Der Geistliche Vertrauensrat: Geistliche Leitung für die Deutsche Evangelische Kirche im Zweiten Weltkrieg 3525557175, 9783525557174

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Der Geistliche Vertrauensrat: Geistliche Leitung für die Deutsche Evangelische Kirche im Zweiten Weltkrieg
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ARBEITEN ZUR KIRCHLICHEN ZEITGESCHICHTE REIHE B: DARSTELLUNGEN · BAND 17

V&R

ARBEITEN ZUR KIRCHLICHEN ZEITGESCHICHTE Herausgegeben im Auftrag der Evangelischen Arbeitsgemeinschaft für Kirchliche Zeitgeschichte von Joachim Mehlhausen und Leonore Siegele-Wenschkewitz

REIHE B: DARSTELLUNGEN Band 17

Karl-Heinrich Melzer Der Geistliche Vertrauensrat

GÖTTINGEN · VANDENHOECK & RUPRECHT · 1991

Der Geistliche Vertrauensrat Geistliche Leitung für die Deutsche Evangelische Kirche im Zweiten Weltkrieg?

von

Karl-Heinrich Melzer

Mit 4 Abbildungen

GÖTTINGEN · VANDENHOECK & RUPRECHT · 1991

Redaktionelle Betreuung dieses Bandes: Carsten Nicolaisen

Die Deutsche Bibliothek — CIP-Einheitsaufnahme Melzer, Karl-Heinrich: Der Geistliche Vertrauensrat: geistliche Leitung für die Deutsche Evangelische Kirche im Zweiten Weltkrieg? / Von Karl-Heinrich Melzer. — Göttingen: Vandenhoeck und Ruprecht, 1991 (Arbeiten zur kirchlichen Zeitgeschichte: Reihe B, Darstellungen; Bd. 17) Zugl.: Kiel, Univ., Diss., 1988 ISBN 3-525-55717-5 NE: Arbeiten zur kirchlichen Zeitgeschichte/Β

© 1991 Vandenhoeck & Ruprecht, Göttingen Printed in Germany. - Das Werk einschließlich aller seiner Teile ist urheberrechtlich geschützt. Jede Verwertung außerhalb der engen Grenzen des Urheberrechtsgesetzes ist ohne Zustimmung des Verlages unzulässig und strafbar. Das gilt insbesondere für Vervielfältigungen, Ubersetzungen, Mikroverfilmungen und die Einspeicherung und Verarbeitung in elektronischen Systemen. Satz: Schriftsatzstudio Grohs, Landolfshausen Druck und Einband: Hubert & Co., Göttingen

INHALTSVERZEICHNIS

Vorwort

11

Einleitung

13

KAPITEL 1

Die Vorgeschichte (1938-1939): Die Idee einer geistlichen Leitung 1. Verhältnisbestimmung: Weltanschauung und Religion Kerrls kirchenpolitischer Neuansatz 2. Der machtlose Minister: Kirchenpolitik zwischen Hoffnung und Resignation 3. Sommer 1939 — eine Standortbestimmung 4. Die „Landeskirchenführerkonferenz" am 29. August 1939: Vorgeschichte und Ergebnisse

17 17 30 39 44

EXKURS I

Kurzportraits: August Marahrens, Walther Schultz, Johannes Hymmen und Otto Weber bis zu ihrem Eintritt in den Geistlichen Vertrauensrat

54

KAPITEL 2

Der Geistliche Vertrauensrat am Beginn des Krieges 1. Kriegsbeginn! - „Verpflichtung der evangelischen Kirche gegenüber Führer, Volk und Staat"? a. Die Kundgebungen und Danksagungen b. Die „seelische Mobilmachung" 2. Ein Moratorium für den Kirchenkampf? -Der Geistliche Vertrauensrat und die „Burgfriedensbestrebungen" nach Kriegsbeginn a. Das unterschiedliche Verständnis von „Burgfrieden" b. Die „Straffreiheitsverordnung"

67 67 68 76

82 83 87

6

Inhaltsverzeichnis KAPITEL 3

D i e „ A u s g e s t a l t u n g s p h a s e " (1939-1940) 1. Ein Gremium - verschiedene kirchenpolitische Konzeptionen: Die Interessenlage nach der Gründung des Geistlichen Vertrauensrates 2. Die Entwicklung der rechtlichen Gestalt des Geistlichen Vertrauensrates bis März 1940 3. Ein Ordnungsausschuß entsteht: Der Erlaß vom 28. März 1940 und die Geschäftsordnung

91

91 102 114

EXKURS II

Geistliche Leitung für die „Einmannkirchen"

119

KAPITEL 4

Weichenstellung: Kirchlicher Partikularismus oder „geistliche L e i t u n g " ? (1940-1942) 1. Zwischen „Minderheitenregelung" und „Simultaneum" 2. Die „Wiener Entwürfe" 3. Neubeginn: Der Führungswechsel in der Kirchenkanzlei und seine Folgen 4. Der Geistliche Vertrauensrat und das Kirchliche Einigungswerk Landesbischof Wurms

148 148 160 171 175

KAPITEL 5

D e r Krieg als H e r a u s f o r d e r u n g (1940-1941) 1. Die unerwünschte Hilfe: Der Geistliche Vertrauensrat und seine Versuche zur „seelischen Stärkung" der Front 2. Treuebezeugungen ohne Resonanz: Der Geistliche Vertrauensrat im Spiegel seiner „Loyalitätserklärungen" 3. Das Kontinuum: Predigthilfen im Krieg

183 183 189 200

KAPITEL 6

D i e wachsende Bedrohung: D e r Geistliche Vertrauensrat u n d die staatlichen „ E n t k o n f e s s i o n a l i s i e r u n g s m a ß n a h m e n " (1940-1941) . . . .

204

1. Staatliches „Erziehungsmonopol" contra kirchliche Kinderpflege und schulischen Religionsunterricht

204

Inhaltsverzeichnis

a. Die Versuche zur „Aufhebung" der konfessionellen Kindergärten . . . b. Der Abbau des Religionsunterrichts 2. Die Stillegung des kirchlichen Schrifttums-und Pressewesens 3. Christentum und Nationalsozialismus - die unvereinbaren „Weltanschauungen" a. Die Auseinandersetzung mit den „weltanschaulichen Distanzierungskräften" b. Der „Modellgau" ,Wartheland'

7 204 211 218 231 232 239

KAPITEL 7

Das Versagen gegenüber den „ R a n d g r u p p e n " in der Kirche 1. Der Geistliche Vertrauensrat und die Vernichtung des „lebensunwerten Lebens" 2. Der Ausschluß der „nichtarischen" Christen aus der Kirchengemeinschaft

254 254 262

KAPITEL 8

Auf dem Weg zur entmündigten Kirche - Der Geistliche Vertrauensrat und das drohende Staatskommissariat (1942-1945) 1. Der Weg in die Abhängigkeit: Staatssekretär Muhs und seine Konzeption 2. Die Beziehungen zwischen Kirchenministerium und reichskirchlichen Leitungsorganen nach der Beauftragung von Staatssekretär Muhs 3. Staatskommissariat oder kirchliche Organe? — Der Kampf um die Macht der Finanzabteilungen 4. Der Kampf um die Kirchenkanzlei

270 270 277 283 297

KAPITEL 9

D i e Bemühungen des Geistlichen Vertrauensrates u m den Erhalt kirchlicher Strukturen (1942-1945) 1. Bemühungen um den Erhalt einer kirchlichen Fundamentalunterweisung 2. Kirchliche Arbeit und „totaler Kriegseinsatz" 3. Die kriegsbedingte Wahrnehmung von Betreuungsaufgaben für die neu „angegliederten" Gebiete des „Großdeutschen Reiches"

302 302 307 312

8

Inhaltsverzeichnis

4. „Communio sanctorum" oder „communio religiosorum"? Der Geistliche Vertrauensrat und die Auseinandersetzung um die „Thüringer Kirchenordnung"

315

KAPITEL 10

Der Geistliche Vertrauensrat in der „Schlußphase" des Krieges

325

1. Der Winter 1944/45 - Die Arbeitsbedingungen des Geistlichen Vertrauensrates am Ende des Krieges 2. Kriegsende, Neuanfang und Rechenschaft

325 329

Zusammenfassung

337

Quellen- und Literaturverzeichnis

344

Abkürzungen

359

Personenregister/Biographische Angaben

361

Sachregister

386

Meinem Vater Karl-Heinz Melzer (1920-1971)

VORWORT

Die vorliegende Arbeit wurde im Sommersemester 1988 von der Theologischen Fakultät der Christian-Albrechts-Universität zu Kiel als Dissertation angenommen. Daß es hierzu überhaupt kommen konnte, ist das Verdienst vieler Weggefährten, die mich in den drei Jahren des Forschens und Schreibens unterstützten. Zuerst ist Herr Professor Dr. Gottfried Maron zu nennen, der das Entstehen dieser Arbeit mit menschlichem und fachlichem Rat begleitete und schließlich das Erstgutachten erstellte. Für diese umfassende Unterstützung sei ihm hier in besonderer Weise gedankt. Eine Arbeit, die wie die vorliegende auf umfangreichen Archivstudien beruht, hätte nicht erstellt werden können ohne die Mithilfe der jeweiligen Archivare - zwei Namen seien stellvertretend für alle genannt: Herr Erhard Piersig, der mir als Leiter des Landeskirchlichen Archivs in Schwerin zu einer Zeit, als dieses, bedingt durch die Teilung Deutschlands, noch schwierig war, jede Hilfe bei meiner Archivarbeit zuteilwerden ließ. Zum anderen sei Herr Volker Bumann genannt, der mir als Bibliothekar des Nordelbischen Kirchenamtes Kiel stets bei der Beschaffung von Literatur überaus behilflich war. Zu danken ist ferner auch allen denjenigen, die sonst noch an der Fertigstellung dieser Arbeit beteiligt waren: den Mitgliedern der Sozietät von Professor Dr. Maron, Martin Sundermann und meiner Frau Margitta Melzer, die sich der Mühe des Korrekturlesens unterzogen und darüber hinaus zahlreiche wertvolle Anregungen gaben, meiner Mutter, Herrn Professor Reinhard Staats, der das Zweitgutachten erstellte, den Herausgebern der „Arbeiten zur Kirchlichen Zeitgeschichte", Herrn Professor Dr. Joachim Mehlhausen und Frau Privatdozentin Dr. Leonore Siegele-Wenschkewitz, die meine Arbeit in diese Reihe aufnahmen, und schließlich den Mitarbeitern der „Evangelischen Arbeitsgemeinschaft für Kirchliche Zeitgeschichte", die manchen wertvollen Hinweis gaben. Insbesondere aber ist Herrn Dr. Carsten Nicolaisen zu danken, der den Weg dieser Arbeit bis zur Drucklegung in so überaus hilfreicher Weise begleitet und mir bei der Zusammenstellung der biographischen Angaben im Personenindex geholfen hat. Abschließend sei noch dem Land Schleswig-Holstein und der Nordelbischen Evangelisch-Lutherischen Kirche gedankt, die durch ihre finanzielle Unterstützung die äußeren Möglichkeiten für die Erstellung dieser Arbeit schufen. Wahlstedt, den 20. Januar 1991

Karl-Heinrich Melzer

EINLEITUNG Es gehört zu den Eigenarten der Kirchenkampfhistoriographie, daß das Forschungsinteresse für mehr als zwei Jahrzehnte vorwiegend der Bekennenden Kirche und ihrem Handeln in den „ereignisreichen" Anfangsjahren des Kirchenkampfes galt. Die Jahre nach 1937, insbesondere aber der Zeitraum zwischen 1939 und 1945, wurden sowohl in Monographien - seien sie nun territorialgeschichtlich oder themenorientiert - als auch in der Handbuchliteratur meist nur recht kurz und pauschal behandelt. Diese Feststellung findet ihre Begründung einerseits in dem die weitere Entwicklung des Kirchenkampfes piäjudizierenden Charakter der ersten Jahre 1 . Andererseits ist jedoch auch der spezifische Standort der ersten Generation von Kirchenkampfhistoriographen in Rechnung zu stellen: - überwiegend selbst der Bekennenden Kirche angehörig, galt ihr Interesse verständlicherweise auch in erster Linie dem Wirken der bekenntnisorientierten Kräfte. Doch gerade diese forschungsmäßige Engführung wurde schon bald als problematisch erkannt 2 . Die wesentliche Ausweitung des Arbeitsgebietes der Kirchenkampfhistoriographie seit Anfang der sechziger Jahre muß als eine Folge dieser Erkenntnis gesehen werden. Denn seitdem gilt das Forschungsinteresse nicht mehr ausschließlich den Bekenntniskräften, sondern richtete sich nun auch auf andere kirchliche Gruppen 3 und die nationalsozialistische Kirchenpolitik 4 . Trotz dieser thematischen Ausweitung konnte noch Ende der sechziger Jahre mit Recht über die mangelnde Berücksichtigung des Zweiten Welt1 Ob allerdings K. SCHOLDERS Urteil, bis zum Ende des Jahres 1933 seien „fast alle grundsätzlichen Entscheidungen gefallen" (Kirchen, Bd. 1, S. IX), nicht etwas überspitzt ist, bleibt dennoch zu fragen. Als eine Relativierung von Scholders früherer Aussage, daß das Jahr „ 1 9 3 3 . . . nicht entscheidend gewesen [sei], weil es tatsächlich keine Entscheidung von weittragender, den ganzen Kirchenkampf bestimmender Bedeutung gebracht hat" (Erforschung, S. 122), ist dieser Aussage jedoch vollkommen zuzustimmen. 2 Vgl. dazu den Sammelbericht von K.D.SCHMIDT, Probleme, S. 120-133. Zur weiteren Entwicklung sei bemerkt, daß die „Kirchenkampfkommission" 1971 zur „Evangelischen Arbeitsgemeinschaft für Kirchliche Zeitgeschichte" umgebildet wurde. Dem neuen Namen entspricht auch das erweiterte Konzept: Zum Gegenstand der Forschung avancierte das gesamte 20. Jahrhundert, freilich mit dem Kirchenkampf als einem entscheidenden Abschnitt (vgl. J. THIERFELDER, Einigungswerk, S. Xlf.; Vorwort der Herausgeber). 3 Vgl. hierzu z.B. die 1964 ( 3 1967) erschienene wegweisende Arbeit von K.MEIER, Die Deutschen Christen. 4 Vgl. z.B. F. ZIPFEL, Kirchenkampf; K. MEIER, Kirche, S. 9-29; J. S. CONWAY, Kirchenpoli-

t i k ; L . SIEGELE-WENSCHKEWITZ, N a t i o n a l s o z i a l i s m u s .

14

Einleitung

kriegs für die Kirchenkampfforschung Klage geführt werden5. Eine Arbeit wie die von Paul Gürtler über die durch die nationalsozialistische Kirchenpolitik herbeigeführte Auseinandersetzung zwischen Staat und Kirche im „Mustergau" Wartheland blieb lange Zeit allein auf weiter Flur 6 . Um so mehr wurde denn auch die 1975 erschienene Arbeit von Jörg Thierfelder über das Kirchliche Einigungswerk des württembergischen Landesbischofs Wurm begrüßt, konnte sie doch ein seit langem beklagtes Desiderat in der Kirchenkampfforschung beseitigen7. In ähnlicher Weise ist auch die Arbeit von Helmut Baier über die bayerische Landeskirche im Zweiten Weltkrieg zu bewerten, denn hier wurde erstmals der Versuch unternommen, in ausführlicher Weise das Handeln einer Landeskirche - ohne daß dabei der Blick auf gesamtkirchliche und staatliche Aspekte unterbliebe - unter den Bedingungen des Krieges darzustellen8. Doch diese Arbeiten waren nicht nur dazu angetan, historiographische Lücken in dem Zeitraum von 1939 bis 1945 zu schließen, sondern auch geeignet, an weitere notwendige Aufgaben der Kirchenkampfforschung zu erinnern. Noch immer ist Kurt Meiers Hinweis auf die noch ausstehende Forschungsarbeit über den Kirchenkampf während des Zweiten Weltkrieges gültig9. Meier selbst hat für diese Weiterarbeit wichtige Grundlagen gelegt: Durch den dritten Band seiner umfangreichen Kirchenkampfgesamtdarstellung gibt er dem Leser nicht nur eine wertvolle Zusammenfassung auf der Basis der bisher geleisteten Forschungsarbeit, sondern treibt diese durch umfangreiche eigene Archivstudien wesentlich voran; insbesondere sei hier die Aufarbeitung der über lange Zeit nicht zugänglichen Aktenbestände des ehemaligen Reichskirchenministeriums vermerkt. Ziel der vorliegenden Arbeit ist es, der Aufarbeitung der Kirchenkampfgeschichte während des Zweiten Weltkriegs einen weiteren kleinen Mosaikstein hinzuzufügen. Gegenstand der Untersuchung ist der „Geistliche Vertrauensrat der Deutschen Evangelischen Kirche" (GVR), also jenes Gremium, das zwischen August 1939 und Februar 1945 neben der Kirchenkanzlei der Deutschen Evangelischen Kirche (DEK) als Zentralorgan der offiziellen evangelischen Kirche fungierte. Die Mitglieder des Vertrauensrates, die jeweils als Vertreter spezifischer kirchlicher Gruppeninteressen in dieses Gremium eintraten, entfalteten, sieht man einmal von der Kirchenkanzlei als Verwaltungsbehörde ab, eine Aktivität, die diejenige von anderen, 5 H. BRUNOTTE, Erforschung, S. 45, verweist auf diesen Mangel. Zwei Jahre später erinnert J. SCHMIDT; Erforschung, S. 71 f., erneut an die lückenhafte Kenntnis der kirchlichen Entwicklung während des Zweiten Weltkrieges. 6

P. GÜRTLER, N a t i o n a l s o z i a l i s m u s .

7

J . THIERFELDER, E i n i g u n g s w e r k .

8

H . BAIER, K i r c h e .

Vgl. den Forschungsbericht von K.MEIER, Kirchenkampfgeschichtsschreibung. Jüngst erneuert in: DERS.: Kirchenkampf, Bd. 3, S. 8. 9

Einleitung

15

vorher existierenden reichskirchlichen Organen - sei es das „Geistliche Ministerium" oder der „Reichskirchenausschuß" - bei weitem übertraf. In annähernd 120 Sitzungen 10 beschäftigten sich der lutherische Landesbischof Hannovers, D. August Marahrens, der deutsch-christliche Landesbischof Mecklenburgs, Walther Schultz, der mit der Wahrnehmung der Aufgaben des geistlichen Vizepräsidenten der Evangelischen Kirche der altpreußischen Union beauftragte D. Johannes Hymmen und - seit März 1940 - Prof. Otto Weber, der als assoziiertes Mitglied für die Reformierten dem Geistlichen Vertrauensrat beitrat, mit ziemlich allen Angelegenheiten, die für die evangelische Kirche in irgendeiner Weise von Belang waren. Dieser umfangreichen Tätigkeit des Geistlichen Vertrauensrates steht indes eine fast stiefmütterlich zu nennende historiographische Bearbeitung gegenüber. So existiert bis heute nicht einmal ein eigenständiger Aufsatz über dieses Gremium - von einer Monographie ganz zu schweigen. Dies ist zweifelsohne zu einem Gutteil auf den bereits erwähnten generellen Mangel an Forschungstätigkeit über den Zeitraum von 1939 bis 1945 zurückzuführen. Ausschlaggebend für die spärliche Beschäftigung mit dem Vertrauensrat dürfte aber auch das Verdammnisurteil gewesen sein, das dessen Tätigkeit nach Kriegsende traf. Denn entweder wurde diese kurzerhand als „unnütz" 1 1 eingestuft, oder allein die öffentlichen Kundgebungen des Vertrauensrates - peinlich waren sie ohne Zweifel - dienten als Grundlage für ein Gesamturteil über den Vertrauensrat n . In den sechziger Jahren gab es vereinzelte Rehabilitationsversuche, deren Hang zu einer apologetischen Argumentation jedoch nicht übersehen werden kann 13 . Es bleibt festzuhalten, daß die Urteile über den Vertrauensrat jeweils einer recht einseitigen Sicht entsprangen und demzufolge auch nie sein gesamtes Tätigkeitsfeld trafen. Erst in jüngerer Zeit läßt sich die Tendenz zu einer sachgemäßen Beurteilung des Vertrauensrates feststellen14.

10

E.KLÜGEL, Landeskirche, S. 376, greift mit seiner Angabe „über 70 Sitzungen" viel zu niedrig. Insgesamt sind anhand von Protokollen und Tagesordnungen 118 Sitzungen des Vertrauensrates nachweisbar. 11 So das Urteil von Landesbischof T.WURM, Erinnerungen, S. 154; ähnlich auch H.SCHMID, Wetterleuchten, S. 197. 12

V g l . z . B . W.NIEMÖLLER, K a m p f , S . 4 8 7 - 4 9 0 ; DERS., K i r c h e , S . 3 9 0 - 3 9 3 ;

A.HENZE,

Z u s t i m m u n g , S. 5 4 4 - 5 4 7 . 13

Vgl. E.KLÜGEL, Landeskirche, insbes. S.374-386. In dieselbe Kategorie gehören auch die bereits im Mai 1945 verfaßten „Rechenschaftsberichte' ' von H. BRUNOTTE . Sie wurden später als Aufsätze veröffentlicht; vgl. H. BRUNOTTE, Kurs; DERS., Entwicklung. Beide Aufsätze widmen der Tätigkeit des GVR einen recht breiten Raum. 14 Die Forderung, den Vertrauensrat auch aufgrund seiner Gesamttätigkeit und nicht nur aufgrund seiner Kundgebungen zu beurteilen, ist allerdings nicht neu. Sie wurde bereits 1964 von E. KLÜGEL, Landeskirche, S. 376, erhoben. Zu den neueren Ansätzen vgl. z.B. J. THIERFELDER, Einigungswerk; K. MEIER, Kirchenkampf, Bd. 3.

16

Einleitung

Im Sinne einer Vertiefung soll in der vorliegenden Arbeit nun versucht werden, diese neueren Ansätze weiter zu verfolgen. Dabei kann es nicht nur um eine bloße Institutionsgeschichte gehen. Dieses verbietet sich schon aufgrund der besonderen Stellung de£ Vertrauensrates. Denn einerseits gerierte sich dieses Gremium gerne als maßgeblicher kirchlicher Ansprechpartner für staatliche Stellen und meinte, die kirchlichen Interessen gegenüber den staatlichen Stellen vertreten zu können. Andererseits beabsichtigte der Vertrauensrat aber auch, eine integrierende Funktion innerhalb der D E K wahrzunehmen und zur Uberwindung innerkirchlicher Fronten beizutragen. Dieser Einbindung des Vertrauensrates an der Nahtstelle zwischen Staat und Kirche und dem daraus folgenden Versuch, nach beiden Seiten Aktivitäten zu entwickeln, entspricht es, die Tätigkeit dieses Gremiums forschungsmäßig nicht isoliert zu betrachten, sondern immer im Gesamtgefüge der staatlichen und kirchlichen Institutionen und Interessen. Es müssen dabei allerdings um der Klarheit der Strukturen willen manchmal vielleicht bedauerliche Reduktionen an Detailinformationen in Kauf genommen werden. Da nur wenig gedrucktes Quellenmaterial über den Geistlichen Vertrauensrat existiert 15 , wurden als notwendige Vorbedingung für die Durchführung des Projekts umfangreiche Archivstudien erforderlich: Das Evangelische Zentralarchiv in Berlin und die Landeskirchlichen Archive in Hannover und Schwerin lieferten dabei den Grundstock des verwendeten Archivmaterials. Hier lagern die noch vorhandenen Akten der GVRGeschäftsstelle bzw. die Handakten der einzelnen Mitglieder dieses Gremiums 16 . Weitere wichtige Ergänzungen konnten aus den Archivbeständen der Landeskirchlichen Archive Nürnberg, Stuttgart, Darmstadt, Oldenburg, Kiel und Bielefeld entnommen werden. Ferner wurden Aktenbestände aus dem Bundesarchiv Koblenz und in geringem Umfang auch aus dem Niedersächsischen Staatsarchiv in Oldenburg herangezogen. Die im Zentralen Staatsarchiv der ehemaligen D D R in Potsdam (jetzt Bundesarchiv, Abt. Potsdam) lagernden Akten des Reichskirchenministeriums konnten erst nach Fertigstellung der Dissertation eingesehen werden. Soweit wie möglich wurden diese Bestände jedoch noch eingearbeitet.

15 Längere Quellenabdrucke von GVR-Dokumenten finden sich in: KJ 1933-1944, S. 452460 und bei E.KIÜGEL, Landeskirche, Dokumente, S. 157-168; 174-177; 180-184; 204-215. 16 Handakten von Otto Weber ließen sich nicht ausfindig machen. Offensichtlich hat Weber umfangreiches Material aus der Zeit des Dritten Reiches vernichtet (Mitteilung an den Vf. von Prof. Hannelore Erhart vom 23.7.1986 und Prof. Gerd Lüdemann vom 6.4.1987). Allerdings ist es wenig wahrscheinlich, daß Webers Handakten wesentliche zusätzliche Erkenntnisse gebracht hätten.

KAPITEL 1

DIE VORGESCHICHTE (1938-1939): DIE IDEE EINER GEISTLICHEN LEITUNG 1. Verhältnisbestimmung: Weltanschauung und Religion Kerrls kirchenpolitischer Neuansatz Am 8. August 1935 empfing Reichsminister Hanns Kerrl, der gerade drei Wochen zuvor das Reichsressort für die kirchlichen Angelegenheiten übernommen hatte, die Oberpräsidenten der preußischen Provinzen und die Vertreter der Länder zu einer Unterredung über die „kirchliche Lage" 1 . Zwar konnte man sich noch mit Mühe darüber verständigen, daß eine einheitliche Konzeption auf diesem Gebiet dringend erforderlich sei, doch damit war schon der Vorrat an Gemeinsamkeiten erschöpft. Denn ein Teil der Ländervertreter sprach sich für eine völlige Trennung von Staat und Kirche aus, da nur so die Reinerhaltung der nationalsozialistischen Ideologie gewährleistet werden könne. Diese Konzeption wäre einer Abdrängung der Kirche aus dem öffentlichen Leben gleichgekommen. Etwa gleichstark war die Gruppe, die im Sinne von Artikel 24 des Parteiprogramms der NSDAP für einen Schutz des „positiven Christentums" eintrat, also die Vereinbarkeit von Christentum und Nationalsozialismus behauptete. Daß Kerrl trotz dieser konträren Auffassungen am Ende der Konferenz die Ansicht vertrat, „daß die Grundlinien, nach denen die Bewegung und der Staat die Kirchenpolitik treiben müsse, . . . klar zutage getreten wären"2, kann'ihm nur als bewußte Verdrehung der tatsächlichen Verhältnisse ausgelegt werden. Es drängt sich

1 Protokoll (H. MICHAELIS, Ursachen, Bd. 11, S. 213-221). Es erwies sich, daß die Vertreter Sachsens, Württembergs, Hessens, der Rheinprovinz, des Saarlands und Badens zu den „Rigoristen" gehörten, die eine weitgehende Trennung von Kirche und Staat für die „beste Lösung" hielten (die Ausdrücke „Rigoristen" und „Idealisten" für die beiden Extrempositionen stam-

m e n v o n L . WENSCHKEWITZ, G e s c h i c h t e , S. 1 9 8 ) . 2 EBD. ZU den „Idealisten" gehörten die Vertreter von Mecklenburg, Oldenburg, Westfalen sowie Oberpräsident Kube, der für Brandenburg und die Grenzmark sprach. Zwischen diesen beiden Positionen gab es noch ein unscharfes „Mittelfeld". Deren Vertreter gaben an, daß es in ihren Gebieten keinen Kirchenkampf gebe, da entweder alle entscheidenden Positionen in der Kirchenleitung mit Nationalsozialisten besetzt seien (Thüringen) oder eine Trennung von Staat und Kirche schon seit längerem erfolgt sei (Hamburg). Konsensfähig zwischen allen Gruppen erschien allein die Forderung nach einer stärkeren finanziellen Kontrolle der Kirche.

18

Die Idee einer geistlichen Leitung

die Vermutung auf, daß der Kirchenminister denn auch weniger einen allgemeinen Konsens der Tagungsteilnehmer formulieren wollte als vielmehr ein Produkt seiner eigenen kirchenpolitischen Ansichten: „Die Verwirrung, die im kirchenpolitischen Leben Deutschlands zurzeit herrsche", so hielt das Protokoll Kerrls Stellungnahme fest, „sei verschuldet durch die falschen kirchenpolitichen Maßnahmen, die von Partei und Staat bisher angewandt worden seien. Das müsse man zugeben. Es sei unhaltbar, daß es innerhalb der Bewegung einen offiziellen Standpunkt (Art. 24 des Parteiprogramms) und einen inoffiziellen Standpunkt (Rosenbergsche Richtung) zum Christentum gäbe. Erforderlich sei seines Erachtens die Ausmerzung des inoffiziellen Standpunkts" 3 . So ist es also letztlich Kerrl zu verdanken, daß trotz großer Meinungsverschiedenheiten in der Staats- und Parteiführung in den folgenden Jahren eine Konzeption überhand nahm, die in letzter Konsequenz eine Identität der christlichen Glaubensinhalte und der nationalsozialistischen Ideologie behauptete: „Wirkliches Christentum und Nationalsozialismus", so formulierte der Kirchenminister, „ist identisch". Diese Auffassung - im folgenden als „Identitätskonzeption" bezeichnet - wurde von ihm während der nächsten Jahre konsequent bei jeder sich bietenden Gelegenheit vertreten4. Faktisch bedeutete die Identitätskonzeption nichts anderes als eine ideologische Untermauerung der von Kerrl verfolgten Staatskirchen-Pläne. Der Versuch, mit Hilfe der Kirchenausschüsse eine Befriedung der evangelischen Kirche zu erreichen, ist das augenscheinlichste Beispiel dieser Art von „staatlicher Rechtshilfe" 5 . Aber nicht einmal das Scheitern dieses Versuches, das spätestens mit dem Rücktritt des Reichskirchenausschusses am 12. Februar 1937 offenkundig geworden war, konnte Kerrl zu einer Revision seines Kurses

3

EBD.

In einer Besprechung mit Vertretern der Bekennenden Kirche äußerte Kerrl am 2 3 . 7 . 1 9 3 5 : „Ich werde nicht Staat und Kirche trennen, weil ich nicht will, daß auf diesem Gebiet alles zusammenfällt. Ich will Staat und Kirche miteinander verbunden sein lassen. Ich habe den Glauben und die Zuversicht, auf diese Weise den Boden zu bereiten dafür, daß die Menschen wieder einig werden" (K.D.SCHMIDT, Dokumente II, S. 1383). Anläßlich eines Empfangs der V K L I der Bekennenden Kirche am 2 7 . 1 1 . 1 9 3 5 sagte Kerrl: „Wirkliches Christentum und Nationalsozialismus ist identisch" (EBD., S. 87). Gegenüber dem altpreußischen Bruderrat führte er am 2 8 . 1 1 . 1 9 3 5 aus: „Ich möchte noch einmal wiederholen: Staat und Partei stehen auf dem Boden des positiven Christentums; positives Christentum, d.h. wirkliches Christentum der Gesinnung und der Tat und der Nationalsozialismus sind identisch" (EBD., S. 91). Ü b e r Kerrls Ausführungen vor den Vorsitzenden der Landes- und Provinzialausschüsse am 1 3 . 2 . 1 9 3 7 hielt das Protokoll fest: „Die Partei stehe auf dem Boden eines,positiven Christentums'. Positives Christentum aber sei ein Christentum der Tat, ein gelebtes Christentum. Das sei der Nationalsozialismus... D e r Nationalsozialismus sei das Tun des Willens des Vaters" (EBD., S. 1348). 4

5 K. MEIER, Kirchenkampf, Bd. 2. Der Untertitel dieses Bandes lautet: „Gescheiterte Neuordnungsversuche im Zeichen staatlicher .Rechtshilfe' ".

Verhältnisbestimmung: Weltanschauung und Religion

19

bewegen6. Die Entscheidung, den staatskirchlichen Kurs nicht weiterzuverfolgen, ist vielmehr auf eine Willensäußerung Adolf Hitlers zurückzuführen, die am 15. Februar 1937 in Form eines Erlasses veröffentlicht wurde. Die Kirche solle nunmehr, so ließ Hitler wissen, „in voller Freiheit nach eigener Bestimmung des Kirchenvolkes sich selbst die neue Verfassung und damit eine neue Ordnung geben" 7 . Der Kirchenminister wurde mit den Vorbereitungen zur Wahl einer Generalsynode beauftragt. Was sich bisher für Kerrl zu einer sinnvollen Einheit verband - ideologische Begründung („Identitätskonzeption") und politisches Handeln („Staatskirchentum") - wurde nun durch einen Federstrich Hitlers auseinandergerissen. Die für Kerrl damit geschaffene Problematik dokumentieren seine Äußerungen zwischen Februar 1937 und Februar 1938. In den Reden, die er in diesem Zeitraum hielt, findet sich ein paradoxes Nebeneinander von Identitätskonzeption und gleichzeitiger Absage an staatskirchliche Pläne 8 . Wie wenig Kerrl den Graben zwischen seiner eigenen Uberzeugung und der ihm vorgeschriebenen Handlungsweise wirklich verarbeitet hatte, offenbarte auch eine Gesetzesinitiative aus dem Winter 1937/38, in der er nochmals vergeblich an seine staatskirchlichen Pläne anzuknüpfen versuchte9. Die Abfuhr, die sich Kerrl mit seiner Vorlage bei Hitlers Stellvertreter Rudolf Heß holte, signalisierte noch einmal überdeutlich, daß alle weiteren Versuche in diese Richtung völlig sinnlos waren 10 . 6 Vgl. die beiden Mitschriften der Rede Kerrls am 13.2.1937 anläßlich des Rücktritts des Reichskirchenausschusses (K.D. SCHMIDT, Dokumente II, S. 1347-1355) und die Fassung des Lutherrates zur Information der Kirchenführerkonferenz (G. SCHÄFER, Landeskirche, Bd. 5, 5. 57-62). 7 GB1DEK 1937, S. 11; vgl. dazu auch K.MEIER, Kirchenkampf, Bd.2, S. 149-154. 8 Am 23.11.1937 sprach Kerrl in Fulda (vgl. J K 5, 1937, S. 987-989) bzw. am 30.11.1937 in Hagen (vgl. J K 5,1937, S. 1034 f.) jeweils über das Verhältnis von Weltanschauung und Religion. Dabei betonte er, „daß er als Staatsmann den Konfessionen neutral gegenüberstehe..." und „der nationalsozialistische Staat [nicht daran denke]... irgendeine Konfession zu einer Staatskirche zu machen...". Am 14.1.1938 sprach er zu demselben Thema in Berlin (vgl. J K 6, 1938, S. 109f.). Besonders betonte er dabei, daß er „nicht in amtlicher Eigenschaft [rede], sondern als ein Mensch, der mit den Fragen unserer Zeit ringe...". Kerrl führte aus, es sei „am Nationalsozialismus... nun offenbar geworden, daß zwischen Religion und Weltanschauung kein Unterschied besteh[e]. Die Grundsätze des Nationalsozialismus stimmten darum mit den Grundsätzen der ewigen, unveränderlichen Religion überein... Zwischen Religion und Staat bestehe kein Widerspruch." ' Brief von Kerrl an Lammers vom 26.1.1938 mit anliegendem Entwurf für eine 18. Durchführungsverordnung. „Durch diese Verordnung", so führte Kerrl aus, „wird nämlich die Möglichkeit geschaffen, Landeskirchen dadurch aufzulösen, daß sie sich der deutschen evangelischen Kirchenkanzlei unterstellen..." (BA KOBLENZ, R 43 11/169, Bl. 179-183). 10 Heß, dem als Stellvertreter des Führers der Entwurf zur Genehmigung vorgelegt werden mußte (vgl. RGBl 1933, S. 1016; „Gesetz zur Sicherung der Einheit von Partei und Staat"), verweigerte diese mit der Begründung, daß der Entwurf den Zweck verfolge, eine „Befriedung der deutschen evangelischen Kirche durch staatliche Maßnahmen zugunsten einer der streitenden Kirchenparteien" durchzuführen (BA KOBLENZ, R 43 Π/169, Bl. 186 f.).

20

Die Idee einer geistlichen Leitung

Obwohl sich der Kirchenminister nach dem Scheitern der Reichskirchenausschußpolitik und der folgenden „Abkanzelung" 11 durch Hitler aus der Tagespolitik weitgehend fernhielt - die Führung des Ministerium überließ er seinem Staatssekretär Muhs - , kann von einem regelrechten Rückzug erst ab Februar 1938 gesprochen werden. Der Zeitraum zwischen Februar und August 1938 wurde zur eigentlichen „Mußezeit" des Kirchenministers. Als Kerrl dann im Sommer wieder langsam in das politische Leben zurückkehrte und schließlich mit dem „Oktoberprogramm" eine neue kirchenpolitische Offensive einleitete, waren es, verglichen mit seinen Äußerungen im Februar 1938, ganz andere Töne, die er anschlug. Während er noch zu Beginn des Jahres eine Identität zwischen nationalsozialistischer Ideologie und wahrhaft positivem Christentum behauptet hatte 12 , vertrat er jetzt in seinem Oktoberprogramm die Ansicht, eine Lösung der verfahrenen kirchenpolitischen Situation sei nur durch eine strikte Unterscheidung von Weltanschauung und Religion zu erreichen. Nur eine klare Trennung dieser Bereiche - hierfür steht der Begriff „Trennungskonzeption" 13 - könne eine einvernehmliche Existenz von Nationalsozialismus und Christentum ermöglichen 14 . 11 Nach dem Rücktritt des Reichskirchenausschusses ließ Hitler Kerrl nach Berchtesgaden kommen. Uber diese Begegnung am 14.2.1937 - einen Tag, bevor Kerrl seine für den 15.2. angekündigten Verordnungen herausbringen konnte - notierte Rosenberg genußvoll, wenn auch sachlich nicht ganz richtig, in seinem Tagebuch: „Kerrl hat einen sehr schweren Schlag erhalten. Nach der furchtbaren Abkanzelung beim Führer hat er offenbar einmal den starken Mann spielen wollen. Er ließ seinen so mühsam aufgepäppelten Kirchenausschuß zurücktreten und wollte unter Auflösung der Bekenntnistreuen und der Deutschen Christen eine Staatskirchenregierung bilden. Die Nachricht kam am Sonnabendnachmittag heraus. Für Montag kündigte Kerrl eine große Rede an, alle Landesvertretungen waren geladen. Da läßt der Führer aus Berchtesgaden alles abstoppen und zitiert Kerrl zu sich. Kerrl hatte wieder einmal das Gegenteil davon getan, was in unserer Linie liegen muß; nicht wir wollen die Verantwortung für die Kirche tragen, vielmehr muß diese allein ihre ,Kraft' erweisen. Wenn sie dann in ihre schon bestehenden Sekten auseinanderfällt, so ist das nicht unsere Schuld" (KAMPF, S. 31). Daß die „Abkanzelung" durch Hitler nicht nur ein einmaliger Akt war, wird dadurch belegt, daß Kerrl seit Ende 1937 nie wieder Gelegenheit zu einem offiziellen Vortrag bei Hitler bekam (BAKOBLENZ, R 43 II/153a, Bl. 5 - 7 : Brief von Kerrl an Lammers vom 3.3.1941).

vgl. oben Anm. 8. Durch die Begriffe „Trennungs" bzw. „Identitätskonzeption" soll es ermöglicht werden, die Verhältnisbestimmung zwischen dem Christentum und dem Nationalsozialismus jeweils als „Idee" verstanden - im Laufe ihrer zeitlichen Entwicklung bei Kerrl zu beschreiben. Um der begrifflichen Genauigkeit willen empfiehlt es sich, diese Termini nicht zur Definition des Verhältnisses von Staat und Kirche - beide werden hier als „Organisationen" verstanden - zu verwenden. Hier bieten sich - um die Extrempunkte zu nennen - die Begriffe „Staatskirche" und „Freikirche" an. 14 Wie radikal der Bruch bei Kerrl war, mag eine scheinbare Äußerlichkeit belegen: Der Vortrag, den Kerrl am 14.1.1938 hielt (vgl. oben Anm. 8), trug den Titel „Religion und Weltanschauung" und war ganz von der Kerrlschen Identitätskonzeption geprägt. Zu Hitlers 50. Geburtstag eignete Kerrl dem Führer eine Denkschrift unter dem Titel „Weltanschauung und Religion" zu, die ganz von seiner neu gewonnenen Trennungskonzeption geprägt war 12

13

Verhältnisbestimmung: Weltanschauung und Religion

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Zwei Voraussetzungen erschienen ihm jedoch als unabdingbar für eine erfolgreiche Durchsetzung seiner neuen Konzeption 15 . Zum einen muß „der Führer den Weg genehmigten] und dann mir Freiheit und Vollmacht [geben], alle Hindernisse zu beseitigen, die sich diesem Ziele entgegenstellen"16. Nur eine Ausstattung mit weitreichenden Kompetenzen schien ihm die nötige Handlungsfreiheit gegenüber seinen Gegnern in Partei und Staat zu sichern. So bat er, um sich der Unterstützung des „Führers" zu versichern, wiederholt um einen Empfang bei Hitler, damit er ihm „schlüssig, logisch und deshalb kurz die Möglichkeit der Lösung der Grundfrage, der sicheren Scheidung zwischen Religion und Weltanschauung" vortragen könne17. Zum anderen galt es, seinem neuen Ansatz eine möglichst breite kirchenpolitische Basis zu verschaffen. Die Lösung aller diesbezüglichen Probleme erhoffte Kerrl von der im bisherigen Kirchenkampf noch unverbrauchten kirchlichen „Mitte". Der Elan, mit dem Kerrl seine neue Konzeption verfocht, läßt die Vermutung zu, daß er sich ganz im Einvernehmen mit Hitlers Wünschen, die dieser in Form des Erlasses vom 15. Februar 1937 geäußert hatte, wähnte. Doch schon die Entwicklung der nächsten Monate belehrte Kerrl eines Besseren und ließ seine konkreten kirchenpolitischen Pläne hinfällig werden. So erwies sich die kirchliche Mitte als viel zu inhomogen, um eine tragfähige Basis für Kerrls kirchenpolitische Vorhaben abzugeben. Doch noch weitaus folgenschwerer wirkte sich für ihn Hitlers Rede aus, die dieser am 30. Januar 1939 vor dem sog. „Großdeutschen Reichstag" hielt: Nur einmal habe der Staat versucht, die zersplitterten evangelischen Landeskirchen zu einer starken Reichskirche zu vereinigen. Dieses scheiterte am Widerstand einzelner Landesbischöfe: „Damit ist dieser Versuch auch aufgegeben worden; denn es ist ja letzten Endes nicht unsere Aufgabe, die evangelische Kirche mit Gewalt dieselbe Überschrift konnte bei Kerrl also durchaus für zwei konträre Auffassungen stehen (vgl. insbes. S. 71-89; das Original der Denkschrift [ „ D e m Führer z u m 50. Geburtstag in Ehrerbietung zugeeignet"] befindet sich in der LIBRARY OF CONGRESS, Washington D. C., Manuskript Division, unter der Bezeichnung „Partei-Kanzlei; Sonderbücherei 2 6 7 3 / 7 " ) . 15 N o c h 1968 wies K.SCHOLDER, Kirche, S.28, darauf hin, daß „über die Person, die Absichten und die Wirksamkeit des Reichskirchenministers... bis heute jede zusammenhängende Darstellung" fehlt. Einen konzeptionellen Wandlungsprozeß konnte Scholder bei Kerrl nicht erkennen, hielt ihn aber für möglich (EBD., S.28). Scholder geht in seiner Argumentation denn auch davon aus, daß der Kirchenminister noch nach dem Herbst 1938 seine staatskirchlichen Pläne verfolgte (EBD., S. 33). - Der Verdienst, diesen Wandlungsprozeß forschungsmäßig erstmals aufgearbeitet zu haben, gebührt L. SIEGELE-WENSCHKEWITZ. Während der 1969 erschienene Aufsatz „ Z u r Geschichte des Reichskirchenministeriums und seines Ministers" im wesentlichen die Jahre bis 1937 behandelt, die neue konzeptionelle Neubesinnung Kerrls hingegen nur streift, widmet sich der 1971 erschienene Aufsatz „Politische Versuche einer Ordnung der Deutschen Evangelischen Kirche durch den Reichskirchenminister 1937 bis 1939" ganz der Gegenüberstellung der konträren kirchenpolitischen Ansätze. 14 17

Brief von Kerrl an Lammers vom 22.11.1938 (BAKOBLENZ, R 43 II/169a, Bl. 38-42). Brief an Hitler vom 26.1.1939 (BAKOBLENZ, R 43 11/150, Bl. 156f.).

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Die Idee einer geistlichen Leitung

gegen ihre eigenen Träger zu verteidigen oder gar zu stärken!" 1 8 Diese Rede, so deutete Kerrl durchaus richtig, war gleichzusetzen mit dem Entzug jeglicher Handlungsbefugnis auf kirchlichem Gebiet. Sämtliche Maßnahmen, die ihm zur Befriedung der Kirche notwendig erschienen, waren durch diese Rede Hitlers untersagt worden 19 . Selbst die Ermächtigung vom 15. Februar 1937, die es Kerrl gestattete, alle „erforderlichen Maßnahmen zu treffen' ', um die Wahl einer Generalsynode vorzubereiten 20 , war durch diese neuerliche Willenskundgebung Hitlers hinfällig geworden. Alle weiteren Bemühungen, von Hitler zu einem offiziellen Vortrag empfangen zu werden, um noch eine - im Sinne Kerrls - positivere Willensäußerung des „Führers" zu erhalten, scheiterten 21 . Angesichts dieser Situation mutet es geradezu widersinnig an, mit welcher Konsequenz Kerrl trotzdem bis zu seinem Tode im Dezember 1941 an dem einmal eingeschlagenen Weg festhielt. Ja mehr noch, alle kirchenpolitischen Aktionen, die er unternahm, zeigen ihre deutliche Prägung durch die Trennungskonzeption. Der Neuansatz vom Herbst 1938 erwies sich also - trotz aller damit verbundenen Schwierigkeiten - als so grundlegend, daß Kerrl sogar daran festhielt, als eine Billigung durch Hitler mehr als unwahrscheinlich war. Es erscheint notwendig, die Ursachen und Hintergründe hierfür näher zu betrachten. Denn nur so ist der Weg zu verstehen, der mit dem „Oktoberprogramm" seinen Anfang nahm, über die „Arbeitskreise" und die „Godesberger Erklärung" vom 4. April 1939 zu den „Grundsätzen" vom Mai 1939 führte und schließlich in die Gründung des Geistlichen Vertrauensrates einmündete - des einzigen wirklich greifbaren Ergebnisses dieser Konzeption 22 . Wie bereits aufgezeigt, waren es nicht die spektakulären Ereignisse wie etwa des Scheitern der „Ausschußpolitik" der Jahre 1935 bis 1937, die Kerrl zu einer Neubestimmung seines kirchenpolitischen Kurses veranlaßten. Vielmehr wurden in den „ruhigen" Monaten zwischen Februar und August A.HITLER, Rede, S.50. Brief von Kerrl an Stapel v o m 6 . 9 . 1 9 3 9 : Die Bemerkungen Hitlers interpretierte Kerrl in dem Sinne, daß ihm „ . . . jede Befugnis zu Ausübung eines Zwanges in Richtung auf die Herstellung einer Rechts- und Verwaltungseinheit der Evangelischen Kirche völlig entzogen [sei]" ( E Z A BERLIN, 1 / A 4 / 1 7 4 , Bl. 5 6 - 6 3 ; H . - G . SERAPHIM, Tagebuch, S. 1 8 0 - 1 8 5 ) . 18

19

Vgl. oben A n m . 7. Auf seine Bitte um einen Empfang bei Hitler (vgl. oben A n m . 17) bekam Kerrl am 5 . 2 . 1 9 3 9 von Lammers eine Zusage für eine Audienz in der zweiten Hälfte des Februar (EBD., Bl. 158). D a ß dieser Vortrag nicht stattfand, geht aus einem Brief Kerrls an Lammers v o m 3 . 3 . 1 9 4 1 hervor (BA KOBLENZ, R 43 I I / 1 5 3 a , Bl. 5 - 7 ) ; ihm sei, so schreibt er, seit Ende 1937 „ein dienstlicher Vortrag nicht m e h r gewährt" worden. 20 21

2 2 Vgl. L. SIEGELE-WENSCHKEWITZ, Versuche, S. 128: Während Siegele-Wenschkewitz in der Aufzählung mit den „Grundsätzen" abbricht, sieht T h . Ellwein bereits 1939 „bis hin zur Bildung des .Geistlichen Vertrauensrates der D E K ' eine eindeutige L i n i e " (Rechenschaftsbericht der VAG; auszugsweise in: T h . ELLWEIN, Freiheit, S.214).

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1938 die entscheidenden Weichen für die nächsten Jahre gestellt. Ihnen gebührt deshalb in dem folgenden Abschnitt die besondere Aufmerksamkeit. Als Theodor Ellwein23, der erst wenige Monate als Oberkonsistorialrat in der Kirchenkanzlei der DEK Dienst getan hatte, Ende des Jahres 1936 Hanns Kerrl vorgestellt wurde, mag keiner von beiden geahnt haben, welche Bedeutung ihre Bekanntschaft in der Folgezeit haben würde. Denn es entwickelte sich daraus eine sich „allmählich festigende Freundschaft" 24 , die bis zu Kerrls Tod andauern sollte. Ellwein wurde in den folgenden Jahren nicht nur des öfteren zu Amtshandlungen im Hause des Ministers hinzugezogen, sondern er war es auch, der auf besonderen Wunsch des Ministers im Dezember 1941 dessen kirchliches Begräbnis ausrichtete. Mit Ellwein, der erst in seiner Berliner Zeit kirchenpolitisch stärker hervortrat, lernte Kerrl einen Vertreter der breiten, jedoch kaum einheitlich organisierten kirchlichen Mitte kennen. Charakteristisch für diese Richtung war es, daß sie einerseits wenig Neigung zeigte, dem nationalsozialistischen Staat wesentliche Bestandteile des christlichen Glaubensgutes zu opfern wie es etwa die Deutschen Christe taten - , jedoch auch nicht bereit war, den Forderungen des nationalsozialistischen Staates unter Berufung auf den Absolutheitsanspruch Gottes eine Absage zu erteilen - wie es von den radikalen Kreisen innerhalb der Bekennenden Kirche gefordert wurde. Das Anliegen der Mitte kam also dem Versuch gleich, einen Weg zwischen Skylla und Charybdis zu finden, der es zugleich erlaubte - so der Titel eines Vortrags von Ellwein - , „Christ und Nationalsozialist" 25 zu sein. Genau dieses Anliegen beschäftigte auch Kerrl. „Weltanschauung und Religion" - so der Titel zahlreicher Vortlage des Ministers26 - waren auch für ihn keine exklusiven Größen, sondern standen in einem Kontext, bei dem die Kopula „und" von vornherein einen unverzichtbaren Bestandteil bildete. Gerade diese Gemeinsamkeit führte in den Jahren 1938/39 zu einer besonders engen Bindung zwischen Kerrl und Ellwein. Denn Kerrl, der sich seit seinem Rückzug aus der Tagespolitik intensiv mit theologischer und kirchenpolitischer Literatur beschäftigte, fand in Ellwein einen Vertrauten, dem er die Einsichten und Ergebnisse seiner privaten Forschungen vortragen konnte 27 . Die

23 Leider ist die Quellenbasis für die Analyse von Ellweins Tätigkeit und auch für seine Beziehung zu Kerrl nur recht schmal, da die Unterlagen, die sich in Ellweins Besitz befanden, verloren gegangen sind (lt. Auskunft von Prof. Dr. Thomas Ellwein an den Vf. vom 6.11.1986). So muß im wesentlichen auf das wenige, verstreute Material sowie bereits edierte Quellen und Analysen zurückgegriffen werden. 24 Th. ELLWEIN, Freiheit, S. 202 f. 25 DEE 47/1937, S. 133-146. 26 Vgl. oben Anm. 8 und 14. Laut Verlagsankündigung sollte zu Weihnachten 1939 auch ein Buch Kerrls unter diesem Titel erscheinen. Bormann wußte dieses jedoch zu verhindern (Schreiben von Bormann an Goebbels vom 19.12.1939; BA KOBLENZ, NS 8/182, Bl. 9f.). 27 H . B K U N O T T E , Kurs, S. 1 0 7 .

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Schwerpunkte dieser Lektüre lassen sich aus Kerrls Äußerungen ermitteln: Neben den Schriften von Zeitgenossen, wie etwa Emanuel Hirsch, Rudolf Thiel oder Wilhelm Stapel28, mit denen er dann zumeist auch in Briefverkehr stand, las er ebenso in den Werken Luthers und Kants 29 . Doch weitaus den größten Einfluß muß den Büchern von Houston Stewart Chamberlain zugemessen werden. Sie beeinflußten sein Denken am nachhaltigsten: „Die klärendsten Anregungen in religiöser Beziehung", so äußerte Kerrl selbst, verdanke er „den,Grundlagen des 19. Jahrhunderts', dem,Worte Christi' und ,Mensch und Gott'". Auch für die Gegenwart nannte er Chamberlains Werke seine „ständigen Begleiter und Berater" 30 . Was dieses Selbstzeugnis nicht verrät, zeigt sich umso deutlicher in seinen eigenen literarischen Äußerungen: Die Abhängigkeit von Chamberlain reichte gar so weit, daß selbst seine Kant-Rezeption die deutliche Anlehnung an diesen geistigen Mentor nicht zu verleugnen vermag. Die Folge einer derart einseitigen und verengten Perspektive offenbart sich in einer radikalen Reduktion der Gedanken Kants. Kant ist für ihn letztlich nicht mehr als der wissenschaftliche Kronzeuge dafür, daß eine strikte Trennung zwischen Weltanschauung und Religion beachtet werden müsse. Während erstere allein eine Angelegenheit der Vernunft sei, ergibt sich die Notwendigkeit der Religion aus der Unfähigkeit des Menschen, aus rein moralischen Gründen gut zu handeln. Signifikant ist Kerrls daraus folgende Argumentation: „Wie aber könnten wir, die wir an die moralische Bedeutung unseres Lebens und der Welt glauben müssen, weil wir, ohne unserer Unsterblichkeit gewiß zu sein, nicht fähig wären, zur Erfüllung unserer Pflicht selbst unser leibliches Leben dahinzugehen, ohne eine die Grenzen der Vernunft überfliegende Religion auskommen?" 31 Kaum weniger deutlich offenbart sich bei Kerrls Luther-Rezeption, daß es sich lediglich um ein Wissen aus zweiter Hand handelt. Schwerlich läßt sich hierzu ein besserer Zeuge aufrufen als der Minister selbst: „ . . . ich habe furchtbar viel von ihm [sc.: Luther] gelesen, aber habe ihn nur im Spiegel der Kirche gesehen, bis Herr Ellwein mir das Buch von Kittel gab" - so äußerte 28 - Zur Bekanntschaft des Ministers mit Thiel vgl. die Bemerkungen im Vorwort (Thiel) bzw. im Nachwort (Kerrl) zu R . T H I E L S Buch .Jesus Christus und die Wissenschaft"; Ende 1938 lernten sich Kerrl und Stapel auf Wunsch des Ministers kennen. Wahrscheinlich stand dieses im Zusammenhang mit der Vorbereitung und Durchführung des „Oktoberprogramms' '. Kerrl konnte aufgrund der Kenntnis von Stapels Schriften die berechtigte Annahme hegen, in diesem einen Geistesverwandten gefunden zu haben. In der Tat fungierte Stapel in den folgenden Jahren nicht nur als Ratgeber des Ministers, sondern wirkte auch an der Öffentlichkeitsarbeit für die Aktionen Kerrls mit (vgl. H. KESSLER, Wilhelm Stapel, bes., S. 187-194). 29 Vgl. L . SIEGELE-WENSCHKEWITZ, Versuche, S. 1 2 7 und W . H A U G G , Reichsministerium,

S.7. 30

Kerrl, Nachwort, in: R . T H I E L , Jesus Christus, S. 366. Ebenso führte er in seinem Vortrag vor der Berliner Lessing-Hochschule am 14.1.1939 aus, daß „der Mentor seines religiösen Denkens . . . Houston Stewart Chamberlain" sei (JK 6,1938, S. 109f.). 31 Vgl. oben Anm. 19.

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sich Kerrl im August 1939 gegenüber Landesbischof Wurm32. „Religion als Geschichtsmacht" - so der Titel dieses Buches von Helmuth Kittel - öffnete Kerrl nun den Blick für die „wirklichen Absichten Luthers"; für ihn war dieses Buch der Beweis, „daß eine Entwicklung der Evangelischen Kirche in Richtung auf Luthers nachweisbares Wollen die Ubereinstimmung mit dem Staate ohne weiteres herbeiführen müßte" 33 . Obwohl die Schrift Kittels über das Verhältnis von Staat und Kirche wahrlich „nichts Neues" bot bereits Paul Althaus wies in seiner höchst tiefsinnigen „Auseinandersetzung mit Helmuth Kittel" darauf hin, daß es „die bekannten Thesen von W.Stapel, Fr. Gogarten und E. Hirsch [seien], die hier wiederkehren"34 - muß ihr für die weitere Entwicklung der Kerrlschen Kirchenpolitik eine zentrale Bedeutung zugemessen werden. „Trennung von Politik und Religion, Staat und Kirche" 35 - das ist für Kittel das Gebot der Stunde. Modellcharakter wird hierfür Luthers Lehre von den beiden Reichen zugemessen; allein durch sie sei die Möglichkeit einer klaren Unterscheidung zwischen dem Bereich des Staates und dem der Kirche gegeben. Das Originelle an Kittels Buch - und damit wohl auch die Ursache des Erfolges - ist weniger in den Ausführungen zu dieser weit verbreiteten Ansicht über das Wesen der genuin lutherischen Verhältnisbestimmung von Staat und Kirche zu sehen als vielmehr in den daraus gezogenen Folgerungen. Ausgehend von der Prämisse, daß allein dieser sozialethische Entwurf Luthers ein sinnvolles Verhältnis zwischen Kirche und Staat konstituiere, wird jede Abweichung hiervon dem Protestantismus als „Abfall von seinem Ursprung" 36 angekreidet. In höchst eigenwilliger Weise wird von Kittel für diesen „Abfall" der Begriff „Konfession" eingeführt37. Man braucht wahrlich kein Kenner der neueren Kirchengeschichte zu sein, um das Ergebnis der sich nun anschließenden Betrachtung der nachreformatorischen Zeit erahnen zu können - ein Blick auf die Uberschriften der beiden nun folgenden Hauptkapitel von Kittels Werk reicht schon vollauf. Konträr stehen sich „das Zeitalter der Konfessionen" und „die unbekannte Kirche" gegenüber. Hier die Un-Kirche - da die wahre Kirche. Nicht etwa katho32 „Bericht über die Aussprache zwischen Landesbischof D. Wurm und Herrn Reichsminister Kerrl am Donnerstag, den 17. Aug. 1939". Handschriftl. Zusatz: „Wörtliche Nachschrift des Anfangs der Aussprache"; wahrscheinlich verfaßt von O K R Sautter ( L K A STUTT-

GART, D

1/145).

33

Brief von Kerrl an Lammers vom 22.11.1938 (BA KOBLENZ, R 43 II/169a, Bl. 38-42).

34

P. ALTHAUS, E v a n g e l i u m , S . 2 7 7 .

35

R . KITTEL, R e l i g i o n , S. 8 1 .

EBD., S. 54. 37 Nicht nur der Gebrauch des Begriffs „Konfession", der ansonsten immer wertneutral für eine sich zu einem bestimmten Bekenntnis haltende Gruppe gebraucht wird, ist eigenwillig, sondern auch Kittels zeitliche Abgrenzung. So endet „das Zeitalter der Konfession' ' für ihn erst „mit dem Entzug seiner politischen Voraussetzungen durch das Dritte Reich" (EBD., S. 42). 36

26

Die Idee einer geistlichen Leitung

lische und evangelische Kirche bilden in dieser dualistisch anmutenden Geschichtsdeutung die Gegenpole; Kittels Urteil beschert ihnen im Gegenteil eine seltene Eintracht: beide trifft das Urteil, „Konfession" ( - im Sinne Kittels!) zu sein. Vielmehr stehen sich jede Art von Amtskirche und wahrhaft bibelgebundene Kirche gegenüber. Die „unbekannte Kirche", ein von Wilhelm Stapel übernommener Begriff, ist für Kittel das Gegenstück zur Verfallserscheinung der Konfession: „Man findet sie dort nicht, wo die offiziellen Positionen der protestantischen Konfession stehen. Sie ist verborgen, auch da, wo sie öffentlich ist" 38 . Sie ist die Kirche, die nicht, wie die Entartung der Konfession, dem Staat bei der Gestaltung allgemeingültiger Moralund Erziehungsvorstellungen in die Zügel fällt und aus der Bibel ein Weltgesetz macht, sondern Kirche und Politik strikt zu trennen vermag39. Anzutreffen ist diese „unbekannte Kirche" im Leben des protestantischen Pfarrhauses und im Hauspriestertum der Gläubigen ebenso wie im Berufsethos des preußischen Beamtentums und des preußisch-deutschen Soldaten. Aber auch die großen Gemeinschaftswerke, ob Äußere oder Innere Mission, Gustav-Adolf-Werk oder Evangelischer Bund gehören alle der „unbekannten Kirche" an. Sie allein ist aber die einzig wahre Kirche. Kaum zu verwundern vermag das Resultat, das Kittel aus seinen Betrachtungen zieht: „Die deutsche Geschichte zeigt, daß Religion eine geschichtliche Großmacht ersten Ranges ist. Sie lehrt zweitens, daß Religion nicht immer, nur weil sie Religion ist, eine Macht zum Guten in der Geschichte ist. Damit stellt sie drittens den gegenwärtigen und zukünftigen deutschen Geschlechtern die säkulare Aufgabe, Religion als Macht zum Guten und zum Bösen praktisch scheiden zu lernen" 40 . Daß dieses überhaupt möglich geworden ist, kann für Kittel nur als Folge des Jahres 1933 gesehen werden: „Seitdem es im Dritten Reich einen Staat gibt, der diesen Namen verdient, wird es in ihm eine Kirche geben können, die ihren Namen im Sinne des Evangeliums füllt" 4 1 - eben die „unbekannte Kirche". Die in der Forschung allgemein anerkannte Bedeutung dieser Schrift für Kerrls Neukonzeption seiner Kirchenpolitik - Stück für Stück erweisen sich Kittels Ausführungen als grundlegend für Kerrls kirchenpolitische Entscheidungen und Aktionen der nächsten Jahre 42 - begründet allerdings nicht, warum gerade dieser Schrift eine so zentrale Bedeutung zukommt, zumal es sich ja um ein Buch handelt, das, so Althaus, über das Verhältnis „von Staat und Kirche nichts Neues" aussagt43. Paradoxerweise dürfte jedoch gerade 38

EBD., S. 59.

39

Vgl. EBD., S. 42-55. Im Gesamtzusammenhang bildet „das Zeitalter der Konfessionen" nur eine Negativfolie für den folgenden Abschnitt über „die unbekannte Kirche". 40

42

EBD., S. 80.

41

EBD., S. 82.

Vgl. L. SIEGELE-WENSCHKEWITZ, Versuche, S. 128-138. Hier wird die konzeptionelle Bedeutung dieser Schrift für die weiteren kirchenpolitischen Aktionen und Überlegungen Kerrls bis 1939 überzeugend nachgewiesen.

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hierin der wesentliche Grund liegen, warum diese Schrift bei Kerrl eine so nachhaltige Wirkung erzielte. Denn Kittels Leistung bestand darin, die Anschauungen einiger wesentlicher geistigen Mentoren Kerrls in einer höchst eingängigen - wenn auch eigenwilligen - Geschichtsschau miteinander zu verbinden. Kerrl dürfte es nicht schwergefallen sein, dieses programmatische Kompendium in seine durch Houston Stewart Chamberlain bestimmte Weltsicht zu integrieren. Doch bei aller Gewichtigkeit von Kittels Buch für die Ansichten Kerrls sollte auch die Bedeutung Ellweins nicht unterschätzt werden. Immerhin war er es, so bezeugt Kerrl selbst, der ihm Kittels Schrift gab44. Angesichts der bekannt engen Verbindungen, die zwischen Kerrl und Ellwein bestanden, dürfte dieses allerdings kaum der einzige Lektürevorschlag Ellweins gewesen sein. Hinzu kommt ein Faktor, der quellenmäßig zwar nicht belegbar ist, jedoch nicht außer acht gelassen werden sollte: die Gespräche zwischen Ellwein und Kerrl. So mag es nicht übertrieben erscheinen, wenn man Ellwein für die Entwicklung Kerrls die Funktion eines Katalysators beimißt. Kittel hingegen war derjenige, der mit seinem Buch den Plan lieferte, durch den es Kerrl erst möglich wurde, die einzelnen (Lektüre-)Steinchen zu einem Mosaik zusammenzusetzen. Als Kerrl im Herbst 1938 wieder in das politische Tagesgeschehen zurückkehrte, war es nicht mehr die Identitätskonzeption, die sein Handeln leitete, sondern - geprägt durch Ellwein und Kittel - waren es Vorstellungen, die auf einer völkischen Theologie der Mitte fußten. Die Trennungskonzeption kann als unmittelbar hieraus folgendes Ergebnis betrachtet werden. Wie eng die kirchenpolitischen Aktivitäten Kerrls in dieser Zeit nicht nur in konzeptioneller Hinsicht, sondern auch in der praktischen Durchführung von der Mitwirkung seiner geistigen Mentoren abhängig waren, dokumentieren die Ereignisse zwischen Herbst 1938 und Sommer 1939. Ein besonders eindrucksvolles Beispiel bietet hierfür die Rolle, die Ellwein und Kittel bei der „Arbeitskreis"-Aktion spielen. Beide waren bereits entscheidend an der Vorbereitung und konzeptionellen Gestaltung dieser Aktion beteiligt, durch die Kerrl die kirchliche Mitte für seine kirchenpolitischen Vorstellungen einspannen wollte45. Als dann am 25. November 1938 43

44

P. ALTHAUS, E v a n g e l i u m , S. 277.

Vgl. oben Anm. 32. Protokoll der Besprechung am 13.11.1938 zwischen Ellwein und Kittel einerseits und Landgerichtsrat Albrecht, Ministerialrat Ruppel sowie Ministerialdirigent Stahn für das Reichskirchenministerium andererseits. Als Ergebnis wurde u.a. festgehalten, daß der „Arbeitsausschuß Kittel-Ellwein" für die konstituierende Sitzung Verordnungsvorlagen für die Bereiche Gebäudebenutzung, Beamtenordnung, Diziplinarordnung, Religionsunterricht und Vorbildung der Geistlichen erarbeiten sollte. Zur propagandistischen Vorbereitung der ganzen Aktion sollte Kittels Buch „Religion als Geschichtsmacht" dienen (EZA BERLIN, 1/A 4/169, Bl. 98f.). - In insgesamt drei Arbeitskreisen (1. für die Neuordnung der Bearbeitung der weltlichen und geistlichen Angelegenheiten, 2. Vor- und Fortbildung der Geistlichen, 3. für volkskirchliche Arbeit) sollte die praktische Umsetzung von Kerrls im „Oktoberprogramm" entwickelten Vorstellungen verwirklicht werden. 45

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Die Idee einer geistlichen Leitung

die erste Sitzung der „Arbeitskreise" stattfand, war es Kittel, der das Einführungsreferat „über die Möglichkeiten einer inneren Neuordnung der geistlichen Angelegenheiten" hielt 46 . Daß Kittel und Ellwein in den jeweiligen „Arbeitskreisen" einflußreiche Positionen einnahmen, mutet fast wie eine Selbstverständlichkeit an 47 . Doch bevor die „Arbeitskreise" am 3. Februar 1939 das Ergebnis ihrer Arbeit in Form eines „Gesamtgutachtens" überreichen konnten, war dieses durch die politischen Ereignisse bereits überholt worden. Denn - wie bereits erwähnt - hatte die Reichstagsrede Hitlers vom 30. Januar 1939 die Situation völlig verändert. Kerrl waren jegliche Befugnisse entzogen worden, die ihm Eingriffe in die DEK ermöglicht hätten; genau diese Kompetenzen wären jedoch die Voraussetzung gewesen, um der Intention des „Gesamtgutachtens" gerecht zu werden 48 . Hinzu kam, daß sich die breite kirchliche Mitte, von der Kerrl für dieses Projekt Unterstützung erhofft hatte, immer deutlicher als eine Fiktion herausgestellt hatte. Denn trotz groß angelegter Werbetätigkeit gelang keine wirkliche Blockbildung. Die Mitte erwies sich als viel zu inhomogen, um sie als dritte Kraft neben der Bekennenden Kirche und den Thüringer Deutschen Christen, der Nationalkirchlichen Einung DC, in das kirchenpolitische Geschehen einzubringen 49 . Beides zusammen veranlaßte Kerrl zu einem raschen Abrücken von der „Arbeitskreis"-Aktion - allerdings ohne daß er die „Arbeitskreise" hiervon offiziell unter46 „Bekanntmachung" Kerrls vom 1.12.1938 (EZA BERLIN, 1/A 4/169, Bl. 133 f.). Zur Tätigkeit der „Arbeitskreise" vgl. auch K. MEIER, Kirchenkampf, Bd. 3, S. 67-71. 47 Kittel wurde Vorsitzender des ,,Arbeitskreis[es] für Vor- und Fortbildung der Geistlichen", Ellwein beteiligte sich am „Arbeitskreis für volkskirchliche Arbeit" und fungierte als Sprecher der Arbeitskreise (GB1DEK 1938, S. 115 f.). In dieser Eigenschaft gab er die „Rundbriefe" heraus, die den Arbeitskreisen Breitenwirkung verschaffen sollten. Ellwein gehörte auch der Delegation an, die Kerrl das Gesamtgutachten übergab (EZA BERLIN, 610/7, Bl. 41; die Abordnung, die am 3.2.1939 Kerrl aufsuchte, bestand aus Wilmowsky, Ellwein, Stapel und Hundt). Hinzu kommt noch, daß mit Stapel ein weiterer Vertrauter Kerrls als Vorsitzender des „Arbeitskreises für volkskirchliche Arbeit" tätig war. 48 „Gesamtgutachten über die weitere Behandlung und endgültige Lösung der durch das Oktoberprogramm des Herrn Reichskirchenminister für die Ordnung und Befriedung der Deutschen Evangelischen Kirche gewiesenen Aufgaben" (EZA BERLIN, 1/A 4/173). Das Gutachten beruhte in staatsrechtlicher Hinsicht u.a. noch auf der Gültigkeit des „Wahlerlasses" Hitlers vom 15.2.1937 (S. 3 f.). Kerrl sollte unter Berufung auf diesen Erlaß „treuhänderisch die in seinem [Oktober-]Programm vorgesehene Synode nach den dort normierten Grundsätzen" einberufen (S. 6). Gerade solche Aktivitäten Kerrls schienen aber nach Hitlers Rede vom 30.1.1939 ausgeschlossen. 4 9 K . M E I E R , Kirchenkampf, Bd.3, S. 73. — Die Fiktion, in der Mitte eine dritte Kraft neben ΒΚ und DC zu sehen, dürfte von Ellwein und Kittel gefördert worden sein (EBD., S. 65). Besonderes Gewicht kommt dem von Stapel geprägten und von Kittel aufgenommenen Begriff der „unbekannten Kirche" zu. Spiegelte dieser Begriff doch vor, daß die Mitte als eine einheitliche Größe zu betrachten sei. Doch schon die als nötig empfundenen „Werbeaktionen" wie die vom Reichskirchenministerium geförderten „Rundbriefe", von denen drei Ausgaben im November undDezember 1938 für das Programm Kerrls Stimmung machen sollten,

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richtete. Stattdessen wurden im Reichskirchenministerium, wiederum unter Hinzuziehung von Kittel und Ellwein, neue Pläne erarbeitet, um dem kirchenpolitischen Kurs des „Oktoberprogramms" die notwendige Unterstützung zu verschaffen. Dieses führte schließlich zu der peinlichen Situation, daß Kerrl - teilweise im Beisein der „Arbeitskreis"-Mitglieder Kittel und Ellwein - bereits Verhandlungen mit Vertretern der Nationalkirchlichen Einung DC führte 50 , während er nicht einmal bereit war, dem Geschäftsführer und dem Vorsitzenden der „Arbeitskreise", Vizepräsident a.D. Hundt und Freiherr von Wilmowsky, auch nur den erbetenen Empfang zu gewähren51. Stattdessen teilte Kerrl dem völlig überraschten Hundt am 20. März 1939 mit, daß er nach der Ubergabe des Gesamtgutachtens den Auftrag der „Arbeitskreise" für erledigt ansehe. Denn er könne ohne die Ermächtigung des Führers die vorgeschlagenen Maßnahmen nicht durchführen - mit einer solchen sei jedoch zur Zeit nicht zu rechnen52. Dieses entsprach jedoch nur der halben Wahrheit: Kerrl verschwieg die Verhandlungen mit den Deutschen Christen. Diese waren inzwischen schon so weit gediehen, daß durchaus Aussichten auf einen erfolgreichen Ausgang bestanden. Die Vertreter der Thüringer Deutschen Christen erklärten sich nämlich einverstanden, an den „Befriedungsplänen" Kerrls mitzuwirken. Als Preis für diese Bereitschaft forderten sie allerdings, daß die „Aktion der Mitte" beendet werde53. Der endgültige Beschluß - so vermutete schon Hundt - , die ,,A[rbeits] K[reise] fallen zu lassen", dürfte nach Beratungen mit Kittel und Ellwein, die zwischen dem 16. und 19. März stattfanden, getroffen worden sein54. Damit war der Weg, der direkt zu der berüchtigten „Godesberger Erklärung" führte, frei geworden.

oder „Werbeveranstaltungen", wie die Tagung der „Arbeitsgemeinschaft für Reichskirchlichen Aufbau und Volkskirchlichen Dienst", auf der am 4 . 1 . 1 9 3 9 auch Ellwein und Stapel sprachen ( E Z A BERLIN, 1/A 4 / 1 7 4 , BL. 1 8 9 - 1 9 2 : Bericht aus Sicht der Arbeitsgemeinschaft; E Z A BERLIN, 1/A 4 / 1 7 4 , Bl. 2 8 1 - 2 8 3 : Bericht der Nationalkirchlichen Einung D C ) , sind letztlich ein Indiz dafür, daß die „ M i t t e " als einheitliche Größe gar nicht existierte, sondern erst durch den Zusammenschluß verschiedener Gruppen entstehen sollte. 50

Solche Gespräche fanden am 2 8 . 2 . und am 1 6 . 3 . 1 9 3 9 im Kirchenministerium statt

( K . MEIER, K i r c h e n k a m p f , B d . 3 , S. 7 3 f.). 5 1 Brief von Stahn an Hundt v o m 2 2 . 2 . 1 9 3 9 : „Bevor der H e r r Minister den Vortrag beim Führer nicht gehabt hat, empfängt er niemanden" ( E Z A BERLIN, 6 1 0 / 7 , Bl. 13), A m 1 7 . 3 . 1 9 3 9 teilte Stahn ergänzend mit: „Der Herr Minister hat noch keine Gelegenheit gehabt, einen Vortrag beim Führer mündlich oder schriftlich zu halten" (EBD., Bl. 25); der Empfang fand nie statt. 52

EBD., Bl.26.

53

Z S t A POTSDAM, R K M 2 3 7 0 5 , BL. 3 2 1 .

Brief von Stahn an Hundt: „ E r [sc.: Kerrl] spricht aber in diesen Tagen mit Professor Kittel und hatte gestern Abend in meiner Anwesenheit eine Aussprache mit H e r r n Professor Ellwein". Hundt notierte sich am Rand des B r i e f e s : , , . . . um am 2 0 . 3 . den [Arbeits] K[reis] fallen zu lassen und Werner zu rufen" ( E Z A BERLIN, 6 1 0 / 7 , Bl.25). 54

30

Die Idee einer geistlichen Leitung

Was für Hundt einem Verrat gleichkam 55 , war für Kerrl nur ein konsequenter Schritt. Denn nicht etwa irgendwelche Meinungsverschiedenheiten in Einzelfragen führten zum Scheitern der „Arbeitskreise", sondern es ging um grundsätzlichere Differenzen. So bewertete der Vorsitzende der „Arbeitskreise", Freiherr von Wilmowsky, diese Aktion „als den letzten ernsthaften Versuch, . . . auf der jetzigen Verfassungs- und Rechtsgrundlage zu einer endgültigen Einigung zwischen Partei und Staat und den derzeitigen Leitungen der Evangelischen Kirche zu gelangen" 56 . Für Kerrl hingegen waren die „Arbeitskreise" lediglich eine mögliche Variante zur Durchsetzung seiner kirchenpolitischen Vorstellungen. Als es die durch die Reichstagsrede Hitlers veränderte Lage geboten erscheinen ließ, orientierte sich Kerrl sofort um 57 . Die Geister schieden sich also letztlich an der Frage, ob die „Arbeitskreise" als das Ziel des „Oktoberprogramms" angesehen werden mußten oder lediglich als ein Mittel zur Durchsetzung dieses Entwurfes, das, sobald es die politische Opportunität erforderte, auch wieder fallen gelassen werden konnte.

2. Der machtlose Minister: Kirchenpolitik zwischen Hoffnung und Resignation Als am 12. Februar 1937 der Reichskirchenausschuß zurücktrat, hielt Kirchenminister Kerrl den Zeitpunkt für gekommen, einen härteren, staatskirchlich geprägten Kurs einzuschlagen. Bereits am 13. Februar kündigte er vor den Vertretern der Landes- und Provinzialkirchenausschüsse an, daß nun „der Staat noch stärker eingreifen" müsse, da sich erwiesen habe, daß die Kirche sich nicht aus eigener Kraft helfen könne. Eine Debatte über seine Ausführungen lehnte er mit dem Hinweis ab, dieses sei nicht nötig, da die entsprechenden Gesetze schon in Druck gegeben seien und am Montag erschienen 58 . U m so größer war die Überraschung, als am 15. Februar statt der angekündigten Verordnungen der bereits erwähnte Erlaß Hitlers 55

Vgl. hierzu E Z A BERLIN, 610/7. Der umfangreiche Briefwechsel mit Wilmowsky vermittelt von Hundt den Eindruck eines tief in seiner Ehre gekränkten Mannes, dem ein Zusammentreffen mit dem Minister nicht mehr möglich erschien, „da er mich derart offensichtlich distanziert hat, daß ich auch nur den geringsten Schein des Michaufdrängens oder des ihn Präsentiertwerdens vermeiden möchte" (EBD., B1.46). 56

Brief v o n W i l m o w s k y a n E l l w e i n v o m 5 . 7 . 1 9 3 9 (EBD., Bl. 8 2 - 8 4 ) .

57

Vgl. unten S. 34 f. Nachschrift der Rede des Reichsministers für die kirchlichen Angelegenheiten vor den Vorsitzenden der Landes- und Provinzialkirchenausschüsse am 13.2.1937 (in mehreren Fas58

s u n g e n : K.D.SCHMIDT, D o k u m e n t e , B d . I I , S. 1 3 4 7 - 1 3 5 5 ; G.SCHÄFER, L a n d e s k i r c h e , B d . 5 ,

S. 57-62). K. SCHOLDER, Kirche, S. 28 f., geht davon aus, daß Kerrl schon vor dem Rücktritt des Reichskirchenausschusses entsprechende Verordnungen zur rechtlichen Fixierung einer Staatskirche vorbereitet hatte.

Der machtlose Minister: Kirchenpolitik zwischen Hoffnung und Resignation

31

bekanntgegeben wurde, der die Einberufung einer Generalsynode anordnete, damit „nunmehr die Kirche in voller Freiheit nach eigener Bestimmung des Kirchenvolkes sich selbst die neue Verfassung und damit eine neue Ordnung geben" könne 59 . Was Hitler veranlaßte, noch ein letztes Mal selbst die kirchenpolitische Initiative zu ergreifen, ist unklar. Allenfalls lassen sich Vermutungen darüber anstellen60. Sicher ist nur, daß es am Wochenende vor der Bekanntgabe des „Wahlerlasses" zu einem Gespräch zwischen Hitler und Kerrl in Berchtesgaden gekommen war 61 . Das Ergebnis dieser Unterredung muß für Kerrl niederschmetternd gewesen sein. Rosenbergs Tagebucheintragung vom 14. Februar 1937 - „Kerrl hat einen sehr schweren Schlag erhalten" 62 dürfte nur einen schwachen Eindruck von dem wiedergeben, was sich an diesem Tag tatsächlich auf dem Obersalzberg ereignete. Für Kerrl war es ein Schlag, von dem er sich nie wieder erholte. Denn mit dem Erlaß Hitlers vom 15. Februar, so interpretierte er noch vier Jahre später das Ergebnis von Berchtesgaden, „endete meine Befugnis, . . . die Kirchenpolitik in eigener Verantwortung nach bestem Wissen und Gewissen zu führen" 63 . Tatsächlich bekam der Kirchenminister seit dem Jahresende 1937 weder Gelegenheit zu einem dienstlichen Vortrag bei Hitler, noch erhielt er auf andere Weise irgendeine positive Weisung für die Gestaltung der Kirchenpolitik 64 . Kerrls Bemerkung, er habe als Folgerung hieraus „seit 1938 eine völlig neutrale Vgl. oben Anm. 7 und 20. Die mangelnde Gewißheit über Hitlers Motivation führte immer wieder zu nachträglichen Versuchen, eine einsichtige Erklärung für dessen überraschende kirchenpolitische Initiative zu finden. K. SCHOLDER, Kirche, S. 29, schloß sich dabei der Interpretation Kerrls an. Diese deute darauf hin, „daß Hitler sich durch Volks wahlen eine Wiederholung des Wahlsieges vom Juli 1933 erhoffte", K. MEIER, Kirchenkampf, Bd. 2, S. 148, wies auf die außenpolitische Situation als möglichen Grund für Hitlers Eingriff hin: „Mag sich auch die überraschende Wendung ihren letzten Motiven nach einer eindeutigen Erklärung entziehen, so bleibt doch unübersehbar, daß die außenpolitische Situation eine staatliche Zurückhaltung in der Kirchenfrage erforderte." — Vieles spricht für die Behauptung Goebbels', der auf den Gedanken freier Kirchenwahlen gekommen sein will, damit „die streitenden Gruppen sich in einem Parlament totlaufen... In einem Jahr werden sie den Staat um Hilfe gegen sich selbst anbetteln" ( H . - G . HOCKERTS, Goebbels-Tagebücher, S. 373). 59

60

61 Am 14.2.1937 notierte Rosenberg in seinem Tagebuch über Kerrls für Montag (15.2.) geplante Gesetzesinitiative, die am Sonnabendnachmittag (13.2.) bekannt wurde: „Da läßt der Führer aus Berchtesgaden alles abstoppen und zitiert Kerrl zu sich" (KAMPF, S. 31).

« 63

EBD.

Brief von Kerrl an Lammers vom 3.3.1941 mit anliegendem Memorandum (BA

KOBLENZ, R 43 I I / 1 5 3 a , B l . 5 - 7 ) . 64 „Da mir seit Ende des Jahres 1937 ein dienstlicher Vortrag nicht mehr gewährt ist, war ich mangels jeder Weisung gezwungen, die Tätigkeit des Kirchenministeriums auf die Bearbeitung der zwangsläufig durch die Aufsicht anfallenden Angelegenheiten einzuschränken." Doch auch in diesem Schreiben fehlt nicht der Hinweis, daß er „ . . . bereit und imstande [sei], jeden Befehl über eine Veränderung in der Richtung der Kirchenpolitik durchzuführen, sobald er mir zugeht" (EBD.).

32

Die Idee einer geistlichen Leitung

Linie, weder für noch gegen die Kirche, innegehalten" 65 , ist dennoch nur zum Teil richtig. Zwar scheint ein Blick auf die gesetzgeberische Tätigkeit Kerrls dessen Selbsteinschätzung zu bestätigen. Während der Kirchenminister im Zeitraum vom September 1935 bis Februar 1937 zwölf Verordnungen aufgrund des „Gesetzes zur Sicherung der Deutschen Evangelischen Kirche" vom 24. September 193566 erließ, waren es von da an bis zu seinen neuerlichen Aktivitäten ab Oktober 1938 nur noch vier Verordnungen. Nach diesem Zeitpunkt läßt sich überhaupt keine gesetzgeberische Tätigkeit aufgrund des „Sicherungsgesetzes" durch den Kirchenminister mehr feststellen. Doch steht gerade die letzte Feststellung in scharfem Kontrast zu den kirchenpolitischen Aktivitäten, die Kerrl ab Herbst 1938 wieder entfaltete. Die Ursache für den auffälligen Rückgang der gesetzgeberischen Tätigkeit dürfte also kaum in fehlenden kirchenpolitischen Ambitionen des Ministers zu suchen sein. Als Kerrl nach dem „Kirchenausschuß"-Debakel die notwendige Rückendeckung Hitlers verlor, erwiesen sich die Verfechter einer rigorosen Trennungspolitik zwischen Staat und Kirche als die eigentlichen Nutznießer dieser Ereignisse. So wähnte sich Alfred Rosenberg, der zu diesem Zeitpunkt größte ideologische Widersacher Kerrls, schon wenige Monate später fast am Ziel seiner Wünsche. Mit der Verleihung des „Nationalpreises", so vertraute er seinem Tagebuch im September 1937 an, seien seine „,privaten Ansichten' zu Grundlagen der ganzen Revolution des Führers erklärt worden" 67 . Auch wenn dieses Urteil eine maßlose Selbstüberschätzung darstellt, so spiegelt sich darin doch sehr prägnant das gewachsene Selbstbewußtsein der radikalen Kirchengegner wider. Wie sehr sich dieses im politischen Geschehen auswirkte, bekam Kerrl nur allzu deutlich zu spüren. So blockierte Reichsminister Heß ab Herbst 1937 fast alle Verordnungen, die der Kirchenminister aufgrund des „Sicherungsgesetzes" erlassen wollte. Kerrl, der sich wiederholt bei dem Chef der Reichskanzlei, Reichsminister Heinrich Lammers, darüber beklagte, ließ diesen am 22. November 1938 wissen, daß es seit einem Jahr nicht möglich gewesen sei, „auch nur eine der notwendigen, dem Stellvertreter des Führers vorgelegten Verordnungen zu erlassen, weil immer die Zustimmung verweigert wurde" 68 . 65

67

EBD.

«

GB1DEK1935.S.99.

KAMPF, S. 31 f.: Die entsprechende Eintragung, ist überschrieben „Nach dem Parteitag"; dieser fand im September 1937 statt. 68 BAKOBLENZ, R 43 II/169a, Bl. 38-42. Die von Kerrl erwähnte Zustimmungspflicht resultierte aus dem „Gesetz zur Sicherung der Einheit von Partei und Staat" vom 1.12.1933 (RGBl 1933, S. 1016), ergänzt durch den „Erlaß über die Beteiligung des Stellvertreters des Führers bei der Ernennung von Beamten" vom 24.9.1935 (RGBl 1935, S. 1203). H e ß bekam durch diese Verordnung ein Mitspracherecht bei der Ernennung von höheren Beamten.

Der machtlose Minister: Kirchenpolitik zwischen Hoffnung und Resignation

33

Durch das Vordringen der „weltanschaulichen Distanzierungskräfte" 69 erwies sich also der Verordnungsweg als zunehmend ungangbar. Denn aufgrund der Stellung von Heß war es diesen Kreisen möglich, mit einer konsequent destruktiven Haltung alle Versuche Κφ-rls in dieser Richtung zu unterbinden. Dadurch sei er, so beklagte sich Kerrl bei Lammers, „in der schwierigsten Lage gewesen und habe die Verantwortung für alles, was so unterbleiben mußte, kaum noch tragen können" 70 . Doch Kerrl übte nicht nur Kritik, sondern verstieg sich auch in konkrete Schuldzuweisungen: So machte er die Haltung von Heß dafür verantwortlich, daß er gezwungen gewesen sei, in „Verhandlungen mit sämtlichen Landeskirchen-Regierungen [einzutreten], weil hier verschiedene Schritte nach vorwärts in Richtung auf eine Reichskirche getan werden könnten" 71 . Diese Darlegungen des Kirchenministers decken sich mit dem obigen Befund über die seit dem Herbst 1938 fehlenden gesetzgeberischen Initiativen des Ministers. Es legt sich aus den bisher getroffenen Feststellungen die Folgerung nahe, daß Kerrl mit dem „Oktoberprogramm" nicht nur in inhaltlicher Hinsicht, sondern auch in seiner Vorgehensweise die Konsequenzen aus dem Vordringen der „weltanschaulichen Distanzierungskräfte" gezogen hatte. Die veränderten Machtverhältnisse erforderten ein adäquates Verhalten: Kerrl mied konsequent den Verordnungsweg und setzte auf „Verhandlungen" mit den kirchlichen Gruppen 72 . Nie versuchte der Minister sein „Oktoberprogramm" in Form einer Gesetzesinitiative durchzuführen 73 , obwohl eine entsprechende „Verordnung über die Abtrennung der geistlichen Angelegenheiten von der weltlichen Kirchenverwaltung" bereits ausgearbeitet worden war 74 . Doch obwohl Kerrl meinte, mit der Neubestimmung von Ziel und Vorgehensweise wesentliche Forderungen seiner weltanschaulichen Gegner erfüllt zu haben 75 , dachten diese überhaupt

69

Während F. ZIPFEL, Kirchenkampf, S. 104-136, bereits ab 1935 eine „Entkonfessionalisierungspolitik" konstatiert, sieht K . M E I E R , Kirchenkampf, Bd.2, S. 15-26, erst ab 1937 einen „Vormarsch" der „weltanschaulichen Distanzierungskräfte". Tatsächlich scheint der von Meier gewählte Einschnitt glücklicher. D e n n die von Zipfel angeführten Fakten beziehen sich lediglich auf eine seit 1935 stattfindende „Entkonfessionalisierung" innerhalb der Organisationen der Partei. Erst ab 1937 läßt sich der Versuch einer Entkirchlichung weiterer Bevölkerungskreise feststellen, der auf den wachsenden Einfluß der „weltanschaulichen Distanzierungskräfte" zurückzuführen sein dürfte. 70

Vgl. oben Anm. 68.

71

EBD.

73

72

EBD.

EBD.: Kerrl teilte Lammers in diesem Brief mit, daß er es für richtiger halte, „auf eine Durchführung des Vorschlages [sc. : des „Oktoberprogramms"] durch Verordnung zu verzichten". 74 In mehreren Sitzungen zwischen dem 17.10.1938 und dem 28.10.1938 wurde der betreffende Entwurf für eine 19. D V O - wie ein entsprechender handschriftlicher Vermerk von Werner belegt - mit Kerrl beraten (EZA BERLIN, 1/A 4/169, Bl. 32-36; 42-49). 75 L . SIEGELE-WENSCHKEWITZ, Versuche, S . 1 2 6 .

34

Die Idee einer geistlichen Leitung

nicht daran, ihren Kampf gegen die Pläne des Kirchenministers in irgendeiner Weise einzuschränken oder gar aufzugeben 76 . Im Gegenteil: Als Hitler am 30. Januar 1939 in seiner Rede vor dem „Großdeutschen Reichstag" verkündete, der Staat werde sich fortan nicht mehr um kirchliche Angelegenheiten kümmern 77 , mußte dieses von den „Distanzierungskräften" geradezu als eine Bestätigung des eingeschlagenen Kurses empfunden werden. Für Kerrl hingegen bedeuteten Hitlers Ausführungen eine weitere empfindliche Niederlage: Ihm wurde - wie bereits erwähnt - jegliche Befugnis entzogen, die es ihm ermöglicht hätte, direkt in kirchliche Angelegenheiten einzugreifen; das Instrument der Verordnung wurde somit endgültig hinfällig. In dieser Situation erwies es sich für Kerrl als ein glücklicher Umstand, daß er bereits seit Herbst 1938 verstärkt Kontakte zu den kirchenpolitisch relevanten Gruppen, besonders aber zu den Leitungen der Landeskirchen, gesucht hatte. So wurden bei den nun folgenden Versuchen, eine Möglichkeit für die Uberwindung des Kirchenkampfes zu finden, die Verhandlungen mit den Landeskirchen zum wichtigsten Instrument. Was Kerrl allerdings in seinem Brief an Lammers mit dem neutralen Begriff „Verhandlungen" umschrieb, erwies sich als der Versuch, die verschiedenen kirchlichen Gruppen dazu zu veranlassen, seine kirchenpolitischen Vorstellungen „vorbehaltlos" zu akzeptieren 78 . Dieser Weg der „indirekten" Kirchenpolitik sollte fortan für die folgenden Jahre konstitutiv sein, obwohl schon die Anfänge deutlich machten, daß der Optimismus, den der Kirchenminister im November 1938 gegenüber Lammers an den Tag legte, kaum gerechtfertigt war. Denn die von Kerrl angesprochenen Verhandlungen verliefen nicht annähernd so erfolgreich, wie es aufgrund der Äußerungen gegenüber dem Chef der Reichskanzlei zu vermuten gewesen wäre. Zwar erklärten anfangs sowohl die DC-Kirchenführer als auch die Konferenz der

76 Der umfangreiche Schriftwechsel zwischen Bormann, Heß und Rosenberg gibt ein eindrucksvolles Zeugnis von den Bemühungen der „weltanschaulichen Distanzierungskräfte", die darauf abzielten, Kerrl sowohl aus den politischen Tagesgeschehen herauszudrängen (BAKOBLENZ, R 43 II/170a, BL.25: Brief von Bormann an Lammers vom 11.2.1941: „Der Führer wünscht, wie ich Ihnen im Auftrage mitteile, von Ihnen solle Reichsminister Kerrl noch einmal darüber unterrichtet werden, daß die früher verfolgten Pläne über eine Zusammenfassung der Evangelischen Kirchen keinesfalls mehr zu verfolgen seien") als auch seine These zu widerlegen, „Religion und Weltanschauung seien gänzlich verschiedene Dinge" (BAKOBLENZ, NS 8/182, BL. 108: Brief von Bormann an Rosenberg vom 7.10.1939. Bormann fordert Rosenberg in diesem Brief auf, aus seiner Sicht eine „für ein breites Publikum verständliche Abhandlung [zu] verfassen", um so zu verhindern, „daß Reichsminister Kerrl mit seinen törichten Behauptungen die Öffentlichkeit beunruhigen kann"). 77

78

A . HITLER, Rede, bes. S. 50.

So äußerte Kerrl in einem Brief an die nicht deutsch-christlichen Kirchenführer vom 21.11.1938, daß seiner Ansicht nach die Uberwindung des Kirchenkampfes und der Bau einer Reichskirche von der ,,vorbehaltlose[n] Annahme" der „Grundsätze" abhängig sei (KJ1933— 44, S. 273-275).

Der machtlose Minister: Kirchenpolitik zwischen Hoffnung und Resignation

35

n i c h t deutsch-christlichen, d.h. d e r auf d e m B o d e n v o n A r t . 1 der Verfassung d e r D E K stehenden K i r c h e n f ü h r e r u n t e r d e m h a n n o v e r s c h e n Landesbischof M a r a h r e n s (= K i r c h e n f i i h r e r k o n f e r e n z ) , ihre V e r h a n d l u n g s b e r e i t s c h a f t 7 9 , d o c h zeigte sich K e r r l bei d e n n u n f o l g e n d e n V e r h a n d l u n g e n so k o m p r o m i ß l o s 8 0 , daß es d e r K i r c h e n f i i h r e r k o n f e r e n z u n m ö g l i c h gemacht w u r d e , seine i m „ O k t o b e r p r o g r a m m " niedergelegten T h e s e n z u r N e u b e s t i m m u n g des Verhältnisses v o n geistlicher u n d w e l t l i c h e r K i r c h e n l e i t u n g z u u n t e r s c h r e i b e n 8 1 , u n d sich letztlich n u r die D C - K i r c h e n f ü h r e r z u r A n e r k e n n u n g v o n K e r r l s F o r m u l i e r u n g e n e n t s c h l i e ß e n k o n n t e n 8 2 . Dieses f ü r K e r r l u n b e f r i e d i g e n d e Ergebnis m a g i h n m i t dazu v e r a n l a ß t haben, bei d e r V e r w i r k l i c h u n g seines „ O k t o b e r p r o g r a m m s " ganz auf die k i r c h l i c h e „ M i t t e " zu setzen. W i e unrealistisch jedoch diese E i n s c h ä t z u n g der „ M i t t e " als dritte K r a f t w a r , e r w i e s e n die bereits e r w ä h n t e n Ereignisse des W i n t e r s 1938/39». A n d e r e r s e i t s o f f e n b a r t e n aber auch die ab F e b r u a r 1 9 3 9 w i e d e r a u f g e n o m m e n e n G e s p r ä c h e z w i s c h e n R e i c h s k i r c h e n m i n i s t e r i u m u n d den V e r t r e t e r n d e r K i r c h e n f ü h r e r k o n f e r e n z w i e der D e u t s c h e n C h r i s t e n , d a ß auf dieser E b e n e eine allseits akzeptable G r u n d l a g e f ü r die U b e r w i n d u n g des K i r c h e n k a m p f e s nicht e r r e i c h b a r war. K e r r l s o p t i m i s t i s c h e A n s ä t z e endeten jedes-

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Übersicht über die Verhandlungen betr. Neugestaltung der kirchlichen Verwaltung

v o m 4. O k t o b e r bis z u m 8. N o v e m b e r 1938 (EZABERLIN, 1/A 4 / 1 6 9 , BL. 1 - 4 ) . 80 Zwar gelang es Kerrl bei dem Zusammentreffen mit Marahrens, Meiser, Wurm und Kühlewein am 29.10.1938, diese zur Abgabe jener fatalen Erklärung zu bewegen, durch die sie sich von der „Gebetsliturgie" und deren Verfassern distanzierten. Doch sein eigentliches Vorhaben, die Unterschrift der Bischöfe auch für eine kombinierte Erklärung zu bekommen, die sowohl eine (noch schärfere) Verurteilung der Gebetsliturgie als auch eine Zustimmung zum „Oktoberprogramm" enthielt, scheiterte (EZA BERLIN, 1/A 4/169, Bl. 50-52: Vorbereitete Erklärung für die Sitzung am 29.10.1938; die Namen der Bischöfe waren bereits in den Kopf der Erklärung eingesetzt). Stattdessen unterbreitete die Kirchenführerkonferenz mit ihrem Schreiben vom 7.11.1938 Gegenvorschläge (KJ 1933-44, S.272f.). 81 Bei der Vorlage seines „Oktoberprogramms" forderte Kerrl von der Konferenz der auf Art. 1 der Verfassung der DEK stehenden Kirchenführer eine „vorbehaltlose Annahme" seines Konzeptes. Später zeigte sich Kerrl ebenso unnachgiebig bei der Präsentation der „Grundsätze": Nur bei „einstimmiger Annahme durch sämtliche Kirchenführer" sei es möglich, „entscheidende Schritte zur Neuordnung der Kirche zu unternehmen und auch eine grundsätzliche Änderung der Stellung einflußreicher Kreise zu Kirche und Christentum zu erlangen" (zit. nach: H. HERMELINK, Kirche, S. 478: Brief von Kerrl an Marahrens vom 1.6.1939). 82 Vorlage für die Konferenz am 2.11.1938. Von Werner redigiert und mit einem handschriftlichen Vermerk über die Zustimmungserklärung von Altpreußen, Sachsen, NassauHessen, Oldenburg, Pfalz, Österreich, Bremen, Thüringen, Mecklenburg, SchleswigHolstein, Lübeck versehen: „Anhalt war dabei, hat aber nicht unterzeichnet' '.Das unterzeichnete Dokument besteht aus zwei Teilen: einer Erklärung, in der die „Gebetsliturgie" der 2. VKL vom 27.9.1938 als Ausdruck einer „volks- und staatsverräterischefn] Haltung" bezeichnet wird, und einem zweiten Teil, der das „Oktoberprogramm" des Ministers beinhaltet (EZABERLIN, 1/A 4/169, Bl. 57-60). 83 Vgl. oben S.20ff..

