schlüsselworts oder eines Begriffs etc. bezeichnet. Diese Erfassung des lexikalischen Potenzials erweitert den Horizont der Diskurslexikologie, indem sie die, einen Diskurs und seinen Zweck bzw. seine Zwecke realisierende lexikalische Instrumentalisierung hinsichtlich ihrer Funktion differenziert und beschreibt. Fassen wir also unsere method(olog)ischen Überlegungen zu folgendem Analysekonzept zusammen: ,Deskriptiv' bezeichnet die „inhaltlich-darstellende" Funktion, „die mit der Verwendung des Wortes gegenüber dem von ihm bezeichneten Sachverhalt hervorgehoben" wird (Klein 1991, S. 50). Insofern ist „die deskriptive Themenentfaltung vor allem für die informativen Textsorten ,Nachricht' und ,Bericht' charakteristisch" (Brinker 1985, S. 60). Explikative Themenentfaltung heißt, einen Sachverhalt (Explanandum, das zu 1 irklärende) dadurch erklären, dass man ihn aus bestimmten anderen Sachverhalten (Explanans, das Erklärende) logisch ableitet (vgl. Brinker 1985, S. 64f.).

Methodische Implikationen des Schulddiskurses

Der Schulddiskurs der Opfer, Täter und Nichttäter in der frühen Nachkriegszeit ist im Sinn der Kulturgeschichte eine gesellschaftliche Manifestation und wird als das Ergebnis je spezifischer Wirklichkeitsinterpretationen beschrieben. Diese Wirklichkeitsinterpretationen werden als Phänomene der Sprachgebrauchsgeschichte eingeordnet. Die Texte, die das Thema ,Schuld' behandeln, werden insofern als Diskurs fragmente beschrieben, als sie hohe Themenkohärenz aufweisen und Bündelungen von kollektiven kommunikativen Akten der Diskursbeteiligten darstellen. Aufgrund der Themen- und Beteiligtenkonstellation wird der Schulddiskurs verstanden als ein argumentativ angelegtes sprachliches Phänomen, indem das Thema ,Schuld', über welches die Beteiligten als Opfer, Täter und Nichttäter reden, eine argumentierende Diskurs-Struktur erwarten lässt. Das lexikalisch-semantische Potenzial des Schulddiskurses wird je nach Erkenntniszusammenhang als Schlüsselwort, Stereotyp, Begriff oder Deutungsmuster beschrieben. Die Beziehung zwischen der Textfunktion (Argumentation) und ihrer lexikalischen Repräsentation wird durch die der Funktion angepassten terminologischen Klassifizierung der Schlüsselwörter, Stereotype, Begriffe und Deutungsmuster als deskriptiv, exkulpativ, explikativ, bedingend oder bekennend sichtbar gemacht.

4. Die Konfiguration der Diskursaussagen: Zeitreferenz und Schuldreflexion ,Schuld', eine bewertende Kategorie, die eine Norm voraussetzt, ist, als ein Aspekt der Ethik und der Moral, eine Kategorie der Philosophie, der Soziologie und der Psychologie, der Pädagogik und der Forensik, und Schuld ist aller erst ein Begriff der Religion 1 - hier nimmt die Begriffsgeschichte ihren Anfang, auf diesen ursprünglichen Kontext ist zu verweisen. Schuld im religiösen Sinn bedeutet Verantwortlichkeit für den Verstoß gegen ein religiöses Gesetz'. Dieser Verstoß heißt Sünde. 2 Als Urerfahrung steht der Sündenfall im Sinn einer Verfehlung gegen Gott am Beginn der Schuldgeschichte, wie sie die jüdisch-christliche Tradition ausgebildet hat. Der Verlauf des Schulddiskurses ist ohne diesen religiösen Vorlauf nicht zu erklären und bestimmt das Reden über Schuld in der frühen Nachkriegszeit. Wir werden weiterhin sehen, dass außerdem der philosophischethische Schuldbegriff (Schuld als Verstoß gegen eine moralisch-ethische Norm) sowohl wie der juristische (Schuld als bewusster oder fahrlässiger Verstoß gegen die Gesetze des geltenden Rechts) zur Analyse von deutscher Schuld nach 1945 eignen und den Diskurs je nach argumentativem Bedarf semantisch ausstatten. Zum religiösen Konzept dieser Schuldvorstellung gehören die Kategorien Gewissen, Einkehr und Reue, Umkehr, öffentliches Bekenntnis und Wiedergutmachung, Vergebung und Sühne, Verzeihen und Strafe. Uber Schuld reden heißt: den, menschliches Zusammenleben sichernden moralischen Grundsatz von Gut und Böse feststellen, heißt: sich über Werte vergewissern. Schuld ist ein Gegenstand moralischer Bewertung, wenn er die freie Selbstbestimmung des Menschen voraussetzt. Unter dieser Voraussetzung redet man über Schuld, indem man sie abstreitet und bekennt, nachweist und analysiert — Schuld ist ein kommunikativer Gegenstand, der in dem Moment zu einem diskursiven Ereignis gerät, wenn die Handlungsbeteiligten öffentlich darüber sprechen. Wenn der Gegenstand der Schuld eine politische, nationale Dimension hat, reden Vgl. Köpcke-Duttler 1990, Fuchs u.a. 1996, zum religiösen Schuldbegriff vgl. den Artikel Sünde in RGG und kurz Besier 2003. Im Handbuch ,Religion in Geschichte und Gegenwart' (RGG) findet sich daher kein Artikel Schuld, aber ein Artikel Sünde.

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Die Konfiguration der Diskursaussagen: Zeitreferenz und Schuldreflexion

Handlungsbeteiligte u.a. typischerweise dann öffentlich von Schuld, wenn sie sich historisch-politisch in einer Phase befinden, in der eine Diktatur von einer Demokratie abgelöst wird (vgl. Schwan 2001, S. 13f.), in einer Situation mithin, in der ein auf den Menschenrechten aufruhendes Wertesystem das vergangene Wertesystem des Unrechts ablöst und dazu zwingt, dieses als solches zu reflektieren. Solches Reden über Schuld in der frühen Nachkriegszeit ist zu spezifizieren als Reden über deutsche Schuld, und dieses Thema ist deshalb ein diskursives Ereignis, weil die Handlungsbeteiligten Opfer, Täter und Nichttäter darüber reden - solche Beteiligungsrollen entstehen in Diktaturen. Opfer, Täter und Nichttäter formieren die drei Subdiskurse zu dem Superdiskurs ,Schuld' und leuchten je spezifisch den kommunikativen und semantischen Horizont von Schuld aus, ihre Diskurse sind sozusagen die diskursiven Realisationen eines virtuellen Schulddiskurses. Diese drei Subdiskurse sind über ihren Gegenstand ,Schuld' aufeinander bezogen, im Übrigen aber referieren sie — wir werden das sehen — kaum aufeinander. Der Schulddiskurs ist als Hervorbringung, genauer: als die Begründung einer Erinnerungskultur ein Diskurs über Zeit in ihren drei Dimensionen Vergangenheit, Gegenwart und Zukunft. Uber begangenes schuldhaftes Verhalten, über die schuldhafte Tat lässt sich nur erinnernd, und damit vergangenheitsbezogen reden: Die Tat muss bereits geschehen sein, um sie als Schuld zu erinnern und zu bewerten. Die Gegenwartsdimension des Schulddiskurses besteht nicht nur in der Feststellung von in der Vergangenheit begangener Schuld als eine solche: Im Zeitpunkt der Gegenwart, im Erinnern wird eine in der Vergangenheit vollzogene Handlung als Schuld, werden Menschen als Opfer, als Täter qualifiziert. Schuld hat darüber hinaus insofern eine Gegenwartsdimension, als ein je spezifisches Selbstverständnis, das die Diskursteilnehmer von sich in der Gegenwart, und eine je spezifische Haltung, die sie zur Gegenwart haben, ihre Haltung zu und damit ihr Reden über die Vergangenheit prägen. Deshalb werden im Folgenden die gegenwartsbezogenen Redeweisen vorangestellt. Schuld ist drittens eine Kategorie mit einer Zukunftsdimension insofern, als die Schuldbegriffe Reue, Umkehr, Wiedergutmachung etc. in die Zukunft verweisende Versprechen sind. Die Konstellation der Diskursbeteiligten lässt nichts anderes erwarten als Unterschiede hinsichtlich der Repräsentierung dieser drei Zeitdimensionen bei den drei Handlungsbeteiligten. Alle drei Dimensionen sind ausgeprägt nur im Zuge des Diskurses, den die Nichttäter führen. Alle drei Diskursbeteiligten führen einen gegenwartsbezogenen Diskurs: Sie reden über ihre spezifische Gegenwart und damit über ihre Selbstsicht nach dem 8. Mai 1945. Alle drei Diskursbeteiligten führen auch einen vergangenlieitsbezogenen Diskurs. Sie reden über die jüngst vergangene Zeit des

Die Konfiguration der Diskursaussagen: Zeitreferenz und Schuldreflexion

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Nationalsozialismus in ihrer jeweiligen Rolle als bezeugende Opfer bzw. angeklagte Täter bzw. als sich angeklagt fühlende und analysierende Nichttäter. Bei Analyse allein belassen es die Nichttäter nicht, sie führen außerdem einen eminent zukunftsbezogenen Schulddiskurs. Sie sind diejenigen, die das Recht auf Zukunft nachzuweisen haben. 3 Wir formulieren als Programm zur folgenden Darstellung der Struktur des Schulddiskurses in der frühen Nachkriegszeit • Dokumentation und Interpretation des gegenwartsbezogenen Diskurses und der jeweiligen Selbstsicht der Diskursteilnehmer je nach ihren Beteiligungsrollen. Es ist dies die Fixierung der Diskursvoraussetzung, die als je spezifisch wahrgenommener Umbruch zu bewerten ist (Kapitel 5); • Dokumentation und Interpretation des vergangenheitsbezogenen Diskurses von Opfern, Tätern und Nichttätern, in dem diese ihre von ihrer jeweiligen Beteiligungsrolle und ihrem jeweiligen Argumentationsziel abhängige Bewertung der Zeit des Nationalsozialismus und seiner Erscheinungsformen vermitteln. Es ist dies die nach Funktionen unterscheidbare Darstellung des Schulddiskurses hinsichtlich seines dokumentarisch berichtenden (Opfer), strategisch taktierenden (Täter) und diagnostisch bewertenden (Nichttäter) Potenzials (Kapitel 6); • Dokumentation und Interpretation des zukunftsbezogenen Schulddiskurses der Nichttäter, den diese führen zum Nachweis der Rehabilitationsfähigkeit der Deutschen. Es ist dies die Beschreibung der kollektiven Anstrengung dieser Diskursformation, die Befunde der vergangenheitsorientierten Analyse zukunftsori-

Der KZ-Häftling Josef Eberle impliziert nicht ein Recht auf, sondern eine Pflicht zur Zukunft. Sein Gedicht, in dem er Tote fragen lässt, ob eine mit ,Ihr' angeredete Gruppe tatsächlich nichts gewusst hat, nichts gehört, nichts gesehen — es sind rhetorische Fragen und damit Aussagen: Ihr habt gewusst, gehört, gesehen — und das eine Adaption des Herweghschen ,Die Toten an die Lebenden' von 1848 darstellt, schließt mit der Mahnung: „Ihr wußtet nichts. Laßt uns den Streit beenden:/Es sei! Wir führen nicht wie Krämer Buch./Die Zukunft aber liegt in euren Händen, an euch ist's, unser Land zum Glück zu wenden — /wir spenden beides: Segen oder Fluch ..." (Eberle 1946, S. 6). Von vollkommener Abwesenheit eines zukunftsbezogenen Opferdiskurses zu sprechen, wäre dennoch nicht angemessen. Die politischen Opfer — die eine eigene Opfergruppe bilden, die mit der der nichtpolitischen Opfer wenig gemeinsam hat - stellen Ansprüche, formulieren Zukunftsprojekte. Indes verzichten wir auf die Darstellung dieses Diskurssegments im Zuge der Rekonstruktion des Opferdiskurses, integrieren vielmehr die entsprechenden Aussagen in den zukunftsbezogenen Diskurs der Nichttäter. Auf die Gründe haben wir bereits verwiesen: Wir wollen t y p i s c h e s Reden über Schuld rekonstruieren, und die Opfer reden ttpischerweise in ihren vergangenheitsorientierten KZ-Berichten über Schuld, in denen sich keine zukunftsbezogenen Projektierungen finden.

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Die Konfiguration der Diskursaussagen: Zeitreferenz und Schuldreflexion

entiert auf das Argumentationsziel ,Rehabilitierung' bezieht (Kapitel 7). 4 Wir richten unsere Aufmerksamkeit einerseits auf die Versprachlichung argumentativer Absichten und Ziele der Diskursbeteiligten, anderseits auf das Sprecher- und argumentationstypische lexikalischsemantische Potenzial und kommentieren in diesem Sinn Sprachgebrauchsphänomene des Schulddiskurses als Erscheinungen der Umbruchzeit nach 1945.

Dokumentation bedeutet unterschiedliche Darstellungsweisen: Entweder werden einzelne Diskursfragmente (z.T. ausführlich) im Haupttext zitiert, weil sie einen in Rede stehenden Sprachgebrauch exemplarisch verdeutlichen, oder die Zitierung der Fragmente dient dazu, die Serialität von Sprachgebrauch zu dokumentieren. Dann werden diese Serien auch blockweise in Fußnoten zitiert.

5. Gegenwart: Umbruch — das Jahr 1945 Sprachgeschichtliche Gegenstände sind üblicherweise Erscheinungen, die sich in großen Zeiträumen und langen Fristen entwickeln. Ein sprachgeschichtlicher Beitrag, der mit dem Jahr 1945 einset2t und mit dem Jahr 1955 endet, hat daher die Begrenzung und die Beschränkung zu begründen und diesen Untersuchungszeitraum als sinnvoll isolierten Zeitraum, der typische und markante Sprachgebrauchsweisen erwarten lässt, auszuweisen, um dem Argument entgegenzutreten, dass sprachgeschichtliche Periodisierungsversuche, die kurzatmig mit fünf, zehn oder zwölf Jahreszeiträumen operieren und die Sprachepochen auch noch direkt an die Daten der politischen Geschichte binden, von vornherein verfehlt

seien (Dieckmann 1983, S. 92). Abgesehen davon, dass mit der Festlegung auf diese ersten zehn Nachkriegs jähre keine sprachgeschichtliche Periodisierung stattgefunden hat, haben wir es mit der als Umbruchphase deklarierten Dekade 1945 bis 1955 ja gar nicht mit einer Sprachepoche im eigentlichen Sinn zu tun. Umbruch ist ja sozusagen gerade das Gegenteil von Epoche oder Periode. Umbruch setzt Entwicklungen in Gang, ist als Beginn, als Anstoß, als Motiv von Prozessen zu verstehen, der die Phänomene solcher Entwicklungen und Prozesse noch gar nicht aufweisen und bewerten kann.1 Kollektive Umbruchsituationen „[eröffnen] ein Fenster auf den Prozeß des Sprachwandels" (Dittmar 1997, S. 3), sind aber nicht der Prozess selbst. Allerdings sind sprachlich manifeste Umbruchphänomene ohne Interferenz zwischen ihnen und Daten der politischen Geschichte nicht zu denken. Es ist vorauszusetzen, „dass konkrete historische Umstände spezifische Wirkungen auf der Ebene der Diskurse hervorrufen (können)" (Guilhaumou 2003, S. 23). Wenn wir also das Jahr 1945 als sprachrelevante Zäsur begründen wollen, dann liefert uns einer-

Ein Wort zur Forschungslage: Als Umbruchgeschichte verstandene Sprachgeschichtsschreibung ist noch kein sehr entwickelter Untersuchungsbereich. Bollenbeck/Knobloch haben einen aus einem Forschungsprojekt hervorgegangenen Sammelband vorgelegt, dessen Beiträge der Frage nachgehen, „wie die geisteswissenschaftlichen Fächer semantisch mit den großen politischen und gesellschaftlichen Umbrüchen der Jahre 1933 und 1945 verbunden sind" (Bollenbeck/Knobloch 2001, S. 6). Auf die Umbruchphase der jüngsten Geschichte von 1989/90 beziehen sich die beiden Sammelbände von Burkhardt/Fritzsche 1992 und Auer/Hausendorf 2000. Zu nennen sind u.a. auch Lerchner 1992, Fix 1994, Fraas/Steyer 1992, Schlosser 1992, Welke/Sauer/Glück 1992.

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Gegenwart: Umbruch - das Jahr 1945

seits die Ereignisgeschichte, anderseits die Bewusstseinsgeschichte Argumente. Die ereignisgeschichtliche Bedingung für das Phänomen, das wir Umbruch nennen, ist die durch die Vernichtung der nationalsozialistischen Herrschaft und das Ende des Krieges gekennzeichnete, auf den April/Mai 1945 datierbare Endphase des im Januar 1933 begonnenen Zeitabschnitts. Diese Endphase hatte ihren Höhepunkt sozusagen mit den Selbstmorden Hiders und Goebbels', die uns sprachlich gleichsam zugänglich sind durch Hitiers so genanntes politisches Testament' und durch die Abschiedsbriefe, die Goebbels und seine Frau Magda ihrem (Stief-)Sohn schreiben. 2 Diese letzten Texte der nationalsozialistischen Funktionselite sind ereignisgeschichtliche Symbole des Umbruchs. Das Vergangene ist in ihnen noch hochpräsent, gleichzeitig deuten sie bereits auf eine neue Wirklichkeit voraus. Anlass der Texte ist der Tod ihrer Autoren als diejenigen Handlungsbeteiligten, die die alte Wirklichkeit (der Jahre 1933 bis 1945) vertreten und die neue Wirklichkeit (des ,Zusammenbruchs') angerichtet haben. Mit dem Ende des Krieges am 8. Mai 1945 beginnt diese neue Gegenwart endgültig, und die sprachliche Umbruchgeschichte hat Zugriff auf sie in Gestalt der Kapitulationsurkunde: 1. Wir, die hier Unterzeichneten, die wir im Auftrage des Oberkommandos der Deutschen Wehrmacht handeln, übergeben hiermit bedingungslos dem Obersten Befehlshaber der Alliierten Expeditionsstreitkräfte und gleichzeitig dem Oberkommando der Roten Armee alle Im ersten Teil seines ,Testaments' gibt Hitler sich als friedliebenden Ireniker, dem das „internationale Judentum" den Krieg aufgezwungen habe, er injuriert jene „charakterlose Subjekte", die den Widerstand gegen den „feindlichen Ansturm" schwächten und verkündet ein letztes Mal Prophetisches über die deutsche Geschichte, in der „so oder so einmal wieder der Same aufgehen [werde] zur strahlenden Wiedergeburt der nationalsozialistischen Bewegung und damit zur Verwirklichung der wahren Volksgemeinschaft". In des Testaments zweitem Teil übergibt er dem deutschen Volk ein neues Kabinett, besetzt mit solchen Männern, die ihm die beste Gewähr geben, dass der „Krieg mit allen Mitteln weiter [fortgesetzt]" wird. Das Testament endet mit den wohlbekannten Fahnenwörtern des Nationalsozialismus „Ehre der Nation", „treu und gehorsam" (zit. nach Ilochhuth o.J., S. 458-461), mit denen auch Magda und Joseph Goebbels ihre letzten Texte ausstatten: „Ich aber weiß, daß wir nur mit Ehre und Ruhm lebend oder tot daraus [aus dem Kampf] hervorgehen werden .. Ich .. erwarte von Dir, daß Du .. Deiner Mutter und mir nur Ehre machen wirst" schreibt Goebbels an den Stiefsohn, und „tue nie etwas, was gegen die Ehre ist" mahnt die Mutter, die sich schließlich noch tröstet: „ist es nicht schöner, ehrenvoll und tapfer kurz zu leben ..?" (zit. nach Hochhuth o.J., S. 455-457). Mit dem Gehorsam indes war es bekanntlich nicht weit her. Goebbels, den Hitler in seinem Testament ausdrücklich auffordert, seine Haut zu retten, verbleibt bei seinem ,geliebten Führer' im Bunker und eifert ihm schließlich auch bei der Wahl des endgültigen Abgangs nach. Und Dönitz, der Nachfolger Hitlers im Amt, streckt bekanntlich acht Tage später die Waffen. Er braucht immerhin noch acht Tage, um möglichst viele „deutsche Menschen vor der Vernichtung durch den vordrängenden bolschewistischen Feind zu retten" (Rundfunkansprache an das deutsche Volk vom 1. Mai 1945, zit. nach Hochhuth o.J., S. 463f.), was ihm in Nürnberg den Galgen erspart hat.

Gegenwart gegenwärtig unter deutschem Befehl stehenden Streitkräfte Luft.

113 Lande, ψ Wasser und in der

2. Das Oberkommando der deutschen Wehrmacht wird unverzüglich allen deutschen Land-, See- und Luftstreitkräften und allen unter deutschem Befehl stehenden Streitkräften den Befehl geben, die Kampß)andlungen um 23.01 Uhr mitteleuropäischer Zeit am 8. Mai 1945 einzustellen, in den Stellungen verbleiben, die sie in diesem Zeitpunkt innehaben, und sich vollständig zu entwaffnen, indem sie ihre Waffen und Ausrüstung den örtlichen alliierten Befehlshabern oder den von den Vertretern der obersten alliierten Militärführungen bestimmten Ofßzjeren übergeben. Und dann der, die deutsche Nachkriegsgegenwart symbolisch fürs Erste einrichtende Zusatz: Diese Erklärung ist in englischer, russischer und deutscher Sprache aufgesetzt. Allein maßgebend sind die englische und die russische Fassung (zit. nach Steininger 2002,1 S. 80f.). Die Kapitulationsurkunde ist ursprünglich natürlich kein deutscher Text, vielmehr seit Langem von den Alliierten vorbereitet und von ihnen ins Deutsche übersetzt, zwar aus deutscher Perspektive geschrieben (Wir, die hier Unterzeichneten), aber den Willen der Alliierten bezeichnend (übergeben .. bedingungslos). Es ist sinnvoll, von der Ereignisgeschichte einen Bogen zur Bewusstseinsgeschichte zu schlagen, einer Forschungsperspektive, die in der Historiographie auch als Wahrnehmungsgeschichte firmiert 3 , in der Sprachgeschichtsschreibung als Sprachbewusstseinsgeschichte etabliert ist. 4 Die Einordnung der frühen Nachkriegszeit als Umbruch, der mit dem Jahr 1945 beginnt, ist sinnfällig begründbar auch aus Haltungen der Zeitgenossen zu dieser Zeit. Zeitreflexionen der frühen Nachkriegszeit referieren implizit oder explizit auf das Jahr 1945 - „die Frage nach der Zeit [hat] ihre ,Zeit"' (Krings/Baumgartner/Wild 1974 VI, S. 1800). Wie wir wissen, sind solche Markierungen Setzungen, die viel mit je spezifischen Perspektiven, mit besonderen Erkenntnisinteressen, mit Fokussierungen der Aufmerksamkeit zu tun haben, wenig oder nichts hingegen damit, wie es ,wirklich' war. 5 So hat zum Beispiel die von Broszat u.a. (1990) angenommene Kontinuität der Halbdekade von Stalingrad 1943 bis zur Währungsreform 1948, in die das Jahr 1945 bruchlos eingelassen ist, in Bezug auf bestimmte Erkenntnisinteressen einiges für sich. Gesamtgesellschaftlich und hinsichtlich der Wahrnehmung des Alltags mag wohl ein von existenzieller Bedrohung, von Leidenserfahrung geprägtes ,Kriegs-Bewusstsein' Vgl. etwa Wolgast (2001), der eine „Untersuchung zur Wahrnehmung des Dritten Reiches in der unmittelbaren Nachkriegszeit" (S. 13) vorlegt und der Wahmehmungsgeschichte als ,,ein[en] Forschungsbereich" bewertet, „dessen Ergebnisse ebenso viel über das Wahrgenommene wie über den Wahrnehmenden zu erschließen imstande sind" (S.9). Vgl. Stötzel/Wengelcr (1995), deren Untersuchungen zu Sprachthematisierungen eine solche Sprachbewusstseinsgeschichte darstellen, ebenso wie die von Fix 1997; vgl. außerdem Schlieben-Lange 1983 und Mattheier 1984. Vgl. zum Problem der Periodisierung auch Kilian 1997, S. 9ff.

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Gegenwart: Umbruch — das Jahr 1945

1943 eingesetzt und bis 1948 angehalten haben, dem Jahr der Währungsreform, in dem die „Notgesellschaft" zu existieren aufgehört hat, so dass die Perzeption des Jahres 1945 in diesem Kontext als ,Ende-Erlebnis' nicht stattfinden konnte. Die Erinnerungsgeschichte bestätigt diese Annahme einer von Defizit und Misere geprägten Grundsituation der Deutschen und einer daraus resultierenden Zeit-Wahrnehmung bis etwa 1948/' Indes: Leidens er fahrung kann für die folgende Untersuchung nicht das Kriterium, die Kriegs- und Nachkriegszeit zu periodisieren, sein. Für die vorliegende Studie ist auf der Zäsur des Jahres 1945 zu bestehen deshalb, weil es gerade für die Bedingungen der geistigen Auseinandersetzung und die Kommunizierbarkeit der Ergebnisse dieser Auseinandersetzung eben eine Zäsur war, und diese Zäsur heißt: Vernichtung des nationalsozialistischen Staates. Dieses Erleben, die Erfahrung dieser Vernichtung und dieses Endes prägt das Denken der Zeitgenossen, der Opfer, der Täter und der Nichttäter. Dieses Ende muss wirklich sein, denn es ist ein Unterschied, ob Opfer es ersehnen und auf dieses Ende hinleben oder ob sie es wahrnehmen als wirklich stattfindende Befreiung, ob Täter dieses Ende fürchten und seine Realität hoffnungsvoll als nicht eintretende antizipieren oder ob sie das Ende tatsächlich erleben als persönlichen Zusammenbruch, ob von Nichttätern dieses Ende als eine virtuelle Möglichkeit gedacht vorausgesetzt wird für Erklärungen, Positionsbestimmungen und für Entwürfe ,danach', wie wir sie z.B. auch von Exilierten und Emigrierten aus der Zeit vor 1945 kennen 7 , oder ob das Ende eine historische Tatsache ist, die man darüber hinaus selbst erlebt und erfahren hat. Die Rekonstruktion des Denkens, Fühlens und Wollens der intellektuellen Nichttäter, die Reflexionen derjenigen, die über die Not des Hier und Heute hinaus gehende geistige Ambitionen haben also — dieses Anliegen gebietet die Setzung des Jahres 1945 als Zäsur, ebenso wie die Bewusstseinslagen von Opfern und Tätern hinsichtlich ihrer neuen Daseinsformen und Lebensbedingungen. Es mag richtig sein, dass die Epoche, die 1943 beginnt und 1948 endet, von den „drei Bedeutungsqualitäten .. revolutionärer Umbruch, extreme Ausnahmesituation, Ubergangs- und Inkubationszeit" (Broszat u.a. 1990, S. XXX) geprägt war. Diese Prägung indes gilt hinsichtlich der Alltags erfahrung und -bewältigung. Für die kommunikativen Kontexte, in denen Opfer, Täter und Nichttäter den Schulddiskurs führen, sind andere Signaturen dominant. Ausgelöst durch den 8. Mai 1945 (bzw. durch gleichwertige Daten) finden Opfer sich als Befreite und fühlen sich als Überlebende, stehen Täter vor Gericht und werden im forensischen Kontext mit der Schuldanklage konfrontiert, verspüren

6 7

Vgl. etwa die Befunde in Niethammer 1983-1985, Dörr 1998, Frese/Prinz 1996. Vgl. etwa Onderlinden (1991), Koebner u.a. (1987).

Gegenwart

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Nichttäter einen ausgeprägten Erklärungsdruck und Rechtfertigungszwang der ganzen Welt gegenüber. Wie ist das Ende unseres Berichtszeitraums mit dem Jahr 1955 begründbar? Ereignisgeschichtlich mit dem Wiedergutmachungsdiskurs, der politisch 1949 auf höchster administrativer Ebene beginnt, und der 1953 mit der Ratifizierung des Wiedergutmachungsgesetzes vorläufig endet - ab 1949 werden neue Schuldkategorien virulent, als politische Handlungskonzepte und damit als Diskurselemente manifest. 1955 ist außerdem das Jahr des endgültigen Endes der Besatzungszeit und des Beginns der Souveränität der deutschen Staaten. 1955 ist das Jahr, mit dem die erste Nachkriegsphase insofern endet, als es eine Entwicklung, die von Besatzungszeit, Staatsgründung und Konsolidierung der deutschen Dinge gekennzeichnet ist, abschließt. 1955 tritt die Bundesrepublik der NATO, die DDR dem Warschauer Pakt bei. Das Jahr 1955 war „der Ausgangspunkt für die spannungsreiche Konkurrenz zweier unterschiedlicher Systeme im Rahmen einer Nation." (Kleßmann 1991, S. 15) Textlich fixiert wird diese Station für die BRD mit dem am 23. Oktober 1954 verabschiedeten und am 5. Mai 1955 in Kraft getretenen Deutschlandvertrag: Mit dem Inkrafttreten dieses Vertrages werden die Vereinigten Staaten von Amerika, das Vereinigte Königreich von Großbritannien und Nordirland und die Französische Republik .. das Besatzungsregime in der Bundesrepublik beenden, das Besatzungsstatut aufheben und die Alliierte Hohe Kommission sowie die Dienststellen der Landeskommissare in der Bundesrepublik auflösen (Deutschlandvertrag, zit. nach Kleßmann 1991, S. 470).

Die Wahrnehmung dieses neuen Abschnitts als Befreiung verbindet Adenauer am 5. Mai 1955 mit dem Bekenntnis: Wir stehen als Freie unter Freien, den bisherigen Besat^ungsmächten in echter Partnerschaft verbunden .. Es gibt für uns in dieser Welt mir einen Vlat% an der Seite der freien \rölker. (Adenauer 1955, S. 176) Die DDR-Entsprechung — „die formalen Parallelen zur westdeutschen Entwicklung [waren] weniger ausgeprägt" (Kleßmann 1991, S. 214f.) — stellt sich dar vor allem mit dem Warschauer Vertrag vom 14. Mai 1955 „über Freundschaft, Zusammenarbeit und gegenseitigen Beistand" (zit. nach Kleßmann 1991, S. 88) und mit dem Vertrag mit der Sowjetunion vom 20. September 1955, der die vollständige Souveränität der DDR festlegte.8 Die Progression des Schulddiskurses, darauf ist zu verweisen, weist innerhalb der ersten Nachkriegsdekade die größte Dynamik in den ersten Nachkriegsjahre bis 1949 auf, obwohl wir andererseits nicht sagen kön-

Kaum der Erwähnung bedürftig: Die Souveränität der DDR bestand auf dem Papier (vgl. Bender 1999).

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Gegenwart: Umbruch — das Jahr 1945

nen, dass der Schulddiskurs mit den Staatsgründungen endet Er erhält immer wieder Impulse aus der Ereignisgeschichte, weshalb wir - unserem Erkenntnisinteresse entsprechend — die Dekade der Jahre 1945 bis 1955 als einen synchronen Schnitt behandeln. Gegenwartsreflexionen nehmen in Umbruchzeiten - und also auch 1945 - einen besonderen Platz ein. Die Gegenwart, die Zeit des gerade stattfindenden Umbruchs also, ist ja der Anlass, überhaupt über Zeit nachzudenken. 9 Als Schaltstelle zwischen Vergangenheit und Zukunft prägt die Haltung zur Gegenwart die Deutung der Vergangenheit und die Projektion der Zukunft. Der gegenwartsbezogene Diskurs beantwortet insofern die erste der drei Fragen Chartiers, die „Frage des Ortes (oder Milieus) der Herstellung und der Möglichkeitsbedingungen der Aussagen" (Chartier 1989, S. 15). ,Gegenwartsbewältigung' — "coming to terms with the past was and is a precondition for coming to terms with the present (Gegenwartsbewältigung): these are two parts of the same process" nennt Patrick Stevenson dieses, von ihm auf den Umbruch 1989/90 bezogene, aber durchaus als allgemein zu verstehende Prinzip (Stevenson 1995, S. 40). So erklären sich Bestimmungen, welche die Gegenwart als eigenständige, die Deutung von Vergangenheit und die Antizipierung von Zukunft dirigierende Zeitkategorie definieren.

5.1. O p f e r :

Freiheit

Die die Freiheit begrüßen, sprechen natürlich vom Ende des Krieges und des Nationalsozialismus, vom Tag ihrer Befreiung als vom Tag der Freiheit, vom wiedererlangten Freisein, von einem neuen lieben. Ihr Gegenwartsbewusstsein ist zunächst ein Augenblicks-, ein Momentbewusstsein, ein Bewusstsein der Befreiung im Jahr 1945, nicht nur, wenn sie zum Zeitpunkt des Kriegsendes — dieser ereignisschweren Tage des Unterganges des Wasen (Hartmann 1946, S. 3) — Häftlinge in KZ oder Zuchthaus waren, auch die physisch freien Opfer haben diesen Tag der Freiheit als solchen wahrgenommen. Ihr Gegenwartsbewusstsein ist daher eines im persönlichen Sinn von ,Ich bin frei, habe überlebt'. Ihr Gegenwartsbewusstsein ist mithin egozentriertes, nicht zeit-zentriertes Bewusstsein. Ihre sprachlichen Äußerungen referieren auf ich und wir — wir, die wir lebend aus den KZ. entronnen sind Im Zusammenhang mit der Konstruktion von Zeit und Gcschichte „dient die Gegenwart der Interpretation der Vergangenheit als Vorbild (d.h. die sozialen Bedingungen des Gegenwärtigen gehen in die Fragestellung, die Bestimmung von Bedeutung, die Selektion der Fakten und die Interpretation von Vergangenheit ein), zum anderen soll die dermaßen in der Gegenwart rekonstruierte Vergangenheit dann die Gegenwart erklären." (Friese 1993, S. 327)

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(zit. in Hauff 1946, S. 8). Freiheit ist gegenwartsbezogenes Schlüsselwort der Opfer. Damit erschöpft sich dann aber bereits die Kongruenz von Bewusstseinslagen derjenigen, die überlebt haben. Perspektivendifferenzen schlagen sich vielmehr nieder, wenn es die Selbstwahrnehmung an diesem Tag zu vermitteln gilt. Die befreiten Opfer haben entsprechend ihrer unterschiedlichen Momentwahrnehmungen unterschiedliche Sichtweisen ihrer selbst. Zwar eint sie das Bewusstsein, befreit zu sein, aber die Bewertungen dieses Befreitseins sind auf der Folie je verschiedener Selbstbilder disparat. Die Darstellung ihrer Befreiung hängt von der Wirklichkeit ab, die bis zu ihrer Befreiung bestimmend war, und von ihrem biographischen Hintergrund. Wir haben in diesem Sinn Opfertypen zu unterscheiden, je nach ihren Erfahrungen und je nach ihren Anliegen: Ihre sehr unterschiedlichen Biografien, Erlebnis- und Wahrnehmungshorizonte und Ankegen setzen sie in ihren Texten ab und repräsentieren damit auch zu unterscheidendes sprachkches Potenzial. Der Buchenwalder Kommunist, z.B. Hans Eiden, schreibt auf der Grundlage seiner Gesellschaftstheorie mit einem anderen Ziel als der Seelenanalysen mitteilende jüdische Psychologe Victor Frankl, der Auschwitz überlebt hat; die bürgerkehe Kabarettistin Isa Vermehren mit einem anderen als der christkche Intellektuelle Eugen Kogon; der kathoksche Geistkche Leonhard Steinwender mit einem anderen als der kommunistische Dichter Günther Weisenborn. 10 Diese Individuaktät und Spezifik der einzelnen Darstekungen lässt sich auf der Grundlage der hier untersuchten diskursiven Manifestationen auf zwei Grundprinzipien zurückführen. Die zwei diametrale Prinzipien auseinander haltende Trennungsknie läuft zwischen Darstekungen, die individuaksieren und solchen, die entindividuaksieren, und diese entsprechen solchen nichtpoktischer und solchen poktischer Provenienz. Am deutkehsten bildet sich das nichtpoktische Prinzip bei Darstekungen jüdischer Provenienz heraus, das poktische bei Texten kommunistischer Her-

So bildet die Subjektivität der Wahrnehmungen, die ihrerseits von biografischen und weltanschaulichen Differenzen geprägt ist, die Voraussetzung der je individuellen sprachlichen Ausgestaltung des Diskurses. Die Erinnerungen der Überlebenden, die sie in ihren Schriften fixieren, „sind außerordentlich subjektiv" (Traverso 2000, S. 24). Natürlich: „Da das Schicksal der Gefangenen in Auschwitz sehr unterschiedlich war, unterscheidet sich auch ihre Erinnerung an die Lagerzeit" (Langbein 1972, S. 544). Jorge Semprun begegnet einem anderen Buchenwald-Häftling: „Da erzählte mir Barizon .. unser Leben in Buchenwald. Aber war es wirklich unser Leben? Ich hörte zu, ich schüttelte den Kopf, ich sagte nichts. Dennoch hatte ich Lust, mich in diese Erzählung einzuschalten, manche Einzelheiten zu korrigieren, ihn an Episoden zu erinnern, die er vergessen zu haben schien. So erwähnte Barizon überhaupt nicht Zarah Leander, und immerhin war Buchenwald ohne Zarah Leander nicht wirklich Buchenwald" (Semprun 1999, S. 53). Insofern ist „ein uniformes Bild, das die Überlebenden als Opfer eines statischen Lagersyndroms schildert (wie es im ersten Jahrzehnt nach der Befreiung üblich war), nicht haltbar" (Enzyklopädie des Holocaust III, S. 1446).

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kunft. Dieses Prinzip betrifft die Selbstwahrnehmung, die bei Juden in die Formel der Uberlebensschuld gefasst heißt: Wir alle, die wir durch tausend und abertausend glückliche Zufälle und Gotteswunder .. mit dem Lebe» davongekommen sind, wir wissen es und können es ruhig sagen: die Resten sind nicht zurückgekommen. (Frankl 1945, S. 19); Alle Freunde im laager waren gestorben. Immer die besten waren gegangen (Adelsberger 1956, S. 46). Anteil an dieser Selbstwahrnehmung hat vermutlich die Konstruktion des schuldigen Opfers: Jeder vertrat .. an seiner Stelle rücksichtslos seine Interessen; das Imager wurde die hohe Schule des Egoismus. Manche der Intelligenteren haben im Lager viel gesehen und viel gelernt; sie sind klüger und wissender geworden — aber besser geworden ist keiner. Das Leben im Lager war allzu hart, und unversehens stand man vor einer Situation, in der eigene und jremde Interessen kollidierten. Wie wenige wird es geben, die von sich sagen können, daß sie dem kategorischen Imperativ immer und in jeder Situation gehorcht haben. Ganz frei von Schuld ist wohl keiner von uns Überlebenden! (Kautsky 1948, S. 206) Kommunisten gebrauchen dagegen eine Formel, die ich die Formel des Uberlebensstolzes nenne, in der sich Anspruch in gleichsam sozialdarwinistischer Manier dokumentiert: An die Führung und X'erantwortung müssen die erprobtesten antifaschistischen Kämpfer, die im illegalen, unterirdischen Kampf, in den Gefängnissen und Konzentrationslagern, als politische Emigranten und als Kämpfer und Partisanen in den Widerstandsbewegungen anderer Länder die Probe für ihre Standhaftigkeit abgelegt haben. .. IVer durch die Hölle der deutschen Konzentrationslager als aufrechter Antifaschist gegangen ist, dort illegale Massenarbeit leistete, mit den mannigfaltigen Problemen des Kampfes und des Lebens fertig wurde, aus dem ist ein Kämpfer mit politischer Erfahrung und taktischer Geschicklichkeit geworden, dem man getrost verantwortungsvolle und schwierige Aujgaben im Neuaufbau des Lebens anvertrauen kann. (Dahlem 1945, S. 265) Die Überlebensschuld lässt jüdische Opfer sich vor allem als Vermächtnis der Toten an die nachfolgenden Generationen sehen, der Überlebensstolz kommunistischer Opfer bewirkt eine Selbstsicht vor allem als Bevorrechtete, denen man die Mitarbeit am Aufbau schuldet. Darstellungen jüdischer Auschwitz- und kommunistischer Buchenwaldhäftlinge sind in diesem Sinn Extreme, wie man sie sich größer nicht vorstellen kann, und zwar nicht nur, weil die dargestellten Wahrnehmungen natürlich äußerst subjektive Angelegenheiten sind. Sondern wir sehen hier, dass sie in hohem Maß auch von dem jeweiligen Selbstbild beeinflusst sind, welches seinerseits wiederum von dem Grad der Politisierung von KZ- oder Zuchthausinsassen abhängt. Politisierung meint das Selbstverständnis als Widerständler, welches politische Opfer in die Lage versetzt, nicht nur ihre KZ-Erfahrung zu entindividualisieren, sondern auch ihre Haft-Zeit als Teil ihres politischen Kampfes zu deuten und so eine Kontinuität herzustellen, in die die Jahre ihrer Gefangenschaft bruchlos eingelassen sind.

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Während es die Politischen aller Parteien als selbstverständlich ansahen, daß sie als Kämpfer für ihre Sache das Imager mit all seinen Konsequenzen auf sich nehmen und daß sie sich dieser l Verpflichtung anständig und würdig unterziehen hätten, gan^ ΪΊΙ schweigen von dem Drang t^tm Martyrium, der manche Virtreter der christlichen Konfessionen, insbesondere die Bibelforscher, beseelte, betrachteten die Juden das ihnen auferlegte Schicksal lediglich als ein Unglück. .. Der Gedanke, daß die Haft einen politischen Zweck erfülle, daß sie also einen positiven Sinn habe, verlieh den Häftlingen, die sich ς» ihm durchringen konnten, eine starke moralische Kraft; diese Kraftquelle blieb den Juden, die nur das Negative der Haft empfanden, verschlossen. (Kautsky 1948, S. 183)

Das ist die Sichtweise des politischen Kämpfers', für den politischer Ziveck und positiver Sinn gleichbedeutend sind. Die Narrative dieser Gefangenschaft von überlebensstolzen politischen Häftlingen sind funktionalisiert, weil Verfolgung durch den Nationalsozialismus eine wichtige Legitimation zur Beteiligung am politischen Wieder- bzw. Neuaufbau vor allem von Kommunisten im Nachkriegsdeutschland darstellen. Tatsächlich waren ja die Kommunisten derjenige Teil der nichtjüdischen deutschen Bevölkerung, der durch die Naziherrschaft am meisten gelitten hat. Aus diesem Widerstand und Leiden leiten Kommunisten Rechte für den Wiederaufbau ab. Diese Rechte zu begründen, dienen mit dem Stolz von Uberlebenden verfasste, entindividualisierte Beschreibungen des kommunistischen Lebens im KZ: Organisation der Häftlinge, Internationales Lagerkomitee, Hilfs- und Solidaritätsaktionen der Lager-Kommunisten, die Selbstbefreiung von Buchenwald (Buchenwald-Berichte sind ohnehin in der Mehrzahl) sind die Themen, und ihre Darstellung bewirkt nicht selten jene Diktion der Sterilität, in der dann geredet wird, wenn das Konzentrationslager offensichtlich die Bühne abgeben soll, auf der das Stück ,Musterkommunismus' zu spielen ist. Sterilität entsteht durch die selektive sprachliche Zurichtung auf ein Ideal hin, bei der dem Ideal entgegenstehende Sachverhalte unbezeichnet bleiben oder anders bezeichnet werden.11 In dieser Logik ist die kommunistische Unterscheidung zwischen Kämpfern und Opfern (s.u. Kapitel 5.1.2.) plausibel. Die Befreiung bedeutet für sie gleichsam die Erreichung ihres politischen Ziels, für das sie auch in ihrer Haft gekämpft haben, und dieser Erfolg erlaubt ihnen die Formulierung von Ansprüchen. Das Selbstverständnis nichtpolitischer, vor allem jüdischer Opfer hingegen ist geprägt zwar von der Jahrtausende alten Erfahrung einer verfolg„Politische Erinnerungssterilität" nennt Lübbe (2003, S. 75) ein Phänomen der Wortgebrauchspolitik, die in der DDR die Verwendung von Neusiedler statt I Vertriebene vorschrieb. Ganz besonders offensichtlich funktionalisiert Bruno Apitz seinen umfangreichen Roman ,Nackt unter Wölfen' zu einer monumentalen sterilen Buchenwald-Legende. Anders wird die Geschichte Buchenwalds beschrieben in dem jüngst erschienenen Roman ,Anders' von Wolfgang Schädlich (Schädlich 2003). Auf diese andere Geschichte komme ich später zurück.

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ten religiösen Minderheit, für die jedoch diese exterminatorische Form der Verfolgung, die systematische Vernichtung, nicht vorstellbar war. 12 Ihre Haft war ein radikaler Daseins-Bruch, nichts, was sie aus ihrem vorigen Leben hinein nehmen konnten, um sich so eine Illusion von Kontinuität zu verschaffen. Viktor Frankl beschreibt den Vollzug dieses Bruchs, als er versucht, ein Manuskript, sein wissenschaftliches Lebenswerk, in das Konzentrationslager zu retten. Er vertraut sich einem alten Konzentrationär an: Da beginnt er %u verstehen, jawohl: "u grinsen beginnt er Ubers gan^e Gesicht, erst mehr mitleidig^ dann mehr belustigt, spöttisch, höhnisch, bis er mit einer Grimasse mich anbrüllt und meine Frage mit einem einigen Wort, das er herausbrüllt, quittiert, mitjenem Wort, das als das Wort im Sprachschatz des luigerhäftlings seither immer wieder ψ hören war. Er brüllt: ,Scheiße!!' Da weiß ich, wie die Dinge stehen. Ich mache das, was den Höhepunkt dieser ganzen ersten Phase psychologischer Fraktionen darstellt: ich mache einen Strich unter mein ganzes bisheriges heben. (Frankl 1945, S. 31f.) Diesen Strich ziehen die politischen Opfer gerade nicht, sie stellen im Gegenteil Kontinuität her und lassen die Station ,Gefangenschaft' in das Narrativ ,Widerstand' als dessen mehr oder weniger plausible Konsequenz ein, ein Narrativ, das sich auf eine lange vor 1933 beginnende und 1945 noch lange nicht endende Zeit bezieht. Der dominierende Typ ist der des jungen Funktionärs, der im Bürgerkrieg [vor 1933] eine Rolle als unerschrockener Gegner der Νa^i gespielt hatte (Kautsky 1948, S. 154) und der ab 1945 eine Rolle als politisch-gesellschaftlicher Mitgestalter zu spielen beansprucht. Mit Uberlebensschuld einerseits, Uberlebensstolz andererseits ist also der prinzipielle Unterschied des Selbstbildes von Überlebenden zu fassen. Dass Untersuchungen gezeigt haben, dass sich die Erfahrungen derjenigen, die ihren Verfolgern im Untergrund oder bei den Partisanen aktiv Widerstand leisten konnten, in jeder Hinsicht von den Erfahrungen der Häftlinge in Vernichtungslagern unterscheiden (Enzyklopädie des Holocaust III, S. 1446), ist nicht weiter überraschend. Dass jedoch gänzlich unterschiedliche Selbstbilder bei äußerlich identischer Daseinsform von KZ-Insassen solch unterschiedliche Einordnungen bewirken, ist festzuhalten. Gegenwartsbezogene Reflexionen der Opfer lassen sich also unterscheiden nach persönlichen Befreiungs-Wahrnehmungen aus der nichtpolitisierten Perspektive und nach entindividualisierten Befreiungswahrnehmungen aus der politisierten Perspektive. Der Unterschied zwischen dem

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Wie wenig sie vorstellbar war, beschreibt Dippel (1997): Sie hörten „lieber auf ihre Herzen, vertrauten eher einem unbestimmten Gefühl als ihrem Verstand und ertrugen den immer schlimmer werdenden Nazi-Alptraum" (S. 29). Warum? Die „jüdischen Bindungen an Deutschland waren tief und gefühlsbeladen. Deutscher als die Oeutsdien, so heißt es" (ebd., S. 35).

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individualisierten Befreiungskonzept nichtpolitischer und dem entindividualisierten Befreiungskonzept poktischer Gefangener drückt sich aus in den Selbstsichten wir haben überlebt bzw. wir sind gestählt. Diesen Selbstsichten entsprechen die Haltungen ,Überlebensschuld' bzw. ,Uberlebensstolz'.

5.1.1. Überlebensschuld: Die Besten sind geblieben Gestern bin ich in langem Spa^iergang ums Imager herumgegangen. Es war ein beglückendes Gefühl, den singenden Lerchen Schoren zu dürfen, ohne Angst ζu haben vor den schimpfenden Posten, die mit dem schußbereiten Karabiner drohten. In der weiten Ebene gehen .. zwei Bauern hinter ihren Zugtieren her und schreiten gemächlich über das weite Feld. Die Finken fliegen herum und zwitschern, die Sträucher haben einen garten grünen Schleier übergehängt, und im Gras blühen überall die Blumen. Auf allen Wegen spateren die Lagerinsassen in Gruppen und einzeln und genießen mit Jubel oder still in sich gekehrt, das unglaubliche Glück, noch am Leben sein und dazu auch noch in der Freiheit und im schönsten Frühling den manche — wie ich ζum Beispiel, seit sechs Jahren ζum ersten Mal wieder erleben. Persönkche Befreiungs-Wahrnehmungen sind, wie dieser Tagebucheintrag des Buchenwald-Häftlings Ernst Thape 13 dokumentiert, Psychogramme von Menschen, die einem einfachen Glücksgefühl Ausdruck geben. Ernst Thape, sozialdemokratisches Mitglied des von Hermann Brill in Buchenwald gegründeten ,Volksfrontkomitees', das von August bis Ende 1944 bestanden hat, ist also politischer Häftling und damit Mitglied einer Gruppierung von Überlebenden, die sich im allgemeinen solche persönlichen Mitteilungen nicht erlauben. Es sind vor allem nichtpolitische KZInsassen, die die Euphorie des Befreitseins thematisieren. Mit dem Begriff Freiheit bezeichnen sie, was alle bezeichnen, für die auf einen Zustand von Gefangenschaft der der Freiheit folgt, nämlich gesteigerte Freude über die Beendigung dieses Zustande: Unvorbereitet traf mich die Stunde der Freiheit. Fast betäubt von der Nachricht, ivurde ich von den Kameraden umringt, umarmt, ein Abschiednehmen, von den meisten wohlfür das ganze Leben, das mir unvergeßlich bleiben wird. (Steinwender 1946, S. 132); geblendet .. und berauscht von dem plötzlichen Durchbruch so strahlender Helligkeit und beginnender Freiheit (Vermehren 1946, S. 180); Alle Stunden standen .. unter dem Obertitel Befreiung - befreit fühlten wir uns von Angst und Schrecken, von Terror und Unterdrückung von Mord und Krieg, befreit von der bitteren Notwendigkeit, sich schütten und verteidigen zu müssen .. wir schwammen in einem Meer von Seligkeit, wirflogen durch einen Himmel durchsonnter Freude, wolkenlosen Glückes, vollkommenen Friedens (ebd., S. 215f.). Solche euphorisierten Darstellungen indes sind nicht die Regel. Dominant sind vielmehr diejenigen Gestaltungen des Befreiungs-Augenbkcks, in Tagebucheintrag vom 15. April 1945 (zit. nach Überlebensmittel 2003, S. 68).

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denen die Sprecher Ungläubigkeit und Fassungslosigkeit als vorherrschende Befindlichkeit bezeichnen: Überschwenglichkeiten habe ich kaum gesehen; die meisten begrüßten sich etwa mit Worten wie: „Jetzt haben ivir's also doch geschafft!" (Kautsky 1948, S. 340) Es ist die Haltung der verzögerten Annäherung, mit der man sich vor Überwältigung schützt und Befreiung ist zunächst nicht Synonym fur ein gesteigertes Glücks empfinden — man weicht zunächst dieser neuen Identität aus: Man erwartet, daß die Befreiung das schönste Kapitel in der Geschichte des Konzentrationslagers ist. Ich weiß, daß es das nicht ohne Einschränkung ist. (Adelsberger 1956, S. 100) KZ-Insassen erlauben sich erst allmählich Zugang zu dieser Bewusstseinslage — je gefährdeter sie bis zum Zeitpunkt ihrer Befreiung waren, desto langsamer vermutlich, mit müden Schritten, mit ζaghafien Schritten·. Mit müden Schritten schleppen sich die Kameraden tym Lagertor .. man will die Umgebung des Lagers erstmalig sehen — oder besser, sie erstmalig als freier Mensch sehen. So tritt man in die Natur hinaus und in die Freiheit. „In die Freiheit", sagt man sich vor.. man kann es einfach nicht fassen. Das Wort Freiheit war in den jahrelangen Sehnsuchtsträumen schon zu sehr abgegriffen und der Begriff z>' sehr verblaßt; mit der Wirklichkeit konfrontiert, zerfließt er. Die Wirklichkeit dringt noch nicht recht ins Bewußtsein ein: man kann es eben einfach noch nicht fassen. (Frankl 1945, S. 140£); Die Sehnsucht unserer Jahre, eine kaum im Traum gewiegte Hoffnung hatte sich erfüllt, etwas, was wir mit all unserer Phantasie uns nie hatten ausmalen können. In der Stunde, da dieses unbegreifliche, unjaßbare Glück über uns hereinbrach, konnten wir es kaum begreifen. Es war übermächtig und zerschmetterte uns. Ebensowenig wie unser ausgehungerter Köper das Essen sofort verdauen wollte, vermochten wir die Freiheit im ersten Moment voll in uns aufzunehmen. Wir mußten uns erst gewöhnen und tapsten mit ungeschickten zaghaften Schritten in das neugewonnene Leben hinein. (Adelsberger 1956, S. 103)14 Man kann es noch nicht fassen — dieser Phase der Befreiung und ihrer Wahrnehmung, in der das Schlüsselwort Freiheit eigentlich nur nicht zu besetzende Leerstellen eröffnet, folgt dann die der allmählichen Realisierung, die Frankl in Spiritualität auflöst: Tage vergehen, viele Tage, bis sich nicht bloß die Zunge löst, sondern irgend etivas im Innern gelöst wird .. dann sinkst du in die Knie. Du weißt in diesem Augenblick nicht viel von dir und nicht viel von der Welt, du hörst in dir nur einen Satz ••·' us a'er Enge rief ich den Herrn, und er antwortete mir im freien "Kaum. ".. an diesem Tag, jener Stunde begann dein neues Leben .. [du] wirst.. wieder Mensch. (Frankl 1945, S. 143) Frankls Beschreibung ist die Darstellung des rein Menschlichen, das Nachspüren feingliedriger innerer Regungen bei Gewahr- und Bewusstwerden des Geschehens. Freiheit bedeutet in diesem Stadium der Be-

Dieselbe Verhaltenheit beschreibt Primo Levi („Die Nachricht [über die bevorstehende Befreiung] rief in mir keine unmittelbare Bewegung hervor. Seit vielen Monaten kannte ich keinen Schmerz, keine Freude und keine Angst mehr" [1958/2002, S. 182]) und die bei Hermann Langbein zitierte Jüdin Mira Honel bestätigt: „Du bist da, Freiheit!.. jetzt, wo ich dich besitze, dich erobert habe, warum bin ich nun so traurig?" (Langbein 1972, S. 527)

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wusstwerdung ,wieder Mensch werden', erst in diesem Stadium gerät Freiheit zum Identifikationsbegriff. Diese verzögerte Euphorisierung dauert indes wiederum nur einen Moment, nur den kurzen Augenblick, in dem die Erkenntnis ,Ich habe überlebt und bin wieder Mensch' Synonym für Befreiung ist. Was dann folgt, ist ein Bewusstsein, welches diejenigen ausdrücken, die sich z.B. als Wir, der kümmerliche Rest von 6.000.000 Juden einordnen. ,Verlust' und aussichtslose Verlassenheit' und ,unverstandenes Ausgesetztsein', Verbitterung' und ,Enttäuschung' sind dann die Merkmale von Befreiung, welches dann Synonym ist für Einsamkeit und Überlebthaben und Zukunftsleere.15 Die Zukunft vor uns ödexb — anders als die politisierten Wenn so ein Mensch heimkehrt und feststellen muß. daß man ihm hier oder da mit nichts besserem als Achsel^ttcken oder billigen Phrasen gegenübertritt, dann bemächtigt sich seiner nicht selten eine l Erbitterung. die ihm die Frage aufdrängt, wo^u er eigentlich alles erduldet hat. .. im Erlebnis der Enttäuschung ist es das Schicksal dem gegenüber der Mensch sich ausgeliefert fühlt; der Mensch nämlich, der nun durch Jahre geglaubt hat, den Tiefpunkt möglichen Leidens erreicht ψ haben, jet^t aberfeststellen muß. daß das Leid irgendwie bodenlos ist.. Diese Enttäuschung, die nicht wenigen von den Befreiten in der neuen Freiheit vom Schicksal beschieden war (Frankl 1945, S. 146f.); Wir, der kümmerliche Rsst von 6.000.000 Juden .. Das Grauen hat uns gezeichnet, wir wissen um Leben und Tod. Wir sprechen nur noch selten darüber und das Vi7ort, Familie' ist uns nur ein Schein aus einer fernen, fernen Zeit geworden. Wir lächeln wieder, weil wir leben! Wir sehen die Sonne, den Frühling, doch einsam bleiben wir. Wir sehen die Menschen an. die über uns staunen und mit uns Reklame machen, ohne uns :,y< begreifen. Sie verstehen uns nicht. Einsam bleiben wir! (zit. in Hauff 1946, S. 16f.); If"ir laufen ™ur Begrüßung hinaus .. wir sitzen herum, lachen, trinken, singen .. — Aber die Welt ist so leer und die Zukunft vor uns öde. Ich möchte nur noch schlafen. Sonst gar nichts mehr (zit. nach Adler 1955, S. 213). Diese nüchterne Illusionslosigkeit bestätigt Jean Amery mit Verbitterung: „Wir Auferstandenen sahen alle ungefähr so aus, wie die in Archiven aufbewahrten Fotos aus den April- und Maitagen von 1945 uns zeigen: Skelette, die man belebt hatte mit angloamerikanischen Cornedbeef-Konserven, kahlgeschorene, zahnlose Gespenster, gerade noch brauchbar, geschwind Zeugnis abzulegen und sich dann dorthin davonzumachen, wohin sie eigentlich gehörten. Aber wir waren ,Helden', sofern wir nämlich den über unsere Straßen gespannten Spruchbändern glauben durften, auf denen zu lesen stand: Gloire aux Prisonniers Politiques! .. Ich war, als der ich war — überlebender Widerstandskämpfer, Jude, Verfolgter eines den Völkern verhaßten Regimes —, im wechselseitigen Einverständnis mit der Welt. Die mich gepeinigt und zur Wanze gemacht hatten wie einst dunkle Mächte den Protagonisten von Kafkas .Verwandlung' - sie waren selbst der Abscheu des Siegerlagers." (Amery 1977, S. 105) Hermann Langbein beschreibt die enttäuschten Befindlichkeiten der Befreiten: „In uns lebte die unklare Vorstellung, nach Auschwitz müßte alles anders, besser werden. Die Menschheit würde unsere Erfahrungen als Lehre aufnehmen. Dann mußten wir spüren, daß sie sich gar nicht dafür interessiert. Leeres aufdringliches Mitleid, das wir statt dessen fühlen, gleicht nur zu oft einer Flucht in konventionelle Gefühle - ja, erweckt den Eindruck von Unehrlichkeit" (Langbein 1972, S. 533). Einsamkeit als Folge gehörte „für Juden in Nachkriegsdeutschland zu den vorrangigen emotionalen Problemen." (Geis 1999, S. 210) Zu dieser Enttäuschung, hervorgerufen durch Gleichgültigkeit und Unverständnis, hinzu kommt die oben auch thematisierte Trauer: „Das Erwachen aus dem Alptraum war für viele vielleicht sogar noch schmerzhafter als die Häftlingszeit selbst.. die Wirklichkeit wahrzunehmen war eine einzige Qual. Befragungen von Überlebenden in Israel haben ergeben, daß 80 bis 90 Prozent die meisten ihrer nächsten Verwandten und 75 Prozent die gesamte Familie verloren hatten." (Enzyklopädie des Holocaust III, S. 1448) Victor Frankl ist Beispiel für ein solches Schicksal.

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Befreiten stehen diese Opfer mit dem „Rücken zur Zukunft"", denn Gegenwart ist für sie nichts als Vergangenheitskonsequenz, und diese Vergangenheit ist Gegenwart und Zukunft. Ihre Vergangenheit endet nicht, sie wird „auch die Zukunft sein", und sie „bildet das Leitmotiv des Uberlebens. Das Leben nach Deportation und Massaker ist Uberleben, ein andauernder Versuch, dem Tod zu entrinnen" (Abels 1995, S. 337).

5.1.2. Uberlebensstolz: Wir sind gestählt Die gegenwartsbezogenen Momentdarstellungen, die politische Häftlinge von den geöffneten Toren der Konzentrationslager geben, legen das Pathos, die Euphorie und die Emphase des Freiheitsdiskurses der Neuzeit auf: Freiheit!!! Gibt es eigentlich in der ganzen Welt etwas Schöneres, etivas Herrlicheres, etwas Erhabeneres als die Freiheit? (Dietmar 1946, S. 139f.); Wir lebend Gebliebenen, wir Zeugen der nautischen Bestialitäten .. Heute sind wirfreA (Eiden 1946, S. 263); Der Morgen graut. Die Tore [des Zuchthauses] werden aufgeschlossen .. der Tag der Freiheit war gekommen. (Eggerath 1947, S. 182) Kennzeichen des entindividualisierten Befreiungskonzepts antifaschistischer, vor allem kommunistischer Häftlinge ist: Obwohl mit Befreiung und Ende der Naziherrschaft für die KZ-Insassen allererst die Erlangung ihrer persönlichen existenziellen Freiheit zu feiern ist, die Restitution eines Grundzustands, dessen Gegenteil mit Gefangenschaft, Folter und Todesgefahr außerhalb politischer Kontexte bezeichnet ist, gebrauchen politische Befreite Freiheit auch in diesem Zusammenhang gleichsam als „Grundwort der Revolution" (Brunner/Conze/Koselleck II, S. 536). Ihre Freiheitseuphorie ist die Euphorie derjenigen, die nicht die Erlangung eines universalen, und damit eigentlich überpolitischen Prinzips, sondern die eines politischen Ziels feiern. Wir wollen nach erlangter eigener Freiheit und nach Erkämpfung der Freiheit unserer Nationen: die internationale Solidarität des Lagers in unserem Gedächtnis bewahren und daraus die Eehre t^ehen! Wir werden einen gemeinsamen Weg beschreiten, den W'eg der ZuVermutlich sind die Folgen ähnlicher traumatisierender Erfahrungen übertragbar. Eine Armenierin, die das Massaker von 1915/16 überlebt hat, identifiziert sich in diesem Sinn: „zu den Überlebenden zu gehören bedeutet gleichzeitig zu den Unglücklichen zu gehören, weil, diese Wenigen konnten die Vergangenheit nicht vergessen" (zit. nach Platt 1995, S. 372). ,„Pami?tajmy!' — ,Wir haben das nicht vergessen' und ,Nigd)' wi^cej!' — ,Nie mehr wieder' schreiben die Überlebenden von Auschwitz auf die Erinnerungsplakate ihrer Gedenkversammlungen. Sie sehen die Gegenwart im bedrohlichen Schatten einer unheilvollen Vergangenheit, stehen seit Jahrzehnten in ihrem Bann, gleichsam mit dem Rücken zur Zukunft." (Reichel 1995, S. 16)

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sammenarbeit am großen Werk des Aujbaues einer neuen, für alle gerechten, freien Welt. Wir wenden uns an die ganze Weh mit dem Ruf: helft uns bei dieser Arbeit! Es lebe die internationale Solidarität! Es lebe die Freiheit! (aus der Abschiedserklärung der Mauthausener, zit. in Hauff 1946, S. 5); Wir Gefangenen aus den Konzentrationslagern und Zuchthäusern werden nie vergessen, daß der Sieg der alliierten Armeen über das nautische Deutschland auch uns die Stunde der Befreiung brachte .. Wir können aber auch von uns behaupten, daß ipir mit unserem Kampf gegen den Faschismus die Anstrengungen der vereinten Nationen unterstützt haben. (Raddatz 1947, S. 68) Der Kampfruf dieser politischen Lehre heißt Freiheit, ihr Handlungsbegriff heißt Befreiung, ihr Zielzustand heißt befreit. Dementsprechend politisieren kommunistische Opfer die KZ-Gemeinschaft der Befreiungssituation in den Bezeichnungskategorien, die Antifaschismus und Klassenkampf vorgeben und die bereits vor 1933 ihr Selbstbild prägten. Formulierungen dieser Selbstsicht bezeichnen die Festigkeit und die Größe der Gemeinschaft: unsere in den KZs geschaffene Einheitsfront, Widerstandsbewegung gegen das Hitlerregime, hunderttausende aktive Antifaschisten, aufrechte Männer und Frauen der verschiedenen politischen Richtungen und Nationalitäten, unzertrennbare Schicksals- und Kampfgemeinschaft. Nach der Befreiung war diese Kämpferidentität dann programmatisch festgeschriebenes Bestimmungsstück ihres Selbstbildes. Zwar reden sie zunächst noch regellos von sich als wir Antifaschisten, wir deutsche Kommunisten und Antifaschisten, wir Kameraden aus den Konzentrationslagern und Zuchthäusern, wir deutsche Widerstandskämpfer, wir Kommunisten aus den Konzentrationslagern, politische Häftlinge, antifaschistische Kameraden/Häftlinge aus allen Eändern, politische Opfer des Faschismus. Diese Verfolgten des Na^iregimes schaffen sich dann aber bald nach ihrer Befreiung mit dem „ideologische[n] Willefn] zur Kohärenz" 18 das orthodoxe Autostereotyp Kämpfer als Gegensatz zu Opfer. Forum dieses Abgrenzungsprozesses ist die ,Vereinigung der Verfolgten des Nationalsozialismus' W N . Auch in dieser Organisation reden sie zunächst von sich als Opfer des Nasjregimes, als deutsche Opfer des Faschismus, als die überlebenden Mitglieder einer deutschen Widerstandsbewegung Eine Selbstsicht, die zunächst noch möglich war — politische Menschen, und das sind ja alle Opfer des Faschismus (Bock 1947, S. 34) — wurde dann vor allem im Zuge der Opferpolitik der SED und einer zunehmenden Instrumentalisierung der politischen Erinnerung in den Jahren 1947/48 unmöglich 19 , indem man eine „AnsehensDas ist die Formulierung Sempruns, mit der er die gruppenbildenden Bezeichnungen Kumpel und Proteten kommentiert (1999, S. 46). Victor Klemperer trägt am 26. Januar 1947 in seinem Tagebuch den Bericht von einer Delegiertensitzung zur Schaffung des OdF-[Opfer des FaschismusJVerbandes ein: Sehr lange Debatte über Einzelpunkte, B. darf ein OdF für Nazis gutsagen ? I ror allem: haben wir eine Widerstandsbewegung gehabt? Die einen: Nein, bloß Widerstandsgruppen. Zur Bewegung hätte Wirkung gehört.

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hierarchie von Kämpfern und Opfern herausbildete" (Herf 1998, S. 105), „eine klare moralische Hierarchie der Uberlebenden der nationalsozialistischen Verfolgung. Kommunistische ,Kämpfer' rangierten ab dann vor jüdischen ,Opfern"' (ebd., S. 100): Kämpfer gegen den Nazismus und die vom Na^i-Regime Verfolgten, erprobte antifaschistische Kämpfer, Kämpfer gegen den Faschismus werden dann unterschieden von politischen, religiösen, rassischen Opfern des nationalsozialistischen Tetrors.2U Es sind die Kämpfer (auch die toten), die zu verstehen sind als Kampf- und Leidensgefährten .., die für die Ideale der Freiheit ihr Feben gaben .. diese Helden, die selbstlos unter den schwierigsten Bedingungen von Anfang an den Kampf gegen die Barbarei aufnahmen .. die jenseits der deutschen Grenzen als aujrechte Männer und Frauen in den Widerstandsbewegungen für die Freiheit ihres Vaterlandes kämpften und fielen (zit. in Hauff 1946, S. 3); Was gab diesen Kämpfern den Mut und die Kraft sum Durchkälten? Es war der Glaube an die Solidarität der Antifaschisten, die sich unter dem Zwang der Notwendigkeit über alle früheren Gegensätze der Weltanschauung hinwegsetze (ebd., S. 4); eine Folter gibt es, die weit schlimmer ist als die Folterung durch die Erzeugung von körperlichem Schmerζ. .. Das ist die Folter des quälenden Bewußtseins, des nagenden Gedankens: Du hast deine Pflicht deinen Mitkämpfern gegenüber nicht erfüllt. Deine Haltung in schweren Stunden war nicht die Haltung eines Freiheitskämpfers, dem sein Feben weniger wert ist als die Sicherheit seiner Genossen oder der Partei. (Eggerath 1947, S. 88) Die Ideologisierung, um nicht zu sagen Bewertung, die dieses Autostereotyp Kämpfer und Heterostereotyp Opfer bezeichnen, wird alltagspraktisch manifest in dem Ausweis, dessen Besitz bestimmte Rechte einräumte. In den Richtlinien für die Ausgabe der Ausweise .. für die] vom Faschismus in Deutschland aus politischen, religiösen und rassischen Gründen Verfolgten und Gemafiregelten (Bock 1947, S. 18) wurde diese Unterscheidung zwischen Kämpfern und Opfern festgelegt: Kämpfer gegen den Faschismus sind die politischen Über^eugungss\ktion größerer Äiassen. Herausbrechen von Oimsionen, nicht bloß J\btriinnigmachen Einzelner. Die andern: Wir hatten Widerstandsbewegung, hatten eine Schapottpront'. (Klemperer, Tagebücher 19451949, S. 345) Bodemann verweist auf die gegensätzlichen, aus diametralen Gedächtnisstrategien resultierenden Opferbegriffe in West und Ost. Während im Westen Juden „aus anderen Kategorien verfolgter Menschen als die einzig legitimen Opfer hervorgehoben" wurden, war ironischerweise „der genaue Gegenpart im Osten dazu die Auflösung der (östlichen) VVN und die skurril anmutende Trennung ,antifaschistischer Widerstandskämpfer' von den weniger bedeutenden (jüdischen) ,Opfer des Faschismus', die die Besonderheit der jüdischen Verfolgung grundsätzlich leugnete." (Bodemann 1996, S. 112) Aber: „Zwar ist es heute Mode, die deutschen Kommunisten in Grund und Boden zu verdammen, doch sollte hier anerkannt werden, daß sie versuchten, eine Gemeinschaft aus (vor allem nichtjüdischen) ,Antifaschisten' und (jüdischen) ,Opfern des Faschismus' herzustellen" (ebd., S. 101). Hier müssen wir aber einwenden: Mit dieser Gemeinschaft, die einen umfassenden Opferbegriff geschaffen hätte — der erst das Bewusstsein von einer echten Gemeinschaft dokumentiert hätte — konnte es am Ende nicht weit her sein, bereits im Gründungsaufruf der KPD findet ein „Opfertausch" (Wolgast 2001, S. 31 und 39) statt, indem ein Bezug zu nationalsozialistischem Antisemitismus und Judenvernichtung systematisch fehlt.

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täter. Sie erhalten einen Ausweis, der mit dem Aufdruck .[Kämpfer" versehen ist. Kämpfer sind die illegalen Kämpfer der antifaschistischen Parteien .. Antifaschisten, die während ihres kurzen Aufenthaltes in den ersten Konzentrationslagern 1933 infolge schwerer Mißhandlungen starke gesundheitliche Schäden erlitten haben. .. Die Kämpfer der kirchlichen Widerstandsbewegungen .. Die an der Vorbereitung der Erhebung des 20. Juli nachweisbar aktiv beteiligten Männer und Trauen und die ihrer Teilnahme wegen verurteilt wurden. .. Alle Antifaschisten, die .. in die politische Emigration gingen .. Illegale Kämpfer, die nachweislich ununterbrochen am illegalen Kampf gegen das Hitlerregime teilgenommen haben, ohne verhaftet gewesen ζu sein. .. Fälle von Verurteilungen auf Grund des Rundfunk, des Heimtückegesetzes und der Wehrkraftzersetzung .. Fälle des ideellen Fandesverrates .. [um] aus antifaschistischer Überzeugung die militärische Niederlage Hitlers beschleunigen. .. Spanienkämpfer.. ehemaligef..]politische[..] Gefangene[..], die .. ψ der Sonderformation „Dirlewanger"und zu den .. „Heuberg-Divisionen" (999) eingezogen wurden .. [revolutionäre] Soldaten [deren Angehörige im Zuge der Sippenrache erschossen wurden]. (Bock 1947, S. 19f.) Dagegen sind Opfer der Faschismus Opfer der Nürnberger Gesetzgebung, politische Gelegenheitstäter, aus religiösen oder weltanschaulichen Gründen X'erfolgte und bestimmte Fälle der Militär-Straftat. Sie erhalten den Ausweis „Opfer des Faschismus" ohne den Aufdruck „Kämpfer". Zu den Opfern der Nürnberger Gesetzgebung zahlen Juden, Mischlinge, Zigeuner.. Die Hinterbliebenen der Ermordeten oder im KZ l'erstorbene η .. Alle ehemaligen KZ-Häftlinge .. Die Illegalen .. Die Sternträger.. Mischlinge 1. Grades.. Privilegierte Ehen (Bock 1947, S. 18-23).21 Es entspricht nicht nur kommunistischer Dogmatik, sondern antifaschistischer Identität überhaupt, dass die Selbstsicht der Befreiten durch ein in die Zukunft weisendes Gegenwartsbewusstsein gekennzeichnet ist. Diese politischen Opfer feiern mit der Gegenwart vor allem beginnende Zukunft und legen Gelöbnisse ab: Mit dieser Perspektive [Schaffung eines freiheitlichen, fortschrittlichen und in der Welt sich Achtung erringenden neuen Deutschlands] wollen wir an die neue Arbeit und an unser neues Feben herangehen (Dahlem 1945, S. 251); wir haben es überlebt, jetzt wollen wir zusammenstehen (Eggerath 1947, S. 187). Texte dieser antifaschistischen Opfer sind so auch die einzigen Opfertexte, in denen Zukunftsparolen ausgegeben werden, die der politischen Nachkriegsprogrammatik entsprechen — zur Ausstattung ihres Freiheitsbegriffs gehören Entnazifizierung und Demokratisierung, in der Sprache

Eine Manifestation dieser nach politischem Kalkül festgelegten Selbstsicht als Kämpfer stellt dann auch die von Fritz Cremer geschaffene Plastik des Buchenwald-Denkmals „Die befreiten Häftlinge" dar, die anlässlich der Einweihung der monumentalen „Nationalen Mahn- und Gedenkstätte Buchenwald" 1958 aufgestellt wurde: zehn bewaffnete Männer und ein Kind, in offensiv-kämpferischem Gestus dem Betrachter zugewendet.

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der Antifaschisten Kampf gegen den Hitlerfaschismus, Wiedergutmachung, Frieden, Freiheit, und ein wirklich demokratisches Deutschland·. Das ganty deutsche Volk muß teilnehmen am Kampfe gegen den Hitlerfaschismus und wie es im Schwur von Buchenwald beißt, bis auch der letzte Schuldige vor den Richtern der Τ rölker steht. Die Vernichtung des Faschismus mit seinen Wurzeln, die Wiedergutmachung der von ihm verursachten Schäden sei unser aller Losung. Und unser aller Ziel sei der Aufbau einer neuen Welt des Friedens und der Freiheit, eines wirklich demokratischen Deutschlands! (Eiden 1946, S. 264) Was Eiden hier Schwur von Buchenwald nennt, ist das ,Buchenwalder Manifest für Frieden, Freiheit, Sozialismus' vom 13. April 1945, in dem Entnazifizierung, Entmilitarisierung und Demokratisierung die politische Programmatik des demokratischen Sozialismus vorgeben: Solange Faschismus und Militarismus in Deutschland nicht restlos vernichtet sind, wird es keine Ruhe und keinen Frieden bei uns und in der Welt geben. Unsere ersten Anstrengungen müssen darauf gerichtet sein, alle gesellschaftlichen Erscheinungen dieser blutigen Unterdrückung des Lebens für immer beseitigen. .. [Wir] erstreben .. einen neuen Typ der Demokratie, die sich nicht in einem leeren, formelhaften Parlamentarismus erschöpft, sondern der breiten Masse in Stadt und Land eine effektive Betätigung in Politik und l rerwaltung ermöglicht (zit. nach Overesch 1995, S. 94£). In diesem Sinn und als Entsprechung ihres Selbstbildes rekrutieren antifaschistische Häftlinge aus ihrer Erfahrung Ansprüche. Sie leiten aus ihrer Leidenszeit charakterliche Werte ab und reden von sich als wir, die aufrecht blieben, als Kräfte, die sich dem faschistischen Terror nicht unterwarfen, als beste Männer und Frauen unseres Volkes. Es sind dies Autosterotype, die die Haltung derjenigen ausdrücken, deren Selbstbild einen Komplex aus den Merkmalen ,im Kampf, Widerstand und KZ erprobt' und ,zum Neuaufbau legitimiert' bildet. Bereits im ,Buchenwalder Manifest' wird dieser Anspruch erhoben und mit der Widerstands-Erfahrung begründet: In Zuchthaus und Konzentrationslager setzten wir trot\ täglicher Bedrohung mit einem elenden Tode unsere konspirative Tätigkeit fort. Durch diesen Kampf ist es uns vergönnt gewesen, menschliche, moralische und geistige Erfahrungen sammeln, wie sie in normalen Lebensformen unmöglich sind. .. [wir] halten .. uns deshalb für berechtigt und verpflichtet, dem deutschen Volke sagen, welche Maßnahmen notwendig sind, um wieder Achtung und Vertrauen im Rate der Nationen ~u verschaffen (zit. nach Overesch 1995, S. 93). Es werden so Kontinuitäten geschaffen, welche den Verfolgten von gestern an erster Stelle das Kecht [einräumen] am Aufbau unserer Weit von morgen mitzuarbeiten. Die Erfahrung der Verfolgung und der Haft ist Argument. Gestählt, nicht umsonst, durchstehen, Kraft, Kapital, berufenste, bewiesen — das sind die entsprechenden legitimierenden Kategorien, mit denen Ansprüche begründet werden. Diese Ansprüche heißen in den ersten Reihen, an den Aufbau gehen,

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entscheidend mitwirken, befähigt und berechtigtDie Toten werden in solchen Legitimierungskonstruktionen argumentativ im Sinn von Nachweisen gebraucht - Den Toten ψ Ehren, den hebenden %ur Pflicht lautet das Motto der zweiten großen Kundgebung zum Gedenken an die Opfer des Faschismus am 22. September 1946 (Bock 1947, S. 83) und Pflicht und Vermächtnis, Mahnung und Verpflichtung geraten zu Kampfrufen. 23 War dieses Selbstbild des Kämpfers neu? Selbstverständlich nicht, Kontinuität bestimmt auch in dieser Hinsicht das Denken der politischen Opfer, denn Kämpfer waren sie im Nationalsozialismus wie im KZ: Die Verfolgten des Naif regimes sind die überlebenden Mitglieder einer deutschen Widerstandsbewegung, die vom Tage der Machtergreifung des Nazismus an bis tpm Zusammenbruch des Naziregimes gegen dieses Regime niemals aufgehört haben kämpfen. Sie haben in diesem Kampf unendliche und unvergeßliche Opfer gebracht, wenn es ihnen auch nicht gelang, ihr Ziel, nämlich die Befreiung des deutschen Volkes, aus eigener Kraft ψ erreichen. (WN-Hauptresolution 1947, S. 597) Nicht Üb erleb ens schuld also, die Grundbefindlichkeit vor allem der jüdischen Opfer des Nationalsozialismus — die besten sind nicht zurückgekommen — bezeichnet die Seelenlage überlebender politischer Opfer, sondern im Gegenteil ,Überlebensstolz' ist die Kategorie der Kämpfer, die ihre neue Identität bezeichnet: ,die Besten sind zurückgekommen'. Wir sehen auch

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Ihr habt uns nicht gebeugt, nein, ihr habt uns gestählt, und unser Witte ist gewachsen, aber auch die Überzeugung von der Notwendigkeit, eine neue Welt aufzubauen. .. Die Opfer eures Systems, eures Terrors werden im Kampf um eine neue Welt in den ersten Reihen zu finden sein! (Kggerath 1947, S. 184); Nicht umsonst wollen wir das alles gelitten haben, nicht umsonst wollen wir gereift sein, jetzt wollen wir uns einsetzen, um Bahn ζ« brechen (ebd., S. 186); wir wollen und müssen nachweisen, was uns die Hölle durchstehen ließ, und das ist bei jedem einzelnen von uns 1. die heilige Überzeugung, die in ihm wohnte, das ist 2. der prächtige Kameradschaftsgeist, das war 5. der eiserne Lebenswille, um das gesteckte Ziel Z}i erreichen, und das war 4. die Geistesgegenwärtigkeit in jeder Situation. Und wenn wir mit diesen vier Eigenschaften, mit diesen vier Kräften jetzt an den Aufbau, an die Bewältigung unserer Arbeiten gehen, Kameraden. dann muß es gelingen (Geschke 1945, S. 91); Die Kämpfer aus der Illegalität, aus den Widerstandsbewegungen, aus den Konzentrationslagern, Gefängnissen und Zuchthäusern, die den Faschismus aus eigener Erfahrung am besten kennen, sind die Berufensten, dem deutschen 1'olk die Wahrheit z" sagen und beim Aufbau eines neuen Löbens entscheidend mitzuwirken (zit. in Hauff 1946, S. 4); wir Kommunisten [bringen] aus den Konzentrationslagern ein Kapital an Zuversicht in die eigene Kraft und an allgemeinem X'ertrauen mit, das uns befähigt und berechtigt, .. an die Arbeit ™u gehen (Dahlem 1945, S. 252); so haben andere Deutsche durch ihren jahrelangen und in unerhörter Kühnheit geführten Kampf gegen die Hitlerbarbarei und für wahre Menschlichkeit bewiesen ... daß in unserem deutschen Volke Kräfte vorhanden sind, die es aus dem moralischen Tiefstand und der materiellen Not. wohin Hitler es gebracht hat, heraus und aufwärts fuhren werden. (Eiden 1946, S. 213)

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Es ist nicht nur unsere Pflicht, die toten Kameraden zu ehren, sondern es ist auch unsere Pflicht, ihr Vermächtnis z" verwalten und zu erfüllen. Wir müssen an die erste Stelle treten im Kampf gegen die Überreste des Nazismus (zit. in Ilauff 1946, S. 4); Wir haben gegenüber unseren Toten die Verpflichtung. als ein Teil des deutschen I rolkes mit in den ersten Reihen z>< stehen, wenn es darum geht, die Not Ζ" lindern und den Wiederaufbau unserer Heimat ζ«fördern. .. Nicht Sonderinteressen sollen uns leiten, sondern das Pflichtbewußtsein gegenüber unserem Volk, mit dem Willen, das Vermächtnis unserer Toten ZU erfüllen (Keim 1946, S. 28f.).

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hier den politischen Willen zur Kontinuität: So, wie politische Häftlinge ihre Existenz im KZ als Kontinuum ihres Kampfes - Kampf ist ihr Schlüsselwort — gegen den Faschismus zu deuten vermögen, gelingt es ihnen auch, nach ihrer Befreiung ein Kontinuum zur Gegenwart herzustellen: Diese ist nichts weiter, als die Konsequenz ihres Kampfes der Vergangenheit, dessen Resultat und der Beginn der neuen Zeit. Gegenwart als Schaltstelle zwischen Vergangenheit und Zukunft ist für die befreiten politischen Häftlinge nicht das Ende der Vergangenheit, sondern der Beginn der Zukunft.

5.2. Täter: ^um outlaw gemacht Wie weit scheint mir das alles zurückzuliegen: 12 Jahre sind es erst - mich aber dünken es Jahrhunderte. Hitler, Giirtner, Siebert tot, das Reich zerstört, unser Recht dahin, Triimmer und Elend überall. - Auch heute gilt: es war 1945 ein Ausklang aber ein rechter Neuanfang ist nichtfestzustellen. (Frank 1945/46, S. 162) Einer der wohl Unberufensten fällt ,1m Angesicht des Galgens' dieses Urteil über seine Gegenwart. Und es ist ein für die Täterperspektive untypisches Urteil. Frank ist deshalb unberufen, weil er — wie die anderen in Nürnberg inhaftierten Hauptkriegsverbrecher — wohl kaum Gelegenheit gehabt hat, einen etwaigen ,Neuanfang' überhaupt wahrzunehmen. Untypisch ist das Urteil deshalb, weil Täter im Allgemeinen wenig Reflexionen zu überindividuellen Zeiterscheinungen anstellen, sie sind mit sich beschäftigt. Und schließlich: Das Ende der Naziherrschaft mit Ausklang zu beschreiben, ist eine befremdende Harmonisierung. Der 8. Mai 1945 ist indes für die Täter — für sie ganz bestimmt — vor allem der Tag des Zusammenbruchs, ein Zusammenbruch von Volk und Reich, wie er noch nie da ivar. Rosenberg gedenkt unter dieser Voraussetzung der einstigen Größe und Macht des deutschen Reichs: Die Fahne dieses Reiches wehte an den Pyrenäen, am Nordkap, an der Wolga, in Libyen siegreich wie nie zuvor. Diese Fahne liegt heute %eifet%t unter Trümmern. (Rosenberg 1945/46, S. 340) Wovon reden die Täter, wenn sie von sich und ihrer Gegenwart nach dem 8. Mai 1945 reden und wovon reden nur sie und können nur sie reden? Täter haben geringen Anlass, über Hier und Heute nachzudenken im überindividuellen Sinn von ,Zeit, in der wir leben' — das ist das Thema der persönlich nicht in diesem Sinn betroffenen Nichttäter. Diese Gegenwart geht Täter nichts an, nicht nur sie, die zum Tode verurteilt sind, sondern auch diejenigen, die eine Zukunft haben. Gegenwart interessiert Täter nur im Sinn einer persönlichen existenziellen Seinskategorie. Das Regime, das ihre Identität war, ist Anlass für Empörung, Hass und Verachtung der Welt, und Täter schließen sich (im Rahmen ihrer engen Einsichtsmöglich-

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keiten) einem solchen Votum nicht an. Täter werden gezwungen, über ihre Schuld nachzudenken und sie zu benennen, und sie produzieren bei diesem Reden über ihre Schuld die Lügen, die die Suche nach Wahrheit bei denjenigen zu Tage fördert, die diese Wahrheit von sich fem zu halten versuchen. Täter fassen diese Lügen in Argumente, die ihnen ihre Wirklichkeit kommensurabel machen. Der Einstieg in eine solche Betrachtung geschieht über Fragen, die Richter zu Beginn eines Prozesses, oder die sie sich selbst in der das Schreiben von Memoiren und Tagebüchern begleitenden Kontemplation stellen. Je länger die bleierne Einsamkeit mich umkrallte, desto stärker und fordernder meldete sich die Selbstkritik (Pohl 1950, S. 39f.) - so beschreibt Oswald Pohl den Auslöser eines solchen Prozesses, um dann vielversprechend fortzufahren: Wie steht es um deine wirkliche Schuld? Wie sieht es mit deinen Sünden aus? Ich bin diesen harten Fragen nicht ausgewichen, die mich in trostlosen Tag- und Nachtstunden immer wieder vor das Tribunal des eigenen Gewissens stellten. Gewissen! Wo war mein Gewissen eigentlich in den letzen Jahren, als es dem Ende "uging, und die Methoden der nationalsozialistischen Staatsgewalt apokalyptische Formen annahmen? Vieles blieb mir nicht verborgen, auch wenn ich persönlich nicht daran beteiligt war. Vieles, gegen das sich das gesunde Empfinden in normalen Zeiten zweifellos aufgelehnt hätte (ebd., S. 40). Wenn sie sich nicht grundsätzlich wehren gegen die ihnen aufgezwungene Selbstbetrachtung — wo war ?nein Gewissen? — und wenn sie scheinbar zur Einsicht bereit sind — Vieles blieb mir nicht verborgen (freilich immer mit dem Täter-Argument auch wenn ich persönlich nicht daran beteiligt war) —, so geben sie den Befunden solch vielversprechend eingeleiteter Vergangenheitsbetrachtungen eine Form von anscheinender Suche nach Selbsterkenntnis, deren Funktion es ist, einen Bruch zwischen Vergangenheit und Gegenwart zu markieren: Wie sehe ich nun heute das Dritte Reich?.. Falsch war.. auf jeden Fall die _Ausrottung weiter gegnerischer Volksteile. .. Heute sehe ich auch ein, daß die Judenvernichtung falsch, grundfalsch war (Höß 1947, S. 147f.). Der Kommandant von Auschwitz suggeriert Einsicht (falsch war) unter den Bedingungen umgekehrter Herrschaftsverhältnisse (heute). Einsicht heißt aber nicht Bekehrung, Höß denkt auch in der mit heute als anders markierten Zeit in antisemitischen Kategorien und gebraucht die nämlichen Klischees: Dem Antisemitismus war damit [den Massenvernichtungen] gar nicht gedient, im Gegenteil, das Judentum ist dadurch seinem Endziel viel näher gekommen (ebd., S. 148). Albert Speer überprüft — in scheinbar selbstkritischer Attitüde — eine Haltung, die zur Zeit seines Ruhms die notwendige Voraussetzung zur Erlangung nationalsozialistischer Ehren war und die unter den neuen Bedingungen zu einem moralischen Defizit gerät:

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f e t z f f r a g e ich mich doch, ob"Loyalitätnicht nur der Fetten war, mit dem ivir unsere moralische Β/öße bedeckten: unsere FLntschlußlosigkeit, l rerantwortungsscheu, Feigheit, all das, was wir hochtrabend als unsere Pflicht ausgaben. Jet~t plötzlich kann ich das Wort nicht mehr hören (Speer 1952, S. 284). Jet~t und jets(t plötzlich — hier redet jemand, der seine Vergangenheit mit seiner Gegenwart zu vereinbaren sucht. Es gelingt ihm nicht, die Leittugenden von früher (Loyalität, Pflicht), und die Bewertungen von heute (moralische Blöße, Entschlußlosigkeit, Verantwortungsscheu, Feigheit, hochtrabend) sind Gegensätze und schließen sich aus. Dennoch: Speer versucht, sich als ein, einer neuen Wahrhaftigkeit verschriebener Konvertit zu zeigen. Der Freund, an den er seine Gefängnisnotizen schickt, beschwert sich, dass er Hider einen Verbrecher genannt habe, und Speer gibt sich konsequent ehrenhaft und auf die Gegenwart (heute) bezogen, wenn er kommentiert: Aber daran ist kein l rorbeikommen. Entweder schreibe ich, wie ich es heute sehe, oder ich lasse es. (Speer 1953, S. 345) Solche Einsichtsfähigkeit, zumindest Einsichtsbereitschaft suggerierende Bekenntnisse, wie sie Pohl, Höß und Speer gelegentlich ablegen, sind nicht die dominierenden Denkkategorien der Täter. Das Regime, das für alle diese Täter wenn nicht Lebensmittelpunkt und Weltbild, dann aber doch Existenz war, ist geschlagen. So ist der 8. Mai 1945 (bzw. ein ihm hinsichtlich der Folgen entsprechendes Datum) aus der Täterperspektive der Tag der persönlichen Niederlage und der biographischen Katastrophe: Als wir dies hörten [dass Hitler tot sei] , kam meiner Frau sowie mir gleichzeitig der Gedanke: Jet^t müssen auch wir gehen! Mit dem Führer war auch unsere Welt untergegangen. .. Wir hätten es.. tun sollen. Ich habe es später immer wieder bereut. (Höß 1947, S. 143)24; Vor dem Ton [des Gefängnisses] blieb mein "Leben, das mich ohne Protektion und ohne ,Begehungen' vom schlichten Arbeiterssohn in die höchsten Stellungen des Soldatenhandwerks geführt hatte: durch Fleiß, Nüchternheit und Aufopferung für eine Sache, der ich mich tyt Beginn in begeistertem Idealismus hingegeben hatte. Mein Lebensiverk war \erschlagen. (Pohl 1950, S. 39); Strenggenommen endete im Mai 1945 mein Leben. In Nürnberg sprach ich meinen Nachruf. Das ist es. (Speer 1951, S. 275) Solche Identifikationen (unsere Welt untergegangen, blieb mein Leben, Lebenswerk %-erschlagen, endete mein Leben) haben für den nicht zum Tode, sondern zu einer Zeitstrafe von zwanzig Jahren Gefängnis Verurteilten die Konsequenz: die Spandauer Jahre [gehören] nicht an das Ende jenes Lebensabschnitts .., sondern an den Anfang eines neuen. (Speer 1954, S. 406) Und diese IdentifikaViele haben es getan, die ersten Nachkriegswochen sind die Zeit der Suizide, über die Carl Schmitt nichts weiter zu sagen weiß, als dass sie im Selbstmord Heinrich von Kleists, der im November 1811 begangen wurde [nota bene diesen befremdenden Subjektschub], vorausgenommen waren. Dieser Selbstmord Kleists könne schon ein Vorbote der Selbstmorde gewesen sein ... die im Frühjahr 1945 gerade in diesem Teil Berlins und gerade in einer bestimmten socialen Seht cht iierübt worden sind. (Schmitt 1945-1947, S. 41 f.)