36

Die Idee einer geistlichen Leitung

mal mit einem Eklat. Gerade das Beispiel der „Grundsätze", also jener abgeänderten Form der „Godesberger Erklärung", die im Frühjahr 1939 erneut die kirchlich interessierten Kreise beschäftigte84, zeigte, wie sehr Kerrls Kirchenpolitik durch die Begriffe Hoffnung und Resignation gekennzeichnet ist. Fast enthusiastisch begrüßte er die „Grundsätze", ja, er selbst steuerte sogar noch Formulierungen hierzu bei 85 . Der Präsident der Kirchenkanzlei, Dr. Friedrich Werner, notierte: „Der Herr Reichsminister war mit dieser Bekanntmachung einverstanden und rechnete damit, daß nunmehr von den einzelnen Landeskirchen eine ablehnende Haltung nicht mehr zu erwarten sei, da diese Bekanntmachung eine ihm glücklich erscheinende Verbindung des vom Führer geäußerten Wunsches nach Einberufung einer Generalsynode und der Godesberger Erklärung sei" 86 . Gut 14 Tage nach diesem optimistischen Urteil bot sich eine völlig veränderte Situation. „Der Herr Reichsminister", so hielt Werner am 3. Juni 1939 fest, „hat . . . von weiteren Einigungsbemühungen Abstand genommen. Er vertritt die Auffassung, daß die erwünschte Einigung des deutschen Protestantismus über die Landeskirchenführer nicht zu erreichen ist. Es müßten andere Wege beschritten werden, um das Kirchenvolk und die Pfarrerschaft gemeinsamen Zielen entgegenzuführen"87. Erklärt werden kann dieser vollständige Sinneswandel nur durch die Ereignisse der vorangegangenen Woche: Nicht nur, daß - entgegen der Erwartung Kerrls - die Kirchenführerkonferenz am 31. Mai 1939 ihre Ablehnung der vorliegenden Fassung bekannt gab88, sondern auch in den deutsch-christlichen Landeskirchen, die Kerrl schon für seine Sache gewonnen zu haben glaubte, regte sich Widerstand gegen die „Grundsätze" 89 . Während den Vertretern der Deutschen Christen die „Grund-

84 Bei der „Godesberger Erklärung" vom 2 6 . 3 . 1 9 3 9 (KJ 1933-1944, S.284f.) handelt es sich um den Versuch, eine Arbeitsplattform zwischen der Nationalkirchlichen Einung D C und Vertretern der kirchlichen Mitte zu finden. Als jedoch DC-Presseorgane dieses von der Mitte lediglich als Arbeitsgrundlage angesehene Papier, das wesentliche Positionen der NSWeltanschauung (Stellung zu Volk und Rasse, Betonung des „unüberbrückbaren Gegensatzes zum Judentum") für kirchlich verbindlich erklärte, veröffentlichten, führte das zum Bruch zwischen den Deutschen Christen und der Mitte. Da Kerrl aber an einem Minimalkonsens aller kirchlichen Richtungen interessiert war, die „Godesberger Erklärung" jedoch für einen Großteil der nicht deutsch-christlichen Kreise inakzeptabel war, ließ er durch Ellwein, der wiederum Brunotte und Schomerus hinzuzog, die „Grundsätze für eine den Erfordernissen der Gegenwart entsprechende neue Ordnung der DEK' ' formulieren, die er am 26.5.1939 den Landeskirchen zukommen ließ (EBD., S.290f.; vgl. auch K. Meier, Kirchenkampf, Band 3, S. 62-86). 85

EBD., S. 7 9 .

Vermerk Werners vom 3 . 6 . 1 9 3 9 über den Verlauf der kirchenpolitischen Entwicklung zwischen März und Mai 1939 (EZ A BERLIN, 1/A 4 / 1 7 0 , BL. 89 f.). 86

87

EBD.

88

K J 1 9 3 3 - 4 4 , S. 2 9 1 f.

Vermerk Werners vom 3.6.1939: Unter den Äußerungen, die bis zum 3 1 . 5 . 1 9 3 9 eingegangen waren, antworteten „ablehnend": Sachsen, Thüringen und Bremen (EZABERLIN, 1/A 4 / 1 7 0 , Bl. 89 f.). Eine Zusammenstellung der endgültigen Stellungnahmen der einzelnen Landeskirchen findet sich bei K. MEIER, Kirchenkampf, Bd. 3, S. 628 f. (Anm. 236). 89

Der machtlose Minister: Kirchenpolitik zwischen Hoffnung und Resignation

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sätze" als eine unzulässige Verwässerung der „Godesberger Erklärung" erschienen, war für die Kirchenführer um Marahrens selbst diese „verwässerte" Erklärung ohne weitere Abänderungen nicht akzeptabel. Statt der erhofften Einigung in der DEK führte die Vorlage der „Grundsätze" letztlich sogar noch zu einer Verschärfung der kirchenpolitischen Frontstellung. Denn einerseits setzten sich die deutsch-christlichen Kirchenleiter wieder deutlicher von Kerrl ab, andererseits kam es zu starken Spannungen innerhalb der Kirchenführerkonferenz, da sich Marahrens letztlich doch entschloß, seine Unterschrift zu der unveränderten Form der „Grundsätze" zu geben90. Selbst die Annäherungsbemühungen zwischen der Nationalkirchlichen Einung DC und einigen Vertretern der Mittelgruppen fielen der Auseinandersetzung um die „Grundsätze" zum Opfer. Erste Spannungen hatte es bereits durch die Veröffentlichung der „Godesberger Erklärung" gegeben. Während nämlich von Ellwein und seinen Freunden das Ergebnis von Godesberg lediglich als eine interne Arbeitsgrundlage angesehen wurde 91 , dachten seine deutsch-christlichen Verhandlungspartner durchaus an eine politische Nutzung 92 . Zum Bruch kam es durch die unterschiedlichen Stellungnahmen zu den „Grundsätzen". Als am 10. und 11. Juli ein Treffen von DC-Vertretern und Repräsentanten der Mitte - die sogenannte „Wannseer Besprechung" - stattfand, entluden sich diese Spannungen, so daß man über den Austausch gegenseitiger Erklärungen nicht hinauskam 93 . Denn während Ellwein davon ausging, daß die „Grundsätze" die „unentbehrliche Präzisierung, Neufassung und Ergänzung" der „Godesberger Erklärung" gebracht hätten94, sahen die Deutschen Christen in den „Grundsätzen" einen Rückschritt. Sie erklärten, eine Zusammenarbeit mit den Vertretern der Mitte könne ausschließlich auf der Basis der „Godesberger Erklärung" erfolgen 95 . Endgültig überspannt war der Bogen, als dann auch noch das Ergebnis der „Wannseer Besprechung" entgegen einer vorher getroffenen Absprache von den Nationalkirchlern in einer nichtautorisierten und mißverständlichen Fassung in der deutsch-christlichen Presse erschien96. Ein 90 91

Vgl. E.KLÜGEL, Landeskirche, S. 3 6 3 - 3 7 0 . Th. ELLWEIN, Freiheit, S. 220 (Nachwort).

92

V g l . K.MEIER, K i r c h e n k a m p f , B d . , 3 , S . 7 8 .

93

Undatierte Erklärung der Deutschen Christen mit Begleitbrief v o m 1 2 . 7 . 1 9 3 9 , unter-

z e i c h n e t v o n H o h l w e i n (EZABERLIN, 1 / A 4 / 1 7 0 , B l . 1 1 9 - 1 2 1 ) b z w . E r k l ä r u n g d e r „ M i t t e " v o m 1 7 . 7 . 1 9 3 9 , u n t e r z e i c h n e t v o n E l l w e i n (EZABERLIN, 1 / A 4 / 1 4 , B l . 1 9 F . ) .

Brief von Ellwein an Oberheid v o m 1 7 . 7 . 1 9 3 9 (EBD., Β 1 . 9 - 1 8 ) . Vgl. oben A n m . 93. 9 6 Selbst der von dem DC-Vertreter Hohlwein ausgefertigte Bericht über die Tagung am 1 0 . / 1 1 . 7 . 1 9 3 9 hielt fest, daß die auf der Tagung selbst entstandenen Erklärungen „nur f ü r den persönlichen Gebrauch bestimmt [sind], da an dem Wortlaut der Erklärung Ellweins und seiner Freunde noch einige stilistische Änderungen vorgenommen werden sollen. Nach der Zusendung des endgültigen Wortlauts durch Herrn Prof. Ellwein erfolgt die Veröffentlichung 94

95

38

Die Idee einer geistlichen Leitung

bereits für den 8. August angesetztes Treffen fand aufgrund der gereizten Situation erst gar nicht mehr statt 97 . Bliebe man für den Zeitraum zwischen Herbst 1938 und Sommer 1939 nur bei der Betrachtung der gescheiterten Einzelaktionen Kerrls stehen, hieße das, die darin zum Ausdruck kommenden Strukturen grundsätzlicher Art zu mißachten. Denn nicht das Scheitern der seit dem Herbst 1938 verfolgten kirchenpolitischen Unternehmungen war die Ursache für die Machtlosigkeit Kerrls, sondern umgekehrt: Dieses kann lediglich als eine Folge seiner mangelnden politischen und kirchenpolitischen Durchsetzungsmöglichkeiten betrachtet werden. Erst wenn man Kerrls Mißerfolge im Kontext seiner Position innerhalb des Gefüges des nationalsozialistischen Staates einerseits und seiner Stellung zu den kirchenpolitisch relevanten Kräften in der evangelischen Kirche andererseits betrachtet, läßt sich der eigentliche Grund für Kerrls Machtlosigkeit und damit auch die Ursache für das Mißlingen seiner kirchenpolitischen Unternehmungen seit dem Herbst 1938 finden. So gelang es Kerrl nach seiner Rückkehr in die Tagespolitik nicht mehr, für seine Kirchenpolitik die Rückendeckung Hitlers zu bekommen. Hierdurch und durch das gleichzeitige Erstarken seiner weltanschaulichen Gegner unterschied sich die Situation radikal von derjenigen des Jahres 1935. Kerrl war als ein Faktor der nationalsozialistischen Politik überflüssig geworden. Seine weitgehende Entmachtung war nur die logische Konsequenz hieraus. Auch seine Bemühungen um die kirchenpolitisch relevanten Gruppen waren von Anfang an relativ aussichtslos gewesen, da sie auf einer völligen Fehleinschätzung der Situation basierten. Weder hatte die „Mitte" die kirchenpolitische Relevanz, die Kerrl ihr anfangs zumaß, noch waren seine Bemühungen geeignet, die Gegensätze der beiden anderen Lager zu überbrücken. Dieses gilt, zumal Kerrl lediglich die sog. „intakten" Landeskirchen, nicht aber die um die 2. Vorläufige Kirchenleitung (2. VKL) gescharten in unserer Presse" (EZA BERLIN, 1/A 4/170, BL. 119-121). D a bei Ellwein und seinen Freunden nach der Konferenz „ernste Bedenken gegen beide Erklärungsentwürfe" aufkamen, hielt er Rücksprache mit den übrigen Beteiligten der Mitte (EBD., BL. 139-141: Brief von Ellwein an Werner vom 26.7. 1939). A m 17.6.1939 sandte er dann seine unterzeichnete Erklärung mit einem Begleitbrief an Oberheid ab ( E Z A BERLIN, 1/A, 4/14, Bl.9-20). Dieser hatte jedoch schon ab 15.6.1939 den nicht überarbeiteten Text der deutsch-christlichen Presse übergeben. Ellwein gelang es nicht mehr, die Veröffentlichung am 30.7.1939 zu verhindern. 97 So richtete Ellwein am 4.8.1939 einen scharfen Brief an Oberheid, in dem er den Nationalkirchlern Tatsachenverdrehung vorwarf: Nicht die kirchenpolitische „Unruhewelle", die durch die Propagierung der „Grundsätze" entstanden sei, sondern ein förmliches Ultimatum der Nationalkirchler vom 18.6.1939 habe Ellwein und seine Freunde zu den Wannseer Besprechungen veranlaßt (ZStA POTSDAM, R K M 23709; zit. nach K. MEIER, Kirchenkampf, Bd. 3, S. 84 f.). So ließ er auch anläßlich einer Versammlung führender Vertreter der Ev. Kirche der altpreußischen Union am 10.8.1939 einen Teilnehmer wissen, daß es „mit dem Vertrauen zu Leffler . . . zu E n d e " sei (vgl. oben S.39, Anm. 100).

Sommer 1939 — eine Standortbestimmung

39

bruderrätlich organisierten Kreise der Bekennenden Kirche als Verhandlungspartner bei seinen Einigungsbemühungen akzeptieren wollte 98 . Daß Kerrl auch in der Folgezeit seine kirchenpolitischen Bemühungen nicht aufgab, hat seine Ursache darin, daß sein Handeln primär von „einem zeitgenössischen theologisch systematischen Entwurf einer völkischen Theologie der Mitte" 99 bestimmt wurde und nicht, wie von weiten Kreisen innerhalb von Partei und Staat gewünscht, vom Willen zur Destruktion der Kirche100.

3. Sommer 1939 — eine

Standortbestimmung

Der Sommer 1939 hatte nicht nur kirchenpolitisch wenig verheißungsvoll begonnen - auch auf der politischen Ebene wuchsen die Spannungen. England und Frankreich, die noch wenige Monate zuvor die Annektion des Sudetenlandes sanktioniert hatten, signalisierten nach der im März erfolgten Besetzung der sog. „Resttschechei", daß sie nicht gewillt seien, eine weiterhin expansive Politik Deutschlands zu dulden. Deutliches Zeichen hierfür war eine umfassende Garantieerklärung für den Bestand des polnischen Staates101. Die politischen Ereignisse der folgenden Monate 102 und die Behandlung der „polnischen Frage" durch die nationalsozialistische Presse103 ließen jedoch keinen Zweifel daran, daß Hitler auch um den Preis 98 E. KLÜGEL, Landeskirche, S. 360. Spätestens die Vorgänge um die von der 2. VKL im September 1938 herausgegebene „Gebetsliturgie" dokumentierten, daß Kerrl diesen Zweig der BK als ein Sammelbecken für Volks- und Staatsverräter ansah. Vgl. K. KUPISCH, Sommer 1938, S . 2 7 0 ; H . B R U N O T T E , Kurs S. 1 0 9 ; K . M E I E R , Kirchenkampf, B d . 3 , S. 5 3 - 6 2 .

"

L . SIEGELE-WENSCHKEWITZ, V e r s u c h e , S. 1 2 8 .

100 Vgl d e n „Bericht über die Versammlung der Vertreter der kirchlichen Verwaltung und des kirchlichen Lebens in der altpreußischen Union am 10. August 1939". In seiner Rede äußerte Kerrl: „Er wolle nicht, wie es ihm die Partei immer wieder vorsage, ein Liquidator der Kirche sein, vielmehr ihr Konservator. Er sei der einzige in der Partei, der die christliche Glaubenswahrheit anerkenne" (LKA STUTTGART, Bd. 115c XIII, Altreg.). 101 K.D.ERDMANN, Zeit, S.484 schreibt: „Am 31. März 1939 erklärte Chamberlain vor dem Unterhaus, England werde in voller Ubereinstimmung mit Frankreich, dem Bundesgenossen Polens, diesem Beistand leisten, für den Fall irgendeiner Aktion, die in klarer Weise die polnische Unabhängigkeit bedroht und die die polnische Regierung daher für so lebenswichtig ansieht, daß sie ihr mit ihren nationalen Kräften Widerstand leistet.' Das war ein plein pouvoir für Polen, eine Bündniszusage, wie sie weitergehend nicht gedacht werden konnte." 102 Vgl. W . B E N Z / H . GRAML, Sommer 1 9 3 9 . 103 Vgl. J.SYWOTTEK, Mobilmachung, S. 209-233: Mit Hitlers Reichtagsrede vom 28.4.1939 (Kündigung des Flottenabkommens mit England und des Nichtangriffspaktes mit Polen) wurde die Propagandakampagne zur Vorbereitung eines Krieges gegen Polen eingeleitet. Ihren Höhepunkt erreichten die propagandistischen Kriegsvorbereitungen ab Mitte August. Ahnlich wie schon bei der Kampagne vor dem Einmarsch in das Sudetenland, wurden besonders in der letzten Phase die „Greueltaten" der „polnischen Räuber" und „Terrorbanden" (EBD., S.223) gegenüber der deutschen Minderheit in Polen herausgestellt.

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Die Idee einer geistlichen Leitung

eines Krieges seine Pläne weiter zu verfolgen gedachte. So zogen bereits ein halbes Jahr, nachdem der Frieden durch das „Münchner Abkommen" gesichert schien, erneut die Wolken eines drohenden Krieges auf, die ihre unheilvollen Schatten auf den gesamten Sommer 1939 warfen. Die kirchenpolitische Entwicklung zeigte sich jedoch von dieser Lage vorerst noch weitgehend unbeeinflußt. Vielmehr stand sie noch ganz unter dem Eindruck der gescheiterten Einigungspläne des Kirchenministers. Allerdings wich die Enttäuschung darüber recht schnell wieder einem neuerlichen Aktivismus seitens führender Exponenten der kirchlichen Mitte, die offensichtlich in enger Zusammenarbeit mit Kerrl agierten. Nicht nur, daß Ellwein und seine Freude weiterhin für die „Grundsätze" warben - noch Ende Juli bezeichnete Ellwein in einem Brief an Präsident Werner den Verlauf der Werbeaktion als „durchaus befriedigend" 104 - , vielmehr versuchten führende Exponenten der Mitte zu einer Konkretion der „Grundsätze" zu gelangen. Als Ergebnis dieses Versuches wurden am 4. August 1939 die „Vorschläge zur Herstellung einer Neuordnung in der Deutschen Evangelischen Kirche" 105 von Superintendent Johannes Bosse (Göttingen), Lic. Theodor Ellwein, Dr. Dr. med. Heinrich Göring, Prof. Lic. Helmuth Kittel und Professor Otto Weber bei Kirchenminister Kerrl eingereicht. Zwar erwies sich die Durchführung des Gesamtkonzepts angesichts der politischen und kirchenpolitischen Lage als völlig illusionär, doch fanden einzelne Anregungen ihren Niederschlag in den kirchenpolitischen Aktionen der folgenden Wochen. Ausgehend von einer Analyse der gegenwärtigen kirchlichen Situation („Grundtatsachen" 106 ), formulierten diese Exponenten der Mitte in dem Konzeptionspapier „Ziele" für eine künftige Kirchenpolitik. Dem „Fernziel" einer „Evangelischen Kirche, die ihrem Namen in allen Punkten entspricht", wurden „Nahziele" untergeordnet. So wurde u.a. eine Verwaltungszentralisation und die Schaffung übergreifender Reichsorgane auf dem Gebiet der geistlichen Betreuung gefordert. Als besonders aufschlußreich erweist sich die Aufzählung der „Wege zum Ziel". Neben dem Erlaß einer „Minderheitenregelung" — bezeichnenderweise sollte diese nicht durch den Kirchenminister, sondern durch den Präsi104 Brief vom 26.7.1938 (EZA BERLIN 1/A 4/170, Bl. 139-141). ios j e ein Exemplar der Denkschrift befindet sich im LKA HANNOVER, S 1, E 1,1033 und im ZStA POTSDAM, RKM 23709, BL. 236-241. 106 Als „Grundtatsachen" werden aufgezählt: 1. Keine der kirchlichen Gruppen hat ihr Ziel erreicht, 2. Alle kirchlichen Gruppen sind an die Grenze ihrer Expansion gekommen, 3. Es hat sich vorerst als unmöglich erwiesen, die Gegensätze zu überbrücken, 4. Der Beginn einer Auflockerung ist festzustellen, 5. D i e Macht der Landeskirchen ist gewachsen, 6. Der Prozeß der Vereinheitlichung der D E K ist zum Stillstand gekommen bzw. rückläufig, 7. Die gegenwärtige Lage erfordert andererseits eine Zentralisierung, 8. D i e Uberwindung des Partikularismus wird als möglich erachtet.

Sommer 1939 — eine Standortbestimmung

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denten der Kirchenkanzlei herausgegeben werden - wurden Möglichkeiten einer „Verwaltungsvereinfachung" erörtert. In diesem Zusammenhang tauchte u.a. die Forderung auf, daß in den „Einmannkirchen", also in Altpreußen, Nassau-Hessen, Sachsen und Schleswig-Holstein, wo die Leitung aufgrund der 17. Durchführungsverordnung Kerrls vom 10. Dezember 1937 bei den im Amt befindlichen - juristischen - Leitern der obersten Verwaltung lag, und bei der Kirchenkanzlei eine „Geistliche Abteilung" einzurichten sei. Aber auch für die Umsetzbarkeit solcher Pläne wurde im Sommer 1939 etwas getan. So zielten die Bemühungen von Kerrl und Vertretern der kirchlichen Mitte darauf ab, dem Kirchenminister eine Basis für einen verstärkten „indirekten" Einfluß auf die Kirchenpolitik zu schaffen107. Zu diesem Zweck sollte Präsident Werner „von seinen Extratouren mit der D C . . . abgehalten und auf eine festere, gesundere Linie genötigt werden" 108 , um ihn so zu einem gefügigen „Werkzeug" des Kirchenministers zu machen. Daß dieses wenigstens teilweise gelang, war in erster Linie Kerrl und Ellwein zu verdanken, die die kirchenpolitische Ruhe während der Urlaubszeit 109 im Juli und August 1939 zielstrebig zu nutzen verstanden110. So verschickte die Kirchenkanzlei am 21. Juli an die Landeskirchen den Entwurf für eine „Verordnung zu Sicherung der geistlichen Versorgung" m . Dieses geschah, wie in dem Anschreiben explizit vermerkt wurde, mit ausdrücklicher Zustimmung des Kirchenministers. Kerrl ließ sogar mitteilen, er könne für den Fall, daß eine solche Verordnung erlassen werde, „seine volle Zustimmung" geben112.

107 Der Begriff der „indirekten" Kirchenpolitik findet sich erstmals in den „Vorschlägen zur Herstellung einer neuen Ordnung in der Deutschen Evangelischen Kirche' ' vom 4.8.1939 (vgl. oben Anm. 105). 108 Diesen Zweck verfolgte nach einem Bericht von O K R Breit die Versammlung von Vertretern der kirchlichen Verwaltung und des kirchlichen Lebens in der Ev. Kirche der altpreußischen Union am 10.8.1939 (LKA NÜRNBERG, N L Meiser, Nr. 31). 109 Allgemein galt wohl, daß, wie Oberheid in einen Brief an Werner vom 12.7.1939 vermutete, angesichts der Urlaubszeit „bis Anfang August absolute kirchenpolitische Ruhe zu erwarten ist" (EZA BERLIN, 1/A 4 / 1 7 0 , Bl. 118). 110 So auch die Einschätzung Breits, der nach einem Gespräch mit Ellwein und Bosse am 17.8.1939 in einem Bericht für Meiser schrieb: „Von beiden hörte ich allerlei recht bemerkenswerte Mitteilungen, die ich aber hier nicht niederschreiben will, wiewohl ihre Kenntnis für die Beurteilung der Gesamtlage von Bedeutung ist. Wenn sich diese Mitteilungen bestätigen, dann muß man wenigstens davon Kenntnis nehmen, daß E. und B. den ihnen zur Zeit offenbar ermöglichten Einfluß auf die kirchliche Lage zielbewußt wahrnehmen." Auch wenn diese Beurteilung substantiell nichts hergibt, es kann doch festgestellt werden, daß Ellwein und seine Freunde tatsächlich im Sommer 1939 ihren Einfluß wahrnehmen, und daß die Informationen, die Breit mitgeteilt bekam, dermaßen brisant waren, daß sich eine schriftliche Niederlegung nicht einmal in einem internen Bericht empfahl (LKA NÜRNBERG, N L Meiser, Nr. 31). 111 Z.B. L K A OLDENBURG, A 56, Nr. 168 m . Zum Verlauf der Diskussion um eine Minderheitenregelung vgl. unten S. 148-160. 112

EBD.

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Die Idee einer geistlichen Leitung

Weniger der Inhalt des Verordnungsentwurfes selbst konnte überraschen es handelte sich lediglich um eine etwas abgeänderte Variante der „Notverordnung zur Sicherung der geistlichen Versorgung", die den Landeskirchen bereits aus dem „Gesamtgutachten" der Arbeitskreise bekannt war 113 - , sondern vielmehr die Umstände, unter denen dieser Entwurf zur Versendung kam. Denn obwohl das Schreiben unter dem Briefkopf des Präsidenten der Kirchenkanzlei herausging und sogar den Vermerk „gez. Dr. Werner" trug, wußte dieser überhaupt nichts von der Versendung des Schreibens, denn er befand sich zu diesem Termin in seinem Urlaubsort an der Ostsee 114 . Erst am 26. Juli informierte Ellwein den völlig ahnungslosen Präsidenten der Kirchenkanzlei „vertraulich" darüber, „daß die Kirchenkanzlei unter dem 21. Juli 1939 den obersten Behörden der Deutschen Evangelischen Landeskirchen einen vom Herrn Reichsminister für die kirchlichen Angelegenheiten gebilligten Entwurf einer ,Verordnung' zur Sicherung der geistlichen Versorgung' (Minderheitenrecht) zur Stellungnahme übersandt hat. Der Entwurf soll am 15. August in der Kirchenkanzlei mit den landeskirchlichen Sachbearbeitern besprochen werden" 115 . Es liegt die Vermutung nahe, daß es Ellwein selbst gewesen ist, der mit Zustimmung Kerrls diesen Verordnungsentwurf versandt hatte, um während der Abwesenheit Werners vollendete Tatsachen zu schaffen. Doch nicht nur das: Werner mußte auch erfahren, daß seine Position als Präsident der Kirchenkanzlei gefährdet war. Bereits Anfang Juli hatte ihn an seinem Urlaubsort ein Schreiben des Mecklenburger DC-Landesbischofs Schultz erreicht, in dem dieser ihm mitteilte, „daß Herr Professor Ellwein in einem Aufruf der Gemeinde Wuppertal bereits als Leiter der Evangelischen Deutschen Kirchenkanzlei bezeichnet wird" 1 1 6 . Zwar entbehrte die Meldung, wie sich später herausstellte, jeglicher Grundlage 117 , dennoch war sie geeignet, bei Präsident Werner Ängste auszulösen.

113 Es handelt sich um die Anlage 8 zum Gesamtgutachten der Arbeitskreise ( E 2 A BERLIN, 1/A 4 / 1 7 3 , Bl. 4 7 - 4 9 ) . In der altpreußischen Kirche war es bereits im März 1939 zu einer ähnlichen Situation gekommen: A m 1 8 . 3 . 1 9 3 9 hatte Werner mit Zustimmung des Kirchenministers eine „Verordnung zur Sicherung der geistlichen Versorgung' ' (GB1DEK [Ausgabe B] 1939, S. 15 f.) erlassen. Es handelte sich dabei um einen von den Arbeitskreisen erarbeiteten, dann aber verworfenen Verordnungsentwurf ( E Z A BERLIN, 1/A 4 / 1 7 3 , Bl. 54: „Zu Anlage 8 " des Gesamtgutachtens). 114 Fast alle Schreiben, die im Juli an Werner gerichtet wurden, tragen die Anschrift „Präsident Werner, Zinnowitz (Ostseebad), Villa Gertrud" (vgl. E Z A BERLIN, 1/A 4 / 1 7 0 , BL. 110141: die Schreiben datieren vom 5. bis 2 6 . 7 . 1 9 3 9 ) . 115

E Z A BERLIN, 1 / A 4 / 1 7 0 , B l . 1 3 9 - 1 4 1 .

Brief (mit Anlagen) vom 5 . 7 . 1 9 3 9 ( E Z A BERLIN, 1/A 4 / 1 7 0 , Bl. 110-113). Offensichtlich wurde die Drohung, ihn aus seinem A m t zu entfernen, noch mehrmals gegen Werner eingesetzt. So vermutete Werner im April 1940 - wahrscheinlich nicht zu unrecht - , daß Kerrl ihn durch Aufhebung der Uk-Stellung aus seinem Amt entfernen wollte ( E Z A BERLIN, 1/A 4 / 1 7 4 , Bl. 2 0 5 - 2 0 9 : von Werner abgefaßter, aber nicht abgesandter 116

117

Sommer 1939 — eine Standortbestimmung

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Nach seiner Rückkehr aus dem Urlaub präsentierte sich Werner völlig verändert 118 . Am 10. August, auf einer Versammlung leitender Persönlichkeiten der Ev. Kirche der altpreußischen Union, rückte er vorsichtig von der „Godesberger Erklärung" ab. E r habe sich mit seiner Unterschrift, so erklärte Werner, „nicht auf die Seite der Thüringer DC. gestellt. Die Erklärung wolle nur als eine politische Entscheidung gewertet werden. Sie habe auch nach außen gut, freilich innerkirchlich schlecht gewirkt" 119 . Am 15. August leitete er - wie in dem Brief vom 21. Juli angekündigt - die Aussprache über den Verordnungsentwurf für eine Minderheitenregelung. Werner hatte sich also dem Fait accompli gebeugt, das während seiner Abwesenheit geschmiedet worden war. Doch war deutlich zu merken, daß er seine Aufgabe nur widerwillig erfüllte: So stellten mehrere Tagungsteilnehmer überrascht fest, daß er völlig darauf „verzichtete . . . irgend etwas zur Begründung oder zur Rechtfertigung des vorgelegten Entwurfes beizutragen" 120 . Stattdessen, so notierte sich der oldenburgische Vertreter, Oberkirchenrat Müller-Jürgens, „gerierte [sich] Präs. Werner nur als Verhandlungsleiter . . . und [ließ] nur seine Mitarbeiter Brunotte und Ranke für die Vorlage eintreten" 121, versäumte jedoch nicht, des öfteren zu erwähnen, daß „Reichsminister Kerrl die positive Behandlung des Entwurfs erwarte" 122 . Offensichtlich hatte der von Kerrl und Ellwein ausgeübte Druck die erwünschte Wirkung gezeitigt - Werner wurde mit Erfolg von seinem deutsch-christlichen Kurs abgebracht. In der Folgezeit gelang es Kerrl sogar mehrmals, Werner zu Maßnahmen zu veranlassen, die er von sich aus nie„Bericht" vom 4.3.1940). Anläßlich von Beratungen am 22.1.1941 erklärte Ministerialdirigent Stahn unter Hinweis auf die oft festgestellte mangelnde Bereitschaft Werners, den Wünschen des Kirchenministers entgegenzukommen: „Am besten werde es freilich sein, wenn Werner zum Heeresdienst einberufen werde und Hundt an seine Stelle trete, Hundt würde die Verordnung ohne weiteres erlassen" (LKA SCHWERIN, GVR-Handakten Schultz, III/32: Bericht über die Beratungen der „Wiener Entwürfe" am 22.1.1941 in Berlin). 118 Dieses stimmt auch mit der Einschätzung von H. BRUNOTTE, Kurs, S. 106, überein: Werner hatte „vom Sommer 1938 bis zum Sommer 1939 seine entschiedensten DCNeigungen". Besonders sei hier auf seine führende Mitarbeit in der „Arbeitsgemeinschaft nationalsozialistischer Kirchenleiter' ' und seine Beteiligung an der „Godesberger Erklärung" verwiesen. 119 Vgl. oben Anm. 108. 120 Rekonstruktionsunterlagen: L K A OLDENBURG, A 56, Nr. 168 m : Bericht von MüllerJürgens; L K A NÜRNBERG, N L Meiser, Nr. 31 : Brief von Breit an Meiser vom 17.8.1939. Die Berichte stimmen in den wesentlichen Fakten überein, unterscheiden sich aber naturgemäß bei der Wertung. — Die „auffällig gut beschickte]" Versammlung (so die Feststellung von Müller-Jürgens) dokumentierte das Interesse, das der Verordnungsentwurf hervorrief. Obwohl nur als Referentenbesprechung angesetzt, waren zahlreiche Landeskirchen durch die jeweiligen Kirchenleiter vertreten: Schleswig-Holstein (Präs. Kinder); Nassau-Hessen (Präs. Kipper); Braunschweig (LB Johnsen); Bremen (LB Weidemann); Oldenburg (LB Volkers). Andere Landeskirchen hatten mehrere Vertreter entsandt: So z.B. Hannover, das nach Aussage von Breit fünffach - „innerhalb und außerhalb des Hauses" - vertreten war. 121

Vgl. oben Anm. 120.

EBD.

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Die Idee einer geistlichen Leitung

mais vollzogen hätte. Rückblickend bezeichnete Brunotte diese Art der Einflußnahme geradezu als eine „Methode", mit der Kirchenpolitik betrieben wurde123. Doch auch Kerrl raffte sich wieder zu Aktivitäten auf. Anläßlich der erwähnten Zusammenkunft am 10. August hielt er eine fast zweieinhalbstündige Rede, in der er erneut sein kirchenpolitisches Konzept der Trennung von Weltanschauung und Religion entwickelte. Nur auf der Basis dieses Konzepts könne die Kirche im „Dritten Reich" überleben: Er wolle nicht, so hieß es in einem Bericht über seine Rede, „ein Liquidator der Kirche sein, vielmehr ihr Konservator. Er sei der einzige in der Partei, der die christliche Glaubenswahrheit anerkenne"124. Nicht nur von Kerrl, sondern auch von einem Teil der Anwesenden wurde diese Versammlung als ein „neuer Anfang" empfunden125. Daß Kerrl in der Tat einen kirchenpolitischen Neubeginn plante, geht auch aus Bemerkungen hervor, die Ellwein bei einem geselligen Beisammensein am Rande dieser Tagung fallen ließ: Die „ganze Besprechung [sei] nur die Einleitung einer viel größeren Arbeit... In der nächsten Woche werde die Frage der Kirchenleitungen geklärt werden"126. Die Entwicklung der nächsten Wochen sollte Ellweins Prognose bestätigen - Kerrl unternahm es, unfreiwillig unterstützt von Werner, noch einmal, an seine seit dem Oktober 1938 verfolgen Pläne anzuknüpfen. Den vorläufigen Endpunkt setzte dabei die Gründung des Geistlichen Vertrauensrates. 4. Die „Landeskirchenführerkonferenz" am 29. August 1939: Vorgeschichte und Ergebnisse Die unmittelbare Vorgeschichte, die schließlich zur Bildung des Geistlichen Vertrauensrates führen sollte, begann mit einem Brief, den Dr. Julius Stahn, Ministerialdirigent im Reichskirchenministerium, am 18. August 1939 verschickte. Gerichtet war er an die juristischen Präsidenten der „Einmannkirchen", nämlich Sachsen (Klotsche), Nassau-Hessen (Kipper), Schleswig-Holstein (Kinder) und Altpreußen (Werner), ferner an die Bischöfe Marahrens (Hannover), Johnsen (Braunschweig) und Volkers (Oldenburg) sowie an Pfarrer Happich, den Leiter der evangelischen Kirche von Kurhessen-Waldeck. Der lapidare Text des Schreibens lautete: „Der Herr Minister läßt Sie bitten, am Mittwoch, dem 23. August 1939, um 10 Uhr 30 zu einer Besprechung wegen der Regelung der Bearbeitung der geistlichen

123

B r i e f v o n B r u n o t t e a n K l ü g e l v o m 1 7 . 7 . 1 9 5 8 ( L K A HANNOVER, S 1, E II, 9 1 5 ) .

Vgl. oben Anm. 119. Rundbrief des Wittenberger Bundes (gez. Wagner) vom 16.8.1939 mit einem Bericht über die Sitzung am 10.8.1939 (EZA BERLIN, 610/5, Bl. 171 f.). 126 Vgl. oben Anm. 119. 124

125

.Landeskirchenkonferenz": Vorgeschichte und Ergebnisse

45

Angelegenheiten nach hier (Leipzigerstr. 3) zu kommen. Es wird um Ihr persönliches und alleiniges Erscheinen gebeten" 127 . Kerrl konnte es jedoch nicht nur darum gehen, allein einigen Landeskirchen wieder eine geistliche Führung zu geben. Denn - wie aufgezeigt - war sein ganzes Konzept seit Herbst 1938 darauf ausgerichtet, auch eine Regelung der „geistlichen Angelegenheiten" auf DEK-Ebene zu erreichen. Hierzu war es jedoch notwendig, potentielle Bündnispartner auf breitester Ebene anzusprechen. Vor diesem Hintergrund erklärt sich die Einladung der übrigen Personen: Aus dem Kreise der Kirchenführerkonferenz schienen allein Marahrens, Johnsen und Happich für Kerrls Pläne geeignet - hatten sie doch als einzige dieser Gruppierung die unveränderte Form der „Grundsätze" unterschrieben128. Unter den Landeskirchen, die sich zu der „Arbeitsgemeinschaft der deutsch-christlichen Kirchen" 1 2 9 hielten, sah der Kirchenminister in dem Oldenburger Bischof Volkers am ehesten einen möglichen Partner. So hatte Volkers im Januar 1939 die Aktion der „Arbeitskreise" unterstützt, und auch bei der Debatte um die „Grundsätze" stand er unter den DC-Kirchenführern ziemlich isoliert da. Denn im Gegensatz zu seinen deutsch-christlichen Freunden, die auf diese Aktion Kerrls völlig ablehnend reagierten, äußerte sich Volkers durchaus zustimmend 130 . Da kein offizielles Protokoll über die Zusammenkunft am 23. August existiert, bleiben zur Rekonstruktion der Besprechung, neben den späteren 127

EZA BERLIN, 1/A 4/174, Bl. 1.

128

Vgl. K . MEIER, K i r c h e n k a m p f , B d . 3, S. 82.

129 Diese Arbeitsgemeinschaft hatte sich am 26.1.1938 als Gegengewicht gegen die Kirchenführerkonferenz unter Marahrens gegründet. Sie bestand neben Altpreußen aus den Landeskirchen Anhalt, Bremen, Lübeck, Mecklenburg, Nassau-Hessen, Sachsen und Thüringen; später beteiligten sich auch Oldenburg, Schleswig-Holstein und Osterreich. Leiter war Landesbischof Schultz, später Präsident Werner. Am 8.3.1939 wurde beschlossen, die Arbeitsgemeinschaft enger zusammenzuschließen: Mitglied sollte nur diejenige Landeskirche sein können, die bereit sei, sich für eine feste Verbindung zwischen „deutscher Art" und Christentum einzusetzen. Zu der dann am 15.3.1939 gegründeten „Arbeitsgemeinschaft nationalsozialistischer Kirchenleiter' ' gehörten nunmehr nur noch die Landeskirchen Lübeck, Mecklenburg, Nassau-Hessen, Sachsen, Thüringen, und - vertreten durch Werner - Altpreußen. Später beteiligt sich auch noch Oldenburg. Dieses Gremium neigte deutlich den Thüringer DC zu. Die Leitung hatten zunächst Oberkonsistorialrat Volkmar Franz (Berlin), Bischof a.D. Heinrich Oberheid (Bad Godesberg) und Vizepräsident a.D. Gerhard Hahn (Berlin) inne. Nach der Einberufung der Geschäftsführer Franz und Hahn im Herbst 1939 nahm Oberkirchenrat Sievers (Lübeck) deren Aufgabe wahr (vgl.

K.MEIER, K i r c h e n k a m p f , B d . 3, S . 9 6 - 9 8 ) . 130 Volkers hatte den am 10.1.1939 erschienenen Aufruf des Berliner Pfarrers Dr. Hermann Stahn, der die Kerrlsche „Ausschußpolitik" unterstützte, mitunterzeichnet. Am 20.2.1939 äußerte Volkers in einem Brief an Pfarrer der oldenburgischen Landeskirche über seine Unterschrift, daß er „ . . . gern mitunterzeichnet [habe. Er] hoffe, daß die dahin zielenden Pläne des Herrn Reichskirchenministers Kerrl gelingen möchten..." (LKA OLDENBURG, A 56, Nr. 168 m ). Zu den Reaktionen der übrigen DC-Kirchen vgl. auch K. MEIER, Kirchen-

k a m p f , B d . 3, S. 6 2 9 , A n m . 2 3 6 [gem. E Z A BERLIN, 1 / A 4 / 1 7 0 ] .

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Die Idee einer geistlichen Leitung

Äußerungen der Beteiligten, nur einige handschriftliche Notizen, die mit sehr großer Wahrscheinlichkeit in dieser Sitzung gemacht wurden131. Kerrl erläuterte anfangs in breiter Form seine seit dem „Oktoberprogramm" verfolgte Linie einer Trennung von geistlichem und weltlichem Bereich und ließ seine Ausführungen in einer dringenden Warnung an die Anwesenden gipfeln: „Erkennt Eure Lage! Trennt Euch von christlicher Weltanschauung"132 ! Die Lösung der kirchlichen Probleme konnte sich für ihn nur auf der Basis der „Arbeitskreis"-Ergebnisse und der „Grundsätze", die er als eine „Plattform über D C und B K " betrachtete, vollziehen. Da es sich insoweit um Ausführungen zu den bereits bekannten Positionen Kerrls handelte, dürften sie die anwesenden Kirchenleiter auch nicht überrascht haben. Neu hingegen war, daß Kerrl trotz des Mißerfolges, den er im Sommer 1939 zu verzeichnen hatte133, erneut daran ging, seine Vorstellungen in konkrete politische Aktionen umzusetzen. Im Rahmen dieser Besprechung tauchten auch erstmals die Namen von Marahrens, Schultz und Hymmen im Zusammenhang mit einem auf Reichsebene zu bildenden „Gremium (Vertrauensrat, geistliches Direktorium)" auf134. Inwieweit in dieser Sitzung jedoch tatsächlich schon über die Gründung eines Vertrauensrates beraten wurde, läßt sich nur schwer sagen; zu endgültigen Ergebnissen ist es jedenfalls nicht gekommen. Wahrscheinlich ist, daß Kerrl in erster Linie daran gelegen war, seine Ideen über ein solches Gremium einer Reihe von Kirchenführern vorzulegen, von denen er sich, wenn auch aus unterschiedlichen Motiven, Zustimmung erhoffte: Mag er sich von den Leitern der „Einmannkirchen" aufgrund der dort fehlenden geistlichen Leitungsorgane Zustimmung erhofft haben, so hatten die übrigen Geladenen durch ihr bisheriges Verhalten gezeigt, daß sie 131 Es handelt sich um einen beidseitig beschriebenen, undatierten D I N A4-Bogen, auf dem sich Werner (Handschrift!) und eine weitere Person Notizen über eine Besprechung gemacht haben, an der mindestens Kerrl, Marahrens (jeweils namentliche Erwähnung) und Werner teilgenommen haben. Sowohl formale Gründe (das Blatt wurde in der Handakte von Werner zwischen die Einladung vom 18.8. und die Ausführungsanweisung vom 24.8., die ja auch in dieser Sitzung besprochen wurde, geheftet) als auch inhaltliche Gründe sprechen dafür, daß diese Notizen bei dieser Besprechung am 23.8. gemacht wurden: Die Unterredung muß in jedem Fall nach Kerrls Rede vor dem E O K am 10.8.1939 stattgefunden haben, da auf diese Bezug genommen wird. Auf der anderen Seite dürfte eine zeitliche Nähe zur Gründung des GVR bestehen, da bereits über ein solches „Gremium (Vertrauensrat, geistliches Direktorium)" gesprochen wurde und auch schon die Namen von Marahrens, Schultz und Hymmen fallen. Für die in Frage kommende Zeit trifft die o.a. Personenkonstellation nur auf die Besprechung am 2 3 . 8 . 1 9 3 9 zu ( E Z A BERLIN, 1/A 4/174, B1.2). Vgl. auch den Vermerk über die Besprechung, die sich in den Akten des Reichskirchenministerium findet (ZStA POTSDAM, R K M 23707, B1.265). Dieser Vermerk deutet in dieselbe Richtung. 132

EBD.

Vgl. oben S. 36-38, sowie speziell zu den „Grundsätzen" die Ausführungen bei K. MEIER, Kirchenkampf, Bd. 3, S. 79-85. Hier wird sehr exakt der Verlauf der Diskussion dargestellt. ι * Vgl. oben Anm. 130. 133

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gegenüber den Vorstellungen Kerrls aufgeschlossen waren. Allerdings war dem Minister nicht daran gelegen, daß seine Vorstellungen vorzeitig einer größeren Öffentlichkeit bekannt wurden. Dafür spricht jedenfalls, daß er den Tagungsteilnehmern ein Schweigegebot auferlegte135. Doch waren es nicht solche Darlegungen über zukünftig vielleicht einmal zu gründende Gremien, sondern der Entwurf für eine „Ausführungsanweisung" zur 17. Durchführungsverordnung vom 10. Dezember 1937, der bei Kerrls Gästen recht rasch in den Mittelpunkt des Interesses rückte. Betroffen von dieser neuen Regelung, die schon am nächsten Tag veröffentlicht werden sollte136, waren in erster Linie die vier „Einmannkirchen", in denen zur Bearbeitung der geistlichen Angelegenheiten besondere Vertrauensleute berufen werden sollten. Auch dieses war an sich keine neue Idee. Denn bis in die Formulierungen hinein lehnte sich die Anweisung an die Anlage 4 des Gesamtgutachtens der „Arbeitskreise" an. Die in diesem Teil des Gesamtgutachtens aufgelisteten Zuständigkeiten für die „Geistliche Abteilung" basierten wiederum auf den im „Oktoberprogramm" niedergelegten Thesen also auf Kerrls eigenen Vorstellungen. Im Gegensatz zum Gesamtgutachten, wo genaue Formulierungen auch die „res mixtae", also die Angelegenheiten, die gemeinsam von der juristischen und der geistlichen Abteilung erledigt werden sollten, regelten, fehlten allerdings in der vorliegenden Ausführungsanweisung derart detaillierte Aufzählungen. Vielmehr beschränkte sich der Erlaßentwurf auf den allgemeinen Satz, daß diese Angelegenheiten „nach der Berufung der Vertrauensleute . . . nicht ohne deren Beteiligung vorgenommen werden" sollten137. Aufgrund von Werners Notizen kann man deutlich erkennen, daß Kerrl eine Befriedung innerhalb der „Einmannkirchen" durch eine „Zusammensetzung [sc.: der Vertrauensmännergremien] wie in Westfalen", zu erreichen hoffte. In Westfalen war es nämlich gelungen, durch eine „doppelte geistliche" Leitung, in der sowohl die Deutschen Christen als auch die Bekennende Kirche vertreten war, eine einigermaßen intakte Kirchenleitung aufzubauen138. 135 Volkers äußerte in einem Schreiben vom 23.8.1938 (LKA OLDENBURG, A 56, Nr. 168 m ) über die Konferenz: „Uber das Ergebnis dürfen wir außerhalb des Ki-Ministeriums nichts sagen." Tatsächlich muß es gelungen sein, den Inhalt dieser Konferenz weitgehend geheim zu halten. Denn noch am 31.8.1939 schrieb Wurm an Marahrens: „Für nähere Mitteilung über ihre Aussprache mit dem Minister eine Woche nach der meinigen [sc.: am 17.8.]

w ä r e i c h d a n k b a r " ( L K A STUTTGART, D 1 / 1 4 5 ) . 136 Vollständig nannte sich der Erlaß bedeutungsvoll „Ausführungsweisung zur 17. Verordnung zur Durchführung des Gesetzes zur Sicherung der Deutschen Evangelischen Kirche vom 10. Dezember 1937" (EZA BERLIN, 1/A 4/174, BL. 3-5). H.BRUNOTTE, Kurs, S.120, nimmt an, daß der Begriff „Ausführungsanweisung' ' gewählt wurde, um deutlich zu machen, daß der Erlaß eine größere Geltung als ein gewöhnlicher Ministerialerlaß beanspruche. 137 E Z A BERLIN, 1/A 4/174, B l . 3 - 5 . 138

Vgl. B . H E Y , K i r c h e n p r o v i n z , S. 1 2 5 - 1 5 1 u n d , i h m wesentlich folgend, K.MEIER, Kir-

c h e n k a m p f , B d . 3 , S. 3 2 7 - 3 5 0 .

48

Die Idee einer geistlichen Leitung

Als am 24. August die tags zuvor beratene „Ausführungsanweisung" offiziell bekanntgegeben wurde, erreichte sie nicht nur die vier eigentlich betroffenen „Einmannkirchen", sondern auch die übrigen deutschen Landeskirchen. Veranlaßt hatte dieses der Leiter der Deutschen Evangelischen Kirchenkanzlei, Dr. Werner, der eine Abschrift von Kerrls Erlaß und den bereits bekannten Entwurf für eine Minderheitenverordnung einem von ihm verfaßten Rundbrief beilegte 139 . Werner lud in seinem Schreiben sämtliche im Amt befindlichen Leitungen der deutschen evangelischen Landeskirchen zu einer ,,gemeinsame[n] Aussprache" für den 29. August 1939 in die Kirchenkanzlei ein. Als Themen waren „die Regelung der Bearbeitung der geistlichen Angelegenheiten für die Deutsche Evangelische Kirche (vgl. den beigefügten Erlaß des Herrn Reichsministers vom heutigen Tage) sowie die Regelung der geistlichen Versorgung (vgl. den beigefügten Entwurf)" vorgesehen. Wie sehr es bei diesen Themen jedoch auch um ein spezifisches Anliegen von Kerrl ging, wird schon daran deutlich, daß Werner in seinem Rundbrief ankündigen konnte, der Herr Reichsminister für die kirchlichen Angelegenheiten habe „sich auf Anregung verschiedener Landeskirchen bereit erklärt, auf dieser Tagung das Wort zu ergreifen 140 . Tatsächlich konnte dieser Rundbrief nur so gedeutet werden, daß auch auf der Ebene der D E K in Analogie zu der geplanten Einrichtung von Vertrauensmännergremien in den „Einmannkirchen" eine Instanz geschaffen werden sollte, der die Bearbeitung der geistlichen Angelegenheiten für den gesamten Bereich der D E K obliegen sollte. Hapten schon die vorherigen Wochen unter der ständigen Drohung des nahenden Krieges gestanden, so schien der Krieg spätestens seit dem 25. August zur unabwendbaren Realität zu werden 141 . Eine der Auswirkungen dieser Kriegsvorbereitungen war es, daß ab 26. August im Rahmen der Mobilmachung für Privatpersonen kein Anspruch mehr auf Beförderung mit öffentlichen Verkehrsmitteln bestand. Damit schien nun auch die geplante Konferenz der Kirchenführer gefährdet. Für Werner war dieses denn auch der Anlaß, über Maßnahmen für den Fall, daß die Konferenz ausfallen sollte, nachzudenken. In einem für den Kirchenminister bestimmten Brief, der dann allerdings nie abgeschickt wurde, äußerte er, er halte es „angesichts der besonderen Aufgaben, die der Deutschen Evangelischen Kirche im Ernstfall zuwachsen werden, . . . für dringend erforderlich, daß ein Kreis führender kirchlicher Männer bestimmt wird, der mit dem Leiter der Verwaltungsbehörde zusammen in der Lage ist, alle erforderlichen Entschließungen zu treffen. [Er] beabsichtige, eine diesbezügliche Bitte zu richten an a) den dienstältesten Landesbischof, D. Marahrens-Hannover, b) den leiten139

Rundschreiben der Kirchenkanzlei vom 24.8.1939 (EZA BERLIN, 1/A 4/174, BL. 10).

140

EBD.

141

Vgl. K . D . ERDMANN, Zeitalter, S. 498-503.

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den Theologen der altpreußischen Kirche, Oberkonsistorialrat D. Hymmen, c) den Landesbischof Schulz [sie!] von Mecklenburg". Diese angesichts der gespannten Lage durchaus verständliche Planung muß jedoch auch auf dem Hintergrund der wesentlich weitreichenderen Pläne Kerrls gesehen werden. So fügt denn Werner auch hinter die Schilderung seines Vorhabens die Einschränkung an, daß „die von Ihnen, Herr Reichsminister, in Aussicht genommene Bestellung von Männern, die das Vertrauen der Pfarrerschaft finden, und denen die Aufgabe zufallen soll, im Rahmen der obersten kirchlichen Verwaltungsbehörden die Behandlung der geistlichen Angelegenheiten zu leiten, . . . hierdurch nicht berührt zu werden" braucht 142 . Tatsächlich fand trotz der angespannten Lage die Landeskirchenführerkonferenz wie geplant am 29. August statt, nachdem sich am Vorabend einige Vertreter des Lutherrates getroffen hatten, um über das neu zu gründende Leitungsorgan und dessen Zusammensetzung zu beraten 143 . Bei der Versammlung am 29. August, die nach dem Willen ihrer Initiatoren den Höhepunkt und Abschluß der bisherigen Fühlungsnahmen zwischen dem Kirchenminister und den Kirchenführern der unterschiedlichen Richtungen bilden sollte 144 , waren allerdings bei weitem nicht alle Landeskirchen bzw. altpreußischen Kirchenprovinzen vertreten. Dieses mag zum guten Teil tatsächlich an den äußeren Umständen gelegen haben, zum anderen mögen aber auch sachliche oder persönliche Vorbehalte die Entscheidungen von einigen der Geladenen beeinflußt haben, an der Konferenz nicht teilzunehmen 145 . So waren schließlich nur die Vertreter von acht Landeskirchen und vier Kirchenprovinzen der Ev. Kirche der altpreußischen Union anwesend. Präsi142 Briefentwurf Werners für ein Schreiben an Kerrl; handschriftliche Notiz neben dem Briefkopf: „Nicht abgesandt!" (EZA BERLIN, 1/A 4/174, Bl. 21). 143 Tagesbericht des Lutherrates vom 28.8.1939 (LKA HANNOVER, D 15, III, 163). 144 Brief von Stahn an Kittel vom 25.8.1939 (ZStA POTSDAM, RKM 23707, Bl. 88): „Die inzwischen stattgehabten zahlreichen Besprechungen mit den verschiedensten Kirchenfürsten sollen hoffentlich am Dienstag, den 29. August in einer großen Sitzung sämtlicher Landeskirchenführer einen Abschluß finden. Möchte dies gelingen und den Weg zu positiver Arbeit endlich frei machen. Dann werden auch Ihre berechtigten Interessen zur Ausführung kommen. Gestern hat der Herr Minister im Einvernehmen mit den .Einmannkirchen' den anliegenden Erlaß herausgegeben." Ein Brief von Stahn an Sautter vom 25.8.1939 (EBD., Bl. 86) belegt, daß die Einladung zum 29.8.1939 von Kerrl, Marahrens, Johnsen, Happich, Werner, Klotsche, Kinder und Kipper gemeinsam vorbereitet wurde. 145 So war etwa Marahrens nicht erschienen, weil er „ein gemeinsames Auftreten mit den Bischöfen Meiser und Wurm als schwierig [empfinde], solange die Erklärung [sc.: in der Meiser und Wurm Marahrens vorwarfen, durch seine Unterschrift unter die „Grundsätze" eine Erklärung abgegeben zu haben, die abzugeben durch Bibel und Bekenntnis verboten sei] gilt, die die Bischöfe Meiser und Wurm an ihre Pastoren versandt haben" (LKA HANNOVER, S 1, E II, 915). Die meisten anderen Kirchenleiter entschuldigten ihr Fernbleiben mit den schlechten Verkehrsverbindungen oder mit den Personalschwierigkeiten innerhalb ihrer Behörden aufgrund von Einberufungen (EZA BERLIN, 1/A 4/14, Bl. 41-65: Übersicht über die Antwortschreiben auf die Einladung vom 24.8.1939).

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Die Idee einer geistlichen Leitung

dent Werner sprach sowohl in seiner Eigenschaft als Leiter der DEK als auch für den altpreußischen Ev. Oberkirchenrat, für den auch Vizepräsident Ernst Loycke und Johannes Hymmen erschienen waren. Die Kirchenprovinz Ostpreußen ließ sich durch Konsistorialrat Arthur von Bochmann vertreten. Für Pommern, Brandenburg und die Provinz Sachsen waren deren Konsistorialpräsidenten Paul-Gerhard Wahn, Johannes Heinrich und Otto Fretzdorff gekommen. Von den Landeskirchen waren lediglich drei durch ihre Bischöfe vertreten: Bayern durch Landesbischof Hans Meiser, Oldenburg durch Landesbischof Johannes Volkers und Braunschweig durch Landesbischof Helmut Johnsen. Für Hannover war Oberlandeskirchenrat Christhard Mahrenholz erschienen, für Hamburg Oberlandeskirchenrat Adolf Drechsler. Präsident Hermann Schmidt zur Nedden hatte es übernommen, Mecklenburg zu vertreten146. In Anbetracht der angespannten politischen Lage kam die in der Einladung angesprochene Verordnung über die geistliche Versorgung erst gar nicht zur Verhandlung. Einziger Tagesordnungspunkt wurde somit die Frage der Gründung eines Vertrauensrates. Präsident Werner eröffnete die Diskussion, indem er vorschlug, „daß ihm ein Vertrauensrat von 3 Theologen zur Seite gestellte werde, der insbesondere auch dazu berufen sei, durch Aufrufe und allgemeine Erklärungen der Ev. Kirche, deren Notwendigkeit sich aus der Weiterentwicklung der politischen Lage ergeben könne, an die Öffentlichkeit zu treten. Als Mitglieder dieses Vertrauensrates könnten etwa die Herren Landesbischof Schultz, Landesbischof Marahrens und Oberkonsistorialrat Hymmen in Frage kommen" 147 . Bei der folgenden Plenumsaussprache bildeten sich Koalitionen, die quer durch alle kirchenpolitischen Richtungen verliefen. So stimmten Meiser, Drechsler und Schmidt zur Nedden darin überein, daß es unmöglich sei, „daß ein Vertrauensrat durch die heute Anwesenden, die nur einen Teil der Landeskirchen vertreten könnten, ernannt werde" 148 . Die Landesbischöfe Johnsen und Volkers sowie Konsistorialpräsident Wahn, der auch für die übrigen anwesenden Konsistorialpräsidenten sprach, erklärten hingegen ihre Zustimmung zu dem Vorschlag von Präsident Werner. Mahrenholz nahm 146 Anwesenheitsliste der Landeskirchenführerkonferenz vom 2 9 . 8 . 1 9 3 9 (EZA BERLIN, 1/A 4/567, Bl. 13). Nicht zu klären ist, wieso der Name von Mahrenholz zweimal in der offiziellen Anwesenheitsliste auftaucht: Zum einen unterschrieb er für Hannover, als dessen Vertreter er offiziell auch gekommen war, zum anderen findet sich seine Unterschrift bei der Eintragung „Kurhessen-Waldeck"; E.KLÜGEL, Landeskirche, S.375, vertritt die Ansicht, daß Württemberg „vermutlich durch Dekan Keppler vertreten" wurde. Belege können hierfür jedoch nicht angeführt werden. Seine Teilnahme ist jedoch eher unwahrscheinlich, da W u r m erst durch Meiser über den Verlauf der Konferenz orientiert werden mußte ( L K A NÜRNBERG, NL Meiser, Nr. 32: Brief von Meiser an W u r m vom 3 1 . 8 . 1 9 3 9 ) . 1 4 7 Protokoll der Landeskirchenführerkonferenz v o m 2 9 . 8 . 1 9 3 9 (EZA BERLIN, 1/A 4/573, BL. 18f.; E.KLÜGEL, Landeskirche, Dokumente, S. 157f.).

EBD.

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eine Mittelposition ein: Er erklärte im Auftrag von Landesbischof Marahrens, daß die Bestellung eines solchen Gremiums grundsätzlich die Kompetenz der Anwesenden überschreite, da eine solche Maßnahme die Beteiligung aller Landeskirchen erfordere. Sofern es sich aber nur um eine Maßnahme für den Kriegsfall handele, „müsse sofort etwas geschehen; hierfür könne deshalb nach seiner Ansicht auch der heute versammelte unvollständige Kreis sprechen" 149 . Die Reaktion der Anwesenden auf Werners Vorschlag zeigt, daß die Stellungnahmen hierzu kaum von der Zugehörigkeit zu einer der kirchlichen Gruppen bestimmt wurde. Vielmehr kann festgestellt werden, daß diejenigen, die sich für die Einrichtung eines Vertrauensrates aussprachen, zu dem Personenkreis gehörten, der am 23. August an dem Empfang bei Kerrl teilgenommen hatte 15°. Daß es sich bei dem Vorschlag Werners, ihm nämlich ein Beratungsgremium zur Seite zu stellen, nur um eine „Minimallösung" handelte, machte die Stellungnahme von Oberkirchenrat Ellwein deutlich. Ellwein, der ja zu dieser Zeit zu den engsten Beratern Kerrls gehörte und auch in dieser Sitzung durchaus als Wahrer der Interessen des Kirchenministers auftrat 151 , sprach sich dafür aus, dem zu gründenden Gremium wesentlich weitreichendere Kompetenzen einzuräumen. Er „betonte die Notwendigkeit eines Gremiums von Theologen, das befugt sei, im Rahmen der Verfassung gesamtkirchliche Aufgaben zu erfüllen" 1 5 2 . Erscheint im offiziellen Protokoll die Diskussion über die Notwendigkeit und die Kompentenzausstattung eines geistlichen Beratungsgremiums wie ein höflicher Meinungsaustausch, so ging es doch tatsächlich um die Auseinandersetzung über teilweise unaufgebbare Grundsatzpositionen. Meiser als Repräsentant der nicht deutsch-christlichen Kirchenführer wandte sich generell gegen jede geistliche Leitung seitens der D E K , da dieses bei der zu erwartenden Konstellation einem Paktieren mit der Irrlehre gleichkommen mußte 1 5 3 . Schmidt zur Nedden dagegen als Vertreter der Nationalkirchlichen Einung D C hatte sich schon vor der Konferenz „von den Plänen der 149

EBD.

Die Ausnahme bildete Wahn, der für die Konsistorialpräsidenten - sie hatten nicht an dem Empfang vom 2 3 . 8 . 1 9 3 9 teilgenommen - dem Vorschlag Werners zustimmte. 1 5 1 Es war denn auch Ellwein, der, zusammen mit Werner, Kerrl von den Beschlüssen der 150

K i r c h e n f ü h r e r k o n f e r e n z i n K e n n t n i s s e t z t e ( E Z A BERLIN, 1 / A 4 / 5 7 3 , B l . 1 8 f.). H . BRUNOTTE,

Kurs, S. 121, hat zwar recht, wenn er schreibt, daß Ellwein zu jener Zeit einberufen war. D o c h war es ihm aufgrund seiner Verwendung in Berlin möglich, zu der Gründungssitzung zu erscheinen. Vgl. oben A n m . 145. Brief von Schultz an Landesbischof Sasse v o m 4 . 9 . 1 9 3 9 ( L K A SCHWERIN, GVRHandakten Schultz, II/3). Der Abschnitt des Briefes über die Konferenz am 2 9 . 8 . 1 9 3 9 stammt von Schmidt zur Nedden (EBD.: Schreiben von Schmidt zur Nedden an Kretzschmar vom 4.9.1939). 152 153

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Die Idee einer geistlichen Leitung

Mitte - siehe auch hier wieder Ellwein und Genossen" - genau unterrichten lassen154. Er vermutete, daß es bei dieser Konferenz „wieder einmal [um] den forcierten Ausbau der DEK in Gestalt einer geistlichen Leitung allein durch die Mitte [gehen sollte], wobei diesem Gremium die verfassungsmäßigen Rechte des Reichsbischofs und des geistlichen Ministeriums übertragen werden sollten . . . Daß dieser Plan . . . unannehmbar wäre, versteht sich von selbst" 155 . Der Protest Meisers kam Schmidt zur Nedden also höchst willkommen, hatte er doch damit einen „Bündnispartner" gefunden, mit dem er sich in der Ablehnung von Werners Vorschlag einig wußte - wenn auch aus jeweils verschiedenen Gründen. Im Gespräch blieb letztlich nur der Vorschlag, den Schmidt zur Nedden unterbreitet hatte: Werner sollte die drei vorgeschlagenen Persönlichkeiten von sich aus berufen. Landesbischof Schultz könne dabei durchaus als Vertreter für die DC-Kirchen gelten. Was Werner einige Tage zuvor in seinem Briefkonzept Kerrl vorschlagen wollte, war nun durch Anregung von Schmidt zur Nedden zum Diskussionsgegenstand im Plenum geworden. Dieser Vorschlag muß auch der Gegenstand einer nun folgenden Sonderbesprechung zwischen Meiser, Drechsler, Schmidt zur Nedden, Mahrenholz und Johnsen gewesen sein. Jedenfalls konnte Meiser nach dieser Besprechung im kleinen Kreis für die der Kirchenführerkonferenz angeschlossenen Landeskirchen mitteilen, „daß es nicht erwünscht sei, wenn Präs. Werner im Kriegsfalle allein ohne theologische] Vertreter der Ev. Kirche handeln müsse; es könne aber z. Zt. von dem versammelten Kreis keine geistliche Leitung mit rechtlicher Grundlage geschaffen werden. Die L[andes]kirchen, in deren Namen er spreche, seien aber bereit, einen Mann ihres Vertrauens als Berater des Leiters der DEKK zu benennen. Dem gesamten Gremium von 3 Männern könnten sie ihr Vertrauen nicht aussprechen... Die Situation dürfe nicht dazu benutzt werden, an den Grundlagen der Verfassung der DEK etwas zu ändern" 156 . Meiser und Mahrenholz brachten noch den Sonderwunsch vor, es möge noch ein reformierter Vertreter hinzugezogen werden. Schließlich konnte Werner „unter Zustimmung der Anwesenden" das Ergebnis dahingehend zusammenfassen, daß sich die Konferenzteilnehmer im Falle eines Krieges für befugt hielten, „dem Wunsche des Leiters der DEKK zuzustimmen, daß ihm ein Kreis von Theologen zur Seite tritt, die Namen und Rang genug haben, um für die DEK sprechen. Dieser Kreis soll aus 3 Personen bestehen; dabei bleibt es dem Leiter der DEKK vorbehalten, gegebenenfalls auch einen Vertreter der Reformierten hinzuzuziehen. Der Leiter der DEKK bzw. sein Vertreter soll an die Zustimmung dieses Gremiums gebunden sein." Doch legte Werner großen Wert darauf, „daß der > M EBD. 156

155

Vgl. oben Anm. 147.

EBD.

.Landeskirchenkonferenz": Vorgeschichte und Ergebnisse

53

Vertrauensrat kein geistliches Ministerium sein solle, sondern ein Gremium von Vertrauensleuten der hinter ihnen stehenden Kreise von Landeskirchenführern" 157 . Der inzwischen eingetroffene Kirchenminister wurde von Werner und Ellwein über die Ergebnisse der Konferenz informiert. Angesichts der vorherrschenden Stimmung gegen eine vollwertige geistliche Leitung bei den entscheidenden Exponenten der beiden Kirchenführerkonferenzen, Meiser und Schmidt zur Nedden, blieb Kerrl kaum etwas anderes übrig, als den beschlossenen Minimalkonsens zu akzeptieren. So erklärte er sich denn auch bereit, „den Vertrauensrat zu empfangen und als maßgebenden Verhandlungspartner zu betrachten." Doch dürfte der Vertrauensrat in der beschlossenen Form nicht seinen eigenen Erwartungen entsprochen haben158. Unklar blieb nach dem Ende der Konferenz noch die endgültige Besetzung des Vertrauensrates. Während der Mecklenburger Landesbischof Schultz durch Schmidt zur Nedden bereits als Vorschlag der DC-Kirchen präsentiert worden war und der anwesende Hymmen auch nicht gegen seine Nominierung protestierte, hatten sich die Lutheraner noch nicht festgelegt159. Zwar hatte Präsident Werner den Namen von Landesbischof Marahrens ins Spiel gebracht, doch fiel bei den Kirchen, die auf Art. 1 der Verfassung der DEK standen, in der Konferenz selbst noch keine endgültige Entscheidung. Vielmehr fand nach der Tagung eine Sonderbesprechung dieser Kirchenführer statt. Hier wurde deutlich, wie sehr sich Meiser als Wortführer in eine schwierige Lage manövriert hatte. Denn er hatte zugesagt, daß auch die Kirchenführerkonferenz einen Vertrauensmann in dieses Gremium entsenden werde. Doch zeigte derjenige, der fast selbstverständlich für dieses Amt vorgesehen war - Landesbischof Marahrens - , keine Neigung, die angetragene Aufgabe zu übernehmen. Vielmehr ließ dieser durch Mahrenholz bei dieser Zusammenkunft eine vorbereitete Erklärung verlesen. Ausgangspunkt der Stellungnahme war eine Beschreibung der Situation, die durch die Kritik der süddeutschen Landeskirchen an der Unterschrift von Marahrens unter die „Grundsätze" entstanden war: Man könne nicht heute über ihn „in aller Öffentlichkeit ein Urteil abgeben, das beinahe dem über Ludwig Müller gefällten gleichkomm[e], und bei nächster Gelegenheit ihn seines Vertrauens versichern und ihn als Vertrauensmann der Bekenntnisseite in das zu bildende Gremium der DEK senden" 160 . Da Marahrens diese vorbereitete Erklärung verlesen lassen konnte, kann gefolgert werden, daß ihn - wohl

157

EBD.

Dafür mag auch die Tatsache sprechen, daß Kerrl nicht die in der Einladung angekündigte Ansprache hielt, sondern den Anwesenden lediglich seine Grüße ausrichten ließ (EBD.). 1 5 9 „Die dem Luth. Rat angeschlossenen Kirchen werden noch heute, spätestens morgen, ihren Vertrauensmann benennen" (EBD.). 158

140

L K A HANNOVER, S 1, E II, 9 1 5 .

54

Kurzportraits

aufgrund seiner Teilnahme an dem Empfang bei Kerrl - die Kandidatur für das zu gründende Gremium kaum überrascht haben dürfte. Diesen Wissensvorsprung geschickt einzusetzen, dazu schien er wohl entschlossen: Wenn er auch von Meiser und Wurm keinen Gang nach Canossa verlangte, so forderte er doch eine einmütige Vertrauenskundgebung seitens der süddeutschen Bischöfe. Weil aber weder Wurm noch Meiser selber Neigung verspürten, in dieses Gremium einzutreten, blieb ihnen nichts anderes übrig, als Marahrens zu bestätigen, daß man seine bekenntnismäßige Haltung nie habe anzweifeln wollen l é l . Nach telefonischer Rückfrage konnte Mahrenholz den Anwesenden mitteilen, Marahrens werde sich dem Eintritt in den Vertrauensrat nun nicht mehr länger entziehen. Doch ließ der hannoversche Landesbischof nochmals darauf hinweisen, daß er sich lediglich „angesichts der augenblicklichen Lage . . . verpflichtet gefühlt [habe], von [seinen] Bedenken abzusehen und diesem Ersuchen zu entsprechen" 162 . Nach dem Ende dieser Besprechung konnte Werner nun auch der Besetzungsvorschlag der Kirchenführerkonferenz genannt werden, so daß nun das neue „Beratungsgremium" für den Präsidenten der Kirchenkanzlei personell komplett war.

EXKURS I

Kurzportraits: August Marahrens, Walther Schultz, Johannes Hymmen und Otto Weber bis zu ihrem Eintritt in den Geistlichen Vertrauensrat Als Marahrens seine Einwilligung zum Eintritt in den Vertrauensrat gab, hatte er bereits ein Alter erreicht, das eher dazu angetan war, Amter abzugeben, anstatt sich neue aufbürden zu lassen. So konnte er nicht nur auf eine mehr als 14jährige Amtszeit als Landesbischof zurückblicken, sondern die

161 Vermerk von Mahrenholz über die Landeskirchenführerkonferenz, angefertigt am 2 8 . 8 . 1 9 4 5 ( L K A HANNOVER, S 1, E I, 1111). N a c h der Erinnerung von Mahrenholz ( L K A HANNOVER, S 1, E II, 915: Stellungnahme von Mahrenholz zum Manuskript von Klügel) war bei dieser Sitzung als Vertreter Württembergs Kurt Hutten anwesend. Huttens Anwesenheit läßt sich aufgrund der Lutherratsunterlagen ( L K A HANNOVER, D 15, III, 163: Tagesbericht v o m 2 8 . 8 . 1 9 3 9 ) belegen, doch hatte er keine Wahlvollmachten ( L K A NÜRNBERG, N L Meiser, N r . 31: Meiser schreibt in einem Brief an W u r m vom 3 1 . 8 . 1 9 3 9 : „ F ü r die lutherischen Kirchen wählten die Anwesenden [Meiser, Johnsen, Mahrenholz, Drechsler] D. Marahrens, Hannover"). 162 Brief von Marahrens an die Mitglieder der Kirchenführerkonferenz vom 1 . 9 . 1 9 3 9 ( L K A NÜRNBERG, N L Meiser, Nr. 106).

August Marahrens - 1940

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Kurzportraits

bisherigen Jahre des Kirchenkampfes hatten ihn auch zu einem der bekanntesten, wenn auch manchmal zu einem der umstrittensten Kirchenführer Deutschlands gemacht. August Friedrich Karl Marahrens wurde am 11. Oktober 1875 in Hannover geboren. Dort verlebte er auch seine Kinder- und Jugendzeit. Erst mit Beginn seines Theologie- und Philosophiestudiums verließ er seine Heimatstadt. Göttingen und Erlangen waren die Stationen der nächsten Jahre. 1898 schloß er sein Studium mit dem 1. Theologischen Examen ab. Nach dem 1901 abgelegten 2. Examen folgte die Militär- und Hilfsgeistlichenzeit163. Zwei wichtige Ereignisse brachte das Jahr 1905 für Marahrens: einmal fand er seine erste feste Anstellung als zweiter Pfarrer an der Schloßkirche in Hannover und nebenamtlicher Konsistorialassessor im Konsistorium. Zum anderen fiel in dieses Jahr auch seine Heirat 164 . Einen weiteren wichtigen Einschnitt bedeutete für Marahrens die 1909 erfolgte Berufung zum Studiendirektor des Predigerseminars Erichsburg. Es sei dahingestellt, ob der kolportierte Ausspruch „Das Beste an der Erichsburg ist ihr Studiendirektor" 165 tatsächlich so gefallen ist, doch muß sich Marahrens in seiner fünfjährigen Tätigkeit als Studiendirektor viel Achtung unter den Seminaristen erworben haben - insbesondere als Seelsorger und praktischer Theologe166. Der 1. Weltkrieg unterbrach seine Tätigkeit auf der Erichsburg: Marahrens zog im September 1914 als Lazarettpfarrer in den Krieg. Erst am 1. April 1919 endete diese Tätigkeit mit der Entlassung aus der Kriegsgefangenschaft. Bereits kurz nachdem er seine Arbeit als Studiendirektor wieder aufgenommen hatte, wurde er als Superintendent nach Einbeck berufen. Nur zwei Jahre später, am 1. Mai 1922, übernahm er - zunächst vertretungsweise, doch noch im Verlauf des Jahres endgültig - das Amt des Generalsuperintendenten von Stade167. Allerdings sollte es nur drei weitere Jahre dauern, ehe er 1924 zum ersten Landesbischof der hannoverschen Landeskirche gewählt wurde und im Sommer 1925 sein Amt antrat 168 . Uberblickt man die Jahre zwischen 1919 und 1925, stellt sich fast zwangsläufig die Frage, welche besonderen Fähigkeiten Marahrens in dieses höchste Amt seiner Landeskirche geführt hatten. Die Antwort auf diese Frage fällt fast einmütig aus: Die seelsorgerischen Qualitäten, die schon die Seminaristen der Erichsburg geschätzt hatten, überzeugten auch die Mitglieder des Landeskirchentages, ihm das Amt des Landesbischofs anzuvertrauen. Die

163

Kreise, S. 11 f. Kreise, S. 13. P. ALTHAUS, Erichsburg, S. 5 3 . EBD., S. 54-57. W.KÖDDERITZ, Kreise, S. 1 3 f . P. FLEISCH, Landesbischof, S. 65.

W . MARAHRENS, W.KÖDDERITZ,

165

166 147 168

August Marahrens, Walther Schultz, Johannes Hymmen, Otto Weber

57

Konstruktion des hannoverschen Bischofsamtes 169 schien Marahrens in der Tat als den richtigen Mann für dieses Amt auszuweisen. Denn nicht nach einem „Kirchenpolitiker", sondern nach einem „pastor pastorum" verlangte die hannoversche Kirchenverfassung. Die Jahre 1933-1945 erwiesen aber, daß die Realität dem hannoverschen Landesbischof eben dann doch ein Großmaß an kirchenpolitischem Geschick abverlangte. Gerade hier zeigte sich jedoch auch die Grenze von Marahrens: „Er war nicht in der Lage", so urteilen selbst seine Freunde, „eine überraschende Situation schnell zu übersehen und auf Zwischenfälle unmittelbar zu reagieren...". Mehr noch: War er ohne Gelegenheit zu vorheriger Beratung zu einem raschen Handeln gezwungen, so neigte er leicht zu Fehleinschätzungen 170 . Eine tiefe Zäsur für den hannoverschen Landesbischof bedeutete die nationalsozialistische Machtergreifung. Obwohl nie selbst Nationalsozialist, begrüßte der deutsch-national gesonnene Marahrens den politischen Umschwung 171 . Zwar sah er den NS-Staat später etwas distanzierter, doch konnte er Zeit seines Lebens in der staatlichen Autorität eine von Gott gesetzte Obrigkeit sehen, der - bei aller vielleicht angebrachten Kritik - ein Mindestmaß an Respekt nie versagt werden dürfe 172 . Auch für die evangelische Kirche brachte das Jahr 1933 in mehrfacher Hinsicht Neues: Über den bisherigen Kirchenbund hinausgehend, sollten die deutschen Landeskirchen zu einer Reichskirche zusammengeschlossen werden. Marahrens, der dieser Entwicklung zwar aus konfessionellen Bedenken zurückhaltend gegenüberstand - sein eigentliches Anliegen war der Zusammenschluß der Lutheraner - , nahm am Bau der Reichskirche trotzdem aktiv teil, da er sie aus kirchenpolitischen Gegebenheiten für notwendig hielt. So gehörte er zu dem „Dreimännerausschuß", der die Grundlagen der zukünftigen DEK-Verfassung erarbeitete 173 . Ablehnend war indes seine Einschätzung jener neuen innerkirchlichen Kräfte, die unter der Bezeichnung „Deutsche Christen" nun verstärkt in die Synoden und kirchlichen Ämter

169

Vgl. EBD., S . 6 5 f . ; E.KLÜGEL, Landeskirche, S. X X I I f.

170

H . BRUNOTTE , K i r c h e n k a m p f , S. 9 1 f.

K.SCHOLDER, Kirchen, Bd. 2, S. 169, nennt Marahrens gar einen „gläubigefn] Anhänger Hitlers". Denn auch sein „evangelisches Pfarrhaus" war, wie er Hitler schrieb, „dem vorwärts drängenden Leben der erwachten deutschen N a t i o n geöffnet" (Brief von Marahrens an Hitler v o m 1 7 . 6 . 1 9 3 3 , zitiert nach K.SCHOLDER, Kirchen, Bd. 1, S.439). 171

1 7 2 Besonders deutlich kommt diese Auffassung, an der Marahrens zeitlebens festhielt, in dem Rechenschaftsbericht zum Ausdruck, den er anläßlich seines Rücktritts vor der 14. Landessynode am 1 5 . 4 . 1 9 4 7 gab (E.KLÜGEL, Landeskirche, Dokumente, S . 2 0 5 - 2 1 5 ; G.BESIER, „Selbstreinigung", S. 1 8 6 - 1 9 3 ) . 1 7 3 E.KLÜGEL, Landeskirche, S . 2 3 , meint zwar aus den Äußerungen von Marahrens eine „eindeutige Ablehnung der Reichskirche" feststellen zu können, K.SCHOLDER, Kirchen, Bd. 2, S. 359, verweist jedoch zurecht darauf, daß es wesentlich konfessionelle Bedenken waren, die ihn zögern ließen. Seine Mitarbeit bei der Ausarbeitung der DEK-Verfassung zeigt jedoch, daß er diese mit Blick auf das als notwendig erkannte Gesamtziel zurückstellen konnte.

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Kurzportraits

drängten. Nicht die besonderen Affinitäten der Deutschen Christen zum Nationalsozialismus fanden das Mißfallen des konservativen Lutheraners, sondern die theologischen Äußerungen aus den Reihen dieser neuen Bewegung. Sowohl auf Landesebene als auch auf Reichsebene fanden die Deutschen Christen darum in Marahrens einen hartnäckigen Gegner 174 . Doch fiel es Marahrens auch schwer, sich mit seinen neuen „Verbündeten" im Kampf gegen diesen Gegner anzufreunden, denn nie konnte sich der ordnungsliebende und staatsloyale Landesbischof vollständig mit den Uberzeugungen der „bruderrätlichen" Bekennenden Kirche identifizieren. Sein Auftritt während der Barmer Bekenntnissynode 175 und der Kurs, den er als Vorsitzender der 1. Vorläufigen Kirchenleitung, also jener von der Bekennenden Kirche im November 1934 ins Leben gerufenen „Gegenkirchenregierung", steuerte 176 , sind hierfür sichtbarster Ausdruck. Als es dann schließlich im Februar 1936 auf der 4. Reichsbekenntnissynode in Bad Oeynhausen zur Spaltung der Bekennenden Kirche kam, war Marahrens einer derjenigen, die einen eigenständigen Zusammenschluß der „intakten" - also der nicht von den Deutschen Christen beherrschten - Kirchen befürwortete. So entstand schließlich - unter Beteiligung einiger dezidiert lutherischer Bruderräte - am 18. März 1936 der „Rat der Evangelisch-lutherischen Kirche Deutschlands", kurz „Lutherrat" genannt 177 . Ebenso wirkte Marahrens Ende 1936 führend bei der Gründung der „Konferenz der auf Artikel 1 der DEK-Verfassung stehenden Kirchenführer" mit; hier übernahm er als dienstältester Bischof den Vorsitz. Einen Einschnitt auf dem kirchenpolitischen Weg von Marahrens bedeuteten die Jahre 1938/39. Im Herbst 1938 vertiefte sich durch seine offen gezeigte Ablehnung der „Gebetsliturgie", die anläßlich der „Tschechenkrise" von der „bruderrätlichen" Bekennenden Kirche herausgegeben worden war 178 , der ohnehin schon bestehende Graben zu diesem Teil der Bekennenden Kirche. Das Trennende zwischen Marahrens und einem Großteil der Bruderräte wurde nie wieder überwunden. Im Sommer 1939 kam es darüber hinaus auch noch zu tiefgehenden Meinungsverschiedenheiten Vgl. E. KLÜGEL, Landeskirche, passim. Marahrens hielt am 30. Mai auf der Synode die Morgenandacht; ansonsten trug er nichts zu den Verhandlungen bei. Nach dem Urteil von K. SCHOLDER, Kirchen, Bd. 2, S. 184 zeigte Marahrens in seiner Andacht, „daß er von der theologischen und kirchlichen Aufgabe dieser Synode nichts begriffen hatte." 174 175

176

Z u r E n t s t e h u n g d e r 1. V K L v g l . E . K L Ü G E L , L a n d e s k i r c h e , S. 1 7 5 - 1 7 9 ; K . M E I E R , K i r -

chenkampf, Bd. 1 und 2, passim. Wurm urteilt nachträglich in der ihm eigenen Sprache: „Die Leitung dieses Kirchenregiments durch den bedächtigen Niedersachsen Marahrens ließ auch in unseren Augen manches zu wünschen übrig! Andererseits machte das Freikorps der Bruderräte auch manche Husarenritte, in die man uns nicht einweihte, die aber nachträglich von uns gedeckt werden sollten" (T.WURM, Treysa, S. 158). 177 Vgl. K.MEIER, Kirchenkampf, Bd.3, S . 5 6 4 - 5 7 5 . i7« Vgl. oben S. 35, Anm. 80.

August Marahrens, Walther Schultz, Johannes Hymmen, Otto Weber

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zwischen den süddeutschen Landesbischöfen Wurm und Meiser einerseits und Marahrens andererseits, da dieser sich einmal mehr zu weitreichenden Konzessionen bereit erklärt hatte - seine Unterschrift unter die „Grundsätze" ist hierfür der sichtbarste Beleg 179 . Abgesehen von der hannoverschen Landeskirche, wo Marahrens ungebrochenes Vertrauen genoß, befand er sich also zu Kriegsbeginn in einer kirchenpolitisch recht isolierten Position. Nahezu eine Generation jünger als Marahrens war der Mecklenburger Landesbischof Schultz. Walther Schultz, am 20. August 1900 auf Hof Tressow bei Grevesmühlen geboren 18°, gehört zu jener Generation, die, ohne selbst noch als Soldat in den 1. Weltkrieg ziehen zu müssen - oder besser: zu dürfen - , wesentlich durch die Zeit zwischen 1914 und 1918 geprägt wurde. Ohne besondere Einschnitte verliefen die Jahre im Anschluß an das 1920 abgelegte Abitur: Nach dem Theologiestudium in Rostock, Münster und Berlin, das er 1924 mit dem 1. Theologischen Examen abschloß, war er 1924/25 fast ein Jahr als Hauslehrer tätig. Anschließend trat er sein Vikariat in der Landeskirche Mecklenburg-Schwerin an. Die 2. Theologische Prüfung legte er im Mai 1927 ab 1 8 1 . Auch in seiner Hilfspredigerzeit fiel Walther Schultz nicht besonders auf. Das einzige, was im Schweriner Oberkirchenrat mit gewisser Sorge betrachtet wurde, waren seine ständigen Geldprobleme - ein Zustand, an dem sich auch in späteren Jahren nichts änderte 182. Und dennoch waren gerade die Jahre seit 1927 - Schultz war im Herbst des Jahres Pastor in Badendiek geworden 183 - entscheidend für seine Biographie. Theologisch eher „einer schwärmerischen Auffassung des Evangeliums" zuneigend 184 , begeisterte er sich zunehmend für die NSDAP, schien doch diese Partei nicht nur die Hoffnung auf eine Wiederherstellung der nationalen Ehre Deutschlands zu verkörpern, sondern mit ihrer Befürwortung eines „positiven Christentums" auch seinen Vorstellungen von einer praxisnahen Verwirklichung des Christentums zu entsprechen. Folgerichtig trat er 1930 der NSDAP bei 185 . Vgl. ebd. Die allgemeinen biographischen Angaben entstammen aus den maschinenschriftlichen Nachträgen zu G. Willgeroth, Die mecklenburgischen Pfarrer, Erg. Bd., Wismar 1937 179 180

( L K A SCHWERIN). 181

EBD.

182

Vgl. hierzu die Unterlagen in der Personalakte LB a.D. Walther Schultz, Bd. II (LKA

SCHWERIN). 183

Vgl. oben Anm. 180.

184

N . BESTE, K i r c h e n k a m p f , S. 2 2 9 .

185 Dieser Zeitpunkt ergibt sich aus einem Vermerk der Reichskanzlei, der dort über einen Besuch von Schultz am 2 9 . 1 1 . 1 9 4 1 angefertigt wurde (BA KOBLENZ, R 43 11/172,

BL. 1 2 7 ) .

60

Kurzportraits

Walther Schultz - 1938 (mit Bischofskreuz und Parteiabzeichen)

August Marahrens, Walther Schultz, Johannes Hymmen, Otto Weber

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Fast parallel zu seinen Berührungen mit dem Nationalsozialismus verlief die Annäherung mit der langsam an Boden gewinnenden deutsch-christlichen Bewegung. Indes läßt sich nicht mehr genau ermitteln, wann er sich der „Glaubensbewegung Deutsche Christen" anschloß. Nach der NS-Machtübernahme trieb die Kombination von Parteimitgliedschaft, deutsch-christlicher Gesinnung und persönlichem Ehrgeiz, den seine Mutter entscheidend zu verstärken wußte, die Karriere von Schultz wesentlich voran. Am 12./13. September 1933 fand in Schwerin jene Landessynode statt, die ihm das gerade geschaffene Amt des „Landeskirchenführers" und damit auch eine ehrenamtliche Mitgliedschaft im Oberkirchenrat einbrachte. Formell war zwar Heinrich Rendtorff noch Landesbischof, doch mußte dieser so weitgehende Befugnisse an den Landeskirchenführer abgeben, daß dieses einer faktischen Entmachtung gleichkam. Im Mai 1934 war es dann endgültig so weit: Schultz übernahm nun auch formell das Amt des Landesbischofs186. Doch war Schultz bei weitem nicht die selbstsichere Persönlichkeit, die man hinter einem so raschen Aufstieg hätte vermuten können. So ließ er sich bei der Führung seiner Amtsgeschäfte recht leicht beeinflussen; insbesondere der Präsident des Oberkirchenrats, Dr. Hermann Schmidt zur Nedden, übte einen starken persönlichen Einfluß aus. Auch in theologischer Hinsicht zeigte sich Schultz anlehnungsbedürftig. Sein Briefwechsel mit zahlreichen deutsch-christlich gesonnenen Theologen gibt ein reichliches Zeugnis von seiner begrenzten theologischen Urteilsfähigkeit ab 187 . So ist es wohl auch zu erklären, daß er, sobald er wegen einer seiner theologischen Verlautbarungen angegriffen wurde, derartigen Attacken fast immer mit Gutachten von deutsch-christlichen Universitätstheologen zu begegnen suchte 188 . Allerdings muß Schultz positiv angerechnet werden, daß der Kirchenkampf in Mecklenburg nie die Schärfe wie in einigen anderen DC-Landeskirchen - etwa Anhalt, Nassau-Hessen, Thüringen oder Sachsen - erreichte. Das mag einerseits daran gelegen haben, daß Schultz, wie selbst der Vorsitzende des Landesbruderrates Niklot Beste rückschauend meint, „bei allem Fanatismus vor letzten Konsequenzen" zuweilen zurückschreckte; vereinzelt nahm er sogar Pfarrer, die sich zum religiösen Sozialismus bekannten, in der mecklenburgischen Landeskirche auf 189 . Andererseits - dieses kann schon im Vorgriff gesagt werden - kühlte sein Verhältnis zum Nationalsozialismus im Laufe des Krieges doch merklich ab. 186

Z u E i n z e l h e i t e n vgl. N . BESTE, K i r c h e n k a m p f , S. 5 6 - 6 2 ; 7 9 - 9 2 ; 9 9 - 1 0 2 .

Vgl. hierzu die Handakten LB Schultz - Korrespondenz (LKA SCHWERIN). 188 Exemplarisch für diese Haltung scheint die Diskussion über die Rede von Schultz, die er am 28.5.1938 im Berliner Sportpalast hielt. Nach Angriffen des Bruderrates wurde die Rede an nicht weniger als neun Persönlichkeiten zur Begutachtung geschickt. U.a. ließ sich Schultz entlastende Gutachten von den Professoren Eisenhuth, Grundmann, Hirsch, Meyer-Erlach, Wobbermin und Wünsch anfertigen (N. BESTE, Kirchenkampf, S. 196-201). 189 EBD., S. 230. 187

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Kurzportraits

Innerhalb der deutsch-christlichen Bewegung kam Schultz erst relativ spät zu größerem Einfluß. Zwar war er 1934 für kurze Zeit DC-Obmann für Mecklenburg 190 , doch erst die Wahl zum stellvertretenden Reichsgemeindeleiter der neu formierten Nationalkirchlichen Einung D C am 6. Juni 1937 brachte ihn in eine Führungsposition. Als unmittelbar vor Kriegsbeginn der Leiter der Reichsgemeinde, Siegfried Leffler, zur Wehrmacht einberufen wurde, übertrug er Schultz seine Leitungsbefugnisse als DC-Reichsgemeindeleiter 191 . Verdankten Marahrens und Schultz die Mitgliedschaft im Vertrauensrat jeweils ihren exponierten Stellungen innerhalb der beiden großen kirchlichen Lager, so war Johannes Hymmen genau aus dem entgegengesetzten Grund in das neue Gremium gekommen. Er gehörte keiner kirchlichen Gruppierung an, sondern galt als „neutraler" Verwaltungsfachmann der Ev. Kirche der altpreußischen Union, allerdings „mit einer merklichen Neigung, bestimmten weltanschaulichen Forderungen der Partei entgegenzukommen" 192. Ein Charakterzug, der sich übrigens - wohl unter dem Einfluß seiner Kinder - mit zunehmendem Alter noch verstärkte 193 . Johannes 194 Hymmen wurde am 28. Dezember 1878 in Barmen geboren. Nach dem Studium der Theologie und einer Tätigkeit als Gemeindepfarrer wurde er 1912 Direktor des landeskirchlichen Diasporaseminars in Soest. Ab 1926 tat er als Konsistorialrat in Münster Dienst. Einen Einschnitt bedeutete für den inzwischen zum Oberkonsistorialrat avancierten Hymmen das Jahr 1934: Denn, obwohl er deutlich zu erkennen gegeben hatte, daß er die Wende des Jahres 1933 begrüßte und auch der deutsch-christlichen Bewegung durchaus positive Züge abgewinnen konnte 195 , erschien er den Deutschen Christen nicht akzeptabel. Als diese im Herbst 1933 unter Führung von Bischof Bruno Adler im Konsistorium Einzug hielten, wurde Hymmen aus Münster wegversetzt: ,,D.H[ymmen] hat hervorragende Fähigkeiten", so urteilte Adler, „ist aber hier unmöglich (Geistiges Zentrum des Widerstandes!)" 1% . Doch schon nach einem dreiviertel Jahr konnte Hymmen wieder nach Münster zurückkehren. Nach der Entmachtung Adlers übernahm er zur Jahres-

EBD., S. 99. Schreiben von Leffler an Schultz vom 28.8.1939 (LKA SCHWERIN, GVR-Handakten Schultz, II/3). 192 E.KLÜGEL, Landeskirche, S. 376. 193 Auskunft von Frau Dr. Schwarzhaupt, Gespräch mit dem Vf. am 12.5.1986. 194 Eine Überprüfung der A G K Z G hat ergeben, daß der korrekte Name Johannes Peter Hymmen lautet. Offensichtlich wurde der falsche Vorname - „Friedrich" - erstmals in der Veröffentlichung „100 Jahre Evangelischer Oberkirchenrat der altpreußischen Union", hg. von Oskar SÖHNGEN, Berlin 1950, genannt. 195 Vgl. B. HEY, Kirchenprovinz, S. 35. 196 Brief von Adler an Reichsbischof Müller vom 4.2.1934 (vgl. EBD., S. 190). 190

191

Johannes Hymmen - ca. 1946/47

64

Kurzportraits

wende 1934/35 die Verwaltung der Geschäfte des Generalsuperintendenten, eine Funktion, die er bis zum Februar 1936 ausübte. Mit der Bildung eines Provinzialkirchenausschusses ging die geistliche Leitungsgewalt auf dieses Gremium über 197 . Hymmen wurde zum 1. März 1936 zum Mitglied des Ev. Oberkirchenrates der Ev. Kirche der altpreußischen Union in Berlin berufen. Er nahm hier die Geschäfte des Geistlichen Vizepräsidenten wahr. In diesem Amt vermochte sich Hymmen jedoch nur ein begrenztes Vertrauen zu erwerben. So genoß er bei den Bruderräten der Bekennenden Kirche kein großes Ansehen. Allerdings brachte er auch kein besonderes Verständnis für deren Anliegen auf198. Verständlich wird diese Haltung, wenn man berücksichtigt, daß Wilhelm Zoellner sein Schwiegervater war, und Hymmen die bruderrätliche Bekennende Kirche für das Scheitern von dessen Kirchenausschußpolitik mitverantwortlich machte. Auch er wußte sich dem Anliegen seines Schwiegervaters, nämlich die Einheit der Kirche zu erhalten, verpflichtet. Vielleicht ist so auch die Sympathie zu erklären, die er Kerrls Einigungsplänen entgegenbrachte und für deren Verwirklichung er sich noch unmittelbar vor Kriegsbeginn einsetzte. Otto Weber wurde seit März 1940 als Vertreter der Reformierten zu den Sitzungen des Vertrauensrates hinzugezogen. Doch besaß er lediglich den Status eines assoziierten GVR-Mitglieds199, so daß auch seine Funktion bei Entscheidungsfindungsprozessen auf die eines Beraters beschränkt blieb. Weber wurde am 4. Juni 1902 in Köln-Mühlheim geboren. Nach dem Studium der Theologie erhielt er 1930 einen Ruf als Direktor der reformierten Theologischen Schule in Elberfeld. Das Epochenjahr 1933 brachte auch für den gerade 31jährigen Weber wesentliche Veränderungen. Nachdem er schon als reformierter Vertreter im Verfassungsausschuß bei der Erstellung der neuen DEK-Verfassung mitgewirkt hatte200, wurde er Ende September von Reichsbischof Müller als reformiertes Mitglied in das Geistliche Ministerium berufen 201 . Weber erschien für dieses Amt besonders geeignet, da er sich nicht nur zu den Deutschen Christen hielt, sondern auch Mitglied der NSDAP war202. Nach nur wenigen Wochen im Geistlichen Ministerium

197

EBD., S. 100. Vgl. hierzu die Bemerkungen Hymmens gegenüber Sup. Onnasch (zit. nach W . NIESEL, Kirche, S.217): „Die Bekennende Kirche war von Anfang an Übereilung und Irrtum. Der größte Irrweg war ihre enge Verbindung mit Karl Barth. Die Nationalkirche, der er nicht angehöre, habe gewiß manche verkehrte Propagandamethode, auch ihre Stellung zum Alten Testament sei zu verurteilen, aber sie glaube doch, Gabe und Aufgabe zu haben, unserer Zeit das Evangelium richtig zu verkündigen. Dazu müsse man ihr Raum und Gelegenheit geben." 199 Erlaß über die Mitwirkung des Geistlichen Vertrauensrates bei der Leitung der Deutschen Evangelischen Kirche vom 28.3.1940 (GB1DEK 1940, S. 13). 2 ° ° K . SCHOLDER, Kirchen, Bd. 1 , S. 4 7 3 . 201 202 EBD., S. 623. EBD. 198

August Marahrens, Walther Schultz, Johannes Hymmen, Otto Weber

Otto Weber - ca. 1935

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August Marahrens, Walther Schultz, Johannes Hymmen, Otto Weber

legte Weber dieses Amt allerdings nieder, da dieses Gremium in weiten Teilen der DEK keine Vertrauensbasis gewinnen konnte203, ließ sich jedoch abermals zu einem Eintritt in das Geistliche Ministerium überreden; zu diesem Zeitpunkt überwog sein „Ehrgeiz . . . offenbar noch immer seine Einsicht" 204. Webers deutsch-christliche Phase war insgesamt aber nur von kurzer Dauer. Bereits ab Winter 1933/34 löste er sich innerlich langsam von den Deutschen Christen - sein Weg führte ihn immer mehr in das breite Feld der kirchlichen Mitte205. In die Zeit dieses Ablösungsprozesses fiel auch seine im März 1934 beschlossene Berufung auf den Lehrstuhl für reformierte Theologie in Göttingen206. Promoviert wurde Weber indes erst 1938 aufgrund einer Dissertation bei Emanuel Hirsch. In den Jahren 1938/39 wurde Weber wieder verstärkt kirchenpolitisch aktiv. Zusammen mit weiteren Exponenten der kirchlichen Mitte arbeitete auch er an der Umsetzung von Kerrls kirchenpolitischen Plänen mit 207 .

203 204 205 206 207

EBD., S. 730. K . SCHOLDER, Kirchen, Bd. 2, S. 88. EBD., S. 53. EBD., S. 91. Vgl. oben S. 40.

KAPITEL 2

DER GEISTLICHE VERTRAUENSRAT AM BEGINN DES KRIEGES

1. Kriegsbeginn! — „Verpflichtung der evangelischen Kirche gegenüber Führer, Volk und Staat"? Vergleicht man die Reaktionen in der deutschen evangelischen Kirche auf die drohende Kriegsgefahr des Sommers 1939 mit dem Verhalten während der „Tschechenkrise", so ergibt sich ein deutlicher Unterschied. Anders als im Herbst 1938 zeigte sich die evangelische Kirche im Sommer 1939 von den Schatten des bevorstehenden Krieges fast unberührt. Nicht einmal das Führungsgremium der bruderrätlichen Bekennenden Kirche, die 2. Vorläufige Kirchenleitung, die sich noch durch die „Tschechenkrise" veranlaßt gesehen hatte, hierzu in Form einer Ordnung für einen Gebetsgottesdienst Stellung zu n e h m e n w a g t e es, diesen Schritt abermals zu tun. Noch zu sehr standen der Bekennenden Kirche die Folgen dieser als „landesverräterisch" angeprangerten Aktion vor Augen. Erst die Landeskirchenführerkonferenz vom 29. August 1939 hatte auf die Möglichkeit eines Krieges reagiert2. Es kam zwar nicht zu der von Kerrl gewünschten geistlichen Leitung, doch konnten die anwesenden Vertreter der Landeskirchen sich darauf einigen, dem Präsidenten der DEKKirchenkanzlei einen „Kreis von Theologen zur Seite [zu stellen], die Namen und Rang genug haben, um für die DEK zu sprechen" 3 . Bereits wenige Stunden nach dem Ende der Konferenz bat Präsident Werner die beiden auswärtigen Mitglieder des neu gegründeten Gremiums, die Landesbischöfe Marahrens und Schultz, für den nächsten Tag nach Berlin. Am Nachmittag des 30. August 1939, also keine 24 Stunden später, trafen die drei Mitglieder des Geistlichen Vertrauensrates erstmals zusammen. Gemeinsam mit Werner formulierten Marahrens, Schultz und Hymmen zunächst das Berufungsschreiben4. Der erarbeitete Text diente auch als 1

Vgl. u.a. E.KLÜGEL, Landeskirche, S. 3 5 8 - 3 6 0 ; K. KUPISCH, Sommer 1 9 3 8 ; W.NIEMÖLGebet; DERS., Kampf, S. 4 4 6 - 4 5 2 ; K . MEIER, Kirchenkampf, Bd. 3 , S. 5 3 - 6 2 . 2 Protokoll der Landeskirchenführerkonferenz am 29.8.1939 (EZA BERLIN, 1/A 4/573, BL. 18 f.; E. KLÜGEL, Landeskirche, Dokumente, S. 157f.). Vgl. dazu auch oben S. 50 ff. LER,

3

4

EBD.