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tion prägt die Haltung der Täter zu ihrer Gegenwart: für Speer die Aussicht auf zwanzig Jahre Zuchthaus, für andere die Aussicht auf den Galgen, für andere die Aussicht auf das Leben eines Stigmatisierten — wie immer, Täter nehmen ihre Gegenwart prinzipiell antipathisch wahr: Mit den Worten Die hysterische Atmosphäre jener Tage (Papen 1952, S. 662) diffamiert Papen die angestrengten Bemühungen der Alliierten in den ersten Nachkriegswochen, der Täter habhaft zu werden, und Funk beschwert sich über dieses qualvolle heben, dieses heben voll von Verdächtigungen, Verleumdungen und gemeinen Beschuldigungen. (Funk 1946, S. 441) Täter haben ihre Existenzgrundlage verloren und mit „dem Ende des Nazi-Regimes am 8. Mai 1945 begann für diese Amtsträger die Angst" (Hilberg 1992, S. 47). Sie sind angeklagte Verbrecher, und wenn sie ihre Haut retten können, gelten sie seit dem 8. Mai als Kriminelle, sind zeitlebens stigmatisiert. Kein Täter, ob zum Tode, zu lebenslänglicher Haft oder zu Zeitstrafen verurteilt oder freigesprochen, der hoffnungsvolles, affirmierendes Jetztgefühl ausdrückt, kein Täter, dessen Sicht auf die Welt Anerkennung der Gegebenheiten zeigt oder eine die Verhältnisse annehmende Haltung. Statt dessen konstruiert man Gegenwart entweder im Sinn eines den Nationalsozialismus scheinlegitimierenden Kontinuums, oder indem man Gegenwart gleichsetzt mit,unrechtmäßige Zerstörung der Vergangenheit'. jedes Urteil über diese dramatisch große und heute so furchtbare Epoche ist verfrüht. Die Geschichte hat mit dem 8. Mai 1945 nicht aufgehört, die Probleme, die unseren Kampf bestimmten, stehen heute in noch viel größerem Umfange vor der Welt. (Rosenberg 1945/46, S. 316) In dieser Logik des Kontinuitätsdenkens {nicht aufgehört, heute in noch viel größerem Umfang) und der Parallelisierung des Nationalsozialismus der Vergangenheit mit der Welt der Gegenwart (unseren Kampf Welt) versucht Rosenberg, die Zeit nach 1933 und die Zeit nach 1945 gleichzustellen und damit etwa die Künstlerverfolgung des Nationalsozialismus als unbedingte und jederzeit bestehende Notwendigkeit zu verharmlosen, vor der jegliches politische Regime stehe: Wenn ich heute lese, dass die „Weltbühne" wieder erscheint und genau so schreibt wie früher, dass die Kerr und die Th. Th. Heine noch da sind und der George Gros~ .., sie alle aus dem Exil wiederkehren und schreiben und s^ichnen wie einst vor 1933, dann müssten sie doch wissen, dass das anständige Deutschland genau so reagieren muß wie es einst mit uns reagierte. Und damit demonstrieren diese ewigen Emigranten noch einmal unsere einstige innere Notwendigkeit, die sie doch mit furchtbarem Erfolg als reine 'Böswilligkeit vor aller Welt gebrandmarkt hatten (ebd., S. 261). Rosenberg verfängt sich im Netz seiner Argumentation: Welche Bezüge stellt die w»/?-ai?/z/?-Beziehung her, welche Kausalität besteht zwischen wenn ich heute lese und dann müssten sie wissen? Wer ist mit das anständige Deutschland gemeint (die Nazigegner?) und worauf bezieht sich einst — auf

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die Zeit der so genannten ,Machtergreifung' oder auf 1945. Hat Rosenberg übersehen, dass er dann eine Opposition herstellt zwischen anständiges Deutschland und wir? Diese Lesart aber kann seiner Selbstsicht nicht entsprechen, das anständige Deutschland ist ja gerade für Rosenberg das Synonym für Nationalsozialisten. Schließlich: die ewigen Emigranten — der Ewige Jude gibt hier das Muster — und unsere einstige innere Notwendigkeit — das ist die bekannte Nazistrategie, die Handeln in Bezug auf eine von ihnen selbst erst erzeugte ,Zwangslage' legitimiert. Dieses eingebildete Kontinuum hat politische Legitimationsfunktion einerseits, ist aber auch Konstruktion zur Rettung ins Zeitlose: Gegen uns standen im wesentlichen die gleichen Kräfte, die heute auf dem Balkan eine Gewaltherrschaft aufgerichtet haben und in Europa aufrichten wollen; die Kräfte, die die Welt in Spannung halten, die Kräfte, gegen die sich heute die westliche Welt wendet (List 1950, S. 240); Wahrheiten, die unvergänglich sind und die heute den gleichen Wert haben wie in jener Stunde (Papen 1952, S. 349). In der Logik der Gegenwartsdiffamierung liegt begründet, dass man, um Identität zu schützen, immer wieder die Vergangenheit einholt — Täter wollen nicht in der Gegenwart ankommen. Sie wollen den Wechsel geänderter Voraussetzungen nicht wahrhaben, wie Hjalmar Schacht, für den Haft Haft ist, der politische Justiz und Opfer (womit er sich selbst identifiziert) als Komplemente begreift: Man wird schikaniert und angeschrien, man erhält Vergünstigungen, die einem am nächsten Tag wieder entzogen werden; man ist nicht mehrfreies Subjekt, man ist ein Objekt der Justiz,i· Dies war so in den nationalsozialistischen Konzentrationslagern, dies war so in der amerikanischen Gefangenschaft als „Kriegsverbrecher", dies war auch nicht anders in den lagern der Spruchkammer. Die politische Justiζ in unserer Welt legt es darauf an, ihre Opfer zu überrumpeln. (Schacht 1953, S. 9) Politische Justiζ in unserer Welt — das ist die Gestapo der Nazis u n d die politische Polizei der Befreier, Schacht macht da keinen Unterschied. Speer, dem seine Vergangenheit in der Gestalt eines von ihm entworfenen und nach Spandau verbrachten Sessels begegnet — Heute nachmittag wurde der Sessel geliefert·. Ich traue meinen Augen nicht, er stammt aus der 'Reichskanzlei und wurde 1938 von mir entworfen (Speer 1953, S. 338) — gebraucht nach der Zerschlagung des Nationalsozialismus Formulierungen, die zeigen, dass Gegenwart noch nicht die Umkehrung seit neun Jahren vergangener Vergangenheit ist, von der sich der Täter noch nicht verabschiedet hat: Wie entschieden ich mich auch von der Welt, die von dem Parteitagsgelände präsentiert wird, getrennt habe: merkwürdigerweise bin ich glücklich, daß das Zeppelinfeld nicht zerstört ist. Wie nah ist mir das alles noch (Speer 1954, S. 402). Mit dem von ihm entworfenen Möbelstück begegnet Albert Speer seiner Vergangenheit als Hitlers Architekt, und das Zeppelinfeld, auf dem er zu Zeiten seiner Macht und Pracht als Regisseur der Parteitage die Lichtdo-

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me erstrahlen ließ, ist nicht zerstört — die Selbstwahrnehmung Speers setzt sein, des nicht zum Tode Verurteilten, Fordeben gleich mit dem Fortbestand seiner Werke. Er stellt - neun Jahre nach dem Ende - ein absurdes Kontinuum von Nachfolgerschaft her, welches die Gegenwart ausschließlich in der Kategorie der Vergangenheit fasst und bestimmt: Unterdessen habe ich auf einem Foto meinen Nachfolger für den östlichen Teil Berlins, den Chefarchitekten Henselmann, gesehen .. im westlichen Berlin werden die von mir vorgesehenen Ringstraßen ausgebaut. .. Wie ich .. las, nimmt mein alter Mitarbeiter.. nun in WestBerlin meine Stelle ein. Hoffentlich hält er wenigstens die Fluchtlinien der von uns geplanten Straßendurchbrüche frei, denn so schlecht war dieses städtebauliche Gerippe nicht. (Speer 1954, S. 393) Und es bleibt diesem so argumentierenden Speer vorbehalten, des „Führers" Alpenresidenz ,Berghof und das Spandauer Gefängnis zusammenzuziehen — die Bewohner sind ja zum Teil dieselben: Für unseren Unterhalt sind in den letzten vier Jahren mehr als drei Millionen Mark aufgewendet worden. In fünfzehn Jahren, wenn meine Entlassung bevorsteht, hat Spandau gut und gern fünfzehn Millionen verschlungen. Plötzlich denke ich, daß derjährliche Aufwand für Spandau etwa den Unterhaltskosten des Berghofs entspricht. (Speer 1951, S. 265) Wenn dagegen Gegenwart nicht Kontinuum, sondern im Gegenteil Zerstörung von Vergangenheit bedeutet, dann wird diese Destruktion gleichgesetzt mit Ausstoßung und Verlust — Papen etwa, wie Speer immer noch stolz auf Leistungen, die ihm zu nazistischer Zeit Ehre einbrachten, verzweifelt über die zeitgemäße Konsequenz seiner Heimatstadt: Man gab [1933] der Straße, an der mein Elternhaus liegt, den Namen der Familie. Ehrenbürgerbrief und Straßennamen wurden 1945 gelöscht. .. Die Saar, der meine Lebensarbeit .. galt, hat mich aus ihren Grenzen verbannt. Die Vaterstadt Werl hielt ich mit Kinderglauben und warmem Herten umfasst. Sie hat mich geächtet. Und die Sorge um seine sterblichen Überreste — Wo denn sonst sollen einst meine heimatlos gewordenen Knochen ihre letzte Bathe finden? — beschließt selbstgerechte Plattitüde: Daß ich die Heimat nicht einmal im Tode wiederfinden iverde, ^xigt, wie eitel die Dinge dieser Welt sind. (Papen 1952, S. 665f.) In ihrer Logik eines aporetisch von Bruch einerseits, Kontinuum andererseits bestimmten Selbstbildes sehen Täter die Gegenwart als Zeit der Fehlurteile - dominantes Kennzeichen ihres Gegenwartsbewusstseins: Zeigen wollte ich vor allem den Irrweg vielerjett^t üblichen Betrachtungen Hitlers, die seine Person in ihrer wirklichen Bedeutung ^zurückzudrängen trachten, um dafür seine Ideologie und deren Mitträger in ausschließlichen l'erantwortungsbann stehen. Das ist in dem geradezu riesigen Umfang, in dem heute noch Anhänger Hitlers Millionen als mitschuldig verfolgt werden, eine der größten Ungerechtigkeiten der Weltgeschichte. (Frank 1945/46, S. 430); Zehntausende pflichttreuer deutscher Beamter und Angestellter des ö f fentlichen Dienstes, die heute noch .. nur wegen Erfüllung ihrer Pflicht in Eagern festgehalten werden (Frick 1946, S. 438).

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Heute noch — mit dieser Zeitdeixis referieren Täter auf einen Sachverhalt, den sie für unzeitgemäß halten, und es ist die typische, die Gegenwart bewertende Kategorie der Täter, die wenige Monate nach dem Ende damit ihre Gegenwart schaffen. Mit der damit ausgedrückten Nostalgie und der Loyalität zu ihrer früheren Entourage korrespondiert Denunzierung und Verachtung insbesondere für diejenigen, die eine Widerstandsidentität aufbauen: die „Widerstandsbewegung", sozusagen eine Nachkriegserscheinung. .. In unserer Epoche schließen sich fünfzig Nutznießer des „Widerstandes" dem Einen an, der echten Widerstand geleistet hat (Diels 1950, S. 55£); Eeute, die heute ihren Widerstand betonen, der damals nur in vorsichtigen Überlegungen bestand, die nie ein anderes Ohr erreichten. (Papen 1952, S. 312) Sie sprechen den Kritikern das Recht der Kritik ab, stellen in Frage und werten Oppositionsgeist ab — nicht, um diese Personen zu belasten, sondern vielmehr, um ihr eigenes Denken und Handeln zu rechtfertigen. In dem Schlüsselwort Heute ist Todesangst und Uberzeugungskampf, Abwehr und Denunzierung, Verteidigung, Selbstbetrug und Lüge der Täter aufgehoben. Diese Signets der Tätergegenwart sind evident vor allem in dem die Gegenwart der Täter bestimmenden Kontext ihrer Prozesse. Von diesen Prozessen sprechen sie als ihnen persönliche Schuld vorwerfende Instanz und bewerten sie in diesem persönlichen Sinn als geschichtsfälschende Tribunale, als unbedeutende Episoden der Weltgeschichte, als Hass schürende Instanzen, als verleumderisches Hetzen, das sie denunzieren — sie haben diese Prozesse aus der Perspektive des persönlich Beschuldigten erlebt. Die Gegenwart der Täter ist die an sie persönlich gerichtete Anklage und sie nehmen diese Anklage, in der Attitüde desjenigen, der tut, als geschähe ihm Unrecht, als ungerechtfertigt wahr — Nürnberg, Anklage und Prozess sind gegenwartsbezogene Schlüsselwörter der Täter: Im Nürnberger Pro^eß.. wurde uns monatelang haßerfüllt vorgeworfen, wir hätten die Jugend vergiftet, verdorben (Rosenberg 1945/46, S. 225); Der Pro^eß in Nürnberg ist ein Anachronismus .. Er hat .. den Rang eines „aufgemachten" Standgerichtsverfahrens vor aufgesogener Siegerflagge über die Besiegen. .. Der Nürnberger ,JSAarterpfahl für die Ν αφ" ist.. für die Geschichte ohne Belang. Wir stehen eben an der Wende t^n'eier RJesenepochen der Menschheitsentwicklung, die über derartige formale Spielereien .. lächelnd \u ihrer Tagesordnung übergeht. (Frank 1945/46, S. 142); Ich bedauere die von der Anklage vorgenommene Verallgemeinerung der Verbrechen, weil sie den Berg von Haß, der in der Welt liegt, noch vergrößern muß. Aber es ist Zeit, den ewigen Kreis/auf des Hasses unterbrechen, der bisher die Welt beherrschte. (Fritzsche 1946, S. 464); in der Zeit nach 1945, als man mit propagandistischer Entrüstung die Prozesse gegen diese ,,J 'erbrechen gegen die Menschlichkeit" einleitete (Best 1949, S. 105). Prozesse werden abgewehrt durch ihre Denunzierung mit prototypischen Manifestationen des Gegenwartsbewusstseins der Täter. Sie sind Konsti-

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tuenten ihrer Selbstwahrnehmung und -Identifizierung und sie sind Repräsentationen auch ihrer Schuldbegriffe. Nur wer vorgibt, unschuldig zu sein, vermag in dieser Weise die Schuld prüfende Instanz zu verleumden (monatelang haßerfüllt, Τ Verallgemeinerung der Verbrechen, mit propagandistischer Entrüstung), zu schmähen (Anachronismus, ,Marterpfahl für die Nazis'), zu delegitimieren („aufgemachtes" Standgerichtsverfahren vor aufgesogener Siegerflagge über die Besiegten), zu marginalisieren (für die Geschichte ohne Belang, formale Spielereieti). Die Gegenwart manifestiert sich den Tätern in der Tatsache von Siegerinstanzen, die sie zur Selbstbetrachtung zwingen — Generalfeldmarschall Kesselring vermittelt dies etwa in der Attitüde desjenigen, der die Vergangenheit in der Kategorie Geheimnis des Lebens fasst, sich selbst damit als Rätsel vorstellt und insofern ein Entschuldungsmuster konstruiert, das Gewicht erhält, indem er eine Gleichsetzung von Gegenwart mit Erkenntnis impliziert — jener General, der 1947 wegen Geiselerschießungen von einem britischen Gericht zum Tode verurteilt, zu lebenslänglich begnadigt und 1952 freigelassen wurde: Jahre verbrachte ich in Lagern, Gefängnissen — ein W eg, den ich gehen mußte, um hinter die Geheimnisse dieses Lebens z}' schauen, so dünkt es mich heute, nachdem mir in diesen fahren reichlich Gelegenheit zum Nachdenken gegeben ward! (Kesselring 1953, S. 9) Wer diese Gegenwart nicht derart lebensrettend für sich zu rationalisieren vermag, muss die Selbstwahrnehmung des Unterlegenen verarbeiten, der sich Anklagen und Schuldvorwürfen gegenübersieht und dem Selbstverteidigung aufgegeben ist: Wie soll.. ein Mensch, für den das Wissen vom Brecht zu einem Teil seiner Existenz geworden ist, das bloße Faktum, ja die bloße Möglichkeit einer totalen Entrechtung ertragen, gleichgültig, wen sie im einzelnen Fall trifft? Und wenn sie ihn selber t r i f f t , dann enthält die Lage des entrechteten Juristen, des zum outlaw gemachten lawyers, des hors-la-loi gesetzten Legisten doch wohl noch einen besonders herben Zusatz, der ζu allen anderen physischen und psychischen Qualen hinzutritt, einen Stachel des Wissens, der die brennende Wunde immer von neuem entzündet. (Schmitt 1945-47, S. 60) Der Kronjurist der Diktatur, Carl Schmitt, ergeht sich in Selbstgerechtigkeit und leitet das Recht dazu aus seiner Profession ab in den Kategorien der zugemuteten Identität (totale Entrechtung, entrechteter Jurist, %um outlaw gemachter lawyer, hors-la-loi gesetzter Legist) und der beanspruchten Identität {das Weissen vom Recht Teil seiner Existenz). Unter dieser Voraussetzung artikuliert er seine Selbstsicht — das Jagdszenario des Gehetzten und schließlich Gefangenen gibt für ihn das Vergleichsmotiv für den zeitgemäßen Zwang ab, Fragen zu beantworten: wir fhabenf heute genug uns selber betreffende Fragen ς» beantworten, die uns von den verschiedenartigsten Stellen her gestellt werden. Das Motiv der Fragestellung ist meistens, uns selbst in unserer Existenz in Frage zu stellen. .. Wie sich ein Mensch in der Lage des gehetzten Wildes zu verhalten hat, ist ein trauriges Problem für sich. Ich will nicht weiter darüber sprechen. (Schmitt 1945-1947, S. 77)

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Schmitt also, der seine Gegenwart in den auf sich selbst verweisenden Formeln totale Entrechtung, V(u?n outlaw gemacht, hors-la-loi gesetzt, gehetztes Wild fasst, formuliert in der für ihn typischen Manieriertheit, was wohl für Täter überhaupt gilt: Gegenwart ist die Zeit des Leidens, des zu Unrecht angeklagt Seins. Gegenwart ist die Zeit der Stigmatisierung, der Wehrlosigkeit, des Rechtfertigungszwangs und des Selbsttrostes, des Selbstmitleids. Und wenn Schmitt behauptet, die "Lautsprecher von heute [sind] für mich ebensowenig eine Instant .., wie die Lautsprecher von gestern (ebd., S. 23), dann wird durch diese Schein-Parallelisierung in der Attitüde des geistig Unabhängigen nicht die Vergangenheit, sondern die Gegenwart denunziert. Wir sehen: Denunzierung der Gegenwart ist die Strategie der Täter, sich diese Gegenwart anzueignen. Selbstgerechte Attitüde kennzeichnet Täter, sie wehren ab, suchen zunichte zu machen, was für ihre Gegenwart bestimmend ist, die Anklage — ohne Selbsteinsicht: ungerechtfertigte Anklage' und ,unberufene Ankläger' sind die argumentativen Muster gegenwartsbezogener Interpretationen der Täter. Gegenwart als Scharnier zwischen Vergangenheit und Zukunft ist für Täter nicht, wie für (vor allem politische) Opfer, der Beginn der Zukunft, sondern die Zeit, in der Vergangenheit zu einem für sie katastrophalen Ende kommt. Insofern die Gegenwart für Täter unter dem Zeichen %um outlaw gemacht eine Zeit des ihnen widerfahrenden Unrechts ist, denunzieren sie folgerichtig die Gegenwart und ihre Repräsentanten. Während Opfer ihre Gegenwart unter dem Zeichen Freiheit als auf das Leiden der Vergangenheit folgende Konsequenz feiern und in der Diktion von Feststellung und Sachlichkeit vermitteln, fassen Täter die Haltung, die sie zu ihrer Gegenwart als Gefangene haben, nämlich ,zu Unrecht', in die denunzierende, die Gegenwart diffamierende Diktion von Schmähung und Abwertung. Diese erfordert Argumente, die sie durch die Konstruktion scheinlegitimierender Kontinua oder durch die Anklage unrechtmäßiger Zerstörung der Vergangenheit vorbringen. Was beim gegenwartsbezogenen Täterdiskurs also Einheitlichkeit schafft, ist die die Gegenwart denunzierende Haltung, die sich sprachlich variierend ausdrückt.

5.3. Nichttäter: Abgmnd der Vergangenheit — Berggrat der Zukunft Wenn Walter Dirks als die elementare Frage unserer Zeit formuliert: wie sind wir dahin gekommen, wo wir jet^t stehen? .. wie kommen wir wieder heraus, ^uriiek ψ einer echten Ordnung, Sinn und Wert (Dirks 1946, S. 193), dann formuliert er das zentrale Erkenntnisbedürfnis seiner vor allem intellektuellen Zeitgenossen, das sie seit dem Mai 1945 öffentlich artikulieren und das noch im Jahr 1954 besteht: Die Vergangenheit ist noch nicht Vergangenheit.

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Sie ist.. auch nicht mehr Gegenwart; die istjäh und plötzlich ψ Ende gegangen. Ein Abgrnnd liegt fischen ihr und dem Heute (Freund 1954, S. 316). Was bedeutet Gegenwart und damit Umbruch 1945 für die Nichttäter? Zerschlagung eines diktatorischen Systems, Ende eines brutalen Krieges, Vernichtung eines Staates, Offenbarung unvorstellbarer, von Deutschen begangenen Gräueltaten - das sind die schlagwortartig zugespitzten Gegebenheiten, welche als politische und gesellschaftliche Faktoren und damit als diskursive Ereignisse ihren Sprachgebrauch in der frühen Nachkriegszeit bedingen. Der katholische Nationalökonom und Soziologe Alfred MüllerArmack besteht auf dem Gegenwartsbezug, ,Diagnose unserer Gegenwart' heißt seine Zeitkritik und dokumentiert ein Bewusstsein von der Gegenwart als verpflichtender Instanz. Wenn er mahnt, die Gegenwart nicht zu vernachlässigen, dann ruft er dazu auf, sie nicht als Durchgang zu verstehen, sondern ihre Eigenständigkeit zu beachten, ihren Wert als Scharnier zwischen Vergangenheit und Zukunft als Folge von Vergangenheit und als Voraussetzung für Zukunft: [Gewisse Richtungen der christlichen Theologie, die sozialistische Entwicklungstheorie und die liberale Fortschrittsidee] entwerten alle .. die Gegenwart zugunsten eines l'ergangenen oder Künftigen. Es ist doch nicht einzusehen, weshalb, da die l Vergangenheit aus einer Folge friiherer Gegenwarten sich zusammensetzt und die Zukunft aus einer Folge künftiger Gegenwarten besteht, die heutige Gegenwart einen grundsätzlich geringeren Akzent erhalten soll, (Müller-Armack 1949, S. 26f.) Weil der Mensch aus der Gegemvart in die Vergangenheit und Zukunft blickt, kann nur aus dieser Perspektive .. das geschichtliche Eeben richtig begriffen werden (ebd., S. 27). Mit einer solchen, betont auf das Jetzt als Bewusstseinskategorie referierenden Haltung also nehmen die Nichttäter deutsche Nachkriegsgegenwart wahr — Gegenwart als ihre zentrale Bezugsvokabel ist Schlüsselwort. Es ist dies die Wahrnehmung, die — im Gegensatz zu der der Opfer und der der Täter — weniger auf persönliche Befindlichkeiten, als vielmehr auf gesellschaftlich-politische Erscheinungen gerichtet ist. Freilich: Die hier beigezogenen Nichttäter reden nicht mit vollkommener Distanz, suggerieren nicht vollständiges persönliches Unbeteiligtsein. Aber sie, und sie vor allem, beziehen den 8. Mai 1945 und die konkrete Veränderung der Wirklichkeit, wenn sie diese im Sinn sie persönlich betreffender neuer Umstände bewerten, auf ihre immateriellen Lebensbedürfnisse. Dann nehmen sie Gegenwart wahr als geistige und kommunikative Befreiung. Seit dem Zusammenbruch des Nationalsozialismus reden und schreiben sie angstfrei, kommunizieren vorbehaldos, referieren auf den real vernichteten Nationalsozialismus und auf das wirkliche Kriegsende: die Kektoratskette [die zum erstenmal nach vielen fahren] ivieder den Talar eines Dieners der Wissenschaft, und nicht die braune Uniform eines Parteiredners [schmückt] (Plank 1946,

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S. 3), wird vermerkt, und: Es klingt plötzlich alles gan^ anders; die S^ene hat geivechselt (Jaspers 1946, S. 117). Es ist die Wahrnehmung der Nichttäter, die jenseits der Bedingungen ihrer physischen Existenz das Ende von Nationalsozialismus und Krieg als Faktoren einer Veränderung ihres geistigen Daseins feiern. Karl Jaspers fühlt den Geist befreit: jet™t dürfen wir wiederfrei denken und reden (ebd., S. 118) und beschwört zu Beginn des Wintersemesters 1945/46 seine Studenten, sich dieser Erkenntnis nicht zu verschließen, sie mögen die Möglichkeit.., .. daß es sich jet^t doch wirklich im Wahrheit handle (ebd., S. 117) erkennen. Auf der Kirchenkonferenz im August 1945 in Treysa ist man bereit, das Ende von Nationalsozialismus und Krieg als Gottesbeweis zu preisen — Oer Herr hat uns mit mächtiger Hand aus der Knechtschaft in die Freiheit geführt! Des sind wirfröhlich! (Dibelius 1945, S. 117) — und die seitherigen Veränderungen zu feiern: Nun ist die Tür wieder aufgegangen .. drückende Fesseln gefallen .. Die bisherige Gefangenschaft hat geendet (Treysa-Beschlüsse 1945, S. 88); wir kommen heute doch bei offenen Türen ^usammen; .. Ein Stück Weges sind wirjedenfalls in die Freiheit geführt. .. herausgeführt aus der alten Not. (Dibelius 1945, S. 112) Gegenwart also, das ist auch für die Nichttäter Befreiung und Freiheit, in der die Kategorien von früher (vgl. das Kontinuität stiftende Schlüsselwort iviedef·5) erneut Gültigkeit haben. Gegenwart ist außerdem Selbstreflexion. Wer nachdenkt, sucht sich selbst einzuordnen, zu positionieren, aber auch zu heben auf das Reflexionsniveau des Prinzips. Gollwitzer, der seine Befindlichkeit während der Kriegsgefangenschaft und die zur Zeit ihrer Niederschrift überein zu bringen trachtet, fragt: Was ist dasfür eine Glaswand, die die Zeiten scheidet, die sich doch jettg in mir berühren, da ich dies beides, das Damals und das Jet^t doch selbst bin, das Damals nicht weniger als das Jet^t? Was ist die Zeit? Was ist l'ergangenheit und Gegenwart? Was ist unsere Existenz in der Zeit? .. Wieso war ich das eine damals und bin ich das andere heute? Was ist denn eigentlich dieses ,war' und ,bin'? Für andere, die mir ans Herangewachsen sind.., ist das Heute noch ihr Jet^t, was für mich heute mein Damals ist, und weil es für sie jet^t noch Gegenwart ist, darum kann es auch für mich nie gans^ t?ur l'ergangenheit werden, — und wenn es auch für sie einmal, wie wir hoffen, vergangen sein wird, dann wird es für viele andere noch Gegenwart sein. Und was wissen wir, was für uns noch ~ur Gegenwart werden wird und ob wir nicht wieder einmal aus Gittern und Stacheldraht in die unerreichbare, vergangene Freiheit starren werden, wenn das heutige Jet^t sum Damals geworden sein wird! (Gollwitzer 1951, S. 339f.) Gleichzeitigkeit des Ungleichzeitigen (Zeiten, die sich doch jet^t in mir beriihren), Kontinuität der persönlichen Existenz und vollständiger Wandel ihrer Bedingungen (bin ich das andere heute) sind die widersprüchlichen Bewusst-

YVodak u.a. (1998) beschreiben es als Realisationsmittel der "Kontinuation", eine Substrategie der Bewahrungsstrategien (S. 87).

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seinslagen, die gleichzeitig das Lebensgefühl derjenigen bestimmen, die — wie Gollwitzer — das Jahr 1945 als Bruch wahrnehmen, dessen Radikalität jedoch vor der persönlichen Kontinuität Halt macht, das Lebensgefühl derjenigen, die — wie Karl Jaspers — Innen- und Außenwelten nicht überein bekommen: Wie wunderlich würde es Ihnen vorkommen, ivenn Sie hier in unsere Wohnung kämen, schreibt er am 2. Dezember 1945 an seine Schülerin Hannah Arendt, dieselben Räume, als ob nichts geschehen wäre. Sie könnten wieder an meinem Schreibtisch auf dem Stuhl sitzen, wie einst als Doktorandin. Und doch ist alles anders, nur ein gespenstisches Fortdauern von Äußerem aus der Vergangenheit in diese verwandelte Welt. (Arendt-Jaspers-Briefwechsel, S. 61f.) Gegenwartswahrnehmung der Nichttäter bedeutet vor allem, Gegenwart überindividuell und abstrakt zu deuten und zu bewerten, emphatisiert mit den stets wiederkehrenden Zeitdeiktika heute, das/unser Heute, heutig und jet^t, unsere/in dieser/in solch einer Zeit und Zeit, in der wir stehen/ die wir durchleben, nun, unsere Tage und in dieser Stunde. Besonders Nichttätern, denen — gemessen an Tätern und Opfern — die neue Wirklichkeit der Gegenwart weniger materielle bzw. äußerliche Veränderungen bringt, gelingt es, mit diesen Schlüsselwörtern eine entindividualisierte Beziehung zu ihrer Gegenwart herzustellen, die ,materielle' Realität der Nachkriegszeit in Beziehung zu Außersubjektivem zu setzen, die Not und die Ungewissheit in einen historischen Kontext von Kausalitäten zu stellen und ihr Denken auf Allgemeingültiges zu richten. Damit schaffen sie sich Prämissen der Argumentation, denn sie haben ein Anliegen, ein Argumentationsziel, welches, wir werden es sehen, die Bereitschaft voraussetzt, sich — und das bedeutet: die deutschen Zeitgenossen — nicht der Desolation zu überlassen. Folgerichtig formulieren sie dieses Grundbedürfnis vieler, die als Angehörige der Funktions- und Interpretationselite versuchen, die deutschen Dinge zu klären, wie der Sozialdemokrat Karl Geiler: Dieses Heutige, Diesseitige, .., istja nur ein Teil unseres Gesamtdaseins, das auch die geistig-seelische Welt und damit sowohl das Vergangene wie in gewissem Sinne auch das Künftige mit umfaßt. Je mehr wir uns der Gan^jjeit unseres Daseins in diesem Sinne bewußt sind, desto weniger kann das Heutige, Niederdrückende Gewalt über uns gewinnen, desto freier vermögen Geist und Seele in uns ihre Schwingen s^u entfalten, .. Aus einem solchen Welterleben .. hat sich .. unsere innere substantielle Haltung der Gegenwart gegenüber ergeben. Um sie näher ^u bestimmen, ist es nötig? sich darüber klar *u werden, wo wir r^eit- und geistesgeschichtlich heute stehen. (Geiler 1947, S. 172f.) Dieses Grundanliegen, die Deutschen nicht sich selbst und ihrer Desolation überlassen — um dieser Deutschen willen? Jedenfalls sollen die Alliierten sich nicht vergeblich um Deutschland bemühen. Sich dariiber Mar werden, wo wir ^eit- und geistesgeschichtlich heute stehen — das Umbruchbewusstsein der Interpretations- und Funktions elite prägt der Realismus derjenigen, die nach dem Desaster erkannt haben: Die Deutschen haben keine Wahl. Zu

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einer Positionsbestimmung gibt es keine Alternative. Nur, wenn die Deutschen Reflexions- und Erkenntnisbereitschaft zeigen, haben sie eine Zukunft, nur, wenn sie sich zu den zeitlichen Verhältnissen in Beziehung setzen: zur Vergangenheit, was bedeutet, Verantwortung übernehmen; zur Gegenwart, was meint, sich nicht dem Desaster überlassen; zur Zukunft, was heißt, den Weg von Demokratie und Frieden gehen. Zur Durchsetzung ihres Anliegens — Rehabilitierung der Deutschen vor der Welt 26 — müssen sich die Nichttäter profilieren. Das tun sie im Zuge ihrer Gegenwartsreflexionen, indem sie zum einen über ,die Deutschen in der Gegenwart', zum andern über ,die Zeit, in der wir leben' reden. Das sind geeignete Gegenstände, sich zu positionieren, eine Haltung zur Gegenwart auszudrücken, die den Alliierten willkommen sein muss. Und: Es sind dies Gegenstände, deren diskursive Funktion darin besteht, nachzuweisen, dass Vertrauen in diese Nichttäter gerechtfertigt ist.

5.3.1. Die Deutschen in der Gegenwart Mit ihrem Reden über ,die Deutschen' grenzen sich die Intellektuellen von ihnen ab. Sie bemühen sich nicht um die Aufhebung von Grenzen: wir tragen auch schwer an den Folgen des allgemeinen Zusammenbruchs und es liegt uns allen genau so nahe wie den übrigen, die Flinte ins Korn ψ werfen (Diem 1947, S. 52). Wir und die übrigen — die hier redenden Nichttäter sind der Nachkriegsgesellschaft fern, über die sie aus erhabener Position reden. Der Heimkehrer in Walter Kolbenhoffs Roman geht durch die Straßen, seine Befindlichkeit und die seiner Mitmenschen auslotend. Er wird getragen von Optimismus und starkem Selbstvertrauen: Ich fühle, daß wir inmitten der gewaltigsten Revolution unserer Geschichte stehen .. Unsere Zeit hat l Verzweiflung und Untergangsstimmung und Optimismus und Glück wie keine Zeit %uvor. Ich werde schon durchkommen, ich werde sie schon überstehen, .. wir stehen vor einem Anfang, der so versprechend ist in seiner Gewalt, daß man nicht anders sein kann als stark und optimistisch .. Das Unheil liegt hinter uns, jetzt nur noch hindurch durch den Schutt. (Kolbenhoff 1949, S. 91) Von dieser Warte beobachtet Kolbenhoff seine Mitmenschen: sie liefen neben mir her, und sie kamen mir entgegen. Ihre Gesichter ivaren vor Gram zerjressen, sie starrten mit finsteren, hoffnungslosen Gesichtern ins Feere .. niemand von ihnen stellte sich die Frage: Warum haben wir eins aufs Dach bekommen? .. Sie nahmen den Das Misstrauen der Welt gegen die Deutschen ist, mit Kopperschmidt, die von den Nichttätern als „Problemlage" empfundene Ausgangssituation ihrer Argumentation, die zum „Kristallisationspunkt" ihrer „problembezogenen Reflexionsanstrengungen" wird (Kopperschmidt 1989, S. 58) und die zum Ziel eben jene Rehabilitation hat.

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Schlag an und ließen es ψ, wenn tiefe Hoffnungslosigkeit und Verzweiflung in sie einkehrte .. Warum sagten sie nicht: Ό as Unheil liegt hinter uns, wir haben es selbst verschuldet, aber wir sind stark und tüchtig und müssen unsjetzt durch den Übriggeblieb ene η Schutt durcharbeiten? (ebd., S. 91 f.) In ebenso eindeutiger Abgrenzung tadelt der Philosoph Julius Ebbinghaus in seinem Ende Mai/Anfang Juni 1945 für den Rundfunk verfassten und im August 1945 von Radio Luxemburg gesendeten Vortrag ,Der Nationalsozialismus und die Moral' diejenigen unserer handskute, die jet^t endlich anfangen, aus dem finsteren Traume des Nationalsozialismus aufzuwachen. Julius Ebbinghaus erstaunt sich über den immer wieder zu hörenden Ruf, mit dem sie ihre frühere Haltung zu rech fertigen meinen: Ja, wenn wir das gewußt hätten! Und er urteilt über die nur allzu willigen Deutschen (Ebbinghaus 1945e, S. 13): fleh] bin .. keineswegs überzeug davon, daß sie, wenn sie wirklich die Greuel der Konzentrationslager haargenau gekannt hätten, dadurch in dem Glauben an ihren Helden itre geworden wären (ebd., S. 9). Theodor Litt 27 rügt den Hang zum Selbstbetrug seiner Zeitgenossen: Oer Mensch ist unerschöpflich in den Künsten der Selbsthintergehung, wenn es darauf ankommt, sich den Anblick seines ungeschminkten Selbst zu ersparen. Es sind nicht zum wenigsten diese Verkleidungskünste, die die Gewissensforschung unseres l 'olkes nicht recht vom Fleck kommen lassen. (Litt 1948, S. 77) Elitebewusstsein bestimmt das Denken der Intellektuellen und schafft Abstand zu jenen, über die sie reden. Die Nichttäter nehmen mit ihren Stellungnahmen zur Nachkriegsgegenwart die allgemeine Stimmungslage auf, die sie genau beobachten, und sie tun dies, wie zurückgekehrte Emigranten. Wie sie schauen die Nichttäter auf ihre deutschen Landsleute und kommentieren deren Befindlichkeiten. Alfred Döblin ist solch ein kurzfristig zurückgekehrter Kommentator: Oamals [nach dem ersten Krieg] flutete eine Welle von Spannung und Erregung in den Frieden hinein. .. Man fühlte, es wollte sich etwas erneuern. Jetzt sieht undfühlt man: eine Feuersbrunst hat sich ausgerast und hat einen schwarzen verbrannten Boden, Ruinen und Krater hinterlassen. .. die Menschen [stehen] matt und unsicher herumf..] und versuchen, zu sich Λ» kommen. Sie sind in eine sonderbare Pause der Isolierung eingetreten. Die bat ihre Fein und ihre Schrecken, aber auch ihre Vorziige, ihr Gutes. Denn jetzt kann sich keiner hinter einer ,Beilegung' verstecken. .. kein Urztistand, sondern ein Restzustand, ein Folgezustand, der aber Heilsames in sich trägt. Was soll man tun? Wie so/1 man sich retten? (Döblin 1946, S. 230f.) Es sind die momentanen Befindlichkeiten, Seelenlagen, Haltungen zu der desperaten Nachkriegssituation, welche die geistige Elite bei den Nachkriegsdeutschen nicht nur wahrnimmt und kommentiert, sondern mit Dass auch er, wie so viele, am 11. November 1933 das „Bekenntnis der Professoren an den deutschen Universitäten und Hochschulen zu Adolf Hider und dem nationalsozialistischen Staat" (vgl. Klee 2003, S. 375) abgelegt hat, macht Litt nicht zu einem l ater.

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dieser Thematik darüber hinaus sich selbst als Gruppe konstituiert. Welche Züge im Denken der Nachkriegsdeutschen, welche Dispositionen, welche Haltungen und Einstellungen werden wahrgenommen? Selten positive, nur Politiker, die geliebt und gewählt werden wollen, markieren sie. Bereits 1945 lobt Adenauer Bürger, die, nachdem sie sich von der ersten Erschütterung erholt haben, mit Mut und Vertrauen darangegangen sind, sich eine neue Existenz schaffen (Adenauer 1945, S. 80). Wie Adenauer die Kölner preist Wilhelm Pieck in seiner Antrittsrede am 11. Oktober 1949 die besten Τ- rer1reter der deutschen _Arbeiterklasse, die .. mutig und entschlossen schon an die Aufbauarbeiten gingen, als die Trümmerstätten in unseren Städten und Dörfern noch rauchten. .. Zu den besten I rertretem der deutschen Arbeiterklasse gesellten sich die besten aktivsten Deutschen. Intellektuelle, Angestellte, fortschrittliche Menschen aus allen Schichten des l rolkes arbeiteten unter den schwierigsten Lebensverhältnissen, von dem Willen erfüllt, unser l rolk aus seiner tiefsten Not herauszubringen. (Pieck 1949, S. 297) Und der Gewerkschafter schließlich findet: die Arbeitnehmer [sind] nicht verzweifelt. Sie haben die stumpfe Lähmung, die sich des ganzen Volkes bemächtigen drohte, abgeschüttelt und haben, im festen Glattben an die guten Kräfte unseres lrolkes, selbstlos gearbeitet .. um .. das Gan^e retten (DGB 1949, S. 184). In der Regel aber werden die negativen, die unerwünschten Dispositionen kommentiert, allererst die Lähmung der Deutschen, ihr Nihilismus, ihre Verzweiflung und Verzagtheit — das sind die Kategorien, mit denen die Interpretationselite das Denken und Fühlen ihrer Zeitgenossen beschreibt: Es läßt sich nicht leugnen, daß angesichts derfurchtbaren, auswegslos scheinenden Not eine Stimmung der lrer^agtheit, die an l ren^veiflung grenzt, sich weiter Kreise unseres Volkes bemächtigt hat.. bei einem Teile derjüngeren Generation sogar eine Neigung zvm Nihilismus (Pribilla 1947, S. 87f.). Vor allem aber wird diejenige Haltung der deutschen Nachkriegsgesellschaft herausgestellt, die nachfolgend und bis heute benannt wird, wenn es gilt, das Erscheinungsbild ,der' deutschen Gesellschaft, ,der Deutschen' in der Nachkriegszeit zu beschreiben: hohe Vergessensbereitschaft, fehlende Auseinandersetzung mit der jüngsten Vergangenheit, Leugnen von Schuld. Dieses Bild, nicht hören, nicht betroffen, nicht nachdenken, bestimmt den Wahrnehmungsfokus der Nichttäter bereits seit 1945: Es lieg nahe, der Frage sich entgehen. Wir leben in Not, ein großer Teil unserer Bevölkerung in so großer, in so unmittelbarer Not, daß er unempfindlich geworden %u sein scheint für solche Erörterungen. Ihn interessiert, was der Not steuert, was Arbeit und Brot, Wohnung und Wärme bringt. Der Horizont ist eng geworden. Man mag nicht hören von Schuld, von Vergangenheit, man ist nicht betroffen von der Weltgeschichte. Man will einfach aufljören s y leiden, will heraus aus dem Elend, will leben, aber nicht nachdenken. Es ist eher eine Stimmung, als ob man nach so furchtbarem Leid gleichsam belohnt, jedenfalls

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getröstet werden müßte, aber nicht noch mit Schuld beladen werden dürfte (Jaspers 1946, S. 133). Karl Jaspers betitelt seine erste Vorlesung nach seinem erzwungenen Verstummen im Wintersemester 1945/46 bekanntlich ,Die Schuldfrage' und sein Bemühen, den vermeintlichen Kollektivschuldvorwurf der Alliierten zurückzuweisen und gleichzeitig dennoch eine ,deutsche Schuld' festzustellen, bilden das Szenario seiner Analyse. Zu deren Vorbereitung dient u.a. dieser Kommentar — verständnisinnig und vorwurfsvoll zugleich. Verständnis und Vorwurf - kaum eine andere Einstellungsbekundung zu der Haltung der Zeitgenossen belegt in dieser Deutlichkeit die intellektuelle Distanz zum Objekt ihrer Betrachtung — ihre deutschen Zeitgenossen, auch wenn mit einem verführerischen uns diese Distanz scheinbar geleugnet wird: Zwölf Jahre sind nicht über Nacht abzuschütteln, diese zjvölf Jahre nicht. Die große Gefühlslähmung, die Apathie, die Verstörtheit und die Skepsis gegen alles undjedes sind die sehr natürlichen Reaktionen aller derer, die sich zunächst abschließen müssen, um die Nachwirkungen des Tollhauses s^u überstehen, dem sie zwölfJahre angehörten. Das begleitet uns ja noch immer, Tag um Tag, Jahr um Jahr, in seinen Opfern und in der Unfaßlichkeit seiner Greuel. (Windisch 1946, S. 102) Mit dieser Analyse bestätigt der Zeitkritiker Hans Windisch, was als das moralische Defizit der Deutschen nach 1945 beschrieben wurde, ihre ,zweite Schuld' (Giordano). Dieser zeitgenössische Kommentator allerdings verurteilt diese Befindlichkeit nicht als Defizit, sondern bewertet sie als natürliche Reaktion. In dieser Weise psychologisiert man allenthalben. Der Moraltheologe und Jesuitenpater Max Pribilla erkennt in der Weigerung zur Reflexion den Grund für die Schweigsamkeit der Deutschen — Die Deutschen .. sind schweigsam geworden — um dann mit einer ungeordneten Reihe von Ursachen (Krieg, Zerstörung, Verbrechen), Folgen (Erniedrigung, Verarmung, Hungersnot, Zusammenbrach, Wiirdelosigkeit, Schuld) und Befindlichkeiten {Zerrissenheit, Verlassenheit, Verzweiflung, Trot^ Verbohrtheit, Verblendung, Massenwahn) die deutsche Nachkriegslage zu beschreiben: Sie fühlen sich wie von unsichtbaren Mächten in einen Wirbel geschleudert von Krieg, ZerstörungErniedrigung, Verannung, Hungersnot, Zusammenbruch, Zerrissenheit, Verlassenheit, I- Verzweiflung, Würdelosigkeit, Trott,j Verbohrtheit, I rerblendung, Massenwahn, Schuld, ΐ''erbrechen usw. und tragen zugleich schwer an dem bedrückenden und beschämenden Bewußtsein, sich selbst mutwillig in diesen Wirbelgestürmt zu haben. Dieser Momentaufnahme schließt sich die Konklusion an: Und doch erscheint nach dem jähen Erwachen alles so unwirklich, so unfaßbar wie ein böser Traum, den man verscheuchen möchte. Darum sind die Deutschen so stumm, so lebund regungslos; sie wissen nicht, was sie antworten sollen. Etwas so Entsetzliches ist über sie hereingebrochen, daß es ihnen die Sprache verschlagen hat. Sie suchen ihm z>< entrinnen, indem sie den Blick davon abwenden und sich in die vielen drängenden Sorgen des Alltags verHeren. I lelleicht finden sie dort Schut~ .. vor der bangen Befürchtung, daß etwas bei

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dem deutschen l rolke nicht stimmt, und %var in den Grundlagen seines ganzen Daseins. (Pribilla 1947, S. 45) Abgesehen davon, dass Pribilla mit seiner Situationsanalyse hin zu dem Thema leitet, das ihn eigentlich bewegt und das ein wesentlicher Fokus des Schulddiskurses ist - daß etwas bei dem deutschen Volke nicht stimmt.. in den Grundlagen seines ganzen Daseins28 — erkennen wir hier exemplarisch: Die Funktions- und Interpretationselite der frühen Nachkriegszeit benennt, was später als Verdrängungsmotiv beschrieben wurde. Den Deutschen konnte gar nichts Besseres passieren, als die vollkommene Zerstörung von Städten und Existenzen — die Sorge ums Uberleben ist Vorwand, die blindwütige Aufbaulust ist Kompensation. 29 Solche Bewertungen kollektiver nachkriegsdeutscher Verweigerung durchziehen den Diskurs über den gesamten hier betrachteten Zeitraum. 30 Schlußstmh, beiseitegeschoben, sich der Besinnung entzogen, vergessen wollen, dumpfe l^ethargie — das sind die das moralische Defizit der nachkriegsdeutschen Gesellschaft bezeichnenden Stereotype. Indes: Die Interpretations- und Funktionselite thematisiert nicht nur beklagend ihrer deutschen Zeitgenossen Resignation und Selbstbezogenheit. Sie mahnt: Man lebt schließlich. Karl Jaspers versteht Überleben als Verpflichtung, und wie die Opfer argumentiert er mit dem Sinn des Uberlebens: Haben wir wirklich alles verloren ? Nein, wir Überlebenden sind noch da. Wohl haben wir keinen Besit^ auf dem wir ausruhen können, auch keinen Erinnerungsbesit^ wohl sind wir preisgegeben im Äußersten; doch daß wir am lieben sind, soll einen Sinn haben. \ or dem Nichts raffen wir uns auf. (Jaspers 1945a, S. 3)

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Es ist dies die Formulierung einer Erkenntnis von einer deutschen Disponiertheit zum Nationalsozialismus, die sein Entstehen und seinen zwölfjährigen Bestand im deutschen Volk erklärt. Diese Erklärung resultiert aus der Analyse deutscher Nationalstereotype - wir kommen darauf zurück (s.u. Kapitel 6.3.2.1.). Vgl. Mitscherlich/Mitscherlich: „Die Verbissenheit, mit der sofort mit der Beseitigung der Ruinen begonnen wurde und die zu einfach als Zeichen deutscher Tüchtigkeit ausgelegt wird, zeigt einen manischen Einschlag." (1965/1994, S. 40) Reichel verweist auf die Holgen dieses Phänomens: „im stark gegenwartsorientierten Bewusstsein einer Gesellschaft, die sich als ,modern' verstand und vor allem an Wiederaufbau und Wirtschaftswachstum, an Konsum, Freizeit und Unterhaltung dachte, verblassten die Schreckensbilder der Vergangenheit, lösten sich die Konturen der anfangs dämonisierten Hitler-Diktatur a u f (Reichel 2001a, S. 19). Hinter das. was eben erst war. wurde eilends der Schlußstrich gezogen, die Vergangenheit wurde beiseitegeschoben als lästige, peinvolle Erinnerung (Aich 1947, S. 6); So entzogen sich große Teile des deutschen Volkes nach dem Zusammenbrach 1945jeder echten eigenen Tiesinnung und warteten in den wesentlichen Fragen auf die Entscheidung der Mächte, .. die damit für die seelische Grundhaltung der Deutschen .. Verantwortung übernahmen (Osterloh 1950, S. 375); Sie wolkn vergessen, auch ihre Mitschuld, die in ihrer Passivität gelegen hat. Aber .. das Ausland hat nicht vergessen! (Adenauer 1952b, S. 242); der gründliche Wandel in der Bewußtseinsstellung. daß die einstige enthusiastische Glaubenssehnsucht der mittleren Generation in Deutschland, die einmal hinter dem Banner des Nationalsozialismus marschierte, sich in dumpfe Eethatgie verwandelt hat, die immer noch anhält. (Schoeps 1953, S. 30)

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Hans Erich Nossack, der Dichter, sucht nach Ausdruck und findet ihn in seinem Tagebucheintrag vom 3. Dezember 1946 mit einer komplexen Metapher, die Naivität (Kind) und Schuld (ein Spielzeug ^erbrach), Neugier (Staunen) und Unwissen (den Mechanismus sieht) verwebt: Was heute — d.h. in dieser Minute, denn morgen kann es schon anders sein - ~um Ausdruck gebracht werden müßte, ist, daß alles in Triimmern liegt, aber der Mensch noch da ist. Also ein gewisses Staunen, das Staunen eines Kindes, das ein Spielzeug ~erbrach und den Mechanismus siebt. (Nossack 3.12.1946, Tagebücher 1943-1977 I, S. 89) Ein ähnliches Bild für Zerstörung und Hoffnung findet Theodor Heuss 1948 - Ε ine Welt, die deutsche Welt, ist ^erbrochen, aber ihre Glieder sind noch da (Heuss 1948, S. 17), Spielzeug ist hier Welt, zumindest deutsche Welt. Die sie zerbrachen und die Wirkung bleiben unbenannt. Der Ausdruck des Politikers ist karge Feststellung im Gegensatz zu dem des humorvollsarkastischen Dichters, der diese Haltung des ,Dennoch' im Gewand satirischer Lyrik vermittelt: ja, das wär nun der/bekannte Untergang des Abendlandes!/../Hin ist hin! Was ich habe, ist allenfalls:/../ich habe den Kopf, ich hab' ja den Kopf/noch fest auf dem Hals./../Tausend Jahre sind vergangen/samt der Schnurrbart-Majestät./Und nun heißt's: l ron vorn anfangen!/ Vorwärts marsch! Sonst wird's ψ spät!/../Denn wir hab'n ja den Kopf, denn wir hab'n ja den Kopf/ noch fest auf dem Hals. (Kästner 1946, S. 94f.) Erich Kästner ist der Verfasser dieses mit „Marschlied 1945" betitelten Durchhaltegedichts. Er denkt den Prospekt als „Landstraße. Zerschossener Tank im Feld", vorgetragen von einer ,,junge[n] Frau in Männerhosen und altem Mantel, mit Rucksack und zerbeultem Koffer" (ebd.). Den Kopf auf dem Hals — das ist die populäre Phrase, der Jaspers' wir Überlebenden sind noch da und wir sind am lieben und Nossacks der Mensch ist noch da und Heuss' ihre Glieder sind noch da entsprechen. Die Botschaft ,den Kopf hat das Unternehmen Hitler-Diktatur nicht gekostet' ist allen gleich, und noch da ist die, diese Zuversicht begründende Verbindung. Karl Geiler, erster Ministerpräsident von Hessen, hat am ,Tag der jungen Generation' am 18. Mai 1946 zu einer Begegnung zusammengerufen und mahnt, auch in der ernsten Lage, in der wir uns befinden, um Deutschlands und auch um Kuropas willen den Mut nicht sinken lassen .. um mit der lettfen Entschlossenheit des Kebenswillens den Blick von dem Abgmnd der l'ergangenheit hinweg auf den steilen Berggrat der Zukunft ψ wenden, die vor uns lieg. (Geiler 1946a, S. 111) Mut ist Geilers Kampfruf und Argument zugleich, um den Blick auf den steilen Berggrat der Zukunft ψ wenden; und mit der Überzeugung die vor uns liegt reklamiert er trotzige Bereitschaft, das desolate Jetzt zu ignorieren. Haltung .., die die Welt retten kann (Nossack 16.2.1947, Tagebücher 19431977 I, S. 97) ist der Ausdruck Hans Erich Nossacks für diesen Mut, die-

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sen der Menschennatur mitgegebene [η] Wille [η] überleben, dieses ständige ,Dennoch'gegenüber der so häufig fast hoffnungslosen Widerwärtigkeit (Vaubel 1945-49, S. 132f.). Wir sehen: Die Nichttäter analysieren von höherer Warte ihre deutschen Zeitgenossen, erkennen deren Lethargie und Vergessensbereitschaft und suchen sie mit dem Argument ,wir haben überlebt' aufzuheben. Aber (bzw. Synonyme) ist der lexikalische Funktionsträger dieser konzessiven Argumentation der Nichttäter: Die Desperatheit ihrer Zeitgenossen hat keine argumentative Geltung, sie wird als Konzession realisiert. Geltung hat hingegen die mit dem Schlüsselwort aber eingeführte Aussage wir haben überlebt. Es ist dies diejenige Aussage, die zur Erreichung des Argumentationsziels unabdingbar ist.

5.3.2. Die Zeit, in der wir leben Nach einem analogen Muster sind Analysen der ,Zeit, in der wir leben' angelegt. Sie bestehen aus der Inventur des Elends einerseits, dem hoffnungsvollen Prospekt andererseits. Gegenwart ist Elend: In die nasse Elbe, Herr Direktor. Und da babe ich mich mit Elbwasser vollaufen lassen, bis ich satt war. Einmal satt, Herr Direktor, und dafür tot. Tragisch, was? War das nicht ein Schlager für Ihre Revue? Chanson der Zeit: Einmal satt und dafür tot! (Borchert 1947, S. 156)

Hunger, Elend, Trümmer,; Not — Dichter wie Wolfgang Borchert gestalten die Nachkriegswirklichkeit 31 mit den nämlichen Schlüsselwörtern wie die Parteien, die sich des Themas annehmen, z.B. in ihren ersten Texten, den Gründungsaufrufen, die im Sommer 1945 die Deutschen politisieren sollen. Indes ist Profilierung und parteispezifische Positionierung im Zuge einer solchen Bestandsaufnahme im Jahr 1945 nicht möglich, das materielle und seelische Nachkriegsdesaster schafft als festgestellte Tatsache überparteiliche Einigkeit: Wohin wir blicken Ruinen, Schutt und Asche. Unsere Städte sind verstört, weite ehemals fruchtbare Gebiete verwüstet und verlassen. Die Wirtschaft ist desorganisiert und völlig gelähmt. Millionen und aber Millionen Menschenopfer hat der Krieg verschlungen, den das Aitlerregime verschuldete. Millionen wurden in tiefste Not und größtes Elend gestoßen. Eine Katastrophe unvorstellbaren Ausmaßes ist über Deutschland hereingebrochen, und

Künstler fühlen sich ψ ihrer Darstellung im Namen der Wahrheit verpflichtet: .. Wenn in unsern Kunstwerken. die wir heute schaffen, nicht auch die Trümmer, als die unsere Städte um uns herumliegen, erscheinen. diese Kahlheit — oder wenigstens ein Auflehnen gegen diese Tritmmer —, dann sind wir unehrlich" (Nossack 21.10.1946, Tagebücher 1943-1977 I, S. 84). Vgl. auch das von Heinrich Boll noch 1952 vorgebrachte ,Bekenntnis zur Trümmerliteratur'.

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aus den Ruinen schaut das Gespenst der Obdachlosigkeit, der Seuchen, der Arbeitslosigkeit, des Hungers. (KPD 1945, S. 14) Der erste der Gründungsaufrufe ergeht von der KPD 32 , und er stellt vollkommene Zerstörung fest, nicht anders als derjenige der SPD: Der Natffaschismus .. hat das deutsche Volk in tiefster seelischer Qual, in einer unvorstellbaren Not zurückgelassen! Das Gefühlfür 'Rechtlichkeit ist gelähmt! Die nackte Not grinst dem l rolke aus den Ruinen vernichteter Wohnungen und geborstener Fabriken entgegen. (SPD 1945, S. 28) Der SPD-Aufruf stammt von Helmut Lehmann und ist zwar konzipiert als „eine Art Gegentext zum K P D - A u f r u f (Wolgast 2001, S. 47). Was jedoch die Wahrnehmung und Vermitdung der deutschen NachkriegsWirklichkeit betrifft, kann es gar nicht anders sein, als dass die eigentlich polarisierenden politischen programmatischen Texte sich in dieser Hinsicht durch Kohärenzen auszeichnen. Totale Vernichtung stellt auch die CDU in ihrem von Jacob Kaiser entworfenen Gründungsaufruf heraus — Heute aber stehen wir vor einer furchtbaren Erbschaft, vor einem Trümmerhaufen sittlicher und materieller Werte. .. Hitler ließ das Land in Schutt und Verödung ψriick (CDU 1945, S. 11) ebenso wie schließlich die LDPD: Nach zwölfjähriger Tyrannenherrschaft und nach fast sechsjährigem Krieg steht das deutsche Volk vor einem Trümmerhaufen von grauenhaftem Umfang. Inhalt und Tortn des deutschen Gemeinschaflslebens sind ^erschlagen. (LDPD 1945, S. 7)33 So wie die Parteien das Desaster inventarisieren, stellen alle schreibenden und öffentlich redenden Zeitgenossen das Nichts fest und bezeichnen es. 34 Deskriptive Schlüsselwörter also der Nachkriegsinventur, welche 32

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Er wurde unter Mitarbeit von Franz Dahlem von Anton Ackermann im Moskauer Exil verfasst, von der dortigen KPD-Führung beraten und am 7. Juni vom Politbüro der KPdSU (B) „in Anwesenheit Stalins bestätigt" (Wolgast 2001, S. 30). Dieser Aufruf gilt als ein „für den ostdeutschen Kommunismus grundlegende[r] Text" (Herf 1998, S. 40). Dahlem war 1935 bis 1938 zusammen mit Walter Ulbricht und Paul Merker I^eiter des Auslandssekretariats der KPD, 1942 bis 1945 inhaftiert im KZ Mauthausen. Vor ehemaligen Häftlingen des KZ Mauthausen hält Dahlem im Mai 1945 in Wien eine Rede, deren Formulierungen seine Mitverfasserschaft des KPD-Aufrufs bestätigen: Deutschland ist ein Trümmerfeld. Seine Betriebe. Eisenbahnen, Straßen, seine Städte sind weitgehend verstört.. wirtschaftliche Zerrüttung, Oesorganisation von Industrie. Handel, Gewerbe und Verkehr, teilweise Ausblutung der Landwirtschaft, Hungersnot in großen Teilen des Landes, besonders unter der Arbeiterbevölkemng. drohende Gefahr von Massenerkrankungen und Seuchen. (Dahlem 1945, S. 255f.) Diese Rede ging dann „sofort als Direktive zu den Kameraden ins Lager, wo sie der politischen Vorbereitung auf die neuen Aufgaben nach der Befreiung diente" (Dahlem 1980, S. 251). Vgl. zu den allerdings programmatischen Parallelen der Gründungsaufrufe auch Bergsdorf 1983. Wir, die wir keine Zukunft vor uns sehen (Nossack 3.9.1945, Tagebücher 1943-1977 I, S. 68); Und nun stehen wir an den Trümmern des deutschen Hauses, an dem Grabe von so viel Glauben und Hoffen. (Althaus 1945a, S. 252); In uns allen gittert noch nach das Grauen über den furchtbaren Zusammenbruch. den wir durchlebt haben und dessen Auswirkungen uns erst jet~t so recht ~um Bewußtsein kommen. .. Viele Familien .. auseinandergerissen .. \'riele haben ihr Heim und all ihr Hab und Gut per-

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Nachkriegswirklichkeit darlegen und beschreiben, sind allenthalben Trümmer, Ruinen und Schutt, verloren, ^erbrochen und verstört. In solchen Elendsund Notzeiten unumgänglich: Die Sinnfrage wird gestellt, die Trage nach dem Sinn unseres Lebens! Quälend geht sie mehr und mehr durch unsere Reihen (Althaus 1945b, S. 272). Die Sinnfrage der Theologen ist die Glaubensfrage, und die Erschütterung des Glaubens und seiner Fundamente ist gleichbedeutend mit der letzte[ti] und radikale[n] Frage ..: Ist nicht vielleicht alles Täuschung gewesen, ivas unsere Väter geglaubt haben, und was dem Menschenleben und der ganzen Menschengeschichte einen Sinn gab? (Heim 1949, S. 9) Konsequenz dieses Fragens: Ungewissheit — politisch und persönlich — ist dominantes Lebensgefühl. Unsicherheit drückt sich aus in dem Gefühl eines „als ob"·. Als ob der Boden uns noch so zuverlässig trüge wie einst (Bäumer 1946, S. 21). Dass gegenwärtig .. in Deutschland noch alles im Werden, alles im Fluß und weniges .. vorläufig endgültige nichts völlig entschieden ist (Ackermann 1946, S. 352), daß ein Gleichgewicht verstört ist (Steltzer 1947, S. 172). Ausdruck eines allgemeinen Lebensgefühls ist die Vorstellung, in einer Zeit leben], ivelche die äußeren Sicherungen des Lebens verlor und ihren Horizont von Ungewißheiten umstellt sieht.. Nun, wo alles fraglich wurde (Müller-Armack 1949, S. 210). Der Dichter Hans Erich Nossack hat bei den Bombenangriffen auf Hamburg seine Manuskripte sowohl wie seine Existenz, die vom Vater übernommene Fabrik, verloren: wer kann heute von etwas Sicherem in dieser Hinsicht [der äußeren Existentf sprechen (Nossack 21.3.1946, Tagebücher 1943-1977 I, S. 75) fragt er wie viele. Man sucht nach Vergleichen, auch dies ein Umbruchmerkmal: metaphorisches Sprechen, welches, wenn es die sprachliche Repräsentierung der desaströsen Wirklichkeit zum Gegenstand hat, das Herkömmliche präsentiert, den traditionellen Katastrophen-Bildervorrat, die lexikalisierten Finsternis- und Abgrund-Bilder. Das Nichts, es ist das Dunkel, die Finsternis — vor allem Theologen drücken mit diesen Schlüsselwörtern ihr Gegenwartsempfinden aus: Stockfinsternis des unbarmherzigen Geschehens.. in dieser dunklen, unbarmherzigen Welt (Althaus 1945c, S. 282£); in der übergroßen Finsternis der 7.eit (ebd., S. 288); das heutige Düster.. Ounkel, das über unserem l'dterlande liegt (Preysing 1945b, S. 56); in dieser bösen und dunklen Stunde (Kirschweng 1946, S. 5); den dunkelsten Ab-

toren .. stehen vor dem wirtschaftlichen Nichts (Preysing 1945a, S. 43); Deutschland.. vernichtet.. erschlagen .. ausgeschaltet.. verfallen .. deklassiert.. Das Inferno liegt hinter uns. .. Siebzig Millionen stehen vor Trümmern (Windisch 1946, S. 27); dieser Vernichtung bisheriger Gewohnheiten. .. der völligen Entblößung von allen Hoffnungen und Zufluchtsmöglichkeiten .. ein Zuriickgeworfensein aufs Tierhafte und Kreatürliche (Nossack 1.11.1946, Tagebücher 1943-1977 I, S. 88); Das Reich ist nicht mehr.. das bittere Ende, es ist da. (Kirschweng 1946, S. 5); einf..] Γ rolk[..] von achtzig Millionen .. in der nackten Bedeutung des Wortes, vor dem Nichts (Aich 1947, S. 209); eine Welt, die deutsche Welt, ist ~erbrochen. (Heuss 1948, S. 17)

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schnitt deutscher Geschichte (Pribilla 1947, S. 50); in dieser Stunde der großen Weltverdüsterung (Jacob 1947, S. 8). Das Nichts — es ist das Bodenlose, der Abgrund, in den man gestürzt ist: Die Na^js haben aus Deutschland einen Trümmerhaufen gemacht und das Chaos, das sie der Weh so oft androhten, es ist für unser Land ^u grausigster Wirklichkeit geworden. \rolk und Reich liegen im Abgrund. (Böckler 1945, S. 402); von der Höhe der schwindligen Macht in das Bodenlose gestürmt — [wir] erkennen, daßwirin einen Abgrund gestürmt sind (Vogel 1946, S. 17f.); die Voraussetzungen des l'orher, aus der [sie] ivir in diesen Abgrund stürmten (Bäumer 1946, S. 26); Stur\ ins Bodenlose (Aich 1947, S. 209); tiefe[r] Abgrund.., in dem wir uns befinden (Keil 1948, S. 708). Das Bild des Abgrunds ist eine lexikalisierte Metapher, seit dem Althochdeutschen ist die Verbindung Abgrund der Hölle belegt im Sinn von ,Reich der Unterwelt' und seit dem Frühneuhochdeutschen ist der Ausdruck konventionalisierte Metapher zur Bezeichnung von Verderben und Bedrohung (vgl. DWb s.v. Abgrund). In Texten der Nachkriegszeit bezeichnet das Schlüsselwort Abgrund die Gegenwart: Die Nazis haben Deutschland in den Abgrund gestürzt. Die Verfasser des Gründungsaufrufs der SPD vom Juni 1945 binden das Abgrund-Konzept der Tiefe {tiefes Tal des Leidens) an die Opfer-Vorstellung (armes gequältes Volk) und den Schuldvorwurf {durch die Schuld Hitlers): Unser armes gequältes Volk muß durch die Schuld Hitlers durch unsägliches Elend und ein tiefes Tal des Leides gehen (SPD 1945, S. 28), und Alfred Weber gebraucht 1946 die Formel aufgerissene Abgründe des furchtbaren Übergangs, den wir erleben (Weber 1946, S. 8). Hoffnungslosigkeit drückt sich außerdem aus, wenn die zerstörte Welt nach dem Krieg sprachliche Bilder zur Bezeichnung von Abstrakta, von Seelenlagen und Befindlichkeiten motiviert, wenn materiale Trümmer und seelische Trümmer analogisiert werden: Im Abendhimmel stehen über den Ruinen der Städte geisterhaft die bleichen Ruinenfelder der Werte, die niemand mehr wertet, und des Glaubens, den niemand mehr glaubt. (Kaschnitz 1945, S. 14) Marie Luise Kaschnitz stellt diesen Zusammenhang — Raänen der Städte — Ratinenfelder der Werte und des Glaubens — zwischen äußerer und innerer Zerstörung literarisierend {Werte — werten, Glauben — glauben) her, während Walter Kolbenhoff äußere und innere Zerstörung gegeneinander abwägt: Dieses Land sah trostlos aus, wenn man es sah, aber noch verheerender schien die Zerstörung in den Seelen der Menschen sein. Ein Haus kann wieder aufgebaut weden, es müssen nur die Steine da^u da sein. Wie sollten die Menschen den Druck, der ihre Seelen erdrosselte, von sich wältgn? (Kolbenhoff 1949, S. 49) Und Friedrich Meinecke sieht ausgebrannte Krater der großen Machtpolitik (Meinecke 1946, S. 162). Zu der Metaphorik der Desperatheit zählt die in Bildern von Urzeit, Zerstörung, Chaos ausgedrückte Vorstellung des Nichts. In der Einführung der Frankfurter Hefte 1946 schreibt Walter Dirks: jet^t, da sich die Wasser einer propagandistischen Sintflut verlaufen haben

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(Dirks 1946b, S. 446). Günther Weisenborn zeichnet 1947 ein ähnliches Bild der Wasserflut: Nachdem die Springflut des Krieges sich verlaufen hat, .. chaotische [..] Schlickwirbel[..] der Gegenwart-, .. Sturm dieser Zeit, .. erregte[..] Sturmseen der Gegenwart (Weisenborn 1947, S. 108). Die Verfasser des politischen Programms von 1945 ,Das Demokratische Deutschland' bebildern die Tatsache zahlreiche vormals blühende Städte liegen in Trümmern mit dem bemühten, an eine Figura etymologica erinnernden Bilderpaar Eisenzeit und Eiszeit sind über die Menschen hereingebrochen (Das Demokratische Deutschland 1945, S. 5). - Nicht zuletzt vor dem Hintergrund solcher Wahrnehmungen der Nachkriegsrealität ist die ideologisierende Festlegung des als Gegensatzpaar beschriebenen Zusammenbruch (resp. Katastrophe) vs Befreiung zu relativieren. Die These, dass, wer das Ende von Naziherrschaft und Krieg mit Zusammenbruch oder Katastrophe bezeichnet, Bedauern über dieses Ende ausdrücke und damit geistige Verwandtschaft mit dem Nationalsozialismus offenbare (Stötzel 1998, Krell 2001, S. 190), ist nicht haltbar.« Der unzweifelhaft unbelastete Friedrich Meinecke nennt seine Zeitkritik sicher nicht deshalb ,Die deutsche Katastrophe', weil er das Ende von Nationalsozialismus und Krieg n i c h t als Befreiung empfunden hätte. Die zitierten Situationschilderungen derjenigen, die über jegkehen Verdacht brauner Affinität erhaben sind, belegen vielmehr: Man referiert mit Zusammenbruch und Katastrophe auf die unübersehbaren Folgen der zwölf Jahre Naziherrschaft, die als Zusammenbruch und Katastrophe wahrgenommen wurden, und drückt nicht eine etwaige bedauernde Bewertung des Endes dieser Herrschaft aus. Solche Feststellungen — wir stehen vor dem Nichts — bleiben nicht letztgültig. Der Feuilletonist Erik Reger etwa führt in dieser Absicht die Urzeitmetapher aus. Regers Beitrag aus dem September 1945 heißt zwar ,Deutsche Tragödie', aber: Niemals ist.. die Situation fürjeden einzelnen Deutschen so günstig gewesen —: er steht wie Gottvater am Anbeginn der Schöpfung die Erde ist für ihn wüst und leer, aber sein Geist darf sich unbeschwert entfalten. (Reger 1945, S. 40) Die Deutschen wie Gottvater am Anbeginn der Schöpfung — das ist die positive, explizite Ausführung der Urzeitmetapher, die implizit diesen Aspekt des Schulddiskurses überhaupt trägt. Reger fokussiert zum Ausdruck seiner von Hoffnung erfüllten Befindlichkeit nicht den Aspekt des Nichts und der Leere, sondern den des Beginns, des Neuen. Seine Wirkungsabsicht ist klar: nicht zu desillusionieren, sondern zu ermutigen, die Lähmung, die unmittelbar nach Kriegsende auf die deutsche Gesellschaft gefallen ist, Es ist nicht haltbar, aus dem Gebrauch von Katastrophe „eine eigentümlich eindeutige Auskunft darüber [zu konstruieren], ob das Kriegsende im Jahre 1945 als Niederlage oder Befreiung anzusehen ist" (Krell 2001, S. 190, Anm. 12).

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aufzufangen. Reger bezeichnet mit seiner Urzeitmetapher Bewegung, Veränderung, Tat. Die Wirkungsabsicht, Handlungsbereitschaft zu erzeugen, ist offensichtlich. Gegenwart ist hier die ,Stunde Null' - die die Zeitgenossen entpflichtet? Wenn die Vergangenheit keine Benennung erfahrt, wenn Zukunft nur in der Gegenwart Geschichte hat, wenn Gegenwart das Nichts ist, ist dann nicht den Zeitgenossen vergessen erlaubt?36 Ein Schweizer, Max Picard, gebraucht unter der Kapitel-Überschrift ,Das Schwierige der Situation' ein ähnliches Bild: Heute nach dem Zusammenbruch ist wenigstens wieder eine Leere da, ein leerer Raum, innen und außen, in welchem vielleicht etwas anderes als das Fragmentarische und Zusammenhanglose erscheinen kann (Picard 1946, S. 252).37

Diesem Schweizer Zeitkritiker, der den deutschen Widerstand so kommentiert: „die meisten von den Deutschen, die sich gegen Hider stellten, taten es nur darum, weil sie gegen alles sind, was gerade vor ihnen steht, was gegenwärtig ist" (ebd., S. 104), diesem Max Picard ist wahrlich nicht ein Interesse an einer oberflächlichen Freisprechung und allzu großzugigen Entlastung der Deutschen vorzuwerfen. Er gebraucht das nämliche von Geschichtslosigkeit zeugende Bild — um einer in dieser Metaphorik bereitliegenden Endastung willen, die der Deutschen Vergessensbereitschaft fordert und fördert? Wohl kaum. Bilder wie Anbeginn der Schöpfung, Zwar ist zuzugeben dass die Bruch-Vorstellung als dominantes Denkmuster der frühen Nachkriegszeit ideologisch fragwürdig ist: „Die Rede von einem ,Bruch', einer ,Diskontinuität' oder gar einer ,Stunde Null' im historischen Prozeß ist mißverständlich. .. Wer von einem ,Bruch' spricht, kann sich eigentlich nur beziehen auf das Verhältnis zwischen der erfahrenen Realität und den Deutungsmustern, mit denen sich Menschen einen Reim auf diese Erfahrungen machen. Wenn in der Folge von historischen Großereignissen .. die institutionelle Ordnung einer Gesellschaft zusammenbricht, leben zumeist die Bilder, Symbole und Mentalitäten, mittels derer die alte Ordnung die Menschen an sich gebunden hatte, fort. .. Die Rede von der ,Stunde Null' ist also ideologisch, weil sie suggeriert, daß mit der militärischen Zerschlagung des Dritten Reiches auch die Mentalitäten und Einstellungen verschwunden seien, auf die sich jenes hatte stützen können." (Dubiel 1999, S. 67f.) Inwieweit die Mentalitäten fortleben, werden wir sehen. Zumindest ist klar: Die frühe Nachkriegszeit ist hinsichtlich der geistigen Disposition der Nichttäter wohl eher als mentale Gemengelage zu bezeichnen, die sich im Gebrauch von unterschiedlichen, z.T. widersprüchlichen Deutungsmustern ausdrückt. Wir werden die Widersprüche in den folgenden beiden Abschnitten aufzeigen. fragmentarisch' und zusammenhanglos' sind die Epitheta, die Picard zur Charakterisierung der Deutschen und zur Erklärung ihrer Neigung zum Nationalsozialismus gefunden hat. Er spricht (nicht nur) den Deutschen innere Kontinuität ab, statt dessen beherrsche sie „die totale innere Zusammenhanglosigkeit". Deshalb wisse der moderne Mensch nicht mehr, „was er an Bösem getan hat" (Picard 1946, S. 263f.). Beispiel seien die Mörder von Gestern, die heute ungerührt ihre bürgerlichen Berufe ausübten, und diese Zusammenhanglosigkeit drücke sich aus in dem bei Mozartmusik weinenden und gleichzeitig die Greuel in der Tschechoslowakei dirigierenden Heydrich und darin, dass „es dem Geringsten leicht [war], Diktator zu werden, er brauchte sich nicht durchzusetzen" (ebd., S. 213).

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wüst und leer, Eeere, in einen logischen Konnex gebracht zu unbeschwert, entfalten und etwas anderes erscheinen kann entsprechen vielmehr offenbar einem Bezeichnungsbedürfnis, welches nicht nur auf schnelles Vergessen aus zu sein scheint, sondern einem solchen, welches auch ermöglicht, den Anschluss zu fokussieren. Mit dem mit der Mahnung ,wir haben überlebt' ausgedrückten Bewusstsein von einer Zukunftspflicht leitet man aus dem Chaos der Gegenwart die Möglichkeit einer ungehinderten Zukunftskonzeption ab. Dass diese Argumentation nicht gleichbedeutend ist mit der Aufforderung, die nationalsozialistische Vergangenheit, ihre Entstehung und die Schuld der Deutschen gedanklich schnell zu erledigen, haben wir gesehen — das Monitum zu hoher Vergessensbereitschaft und Gleichgültigkeit bringen die Nichttäter selbst vor —, und werden wir weiterhin sehen: Die Struktur des Schulddiskurses der Nichttäter insgesamt ist der Beleg. Zunächst aber fokussieren wir zwei zentrale Deutungsmuster der Nachkriegszeit, mit denen die Nichttäter der Funktions- und Interpretationselite explikativ Gegenwart zu erfassen versuchen: Ende der Geschichte und We η deceit.

Ende der Geschichte Das Reflexionsbedürfnis nicht nur der Historiker, das Bedürfnis, Geschichte zu reflektieren, Geschichtsbewusstsein auszudrücken, ist beherrscht von dem Bestreben, die Gegenwart als Ergebnis der jüngsten Vergangenheit einzuordnen: 38 Eben weil wir nicht Marionetten in der Hand von Entwicklungstendenzen sind, die gedankenlosfolgen müssen, können wir unsere Gegenwart nur bestehen in radikalster Reflexion auf das in ihr zu Tuende. Diese Reflexion gehört geradezu \'um Lebensvollvgtge der Gegenwart. Alle lebendige Existenz vollzieht sich im Positionsnehmen, das eine bewußte Abgrenzung gegenüber der Vergangenheit voraussetzt. Erst aus dem lebendig gewordenen Wissen, welche Kräfte der Vergangenheit man als innerlich verwandt bejaht, gegen welche Kräfte der Vergangenheit man sich ablehnend verhält, erwächst einer Zeit das Wissen um ihre eigenste Aufgabe. .. wir, die wir das Problem unserer Zeit tiefer empfinden und kein so ungebrochenes Zutrauen zur Geschichte haben, glauben, unserer Zeit gegenüber auf diese Selbstbesinnung nicht verzichten zu dürfen. (Müller-Armack 1949, S. 32f.)

Zwar: Gegenwartserfahrung ist immer das Motiv für Geschichtsbetrachtung und anders kann „Geschichtsbewußtsein auch gar nicht gedacht werden, da es der Ort ist, wo die Vergangenheit zur Sprache gebracht wird: Sprechen kann nämlich die Vergangenheit nur, wenn sie infrage steht; und die Frage, die sie zum Sprechen bringt, entspringt dem Orientierungsbedürfnis der aktuellen Lebenspraxis im Hinblick auf dort virulente Zeiterfahrungen" (Rüsen 1983, S. 54). Jedoch: In der Gegenwart nach 1945 spricht die Vergangenheit sozusagen besonders laut, diese Gegenwart — ihre Zerstörungen — hat eine besonders evidente kausale Verbindung zur Vergangenheit der NS-I lerrschaft und zum Krieg.

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Positionsnehmen und bewußte Abgrenzung gegenüber der Vergangenheit nennt Müller-Armack diese Reflexion, mit dem Ergebnis: Kontinuität des als innerlich verwandt Bejahten, Bruch mit dem Abgelehnten. „Zur deutschen Geschichte und deutschen Tradition gehören fürderhin auch Hitler und seine Taten" (Amery 1977, S. 122) — dessen sind sich auch die Nichttäter bewusst. Zeitreflexion, das Beziehen der Zeiten und ihrer Erscheinungen aufeinander, die Kausalisierung der Gegenwart aus der Vergangenheit und die Motivierung der Zukunft aus der Gegenwart ist zwar natürlich ein genuin liistoriographisches und zeitunabhängiges Denkmuster. Die zeitgenössische Definition des Historikers Gerd Tellenbach lautet: Und so ist die Bildung des geschichtlichen Bewußtseins immer auf die kritische Vergangenheitseiforschung und auf die Erjassung der gegenwärtigen Situation wie der Zukunftsperspektiven zugleich angewiesen, d.h. auf die Deutung des Ganzen der Geschichte (Tellenbach 1946a, S. 228). In der frühen Nachkriegszeit ist es indes ein Reflexionsmodus der Intelligenz überhaupt. Apologetisch wirkt die Begründung des Tübinger Theologieprofessors Theodor Steinbüchel, dem der Widerspruch zwischen den ungelösten Kriegs- und Nachkriegsproblemen der Gegenwart einerseits und der Hinwendung zur Vergangenheit andererseits offensichtlich Unbehagen bereitet: Das Gegenwärtige lebt aus dem Vergangenen, und das Vergangene lebt selbst im Gegenwärtigen. Wir enfliehen der Gegenwart nie durch Versenken in das Vergangene, das immer noch da ist, immer noch Gegenwart baut und in der Krisis der Gegenwart zerstörerisch fortwirkt. Was soll uns .. die Frage .. nach den geistesgeschichtlichen Hintergriinden der gegenwärtigen Krisis.. ? Die historische Besinnung holt das Historische nicht um seiner selbst willen herauf, sie betrachtet es als gegenwärtige Wirkmacht.. Sie lehrt uns einmal die Gegenwart und ihre geistigen Wirkmächte wirklich kennen; sie lehrt uns zugleich, die Menschen unserer Zeit verstehen, ihre geistige Verfassung, ihre Motive und Ziele, so wie sie ihnen aus der geschichtlichen Entwicklung überkommen sind, in der ja alle Menschen als geschichtlich von Vergangenheit durch Gegenwart in Zukunft wandernde Menschen stehen. (Steinbüchel 1946/47, S. 20f.) Zeitgenossen der frühen Nachkriegszeit sind eminent geschichtsbewusst. 39 Sie sind getrieben von dem Bedürfnis, die jüngstvergangene Geschichte einzuordnen. Theodor Litt empört sich über diejenigen, die meinen, dass Zeitgenossen dies nicht leisten könnten: Dieses Bewusstsein trägt weit, nämlich bis hin zu politischen Ilandlungsverpflichtung, zu der z.B. Adenauer sich bekennt: Nur dann kann man .. eine gute Politik machen, wenn man sich darüber ktar wird, me sehr doch auch in den stürmischen Zeiten, in denen wir teben, das Bine. das, was kommt, eine Folge dessen ist, was vorangegangen ist, und wenn man sich .. darüber klar wird, wie stark schließlich doch der Strom ist, in dem die gan^e Geschichte fließt. (Adenauer 1951a, S. 225); Das Heute steht auf dem Gestern und das Morgen steht auf dem Heute. Es gibt nicht nur ein Heute, oder.. nur ein Morgen, sondern es gibt eben auch ein Gestern, das das Heute und das Morgen stark .. entscheidend beeinflußt. Man muß das Gestern kennen, man muß auch an das Gestern denken, wenn man das Morgen wirklich gut und dauerhaft gestalten will. (Adenauer 1952a, S. 255)

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Als ob es möglich wäre, ein Gesamterlebnis von so t^rmalmetider Wucht, so überwältigender fündruckskraft, ein Gesamterlebnis, das pudern nach rückwärts wie nach vorwärts hin mit dem Ganzen der Entwicklung vieltausendfältig verklammert ist, vorsätzlich aus dem Gesichtskreis des rückwärts gewandten Denkens ψ entfernen und erst nach vorgeschriebener Frist mit dem Licht der geschichtlichen Reflexion bestrahlen! (Litt 1948, S. 127 f.) Dieses Geschichtsbewusstsein, diese dominierende Denkkategorie, mit der das Gegenwartsbewusstsein der Nichttäter zu beschreiben ist, in dem „die Vergangenheitsvorstellung unter dem Gesichtspunkt gegenwärtiger Perspektiven, Interessen und Bedürfnisse organisiert" ist (Jeismann 1985, S. 58), manifestiert sich in der frühen Nachkriegszeit als Reflexion über das Geschichtsbild — Geschichtsbild ist zentrales Schlüsselwort zur Konkretisierung von Gegenwartsbewusstsein. Man drückt Geschichtspessimismus aus, findet ein vernichtetes Geschichtsbild vor.4,5 Dieses bedeutet allerdings nicht, dass man keine Vorstellungen von der Beschaffenheit eines künftigen Geschichtsbildes hätte. 41 Ist es dieses verminderte „Bewußtsein[..] historischer Kontinuität in Deutschland", welches Adorno beschreibt als „Symptom [einer] gesellschaftlichen Schwächung des Ichs"? Sind die von Adorno festgestellten Bestätigungen des „Verdachts des Geschichtsverlusts" „von der Art, daß die junge Generation vielfach nicht mehr weiß, wer Bismarck und wer Kaiser Wilhelm I. waren" (Adorno 1959, S. 128) die Folgen dieser nachkriegsdeutschen Befindlichkeit Ende der Geschichte? Wie immer: Mit der Formel verstörtes Geschichtsbild (Geschichtsbild bezeichnet die Art und Weise, historische Entwicklungen und Ereignisse zu deuten) meint man die Zerstörung der deutschen Geschichte selbst. Man scheint bereit, an ein Ende der deutschen Geschichte überhaupt zu glauben. Hans Paeschkes rückblickende Bewertung aus dem Jahr 1954 Spekulationen über den End^eit-Charakter unserer Geschichte seien Symptom für die vielen Geschichtstheologien und -philosophien und für den tiefen Bruch im Kontinuitätsbewußtsein unseres Geistes (Paeschke 1954, S. 461 f.)42 — dieses Denken

unser Geschichtsbild [ist] ins Wanken geraten. Oder was stünde noch fest von historisch-politischen Überzeugungen, von überlieferten Werten deutscher Geschichte nach dem schändlichen Mißbrauch. den man mit ihren schönsten Idealen. ihren ehrwürdigen Traditionen, mit dem Glauben der Nation an sich selbst und ihre Zukunft getrieben hat? In einer Verwirrung und Ratlosigkeit ohnegleichen stehen heute die Deutschen am Grabe ihrer Vergangenheit. (Ritter 1946, S. 7); Das überkommene deutsche Geschichtsbild liegt "erbröckelt und ^erbroselt in unserer Irland. (Heuss 1946a, S. 165f.) Die Frage des deutschen Geschichtsbildes steht als schwerste Aufgabe im Geistigen und Politischen vor uns. Sie ist nicht dadurch «w lösen, daß man eine Reinigungsanstalt herbeiholt und die braune Farbe abputzen läßt, um eine andere Farbe aus bereitgestellten Kübeln aufzuschmieren, sondern die Forderung ist die. daß wir in den Raum der Wissenschaft wieder die zweckentbundene Wahrheit hineinführen und uns άαζ}ί bekennen, daß die wissenschaftlichen Fragen frei sein müssen. (Heuss 1946b, S. 200); Wir fordern die Lebendigmachung der demokratischen Tradition des deutschen I- 'olkes bei der Entwicklung eines neuen Geschichtsbildes für die gesamte Erziehung unseres \ «Zte (NDPD 1948, S. 650). Diese Deutung wird bis heute bestätigt. Wolfrum (1999) erkennt „eine nationale Identitätskrise und eine Desorientierung in der historisch-politischen Verortung" (S. 56), mit

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der Geschichtswissenschaftler scheint allgemein, die Perzeption der Gegenwart scheint überhaupt beherrscht zu sein von der Vorstellung eines Endes der deutschen Geschichte. Was Adolf Grimme in den vorsichtigen Konjunktiv setzt — Fast will es manchem sogar scheinen, als stünden wir am Ende der Geschichte des ganzen deutschen Volkes (Grimme 1945a, S. 13) —, bietet zumeist als festgestellte Tatsache keinen Interpretationsspielraum. 43 In einem Rückblick auf neun Jahre Nachkriegszeit erkennt Michael Freund den Verlust des historischen Boden[s], die Deutschen seien irgendwie aus der Geschichte herausgeivorfen worden, hätten sozusagen Vergangenheiten .., aber keine Vergangenheit, um dann den Nationalsozialismus zu enthistorisieren, ihm seinen Platz in der deutschen Geschichte abzusprechen: Das Dritte Reich selbst stand in mannigfacher Hinsichtjenseits der Geschichtejenseits der faßbaren historischen Überlieferung und außerhalb des sichtbar ausgeprägten Strombettes des deutschen Werdens. Schon die Tatsache, daß das Bleich den Nationalsozialisten sich als ein tausendjähriges Reich gab .., erlaubt die Frage, ob das Reich Adolf Hitlers überhaupt Ereignis einer geschichtlichen Zeit oder nicht vielmehr ein Sprung aus der Geschichte in das historische Nichts gewesen sei. (Freund 1954, S. 319f.) Die Möglichkeit, in der Gegenwart aus der Vergangenheit eine Zukunft zu entwerfen, scheint genommen. Wer, wie Freund, die Frage stellt, ob das Reich Adolf Hitlers überhaupt Ereignis einer geschichtlichen Zeit gewesen sei, und im Zuge dieser Frage als Alternative Sprung aus der Geschichte anbietet, verneint die Frage und bestätigt die Alternative. Die nämliche Vorstellung setzt der evangelische Theologe Heinrich Vogel voraus, der die Folgen dieser Geschichtslosigkeit benennt — Weg abgeschnitten, Erinnerung verloren, keine Möglichkeit anzuknüpfen.*4 Der zwölf Jahre währende nationalsozialistische Ungeist und die Höhe der deutschen Kunst und Kultur — sie fügen sich nicht, der deutsche Geist scheint durch die nationalsozialistische Bardem Ergebnis: „Wieder einmal mußte in Deutschland .. Geschichte revidiert werden. .. In der unmittelbaren Nachkriegszeit herrschte die subjektive Überzeugung vor, daß das Sujet der Historiker weggebrochen sei" (S. 57). Mit diesem Motiv erklärt Wolfrum dann die Entstehung unterschiedlicher Erklärungsmuster zur Gründung der Bundesrepublik. [Wir] hören den Regen hinabrauschen auf die Gräber der Toten und auf das Grab eines Zeitalters (Wiechert 1945, S. 31); Jet^t ist unendlich deles fragwürdig geworden, wovon wir nie gedacht hätten, daß es uns fragwürdig werden könnte. Die Zugehörigkeit einem deutschen National- und Machtstaat, die uns gan~ natürlich schien. .. erweist sich uns mehr und mehr als eine \'erfälschung unseres politischen Schicksals. das uns auf Grund unserer Herkunft, unserer Tradition und unserer wirtschaftlichen Situation eher auf eine freie Eingliederung in ein abendländisches Ganges und auf eine Vermittlung ς;wischen Kulturen hinweist, von denen wir im Laufe unserer tausendjährigen Geschichte gleichermaßen befruchtet wurden. Was sollen wirjet^t tun? (Kirschweng 1946, S. 5); Erschütterung aller bisherigen Grundlagen und das Ende aller bisherigen geschichtlichen U''ege in einem Chaos, das sein weltgeschichtliches I rorbild in der Zerstörung Karthagos haben könnte. (Jacob 1950, S. 86) Uns ist der Weg ™u unserer Geschichte abgeschnitten. Wir haben die Erinnerung verloren; denn wir können uns an die großen leuchtenden Namen unserer Dichter und Denker nur mit einem unbegreiflichen Schmer~ erinnern .. Wir haben keine Möglichkeit, da wieder anzuknüpfen, wo der Irrweg, der uns ins \rerderben führte, begann. (Vogel 1946, S. 18)

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barei kompromittiert. Der Traditionsbruch scheint vollkommen, keine Erinnerung scheint anschlussfähig zu sein. Indem der Publizist Hans Windisch tausendjährige Geschichte mit Lebensform identifiziert, stellt mithin für ihn die Fragwürdigkeit der Geschichte Existenz schlechthin in Frage. 45 Der spätere erste Ministerpräsident von Schleswig-Holstein Theodor Steltzer bestätigt im selben Jahr: Die Katastrophe unseres Volkes .. stellt die gesamte deutsche Geschichte der Neuheit in Frage. Er spricht im ,Verfassungsausschuß des Zonenbeirats der britischen Zone' zum ,Verfassungsaufbau innerhalb der britischen Zone' - politische Pragmatik zwingt ihn zur Konkretisierung. Hier sucht der Politiker nach Argumenten, die Zerrissenheit Deutschlands in Besatzungszonen mit deutscher Geschichte anzuzweifeln. Deutsche Geschichte meint hier nicht die sonst beschworenen tausend Jahre deutscher Geschichte (die man den zwölf Jahren des „Tausendjährigen Reichs" oftmals mit ironischer Häme entgegensetzt), sondern Preußen, das Reich Bismarcks und das Weimarer Reich und die Zeit des Deutschen Bundes vor 1870/71 - indes, auch an ihn lässt sich nicht unmittelbar anknüpfen, weil in ihm die Notwendigkeit der Einheit, des Ganzen nicht genügend berücksichtigt waren (Steltzer 1946a, S. 92f.). Fazit: Wir stehen vor der Tatsache, daß wir eine einheitliche l rorstellung verloren haben, die unserem politischen Bewußtsein einen festen Standort geben könnte. Es gibt keine geschichtliche politische Form, die wir als einen Ausdruck unserer geistigen Einheit und unseres politischen Einheitswillens in dem Bewußtsein unseres Volkes lebendig machen könnten (ebd., S. 93). Der Kirchenhistoriker Karl Kupisch bezieht sich heute, da unter den Trümmern der Katastrophe des letzten Krieges auch die Tafeln der Geschichte ^-erbrochen Hegen und ihllose Menschen fragen, was denn überhaupt noch von der deutschen l Vergangenheit Geltung beanspruchen darf, auf die grundlegende Frage nach der Wahrheit jener Idee, die das geschichtliche Denken der Deutschen doch weithin geleitet hat (Kupisch 1949, S. 7f.). Das traditionelle [..] deutsch-nationale[..] Geschichtsbild (ebd., S. 8) ist hier gemeint, dessen Fragwürdigkeit der Nationalsozialismus erwiesen hat, dessen Erfolg den Zorn des Geschichtsgottes auf die eitlen Deutschen lenkt. Das Elend der Nachkriegszeit als Gottesgericht — nicht selten versuchen Theologen natürlich, dem Jetzt diesen Sinn abzuringen. Um in Bezug auf diese Konstruktion wiederum die Außenperspektive geltend zu machen — auch der Schweizer Max Picard deutet so aus der Heteroperspektive den Nationalsozialismus als ahistorisches Phänomen:

Es ist nicht nur ein Krieg verloren worden, sondern die Unie der tausendjährigen Geschichte bricht unvermittelt ab. Das bedeutet, daß eine Lebensfor/ti aus irgendwelchen Gründen gescheitert ist. (Windisch 1946, S. 12)

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Der Nationalsozialismus ist kein Teil der Geschichte, keine Episode in ihr, der Nationalsozialismus ist ein Einbruch in die Geschichte, er ist geschichtslos. Denn Geschichte hat wesentlich zu tun mit dem geschaffenen Menschen, der Nationalsozialismus hingegen produziert den Menschen erst, dann steckt er ihn in eine historische Verkleidung, — das alles ist keine Geschichte. Die Geschichte wurde unterbrochen durch den Nazismus. (Picard 1946, S. 204) 46

Deutsche Intellektuelle jeglicher Provenienz 47 bezeichnen dies Empfinden von Geschichts- und Erinnerungslosigkeit: Grab eines Zeitalters, fragwürdig geworden, Erschütterung aller Grundlagen und Ende aller geschichtlichen Wege, Verfälschung, Weg abgeschnitten, Erinnerung verloren, bricht ab, stellt in Frage, zerbrochen, den historischen Boden unter den Füßen verloren, aus der Geschichte herausgeworfen, keine Vergangenheit, Sprung aus der Geschichte, das historische Nichts — die Konsequenz des mit diesen Deutungsmustern ausgedrückten Empfindens, das Theodor Litt, weniger scharf, das letzte Zerwürfnis mit unserer Vergangenheit und Verfeindung mit der eigenen Geschichte nennt (1948, S. 122 und 123), scheint das Denken in Kategorien zerstörter Kontinuität, vernichteter Erinnerung zu sein. Mit solchen Deutungsmustern stellen sie den Nationalsozialismus der Entwicklung der deutschen Geschichte in den Weg. Er ist unüberwindbare Barriere, verstellt die Möglichkeit von Geschichte als kausal konsekutive Teleologie. Der Bruch von 1933 korrespondiert in dieser Lesart mit dem von 1945 — damit wird die Geschiehtslosigkeit des Nationalsozialismus behauptet, die ihrerseits die Bedingung schafft für die Geschichtslosigkeit der Gegenwart. Hinter der vordergründigen Sachlichkeit und Illusionslosigkeit solchen Denkens verbirgt sich indes Entlastung.