Der Entwurf stammt von H y m m e n (LKA SCHWERIN, GVR-Handakten Schultz, II/3: Notiz von Schultz auf dem Entwurf). Die wesentliche Passage des Berufungsschreibens lautet: „Nachdem Sie, Herr Landesbischof, mir für diesen Vertrauensrat vorgeschlagen sind, berufe

68

Der Vertrauehsrat am Beginn des Krieges

Grundlage für die „Bekanntmachung betr. Bildung eines geistlichen Vertrauensrates für die Deutsche Evangelische Kirche", die Werner einen Tag später im Gesetzblatt der DEK veröffentlichen ließ 5 . Das Ergebnis der Landeskirchenführerkonferenz präzisierend, hieß es sowohl im Berufungsschreiben als auch im Gesetzblatt: „Namens und im Auftrage der Deutschen Evangelischen Kirche" solle das neue Gremium im Kriegsfall zusammen mit dem Präsidenten der Kirchenkanzlei „diejenigen Entschließungen . . . fassen und diejenigen Maßnahmen . . . treffen, . . . die sich aus der Verpflichtung der evangelischen Kirche gegen Führer, Volk und Staat ergeben, und ihren geordneten und umfassenden Einsatz zu seelsorgerischem Dienst am deutschen Volke zu fördern geeignet sind" 6 . Auf der Basis dieser Aufgabenstellung nahm der Vertrauensrat noch am selben Tag seine Tätigkeit auf. In einer „Sonderbesprechung" — also ohne Werner — einigten sich die drei GVR-Mitglieder in einer Reihe von Fragen. Wichtigstes Ergebnis war die Ausrufung eines „Burgfriedens". Alle kirchenpolitischen Streitigkeiten sollten für die „Dauer der Krise" zurücktreten. Darauf aufbauend wurde ein Katalog von Sofortmaßnahmen beschlossen, um im „Ernstfall" der „Verpflichtung der evangelischen Kirche gegen Führer, Volk und Staat" nachkommen zu können. Marahrens sollte eine Kanzelabkündigung für den Fall des Kriegsbeginns ausarbeiten; Schultz wurde beauftragt, einen Gebetsentwurf für einen „Kriegsgebetstag" vorzulegen 7 . Aber auch der „Mobilisierung" der „seelischen Reserven" gedachte sich der Vertrauensrat zu widmen: Man kam überein, Richtlinien für die seelsorgerische Betreuung der Gemeinden zu erstellen. Doch nicht nur auf die „Heimatfront" richtete man das Augenmerk. Ebenso wichtig erschien die Stärkung der kämpfenden Truppe. Hier galten die Überlegungen in erster Linie dem Bemühen, Mittel und Wege zu finden, um den Kontakt zwischen Heimatgemeinde und Front aufrecht zu erhalten 8 .

a. Die Kundgebungen und Danksagungen Viel früher als erwartet fanden die von Marahrens ausgearbeitete Kanzelabkündigung und das von Schultz formulierte Gebet Verwendung. Denn der ich Sie hierdurch zum Mitglied des Geistlichen Vertrauensrates der Deutschen Evangelischen Kirche und gebe dabei der Hoffnung und dem Wunsche Ausdruck, daß der allmächtige Gott seinen Segen dazu geben möge, daß auch durch Ihre Mitarbeit die Deutsche Evangelische Kirche in der Kraft des Glaubens und der Liebe in einmütiger Entschlossenheit und Hingabe unserem deutschen Volke in ernster und entscheidungsschwerer Zeit den Dienst tue, der ihr damit befohlen ist, daß ihr das Evangelium anvertraut ist" (EZA BERLIN, 1/A 4/567, BL. 1). 5

G B 1 D E K 1939, S. 97; KJ 1 9 3 3 - 4 4 , S. 4 5 2 f.

7

Schultz-„Pro memoria" vom 1.9.1939 (LKA SCHWERIN, GVR-Handakten Schultz, II/3).

8

EBD.

« EBD.

Kriegsbeginn! — „Verpflichtung der evangelischen Kirche"

69

„Ernstfall", am 30. August noch Gegenstand theoretischer Erwägungen, war seit den Morgenstunden des 1. September zur Realität geworden: Hitler hatte den Zweiten Weltkrieg entfesselt9. Ganz unter dem Eindruck dieses Geschehens fand am 2. September ein erneutes Zusammentreffen der Vertrauensratsmitglieder statt. Im Mittelpunkt der Sitzung stand zwangsläufig die Frage, wie die evangelische Kirche auf den Beginn des Krieges reagieren sollte. Angesichts der gebotenen Eile kamen die Vorlagen von Marahrens und Schultz gerade recht. Nach einer gemeinsamen Überarbeitung wurden sie zusammen mit einem „Aufruf der deutschen Evangelischen Kirche" zur Veröffentlichung bestimmt. Vier Tage später erschienen diese Verlautbarungen im Gesetzblatt der DEK 10 . Der Vertrauensrat reihte sich mit seinem Wort in eine Vielzahl von Erklärungen ein, die anläßlich des Kriegsbeginns herausgegeben wurden 11 . Doch anders als das Gros dieser Stellungnahmen wollte der Vertrauensrat nicht bloß für eine bestimmte Gruppe oder einen Teil der Kirche sprechen, sondern für die gesamte evangelische Christenheit Deutschlands. Wie unzureichend dieses Gremium aufgrund seiner disparaten Zusammensetzung dazu in der Lage war, läßt sich deutlich an diesen ersten öffentlichen Verlautbarungen zeigen. So atmet das von Marahrens entworfene Wort „an die Gemeinden der Deutschen Evangelischen Kirche" 12 einen anderen Geist als das von Schultz erstellte Kirchengebet 13 . Geprägt von dem Bewußtsein, daß die Fürbitte für Volk und Vaterland schon immer zu den Anliegen der evangelischen Kirche gehörte, kann Marahrens auch für die gegenwärtige Kriegssituation sagen, daß dieses immer so „bleiben" [wird], solange evangelische Männer und Frauen aus dem nie versiegenden Quell ihres Glaubens schöpfen". Das Wort „Glauben" bildet den Zentralbegriff. Denn ihm entspringt nicht nur die Fürbitte für den Staat, sondern er hilft auch schwere Zeiten durchzustehen: „Wer seine Bibel, seinen Katechismus und sein Gesangbuch kennt und aufzuschlagen weiß, wird dort unter allen Erschütterungen der Zeit die Kraft finden zu allem, was uns auferlegt wird" — wenn es nötig sein sollte, sogar die Kraft zum Sterben für das Vaterland. Doch mit dieser Formulierung ist für Marahrens eine unüberschreitbare Grenze erreicht. ' K.D. ERDMANN, Zeit, S. 491-503. Vgl. auch die dortigen Literaturhinweise zur Geschichte des 2. Weltkriegs. Zum Forschungsstand: A. HILLGRUBER, Entstehung. 10 GB1DEK 1939, S. 99-101; KJ 1933-44, S. 453 ff. 11

12

V g l . G . BRAKELMANN, K i r c h e , S . 1 2 6 - 1 3 5 .

GB1DEK, 1939, S. 100; KJ 1933-44, S.453. - In den Archiven in Berlin und Schwerin lassen sich Vorformen nachweisen: Während der in Schwerin befindliche Durchschlag (LKA SCHWERIN, GVR-Handakten Schultz, II/3) keine Bearbeitungsspuren aufweist, sind an dem Berliner Exemplar (EZA BERLIN, 1/A 4/567, BL.3) Änderungen vorgenommen worden. So wurde im vierten Abschnitt der letzte Satz um die Formulierung „ . . . und uns unter Gottes Hand demütigen, damit er uns erhöhe zu seiner Zeit" gekürzt — offensichtlich wurde ein Begriff wie „Demut" als unpassend betrachtet. » GB1BEK 1939, S. 101; KJ 1933-44, S.454.

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Der Vertrauensrat am Beginn des Krieges

Schultz hingegen kann in seinem Gebet Christi Sterben als „Vorbild" hochstilisieren, „wie erst in dem Einsatz des Lebens sich die Liebe bewährt und vollendet". Anschließend fährt er fort: „[Gott], nimm gnädig und freundlich an auch unser Opfer der Liebe und der Treue für unser Volk, unsere Hingabe und all unseren Dienst an der Front und daheim." Während Marahrens also durchaus streng zu trennen vermag zwischen dem Glauben als Kraftquelle und dem daraus folgenden Handeln in der Welt, parallelisiert Schultz das Opfer in der Welt mit dem Opfertod Christi. Die Welt selbst will für ihn in einer Weise gedeutet werden, daß bestimmten Ereignissen eine Heilsbedeutung eigen ist. So formuliert er: „Noch in jüngster Vergangenheit hast Du uns aufstehen lassen aus Schmach und Not durch die Tat des Führers, den Du uns gabst." Schultz geht sogar noch weiter: Nicht nur einzelne historische Ereignisse werden religiös gedeutet, sondern die Sache des eigenen Volkes erhält eine religiöse Dimension: „In allem Dienst laß uns treu sein in der Erkenntnis, daß niemand Dir treu sein kann, der nicht seinem Volke bis zum Letzten die Treue zu halten vermag." Hier wird das Volk zum Götzen und — so lautet der gefährliche Umkehrschluß — Gott zu einer Funktion der Liebe zum eigenem Volk. Angebetet wird hier letztlich die deutsche Sache. Alle theologischen Aussagen werden zu Requisiten, um der eigenen Hoffnung Ausdruck zu geben. So erstarrt das Gebet zu einer leeren Hülle, die nur noch dazu dient, den eigenen Wünschen eine angemessene und traditionelle Form zu verleihen. Der „Geist von 1914" 1 4 und die nationalsozialistische Propagandasprache vereinigen sich hier zu einer Synthese, die die Grenzen theologisch möglicher Reflexion überschreitet 15 . Anders als bei dem Wort an die Gemeinden und bei dem Gebet handelt es sich bei dem „Aufruf der Deutschen Evangelischen Kirche" 1 6 nicht um ein vorbereitetes Dokument, sondern er entstand erst während der GVRSitzung am 2. September 1939. Im Vokabular erweist sich der Aufruf dem von Schultz entworfenen Gebet nahestehend, thematisch hingegen finden sich eher Ähnlichkeiten zu der von Marahrens entworfenen Kanzelabkündigung. Redet Marahrens in der von ihm verfaßten Kanzelabkündigung in traditioneller Weise davon, daß das deutsche Volk „aufgerufen [ist], für das Land seiner Väter, für seine Freiheit und seine Ehre zu den Waffen zu greifen", so 14 Vgl. K. ARPER/A. ZILLESSEN, Agende. — Zur Definition und zur theologischen Adaption des Begriffs „Geist von 1 9 1 4 " W. PRESSEL, Kriegspredigt, insbes. S. 11-22. 15 Neben traditionellen Werten wie „Pflicht", „Hingabe", „Kampf für die Ehre, für die Freiheit", wird der Krieg auch als ein Kampf um „den Lebensraum des deutschen Volkes und sein B r o t " hochstilisiert. Zur Verwendung der „Lebensraumpropaganda" vgl. J. SYWOTTEK, Mobilmachung, S. 180-185. 16 GB1DEK 1939, S.99; KJ 1 9 3 3 - 4 4 , S.453. — Zu diesem Aufruf existiert eine „Vorstufe" ( L K A SCHWERIN, GVR-Handakten Schultz, II/3). Vom Vokabular her erweist sich die Endfassung als eine abgeschwächte Form.

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übernimmt der Aufruf sein Vokabular aus der nationalsozialistischen Propagandasprache17: „Seit dem gestrigen Tag steht unser deutsches Volk im Kampf für das Land seiner Väter, damit deutsches Blut zu deutschem Blute heimkehren darf." Während Marahrens von „dem Schatz seines [sc.: Gottes] ewigen Wortes", der „immer von neuem stärkt", spricht, ist im Aufruf davon die Rede, daß die deutsche evangelische Kirche immer „zu den Waffen aus Stahl . . . unüberwindliche Kräfte aus dem Worte Gottes gereicht" hat. Unsicher ist jedoch, ob dieser Aufruf auf die Initiative des Vertrauensrates zurückzuführen ist. Denn der Bericht des Chefs der Sicherheitspolizei und des SD „über die gegenwärtige politische Haltung der Kirchen und Sekten" 18 vom 20. Oktober 1939 hält zu der Entstehungsgeschichte dieses Aufrufes fest: „Unter dem Einfluß des Reichskirchenministeriums und auf Druck des Oberkonsistorialrates Ellwein hin, der erklärte, daß der Generalstab die Einigung der evangelischen Kirche dringend wünsche, kam schließlich der erwähnte Aufruf zustande." Ob diese Auffassung den Tatsachen entspricht, läßt sich nicht mehr sicher sagen. Doch erscheint es nicht ausgeschlossen, daß Kerrl wiederum — wie auch schon bei der Vorlage der „Grundsätze" — hoffte, durch vorweisbare positive Ergebnisse bei den Einigungsbemühungen der evangelischen Kirche neue „Vollmachten" zu bekommen 19 . Jedenfalls bemühte er sich auffallend um eine möglichst große Verbreitung des Aufrufs und regte sogar an, diesen „am Schluß des Gottesdienstes am Kirchenausgang für die Gottesdienstbesucher verteilen zu lassen" 20 . Auch wenn es zumindest teilweise gelungen scheint, die Urheberfrage für die einzelnen Dokumente zu klären, so löst das noch nicht die Frage der Verantwortung für diese Veröffentlichungen zu Kriegsbeginn. Zwar erklärt die Urheberfrage die bereits häufig festgestellten Spannungen zwischen den ein17 Anders als im Gebet ist im Aufruf das Vokabular aus der „Volkstumspropaganda" übernommen. Vgl. hierzu J. SYWOTTEK, Mobilmachung, insbes. S. 1 2 8 - 1 3 3 (Vorbereitung der Annexion Österreichs, die unter dem Motto „Volk will zu Volk" lief), sowie S. 1 4 9 - 1 5 3 und S. 2 0 9 - 2 3 3 : Zur Vorbereitung der Besetzung der Tschechoslowakei bzw. des Angriffs auf Polen wurden jeweils Ausschreitungen gegen die deutschen Volksgruppen für die propagandistische Vorbereitung der kriegerischen Aktionen in Zeitung, Film und Rundfunk ausführlich beschrieben und kommentiert. 18 Beilage zum Brief vom 2 0 . 1 0 . 1 9 3 9 von Heydrich an Lammers (BA KOBLENZ, R 4 3 II/ 169a, Bl. 13-31). 19 Brief von Kerrl an Stapel vom 6 . 9 . 1 9 3 9 . Nur vier Tage nach der Abfassung des Aufrufes äußerte Kerrl, daß nur eine erfolgreiche Arbeit des Vertrauensrates „dem Führer die Berechtigung geben kann, uns Vollmachten in der von uns gewollten Richtung zu geben" ( E Z A BERLIN, 1/A 4 / 1 7 4 , Bl. 5 6 - 6 3 ; H . - G . SERAPHIM, Tagebuch, S. 180-185). 2 0 Brief von Kerrl an den Präsidenten der Kirchenkanzlei vom 2 1 . 9 . 1 9 3 9 . Kerrl unterbreitet seinen Vorschlag unter Bezugnahme auf einen an ihn gerichten Vorschlag. Kerrl: „Diese Anregung erscheint mir nicht unbeachtlich" ( E Z A BERLIN, 1/A 4 / 5 6 7 , Bl. 16f.).

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zelnen Teilen21, entlastet jedoch keinen der GVR-Mitglieder von der Verantwortung für die gesamte Verlautbarung. Denn mit ihrer Unterschrift haben sich die Vertrauensmitglieder jeweils alle Teile der Erklärung zu eigen gemacht 22 . Stellvertretend für die evangelische Kirche hatte sich der Vertrauensrat durch seine Verlautbarung voll und ganz zur Kriegspolitik der nationalsozialistischen Führung bekannt und zugesichert, daß die Kirche ihren Teil zur Kriegsbewältigung beitragen wolle. Zwar mag den Verfassern zugute gehalten werden, daß manche Formulierung unter dem Eindruck des Kriegsbeginns gewählt wurde, doch belegen gleichzeitige Äußerungen von Marahrens, Hymmen und Schultz, daß die in diesen Veröffentlichungen zum Ausdruck gekommene Treue zur NS-Führung den tatsächlichen Uberzeugungen aller GVR-Mitglieder entsprach23. Andererseits wird aber an diesen Erklärungen auch deutlich, daß auch die gemeinsame unkritische Sicht des Krieges die theologischen Diskrepanzen in der Deutung des Krieges nicht zu überdecken vermochte. > Vgl. H. BAIER, Kirche, S. 279; E. KLÜGEL, Landeskirche, S. 403. E. KLÜGEL, Landeskirche, S.403, weist unter Bezug auf eine Mitteilung von Brunotte darauf hin, daß die meisten Aufrufe von Hymmen verfaßt wurden. Dieses ist sachlich zwar richtig: Schon im Juni 1940 äußerte Marahrens in einer Vollsitzung des Landeskirchenrates in München, daß nicht alle Aufrufe vom gesamten Vertrauensrat formuliert worden sind: „Gewisse Bedenken gegen gewisse Formulierungen bestehen". Marahrens fügte jedoch hinzu: „Die Gesamtverantwortung trägt aber der Vertrauensrat" (LKA NÜRNBERG, N L Meiser, Nr. 106). J. THIERFELDER, Einigungswerk, S. 20, Anm. 77, der den Verteidungsversuch von Klügel zurückweist, erhält also hierfür von Marahrens selbst Rückendeckung. 2 3 So veröffentlichte Marahrens in seinem „Wochenbrief" vom 6.9.1939 (diese „Wochenbriefe" befinden sich im LKA HANNOVER, L II, Nr. 15, Bd. 1-11; ein Exemplar auch im Besitz des Vf. Bei den weiteren Erwähnungen wird auf den Nachweis des Fundortes verzichtet) nochmals den Aufruf und die Kanzelabkündigung. Bezeichnenderweise verzichtete er aber darauf, auch das Gebet mitzuteilen. Ein von ihm verfaßtes Gebet hatte er bereits in seinem Wochenbrief vom 1.9.1939 den hannoverschen Pastoren übermittelt. G. BRAKELMANN, Kirche, S. 141, urteilt zu Recht: „Im ganzen aber wird es unverständlich bleiben, daß derselbe Marahrens, der diesen [Wochen-JBrief geschrieben und das dort wiedergegebene Gebet vorgeschlagen hat, Mitunterzeichner der Verlautbarung des Geistlichen Vertrauensrates ist. Auch wenn es hier und da sprachliche Anklänge zum Gebet des Rates gibt, formuliert Marahrens hier und an anderen Stellen theologisch bedeutend inhaltsvoller." Hymmen äußerte sich am 19.11.1939 in einem Artikel für DAS Ev. DEUTSCHLAND 16,1939, S.355f.: .Jetzt aber steht unser Volk und steht die christliche Gemeinde mit ihm wieder in einem gemeinsamen Erlebnis. Unser Volk ist aufgerufen zum entscheidenden Kampf um seine Zukunft..." Schultz verlieh seinem Bekenntnis zum NS-Staat nochmals am 4.9.1939 in einen Rundbrief an die mecklenburgischen Pfarrer Ausdruck (LKA SCHWERIN, GVR-Handakten Schultz, II/3): Der GVR sei aus der „Erkenntnis heraus zusammengetreten, daß angesichts des gemeinsamen Schicksals, unter dem wir als Glieder der deutschen Nation ohne Ansehen unserer kirchenpolitischen Einstellung stehen, mit innerer Notwendigkeit um unseres Volkes und Reiches willen ein vertrauliches Zusammenstehen aller erforderlich ist, die mit Christus aus der Kraft seines Evangeliums in Vollmacht unserem geliebten deutschen Volke dienen möchten." 2

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Die Reaktionen auf den Aufruf, die Kanzelabkündigung und das Gebet waren höchst unterschiedlich. Während zahlreiche landeskirchliche Amtsblätter das Wort „An die Gemeinden der Deutschen Evangelischen Kirche" veröffentlichten, wurden der Aufruf und das Gebet weit weniger häufig abgedruckt 24 . Was tatsächlich im Gottesdienst verlesen wurde — in Bayern beschränkte man sich z.B. auf die Kanzelabkündigung 25 —, läßt sich im Einzelfall kaum noch feststellen. Doch dürfte das Gebet kaum eine große Verbreitung gefunden haben. Ahnlich verhielt es sich mit der Kirchenpresse. Während die Kanzelabkündigung in zahlreichen Zeitschriften abgedruckt wurde, veröffentlichten nur wenige Blätter auch den Aufruf und das Gebet 26 ·. Die Tagespresse nahm hingegen auf Veranlassung des Propagandaministeriums den „Aufruf der Deutschen Evangelischen Kirche" nicht einmal zur Kenntnis. Enttäuscht notierte sich Schultz: „Keine V[er]ö[ffentlichung] in der Presse erfolgt. Warum weiß man nicht" 27 . Dabei war gerade dieser Aufruf in Form und Sprache so konzipiert worden, daß er auch geeignet schien, gegenüber einer breiten Öffentlichkeit die Treue der evangelischen Kirche zum nationalsozialistischen Staat und seiner Politik auszudrücken. Bereits drei Wochen, nachdem der Vertrauensrat sich erstmalig mit einem Wort an die evangelischen Christen gewandt hatte, sah er sich erneut veranlaßt, mit einer Kanzelabkündigung hervorzutreten. Diese wurde am 28. September unter dem Titel „Kanzelabkündigung zum Erntedankfest 1939" veröffentlicht 28 . Doch lieferte das Thema „Ernte" allenfalls das Stichwort, um sich unter Verwendung dieses Begriffs mit der deutschen Sache, die sich so hervorragend entwickelte, zu beschäftigen. Nach einem Satz des Dankes für die „reiche Ernte in den Scheunen" war nur noch von „einer anderen, nicht minder reichen Ernte" die Rede: dem positiven Kriegsverlauf. Der Heeresbericht und die NS-Propagandasprache lieferten die Stichworte für die theologische Deutung der Kriegsereignisse. Der „schnelle Sieg" der deutschen Waffen wurde ebenso dem Wirken Gottes zugeschrieben, wie die Heimkehr ,,uralte[n] deutsche[n] Boden[s] zum Vaterland" und die Befreiung der „deutschen Brüder". Das „jahrzehntealte Unrecht", die 24 Z.B.: Hannover (Wort und Gebet); Baden (Wort und Gebet), Schleswig-Holstein (Wort und Gebet), Sachsen (Wort), Bayern (Wort), Württemberg (Wort). 25

H . BAIER, Kirche, S. 2 7 9 .

26

DEUTSCHES PFARRERBLATT 4 3 , 1 9 3 9 , S . 7 4 6 ; POSITIVES CHRISTENTUM 5 , 1 9 3 9 , N r . 3 8 / 3 9 ,

Ausgabevoml7.9.1939,undDiENAriONALKiRCHE8,1939, S. 391, veröffentlichten alle nur das Wort an die Gemeinde, D A S EV. DEUTSCHLAND 1 6 , 1 9 3 9 , S. 2 9 7 druckte dieses gar nur auszugsweise ab. D I E CHRISTLICHE WELT sah ganz von der Veröffentlichung des GVR-Wortes ab. Einzig die JUNGE KIRCHE 7 , 1 9 3 9 , S. 7 5 9 - 7 6 1 druckte die gesamte Veröffentlichung des Vertrauensrates. 27 Handschriftliches Protokoll von Schultz; wahrscheinlich GVR-Sitzung vom 7.9.1939 (LKA SCHWERIN, GVR-Handakten Schultz, II/3). 28 GB1DEK 1939, S. 109 f.; KJ 1933-44, S. 45 f.

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Folgen des Versailler Vertrages, sind „durch das Geschenk Seiner Gnade zerbrochen und die Bahn freigemacht . . . für eine neue Ordnung der Völker, für einen Frieden der Ehre und Gerechtigkeit". Korrespondierend mit dieser geschichtstheologischen Reflexion und der Danksagung an das Wirken Gottes findet sich aber auch der „Dank gegen alle, die in wenigen Wochen eine solche gewaltige Wende herbeigeführt haben": Die Generale und Soldaten werden genannt, aber allen voran gebührt dem „Führer" die Dankbarkeit. Noch mehr als in dem Gebet vom 2. September ist es hier die Kriegstheologie des 1. Weltkrieges, die die Diktion dieser Kanzelabkündigung bestimmt. Es ist der Gott in der Geschichte, dem, losgelöst von jeder dogmatischen Kontrolle, Dank gesagt wird. So schließt diese Abkündigung mit den bezeichnenden Worten: „Wir loben Dich droben, Du Lenker der Schlachten, und flehen, mögst stehen uns fernerhin bei" 2 9 . A m selben Tag, als diese Kanzelabkündigung die Billigung aller drei Vertrauensratsmitglieder fand, ermahnte Marahrens in seinem Wochenbrief die hannoverschen Pastoren, sich bei ihrer Predigt der Gefahren der Gegenwart bewußt zu sein. Sowohl die Verkündigung des Evangeliums als auch die Ereignisse der Zeit dürfen nicht aus dem Blickfeld geraten. „Mir steht nur fest, daß wir gerade jetzt nicht zentral genug predigen können. Die ewige, für alle Zeiten geltende Christuswahrheit muß immer Mittelpunkt und Ziel unserer Verkündigung sein". Erst „vom Zentrum her" ergibt sich die Gewähr, „daß alles, was unsere Herzen bewegt . . . im Lichte der Offenbarung steht. Darauf kommt es an" 3 0 . Von dieser Basis kommend, war es ihm auch möglich, den Ereignissen der Gegenwart — dem „Stolz auf die unvergleichlichen Waffensiege", der „Freude über die Heimkehr der deutschen Brüder", aber auch der „Trauer über die Gefallenen" — eine angemessene Rolle in der Verkündigung zuzumessen. Die Diskrepanz zwischen der Kanzelabkündigung und dem Wochenbrief kann kaum größer gedacht werden. Unverständlich wird nur bleiben, wie es Marahrens möglich war, diesen tiefen Graben zu überschreiten. Auch wenn man zugute hält, daß er selbst um das Ungenügen des GVR-Wortes wußte 31 , so muß er sich doch den Vorwurf gefallen lassen, daß er offensichtlich bereit 29 Wie sehr diese Formulierung in Anlehnung an die Kriegsgebete des 1. Weltkrieges formuliert wurde, zeigt ein Blick in die Kriegsagenden dieser Zeit (vgl. z.B. K. ARPER/A. ZILLESSEN, Agende, S. 100 f.). Vgl. auch die Ordnung einer DC-Gemeinde für einen Dankgottesdienst nach dem siegreichen Frankreichfeldzug — hier kehren bezeichnenderweise genau die Formulierungen wieder, die der G V R in seinem Wort zum Erntedankfest gebrauchte (KJ 1933—44, S. 468 f.). 30 Wochenbrief Marahrens' vom 26.9.1939. 31 Dafür könnte z.B. sprechen, daß er in seinem Wochenbrief vom 26.9.1939 eine eigene ausführliche Meditation zum Erntedankfest lieferte. Diese hat mit der vom G V R verabschiedeten nichts gemein. Der Tenor der ganzen Betrachtung, die jeden gewollt aktuellen Bezug zu vermeiden suchte, ist ganz erfüllt von dem Dank gegen Gott, dem es zu danken ist, daß trotz der Zeitumstände eine reiche Ernte eingebracht werden konnte.

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war, für die Demonstration loyaler Haltung gegenüber dem Staat einen hohen Preis zu zahlen. Was für Marahrens einem Stück Selbstverleugnung gleichkam, dokumentierte die ehrliche Uberzeugung von Schultz 32 und — mit Einschränkungen — auch diejenige von Hymmen 3 3 . Einheitlich hatten die Landeskirchen dem Geistlichen Vertrauensrat die Kompetenz zugestanden, im Kriegsfall für die D E K zu reden 34 . Dieser Aufgabe versuchte der Vertrauensrat — bei aller theologischen Fragwürdigkeit der Ergebnisse — nachzukommen; nicht aus Opportunismus, sondern aus ehrlicher Uberzeugung. Denn trotz aller theologischen und kirchenpolitischen Diskrepanzen war, wie für die meisten Christen dieser Zeit, eine loyale Haltung gegenüber dem Staat, zumal in Krisenzeiten, selbstverständlich 35 . Doch anders als etwa zu Beginn des 1. Weltkrieges erfolgte auf die Loyalitätsbekundungen keinerlei offizielle Reaktion des Staates. Im Gegenteil: wie erwähnt, wurde es den Tageszeitungen durch das Propagandaministerium sogar verboten, die kirchlichen Erklärungen zum Kriegsbeginn überhaupt zu erwähnen 36 . Der nationalsozialistische Staat dokumentierte auf diese Weise sein deutliches Desinteresse an jeglicher kirchlicher Unterstützung bei der Kriegsführung. Ahnlich erging es dem Vertrauensrat mit einem „Dank- und Gedächtnisgottesdienst", der am 8. Oktober 1939 „aus Anlaß des siegreichen Abschlusses des polnischen Feldzuges" im Berliner Dom stattfand 37 . Zu diesem auf Vorschlag von Kirchenminister Kerrl angesetzten Gottesdienst 38 — die Predigt hielt denn auch der Kerrl-Intimus Theodor Ellwein — wurde auch die gesamte Prominenz aus Staat, NSDAP und Wehrmacht eingeladen 39 . Doch 3 2 Vgl. hierzu den Rundbrief von Schultz an die mecklenburgischen Pastoren anläßlich des Kriegsbeginns ( L K A SCHWERIN, GVR-Handakten Schultz, II/3). 3 3 Vgl. hierzu Äußerungen von H y m m e n auf der Versammlung von Vertretern der kirchlichen Verwaltung und des kirchlichen Lebens der Ev. Kirche der altpreußischen Union am 1 0 . 8 . 1 9 3 9 ( L K A NÜRNBERG, N L Meiser, N r . 31). 3 4 Protokoll der Landeskirchenführerkonferenz am 2 9 . 8 . 1 9 3 9 ( E Z A BERLIN, 1/A 4 / 5 7 3 , Bl. 18 f.) und Bekanntmachung betr. Bildung eines geistlichen Vertrauensrates für die D E K , unterzeichnet von Werner ( G B l D E K 1939, S.97; KJ 1 9 3 3 - 4 4 , S.452f.). 3 5 Vgl. hierzu K. MEIER, Kirchenkampf, Bd. 3, S. 102. 3 6 Eingabe des G V R an Hitler v o m 3 0 . 4 . 1 9 4 1 mit Materialanhang über die Maßnahmen des nationalsozialistischen Staates gegen die evangelische Kirche (BA KOBLENZ, R 43 U / 1 7 2 , Bl. 3 - 2 0 ) . 3 7 Text der Einladungskarte v o m 4 . 1 0 . 1 9 3 9 . Außerdem wurde in fast allen bedeutenden Berliner Zeitungen mit Anzeigen auf den Dankgottesdienst hingewiesen ( E Z A BERLIN, 1/C 3/213). 3 8 Vermerk Werners vom 2 . 1 0 . 1 9 3 9 über einen Anruf aus dem Kirchenministerium

(EBD.). 3 9 Die Einladungsliste liest sich wie ein „ G o t h a " des „Dritten Reiches". U.a. wurden eingeladen: Neben Hitler die Reichsminister Göring, Heß, Ribbentrop, Frick, Funk, Seldte, Gürtner, Darré, Goebbels, Rust, Lammers, Frank und Schacht. Ferner wurden sämtliche

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lediglich Kerrl und Finanzminister Schwerin von Krosigk erschienen40, während der Großteil der übrigen NS-Führungsspitze es nicht einmal für nötig hielt, auf die Einladungen zu reagieren, und auf diese Weise zum Ausdruck brachte, daß staatlicherseits keinerlei Interesse an dererlei patriotischen Bekundungen der evangelischen Kirche bestand 41 .

b. Die „seelische Mobilmachung" Einen weiteren Schwerpunkt seiner Arbeit sah der Vertrauensrat in der Sicherstellung der seelsorgerischen Betreuung von Heimat und Wehrmacht während des Krieges. Marahrens sprach also durchaus auch im Sinne von Schultz und Hymmen, wenn er den hannoverschen Pastoren mitteilte, „daß sich die Arbeit des . . . geistlichen Vertrauensrates nicht in der Abfassung solcher Worte erschöpfen" dürfe. Vielmehr müsse sich „das Gremium sofort vor die umfassende Frage gestellt sehen, wie in der Deutschen Evangelischen Kirche unter Einsatz aller Kräfte der Verkündigung des Wortes und der Seelsorge möglichst weiter Raum gegeben werden kann, . . . damit in Zeiten, die über Leben und Sterben eines Volkes entscheiden und uns alle zu restloser Einsatzbereitschaft für Volk und Führer aufrufen, keine Kraft brach liegt. Alles kommt darauf an, daß die Substanz des Evangeliums angeboten und vorgelebt wird" 42 . Doch bevor überhaupt an eine inhaltliche Umsetzung dieses Anliegens gedacht werden konnte, galt es die äußeren Voraussetzungen dafür zu schaffen. Denn am 2. September erreichte den Präsidenten der Kirchenkanzlei ein Schreiben aus dem Propagandaministerium, in dem dieser ohne Angabe von Gründen aufgefordert wurde, binnen drei Tagen eine Einstellung der evangelischen Presse zu veranlassen43. Die Erfüllung dieser Forderung hätte nicht nur den Informationsfluß in der evangelischen Kirche wesentlich eingeschränkt, sondern ihr eines der wichtigsten Instrumente der Seelsorgearbeit genommen. Denn die evangelische Presse, die zu Beginn des Krieges noch Staatssekretäre und eine große Anzahl der Reichsleiter (u.a. Bormann, Bouhler, Himmler, Lutze, Ley, Rosenberg, v. Schirach) und die gesamte Wehrmachtsführung eingeladen. 40

41

V g l . d i e Z e i t u n g s n o t i z e n v o m 9 . 1 0 . 1 9 3 9 (EBD.)

Als Kontrast vgl. hierzu die Ausführungen zum „Tag von Potsdam" (K. SCHOLDER, Kirchen, Bd. 1, S. 277-299). 42 Wochenbrief Marahrens' vom 6.9.1939. 43 Eingabe des GVR an Hitler vom 30.4.1941: In diesem Schreiben wird ein „Geheimerlaß des Propagandaministeriums" erwähnt, durch den die DEK aufgefordert wird, die gesamte evangelische Presse stillzulegen (BA KOBLENZ, R 43 II/172, Bl. 3-20). Ein Hinweis auf diesen „Geheimerlaß' ' findet sich auch in dem Schreiben von Schultz an einen ihm bekannten General Kauffmann vom 12.9.1939 (LKA SCHWERIN, GVR-Handakte Schultz, II/3). Das entsprechende „Geheimschreiben" ließ sich allerdings nicht ausfindig machen.

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ungefähr 12 bis 14 Millionen Leser erreichte 44 , vermittelte nicht nur Informationen aus dem kirchlichem Leben, sondern stellte zur seelsorgerischen Betreuung von Alten, Kranken und anderweitig am Kirchgang Verhinderten ein fast unentbehrliches Medium dar. Dieses war um so wichtiger, als zahlreiche Gemeinden schon unmittelbar nach Kriegsbeginn ihre Pastoren in Folge von Einberufungen verloren hatten, und es sich nicht immer als möglich erwies, eine angemessene Vertretung sicherzustellen. Ahnlich gravierend hätte eine Einstellung der kirchlichen Presse die Soldatenseelsorge getroffen. Denn gerade für den intensiven Kontakt zwischen Heimatgemeinde und Front schien der Versand von kirchlichen Zeitschriften und Gemeindeblättern ein geeignetes Mittel zu sein, da die noch im Gemeindedienst tätigen Pfarrer durch Vakanzvertretungen so sehr in Anspruch genommen wurden, daß sich ein persönlicher Schriftwechsel nicht in jedem Fall als möglich erwies. Insofern können die intensiven Bemühungen, die die Kirchenkanzlei und der Geistliche Vertrauensrat in den nächsten Tagen zur Erhaltung der kirchlichen Presse unternahmen, wahrlich nicht verwundern. Am 6. September 1939 kam es zu einer Besprechung zwischen Vertretern des Propagandaministeriums, des Kirchenministeriums und der Kirchenkanzlei 45 , bei der von Seiten des Propagandaministeriums erneut die Forderung nach Einstellung der kirchlichen Presse erhoben wurde. Stattdessen sollten Genehmigungen für die Einrichtung von fünf neuen Blättern erteilt werden, um so alle Bereiche des kirchlichen Lebens abzudecken 46 . Der Vertrauensrat, dem dieser Vorschlag zur Beratung vorgelegt wurde, lehnte einen so drastischen Eingriff in die evangelische Presse ab 47 . Selbst der Kirchenminister wandte sich gegen eine derart rigorose Reduzierung der kirchlichen Presse und empfahl, am vorhandenen Zeitschriftenbestand festzuhalten. Er ließ dem Geistlichen Vertrauensrat sogar die Mitteilung aus der Reichskanzlei zukommen, daß das Propagandaministerium gegenüber kirchlichen Stellen überhaupt kein unmittelbares Weisungsrecht besitze 48 . 4 4 Diese von H. BRUNOTTE, Auswirkungen, S. 211, angestellte Schätzung erscheint realistisch. In einem geheimen Rundschreiben von Bormann vom 6 . 6 . 1 9 4 0 (F. ZIPFEL, Kirchenkampf, S. 4 9 7 - 5 0 1 ) wird die Gesamtauflagenzahl evangelischer Periodika für den Stichtag 1 . 4 . 1 9 4 0 immer noch mit 9.806.000 angegeben; mit mehreren Lesern jeder Ausgabe muß gerechnet werden. 4 5 Eine Rekonstruktion der Besprechung ist möglich aufgrund eines Briefes der Kirchenkanzlei vom 7 . 9 . 1 9 3 9 , wahrscheinlich an Goebbels gerichtet ( L K A SCHWERIN, GVRHandakten Schultz, II/3). 4 6 Die Pläne des Propagandaministeriums lassen sich aus folgenden Dokumenten ohne weiteres rekonstruieren: Tagesbericht des Lutherrates vom 6 . 9 . 1 9 3 9 ( L K A HANNOVER, D 15 III Nr. 163); Briefentwurf vom 8 . 9 . 1 9 3 9 (LKA SCHWERIN, GVR-Handakten Schultz, II/3); handschriftliches Protokoll von Schultz — wahrscheinlich GVR-Sitzung v o m 7 . 9 . 1 9 3 9 (EBD.) und Brief von Schultz an General Kauffmann vom 1 2 . 9 . 1 9 3 9 (EBD.). 47

EBD.

48

EBD.

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Das Ergebnis der GVR-Beratungen wurde dem Propagandaministrium am 7.9.1939 mitgeteilt49. In einer ungewöhnlich deutlichen Sprache wurde einerseits die Bereitschaft der evangelischen Kirche bekräftigt, auch ihren Teil zur Vereinheitlichung der Presse „im Interesse der Landesverteidigung" zu leisten, andererseits aber auch klar hervorgehoben, daß sich die DEK „schlechterdings nicht in der Lage [sähe], Maßnahmen ihre Unterstützung zu gewähren, von denen sie [wisse], daß mit ihnen das Gegenteil der beabsichtigten Wirkung erzielt" werde. Deshalb werde sich „eine Lösung empfehlen, die beiden Gesichtspunkten Rechnung trägt", die also sowohl den Interessen der Seelsorge, als auch dem Wunsche nach einer Vereinheitlichung der Presse entgegenkomme. Der Vorschlag der Kirchenkanzlei ging dahin, alle Zeitschriften — mit Ausnahme der theologischen Fachzeitschriften und acht weiterer, als besonders „wertvoll" eingestufter Zeitschriften — stillzulegen und stattdessen 16 neue Zeitschriften, die alle Gebiete des kirchlichen Lebens abdecken sollten, zu genehmigen50. Uber die Verhandlungen mit dem Propagandaministerium hinaus wandte sich der Vertrauensrat mit seinem Anliegen auch an die militärische Führung der Wehrmacht: „Der Vertrauensrat der Deutschen Evangelischen Kirche", so schrieb Schultz am 12. September 1939 im Auftrag des Vertrauensrates an das Oberkommando des Heeres51, müsse „aus seiner Verantwortung vor Gott und Volk heraus folgendes erklären: Er sieht in der geplanten Maßnahme eine Aktion, die in ihrer Auswirkung geeignet ist, den Widerstandswillen des Volkes zu lähmen und den Glauben an die guten Absichten der Regierung zu erschüttern . . . Aufgrund vorliegender Erfahrungen ist der Vertrauensrat zu seinem Bedauern nicht in der Lage, an die Sachlichkeit der geplanten Maßnahme zu glauben und bittet deshalb das Oberkommando des Heeres im Interesse der Erhaltung des inneren Friedens um Schutz". Das war eine deutliche Absage an den geplante Pressekahlschlag. Zwei Tage später ging die Kirchenkanzlei sogar noch einen Schritt weiter. In einem von Werner unterzeichneten Schreiben wurde der Kirchenminister ersucht, sich für die Wiederzulassung der seit dem 1. April 1939 eingestellten kirchlichen Morgenfeiern einzusetzen 52 . Denn gerade in der Kriegszeit sei eine Wortverkündigung durch den Rundfunk von besonderer Wichtigkeit. Neben der christlichen Presse könne sie in einer Zeit, wo viele Pfarrer eingezogen seien, einen wesentlichen Beitrag zur seelsorgerischen Betreuung von Bevölkerung und kämpfender Truppe leisten. Geradezu fordernd schloß das Schreiben: „Wir wären dankbar, wenn bei dieser Gelegenheit auch erreicht würde, daß der Herr Reichsminister für Volksaufklärung und Propaganda « Vgl. oben Anm.45. 51

50

EBD.

Brief v o n S c h u l t z an G e n e r a l K a u f f m a n n v o m 1 2 . 9 . 1 9 3 9 (EBD.).

52 Brief vom 14.9.1939 (EBD.). Zum Bereich Kirche und Rundfunk vgl. auch G. BAUER, Rundfunkarbeit.

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wichtige kirchenamtliche Mitteilungen dem Rundfunk und auch der Tagespresse wie in früheren Zeiten wieder zugänglich macht". Das Ergebnis ihrer Bemühungen konnten die Mitglieder des Vertrauensrates durchaus mit Befriedigung betrachten 53 . Zwar kam es nicht zu einer Wiederaufnahme der kirchlichen Morgenfeiern — diese wurden trotz weiterer Bemühungen um ihre Zulassung erst wieder in den letzten Kriegswochen als ein Mittel zur Steigerung des Durchhaltewillens gesendet 54 . Doch es gelang, die Einstellung der christlichen Presse zu verhindern 55 . Im Geistlichen Vertrauensrat und in der Kirchenkanzlei vermutete man, daß die Reichskanzlei ihren Einfluß auf das Propagandaministerium geltend gemacht habe 56 . Diese Annahme wurde jedoch von der Reichskanzlei als „unrichtig" bezeichnet. Vielmehr sei „vom Reichsminister für Volksaufklärung und Propaganda die bei Kriegsbeginn beabsichtigte Zusammenlegung der kirchlichen Presse . . . auf Vorstellungen des Reichsministers für die kirchlichen Angelegenheiten schließlich unterblieben" 57 . Wie die weitere Entwicklung beweisen sollte, bedeutete dieses allerdings nur eine Galgenfrist bis zur Einstellung der kirchlichen Presse. Es ist wahrscheinlich, daß das Propagandaministerium von dem Versuch, die kirchliche Presse radikal zu beschneiden, lediglich aus momentanen Opportunitätsüberlegungen abließ, weil durch die geplanten Maßnahmen eine Beunruhigung weiter kirchlicher Kreise befürchtet werden mußte. Vorerst blieb also die kirchliche Presse, wenn auch eingeschränkt durch verminderte Papierzuteilungen 58 , als ein Mittel seelsorgerischer Betreuung erhalten. Zwar konnten hierdurch nicht die kriegsbedingt fehlenden Pastoren ersetzt werden, doch erwies es sich als möglich, in Verbindung mit dem

53 D a ß dieses in der Tat geschah, belegt auch die Andeutung in dem MarahrensWochenbrief v o m 26.9.1939: „Verhandlungen, die aufgenommen wurden, sind z u m Teil so erledigt, daß Gefahren, die eine ruhige Entwicklung bedrohten oder neue N ö t e heraufführten, abgewandt werden k o n n t e n . . . " In seinen Protokollnotizen zur GVR-Sitzung vom 2 6 . 9 . 1 9 3 9 ( L K A SCHWERIN, GVR-Handakten Schultz, II/3) notierte sich Schultz: „Schriftensache spielt sich gut ein". 5 4 G . BAUER, Rundfunkarbeit, S. 100. Vgl. auch Schreiben von Wieneke an das Propagandaministerium v o m 4 . 4 . 1 9 4 5 ( E Z A BERLIN, 2 / 3 0 6 , Bl. 140). Wieneke beschwerte sich darüber, daß alle christlichen Inhalte aus seiner Morgenansprache entfernt worden seien. Vielfach handelte es sich bei den Sendungen auch nur u m Zusammenschnitte alter Aufnahmen. 5 5 Schreiben ( „ G e h e i m " ) von Goebbels an die Kirchenkanzlei v o m 2 2 . 9 . 1 9 3 9 mit der Mitteilung, daß die geplanten Maßnahmen vorerst nicht durchgeführt würden ( E Z A BERLIN, 1 / C 3/339). 5 6 Eingabe des G V R an Hitler v o m 2 0 . 4 . 1 9 4 1 (BA KOBLENZ, R 43 11/172, Bl. 3-20). 5 7 Brief der Reichskanzlei an B o r m a n n v o m 7 . 6 . 1 9 4 1 (EBD., Bl. 22 f.). 5 8 Schreiben des Präsidenten der Reichsschrifttumskammer (Amann) vom 1.9.1939 mit der Anordnung, den Papierverbrauch sofort u m 50% zu senken ( E Z A BERLIN, 1/C 3/339).

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Der Vertrauensrat am Beginn des Krieges

kirchlichen Kleinschrifttum 59 wenigstens einen Teil der Härten in den Gemeinden aufzufangen. Bei der Betreuung der Wehrmachtsangehörigen war die Situation allerdings bedeutend schwieriger. So hatte die Vernachlässigung der Wehrmachtsseelsorge in den letzten Vorkriegsjahren dazu geführt, daß diese zu Beginn des Krieges völlig unzureichend organisiert und ausgerüstet war. Außer der Erfassung der Kriegspfarrer waren keine weiteren Maßnahmen für eine seelsorgerische Betreuung der Wehrmachtsangehörigen getroffen worden. Selbst ein Feldgesangbuch und eine Feldagende erschienen erst im Verlauf der ersten Kriegswochen; allerdings nur in einer inhaltlich äußerst dürftigen Form 6 0 . Wesentlich schwerwiegender als diese organisatorischen Mängel war jedoch der erklärte Wille der „weltanschaulichen Distanzierungskräfte" in Staat und Partei, die Kirche bei der Betreuung der Wehrmachtsangehörigen möglichst weitgehend auszuschalten. Da eine offizielle Ausschaltung der Wehrmachtsseelsorge, die ja als Teil der bewaffneten Macht fungierte, nicht ohne größeres Aufsehen möglich gewesen wäre, richteten sich die Aktivitäten dieser Kräfte zu Beginn des Krieges ganz auf die Unterbindung des Kontaktes zwischen den Heimatgemeinden und ihren Wehrmachtsangehörigen. Diese Absicht mußte zwangsläufig zu Interessengegensätzen mit dem Vertrauensrat führen, der ja gerade in der Organisation eines ausgeprägten Betreuungssystems auf dem Gebiet der Soldatenseelsorge eines seiner wesentlichen Anliegen erblickte. Bereits Mitte September rief der Vertrauensrat einen „Arbeitsausschuß für Schriftendienst" ins Leben. Aufgabe dieses Ausschusses, der am 1. Oktober seine Tätigkeit aufnahm, sollte die Koordinierung der Schrifttumsarbeit der einzelnen Landeskirchen und kirchlichen Verbände sein. Neben dem Erfahrungsaustausch war beabsichtigt, zu diesem Zweck Listen herauszugeben, die über Neuerscheinungen von „wertvollem Schrifttum für das Heer und die Heimat" informieren sollten 61 . 59 Kirchliches Schrifttum unterlag zwar auch der Anordnung 133 (vgl. dazu auch S. 218—231); diese war jedoch für die Dauer des Krieges ausgesetzt worden. Weitere, die Verteilung und den Druck von kirchlichem Kleinschrifttum behindernde Maßnahmen wurden erst 1 9 4 0 / 4 1 beschlossen. 60 M. MESSERSCHMIDT, Militärseelsorgepolitik, S. 51. — Eine schwache Verteidigung findet das Feldgesangbuch bei dem ehemaligen Wehrmachtsdekan A. SCHÜBEL, Soldatenseelsorge, S.91: „Seine Brauchbarkeit muß jedoch anerkannt werden." Allerdings bleibt die Frage: „Wozu brauchbar?", unbeantwortet. Denn ein Gesangbuch, das neben 56 Chorälen, die von sog. .Judaismen gereinigt" worden waren, auch 26 Lieder „soldatischen und vaterländischen Inhalts" („Nun laßt die Fahnen fliegen", „ O Deutschland hoch in Ehren"), enthielt, ist nicht nur nach heutigem Verständnis eine merkwürdige Zusammenstellung für ein kirchliches Gesangbuch. 61 Rundschreiben des G V R an die Landeskirchen vom 1 9 . 9 . 1 9 3 9 wegen der Einrichtung eines „Arbeitsausschusses für Schriftendienst" ( E Z A BERLIN, 1 / C 3 / 3 2 5 ) . Dr. Bartsch, der den

Rriegsbeginn! — „Verpflichtung der evangelischen Kirche"

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In dieselbe Richtung zielte ein Runderlaß, den der Präsident der Kirchenkanzlei am 28. September 1939 „im Einvernehmen mit dem Geistlichen Vertrauensrat" veröffentlichte. Durch diesen Erlaß wurden alle „Geistlichen der Deutschen Evangelischen Kirche' ' aufgefordert, einen möglichst engen Kontakt mit den Wehrmachtsangehörigen der eigenen Gemeinde zu halten62. Neben dem persönlichen Gruß, dem die „größte Bedeutung" zugemessen wurde, ging die Empfehlung dahin, Sorge dafür zu tragen, „daß mindestens den bisherigen Lesern die ihnen vertrauten Zeitschriften . . . zugehen". Als dritte Maßnahme wurde die Versendung von „sorgfältig ausgewählt[em] Schrifttum" empfohlen. Hauptsächlich den beiden letzten Maßnahmen kam angesichts der arbeitsmäßigen Uberforderung der Heimatpastoren eine maßgebliche Rolle bei der seelsorgerischen Betreuung der Front zu. Um „Fehlgriffe" bei der Versendung von Schrifttum zu vermeiden, sollte der gerade geschaffene „Arbeitsausschuß für Schriftdienst" die Gemeinden mit entsprechenden Empfehlungen versorgen63. Die vielfältigen kirchlichen Aktivitäten ließen es den „weltanschaulichen Distanzierungskräften" geraten sein, gegen eine allzugroße „Schriftenbetreuung" geeignete Maßnahmen zu ergreifen. Ein erster Schritt hierzu war der Erlaß des Oberkommandos der Wehrmacht, durch den — im Einvernehmen mit dem Propagandaministerium und dem Kirchenministerium — am 9. Oktober 1939 angeordnet wurde, daß zur besseren Kontrolle des religiösen Schrifttums Prüfstellen einzurichten seien. Für die evangelische Kirche wurde beim Ev. Presseverband eine solche Stelle eingerichtet. Schrifttum, das diese erste Prüfung passiert hatte, wurde im Propagandaministerium einer weiteren Kontrolle unterzogen. Ein abschließendes Votum sprach dann schließlich noch die militärische Zensur64. Wie sehr dieses Prüfungssystem auf eine Lähmung der Kontakte zwischen Wehrmachtsangehörigen und den Heimatgemeinden ausgerichtet war, machen die Zahlen der genehmigten Schriften deutlich. In der GVR-Sitzung vom 16. November 1939 teilte der Leiter der Schrifttumsstelle der DEK, Dr. Bartsch, mit, daß seit der Bekanntgabe des Erlasses lediglich fünf Schriften Auschuß leitete, konnte erst nach seiner Wehrmachtsentlassung am 1 8 . 1 0 . 1 9 3 9 seine Tätigkeit aufnehmen ( E Z A BERLIN, 1 / C 3 / 3 2 6 : Rechenschaftsbericht von Bartsch vom 2 7 . 2 . 1 9 4 0 ) . Diesem Ausschuß gehörten u.a. Vertreter folgender Verbände an: Ev. Reichsfrauenhilfe, Ev. Presseverband für Deutschland, Christi. Zeitschriftenverein, Ev. Bund, Deutsches Ev. Männerwerk, Central-Ausschuß für Innere Mission, Ev. Hilfswerk für Internierte und Kriegsgefangene, Deutsche Diakonenschaft und ein Vertreter des Feldbischofs. GB1DEK 1939, S. 110. GB1DEK 1939, S. 114: „Hinweis für den Schriftenversand". Der hier angekündigte „Ratgeber für den Schriftendienst der evangelischen Gemeinden" erschien in einer Auflage von 30.000 Stück (ein Exemplar des Ratgebers befindet sich im E Z A BERLIN, 1 / C 3/328). 6 4 Erlaß des Propagandaministeriums ( E Z A BERLIN, 1 / C 3/328). — Durch einen Erlaß vom 1 1 . 1 . 1 9 4 0 schaltete das Propagandaministerium die kirchliche Prüfstelle aus und bestimmte, daß alle Schriften direkt dem Propagandaministerium einzureichen seien (EBD.). 62 63

Der Vertrauensrat am Beginn des Krieges

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genehmigt worden seien, von denen allerdings noch keine veröffentlicht werden konnte. Er selbst bezeichnete den Gang des Genehmigungsverfahrens als „sehr schleppend" und befürchtete bei den Gemeinden „eine Lähmung des Unternehmensgeistes" 65 . Einer solchen Tendenz leistete auch der Erlaß des Kirchenministers vom 27. Oktober 1939 Vorschub. Dieser Erlaß bedrohte nämlich jeglichen Kontakt zwischen Wehrmachtsangehörigen und Heimatgemeinde, denn er untersagte „aus Abwehrgründen" allen Pastoren die Sammlung von Feldpostanschriften 66 . Bei konsequenter Beachtung hätte dieser Erlaß bereits das Ende für die systematische seelsorgerische Betreuung von Wehrmachtsangehörigen durch die Heimatgemeinden bedeutet. Tatsächlich markierte er jedoch erst den Anfang einer Auseinandersetzung um die Aufgaben und Zuständigkeiten der Kirche bei einer möglichst umfassenden seelsorgerischen Betreuung der Wehrmachtsangehörigen, denn es war offensichtlich, daß dieser Erlaß nur auf eine möglichst weitgehende Beseitigung des kirchlichen Einflusses auf die Truppenbetreuung hinzielte. Während in einigen Landeskirchen sogar systematische Durchsuchungen von Pfarrhäusern und die Beschlagnahme von gefundenen Feldpostadressen stattfanden 67 , wurden gleichzeitig Betriebe, Sportvereine und Gliederungen der Partei aufgefordert, ihre Betreuung von Betriebsangehörigen und Mitgliedern zu intensivieren. Vorbildliche Aktionen fanden sogar eine ausführliche Erörterung in der Presse68. Diese offensichtliche Diskrepanz dokumentierte deutlich, daß der Staat den Versuch des Vertrauensrates, einen kirchlichen Beitrag zur „seelischen Mobilmachung" des deutschen Volkes zu leisten, als eine Einmischung in seine Angelegenheiten betrachtete; aus staatlicher Sicht war ein Gremium wie der Geistliche Vertrauensrat überflüssig.

2. Ein Moratorium für den Kirchenkampf? — Der Geistliche Vertrauensrat und die „Burgfriedensbestrebungen" nach Kriegsbeginn Die Einheit der evangelischen Kirche war, wie die Ereignisse des Sommers 1939 erneut bewiesen hatten, kaum mehr als eine Fiktion. Demgegenüber vermittelten die sofort nach Kriegsbeginn erschienenen Kundgebungen des Geistlichen Vertrauensrates das Bild einer einmütigen, geschlossenen hinter der Staatsführung stehenden evangelischen Kirche. Protokoll der GVR-Sitzung vom 16.11.1939 ( L K A HANNOVER, S 1, E II, 129). E Z A BERLIN, 1 / C 3/328; J.NEUHÄUSLER, Kreuz, S. 84f. Protokoll der GVR-Sitzung vom 16.11.1939 ( L K A HANNOVER, S 1, E II, 129). Schultz sollte bei Kerrl die Beschwerden der Landeskirchen über den Erlaß vom 27.10.1939 ( E Z A BERLIN, 1/C 3/328; Brief von Tiigel an den Vertrauensrat vom 6.11.1939) und die Beschlagnahme von Feldpostadressen in Mecklenburg zur Sprache bringen (EBD.: Vermerk 65 M

29.11.1939). 68

Vgl. die bei J. NEUHÄUSLER, Kreuz, S. 86 f. angeführten Beispiele.

Der Geistliche Vertrauensrat und die „Burgfriedensbestrebungen"

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a. Das unterschiedliche Verständnis von „Burgfrieden" Der von kirchenpolitischen und theologischen Auseinandersetzungen arg gebeutelten evangelischen Kirche bescherte der Kriegsbeginn eine angesichts des bisherigen Kirchenkampfes seltsam anmutende verbale Einmütigkeit: Sowohl die Deutschen Christen als zahlreiche Gruppen der kirchlichen Mitte bis hin zur Bekennenden Kirche traten mit Erklärungen hervor, in denen angesichts der gemeinsamen Bedrohung für die Dauer des Krieges ein innerkirchlicher „Burgfrieden" proklamiert wurde 69 . Selbstverständlich meldete sich auch die offizielle Kirche zu Wort. Geradezu typisch für das „kirchenoffizielle Durchschnittsbewußtsein" 70 war der Aufruf, den Kirchenrat Klingler, der Reichsbundesführer der deutschen Pfarrervereine, am 8. September an die über 16.000 evangelischen Geistlichen Deutschlands richtete: „Großdeutschland ruft zum D i e n s t ! . . . Es ist Kampf. Im Kampf verstummt jeder Mißklang im eigenen Lager. Jetzt stehen wir alle in einer Reihe und tragen dieselbe Rüstung: ,Ist Gott für uns, wer mag wider uns sein?"' 7 1 Aufgrund der Ergebnisse, die in der ersten Sitzung des Vertrauensrates erzielt worden waren, hätte man durchaus auch eine Burgfriedensproklamation dieses Gremiums erwarten können. Denn, so notierte sich Schultz über das Treffen am 30. August, man sei übereingekommen, „für die Dauer der Krise einen kirchenpolitischen Burgfrieden zu schließen und eine entsprechende Mitteilung im Gesetzblatt der D E K erscheinen zu lassen" 72 . Doch entgegen dieser Ubereinkunft kam es nie zur Veröffentlichung eines „Burgfriedensappells" in der ursprünglich beabsichtigten Form. Die Beratungen vom 2. September führten vielmehr dazu, daß sich die Mitglieder des Vertrauensrates auf die bereits erwähnten Aufrufe einigten. Auf diese Weise wurde zwar die Loyalität der gesamten evangelischen Christenheit gegenüber der Staatsführung betont —, der angestrebte innerkirchliche Burgfrieden jedoch mit keinem Wort erwähnt 73 . Aus welchen Motiven der geplante Burgfriedensappell letztlich unterblieb, läßt sich nicht mit Sicherheit sagen. Will man Heydrich glauben, der in seiner Eigenschaft als Chef der Sicherheitspolizei und des SD die Aktivitäten der Kirchen ständig überwachte, so unterblieb die Proklamation eines Burgfriedens auf Veranlassung von Landesbischof Meiser. Im OktoberBericht „Die Einstellung der politischen Kirchen und Sekten zur gegenwärtigen Lage" steht zu lesen, Meiser habe einen kirchlichen Burgfrieden 70 EBD., S. 101. Vgl. hierzu K. MEIER, Kirchenkampf, Bd. 3, S. 101 f. DtPfrBl 43,1939, S.745; G . BRAKELMANN, Kirche, S. 132. 72 „ P r o M e m o r i a " von Schultz über die GVR-Sitzung am 30.8.1939 ( L K A SCHWERIN, GVR-Handakten Schultz, II/3). 73 Vgl. oben S. 6 9 - 7 1 . 71

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Der Vertrauensrat am Beginn des Krieges

mit der Bemerkung abgelehnt, daß es „vor Gott kein Moratorium geben könne" 7 4 . Es ist zwar nicht sicher belegbar, ob sich Meiser tatsächlich in dieser Weise geäußert hat, doch hätte eine solche Bemerkung durchaus seiner grundsätzlichen Haltung entsprochen: So hatte der bayerische Landesbischof in seinem Wort, das er einige Tage nach Kriegsbeginn an die bayerischen Pfarrer richtete, auf jegliche Burgfriedensbeteuerungen verzichtet 75 . Doch mögen interne Differenzen im Vertrauensrat ebenso dafür ausschlaggebend gewesen sein, auf die gemeinsame Proklamation eines umfassenden kirchlichen Burgfriedens zu verzichten. Daß es in der Tat unterschiedliche Ansichten hierzu gab, belegen die Stellungnahmen, die Schultz und Marahrens — unabhängig von ihrer Tätigkeit im Vertrauensrat — zu dem Thema „Burgfrieden" und „Befriedung" der evangelischen Kirchen abgaben. Als Schultz sich am 4. September in einem Rundbrief an die Pastoren Mecklenburgs wandte, forderte er von diesen „die sofortige Einstellung des kirchenpolitischen Kampfes mit all seinen zersetzenden, die Volksgemeinschaft aufspaltenden Begleiterscheinungen" 76 . Ahnlich klang der Appell, den Schultz nur einen Tag später in seiner Eigenschaft als stellvertretender Leiter der Reichsgemeinde der Nationalkirchlichen Einung D C an seine deutsch-christlichen Freunde richtete: „Unter Waffen hat jeder kirchenpolitische Zwist zu schweigen" 77 . Doch war Schultz anscheinend nicht bereit, aus dieser Forderung auch die entsprechenden Konsequenzen zu ziehen. So läßt sein Schreiben an die Mecklenburger Pastoren nur den Schluß zu, daß er den „eigentlichen Grund des Kirchenkampfes immer noch nicht durchschaut hatte" 7 8 . Schenkt man nämlich diesem Brief Glauben, so konnte der bisherige Kirchenkampf in Mecklenburg auf einige persönliche Animositäten innerhalb der Pastorenschaft reduziert werden. Dementsprechend sah auch sein Vorschlag für einen Burgfrieden aus: „Wie ich selbst bereit bin, meinen persönlichen Gegnern zu verzeihen, und wie ich heute in aller Öffentlichkeit dieser Bereitschaft noch einmal wieder Ausdruck verleihe, so erwarte ich die Begrabung allen persönlichen Zwistes in den Reihen der mecklenburgischen Pastorenschaft" 79 . Auf die eigentlichen Anliegen der Mecklenburger Bekenntnispfarrer, wie etwa die Legalisierung junger Bekenntnistheologen, ging er mit keinem Wort ein.

74

B A KOBLENZ, R 4 3 I I / 1 6 9 a , BL. 2 3 f.

75

A E L K Z 72, 1939, Sp.364f.; G. BRAKELMANN, Kirche, S. 129-131. L K A SCHWERIN, GVR-Handakten Schultz, II/3.

76 77

D I E NAXIONALKIRCHE 8 , 1 9 3 9 , N r . 3 8 ( a u s g e g e b e n a m 1 7 . 9 . 1 9 3 9 ) .

So das m.E. richtige Urteil des damaligen Vorsitzenden des mecklenburgischen Bruderrates (Τ). N . BESTE, Kirchenkampf, S.224. 7 ' L K A SCHWERIN, GVR-Handakten Schultz, II/3. 78

Der Geistliche Vertrauensrat und die „Burgfriedensbestrebungen"

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Daß Burgfrieden für ihn auch nicht gleichbedeutend war mit einer Änderung oder zumindest Einschränkung seiner deutsch-christlichen Kirchenpolitik, machte Schultz in seinem Aufruf an die Mitglieder der Nationalkirchlichen Einung unmißverständlich deutlich. Die Arbeit der Einung, so betonte er, werde „selbstverständlich weitergeführt, jedoch unter noch stärkerer Betonung unseres religiösen Aufbau willens". Hinter dieser unklaren Formel verbarg sich die Hoffnung, der Krieg werde die Überlegenheit der völkisch-religiösen Konzeption erweisen: „Möge es ihm [sc.: Gott] gefallen, in dieser Zeit, in der wir als Volk zu einer unzerstörbaren Einheit zusammengeschweißt werden, neue Fundamente zu legen für eine christliche Kirche aller Deutschen. Wir aber wollen ans Werk gehen und jeder an der Stelle, an die er gestellt ist, Deutsches Christentum leben in reinem und restlosen Einsatz für Führer und Volk" 80 . Natürlich hielt es auch Marahrens für eine vordringliche Aufgabe, daß in Zeiten „die über Leben und Sterben eines Volkes entscheiden und uns alle zu restloser Einsatzbereitschaft für Volk und Führer aufrufen, keine Kraft brach liegt" 81 . Doch weder galt es für Marahrens, „Deutsches Christentum" zu leben, noch das Christentum überhaupt zu einer Funktion der Kriegsführung verkommen zu lassen: „Alles kommt darauf an, daß die Substanz des Evangeliums angeboten und vorgelebt wird, und darauf, daß die durch Gottes Gnade in Jesus Christus erschlossene Quelle ausharrender Kraft und unbeirrter Treue rein fließt"82. Burgfrieden, oder wie Marahrens sagte, ein „echter Befriedungsversuch", hieß eben gerade nicht, den Beweis der Überlegenheit der eigenen Glaubensüberzeugungen führen zu wollen: „Wir dürfen nichts für uns wollen, sondern müssen den Nachweis liefern, daß es uns um selbstlosen Dienst zu tun ist" 8 3 . Aber noch in einem weiteren Punkt unterschieden sich Marahrens und Schultz in ihrem Verständnis eines Burgfriedens. Marahrens war sich von Anfang an im klaren darüber, daß es unmöglich sein werde, zu einer echten Befriedung in der evangelischen Kirche zu kommen, ohne dafür entsprechende Schritte zu tun. Bereits in seinem Wochenbrief vom 6. September deutete der hannoversche Landesbischof an, daß er es für notwendig halte, den „illegal" — also in der „bruderrätlichen" Bekennenden Kirche — ausgebildeten und bisher nicht in den Kirchendienst übernommenen Hilfspredigern zu einer geordneten Tätigkeit zu verhelfen84. Ahnliche Differenzen wie diejenigen zwischen Marahrens und Schultz lassen sich aber auch für den Gesamtbereich der DEK konstatieren. Wenn 80 81 82 83 84

Vgl. oben A n m . 77. Wochenbrief Marahrens' vom 6.9.1939. EBD.; vgl. auch Wochenbrief Marahrens' vom 26.9.1939. Wochenbrief Marahrens'vom 17.9.1939. Wochenbrief Marahrens' vom 6.9.1939.

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Der Vertrauensrat am Beginn des Krieges

Vertreter der Bekennenden Kirche von Burgfrieden sprachen, so verband sich damit immer auch die Hoffnung, bei den Kirchenbehörden nun endlich ein offenes Ohr für ihre Anliegen zu finden. Als z.B. das Einigungswerk Nassau-Hessen mit einem Burgfriedensvorschlag an den Präsidenten des Landeskirchenamtes, Paul Kipper, herantrat, geschah dieses nicht ohne die Erwartung, Kipper werde das Einigungswerk bei der geistlichen Leitung der Landeskirche beteiligen85. Selbst die BK-Kreise, die derartige Hoffnung nicht hegten, erwarteten doch, daß es angesichts der Kriegssituation zu einem Entgegenkommen der Kirchenbehörden bei der Legalisierung der von der Bekenntnisfront geprüften, ordinierten und eingeführten Geistlichen, Hilfsprediger und Kandidaten kommen werde86. Auf deutsch-christlicher Seite wurde hingegen mit dem Begriff Burgfrieden bestenfalls eine Erhaltung des kirchenpolitischen status quo verbunden. Fast immer schwang jedoch — ganz im Sinne der Erklärungen von Schultz — auch die Hoffnung mit, „das Kriegsgeschehen werde sich gleichsam als Bewährungsprobe für die Echtheit des eigenen ,Wollens' erweisen" 87 . Die zwischen Marahrens und Schultz feststellbaren Differenzen über das Verständnis von „Burgfrieden" dürfen also nicht isoliert betrachtet und allein als ein GVR-internes Problem gesehen werden. Sie sind vielmehr exemplarisch für die Problematik, die sich aufgrund eines unterschiedlichen Verständnisses dieses Begriffs innerhalb der gesamten deutschen evangelischen Kirche ergaben. Letztlich bleibt also nichts anderes übrig, als zu konstatieren, daß den einmütigen verbalen Burgfriedensbeteuerungen eine gemeinsame reale Basis fehlte — eine Tatsache, die alle Versuche, zu einer Befriedung der DEK zu kommen, von Anfang an belastete. Doch selbst wenn man von diesem unterschiedlichen Verständnis von „Burgfrieden" innerhalb des Vertrauensrates einmal absieht, so hätte doch ein wirklicher Frieden angesichts der Haltung weiter Kreise der NSFührungsspitze keine Aussicht auf Verwirklichung gehabt. Typisch für die Einschätzung dieser Kreise dürfte der SD-Bericht über die „Einstellung der politischen Kirchen und Sekten zur gegenwärtigen Lage" 88 vom 20. Oktober gewesen sein. Dem SD erschienen bereits die kirchlichen „Burgfriedensangebote", die ja nicht nur innerhalb der Kirche gelten sollten, sondern auch an den Staat gerichtet waren, als staatsfeindliche Aktionen. So heißt es, wenn auch sachlich nicht ganz zutreffend, über die GVR-Beratungen vom 2. September 1939: „In dem ersten Entwurf dieses Aufrufes89 war vorge8 5 Brief des Kirchlichen Einigungswerks Nassau-Hessen (Arbeitsgemeinschaft DietrichMüller-Veidt) an Präsident Kipper vom 1 . 9 . 1 9 3 9 ( E Z A BERLIN, 1/A 4 / 3 2 7 , Bl. 18); vgl. auch unten S. 132. 86

V g l . K . MEIER, K i r c h e n k a m p f , B d . 3 , S. 1 0 1 .

88 Vgl. oben Anm. 74. EBD., S. 102. Gemeint ist der „Aufruf der Deutschen Evangelischen Kirche" vom 2 . 9 . 1 9 3 9 (GB1DEK 1939, S. 99 f.; KJ 1 9 3 3 - 4 4 , S.453f.), der in dem SD-Bericht wörtlich wiedergegeben wird. 87 89

Der Geistliche Vertrauensrat und die „Burgfriedensbestrebungen"

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sehen, der Öffentlichkeit mitzuteilen, daß die kirchlichen Parteien untereinander und mit dem Staate Frieden schließen wollen, sowie der Staat sich in Zukunft der Einmischung in kirchliche Angelegenheiten enthalten werde90. Die evangelische Kirche glaubt also auch, die augenblickliche Lage in erpresserischer Weise für ihre selbstsüchtigen Zwecke ausnutzen zu können". Nur konsequent war es, angesichts dieser Einschätzung der kirchlichen „Burgfriedensangebote", gegen die „konfessionellen Gegner" ein ganzes Bündel von Maßnahmen zu fordern, damit es diesen „nicht mehr wie im Weltkrieg gelingt, die Widerstandskraft des deutschen Volkes zu zersetzen und zu schwächen" 91 .

b. Die „Straffreiheitsverordnung" Wie sehr der verbalen Phalanx der Burgfriedensbeteuerungen ein realer Hintergrund fehlte, belegt auch der krasse Kontrast zwischen der großen Anzahl der Aufrufe und den tatsächlichen kirchenpolitischen Aktivitäten zur Befriedung der evangelischen Kirche. Nur ein einziger, halbherzig durchgeführter Versuch wurde anläßlich des Kriegsbeginns unternommen. Mitte September, wahrscheinlich am 18. September, legte Präsident Werner dem Vertrauensrat den Entwurf für eine „Verordnung über die Gewährung von Straffreiheit" 92 vor. Dieser Entwurf, zu dessen Begründung ausdrücklich auf die „Notwendigkeit eines geschlossenen Einsatzes der Deutschen Evangelischen Kirche für die Verteidigung von Volk und Reich" hingewiesen wurde, sah vor, noch nicht vollzogene Dienststrafen zu erlassen. Bei höheren und bereits vollstreckten Dienststrafen sollte eine Aufhebung über den Gnadenweg möglich sein. Ausgenommen blieben alle Verfahren, bei denen als Strafe die Entfernung aus dem Amte zu erwarten bzw. diese bereits verhängt worden war. Ebenfalls nicht unter diese Amnestieverordnung sollten alle Verfahren fallen, die wegen der „Verletzung der Treuepflicht gegen Führer, Volk und Reich" eingeleitet worden waren93. Das Recht zur Anwendung dieser Verordnung sollte, neben den Landeskirchen, auch dem Leiter der DEK — also Werner — nach vorheriger Beratung mit dem Geistlichen Vertrauensrat zustehen 94 . 90 Weder der GVR noch ein anderes kirchliches Organ haben jemals versucht, in derartiger Weise einen Burgfrieden zu erzwingen. Verbreitet war jedoch die Hoffnung, der Staat werde während des Krieges seine antikirchliche Politik aussetzen. 91

BA KOBLENZ, R 43 I I / 1 6 9 a , B l . 31.

92

Der Verordnungsentwurf ist vorhanden im L K A OLDENBURG, A 5 6 , Nr. 1 6 8 , U . Da in den ersten Wochen der GVR-Tätigkeit noch keine offiziellen Protokolle angefertigt wurden, lassen sich die Sitzungstermine für diesen Zeitraum nur mit Vorbehalt angeben. 93

EBD.

94

§ 1 Abs. 3 des V O - E n t w u r f e s (EBD.).

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Der Vertrauensrat am Beginn des Krieges

Nachdem der Geistliche Vertrauensrat diesem Verordnungsentwurf noch am selben Tag seine Zustimmung gegeben hatte, konnte er bereits am 19. September den Landeskirchen zur Stellungnahme übersandt werden. Das Ergebnis der Befragung erbrachte ein überwiegend negatives Bild. Die deutschchristlichen Landeskirchen lehnten den Entwurf gänzlich ab95. Die süddeutschen Landeskirchen meldeten starke grundsätzliche Bedenken an — aus rechtlichen Erwägungen wurde Dr. Werner die Vollmacht abgesprochen, überhaupt eine solche Verordnung zu erlassen96. Von Seiten der Bekennenden Kirche übte der altpreußische Bruderrat Kritik an dem Verordnungsentwurf. Nicht ein Gnadenerweis, sondern eine Rehabilitation sei das Gebot der Stunde97. Eine der wenigen grundsätzlich zustimmenden Reaktionen kam von Kirchenrat Klingler, dem Reichsbundesführer der deutschen Pfarrervereine. Doch bat auch er um einige Änderungen; so machte er u.a. den Vorschlag, der Geistliche Vertrauensrat solle in Fällen, wo unter Berufung auf tatsächliche oder vorgebliche Treuepflichtverletzung eine Anwendung der Verordnung abgelehnt werde, als unparteiische Schiedsstelle fungieren 98 . Trotz der zahlreichen Bedenken, die gegen den Verordnungsentwurf vorgebracht worden waren, setzte Werner die Amnestieverordnung mit Billigung des Vertrauensrates am 9. Oktober in Kraft99. Allerdings sah sich der Vertrauensrat — wohl bedingt durch die Kritik, die der Entwurf erfahren hatte — veranlaßt, ein erläuterndes Rundschreiben an die Landeskirchen zu senden. Hierdurch erfuhr die Verordnung sogar noch eine interessante Modifikation: Da es der Grundgedanke dieser Verordnung sei, „daß gegenüber dem großen Schicksal, in das Gott unser Volk gestellt hat, . . . Vergangenes zurücktreten [müsse] und jedem, der zum Dienst in der Deutschen Evangelischen Kirche berufen ist, die Möglichkeit [dazu] gegeben werden" solle, empfahl der Vertrauensrat, die Verordnung sinngemäß auch auf bisher nicht in den Landeskirchen beschäftigte Pfarrer, Vikare und Kandidaten anzu-

Stellungnahmen von Oldenburg und Sachsen (EBD.). H. BAIER, Kirche, S.281: „Am 26. September fanden sich die süddeutschen Landeskirchen zu einer eingehenden Beratung in Stuttgart ein.... Generell lehnten die bekenntnistreuen Landeskirchen diese Verordnung ebenso ab, wie die 17. DVO und die Bezugnahme auf die Diziplinarordnung. Dr. Werner wurde das Recht abgesprochen, eine solche Verordnung zu erlassen. Die süddeutschen Kirchen brauchten überhaupt kein Interesse an dieser Verordnung zu haben, traten ihr aber nur mit Rücksicht auf die bedrängten Kirchengebiete näher, . . . wo sie einige Erleichterungen für die BK erhofften." 97 Brief von Pfr. Müller (Dahlem) an Werner vom 6.11.1939 (LKA SCHWERIN, GVRHandakten Schultz, ΙΠ/35; KJ 1933-44, S. 347-350). 98 Brief an Marahrens vom 27.9.1939 (F. KUNGLE*, Dokumente, S. 118). H. BAIER, Kirche, S. 281, irrt, wenn er schreibt, der Reichsbund der deutschen Pfarrervereine habe den Verordnungsentwurf abgelehnt. 99 GB1DEK 1939, S. 112 f. 95 96

Der Geistliche Vertrauensrat und die „Burgfriedensbestrebungen"

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wenden 10°. Der Vertrauensrat bat sogar ausdrücklich, von diesen „neu zu beschäftigenden Geistlichen und geistlichen Hilfskräften außer ihrer Bereitschaft zur Mitarbeit im Rahmen der äußeren Ordnung der Landeskirche keine Erklärung zu verlangen, die sie vor Gewissenskonflikte stellt und die Vergangenes wieder aufgreift" 101 . Die sächsische Bekennende Kirche sah in dem Schreiben des Vertrauensrates jedoch eine Schwächung der eigenen Position. So wurde die Vorstellung, sich in irgendeiner Weise der Leitungsgewalt des Präsidenten des sächsischen Landeskirchenamtes, Johannes Klotsche, zu unterstellen, als eine Zumutung empfunden. Als es am 11. Dezember zu einer Besprechung zwischen Marahrens und Bruderratsvertretern kam, konnte über diese Frage denn auch keine Einigung erzielt werden102. Die Erhebungen der Kirchenkanzlei103 lassen die Vermutung aufkommen, daß diese Anregung des Vertrauensrates nur recht halbherzig aufgenommen wurde: Bis zum Herbst 1940 erhielten in Nassau-Hessen vier „illegale" Kandidaten Beschäftigung, in Sachsen wurden zwei Ruheständler, in Schleswig-Holstein ein Ruheständler erneut beschäftigt. Mecklenburg meldete nur, daß „einige" bisher nicht beschäftigte Kandidaten und Vikare übernommen worden seien. Oldenburg berichtete der Kirchenkanzlei, daß alle Fälle bis auf den „Fall Kloppenburg" bereinigt seien. Altpreußen und Braunschweig ließen lediglich verlauten, man verführe im Sinne des GVRRundschreibens. Die überwiegende Mehrheit der Landeskirchen erklärte jedoch, daß bei ihnen keine Fälle vorhanden seien, auf die die Verordnung anwendbar sei104. Württemberg, Bayern, Thüringen und Anhalt stellten sich auf den Standpunkt, daß sie die Beschäftigung der bei ihnen im Wartestand befindlichen Pfarrer und der aus kirchenpolitischen Gründen nicht beschäftigten Vikare auch weiterhin ablehnen müßten, da die bestehenden Bedenken nicht ausgeräumt werden konnten105. Hingegen wurde eine Reihe von schwebenden Disziplinarverfahren tatsächlich eingestellt, bzw. bei bereits verhängten Dienststrafen wurde Amnestie gewährt106. Doch muß wohl insgesamt festgestellt werden, daß 100 Rundschreiben des G V R an die Landeskirchen vom 17.11.1939 (EZA BERLIN, 1/A 4/567, Bl. 44). 101 EBD.; vgl. auch die Wochenbriefe Marahrens' vom 16./17.10.1939 und 25.10.1939. Deutlich geht hervor, daß Marahrens die Verordnung für einen notwendigen Schritt zur Befriedung der evangelischen Kirche hielt, dem weitere folgen müßten. 102

T a g e s b e r i c h t d e s L u t h e r r a t e s v o m 1 1 . 1 2 . 1 9 3 9 ( L K A HANNOVER, D 1 5 I I I N r . 1 6 3 ) .

Vermerk der Kirchenkanzlei über die eingegangenen Äußerungen zum Rundschreiben vom 17.11.1939 ( E Z A BERLIN, 1/A 4/567, BL. 52). ICM In diesem Sinne antworteten Hannover, Kurhessen-Waldeck, Hamburg, Baden, die Pfalz, Bremen, Aurich (Hannover réf.), Lippe, Lübeck, Schaumburg-Lippe, Eutin, die Ostmark und das Sudetenland (EBD.). 103

105

EBD.

In der Ev. Kirche der altpreußischen Union wurden zahlreiche Diziplinarfälle durch den Erlaß bereinigt ( E Z A BERLIN, 1/A 4/233). In Sachsen wurde nur in Fällen gering10i

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Der Vertrauensrat am Beginn des Krieges

das Ergebnis dieser kirchenpolitischen Befriedungsaktion eher mager ausfiel und in keiner Relation zu den Burgfriedensbeteuerungen zu Kriegsbeginn stand. Wenn es dennoch im Verlaufe des Krieges vereinzelt zu Befriedungsmaßnahmen kam, so war dies keineswegs unbedingt ein Ergebnis verbaler Beteuerungen zu Kriegsbeginn, sondern die Folge oftmals langwieriger Verhandlungen.

fügiger Dienststrafen eine Amnestie gewährt; Verfahren gegen mißliebige BK-Pfarrer wurden nicht eingestellt (EZA BERLIN, 1/A 4/234), 17 Verfahren wurden in Hannover eingestellt, 12 in Mecklenburg. In Oldenburg wurden vier Fälle aufgrund des Erlasses geregelt, in Württemberg, Braunschweig und Nassau-Hessen waren es drei Fälle. Zwei Fälle konnten in Kassel, und je einer in Thüringen und Anhalt geregelt werden (EZA BERLIN, 1/A 4/235).

KAPITEL 3

DIE „AUSGESTALTUNGSPHASE" (1939-1940) 1. Ein Gremium — verschiedene kirchenpolitische Konzeptionen: Die Interessenlage nach der Gründung des Geistlichen Vertrauensrates Wer wie Kirchenminister Kerrl bereits am Tag nach der Bildung des Vertrauensrates der Hoffnung auf kirchenpolitisches Tauwetter Ausdruck gab und die Erwartung hegte, daß mit diesem Gremium eine Beendigung des Kirchenkampfes gelingen könne, ja sogar anregte, der Vertrauensrat möge die Funktion eines geistlichen Leitungsorgans übernehmen sollte bald eines besseren belehrt werden. Denn schon wenige "Wochen nach der Gründung dieses Gremiums entbrannte eine Diskussion um Rechtsstellung und Aufgabenbereich des Vertrauenrates, an deren Heftigkeit dieser im Winter 1939/40 fast zerbrochen wäre. Hart und unversöhnlich prallten dabei die verschiedenen kirchenpolitischen Konzeptionen aufeinander. Wenngleich angesichts der zahlreichen staatlichen und kirchlichen Appelle zur nationalen Geschlossenheit die Schärfe der Auseinandersetzung überrascht haben mag, so war doch, nüchtern betrachtet, dieser Konflikt bereits implizit im Gründungsverfahren angelegt. Zwar zwang die drohende Nähe des Krieges die beteiligten Kirchenführer zu einem Mindestmaß an Einheit und ermöglichte so die gemeinsame Installation des Vertrauensrates. Gleichzeitig verhinderte die gebotene Eile aber die eigentlich notwendige Abklärung der hinter der Zustimmung zum Gründungsbeschluß stehenden Absichten. Es sollte sich bald zeigen, daß der Geistliche Vertrauensrat durch diese Unterlassung in das Spannungsfeld der verschiedenen kirchenpolitischen Gruppeninteressen geriet. Denn die Bekanntmachung des GVR-Gründungsbeschlusses im Gesetzblatt der DEK war so sehr an einer vermeintlichen Verpflichtung gegenüber dem Staat orientiert, daß der Rahmen zur Ausgestaltung dieser Aufgabe durchaus Spielraum für die verschiedenen kirchenpolitischen Konzepte ließ; eine Tatsache, die sich fast zwangsläufig auch auf die Arbeit des Vertrauensrates auswirken mußte — verdankten doch zwei der Mitglieder ihre Berufung der exponierten Stellung, die sie in den jeweiligen Kirchenführerkonferenzen innehatten.

1

Brief von Schultz an Sasse vom 4 . 9 . 1 9 3 9 mit Bericht über die erste Sitzung des Vertrau-

ensrates ( L K A SCHWERIN, GVR-Handakten Schultz, I I / 3 ) .

92

Die „Ausgestaltungsphase" (1939-1940)

Den Anlaß, die latent vorhandenen Spannungen offen zutage treten zu lassen, bot Kerrl, da er die bereits am Abend der konstituierenden Sitzung angedeutete Aufwertung des Vertrauensrates zu einer vollwertigen geistlichen Leitung auch in der folgenden Zeit konsequent weiterverfolgte. So übersandte er bereits wenige Tage nach dieser ersten Zusammenkunft die Abschrift eines Briefwechsels zwischen ihm und dem Schriftsteller Wilhelm Stapel an die Mitglieder des Geistlichen Vertrauensrates2. Konnte Schultz noch anläßlich des Empfangs am 31. August die von Kerrl entwickelten Pläne als eine dem Minister „besonders am Herzen liegende Idee"3 abtun, so mußte er spätestens nach der Lektüre dieses Briefwechsels unmißverständlich erkennen, daß es sich nicht nur um eine Marotte von Kerrl handelte, sondern daß der Kirchenminister auch entschlossen war, diese „Idee" in die Realität umzusetzen. Als geeigneter Ansatzpunkt erschien ihm hierfür der gerade gegründete Vertrauensrat. Eine nähere Betrachtung des Briefwechsels gibt Aufschluß über die Absichten des Kirchenministers. Kerrls Argumentation setzt bei dem letzten Satz von Stapels Darlegungen ein: Ein Eingriff in die Lehrstreitigkeiten, so meinte Stapel, gehöre nicht zu den Zuständigkeiten des Staatswesens. Aufgabe des Staates könne allein der „Zwang zur Herstellung einer Rechts- und Verwaltungseinheit der evangelischen Kirche" sein. Doch genau hier, so führte Kerrl diesen Gedanken fort, liege das eigentliche Dilemma, da ihm — wie der Führer in seiner Reichstagsrede vom 30. Januar 1939 ausgeführt hatte—„jede Befugnis zur Ausübung eines Zwanges in Richtung auf die Herstellung einer Rechts- und Verwaltungseinheit der Evangelischen Kirche völlig entzogen" sei4. Deshalb habe er immer wieder „auf die LandeskirchenFührer . . . einzuwirken versucht, wenigstens [die] Bedingungen für die Möglichkeit der Erhaltung der Organisation der Luther'sehen Kirche zu schaffen. Diese Bemühungen sind insofern zu einem gewissen Abschluß gekommen und fruchtbar geworden, als es möglich war, unter ihnen eine Einigkeit über drei Männer zu erzielen, die als Vertrauensrat der Kirchenkanzlei nunmehr die Möglichkeit besitzen, durch positive Arbeit innerhalb des sich der Evangelischen Kirche verbunden fühlenden Volkes Vertrauen zu finden" 5 . Kerrl ließ keinen Zweifel darüber, was „positive Arbeit" für ihn konkret bedeutete: „Wenn diese Männer, Landesbischof Marahrens, Landesbischof Schultz von Mecklenburg und Oberkonsistorialrat Hymmen das Gebot der 2 Brief von Kerrl an Werner mit Beilagen für die GVR-Mitglieder vom 14.9.1939 (EZA BERLIN, 1/A 4/174, Bl. 56-63). 3 Vgl. oben Anm. 1. * Darstellung Stapels über die kirchliche Lage als Anlage zu einem Brief an Kerrl vom 1.9.1939 (EZA BERLIN, 1/A 4/174, Bl. 42-55). 5 Brief (Abschrift für die GVR-Mitglieder) von Kerrl an Stapel vom 6.9.1939 (EBD.,

Bl. 5 6 - 6 3 ; H . - G . SERAPHIM, T a g e b u c h , S. 180-185).

Die Interessenlage nach der Gründung des Geistlichen Vertrauensrates

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Stunde ergreifen, dann können sie durch positive Arbeit die Richtung der Evangelischen Kirche auf die von Ihnen [sc.: Stapel] wie von mir gewollten Ziele einer völligen Rechts- und Verwaltungseinheit einstellen" 6 . Dieses konnte nach Lage der Dinge nur heißen, daß Kerrl hoffte, mit Hilfe „seines" Geistlichen Vertrauensrates — denn ganz offensichtlich betrachtete der Kirchenminister die GVR-Gründung als Ergebnis seiner seit Herbst 1938 anhaltenden Einigungsbemühungen — die Durchführung jener Maßnahmen zu erreichen, deren Verwirklichung ihm in den vergangenen Jahren nicht gelungen war, und die weiter zu versuchen ihm nun von staatswegen verwehrt wurde. Für ihn persönlich ging es jedoch noch um mehr. Kerrl hegte nämlich die Hoffnung, durch einen Erfolg seiner Einigungsbemühungen von Hitler erneut Kompetenzen zur Weiterführung seiner eigenen kirchenpolitischen Pläne erlangen zu können 7 . Hier, wie auch in der Einschätzung der Möglichkeiten, den Vertrauensrat zu einer Leitungsinstanz weiterzuentwickeln, zeigt sich, wie weit sich Kerrl zu diesem Zeitpunkt bereits von den politischen wie auch kirchenpolitischen Realitäten entfernt hatte. Nachdem sich der Vertrauensrat in den ersten Kriegswochen ganz seiner vermeintlichen „Verpflichtung . . . gegen Führer, Volk und Staat" gewidmet hatte 8 , nahm Kerrl die zweite Begegnung mit dem Vertrauensrat am 11. Oktober 1939 zum Anlaß, seine diesbezüglichen Pläne ausführlich zu entwickeln. Ihm schwebte vor, „daß diese Leitung nicht nur—wie in der Verfassung vorgesehen — . . . sich auf die Leitung der Deutschen Evangelischen Kirche im engeren Sinne beschränke, sondern das leitende Organ des deutschen Gesamtprotestantismus werde" 9 . Was Kerrl hier unterbreitete, war, wie fast alle seine Unternehmungen zur Kircheneinigung seit dem Herbst 1938, ein hoffnungslos verspäteter, weil religionspolitisch nicht mehr durchsetzbarer Plan. Zudem war er auch noch so weitgehend, daß er im Gesamtprotestantismus wohl nie eine Mehrheit dafür gefunden hätte. Denn diese Konzeption hätte dem Vertrauensrat eine Machtposition eingeräumt, die noch über die des Reichsbischofs und des Geistlichen Ministeriums hinausgegangen wäre. Auch mußte Kerrl eingestehen, daß die Übernahme einer solchen Leitungskompetenz „mangels rechtlicher Voraussetzungen . . . revolutionär geschehen" müsse10. Indes sei er bereit, diesen revolutionären Akt zu billigen und die getroffenen Maßnahmen anzuerkennen. Was der Kirchenminister hier anregte, war nichts anderes als das Verlangen, der Vertrauensrat möge einen Verfassungsbruch begehen und in der Art des „Rechtswalters" August Jäger die Leitung der Kirche übernehmen. Nur daß im Unterschied zu den Aktionen Jägers, wo es der Staat war, der offen in die Kirche 6

7 8 EBD. EBD. Vgl. oben S. 6 7 - 8 2 . Vermerk über den Empfang bei Reichsminister Kerrl am 11.10.1939, angefertigt von Werner (EZA BERLIN, 1/A 4/174, BL. 67-73). 9

10

EBD.

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Die „Ausgestaltungsphase" (1939-1940)

eingriff, der „revolutionäre Akt" diesmal von einem kirchlichen Organ vollzogen werden sollte11. Kaum anders als illusorisch kann auch die Auffassung Kerrls genannt werden, daß „ . . . sich dann herausstellen [werde], daß die weit überwiegende Mehrzahl von Pfarrern und Gemeinden diesem Akt ihre Zustimmung nicht versagen würden, denn das Verlangen nach einer einheitlichen Leitung sei vorhanden, und der revolutionäre Akt vollziehe mithin nur diesen berechtigten Wunsch des Kirchenvolkes und der Geistlichen" 12 . Als erste Maßnahme schlug Kerrl vor, die Leitungsbefugnis des Vertrauensrates auf die altpreußische Kirche auszudehnen und den Vertrauensrat hierzu um zwei Personen aus dem kirchlichen Leben Altpreußens zu erweitern. Bezeichnenderweise nannte er für diese Erweiterung solche Personen, die sich schon an den „Arbeitskreisen" beteiligt hatten und die kirchenpolitische Konzeption Kerrls in Grundzügen teilten: Studiendirektor Hans Schomerus und den Vizepräsident a.D. D. Ernst Hundt 13 . Kerrl war davon überzeugt, daß sich eine solche selbst eingesetzte Leitung der Anerkennung weiter kirchlicher Kreise sicher sein könne. Andere Landeskirchen würden sich dann anschließen. Er denke insbesondere an Hannover, Braunschweig, Schleswig-Holstein, Oldenburg und Kurhessen-Waldeck14. Die von diesen Plänen — gelinde gesagt — überraschten Mitglieder des Vertrauensrates taten das einzig mögliche: Sie erbaten Bedenkzeit, um die „sehr unvermittelt gekommenen Vorschläge erst durchprüfen zu können" 15 . Sechs Tage später, am 16. und 17. Oktober, fand dann tatsächlich eine Sitzung des Vertrauensrates statt, die ausschließlich der Beratung von Kerrls Vorschlägen diente. Dabei zeigten die Mitglieder des Vertrauensrates in der Einschätzung der kirchenpolitischen Lage wesentlich mehr Realitätssinn als der Minister. So wurden sowohl die Ausweitung der Kompetenzen im Sinne einer Leitung der DEK als auch die personelle Erweiterung um Schomerus und Hundt verworfen. Man wußte nur allzu genau, daß der Vertrauensrat „nicht nur als Einrichtung, sondern auch nach seiner personellen Zusammensetzung auf der Billigung der Kirchenführerkonferenz" beruhte16 und daß dementsprechend sowohl eine Erweiterung der Kompetenzen als auch eine Vergrößerung der Mitgliederzahl die Stellungnahme der Landeskirchen voraussetzen würde. Einzig in der Frage der Übernahme einer Leitungsfunk11 Zu den „Kirchen-Gleichschaltungsbemühungen" von August Jäger im Sommer und Herbst 1933 vgl. K. SCHOLDER, Kirchen, Bd. 1 und 2, sowie K. MEIER, Kirchenkampf, Bd. 1. 12 Vgl. oben A n m . 9 . 13 Handschriftlich notierte sich Schultz über Hundts Auffassung zu den Plänen des Kirchenministers: „Hundt: Durch die 17. V O ist die Ernennung einer geistl. Leitung möglich. Beteiligung des Vertfrauens] Rates durch Votum des Präsidenten], vgl. Vorgänge 1 9 3 3 . . . " ( L K A SCHWERIN, GVR-Handakten Schultz, 1/1). 15 EBD. » Vgl. oben A n m . 9 . 16 Protokoll der GVR-Sitzung vom 1 6 . / 1 7 . 1 0 . 1 9 3 9 ( E Z A BERLIN, 1/A 4 / 5 6 7 , BL. 7 4 - 7 6 ) .

Die Interessenlage nach der Gründung des Geistlichen Vertrauensrates

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tion für die Ev. Kirche der altpreußischen Union sah man die Möglichkeit, einen Schritt in die von Kerrl gewünschte Richtung zu gehen. Dieses wurde auch durch die Haltung von Präsident Werner erleichtert: Werner, der sich ja in Altpreußen nicht nur auf die Bearbeitung der laufenden Verwaltungsgeschäfte beschränkte, sondern auch die Befugnisse der Generalsynode und des Kirchensenats an sich gezogen hatte, signalisierte nämlich die Bereitschaft, seine Rechte „künftig . . . nicht allein [auszuüben], sondern mit den Mitgliedern des Vertrauensrates" zu teilen 17 . Hinzu kommt, daß die Kirchenführerkonferenz, die für den Bereich der D E K ausdrücklich eine Leitungsfunktion des Vertrauensrates verneint hatte, eine entsprechende Regelung für Altpreußen nicht getroffen hatte. D a Werner sich bisher immer bemüht hatte, die Kompetenzen des Vertrauensrates auf ein Minimum zu beschränken, schien es erstaunlich, daß es nun nicht nur gelingen sollte, Einigkeit in der Abwehr der überzogenen Vorstellungen Kerrls zu erreichen, sondern daß Werner auch bereit schien, dem Vertrauensrat Leitungsrechte für Altpreußen einzuräumen. Doch unterläge man einer Täuschung, wollte man Werners generelle Position zum Vertrauensrat an dem Verhalten in diesem Fall messen. Denn wie die weitere Entwicklung zeigen sollte, insbesondere die folgende Debatte um die rechtliche Stellung des Vertrauensrates 18 , war dieser Konsens von kurzer Dauer. Werners Zugeständnisse entsprangen wohl mehr dem Interesse, den wesentlich weitgehenderen Plänen Kerrls durch Konzessionsbereitschaft zu begegnen und gemeinsam mit den Mitgliedern des Vertrauensrates zu verhindern. Denn jede Stärkung des Vertrauensrates im Sinne der vom Minister aufgezeigten Vorstellungen hätte für ihn einen Machtverlust zur Folge gehabt. Werners Ziel blieb es aber weiterhin, „den Geistlichen Vertrauensrat unschädlich zu halten, ihn mit Sitzungen zu beschäftigen, ohne sich jedoch an seine Beschlüsse zu binden" 1 9 . D a eine solche Taktik die weitreichenden Pläne des Kirchenministers jedoch zu behindern drohte, mußte es fast zwangsläufig zum Konflikt zwischen Kerrl und Werner kommen — zumal Werners zögerliche und vorsichtig taktierende Art dem Kirchenministerium schon länger ein Dorn im Auge war. So dürfte denn auch Werners Vermutung, der Kirchenminister wolle seine Uk-Stellung aufheben lassen, um ihn „für die nächste Zeit aus der weiteren Entwicklung der kirchlichen Verhältnisse auszuschalten" 2 0 , nicht einer Vgl. oben A n m . 9 . Vgl. zur Debatte über rechtliche Ausgestaltung des G V R unten S. 102—119. 19 H.BRUNOTTE, Kurs, 122. — Auskunft von Frau Dr. Schwarzhaupt, Gespräch mit dem Vf. am 12.5.1986: „Ich habe nicht in Erinnerung, daß Herr Werner sich irgendwie positiv zu dem Geistlichen Vertrauensrat verhalten hätte." 2 0 Von Werner am 4 . 3 . 1 9 4 0 verfaßter, aber nie abgesandter Bericht ( E Z A BERLIN, 1/A 4 / 1 7 4 , Bl.205-209); vgl. unten S. 113, A n m . 9 2 . Daß die Vermutungen Werners nicht unberechtigt waren, zeigt eine Äußerung von Ministerialdirigent Stahn, anläßlich der erneut 17

18

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Die „Ausgestaltungsphase" (1939-1940)

gewissen Grundlage entbehren. Werner sah sich in der Position des unschuldigen Opfers: Er, dem es seit 1934 „zum ersten Mal gelungen [war], in der Kirche selbst — unbeeinflußt vom Staate — eine einmütige und einheitliche Willensbildung sämtlicher verantwortlicher Landeskirchenführer herbeizuführen", sollte nun von Kerrl gezwungen werden, dem Geistlichen Vertrauensrat eine Rechtsposition zu verschaffen, gegen die rechtliche Bedenken bestanden und die von den Landeskirchen fast einmütig abgelehnt wurde 21 . Tatsächlich zeigte die Diskussion um die Rechtsstellung des Vertrauensrates, daß Werner sein ganzes taktisches Können aufbot, um „die Vorteile der neuen Einrichtung zu genießen, ohne die darin enthaltene Bindung auf sich zu nehmen" 2 2 . Aber nicht nur die zwischen dem Leiter der Kirchenkanzlei und dem Vertrauensrat bestehenden Differenzen wurden durch das Sitzungsergebnis vom 16./17. Oktober verdeckt, sondern auch die unterschiedlichen Ansichten der GVR-Mitglieder untereinander blieben angesichts der gemeinsamen Ablehnung von Kerrls Vorschlägen verborgen. Am ehesten schien Hymmen noch geneigt, den Vorstellungen von Kerrl entgegenzukommen — wie sich Schultz notierte, „um K[errl] nicht zu verstimmen" 2 3 . Doch dürften die wahren Gründe tiefer liegen: Hymmen, der allgemein als ein konservativer Theologe der altpreußisch konsistorialen Linie galt, wurde mit zunehmendem Alter immer mehr zu einem Gratwanderer zwischen den Generationen und Weltanschauungen: Einerseits beschäftigte er sich — angeregt durch seinen Sohn — zunehmend intensiver mit der NS-Ideologie 24 , andererseits wußte er sich dem Lebenswerk seines Schwiegervaters Wilhelm Zoellner verpflichtet. Beides, nationalsozialistisches Gedankengut und der Wille, das „Befriedungswerk" der evangelischen Kirche mitzugestalten, ließen ihn für die Pläne Kerrls durchaus aufgeschlossen sein. So hatte er sich bereits vor Kriegsbeginn als Apologet von Kerrls Politik erwiesen; ein Umstand, der seine Berufung in den Vertrauensrat sicherlich gefördert haben dürfte 25 . zögerlichen Haltung Werners bei den Beratungen um die „Wiener Entwürfe" im Winter 1940/41 (vgl. unten S. 163; 168): „ A m besten werde es freilich sein, wenn Werner zum Heeresdienst einberufen würde und Hundt an seine Stelle trete. Hundt würde die Verordnung ohne weiteres erlassen" ( L K A SCHWERIN, GVR-Handakten Schultz, III/32). 21 Bericht Werners (vgl. Anm. 20). 22

H . B R U N O T T E , K u r s , S. 1 2 2 .

Protokollnotiz von Schultz; Anfang September (LKA SCHWERIN, GVR Handakten Schultz, 1/1). 2 4 Auskunft von Frau Dr. Schwarzhaupt, Gespräch mit dem Vf. am 1 2 . 5 . 1 9 8 6 ; vgl. auch E.KLÜGEL, Landeskirche, S.376; W.NIESEL, Kirche, S.217. 2 5 Vgl. hierzu Hymmens Rede auf der Versammlung von Vertretern der kirchlichen Verwaltung und des kirchlichen Lebens in der altpreußischen Union am 10. August 1939 ( L K A NÜRNBERG, N L Meiser, Nr. 31 : Bericht über diese Versammlung). Vgl. dazu auch oben S. 143 f. 23

Die Interessenlage nach der Gründung des Geistlichen Vertrauensrates

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Das Auftreten von Marahrens und Schultz hingegen war wesentlich mehr durch die Interessenlage der jeweiligen Kirchenfiihrerkonferenz geprägt. Besonders Schultz befand sich in einem Zwiespalt. So schlug ihm das Mißtrauen zahlreicher Mitglieder der DC-Kirchenführerkonferenz entgegen, die gegenüber seiner Arbeit im Geistlichen Vertrauensrat stärkste Vorbehalte hegten. Dem gegenüber stand sein eigener Anspruch, positive Arbeit in diesem Gremium zu leisten. Während Schultz dem Vertrauensrat bestätigte, daß er „als beratendes geistliches Gremium für den Bereich der Deutschen Evangelischen Kirche eine weitgehende Entspannung herbei [geführt habe] und ein neues Vertrauen zwischen den kirchlichen Gruppen werden ließ" 2 6 , herrschte bei den meisten DC-Kirchenführern großes Mißtrauen gegenüber dem Vertrauensrat. Die Gründe für diese Ressentiments waren dabei durchaus verschieden. So sah der Thüringer Landesbischof Sasse im Vertrauensrat immer nur einen getarnten Versuch der bekenntnisorientierten Seite, die Macht in der D E K an sich zu reißen 27 . Die Stellung der Präsidenten Kipper (NassauHessen) und Klotsche (Sachsen) zum Vertrauensrat hingegen wurde wesentlich durch die besonderen Abhängigkeitsverhältnisse von den jeweiligen Gauleitern bestimmt, auf deren Interessen sie Rücksicht zu nehmen hatten. Hinzu kam die Bedrohung, die der Vertrauensrat für ihre eigene Machtposition bedeutete. Denn der Vertrauensrat beabsichtigte, den „Einmannkirchen" durch Verwirklichung des Erlasses vom 24. August 1939 wieder zu geistlichen Leitungen zu verhelfen, ein Vorhaben, das die Position der Präsidenten natürlich schwächen mußte 28 . Welche Funktion dem Vertrauensrat schließlich seitens der DC-Landeskirchen zugebilligt wurde, kann nicht besser deutlich gemacht werden als durch die Aufgabenbeschreibung, die Präsident Schmidt zur Nedden auf der Tagung der Arbeitsgemeinschaft nationalsozialistischer Kirchenleiter am 11. April 1940 skizzierte: Wichtig sei es, daß sich Werner selbst eine Beschränkung zugunsten einstimmiger Voten des Vertrauensrates auferlegt habe: „Auf diese Weise [wird] erreicht, daß die Tätigkeit des Leiters der Deutschen Evangelischen Kirchenkanzlei sich während der Kriegszeit auf die Durchführung nur unbedingt notwendiger Maßnahmen beschränk^]. Wir haben seit Ausbruch des Krieges immer den Standpunkt vertreten, daß, solange unsere Kameraden an der Front sich für Führer und Volk mit ihrer ganzen Kraft einsetzen und Leib und Leben für des Reiches Herrlichkeit hinzugeben bereit sind, den Daheimgebliebenen nicht das Recht zustehe, 2 6 Rede von Schultz auf der 9. Theologischen Arbeitstagung der Mecklenburgischen Pfarrerkameradschaft vom 26.-28.2.1940 in Schwerin ( E Z A BERLIN, 1/A 4/174, BL.210-212). 1 7 Brief von Sasse an Schultz vom 21.4.1940 ( L K A SCHWERIN, GVR-Handakten Schultz, II/3). 28 Vgl. unten S. 119-137.

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Die „Ausgestaltungsphase" (1939-1940)

irgendwelche Änderungen in der Struktur des evangelischen Kirchentums heraufzuführen, die künftige Gestaltung des religiösen und kirchlichen Lebens des deutschen Volkes vielmehr der Zeit nach siegreicher Beendigung des Krieges vorbehalten bleiben" muß 29 . Nach dem Willen der DC-Kirchenleiter sollte der Geistliche Vertrauensrat also nur die Funktion eines „Verhinderungsorgans" haben. Alles, was darüber hinauszugehen schien, wurde, wie oben schon angedeutet, mit großem Mißtrauen und Argwohn betrachtet 30 . In dieser Konzeption der „Verhinderung" seitens des größeren Teils der DC-Kirchenführer dürfte auch einer der wesentlichen Gründe für die beobachtete Diskrepanz zwischen der Arbeit von Schultz im Vertrauensrat und seinem Verhalten bei zahlreichen öffentlichen Auftritten liegen. Denn Schultz, dessen Mitarbeit in den meisten Fällen durchaus konstruktiv war 31 , scheute nicht davor zurück, die übrigen Mitglieder des Vertrauensrates bzw. die ganze Leitung der DEK in der Öffentlichkeit hart zu attackieren 32 . Dieses mag zum Teil auf „Druck seiner DC-Freunde" geschehen sein 33 , um durch deutliche deutsch-christliche Bekundungen deren Mißtrauen zu begegnen. Zum anderen muß in dieser Haltung aber auch ein Ausdruck seiner Uberzeugung gesehen werden. Denn Schultz legte bei aller Bereitschaft zu konstruktiver Mitarbeit doch immer nachdrücklich Wert darauf, die Arbeit des Vertrauensrates auf den engen Rahmen eines Beratungsgremiums zu beschränken. Dementsprechend lehnte er auch jede Kompetenzerweiterung für den Vertrauensrat ab und drohte für den Fall, daß es dennoch zu einer solchen komme, sogar seinen Rücktritt an 34 .

2 9 Sitzungsprotokoll der Arbeitsgemeinschaft nationalsozialistischer Kirchenleiter vom 11.4.1940 (EZA BERLIN, 1/A 4/168). 3 0 Vgl. oben S. 108-110. 3 1 So auch die Wertung von H.BRUNOTTE, S. 124. 32 Typisch hierfür war eine Vortragsreise, die Schultz im Sommer 1940 zu den deutschchristlichen Gemeinden nach Württemberg führte. In Stuttgart hielt er einen Vortrag über das Thema „Mit Deutschem Christentum in die Zukunft". Uber den G V R bemerkte er: „ .Hoffen Sie lieber auf ihre eigene Kraft oder auf die politischen Stellen, nicht aber auf den Vertrauensrat, der auch nach dem falschen Gesetz angetreten ist' ". Uber die übrigen Mitglieder meinte er, daß sie zwar „national zuverlässig" seien, sie jedoch „nicht begriffen, was die Stunde geschlagen habe, da sie aus einer anderen Zeit stammten" (LKA NÜRNBERG, N L Meiser, Nr. 106: Bericht des E O K Stuttgart über die Reise von Schultz; vgl. auch unten S. 157 f.). 33 E.KLÜGEL, Landeskirche, S. 376. Die Vermutung, Schultz habe seine kritischen Äußerungen über andere G V R Mitglieder nur auf Druck seiner DC-Freunde gemacht, übersieht m.E. jedoch, daß er mit seiner Kritik auch im Rahmen der internen Beratungen nicht zurückgehalten hat. Schultz dürfte — trotz seiner allgemein positiven Mitarbeit im G V R — als ein überzeugter „Deutscher Christ" einzustufen sein (vgl. auch unten S. 315-324). 34 So führte Schultz während der Sitzung der Arbeitsgemeinschaft evangelischer Kirchenleiter am 19.2.1940 aus, „daß zu Kriegsbeginn der Standpunkt eingenommen wurde, daß der Vertrauensrat nichts anderes sein solle als ein beratendes geistliches Gremium zur Unterstützung des Leiters der Kirchenkanzlei... Die beiden anderen Mitglieder seien inzwischen von

Die Interessenlage nach der Gründung des Geistlichen Vertrauensrates

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Für die Kirchenfiihrerkonferenz der auf Artikel 1 der Verfassung der DEK stehenden - nicht deutsch-christlichen - Landeskirchen hatte der bayerische Landesbischof Hans Meiser bereits anläßlich der Landeskirchenführerkonferenz am 29. August deutlich gemacht, daß seitens der hinter ihm stehenden Kirchenführer momentan keine Bereitschaft bestehe, irgendeinem Organ der DEK eine geistliche Leitùngskompetenz einzuräumen. Es war nicht nur die gegenwärtige kirchenpolitische Konstellation, die Meiser daran hinderte, der Einrichtung einer geistlichen Leitung zuzustimmen. Vielmehr war es die Notwendigkeit einer radikalen Scheidung von jeder Art deutsch-christlicher Irrlehre, die ihn zu seiner Stellungnahme veranlaßt hatte35. Denn jede Zusammenarbeit mit den Deutschen Christen im Rahmen einer geistlichen Leitung hätte zwangsläufig eine Anerkennung, zumindest aber eine Tolerierung ihrer theologischen Irrwege mit sich gebracht. Dieses meinte Meiser jedoch aus Bekenntnisgründen ablehnen zu müssen. Eine positive Konzeption der Kirchenfiihrerkonferenz war hingegen bei der Gründung des Vertrauensrates nicht erkennbar. Der Grund hierfür dürfte in dem gespannten Verhältnis zwischen den süddeutschen Kirchen und Hannover zu suchen sein. So war seit der Unterzeichnung der „Grundsätze" durch Marahrens das Verhältnis zwischen Meiser und Wurm einerseits und dem hannoverschen Landesbischof andererseits sehr unterkühlt. Diese Lage ließ es den süddeutschen Landeskirchen geraten sein, eine eher reservierte Beziehung zum Vertrauensrat einzunehmen. „Der Herr von Loccum", so meinte Wurm, „soll nun zeigen, was er kann" 36 . Es blieb also letztlich Marahrens überlassen, die Vorarbeit für eine positive Konzeption der Kirchenführerkonferenz zu liefern. Er ließ bereits wenige Wochen nach der GVR-Gründung keinen Zweifel daran, daß er „die eigentliche Aufgabe des Vertrauensrats" in der eines „Ordnungs- und Befriedungsdiesem Standpunkt anscheinend langsam mehr und mehr abgekommen." Würden die Pläne zur Erweiterung der GVR-Kompetenzen weiterverfolgt, so sei „er zu der Überlegung genötigt, . . . ob sein weiteres Verbleiben im Geistlichen Vertrauensrat noch mit den Erwartungen zu vereinbaren sei, die von weiten Kreisen an seine Mitwirkung im Vertrauensrat geknüpft worden seien" (Protokoll der Sitzung: StA OLDENBURG, Best. 250, A 56, Nr. 186). 35 Vgl. dazu oben S. 51f.; 83 f. Bereits in einem von Meiser mitunterzeichneten Brief an Kerrl vom 11.1.1939 hieß es: „Der Maßstab zu dieser Beurteilung [sc.: der Vorschläge zur Beendigung des Kirchenkampfes] kann für uns niemals das Interesse einer der am Kirchenkampf beteiligten Richtungen und Gruppen sein, sondern allein die Frage, ob der betreffende Vorschlag mit den Forderungen des in der Kirche geltenden Bekenntnisses und des Rechts vereinbar ist" (KJ1933-44, S. 276-282). — In einem Brief an Marahrens vom 20.12.1939 schrieb Meiser: „ . . . ich [kann] immer nur auf mein ceterum censeo zurückkommen. Es gibt keinen wirklichen Frieden, wenn sich nicht das, was innerlich und bekenntnismäßig geschieden ist, auch äußerlich scheidet" (LKA NÜRNBERG, NL Meiser, Nr. 106). 36 Schreiben von Wurm an Meiser vom 4.9.1939 (EBD.). Der Tagesbericht des Lutherrates vom 29. 4.1940 zeigt, daß diese Spannungen auch über die Gründungsphase des Vertrauensrates hinaus anhielten und in fast allen Besprechungen über die kirchliche Gesamtlage „deutlich zur Geltung" kamen (LKA HANNOVER, D15 III Nr. 163).

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Werkes" für den Bereich der D E K erblickte 37 . Obwohl sich aber mit dem Begriff der Ordnung für Marahrens ein zentrales Anliegen verband, verstand er darunter nicht eine Ordnung um jeden Preis: „Daß ich persönlich der kirchlichen Ordnung das Wort rede, brauche ich nicht besonders zu erwähnen. Aber die Überlegung ist doch erst dann erschöpfend, wenn man nach dem Fundament fragt, auf der die Ordnung ruht. Irgendwie steht diese immer im Zusammenhang mit der der Kirche aufgetragenen Verkündigung, und irgendwie umschließt für den Pfarrer die Ordnung die aus dem Ordinationsgelübde sich ergebende Verpflichtung" 38 . Ganz in diesem Sinne verstand er auch die folgenden Versuche, dem geistlichen Vertrauensrat eine sichere Rechtsgrundlage für seine Arbeit zu geben. Dabei hielt er es durchaus für legitim, den Vertrauensrat mit Rechten auszustatten, die über die Beschlüsse der Kirchenführerkonferenz hinausreichten 39 . Denn gerade die ersten Kriegswochen hatten gezeigt, daß angesichts der ablehnenden Haltung des Staates gegenüber den Aktivitäten des Vertrauensrates die Beschlüsse der Konferenz vom 29. August kaum eine tragfähige Basis für eine weitere sinnvolle Arbeit darstellten40. Folgerichtig drängte Marahrens denn auch darauf, dem Vertrauensrat weitergehende Rechte zur Erfüllung seiner Aufgabe einzuräumen. Allerdings wollte er eine Veränderung in der Rechtsstellung des Vertrauensrates nicht ohne die Billigung der Landeskirchen vornehmen 41 . Als sich jedoch im Februar 1940 eine Ablehnung jeglicher Kompetenzerweiterungen seitens der Nationalkirchler abzeichnete, konnte Marahrens seine Enttäuschung nur schwer verbergen: „Es gibt sogar Stimmen, die auf jede Weitergestaltung der Ordnung mit dem Ziele größerer Geschlossenheit verzichten zu müssen glauben; sie meinen dadurch dem Urteil und der Stellungnahme derer, die heute als junge Generation draußen stehen, vorzugreifen. Demgegenüber muß mit ganzem Ernst geltend gemacht werden, daß alle Überlegungen, die auf einen Ausbau der Ordnung zielen, dem Gedanken entspringen, die deutsche evangelische Kirche in ihrer Gesamtheit für die großen, im Augenblick an sie herantretenden Fragen zu einer möglichst starken Geschlossenheit des Einsatzes fähig zu machen. Hier bedeutet Aufschub Schaden" 42 . Denn es gehe nicht etwa darum, daß der Vertrauensrat die Kompetenzen einer geistlichen Leitung an sich ziehen

Wochenbrief Marahrens' vom 7.1%. 11.1939. Wochenbrief Marahrens' vom 5.12.1939. 39 Vgl. Wochenbrief Marahrens' vom 24.1.1940 und Schreiben von Marahrens an Schultz vom 6.1.1940. Über den gerade beratenen VO-Entwurf schreibt Marahrens: „Zweifellos geht sie über den ursprünglichen Auftrag hinaus. Aber ich glaube, daß das unvermeidlich ist, wenn wir wirklich weiterkommen wollen" ( E Z A BERLIN, 1/A 4/174, Bl. 181). 40 Vgl. oben S. 67 f. 41 Vgl. Wochenbrief Marahrens' vom 9.1.1940 und Brief von Marahrens an Schultz vom 24.1.1940 (EZA BERLIN, 1/A 4/174, Bl. 181). 42 Wochenbrief Marahrens' vom 20.2.1940. 37 38

Die Interessenlage nach der Gründung des Geistlichen Vertrauensrates

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wolle, um so einer Neugestaltung der Kirche nach dem Kriege vorzugreifen, sondern es kann „sich nur darum handeln, gewissen Befugnissen, die sich bei der Arbeit des Geistlichen Vertrauensrates von der Sache aus als unumgänglich erwiesen haben, die entsprechende Rechtsgrundlage zu geben. Es könnte eines Tages zu spät sein" 4 3 . Erst im März 1940 konnten sich die süddeutschen Landeskirchen zu einer programmatischen Aufgabenzuweisung für den Geistlichen Vertrauensrat entschließen. Kühlewein, Meiser und Wurm wollten ihm das Gebiet der äußeren Ordnung in der D E K als eigentlichen Tätigkeitsbereich zugestehen. Dem Geistlichen Vertrauensrat sollte also die Rolle eines „Ordnungsausschusses" zufallen 44 . Für diese Konzeption schien den süddeutschen Bischöfen die Zustimmung der übrigen Mitglieder der Kirchenführerkonferenz fast sicher zu sein. Denn dadurch wurde nicht nur ein wichtiger Aspekt von Marahrens' Vorstellungen aufgenommen, sondern auch der Versuch gemacht, einen Vorschlag, den die Kirchenführerkonferenz bereits am 11. Januar 1939 dem Kirchenminister als eine erste Maßnahme zu Befriedung der Deutschen Evangelischen Kirche unterbreitet hatte, zu verwirklichen 45 . Eng verknüpft mit dem Versuch der einzelnen Personen und Gruppen, ihre Vorstellungen von der Funktion des Vertrauensrates im Gesamtrahmen der D E K durchzusetzen, war die Diskussion um die rechtliche Stellung dieses Gremiums. Hier erst sollte sich zeigen, welche Konzeption mehrheitsfähig und damit realisierbar war.

Wochenbrief Marahrens' vom 6.3.1940. Vgl. hierzu das Schreiben von Wurm an Schultz vom 24.2.1940, in dem er diesen Vorschlag erläutert: „ . . . dem Vertrauensrat [darf] nicht der Charakter einer geistlichen Leitung der D E K gegeben werden, sondern seine Befugnisse müssen mehr in der Richtung eines Ordnungsausschusses liegen, mit der Befristung für die Kriegszeit und der Zielsetzung, die die Kirchenführerkonferenz schon im Januar 1939 vorgeschlagen hat, Modifikationen selbstverständlich vorbehalten. Die süddeutschen Landeskirchen werden einen entsprechenden Vorschlag zur Abänderung des vorliegenden Entwurfs einreichen und ich bitte sehr, daß solche Änderungsvorschläge nicht, wie es schon mehrfach vorgekommen ist, von vornherein unter dem Gesichtspunkt verworfen werden: Dies und das geht beim Minister oder Herrn Werner nicht durch. Sonst kommen wir nicht weiter. Entscheidend darf nur der Gesichtspunkt sein, ob eine Zwischenlösung ohne Gewissensverletzung gefunden werden kann. Ist eine solche kirchlich tragbar, dann ist sie auch vom staatlichen Gesichtspunkt aus zu begrüßen" (LKA SCHWERIN, GVR-Handakten Schultz, IV/67). 45 Zu den Entwürfen der „Arbeitskreise" äußerte sich die Kirchenführerkonferenz, indem sie ihre eigene Position unterbreitete und Vorschläge machte, auf deren Grundlage eine vorläufige „Übergangsregelung" ermöglicht werden sollte. U.a. wurde auch die Einrichtung eines „Ordnungsausschusses für den Bereich der D E K angeregt (KJ 1933-44, S. 276-281). 43 44

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2. Die Entwicklung der rechtlichen Gestalt des Geistlichen Vertrauensrates bis März 1940 Den Anlaß für das Aufeinandertreffen der verschiedenen Konzeptionen bildete die Diskussion um eine Geschäftsordnung für den Vertrauensrat. So war zwar in der „Bekanntmachung betr. die Bildung eines geistlichen Vertrauensrates für die Deutsche Evangelische Kirche" vom 31. August 1939 die Aufgabe des Vertrauensrates fixiert worden: Zusammen mit Präsident Werner sollte es Aufgabe dieses Gremiums sein, „namens und im Auftrage der Deutschen Evangelischen Kirche diejenigen Entschließungen zu fassen und diejenigen Maßnahmen zu treffen, . . . die sich aus der Verpflichtung der evangelischen Kirche gegen Führer, Volk und Staat ergeben, und ihren geordneten und umfassenden Einsatz zu seelsorgerischem Dienst am deutschen Volke zu fördern geeignet sind" 46 . Doch drängte diese allgemein gehaltene Formulierung schon bald nach einer Präzisierung. Eröffnet wurde die Diskussion von Werner, der relativ rasch nach der Bildung des Vertrauensrates einen Entwurf für eine Geschäftsordnung vorlegte47. Dieser noch recht ungenaue und unvollständige Entwurf beschränkte sich darauf, die geschäftsordnungsmäßige Ausgestaltung der Beschlüsse der Landeskirchenführerkonferenz vom 29. August 1939 zu regeln. Ziel des Entwurfes war es, möglichst deutlich die Funktion des Vertrauensrates als eines Beratungsorgans für den Präsidenten der Kirchenkanzlei zum Ausdruck zu bringen. Eine Möglichkeit für den Vertrauensrat, eigenständig tätig zu werden, sah denn dieser Entwurf auch überhaupt nicht vor. Selbst normale Sitzungen des Vertrauensrates konnten nur im Einvernehmen mit Präsident Werner anberaumt werden. Der erste vollständige Entwurf vom November 1939 weist dieselbe Tendenz auf 48 . Auch diese, aus der Kirchenkanzlei stammende Vorlage war so abgefaßt, daß sie dem Vertrauensrat jegliche selbständige Tätigkeit unmöglich gemacht hätte: Jegliche Initiative hatte vom Präsidialbüro auszugehen. Dieses allein sollte auch Sorge dafür tragen, daß „der Geistliche Vertrauensrat an denjenigen Sachen beteiligt wird, die die Leitung in geistlichen Angelegenheiten betreffen" 49 . Der Vorteil dieser Regelung lag für Werner auf der 46

GB1DEK 1939, S.97; KJ 1933-44, S.452Í.. Geschäftsordnungsentwurf aus dem September; ohne Tagesdatum (EZA BERLIN, 1 / A 4/174, BL. 101). 48 Zum Folgenden: Geschäftsordnungsentwurf aus dem November; ohne Tagesdatum. Der Entwurf muß jedoch in der ersten Monatshälfte abgefaßt worden sein, da Marahrens seinen Gegenentwurf bereits mit einem vom 13.11.1939 datierten Brief an Werner übersandte (EBD., Bl. 102-104). 49 Was als geistliche Angelegenheiten zu gelten hatte, wurde im Sinne der „Geistlichen Abteilung" der Anlage 4 des Gesamtgutachtens der „Arbeitskreise" bestimmt (EZA BERLIN, 1/A 4/538; vgl. EZA BERLIN, 1/A 4/173, Bl. 17-20; K . M E I E R , Kirchenkampf, Bd. 3, S.69f.). 47

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Hand: Er hätte — ohne eigene Kompetenzen abzugeben — Einfluß auf den „geistlichen Bereich" bekommen. Damit wäre ihm ein Bereich geöffnet worden, der ihm bisher entzogen war. Denn die 17. Durchführungsverordnung beschränkte seine Tätigkeit allein auf die „äußeren Angelegenheiten". Als Reaktion auf den sehr restriktiven „Werner-Entwurf" kann eine von Marahrens eingereichte Vorlage angesehen werden 50 . Die wesentlichen Abweichungen dieses Geschäftsordnungsentwurfes betrafen das Verhältnis zwischen Vertrauensrat und dem Leiter der Kirchenkanzlei: So sah der „Marahrens-Entwurf" vor, daß der Vorsitz im Vertrauensrat nicht dem Leiter der DEK, sondern dem „dienstältestefn] Mitglied" des Vertrauensrates zukommen sollte. Nicht einmal die Anwesenheit des Präsidenten der Kirchenkanzlei sollte bei den Sitzungen erforderlich sein. U m auch eine verwaltungsmäßige Unabhängigkeit des Vertrauensrates vom Präsidialbüro sicherzustellen, schlug Marahrens in seinem Entwurf sogar die Einrichtung einer eigenen GVR-Geschäftsstelle vor. In den folgenden Wochen schien sich ein Kompromiß zwischen den beiden Entwürfen anzubahnen 51 . So konnte bereits zur Vertrauensratssitzung am 12. Dezember ein Kompromißentwurf präsentiert werden — allerdings wurde er nicht verabschiedet, da Werner bei dieser Sitzung nicht zugegen war 52 . In der umstrittenen Frage, inwieweit eine Anbindung der GVRTätigkeit an den Präsidenten der Kirchenkanzlei tragbar sei, zeigte der Vertrauensrat Entgegenkommen: Zwar sollte die Leitung der „Aussprachen" bei dem „dienstältesten Mitglied" liegen, doch hatte „der Leiter der DEKK . . . das Recht, an den Beratungen teilzunehmen". Auch ein eigenes Büro stand nicht mehr zur Diskussion: Es sollte stattdessen ein Beamter der Kirchenkanzlei dazu bestimmt werden, die an den Vertrauensrat gerichtete Post zu öffnen und sie „dem ortsanwesenden Mitglied des Vertrauensrates . . . D. Hymmen" zuzuleiten. Betrachtet man diesen Kompromiß, so schien es gelungen, dem Vertrauensrat wenigstens ein gewisses Maß an Unabhängigkeit gegenüber dem juristischen Leiter der Kirchenkanzlei zu sichern. Jedoch waren die Bindungen an den Leiter der Kirchenkanzlei noch so eng, daß der Vertrauensrat kaum als eigenständiges Gremium angesprochen werden konnte. Obwohl innerhalb des Vertrauensrates allgemein die Bereitschaft bestand, den erzielten Kompromiß zu akzeptieren, wurde diese Geschäftsordnung nie verabschiedet. Denn parallel zu den Geschäftsordnungsverhandlungen

50 Entwurf von Marahrens, mit Begleitbrief am 13.11.1939 an Werner übersandt (EZA BERLIN, 1/A 4/174, Bl. 105-109). 51 Bei dem Dokument (EBD., Bl. 118 f.) dürfte es sich aller Wahrscheinlichkeit nach um einen Vermerk handeln, der die getroffenen Kompromisse festhält. 52 Uber die Geschäftsordnung wurde in den Sitzungen des GVR am 16.11.1939 und am

1 2 . 1 2 . 1 9 3 9 beraten ( L K A HANNOVER, S 1 , ELL, 129).

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im Vertrauensrat war es auch im Reichskirchenministerium zu Aktivitäten auf diesem Gebiet gekommen. So hatte Kerrl den reformierten Theologen Prof. Otto Weber beauftragt, bis zum 15. Dezember 1939 einen Entwurf für das Ministerium zu erstellen53. Als es am 19. Dezember 1939 zu einer Besprechung zwischen Kerrl und den Mitgliedern des Vertrauensrates kam 54 , markierte dieses Treffen einen Wendepunkt in der Entwicklung. Denn zur Überraschung seiner Gesprächspartner präsentierte Kerrl den von Weber gefertigten Geschäftsordnungsentwurf und ließ keinen Zweifel daran, daß damit der Entwurf des Vertrauensrates vom Tisch sei. Inhaltlich ging diese Vorlage weit über den Geschäftsordnungsentwurf, den der Vertrauensrat aufgestellt hatte, hinaus. Denn die Grundlage des Entwurfs war eine fast vollständige Übernahme der entsprechenden Vorlage aus der Tätigkeit der „Arbeitskreise" vom Herbst/Winter 1938/39. Kerrl gedachte also die Resultate der „Arbeitskreise" für den Vertrauensrat fruchtbar zu machen. Entsprechend seiner Lieblingsidee, „Verwaltung und geistliche Leitung auseinanderzuhalten, wenn auch nicht eben zu lösen", war dem Vertrauensrat die Rolle der geistlichen Leitung zugedacht55. Sogar die altpreußische Kirche wurde in diesen Entwurf einbezogen 56 . Doch nicht die weitreichenden Befugnisse, die dem Vertrauensrat zugedacht waren, stellten die eigentliche Schwierigkeit des Entwurfs dar. Das Problem war viel grundsätzlicher: Es erwies sich nämlich, daß die Rechtskonstruktion, die die Konferenz der Landeskirchenführer vom 29. August dem Vertrauensrat gegeben hatte, eine so extensive Übertragung von Befugnissen gar nicht abdeckte. Trotz der Bedenken einiger Anwesender 57 beschritt Kerrl nun einen Weg, der sich in den folgenden Monaten als der Grund zahlreicher Auseinandersetzungen um die Rolle des Geistlichen Vertrauensrates bei der Kirchen53

Brief von Weber an Bosse vom 23.12.1939 (LKA HANNOVER, S1, Ell, 129). Der Verlauf des Besuches läßt sich im wesentlichen aus einem Brief von Weber an Bosse vom 23.12.1939 rekonstruieren. Der Besuch erfolgte ohne Werner, der sich gerade auf einer Dienstreise nach Gablonz befand (EBD.). 55 EBD. Die in diesem Entwurf für den GVR vorgesehene Aufgabenstellung deckt sich fast Wort für Wort mit der vollständigen Anlage 4 des Gesamtgutachtens der „Arbeitskreise". Dem GVR sollte nicht nur die „Geistliche Abteilung" zur Bearbeitung überlassen werden, sondern auch in den „res mixtae" sollte die Kirchenkanzlei ein „Einvernehmen" mit dem GVR erzielen. Ja sogar bei den allgemeinen Verwaltungsangelegenheiten war vorgesehen, dem GVR „Gelegenheit zur beratenden Begutachtung zu geben". Weber nennt folgerichtig den Inhalt „olle Kamellen"; vgl. auch K . M E I E R , Kirchenkampf, Bd.3, S.69f.. * Vgl. unten S. 141-144. 57 Weber befürchtete Widerstand Werners gegen eine solche entmachtende Verordnung: „Wenn es dem Minister gelingt, Werner zum Erlaß dieser VO zu bestimmen, so ist das eine große Tat. Und wenn Werner darauf eingeht, so bin ich für seine Heiligsprechung" (LKA HANNOVER, S1, Ell, 129: Brief von Weber an Bosse vom 23.12.1939 mit einem Bericht über die Beratungen bei Kerrl). Marahrens hingegen „hatte Sorgen, ob die Kirchenführer nicht gegen eine so weitgehende Vollmachtsübertragung meckern könnten" (EBD.). 54

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leitung herausstellten sollte. Kerrl, der aus dem Vertrauensrat um jeden Preis eine vollwertige geistliche Leitung machen wollte, gedachte zur Durchsetzung dieses Zieles einen juristischen Kunstgriff anzuwenden. So sollte der bisherige Geschäftsordnungsentwurf in die Form einer Verordnung gekleidet werden, um auf diese Weise dem Vertrauensrat eine solide rechtliche Absicherung zu geben. Da Kerrl jedoch keine Vollmachten mehr besaß, um eine solche Verordnung auch in Kraft zu setzen, sollte Präsident Werner veranlaßt werden, die Verordnung auf Grund seiner aus der 17. Durchführungsverordnung resultierenden Befugnisse zu erlassen und somit dem Vertrauensrat, wie Weber sich notierte, „bestimmte Befugnisse Überträgen], und zwar weitgehende" 58 . Kerrl gedachte also, den Präsidenten der Kirchenkanzlei abermals zum Instrument seiner „indirekten" Kirchenpolitik zu machen. Weber und Hundt wurden sogleich beauftragt, die Geschäftsordnung in die Rechtsform einer Verordnung zu kleiden 59 . Am 20. Dezember bekam Kerrl das Ergebnis vorgelegt, und nach einer Detailüberarbeitung durch Ministerialdirigent Dr. Stahn 60 wurde der neue Verordnungsentwurf den Mitgliedern des Vertrauensrates und Werner zugesandt. In den Tagen unmittelbar nach der Jahreswende kam es zu einer umfangreichen und hektischen Beratungstätigkeit über den geplanten Verordnungsentwurf. A m 4. Januar fanden sowohl eine Sitzung des Geistlichen Vertrauensrates hierzu statt als auch eine Vorbesprechung im Kirchenministerium. Hieran nahmen Werner und die zustänigen Referenten des Ministeriums teil. A m 5. Januar kam es zu einer dreistündigen Besprechung des Entwurfes im Reichskirchenministerium, bei der die GVR-Mitglieder, Werner, Kerrl und seine Referenten sowie Hundt und Weber anwesend waren. In dieser Sitzung wurde die geplante Verordnung nochmals eingehend beraten und inhaltlich fertiggestellt, so daß Hundt bereits am 6. Januar die „von Professor Dr. Weber und mir soeben auf Grund der gestrigen Vereinbarung formulierte endgültige Fassung des Entwurfs einer Verordnung" 61 an alle Beteiligten übersandte. Betrachtet man den Entwurf vom 6. Januar, so schien Kerrl als der eigentliche Sieger aus den internen Scharmützeln um die Rechtsstellung des Vertrauensrates hervorgegangen zu sein. Denn die einzige Einschränkung, die seine Vorlage erfahren hatte, war die Ausklammerung Altpreußens 62 . Ansonsten lief der durch diesen Verordnungsentwurf aufgewiesene Weg genau auf die von Kerrl seit dem „Oktoberprogramm" verfolgte Trennung von weltlichen und geistlichen Angelegenheiten hinaus. War es dem Kirchenminister drei Monate zuvor nicht gelungen, Marahrens, Schultz und 58

EBD.

61

Brief von H u n d t an Werner v o m 6 . 1 . 1 9 4 0 ( E Z A BERLIN, 1 / A 4 / 1 7 4 , Bl. 178). Vgl. unten S. 143 f.

62

59

EBD.

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EBD.

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Hymmen davon zu überzeugen, daß sie „mangels rechtlicher Voraussetzungen" gemeinsam mit dem Leiter der Kirchenkanzlei die Leitungsrechte für die D E K „revolutionär" an sich zu ziehen hätten 63 , so schien er jetzt sein Ziel erreicht zu haben. Konnte es Kerrl an sich schon als einen Erfolg verbuchen, daß es überhaupt zu einer rechtlichen Verankerung des Vertrauensrates kommen sollte, so mußte der Inhalt der geplanten Verordnung vollends ein Gefühl der Genugtuung bei ihm aufkommen lassen. Denn es schien tatsächlich gelungen zu sein, die materielle Rechtsstellung des Vertrauensrates soweit zu stärken, daß nun fortan neben der juristischen Leitung ein zweites Leitungsorgan existieren würde 64 . Nach dem Verordnungsentwurf hätte der Vertrauensrat die Möglichkeit gehabt, in folgenden Angelegenheiten „Grundsätze . . . auf[zu]stellen sowie Einzelanweisungen [zu] erteilen: a) Kirchliche Lehre und theologische Forschung, b) Verkündigung und Seelsorge, c) Bibel und Gesangbuch, d) Religiöse Unterweisung, e) Gottesdienst, Agende, kirchliche Feiern, Kirchenmusik, kirchliche Kunst, f) Sakramente und geistliche Amtshandlungen, g) Einweihung von gottesdienstlichen Räumen, h) Vorbildung der Geistlichen, Prüfungen und Seminare, i) Ordination und Einführung von Geistlichen, k) Betreuung der Geistlichen, 1) Volkskirchliche Arbeit, Innere und äußere Mission, m) Aufstellung von Plänen für Kollekten". Weiter sah der Entwurf vor, daß die Entscheidungen des Leiters der Kirchenkanzlei in einer ganzen Reihe von Angelegenheiten an das Einverständnis des Vertrauensrates gebunden werden sollten: ,,a) Feststellung des Haushaltsplanes, b) Pfarrstellenbesetzung, c) Recht und Organisation des Pfarrerstandes, d) Rechtsverhältnisse der kirchlichen Minderheiten, Verwendung der kirchlichen Gebäude, e) geistliche Personalien der allgemeinen kirchlichen Verwaltung, f) Verfassung der Deutschen Evangelischen Kirche und Richtlinien für die Verfassung der Landeskirchen, g) Dienstaufsicht und Beamtenrecht, h) Kirchenzugehörigkeit und Kirchenaustritt, i) Feiertagsfragen, k) Behandlung der geistlichen Amtshandlung in den Kirchenbüchern, 1) Verwaltung der Stiftungen". Gleiches galt für den Personalbereich. Auch

63 Vermerk von Werner über den E m p f a n g bei Kerrl am 11.11.1939 ( E Z A BERLIN, 1/A 4/174, Bl. 67-73). 6 4 Vergleicht man den endgültigen Entwurf — die folgenden Aufgabenbeschreibungen entstammen diesem Entwurf — ( E Z A BERLIN, 1/A 4/174, Bl.215f.) mit den verschiedenen Vorlagen, so wird deutlich, daß Kerrl nur in wenigen Bereichen Abstriche an der ursprünglichen, durch Weber und Hundt erstellten, Fassung vom 20. Dezember machen mußte. Einschränkungen wurden nur in soweit gemacht, als die Ev. Kirche der altpreußischen U n i o n nicht „ m i t ü b e r n o m m e n " wurde und man auf die detaillierte Aufzählung der „weltlichen Angelegenheiten" verzichtete. Ferner wurde eine Garantie für den Fortbestand der Rechte der Finanzabteilungen und des Kirchlichen Außenamtes der D E K festgeschrieben. Vgl. die verschiedenen Vorentwürfe v o m 3.1.1940 (EBD, Bl. 146-149), vom 5.1.1940 (EBD., Bl. 164-167) und v o m 6.1.1940 (EBD., Bl. 168-170).

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hier konnte bei der Besetzung von Schlüsselstellen keine Entscheidung ohne Einvernehmen mit dem Vertrauensrat getroffen werden. Zur Erfüllung dieser Aufgaben sollte dem Vertrauensrat eine eigene Geschäftsstelle eingerichtet werden. Ferner war geplant, einen Vertreter des reformierten Bekenntnisses zu den Sitzungen hinzuzuziehen. Während es für Kerrl nun nur noch darum gehen konnte, die Verordnung ohne Abstriche und möglichst schnell von Werner in Kraft setzen zu lassen, waren die Bedenken der übrigen Beteiligten noch deutlich zu spüren. Zwar schien Marahrens „die Verordnung in der vorliegenden Form möglich zu sein", obwohl „sie über den ursprünglichen Auftrag hinaus [geht]". Doch glaubte der hannoversche Landesbischof, „daß das unvermeidlich [sei], wenn wir wirklich weiter kommen wollen" 65 . U m diese weitergehende Aufgabenstellung für den Vertrauensrat zu legitimieren, hielt es Marahrens jedoch für notwendig, die geplante Verordnung zur Besprechung und Genehmigung den jeweiligen Kirchenführerkonferenzen vorzulegen. Schultz verhielt sich noch wesentlich zurückhaltender. Er meinte, einer Ubersendung des Entwurfes an die Landeskirchen erst gar nicht zustimmen zu können, da die Verordnung zu weit über die dem Vertrauensrat eingeräumten Kompetenzen hinausgehe. Stattdessen votierte er für die Einberufung einer allgemeinen Kirchenführerkonferenz — „wie es seinerzeit vor der Berufung des Vertrauensrates geschehen ist" 6 6 . Ferner hegte er die grundsätzliche Befürchtung, daß durch die extensive Kompetenzerweiterung der Vertrauensrat zu sehr mit Verwaltungsaufgaben belastet werde und zu seiner eigentlichen Aufgabe, nämlich der geistlichen Betreuung, zu wenig Zeit habe 67 . Daß auch Werner starke Vorbehalte gegen die geplante Verordnung geltend machte, erscheint nur allzu verständlich, hätte die Verwirklichung dieser Vorlage doch eine erhebliche Beschneidung seiner eigenen Kompetenzen zur Folge gehabt 68 . Trotz dieser Bedenken fiel die Entscheidung nicht zugunsten der Einberufung einer Kirchenführerkonferenz, sondern der Vertrauensrat entschied sich, schriftliche Stellungnahmen der Landeskirchen einzuholen 69 . Kerrl Brief an Schultz vom 6.1.1940 ( E Z A BERLIN, 1/A 4/174, Bl. 181). Brief an H y m m e n vom 11.1.1940 (EBD., Bl. 180). 6 7 Protokoll der GVR-Sitzung vom 23.1.1940 ( L K A SCHWERIN, GVR-Handakten Schultz, 1/1). 68 Brief an Schultz vom 22.1.1939: „Insbesondere scheint es mir auch nicht glücklich, den Vertrauensrat mit Funktionen zu versehen, die ihm gewissermaßen die Stellung einer obersten Verwaltungsbehörde geben" ( E Z A BERLIN, 1/A 4/174, Bl. 196). Auch in einem späteren, nie abgesandten Bericht vom 4.3.1940 äußerte Werner, daß er immer starke Bedenken gegen den Verordnungsentwurf gehegt habe. Kerrl habe ihm jedoch „nahegelegt", die Verordnung zu erlassen (EBD., Bl. 205-209). 69 Protokoll der GVR-Sitzung v o m 6.2.1940 ( L K A SCHWERIN, GVR-Handakten Schultz, 1/1). 65

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ließ nämlich erklären, er wünsche keine mündliche, sondern lediglich eine schriftliche Anhörung der Landeskirchen 70 . So verschickte Werner denn am 15. Februar auf Veranlassung von Kerrl den geplanten Verordnungsentwurf an „die obersten Behörden der deutschen evangelischen Landeskirchen" 7 1 . Den Landeskirchen wurde für ihre Stellungnahme eine Frist bis zum 28. Februar eingeräumt. Damit wurde die zweite Phase der Diskussion um die Rechtsstellung des Vertrauensrates eingeleitet. Was bisher nur im internen Rahmen zwischen Vertrauensrat, Kirchenkanzlei und Reichskirchenministerium erörtert wurde, mußte sich nun der Kritik durch die Landeskirchen stellen. Es zeigte sich rasch, daß die Bedenken, die schon in den internen Besprechungen aufgetaucht waren, ihre Berechtigung hatten. Sowohl das Verfahren, durch das diese Verordnung erlassen werden sollte, als auch der Inhalt des Entwurfes selbst stießen fast überall auf starke Vorbehalte. A m schnellsten fanden die in der „Arbeitsgemeinschaft nationalsozialistischer Kirchenleiter" zusammengeschlossenen Landeskirchen zu einer gemeinsamen Stellungnahme. Diese Gruppierung beriet den Verordnungsentwurf bereits am 19. Februar. Das Resultat war eine glatte Ablehnung der Vorlage: „Wir kommen . . . zu dem Ergebnis, daß der Verordnungsentwurf sowohl aus kirchenpolitischen wie aus staatspolitischen und rechtlichen Gründen unannehmbar ist" 7 2 . Prüft man die Argumentation, die zu diesem Resultat führte, so konzentrierten sich die Bedenken auf folgende Punkte: Auf kirchenpolitischer Ebene wurde moniert, daß „der Entwurf . . . dem Geistlichen Vertrauensrat eine Rechtsstellung [gäbe], die in krassestem Widerspruch steht zu den Beschlüssen der allgemeinen Kirchenführerkonferenz vom 29. August 1939". Nur eine ebensolche Konferenz sei demnach auch befugt, über einen solchen Verordnungsentwurf zu befinden. In politischer Hinsicht habe die 17. Durchführungsverordnung „das unbestreitbare Verdienst gehabt, Ruhe und Ordnung im Raum der Kirche im wesentlichen' ' wiederhergestellt zu haben. Dieses werde nun aufs Spiel gesetzt, „wenn in Gestalt des Geistlichen Vertrauensrates ein neuer Kirchenausschuß die Macht an sich reißen" sollte. In rechtlicher Beziehung wurde der Entwurf gar als eine „Unmöglichkeit" eingestuft: Es widerspräche der 17. Durchfüh-

7 0 Vermerk über ein Telefongespräch zwischen Konsistorialrat Kronenberg und Ministerialdirigent Stahn am 8.1.1940 ( E Z A BERLIN, 1/A 4/174, BL. 179). 71 N o c h in dem Anschreiben zu dem Entwurf ließ Werner durchblicken, daß er nicht der Urheber der Verordnung sei: Kerrl habe ihm „nahegelegt, diese Verordnung aufgrund der [ihm] gemäß § 1 der 17. Verordnung zur Durchführung des Gesetzes zur Sicherung der Deutschen Evangelischen Kirche zustehenden Befugnisse zu erlassen" (EBD., Bl. 214-216). 72 Gleichlautende Stellungnahmen wurden von den Landeskirchen Nassau-Hessen ( E Z A BERLIN, 1/A 4/567, Bl. 139-143), Thüringen (EBD., Bl. 144-147), Mecklenburg (EBD., Bl. 154 -158), Oldenburg (EBD., Bl. 164-168), Anhalt (EBD., Bl. 172-176) und Lübeck (EBD., Bl. 184 -188) an die Kirchenkanzlei gesandt.

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rungsverordnung, wenn der Leiter der Kirchenkanzlei, der ja selbst nur in „äußeren Angelegenheiten" Kompetenzen besitze, dem Geistlichen Vertrauensrat die Möglichkeit einräume, Entscheidungen im geistlichen Bereich zu treffen. Einzig und allein der Kirchenminister selbst sei in der Lage, eine solche Verordnung zu erlassen. Hinter dieser Ablehnung 73 , deren rechtlich substantielle Bedenken durchaus nicht von der Hand zu weisen waren, ja die sich sogar teilweise mit den Vorbehalten von bekenntnisorientierten Landeskirchen deckten, verbarg sich jedoch eine grundsätzlichere Auffassung. Es war auf nationalkirchlicher Seite immer die Angst vorhanden, daß man unfreiwillig dazu beitragen könne, einer „bekenntnisorientierten" DEK-Kirchenleitung in den Sattel zu helfen, die dann die DC-Landeskirchen „bevormunden" könnte. Immerhin waren ja wesentliche Bestandteile des Verordnungsentwurfes Vorschlägen der „Arbeitskreise" entliehen, deren Wirken im Winter 1938/39 von den Deutschen Christen stets mit Argwohn betrachtet worden war. Diese Furcht wurde auch nicht dadurch gemindert, daß mit Landesbischof Schultz, dem stellvertretenden Reichsleiter der Nationalkirchlichen Einung, ein führendes Mitglied der Nationalkirchler im Vertrauensrat vertreten war. Ja, im Gegenteil, es vergrößerte sogar noch die Angst, für die Ziele der Kirchenführer um Marahrens „mißbraucht" zu werden74. Bereit war 73 Die Extreme wurden innerhalb der Konferenz der DC-Kirchenführer von Kipper (Nassau-Hessen) und Volkers (Oldenburg) vertreten. Während Kipper sogar noch den späteren gemäßigten Erlaß vom 28.3.1940 (vgl. unten S. 116f.) ablehnte, weil er „die Rechtswirksamkeit der veröffentlichten Regelung nur bezweifeln" könne (StA OLDENBURG, Best. 250, A56, Nr. 186: Brief von Kipper an Volkers vom 19.4.1940), wandte sich zwar auch Volkers gegen eine zu weitgehende Vollmacht für den GVR. Doch tat er dieses aus der Befürchtung, „daß die durch den Vertrauensrat erzielten Fortschritte der Einigung, des Zusammenschlusses und der Befriedung der Kirchen durch diese Verordnung infrage gestellt werden' ' (EBD. : Protokoll der Arbeitsgemeinschaft ev. Kirchenleiter vom 19.2.1940). — Der Vollständigkeit halber sei noch auf die „Sonderfälle" bei der Ablehnung hingewiesen: Im Fall von Sachsen erwies sich erneut die starke Abhängigkeit der Kirchenleitung vom dortigen Gauleiter Mutschmann: So wurde Präsident Klotsche nach „stattgefundener Rücksprache" ermächtigt, „mitzuteilen, daß der Herr Reichsstatthalter die Mitwirkung eines Geistlichen Vertrauensrates bei den Geschäften der sächsischen Kirchenleitung nicht zulassen wird" (Brief von Klotsche an Werner vom 26.2.1940: EZA BERLIN, 1/A 4/567, Bl. 98-101). Der Bremer Landesbischof Weidemann begründete seine Ablehnung des Verordnungsentwurfes damit, daß die Vorlage mit der Verfassung der Bremischen Kirche unvereinbar sei. Zur Bekräftigung seiner Position legte Weidemann ein Gutachten von Prof. E. Hirsch bei, das zu dem Ergebnis kam, daß der Entwurf gegen die Freiheit von Forschung und Lehre verstoße, indem er in Art. IS 1 „eine ganze Reihe von Gegenständen als Angelegenheit der Kirchenleitung [behandele], die nach evangelischer Auffassung niemals Gegenstand der Kirchenleitung sein können" (EBD., Bl. 177-180: Brief von Weidemann an Werner vom 26.2.1940 mit Anlage des Gutachtens von Hirsch vom 23.2.1940). 74 Sasse äußerte etwa die Befürchtung, daß „der Vertrauensrat doch eine gefährliche Sache zu sein" scheint: Weber treibe „objektiv heillose sogenannte Kirchendiplomatie", und der „Fuchs Marahrens" steuere deutlich auf das Reichsbischofsamt zu (LKA SCHWERIN, GVRHandakten Schultz, II/3: Brief von Sasse an Schultz vom 21.4.1940).

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man allenfalls, den Geistlichen Vertrauensrat in „seiner bisherigen harmlosen Gestalt" zu erhalten, da er sich „in seiner bisherigen Zusammensetzung und mit seinen bisherigen Befugnissen durchaus bewährt" habe75. Das hieß aber nichts anderes, als die rechtlose und wirkungslose Position des Vertrauensrates nun erneut zu sanktionieren. Eine knappe Woche nach der Sitzung der DC-Landeskirchen trafen am 23. Februar die Bischöfe der drei süddeutschen Landeskirchen zu einer gemeinsamen Besprechung des Verordnungsentwurfes zusammen 76 . In dieser Sitzung wurde auf der Grundlage zahlreicher Gutachten, die über den Verordnungsentwurf erstellt worden waren77, die gemeinsame Position der süddeutschen Landeskirchen festgelegt. Das Ergebnis dieses Zusammentreffens zwischen Kühlewein, Meiser und Wurm war ein „Gegenentwurf" zu dem übersandten Vorschlag78. Sowohl in der rechtlichen Fundierung des Vertrauensrates als auch in der Aufgabenbeschreibung wich dieser Vorschlag erheblich von dem „Kerrl-Entwurf" ab. Die rechtliche Legitimation des Vertrauensrates wurde nicht aus der 17. Durchführungsverordnung, sondern auf die Beschlüsse der Kirchenführerkonferenz vom 29. August 1939 zurückgeführt. Was die Zuständigkeiten des Vertrauensrates betraf, so ist einerseits eine starke Straffung der Ausführungen gegenüber dem „Kerrl-Entwurf" festzustellen, andererseits aber auch eine Verschiebung der Kompetenzen: In geistlichen Angelegenheiten wurde die Tätigkeit des Vertrauensrates lediglich auf die sehr schmale Basis des Art. 4, Ziffer 1-3 der Verfassung der DEK beschränkt. Und selbst in diesem Bereich sollte auch nur dann die Möglichkeit gegeben werden, „Grundsätze auf[zu] stellen und Einzelanweisungen [zu] erteilen, die für die DEKK verbindlich sind", wenn „die Belange der DEK nach außen zu vertreten sind" 79 . Die im „Kerrl-Entwurf" intendierte Möglichkeit, den Vertrauensrat zu einer geistlichen Leitung auszubauen, wurde also durch diese Formulierungen völlig negiert. Hingegen sah der

75 Übereinstimmende Stellungnahme der DC-Landeskirchen; hier Nassau-Hessen (EZA BERLIN, 1/A 4/567, Bl. 141). 76 Bericht (Abschrift) über das Treffen der süddeutschen Bischöfe von Wurm an Marahrens vom 23.2.1940 (LKA NÜRNBERG, N L Meiser, Nr. 106). 77 Gutachten von Dr. Otto Friedrich, Karlsruhe (LKA STUTTGART, Bd. 115b VII, Altreg.) und von Martin Gauger und OKR Meinzolt (LKA NÜRNBERG, N L Meiser, Nr. 106). 78 Ein Exemplar des „süddeutschen Entwurfes" befindet sich im EZA BERLIN, 1 / A 4/567, BL. 135. 79 In Artikel 4, Ziffer 1-3 heißt es: „1. Deutsche Evangelische Kirche will die in ihr geeinte deutsche evangelische Christenheit für die Erfüllung des göttlichen Auftrages der Kirche rüsten und einsetzen. Sie hat deshalb von der Heiligen Schrift und den reformatorischen Bekenntnissen her sich um eine einheitliche Haltung in der Kirche zu bemühen und der kirchlichen Arbeit Ziel und Richtung zu weisen. 2. Ihre besondere Fürsorge widmet sie dem deutschen Volkstum, vornehmlich der Jugend. 3. Die freie kirchliche Arbeit von gesamtkirchlicher Bedeutung, insbesondere auf dem Gebiete der inneren und äußeren Mission, nimmt sie unter ihre fördernde Obhut" (GB1DEK 1933, S.2).

Die Entwicklung der rechtlichen Gestalt des Geistlichen Vertrauensrates bis März 1940

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Entwurf im juristisch-verwaltungsmäßigen Bereich eine erhebliche Kompetenzerweiterung vor. Gab der „Kerrl-Entwurf" dem Vertrauensrat auf dem Gebiet der kirchlichen Verwaltung „vor Erlaß von Rechtsverordnungen und allgemeinen Verwaltungsanordnungen . . . in geeigneten Fällen Gelegenheit zu beratender Begutachtung", so sah der süddeutsche Entwurf vor, daß das Inkrafttreten solcher Verordnungen jeweils zwingend an das Einverständnis des Vertrauensrates gebunden sein sollte. Aber dies sollte nicht nur auf der Ebene der DEK gelten, auch die Prüfung von landeskirchlichen Verordnungen auf die Rechtseinheit unter den Landeskirchen sollte in die Zuständigkeit des Vertrauensrates fallen80. Diese Akzentverschiebung in der Aufgabenstellung des Vertauensrates resultierte einerseits aus dem Interesse der süddeutschen Landeskirchen, dem Vertrauensrat auf dem geistlichen Gebiet keine allzugroßen Kompetenzen einzuräumen, da hier die Gefahr bestand, daß durch die Zusammensetzung dieses Gremiums vitale bekenntnismäßige Interessen berührt werden könnten 81 . Andererseits war es aber auch das Bestreben der süddeutschen Bischöfe, die Alleinherrschaft des Präsidenten der Kirchenkanzlei einzuschränken 82 . Dieses konnte bei der bestehenden Konstellation am effektivsten geschehen, wenn es gelang, seine alleinige Entscheidungskompetenz auf dem Sektor der allgemeinen Verwaltung zu beschneiden, indem man ihn an die Zustimmung des Vertrauensrates band. Schon bevor es in der Konferenz der auf Artikel 1 der DEK-Verfassung stehenden Kirchenführer zu einer Beratung des süddeutschen Entwurfes kam, zeigte sich, daß der Vorschlag von Kühlewein, Meiser und Wurm bei den Mitgliedern dieser Kirchenführerkonferenz auf viel Resonanz stieß. So baten Happich und Marahrens, die in Einzelvoten dem „Kerrl-Entwurf" grund-

80

Gemäß der „Verordnung zur Gewährleistung der Rechtseinheit unter den Landeskirchen auf dem Gebiete der Verwaltung und der Rechtspflege" vom 5.3.39 stand dieses Prüfungsrecht eigentlich allein dem Leiter der DEKK zu (GB1DEK 1938, S. 19). 81 So äußerte Wurm in einem Brief an Schultz vom 24.2.1940, daß „dem Vertrauensrat nicht der Charakter einer geistlichen Leitung der DEK gegeben werden [dürfe], sondern seine Befugnisse müssen mehr in Richtung eines Ordnungsausschusses liegen, der mit der Befristung für die Kriegszeit und mit der Zielsetzung, die die Kirchenführerkonferenz schon im Januar 1939 vorgeschlagen hat [Anm.: Tagung der Kirchenführerkonferenz vom 11.1.1939, auf der ein Gegenvorschlag zu den Ergebnissen der Arbeitskreisaktion vorgelegt wurde; vgl. KJ 1933-44, S.276; 282], Modifikationen selbstverständlich vorbehalten. Die süddeutschen Kirchen werden einen entsprechenden Vorschlag zur Abänderung des vorliegenden Entwurfs einreichen und ich bitte sehr, daß solche Abänderungsvorschläge nicht, wie es mehrfach vorgekommen ist, von vornherein unter dem Gesichtspunkt verworfen werden: Dies und das geht beim Minister oder Herrn Werner nicht durch. Sonst kommen wir nicht weiter. Entscheidend darf nur der Gesichtspunkt sein, ob eine Zwischenlösung ohne Gewissensverletzung gefunden werden kann" (LKA SCHWERIN, GVR-Handakten Schultz, IV/67). 82 Vgl. das Gutachten von Friedrich (vgl. oben Anm. 77).

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sätzlich zustimmten, den süddeutschen Vorschlag bei der endgültigen Abfassung zu berücksichtigen 83 . Da wegen mehrmaliger Terminverschiebung die Kirchenführerkonferenz erst am 13. März zusammentraf 84 , konnten Landesbischof Wurm und Landessuperintendent Hollweg-Aurich die endgültige Stellungnahme erst am 13. März Werner mitteilen. Sie erklärten, daß der „abgeänderte [sc.: süddeutsche] VO-Entwurf hinsichtlich der Mitwirkung des Geistl. Vertauensrates nunmehr der endgültige Vorschlag ihrer Landeskirchenführergruppe sei" 8 5 . Damit war auch diese Kirchenführerkonferenz zu einer eindeutigen Stellungnahme gelangt. Eine dritte Gruppe bildeten die Landeskirchen, die dem „Kerrl-Entwurf" vollständig zustimmten. Da sich Hamburg, reformiert Hannover und die Lippische Landeskirche, die ursprünglich alle dem „Kerrl-Entwurf" ohne Einschränkung zugestimmt hatten 86 , nach den Beratungen in der Kirchenführerkonferenz ebenfalls zu dem süddeutschen Entwurf hielten, blieben nur noch Braunschweig und die Deutsche Ev. Kirche in Böhmen und Mähren, die vorbehaltlos dem ursprünglichen Verordnungsentwurf zustimmten 87 . Eine Sonderrolle nahm die Evangelische Kirche der altpreußischen Union ein. Hier wurde keine eindeutige Stellungnahme erzielt 88 . Es „bestand [zwar] Einmütigkeit darüber, daß jeder Fortschritt in der Entwicklung der D E K begrüßt werden müsse, und daß die Gedanken des Entwurfs als ein Schritt auf diesem Weg angesehen werden" könnten. Andererseits hegten zahlreiche Mitglieder des Ev. Oberkirchenrates Berlin aber juristische Bedenken gegen den Erlaß einer solchen Verordnung durch Präsident Werner. Man war der Ansicht, daß der Entwurf nur dann erlassen werden könne, wenn die überwiegende Zahl der Landeskirchen ihre Zustimmung erteilt habe, da bei Nichtanerkennung des Geistlichen Vertrauensrates durch die Landeskirchen „ein unübersehbarer Schaden" entstehe.

83 Brief von Happich an Werner vom 28.2.1940 ( E Z A BERLIN, 1/A 4/567 Bl. 151), Brief von Marahrens an Werner vom 28.2.1940: Marahrens begrüßte an dem süddeutschen Vorschlag besonders die stärkere Beteiligung des G V R an den juristischen Geschäften (EBD.,

B L 116). 84 Vgl. den Vermerk über die Beratungen der Kirchenführerkonferenz vom 13.3.1940; Tagesordnungspunkt: „Verordnung über die Erweiterung der Zuständigkeiten des geistlichen Vertrauensrates" ( L K A NÜRNBERG, N L Meiser, Nr. 103). 8 5 Von Werner gefertigter Vermerk über das Gespräch mit Wurm und Hollweg am 13.3.1940 ( E Z A BERLIN, 1/A 4/567, Bl. 131). 86 Brief von Tügel an Werner vom 27.2.1940 (EBD., Bl. 152f.) und von Neuser vom 6.2.1940 (EBD., Bl. 182). 87 Brief von Präs. Wehrenfennig an Werner vom 27.2.1940 (EBD., Bl. 192), von O K R Röpke an Werner vom 26.2.1940 (EBD., Bl. 160). 88 Eine ähnliche uneindeutige Position wie Altpreußen nahm Schleswig-Holstein in dieser Frage ein ( E Z A BERLIN, 1/A 4/174, BL. 226-229: Übersicht über die eingegangenen Äußerungen der Landeskirchen zu dem VO-Entwurf vom 15.2.1940).

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Betrachtet man dieses Ergebnis, so erscheint es als die totale Umkehrung der Situation von Mitte Februar. Hatte Kerrl am Ende der internen Diskussion noch als Sieger dagestanden, so machten die Stellungnahmen der Landeskirchen deutlich, daß der Verordnungsentwurf in der ursprünglich geplanten Form nicht realisierbar war. Während für die DC-Kirchen der Entwurf einer Neuauflage der „Arbeitskreistätigkeit" unter anderem Etikett gleichkam, sahen die auf Artikel 1 der DEK-Verfassung stehenden Landeskirchen in einem Gremium mit so weitreichenden geistlichen Befugnissen — genau wie im Winter 1938/39 — eine Gefahr für die Bekenntnisgrundlage. Vergleicht man die Reaktionen auf die „Arbeitskreis"-Resultate mit denen auf den Verordnungsentwurf, so fällt ebenfalls eine eklatante Ähnlichkeit zur Situation im Winter 1938/39 auf. Während in beiden Fällen ein glattes „Nein" von Seiten der deutsch-christlichen Kirchen kam, lehnten die bekenntnisgebundenen Kirchenführer Kerrls Vorschlag zwar auch ab, doch blieben sie nicht bei der Negation stehen. Vielmehr brachte die Kirchenführerkonferenz mit dem süddeutschen Entwurf einen Vorschlag ein, der, analog zu dem Vorschlag vom 11. Januar 1939, darauf hinauslief, aus dem Vertrauensrat einen „Ordnungsausschuß" zu machen 89 . Als der Tenor der erbetenen Stellungnahmen der Landeskirchen deutlich wurde, ergriff Werner die Initiative. Schon am 5. März hatte er Gelegenheit gehabt, Kerrl die bisher eingegangenen Antworten auf den Entwurf zu erläutern 90 . Er vermittelte Kerrl den Eindruck, daß die Reaktion auf den Entwurf vollständig negativ gewesen sei; erst Marahrens konnte den Minister davon überzeugen, daß der — zu diesem Zeitpunkt erst angekündigte — süddeutsche Vorschlag nicht im Sinne einer Ablehnung, sondern einer Verbesserung zu verstehen sei91. Trotz dieser Richtigstellung muß das Gesamtergebnis auf Kerrl doch recht niederschmetternd gewirkt haben. Auf Werner hingegen schien die Stellungnahme der Landeskirchen geradezu beflügelnd zu wirken 92 . Er war es, der fortan agierte. Die erste Gelegenheit, den ungeliebten „Kerrl-Entwurf" beiseite zu schieben, bot sich für Werner, als er am 9. März ein Exemplar des süd89 Brief von Wurm an Schultz vom 24.2.1940 (LKA SCHWERIN, GVR-Handakten Schultz, IV/67). 90 In dem Brief an Kerrl vom 20.3.1940 nimmt Werner Bezug auf ein Gespräch, das er am 5.3.1940 mit dem Kirchenminister zwecks Erläuterung der eingegangenen Antworten geführt hatte (EZA BERLIN, 1/A 4/567, Bl.200f.). 91 Vgl. oben Anm. 84. 92 Noch in einem vom 4.3.1940 stammenden „Bericht" vermittelt Werner den Eindruck eines resignierten Mannes: Er vermutete, daß die geplante Aufhebung seiner Uk-Stellung mit den kirchenpolitischen Plänen Kerrls in Zusammenhang stehe. Der Reichskirchenminister verfolge den Plan, dem Vertrauensrat Befugnisse zu übertragen, die die Herstellung einer neuen geistlichen Leitung bezwecke. Dabei bestehe die Absicht, ihn als den „Inhaber der kirchenregimentlichen Befugnisse zum mindesten für die nächste Zeit aus der weiteren Entwicklung auszuschalten" (EZA BERLIN, 1/A 4/174, BL. 205-209). Nach dem Gespräch mit Kerrl am

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deutschen Entwurfs bekam 93 . Die folgenden Tage nutzte er, um diesen Vorschlag durch seine Beamten im Ev. Oberkirchenrat Berlin überarbeiten zu lassen. So konnte er schon in der GVR-Sitzung am 12. März „einen im altpreußischen EOK ausgearbeiteten Entwurf eines Erlasses des Leiters der DEKK mit der Uberschrift,Mitwirkung des Geistl. Vertrauensrates bei der DEK' vorlegen, der sich eng an den süddeutschen Entwurf anschließt und die rechtlichen und sachlichen Anstöße vermeide, die gegen den Verordnungsentwurf geltend gemacht worden seien"94. Während Hymmen und Schultz mit dem vorgelegten Erlaß sofort einverstanden waren, behielt sich Marahrens seine Stellungnahme noch vor, stimmte dann aber am 26. März auch zu. Da der Erlaß die Worte „mit Zustimmung des Herrn Reichsministers" enthielt, bedurfte es noch der Genehmigung durch Kerrl. An der Antwort zeigte sich wieder einmal, daß der Minister nahezu keine eigenen Kompetenzen mehr hatte und nur noch einen äußerst begrenzten Handlungsspielraum besaß: Am 28. März ließ Kerrl durch Landgerichtsrat Haugg mitteilen, er „habe gegen den Erlaß keine Einwendungen zu erheben, bitte aber seinen Namen wegzulassen"95. So trat der Erlaß am 28.März 1940 ohne ausdrückliche Namensnennung Kerrls in Kraft96.

3. Ein Ordnungsausschuß entsteht: Der Erlaß vom 28. März 1940 und die Geschäftsordnung Auch wenn der Erlaß vom 28. März dem Geistlichen Vertrauensrat nicht annähernd dieselben Möglichkeiten und Rechte einräumte wie der ursprüngliche Entwurf, so war es „immerhin ein Schritt über die ursprüngliche Alleinherrschaft des juristischen Präsidenten hinaus" 97 . Präsident Werner hatte von sich aus einen Teil der Rechte, die der Leiter der Kirchenkanzlei innehatte, abgegeben, um — so mußte die gefährlichere Alternative aus seiner Sicht aussehen — einer möglichen weitergehenden Entmachtung zuvorzukommen. 5.3.1940 war von einer Resignation bei Werner nichts mehr zu spüren: Von einer Aufhebung der Uk-Stellung war in der kommenden Zeit nicht mehr die Rede, der Bericht vom 4. März wurde nie abgesandt, und Werner wurde in der Frage der Rechtsstellung des GVR wieder selbst aktiv. 93 Marahrens hatte im Auftrag von Wurm am 7.3.1940 ein Exemplar des süddeutschen Entwurfes an Werner übersandt; Posteingangsstempel 9.3.1940 (EZA BERLIN, 1/A 4/567, BL. 117). Protokoll der GVR-Sitzung vom 12.3.1940 (LKA SCHWERIN, GVR-Handakten Schultz, 1/1). 95 Vermerk von Werner über ein mit Haugg am 28.3.1940 geführtes Telefonat (EZA BERLIN, 1/A 4/567, Bl. 204). 97 » G B 1 D E K 1940, S. 13. So H. BRUNOTTE, Kurs, S. 123.

Der Erlaß vom 28. März 1940 und die Geschäftsordnung

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Was der Erlaß dem Geistlichen Vertrauensrat zubilligte, war vor allem die Möglichkeit, für gewisse Bereiche der Verfassung der DEK „Grundsätze auf [zu] stellen und Einzelanweisungen [zu] erteilen, die für die Deutsche Evangelische Kirchenkanzlei verbindlich sind" 98 . Hinzu kam, daß ihm eingeräumt wurde, bei dem Erlaß von Verordnungen mitzuwirken, so daß der Präsident der Kirchenkanzlei diese „nur im Einverständnis mit dem Geistlichen Vertrauensrat erlassen" konnte. Dasselbe sollte für allgemeine Verwaltungsanordnungen in Personalangelegenheiten gelten. Eine Neuerung bedeutete auch der dritte Abschnitt der Verordnung, der vorsah, daß der Vertrauensrat „zu seinen Sitzungen einen Vertreter des reformierten Bekenntnisses" hinzuziehen sollte. Damit waren die Reformierten zwar nicht zur vierten gleichberechtigten Gruppe im Vertrauensrat geworden, aber sie hatten wenigstens die Möglichkeit, ihren Interessen Gehör zu verschaffen. Rechtlich fundiert wurde der Erlaß durch Bezugnahme auf die Beschlüsse der Kirchenführerkonferenz vom 29. August 1939. Im Gegensatz zu dem Entwurf vom 15. Februar vermied es der Erlaß vom 28. März 1940, sich auf die 17. Durchführungsverordnung von 1937 zu berufen. Ein Vergleich mit dem süddeutschen Entwurf zeigt deutlich, daß der von Werner herausgegebene Erlaß im inhaltlichen Bereich und der rechtlichen Fundierung tatsächlich in enger Anlehnung an diesen gestaltet worden war. Bei den Abänderungen beschränkte sich Werner darauf, einzelne Formulierungen anders zu wählen, sowie den entsprechenden Abschnitt, der die Errichtung einer Geschäftsstelle vorsah, aus dem Erlaß herauszunehmen". Allerdings konnten die GVR-Mitglieder schließlich doch noch die Einrichtung einer Geschäftsstelle durchsetzen—ein entsprechender Passus wurde in der Geschäftsordnung verankert. Der Rechtsform nach besaß die Vorlage Werners jedoch eine ganz andere Gestalt als noch der süddeutsche Entwurf. Denn nicht als Verordnung, sondern als „Erlaß" hatte er sie konzipiert. Die formale Rechtsgrundlage wurde damit zu einer völlig neuen, denn im Unterschied zu einer Verordnung hat ein Erlaß keinen rechtsetzenden Charakter. Durch die Wahl dieser Rechtsform wurde deutlich gemacht, daß kein neues Recht geschaffen, noch bestehendes verändert, sondern lediglich vorhandenes Recht ausgelegt werden sollte. Damit wurde auch die umstrittene Frage, ob die geplante Regelung Bestimmungen der 17. Durchführungsverordnung verletze, umgangen. Ebenso wurde aber durch die Form des Erlasses hervorgehoben, daß es sich von Seiten Werners nur um eine freiwillige Übertragung von Rechten 9 8 Erlaß betr. die Mitwirkung des G V R bei der Leitung der D E K vom 28.3.1940 (GB1DEK 1940, S. 13). 9 9 In einem Brief an Kerrl vom 2 0 . 3 . 1 9 4 0 sagte Werner jedoch zu, daß die Einrichtung einer Geschäftsstelle in der Geschäftsordnung festgeschrieben werden sollte ( E Z A BERLIN, 1/A 4 / 5 6 7 , B1.200Í.).

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handelte, die jederzeit widerrufbar war 100 . U m diese Problematik wußte auch Marahrens, denn er band seine Zustimmung zu diesem Erlaß an die Bedingung, „daß eine Zurückziehung des Erlasses oder eine Änderung der in dem Erlaß vorliegenden Regelung nur mit Zustimmung des Geistlichen Vertrauensrat getroffen werden kann" 1 0 1 . Zwar war es formalrechtlich nicht notwendig, zu dem Erlaß die Zustimmung der Landeskirchen einzuholen, doch war es für eine effektive Arbeit des Vertrauensrates zumindest nötig, eine Duldung dieser Regelung durch die Landeskirchen zu erlangen. Wie zu erwarten, wurde der Erlaß angesichts der starken Berücksichtigung der süddeutschen Vorstellungen von der Konferenz der nicht deutschchristlichen Kirchenführer ohne weitere Sellungnahmen akzeptiert. Anders hingegen sah es auf Seiten der DC-Kirchenführer aus. Hier regte sich anfangs Widerspruch. Daß es am Ende schließlich doch zu einer fast allseitigen Duldung des Erlasses kam 1 0 2 , ist einem Musterbeispiel der Auslegungskunst zu verdanken, durch die aus einem Text zwei grundverschiedene Resultate herausgedeutet werden konnten. Die erste Interpretation lieferte das Landeskirchenamt von Nassau-Hessen, das in seiner Sitzung am 8. April zu einer völlig ablehnenden Beurteilung des Erlasses gelangte103. Ausgangspunkt für die Ablehnung war die Feststellung, daß der Erlaß nicht — wie in der Einleitung dargestellt — als eine Auslegung und Konkretisierung der Ergebnisse der Kirchenführerkonferenz vom 29. August 1939 angesehen werden könne. Vielmehr werde durch den Erlaß „die Lage ins Gegenteil verkehrt". Aus dem beratenden Gremium sei ein beschließendes geworden, von dem sich der Leiter der Kirchenkanzlei abhängig gemacht habe. Er könne „jeden Augenblick vor positive allgemeine Grundsätze und Einzelanweisungen des hierin [sc.: durch den Erlaß] zum Herren gemachten Vertrauensrates gestellt werden, die ihn nach der Verbindlichkeitsklausel auch gegen seinen Willen zum Handeln nötigen" würden! Aber nicht nur in

Vgl. C . CREIFELDS, Rechtswörterbuch, S.359 (Stichwort „ E r l a ß " ) und S.916f. (Stichwort „Rechtsverordnung"). ΙΟΊ Brief an Werner vom 16.3.1940 ( E Z A BERLIN, 1/A 4/174, Bl. 236). i° 2 Einzige Ausnahme unter den DC-Landeskirchenführern blieb der „ewige Q u e r u l a n t " Weidemann (Bremen), der deutlich zum Ausdruck brachte, daß er mit dem Erlaß nicht einverstanden war ( E Z A BERLIN, 1/A 4/567, Bl. 227: Brief (Abschrift) von Weidemann an die D E K v o m 16.4.1940). Daneben war es noch die Finanzabteilung der Landeskirche Braunschweig, die in Schreiben v o m 8.4.1940 (EBD., Bl. 210) und 10.5.1940 (EBD., Bl. 235) Zweifel anmeldete „über den Sinn und Zweck der Einführung der erweiterten Befugnisse für den geistlichen Vertrauensrat". Die Proteste der Finanzabteilung führten im G V R dazu, daß Marahrens anregte, die Frage, „wieweit der Vorsitzende der Finanzabteilung zur Behandlung der Frage überhaupt zuständig ist und wieweit die Zuständigkeit der Finanzabteilungen überhaupt reicht, gelegentlich im Reichskirchenministerium [zu] besprechen." Hier deutete sich bereits eine Frage an, die ab 1942 eine weitreichende Bedeutung erlangte (vgl. unten S. 283-296). 103 Protokoll (Abschrift) über die Sitzung des Landeskirchenamtes von Nassau-Hessen am 8.4.1940 ( E Z A BERLIN, 1/A 4/567, Bl. 216-222).

Der Erlaß vom 28. März 1940 und die Geschäftsordnung

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geistlichen Angelegenheiten, sondern auch auf dem Gebiet der Verwaltung habe sich der Leiter der Kirchenkanzlei dem Geistlichen Vertrauensrat ausgeliefert, da er ihm alle Verordnungen zur Genehmigung vorzulegen habe. Angesichts dieser Auslegung kam das Landeskirchenamt in Darmstadt zu dem Ergebnis, daß es sich bei dem Erlaß lediglich um eine Neuauflage des „in ähnliche Richtung weisenden Entwurf[es] vom 27. Februar [gemeint ist der Entwurf vom 28.Februar] 1940 [handele], der in weitem Maße auf Ablehnung der Kirchenführer gestoßen war". Was hier an Bedenken gegen den Erlaß vorgebracht wurde, konnte erst auf der Sitzung der Arbeitsgemeinschaft nationalsozialistischer Kirchenführer am 11. April wenigstens so weit ausgeräumt werden, daß man sich auf eine Duldung des Erlasses einigen konnte 104 . Grundlage hierfür war die Interpretation des Erlasses durch Präsident Schmidt zur Nedden (Schwerin). Dieser hob besonders hervor, daß es sich nicht um eine Verordnung handele, sondern um einen Erlaß. Er stehe also „im Einklang . . . mit den Tendenzen, die seinerzeit zur Gründung des Vertrauensrates geführt haben". Der Vertrauensrat habe weder auf dem Gebiet der Kirchengesetzgebung noch auf dem der kirchlichen Verwaltung oder auch nur bei geistlichen Angelegenheiten ein Exekutivrecht; lediglich ein Vetorecht sei ihm eingeräumt worden. Somit schaffe der Erlaß auch kein neues materielles Recht, die 17. Durchführungsverordnung sei also nicht berührt. Der Leiter der Kirchenkanzlei habe sich lediglich „gewisse Beschränkungen auferleg[t] zu Gunsten einstimmiger Voten des Vertrauensrates. Auf diese Weise würde erreicht, daß die Tätigkeit des Leiters der Deutschen Evangelischen Kirchenkanzlei sich während der Kriegszeit auf die Durchführung unbedingt notwendiger Maßnahmen beschränke" 105 . Durch diese Interpretation, die die Befugnisse des Vertrauensrates äußerst restriktiv auslegte, wurde der Erlaß auch für NassauHessen tragbar. So fand die Diskussion um die Rechtsstellung des Geistlichen Vertrauensrates ihren Abschluß in einem Erlaß, der von dem „geistlichen" Element des Vertrauensrates nur noch wenig spüren ließ. Zustandegekommen war er letztlich aus einer unheiligen und unfreiwilligen Allianz der beiden Kirchenführerkonferenzen, die sich einzig in dem Ziel einig wußten, mittels des Vertrauensrates die starke Zentralgewalt des Präsidenten der Kirchenkanzlei einzuschränken. Für eine wirklich positive Ausgestaltung des Vertrauensrates 104 Protokoll der Sitzung der Arbeitsgemeinschaft nationalsozialistischer Kirchenleiter vom 11.4.1940 (EZA BERLIN, 1/A 4/168). 105 Landesbischof Schultz übersandte am 15.4.1940 diese Interpretation an die Kirchenkanzlei (EZA BERLIN, 1/A 4/567, B1.232f.). Ein in der DEKK angefertigter Vermerk (EBD., Bl. 234) führt dazu aus, die Ausführungen seien im allgemeinen richtig. „Nicht ganz zutreffend ist die Behauptung, daß die Befugnisse des GVR sich auf ein Vetorecht beschränken". Vielmehr kann er in einer Reihe von Angelegenheiten durchaus Grundsätze aufstellen: „hier [ist] durchaus auch Raum für die Initiative des Vertrauensrates".

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reichten die Gemeinsamkeiten hingegen schon nicht mehr aus. Diese negativ bestimmte Aufgabenstellung sollte sich in den nächsten Jahren noch als eine wesentliche Hypothek für die Arbeit des Geistlichen Vertrauensrates erweisen, denn alles, was auch nur im entferntesten den Anschein einer eigenen Initiative des Vertrauensrates an sich hatte, wurde von allen Seiten mit Mißtrauen beobachtet. Nachdem der Erlaß am 28. März in Kraft gesetzt worden war, stellte sich erneut die Frage nach einer Geschäftsordnung für den Vertrauensrat. Angesichts der grundsätzlichen Abklärung der Rechtsposition gelangte man in dieser Frage recht rasch zu einer Einigung. Bereits am 3. April wurde ein Geschäftsordnungsentwurf erörtert 106 . Bis zum 12. April wurde dieser so umgearbeitet, daß er für die Mitglieder des Vertrauensrates akzeptabel war. So konnte diese Geschäftsordnung noch am selben Tag in Kraft gesetzt werden 107 . Im Gegensatz zu früheren Entwürfen wurde darauf verzichtet, die Aufgaben des Vertrauensrates genau zu beschreiben, da dieses schon durch den Erlaß vom 28.3.1940 geschehen war. Vielmehr beschränkte sich die Geschäftsordnung auf die Beschreibung des allgemeinen Geschäftsverlaufs. So sollte der Vertrauensrat etwa zweimal im Monat zu einer ordentlichen Sitzung zusammentreten (§ 3). Der Vorsitz oblag jeweils, viermonatlich wechselnd, einem Mitglied des Vertrauensrates (§ 1). Zu den Sitzungen sollten ein Vertreter des reformierten Bekenntnisses (§2), der Leiter der Kirchenkanzlei, der Leiter der Geschäftsstelle sowie auf Wunsch des Vertrauensrates die entsprechenden fachkundigen Sachbearbeiter der Kirchenkanzlei hinzugezogen werden (§5). Bei Beschlußfassungen war als Regelfall Einmütigkeit vorgesehen. Neben der Beschlußfassung innerhalb von Sitzungen waren zwei weitere Möglichkeiten der Entscheidungsfindung vorgesehen: In „geeigneten Ausnahmefällen" konnten Entschließungen auch durch ein Umlaufverfahren auf schriftlichem Weg herbeigeführt werden (§6). In besonders dringenden Fällen war es sogar möglich, dem Leiter der Geschäftsstelle oder dem in Berlin wohnenden Mitglied eine Ermächtigung zum Handeln zu erteilen (§ 7). Von besonderer Bedeutung war die Einrichtung einer Geschäftsstelle (§9), die die Eingänge an den Vertrauensrat zu bearbeiten hatte und gemeinsam mit dem Vositzenden zu entscheiden hatte, ob und in welcher Form diese weiter behandelt werden sollten (§ 10). Noch am Tag der Ausfertigung dieser Geschäftsordnung wurde Vizepräsident D. Hundt zum Leiter dieser Geschäftsstelle bestellt. Damit wurde dem Wunsch von Kerrl Rechnung getragen 108 , der in Hundt einen Garanten seiner eigenen

Entwurf einer Geschäftsordnung ( E Z A BERLIN, 1/A 4/577, BL. 137f.). ">7 EBD., Bl. 142-145. ios Werner erwähnt in seinem Schreiben an Kerrl vom 20.3.1940, daß die einzurichtende Geschäftsstelle „unter der Leitung der vom G.V. und Ihnen bereits in Erwägung gezogenen Persönlichkeit stehen könnte" ( E Z A BERLIN, 1/A 4/567, B1.200Í.).

Geistliche Leitung für die „Einmannkirchen"

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Kirchenpolitik sah. Die übrigen Mitarbeiter der Geschäftsstelle hatte die Kirchenkanzlei auszuwählen. Werner bestimmte hierfür die Konsistorialrätin Dr. Elisabeth Schwarzhaupt und den Amtsrat Hellriegel 109 . Mit der Kirchénkanzlei war eine enge Zusammenarbeit vorgesehen, denn sie sollte die Angelegenheiten des Vertrauensrates in ihrem Geschäftsgang vorbereitend und ausführend miterledigen (§ 8). So kam es, daß oftmals Entschließungen des Vertrauensrates unter dem Briefkopf der Kirchenkanzlei, aber mit dem Hinweis auf die Mitwirkung des Vertrauensrates zur Ausführung gelangten. Andererseits war die Kirchenkanzlei verpflichtet, jene Eingänge an sie, die der Mitwirkung des Vertrauensrates unterstanden, der Geschäftsstelle des Vertrauensrates zur weiteren Bearbeitung zuzuleiten

(§11).

Ihren Abschluß fand die Gründungsphase, indem diese Geschäftsordnung an die Landeskirchen zur Kenntnisnahme übersandt wurde n o .

EXKURS II

Geistliche Leitung für die „Einmannkirchen" Der Rücktritt des Reichskirchenausschusses am 12. Februar 1937 dokumentierte, daß Kerrls Politik, mittels staatlicher Rechtshilfe die verworrene kirchliche Lage der evangelischen Kirche zu bereinigen, als gescheitert betrachtet werden mußte. Allerdings bedeutete das Ende des Reichskirchenausschusses nicht automatisch auch das Ende der Tätigkeit der Landeskirchenausschüsse. Kerrl hatte noch am 13. Februar vor den Vorsitzenden der Landes- und Provinzialausschüsse erklärt, er wünsche diese Ausschüsse zu erhalten m . Doch kündigte er gleichzeitig an, er werde in den Landeskirchen, deren Kirchenausschüsse zu sehr zur Bekennenden Kirche hinneigten oder gar von ihr abhängig seien, ein Korrekiv schaffen. Diejenigen, die sich von dem jeweiligen Kirchenausschuß nicht vertreten fühlten, sollten die Möglichkeit 109

B r i e f v o n W e r n e r a n d e n G V R v o m 1 2 . 4 . 1 9 4 0 ( E Z A BERLIN, 1 / A 4 / 5 6 8 ) .

Das Anschreiben zur Ubersendung der Geschäftsordnung wurde vom G V R in seiner Sitzung vom 3.-5.6.1940 genehmigt. Die Geschäftsordnung wurde unter dem 24.6.1940 an 110

die L a n d e s k i r c h e n v e r s c h i c k t ( E Z A BERLIN, 1 / A 4 / 5 6 7 , BL.238). 111 Vgl. die Mitschriften der Rede Kerrls vom 13.2.1937 anläßlich des Rücktritts des Reichskirchenausschusses (K. D. SCHMIDT, Dokumente, Bd. II, S. 1347-1355) und die Fassung des Lutherrates zur Information der Kirchenführerkonferenz (G. SCHÄFER, Landeskirche,

B d . 5, S. 5 7 - 6 2 ) .

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Die „Ausgestaltungsphase" (1939-1940)

bekommen, sich dem Kirchenministerium direkt zu unterstellen. Kerrl nannte in diesem Zusammenhang besonders die Landeskirchen Sachsen, Nassau-Hessen und die Ev. Kirche der altpreußischen Union 1 1 2 . Die folgenden Monate zeigten jedoch, daß seitens des Kirchenministeriums ein Kurs gesteuert wurde, der auf eine vorzeitige Auflösung der Kirchenauschüsse gerade in denjenigen Landeskirchen abzielte, deren Ausschüsse Kerrl eines BK-Sympathisantentums verdächtigte. Hingegen wurden die Kirchenregierungen von Hannover und Braunschweig, die im Zuge der Einsetzung der Landeskirchenausschüsse als „Sonderformen" dieser Ausschüsse gebildet worden waren, nicht angetastet 113 . Einerseits mag das Verlangen des Kirchenministeriums nach dem Rücktritt der Landeskirchenausschüsse seine Ursache in dem Erlaß Hitlers vom 15. Februar 1937 „über die Einberufung einer verfassunggebenden Generalsynode der Deutschen Evangelischen Kirche" 1 1 4 gehabt haben. Denn damit waren auch Kerrls bisherige Pläne für die Befriedung der betreffenden Landeskirchen hinfällig geworden. Statt der Einrichtung einer kirchenministeriellen Betreuungsstelle für alle diejenigen, die sich lieber dem Kirchenministerium direkt als ihrer Landeskirchenleitung unterstellen wollten, schien sich nun die Möglichkeit eines generellen Neubaus der evangelischen Kirche anzubahnen. Zum anderen dürfte der Grund für den Druck auf die Landeskirchenausschüsse von Sachsen, Altpreußen und Nassau-Hessen darin zu suchen sein, daß sich Kerrl nach dem Debakel mit dem Reichskirchenausschuß zunehmend aus der Tagespolitik zurückzog und nun sein naiv staatskirchlich eingestellter Stellvertreter, Staatssekretär Muhs, seine eigenen Pläne einer stärkeren staatlichen Kontrolle der Kirche ungehindert verfolgen konnte; die noch bestehenden Landeskirchenausschüsse konnten dabei nur hinderlich sein. In den Landeskirchen Altpreußen, Sachsen und Nassau-Hessen wurde nicht einmal der ordnungsgemäße Ablauf des Zeitraums, der für die Tätigkeit der Ausschüsse durch die 1. Durchführungsverordnung von 1935 gesetzt 112 Unklar ist, worauf Kerrl seine Ansicht gründete, daß diese Ausschüsse zu sehr zur BK hinneigten: So erkannte der Bruderrat in Preußen den Landeskirchenausschuß nie an (vgl. W.NIESEL, Kirche, insbes. S. 103-133). In Nassau-Hessen verhielt sich die BK abwartend, erklärte aber ihre grundsätzliche Bereitschaft zur Mitarbeit. Sie gab jedoch nie ihren geistlichen Leitungsanspruch auf (vgl. W. LUEKEN, Kampf, S. 55-71 und S. 126-128). Einzig in Sachsen konnte sich der Landeskirchenausschuß auf breite Kreise der Pastorenschaft der Mitte und der BK stützen — lediglich eine kleine „dahlemitisch" orientierte Gruppe verweigerte sich. Der sächsische Landesbruderrat überließ dem Kirchenausschuß das bisher beanspruchte Kirchenregiment und unterstützte ihn nach Kräfteft. Einzig in geistlichen Angelegenheiten entfaltete er noch Aktivitäten. In Sachsen waren es die Deutschen Christen, die jede Gelegenheit wahrnahmen, dem Landeskirchenausschuß die Arbeit zu erschweren (vgl. J. FISCHER, Landeskirche, S. 42-88).

« ' Vgl. E . KLÜGEL, Landeskirche, S. 2 8 5 - 3 0 6 ; K . MEIER, K i r c h e n k a m p f , B d . 2, S. 2 9 5 - 2 9 8 . 114

GB1DEK 1937, S. 11 f.; KJ 1933-44, S. 162.

Geistliche Leitung für die „Einmannkirchen"

121

worden war, also der 30. September 1937, abgewartet. Vielmehr wurden sie bereits vorher mit Zustimmung von Muhs entmachtet bzw. zum Rücktritt veranlaßt 115 . So mangelte es in diesen Landeskirchen nun gänzlich an einer Instanz, die fähig gewesen wäre, eine geistliche Leitungsfunktion zu übernehmen. Ahnliches galt für Schleswig-Holstein: Auch hier fehlte eine geistliche Leitung, da der Landeskirchenausschuß aufgrund innerer Auseinandersetzungen bereits vorzeitig am 20. Januar 1937 zurückgetreten war 116 . Es ergab sich also die Situation, daß in diesen vier Landeskirchen die jeweiligen juristischen Präsidenten durch die vorzeitige Beendigung der Ausschußtätigkeit die Leitungsfunktion innehatten. Wurden die Präsidenten Friedrich Werner (Altpreußen), Johannes Klotsche (Sachsen), Paul Kipper (Nassau-Hessen) und Christian Kinder (Schleswig-Holstein) anfangs nur mit der kommissarischen Wahrnehmung der Leitungsbefugnisse auch über den 30. September 1937 hinaus beauftragt, so sicherte ihnen die 17. Durchführungsverordnung des Reichskirchenministers vom 10. Dezember 1937 ihre Stellung als alleinige Leiter der jeweiligen Landeskirchen rechtlich ab 117 . Damit wurde ein neuer „Typus" von Landeskirchen geschaffen — die sog. „Einmannkirchen", Landeskirchen ohne jedwede geistlichen Leitungsorgane. Obwohl sich der Mangel an geistlicher Leitung in diesen Landeskirchen eklatant bemerkbar machte, da die alleinige Machtbefugnis der weltlichen Präsidenten teilweise zu einer Verschärfung des Vorgehens gegen bekenntnisgebundene Pfarrer führte, dauerte es bis zum Herbst 1938, ehe erstmals erfolgversprechende Vorschläge zur Einrichtung einer geistlichen Leitung unterbreitet wurden 118 . Doch wurden diese Entwürfe, die die von Kerrl 115 In Altpreußen wurde der Ausschuß, der an seiner Beauftragung festhielt, arbeitsunfähig gemacht: Muhs nahm im August 1937 den Rücktritt eines Mitglieds zum Anlaß, auch die übrigen abzuberufen (vgl. K.MEIER, Kirchenkampf, Bd.2, S. 177). Nachdem in NassauHessen zwei von drei Mitgliedern des Landeskirchenausschusses im Juli aus gesundheitlichen Gründen bzw. auf Druck des Reichsstatt halters zurückgetreten waren, wurde noch im selben Monat dem Präsidenten der Landeskirchenkanzlei, Paul Kipper, die Führung der laufenden Geschäfte übertragen (vgl. W. LUEKEN, Kampf, S. 6 9 - 7 1 ) . In Sachsen übernahm O K R Johannes Klotsche im Handstreich das Landeskirchenamt, indem er die Mitglieder des Landeskirchenausschusses am Betreten des Gebäudes hinderte. Sanktioniert wurde dieser Akt durch einen kirchenministeriellen Erlaß vom 9. August, der den Ausschuß abberief und Klotsche zum Leiter des Landeskirchenamtes ernannte. Versuche des Landeskirchenausschusses, außerhalb des Kirchenamtes seine Arbeit wenigstens teilweise fortzusetzen, mußten im Frühjahr 1938 aufgegeben werden (J. FISCHER, Landeskirche, S. 8 4 - 8 8 ) . 116 In Schleswig-Holstein „war der Bruderrat zu einer bedingten Mitarbeit bereit" (J. BIELFELDT, Kirchenkampf, S. 125; zum Ganzen vgl. EBD., S. 118-128 und 142-145). 117 GB1DEK 1937, S.70; KJ 1933-44, S.219f. 118 So hatten die von den „Arbeitskreisen" (vgl. oben S. 2 7 - 3 0 ) gemachten Vorschläge Chancen gehabt, Realität zu werden: Die betroffenen Landeskirchen bekundeten nämlich in einer „Mitteilung" (GB1DEK 1938, S. 115 f.) die Absicht, „die von den Arbeitskreisen ausgehenden Anregungen entgegenzunehmen sowie auch von uns den Arbeitskreisen aus der Praxis Anregungen zu geben und ihre Stellungnahme in wichtigen Fragen herbeizuführen".

122

Die „Ausgestaltungsphase" (1939-1940)

beauftragen Arbeitskreise entworfen hatten, erst im August 1939 als Grundlage für die Formulierung einer „Ausführungsanweisung zur 17. Verordnung zur Durchführung des Gesetzes zur Sicherung der Deutschen Evangelischen Kirche vom 10. Dezember 1937" 119 herangezogen. Einen Tag vor Erlaß dieser Ausführungsanweisung, am 23. August 1939, bekamen die betroffenen Landeskirchen Gelegenheit zur Stellungnahme. Diese fielen höchst unterschiedlich aus. Während Kinder „das Ergebnis für [einen] großen Fortschritt" hielt120, hegten Kipper und Klotsche starke Bedenken gegen den vorgelegten Entwurf und konnten nur unter Druck dazu verpflichtet werden, auch in ihren Landeskirchen die vorgesehene Einsetzung von Vertrauensleuten zur Bearbeitung der geistlichen Angelegenheiten in Angriff zu nehmen121. Der Präsident der Ev. Kirche der altpreußischen Union, Werner, nahm, wie die weiteren Durchsetzungsbemühungen zeigen sollten, eine abwartende Position ein. Zwar war er grundsätzlich bereit, den Erlaß durchzuführen, doch schien er nicht willens, eine weitgehende substantielle Reduktion seiner Machtbefugnisse zu akzeptieren. So unterschiedlich wie die Einstellung der vier Präsidenten zu Kerrls Ausführungsanweisung war auch das Schicksal dieses Erlasses in den einzelnen Landeskirchen — wenn auch das Ergebnis letztendlich identisch war: Es gelang in keinem der betroffenen Kirchengebiete, den Erlaß auch nur einigermaßen vollständig auszuführen. Die alleinige Existenz einer juristischen Leitung hatte besonders in Sachsen122 zu einer Verhärtung der kirchenpolitischen Fronten geführt, zumal Präsident Klotsche, der seine Tätigkeit als eine wesentlich politische Aufgabe ansah, an seinem Leitungsanspruch unverändert festhielt. Dieses zeigte auch der Sommer 1939. So führte z.B. bereits die Diskussion über eine

Zum genauen Inhalt der Ausführungsanweisung vgl. oben S. 47 f. Brief von Volkers an O K R Hartong vom 2 3 . 8 . 1 9 3 9 mit einem Bericht über die Konferenz bei Kerrl. Angefügt ist ein handschriftlicher Gruß von Kinder, der das von Volkers Geschilderte unterstreicht (LKA OLDENBURG, A 56, Nr. 168 01 ). 121 Zwar äußert Kinder in seinem handschriftlichen Gruß an Hartong (EBD.): „Auch Sachsen und Hessen waren mit den Ergebnissen durchaus einverstanden", doch dürfte es sich hier um eine allzu optimistische Einschätzung handeln. Vielmehr zeigten die weiteren Stellungnahmen Kippers, daß eher die Einschätzung des Münchner Landeskirchenrates in seinem „Bericht zur kirchlichen Lage" vom 2 5 . 8 . 1 9 3 9 (LKA NÜRNBERG, N L Meiser, Nr. 106) zutreffen dürfte: „Gegen den offen bekannten Willen von Männern wie Kipper oder Klotsche . . . hat er [Marahrens] offenbar beim Minister durchgesetzt, daß diese . . . Kirchen geistliche Leitungen bekommen sollen. Er soll sehr offen den unwilligen Dr. Kipper darauf aufmerksam gemacht haben, daß in Nassau-Hessen die Entwicklung ja schon darauf geführt habe, daß eine solche Leitung herausgestellt worden sei, die von 800 Pfarrern getragen werde". 122 Literatur zum Kirchenkampf in Sachsen (1939-1945): W.FEURICH, Verwirklichung; J. FISCHER, Landeskirche; G. Fuss, Wille; H. HAHN, Kämpfer; H. KLEMM, Dienst; K. MEIER, 119

120

K i r c h e n k a m p f , B d . 3 , S. 4 9 4 - 5 3 7 ; G . PRATER, B e k e n n t n i s .

Geistliche Leitung für die „Einmannkirchen"

123

Verordnung zum Schutz der Minderheiten, von der sich die bekenntnisorientierten Kräfte eine Entspannung der kirchlichen Lage erhofften, zu einer weiteren Verschlechterung des Klimas zwischen der Bekennenden Kirche und dem juristischen Präsidenten, denn dieser sah durch eine solche Verordnung seine Macht bedroht. Mittels einer erst wenige Monate alten „Versetzungsverordnung" wurden von Klotsche deshalb mißliebige Pfarrer und Superintendenten aus ihren Amtern entfernt und in abgelegene Gemeinden versetzt bzw. die Versetzung in den Wartestand verfügt 123 . Dieser Prozeß wurde derart forciert, daß der Lutherrat den begründeten Verdacht äußerte, „daß Tatsachen geschaffen werden sollten vor einer guten Minderheitsregelung oder Ahnlichem" 124 . In dieses Bild fügt sich auch das Verhalten Klotsches gegenüber der Ausführungsanweisung Kerrls vom 24. August 1939. So versuchte er bereits bei den Beratungen über den Erlaß, diesen zu umgehen. Statt der vorgesehenen geistlichen Leitung, die aus Persönlichkeiten bestehen sollte, „die in der Pfarrerschaft der Landeskirche das notwendige Vertrauen finden" 125 , wollte er dem entmachteten Landesbischof Coch wieder die geistliche Leitung übertragen 126 . In dieselbe Richtung zielte auch ein von dem sächsischen Oberkirchenrat Johannes Liebsch an Ministerialdirigent Stahn gerichteter Brief vom 25. August 1939. Liebsch warnte Stahn davor, die geplante Ausführungsanweisung in der vorliegenden Form zu verkünden, da „die durch die 17. Verordnung geschaffene Rechtslage nicht durch eine Ausführungsanweisung irgendwie geändert werden kann; dies könnte nur im Wege der echten Rechtsverordnung auf Grund des Sicherungsgesetzes geschehen" 127 . Während das Landeskirchenamt somit schon vor Beginn der eigentlichen Verhandlungen eine klare Stellung gegen die Bildung eines geistlichen Leitungsgremiums bezogen hatte, signalisierten die verschiedenen Gruppierungen in der Landeskirche durchaus ihr Interesse. So forderten die Deutschen Christen, die davon ausgingen, „daß die Anweisung des Ministers auch in Sachsen durchgeführt wird", Landesbischof Schultz auf, seinen „Einfluß in 123 „Verordnung über die Versetzung von Geistlichen aus dienstlichen Gründen" vom 6 . 4 . 1 9 3 9 (KGVOB1 Sachsen 1939, S.59f.). Zur Anwendung dieser Verordnung vgl. den „Bericht über die kirchlichen Lage" o.D. [Eingangsstempel vom 14.8.1939]: „Uns liegen die Schreiben an die Superintendenten Meyer-Rochlitz, Winter-Marienburg und KrömerOelsnitz vor (Bei Sup. Ficker-Dresden wird ein ähnlicher Beschluß jede Stunde erwartet). Mitgeteilt wird, daß aus dienstlichen Gründen die Versetzung in ein anderes Pfarramt beabsichtigt s e i . . . " (LKA STUTTGART, Bd. 115c XIII, Altreg.). 124 „Bericht zur kirchlichen Lage" vom 25.8.1939 hg. von Lutherrat (LKA NÜRNBERG, N L Meiser, Nr. 31). 125 „Ausführungsanweisung zur 17. Verordnung zur Durchführung des Gesetzes zur Sicherung der Deutschen Evangelischen Kirche vom 10. Dezember 1937" vom 24.8.1939 (EZA BERLIN, 1/A 4/174, Bl. 3). 126 Vgl. oben Anm. 124. 127 E Z A BERLIN, 1 / A 4 / 1 4 . B 1 . 7 3 .