Ernst Wiechert ist einer der vielen Nachkriegsdeutschen, die Max Picard eng verbunden sind, diesem ,,Frömmste[n] unter allen Menschen, die ich kenne" (Wiechert 1948, S. 327), und Wiechert bewertet Picards viel beachtete Studie: „er schreibt nicht ein Buch über das Böse außer ihm, wie über eine Krankheit, die ein anderer hat, sondern ein Buch über das Böse in uns selbst, über ,Hitler in uns selbst'. Er bezieht sich ein in den großen Kreis des Dunklen, obwohl er fern von ihm im Hellen der Gnade lebt" (ebd., S. 328f.). Eugen Kogon kennzeichnet Picard als „einfen] wohlmeinend-grundkonservativ|en] Autor, was in der ja alles andere als ruhigen und gleichmäßigen Nachkriegsentwicklung sicherlich dazu beigetragen hat, daß von seiner Generalanalyse, die den Kern der Sache - und viel mehr noch durchaus traf, außer jenen beiden Kernworten [Diskontinuität und Zusammenhanglosigkeit] so gut wie nichts in der öffentlichen Erinnerung geblieben ist." (Kogon 1973, S. 234) Der Widerständler des 20. Juli, Rudolf Pechel, wertet Picards Analyse des Nationalsozialismus als „unübertreffliches Buch" (Pechel 1947, S. 27). Die Zeitgenossen also achten ihn — er stellt sich ihnen an die Seite, argumentiert wie sie und generalisiert das deutsche Phänomen. Dass „der Kampf um ein neues Geschichtsbild .. hauptsächlich im Dreieck ,katholischevangelisch-marxistisch' ausgetragen [wurde] und .. streckenweise ein reines Duell zwischen Katholiken und Protestanten" (Eberan 1983, S. 105) gewesen wäre, kann hier nicht bestätigt werden.

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Die Zeitgenossen wissen, dass man Geschichte nicht verlieren kann. Verlust, Ende der Geschichte kann nur heißen Trübung des geschichtlichen Bewußtseins im Selbstverständnis der Gegenwart. Die historische Perspektive dieses gegenwärtigen Selbstverständnisses das soll die Redeweise wohl sagen - hat keine Kraft oder Bedeutung, keine Klarheit, keine gemeinsam anerkannte Richtung mehr, beginnt, undefinierbar zu werden. Qeismann 1985, S. 12)

Formeln wie Verlust, Ende der Geschichte isolieren also — wie die ,StundeNulT-Formeln Chaos und Anbeginn der Schöpfung — den Nationalsozialismus aus dem Gang der Geschichte. Ein Geschichtsdenken, das Geschichte als durch die zwölf Jahre Nationalsozialismus verloren gegangen bewertet, erledigt diesen selbst mit. Mit der Beschwörung vom Ende der Geschichte räumt man gleichsam auf, befreit sich.48 Als religiös inspirierte Version dieser Selbstbefreiung stellt sich die Vorstellung von Apokalypse und Eschatologie dar: Βriider und Schtvestem, es sind apokalyptische Zeiten! Oer Herr kommt in mächtigen Gerichten (Dibelius 1945, S. 117) ruft bei der Eröffnung der Berliner Bekenntnissynode 1945 Dibelius seinen Glaubensbrüdern und -schwestern zu und Hans Asmussen reklamiert: Die gegenwärtige Geschichte ist nur apokalyptisch %u begreifen, und nur mit einem eschatologischen Worte kann man ihrer Herr werden. (Asmussen 1946, S. 4) Der Kirchenhistoriker Künneth, der die Begegnung \wischen Nationalsozialismus und Christentum in ihrer ganzen abgründigen Tiefe ιψ verstehen sucht, interpretiert den eschatologischen Charakter dieses Ereignisses, stellt die heutige Weltsituation unter apokalyptische[..] Vorzeichen (Künneth 1947, S. 314). Apokalypse, die spekulative Deutung des Weltlaufs und die Enthüllung des Weltendes, ist — wie Eschatologie, die Lehre von den letzten Dingen — religiöses Deutungsmuster, wenn es Katastrophen greifbar zu machen, Krisenzeiten zu überwinden gilt. Sie entsprechen einer „Geschichtstheologie mit einer linearen und begrenzten Zeitvorstellung" ( 3 RGG 1957, I S. 469). Man interpretiert Geschichte als gerichtete Bewegung auf ein Ende, ein Ziel zu. Apokalyptisches Bewusstsein, das Gefühl, dem Ende der Zeit nahe zu sein, die Erwartung des Weltuntergangs, der unter schweren Strafgerichten anbricht, dient Theologen zur Erklärung des Unerklärlichen, des Jetzt. Zusätzliche Emphase erhält der Ausdruck dieses Gegenwartsgefühls vom Ende der Geschichte durch diese Bezeichnungen, die das Empfinden erfassen, Exzeptionelles zu erleben — Diskursteilnehmer jeglicher Profession, Politiker wie Theologen, Historiker wie Philosophen, Dichter wie Soziologen drücken das Bewusstsein von einer historisch einmaligen Zeit 48

Entsprechend beschreiben Wodak u.a. (1998) die Metapher von der Stunde Null als Diskontinuationsstrategie, als „Strategie der Betonung von Differenz zwischen einst und damals bzw. jetzt" und subsumieren sie unter die Rechtfertigungs- und Relativierungsstrategien (vgl. S. 80).

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aus und beziehen diese Einmaligkeit auf ihre je spezifischen professionellen Gegenstände. 49 Ernst Wiechert entwirft in seiner berühmten Rede ,An die deutsche Jugend' im Sommer 1945 unter diesem Zeichen ,Einmaligkeit' das Szenario der deutschen Parias: Da stehen wir nun .. So allein, wie niemals ein \ rolk allein war auf dieser Erde. So gebrandmarkt, wie nie ein Volk gebrandmarkt war (Wiechert 1945, S. 31f.). Dolf Sternberger stellt 1946 in der selben syntaktischen Konstruktion lapidar fest: Die Lektion dieses Krieges ist so gründlich, wie noch nie in der deutschen Geschichte eine Lektion gründlich war (Sternberger 1946, S. 17). Kolbenhoff formuliert ebenso 1949: sie hassen uns, ivie noch nie tqwor eine Nation gehaßt wurde (Kolbenhoff 1949, S. 106). In der Bewertung der Gegenwart als Rätsel, Katastrophe, Schicksal verweist der Historiker Friedrich Meinecke auf die Unikalität der Gegenwart: dies uns heute gestellte Rätsel und die von uns heute erlebte Katastrophe übersteigt für unser Empfinden alle früheren Schicksale dieser .Art (Meinecke 1946, S. 5). Jakob Kaiser, bis 1947 Vorsitzender der Ost-CDU, bewertet die Gegenwart als den beispiellosesten Zusammenbruch [..], den unser Volk jemals in seiner Geschichte erlebt hat (Kaiser 1946d, S. 207). Der Theologieprofessor Georg Wunderle stellt einen Zusammenhang her zwischen den geistigen Herausforderungen der Nachkriegsgegenwart und ihrem Mangel: Die Forderungen, die beute an unser Denken und Leben gestellt werden, sind unendlich vielgrößer und schwerer als in irgendeiner Phase unserer Geschichte. Und dabei gebricht es uns.. mehr dennjemals an äußeren wie an inneren Mitteln (Wunderic 1946, S. 4). Gertrud Bäumer fasst lapidar zusammen: In seiner ganzen Geschichte hat das deutsche Volk noch nicht eine solche Last der Leiden getragen (Bäumer 1946, S. 35). Rudolf Plank, erster Rektor der Technischen Hochschule Karlsruhe, erkennt einen noch nie dageivesenen materiellen, geistigen und seelischen Ruin (Plank

Όas deutsche Τ rotk ist durch die \/erluste des Krieges ausgeblutet, physisch und moralisch in eine Tiefe hinabgedrückt, wie noch nie in seiner Geschichte (Dahlem 1945, S. 255); die materiellen So/gen und Nöte unseres Völkes [erheischen] heute mehr denn je Antwort auf die Frage ... wie es um unsere wirtschaftliche Zukunft bestellt sein mag (Erhard 1945, S. 55); dem geschichtlich beispiellosen Zusammenbruch seiner [des Volkes] körperlichen, geistigen, seelischen und moralischen Kräfte (IX)PD 1945, S. 7); Die Menschheit ist wohl allen Zeiten sündig. Aber sieht man auf die Entladungen der Sünde, so gibt es doch große Unterschiede "wischen den Zeiten. Heute ist die Sünde sündig geworden wie noch nie. (Althaus 1945d, S. 234); diese schwerste Notzeit der deutschen Geschichte.. Not, der größten der gesamten Geschichte unseres Volkes (Grimme 1945b, S. 79f.); heute ... nach dem furchtbaren Versagen der nationalsozialistischen Periode, [erhebt sich] mit größerem Ernst als je die Frage nach der Rechfertigung der deutschen Universität (Tellenbach 1946b, S. 13); ein \'ölkerschicksat ohnegleichen (Litt 1948, S. 124); Wir alte, die wir als Reifgewordene oder als Heranreifende als durch Erfahrung Belehrte oder als auf Erfahrung Ausgehende durch diese weltgeschichtliche Stunde hindurchgeschritten sind, haben etwas erlebt, was alte Vorstellungen, Mutmaßungen, Berechnungen, mit denen das Bewußtsein sich dem Kommenden entgegenstreckte, unabsehbar weit hinter sich ließ. In einer überschaubaren Reihe von Jahren haben wir eine Ereignisfolge sich abwickeln sehen, die durch das Ausmaß der Taten, die vollbracht, der Leiden, die erduldet, der Leidenschaften, die enfacht und der Verfehlungen, die begangen wurden, jedes Vergleichs mit früheren Oaseinskrisen spottet (ebd., S. 129).

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1946, S. 10). Ricarda Huch, Ehrenvorsitzende des ersten deutschen Schriftstellerkongresses 1947, lässt einen ,Ruf an die Schriftsteller' ergehen: Wohl ψ keiner Zeit unserer Geschichte ist die Aufgabe [der Dichter, die Probleme der Zeit ψ erfassen und ihren Gefahren begegnen] so schwer gewesen wie jettf (Huch 1947a, S. 102), und Theodor Steinbüchel macht anlässlich der Wiedereröffnung der Universität Tübingen auf die Studenten aufmerksam: Daß Studieren heute mehr denn je Arbeit bedeutet, weiß eine Studentenschaft, die durch die Not des Krieges hindurchgegangen ist und die Folgen der Nachkriegszeit.. ψ tragen hat (Steinbüchel 1947, S. 16). 50 Im Sinn einer Zusammenfassung ist lesbar die Erkenntnis des Sozialdemokraten Wilhelm Keil: Wir Deutschen sind von diesem Zustand [menschlichen Glücks] nie so weit entfernt gewesen als heute (Keil 1948, S. 708). Wie immer gedeutet, als den erratischen Block von zwölf Jahren oder als das Ende einer Teleologie: Solches die Gegenwart aus den historischen Zeiten exponierendes Bewusstsein erklärt den Gebrauch der Schlüsselformeln heute mehr denn je, schwerste/größte Notzeit der Geschichte, nie ^!'vor, in seiner ganzen Geschichte noch nicht, noch nie dagewesen. Das Signet der Gegenwart bestimmt sich von den Referenzbereichen dieser Formeln — es sind der Krieg und seine Folgen in physischer und materieller, in moralischer, seelischer und geistiger Hinsicht, es sind die Folgen des Großverbrechens Nationalsozialismus. Anlass für diese Verabsolutierungen und die Wahl dieser Referenzbereiche sind also (in unterschiedlicher Gewichtung) alle Hinsichten der in der Nachkriegszeit gegenwärtigen Lebensumstände — die materielle, geistige, seelische Nachkriegsnot, Armut und Leiden sowohl wie der verlorene Krieg und die Stigmatisierung der Deutschen durch die ganze Welt. Bedingung dieser Gegenwartsdeutung ist die Vorstellung vom Ende der Geschichte. Sie wird mit der Bewertung der Gegenwart als historisch einmalig logisch und konsequent zu Ende gedacht. Hans Paeschkes rückblickende Kennzeichnung 1918 waren Formen ^erbrochen und geistig vorbereitete Inhalte freigelegt worden; 1945 waren auch die Inhalte verstört bsnv. sich selbst entfremdet. Nicht ein Vorgang der Sprengung sondern der Entleerung - sozusagen eine „Evakuierung" des kollektiven Bewußtseins — hatte stattgefunden (Paeschke 1954, S. 453), und Hans Erich Nossacks Diagnose Wir befinden uns in einer letzten melancholisch-nüchternen Oämmerung. Die IJmrißlinien sind überall verschwunden, wir t^ersprengen nicht unsere Form in der Ekstase, sondern die Formen verschwimmen uns (Nossack 29.10.1946, Tagebücher 1943-1977 I, S. 86) bestätigen diesen Befund: Evakuierung des kollektiven Bewußtseins cholisch-nüchterne Dämmerung sind Kategorien dieser Weltsicht.

und melan-

Der bestätigende Rückblick von Eduard Spranger: Niemals hat eine Generation unter tragischeren Umständen studiert, als die von 1946 bis 1949 (Spranger 1951, S. 54).

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Wir können für die Nichttäter sagen: Ihr Denken in der frühen Nachkriegszeit ist historisches Denken und läuft als solches auf den Nationalsozialismus und die deutsche Schuld zu. Der Nationalsozialismus gibt die Bezugsgröße ab für jegliches vergangenheits- und zukunftsorientiertes Denken und selbstverständlich allererst für gegenwartsbezogene Deutungen — gerade heute ist lexikalische Repräsentation dieses Denkens, das gekennzeichnet ist von dem Bedürfnis, die Gegenwart als Konsequenz einer historischen Entwicklung zu akzentuieren, die mit dem Ende des Nationalsozialismus abschließt: es [ist] gerade heute höchster Aufmerksamkeit wert, daß schon im zehnten Jahrhundert keiner der im ostfränkischen Reich vereinigten Stämme eine staatliche Existenz für sich allein erstrebt! (Teilenbach 1946a, S. 237) Gerade heute — diese bewertende Herausstellung der Gegenwart ist nicht denkbar ohne die Zäsur von 1945. Das Bewusstsein von dieser Zäsur ist dominantes Merkmal, so dass Gegenwartsbewusstsein der Nichttäter — wie aller Diskursbeteiligten — in der frühen Nachkriegszeit vor allem die Vorstellung von Diskontinuität bedeutet, eine Vorstellung, die sich in dem Deutungsmuster Wendest im Sinn einer Leitidee manifestiert. 51

Wtende^eit Umbruch 1945 — die Einstellungen, die die Zeitgenossen zu ihrer Gegenwart äußern, mögen aufs Ganze gesehen dazu angetan sein, bei ihnen weniger ein Umbruch-, denn vielmehr ein ,Endzeit'-Bewusstsein anzunehmen. ,Es ist alles aus' — immer wiederkehrende deskriptive Schlüsselwörter zur Bezeichnung dieser apokalyptisch-eschatologischen Spannung nicht nur im religiös gestimmten Zeitbewusstsein sind keine Zukunft, das Ende, Triimmer, Grab und Nichts, %erbrochen und verwüstet, Zerstörung und Vernichtung, Abgrund und Finsternis. Diese Kennzeichnungen orientieren Nicht verschwiegen sei indessen, dass vereinzelt auch Kontinuitätskonzepte vorgestellt werden. Theologen vermögen keinen Bruch zu erkennen hinsichtlich der Fortdauer des von Gott abgewandten, säkularisierten Weltbildes der Nazis: Wir stehen .. vor derTatsache. daß die Krisry der Gegenwart durch die zersetzenden Kräfte desselben Abfalls bestimmt ist, der die Weltanschauung des Nationalsozialismus charakterisierte (Künneth 1947, S. 307). Die theologische Vorstellung Passiert ist allerlei, .. aber geschehen ist nichts (Niemöller 1945b, S. 63) vermittelt Kontinuität: So ist es im Grunde noch immer die eine große Stunde der Versuchung in der wir alle stehen, .. es ist im Grunde noch immer der eine Vmucher. der gestern den Aufstand in den Völkern .. inszenierte und der heute nach dem Zusammenbruch das Chaos unter den Völkern z}< einer Katastrophe vertieft.. Es ist im Grunde gestern wie heute die eine letzte und tiefste Not der Menschen, die Not einer wahrhaft diabolischen Bedrohung in der Stunde (Jacob 1947, S. l l f . ) . Diese Argumentation entwertet gleichsam den historischen Stellenwert der jüngstvergangenen zwölf Jahre. Festzuhalten ist aber: Auch die wenigen Diskursteilnehmer, die in Übereinkunft mit der 1 ,ogik ihrer spezifischen Weltsicht darzulegen beabsichtigen, dass das Jahr 1945 keinen Bruch bedeutet, können sozusagen seine Zäsurhaftigkeit, wie wir sehen, nicht ignorieren.

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sich an der Oberfläche des unmittelbar wahrnehmbaren und existenziell spürbaren deutschen Nachkriegsdaseins. Diese Wirklichkeit drängt sich auf, ist nicht zu ignorieren und die geistige Elite kann sich ihr nicht entziehen. Indes, die Nichttäter überlassen sich nicht diesem Desaster: Der Schatten, der nun leer und ohne Trauern/ vorüberschwebt, /gewahrt, daß hinter rauchgeschwärzten Mauern/noch Erde lebt. (Schaefer 1946, S. 14) Oda Schaefer ästhetisiert, was Gegenstand des gegenwartsbezogenen NichttäterDiskurses war: daß hinter rauchgeschwärzten Mauern noch Erde lebt. Die eindringliche Rede vom Nichts, die nachhaltige Beschwörung des Endes der deutschen Geschichte-'2, Orientierungslosigkeit und Hoffnungslosigkeit und die Frage nach dem Wohin - die Inventur des Nichts mithin, die wir als Darstellungsmodus des Gegenwartsbewusstseins beschrieben haben, konkurriert mit disparaten Formeln, die gleichzeitig das Gegenteil bezeichnen: die Zukunftsglaube ausdrücken, die prospektives Potenzial herausstellen und betonen, weil es den Blick nach vorn richten gilt (Heinemann 1945/46, S. 19). Die Funktions- und Interpretations elite der frühen Nachkriegszeit redet, wie wir gesehen haben, viel von einem deutschen Ende. Sie redet aber auch viel vom Gegenteil. Sie glaubt an das Recht, in einer Gegenwart hoffnungsarmer Mühsal von dem Sinn hoffnungsreicher Mühseligkeiten einer deutschen Vergangenheit sprechen (Heuss 1948, S. 17). Und sie stellt Bedingungen: keine wirtschaftliche Situation [kann] so trostlos sein .., als daß nicht der entschlossene Wille und die ehrliche Arbeit eines ganzen Volkes einen Ausweg, ja mehr noch, einen Weg ^ir socialen Wohlfahrt verhießen. (Erhard 1945, S. 56) Ludwig Erhard formuliert bereits 1945 seine Vorstellung von der deutschen Zukunft, die wenige Jahre später in dem von Alfred Müller-Armack gefundenen Zielbegriff sociale Marktwirtschaft gerinnt, die er hier mit der Ausdrucksvariante sociale Wohlfahrt interpretiert und mit dem Lockruf entschlossener Wille, ehrliche Arbeit und Ausweg stützt. Man fühlte sich nicht in der Tradition deutscher Intellektueller, wenn man annähme, mit der Feststellung vom Ende der deutschen Geschichte 52

Ende der Geschichte ist eine diskursive Verdichtung, auf die auch Emigranten Bezug nehmen: „Man höre doch auf, vom Ende der deutschen Geschichte zu reden! Deutschland ist nicht identisch mit der kurzen und finsteren geschichtlichen Episode, die Hitlers Namen trägt. Es ist auch nicht identisch mit der selbst nur kurzen Bismarck'schen Ära des PreußischDeutschen Reiches. Es ist nicht einmal identisch mit dem auch nur zwei Jahrhunderte umfassenden Abschnitt seiner Geschichte, den man auf den Namen Friedrichs des Großen taufen kann." Thomas Mann argumentiert so zur Beruhigung seiner Zeitgenossen, um dann zu prophezeien: Deutschland „ist im Begriffe, eine neue Gestalt anzunehmen, in einen neuen Lebenszustand überzugehen, der vielleicht nach den ersten Schmerzen der Wandlung und des Überganges mehr Glück und echte Würde verspricht, den eigensten Anlagen und Bedürfnissen der Nation günstiger sein mag, als der alte. Ist denn die Weltgeschichte zuende? Sie ist sogar in sehr lebhaftem Gange, und Deutschlands Geschichte ist in ihr beschlossen" (Mann 1945a, S. 40f.) - ein Deutungsmuster, das dem der Innenperspektive, wie wir gleich sehen werden, vollkommen entspricht.

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seiner Elitenpflicht genüge getan zu haben. Im Gegenteil: Man hat ein starkes Revisionsbedürfnis, in dem sich Zukunftsglaube ausdrückt. Revision ist weiteres Schlüsselwort der Gegenwartsinterpretation nach 1945.53 In Revision manifestiert sich nicht nur die analytische und zugleich zukunftsgerichtete Gestimmtheit der Zeitgenossen, sondern auch konditionales Potenzial: ohne Revision keine Aussicht auf Rehabilitierung, Revision ist Bedingung. Dieser Revisionsaufruf betrifft zum einen das Geschichtsbild. Die Revision des Geschichtsbildes überschreibt Theodor Litt ein Kapitel seiner Abhandlung (Litt 1948, S. 111), und der Historiker, wie der Philosoph, wie der Kirchenmann stellen ihr Misstrauen in die bisherige nationalistische Deutung und Einordnung von Geschichtsverläufen unter das Zeichen Revision.54 Außerdem mahnt und sucht man, Geschichte selbst neu zu interpretieren. Revision heißt nicht nur ,Überprüfung des Geschichtsbildes', sondern auch ,Neubewertung von Geschichtsverläufen', auf der Grundlage neuer Erlebnisse — Nationalsozialismus und Krieg — und neuer Erkenntnisse — von der deutschen Schuld. So trifft man Feststellungen. 55 Dieses Gegenwartsbewusstsein der Nichttäter entspricht vollkommen der Deutung von Geschichtsbewusstsein, welches, stets von der Zeiterfahrung der Gegenwart ausgehend, der Ort ist, wo die Vergangenheit zur Sprache gebracht wird: Sprechen kann nämkch die Vergangenheit nur, wenn sie infrage steht; und die Frage, die sie zum Sprechen bringt, entspringt dem Orientierungsbedürfnis der aktuellen Lebenspraxis im Hinblick auf dort virulente Zeiterfahrungen. (Rüsen 1983, S. 54) Für die Lizenzpresse bestätigt Eberan: Es „wurde kaum eine Forderung, außer der nach Besinnung und Umkehr, so häufig erhoben wie die nach einer grundlegenden Revision des deutschen Geschichtsbildes" (Eberan 1983, S. 48). unser herkömmliches Geschichtsbild.. bedarfjetzt allerdings einer gründlichen Revision, um die Werte und Unwerte unserer Geschichte klar voneinander zu unterscheiden (Meinecke 1946, S. 156f.); So kann es nicht anders sein, als daß der Größe und Gewalt, die an und durch uns geschehen ist, das Maß der Eing r i f f e entspricht, die an unserem Geschichtsbild vorgenommen werden müssen, damit es sich mit der gewandelten Lage im Einklang halte. .. was der uns obliegenden Revision des Geschichtsbildes eine erhöhte Wichtigkeit verleiht [ist die Aufgabe], den historischen Horizont von den Entstellungen ζu säubern, die ihm durch die nationalsozialistische Pseudohistorie zugefügt worden sind. (litt 1948, S. 11 Iff.); Eine Zeit, welche einen Geistesumbruch von solchem Ausmaß erlebt wie die Gegenwart, ist direkt aufgefordert, an diese überfällige Remsion vieler Geschichtsurteile zugehen. (Nigg 1949, S. 12) Oer radikale Bruch mit unserer militaristischen Vergangenheit .. führt uns .. vor die Frage, was aus unseren geschichtlichen Traditionen überhaupt nun werden wird (Meinecke 1946, S. 156); die Perspektiven der Entstehungsgeschichte des deutschen Reiches, ja der gesamten deutschen Geschichte verschieben sich stark in den erschütternden Umwälzungen der Gegenwart. .. der tatsächliche Geschehensverlauf ist noch nicht Geschichte. (Teilenbach 1946a, S. 226); [es] kann nicht ausbleiben, daß, sobald die Dinge von Grund her aufgewühlt werden und die geschichtliche Wirklichkeit im Sturm umwälzender Ereignisse jäh ihr Antlitz wandelt, auch die Vergangenheit plötzlich in Bewegung gerät und sich vor den Augen des Betrachters z« eitler neuen Ordnung umgliedert. (Litt 1948, S. 111); Muß doch die Geschichte, wie Ranke sagt, von Zeit zu Zeit immer wieder umgeschrieben werden, undgewiß ist heute so ein Augenblick gekommen. (Kupisch 1949, S. 46)

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Solches Geschichtsdenken ist nach 1945 von besonderer Evidenz: Keine Vergangenheit war fragwürdiger geworden als die eben erlebte nationalsozialistische, keine Gegenwartserfahrung war unmittelbarer mit der gerade beendeten Vergangenheit in ein Konsekutivverhältnis zu bringen wie die Gegenwart nach 1945. Geschichte umschreiben — im Sinn von neu schreiben? Sicher nicht. Die Konkursverwalter des deutschen Bankrotts 56 finden Brauchbares in der Konkursmasse. Strom und Dom — ihre Beständigkeit, ausgedrückt mit noch derselbe, nach ivie vor, ungebrochen, sind Adenauer Symbol und Vorbild: Es istja doch noch derselbe Strom, der ~u unseren Füßen fließt, unser BJiein, der Strom, dem Köln seinen Wohlstand und seinen Glan^ dem es den offenen und heiteren Geist verdankt, der seine Bewohner auszeichnet. Er strömt nach wie vor durch Köln, und nach wie vor weisen die Türme, die unser Dom gen Kümmel reckt, ungebrochen ^um Kümmel empor. (Adenauer 1945, S. 81) Die zuverlässig wiederkehrenden Jahreszeiten und der Vegetationskalender, verwoben mit Großtaten der Musik- und Literaturgeschichte, schaffen Zuversicht: Oer Duft des iqveiten Heus schwebt auf dem Wege,/Es ist August. Kein Wolken^tg./Kein grober Wind ist auf den Gängen rege,/Nur Distelsame wiegt ihm leicht genug./ /Der Krieg der Welt ist hier verklungene Geschichte,/Ein Spiel der Schmetterlinge, weilt die Zeit. /'Momart hat komponiert, und Shakespeare schrieb Gedichte,/So sei -~u hören sie bereit.//../Die Zither hör ich Don Giovanni Rupfen,/Bassanio rudert Portia von Belmont her.//Auch die Empörten lassen sich erbitten,/Auch Timon von Athen und König Eear./1 ror dem Vergessen schützt sie, was sie litten./ Sie sprechen schon. Sie settleη sich ^u dir.//Die Zeit steht still. Die Zirkelschnecke bändert/Ihr Haus. Kordelias leises Kachen hallt/Durch die Jahrhunderte. Es hat sich nicht geändert./Jung bin mit ihr ich, mit dem König alt. (Lehmann 1950, S. 180) Schlüsselwörter zum Ausdruck solchen Gegenwartsbewusstseins, welches Wilhelm Lehmann ästhetisierend in den Kontext währender Natur und Kunst stellt — weilt die Zeit ist seine Formulierung — sind noch, geblieben und wieder}1 Noch — es bezeichnet „die fortdauer einer handlung oder eines zustandes .. bis zur gegenwart und in derselben" (DWB VIII, Sp. 866) — und geblieben sind gleichsam Wörter der Inventur, der beruhigenden Vergewisserung, sie unterstellen eine „unspezifische Kontinuität zu einem Vorher" (Wodak u.a. 1998, S. 191) und beantworten die Frage ,was ist von der Vergangenheit im Bestand der Gegenwart?' Sie korrespondieren mit wieder (und seinen Ausdrucksalternativen), dem Wörtchen der Vergewisserung. Wieder — man gebraucht es „insbesondere .., wenn man ausdrücken Theodor Heuss gebraucht 1946 diese Metapher: Wir sind Konkursverwalter des schmählichsten. betrügerischsten Bankrotts der Geschichte (Heuss 1946a, S. 181). bei atkr Traurigkeit der Bitan^ — noch leben in unserem Voike die großen Kräfte des Geistes und der Hände. (Harm 1946, S. 9); Gan^ einfache Dinge sind gebtieben. im deutschen Geschichtsbestand, in der deutschen Denkweise (Heuss 1948, S. 17).

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will, dasz man die wiederkehr eines Vorganges oder zustandes als regelmäszig oder gewohnt empfindet" (DWB XXIX, Sp. 890) — beantwortet die Frage ,was aus der Vergangenheit besteht erneut, wiederholt sich?' Die Wiesen grünen wieder Jahr für Jahr/../Das Blut versickerte, das wir vergossen./../Die Tränen trockneten, die um uns flössen./../Die Sonne leuchtet wieder wie in Kindertagen./ ../Und auf den Hügeln, wo die Kreuze ragen,/ wächst säfteschwer ein herber neuer I Vein. (Bächler 1950, S. 10) Wieder — es hat seinen Platz dort, wo es Zeit zu überbrücken, Kontinuität herzustellen gilt, entweder angesichts der sich unverändert erneuernden Natur (IViesen grünen wieder., Sonne leuchtet iviedet), deren Permanenz vergossenes Blut (das Blut versickerte), geflossene Tränen (Tränen trockneten) und gestorbene Tode (Kreuze) als singular in ein Verhältis setzt, oder politisch: Der Staats- und Kirchenrechtler Rudolf Smend drückt damit eine AufbauWahrnehmung aus, wenn er bereits 1945 einen jet^t in Bruchstücken wieder entstandenen Staat (Smend 1945, S. 363f.) zu erkennen vermag. Man kann diese Haltung trotziger Widerstandsbereitschaft, dieses sich dem Nichts verweigernde Denken, dieses in die Zukunft gerichtete Gegenwartsbewusstsein als religiöses Denkmuster beschreiben. Denn spiegelt sich hier nicht die Grundhaltung einer ho ffnungs frohzuversichtlichen Erwartung, die zu haben der jüdisch-christliche Glaube seinen Gläubigen aufgibt? Ist nicht die sprachliche Erfassung dieses Denkmusters die Versprachlichung des Glaubens an den kommenden Messias, des Advent-Gedankens, der Idee des Heilsversprechens, des Evangeliums? Es überrascht natürlich nicht, dass wir in den theologischen Texten der frühen Nachkriegszeit zahlreiche Belege finden, welche auf diesen Erlösungs-Gedanken referieren. Paul Althaus, der Verfasser von ,Die letzten Dinge' (1922, 6 1956) 58 , definiert in diesem Sinn Advent Advent heißt nicht nur. es wird besser werden, unsere Füße werden auf den Weg irdischen Friedens treten. Sondern: heute, heute ist das Ucht da, unser dunkler Weg in Finsternis und Schatten des Todes.. ist durch Jesus heute schon ein Weg des Friedens geworden. (Althaus 1945c, S. 285) Wir haben oben die apokalyptisch-eschatologische Zeitgestimmtheit der Theologen herausgestellt. Auf eine Komponente dieses Bewusstseins wird hier referiert. Ausdruck eschatologischen Denkens ist die Ausrichtung geschichtlicher Katastrophen und Krisen auf die gebotene hoffnungsfrohe

Nicht nur dieses. 1933 feiert Althaus in seinem Buch ,Die deutsche Stunde der Kirche' den Nationalsozialismus: „Unsere evangelischen Kirchen haben die deutsche Wende von 1933 als ein Geschenk und Wunder Gottes begrüßt." Seine Entlassung aus einer Entnazifizierungskommission im Jahr 1947 kommentiert er so: „Wir werden verurteilt und gestraft ohne jedes Gehör und Verfahren! Solche Methoden nennen wir Deutsche nazisüsch" (zit. nach Klee 2003, S. 13). 1948 erhält er seine Lehrbefugnis zurück. Althaus den nichtkompromittierten N'ichttätern zuzuordnen, ist also nicht unproblematisch.

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Heilserwartung. 59 Denn die „eschatologische Zeit ist nicht nur eine Notund Krisenzeit, sondern auch eine Heilszeit: der Erlöser, der Messias ist da. .. Schöpfung-Neuschöpfung, Urzeit-Endzeit gehören zusammen". (RGG 3 1958 II, S. 651) In diesem Sinn tröstet Dibeüus 6 " (1947, S. 121): Die Trostlosigkeit der Not ist um uns her. „4ber der Tröster ist da und heißt Jesus Christus. So sucht man die Einordnung auf einer Zeitskala, die es erlaubt, die jüngst vergangenen zwölf Jahre und das Heute zu übergehen: hat diese Erneuerung nicht schon angefangen mit der Auferstehung des Herrn? .. ivir stehen doch im Scheine der Hoffnung Gottes, die er selber auf diese Welt gesetzt hat. .. Es ist hier eigentlich nur Raum gegeben ^ur Freude. Predigten, die erfüllt sind von Freude, sollten in dieser Zeit gehalten werden. Wir haben ja inmitten der allgemeinen Hoffnungslosigkeit eine lebendige Hoffnung, nämlich die Hoffnung auf den Gott (Dehn 1946, S. 32). Man ruft zur Tat, zur Zuversicht des Handelns 61 — diese Befindlichkeit ist willkommen zur Uberbrückung der desolaten Gegenwart: angesichts solchen Zusammenbruchs, der uns bis ins Her% hinein betrifft, ist es Gott selber, der durch den Mund der Kirche die Fessel der Schuld löst und s^ur Tat ruft und ein Neues pflügen will. Angesichts dieser Welt, die sich für uns heute nur mit blutigem Ernst als das erwiesen hat, was sie ist, nämlich eine verlorene Welt, ruft Gott selbstjet^t in die l Verantwortung der Tat der Uebe .. Unsere Hoffnung auf die Zukunft, die Gott uns gibt, ist doch nicht %erschlagen, sie ist das, was uns geblieben ist (Harbsmeier 1946, S. 50). Dieses Denken erlaubt es Theologen und Kirchenmännern, diese Gerichtsstunde für Volk und Kirche auch als eine Gnadenstunde zu bewerten, als eine Möglichkeit, das Wohlgefallen des heiligen Gottes ψ erwerben. (Wurm 1945, S. 22) Dieses religiöse Interpretationsmuster, diese heilsgeschichtliche Deutung der Gegenwart manifestiert sich — wir haben es gesehen — durchgängig. Sie kann in einem weiteren als dem religiösen Sinn als anthropologisches Menschheitsprinzip verstanden werden. 62 Es scheint das tief verwurzelte Sie drückt sich etwa auch aus, wenn einer der zentralen Texte des christlichen religiösen Lebens, die Predigt, definiert wird als „das Bemühen, die gegenwärtige Situation .. im l i c h te des Evangeliums aufzuschließen, d.h. in den Hoffnungshorizont der Verheißungen Gottes zu rücken, der sich unverbrüchlich allen Menschen in Jesu Leben, Tod und Auferstehung aufgetan hat" (Zerfass 1960, S. 244). Auch zu Dibelius, wie zu Althaus, muss ein Hinweis gegeben werden: Als Mitglied der Deutschnationalen Volkspartei bekennt er 1928 „volle Sympathie" für die „letzten Motive, aus denen die völkische Bewegung hervorgegangen ist". Er habe sich „immer als Antisemiten gewußt". Diese Affinität schützt ihn nicht vor der Amtsentlassung, gegen die er im Juni 1933 in einem Brief an den preußischen Oberkirchenrat geltend macht, seit seiner Studentenzeit „im Kampf gegen Judentum und Sozialdemokratie gestanden" zu haben (zit. nach Klee 2003, S. 107). Diese Einstellung hindert ihn indes nicht daran, sich Mitte 1934 der Bekennenden Kirche anzuschließen. Die „christliche Hoffnung wäre völlig mißverstanden und mißbraucht, wenn sie zu einer Lähmung des Handelns führte. Aus ihr fließt vielmehr Ernst, Freudigkeit und Zuversicht des Handelns" (RGG 3 1958, II 688). Im Zusammenhang mit dem Erlösergedanken wird verwiesen auf ein ,,humane[s] Grundbedürfnis nach Abwehr und Beseitigung von Mangel, Not und Elend, Tod, Sünde,

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menschheitsgeschichtliche Motiv für die Weigerung zu sein, sich dem desolaten Jetzt zu überlassen. ,Phönix aus der Asche' und ,Prinzip Hoffnung' — nicht von ungefähr wird diese tief wurzelnde prospektive Weltsicht, diese Grundeigenschaft des Menschen als ein auf die Zukunft gerichtetes Wesen (Bloch) von der populären Redensart vertreten und (seit 1954) als Buchtitel formelhaft verfestigt verbreitet. Das Geschichtsbewusstsein der deutschen Intellektuellen in der frühen Nachkriegszeit, die von ihnen versuchten Sinngebungen in Bezug auf den Nationalsozialismus und seine Folgen, können als die säkulare Variante der Heilserwartung gedeutet werden. Geschichte ist dann das sinnvolle und zielgerichtete Nacheinander von Epochen 63 : Wer vor dem Nichts steht, kann vermeinen, alles sei am Ende, er kann jedoch auch das Bewußtsein haben, daß Neues werden will. Er kann sich statt am Ende auch vor dem Anfang stehend fühlen. Und wer will sagen, ob darin, daß wir neu beginnen dürfen, nicht auch, wenn wir nur wollen, die Möglichkeit der Größe dieser dunklen Tage beschlossen liegt, so daß es schließlich vor dem Forum der Geschichte nachträglich einen Sinn erhielte, daß wir in dieses Nichts geführt sind (Grimme 1945a, S. 16). Adolf Grimme setzt prototypisch das heilsgeschichtlich motivierte Denkmuster um und legt die Vermutung nahe: Es trägt das Denken nicht nur der geistlichen, sondern der geistigen Welt überhaupt, ist nicht nur religiöses, sondern universales Deutungsprinzip. Wo das Nichts konstatiert wird, fehlt nie eine Perspektivierung des Nichts — zumindest in dialektischer Manier als Chance, aus diesem Nichts die Zukunft neu zu gestalten: Epochen, die so gesättigt sind mit geschichtlichem Gehalt, bilden seltene Ausnahmen. An ihnen als Mitlebender teilhaben, durch sie als Mitleidender lernen ~u dürfen, das ist — man erschrecke nicht vor dem, so scheint es blasphemischen Wort — eine Auszeichnung. Die appellativen Bemühungen, die Anstrengungen der Nichttäter, ihre deutschen Zeitgenossen zu bekehren, sind unverkennbar. Nachdem er Goethe zitiert hat — „und ihr könnt sagen, ihr seid dabei gewesen" — versucht Theodor Litt, seine Zeitgenossen bei ihrer Ehre (die wir uns auf unseren „historischen Sinn" soviel %ugute tun gewohnt waren), bei ihrer Eitelkeit (nur alle tausend fahre) und — indem er als Handlungsbeteiligten den Geist der Schuld", das „über den rel. bis in den profanen, säkularen Bereich hinein [wirkt], wie die bis heute verbreitete Hoffnung auf einen ,Befreier' von sozialer und geistiger Enge zeigt, trotz aller Enttäuschungen in der Vergangenheit." (RGG "Ί999 II, S. 1435) „Weil in der Natur der Sache liegend, hat man übrigens immer wieder versucht, auch die Weltgeschichte unter dem Gesichtspunkt der Heilsgeschichte als gottgewollte Abfolge von Epochen zu deuten; ja der Versuch der Geschichtsphilosophie .., den Sinn der Geschichte in einem sinnvollen und zielstrebigen Nacheinander geschichtlicher Epochen zu finden und so die Geschichte als Ganzes zu deuten, dürfte historisch im hcilsgeschichtlichen Denken des Christentums begründet sein" (RGG 3 1959 III, S. 188). Dass dieses Denken in dem messianischen des Judentums wurzelt, sollte ergänzt werden.

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Geschichte bemüht - bei ihrer mystischen Disposition zu packen, um die Überzeugungskraft seiner Argumentation zu erhöhen: Sind wir so auserwählt — wie würden wir in den Augen der Nachwelt dastehen, wenn wir uns nachsagen lassen müßten, wir seien mitfahrlässig getrübtem oder vorsätzlich verdunkeltem Bewußtsein dabei gewesen? Wir, die wir uns auf unseren „historischen Sinn" soviel ψgute ^u tun gewohnt waren! Nein, da es nun einmal unser Schicksal ist, in eine Lehrzeit hineingeworfen ^u sein, wie sie der Menschheit nur alle tausend Jahre beschieden ~u sein pflegt, so wollen wir unsere Ehre daran setzen, diesen Kursus mit jenem Höchstmaß von Entschlossenheit, Aufnahmebereitschaft und Hingabe ^u absolvieren, das erforderlich ist, damit von dem Gehalt dieser unausschöpfbaren Zeit soviel wie möglich in den Besitz unseres Geschlechts übergehe. Ό as eben ist die Mission, die der Geist der Geschichte uns, den Überlebenden der Katastrophe, auf erleg hat, daß wir in die Helligkeit des Gedankens und in die Wachheit des Gewissens emporheben, was das Orama dieser Weltstunde dem Wissensbereiten an blendenden Aufschlüssen %ur Verfügung stellt. (Litt 1948, S. 130ff.) Die unhinterfragbare Setzung Schicksal ist zwar in Litts Argumentationsgang letzte Instanz, enthebt aber nicht von Handeln: Ins Bild des Schülers (Lehrzeit, Kursus) gefasst und deutsche Eigenschaften beschwörend (Entschlossenheit, Aufnahmebereitschaft, Hingahe) formuliert Litt jenes Goethesche Diktum („Was du ererbt von deinen Vätern, erwirb es, um es zu besitzen") um, welches beruhigende Zukunftsfähigkeit bezeichnet (Besit^ unseres Geschlechts), um dann in padietischer Diktion die Moral zu formulieren, die da heißt: die jüngste Vergangenheit (Drama dieser Weltstunde) als Lehrstück aufbereiten (in die Wachheit des Gewissens emporheben, blendende Aufschlüsse). Findet sich der KZ-Überlebende in solchen Konstruktionen wieder? Natürlich nicht: Die Selbstbezeichnungen Mitlebender und vor allem Mitleidender, die Ergebnisformulierung Auszeichnung, die Situationsbewertung Lehrzeit und der Appell diesen Kursus mit einem Höchstmaß von Entschlossenheit, Aufnahmebereitschaft und Hingabe zu absolvieren, kurz, diese abstrahierende und intellektualisierende Egozentrik lässt erkennen: Die Nichttäter führen zu großen Teilen einen selbstbezogenen, von einer thematischen Fokussierung der Opfer absehenden Schulddiskurs. Es bedarf kaum der Erwähnung, dass vor allem die parteigebundene Funktionselite, die sich anschickt, den neuen Staat, die neue Gesellschaft je nach ihrem Weltbild zu gestalten, mit der verlockenden Idee des goldenen Zeitalters ihre Argumentationen unterfüttert — jede Partei zwar in der sie identifizierenden ideologischen Diktion. 64 Die Gegenstände aber dieser

Fester den Tritt gefaßt! Höber das Haupt erhoben! Mit aller Kraft ans Werk! Dann wird ans Not und Tod. Ruinen und Schmach die Freiheit des Volkes und ein neues würdiges Leben erstehen (KPD 1945, S. 20); Ein freies Volk ... dessen Grundgesetz die Achtung menschlicher Würde ist. Ein neues Deutschland... das auf Recht und Frieden gegründet ist.. Wahrheit, Ehrlichkeit und Treue.. Sociale Gerechtigkeit und so^iate Uebe .. eine sociale Ordnung .. die der demokratischen Überlieferung der deutschen I Vgangenheit ebenso entspricht wie der Weite und dem Geiste des christlichen Naturrechts (Kölner Leitsätze 1945, S. 31); Der politische Weg des deutschen Volkes in eine bessere Zukunft.. Demokratie

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Zukunftskonzeption, Freiheit, würdig, frei, Achtung menschlicher Würde, Recht, Frieden, Wahrheit, Ehrlichkeit, Treue, Gerechtigkeit, Liebe, Ordnung, Demokratie, menschenwürdig, Kultur, Freundschaft — es sind dies die überparteilich gültigen hohen Werte, wir kommen unten darauf zurück (s.u. Kapitel 7). In seinem Geleitwort zu der neuen Zeitschrift ,Die Wandlung' beschwört Karl Jaspers die deutsche Zukunft: Ein Anfang muß sein. Indem wir beginnen, die Verwandlung sich offenbaren lassen und fordern, hoffen wir auf dem Wege sjt sein dahin, wo wir wieder einen Grund legen iverden. Wir fangen so gamζ von vorn an, daß wir noch nicht einmal dieser Fundamente gewiß sein können. (Jaspers 1945a, S. 4) Ein Anfang muß sein — diese Formulierung birgt in nuce die deutsche Nachkriegsbefindlichkeit, die besagt: Man kann sich ein Ende nicht vorstellen, und wie anders rechtfertigen sich Denken und Schreiben, Reflektieren und Projektieren in der frühen Nachkriegszeit, wenn nicht mit der Vorstellung von Zukunft? Wenn das Ende beschworen wird — man belässt es nicht dabei, wie zum Beispiel Karl Jaspers, der zwar auch, wie wir oben gesehen haben, zu den Verkündern der neuen Geschichtslosigkeit gehört und verlauten lässt: [wir haben] keinen Erinnerungsbesit~ (s.o. Kapitel 5.3.2.), um aber gleichzeitig seinen Hörern zuzurufen: Wir haben keineswegs alles verloren, wenn wir nicht, in Vrersp'eißung wütend, auch noch das vergeuden, was uns unverlierbar sein kann: den Grund der Geschichte, für uns zunächst in dem Jahrtausend deutscher Geschichte, dann der abendländischen Geschichte, schließlich aber der Menschheitsgeschichte im Ganzen. (Jaspers 1945a, S. 5) Geschichte also, in der Klimax deutsche, abendländische, Menschheitsgeschichte, ist im Gegenteil Argument zur Durchsetzung des Appells, sich nicht der Desolation zu überlassen. So schreibt Jaspers am 12. März 1946 an Hannah Arendt: Es ist ein Feben in Fiktionen. .. Für das Nachdenken sieht eigentlich alles ausweglos aus. Aber man weiß ja, daß das Feben trot^ allem weitergeht, selbst in der Hungersnot. (Arendt-Jaspers-Briefwechsel S. 69) Auch Gerhard Ritter haben wir oben als Endzeit-Verkünder erlebt — heute [stehen] die Deutschen am Grabe ihrer Virgangenheit —, auch er zeigt, dass diese Grab-Metapher kalkulierte Rhetorik ist. Auch ihn bewegt eigentlich die Uberzeugung von der deutschen Zukunft: auf die ,Höhen der Menschheit' im Sinn früherer Jahrhunderte ψ gelangen, ist heute für uns weder Hoffnung noch Ziel. Es wird schon sehr viel sein, wenn wir ein leidlich gesichertes Dasein als Kulturvolk retten können. Aber auch da^u bedarf es des Selbstvertrauens an Stelle mutloser Selbstver^weiflung. Und die Betrachtung unserer deutschen Vergangenheit gibt uns da^u — trotiι allem — das Recht (Ritter 1948, S. 200).

in Staat und Gemeinde. Sozialismus in Wirtschaft und Gesellschaft! (SPD 1945, S. 28); ·ψ den Höhen einer menschenwürdigen Kultur, der Freundschaft mit allen Völkern der Welt (ebd., S. 30f.); politische^.], wirtschaftliche[..], sociale f..] und kulturelle[..] Gerechtigkeit (LDPD 1945, S. 8).

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Trot^ allem — mit Ende der Geschichte würde die Gegenwart bewertet? Keine Rede davon, wenn auch in der Historiographie dieses Signet als beherrschendes Merkmal der deutschen Haltung zum Nachkriegsjetzt beschrieben wird. 65 Vielmehr spielt man im Gegenteil auf dem Klavier der Anfangs-Euphorie, der Frohbotschaft-Begeisterung, der Erlösungs-Freude. Nicht zuletzt die alliierte Nachkriegspolitik ist hier als zur Zukunftshoffnung Anlass gebende Instanz zu veranschlagen. Sie ist wahrlich nicht — trotz Morgenthau-Plan und dessen Agrarland-Idee — auf die Vernichtung Deutschlands angelegt, und die deutschen Nichttäter wissen dies: jet^t.. ivirdpolitische und menschliche Mündigkeit vom deutschen \ rolke verlangt — niemals vorher, seit Jahrhunderten nicht (Windisch 1946, S. 181); Es ist uns .. in Aussicht gestellt, daß ein innerlich erneuertes Deutschland einmal wieder in die Gemeinschaft der Völker aufgenommen werden soll. (Steltzer 1946a, S. 92) Wer geneigt war, Stalin zu glauben, konnte seit 1942 beruhigt sein: „die Hitler kommen und gehen, aber das deutsche Volk, der deutsche Staat bleibt bestehen" 66 — ein Leitsatz, den vor allem Kommunisten in der frühen Nachkriegszeit nicht müde werden zu perpetuieren. Weiterhin: Die Neugründung der SPD wurde seit April 1945 vorbereitet, noch im Jahr des Kriegsendes wurde zu Parteigründungen aufgerufen 67 , Wahlen wurden avisiert 68 , unbelastete Deutsche wurden von Beginn an von den Alliierten aufgefordert, am Wiederaufbau sich zu beteiligen. 69 Kurz: Eine rigorose Vernichtung Deutschlands hätte nicht nur ethischen Grundsätzen, sondern auch politischen Absichten widersprochen — das konnte man in Deutschland getrost voraussetzen, das konnte man im Protokoll der Potsdamer Konferenz vom August 1945 nachlesen. Die Alliierten haben nicht die Absicht, das deutsche Volk zu „vernichten oder zu versklaven", vielmehr wollen sie „dem deutschen Volk die Möglichkeit geben sich vorzubereiten, sein Leben auf einer demokratischen und friedlichen Grundlage 65

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Vgl. etwa Wolfrum (1999), dem eben diese Rittersche Grab-Metapher zum Beleg dient, der aber den weiteren Kontext dieses Belegs — das mit trot%_ allem eingeleitete und Gültigkeit beanspruchende Argument Selbstvertrauen — außer Acht lässt. „Es wäre aber lächerlich, die Hitlerclique mit dem deutschen Volk, mit dem deutschen Staate gleichzusetzen. Die Erfahrungen der Geschichte besagen, daß die Iiitier kommen und gehen, aber das deutsche Volk, der deutsche Staat bleibt bestehen" (Stalin 1946, S. 49 f.). In der sowjetischen Zone mit Befehl Nr. 2 bereits am 19. Juni 1945, in der amerikanischen am 7. bzw. 27. August 1945, in der britischen Zone durch Verordnung Nr. 12 vom 15. September 1945, in der französischen am 29. November 1945. „Seit den ersten Tagen der Besetzung förderte Clav aktiv die Wieder- und Neugründung von Parteien sowie Wahlen auf Länderebene" (Schwartz 2001, S. 61). Natürlich spielt Kalkül eine Rolle: „Um die neue Elite [der von den Amerikanern betrauten Nazigegner] nicht zu diskreditieren, wurde als Zukunftsziel eine Einordnung Deutschlands in die friedliche Völkerfamilie herausgestellt" (Krieger 1995, S. 42). Das Ziel als solches aber wird dadurch nicht in Frage gestellt.

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von neuem wieder aufzubauen" (Potsdamer Abkommen 1945, S. 480). Bescheinigte ZukunftsFähigkeit konnte man schließlich aus der als ,speech of hope' von den Deutschen euphorisch gefeierten Rede des amerikanischen Außenministers Byrnes vom 6. September 1946 herauslesen, die ein hoffnungsvolles Morgen avisiert: Was wir wollen ist ein dauerhafter Friede. Wir werden uns gegen zu harte und von Rachsucht diktierte Maßnahmen wenden, die einem wirklichen Frieden im Wege stehen. .. Die amerikanische Regierung steht auf dem Standpunkt, daß jetzt dem deutschen \7olk innerhalb ganz Deutschlands die Hauptverantwortung für die Behandlung seiner eigenen Angelegenheiten bei geeigneten Sicherungen übertragen werden sollte. .. Die Vereinigten Staaten treten für die baldige Bildung einer vorläufigen deutschen Regierung ein (zit. nach Steininger 2002 I, S. 264f.).

Wir sehen: Die Alliierten stecken Argumentationsbedingungen ab, innerhalb derer die deutschen Intellektuellen reden, und sie abstrahieren diese Bedingungen zu einer Deutung, der sie einen Namen geben. Die scheinbare Aporie des Nachkriegsbewusstseins, die sich in der Inventur des Nichts bei gleichzeitiger Verkündung einer neuen Chance ausdrückt, lässt sich argumentationslogisch auflösen. Wenn das auf die deutsche Gegenwart bezogene Bewusstsein der Diskursgemeinschaft einer Idee verpflichtet ist, dann ist es die Idee der Wendezeit, der Zeitenwende. 70 Man hat ein prononciertes Bewusstsein davon, dass der „Zeitpunkt des Jetzt .. die Grenze [ist] zwischen Noch-nicht und Nicht-mehr" ( 3 RGG VI, S. 1881), und man akzentuiert diesen Zeitpunkt mit Emphase. Das dominierende Bewusstsein der geistigen Elite wird manifest in dem die Gegenwart hinsichtlich ihrer Beschaffenheit erklärenden Deutungsmuster Wende^eit1A und ihren Ausdrucksvarianten Wendepunkt12, Wende73, Weltwende74,

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Kilian ist zu widersprechen, der vermeint, dass „Bezeichnungen für das Hier und Jetzt .. entweder aus vergangenheitsrezeptiver (Nachnazizeit, Nachkriegszeit) oder .. aus zukunftsantizipicrcnder Perspektive gewonnen [wurden] (Zeit des Neuaufbaus, Wiederaufbaus, der Reaktion, des Neubeginns)", dass aber „ein eigener Stellenwert.. allenfalls in den ungeliebten Bezeichnungen Besatzungszeit und Ubergangszeit deutlich" wurde. (Kilian 1997, S. 29) Das D W b definiert: „zeit einer wende, der Wandlungen verschiedener art" (s.v. Wende) und gibt den ersten Beleg mit Herder an. In der zweiten Hälfte des 18. Jahrhunderts aufgekommen, löst es älteres Wendungspunkt ab. Seit dem frühen 19. Jahrhundert „vor allem .. bezeichnung einer zukunftsentscheidenden (eine wende bildenden) entwicklungsphase" (DWb), Wendepunkt der Zeit A.W. Schlegel 1812. Seit Anfang des 20. Jahrhunderts in der heutigen Bedeutung „ändernde fugung, Umschlag, Wechsel.. insbesondere von der umwälzenden Veränderung der Zeitverhältnisse" (DWb). Seit Mitte des 19. Jahrhunderts „völlige Umgestaltung der Verhältnisse .. vor allem im aktuellen politischen sinn, demokratische mltmnde [1866] .. umbruch einer historischen entwicklung", daneben auch auf den „Zeitpunkt, zu dem sich eine Umgestaltung der Verhältnisse vollzieht" bezogen, „einschnitt in der (historischen) entwicklung" (D\Vb).

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Zeit(en)ivende.15 Welcher Gesellschaftsformation, politischen Orientierung oder Weltanschauung auch immer zugehörig — Wendest oder die entsprechenden Ausdrucksalternativen sind die das empfindliche Bewusstsein der Nichttäter erfassenden Bezeichnungen. Man benutzt sie aus der kommunistischen Perspektive zur Kennzeichnung eines Politikwechsels 76 ebenso wie aus der bürgerlichen Sicht 77 oder der theologischen Perspektive. 78 Und Wende dient auch dem Kulturvermittler zur Legitimierung höchster Kunst zu Zeiten äußerster Zerstörung. 79 Julius Ebbinghaus gibt der Sammlung seiner moralphilosophischen Schriften den Titel Zu Deutschlands Schicksalswende\ und Theodor Litt stellt mit der Formulierung Fegefeuer dieser Zeitenwende (Litt 1948, S. 13) die Läuterungsfunktion heraus. Ebenso bezeichnet Alfred Anders ch die Dynamik der Gegenwart: Die Bedrohung, die hinter uns lieg, und diejenige, die unserer wartet, hat nicht ^ur lähmenden Furcht geführt, sondern nur unser Bewußtsein dafür geschärft, daß wir uns im Pro^eß einer Weltwende befinden. (Andersch 1946, S. 197) Wolfgang Koeppen literarisiert das Wendezeit-Motiv und führt die Perspektive derjenigen ein, die diese Wendezeit nicht als distanzierte Intellektuelle von hoher Warte aus erleben, sondern aus der Sicht derjenigen, die nicht zu rationalisieren vermögen: Das Feben, das Emilia nicht meisterte, war Wendest, Schicksals^eit, aber dies nur im Großen gesehen und im Kleinen konnte man weiterhin Glück und Unglück haben, und Im früheren 20. Jahrhundert aufgekommen zur Bezeichnung des Zeitpunkts, zu dem eine Epoche endet und eine neue Zeit beginnt. Der erste Beleg im DWb stammt von Dehmel; bei Oswald Spengler, ,Untergang des Abendlandes' (1922), ist politische Zeitenwende belegt (vgl. DWb). Wir stehen an einem historischen Wendepunkt in der Geschichte Deutschlands (Pieck 1945a, S. 7); Wendepunkt in der äußeren Politik Deutschlands (Dahlem 1945, S. 262); Wendepunkt in der inneren Politik Deutschlands (Dahlem 1945, S. 265);An der gegenwärtigen historischen Wende (KPD 1945, S. 18); Wir stehen an einer Wende (Manifest 1946, S. 25); An der Wende der deutschen Geschichte (Pieck 1949, S. 295). Was wir heute im deutschen l 'olke vor uns haben, ist keine bürgerliche Ordnung mehr. .. Ihre letzen Säulen sind vom Irrwahn des Hitlerkrieges verstört worden .. unsere Tage [stehen] im Zeichen des werktätigen I rolkes .. so bleibt uns heute die Erkenntnis, daß wir im Zeitalter des Durchbruchs der Massen des werktätigen Volkes als bestimmende Faktoren des Tebetis der Nation stehen .. hier in Berlin, wo 0stund Westeuropa im großen geschichtlichen Treffen der Nationen aufeinanderstoßen, [geht uns] diese Zeitenwende vom bürgerlichen Zeitalter ~um Zeitalter des werktätigen Volkes .. stärker .. auf (Kaiser 1946a, S. 217). In der Geschichte unseres \rolkes ist ein Wendepunkt eingetreten (Spandauer Synode 1945, S. 139); Wende^eiten der Geschichte (I leim 1946, S. 5); Nun kann es wohl keinem Zweifel unterliegen, daß die Gegenwart sich in einer Kulturkrise von unerhörter Tiefe und Härte befindet. .. Die Menschheit ist an einem kritischen Punkt ihrer Geschichte angelangt.. nichts anderes [scheint] übrig bleiben ... als das Werk der menschlichen Kultur von neuem beginnen. .. Deutlich zeichnet sich .. das Heraufziehen einer Zeitenwende ab. (Pnbilla 1947, S. 119) Wir beschwören dieses Große, daß es über uns komme, uns helfe, stärke, richte; uns Richtung gebe für ein besseres Wollen und höheres Streben .. Und wer könnte uns hier nötiger sein und mehr ψ sagen haben in einem solchen Augenblick der., möglichen Wende, als dieser Beethoven. (Benz 1945, S. 6f.)

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Emilia hatte das Pech, sich hartnäckig und ängstlich an das Entschwindende klammem, das in einer verzerrten, ungeordneten, anrüchigen und auch ein wenig lächerlichen Agonie lag; doch war die Geburt der neuen Weltweit nicht weniger vom Grotesken, Ungeordneten, Anrüchigen und Lächerlichen umrandet. Man konnte auf der einen und auf der anderen Seite leben, und man konnte auf dieser und jener Seite des Zeitgrabens sterben (Koeppen 1951, S. 83f.). Diese Zeitanalyse Koeppens aus dem Jahr 1951 bezieht sich auf die früheste Nachkriegszeit. Wende^eit, Schicksalssgit, im Großen gesehen und Geburt der neuen Weltweit — einerseits, das Entschwindende und nicht meisterte und in einer lächerlichen Agonie — andererseits. Was wir hier analysieren ist im Großen gesehen von denjenigen, die sich nicht wie Emilia an das Entschwindende klammern, sondern dieses im Gegenteil verabschieden. Die Belege zeigen: Wendepunkt ist, wie Wende^eit, gleichsam neutraler Ausdruck zur Bezeichnung des Wechsels, dessen Neutralität durch fehlende Charakterisierungen noch verstärkt wird, ebenso Wende, die hundert Jahre jüngere Bezeichnung, die, wie die meisten Vertreter dieses Wortfelds, auf historisch referiert: Die KPD ordnet die Gegenwart in den vom historischen Materialismus gedachten gesetzlichen Ablauf der menschlichen Heilsgeschichte, auf Geschichte (Wende der deutschen Geschichte), während der vorsichtige Kulturhistoriker Richard Benz nur die mögliche Wende in Betracht zieht. Wer die Epochalität der Gegenwart bezeichnet, fokussiert implizit mit Zeit(en)n>ende die Dimension des Nationalsozialismus und den Umfang der Konsequenzen seiner Vernichtung. Dabei drücken sich unterschiedliche Haltungen aus. Zeitenwende vom bürgerlichen Zeitalter Zeitalter des iverktätigen Volkes — das sozialistisch getönte Zeitbewusstsein des SBZ-CDUlers deutet die Zeitenwende diesem Prinzip entsprechend im Sinn einer Ablösung der bürgerlichen Ordnung mit hoffnungsvoller Zukunftsperspektive, mit Zukunftsglaube, dem sich in einer öffentlichen Rede noch 1946 der Christdemokrat in der SBZ offenbar verpflichtet fühlen kann. Dagegen lassen Kontextualisierungen von Zeitenwende mit Kulturkrise, kritischen Vunkt., in Auflösung begriffen und VQvingt neuer Orientierung, wie sie Pribilla formuliert, auch die Bedrückung erkennen, die die Ungewissheit eines umfassenden Wandels bewirkt. Insgesamt: Das Wortfeld Wende hat explikative, erklärende Funktion. Kennzeichen dieser Erklärung ist die Bewertung der Gegenwartsprozesse als historisch bzw. ihre Einordnung als Geschichte. Mit der E r k l ä r u n g der Gegenwart als Wende werden Perspektiven erschlossen. Das Wortfeld Wende bildet das lexikalische Destillat einer Gegenwartsperzeption, die, mit welchem Domänenhintergrund immer, ob Kommunisten oder Theologen, Kulturkritiker oder Historiker reden, unterschiedslos die Gegenwart als Zeit der Veränderung und des Wandels expliziert — eine Gegenwartsdeutung unter dem Zeichen der Hoffnung: In Zeiten äußerster Zerstörung kann Veränderung nur Veränderung zum Guten bedeuten. Diese Deutung der Ge-

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genwart ist Grundvoraussetzung jeglichen Redens in der Nachkriegszeit, wie wir weiterhin sehen werden. Zeitkritiker jeglicher Provenienz also erfassen die Nachkriegsgegenwart mit diesem Deutungsmuster Wende, und wir können voraussetzen, dass es das gegenwartsbezogene Denken der Nachkriegszeitgenossen dominiert. Dieses Deutungsmuster ist gekennzeichnet durch eine dreidimensionale Zeitorientierung. Dreidimensional heißt: Wer in der Vorstellung von einer Wendezeit lebt, setzt einen komplexen, sozusagen trifokalen Zeitbegriff voraus, der die drei Zeitdimensionen zusammenführt. Fluchtpunkt ist die Gegenwart, diejenige Zeit im Sinn von ,Zeitpunkt', die in dem Deutungsmuster Wende ebenso aufgehoben ist, wie Vergangenheit und Zukunft. Insofern also laufen in dem Begriff der Wende die drei Zeitdimensionen Vergangenheit, Gegenwart und Zukunft zusammen. Von diesem Zeitpunkt der Wendezeit aus überschaut man gleichzeitig das ,Nicht mehr' der Vergangenheit, das Jetzt' der Gegenwart und das b e reits wieder' der Zukunft. Und jeder der drei Zeitaspekte hat spezielle Kennzeichen, die man je nach Einstellung akzentuiert. Welche Deutungen erfahren Vergangenheit, Gegenwart und Zukunft unter den Bedingungen eines Gegenwartsverständnisses, welches diese als Zeit der Veränderung und des Wandels interpretiert? Wenn das Vergangenheitsmerkmal,Nicht mehr' fokussiert wird, wenn also eine Entwicklung hin zum postnazistischen Jetzt der Nachkriegszeit zu bezeichnen ist, setzt man sich mit dem Nationalsozialismus und seiner Entstehung auseinander und paraphrasiert dieses ,Nicht mehr' mit 19. Jahrhundert, Weltepoche, Epoche — man stellt den Nationalsozialismus in den Kontext einer umfassenden globalen historischen Entwicklung und setzt Gegenwart, als sein Ende, als Ende dieser Entwicklung. 80 Zu Grabe getragen, Weltepoche abgelaufen, Krisis, Zuendesein, Schlußstrich, Zusammenbruch einer Epoche — nicht Abschiedswehmut drücken die Zeitgenossen liier aus, sondern die Erleichterung eines sich Entledigthabens, eines Losgekommenseins. Gegenwart, die Zeit zwischen ,nicht mehr' und ,bereits wieder', kennzeichnet als Begriffselement der Gegenwarts-Deutung den in der Gegen-

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Erst 1945 wurde .. das 19. Jahrhundert wahrhaft Grabe getragen (Aich 1947, S. 225); unter der Menschheit [ist] ein richtiges Gefühl dafür vorhanden, daß ein Gleichgewicht zerstört ist und sich irgendetwas dem Ende nähert. Eine Webepoche scheint abgelaufen zu sein (Steltzer 1947, S. 172); Unsere Zeit .. wurde .. in eine Lage versetzt, die.. das Zuendesein jenes Schwebezustands, jener Ottentschiedenheit.. ist. in die das neunzehnte Jahrhundert seine Schöpfungen hüllte. .. Die geistige Lage unserer Gegenwart wird dadurch bestimmt, daß ein .. katastrophales.. Geschehen gleichsam einen Schlußstrich unter eine geistige Entwicklung setzt. Was sich heute vollzieht, ist .. das echte Zuendesein einer Epoche (MüllcrArmack 1949, S. 149); Es gibt kein Ausweichen vor dem Eingeständnis, daß wir den totalen .. Zusammenbruch einer Epoche erlebt haben .. Situation des Infragegestelltseins bisheriger Maßstäbe und I Erstellungen und eines radikalen Zuendeseins einer Epoche (ebd., S. 50).

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wart sich vollziehenden Umbruch und den Wandel als solchen.81 Lexikalische Platzhalter dieses, die Gegenwart pointierenden Wendezeit-Gefühls sind Wechsel, Wandel\ Werden und Entstehen, Zeitalter läuft ab, Traditionsbmcb. Man ist überzeugt von in der Gegenwart sich vollziehenden Veränderungs-Prozessen, und die Quantoren aller (Wechsel aller Szenerie) und alles (alles im Werden und Entstehen) und die Attribuierung unerhört {unerhörten Wandel) sind die lexikalischen Repräsentanten zur Bezeichnung des Umfangs dieser Wandelprozesse. Diese werden bei allem Zukunftsoptimismus gelegentlich auch mit kritischer Distanz kommentiert — vom einen, indem er die Zerstörung einer hoffnungsfrohen Aufomchstimmung (Hoffnung hat sich nicht erfüllt) mit den zu weit gehenden Entnazifizierungsmaßnahmen (die Dosis wurde stark genommeti) begründet, vom anderen, indem er mit der Zerstörung von Wissenschaftsglaube und dem Unvermögen von Heilsoptionen (Humanismus, 'Naturwissenschaften) argumentiert (die Menschen sind nichtfreier und glücklicher gewordeti). Schließlich der Zukunftsaspekt der Gegenwarts-Deutung: Man bezeichnet Veränderung durch Betonung des Neuen, und es ist vor allem diese prospektive Blickrichtung, die die Gegenwartsanalyse der ersten Nachkriegsjahre prägt. Die Deutung der Gegenwart als Wende^eit heißt vor allem, das zukunftsorientierte Potenzial dieser dreidimensionalen Vorstellung zu betonen, die Wahrnehmbarkeit bereits begonnener Zukunft sozusagen.82 Prädikate wie nähern, erwartet, liegt vor uns, vor dem wir stehen, darangeUnvorstellbar noch für uns Miterlebende ist in seinem letzten Ausmaße der Wechsel aller staatlichen, politischen und kirchlichen Szenerie (Heinemann 1945/46, S. 19); dem unerhörten Wandel der im ganzen Eebensgefühl unserer Generation sich vollzieht (Asmussen 1947, S. 5); Wo alles im Werden und Entstehen ist, kommt es viel darauf an wie und von wem der Anfang gesetzt und die Richtung des Anlaufes bestimmt wird. .. Wir.. befinden uns in besonderem Maße in einem Zustand, wo Gesundes und Krankes, Vorwärtsstrebendes und Absterbendes, Heilendes und Zerstörendes miteinander im Kampfe liegen! .. Über die ganze Welt ist Bangigkeit gebreitet! Die Hoffnung, daß die Welt einem glücklichen Zeitalter erwachen werde, wenn nur das durch Hitler heraufbeschworene Unglück gebannt sei, hat sich nicht erfüllt! Die Dosis zur Verflichtung des nautischen Deutschlands wurde ru stark genommen! (Ehard 1949, S. 53); Dieses Zeitalter läuft heute ab. Seit Beginn des ersten Weltkrieges werden die Kennzeichen eines neuen deutlich. Im geistigen Bereich ist entscheidend, daß der Glaube an die Wissenschaft ins Schwanken gerät. Weder der Humanismus ... noch die Naturwissenschaften .. haben die sociale Frage gelöst. Die Menschen sind nicht freier und nicht glücklicher geworden (Gablentz 1949, S. 55); da wir durch die Erschütterungen der letzten Jahrzehnte einen Traditionsbruch erlebten (Müller-Armack 1949, S. 77). i2

hl diesen vergangenen Wochen und Monaten ist nun ein neues Kapitel in der Geschichte unseres Volkes und unserer Kirche aufgeschlagen (Böhm 1945, S. 125); wir.. nähern uns der Paßhöhe, auf der uns die Aussicht in ein neues hand erwartet. .. Undfrei liegt der Weg nun vor dem deutschen Erzieher (Deiters 1945, S. 19); Es liegt ein neuer Zeitabschnitt vor uns (Preysing 1945c, S. 25); an der Wiege der Neuordnung der deutschen Dinge (Kaiser 1946b, S. 203); Neuanfang, vor dem wir stehen (G eiler 1946a, S. 113); wenn wir heute darangehen, unser politisches L·eben neu !:;u begninden (Sternberger 1946, S. 27); Zum ersten Mal nach zwölf Jahren versammelt sich wieder die Bürgerschaft. Es ist ein neuer Anfang nach so lange erzwungener Ruhepause (Kaisen 1946, S. 41); Einesteils sind wir selbst andere geworden. Andernteils hat die Zeit mit ihrem Denken, mit ihren Wissens- und Lebensbedürfnissen ein neues Gesicht

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hen, Metaphorisierungen wie neues KapitelAussicht, Wiege, Geburtswehen, etwas Neues folgt, neuer Menschheitstag drücken die erwartungsvolle Spannung der ersten Nachkriegsjahre aus, ein Denken und Reden auf das kommende Neue hin, man ist hochgestimmt. 83 Man emphatisiert die Zukunftsdimension des Wendezeit-Gefühls, man bezeichnet das Empfinden, die Fülle des Seins vor sich ausgebreitet zu finden, die Vorstellung von Optionen drückt sich aus. Das Lebensgefühl der geistigen Elite ist beherrscht von der Deutung der Gegenwart im Sinn einer, jede Möglichkeit der Gestaltung offenbarenden, ja, zu dieser Gestaltung auffordernden Zeit. Dieser eminent appellative Wendezeit-Begriff erhält einen spezifischen Akzent, dem lexikalisch mit dem Gebrauch des Wortfelds Entscheidung entsprochen wird. 84 Schicksalsstunde, Entscheidungs^eit, Kairos und das Bild der eine Entscheidung heischenden Wegkreuzung als eine Variante dieser Vorstellung — wieder ist es eine religiöse Wahrnehmungskategorie, die das Benennungsmotiv für diese Deutungsmuster liefert. Nochmals ist zu verweisen auf die Lehre der Eschatologie: Zeit ist nicht nur Endzeit, sondern auch „endgültig entscheidende Zeit (Kairos)" (RGG 3 1957 III, S. 651), und der „Christ weiß nicht nur um den entscheidenden Kairos vor sich, sondern auch um den hinter sich: die Entscheidung ist gefallen" (ebd., S. 681) — ,der Deutsche weiß nicht nur um den Untergang des Nationalsozialismus, sondern auch um die Notwendigkeit der Richtunggebung' möchte man modifizieren. Das Bewusstsein über die Reichweite dieser Richtunggebung, über die Größe dieser Zeit, fängt Grimme mit dem Ausruf creatio e nihilol ein, dessen Sinn auch in Formulierungen wie eine große Möglichkeit ist uns gegeben, eine große Gottesstunde hat uns geschlagen (Hammelsbeck 1946, S. 18), aufgehoben ist. Den Kairos begreifen, heißt zu begreifen, dass es „den

erhalten (Wunderle 1946, S. 4); der größte Umbruch seit vielen, vielen Zeiten, .. Es· bricht ein neues Zeitalter an. Der Ubergang ist unbequem, vielleicht sogar schmtrfnaft. Das sind.. die Geburtswehen der neuen Zeit. (Färber 1947, S. 423); Für uns, die wir an einem radikalen Ende stehen und den Untergang erlebt haben, ist es notwendig, uns immer bewußt ψ sein, daß auf ein Ende etwas Neues folgt. (Huch 1947b, S.441); Ein Zeitalter geht ^u Ende, ein neuer Menschheitstag steigt unter Geburtswehen über den Völkern auf. .. S chwer drücken die Sterbensnöte einer untergehenden Welt und die Geburtswehen der neuen (Fuchs 1948, S. 7). Alexander Mitscherlich bestätigt diese Stimmung aus den Tagen, als der Krieg zu linde geht, aber noch nicht zu Ende ist: „Während sich die amerikanischen Truppen in der Osterwoche 1945 Heidelberg näherten, vernahmen wir zum ersten Mal während des Krieges Kanonendonner. In unseren Ohren waren das die Salutschüsse im Eröffnungszeremoniell einer neuen Epoche." (Mitscherlich 1980. S. 128) Schicksalsstunde.. Entscheidungs^eit.. Kairos .. die Größe dieser Zeit.., die uns ertaubt, die Welt von allen \'orurteilen frei neu aufwachsen lassen aus der Wurzel, .. Aufbau aus dem Nichts. .. creatio e nihilo! (Grimme 1945a, S. 32); jet^t, in diesem entscheidenden Abschnitt der Geschichte (Kogon 1946a, S. 415); in entscheidender Stunde (Erhard 1945, S. 55); nun hat eine neue Stunde der Entscheidung geschlagen (Bäumer 1946, S. 25); dieser Wegkreucymg, vor der unser Volk heute steht (Noack 1946, S. 11).

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rechten Augenblick gibt, in dem er [der Mensch] selbst in unendlicher Einmaligkeit sein Leben bestimmt bzw. dieses entscheidend bestimmt wird" (Krings/Baumgartner/Wild 1974 VI, S. 1802) - die Vorstellung unendlicher Einmaligkeit prägt das Denken der Nichttäter, wie wir gesehen haben, ebenso wie die einer Bestimmung, die sich in der Gegenwart vollzieht und die nichts anderes sein kann als ,Neubestimmung'. Wir sehen: Die Konstruktion des Wendezeit-Begriffs schuldet ihre Entstehung einem ausgeprägten ,Nachkriegsgeführ, welches beherrscht ist von der Vorstellung eines zu überwindenden Nichts. Diese Facette des Wendezeit-Begriffs, die in die Zukunft gerichtete Sinndeutung ist daher dominierend. Indem man die Vorstellung dieses Nichts in den Fokus einer zukunftsorientierten Bewertung der Gegenwart stellt — Wendest ist eine Deutungskategorie mit hohem Bewertungspotenzial — ignoriert man sie zugleich. Zukunftsorientierte Bewertung der Gegenwart heißt: Nicht die Hier-, sondern die Wohin-Dimension ist festzulegen. Außerdem: Dieses Deutungsmuster erlaubt die Fokussierung des übernationalen Szenarios, nicht nur des Bewusstseins eines deutschen Nachkriegs, es setzt nicht nur voraus: deutsche Städte in Trümmern, deutsche Menschen im Elend, ein deutscher Staat vernichtet, kurz: Man fokussiert die Gegenwart nicht ausschließlich als nationale, sondern erschließt damit auch eine weit-, eine menschheits-, eine geistesgeschichtliche Perspektive. Im Sinn dieser Extemporierung einer die gesamte Menschheit betreffenden Veränderung aus der deutschen Gegenwart prägt das Wendezeit-Bewusstsein entschieden die Vorstellung von Epochalität. Die Sinndeutung des Kriegsendes und des zerschlagenen Nationalsozialismus erhält die historische Dimension eines weit- und geistesgeschichtlichen Umschwungs. Man hebt die deutsche Isolation auf. In dieser Deutung trägt die Gegenwart die übernationale Signatur der Zeitenwende im Sinn einer ,Weltenwende'. Insofern die deutsche Spezifik geprägt ist von Schuld und Verachtung — als Ergebnis einer gerade überwundenen verbrecherischen Diktatur — erscheint diese Perspektivenerweiterung in der Funktion der Endastung.

6. Vergangenheit: Erinnerungsorte 1933 — 1945 Da Vergangenheit, so und so gedeutet, darstellend entsteht und diese Darstellung je in der Gegenwart stattfindet 1 , gestalten mit dem gegenwartsbezogenen Diskurs die Beteiligten je spezifische Voraussetzungen für ihre jeweiligen Vergangenheitsdeutungen. Wir setzen voraus, dass Gegenwartsbewusstsein und Vergangenheitsdeutung insofern zueinander in Beziehung zu setzen sind, als die Haltung zur Gegenwart die Deutung der Vergangenheit bedingt. Die Haltung, die Opfer und Täter in Bezug auf ihre Gegenwartsdeutung ausdrücken, ist von einem subjektiven Selbstbild bestimmt: Opfer reden mit der gegenwartsbezogenen Haltung ,befreit', Täter mit dem Selbstbild ,zu Unrecht angeklagt'. Opfer und Täter setzen also ihren je persönlichen Status als Interpretament ihrer Gegenwartsdeutung und konstituieren damit eine personbezogene Gegenwartssicht. Nichttäter haben eine überindividuelle Haltung zur Gegenwart, gestalten ihre Deutung nicht, wie Opfer und Täter unter der Voraussetzung eines persönlichen Selbstbildes, sondern schaffen mit der abstrakten Vorstellung der Gegenwart als ,Wendezeit' ihre spezifischen Bedingungen, von Vergangenheit zu reden. Nichttäter setzen also überindividuelle Gegebenheiten als Interpretament ihrer Gegenwartsdeutung und konstituieren damit eine zeitbezogene Gegenwartssicht. Diesen unterschiedlichen Selbstbildern und Vorstellungen von Gegenwart entgegen steht der eine Gegenstand des Redens von Vergangenheit: Wenn Opfer, Täter und Nichttäter über Vergangenheit reden, reden sie über den Nationalsozialismus, über den Krieg, über Konzentrationslager, Judenverfolgung und Völkermord — sie reden über Schuld. Dieser vergangenheitsbezogene Diskurs ist Schaffung von Erinnerungsorten 2 —

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„Erinnerung hängt .. nicht - oder wenigstens als zumeist unterstellt — von Vergangenheit ab. Eher ist es umgekehrt. Überspitzt könnte man sagen, Vergangenheit entsteht erst dadurch, daß sie erzählt, aufgeschrieben und dargestellt wird." (Reichel 1995, S. 19) Francois/Schulze definieren Erinnerungsorte als „langlebige, Generationen überdauernde Kristallisationspunkte kollektiver Erinnerung und Identität, die in gesellschaftliche, kulturelle und polltische Üblichkeiten eingebunden sind und die sich in dem Maße verändern, in dem sich die Weise ihrer Wahrnehmung, Aneignung, Anwendung und Übertragung verändert." Sie „verstehen also ,Ort' als Metapher, als Topos im buchstäblichen Wortsinn. Der Ort wird allerdings nicht als eine abgeschlossene Realität angesehen, sondern im Gegenteil stets als Ort in einem Raum (sei er real, sozial, politisch, kulturell oder imaginär). Mit ande-

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insofern wir den Schulddiskurs der deutschen Nachkriegszeit als Umbruch innerhalb der deutschen Sprachgeschichte bewerten, können wir mit dem vergangenheitsbezogenen Schulddiskurs gleichsam die Genese der hier beschriebenen Erinnerungsorte rekonstruieren. Wir markieren sozusagen den Beginn ihrer Karriere als „langlebige Kristallisationspunkte kollektiver Erinnerung und Identität" (Francois/Schulze 2001, S. 18), die ihre Entstehung den extremen, in der jüngsten Vergangenheit gemachten und daher noch nicht sedimentierten Erfahrungen des Kollektivs verdanken. Erinnerungsorte und die sie konstituierenden extremen Erfahrungen haben je unterschiedliche semantische Ressourcen. ,Extreme Erfahrungen' heißt für die Opfer: Entwürdigung, Verfolgung, Leid. Erinnerungsorte der Täter bündeln diejenigen Bedingungen, die ihre Exkulpierung bewerkstelligen, die — unter der Voraussetzung ihrer Selbstsicht ,unschuldig' — diese Selbstsicht bestätigen. Die Erinnerungsorte der Nichttäter sind diejenigen Orte, an denen sie die Schuld der wirklich Schuldigen, ihre eigene Schuld, sowie die Schuld der Deutschen aufsuchen.

6.1. Die Berichte der Opfer: L' Univers Concentrationnaire 3 „Die Massenvernichtung der europäischen Juden hat eine Statistik, aber kein Narrativ", weil die fabrikmäßig erfolgte millionenfache Stanzung von Lebensgeschichten in ein gleichförmiges tödliches Schicksal dem Ereignis im nachlebenden Bewußtsein jegliche Erzählstruktur nimmt (Diner 1995, S. 26f.). Für die Überlebenden, Juden und Nichtjuden, ist die Vernichtung eine v e r s u c h t e Vernichtung, eine Vernichtung, der sie begegnet und entronnen sind. Eine versuchte Vernichtung h a t ein Narrativ. Es manifestiert sich in den KZ-Berichten der Uberlebenden. Die versuchte Vernichtung hat deshalb ein Narrativ, weil für die Überlebenden die Grenze zur Vernichtung nicht überschritten, wiewohl oftmals beinahe erreicht wurde, „die Erinnerungen der Überlebenden .. waren Erfahrungen der Zerstörung des Lebens" (Abels 1995, S. 315) - der Zerstörung des Lebens der anderen. Der Schulddiskurs der Opfer manifestiert sich in ihren Berichten über KZ und Haft deshalb, weil diese Berichte das übermitteln, was den Anlass des Schulddiskurses überhaupt darstellt. Das, wovon die Opfer reden, ist Gegenstand dessen, worauf die Formel deutsche Schuld ren Worten: Wir sprechen von einem Ort, der seine Bedeutung und seinen Sinn erst durch seine Bezüge und seine Stellung inmitten sich immer neu formierender Konstellationen und Beziehungen erhält." (Francois/Schulze 2001, S. 18) Nach David Rousset, L'Univers Concentrationnaire (1946).

Die Berichte der Opfer: L' Univers Concentrationnaire

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rekurriert: Diskriminierung, Verfolgung, Völkermord - Verbrechen gegen die Menschlichkeit. So sollten die Äußerungen der Opfer die Folie abgeben, auf der der Täter- und der Nichttäterdiskurs gespiegelt sein sollte. Uberlebende stehen nach der Befreiung vor der Frage, „wie die Wirklichkeit im Lager — Entwürdigung, Torturen, Sklavenarbeit, Barackendasein, Hunger, massenhafter Tod, aber auch Kameradschaft und gegenseitige Hilfe — zur Ansicht gebracht werden kann." (Überlebensmittel 2003, S. 37) Diese Frage stellen sich nicht nur malende Uberlebende, auf die in diesem Begleittext zu den Bildern von KZ-Häftlingen Bezug genommen wird, sondern auch diejenigen, die sprachlich zu vermitteln suchen, was sie erfahren haben und was sie erinnern. Und auch für sie gilt, was für die Malenden gilt — man sucht die Form des realistischen dokumentierenden Berichts: Eine Bildsprache, mit deren Hilfe die Extremerfahrung im KZ unverstellt wiedergegeben werden könnte, findet sich in der überkommenen Kunst nicht. Uberlebende der KZ greifen aus dieser Darstellungs- und Vermittlungsnot auf Chiffren der Lagerwelt zurück, aus denen sich ein visuelles Alphabet der Lagerdarstellung entwickelt: Stacheldraht, Wachtürme, das Lagertor, der rauchende Krematoriumsschornstein, ausgezehrte „Muselmänner", Appelle, Leichenstapel, prägnante Szenen (Selektion, Desinfektion, Strafen, Arbeit im Steinbruch usw.). Realistische Darstellung verdankt sich aber auch dem Anliegen, direkte Augenzeugnisse gegen die NS-Propaganda zu stellen und das „Antlitz des Menschen" gegen die nationalsozialistische Vorstellung vom „Untermenschen" zu behaupten. (Überlebensmittel 2003, S. 37)

Zwar untersuchen wir kaum Darstellungen mit künsderischem Anspruch, indes besteht die ,Darstellungs- und Vermittlungsnot' auch für diejenigen, die nichts als ihre Dokumentationen als solche zu kommunizieren suchen. Dokumentationen wovon? Die „Chiffren der Lagerwelt" sind auch in den s p r a c h l i c h e n Zeugnissen diejenigen Bestimmungsstücke, die einen KZ-Häftling und den Ort seines Seins als das bezeichnen, was sie sind. ,Seinsweisen', ,Seelenlagen', ,Schauplätze', ,Gegenmenschen' und „Selbstbefreiung'' haben wir diejenigen Diskurssegmente 4 genannt, die, gleichsam wie unabdingbare Obligos, das Erinnerte zu Erinnerungsorten geraten lässt, zu Segmenten des kollektiven Opfergedächtnisses — was unauslöschlich in das Gedächtnis .. eingegangen ist (Kogon 1946a, S. 82). Indem diese Gedächtnissegmente in Sprache umgesetzt sind, sind sie sprachliche Verdichtungen des Gedächtnisses. Als solche sprachlichen Verdichtungen wiederum sind sie sprach(gebrauchs)geschichtliche Faktoren. Die fünf Erinnerungsorte sind Diskurssegmente. Sie werden konstituiert durch lexikalische Bausteine, solche lexikalische Einheiten nämlich, Ich definiere Diskurssegment als diskursiv ausgestaltete Aspekte eines Diskursthemas. Die Summe der Diskursthemen bildet den Diskurs.

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Vergangenheit: Erinncrungsorte 1933 — 1945

die über den jeweils gemeinsamen Bezug zu dem entsprechenden Segment ein kohärentes Register bilden. Diese lexikalischen Einheiten haben eine deskriptive Funktion — sie dienen zur Darlegung, haben, in Korrespondenz zu der Textsorte ,Bericht', die sie konstituieren, keinen anderen argumentativen Zweck als den des Bezeugens. Die fünf Erinnerungsorte sind diejenigen Diskurssegmente, in denen sich das Kollektiv der Opfer als Kollektiv manifestiert. Sie sind das Gegenteil der je charakteristisch ausgeführten, mit einem subjektiven Darstellungsanspruch umgesetzten individuellen Beschreibungen von Erfahrungen, die solche Berichte auch sein können. Ganz besonders offenbaren sich Individualität und Spezifik in solchen Erinnerungen, die mit künstlerischem Anspruch geschrieben wurden, wie etwa die von Robert Antelme, Jorge Semprun oder Imre Kertesz. Ein deutschsprachiges Beispiel künstlerischer Vermittlung mag Bruno Apitz' Roman ,Nackt unter Wölfen' sein, wenn man davon absieht, dass er dem politischen Zweck des sozialistischen Aufbaus und seiner Legitimierung all zu sehr zu Diensten ist. Jenseits jeglichen Vergleichs dessen, was künstlerischer Darstellungsanspruch heißt — Paul Celans ,Todesfuge': Schwang Milch der Frühe wir trinken sie abends / wir trinken sie mittags und morgens wir trinken sie nachts / wir trinken und trinken /wir schaufeln ein Grab in den Lüften da Hegt man nicht eng / Ein Mann wohnt im Haus der spielt mit den Schlangen der schreibt / der schreibt wenn es dunkelt nach Deutschland dein goldenes Haar Margarete/ er schreibt es und tritt vor das Haus und es bitten die Sterne er pfeift seine Rüden herbei / er pfeift seine Juden hervor läßt schaufeln ein Grab in der Erde / er befiehlt uns spielt auf nun i^um Tan^ Schwang Milch der Friihe wir trinken dich nachts / wir trinken dich morgens und mittags wir trinken dich abends / wir trinken und trinken / Ein Mann wohnt im Haus der spielt mit den Schlangen der schreibt / der schreibt wenn es dunkelt nach Deutschland dein goldenes Haar Margarete / Dein aschenes Haar Sulamith wir schaufeln ein Grab in den Lüften da liegt man nicht eng Er ruft stecht tiefer ins Erdreich ihr einen ihr andern singet und spielt / ergreift nach dem Eisen im Gurt er schwingts seine Augen sind blau / stecht tiefer die Spaten ihr einen ihr andern spielt weiter t^um Ταιαζ auf Schwang Milch der Frühe wir trinken dich nachts / wir trinken dich mittags und morgens wir trinken dich abends / wir trinken und trinken / ein Mann wohnt im Haus dein goldenes Haar Margarete / dein aschenes Haar Sulamith er spielt mit den Schlangen Er ruft spielt süßer den Tod der Tod ist ein Meister aus Deutschland / er ruft streicht dunkler die Geigen dann steigt ihr als Rauch in die Luft / dann habt ihr ein Grab in den Wolken da liegt man nicht eng Schwang Milch der Frühe wir trinken dich nachts / wir trinken dich mittags der Tod ist ein Meister aus Deutschland / wir trinken dich abends und morgens wir trinken und trinken / der Tod ist ein Meister aus Deutschland sein Auge ist blau / er t r i f f t dich mit

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bleierner Kugel er t r i f f t dich genau / ein Mann wohnt im Haus dein goldenes Haar Margarete / er hettf seine Rüden auf uns er schenkt uns ein Grab in der Tuft / er spielt mit den Schlangen und er träumet der Tod ist ein Meister aus Deutschland dein goldenes Haar Margarete / dein aschenes Haar Sulamith Unter dem Eindruck des Todes der von der SS ermordeten Eltern 5 vermutlich 1945 geschrieben, ist dieser schrecklich schöne Text unvergleichlich — erst recht unvergleichlich mit unseren KZ-Berichten. Obwohl Celan, wie die KZ-Berichterstatter, gegen das Vergessen schreibt 6 , und obwohl das Szenario hier wie dort das des Lagers ist - die Todesfuge ist kein KZ-Bericht, sie ist keine Darstellung der Realität von Auschwitz und der Leiden der Opfer. Kein Wort der Todesfuge ist auch ein Wort der hier untersuchten Texte. Transport und Selektion, _Angst und Steinbruch und Gaskammer, SS-Mann und Verbrecher — Celan vermeidet diese Chiffren der Lagerwelt, diese Dokumentär-Wörter, diejenigen Wörter, die ohne ästhetischen Anspruch die KZ-Realität bezeichnen. Zwar: Die KZ-Welt hier wie dort entsteht nicht zuletzt durch die Kontrastierung der Gegenwelten von wir und sie. Wir. trinken, schaufeln, schwang Milch der Frühe, ein Grab, aschenes Haar Sulamith. Sie: ein Mann, wohnt, spielt, schreibt, p f e i f t , befiehlt, ruft, t r i f f t dich, het^t, Haus, Schlangen, goldenes Haar Margarete, seine Rüden, seine Juden, Eisen im Gurt, Augen blau. Wir also: die kleine eintönige Welt des Elends. Sie also: die vielfältige blondblauäugige Welt des Bündnisses von Normalität und Abnormität, von Sentiment und Brutalität, von Geist und Ungeist. Auf dieses binäre Grundprinzip von wir und sie lassen sich auch die hier untersuchten Erlebnisberichte zurückfuhren. Indes: Unabhängig von ihrem künstlerischen Unvermögen — die hier zu Wort kommen, hätten womöglich, wie der Lyriker Alfred Kittner, die Todesfuge „allzu kunstvoll, zu vollendet [gefunden] .. gemessen an den Schrecknissen", denen sie, wie Kittner, gerade entkommen waren (zit. in Buck 2002, S. 55). Deshalb schreiben sie ungekünstelte Berichte, die dokumentierend Leben und Sterben im KZ darstellen. Wir teilen aber nicht die Meinung Theo Bucks — und die KZ-Berichte von Victor Frankl und Eugen Kogon, von Lucie Adelsberger und Isa Vermehren geben uns recht —, dass „ a l l e i n [Hervorhebung von mir; „Die Juden aus der Bukowina wurden vor allem in Arbeitslager nach Transnistrien gebracht. Dort kamen auch Celans Eltern ums Leben. Der Vater starb wegen Entkräftung an Typhus, einem anderen Bericht nach wurde er erschossen; die Mutter wurde durch Genickschuß ermordet." (Buck 2002, S. 14) „Was Text, Bilder und deren Anordnung nach dem Willen des Autors zu leisten haben, ist die dem Vergessen und der Gleichgültigkeit entgegenwirkende Kraft des Erinnerns. Celans Erinnerung .. will das Bewußtsein wachhalten für die geschehenen Verbrechen .. Celan schreibt kein Gedicht über Auschwitz .. sondern eine poetische Fuge des Erinnerns an die Toten der Vernichtungslager." (Buck 2002, S. 36)

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HK] die alogische Metapher [schwarte Milch derFmhe] .. die Realität dessen zu treffen [vermag], was die Mordbürokraten der ,Herrenrasse' in den Todesfabriken angerichtet haben" (Buck 2002, S. 39). Abgesehen davon, dass Nicht-Augenzeugen vermutlich doch wohl kein Urteil möglich ist über das Treffen „der Realität" — e i n e Realität erfassen auch die nach der Befreiung geschriebenen Erlebnisberichte, eindringlich und unmittelbar. 6.1.1. Seinsweisen Mit Seinsweisen sind die Diskursbeiträge der Opfer gemeint, die Erinnerungsorte von Zuständen sind — solche Zustände, an die sich Opfer typischerweise deshalb erinnern, weil sich in ihnen die Merkmale ihres Seins — Willkür, Todesgefahr, Entpersönlichung, Verelendung — verdichten. Der Opferdiskurs ist in dieser Hinsicht die Wahrnehmungsgeschichte nicht nur der Innensicht, indem sie ihre Selbstwahrnehmung versprachlichen, sondern auch die der Außensicht: Opfer zeigen sich damit als äußerlich sichtbares Resultat nazistischen Vernichtungswillens so, wie dieser Vernichtungswille sich selbst legitimierte. In dieser Wahrnehmung treffen sich Opfer und Täter, und Opfer sehen sich so, wie Täter sie sehen — in dem von ihnen herbeigeführten Zustand der Opfer, mit dem sie ihr Tun, das sie die Liquidierung von Nicht-, Un-, Untermenschen nennen, dann rechtfertigen: Wenn man zu einem SS-Mann ginge und ihm Jacques zeigen würde, könnte man zu ihm sagen: „Sehen Sie ihn sich an, diesen verfaulten Menschen mit der gelblichen Haut, den haben Sie gemacht, offenbar gleicht er jetzt am besten dem, was er nach Ihrer Vorstellung seinem Wesen nach ist: Abfall, Ausschuß, und das ist Ihnen wirklich gelungen. (Antelme 1957/1990, S. 124)

Sichtweisen der ehemaligen Häftlinge auf sich selbst sind Zustandsbeschreibungen von Seinsweisen, die gleichbedeutend sind mit dem Ausgeliefertsein an Gewalt. Gewalt wird deskriptiv mit solchem Vokabular erfasst, welches zu nichts Weiterem dient als zur Erfassung dieser Realität: Fußtritte, Peitschenhiebe, Schläge, Ochsenziemer, Knüppel, aufgehängt — von der Decke baumelt ein Mensch, aufgehängt an seinen beiden im Rücken zusammengehaltenen, nun nach oben geirrten Händen (Schifko-Pungartnik 1946, S. 34) — und Tod, die letzte Seinsweise im KZ, die Bestimmung der KZ-Häftlinge. 7 Das Begriffsfeld des KZ-Todes, verrecken, zugmndegehen, krepieren, das Cluster seiner Partnerwörter, einsam, verlassen, sinnlos, hinterhältig^ tragisch, erbärmlich. „Der Tod stand hier in jeder Sekunde gleichberechtigt neben dem Leben. Der Schornstein des Krematoriums rauchte neben der Küche. .. Der Tod war auf furchtbare Weise tn den Kreislauf des täglichen Lebens einbezogen." (Antelme 1957/1990, S. 25)

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ist das Gegenteil von der in der westlichen Kultur üblichen Überhöhung, Verklärung, Entrückung und Asthetisierung des Sterbens: 8 Ungefähr vierzig Tote lagen herum .. Erschlagen. Ihre ausgemergelten Körper lagen steif im Schnee, und ihre gebrochenen Augen starrten mich an. .. Majestät des Todes? Ich habe nie etwas Erbärmlicheres gesehen als diese Teichen. (Klieger 1958, S. 148) Typische Verwendungskontexte von Tod sind solche, in denen eine TodSynonymik das Ende einer Klimax bildet — Absondern, diffamieren, entwürdigen, ^erbrechen und vernichten — das waren die Formen, in denen der Tenor in Wirksamkeit trat (Kogon 1946a, S. 55) — oder in denen die Namen all' der zahlreichen Todesorte eines KZ gereiht werden — Millionen endeten auf dem Schafott, am Galgen, durch Erschießen, in den Gaskammern und Verbrennungsöfen ( W N - Programm 1947, S. 589). Diese letzte Seinsweise, deren diskursive Manifestation als Wahrnehmungsgeschichte der Innensicht zu kommentieren ist, bildet das Ende einer Chronologie. Seinsweisen haben eine Zeitdimension, die chronologisch den Stationen des KZ-Lebens entsprechen. Diese Chronologie setzt ein mit dem Transport — das grauenhafteste, das wir erlebten: die Transporte (zit. in Hauff 1946, S. 7). Der Chronist von Theresienstadt, H. G. Adler, reflektiert die Bedeutungsgeschichte: Transport .. Deportation und Massendeportation. Das Wort kommt dem mechanischen Materialismus entgegen: Menschen werden wie Vieh oder leblose ,.Massen" transportiert und der Freiheit beraubt. Darum fuhren und reisten die Juden nicht (obwohl von der SS euphemistisch „reisen", „abgereist", „verreist"gesagt wurde), sondern wurden mit oder in „Transporten abgefertigt" und „nahmen am Transport teil". .. das in allen Sprachen gleichlautende Wort und der Begriff ,[Transport" [wurde] für die Juden vor und in Τ'[heresienstadt] sym hoffnungslosen Schreckenswort. Man sagte „ich bin im Transport" (oder auch nur „ich bin drin") oder „wann geht der nächste Transport?" (Adler 1955, S. XLI) Die Bedeutung dieser Sache zeigt sich in den Wortbildungen, die Adler in seinem kleinen Wörterbuch aufführt: Transportabteilung Transportart-t, Transportaviso, Transporteviden^ Transportfähigkeit, Transporthilfe, Transporthundertschaft, Transportkommission, Transportleiter, Transportierung, Transportliste, Transportnummer, Transportpost, Transportschutt^ Transportteilnehmer, Transportunfähigkeit, Transportverständigung.

Ks ist diese Anonymisierung im Tod, die Hannah Arendt als ein Merkmal der Konzentrationslager in totalitären Staaten beschreibt: „Indem die Konzentrationslager den Tod selbst anonym machten — in der Sowjetunion ist es nahezu unmöglich, auch nur festzustellen, ob einer schon tot oder noch lebendig ist —, nahmen sie dem Sterben den Sinn, den es immer hatte haben können. Sie schlugen gewissenmaßen dem einzelnen seinen eigenen Tod aus der I land, zum Beweise, daß ihm nichts mehr und er niemandem mehr gehörte. Sein Tod war nur die Besiegelung dessen, daß es ihn niemals gegeben hatte." (Arendt 1955/1998, S. 930)

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Es gibt diese Liste die nazistischen Auswüchse von organisiertem Vernichtungswillen wieder, deren äußersten Zynismus Transportart und Transportfähigkeitw bezeichnen, deren höchster Grad pervertierter Ordnung mit Transportabteilungx, TransportevidenTransportkommission, Transportleitunausgedrückt ist. Die Bezeichnungen dieses Vernichtungswillens sind auch lexikalische Konstituenten des Opferdiskurses, Opfer kommen ohne solches nazistische Organisationsvokabular in ihren Berichten nicht aus, als Vokabular zur Darlegung dessen, was geschah. Indes: Opfer eignen sich dieses Muster an und adaptieren es, wenn es Verweigerung und Widerstand zu bezeichnen gilt — Transportpost.u Transport bezeichnet — wenn der Begriff personifizierend gebraucht wird — den Zustand vom Anfang, wenn man noch nicht weiß, den Zustand der Ungewissheit: Einige Tage und mehrere Nächte ist der Transport von 1500 Personen .. untertvegs — in einem Zug, in dessen Waggons je 80 Menschen auj ihrem Gepäck .. herumliegen, und ~war so, daßgerade noch der oberste Teil der Coupefenster von den aufgestapelten Rucksäcken, Taschen usw. frei ist und eine Sicht in die frühe Morgendämmerung erlaubt. Alles war der Meinung, der Transport ginge in irgendeinen Rüstungsbetrieb, dem wir als Zwangsarbeiter ~ur Verfügung gestellt werden sollten. (Frankl 1945, S. 24f.); die Ankunft eines Massentransportes .. plötzlich brach durch das Lagertor ein nicht abreißender Strom von Frauen herein, der sich wie ein dicker zähflüssiger Brei auf den Tagerhof ergoß, und es dauerte tagelang, bis die letzten von ihnen den HoJ in Richtung der Blocks verließen. (Vermehren 1946, S. 77); Die Transporte wurden gesiebt (Klieger 1958, S. 22). Dem Begriff des Transports außerdem inhärent ist die Bezeichnung des Ziels — Transport nach BuchenwaldKrankentransport nach Auschwitz —, die große Zahl und die Zusammensetzung: Die nächsten fünf Transporte, ψ>βί ..normale" und drei „Alterstransporte" .. fuhren von Theresienstadt .. mit 8000 Menschen nach Treblinka ab (Adler 1955, S. 49). „gab sein Gutachten über die Transportfähigkeit eines zu Deportierenden an die Transportkommission" (Adler 1955, S. XLI). „die oft genug auch Sterbenden zugemutet wurde." (Adler 1955, S. XLII) „dem ,Zentralsekretariat' angegliedert, hatte sie die anbefohlenen ,Transporte' nach den ,Weisungen' der SS und der jüdischen Leitung mit Hilfe der ,Vorliste' zusammenzustellen', die von der ,Zentralevidenz' [„das Bevölkerungsamt", S. XLIV] geliefert wurde. Die ,Transportkommission' als Organ der ,Transportabteilung' entschied über ,Ein- und Ausreihungen', ,Reklamationen' usw." (Adler 1955, S. XLI). „Kartothek in der ,Zentralevidenz', aus den ,Transportlisten' in TJheresienstadt] eingetroffener und von hier verschickter ,Transporte'." (Adler 1955, S. XLI) „Unterabteilung der ,Abteilung für innere Verwaltung', ohne legalen Kinfluß auf die ,Zusammenstellung von Transporten'. Aufgabenkreis: technische Durchführung der Arbeiten bei kommenden und abfahrenden ,Transporten', bei ,Übersiedlungen' im Lager u.a.m. Der ,Transportierung' half die ,Transporthundertschaft'." (Adler 1955, S. XLI) „Botenverkehr für schriftliche Nachrichten zwischen den isolierten Männer- und Frauenkasernen bis Anfang Juli 1942, um ,Transportteilnehmern' vor der Deportation einen Kontakt zu ermöglichen." (Adler 1955, S. XLII)

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Die Hauptbedeutung von Transport, sein wesentliches Merkmal ist ,letzte Seinsweise' und ,Nichtsein' ('Vergasungstransport, Todestransport), und das Partnerwort ist Tod. Nur wer durch die Todeslager gegangen ist, kennt den Begriff „Transport". .. das Wort „Transport" [bedeutete] den sicheren Tod (zit. in Hauff 1946, S. llf•); Jet^t heißt man uns aussteigen. .. Da blitzen Scheinwerfer auf. Tintausendsiebenhundert Mann im Rampenlicht! .. Ein Transport Todgeweihter! (Schifko-Pungartnik 1946, S. 16); Ab und ^u passierte es, dass man gan^e Transporte aus Zeitmangel lebend in die Scheiterhaufen jagte. (Klieger 1958, S. 23f.) Manchmal jedoch bedeutet Transport auch ,Sein', das gestundet war — dieses Sein konnte zu jeder Zeit beendet werden: Unvorstellbar .. war der buchstäbliche Freudentanz .., als sie merkten, der Transport gehe — „nur" nach Dachau. .. dort gab es kein Krematorium, also auch keine Gaskammern. (Frankl 1945, S. 76) Und ganz am Ende schließlich kann Transport auch ,Leben' bedeuten, wenn das Ende ,Befreiung' heißt: die endgültige Abreise in die Heimat.. Täglich tvgen schon große Transporte ab. Herzlich waren die Abschiedsreden (Dietmar 1946, S. 149) — dieser Kontext macht die spezifische Bedeutung, die das Wort in seiner deskriptiven Funktion hat, rückgängig, Transport ist hier Kollektivsingular für,Befreite'. Das Scharnier zwischen Transport und KZ heißt Selektion. Sie ist die erste Tintscheidung über Sein oder Nichtsein (Frankl 1945, S. 29), und gleichbedeutend mit Todesurteil: für die gewaltige Majorität unseres Transports, etwa 90%, war es das Todesurteil (Frankl 1945, S. 29f.). Selektion ist Dekuvrierungsvokabel nazistischer Willkür, denn die Tabuisierung des Wortes sollte die Wirklichkeit umdeuten: Offiziell durften wir nichts von Selektion wissen, auch wenn die Flammen vor unseren Augen bis t^tm Himmel schlugen, und wenn wir am Brandgeruch und am Qualm fast erstickten. Das bloße Wort war im Umgang mit der SS Tabu. (Adelsberger 1956, S. 52)13 Die Darstellung des Vorgangs reduziert sich auf die winzige Bewegung des Fingers. Synonyme für Selektion sind kleine Bewegung und Handbewegung, Partnerwörter sind Zeigefinger und Daumen, links und rechts·. In nonchalanter Haltung steht er da, den rechten Ellbogen mit der linken Hand stützend, die rechte Hand erhoben und mit dem Zeigefinger dieser Hand gan^ sparsam eine kleine winkende Bewegung vollführend — bald nach links, bald nach rechts, weit öfter nach links .. Am Abend wußten wir um die Bedeutung dieses Spiels mit dem Zeigefinger, es war die erste Selektion! .. Wer nach links .. geschickt wurde, marschierte von der Bahnhoframpe weg direkt einem der Krematoriumsgebäude (Frankl 1945, S. 28); Dann stehen sie vor dem SS-Mann. .Alter?" „26" — „Gesund" „Ja". Kurier, forschender Blick, seine Die Beobachtung, dass eigentlich nur die Häftlinge selbst von Selektion sprechen (Adelsberger 1956, S. 131) bestätigen unsere Belege. Höß, der Kommandant von Auschwitz, beschreibt mehrfach diesen Vorgang und redet von Aussortierung. So lässt auch Peter Weiß in ,Die Ermittlung' den Angeklagten 7, das ist Kaduk, nur von ,Aussonderung' reden: „Ich hatte nur zur Bewachung bei Aussonderungen zugegen zu sein." (Weiß 1965, S. 47)

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Handbewegung nach rechts! Nächster! „Alter" „32" ,,Gesund?" „Kriegsverletzung am Arm. "Die Hand des SS-Mannes deutet nach links. Und so weiter (zit. in Hauff 1946, S. 16); Die Untersuchung ging so vor sich, daß er den Häftling kurz anblickte und ein paar Schritte laufen ließ. Je nach Gutdünken wurde durch eine Handbewegung über Tod oder lieben, oder, besser gesagt, über sofortigen oder langsamen Tod entschieden (Kautsky 1948, S. 64); Die Transporte wurden gesiebt. Ein SS-Officer, meistenteils ein Militärarzt, nahm sie in Empfang und musterte die Ankommenden. Junge, kräftige Menschen beiderlei Geschlechts Hess er geradeaus gehen, auch wenige ältere Personen, die ihm noch kräftig erschienen. Alle anderen gingen nach links .. zum „Baden" (Klieger 1958, S. 22); Der Blockälteste gab uns bekannt, dass sich alles bereit halten müsse. Selektion im Bad! .. Alle mussten sich .. nackt ausziehen, durch das Bad marschieren .. Kaddock [i.e. Kaduk] nahm die Parade ab. Ab und z}' machte er eine kleine Bewegung mit dem Daumen, dann wurde ein Häftling auf die Seite gezenl.. Eigentlich kein sehr erschütternder lr,organg. Und doch verurteilte Kaddock mit der kleinen Daumenbewegung Hunderte ψηι Tode (ebd, S. 48). Kein Bericht, der diesen Vorgang der ,Menschenauslese' 16 diematisiert und darstellt, lässt die Beschreibung der Vermessenheit dieser winzigen Geste, dieses anmaßlichen Winks in den Tod oder ins Leben — wenn man die Existenz unter KZ-Bedingungen so nennen kann — aus. Sie sind Konstituenten des Begriffs Selektion.17 Die nicht nach links Gewunkenen werden einem Kategoriensystem zugeordnet. Eine Kategorie verleiht dem Häftling einen Status, den Kategorien der KL-Gefangenen widmet Eugen Kogon ein ganzes Kapitel, in allen KZ-Berichten werden die Winkel der Häftlinge dargestellt und erklärt. Diese Anthropologie der Häftlinge klassifiziert Menschen mittels farbiger Stofffetzen in Rote, Griine, BVer, Bibelforscher, Juden, Homosexuelle, Zigeuner geraten, es sind dies die Heterostereotype der Täter, die in den Opferberichten gleichzeitig gleichsam zu Autostereotypen geraten: Etwa ein Viertel der.. Insassen des Lagers trug den roten Winkel der politischen Häftlinge. Sie stellten die eigentliche Klasse der „Staatsfeinde " und bestanden zu 80 Prozent aus Kommunisten. Die übrige Gesellschaft war mehr als gemischt. I rom harmlosen Bettler bis Ztrn gemeingefährlichen Strolch trugen sie den schwarzen Winkel der Asozialen. Die zahl-

Winterfeldt (1968) weist auf die BedeutungsVeränderung von Selektion im Sinn von Euphemisierung im KZ-Kontext hin: nicht Auswahl der Besten zum Leben, sondern der Schwächsten zum T o d (vgl. S. 130f.). Der Kommentar Kautskys bestätigt diese Interpretation: Die SS tat alles, um das Grausige dieser beispieltosen Massenmorde auf die Spitze treiben. Gerade die Menschenkategonen, denen sich sonst Mitteid und Fürsorge in erster Linie zuwendet, wurden erbarmungslos vertilgt, Greise, Krüppel, schwangere Frauen. Kinder (Kautsky 1948, S. 318). Vgl. zu Selektion außerdem Keiler 1996, S. 42. Die kleine I Iandbewegung — in der Urteilsbegründung des Auschwitz-Prozesses erscheint sie tatsächlich als Schuldaspekt: „Aufgabe der Arzte war es, die Arbeitsfähigen aus den vorbeimarschierenden Menschen auszuwählen. Dies geschah nach oberflächlicher Betrachtung (gelegentlich unter Befragung nach Alter und Beruf) in der Weise, dass der Arzt mit einer kurzen Handbewegung die Menschen entweder nach rechts oder nach links schickte." (Justiz und NS-Verbrechen 1971 XXI, S. 427)

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reichen Juden waren gekennzeichnet durch den gelben Zionsstern mit den Unterscheidungen in politische und asoziale Häftlinge. Die besonders gehaßten Bibelforscher, etwa 400 durchweg aufrechte Menschen und willensstarke Charaktere, hatten den violetten Winkel. Dazu kamen noch die kleineren Gruppen der Zigeuner (brauner Winkel), Polen (brauner Winkel mit P), Homosexuellen (rosaroter Winkel), Emigranten (blauer Winkel), ehemaligen Mitglieder der SS (roter Winkel auf beiden Seiten der Bluse) und der Berufsverbrecher1,4 (grüner Winkel). (Steinwender 1946, S. 19) Winkel — Geheimzeichen des Konzentrationslagers (Vermehren 1946, S. 14), sie schaffen ein wohldurchdachtes Klassensystem, das die gesellschaftliche Wirklichkeit umkehrt. Das KL-Milieu .., [bildete·] den denkbar krassesten Gegensatz jederfestgefügten Sozialordnung (Kogon 1946a, S. 386) u n d im KZ, dieser Hölle des Grauens, der Foltern und Strapazen, verliert die Rangordnung des bürgerlichen Löbens ihre Gültigkeit (Schlotterbeck 1945a, S. 75), denn: Die SS scheute .. nicht davor zurück, Berufsverbrechern den roten Winkel der politischen Ζu geben. .. Umgekehrt sind Fälle vorgekomtnen, in denen politische Gefangene, die nach Verbüßung ihrer infolge politischer Handlungen erhaltenen Strafen, nach Buchenwald kamen und den grünen Winkel der Berufsverbrecher erhielten, um sie dadurch in den Augen der politischen Häftlinge herabzusetzen und Zwietracht unter ihnen ψ säen. (Eiden 1946, S. 220); die Mehrzahl der Prominenten19 in Auschwitz trug grüne Winkel — sie waren also l''erbrechen Natürlich hatte die SS sie mit Absicht ψ unseren Herrschern gemacht. Wer anders sonst als dieser Menschenschlag, - Einbrecher, Räuber, Totschläger und selbst Raubmörder, zum Tode verurteilt und ς» lebenslänglichem Zuchthaus begnadigt — hätte die viehischen Grausamkeiten verüben können, die sie begingen? Politische Häftlinge, die fast alle aus idealen Gründen im K.Z. waren, hätten sich .. kaum dazu hergegeben (Klieger 1958, S. 40).20

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Die Abkürzung für diese Kategorie -BI 'bedeutet eigentlich ,befristete Vorbeugungshäftlinge', „woraus, unter Verwendung der gleichen Anfangsbuchstaben, die Bezeichnung ,Berufsverbrecher' geworden ist." (Kogon 1946a, S. 68) Lagerprominenζ ist die Schicht der „herrschenden Häftlinge", die Lageraristokratie (Kogon 1946a, S. 394). Die Prominens überschreibt Kautsky einen Abschnitt seines Buches: Mit diesem Ausdruck bezeichnete das hager die Aristokratie. In ihrem Rahmen gab es verschiedene Grade. Die Lagerältesten, der Capo der Schreibstube ... die Capos des Arbeitsdienstes, der Kammern (Effekten-, Bekleidungs-, Gerätekammer), der Post- und der Geldstelle, der Küche und der Kantine... die maßgebenden Männer des Reviers .., aus der Kommandantur... dann einige , große" Blockälteste und Capos, vor allem bestimmter Werkstätten und wichtiger Kommandos, aber auch einige persönlich gut angeschriebene Leute (Kalfaktoren der Offiziere, unter Umständen auch Friseure oder Schneider) bildeten eine bunt gemischte Gesellschaft, die ihren Rang auf die verschiedensten Ursachen zurückführen konnte. (Kautsky 1948, S. 188f.) Robert Antelme beschreibt das ungefährdete Dasein der „Aristokratie .. Sie bekommen zu essen, zu rauchen, sie bekommen Mäntel und richtige Schuhe. Sie werden herumschreien, wenn wir schmutzig sind, wo es doch nur einen Wasserhahn für fünfhundert Häftlinge gibt, während die selber sich mit warmem Wasser waschen und ihre Wäsche wechseln." (Antelme 1957/1990, S. 67) Jean Amery beschreibt in diesem Sinn eine dem rassistischen Herrenmenschen-Denken entsprechende „strikte ethnische Hierarchie": Unter den KZ-Häftlingen „hatten die Juden den niedrigsten Rang. Es gab keinen noch so verkommenen nichtjüdischen Berufsverbrecher, der nicht hoch über uns gestanden wäre. Die Polen, ob echte Freiheitskämpfer, die man nach der unglücklichen Warschauer Insurrektion ins Lager geworfen hatte, oder nur

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Die ,hierarchisch' differenzierte Anthropologie der KZ-Menschen, die sich im Begriff Winkel manifestiert, wird gleichsam aufgehoben, wenn sie eine Nummer erhalten, jeder nur eine Nummer, Gegenteil von Name und Person — eine der Stationen im Pro^eß tiefster persönlicher Erniedrigung und Entwürdigung (Kogon 1946a, S. 385): Gegen die Kleidung .. bekam man eine Nummer. I- ~on da ab war man für die SS-Vagerführung und jeden einzelnen SS-Mann nur noch Nummer. (Eiden 1946, S. 214) Als Nummer 119104 und damit als ein gewöhnlicher Häftling sieht Victor Frankl sich.21 Den entindividualisierten, entpersönlichten und namenlos gemachten Häftling ordnet die Zahl ein in eine unterschiedslose Masse — für immer, denn das Partnerwort des Begriffs ist Tätowierung,/tätowiert.72 Adler erklärt die Nummer als Symbol nationalsozialistischen materialistischen Denkens und schleift dieses Denken durch die Kontextualisierung mit den beinahe relativierenden Erklärungskategorien abendländische Kulturkrise und Verwaltung moderner Staaten ein: Die Macht selbst wurde materiell aufgefaßt und jedes organische Gefüge mit dem Instrument eines technischen Verwaltungsapparates ergriffen. So wurde das als „vorhanden" doch nicht wegleugnende Lieben als „erfassende Masse" ^um Objekt der Verwaltung, das man einmal „einsetzt", dann „betreut" und auf jeden Fall durch .Maßnahmen behandelt". Gewiß entsprach das dem Denken in der allgemeinen abendländischen Kulturkrise .. Die Konsequent^, jeden Menschen einer Nummer machen, die ein „Stück" bezeichnet, ist naheliegend, wenn das Keben einer Sache wird, wie es in der Verwaltung moderner Staaten s^urfast unwidersprochenen Praxis geworden ist. (Adler 1955, S. 628) Und Nummer ist ab dann Begriff für den anderen Begriff Auschwitz (s.u. Kapitel 6.1.3.), und beide stehen für die Möglichkeit von Entgrenzungen, von Aufhebungen von Grenzen, die in Auschwitz Realität geworden waren. 23

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kleine Taschendiebe, verachteten uns einhellig. Desgleichen halb analphabctische weißrussische Arbeiter." (Amen-1977, S. 138) Oer Bericht des Häftlings Nr. 119104: Ein psychologischer Versuch .. ich sage nicht ohne Stol~, daß ich .. nichts als die bloße Nr. 119104 mar. (Frankl 1945, S. 19) Was aüein feststeht (in den meisten Fällen in Form einer Tätowierung) .. ist die Häftlingsnummer. Keinem Wachtposten oder Aufseher würde es einfallen, wenn er einen Häftling ,,~ur Meldung bringen " will .. seinen Namen abzuverlangen (Frankl 1945, S. 17f.); Bald werden .. wir aufgehört haben, Menschen ~u sein .. Dann sind wir Nummer X oder Schwein Y. (Schifko-Pungartnik 1946, S. 10); nie werde ich meine wilde Empörung vergessen können beim Anblick der tätowierten Nummer auf dem Unterami eines Auschwit^er Häftlings. In ihr enthüllte sich wirklich mit beißender Schamlosigkeit die gan~e satanische Frechheit dieser bis %um Wahnsinn gesteigerten Macht- und Besitzer, die über die Arbeitskraft des Menschen hinaus auch seinen Eeib mit Beschlag belegt, mit seinem Brand^eichen versieht, das den ganzen Menschen als Staatseigentum deklariert. (Vermehren 1946, S. 89) Jean Amery beschreibt die Nummer als den Teil jüdischer Identität nach Auschwitz, der zuvor durch Pentateuch und Talmud, also die religiösen Grundtexte des Judentums, repräsentiert wurde — von der religiösen zur Leidensidentität: „Ich trage auf meinem linken Arm die Auschwitz-Nummer; die liest sich kürzer als der Pentateuch oder der Talmud und gibt doch gründlicher Auskunft. Sie ist auch verbindlicher als Grundformel der jüdischen Existenz. Wenn ich mir und der Welt einschließlich der religiösen und nationalgesinnten Juden,

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Der eintätowierten Nummerierung entspricht die gestreifte Uniformierung. Das Bild der in blau-weiß gestreiften Monturen sich ängstlich bewegende[n] Menschen (Schifko-Pungartnik 1946, S. 9f.), die Zebrakleidung, der Zebraan^ug, das Zebrakostüm, der gestreifte Antrug — das seelische Sterbekleid (Vermehren 1946, S. 108) — ist in den Texten hochfrequentes Symbol der Entwürdigung, mit dem Opfer auf die ihnen zugemutete Identität verweisen, die ,Nicht-Identität' bedeutete. 24 Lucie Adelsberger beschreibt diesen gesamten Prozess der äußerlich wahrnehmbaren Entindividualisierung in einem Verlaufsprotokoll, das die Stationen Kahlrasieren, Häftlingskleider, Nummer einbrennen, Winkel als den logisch aufgebauten Handlungsverlauf erscheinen lässt, der er war: Oer erste Gang führte ins Badehaus, die Sauna. Dort begann die eigentliche Prozedur: Ausstehen, Haareschneiden, nein, Kahlrasieren bis ζum letzen Stummel, Duschen, Tätowieren. Hier nahm man uns wirklich alles bis zum Fetzten. Nichts blieb, nichts von unseren Kleidern oder Wäschestücken, keine Seife, kein Handtuch, keine Nadel und kein Eßbesteck, nicht einmal ein Uäffel; kein Schriftstück, das uns rekognoszieren konnte, kein Bild, kein Schriftzug derer, die wir liebten. Die l Vergangenheit war abgeschlossen, ausgemerzt. Nichts erinnerte mehr daran als der Name. Auch der mußte schwinden mit allem, was damit verbunden war. Wir wurden ohne Unterwäsche, nur mit einem dünnen Hemdchen versehen, in Häftlingskleider gesteckt, in bräunlich-gelbe Drillichanzüge im Gegensatz Zii den Polen, die blaugrau bestreifte Kittel trugen, und kriegten Holzschuhe mit Fetzen von jüdischen Gebettüchern (Tallesj als Fußlappen. Dann bekamen wir Nummern, eingebrannt in den linken Unterarm und angenäht an die Kleider, mit einem dreieckigen Winkel, dessen Farbe den Häftling charakterisierte. Wir waren ausgeschieden aus der Welt dort draußen, entwurzelt aus unserem Tand, losgerissen von unserer Familie, eine bloße Nummer, einzig von Bedeutungfür die Schreibstube. (Adelsberger 1956, S. 27) Nach Abschluss dieses Prozesses der Enündividualisierung, während dessen er enüeert und damit vernichtet wurde 25 , bevor er die letzte Station die mich nicht als einen der Ihren ansehen, sage: ich bin Jude, dann meine ich damit die in der Auschwitznummer zusammengefaßten Wirklichkeiten und Möglichkeiten." (Amery 1977, S. 146) Primo Levi stellt die Nummer gleichermaßen als jüdische Identität nach Auschwitz dar: „Mein Name ist 174517; wir wurden getauft, und unser Leben lang werden wir das tätowierte Mal auf dem linken Arm tragen." (Levi 1958/2002, S. 29) Auch Levi stellt der Auschwitz-Identität die religiöse Identität gegenüber: Er verliert sie beim Akt der Taufe, der ihm den Nummern-Namen verleiht — ein getaufter Juden ist kein Jude mehr. Jeder Insasse eines KZ war uniformiert mit der b Lau-weiß gestreiften Häftlingstracht.. Die Figur des blauweiß gestreiften und numerierten „Konzentrationärs" ist ein Bitd aus der Wirklichkeitsschau der SS. .. An diesem Bilde des gestreiften Konzentrationärs, wie die SS es bestimmt hatte, hat sich die ganze höllische Menschenunwürdigkeit der Konzentrationslager entfaltet; denn in diesem Bilde war das den Menschen kennzeichnende Merkmal „Person" z_u sel"· nicht me^r enthalten. (Vermehren 1946, S. 105); das „Zebra" ... die längsgestreifte Häftlingskleidung .. Diese Anzüge waren es, die die Zimlfranzpsen in Auschwitz die Häftlinge .despyjamas" nennen ließen (Kautsky 1948, S. 299). „Nun denke man sich einen Menschen, dem man, zusammen mit seinen Lieben, auch sein Heim, seine Gewohnheiten, seine Kleidung und schließlich alles, buchstäblich alles nimmt, was er besitzt: Er wird leer sein, beschränkt auf Leid und Notdurft und verlustig seiner Würde und seines Urteilsvermögens, denn wer alles verloren hat, verliert auch leicht sich

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erreichte, sieht dieser Mensch sich in jedem der Menschen, die ihn umgeben. Denn: Wenn die derart ihres Selbst Beraubten um sich schauen, schauen sie in den Spiegel 26 , und kein KZ-Bericht verzichtet auf die Bezeichnung dessen, was dann schließlich zu sehen war — Gestalten·. kahlgeschorene Jammergestalten, Elendsgestalt, r^um Skelett abgemagert, herabgekommen, igrlumpt, die nur mehr noch von ungefähr an eine menschliche Gestalt erinnern mag, verlumpte, mit Fetten umgebene Menschengestalten, tnEumpen ,,eingekleidet". Der häufigste und gleichsam lexikalisierte Ausdruck dieser „zerstörten Menschen" (Langbein 1972, S. 113) ist Muselmanfn), in keinem KZ-Bericht fehlendes „Signalwort", denn es ist „Warnung an die Betroffenen und Anklage gegen das Regime" (Keiler 1996, S. 43), im Sinn von , entkräfteter, kaum noch arbeitsfähiger Häftling, der für die Nazis als Arbeitstier keinen Wert mehr hat und daher zu vernichten ist'. 27 Oer Muselmann war die unterste Stufe, auf die der Häftling sinken konnte. Grauenhaft war der Anblick des täglichen Ein- und Ausmarsches in Auschwitz wo sich Tausende solcher Elendsgestalten schon am Morgen mühselig r^ur Arbeit schleppten, um am Abend vielfach nach Hause geschleppt ψ werden. Müde, hungrig, verdrossen, verlumpt und dreckig (Kautsky 1948, S. 197f.). 2 8

selbst .. So wird man denn die zweifache Bedeutung des Wortes Vernichtungslager verstehen." (Levi 1958/2002, S. 28f.) „/Vis wir fertig sind, bleibt jeder in seinem Winkel, und wir wagen es nicht, einander anzublicken. Es gibt nichts, worin wir uns spiegeln könnten, und doch haben wir unser Ebenbild vor Augen, es bietet sich uns in hundert leichenblassen Gesichtern dar, in hundert elenden und schmierigen Gliederpuppen. So sind wir nun in ebensolche Gespenster verwandelt, wie wir sie gestern abend gesehen haben. Da merken wir zum erstenmal, daß unsere Sprache keine Worte hat, diese Schmach zu äußern, dies Vernichten eines Menschen." (Levi 1958/2002, S. 27f.) Es muss angenommen werden, dass die SS ursprünglich „einen jüdischen Häftling .. so bezeichnet hat, weil alle Juden seit 1933 von der deutschen Regierung als Semiten [zu denen auch die Araber, also Moslems, die ursprüngliche Bedeutung von Muselman, zählen] eingestuft worden waren" (Winterfeldt 1968, S. 136). Vgl. zu Muselman(n) Winterfeldt 1968, S. 136f., Oschlies 1986, S. 104, zur movierten Form Keiler 1996, S. 43. Jean Amen 1 beschreibt die Abhängigkeit des Häftlings von seinem körperlichen Zustand am Beispiel des Muselmanns·. „Jeder Lagerhäftling stand .. unter dem Gesetz seiner mehr oder minder großen körperlichen Widerstandskraft. Klar ist jedenfalls, daß die ganze Frage der Wirkung des Geistes dort nicht mehr gestellt werden kann, wo das Subjekt unmittelbar vor dem Hunger- und Erschöpfungstod stehend, nicht nur entgeistet, sondern im eigentlichen Wortsinn entmenscht ist. Der sogenannte ,Muselmann', wie die Lagersprache den sich aufgebenden und von den Kameraden aufgegebenen Häftling nannte, hatte keinen Bewußtseinsraum mehr, in dem Gut oder Böse, Edel oder Gemein, Geistig oder Ungeistig sich gegenüberstehen konnten. Es war ein wankender I.eichnam, ein Bündel pliysischer Funktionen in den letzten Zuckungen." (Amery 1977, S. 28f.)

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Die Bezeichnung, ursprünglich ein SS-Wort, ist in Auschwitz aufgekommen und „wurde später auch in anderen Lagern gebraucht." (Langbein 1972, S. 113) 29 Wenn dieser Zustand der simplen Lebenserhaltung erreicht ist, konzentriert sich die Selbstwahrnehmung nur mehr auf die auch äußerlich wahrnehmbare Auflösung: Waren einmal die allerletzten Reste Fett im Unterhaut^ellgewebe aufgebraucht, sahen wir einmal wie mit Haut und darüber einigen Fetten verkleidete Gerippe aus, dann konnten wir %usehen, wie der Körper sich selbst aufzufressen begann. Solches Exterieur hat Bedeutung, ist unmittelbar wahrnehmbare Entwürdigung und Entmenschlichung und Anonymisierung: Eigentlich ist dieser Körper da, mein Körper, schon ein Kadaver. (Frankl 1946, S. 55)

6.1.2. Seelenlagen Mit dem Bericht von Seinsweisen zeigen sich Opfer als physisch deformiertes, mit dem von Seelenlagen, Erinnerungsorten von Befindlichkeiten, als seelisch deformiertes Resultat nazistischen Vernichtungswillens. Wie die äußere Erscheinung ist die Wahrnehmungsgeschichte der Innenperspektive, der inneren, der seelischen Deformation wesentliches Thema von Opfertexten, und Seelenstudien gehören zu dem unveräußerlichen Inventar jeglicher KZ-Dokumentation. Wie die Lexik der Seinsweisen ist die der Seelenlagen im Sinn von Begriffen darzustellen — wenn Begriffe eine extensionale und eine intensionale Dimension haben, wenn ihre lexikalischen Repräsentanten ein semantisches Netz knüpfen. Wie es scheint, haben auch Opfer ein Systematisierungsbedürfnis, und es manifestiert sich bei ihnen, indem sie diese Wesenszüge ihrer Mitgefangenen klassifizieren. Psychologie der KL-Gefangenen nennt Eugen Kogon ein Kapitel seiner Analyse, und H. G. Adler entwirft, wie jeder schreibende KZ-Häftling, eine Charaktertypologie — ein Klassensystem anderer Art, das mit dem der Winkel insofern korrespondiert, als mit solcher Art Psychologie man versucht, die durch die Winkel aufgezwungene Identität der Haftursache — die Winkel sind ja eigentlich die Symbole dieser Ursache, die da heißt: Jude, Berufsverbrecher, Bibelforscher, Kommunist etc. — um die der Haftfolgen, nämlich der seelischen oder charakterlichen von der KZ-Haft verursachten Erscheinungen, zu ergänzen. Adler unterscheidet In Buchenwald wird die Plastik .Muselmann' ausgestellt, 1993 geschaffen von Walter Spitzer, der Anfang 1945, von Auschwitz, Außenkommando Blechhammer, über GroßRosen kommend, Buchenwald-Häftling war. Die Bronze zeigt einen zum Skelett abgemagerten, mit einem Fetzen umhüllten Menschen, der einen großen Davidstern an die Brust presst. Durch Davidstern und Brust kann man hindurch sehen.

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vierzehn von Herkunft, socialer Vergangenheit und der im Lager eingenommenen Stellung unabhängige Haupttypen·. Gebrochene, Angstliche, Betäubte, Gedankenlose, Pessimisten, Realisten, Optimisten, Illusionisten, Aktive, Brutale, Opportunisten, Willensstarke, Helfer, Gütige. (Adler 1955, S. 663f.) Es folgt je eine Charakterisierung dieser Gruppen: Gebrochene fand man fast nur unter Greisen und Kranken (S. 664), Angstliche .. erlagen jeder Panik, jedem bösen Gerücht (S. 664), Optimisten bildeten die zahlreichste Gruppe (S. 665), Helfer.. ivaren realistisch oder auch optimistisch und gewöhnlich auch aktiv und willensstark (S. 668), Gütige ivaren, wie überall in der Welt, am seltensten und kamen unter allen Altersstufen und Gruppen, Juden wie Getauften, Zionisten wie Assimilanten vor (S. 668), usw. Kennzeichen von KZ-Berichten ist außerdem, dass eine Verbindung zwischen extremem Sein und extremem Bewusstsein hergestellt wird. Dieses Bewusstsein wird häufig als Apathie bezeichnet. 30 Dieses innere Absterben thematisieren alle diejenigen, deren Selbstbild von Geistigkeit und Humanität bestimmt ist. Sie können diese Deformation nicht mit ihrem intellektuellen Selbstverständnis vereinbaren. An diesen äußersten Rändern des Daseins versank also der Mensch in ein tierisches Dasein, ja, er sank noch darunter. Alle Hemmungen fielen (Kautsky 1948, S. 203) — Merkmal für diese Selbstentfremdung ist die reflektierende Analyse, die einem Bekenntnis gleichkommt. Dieses überlebensnotwendige Primitiviertsein — „Ohne eine Art Hornhaut, welche die Gefühle überdeckte, konnte man in Auschwitz nicht existieren" (Langbein 1972, S. 90) - also ist ein Problem vor allem des Intellektuellen, des „geistigen Menschen" im Lager (Amery 1977, S. 19). Er vermag diese Verfassung nicht mit seinem Ethos überein zu bringen, er erschrickt, daß man unbeweglich zusehen konnte, wie ein Kamerad niedergeknüppelt wurde und daß man, so groß auch das Verlangen sein mag, dem Schläger das Gesicht, die Zähne, die Nase zu zertreten, stumm und ganz tief drinnen das Glück des Körpers spüren würde: „Ich bin es nicht, den es trifft." (Antelme 1957/1990, S. 26) Mit dieser Haltung der Gewissensnot diagnostiziert etwa Bernard Klieger: Das also hatte man aus uns Menschen gemacht. Dem erschütterndsten Heide gegenüber blieben wir gleichgültig. (Klieger 1958, S. 176), und er bekennt schonungslos: In dem Bestreben, unter allen Umständen leben ψ bleiben, taten wir alles, einfach alles. Wir setzten uns souverän über die primitivsten Rechte unserer Kameraden hinweg, wir das Stadium der relativen Apathie. Es kommt allmählich zu einem inneren Absterben (Frankl 1945, S. 41); Die Apathie, die Abstumpfung des Gemüts, die innere Wurstigkeit und das Gleichgültigwerden (ebd., S. 45); Lethargie und Apathie waren bei den meisten von uns .. ständige Begleiter (Dietmar 1946, S. 41). Bezeichnungsalternativen für diesen Zustand sind seelische Vrimitivierung, schützende Kruste, Abwehrpanzer, primitive Stufe, abmehrender Selbstschutz der Seelen, schützender Seelenpanzer, Gefühlsprimitmerung, stumpft geworden, Nichtachtung, keine Menschen mehr, gleichgültige erbarmungslos. man schaut nicht mehr weg, kann ruhig hinsehen, zusehen, ist abgestumpft, hart, hat die normalen Gemüts-, Gefühlsregungen abgetötet.

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überlieferten sie auch dem Tode, wenn ivir damit unser Lieben noch verlängern konnten. Die Begriffe Anstand', Moral, Ethik oder Kameradschaft existierten nicht mehr für uns. Erbarmungslos wie wilde Tiere waren wir geworden. IVoigt es beschönigen ? Wir haben uns schandbar, wir haben uns unsagbar dreckig benommen (ebd., S. 203f.).31 Der vor sich selbst erschrockene Häftling analysiert und rationalisiert: Pnmitiviert mußten Sie injedem Fall sein, wenn Sie bestehen wollten (Kogon 1946a, S. 389) — dieser nur mühsam gebremste Ausbruch, diese verhaltene Verzweiflung über sich selbst, die Kogon durch dialogische Anrede und die provokante, Widerspruch verbietende Formulierung zu kaschieren sucht, ist Zeichen für den Konflikt, den intellektuelle Opfer mit humanistischer Identität austragen. Mit dieser Haltung heischt Victor Frankl Verständnis: Es ist wohl allzu begreiflich, wenn in dieser seelischen Zwangslage und unter dem Druck der Notwendigkeit, sich auf die unmittelbare Eebenserhaltung ψ konzentrieren, das ganze Seelenleben auf eine gewisse primitive Stufe hinuntergeschraubt erscheint (Frankl 1945, S. 52). Und ein anderes Opfer erinnert: Anders war das Massensterben auch nicht ertragen, als daß man sich seelisch gleichsam abriegelte von all dem Elend, daß die Augen es wohl sahen, aber bis ςum Herten konnte und durfte es nicht dringen, wollte man nicht Gefahr laufen, darunter zusammenzubrechen (zit. in Hauff 1946, S. 7). Isa Vermehren schließlich rekonstruiert den seelischen Prozess der inneren Verhärtung, des StumpfWerdens: dem Zuviel an Leid, dasjeder Tag im Eager den Seelen auf lastete, ivaren nur die stärksten Herzen gewachsen. Die meisten brachen unter ihm zusammen und klammerten sich nur noch an den einen Spruch: jeder ist sich selbst der Nächste — aber damit wird, ja damit ist man schon stumpf geworden gegen alle fremde Not. (Vermehren 1946, S. 54) Eine weitere zentrale Seelenlage der Häftlinge ist Angst, Angst ist ein Leitwort des Opferdiskurses. Günther Weisenborn beschreibt sie als Seelenlage der Diktatur: Und dann die Angst. Du wirst ein Jahr lang Angst haben und jeden Morgen das KJopfen an deiner Tür hören. .. Du wirst.. zitternd und schwitzend durch die Straßen rennen vor Angst (Weisenborn 1946, S. 42) — so wird ein neues Mitglied einer Widerstandsgruppe auf seine Zukunft vorbereitet. Der ,Illegale' Ernst Niekisch reflektiert über die Ligatur von Angst und Diktatur und stellt politische Angst und religiöse Angst einander gegenüber: Die zjelbewußte Erzeugung von Angst und Schrecken war das verruchte Mittel des Dritten Reiches, um sich blinden Gehorsam zu verschaffen. In Furcht und Zittern sollte das deutsche Volk die Diktatur erdulden. .. Das moderne Gegenstück der absoluten religiösen

Die Biografieforschung beschreibt die Stabilität dieser Vorstellung: „auch die biografischen oder wissenschaftlichen Stellungnahmen gebildeter, intellektueller armenischer und jüdischer Überlebender fuhren immer wieder zu diesem Bild hin, oder vielmehr, auch sie bleiben immer wieder an diesem Bild stehen: wie tot zu sein, kein Mensch mehr zu sein." (Platt 1995, S. 370)

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Angst ist die absolute politische Angst. Man fürchtet sich nicht mehr vor dem Jenseits, sondern man gittert schon vor dem Diesseits. (Niekisch 1953, S. 294) Als Vorbereitung auf die Hölle - Angst ist Vorraum ~ur Hölle (Adelsberger 1956, S. 14) — beschreibt auch Lucie Adelsberger Angst, als das heben der,politisch nicht zuverlässigen Elemente" und der Juden überall da, wo Hifier seinen Fuß hinsetzte (ebd., S. 13), und sie verwendet auf die Beschreibung einen ganzen Abschnitt. Angst ist wie ein drohendes Insekt, denn Angst ist, was in Deinem Kämmerchen an der Wand hängt, am Fußboden kriecht und von der Decke herunterrieselt, und wenn Du den Fuß über die Schwelle setzt, Dich an der Füre umfangt und in ein unentrinnbares Net~ einkapselt und lauernd hinter den Häusern lungert, um Dich anzufallen, sobald Du Dich auf die StraJ.?e wagst. Angst ist wie ein allgegenwärtiges Element, Angst ist überall um Dich herum, in allen Aggregatzuständen, fest, flüssig, luftförmig, sie preßt Dich von außen und sickert in Dich hinein. Angst ist schließlich Zustand, Angst dauert, in der Nacht und wischt- den Schlaf von Deinen müden Udern, und am Fag, an allen folgenden Fagen, in allen Wochen und allen Monaten, pausenlos, lückenlos. Sie bat einen Anfang und kein Ende, sie kumuliert sich und bat doch keine Gewöhnung. Ihre Zermürbende Wirkung steigert sich nicht nach algebraischen Additionen, sondern in geometrischen Potenzen. (Adelsberger 1956, S. 13) Solche Angst in gestundeter Freiheit indes erfährt in der Gefangenensituation eine Überhöhung — die übergroße Angst (Kautsky 1948, S. 214): Angst war das bestimmende psychologische Moment im Lager. Physische Angst vor Kälte und Hunger, Angst vor Strafe und Schmerz, Angst vor Krankheit und Sterben; und psychische Angst vor dem Verkannt-, Verachtet-, Verratenwerden, vor der Auswegslosigkeit der eigenen Situation, Angst vor der eigenen und vor derfremden Not; Angst vor der 1 rerZp'eiflung, Angst vor dem Bösen in mir und rund um mich herum; Angst vor dem leiblichen und vor dem seelischen Fode; Angst, wie sie sich nur bilden kann in der Ausgeliefertheit an die Hemmungslosigkeit eines nihilistischen Radikalismus. (Vermehren 1946, S. 104); wir [lebten] mit der Angst vor dem Morgen, und heiss erhofften wir den Fag, an dem es uns vergönnt sein würde, lebend herauszukommen aus der Hölle von Auschwitz (Klieger 1958, S. 52) H.G. Adler beschreibt Reaktionsweisen auf die Phobie, die sich in der extremen Ausprägung Fransportangst manifestiert: Das Heben in Fheresienstadt wurde von der Angst vor Deportation bestimmt, die der normalen Fodesangst an die Seite trat oder sie sogar ersetzte. Reaktionen und Handlungen im „Ghetto " müssen in hohem Maße von diesem Angelpunkt aus begriffen werden. Die Fransportangst wurde selten kompensiert, wirklich zu überwinden war sie wohl schwerlich, hingegen wurde sie oft mit allen erdenklichen Mitteln verhüllt, ..je länger man in Theresienstadt war, desto größer wurde auch die Fransportangst. (Adler 1955, S. 663) Angst vor dem Unbestimmten — unter der Diktatur ist Angst nicht nur deshalb eine dominante Seelenlage, weil die Diktatur und ihre Erscheinungsformen gleichbedeutend sind mit Schmerzen, Qualen, Tod, sondern auch, weil Diktatur unberechenbar ist, willkürlich und ungewiss.

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Apathie, Primitiviertsein, Angst also sind die begrifflichen Zentren zur Bezeichnung von dominanten Seelenlagen der Opfer. Indes: ein Denken, welches nur von der Angst und der Sorge redet, aber nicht von der Unbekümmertheit, der Abenteuerlust und der Tapferkeit des Menschen, führt] in die Unfreiheit (Andersch 1952, S. 85). Opfer erhalten sich Freiheit, lassen sich nicht vollkommen beherrschen von der Diktatur, sie reden nicht ,nur von der Angst und der Sorge', sondern die Darstellungen von Seelenlagen im KZ suchen auch Extreme zu vereinbaren, indem die Berichterstatter nicht nur ihr Leiden erinnern, sondern z.B. auch Glücksempfinden. Isa Vermehren beschreibt einen Auftritt, den sie für ihre Mithäftlinge veranstaltet: Ich warganr^ berauscht von diesem Publikum, das so empfänglich warfiir die leisesten Töne, die smartesten Andeutungen, die innigsten Txklamationen .. Ich liebte die Häftlinge in diesem Augenblick und wollte, daß sie mit mir liebten. Tangsam wich das Starre, l rerkrampfle in den Zügen, die stumpfen Augen belebten sich und ließen den Blick nach innen aufgehen, die allgemeine Gespanntheit löste sich, und ein Hauch von Wärme, Weichheit, Menschlichkeit wehte über die Herten. Solche glückhaften Sekunden dauern nicht lange, können nicht lange dauern .. dieser Zustand.. bleibt so lange eine Täuschung als diese erahnten Möglichkeiten des Hertens nur in konjunktiver Torrn anerkannt werden - „ach, wenn es doch so wäre!" (Vermehren 1946, S. 116f.) Gliickhafte Sekunden sind nicht mit der Lagerrealität vereinbar, bleiben deshalb Täuschung. In diesem Sinn der unvereinbaren Gegensätzlichkeit zur Wirklichkeit des Lagers ist Glück .., was einem erspart bleibt — so überschreibt Victor Frankl ein Kapitel seines Berichts, in dem er die armseligen ,Freuden" von KZ-Häftlingen beschreibt: Natürlich stellen alle diese armseligen ,,Freuden " des Tagerlebens so recht ein Glück im negativen Sinne Schopenhauers dar, ndtnlich ein Freisein vom Teid (Frankl 1945, S. 79). Eine solche armselige Freude ist etwa eine unvermutete Einreibung in einen kleinen Transport einem Sonderkommando mit besonders günstigen Arbeitsbedingungen .. Dinge, wie sie nun einmal die Sehnsucht und das höchste „Glück"einesTagerhäfilings ausmachen. (Frankl 1945, S. 132) Solches Glück kann gleichbedeutend sein mit Leben und auch Auschivit^ ist dann mit Glück in einen semantischen Einklang zu bringen: Man kann sich unsere Stimmung vorstellen, als wir im Oktober 1942 auf Transport nach Auscbwitr^geschickt wurden; aber wir hatten Glück: Wir kamen nicht nach Birkenau in die Gaskammern, sondern nach Buna %ur Arbeit. (Kautsky 1948, S. 316) Wie immer aber: Solche eigentlich vollkommen inkongruenten, mit dem Univers Concentrationnaire unvereinbaren Beschreibungskategorien sind kompensatorische Idyllisierungen, Entwirklichungen seelischer Zustände, die in der Beschreibung idyllisierter Schauplätze eine Entsprechung haben — wir werden das weiter unten sehen. Es sind dies die lebenserhaltenden escapes (Adelsberger) und als solche Instrumentarium ebenso wesentlicher thematischer Segmente des Schulddiskurses der Op-

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fer, wie die (erwarteten) Deskriptiva, die Inhumanität und Vernichtungswillen bezeichnen. 6.1.3. Schauplätze Schauplätze sind konkrete Erinnerungsorte, Räume, in denen Opfer ihr Opfersein typischerweise erfahren haben: Orte der Willkür, Todesgefahr, Verelendung. Es sind diejenigen, mit Leidens er fahrung gesättigten Foren, die ein KZ zu dem machen, was es ist. Die Namen dieser Foren sind die Charakteristika, sozusagen die begrifflichen Konstituenten von KZ: Das Gesamtbild von Buchenwald wird jetzt in der Erinnerung wieder vollständig zusammengesetzt: das riesige Loch des Steinbruchs und diese Massenanziehung winziger Menschen mit dem Stein auf der Schulter vor der Ebene von Jena; die Parade des Aufbruchs zur Arbeit in aller Frühe, noch vor Tagesanbruch, auf dem Appellplatz mit den zwanzigtausend Männern unter den Scheinwerfern und der Zirkusmusik auf der Mitte des Platzes; .. der Schornstein des Krematoriums .. Und ringsum der Stacheldraht, die brennende Grenze, der man sich nicht nähern durfte (Antelme 1957/1990, S. 40f.).

Steinbruck, Appellplatt,5 Schornstein, Krematorium, Stacheldraht und einige weitere — der Schulddiskurs der Opfer ist auch die sprachlich gefasste und repräsentierte Wahrnehmungsgeschichte dieser Räume. Verdichtender Begriff dieser Räume ist Hölle — die Hölle von Auschwitz Buchenwald, Mauthausen usw. Enzo Traverso wertet diesen Begriff als das Charakteristikum von vom KZ berichtender Literatur. Jenseits des Lebens bzw. bisheriger Erfahrung zu liegen sei das Bezeichnungsmotiv, so dass mit „Hilfe der nicht-historischen, doch in der kollektiven Phantasie tief verwurzelten Kategorie ,Hölle' .. der Schrecken der Lager der Nach-Auschwitz-Welt vermittelt werden" konnte (Traverso 2000, S. 331). Traverso bewertet den Begriff vor dem Hintergrund von in der christlichen Tradition stehenden Höllenbildern (etwa Hieronymus Boschs oder Pieter Bruegels): Die säkularisierte „Hölle der Gaskammern war [dagegen] eine wissenschaftliche, technische, moderne Hölle" (ebd., S. 334), die bis zu ihrer Realisierung nicht antizipierbar war. So ist die Bezeichnung für diese tief im kollektiven Gedächtnis verankerte Höllen-Vorstellung lediglich eine Hilfskonstruktion zu Verständnis und Erfassung dessen, was jenseits der Erfahrung liegt.32 32

Hannah Arendt stellt eine Parallele zu „den drei wesentlichen abendländischen Vorstellungen von einem Leben nach dem Tode im I Iades, im Fegefeuer und in der Hölle" her, die drei Typen von Konzentrationslagern entsprechen: „Dem Hades würden jene verhältnismäßig milden Formen des vernachlässigenden Aus-dem-Wege-Räumens entsprechen, die für unerwünschte Elemente aller Arten .. auch in nichttotalitären Staaten in Mode zu kommen drohten; sie haben als DP-Camps, das heißt wieder als Lager für lästig und über-

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Bernard Klieger thematisiert diese terminologische Unzulänglichkeit und nimmt den semantischen Prozess der Begriffsbildung vorweg, der dann in Bezug auf Auschwitz tatsächlich so stattgefunden hat: Oer Mensch Hebt es, eine Stätte, in der es grauenhaft zugebt, eine Hölle tgt nennen. Es gibt kein anderes Wort für diesen Begriff, Inferno ist da dasselbe. In Zwiebergen ging es aber noch furchtbarer als in einer Hölle. Wie soll man nun den Begriff „Zwiebergen " umreissen? Dafür müsste man erst noch ein neues Wort erfinden. Ich schlage vor. Zwiebergen. In Zukunft müsste man also sagen, wenn man von etwas spricht, das noch unvorstellbar schrecklicher ist, als eine Hölle es sein kann: Es war ein Zwiebergen, beziehungsweise: es war syiebergisch ... (Klieger 1958, S. 199).33 Wissend, dass „die Funktionsweise der Nazi-Vernichtungslager sehr viel eher an eine Fabrik erinnerte als an Bruegels ,Triumph des Todes'" (Traverso 2000, S. 335f.), konkretisieren die Berichterstatter, indem sie den Begriff auflösen, indem sie seine Bedeutungsstruktur durch die Beschreibung von einzelnen Schauplätzen aufschlüsseln. Zu den am häufigsten genannten Orten gehört der Block .. die Wohnung des Häftlings (Eiden 1946, S. 214). 34 Seine Bedeutung weisen die Wortbildungen aus: Blockältester, Blockführer, Blockliste, Blockschreiber, Häftlingsblock, Küchenblock, Armenblock, Slums-Block, d.i. Massengrab der lebendigen (Vermehren 1946, S. 85), der Krankenblock heißt 'Revieri5; dann Baracke — Inbegriff für KZ: Das KL Bu-

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flüssig gewordene Menschen, den Krieg überdauert. Das Fegefeuer stellt sich in jenen vorgeblichen Arbeitslagern der Sowjetunion dar, in denen sich Vernachlässigung mit chaotischem Arbeitszwang vereint. Die Hölle schließlich im wortwörtlichsten Verstände bilden jene nur von den Nazis bis zur Vollendung ausgebildeten Typen, in welchen das gesamte Leben nach dem Gesichtspunkt der größtmöglichen Quälerei systematisch durchorganisiert war." (Arendt 1955/1998, S. 918f.) Martin Walser räsonniert über den Gebrauch von Hölle im Zuge der Berichterstattung über den Auschwitz-Prozess, über den Gebrauch also nicht durch Opfer, sondern durch Nichttäter. Walser erklärt ihn damit, dass „Auschwitz einfach keine Realität ist" für den Berichterstatter, der darüber schreibt: „Weil wir uns .. nicht hineindenken können in die Lage der ,Häftlinge', weil das Maß ihres Leidens über jeden bisherigen Begriff geht .., deshalb heißt Auschwitz eine Hölle .. So könnte man sich erklären, warum immer, wenn von Auschwitz die Rede ist, solche aus unserer Welt hinausweisenden Wörter gebraucht werden." (Walser 1965, S. 191 f.) Indes: Opfern, für die Auschwitz Realität ist, ist dennoch keine Alternative verfügbar. Wenn sie die Summe ziehen dessen, was ihre Realität war und wenn sie diese benennen wollen, kommen auch sie nicht ohne dieses, aus der Welt hinausweisende Wort aus.

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Die nächste Station war dann die Einweisung in einen Block, d.h. in eine Baracke, auch noch Zugangsblock genannt. (Vermehren 1946, S. 82); Die Häftlinge im Block 61 wurden „abgespritzt", d.h. durch Injektion eines starken Giftes getötet. .. Der Mann, der sich im Block 61 besonders hervorgetan hat. war SS-Hauptscharführer Wilhelm. (Eiden 1946, S. 220)

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Das Keiner war nicht nur die Stätte, wo die Kranken gepflegt und wieder gesund gemacht werden sollten, sondern auch ein üxperimentierfeld für die SSrAr^te. In den meisten KL betrieben sie Ϊ'ivisektionen an kranken — oder auch an gesunden — Häftlingen. War man einmal in die Behandlungsmaschinerie der Reviere geraten. so konnte man jederzeit ein Opfer ehrgeiziger .Forschungsvorhaben werden. .. Die bewußte Tötung der Patienten im Revier war bei der SS überall noch weit gebräuchlicher als das Experimentieren. (Kogon 1946a, S. 165); W/urde ein Häftling wirklich so krank, daß er ins Revier mußte. so war damit

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chenwald, die stinkende Stätte elend- und leidstarrender Baracken (Kogon 1946a, S. 362), und als solcher hoch frequenter Begriff für Enge und Unwürdigkeit.36 Der Bunker der SS, gleichbedeutend mit Baracke21, bezeichnet vor allem aber das berüchtigte Lagergefängnis (Steinwender 1946, S. 17): Das Arrestlokal hieß in der Jägersprache Bunker. .. der schwarte Bunker. Wer da%u verurteilt war, dort sitzen, bekam täglich 25 Stockhiebe .. an jedem dritten Tag ivas ψ essen (Eiden 1946, S. 230). Die zynische Wortbildung dazu, ein Zynismus, den wir in der so sehr abgenutzten Fügung der Tod ist ein Meister aus Deutschland wiederfinden, lautet Bunkermeister, es blieb dem Bunkermeister überlassen, die Strafen auszugestalten und Geständnisse erpressen, wie es ihm beliebte. (Kautsky 1948, S. 107) Hauptbühne des KZ-Szenarios ist der AppellplatDie Appellplät^e aller KL haben viele und schreckliche Tragödien gesehen (Kogon 1946a, S. 104), und könnten sie reden, ivürdefn sie] allein ein Buch füllen über das unermeßliche Leid, das hier im Laufe der vielen Jahre über Hunderttausende von Menschen hereingebrochen war (Dietmar 1946, S. 147). Appellplat^vmd von denjenigen, die ihn so erlebten, allererst als Toponym für Schikane und Leiden geführt.38 Hoch frequente Kontextpartner und damit Begriffskonstituenten von Appellplat^ sind daher diejenigen Bezeichnungen, die Ausgeliefertsein in extremen zeitlichen Dimensionen (stundenlange tagelang), körperlichen Zuständen

auch sein heben in besonderer Weise aufs Spiel gesetzt; denn tatsächlich waren die Zustände im Revier schlechthin mörderisch .. so daß die Krankenblocks sich eigentlich in nichts anderem von den Gesundenblocks unterschieden als nur dann, daß hier die Kranken in der Mehrzahl waren. (Vermehren 1946, S. 87f.); Das Krankenhaus (Revier) diente ja nicht der Heilung und Betreuung, sondern gerade dort wütete derTod.. eine Versuchsstation für neue Todesarten (Steinwender 1946, S. 55). Jede Baracke war 40 m lang und 10 m breit. Bis 1800 Mann mußten in solch einer Baracke hausen. Die Zustände in den Baracken .. waren furchtbar. (Eiden 1946, S. 219); die .. Judenbaracken [wiesen] die weitaus höchste Belegschaft auf: bis 300 pro Stube (also 600 pro Block) gegen 150 bis 200 pro Stube bei den Ariern. (Kautsky, 1948, S. 248) Kamen nicht all^u große Transporte abends »u spät oder dauerte das Warten bis über Arbeitsschluß hinaus, so wurden die Zugänge nicht in das Stacheldrahtlager eingeliefert, sondern ψ 10 bis 22 Mann die Nacht über in Bunker^ellen eingesperrt, die 1,20 χ 2 m groß waren. Mit Fußtritten und Knüppelschlägen erreichte die SS es schließlich, daß die Türen %ugemacht werden konnten. (Kogon 1946a, S. 95); Für die Aiädchen aus dem KZ hatte der Zellenbau weiß Gott ein gan^ anderes Gesicht; sie nannten ihn „Bunker" (Vermehren 1946, S. 48). die Opfer.. werden mit Püffen und Brüllen über den Appellplat^gejagt (Frankl 1945, S. 49); bloßfüßig auf den verschneiten Appellplat^ hinauslaufen (ebd., S. 57); Einen besonderen Spaß bereitete es Hauptscharfiihrer Hinkelmann, einen mit Suppe halb gefüllten Kessel auf dem Appellplat~ stehen^ulassen, ςγ beobachten, wenn sich die Hungrigen hindrängten, um etwas Suppe bekommen, und dann mit einem dicken Knüppel über die gan^e Gruppe herzufallen und ihnen die Köpfe blutig ~u schlagen. (Kogon 1946a, S. 254); An einem Abend wurden 20 .. jüdische [..] Kameraden auf dem Appellplat^ derart aneinandergekettet. daß sie einen Kreis bildeten. In der Mitte stand ein Baum. Die gati~e Nacht hindurch wurden die Gefesselten um den Baum herumgehetsf. und %war von mehreren SS-Blockführern, die sich für diesen Zweck bissiger Hunde bedienten. (Eiden 1946, S. 236)

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[nackt, stehen) oder klimatischen Gegebenheiten (eisige Kälte) bezeichnen. 39 Was als Zentrum des KZ-Universums die Kulisse für Schikane, Qual und Leiden ist, gerät zur Bühne des Widerstands in dem Augenblick, da sich die Herrschaftsverhältnisse umkehren: Am 4. April [1945, zu einem Zeitpunkt also, da man wusste, dass die Befreiung kurz bevor stand] nachmittags wurden plötzlich die Juden des Lagers aufgerufen. Niemand erschien auj dem Appellplat^! (Kogon 1946a, S. 356) Und auf dieser Bühne des Widerstands spielt schließlich auch die Szene der Befreiung: [da] öffnet sich weit das Lagertor, und ein prächtiges aluminiumfarbenes Auto mit großen roten Kreuzen rollt langsam auj den Appellplatz: der Delegierte vom Internationalen Raten Kreu~ in Genf ist erschienen und nimmt das Lager und dessen leiste Insassen unter seinen Schut% (Frankl 1945, S. 99) Neben dem Appellplatz ist der Steinbruch die wohl am eindrücklichsten beschriebene Kulisse, die in kaum einem Bericht fehlt, der berüchtigte Steinbruch .., wo Menschen systematisch Tode gepeinigt wurden (Dietmar 1946, S. 25), wie Appellplat~ Synonym für Schikane, Willkür, Leiden.4*1 Hochfre-

Beim .. Abwählen der.. Häftlinge fehlte einer. Wir mußten nun so lange im Regen und kalten Wind auf dem Appellplatzstehen. bis dieser Mann gefanden war.. die garn^e Nacht, bis in den nächsten Vormittag, mußten wir .. durchnäßt und durchfroren auf dem Appellplatζ stehen bleiben. (Frankl 1945, S. 77); Planck ließ die Häftlinge strafweise', ohne daß jemand wußte, wofür, .. auf dem Appellplat~ stehen. (Kogon 1946a, S. 253); Nach harter Arbeit.. mußte man stundenlang aufdem Appellplatzstehen, oft bei stürmischem Wetter, in Regen oder eisiger Kälte (ebd., S. 103); Trotz der Kälte von minus 15 Grad und der ungenügenden Kleidung standen die Häftlinge 19 Stunden hindurch auf dem Appellplatζ (ebd., S. 104); Eines Sonntags im Februar (!) 1939 mußten .. alle Häftlinge drei Stunden lang nackt auf dem Appellplatζ stehen. .. Die Frau des damaligen Kommandanten Koch .. weidete sich am Anblick der nackten Gestalten (ebd., S. 105); das stundenlange Stehen auf dem Appellplatz (Dietmar 1946, S. 72); Ergriff ein Häftling die Flucht, so mußte das ganze Eager manchmal tagelang auf dem Appellplat™ stehen, gleich ob es Sommer oder Winter war (zit. in Hauff 1946, S. 20). Oer Steinbruch von Natzweiler .. Sie mußten mit schwersten Steinen beladene Schubkarren schieben und wurden solange hin- und hergejagt, bis sie vor Herzschwäche umkamen. (Dietmar 1946, S. 49); Und Tag für Tag .. bringt man aus dem Steinbruch einige Eastwagen, vollbeladen mit Toten und Sterbenden. (Schifko-Pungartnik 1946, S. 31); I ron den Außenarbeitsstellen war die im Steinbruch die berüchtigtste. .. Sechs bis acht, manchmal auch zehn SS-Männer mit Knüppeln in der Hand, trieben die Häftlinge durch grausame Schläge unablässig an. .. \'iele Häftlinge wurden so im Steinbruch totgeschlagen. Andere fanden den Tod unter schwer beladenen Eoren, wenn diese trotz aller Anstrengungen der Häftlinge, die sie hinaufschoben, zurückrollten und die Häftlinge nicht rechtzeitig genug beiseite springen konnten, das kam meistens dann vor, wenn die SS. um diese Wirkung zu erzielen, zu wenig Häftlinge zum Eorenschieben kommandierte. (Eiden 1946, S. 225f.); Eine beliebte Art der Scharführer war es, Todeskandidaten leere oder sogar beladene Eoren den Steilhang hinaufschieben zu lassen, was für zwei Mann zusammen gar nicht möglich war, so daß sie unter dem zurückfallenden Gewicht und den Prügeln der Antreiber erschlagen wurden. (Kogon 1946a, S. 119); der Steinbruch .. das Klingen der Hämmer.. die menschlichen Zugtiere. bis 50 an der "Zahl, vor mit schweren Steinen beladenen Wagen gespannt. .. das Himmelfahrtskommando Steinbruch, aufgestört durch peitschende Schüsse, mit denen wieder ein Kamerad umgelegt wurde (Steinwender 1946, S. 87-89).

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quente Partnerwörter und begriffliche Konstituenten sind Laufschritt, Steilbang und Lore, Schläge, Prügel und Knüppelt Berichte über die Arbeit im Steinbruch, wie die Berichte aus dem Lageralltag überhaupt, sind gleichsam Filmsequenzen, am eindrücklichsten gestaltet von demjenigen, der nicht nur Zuschauer war, sondern der in diesem Film eine Rolle spielt und aus der Ich-Perspektive berichtet: Nur nicht das Tempo verlangsamen — vorwärts, vorwärts, die Stiege hinunter. Und es hagelt Schläge. .. Im Bruch hatjeder von uns einen der hemmliegenden Steine aufzunehmen und sich sofort wieder in Marsch syt setzen .. heult da irgendeiner „Im Laufschritt marsch, marsch!" Und wir laufen! Einer stürmt über den anderen, da winden sie sich auf dem Boden — und die Masse schiebt sich über sie hinweg.. Arbeit im Steinbruck .. [hier] gilt.. für uns.. nur die eine Pflicht — sterben (Schifko-Pungartnik 1946, S. 18-20). Eine Szene, wie sie Schifko-Pungartnik für den Steinbruch des KZ Mauthausen schildert, war Thema im Nürnberger Kriegsverbrecherprozess. Die Szene aus der Sicht des Opfers: Kommando: „Letzter Hunderter halt! Links um — im Gleichschritt marsch!" Links um? Ό α führt kein Weg. Steil und schroff fallen die Wände ab. Der Steinbruch!.. Lor ihnen allen gähnt der Abgrund. .. Schon stürben sie — stürben 120 Meter tief auf felsigen Boden. Und der Bruch sperrt seinen Aachen auf und nimmt sich seine Opfer. (SchifkoPungartnik 1946, S. 22) Aus der Sicht nicht des ausführenden, aber des beobachtenden Täters, es ist der als Wachposten seinerzeit Dienst habende Zeuge SSUnterscharführer Alois Höllriegel, der in Nürnberg zu Protokoll gibt: Ich sah, daß sie sich dem Steinbrach Wiener Graben, dem Felsabsprung näherten. Ich sah von meinem Wachturm aus, daß diese zwei SS auf die Gefangenen einschlugen, und ich konnte gleich bemerken, daß es den Zweck haben sollte, die Gefangenen zu zwingen, sich herunterzuwerfen oder sie herabzustoßen. Ich bemerkte, wie einer der Gefangenen am Boden lag und mit Füßen getreten wurde und die Gebärde zeigte, er sollte sich hier beim Tagelang mußte er im Steinbruch die schwersten Steine im Laufschritt den steiten Berg hinaufschleppen. (Steinwender 1946, S. 61); Dem Lagerführer Rödlfiel.. ein Vole auf. der mit seinem VJesenstein, den er schleppen hatte, den häuf schritt nicht mehr mitmachen konnte. .. Vogel hat ihn sofort mit eigener Hand an Ort und Stelle gesteinigt. (Kogon 1946a, S. 120); Die Strafarbeit dauerte 14 oder 28 Tage. Während dieser Zeit mußte schwerste körperliche Arbeit verrichtet werden, meistens Steine oder Zementsäcke schleppen usw. im Laufschritt (zit. in Hauff 1946, S. 19); In Konzentrationslagern, die Steinbrüche hatten, war das System des Steinetragens besonders ausgeprägt. .. Gefangene .. bekamen einen 40 bis 50 kg schweren Stein auf die Schultern und mußten im Eilschritt 100 bis 200 Meter laufen, der Block führer mit dem Fahrrad hinterdrein. .. Ließ der Gefangene den Stein fallen, konnte er seiner Prügel sicher sein (ebd., S. 21); Die Polen wurden täglich im Laufschritt s^ur Arbeit im Steinbruch getrieben, während einige Dutzend SS-Leute.. unaufhörlich mit schweren Knüppeln auf sie einschlugen. (Eiden 1946, S. 234); Zahlenmäßig die meisten Opfer forderte das Steinträgerkommando, dem lediglich Juden angehörten und das Steine aus dem Steinbruch %u einem um das Lager führenden, im Bau befindlichen Weg ~Ή befördern hatte. Die Arbeit geschah nur im Laufschritt, wobei aus dem Steinbruch eine lange, starke Steigung überwinden war. Die Steine waren ausgesucht schwer, Mißhandlungen an der Tagesordnung. (Kautsky 1948, S. 58)

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Steinbruch herunterstürzen. Der Gefangene tat das unter den ausgestandenen Hieben, wahrscheinlich in der Verzweiflung, sofort. Von dem verhörenden Oberst Amen gefragt, ob es „unter Euch Wachmannschaften einen Ausdruck dafür [gab], wenn Gefangene vom Felsen heruntergestürzt wurden", antwortet Höllriegel: „Jawohl. Sie wurden im Lagermund bezeichnet als Fallschirmspringer" (Nürnberger Prozess IV, S. 430) — ein Terminus, der den Tätern vorbehalten ist, und ,im Lagermund' meint hier nicht den Häftlingsjargon. Obligatorisches Requisit, weil wie Appellplatz Funktionseinheit jeglichen KZs, ist Draht, der mit mehreren tausend Volt geladene[..] Stacheldraht^aun (Dietmar 1946, S. 140), der jedes Konzentrationslager umgab, ihm sein typisches Aussehen gab: lindlose mehrfache Stacheldraht Umzäunungen, Wachttiirme, Scheinwerfer (Frankl 1945, S. 25). Im Fokus der Wahrnehmung Lucie Adelsbergers ist Draht beides, Barriere, die Gemeinschaft verhindert, und zugleich überwundenes Hindernis, das Gemeinschaft herstellt: Die engsten Familienbande durchsägt der Draht. Geschwister, Eheleute hausen in anstoßenden Baracken und dürfen sich nicht sprechen; junge, lebensgierige Menschen, die ihren Pakt mit dem Tode schon unterzeichnet haben, sind nebeneinander geschachtelt und dürfen sich nicht lieben. Alles trennt der mit Hochspannung geladene Draht. StarkstromverktZungen mit kleinen Wunden und leichten Schocks, Zerreißungen und ausgedehnte Verbrennungen waren an der Tagesordnung. .. Männer und ihre Frauen verhandelten über den Draht, Bruder und Schwester, Freunde und Freundinnen. Ober den Draht flogen im unbewachten Bruchteil einer Sekunde .. eine wollene Decke, ein Paar Schuhe, ein Stück Speck. Dort wurden Weißbrot und Medikamente aus dem Krankenbau an die Arbeitskommandos verschachert gegen das, was sie von ihrem Arbeitsplatz zurückgebracht hatten, ein Fetzen S t o f f , ein unreifer Apfel vom Feld. Durch den Draht wurden Liebesbriefe hindurchgeschmuggelt. (Adelsberger 1956, S. 87f.) Die Sentenz in den Draht/Zaun prügeln/jagen — Dombeck sowohl wie Krautivurst machten sich .. das Vergnügen, Häftlinge ohne sichtbaren Grund in den elektrischen Zaun hinein ψ prügeln (Eiden 1946, S. 224) - ist Korrelat zu in/an den Draht gehen/ laufen, standardisiertes, wohl nach dem Muster ins Wasser gehen gebildetes Synonym für ,Selbstmord' — „eine Form des Selbstmordes .., die am sichersten war und die geringste Energie erforderte: Das ,In-den-DrahtGehen'" (Langbein 1972, S. 145). 42

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ich [habe] .. am ersten Abend in Auschwitz, sozusagen von einer Hand in die andere mir das Γ 'ersprechen abgenommen, nicht „in den Draht zu laufen". Mit diesem lagerüblichen Ausdruck wird die lagerübliche Methode der Selbsttötung bezeichnet: Berühren des mit elektrischer Hochspannung geladenen Stacheldrahts. (Frankl 1945, S. 38); Die Häftlinge.. waren so unerhörten Quälereien ausgesetzt, daß manche aus Verzweiflung in den elektrisch geladenen Stacheldraht liefen und durch Starkstrom getötet wurden. (Kidcn 1946, S. 224); Nur ein IVersöhnendes hatte der Draht. Wenn es nicht weiterging, er würde erlösen. Das geflügelte Wort im hager: „Ich gehe an den Draht", war keine bloße Rßdensart. (Adelsberger 1956, S.

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Das Ende der mit dem Transport begonnenen Zeitskala bezeichnet ein Toponym, das mit Gaskammer zum Begriff wird. Für Viktor Frankl ist Gaskammer der Inbegriff von conditio humana 44 und ecce homo zugleich: Was .. ist der Mensch? Er ist das Wesen, das immer entscheidet, was es ist. Er ist das Wesen, das die Gaskammern erfunden hat; aber zugleich ist er auch das Wesen, das in die Gaskammern gegangen ist, aufrecht und ein Gebet auf den Uppen. (Frankl 1945, S. 139)45 Und vergasen und Gaskammer sind obligatorisches Element des Clusters ,NS-Verbrechen', sind Synonym für Nationalsozialismus, Begriff für industriell umgesetzter Vernichtungswahn': Millionen Menschen .. ψ Tode gehungert, gepeitscht, gefoltert, vergast, vergiftet, erhängt, geköpft und erschossen! (Schlotterbeck 1945b, S. 20); Gegner.. auf hundertfache Weise ζu Tode geschunden, gehenkt, erschossen, vergast. (Kogon 1946a, S. 56); Millionen endeten auf dem Schafott, am Galgen, durch Erschießen, in den Gaskammern und Verbrennungsöfen. (VVN/Programm 1947, S. 589); Die Gefangenen wurden mißhandelt, dem Hunger ausgesetzt, in Steinbrüchen in den Tod getrieben, niedergeschossen, aufgehängt, vergiftet, vergast. (Niekisch 1953, S. 293) Dieses Gasszenario wird durch einen materialisierten Euphemismus realisiert, dazu bedienen sich die Nazis der Hygieneräume und der seit dem 19. Jahrhundert etablierten Hygienemetaphorik 46 — und die Opfer benutzen dieses Wortfeld auch, es gehört auch zu ihrem Register: Plötzliche Kommandos. ,Jn die Sauna!'47 .. ,.^Ausziehen! Nackt!" Nichts darf mitgenommen werden. Willenlos werfen sie alles hin. .. jetzt gehen sie in den Baderaum. Sie trippeln herum, warten auf Wasser. Ein Gesicht erscheint am gut abgedichteten Fenster, fertig?" „Jawohl!" Die Türen schließen sich. Eng wird es im Kaum. Die da drinnen schauen auf die Brausen. Immer noch kein Wasser. Die Euft ist schlecht, es drückt so. Euft! Euft! Die Augen quellen hervor. Sie wollen schreien. Können nicht schreien! Die Brust zerspringt. Gas, Gas! (zit. in Hauff 1946, S. 16); Erst bringt man sie ins Bad. 43 44

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Zu vergasen/ Vergasung/Gaskammer vgl. Winterfeldt 1968, S. 143-145. Amen - spricht dagegen von der „conditio inhumana der Opfer des Dritten Reiches" (1977, S.7).' Martin Bubers so konstruiertes Diktum heißt: „Der Mensch ist das Wesen, das fähig ist, schuldig zu werden" — das die Gaskammern erfunden hat (Frankl) — „und fähig ist, seine Schuld zu erhellen" (Buber 1958, S. 64) — die Erfinder der Gaskammern waren dies nicht, wie wir sehen werden. Vgl. Sarasin: „Eine diskursanalytische Geschichtsschreibung müßte .. ernsthaft dem ,ΛΙρ' einer diskursiven Tradition nachgehen, die unter anderem bis in die Reinigungs- und Gesundheitsdiskurse der (Sozial-)Hygiene des späten 19. Jahrhunderts zurückreicht — ohne simple Linearität, aber unglaublich massenwirksam: Teile dieser hygienischen und bakteriologischen Diskurse haben solange Denkweisen geformt, bis auch Unaussprechliches, diese Taten konkreter Täter, an den Rand des Denkbaren gerieten: Die schaurigste interdiskursive Metaphorik des 20. Jahrhunderts ist schließlich jene des .desinfizierenden' Gases, das aus einer ,Dusche' strömt." (1996, S. 158) Zu Sauna vgl. Winterfeldt 1968, S. 131 f.

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Das wäre an und für sich eine humane Regung der Führung, die uns fast in Staunen versetzt hätte, wenn dieses Bad eben ein Bad gewesen wäre. .. Die Wände sind gekachelt, von der Decke hängen tjrka 40 schön verchromte Brausen. Alles hier ist spiegelblank. Dieser ivohleingerichtete Duschraum ist nach außen hin hermetisch abgeschlossen. .. Man führt die Neuangekommenen tyim Brausen. Kaum haben sie den Kaum betreten, werden von außen die Hähne ψ den Duschen aufgedreht. .. Anstatt des Wassers strömt Stickstoff in den Kaum. (Schifko-Pungartnik 1946, S. 29); Man gab ihnen ein Stück Seife und ein Handtuch und führte sie in einen bunkerähnlichen Kaum, der als Bad eingerichtet war, Kleiderhaken ^um Außängen der K/eider enthielt und Brausedüsen an der Decke hatte. Eeider kam aber kein Wasser aus den Düsen, sondern Gas, Cyclon B, Blausäuregas. Die Vernichtung der Juden Europas hatte begonnen. (Klieger 1958, S. 22) Die lexikalischen Diskursrepräsentanten Bad, Brause, Sauna, Ouschraum, die seit 1945 zum Begriffsnetz von Gas zählen, sind seither als äußersten Zynismus ausdrückende Euphemismen des Großverbrechens Nationalsozialismus Teil der deutschen Sprachgeschichte, deren neue Bedeutung aus solchen Kontexten abzuleiten ist, in denen Bad tatsächlich ,Bad' und Brause wirklich ,Brause' bedeutet: Wir wissen, wir haben nichts mehr verlieren außer diesem so lächerlich nackten heben. Während schon die Brause fließt, rufen wir einander mehr oder weniger witzige .. Bemerkungen ς» und bemühen uns krampfhaft, vor allem über uns selbst.. uns lustig machen. Denn ..: es kommt wirklich Wasser aus dem Brausetrichter! (Frankl 1945, S. 35); schwer war es, sie [die von Auschwitz nach Theresienstadt Verbrachten] ^um Eintritt in das Bad und in die Desinfektionsanstalt sp bewegen. Bad warfür sie Mord — sie weigerten sich und riefen: „Gas!" (Adler 1955, S. 208) Gas, dieses Synonym für Endlösung — Ein Aussager in Nürnberg spricht immer wieder von der ENDEOSUNG .. u. meint damit den Gasofen (Klemperer 4. Januar 1946, Tagebücher 1945-1949, S. 173) — hat eine feste Formel, ins Gas gehen, die nicht, wie die Parallelformel in den Draht gehen, ,freiwillig' meint, sondern das Gegenteil ^«r Gaskammer getrieben iverden: man vermutet.., daß ,,es ins Gas geht" (Frankl 1945, S. 17). Auf dieser Bedeutungsebene ,Vernichtung' erhält Gaskarnrner dann den kongruenten Kontextpartner: Gaskammer und Krematorium sind Partnerwörter 48 — und die letzte Station heißt also schließlich Krematorium.49 Eugen Τ 'ernichtung in einem mit Gaskammern und Krematorium ausgestatteten luiger (Frankl 1945, S. 17); Wahrscheinlich haben Sie noch nie eine Gaskammer von innen gesehen, haben niemals vor dem Krematorium in Dachau gestanden, in dem über eine I'iertelmillion Menschen verbrannt worden sind: wenn man das sieht, dann vergehen einem die Sinne (Niemöller 1945a, S. 16). Was machte denn die SS mit den Leichen der Erschlagenen, Erschossenen, Erhängten und sonstwie Ermordeten, die es bald nach Eröffnung des Lagers Buchenwald gab? .. Das Krematorium in Jena wies sich den neuen Aufgaben nicht gewachsen. Deshalb begann die SS im Jahre 1940 mit der Errichtung eines Krematoriums im Lager selbst.. Zunächst.. drei Öfen, später kamen drei weitere Öfen hin^u. .. Das Krematorium war aber nicht nur Leichenverbrennungs-, sondern auch Hinrichtungsstätte. (Eiden 1946, S. 222); Anfangs wurden die Särge mit den Leichen oder auch die Leichen ohne Sarg aufgestapelt, bis ein Lastauto voll war. das sie ™um nächsten Krematorium fuhr. In der echt buchenwaldischen Fomdosigkeit hatte man eines Tages in den Straßen der Goethestadt Weimar die nackte Leiche einesjüdischen Häftlings

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Kogon parallelisiert eine zynische KZ-Parole, die die Wirklichkeit entwirklicht, mit einer Formulierung, die die Realität des Konzentrationslagers bezeichnet. In dieser Synopse bildet Freiheit das Komplement zu KrematoriÜberall in den KL .. waren .. große Tafeln mit der Aufschrift angebracht: ,Es gibt einen Weg Freiheit. Seine Meilensteine heißen Gehorsam, Fleiß, Ehrlichkeit, Nüchternheit, Sauberkeit, Opfersinn, Ordnung Disziplin und Liebe sym Vaterland.' Die Meilensteine des wirklichen Weges, nämlich %um Krematorium, waren: der Bock und der Bunker, Erhängen, Erschießen, Erfrieren, l'erhungern, Erschlagenwerden und Foltern jeglicher Art. (Kogon 1946a, S. 124) Krematorium, der Bezeichnung für den Ort des endgültigen Endes, sucht man mit Ersatzwörtern, die an Tabuwörter erinnern und die ihrerseits zu Begriffen des Univers Concentrationnaire wurden, Schrecken zu nehmen. Als Kamin, Ofen, Schornstein bezeichnet, wird dem Krematorium häusliche Vertrautheit angedichtet, die den sprachlichen Umgang mit den unerträglichen Hypertrophien der KZ-Welt erleichtern: der buchstäbliche Freudentanz den die Häftlinge im Gefangenenwaggon aufführten, als sie merkten, der Transport gehe — „nur" nach Dachau. .. keinen „Ofen".. kein Krematorium, also auch keine Gaskammern .. keinen „Kamin" (Frankl 1945, S. 76); Am 21. Oktober [1943] sind 43500 Frauen, um den Lagerausdruck t^i gebrauchen, „durch den Schornstein gejagt" worden. (Bock 1947, S. 663°); nach Birkenau in die Gaskammern .. „.. in den Kamin", wie wir kurs^ dafür sagten. (Klieger 1958, S. 27f.) Wenn die Vernichter auf dieselbe Art vernichtet werden, erhält der Ort willkommene Symbolik: Koch [der Kommandant von Buchenwald] wurde .. von einem SS-Sondergericht %um Tode verurteilt, sofort erschossen und in einem derselben Krematoriumsöfen verbrannt, in denen einst Zehntausende von ihm und in seinem Geheiß ermordete Menschen in Staub und Asche verwandelt wurden. (Eiden 1946, S. 216) Elie Wiesel zitiert einen SS-Offizier: „,Auschwitz ist kein Erholungsheim, sondern ein Konzentrationslager. Hier wird gearbeitet. Sonst geht ihr in den Schornstein. In die Gaskammer.'" Diese „dürren Worte ließen uns erschauern. Das Wort ,Schornstein' war kein leerer Wahn: er schwebte rauchumwölkt in der Luft. Vielleicht war das das einzige Wort, das hier Sinn hatte". (Wiesel 1958/1996, S. 62) Schornstein ,das einzige Wort, das hier Sinn hatte' — Sinn meint hier unausweichliche Realität. verloren, die nur 37 Kilogramm wog. Derartige „Betriebsunfälle", die doch unliebsames Aufsehen erregten, waren wohl eine Ursache dafür, daß das Lager ein eigenes Krematorium bekam, dessen düstere Rauchwolken bald ständig über die Kuppe des Ettersberges ς;ogen. (Steinwender 1946, S. 70f.) Aus der verlesenen Rede Hildegard Staehles auf der Kundgebung des Hauptausschusses „Opfer des Faschismus" am 16. Dezember 1945: „Frau Stachle starb in derselben Stunde, als ihre Rede verlesen wurde." (Bock 1947, S. 66) Hildegard Staehle beteiligte sich als Frau des letzten Kommandanten des Berliner Invalidenhauses, der am 20. Juli 1944 verhaftet wurde, an dessen illegaler Betätigung und war im KZ Ravensbrück inhaftiert.

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So, wie der Kompensation des Leids die Erinnerung an Glückszustände dient, werden Schauplätze retrospektiv kompensatorisch zu Idyllen verklärt, die eskapistisch Extreme und Gegensätze zu vereinbaren suchen, die Bilder übereinander projizieren. Die Opfer haben das Bedürfnis, den Erinnerungsort ,Konzentrationslager' durch erzählerische Einfügung in das Landschaftsidyll zu entwirklichen, ihn erzählend in die Normalität des Idylls einzupassen, indem sie d i e Spannung erzeugen, die ein Maler erzeugt, wenn er zwei widersprüchliche Motive zueinander durch Uberlagerung in Beziehung setzt. Escapes — vergitterte Luken und Berggipfel im Abendrot, glühende Wolken und graue Erdhütten, überirdische Farben und sumpfiger Appellplat^1, die friedliche kleine Stadtsilhouette und Krematoriumskamin52, elektrische Drähte und grünende Wiesen53, Eisblumen und l&arackenfenstefi4, Schönheit der Landschaft und Steinbruck bilden dann die Einheit des Widerspruchs. Das semantische Potenzial derjenigen Szenarien, die wir hier auf einer Zeitskala abgebildet haben, verdichtet sich in Auschwitz Auschwitz die 51

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Wer unsere Gesichter gesehen hätte, strahlend vor Entzücken, als wir durch die vergitterten Luken eines Gefangenentransportwaggons auf der Bahnfahrt von Auschwitz in ein bayerisches Lager auf die Sal*burger Berge hinaussahen, deren Gipfel gerade im Abendrot erstrahlten, der hätte es nie glauben können, daß es die Gesichter von Menschen waren, die praktisch mit ihrem Leben abgeschlossen hatten; trotzdem - oder gerade deshalb? — waren sie hingerissen vom jahrelang entbehrten Anblick der Naturschönheit. .. Und wenn wir dann draußen die düster glühenden Wolken im Westen sahen und den ganzen Horizont belebt von den vielgestaltigen und stets sich wandelnden Wolken mit ihren phantastischen Formen und überirdischen Farben vom Stahlblau bis zum blutig glühenden Rot und darunter, kontrastierend, die öden grauen Erdhütten des Lagers und den sunrpfigen Appellplatin dessen Pfützen noch sich die Glut des Himmels spiegelte (Frankl 1945, S. 68f.). Im ersten Stock .. öffnete sich hinter den Stacheldrähten und dem Krematoriumskamin eine weite Landschaft, durchsetzt von Kiefern, Knicks und Wäldern. Etwas rechts unten lag der See, der erste See der hier beginnenden mecklenburgischen Seenplatte. Um ihn herum lagen herrliche Laubwälder und an seinem gegenüberliegenden Ufer die friedliche kleine Stadtsilhouette von Fürstenberg. Links herüber hatte die Landschaft mehr brandenburgisch-märkische Rei^e. ivr^auste Kiefern, sehr liel Sand und abends oftmals %auberhafle, pastellfarbene Himmel. In gerader Richtung vor uns lag hinter Bäumen eine jener Fabriken, in denen die Häftlinge arbeiten mußten, die abends mit lautem Gesang von dort ins Lager ~urückmarschierten. (Vermehren 1946, S. 37f.) Durch die elektrischen Drähte.. geigte sich beijedem Atemzug die Freiheit. Dort grünten die Wiesen, dort lockte der Wald, hundert Schritte entfernt und doch unerreichbar wie der Himmel. Im Süden winkten die Berge;.. Alle Sehnsucht prallte ab am unerbittlichen Draht. Er verschneidet jedes Bild mit harten horizontalen Linien. Jeder Baum, den wir sehen, trägt die eisernen Kerben um seinen Stamm, und selbst der Sonnenball, der unten am Horizont verschwindet, ist ΖίΦ^ von den Stacheln des Drahtes. (Adelsberger 1956, S. 86f) es war bereits menschenleer, still und alles in einer merkwürdigen V'.rzauberung, Eisblumen an den Barackenfenstem, Rauhreifüber den Dächern (Kogon 1916a, S. 153). Uneingeschränkt blieb die Freude an der.. Schönheit der Landschaft. In dieser Beziehung bot Buchenwald reichste Anregung. Der Blick vom Ettersberg, den schon Goethe geliebt hatte, eifreute auch uns; es war nur ein bitterer Beigeschmack, daß der schönste Aussichtspunkt gerade über dem Steinbruch lag. (Kautsky 1948, S. 232) „Auschwitz .. Der Tod war allgegenwärtig. Die Selektionen für die Gaskammern fanden in regelmäßigen Abständen statt. Für ein Nichts wurden Häftlinge am Appellplatz gehängt,

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„wirklichkeitgewordene Ausgeburt kranker Hirne und pervertierter Emotionalorganismen" (Amery 1977, S. 37), ist seit 1945 nicht mehr deutsches Toponym für eine Stadt, die in der Sprache desjenigen Landes, in dem sie sich befindet, Oswiecim heißt: Keine Brücke verbindet die vorangegangenen sieben Jahrhunderte normaler Geschichte mit den darauffolgenden fünf Jahren außerordentlichen Leidens, die Stadt Oswiecim auf der einen Seite mit dem Konzentrationslager Auschwitz auf der anderen (van Pelt/Dwork 1998, S. 19).