124

Die „Ausgestaltungsphase" (1939-1940)

Berlin geltend zu machen, daß auch einer unserer Kameraden zu dem Vertrauensrat zugezogen wird" 1 2 8 . Ebenso dokumentierte das Treffen, zu dem es am 10. September 129 „zwischen Notbund, Mitte, der kleinen Gruppe der ,Zwischenfrontler' (ehemalige DC-Superintendenten, etwa Rehmsche Richtung), Vertretern der theologischen Fakultät Leipzig und des Pfarrervereins (Sup. Meyer-Rochlitz)" kam, das Interesse an der Durchführung des Kerrlschen Erlasses vom 24. August 1939. Das Ergebnis des Gespräches konnte als eine Frontverbreiterung angesehen werden, da man sich nicht nur auf eine grundsätzliche Zusammenarbeit bei der Einrichtung des geplanten Vertrauensgremiums einigte, sondern sich auch über die Besetzung dieses Gremiums verständigte. So wurde die „Herausstellung einer Person [beschlossen], die als Vertrauensmann der Pfarrerschaft aufgestellt werden sollte. . . . Einstimmig in Aussicht genommen wurde Professor D. Althaus-Erlangen" 130 . Die Einigung auf eine Person war in erste Linie dem Drängen der Bekennenden Kirche zuzuschreiben, die „ein parlamentarisches Gremium' aus Vertretern sämtlicher kirchenpolitischer,Gruppen' " ablehnte131. Daß es schließlich sogar gelang, die Zustimmung von Althaus zu seiner Nominierung zu bekommen, ließ einen Erfolg durchaus in greifbare Nähe rücken. Zumal durch die Frontverbreitung die Gefahr gebannt schien, daß eine der an dieser Vereinbarung beteiligten Gruppe durch das Landeskirchenamt bei der Bildung des Ver128 Brief von Pfr. Herrmann an Schultz vom 7.9.1939 (LKA SCHWERIN, GVR-Handakten Schultz, II/3). 129 „Bericht über den Versuch der Bildung eines ,Vertrauensrates' in Sachsen". Dieser Bericht trägt die handschriftl. Datumsangabe 26.9.39. Er wurde am 27.9.1939 Meiser vorgelegt. Wahrscheinlich stammt der Bericht aus Kreisen der sächsischen BK oder beruht jedenfalls auf ihren Angaben über den Verhandlungsabiauf (LKA NÜRNBERG, N L Meiser, Nr. 106). Am 5.10.1939 verschickte der E O K Stuttgart eine leicht geänderte Fassung dieses Berichts an seine Dekanatämter (LKA STUTTGART, Bd. 115c XIV, Altreg.). H. KLEMM, Dienst, S. 363, geht aufgrund von Unterlagen des sächsischen Bruderrates davon aus, daß das Treffen am 8.9.1939 stattfand. Teilnehmer waren: Prater und Fischer für die BK, Schumann, Herz und Bruhns für die Mitte, Fügner und Schönknecht für die D C . Bornkamm und Beyer waren für die Leipziger Fakultät anwesend. Dieses Treffen war jedoch, wie die Unterlagen des Lutherrates zeigen, nur ein erstes Vorbereitungstreffen (LKA HANNOVER, D 1 5 , III, 163). Das eigentliche Treffen fand am 10.9.1939 statt. 130 EBD.; vgl. auch H. KLEMM, Dienst, S. 365. 131 Bereits unmittelbar nachdem die Ausführungsanweisung vom 24.8.1939 bekannt geworden war, stellte der „Bericht zur kirchlichen Lage" vom 25.8.1939 (hg. vom Lutherrat) fest: „Etliche Sorgen haben wir bei den Sachsen, weil ein Mann wie Bruhns [Anm.: Vertreter der Mitte, der auch an Kerrls Arbeitskreis-Aktion mitgewirkt hatte] alle Aussicht hat, in die Leitung hineinzukommen, und die entschiedenen Brüder dagegen Sturm laufen" (LKA NÜRNBERG, NL Meiser, Nr. 31). Daß auch die D C phasenweise von einer alleinigen Berufung eines Vertreters der Mitte ausgingen — sie vermuteten, daß „Dr. Schumann als alleiniger Vertrauensmann in geistlichen Angelegenheiten berufen wird" (LKA SCHWERIN, GVRHandakten Schultz, II/3: Brief von Herrmann an Schultz vom 7.9.1939) —, belegt, wie begründet die Sorgen der BK waren.

Geistliche Leitung für die „Einmannkirchen"

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trauensrates ausgeschaltet werden konnte; eine Möglichkeit, mit der besonders die Bekennende Kirche rechnete m . Für die Deutschen Christen und die ihr nahestehende Landeskirchenleitung mußte diese Einigung weitester Teile der organisierten sächsischen Pfarrerschaft auf einen gemeinsamen Kandidaten für das Vertrauensgremium alles andere als beruhigend wirken 133 . Als dann noch der Präsident der Kirchenkanzlei der DEK mit dem gesamten Geistlichen Vertrauensrat seinen Besuch in Dresden für den 19. September ankündigte, um dem Erlaß Kerrls Geltung zu verschaffen, war es vollends um die Ruhe im deutsch-christlichen Lager geschehen. Geradezu flehentlich klang der Brief, den der stellvertretende Landesleiter der sächsischen Deutschen Christen, Beier, am 15. September 1939 an Schultz richtete: „Bitte kommen Sie doch unbedingt schon im Laufe des Dienstag Vormittag [sc.: 19. September 1939] allein nach Dresden, damit Sie mit uns und den Kameraden des Landeskirchenamtes alles Nötige besprechen können". Hierzu sollte nach Ansicht der Deutschen Christen der entmachtete Landesbischof Coch „unbedingt zugezogen werden" 134. Am 19. September, also direkt nach der Ankunft des Vertrauensrates in Dresden und noch vor Beginn der offiziellen Beratungen im Landeskirchenamt, fand eine interne DC-Besprechung statt 135 . Aus einigen handschriftlichen Notizen von Schultz, die mit großer Wahrscheinlichkeit während dieses Zusammentreffens entstanden, lassen sich wesentliche Einwände der sächsischen Deutschen Christen gegen die Einsetzung eines Vertrauensrates für Sachsen rekonstruieren 136 . So wurde der Vorwurf erhoben,

132

„Bericht über die Bildung eines .Vertrauensrates' in Sachsen" vom 26.9.1939 (LKA NL Meiser, Nr. 106): Für Sachsen werden für Juli 1939 folgende Mit gliederzahlen angegeben: für die Deutschen Christen 239 — einschließlich 5 Studenten und einer unbestimmten Zahl von Emeriti. BK: 380 aktive Pfarrer und Vikare, 90 Ruheständler und 15 Pfarrer und Vikare, die sich außerhalb Sachsens aufhalten (z.B. Ausgewiesene), also insgesamt 485 BK-Mitglieder. Die Mitte brachte es in Sachsen nur auf einen relativ geringen Organisationsgrad: nur 120 Pfarrer waren als zahlende Mitglieder erfaßt. 600 Pfarrer und Vikare beteiligten sich an keinem Zusammenschluß. Man kann also aufgrund dieser Zahlen davon ausgehen, daß durch die Frontverbreiterung etwa 2/3 der organisierten Pfarrerschaft erfaßt wurden; bei einem großen Teil der Unorganisierten kann wohl zumindest Sympathie für das Anliegen einer geistlichen Leitung vorausgesetzt werden. 133 Brief von Schultz an H.Dungs vom 9.4.1940 (LKA SCHWERIN, GVR-Handakten Schultz, IV/60). 134 LKA SCHWERIN, GVR-Handakten Schultz, II/3. 135 Schultz führte nach eigenen Angaben am 19. und 20.9. lediglich zwei Gespräche in Dresden, davon eins mit DC-Vertretern allein (vgl. oben Anm. 23). Da die Gesprächsnotizen von Schultz nur Redebeiträge von DC-Mitgliedern (Pfr. Otto Herrmann, Schneider [wahrscheinlich der Bautzener DC-Sup. Ernst Schneider], Werner [wahrscheinlich OKR Wilhelm Werner, Leisnig] aufweisen und noch von der Möglichkeit ausgegangen wird, daß es zur Bildung eines Verrrauensrates in Sachsen kommen könnte, müssen diese Notizen am 19. abends entsi^den sein (EBD.). NÜRNBERG,

136

EBD.

126

Die „Ausgestaltungsphase" (1939-1940)

der Vertrauensrat bringe keinen Frieden: „Schon jetzt stürm[e] es durch das Land. Kräfte, die bisher friedlich waren, werden virulent" 1 3 7 . Hinzu kam, daß die von Kerrl herausgebrachte Ausführungsanweisung „nicht der Abrede mit Klotsche" entspreche, sondern statt des versprochenen Gremiums mit Richtlinienkompetenz eine geistliche Leitung eingerichtet werde 138 . Schultz notierte sich hierzu: „Herrmann [sc.: Pfr. Otto Herrmann, Leiter der sächsischen D C ] bittet keinen Vertr[auens] Rat zu gründen. Verantwortung für Volk, Führer und Reich". Die Deutschen Christen seien „positiv am Zustandekommen eines Vertrauensrates nicht interessiert. Treue zu Coch. Der geistliche Führer ist der Herr Landesbischof". Sollte dennoch „gegen den Willen der D C Vertr[auens] Rat zustande kommen, dann will D C vertreten sein" 1 3 9 . Zeitgleich informierte sich Landesbischof Marahrens bei der Bekennenden Kirche über den Stand der bisherigen Verhandlungen und erklärte sein Einverständnis mit der vorgeschlagenen Berufung von Althaus 140 . Am nächsten Tag sollten die offiziellen Verhandlungen zwischen dem Geistlichen Vertrauensrat und den kirchenpolitischen Gruppen beginnen. So war für elf Uhr im Hotel „Europahof' ' eine Besprechung von Marahrens, Schultz, Hymmen und Werner mit dem Landesbruderrat, der Mitte und den sog. „Zwischenfrontlern" angesetzt worden. Doch bereits vorher kam es zu einem kurzen, aber alles entscheidenden Gespräch des Vertrauensrates mit Vertretern des Landeskirchenamtes. O L K R Kretzschmar teilte den reichskirchlichen Vertretern dabei mit, daß Reichsstatthalter Mutschmann die Bildung eines Vertrauensrates in Sachsen nicht wünsche und deshalb auch weitere Gespräche mit Gruppenvertretern nicht gestatte. Begründet wurde dieses Verbot mit denselben Argumenten, die die DC-Vertreter am Vortage gegenüber Schultz vorgebracht hatten: es entstünde während des Krieges unnötige Unruhe in der Landeskirche 141 . Angesichts der bekannt engen Beziehungen des Präsidenten des Landeskirchenamtes zu Mutschmann dürfte wohl die bereits damals geäußerte Vermutung, „daß das Landeskirchenamt sich Rückendeckung verschafft [habe] (durch Reichsstatthalter)" 142, um die Durchführung der Ausführungsanweisung zu verhindern, genau den Tatsachen entsprechen.

138 EBD. 139 E B D . » 7 EBD. 140 Vgl. oben Anm. 132. 141 Vermerk über den Empfang des G V R bei Kerrl am 11.10.1939. Dieser Vermerk belegt, daß Mutschmann seine Auffassung Kerrl nochmals schriftlich zur Kenntnis brachte: „Im Gespräch brachte der Herr Reichsminister zwei Schreiben der Herren Reichsstatthalter Mutschmann und Sprenger zur Verlesung, in denen beide unter Berufung auf ihre Stellung als Reichsverteidigungskommissare darauf hinwiesen, daß jede Bildung einer neuen kirchlichen Leitung innerhalb ihrer Aufsichtsbezirke zu Unruhen führen m ü ß t e n . . . " (EZA BERLIN, 1/A 4/174, Bl. 67-73). 142 Vgl. oben Anm. 132.

127

Geistliche Leitung für die „Einmannkirchen"

So wie die Dinge lagen, blieb dem Vorsitzenden des Vertrauensrates, Landesbischof Marahrens, nichts anderes übrig, als sich zu den wartenden Gruppenvertretern zu begeben und ihnen mitzuteilen, daß man „den Auftrag des Ministers hier nicht durchführen" könne 143 . Die Abreise des Vertrauensrates aus Dresden gestaltete sich denn auch nicht wie die einer vom Kirchenminister beauftragten Delegation, sondern kam eher am Ende einer mißlungenen Verschwörung gleich. Nachdem Marahrens die Anwesenden gebeten hatte, „möglichst unauffällig das Lokal zu verlassen"144, reiste der Vertrauensrat unverzüglich nach Berlin zurück. Eine ebenfalls für den 20. September angesetzte Begegnung zwischen Vertretern der Mitte und der Deutschen Christen hatte angesichts der Ereignisse des Vormittags nur noch marginalen Rang. Die Vertreter der Deutschen Christen erklärten offen ihr Desinteresse an einem Vertrauensrat — „aus kameradschaftlicher Verpflichtung gegenüber LB. Coch" — ohne allerdings für den Fall, daß ein solches Gremium doch zustande kommen sollte, ihren Anspruch aufzugeben, auch einen Vertreter zu entsenden 145 . Dieses Ansinnen wurde jedoch von den Beauftragten der übrigen Pfarrerschaft abgelehnt, da „die DC's . . . ihre geistliche Leitung zur Genüge im Landeskirchenamt" hätten 146 . Der Versuch, auch in Sachsen einen Vertrauensrat zu installieren, war mit der Abreise der reichskirchlichen Delegation vorerst gescheitert. Die Suche nach den Motiven für dieses Scheitern weist über die unmittelbaren Ereignisse hinaus: Zwar dürfte das Landeskirchenamt in Dresden über die Stellungnahme des Reichsstatthalters, der hierdurch eine für die DC-Leitung der Landeskirche gefährliche Situation beendete, nicht unglücklich gewesen sein. Doch abgesehen davon, ob die Verhandlungen letztlich zu einem Ergebnis geführt hätten, muß festgestellt werden, daß die Bemühungen am „Widerstand politischer Stellen gescheitert sind", also an einer Instanz, die dem kirchlichen Einfluß entzogen war147. Diese Vorgänge in Sachsen zeigten —wie etwas später auch in Nassau-Hessen—, die Unfähigkeit und Machtlosigkeit des Kirchenministers, seinen Anweisungen überhaupt noch in irgendeiner Weise Geltung zu verschaffen148. Trotz der fehlgeschlagenen Bemühungen, in Sachsen einen Vertrauensrat einzusetzen, gelang in der Folgezeit eine gewisse Befriedung der Landeskirche. Auf Drängen von Kerrl wurde Anfang Dezember 1939 Superintendent Dr. Heinrich Schumann, Leipzig, ein „Auftrag zur Mitarbeit im Lan143

EBD.

144

EBD.

145

EBD.

147

146

EBD.

Schreiben (Konzept) vom 10.1.1940 bzgl. Einrichtung einer geistlichen Leitung (LKA STUTTGART, D 1/146). Vgl. auch den Brief von Mutschmann an Kerrl vom 30.9.1939: „Da ich als Reichsstatthalter und Reichsverteidigungskommissar die volle Verantwortung für den Frieden im Gau Sachsen trage, muß ich daher die geplanten Maßnahmen [Einrichtung eines V e r t r a u e n s r a t e s ] a b l e h n e n " ( Z S t A POTSDAM, R K M 2 3 7 0 9 , BL.202). 148

Zur näheren Begründung vgl. oben S. 30-39.

128

Die „Ausgestaltungsphase" (1939-1940)

deskirchenamt unter Beibehaltung seiner bisherigen Ämter" erteilt 149 . Für die Bekennende Kirche bedeutete diese Berufung zunächst einen Affront, denn damit hatte die Mitte nun endgültig — trotz gegenteiliger vorheriger Bekundungen 150 — die im September erreichte Frontverbreiterung aufgegeben. Schumann selbst hatte sich durch die Übernahme seines Amtes in eine schwierige Lage gebracht. Sowohl von Seiten der deutsch-christlichen Gruppen als auch von der Bekennenden Kirche wurde er anfangs hart kritisiert. Langfristig wirkte sich die Tätigkeit von Schumann jedoch positiv aus, besonders nachdem später zeitweise auch noch ein Vertreter der „Bekenner" im Landeskirchenamt Dienst tat 151 . Sofort nach der Berufung Schumanns fragte der Landesbruderrat, der eine Mitwirkung reichskirchlicher Organe vermutete, bei Marahrens an, „ob der Herr Reichsminister und mit ihm der Vertrauensrat überhaupt noch daran denkt, die doch speziell für Sachsen erlassene Ausführungsanweisung vom 24. Aug[ust] auch gegen etwa sächs[ische] Widerstände sinngemäß durchzusetzen" 152. Daß mit seiner Berufung zwar „im ganzen eine Entspannung eingeleitet", die geistliche Notlage aber nicht behoben wurde, wußte auch Schumann nur zu genau153. Bei einem Zusammentreffen mit dem Geistlichen Vertrauensrat am 12. März 1940 sagten die Mitglieder dieses Gremiums Schumann zu, sich um Abhilfe zu bemühen und dabei auch die Interessen der Bekennenden 149 KGVOBl Sachsen 1939, S.203. Daß diese Berufung auf Verlangen von Kerrl geschah, geht auch aus einem Schreiben von Kretzschmar an Schultz hervor (LKA SCHWERIN, GVRHandakten Schultz, IV/60). 150 Schreiben von K.Fischer an Marahrens vom 7.12.1939: „Es ist uns . . . noch in der vergangenen Woche von der Mitte durch Dr. Bruhns und Pfarrer Martin in Dresden versichert worden, daß man sich eine Lösung nur durch Beteiligung auch der BK an einer Geistlichen Vertrauensstelle denken könne" (LKA NÜRNBERG, N L Meiser, Nr. 106; vgl. auch H.KLEMM, Dienst, S.365). 151

Vgl.

K.MEIER,

Kirchenkampf,

Bd.3,

S. 5 0 9 - 5 3 7 .

H.KLEMM,

Dienst,

S.360-379;

397-410, sieht die Arbeit Schumanns nicht so positiv; sein Buch ist allerdings aus dem BK-Blickwinkel konzipiert. 152 Vgl. oben Anm. 150. Für Fischer bestätigte sich damit eine Ahnung, die er bereits am 24.11.1939 in einem Brief an Marahrens geäußert hatte. Vollends verstimmt war der Landesbruderrat, als er am selben Tag von dem Rundschreiben des Geistlichen Vertrauensrates Kenntnis bekam, in dem die Landeskirchenregierungen aufgefordert wurden, aufgrund des sog. „Straffreiheitserlasses" vom 9.10.1939 bisher nicht beschäftigte Vikare oder entlassene Pfarrer in Anbetracht des nun notwendigen ,,Einsatz[es] aller Kräfte' ' zum Dienst zuzulassen. Einzige Bedingung sollte die Anerkennung der äußeren Ordnung sein. Aber gerade dieses konnte und wollte der Landesbruderrat nicht tun: „Nun sind wir soweit, daß der Vertrauensrat von uns dasselbe verlangt, wie das deutschchristliche Kirchenregiment. Wir werden also durch den Landesbischof Marahrens nicht nur im Stich gelassen, sondern vor aller Welt auch noch ins Unrecht gesetzt" (Schreiben der sächsischen BK an den Lutherrat vom 8.12.1939: EBD.). 153 Protokoll der GVR-Sitzung vom 12.3.1940 (LKA SCHWERIN, GVR-Handakten Schultz, 1/1).

Geistliche Leitung für die „Einmannkirchen"

129

Kirche zu berücksichtigen 154 . Bezeichnenderweise sollte dieses nun nicht mehr durch Gründung eines Vertrauensrates geschehen, sondern es wurde jetzt „eine Wiederherstellung der geistlichen Leitung durch Ergänzung des Landeskirchenamtes" 155 angestrebt. Auch der Landesbruderrat war in der Folgezeit zurückhaltender. Zwar trug er die Bitte an den Geistlichen Vertrauensrat heran, „einen neuen Versuch [zu unternehmen], in Sachsen eine geistliche Leitung einzurichten" 1 5 6 , doch wäre er auch schon damit zufrieden gewesen, „als Notlösung soviel durchzusetzen, daß wenigstens die Frage der Ordination und der Prüfung einer Stelle übertragen wird, die eine einwandfreie geistliche Leitung ausüben kann" 1 5 7 . Tatsächlich bemühte sich der Geistliche Vertrauensrat deswegen auch um ein Gespräch mit Klotsche, das dieser jedoch kurzfristig absagte 158 . Auch der Versuch von Weber und Schultz, bei Klotsche in Dresden vorzusprechen, um „durch persönliche Fühlungnahme mit den Herren vom Landeskirchenamt in Dresden eine Auflockerung der Lage zu bewirken" 1 5 9 , scheiterte. Doch kam es unabhängig von den Bemühungen des Vertrauensrates im Dezember 1940 zu einem weiteren Schritt bei der Befriedung der sächsischen Kirche. Der Bruderrat erklärte sich bereit, das Landeskirchenamt als Verwaltungsinstanz anzuerkennen. Dafür wurde von Klotsche Pfarrer Georg Prater als Vertreter der Bekennenden Kirche zur Tätigkeit im Landeskirchenamt herangezogen 160 .

154

EBD.

155

EBD.

i 5 ' Protokoll der GVR Sitzung vom 20.-22.5.1940: Die Pfarrer Fischer (LBR Sachsen), Engel (Bund ev. Pfarrer im 3. Reich) und Martin (Sächsische Pfarrerbruderschaft) waren am 22.5. als Gäste zugegen (EZA BERLIN, 1/A 4/577, Bl. 100-105). Deutlicher als das Protokoll zeichnet ein Bericht Fischers den Verlauf der Sitzung nach (vgl. H.KLEMM, Dienst, S.368f.): Als einziger war Marahrens vollständig über die Ereignisse in Sachsen informiert. Hymmen zeigte sich zwar beeindruckt, wollte aber die Ergebnisse erst im internen Kreis auswerten. Am stärksten war Fischer über die Haltung von Hundt erschüttert. Dieser sah die Angelegenheit wesentlich von der formal juristischen Seite: „Ordnung müsse immerhin herrschen, und keine Kirchenbehörde könne sich Exzesse von Pfarrern gefallen lassen." Insgesamt war der Besuch beim GVR für Fischer enttäuschend. 157

S c h r e i b e n v o n F i s c h e r an M a r a h r e n s v o m 1 5 . 4 . 1 9 4 0 ( E Z A BERLIN, 1 / A 4 / 5 6 8 ) .

Klotsche wurde zur Sitzung am 4.6.1940 eingeladen (EZA BERLIN, 1/A 4/577, BL. 112: Schreiben der Geschäftsstelle an Marahrens vom 27.5.1949). In der nächsten Sitzung konnte Hundt jedoch nur „die telegraphische Absage von Präsident Klotsche" mitteilen (Protokoll der GVR-Sitzung vom 3.-5.6.1940: EZA BERLIN, 1/A 4/575, Bl. 57-60). 159 Protokoll der GVR-Sitzung vom 5./6.9.1940 EBD., Bl. 43-45). Der Besuch von Weber und Schultz kam nicht zustande, weil sich Klotsche im Urlaub befand (Protokoll der GVRSitzung vom 21.11%.9.1940: EBD. Bl.38-42). 160 Uber die Gründe, die die BK zu dieser Vereinbarung veranlaßten (zum Verlauf der Verhandlungen vgl. H. KLEMM, Dienst, S. 397-407), divergieren die Erinnerungen der Beteiligten: H. HAHN, Kämpfer, S. 208-214, vermerkt hierzu, daß die Verhandlungen von der BK ausgingen, um so „auf das LKA Einfluß zu gewinnen... Es war ein Versuch, das Kirchenregiment Klotsche von innen her auszuhöhlen, nachdem es uns nicht gelungen war, es von außen her zu stürzen" (208). G. PRATER, Bekenntnis, S. 21, schreibt hingegen, daß es lediglich darum ging, „der Bekennenden Kirche innerhalb der Landeskirche eine Art Eigenkirchenrecht [zu] 158

130

Die „Ausgestaltungsphase" (1939-1940)

Zusammen mit einem ebenfalls berufenen Vertreter der Deutschen Christen 161 waren jetzt neben Schumann auch Repräsentanten der beiden anderen kirchenpolitischen Richtungen im Kirchenamt vertreten. Die Entspannung, die durch die Tätigkeit dieser „Theologischen Arbeitsgemeinschaft" herbeigeführt wurde, währte allerdings nur kurz. Bereits am 30. November 1941 wurde Prater wegen angeblicher staatsfeindlicher Tätigkeit verhaftet162. Nach seiner Entlassung im April 1942 lehnte Reichsstatthalter Mutschmann eine Wiederverwendung im Landeskirchenamt ab. Als wenig später auch die BK-Vertreter aus den landeskirchlichen Prüfungskommissionen ausgeschlossen wurden 163 , war der gerade erst begonnene Entspannungsprozeß wieder aufs stärkste gefährdet. Der Landesbruderrat wandte sich deshalb wiederum an den Geistlichen Vertrauensrat. Dieses Mal war von der Einsetzung der geistlichen Leitung überhaupt nicht mehr die Rede. Vielmehr bat er lediglich darum, „geeignet erscheinende Schritte zu unternehmen, vor allem, daß der insbesondere in der Gestaltung der Prüfungskommission erhobene Anspruch auf geistliche Leitung, die dem Landeskirchenregiment ausdrücklich verwehrt ist, abgewehrt werden kann" 1 6 4 . Doch selbst bei dieser Bitte konnte sich der Vertrauensrat nicht mehr entschließen, tätig zu werden 165 . Aber auch seitens

gewähren", um damit den etwa 100 illegalen Vikaren Schutz vor der Heranziehung zu anderweitigen Arbeiten zu geben, da illegale Vikare offiziell als „Arbeitslose" angesehen wurden. Dieser „Waffenstillstand", der auch Klotsche gerade recht kam, sorgte er doch während des Krieges für Ruhe in der Landeskirche, wurde von fast allen Gruppen in der Landeskirche anerkannt. Nur die bewußt dahlemitisch orientierte Gruppe um Pfr. Rudolf Carl (Cotta b. Pirna) weigerte sich, Klotsches Regiment in irgendeiner Weise anzuerkennen (W. FEURICH, Verwirklichung, S. 18). 161 Am 30.12.1940 wurde von Klotsche Sup. Heinrich Leichte (Pirna) vorgeschlagen, berufen wurde allerdings am 24.1.1941 auf Vorschlag der D C Sup. Ernst Schneider (Bautzen). Dieser schied bereits Ende Februar wieder aus; Sup. Max Krebs (Dresden) übernahm dann dessen Funktion bis zum Ende der Arbeitsgemeinschaft im Frühjahr 1942. 162 G. PRATER, Bekenntnis, S.23, schreibt dazu: „Ein junger Geistlicher hatte mich in einem Schreiben gebeten, ihm behilflich zu sein, beim Militär unterzukommen. In einem von Heydrich unterzeichneten Schutzhaftbefehl, den ich einige Zeit später im Gefängnis des Dresdener Polizeipräsidiums ausgehändigt bekam, las ich zu meinem Erstaunen: .Pfarrer Prater ist ein Staatsfeind, weil er laufend staatsfeindliche Elemente beim Heer unterbringt, um dadurch das Heer zu zersetzen und so einen Keil zwischen die oberste Heeresleitung und den Führer zu treiben versucht' ". 163 Brief des sächsischen Landesbruderrates (Konsistorialrat Richard Walter) an den G V R (Marahrens) vom 17.8.1942: „Am 30. Juni h a t . . . Herr Präsident Klotsche die der Bekennenden Kirche zugehörigen Glieder der Prüfungskommission, Pfarrer Bundesmann, Lic. theol. Nothund Pf. Dr. theol. S c h m i d t . . . aus diesem Amte grundlos entlassen. Er hat diesen Schritt damit begründet, daß er die Prüfungskommission auf eine unanfechtbare gesetzliche Grundlage stellen müsse" (EZA BERLIN, 1/A 4/571). 164

EBD.

Das Protokoll der Sitzungen des G V R vom 21./22.8.1942 vermerkt, daß angesichts der veränderten kirchenpolitischen Lage in Sachsen „ . . . zunächst die Stellungnahme der 165

Geistliche Leitung für die „Einmannkirchen"

131

der Bekennenden Kirche wurden in der Folgezeit keine besonderen Anstrengungen mehr unternommen, um über das unbedingt notwendige Maß hinaus mit dem Landeskirchenamt ein Einvernehmen herzustellen166. Ursächlich für die Zurückhaltung des Vertrauensrates in dieser Angelegenheit dürfte sowohl das sich nach dem Tode Kerrls am 14. Dezember 1941 zuspitzende Verhältnis zum Kirchenministerium gewesen sein als auch die sich verschärfende Situation für jegliche Art der religiösen Unterweisung in Sachsen. Beide Faktoren ließen es nicht geraten sein, sich in der Frage einer geistlichen Leitung für Sachsen weiter zu exponieren. So kann für die sächsische Landeskirche festgestellt werden, daß trotz einiger Bemühungen des Vertrauensrates, die besonders Landesbischof Marahrens zu verdanken waren, das Resultat der Durchführungsverordnung vom 24. August 1939 gleich Null war — eine Tatsache, die für die bekenntnisorientierten Kräfte äußerst enttäuschend war 167 . Kaum weniger dramatisch als in Sachsen verliefen in Nassau-Hessen168 die Versuche, eine geistliche Leitung zu errichten. Ganz im Stil seiner bisherigen autoritären Amtsführung betrachtete Präsident Kipper es als seine alleinige Angelegenheit, die Art und Weise zu regeln, wie der von ihm ungeliebte Erlaß in Nassau-Hessen umgesetzt werden sollte 169 . Tatsächlich ging es Kipper lediglich darum, die Ausführungsanweisung formell zu erfüllen, ohne eigene Machtbefugnisse abzugeben. Diese Absicht dürfte auch hinter dem Versuch gestanden haben, dem früheren Landesbischof Dietrich, der jetzt führend im nassau-hessischen „Einigungswerk170 mitwirkte, die geistliche Leitung im Sinne des Erlasses sächsischen Ephoren abgewartet werden" soll (EZA BERLIN, 1/A 4/579, Bl. 103 f.). Der Brief des sächsischen LBR vom 17.8.1942 wurde in der GVR-Sitzung vom 1./2.9.1942 nur informatorisch zur Kenntnis genommen, irgendwelche Maßnahmen wurden nicht beschlossen (EBD., Bl. 109). 146

167 168

K . MEIER, Kirchenkampf, Bd. 3, S. 525 f.

Vgl. H.KLEMM, Dienst, S.369-379. Zur Literatur zum Kirchenkampf in Nassau-Hessen vgl. W. LUEKEN, Kampf; DOKU-

MENTATION, B d . 1 - 6 . 149 Brief von Dietrich an Wurm (Abschrift) vom 31.8.1939 (LKA NÜRNBERG, N L Meiser, Nr. 106). 170 Bei dem „Einigungswerk" handelt es sich um eine am 25. Januar 1939 gegründete Vereinigung, die schließlich 9 0 % aller nassau-hessischen Pfarrer umfaßte. Geleitet wurde das Einigungswerk von OKR Friedrich Müller (Vertreter der „Mitte"), Pfr. Karl Veidt (Vertreter der BK) und von dem ehemaligen Landesbischof Ernst-Ludwig Dietrich, der sich mit einer Gruppe von ehemaligen DC-Pfarrern dem Einigungswerk angeschlossen hatte. Diese an sich recht inhomogene Gruppierung wurde zusammengehalten von der gemeinsamen Uberzeugung, daß eine wirkliche geistliche Leitung in Nassau-Hessen gebildet werden müsse. Obwohl der Bruderrat durch Pfarrer Veidt im Einigungswerk vertreten war, und die BK auch ihre Mitglieder ermutigte, im Einigungswerk mitzuwirken, löste sich der Bruderrat nicht auf und verzichtete auch nie auf seinen Anspruch, geistliche Leitungsfunktionen zu übernehmen.

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Die „Ausgestaltungsphase" (1939-1940)

anzubieten m . Kipper mag gehofft haben, Dietrich durch diese Offerte aus dem Einigungswerk herauszulösen und dieses dadurch zu spalten oder doch mindestens zu schwächen. Hinzu wäre gekommen, daß er mit Dietrich einem Mann die geistliche Leitung übertragen hätte, der nur einen relativ begrenzten Rückhalt in der Landeskirche besaß und deshalb ihm gegenüber kaum zu einer starken Position fähig gewesen wäre172. Dietrich lehnte jedoch ab und forderte Kipper stattdessen auf, Verhandlungen mit dem gesamten Einigungswerk aufzunehmen. Unterstrichen wurde die Forderung in einem Schreiben des Einigungwerks vom 1. September 1939: Angesichts der ,,schicksalsschwere[n] Stunde . . . müssen jetzt alle innerkirchlichen Spannungen, alle kirchenpolitischen Auseinandersetzungen ein Ende haben und die Gemeinschaft des Glaubens und die Geschlossenheit der Pfarrerschaft und der Gemeinden im Dienst für Volk und Vaterland an ihre Stelle treten". Deshalb halten „wir . . . es für unsere Pflicht, unsere Dienste für die von dem Herrn Reichsminister angeordnete Neuordnung die Leitung der geistlichen Angelegenheiten betreffend, zur Verfügung zu stellen"173. Da auch der Landesbruderrat174 und schließlich — wenn auch nur zögernd — die Deutschen Christen 175 den Anspruch erhoben, in einem zu bildenden Vertrauensrat vertreten zu sein, mußte Kipper seine ursprüngliche Absicht, nämlich ohne jegliche Verhandlungen mit irgendwelchen kirchenpolitischen Gruppen von sich aus einen geistlichen Leiter der Landeskirchen zu ernennen, aufgeben. Doch waren damit keinesweges die eigentlichen Ein solcher Verzicht sollte erst nach Bildung einer wirklichen geistlichen Leitung erfolgen (vgl. W. LUEKEN, Kampf, bes. S. 77-79 und S. 193 f.). 171 Brief von Dietrich an Wurm (Abschrift) vom 31.8.1939: „Gestern wurde die Sache [sc.: der Erlaß vom 24.8.1939] hier bekannt, und ich war zu Kipper bestellt, der mir im Namen und Auftrag des RMin. Kerrl die ,Geistl. Leitung' im Sinne der Verordnung anbot" (vgl. oben Anm. 169); inhaltlich übereinstimmend mit: Brief von Dietrich an Kerrl vom 4.9.1939 (EZA BERLIN, 1/A 4/327, Bl. 11). 172 Hinter Dietrich stand hauptsächlich die Gruppe der ehemaligen DC-Pfarrer, die aber nur etwa 10 % der Pfarrerschaft von Nassau-Hessen umfaßte (vgl. K. MEIER, Kirchenkampf, Bd. 3, S. 674, Anm. 1158). 173 Brief (Abschrift) des „Einigungswerkes" an Kipper vom 1.9.1939 (EZA BERLIN, 1/A 4/327, Bl. 18 und LKA SCHWERIN, GVR-Handakten Schultz, IV/52). 174 Stellungnahme des Landesbruderrates vom 5.9.1939: „Damit es wirklich zu einer Befriedung innerhalb der Pfarrerschaft kommt, . . . ist es erforderlich, daß der Vertrauensrat tatsächlich die in der Pfarrerschaft vertretenen Strömungen in sich vereint" (LKA DARMSTADT, 1050692/129). 175 Brief (Abschrift) der D C Nassau-Hessen an Kipper vom 7.9.1939: „Wenn in NassauHessen überhaupt die Bildung einer geistlichen Leitung notwendig sein sollte, so müssen die Deutschen Christen (Nationalkirchliche Einung) entsprechend ihrer Stärke und nach dem Vorbild des geistlichen Vertrauensrates der Deutschen Evang. Kirche unbedingt vertreten sein". Am 29.9.1939 schrieb die DC-Leitung an Kipper: „Wir haben von Anfang an unsere Bedenken gehabt und waren von der Notwendigkeit nicht so überzeugt. Nur Ihrem Drängen haben wir dann nachgegeben und uns schwer entschließen können, uns zu beteiligen" (LKA SCHWERIN, GVR-Handakten Schultz, IV/52).

Geistliche Leitung für die „Einmannkirchen"

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Schwierigkeiten beseitigt. So weigerte sich Kipper, mit dem Landesbruderrat zu verhandeln; dieser wurde von ihm erst gar nicht zu Verhandlungen eingeladen176. Der Landesbruderrat hingegen wollte die Deutschen Christen bei der Bildung eines solchen Vertrauensgremiums ausgeklammert wissen. Erst später erklärte er sich bereit, mit ihnen gemeinsam in einem solchem Gremium zusammenzuarbeiten 177 . Bedingung war jedoch die getrennte Bearbeitung der geistlichen Angelegenheiten. Am 13. September kam es schließlich — allerdings unter Ausschluß einer eigenständigen Vertretung des Landesbruderrates — zu einer Besprechung zwischen dem Einigungswerk, einer DC-Delegation und Kipper 178 . Die Diskussion erwies schon bald, daß nur eine Lösung in Analogie zu der reichskirchlichen Zusammensetzung des Vertrauensrates — je ein Vertreter der Bekennenden Kirche, der Deutschen Christen und der Mitte — die Billigung aller Beteiligten zu finden schien. Ja mehr noch, es zeigte sich, daß sogar eine einvernehmliche personelle Zusammensetzung durchaus erreichbar war179. So konnte Kipper am Ende der Sitzung feststellen, „daß man sich geeinigt habe, die geistliche Leitung aus Pfarrer Knab, Landesbischof Dietrich und Pfarrer Veidt zu bilden. Er wolle dieses dem Minister mitteilen und um Bestätigung nachsuchen" 18°. Kipper setzte den 15. September fest, um mit den drei zukünftigen Mitgliedern des Vertrauensrates die Frage einer Geschäftsordnung zu regeln. Doch kam es nie zu dieser Sitzung: Immer wieder verzögerte Kipper die Besprechungen über die Regelung der geistlichen Angelegenheiten. Offiziell begründete er das mit der Notwendigkeit, vor einer Weitergabe von Personenvorschlägen an den Kirchenminister das Placet des Reichsstatthalters einholen zu müssen. Zum anderen sei aber auch Präsident Werner für die Verzögerung verantwortlich, da er immer noch beanspruche, bei der Bestellung der nassau-hessischen Vertrauensmitglieder beteiligt zu

176

Brief

des

Landesbruderrates

an

Marahrens

vom

19.9.1939

(LKA

DARMSTADT,

1050602/7). 177

„Für die Bildung des Vertrauensrates geht ein Vorschlag dahin, daß die Vorsitzenden der drei Pfarrer-Vereine Frankfurt, Nassau und Hessen, die drei Mitglieder des Einigungswerkes und drei von dem Landesbruderrat der BK zu entsendende Herren den Vertrauensrat bilden" (vgl. oben Anm. 64). Die Sitzung des „Einigungswerkes" am 2.10.1939 brachte dann den Durchbruch: „Ein Vertreter der D.C. im Vertrauensrat wird nicht als untragbar bezeichnet" ( L K A DARMSTADT, [O. Pag.]). 178 Die Rekonstruktion der Sitzung ergibt sich aus den Berichten der D C (LKA SCHWERIN, GVR-Handakten Schultz, IV/52: Brief der D C Nassau-Hessen an Schultz vom 13.9.1939) und des Einigungswerkes (LKA NÜRNBERG, N L Meiser, Nr. 31: Bericht von Dekan Keppler über die „Kirchliche Lage in Nassau-Hessen am 25. Sept. 1939" nach einer Besprechung mit Pfr. Veidt). Die Schilderungen über den Verlauf und Ergebnis stimmen im wesentlichen überein. 17' Brief der D C Nassau-Hessen an Schultz vom 13.9.1939 (LKA SCHWERIN, GVRHandakten Schultz, IV/52). 180 Brief (Abschrift) des Einigungswerkes an Kipper vom 27.9.1939 (EBD.).

134

Die „Ausgestaltungsphase" (1939-1940)

werden 181 . Als dann im Einigungswerk aber bekannt wurde, daß Kipper gegenüber dem früheren Landesbischof Dietrich geäußert habe, daß sich die Angelegenheit noch monatelang hinziehen könne — schließlich solle Nassau-Hessen nicht die erste Landeskirche sein, die den Erlaß des Kirchenministers durchführe — erklärte das Einigungswerk in einem Brief vom 29. September 1939 „den Versuch, . . . einen geistlichen Vertrauensrat zu bestellen, für gescheitert" 182 . Kipper bot dieser Brief den willkommenen Anlaß, seinerseits die bisherigen Bemühungen für hinfällig zu erklären: „Der Inhalt dieses Schreibens i s t . . . sachlich unrichtig", und darüber hinaus sei es in einer Form gehalten, „daß es mir unmöglich ist, mich in dieser Angelegenheit mit den Unterzeichnern mündlich oder schriftlich auseinanderzusetzen" 183. Neben dem Verhalten Kippers dürften auch interne Spannungen im Einigungswerk ein Grund für den Abbruch der Verhandlungen mit der Landeskirchenleitung gewesen sein. So schien der Landesbruderrat mit der geplanten personellen Zusammensetzung der geistlichen Leitung nicht einverstanden zu sein. Am 28. September 1939 und am 2. Oktober 1939 kam es hierüber zu Verhandlungen zwischen den im Einigungswerk vertretenen Gruppen. Hierbei einigte man sich auf eine veränderte Regelung für die Beschickung des Vertrauensrates. Zukünftig sollten drei Mitglieder des Einigungswerkes und jeweils ein Vertreter von Bekennender Kirche und Deutschen Christen in diesem Gremium vertreten sein 184 . Angesichts der Verzögerungstaktik Kippers setzte das Einigungswerk bei den Durchsetzungs-

181 Brief von Kipper an Werner vom 6.10.1939 (EZA BERLIN, 1/A 4/327, BL. 13 f.). Die Frage, ob Werner als Präsident der Kirchenkanzlei ein Mitspracherecht oder gar das alleinige Recht der Bestellung der Länder-Vertrauensräte habe, scheint bereits bei der Besprechung des Erlaß-Entwurfes am 23.8.1939 umstritten gewesen zu sein. Jedenfalls fühlte sich Kipper veranlaßt, am 25.9.1939 in einem Brief an Werner ausdrücklich darauf hinzuweisen, daß er das alleinige Ernennungsrecht habe (EBD.). 182 Brief von Kipper an Schultz vom 2.10.1939 (LKA SCHWERIN, GVR-Handakten Schultz, IV/52). 183 Brief von Kipper an Kerrl vom 6.10.1939 (EZA BERLIN, 1/A 4/327, Bl. 28-30). 184 Innerhalb des Einigungswerkes — hauptsächlich in der BK-Gruppe — kam es zu Spannungen über die Frage der eigenständigen Beteiligung der BK. So bezeichnete der B K Vertreter im Einigungswerk, Pfr. Veidt, den Vorschlag eines „Neuner-Ausschusses", den die „radikale" BK um Pfr. Rumpf unterbreitete, als „töricht", „weil die Bekennende Kirche ja im Einigungswerk aufgegangen sei und nicht mehr als eigene Gruppe auftreten könne (LKA NÜRNBERG, NL Meiser, Nr. 31: Bericht des Dekan Keppler über die „Kirchliche Lage in Nassau-Hessen am 25. Sept. 1939" nach einer Besprechung mit Pfr. Veidt). Bei der Gruppe um Rumpf hingegen wuchs das Mißtrauen gegen den geplanten „Dreierausschuß" — zumal die BK als eigenständige Gruppe nicht an den Verhandlungen beteiligt war (LKA DARMSTADT, 1050602/7: Brief des LBR an Marahrens vom 19.9.1939). Die Differenzen konnten jedoch in weiteren Gesprächen zwischen den Gruppierungen des Einigungswerkes am 28.9.1939 und am 2.10.1939 behoben werden (LKA DARMSTADT, [O. Pag.]: Protokoll der Sitzung vom 2.10.1939).

Geistliche Leitung für die „Einmannkirchen"

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bemühungen nun auf die Hilfe der kirchlichen Zentralinstanzen (Kirchenkanzlei und Geistlichen Vertrauensrat) und des Reichskirchenministeriums. Man hoffte, Kipper mit Hilfe dieser Organe zur Einrichtung einer geistlichen Leitung zwingen zu können. Zum anderen versuchte man, mit den Deutschen Christen ins Gespräch zu kommen. Als es am 5. Oktober tatsächlich zu einer Zusammenkunft kam, machten die Deutschen Christen deutlich, daß sie die bisherigen Versuche noch nicht für gescheitert hielten. Deshalb seien sie auch nicht bereit, sich „an irgend einer Sonderaktion, einerlei von welcher Seite sie kommt, . . . [zu] beteiligen, . . . weil wir darin eine Sabotage dem Herrn Reichskirchenminister und seinen Plänen gegenüber erblicken" 185 . Genau wie dieses Gespräch ergebnislos blieb, erwies sich auch der Versuch, mit Hilfe der Reichskirchenorgane eine geistliche Leitung zu installieren, als zum Scheitern verurteilt. So weigerte sich Kipper, an einem für den 11. Oktober angesetzten Gespräch mit den drei Führern des Einigungswerkes, dem Geistlichen Vertrauensrat und Präsident Werner teilzunehmen 186. Doch selbst wenn es zu der Konferenz gekommen wäre, so hätte diese wohl kaum noch ein Resultat gezeitigt. Denn bereits am 6. November 1939 hatte Kipper ein längeres Schreiben an Kerrl gerichtet. Hierin machte er abermals das Verhalten des Einigungswerkes und die Versuche von Werner, auf die Bildung des Vertrauensrates Einfluß zu nehmen, für das Scheitern der bisherigen Bemühungen verantwortlich. Ganz im Sinne dieser Schilderung beendet er denn auch seinen Brief: „Meine Ausführungen erlaube ich mir mit der Bitte zu schließen, der Herr Reichsminister für die kirchlichen Angelegenheiten wolle die Durchführung der Ausführungsanweisung zur 17. Verordnung vom 24. August 1939 während des Krieges aussetzen"187. Angesichts dieser Lage konnte Schultz seinen DC-Freunden auch nur noch mitteilen, „daß die Bildung eines Geistlichen Vertrauensrates in Nassau-Hessen einstweilen als gescheitert zu betrachten ist. Herr Präsident Kipper hat sich geweigert, zu den in Berlin anberaumten Sitzungen zu erscheinen. Ich vermute, daß seine Weigerung im Benehmen mit dem Herrn Reichsstatthalter und Verteidigungskommissar Ihrer Provinz erfolgt ist".

185 Brief (Abschrift) der D C Nassau-Hessen an Kipper vom 3 . 1 0 . 1 9 3 9 (LKA SCHWERIN, GVR-Handakten Schultz, IV/52). Dieselbe Haltung nahmen die D C dann auch bei den Verhandlungen am 6 . 1 0 . 1 9 3 9 ein (EBD.: Bericht der D C Nassau-Hessen an Schultz vom

6.10.1939). 186

Telegramm von Kipper an Werner vom 9.10.1939 (EZA BERLIN, 1/A 4/327, B1.23) sowie Brief von Kipper an Schultz vom 9.10.1939: „Die Einladung des Herrn Präsidenten habe ich erst jetzt erhalten, da ich erkrankt war. Ein Erscheinen in Berlin ist mir unmöglich, weil ich, wie die anliegenden Schreiben ergeben, nicht in der Lage bin, mit den Herren Dietrich, Müller, Veidt zu verhandeln" (LKA SCHWERIN, GVR-Handakten Schultz, IV/52). 187 Vgl. oben Anm. 183.

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Erst wenn sich Kerrl gegenüber den politischen Stellen durchgesetzt habe, erschienen ihm weitere Bemühungen als sinnvoll188. Tatsächlich traf Schultz mit seiner Vermutung genau den Kern der Problematik: Kipper wiegelte fortan alle Versuche, eine geistliche Leitung in Nassau-Hessen zu bilden, mit der Begründung ab, daß Reichsstatthalter Sprenger dieses nicht wünsche. So forderte er denn auch Reichsminister Kerrl Anfang Dezember nochmals auf, alle weiteren Versuche zur Bildung eines Vertrauensrates zu unterlassen, da der Herr Reichsstatthalter „seine Haltung in dieser Frage nicht geändert habe und nicht ändern werde. Der Herr Reichsstatthalter sei umso weniger geneigt, von seiner Auffassung abzugehen, als ihm berichtet wurde, daß die Vertreter der sogenannten Bekenntnisfront seit Kriegsbeginn wieder sehr aktiv geworden seien" 189 . Wie eng Kippers Kontakte zu Sprenger waren, zeigt sich bereits daran, daß Kipper für seine Polemik gegen die Bekennende Kirche auf die GestapoBerichte aus dem Büro des Reichsstatthalters zurückgreifen konnte 190 . Von Seiten der Partei wurde Kippers Kirchenleitung als verlängerter Arm des Reichsstatthalters gesehen, so daß der stellvertretende Gauleiter, Reiner, der Landeskirche Nassau-Hessen attestieren konnte, der Gruppe „von angehenden Nationalsozialisten geleiteten Landeskirchen [zuzugehören], die den Weisungen ihrer Reichsstatthalter getreu nachkommen..." m . Angesichts dieser übereinstimmenden Ablehnung von Kipper und Sprenger sowie der schwachen Position von Kerrl waren alle weiteren Versuche der kirchlichen Zentralinstanzen, einen Vertrauensrat nach dem Muster der DEK einzurichten, zum Scheitern verurteilt 192 . Auch die zahlreichen Eingaben, in denen gebeten wurde, den Erlaß vom 24. August 1939 in Nassau188 Brief von Schultz an die D C - L e i t u n g Nassau-Hessen vom 12.10.1939 (LKA SCHWERIN, GVR-Handakten Schultz, IV/52). 189 Brief (Abschrift) von Kipper an Kerrl vom 4.12.1939 (EBD.); vgl. auch den Vermerk über den Empfang des G V R bei Kerrl am 11.10.1939. Dieser Vermerk belegt, daß Sprenger seine Auffassung Kerrl nochmals schriftlich zur Kenntnis brachte: „Im Gespräch brachte der Herr Reichsminister zwei Schreiben der Herren Reichsstatthalter Mutschmann und Sprenger zur Verlesung, in denen beide unter Berufung auf ihre Stellung als Reichsverteidigungskommissare darauf hinwiesen, daß jede Bildung einer neuen kirchlichen Leitung innerhalb ihrer Aufsichtsbezirke zu Unruhen führen m ü ß t e n . . . " (EZA BERLIN, 1/A 4/174, Bl. 67-73). Das Schreiben von Sprenger an Kerrl stammt vom 30.9.1939. In ihm spricht sich Sprenger deutlich gegen einen Vertrauensrat aus (ZStA POTSDAM, RKM 23709, Bl.281). 190 Brief an Kerrl vom 4.12.1939 (vgl. Anm. 79). Kipper nennt als Informationsquelle „den politischen Lagebericht", ein „von der Gestapo beschlagnahmte^] Rundschreiben des ,Landesbruderrates' ", „den staatspolizeilichen Bericht" und „eine Feststellung der Gestapo". »I Schreiben Reiners an Bormann vom 13.3.1941 (BA KOBLENZ, R 43 II/170a, Bl. 30-33). 192 Auf Anfrage vom 31.10.1939, o b der Reichskirchenminister gedenke, etwas zu unternehmen, um seinen Erlaß vom 24.8.1939 in Nassau-Hessen durchzusetzen (EZA BERLIN, 1/A 4/327, Bl. 31), erhielten Werner und der GVR am 9.11.1939 den Bescheid, daß der Erlaß weiter „in Kraft [sei] und . . . nicht geändert oder ergänzt" wurde. Allerdings schränkte Kerrl dieses ein: „Wie ich schon mündlich erklärt habe, muß ich es Ihnen überlassen, in Verbindung

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Hessen durchzusetzen193, konnten nicht verhindern, daß der Druck von Kippers ungeistlicher Leitung bis zum Kriegsende auf der Mehrzahl der Pfarrer lastete w . Gegenüber den Auseinandersetzungen, die die Ausführungsanweisung Kerrls vom 24. August 1939 in den anderen „Einmannkirchen" verursachte, verliefen die Durchsetzungsbemühungen in Schleswig-Holstein195 vergleichsweise weniger spektakulär. Die Ursache wird vor allem in der besonderen kirchenpolitischen Situation dieser Landeskirche zu suchen sein. So spielten die Deutschen Christen dort im Herbst 1939 „gar keine Rolle" mehr 196 . Aber auch die Bekennende Kirche, der sich von den etwa 450 Pfarrern der Landeskirche 200 bis 250 zurechneten—ohne jedoch alle der Bekennenden Kirche organisatorisch angeschlossen zu sein — zeigte 1939 kaum noch ein einheitliches Profil. Dieses rührte wesentlich aus den internen Auseinandersetzungen her, die die Bekennende Kirche spätestens nach den Beschlüssen der 2. Bekenntnissynode des Landes, die am 18. August 1936 auf Schloß Bredeneek bei Preetz stattgefunden hatte, in ihren Aktivitäten zu mit dem geistlichen Vertrauensrat der Deutschen Evangelischen Kirche die weiteren Schritte zu ergreifen. Dies muß in einer Form geschehen, die jede kirchenpolitische oder politische Beunruhigung vermeidet" (EBD. Bl.62). 193 Die Bemühungen von Einigungswerk und Landesbruderrat um eine geistliche Leitung reichten bis weit in das Jahr 1940 (vgl. zu Einzelfällen: EZA BERLIN, 1/A 4/327). So richteten z.B. mit Schreiben vom 27.10.1939 BK-Pfarrer „an den geistlichen Vertrauensrat der Deutschen Evangelischen Kirche nochmals die Bitte, die Durchführung der Ausführungsanweisung . . . selbst baldmöglichst herbeizuführen" (LKA SCHWERIN, GVR-Handakten Schultz, IV/52). Besonders Marahrens, der als „Vertrauensmann" angesehen wurde, erreichten immer wieder Briefe, die daran erinnerten, daß die „Zustände in geistlicher Hinsicht schlechthin chaotisch" seien und den G V R „dringendst" baten, „dem Herrn Minister unsere Not vorzutragen. Abhilfe muß geschaffen werden, und sie muß bald geschaffen werden" (Schreiben des Landesbruderrates vom 29.3.1940: EZA BERLIN, 1/A 4/568). 194 Kaum mehr als Augenwischerei war es, daß Kipper am 20.12.1939 mitteilte, er habe sich „um weiteren kirchenpolitischen Störungen entgegenzutreten, das Landeskirchenamt zu entlasten und zugleich sein Fundament gemäß den Wünschen der Pfarrerschaft zu verbreiten, [entschlossen], die drei Pröpste: Lie Heinrich Peter, Wiesbaden, . . . Alfred Trommershausen, Frankfurt a./M. . . . u. Otto Colin, Mainz . . . zu Hilfsarbeitern im Landeskirchenamt [zu] berufen." Damit glaubte Kipper die Ausführungsanweisung Kerrls „praktisch durchgeführt und angesichts unserer besonderen Lage im Sinne des Herrn Reichsministers gehandelt zu haben" (EZA BERLIN, 1/A 4/327, BL. 117-119). 195 Die Quellenlage gestaltet sich für Schleswig-Holstein relativ schwierig, da das Landeskirchenamt in Kiel im Januar 1944 durch einen Bombenangriff zerstört wurde. Fast alle Aktenbestände verbrannten dabei. Literatur zum Kirchenkampf in Schleswig Holstein:

J . BIELFELDT, K i r c h e n k a m p f ; D E R S . , H a l t u n g ; C . KINDER, B e i t r ä g e ; KIRCHE IM NATIONALSOZIALISMUS; ZEIT, DEN SCHMALEN W E G z u GEHEN. 1 , 6 „Bericht über die im Auftrag von D. Marahrens durchgeführte Besprechung mit einigen Mitgliedern des schleswig-holsteinischen Bruderrates am Mittwoch, 13. September 1939" (LKA NÜRNBERG, N L Meiser, Nr. 31); vgl. auch die Eintragung Halfmanns in sein Diensttagebuch unter dem 13.9.1939 (LKA KIEL, Archiv der BK, N L Halfmann, Β X I , 26).

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lahmen drohte. Infolge der Beschlüsse dieser Synode kam es über die Frage, welchen Weg die Bekennende Kirche gegenüber dem Landeskirchenamt und dem großen Kreis der nicht zur B K gehörenden Pastoren einschlagen sollte, zu harten Auseinandersetzungen 197 . Obwohl der Höhepunkt der Auseinandersetzungen bereits in das Jahr 1938 fiel, bewirkten diese Meinungsverschiedenheiten eine dauernde Schwächung der Bekennenden Kirche Schleswig-Holsteins. Die dritte Gruppierung, auf die Kerrls kirchenpolitische Überlegungen seit Herbst 1938 abzielten — die breite Mitte —, fehlte in der Landeskirche ebenso wie die Deutschen Christen. Die Lutherische Kameradschaft, auf die sich noch am ehesten der Begriff „Mitte" anwenden ließ, bot eine solche theologische Uneinheitlichkeit, daß der Bruderrat ihr attestierte, ihre einzige Gemeinsamkeit bestehe darin, „daß sie die Zusammenarbeit mit dem wenig geachteten Landesbischof Paulsen und dem Konsistorium nicht ablehn[e]" 198 . Auch die geringe Mitgliederzahl der Lutherischen Kameradschaft von nur etwa 60 Personen ließ sie nicht gerade als einen bedeutsamen kirchenpolitischen Faktor erscheinen. Übrig blieb noch eine Gruppe von etwa 150 Pastoren, die sich keiner Richtung zurechneten; diese waren jedoch auch nicht fähig, sich in irgendeiner Weise kirchenpolitisch zu artikulieren. Hinzu kam, daß der Leiter des Landeskirchenamtes, Dr. Christian Kinder, im Gegensatz zu seinen Kollegen in Sachsen und Nassau-Hessen einen relativ gemäßigten Kurs steuerte 199 . So ergab sich im Herbst 1939 die Situation, daß die Bekennende Kirche, die als einzige Gruppierung wirklich an der Einrichtung einer geistlichen Leitung interessiert sein mußte, so zerstritten war, daß der Bruderrat als Leitungsgremium kaum noch die Legitimation besaß, für alle bekenntnistreuen Pastoren zu sprechen. 197 Vgl. J. BIELFELDT, Kirchenkampf, insbes. S. 139-147 und S. 164-171. Auf der 2. Bekenntnissynode entzündete sich die Auseinandersetzung an der Frage der Mitarbeit im Landeskirchenausschuß. Die Mehrheit sprach sich für eine Abberufung der BK-Mitglieder aus. Die überstimmte Minderheit fühlte sich majorisiert. Zahlreiche Pastoren warfen der Bruderratsleitung vor, daß sie die BK nach dem Führerprinzip leite. Die Frage, ob es in derartigen Fragen möglich sei, Entscheidungen durch Mehrheitsbeschlüsse herbeizuführen, belastete die BK auch in den folgenden Jahren. Besonders 1938 traten die Diskrepanzen wieder deutlich hervor, als eine Gruppe von Bekenntnispastoren erklärte, daß nur der Kampf gegen die Irrlehre gewonnen, der Kampf um die rechte kirchenpolitische Ordnung aber verloren sei. Als Konsequenz folge der Verzicht auf kirchenregimentliche Ansprüche und notwendigerweise Verhandlungen mit dem Landeskirchenamt. Demgegenüber vertrat der Vorsitzende des Bruderrates die Auffassung, daß der Kampf um die rechte Lehre keineswegs gewonnen sei und der Kampf um die Leitung auch nicht verloren sei. Man dürfe sich nicht auf eine innere Linie zurückziehen.

Vgl. oben Anm. 196. Kinder fügt im Anhang zu seinem Buch (C.KINDER, Beiträge) eine — gewiß nicht repräsentative — „Dokumentation" bei, in der Schreiben zitiert werden, die ihm bestätigen, die Landeskirche unter den gegebenen Umständen so gut wie es möglich war geführt zu haben. U.a. werden auch Briefe von Halfmann und Wester angeführt. 198

199

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Zwar kam es am 13. September zu ersten Vorgesprächen zwischen den Pastoren Halfmann und Tramsen als Vertreter des schleswig-holsteinischen Bruderrates und dem für den Lutherrat tätigen württembergischen Dekan Friedrich Keppler, der als Abgesandter von Marahrens zu sondieren hatte, inwieweit die Durchführung von Kerrls Erlaß möglich sei und gleichzeitig von der Bekennenden Kirche personelle Vorschläge für eine Besetzung des angestrebten Vertrauensrates einholen sollte. Angesichts der Erfahrungen mit dem Landeskirchenausschuß200 befürworteten die Vertreter des Bruderrates „die Beauftragung einer Einzelpersönlichkeit, welche auf allen Seiten Vertrauen und Autorität hat mit der geistlichen Leitung in SchleswigHolstein" 201 . Für diese Aufgabe wurde der ehemalige Bischof Völkel favorisiert, da „er . . . bei der Mehrzahl der Pfarrer ungebrochene Achtung" genieße202. Als annehmbar wurde aber auch die Bildung eines Vertrauensausschusses bezeichnet, der jedoch nur Männer der Bekennenden Kirche und der Lutherischen Kameradschaft umfassen dürfe 203 . Doch obwohl Kinder bei früheren Verhandlungen die geregelte Versorgung der Minderheiten als notwendig bezeichnet204 und auch die Ausführungsanweisung vom 24. August 1939 als einen richtigen Schritt begrüßt hatte205, kam es nicht zu einer Verwirklichung dieses Erlasses. So notierte sich der an dem Vorgespräch vom 13. September beteiligte Halfmann am 27. September 1939 in seinem Diensttagebuch: „Die Ausführungsanweisung des Ministers vom 24. August 1939 . . . hat in S[chleswig]-H[olstein] noch keine Folgen gehabt" 206 . Auch die nächsten Monate brachten nicht die ersehnte geistliche Leitung. Teilweise mag das an der oben bereits skizzierten besonderen kirchenpolitischen Situation in Schleswig-Holstein gelegen haben, zum anderen aber auch daran, daß Kinder bereits bevor die Ausführungsanweisung überhaupt einer breiteren Öffentlichkeit bekannt wurde, zur Wehrmacht eingezogen wurde. Damit war der zuständige Ansprechpartner der offiziellen Kirche dem Geschehen vorerst entzogen. Aber auch die Mißerfolge bei der Bestellung von geistlichen Leitungen in Sachsen und Nassau-Hessen dürften 200 Zu den internen BK-Auseinandersetzungen um das Verbleiben oder den Auszug der BK-Mitglieder vgl. J. BIELFELDT, Kirchenkampf, S. 139-147. 201 Vgl. oben Anm. 196 und die Eintragung im Diensttagebuch des Lutherrates vom 12.

u n d 13.9.1939 ( L K A HANNOVER, D 15 III N r . 163). 202 203 EBD. EBD. 204

Bericht von Breit an Meiser über eine Referentenbesprechung in der Reichskirchenkanzlei bzgl. einer „Minderheitenregelung" am 15.8.1939: „Kinder äußert Bedenken gegen den Entwurf, verlangt aber auch eine Minderheitenregelung" (LKA NÜRNBERG, N L Meiser, Nr. 31). 205 Brief von Volkers an Hartong vom 2 3 . 8 . 1 9 3 9 mit eigenhändigen Gruß von Kinder, in dem er auch die Ergebnisse der Zusammenkunft bei Kerrl am 2 3 . 8 . 1 9 3 9 ausdrücklich begrüßt ( L K A OLDENBURG, A 5 6 , N r . 1 6 8 1 " ) . 204

LKA KIEL, Archiv der BK, N L Halfmann, Β XI, 28.

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dahingehend gewirkt haben, daß es in Schleswig-Holstein nicht mehr zu einer Intensivierung der Bemühungen kam 207 . Im Gegensatz zu den anderen „Einmannkirchen", wo von Seiten der Bekennenden Kirche noch längere Zeit auf eine Durchführung der Ausführungsanweisung vom 24. August 1939 gedrungen wurde, besann sich die schleswig-holsteinische Bekennende Kirche auf sich selbst und versuchte, ihre kirchenleitenden Aufgaben weiter wahrzunehmen. So hieß es in einem Schreiben der Pastoren Tramsen und Halfmann an die Pastoren der Bekennenden Kirche von Anfang August 1940: „ . . . eine lange Zeit ist verstrichen, ohne daß die Hoffnungen, die wir mit der kurz vor dem Kriege in Aussicht gestellten Neuregelung der geistlichen Leitung verbanden, in Erfüllung gegangen sind. Darum müssen wir uns entschließen, selber etwas zu tun, wobei wir uns bewußt sind, nur bescheidene Möglichkeiten anregen zu können" 2 0 8 . Damit war auch seitens der Bekennenden Kirche hinter die Bemühungen, eine geistliche Leitung im Sinne des Erlasses vom 24. August 1939 einzurichten, ein deutlicher Schlußstrich gesetzt worden. Ebenso wie in den Landeskirchen Sachsen, Nassau-Hessen und — in minderem Maße — auch in Schleswig-Holstein, machten sich auch in der Ev. Kirche der altpreußischen Union209 weite Kreise der kirchlichen Mitte und der Bekennenden Kirche Hoffnung, durch die Einrichtung einer geistlichen Leitung in der größten deutschen Landeskirche, Fortschritte auf dem Weg zu einer wirklichen Befriedung erzielen zu können. Doch dauerte es hier länger als in den anderen „Einmannkirchen", bis es überhaupt zu ersten Bemühungen in diese Richtung kam. Dieses lag wesentlich daran, daß Präsident Dr. Werner, der ja gleichzeitig Leiter der DEK-Kirchenkanzlei war, in den ersten Wochen nach Bekanntgabe der Ausführungsanweisung vom 24. September durch die Verhandlungen des Vertrauensrates in den anderen „Einmannkirchen" stark in Anspruch genommen war. Diese Verzögerung tat aber den Hoffnungen, in der altpreußischen Union eine geistliche Leitung installieren zu können, keinen Abbruch. So meinte man selbst in Kreisen der Bekennenden Kirche sicher zu wissen, daß „die Regelung in Altpreußen . . . zum Schluß drankommen" solle 210 . Die Art und Weise, wie dieses dann tatsäch-

2 0 7 Entwurf (wahrscheinlich aus dem E O K Stuttgart) für ein Schreiben an die Kirchenkanzlei: In diesem Entwurf wird sogar der Eindruck geäußert, daß in Schleswig-Holstein noch „nichts geschehen" ist, um eine geistliche Leitung einzurichten ( L K A STUTTGART, D 1/146). 208

J . BIELFELDT, K i r c h e n k a m p f , S. 2 6 6 - 2 6 8 .

209

Literatur Zum Kirchenkampf in Altpreußen: K.MEIER, Kirchenkampf, Bd.3, S. 181-

2 2 4 ; W . NIESEL, K i r c h e ; E . LOYCKE, E n t w i c k l u n g . 2 1 0 Brief von Pfr. Kurt Scharf (Vorsitzender des brandenburgischen Bruderrates) an Julius Rumpf (Vorsitzender des Bruderrates Nassau-Hessen) vom 2 2 . 9 . 1 9 3 9 ( L K A DARMSTADT, 1050602/166).

Geistliche Leitung für die „Einmannkirchen"

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lieh geschah, überraschte jedoch weite kirchliche Kreise. So begannen die Bemühungen um die Errichtung eines solchen Leitungsgremiums nicht, wie in den anderen Landeskirchen, mit der Erstellung von Besetzungslisten seitens der verschiedenen kirchenpolitischen Gruppen, sondern mit einem Empfang des Vertrauensrates der D E K und Präsident Werners bei Reichsminister Kerrl am 11. Oktober 1939 211 . Kerrl überraschte die Mitglieder des Vertrauensrates mit der Forderung, sich zusammen mit dem Präsidenten der Kirchenkanzlei zum Leitungsorgan des Gesamtprotestantismus zu erklären — „mangels rechtlicher Voraussetzungen müsse dies revolutionär geschehen" 2 1 2 . Als Ansatzpunkt hierfür schlug er die Ausdehnung der GVRLeitungsbefugnisse auf Altpreußen vor. Dazu sollte der Vertrauensrat „um 2 Personen des kirchlichen Lebens Altpreußens' ' erweitert werden. Als mögliche Kandidaten hielt er den Vizepräsidenten a.D. Ernst Hundt und den Leiter des Wittenberger Predigerseminars Hans Schomerus für geeignet 213 . Kerrl mußte allerdings einräumen, daß ihm ein „Telegramm des Preußischen Ministerpräsidenten Göring zugegangen sei, worin dieser darauf aufmerksam macht, daß die Bildung einer neuen Kirchenleitung in Preußen nicht ohne seine Zustimmung erfolgen dürfe" 2 1 4 . Diese Stellungnahme Görings ließ verständlicherweise bei den Mitgliedern des Vertrauensrates die Befürchtung aufkommen, in eine ähnliche Lage wie in Sachsen zu geraten. Hier halfen auch die Beschwichtigungsversuche Kerrls nichts. Selbst seine Behauptung, daß „nach seiner Auffassung . . . die politischen Stellen überhaupt nicht zuständig [seien], sondern er als Kirchenminister . . . die erforderlichen Maßnahmen zu treffen" habe 215 , vermochte nicht zu überzeugen. Werner reagierte auf die Vorschläge des Ministers in einer für ihn typischen Weise. Er gab in Teilen nach, um die vollständige Durchsetzung von Kerrls Ideen, die für ihn möglicherweise zu einer weitgehenden Entmachtung geführt hätten, zu verhindern. So hielt der Präsident die „revolutionären Pläne" des Ministers für „zu optimistisch", vertrat aber in Bezug auf Altpreußen die Ansicht, daß es durchaus möglich wäre, „wenn der Präsident künftig diese Rechte [die Befugnisse der Generalsynode und des Kirchensenats] nicht mehr allein ausübt, sondern mit den Mitgliedern des 2 , 1 K.MEIER, Kirchenkampf, Bd.3, S. 199, außen die Ansicht, daß die „zahlreichefn] Anregungen, insbesondere aus Kreisen der Bekennenden Kirche, die den bei Kriegsbeginn gebildeten Geistlichen Vertrauensrat der D E K während der ersten Kriegsmonate erreichten, zu Erwägungen [führten], auch für die altpreußische Union einen Vertrauensrat zu konstituieren." M.E. sollte man gerade während der ersten Monate nach Bekanntmachung der Ausführungsanweisung vom 2 4 . 8 . 1 9 3 9 das Drängen der BK auf Einsetzung einer solchen geistlichen Leitung nicht überschätzen. Viel größeres Interesse schienen im Anfangsstadium das Reichskirchenministerium und der Vertrauensrat der D E K an der Durchführung dieses Erlasses zu haben. Erst als sich Verzögerungen einstellten, kam es zu verstärkten Initiativen der BK. 2 1 2 Vermerk Werners vom 1 1 . 1 0 . 1 9 3 9 über einen Empfang des Vertrauensrates am 1 1 . 1 0 . 1 9 3 9 bei Kerrl ( E Z A BERLIN, 1/A 4 / 1 7 4 , BL. 6 7 - 7 3 ; vgl. dazu auch oben S. 9 3 - 9 6 ) . 213

EBD.

214

EBD.

215

EBD.

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Die „Ausgestaltungsphase" (1939-1940)

Vertrauensrates teilt; dazu erforderlich wäre eine Verordnung des Präsidenten von Altpreußen" 216 . Die am 16. und 17. Oktober 1939 stattfindende GVR-Sitzung zeigte, daß auch seitens des Geistlichen Vertrauensrates unüberwindliche Vorbehalte gegenüber Kerrls „revolutionären Plänen" bestanden. Hingegen erklärten sich Marahrens und Schultz bereit, „ernstlich [zu] prüfen, ob sie in Blick auf ihre eigenen Landeskirchen in der Lage [seien], sich auch für die altpreußische Kirche zur Verfügung zu stellen"217, allerdings ohne eine personelle Erweiterung eines solchen Gremiums. Stattdessen sprachen sie sich für einen festen Beirat aus, der mit Männern des kirchlichen Lebens Altpreußens besetzt werden sollte. Die von Marahrens und Schultz geäußerte Bereitschaft hatte für die weitere Entwicklung Signalcharakter. Bereits am 1. November teilte Werner den Mitgliedern des Ev. Oberkirchenrates Berlin mit, „daß er beabsichtige, die Mitglieder des Geistl. Vertrauensrates der DEK . . . auch zu Mitgliedern des Geistl. Vertrauensrates der altpreußischen Union zu berufen"; eine Entscheidung, die ohne Widerspruch gebilligt wurde 218 . Sogar die Entwürfe der Berufungsschreiben waren bereits fertiggestellt219, als erste Schwierigkeiten es geraten sein ließen, den Vollzug der Berufungen zu verschieben. Marahrens vermerkte hierzu in seinem Wochenbrief vom 7./8. November 1939: „Die Frage, ob der Vertrauensrat der DEK auch Vertrauensrat einer anderen Kirche werden kann, wird verschieden stark debattiert. Entscheidend wird nach der ministeriellen Anweisung sein müssen, ob gewisse Grundbedingungen erfüllt sind, insbesondere ob das Vertrauen seitens der Pfarrerschaft möglich erscheint und wahrscheinlich ist" 220 . Diese lapidar klingende Äußerung traf genau das Problem. Wenige Tage zuvor hatte nämlich Pfarrer Wilhelm Siegert namens des „Uberbündischen Arbeitskreises", eines Zusammenschlusses verschiedener Gruppen der Mitte, der nach eigenen Angaben etwa 6000 Pfarrer vertrat, einen eigenständigen Vertrauensrat für die altpreußische Kirche gefordert, da im Reichsvertrauensrat niemand sei, der die Interessen der altpreußischen Kirche adäquat vertreten könne 221 .

216 217

EBD. P r o t o k o l l d e r G V R - S i t z u n g a m 1 6 . / 1 7 . 1 0 . 1 9 3 9 (EBD., Bl. 7 4 - 7 6 ) .

218 Vermerk Werners vom 2 . 1 1 . 1 9 3 9 über Sitzung des EOK Berlin vom 1 . 1 1 . 1 9 3 9 (EBD., Bl. 177). 219 Beide Entwürfe stimmen im wesentlichen in der Begründung, die für die Berufung angeführt wird, überein: 1) aus Gründen der Vereinfachung der Verwaltung; 2) das „Vertrauen, das die Mitglieder des Geistlichen Vertrauensrates der Deutschen Evangelischen Kirche bei den Pfarrern gefunden haben..." (EBD., Bl.77 und 88). 220 Wochenbrief Marahrens' vom 7.1%. 11.1939. 221 In einem Brief an Werner vom 11.1.1940 erwähnt Siegert einen Brief vom 4.11.1939, in dem er diese Befürchtung bereits geäußert habe. Hymmen wurde nur als Experte für die rheinisch-westfälischen Bereiche angesehen (EZA BERLIN, 1/A 4/174, Bl. 183).

Geistliche Leitung für die „Einmannkirchen"

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Dieser Vorbehalt traf wohl auch die Ansicht weiter kirchlicher Kreise Altpreußens — wie sich zeigen sollte — bis hin zur Bekennenden Kirche. Aber auch mit den Vorschlägen zur rechtlichen Ausgestaltung haperte es. Bis November war es weder gelungen, eine Geschäftsordnung fertig- noch eine Liste der in Frage kommenden Beiratsmitglieder aufzustellen, die den reichskirchlichen Vertrauensrat bei der Beratung von spezifischen Fragen Altpreußens ergänzen sollten222. Und selbst als endlich Anfang Januar 1940 eine entsprechende Geschäftsordnung fertiggestellt war, mußten — wohl auf Veranlassung des Kirchenministers — Vizepräsident Hundt und Prof. Weber diese erneut umarbeiten. Denn Kerrl wünschte nun eine noch engere Anbindung an den reichskirchlichen Geistlichen Vertrauensrat bei gleichzeitiger rechtlicher Stärkung des Gremiums. Die Folge war, daß die beiden Geschäftsordnungsentwürfe zusammengearbeitet wurden und die Rechtsform einer Verordnung bekamen. Seitens des Vertrauensrates bestanden gegen das Resultat dieser redaktionellen Überarbeitung jedoch starke Bedenken. Marahrens sprach sich dagegen aus, weil er hierbei die Besonderheiten der jeweiligen Kirchengebiete nicht genügend berücksichtigt sah223. Die Bedenken von Schultz gingen indes dahin, daß er eine Überlastung des altpreußischen Vertrauensrates mit Verwaltungsaufgaben befürchtete224. Aber auch von kirchlichen Gruppierungen wurden unterschiedliche Stellungnahmen vorgetragen. Wie zu erwarten, reagierte Siegert namens des „Überbündischen Arbeitskreises" äußerst gereizt: „Ich höre nun, daß dieser unserer Bitte nicht entsprochen werden soll, sondern daß in Kürze der Vertrauensrat der Reichskirche unter Hinzufügung von Prof. Dr. Weber, der reformiert ist, zugleich für Preußen eingesetzt werden soll". Eine solche Ent2 2 2 In fast allen Sitzungen des Vertrauensrates fanden während dieser Zeit „Aussprachen über die geschäftsordnungsmäßige Ausgestaltung des Vertrauensrates für die D E K und die altpreußische Union" statt, wobei auch über „die für einen altpreußischen Beirat in Frage kommenden Persönlichkeiten" gesprochen wurde (LKA HANNOVER, S1, ΕΠ, 129: Protokoll der

GVR-Sitzung vom 16.11.1939). 2 2 3 Brief von Marahrens an Schultz vom 6.1.1940: Nachdem man sich auf zwei getrennte Entwürfe geeinigt hatte, äußerte Marahrens: „Wichtig ist mir, daß die Verordnung sich nur auf die D E K bezieht. Eine Verordnung bezüglich Altpreußens wird inzwischen ausgearbeitet, um insbesondere die Interessen des E O K in der rechten Weise auszubalancieren" ( E Z A BERLIN, 1/A 4 / 1 7 4 , Bl. 181). In seinem Wochenbrief vom 9 . 1 . 1 9 4 0 weist Marahrens nochmals ausdrücklich darauf hin, daß die Frage eines Vertrauensrates für Altpreußen „wegen der Verschiedenartigkeit der Struktur der D E K und Altpreußens anders als bezüglich der D E K gelöst werden" muß. 2 2 4 Brief von Schultz an Marahrens vom 18.1.1940: Schultz äußert Bedenken wegen der geplanten Verordnung für Preußen: „Es scheint mir nicht glücklich, den Vertrauensrat mit Funktionen zu versehen, die ihm gewissermaßen die Stellung einer obersten Verwaltungsbehörde geben. . . Gerade eine geistliche Autorität kann im Grunde nur lebensmäßig sich entwickeln. Sie ist entweder tatsächlich vorhanden oder nicht. Anordnen läßt sich eine solche Autorität nicht" (EBD., Bl. 185).

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Die Interessenlage nach der Gründung des Geistlichen Vertrauensrates

wicklung halte er für „verhängnisvoll". Er glaube, „daß dieser Schritt eine Fülle von Entrüstungsstürmen hervorrufen" werde. Ja, Siegert konnte sogar mitteilen, daß die preußische Bekennende Kirche sich „vollinhaltlich" angeschlossen habe und ihn autorisiert habe, dieses bei Werner zur Geltung zu bringen 225 . Ablehnend reagierte auch die Mehrheit der Lutherratsmitglieder: Sowohl von sehen der Landeskirchen als auch von den Vertretern der Bruderräte wurden Bedenken gegen eine derart enge Verbindung zwischen dem reichskirchlichen Vertrauensrat und einem Leitungsorgan für Altpreußen geltend gemacht226. Ausdrücklich gefordert wurde eine enge Verbindung zwischen den altpreußischen Vertrauensräten und der DEK nur von der Volkskirchlichen Arbeitsgemeinschaft, die — wie schon vorher so oft — als Sprachrohr von Kerrls Interessen fungierte 227 . Zwar wurde der Plan einer gemeinsamen Rechtsgrundlage für die DEK und Altpreußen aufgrund der Bedenken der Vertrauensratsmitglieder wieder fallengelassen, doch an der personellen Identität beider Gremien wurde noch bis in den Februar 1940 festgehalten. Erst die negativen Reaktionen der Landeskirchen auf den reichskirchlichen Verordnungsentwurf vom 15. Februar 1940 ließen auch die altpreußische Fassung, die in wesentlichen Teilen mit dem reichskirchlichen Verordnungsentwurf übereinstimmte, hinfällig werden. Denn es wäre in weiten kirchlichen Kreisen kaum verstanden worden, wenn ein kurz zuvor abgelehnter Verordnungsentwurf in wenig veränderter Form in der Ev. Kirche der altpreußischen Union Gesetzeskraft erlangt hätte. Als Folge des gescheiterten Verordnungsentwurfs verliefen die Bemühungen um die geistlichen Leitungsorgane in der DEK und in Altpreußen von nun ab getrennt. Seitens des Ev. Oberkirchenrates Berlin kam es im März 1940 zu Plänen, bei der Bildung von geistlichen Leitungsinstanzen an die 225

Brief an Werner v o m 11.1.1940 (EBD., Bl. 183). Aufgrund dieses Briefes kam es zwischen Siegert und Werner am 10.2.1940 zu einem Gespräch, dessen Inhalt Siegert in einem weiteren Brief an Werner niederlegte (EBD. , Bl. 204): So sollte für Preußen ein Vertrauensrat aus H y m m e n , Sup. Riehl, Kons. Rat Fiebig und Pfr. Siegert bestehen. Bei den entsprechenden Tagesordnungspunkten sollte e r — u m Marahrens, Schultz und Weber ergänzt — als Reichsvertrauensrat fungieren. D i e zahlenmäßige Überlegenheit der preußischen Vertreter auch im Reichsvertrauensrat begründete Siegert damit, daß „der preußischen Kirche innerhalb der Reichskirche die [Aufgabe zukäme], das Vermächtnis des Preußentums, w i e es uns durch die hervorragendsten Männer neuerer deutscher Geschichte übermittelt worden ist, zu erhalten und innerhalb der Reichskirche zu verankern". 226 Vgl. die Tagesberichte des Lutherrates v o m 15. und 26.11.1939 (LKA HANNOVER, D 15 III Nr. 163). 227 Rechenschaftsbericht der VAG für den Zeitraum 1.4. bis 31.12.1939: „Der Vertrauensrat m u ß endlich.. . . den Schritt wagen und aus einem theologischen Beirat für den juristischen Leiter der Kirchenkanzlei und des Evangelischen Oberkirchenrates zu derjenigen Instanz werden, die im Sinne des Erlasses des Herrn Reichsministers v o m 24.8. die res internae in eigener Zuständigkeit betreut und bei den res mixtae zu einer geordneten Kooperation mit der Rechtsverwaltung k o m m t " (EZA BERLIN, 1/A 4 / 1 7 4 , Bl. 143).

Geistliche Leitung für die „Einmannkirchen"

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noch vorhandenen kirchlichen Einrichtungen, nämlich an die Konsistorien und den Ev. Oberkirchenrat, anzuknüpfen. Außerdem sollten in den Kirchenprovinzen sog. „Provinzialsynodalräte" gegründet werden, die bei der geistlichen Leitung der jeweiligen Kirchengebiete mitwirken sollten. Für den Gesamtbereich der Ev. Kirche der altpreußischen Union war die Ergänzung des Ev. Oberkirchenrates durch ein Kollegium vorgesehen, das „in weitem Umfang nicht nur beratend, sondern beschließend und mitverantwortlich" an der Leitung beteiligt werden sollte; insbesondere bei dem Erlaß von Verordnungen und bei Personalangelegenheiten228. Dieses Kollegium, dessen Mitglieder der Ev. Oberkirchenrat zu bestellen hatte, sollte bei positiver Gesamtentwicklung später durch ein aus Vertretern der verschiedenen „Provinzialsynodalräte" gebildetes Gremium ersetzt werden. In einer ausführlichen Denkschrift begründete Vizepräsident Hymmen die dieser Lösung zugrunde liegende Konzeption 229 . Da sich gezeigt habe, daß eine gesamtkirchliche Lösung zur Zeit nicht durchführbar sei, müsse die altpreußische Kirche eigene Lösungen finden. Dieses könne jedoch angesichts der Bedeutung der Ev. Kirche der altpreußischen Union nur „in der Verantwortung gegenüber dem deutschen Gesamtprotestantismus" geschehen. Jeder Versuch in dieser Richtung habe dabei die Ausführungsanweisung Kerris vom 24. August 1939 — Hymmen bezeichnete diese als den „tiefen Einschnitt, über den es ein Zurück nicht mehr gibt" — zu beachten. Die dort erhobene Forderung, auch in Altpreußen die fehlende geistliche Leitung einzusetzen, könne angesichts der derzeitigen Lage nur in der Suche nach „Notund Übergangslösungen [bestehen], die sich der Zukunft offen halten und keine Entscheidungen vorwegnehmen, für welche die Zeit noch nicht reif ist". Deshalb sei vorerst nur an bereits vorhandene Einrichtungen anzuknüpfen, bzw. Erweiterungen seien nur äußerst behutsam vorzunehmen. Neben einer Wiederbesetzung der geistlichen Vizepräsidentenstelle und einer Uberprüfung des Personalbestandes in den Kirchenprovinzen — „wo es sich als notwendig erweist, sollte auch vor einer Umbesetzung der Präsidentenstelle nicht zurückgeschreckt werden" — war beabsichtigt, in den einzelnen Kirchengebieten Gremien zur Bearbeitung der geistlichen Angelegenheiten zu bilden. Da „die letzten Jahre und auch noch das jüngst verflossene gezeigt haben, daß mit ,νοη oben her' erlassenen Verordnungen noch nichts Entscheidendes getan ist", schien nach Hymmens Ansicht ein Aufbau von unten die beste Lösung zu sein, um diesen Gremien eine möglichst breite Basis zu geben. Das Recht, Besetzungsvorschläge für die einzurichtenden Synodalbeiräte zu unterbreiten, sollte deshalb den einzelnen Kirchenprovinzen selbst zugestanden werden. U m den Zusammenhalt in der Landeskirche 228 Von Werner handschriftlich als „Entwurf B e n n " gekennzeichneter Verordnungsvorschlag v o m M ä r z 1940 (EBD., Bl. 263 f.). 2 2 9 Zum Folgenden: Denkschrift von H y m m e n vom 25.4.1940 (EBD., Bl. 252-262).

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Die „Ausgestaltungsphase" (1939-1940)

zu gewährleisten, hielt es Hymmen für sinnvoll, „wenn die von den provinzialkirchlichen Beiräten erwählten Vorsitzenden den landeskirchlichen Beirat bilden." Die Entwicklung gedieh in den folgenden Wochen sogar so weit, daß eine Vorschlagsliste für das geistliche Leitungsgremium — „Landessynodalrat" genannt — erstellt werden konnte 230 . Erst als Göring am 9. August 1940 gegen die Einrichtung eines solchen Gremiums Einspruch erhob, wurde der Entwurf zurückgestellt231. Damit wurde aber nicht nur dieser Entwurf hinfällig, sondern auch alle weiteren Bemühungen. Erst nach Kriegsende sollte nun die Regelung der geistlichen Angelegenheiten in Angriff genommen werden 232 . Alle Initiativen aus den Kreisen der Bekennenden Kirche, die die Einsetzung einer geistlichen Leitung zum Ziel hatten, mußten zwangsläufig scheitern. Rückblickend betrachtet, erklärt sich so auch der Mißerfolg der Initiative, die Landesbischof Wurm im Juli 1940 im Auftrag einer Konferenz von Vertretern der intakten Landeskirchen und verschiedener Bruderräte unternahm. Er wollte Kerrl einen Vorschlag, „der zunächst einmal für die Kirche der altpreußischen Union einen Weg zur Befriedung aufzuzeigen versucht", unterbreiten233. So sollte in jeder Provinzialkirche ein Vertrauensmann der Bekennenden Kirche mit der Bearbeitung der geistlichen Angelegenheiten betraut werden. Im Gegenzug seien die Bruderräte bereit, „ihre bisher innegehabte und ausgeübte Verantwortung in die Hand des von ihrem Vertrauen

2 3 0 „Für den Warthegau, den man miteinbezogen hatte, waren Verlagsdirektor Senator Utta aus Litzmannstadt (Lodz) und Generalsuperintendent D. Paul Blau (Posen) vorgesehen, für Danzig-Westpreußen war Senator Haßbach (Hermannsruhe), für Ostpreußen Regierungsvizepräsident Angermann nominiert. Schlesien sollte Oberstudiendirektor Linder (Breslau), Pommern Sup. Wolfgang-Günther Friedrich (Pasewalk), Brandenburg Oberpräsident a.D. August Winnig (Potsdam), Provinz Sachsen Landrat a.D. Freiherr v. Wilmowsky (Marienthal) vertreten; für Westfalen hatte man an D. Georg Merz (Bethel), für das Rheinland an Bankier Pferdmenges (Köln) gedacht. Als Vertreter der freien kirchlichen Arbeit waren aufgestellt Pfr. Hermann Wagner (Paul-Gerhardt-Stift, Berlin), Bundesdirektor des Evangelischen Bundes Lic. Fritz von der Heydt (Berlin) sowie die Universitätsprofessoren D. Rudolf Hermann (Greifswald) und D. Johannes Hempel (Berlin) sowie Prof. Dr. jur. Ernst Forsthoff (Königsberg) als Vertreter der kirchenrechtlichen Disziplin". Am 2. Juli wurde dieser Entwurf Minister Kerrl vorgetragen (ZStA POTSDAM, R K M 23461, Bl.74, zit. nach K.MEIER, Kirchenkampf, Bd. 3, S.200). 2 3 1 EBD. Göring monierte, daß ein Vertrauensrat für Preußen eine „umfassende Neuordnung der Lage" darstelle und deshalb während des Krieges unterbleiben müsse (EBD., S. 641, Anm. 545). 2 3 2 Entgegen der Behauptung von E. LOYCKE, Entwicklung, S. 75, hatte der Geistliche Vertrauensrat der D E K also nie eine Leitungsfunktion für Altpreußen inne. 2 3 3 Brief an Kerrl vom 11.7.1940 (LKA STUTTGART, Bd. 115b VII, Altreg.). Da der Termin immer wieder verschoben wurde, kam das gewünschte Gespräch mit Kerrl nicht zustande. Seitens des Kirchenministeriums (Ministerialdirigent Stahn) wurden aber die Vorschläge nicht für realistisch gehalten.

Geistliche Leitung für die „Einmannkirchen"

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getragenen Beauftragten [zu legen] und . . . keine kirchenregimentliche Befugnis mehr in Anspruch zu nehmen und aus[zu]üben" m . Auch im Sommer 1941 kam es noch zu einer Vielzahl von Eingaben—teilweise sogar in Form von Unterschriftensammlungen und organisierten Briefaktionen —, die den Ev. Oberkirchenrat und den Geistlichen Vertrauensrat unter Berufung auf den Erlaß Kerrls vom 24. August 1939 aufforderten, endlich eine geistliche Leitung beim Ev. Oberkirchenrat und in den Kirchenprovinzen einzusetzen235. Auf diese Aktionen des Jahres 1941 reagierte der Ev. Oberkirchenrat mit einem Erlaß, durch den den Konsistorien „das Ergebnis der Bemühungen . . . in dieser Frage" mitgeteilt wurde: Man gedenke während des Krieges in der Frage der Einrichtung einer geistlichen Leitung nichts mehr zu unternehmen 236 . Damit waren auch in Altpreußen die Bemühungen um eine Verwirklichung der Ausführungsanweisung vom 24. August 1939 gescheitert.

234 Bericht über die Zusammenkunft zwischen Vertretern der Landeskirchen Bayerns und Württembergs und Bruderratsvertretern aus Preußen, Schlesien und Sachsen am 8./9.7.1940 in Stuttgart (vollständige Anwesenheitsliste bei K.MEIER, Kirchenkampf, Bd.3, S.630, Anm. 287). Ziel war die „Wiederherstellung eines grundsätzlichen und praktischen Einvernehmens zwischen den norddeutschen und süddeutschen Kirchen" (EBD.). 235 Die GVR-Protokolle des Jahres 1941 erwähnen des öfteren Eingaben, in denen um die Einrichtung von geistlichen Leitungsorganen in Altpreußen gebeten wurde (EZA BERLIN, 1/A 4/574, Bl.lOf.: Protokoll vom 31.3.1940; EBD., 1/A 4/579, B1.46f.: Protokoll vom 28./29.7.1941). Das Schreiben des E O K vom 18.9.1941 (EBD., 1/A 4/573, BL. 117-119) mißbilligte ausdrücklich organisierte Unterschriftensammlungen und vorgefertigte Texte für die Eingaben. K. MEIER, Kirchenkampf, Bd. 3, S. 200, vermutet wohl zu Recht, daß die Erfolge, die durch die Hinzuziehung eines BK-Vertrauensmannes bei der kirchlichen Leitung Sachsens erreicht wurden, auch in Preußen den Wunsch nach einer solchen Regelung erneut entfachte. 236 Erlaß des E O K Berlin vom 18.9.1941 (EZA BERLIN, 1/A 4/573, Bl. 117-119).

KAPITEL 4

WEICHENSTELLUNG: KIRCHLICHER PARTIKULARISMUS ODER „GEISTLICHE LEITUNG"? (1940-1942) 1. Zwischen „Minderheitenregelung" und „Simultaneum" Als die „Arbeitskreise" im Februar 1939 ihr „Gesamtgutachten" vorlegten enthielt es auch den „ Entwurf einer Notverordnung zur Sicherung der geistlichen Versorgung"2. Erstmals wurde damit ein Vorschlag unterbreitet, der, wie in der ausführlichen Begründung zu dieser Vorlage zu lesen stand, sicherstellen sollte, „daß, wenn weite Kreise einer Gemeinde eine ihrer Glaubenshaltung entsprechende religiöse Versorgung durch ihren Ortspfarrer nicht finden, sie ihnen durch Geistliche ihrer Glaubenshaltung gewährt werden kann." Aber auch „für die geistliche Führung und Betreuung der Pfarrer, die ihrer geistlichen Kirchenleitung gewissensmäßig in Glaubenssachen nicht folgen können", sollte Sorge getragen werden3. Da das „Gesamtgutachten" aber bereits zum Zeitpunkt der Ubergabe nicht mehr den kirchenpolitischen Gegebenheiten entsprach, verschwand es - und damit auch die „Notverordnung" - in den Aktenschränken der Kirchenkanzlei4. Erst am 21.Juli 1939 verschickte die Kirchenkanzlei auf Weisung des Kirchenministers den überarbeiteten und aus dem Zusammenhang des „Gesamtgutachten" gelösten Entwurf 5 an die Landeskirchen. Gleichzeitig wurden die zuständigen Referenten der Landeskirchen für den 15. August zu einer Besprechung der Vorlage in die Kirchenkanzlei gebeten6. Wie schon der „Notverordnungs"-Entwurf der „Arbeitskreise", so war auch die neue Vorlage eine Mischung aus „Minderheitenverordnung" und „Simultaneum". Denn während die ersten beiden Abschnitte des Verordnungsentwurfes die geistliche Versorgung von Minderheiten innerhalb von

» Vgl. oben S. 28 f. E Z A BERLIN, 1/A 4/173, Bl. 4 7 - 5 3 . 3 EBD. 4 Vgl. oben S. 28 f. 5 Zum Folgenden; Exemplar des Verordnungsentwurfes aus Oldenburg (LKA OLDEN2

BURG, A 56, N r . 168 m ). 6

Anschreiben zu dem Verordnungsentwurf vom 21.7.1939 (EBD.).

Zwischen „Minderheitenregelung" und „Simultaneum"

149

Gemeinden regelten7, sah der dritte Abschnitt, ähnlich einem Simultaneum, die Möglichkeit vor, innerhalb der landeskirchlichen Verwaltungsbehörde eine Betreuungsstelle für diejenigen Pfarrer einzurichten, die aus Gewissensgründen der Leitung ihrer Landeskirche keine Gefolgschaft leisten konnten 8 . Uber die Einhaltung der Bestimmungen sollte, so legte es der vierte Abschnitt des Entwurfes fest, eine „Schlichtungskammer der Deutschen Evangelischen Kirche" wachen 9 . Die Reaktionen auf die Vorlage waren unterschiedlich. Daß es nicht einmal unter den Mitgliedern des Lutherrates zu einer einhelligen Bewertung kam, zeigten die Beratungen am 14. August 10 : Die sächsischen BK-Vertreter, Hammerschmidt und Kotte, lehnten den Entwurf vollständig ab, denn es sei zu erwarten, daß das sächsische Kirchenregiment die entlassenen BK-Pfarrer nicht an der Einrichtung der geplanten geistlichen Leitung beteiligen werde. Auch sei es fraglich, ob die Kirchenregierung von Sachsen den Vollzug der Verordnung nicht generell sabotieren werde. Hingegen bescheinigten die Vertreter aus Bayern, Baden, Württemberg und Hannover der Vorlage, „als Ausgangspunkt für die Erörterung eines auszuarbeitenden Entwurfes brauchbar" zu sein11. In Anbetracht der sächsischen Kritik und der fehlenden Vollmachten durch die jeweiligen Landeskirchenregierungen einigten sich die Vertreter dieser vier Landeskirchen auf eine Defensivtaktik. Zwar sollte die Bereitschaft zu einer grundsätzlichen Mitarbeit an einer Minderheitenregelung signalisiert werden, es sei aber „jedem Versuch einer verantwortlichen Beratung des Entwurfes selber [zu] widerstehen" 12 . Die Konferenz der nationalsozialistischen Kirchenleiter hatte keine vorherige Beratung des Entwurfes angesetzt13; eine Stellungnahme blieb den jeweiligen Landeskirchenregierungen vorbehalten.

7 Auf Antrag eines „beachtlichen Teils" (= mindestens 150 Gemeindeglieder bei Gemeinden über 3000 Glieder; bei Gemeinden unter 3000 Glieder der 20. Teil, mindestens aber 30 volljährige Glieder) der Gemeinde sollte auf Antrag Minderheitenschutz gewährt werden. So sollte ζ. B. eine Benutzung von kirchlichen Räumen ermöglicht werden, sofern dadurch weder die Verletzung von staatlichen Gesetzen zu befürchten sei, noch eine Störung des Friedens in der Gemeinde. Zur Vornahme von Amtshandlungen sollte jeder Geistliche, der im Dienst der DEK oder einer der Landeskirchen stand, berechtigt sein. Auferlegt wurde allein die Beachtung der besonderen Gepflogenheiten (Kirchenbucheinträge, Gebührenerhebung etc.) der jeweiligen Gemeinde (EBD.). 8 9

EBD. EBD.

10

Schreiben von Breit an Meiser vom 17.8.1939 (LKA NÜRNBERG, NL Meiser, Nr. 31).

11

EBD. EBD.

12

13

Dieses ergibt sich aus dem Vermerk, den Müller-Jürgens über die Sitzung vom

1 5 . 8 . 1 9 3 9 anfertigte ( L K A OLDENBURG, A 56, N r . 168 M ).

150

Weichenstellung (1940-1942)

Bei der Referentenbesprechung am 15.August14 bildeten sich recht schnell drei Parteien heraus: Die Vertreter der Landeskirchen von NassauHessen (Präs. Kipper), Thüringen (KR Franz), Sachsen (OLKR Liebsch und OLKR Seck), Anhalt (Pfr. Körner), Bremen (LB Weidemann) und Lübeck (OKR Sievers) lehnten den vorgelegten Entwurf ab. Besonders energisch wandten sie sich gegen die Abschnitte III und IV. Fadenscheinig war die Ablehnung von Präsident Kipper. Er behauptete schlichtweg, es gebe in Nassau-Hessen keinen Kirchenkampf mehr, und deshalb sei eine solche Verordnung auch nicht nötig. Der Thüringer Vertreter, Kirchenrat Franz, verwies auf den rechtlichen Aspekt: Präsident Werner sei es gar nicht möglich, eine Minderheitenregelung zu erlassen, da die 17. Durchführungsverordnung dazu keine juristische Grundlage biete. Doch der eigentliche Grund für die negative Haltung der thüringischen Landeskirche war die Angst vor BK-Vertretern im Landeskirchenamt. Es komme, so Franz, durch die Regelung „Opposition um der Opposition willen in die Behörde." Weder ein Simultaneum, also zwei getrennte Kirchenleitungen, noch die geplante Reichsschlichtungskammer könne man dulden. Letztere werde sich lediglich zu einer Neuauflage des Reichskirchenausschusses entwickeln und somit die Landeskirchenbehörden bevormunden. Es müsse sich vielmehr, so das von der deutsch-christlichen Seite propagierte Ziel, das Prinzip der „Toleranz" durchsetzen. Die deutsch-christlichen Kirchen ließen keinen Zweifel daran, daß für sie nur eine „Minderheitenverordnung" im engsten Sinne in Frage käme. Vorbildfunktion hatte dabei die altpreußische Verordnung vom 18. März 1939 15 . Diese Verordnung, die in enger Anlehnung an einen von den Arbeitskreisen abgelehnten Vorschlag formuliert worden war16, beschränkte sich darauf, den Gemeindegliedern eine geistliche Versorgung zuzugestehen, die den jeweiligen religiösen Uberzeugungen entsprechen sollte. Auf eine adäquate Regelung für die Pfarrer und auf eine unabhängige Kontrolle dieser Verordnung war hingegen verzichtet worden. Mithin hatte diese Verordnung für die bedrängten BK-Pfarrer keinerlei Erleichterung gebracht. Trotzdem behaupteten die Vertreter der DC-Landeskirchen, daß nur eine solche Regelung dem Gebot der „Toleranz" gerecht werde17.

14 Vgl. EBD. und den Brief Breits an Meiser vom 17.8.1939 (oben Anm. 10). Beide Schriftstücke stimmen in den Fakten weitgehend überein. Abweichungen sind natürlichlicherweise bei den Wertungen festzustellen. 15 GB1DEK (Ausg. B) 1939, S. 15 f. 16 Vgl. den abgelehnten Entwurf der Arbeitskreise (EZA BERLIN, 1/A 4/173, BL. 54). 17 Zur näheren Definition des deutsch-christlichen Toleranzbegriffes, der letztlich darauf hinauslief, die nationalsozialistische Weltanschauung als normative Größe für den christlichen Glauben anzuerkennen, vgl. auch GB1DEK (Ausg. B) 1939, S.19f.; KJ 1933-44, S. 275 ff.: Bekanntmachung der DC-Landeskirchenleiter vom 4.4.1939.