Auschwitz ist als Erinnerungsort der Opfer begriffliches Destillat dessen, was Opfern im Nationalsozialismus widerfuhr, und obwohl je spezifisch wahrgenommen und sprachlich erfasst, gibt es ein stabiles, jegliche überindividuelle Auschwitz-Erinnerung ausstattendes Gedächtniselement. Immer schon ist Auschwitz Teil des Opfergedächtnisses, des Gedächtnisses derer, die den Ort selbst als Auschwitz erfahren haben. Indes ist die gleichsam überindividuelle Begrifflichkeit von Auschwitz in der persönlichen Erfahrung des Einzelnen moduliert. 57 Jeder „trägt seine sehr persönlich gefärbte Erinnerung mit sich, jeder hat ,sein' Auschwitz erlebt." (Langbein 1972, S. 18)58 Wie immer indes der Begriff je nach persönlichem Erleben individuell ausgedeutet wird — Auschwitz ist von Anfang an der Inbegriff von Nichtsein, denn „die Aussicht, Auschwitz anders als durch den Kamin zu verlassen, mußte vom Verstand verneint werden" (Langbein 1972, S. 109). Auschwitz sei in dieser Bedeutung Vernichtungslager' erst lange nach der Befreiung zum Begriff geworden? Aus der Opferperspektive ist Auschwitz es bereits zur Zeit des Betriebs dieser Vernichtungsfabrik:

und ihre Kameraden mußten, Augen rechts!, zu flotter Marschmusik an den vom Galgen baumelnden Körpern vorbeidefüieren. Es wurde in Massen gestorben, am Arbeitsplatz, im Krankenbau, im Bunker, im Block. Ich erinnere mich an Zeiten, in denen wir alle zu schwach und gleichgültig waren, um die Verstorbenen auch nur aus der Baracke hinaus ins Freie zu schleppen." (Amery 1977, S. 38) Wintcrfeldt weist auf eine Reihe von Namen hin, die Begriffe wurden und an deren chronologischem (?) Ende Auschwitz steht: „die Namen einiger berüchtigter Konzentrationslager [sind] als Synonyme und gleichzeitige Metonyme für Menschenschinderei oder Mord in den deutschen — wenn nicht internationalen — Sprachgebrauch aufgenommen worden (Dachau, Buchenwald, Sachsenhausen, Ravensbrück, Mauthausen und schließlich Auschwitz)." (Wintcrfeldt 1968, S. 128) „Die Erinnerung an Auschwitz begann am Ort des Verbrechens, aufbewahrt in den Tagebüchern von ermordeten jüdischen Häftlingen der ,Sonderkommandos', aufbewahrt in den berühmten Auschwitz-Protokollen entkommener Juden, aufbewahrt in den Aufzeichnungen von Auschwitz-Überlebenden." (Reichel 2001b, S. 601) „Die Perspektive des ewig Hungrigen unterschied sich stark von der eines Funktionshäftlings; das Auschwitz des Jahres 1942 war ein wesentlich anderes als das des Jahres 1944. Jedes einzelne Lager des großen Komplexes war eine Welt für sich. Darum wird mancher Überlebende von Auschwitz bei einzelnen Schilderungen einwenden können: So habe ich das nicht empfunden — das ist mir völlig neu." (Langbein 1972, S. 18)

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Der Zug hält.. anscheinend auf offener Strecke .. Unheimlich klingt das schrille Pfeifen der Lokomotive, .., während der Zug, nunmehr sichtlich vor einer größeren Station, rangieren beginnt. Plötzlich ein Aufschrei aus der ängstlich wartenden Menge der Leute im Waggon: »Hier eine Tafel - Auschwitz« Wohljeder muß in diesem Augenblick fühlen, wie das Her.ζ stockt. Auschwitz war ein Begriff, war der Inbegriff von undeutlichen, aber dadurch nur um so schreckhafteren Vorstellungen von Gaskammern, Krematoriumsöfen und Massentötung! Der Zug rollt langsam weiter, wie sjjgemd, so, als ob er die unselige Menschenfracht, die erführt, nur allmählich und gleichsam schonend vor die Tatsache stellen wollte: »Auschwitz« (Frankl 1945, S. 25).59 Auschwitz spaltet sich in die Extension auf, ist begriffliches Destillat für die Begriffe Selektion und Gaskammer, Appellplat% und Hunker, für Baracke, Krematorium und Ofen, und eröffnet stets ein Cluster seiner semantisch kohärenten Kontextpartner — Transport, Bad und Gas, Krematorium, Selektion und Verbrennung.60 Und Gaskammern von Auschmt^fsX seit 1945 Begriff, mit dem die Befreiten von Buchenwald in einem zu diesem Zeitpunkt noch möglichen unpolitisierten und reine Opfersolidarität ausdrückenden Akt bereits im April 1945 die erste Gedenkstunde — die der Befreiung — ausstatteten: Auf dem Transparent.. waren die Gaskammern von Auschwitz über denen der Tod die Sense schwang, abgebildet, worunter die Worte standen: „ Vergeßt die Gaskammern, die Millionen Toten von Auschwitz nicht!" (Dietmar 1946, S. 147) Gaskammern von Auschwitz ist seither Synonym der Opfer für Anachronismus in höchster Modernität (Klemperer 1947, S. 142) und komplexer Begriff, Identitätsbegriff zunächst für Juden: wer heute der Judenmorde gedenkt, denkt an die Gaskammern von Auschwitz (ebd.). Für Deutsche ist Auschwitz Identitätsbegriff viel später. 61 Der Frankfurter Auschwitz-Prozess von 1963 bis 1965 insbesondere ist dasjenige Impuls gebende diskursive Ereignis, welches die Begriffsbildung im Deutschen befördert. Seither umfasst der Name Auschwitz nicht nur „alle Stätten des nationalsozialsitischen MasEin früher Beleg von Victor Klemperer aus dem Jahr 1942 bestätigt auch vorhandenes Wissen über die dortigen Vorgänge, welches ja der Anlass für den Chiffrierungsprozess ist: „Heute zum ersten Mal die Todesnachricht zweier Frauen aus dem KZ. Bisher starben dort nur die Männer. .. Beide wurden .. nach Auschwitz transportiert, das ein schnell arbeitendes Schlachthaus zu sein scheint." (Klemperer 14.10.1942, Tagebücher 1933-1945 II, S. 259) Besonders schlimm waren die Transpotie nach Auschwitz dem berüchtigten Massenmordlager, in welchem Menschen auf einmal je tausend und mehr in dem sogenannten ,.Baderaum" durch Gas vergiftet und automatisch ins Krematorium befördert wurden. Von Auschwitz weiß die Welt heute, daß dort Millionen Juden durch Gas umgebracht wurden. Ihre Leichen wurden in den vier Riesen-Krematorien und auf Scheiterhaufen verbrannt. (Dietmar 1946, S. 81); das Konzentrationslager Auschwitz stand im Zeichen der Selektion. Gemeint ist damit die Auswahl ~ur Vergasung mit nachfolgender Verbrennung. (Adelsberger 1956, S. 52) Erst „seit Beginn der sechziger Jahre, als die Gewaltverbrechen über mehrere Jahre hinweg Gegenstand und Anlaß von Strafprozessen, Parlamentsdebatten und Theaterskandalen sind, findet Auschwitz Eingang in die deutsche Umgangssprache, wird der Name zur Metapher für die Menschheitskatastrophe der jüngeren Geschichte." (Reichel 2001b, S. 601)

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senmordes" (Kramer 1999, S. 84), sondern ist Bezeichnung für Zivilisationsbruch schlechthin. 62 Die wie gesehen bereits vor 1945 einsetzende Chiffrierung von Auschwitz durch die Opfer läuft über die nationale und die politische Identifizierung. Als nationaler Begriff ist Auschwitz Inbegriff von deutsch und Deutschland: Auschwitz.. Was wissen wir darüber? Alles und nichts. .. der Xug hält, wird auf ein anderes Gleis geschoben und bleibt stehen. Die Fünftausend sehen hinaus: Stacheldraht mit den weißen Isolierköpfen. Für die, welche schon im Lager waren, das bekannte Bild: das deutsche Konzentrationslager! (zit. in Hauff 1946, S. 16); Nazi-Deutschland bestand aus Blut, Mord, Terror und Korruption. Auschwitz war dieses Deutschland itn kleinen lind gab ein genaues Spiegelbild des grösseren Deutschland. (Klieger 1958, S. 14) Als politisches Signum ist Auschwitz Synonym für Nationalsozialismus·. Von der Symbolik des Sonnenrades führte der Hakenkreuzweggeradlinig zu den glühenden Öfen von Auschwitz (Ivogon 1946a, S. 43) Und da Nationalsozialismus Begriffselement von Schuld ist, ist Auschwitz moralisch-ethisch zu identifizieren — Auschwitz ist der Inbegriff von Schuld. Wir fixieren Auschwitz also als einen Begriff zunächst der Opfer in der deutschen Nachkriegszeit. Er ist als sprachlich manifester Erinnerungsort begriffliches Destillat für die Summe der Erinnerungsorte, deren Begriffe den Schulddiskurs der Opfer tragen. 63

6.1.4. Gegenmenschen ihr Verhalten und unsere Lage sind nur die Überzeichnung, die auf die Spitze getriebene Karikatur — in der sich sicherlich niemand wiedererkennen will noch kann - von Verhaltensweisen, von Situationen, die es in der Welt gibt und die sogar jene alte „wirkliche Welt" sind, von der wir träumen (Antelme 1957/1990, S. 3 0 8 ) diese Distanz und Abgeklärtheit bringen die meisten Berichterstatter nicht auf. ,Gegenmenschen' meint den Erinnerungsort der Verursacher, der Antipoden, der Machtausübenden, deren Macht Gewalt heißt. Der Opferdiskurs ist in dieser Hinsicht die Wahrnehmungsgeschichte der personifizierten, selbst erfahrenen Gewalt. Zur Signatur des Opferdiskurses gehört nicht nur die Darstellung von Leid und Qual in den vielen 62

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Claussen folgend kann Adorno als Impulsgeber gelten, der „1947 begann .., der weltgeschichtlichen Katastrophe, die im Universum der Konzentrations- und Vernichtungslager kulminiert, den Namen Auschwitz zu geben" (Claussen 1988, S. 55). Eine Untersuchung des Schulddiskurses auf der Grundlage von Texten der nächsten Dekaden hätte u.a. den weiteren Verlauf der Bedeutungsgeschichte bei den Opfern zu rekonstruieren, ebenso wie den Begriffsbildungsprozess bei denjenigen, die keine Opfer waren.

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Modifikationen, die ilire unterschiedlichen Wahrnehmungen generieren — wir haben einige derjenigen Erinnerungsorte, deren sprachKche Repräsentationen diskursive, also frequente Konstituenten der Opfertexte sind, im Sinn von Seinsweisen, Seelenlagen und Schauplätzen entlang ihrer sie repräsentierenden Begriffe dargestellt. Indes: Diese Erinnerungsorte der Opfer auf der Zeitachse von Transport bis Krematorium, von Selektion, 'Nummer und Zebrakleidung, von Appellplat·^ und Steinbruch, von Draht und Gas und Auschwitz sind von Tätern verfügt. ,Wer waren sie?' fragen die Opfer, die den „Mitmenschen als Gegenmenschen erfahren" haben (Amery 1977, S. 73), die den Exekutoren gegenüberstanden, die den Desinfektoren ausgeliefert waren: Wie ist es nur möglich, daß es Menschen gibt, lebende Menschen, die ^u Hause eine Mutter oder vielleicht Weib und Kind haben, die mit lachendem Gesicht einen Menschen auspeitschen können, von dem sie wissen, daß er nichts anderes auf dem Gewissen hat, als für seine Obengugung seinen Mann f(u stehen? Wo blieb die Stimme Wielands und Herders? Hat denn Goethe in Deutschland keine Bedeutung mehr? Haben ein Beethoven und ein Momart umsonst gelebt? Wo blieb der Geist des Humanismus, und wo blieb die Wirkung der Schulen und der Kirchen, daß in unserem Deutschland umvidersprochen das Menschentum vergewaltigt werden konnte? (Eggerath 1947, S. 80f.) Welches also waren diese ,Vergewaltiger des Menschentums'? Wichtigstes Merkmal der Realisation ist die Zuordnung von Tätern und Taten durch die selten versäumte Herausstellung ihrer Organisationsbezeichnung SS. Opfer erfahren den Nationalsozialismus durch diese Funktionsbezeichnung JT, zumeist in der Verbindung SS-Mann. Die SS ist das Hauptinstrument des Nationalsozialismus zur Umsetzung seines Vernichtungsprogramms, von Terror und Massenmord und als solches ist SS Begriff zur Bezeichnung von Brutalität und Grausamkeit. Opfer repräsentieren diese Erfahrung, indem sie aus SS und Gewalt, Willkür und Bestien ein semantisch kohärentes begriffliches Netz bilden. 64 Die Konzentrationslager waren ihr direkt unterstellt, ihre so genannten ,Totenkopfverbände' statteten sie personell aus. Die SS, sich selbst als ,Eliteeinheit' verstehende Organisation, war von einem Mythos umgeben, den die Opfer mit ihren Beschreibungen radikal zerstören, durch Bezeichnung von Herrschaft, die sich enthüllt „als die Macht, Leid zuzufügen und zu vernichten" (Amery 1977, S. 72), als die Macht, die nichts weiter ist als die ,Mordmacht' des der grausamen Wittkür der tollwütigen und blutgierigen, :-um Mord dressierten SS ausgeliefert (Eiden 1946, S. 212); Wretches waren die Menschen, welche .. unumschränkte Gewalt über die.. Häftlinge im Konzentrationslager Buchenwald, ausübten? Hs waren alles SS-l^eute mit dem Kommandanten, 5TStandarte nführer Koch, an der Spitze (ebd. 1946, S. 216); mehrere SS-Männer [stürmten sich] auf ihn, und eine Serie von Fausthieben fiel auf das Gesicht des Blockschreibers. Unter den Schlägen sackte er -zusammen und sank ™u Boden. Mit den Stiefeln trampelte die SS auf ihm herum. .. Drei, vier, fünf SSMänner prügelten auf ihm herum. .. Das waren keine Menschen mehr, die da prügelten. Tiere, en fesselte Bestien waren es. (Klieger 1958, S. 103-105)

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Henkers, die die Macht eines Menschen ist, denn „selbst das ärmste Opfer kann nichts anderes tun als festzustellen, daß die Macht des Henkers .. immer nur die eines Menschen sein kann: die Mordmacht." (Antelme 1957/1990, S. 309) Macht ist der, die Wahrnehmung der Gegenmenschen verdichtende Begriff und als solcher Interpretament von SS: Ihrer war die Arbeit und die Knechtschaft, jener war die Macht und das Herrentum. Ihrer war die Leistung und das Wissen, die Planung, das Schöpfertum aus dem Nichts, jener war die Unwisssenheit, die Peitsche, der Kolben, das Richten, die Marter. Hier war das gan^e Volk vom Bettler bis t^iim Ikeichtstagsabgeordneten, vom namenlos Geborenen bis ^um Freiherrn, Handwerker und Gelehrte, Arrje, Juristen und Pfarrer. Dort war die Uniform, unter der sich nichts verbarg als das Gleichmaß einer Weltanschauung. Dort waren siebzehnjährige Wachtposten, Knechte nach äußerer und innerer Bildung und Haltung, vor denen der Adlige der Geburt oder des Geistes mit der Mütze in der Hand ~u stehen hatte. Dort waren Blockführer, deren Sprache und Gebärden die von Zuhältern waren. Dort war ein Lagerführer, der Schlossergeselle gewesen war und der itn Delirium mit der Peitsche durch die Bunker ging. Da waren zwei Welten. (Wiechert 1939/1964, S. 73) Zwei Welten — die Opferperspektive lässt kaum eine andere als die binäre Einteilung in sie und wir zu. 65 Indes: Die Ordnung dieser Welten ist vor allem dann die einfache Ordnung von gut und böse, wenn die politisierten Buchenwald-Häftlinge berichten. Sie ist eine differenziertere Ordnung, wenn als Gegenmenschen auch die unerwarteten ,Menschenfreunde' unter den SS-Leuten in Betracht kommen: Er war SS-Mann .. [und er] hatte aus eigener Tasche nicht geringe Geldbeträge insgeheim hergegeben, um aus der Apotheke .. Medikamente für seine Lagerinsassen besorgen lassen! (Frankl 1945, S. 136£); Jeder, der dort war, tat auch einmal etwas Gutes. Das war ja das Schlimmste. Hätten die SS-Männer in Auschwitz immer nur Böses getan, so hätte ich mir gesagt, sie können nicht anders; es sind krankhafte Sadisten. Diese Menschen aber konnten ^wischen Gut und Böse unterscheiden und entschieden sich einmal für Gut und neunhundertneunundneunzigmalfür Böse (zit. nach Langbein 1972, S. 371). Das Komplement zu den anonymisierten Personen in der unterschiedslosen Masse der SS zur Bezeichnung des Bösen an sich ist die Erfassung der Peiniger mit ihren Namen und Dienstgraden: Nach zwei Stunden erschien der Unterlagerführer wieder. Er hieß Hartmann .. Sein Name soll hier aufbewahrt und in einem traurigen Sinn unsterblich bleiben. (Wiechert 1939/1964, S. 64) Opfer nennen die Namen der Gegenmenschen, nicht nur, weil sie als Chronisten bestrebt sind, auch diesem Wahrheitsaspekt nachzukommen, sondern Opfer machen Listen, wie die Täter Listen gemacht haben. Beide Listen identifizieren — die eine zwecks Vernichtung, die andere, um dem Bösen

Diese Binarität ist dasjenige Strukturelement der Opfertexte, welches erlaubt, selbst die hochästhetisierte literarische ,Todesfuge' Paul Celans, deren Binarität wir oben angedeutet haben, diesen KZ-Berichten an die Seite zu stellen.

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eine Identität zu geben. 66 Mit der Angabe von Name und Dienstgrad identifizieren, verpersönlichen, individualisieren Opfer ihre Peiniger, kurz: machen ihre Namen zu Begriffen um zu kompensieren, um ihnen, die sie entpersönlicht und entindividualisiert und nummeriert haben, statt einer anonymisierenden Nummer einen identifizierenden Namen — und in dieser Funktion einen Begriff zu geben. Nummer und SS-Sturmbannführer Rödel sind in diesem Sinn begriffliche Komplemente. Im Beschreiben seines Peinigers fragt sich Jean Amery: warum soll ich eigentlich seinen Namen verschweigen, der mir später so geläufig wurde? Es geht ihm vielleicht gut zur Stunde, und er fühlt sich wohl in seiner gesunden geröteten Haut, wenn er vom Sonntagsausflug im Auto heimkehrt. Ich habe keinen Grund ihn nicht zu nennen. Der Herr Leutnant, der hier die Rolle eines Spezialisten für Folterungen spielte, hieß Praust - PR-A-U-S-T. (Amery 1977, S. 61 f.)

Während den Tätern erst die Anonymisierung der Opfer ihre Vernichtung erlaubt, erfordert die von dieser Vernichtung erzählende Darstellung der Opfer umgekehrt die Identifizierung der Täter. Opfer beschreiben Täter je nach Tätergruppe, je nach Erfahrung, die Opfer mit ihnen machten, je nach Gefährdung, der sie ausgesetzt waren, je nach biographischen und politischen Voraussetzungen, je nach Distanz, die sie aufbringen können oder nicht. Benedikt Kautsky zählt die von den Opfern am häufigsten beschriebenen Stereotype auf: Faul und dumm, roh und feig, disziplinlos und korrupt — das sind die Haupteigenschaften, aus denen die SS-Führung den durchschnittlichen SS-Mann ψ fabrizieren hatte. (Kautsky 1948, S. 122) Verbrecher ist das am meisten gebrauchte qualifizierende begriffliche Stereotyp nicht nur für das KZ-Personal, sondern für die Täter überhaupt: Da ich Verbrechern gegenüberstand, die nur in der Maske einer staatlichen Behörde auftraten, fühlte ich ?nich moralisch ^u meinem Verhalten berechtigt (Schlabrendorff 1946, S. 163fi). Häufig gebraucht werden außerdem solche Stereotype, die Korruptheit 67 , Triebhaftigkeit, Sittenlosigkeit und Pervertiertheit beschreiMauthausen! Ich stelle vor Lagerkommandant: SS-Obersturmbannführer Ziereis, Zimmermann von Beruf. Lagerführer. SS-Obersturmführer Bachmayer, Schuster. (Schifko-Pungartnik 1946, S. 17); Aus der Reihe der Männer, die diesen Posten [des Lagerführers von Buchenwald] bekleidet haben, seien die folgenden genannt, weil sie sich durch besondere Brutalität, durch besondere Mordlust hervorgetan haben: Hackmann, SS Obersturmführer, Weisenborn, SS-Hauptsturmführer, Rödel, SS-Stumibannfiihrer, Florstedt, SS-Sturmbannführer, Hüddig, SS-Hauptsturmführer, Schobert, SS-Sturmbannführer, Plaut. SS-Obersturmführer, Gust, SS-Obersturmführer, Kampe, SS-Obersturmführer. .. Einer der obersten SSBonden war der Arbeitseinsattführer. Der übelste Patron unter denen, die diese Funktion ausgeübt haben, war SS-Hauptstumiführer Schwär^. .. Auf diesem Posten [des SS-Kommandoführers] legten besondere Mordlust an den Tag die SS-Scharführer Hinkelmann, Blank, Händler, Uhlmann und Chemnitz (Eiden 1940, S. 217-219) in keiner Epoche der deutschen Geschichte [haben] Zuchtlosigkeit, Diebstahl, Raub, Mord und Korruption sich so breit machen können wie im Dritten Reich. Sie wurden sptm Regierungsprin^ip. (Eiden 1946,

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ben 68 , die Entmenschtsein bezeichnen, mit denen die Opfer ihre Sicht auf die Gegenmenschen zu manifestieren suchen. 69 Diese Begriffe sind aus dieser Perspektive der Opfer und in diesem Kontext ihrer Berichte keine abgegriffenen Allerweltsschmähungen, sondern vielmehr sachlich korrekte Bezeichnungen des Umstands, dass die Täter jenseits von Recht und Humanität agierten. Es sind dies keine kompensatorischen Versuche der Opfer, das Ausmaß von Gewalt und Brutalität sprachlich zu bewältigen, sondern Sachverhaltsbeschreibungen. 70 Kritisch reflektiert wird der Gebrauch der neben I- 'erbrecher sehr häufig belegten Wortfamilie Sadist, sadistisch. Die Kenntnis der psychopathologischen Bedeutung ruft Vorbehalte hervor. 71 Kautsky macht in der Gegenüberstellung vielmehr die Herrschaft der bürokratisierten Rohheit als Kennzeichen geltend: Nichts wäre falscher, als ψ glauben, die SS wäre eine Horde von Sadisten, die aus eigenem Antrieb, aus Leidenschaft und Gier nach Lustbefriedigung Tausende von Menschen

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S. 240); Das Kasino war wie alle größeren V'erpflegungsstätten eine Schieberzentrale ersten Ranges .. die Herren Inspizienten und Inspektoren schwammen im Fett und im Alkohol. (Vermehren 1946, S. 144); die Psychologie der Lager-SS .. ihre korrupte Geldgier (Kogon 1946a, S. 156); Das Bild der SSBande wäre unvollkommen, wenn man nicht der Korruptheit den ihr gebührenden Platζ darin einräumen würde. Der Ruf „Bereichert euch!", den einst das Bürgerkönigtum ausgestoßen hatte, ist niemals mit so glühender Begeisterung und so vollkommener Einmütigkeit befolgt worden, wie in der ..Deutschen Revolution" von derSS. (Kautsky 1948, S. 114) Bande degenerierter, asozialer, vertierter Verbrecher und Abenteurer und gemeiner Sadisten (Dahlem 1945, S. 254); Durcheinander von Trieben .. durch keine sittliche Wertordnung geläutert oder gebändigt (Kogon 1946a, S. 374); es [gab] kaum eine Form des pervertiertesten Sadismus ... die .. nicht praktiziert worden wäre (ebd., S. 61); Durch einen irregeleiteten Fanatismus sind aus zivilisierten Menschen Bestien geworden, die nicht nur getötet, sondern mit Tust und Freude gequält und gemordet haben. (Adelsberger 1956, S. 106) die grausamen, teuflischen Quälereien entmenschter Henker (Steinwender 1946, S. 52); Das "Problem Dachau ist nicht nur ein deutsches Problem, es ist ein Problem der gesamten Menschheit, nämlich die Frage: Tier sein, oderAiensch werden (Kupfer-Koberwitz 1956, S. 5). Insofern ist es in der Wahrnehmung der Opfer unerheblich, dass die Lager, nachdem sie nicht mehr der „spontanen Vertiertheit" der SA ausgeliefert waren, sondern in die Verwaltung der SS gerieten, „jetzt nicht mehr der Tummel- und Vergnügungsplatz von Bestien in Menschengestalt [waren], das hießt von Menschen, die eigentlich in Schwachsinnigenheime, Irrenanstalten und Gefangnisse gehörten, sondern umgekehrt: sie wurden zu den Exerzierplätzen, auf denen vollkommen normale Menschen zu vollgültigen Mitgliedern der SS erzogen wurden." (Arendt 1955/1998, S. 932f.) Jean Amery überprüft die Angemessenheit dieser Kategorie und plädiert für ihren Gebrauch in der umgangssprachlichen, nicht-wissenschaftlichen Bedeutung: „Handelte es sich .. um Sadisten? Im engen sexualpathologischen Sinne waren sie es .. nicht, so wie ich überhaupt glaube, daß ich während zweijähriger Gestapo- und Konzentrationslagerhaft nicht einem einzigen echten Sadisten dieser Sorte begegnet bin. Sie waren es aber wahrscheinlich, wenn wir die Sexualpathologie beiseite lassen und versuchen, die Folterknechte nach den Kategorien der — nun ja, der Philosophie des Marquis de Sade zu beurteilen. Sadismus als die im eigendichen Wortverstande ver-rückte Weltbctrachtung ist anderes als der Sadismus der gängigen psychologischen Handbücher." (Amery 1977, S. 65)

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gequält und mißhandelt haben. Die einzelnen, die so handelten, waren durchaus in der Minderheit; ihr Bild prägt sich nur deutlicher ein, weil es schärfer profiliert ist, als das des farbloseren "Rohlings, der sein Pensum an Brutalitäten vorschriftsmäßig, sozusagen bürokratisch erledigt, ohneje seine Mittagspause ψ versäumen. (Kautsky 1948, S. 100) Diese Zerstörer des Humanismus repräsentieren nicht die Banalität des Bösen. Obwohl Alltagstypen und Dutzendgesichter 72 - schließlich werden sie doch zu „Gestapogesichtern", denn „das Böse [überlagert und überhöht] die Banalität.. Es gibt nämlich keine ,Banalität des Bösen' .. Wo ein Ereignis uns bis zum äußersten herausfordert, dort sollte nicht von Banalität gesprochen werden" (Amery 1977, S. 52). Amery referiert hier natürlich auf Hannah Arendt, die ihrem Bericht ,Eichmann in Jerusalem' bekanntlich den Untertitel ,Ein Bericht von der Banalität des Bösen' gibt. Abgesehen davon, dass Amery den Ausdruck für unangemessen hält, spricht er Hannah Arendt die Berechtigung zur Verwendung dieses Ausdrucks ab: Sie „kannte den Menschenfeind nur vom Hörensagen und sah ihn nur durch den gläsernen Käfig." (1977, S. 52) Wer die SS-Schergen, betrunkenen Schläger, teuflischen Menschenschinder, grausamen Menschenjäger, rohen Onmenschen, unmenschlichen Mörder, entmenschten Bestien, bestialischen Na^ibarbaren, brutalen, sadistischen Verbrecher — all dies aus den Opfertexten belegbare Stereotype — indes selbst, unmittelbar, direkt und bei der Ausübung ihrer Verbrechen erlebt hat, vermag in ihnen nichts weiter als die Furchtbarkeit

„Er erscheint Allein. Ein unbedeutendes Gesicht, ein unbedeutender Mensch, aber ein SSMann, der SS-Mann. Die Augen sehen das Gesicht eines x-beliebigen Menschen. Es ist der Mensch. Der Gott mit der Zwölfendervisage." (Antelme 1957/1990, S. 32) Die Kategorie der Banalität wiederum geht bekanntlich zurück auf Karl Jaspers, mit dem Hannah Arendt eine Meinungsverschiedenheit bezüglich seiner Kategorie .kriminelle Schuld' austrägt. Arendt wendet dagegen ein: „Diese Verbrechen lassen sich, scheint mir, juristisch nicht mehr fassen, und das macht gerade ihre Ungeheuerlichkeit aus .. diese Schuld, im Gegensatz zu aller kriminellen Schuld, übersteigt und zerbricht alle Rechtsordnungen." (17. August 1946; Arendt-Jaspers-Briefwechsel S. 90f.) Jaspers ist diese Auffassung „nicht ganz geheuer, weil die Schuld, die alle kriminelle Schuld übersteigt, unvermeidlich einen Zug von ,Größe' - satanischer Größe - bekommt", statt dessen müsse man „die Dinge in ihrer ganzen Banalität nehmen" (19. Oktober 1946; ebd., S. 98f.), wovon sich Arendt zunächst halb (17. Dezember 1946; ebd., S. 106) und schließlich, bei der Wahl des Untertitels ihres Eichmann-Buches, ganz überzeugt zeigt: „Ein Bericht von der Banalität des Bösen". Dazu nimmt wiederum Gershom Sholem in einem Brief an Hannah Arendt Stellung, in dem er ihr seine vollkommene Ablehnung des Buches mitteilt. ,Banalität des Bösen' sei ein Schlagwort, „das in der Lehre von der politischen Moral oder der Moralphilosophie doch wohl in anderer Tiefe eingeführt werden müßte, wenn es mehr sein soll als das" (23. Juni 1963; Arendt 1989, S. 70). Zu einem Schlagwort ist die Formel dann tatsächlich geworden: „Während der ersten Hälfte der sechziger Jahre wurde es schier Mode, über die ,Banalität' des Bösen zu sprechen - sowohl im Hinblick auf die Nazis als den Menschen allgemein. .. Eine Zeitlang war dieser Begriff eine Art Zauberformel, Ausdruck einer ausgesprochen pessimistischen — und darüber hinaus sehr modischen — Auffassung von der menschlichen Natur mit dem Tenor, ,wir sind alle potentielle Eichmanns'" (Segev 1995a, S. 260).

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des Bösen zu sehen, und wenn Opfer ein Bild von ihnen vermitteln, dann ist dieses Bild natürlich dann am eindringlichsten, wenn die Brutalität ihrer Taten aus der Ich-Perspektive beschrieben wird: ein wilder Haufen von SS-Leuten .. schleppt einen Tisch heran, sie packen mich wie ein wildes Tier, und dann werfen sie mich auf den Tisch, daß die Kehle auf die Tischkante ~u liegen kommt, die umgedrehten Arme auf die andere Kante; und dann drücken die SSLeute auf den Kopf, daß die Kehle Zjusammengepreßt wird und die Arme ψ brechen drohen. Nun erfaßt mich doch die Angst: Jetzt bricht man dir die Glieder, man läßt dich elend ersticken. (Eggerath 1947, S. 79) Die Banalität eines wilden Haufens von SS-Leuten? Die Sprache der KZBerichte ist die Sprache zur Vermittlung der Opfersicht auf die Gegenmenschen im Moment der Ausübung ihrer Macht, nicht im Moment der Analyse und Diagnose. Aus dieser Perspektive kann die Sprache der Opfer zu nichts anderem dienen, als perhorreszierend den Schrecken zu bezeichnen, der den Opfern in Gestalt der SS gegenüberstand. Exkurs: Zynismus und Satire — Kennzeichen der rückblickenden, den Mythos der SS zerstörenden Erfassung ist nicht nur die Dokumentation des vernichteten und vernichtenden Humanismus und das Entsetzen darüber, sondern auch der Versuch, durch Distanz schaffenden Zynismus die Erfahrung des Gegenmenschen zu verarbeiten. Dies gelingt dann, wenn die Berichterstatter nicht persönlich betroffenes Opfer sind: Häftlinge in den Bärenzwinger ζu werfen und zerfleischen ^u lassen war .. ein neronisches SS-Vergnügen (Kogon 1946a, S. 314); SSler [gingen] um sechs Zigaretten oder ζwei Gläser Bier Wetten ein, wer aus einer Gruppe von Strafarbeitern einen Häflling durch .. Steine töten könne .. 17 Tote und Verwundete waren das Ergebnis dieser ,Belustigung' (ebd., S. 119); Nach dem Attentat auf Hitler im Bürgerbräukeller in München, am 9. November 1939, holten die SS-Oberscharführer Blank, Sommer und Hinkelmann 21 junge, gesunde Häftlinge aus den Judenblocks heraus, führten sie außerhalb des Lagers und veranstalteten Scheibenschießen. (Eiden 1946, S. 237); Ein besonderes Vergnügen machten sich die SS-Leute .. daraus, Häftlingen die Mütze vom Kopf ς» reißen und sie über die Postenkette hinweg zu werfen. Dann kam der Befehl: Hol deine Mütze! War der Betroffene ein mit den Lagerverhältnissen nicht vertrauter Neuankömmling, dann lief er seine Müt^e zu holen und fand dabei den Tod. Durch dieses Verbrechen haben sich viele SSLeute drei Tage Urlaub geholt (ebd., S. 226). Neronisches SS-Vergnügen, Wette, ,Belustigung', Scheibenschießen, besonderes Vergnügen., drei Tage Urlaub sind Zynismen der Opfer, mit denen sie die Taten der Täter kommentieren. Der semantische Bruch zwischen den Ausdrücken, die die Tat, und denen, die den Kommentar bezeichnen, also die inhaltliche Unvereinbarkeit von durch Steine töten und Belustigung etwa entlarvt das aus den Fugen geratene Wertesystem der Gegenmenschen als System der Unwerte. Zynische Kommentare schaffen Distanz zu den Monstren. Befreiend hingegen ist die satirische Absenkung dieser Monstren zu komischen Fi-

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guren. Beides, Monstrum und komische Figur, sind Möglichkeiten der Gegenmenschen. Beides, ihr brutales Tun einerseits, ihr intellektuelles Unvermögen und ihr pompös zur Schau getragenes Deutschtum andererseits, sind Erscheinungsformen, in denen die Gegenmenschen den Opfern begegnen. Opfer sind und fühlen sich ihren Peinigern weit überlegen, und sie markieren ihre Überlegenheit oftmals durch die ironisierende Ausführung des Themas ,geistige Beschränktheit der SS'. Eugen Kogon ist trotz Wahrung der.. möglichst ruhigen Sachlichkeit, die bemüht ist, mit Polemik, so schwer dies gelegentlich auch fallen mochte, sparsam umzugehen (Kogon 1946a, S. 11), Meister der Ironisierung: ihr politisches Wissen, ihre Fähigkeit .. in Zusammenhängen sehen und ~u denken, [stand] im umgekehrten Verhältnis ytr Kraft ihrer idealistischen Gesinnung (Kogon 1946a, S. 370); Rod/, der an Blödheit einiges vertrug (ebd., S. 308); Wirkliche Sabotage .. haben die Hohlköpfe des SS-Totenkopf-Verbandes nur selten ausfindig gemacht (ebd., S. 126); selten [war] ein SS-Mann imstande .., eine genaue Zahlenr(usa?nmenstellung zw machen (ebd., S. 103); [Hitler ein] Mann, dem die Niedrigkeit in Form einer schwanken Haartolle in die Stirn gestrichen und die Lächerlichkeit unter die Nase gewachsen war (ebd., S. 406). Den typischen Widerspruch zwischen Sein und Wollen ironisiert man vor allem durch die Gegenüberstellung mit dem nationalsozialistischen Ideal etwa von Germanen- und Heldentum mit nationalsozialistischem Sein. Die Komödiantin Isa Vermehren, auch sie Virtuosin der Ironie, lässt eine Szene zur Kabarettnummer geraten: Ich hatte mich mit meiner Blockältesten in ihrem Dienstigmmer unterhalten .., als plötzlich unsere Blockleiterin mit einer Freundin in die Türe trat. Vorschriftsmäßig sprangen wir auf, machten Meldung halfen den beiden unförmigen Gestalten aus dem Mantel und auf die Stühle, und schwerfällig niedersackend sagte die dicke Freundin in breitem Mecklenburgisch: „Du, Frieda, weiß du, was ich jet^t möchte? Grießbrei!.. ".. Da sind sie und bilden sich ein, das berufene Volk der Welt sein, reden von der Verpflichtung, als „Herrenrasse" die Weh beherrschen ^u müssen, und träumen von Grießbrei! (Vermehren 1946, S. 66) Und Eugen Kogon wiederum ist der Widerspruch zwischen Sein und Schein dieser Herren l^agerführer.. [die] ein Glas nach dem andern in die germanische Heldenkehle gössen (Kogon 1946a, S. 307), dieser germanische[n] Elite [deren Ahnenspuren sich] häufig infolge zahlreicher unehelicher Vorfahren in den weiten Gefilden des slawischen Ostens verloren (ebd., S. 310), zu offensichtlich, um ihn nicht zur Endarvung zu verwerten: welch asgardweiter Unterschied \wischen den ,Ordensidealen' des Herrn Himmler und dem Drohnendasein seiner ,Totenkopf Auslese' (Kogon 1946a, S. 309). Dieser asgardweite Unterschied'zwischen Ideal und Wirklichkeit betrifft nicht zuletzt ihre äußere Erscheinung. Isa Vermehren beschreibt diese SS-Weiber als die Karikatur einer Köchin in Generalsattitüde (Vermehren 1946, S. 60):

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Alle hatten sie die gleiche Figur, deren hervorstechendste Linie die Diagonale war. vorne oben hatten sie viel und hinten unten noch mehr. Und wie sie das durch die Gegend schaukelten, watschelten, schleppten, schoben, svgen, steuerten und balancierten — ivahrhaftig, eine Parade des Unmöglichen! Da^u trugen sie ausnahmslos alle eine wilde, seetangartige Dauerwellenfrisur, die ihnen wie schlecht angepaßte Perücken auf den dicken Gesichtern saß - dicken Gesichtern? Roten Gesichtern, schwammigen Gesichtern, formlosen Gesichtern, „Visagen" im schlimmsten Sinne, in denen sämtlich Bosheit, Dummheit, Frechheit, Brutalität, kurs^, eine der schlimmen Möglichkeiten des menschlichen Wesens ihre besondere Prägungfand. .. Hände, Beine, Füße - alles war von dergleichen klobigen Art, die nie durch die Mangel des Wunsches gegangen ist, hübsch ψ. sein. (Vermehren 1946, S. 59) Wir müssen bemerken: Zu solcher Wahrnehmung und ihrer Darstellung ist wohl nur fähig, wer nicht extremste Formen des Leids und der Lebensbedrohung erfahren hat. 74 Indes sind auch Zynismus und Satire wie die oben beschriebene Darstellung von Glücks empfinden und von Landschaftsidyllen die Versuche, kompensatorische Gegenwelten zu schaffen. — Ende des Exkurses Wir werden noch sehen, dass Täter die Opfer aus ihren Darstellungen ausschließen. Dagegen sind die Opfer bestrebt, die Verursacher dessen, was sie an Gewalt und Brutalität erfahren haben, zu identifizieren, Handlungen und Handelnde zueinander in Beziehung zu setzen. Während Täter die Taten unabhängig von Verursachenden und Handelnden darstellen, komplementieren Opfer die Erzählung der Täter nicht nur insofern durch eine Gegenerzählung, als sie aus der Gegenperspektive berichten, sondern auch insofern, als sie Taten an Täter binden, und damit die Täter durch Stereotypisierung begrifflich fassen.

6.1.5. „Selbstbefreiung" Seinsweisen, Seelenlagen, Schauplätze und Gegenmenschen sind Themen der mit Überlebensschuld ebenso wie der mit Überlebensstolz schreibenden KZ-Häftlinge. Der vergangenheitsbezogene Opferdiskurs hat ein weiteres Segment, dessen Bearbeitung den mit Überlebensstolz berichtenDie naheliegende, wenngleich selten mitgeteilte Wahrnehmung ist die, die eigenes Leid vergelten lässt: „Man glaubt, daß man sich wünscht, den SS-Mann umbringen zu können. Doch wenn man ein wenig darüber nachdenkt, weiß man, daß man sich irrt. So einfach ist das gar nicht. Man möchte ihn nämlich zunächst einmal mit dem Kopf nach unten aufhängen, die Beine in die Luft [wie sie taten]. Und sich schieflachen, sich wirklich schieflachen [wie sie taten]. Jene, die Menschen sind, wir, die wir menschliche Wesen sind, wir möchten auch ein wenig spielen [wie sie taten]. Wir würden des Spiels zwar schnell müde werden, aber was wir möchten, ist dies: Kopf nach unten, Füße in die Luft." (AnteLme 1957/1990, S. 111). „Der Mensch ist nur da ganz Mensch, wo er spielt" - Antelme sucht diese Logik Schillers, die er in den ,Briefen zur ästhetischen Erziehung' entwickelt, zu brechen: ,Der Mensch ist nur da ganz Unmensch, wo er spielt' lautet Antelmes Diktum.

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den politischen Opfern vorbehalten ist. Es ist der Erinnerungsort der kommunistischen bzw. sozialistischen Buchenwald-Häftlinge, der ihre von Überlebensstolz geprägte Selbstsicht u.a. legitimiert: Mit dem Erinnerungsort ,Selbstbefreiung' schaffen sie sich den Geltungsanspruch ihrer Identität als antifaschistische Kämpfer. Diese Selbstsicht der Opfer, die sie von sich in der Gegenwart haben, schlägt sich also in dem Befreiungsbericht der politischen Häftlinge von Buchenwald nieder. Kommunistische befreite Häftlinge instrumentalisieren die Darstellung des Moments der Befreiung zu einem Akt revolutionären Widerstands. Typisch für sie ist die Selbst-Disziplinierung des politischen Kämpfers, wie sie der Mythos von der Selbstbefreiung des KZ Buchenwald, des „roten Olymp" (Reichel 1995, S. 129), ausdrückt: Buchenwald war das einzige deutsche Konzentrationslager, dessen Insassen sich seihst befreit hatten (Eiden 1946, S. 255) - mit dieser Selbstsicht begründen die antifaschistischen Buchenwald-Häftlinge diesen Mythos: Die Gewalt der SS im Lager Buchenwald war durch die kühne Tat antifaschistischer Kämpfer aller Nationalitäten gebrochen. Die 21.000 Insassen des Lagers waren gerettet, waren frei. .. In der Nacht z}'M 12. April erschien ein amerikanischer Offizier im Lager. Er begab sich zur Leitung der antifaschistischen Kampforganisation und informierte sie über die militärische Lage an der Front (Eiden 1946, S. 258f.) hält der Lagerälteste von Buchenwald Hans Eiden in seinem Tatsachenbericht' fest. Das ist ein ideologisierter Text: Eiden stereotypisiert die antifaschistischen Kämpfer als Befreier (durch die kühne Tal), als Retter (waren gerettet, frei) und vor allem: als gleichwertigen Partner auf hoher militärischer Handlungsebene (amerikanischer Offizier.. begab sich ψ ··» informierte über..). Udo Dietmar stellt den Befreiungsakt in eben diesem Sinn idealisiert dar als gut vorbereiteten, geplanten Racheakt von bestens ausgerüsteten Revolutionskämpfern: Alles war bis ins kleinste organisiert. .. Gut getarnte Verstecke wurden aufgerissen und Waffen, Maschinengewehre, Karabiner, Pistolen, Handgranaten, Panzerfäuste gingen von Hand zu Hand. .. Die SS, die nicht mehr flüchten konnte und sich uns ergab, wurde gefangengenommen. Einzelne andere .. wurden im Kampf niedergemacht. .. Der erste Trupp von achtundfünfzig gefangener SS stand da mit erhobenen Händen und wurde entwaffnet. .. Am Eingangstor.. zog eine Abteilung ehemaliger Häftlinge als Wache auf. .. Wir waren frei! Eine Stunde danach rollte der erste amerikanische Panzer ins Lager Buchenwald. Der Offizier war überrascht, uns völlig befreit ζ u finden und erstaunte noch mehr, als er vernahm, daß wir uns beim Herannahen der alliierten Truppen selbst befreit hatten. .. dankte für die hier angetroffene Disziplin. (Dietmar 1946, S. 139f.) Diese Idealisierung läuft über die Indices ,gut organisiert' (bis ins kleinste, gut getarnt, eine Abteilung ehemaliger Häftlinge als Wache), ,gut gerüstet' {Waffen, Maschinengewehre, Karabiner, Pistolen, Handgranaten, Panzerfäuste), ,anständig' (gefangen genommen fund nicht ermordet], einzelne [und nicht viele] im Kampf niedergemacht), , selbst befreit' [uns völlig befreit ψ finden, selbst befreit) und ,Disziplin'

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(dankte für die Disziplin) — es sind dies die, die widers tändis che und kämpferische Identität der politischen Gegner des deutschen Faschismus instrumentierenden Autostereotype. Ungeachtet dessen, dass dieser 11. April 1945 mit dem Begriff Selbstbefreiung nicht zureichend bezeichnet ist — die kommunistischen Buchenwald-Gefangenen befestigen diese Version von der Selbstbefreiung der Lagerhäftlinge vor Eintreffen der Amerikaner zu einem der Gründungsmythen der DDR. 75 Der Appellplatz, Ort einstiger Qualen, gerät in dieser Erzählung zu einem Begriff antifaschistischen Triumphes, abgelegten Bekenntnisses und quasi religiöser Andacht: Dieser Appellplat™, auf dem wir die ganzen Jahre hindurch Tag für Tag unter der Knute der SS antreten und manche Nacht hindurch stehen mußten, wenn es einem der sadistischen SS-Banditen so gefiel, gam~ gleich, ob dabei mehr oder weniger Kameraden t^usammenbrachen, sah uns heute als befreite Menschen sich für eine Freiheitskundgebung formieren. .. Und hier standen wir nun heute am Morgen des 1. Mai, dem Tage der Freiheit, als Angehörige aus mehr denn achtzehn Nationen, ergriffen von der Bedeutung dieses Tages, der uns entschlossen fand, ihn als Zeichen internationaler Solidarität vor aller Welt ~u bekennen und würdig und schlicht ψ begehen als Auftakt einer neuen Zeit. (Dietmar

1946, S. 147)

Riten und Symbole des Antifaschismus 76 — Freiheitskundgebung und 1. Mai — und das Register des internationalen antifaschistischen BefreiungsDie Forschung hat inzwischen nachgewiesen, dass die Befreiung Buchenwalds ohne die Koinzidenz von sehr nahe gerückter Front der Amerikaner, fliehender SS und daraufhin entschlossener werdender antifaschistischer Befreiungsaktion nicht zu denken ist: „Am 11. April 1945 waren die meisten SS-Männer bereits aus dem Lager geflohen. Der Untergrund wartete nicht auf die heranrückenden amerikanischen Streitkräfte, sondern übernahm selbst die Kontrolle, zusammen mit bewaffneten Gruppen von Gefangenen; dabei wurden mehrere Dutzend SS-Männer gefangengenommen, die im Lager zurückgeblieben waren. An jenem Tag .. wurden etwa 21000 Gefangene in Buchenwald befreit, darunter 4000 Juden, davon etwa 1000 Kinder und Jugendliche." (Enzyklopädie des Holocaust I, S. 251). Overesch (1995) legt dar, dass es eine „Selbstbefreiung .. nicht gegeben [hat], das ist eine Legende. .. Ihre [der Häftlinge] Leistung lag vornehmlich in der sofortigen und äußerst straffen Organisation des inneren Lagerlebens gleich nach der Befreiung." (S. 33) So ist bezeichnend, dass Eugen Kogon die Befreiung Buchenwalds nicht im Sinn einer Selbstbefreiung darstellt Als .. durch die Lautsprecher bekanntgegeben wurde, daß sämtliche SS-Angehörigen sofort ihren Dienststellen außerhalb des Lagers "u kommen hätten, stieg die kritische TLrwartung auf das äußerste. Kurz darauf begann die SS abzuziehen. Die Würfel waren gefallen. Zurück blieben die Posten auf den Wachtürmen, die sich beim näher und näher kommenden S' chlachtenlärm .. in den umliegenden Wald zurückzogen, worauf die Kameraden des Lagerschutzes .. sofort den Stacheldraht durchschnitten, die Türme ihrerseits besetzten, das Tor am Lagereingang nahmen und die weiße Fahne auf Turm 1 hißten. So fanden die ersten amerikanischen Panter.. das befreite Buchenwald vor. (Kogon 1946a, S. 362) Vgl. außerdem die Formulierung des sozialdemokratischen Buchenwald-Häftlings Benedikt Kautsky, Mitunterzeichner des Buchenwalder Manifests: Ich habe die Kriegszeit bis Oktober 1942 in Buchenwald, dann in Auschwitz-Buna verbracht und bin mit einem Transport im Jänner 1945 nach Buchenwald zurückgebracht worden, wo ich am 11. April 1945 die Befreiung des Lagers durch amerikanische Truppen erlebte. (Kautsky 1948, S. 38) Vgl. zu solch ritualisiertem politischen Handeln die Beiträge in Fix (1998).

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kampfs — formieren, Tage der Freiheit, mehr denn achtzehn Nationen, internationale Solidarität, bekennen, neue 7,eit — sind Ausdruck des entindvidualisierten politischen Befreiungskonzepts ebenso wie der Appell des internationalen Lagerkomitees: Noch wehen Hitlefahnen! Noch leben die Mörder unserer Kameraden! Noch laufen unsere sadistischen Ρ'einigerfrei herum!/ Wir schwören deshalb vor aller Welt auf diesem Appellplat^, an dieser Stätte des faschistischen Grauens:/Wir stellen den Kampferst ein, wenn auch der letzte Schuldige vor den Richtern der Völker steht. (Eiden 1946, S. 263) Urformen ritualisierten politischen Seins — den gemeinsamen Schwur, das kollektive Bekenntnis legen diejenigen Opfer des Nationalsozialismus ab, deren Gegenwartsbewusstsein bestimmt ist von der Erkenntnis, dass der Zusammenbruch des Nationalsozialismus mit dem des langjährigen politischen Feindes zusammenfällt. Und an diesem 1. Mai 1945 findet die erste Gedenkveranstaltung für die Opfer des Nationalsozialismus statt, die wohl diejenige Erinnerungskultur begründet, die seither ein Teil der Opfer- und der Täter-Identität und schließlich, viel später, ein Teil der deutschen Identität ist. 77 Auf dem Appellplat~ war ein großer Obelisk errichtet, auf dessen Sockel der Name „Buchenwald" und darunter die Zahl „51000" ^u lesen war. .. Schweigendformierten sich die einzelnen Blocks und marschierten auf den Appellplatξ. .. Trauermusik ertönte t^tir Eröffnung der Gedenkstunde. Bei ihren Klängen entblößten sich die Häupter vor den 51000 Toten von Buchenwald. (Dietmar 1946, S. 141 f.) Diese Feier des 1. Mai 1945 im KZ Buchenwald hat eine eigene rituelle Semantik und benutzt außer dem Datum und trotz der Versatzstückhaftigkeit der hier gebrauchten Chiffrierung, etwa der sprachlichen (Schwur), der visuellen (Obelisk als Mahnmal), der musikalischen (Trauermusik), der inszenatorischen (entblößte Häupter), nicht das traditionelle sozialistische Repertoire dieses ursprünglich „internationaler Kampftag der Arbeiterbewegung" genannten 1. Mais. 78 Das kommunistische Programm schreibt bekanntlich Kommunismus als Lebensform vor und das Selbstverständnis besonders von Kommunisten ist geprägt von der Vorstellung dauernden Dienstes zum Nutzen ihrer politischen Lehre, auch wenn sie sich im Status eben befreiter KZHäftlinge befinden. Kommunistischer Selbstdarstellung dient also auch die Beschreibung der Selbstwahrnehmung und -Identifizierung. So geraten die Befreiungs-Darstellungen dieser politischen Opfer auch zu programmatischen Dokumenten. Die kommunistischen Überlebenden versprachlichen ihre Selbstwahrnehmung mit den Dogmen des politischen Proin Bezug auf das Verhältnis Juden - Deutsche stellt Dan Diner dar, dass „für Deutsche wie für Juden .. das Ergebnis der Massenvernichtung zum Ausgangspunkt ihres Selbstverständnisses geworden [ist]; eine Art gegensätzlicher Gemeinsamkeit" (Diner 1988, S. 185). Vgl. zum Ritus des 1. Mai und seiner Geschichte Hoffmann (1998).

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gramms, mit dem Leitbild der Einigkeit und Solidarität, des politischen Kampfes, des Widerstands — kommunistisches Erziehungspathos und das Ethos der Disziplin sind die Darstellungskategorien: Herzlich waren die Abschiedsreden .. Immer .. wurde dabei den deutschen Kameraden Dankbarkeit für ihr mustergültiges solidarisches und kameradschaftliches Verhalten beifügt. Stets kam die Anerkennung %um Ausdruck, daß es die deutschen Kameraden waren, die sich in aufopfernder Weise und großer Selbstlosigkeit oft schützend vor die Gesamtheit stellten .. Diese gegenseitige glückliche l Verbundenheit .. war uns .. der Beweis, daß in Zukunft die Verständigung von \rolk ~u Volk von dem gleichen Geiste beseelt sein würde, der uns erfüllte. (Dietmar 1946, S. 149) Solche kommunistischen Selbstwahrnehmungen sind nicht nur Idealisierungen, ihre sprachlichen Repräsentationen nicht nur als Ideologeme zu werten. Es waren tatsächlich die wie immer ,Glaubensfesten', welche im Konzentrationslager Lebensmut und Widerstandskraft zum Wohl der Gemeinschaft verströmten. 79 Und es war die Disziplin der Kommunisten, die nach der Befreiung das Chaos verhinderte: Das Lager wahrte im allgemeinen Disziplin und ordnete sich freiwillig den deutschen Politischen unter, die in diesen letzen Tagen in meisterhafter Weise, Mut und Klugheit richtig mischend, das Lager geführt und 21.000 Häftlingen das Leben gerettet haben. Ich als Sozialdemokrat lege auf diese Feststellung um so größeren Wert, als es sich in den verantwortlichen Stellen fast ausschließlich um Kommunisten handelte, die in vorbildlicher internationaler Solidarität allen Antifaschisten ohne Unterschied der Partei, Nation oder Konfession halfen. (Kautsky 1948, S. 340)

6.2. Die Strategien der Täter: Ich bin unschuldig Ab November 1945 sucht der Militärgerichtshof der Alliierten nach der Wahrheit. Das Internationale Militärtribunal (IMT) konstituiert sich auf der Grundlage des Londoner Statuts8", welches bestimmt, dass „ein Internationaler Gerichtshof .. zwecks gerechter und schneller Aburteilung und Bestrafung der Hauptkriegsverbrecher der europäischen Achse gebildet Jean Amery bestätigt: „Gleichwohl muß ich gestehen, daß ich sowohl für die religiösen als auch für die politisch engagierten Kameraden große Bewunderung empfand und empfinde. .. ihr politischer oder religiöser Glaube [war] in den entscheidenden Momenten eine unschätzbare Hilfe, während wir skeptisch-humanistischen Intellektuellen vergebens unsere literarischen, philosophischen, künstlerischen Hausgötter anriefen. Sie mochten militante Marxisten sein, sektiererische Bibelforscher, praktizierende Katholiken, sie mochten hochgebildete Nationalökonomen und Theologen sein oder wenig belesene Arbeiter und Bauern: ihr Glaube oder ihre Ideologie gab ihnen einen festen Punkt in der Welt, von dem aus sie geistig den SS-Staat aus den Angeln hoben." (Amery 1977, S. 34). ,Statut für den internationalen Gerichtshof (Nürnberger Prozess I, S. 10-18), vgl. Rothenpieler 1982, S. 132ff. Zum Nürnberger und anderen Prozessen als Gegenstand alliierter Deutschland-Politik vgl. Brochhagen 1994.

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werden" soll (Nürnberger Prozess I, S. 10) und das die Konditionen festlegt: Die folgenden Handlungen, oder jede ein2elne von ihnen, stellen Verbrechen dar, für deren Aburteilung der Gerichtshof zuständig ist. Der Täter solcher Verbrechen ist persönlich verantwortlich: a) Verbrechen gegen den Frieden .. Planen, Vorbereitung, Einleitung oder Durchführung eines Angriffskrieges .. b) Kriegsverbrechen .. Mord, Mißhandlungen oder Deportation zur Sklavenarbeit .. c) Verbrechen gegen die Menschlichkeit .. Mord, Ausrottung, \Tersklavung, Deportation oder andere unmenschliche Handlungen .. Verfolgung aus politischen, rassischen oder religiösen Gründen (ebd. I, S. llf). Diese Verbrechen werden in der Anklageschrift (ebd. I, S. 29-73) spezifiziert zu „Anklagepunkt Eins. Gemeinsamer Plan oder Verschwörung", „Anklagepunkt Zwei. Verbrechen gegen den Frieden", „Anklagepunkt Drei. Kriegsverbrechen", „Anklagepunkt Vier. Verbrechen gegen die Humanität". Das sind reduzierende Rationalisierungen des Schuldbegriffs, dessen Extension über jegliche in einem Gerichtsverfahren jemals feststellbare Dimensionen hinausgeht. 81 Dennoch: Das Verfahren ist der „weltgeschichtlich erste Versuch, auf ungekannte Exzesse der Macht gleichwohl in Formen des Rechts zu antworten" (Merkel 1996, S. 933). Abgesehen davon: Die „wahre Bedeutung der Verhandlungen von Nürnberg, die von vornherein nicht als ein Kriminal-Prozeß nach herkömmlichen Begriffen" zu sehen waren, ist, in der Formulierung Thomas Manns, eine ,,politisch-moralische[..] Demonstration mit weittragenden pädagogischen Absichten" (Mann 1945d, S. 43). Auf die Frage des Vorsitzenden, Lord-Richter Lawrence, zu Beginn der Nürnberger Verhandlungen, ob sie sich für schuldig oder nicht schuldig erklären, antworten sämtliche Angeklagte Nicht schuldig (Nürnberger Prozess II, S. 113-115), zwei von ihnen pathetisch: Ich bekenne mich im Sinne der Anklage, vor Gott und der Welt und nor allem vor meinem Volke nicht schuldig (Sauckel); Nicht schuldig. Was ich getan habe und auch tun musste, kann ich reinen Gewissens vor Gott, vor der Geschichte und meinem l rolke verantworten (Jodl). Der Richter in der Urteilsbegründung des Auschwitz-Prozesses thematisiert in diesem Sinn eine justiziell nicht herstellbare Entsprechung zwischen Strafe und Tat: „Bei Bemessung der jedem einzelnen Angeklagten, soweit er nur wegen Beihilfe zum Mord verurteilt worden ist, zuzuerkennenden Strafe konnte es dem Schwurgericht nicht darum gehen, die Gesamtheit der im KL-Auschwitz begangenen Verbrechen zu sühnen. Angesichts der unzähligen Opfer eines verbrecherischen Regimes und dem unsäglichen Leid, das die in der Geschichte beispiellose, planmässig betriebene, auf teuflische Weise ersonnene Ausrottung von Hunderttausenden von Familien nicht nur über die Opfer selbst, sondern über unzählige Menschen, vor allem über das gesamte jüdische Volk gebracht und das deutsche Volk mit einem Makel belastet hat, erscheint es kaum möglich, durch irdische Strafen eine dem Umfang und der Schwere der im KL-Auschwitz begangenen Verbrechen angemessene Sühne zu finden." (Justiz und NS-Verbrechen 1971, XXI S. 453)

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Kaltenbrunner, der bei der Eröffnung wegen Krankheit abwesend war, holt am 10. Dezember 1945 nach: Ich bekenne mich nicht schuldig. Ich glaube, mich nicht schuldiggemacht haben. (Nürnberger Prozess III, S. 412)82 Die Überschrift dieses Kapitels „Die Strategien der Täter" sagt es: Der Täterdiskurs ist als ein strategisch angelegtes, argumentierendes Reden zu beschreiben. Anders als die Opfer, die ihren vergangenheitsbezogenen Schulddiskurs durch erzählendes Berichten führen, besteht der vergangenheitsbezogene Schulddiskurs der Täter in der Beantwortung von Fragen, die ihnen vor Gerichten gestellt werden, oder die sie — in ihren Memoiren — als Fragen der Gesellschaft an sie antizipieren. Ihre Antworten auf diese Fragen sind wohl kalkulierte Zurichtungen von Vergangenheit und als solche das Gegenstück zu den dokumentierenden Opferbeiträgen. Die Selbsteinschätzung nicht schuldig (die auch andere Angeklagte, etwa die Generäle, vor anderen Gerichten, etwa Spruchkammern, artikulieren) 82

Die Angeklagten hatten während der Nazi-Herrschaft folgende Funktionen: Karl Dömtz, Befehlshaber der U-Boote, Oberbefehlshaber der Kriegsmarine, Nachfolger Hitlers nach dessen Selbstmord am 30. April 1945; Hans Frank, ,alter Kämpfer', bayerischer Justizminister, Reichsminister ohne Geschäftsbereich, Generalgouverneur von Polen; Wilhelm Frick, ,alter Kämpfer', Innenminister; Hans Fritzsche, im Propagandaministerium Leiter der Abteilung Deutsche Presse, Chef der Rundfunkabteilung; Walter Funk, Pressechef der Reichsregierung, Reichswirtschaftsminister, Generalbevollmächtigter für die Kriegswirtschaft, Reichsbankpräsident; Hermann Göring, ,alter Kämpfer', baute die SA auf, Reichsminister fur die Luftfahrt, Reichsforst- und Reichsjägermeister, Oberbefehlshaber der Luftwaffe, Beauftragter für den Vierjahresplan und Organisator der ,Arisierung', Generalfeldmarschall, Reichsmarschall, entzog sich der Vollstreckung des Urteils am 16. Oktober 1946 durch Selbstmord am 15. Oktober 1946; Rudolf Heß, ,alter Kämpfer', Hitlers Stellvertreter in der Partei; Alfred Jodl, Chef des Wehrmachtsführungsamts, Unterzeichner der Kapitulationsurkunde am 7. Mai 1945 in Reims; Ernst Kaltenbrunner, Leiter der österreichischen SS, Organisator der Gestapo der ,Ostmark', Chef der Sicherheitspolizei und des Sicherheitsdienstes; Wilhelm Keitel, Chef des Wehrmachtsamtes, Chef des Oberkommandos der Wehrmacht, Unterzeichner der Kapitulationsurkunde vom 8. Mai 1945 in Karlshorst; Constantin von Neurath, Außenminister, Reichsprotektor in Böhmen und Mähren; Franz von Papen, Hitlers Vizekanzler, Botschafter in Wien und Ankara; Erich Raeder, Chef der Marineleitung, Oberbefehlshaber der Kriegsmarine; Joachim von Ribbentrop, ,außenpolitischer Berater' Hitlers, deutscher Botschafter in London, Amtsbezeichnung: deutscher Außenminister; Alfred Rosenberg, 1921 Chefredakteur des ,Völkischen Beobachters', 1930 ,Mythus des 20. Jahrhunderts', Leiter des ,Außenpolitischen Amtes der NSDAP', ,Beauftragter des Führers für die Überwachung der gesamten geistigen und weltanschaulichen Schulung und Erziehung der NSDAP', Reichsminister für die besetzten Ostgebiete; Fritz Sauckel, ,alter Kämpfer', Generalbevollmächtigter für den Arbeitseinsatz; I Ijalmar Schacht, Reichsbankpräsident, Reichswirtschaftsminister, Generalbevollmächtigter für die Kriegswirtschaft, Minister ohne Geschäftsbereich; Baidur von Schirach, lleichsjugendführer der NSDAP, Jugendführer des Deutschen Reiches, Gauleiter und Reichsstatthalter in Wien; Arthur Seyss-lnquart, österreichischer Bundeskanzler, Reichsminister ohne Geschäftsbereich, Reichskommissar für die besetzten Niederlande; Albert Speer, Architekt Hitlers, Organisator von Weiheveranstaltungen und Reichsparteitagen, Reichsminister für Bewaffnung und Munition; Julius Streicher, ,alter Kämpfer', Gründer des ,Stürmer', Gauleiter von Franken.

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halten die Beschuldigten bis zum Ende aufrecht, auch die scheinbar Schuldeinsicht behauptenden Frank und Speer. Die Schlussworte der Hauptkriegsverbrecher vor der Urteilsverkündung am Ende des Prozesses dokumentieren diese nämliche Abwesenheit jeglicher Einsicht wie zu Prozessbeginn, obwohl sie nahezu täglich für die Dauer von fast einem Jahr mit ihren eigenen Verbrechen konfrontiert wurden. 83 Indes: Ihre Formulierungen und Argumentationen belegen das Gegenteil. Der Chef des „Reichsministeriums für die besetzten Ostgebiete" Alfred Rosenberg, auch Urheber eines rücksichtslosen Konzepts zur Vernichtung des Bolschewismus und zur Gewinnung von ,Lebensraum' (vgl. Kershaw 2002 II, S. 549), den die Anklage für den „geistigefn] Priester der ,Herrenrasse' [hält], der die Lehre des Hasses s c h u f (Nürnberger Prozess XIX, S. 460), weiß sein Gewissen völlig frei von einer solchen Schuld, von einer Beihilfe ^um Völkermord und bedient sich eines Adjektivs {physisch) und eines camouflierenden Adverbs (eigentlich;), die ein Geständnis markieren: Der Gedanke an eine physische Vernichtung von Slawen und Juden, also der eigentliche Völkemiord, ist mir nie in den Sinn gekommen (Rosenberg 1946, S. 435) — eine physische Vernichtung und der eigentliche Völkermord nicht, aber diese emphatische Herausstellung legt die logische Fortführung nahe: eine psychische Vernichtung und der uneigentliche Völkermord schon. General Kesselring erwidert in Nürnberg: Von einer Judenverfolgung an sich habe ich keine Kenntnis gehabt (Nürnberger Prozess IX, S. 22), und Generalfeldmarschall Walther von Brauchitsch, wie Kesselring in Nürnberg als Zeuge vernommen, versichert: Ich bin über den Feld^ug gegen die Juden, wie er sieb hier dargestellt hat und wie er durch die Presse gegangen ist, nicht unterrichtet gewesen .. Mir ist nur bekannt gewesen, daß ein Teil der Juden ins Ghetto gekommen ist. Mir sind die Grausamkeiten gegen Juden, wie wir sie in der Presse gelesen haben, nicht bekannt gewesen (Nürnberger Prozess IX, S. 165£). Physische Vernichtung, eigentlicher Völkermord, Judenve folgung an sich, Feld^ug gegen die Juden, wie er sich hier dargestellt hat, Grausamkeiten gegen die Juden, wie wir sie in der Presse gelesen haben — solche Formulierungen sind Negierungen, die Bestätigungen sind. Ihre Einschränkungen physisch, eigentlich, wie er sich hier dargestellt hat und wie wir sie in der Presse gelesen haben präsupponieren: Man h a t von Vernichtung, Völkermord, Judenve folgungen und von einem Feld^ug und Grausamkeiten gegen die Juden gewusst. Am Beispiel Brauchitschs 84 : Von das unsagbare Elend,.. das.. ~u verhindern mir versagt geblieben ist, nicht durch meine Schuld. (Schacht 1946, S. 443); Das durchgeführte Ϊ 'erfahren und die Beweisaufnahme haben die Richtigkeit meiner .. Erklärung [nicht schuldig] bestätigt. (Streicher 1946, S. 439); ich [mußte] das Reichssicherheitshauptamt übernehmen .. Darin .. lag keine Schuld. (Kaltenbrunner 1946, S. 431); Ich weiß mein Gewissen völlig frei von einer solchen Schuld, von einer Beihilfe ^-um Völkermord. (Rosenberg 1946, S. 435) Generalfeldmarschall und bis zu seiner auf die Winterkrise vor Moskau erfolgten Demission am 19. 12. 1941 Oberbefehlshaber des Heeres, der es 1938, als Hitler die Stellung des Heeres schwächte und es nurmehr zu einem „Anhängsel" seiner Macht machte (Kershaw

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ihm liegt eine „knieweiche Antwort" (Kershaw 2002 II, S. 343) vor, mit der er Stellung bezieht zu Berichten der Militärverwaltung in Polen bezüglich gewalttätiger Exzesse von SS, Polizei und Verwaltung gegen Polen und Juden unmittelbar nach Kriegsbeginn. Diese Antwort ist „praktisch eine Rechtfertigung für die barbarische Politik der ethnischen Säuberung" und sie „ebnete den Weg zur Verständigung zwischen Heer und SS im Hinblick auf jene Völkermordaktionen, die 1941 in der Sowjetunion unternommen werden sollten" (ebd.). Mag also sein: Von einem Feldzug, wie er sich hier dargestellt hat, wusste Brauchitsch womöglich nichts. Viel wusste er aber über Verfolgungen und ,Feldzüge', wie sie sich i h m dargestellt haben. Die LeugnungsStrategie, die in der strikten wörtlichen Referenz auf Erfragtes besteht, ist gleichsam das komplementäre Gegenstück zur Strategie des Umdeutens, der Modifizierung des Erfragten bis zur Unkenntlichkeit, welches wir weiter unten beschreiben werden. Die Abwehrstrategien der Täter sind vielfältiger Art und bestehen aus einem Komplex taktierender, unterschiedlich Schuld abwehrender kommunikativer Akte. Neben diesen auf Erfragtes wörtlich referierenden Leugnungen weisen Täter Schuldvorwürfe zurück z.B. durch dialektische Verkehrung, durch schlichte Verneinung, durch Selbsterniedrigung und Selbsterhöhung. Aber das Unglück liegtja gerade in der Tatsache, daß ich alle diese Thesen nicht vertrat, nach denen Hitler mit einem kleinen Kreis von Helfershelfern insgeheim handelte (Fritzsche 1946, S. 463) — der so argumentierende Rundfunkchef Hitlers, Hans Fritzsche, von dem die Anklage annimmt, dass er mit seinen Rundfunksendungen .. eine besonders aktive Rolle bei dieser Aufklärung' über die Judenfrage [gespielt habe, denn] diese Sendungen wimmelten buchstäblich von aufreizenden Verleumdungen gegen die Juden, deren einzige logische Folge die sein mußte, Deutschland zu weiteren Greueltaten .. aufzuhetzen (Nürnberger Prozess VI, S. 78),

Fritzsche also versucht sich in Dialektik, wenn er seine Unschuld Unglück nennt, und damit begründet, dass, wenn er alle diese Thesen vertreten hätte, sich das deutsche Volk von mir gewandt und .. das System abgelehnt [hätte], für das

2002 II, S. 146), „auf dem richtigen Kurs [hielt], welche Bedenken auch einige Generäle Igegen Hitler] haben mochten" (ebd.), und der sich im Zusammenhang mit der Spaltung der Generalität bezüglich der Tschechoslowakei als „rückgratlos" (ebd., S. 156) erwies, der überhaupt als „hoffnungslos charakterschwach" (ebd., S. 564) galt, und der die „Reinheit und Echtheit nationalsozialistischer Weltanschauung" pries, in der „sich das Offizierskorps von niemandem übertreffen lassen" dürfe: „Es ist selbstverständlich, daß der Offizier in jeder Lage den Anschauungen des Dritten Reiches gemäß handelt" (zit. nach Klee 2003, S. 71).

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ich sprach (Fritzsche 1946, S. 463). s5 Mit dieser Einstellung scheut sich Fritzsche nicht, den Opferbegriff radikal zu entwerten: Zwischen diesen Verbrechern und mir gibt es nur eine einige Verbindung. Sie haben mich nur in anderer Weise missbraucht als diejenigen, die ihnen körperlich !*um Opfer fielen. (Fritzsche 1946, S. 465) Der Vulgärantisemit Streicher, der bekanntlich im ,Stürmer' „obszöne Rassenschmähschriften" (Nürnberger Prozess XIX, S. 460f.) fabrizierte und verbreitete, bestreitet irgendwelche Gewalttätigkeiten und Verbrechern Es steht fest, daß ich .. irgendwelche Gewalttätigkeiten gegen die Juden weder angeordnet noch verlangt oder mich an solchen beteiligt habe. .. Ich habe weder in meiner Eigenschaft als Gauleiter noch als politischer Schriftsteller ein Verbrechen begangen (Streicher 1946, S. 439).

Rudolf Höß, der Kommandant von Auschwitz, habe selbst.. nie einen Häftling mißhandelt oder gar getötet. Ich habe auch nie Mißhandlungen von Seiten meiner Untergebenen geduldet. (Höß 1947, S. 149) Ebenso habe Oswald Pohl niemanden totgeschlagen, noch andere άαψ aufgefordert oder ermuntert. Er sei Unmenschlichkeiten .. nachweisbar energisch entgegengetreten (Pohl 1950, S. 43). Oswald Pohl, SS-Gruppenführer, war als Chef des Wirtschafts- und Verwaltungshauptamtes (WVHA) einer der mächtigsten Männer der SS, denn alle „mit den Konzentrationslagern befaßten SS-Ämter" befanden sich unter seiner Leitung (Enzyklopädie des Nationalsozialismus, S. 285). Pohl war hauptverantwortlich für die ,wirtschaftliche Verwertung' der in den Konzentrationslagern ermordeten Menschen, er hatte sich z.B. um die profitable Anlage von Zahngold zu kümmern. Während Streicher, Höß und Pohl sich mit der einfachen Verneinung begnügen, leugnet Kaltenbrunner, der seine Aufgabe als Chef des Reichssicherheitshauptamtes, der Sicherheitspolizei und des Sicherheitsdienstes beschreibt als fast ausschließlich bestehend in der Reorganisation des deutschen politischen und militärischen Nachrichtendienstes, was in Nürnberg als Sachverhalt festgestellt und belegt wurde, durch Selbstreduzierung. Was ein Tatbestand war, nämlich: als Nachfolger Heydrichs Organisator des Holocaust gewesen zu sein, bestreitet er:. Die Ämter IV und V des Reichssicherheitshauptamtes unterstanden mir nur formell und nie de facto (Kaltenbrunner 1946, S. 431).

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T h o m a s Mann empört sich, v o n Mitleid mit den Deutschen ergriffen, über diesen Fritzsche: Er habe „ins M i k r o p h o n gerufen, nichts k o m m e gegen die Tatsache auf, daß der Nationalsozialismus die d e m deutschen \'olk einzige angemessene Verfassung, daß Deutschland für dieses Regime geschaffen sei. Das wagt er dem Volk ins Gesicht zu sagen, das zwölf J a h r e mit schlechtem Gewissen und düsteren A h n u n g e n unter diesem Regime gelebt hat und nun vor den T r ü m m e r n seines Reiches, vor einer Katastrophe steht, wie weder seine Geschichte noch die Geschichte überhaupt sie je gekannt hat." (Mann 1945c, S. 12)

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\'ergangenheit: Hrtnnerungsorte 1933 - 1945

Hermann Göring, zweiter Mann im Staate Hitlers, als Beauftragter für den ,Vierjahresplan' zuständig z.B. für die Verwertung von Rohstoffen, gibt sich ignorant, indem er mit Imponiergehabe die entgegen gesetzte Strategie der Selbstüberhöhung verfolgt. Maxwell-Fyfe, nachdem er ihm darlegte, daß die Henker Ihres Freundes Himmler so gründlich waren, daß es fünf Minuten länger dauerte, Frauen zu ermorden, weil man ihnen ihre Haare abschneiden mußte, die für die Herstellung von Aiatratzen benutzt wurden, fragt Göring, ob ihm „niemals etwas über den Zuwachs deutschen Materials gesagt worden [sei], das von den Effekten dieser ermordeten Menschen stammte?" Görings so zynische wie polemische Antwort — anfänglich im die neue Wirklichkeit ignorierenden Präsens — lautet: Ich habe große Richtlinien für die deutsche Wirtschaft ψ geben. Όαψ gehörte nicht die Matrat^enoder sonst wie Ausfertigung aus Frauenhaaren (Nürnberger Prozess IX, S. 676). Aber Göring, der z.B. hinsichtlich der Pläne für den eroberten Osten „in Kauf nehmen [wollte], daß in Rußland 20 bis 30 Millionen Menschen verhungerten" (Kershaw 2002 II, S. 549), präsentiert sich auch als Ireniker: Ich habe niemals .. einen Mord befohlen und ebensowenig sonstige Grausamkeiten angeordnet oder geduldet (Göring 1946, S. 418); Ich weise .. auf das entschiedenste ^urück, daß meine Handlungen diktiert waren von dem Willen, fremde Völker durch Kriege ^u unterjochen, ^u morden, ψ rauben oder versklaven, Grausamkeiten oder 1 'erbrechen begehen (ebd., S. 420).86 Die Selbsteinschätzung der Täter nicht schuldig die sie also, wie gesehen, im Verfolg unterschiedlicher argumentativer Strategien ausdrücken, ihr Reden über ihre Schuld bestimmt die Gebrauchsbedingung von Schuld. Diese Gebrauchsbedingung verdichtet sich in dem Hochwertwort Wahrheit. Wahrheit ist ein Schlüsselwort der Täter, denn sie realisieren ihre Selbsteinschätzung nicht schuldig mit der Überzeugung, der Wahrheit zu dienen. Der Schulddiskurs der Täter dient der persönlichen Exkulpierung. Sie verteidigen sich, stellen sich apologetisch selbst dar, salvieren sich. Die im Nationalsozialismus diese Beteiligungsrollen innehatten, reden und schreiben aus der Ich-Perspektive und richten bei ihrer Schuldabwehr das System, dem sie dienten, zum Zweck ihrer Selbstexkulpierung auf ihr persönliches

Dem Gerichtspsychologen Gilbert gegenüber verabschiedet Göring den Ireniker: „Natürlich rüsteten wir auf! Ha, ich rüstete Deutschland bis an die Zähne auf! Mir tut nur leid, daß wir nicht noch mehr aufrüsteten! Natürlich achtete ich Ihre Verträge (das nur unter uns) wie ein Stück Klosettpapier. Natürlich wollte ich Deutschland groß machen! Ging das auf friedlichem Wege, na schön, wenn nicht, war mir das auch recht!!" (Gilbert 1995, S. 72)

Die Strategien der Täter: Ich bin unschuldig

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Denken, Fühlen, Wollen und Handeln zu. 87 Die planmäßige Konstruktion, das Kalkül der Täter besteht in der Vorstellung ihrer Darlegung als kritische historische Analyse und Rekonstruktion. Sagen, wie es wirklich war ist viel gebrauchte Floskel, mit der Täter ihre Darstellungen in den Rang der Objektivität zu heben versuchen. Der Staatsminister und Chef der Präsidialkanzlei Otto Meißner, der sein Amt unter Ebert, wie unter Hindenburg, wie unter Hitler zu versehen vermochte, der „stets zu allem unter allen Machthabern bereite[..] Staatssekretär[..] Meißner" und ,,eine[..] der übelsten Figuren des Deutschland seit 1918" (Pechel 1947, S. 18), fühlt sich veranlasst, angesichts von Bewertungen des Nationalsozialismus, die er für Entstellungen und Verzerrungen der jüngsten deutschen Geschichte hält und für den Versuch, vom Ausland her.. das gan^e deutsche Volk mit einer „Kollektivschuld" für die Verbrechen einzelner belasten, Otto Meißner also fühlt sich gedrängt, nunmehr im deutschen Interesse .. die vielen falschen oder einseitigen Schilderungen ^u berichtigen und die Entwicklung so darzustellen, wie sie sich wirklich vollzogen hat (Meißner 1950, S. 5). Jener Meißner drückt einen Tag nach den Morden des 30. Juni 1934 in einem an Hider gerichteten Telegramm angeblich im Namen des Reichspräsidenten dessen „tiefempfundenen Dank" für diese ,Säuberung' aus. 88 Ist jene Säuberung' etwa eine der unerfreulichen Begleiterscheinungen der autoritären Staatsform (Meißner 1950, S. 622), mit denen Meißner den bürgerlichen Irrglauben bezüglich des nationalsozialistischen Terrors in den Anfangsjahren entschuldigt? Man hoffte in den ersten Jahren des Hitlerregimes zuversichtlich und ehrlich, daß die unerfreulichen Begleiterscheinungen der autoritären Staatsform, die Beschränkung der bürgerlichen Freiheiten und die Erweiterung der Rechte der Polizei nur eine Übergangsphase wäre, die den Weg der versprochenen Volksgemeinschaft der Ordnung und des Rechts bahnen solle. (Meißner 1950, S. 622) Das hochwertige Schlüsselwort zur Salvierung heißt neben Wahrheit Aufklärung. Aufklärung tue Not angesichts der heute vorherrschenden Geschichtsfälschung (Diels 1950, S. 9). Die Hauptkriegsverbrecher scheuen sich nicht, sich auf sie zu berufen und besonders in den Schlussworten dienen sie zur Stützung der Argumentation und zur Glaubhaftmachung der Täter-

Dabei verhalten sie sich, wie sich Angeklagte typischerweise verhalten. Sie liefern vor Gericht „ihre eigene Version dessen, was ihnen in der Anklage zur Last gelegt wird" (Hoffmann 1983, S. 79). „Jahre später, als sie beide im Nürnberger Gefängnis saßen, fragte Papen Göring, ob der Reichspräsident das in seinem Namen versandte Glückwunschtelegramm je zu Gesicht bekommen habe. Göring entgegnete, Hindenburgs Staatssekretär Otto Meißner habe ihn damals halb scherzhaft gefragt, ob er mit dem Wortlaut zufrieden sei" (Kershaw 2002 I, S. 651).

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Vergangenheit: Krinnerungsortc 1933 — 1945

Geschichten. Appellhaft richten sich die Täter an das Gericht, bittend, mahnend, drohend. 89 In ihren Memoiren andererseits, zu einem Zeitpunkt also, wo es, weil das Urteil gefällt ist, nicht mehr die unmittelbare Rettung gilt, konstruieren die Täter mittels des Schlüsselworts Wahrheit ein Selbstbild als historische Personen, als Zeitgenossen, als diejenigen mithin, die authentisch darüber berichten können, wie es war und wie alles kam (Meißner). Jedenfalls sind sie überzeugt, dass sie, die ,dabei gewesen' sind, der Wahrheit näher sind. Dass im Nationalsozialismus ein dabei gewesener Mann „ex definitione ein belasteter Mann" ist (Freund 1954, S. 327), diese Überzeugung können sie von sich nicht haben. Einzig als Beitrag zur wahren Geschichte möchten sie ihre Darlegungen verstehen, sich selbst als (einzig) dazu Berufene präsentierend. So gerät Wahrheit im Zuge ihrer Argumentation zu einer exkulpativen Kategorie. 90 Die mit den lexikalischen Marken nicht schuldig und Wahrheit bezeichneten Einstellungen der Täter zu sich und ihrer Geschichte bilden die Voraussetzungen für ihre forensischen Reaktionen und für ihre vergangenheitsbezogenen Reflexionen überhaupt. Das Verhalten der Nazi-Täter und Kriegsverbrecher ist archetypisch für mit direkten Anschuldigungen oder Vorwürfen konfrontierte uneinsichtige, aber schuldbewusste Täter91

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Ich nehme für mich in Anspruch, in allen Dingen, auch dann, wenn sie mich belasteten, die Wahrheit gesagt, mich jedenfalls bemüht z>< haben, .. ~ur Aufklärung des wahren Sachverhalts nach bestem Wissen heimtragen (Keitel 1946, S. 430); meinf..] Kampf, ... geführt für die edelste Idee, um die seit über 100 Jahren gerungen und eine Fahne erhoben wurde. Ich bitte, dies als \i7ahrheit zu erkennen. (Rosenberg 1946, S. 436); Getragen von der Überzeugung, dass auch vor diesem Hohen Gericht die Wahrheit und die Gerechtigkeit trotζ allen Hasses, der I rerleumdung und der Verdrehung sich durchsetzen wird (Neurath 1946, S. 462); Nur wenn dieses Hohe Gericht die historische Wahrheit erkennt und anerkennt, wird der geschichtliche Sinn dieses Prozesses erfüllt. (Papen 1946, S. 456); Wer mich .. einen Verräter nennt an der ehrenvollen Tradition der deutschen Armee, oder wer behauptet, dass ich aus egoistischen, persönlichen Gründen auf meinem Posten geblieben wäre, den nenne ich einen Viträter an der Wahrheit. (Jodl 1946, S. 454)' Ich sage .. angesichts der Ewigkeit die mir klar bewußte Wahrheit. (Frank 1945/46, S. 145); Wenn man diese Aufzeichnungen lesen wird, bin ich nicht mehr. Aber noch aus dem Grabe heraus rufe ich allen Ζ>ι, mir zu glauben. Ich sage es nicht für mich - was bin ich! - , aber fir die ewige Wahrheit und Gerechtigkeit (ebd., S. 404); Mein Anliegen ist es. eitlen Beitrag aus den geschichtlichen Erkenntnissen heraus Z'i leisten, die ich aus der Entwicklung der durchlebten Jahre gezogen - mochte diese nun die Folge soziologischer. ideologischer Doktrinen, falscher Entschlüsse auswärtiger Staatsmänner oder aber eigener Fehler sein. Die letzteren rücksichtslos aufzudecken, werde ich nicht z°iern· Dazu verpflichtet sowohl die historische Forschung wie die Wahrheitsliebe. (Papen 1952, S. 11); Ich h o f f e , dass diese Erinnerungen der Wahrheit eine Gasse brechen werden (ebd., S. 12); ich [möchte] mich hinsetzen und die wahre Geschichte dieser Zeit einmal niederschreiben (Schacht 1953, S. 14); Ich habe mich schwer entschließen können, dieses Buch zu schreiben. Ich habe es schließlich getan, um auch von meiner Warte aus an der wahrheitsgetreuen Wiedergabe eines guten Stückes deutscher Geschichte mitzuwirken (Kesselring 1953, S. 457). Ich verweise auf Ilannah Arendt, die in ihrem Bericht über den Eichmann-Prozess dies Verhalten „verbrecherische Verstocktheit" nennt: Man kann „es sich nicht leisten .. der

Die Strategien der Täter: Ich bin unschuldig

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— die Intensität ihrer Schuldabwehr erklärt die Intensität ihres Schuldbewusstseins. Diese Schuldabwehr wird durch die Lüge realisiert, wenn Lügen heißt, „die Wahrheit verdrehen, umkehren, fälschen, zu Fall bringen", wenn Lügen heißt „eine Wahrheit mit vollem Bewußtsein verneinen, vernichten. Etwas, das ist, ist dann nicht" (Baruzzi 1996, S. 30). Justice Jackson beschreibt am Ende des Nürnberger Prozesses die Strategien der Hauptkriegsverbrecher: die direkte Lüge ist nicht ihr einziges Mittel zur Falschheit. Sie alle sprechen mit einer Nazi-Doppelzüngigkeit, um die Unachtsamen zu täuschen .. Bevor wir ihre Worte als das gelten lassen, was sie auf den ersten Eindruck zu sein scheinen, müssen wir immer erst nach ihrer verborgenen Bedeutung suchen. .. Neben völlig falschen Erklärungen und Doppelzüngigkeiten gibt es .. Umgehungen der Wahrheit in Gestalt von phantastischen Auslegungen und absurden Bekenntnissen. (Nürnberger Prozess XIX, S. 479f.)

,Lüge', ,Mehrdeutigkeit', ,falsche Erklärungen', phantastische Auslegungen', ,absurde Bekenntnisse' — die Täter realisieren die Argumentationsstrategien der Endastung mit Taktiken, die angeklagte Täter ohne Schuldeinsicht stets verfolgen. Dazu dienen ihnen „die grundlegenden strategischen Möglichkeiten des Angeklagten" (Hoffmann 1983, S. 156), die Hoffmann Ausweichen, Leugnen und Gestehen nennt. Wir beschreiben sie in den Kategorien Umdeuten 92 , Gestehen (in den Erscheinungsformen Marginalisieren, Idealisieren, Egalisieren) und Gegenklage. Diese Kategorien bezeichnen die kommunikativen Handlungszusammenhänge, in denen Täter von ihrer Schuld reden, und die ihr responsives Verhalten prägen. Diese Strategien sind fester Bestandteil des aus Anklage, Verteidigung, Urteil bestehenden forensischen Verfahrens, das persönliche Schuld zum Gegenstand hat. Diese persönliche Schuld der Täter ist hier in den Kontext des Gesamtvorwurfs eingelassen, der den Nationalsozialismus an sich umfasst in der Form ihrer „öffentlichen Handlungen", welche die Alliierten „als Verbrechen" anklagen (Nürnberger Prozess XIX, S. 440f.). Die angeklagten Hauptkriegsverbrecher erkennen das IMT nicht an, wie überhaupt Täter ihre Anklageinstanzen nicht anerkennen. Sie sprechen den Gerichten das Recht des Richtens ab, denunzieren ihre Ankläger mit dem Vorwurf der Fälschung und Missachtung von Rechtsgrundsätzen, der mangelnden Distanz — als selbst Belastete und als Sieger. Dass den Angeklagten die Möglichkeit zur Rechtfertigung überhaupt eingeräumt wurde,

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Wirklichkeit ins Gesicht zu sehen, weil das eigene Verbrechen aus ihr nicht mehr wegzudenken ist" (Arendt 1996, S. 129). Hoffmann definiert .Umdeuten' als eine Version von Geständnis: „Nicht immer erklärt sich der geständige Angeklagte für schuldig im Sinne der Anklage; häufig sind Geständnisvariationen, mit denen ,gute Gründe' für die Tat angegeben, die Verantwortlichkeit bestritten oder Zuschreibungen anderer Handlungsmuster und entsprechender Intention (,UMDEUTEN") vorgenommen werden" (Hoffmann 1983, S. 81).

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Vergangenheit: Erinnerungsorte 1933 - 1945

belegt indes die Bemühung des Militärgerichtshofs, dieses Tribunal einem nach den üblichen Rechtsprinzipien eingerichteten Verfahren anzupassen. Die Angeklagten haben also die Möglichkeit der argumentierenden Darlegung zum Zweck der Rechtfertigung, der Abwehr. 6.2.1. Umdeuten Umdeuten verstehen wir als eine Endastungsstrategie, bei der die Täter, aufgefordert, zu der Bedeutung eines Worts Stellung zu nehmen, verfängliche, soll heißen: belastende, also Schuld bezeichnende, semantische Merkmale durch endastende, zumindest unverfängliche ersetzen. Diese Strategie war Tätern schon zur Zeit ihrer Herrschaft dienstbar, wenn sie zum Zweck der Manipulation Sachen neue Namen verliehen, und sie ist als Euphemisierung in die Sprachgeschichte der Jahre 1933 bis 1945 eingegangen. 93 In Nürnberg (und anderswo) wenden Täter diese Taktik an, indem sie zum Zweck der Exkulpierung Schuld bezeichnende Ausdrücke ersetzen durch endastende, mit denen sie eine Gegenwelt konstruieren. Gegenstand der semanüschen Kämpfe war vor allem das im Zusammenhang mit Rassismus und Judenverfolgung errichtete Wörterbuch: ,aufhetzen' und ,aufreizen' nennt Streicher aufklären (Nürnberger Prozess XII, S. 346). Gefragt, ob ,vernichten' und ,Massentötung' nicht Synonyme seien, antwortet er: Wenn man ~urückschaut, kann man !r so deuten; damals nicht (ebd., S. 389). Betrachten wir exemplarisch Sequenzen, die den kommunikativen Ablauf des Umdeutens am Beispiel von Ausrottung und Sonderbehandlung dokumentieren — zwei wahrlich nazitypische Schlüsselwörter, deren Semantik von Rosenberg, Göring und Kaltenbrunner exkulpatorisch jeweils so ausgedeutet wird, dass sie nicht bezeichnen, was sie meinen. Der Ankläger der Vereinigten Staaten, Thomas J. Dodd, versucht, mit der Frage „Haben Sie je von der Ausrottung der Juden gesprochen?" Rosenberg dazu zu bewegen, die Bedeutung von Ausrottung im Sinn von ,Τοtung' anzuerkennen. Rosenbergs Replik ist zunächst eine einfache Leugnung: Ich habe generell von der Ausrottung im Sinne dieses Wortes nicht gesprochen, an die er die Mahnung anschließt: Man muß hier die Worte wählen. Dodd indes wiederholt seine Frage: „Haben Sie in der Rede, die Sie halten wollten, den Ausdruck ^Ausrottung der Juden' verwendet?", worauf Rosenberg dann gesteht: Das mag sein, um durch die Entfaltung des Referenzbereichs 93

Vgl. unter vielen anderen Wells 1990 (S. 434ff.); v. Polenz 1999 (S. 550-555) und jeweils dort angegebene Literatur. Zur Euphemisierung gehört auch ihre Entlarvung. Ein Beispiel für eine literarische Rückübersetzung gibt Bertolt Brecht, ,Uber die Wiederherstellung der Wahrheit' (vgl. Kämper 2000a).

Die Strategien der Täter: Ich bin unschuldig

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von ausrottenIAusrottung zu suggerieren, dass die weite und komplexe Semantik der inkriminierten Bezeichnung nicht taugt, einen Vorhalt auf ihr zu begründen: Man kann eine Idee ausrotten, man kann ein Wirtschaftssystem ausrotten, man kann eine sosjate Ordnung ausrotten und man kann in letzter Konsequenz auch eine Gemeinschaft ausrotten, gewiß, das sind eben die vielen Möglichkeiten, die in diesem Wort enthalten sind.

Rosenberg schließt ein Ablenkungsmanöver, den Versuch eines Themenwechsels, an, wohl vermutend, dass seine Erwiderung nicht sticht. Er leitet diesen Versuch ein mit einem Verweis auf das Ubersetzungsproblem: 94 Überset^tmgen aus der deutschen Sprache in die englische sind so oft falsch. Gerade im letzten Dokument, das Sie mir vorgelegt haben, hörte ich wieder die Übersetzung des Wortes „Herrenrasse". In dem Dokument steht von der „Herrenrasse"gar nichts, sondern es wird von einem falschen „Herrenmenschentum" gesprochen. Es wird scheinbar hier immer alles anders übersetzt.

Dodd verweigert sich diesem Manöver, indem er Rosenberg Bedeutungsangebote macht, die zu dem intendierten Geständnis fuhren sollen: „Sie stimmen .. mit mir überein, dass ,ausrotten' ,fortwischen' oder ,abtöten' bedeutet." Diese AushandlungsStrategie bezieht sich anders als die Rosenbergs, der die Referenzbereiche entfaltet hat, auf die Synonymik des Verbs ausrotten, der sich Rosenberg wiederum mit Verweis auf Ubersetzungsfehler verweigert: Hier habe ich wieder andere Übersetzungen gehört, die wieder neue deutsche Worte gebraucht haben. Schließlich bricht Dodd aus und begibt sich auf die Metaebene, von der aus er Rosenbergs replizierendes Verhalten kommentiert: „Ist Ihre hier vorgebrachte scheinbare Unfähigkeit, sich mit mir über dieses Wort zu einigen, tatsächlich Ihr voller Ernst, oder wollen Sie nur Zeit verschwenden ..?" Rosenberg lässt sich nicht einschüchtern, macht vielmehr ein weiteres Angebot einer Deutung, die wiederum nicht der von Dodd gemeinten entspricht: Es bedeutet ,überwinden' einerseits, es bedeutet die Anwendung nicht auf Einzelpersonen, sondern aufjuristische Personen, auf bestimmte geschichtliche Überlieferungen (Nürnberger Prozess XI, S. 605607). Mit dieser letzten Erklärung, dem Versuch, die Bedeutung von ausrotten aus der kriminellen, verbrecherischen Bewertung auszuschließen, indem Rosenberg die Referenzbereiche juristische Person' und geschichtliche Uberlieferungen' einführt und ausdrücklich den Bezug auf Einzelpersonen der in Rede stehenden Bedeutung — Rosenberg weiß natürlich, dass dieses die von D o d d erfragte Bedeutung ist — ausschließt, endet dieser aberwitzige Dialog, der prototypisch die Strategie des Umdeutens dokumentiert: Rosenberg wird vorgeworfen, Mitschuld an der Ausrottungspolitik der Nationalsozialisten zu tragen. Als Beleg dieses Vorwurfs dient

Kennzeichen der Situation ist die Kommunikation der Beteiligten via Simultandolmetscher.

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Vergangenheit: Erinnerungsorte 1933 - 1945

das Zitat der von Rosenberg in einem Vortrag verwendeten Formel Ausrottung der Juden. Der Versuch Dodds, Rosenberg dazu zu bringen, die intendierte Bedeutung mit ,Tötung der Juden' einzugestehen, misslingt, Rosenberg zieht sich auf die Vielfalt der Referenzbereiche des Ausdrucks zurück, verweist auf die Möglichkeit falscher Ubersetzungen, macht eine eigene eigenwillige Bedeutungsauslegung geltend. 95 Die Umwertung der Wirklichkeit zur nationalsozialistischen Lüge wird nirgends so offenbar wie bei dieser Strategie des Umdeutens, derer sich die Angeklagten von Nürnberg bedienen und damit einen Schuldabwehrmechanismus begründen, der sich dann zu einem kollektiven Merkmal nachkriegsdeutschen Umgangs mit der jüngsten Vergangenheit durch die Täter verfestigt. Diese Strategie des ,bewussten Missverstehens' verfolgt auch Hermann Göring, mit dem der englische Anklagevertreter Sir David MaxwellFyfe ficht. Er hält Göring die Äußerung des Reichsverteidigungskommissars Hinrich Lohse vor: „Es gibt nur noch ein paar Juden, wohingegen wir Zehntausende schon erledigt haben", um die Frage anzuschließen: „Wollen Sie immer noch behaupten, daß weder Sie noch Hider gewußt hätten, daß die Juden ausgerottet werden?" Daraufhin, und nachdem er einen Versprecher korrigiert hat, zitiert Göring seinerseits aus dem Lohse-Text, um das eindeutige, einen verbrecherischen Sachverhalt bezeichnende erledigt mit sind weg zu synonymisieren und damit zu endasten: Ich bitte, daß meine Bemerkung richtig verlesen wird ... also nicht meine Bemerkung, ich meine hohses Bemerkung — „Darauf kann ich auch antworten. Die Juden leben nur noch iym kleinen Teil, iggtausend sind weg. " Hier steht nicht, daß sie vernichtet worden sind. Aus dieser Bemerkung ist nicht schließen, daß sie dort getötet worden sind. Sondern aus dieser Bemerkung kann geschlossen werden, daß die Juden dort weg sind. Also, evakuiert könnte genau so möglich sein. Es ist nichts davon ... Maxwell-Fyfe unterbricht Göring und fordert ihn zur Fesdegung der Bedeutung von erledigt bzw. wegsein auf: „Ich schlage .. vor, daß Sie ganz klar machen, was Sie unter der Bemerkung, es sind nur noch ein paar Juden am Leben, wohingegen und so weiter, meinten?" Göring: Nein, leben noch dort, so ist das aufzufassen. Bis hierher wird semantisch ergebnislos um die Synonymie von erledigt, ausrotten, vernichten, töten, wegsein, evakuiert gestritten. Dann hält Maxwell-Fyfe Göring eine Einlassung vor: Ribbentrop sagte, daß die Juden entweder vernichtet oder in Konzentrationslager geschafft werden müßten. Hider sagte, die Juden müssen entweder ar-

I loffmann beschreibt solches „BEWUSST MISSVERSTEHEN" als Version der Hauptkategorie ,Ausweichen' (vgl. Hoffmann 1983, S. 83). Ausweichen ist die Bezeichnung, die den Fokus auf die kommunikative Strategie richtet. Auf die semantischen Folgen dieser Strategie gerichtet, bezeichnet unsere Kategorie ,Umdeuten', wie bei dem eben rekonstruierten Antwortverhalten Rosenbergs deutlich wurde und wie wir weiterhin sehen werden, den absichtsvollen Austausch semantischer Merkmale zu exkulpierenden Zwecken.

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beiten oder erschossen werden. .. Wollen Sie immer noch sagen, daß weder Hitler noch Sie von der Vernichtungspolitik der Juden eine Ahnung hatten? Diese Einlassung bietet Göring keine Gelegenheit mehr zu einer halbwegs plausiblen Flucht in die Polysemie, und er greift zu seinem letzten Mittel: Ich habe für die Richtigkeit dieser Niederschrift keinen Beweis — Göring bezweifelt den Wahrheitswert des Dokuments, aus welchem die Anklage seine Schuld ableitet. Maxwell-Fyfe deutet dieses Manöver als Versuch Görings, dem Thema auszuweichen, denn er mahnt: „Wollen Sie bitte meine Frage beantworten!" Ausschweifend-zögernd gibt Göring, der am 31. Juli 1941 Heydrich den Auftrag erteilt, „alle erforderlichen Vorbereitungen .. zu treffen für eine Gesamdösung der Judenfrage im deutschen Einflußgebiet in Europa" (zit. nach Klee 2003, S. 190), zur Antwort: Soweit es Hit/er bet r i f f t , habe ich gesagt, daß ich das nicht glaube; soiveit es mich betrifft, habe ich gesagt, daß ich auch nur annähernd von diesem Ausmaß nicht gewußt habe. Die Einschränkung von diesem Ausmaß gibt Maxwell-Fyfe wiederum Anlass, auf seine Anfangs frage erneut Bezug zu nehmen und nachzufragen: „Sie wußten nicht, in welchem Ausmaß; Sie wußten jedoch, daß eine Politik bestand, die auf die Ausrottung der Juden hinzielte?" Görings Beharrung Nein, auf die Auswanderung referiert dann auf die bereits von ihm vorgebrachte Lesart evakuiert (Nürnberger Prozess IX, S. 683). Maxwell-Fyfe und Göring tragen einen ähnlichen Aushandlungsdisput wie Dodd und Rosenberg aus. Gegenstand ist ausrotten, vernichten, töten — ersetzt durch weg sein, evakuiert, leben noch dort, Auswanderung, und dieser Disput und sein Gegenstand zeigen: Wenn Täter mit ihren Opfern konfrontiert werden, und sei diese Konfrontation auch bloß verbaler Natur, blockieren sie, leugnen, wehren ab. „Der Täter wird beim Anblick des Opfers verstockt" (Broch an Zühlsdorff 9. August 1945; Broch-Zühlsdorff S. 26) — dieses ,verstockt Sein' hat im forensischen Kontext Konstruktionen zur Folge, welche die Wirklichkeit umkehren. Oberst Amen streitet mit Kaltenbrunner über die Bedeutung von bewiesen wir jetzt von der Mitte der Seite, beginnend mit: „Bezüglich der ,Sonderbehandlung' habe ich folgende Kenntnisse: Anläßlich der Amtschefs Sitzungen erwähnte des öfteren Gruppenführer Müller an Kaltenbrunner, ob der und der Fall ,sonderbehandelt' werden soll oder ,Sonderbehandlung' in Frage käme. .. Sowohl Müller wie Kaltenbrunner haben in meinem Beisein für gewisse Fälle ... ,Sonderbehandlung' bezw. Vorlage an den RF SS zwecks Genehmigung der Sonderbehandlung vorgeschlagen. Meines Erachtens nach wurde ungefähr in 50% der Fälle Sonderbehandlung genehmigt." Stimmt der Inhalt dieses Affidavits oder nicht, Angeklagter? Kaltenbrunner beantwortet die Frage durch semantische Korrektur: Dieser Inhalt stimmt in der Auslegung;, wie Sie, Herr Ankläger, es hier vom Dokument geben, nicht. Und in der Attitüde beflissener Bereitwilligkeit fügt er hinzu:

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Sie werden sofort sehen, daß sogar der tragische Ausdruck „Sonderbehandlung" in diesem Falk in eine ausgesprochene humoristische Art und Weise verändert wird. Nach dieser signalisierten Kooperationsbereitschaft 96 leitet Kaltenbrunner seine Replik mit Fragen ein - Wissen Sie, was „Walsertraum"im Walsertal, und ivissen Sie, was „Winzerstube" in Godesberg sind? Wohin diese Fälle Ihrer behaupteten sogenannten ,,Sonderbehandlung" zw bringen sind? —, die er selbst beantwortet: „Walsertraum" ist das eleganteste fashionabetste Alpinistenhotel des gesamten Deutschen Reiches, und die „Winzerstube", Godesberg, ist das hochberühmte Hotel, das sich dem Namen nach in Godesberg befindet, welches ζu vielen internationalen Tagungen verwendet worden ist. In diesen beiden Hotels sind besonders qualifizierte, besonders angesehene Persönlichkeiten, ich nenne hier M. Poncet und M. Herriot und so weiter untergebracht gewesen, und s^war bei dreifacher Diplomatenverpflegung das ist die 9fache Nahrungsmittelzuteilung des normalen Deutschen während des Krieges, bei täglicher Verabreichung einer Flasche Sekt, bei freier Korrespondenz mit der Familie, bei freiem Paketverkehr mit der Familie in Frankreich, bei mehrmaligem Besuch dieser Häfilinge und Erkundigung nach ihren Wünschen an allen ihren Orten. Das ist das, was wir unter „Sonderbehandlung" verstehen. Nach dieser Erklärung gibt Kaltenbrunner seiner Rede dann den Schein von Konkretheit, seine Auslegung von Sonderbehandlung bestätigend: Es kann sein, daß mir Müller davon gesprochen hat, weil es mich außenpolitisch und nachrichtendienstlich auf das allerhöchste interessiert hat, daß das Reich nunmehr auf meine Tendenz eingeht, nämlich Ausländer humaner zu behandeln. In diesem Zusammenhang mag Müller mit mir gesprochen haben, aber Winzerstube und Godesberg diese beiden Endziele dieser sogenannten „Sonderbehandlung", sind die Unterbringungsstätten bevorzugter politischer Häftlinge gewesen. (Nürnberger Prozess XI, S. 373-375) Auch der Versuch Oberst Amens, Kaltenbrunner zum Eingeständnis der Bedeutung von Sonderbehandlung, diesem „quasi amtlich eingeführte[n] Hüllwort" (Schmitz-Berning 1998, S. 585) und „Synonym für Einzelexekution und für Massentötung" (ebd.), mit ,Tötung' zu bringen, scheitert, wie alle Versuche der Ankläger und Richter scheitern, die Täter derart zur Bestätigung der Wahrheit zu veranlassen, dass damit ein gerichtsverwertbarer Sachverhalt gegeben ist — die Urteile stützen sich bekanntlich wahrlich nicht auf täterseiüge Bestätigungen. Dieser gerichtsverwertbare Sachverhalt heißt im Fall Sonderbehandlung. Die Berichte der Einsatzgruppen an das Reichssicherheitshauptamt [dessen Chef Kaltenbrunner war], sowie der gesamte Schriftverkehr zwischen dem Chef der Sicherheitspolizei und des SD, dem Reichsführer SS, der Sicherheitspolizei, den verschiedenen Dienststellen der SS, den höheren SS- und Polizeiführern, der Verwaltung der Konzentrationslager sind charakterisiert Das Eingehen eines solchen „Kooperationsverhältnisses" initiiert zu Beginn einer Verhandlung der Vorsitzende Richter, indem er dem Angeklagten die Kooperationsfrage stellt, etwa, ob der Angeklagte sich zur Anklage äußern möchte. (Vgl. Hoffmann 1983, S. 66)

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durch Anweisungen und Meldungen über die Sonderbehandlung von Juden, Partisanen, sowjetischen Kriegsgefangenen, polnischen Zwangsarbeitem u.a. (Schmitz-Beming 1998, S. 585) Kaltenbrunner, der nach Ansicht der Anklage „die Macht des Nationalsozialismus auf einem Fundament von schuldlosen Leichnamen [baute]" (Nürnberger Prozess XIX, S. 460), tauscht die Referenzbereiche von Sonderbehandlung, diese Referenzbereiche sind ,KZ', Juden, Kommunisten und Homosexuelle', ,töten', aus und ersetzt ,KZ' durch das eleganteste fashionabelste Alpinistenhotel und das hochbetiihmte Hotel in Godesberg, ersetzt Juden, Kommunisten und Homosexuelle' durch besonders qualifizierte, besonders angesehene Persönlichkeiten und ersetzt,töten' durch untergebracht. Kaltenbrunner wechselt also die SS-spezifische Semantik von Sonderbehandlung komplett aus und verkehrt sie in ihr Gegenteil. Die Hauptschuldigen an den schlimmsten Verbrechen der Menschheitsgeschichte zeigen sich mit ihrer Umdeutungstaktik als Görings willige Schüler. Aus dem Nürnberger Tagebuch von Gustave Gilbert, dem Psychologen, der die Verbrecher während der nahezu einjährigen Dauer des Prozesses beobachtete, können wir die Einflussnahme Görings auf das umdeutende responsive Verhalten der Mittäter rekonstruieren. Ein solcher Versuch, z.B. Keitels Antwortstrategie zu beeinflussen, hatte etwa folgende Gestalt: Sie brauchen doch nicht so verdammt direkt antworten! Sie hätten sagen sollen, Sie waren ein guter Soldat undführten Befehle loyal aus! Sie brauchten die Frage, ob es verbrecherisch war oder nicht, gar nicht ^u beantworten. Auf die Frage selbst kommt es gar nicht so an wie darauf, wie Sie sie beantworten. Sie können solche gefährlichen Fragen umgehen und auf eine Frage warten, die Sie gut beantworten können, und dann lassen Sie sich ausführlich darüber aus! {zü. nach Gilbert 1995, S. 242) Nicht so verdammt direkt — die Strategie der Umdeutung — bezeichnet im Ton der Umgangssprache, was sonst mit Vagheit als ein Merkmal von Euphemismen bezeichnet wird. 97 Die Hauptkriegsverbrecher von Nürnberg handeln nach Görings Regieanweisungen. Er hat ein Konzept — vor der Öffentlichkeit zu retten, was er für Ehre hält: Hitlers Namen und einen mittelalterlichen Treuebegriff. Dies sollte nicht nur seine Strategie, sondern die aller Angeklagten sein.

6.2.2. Geständnisse Frank und Speer gelten, obwohl sie auf die zu Beginn des Prozesses den Angeklagten gestellte Frage ,schuldig oder nichtschuldig?' wie alle anderen Von Polenz etwa beschreibt die Kategorie der ,institutionellen Vagheits-Euphemismen' (1999, S. 551).

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antworten: nicht schuldig, als Bekenner von Schuld. Der Generalgouverneur von Polen, Hans Frank, in dessen Herrschaftsgebiet sich die meisten Vernichtungslager befanden, bekennt sich mit einem scheinbaren Sinn für Gerechtigkeit einerseits als Hitlers Stellvertreter in der Schuld: ich [trat] in Nürnberg an seiner [Hitlers] Statt vor die Richter und sagte, daß ich die Schuld bekenne. .. ?nan [kann] nicht die Handlanger Hitlers bestrafen, seine Mitführer aber sich entschuldigen lassen (Frank 1945/46, S. 391f.). Andererseits bekennt er sich als Angehöriger der nationalsozialistischen Funktionsehte zu einer Pflicht zur Partizipation an Schuld, in der Attitüde des Ehrenmannes mit ausgeprägtem Elitebewusstsein: es gibt eine Pflicht, die lautet: wer die Ehren eines Regimes teilte, hat auch die Schuld dieses Regimes teilen (ebd., S. 393). Auf die Frage seines Verteidigers, ob Frank sich „jemals irgendwie an der Vernichtung von Juden .. beteiligt" (Nürnberger Prozess XII, S. 19) habe, antwortet er: Ich sageja; und %war sage ich deshalb ja, weil ich unter dem Eindruck dieserfiinj Monate der Τ Verhandlung und vor alletn unter dem Eindruck der Aussage des Zeugen Höß es mit meinem Gewissen nicht verantworten könnte, die l rerantwortung dafür allein auf diese kleinen Menschen abr^uwäls^en. Ich habe niemals ein Judenvernichtungslager eingerichtet oder ihr Bestehen gefordert; aber wenn Adolf Hitler persönlich diese furchtbare \rerantwortung auf sein Volk gewälzt hat, dann t r i f f t sie auch mich, denn wir haben den Kampf gegen das Judentum jahrelang geführt, und wir haben uns in Äußerungen ergangen - und mein Tagebuch ist mir selbst als Zeuge gegenübergetreten - , die furchtbar sind. Und ich habe daher nur die Pflicht, Ihre Frage in diesem Sinne und in diesem Zusammenhang mit Ja beantworten (ebd.). Dieses demonstrierte dünkelhafte Schuldbewusstsein, das im Kontext steht mit Franks frommer Wende im Nürnberger Gefängnis, variiert er in seinen Memoiren: Auch ich war Antisemit. Auch ich habe mitgeredet. Auch ich trage daher im weiteren intellektuellen Zusammenhang schwere Schuld. Und diese habe ich klar übernommen (Frank 1945/46, S. 411). Äußerungen wie diese hindern ihn jedoch nicht, wie alle andern die Strategien der Exkulpierung zu verfolgen. Franks „höchst widersprüchliche[s] Schuldbekenntnis" (Reichel 2001a, S. 53) scheint Ausdruck einer psychischen Disposition zu sein. Kennzeichnend etwa für das argumentative Verhalten Franks ist es, dass sich Schuldbekenntnis und Leugnung von Schuld nicht ausschließen, im Gegenteil, auf bereitwilliges Bekenntnis — Hier gab es nur die demütige Bekennung einer Schuld am Mord von einigen Millionen unschuldiger Menschen (Frank 1945/46, S. 392) — folgt die Schuldabwehr unmittelbar nach: niemand könnte heute noch ψ behaupten wagen, daß ich für die Judenvernichtung .. verantwortlich wäre oder auch nur davon gewußt hätte (ebd., S. 403). Der Gerichtspsychologe von Nürnberg, Gilbert, hält in seinem Tagebuch eine Selbstcharakterisierung Franks fest: Es ist, als steckten ^wei Menschen in mir. Ich, ich selbst, Frank hier — und der andere Frank, der Na^i-Führer. Und manchmal jrage ich mich, wie dieser Mensch Frank jene Dinge tun konnte (zit. nach Gilbert 1995, S. 118).

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Gleichwohl: ,Frank, der Nazi-Führer' ist derjenige, der redet und der mit exkulpatorischen Argumenten versucht, wie alle anderen, sein Leben zu retten. Albert Speer gilt gemeinhin als der inständigste', weil echte Schuldeinsicht zeigende Nürnberger Hauptkriegsverbrecher. Gitta Sereny bewertet Speers Schuldanerkenntnis als „Geste, zu der er sich als Mitglied der Hider-Regierung verpflichtet fühlte" (Sereny 2001, S. 847). Es ist mithin Attitüde, über die sich Speer selbst bewusst war: manchmal schreckt mich der Gedanke, Hitler selber, wie sehr ich ihn und seine ganry Welt vor Gericht desavouierte, hätte seine helle Freude an dem Angeklagten Albert Speer gehabt. Denn die Gefühlswelt, aus der meine Selbstbe^ichtigungen kamen, war gan-~ nautisch — ich hatte meine Lektion gut gelernt. Nur die Inhalte waren andere. Du bist nichts, deine Schuld ist alles. (Speer 1955, S. 431 f.) Speers Adaption der Nazi-Parole ,Du bist nichts, dein Volk ist alles' entschlüsselt seinen entpersönlichten Schuldbegriff. Es ist die nämliche Scliizophrenisierung, mit der Frank seine Schuld konstruiert. Du und deine Schuld bilden ein Gegensatzpaar, und auch Speer also, wie Frank, spaltet sich ab von Schuld. Wirkliche Schuldeinsicht sucht man daher in Speers Tagebüchern, vor allem hinsichtlich der Ermordung von sechs Millionen Menschen, ebenfalls vergeblich, und diejenigen Formulierungen, die man in die Nähe von Schuldeinsichten rücken könnte, etwa die, Recht und Unrecht oft verkannt (Speer 1952, S. 282) zu haben, sind hinsichtlich ihres Bekenntnisgehalts leer. 98 Speers Lebenslüge hat zwei Ebenen: diejenige der Behauptung, von der Ermordung der Juden nichts gewusst zu haben, und diejenige der Selbstinszenierung als aufrichtig Schuld Bekennender. Gitta Sereny stellt umfangreich dar, wie sie zwei Jahre lang vergebens versuchte, Speer zu einem ehrlichen Bekenntnis zu veranlassen. Zwar stellt sie Reichel bestätigt: „Ein Bewusstsein von Schuld wird nicht erkennbar. Auch in seinen späteren Selbstdarstellungen bleibt diese zentrale Frage [Judenmord] merkwürdig peripher oder ganz ausgespart." (Reichel 2001a, S. 57) Canettis Kommentar indes zeigt, dass Speers Strategie verfing: „Es war möglich, der Quelle der Macht so nah zu sein wie Speer, ohne mit dieser Vernichtung direkt konfrontiert zu werden. Hier scheint mir das Zeugnis Speers von besonderer Bedeutung. Vom Stadium der Sklaverei, der Zwangsarbeit, hat er nicht nur gewußt, er hat es in seinen eigenen Bereich miteinbezogen. Seine Pläne waren zum Teil auf sie gegründet. Von der Ausrottung hat er erst viel später bewußt erfahren, zu einer Zeit, als der Krieg schon verloren schien. Die eigentlichen Enthüllungen über die Lager treffen Speer zuletzt, als er im Kampf gegen Hitler begriffen war, ihre vollste Wirkung haben sie auf ihn erst in Nürnberg. Das ist schon darum glaubwürdig, weil es ihn dazu bringt, eine Kollektivschuld der Führung zu postulieren. Die Entschlossenheit seiner Haltung, unter schwierigen Umständen - .., die Offenheit seiner Aussagen, er beschönigt nichts, sein Hauptuntemehmen, das er dann über Jahre mit der Niederschrift seiner Erinnerungen im Gefängnis betreibt und das darauf abzielt, die Bildung einer Legende um Hitler unmöglich zu machen - alles das setzt den späten Schock der Enthüllungen voraus." (Canctti 1971b, S. 200) Statt eine ,Legende um Hitler' zu verhindern, arbeitet Speer indes an der Bildung der eigenen Legende.

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Schulderkenntnis im Jahr 1944 fest und „sein innerliches Bewußtsein von persönlicher Schuld und sein Leiden daran in den Jahren, die folgten" (Sereny 2001, S. 848). Erst in einer eidlichen Erklärung Speers aus dem Jahr 1977 findet Sereny dann aber die „offensten Worte[..], die er je niedergeschrieben hatte": Der Nürnberger Prozeß bedeutet für mich noch heute einen Versuch, zu einer besseren Welt vorzustoßen. Die Begründung meines Urteils durch das internationale Militärgericht erkenne ich auch heute noch als im allgemeinen korrekt an. Ich halte es aber darüberhinaus heute noch für richtig, die Vetantwortung und damit die Schuld für alles auf mich zu nehmen, was nach meinem Eintritt in die Hitler-Regierung am 8. Februar 1942 an Verbrechen, in generellem Sinne, begangen wurde. Nicht die einzelnen Fehler belasten mich, so groß sie auch sein mögen, sondern mein Handeln in der Führung. Daher habe ich mich für meine Person im Nürnberger Prozeß zur Gesamtverantwortlichkeit bekannt und tue dies auch heute noch. Meine Hauptschuld sehe ich immer noch in der Billigung der Judenverfolgungen und der Morde an Millionen von ihnen (zit. nach Sereny 2001, S. 851).

„Meine Hauptschuld .. Billigung der Judenverfolgung und der Morde an Millionen von ihnen" — Speer legt dieses Geständnis in einer Kategorie (Billigung) ab, die ihn nicht der Gefahr einer Anklage aussetzt. Außerdem schützt er sich in der bekannten Tätermanier durch die Globalisierung und Abstraktion, die nicht justiziabel sind: „in generellem Sinne" und „nicht die einzelnen Fehler". Täter eint eine Strategie der Exkulpierung, denn ein Schuldgeständnis käme einer Selbstzerstörung gleich. Diese Exkulpierungsstrategie verfolgen auch Frank und Speer. Zwar gelten sie als diejenigen, die Schuld bekannt haben, jedoch lassen ihre salvierenden Äußerungen an ihrer Einsicht zweifeln. Täter reden von ihrer Unschuld, so wie sie diese in Nürnberg und vor anderen Gerichten und in ihren Memoiren und Tagebüchern darlegen, als wären sie von ihr überzeugt. Diese suggerierte Überzeugung von Unschuld ist die Voraussetzung für ihr Reden über ihre Schuld. Das ist meine Schuld oder ich bin schuld sind Aussagen der Täter über ihre Unschuld — Form und Inhalt kongruieren nicht. Es ist midiin Rhetorik und Kalkül, wenn Schuld eingestanden wird. So gilt für Frank und Speer, die keine Ausnahmen bilden, wie gesehen, was für die Nürnberger Hauptkriegsverbrecher und für die meisten Täter gilt: Sie reden und argumentieren unter der Voraussetzung nicht schuldig — und legen unter dieser Voraussetzung taktische Geständnisse ab: Mit der Taktik des marginalisierenden, des idealisierenden und des egalisierenden Geständnisses suchen sie sich zu salvieren.

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Marginalisieren Die Täter stellen ihre Schuld dar in Kategorien, die marginalisieren sollen, wo sie belasten und Schuld bestätigen: Wenn ich mich irgendwie schuldig gemacht haben sollte, so höchstens in der Richtung, daß ich trot^ meiner rein militärischen Stellung vielleicht nicht nur Soldat, sondern doch bis ^u einem gewissen Grade auch Politiker hätte sein sollen, was mir aber nach meinem ganzen Werdegang und der Tradition der deutschen Wehrmacht widerstrebte (Raeder 1946, S. 446) — das Exkulpierungsverfahren des Militärs im Gewand des Bekenntnisses: Marineoberbefehlshaber Großadmiral Raeder, der Politiker genug war, in der Vorkriegszeit von Hitler den schnellen Ausbau der deutschen Kriegsmarine zu erwirken (vgl. Kershaw 2002 I, S. 699) und den Diktator zur Besetzung Norwegens zu drängen (ebd. II, S. 390), der am „Heldengedenktag" (12. März 1939) dem deutschen Volk bescheinigt, es habe „den aus dem Geiste des deutschen Frontsoldaten geborenen Nationalsozialismus zu seiner Weltanschauung gemacht und [folge] den Symbolen seiner Wiedergeburt mit fanatischer Leidenschaft" (zit. nach Klee 2003, S. 476), Raeder also windet sich in Vagheit und Konjunktiven (irgendwie, haben sollte, höchstens, vielleicht, bis einem geivissen Grade, hätte sein sollen) und in der Schaffung des Gegensatzpaars von Soldat, voraussetzend das Stereotyp vom unschuldigen weil befehlsgehorsamen Militär, und Politiker, der er nicht gewesen sein wollte. ich [glaubte] an die Möglichkeit .., den Nationalsozialismus in verantwortungsbewußte, ruhige Bahnen lenken können (Papen 1946, S. 455); Es war.. eine Fehlrechnung den Staatsapparat für innerlich so intakt und genügend unabhängig ^γ halten, daß er der Propagandamaschine der NS-Bewegung wirksamen Widerstand entgegen^useti^n imstande sei. (Papen 1952, S. 290); In einer Koalition wäre der Nationalsozialismus durch die Mitübernahme der Regierungsverantwortung voraussichtlich noch in geordnete Bahnen v^u lenken gewesen (Schacht 1953, S. 352) — das Exkulpierungsverfahren des beifälligen Bürgertums: Papen und Schacht benennen das Ziel (verantwortungsbewußte, ruhige, geordnete Hahnen), die Voraussetzungen zu dessen Erreichung (Staatsapparat intakt und unabhängig^ und das Scheitern [glaubte an die Möglichkeit, Fehlrechnung, verpaßt). Wir übersahen .., daß Hitler nach uneingeschränkter Macht strebte (Papen 1952, S. 291); [wir] glaubten .. — törichterweise vielleicht —, daß bei Hitler wie bei der Partei eine Entwicklung %u staatsmännischer Verantwortung eintreten werde (ebd.). Der einstige Vizekanzler Papen gesteht Fehleinschätzung ein und fasst diese Schuld in Kategorien der Harmlosigkeit — ich glaubte an die Möglichkeit, Fehlrechnung, wir übersahen, törichterweise, vielleicht, und wenn er räsoniert: Wenn ich mein Gewissen priife, so finde ich keine Schuld da, ivo die _Anklage sie sucht

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und behauptet, aber, wo wäre ein Mensch ohne Schuld oder Fehl?, und wenn er die Einsicht formuliert: Historisch gesehen mag diese Schuld an jenem tragischen 2. Dezember 1932 liegen, als ich nicht versuchte, den Reichspräsidenten mit allen Mitteln %u bewegen, seinen Entschlnß vom Vorabende aufrechtzuerhalten trotξ Verfassungsbruchs und trotς; der Drohung General von Schleichers mit dem Bürgerkrieg (Papen 1946, S. 456), dann beruft sich Franz von Papen, der als ,Steigbügelhalter' 1932 die wesentlichen Voraussetzungen für die Machtübertragung schuf" und über dessen Freispruch durch die Nürnberger Richter die deutsche Bevölkerung sich deshalb am meisten empörte, in vager Formulierung, die das Schuldurteil ambig hält (mag), auf allgemeinmenschliche Unzulänglichkeit, um gleichzeitig mit der Konstruktion unterlassener Versuch einer Einflussnahme' die Schuldhaftigkeit seines Tuns zu leugnen in der Kategorie historische Schuld. An anderer Stelle lässt er sich über ,historische Schuld' aus: Heute könnte ich mit noch größerer Berechtigung wiederholen, was ich damals den Studenten ^urief: „In den großen geschichtlichen Zusammenhängen gibt es keine moralische, sondern nur eine geschichtliche Schuld. "(Papen, 1952, S. 300)10< überwinden, das deutsche Volk zu einer national und sozial empfindenden Gemeinschaft zusammenzuschließen und außenpolitisch dem Reiche mit friedlichen Mitteln eine achtunggebietende Stellung und dadurch eine Revision des Versailler Vertrages zu ermöglichen. .. Er hatte .. ernsthaft die Absicht, durch eine vom Reichstag als konstituierende Versammlung z}> beschließende Reichs- und Vefassungsreform die Obersteigerung und Übertreibung des Parlamentarismus zu beseitigen und mit einer bereinigten Rjichsverfassung unter Kontrolle einer l'olksvertretung und unter Zulassung einer sachlichen Opposition zu regieren.

Den Deutschen ... die nicht erkennen motten, daß der Gegenstand ihrer I'erehrung an sich nicht gut war. möchte ich .. zu der Hinsicht verhelfen, daß Hitler eine Sache, die ihnen gut erschien, verraten hat. daß er verraten hat, was er ihnen 1932 und 1933 als ein hohes politisches Evangelium verkündete, und daß er sie verraten mußte nach dem Gesetz nac'h a'em er angetreten. (Diels 1950, S. 32f.)

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Unter dieser Voraussetzung kann sich Meißner daranmachen, seine eigene Verblendung, von der er so nicht spricht, Verständnis heischend zu implizieren, und Hitlers Betrug jetzt und in diesem Kontext bewußt und wohlberechnet nennen, den er eben noch ernsthafte Absicht nannte. 114 Die bürgerlichen Partner seiner Regierung — dazu zählte zum Beispiel Papen, der also bestätigt: Hitler [stand] .. nicht als fertiges Produkt am Beginn seiner Tätigkeit da.., sondern [hat] .. sich im häufe der Jahre entscheidend entwickelt und verändert (Papen 1952, S. 293). Hitlers Reichspressechef Dietrich endlich lässt offen und vermeidet es, das Bild des absichtlich täuschenden Hitler zu zeichnen — mit Subjektschüben und indem er es umgeht, Hider als absichtsvoll Handelnden zu präsentieren. 135 Seine Leistungen (nicht er selbst) hatten das Volk geblendet, seine sympathischen Züge (nicht er selbst) hatten das Volk getäuscht, seine Veranlagungen waren verderblich, nicht sein absichtsvolles Wollen und Handeln, seine Entwicklung und sein Wandel haben sich vollzogen, nicht er hat sie vollzogen. Allen diesen Deutungen gemeinsam ist der Fluchtpunkt, an dem die Argumentation ansetzt. Der Zustand, an dem der Wandel zum Verbrecherischen — kalkuliert oder nicht, von Anfang an von bösen Absichten getragen oder nicht — seinen Ausgang nimmt, ist der gute Hitler, der sein Land mit besten Zielen zu regieren sich anschickte. Es hat ihn nach Ansicht dieser Täter gegeben, vielmehr: Es muss ihn gegeben haben, andernfalls gerät das Argumentationsziel — die Überzeugung von ihrer Unschuld — in Gefahr. Weitsichtig beschreibt Sebastian Haffner bereits im Jahr 1939, was nach 1945 Realität wurde und was erst wieder zwanzig Jahre später Alexander und Margarete Mitscherlich psychoanalytisch herleiten: Wenn ihr Idol sie im Stich lässt .. wird ihm alle Schuld zugeschoben, und er wird vom Postament gestoßen. Danach betrachten diese Leute die Welt mit unschuldiger Miene, haben ein reines Gewissen und geraten außer sich, wenn sie für die Taten ihres Idols auch nur im geringsten verantwortlich gemacht oder aufgefordert werden, das, was angerichtet worden ist, wiedergutzumachen. (Haffner 1939/1996, S. 118) jedenfalls ließ im ersten Jahre seiner Amtsführung nichts darauf schließen, daß Hitler danach strebte, die bürgerlichen Partner seiner Regierung, den Reichspräsidenten und die Öffentlichkeit irrezuführen, die Τ 'olksvertretung völlig auszuschalten und mit Mitteln der Gewalt und des Betrugs eine Diktatur errichten. Erst nachträglich ist die innere Politik Hitlers als ein bewußtes und wohlberechnetes I'orstadium Errichtung der Diktatur und als Vorspiel seiner Kriegspolitik gedeutet morden. In den ersten Jahren nach der Machteigreifung ließ sich von solchen Zielen nichts erkennen. (Meißner 1950, S. 310f.) Er ist im Besitze der Macht im Eaufe der Jahre anders geworden, als er sich vorher geigte und als das Volk ihn sah. .. Seine großen socialen Erfolge und nationalen Leistungen hatten dieses I'olk geblendet. Seine nach außen hervortretenden menschlich-sympathischen Züge hatten es getäuscht über seine großen aber verderblichen politischen Veranlagungen. Hitlers Entwicklung und sein Wandel vom großen socialen Volksführer ~um machtpolitischen Herostraten hat sich im "Lauf vieler Jahre vollzogen, unmerklich wie eine Metamorphose (Dictrich 1955, S. 17).

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Die Konsequenz dieses psychischen Syndroms ist ein sprachgeschichtlicher Faktor: Komponente der Diskurs- und Wortschatzgeschichte des Deutschen ist seit der Einfuhrung dieser Entlastungsstrategie durch die Täter 1945 die Deutung einer Hitlerfigur mit denjenigen Attributen (suggestive Kraft, lähmende Gewalt, er allein), die ihn aus der Gesamtgesellschaft isolieren und also seine Mittäter endasten. Gegenklage wird nicht nur realisiert durch die explizite Abschiebung von Schuld auf andere. Strategisches Element ist ebenso entweder Selbsterhöhung oder Selbsterniedrigung, Argument ist deshalb entweder ,ich war zu mächtig' oder ,ich war zu machdos'. Göring antwortet auf die Frage des englischen Anklagevertreters Maxwell-Fyfe, ob ein Minister seiner Machtstellung „in Unkenntnis dieser Vorgänge verbleiben konnte?" gerade deshalb, weil das so war, wurden diese Sachen [Vorgänge in den Konzentrationslagern] vor mir geheimgehalten. .. Ό as spricht auch dafür, daß Himmler diese Sachen außerordentlich geheimgehalten hat. Es sind uns niemals 7.ahlen oder irgend etwas in dieser Die belastende Vermutung des Anklagevertreters, ein Mann mit der Macht Görings müsse über alle politischen Vorgänge informiert gewesen sein, kehrt Göring mit der Konstruktion, dass gerade, weil er so mächtig war, Himmler ihm die Vorgänge in den Konzentrationslagern verheimlicht habe, dialektisch um in Entlastung. Damit versucht Göring nicht nur, die Vermutung argumentativ zurückzuweisen — gestützt durch die Annahme, dass selbst Hitler nichts wusste —, sondern gleichzeitig in der Manier „leichenschänderischer Verteidigung" (Nürnberger Prozess XIX, S. 478) implizit Gegenanklage zu erheben: Himmler trägt die Verantwortung. Diese Fokussierung des Anklagegegenstands Himmler ist gleichzeitig versuchter Themenwechsel, denn über den abwesenden, weil toten Himmler ist nicht zu verhandeln. Diese Technik der dialektischen Umkehr ist auch Kaltenbrunners Strategie: Himmler hatte weder bei diesem Anlaß [Besuch des Konzentrationslagers Mauthausen] noch bei irgendeinem anderen Anlaß mich je in ein Haftlager geführt, noch angeregt, ein solches "Lager %u besichtigen. Wie ich später gehört habe, hat er das aus gewissen Absichten nie getan. Ich hätte auch niemals eine solche Inspektion mitgemacht, weil ich genau weiß, dass er bei mir, ebenso wie bei verschiedenen anderen Personen, die er solchen Besuchen eingeladen hat, „Potemkinsche Dörfer" aufgebaut hätte und in die Betriebe, in die Konzentrationslager, wie sie wirklich gewesen sind, außer einer Piandvoll Männern des Wirtschafts- und X'erwaltungshauptamtes, niemals irgend jemand die geringste Einsicht gewährte. (Nürnberger Prozess XI, S. 301 f.) Ablehnung von Verantwortlichkeit und ihre Übertragung auf andere, das ist Selbstentmündigung. Göring und Kaltenbrunner berufen sich dazu auf ihre Machtposition, um damit die daraus folgende Unaufrichtigkeit der anderen zu suggerieren.

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Die gegenläufige Strategie besteht in der Berufung nicht auf ihre Macht, sondern auf ihre Ohnmacht. Dazu konstruiert man das Argument ,für mich nicht durchschaubar'. Die Konsequenz dieser Konstruktion heißt Nichtwissen — das bekannte Standardargument zum Zweck der Salvierung. Fritzsche lenkt Schuld ab auf Hider und einen kleinen Kreis von Helfershelfern. Sie handelten insgeheim, umgeben von Nebel (Fritzsche 1946, S. 463). Streicher hat von den Massenermordungen und Massentötungen erst.. in der Gefangenschaft (Nürnberger Prozess XII, S. 350) erfahren. Kaltenbrunner war nicht zuständig. 136 Iveitel konnte nicht erkennen. 137 Sein General Leeb konnte nicht wissen, er reproduziert den Mythos von der sauberen Wehrmacht: Was über den rein kriegerischen Zweck des Krieges hinaus auf russischem Boden geschehen ist, fällt der Wehrmacht nicht zur Last. Es ist ohne unser Wissen und Zutun geschehen. Keiner der Angeklagten hat etwas von dem Geheimen Führerbefehl und dem organisierten Massenmord durch die Einsatzgruppen, die uns nicht unterstellt waren, gewusst. (Leeb 1950, S. 338) Leeb argumentiert in viele Richtungen: über den rein kriegerischen Zweck des Krieges hinaus — sind die Grenzen bestimmbar? Ohne unser Wissen und Zutun — nicht erst die heutige Forschung weiß, wie gut die Arbeitsgemeinschaft Wehrmacht — Einsatzgruppen funktioniert hat. Dass ein genau aufeinander abgestimmter Ablauf bestand, im Zuge dessen die vorausgehende Wehrmacht sozusagen das Terrain für die nachfolgenden Einsatzgruppen vorbereitete 138 , gehörte auch schon zum zeitgenössischen Wissen. 139 Und schließlich: Die uns nicht unterstellt waren — ein nachgeschobenes Argument. Entweder hat man nicht gewusst oder man war nicht zuständig. Frank, der dem Gerichtspsychologen Gilbert den Rat gibt, keinem zu glauben, der behaupte, er habe nichts gewusst 140 , war nicht eingeweiht: Gegenüber dem Befehl der Judenvertilgung bestand rigoroseste, technisch-methodisch d i f f i zilste Geheimnissorgfalt, so daß tatsächlich über das ganze grauenvolle Geschehen ein herDie gesamten Zuständigkeiten im Konzentrationslager von dem Augenblicke, an welchem ein Häftling die Schwelle des Konzentrationslagers überschritten hat .. ist ausschließlich in der Zuständigkeit des Wirtschaft!- und Verwaltungshauptamtes gelegen gewesen (Nürnberger Prozess XI, S. 294). das beste, was ich als Soldat zugeben hatte. Gehorsam und Treue, [wurde] fir nicht erkennbare Absichten ausgenutzt (Keitel 1946, S. 431). „Die Vernichtungsaktionen der in der Sowjetunion operierenden Einsatzgruppen gegen die Juden wären .. nicht oder nicht in diesem Umfang möglich gewesen, wenn die Chefs der Heeresgruppen oder die Befehlshaber der Armeen keine Unterstützung in der Vorbereitung und Ausführung gewährt hätten." (Streim 1997, S. 572) Wohin die Wehrmacht vorgedrungen war. da folgten ihr SS-I rerbände auf dem Fuße nach, die es sich zur Aufgabe machten, z}u kommen, die Berücksichtigung der inneren Verhältnisse .., unter denen zu dienen wir gezwungen waren. Wir waren durch unseren Eid und die Gehorsamspflicht gebunden; und wir lebten unter dem Zwang einer sich mehr und mehr dämonisch wie chaotisch gestaltenden Diktatur (ebd., S. 240). Kaltenbrunner [mußte] das Reichssicherheitshauptamt übernehmen und seine Aufgabe und Tätigkeit wurden ihm übertragen, er mußte .. befehlsgemäß .. dieses Kommando antreten (Kaltenbrunner 1946, S. 431). Der Hitler-Vertreter in Dänemark, Werner Best, definiert Massentötungen im Kriege als poli^eifremde Maßnahmen, ™u denen die Angehörigen der Sicherheitspolizei unter dem Druck der Kriegsgeset^egezwungen wurden (Best 1949, S. 162f.) und die sie ans eigenem Entschluß nie vorgenommen hätten, denen sie sich [aber] nicht entziehen konnten (ebd., S. 163). Von Rudolf Höß erfahren wir, wie das nazistische Befehlsund Gehorsamsprinzip funktioniert hat und was seine Voraussetzungen waren: So im Eickeschen142 Geist erlogen und ausgebildet hatte ich meinen Dienst im Schutzhaftlager zu verrichten. .. durch mein Verbleiben im KL machte ich mir die dort geltenden Anschauungen, Befehle und Anordnungen zu eigen. (Höß 1947, S. 66f.) Höß wird in Nürnberg gefragt, ob er „jemals angesichts [seiner] eigenen Familie und Kinder Mideid mit den Opfern gehabt" habe und er antwor-

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sefs] triebhafte[..], sich als gewissenhaftflihlendef..] und in der Tat alles Gewissen preisgebende^.] Verhalten (Jaspers 1946, S. 165). Theodor Eicke, 1933 Kommandant von Dachau, „entwickelte ein Organisationsschema mit detaillierten Bestimmungen für das Lagerleben, das später für alle Lager galt" (Enzyklopädie des Nationalsozialismus, S. 412). Seit Juli 1934 war er Himmler direkt unterstellter Inspekteur der Konzentrationslager und der SS-Totenkopfverbände.

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tet „Jawohl". Auf die weitergehende Frage, weshalb er „dennoch diese Aktion [habe] durchführen können", erwidert er: Bei all diesen Zweifeln, die mir kamen, war immer wieder einzig ausschlaggebend der unbedingte Befehl und die dazugehörige Begründung des Reichsführers Himmler (Nürnberger Prozess XI, S. 444). In seinen Memoiren schildert Höß die Erteilung dieses Befehls: (Himmler erteilte] mir.. persönlich den Befehl.., in Auschwitz einen Platz %ur Massenvernichtung vor^tibereiten und diese Vernichtung durchzuführen .. dieser Befehl [war] etwas Ungewöhnliches, etwas Ungeheuerliches .. die Begründung ließ mich [!] diesen I 'crnichtungsvorgang richtig erscheinen. Ich stellte damals keine Überlegungen an — ich hatte den Befehl bekommen — und ich hatte ihn durchzuführen. Ob diese Massenvernichtung der Juden notwendig war oder nicht, darüber konnte ich mir kein Urteil erlauben .. Wenn der Führer selbst die „Endlösung der Judenfrage" befohlen hatte, gab es für einen alten Nationalsozialisten keine Überlegungen, noch weniger für einen SS-Führer .. Was der Führer befahl bzw. für uns sein ihm Nächststehender, der RFSS — war immer richtig (Höß 1947, S. 120f.). Persönlich, Befehl\ keine Überlegung, hatte durchzuführen, kein Orteil, Führer selbst, befohlen, alter Nationalsozialist, SS-Führer, immer richtig — diese lexikalische Instrumentierung des nationalsozialistischen Gehorsamskonzepts, das sich in dem Argument ,ich musste' manifestiert, offenbart den Grad von jegliche moralisch-ethische Werte verabschiedender Obedienz nazistischer Befehlsempfänger, unter denen Höß keine Ausnahme bildet. Befehlen bedingungslos zu gehorchen 143 setzt voraus, ein etwa vorhandenes ethischmoralisches Wertesystem außer Kraft zu setzen.144 Die diese Paralyse erzeugende Leittugend des Nationalsozialismus heißt Härte: Höß' größte Sorge war, als weich zu gelten. Seine größte Schuld sieht er darin, nicht erklärt zu haben, dass er für den KL-Dienst in Auschwitz nicht geeignet sei, weil ich meine Weichheit nicht eingestehen wollte .. Ich wollte als hart verschrien sein, um nicht als weich ψ gelten (Höß 1947, S. 67) — über seinen Tod hinaus: Ich bitte .. all meine weichen Regungen .. der Öffentlichkeit nichtpreis^iigeben (ebd., S. 151). Was sind diese weichen Regungen, die er in seiner Biographie mitteilt?

Hannah Arendt korrigiert die positiv besetzte Semantik von gehorchen, „diejenigen, die mitmachten und Befehlen gehorchten, |sollten] nie gefragt werden: ,Warum hast Du gehorcht?', sondern: ,Warum hast Du Unterstützung geleistet?' .. Es wäre viel gewonnen, wenn wir das bösartige Wort,Gehorsam' aus dem Vokabular unseres moralischen und politischen Denkens streichen könnten" (Arendt 1964, S. 97). Diese Entlastung setzt sich im Leugnen fort: „In der Beteuerung der privaten Unschuld, die den Ruf des Gewissens tilgt, zugleich die Schuld des totalen Herrschaftsapparates proklamiert, schließlich das gesamte, der Erbsünde verfallene Menschengeschlecht anklagt, unterwirft sich der in der bürokratischen Fabrikation der Vernichtung von Menschenmaterial geblendete Mörder noch immer, wenn er nicht erkennt, daß nicht einfach der herrische Befehl, sondern das juridische Gesetz die Täter zu Verbrechern produziert, sie sich selbst dazu formieren im Gehorsam gegenüber, unter dem staatlichen Gesetz." (Köpcke-Duttler 1990, S. 65f.)

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ich muß offen sagen, auf mich wirkte diese Vergasung beruhigend.. Mir graute immer vor den Erschießungen. .. Nun war ich doch beruhigt, dass uns allen diese Blutbäder erspart bleiben sollten, dass auch die Opfer bis ^um letzen Moment geschont werden konnten (ebd., S. 123). So gerät hart sein — Härte ist das Gütesiegel der SS 145 — in der Logik nationalsozialistischen Denkens zum exkulpierenden Deutungsmuster und bildet in dieser Funktion die semantische Opposition nicht nur von weich, sondern vor allem auch von grausam·. Sie können es glauben oder nicht — aber ich sage es in tödlichem Ernst: Grausam bin ich nie gewesen! Ich gebe ^u, ich war hart, ich leugne nicht, daß ich nicht gerade schüchtern war, wenn es sich darum handelte, 1000 Mann erschießen ψ lassen, %ur X Vergeltung, als Geiseln oder was Sie wollen. Aber Grausamkeit — Frauen und Kinder foltern — du lieber Gott! Das lag meiner Natur fern. (Göring, zit. nach Gilbert 1995, S. 185); Ja, ich war hart und streng — wie ich es beute sehe — oft hart und streng. Wohl habe ich in der Verärgerung über angetroffene Missstände oder Nachlässigkeiten manch böses Wort gesagt, manche Äußerung herausgestoßen, die ich nie hätte tun dürfen. Doch niemals war ich grausam — nie habe ich mich ς» Misshandlungen hinreißen lassen. (Höß 1947, S. 150)146 Die Grenze zwischen moralisch zu billigender Härte und ethisch verwerflicher Grausamkeit ziehen Täter, die unter der Voraussetzung eines auf die nationalsozialistische Weltordnung zugeschnittenen Wertesystems argumentieren: Grausam ist,Frauen und Kinder foltern', und grausam ist ,misshandeln', dagegen hart ist ,1000 Mann zur Vergeltung erschießen lassen', und hart ist ,ein böses Wort sagen' und ,Äußerungen tun, die man nicht tun darf. In dieser Logik ist hart (das im Deutschen die fatale Verbindung hart, aber gerecht eingeht und das in dem Zarathustra-Diktum Gelobt sei, was hart macht gepriesen wird 147 ) dann ,sechs Millionen Menschen umbringen', Bekannt ist die als Lob gedachte Interpretation Heinrich Himmlers, die er anlässlich einer Rede auf der SS-Gruppenführertagung in Posen am 4. Oktober 1943 liefert: „Von euch werden die meisten wissen, was es heißt, wenn 100 Leichen beisammen liegen, wenn 500 da liegen oder wenn 1000 da liegen. Dies durchgehalten zu haben und dabei - abgesehen von Ausnahmen menschlicher Schwäche — anständig geblieben zu sein, das hat uns hart gemacht" (zit. nach Nürnberger Prozess XXIX, S. 145). Hannah Arendt beobachtet bei Eichmann die nämliche schizophrene Disposition: „Als Eichmann im Polizeiverhör gefragt wurde, ob die Direktive, ,unnötige Härten zu vermeiden', nicht einen ironischen Klang habe, angesichts der Tatsache, daß die Bestimmung dieser Menschen sowieso der sichere Tod war, verstand er die Frage gar nicht, so fest verankert war in ihm die Überzeugung, daß nicht Mord, sondern einzig die Zufügung unnötiger Schmerzen eine unverzeihliche Sünde sei. Er zeigte während des Prozesses unverkennbare Anzeichen aufrichtiger Empörung, wenn Zeugen über Grausamkeiten und Greueltaten der SS berichteten .. In echte Erregung versetzte ihn nicht die Beschuldigung, Millionen von Menschen in den Tod geschickt zu haben, sondern allein die (vom Gericht zurückgewiesene) Beschuldigung eines Zeugen, er habe einen jüdischen Jungen zu Tode geprügelt." (Arendt 1964a, S. 198f.) Theodor Haecker notiert am 31. März 1940 in seinem Tagebuch eine Hörbegegnung mit Goebbels: „Wie erschrak ich, als die ausgestorbenste Stimme des Reiches seine Rede ende-

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das ist aber nicht grausam, und damit nicht zu beanstanden, sondern ethisch einwandfrei. Wir können eine begriffliche Verbindung zu dem oben analysierten Pflicht-Argument herstellen. Den ethischen Hochwert ,Härte gegen sich selbst' begründet Gesine Schwan (2001) mit der „verkürztefn] Rezeption von Kants Pflichtethos, insbesondere seiner scharfen Weigerung, das sittliche Handeln bloß auf Neigung zu gründen" (S. 97). Und: Wir erkennen die Wirkungsmacht des nationalsozialistischen Herrenmenschen-Untermenschen-Konzepts, welches mit Kategorien wie Bacillen und Schmarotzer die Schwelle der Tötungsbereitschaft derart senkte, dass Schuldeinsicht sich auch retrospektiv nicht einstellt. In seinem Schlussplädoyer fasst Justice Jackson das Redeverhalten der Hauptkriegsverbrecher zusammen: Der Refrain ist immer wieder zu hören: Diese Männer waren ohne Autorität, ohne Kenntnis, ohne Einfluß, ohne Bedeutung. .. Aus der Aussage jedes Angeklagten kam man zu irgendeinem Zeitpunkt zu der bekannten weißen Mauer: Niemand wußte irgend etwas von dem, was vor sich ging. Immer und immer wieder haben wir aus der Anklagebank den Chor gehört: Ich erfahre von diesen Dingen hier zum ersten Male. Diese Männer sahen nichts Böses, sprachen nichts Böses, und in ihrer Gegenwart wurde nichts Böses geäußert. (Nürnberger Prozess XIX, S. 473)

Es mag sein, dass sie im physisch-konkreten Sinn, also eigenhändig, tatsächlich nicht quälten, schlugen, mordeten. Und natürlich gilt für die politische Elite des Nationalsozialismus, was Elitenmerkmal überhaupt ist. Justice Jackson kommentiert in diesem Sinn die Leugnungen: „Sie haben ihre Hände nicht mit Blut besudelt, sondern es verstanden, sich kleine Leute als Werkzeuge zu verschaffen" (Nürnberger Prozess II, S. 122). Ihr W o l l e n aber war, dass gequält, geschlagen, gemordet wurde, war die Ermordung von Millionen und sie haben ihr Handeln danach ausgerichtet, dass nicht nur ohne rechtliche Folgen, sondern im Gegenteil staatlich sanktioniert gequält, geschlagen, gemordet wurde. Angesichts dessen ist es im ethisch-moralischen Sinn ein unbedeutendes Detail, ob sie diese Gewalttaten eigenhändig ausführten. Dieses Bestreiten einer „Schuld im Sinne der Verantwortlichkeit für das eigene Handeln, der Zurechenbarkeit der Verbrechen zum eigenen Verhalten" ist Ausdruck eines restriktiven Schuldbegriffs: „als freiwilliges und absichtliches Schaden-Anrichten, Böses-Tun, nicht als Unterlassen" (Schwan 2001, S. 102).148

te: .Gelobt sei...' Er machte sogar eine Pause — sollte er sich vergessen haben, in Kindererinnerungen gefallen sein? Aber er fuhr fort: ,was hart macht'. Ja, das ist wieder in der Reihe. Die Religion des deutschen Herrgotts ist die Religion des steinernen Herzens." (Haecker, Tag- und Nachtbücher 1939-1945, S. 43) Vor diesem Hintergrund der Elitenkonstellation wäre ein sprachlicher Vergleich mit dem exkulpatorischen forensischen Verhalten der Angeklagten im Auschwitz-Prozess zu ziehen,

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6.3. Die Analysen der Nichttäter: Die Epoche der Kollektivschuld Konrad Adenauer inkriminiert auf seiner ersten Nachkriegsrede, die er am 1. Oktober 1945 als wieder eingesetzter Oberbürgermeister von Köln vor der von der britischen Militärregierung ernannten Kölner Stadtverordneten-Versammlung h ä l t , j e n e Fluchwürdigen, die in dem unseligen Jahre 1933 ψτ Macht kamen. Sie allein trügen die Schuld am Elend der Deutschen und der Zerstörung Kölns: diesen namenlosen Jammer .. diese[s] unbeschreibliche[..] Elend .. de[r] deutsche[..] Name[..] vor der sanken zivilisierten Welt mit Schmach bedeckt und geschändet.. unser Reich verstört[..] .. unser verführtes und gelähmtes Volk .. in das tiefste Elend gestürmt. (Adenauer 1945, S. 80) Mit einer Freisprechung setzt Adenauer seine Rede fort: Wir, Sie und ich, sind nicht die Schuldigen an diesem Elend (ebd.). 149 Diese trotzige Selbstgerechtigkeit Adenauers ist Reaktion auf ein kommunikatives Phänomen der Nachkriegszeit: Man fühlt sich von der Welt angeklagt und realisiert den Nachkriegsdiskurs im Sinn von Bezugnahmen und Repliken auf diese vermeintliche Anklage: Die Weltmeinung .., die einem l rolke die Kollektivschuld gibt, ist eine Tatsache von derselben Art, wie die, daß in Jahrtausenden gedacht und gesagt wurde: die Juden sind Schuld, daß Jesus gekreuzigt wurde. Wer sind die Juden? (Jaspers 1946, S. 145) Unabhängig davon, ob es den Kollektivschuldvorwurf als historische Tatsache gegeben hat 15 " — im Sinn der Wahrnehmung einer anklagenden Atdenjenigen Tätern, die ihren Opfern von Angesicht zu Angesicht gegenüberstanden, das Gegenteil von Schreibtischtätern. Die Beschränkung auf das Leiden der Deutschen bzw. der Kölner und diese unbekümmerte Selbstgerechtigkeit haben die Alliierten nicht gem. Adenauer zieht mit dieser Rede derart ihren Unwillen auf sich, dass sie ihn am 6. Oktober 1945 seines Amtes entheben (vgl. Herf 1998, S. 252f.). Nicht nur Adenauer beschränkt sich im Zuge seiner Schuldreflexion allzu häufig auf das Elend der Binnen-Deutschen und der Vertriebenen. Bei aller Bereitschaft, zum Erfolg alliierter Deutschlandpolitik beizutragen, mag man auf den Verweis zerstörter Städte und Existenzen und die Massenflucht aus dem Osten nicht verzichten: I 'erlust unserer Werften und Schiffe. Fabriken, unserer halben Stadt. Verlust von 25000 unserer besten Söhne; das große Sterben und die V'.r^weiflung in Königsbelg und Breslau, an der Nehrung und im schlesischen hand, die Flucht der Siebenhunderttausend aus Breslau in den Januartagen 1945 .. Austreibung aus der angestammten Heimat; die allgemeine Notlage, die Ernährungsnot mit ihrer zunehmenden Gefährdung der Volksgesundheit und Arbeitskraft. die Wohnungsnot, die W'ährungsnot, die Rohstoffnot. die Kohlen- und Eisennot, graue Not und Sorge, Krankheit und Elend. Am Ende ist wohl zu konzedieren, dass es sich dabei um ein Konstrukt eher denn um einen aus Quellen rekonstruierbaren Sachverhalt handelt. Eine reines Geltenlassen der Quellen, der öffentlichen und offiziellen Aussagen der Alliierten zur Deutschlandpolitik, muss verneinen, dass es dieses Konzept gegeben hat: Die Alliierten haben explizit eine deutsche Kollektivschuld verneint. Die Einbeziehung atmosphärischer und psychologischer Wahrnehmungsfaktoren hingegen muss die Existenz der These bejahen: „Wenn man .. die alliierte Deutschlandpolitik betrachtet, muß die .. Wechselbeziehung zwischen den

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mosphäre war er deutsche Nachkriegsrealität, wie die zahlreichen Bezugnahmen belegen. D e r Kollektivschuldvorwurf ist wesentliches Konstituens des Nachkriegsdiskurses, u m nicht zu sagen Impuls — Kollektivschuld ist Schlüsselwort der Nachkriegszeit: Alle wurden zunächst in einen Topf geworfen. Eigentum und Wobnungen wurden beschlagnahmt ganζ ohne Ansehen der Person. Statt des goldenen Zeitalters, das man ironisch „das vierte Reich"genannt hatte, begann die Epoche der Kollektivschuld und der Fragebogen. (Sternberger 1946, S. 12) Epoche der Fragebogen — dem fragwürdigen Ernst von Salomon 1 5 1 ist das in dieser zeitgemäßen Formel verdichtete Bemühen der Alliierten Anlass, den vielseitigen R o m a n ,Der Fragebogen' zu verfassen. Dieser Roman war, zynisch und hämisch, denunziatorisch und uneinsichtig, wie seine Diktion angelegt ist, ein Erfolg: die Alliierte Militärregierung .. sendet mir den Fragebogen ins Haus, beginnt sofort barschen Tones wie ein Untersuchungsrichter gegenüber dem Verbrecher mit einer Flut von 131 Fragen, siefordert von mir kalt und knapp nichts weniger als die Wahrheit und droht gleich zweimal, am Anfang und am Ende des Fragebogens mit Strafen, deren Art und Ausmaß ich .. herzlich Z}' fürchten nicht umhin kann. .. Angesichts des gesamten Tenors dieses Fragebogens und in Kenntnis der Tatsache, daß fast jeder Deutsche mindest der westlichen Teile unseres Tandes gehalten ist, ihn auszufüllen, muß ich geschärften Gewissens endlich die Befürchtung hegen, teilzuhaben an einem Akte, der unter seinen nicht kontrollierbaren Umständen doch geeignet sein kann, einem Tande und einem Volke, dem ich unausweichlich angehöre, zu schaden im Auftrag fremder Mächte, die ihre Herrschaft ausüben lediglich durch die historische Tatsache des deutschen Zusammenbruchs und auf Grund einer Abmachung die geschlossen wurde mit Männern, von denen ihre Partner von vornherein annahmen, daß sie l rerbrecher seien, fremder Mächte, die damit jedes Recht zur

gegenüber dem deutschen Volk vorgesehenen Maßnahmen und dem Urteil über das Verhalten der Deutschen berücksichtigt werden. Auch wenn ein alliiertes Deutschlandkonzept nicht ausdrücklich einen Kollektivschuldvorwurf enthält, kann von Maßnahmen mit Kollektivstrafcharakter doch auf einen solchen Vorwurf geschlossen werden" (Rothenpieler 1982, S. 86). So werden als praktizierter ,Vansittartismus', der eine deutsche Kollektivschuld voraussetzt, bestimmte Formen der Entnazifizierung bewertet: „Die rigorosen Entlassungsbestimmungen verrieten deutlich den Einfluß des Vansittartismus, der im Nationalsozialismus verbrecherische Auswüchse einer historisch gewachsenen, spezifisch deutschen Mentalität sah." (Rauh-Kühne 2001, S. 113) Der britische Diplomat Baron Robert Gilbert Vansittart forderte, wie Morgenthau, eine radikale antideutsche Politik, so dass das Label Γ'ansittartismus für kurze Zeit zum lexikalischen Bestand des Nachkriegsdeutsch gehörte. Ernst von Salomon war 1920 aktiv am Kapp-Putsch beteiligt und wurde 1922 wegen Beihilfe zur Ermordung Rathenaus zu fünf Jahren Zuchthaus und weiteren vier Jahren Ehrverlust verurteilt. In seinem Roman ,Die Geächteten' (1930) verarbeitet Salomon diese Erfahrung. „Trotz seiner eindeutig rechtsradikalen Einstellung wurde Salomon wegen seiner stilistischen Brillanz und seiner analytischen Offenheit von zahlreichen Kritikern, u.a. Robert Musil, z.T. euphorisch gefeiert." (Literatur-Lexikon 1991 X, S. 122). Mit dem ,Fragebogen' machte Salomon sich zum „Sprecher derjenigen .., die weiterhin deutschnational dachten" (ebd.).

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Herrschaft gewonnen haben, — jedes Recht außer dem einen, dem Recht nach dem Gesetz nach dem sie selber angetreten, und gerade dadurch ein Vakuum entstehen ließen, in welchem uns erlaubt sein möge, uns anzusiedeln, uns, die wir unsjedes Rechtes begeben haben, jedes Rechtes außer dem einen, dem Riecht nach dem Geset^ nach dem wir selber angetreten. .. Er ist.. angenehm umfangreich. Gerade die Fülle seiner Fragen bedingt eine Fülle von Antworten. Und ich halte es für verdienstlich in jedem Falle, mich mit den Möglichkeiten jenes merkwürdigen Dinges befassen, welches die allgemeine Skepsis einfach "Wahrheit" benennen übereingekommen ist. (Salomon 1951, S. 6-9) Die dominierende Bewertung nicht nur Salomons bezieht sich auf die groteske Dimension der 131 Fragen und auf ihren missionierenden Duktus: schematische[..], missionsbehaftetef..] Denazifizierung (Vaubel 1945-1949, S. 100) — die Deutschen störten sich an dem sakralen Charakter des moralischen Kreuzzuges der Amerikaner wider die Deutschen. 152 Andererseits: Exhaustive Berichterstattung über den Nürnberger und andere Prozesse in Zeitung und Rundfunk, das anfängliche Fraternisierungsverbot, die alliierten Verordnungen zur Besichtigung von Konzentrationslagern (z.B. die Besichtigung des KZs Buchenwald durch Weimarer Bürger), mit einem Bild von Leichenbergen und der Unterschrift „Das ist eure Schuld" versehene Plakate — solche Erscheinungsformen alliierter Entnazifizierungspolitik machen die Kollektivschuldthese zu einem bis heute diskutierten Thema der Zeitgeschichtsschreibung 153 und üben auf die Zeitgenossen den Gewissensdruck aus, für den nicht nur Schuldbewusste empfänglich sind. Für Karl Jaspers waren nicht zuletzt Schuld vorwerfende Plakate Beleg für die Existenz des Kollektivschuldvorwurfs: Als im Sommer 1945 die Plakate in den Städten und Dörfern hingen mit den Bildern und Berichten aus Belsen und dem entscheidenden SatDas ist eure Schuld!, da bemächtigte sich eine Unruhe der Gewissen .. da bäumte sich etwas auf: wer klag mich da an? Keine Unterschrifl, keine Behörde, das Plakat kam wie aus dem leeren Raum. Es ist allgemein menschlich, daß der Beschuldigte, ob er nun mit Riecht oder Unrecht beschuldigt wird, sich verteidigen sucht. (Jaspers 1946, S. 149)

1=2

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Jeder Erwachsene in der amerikanischen Zone, das heißt dreizehn Millionen Menschen, mussten Fragebögen ausfüllen und 3,5 Millionen Fälle wurden vor Spruchkammern verhandelt (vgl. Rauh-Kühne 2001). Zu der vom Entnazifizierungssystem vorgegebenen Beweislast und ihren sprachlichen Folgen vgl. Kämper 1998. Heutige Historiographie erlaubt eine Bestätigung dieser Einschätzung der Entnazifizierungsmaßnahmen als Fehlgriff: „der Schematismus und die quantitative Eskalation der Entnazifizierung schadeten nicht nur ihrem Ansehen und beeinträchtigten die Wiederherstellung der öffentlichen Ordnung und des Wirtschaftslebens. Nachteilig wirkten sie sich auch auf die anfangs unbestrittene legitimation einer politischen Säuberung aus. Tendenziell wurde jeder Deutsche zu einem Belasteten und konnte sich als ein potentielles Opfer der Besatzungsmächte sehen. Das provozierte die Abwehr eines Kollektivschuld-Yorwurfs, den die Alliierten pauschal nie erhoben haben." (Reichel 2001a, S. 25f.)

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Jaspers bewertet dieses Plakat als Legitimation alliierter Deutschlandpolitik, jedoch sei es fraglich, ob es politisch sinnvoll, zweckmäßig, gefahrlos, gerecht sei, ein ganzes Volk %um Variavolk machen (ebd.). Initialer Bezugspunkt des Schulddiskurses der Nichttäter ist der vermeintliche Kollektivschuldvorwurf der Welt, dieses Diskurs-Phänomen der britischen und amerikanischen Zone. Kollektivschuld also, wenn nicht als geschichtliche Tatsache, dann sicher aber sozusagen als kognitiv repräsentiertes Problemfeld ist real und dieses Diskurssegment ist als Schulbeispiel für die gesellschaftliche und also sprachliche Konstruktion von Wirklichkeit zu bewerten. Das Thema ,Kollektivschuld' ist in der frühen deutschen Nachkriegszeit eine diskursiv erzeugte Realität und schafft Argumentationsgemeinschaften quer durch die Gesellschaft, durch Konfessionen, Professionen und Parteien. 154 Die sich mit der These auseinandersetzen, erzeugen einen radikalen Antagonismus, mit dem sie die Welt den Deutschen entgegenstellen. 155 Die Welt, die gan^e Welt, die Verachtung der Welt hie, alle Deutschen, alle, jeder einzelne, die Gesamtheit, die ΐ Volksgemeinschaft, das deutsche Volk, wir da — mit der Konstruktion der weltweiten Stigmatisierung schaffen sich die am geistigen Leben teilnehmenden Deutschen eine Voraussetzung für Zeitkritik und Diagnose. Sie haben nicht ein Bedürfnis nach verbaler Totalunterwerfung und Selbstentwürdigung, sondern große Bereitschaft einerseits zum Kampf gegen das Welturteil, andererseits auch zur Selbstanalyse, bekanntlich im Unterschied zur Masse der Bevölkerung.156 Die Welt da und die Deutschen hie — die sonst und in anderen Kon-

Eberan bewertet die „Tatsache, daß sie so tief ins Bewußtsein der westlichen Völker dringen konnte" als Beweis, „wie stark mythisch-mystisch geprägt das Weltbild einer gesamten Epoche war" (Eberan 1983, S. 167). Diese Welt sagt: Ihr alle tragt Verantwortung jeder einkitte. (Windisch 1946, S. 32); Für die Welt draußen stehtfest: nur in Deutschland war möglich, was anderswo nicht möglich ist (ebd., S. 33); Fast die gesamte Welt erhebt Anklage gegen Deutschland und gegen die Deutschen. (Jaspers 1946, S. 133); wir verdanken das alUin den Nazis, wenn wir heute in der ganzen Welt isoliert sind. (Kaisen 1946, S. 42); Wir werden jetzt in der Welt nach Hitler. Himmler und Konsorten, nach dieser Musterauslese von Mordent, Dieben, Säufern, Perversen und Verrückten bewertet (MüRcr-Mciningen 1946, S. 36); die Methoden dieser dunkelsten Gestalt unserer Geschichte [Hitler] haben den Haß der ganzen Welt auf uns gezogen (Hagelstange 1947, S. 251); Mit Entsetzen und grenzenloser Empörung steht die Welt heute vor den Zeugen des Terrors, die die Nationalsozialisten in den Schädelstätten ihrer Konzentrationslager hinterlassen haben. (Röpke 1948, S. 59); Die Welt hat dem deutschen Volk in seiner Gesamtheit.. den Vorwulf gemacht. all dem Furchtbaren geschwiegen haben (Löwenthal 1948, S. 6); Deutschland, das trotz seiner.. großen kulturellen Leistungen der Verachtung der Welt ausgesetzt ist (Keil 1948, S. 704); Die ganze Welt bestraft unsjetzt (Kolbenhoff 1949, S. 106). Ein anschauliches Bild der nachkriegsdeutschen gesellschaftlichen Ignoranz zeichnet Friedrich Wolf, 1933 emigriert und in der Emigration im KZ Le Vernet inhaftiert, 1945 nach Deutschland zurückgekehrt und als Kulturpolitiker und Schriftsteller (Mitglied der Akademie der Künste) tätig, am 27. April 1947 in einem Brief an den ebenfalls 1933 emigrierten und nicht zurück gekehrten Lion Feuchtwanger: Im übrigen wird es hier immer unlustvoller; unsre »tetes cairees« sind unverbesserlich ... so voll innerer Verlogenheit und mangelndem Gerechtig-

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texten in der frühen Nachkriegszeit üblichen Grundkategorien Sieger und Besiegte haben da keine Funktion, wo die deutsche Schuld zu verhandeln ist, sie drücken nicht die Relation aus, die auszudrücken ist, wenn die Deutschen ihre Schuld reflektieren. Denn: Weniger der vergleichsweise alltägliche Anlass eines verlorenen Krieges und eines durch ihn bedingten Entwertungsgefühls, das sich in den Kategorien Sieger und Besiegte ausdrückt, scheint der Impuls für ihre Zeitbetrachtungen, sondern vielmehr der Zusammenbruch der ethischen Fundamente einer ganzen Nation, die sich damit allen anderen Nationen — der Welt eben - gegenüber und in der Pariarolle sieht. Indes: Dieses Bewusstsein über den moralischen Niedergang der Deutschen zur Zeit des Nationalsozialismus bedeutet nicht, dass die Kollektivschuldthese bestätigt würde. Sie findet in der deutschen Gesellschaft anerkennenden Widerhall nur bei Kommunisten, bei Franz Dahlem etwa, den geistigen Anführer der Naziopfer in KPD bzw. SED, der Gestapohaft und das KZ Mauthausen überlebt hat, und der die deutsche Lage richtig prognostiziert. 157 Für Franz Dahlem ist die deutsche Kollektivschuld eine Tatsache. Er spricht von diese[r_•] Kollektivschuld Deutschlands (ebd., S. 257). 158 Allen anderen innerdeutschen gesellschaftlichen Gruppierungen ist der Vorwurf ein Skandalon: Sie beharren darauf, man verurteile alle, ausnahmslos, ohne Unterschied, unterschiedslos, und diese störrische Perpetuierung des absichtlich wörtlichen und damit gewollten Miss-Verstehens von Kollektivschuld - jedermann war klar, dass nicht ausnahmslose alle gemeint sein konnten — ist nicht nur Einstellungssignal, sondern auch Argumentationsbedingung. Psychologisch denkend begründet Gerhard Ritter derart die nachkriegsdeutsche Lethargie mit dem Vorwurf: Nichts lähmt die Hoffnungen — und damit den deutschen Löbens- und Arbeitswillen — so sehr wie das grenzenlose Mißtrauen der We/t gegen uns. Die These der sogenannten Vansittartisten in England und gewisser radikalpazifistischer Emigranten .., es handle sich im Fall der Deutschen um einen hopeless case, um eine durch Naturanlage und geschichtliche Schicksa/e gleichermaßen verderbte, für den europäischen Frieden gemeingefährliche Nation, die unter ständiger Bevormundung und militärischer Dauerüberwachung gehalten werden

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keitssinn; ich gerate immer wieder in \\7ut, wenn ich sehe, wie diese λ·'olksgenossen sich auch heute noch um jeden Preis aus ihrer Schuld herausschwindeln wollen und wie es bereits heute als unpatriotisch gilt, von den Schweinereien der SS und auch der guten »kleinen PGs« %u sprechen, weilja »die andern im Grund nicht besser waren«. .. If7ir haben es jet^t furchtbar schwer; wenn man dem deutschen \'olk bereits heute seine Schweinereien erläßt. dann wird man ihm nie seine \/rerpflichtungen klarmachen können. (Wolf 1947, S. 162f.) Das Terror- und Mordregime der Na^iverbrecher hatte ^ur Folge, daß Deutschland das verhaßteste Tand auf der Welt wurde, daß der deutsche Name verachtet und geächtet ist. Fine Welle des Mißtrauens wird lange Zeit das deutsche Volk auf seinem neuen Wege begleiten (Dahlem 1945, S. 251). So kann der Befund Eberans, die die Haltung zur Kollektivschuldthese nach politischer Position unterscheidet - „Die Anhänger der Kollektivschuldthese standen rechts, die Gegner links" (Eberan 1983, S. 24) - nicht bestätigt werden.

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müsse, hat sich offenbar weitgehend durchgesetzt. .. Mißtrauen und Empörung sind in der Welt durch die nettesten Enthüllungen deutscher Schandtaten in der Hitler^eit so allgemein geworden, daß auch die christlichen Kirchen und Gruppen des Auslands, die trotζ allem %u versöhnlicher Haltung und zltm l'ertrauen auf die gesunden Kräfte im deutschen l rolke mahnen, auf viel taube Ohren stoßen, jedenfalls politisch sehr wenig ausrichten. (Ritter 1948, S.7f.) Ahnlich argumentierend trägt Eugen Kogon seine Beurteilung vor, der meint, man konnte schon ein Jahr nach der Verkündigung der These sagen, daß sie ihren Ziveck verfehlt hat. Ihre psychische Wirkung bei den Deutschen nennt er Anklage-,Schock', und auch das Opfer Kogon, wie die meisten Nichttäter, empört sich über das psychologische Ungeschick, welches sich dadurch ausdrückt: Die ,SchockPolitik hat nicht die Kräfte des deutschen Gewissens geweckt, sondern die Kräfte der Abwehr gegen die Beschuldigung, für die nationalsozialistischen Schandtaten in Bausch und Bogen mitverantwortlich zu sein. Das Ergebnis ist ein Fiasko. .. Die grauenhaften Tatsachen [der Konzentrationslager] durften nicht in Zusammenhang mit dem Anwutfder Kollektivschuld, sie mußten unmittelbar auf das deutsche Gewissen wirken. .. Ein berechtigtes Gefühl von Millionen wehrte sich gegen die Kollektivanklage, die einen gleichmacherischen Anschein hatte. (Kogon 1946a, S. 409) So findet Kogon darin die Erklärung für die Verweigerungshaltung der Deutschen, die Entschuldigung ist: Das spricht nicht so sehr gegen das deutsche Volk als gegen das angewandte pädagogische Mittel. Auch für Ernst Friedlaender, wegen seines jüdischen Vaters in die Emigration gezwungen und „einer der Vorzeige-Redakteure der ,Zeit"' (Bodemann 1996, S. 132), ist der Kollektivschuldvorwurf eine Tatsache und als solche ein Monitum: Die fremden und die einheimischen Umerzfeher haben sofort nach dem Zusammenbruch emsig begonnen, jede Enthüllung über den Nazismus als Material für die These von der deutschen Kollektivschuld zu verwerten. Die krassen Untaten schienen hierfür am geeignetsten zu sein. Jede Scheußlichkeit, die der Deutsche zu hören bekam, über Belsen und Buchenwald, über Eidice und Auschwitz n'ar ml1 e'ner Anklage verbunden: ,Deine Schuld - tua culpal' (Friedlaender 1947, S. 50) Die Gründe für die Abwehr sucht Friedlaender wie Ritter und Kogon psychologisch zu erklären. 159 Kennzeichnend ist, dass die Empörer wider die Kollektivschuld sich ebenso wie über den vermeintlichen Vorwurf selbst über den Umgang mit ihm aufhalten: sofort und emsig begonnen und jede Enthüllung sind Einstellungssignale, mit denen Friedlaender ausdrückt: ,Die Praxis der Entnazifizierung ist unangemessen.' Zwar haben wir es bei Es gibt einen großen Bereich von ,Schutd", der der verfeinerten Gemssensforschungjedes einzelnen übertassen bleiben muß. Wer von außen mit massiven I rorwiirfen in diesen Bereich eindringt, verstört die Möglichkeit eines läuternden Selbstvorwurfs. Hierdurch und durch ihre anderen Nachkriegsertebmsse sind die Deutschen da^u gekommen, eher nach „guten Seiten" des Nazismus ™u suchen. Das Unliebsame dagegen wirdfemgehalten, vergessen, verdrängt. Es wird gar nichts gebessert, wenn die weniger einsichtigen unter den Umerr^'ehern das als IVerstocktheit deuten (Friedlaender 1947, S. 51).

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unseren Texten deutscher Nichttäter nicht mit Auswürfen von Verstocktheit zu tun, auch sind sie nicht Produkte von Deutschen, die nach den ,guten Seiten' des Nazismus suchen. Der seelische Mechanismus, die Absperrung gegen Schuldvorwürfe von außen funktioniert indes auch bei jenen, die der geistigen Elite angehören, den Einsichtigen und Unbelasteten, die hinsichtlich ihrer Intentionen auf der Seite der Umerzieher stehen. Dieser seelische Mechanismus trifft bei dem Vorwurf einer deutschen Kollektivschuld auf ein tief sitzendes Nationalbewusstsein, trotz Hitler: Man fühlt sich doch deutsch. So verweigert man sich den Vorwürfen der Welt und bildet nicht umsonst diese Opposition ,mundus contra Deutsche'. Sozialdemokraten nehmen die Bestätigung des Vorwurfs durch die Kommunisten als Casus Belli auf und zum Anlass, sich als kommunistische Widersacher zu empfehlen: Nachdrücklich abzulehnen ist der sögenannte „l ransittartismus", der die deutsche Arbeiterklasse als völlig unrevolutionär und unkämpferisch mitschuldig am deutschen Nazismus und seiner weltzerstörenden Barbarei sprechen möchte. .. falscher Haß gegen das gesamte deutsche Volk einschließlich seiner politischen Arbeiterbewegung.. Diese Ungerechtigkeiten nehmen wir nicht ruhig hin. (Schumacher 1945a, S.283f.) Aus dieser Konfrontation entsteht ein Parteienstreit, den Kurt Schumacher, der mehr als jeder andere prägende Politiker der Nachkriegszeit in Ost- und Westdeutschland .. den Deutschen die Gelegenheit [bot], die Vergangenheit, einschließlich der jüdischen Katastrophe, auf konkrete und nicht nur symbolische Art und Weise zu bewältigen (Herf 1998, S. 285)160, zur Abgrenzung von den in seinem Verständnis der Nazi-Diktatur nahen Kommunisten und zur Profilierung nutzt. Dazu lenkt er einerseits von den Alliierten ab: Wir müssen .. anerkennen, daß sich in England und Amerika die Einsicht der Notwendigkeit, die Deutschen nicht als ein einheitliches reaktionäres Ganges ~u betrachten und ihnen die Chance politischer Betätigung zu geben, überraschend schnell durchgesetzt hat. (Schumacher 1945a, S. 257) Andererseits fokussiert Schumacher die Kommunisten: Schließlich sind die Kommunisten die einige Partei in Deutschland, die sich zu der Schuld des gesamten deutschen Volkes am Nazismus und damit am Kriege bekennt. Wir können diese These, die jeden Nazi und Kapitalisten mitschuldig spricht, um ihn mit ψ entschuldigen, nicht akzeptieren. Schumacher verweist nicht nur auf ein zentrales inhaltliches Argument, nämlich auf die ungerechte Nivellierung von Schuld zugunsten wirklich Schuldiger, sondern seine Profilierung ist vor allem darauf gezielt, die Es ist Schumacher, der auf das fehlende Gedenken an die Opfer des Nationalsozialismus in Adenauers erster Regierungserklärung verweist: „Man kann nicht gegen den Nazismus sein, ohne der Opfer des Nazismus zu gedenken." (Schumacher 1949, S. 699)

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kommunistische Position abzuwerten, sie nämlich mit dem Prädikat zu versehen, welches diese selbst sonst an ihre politische Gegner vergeben und die Kommunisten mit ihren eigenen Stigma-Vokabeln zu belegen: Die Kollektivschuldthese sei eine durchaus reaktionäre Formel, die den politischen Aufstieg eines neuen, gesäuberten deutschen Volkes hindert. Sie ist eigentlich das primitive Ergebnis einer naiven Zerknirschungspropaganda. Schließlich nennt Schumacher — indem er die ideologische Verbindung herstellt - denjenigen Impuls, welchen er als eigentliches Motiv für die kommunistische Kollektivschuldthese erkannt hat: Das Bekenntnis zu ihr sei nur Ausdruck des Willens, die weitgehenden 'Reparationsansprüche Kußlands politisch und moralisch ψ rechtfertigen. Mit den deutschen Tatsachen und 'Notwendigkeiten hat diese Formel nichts mehr ψ tun. (Schumacher 1945a, S. 279f.) Schumacher sucht Gerechtigkeit herzustellen, indem er den Schuldbegriff auf die Wegbereiter richtet, auf die Eliten, diejenigen nämlich, die den Nationalsozialisten einst in den Sattel geholfen haben und die darum im tiefsten Grunde fast noch schuldiger sind als ihre Werkzeuge (ebd.), auf das Militär, die bürgerlichen Parteien, die Kirchen: an den Triimmern des von ihnen selbst verstörten l raterlandes stehen die vielen Unbelehrbaren und klagen an. Wie nach 1918 sehen sie nicht die Größe ihrer eigenen Schuld, belüge η sich selbst und vergiften das Volk und vor allem die Jugend mit neuen Dolchstoßlügen. Die Bankrotteure .. [beteuern] mit beispielloser Feigheit und Gesinnungslosigkeit.., niemals Ναφ gewesen ψ sein. (Schumacher 1945b, S.252) Auszunehmen seien aber diejenigen, die von Anfang an gegen den Nationalsozialismus gekämpft hatten. 161 Während sich Schumacher vor die deutschen Arbeiter als am Nazismus am wenigsten schuldigf..] stellt (Schumacher 1945a, S. 277), beschwört der Sozialdemokrat Wilhelm Keil die sozialdemokratische Geschichte. Man stelle sich vor, August Bebel hätte die Katastrophe Deutschlands erlebt. Könnte man ihn mitschuldig sprechen? Wäre nicht schon das Zerbrechen seiner "Lebensarbeit eine schuldlos empfangene Strafe ungeheuerlichsten Ausmaßes? Der so argumentiert spricht pro domo: Was für ihn gelten iviirde, gilt heute für alle die, die in seine Fußstapfen getreten sind. (Keil 1948, S. 704) Gerechtigkeit heißt der dem Kollektivschuldvorwurf entgegen gehaltene Kampfruf zur nachkriegsdeutschen Bewertung des Nationalsozialismus — Ahnlich argumentiert Theodor Steltzer, Mitglied des Kreisauer Kreises und als CDUPolitiker Schumachers politischer Gegner. Er sucht die Deutschen zu schützen, indem er unschuldiges deutsches Volk, und schuldige unfähige Vührungsschicht voneinander separiert: Γ- ror allem müssen wir alle I'ersuche in ruhiger Weise ablehnen, die unser deutsches I 'olkfür zweitklassig erklären und einem Panavolk herabwürdigen wollen. Denn als Volk brauchen wir uns nicht schlechter fühlen als andere I rölker.. eine unfähige Vühmngsschicht hat.. alle Schlüsselstellungen dem Nationalsozialismus ausgeliefert. (Steltzer 1945, S. 35) Zwar ist Steltzer als Politiker auf Gunst und Sympathie derer, zu deren Fürsprecher er sich hier macht, angewiesen, indes ist diese argumentative Kohärenz von CDU- und SPD-Argumenten Ausdruck des parteiübergreifenden Nachkriegs-Unbehagens am Kollektivschuldvorwurf.

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er ist Abwehrargument quer durch die Diskursgemeinschaft. Mit diesem Schlüsselwort reklamiert der Philosoph Julius Ebbinghaus eine präzise Schuldanalyse bei den Alliierten: es [ist] mein inständiger Wunsch, daß die Rechnung, die die alliierten Nationen jetzt dem deutschen Volk präsentieren, in ihren Schuldkonten etwas genauer abgewogen iväre. Er formuliert Verständnis für die Schwere der Aufgabe, ein Volk, dessen politische Moral durch Jahre, ja beinahe durch Jahrzehnte hindurch verdorben ist, auf den W'eg der Gerechtigkeit zurückzuführen, um dann auf die Voraussetzungen zu verweisen und ihre Abwesenheit denjenigen vorzuwerfen, die Gerechtigkeit zu lehren angetreten sind: in niemandem werden Antriebe %ur Gerechtigkeit wach werden, wenn er empfindet, daß diejenigen, die ihn auf diesen Wegführen wollen, es selber mit Recht und Gerechtigkeit nicht so ganz genau nehmen wollen. (Ebbinghaus 1945a, S. 164) Das Gegenkonzept zu dem des Kollektiven ist also das von Gerechtigkeit. Und Gerechtigkeit heißt, Einzelschuld prüfen. Diese Prüfung aber befördert das überraschende[..] Ergebnis, daß — abgesehen von einer Anzahl krasser, mehr oder minder offensichtlicher Fälle — die Masse dieser Menschen swar politisch einfältig, kritiklos, stumpf und autoritätshörig war, die subjektive Schuld des Einzelnen jedoch, wenn man sich um Sachlichkeit bemüht, meist gering ist (Müfler-Meiningen 1946, S. 20). Müller-Meiningen versucht, diesen Widerspruch zw^sc^en anscheinend schwerster Kollektivschuld und vergleichsweise viel geringerer Εinzelschuld einer T- rielzahl zu erklären mit einer gewissermaßen optischen Täuschung. Die Millionen Einzelner wurden durch die sjvar unsäglich inferiore, aber massenwirksame .Beredsamkeit Hitlers und die Methode seiner Propaganda getäuscht und gewonnen. Für sich gesehen sehr häufig nur harmlose Mitläufer, gaben sie durch ihre Vielzahl Hitler ein Machtinstrument ungeheuren Ausmaßes in die Hand, das dieser freventlich mißbrauchte (ebd.). Er kommt mit dieser Diagnose ,missbrauchte Mitläufer' dann zu dem Ergebnis: Es wird also wohl.. die Kollektivschuld überschätzt (ebd.). 162 Der Vorwurf einer Kollektivschuld ist also, wie wir sehen, nicht nur den Vertretern politischer Parteien ein Skandalon. Die Empörung geht durch die Gesellschaft. Man kolportiert den vermeintlichen Vorwurf der

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Diese Wahrnehmung einer Verdichtung der Wahrnehmung hat auch das Opfer, für das die Erkenntnis des nämlichen Sachverhalts allerdings nicht Ent-, sondern Belastung und Bestätigung kollektiver Schuld bedeutet: „Die braven Männer, die ich so gerne gerettet hätte, sind schon ertrunken in der Masse der Gleichgültigen, der Hämischen und Schnöden, der Megären, alten fetten und jungen hübschen, der Autoritätsberauschten, die da glaubten, mit unseresgleichen anders als grob befehlend zu reden sei nicht nur ein Verbrechen gegen den Staat, sondern gegen ihr eigenes Ich. Die vielzuvielen waren keine SS-Männer, sondern Arbeiter, Kartothekfuhrer, Techniker, Tippfräuleins - und nur eine Minderheit unter ihnen trug das Parteiabzeichen. Sie waren, nehmt alles nur in allem, für mich das deutsche Volk. .. Arbeiter, Kleinbürger, Akademiker, Bayern, Saarländer, Sachsen: da war kein Unterschied. Das Opfer mußte, es wollte dies oder nicht, glauben, daß Hitler wirklich das deutsche Volk sei." (Amen'1977, S. 118f.)