Zwischen „Minderheitenregelung" und „Simultaneum"

151

Fast zwangsläufig kam es zu einer Diskussion über den Toleranzbegriff. Man könne nicht, so erklärte Oberkirchenrat Breit, „Toleranz" zum kirchlichen Prinzip machen, um daraus die Ordnung der Kirche abzuleiten. Denn „das Wort Gottes, das in Jesus Christus Fleisch geworden ist, [ist] das kirchliche Prinzip,.. .von dem die Ordnung und Regierung der Kirche abgeleitet werden muß." Trotzdem sei seitens der Bekenntniskirchen die Bereitschaft vorhanden, einen Beitrag zur Entlastung der BK-Pfarrer in den DCLandeskirchen zu leisten; selbst dann, wenn man sich damit in „eine große innere Not" bringe, da auf diese Weise die Irrlehre geduldet werde18. Anders als die Vertreter der DC-Kirchen, die lediglich eine Regelung im Sinne der Abschnitte I und II der Vorlage akzeptieren wollten, setzte Breit die Akzente auf die Abschnitte III und IV des Verordnungsentwurfes, ohne aber die anderen Teile abzulehnen. Die geistliche Versorgung der BK-Pfarrer und die Kontrollierbarkeit der Versorgung durch einen Schlichtungsausschuß, also die Teile der Verordnung, die einem Simultaneum nahe kamen, hatten für ihn jedoch eindeutige Priorität. Nicht alle landeskirchlichen Vertreter, die sich für eine Minderheitenregelung aussprachen, dürften allerdings dieselben Nöte wie Breit gespürt haben. So vertrat Hymmen die Ansicht, man müsse, wenn es überhaupt zu einer Befriedung der Kirche kommen solle, auch die Folgen einer solchen Regelung auf sich nehmen, nur so könne man den unfruchtbaren Kirchenstreit überwinden. In Altpreußen sei man sogar bereit, die jüngst verabschiedete „Minderheitenverordnung" zu Gunsten einer reichskirchlichen Regelung aufzuheben19. Neben Hannover, Baden und Württemberg erklärten sich schließlich auch Braunschweig, Kurhessen-Waldeck, Lippe, Hannover reformiert und Altpreußen mit einer Minderheitenregelung auf der Basis des vorgelegten Entwurfes einverstanden. Eine dritte Gruppe bildeten jene Landeskirchen, die sich zu keiner klaren Stellungnahme durchringen konnten oder die sich von dem Problem nicht betroffen fühlten. Hamburg und Mecklenburg enthielten sich jeglicher Stellungnahme. Das Sudetenland und Eutin sahen in ihren Kirchen keine Notwendigkeit für eine solche Regelung20. Präsident Kinder (SchleswigHolstein) und OKR Müller-Jürgens, der zusammen mit Landesbischof Volkers für Oldenburg gekommen war, erhoben starke Bedenken gegen den

18 W

20

Vgl. oben Anm. 10. EBD.

In der Bewertung der Stellungnahmen von Eutin, dem Sudetenland und den reformierten Kirchen weichen Müller-Jürgens und Breit voneinander ab: Während Breit notierte, daß diese Landeskirchen zur „Mitarbeit bereit" seien, schrieb Müller-Jürgens, sie hätten erklärt, bei ihnen seien solche Bestimmungen nicht notwendig.

152

Weichenstellung (1940-1942)

Entwurf, plädierten aber grundsätzlich für die Einführung einer Minderheitenregelung. Als Werner die Konferenz Schloß, vermied er es, ihr Ergebnis klar zusammenzufassen. Er begnügte sich damit zu erklären, daß die „Landeskirchen mehr oder minder schwere Bedenken hätten, aber bereit seien, an einer reichskirchlichen Lösung mitzuarbeiten" 21 . Doch herrschte angesichts der grundsätzlichen Diskrepanzen völlige Unklarheit über den weiteren Weg. Während für die Thüringer Deutschen Christen der Begriff „Simultaneum" gleichbedeutend war mit Anarchie, schien er für Breit die Verkörperung der „saubersten" Lösung zu sein, da es hierdurch zu einer eindeutigen Trennung von der deutsch-christlichen Irrlehre gekommen wäre. Eine Regelung im Sinne der altpreußischen Minderheitenverordnung vom 18. März 1939, die von den Deutschen Christen als „gewichtiger Schritt" begrüßt worden war 22 , kam hingegen für Breit aus theologischen und kirchenpolitischen Gründen nicht in Frage; sie hätte der deutsch-christlichen Irrlehre Raum gegeben, ohne eine Entlastung für die Bekenntnisgeistlichen in den DCLandeskirchen zu bringen. Gefordert war eine Lösung, die sich zwischen diesen beiden Möglichkeiten bewegen mußte: „Ich möchte meinen", so die realistische Einschätzung des Konferenzergebnisses durch Breit, „daß die Zeit für ein Simultaneum noch nicht gekommen ist, daß aber auch die Voraussetzungen für eine Minderheitenregelung nicht mehr vorhanden sind."23. Einzig wirklich greifbares Ergebnis der Referentenbesprechung war die Bildung eines Ausschusses, der den Verordnungsentwurf überarbeiten sollte24. Die erste Sitzung dieses Gremiums wurde auf den 22. August gelegt. Unter dem 24. August 1939 versandte die Kirchenkanzlei zusammen mit Kerrls „Ausführungsanweisung" über die Einrichtung von geistlichen Leitungen in den „Einmannkirchen" vom selbigen Tag eine überarbeitete Vorlage der „Verordnung über die Sicherung der geistlichen Versorgung" 25 . O b diese Vorlage aufgrund der Ausschußberatungen vom 22. August oder aber durch die Kirchenkanzlei redigiert worden war, läßt sich nicht mehr eindeutig feststellen26. Doch kam es vorerst nicht mehr zu einer Besprechung der geplanten Minderheitenverordnung. Bedingt durch die aktuelle politische Situation wurden nämlich auf der Landeskirchenführerkonferenz am 29. August 1939 21

V e r m e r k v o n Müller-Jürgens v o m 1 7 . 8 . 1 9 3 9 ( L K A OLDENBURG, A 56, N r . 1 6 8 M ) .

22

Vgl. oben Anm. 17. Vgl. oben Anm. 10. Brief von Werner „an die obersten Behörden der deutschen evangelischen Landeskir-

23 24

c h e n " v o m 15. . 8 . 1 9 3 9 ( L K A OLDENBURG, A 56, N r . 168'»). 25

EZA BERLIN, 1/A 4/174, Bl. 10. Uberarbeitete Fassung der Vorlage vom 21.7.1939. Durch handschriftliche Änderungen bekam sie die Form, die am 24.8.1939 den Landeskirchen zuging. Wann diese Änderungen vorgenommen wurden, läßt sich nicht klären (EZA BERLIN, 1/A 4/14, Bl. 22-30). 26

Zwischen „Minderheitenregelung" und „Simultaneum"

153

die Beratungen über den „Versorgungsentwurf" und Kerrls Ausführungsanweisung zurückgestellt. Stattdessen beschäftigte die anwesenden Kirchenvertreter allein die Frage, welche Maßnahmen die evangelische Kirche für einen eventuellen Krieg zu treffen habe. Das Ergebnis der Beratungen war die Gründung des Geistlichen Vertrauensrates27, dem somit auch die schwierige Aufgabe zufiel, für die geistliche Versorgung der Minderheiten eine Lösung zu finden, die für alle Beteiligten zumutbar sein mußte. Gleich nachdem der Geistliche Vertrauensrat seine Tätigkeit aufgenommen hatte, wurde beschlossen, den Entwurf einer „Verordnung zur Sicherung der geistlichen Versorgung" vorerst zurückzustellen 28 , da es angesichts der Kriegssituation unmöglich erschien, die angestrebten Beratungen im Rahmen einer Kirchenführerkonferenz durchzuführen. Es kam jedoch noch ein zweiter, weitaus triftigerer Grund hinzu: Bereits wenige Tage nach Kriegsbeginn unternahm der Geistliche Vertrauensrat den Versuch, der Ausführungsanweisung Kerrls vom 24. August 1939 Geltung zu verschaffen und in den „Einmannkirchen" Sachsen, Nassau-Hessen, Schleswig-Holstein und Altpreußen geistliche Leitungen einzurichten 29 . Das Ergebnis dieser Aktion sollte vor weiteren Versuchen, die auf die Verwirklichung eines Minderheitenrechts abzielten, abgewartet werden. Zwar wäre es auf diese Weise nicht in allen Landeskirchen zu einer Regelung der Minderheitenversorgung gekommen, doch hätten zumindest vier Landeskirchen, in denen die Not der bekenntnisorientierten Kräfte besonders groß war, geistliche Leitungsorgane unter Beteiligung der Bekennenden Kirche bekommen. Aber bereits wenige Wochen nach dem Beginn der GVR-Bemühungen zeigten sich derart unüberwindliche Schwierigkeiten, daß der Versuch schließlich in allen vier Landeskirchen scheiterte30. Die Folge dieser Situation waren erneute Bemühungen um den Erlaß einer Verordnung zur Sicherung der geistlichen Versorgung; diesmal jedoch unter Federführung des Vertrauensrates. A m 20. Februar 1940 ließ sich der Geistliche Vertrauensrat von Brunotte über den Stand der bisherigen Bemühungen zur geistlichen Versorgung der Minderheiten unterrichten. Brunotte, der bei dieser Gelegenheit auf die Dringlichkeit einer Gesamtregelung für die D E K hinwies, empfahl den Ver-

Vgl. oben S. 44-54. Briefentwurf (Schwarzhaupt) vom 2.9.1939. Die Landeskirchen sollten aufgefordert werden, eine schriftliche Stellungnahme zu dem Entwurf vom 24.8.1939 bis zum 12.9.1939 einzureichen. Handschriftlich vermerkte Schwarzhaupt: „ Z u m jetzigen Zeitpunkt scheint der Erlaß der VO, nicht angebracht zu sein. Die Auswirkungen der politischen Ereignisse und des Erlasses des H[errn] R K M v. 24.8.39 muß zunächst abgewartet werden." Mehrere Wiedervorlagevermerke reichen bis zum 4.7.1940; an diesem Tag übersandte der G V R eine neue Fassung der Verordnung an die Landeskirchen ( E Z A BERLIN, 1/A 4/14, BL. 66). 29 Vgl. oben S. 119-147. 27

28

30

EBD.

154

Weichenstellung (1940-1942)

Ordnungsentwurf, den die Kirchenkanzlei am 24. August 1939 den Landeskirchen zugesandt hatte, als „eine brauchbare Grundlage" für die weiteren Bemühungen 31 . In den folgenden vier Monaten beriet der Vertrauensrat diesen Entwurf ausgiebig - in fast jeder GVR-Sitzung stand das Thema der geistlichen Minderheitenversorgung auf der Tagesordnung. Neben den internen Beratungen kam es auch zum Meinungsaustausch mit dem Kirchenminister 32 und mit Vertretern der verschiedenen kirchenpolitischen Richtungen 33 . Auch dabei offenbarten sich wieder recht rasch ernste Schwierigkeiten, die dem Erlaß der geplanten Verordnung entgegenstanden: Rechtliche und politische Bedenken wurden insbesondere von Werner und Pettelkau wiederholt vorgebracht 34 . Die Besprechungen mit den Repräsentanten der kirchenpolitischen Richtungen zeigten, daß auch hier allseits, wenn auch aus unterschiedlichen Gründen, erhebliche Vorbehalte gegen die geplante Regelung bestanden. So ging den Nationalkirchlern eine derartige Regelung viel zu weit, sie sahen darin gar eine Bedrohung. Den bekenntnisgebundenen Kirchen hingegen ging sie nicht weit genug. Sie plädierten daher für eine noch weitgehendere Trennung zwischen den kirchenpolitischen Gruppen 3 5 . Einzig bei Kerrl schien das Vorhaben ungeteilte Zustimmung zu finden 36 ·. Was schließlich in der GVR-Sitzung am 11. Juni 1940 verabschiedet wurde 37 , war eine entschärfte Form des Verordnungsentwurfes, der den Landeskirchen bereits unter dem 24. August 1939 übersandt worden war. Die wesentlichen Änderungen wurden in den umstrittenen Abschnitten III und IV vorgenommen; wahrscheinlich in der Hoffnung, die DC-Kirchen durch Protokoll der GVR-Sitzung v o m 20.2.1940 ( L K A SCHWERIN, GVR-Handakten Schultz, 1/1). Protokoll der GVR-Sitzung v o m 11.6.1940 ( E Z A BERLIN, 1 / A 4/575, BL. 55 f.). A m 25.6.1940 k a m es zu einer Besprechung der Minderheitenfrage zwischen Landesbischof Wurm, Pfr. H a p p i c h und Landessup. Hollweg als Vertreter der Kirchenführerkonferenz sowie Landesbischof Sasse, O L K R Seck und Präsident Schmidt zur Nedden als Vertreter der Arbeitsgemeinschaft nationalsozialistischer Kirchenleiter im R a h m e n einer GVRSitzung ( E Z A BERLIN, 1/A 4/575, Bl. 50-54). 34 Protokoll der GVR-Sitzung v o m 20. bis 22.5.1940 ( E Z A BERLIN, 1 / A 4 / 5 7 7 , BL. 100-105). 3 5 Vgl. Brief (Abschrift) von Wurm an Marahrens v o m 26.7.1940 ( L K A NÜRNBERG, N L Meiser, N r . 106) bzw. Brief von Sasse an Werner v o m 18.7.1940 ( L K A SCHWERIN, GVRHandakten Schultz, III/32). 3 « In der GVR-Sitzung v o m 20. bis 22.5.1940 ( E Z A BERLIN, 1/A 4/577, Bl. 100-105) beschlossen die GVR-Mitglieder, den Entwurf einer Verordnung zur Sicherung der geistlichen Versorgung vor dem Erlaß Kerrl vorzulegen. A m 11.6.1940 wurde der G V R von Kerrl empfangen ( E Z A BERLIN, 1/A 4 / 5 7 5 , Bl. 55 f.: Protokoll der GVR-Sitzung v o m 11.6.1940). A m 4 . 7 . 1 9 4 0 wurde die Verordnung mit dem Vermerk „nach Benehmen mit dem H e r r n Reichsminister für die kirchenlichen Angelegenheiten..." versandt. Daraus muß geschlossen werden, daß Kerrl dem Entwurf zustimmte. 37 Protokoll der GVR-Sitzung v o m 11.6.1940 ( E Z A BERLIN, 1/A 4 / 5 7 5 , Bl. 55 f.). 32 33

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Konzessionen dazu bewegen zu können, die geplante Verordnung doch noch zu akzeptieren. Minderheiten sollte nur dann eine eigenständige Stelle zur geistlichen Betreuung gewährt werden, wenn sie sich bereit erklärten, „die äußere landeskirchliche Ordnung zu achten" 38 . Für die Bruderräte bedeutete dieser Vorschlag die Zumutung, die jeweiligen DC-Kirchenregimente als rechtmäßige Kirchenregierungen anzuerkennen. Zum anderen wurde die Stellung des Vertrauensrates gestärkt. Die aus fünf Personen bestehende Schlichtungskammer sollte, so bestimmte der Abschnitt VI, aus zwei GVRMitgliedern und drei weiteren Personen bestehen, die der Leiter der Kirchenkanzlei im Einverständnis mit dem Geistlichen Vertrauenrat zu ernennen hatte. Am 4. Juli 1940 übersandte Werner diesen Verordnungsentwurf zusammen mit einer von Brunotte verfaßten Begründung 39 an die Landeskirchen zur Stellungnahme, nicht ohne ausdrücklich in seinem Anschreiben darauf hingewiesen zu haben, daß die Verordnung „nach Benehmen mit dem Herrn Reichsminister für die kirchenlichen Angelegenheiten und im Einvernehmen mit dem Geistlichen Vertrauensrat" erlassen werden sollte40. Als der Vertrauensrat in seiner Sitzung am 27. und 28. September Bilanz zog41, fiel diese enttäuschend aus: Bedingungslos war trotz der Modifikationen die Ablehnung der Vorlage durch die DC-Landeskirchen Sachsen, Nassau-Hessen, Thüringen, Anhalt, Lübeck und Bremen. Sogar Oldenburg schloß sich diesmal dem Votum der übrigen DC-Kirchen an 42 . Aus rechtlichen Gründen sei es dem Leiter der Kirchenkanzlei nicht möglich, eine solche Verordnung zu erlassen. Kirchenpolitisch gesehen, bringe die geplante Regelung neue Unruhe in bereits befriedete Gebiete, da eine „Nebenstelle" im Kirchenamt eingerichtet werden solle. Ferner sei die Einrichtung einer „Beschwerdeinstanz" 43 geradezu eine Ermunterung, dort Klagen über die Landeskirche vorzubringen. Aber auch grundsätzliche politische Bedenken bestanden, weil durch die Verordnung der Versuch gemacht werde, „demokratisches Prinzip und parlamentarische Gepflogenheiten" wieder in der Kirche einzuführen; dieses sei aber mit einer nationalsoziali38

Oldenburger Exemplar (LKA OLDENBURG, A 56, Nr. 168 m ). Daß die Begründung von Brunotte verfaßt wurde, geht aus dem Protokoll der GVRSitzung vom 11.6.1940 (EZA BERLIN, 1/A 4/575, BL. 55 f.) hervor. Bei H. BAIER, Kirche, S. 282, wird fälschlicherweise der 4. Juni als Tag der Versendung angegeben. 40 Anschreiben zu dem Verordnungsentwurf (LKA OLDENBURG, A 56, Nr. 168111). Werner legte immer großen Wert darauf, die VO-Entwiirfe besonders kenntlich zu machen, die nicht auf seine Initiative zurückgingen (Vgl. Protokoll der GVR-Sitzung vom 11.6.1940: EZA BERLIN, 1/A 4/575, Bl. 55 f.). 41 EZA BERLIN, 1 / A 4/575, Bl. 38-42. 42 Zum Folgenden: Zusammenstellung der Kirchenkanzlei: Äußerungen der Landeskirchen zu dem VO-Entwurf vom 4.7.1940 (LKA SCHWERIN, GVR-Handakten Schultz, m/32). 43 Mit der Bezeichnung „Beschwerdeinstanz" kann in diesem Zusammenhang nur die geplante „Schlichtungskammer" der DEK gemeint sein. 39

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stischen Geisteshaltung unvereinbar. Der Einwand von Sachsen und HessenNassau, daß die erforderliche Zustimmung des Reichsstatthalters wohl kaum zu bekommen sei, brachte nochmals aufs deutlichste die Abhängigkeit dieser beiden Landeskirchen von den politischen Machthabern zum Ausdruck 44 . Neben den rechtlichen Bedenken, die alle Landeskirchen teilten, wurden von den drei süddeutschen Landeskirchen und Schaumburg-Lippe hauptsächlich bekenntnismäßige Einwände gegen den Entwurf erhoben. Notwendig sei eine klare Trennung von der kirchlichen Irrlehre. Dieses könne nur dadurch erreicht werden, daß sich die Verordnung auf die Abschnitte III und IV beschränke und so ein Simultaneum herbeiführe. Wie schon auf der Referentenbesprechung am 15. August 1939 zeigten die Landeskirchen Hamburgs, Eutins, des Sudetenlandes und jetzt auch Österreichs kein Interesse an der Verordnung. Hannover und Mecklenburg nahmen innerhalb ihrer jeweiligen Kirchenführerkonferenzen Sonderstellungen ein. So stimmte Hannover dem Entwurf grundsätzlich zu, erklärte sich aber auch bereit, die Verordnung gemäß dem süddeutschen Vorschlag zu einem Simultaneum auszubauen. Mecklenburg äußerte starke Bedenken gegen den Abschnitt III des Entwurfes, ließ aber ansonsten die Bereitschaft erkennen, den Entwurf mit einigen Abänderungen zu akzeptieren. Die Stellungnahmen der DC-Landeskirchen - Mecklenburg einmal ausgenommen - glichen also denjenigen vom Sommer 1939. Hingegen fällt die veränderte Haltung der süddeutschen Landeskirchen auf. Während sie ein Jahr zuvor noch durch die zuständigen Referenten eine gewisse Bereitschaft signalisiert hatten, gegebenenfalls alle vier Abschnitte der Verordnung zu akzeptieren, forderten sie nun eine Beschränkung auf die Abschnitte III und IV, also ein „sauberes" Simultaneum 45 . Diese Entwicklung hatte sich schon längerfristig angebahnt: Noch im Juni 1940 versuchte Marahrens mit der Unterstützung von Brunotte, den süddeutschen Landeskirchen eine Zustimmung zu der geplanten Verordnung abzugewinnen. So bat Marahrens am 19. Juni 1940 die führenden Persönlichkeiten des bayerischen Landeskirchenrates „um verbessernde, nicht grundsätzlich ablehnende Kritik" 4 6 . Zwar wurde Marahrens zu erkennen gegeben, daß man bereit sei, den Geistlichen Vertrauensrat grundsätzlich kritisch-wohlwollend zu unterstützen, doch gegenüber der geplanten Minderheitenregelung zeigten sich die Bayern sehr reserviert. Selbst auf die

Vgl. oben S. 126; 136. Brief (Abschrift) von Wurm an den G V R vom 26.7.1940 ( L K A NÜRNBERG, N L Meiser, Nr. 106). 46 Niederschrift über die außerordentliche Vollsitzung des Landeskirchenrates am 19.6.1940 (EBD.). 44 45

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Ausführungen Brunottes, der eindringlich auf die Vorzüge dieser Regelung zur Entspannung der gegenwärtigen Situation hinwies, meinte Landesbischof Meiser nur, es sei aber „ein Unterschied, ob man einen schwierigen Zustand trägt, oder ob man ihn organisiert." Auch wenn sich Meiser bei dem Gespräch sehr zurückhielt, so war doch zu spüren, daß noch immer sein ceterum censeo galt, das er bereits einige Monate zuvor gegenüber Marahrens geäußert hatte: „Es gibt keinen wirklichen Frieden in der Kirche, wenn sich nicht das, was innerlich und bekenntnismäßig geschieden ist, auch äußerlich scheidet. Die Rechtshilfe, die der Staat bzw. das Reichskirchenministerium dabei zu leisten hätte, müßte darin bestehen, daß für eine gerechte und loyale Auseinandersetzung Sorge getragen wird. Aus einer stetigen Gewissensnötigung kann der Kirche niemals Heil erwachsen" 47 . Wie wenig Marahrens allerdings tatsächlich bei seiner Reise nach Süddeutschland erreicht hatte, zeigte sich wenige Wochen später. Als erster ließ Landesbischof Wurm deutlich erkennen, daß er die geplante Regelung nicht mittragen könne. In einem Brief an die Mitglieder der Kirchenführerkonferenz forderte er diese auf, den bisherigen Kurs zu verlassen: „Ich halte es für unmöglich", so schrieb er am 1. August 1 9 4 0 , , , . . .von einer D E K , deren Leitung sich nicht im geringsten um die innere Grundlage der Kirche kümmert, ein Gesetz um das andere entgegenzunehmen und auf diese Weise die völlige Neutralisierung der Kirche sich vollziehen zu lassen. Wir müssen einen Weg suchen, um diesem Zustand, der ebenso unwahrhaftig wie gefährlich ist, ein Ende zu machen" 4 8 . Nach dieser Argumentation konnte das Ende nur in einem Simultaneum bestehen, eine Position, der sich im September 1940 auch der Münchener Landeskirchenrat anschloß 49 . Paradoxerweise war es ein GVR-Mitglied, das Wurm den Anlaß für diese eindeutige Stellungnahme geboten hatte. Wenige Wochen nach den Rettungsversuchen, die Marahrens zugunsten des Verordnungsentwurfes in die Wege geleitet hatte, unternahm Schultz eine Propagandareise in den süddeutschen Raum. Mit massiv deutsch-christlichen Tönen warb er in seinen

Brief vom 20.12.1939 (EBD.). Brief vom 1.8.1940 (EBD.); ähnlich bereits auch der Brief, den Wurm am 26.7.1940 an Marahrens geschrieben hatte (EBD.). 4 9 Schreiben an die DEKK vom 16.9.1940: „Keinesfalls können wir dazu mitwirken, die Verfassungs- und Bekenntnisgrundlage unserer Landeskirche so zu erweitern und zu erweichen, daß in ihr auch diejenigen Glaubenshaltungen Raum und Recht erhalten, die Wesen und Aufgabe der Kirche von irgendwelchen Zeitströmungen oder von zukünftigen Entwicklungen bestimmt sein lassen. Zwischen der glaubensmäßigen Zustimmung zu dem wesentlichen Inhalt des Bekenntnisses und dem Widerspruch gegen seinen verpflichtenden Anspruch kann es keinen Bund geben. Um der Klarheit und um der Liebe willen ist dann Trennung geboten, wenn das Ja und das Nein zum Evangelium von Jesus Christus in der Verkündigung der Kirche miteinander streitet..." (LKA NÜRNBERG, LKR Gen. XV, 1670). 47 48

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Reden für die Sache der Nationalkirchlichen Einung. So hielt er etwa am 13.Juli in Stuttgart einen Vortrag über das Thema „Mit Deutschem Christentum in Deutschlands Zukunft" 50 . In diesem Vortrag griff er nicht nur die auf bekenntnismäßiger Grundlage stehenden Kirchen scharf an, sondern unterzog auch den Vertrauensrat und dessen Tätigkeit einer hämischen Kritik. Bei anderer Gelegenheit erregte Schultz protestantisch gesinnte Gemüter Süddeutschlands mit der Forderung, das Straßburger Münster in einen interkonfessionellen Weihedom umzuwandeln51. Doch waren die Reden von Schultz kaum mehr als der berühmte Wassertropfen, der das Faß zum Uberlaufen brachte. Zahlreiche andere Tropfen hatten es bereits gefüllt. Neben prinzipiellen theologischen Bedenken, die die süddeutschen Landesbischöfe gegen jede Duldung der deutsch-christlichen Irrlehre hatten, zählte hierzu besonders die Enttäuschung von Wurm und Meiser über das Scheitern aller Versuche, in den „Einmannkirchen" eine geistliche Leitung einzurichten. So mußte sich Meiser, der sich die Anliegen des sächsischen Bruderrates sehr zu eigen gemacht hatte, durch die Ereignisse im Herbst und Winter 1939/40 in seiner Ansicht bestätigt fühlen, daß es unmöglich sein werde, mit den deutsch-christlichen Kirchen zu einer Einigung zu kommen 52 . Für Wurm waren die Vorgespräche, die am 25.Juni zwischen Vertretern der Kirchenführerkonferenz, der DC-Landeskirchen und dem Geistlichen Vertrauensrat über eine Minderheitenregelung stattfanden, ein eindeutiger Beleg dafür, daß es keine Gemeinsamkeiten mit den Deutschen Christen geben könne 53 . Ein weiterer Grund, der Bayern und Württemberg veranlaßte, die geplante Minderheitenregelung abzulehnen und ein Simultaneum zu fordern, dürfte in der Wiederaufnahme der Kontakte zu der bruderrätlichen BK zu suchen

5 0 Bericht über die Reden von Schultz als Anlage zu dem Brief von W u r m an den G V R z. Hd. Marahrens vom 2 6 . 7 . 1 9 4 0 ( L K A NÜRNBERG, N L Meiser, N r . 106). 5 1 Brief von Kühlewein an den G V R vom 1 4 . 8 . 1 9 4 0 ( E Z A BERLIN, 1/A 4 / 5 6 8 ) . In der GVR-Sitzung am 5 . / 6 . 9 . 1 9 4 0 ( E Z A BERLIN, 1/A 4 / 5 7 5 , Bl. 4 3 - 4 5 ) räumte Schultz ein, diese Bemerkung gemacht zu haben. Erst wenige Tage zuvor, am 2 5 . 7 . 1 9 4 0 , hatte der gesamte G V R ein Telegramm an Hitler gerichtet ( L K A STUTTGART, Bd. 115 b VII, Altreg), in dem gefordert wurde, das Straßburger Münster wieder für den evangelischen Gottesdienst zu öffnen.

Vgl. S. 1 2 2 - 1 2 8 . Brief (Abschrift) von W u r m an Marahrens vom 2 6 . 7 . 1 9 4 0 : Es müsse ein Weg gesucht werden, „um an die Stelle einer deutschen evang. Kirche, die keine Kirche mehr ist, weil sie ihre Bekenntnisgrundlage nicht halten kann - die Nationalkirchler haben in der Aussprache am 25. Juni diese Bekenntnisgrundlage ausdrücklich als überholt bezeichnet - einen Zweckverband zu s e t z e n . . . " ( L K A NÜRNBERG, N L Meiser, N r . 106). Ebenso: Brief von Meiser an Marahrens vom 1 0 . 5 . 1 9 4 0 : Auch W u r m habe mitgeteilt, daß es „uns in Süddeutschland... nicht möglich sein [wird], einer so kläglichen Gesellschaft wie den Restbeständen der Nationalkirchler hinterdrein noch eine A r t kirchlicher Sanktion zu geben" ( L K A NÜRNBERG, N L Meiser, Nr. 119). 52

53

Zwischen „Minderheitenregelung" und „Simultaneum"

159

sein. Denn im Sommer 1940 war es zu ersten Gesprächen zwischen den süddeutschen Landeskirchen und der Konferenz der Landesbruderräte (Kodlab) gekommen, um die Beziehungen, die seit dem Oktober 1938 stark belastet waren, zu verbessern54. Schon die ersten Kontakte brachten Einigkeit darin, daß das Ziel der zukünftigen Arbeit nicht mehr in irgendeinem Konsens mit den DCLandeskirchen zu suchen sei, sondern die Sammlung aller bekenntnisgebundenen Kräfte künftig im Mittelpunkt zu stehen habe. Eine solche Position ließ es natürlich nicht zu, die vom Geistlichen Vertrauensrat angestrebte Minderheitenregelung zu unterstützen. Der Weg wies zu diesem Zeitpunkt schon in eine andere Richtung: Zwar trat Landesbischof Wurm noch nicht mit derselben Entschiedenheit auf, die ihm ein Jahr später eigen war 55 , doch können bereits die Gespräche, die im Sommer 1940 mit der „bruderrätlichen" Bekennenden Kirche geführt wurden, als „eine Art Vorstufe für das Einigungswerk Wurms" angesehen werden56. Aber nicht nur die Landeskirchen lehnten die Verordnungsvorlage fast einhellig ab57, auch Präsident Werner sprach sich, als sich die ablehnende Haltung der Landeskirchen deutlich abzeichnete, gegen sie aus. In der Sitzung am 28. / 29. September 1940 teilte er dem Vertrauensrat mit, daß er in Ubereinstimmung mit der Finanzabteilung der DEK nicht beabsichtige, die geplante „Verordnung zur Sicherung der geistlichen Versorgung" zu erlassen58. Zwar beschlossen die GVR-Mitglieder noch am selben Tag, auch fernerhin „die Regelung der Minderheitenfrage... als seine vordinglichste Aufgabe

54 Im O k t o b e r 1938 hatten die Bischöfe W u r m , Meiser, Marahrens und Kühlewein auf Drängen des Kirchenministers eine Erklärung unterzeichnet, in der sie die Gebetsliturgie der 2. V K L mißbilligten. Die Folge war eine merkliche Verschlechterung der Beziehungen zwischen den Bruderräten und den lutherischen Bischöfen. Vgl. auch K . KUPISCH , Sommer 1938: K . MEIER, Kirchenkampf, Bd. 3, S. 5 3 - 6 2 ; W. NIEMÖLLER, Gebet. Ein deutliches Zeichen f ü r eine langsame Wiederannäherung zwischen „bruderrätlicher" BK und Teilen der „bischöflichen" BK setzten W u r m und Meiser, indem sie am 1 1 . 9 . 1 9 4 0 gegenüber dem Kirchenminister erklärten, daß sie sich nicht mehr an ihre Erklärung v o m Oktober 1938 gebunden fühlten. Vorausgegangen war am 8 . / 9 . 7 . 1 9 4 0 ein ausführliches Gespräch zwischen den süddeutschen Landeskirchen und „bruderrätlichen" BK-Vertretern ( L K A STUTTGART, 1 1 5 b VII, Altreg.). W u r m versuchte sogar, Kerrl über den Verlauf des Gespräches zu informieren (EBD.: Brief von W u r m an Kerrl v o m 1 1 . 7 . 1 9 4 0 mit der Bitte um einen Empfang). Genaueres zur weiteren Entwicklung dieser Beziehungen: H. BAIER, Kirche, S. 2 8 5 - 3 0 1 ; J. THIERFELDER, Einigungswerk,

S. 3 1 - 3 3 .

Vgl. EBD. EBD., S.32. 57 Zusammenstellung der Kirchenkanzlei: Äußerungen der Landeskirchen zu dem VOEntwurf v o m 4 . 7 . 1 9 4 0 . Einzig die pfälzische Landeskirche stimmte dem Entwurf ohne Einschränkung zu ( L K A SCHWERIN, GVR-Handakten Schultz, III/32). 58 Protokoll der GVR-Sitzung v o m 2 7 . / 2 8 . 9 . 1 9 4 0 (EZA BERLIN, 1/A 4/575, Β1.38-42). 55 56

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anzusehen" 59 , doch konnte diese programmatische Aussage nicht darüber hinwegtäuschen, daß der Vertrauensrat mit dem Versuch, eine Regelung zur geistlichen Versorgung durchzusetzen, gescheitert war; der gesuchte Kompromiß zwischen „Minderheitenregelung" und „Simultaneum" hatte sich als ungangbar erwiesen. A m meisten bedauerte Marahrens die allseitige Ablehnung 60 . Denn anders als Schultz hatte er sich aus voller Uberzeugung gegenüber den befreundeten Kirchen zum Anwalt der geplanten Verordnung gemacht. Wie halbherzig hingegen Schultz das Anliegen der geplanten Minderheitenverordnung vertrat, zeigt sich schon daran, daß er einige Wochen nach dem Scheitern der Verordnung für Mecklenburg eine eigene Minderheitenregelung erließ 61 , die sich im wesentlichen auf die Abschnitte I und II des DEKEntwurfes stützte. Die Abschnitte III und IV, also die Minderheitenrechte für die Pfarrer, wollte auch Schultz nicht in Mecklenburg einführen 62 . Dennoch brachte selbst diese Verordnung schon einige Erleichterung 63 .

2. Die „ Wiener Entwürfe " Im Winter 1940/41 wurde ein letzter ernstzunehmender Versuch unternommen, um zu einer Neuregelung der verworrenen Situation in der Deutschen Evangelischen Kirche zu kommen. Anders als bei den bisherigen Befriedungsbemühungen seit Kriegsbeginn trat der Geistliche Vertrauensrat diesmal weder bei der Vorbereitung noch bei der Durchführung der Aktion hervor, sondern war „Gegenstand" der Bemühungen. Die Federführung hatte das Kirchenministerium inne. In der Annahme, daß der Krieg mit einem baldigen Sieg Deutschlands enden würde, waren im Herbst 1940 im Kirchenministerium mehrere Vorschläge für eine Neuregelung der kirchlichen Angelegenheiten nach Kriegsende eingegangen. Während sich die bekenntnisorientierten Kräfte vorwiegend darauf konzentrierten, dem Kirchenminister Lösungsmöglichkeiten

59

EBD.

60

Wochenbrief Marahrens vom 10.9.1940. Marahrens war, wie der Wochenbrief dokumentiert, über die Ergebnisse der Kirchenfiihrerkonferenz sehr enttäuscht: „Auf der Kirchenführerkonferenz überwogen die Bedenken gegen die in Aussicht genommene Regelung der Minderheitenfrage. Ich persönlich bedaure das um der Brüder in den zerstörten Kirchen willen...". 61 „Kirchengesetz vom 14. Oktober 1940 zur Sicherung der geistlichen Versorgung der G e m e i n d e g l i e d e r " ( K A B 1 MECKLENBURG 1 9 4 0 , S . 3 9 f . ) 62 EBD. In seinem Wochenbrief vom 30.10.1940 äußerte sich Marahrens kritisch über die Mecklenburger Verordnung. Es sei die Frage, ob mit einem Gesetz, das die Frage der geistlichen Betreuung der Pastoren unberücksichtigt läßt, „die eigentliche Not erfaßt" werde. 63 N. BESTE, Kirchenkampf, S.225.

Die "Wiener Entwürfe"

161

für eine möglichst glatte Trennung zwischen den Bekenntniskräften und den Deutschen Christen aufzuzeigen64, wurde aus dem Kreis der westfälischen Deutschen Christen eine Denkschrift unterbreitet, die auf eine zentralistisch-unionistische Neuorganisation der DEK abzielte65. Diesen Vorschlag hielt man im Kirchenministerium jedoch - wie ein Schriftsatz von Ministerialdirigent Dr. Stahn belegt - für „hoffnungslos überholt" Nicht nur die praktische Durchführung dieses Ordnungsversuches erschien angesichts der bekannten Rivalitäten der kirchlichen Gruppen wenig aussichtsreich, sondern es fehlte auch die notwendige politische Rückendeckung für eine solche Aktion. Denn bereits im Zusammenhang mit der „Arbeitskreis"-Aktion und den „Grundsätzen" habe „der Führer... den Herrn Minister . . .wissen lassen", so vermerkte Stahn, „er wünsche keine Versuche mehr zur Herstellung einer geeinten deutschen evangelischen Kirche" 67 . Wenn es trotz des gegenteiligen Willens der politischen Führung im Winter 1940/41 zu erneuten Besprechungen zwischen Vertretern der verschiedenen kirchlichen Lager über Möglichkeiten einer Bereinigung der gegenwärtigen kirchlichen Verhältnisse kam, so nur deshalb, weil man im Kirchenministerium den „kirchenpolitischen Rumor" aus politischen Gründen für wenig opportun hielt. Es sei besser, so die offizielle Begründung, diesen in unverbindlichen Gesprächen zu kanalisieren68. Die Ergebnisse der „unverbindlichen Aussprache" liefen jedoch - ganz im Gegensatz zu der ursprünglichen Intention - auf eine Neustrukturierung der DEK hinaus. Auf Vorschlag von Prof. Weber, der sich schon wiederholt bei Befriedungsversuchen hervorgetan hatte, bat Stahn eine Reihe ihm bekannter Persönlichkeiten zu einer Besprechung. Obwohl Stahn bei jeder Gelegenheit betonte, daß seine Teilnahme rein persönlichen Charakter habe und sich das Kirchenministerium offiziell nicht mit der Aktion befasse69, konnte er sich doch der Billigung von Kirchenminister Kerrl sicher sein. Neben Stahn gehörten folgende Personen diesem Kreis an: Vizepräsident Hans Meinzolt (München) und Oberlandeskirchenrat Christhard Mahrenholz (Hannover) für die bekenntniskirchliche Seite; Oberlandeskirchenrat Willy Kretzschmar (Dresden) und Präsident Hermann Schmidt zur Nedden

M

V g l . H . BAIER, K i r c h e , S . 2 8 5 - 2 9 4 ; K . MEIER, K i r c h e n k a m p f , B d . 3 , S . 1 0 9 f . ; J . THIERFEL-

DER, Einigungswerk, S.45f. 65 K. MEIER, Kirchenkampf, Bd.3, S. llOf. 66 ZStA POTSDAM, R K M 23 705 (zit. nach EBD., S. 111). 67

EBD.

68

EBD.

Vermerk von Brunotte vom 12.3.1941 (ΕΖΑ BERLIN, 1/A 4/567, Bl. 266) und Vermerk von Schmidt zur Nedden über die Sitzung des „Wiener-Kreises' ' vom 22.1.1941 ( L K A SCHWERIN, GVR-Handakten Schultz, ΙΠ/32). 69

162

Weichenstellung (1940-1942)

(Schwerin) für die DC-Landeskirchen. Prof. Dr. Otto Weber (Göttingen) übernahm die Vertretung der Reformierten. Die Ev. Kirche der altpreußischen Union wurde durch Oberkonsistorialrat Dr. Ewald Fischer-Dorp (Berlin) und Präsident Dr. Walter Koch (Düsseldorf) vertreten. Für die Kirchenkanzlei wurde Oberkonsistorialrat Heinz Brunotte eingeladen70. Am 3.Dezember 1940 kam es in Wien zu einem ersten Zusammentreffen des fortan „Wiener Kreis" genannten Gremiums. Fast einhellig gelangte man zu der Uberzeugung, daß es sinnlos sei, eine Einigung zwischen den rivalisierenden kirchenpolitichen Gruppen anzustreben. Ziel müsse vielmehr eine geordnete Aufgliederung der DEK sein, um so möglichst alle Reibungspunkte für neuerliche kirchenpolitische Auseinandersetzungen auszuschließen. Als Grundlage für die Beratungen dienten Vorlagen, die Vizepräsident Hundt in Zusammenarbeit mit Otto Weber erstellt hatte71. Nach einer weiteren Sitzung am Jahresanfang 1941 kamen die Mitglieder des „Wiener Kreises" am 22. Januar in Berlin zu ihrer dritten und abschließenden Sitzung zusammen - entgegen den offiziellen Beteuerungen fand dieses Zusammentreffen „unter Vorsitz des Ministerialdirigenten Dr.Stahn" statt 72. Aus den ursprünglichen Vorlagen von Hundt und Weber waren inzwischen die Grundzüge von drei Verordnungsentwürfen entstanden, die die geordnete Aufgliederung der DEK zum Ziel hatten. Hierzu konnten alle Beteiligten ihre Zustimmung geben. Lediglich einer redaktionellen Überarbeitung mußten diese sog. „Wiener-Entwürfe" noch unterzogen werden; eine Aufgabe, die Stahn, Weber und Brunotte übernahmen73. Während Stahn bei den internen Beratungen selbst mitwirken konnte, mußte die Vertretung der Entwürfe nach außen ausschließlich durch kirchliche Vertreter geschehen, da das Kirchenministerium offiziell nicht mit den Beratungen in Verbindung gebracht werden wollte. So sollten weder der Name von Kerrl noch derjenige von Stahn im Zusammenhang mit der Aktion fallen. Allenfalls zu einer „nachträglichen" Unterstützung der Entwürfe gegenüber der Reichskanzlei, so erklärte Stahn, könne man sich bereitfinden74. Die eigentliche Durchsetzung gegenüber den Landeskirchen blieb damit den Kirchenvertretern überlassen. Brunotte und Meinzolt übernahmen es, die lutherischen Kirchenführer von der Notwendigkeit der Verordnung zu überzeugen. Eine entsprechende Aufgabe wurde Schmidt zur Nedden in Bezug auf die DC-Kirchenführerkonferenz übertragen.

70 EBD.; H. BAIER, Kirche, S. 294, nennt fälschlicherweise auch Direktor Hermann Müller (Stuttgart) und O K R Dr. Otto Friedrich (Karlsruhe) als Mitglieder des Arbeitskreises. η Vgl. auch K. MEIER, Kirchenkampf, Bd. 3, S. 112. 72 Vermerk von Schmidt zur Nedden (vgl. oben Anm. 69). 73 74

EBD. EBD.

Die „Wiener Entwürfe"

163

Die scheinbar schwierigste Aufgabe bekamen Fischer-Dorp und Weber. Sie sollten Präsident Werner, der bereits bei Vorgesprächen angedeutet hatte, daß er die Verordnung nur erlassen werde, wenn Hitler dies billige 75 , für die Verordnungsentwürfe gewinnen. Angesichts der Schlüsselposition, die Werner bei dem Erlaß der Entwürfe zukam - immerhin sollten sie unter seinem Namen veröffentlicht werden - hielt es Stahn für notwendig, den Präsidenten der Kirchenkanzlei mit allen Mitteln zu bearbeiten. „ A m besten werde es freilich sein", so meinte er schließlich, „wenn Werner zum Heeresdienst einberufen werde und Hundt an seine Stelle trete. Hundt würde die Verordnung ohne weiteres erlassen" 76 . Noch bevor die „Wiener-Entwürfe" dem Vertrauensrat, der sie dann offiziell an die Landeskirchen weiterleiten sollte, übergeben werden konnten, wurden sie in einer Fassung, die zuletzt vom „Wiener Ausschuß" verworfen war, dem Regierungs- und Schulrat Prof. Dr. Karl Wentz, einem der führenden Köpfe der westfälischen Deutschen Christen, zugespielt. Dieser attackierte diese Entwürfe, wie auch später die Endfassung, heftig, da sie seinen Vorstellungen einer unionistisch-zentralistischen D E K widersprachen 77 . Wenn Wentz auch sein Ziel nicht erreichte, nämlich die Entwürfe schon vor einer weiteren Beratung unmöglich zu machen, so wurde doch die Position der Befürworter durch eine solche öffentliche Diskreditierung der Verordnungs-Vorschläge nicht gerade gestärkt. A m 27. Januar wurden die redaktionell überarbeiteten „Wiener-Entwürfe", bestehend aus den Teilen Α, Β und C, schließlich dem Geistlichen Vertrauensrat „mit der Bitte um Kenntnisnahme" vorgelegt 78 . Gegenüber den bisherigen Entwürfen einer Minderheitenverordnung war der Entwurf A die eigentliche Neuheit 79 . Hinter dem harmlosen Namen „Verordnung über die Regelung der innerkirchlichen Zuständigkeiten in der Deutschen Evangelischen Kirche" verbarg sich das Konzept für eine völlige Umverteilung der bisherigen Machtverhältnisse in der Leitung der D E K . Während der Präsident der Kirchenkanzlei auf eine Reihe katalogartig aufgelisteter und durch den Vertrauensrat kontrollierter ,,äußere[r] Angelegen-

75 EBD.: Diese Forderung erhob Werner in einem Gespräch mit Fischer-Dorp, der ihn nach den ersten Zusammenkünften des „Wiener-Kreises" über die Zwischenergebnisse informierte. 76

EBD.

Stellungnahme von Wentz zu den „Wiener-Entwürfen" vom 5.5.1941 ( L K A SCHWERIN, GVR-Handakten Schultz, III/32). 78 Protokoll der GVR-Sitzung vom 27./28.1.1941 ( E Z A BERLIN, 1/A 4/575, Bl. 20-22). 79 Die „Wiener-Entwürfe" finden sich in mehreren (hektographierten) Exemplaren im Evangelischen Zentralarchiv (Berlin). Im Folgenden wird immer nach E Z A BERLIN, 1/A 4/567, Bl. 267-271 zitiert. 77

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heiten" beschränkt werden sollte80, gestand die Verordnung dem Geistlichen Vertrauensrat zu, in allen übrigen Angelegenheiten für die Deutsche Evangelische Kirche zu sprechen. Allerdings war den GVR-Mitgliedern stärker als bisher die Funktion von Sprechern derjenigen Landeskirchen zugedacht, deren Vertrauen sie genossen. Denn die Landeskirchen sollten sich einem der vier GVR-Mitglieder - der Entwurf erkannte nun auch dem reformierten Vertreter die volle Gleichberechtigung zu - durch Erklärung anschließen. Zusammen mit zwei von den jeweiligen Landeskirchen zu benennenden Vertretern sollten diese dann den „Konvent" der entsprechenden Konfession bilden. Den Konventen kam nun die Aufgabe zu, in allen Angelegenheiten, die nicht dem Leiter der Kirchenkanzlei zustanden, „die Leitung... für die Landeskirchen" zu übernehmen. Faktisch lief diese Regelung darauf hinaus, daß, in Anlehnung an entsprechende Vorschläge, die Kerrl im Herbst 1940 unterbreitet worden waren81, die DEK in verschiedene „Säulen" aufgegliedert werden sollte. Die lutherischen Landeskirchen hatten sich um Landesbischof Marahrens zu scharen, die DC-Landeskirchen sollten durch Landesbischof Schultz und die Reformierten durch Prof. Otto Weber repräsentiert werden. Vizepräsident Hymmen war als Sprecher für die Unierten vorgesehen. Dem Geistlichen Vertrauensrat wurde in diesem Verordnungsentwurf die Aufgabe eines Koordinations- und Leitungsorgans der DEK zugedacht, während die Konvente die Leitung der einzelnen „Säulen" übernehmen sollten. Um diese Funktion erfüllen zu können, wurde den Konventen sogar das Recht zugestanden, nach entsprechender Anhörung durch den Geistlichen Vertrauensrat und den Leiter der Kirchenkanzlei für den Bereich der ihnen angeschlossenen Mitgliedskirchen Verordnungen zu erlassen. Allerdings nur, sofern diese nicht die Rechte des Leiters der Kirchenkanzlei tangierten. Bei den Entwürfen Β („Verordnung zur Sicherung der geistlichen Versorgung in den Gemeinden") und C („Verordnung zur Sicherung der geistlichen 8 0 Als „äußere Angelegenheiten" nach § 1 (2) galten: a) Verfassungs-, Verwaltungs- und Organisationsangelegenheiten, b) Die Regelung des kirchlichen Steuerrechts, Beitragsrechts und Finanzwesens, c) Die Aufsicht über die Vermögensverwaltung, den Grund- und Gebäudebesitz und das Rechnungswesen der D E K , der Landeskirchen, Kirchengemeinden und kirchlichen Verbände, d) Die Regelung der Rechtsverhältnisse und Besoldungsverhältnisse der Geistlichen sowie der kirchlichen Beamten und Angestellten, e) Statistik, Kirchenbuch- und Archivangelegenheiten. § 5 (2) bestimmte, daß der Leiter der D E K Verordnungen gemäß § 1 (2) „gegen den Widerspruch des Geistlichen Vertrauensrates nicht erlassen" kann. Die Idee, den Entwurf A als „Verordnung über die Regelung der innerkirchlichen Zuständigkeiten in der Deutschen Evangelischen Kirche" zu bezeichnen, stammte von Stahn. Ihm lag daran, der Verordnung eine möglichst „harmlose Bezeichnung" zu geben, um nicht den Verdacht staatlicher Stellen auf sich zu ziehen ( L K A SCHWERIN, GVR-Handakten Schultz, ΙΠ/32: Vermerk von Schmidt zur Nedden über die Sitzung des „Wiener-Kreises" vom 2 2 . 1 . 1 9 4 1 ) . 81

V g l . H . BAIER, K i r c h e , S. 4 0 7 - 4 2 0 ; K . MEIER, K i r c h e n k a m p f , B d . 3 , S. 1 1 0 ; J . THIERFEL-

DER, Einigungswerk, S. 46.

Die „Wiener Entwürfe"

165

Betreuung der Pfarrer") handelte es sich um eine Zweiteilung des bisherigen „Entwurfes einer Verordnung zur Sicherung der geistlichen Versorgung" (sog. „Minderheitenverordnung"). Während der Entwurf Β aus den entsprechenden, fast unveränderten Abschnitten der „Minderheitenverordnung" bestand82, wies der Entwurf C in einigen Punkten Veränderungen gegenüber seiner Vorlage auf. Dieses resultierte aus der Absicht, den Entwurf als ein Korrelat zu dem Entwurf A zu formulieren. Denn wie den Kirchenleitungen das Recht zugesprochen wurde, die von ihnen geführte Landeskirche einem Konvent ihrer Wahl anzugliedern, so sollten auch die dissentierenden Pfarrer ein analoges Recht eingeräumt bekommen. Ihnen wurde durch den Entwurf C die Möglichkeit zugesprochen, ihre geistliche Betreuung durch eine Stelle ihres Vertrauens zu erhalten83. Entweder sollte eine entsprechende Institution im Landeskirchenamt eingerichtet werden oder das Landeskirchenamt mußte einer Betreuung des Pfarrers durch den jeweiligen Konvent der Deutschen Evangelischen Kirche zustimmen. Uber die Einhaltung der in den Entwürfen Β und C enthaltenen Regelungen sollte der Geistliche Vertrauensrat wachen. Durch die Erfahrungen mit dem Kerrl-Erlaß vom 24. August 1939 und der Minderheitenverordnung vorsichtig geworden, verzichteten die GVRMitglieder in der Sitzung am 27. Januar 1941 vorerst auf eine eigene Stellungnahme zu den „Wiener-Entwürfen"; erst sollten die Reaktionen der Landeskirchen eingeholt werden. So verschickte Marahrens bereits am nächsten Tag die Verordnungsvorlagen an die Mitglieder der Kirchenführerkonferenz84. Ein entsprechendes Vorgehen von Schultz ist wahrscheinlich. Nach vorherigen Beratungen in den einzelnen Landeskirchen85 kam es am 10. Februar 1941 in Sitzungen der Kirchenführerkonferenz und des

82

Vgl. oben S. 148 f. Gegenüber dem ursprünglichen Entwurf fehlte nur die Definition, was unter einer „beachtlichen Zahl" von Antragstellern zu verstehen sei. Statt der ursprünglichen „Schlichtungskammer" sollte in Streitfällen der GVR als letzte Entscheidungsinstanz gelten. 83 Die „Betreuung" erstreckte sich gemäß §3(1) auf folgende Gebiete: Abnahme der theologischen Prüfungen, Erteilung der licentia concionandi, Ordination, Einführung der Geistlichen, theologische und seelsorgerische Betreuung der Kandidaten und Pfarrer, Aufsicht über die Lehrverkündigung der Geistlichen, Visitation, gegebenenfalls Ernennung geistlicher Aufsichtspersonen. 84 LKA NÜRNBERG, NL Meiser, Nr. 107. - H . BRUNOTTE, Kurs, S. 129, und ihm folgend K. MEIER, Kirchenkampf, Bd. 3, S. 108, geben fälschlicherweise an, daß die Entwürfe erst im März 1941 den Kirchenführern zugänglich gemacht wurden. 85 Am 7.2.1941 fand im bayrischen Landeskirchenrat eine erste Beratung der Entwürfe statt, am 14.2. wurde dasselbe Thema in einer Vollsitzung beraten (LKA NÜRNBERG, N L Meiser, Nr. 107; vgl. auch H. BAIER, Kirche, S. 295). Auch Wurm kündigte in seinem Brief an Marahrens vom 1.2.1941 an, daß er „den Entwurf den Kollegialmitgliedern zur Beratung vorlegen" werde (EBD.).

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Lutherrates zur ersten Besprechung der „Wiener-Entwürfe" 86 . In beiden Gremien wurde keine einheitliche Stellungnahme erzielt; die Beurteilungen gingen sogar in den einzelnen Landeskirchen auseinander: Während sich Landesbischof Wurm und der überwiegende Teil des Ev. Oberkirchenrates Stuttgart gegen die Entwürfe aussprachen, fanden sie in Direktor Dr. Müller einen vehementen Verfechter 87 . Ahnlich war die Lage in Bayern: Meiser lehnte die „Wiener-Entwürfe" ab, Meinzolt befürwortete sie. Das eigentliche Problem, das die Gegner mit der Verordnung hatten, bestand darin, daß ihnen abverlangt wurde, den Deutschen Christen einen eigenen Konvent zuzubilligen. Dieses war für sie gleichbedeutend mit einer Anerkennung der deutsch-christlichen Irrlehren 88 . Hinzu kam, daß ihnen die geplante Aufteilung der Verwaltung in einen weltlichen und einen geistlichen Bereich als eine bekenntniswidrige, dem Art. 1 der DEK-Verfassung widersprechende „Neutralisierung" der Verwaltung erschien 89 . Hingegen sahen die Befürworter der „Wiener-Entwürfe" in den Verordnungen einen wesentlichen Fortschritt auf dem Weg zu einer Befriedung der DEK. Der Preis dafür, nämlich die Einrichtung eines DCKonventes, erschien ihnen dem Ziel angemessen. Zumal, so wurde argumentiert, die Deutschen Christen sowieso als faktischer Bestandteil der kirchenpolitischen Landschaft anzusehen seien 90 . Allerdings betonten die Befürworter, daß die Einrichtung eines solchen Konventes für sie nicht gleichbedeutend sei mit der Anerkennung der deutsch-christlichen Irrlehre. Auch den Vorwurf der „Neutralisierung" ließen sie nicht gelten. Eine solche Trennung des geistlichen und weltlichen Bereiches, so meinte Marahrens, sei bereits durch die Verfassung der Deutschen Evangelischen Kirche vom 11.Juli 1933 vorgesehen 91 .

8 6 Gemäß der Ankündigung von Marahrens ( L K A NÜRNBERG, N L Meiser, N r . 107: Brief an die Mitglieder der Kirchenführerkonferenz v o m 28.1.1941) und der Bestätigung durch W u r m vom 1.2.1941 (EBD.) sollte eine erste Beratung über die „Wiener-Entwürfe" am 10.2.1941 stattfinden. Die Tagesberichte des Lutherrates belegen, daß diese Sitzung der Kirchenführerkonferenz tatsächlich stattgefunden hat. Weitere Beratungen fanden am 4.3.1941 statt ( L K A HANNOVER, D15, III, 163). Eine Sitzung am 4.2.1941 - wie sie H. BAIER, Kirche, S. 295, annimmt - hat indes nicht stattgefunden. Die stenographischen Aufzeichnungen Meisers, die dieses Datum tragen ( L K A NÜRNBERG, N L Meiser, Übertragung der Aufzeichnungen durch Pfr. Ernst H e n n ) stammen wahrscheinlich vom 4. März. 8 7 Brief (Abschrift) von W u r m an Marahrens vom 1 . 2 . 1 9 4 1 : „ H e r r Direktor Dr. Müller beurteilt den E n t w u r f günstiger und meint, daß die auf dem Bekenntnis stehenden Kirchen dadurch Handlungsfreiheit erhalten" ( L K A NÜRNBERG, N L Meiser, N r . 107). 8 8 Brief von Meiser an Marahrens vom 1 0 . 3 . 1 9 4 1 (EBD.): Gutachten des Rates der Ev. Kirche der altpreußischen Union; übersandt an Meiser am 1 7 . 3 . 1 9 4 1 (EBD.) und Brief (Abschrift) von B ö h m an Meinzolt vom 1 4 . 2 . 1 9 4 1 ( L K A STUTTGART, Bd. 115 b VIII, Altreg.). 8 9 Brief von Meiser an Marahrens v o m 1 0 . 3 . 1 9 4 1 ( L K A NÜRNBERG, N L Meiser, N r . 107). 9 0 Brief von Marahrens an Meiser v o m 21.3.1941 (EBD.). 91 EBD.

167

Die „Wiener Entwürfe"

Aber selbst eine nähere Begründung der Verordnungsentwürfe durch Brunotte und Meinzolt vermochte nicht die gegensätzlichen Beurteilungen zu überwinden. Um eine weitere, tiefgreifende und wenig fruchtbringende Auseinandersetzung zwischen Befürwortern und Gegnern zu verhindern, einigte man sich auf die Einsetzung eines Ausschusses, der unter Führung von Meiser die Entwürfe bis zur nächsten Sitzung der Kirchenführerkonferenz durcharbeiten sollte92. Doch schon am 12.Februar 1941, also nur zwei Tage nach der Einsetzung dieses Ausschusses, bat Meiser, ihn von seiner Aufgabe zu entbinden, da seine Bedenken gegen die „Wiener-Entwürfe" so grundsätzlicher Natur seien, daß er keine förderliche Arbeit in dem Ausschuß leisten könne 93 . Noch bevor die „Wiener-Entwürfe" durch den Ausschuß überarbeitet und in der Kirchenführerkonferenz ein zweites Mal beraten werden konnten, bekamen die Verordnungsgegner Rückenstärkung durch eine Stellungnahme des altpreußischen Bruderrates94. Die Entwürfe A und Β wurden hierin vollständig abgelehnt, da es nicht geduldet werden könne, der Irrlehre der Deutschen Christen das gleiche Recht einzuräumen wie der biblischen Verkündigung. Mit derselben Begründung wurde die angestrebte Führungsrolle des Vertrauensrates abgelehnt: „Ein Geistlicher Vertrauensrat", so argumentierte der altpreußische Bruderrat, „in dem ein Deutscher Christ neben Männern von bekenntnistreuer Haltung sitzt, ist kein kirchliches Organ." Der Entwurf Β fiel der Ablehnung anheim, da die geistliche Versorgung „nicht an allerlei Voraussetzungen" gebunden werden dürfe. Allenfalls der Entwurf C schien dem Bruderrat annehmbar - allerdings hielt er eine ganze Reihe von Änderungen vor einer endgültigen Verabschiedung noch für notwendig. Am 26. Februar erhielt die Front der Verordnungs-Gegner weitere Verstärkung durch die Konferenz der nationalsozialistischen Kirchenleiter. Indes unterschieden sich deren Motive für die Ablehnung grundsätzlich von denen der bekenntnisorientierten Kräfte. Neben der Befürchtung, daß allein die „Bekenner" von der Regelung profitieren würden, waren es politische und rechtliche Gründe, die zur Ablehnung der „Wiener-Entwürfe"

92

Stenographische

Aufzeichnung

Meisers

von

der

Kirchenführerkonferenz

vom

1 0 . / 1 1 . 2 . 1 9 4 1 ( L K A NÜRNBERG, N L M e i s e r , N r . 1 0 1 ; z i t . n a c h H . BAIER, K i r c h e , S . 2 9 6 ) .

Brief an Marahrens v o m 1 2 . 2 . 1 9 4 1 ( L K A NÜRNBERG, N L Meiser, N r . 107). Offenbar wurde diese Stellungnahme an mehrere Personen verschickt. Inhaltlich scheint das hier zitierte Gutachten ( L K A NÜRNBERG, N L Meiser, N r . 107: Brief an Meiser vom 1 7 . 3 . 1 9 4 1 ) übereinzustimmen mit einem Schreiben von Kloppenburg an Meinzolt vom 1 8 . 3 . 1 9 4 1 (vgl. J. THIERFELDER, Einigungswerk, S. 43). Eine ähnliche Stellungnahme gab auch Dibelius am 2 1 . 2 . 1 9 4 1 gegenüber Meiser ab (vgl. H . BAIER, Kirche, S. 297). Auch Hans B ö h m äußerte sich in einem „Privatbrief" an Meinzolt v o m 1 4 . 2 . 1 9 4 1 völlig ablehnend ( L K A STUTTGART, Bd. 115 b VIII, Altreg.). 93

94

168

Weichenstellung (1940-1942)

führten95. Die Fürsprache von Kretzschmar, Schultz und Schmidt zur Nedden blieb wirkungslos96. Ahnlich negativ war auch die Reaktion im Ev. Oberkirchenrat Berlin. Die Angst, daß sich eine beträchtliche Zahl von Pfarrern unter Berufung auf diese Verordnung der Beaufsichtigung durch den Ev. Oberkirchenrat entziehen werde, diktierte eine ablehnende Haltung. Die altpreußische Kirchenleitung ging sogar so weit, bei staatlichen Stellen gegen die Entwürfe zu intervenieren97. Daß auch Präsident Werner nicht sonderlich an der Verwirklichung der „Wiener-Entwürfe" gelegen sein konnte, liegt auf der Hand, denn er hätte hierdurch einen erheblichen Machtverlust erfahren. Werners ablehnende Haltung blieb jedoch ohne weitere Folgen, da er bereits am l.März zur Wehrmacht eingezogen wurde; ob allerdings zwischen dieser Einberufung und der Drohung Stahns vom Januar 1941 ein Zusammenhang besteht, muß offen bleiben. Doch auch ohne Werner war die Opposition gegen die „Wiener-Entwürfe" noch immer stark genug, zumal es auch in der Kirchenführerkonferenz nicht gelang, eine einheitliche Haltung zu finden. Zwar empfahl der am 10. Februar 1941 eingesetzte Ausschuß, der nur aus prinzipiellen Befürwortern bestand, die Annahme der überarbeiteten Entwürfe nachdrücklich: Man sei sich zwar, so argumentierte der Ausschußvorsitzende OKR Friedrich (Karlsruhe), der Schwächen der „Wiener-Entwürfe" - etwa der Trennung von äußeren und inneren Angelegenheiten - bewußt, doch werde durch die angestrebte Regelung eine Lücke in der DEK geschlossen98. Die Gegner der Entwürfe indes, allen voran Bayern und Hamburg, erwiesen sich solchen pragmatischen Argumenten völlig unzugänglich und begründeten

9 5 Bericht des Sachbearbeiters des Gauleiters für Religionsfragen in Hessen-Nassau, Reiner, an Bormann vom 13.3.1941 über die „Wiener-Entwürfe". In dem Bericht wird lediglich die Absage der Landeskirchen Thüringen, Sachsen, Nassau-Hessen, Schleswig-Holstein, Anhalt und Altpreußen erwähnt. Wie die anderen Landeskirchen sich verhielten, ist nicht erwähnt (BA KOBLENZ, R 4 3 11/170a, B l . 2 9 - 3 3 ; vgl. auch K . MEIER, Kirchenkampf, Bd.3, S. 113). A m 12.3.1941 berichtete Dekan Keppler aus Berlin an Meiser, daß sich die DC-Kirchenführerkonferenz in Auflösung befinde. Zur Besprechung der „Wiener-Entwürfe", an der auch Präsident Werner teilnahm, seien eine ganze Reihe Kirchen gar nicht mehr erschienen; Schleswig-Holstein und die Pfalz hätten sich ganz abgesetzt. Eine scharfe Tonart hätten Thüringen, Anhalt und Nassau-Hessen angeschlagen ( L K A NÜRNBERG, N L Meiser, Nr. 107). 96

H . BRUNOTTE, K u r s , S. 1 3 1 .

Stenographische Aufzeichnung Meisers von der Kirchenführerkonferenz am 4 . / 5 . 3 . 1 9 4 1 ( L K A NÜRNBERG, N L Meiser, Nr. 107); vgl. auch Mitteilung von Brunotte an Klügel v o m 17.7.1958: D e r E O K Berlin lehnte die „Wiener-Entwürfe" ab, weil er fürchtete, „daß in ganz Altpreußen die geistliche Leitung über die Pfarrer auf die BK-Bruderräte übergehen 97

k ö n n t e " ( L K A HANNOVER, S. 1, E l l , 9 1 5 ) . 98

Stenographische

Aufzeichnung

Meisers

von

4 . / 5 . 3 . 1 9 4 1 ( L K A NÜRNBERG, N L M e i s e r , N r . 1 0 7 ) .

der

Kirchenführerkonferenz

am

Die „Wiener Entwürfe"

169

ihre Ablehnung damit, daß man den Deutschen Christen und ihrer Irrlehre kein Heimatrecht einräumen dürfe". A m Ende der Diskussion war die Konferenz der auf Art. 1 der Verfassung der D E K stehenden Kirchenführer in drei Gruppen geteilt: den Befürwortern (Hannover, Kurhessen-Waldeck und Baden 100 ) standen Bayern und Hamburg gegenüber, die die Entwürfe grundsätzlich ablehnten. Ablehnung überwog auch in Württemberg; dieser Position Schloß sich später auch Osterreich an 101 . Dazwischen stand eine Mittelgruppe, die in den Entwürfen eine brauchbare Grundlage für eine Weiterarbeit sah 102 . Während sich der Konflikt zwischen Gegnern und Befürwortern der „Wiener-Entwürfe", deren Hauptexponenten Meiser und Marahrens waren, noch verschärfte 103 , war die Entscheidung über ihr Schicksal längst an anderer Stelle gefallen: Reichsleiter Bormann, der sich regelmäßig durch das Büro des Gauleiters Hessen-Nassau über die kirchliche Entwicklung in der D E K unterrichten ließ104, hatte Informationen über die Beteiligung des Kirchenministeriums an der Arbeit des „Wiener-Ausschusses" erhalten. Am

"

EBD.

EBD. Baden hatte, wie aus einem Brief (Abschrift) von Kühlewein an Marahrens hervorgeht (LKA STUTTGART, Bd. 115 b VIII, Altreg.), einen besonderen Grund, den „WienerEntwürfen" zuzustimmen: die Hoffnung auf die Beseitigung der Finanzabteilung. 101 Brief (Abschrift) von Eder an Marahrens vom 11.3.1940 (LKA NÜRNBERG, N L Meiser, Nr. 107). 102 Sowohl aus den Briefen von Marahrens an die Mitglieder der Kirchenführerkonferenz vom 6.3.1940 (LKA NÜRNBERG, N L Meiser, Nr. 107) als auch aus dem Brief von Meiser an Marahrens vom 10.3.1940. (EBD.) geht hervor, daß die Mehrheit der Kirchenführer, die in der Kirchenführerkonferenz organisiert waren, sich bereit fanden, auf der Basis der „WienerEntwürfe" weiterzuarbeiten. 103 Die Auseinandersetzung konzentrierte sich zwangsläufig auf Marahrens und Meiser, da Wurm sich Anfang Februar ins Krankenhaus begeben mußte. Erst im Sommer 1942 war seine volle Arbeitskraft wiederhergestellt. Zum Streit selbst vgl. H. BAIER, Kirche, 298 f.: Marahrens hatte verschiedentlich die grundsätzliche Annahme der „Wiener-Vorwürfe" als Sitzungsergebnis der Kirchenführerkonferenz vom 4./5.3.1941 verkündet. Meiser, der darüber sehr erbost war, verbat sich eine Majorisierung in geistlichen Angelegenheiten durch Marahrens. Die angestrebte Regelung, so Meiser, bewirke eine Neutralisierung der Verwaltung und entziehe sie damit der Bindung an den Art. 1 der DEK-Verfassung; in einer solchen Angelegenheit dürfe es aber keine Mehrheitsentscheidungen geben. Marahrens antwortete wenige Tage später und verwahrte sich energisch gegen die erhobenen Vorwürfe. 104 Aus dem Schreiben Reiners an Bormann vom 13.3.1941 (vgl. Anm. 95) geht hervor, daß Bormann in einem Schreiben vom 8.3.1940 den Wunsch geäußert hatte, ständig durch den Gauleiter über die kirchlichen Fragen in der evangelischen Kirche informiert zu werden und ihm diese Informationen - so auch über die neuesten Bemühungen Kerrls - zugänglich gemacht wurden (BA KOBLENZ, R43 II/170a, Bl.30-33). Es ist wahrscheinlich, daß dieser seine Informationen von dem Präsidenten des Landeskirchenamtes Nassau-Hessen bezog, der bekanntermaßen gute Beziehungen zum Gauleiter unterhielt. Im Gegenzug wurde Präsident Kipper dafür mit Gestapo-Berichten über die kirchliche Lage versorgt (vgl. oben S. 136, Anm. 196. 100

170

Weichenstellung (1940-1942)

19. Februar 1941 ließ er dem Kirchenminister durch den Chef der Reichskanzlei, Reichsminister Lammers, mitteilen, daß Hitler „eine über die Verfassung vom 11. Juli 1933 . . . hinausgehende Zusammenfassung der Evangelischen Kirchen nicht wünsche, und daß die in dieser Richtung früher einmal verfolgten Pläne keinesfalls mehr weiterverfolgt werden dürfen" 105 . Unabhängig von den Stellungnahmen der Landeskirchen waren die „WienerEntwürfe" damit durch den Willen der antikirchlichen Kräfte in der nationalsozialistischen Führung zu Makulatur geworden. Es ist anzunehmen, daß der Geistliche Vertrauensrat spätestens seit dem 18.März 1941, dem Tag, an dem die GVR-Mitglieder durch den Kirchenminister empfangen wurden, darüber informiert waren, daß es Kerrl staatlicherseits verboten worden war, die „Wiener-Entwürfe" weiterzuverfolgen. Gemeinsam mit Kerrl beriet man auch Protestschritte. Bereits am 3. April machte die GVR-Geschäftsstelle - unter ausdrücklicher Bezugnahme auf den Empfang - ein seit längerem vorbereitetes Protestschreiben gegen die antikirchlichen Maßnahmen von Partei und Staat versandfertig. Bezeichnenderweise wurden in erster Linie solche Aktivitäten aufgelistet, die in den Zuständigkeitsbereich Bormanns fielen 106 . Offiziell wurde das Scheitern der „Wiener-Entwürfe" jedoch nicht mit dem Einspruch der staatlichen Stellen, sondern mit der ablehnenden Haltung der Deutschen Christen begründet: „Da sich die Kirchenführerkonferenz der Landeskirchen Thüringer Einung gegen die .Wiener Vorlagen' ausgesprochen hat", so teilte Marahrens am 9. April der Kirchenführerkonferenz mit, „wird sich eine weitere Verfolgung der Angelegenheit erübrigen" 107 . Was der hannoversche Landesbischof allerdings verschwieg, war die Tatsache, daß ihm die ablehnende Haltung der meisten DC-Kirchenführer schon seit fast vier Wochen bekannt war, ebenso lange wie er um die ablehnende Haltung des Staates wußte 108 . Die GVR-Sitzung am 5.Mai setzte dann den endgültigen Schlußpunkt unter die „Wiener-Entwürfe" 109 . Den Mitgliedern dieses Gremiums blieb

105 Brief von Bormann an Lammers vom 1 1 . 2 . 1 9 4 1 : D e r Reichsminister sollte nach dem Willen Hitlers „ n o c h einmal darüber unterrichtet werden, daß die früher einmal verfolgten Pläne über eine Zusammenfassung der Evangelischen Kirchen keinesfalls mehr zu verfolgen seien" (BA KOBLENZ, R 4 3 11/170 a, Bl. 25). A m 1 9 . 5 . 1 9 4 1 schrieb Lammers in diesem Sinne an Kerrl (EBD., Bl.27). 106 Vgl. Anschreiben zur Denkschrift ( L K A SCHWERIN, GVR-Handakten Schultz, I I / 4 ) ; zum Gesamtzusammenhang dieser Denkschrift vgl. unten S. 2 3 3 - 2 3 7 . 107 L K A STUTTGART, Bd. 115 b VIII, Altreg. 108 Spätestens seit der GVR-Sitzung am 1 7 . / 1 8 . 3 . 1 9 4 1 ( E Z A BERLIN, 1 / A 4 / 5 7 5 , Bl. 18 f.: Protokoll der Sitzung), in der O t t o Weber einen Bericht über die bisherigen Stellungnahmen der Landeskirchen abgab, wußte Marahrens, wie sich die DC-Landeskirchen entschieden hatten.

" » Protokoll der GVR-Sitzung v o m 5 . 5 . 1 9 4 1 (EBD., Bl. 4f.).

Der Führungswechsel in der Kirchenkanzlei und seine Folgen

171

nur noch übrig, offiziell das Scheitern der drei Verordnungsvorlagen zur Kenntnis zu nehmen. Man beschloß zwar, auch weiterhin das Zustandekommen von Regelungen zum Schutz von Minderheiten zu fördern, doch waren sich Marahrens, Schultz, Hymmen und Weber im Klaren darüber, daß eine reichseinheitliche Lösung nicht mehr zu verwirklichen sein werde. „Unter Verwertung der vorliegenden Erfahrungen", so erläuterte Marahrens den hannoverschen Pastoren in seinem Wochenbrief vom 6. Mai 1941, „wird man es . . . den einzelnen Landeskirchen als Aufgabe zuweisen müssen, Wünschen, die hinsichtlich der Minderheitenregelung - und zwar sowohl bezüglich der Gemeinden als auch der Pfarrer - bestehen, durch Schaffung entsprechender Ordnungen entgegenzukommen"110.

3. Neubeginn: Der Führungswechsel in der Kirchenkanzlei und seine Folgen Im Vergleich zu den „Wiener-Entwürfen" fanden die Vorgänge, die sich fast zeitgleich im Frühjahr und Sommer 1941 in der Kirchenkanzlei ereigneten, nur verhältnismäßig wenig Beachtung - obwohl es um nichts Geringeres als die Leitung dieser Behörde ging. Dieses mag einerseits daran gelegen haben, daß die Diskussion hierjiber im wesentlichen intern geführt wurde, zum anderen aber auch daran, daß mit einem Personenwechsel keinerlei Erwartungen auf einen neuen Kurs der obersten Verwaltungsbehörde der DEK verknüpft wurden. Präsident Werner erhielt schon bald nach dem Jahreswechsel 1940/41 seinen Einberufungsbescheid zur Wehrmacht111. Anders als noch ein Jahr zuvor, als er sich energisch einer bereits damals anstehenden Aufhebung seiner Uk-Stellung widersetzen wollte112, machte er diesmal keinerlei Versuche

Wochenbrief Marahrens' vom 6 . 5 . 1 9 4 1 . Werner war anläßlich der Aufstellung von Mobilmachungsplänen (1938) vom Wehrdienst freigestellt worden. Warum diese Uk-Stellung aufgehoben wurde, ist unklar. Es gibt zwei Äußerungen, die darauf hindeuten könnten, daß dieses auf Veranlassung des Kirchenministeriums geschah: Im Frühjahr 1940 teilte Dr. Stahn Werner mit, daß er mit seiner baldigen Einberufung zu rechnen habe. Werner hegte den Verdacht, daß er „zum mindesten für die nächste Zeit aus der weiteren Entwicklung der kirchlichen Verhältnisse" ausgeschaltet werden sollte ( E Z A BERLIN, 1/A 4 / 1 7 4 , BL. 2 0 5 - 2 0 9 : Bericht von Werner vom 4 . 3 . 1 9 4 0 ; handschriftl. Vermerk: „Nicht abgesandt"). Zum anderen äußerte Stahn in einer Sitzung des „Wiener Ausschusses" am 2 2 . 1 1 . 1 9 4 1 , er hielte es für das beste, Werner zum Militärdienst einzuziehen ( L K A SCHWERIN, GVR-Handakten Schultz, III/32: Vermerk von Schmidt zur Nedden über diese Sitzung). Wenige Wochen nach dieser Äußerung Stahns wurde Werner tatsächlich einberufen. 110 111

112 Vgl. hierzu den Bericht von Werner vom 4 . 3 . 1 9 4 0 ; handschriftlicher Vermerk: „Nicht abgesandt" ( E Z A BERLIN, 1/A 4 / 1 7 4 , BL. 2 0 5 - 2 0 9 ) .

172

Weichenstellung (1940-1942)

in diese Richtung. Am l.März 1941 trat Werner als Hauptmann der Reserve seinen Dienst bei einer Wehrmachtsdienststelle in Berlin an. Aufgrund dieser Verwendung sah er sich durchaus „in der Lage, . . . [sein] Amt als Leiter der Deutschen Evangelischen Kirchenkanzlei weiter zu versehen"113. Doch schwebte ständig das Damoklesschwert einer möglichen Versetzung Werners über den reichskirchlichen Leitungsorganen. Zwar hatte Werner in Vizepräsident Dr.Fürle einen ständigen Vertreter, doch konnte dieser nicht die Machtbefugnisse der ^.Durchführungsverordnung in Anspruch nehmen. Für den Fall einer „rechtlichen oder tatsächlichen Behinderung" hatte sich Kerrl die Regelung der Nachfolgefrage nämlich selbst vorbehalten. So bestimmte der § 1 (2) der ^.Durchführungsverordnung: „Die Vertretung des Leiters der Deutschen Evangelischen Kirche bestimmt der Reichsminister für die kirchlichen Angelegenheiten"114. Ahnlich wie im Fall der Kirchenkanzlei war auch die volle Arbeitsfähigkeit des Geistlichen Vertrauensrates durch die Einberufung Werners bedroht. Sowohl durch die Bekanntmachung vom 31. August 1939115 als auch durch den Erlaß über „die Mitwirkung des Geistlichen Vertrauensrates bei der Leitung der Deutschen Evangelischen Kirche" von 28. März 1940116 wurde deutlich zum Ausdruck gebracht, daß der Vertrauensrat nur in enger Anbindung an den Präsidenten der Kirchenkanzlei handeln konnte. Zwar wurde ihm durch den Erlaß vom 28. März zugestanden, in bestimmten Bereichen sogar „Grundsätze auf[zu]stellen und Einzelanweisungen zu erteilen", doch bedurfte es der Mitwirkung des Leiters der Kirchenkanzlei, um sie auch in Kraft zu setzen117. Diese notwendige Mitwirkung wurde jedoch durch den Militärdienst des Präsidenten in Frage gestellt. Denn er wurde hierdurch anscheinend dermaßen in Anspruch genommen, daß er für die Aufgaben der Kirchenkanzlei keine Zeit mehr hatte, und wichtige Angelegenheiten unbearbeitet liegen blieben118. So nahm er z.B. nach seiner Einberufung auch an keiner GVR-Sitzung mehr

113

Rundschreiben Werners an die Landeskirchen vom 7 . 5 . 1 9 4 1 ( E Z A BERLIN, 2 / 5 3 ,

B1.9). GB1DEK 1938, S.61. »s GB1DEK 1939, S.97. 116 GB1DEK 1940, S. 13. 114

117

EBD.

H . BRUNOTTE, Kurs, S. 131: „Von diesem Tage an [sc.: dem Einberufungstag] kümmerte er sich nicht mehr um seine beiden Behörden [sc.: E O K und D E K K ] ; selbst wenn ihn sein Urlaub einmal nach Berlin führte, ließ er sich nicht sehen. E r wurde damit von selbst der Kirchenkanzlei völlig fremd." 1943 reichte Werner sogar ein Entlassungsgesuch ein, das jedoch unbearbeitet liegen blieb. Nach dem Krieg bat er, an dieses Gesuch wieder anzuknüpfen: „Diese Entlassungsform wäre für mich vorteilhafter, als eine Entlassung aus gesetzlichen Gründen" ( E Z A BERLIN, 2 / 6 5 : Brief von Werner an Brunotte vom 7. Oktober 1945). 118

Der Führungswechsel in der Kirchenkanzlei und seine Folgen

173

teil119. Bei einer Versetzung Werners drohte eine noch weitergehende Lähmung der reichskirchlichen Leitungsorgane. Am 18.März 1941 brachten die GVR-Mitglieder ihre Befürchtungen in dieser Angelegenheit gegenüber dem Kirchenminister vor 120 . Man kam überein, Werner zu bitten, dem Vertrauensrat für die Dauer seiner Einberufung eine Vollmacht zu erteilen, die es diesem Gremium ermöglichen sollte, auch ohne die ständige Anwesenheit von Werner effektiv zu arbeiten. Ein entsprechender Vorschlag wurde von Vizepräsident Hundt in der GVRSitzung am 31. März vorgelegt. Während der Vertrauensrat diesen einmütig begrüßte, deutete Werner an, daß er zwar grundsätzlich zur Erteilung einer solchen Ermächtigung bereit sei, behielt sich aber eine genauere Prüfung noch vor 121 . Doch offensichtlich konnte sich Werner nur schwer von einem Teil seiner Befugnisse trennen; denn erst nach einer erneuten Rückfrage der GVR-Geschäftsstelle fand er sich schließlich bereit, die entsprechende Vollmacht endlich zu unterzeichnen122. Tatsächlich übersandte Werner dem Vertrauensrat am 7. Mai 1941 ein Schreiben, durch das er ihn „unter Zustimmung des Herrn Reichsministers für die kirchlichen Angelegenheiten und im Einvernehmen mit dem Geistlichen Vertrauensrat" ermächtigte, „für die Dauer [seines] Heeresdienstes allgemein auf den seiner Mitleitung unterstellten Gebieten die Belange der Deutschen Evangelischen Kirche nach außen allein zu vertreten, sofern und soweit er dieses als sachlich geboten und zeitlich unaufschiebbar erachten zu müssen glaubt" 123 . Ausdrücklich ausgenommen hiervon waren jedoch alle Rechtshandlungen, die sich auf die ^.Durchführungsverordnung beziehen mußten. Wie notwendig die von Werner getroffene Regelung war, zeigte sich schon bald. Denn nur wenige Tage nach der Unterzeichnung dieser Ermächtigung wurde er nach Nordfrankreich versetzt124. Nachteilig wirkte sich allerdings aus, daß Werner dem Geistlichen Vertrauensrat Leitungsakte unter Bezug auf die ^.Durchführungsverordnung vorenthalten hatte und auch bei Kerrl

119 Die Protokolle der GVR-Sitzungen, die noch während der militärischen Verwendung Werners in Berlin stattfanden, belegen, daß er an keiner Sitzung teilnahm (EZA BERLIN, 1/A 4/575, Bl. 12f.: GVR-Sitzung vom 17./18.3.1941: EBD., Bl. 10f.: desgl. vom 31.3.1941: E Z A BERLIN, 1/A 4/576, Bl.2f.: desgl. vom 21./22.4.1941; E Z A BERLIN, 1/4 4/575, B1.5f.: desgl. vom 5.5.1941). 120 Protokoll der GVR-Sitzung vom 31.3.1941 mit Erwähnung des Besuchs und seiner Resultate (EBD., Bl. 10f.). 121 EBD. 122 Protokoll der GVR-Sitzung vom 21./22.4.1941 (EZA BERLIN, 1/A 4/576, Bl.2F.). 123 E Z A BERLIN, 1/A 4/569, BL. 367). Am selben Tag wurde das Schreiben als Rundschreiben an die Landeskirchen verschickt (EZA BERLIN, 2/53, B1.9). 124 Die Versetzung Werners wird in dem Protokoll der GVR-Sitzung vom 26./27.5.1941 erwähnt (EZA BERLIN, 1/A 4/579, Bl. 24 f.), der Versetzungsort ergibt sich aus dem Protokoll der GVR-Sitzung vom 9./10.6.1941 (EBD., Bl.26f.).

174

Weichenstellung (1940-1942)

keine Regelung über die Anwendung dieser Verordnung erbeten hatte. Wie Hymmen dem Geistlichen Vertrauensrat mitteilte, begründete er das damit, daß „z. Zt. Leitungsakte nicht aktuell seien, und er im Notfall erreicht werden könne." Verwaltungsakte hingegen könnten von Vizepräsident Für le erledigt werden125. Tatsächlich ergaben sich aber schon bald Probleme mit dieser unzureichenden Regelung. So konnten z.B. notwendig werdende „Unbedenklichkeitserklärungen" zu landeskirchlichen Verordnungen nicht erteilt werden. Der Geistliche Vertrauensrat konnte zwar seine internen „Unbedenklichkeitserklärungen" abgeben126, doch war es dem stellvertretenden Leiter der Kirchenkanzlei rechtlich nicht möglich, seinerseits entsprechende Erklärungen abzugeben. Denn die „Verordnung zur Gewährleistung der Rechtseinheit unter den Landeskirchen auf dem Gebiete der Verwaltung und Rechtspflege vom 5. März 1938"127 ruhte ihrerseits auf der 17. Durchführungsverordnung - also einem Bereich, den sich Präsident Werner ausdrücklich vorbehalten hatte. In dieser für den reibungslosen Geschäftsablauf in der DEK-Leitung bedrohlichen Lage beschlossen die Mitglieder des Vertrauensrates, sich erneut an den Kirchenminister zu wenden128. O b dieses tatsächlich geschah, läßt sich nicht endgültig klären. Doch teilte Vizepräsident Fürle dem Vertrauensrat in der Sitzung am 8./9. November 1941 mit, Kerrl habe ihn für die Dauer von Werners Militärzeit mit dessen Vertretung beauftragt129. Damit bekam Fürle auch die Befugnisse aus § 1 der ^.Durchführungsverordnung übertragen u o . Die Handlungsfähigkeit der Kirchenkanzlei und damit auch die des Vertrauensrates waren so wiederhergestellt. Allerdings wurde Fürle nur kurze Zeit nach dieser Ernennung ebenfalls zur Wehrmacht einberufen. Doch blieb er bis zum Herbst 1943 bei einer Dienststelle in Berlin tätig, so daß er sein Amt weiter versehen konnte 131 . Denn seine militärische Verwendung ließ ihm immer noch genügend Zeit, um sich auch den Angelegenheiten der Kirchenkanzlei zu widmen. Ja mehr

125

Protokoll der GVR-Sitzung vom 2 6 . / 2 7 . 5 . 1 9 4 1 ( E B D . , B 1 . 2 4 F . ) . Der Vertrauensrat konnte in seiner Sitzung am 14.7.1941 eine Reihe von Unbedenklichkeitserklärungen zu landeskirchlichen Verordnungen abgeben (EBD., Bl. 38f.: Protokoll der Sitzung). Die Rechtsgrundlage hierfür bot der Art. 2 d des Erlasses über die Mitwirkung des Vertrauensrates bei der Leitung der DEK vom 28.3.1940 (GB1DEK 1940, S. 13). 127 GB1DEK 1938, S. 19. 128 Protokoll der GVR-Sitzung vom 9./10.6.1941 (EZA BERLIN, 1/A 4/579, BL. 26 f.). 129 Protokoll der GVR-Sitzung vom 8.9.10.1941 (EBD., Bl. 58 f.). 130 GB1DEK 1941, S. 52 f. » Ι Gemäß Protokoll vom 2.11.1943 (LKA H A N N O V E R , L2, Nr.7, Bd. 1) teilte Fürle dem GVR seine Versetzung nach Breslau durch ein Schreiben vom 28.10.1943 mit. H. BRUNOTTE, Kurs, gibt zwei unterschiedliche Daten an: Auf S. 131 schreibt er fälschlicherweise, daß Fürle bis zum Herbst 1944 bei einer militärischen Dienststelle in Berlin tätig war. Richtig hingegen ist die Angabe auf S. 142 f., Fürle sei im Herbst 1943 nach Breslau versetzt worden. 126

Der Geistliche Vertrauensrat und das Einigungswerk Wurms

175

noch: Es kam schnell zu einer merklichen Verbesserung der Beziehungen zwischen der Kirchenkanzlei und dem Geistlichen Vertrauensrat: „In allen wichtigen Fragen", so urteilte der damals in der Kirchenkanzlei tätige Oberkonsistorialrat Heinz Brunotte rückblickend, „bestand zwischen dem Stellvertretenden Leiter der Kirchenkanzlei und dem Vertrauensrat eine einmütige Auffassung"132. Welchen Wert diese qualitativ bessere Beziehung zwischen den beiden kirchenleitenden Gremien hatte, zeigte sich bereits bald nach dem Tode Kerrls, der am 14. Dezember 1941 in Paris starb133. Denn wie die Berufung Fürles einen Wendepunkt für das Verhältnis zwischen beiden Leitungsorganen der DEK bedeutete, so bildete die Beauftragung von Staatssekretär Muhs mit der kommissarischen Wahrnehmung der Aufgaben des Kirchenministers den Auftakt einer merklichen Verschlechterung in den Beziehungen zwischen den reichskirchlichen Leitungsorganen und dem Kirchenministerium. Gerade in den daraus resultierenden Auseinandersetzungen mit Staatssekretär Muhs sollte sich die Einigkeit zwischen der Kirchenkanzlei und dem Geistlichen Vertrauensrat bewähren.

4. Der Geistliche Vertrauensrat und das Kirchliche Einigungswerk Landesbischof Wurms Seit dem Frühjahr 1941 stand endgültig fest, daß es keine Verständigung zwischen den deutsch-christlichen Gruppen und den bekenntnisorientierten Kräften geben konnte. Denn weder der durch eine reichseinheitliche Minderheitenregelung134 angestrebte Minimalkonsens, der die geistliche Betreuung von Gemeindegliedern und Pfarrern sicherstellen sollte, noch die „Wiener-Entwürfe"135, die stärker auf eine Entflechtung der heterogenen kirchenpolitischen Kräfte hinzielten, konnten sich auf eine Basis stützen, die breit genug gewesen wäre, um sie durchzusetzen. Im Gegenteil: Die zwischen Juli 1940 undMai 1941 viel diskutierte Frage, wie die verfahrene kirchenpolitische Situation zu lösen sei, hatte nicht nur zwischen den Deutschen Christen und den bekenntnisgebundenen Kräften zu harten Auseinandersetzungen geführt, sondern sogar innerhalb der beiden Kirchenführerkonferenzen unterschiedliche Haltungen hervortreten lassen136. Demgegenüber gewannen die weltanschaulichen Distanzierungskräfte innerhalb der NS-Führungsspitze immer mehr an Einfluß. Der „Mustergau" Wartheland diente als Experimentierfeld für das religionspolitische Konzept dieser Gruppe 137 . Wenn dieses Konzept auch aus kriegsbedingten Gründen im Altreich vorerst nicht durchsetzbar erschien, bot doch dieser „Mustergau" - gemeinsam mit Bormanns bekanntgewordenen Auße132

EBD., S. 131. "5 Vgl. oben S. 166-171.

133 136

Vgl. unten S. 270. Vgl. oben S. 160-170.

134 137

Vgl. oben S. 148-160. Vgl. unten S. 239-253.

176

Weichenstellung (1940-1942)

rungen zum Verhältnis von Christentum und Nationalsozialismus138 bezeichnendes Anschauungsmaterial über das von diesen Kreisen erwünschte Verhältnis von christlichen Kirchen und NS-Staat. Mit ein wenig Phantasie ließ sich durchaus erahnen, was das erwartete siegreiche Kriegsende auch für die Kirchen im Altreich bedeutet hätte. In dieser Situation eröffnete der württembergische Landesbischof Theophil Wurm, der gerade von langer und schwerer Krankheit genesen war, seinen Mitarbeitern, daß fortan „der Rest seiner K r a f t . . . seiner Landeskirche und dem Werk der Einigung" der bekenntnisgebundenen Kräfte im deutschen Protestantismus gehören solle 139 . In seinen Lebenserinnerungen140 erwähnt Wurm später drei Faktoren, die ihn zu seinem Entschluß führten: Er habe, so meinte der württembergische Landesbischof, während seiner Krankheit immer deutlicher empfunden, daß das „Getrenntmarschieren der Bekennenden Kirche . . . Sünde und Schuld" sei. Ein weiterer maßgeblicher Punkt war „die immer deutlicher hervortretende Absicht ausschlaggebender Parteikreise, die Kirche allmählich an die Wand zu drücken' '. Hierzu kam die „ernste Wendung, die der Krieg durch den am 22. Juni erfolgten völlig unprovozierten Einmarsch in Rußland genommen hatte". Die Analyse der kirchlichen Situation im Sommer 1941, also Wurms Darlegungen zu den beiden ersten Punkten, gaben dem Einigungswerk eine Richtung, die es von Anfang an von den bisherigen Einigungs- und Befriedungsbemühungen deutlich absetzte: Wurm beschränkte seine Sammlungsbewegung auf die bekenntnisgebundenen Kräfte in der DEK. Das bedeutete einen klaren Gegensatz zum Geistlichen Vertrauensrat, der sich immer für eine reichseinheitliche Lösung unter Einbeziehung aller kirchlichen Gruppen ausgesprochen hatte. Für den württembergischen Landesbischof hingegen kam eine Einbeziehung der Nationalkirchler in das Einigungswerk nicht in Frage. Wurm und Meiser, die sich in der Ausklammerung der deutsch-christlichen Gruppen einig wußten, forderten eindringlich Landesbischof Marahrens auf, sich dieser Haltung anzuschließen, und Neuordnungspläne wie etwa die „Wiener-Entwürfe" in Zukunft zu unterlassen m . Die zweite wesentliche Differenz gegenüber dem Geistlichen Vertrauensrat, die durch Wurms Analyse offen zutage trat, betraf das Verhältnis zum Staat. Eine erste Gelegenheit, sich in dieser Beziehung kritisch vom Vertrauensrat abzusetzen, bot sich für Wurm, als der Vertrauensrat am 30. Juni 1941 ein Telegramm an Hitler sandte, in dem er den Uberfall auf die

138 139

Vgl. unten S. 237-239. R. SAUTTER, Theophil Wurm, S.73; ebenso: Brief von Wurm an Niemöller vom

8 . 1 0 . 1 9 4 5 ( G . SCHÄFER, L a n d e s k i r c h e , B d . 6 , S. 1 3 7 9 ) . HO τ 141

WURM, E r i n n e r u n g e n , S. 1 6 2 f.

Brief von Meiser und Wurm an die Mitglieder der Kirchenführerkonferenz vom

2 4 . 7 . 1 9 4 1 ( L K A STUTTGART, D 1 / 1 4 6 ) .

Der Geistliche Vertrauensrat und das Einigungswerk Wurms

177

Sowjetunion zum „entscheidenden Waffengange gegen den Todfeind aller Ordnung und aller abendländisch-christlichen Kultur" apostrophierte und Hitler „die unwandelbare Treue und Einsatzbereitschaft der gesamten evangelischen Christenheit des Reiches" zusagte142. Zwar begrüßte auch Wurm, „daß das deutsche Heer die große Abrechnung Europas mit dem Bolschewismus vollzieht", doch hielt er es für unmöglich, ein solches Wort zu sprechen, ohne gleichzeitig auf die Bedrückung des christlichen Glaubens in Deutschland hinzuweisen143. Er verstünde wohl „die guten Absichten", die den Vertrauensrat geleitet hätten: „Sie glaubten, in der von Ihnen gewählten Form etwas von den Anliegen der Christenheit, die uns alle bewegen, an das Ohr des Führers bringen zu können." Doch erschien es Wurm unmöglich, „ein [solches] Wort zu sprechen, das statt eines klaren Zeugnisses eine Verhüllung der Tatsachen enthält" 144 . Diese Schelte traf nicht nur das angesprochene Telegramm, sondern die grundsätzliche Haltung des Vertrauensrates zum Staat, die Wurm in der folgenden Zeit noch des öfteren kritisierte145. Während nämlich die GVR-Mitglieder lange Zeit hofften, mit dieser Demonstration loyaler Haltung gegenüber dem Staat eine Milderung des antikirchlichen Kurses erreichen zu können, machte sich Wurm keine Illusionen mehr über die tatsächlichen Absichten des Staates. Einzig eine starke und geschlossene Front aller bekenntnisorientierten Kräfte schien ihm in der Lage, die Bedrohung abzuwehren146. Aus der unterschiedlichen Haltung gegenüber dem Staat resultierten auch die verschiedenen Vorgehensweisen. Während Wurm es für notwendig hielt, die Mißstände, die das Verhalten des Staates zeitigte, auch öffentlich aufzuzeigen, neigte der GVR eher dazu, ganz im Sinne von Marahrens, seine Bedenken in Form von vertraulichen Eingaben den zuständigen Staatsstellen bekannt zu machen147. 1« GB1DEK 1941, S.31; KJ 1933-44, S.458. I « Brief von Wurm an den G V R vom 5.7.1941 ( E Z A BERLIN, 1/A 4/570, Bl. 226). 144

EBD.

Vgl. z.B. den Brief von Wurm an Marahrens vom 19.12.1944: „Lieber Herr Kollege, vielen norddeutschen Brüdern liegt der Respekt vor staatlichen Entscheidungen so sehr im Blute, daß sie die Tragweite der einzelnen Akte der Nachgiebigkeit nicht genügend über145

s c h a u e n " ( L K A HANNOVER, L 2 , N r . 7 , B d . 7). 146 Brief von Wurm an den G V R vom 5.7.1941 ( E Z A BERLIN, 1/A 4/570, Bl.226); vgl. auch den Brief von Meiser und Wurm an die Mitglieder der Kirchenführerkonferenz vom 24.7.1941: „Wir bitten . . . ganz ernstlich, sich zu überlegen, ob nicht neue Wege eingeschlagen werden sollten, um die innere Einheit aller, die ernstlich Kirche wollen, neu zu befestigen, und dem Staat gegenüber das Lebensrecht der evangelischen Kirche wirksamer zu vertreten"

( L K A STUTTGART, D 1 / 1 4 6 ) . 147 So auch der Vorwurf von Wurm in dem Brief an Marahrens vom 19.12.1944: „Gegen dieses System der Kirche . . . muß m. E. fortwährend angerannt werden, und nicht bloß durch höfliche Schreiben von Seiten des G V R , sondern durch kräftigen und einmütigen Protest der Kirchen, die wissen, was Kirche i s t . . . " (vgl. oben Anm. 145).

178

Weichenstellung (1940-1942)

D i e bereits v o m A n s a t z her bestehenden D i f f e r e n z e n lassen es auch verständlich erscheinen, daß der Geistliche Vertrauensrat kein Ansprechpartner f ü r das Einigungswerk des württembergischen Landesbischofs sein konnte. Einzelne Mitglieder dieses G r e m i u m s versuchte W u r m hingegen durchaus f ü r seinen bekenntniskirchlichen Koordinierungsversuch zu gewinnen - w i e sich zeigen sollte, mit unterschiedlichem Erfolg. Landesbischof Marahrens k o n n t e sich t r o t z mancher Bedenken, die er nie ganz ablegte 1 4 8 , z u r U n t e r s c h r i f t unter die 13 Sätze über „ A u f t r a g u n d Dienst der Kirche", die eine A r t „Magna C h a r t a " des Einigungswerkes darstellten 1 4 9 , entschließen. Dieses geschah w o h l unter dem E i n f l u ß der hannoverschen Bekenntnisgemeinschaft und dem Zuraten v o n Friedrich v o n Bodelschwingh 1 5 0 . D o c h hatten seine Vorbehalte zur Folge, daß er sich nie in die Reihe der entschiedenen Verfechter v o n W u r m s Sammlungsbemühungen eingliedern konnte. Marahrens' M i t w i r k u n g am Einigungswerk beschränkte sich lediglich darauf, in einigen Fällen eine Vermittlerrolle zwischen W u r m und H y m m e n zu ü b e r n e h m e n . A n s o n s t e n begnügte er sich damit, W u r m s Schreiben an die hannoverschen Pastoren weiterzuleiten 1 5 1 .

148 Herauszuheben gilt es hier: 1. Gemeinsam mit Meiser teilte Marahrens die Sorge, daß das Einigungswerk zu einer „Unionisierung" führen könne (LKA STUTTGART, D1/179: Brief von Marahrens an Wurm vom 15.7.1942; zit. nach: J. THIERFELDER, Einigungswerk, S. 158). 2. Marahrens befürchtete, daß Wurm das Einigungswerk zu einem Leitungsorgan ausbauen könne. In einem Brief an Wurm vom 23.6.1943 (LKA STUTTGART, D1/147) riet er: „ Ich würde an ihrer Stelle zunächst alles ablehnen, was nach einer V[orläufigen] L[eitung] aussieht, sondern mich einzig und allein dem Einigungs werk widmen. Nur so kann man die viel erörterten Bedenken, die gegen eine künftige,Reichskirchenregierung' noch immer bestehen, mit Erfolg begegnen". 3. J. THIERFELDER, Einigungswerk, S. 113; 201, vermutet, daß Marahrens auch aus der Befürchtung, daß das Einigungswerk den GVR überflüssig machen könnte, Zurückhaltung übte. 4. Maßgebend für das Zögern von Marahrens dürfte auch gewesen sein, daß im Sommer 1941 die Beziehungen zwischen ihm und den süddeutschen Landesbischöfen einen neuen Tiefpunkt erlebten: Unter Hinweis auf die seit Sommer 1939 bestehenden Differenzen, die durch das GVR-Telegramm anläßlich des Kriegsbeginns mit der Sowjetunion neu aufbrachen, lehnten es ζ. B. Wurm und Meiser ab, zu einer von Marahrens einberufenen Kirchenführungskonferenz zu erscheinen (LKA STUTTGART, D1/146: Brief von Meiser und Wurm an die Mitglieder der Kirchenführerkonferenz vom 24.7.1941). 149 Zur Entstehungsgeschichte, dem Inhalt und den Unterzeichnern dieser Sätze vgl.: J . THIERFELDER, Einigungswerk, S. 9 1 - 1 2 1 . 150 EBD. S. 113. Soweit es die von Thierfelder erwähnte Rolle der Bekenntnisgemeinschaft betrifft, decken sich seine Angaben mit denen von E . KLÜGEL, Landeskirche, S. 3 9 9 . 151 Den hannoverschen Pastoren übersandte Marahrens Wurms Brief „An die evanglischen Pfarrer in Deutschland" (Dezember 1941) als Anlage zu seinem Wochenbrief vom 26.1.1942 - nicht ohne darauf hinzuweisen, daß es „ein altes Anliegen [sei], das der verehrte Briefschreiber damit durchführt." Grundtenor dieses Briefes war die Sorge über die Zerrissenheit der evangelischen Kirche und die Aufforderung, diese zu überwinden (zum genauen Inhalt vgl. J. TIERFELDER, Einigungswerk, S. 74). Am 10.6.1943 übersandte Marahrens die 13 Sätze über „Aufgabe und Dienst der Kirche' ' an seine Pastoren (vgl. E. KLÜGEL, Landeskirche, S.399).

Der Geistliche Vertrauensrat und das Einigungswerk Wurms

179

Allerdings schien auch aus der Sicht Wurms eine weitergehende Beteiligung von Marahrens am Einigungswerk wenig opportun. Denn bereits seine Unterschrift unter die 13 Sätze hatte bei Teilen der Bekennenden Kirche zu Protesten geführt 152 . Zum anderen, so ist zu vermuten, hätte eine solche Mitarbeit die Position von Marahrens im Vertrauensrat geschwächt. Der „erste Gang" nach den Aussprachen mit ihm nahestehenden Kirchenführern, so erklärte Wurm, „war zu dem Herrn Vizepräsidenten des EOK". Zweck dieses Besuchs bei Hymmen am 18. Dezember 1941 war es, den leitenden Theologen der altpreußischen Union zu einer „wohlwollenden Neutralität" gegenüber dem Einigungswerk zu bewegen153. Wurm gelang es tatsächlich, von Hymmen eine entsprechende Zusage zu erhalten154. Doch bereits im Laufe des Jahres 1942 machte sich bei Hymmen und weiteren EOK-Mitgliedern eine zunehmende Skepsis gegenüber Wurms Einigungswerk breit. Die Befürchtung, durch eine Tolerierung der „Wurm-Aktion" einen Beitrag zur Aufwertung der Bruderräte zu leisten, prägte mehr und mehr die Stellungnahme des Ev. Oberkirchenrates155. Die Anschuldigungen, die Staatssekretär Muhs gegen Wurm erhob, er betätige sich in staatsverräterischer Weise, mögen diese Haltung bei dem als überaus staatsloyal bekannten Hymmen und anderen Mitgliedern der altpreußischen Kirchenleitung noch verstärkt haben156. Auch die Gespräche, die Wurm auf Vermittlung von Marahrens Anfang 1943 mit Hymmen führte 157 , konnten an der ablehnenden Haltung der altpreußischen Kirchenleitung und ihres führenden Theologen nichts ändern. Der Geistliche Vertrauensrat insgesamt hatte sich nur um die Jahreswende 1942/43 mit dem Einigungswerk zu beschäftigen. Grund hierfür war der Versuch von Muhs, die Kirchenkanzlei zu Maßnahmen gegen diesen bekenntniskirchlichen Koordinierungsversuch zu veranlassen. Am 30. Oktober 1942 teilte er der Kirchenkanzlei mit, daß das Einwirken der württembergischen Kirchenleitung in die Gebiete anderer Landeskirchen „zumal angesichts des Krieges denkbar unzweckmäßig und unerwünscht" sei. Die Kirchenkanzlei solle, so forderte Muhs in scharfem Ton, die württembergische Landeskirche darauf hinweisen, „daß sie die Folgen eines solchen

152

J . THIERFELDER, E i n i g u n g s w e r k , S. 8 1 .

Brief von Wurm an Wentz vom 5 . 1 1 . 1 9 4 2 (EZA BERLIN, 1/A 4/573, Bl. 1 6 9 - 1 7 6 ; in: K J 1933-44, S. 425-430). 154 Brief von Wurm an Marahrens vom 2 2 . 1 2 1 9 4 1 (LKA HANNOVER, S. 1, EI, 1132). 155 Zur Haltung der altpreußischen Kirchenbehörden vgl. J. THIERFELDER, Einigungswerk, S. 1 4 8 - 1 5 7 . 156 A m 1 0 . 4 . 1 9 4 3 schrieb Wurm an Marahrens ( L K A STUTTGART, D l / 1 8 0 ; zit. nach J. THIERFELDER, Einigungswerk, S. 156): „Es ist mir auch ganz klar, daß die Abneigung des Herrn Hymmen gegen die Einigungsbewegung auf nichts anderem beruht als auf der Angst, eine Entscheidung treffen zu müssen, die von staatlicher Seite mißbilligt wird". 157 EBD., S. 154. 153

180

Weichenstellung (1940-1942)

Verhaltens, wenn dieses nicht alsbald abgestellt wird, selbst zu tragen habe" 158 . Routinemäßig wurde dieses Schreiben auch dem Geistlichen Vertrauensrat vorgelegt, der empfahl, das Schreiben der württembergischen Kirchenregierung zur Kenntnis zu bringen159. Noch bevor die reichskirchlichen Leitungsorgane ihre Antwort an Muhs übersenden konnten, schickte dieser der Kirchenkanzlei und dem Ev. Oberkirchenrat Berlin zwei weitere Briefe, in denen er behauptete, daß die hinter der „Wurm-Aktion" stehenden Kräfte beabsichtigten, die geistliche Leitung in Preußen zu übernehmen; die übliche Drohung, „daß derartige Machenschaften in keiner Weise staatsaufsichtlich gestattet werden können", fehlte auch in diesen Briefen nicht 160 . Doch weder der Geistliche Vertrauensrat noch die Kirchenkanzlei gedachten, in dieser Sache aktiv zu werden. Man begnügte sich damit, Muhs die ausführliche Stellungnahme von Landesbischof Wurm zu übersenden161 bzw. ihm mitzuteilen, daß die Angelegenheit dem Ev. Oberkirchenrat zur Überprüfung vorgelegt worden sei162. Daß diese Antworten den amtierenden Kirchenminister nicht zufriedenstellen konnten, darf wohl angenommen werden. Wahrscheinlich als Reaktion auf die Schreiben der Kirchenkanzlei übersandte er dem Geistlichen Vertrauensrat am 21. Dezember 1942 ein „Geheimschreiben" 163 , in dem er den württembergischen Landesbischof als Landesverräter denunzierte. Wurm habe, so lautete der Vorwurf, einen „offenen Brief", den er an Reichsminister Goebbels gerichtet hatte, dem schwedischen Generalkonsul Dr. Wanner übergeben. Einige Monate später erschien dieser Brief dann in der schwedischen Tageszeitung „Trots Allt"; die Verantwortung hierfür lastete er Wurm an. Nachdem Marahrens sich jedoch bei Wurm überzeugt

158

159

E Z A BERLIN, 1 / A 4 / 5 7 3 , Bl. 177.

Protokoll der GVR-Sitzung vom 10./11.11.1942 (EZA BERLIN, 1/A 4/579, Bl. 118 f.).

Brief von Muhs an die D E K K v o m 1 . 1 2 . 1 9 4 2 ( E Z A BERLIN, 1 / A 4 / 5 7 3 , Bl. 179) und v o m 1 5 . 1 2 . 1 9 4 2 (EBD., Bl. 181). 160

Protokoll der GVR-Sitzung vom 10./11.11.1942 (EZA BERLIN, 1/A 4/579, BL. 118f.). Protokoll der GVR-Sitzung vom 7./8.12.1942 (EBD., Bl. 122 f.) und Brief (Entwurf) der DEKK an Muhs vom 5.1.1943: Dem Staatssekretär wurde geantwortet, daß man „auch bezüglich der erneut mitgeteilten Vorgänge die Stellungnahme des EO abwarten" wolle (EZA 161 162

BERLIN, 1 / A 4 / 5 7 3 , Bl. 181). 163 Das Protokoll der GVR-Sitzung vom 5.1.1943 erwähnt das „Geheimschreiben" (EZA BERLIN, 1/A 4/579, Bl. 125 f.). Der Inhalt des erwähnten Schreibens läßt sich aus dem Protokoll vom 3.2.1943 (EBD., Bl. 129 f.) ermitteln: „Landesbischof Marahrens teilt mit, daß e r . . . mit Landesbischof Wurm ein Gespräch gehabt habe, bei dem sich ergeben habe, daß Landesbischof Wurm sein Schreiben an Min. Goebbels niemals dem schwedischen Konsul zur Kenntnis gebracht hat." Es darf angenommen werden, daß das Schreiben von Muhs an den GVR natürlich mit Ausnahme der Bitte um Anklageerhebung - im wesentlichen mit dem übereinstimmt, das Muhs am 19.2.1943 an Justizminister Thierack schickte (BA KOBLENZ, R22/4008, Bl. 36).

Der Geistliche Vertrauensrat und das Einigungswerk Wurms

181

hatte, daß die Vorwürfe unzutreffend seien, hielt der Geistliche Vertrauensrat die Angelegenheit für erledigt. Weitere Maßnahmen wurden jedenfalls nicht mehr ergriffen 164 . Nach diesem Mißerfolg brachte Muhs denselben Sachverhalt dem Reichsjustizminister zur Kenntnis 165 . Dieser erklärte sich zwar bereit, eine Anklageerhebung zu veranlassen, mußte jedoch sein Vorhaben auf Weisung Hitlers stoppen 166 . Muhs bemühte sich zwar auch fernerhin, Wurms Einigungsbemühungen zu sabotieren 167 , doch versuchte er nicht mehr, den Geistlichen Vertrauensrat oder die Kirchenkanzlei für seine Zwecke einzuspannen. Die reichskirchlichen Organe begnügten sich in der Folgezeit denn auch damit, von den Störaktionen des amtierenden Kirchenministers lediglich „Kenntnis zu nehmen" 1 6 8 . Dieses kann durchaus als eine abermalige Bestätigung dafür gesehen werden, daß die Diskrepanzen zwischen dem Vertrauensrat und dem Einigungswerk schon vom Ansatz her zu groß waren, um irgendwelche Affinitäten entstehen zu lassen. Allerdings verhinderte in diesem Fall - die oftmals beklagte - disparate Zusammensetzung des Vertrauensrates, daß dieses Gremium zu einem willigen Werkzeug des amtierenden Kirchenministers wurde. Denn trotz der ablehnenden Haltung von Hymmen und Schultz 169 gegenüber dem Einigungswerk wurde diese Einstellung nie für den gesamten Vertrauensrat bestimmend. Die Einigungsbemühungen Wurms führten im Laufe des Krieges noch zu einigen Erfolgen, obwohl ihnen weiterhin staatliche Repressionen entgegen! " Protokoll der GVR-Sitzung vom 3.2.1943 (EZA BERLIN, 1/A 4/579, BL. 129f.). 165

Brief von M u h s an Thierack v o m 19.2.1943 (BA KOBLENZ, R 2 2 / 4 0 0 8 , Bl. 36).

166 Thierack wollte sich vor der geplanten Anklageerhebung der Billigung durch Hitler versichern. Am 27.2.1943 bat er Bormann, eine Entscheidung des Führers in dieser Frage zu erwirken (BA KOBLENZ, R 22/4008, BL 34). Bormann antwortete darauf am 19.3.1943, er habe die Angelegenheit dem Führer „am heutigen Tage" vorgetragen: „Politischer Gründe halber soll derzeit keine Anklage in dieser Angelegenheit gegen den Landesbischof Wurm erhoben werden" (EBD., Bl. 35). Von dieser Entscheidung unterrichtete Thierack am 22.3.1943 Muhs (Ebd., B1.31). 167 Vgl. J. THIERFELDER, Einigungswerk, S. 133-139. - Zur Rolle der Finanzabteilung der DEK bei diesen Störaktionen vgl. unten S. 289 f. 168 Protokoll der GVR-Sitzung vom 11.2.1944: Vgl. ζ. B. von dem Versuch Cölles, die Stellungnahme des österreichischen Bischofs Eder zum Einigungswerk zu beeinflussen bzw. Wurms Entgegnungen hierauf (EZA BERLIN, 2/54, Bl. 53 f.; 75 f.). 169 Brief von Schultz an Pfr. Martin Wagner vom 24.2.1943 (J. THIERFELDER, Einigungswerk, S. 145): Schultz hielt es nicht für möglich, auf Grund der 13 Sätze über den „Auftrag und Dienst der Kirche" zu einer Uberwindung der innerkirchlichen Schwierigkeiten zu kommen. Diese könne „nur lebensmäßig und von innen heraus erfolgen . . . und zwar aus dem Bewußtsein der Notwendigkeit, einander mit den bestehenden Mängeln und Gegensätzen aus christlicher Liebe zu ertragen und sich vor allem in gemeinsamer praktischer Arbeit als Genossen des gleichen Schicksals, das gegenwärtig auf allen liege, zusammen zu finden." Als einen Beitrag zu der „lebensmäßigen Uberwindung" der Gegensätze, sah er die Tätigkeit des Vertrauensrates an.

182

Weichenstellung (1940-1942)

gesetzt wurden. Trotzdem kam das Einigungswerk über einen „fragmentarisch[en] Charakter" nicht hinaus 170 . Ursächlich waren dafür neben dem angesprochenen politischen Druck, den kriegsbedingten Kommunikationsproblemen und der kirchenpolitischen Ablehnung, die Wurm etwa durch die altpreußischen Kirchenbehörden erfuhr, auch persönliche Gründe Hymmen zeigte ζ. B. eine deutliche Abneigung gegen bestimmte Bruderratsvertreter 171 . Der „Hauptgrund jedoch, daß das Einigungswerk ein Fragment blieb", so resümiert Jörg Thierfelder, sei in den „kirchlich-theologischen Differenzen" zu suchen. Während die „bruderrätliche" Bekennende Kirche die Beschlüsse von Barmen und Dahlem nicht genug berücksichtigt sah, befürchtete das konfessionelle Luthertum einen „Unionismus" 1 7 2 .

EBD., S.238. >7> Vgl. EBD., S. 238 f. 172 Vgl. EBD., s. 239 f. 170

KAPITEL

5

DER KRIEG ALS HERAUSFORDERUNG (1940-1941)

1. Die unerwünschte Hilfe: Der Geistliche Vertrauensrat und seine Versuche zur „seelischen Stärkung" der Front Wie andere kirchliche Organisationen hatte es sich auch der Geistliche Vertrauensrat zur Aufgabe gemacht, die Verbindungen zwischen der Heimatkirche und den im Felde stehenden Gemeindegliedern zu fördern. Doch bereits unmittelbar nachdem hierzu erste Maßnahmen eingeleitet worden waren, kam es zu ernsten Schwierigkeiten: Langwierige Prüfungsverfahren, denen sämtliches für die Front vorgesehene Schrifttum — selbst vervielfältigte Rundbriefe — unterworfen wurde, und das nur für Pfarrer geltende Verbot, Feldpostanschriften zu sammeln, sorgten dafür, daß dieser Bereich der kirchlichen Seelsorgearbeit nicht die erhoffte Effektivität erreichte1. Aber auch die Urheber der Beschränkungsmaßnahmen mußten sich nach den ersten Kriegsmonaten eingestehen, ihr Ziel nicht vollständig erreicht zu haben. Denn nachdem seit dem Jahreswechsel 1939/40 erstmals größere Mengen christlichen Schrifttums die Zensurorgane passiert hatten 2 , flöß ein nicht abreißender Strom an die Front. Selbst Martin Bormann, einer der führenden Verfechter des antikirchlichen Kurses von Partei und Staat, mußte einräumen, daß die zum Teil „nicht ungeschickt" abgefaßten kirchlichen Schriften bei den Soldaten Anklang fanden 3 . Geradezu ultimativ forderte er deshalb von Alfred Rosenberg, er solle für lesenswerte nationalsozialistische Literatur sorgen, um dem christlichen Schrifttum Paroli bieten zu können 4 . Doch blieb dieses nicht die einzige Initiative zur Verdrängung der Heimatgemeinden aus der Soldatenbetreuung, denn dieses Gebiet war viel zu wichtig, um hier einen ausschließlich ideologisch orientierten Wettbewerb zwischen nationalsozialistischer und christlicher Literatur auszutragen. Da das bisherige Vorgehen die Versendung von christlichem Schrifttum zwar behindert, aber nicht vollständig lahmgelegt hatte, wurden zu Beginn des

1 2

Vgl. oben S. 76-82. Vgl. die Rundschreiben der DEKK und der Schrifttumsstelle der D E K betr. genehmigte

S c h r i f t e n ( E Z A BERLIN, 2 / 6 6 5 ) . 3

Brief von Bormann an Rosenberg vom 18.1.1940 politik, S. 53). 4 Brief von Bormann an Rosenberg vom 1 7 . 1 . 1 9 4 0

( M . MESSERSCHMIDT, (EBD.).

Militärseelsorge-

184

Der Krieg als Herausforderung (1940-1941)

Jahres 1940 neue Maßnahmen vorbereitet. Hierbei traf es sich gut, daß die Wehrmachtsführung der Partei in weltanschaulicher Hinsicht inzwischen weitgehende Befugnisse eingeräumt hatte5. Eine der ersten sichtbaren Wirkungen dieser Konzessionsbereitschaft seitens der Wehrmachtsführung war die Aufforderung, die Generaloberst Keitel am 1. März 1940 an Kirchenminister Kerrl richtete. Der Oberbefehlshaber der Wehrmacht wies den Kirchenminister in seinem Schreiben an, gegenüber den Kirchen unmißverständlich klarzustellen, daß „für die religiöse Betreuung der Wehrmachtsangehörigen allein die hierfür eingerichtete Wehrmachtsseelsorge zuständig [sei]. Eine zusätzliche Betreuung durch Zivilgeistliche [könne] besonders aufgrund der gemachten Erfahrungen in keiner Form gebilligt werden"6. Dieser grundsätzlichen Feststellung folgte die sehr konkrete Anweisung, Kerrl möge eine Verfügung herausgeben, aus der hervorgehe, daß „die Verteilung religiöser Schriften an Wehrmachtsangehörige nur durch Wehrmachtsgeistliche erfolgen" dürfe und auch „die Versendung . . . von genehmigtem religiösem Schrifttum an Wehrmachtsangehörige durch Zivilgeistliche und konfessionelle Organisationen verboten" sei7; sogar der vervielfältigte Rundbrief fiel unter dieses Verbot. Noch bevor Kerrl der Aufforderung des Oberkommandos der Wehrmacht entsprechen konnte—dieses geschah am 12. Juli durch einen „Schnellbrief" 8 —, wurde der Brief durch den Ubereifer untergeordneter Staats- und Parteistellen, die den „Erlaß" der Wehrmachtsführung in ihrem Zuständigkeitsbereich sofort verwirklicht sehen wollten, vorzeitig bekannt 9 . 5 Vgl. EBD., S. 56: A m 17.11.1939 wurde zwischen O K W und Parteikanzlei eine Vereinbarung über den Kameradschaftsdienst zwischen Partei und Wehrmacht unterzeichnet, die Bormann die Möglichkeit gab, den Parteiapparat für die Betreuung der Wehrmachtsangehörigen einzusetzen. Weiterhin wurde in einem „Arbeitsabkommen" zwischen dem O K W und dem „Beauftragten des Führers für die Überwachung der gesamten geistigen und weltanschaulichen Schulung und Erziehung der N S D A P " dem „ A m t Rosenberg" zugestanden, auch die Begutachtung der für die Wehrmacht bestimmten Literatur zu übernehmen. Ferner sind General von Brauchitschs „Richtlinien für die weltanschauliche Erziehung" vom 7.10.1940 zu nennen, die die Wehrmacht den weltanschaulichen Distanzierungskräften als Schulungsbereich öffneten. Treffend charakterisiert M. Messerschmidt das Verhalten der Wehrmachtsführung als ein „Zurückweichen und Nachgeben, wo eigene unmittelbare Interessen nicht gefährdet schienen" (EBD., S. 55). 6 Brief (Abschrift) des O K W an Kerrl vom 1.3.1940 (EZA BERLIN, 1/C 3/329). Die Ansicht, daß der Brief Keitels einer „Konzessionsbereitschaft" der Wehrmachtsführung entsprang, wird dadurch bestärkt, daß das O K W nur wenige Monate zuvor in einem Brief an das bayerische Landeskirchenamt äußerte, daß gegen das Sammelitvon Feldpostadressen und die Versendung von christlichem Schrifttum durch die Heimatgemeinden keinerlei Einwände bestünden - eine Entscheidung, die nun aufgehoben wurde (vgl. H . BAIER, Kirche, S.238). 7 8

EBD. E Z A BERLIN, 1 / C 3 / 3 2 9 ; K J 1 9 3 3 - 4 4 , S. 4 4 1 f.

9 Das Reichspropagandaamt Osthannover gab bereits am 11.4.1940 den Erlaß des O K W den Pastoren bekannt (E. KLÜGEL, Landeskirche, S. 428). Ein ähnlicher Vorgang ereignete sich in Württemberg; Anfang April teilte der Landrat des Kreises Künzelsau dem zuständigen

Der Vertrauensrat und seine Versuche zur „seelischen Stärkung" der Front

185

Wahrscheinlich durch eine Mitteilung der Kirchenkanzlei erlangte der Vertrauensrat in seiner Sitzung am 12. April 1940 Kenntnis von dem OKWSchreiben. Marahrens hielt die Anordnungen der militärischen Führung für „den schwersten Schlag gegen eine um der seelischen Haltung der Heimat und der Front willen unentbehrliche und von der Kirche aus unaufgebbare Aufgabe" 10 . Er vertrat sogar die Auffassung, daß „nur weltanschauliche Gegensätzlichkeit oder mangelnde Einsicht in die Seele unseres Volkes und in Wesen und Aufgabe der Kirche . . . dahin führen [könne], die kämpfende Truppe von Glaube und Heimat zu trennen" 11 . Die evangelische Kirche müsse sich, so meinte der hannoversche Landesbischof, gegen diese Maßnahme entschieden wehren und mit der militärischen Führung Verhandlungen aufnehmen, um die drohende Trennung von Heimat und Front zu verhindern — „zuständig dafür kann allein der Geistliche Vertrauensrat sein, für ein Verhandeln mit den einzelnen Landeskirchen wird die militärische Führung weder Zeit noch Verständnis aufbringen" 12 . Die Vorbereitungen für die in Aussicht genommenen Verhandlungen begannen am 30. April: Oberkonsistorialrat Brunotte berichtete über die bisher geführten, aber ohne greifbare Ergebnisse gebliebenen Verhandlungen im Oberkommando der Wehrmacht13. Dennoch, so wollten es die GVR-Mitglieder, sollten weitere Versuche unternommen werden, um dem Vertrauensrat ein Gespräch mit den „maßgebenden Herren" im Oberkommando der Wehrmacht und im Oberkommando des Heeres zu ermöglichen. Man hoffte sogar, hierfür die Vermittlung von Kirchenminister Kerrl in Anspruch nehmen zu können 14 . Im Oberkommando der Wehrmacht zeigte man jedoch keinerlei Interesse an einer solchen Unterredung. Begründet wurde dieses stets damit, daß sich ein solches Gespräch angesichts der laufenden militärischen Ereignisse zur Zeit nicht einrichten ließe. Stattdessen riet man dem Vertrauensrat, sein Anliegen schriftlich vorzubringen15 . Dieses geschah wenige Tage später: Dekan das Schreiben des O K W mit und bat, „den Inhalt genau zu beachten und die Pfarrämter entsprechend anzuweisen" ( E Z A BERLIN, 1 / C 3 / 3 2 9 : Brief von W u r m an die D E K K vom 1 3 . 4 . 1 9 4 0 mit der Bitte, zusammen mit dem G V R bei den zuständigen Stellen vorstellig zu werden und die Rücknahme des Erlasses zu fordern). In Bayern wurde das Schreiben des O K W ebenfalls bereits Anfang April verschiedentlich Dekanatsämtern mitgeteilt (H. BAIER, Kirche, S.239). 1 0 Brief von Marahrens an Schultz v o m 1 8 . 4 . 1 9 4 0 mit Anlage („die Gedanken, die mich b e w e g e n . . . " ) : E Z A BERLIN, 1/A 4 / 5 6 8 sowie L K A SCHWERIN, GVR-Handakten Schultz,

III/20. »

EBD.

» Protokoll Schultz, 1/1). 14

12

EBD.

der GVR-Sitzung vom

30.4.1940

(LKA

SCHWERIN,

GVR-Handakten

EBD.

Brief von Brunotte an Schultz vom 1 0 . 5 . 1 9 4 0 ( L K A SCHWERIN, GVR-Handakten Schultz, III/20). 15

186

Der Krieg als Herausforderung (1940-1941)

Am 10. Mai 1940 ging eine von Brunotte formulierte Eingabe im Umlaufverfahren an die GVR-Mitglieder16. Bereits einen Tag später konnte das Schreiben an Keitel abgesandt werden17. Doch selbst die ausführlichen Darlegungen über die Notwendigkeit der seelsorgerischen Betreuung von Wehrmachtsangehörigen durch ihre Heimatgemeinden — und sei es nur um „die seelische Widerstandskraft und Opferbereitschaft zu stärken und vor Haltlosigkeit und innerer Vereinsamung zu bewahren" 18 — fanden im Oberkommando der Wehrmacht ebenso wenig Widerhall wie die telegraphische Bitte von Marahrens um einen Empfang des Vertrauensrates bei Keitel19. Erst am 18. Juli traf in der GVR-Geschäftsstelle eine Antwort aus dem Oberkommando der Wehrmacht ein. Ohne überhaupt näher auf das Schreiben des Vertrauensrates einzugehen, wurde auf den am 12. Juli ergangenen „Schnellbrief" Kerrls verwiesen. Hierdurch habe der Kirchenminister einem Wunsch des Oberkommandos der Wehrmacht entsprochen, nach dem das Oberkommando der Wehrmacht „ an dem Grundsatz der alleinigen Betreuung von Wehrmachtsangehörigen durch die Wehrmachtsseelsorge festhalten" müsse20. Die oberste militärische Führung hatte sich damit zu einem willigen Werkzeug der weltanschaulichen Distanzierungskräfte machen lassen. Während den christlichen Kirchen die Betreuung ihrer im Felde stehenden Glieder verboten wurde, konnten die Parteistellen mit der Billigung der Wehrmachtsführung weiterhin ungehindert ihr Schrifttum verbreiten. Diese ungleiche Behandlung veranlaßte den Vertrauensrat, sich am 30. August 1940 erneut an die Wehrmachtsführung zu wenden. Inhalt und Diktion ähneln sehr dem Schreiben vom 11. Mai 1940: In beiden Fällen versuchte der Vertrauensrat nachzuweisen, daß die getroffenen Beschränkungsmaßnahmen „nicht eine Stärkung, sondern eine Schwächung der Widerstandskraft und Freudigkeit unserer Soldaten zur Folge haben" würden. Denn angesichts der geringen Zahl von Wehrmachtspfarrern seien die christlichen Schriften ein wesentlicher Beitrag zur seelischen Stärkung der kämpfenden Truppe21. Im Propagandaministerium war man in dieser Frage allerdings völlig anderer Meinung. Anläßlich einer „Besprechung über Schrifttumsfragen", die für 16

EBD.

Briefentwurf Brunottes für das Schreiben an Keitel mit dem handschriftlich eingetragenen Datum vom 11.5.1940 (EZA BERLIN, 1/C 3/329). Wie aus dem Protokoll der GVRSitzung vom 20.-22.5.1940 (EZA BERLIN, 1/A 4/577, Bl. 100-105) hervorgeht, war es Marahrens, der den Brief an Keitel schickte. 18 Briefentwurf Brunottes (vgl. oben Anm. 17). 19 Protokoll der GVR-Sitzung vom 20.-22.5.1940 (EZA BERLIN, 1/A 4/577, BL. 100-105). 20 Brief des O K W an den Vorsitzenden des GVR vom 17.7.1940 (EZA BERLIN, 1/A 4/568). 21 EZA BERLIN, 1/C 3/329. 17

Der Vertrauensrat und seine Versuche zur „seelischen Stärkung" der Front

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den 12. September im Ministerium angesetzt worden war, erhob Ministerialdirektor Gutterer vor den versammelten Kirchenvertretern massive Anschuldigungen. Die christlichen Kirchen förderten nicht die Ziele der Staatsführung und trügen nicht zur Stärkung der seelischen Haltung des deutschen Volkes und seiner Wehrmacht bei. Genau das Gegenteil sei der Fall: Ihre Schriften seien zur Betreuung der Truppe völlig ungeeignet. Gutterer empfahl den kirchlichen Vertretern, sich ein Beispiel an den Geistlichen der Feindländer zu nehmen, denn diese stünden vorbehaltlos hinter ihren Regierungen22. Daß gerade ein Gremium wie der Geistliche Vertrauensrat, der es als eine seiner vornehmsten Aufgaben ansah, die seelische Betreuung von Volk und Wehrmacht sicherzustellen, durch solche Vorwürfe empfindlich getroffen wurde, kann nicht verwundern. Zwar wies der Vertrauensrat einige Wochen später in einer ausführlichen Denkschrift die erhobenen Vorwürfe zurück und legte Hitler umfangreiches Beispielmaterial vor, „aus welchem die wirkliche Haltung der DEK, ihrer leitenden Männer, ihrer Pfarrer und Gemeinden" hervorgehen sollte23 — doch ohne Erfolg. Wie schon so oft, bekam der Geistliche Vertrauensrat auch diesmal nur eine ausweichende Antwort aus der Reichskanzlei: „Infolge der starken Inanspruchnahme des Führers . . . [sei es] zur Zeit leider nicht möglich, dem Führer den Inhalt Ihres Schreiben vorzutragen". In der Sache selbst äußerte sich die Reichskanzlei überhaupt nicht. Stattdessen wurde der DEK-Führung geraten, sich direkt an das Propagandaministerium zu wenden, um eine Rücknahme des Erlasses vom 12. Juli 1940 zu erlangen 24 . Von dem Elan, mit dem der Vertrauensrat im Herbst 1939 die Aufrechterhaltung der Verbindungen zwischen Wehrmachtsangehörigen und Heimatgemeinden propagiert hatte, war am Ende des Jahres 1940 nicht mehr viel zu spüren. Im Gegenteil: Es machte sich Resignation breit. Denn anstatt die beabsichtigten Aufgaben in Angriff nehmen zu können, mußte sich die gesamte Leitung der DEK gegen den Vorwurf verteidigen, sie schwäche durch ungeeignetes Schrifttum die seelische Widerstandskraft der Truppe. Angesichts dieser negativen Reaktionen der Staats- und Parteiführung verzichtete 22

E i n übereinstimmendes Bild über den Ablauf der Veranstaltung und die Anschuldigungen v o n Gutterer geben das Protokoll der GVR-Sitzung v o m 27./2S.9.1940 ( E Z A BERLIN, 1 / A 4 / 5 7 5 , Bl. 3 8 - 4 2 ) ; der Brief des G V R an Hitler v o m 2 8 . 1 0 . 1 9 4 0 (LKA HANNOVER, S. 1, E l l , 128 b); das Schreiben des Vorsitzenden des Reichsbundes der deutschen evangelischen Pfarrervereine, Klingler, an Gutterer v o m 2 0 . 9 . 1 9 4 0 ( E Z A BERLIN, 1/A 4 / 5 6 8 [Abschrift]) u n d der Bericht des katholischen Bischofs W i e n k e n an Kardinal Bertram v o m 1 3 . 9 . 1 9 4 0 (auszugsweise wiedergegeben bei M. MESSERSCHMIDT, Militärseelsorgepolitik, S. 72 f.). 23 Brief des G V R an Hitler v o m 2 8 . 1 0 . 1 9 4 0 ( E Z A BERLIN, 1 / C 3 / 2 1 4 sowie L K A HANNOVER, S 1 , Ε II, 128 b); vgl. auch den Beschwerdebrief u n d das umfangreiche Belegmaterial, das Marahrens bereits am 1 9 . 9 . 1 9 4 0 in dieser Angelegenheit an Gutterer schickte ( E Z A BERLIN, 1 / C 3/214). 24 Schreiben v o n Lammers an Werner v o m 16.11.1940 (EBD.). H.BRUNOTTE, Kurs, S. 129, irrt, w e n n er schreibt, daß keine A n t w o r t erfolgt sei.

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Der Krieg als Herausforderung (1940-1941)

der Vertrauensrat darauf, durch weitere Eingaben die Staatsführung zu einer Änderung ihrer Haltung bewegen zu wollen. Nicht einmal als sich Ende 1942 die Situation der Militärseelsorge durch die Einstellung der „Kriegspfarrerlehrgänge" drastisch verschärfte25, fand sich der Vertrauensrat bereit, die Staatsführung erneut aufzufordern, den Kontakt zwischen Wehrmachtsangehörigen und ihren Heimatgemeinden wieder zuzulassen26. Wenn trotz der staatlichen Restriktionsmaßnahmen die Kontakte zwischen Soldaten und ihren Heimatkirchen — zumindest in den ersten Kriegsjahren —nicht vollständig abrissen, so lag das in erster Linie an den einzelnen Gemeindepfarrern. Zwar suchten auch die kirchenleitenden Organe der DEK und der Landeskirchen immer wieder „legale" Mittel und Wege zu finden, um die staatlichen Anordnungen zu umgehen. So riet z.B. der Vertrauensrat nach dem Bekanntwerden des Erlasses vom 12. Juli 1940 den Landeskirchen, christliches Schrifttum fortan verstärkt durch die Angehörigen oder die Wehrmachtspfarrer an die Soldaten verteilen zu lassen27. Doch waren es hauptsächlich die einzelnen Gemeindepfarrer, die immer wieder neue Initiativen zur Betreuung ihrer Gemeindeglieder entwickelten. Die häufigen Beschwerden der staatlichen und militärischen Dienststellen über entsprechende Aktivitäten und die ebenso zahlreichen Anmahnungen des Sammlungsverbots für Feldpostadressen durch offizielle Instanzen28 zeigen in aller Deutlichkeit die Bereitschaft der Pfarrer, notfalls auch staatliche Anordnungen zu ignorieren, sofern nur die seelsorgerische Betreuung der Soldaten sichergestellt werden konnte. Trotz dieses Einsatzes kam die Betreuung der Wehrmachtsangehörigen im weiteren Verlauf des Krieges fast vollständig zum Erliegen, da auch auf die2 5 M . MESSERSCHMIED Militärseelsorgepolitik, S.78: Seit Dezember 1942 fanden keine „Kriegspfarrerlehrgänge" mehr statt. 2 6 Am 25.1.1943 übersandte Marahrens eine Eingabe des Lutherrates an die Geschäftsstelle des GVR „mit der Bitte um weitere Veranlassung unter warmer Befürwortung" (EZA BERLIN, 1/A 4/572, B l . 12). In der Eingabe (EBD., B l . 13) bat der Lutherrat, der GVR möge sich angesichts der Aussetzung der „Kriegspfarrerlehrgänge" für eine Wiederzulassung des Kontaktes zwischen Wehrmachtsangehörigen und ihren Heimatgemeinden einsetzen. In der GVR-Sitzung am 3.2.1943 (Protokoll: E Z A BERLIN, 1/A 4/579, B l . 129 f.) wurde dem Lutherrat, z. Hd. Marahrens, beschieden, daß man sich z. Zt. nicht in der Lage sähe, mit einem solchen Anliegen an die politische Führung heranzutreten (EZA BERLIN, 1/A 4/572, Bl. 14f.). 2 7 Rundschreiben an die Landeskirchen vom 30.8.1940 (EZA BERLIN, 1/C 3/329); vgl. auch die entsprechende GVR-Beschlußfassung dazu (Protokoll der Sitzung vom 6.8.1940: E Z A BERLIN, 1/A 4/577, B l . 57 f.) 28 So wies ζ. B. das O K W am 30.3.1940 in einem Schreiben an Kerrl „erneut" darauf hin, daß das Sammeln von Feldpostadressen streng verboten sei (EZA BERLIN, 1/C 3/329); im Januar 1941 warnte das RSHA vor Versuchen der Kirchen, dieses Verbot zu umghen (vgl. M.HÜSGEN, Bistumsblätter, S.321). Ebenfalls im Januar 1941 erinnerte der Präsident der Reichsschrifttumskammer den evangelischen und den katholischen Presseverband daran, daß die Verteilung religiösen Schrifttums auschließlich den Wehrmachtsgeistlichen vorbehalten sei (Brief von Amann vom 15.1.1941; F. ZIPFEL, Kirchenkampf, S. 507 f.).

Der Geistliche Vertrauensrat im Spiegel seiner „Loyalitätserklärungen"

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sem Feld der Seelsorge die im Frühjahr 1941 angeordnete Stillegung des kirchlichen Presse- und Schrifttumswesens Wirkung zeigte29. So enthielten z.B. die bescheidenen Schriftenpakete, die die Schrifttumsstelle der DEK 1943 und 1944 an die Wehrmachtspfarrer sandte, fast ausschließlich nichtreligiöse Schriften30. Doch selbst wenn christliches Schrifttum vorhanden gewesen wäre, hätte es in offiziellem Rahmen kaum verteilt werden können; denn bereits im April 1942 wurden die Wehrmachtspfarrer unter Berufung auf einen Wunsch Hitlers aufgefordert, künftig keine christliche Literatur mehr zu verteilen31. Eine weitere Verschärfung erfuhr die Situation durch das Verhalten der obersten Wehrmachtsführung, die es zuließ, daß selbst die Tätigkeit der Wehrmachtspfarrer immer weiter zugunsten von „weltanschaulichen" Betreuungsmaßnahmen zurückgedrängt wurde. So konnte die Wehrmachtsseelsorge in den letzten Kriegsjahren nur noch sehr eingeschränkt aufrecht erhalten werden32.

2. Treuebezeugungen ohne Resonanz: Der Geistliche Vertrauensrat im Spiegel seiner „Loyalitätserklärungen " Daß der Vertrauensrat seine Aufgabe, „diejenigen Entschließungen zu fassen und diejenigen Maßnahmen zu treffen, . . . die sich aus der Verpflichtung der evangelischen Kirche gegen Führer, Volk und Staat ergeben"33, sehr ernst nahm, hatten schon die Erklärungen bewiesen, die dieses Gremium zu Kriegsbeginn herausgegeben hatte. Doch war das erst der Auftakt. Bereits wenige Wochen, nachdem der Vertrauensrat Ende September 1939 seinem Dank für die „Ernte" auf den Schlachtfeldern Polens Ausdruck verliehen hatte34, wußte er sich verpflichtet, „dem allmächtigen Gott . . . für [die] gnädige Bewahrung" des Führers zu danken. Anlaß hierfür war der „verbrecherische Anschlag", der am 8. November 1939 im Münchener „Bürger2» Vgl. unten S. 226-228. 30 Vgl. den Rechenschaftsbericht der Schrifttumsstelle der DEK vom 24.6.1942 (EZA BERLIN, 1/C 3/326). Selbst die Weihnachtssendung 1943 enthielt nur wenig christliches Schrifttum (Rechnung des EPD an die DEKK vom 7.12.1943). Das Schriftenpaket vom Juni 1944 enthielt u. a.: „Deutsche Gedichte", eine Hölderlin-Auswahl und das Büchlein „Fahrt nach der Ahnfrau" von Paul Fechter - insgesamt konnten für die gesamte Wehrmacht 600 ( ! ) Bücher verschickt werden (Brief von Bartsch an Brunotte vom 27.6.1944: EZA BERLIN, 2/665). 31 Schreiben des Chefs der Heeresrüstung und Befehlshaber des Ersatzheeres an den evangelischen bzw. katholischen Feldbischof vom 27.4.1941 (EBD.). 32 Vgl. M. MESSERSCHMIDT, Militärseelsorgepolitik, bes. S. 78-85. 33 GB1DEK 1939, S.97; KJ 1933-44, S.452f. 34 Vgl. dazu oben S. 73 f.

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bräukeller" auf Hitler verübt worden war 35 . Mit Befriedigung wurde im Vertrauensrat zur Kenntnis genommen, daß ein entsprechendes an den „Führer und Reichskanzler' ' gerichtetes Telegramm sogar in verschiedenen kirchlichen Zeitschriften und Amtsblättern abgedruckt wurde 36 . Der Aufforderung des Vertrauensrates — die übrigens die vorherige Zustimmung der Reichskanzlei gefunden hatte 37 —, in den Gottesdiensten des folgenden Sonntages der „gnädigen Bewahrung" Hitlers in Dank und Fürbitte zu gedenken, hätte es freilich gar nicht bedurft, denn dieses wäre wohl ohnehin geschehen. Ebenso wären die Schreiben des Vertrauensrates, durch die dieser alljährlich die Landeskirchen aufforderte, an Hitlers Geburtstag in der Zeit von 12.00 Uhr bis 12.30 Uhr die Kirchenglocken zu läuten und im darauf folgenden Sonntagsgottesdienst des Führers in „Dank und Fürbitte" zu gedenken 3 8 , kaum notwendig gewesen, denn dieses geschah bereits in den Jahren vor der Gründung des Vertrauensrates regelmäßig. Allerdings begnügte sich der Vertrauensrat nicht allein damit: Parallel zu dem Schreiben an die Landeskirchen sandte die GVR-Geschäftsstelle oder die Kirchenkanzlei im Namen der GVR-Mitglieder auch an Hitler jeweils persönlich ein Glückwunschtelegramm zum 20. April 3 9 . Einen Höhepunkt bei dem Versuch, die staatsloyale Haltung des Vertrauensrates unter Beweis zu stellen, bildeten seine Veröffentlichungen im Frühjahr und Sommer 1940. In fast jeder GVR-Sitzung wurde entweder eine Ergebenheitserklärung an die nationalsozialistische Führung verabschiedet — hierfür boten die militärischen Erfolge der deutschen Wehrmacht reichlich Gelegenheit —, oder es erging doch zumindest eine Aufforderung an die Gemeinden, der deutschen Siege zu gedenken. Selbstverständlich wurden entsprechende Anregungen immer auch den staatlichen Organen zur „gefälligen Kenntnisnahme" übersandt. 35

DAS EV. DEUTSCHLAND 1 6 , 1 9 3 9 , S. 3 5 7 ; DIENATIONALKIRCHE 8 , 1 9 3 9 , S. 3 9 9 ; K A B L H A N -

NOVER Nr. 136 vom 10. November 1939 (Nachdruck bei N. v. PRERADOVICH, „Gott segne den F ü h r e r " , S.290).

Vgl. die Angaben in Anm. 35. Vermerk der Reichskanzlei (Paraphe Lammers') vom 9.11.1939 (BA KOBLENZ, R 4 3 11/160 a,Bl. 99). 36 37

3» Vgl. z . B . G V O B 1 BADEN 1939, S . 3 9 ; 1940, S . 3 5 ; 1941, S . 3 2 ; K A B l BAYERN 1940, S . 6 7 ; 1 9 4 1 , S. 33; 1943, S. 2 3 ; K A B l HANNOVER 1940, S. 5 7 ; 1941, S. 31; G V O B 1 NASSAU-HESSEN 1939,

S. 8 3 ; G V O B l SACHSEN 1 9 4 0 , S. 4 3 ; THÜRINGER K B 1 ( B ) 1 9 4 0 , S. 4 5 . 3 9 Einzig 1940 wurde der Inhalt des Glückwunschtelegramms vor der Versendung durch die GVR-Mitglieder besprochen (Protokoll der GVR-Sitzung vom 12.4.1940: E Z A BERLIN, 1/A 4 / 5 7 7 , BL. 142-145). Allerdings wurde das Telegramm durch ein „Versehen" der Geschäftsstelle nicht abgesandt (LKA SCHWERIN, GVR-Handakten Schultz, 1/1). 1941 (Protokoll der GVR-Sitzung vom 5.5.1941: E Z A BERLIN, 1/A 4/575, B1.4f.), 1943 (Protokoll der GVR-Sitzung vom 4./5.5.1943: L K A SCHWERIN, GVR-Handakten Schultz, 1/2) und 1944 (Protokoll der GVR-Sitzung vom 13./14.6.1944: E Z A BERLIN, 2 / 1 / 4 2 , Bl. 7 2 - 7 4 ) wurde lediglich von dem jeweiligen Dankschreiben der Reichskanzlei Kenntnis genommen. Für 1942 läßt sich überhaupt kein Glückwunschtelegramm nachweisen.

Der Geistliche Vertrauensrat im Spiegel seiner „Loyalitätserklärungen"

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Im April 1940 erreichte die evangelischen Kirchengemeinden ein „Aufruf des Geistlichen Vertrauensrates der Deutschen Evangelischen Kirche betr. Glocken-Opferfeiern". Anlaß hierzu war der Befehl Görings, alle Bronzeglocken abzuliefern, „um die für eine Kriegsführung auf lange Sicht erforderliche Metallreserve zu schaffen" 40 . Die Abnahme der Kirchenglocken sollte nach dem Willen des Vertrauensrates zu einer Demonstration der „freudigen Einsatzbereitschaft für das Vaterland [werden] und [der] gläubigen Siegeszuversicht Ausdruck" geben41. Doch kam die Anregung des Vertrauensrates nicht zum Tragen, da die Abnahme der Glocken nach dem siegreichen Westfeldzug vorerst zurückgestellt wurde; die Glockenabnahmen begannen erst ab 1941 — allerdings ohne eine erneute GVR-Kundgebung! Doch auch ohne diesen Umstand wäre es wohl kaum zu den geplanten Glockenopferfeiern gekommen, weil das Propagandaministerium eine ungünstige Wirkung von derartigen Veranstaltungen im Ausland befürchtete und sie daher für unerwünscht erklärte 42 . Am 5. Juni beschloß der Geistliche Vertrauensrat „unter dem überwältigenden Eindruck des Berichts aus dem Führerhauptquartier über den ruhmvollen Abschluß des großen Kampfes in Flandern und im Artois", die Gemeinden aufzufordern, „im Gottesdienst des kommenden Sonntags in Predigt und Gebet des großen Sieges zu gedenken, und der Freude und dem Dank gegen Gott, den Herrn der Weltgeschichte, Ausdruck zu geben" 43 . Wenige Tage später, am 11. Juni, übersandte der Vertrauensrat eine Ergebenheitsadresse an Hitler. Schon in dem von Otto Weber entworfenen Anschreiben wurde kein Zweifel über den Sinn des Briefes gelassen: „Es liegt dem Geistlichen Vertrauensrat alles daran, dem Führer in diesen entscheidenden Tagen zu versichern und auch mit Taten zu bekunden, daß die Deutsche Evangelische Kirche in fester Treue zu ihm steht und mit ihm geht" 44 . Die eigentliche Ergebenheitsadresse war an Servilität kaum noch zu über40

RGBl 1940, S. 510. GB1DEK 1940, S.29; KJ 1933-44, S.457. Marahrens hatte am 16.4.1940 noch einen „korrigierten Aufruf" an die DEKK geschickt (EZA BERLIN, 1/A 4/568), der jedoch keine Berücksichtigung mehr fand. Er zeigte sich Wurm gegenüber wegen dieser Nichtberücksichtigung sehr verärgert (LKA NÜRNBERG, N L Meiser, Nr. 119: Brief von Wurm an Meiser vom 10.5.1940). 42 Schreiben des Reichskirchenministeriums an den GVR vom 9 . 5 . 1 9 4 0 (EZA BERLIN, 1/A 4 / 5 6 8 ) ; vgl. auch die Denkschrift über „Das Schicksal der deutschen Kirchenglocken", hg. vom Ausschuß für die Rückführung der Glocken. 43 Das von Brunotte verfaßte Brieftelegramm wurde vom GVR in der Sitzung am 5.6.1940 verabschiedet. Eine Abschrift erhielten auch in diesem Fall die staatlichen Stellen (EZA BERLIN, 1/A 4/575, Bl. 57-59). Der Text ist auch abgedruckt im KABl H A N N O V E R 1940, S. 67. 44 Brief des GVR an Lammers vom 11.6.1940 (BA KOBLENZ, R43 11/106 a, Bl. 91); gemäß Protokoll vom 11.6.1940 (EZA BERLIN, 1/A 4/575, BL. 5 5 f.) wurde dieses Anschreiben von Weber verfaßt. 41

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bieten. Sie brachte neben den üblichen Huldigungen an die Genialität des Führers und dem Hinweis auf die Opferbereitschaft der evangelischen Christenheit in mannigfaltigen Wendungen zum Ausdruck, daß die evangelische Kirche keinerlei Machtansprüche hege. Vielmehr sei sie „gewillt, auch ihre äußere Organisation den Erfordernissen des Großdeutschen Reiches anzupassen". Die eigene Aufgabe erblickte der Vertrauensrat bezeichnenderweise darin, „jede Störung der inneren Einheit des Volkes durch kirchliche Differenzen zu unterbinden". Nur in Andeutungen findet sich auch die Bitte, den Bestand der evangelischen Kirche zu garantieren: „Wir lehnen uns dagegen auf, daß ausgerechnet unter dem Namen des Christentums gegen das Volk Krieg geführt werden soll, aus dem Martin Luther hervorgegangen ist und in dem eine evangelische Kirche lebt, die ebensowenig ihren Glauben preisgeben will wie sie sich in ihrer Treue zum deutschen Volke erschüttern läßt" 45 . Wie Lammers dem Vertrauensrat mitteilen konnte, nahm Hitler von diesem „Treuegelöbnis mit Genugtuung Kenntnis". Angesichts des Inhalts kann das allerdings kaum verwundern. Auf das ebenfalls in dem Brief erwähnte Angebot der DEK, an der Zukunft Deutschlands mitzuwirken, ging Lammers hingegen überhaupt nicht ein46. In den folgenden Wochen boten sich zwei weitere Gelegenheiten, Hitler den Dank der Deutschen Evangelischen Kirche zu übermitteln. Anläßlich des Waffenstillstandes mit Frankreich schickte der Leiter der Kirchenkanzlei am 25. Juni im Einvernehmen mit dem Vertrauensrat ein Telegramm an die obersten Kirchenbehörden der Landeskirchen und forderte diese zu Dankgottesdiensten auf; eine besondere Abschrift wurde wiederum der Reichskanzlei übersandt 47 . Einen Monat später, am 24.Juli, richtete der Vertrauensrat nach dem Anschluß des Elsasses an das Deutsche Reich auf Vorschlag von Schultz ein Danktelegramm an Hitler. Durch die Tat des Führers sei „lange, bittere Schmach . . . ausgelöscht [worden]. Unter diesem Eindruck bittet die Deutsche Evangelische Kirche, daß auch das Unrecht, das einst dem deutschen Protestantismus widerfahren ist, wieder gut gemacht wird, und das deutsche Münster dem evangelischen Gottesdienst wieder geöffnet werden möchte" 48 . 45 Schreiben des GVR an Lammers (BA KOBLENZ, R 43 II/160 a, Bl. 93-96; eine Abschrift befindet sich im EZA BERLIN, 1/A 4/568). Der Brief trägt das Datum vom 4.6.1940, wurde aber erst am 11.6.1940 abgesandt. 46 Brief an den G V R (z. Hd. Marahrens) vom 1 7 . 6 . 1 9 4 0 (EBD.). 47 Die Einverständniserklärung des GVR ist festgehalten im Protokoll der GVR-Sitzung vom 24.-26.6.1940 (EZA BERLIN, 1/A 4/575, Bl. 51-54); vgl. auch Abschrift an Lammers „zur gefälligen Kenntnisnahme" (BA KOBLENZ, R43 11/160 a, B1.98). 48 Abschrift des Telegramms an die Landeskirchen vom 24.7.1940 (LKA STUTTGART, Bd. 115 b VII, Altreg.); vgl. auch Protokoll der GVR-Sitzung vom 23. /24.7.1940: An Göring und Heß wurden ebenso wie an die Landeskirchen Abschriften des Telegramms gesandt (EZ A BERLIN, 1/A 4/575, BL. 46-49). - Wenige Wochen später forderte Schultz allerdings in einem Telegramm an Hitler namens der Nationalkirchlichen Einung, das Straßburger Münster solle

Der Geistliche Vertrauensrat im Spiegel seiner „Loyalitätserklärungen"

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Angesichts dieser ständigen Loyalitätsbekundungen riefen die Anschuldigungen, die Ministerialdirektor Gutterer aus dem Propagandaministerium im Herbst 1940 gegen die Kirche erhob, bei den Mitgliedern des Geistlichen Vertrauensrates völliges Unverständnis hervor: Nicht nur daß Gutterer die Kirchen bezichtigte, nichts „zur Stärkung der seelischen Haltung des deutschen Volkes und seiner Wehrmacht" beizutragen, sondern er warf ihnen auch vor, nicht genug bei der Förderung der „großen Ziele der Staatsführung" mitzuhelfen. Geradezu ultimativ forderte er abschließend die Kirchen auf, „ihre Haltung zum Staat zu ändern, so lange es noch Zeit sei" 4 9 . Zwar versuchte der Geistliche Vertrauensrat in einer ausführlichen Eingabe an Hitler aufzuweisen, daß derartige Anschuldigungen völlig ungerechtfertigt seien, doch erhielt er auf sein Schreiben erst im März 1941 eine äußerst ausweichende Antwort 5 0 . Nach der Besprechung im Propagandaministerium verging fast ein dreiviertel Jahr, ehe der Vertrauensrat erneut mit einer Loyalitätserklärung an die Öffentlichen trat. Doch übertraf dieses Telegramm, das der Geistliche Vertrauensrat am 30. Juni 1941, also acht Tage nach dem Angriff auf die Sowjetunion, an Hitler sandte, in seiner schrecklichen Diktion alle bisherigen Treuebekundungen: „Sie haben, mein Führer, die bolschewistische Gefahr im eigenen Lande gebannt und rufen nun unser Volk und die Völker Europas zum entscheidenden Waffengange gegen den Todfeind aller Ordnung und aller abendländisch-christlichen Kultur auf. Das deutsche Volk und mit ihm alle seine christlichen Glieder danken Ihnen für diese Ihre Tat". Unter Erinnerung an das Schicksal der „baltischen Märtyrer vom Jahre 1918" fuhr das Telegramm fort: „Die Deutsche Evangelische Kirche . . . ist mit allen ihren Gebeten bei Ihnen und bei unseren unvergleichlichen Soldaten, die nun mit so gewaltigen Schlägen daran gehen, den Pestherd zu beseitigen, damit in ganz Europa unter Ihrer Führung eine neue Ordnung entstehe und aller inneren Zersetzung, aller Beschmutzung des Heiligsten, aller Schändung der Gewissensfreiheit ein Ende gemacht werde" 51 . Allerdings müssen auch die Umstände betrachtet werden, unter denen dieses ungeistliche Wort zustande kam. Als der Vertrauensrat am 30. Juni zu seiner Sitzung zusammentrat, berichtete Vizepräsident Hundt über zahlreiche Eingaben, die von der evangelischen Kirche eine Stellungnahme zum Rußlandfeldzug erwarteten. U.a. lag auch ein Schreiben des „Deutschen zu einem deutschen „Weihedom' ' umgestaltet werden (vgl. oben S. 157 f.). In der GVR-Sitzung am 5 . / 6 . 9 . 1 9 4 0 ( E Z A BERLIN, 1/A 4 / 5 7 5 , Bl. 4 3 - 4 5 ) behauptete Schultz, daß diese beiden Aktionen nichts miteinander zu tun hätten. 4 9 Brief des G V R an Hitler vom 2 8 . 1 0 . 1 9 4 0 ( E Z A BERLIN, 1 / C 3 / 2 1 4 sowie L K A HANNOVER, S1, Ε II, 128 b); vgl. auch das Protokoll der GVR-Sitzung vom 2 7 . / 2 8 . 9 . 1 9 4 0 ( E Z A BERLIN, 1/A 4 / 5 7 5 , Bl. 3 8 - 4 2 ) . so Vgl. oben S. 186 f. 51 GB1DEK 1941, S.31; KJ 1 3 3 - 4 4 , S.458.

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Nachrichtenbüros" vor, welches anregte, „die DEK möge, insbesondere zur Verwendung im Ausland, eine ähnliche Kundgebung zu dem Feldzug gegen Rußland erlassen, wie sie die katholischen Bischöfe bekanntgegeben haben" 52 . Sowohl der Anschein, daß ein solches Telegramm von offizieller Seite erwartet werde, als auch der Hinweis auf die bereits ergangene Treueerklärung der katholischen Bischöfe53 verfehlten ihre Wirkung nicht. Um eine ausreichende Würdigung des Telegramms durch die staatlichen Stellen sicherzustellen, wurde sogar beschlossen, es in Abschriften an das Kirchenministerium, das Propagandaministerium, das Auswärtige Amt, die Reichskanzlei, an den Vorsitzenden des Reichsverteidigungsrates sowie an das „Deutsche Nachrichtenbüro" zu schicken54. Den Landeskirchen wurde eine Verlesung im Gottesdienst des folgenden Sonntags empfohlen 55 . Mit dieser Erklärung, die den Krieg gegen die Sowjetunion zu einem Kreuzzug hochstilisierte, erreichte die Kommentierung der Kriegsereignisse durch den Vertrauensrat nochmals einen unrühmlichen Höhepunkt — aber auch einen Endpunkt. Denn dieses Telegramm war die letzte Äußerung des Vertrauensrates zu aktuellen Kriegsereignissen und damit ebenso der letzte Versuch, durch eine bewußte Demonstration nationaler Haltung Partei und Staat zu einer moderateren Haltung gegenüber der Kirche zu bewegen56. Auch sonst wandten sich die GVR-Mitglieder nur noch bei drei Anlässen — abgesehen von den bereits erwähnten („Routine"-) Glückwünschen zu Hitlers Geburtstag — mit Ergebenheitsadressen, die jeweils Standard-Treuebekundungen enthielten, an die nationalsozialistische Führung: Am 1. September 1942 sandte der Vertrauensrat anläßlich des Jahrestages des Kriegsbeginns ein Telegramm an Hitler 57 . Ebenso wurde der zehnte Jahrestag der Machtübernahme durch die Nationalsozialisten vom stellvertretenden Leiter der Kirchenkanzlei und dem Geistlichen Vertrauensrat zum Anlaß genommen, ein gemeinsam verfaßtes Telegramm an Hitler zu senden und ihm zu versichern, daß die DEK „des Führers in Treue und mit der Bereitschaft, alle Kraft für die Erringung des Sieges einzusetzen" gedenke58. 52

Protokoll der GVR-Sitzung vom 30.6./1.7.1941 (EZA BERLIN, 1/A 4/579, BL. 29-31). Vgl. G. LEWY, Kirche, S. 254: Am 26.6.1941 hatte die Fuldaer Bischofskonferenz einen gemeinsamen Hirtenbrief aus Anlaß des Rußlandfeldzugs herausgegeben. 54 Protokoll der GVR-Sitzung vom 30.6./1.7.1941 (EZA BERLIN, 1/A 4/579, BL. 29-31). 53

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EBD.

In einem Brief an den GVR vom 5.7.1941 äußerte Wurm zutreffend: „Ich verstehe wohl die guten Absichten, die Sie leiteten. Sie glaubten, in der von Ihnen gewählten Form etwas von den Anliegen der Christenheit, die uns alle bewegen, an das Ohr des Führers bringen zu können" (EZA BERLIN, 1/A 4/570, B1.226). 57 Entwurf des Telegramms (angefertigt von Brunotte) bzw. Abschrift des Telegramms als Rundschreiben an die Landeskirchen (EZA BERLIN, 1/C 3/216 sowie EZA BERLIN, 1/A 4/579, Bl. 108). 5» Telegramms des GVR an Hitler vom 27.1.1943 (BA KOBLENZ, R43 11/165a, B1.210). Das Protokoll vom 16./17.2.1943 (EZA BERLIN, 1/A 4/579, Bl. 131 f.) vermerkte den „Dank von Reichsminister Lammers" auf das Telegramm zum 30. Januar 1943.

Der Geistliche Vertrauensrat im Spiegel seiner „Loyalitätserklärungen"

195

Eine letzte Treueversicherung erreichte Hitler nach dem Attentat vom 20. Juli 1944: „In allen evangelischen Kirchen wird heute im Gebet der Dank zum Ausdruck kommen für Gottes gnädigen Schutz und seine sichtbare Bewahrung. Unsere inbrünstige Fürbitte geht dahin, daß Gott der Herr Sie, unseren Führer, weiterhin schütze und Ihnen für die großen Aufgaben der Zukunft Kraft schenke. Wir stehen in Treue zum Lebenskampf unseres deutschen Volkes".59 Augenfällig ist bei dieser Bestandsaufnahme die Diskrepanz zwischen den zahlreichen Treubekundungen, mit denen der Geistliche Vertrauensrat in dem Zeitraum zwischen Kriegsbeginn und Sommer 1940 öffentlich der nationalsozialistischen Führung huldigte, und der geringen Anzahl der Loyalitätserklärungen, die nach diesem Zeitpunkt erfolgten. Dieses ist umso bemerkenswerter, als seit 1941, besonders aber in den Jahren 1943 und 1944, der Vertrauensrat in zahlreichen Eingaben aufgefordert wurde, eben solche Verlautbarungen im Namen der DEK herauszugeben. Diese Forderungen stammten zumeist aus dem deutsch-christlichen Kräftefeld, mithin also aus den Kreisen, die auch die bisherigen GVR-Kundgebungen fast überwiegend begrüßten60. So verlangte im Oktober 1941 Präsident Kipper (NassauHessen), daß der „Geistliche Vertrauensrat in scharfer Abwehr der Ausführungen anglikanischer Bischöfe zu Gunsten des Bolschewismus, das rechte aufrüttelnde Wort spricht, das wir und wohl auch Staatsstellen so sehr vermißt haben" 61 . In anderen Fällen wurde vom Vertrauensrat eine Erklärung 59 Abschrift des Telegramms (LKA HANNOVER, L 2 , Nr. 7, Bd. 1). Den Landeskirchen wurde das Telegramm durch ein Rundschreiben vom 16.8.1944 bekannt gemacht (LKA STUTTGART, Bd. 115 b VIII, Altreg.). Unsicher ist, ob das Telegramm überhaupt auf Veranlassung des Vertrauensrates verfaßt worden ist. So findet sich unter der „Hannover-Anschrift" ein von Schwarzhaupt gefertigter Vermerk: „Wegen der Eilbedürftigkeit konnte die Zustimmung der Herren Mitglieder des G V R zum Text des Telegramms leider nicht mehr vorher eingeholt werden." Dieses stimmt mit dem Protokoll der GVR-Sitzung vom 10.8.1944 (EZA BERLIN, 2/54, Bl. 81 f.) überein; der Vertrauensrat erhielt demnach von dem Telegramm erst nachträglich Kenntnis, übernahm aber die Verantwortung dafür. Frau Schwarzhaupt meint sich erinnern zu können, daß das Telegramm auf Hundts oder Hymmens Veranlassung gefertigt wurde (Gespräch mit dem Vf. am 12.6.1986). Während sich Hymmen tatsächlich in der fraglichen Zeit in Stolberg aufhielt und somit zumindestln Frage kommt, war Hundt mit aller Wahrscheinlichkeit am 22. Juli in Berlin. Nach Brunottes Erinnerung (LKA HANNOVER, S1, E l l , 915; Brief an Klügel vom 17.7.1957) war es Marahrens, der telegrafisch Schwarzhaupt anwies, ein Telegramm für den G V R zu entwerfen. 60 Eine Ausnahme bildete das GVR-Rundschreiben, durch das zu „Glockenopferfeiern" aufgefordert wurde. So verbot der thüringische Landesbischof Sasse die Abhaltung solcher Feiern mit der Begründung, er halte „Schweigen für der großen geschichtlichen Stunde angemessener" (EZA BERLIN, 1/A 4/568: Abschrift eines Rundschreibens von Sasse vom 16.5.1940). Der Bremer Landesbischof Weidemann hielt solche Feiern ebenfalls für inopportun (LKA SCHWERIN, GVR-Handakten Schultz, IV/45: Schreiben von Weidemann an die DEKK vom 14.4.1940). 6 1 Brief von Kipper an die Kirchenkanzlei vom 3.10.1941 (EZA BERLIN 1/A 4/567, Bl. 276). Ähnliche Anregungen erhielt der GVR auch 1943 (vgl. LKA SCHWERIN, GVRHandakten Schultz, 1/2: Protokoll der GVR-Sitzung vom 22.6.1943).

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Der Krieg als Herausforderung (1940-1941)

gegen den „Bombenterror" der Alliierten 62 , ein „seelsorgerisches, richtungsweisendes Wort zum Kriege" 63 , die Ansetzung eines Reichs-Kriegsgottesdienstes oder eine allgemeine Kundgebung der DEK zur Kriegssituation verlangt64. Gelegentlich wurden sogar ausführliche Vorschläge für derartige Erklärungen an den Vertrauensrat übersandt 65 . Doch nur in einem einzigen Fall folgte dieser einer Anregung zu einem Wort an die Gemeinden: Zum Jahreswechsel 1942/43 wurde ein von Weber und Hymmen erstelltes Grußwort an die Gemeinden im Gesetzblatt der DEK veröffentlicht 66 . Zwar ließ auch dieses Wort wieder die enge Verbundenheit der evangelischen Kirche mit dem „Lebenskampf des deutschen Volkes" erkennen, doch beinhaltete es auch — angesichts der bisherigen Erklärungen — nachdenklich stimmende Bemerkungen über die eigentliche Aufgabe der Kirche: „Die Aufgabe der Kirche ist die Verkündigung des Evangeliums, die Verwaltung der Sakramente und die Seelsorge. Je treuer sie dieser Aufgabe nachkommt, desto besser dient sie dem deutschen Volke. Sie darf und will nichts für sich selbst erlangen; was sie begehrt, ist stets nur die Möglichkeit ihres Dienstes". Anders als die DC-Landeskirchen wandten sich die Landeskirchen Bayern und Württemberg gegen die Loyalitätserklärungen des Vertrauensrates, ja sie stritten ihm sogar jegliche Berechtigung ab, solche Erklärungen im Namen der gesamten DEK abzugeben. So stieß das Rundschreiben „betr. GlockenOpferfeiern" oder das Telegramm, das der Vertrauensrat anläßlich des Rußlandfeldzugs an Hitler gesandt hatte, auf heftigen Widerstand 67 . Wurm fand gerade zu letzterem Telegramm deutliche Worte: „Wenn Sie aber, wie ich in den letzten Wochen, mehrmals unmittelbar vor den Pforten der Ewigkeit gestanden wären, dann wäre es Ihnen unmöglich gewesen, im Namen der Kirche ein Wort zu sprechen, das statt eines klaren Zeugnisses eine Verhüllung der Tatsachen enthält" 68 . Nicht die Tatsache an sich, daß der Ver62

D i e mecklenburgische Landeskirche richtete im Oktober 1943 ein entsprechendes Ersuchen an den G V R (LKA HANNOVER, L 2 Nr. 7, Bd. 1: Protokoll der GVR-Sitzung v o m 19.10.1943). « Brief von Prof. Wentz an Schultz v o m 10.5.1943 (EZA BERLIN, 1/A 4/572, Bl. 110). 64 Brief von Landesbischof Volkers (Oldenburg) an den GVR vom 22.2.1943. In einem Randvermerk notierte Schwarzhaupt am 9.5.1943: „Der GVR hat nach nochmaliger Beratung davon abgesehen, diesen und einigen ähnlichen Anregungen stattzugeben" (EBD., Bl.73). 65 Vgl. den Mitte 1943 geführten Briefwechsel zwischen Präsident Rönck und Marahrens über eine derartige Kundgebung (LKA HANNOVER, L 2, Nr. 2 b, Bd. 2). GB1DEK1942, S. 83; KJ 1933-44, S. 459 f. D i e Urheberschaft von H y m m e n und Weber ergibt sich aus den Protokollen der GVR-Sitzungen v o m 10./11.11.1942 (EZA BERLIN, 1/A 4 / 5 7 9 , BL. 118 f.), v o m 24.11. 1942(EBD.,B1. 1 2 0 f . ) u n d v o m 7 . / 8 . 12.1942(EBD.,B1. 122 f.). D e r Reichskanzlei wurde durch Muhs ein Exemplar des Grußwortes übersandt (BA KOBLENZ, R 4 3 11/165 a, Bl.208). 67 Brief von Wurm an Meiser v o m 10.5.1940 ( L K A NÜRNBERG, N L Meiser, Nr. 119). ω Brief von Wurm an den GVR vom 5.7.1941 (EZA BERLIN, 1/A 4/570, Bl. 226). H. BAIER, Kirche, S.284, berichet, daß Meiser sich dem Brief Wurms „vollinhaltlich" anschloß. Ähnlich wie Wurm äußerte sich auch Tügel (EZA BERLIN, 1/A 4/570, Bl. 219: Brief an den GVR vom 5.7.1940).

Der Geistliche Vertrauensrat im Spiegel seiner „Loyalitätserklärungen"

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trauensrat eine Kundgebung anläßlich der „Abrechnung Europas mit dem Bolschewismus" — so Wurm zum Rußlandfeldzug — herausgegeben hatte, erregte den Zorn des württembergischen Landesbischofs, sondern die politische, aus dem Rahmen eines kirchlichen Wortes fallende Sprache des Telegramms69. Doch noch mehr verärgerte ihn das Schweigen des Vertrauensrates zu dem Kampf gegen das Christentum in Deutschland: „Unsere Gemeinden . . . könnten es nicht verstehen, wenn mit meiner Zustimmung eine Erklärung verlesen würde, die den Eindruck macht, als ob in Deutschland alles in Ordnung wäre" 70 . Erneut wurde damit das Dilemma sichtbar, das die Existenz des Vertrauensrates seit der Gründung prägte. Es erwies sich wieder einmal als unmöglich, einen Weg zu gehen, der sowohl bei den DC-Landeskirchen als auch bei den bekenntnisorientierten Landeskirchen mit Akzeptanz rechnen konnte. Dieser Zwiespalt äußerte sich auch innerhalb des Vertrauensrates: Während Schultz durchaus geneigt schien, den Anregungen aus den deutschchristlichen Kreisen nachzukommen, zeigte Marahrens nach den Reaktionen seiner lutherischen Bischofskollegen auf das Telegramm des Vertrauensrates zum Beginn des Rußlandfeldzuges nur noch wenig Bereitschaft, mit erneuten Loyalitätserklärungen für die gesamte DEK zu den Kriegsereignissen Stellung zu nehmen, zumal er auch schon bisher mancher Erklärung nur unter Zurückstellung eigener Bedenken seine Unterschrift geben konnte71. Was nämlich als eine Demonstration der Einigkeit und Loyalität der gesamten DEK gegenüber dem Staat gedacht war, wurde durch die Kritik der süddeutschen Landeskirchen zu einer Farce. Sichtbar wurde allein der wahre Zustand der DEK, die ein Bild der Zerstrittenheit bot. Nicht zu unrecht befürchtete Marahrens, daß die Folge weiterer Erklärungen nur „unerquickliche Auseinandersetzungen" innerhalb der DEK sein würden72.

Vgl. oben A n m . 68. EBD. Anläßlich des Telegramms, das der Vertrauensrat z u m zehnten Jahrestag der nationalsozialistischen Machtübernahme versandt hatte, äußerte sich Wurm am 19.2.1943 ähnlich: „Alle Kundgebungen der evangelischen Kirche, die den Führer der Treue und Bereitschaft zu Kampf und Opfer versichern, sind solange nicht glaubwürdig, als sie nicht entweder das, was jeden bewußt evangelischen Christen bedrückt, erwähnen oder für die Beseitigung dieses Druckes danken können" ( L K A STUTTGART, Bd. 115 b VIII, Altreg.). 71 Brief von Wurm an Meiser v o m 10.5.1940: „Sodann kam die Sprache auf den eigenartigen Schrieb der Kirchenkanzlei bzw. des Vertrauensrates zur Glockenablieferung. Er [sc.: Marahrens] lehnte die Verantwortung für gewisse Wendungen dieser Kundgebung, die bei uns großes Aufsehen erregt hat, unzweideutig ab. Er habe dagegen Einwendungen erhoben und er sei unangenehm überrascht, daß sie nun doch in dem Schreiben stehen" ( L K A NÜRNBERG, N L Meiser, Nr. 119). A m 19.6.1940 beteuerte Marahrens vor dem bayerischen Landeskirchenrat, „die Aufrufe des Vertrauensrates [seien] nicht sämtlich vom ganzen Vertrauensrat herausgegeben. Gewisse Bedenken gegen gewisse Formulierungen bestehen. Die Gesamtverantwortung trägt aber der Vertrauensrat" ( L K A NÜRNBERG, N L Meiser, Nr. 106). 72 Brief an Schultz v o m 3.6.1944 ( L K A HANNOVER, L 2, Nr. 7, Bd. 6). 69

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Der Krieg als Herausforderung (1940-1941)

Doch noch andere triftige Gründe sprachen dafür, die Tätigkeit des Vertrauensrates auf diesem Gebiet wesentlich einzuschränken. Die GVRErklärungen hatten nämlich auch bei den staatlichen Stellen nicht die beabsichtigte Wirkung gezeitigt; die Ausführungen von Ministerialdirektor Gutterer am 12. September 1940 waren hierfür ein deutliches Indiz. Aber auch die kirchenfeindlichen Aktionen, auf deren Zurückstellung während des Krieges man immer gehofft hatte, nahmen nicht ab, sondern erreichten in den Jahren 1940 und 1941 einen Höhepunkt 7 3 . Für Marahrens läßt sich noch ein dritter Faktor nachweisen: Immer deutlicher artikulierte er theologische Bedenken gegen zahlreiche Kundgebungsvorschläge, die dem Geistlichen Vertrauensrat seit Sommer 1941 aus deutschchristlichen Kreisen zugingen. Exemplarisch kann das an einem Fall gezeigt werden, der sich im Sommer 1944 ereignete: Am 18. Mai 1944 übergab Schultz der GVR-Geschäftsstelle einen Entwurf für eine Kundgebung und einen Gebetsvorschlag 74 . Beide Schriftstücke waren ihm von dem Jenaer Theologieprofessor Wolf Meyer-Erlach, wie Schultz ein führender Vertreter der Thüringer D C , übersandt worden. Schultz bat um eine „baldige Besprechung" des Vorschlages, anscheinend hielt er ihn für geeignet, im Namen des Vertrauensrates veröffentlicht zu werden. Noch bevor es jedoch zu einer solchen Besprechung kam, wandte sich Marahrens „vertraulich" an Schultz, um seine Bedenken gegen die beiden Schriftstücke vorzubringen. Es sei zwar „der tiefe Ernst in der Beurteilung der Lage, aus dem die Ausführungen des Professors Meyer-Erlach hervorgehen", unverkennbar, doch hielt es Marahrens für unmöglich, diese Vorschläge mit seinem Namen zu decken. In seiner sehr differenzierten Begründung für diese Ablehnung führte Marahrens u.a. aus: „Prof. Meyer-Erlach sieht m.E. die Dinge noch zu sehr unter dem Gesichtspunkt, daß heute die letzten Reserven eingesetzt werden und deshalb die ,ungeheuren Kräfte des Glaubens und des Gebets' aufgerufen werden müssen, . . . damit wir den Stürmen der Zeit standhalten können. Hier wird m.E. das Gebet noch zu sehr aus der politischen Schau heraus gesehen und als ein unentbehrliches Hilfsmittel gewertet, um dem Feind den Sieg zu entwinden . . . Mir scheint, daß man damit versucht — verzeihen Sie bitte, wenn ich nun übertreibe — Gott für seine eigene Sache einzuspannen und ihn zu zwingen, bei der Erreichung eines Zieles mitzuwirken, das wir ohne seine Hilfe nicht erlangen zu können hoffen. Ich sehe in dieser Haltung etwas Unfrommes. Es geht nicht an, daß wir Gott unseren Zielen unterordnen, sondern wir müssen uns ganz und gar Seinem Rat und Willen einordnen" 7 5 . Vgl. oben S. 2 0 4 - 2 5 3 . L K A SCHWERIN, GVR-Handakten Schultz, U / 4 sowie L K A HANNOVER, L 2 , Nr. 7, Bd. 6. Der Brief von Meyer-Erlach vom 1 0 . 5 . 1 9 4 4 mit anliegendem Gebetstext befindet sich in: L K A SCHWERIN, Handakten Schultz, Korrespondenz, Nr. 193, Bd. 2. 7 5 Brief vom 3 . 6 . 1 9 4 4 ( L K A HANNOVER, L 2 , Nr. 7, Bd.6). 73

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Der Geistliche Vertrauensrat im Spiegel seiner „Loyalitätserklärungen"

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O b diese Argumentation den mecklenburgischen Landesbischof letztlich überzeugte, läßt sich nicht mehr eindeutig feststellen; sicher ist hingegen, daß in der Sitzung des Vertrauensrates am 29. und 30. Juni 1944, an der Schultz allerdings nicht teilnehmen konnte, beschlossen wurde, „von einer Weitergabe des Gebetsvorschlages von Meyer-Erlach" abzusehen 76 . Ahnliche Beschlüsse wurden auch bei weiteren Gelegenheiten gefaßt, in denen der Vertrauensrat aufgefordert wurde, Aufrufe oder Loyalitätsbekundungen im Namen der D E K zu veröffentlichen 77 . Die Folge war — wie kaum anders zu erwarten — Kritik aus dem deutsch-christlichen Lager 78 . Es kann zwar angesichts aller vorliegenden Aufrufe und Ergebenheitsadressen, die der Vertrauensrat zwischen dem 2. September 1939 und dem 24. Juli 1944 veröffentlichte, kein Zweifel darüber bestehen, daß dieses Gremium zurecht als ein „staatsloyales" Organ bezeichnet werden muß. Gleichwohl muß aber auch gesehen werden, daß es der Vertrauensrat — wohl unter dem Einfluß von Marahrens — immer weniger als seine Aufgabe ansah, zu den Kriegsereignissen Stellung zu beziehen. Hieraus darf jedoch kein grundsätzlicher Wandel in dem Verhältnis zum Staat abgeleitet werden: Auch die wenigen Treuekundgebungen, die noch nach dem Sommer 1940 herausgegeben wurden, legen ein deutliches Zeugnis der staatsloyalen Haltung des Vertrauensrates ab. Ihre Begründung findet die Zurückhaltung des Vertrauensrates vielmehr in drei anderen Faktoren: Innerkirchliche, religionspolitische und — im wesentlichen bezogen auf Marahrens — theologische Gründe sind ursächlich gewesen für die starke Abnahme der Loyalitätskundgebungen seit diesem Zeitpunkt. Denn die in solche Erklärungen gesetzten Hoffnungen

7 6 Protokoll der GVR-Sitzung ( E Z A BERLIN, 2 / 5 3 , BL.75F.); vgl. auch das Schreiben der D E K K an Schultz vom 7 . 7 . 1 9 4 4 ( L K A SCHWERIN, Handakten Schultz, Korrespondenz, N r . 193, Bd. 1.). 7 7 Die Eingabe von Kipper wurde mit Schreiben vom 1 4 . 1 1 . 1 9 4 1 abgelehnt ( E Z A BERLIN, 1 / A 4 / 5 6 7 , Β1.279). Den Landeskirchen übersandte der G V R dieses Schreiben zur „vertraulichen Kenntnisnahme": „Wir bitten verstehen zu wollen, daß in derartigen Angelegenheiten nach allen Seiten hin überlegt werden muß." Im März 1943 wurde angesichts der zahlreichen diesbezüglichen Eingaben vom G V R sogar erwogen, in einem grundsätzlichen Rundschreiben den Landeskirchen mitzuteilen, daß der G V R von der Herausgabe derartiger Schreiben generell absehen wolle, die Herausgabe solcher Schreiben den Landeskirchen aber unbenommen bleibe ( L K A SCHWERIN, GVR-Handakten Schultz, II/5). D o c h offensichtlich unterblieb dieses Schreiben. Stattdessen wurden die Ablehnungen weiterhin von Fall zu Fall gegeben. Bezüglich der Aufforderung der mecklenburgischen Kirchenregierung, der G V R solle zum alliierten „ B o m b e n t e r r o r " Stellung nehmen, wurde in der GVR-Sitzung am 2 . 1 1 . 1 9 4 3 ( L K A HANNOVER, L 2, N r . 7, Bd. 1) beschlossen, „von der vorgeschlagenen Kundgebung abzusehen, u m nicht in politische Entschließungen der Staatsleitung einzugreifen." Die Protokolle vom 1 1 . 1 . 1 9 4 4 ( E Z A BERLIN, 2 / 5 4 , B l . 5 3 f . ) , vom 2 9 . / 3 0 . 6 . 1 9 4 4 (EBD., B l . 7 5 f . ) und vom 1 0 . 8 . 1 9 4 4 (Ebd., Bl. 81 f.) belegen weitere Ablehnungsbescheide. 78

Vgl. z.B. die Briefe von Wentz an Schultz vom 3 1 . 1 0 . 1 9 4 4 (StA OLDENBURG, Best.250,

A 56, N r . 168 ^

o d e r v o n K i p p e r an die K i r c h e n k a n z l e i v o m 3 . 1 0 . 1 9 4 1

1 / A 4 / 5 6 7 , Bl. 2 7 6 ) .

(EZA

BERLIN,

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Der Krieg als Herausforderung (1940-1941)

hatten sich in keiner Beziehung erfüllt. Weder war es zu einer Einigung der DEK gekommen, noch hatte der Staat seine religionspolitischen Repressionsmaßnahmen zurückgenommen.

3. Das Kontinuum: Predigthilfen im Krieg „Predigt im Kriege" 79 — kaum ein anderes Thema wurde im Herbst 1939 so intensiv in der deutschen Pfarrerschaft erörtert wie dieses. Denn die allsonntägliche Predigt war die Gegebenheit, die dem einzelnen Pfarrer mit unerbittlicher Strenge eine Stellungnahme zum Krieg abnötigte — und sei es nur in der Weise, daß er zum Krieg schwieg. Ihren Niederschlag fanden diese Erörterungen in erster Linie in den Leserbriefdiskussionen, die in vielen praktisch-theologischen Fachzeitschriften geführt wurden 80 . Aber auch in zahlreichen Vorträgen und Aufsätzen wurde immer wieder aufs neue eine Verhältnisbestimmung zwischen der allsonntäglichen Verkündigungsaufgabe und dem Kriegserleben versucht 81 . Die bayerische Kirchenleitung und der hannoversche Landesbischof, aber auch die altpreußische Bekennende Kirche mühten sich, den Pfarrern „Richtlinien" oder „Grundlinien" an die Hand zu geben82. Sogar kleine Predigtbände mit dem Anspruch, beispielhafte Predigten aus den ersten Kriegswochen zu bieten, erschienen noch im Herbst 1939 83 . 79 Während für den 1. Weltkrieg ausführliche Untersuchungen über die „Predigt im Kriege" existieren (W.PRESSEL, Kriegspredigt [für den evangelischen Bereich]; H . MISSALLA, Kriegspredigt [für den katholischen Bereich]), gibt es für den Zeitraum des 2. Weltkrieges kaum Untersuchungen. Lediglich W. NIEMÖLLER, Verkündigung, hat es unternommen, hierzu eine, wenn auch recht kurze und undifferenzierte, Darstellung zu verfassen. Eine umfangreiche Sammlung von Quellentexten zum Thema „Prediger und Predigt" - allerdings nur aus der Anfangszeit des Krieges - findet sich bei G. BRAKELMANN, Kirche, S. 244-326. 80 Eine besonders ausführliche Diskussion fand in den „Pastoralblättern" statt: Angeregt durch den Artikel von E. STANGE, Predigt (PB1 82,1939/40, S . 437-441), kam es in den folgenden Nummern zu zahlreichen Leserzuschriften (EBD., S . 523-528; 558-560; PB1 83,1940/41, S . 43). 8 1 G . PROBST; Was sollen wir im Krieg predigen?, AELKZ 7 2 , 1 9 3 9 , Sp. 3 4 1 - 3 4 4 ; G . J A C O B , Verkündigung (im Oktober 1939 als Vortrag vor der Pfarrerschaft der Niederlausitz gehalten); M . D O E R N E , Verkündigung (abgedruckt bei G . BRAKELMANN, Kirche, S. 2 7 3 - 2 7 6 ) . 82 Die bayerische Landeskirche gab „Richtlinien für die evangelische Verkündigung im Krieg" heraus (AELKZ 72, 1939, S. 428-430; abgedruckt bei G. BRAKELMANN, Kirche, S. 276-282); ein anonymes Flugblatt der altpreußischen B K (G. BRAKELMANN, Kirche, S. 247, vermutet Karl-Gerhard Steck als Verfasser) trug den Titel „Grundlinien unserer gegenwärtigen Verkündigung" (KJ 1933-44, S. 344-347; G. BRAKELMANN, Kirche, S. 287-289); Marahrens (Wochenbrief vom 26.9.1939) wies die hannoverschen Pastoren ausführlich auf Gefahren hin, die der Predigt durch den Krieg drohen. 83 Vgl. dazu R. HUPFELD, Predigt.

Das Kontinuum: Predigthilfen im Krieg

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Bei allen Differenzen, die ein Blick auf die vielfältigen Stimmen zu dem Thema „Predigt im Kriege" deutlich vor Augen führt, ist doch fast überall das gemeinsame Bestreben spürbar, die Fehler aus der Zeit des 1. Weltkrieges nicht ein zweites Mal zu begehen. Nicht noch einmal sollte die Predigt dazu dienen, das patriotisch erregte fromme Selbstbewußtsein zu thematisieren84. Trotz der in theologischer Hinsicht disperaten Zusammensetzung des Vertrauensrates konnte diese allgemeine Uberzeugung auch hier Gültigkeit beanspruchen. Als am 7. September 1939 erstmals das Thema „Predigt im Kriege" auf der Tagesordnung stand, stellte sich denn auch nur die Frage, ob es sinnvoller sei, diese Haltung in einem Wort an die Pfarrer zum Ausdruck zu bringen, oder ob eine kontinuierliche Betreuung mit Predigtanregungen die bessere Alternative sei85. Die Entscheidung fiel zugunsten der letzteren Möglichkeit. Keine drei Wochen später, am 26. September, konnte Marahrens den hannoverschen Pastoren bereits mitteilen, daß die Überlegungen hierzu „vor einem gewissen Abschluß" stünden 86 . Uber Art und Umfang der Beratungen, die dieser Entscheidung vorausgingen, läßt sich aufgrund der spärlichen Quellenlage kaum etwas Genaues sagen. Sicher scheint jedoch, daß schon bald nach dem 7. September Verhandlungen mit potentiellen Verfassern für die geplanten Predigtmeditationen begannen. Dabei kristallisierten sich vier Namen heraus: D. Martin Doerne, Professor für praktische Theologie in Leipzig, D. Leonhard Fendt, Professor für praktische Theologie in Berlin, Dr. Wilhelm Knevels, Professor für praktische Theologie in Breslau, sowie D. Paul Le Seur, ein Pfarrer, der als „freier Evangelist" tätig war 87 . Fast ebenso wichtig wie die Auswahl der Autoren war die Suche nach einem geeigneten Forum für die Veröffentlichung der Meditationen. Hierbei kam es in erster Linie darauf an, den Predigthilfen eine möglichst große Publizität zu verschaffen. Anfängliche Überlegungen, ein eigenes Organ zur Veröffentlichung der Predigthilfen zu schaffen, wurden verworfen — wahrscheinlich weil es auf diese Weise kaum möglich gewesen wäre, die Meditationen einem großen Leserkreis zugänglich zu machen. Stattdessen kam man überein, auf die bestehenden theologischen Fachzeitschriften zurückzugreifen: Nach „eingehenden Erörterungen" 88 fiel die Entscheidung zugunsten der „Pastoralblätter" und der Zeitschrift „Christentum und Leben". Wäh84

W . PRESSEL, K r i e g s p r e d i g t , bes. S. 3 3 7 - 3 6 0 .

Protokollnotizen, gefertigt von Schultz in der Sitzung am 7.9.1939 (LKA SCHWERIN, GVR-Handakten Schultz, II/3). 8 6 Wochenbrief Marahrens' vom 26.9.1939. Noch in seinem Wochenbrief vom 17.9.1939 schrieb Marahrens: „Ob es gelingt, seitens des Vertrauensrates Predigtmeditationen herauszubringen und den Landeskirchen anzubieten, läßt sich noch nicht mit Bestimmtheit sagen". 87 „Bekanntmachung betreffend Predigtmeditationen" (GB1DEK 1939, S. 126). 85

88

EBD.

202

Der Krieg als Herausforderung (1940-1941)

rend die Wahl der „Pastoralblätter" wahrscheinlich durch die Bekanntschaft zwischen Marahrens und dem Herausgeber, Dr. Erich Stange, zustande kam, bot sich „Christentum und Leben" schon deshalb an, weil sie von Wilhelm Knevels, einem der Autoren der Meditationen, herausgegeben wurde. Zudem stand Schultz mit Knevels in Kontakt 89 . Ein weiterer ausschlaggebender Grund für die Auswahl dieser beiden Zeitschriften dürfte ihre relativ hohe Auflagenzahl gewesen sein. Denn beide zusammen konnten auf über 10.000 Leser verweisen — mithin konnte davon ausgegangen werden, daß die Predigtmeditationen weit über die Hälfte der evangelischen Pfarrer erreichen würde 90 . A m 20. November konnte der Vertrauensrat offiziell bekanntgeben, daß es ihm nun gelungen sei, dem verschiedentlich geäußerten Wunsch zu entsprechen und „den Geistlichen für ihren heute doppelt verantwortungsvollen Predigtdienst geeignete Predigtmeditationen" darzubieten. Den Geistlichen wurde empfohlen, mindestens eine der beiden Zeitschriften für die Predigtvorbereitung zu benutzen 91 . Bereits wenige Wochen später — mit Beginn des Kirchenjahres 1939/40 — erschienen in den Zeitschriften „Pastoralblätter" und „Christentum und Leben" die ersten Predigtmeditationen; abgehandelt wurden im folgenden Kirchenjahr „Die altkirchlichen Evangelien in der gegenwärtigen Stunde" 9 2 . Ursprünglich war wohl vorgesehen, die Predigtmeditationen nur ein Jahr erscheinen zu lassen 93 , doch die positiven Reaktionen ermunterten den Geistlichen Vertrauensrat, der sich übrigens mit der inhaltlichen Gestaltung der Meditationen nicht beschäftigte, auch für das Kirchenjahr 1940/41 Meditationen herauszugeben; sie hatten die altkirchlichen Episteln zum Gegenstand 94 . Auch in den Jahren 1941 und 1942 fand sich jeweils im Herbst eine „Mitteilung betreffend Predigtmeditationen" im Gesetzblatt der D E K : Für das Kirchenjahr 1941/42 wurden Meditationen zum Thema „Die Eisenacher Evangelienreihe in der gegenwärtigen Stunde" angekündigt" 95 . „Die Eisenacher Epistelreihe" wurde für das Kirchenjahr 1942/43 ausgeschrieben 96 .

89 Knevels hatte 1938 für den Oberkirchenrat in Schwerin ein Gutachten über eine neue Gottesdienstordnung verfaßt (vgl. N.BESTE, Kirchenkampf, S.202-205; K.MEIER, Kirchenkampf, Bd. 3, S. 381). 90

SPERLINGS ZEITSCHRIFTEN- u n d ZEITUNGSADRESSBUCH, A u s g a b e 1 9 3 9 , g i b t f ü r d i e „ P a s t o -

ralblätter" eine Auflagenhöhe von 6100 Exemplaren an (S. 326), für „Christentum und Leben" 4200 Exemplare (S. 314). 91 Vgl. oben Anm. 87. 92

EBD.

« Protokoll der GVR-Sitzung vom 23 ./24.7.1940 (ΕΖΑ BERLIN, 1/A 4/575, BL. 46-49). 94 GB1DEK 1940, S. 65 (21.11.1940). 95 EBD., 1941, S. 53 (12.11.1941). 9« EBD. 1942, S.81 (13.11.1942).

Das Kontinuum: Predigthilfen im Krieg

203

Im Sommer 1943 teilte die Reichspressekammer den Verlagen der „Pastoralblätter" und von „Christentum und Leben" mit, daß zwecks weiterer Einsparung von Papier eine Zusammenlegung beider Zeitschriften mit dem „Deutschen Pfarrerblatt" geplant sei 97 . Wie groß die „Einsparmöglichkeiten" tatsächlich waren, mag man daraus ersehen, daß das Papierkontingent der „Pastoralblätter" zuletzt nur noch 95,2 kg pro Monat betrug, dasjenige von „Christentum und Leben" gar nur noch 78,2 kg 98 . Obwohl sowohl Knevels als auch die Verlagsleitung der „Pastoralblätter" den Vertrauensrat baten, für eine Erhaltung beider Zeitschriften einzutreten 99 , unterließ es dieser, entsprechende Schritte bei den staatlichen Behörden zu unternehmen; offensichtlich befürchtete man als Reaktion auf ein solches Vorgehen ' eine vollständige Stillegung beider Zeitschriften. So kam es, daß ab Herbst 1943 „Christentum und Leben", „Pastoralblätter" und das „Deutsche Pfarrerblatt" zu einer Zeitschrift mit dem Titel „Pfarramt und Theologie" zusammengefaßt wurden 100 . Trotz dieser Maßnahme, die eine weitere erhebliche Einschränkung des Umfangs und der Auflagenhöhe bedeutete, sollten, wie die Schriftleitung von „Christentum und Leben" ihren Lesern in der letzten eigenständigen Ausgabe mitteilte, „im Mittelpunkt [sc.: der neuen Zeitschrift] . . . nach wie vor die Wegweisungen für Predigten stehen" 101. Tatsächlich gelang es im Kirchenjahr 1943/44 nochmals, eine vollständige Reihe mit Predigtmeditationen über die altkirchlichen Evangelien erscheinen zu lassen 102 . Zum 31. Dezember 1944 mußte allerdings auch diese Zeitschrift ihr Erscheinen einstellen 103 . Auf eine Eingabe, die am 2. März 1945 unter dem Briefkopf des Vertrauensrates zugunsten dieser letzten praktisch-theologischen Fachzeitschrift an das Propagandaministerium geschickt wurde, reagierte dieses ungewöhnlich prompt: Bereits nach einer Woche traf eine Antwort in der Kirchenkanzlei ein. Allerdings ließ dieser Brief keinen Zweifel darüber, daß selbst an eine Wiederaufnahme dieser in überaus bescheidener Form aufgemachten Zeitschrift und damit auch an eine weitere Herausgabe der Predigtmeditationen überhaupt nicht zu denken sei 104 . 9 7 Schreiben der Verlagsleitung des Verlages L. Ungelenk-Leipzig an den G V R vom 6 . 7 . 1 9 4 3 ( E Z A BERLIN, 1 / C 3/340). 9 8 Schreiben (mit beiliegendem Memorandum) von E. Stange an den G V R vom 2 4 . 5 . 1 9 4 3

(EBD.) 9 9 EBD. und Schreiben von Wilhelm Knevels an den GVR vom 5. und 8 . 7 . 1 9 4 3 (EBD.); Schreiben der Verlagsleitung des Verlages L. Ungelenk-Leipzig vom 6 . 7 . 1 9 4 3 (EBD.). 100

A n k ü n d i g u n g d e r S c h r i f t l e i t u n g e n v o n CHRISTENTUM UND LEBEN 1 8 , 1 9 4 3 ,

S.258f.

und der PASTORALBLXTTER 8 5 , 1 9 4 2 / 4 3 , S. 368. Hier wurde als Titel der neuen Zeitschrift versehentlich „Amt und Gemeinde" angegeben. 101

CHRISTENTUM UND LEBEN 1 8 , 1 9 4 3 , S. 2 5 8 f.

GB1DEK 1943, S. 47 f. 103

H . BRUNOTTE , A u s w i r k u n g e n , S. 2 3 1 .

104

Der Brief ist abgedruckt EBD.; vgl. auch unten S.231.

KAPITEL 6

DIE WACHSENDE BEDROHUNG: DER GEISTLICHE VERTRAUENSRAT UND DIE STAATLICHEN , .ENTKONFESSIONALISIERUNGSM ASSNAHMEN' '(1940-1941)

1. Staatliches Erziehungsmonopol contra kirchliche und schulischen Religionsunterricht

Kinderpflege

Wie jedes totalitäre System strebte auch der nationalsozialistische Staat ein Erziehungsmonopol an. Daß dieser Anspruch zum Konflikt mit den beiden großen christlichen Kirchen führen mußte, war fast zwangsläufig, denn die Jugendbetreuung und -erziehung war ein Gebiet, auf dem sich traditionell sowohl die evangelische als auch die katholische Kirche stark engagierten. Neben der Jugendarbeit, die meist im Rahmen der Gemeinde stattfand 1 , bildeten vor allem die vorschulische Betreuung in Kindergärten u.ä. Einrichtungen sowie der schulische Religionsunterricht die Schwerpunkte dieser kirchlichen Arbeit. Doch gerade dieses waren Bereiche der Erziehung, aus denen Staats- und Parteidienststellen den kirchlichen Einfluß nach Kriegsbeginn, meist unter dem Vorwand kriegswichtiger Maßnahmen, zu verdrängen suchten. Die Reaktionen der DEK-Führung auf diese Versuche, insbesondere aber die des Geistlichen Vertrauensrates, gilt es in dem folgenden Abschnitt herauszuarbeiten. a. Die Versuche zur „Aufhebung" der konfessionellen Kindergärten Die Bedeutung, die die Staats- und Parteiführung einer umfassenden Erziehung der Jugend im Geiste des Nationalsozialismus zumaß, hatte im Bereich der Kinderpflege zu einem expansiven Aufbau eigener Einrichtungen geführt. Innerhalb von nur sechs Jahren war es der Nationalsozialistischen Volkswohlfahrt (NSV) gelungen, etwa 13.400 Kinderpflegeeinrichtungen — in erster Linie Kindergärten und Tagesstätten — mit etwa 700.000 Plätzen zu schaffen2. Vgl. oben S. 302-307. M . HEINEMANN, Kindergärten, S. 49. Bei diesen Zahlen muß allerdings berücksichtigt werden, daß es sich nicht nur um Neugründungen handelte, sondern die NSV bereits unmittelbar nach der „Machtergreifung" die Einrichtungen der „Arbeiterwohlfahrt" übernahm; 1934 verleibte sich die NSV noch die dem „Deutschen Paritätischen Wohlfahrtsverband" angeschlossenen Organisationen mit sämtlichen Gebäuden ein (EBD., S. 59). 1

2

Staatliches „Erziehungsmonopol" contra kirchliche Kinderpflege

205

Zwar hatte die NSV — besonders seit 1937—immer wieder versucht, auch die konfessionellen Einrichtungen zu übernehmen, doch gelang dieses vor Kriegsbeginn nur in Einzelfällen3. So konnte denn auch der Tätigkeitsbericht der „Vereinigung Evangelischer Kinderpflegeverbände Deutschlands" für das Berichtsjahr 1939/40 noch auf einen annähernd gleich großen Bestand an Pflegeeinrichtungen wie im Jahre 1933 hinweisen: Waren es zum Zeitpunkt der Machtergreifung 2.773 Einrichtungen mit ca. 179.000 Plätzen, so existierten wenige Monate nach Kriegsbeginn noch immer 2.585 Kindergärten, Tagesstätten oder sonstige Heime mit zusammen 159.206 Plätzen 4 . Doch mit Kriegsbeginn lebte das alte Verlangen der NSV nach Übernahme aller konfessionellen Kinderpflegeeinrichtungen wieder verstärkt auf. Am 11. September wandte sich die Reichsleitung der NSV mit dem Wunsch nach der Ubergabe aller evangelischen Kindergärten, Kinderkrippen, Säuglingsheime und Heime an den Centraiausschuß der Inneren Mission; dieser wies ein solches Ersuchen allerdings eindeutig ab 5 . Diese Antwort hinderte die NS-Wohlfahrtseinrichtung jedoch nicht, auf regionaler und lokaler Ebene weitere Versuche zur Übernahme von konfessionellen Kindergärten zu unternehmen. Ein erster großer Erfolg gelang in Pommern: Am 8. Oktober ordnete — wahrscheinlich auf Betreiben der NSV — der zuständige Oberpräsident und Gauleiter, Schwede-Coburg, unter Hinweis auf die kriegsnotwendige Konzentration aller Kräfte, die Zusammenlegung sämtlicher Kinderpflegeeinrichtungen unter Federführung der NSV an 6 . Am 16. November ließ sich der Geistliche Vertrauensrat im Beisein von Präsident Frick und der Pastoren Schirmacher und Braune — alle drei gehörten dem Centraiausschuß der Inneren Mission an — durch Oberkonsistorial3 Bei den Einrichtungen, deren Übernahme der NSV gelang, handelte es sich meist um solche, die in einer Finanzabhängigkeit gegenüber den Kommunen standen. In geringem Maße gab es auch freiwillige Ubergaben seitens deutsch-christlicher Gemeinden (EBD., S. 50; vgl. auch EBD., S. 66-70). 4 EBD., S. 56. Diese Zahlen geben allerdings nur einen relativen Anhalt für die Stabilität der evangelischen Kinderfürsorge, da Verluste und Neugründungen direkt gegeneinander aufgerechnet wurden; eine absolute Zahl der Verluste hätte natürlich mehr Aussagekraft. Der Verlust von ca. 20.000 Plätzen erklärt sich in erster Linie aus „Abwerbungen" der NSV, die oft in direkter Nachbarschaft zu kirchlichen Kindergärten eigene Einrichtungen eröffnete, und so in einigen Gebieten gar Uberkapazitäten schuf, um den kirchlichen Kindergärten zu schaden. 5 Der Sachverhalt geht aus dem Tätigkeitsbericht 1939/40 der „Vereinigung Evangelischer Kinderpflegeverbände Deutschlands" hervor (EBD., S.76). 6 EBD., S. 71. Allerdings kam es in Pommern nicht zur vollständigen Durchführung dieser Anordnung; vgl. auch das Schreiben von Schwede-Coburg an Kerrl vom 14.12.1939: Der Gauleiter ließ darin den Kirchenminister wissen, daß es ihm nicht um eine Eigentumsübernahme der kirchlichen Kindergärten gehe, sondern nur um eine einheitliche organisatorische Ausrichtung. Allerdings schränkte er ein: „Ob und wann einmal der Zeitpunkt kommen wird, daß die kirchlichen und gemeindlichen Kindergärten in das Eigentum der NSV zu überführen sind, ist im Augenblick noch nicht zu übersehen" (EZA BERLIN, 1 / C 3/179).