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Welt bereitwillig, glaubt unbeirrbar, die Alliierten würden das ganze deutsche Volk verurteilen, ja trügen ein Verlangen nach der Kollektivschuld des deutschen Volkes. (Eckert 1946, S. 63) Der Vorwurf ist für sie eine Tatsache. Julius Ebbinghaus schreibt Anfang Juni 1945 einen ,Brief an einen Amerikaner über die Schuldfrage', in dem er voraussetzt, Gegenstand des Kollektivschuldvorwurfs sei eine versäumte Pflicht der Deutschen zu Widerstand: statt sagen: Es prüfe sich jeder Deutsche, ob er immer so gewissenhaft und so stark gewesen ist, wie er hätte sein können und sein sollen, und ob er also nicht moralisch mitverantwortlich ist für die Existenz und die Beharrlichkeit des Systems, sagt sie [Ihre Propaganda] einfach kategorisch: Ihr alle seid mitschuldig, und wenn gefragt wird wieso? — so lautet die Antwort: Weil ihr die Herrschaft Adolf Hitlers „zugelassen " habt. Aber soll das denn heißen, jeder einzelne hätte die Pflicht gehabt, Verschwörungen an^ti^etteln — Aufstände hervorzurufen — Attentate ψ begehen und weder sein noch seiner Mitbürger Eeben ζu schonen, bis das Regime gestürmt war? Diesen Schuldvorwurf, die Deutschen seien ihrer Pflicht zum Widerstand nicht nachgekommen, weist Ebbinghaus zurück, indem er ihn in der rhetorischen Frage präsentiert. Seine Aussage lautet daher: Jeder einzelne Deutsche hatte diese Pflicht zum Widerstand nicht. Um die Dimension seines eigenen Schuldbegriffs im Kontext von Befehlsverweigerung und Befehlsgehorsam auszumessen, fährt Ebbinghaus mit dem Argument /verbrecherischer Befehl' fort, das er auf das Thema ,KZ' und Judenverfolgung' bezieht: Ich darf wiederholen, daßjedermann die Pflicht hatte, solchen Befehlen, die eine unmittelbare Pflichtverletzung enthielten oder gar selber gegen das Strafgesetzbuch verstießen, den Gehorsam verweigern, und es ist mir ebensowenig zweifelhaft, daß die Greuel in den Konzentrationslagern und die Greuel der Judenverfolgung sich gar nicht hätten ereignen können, wennjedermann dieser Pflicht nachgekommen wäre. Schließlich nimmt der Philosoph unter der Voraussetzung dieses Arguments ,Pflicht zur Befehlsverweigerung' nochmals die Frage ,Pflicht zum Regierungsstürz' auf, um sie endgültig zu verneinen: Aber von da bis zu einerjeden einzelnen betreffenden Pflicht, die Staatsgewalt mit beliebigen Gewaltmitteln zu stürben, weil solche Befehle mit ihrer Duldung und sogar auf ihre Anregung gegeben wurden, ist doch ein gewaltiger Schritt. (Ebbinghaus 1945a, S. 160f.) Man macht zur argumentierenden Abwehr Rechnungen auf: Alle Deutschen können gar nicht schuldig sein, unschuldig sind die neunundvierzig Prozent der deutschen Bevölkerung [die 1933] gegen die 'Nationalsozialisten gestimmt haben (Holtum 1947, S. 236), unschuldig sind die wegen jugendlichen Alters Schuldlosen von .. mindestens 30 ν. H. und auch die übrigbleibenden etwa 70 v. H. der Erwachsenen werden so gut wie niemals alle — abgesehen von den Geisteskranken und Schwachsinnigen — einer gemeinsamen Willensschuld bezichtigt werden können (Laun 1950, S. 57),

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unschuldig sind Opfer; Kinder, jugendliche, Unterdrückte, Belegene (ebd., S. 112). Vor allem: all diejenigen, die Widerstand leisteten, sind unschuldig, unschuldig derjenige, der dem Nationalsozialismus von der ersten Stunde an Feindschaft geschworen und ihn mit allen Kräften bekämpft hat, unschuldig derjenige, der um seiner Gesinnung willen von den Nationalsozialisten in den Kerker geworfen wurde (Keil 1948, S. 701). Ruth Andreas-Friedrich wünscht ihrem Buch ,Der Schattenmann', es möge als Zeugnis in die Welt hinausgehen, daß auch unter Hitlers Regime in Deutschland Aderischen gelebt haben, die es nicht verdienen, daß man um einer verantwortungslosen Regierung willen sie und ihr ganzes \rolk verachtet! (Vorwort Oktober 1945) Mit diesem Widerstandsargument bilden sich Koalitionen. Wie der Sozialdemokrat Keil beschwört der CDU-Politiker Jakob Kaiser, selbst Widerständler des Goerdeler-Kreises, die Wahrheit über die deutsche Widerstandsbewegung (Kaiser 1946c, S. 190), macht Wilhelm Röpke, konservativer späterer Kanzlerberater die Existenz des ,anderen Deutschland' geltend: die heute vorliegenden Zeugnisse geben in der Tat ein sehr eindrucksvolles Bild von dem Widerstand, der tatsächlich geleistet worden ist, einem Widerstand gegen eines der mächtigsten Herrschaftssysteme, die die Geschichte kennt. (Röpke 1948, S. 64) In diesem Sinn stellt Röpke die Frage nach den Konzentrationslagern. Seien sie nicht die erschütterndsten Zeugen dafür, daß es selbst unter dem furchtbarsten Terror noch genügend Deutsche gab, die sich genihrt haben?, und verweist auf die Lyeichenberge derer, die sich ermannten, auf diejenigen, die sich riihrten und die unweigerlich den Weg nach Buchenwald und den anderen Schädelstätten fanden (ebd., S. 60). 163 Der Historiker Hans Rothfels verortet diese Argumentation, die er sich ganz besonders in seiner Würdigung der deutschen Opposition gegen Hitler zu eigen macht, auf einer Zeitskala: Eine Studie mit solchen Zielen vorzulegen, würde vor drei oder selbst noch vor zwei Jahren, als eine Art Herausforderung erschienen sein. Zu jener Zeit war es, — jedenfalls im Ausland — eine iveit verbreitete These, daß es niemals eine irgendwie nennenswerte deutsche Opposition gegen Hitler gegeben habe. Man hegte die Überzeugung, daß die Deutschen als politische Nation vor allen anderen l rölkern verschieden seien. Hatten sie sich doch, wie man glaubte, infolge eingeborener Xrerrnchtheit oder einer anerzogenen Gewohnheit blinden Gehorsams oder unter der Einwirkung einer spezifisch verderblichen Philosophie, der tyrannischen Herrschaft von Verbrechen freiwillig angeschlossen oder feige unterworjen. Man

Hannah Arendt lässt dieses Argument nicht gelten. Sie findet es „ganz unzulässig ... die Opposition danach abzuschätzen, wie viele Menschen durch die Konzentrationslager gegangen sind. In den Lagern saß vor Anbruch des Krieges eine ganze Anzahl Menschen, die nicht das mindeste mit irgendeinem Widerstand zu tun hatten — völlig ,Unschuldige' wie Juden, ,Asoziale' wie Gewohnheitsverbrecher oder Homosexuelle, Nazis, die sich irgend etwas hatten zuschulden kommen lassen; während des Krieges waren die nun auch von J uden gesäuberten Lager bevölkert von Widerstandskämpfern aus dem gesamten besetzten Europa." (Arendt 1964/1996, S. 186f.)

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nahm an, sie hätten — und i^var die gan^e Nation — bewußt die Augen geschlossen vor grauenhaften Verbrechen, die durch Deutsche begangen wurden. (Rothfels 1949, S. 21) Diese Widerstands-Argumentation verweist auf die inneren Gegebenheiten und es ist eine gleichsam defensive Argumentation. Mehr noch als durch solch ein Geltendmachen deutscher Anständigkeit ist indes das Diskurssegment ,Abwehr des Kollektivschuldvorwurfs' gekennzeichnet von Offensivität, ja Aggressivität, mit denen die Deutschen ihrerseits Anwürfe gegen die vermeintlichen Ankläger richten: tu quoque. Dieses in der forensischen Argumentation geläufige Argument, das, wie wir gesehen haben, ein Kennzeichen des Schulddiskurses der Täter ist, beinhaltet den Verweis auf eine außerdeutsche Mitschuld. Reinhold Schneider mahnt zwar, was die Schuld betrifft, [uns] vorerst auf uns selbst \γ beschränken und nicht etwa ψ sagen, daß auch andere schuldig seien. (Schneider 1945, S. 213f.) Indes: Dieses kindische Wort (ebd.) ,auch du', die Schuldabwehr durch Analogisierung, ist häufig gebrauchte Figur, nicht nur, wenn Täter persönliche Schuld abwehren, sondern auch, wenn Nichttäter versuchen, das Bild der Deutschen zu korrigieren. 164 In diesem Dienst steht mit dem Argumentationsziel, den _Anteil des deutschen Volkes an der Schuld, Hitler ^ur Macht gebracht haben zu verringern, die Entnationalisierung — als Gegenkonzept zur Nationalisierung, wenn die Existenz des ,anderen Deutschland' den Kollektivschuldvorwurf abwehren soll: Mit der Vorstellung, daß der Aufstieg Hitlers t^tir Macht mit Erfolg hätte verhindert werden können (Meinecke 1946, S. 96), öffnet man die deutschen Tore. Entlastung schafft die Erschließung einer europäischen, ja einer Welt-Dimension, auf die man referiert: unheimliche[..] \rerstrickung in eine kollektive, weit über Deutschland hinausreichende Schuld (Kogon 1946a, S. 6); Bei aller Anerkennung unserer besonderen deutschen Schuld, die ich durchaus zugeben mochte, weil wir nach unserer geistigen Tradition auch eine besondere Verantwortung hatten, so kann man bei einer Kollektivsschuld nur von einer europäischen Kollektivschuld an der Welt sprechen (Steltzer 1947, S. 17); Es ist die sc!)were Schuld der Welt, daß sie so lange von den Untaten, die der Nationalsozialismus an den Deutschen selbst begangen hatte, nur alkp geringe Noti^genommen hatte. (Röpke 1948, S. 60) Marion Gräfin Dönhoff schlägt, indem sie sich auf England und Frankreich, dann auf die Weltgeschichte, dann auf das christliche Abendland bezieht, einen großen kulturgeschichtlichen Bogen, dem eine begriffsgeschichtliche Deszendenz, die bei Vernunft beginnt und bei Macht und Ge-

Diese Argumentation ist Anlass für einen theologischen Disput zwischen Helmut Thielicke und Hermann Diem. I \r wurde ausgelöst durch eine Predigt Thielickes, in der er auf eben diese Schuld der anderen, der Alliierten, verweist, und aufrechnend Entlastung anmahnt (Thielicke/Diem 1948).

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wait endet, entspricht. 165 Ebenso argumentiert Ernst Wiechert kulturgeschichtlich, mit dem Geist an sich, dem Geist des Abendlandes, dem Geist des deutschen Volkes schließlich. Dieser Geist habe nicht ausgereicht.., die sittliche Natur vor Schaden, ja vor Verderben bewahren. Es schließt sich die entnationalisierende Formel jedes Volk des Abendlandes an, sie bildet gleichsam die Schlussregel für das Argument ,alle sind schuldig': Und da jedes Volk des Abendlandes Helfer sgtm deutschen l'.erbrechen gestellt bat, und mochten es auch nur zwei oder drei gewesen sein, so täßt der erschreckende Schluß sich mit Sicherheit tjehen, daß weder der reine Geist noch das große Erbe der abendländischen Kultur und des Christentums imstande gewesen sind, das Einzelwesen oder gar die Masse vor dem Rjickfall in die Barbarei bewahren. (Wiechert 1949, S. 280) Einige Seiten später dann reformuliert Wiechert den Gedanken, unterscheidend zwischen einer latenten Disposition in Europa und der Welt einerseits, und dem akuten Ausbruch in Deutschland andererseits: Es war wohl nicht so, daß der Wahnsinn aus der Wolke herniederfuhr und ein einiges Volk ergriff' und nur dieses. Es war wohl so, daß er umging auf der ganzen Welt, mit den lautlosen nackten Füßen der Dämonen, und daß er ausbrach bei dem bereitwilligsten und gefährdetsten der Völker, ehe die andern vor eine Entscheidung gestellt wurden (ebd., S. 286).166 Auch der CDU-Politiker, Mitglied der gesamtdeutschen evangekschen Synode und Bundestagspräsident Hermann Ehlers spannt in diesem Sinn den Bogen über das christliche Abendland. Es verträgt kein lautes Keden und keine selbstgefällige Darstellung. Die Schuld an seinem Versinken liegt auf allen Seiten. (Ehlers 1954, S. 354) Vor allem aber und konkreter wird die Appeasement-Politik Europas in den Dienst der Schuldabwehr gestellt, bei der Abwägung von Schuld oder Entlastung des Deutschen Volkes interessiert der Einfluß der Haltung des Auslandes auf die breite Masse des Volkes (Eckert 1946, 165

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Oer Abfall der Welt von Gott, so geistvoll in den Salons derfranzösischen Aristokratie vor 1789 und im Bann der philosophischen "Erkenntnisse von Empiristen und Positivsten in England und Frankreich begonnen, hat seine letzten platten Orgien unter der Herrschaft Adolf Hitlers gefeiert. In dieser Zeit sind viele Göthen über die Bühne gezogen: Die Göttin V'.rnunft hat den Reigen eröffnet, und die Dämonen Macht und Gewalt haben ihn beschlossen. Jeder trägt sein gerüttelt Maß an .Schuld", auch die \ rölker, die auf der politischen Bühne der Weltgeschichte nur Statisten waren. (Dönhoff 1945) Als ein globales Phänomen der europäischen Moderne, dessen Tendenzen sich aber in Deutschland zur Realität verdichteten, wird so auch in der kontemporären Historiographie Auschwitz gedeutet: „Auschwitz war das Resultat einer Verschmelzung der Rassenbiologie mit der Technik und den destruktiven Kräften moderner Industriegesellschaften. Der Genozid erwuchs aus der fatalen Verbindung des modernen, biologisch und rassistisch ,begründeten' Antisemitismus mit dem Faschismus. Diese beiden finsteren Tendenzen der Moderne, die sich schon im Europa der Zwischenkriegszeit überall geltend gemacht hatten, fanden in Deutschland zu einer Synthese. In diesem Sinne war Auschwitz nicht nur eine deutsche Besonderheit. Sondern eine europäische Tragödie des 20. Jahrhunderts." (Traverso 2000, S. 351) Wir wollen annehmen, dass zwar nicht Auschwitz dessen Begriffsbildung erst später einsetzt, aber doch Massenmord, Judenvernichtung, Genozid o.ä. auch stummes, aber gedachtes Referenzobjekt der Nichttäter der frühen Nachkriegszeit ist.

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S. 34). Der Pfarrer und Theologe Josef Eckert macht geltend, dass die Regierungen der anderen Länder.. nach und nach die Regierung Adolf Hitler als die rechtmäßige Regierung des Deutschen Volkes in den üblichen diplomatischen Formen anerkannten] (ebd., S. 35), mit dem Ergebnis: Ungewollt hat die Haltung des Auslandes die Macht der Partei stärken helfen und den Widerstandsgeist im Volke geschwächt. Eckert beschließt seinen Argumentationsgang mit dem Wahrheitsanspruch: Das soll keine Anklage sein; wir wollen nur objektiv Wahrheiten und Wirklichkeiten erforschen helfen (ebd., S. 37). Der Sozialdemokrat Wilhelm Keil leitet seine Diagnose mit der Abwehr ein: Eine Kollektivschuld in dem .. Sinne .., daß wir alle ohne Unterschied den Nationalsozialisten ς-ur Macht verhelfen hätten und aus diesem Grunde für ihre Verbrechen büßen müßten, erkenne ich nicht an. An diese Abwehr schließt er das Argument zu ihrer Stützung an, der von den Großmächten diktierte Versailler Vertrag und seine Folge, das Emporkommen des Nationalsozialismus, mit dem eben diese Mächte paktierten: Viet begründeter ist die Auffassung daß die Politik der Großmächte, die 1919 Deutschland den Frieden diktierten, den Nationalsozialismus hochgezüchtet und daß die Haltung dieser Mächte gegenüber dem im Besitz der Macht befindlichen Nationalsozialismus ihn befestigt hat. .. Zum Erstaunen der friedlich gesinnten deutschen Demokraten war aber festzustellen, daß zu der gleichen Zeit, da der nautische Iküstungsapparat auf höchsten Touren l i e f , die Siegermächte von 1918 mit der Hitlerregierung freundschaftliche Beztehungenpflegten. (Keil 1948, S. 701 f.) In eben diesem Sinn stellt Wilhelm Röpke die gleichzeitige Schuld der Welt und der Deutschen fest und entfaltet einen Schuldbegriff, der diese entnationalisierende Referenzerweiterung begründet: Von Schuld, die zugleich den Begriff der Reue, Sühne und Wiedergeburt einschließt, müssen wir sprechen im Falle aller derjenigen, die, in ihrer geistigen \ rerblendung und moralischen Verwirrung durch Handeln oder Unterlassen jenen menschlichen Zerrbildern den Weg gebahnt haben, statt ihn ihnen rechtzeitig zu verlegen. Das aber ist eine Schuld, in die sich die Welt mit den Deutschen selbst z" teilen hat. (Röpke 1948, S. 35) Schuld inkludiert hier als Erkenntnisbegriff die Merkmale Reue, Sühne, IWiedergeburt — das sind die ursprünglich religiös motivierten Kategorien rechtsstaatlichen Denkens. Die inhaltliche Füllung des Schuldbegriffs leisten die Kategorien geistige Verblendung, moralische Verwirrung, durch Handeln oder Unterlassen den Weg gebahnt. Damit steckt Röpke den Bedeutungsumfang des Ausdrucks Schuld ab, der dann beziehbar ist nicht nur auf die Deutschen, sondern auf die Welt.167 167

Diese Argumentation erweist sich als ungeheuer stabil, wird sie doch lange vor 1945 - und damit vor dem Beginn des Kollektivschulddiskurses - gebraucht, und auch von Emigranten vorgebracht. Thomas Mann empört sich bereits 1941: „Es war eine der himmelschreienden Willkür- und Untaten, der schamlosen Rechtsbesudelungen, von denen die Hälfte — was sage ich, der dritte, der achte Teil die gesittete Welt hätte zur Empörung emporreißen und sie bestimmen müssen, alle Beziehungen zu dem Regime abzubrechen, das sie beging,

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Diese Diagnosen, trotz Abwehr und Egalisierungsversuchen, stellen die Schuld der Deutschen mit der Haltung eines kritischen Selbstbewusstseins fest. So erklären sich Argumentationen, die gleichzeitig Schuldbewusstsein ausdrücken und Anklage sind, bei Alexander Abusch etwa in großer Explizitheit, der wie Wilhelm Keil mit den Konstellationen von 1918 argumentiert — nicht ohne dass der Kommunist die Interpretation entsprechend parteiprogrammatisch anpasst: Man kann .. nicht von der Verantwortung der Deutschen sprechen, ohne die Rolle ihrer nahen Umwelt wenigstens sw streifen. Die Vorherrschaft einer reaktionär-kapitalistischen Interessenpolitik in England und Frankreich, den Siegerländern des ersten Weltkrieges, half die deutsche Reaktion nach 1918 ^ugalvanisieren. Die europäischen Westmächte sahen in derjungen Sowjetrepublik im Osten den Feind, gegen den sie ein Bollwerk in Gestalt der deutschen Republik schaffen glaubten. (Abusch 1946, S. 260) Alexander Abusch, als Kommunist zum Wenigsten ein Gegner der Kollektivschuldthese und revanchistischen Denkens vollkommen unverdächtig, bringt zunächst die Schuld der europäischen Politik, vor allem ihren Antibolschewismus, vor, um dann aber dieses eine Analogiebeziehung andeutende Argument gehörig einzuordnen und zu bewerten: Diese Politik machte die Welt reif, einen Hitler ~um räuberischen Beherrscher Europas aufsteigen lassen. Aber die Hilfe und die Sympathie internationaler Kartellherren und Münchener Politiker für Hitlers faschistisches „Experiment" in Deutschland können in keiner Weise die Hauptverantwortung der Deutschen dafür abschwächen, daß sie in Deutschland eine Regierung notorischer Verbrecher sich etablieren ließen und ihr folgten (ebd.).168 Die für die Alliierten womöglich größte Provokation des innerdeutschen Schulddiskurses schafft man in diesem Zusammenhang der Abwehr des Kollektivschuldvorwurfs, indem man ihnen mit ihrem Denken in kollektiven Kategorien die nämliche typisierende Geisteshaltung unterstellt, die die Nazis ihre Verbrechen gegen die Menschlichkeit ausführen ließen. Wilhelm Röpke setzt so den Kollektivschuldvorwurf der Welt und nazistische Kollektiworstellungen in eins und erkennt in der es zu isolieren, es vor dem eigenen Volk unmöglich zu machen und es zu beseitigen. Matte und feige, blinde und gleichmütige gesittete Welt! Dergleichen kam ihr nicht in den Sinn." (Mann 1941a, S. 167) Mit besonderem Zorn verweist man auch in diesem Kontext auf die deutsche Widerstandsbewegung und ihren einsamen Kampf: Vergeblich warteten oppositionelle Kreise in Deutschland auf ein sichtbares Zeichen der Unterstützung durch französische oder englische Politiker und Parlamentarier gegen die Unterdrückung derpolitischen Freiheiten in Deutschland. (Eckert 1946, S. 35j; Auf dieses selbe Schuldkonto gehört es auch, daß sich während des Krieges die Alliierten nicht da-~u haben bewegen lassen, der inneren deutschen Opposition wirksame Hilfe ψ leisten und in ihr ihre natürlichen Bundesgenossen %u sehen, die es %u fördern und ermutigen galt. Nachdem sie sich im Gegenteil unter der unseligen Führung Koosepelts. auf die ebenso grimmige wie hilflose Formel ,,bedingungslosen Unterwerfung" Deutschlands festgelegt hatten, hatten sie sogar alles getan, um die deutsche Opposition ψ lahmen (Röpke 1948, S. 35).

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unglückliche [η] Theorie von der unterschiedslosen deutschen Kollektivschuld.. eine Theorie, die beweist, in welch erschreckendem Maße die Welt.. bereit ist, den von den Nationalsozialisten begonnenen Rückschritt ςγ barbarischen Kollektivvorstellungen .. mit^tmachen — gemeint ist die abstoßende[..] Theorie von ,Blut und Boden' oder vom ,Herrenvolk', die nichtswürdige [..] Praxis der ,Sippenhaftung' oder der Geiselerschießungen (Röpke 1948, S. 113). Röpke gebraucht die Bewertungen Ungeheuerlichkeit, mechanische Sinnlosigkeit und Barbarei der Fäulnis, der Mythusw) der deutschen Kollektivschuld sei um kein Haar besser als seine Umkehrung, der Mythus vom „Herrenvolk" (ebd., S. 116f.). Die Beispiele, die Röpke für diese Barbarei der Fäulnis gibt — in England sind unter Heinrich VIII. sieb^igtausend Menschen hingerichtet worden .. Millionen kaltblütig „liquidierter" russischer T>auern .. Millionenmassaker der Armenier .. [die] Erfindung des Monsieur Guillotin, die in Geist und Wirkung durchaus mit den Gaskammern Himmlers vergleichen ist (ebd., S. 61) — diese Beispiele zeigen freilich: Hier argumentiert jemand, der analogisiert, paralleüsiert und am Ende egalisiert, um das Bild der Deutschen — nicht rein zu waschen, aber im Namen einer Gerechtigkeit eine Balance herzustellen und den Antagonismus zwischen Welt und Deutschen a b zugleichen. Indes: Die Opfer allerdings bleiben unberücksichtigt, die Erfindung des Monsieurs Guillotin ist aus ihrer Sicht bestimmt nicht mit den Gaskammern Himmlers zu vergleichen, und dass sechs Millionen umgebrachte Menschen jegliche Analogschlüsse verbieten, dieses Bewusstsein hatten wie wir sahen — die Täter nicht, und auch bei den Nichttätern ist es in der frühen Nachkriegszeit offenbar noch nicht entwickelt. Noch zehn Jahre nach der Niederschlagung des Nationalsozialismus bewertet Rothfels die vermeintliche Kollektivschuldthese mit demselben Analogon: Die Infektion bestätigte sich u. a. in einer Übernahme kollektiven Denkens, also in jener Gleichset^ung von Deutschen und Nationalsozialisten, auf der die Kollektivschuldthese beruhte. Sie prägte sich ebenso in dem Urteil nach formalen Kategorien aus, das der Nationalsozialismus mit seinen biologischen Abstempelungsmethoden vorgebildet hatte. (Rothfels 1955, S. 82) Fassen wir bis hierher kurz zusammen: Die Diskursgemeinschaft der Nichttäter etabliert einen alliierten Kollektivschuld-Vorwurf als Tatsache und wehrt ihn mit Argumenten ab. Diese Argumente sind zum Teil parteipolitischer Natur, wenn sich etwa Kurt Schumacher vor die deutschen Arbeiter stellt. Zum größeren Teil bilden sich übergreifende Argumentationskoalitionen, wie die Argumentation mit den Abwehrargumenten ,Widerstand' und ,tu quoque' gezeigt hat. Vor allem dieses letztere Argument ist sprachlich manifester Beleg für eine nachkriegsdeutsche Konstellation:

Es ist dies die wenig gebräuchliche Schreibweise Rosenbergs, ,Mythus des 20. Jahrhunderts', die schon seinerzeit als veraltet gelten kann.

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Nichttäter und Täter sind sich argumentativ bisweilen sehr nah. Denn: Nichttäter fühlen sich wie Täter angeklagt, Nichttäter wehren wie Täter die Anklage mit dem tu quoque-Argument ab. Die Grenze aber, die das Redeverhalten von Nichttätern und das von Tätern unterscheidet, verläuft zwischen ihren unterschiedlichen Zwecken: Täter argumentieren mit dem ausschließlichen Ziel, ihre persönliche Unschuld zu behaupten. Nichttätern können wir dagegen unterstellen, dass sie von der Schuld der Deutschen überzeugt sind. Wir werden weiterhin die Begründetheit für diese Annahme nachweisen. Zunächst aber: Die deutsche Diskursgemeinschaft hätte mindestens zwei Gründe gehabt, die Vorstellung von dem Kollektivschuldvorwurf zu verabschieden, einen hat das Nürnberger Urteil geliefert, den anderen Theodor Heuss mit seinem Angebot einer deutschen Kollektivscham. Man hat mit dem Nürnberger Tribunal, mit der Bemerkung Justice Jacksons, die Deutschen selbst hätten mit diesen Angeklagten eine Rechnung zu begleichen 170 , mit dem nach Schuldgraden von Todesstrafe bis Freispruch qualifizierenden Spruch gegen die Hauptkriegsverbrecher eine Bestätigung für die Ablehnung einer deutschen Kollektivschuld, man hätte damit einen Anlass haben können zu erkennen, dass die Alliierten durchaus ihr Handeln unter das Zeichen der Gerechtigkeit stellten. Diese Bestätigung wird als solche auch durchaus erkannt 171 , von den Vertretern der Verteidigung ohnehin: Das deutsche Volk als solches wird hier freigesprochen!.. das Nürnberger Urteil [nahm] die Mitschuld des deutschen l rolkes nach dem hier verkündenden Rechte nicht an (Haensel 1950, S. 328); Drei Deutsche hatte das Völkergericht freigesprochen, den früheren Vii^ekan^/er, den Reichsbankpräsidenten und den Sprecher des Rundfunks. .. alle, die hinter und unter diesen drei freigesprochenen obersten Funktionären standen, waren damit, soweit sie nicht Eint^elverbrechen begangen hatten, von der völkerrechtlichen Schuld freigestellt, gan^ ς» schweigen von der Masse des Volkes, das mit keiner Funktion belastet war. (Haensel 1950, S. 334) Carl Haensel war in Nürnberg stellvertretender Verteidiger der SS, insofern ist seine Sicht auf das Urteil problematisch. Er nimmt, wo zwar nicht die Sicht der Täter, so doch auch nicht die Sicht der Nichttäter ein, denn Haensel muss sich Argumente zur Endastung dieser vom IMT dann als verbrecherisch bewerteten NS-Organisation zu eigen gemacht haben, um „Wahrlich, die Deutschen — nicht weniger als die Welt draußen — haben mit den Angeklagten eine Rechnung zu begleichen." (Nürnberger Prozess II, S. 121) Da in Nürnberg „die These von der Kollektivschuld des gesamten deutschen Volks zurückgewiesen und das Prinzip der individuellen politischen und moralischen Verantwortung bestätigt worden" (Herf 1998, S. 247) war, erschien das Urteil als befreiender, entlastender „Schlußstrich, als Freispruch der Deutschen insgesamt", vor allem auch die „differenzierten Schuldzuweisungen an die Mitglieder der angeklagten Organisationen" (de Rudder 1977, S. 236).

294 sie des ten der

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forensisch verteidigen zu können. W i e immer: Die Qualifizierungen Urteilsspruchs sind für ihn Beweis für die Nichtexistenz einer alliierKollektivschulthese wie für den Pfarrer und Theologen Josef Eckert, das Urteil mit religiöser Andacht kommentiert: Der Nürnberger Spruch hat die Fundamente des Rechtes und der Gerechtigkeit auch für das Oeutsche Volk wieder hergestellt. Er verurteilt wirklich Schuldige, nicht aber das Volk schlechthin. Dieser Urteilsspruch eröffnet dem Deutschen Volke den Weg der Selbstbesinnung und ist mehr als ein Akt versöhnlichen Geistes. Die Gebote der Gerechtigkeit sind göttliche Gebote. Deutsches Volk, hüte diese heiligen Flammen! (Eckert 1946, S. 3)

Karl Jaspers bezieht sich in seiner ,Schuldfrage' auf die Anklage, die sein e m persönlichen Credo vollkommen entspricht: Für uns Deutsche hat der Prozeß den Vorteil, daß er unterscheidet fischen den bestimmten Verbrechen der Führer, und daß er gerade nicht kollektiv das Volk verurteilt.. Nicht das deutsche \rolk, sondern einzelne als Verbrecher angeklagte Deutsche — aber grundsätzlich alle Führer des Naziregimes — stehen hier vor Gericht. (Jaspers 1946, S. 159) U n d mit ähnlicher Emphase wie Eckert bewertet Jaspers das IMT: Was in Nürnberg geschieht, mag es noch so vielen Einwänden ausgesetzt sein, ist ein schwacher, zweideutiger I rorbote der der Menschheit heute als notwendig fühlbar werdenden Weltordnung. .. sie ist der denkenden Menschheit als möglich erschienen, am Horizont als kaum erkennbare Morgenröte aufgetaucht .. Unser eigenes Heil in der Welt ist bedingt durch die Weltordnung, die in Nürnberg noch nicht konstituiert ivird, auf die aber Nürnberghindeutet. (Jaspers 1946, S. 160)172 Karl Geiler schließlich, erster Ministerpräsident Hessens, referiert vor allem auf die Freisprüche derjenigen, die v o m deutschen Volk für schuldig gehalten werden: Wir haben völkerrechtlich die Verantwortung des deutschen Volkes für die von dem NaZisystem begangenen Verbrechen anzuerkennen. Dabei ist diese völkerrechtliche Verantwortung aber keineswegs gleichbedeutend mit einer Kollektivschuld des deutschen Volkes oder gar mit einer kriminellen Schuld jedes einzelnen Deutschen. Indem das Militärtribunal in Nürnberg sogar Männer wie Papen und Schacht, die in den Augen des deutschen Volkes schuldig sind, freigesprochen hat, ist die Sinnlosigkeit des Versuches, alle Deutschen zu Verbrechern zu stempeln, vor aller Welt dargetan. (Geiler 1947, S. 210) Indes: D e r differenzierende Nürnberger Urteilsspruch wird zwar kommentiert und mit Genugtuung der Leitkategorie Gerechtigkeit zugewiesen, nicht aber in die argumentative Abwehrkonzeption hinsichtlich der alliierten Deutschlandpolitik integriert. Diskursive Folgen hat diese Bewertung des Urteilsspruchs nicht, man kämpft den semantischen K a m p f wider die Kollektivschuldthese weiter und besteht noch 1950 darauf:

"

Der Inhalt dieser Einschätzungen entspricht durchaus heutiger Bewertung: Der Prozess gilt nicht nur als eine „juristische Großtat, sondern auch als eine historiographische Aufklärung von bleibendem Wert" (Reichel 2001a, S. 46).

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auch in der bloßen Tatsache der Strafprozesse gegen einzelne Individuen und Gruppen ist, obwohl diese Prozesse .. die Strafbarkeit aller nicht Verurteilten ausschließen, doch vielfach eine Kollektivbeschuldigung des deutschen Volkes, wenn auch vielleicht unbeabsichtigt, immerhin implicite mit ausgesprochen. Jedenfalls haben diese Verfahren, wenigstens in der ersten Zeit, auf das deutsche l rolk im allgemeinen einen solchen Eindruck gemacht. (Laun 1950, S. 71) Ebenso wenig wie das Nürnberger Urteil aus dem Jahr 1946 konnte das von Theodor Heuss gemachte Angebot des Jahres 1949 den Diskurs beenden. Man hat von einer „Kollektivschuld" des deutschen Volkes gesprochen. Das Wort Kollektivschuld und was dahinter steht, ist aber eine simple \ rereinfachung, es ist eine Umdrehung, nämlich der Art, wie die Na^is es gewohnt waren, die Juden anzusehen: daß die Tatsache, Jude ψ sein, bereits das Schuldphänomen in sich eingeschlossen habe. Aber etwas wie eine Kollektivscham ist aus dieser Zeit gewachsen und geblieben. Das Schlimmste, was Hitler uns angetan hat — und er hat uns viel angetan — , ist doch dies gewesen, daß er uns in die Scham gezwungen hat, mit ihm und seinen Gesellen gemeinsam den Namen Deutsche ψ tragen. (Heuss 1949a, S. 100f.)173 Heuss hält diese Rede, die direkt vom Rundfunk übertragen und später in Wochenschauen gezeigt wurde, im Dezember 1949 vor der in der Gründungsphase befindlichen Gesellschaft für christlich-jüdische Zusammenarbeit, vor einem von einem einheitlichen Versöhnungswillen geprägten und im übertragenen Sinn mit Opfern und Tätern besetzten Publikum also. Auch er stellt zunächst eine Analogie zwischen der Kollektivs chuldthese und den nationalsozialistischen Judenverfolgungen her, um dann die befreiende Kategorie Kollektivscham einzuführen und auf sie mit dem nationalen Argument zu referieren: Dieses nationale Argument (den Namen Deutsche tragen) — so womöglich Heuss' Kalkül — ist noch vermittelbar, das verbrecherische — Scham über die Verfolgung und Ermordung von Millionen Menschen z.B. — wäre es wohl nicht. Zeitgenossen bestätigen, dass Kollektivscham — eine der „folgenreichsten Wortprägungen" Heuss' (Baumgärtner 2001, S. 184) - als akzeptable, ja erlösende Kategorie empfunden wurde. 174 Warum?

Diese Wortbildung bereitet Heuss bereits drei Jahre zuvor vor: Und das mar das Scheußlichste und Schrecktichste, das uns der Nationalsozialismus antat, daß er uns zwang, uns schämen cu müssen, Deutsche sein. (Ileuss 1946b, S. 189) Ganz besonders die Einführung der Kategorie Kollektipscham bewertet die I Iistoriographie als wesentlichen Beitrag zur deutschen Erinnerungskultur. „Theodor Heuss' einzigartige Leistung als Bundespräsident besteht darin, daß er die Erinnerung an die Verbrechen der NS-Zeit zu einem konstitutiven Bestandteil der nationalen politischen Erinnerung gcmacht hat. Von wahltaktischen Überlegungen befreit, entwickelte er sein Amt zu einem politischen Zentrum von nationaler Erinnerung und liberalem Denken." (Herf 1998, S. 369) Insofern ist Assmann/Frcvert nicht zuzustimmen, die ein Scham-Schande-Konzept einem Schuld-Verbrechen-Konzept als „zwei Formen der kulturellen Bearbeitung eines die Ordnung störenden Bösen" gegenüberstellen, jenes mit einer auf Autorität und Militarismus

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Schuld ist das Resultat von Unterlassung oder Beteiligung an einem schrecklichen Geschehen, Scham die Reaktion auf diese Haltung. Schuld hat eine ursächliche Beziehung zum Tatgeschehen, Scham eine moralische — sie ist die Sekundäretappe. Das ist von den Massen, die sich entgegen ihrer ganzen äußeren Haltung tief schuldig fühlten, sehr genau gespürt worden. Deshalb ist der diskriminierte Begriff kollektiv in Zusammenhang mit Scham viel gnädiger aufgenommen worden. (Giordano 1990, S. 271)

In dieser Bezeichnung Kollektivscham sei die Begründung einer „Tradition der öffentlichen Erinnerung, durch die der Holocaust auf Dauer einen Platz in den maßgeblichen Darstellungen der NS-Zeit erhielt" (Herf 1998, S. 457), aufgehoben — sagen heutige Historiographen. Der Gegner und Zeitgenosse (und das Opfer), Ralph Giordano etwa, lehnt das „schlimme, tief unwahrhaftige Wort von der ,Kollektivscham"' rigoros ab (Giordano 1990, S. 269). Denn: Das Präsidentenwort von der Kollektivscham ist eine Unterthese von der deutschen Kollektivunschuld unter Hitler. Die in demselben Kontext eingefugte Wendung ,Das Schlimmste, was Hitler uns angetan hat ...' bestätigt die Absicht, egal, ob sie bewußt oder unbewußt erfolgte: ein Täter — und sechzig Millionen Gehilfen ... die Α-Historie schlechthin.

Übrigens: Das Schlüsselwort Scham zur Bezeichnung einer erwünschten nachkriegsdeutschen Befindlichkeit ist nicht erst 1949 und nicht allein von Theodor Heuss eingeführtes Element des deutschen Schulddiskurses. 175 Diese verbreitete Befindlichkeit bestätigt Giordano, der „immer der Uberzeugung gewesen [ist], daß bei der Verdrängung und Verleugnung der ersten Schuld Scham im Spiele war, sogar als ein auslösender Faktor der Verdrängung." Giordano macht die „Kombination von tatsächlichem Wissen über den Charakter des NS-Staates und seine Kriminalität mit den späteren Eröffnungen über die uferlosen Verbrechen" als Ursache dafür aus, dass „die Massen sehr wohl schockhaft" erkannten, „wie tief sie durch ihre Zuwendung zu ihm schuldhaft verstrickt waren." (Giordano 1990, S. 271) Nun haben wir es in unserem Zusammenhang nicht mit den Massen, mit den Durchschnittsdeutschen zu tun — die Scham der hier setzenden Gesellschaft, dieses mit dem Vorhandensein von Reue, Sühne, Betroffenheit, innerer Wandlung etc. verbinden (vgl. Assmann/Frevert 1999, S. 87ff.). Vgl. außerdem Baumgärtner 2001, S. 185-209. in jedem deutseben Menschen [muß] das Bewußtsein und die Scham brennen, daß das deutsche Γ 'oik einen bedeutenden Teil Mitschuld.. trägt. (KPD 1945, S. 15); Erst wenn unser Volk von tiefer Scham erfaßt ist über die Verbrechen des Hitlerismus, erst wenn es von tiefer Scham erfaßt ist darüber daß es diese barbarischen Verbrechen zugelassen hat, erst dann wird es die innere Kraft aufbringen, einen neuen, einen demokratischen, einen fortschrittlichen Weg ^u gehen (Ulbricht 1945, S. 35); wir sind uns doch eigentlich alle im wesentlichen darüber klar, wie wir leiden darunter, daß wir nicht das Wort gefunden haben .. diese Scham, die so furchtbar ist und uns τζίι einer \7er%weiflungführt (Kerckhoff 1947b, S. 172); Nicht die Gefahr war das Entscheidende dieser Jahre, .. sondern die immer wachsende Scham über das Ungeheuerliche, das geschah.. unter dem Jubel von Millionen geschehen konnte. (Wiechert 1949, S. 352)

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untersuchten Diskursgemeinschaft drückt sich wohl deshalb deutlich aus: ,Wir haben versagt!' (s.u. Kapitel 6.3.1.2.) ist ihr Bekenntnis, und die Struktur des von ihnen geführten Schulddiskurses insgesamt ist zu Teilen Ausweis dieses Bewusstseins von tiefer ,Verstrickung'. Die Diskursgemeinschaft nimmt also zwei Gelegenheiten zur Verabschiedung der unterstellten Kollektivschuldvorstellung nicht wahr: Obwohl das Nürnberger Urteil Anlass bietet zu erkennen, dass die Alliierten die These eigentlich nicht vertreten, halten die Nichttäter an ihrer Unterstellung fest, und obwohl Theodor Heuss mit Kollektivscham ein terminologisches Alternativangebot macht, bleibt Kollektivschuld als Diskurskonstituente bestehen. Wenn wir nun danach fragen, was die Diskursgemeinschaft eigentlich unter Kollektivschuld verstehen will, wie sie eigentlich dieses Schlüsselwort des Schulddiskurses ausdeutet, um es plausibel abwehren zu können, sehen wir, dass diese Ausdeutung eine semantische Konstruktion im Dienst des Argumentationsziels der Nichttäter darstellt. Dieses Ziel heißt: Rehabilitierung der Deutschen. Obwohl die Nachkriegselite Bereitschaft zur Schuldreflexion zeigt, sind die Argumente zur Abwehr einer Kollektivschuld diejenigen Argumente, die dann das dumpfere Klima der späten vierziger und fünfziger Jahre prägen. 176 Was bedeutet es, wenn sich eine ganze Nation die Existenz der These derart und insofern zu eigen macht, dass sie sie abwehrt? 177 Die argumentative Beharrung auf dem durch die Welt den Deutschen gemachten Vorwurf, exemplarisch manifest in der Ignorierung des Nürnberger Urteils — es wird lediglich konzediert, nicht aber argumentativ funktionalisiert — und in der diskursgeschichtlichen Folgenlosigkeit der Kategorie Kollektivscham, zeigen, dass die Deutschen den Vorwurf einer deutschen Kollektivschuld als Tatsache sozusagen gewollt herbeiziehen, dass sie konstruieren, indem sie Kollektivschuld inhaltlich in spezifischem Sinn verstehen wollen: Sie wollen das Wort als kriminelle Kategorie interpretieren — nicht nur, um sie mit Fug ablehnen zu können, sondern auch, und womöglich vor allem, um sich Wir widersprechen Detlef Garbe, wenn er erst für die fünfziger Jahre mit den Argumenten bzw. Strategien „totale Machtfülle des Regimes", „Schuldabwälzung", „Aufrechnen]..]", „Hider [hat] die Alleinschuld", „Schuld des Auslandes" eine argumentierende Abwehr von Schuldvorwürfen erkennen möchte. (Garbe 1993, S. 706) Vielmehr dienen von 1945 an diese Argumente zur Abwehr der Kollektivschuld. Dass auch Täter sich ihr verweigern, wollen wir in diesem Kontext nicht beachten. Denn l a t e r argumentieren natürlich aus gänzlich anderen Beweggründen. Sie suchen mit der Entlastung der Deutschen ihr Argument ,man konnte nichts wissen' zu unterfüttern: Wenn man .. Jet^t Einzelpersonen, in erster Linie uns, die Führer, :(ur Rfchenschaft :.~ieh! und vemrteilt, gut: dann aber darf man nicht gleichzeitig das deutsche Volk bestrafen. Das deutsche I 'olk vertraute dem Führer, und es hatte bei seiner autoritären Staatsführung keinen FLinfluß auf das Geschehen. .. Das deutsche l'olk ist frei von Schuld. (Göring 1946, S. 420); es [ist] ein Unrecht, das deutsche Volk als ganzes mit der Mitschuld oder auch nur der Mitwisserschaft an diesen entsetzlichen Massenverbrechen seines Diktators ~u belasten. (Meißner 1950, S. 594)

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mit diesem Abwehren die Möglichkeit zu schaffen, die eigenen Vorstellungen von deutscher Schuld, die eigenen Deutungsmuster geltend zu machen, und zwar vor dem Hintergrund des Bewusstseins nicht von einer deutschen Nichtschuld, sondern im Gegenteil von einer deutschen Schuld. Dieser Befund bedarf der Erklärung: Dieser inhaltlich spezifische Sinn von Kollektivschuld ist die kriminalisierende Bedeutungskomponente, welche die Diskursgemeinschaft der Nichttäter ihrer Argumentation unterlegt. Unter der Voraussetzung des kriminalisierenden Begriffs178 lehnt man diese grobe Kollektivschuldthese (Röpke 1948, S. 116) ab: das deutsche Volk [ist] nicht.. in seiner Gesamtheit schuldig (Deiters 1945, S. 8). Schuld, darin ist man sich gemeinhin einig, hat einerseits eine ethisch-moralische, anderseits eine juristische Dimension und die moralische Dimension lässt man — das werden wir sehen — gelten.179 Was man nicht gelten lässt, ist eine strafrechtliche Dimension des Kollektivschuldvorwurfs, die man unterstellt. Dass die Abwehr auf diese juristische Bedeutungskomponente zielt, zeigt sich darin, dass diejenigen, die eine deutsche Kollektivschuld leugnen, einen Begriff von dieser Kategorie Kollektivschuld haben, und zwar als Bezeichnung für konkrete Straßare Handlungen, tatsächliche Mittäterschaft, gemeinsame Willensschuldin wirklicher Freiheit und gewolltem Entschluß, ein klares Wissen der Vorgänge gehabt. Wenn sie damit argumentieren, Ziel sei, alle Deutschen ^u Verbrechern stempeln, wenn sie vorgeben, diegan^e Welt bestraft unsjet^t, wir werden wie Verbrecher betrachtet, an denen man ein Exempel statuieren muß\ wenn sie behaupten, der Vorwurf besage, daß wir alle ohne Unterschied den Nationalsozialisten %ur Macht verhelfen hätten, dann geben sie diese Deutungsanweisung: Kollektivschuld soll verstanden werden als kriminalisierende Kategorie, als nach juristisch-kriminologischen Kriterien festgelegter Begriff. Eine Interpretation, wie sie Jean Amery liefert, will die Diskursgemeinschaft nicht akzeptieren: Kollektivschuld. Das ist natürlich blanker Unsinn, sofern es impliziert, die Gemeinschaft der Deutschen habe ein gemeinsames Bewußtsein, einen gemeinsamen Willen, eine gemeinsame Handlungsinitiative besessen und sei 178

179

A u f die gesamtgesellschaftlichen Folgen der kriminalisierenden Ausdeutung von Schuld weist Lepsius hin: „Der strafrechtlichen A h n d u n g von Verbrechen liegt die Voraussetzung zugrunde, daß einem Individuum ein objektiv krimineller Tatbestand kausal zugerechnet werden kann (objektive Seite), w o b e i die persönliche Schuldhaftigkeit des Täters (subjektive Seite) zu beachten ist. Diese beiden Zurechnungsprinzipien führten zu einer Personalisierung und Psychologisierung des kriminellen Charakters des Nationalsozialismus, wodurch die verfolgten Handlungen auf solche eingeschränkt wurden, denen ein Täter zugerechnet werden konnte. Schon daraus ergab sich eine Verminderung der strafrechtlich zu ahndenden Verbrechen." (Lepsius 1989, S. 241) W i r werden aber im weiteren Verlauf sehen, dass die Nichttäter sich bei ihrer Diagnose gerade nicht auf diese kriminalisierende Ausdeutung beschränken — w e n n sie ihren eigenen Schuldbegriff konstituieren. Sie ist z.B. nicht zuletzt das Motiv für die intensive diskursive Bearbeitung der SchuldAspekte VerantwortunguaÄ Wiedergutmachung {s.u. Kapitel 7.1.2. Wiedergutmachung

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darin schuldhaft geworden. Es ist aber eine brauchbare Hypothese, wenn man nichts anderes darunter versteht als die objektiv manifest gewordene Summe individuellen Schuldverhaltens. Dann wird aus der Schuld jeweils einzelner Deutscher — Tatschuld, Unterlassungsschuld, Redeschuld, Schweigeschuld - die Gesamtschuld eines Volkes. Der Begriff der Kollektivschuld ist vor seiner Anwendung zu entmythisieren und zu entmystifizieren. So verliert es den dunklen, schicksalhaften Klang und wird zu dem, als das er allein zu etwas nütze ist: zu einer vagen statistischen Aussage. (Amery 1977, S. 117) Nein, Kollektivschuld sollte gerade keine „brauchbare Hypothese" sein, sollte gerade diesen „dunklen schicksalhaften Klang" behalten, sollte gerade nicht „zu einer vagen statistischen Aussage" taugen — jedenfalls nicht für Festlegungen deutscher Schuld aus der Heteroperspektive, als Gegenstand des Vorwurfs von außen. Eine andere als die juristische kriminalisierende, etwa eine moralisierende Deutung, etwa die von Amery vorgeschlagene Fragmentierung in Schuldarten, und die Einbeziehung der Schuldaspekte ,Passivität', ,Zulassen', ,Schweigen', wie er, als Opfer, sie reklamiert, kommt für die Nichttäter nicht in Betracht — dann nicht, nota bene, wenn sie die Kategorie Kollektivschuld damit bestimmen und sich auf den aus der Außensicht gemachten Vorwurf beziehen. 180 Das heißt jedoch nicht, dass die genannten Schuldaspekte ,Passivität', ,Zulassen', Schweigen' nicht Elemente zur Bestimmung deutscher Schuld aus der Binnenperspektive wären — sie sind es, das werden wir weiter unten sehen. Als Elemente zur semantischen Ausdeutung des von den Deutschen nur stigmatisierend interpretierten Schlüsselworts Kollektivschuld., wie die Welt es gebraucht, lehnt die Diskursgemeinschaft sie jedoch vehement ab. Auch Jaspers hat sich mit seinen vier Schuldkategorien, von denen kriminelle Schuld nur eine, und die simpelste, ist, nicht durchgesetzt, obwohl er diese kriminelle Schuld für die meisten Deutschen ausschließt: Die mögliche Bedeutung von „Das ist eure Schuld", nämlich „Ihr seid Teilnehmer an jenen Verbrechen, daher selbst Verbrecher" ist für die überwiegende Mehrzahl der Deutschen offenbar falsch. (Jaspers 1946, S. 151) Denn diese Kategorien der politischen, moralischen und metaphysischen Schuld bezeichnen

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Zeitgenössisch mahnt das Opfer Isa Vermehren: die eigene Bedeutung kann nicht so weit geleugnet werden, daß man meint, sich ausschließen ψ können aus dem nostra culpa aller Menschen. W'ieviel Schuld liegt immer wieder im Zu-Wenig des Geleisteten, wieiiel Vzrwirrung ist erwachsen aus der Zwiespältigkeit der Handlungen, wieviel Gutes versäumt worden durch feige Unentschlossenheit, mangelnde Großmut, verantwortungslose Unemsthaftigkeit - übergenug Schuld findet sich hier fir ein klares mea culpa. (Vermehren 1946, S. 231 f.) Die Schweige- und Duldungsschuld ist Gegenstand auch des jüdischen Schulddiskurses, wie er in der jüdischen Presse geführt wurde: „Ihr Schweigen, ihre Duldung, ihr Gewährenlassen stempelten sie zu Mittätern" (Jüdisches Gemeindeblatt 5. November 1948, zit. nach Geis 1999, S. 296). Ralph Giordano sieht in dem Schweigen der Deutschen Zustimmung: „Dieses Schweigen sanktionierte den Mord. Dieses Schweigen war deshalb indirekter Mord" (Ralph Giordano in ZdZ 3/1948, S. 13, zit. nach Geis 1999, S. 298).

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ja gerade das Gegenteil von krimineller Schuld. Man will aber gerade auf dem Vorwurf,kriminelle Schuld' die Abwehr des Kollektivschuldvorwurfs aufbauen. Und: Diese Kategorien bleiben der Erfassung deutscher Schuld aus der Autoperspektive vorbehalten — wir werden auch dies im Weiteren sehen. Eine andere Deutung von Kollektivschuld als ,kriminelle Schuld' also lässt die Diskursgemeinschaft, wenn sie die von der Welt gemeinten Bedeutung von Kollektivschuld interpretiert, nicht zu. Warum nicht? Sie braucht diese kriminalisierende Kategorie, um auf ihr aufbauend ihren Schulddiskurs zu führen. Wir können aus dem hier rekonstruierten Diskurs bestätigen, was der Historiker Peter Reichel als Option erwägt, dass der Kollektivschuld-Vorwurf vielleicht „den Siegern nur unterstellt [wurde], damit ihn die Besiegten umso nachdrücklicher zurückweisen konnten" (Reichel 2001a, S. 28) — aus Gründen, die in ihrem Argumentationsziel, die Welt vom anderen Deutschland zu überzeugen und in der Diskursfunktion Identitätsschaffung begründet liegen, immer unter der Voraussetzung wohlgemerkt, dass man sich einer deutschen Schuld bewusst ist.181 Nur unter dieser Voraussetzung erklärt sich die differenzierte und aufwändige, aspektreiche und komplexe Argumentation der Diskursgemeinschaft. Dies scheint wohl auch ein Beleg für die Tatsache zu sein, dass erst die Enkelgeneration nicht nur willig, sondern sogar dankbar die Möglichkeit einer deutschen Kollektivschuld auf sich zieht: Fünfzig Jahre danach ist natürlich die Kategorie ,kriminelle Schuld' sozusagen biologisch obsolet geworden, ,kriminell' setzt,individuell' voraus, und da also ,kriminell' nicht mehr in Frage kommt, ist die Möglichkeit einer solchen Historisierung der deutschen Schuld eröffnet: Alle waren schuld. Diese neue Kollektivschuld löste aber keine Bedrückung aus, sondern wurde vielfach wie eine Erlösung aufgenommen. Denn die Schuld, die man anerkannte, war nicht die eigene, sondern die Schuld der .anderen' Deutschen, von denen die meisten tot waren. Nicht Schuldabwehr oder Verdrängung, sondern die totale Schuldannahme wirkte wie eine Befreiung. Es war kein Schlußstrich unter die Verbrechen der Deutschen, die man zum Teil erst jetzt in ihrem vollen Ausmaß zur Kenntnis nahm — es war ein

„Die geradezu obsessive Abwehr eines Vorwurfs [der deutschen Kollektivschuld], den niemand erhoben hatte, erlaubt einzig die psychoanalytische Deutung als ,Projektion'. In dieser Abwehr wird nämlich die vielfältige — nach überkommenen moralischen und politischen Kriterien kaum deutbare - Verstrickung zahlloser Deutscher in die historisch beispiellosen Verbrechen ihres Staates indirekt eingestanden. Daß diese mit der mißverständlichen Kategorie der Schuld bezeichnete Verantwortung oder Haftung überdies noch den Deutschen als gewissermaßen organisches Kollektiv zugerechnet wird, ist vor allem das Problem der Selbstwahrnehmung einer Bevölkerung, die auch im Status der totalen moralischen und militärischen Niederlage nicht aufhören konnte, sich als ,Volksgemeinschaft' zu empfinden." (Dubiel 1999, S. 71)

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Ablaß. Die \ ? ergangenheit verwandelte sich in Geschichte. (Jeismann 2001, S.

9) Für die Zeitgenossen der frühen Nachkriegszeit ist die Vergangenheit noch lange nicht Geschichte, sondern eine Gegenwart, die ihnen Auseinandersetzung und Bekenntnis abverlangt. Ihre Vergangenheit ist noch „erfahrungsgesättigt". 182 6.3.1. Abgrenzungen: Die Gesellschaft der Schuldigen Die Diskursgemeinschaft der Nichttäter ringt also, so lautet unsere Voraussetzung, um einen differenzierten Schuldbegriff. Mit der Leitidee Gerechtigkeit schafft sie unterschiedliche Schuldkategorien und einen weit ausdifferenzierten Schuldbegriff. In der Nazizeit sind Schulderscheinungen aufgetreten, die die Festlegung eines neuen Schuldbegriffs erfordern. Am konsequentesten durchgearbeitet ist die Schuldanalyse zwar von Karl Jaspers. Kategoriell und klassifizierend denkt jedoch die Diskursgemeinschaft überhaupt und die Unterscheidung Jaspers' zwischen krimineller, politischer, moralischer und metaphysischer Schuld finden wir auch sonst. Karl Jaspers 183 hält im Wintersemester 1945/46 eine Vorlesung über die Schuldfrage — um wahr ψ werden. Zwar ist der Philosoph überzeugt, dass am Ende .. der Ursprung dessen, was wir Schuld nennen, in einem einigen Umfassenden liegt. Aber dies kann klar nur werden durch das, was auf dem Wige über die Unterscheidungen gewonnen ist (Jaspers 1946, S. 133). Jaspers ist - wie die große Mehrheit der Angehörigen der Diskursgemeinschaft - besorgt um die Belegung seiner deutschen Zeitgenossen mit dem Kollektivschuldvorwurf der Welt. Jaspers' AnHegen ist einerseits Anerkennung kollektiver Verantwortung und daher Haftung aller Staatsbürger für die Folgen staatlicher Handlungen, andererseits Ablehnung von krimineller und moralischer Schuld jedes einzelnen Staatsbürgers in be^ug auf Verbrechen, die im Namen des Staates begangen wurden. (Jaspers 1946, S. 137) In diesem Argumentationsziel treffen sich Jaspers und die übrige Argumentationsgemeinschaft der Nichttäter. Der von Jaspers in der Vorlesung erarbeitete vierteilige Schuldbegriff „wurde seinerzeit und dann in der Forschung überraschend wenig disku-

182

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Erst mit „dem Generationswechsel ändert sich auch der Gegenstand der Betrachtung. Aus der erfahrungsgesättigten gegenwärtigen Vergangenheit der Uberlebenden wird eine reine Vergangenheit, die sich der Erfahrung entzogen hat" (Koselleck 1994, S. 117). Jaspers war mit einer Jüdin verheiratet und wurde aufgrund dieser „nationalen Unzuverlässigkeit" 1937 zwangsemeritiert und 1938 mit Publikationsverbot belegt. Noch vor Kriegsende, am 5. April 1945, tagte eine Gruppe unbelasteter Professoren (der „Drei2ehnerausschuss") in Jaspers Haus in Heidelberg zur Vorbreitung der Wiedereröffnung der am 1. April von den Amerikanern geschlossenen Universität Heidelberg.

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tiert" (Koebner 1987, S. 309). Die Systematisierung, in der Jaspers selbst auch eine Gefahr sieht 184 , hat nicht zu einer Einstellungsänderung bei den Deutschen geführt. Die akademisierende Unterscheidung in kriminelle, politische, moralische und metaphysische Schuld und Instanzendifferenzierung für kriminelle Schuld sind Gerichte zuständig, für politische die Gewalt und der Wille des Siegers, für moralische das eigene Gewissen und für metaphysische Gott allein — war kein Angebot, wiewohl die Diskursgemeinschaft sich nicht nur in der Grundunterscheidung zwischen verbrecherischer, krimineller Schuld einerseits und moralischer Schuld andererseits einig war 185 , sondern auch in der Vorstellung einer geringen Anzahl krimineller Schuldiger und der Masse der politisch schuldig gewordenen Deutschen 186 ebenso wie in der Uberzeugung, dass die Schuldfrage .. mehr noch als eine Frage seitens der andern an uns eine Frage von uns an uns selbst [ist]. Wie wir ihr in unserem Innersten antworten, das begründet unser gegenwärtiges Seins- und Selbstbewußtsein. Sie ist eine Lebensfrage der deutschen Seele. Nur über sie kann eine Umkehrung stattfinden, die uns ς» der Erneuerung aus dem Ursprung unseres Wesens bringt. Die Schulderklärungen seitens der Sieger haben i^var die größten Folgen für unser Dasein, sie haben politischen Charakter, aber sie he/fen uns nicht im Entscheidenden: der inneren Umkehrung. Hier haben wir es allein mit uns selbst tun. Philosophie und Theologie sind berufen, die Tiefe der Schuldfrage ψ erhellen. (Jaspers 1946, S. 134) Nicht nur Philosophen und Theologen kümmern sich um Klärung. Auch Politiker und Dichter und Zeitkritiker tun dies: Sie stellen die Frage nach der Schuld der Täter als den wirklich Schuldigen, nach der eigenen Schuld als eine Frage von uns an uns selbst (Jaspers), nach der Schuld der Deutschen schließlich — als eine Lebensfrage der deutschen Seele (Jaspers).

6.3AA.Die ivirklich

Schuldigen

Mit der Deutung des Kollektivschuldbegriffs als Verbrechenskategorie schafft sich die Diskursgemeinschaft eine Bezugsebene, auf die sie im Verlauf des Schulddiskurses rekurrieren kann, und zwar abwehrend. Sie 184

185

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Unser Zerfasern der Schuldbegriffe kann %um Trick werden, mit dem man sich von Schuld befreit. Unterscheidungen liegen im Vordergrund. Sie können den Ursprung und das Eine verdecken. Mit Unterscheidungen kann man gleichsam wegeskamotieren, was einem nichtpaßt. (Jaspers 1946, S. 173) Koebner meint, dass solche „grundsätzliche Zweiteilung des Schuldbegriffs .. sich zuerst bei den exilierten Autoren [findet] — jedes Mal im Zusammenhang mit der Aufforderung an die Deutschen, sich der kollektiven Haftung für den Nationalsozialismus nicht zu entziehen." (Koebner 1987, S. 309) Kollektivschuld eines I 'olkes oder einer Gruppe innerhalb der Völker .. kann es außer der politischen Haftung nicht geben, weder als verbrecherische, noch als moralische, noch als metaphysische Schuld. (Jaspers 1946, S. 145) Denn: Jeder Staatsbürger ist in dem, was der eigene Staat tut und leidet, mithaflbar und mitgetroffen. Hin Verbrecherstaat fällt dem ganzen \ rolk ^urluist (ebd., S. 153).

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macht dazu Argumente geltend, die an die Verpflichtung zur historischen Wahrheit appellieren — Kollektivurteile sind die einfachste und gleichzeitig gefährlichste Form der Geschichtsfälschung (Windisch 1946, S. 22) - und die Ungerechtigkeit des Urteils herausstellen. Die so argumentieren, berufen sich allesamt auf ein Bedürfnis nach Gerechtigkeit und entwerfen im Namen dieser Gerechtigkeit eine sorgfältig differenzierte Soziologie der deutschen Gesellschaft zur Zeit des Nationalsozialismus — die Spitzen dieser Gesellschaft im Nationalsozialismus sind die wirklich Schuldigen und ihre Taten. Man nennt ihre Namen, weist ihr Tun im Sinn einer ,Tatschuld' als bewussten Akt aus 187 und konzentriert sie zu einer Handvoll Verbrechern. Zur Feststellung dieses Aspekts des Schuldbegriffs bilden sich Koalitionen — von KPD und CDU, von Atheist und Kirche —, die wohl nur in Umbruchzeiten möglich sind: die gewissenlosen Abenteurer und Verbrecher, .. die Hitler und Goring Himmler und Goebbels, die aktiven Anhänger und Helfer der Nazipartei.. die Träger des reaktionären Militarismus, die Keitel, Jodl und Konsorten .. die imperialistischen Auftraggeber der NaZipartei, die Herren der Großbanken und Konzerne, die Krupp und Röchling Poensgen und Siemens. Eindeutig ist diese Schuld (KPD 1945, S. 14); Schuld eines würgenden Tyrannen und einer kleinen Schar vor nichts mehr zurückschreckender, unmenschlicher Henker (Eckert 1946, S. 50); Jene Handvotl nationalsozialistischer Abenteurer. .. wir vergessen die Schuld Hitlers nicht (Kaiser 1950, S. 494); Die deutschen Imperialisten selbst — das sind die wahren und eigentlichen Schuldigen! ..jene Gesellschaft, die sich mit zynischer Frechheit als den „Rat der Götter" bezeichnete (Grotewohl 1950a, S. 52); Bluthund.. Schlächterclown .. eiserne[r] Hermann .. der Polizist als Dieb .. ,der Doktor' .. sechs Mörder (Brecht 1955, 1035f). „Du kannst etwas dafür" (Kaufmann 1976, S. 149), dieser persönliche Vorwurf eines sittlichen Vergehens wird hier gemacht, denn dieser Vorwurf hat seinen Platz dort, wo eine „normative[..] und das heißt sittliche[..] Schuldauffassung" (ebd.) ein ,,freigewollte[s] Unrechttun" (ebd.) feststellt; in der zeitgenössischen Formulierung des Rechtsprofessors Bader: Schuld ist vorwerfbares Verhalten, und %war rechtlich vorwerfbares Verhalten (Bader 1946, S. 24). Die sich so verhalten und daher etwas dafür können, werden damit hinsichtlich ihrer Verbrechen kriminalisiert: Rotte von Verbrechern, Verbrecherklub, Verbrechernaturen, Gangster, nationalsozialistische Verbrecher, Mörder, Räuberbande, brutale Kriminelle, Auschwitzer SS-Mordbestien, Massenmörder, Vustmörder, verbrecherische Abenteurer.

Strafbares Tun ist nicht nur „solches Tun, bei dem einem jeden, auch dem Primitivsten, das Gewissen wenn nicht tatsächlich schlägt, so doch schlagen müßte" (Kaufmann 1976, S. 198), sondern darüber hinaus kann „strafrechtliche Schuld nur Tatschuld sein .. Denn nur in dem Akt der gewollten Begehung einer strafbaren Handlung .. liegt eine so eindeutige, rational erkennbare und geistig verstehbare sittliche Verfehlung, daß hier der Richter sagen kann: dies hätte der Täter vor seinem Gewissen nicht tun dürfen" (ebd., S. 199).

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Kurt Schumacher gebraucht das nicht nur bei — wie oben gesehen — Opfern, sondern auch bei Nichttätern am häufigsten belegte Stereotyp Verbrechet in seiner zwei Tage vor der Kapitulation gehaltenen Rede 189 nicht als emotionalisierendes Epitheton. Er weist die Kriminalität der Nazis, dieser Horde von verkrachten Existenzen, von Verbrechern und Abenteurern, konkret nach: Sie haben das Recht auf Raub und Beute streng hierarchisch in ihrem Räuberstaat abgestuft. .. Die Ausübung der politischen Macht hatte für den einzelnen echten Na^i in erster Linie den Sinn, ihn außerhalb der Strafgesetze ςγ stellen. .. So haben die Ναφ eine Überführung von Vermögen aus fremden in die eigenen Taschen erreicht, die nur verglichen werden kann mit der Umschichtung einer ganzen socialen Revolution. Sie haben die politischen Gegner beraubt, sie haben die Juden in einer unvorstellbaren Wdse und unter den schrecklichsten Marten ausgeplündert und vertrieben. Sie haben keinen Respekt vor fremdem Eigentum und Leben gekannt. Sie haben geschnorrt und gebettelt, an den Opfersinn des Volkes appelliert und das Geopferte in die eigene Tasche gesteckt. So konnten in ihren führenden Kreisen abgerissene Bettler vielfache Millionäre werden und ein Leben von unerhörtem Luxus undphantastischer Schwelgerei führen (Schumacher 1945c, S. 212).190 Zu diesem engen Kreis der wirklich Schuldigen zählen die namenlosen Feinde echter Menschlichkeit und ivahrer und ehrlicher Gemeinschaft des \/olkes, die charakterlich und politisch Minderwertigen, alle die, die sich als „politische Schweine" benommen oder Verbrechen begangen haben. .. Parteibon^en, .. üblef..] Na^inut^tiießer, .. Stellenjäger, .. Gewaltmenschen,..parteipolitische[..] Schinder und Aufpasser, .. despotische [..] und fanatische [..] Anhänger, .. üblef..] Militaristen, Kriegswütige[..] und Scharfmacher, dem alles noch nicht rücksichtslos genug erschien, .. judenhasser und Judenvetfolger, .. das Volk terrorisierendef.] und einschüchterndef..] Propagandisten, .. Blindwütige, .. Verbrecher, .. Kriegsverlängerer, .. I rolkssturmwütigef..], .. Ausbeuter. (Eckert 1946, S. 76-79) Bei allem Begrenzen des Umfangs dieser Kotte von Verbrechern indes — die Nichttäter der Nachkriegszeit haben offenbar ein Bewusstsein dafür, dass es mit der Isolierung eines inneren Zirkels von wirklich Schuldigen aus der Gesamtgesellschaft nicht getan ist. Man erweitert den Referenzbereich von Schuld und fragt darüber hinaus nach denjenigen, die Schuld tragen an all den Folgen der zwölfjährigen Naziherrschaft. 191 Röpke unterscheidet in 188

Ungeachtet der Tatsache, dass die „größte Schwierigkeit, die einem angemessenen Verstehen des totalitären Phänomens entgegegensteht,.. diese Stimme des Unglaubens [ist], die in jedem von uns sitzt und uns mit den Argumenten des gesunden Menschenverstandes schlecht zuredet. So versucht man als ,Verbrechertum' zu klassifizieren, was doch unter keiner solchen Kategorie je vorgesehen war." (Arendt 1955/1998, S. 912)

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Herf wertet diese Rede als „das erste Zeugnis der politischen Kultur des neuen Deutschland" (I lerf 1998, S. 288). Vgl. zu dieser Rede auch Baumgärtner 2001, S. 127ff. an den \rerbrechen des JSla^regimes .. an Unrecht und Schaden .. an den Untaten des Mitlerregimes .. an seinen 1 'erbrechen (Dahlem 1945, S. 257ff.); [an den] ungeheuren materiellen Schäden, die ihre egoistische Gleichgültigkeit mitrerursacht hat (Müller-Meiningen 1946, S. 56); an den \rerbrechen. die Na-

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diesem Sinn Deutsche, die vollkommen freizusprechen sein werden von solchen, die das Durchschnittsmaß tragen und von solchen, die wirkliche schwere Schuld qw bekennen haben (Röpke 1948, S. 114). Um die Schuld dieses erweiterten Zirkels zu benennen, zerlegt man den Komplex schuldhaften Handelns in die typischen Elemente, die die Jahre 1933 bis 1945 kennzeichnen — sich Befehlen nicht widersetzen, Menschen %« Tode prügeln, Juden ins Elendjagen helfen, sterilisieren, lügen, Haßpredigen.192 Diese Schuldanalysen, die zwischen Verbrechern und anderswie Schuldigen unterscheiden, suchen einerseits eine scharfe Trennlinie zwischen juristischer und moralischer Schuld zu ziehen. Andererseits sucht man der den Zeitgenossen bewussten Tatsache zu entsprechen, dass es kaum einen Deutschen gibt, der vollkommen frei von Schuld ist. So schafft man zur Feststellung der Schuldanteile Verantwortungskategorien quer durch die deutsche Gesellschaft. 193 Die Analyse des Pfarrers und Theologen Josef Eckert ist Beispiel für den Drang der Diskursteilnehmer, den Schuldbegriff zu atomisieren — bis zur Unkenntlichkeit, einerseits, um zu wahren, was ihnen höchstes Anliegen ist: Gerechtigkeit gegenüber den deutschen Zeitgenossen; andererseits aber auch, um den Umfang, das Ausmaß, die Dimension der deutschen Schuld vorzuführen, den Deutschen all die Möglichkeiten, im Nazireich schuldig zu werden, bewusst zu machen. Der Schuldbegriff wird dazu eingegrenzt auf solche Verstöße gegen Ethik und Moral, welche die Verwerflichkeit der Schuldigen von dem Fehlverhalten der großen Masse

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zideutschland an den anderen I 'ölkern veriibte (Dahlem 1947, S. 59); an den Taten seiner führenden Kriegsverbrecher (Raddatz 1947, S. 70); an den Grausamkeiten, die nacheinander Juden und Katholiken. Sozialdemokraten und Kommunisten, Bibelforscher und Freimaurer und schließlich ganze Völker erduldet haben (Lübe 1949, S. 229). Alle diejenigen haben eine solche Schuld auf sich geladen, die sich solchen Befehlen nicht widersetzt haben, durch deren Ausführung sie zu Teilnehmern an einer durch das äußere oder innere Hecht der Menschheit selber verbotenen Handlung wurden. Nicht nur; wer Menschen :'u Tode geprügelt und Juden hat ins TLlend jagen helfen, sondern auch die. die Menschen wie ungeeignete Zuchttiere sterilisiert oder Uigen über das Ausland ausgeheckt oder verbreitet haben, die den Haß der Völker predigten, um die deutschen Soldaten Zur ]/rerachtung der Hechte der Menschheit aufzumuntern, sie alle haben eine solche Schuld auf sich geladen und können sich nicht mit einem Befehl der ihnen da^u gegeben war, entschuldigen (Ebbinghaus 1946, S. 77). Eugen Kogon etwa schafft eine Schuldgemeinschaft von Eliten, die er dann auflöst in die Feststellung: ,jeder ist schuldig': Auch in der Politik fliegt Schuld vor], die von den Geboten der Sittlichkeit nicht frei ist. Der Geistliche, der nicht geholfen und die Gelegenheit nicht gesucht hat, wo er helfen konnte, ist schuldig. Der Richter, der nicht — wie so mancher seiner Kollegen im Deutschland des Dritten Reiches —, genau die Art und die Länge der z>< verhängenden Freiheitsstrafe abwog, um z}< verhindern, daß der Verurteilte ein Kl .-Opfer der Gestapo wurde, ist schuldig. Das gleiche gilt vom Arr!. dem der unsittliche Parteiantrag gestellt war, zu sterilisieren oder unerwünschte Leute geistesschwach schreiben und sie so den bekannten Mordanstalten zu überantworten, vom Journalisten, vom Universitätsprofessor, vom Betriebsfiihrer, vom Staats- und Kommunalbeamten, vom Offizier, vom Arbeiter, vom Soldaten, von jedem. (Kogon 1946a, S. 419)

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abzugrenzen erlauben. Häufig gebrauchtes Schuldargument in diesem Sinn ist das Spitzel- und Denunziantenwesen: die Lumpen von Denunzianten, die an den Wänden horchten, um bei ihren Nachbarn die .Auslandsgeräusche" erlusen, und die, die in den verdunkelten Abend- und Nachtstunden die Häuser entlang schlichen, in die Gärten einbrachen, um Funksünder z" ertappen, die besonders „hellsichtigen" Farteispione, deren erster Blick in den Wohnungen auf die Einsteilung des Radiogerätes ging, um gleiche Feststellungen zu treffen alle die, die dann Zur Anzeige schritten1. Die suchen wir bis %um letzen Mann und bis ~ur letzen Frau! (Eckert 1946, S. 133f.). Denunziation ist wohl auch deshalb eine besonders häufig genannte, d.h. als besonders verwerflich bewertete Verbrechens- und damit Schuldkategorie, weil sie für die Nazizeit typisch ist. Dass dieses Verbrechen staatlicherseits nicht nur erlaubt, sondern gefördert und sanktioniert wurde, ist den auf Rechtsstaat und Demokratie gestimmten juristischen Zeitgenossen Anlass zur Thematisierung: die politischen Überwachungsmaßnahmen, die schon von Anfang des „Dritten Reiches" an durch geheime Staatspolizei und Sicherheitsdienst vorgenommen wurden, [bedeuteten] eine sozusagen von Staats wegen erfolgende, systematische Unterstüt^ng der Denunziation (Bader 1949, S. 113). Gustav Radbruch fasst in seiner berühmten Abhandlung ,Gesetzliches Unrecht und übergesetzliches Recht' diejenigen, die sich dieses Verbrechens schuldig gemacht haben, als mittelbare Täter. Wie mittelbarer Täter ist, wer sein Befehlsrecht gegen Gehorsamspflichtige zu verbrecherischen Zwecken mißbraucht hat, so ist auch der mittelbarer Täter, der zu verbrecherischen Zwecken durch eine Denunziation den Justi^Apparat in Funktion gesetzt hat (Radbruch 1946, S. 359). Die Verwerflichkeit dieses Verbrechens und die Tatsache, dass Denunziation für den Nationalsozialismus so typisch war, ist nach 1945 der Grund dafür, dass die Zeitgenossen das Fortbestehen der Denunziationen unter umgekehrten Vorzeichen besonders vermerken: Die Bereinigung des öffentlichen Lebens von Nationalsozialisten, Militaristen und Nutznießern des ,Dritten Reiches' hat unzweifelhaft zu einer neuen, kaum weniger schädlichen und verbreiteten Welle politischer und sonstiger Denunziationen geführt. (Bader 1949, S. 113) Damit argumentiert Bader für die freie Entwicklung zur vollen Demokratie·. Der Schaden liegt in der durch den Nationalsozialismus verursachten l rergiftung der Gesinnung begründet. Die aus der Besatzung als solcher sich ergebenden politischen Übertvachungsmaßnahmen halten das Übel wach. First eine freie Entwicklung ztir vollen Demokratie, die auf der Freiheit der politischen Haltung beruht, wird Besserung bringen (ebd., S. 114). Schuldargument ist weiterhin ,Steigbügelhalter', von Wilhelm Röpke und vielen anderen geltend gemacht, um diejenigen zu erfassen, die zwar keine Nazis waren, die den Nationalsozialismus aber im Gewand ehrbarer Bür-

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ger zu verantworten haben. ,Gewisse Deutsche sind schuldiger als die Gesamtheit' ist ihre tiefe Überzeugung und zu diesen Schuldigeren zählen Besitzende, Gebildete und Intellektuelle. Ein ganzes Volk [ist] einen falschen Weggegangen — zugegeben, aber: [es]gibt.. manche, die ein höheres Maß von Schuld tragen .. die dem Nationalsozialismus in den Sattel geholfen .. haben .. Weite Kreise von Besitz und Bildung.. deutsche Richter.. Generäle (Steltzer 1945, S. 33); der fluchwürdige v. Papen und seine Hintermänner, die für ihre Dummheit und l rerderbtheit niemals genug büßen können, [denn sie haben] die Kloake der deutschen Gesellschaft geöffnet.., wobei einzelne gar den unverzeihlichen Irrtum begingen, sie für die reinigende Wasserleitung zu halten. (Röpke 1948, S. 73) Röpke weist eine Gesamtschuld aller Schichten aus, denen das Gift.. überall mit Erfolg gereicht wurde und von der sich nur eine Minderheit des deutschen Volkes mit gutem Gewissen freisprechen kann. Sie alle tragen Mitschuld an den entsetzlichsten und viehischsten Grausamkeiten .., die Menschen ersinnen und begehen können. Diese Schuld sei aber immer noch geringer als diejenige einzelner wichtiger Gruppen, die entscheidend zum Triumph der Nationalsozialisten beigetragen haben, und diese Schuld wiegt um so schwerer, als es sich um führende Schichten handelte. Die wahrscheinlich größte und unverzeihlichste Schuld tragen somit die Intellektuellen (Professoren, Journalisten, Künstler und Schriftsteller) (Röpke 1948, S. 76ff.), weiterhin solche Künsder, Künsderinnen, Wissenschaftier und Vortragende, die ihre Stimme zu häufig im Äther für Nazipropaganda ertönen ließen .. Männer, die wegen ihrer Stellung oder militärischen Ränge als offizielle Persönlichkeiten angesehen werden mußten, und die das Volk über die wahre militärische Lage fortgesetzt belogen haben .. die, die für das Zustandekommen der Heeresberichte von Heute" verantwortlich sind und der Wahrheit zuwider das Volk über Wirklichkeiten getäuscht haben!.. die, die uns in der Wochenschau Illusionen vorzumachen versuchten. (Eckert 1946, S. 134) Darüber hinaus treffen sich in der Schuld diejenigen, die ihre Wissenschaften prostituierten: Wer .. falsche[..] Lehren der Rassen- und der Völkerkunde, der Geschichte, der Staatskunde, des internationalen Rechts und der für das friedliche Zusammenleben der \ rölker geltenden Grundsätze [verbreitet hat] .. Wer die Seelen unsererjungen Studenten im naz]ideologischen Sinne zu vergiften verstanden und damit gegen die heiligen Grundsätze der freien Wissenschaften gesündigt [hat] (ebd., S. 139). Ein besonders verwerfliches Szenario der Schuld ist das Univers Concentraüonnaire, zu dessen Unterhalt wesentliche Teile der deutschen Gesellschaft beitrugen. So bezieht Eckert in seine auf hohem Reflexions- und Erkenntnisniveau angelegte Schuldanalyse nicht nur im engeren Sinn für die Geschehnisse in den Konzentrationslagern Verantwortliche[..] und Schuldige]..] ein, sondern auch — und nun folgt eine lange Reihe von Schuldigen mit einer ausführlichen Diagnose ihrer Schuld, die von hohem Erkenntniswil-

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len, von Einfühlung und Eindenken in diese KZ-Welt zeugt. 194 Eckert spannt den Bogen weit bis hin zu denjenigen, die in der Nähe der Konzentrationslager wohnten — wir sehen die Bilder der Weimarer Bevölkerung, die von den Alliierten nach Buchenwald verschrieben wurden, wo ihnen die stille Frage ,das wollt ihr nicht gewusst haben?' gestellt wurde. So fragt auch Eckert: Welches Wissen, welchen Anteil an den Vorgängen eines Lagers hatte die Bevölkerung der nächstgelegenen Wohnorte? (Eckert 1946, S.69f.) Was die Zeitgenossen bewegt, ist die Frage nach der Unterscheidung zwischen juristischer und moralischer Schuld, die Frage danach, wo die moralische Schuld beginnt und wie sich juristische und moralische Schuld zueinander verhalten: Jeder, der selbst ein Stück der Macht in der Hand hielt, vom größten bis kleinsten, ist auch persönlich schuldig. Praktisch gesprochen: Jeder, der einen Menschen nach seiner , politischen Zuverlässigkeit" beurteilte oder beurteilen durj'te. Denn damit ist er von der Teilhabe hinübergeschritten %ur Aktion. Auch der kleinste Obmann hat in jedem Fall gewußt, daß er damit den ,Menschen" vernichtet, ihn %um ,Material" der absoluten Macht stempelt. Das aber ist aktive Beihilfe jedem der nationalsozialistischen Verbrechen. (Kuhn 1946, S. 45f.) Hugo Kuhn legt eine Diagnose vor: Tatschuldige — von der Teilhabe Z!ir Aktion — haben im Nationalsozialismus Menschen beurteilt und damit der Gewalt des Nationalsozialismus üb er antwortet. Wirklich Schuldige, diejenigen mit persönlicher Schuld, sind also die mit Macht Versehenen. Macht haben heißt Macht ausüben, und das heißt im Nationalsozialismus nichts anderes als schuldhaft handeln. Wer immer derart als Verbrecher ausgemacht wird — über ihn ist im moralischen Sinn nicht zu reden, er ist der kriminellen Schuld überfuhrt, von der die Diskursteilnehmer, trotz der Atomisierung des Schuldbegriffs, der, wie gesehen, weite Teile der Deutschen erfasst, die Masse der Deutschen separieren möchten. Diese Klasse der wirklich, wahren, eigentlichen Schuldigen, der echten Na%is ist eine Klasse, die, obwohl unterschiedlich identifiziert und von beträchtlichem Umfang, als Abgrenzungskategorie von der Gesamtheit der Diskursgemeinschaft akzeptiert wird. Den deut194

die Techniker und Firmen, die die Pläne fir solche Lager entwarfen, die hager und ihre Inneneinrichtungen geschaffen haben, die Lieferanten und Hersteller solch großer Mengen von Gasen oder Giften, daß sie sich nicht mehr auf Unkenntnis :?u berufen vermögen. Wer.. fir den Mord an Menschen bestimmte Gaskammern errichtet [hat] .. Τ'erbrennungsanlagen in einem Ausmaße geliefert, das mit natürlichen Abgängen nicht mehr begründet werden konnte .. die Verantwortlichen in den obersten Verwaltungsstellen .. die eigenen standesamtlichen Beglaubigungen in den Konzentrationslagern dem Lagerpersonal gestattet.. sich auch von Personen außerhalb des Lagers an der Verwertung der den Lagerinsassen abgenommenen Gegenstände beteiligt.. unrechtmäßig bereichert .. einen Unglücklichen, dem die Flucht gelang, seinen Schergen wieder ausgeliefert und die menschliche Hilfe versagt.. Was ging in den Räumen der Herren der Lagerleitungen „gesellschaftlich" vor? Was waren ihre perversen sexuellen „Spielereien" mit Lagerinsassen oder ihren von draußen mitgebrachten „ehrenwerten" Damen? Auch hier sind Schuldige -~u suchen! (Keltert 1946, S. 69f.)

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sehen Schulddiskurs kennzeichnet also die Schaffung dieser exkulpativen Kategorie der wirklich Schuldigen — exkulpativ in Bezug auf die Nichttäter, denn sie hat aus ihrer Perspektive entlastende Funktion in Hinsicht auf ihre Argumentationsabsicht: Wenn es einen erkennbaren, aus der Gemeinschaft der Deutschen ausgrenzbaren Kreis von wirklich Schuldigen gibt, sind die übrigen nicht wirklich Schuldige und damit entlastet. Wirklich Schuldige ist ein Begriffselement von Schuld und eine Entlastungskategorie zur Abwehr des Kollektivschuldvorwurfs. Diese Schuldigen stehen außerhalb des menschlichen Sittengeset^es, ihnen täte man ^uviel Ehre, den moralischen Maßstab der Schuld anzulegen (Röpke 1948, S. 35). Für solche Typen, ob Faschisten oder Bolschewisten, kann es .. den Begriff echter Schuld - undfolglich Sühne in einem sittlichen Sinne gar nicht geben. (Kogon 1947a, S. 292) Die Träger dieses Bösen und Satanischen [waren] kleine Tente gewesen .., so klein, daß siejedes Hasses unwürdig gewesen waren. (Wiechert 1939/1964, S. 200) Es genügt hier der juristische Maßstab der Schuld. Die kriminelle Schuld dieser wirklich Schuldigen erfordert Strafe.195 Der referenziellen Logik dieser Identifizierung wirklich Schuldige entsprechend bilden Mitglieder dieses Wortfelds - Strafe/strafen/Bestrafung, ^ur Veranhvortung^ %ur Rechenschaft ziehen und unerbittlich, streng und gerecht, mit aller Strenge — feste Kontextpartner von wirklich Schuldige.1% Die juristische Einordnung war Gegenstand politischen Handelns — nicht nur Konrad Adenauer verfolgte eine zur Integration bestimmter Gesellschaftsgruppen bereite Vergangenheitspolitik. Man war sich auf der

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„Das Schuldprinzip, die Forderung, daß die Strafe der Schuld zu entsprechen habe, daß aber auch grundsätzlich Schuld Strafe fordert .., ist ein Grundsatz der sittlichen Welt, eine lex naturalis, und hat daher absolute Gcltungskraft." (Kaufmann 1976, S. 208) Wiewohl: Wenn auf „die fabrikmäßige Marterung in den Konzentrationslagern, .. die fabrikmäßige Vivisektion von Menschen in diesen Lagern und .. die fabrikmäßige Vergasung von Millionen von Menschen .. die entsprechende Strafe folgte, nicht nur die Verbrecher, sondern alle Menschen mit ihnen, die ganze Welt zugrunde gehen müßte." (Picard 1946, S. 235f.)

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Die entscheidend Schuldigen verantwortlich machen? Ja. Rache an weniger I 'erantwortlichen. an deren Familien, Frauen. Kindern nehmen? Kein. Bestrafung durch ebenfalls unmenschliche Mittel? Nein, ein entschiedenes Nein. Verantwortlich machen bedeutet für die !>ur Verantwortung Gezogenen, daß sie sich verantworten dürfen. (Maier 1945, S. 261f.); Unerbittliche Strenge gegen die Schuldigen .. Gerechte Gesetze! Gerechte Maßnahmen! Individuelle Prüfung und Behandlung! (Müller-Meiningen 1946, S. 67f.); Streng muß man sein beim gemeinen Mord, beim Vergreifen an wehrlosen Menschen und dort, wo der Charakter der Gewalttat offenkundig war oder wo menschlich vermeidbare Härten und Grausamkeiten begangen wurden. Wo der Mensch Tier geworden war. wehrt sich der gesunde Sinn sogar gegen Gnade (Eckert 1946, S. 67); Die Schuldigen an dem furchtbaren Zusammenbruch und an den vollbrachten Greueltaten müssen ^ur Rechenschaft gezogen werden .. mit aller Strenge, aber auch gerecht unter individueller Prüfungjedes einzelnen Falles (Geiler 1947, S. 89); Die Beihilfe, Zustimmung oder gar Anordnung :>-ur Vergasung eines einigen jüdischen Kindes würde die schärfste und unerbittlichste Bestrafung des Schuldigen verlangen. Um wieviel mehr muß gefordert werden, daß die Mitglieder und maßgeblichen Helfershelfer einer Regierung ψΓ l'erantwortung gezogen und nie wieder auf die Menschheit losgelassen werden. die solche Greuel massenweise durchführen ließ (Milan 1952, S. 24).

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Ebene der politischen Funktionsträger frühzeitig einig, nicht nur darin, dass zu differenzieren ist, sondern auch darin, dass gesellschaftliche Ausgrenzung sich nur auf die im engeren Sinn als Täter zu bezeichnenden Nazis beziehen durfte: wir werden z» unterscheiden wissen ςwischen denen, die alsjunge Menschen das Nazireich nicht verschuldet haben, sondern es vorfanden und darin aufgewachsen sind, undjenen älteren Generationen, die mit schwerer Schuld beladen, völlige Handlanger Hitlers waren; wir werden tqt unterscheiden verstehen fischen jenen nominellen Nazis, die aus Zwang sich beugten und jenen Nutznießern dieses Systems des organisierten Raubes. (Kaisen 1945, S. 16) ,Verzeihen', dieses notwendige Begriffselement von Schuld, wird hier geltend gemacht und gerät zum Legitimator nachkriegsdeutscher Gesellschaftspolitik. In der Bundesrepublik und der D D R ist seit ihren Gründungen die Schuld der Nazis dann Anlass, gleichsam administrativ über Integration und Ausgrenzung nachzudenken. Adenauer legt von Beginn an seine moralisch angezweifelte (Frei 1996) Integrationspolitik dar, exemplarisch die Rede in der Kölner Universität von 1946, seine erste Regierungserklärung von 1949 und ein Interview von 1949: wir wollen nur den treffen, der wirklich schuldig ist; die Mitläufer, diejenigen, die nicht andere unterdriickten, die sich nicht bereicherten, keine straflaren Handlungen begangen haben, soll man endlich in Ruhe lassen. (Adenauer 1946, S. 150); Die wirklich Schuldigen an den Verbrechen, die in der nationalsozialistischen Zeit und im Kriege begangen worden sind, sollen mit aller Strenge bestraft werden. Aber im übrigen dürften wir nicht mehr swei Klassen von Menschen in Deutschland unterscheiden: die politisch Einwandfreien und die Nichteinwandfreien. Diese Unterscheidung rnuß baldigst verschwinden (Adenauer 1949a, S. 21); die wirklich Schuldigen an den Verbrechen, die in der nationalsozialistischen Zeit und im Kriege begangen worden sind, [sollen] mit aller Strenge bestraft werden .. Verbrecher, die sich der l'ernichtung von Menschenleben schuldig gemacht haben, sind einer Amnestierung nicht würdig und werden auch in Zukunft der ihnen zukommenden Strafverfolgung ausgesetzt sein (Adenauer 1949b, S. 169). Kollektivschuld aller Deutschen? Nein: Diese Täter, die Verbrecher, sind die entscheidend, wirklich, wahrhaft Schuldigen. Adenauer hält an dieser Legitimations-Formel für sein politisches Handeln fest, w e n n er sich 1952 empört über die Heldenpose der Nazitäter in deutschen Illustrierten: Wenn ich an das namenlose Elend denke, das zu einem erheblichen Teil durch die Schuld von Deutschen über unser Vaterland und die ganze Welt gekommen ist, dann bin ich empört über die fast einer Glorifizjerung sich nähernden Beschreibungen und Schilderungen, die immer wieder in einem gewissen Teile unserer Blätter über die wahrhaft Schuldigen und die wahrhaft l Verantwortlichenjener Zeit erscheinen. (Adenauer 1952a, S. 255) Das nämliche Bild zeigt sich i m Osten. Obwohl liier der konsequente Antifaschismus einen der Gründungsmythen der D D R abgibt, ist Vergangenheitspolitik auch hier Integrationspolitik. W o l f g a n g Leonhard hat zwar

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gegen anfängliche Konsequenz zu kämpfen. Er schreibt einen Schulungsartikel Kriegsverbrecher, aktive Na%is und nominelle Pgs für ein Bildungsheft: „Klare entschiedene Differenzierung nicht nach Äußerlichkeiten, sondern nach der l Verhaltensweise, schnelle, strenge Aburteilung der Kriegsverbrecher für die von ihnen begangenen l'erbrechen, Sühnemaßnahmen gegen die aktiven Nazis, die sich als Träger der Politik und der verbrecherischen Bestrebungen der NSDAP betätigten und heute den Wiederauflau stören versuchen; aber keinerlei Sühnemaßnahmen gegen die vielen Millionen früherer nomineller Mitglieder der NSDAP, die ehrlich einen neuen Weggehen wollen. So, und nur so kann die Frage der Behandlung der Ν αφ richtig gelöst werden", beendete ich den Artikel. Das entsprach meiner Überzeugung, war aber nicht leicht, sie beim nächsten Schulungsabend — alle führenden Funktionäre wurden dafür eingesetzt — vor den Genossen zu vertreten. Die Anti-Nazi-Stimmung, die zwischen wirklichen Schuldigen und nominellen Mitgliedern keinen Unterschied machte, ivar so stark, daß sich klare Unterscheidungen nur sehr schwer durchsetzen konnten. (Leonhard 1955, S. 552) Im Zuge zunehmender politischer Pragmatisierung aber zeigt man sich allenthalben zur Integrierung bereit, zunächst noch mit Vorbehalten: Die einfachen, unbelasteten Nazjmitglieder sollen durch ihre Arbeit und ihr Handeln beweisen, daß sie mit dem Geist der 'Nazipartei endgültig gebrochen haben, dann erst können sie als Gleichberechtigte behandelt werden. (Dahlem 1945, S. 260) Dann aber macht sich eine sich senkende Toleranz schwelle bemerkbar: In einer demokratischen Ordnung können auch die nominellen Mitglieder der Hitlerpartei in ein normales Feben eingegliedert werden, wenn sie aktiv am Neuaufbau teilgenommen haben und ehrlich bestrebt sind, mit ihrer Vergangenheit ς» brechen. Es darf nicht sein, daß man die Kleinen hängt und die Großen laufen läßt (Aufruf Parteivorstand 1947, S. 438); Wir müssen bei all unserem Handeln sorgfältig unterscheiden lernen. Rücksichtslos müssen ivir gegen Kriegsverbrecher, Naziaktivisten, Gestapoleute schlagen, aber entgegenkommend und versöhnend müssen wir den einfachen nominellen Pgs entgegentreten, die lediglich Mitläufer waren, nicht durch l'erbrechen belastet sind und die am demokratischen Neuaufbau unseres Fandes aktiv mitarbeiten. Wir müssen differenzieren zwischen den verbrecherischen Elementen der Nazipartei und den vielen einfachen Menschen, die oft durch Zwang aus kleinlichen egoistischen Gründen, um Ruhe ^u haben usw. — ich denke da besonders an die Bauern, an breite Mittelstandsschichten, untere Beamten usw. - der Nazipartei beigetreten waren (Dahlem 1947, S. 60). Wie wir sehen: Die Nichttäter bemühen sich im Zuge ihrer Schulddiagnose um eine Analyse der deutschen Gesellschaft unter den Bedingungen des Nationalsozialismus. Sie schaffen die Kategorie der wirklich Schuldigen zur Separierung derjenigen, um die sie sich mit ihrem Schulddiskurs bemühen. Wenn eine Gesellschaft eine Formation von wirklich Schuldigen aufweist, gehört zu ihr auch eine Formation von nicht wirklich Schuldigen — so lautet die implizierte Schuldvorstellung, die Schlussregel der Nichttäter. Die wirklich Schuldigen suchen sie, wie wir gesehen haben, mit dem Register juristischer Sachlichkeit zu erfassen: Verbrecher und Kriminelle, Nutznießer und Kriegsverlängerer, Militaristen und Denunzianten. Indes: Diese juristisch-sachliche Diktion ist nicht die einzige Redeweise, in der sie sich

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über die wirklich schuldigen Nationalsozialisten und Fanatiker verständigen.

Exkurs: Metaphorik der Schuld In der Literatur, ~umal auch der theologischen, wird das Phänomen Hitler und seiner Wirkung mit den Begriffen des Satanischen, des Diabolischen, xumal auch des Dämonischen behandelt. Ich will nichts dagegen sagen, aber es wird vom Pathos eines J·'olkskides auch dessen Vollzieher einiges geliehen. Theodor Heuss bedenkt in seinen ,Gedanken zum 20. Juli 1944' im Jahr 1954 Folgen sprachlichen Ausdrucks: Was eigentlich Pathos des Leidens sein soll, lässt auch die Verursacher dieses Leidens erhaben erscheinen. Dies kann nicht gewollt sein. Heuss plädiert daher für lapidaren Stil: ich möchte glauben, daß ivir mit den Worten niedrig und gemein auskommen (Heuss 1954, S. 47). Karl Jaspers reflektiert und verwirft die sprachliche Strategie der Dämonisierung. In einem Brief an Hannah Arendt warnt er vor einer solchen Hypertrophie, einen Einwand Hannah Arendts erwidernd. Sie kommentiert in ihrem Brief vom 17. August 1946 Jaspers' Kategorie der ,kriminellen Schuld', die er in seiner ,Schuldfrage' darlegt und an der sie Zweifel hat: „Diese Verbrechen lassen sich, scheint mir, juristisch nicht mehr fassen, und das macht gerade ihre Ungeheuerlichkeit aus. Für diese Verbrechen gibt es keine angemessene Strafe mehr." (Arendt-JaspersBriefwechsel S. 90) Jaspers aber besteht darauf. Die Schuld der Nazis muss in kriminelle Kategorien gefasst werden, gerade weil man sie auf menschliche Dimensionen reduzieren muss, antwortet er am 19. Oktober 1946: weil die Schuld, die alle kriminelle Schuld übersteig, unvermeidlich einen 7,ug von „Größe" — satanischer Größe — bekommt, die meinem Gefühl angesichts der Nat~is so fern ist, wie das Rßden vom ,Dämonischen' in Hitler und dergleichen. Mir scheint, man muß, weil es ivirklich so war, die Dinge in ihrer ganzen Banalität nehmen, ihrer gan^ nüchternen Nichtigkeit.. Ich sehe jeden Ansatz von Mythos und Legende mit Schrecken, und jedes Unbestimmte ist schon solcher Ansat^ (Arendt-Jaspers-Briefwechsel S. 98£).197 Auf dem ersten deutschen Schriftstellerkongress übt Günther Weisenborn aggressive Sprachkritik: Niemals haben mehr Denksysteme, Schlagwortfronten und Begriffsschwärme ihre Sprachschlachten geschlagen als heute, und alle hinterließen Begriffstrümmer, Schlagivortrelikte, verkrüppelte oder verblasene Terminationen, die in den Dialogen unserer Tage spuken. .. Hannah Arendt hat sich diese Sichtweise zu eigen gemacht, ihrem Prozessbericht von ,Eichmann in Jerusalem' gibt sie bekanntlich den Untertitel ,Ein Bericht von der Banalität des Bösen'.

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Es ist die Zeit für die Oichter gekommen, .. die aufgestörte Sprache bändigen, das Gelichter der Kaub- und Hordenwörter verjagen, den Trabantenwirrwarr der geschwollenen Metaphern verbannen und ^wischen Rausch und Zucht die Sprache [ihrer] Zeit ^u finden. (Weisenborn 1947, S. 106)

Thomas Mann schließlich, letztes Beispiel, sind die nazistischen Kriegsherren „solch ein Pack, daß die Sprache sich weigert, Charakteristiken für sie abzugeben" (Mann 1940a, S. 85). Indes: Man kommt nicht mit den Worten niedrig und gemein aus, man verleiht der Schuld der Nazis satanische Größe, der Trabantenwirrwarr der geschwollenen Metaphern wurde nicht verbannt und die Sprache weigert sich nicht, Charakteristiken für „dieses Pack" abzugeben, im Gegenteil: Man erlaubt sich, das Unvorstellbare, Ubersteigerte und Maßlose — die nationalsozialistischen Verbrecher und Verbrechen — und Einstellungen zu ihnen adäquat, und das heißt in solchen Kategorien zu bezeichnen, von denen man meint, dass sie den Dimensionen der Verbrechen und der Verwerflichkeit der Verbrecher, kurz: der Dimension des Bösen angemessen sind. Kritik an der Metapher erreicht den Diskurs nicht, auch nicht, wenn sie zeitgemäß im Gewand der Metapher vorgetragen wird (s. Weisenborn). Der in der Kategorie wirklich Schuldige repräsentierten juristisch rationalisierenden Abgrenzungsstrategie entgegengesetzt ist die emotionalisierende und emotionalisierte Strategie der Metaphorisierung dieser Kategorie in übersteigernden und gegensätzlichen Bildern. Es scheint, dass die Kargheit und Rationalität, die die Formel wirklich Schuldige ausdrückt (ebenso wie die von Heuss vorgeschlagenen Alternativen niedrig und gemein), nicht ausgereicht hat zur Erfassung einer anderen Wahrnehmung und Konstruktion des Nationalsozialismus — man bedurfte gleichzeitig einer emotionalisierten Bildersprache und schafft aus diesem Bezeichnungsbedürfnis heraus eine andere Wirklichkeit. Die Zeitgenossen denken über Nationalsozialismus und Nationalsozialisten nach, und sie teilen mit den Bildern, die sie zu ihrer Bezeichnung finden, nicht nur die Wirkung mit, die sie auf sie hatten, sondern auch ihre Wahrnehmung. Ihre Metaphorik sagt damit mehr über die Bezeichnenden, als über das Bezeichnete. In dieser Hinsicht ist die Darstellung vergangenheitsorientierter Nachkriegsmetaphorik zu Teilen, was Fritz Hermanns ,Linguistische Anthropologie' genannt hat.198 Man muss mit Teufeln und Dämonen, mit Geistesgestörten und Glückspielern, mit Psychopathen und Bacillen „linguistisch rechnen" (Hermanns). Von diesen wurden die Deutschen von 1933 bis 1945 regiert. Hitler diese dunkelste Gestalt unserer Geschichte — Numinoses, Anspielungen an das Prinzip des Bösen, des Teuflischen zur Erklärung des Uner-

Linguistische Anthropologie ist die "Beschreibung sprachgeprägter (Hermanns 1994b, S. 32).

Menschenbilder"

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klärlichen ist die dominierende sprachliche Strategie, um die Person Hitler zu entmenschlichen und damit sein Handeln ebenso zu erldären wie das Phänomen Nationalsozialismus — in dieser Vorstellung vom Dämon Hitler treffen sich Täter und Nichttäter. Zunächst einige Beispiele: Karl Jaspers, obwohl er, wie wir oben sahen, die sprachliche Strategie der Dämonisierung ausdrücklich verwirft, enträt in seinem anlässlich des Beginns medizinischer Kurse für kriegsapprobierte Ärzte am 15. August 1945 gehaltenen Vortrag ,Erneuerung der Universität' dieser Strategie nicht: die Teufel haben auf uns eingehauen und haben uns mitgerissen in eine Verwirrung, daß uns Sehen und Hören verging (Jaspers 1945b, S. 96). Alfred Weber analysiert im Jahr 1945 den nationalsozialistischen Rassismus. 199 Und die nämlichen numinosen ,Mächte', welche die Nazis als scheinlegitimierendes Argument für ihr Tun beschworen 20 ", dienen Weber in der Umkehr dazu, den Nazismus seinerseits zu bezeichnen. Weber scheint nicht wohl dabei, und er antizipiert wohl auch bei seinen Lesern Unbehagen, denn er lässt eine Entschuldigung folgen, die gleichzeitig aber auch eine Rechtfertigung für diese Flucht ins Numinose bereithält: es gibt keinen anderen Ausdruck, um ihre überpersönliche und ^ägleich transzendente.Art bezeichnen (ebd., S. 77). Im selben Jahr 1945 erscheint das politische Programm ,Das Demokratische Deutschland'. Dieses Programm wurde von einer Gruppe Schweizer Emigranten entworfen — dem Schriftsteller Johann Jacob Kindt-Kiefer, 201 dem Staatsanwalt und Sozialdemokraten und späteren bayerischen Ministerpräsident Wilhelm Hoegner, dem früheren preußischen Ministerpräsidenten Otto Braun, dem

Oer mit Blut und Gemeinheit in die Geschichte eingegangene Rassegedanke mit seinem \'ererbungsEinmaleins .. ist nur der demagogisch breit gewalkte, ödeste undflachste Gipfel, die glücklich vom Abendland nach allen Absagen an Tiefe erstiegene Höhe, auf der in Wahrheit nur noch Fratzen tan~en .. — ein Kehraus, weiter nichts .. Es war wie eine plötzliche Verfinsterung, die eintrat, in der man den unheimlichen Flügelschlag der Mächte spürte. .. Oer Flügelschlag dunkel dämonischer Mächte (Weber 1945, S. 74f.). „Vorsehung" nennt Hitler bekanntlich jene „höhere Macht, die ihn auch gegen Ratschläge von Fachleuten zum richtigen Handeln geführt habe" (Brackmann/Birkenhauer 1988, s.v. Vorsehungj. Kindt-Kiefer macht selbst Bemerkungen zu den Intentionen der Verfasser: „Auf deutschem geistigem, sittlichem, geschichtlichem, gesellschaftlichem und wirtschaftlichem Boden treffen sich die Aufbaugedanken und -entscheidungen von West und Ost. Würden die Deutschen dem Osten allein oder dem Westen allein erliegen, so geschähe dies nicht nur zum endgültigen Ende Deutschlands, sondern auch zum Unheil Europas. Von diesen und ähnlichen Gedanken Hessen sich der Verfasser und seine Freunde leiten, während sie sich im Laufe der letzten Jahre mit der zukünftigen Lösung der ,Deutschen Frage' beschäftigten. Als Ergebnis ihrer Bemühungen erschien eine kleine Schrift: ,Das Demokratische Deutschland'. In dieser Arbeit sind die Grundsätze und Richtlinien, die einem künftigen Verfassungsgesetzgeber für den deutschen Wiederaufbau im demokratischen, republikanischen, föderalistischen und genossenschaftlichen Sinne empfohlen werden, niedergelegt." (Kindt-Kiefer 1946, S. 5f.)

Die Analysen der Nichttätcr: Die Epoche der Kollektivschuld

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Zentrumsmann und ehemaligen Reichskanzler Joseph Wirth sowie dem Oberregierungsrat H. G. Ritzel. Es gilt als ein „signifikantes Beispiel für die Adaption politischer Ideen des Exillandes", verfasst in „kraftvoller Sprache und mit Pathos" (Koebner 1987, S. 207f.). Man beklagt Hunderttausende unserer ¥ renn de, die in Oeutschland Opfer der Macht der Finsternis geworden sind, man paraphrasiert diese als Auswurf der Hölle, sie fand in unserer Mitte Hingang in die entsittlichte Welt. .. die nationalsozialistische Hysterie [ist] eine Erscheinungsform der satanisierten Welt (Das Demokratische Deutschland 1945, S. 13f.). Die Teufel-Metaphorik wird fortgesetzt - der verhängnisvolle lasterhafte Hexentanζ der nationalsozialistischen Gangster begann — um dann von der Todes-Metaphorik abgelöst zu werden: Dann läutete die Totenglocke jeder politischen Freiheit (ebd., S. 19f.). Solch ,kraftvolle Sprache und Pathos' ist auch dem Historiker Friedrich Meinecke verfügbar, wenn er über Nationalsozialismus und Nazis redet. Er charakterisiert 1946 in seiner zeitkritischen Diagnose ,Die deutsche Katastrophe' die schlechthin dämonische Persönlichkeit Hitlers und seine Zauberwirkung (Meinecke 1946, S. 141). Bildlich spricht der Berkner Bürgermeister Friedensburg, der, ausgestattet mit dem Register gebildeter Vergleichsmuster, den deutschen Dichtern auf dem Schriftstellerkongress von 1947 zuruft: Wer anders als Sie kann dem Gorgonenhaupt des Faschismus und Nationalismus den Spiegelschild vorhalten, bei dessen Anblick die giftige Medusa auf ewig zu Stein erstarrt? (Friedensburg 1947, S. 90) Der sonst nüchterne Phstoriker Gerhard Ritter kommentiert die Dämonie der nationalsozialistischen Bewegung (Ritter 1954, S. 61). Ernst Niekisch zeichnet eine Geschichte des Nationalsozialismus emphatisch überhöht als Reich der niederen Dämonen (Titel 1953), und Walter Künnedi — der Theologe ist in diesem Bildbereich professionell zu Hause — begreift 1947 in seinem geistesgeschichtlichen Erklärungsversuch ,Der große Abfall' Hider als einen dämonischefn] Menschfen] (Künneth 1947, S. 84) — Hitler hat „seine Seele dem Teufel verkauft" (ebd., S. 86). Künneth findet das metaphorische Konzept des Bösen in der Sprache der Religion und bewertet den Nationalsozialismus, sein Handeln und die Situation der Deutschen als Inkarnation des Bösen (ebd., S. 69), als Knechtung unter einen dämonischen Fremdwillen (ebd., S. 85), als Bann der Finsternis (ebd., S. 88) — man war in der Nacht des Bösen versunken (ebd., S. 88). Wir können sagen: Die Bewertung des Nationalsozialismus in metaphorischen Kategorien von Entwirklichung und Mythos ist ein diskursives Muster in Texten der frühen Nachkriegszeit, bei Tätern wie bei Nichttätern, und wir können aus diesem Befund ablesen: Metaphern sind kulturell geprägte sprachliche Ausdrucksformen, deren Kulturalität sich kollektiv,

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d.h. im Diskurs manifestiert. 202 Sie repräsentieren Erfahrungen, indem sie es ermöglichen, „eine Art der Erfahrung von einer anderen Art der Erfahrung her partiell verstehen zu können" (Lakoff/Johnson 1998, S. 177) und entsprechend auszudrücken. ,Eine Art der Erfahrung' — das ist der Nationalsozialismus und seine Verbrechen; ,eine andere Art der Erfahrung' — das ist die kulturgeschichtlich eingeprägte Erfahrung mit Teufeln und bösen Geistern. 203 Diese Erfahrung hat sich in das Bildfeld des Dämonischen eingeprägt. 204 Solche Erfahrungstransponierung - Weinrich beschreibt diesen Akt als Vorgang, bei dem „zwei Sinnbezirke", hier also Dämon und Hitler; „durch einen geistigen, analogiestiftenden Akt zusammengekoppelt" werden (Weinrich 1976, S. 284) - dient dazu, Objekten und Erfahrungen einen Sinn zu geben, den erkenntnismäßigen Zugang zu ihnen zu fördern und Wirklichkeit zu schaffen. 205 Diese Wirklichkeit erfasst ein Register, dessen Elemente — dunkel, Verfinsterung, Fliigelschlag der Mächte, Macht der Finsternis, Auswarf der Hölle, satanisiert, Hexentan% Zauber-

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In diesem Sinn bestätigt sich Weinrichs Annahme, dass es „eine überindividuelle Bildwelt als objektiven, materialen Metaphernbesitz einer Gemeinschaft" (Weinrich 1976, S. 277) gibt. Seit dem Ahd. i.S.v. ,Teufel' gebraucht, ist die Bedeutungsgeschichte von Dämon stets begleitet von dem, aus dem Griechischen übernommenen Merkmal ,überirdische höhere Macht' (griech. daimon .Schutz oder Verderben bringendes göttliches bzw. zwischen Göttern und Menschen stehendes Wesen, Schicksal, Verhängnis"), das auch seinen seit Mitte des 18. Jahrhunderts belegten personifizierenden Gebrauch bestimmt im Sinn von .geheimnisvolle Macht, die im Menschen wirkt' bzw. ,dem Menschen innewohnende, sich seinem Einfluß entziehende verhängnisvolle Macht'. Seit dem frühen 19. Jahrhundert ist diejenige Gebrauchsweise belegt, die in unserem Kontext das Muster vorgibt: ,jmd./etwas, von dem eine magische, unheimliche, unerklärliche, unwiderstehliche, zerstörerische Wirkung, Faszination oder eine sich verselbständigende, nicht mehr beherrschbare Wirkung bzw. Gefahr ausgeht', ,der/das Böse in Person' (zur Bedeutungsgeschichte von Dämon vgl. 2 FWb Band IV). Insofern ist Dämonisierung eine kulturgeschichtlich einzuordnende Strategie, mit der man Unerklärliches, Außergewöhnliches, Abgründiges bezeichnet. Mit Jost Trier können wir von dem „bildspendenden Sinngebiet" der Dämonen sprechen (vgl. Trier 1934, S. 197). „Metaphern [können] Realitäten schaffen .. [Metaphern sind] ein Mittel, das unser Konzeptsystem und die von uns vollzogenen Arten von Alltagsaktivitäten strukturiert .. Veränderungen in unserem Konzeptsystem verändern auch das, was für uns real ist, und nehmen Einfluß darauf, wie wir die Welt wahrnehmen und wie wir nach diesen Wahrnehmungen handeln." (Lakoff/Johnson 1998, S. 168) An anderer Stelle: „Wir sehen die Metapher als ein für das menschliche Verstehen wesentliches Element und als ein Instrument, mit dem wir neue Bedeutung und neue Realitäten in unserem Leben schaffen" (Lakoff/Johnson 1998, S. 225). Ähnlich Pielenz (1993), der konzeptuelle Metaphern in ihrer Funktion beschreibt. Sie „konstituieren ein unentbehrliches Raster unserer Wirklichkeitskonstruktion und liefern das kulturelle Unterfutter unserer allgemeinen Redepraxis. Bei jeder Art von Textproduktion stehen sie Pate und helfen, den in den Blick genommenen Weltausschnitt in den Griff zu bekommen. Sie bieten Leitfäden, fordern auf, geben Orientierungshilfen, kurzum: organisieren die Texte, mit denen wir unsere Lebenswelt zu beschreiben und zu bewältigen suchen." (Pielenz 1993, S. 158f.)

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Wirkung, Gorgonenhaupt, giftige Medusa, Teufel, Bann der Finsternis, Nacht des Bösen — das Bildfeld konstituieren und das wir unter die Bereichsmetaplier Dämon/dämonisch subsummieren. 206 Die Analyse solchen metaphorischen Sprechens befördert Erkenntnisse über mentale Dispositionen als Ausdruck von Haltungen und Selbsteinschätzungen, von Fühlen, Wollen und Sollen einer Gesellschaft, von kollektivem Bewusstsein. Dämonen, jene Vorstellung von numinosen Zwischenwesen, die Macht über die Menschen haben, die als Besessenheit in Erscheinung tritt, repräsentieren das bedrohend Unheimliche der Welt, und nach 1945 — nach zwei Weltkriegen und Nationalsozialismus — scheint „die Besessenheit als Phänomen des Einzel- und Gesamtdaseins" nicht mehr nur Bestandteil des symbolischen, sondern auch des realistischen Weltwissens zu sein (RGG 3 1958 II, S. 4). Mit der Dämonisierung sucht man indes nicht nur Grausamkeit sichtbar zu machen, Unbeschreibliches zu beschreiben. Gleichzeitig entpersönlicht man in dieser Metapher Nazis und Nationalsozialismus und stellt damit beruhigende, sie aus der Gemeinschaft isolierende Ferne her. Dieser so gefassten Wirklichkeit k a n n ein Erklärungs- und damit ein Exkulpierungswille inhärent sein. Denn man benennt mit numinosen Sprachbildern auch die Machtlosigkeit derjenigen, die solchen dunklen Mächten ausgesetzt waren. Fester begrifflicher Bestandteil der Vorstellung von Dämon, Satan, Teufel ist die Verführung — „der teufel, der die gantze weit verfüret" lesen wir in der Offenbarung (12,9).207 Einem Dämon Ausgelieferte sind damit frei von Schuld. ,Ihr seid schuld' ruft die Welt den Deutschen zu und sie antworten ,Nein!' und rechtfertigen dieses ,Nein' u.a. mit dem Bild vom Dämon. Insofern Metaphern Handlungen sanktionieren, Schlussfolgerungen rechtfertigen und Zielsetzungen unterstützen (Lakoff/Johnson 1998, S. 164)2"8, wäre die Dämonisierung des Nationalsozialismus und seiner Exponenten in dieser Lesart also nicht nur mitteilender Ausdruck von Wahrnehmung, sondern auch auf Wirkung setzende

Eine Bereichsmetapher bündelt einem Bildbereich zugehörige Metaphern (vgl. Liebert 1992, S. 8). Jost Triers Terminus ist ,Sinngebiet' bzw. ,Sinnbereich', dessen metaphorischer Gebrauch dadurch zustande kommt, dass diese Bereiche „als beherrschende Sinnzentren der Sprache vordringlich das Denken der einzelnen lenken und sich als Mittel anbieten, auch andere Bereiche analogisch zu klären. Sie haben Tore zur Welt geöffnet, sie werden auch andere Tore öffnen" (Trier 1934, S. 196). Auf unseren Kontext übertragen: Dämon hat als Erklärung das Tor zur Welt des Unerklärlichen und des schicksalhaft Bösen geöffnet, Dämon erklärt dementsprechend auch die Welt des Nationalsozialismus. Einer ähnlichen Verfuhrungsvorstellung liegt das Schaufenster-Bild Meineckes zu Grunde: [Der Nationalsozialismus war] ein wohlarrangiertes Schaufenster... das dem Betrachter einige recht gute und preiswerte Waren anbietet, ihm aber nicht die Bürgschaft gibt, sie im Laden auch wirklich erhalten .. innen ist es dunkel.. ein finsterer Abgrundgähnt in die Tiefe, in die der harmlose Käufer unversehens stürben kann (Meinecke 1946, S. 112). Zu der der Dämon-Metaphorik vergleichbare Naturgewalt-Metaphorik in ihrer Funktion der rechtfertigenden Schuldabwehr vgl. Pielenz 1993, S. 142ff.

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Verarbeitungstaktik zum Zweck der Exkulpierung und als solche eine sprachliche Verhinderungsstrategie. Sie verhindert den Diskurs, die Auseinandersetzung, sie macht Gegenrede unmöglich, hinterlässt Schweigen.209 Obwohl wir weiter unten sehen werden, dass die Vorstellung von den verführten Deutschen ein mit dieser Vorstellung korrespondierendes dominantes Explikativ darstellt — Verdrängungs- im Sinn von Erklärungsim Sinn von Entschuldungsabsichten allein können den Gebrauch dieser Bilder nicht erklären. Denn wenn die Dämonisierung des Nationalsozialismus Ausdruck eines nicht gerechtfertigten Exkulpierungswillens wäre, wie erklärt sich dann der Gebrauch dieses Bildbereichs nicht nur bei über jeden Zweifel erhabenen deutschen Nichttätern, wie Karl Jaspers und Friedrich Meinecke, sondern auch bei Emigranten, deutschen (Thomas Mann, Hermann Hesse) und deutschsprachigen (Karl Barth, Max Picard), bei solchen, die lange vor 1933 gegangen sind (Hermann Hesse) und solchen, die sich dazu erst durch eine persönliche Begegnung mit dem Nationalsozialismus und ihren Folgen genötigt sahen (Karl Barth)? 1945 rechtfertigt Thomas Mann in seinem berühmten ,Offenen Brief an Walther von Molo, der ihn zur Rückkehr nach Deutschland bewegen wollte, seine Weigerung: „ich fürchte, daß die Verständigung zwischen einem, der den Hexensabbat von außen erlebte, und Euch, die Ihr mitgetanzt und Herrn Urian aufgewartet habt immerhin schwierig wäre." (Mann 1945a, S. 443) Hetr Urian — seit 1648 in dieser Verbindung belegt (vgl. DWb s.v. Urian), einerseits zur Bezeichnung eines Menschen, dem man „wenig Achtung" (Adelung 1793ff, s.v. Urian) zollt, eines schlechten, bösen, groben, unzuverlässigen, dummen Menschen, andererseits auch Euphemismus für ,Teufel' — Thomas Mann wird diese Bedeutungen gekannt und gemeint haben. Weiterhin — Satan, für Hermann Hesse war, wie er in einem Brief vom 1. März 1946 schreibt, „Hitler schon manche Jahre vor seiner Machtergreifung kein Rätsel mehr, und leider auch das deutsche Volk nicht mehr, das den Satan dann wählte und anbetete" (Hesse 1946a, S. 223). Und vier Wochen später wirft er in einem Brief vom April 1946 den Deutschen vor: „Ihr [habt] die Welt als Räuber überfallen und mit satanischen Mitteln zur Hölle gemacht" (Hesse 1946b, S. 226). Der

Haug bewertet den Gebrauch dieses Bildbereichs als solch eine Strategie des Absetzens: „In der verselbständigten Logik solcher Metaphern [Ungeist, Irrsinn, Spuk ctc.| fängt sich oft der Versuch einer methodischen Analyse des Faschismus. Für den mit ihrer Hilfe Redenden erweisen sich derartige Stereotype freilich als leistungsfähig. Ihr Vorzug ist nicht einfach nur ein denkökonomischer, indem sie die Anstrengung des Begriffs erübrigen. Sie bewähren sich als Techniken der Abschiebung. Der Irrsinn ist das ganz Andere unserer Ratio .. Derartige Wörter fungieren als Zauber der Nichtidentität. Die Psychoanalyse lehrt, wie nah solche Abwehr dem Abgewehrten bleibt. Ihre Heftigkeit und der projektive Einschlag indizieren gleichsam eine nicht gelingende Verdrängung." (Ilaug 1977, S. 19)

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Schweizer Max Picard malt in seiner viel gelesenen Zeitkritik ,Hitler in uns selbst' das Bild des „Nazitums" — „ein dämonisches Phänomen".21'1 Karl Barth schließlich beschreibt 1948 in einem Brief an Emil Brunner den Nationalsozialismus in den Kategorien Zauber und maskierte Gottlosigkeit211 Thomas Mann, Hermann Hesse, Max Picard und Karl Barth — ihnen gemeinsam ist die Perspektive aus der Außensicht. Sie sind Emigranten und haben den Nationalsozialismus nicht oder nur für kurze Zeit im Land selbst erlebt. Ihnen gemeinsam ist zudem kritischste Sicht auf die Deutschen, denen sie nicht bereit sind, etwas zu vergeben. Ihnen gemeinsam ist schließlich ernsthafter Wille zu Analyse und Erkenntnis. Was bedeutet es, wenn sie, die also dem Nazismus nicht, zumindest nicht unmittelbar, ausgesetzt waren, deren Denken und Reden nicht von Rechtfertigungsdrang geprägt war und die ihre Existenz als solche unter dem Nationalsozialismus auch nicht zu erklären hatten, was also bedeutet es, wenn sie das Phänomen Nationalsozialismus in den numinosen Bildern Hexensabbat, Herr Urian, Satan, dämonisches Phänomen, wirksam maskierte Gottlosigkeit ausdrücken? Hider und der Nazismus als finstere, vernichtende Ubermacht vorzustellen bedeutet, den Schrecken und Terror, die Inhumanität und Grausamkeit der letztvergangenen zwölf Jahre zu bezeichnen. Zur Reflexion des Nationalsozialismus gehört diese Sicht, die bis heute bestimmend ist für Erklärungsversuche der Zeitgeschichte und der Psychologie, der Zeitgenossen und der Nachgeborenen und der Opfer: Die Verbrechen des Nationalsozialismus sind nicht zu erklären. Die Macht, die der Nazismus über die Deutschen hatte, ist ein Rätsel. Und im metaphorischen Konzept des Numinosen ist dieses Eingeständnis aufgehoben. Das Unfassbare und Erschütternde scheint in dieser Überhöhung fassbar zu werden und vermittelbar zu sein.212

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„So sieht das Nazitum aus, so ist es, wenn man es nur anschaut, wenn man vergißt, was darüber gesagt und geschrieben worden ist: aus dem Volumen eines ungeheuren Nichts wird etwas herausgebrüllt .. Es ist das Nichts selber, das aufbrüllt .. So schreit sich nur das Nichts aus, das selbst weiß, daß es eigentlich nicht da ist und das durch Geschrei sich selbst und den anderen seine Existenz zeigen will. Das ist der phänomenologische Aspekt des Nazismus. So sieht weder ein politisches, noch ein soziologisches oder ein psychologisches Phänomen aus. Diesen Aspekt hat nur ein dämonisches Phänomen." (Picard 1946, S. 23f.)

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Was den Nationalsozialismus „christlich interessant machte, war dies, daß er ein Zauber war, der unsere Seelen zu übermannen, uns für den Glauben an seinen Lügen und für das Mittun bei seinem Unrecht zu gewinnen notorisch die Macht bewies .. Es ging um .. die Abwehr gegen die .. wirksam maskierte Gottlosigkeit" (Barth 1948, S. 162). So gibt auch Ilaug zu, dass sich „vielleicht .. in solch sinnleerer Automatik der Stereotype von Erschütterung und nationaler Trauer die von Günther Anders oft beschriebene Unfähigkeit, sich das fabrikmäßig in Serienproduktion hergestellte Grauen noch vorzustellen" (Haug 1977, S. 17) manifestiert. Insofern konzedieren wir, dass diese Metaphorik aller erst deshalb die Funktion hat, das Phänomen Nationalsozialismus' „partiell zu verstehen", weil

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Metaphorische Überhöhung findet nicht nur in Kategorien der Dämonisierung, sondern auch in solchen der Profanisierung, der Pejorisierung und der Abwertung statt. Mit sprachbildlichem Gestaltungswillen zeichnet Niekisch den Zusammenstoß der Sphäre des Niederen mit der hohen Kultur: Was einst gepflegter und behüteter Schaff dünner Bildungsschichten war, läuftjetzt als abgegriffene Scheidemünze durch die Finger des kleinbürgerlichen Mobs. .. Ist dabei heute nur noch fratzenhaft, was einst edel war, so sind die Ursprünge doch nicht ζu verbergen. Die Perlen, die vor die Säue geworfen wurden, sind ς» einem schweinischen Brei zermalmt, doch noch in ihren Splitterchen funkelt zuweilen ein seltsamer Glanz (Niekisch 1953, S. 266).

Der überhöhenden Metaphorik des Numinosen entgegenzustellen ist also als Komplement die erniedrigende Invektive, die schmähende Abwertung, in Bildern der Pathologie und geistigen Gestörtheit, in entmoralisierenden, enthumanisierenden, entzivilisierenden, in biologistischen Bildern. So werden Nazis, die wirklich Schuldigen hinsichtlich ihrer Krankhaftigkeit pathologisiert: pervers, Psychopathen, pathologische Verbrecher, krankhafter Machtwahn — aus der Sicht Friedrich Meineckes ist Hider ein psychopathisch schwer belasteter Mensch, eine aus den Fugen gegangene Natur {Meinecke 1946, S. 89f.). Meinecke spricht von der Entartung deutschen Menschentums (ebd., S. 28), vom neudeutsch entartete[n] Hitlermenschentum (ebd., S. 55). 1947 erkennt Walter Künnedi eine Verwirrung der Geister (Künneth 1947, S. 10) und wirft den Deutschen vor, einem Wahnsinnigen bedingungslos Gefolgschaft geleistet zu haben (ebd., S. 82). Alfred Kantorowicz identifiziert in seiner Rede ,Vom moralischen Gewinn der Niederlage' den Nazismus als Delirium der Barbaren, als Herrschaft der Tollwütigen (Kantorowicz 1947b, S. 96). Neben Pathologisierung ist Entmoralisierung gängige Verarbeitungsstrategie: völlig verdorben, haltloser Charakter, verlogenste Figur der Weltgeschichte, gewissenlose Wortführer, die Verworfensten. Mit der entmoralisierenden Spielermetapher nimmt Friedrich Meinecke womöglich ein von Goebbels eingeführtes Bild auf - die deutsche Politik sei ein Lotteriespiel, bei dem der höchste Einsatz hohen Gewinn bringe — und nennt Hider einen verwegenen Glücksspieler (Meinecke 1946, S. 93), einen Hochspielerft] an der Spielbank (ebd., S. 139), sein Tun ein Vabanquespiel (ebd., S. 100). Weiterhin: Man sucht des Phänomens habhaft zu werden, indem man Nazis hinsichtlich ihrer schrecklichen Menschenverachtung enthumanisiert und entzivilisiert und nennt sie unmenschliche Henker, barbarisches Obennännchen, Bestie, Bluthund, Horde, die Deutschland in ihren YJauen hatte, charakterlich und politisch Minderwertige, die z j m dieses Phänomen anders nicht verstehbar ist. „Der Imagination mangelt es bei diesen Bestrebungen [des Verständnisses qua Metaphorisierung] nicht an Rationalität; da die Metapher in dem Verstehensprozeß eine wichtige Rolle spielt, ist auch die auf der Imagination beruhende Rationalität beteiligt" (Lakoff/Johnson 1998, S. 221).

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Tier gewordenen Menseben, politische Schweine, menschliche Zerrbilder, Kloake untermenschlicher Typen. Sprachliche Bilder in der Funktion der Erniedrigung - dazu gehört auch das biologistische Bild: Gift und Ungeziefer sind lexikalisierte Metaphernkonzepte des Nachkriegsdiskurses. Friedrich Meinecke bescheinigt dem deutschen Volk, nur an einer einmaligen schweren Infektion durch ein ihm beigebrachtes Gift gelitten zu haben (Meinecke 1946, S. 140), er spricht von dem Giftgewächs des Nationalsozialismus (ebd., S. 151). Und nicht zuletzt die Sprachkritik der frühen Nachkriegszeit hat sich dieses Bildes bedient: die Partei .. durchtränkt.. Worte und Wortgruppen und Satzformen mit ihrem Gift — mit dieser Vorstellung betrachtet Victor Klemperer die Sprache des Nationalsozialismus und gibt sich selbst auf, das Gift der LTI deutlich zu machen und vor ihm zu warnen (Klemperer 1947, S. 22). Die Kritik an dieser Sprachkritik wurde bekanntlich in den sechziger Jahren — vor allem in Bezug auf das ,Wörterbuch des Unmenschen' — formuliert. 213 Festzuhalten ist, dass, was dort mit Bezug auf die Sprache der Sprachkritik gesagt wurde, auf die Sprache der Zeitkritik überhaupt zu übertragen ist: Biologistische Metaphorik hat die Funktion der Entmenschlichung, diese bekannte Funktion, die diese Metaphorik auch bei den Nazis hatte. Bakterien können völkervernichtende Seuchen machen und bleiben doch nur Bakterien ist Argument Jaspers' in dem bereits zitierten Brief an Hannah Arendt (Arendt-JaspersBriefwechsel S. 98f.). Dieser Satz schließt sich unmittelbar an die Mahnung an, sich ja vor einer Sprache zu hüten, mit der die Nazis unvermeidlich einen "Zug von „Größe" — satanischer Größe zugesprochen bekämen. Man müsse stattdessen die Dinge in ihrer ganzen Banalität nehmen — in der Banalität von Bakterien, die völkervernichtende Seuchen verursachen? Hier rechnet der Philosoph nicht mit Wirkung, hier hat er nicht unterschieden die Nichtigkeit der Sache Bakterie von der Mächtigkeit seines metaphorischen Konzepts, das die Wirkung bezeichnet: Bakterien, die völkervernichtende Seuchen verursachen — als Bildmotiv verwendet drückt sich hier gerade so wie im Bild vom Satan und Dämon die nämliche perhorreszierende Entmenschlichung — mit Jaspers zu sprechen „Größe" — aus und damit gerade das Gegenteil von der von ihm eingeforderten banalisierenden Einebnung. Dem Umgang mit Menschen sind in unserer Kultur Trieb unterdrückende Grenzen gesetzt. Essenzielle Norm dieser Kultur ist, Menschen keine Gewalt anzutun. „Die verfremdende Entmenschlichung des Gegners zu ,Ratten' und ,Ungeziefer'" hält „das Gewissen aus dem Spiel", lautet die psychoanalytische Deutung aus der Sicht Alexander und Margarete Mitscherlichs (Mitscherlich/Mitscherlich 1967/1994, S. 100). Wenn das Gewissen aus dem Spiel ist, verringert sich die Tötungshemmung — ein Me-

Dokumentiert in Sternberger/Storz/Süskind 1986.

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chanismus, der den Nationalsozialisten den Erfolg ihres rassistischen Vernichtungsprogramms gewährte. Das Prinzip der Entmenschlichung ist aber, wie wir sehen, universal. Wenn Wilhelm Pieck 1945 von diesem nautischen Unrat und Ungeziefer (Pieck 1945b, S. 54) spricht, dann ist mit einem solchen Bild eine sprachliche Kategorie gefunden, die Hemmungen abbaut, die Triebentlastung erlaubt. Die Metaphorik dient den Zeitgenossen zur Erschließung und zur Interpretation des Nationalsozialismus als das schlechthin Böse. So besteht kein Widerspruch zwischen Dämon Hitler und Bakterie Hitler.214 Beide bezeichnen das Böse, das unmenschlich ist — in dieser oder in jener Gestalt. Der Nationalsozialismus ist das unmenschlich Böse, davon war man überzeugt — ihr [habt] euch mit der \ 'erantwortungfür dieses Böse beladen (Ebbinghaus 1945a, S. 158) —, und anders sind der Nationalsozialismus und seine Erscheinungsformen sprachlich nicht zu bewältigen, das gilt nicht nur für die Innen-, sondern wiederum auch für die Außenperspektive: Serenus Zeitblom verflucht die Verderber, „die eine ursprünglich biedere, rechtlich gesinnte, nur allzu gelehrige, nur allzu gern aus der Theorie lebende Menschenart in die Schule des Bösen nahmen" (Mann 1947, S. 481), und Max Picard ist überzeugt, man könne diese, „an nichts Menschliches" gebundene Untaten „aus keiner menschlichen Ursache erklären .. [Die] Nazigrausamkeit .. hat nicht mehr das Maß des Menschen, sondern das Maß eines Außermenschlichen." (Picard 1946, S. 58). Picards abschließendes Urteil lautet: „Dieses Böse war so ungeheuerlich, daß es nichts als das Böse an sich war, alle menschliche Art war diesem Bösen fern" (ebd., S. 251). Das Böse ist Sammelkategorie und die überhöhende sowohl wie die erniedrigende Metaphorik dient der sprachlichen Bewältigung dieses Bösen: Unter der Voraussetzung der seit Aristoteles tradierten Vorstellung,

Übrigens: Lakoff/Johnson beschreiben die Funktion von Metaphorisierungen als Konkretisierung: „wir [konzeptualisieren] bezeichnenderweise das Nichtphysische in Begriffen des Physischen ..; das heißt, daß wir das weniger scharf Konturierte in Begriffen des schärfer Konturierten konzeptualisieren" (Lakoff/Johnson 1998, S. 73). Begründet sei diese Funktion darin, dass „Konzepte, die in metaphorischen Definitionen benutzt werden, um andere Konzepte zu definieren", also ,A ist B', „den natürlichen Arten von Erfahrungen entsprechen" (ebd., S. 138). Auf die Metaphorisierungen in Kategorien der Profanisierung, Pejorisierung und Abwertung mag dies zutreffen: Der Nationalsozialismus und seine Verbrechen mögen in der Metapher der Bakterie, das Phänomen Hitler mag als pathologisch Geistesgestörter vorgestellt eine Konkretisierung erfahren. Vorgestellt als Dämon, Teufel, Satan kann von Konkretisierung indes keine Rede sein. Dämon, Teufel und Satan gehören nicht zu unserem natürlichen Erfahrungsschatz, im Gegenteil: Sie funktionieren als metaphorisches Konzept des Numinosen, weil sie gerade n i c h t scharf konturiert sind, während im Gegensatz dazu Hitler eine konkrete Erfahrung der nachkriegsdeutschen Zeitgenossen darstellt. So können wir für Metaphorisierungen, die dem Bildbereich des Dämons entsprechen, die entgegen gesetzte Funktion der Entkonkretisierung, der Entwirklichung annehmen.

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dass der Mensch nicht das Böse um des Bösen willen tut, werden die nationalsozialistischen Verbrecher dämonisiert und entmenscht. Abgesehen davon, dass wir der von Eberan vorgenommenen Zuordnung, die das Dämonisierungs-Konzept dem dogmatischen Christentum und (z.T.) der potsdamdeutschen Weltsicht (Eberan 1983, S. 156) zuweist, nicht folgen können 215 , kann überhaupt hinsichtlich der sprachlichen Konzeptualisierung keine Rede von einem gespaltenen Hitler-Bild sein 216 und zwar unabhängig von der weltanschaulichen Position. Vielmehr drücken sich hier kulturgeschichtlich geprägte sprachlich manifest gewordene unbewusste Bezeichnungsbedürfnisse aus, die dem Sammelkonzept des Bösen entsprechen und die sogar — siehe Jaspers — den bewusst und reflektiert artikulierten widersprechen können.

6.3.1.2. Wir haben versagt·'. „Die Feigheit der Intelligent war schon im dritten Jahr des Dritten Reiches so groß, daß man mit Grauen an die Zukunft denken mußte (Wiechert 1948, S. 315) — die feige Intelligenz der Jahre 1933 bis 1945 ist es nicht, die nach 1945 den Deutschen zuruft: Wir haben versagt! Bereitschaft zum Bekenntnis war da bei denjenigen, die ihre Schuld unter anderem in ihrer Passivität sehen. Nichts getan ist die selbst anklagende Formel zu dieser Einsicht: Die deutsche Intelligent^ war bereit eintauschen, daß sie durch ihre staatsbürgerliche Gleichgültigkeit die Heraufkunft Hitlers wesentlich mitverschuldet hatte, und sie glühte vor guter Absicht, dies nicht ein ^weites Malgeschehen lassen (Süskind 1954, S. 16f.) porträtiert Süskind die nachkriegsdeutsche Selbsteinsicht derjenigen, die sich nicht vor Gerichten zu verantworten hatten, die aber mit sich selbst ins Gericht gingen. Intellektuelle Zeitkritiker nehmen SchuldBewertungen vor als Resultat von Selbstprüfung: ,Wo liegt unsere Schuld?' fragen sie, ,Wir haben versagt!' antworten sie217 und reden damit über

Eberan spricht es ausdrücklich dem existenzialistischen (Jaspers) und dem marxistischen Denken ab — eine Zuordnung, die wir, wie am Beispiel Jaspers und Piecks zu sehen war, nicht bestätigen können. „auf der einen Seite ein Mini-I litler, der ,böhmische Gefreite' Schicklgruber, ein geltungssüchtiger und lächerlicher Psychopath, der mit Recht als Mensch nie ernst genommen worden sei, und auf der anderen Seite ein überdimensionaler, mythischer und schlechthin nicht zu bewältigender Super-Hitler, ein unwiderstehlicher Magier, eine Schicksalsmacht. Da dieser klaffende Abgrund rational nicht zu schließen war, ließ sich eine Verbindung zwischen den Extremen nur mit Hilfe außerirdischer Mächte herstellen: Hider als Werkzeug diabolischer Kräfte, als ,dämonischer' Mensch." (Eberan 1983, S. 156) „Man hatte reichlich Anlaß zu klagen, aber in den Zeitschriften klagte man sich gegenseitig an, die anderen und auch sich selber" (Eschenburg 1983, S. 159) — und nicht nur in den Zeitschriften. Nichttäter stellen die kritischen Fragen, die bis heute gestellt werden: „wes-

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Vergangenheit: Erinnerungsorte 1933 — 1945

Schuld, wie man ursprünglich darüber redet: bekennend und beichtend (vgl. Schwan 2001, S. 63). Die kommunistische Version lautet: Wir deutschen Kommunisten erklären, daß auch wir uns schuldig fühlen, indem wir es trot% der Blutopfer unserer besten Kämpfer .. nicht vermocht haben, die antifaschistische Einheit.. entgegen allen Widersachern schmieden. (KPD 1945, S. 16)

Kurt Schumacher kommentiert diese Selbstanklage: Dieses Schuldbekenntnis ist vor dem ~Richterstuhl der Geschichte überhaupt kein Schuldbekenntnis, denn es beklag: nur, daß die Methoden der spezifischen kommunistischen Politik vor 1933 nicht erfolgreicher gewesen sind. Der Sozialdemokrat legt dann dar, was ein echtes Schuldbekenntnis, von dem aus sich alle anderen Feinde des Nazismus ψ einer Uberpriifung der eigenen Politik in diesem selbstkritischen Sinne veranlaßt sehen könnten, gewesen wäre: Ό as echte Schuldbekenntnis der Kommunisten könnte nur darin liegen, daß sie ihre große Schuld am Aufkommen des Faschismus in ihrer Bekämpfung der Demokratie, in ihrem Gerede von den „Sosja/faschisten", in ihrer Erklärung der Sozialdemokratie %um Hauptfeind, in ihrer Fehrmeinung daß in Deutschland erst durch die Herrschaft des Faschismus eine „objektiv revolutionäre Situation" entstehen könne, vor der deutschen Öffentlichkeit eingestehen würden. Aber davon ist mit keiner Silbe die Rede. (Schumacher 1945a, S. 280)

Dies ist nicht die Forderung einer Selbsteinsicht, sondern die Schuldanalyse eines politischen Gegners, die vom politischen Gegner bewusst Unmögliches fordert. Differenzierter als der Gründungsaufruf der KPD bettet Alexander Abusch die kommunistische Selbsteinsicht ein, indem er zunächst die Hauptschuld diagnostiziert: innerhalb des deutschen Volkes [tragen] die Hauptschuld am Hitlerismus die Monopolherren und die Junker als seine Auftraggeber und dann jene Bürger, die sich seit Bismarcks und Wilhelms Zeiten von jeder Hurra-

halb die Widerstandskräfte in den deutschen Führungseliten gegen das Hinübergleiten dieses Regimes in einen gigantischen Immoralismus vergleichsweise gering gewesen sind." (Mommsen 1997, S. 376f.) Einmal mehr erweist sich die Notwendigkeit, deutlich zu machen, über welche Deutsche man redet, wenn man Befunde über ,die Deutschen' in der Nachkriegszeit mitteilt. Die Nachkriegselite tat nicht, was Besier für ,die deutsche Bevölkerung' diagnostiziert: „Der deutschen Bevölkerung fehlte es nach beiden Kriegen nicht nur an einem christlich vertieften, sondern auch an einem in der mitteleuropäischen Allgemeinkultur noch für selbstverständlich gehaltenen Schuldbewusstsein. Dominant war ein juridisches Schuldverständnis, wonach das Eingeständnis, schuldhaft gehandelt zu haben, Strafe nach sich zieht. Um diese zu vermeiden, leugnete man die Verantwortung für das Geschehen oder machte sie möglichst klein, man verwies auf ,die Schuld der anderen' und pochte auf den Rechtsgrundsatz nulla poena sine lege" (Besier 2003, S. 166). Die Elite tat das nicht, im Gegenteil, abgesehen von ihrer analytischen Bereitschaft, die sich in der komplexen Struktur des Schulddiskurses manifestiert, sind ihr I 'erantwortung, Haftung, Wiedergutmachung (s.u. Kapitel 7.1.2.) willkommene Kategorien zum Nachweis einer existierenden Schuldeinsicht.

Die Analysen der Nichttäter: Die Epoche der Kollektivschuld

politik mißleiten ließen. An diesen Begriff der Hauptschuld dann den der Verantwortung an:

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schließt Abusch

dennoch [ f ä l l t ] auch den deutschen Hitlergegnern ihr Teil der Τ ''erantwortung ψ für die Kapitulation ihres Τ ro!kes vor Hitler im jähre 1933. Gerade weil die Hitlergegner damals so stark waren, ist ihre Mitverantwortung so groß und so bedeutsam mit ihren lehren für die Zukunft (Abusch 1946, S. 256f.).

Freilich, Abusch macht im Zuge seiner bekennenden Schuldanalyse auch relativierende Rechnungen auf, die die politischen Gegner unterschiedlicher Couleur zu bezahlen haben: Schwerer wiegt die Schuld der Führer der rechten Sozialdemokraten, der Zentrumspartei und der Deutschen Demokratischen Partei, die selbst ,gemäßigten " nationalistischen und imperialistischen Ideen anhingen und dadurch den Widerstand gegen das Vordringen des Na^jgiftes paralysierten.

Abusch endet diesen Argumentationsgang schließlich mit der niedrigsten Schuldstufe — die freilich Schuld bleibt: Geringer ist die politische Schuld des linken Flügels der deutschen Arbeiterbewegung, der, trot^ seiner sektiererischen Fehler, jederzeit aufrichtig als Rufer zum Kampf auf 'Leben und Tod gegen die nahende Na^igefahr auftrat. (Abusch 1946, S. 256f.)

Neben Selbstanklagen politischer Dissidenten prägen Einsichten in die Schuldanteile der Intellektuellen, Wissenschaftler und Geistlichen diesen Teildiskurs. Der Rechtsprofessor Siegfried J. Bader etwa stellt den Zusammenhang her zwischen dem nazistischen Antisemitismus — er nennt dessen Erscheinungen Diskreditierung, Herabsetzung und Verfolgung — und dem wissenschaftlichen Theorienlieferanten der Historiographie, die falsche Wert- und Schuldlehre der deutschen Geschichtsschreibung.218 Ein dichtes Argumentationsnetz bilden Verknüpfungen mit der Schuldart ,geistesgeschichtlicher Niedergang, glaubensgeschichtlicher Abfall' — ein die deutsche Isolierung aufhebendes abendländisches Phänomen einerseits, ein in Deutschland Realität gewordenes und pervertiertes Phänomen aber andererseits, eine Konstruktion, die bereits im Zuge der Abwehr des Kollektivschuldvorwurfs eine Rolle spielte. Befreit aus der absoluten Isolierung — das ist das Argumentationsziel der Nichttäter: Reintegration in den Chor der Völker. Dazu dient die, den deutschen Sonder-

Es muß leider mit altem Nachdruck festgestellt werden: an der Diskreditierung. Herabsetzung und - in deren Gefolge — an der Verfolgung der deutschen und später auch der außerdeutschen Juden Mittel- und Osteuropas hat die falsche Wert- und Schuldlehre der deutschen Geschichtsschreibung von %wei Jahrzehnten ihr gerüttelt Maß Schuld. .. die wahnhaße Behauptung von der Schuld, ja gar der Alleinschuld des Judentums an allen Übeln dieser Welt [konnte] durchdringen und in der Geschichtslehre eine angebliche „historische " Unterbauungßnden. (Bader 1946, S. 30f.)

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Vergangenheit: Hrinnerungsorte 1933 — 1945

weg relativierende Analyse bei gleichzeitiger Anerkennung der deutschen Extratour, derer Jaspers die Vertreter des Geistes zeiht. 219 Man belässt es nicht bei der Diagnose überindividueller geistesgeschichtlicher Prozesse. Es entspricht dem Anspruch und der inneren Logik des Schulddiskurses der Nichttäter, wenn sie gerade bei der Analyse dieser Schuldart mit größter Bereitwilligkeit sich selbst als Schuldige benennen. Aus einem Bewusstsein persönlicher Schuld heraus prüft Weizsäcker das Entlastungsargument ,berufliche Beanspruchung und daher Unaufmerksamkeit dem politischen Geschehen gegenüber' und gibt zu, daßin der Stunde der Gefahr dieses Argument nicht mehr gilt, und daß ich mit vielen anderen diese Gefahr ^it spät ernst nahm und ferner, daß ich ihr dann, als es ψ spät war, auch auswich und mich dem Unabänderlichen fügte. (Weizsäcker 1949, S. 46) Mit hoher Bereitschaft zur Selbsteinsicht und Selbstbezichtigung verkündet der Publizist Steinhoff, dem 1935 die deutsche Staatsbürgerschaft aberkannt wurde, und der bis 1945 illegal in Deutschland lebte, auf dem ersten deutschen Schriftstellerkongress theatralisch-selbstquälerisch: Ich glaube, daß das Schuldbekenntnis eines einzelnen, das andere wahrscheinlich ähnlich abzulegen hätten, hier repräsentativ abgelegt werden muß. Ich glaube, daß wir schon in jenem Stadium hätten erkennen müssen, daß das Mittel des Wortes nur noch Selbstverständigungsmittel in einem Kreise von Auguren sein konnte, der völlig unerheblich warfür die Gestaltung des öffentlichen Löbens, daß wir im übrigen allenfalls der Tolerantfassade in der Tat gedient haben, daß wir in jenen Streik der Intelligent^ unter allen Umständen spätestens hätten eintreten müssen und darüber hinaus die Flucht ins Außere hätten antreten müssen, den unmittelbaren Kampf in der Realität, mit allen Mitteln und auf alle Risiken. [Beifall] Ja, ich muß Ihnen gestehen, Ihr Klatschen beschämt mich, denn das, was ich hier ablege, ist ein privates und zugleich ein öffentliches Geständnis, das keinen Beifall verdient. .. lassen Sie mich .. das Wort aussprechen: Ich klage mich an. (Steinhoff 1947, S. 162) Die selbstreflexive Schuldanalyse in J e m'accuse-Attitüde derjenigen, die dem Nationalsozialismus auf der Spur sind, hat viele Facetten, ihr selbstbezogener Schuldbegriff ist mehrdeutig. Neben der politischen Linken zeigen besonders die evangelische Kirche und (protestantische) Christenmenschen große Bereitwilligkeit zu Selbstanalyse und Bekenntnis, das da, in der Formulierung des Mitglieds der Bekennenden Kirche Gustav Heinemann, lautet: Es ist nicht %ulet%t unser Versagen, dass es so werden konnte (Heinemann 1949, S. 42) ,2211 Man wirft sich vor, die brutale Ernsthaftigkeit des Totalitätsanspruchs dieses Staates unterschätzt zu haben: Hier ist die In Deutschland kam ψηι Ausbruch, was in der gesamten abendländischen Welt als die Krise des Geistes, des Glaubens im Gange war. Das mindert die Schuld nicht. Denn hier in Deutschland und nicht anderswo kam es tymi Ausbruch. Aber es befreit aus der absoluten Isolierung. .. Absinken der Wirksamkeit christlichen und biblischen Glaubens .. die Glaubenslosigkeit, die nach Ersat^ greift; die durch Technik und Arbeitsweise hervorgerufene gesellschaftliche Wandlung .. In einem Pro^eß, der die Welt ergriffen hat. hat Deutschland eine solche schwindelhafte Extratour in seinen Abgrundgetankt. (Jaspers 1946, S. 185) Zum nachkriegsdeutschen Schulddiskurs der Kirchen vgl. Fischer-Hupe 2002.

Die Analysen der Nichttäter: Die Epoche der Kollektivschuld

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Kirche doch einfach wie blindm gewesen .. wir haben die Dinge immer verharmlost (Dehn 1946, S. 37). Der Theologe Fuchs analysiert die Kirchen in der Anfangszeit des Nationalsozialismus: wie wenig sie das Widergöttliche und das Widerchristliche dieser Bewegung erkannt und wie wenig Widerstand sie ihm bis diesem Zeitpunkt geleistet haben (Fuchs 1948, S. 37), lautet die Selbstanklage. Verkannt zu haben, was vor sich ging, ist zentrales Schuldargument der Kirche. Die Kirchen waren von dem Geist verlassen .., der die Jünger Jesu Klarheit und Sicherheit führt (ebd.). Das Resultat dieser Geistverlassenheit — ,Schweigen' und ,Zusehen': ich habe auch geschwiegen, ivo ich hätte reden müssen! Aus dieser Selbsterkenntnis zieht Martin Niemöller, der in den Jahren 1938 bis 1945 in den Konzentrationslagern Sachsenhausen und Dachau gefangen war, sein Fazit: wir [haben] kein Recht, alle Schuld auf die bösen Na^is ψ schieben (Niemöller 1945a, S. 16).222 Was auch nicht geschieht. Harbsmeier etwa argumentiert mit dem Leitwort Verantwortung und stellt diese als Gegensatz dem Ismus, dem System gegenüber, dem Gegenteil von persönlicher Verantwortung und, wenn es um die Frage der Schuld geht, als entlastende Instanz missbraucht. 223 Es ist die Verantwortung des Chris-

Ilaug bewertet diesen Topos als Eskapismus: „Etwas als unfaßlich zu konstatieren, entzieht es wiederum der Fassungskraft. .. Statt eines konkreten, an Herrschaftsstruktur und spezifischer Interessenlage festgemachten Begriffs von falschem Bewußtsein mit breitem Raum für bewußten Kampf um politisch relevante Ideen, fungiert wie ein Zitat aus antiken Heldensagen die Figur der mit Blindheit Geschlagenen." (I laug 1977, S. 63) Niemöllers Bereitschaft zur Schuldanerkenntnis provoziert böse Kommentare, stellvertretend der des Regierungspräsidenten von Lüneburg, Walter Harm, der dem theologischen den politisch-juristischen Schuldbegriff entgegensetzt: Pastor Niemöller [erscheint] nach dem Zusammenbruch als angeblicher Repräsentant des anderen Deutschland und beginnt mit I 'ertragen über die Kollektivschuld des deutschen Volkes, wie er sie sieht, und erweckt dadurch mit Recht den Widerspruch in Deutschland. Us genügt nicht, im KZ gewesen sein, um dem anderen Deutschland tatsächlich %u~ugehören. Gerade für einen Geistlichen mußte das Erleben im KZ anderen Erkenntnissen führen, ah ~u Reflexioneti über die Schuldfrage, die ein Geistlicher doch immer wieder nur im theologischen, aber nicht im rechtlichen und politischen Sinne z;u deuten vermag. Demgegenüber der katholische Pater Behne, dem das Erlebnis im KZ dem Thema „Gott in Dachau" wurde; ~wei Bekenntnisse und ^wei Erkenntnisse, weit unterschiedlicher, als dies in dem Gegensatz evangelischer und katholischer Theologie begründet sein könnte! So beweist auch dieses Beispiel, daß Krche und Politik gesonderte Funktionen sind, die ihre eigenen Träger haben müssen. Der Politiker.. operiert nicht mit dem theologischen Schuldbegriff, sondern mit dem juristischen, und darum istfür ihn das andere Deutschland, das den Krieg weder wollte noch freiwillig unterstützte, nicht schuldig im rechtlichen oder staatsrechtlichen Sinne. Mag die Theologie zehnmal sagen, daß der Mensch schuldig und immer wieder schuldig sei; — das steht hier nicht ζur Entscheidung, weil dies fiir alle Menschen, Sieger wie Besiegte, gelten würde. (Harm 1946, S. 30) Es gehört aber mit der Schuld der Deutschen, daß sie wohl mit keiner Sache so sehr gespielt haben wie mit der V'.rantwortung Der eine schiebt sie dem anderen s?u, bis sie schließlich keiner mehr hat, sondern nur noch der Ismus, das System, das dann nicht mehr weiter schieben kann, und bei dem sich dann die Berge aller Schuld häufen. „Ich habe keine Verantwortung dafür. Ich bin nicht zuständig dafür. Es ist eben das System. " Wie oft konnten wir täglich solche Reden wohl hören. Es ist die Schuld der Kirche, daß sie hier nicht das rechte Wort ^ur rechten Zeit hörbar gesagt hat. .. Die Kirche.. muß auch heute noch mit sehr gutem Grunde aus sehr konkretem Anlaß wieder sagen, daß es kein Ismus war, der uns in das I 'er-

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tenmenschen, die Harbsmeier hier reklamiert, dasjenige Bewusstsein, das die Frage ,Wo ist dein Bruder?' nicht mit ,Soll ich meines Bruders Hüter sein?' beantwortet, sondern das sich für die Mitmenschen zuständig fühlt. Gustav Heinemann setzt diesen Argumentationsgang gleichsam fort, indem er, was Harbsmeier mit Ismus und System benennt, mit Vermassung im Sinn eines Schuldphänomens konkretisiert darstellt.224 Vermassung der Gesinnung,, Verstaatlichung unser aller Existentj, Selbstpreisgabe der Persönlichkeit nennt Heinemann das Phänomen, Charakterlosigkeit, Mangel an Zivilcourage, Gleichförmigkeit im Denken, zynischen Opportunismus, weiche Knie die Folgen. Vermassung ist ein Hauptargument im Zuge der vergangenheitsorientierten Analyse und Diagnose — als Angstkategorie begegnet dieses Argument wieder, wenn über die Gestaltung der Demokratie der Zukunft reflektiert wird (s.u. Kapitel 7.2.2.3.). Die Synode der evangelisch-lutherischen Landeskirche Sachsens gibt im April 1948 eine Erklärung ab — ausdrücklich auf die gewaltsame Ausrottung des Judentums bezogen und damit wesentlich weiter gehend als die die Gemüter bereits erregende gemäßigte Version des im Oktober 1945 abgelegten Stuttgarter Bekenntnisses (s.u.).225 Hier wird das nationale Kollektiv deutsches Volk als Täter benannt {von uns vernichtet), um dann die Schuldzuweisung von den damaligen Machthabern zu erweitern und ein mit wir erst unspezifiziertes, dann mit sächsische Kirche präzisiertes Täterkollektiv zu fokussieren. Die Tat und die Opfer werden benannt, gewaltsame Ausrottung des Judentums, Millionen Juden, Männer, Trauen und Kinder, von uns vernichtet —

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22:1

derben stürmte. Es waren Menschen, die keine I rerantwortung vor Gott kannten oder kennen wollten. (Harbsmeier 1946, S. 43f.) Man kann die Geschichte der letzten Jahrzehnte überhaupt nicht verstehen, wenn man nicht weiß, daß eine ungeheure Gewichts Verschiebung vom einzelnen %ur Gesamtheit bin stattgefunden hat, eine Τ rermassung der Gesinnung, eine T- Verstaatlichung unser aller Existenz eine Selbstpreisgabe der Persönlichkeit, die da alle Stufen von einer bloßen Unsicherheit des Urteils über die ~ähneknirschende Unterwerfung bis -~um schamlosesten Opportunismus durchläuß. Hat es jemals soviel Charakterlosigkeit gegeben wie unter uns, soviel Mangel an Zivilcourage, soviel Gleichförmigkeit im Denken, soviel -"j tuschen Opportunismus des Mitmachens um der Zweckmäßigkeit willen, so viele weiche Knie wie in unserer Generation? Ich glaube kaum, und da lieg der Hinweis darauf, daß wir als Christenheit, als christliche Gemeinde, der Welt etwas schuldiggeblieben sind. Es ist nicht "uletzf unser Τ rersagen, daß es so werden konnte. (Heinemann 1949a, S. 42) Heinemann hält diesen Vortrag ,Mensch und Staat' am 11. Mai 1949 im Rahmen der evangelisch-sozialen Woche des evangelischen Männerwerks in F.ssen. Wir empfinden es als tief beschämend, daß der umfassendste und grausamste 1 'ersuch rur gewaltsamen Ausrottung des Judentums, den die Weltgeschichte kennt, im Namen des deutschen I rolkes unternommen worden ist. Millionen Juden. Männer, Frauen und Kinder, ein Drittel des gesamten I'olksbestandes, wurden von uns vernichtet. Es bedarf keines Wortes darüber, daß dies den christlichen Grundsät-^en der Gerechtigkeit, Duldung und Nächstenliebe im tiefsten widerspricht. Es wäre aber sjt billig, die I Verantwortung dafür auf die damaligen Machthaber, an denen Gottes Gericht sich erfüllt hat, abzuschieben. Sofern der Kassenhaß unter uns gehegt oder doch ohne emstlichen Widerstand geduldet worden ist, sind wir mitschuldiggeworden. Auch unsere sächsische Kirche hat ~ur Verfolgung der Juden, selbst der christlichen, beigetragen. (Synode 1948, S. 544)

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zum einen; Rassenhaß unter uns, ohne ernstlichen WiderstandVerfolgung beigetragen - zum zweiten. Es ist keine Frage, dass hier zwischen diesen beiden Tatphänomenen unterschieden wird, und es ist auch keine Frage, dass das abgelegte Bekenntnis sich auf die zweite Schuldart bezieht — insofern referiert uns einerseits auf die Täter im engen Sinn {von uns vernichtet) und inkludiert also nicht die Autoren — und andererseits auf die AuchSchuldigen {unter uns gehegt.. geduldet) — und inkludiert die Autoren. Jedoch bedeutet diese Fragmentierung des Schuldbegriffs nicht Entlastung, sondern sie dient im Gegenteil zur Herstellung von Kausalbezügen: ,Wenn wir nicht geduldet hätten, wäre das Judentum nicht vernichtet worden' ist die Aussage dieser Selbstanklage. Schweigen und Zusehen, mangelnde Zivilcourage und Widerstandslosigkeit - das sind die Schuldmotive der Bekennenden, nicht nur der kirchlichen: Und wenn die Männer des 20. Juli schuldig geworden sein sollten aus Not, wie viel mehr sind wir dann schuldig geworden, die wir die Gewalt, die Untat schweigend trugen, die ψ tragen, ~u verantworten ihnen nicht mehr möglich ivar! (Schneider 1946, S. 15) fragt Reinhold Schneider, zur Selbsterkenntnis bereit, während Adolf Grimme eben diesen sich selbst anklagenden Reinhold Schneider ein Jahr zuvor ausdrücklich von Schuld freispricht: Wer so wie Keinhold Schneider geschrieben hat, der hat mit Hitler nicht paktiert, um dann die Jasper'sche Kategorie der metaphysischen Schuld 226 in seine Rede einzuführen: Diese Dichter und Gelehrten haben durch ihr Werk bezeugt, daß sie an dem, was über Deutschland und die Welt heraufzog, keine Mitschuld tragen. Sie selber fühlen sich dabei gewiß vor Gott nicht frei von Schuld; denn welcher Mensch vermöchte das! Allein, dann ist es nicht die Schuld, von der man heute spricht, wenn man an so etwas wie Kollektivschuld denkt. Es ist dann die religiöse Schuld, die metaphysische, an der die gan^e Menschheit trägt und nicht nur irgendeine Gruppe. (Grimme 1946a, S. 60 f.) Kollektivschuld einerseits, religiöse, metaphysische Schuld der ganzen Menschheit andererseits — abgesehen von der Nähe zu Jaspers' differenziertem Schuldbegriff macht dieser Beleg einmal mehr deutlich, was Kollektivschuld in der Vorstellung der Zeitgenossen bedeutet und nicht bedeutet: Kollektivschuld ist die Bezeichnung für einen kriminalisierenden Begriff und darum als Schuldkategorie abzulehnen, im Gegensatz zu derjenigen willkommenen Kategorie, welche die ganze Menschheit einbezieht: Schuld, an der die

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Metaphysische Schuld ist der Mangel an der absoluten Solidarität mit dem Menschen als Menschen. Sie bleibt noch ein unauslöschlicher Anspmch, wo die moralisch sinnvolle Forderung schon aufgehört hat. Diese Solidarität ist verletzt, wenn ich dabei bin. wo Unrecht und lerbrechen geschehen. Es genügt nicht, daß ich mein lieben mit Vorsicht wage, um es ^ιι verhindern. Wenn es geschieht, und wenn ich dabei war. und wenn ich überlebe, wo der andere getötet wird, so ist in mir eine Stimme, durch die ich weiß: daß ich noch lebe, ist meine Schuld. (Jaspers 1946, S. 169f.)

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gan^e Menschheit trägt, diese Gemeinschaft in der Schuld ist eine den Deutschen wohltuende Vorstellung. Und die Intellektuellen, die nicht religiös-kirchlich orientierten Zeitgenossen? Man ist überzeugt, dass niemand einen bestimmten Flügel der deutschen Intelligenz von der Verantwortung lossprechen können wird, sich ohne inneren _Abstand und klare Überlegung dem Ungeist gebeugt ψ haben. (Aich 1947, S. 110) Im Rahmen seiner Widerstands-Studie ,Die deutsche Opposition gegen Hitler' bewertet Rothfels die Erörterung einer schweigenden Opposition, die gradweise übergeht in offene Nicht-Gleichschaltung oder sehr bestimmte Formen von Untergrundarbeit als centrale[s] Problem, vor das sich Intellektuelle und Kirchen in besonderem Maße gestellt sahen. Rothfels erkennt in diesem Zusammenhang, daß keine Gruppe heftiger getadelt worden [sei] als die der Professoren und Journalisten, der Schriftsteller und Künstler, um, unter der Voraussetzung, daß sie, einem gewissen Grade, das Gewissen eines Volkes repräsentieren, die Konsequenz zu bezeichnen: kein Maßstab [kann] streng genug sein. (Rothfels 1949, S. 44) Mit diesem Maßstab ist festzustellen: Die Gleichschaltung des akademischen Lebens ging mit einer beschämenden Hast vor sich und kam oft der tatsächlichen Erzwingung .. mit unnötigen Verbeugungen %uvor (ebd., S. 45). Um diese Argumentation gehörig einzuordnen: Wenn die Intellektuellen von ihrer eigenen Schuld reden, meinen sie nicht diese Formen von Selbstgleichschaltung und Selbstunterwerfung, die Wissenschaftler sehr in die Nähe der Täter gerückt haben. Vielmehr: Das Hauptargument der geistlichen und dann auch der intellektuellen Selbstanklage lautet nicht genug — seit dem Stuttgarter Bekenntnis geltend gemachtes Schuldargument, in der bekannten Formulierung: wir klagen uns an, daß wir nicht mutiger bekannt, nicht treuer gebetet, nicht fröhlicher geglaubt und nicht brennender geliebt haben.221 In diesem Argument nicht genug gerinnt prototypisch die Selbstanklage der gesamten zeit- und selbstkritischen Elitenformation, seien es die Älteren den Jungen gegenüber, sei es der geistige Mensch dem Volk gegenüber, seien es die Universitäten sich selbst gegenüber, sei es das Christentum den Gläubigen gegenüber. 228 Man war nicht wach genug, nicht verantwortungsbewußt

Die EKD hat sich damit einerseits Respekt verschafft, bei denen jedenfalls, für die ein öffentliches Bekenntnis eine Befreiung darstellte, andererseits war das Bekenntnis auch heftig umstritten, wiederum einerseits, weil man darin ein Zugeständnis an die Kollektivschuldthese zu erkennen vermeinte, andererseits, weil „ein Schuld bekennendes Wort zur Ermordung der europäischen Juden fehlte" (Reichel 2001a, S. 70). Vgl. dazu Besier/Sauter 1985; Greschat 1985; Conzemius/Greschat/Kocher 1988. es ist die Schuld von uns Alteren, wo sie [die Jugend] nicht genügend bewahrt wurde (Steltzer 1945, S. 30); Die deutschen Universitäten waren nicht genug sie selbst, sie hatten .. nicht genug eigene Klarheit und Geistesmacht, nicht genug Trot~, um Gegengewicht gegen die ungeheuer angestiegenen Gefahren der modernen Welt ς-u bilden (Tellenbach 1946b, S. 18); wenn dieses Pseudo-Plebejertum des Faschismus fiir den geistigen Menschen so unerträglich war. so deshalb, weil der geistige Mensch eben wenig dafür getan hatte. daß das Volk — die Masse — energisch genug für seine Ideale, für die Ideale der Humanität und der

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genug, nicht geistig genug. Man hat nicht genügend beivahrt, ψ wenig getan, man war ψ 2venig man selbst, hatte nicht genug eigene Klarheit und Geistesmacht, nicht genug Trot^j das Christentum hat nicht ausreichend gewirkt. Diese Selbstanklage wird bestimmt von der Vorstellung einer gescheiterten intellektuellen Verantwortung, zweifellos: Es ist der Geistigkeit nicht gelungen, den Nationalsozialismus zu verhindern, zu beseitigen, zu zerstören — dass man diesen Anspruch hatte, legt die Argumentation und ihr Gegenstand nahe. Indes: Nicht genügend bewahrt, wenig _getan, nicht genug etc. sind aber nicht nur Defizite bezeichnende Formulierungen, sondern auch solche, die einen Sachverhalt präsupponieren, über den sozusagen eine positive Existenzaussage gemacht wird. Diese Aussage lautet: ,Wir h a b e n bewahrt', ,wir h a b e n getan', ,wir w a r e n wir selbst' etc. So gedeutet realisiert das Schuldbekenntnis lediglich die Modifikation dieser implizierten Aussage (nicht genügend, ψ wenig etc.) und ist damit ein gemäßigtes, ein zurückgenommenes Bekenntnis: Man verweist auf ein vorhandenes geistiges Reservoir, einen Wertefundus, einen Bildungsvorrat - das Argument nicht genug (resp. ψ wenig) zieht somit diejenige Grenze, die Exkulpierung und damit Anschluss und damit Rehabilitierung erlaubt: Die Kirchen haben versagt, indem sie t>u wenig christlich waren (Fuchs 1948, S. 8). Das heißt zunächst einmal: ,Die Kirchen waren christlich'. Den Niedergang hat somit bewirkt, nicht, dass der Geist fehlte, sondern dass der angelegte Geist.. nicht fähig [war], die Welt.. u durchgeistigen und dem Menschen den Sinn des Lebens ψ erschließen (Grimme 1946b, S. 44). Nicht genug ist ein selbst anklagendes Schuldargument mit exkulpierender Funktion. Das exkulpierende Moment dieser Argumentation besteht in der mit nicht genug präsupponierten Behauptung eines geistigen Potenzials. Es war (und ist) vorhanden, die Deutschen können also nicht verloren sein. Mit diesem Argument begründet man im übrigen das zukunftbezogene Projekt ,deutsch werden', das mit eben diesem vorhandenen Potenzial legitimiert wird (s.u. Kapitel 7)·

Dennoch — nicht genug erfordert Erklärungen: Als wahr und gut erschien uns .. nicht mehr, was wahr und gut ist, sondern was wir dafür hielten. Man war blind für die Tatsache geworden, dass man die Wahrheit nicht macht, sondern sie sich. .. Daß wir diesen Blick für die Objektivität der Werte verloren hatten, das ist die tiefste Quelle unseres Unheils. (Grimme 1946c, S. 221)

Freiheit und des Friedens kämpfte. Das ist ein gegenseitiges Bedingungsverhältnis. Es steckt viel Schuld auch sowohl in jedem einzelnen des deutschen Volkes, aber es steckt auch viel Schuld und mehr Schuld bei der Intelligenz, die den Menschen des deutschen Volkes nicht die Waffen in die Hand gab. sich gegen den Faschismus energisch genug ψ verteidigen (Harich 1947, S. 161); Nun hat das Christentum bereits den primitiven Begriff von Schuld und Strafte in der paulinisch-augustinisch4utherischen Rechtfertigung durch Glauben und Gnade überwunden oder, besser gesagt, überhöht. Aber diese Religion hat nicht ausreichend in uns gewirkt. (Weizsäcker 1949, S. 48)

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Objektivität der Werte — es ist ein Merkmal intellektueller selbstbezogener Schuldanalyse, Absolutheit der Wahrheit, die «weckentbundene Wahrheit (Heuss 1946b, S. 200), aus sich selbst geborene hohe Werte anzunehmen, an ihre von Denken, Fühlen, Wollen und Handeln unabhängige Existenz zu glauben und: an ihre Unantastbarkeit. Dieses Verbrechens haben sich die Nazis schuldig gemacht, weil sie auf keine bestehende Wahrheit trauten, sondern die Wahrheit selbst,machten' — darum sind die Nationalsozialisten schuldig! (Kuhn 1946, S. 45) Das Tabu der Unantastbarkeit der Wahrheit verletzt zu haben, dieses Vergehens habe sich außerdem z.B. die Historiographie schuldig gemacht. 229 Wiewohl man, wie wir oben gesehen haben, durchaus von der Notwendigkeit, Geschichte und Geschichtsbilder zu prüfen und zu korrigieren überzeugt ist, und in diesem Zusammenhang z.B. Rankes Diktum von der Geschichte, die von Zeit zu Zeit umzuschreiben sei, zitiert (s.o. Kapitel 5.3.2.) — der Konstruktivismus, der die Konstitutionsleistung des Subjekts im Erkenntnisprozess und die daraus folgende Schaffung individueller Wahrheiten anerkennt, ist hier nicht gefragt, eine konstruktivistische Erkenntnistheorie hat im Zuge dieser Selbstanklage keinen Platz. Sich abgrenzend von den Nazis, kann man so feststellen: Nicht diese Werte [unserer geistigen Überlieferung] haben versagt, das Volk hat ihnen gegenüber versagt, und ist der itnmer neuen Verkündung und Botschaft taub geblieben, die gerade ihm ~um Überflußgeschehen war. (Benz 1945, S. 36f.) Der Intellektuelle spricht hier auch von sich und seiner Verantwortung. Man ist m.a.W. von einer moralischen Schuld der Deutschen überhaupt und ganz besonders der eigenen Formation, der der geistigen Elite, überzeugt, und: Man nimmt mit diesem Versagensvorwurf geistige Führerschaft in Anspruch, mit der man begangene Schuld interpretiert. Die deutschen Universitäten haben sich nicht mit der Macht, die sie vielleicht hätten entfalten können, als es noch Zeit war, dem Verderben der Wissenschaft und des Staates öffentlich entgegengeworfen, und kein in der ganzen Welt sichtbares Fanal der Freiheit und des Rechtes ist von ihren Türmen in die Nacht der Tyrannis emporgelodert

Theodor Litt etwa zitiert den vorausschauenden Theodor Lessing (Geschichte als Sinngebung des Sinnlosen, 1919), der eine Geschichtswissenschaft als „umdichtende Willenschaft" antizipiert, die „nicht mehr platt-zuversichtlich [sagen werde]: So war es!", sondern „reinen Gewissens und stolz-fordernd: So soll es gewesen sein!": Nun, mir haben die von dem Urheber dieser Sät^e vorausgesagte Geschichtswissenschaft" erlebt, und ^war nicht nur als Geschöpf schwärmender Phantasie, sondern als eine den Witten entbindende und vorwärtspeitschende Macht. ΪVir haben sie als bewußt gehandhabtes Stimulans einer Staatsführung kennengelernt, der jedes Mittel recht war. die Seelen in den Zustand eitles besinnungslosen Taumets ru versetzen. Es war eine Geschichtswissenschaft, deren Geheimnis ein dem ..Dritten Reich " dienstbarer Kunsthistoriker mit dem naiven Geständnis ausplauderte: „Es ist Tatsache, daß jede gesunde Zeit letzten Endes ihre Geschichte so sieht, wie es ihr paßt. "(Litt 1948, S. 91)

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ruft Julius Ebbinghaus als Rektor anlässlich der Wiedereröffnung der Marburger Universität am 25. September 1945 der Festgemeinde zu (Ebbinghaus 1945c, S. 18). Im Bewusstsein dieser Führerschaft legt man Schuldbekenntnisse ab - es ist das Bewusstsein, Nichttäter zu sein, das Bewusstsein derjenigen, die den einzigen „Weg [wählten], im Dritten Reich zu leben, ohne sich als Nazi zu betätigen, nämlich, überhaupt nicht in Erscheinung zu treten". Hannah Arendt ist überzeugt, dass das Fernhalten „aus dem öffentlichen Leben .. die einzige Möglichkeit [war], in die Verbrechen nicht verstrickt zu werden", dieses Nichtteilnehmen sei „das einzige Kriterium, an dem wir heute Schuld und Schuldlosigkeit des einzelnen messen können" (Arendt 1964/1996, S. 221). ,Nicht teilnehmen' lassen die Nichttäter als Entlastungsargument nicht gelten, im Gegenteil: Es ist ihnen ein Schuldmerkmal — sie haben einen konsequenten Totalitarismusbegriff, der diese Ausgrenzung nicht zulässt, aber sie entlasten sich mit diesem Argument dennoch, es bezeichnet moralische Schuld, zu der sie sich bereitwillig bekennen: Wir sind es [unschuldig] nicht, aber nicht an der Stelle, an der Strafgesetz und politische Gewaltanwendung zuschlagen (Weizsäcker 1949, S. 156), sondern da, wo Moral und Gewissen den Schuldbegriff füllen, da, wo Schuld, zusehen und Feigheit Synonyme sind, Charakterlosigkeit, Unterlassung, stillschweigende Zustimmung und nicht ernst nehmen, schweigen, zulassen und Untätigkeit, ausweichen und sich ßgen.2m Schuldlosigkeit ist also eine Kategorie, welche die Nichttäter, wie wir sehen, nicht für sich gelten lassen. Freilich: Diese „nicht-justiziablen Formen der Komplizenschaft" (Dubiel 1999, S. 18) Dulden, Schweigen, Wegsehen, Nichtstun etc. sind zwar Erscheinungsformen einer moralischen Schuld, und damit eben nicht einer kriminellen. Der Preis dieses Bekenntnisses aber, das diese moralische Schuld zum Gegenstand hat, ist nicht allzu hoch. Die Anonymität in der Masse und die juristische Folgenlosigkeit entwerten sein moralisch-ethisches Potenzial. Dennoch, wieder ist einzuräumen: Mehr war den Zeitgenossen an Bekenntnis nicht möglich — aus Scham. Lässt sich eine Verbindung herstellen zu den Geständnisstrategien der Täter? Haben wir es auch bei den Bekenntnissen der Nichttäter mit Versionen des Marginaüsierens, Idealisierens und Egalisierens zu tun? Täter wie Nichttäter legen Bekenntnisse ab, die einen, indem sie ihren persönlichen

230

Wir sahen ψ. Wir wußten von allem. Wir tjtterten vor Empörung und Grauen, aber wir sahen Die Schuld ging durch das sterbende Land und rührte jeden einzelnen von uns an. (Wiechert 1945, S. 30f.); /Ich habe] geschwiegen, wo ich hätte reden müssen (Niemöller 1945a, S. 16); das Gemeine zulassen ist schlimmer, als es tun (Zuckmayer 1946, S. 99); untätig dabeistanden (Jaspers 1946, S. 190); Feigheit oder Charakterlosigkeit.. Unterlassung und stillschweigende Zustimmung .. Neigung, die wahllosen lärmenden Manifestationen als eine Art permanenten Karneval anzusehen und deshalb nicht ernst nehmen (Aich 1947, S. 110); daß ich mit vielen andern diese Gefahr «a spät ernst nahm und .. ihr dann, als es ~u spät war. auch auswich und mich dem Unabänderlichen fügte (Wei2säcker 1949, S. 46).

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Anteil an den Jahren 1933 bis 1945 zu entwirklichen suchen, um sich zu exkulpieren; die andern aber, die Nichttäter, sprechen nicht von ihrer individuellen persönlichen Schuld, sondern von der des Kollektivs, die sie analysieren. Ihre Aufgabe heißt: Schuldanteile erkennen und Verantwortung benennen, um mit dieser Verantwortung dieses Kollektiv für die Zukunft zu legitimieren. Damit sprechen sie argumentationslogisch unter gänzlich anderen Voraussetzungen. So ist eine prima vista plausibel herzustellende argumentationslogische Verbindung z.B. zwischen den marginalisierenden Bekenntnissen der Täter und den Bekenntnissen z.B. einer Schweige- und Duldungsschuld der Nichttäter zwar eine strukturelle Parallele, aber keine funktionale.

6.3.1.3. Schuldig

gemacht

Die Frage ist heute gestellt worden und wird immer wieder aufgeworfen werden, ob es denn nicht nur unsere Regierenden waren, die daran schuld tragen, und mit ihnen ihre Anhänger, und ob es nicht genügen wäre, sie ~ur Rechenschaft ziehen. Es ist aber von vornherein unwahrscheinlich, daß eine solche reinliche Trennung der Verantwortung wischen einer Regierung und dem Volk, aus dem sie hervorgegangen ist und das ihr jahrelang gefolgt ist, durchgeführt werden kann. Der Pädagoge Deiters streitet zwar die Möglichkeit einer eindeutigen Grenzziehung zwischen unsere ^Legierung und ihre Anhänger einerseits und Volk, aus dem sie hervorgegangen ist anderseits ab, separiert aber zugleich, indem er die Verantwortung des Volks benennt. Dazu entwickelt der Autor zunächst das Argument ,mentale Disponiertheit', dessen Schuldgehalt er allerdings durch den Gebrauch der biologistischen Metapher, die die Vorstellung ,unkontrollierbare und unheilvolle Wucherung' ausdrückt, abschwächt: Ein politisches Gebilde wie der Nationalsozialismus muß einen Boden im \ rolke gefunden haben, um sich aus kleinen Anfängen ψ entwickeln und auszuwachsen, bis es ^ulet^t den ganzen Baum umschlang undfast erstickte. Es folgt — im Gewand der Konzession (wohl) — der Verweis auf den dissidenten Teil der Deutschen und auf die Opfer des deutschen Widerstands: Wohl kann das deutsche Volk nicht zugeben, daß es in seiner Gesamtheit schuldig ist. Große l'olksteile haben sich innerlich von der moralischen Zersetzung freigehalten, die das Wesen des Nationalsozialismus ausmacht, und zahlreich sind die Opfer, die im Kampf gegen ihn gefallen sind. Schließlich trägt die Benennung dessen, was Deiters als Verantwortung versteht, die Funktion der intendierten Aussage, im argumentativen Gewand des Einwands (aber)·.

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Aber sehr große Teile des Volkes sind der Fahne des Nationalsozialismus gefolgt, und ijvar in einer Zeit, ivo von Zwang noch gar keine Rede sein konnte. Andere haben, wenn auch mit bedrücktem Herten, geschehen lassen, was im Anfang so leicht ψ ändern gewesen wäre. Wir müssen uns eingestehen, daß weit über die Anhängerschaft des Faschismus hinaus in unserem Volke eine große Verwirrung und Trübung des politischen Urteils und des sittlichen Gewissens geherrscht haben. (Deiters 1945, S. 8f.) Freiivillig der Fahne gefolgt, geschehen lassen, Virwirrung und Triibung des politischen Urteils und des sittlichen Geipissens - das sind freilich moralisch und ethisch verwerfliche Unzulänglichkeiten. Die Naziverbrechen und diejenigen der wirklich Schuldigen indes lassen sich an ihnen nicht messen und sollen es auch nicht. So kann diese Schuldkategorie akzeptiert werden. Sie wird weiterhin exemplifiziert mit ivissen, ahnen, Beifall schreien, den Siegern ^jubeln, bang warten, mit Duldung und Unterstut^ung — ein Vorwurf, den die Welt den Deutschen macht: Das „deutsche Volk" hat diejenigen, „unter der[en] Leitung" „furchtbare Verbrechen" begangen wurden, „zur Zeit ihrer Erfolge offen gebilligt .. und [hat ihnen] blind gehorcht" (Potsdamer Abkommen 1945, S. 479) lautet der alliierte Schuldvorwurf des Potsdamer Abkommens und die Nichttäter formulieren ihn auch. 231 Manifestationen des Schuldbegriffs der Nichttäter bestehen nicht nur in Kollektivschuld verneinenden Aussagen und adversativen Ersetzungen. Die vehemente Abwehr von Kollektivschuldvorstellungen hindert die Diskursgemeinschaft nicht daran, über eine deutsche Schuld nachzudenken. Im Gegenteil: Die komplexe Konstruktion zur Abwehr des Kollektivschuldvorwurfs schafft einen gradierten Schuldbegriff, der zwischen Haupt- und Mitschuld unterscheidet, zwischen Haupt- und Mitverantwortung, vor allem aber zwischen krimineller und moralischer Schuld. 232 Problematisch zur nachkriegsdeutschen Konzeptionierung von Schuld ist den Nichttätern nicht die kriminelle Schuld, sondern man fragt mit 231

232

Die Verantwortung für den durch die Katastrophenpolitik der l'orkriegs^eit verschuldeten Krieg lastet schwer auf dem deutschen Volke (LDPD 1945, S. 7); Mitschuldig ist vor allem jeder, der wußte oder auch nur ahnte, welcher Geist der nackten Gewalt über Europa hinstampfte und der ihm Beifall schrie und seinen Siegen zujubelte. Dieser Teil des deutschen Volkes trägt volle Verantwortung. Es war vielleicht der kleinere Teil, der größere wartete bang auf das Ende mit Schrecken. (Windisch 1946, S. 32); Wir sind uns der großen I 'erantwortung wohl bewußt, die dem deutschen Volke durch die Duldung und Unterstützung des barbarischen Hitlerkrieges aufgeladen wurde, und mir sind uns auch der Verpflichtungen bewußt. die wir^ur Wiedergutmachung gegenüber den vom Hitltrkrieg betroffenen Eändem haben. Wir werden gewissenhaft die Verpflichtungen erfüllen, die uns das 'Potsdamer Abkommen auferleg, wodurch wir uns wieder das Vertrauen der Welt erobern und uns in die Gemeinschaft der friedliebenden demokratischen Völker einreihen wollen (Pieck 1949, S. 301). Es ist ein Unterschied ~wischen den Aktiven und Passiven. Die politisch Handelnden und Ausführenden, die leitenden und die Propagandisten sind schuldig. Wenn sie nicht kriminell wurden, so haben sie doch durch Aktivität eine positiv bestimmbare Schuld. Jedoch jeder von uns hat Schuld, insofern er untätig blieb. .. Im Sichfügen der Ohnmacht blieb immer ein Spielraum %war nicht gefahrloser, aber mit Γ 'orsicht doch wirksamer Aktiiität. Ihn ängstlich versäumt haben, wird der einzelne als seine moralische Schuld anerkennen. (Jaspers 1946, S. 168)

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Bezug auf das deutsche Volk: Wer ist Schuld und worin besteht die Schuld derjenigen Deutschen, die man nicht in der Kategorie wirklich Schuldige gleichsam zu erledigen vermag, ja man fragt nach der deutschen Schuld: Das, worauj es hier ankommt, ist das, wasjeder von sich selbst weiß und was sein Gewissen ihm sagt — und wenn wir Deutsche zugeben, daß vermutlich jeder von uns sich schwacher Stunden anklagen muß— und die Welt dajür ς-ugibt, daß die ethische Schuld, die der einzelne Deutsche an der Kampffront für das Recht auf sich geladen haben mag, nicht in eine Klasse mit der der eigentlichen Verbrecher und ihrer Werkr^euge gehört und.. nicht eine juridische Frage ist und keine solche, über die in Bausch und Bogen abgeurteilt werden kann, so denke ich, daß bei solcher Beurteilung niemand über Ungerechtigkeit klagen kann und damit eine Grundlage für neuen Frieden \wischen den l rölkern gelegt ist (Ebbinghaus 1946, S. 80). Voila das Destillat des Schuldbegriffs der Nichttäter: Ethisierung statt Kriminalisierung. Dazu dient die als Diskulpierung gemeinte Konfrontation. Die Gruppen heißen wir Deutsche, jeder von uns, einzelne Deutsche einerseits, eigentliche Verbrecher und ihre Werktätige anderseits. Die Bewertung des Vergehens heißt keine juridische Frage, das Vergehen, über das zu befinden ist, heißt schwache Stunden und ethische Schuld. M.a.W.: Man will ein- und abgrenzen und man trachtet nach der Konstruktion eines Schuldbegriffs, der den Deutschen eine Zukunft erlaubt, eines Schuldbegriffs, der eine deutsche Schuld nicht leugnet und der gleichzeitig das Rehabilitationsprojekt nicht gefährdet, eines moralisierenden, nicht kriminalisierenden Schuldbegriffs. Eugen Kogon findet diesen Schuldbegriff in der Kategorie politischer Irrtum7·^ und sein Fazit lautet demnach: Es ist nicht Schuld, sich politisch geirrt haben. Verbrechen s^u verüben oder an ihnen teilnehmen, wäre es auch nur durch Duldung ist Schuld. Und Fahrlässigkeit ist ebenfalls Schuld, wenn auch eine von anderer und von geringerer Art als l'erbrechen und Verbrechensteilnahme. Aber politischer Irrtum — in allen Schattierungen — samt dem echten Fehlentschluß, gehört weder vor Gerichte noch vor Spruchkammern. Irren ist menschlich (ebd., S. 247f.). Das Argument irren ist menschlich haben auch, wie wir gesehen haben, die Täter für sich geltend gemacht (s.o. Kapitel 6.2.2.). In Kogons Deutung sind Täter jedoch diejenigen, die für den politischen Irrtum verantwortlich sind, insofern dieser Irrtum Verbrechen zur Folge hatte — was dann nicht mehr Irrtum ist, sondern Schuld, ebenso wie teilnehmen, Duldung und Fahrlässigkeit. Verbrechen verüben, an ihnen teilnehmen, sie dulden, Fahrlässigkeit — mit Hilfe solcher Zuschreibungen ist man mit der Hauptschuld der wirklich Schuldigen schnell fertig geworden. Was die Gemüter aber viel mehr bewegt, ist die Mitschuld, welche die Deutschen tragen, die Schuld der Deutschen, die Oer Mitläufer ist im Sinn einer höheren Gerechtigkeit nicht schuldig, denn er folgte nur dem, der für den politischen Irrtum verantwortlich ist; folglich gehört querst der Verantwortliche auf die Anklagebank! Mitnichten, antworten wir; keiner von beiden gehört dorthin, wenn es sich nicht um I'erbrechen, sondern um politischen Irrtum gehandelt hat (Kogon 1947b, S. 247).

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sich nicht bequem zu Verbrechern und Sadisten ausgrenzen lassen, sondern die Schuld derjenigen, die so bedrohlich nahe und von den anständigen Deutschen nicht immer eindeutig unterscheidbar sind. Politischer Irrtum sagt Eugen Kogon dazu, und: Irren ist menschlich. Problematisierter Gegenstand des Diskurses sind diejenigen, die sich nicht in die einfachen Kategorien gut und böse fassen lassen. Dazu zählen auch diejenigen, die es — wie der Typ des anständigen Kreisleiters 234 — vermochten, gegensätzliche Wertesysteme miteinander zu vereinbaren, denen es gelang, gleichzeitig nach der Moral des Nationalsozialismus und nach der der Humanität zu handeln. Die Diskursgemeinschaft wehrt sich vehement gegen den Vorwurf einer kollektiven deutschen Schuld — und leugnet eine Schuld der Deutschen nicht. Gleichzeitig wünscht sie Grenzen zu ziehen — Nazis hie, die Deutschen da. Es entspricht sehr intellektuellem deutschem Denken, moralische Schuld und Sühne aufeinander zu beziehen: Moralisch schuldig sind die Sühnefähigen, die, die wußten oder wissen konnten (Jaspers 1946, S. 163). Zu dieser Grenzziehung prüft die Diskursgemeinschaft die Schuld der Deutschen aus der Innenperspektive. Eine bequeme Erledigung der Schuldfrage erlaubt die Konstruktion der mitschuldigen Deutschen nicht, im Gegenteil: Sie schafft die Notwendigkeit zu differenzieren und nachzuweisen, worin diese Schuld und Verantwortung beim Einzelnen besteht und womit sich ein Reden in dieser Kategorie überhaupt rechtfertigen lässt — Quantifizierung und Qualifizierung lautet ihre selbst gestellte Aufgabe. Ernst Müller-Meiningen jr. erzählt eine Geschichte 235 , in der das sinnfälli234

Erich Maria Remarque lässt ein Opfer, den auf der Flucht befindlichen Juden Josef, und den Wehrmachtsoldaten Graeber über die Möglichkeit des anständigen Kreisleiters disputieren: Graeber öffnet das Paket. Dann z?g er Büchsen mit Sardinen und Henngen aus den Taschen. Josef blickte darauf. Sein Gesicht veränderte sich nicht. „Ein Schaff", sagte er. „Wir werden ihn teilen. " ..Haben Sie so mel übrig?" „Sie sehen es ja. Ich habe es geerbt. Von einem Kreisleiter. Macht Ihnen das etwas?" „Im Gegenteil. Es gibt ihm eine gewisse Würze. Kennen Sie Kreisleiter so gut. daß Sie solche Geschenke bekommen?" Graeber sah Josef an. „Ja", sagte er. .,Diesen ja. Er war ein harmloser und gutmütiger Mensch. "Josef erwiderte nichts. „Glauben Sie, daß man das nicht gleichzeitig sein kann?" fragte Graeber. „Glauben Sie es?" „Es mag möglich sein. Wenn man charakterlos oder ängstlich oder schwach ist und deshalb mitmacht." „Wird man so Kreisleiter?" .siueh das mag möglich sein. "Jose] lächelte. „Es ist sonderbar", sagte er. .Manglaubt oft, ein Mörder müsse überall und immer ein Mörder sein und nichts anders. Dabei genügt es doch, wenn er es nur ab und zu und nur in einem schmalen Teil seines Wesens ist, um entsetzliches Elend verbreiten, oder nicht?" „Ja", erwiderte Graeber. „Eine Hyäne ist immer eine Hyäne. Ein Mensch hat mehr \-rariationen. "Josef nickte. ,Es gibt KZ-Kommandanten mit Humor, SSWachen, die untereinander gutmütig und kameradschaftlich sind. Und es gibt Mitläufer, die sich nur an das sogenannte Gute klammem und das Grauenvolle übersehen oder es als vorübergehend und harte Notwendigkeit erklären. Das sind die Eeute mit dem elastischen Gewissen." „Und die mit der Angst. " „Und die mit der .Angst", sagte Josef höflich. (Remarque 1954, S. 315f.)

235

Ein geisteskranker, versehe