206

Die wachsende Bedrohung (1940-1941)

rat Wieneke über die bedrohliche Situation für diesen Zweig der evangelischen Jugendarbeit unterrichten. Einig waren sich alle Anwesenden, „daß alles aufgeboten werden muß, um die evangelischen Kindergärten zu halten" 7 . In der Folgezeit gingen die Bemühungen in zwei Richtungen: Zum einen versuchten die Kirchenkanzlei und der Vertrauensrat bei den zuständigen Reichsstellen vorstellig zu werden, um den regionalen und lokalen Ubernahmegelüsten der NSV Einhalt zu gebieten8. Zum anderen wurden die Verhandlungen zwischen der Kirchenkanzlei, dem Vertrauensrat und dem Centralausschuß der Inneren Mission über eine engere Anbindung der Inneren Mission an die DEK intensiviert. Ziel war es, der Inneren Mission und ihren Gliederungen durch eine möglichst weitgehende rechtliche Verknüpfung mit der DEK wenigstens ein gewisses Maß an Sicherheit gegenüber willkürlichen Maßnahmen der NSV und der staatlichen Organe zu verschaffen9. Offensichtlich waren derartige Versuche für die NSV nur ein Grund mehr, ihren Kampf zu verschärfen. So kam es am 27. Februar 1940 zu einer durch die NSV veranlaßten Gestapo-Aktion gegen die Innere Mission, bei der nicht nur Aktenbestände beschlagnahmt wurden, sondern auch Pastor Schirmacher, der geschäftsführende Direktor des Centraiausschusses der Inneren Mission, verhaftet wurde 10 . Die Fragen, die die Mitarbeiter der Inneren Mission der Gestapo beantworten mußten, bezogen sich bezeichnenderweise in erster Linie auf die Beziehungen der Inneren Mission zu den kirchlichen Leitungsgremien — wie Präsident Frick berichtete, „insbesondere zu der Deutschen Evangelischen Kirchenkanzlei und dem Geistlichen Vertrauensrat der Deutschen Evangelischen Kirche" Allerdings wurde nicht, wie wohl bei der NSV-Führung erhofft, das belastende Material gefunden, das zur Ausschaltung der Inneren Mission hätte führen können. Doch auch so gingen die Versuche zur Übernahme der evangelischen Kinderpflegeeinrichtungen weiter. Im Gegensatz zur Vorkriegszeit allerdings mit Erfolg: Allein 120 Tagesstätten mit zusammen etwa 15.000 Plätzen gin7

P r o t o k o l l d e r G V R - S i t z u n g v o m 1 6 . 1 1 . 1 9 3 9 ( L K A HANNOVER, S 1, E II, 1 2 9 ) .

8

P r o t o k o l l d e r G V R - S i t z u n g v o m 5 . 1 2 . 1 9 3 9 (EBD.).

Eine erste Besprechung fand in der GVR-Sitzungen am 16.11.1939 statt (LKA Hannover, S1, E II, 129: Sitzungsprotokoll); in der Sitzung am 5.12.1939 konnten die Verhandlungen im wesentlichen abgeschlossen werden (EBD.). Eine Verzögerung der Veröffentlichung ergab sich dadurch, daß Präsident Werner sich erst nach mehrmaliger Aufforderung (Protokoll der GVR-Sitzung vom 6.2.1940: L K A SCHWERIN, GVR-Handakten Schultz, 1/1; Protokoll der GVR-Sitzung vom 20.-22.5.1940: EZA BERLIN, 1/A 4/577, Bl. 100-105; Protokoll der GVRSitzung vom 3.-6.6.1940: EBD., Bl. 57-60) bereiterklärte, die Verordnung zu erlassen. 10 Bericht (Abschrift) von Präsident Frick an Werner vom 3.3.1940 (BA KOBLENZ, R 43 II/165, Bl. 530-533): Schirmacher wurde am 1. März wieder entlassen, stand aber noch einige Zeit unter Hausarrest. Aus einem Vermerk der Reichskanzlei vom 4.5.1940 geht hervor, daß die Untersuchung wahrscheinlich auf eine Veranlassung der NSV zurückging (EBD., Bl. 5 3 9 ) . 9

11

EBD.

Staatliches „Erziehungsmonopol" contra kirchliche Kinderpflege

207

gen in den ersten Kriegsmonaten verloren. In Hamburg kam es sogar, bedingt durch „Selbstauflösung", zum Verlust aller Einrichtungen 12 . Trotz dieser deutlich verschärften Gangart der NSV setzte der Centralausschuß der Inneren Mission im Sommer 1940 noch immer auf eine vertragliche Vereinbarung zwischen beiden Organisationen. Für diese Vorgehensweise fand er die volle Unterstützung des Vertrauensrates, mit dem der Centralausschuß seit dem Inkrafttreten des Erlasses über die engere Anbindung der Inneren Mission an die DEK vom 12. Juli 1940 häufigen Kontakt pflegte 13 . Die endgültige Marschroute für die Verhandlungen mit der NSV wurde in der GVR-Sitzung am 23. Juli 1940 in einem Gespräch zwischen den Vertrauensrats-Mitgliedern und Vertretern des Centraiausschusses festgelegt14. Welche Bedeutung diesem Gespräch zugemessen wurde, geht schon daraus hervor, daß sich Pastor von Wicht, der Vorsitzende der „Vereinigung Evangelischer Kinderpflegeverbände Deutschlands", vor dieser Sitzung mit einer eigenen Eingabe an den Vertrauensrat wandte. Dringend bat von Wicht, bei den kommenden Verhandlungen „für die Erhaltung der bestehenden evangelischen Kindertagesstätten [einzutreten] und Schutz und Sicherung für die zukünftige Entwicklung der Arbeit der evangelischen halboffenen Kinderfürsorge im Räume der Kirche sowohl im Altreich wie in den neuen Reichsgauen" zu gewährleisten15. Eine derartige „Bestandssicherung", allerdings für alle Arbeitsgebiete der Inneren Mission, war auch das Ziel des Centraiausschusses und des Vertrauensrates. Der GVR ermächtigte den Centralausschuß zu Verhandlungen über ein „planwirtschaftliches Abkommen" mit der NSV, um auf diese Weise die generellen Kompetenzen und Arbeitsbereiche zwischen der nationalsozialistischen Wohlfahrtseinrichtung und der Inneren Mission abzustecken16. Im Rahmen eines solchen Abkommens sollte der Centralausschuß auch eine Vereinbarung über die evangelischen Kinderpflegeeinrichtungen anstreben. Für den Preis einer Bestandsgarantie aller derzeit M. H E I N E M A N N , Kindergärten, S. 74. GB1DEK1940, S. 39. Entscheidend war die Bestimmung in Abs. 1: „Die in der Inneren Mission zusammengeschlossenen Verbände, Anstalten und Einrichtungen der evangelischen Liebestätigkeit und Volksmission sind ein Bestandteil der Deutschen Evangelischen Kirche." Deshalb sollte der CA der IM sich auch in „enger Verbindung mit der Leitung der Deutschen Evangelischen Kirche" halten. 14 Protokoll der GVR-Sitzung vom 23./24.7.1940 (E2A BERLIN, 1 / A 4/575, BL. 46-49). 15 Schreiben an den G V R vom 9 . 7 . 1 9 4 0 ( E Z A BERLIN, 1 / A 4 / 5 6 8 ) . 16 Protokoll der GVR-Sitzung vom 23./24.7.1940 (EZA BERLIN, 1/A 4/575, BL. 46-49). Der Entwurf des „planwirtschaftlichen Abkommens" war den GVR-Mitgliedern vorher zur Einsicht zugegangen (LKA SCHWERIN, GVR-Handakten Schultz, III/30: Schreiben der GVRGeschäftsstelle an Schultz vom 16.7.1940). Als Anlagen waren ein Memorandum zu dem geplanten Abkommen und Richtlinien für die Arbeitsteilung bei der Gemeindekrankenpflege und der Kinderpflegearbeit beigefügt. 12

13

208

Die wachsende Bedrohung (1940-1941)

existierenden evangelischen Kinderpflegeeinrichtungen wollte sich die Innere Mission verpflichten, „Anträge auf Neueinrichtung einer kirchlichen Kindertagesstätte nur [zu stellen], wenn ein unabweisbares kirchliches Bedürfnis dazu besteht" 17 . Wie sich zeigen sollte, hatten der Vertrauensrat und der Centraiausschuß die eigentlichen Absichten des NSV völlig falsch eingeschätzt. Zwar kam es zu Verhandlungen zwischen Centraiausschuß und NSV, doch wurden diese, wie die GVR-Protokolle belegen, nur sehr schleppend geführt — im Spätherbst 1940 war man noch nicht über die Bildung einer Kommission, die die Vorstellungen beider Seiten in Einklang bringen sollte, hinausgekommen 18 . Im Winter 1940/41 mußten auch der Vertrauensrat und der Centralausschuß erkennen, daß sie sich Illusionen über die Kompromißbereitschaft der NSV gemacht hatten. Denn in Sachsen und Thüringen wurde zum 1. Januar 1941 die Ubergabe der konfessionellen Kindergärten und Schwesternstationen an die NSV angeordnet19. In der Sitzung am 13./14. Januar 1941 berichtete Brunotte zudem über den Inhalt einer Abmachung zwischen dem Hauptamt für Volkswohlfahrt und dem Amt der NSDAP für Kommunalpolitik. Hierdurch, so gibt das Protokoll die Ausführungen Brunottes wieder, wurde „das Recht zur Weiterführung bestehender und zur Errichtung neuer Kindergärten zwischen der NSV und den politischen Gemeinden aufgeteilt, ohne einen Raum für konfessionelle Einrichtungen zu lassen"20. Nur wenige Wochen nach dem Bekanntwerden dieser Vereinbarung, nämlich am 21. März 1941, erschien ein Erlaß des Reichsinnenministers und des Stellvertreters des Führers, durch den diese Vereinbarung in eine gültige Rechtssatzung umgewandelt wurde: „Die Betreuung der Kinder in den Kindertagesstätten . . . im Rahmen der allgemeinen Menschenführungsaufgabe

Protokoll der GVR-Sitzung v o m 2 3 . / 2 4 . 7 . 1 9 4 0 (EZA BERLIN, 1/A 4/575, BL. 4 6 - 4 9 ) . E B D . , BL. 3 0 f . ; vgl. auch H . BAIER, Kirche, S . 2 1 2 . 19 Schreiben des Geschäftsführers der Vereinigung Evangelischer Kinderpflegeverbände Deutschlands an den G V R v o m 2 1 . 1 2 . 1 9 4 0 mit der Bitte um Unterstützung (EZA BERLIN, 1/C 3/179); vgl. auch Protokoll der GVR-Sitzung v o m 1 3 . / 1 4 . 1 . 1 9 4 1 (EZA BERLIN, 1/A 4/575, Bl. 2 3 - 2 5 ) . — M. H E I N E M A N N , Kindergärten, S. 77 f., zitiert auszugsweise die Begründung, die in Sachsen am 1 2 . 1 2 . 1 9 4 0 f ü r die Uberführung der evangelischen Kindergärten in die NSV-Obhut gegeben wurde: „Es geht nicht an, daß die deutsche Jugend, ehe sie beim Eintritt in die Schulpflichtigkeit auf das Wesen einer völkischen Gemeinschaft aufmerksam gemacht wird, vorher durch Einrichtungen beeinflußt wird, die den Charakter der Zersplitterung in sich tragen." 2 0 Vgl. oben A n m . 19. Es handelt sich wahrscheinlich bei dieser „Abmachung" um das Ergebnis einer bereits am 4 . 1 . 1 9 4 0 geführten vertraulichen Besprechung zwischen dem Leiter der NSV, Hilgenfeldt, Reichsleiter Fiehler v o m A m t f ü r Kommunalpolitik, Reichsgesundheitsführer Dr. Conti und Hauptamtsleiter Dr. Sommer v o m Stab des Stellvertreters des Führers (vgl. H. BAIER, Kirche, S. 213). D e r Inhalt dieses Gesprächs wurde den Kirchen jedoch erst zu Beginn des Jahres 1941 bekannt (EZA BERLIN, 1/C 3/179: Rundschreiben an die Landeskirchen v o m 2 0 . 1 . 1 9 4 1 ) . 17 18

Staatliches „Erziehungsmonopol" contra kirchliche Kinderpflege

209

der Partei" galt fortan als alleinige Aufgabe der NSV 2 1 . Absehbar sei also, so erläuterte Konsistorialrat Kracht den Mitgliedern des Vertrauensrates die Konsequenzen des Erlasses, die Uberführung aller konfessionellen Kindergärten in NSV-Obhut 22 . Weder der Vertrauensrat noch die Kirchenkanzlei gedachten in irgendeiner Weise gegen den Erlaß vorzugehen — man begnügte sich damit, einen geordneten Rückzug vorzubereiten: Durch Richtlinien für die Uberleitung der evangelischen Kindergärten an die NSV wurden die Landeskirchen im Juni 1941 gebeten, evangelische Kinderpflegeeinrichtungen nicht freiwillig, sondern nur auf besonderes Verlangen der NSV zu übergeben23. Doch bevor es zu einem totalen Verlust der evangelischen Kinderpflegeeinrichtungen kam, änderte sich im Herbst 1941, wohl bedingt durch die sich verschärfende Kriegssituation, die Lage grundlegend: Es begann damit, daß in einigen Gebieten — obwohl zum Teil schon endgültige Ubergabetermine mit der NSV vereinbart worden waren — die Ubergabeaktionen abgebrochen wurden. So stoppte z.B. der Berliner Stadtpräsident am 27. September die bereits angelaufenen Überführungen 24 . Am 30. September ordnete das Reichsinnenministerium sogar die generelle Einstellung aller Maßnahmen gegen die konfessionellen Kindergärten an25. Wahrscheinlich in Kenntnis dieser Anordnung konnte der Präsident des Centraiausschusses der Inneren Mission den Landeskirchen am 28. November 1941 mitteilen, daß konfessionelle Kindergärten, sofern sie nicht schon in die Hände der NSV übergegangen seien, in den bisherigen Rechtsverhältnissen bestehen bleiben könnten26. Der Tätigkeitsbericht der „Vereinigung Evangelischer Kinderpflegeverbände Deutschlands e.V" für das Geschäftsjahr vom 1941/42 zeigt jedoch, daß in dem Berichtszeitraum eine große Anzahl an evangelischen Kinder2 1 Erlaß (Abschrift) v o m 21.3.1941 ( L K A NÜRNBERG, L K R , Gen. V, 859b Bd. II.). M . HEINEMANN, Kindergärten, S. 79, datiert den Erlaß versehentlich auf den 31.3.1941. J. S. CONWAY, Kirchenpolitik, S. 270 f., erwähnt ein Rundschreiben Bormanns vom 11.5.1941, das einen ähnlichen Tenor wie der Erlaß von 21. M ä r z hat. Allerdings ist es unrichtig, wenn Conway folgert: „ D i e dafür notwendigen Maßnahmen [sc: zur Übernahme der konfessionellen Kindergärten durch die N S V ] wurden dementsprechend erlassen, und bis zum 31. Juli hatte die Gestapo alle kirchlichen Kindergärten beschlagnahmt und der Oberhoheit der NSVolkswohlfahrt übergeben."

Protokoll der GVR-Sitzung v o m 2 1 . / 2 2 . 4 . 1 9 4 1 ( E Z A BERLIN, 1/A 4/576, BL. 2f.). Ebd. und Protokoll der GVR-Sitzung vom 2 6 . / 2 7 . 5 . 1 9 4 1 ( E Z A BERLIN, 1/A 4/579 Bl. 24 f.); vgl. auch Bericht über die Tagung der landeskirchlichen Sachbearbeiter für den Religionsunterricht am 6 . 3 . 1 9 4 1 ( E Z A BERLIN, 1/A 4/418) und Rundschreiben der D E K mit Richtlinien für den Fall einer Ubergabe von kirchlichen Kindertagesstätten an die N S V vom 8.7.1941 ( E Z A BERLIN, 1 / C 3/179). 22

23

24

M . HEINEMANN, K i n d e r g ä r t e n , S. 8 1 f .

EBD., S. 82: Es handelte sich um eine durch Funkspruch erteilte Weisung. E.KLÜGEL, Landeskirche, S. 443, erwähnt einen Erlaß vom gleichen Tag. 2 6 Schreiben von Frick an Greifenstein vom 28.11.1941 ( L K A NÜRNBERG, L K R , Gen. V, 859b Bd. II). 25

210

Die wachsende Bedrohung (1940-1941)

pflegeeinrichtungen verloren gegangen war — allerdings mit sehr beträchtlichen regionalen Schwankungen27. Insgesamt verringerte sich die Anzahl der Plätze gegenüber dem Vorjahr um 47.000, wobei die größten Verluste in den Monaten April bis September zu verzeichnen waren28. Angesichts dieser Zahlen bleibt zu fragen, ob nicht ein energischerer Widerstand der reichskirchlichen Leitungsorgane derart große Verluste hätte verhindern können? Daß ein solcher Schritt durchaus Erfolg haben konnte, beweist das Vorgehen von Oberkonsistorialrat Heyer. Heyer, der vorübergehend das Amt des Konsistorialpräsidenten in der Kirchenprovinz Ostpreußen verwaltete, protestierte nämlich bei Erich Koch, dem Gauleiter und Oberpräsidenten der Provinz, gegen die Übernahme der evangelischen Kindergärten durch die NSV. Aufgrund dieses Protestes setzte Koch die Ubergabe der Kindergärten an die NSV „im Hinblick auf den Entscheidungskampf des deutschen Volkes um seine Zukunft" vorerst aus29. Nur noch einmal mußten die Leitungsgremien der DEK mit der Gefahr einer generellen Übernahme der evangelischen Kinderpflegeeinrichtungen rechnen: Am 16. April 1942 gab Konsistorialrat Kracht den GVRMitgliedern einen Erlaß des amtierenden Kirchenministers Muhs bekannt, den dieser am 23. März 1942 an die Finanzabteilungen gerichtet hatte. Hierdurch wurden die Finanzabteilungen aufgefordert, „dafür zu sorgen, daß dort, wo die NSV von sich aus Anträge auf Übernahme kirchlicher Kindergärten stellt, diesen Anträgen nach Möglichkeit entsprochen wird". Für den Fall der Ubergabeverweigerung wurden die Finanzabteilungen angewiesen, die zur Weiterführung des betreffenden Kindergartens nötigen finanziellen Mittel zu sperren30. Doch ließ es die sich stetig weiter verschärfende Kriegslage auch der NSV-Führung nicht mehr geraten erscheinen, die Bevölkerung durch größere Ubergabeaktionen zu beunruhigen. So blieben denn — von Einzelfällen abgesehen —, die noch vorhandenen kirchlichen Kindergärten auch weiterhin unter der Obhut der Kirchengemeinden.

27 M. HEINEMANN, Kindergärten, S. 85: In Lübeck, Thüringen, Hamburg, SchleswigHolstein und Hessen-Kassel gingen alle Einrichtungen verloren, in Nassau-Hessen, Schlesien, Anhalt, Bremen, Mecklenburg und der Provinz Sachsen waren es nahezu alle. Württemberg, das Rheinland, Brandenburg und Bayern erlitten erhebliche Verluste. Westfalen, Ostpreußen, Pommern und Baden blieben fast unberührt. Zu Westfalen vgl. auch B. HEY, Kirchenprovinz, S. 231-234. 28 EBD., S. 86. 2 9 EBD., S. 81. 30

P r o t o k o l l der GVR-Sitzung v o m 1 6 . 4 . 1 9 4 2 ( E Z A BERLIN, 1 / A 4 / 5 7 9 , Bl. 8 9 f.); der

Erlaß vom 23.3.1942 ist durch die Finanzabteilung Badens im GVOB1 BADEN 1942, S.60f., veröffentlicht worden; vgl. auch M. HEINEMANN, Kindergärten, S. 83-85.

Staatliches „Erziehungsmonopol" contra kirchliche Kinderpflege

211

b. Der Abbau des Religionsunterrichts Bereits in den letzten Vorkriegsjahren war es verschiedentlich zu Angriffen auf den schulischen Religionsunterricht gekommen. So hatte z.B. der Nationalsozialistische Lehrerbund 1938 nach der Ermordung des in Paris akkreditierten Gesandtschaftsrates vom Rath durch einen Juden eine großangelegte Kampagne gegen den Religionsunterricht inszeniert 31 . Doch wesentlich verheerender als solche relativ kurzfristigen Aktionen wirkten sich die Versuche aus, die, wie etwa der des württembergischen Kultministers Mergenthaler, darauf abzielten, den Religionsunterricht auf administrativem Wege durch einen „Weltanschauungsunterricht" abzulösen 32 . Die Proteste, die solche frontalen Angriffe gegen den Religionsunterricht seitens der Elternschaft und der Kirchenleitungen hervorgerufen hatten, ließen es sogar den führenden Exponenten der weltanschaulichen Distanzierungskräfte geraten erscheinen, weitere derart massive Versuche zur Beseitigung des Religionsunterrichts für die Dauer des Krieges auszusetzen33. Allerdings wäre es ein Mißverständnis, aus diesem Entschluß eine Bestandsgarantie des Religionsunterrichts für die Dauer des Krieges abzuleiten, denn an dem Ziel einer Verdrängung des Religionsunterrichts hielten die weltanschaulichen Distanzierungskräfte nach wie vor fest 34 . So kam es im Endeffekt nicht einmal zu einer vorübergehenden Aussetzung des Kampfes gegen den Religionsunterricht, sondern lediglich zu einem Wechsel in der Wahl der Mittel: unter dem Schutz „kriegsbedingter" Maßnahmen ging die Zurückdrängung des Religionsunterrichts unvermindert weiter 35 . 31

Vgl. R. EILERS, Schulpolitik, S. 26.

32

Vgl. J. THIERFELDER, Auseinandersetzung.

33 Vgl. Brief von Heß an Göring vom 18.4.1940 (J.S. CONWAY, Kirchenpolitik, S. 372 -375): „Nach Prüfung aller für sowie gegen die Einleitung besonderer Maßnahmen sprechenden Gründe bin ich zu der Uberzeugung gelangt, daß es unzweckmäßig wäre, in der Frage der Erteilung des Religionsunterrichts im gegenwärtigen Zeitpunkt Änderungen grundlegender Art eintreten zu lassen"; Erlaß des Kultusministers Rust vom 7.6.1940 (zit. nach H. BAIER, Kirche, S. 188): Rust versagte der Einführung eines „Weltanschauungsunterrichts" in Sachsen seine Zustimmung, um „einer unerwünschten Beunruhigung der Bevölkerung während des Krieges entgegenzutreten"; Bormann äußerte in einem Brief an Rosenberg vom 22.2.1940, daß s.E. „an dem jetzt bestehenden Zustand nichts geändert zu werden" brauche — ein später einzuführender Leitfaden für eine deutsche Lebensgestaltung werde die Jugend schon in einem Sinne erziehen, daß der Religionsunterricht von selbst überflüssig werde (BA KOBLENZ,

N S 8 / 1 8 3 ; H . - G . SERAPHIM, T a g e b u c h , S. 2 0 3 - 2 0 9 ) . 34 Als im Winter 1939 neue Lehrpläne verabschiedet wurden, waren keine Richtlinien für den Religionsunterricht dabei, obwohl es seitens der evangelischen Kirche nicht an Vorschlägen mangelte. Bormann begründete dieses damit, daß das Christentum und der Nationalsozialismus so grundlegend verschieden seien, daß es keine Richtlinien geben könne, die sowohl von den christlichen Konfessionen als auch von der NSDAP gebilligt werden könnten (vgl.

J. THIERFELDER, Auseinandersetzungen, S. 241). 35 Als im Sommer 1940 das Reichsinnenministerium die Frage aufwarf, ob eine reichseinheitliche Regelung für die Benutzung von sog. „profanen Räumen" für kirchliche Zwecke

212

Die wachsende Bedrohung (1940-1941)

Ein erstes Anzeichen dieser neuen Taktik war die mancherorts zu Kriegsbeginn vorgenommene Reduzierung der Wochenstundenzahl für den Religionsunterricht 36 . Doch der eigentliche, ebenfalls unter dem Vorwand kriegsnotwendiger Maßnahmen geführte Angriff auf den Religionsunterricht begann im Frühjahr 1940. Am 20. März 1940 gab das Reichserziehungsministerium — „unter Berücksichtigung der Erfordernisse des Krieges" — einen Erlaß heraus, durch den der Religionsunterricht für die Oberklassen der höheren Schulen, also für die 5. bis 8. Klasse, abgeschafft wurde 37 . Der Geistliche Vertrauensrat, der sich bislang nur informatorisch mit den Problemen des Religionsunterrichts beschäftigt hatte 38 , nahm einen Empfang bei Kirchenminister Kerrl zum Anlaß, bei diesem „entschiedenen Einspruch" gegen diese Beschränkung des Religionsunterrichts zu erheben 39 . Als einen Tag nach diesem Besuch, am 4. April, ein auf Anregung des Vertrauensrates einberufenes Treffen der landeskirchlichen Sachbearbeiter für anzustreben sei (BA KOBLENZ, R 43 II/ 170a, Bl. 2: Schreiben des Innenministeriums an den Stellvertreter des Führers, die Reichskanzlei, den Vorsitzenden des Ministerrats für die Reichsverteidigung, den Kirchenminister und den Minister für Wissenschaft, Erziehung und Kultur vom 24.7.1940), teilte Bormann im Namen von Heß mit, „daß Schulräume in keinem Fall für kirchliche Zwecke zur Verfügung gestellt werden dürfen" (EBD., Bl. 8: Schreiben an das Innenministerium vom 31.8.1940); Heydrich Schloß sich diesem Votum an (EBD., Bl. 16-18: Vermerk der Reichskanzlei vom 18.12.1940). Das Innenministerium, das Kirchenministerium, das Kultusministerium und die Reichskanzlei neigten eher dazu, während des Krieges keine Veränderung der bestehenden Situation vorzunehmen. Denn, so wurde argumentiert, ein generelles Benutzungsverbot würde auch die eingegliederten Ostgebiete betreffen, obwohl es dort für „die Stärkung des Deutschtums von gewisser Bedeutung [wäre], wenn den dort angesiedelten evangelischen Balten- und Wolhyniendeutschen Schulräume als Ersatz für nicht vorhandene evangelische Kirchen zur Verfügung gestellt würden" (EBD., Bl. 2: Schreiben des Innenministeriums vom 24.7.1940; inhaltlich übereinstimmend mit dem Schreiben des Kirchenministeriums vom 8.8.1940: EBD., Bl. 3 und des Erziehungsministeriums vom 14.9.1940: EBD., Bl. 4). Angesichts dieser unterschiedlichen Auffassung gab die vielzitierte Führerweisung, nach der während des Krieges alles zu unterlassen sei, was zu einer Verschlechterung des Verhältnisses zwischen Staat und Kirche führen könnte, den Ausschlag — eine reichseinheitliche Regelung wurde nicht getroffen (EBD., Bl. 16-18; Vermerk der Reichskanzlei vom 18.12.1940). 36 Der ohnehin schon seit dem Beginn des Schuljahres 1937 in den höheren Schulen auf eine Schulstunde beschränkte Religionsunterricht wurde nach Kriegsbeginn oftmals gänzlich ausgesetzt. In anderen Schularten, wo er bisher zweistündig erteilt wurde, mußte er um eine Stunde gekürzt werden (vgl. E . C . HELMREICH, Religionsunterricht, S. 230-232). 37

R . EILERS, Schulpolitik, S. 26.

Aus den Protokollen der Sitzungen vom 18.12.1939 (LKA HANNOVER, S 1, Ε Π, 129) vom 6.2.1940,vom 1.3.1940 und vom 12.3.1940 (LKA SCHWERIN, GVR-Handakten Schultz, 1/1) geht hervor, daß sich der GVR über die aktuellen Fragen des Religionsunterrichts (Schulreform und Lehrplanentwürfe der D E K K ) unterrichten ließ. U.a. wurde auch die schwierige Situation des Religionsunterrichts in Württemberg, Sachsen und Osterreich angesprochen. Hingegen wurde das von E. KLÜGEL, Landeskirche, S. 381, erwähnte Protestschreiben zwar in Aussicht genommen, doch entgegen Klügeis Angaben nie abgesandt. 39 Der Protest, der gegenüber Kerrl vorgebracht wurde, wird erwähnt in dem Schreiben (Abschrift) des Vertrauensrates an Kerrl vom 17.4.1940 (EZA BERLIN, 1/A 4/434). 38

Staatliches „Erziehungsmonopol" contra kirchliche Kinderpflege

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Schulfragen stattfand, konnten sich die GVR-Mitglieder für ihr Vorgehen Rückendeckung holen. In seltener Einmütigkeit wandten sich alle Landeskirchen gegen den Erlaß vom 20. März 1940 40 . Wohl ermuntert durch diese einmütige Haltung, entschloß sich der Vertrauensrat in einer Eingabe an das Kirchenministerium — Proteste im Reichserziehungsministerium hatten sich bereits als zwecklos erwiesen 41 —, die Ablehnung des Erlasses nochmals ausführlich zu begründen: Der Staat signalisierte durch die Abschaffung des Religionsunterrichts in den Oberklassen der höheren Schulen, daß dieser anscheinend „für die Herausbildung der geistigen Führerschicht keine Bedeutung mehr" habe. Deshalb fühle sich der Vertrauensrat verpflichtet, auf die Konsequenzen einer solchen Entscheidung hinzuweisen. Einerseits sei „ohne die gründliche Kenntnis des Christentums . . . die Gesamtschau der deutschen Geschichte unmöglich und [werde] dem Pfuschertum und Tendenzmacherei ausgeliefert". Zum anderen dürfe der Religionsunterricht nicht mit konfessioneller Propaganda gleichgesetzt werden, sondern er diene dazu, die Einsicht zu stärken, daß eine jegliche religiöse Entscheidung, egal ob für oder gegen das Christentum, „als letzte Gewissensentscheidung nur in ernster und selbständiger Auseinandersetzung errungen werden" könne. Ein Verzicht auf den Religionsunterricht werde also zwangsläufig dazu führen, daß das Gewissen verstumme — „Hörigkeit und Strebertum treten an die Stelle des freien Gehorsams" 4 2 . Doch weder von Kerrl noch aus der Reichskanzlei, der eine Abschrift „mit der Bitte um nachhaltigste Unterstützung [des] Anliegens" 43 übersandt worden war, erhielt der Vertrauensrat eine Antwort auf die Eingabe. Während eine solche Verhaltensweise für die Reichskanzlei typisch war 44 , brachte Kerrl auf diese Weise seine Verbitterung darüber zum Ausdruck, daß er an der Ausarbeitung des Erlasses „nicht beteiligt worden sei 45 . Weder

40 Bericht über die Tagung der landeskirchlichen Schulsachbearbeiter am 4.4.1940 (EZA BERLIN, 1/A 4/417). Charakteristisch für diese Einmütigkeit war auch die Tatsache, daß sich selbst der thüringische Landesbischof Sasse, der sonst den GVR ablehnte, an seinen „lieben Walther" [Schultz] wandte und ihn bat, er möge durch den GVR etwas gegen den Abbau des Religionsunterrichts tun (Brief an Schultz vom 18.4.1940; EZA BERLIN, 1/A 4/569, Bl. 258). 41 Brief des Ministeriums für Wissenschaft, Erziehung und Volksbildung (Holfelder) an Kerrl vom 26.4.1940: „Auf fernmündliche Anfragen der Kirchenbehörden habe ich bereits mitgeteilt, daß der Erlaß durch die Kriegsverhältnisse bedingt war und daß eine Änderung nicht in Betracht gezogen werden kann" (BA KOBLENZ, R 43/157, Bl. 143). 42 Vgl. Schreiben (Abschrift) des Vertrauensrates an Kerrl vom 17.4.1940 (EZA BERLIN, 1/A 4/434). Einen ähnlichen Tenor hat der Wochenbrief Marahrens' vom 29.4.1940. 43 BA KOBLENZ, R43 11/157, Bl. 135f. 44 Angelegenheiten, die nicht unmittelbar in den Zuständigkeitsbereich der Reichskanzlei fielen, wurden bestenfalls bestätigt. Zur Bearbeitung wurden sie jedoch prinzipiell an die zuständigen Stellen weitergegeben. 45 Brief an Lammers vom 5.6.1940. Kerrl teilte mit, daß er nicht beabsichtige, in dieser Angelegenheit noch etwas zu unternehmen (BA KOBLENZ, R 43 11/157, Bl. 142).

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Erinnerungsschreiben des Vertrauensrates an Kerrl und Lammers46 noch Gespräche, die Oberkonsistorialrat Wieneke mit verschiedenen Wehrmachts- und NS-Größen führte 47 , erbrachten jemals eine Änderung des Erlasses48. Eine Umfrage, durch die die Kirchenkanzlei ab Sommer 1941 festzustellen versuchte, inwieweit es gelungen sei, dem Erlaß vom 20. März 1940 durch die Einrichtung eines auf freiwilliger Basis durchgeführten Religionsunterrichts die Spitze zu nehmen, erbrachte eine erschreckende Bilanz 49 . Während sich die Situation in den sog. intakten Landeskirchen noch recht positiv darstellte — hier konnte ein Großteil der Schüler erfaßt werden50 — war es z.B. im gesamten Aufsichtsbezirk des Konsistoriums Berlin lediglich gelungen, fünf Arbeitskreise mit insgesamt 53 Teilnehmern aufzubauen51. Im Bereich des Konsistoriums Posen war inzwischen sogar der gesamte Religionsunterricht eingestellt worden52. Die Meldungen der Landeskirchen ließen klar erkennen, daß nur vereinzelte Versuche — wohl meist auf Initiative besonders engagierter Pastoren — unternommen wurden, um den Ausfall des Religionsunterrichts auszugleichen53. Doch nicht nur die zentralen Stellen des Reiches bekämpften den Religionsunterricht. Vielmehr waren es gerade die lokalen, regionalen und auf Länderebene operierenden Funktionäre, die sich hervortaten, wenn es darum ging, den Religionsunterricht in jeder erdenklichen Weise zu behindern. Immer wieder trafen in der Kirchenkanzlei, der GVR-Geschäftsstelle oder bei einzelnen Mitgliedern des Vertrauensrates Berichte ein, in denen

Brief der Kirchenkanzlei (Hymmen) vom 2 4 . 7 . 1 9 4 0 (EBD., Bl. 147). In der GVR-Sitzung, die vom 3 . - 5 . 6 . 1 9 4 0 stattfand, berichtete Wieneke über Gespräche, die er mit Frau von Schroeder (NS V), dem Berliner Polizeipräsidenten Graf Helldorf und Reichsjustizminister Gürtner geführt hatte. Dabei sei „er auf ein erfreuliches Verständnis für die kirchlichen Notwendigkeiten, z.B. auch für die Erhaltung des Religionsunterrichts in den Schulen gestoßen"; weitere Folgen hatten diese Gespräche allerdings nicht ( E Z A BERLIN, 1/A 4 / 5 7 5 , BL. 5 7 - 6 0 ) . 48 Brief (Entwurf Kritzinger) vom 2 7 . 7 . 1 9 4 0 mit Bestätigung, daß das Erinnerungsschreiben der Kirchenkanzlei eingegangen sei; weiteres wurde nicht veranlaßt (BA KOBLENZ, R 43 11/153, BL 148). 4 9 Aufforderungen der D E K K an die Landeskirchen vom 1 4 . 8 . 1 9 4 1 und vom 3 . 2 . 1 9 4 2 , eine Stellungnahme zur Situation des Religionsunterrichts in den jeweiligen Gebieten abzugeben, sowie Zusammenfassung der Umfrageergebisse durch die D E K K ( E Z A BERLIN, 1/A 4 / 4 3 4 ) . 5 0 EBD.: Das Landeskirchenamt Hannover berichtete, daß, regional verschieden, zwischen 2 0 % und 6 8 % aller Schüler erfaßt werden konnten (vgl. Ε. KLÜGEL, Landeskirche, S. 431 -435). Nach dem Bericht des E O K Stuttgart wurden in nahezu allen Fällen Arbeitsgemeinschaften eingerichtet (vgl. J. THIERFELDER, Auseinandersetzungen). Das Landeskirchenamt München konnte in 62 und 97 Orten mit höheren Schulen Arbeitsgemeinschaften einrichten. Die Beteiligung schwankte zwischen 2 0 % und 1 0 0 % (vgl. H . BAIER, Kirche, S. 191-195). SI E Z A BERLIN, 1/A 4 / 4 3 4 . 46 47

52

EBD.

53

EBD.

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sich die Absender über Behinderungen und Einschränkungen des Religionsunterrichts beklagten. Als sich der Vertrauensrat zu Beginn des Jahres 1941 entschloß, Hitler auf den anhaltenden Kampf gegen das Christentum aufmerksam zu machen, war der Eingabe ein 32-seitiger Materialanhang über die „Bekämpfung und Verächtlichmachung des Christentums und der Kirche" beigefügt, in dem die Aufzählung der Fälle von ,,Beschränkung[en] der religiösen Erziehung" allein sechs Seiten einnahm 54 . Die Sperrung von Schulräumen für den kirchlichen Ersatzunterricht gehörte ebenso zu dieser Auflistung wie die Fälle, in denen Kinder, die im Rahmen von Landverschickungen aus sog. „luftgefährdeten Gegenden" in sicherere Gebiete des Reiches verbracht worden waren, gegen den Willen ihrer Eltern vom Religionsunterricht ferngehalten wurden; wegen dieser Vorfälle verschickte der Geistliche Vertrauensrat auch noch eine gesonderte Eingabe an Reichsminister Lammers 55 . Nicht weniger gravierend waren jedoch auch die zahlreichen Drangsalierungen, durch die Eltern gezwungen werden sollten, ihre Kinder vom Religionsunterricht abzumelden 56 . Nur wenige Tage, nachdem diese Eingabe an Hitler abgesandt worden war, kam der Kirchenkanzlei ein Erlaß des Erziehungsministeriums zur Kenntnis, der einen weiteren Schritt auf dem Weg zur Entchristlichung der Schule bedeutete. Bereits am 21. April 1941 hatte der zuständige Minister Rust in einem als vertraulich gekennzeichneten Erlaß bestimmt, daß das bisher noch vielfach übliche Schulgebet vor Beginn des Unterrichts zu unterbinden sei. Denn im „Austausch des Deutschen Grußes und der Besinnung auf ein Führerwort bieten sich Möglichkeiten, die dem heutigen Leben der Schule angemessener sind als das überkommene Gebet" 57 . Im Juni und Juli beschäftigte sich der Vertrauensrat mehrmals mit diesem Erlaß 58 . Doch ist es wahrscheinlich, daß nicht nur über diesen konkreten Einzelfall gesprochen wurde. Die grundsätzliche Problematik, die sich bei allen bisherigen Versuchen, eine vollständige Entchristlichung der Schule zu 54 B A KOBLENZ, R 4311/172, BL. 3-20. Über die Hintergründe und Entstehungsgeschichte dieser Eingabe unten S. 233-237. 55 Eingabe vom 12.12.1940 ( L K A HANNOVER, S 1, E II, 129b). 56 Zwei Beispiele seien hier genannt: In Württemberg wurden Kinder mit Arrest bestraft, weil sie statt des Weltanschauungsunterrichts lieber den Religionsunterricht besuchen wollten; in der Steiermark wurde einem Tagelöhner angedroht, er werde nach Polen abgeschoben, wenn er seine Kinder nicht aus dem Religionsunterricht abmelde — in der Reichskanzlei wurde dieser Bericht mit dem Vermerk „hier bekannt" versehen (BA KOBLENZ, R 4311/172, Bl. 3-20). 57 Erlaß (Abschrift) von 2 1 . 3 . 1 9 4 1 (EZA BERLIN, 1 / A 4 / 5 7 0 , Bl. 2 6 0 ; E.C. HELMREICH, Religionsunterricht, S. 214). 58 Für die Sitzungen am 9./10. 6.1941 (EZA BERLIN, 1/A 4/579, Bl.26f.), am 30.6.1941 (EBD.,B1. 29-31) und am 14.7.1941 (EBD.,B1. 38 f.) weisen die Protokolle eine Beschäftigung mit dem Erlaß aus.

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verhindern, gezeigt hatte, dürfte ebenso zur Sprache gekommen sein. In erster Linie ging es nämlich darum, daß der Staat keinerlei Anstalten machte, den Vertrauensrat als Ansprechpartner zu akzeptieren, sondern seinen Kurs unbeirrt fortsetzte. Meist hielten es die staatlichen Stellen nicht einmal für nötig, den Eingang der GVR-Schreiben zu bestätigen. Die Hilflosigkeit, die der Vertrauensrat gegenüber den staatlichen Restriktionsmaßnahmen empfand, dokumentiert in eindringlicher Weise das Protestschreiben, mit dem er sich im Juli 1941 gegen die Abschaffung der Schulgebete wandte: „Wir bedauern festzustellen zu müssen, daß dieser Erlaß sich als Abschluß einer schon länger zu beobachtenden Entwicklung darstellt, die die völlige Entchristlichung der deutschen Schule und damit der öffentlichen Erziehung zum Ziele hat und angesichts deren die Beibehaltung des christlichen Religionsunterrichts an einer mehr oder weniger großen Anzahl von Schulen als ein Restbestand erscheint, der mit dem Ganzen der öffentlichen Schulerziehung in keiner organischen Verbindung mehr steht. Daß der Abschluß dieser Entwicklung nur noch als eine Frage der Zeit angesehen wird, geht auch daraus hervor, daß die Lehrer von Ihnen angewiesen sind, mit der Aufhebung des Schulgebets noch zu warten, falls Schwierigkeiten entstehen können. Wir haben deshalb auch nur noch geringe Hoffnung, daß unsere Gegenvorstellungen, so gewichtig sie der Sache nach auch immer sein möchten, für absehbare Zeit einen Erfolg haben können" 59 . In ähnlicher Weise wie schon in der Eingabe vom April 1940 bemühte sich der Vertrauensrat in seinen folgenden Darlegungen, dem Erziehungsminister die verheerenden Auswirkungen seines Erlasses auszumalen: „Sie, Herr Reichsminister, [übernehmen] eine ungeheure Verantwortung, wenn Sie sich auf den Weg drängen lassen, zunächst einmal wenigstens den christlichen Gottglauben und das aus ihm quellende Gebet aus der Schule zu entfernen — in der Erwartung, daß dann schon in den leer gewordenen Herzen und Seelen von selber oder mit Hilfe einer von der Lehrerschaft vertretenen substanz- und gestaltlosen Gottgläubigkeit eine neue Frömmigkeit erwachsen werde" 60 . Anhand von „Führeräußerungen" und des offiziellen Kommentars zum Parteiprogramm versuchte der Vertrauensrat im Gegenzug nachzuweisen, daß der Erlaß nicht dem Willen Hitlers entsprechen könne61. Diese Eingabe setzte einen gewissen Schlußpunkt unter die recht erfolglosen Bemühungen des Vertrauensrates, einer Entchristlichung der deutschen Schule entgegenzuwirken. Daß es nach diesem Zeitpunkt nicht zu weiteren Eingaben kam, mag auch daran gelegen haben, daß es seitens der 59 Eingabe des G V R vom 19.7.1941 (unterzeichnet von Marahrens) an den Reichserziehungsminister ( E Z A BERLIN, 1/A 4/570, BL. 246-249 und L K A HANNOVER, S 1, E II, 129b; E. KLÜGEL, Landeskirche, Dokumente, S. 159-161). 60

EBD.

61

EBD.

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Reichsinstanzen, insbesondere des Ministeriums für Wissenschaft, Erziehung und Volksbildung, ab 1942 kaum noch Aktionen gegen die letzten Reste der religiösen Schulerziehung gab — sofern eine solche überhaupt noch existierte und nicht schon vorher aufgrund von regional geltenden Regelungen abgeschafft worden war 62 . Im Gegenteil: Wohl mit Rücksicht auf die sich verschärfende Kriegssituation, die es nicht geraten sein ließ, die Bevölkerung zu beunruhigen, ordnete Rust am 23. August 1943 durch einen Erlaß an, daß Kindern evakuierter Personen ebensoviel Religionsunterricht zu erteilen sei, wie ihnen in ihrem Heimatort zuteil geworden sei. Bei fehlenden Lehrkräften sollte es sogar ermöglicht werden, den Religionsunterricht durch den zuständigen Ortsgeistlichen erteilen zu lassen63. Wenn es dennoch zu weiteren Beschränkungen des Religionsunterrichts kam, so war das ein Schicksal, das die religóse Schulerziehung mit den übrigen Fächern teilte. Denn auch hier kam es, besonders ab 1944, vielfach zu kriegsbedingten Stundenzahlkürzungen 64 . In den „Deutschen Heimschulen" indes, die nach dem Willen Hitlers die Ausbildung von Kindern übernehmen sollten, deren Eltern nicht mehr lebten oder aus kriegsbedingten Gründen nicht in der Lage waren, ihre Kinder zu erziehen 65 , wurden auch 1943 die Maßnahmen zur Entchristlichung weitergeführt. In diesem neuen Schultyp — er war erst 1941 eingerichtet worden — sollte nach dem Willen des Staates zwar eine religiöse Betreuung gewährleistet werden, doch, so wurde dem Ev. Oberkirchenrat Berlin und dem bayerischen Landeskirchenrat auf Anfrage mitgeteilt, käme ein konfessionell ausgerichteter Unterricht nicht in Frage66. Diese Antworten nahm der Geistliche Vertrauensrat zum Anlaß, um im Herbst 1943 in einer eigenen Eingabe an den Inspekteur der Deutschen Heimschulen „auf die Notwendigkeit eines geordneten christlichen Religionsunterrichts auch an diesen Schulen immer wieder hinzuweisen" 67 . Millionen von Eltern könnten es 62

Vgl. die Berichte über die Arbeitstagungen der landeskirchlichen Sachbearbeiter für den Religionsunterricht in dem betreffenden Zeitraum (EZ A BERLIN, 1/A 4/417-419). Bereits in dem Bericht über die Tagung im März 1941 heißt es: „Die Lage des Religionsunterrichts ist sehr ernst. Er wird nicht erteilt in den Adolf-Hitler-Schulen, nicht mehr an den nationalpolitischen Erziehungsanstalten, den Berufsschulen, den mittleren und oberen Klassen der höheren Schulen und an vielen Volksschulen. Bisweilen leiden ganze Gebiete an seinem Fortfall, z.B. Sachsen, Warthegau, Reg. Bez. Ansbach" (EZA BERLIN, 1/A 4/418). 63 LKA SCHWERIN, GVR-Handakten Schultz, III/21 (Abschrift); vgl. auch E.C. HELMREICH, Religionsunterricht, S. 236. 65 64 EBD., S. 2 3 6 f. Vgl. R . BENZE, Erziehung, S. 6 1 f. 66 Vgl. H. BAIER, Kirche, S. 186. SS-Obergruppenführer August Heißmeyer, Inspekteur der Heimschulen, war gleichzeitig auch Inspekteur der Nationalpolitischen Erziehungsanstalten — bei dieser Konstellation verwundert die Abschaffung des Religionsunterrichts in den Heimschulen nicht (R. BENZE, Erziehung, S. 61 f.). 67 Eingabe vom 2.10.1943 (LKA HANNOVER, S 1, E II, 129d). Am 3.8.1943, am 24.8.1943 und am 27.9.1943 hatte sich der GVR mit der Situation des Religionsunterrichts an den Heimschulen beschäftigt (LKA SCHWERIN, GVR-Handakten Schultz, 1/2).

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nicht verstehen, so führte die Eingabe aus, „warum neuerdings bei allen möglichen Gelegenheiten, bei denen es sich um die Einführung neuer Formen der Erziehung handelt (z.B. Lehrerbildungsanstalten, Nationalpolitische Erziehungsanstalten, Heimschulen), der christliche Religionsunterricht, den die Eltern von ihrem Religionsbekenntnis aus durchweg wünschen, verschwindet und etwas anderes unter der Bezeichnung,gottgläubig' oder Religiös' an die Stelle tritt, das sich fast stets nach kurzer Zeit als mehr oder weniger offene Agitation gegen den christlichen Glauben enthüllt". Ein Erfolg war auch dem Vertrauensrat mit dieser Eingabe nicht beschieden68. Welche Konsequenzen ein „siegreiches" Ende des Krieges angesichts des Modellcharakters der Heimschulen für den Religionsunterricht insgesamt gehabt hätte, läßt sich allerdings nur unschwer errraten. 2. Die Stillegung des kirchlichen Schrìfttums- und Pressewesens69 Bereits unmittelbar nach Kriegsbeginn war der Geistliche Vertrauensrat mit staatlichen Maßnahmen konfrontiert worden, die auf eine Einschränkung bei der Verbreitung christlichen Schrifttums abzielten. In erster Linie ging es den staatlichen Stellen darum, den Heimatpfarrämtern den Versand derartigen Schrifttums an Wehrmachtsangehörige zu untersagen. Mit der Unterstützung der Wehrmachtsführung konnte diese Absicht bis zum Sommer 1940 weitgehend verwirklicht werden, so daß auf diese Weise die Heimatpfarrer in der Tat recht „erfolgreich" bei der seelsorgerischen Betreuung von Wehrmachtsangehörigen behindert wurden 70 . Seit Sommer 1940 trat der Kampf des nationalsozialistischen Staates gegen das christliche Schrifttum in eine neue Phase. Nun ging es nicht mehr nur um die Verdrängung der christlichen Literatur aus einzelnen Bereichen des öffentlichen Lebens, sondern um eine generelle Abschaffung dieser Art von Schrifttum. So hatte sich Martin Bormann schon am 8. März 1940 in einem Brief an Reichsleiter Max Amann dafür ausgesprochen, das konfessionelle Schrifttum, „das nach den bisher gemachten Erfahrungen für die Stärkung der Widerstandskraft des Volkes gegenüber seinen äußeren Feinden doch nur 68 In der Sitzung am 20.7.1944 beschloß der GVR, die negative „Antwort des Erziehungsministerium auf die Eingabe des GVR wegen des Religionsunterrichts . . . den Landeskirchen mit[zu]teilen" (EZA BERLIN, 2/54, BL. 80: Protokoll der Sitzung). Ein entsprechendes Rundschreiben wurde unter dem Datum vom 26.7.1944 an die Landeskirchen gesandt (EZA BERLIN, 2/447). 69 Ein ausführliches Verzeichnis der neueren Literatur zum Gesamtkomplex der evangelischen Pressearbeit während des „Dritten Reiches" findet sich bei Β. EHRECKE, Pressearbeit. Insbesondere sei jedoch verwiesen auf H . BRUNOTTE, Auswirkungen; F. LÜPSEN, Pressearbeit, und G. MEHNERT, Presse. 70 Vgl. oben S. 183-189.

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einen recht zweifelhaften Wert besitzt", bei der künftigen Verteilung von Papierkontingenten zugunsten „politisch und weltanschaulich wertvoller Literatur" 71 noch stärker als bisher einzuschränken. Trotz der bisher gemachten Erfahrungen mit der staatlichen Schrifttumspolitik zeigte sich bei den kirchenleitenden Organen der DEK im Frühsommer 1940 keinerlei besondere Beunruhigung — anscheinend befürchtete man zu diesem Zeitpunkt keine tiefgreifenden Maßnahmen gegen das konfessionelle Schrifttum. Zwar wurden immer noch vereinzelt Druckverbote ausgesprochen72, doch hatte dieser Vorgang schon eine gewisse Normalität, so daß er keine übermäßige Aufregung auslöste. Im Gegenteil: Es wurden sogar Überlegungen zur Intensivierung der zentralen DEK-Schrifttumsarbeit angestellt. So beriet der Geistliche Vertrauensrat noch im Frühsommer 1940 mit den zuständigen Referenten der Kirchenkanzlei, in welcher Form den Landeskirchen am besten Informationen über Neuerscheinungen christlicher Literatur übermittelt werden könnten 73 . Zur selben Zeit wurden staatlicherseits jedoch bereits Maßnahmen erarbeitet, um das christliche Schrifttum möglichst weitgehend einzuschränken. Ein wichtiger Schritt auf diesem Wege war die „Verordnung über den Nachweis der Zugehörigkeit zur Reichsschrifttumskammer" vom 17. Juli 1940 74 . Fortan konnten nur noch Schriften in Druck gegeben werden, deren Autor bzw. deren Verleger die Mitgliedschaft der Reichsschrifttumskammer nachweisen konnte bzw. einen „Befreiungsschein" besaß. Ausgenommen von dieser Regelung waren lediglich Reichs-, Länder- und Gemeindebehörden sowie alle Gliederungen der NSDAP. Kirchenbehörden war es gestattet, Druckaufträge auch ohne Mitgliedschaft in der Reichsschrifttumskammer zu erteilen, sofern hierfür der Kirchenminister sein Einverständnis gegeben hatte75. 71 Auszugsweise wiedergegeben in: PROZESS, Bd. 4, S. 83 und bei K. MEIER, Kirchenkampf, Bd. 3, S. 136 f. Bormann gab an, von den evangelischen Zeitschriften hätten bisher nur ca. 10 % ihr Erscheinen zum Zweck der Papierersparnis eingestellt. 72 So wandte sich z.B. der Eichenkreuz-Verlag am 20.2.1940 an den GVR und bat um Unterstützung seiner Eingabe zugunsten der Zulassung einer seiner Schriften (LKA SCHWERIN, GVR-Handakten Schultz, 1/1). Am 12.4.1940 mußte der GVR zur Kenntnis nehmen, „daß die Herausgabe der Jahres- und Monatssprüche des Eichenkreuz-Verlages und die Goldenen Worte endgültig verboten worden ist" (Protokoll der GVR-Sitzung: EZA BERLIN, 1/A 4/577, BL. 142-145). 73 Protokoll der GVR-Sitzung vom 24. bis 26.6.1940 (EZA BERLIN, 1/A 4/575, Bl. 51-54). Im September 1940 beriet der GVR erneut den Vorschlag von Bartsch, die Kirchen ständig über wertvolles christliches Schrifttum zu informieren. Es wurde vereinbart, einen „Almanach für das evangelische Schrifttum" herauszugeben (Protokoll der GVR-Sitzung vom 5./6.9.1940: EBD., Bl. 43-45). 74 RGBl 1940, S. 1035 f. 75 EBD.; die Durchführungsbestimmungen wurden am 25.7.1940 veröffentlicht (EBD.,

S. 1 0 3 8 ) . In der G V R - S i t z u n g v o m 2 8 . / 2 9 . 1 0 . 1 9 4 0 ( P r o t o k o l l : E Z A BERLIN, 1 / A 4 / 5 7 5 ,

Bl. 32-34) beschloß der GVR, der Leiter der Kirchenkanzlei solle den Kirchenminister bitten,

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Bis zum Herbst 1940 hatte sich die Situation des christlich geprägten Schrifttums durch die Verordnung vom 17. Juli 1940 drastisch verschlechtert. Als der Vertrauensrat am 29. Oktober eine erste Bilanz zog, wurden die verheerenden Folgen dieser Verordnung sichtbar, so daß es selbst in der sachlichen Sprache des Protokolls hieß, die Verordnung berühre „das kirchliche Schrifttum erheblich" 76 . Betroffen waren in erster Linie die kirchlichen Verbände wie z.B. die Innere und Außere Mission, das Männerwerk, die Frauenhilfe, der Evangelische Bund und der Gustav-Adolf-Verein sowie die einzelnen Gemeinden. Bei strikter Anwendung der Verordnung hätte weder einer der kirchlichen Verbände noch eine Gemeinde einen Druckauftrag — und sei es auch nur für einen Kirchenzettel, eine Einladung oder ein Programm — ohne die Einschaltung eines Verlegers, der die Mitgliedschaft der Reichsschrifttumskammer nachweisen konnte, erteilen können. Doch selbst in dem Fall, daß sowohl der Autor als auch der Verleger diese Mitgliedschaft besaßen, war das noch keine Garantie für die Erteilung der notwendigen Druckerlaubnis. Denn diese wurde für konfessionelles Schrifttum immer wieder mit dem Hinweis auf akuten Papiermangel verweigert. Wie Dr. Bartsch, der Schrifttumsbeauftragte der DEK, zu recht vermutete, wurden „christliche Schriften . . . aufgrund einer entsprechenden Anweisung zurückgesetzt"77. Aber auch demjenigen, der nicht mit der Materie vertraut war, mußten doch die enormen Auflagenzahlen, die antichristliches oder deutschgläubiges Schrifttum noch 1942 aufzuweisen hatte, deutlich machen, daß der Papiermangel nur vorgeschoben wurde, um das konfessionelle Schrifttum systematisch auszutrocknen78. Aber nicht nur die Verordnung vom 17. Juli 1940 und der akute Mangel an Papier beunruhigten die Mitglieder des Vertrauensrates: Bartsch wußte nämlich auch von Plänen zu berichten, nach denen die „Schriftenkästen", also der Vertrieb von christlicher Literatur innerhalb von kirchlichen Gebäuden, verboten werden sollten79. Damit wäre einer der wichtigsten Vertriebswege

„das Ministerium möge bestimmen, daß die Deutsche Evangelische Kirche und die Landeskirchen als Körperschaften des öffentlichen Rechts nach § 3 der Durchführungsbestimmungen für die von ihnen herausgebenen Schriften von der Prüfungspflicht befreit sind." H . BRUNOTTE, Auswirkungen, S. 215, berichtet, daß das Kirchenministerium in einem Erlaß v o m 6 . 9 . 1 9 4 1 bestimmte, „daß die Kirchenbehörden Druckaufträge nach einer v o m Ministerium aufgestellten Liste unmittelbar erteilen könn[en], ohne der Reichsschrifttumskammer anzugehören." 76

Protokoll der GVR-Sitzung v o m 2 8 . / 2 9 . 1 0 . 1 9 4 0 ( E Z A BERLIN, 1 / A 4 / 5 7 5 , Bl. 3 2 - 3 4 ) .

77 EBD.

7 8 Vgl. H . BRUNOTTE, Auswirkungen, S. 218: N o c h 1942, als für christliches Schrifttum kaum eine Druckerlaubnis zu bekommen war, erschien F. SCHMIDTS schroff antichristliche Schrift „Das Reich als Aufgabe" in einer Auflagenhöhe von 8 0 0 . 0 0 0 Exemplaren (vgl. auch unten S.237, A n m . 170). 79

Protokoll der GVR-Sitzung v o m 2 8 . / 2 9 . 1 0 . 1 9 4 0 ( E Z A BERLIN, 1 / A 4 / 5 7 5 , Bl. 3 2 - 3 4 ) .

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lahmgelegt worden, denn immerhin wurde auf diese Weise ebensoviel christliche Literatur verkauft wie durch den gesamten Buchhandel. Aufgrund dieser Informationen beschloß der Geistliche Vertrauensrat, sowohl die Probleme, die durch den Papiermangel entstanden waren, als auch die Befürchtungen, es werde demnächst zu einem Verbot der „Schriftenkästen" kommen, dem Kirchenminister bei nächster Gelegenheit vorzutragen. Bevor es jedoch zu einem solchen Gespräch kam, erfüllten sich bereits die Befürchtungen des Vertrauensrates. Am 3. November veröffentlichte der „Völkische Beobachter" als „Bekanntmachung der Reichsschrifttumskammer Nr. 145" eine „Anordnung über den Vertrieb von Schrifttum" 8 0 . Danach durfte „Schrifttum ohne Unterschied der Wertgrenze . . . außerhalb von gewerblichen Räumen nur mit Genehmigung der Reichsschrifttumskammer ausgestellt, feilgeboten oder vertrieben werden". Ausgenommen von dieser Regelung waren nur Parteigliederungen und staatliche Stellen 81 . Daß sich die Anordnung Nr. 145 speziell gegen die kirchliche Arbeit richtete — obwohl das Wort „Kirchen" in ihr nicht einmal auftauchte —, gaben sogar die Mitarbeiter der Reichsschrifttumskammer unumwunden zu. Auf entsprechende Anfragen wurde den Referenten der Kirchenkanzlei beschieden, es könne nicht länger hingenommen werden, daß ein so großes Gebiet wie die kirchliche Schrifttumsarbeit der Kontrolle der Reichsschrifttumskammer entzogen werde. Denn es sei festgestellt worden, „daß in den Schriftenkästen und auf den Schriftentischen in kirchlichen Räumen unerwünschtes Schrifttum ausgelegen" habe 82 . Für die Kirchen bedeutete die Anordnung Nr. 145 nicht nur das Ende der Schriftenkästen, sondern auch das Verbot, bei volksmissionarischen Veranstaltungen Schriften zu verteilen oder am Kirchenausgang kirchliches Kleinschrifttum auszugeben. Sogar Bibeln, Bibelteile oder Gesangbücher durften nicht mehr durch Pfarrer vertrieben werden — selbst die kostenlose Abgabe fiel unter dieses Verbot. Da diese Maßnahmen eine existentielle Bedrohung des kirchlichen Lebens darstellten, waren die Reaktionen der Landeskirchen entsprechend heftig. In zahlreichen Eingaben wandten sich führende Kirchenvertreter sowohl direkt an das Propagandaministerium als auch an den Vertrauensrat83. 80 Die Anordnung Nr. 145, ausgestellt am 26.10.1940 durch Hanns Johst, den Präsidenten der Reichsschrifttumskammer, wurde zuerst am 3.11.1940 im „Völkischen Beobachter" veröffentlicht. Am 23.12.1940 erschien sie im GB1DEK 1940, S. 67 (vgl. zur Entstehungsgeschichte dieser Anordnung M. HÜSGEN, Bistumsblätter, S. 312 f.). 81

EBD.

Die Angaben entstammen einer Eingabe (Abschrift als Rundschreiben an die Landeskirchen) der Kirchenkanzlei und des GVR an den Propagandaminister vom 16.12.1940 (EZA 82

BERLIN, 1 / C 3 / 3 3 1 ) . 83 An den GVR richteten am 11.11.1940 das Lippische Landeskirchenamt (EZA BERLIN, 1/A 4/568), am 22.11.1940 der EOK in Karlsruhe und am 13.12.1940 das Landeskirchenamt

222

Die wachsende Bedrohung (1940-1941)

Gemeinsam mit der Kirchenkanzlei versuchte der Geistliche Vertrauensrat, eine Rücknahme oder zumindest eine die Anordnung abschwächende Durchführungsanweisung zu erwirken; am 16. Dezember wurde eine entsprechende Eingabe gemeinsam von den Vizepräsidenten Fürle und Hymmen abgezeichnet und an das Propagandaminsiterium abgeschickt 84 . Tatsächlich schien es einen Moment so, als ob eine Abschwächung erreichbar sei. Zu Beginn des Jahres 1941 fanden nämlich Verhandlungen zwischen der Schrifttumsstelle der D E K und der Reichsschrifttumskammer über die Auslegung der Anordnung Nr. 145 statt, bei denen einige Erleichterungen für den Vertrieb des konfessionellen Schrifttums erreicht werden konnten: Pfarrern sollte es auch weiterhin erlaubt bleiben, religiöse Schriften zu verschenken, Buchhändlern wurde es gestattet, in kirchlichen Räumen Schaukästen mit einem entsprechenden Firmenschild anzubringen 8 5 . Es gelang überdies, für einige Schriften den Vertrieb durch die Pfarrämter genehmigt zu bekommen 8 6 . D o c h stellte sich sehr schnell heraus, daß das Entgegenkommen der Reichsschrifttumskammer nur von vorübergehender Dauer war. Bereits in der GVR-Sitzung am 5. Mai 1941 mußte Bartsch mitteilen, daß „fast alle Erleichterungen, die die Schrifttumskammer für die Durchführung ihrer Anordnung Nr. 145 gegeben hatte, . . . zurückgenommen worden" seien. Aber nicht nur das: Auch die Erteilung von Druckgenehmigungen für religiöse Schriften, so berichtete Bartsch, werde seitens des Staates immer restriktiver gehandhabt 87 . D a diese Einschränkungen fast zeitgleich mit der Stillegung der kirchlichen Presse erfolgten, scheint die Vermutung gerechtfertigt, daß es sich hier um eine koordinierte Aktion handelte, die die gesamte Öffentlichkeitsarbeit der Kirchen lahmlegen sollte, um so die Kirche in ein Reservat zu drängen, abseits jeder Möglichkeit, sich öffentlich zu artikulieren. Es hat zwar den Anschein, als ob die kirchenleitenden Organe in der Folgezeit noch mehrmals versuchten, bei den zuständigen Stellen Erleichterungen für das evangelische Schrifttum zu erreichen, doch waren diese Bemühungen letztlich ohne Erfolg 8 8 . Wie sich zeigen sollte, trafen Stilllegungsmaßnahmen die kirchliche Öffentlichkeitsarbeit ins Mark. Denn sowohl die Möglichkeiten zum Druck von christlichem Schrifttum als auch das Verteilersystem wurden so weit eingeschränkt, daß dieser Zweig der kirchlichen Arbeit binnen kürzester Zeit fast vollständig zugrunde gehen mußte. Bereits im Februar 1942 kamen die Kirchenkanzlei und der GeistHannover entsprechende Eingaben. D e r E O K W i e n und Landesbischof W u r m baten den G V R u m die Unterstützung ihrer Eingaben an staatliche Stellen (EBD.). M E Z A BERLIN, 1 / C 3 / 3 3 1 . 85 86 87 88

Protokoll der GVR-Sitzung v o m Protokoll der GVR-Sitzung v o m Protokoll der GVR-Sitzung v o m Ü b e r solche Gespräche berichtet

2 7 . / 2 8 . 1 . 1 9 4 1 ( E Z A BERLIN, 1 / A 4 / 5 7 5 , Bl. 2 0 - 2 2 ) . 2 4 . / 2 5 . 2 . 1 9 4 1 (EBD., Bl. 15 f.). 5 . 5 . 1 9 4 1 (EBD., Bl. 4f.). H . BRUNOTTE, Auswirkungen, S. 219.

Die Stillegung des kirchlichen Schrifttums- und Pressewesens

223

liehe Vertrauensrat zu dem Schluß, daß „das Schrifttum mit christlichem Einschlag fast hundertprozentig zum Erliegen gebracht" worden sei 89 . Dieses wurde am 6. Februar 1942 auch dem Präsidenten der Reichsschrifttumskammer durch eine Eingabe mitgeteilt: „Die in den letzten drei Jahren getroffenen Maßnahmen", so hieß es in dem Schreiben, „ . . . lassen nur die Folgerung zu, daß das im weitesten Sinne evangelisch-christliche Schrifttum als unwesentlich und überflüssig angesehen wird, ja daß die Absicht besteht, es überhaupt vom deutschen Buchmarkt zu verdrängen. Es muß dabei von vornherein erklärt werden, daß die ergangenen Maßnahmen sich in keiner Weise, wie bisweilen angegeben wird, aus den augenblicklichen Kriegsnotwendigkeiten allein erklären lassen" 90 . Wie berechtigt die Vorhaltungen des Vertrauensrates waren, zeigte sich auch daran, daß ab Frühjahr 1943 im Propagandaministerium die Absicht bestand, das evangelische Verlagswesen völlig stillzulegen 91 . Kirchlicherseits befürchtete man sogar, daß die noch vorhandenen Bestände an christlicher Literatur im Rahmen der Stillegungsmaßnahmen als Altpapier beschlagnahmt würden 92 . Zwar erhob der Vertrauensrat in beiden Fällen Widerspruch, doch wenn überhaupt, so hatten seine Eingaben nur aufschiebende Wirkung. Im August 1944 wurden von den ca. 2000 deutschen Verlagen alle bis auf 285 stillgelegt. Unter den Verlagen, die noch bestehen bleiben konnten, befanden sich gerade noch zwei evangelische Verlage: die Württembergische Bibelanstalt und die Agentur des Rauhen Hauses 93 Doch nicht nur das kirchliche Schrifttum, sondern auch die kirchliche Zeitschriftenpresse drohte durch staatliche Restriktionsmaßnahmen lahmgelegt zu werden. Zwar war es zu Beginn des Krieges gelungen, eine Einstellung der evangelischen Presse zu verhindern 94 , doch sollte sich zeigen, daß dieser Erfolg dem kirchlichen Pressewesen kaum mehr als eine Atempause verschafft hatte. Denn nicht Einsicht in die Notwendigkeit kirchlicher Pressearbeit, sondern die Befürchtung, durch die geplante Maßnahme Unruhe im Kirchenvolk hervorzurufen, hatte das Propagandaministerium im Herbst 1939 veranlaßt, vorläufig von einer Stillegung der konfessionellen Presse abzusehen. 8 9 Eingabe (Abschrift als Rundschreiben an die Landeskirchen) der Kirchenkanzlei und des G V R an den Propagandaminister v o m 6 . 2 . 1 9 4 2 ( E Z A BERLIN, 1 / C 3 / 3 3 1 ) .

EBD. Schreiben des G V R an das Propagandaministerium v o m 6 . 4 . 1 9 4 3 ( E Z A BERLIN, 1 / C 3/340). 9 2 Schreiben des G V R an den Präsidenten der Reichsschrifttumskammer vom 2 1 . 5 . 1 9 4 3 (EBD.). 9 3 H . BRUNOTTE, Auswirkungen, S. 221, meint sogar, daß die Schließung der Württembergischen Bibelanstalt im August 1943 nur aufgrund einer GVR-Eingabe ( L K A SCHWERIN, GVR-Handakten Schultz, IV/67: Text der GVR-Eingabe v o m 1 9 . 8 . 1 9 4 3 ) verhindert werden konnte. 90 91

94

Vgl. oben S. 7 6 - 7 9 .

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Als jedoch zu Beginn des Jahres 1941 Überlegungen angestellt wurden, welche Konsequenzen für die deutsche Presse aus dem erhöhten Materialund Menschenbedarf der Rüstungsindustrie zu ziehen seien 95 , verfinsterte sich erneut der Himmel über der kirchlichen Presselandschaft. Maßnahmen, die eigentlich nur als ein Mittel zur Rohstoff- und Personaleinsparung gedacht waren — so die Einstellung aller nicht unbedingt notwendigen Zeitungen und Zeitschriften — boten Martin Bormann, dem intransigent antikirchlich eingestellten Leiter der Parteikanzlei, die willkommene Gelegenheit, unter dem Vorwand kriegsnotwendiger Einsparungsmaßnahmen die Einstellung der gesamten konfessionellen Presse zu fordern 96 . Propagandaminister Goebbels, der noch im Herbst 1939 eine Beunruhigung kirchlicher Kreise befürchtet hatte, gab diesmal dem Drängen von Bormann und seinen Gesinnungsfreunden nach. Denn „kriegsnotwendige" Sparmaßnahmen waren durchaus eine Begründung, die auch gegenüber der Öffentlichkeit mit einer gewissen Plausibilität vertreten werden konnten 97 . Noch bevor die Einstellung der kirchengebundenen Presse offiziell verfügt wurde, kündigte sich der bevorstehende Kahlschlag gegen die kirchliche Pressearbeit an: So wurden im April 1941 die Papierkontingente für die konfessionelle Presse gesperrt98, und wenig später mußte auch das wichtigste evangelische Gemeindeblatt Schlesiens sein Erscheinen einstellen 99 . Für den Geistlichen Vertrauensrat waren diese Indizien Grund genug, sich am 21. April 1941 durch den Leiter des Evangelischen Presseverbands, Professor August Hinderer, über die drohenden Gefahren für die konfessionelle Presse informieren zu lassen100. Aufgrund von Hinderers Darlegung beschloß der Vertrauensrat noch in derselben Sitzung, ein Schreiben an Goebbels zu richten: Zwar sei die evangelische Kirche jederzeit bereit, „für 95

Vgl. B. EHRECKE, Pressearbeit, S. 4 6 6 f.

Rundschreiben Bormanns vom 21.3.1941 an alle Gauleiter und Verbandsführer (BA KOBLENZ, NS 6/334, Bl. 50). 97 Vgl. B. EHRECKE, Pressearbeit, S. 471. Anders als etwa Bormann zeigte sich Goebbels in der Kirchenfrage als „Taktiker": So lehnte er für die Dauer des Krieges Auseinandersetzungen mit den Kirchen ab, da er eine Schwächung der deutschen Kampfkraft befürchtete. Er plädierte vielmehr dafür, die Abrechnung mit der Kirche bis nach dem Krieg zu verschieben (vgl. 96

W. BOELKE, Krieg, S. 129). 98 Die entsprechenden Schreiben erreichten die Redaktionen der kirchlichen Zeitschriften ab etwa Mitte April. Am 22.4.1941 unterrichtete Hinderer den GVR „über die bereits erfolgte Sperrung des Papierkontigents für die konfessionelle Presse" (Protokoll der GVRSitzung vom 22./23.4.1941: EZA BERLIN, 1/A 4/575 Bl. 2f.). 9 9 Marahrens war die Tatsache, daß das schlesische Gemeindeblatt „Unsere Kirche" sein Erscheinen einstellen mußte, spätestens seit dem 22.4.1941 bekannt (Wochenbrief vom 22.4.1941). Am 5.5.1941 erwog der Vertrauensrat, eine Eingabe zugunsten der schlesischen Kirchenzeitung an Goebbels zu richten (Protokoll der GVR-Sitzung: EZA BERLIN, 1/A 4/575, Bl. 4 f.). Dieses unterblieb jedoch — wahrscheinlich bedingt durch die generelle Einstellung der kirchlichen Presse. 100 Protokoll der GVR-Sitzung vom 21./22.4.1941 (EZA BERLIN, 1/A 4/575, BL. 2f.).

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den Sieg unseres Führers und Volkes auch ihrerseits alle notwendigen Opfer zu bringen", doch habe man „die allerernstesten Sorgen dagegen, daß im Zuge jener papierwirtschaftlichen Maßnahmen, . . . die evangelische Presse, die lediglich 1 % des Papierbedarfs der gesamten Presse erfordert, im Gegensatz zu der übrigen Presse in vollem Umfang eingestellt werden soll" 1 0 1 . Das Schreiben schloß mit der Bitte, Goebbels möge dem Vertrauensrat Gelegenheit zu einem Vortrag geben, um „positive Vorschläge" zu unterbreiten, die sowohl dem angestrebten Ziel der Papiereinsparung gerecht würden als auch bei dem protestantischen Kirchenvolk „die Gefahr einer ernsten politischen Beunruhigung" vermeiden könnten. Offensichtlich hatte der Vertrauensrat zu diesem Zeitpunkt noch die Hoffnung, mit dem Propagandaministerium eine ähnliche Regelung wie im Herbst 1939 aushandeln zu können. So belegt das Protokoll der GVR-Sitzung vom 21. und 22. April 1941, daß bereits Überlegungen über die Zusammensetzung einer Verhandlungsdelegation angestellt wurden, die nach dem Grundsatzgespräch zwischen dem Propagandaminister und dem Vertrauensrat Einzelheiten für die zukünftige Arbeit der evangelischen Presse aushandeln sollte 102 . Doch wieder einmal erwiesen sich die Einschätzungen des Vertrauensrates als zu optimistisch. Denn erst nachdem sich Vizepräsident Hundt telefonisch im Propagandaministerium nach dem Verbleib des Schreibens erkundigt hatte 103 , erhielten die Vertrauensratsmitglieder — nach vier Wochen! — einen Bescheid auf ihren Brief vom 21.4.1941. Dieser fiel entgegen den Erwartungen völlig ablehnend aus: „An der Auswahl der Druckerzeugnisse ist", so hieß es in dem Schreiben, „da die Durchführung bereits in die Wege geleitet ist, nichts mehr zu ändern. Eine Rücksprache mit dem Herrn Reichsminister für Volksaufklärung und Propaganda erübrigt sich daher" 1 0 4 . Auch eine weitere Eingabe, die sich für den Erhalt der kirchlichen Presse verwandte, blieb erfolglos. Auf ein Schreiben, das Landesbischof Marahrens

101

Schreiben (Abschrift) vom 21.4.1941 (EZA BERLIN, 1/A 4/569, BL. 363).

102

E Z A BERLIN, 1 / A 4 / 5 7 5 , BL. 2 f.

103 Das Schreiben an Goebbels vom 21.4.1941 (vgl. oben Anm. 101) trägt einen Vermerk von Hundt, der belegt, daß dieser am 13.5. im Vorzimmer des Reichspropagandaministers nach dem Eingang des Schreibens fragte. Ihm wurde beschieden, daß eine Antwort bis zur GVR-Sitzung am 26.5. eintreffen werde. 104 Schreiben (Abschrift) des Propagandaministeriums an den GVR vom 20.5.1941 (EZA BERLIN, 1/A 4/569, Bl. 364). Dieses Schreiben hatte noch ein Nachspiel: Der zuständige Sachbearbeiter faßte den Hinweis des Vertrauensrates auf die „Gefahr einer ernsten politischen Beunruhigung", die die geplanten Maßnahmen im Kirchenvolk hervorrufen könnten, als eine „Drohung' ' auf und wies sie „als eine Beleidigung des deutschen Volkes mit Nachdruck zurück.' ' Im Gegenzug schrieb der GVR Goebbels einen Brief (EBD., Bl. 365) in dem wiederum der Vorwurf der Beleidigung „mit dem Gewicht eines guten Gewissens nachdrücklich" zurückgewiesen wurde. Das Propagandaministerium reagierte hierauf lediglich mit dem Bescheid, daß Goebbels das Schreiben des Vertrauensrates „zur Kenntnis genommen" habe (EBD., Bl. 362: Brief des Propagandaministeriums [Unterschrift Gutterer] an den GVR vom 29.5.1941).

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Die wachsende Bedrohung (1940-1941)

am 9. Mai im Auftrag des Vertrauensrates an Hitler persönlich gerichtet hatte 105 , erhielt er nach fast sechs Wochen lediglich eine Antwort vom Präsidenten der Reichspressekammer, in der dieser nachdrücklich auf die Unabänderlichkeit der getroffenen Maßnahmen hinwies 106 . Selbst Kirchenminister Kerrl, der zu der geplanten Stillegung der protestantischen Presse überhaupt nicht befragt worden war, übte in einem Brief an Reichsminister Goebbels Kritik an den beabsichtigten Maßnahmen 107 . Doch hatte er im Sommer 1941 keinerlei Chancen mehr, seine Position gegenüber den „weltanschaulichen Distanzierungskräften" erfolgreich durchzusetzen. Seine Proteste gerieten vielmehr zu einer Demonstration politischer Ohnmacht; der Kirchenminister ohne Vollmacht zeigte einmal mehr, daß sein Ministerium angesichts der herrschenden Machtverhältnisse einem Anachronismus gleichkam. Auch der Geistliche Vertrauensrat war sich wohl der Machtlosigkeit des Ministers bewußt. Alle Eingaben, die er in dieser Angelegenheit aufsetzte, wurden dem Kirchenminister nur noch abschriftlich „zur Kenntnisnahme" oder bestenfalls mit der Bitte um Unterstützung übermittelt 108 . Zum 1. Juni 1941 mußte die evangelische Presse, die nur mit etwa 0,5% am Gesamtpapierverbrauch aller Zeitungen und Zeitschriften beteiligt war 109 , ihr Erscheinen fast vollständig einstellen 110 . Damit wurde die konfessionelle Presse durch die „kriegsbedingten" Sparmaßnahmen wesentlich 105 Schreiben mit der Bitte um einen Empfang (EZA BERLIN, 1/C 3 / 3 3 9 ; BA KOBLENZ, R 43 II/478a). 106 Schreiben vom 16.6.1941 (EZA BERLIN, 1/C 3/340). 107 Brief vom 3.4.1941 (BA KOBLENZ, R 43 II/481a und 478a; zit. nach M . HÜSGEN, Bistumsblätter, S. 135). 108 Vgl. z . B . : GVR-Schreiben an Goebbels vom 21.4.1941 (EZA BERLIN, 1/A 4/569, Bl. 363); am 27.5.1941 übersendet der GVR das Antwortschreiben des Propagandaministeriums an Kerrl — „zur gefälligen Kenntnisnahme" (EBD., Bl. 366). 109 Der GVR gab in seiner Eingabe vom 21.4.1941 an Goebbels (vgl. oben Anm. 101) den Papierverbrauch der evangelischen Presse mit 1 % des Gesamtpapierverbrauchs der Zeitungspresse an. Diese Angabe dürfte noch zu hoch gegriffen sein; der Papierverbrauch der gesamten konfessionellen Presse dürfte bei 1 % gelegen haben. Aus der Anlage zu einem BormannRundschreiben an die Reichsleiter und Gauleiter vom 6.6.1940 (BA KOBLENZ, NS 6/332; abgedruckt bei E ZIPFEL, Kirchenkampf, S. 497-501) geht sogar hervor, daß der Anteil der evangelischen Presse am Gesamtpapierverbrauch nur '/2 % betrug. Damit verbrauchte die gesamte evangelische Kirchenpresse während eines Monats weniger Papier als die SS-Zeitung „Das Schwarze Korps" alleine. Selbst nach der Einschätzung des Bormann-Rundschreibens war der Anteil der konfessionellen Presse am Gesamtpapierverbrauch „bedeutungslos". 110 Statt der erwarteten Juni-Ausgabe erhielten fast alle Bezieher kirchlicher Blätter von den Verlagen folgende Mitteilung: „Die Kriegswirtschaft erfordert stärkste Konzentration aller Kräfte. Diese Zusammenfassung macht es notwendig, daß unsere Zeitschrift mit dem heutigen Tage bis auf weiteres ihr Erscheinen einstellt, um Menschen und Material für andere kriegswichtige Zwecke freizustellen" (z.B. JK 9,1941, S. 322). Dieser von Rolf Rienhardt, dem Leiter der Papierbewirtschaftungsstelle, herausgegebene Text war für alle vom Einstellungsbeschluß betroffenen Zeitschriften verbindlich.

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härter getroffen als die nicht kirchengebundene Presse. Diese mußte nämlich ihren Papierverbrauch lediglich um 30% einschränken111. So blieben nicht nur ein Großteil der Tagespresse, wenn auch mit geringerer Seitenzahl, erhalten, sondern auch viele Unterhaltungszeitschriften. Sogar antichristliche Zeitschriften konnten ohne tiefgreifende Einschränkungen weiter veröffentlicht werden. Bereits diese ungleiche Behandlung deutet darauf hin, daß die „kriegsnotwendigen" Papiereinsparungen den „weltanschaulichen Distanzierungskräften" auch hier nur den Vorwand geliefert hatten, um endlich den vernichtenden Schlag gegen die konfessionelle Presse führen zu können. Weitere Indizien bestätigen diese Annahme: So wurde den Schriftleitern der eingestellten Zeitungen ihre Zugehörigkeit zur Reichspressekammer aberkannt— ihnen wurde mithin die Möglichkeit genommen, überhaupt noch journalistisch tätig zu werden112. Auch die Versuche des Geistlichen Vertrauensrates, eine Bestätigung dafür zu erhalten, daß es sich bei den Stillegungen nur um eine zeitlich begrenzte Maßnahme handele, schlugen fehl113. Für die evangelische Kirche bedeutete die Einstellung der Kirchenpresse und die fast gleichzeitig erfolgten Restriktionsmaßnahmen gegen das christliche Schrifttum einen schweren Schlag; denn die durch den kriegsbedingten Pfarrermangel 114 ohnehin unzureichende seelsorgerische. Betreuung der Gemeinden wurde nun noch weiter erschwert. Ubereinstimmend wiesen fast alle Eingaben zugunsten der evangelischen Presse darauf hin, welche Bedeutung dieser als Mittel der seelsorgerischen Betreuung von Alten, Kranken und durch ihren Beruf am Gottesdienstbesuch Gehinderten bisher zugekommen sei115. 111

Vgl. M . A M A N N , Presse, S. X I - X X I . H. BRUNOTTE, Auswirkungen, S. 230. Der Vermerk über die Besprechung der landeskirchlichen Pressereferenten (LKA SCHWERIN, GVR-Handakten Schultz, III/16) belegt, daß die Einziehung der „Schriftleiterausweise" in Baden und Niedersachsen bis zum 1. Juli bereits erfolgt war. Allerdings maß Hinderer der Maßnahme zu diesem Zeitpunkt noch „keine grundsätzliche Bedeutung" zu. 113 In der GVR-Sitzung am 30.6./1.7.1941 wurde die Kirchenkanzlei gebeten, vom Präsidenten der Reichsschrifttumskammer eine Bestätigung einzuholen, daß sich die Geltungsdauer der Stillegungsmaßnahmen nur auf die Kriegszeit erstrecke (EZA BERLIN, 1/A 4/579, Bl. 29-31: Protokoll der GVR-Sitzung). Ein entsprechendes Schreiben ging am 18.7.1941 ab (EZA BERLIN, 1/C 3/340). Am 6.8.1941 traf die Antwort ein — allerdings ohne die erbetene Erklärung ( E B D . ) . 114 Bis 1941 waren im DEK-Schnitt zwischen 33 % und 40 % der Pfarrer einberufen worden (vgl. unten S. 307-312). In einigen Landeskirchen waren die Einberufungszahlen jedoch wesentlich höher. N. BESTE, Kirchenkampf, S. 223, gibt für Mecklenburg an, daß schon bald nach Kriegsbeginn die Hälfte der Pastoren eingezogen waren. 115 Vgl. auch die Eingaben von Wurm (G. SCHÄFER, Landesbischof, S. 174-178; H . HERMELINK, Kirche, S. 532-535). Auch die Eingaben, die den GVR erreichten, wiesen immer wieder auf diese Aspekte hin. So z.B. Eingabe der hannoverschen Landeskirche (Unterschrift: Schnelle) an den GVR am 13.5.1941 (EZA BERLIN, 1/A 4/569, BL. 321 f.). 112

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Als am 1. Juli 1941 auf Einladung der Kirchenkanzlei und im Beisein des Geistlichen Vertrauensrates116 die landeskirchlichen Sachbearbeiter für Presse- und Nachrichtenfragen in der Kirchenkanzlei zusammenkamen 117 , wurde in einer ersten ausführlichen Bilanz das volle Ausmaß des „Stilllegungskahlschlags" deutlich: Von 735 evangelischen Zeitschriften mußten 690 ihr Erscheinen einstellen — mithin etwa 95 % n 8 . Doch selbst diese Zahlen geben nur ein recht unzureichendes Bild, denn ein Großteil der noch bestehenden Zeitschriften waren kirchliche Amtsblätter, theologische Fachzeitschriften oder Blätter für kirchliche Funktionäre —, die kirchliche Gemeindepresse war vollständig zum Erliegen gekommen 119 . Aber nicht nur der Bestandsaufnahme, sondern vor allem der Zukunftsplanung diente die Referentenbesprechung am 1. Juli. Durch Aushängekästen und Kanzelabkündigungen sollten so gut wie möglich die fehlenden Zeitschriften ersetzt werden 120 . Den Beitrag, den die kirchlichen Blätter hingegen für die seelsorgerische Betreuung großer Bevölkerungskreise geleistet hatten, konnte jedoch nur schwer ersetzt werden — zumal sich der Pfarrermangel im Laufe der folgenden Jahre noch weiter vergrößerte. Trotz dieser Zukunftsplanungen, die von der Unabänderlichkeit der staatlichen Restriktionsmaßnahmen ausgingen, unternahm es Marahrens nochmals, eine Eingabe im Namen des Vertrauensrates zu verfassen. In diesem Brief, den er am 24. Juli 1941 an den Chef der Reichskanzlei, Lammers, richtete, bat er, Hitler den Inhalt des Schreibens vorzutragen. Offen und in ungewöhnlich deutlicher Sprache brachte der hannoversche Landesbischof zum Ausdruck, daß die Stillegung der evangelischen Presse in weiten kirchlichen Kreisen als ein Mittel zur Bekämpfung der evangelischen Kirche angesehen

116 Gemäß Protokoll vom 26./27.5.1941 (EZA BERLIN, 1/A 4/579, BL. 24F.) schlug Wieneke dem G V R vor, eine Tagung der landeskirchlichen Pressereferenten einzuberufen. Der G V R erklärte sich mit diesem Vorschlag einverstanden. 117 Vermerk über die Besprechung der landeskirchlichen Pressereferenten ( L K A SCHWERIN, GVR-Handakten Schultz, III/16). Die Anwesenheitsliste belegt, daß aus fast allen Landeskirchen die zuständigen Referenten gekommen waren. 118

EBD.

Neben den Gesetz- und Verordnungsblättern konnten z.B. die „Pastoralblätter", „Christentum und Leben", die „Homiletischen Monatshefte" und die „Pfarramtspraxis" bis Ende 1943 weiter erscheinen; anschließend wurden sie zur Zeitschrift „Pfarramt und Theologie" zusammengelegt und schließlich Ende 1944 eingestellt. Einzig „Das Evangelische Deutschland' ' erschien bis zum März 1945. Nicht von den Einstellungsmaßnahmen betroffen waren vorerst auch „Der Kirchenälteste' ' (Thüringen) und „Das Kirchenvorsteherblatt" (Bayern). Für den Bereich der Diakonie gab es „ D i e Diakonisse" und das „Deutsche Diakonenblatt" (beide bis Herbst 1941). Ansonsten durften die Zeitschriften „Kirche und Musik", „Kirche und Kunst" sowie „Kirche und Literatur" weiter herausgegeben werden. Vgl. auch den Vermerk über die Besprechung am 1.7.1941 (oben Anm. 117); Schreiben von Hinderer an die D E K K vom 6.12.1941 (EZA BERLIN, 1 / C 3/340); H . BRUNOTTE, Auswirkungen, S. 230. 120 Vgl. oben Anm. 117. 119

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werde. Pastoren und Gemeindeglieder, die an der Front stünden, „können es immer schwerer verstehen", so schrieb Marahrens, „daß im Osten gleichzeitig der Kampf gegen die organisierte Gottlosigkeit geführt und in der Heimat ihr christlicher und kirchlicher Gottesglaube immer härter angefochten wird" m . In diesen Zeilen erreichte die Sprache des Vertrauensrates endlich etwas von der Deutlichkeit, die ihm Landesbischof Wurm keine drei Wochen zuvor im Zusammenhang mit dem unrühmlichen Telegramm zum Beginn des Rußlandfeldzuges empfohlen hatte 122 . Aber auch diesmal erhielt der Vertrauensrat nur eine ausweichende Antwort. A m 2. August 1941 teilte Ministerialdirektor Meerwald in einem Schreiben an Marahrens mit, daß es dem „Herrn Reichsminister . . . nicht möglich [gewesen sei], den Führer für die . . . Angelegenheit zu interessieren" 123 . Einen neuen Weg wies ein Vorschlag aus Mecklenburg: Als Ersatz für die fehlenden Zeitschriften, so schlug die Kirchengemeinde Reinshagen in einer an Göring gerichteten Eingabe vor, solle der Staat wieder christliche Sendungen — gedacht war in erster Linie an Morgenandachten und Gottesdienste — im Rundfunk übertragen 124 . Von dieser Eingabe gab Landesbischof Schultz dem Geistlichen Vertrauensrat Kenntnis 125 . Die Folge war, daß auch der Vertrauensrat eine ähnliche Eingabe verfaßte und am 26. August an die Reichskanzlei sandte 126 . Doch auch auf dieses Schreiben erhielt er nur eine ausweichende Antwort: Zu seinem Bedauern sei es Reichsminister Lammers „im Hinblick auf die überaus starke Belastung des Führers mit wichtigen Aufgaben der Staats- und Kriegsführung" nicht möglich gewesen, ihm von diesem Vorschlag Kenntnis zu geben 127 . Soweit sich feststellen läßt, unternahm der Geistliche Vertrauensrat nach diesem negativen Bescheid vorerst keine weiteren Bemühungen, um die Wiederzulassung kirchlicher Zeitschriften zu erreichen; dieses blieb anderen Gruppen und Einzelpersönlichkeiten vorbehalten 128 . Erst als im Dezember 1942 der katholische Bischof Wienken in der Kirchenkanzlei erschien, änderte sich die Situation. In einem Gespräch teilte er den überraschten Referenten Brunotte und Bartsch mit, daß ihm aus dem Propagandaministerium signalisiert worden sei, man möge von Seiten der beiden großen Kirchen Schritte unternehmen, um die Wiederzulassung eines Sonntagsblattes zu erreichen. Die Lage sei momentan günstiger als noch im Juni 1941. Wienken 121

E Z A BERLIN, 1/A 4/570, BL. 270.

123

E Z A BERLIN, 1 / A 4 / 5 7 0 , B l . 3 1 2 .

122

Vgl. oben S. 196 f.

Eingabe (Abschrift) vom 8.6.1941 ( E Z A BERLIN, 1/A 4/570, BL. 207). 125 Brief von Schultz an Hundt vom 26.6.1941 (EBD., Bl. 205). 126 Brief an Lammers vom 26.8.1941 ( L K A SCHWERIN, GVR-Handakten Schultz, III/18). 124

127

B r i e f d e r R e i c h s k a n z l e i a n d e n G V R v o m 5 . 9 . 1 9 4 1 (EBD.).

B. EHRECKE, Pressearbeit, S. 482, verweist in diesem Zusammenhang auf mehrere Vorstöße von Wurm (vgl. auch G . SCHÄFER, Landesbischof, S. 172-182) und auf die ständigen Hinweise von Marahrens in seinen Wochenbriefen. 128

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sprach die Anregung aus, ein Mitglied des Vertrauensrates möge zusammen mit Bischof Berning (Osnabrück) bei Goebbels vorsprechen, um ihm jeweils Eingaben der beiden Großkirchen zu überreichen 129 . Auch im Reichskirchenministerium erfuhr diese Anregung Unterstützung 130 . Erstmals am 5. Januar 1943 befaßte sich der Geistliche Vertrauensrat mit der Anregung Wienkens 131 . Brunotte, der zu diesem Tagesordnungspunkt das Referat hielt, schwebte vor, ein Sonntagsblatt mit einer Auflage von ungefähr 100.000 Exemplaren einzurichten. Inhaltlich solle es „nicht unter dem Gesichtspunkt staatspolitischer Propaganda stehen", allerdings müsse es selbstverständlich sein, „daß das Blatt eine seelisch positive Aufbauarbeit treibe" 1 3 2 . Die Mitglieder des Vertrauensrates stimmten den Ausführungen Brunottes zu und einigten sich darauf, Vizepräsident Hymmen zu dem geplanten Empfang bei Goebbels zu schicken. A m 3. Februar konnte Brunotte den GVR-Mitgliedern einen fertigen Entwurf für die Eingabe an Goebbels präsentieren 133 . Neben dem Hinweis auf die Dankbarkeit gegenüber der Staatsführung, die die Zulassung eines Sonntagsblattes innerhalb des Protestantismus hervorrufen werde, hatte Brunotte die Eingabe so angelegt, daß einerseits auf die bisherigen Bemühungen der evangelischen Kirche zur Stärkung „der seelischen Energieen" verwiesen und gleichzeitig der Vorteil aufgezeigt wurde, der einem christlichen Sonntagsblatt bei dieser Arbeit fortan zukäme 134 . Doch entgegen der usprünglichen Absicht, die Eingabe anläßlich des Empfangs bei Goebbels persönlich zu überreichen, entschloß man sich am 5. März 1943, diese brieflich an das Propagandaministerium zu schicken, da der in Aussicht genommene Besuchstermin immer wieder verschoben wurde 135 . In der Antwort des Propagandaministeriums war von einer Wieder- oder gar Neuzulassung eines Sonntagsblattes keine Rede mehr. Stattdessen wurde unter Hinweis auf die Erfordernisse des „totalen" Krieges eine weitere Einschränkung der kirchlichen Presse angekündigt 136 . Allerdings teilte das Propagandaministerium gleichzeitig mit, daß eine völlige Stillegung nach Möglichkeit vermieden werden solle 137 . Doch angesichts des noch geringen Bestandes der kirchlichen Presse konnte dieser Hinweis kaum ein Trost sein. 129 Vertraulicher Vermerk betr. die Bemühungen um Zulassung eines Sonntagsblattes zwischen Dezember 1942 und März 1943, erstellt von Brunotte am 5.3.1943 ( E Z A BERLIN, 1/A 4/572, Bl. 29).

»O EBD.

» i Protokoll der GVR-Sitzung vom 5.1.1943 ( E Z A BERLIN, 1/A 4/579, Bl. 125 f.). 132 Vgl. oben A n m . 129. 133 EBD. 134 Eingabe des G V R an Goebbels vom 5.3.1943 ( E Z A BERLIN, 1/A 4/572, Bl. 30f.). 135

EBD.

136

Brief (Abschrift) an den G V R v o m 19.3.1943 (EBD., Bl. 95).

137

EBD.

Christentum und Nationalsozialismus — die unvereinbaren „Weltanschauungen"

231

Die eigenständigen Bemühungen des Geistlichen Vertrauensrates um die Erhaltung der Kirchenpresse endeten bereits 1941. Die Eingabe vom 5. März 1943 bildete kaum mehr als einen Versuch, auf ein scheinbar positives Signal der Staatsführung zu reagieren. Selbst bei den Zeitschriften „Christentum und Leben" und den „Pastoralblättern", an deren Erscheinen der Vertrauensrat ein ureigenes Interesse haben mußte — immerhin erschienen in diesen Zeitschriften die Predigtmeditationen, die in seinem Auftrag herausgegeben wurden — unternahm er nichts, als es zu weitgehenden Einschränkungen dieser Druckerzeugnisse kam 1 3 8 . Erst als im Winter 1944/45 das Propagandaministerium die Einstellung der letzten praktisch-theologischen Zeitschrift verfügte, wurde im März 1945 unter dem GVR-Briefkopf nochmals eine Eingabe an das Propagandaministerium gerichtet — allerdings auch in diesem Falle ohne Erfolg 139 .

3. Christentum und Nationalsozialismus — die unvereinbaren „Weltanschauungen " Die ersten Jahre des Krieges hatte eine bedeutsame, doch kirchlicherseits kaum bemerkte Veränderung innerhalb der tonangebenden Gruppe der „weltanschaulichen Distanzierungskräfte" mit sich gebracht. Alfred Rosenberg, der lange Zeit als die Inkarnation der Kirchenfeindschaft galt, hatte schon bald nach Kriegsbeginn den Höhepunkt seiner Macht überschritten und wurde ab 1941 zunehmend aus dem Zentrum des nationalsozialistischen Machtgefüges verbannt 140 . Ebenso schied Rudolf Heß im Frühjahr 1941 durch seinen Englandflug aus der Riege der „weltanschaulichen Distanzierungskräfte" aus. Neu hinzu kam indes Reinhard Heydrich, der seit dem Herbst 1939 als Chef des mächtigen Reichssicherheitshauptamtes fungierte 141 . Doch der bei weitem einflußreichste Christentumsgegner war Martin Bormann 1 4 2 . Seine Karriere erreichte nach dem Englandflug Heß' ihre wesentliche Zäsur: Er avancierte zum Leiter der Parteikanzlei und wurde mit dem Dienstrang eines Reichsministers ausgezeichnet 143 . Doch Vgl. oben S. 203. Vgl. H. BRUNOTTE, Auswirkungen, S. 231. Die Eingabe wurde am 2.3.1945 abgeschickt; die ablehnende Antwort traf am 10.3.1945 in Stolberg ein. Wahrscheinlich geht die Eingabe auf eine Anregung von Marahrens zurück, der am 8.2.1945 auf einen an ihn gerichteten Brief zusagte, Schritte zur Erhaltung der Zeitschrift „Pfarramt und Theologie" zu unter138

139

n e h m e n ( L K A HANNOVER, L 2 , N r . 7 , B d . 3 ) . 140

Vgl. R . BAUMGÄRTNER, W e l t a n s c h a u u n g s k a m p f .

141

Vgl. H. PEUSCHEL, Männer, S. 94-121.

Vgl. J. v. LANG, Sekretär. Am 12.5.1941 wurde Bormann zum Leiter der Parteikanzlei ernannt, am 29.5.1941 bekam er Ministerrang (RGBl 1941, S. 295) und die damit verbundenen Vollmachten, die bisher Heß innehatte. 142 143

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Die wachsende Bedrohung (1940-1941)

sein wichtigstes Kapital war das Vertrauen, das er bei Hitler genoß. Der intransigent kirchenfeindliche Bormann war mithin zu einer der einflußreichsten Persönlichkeiten der NS-Hierarchie geworden. Dieser Aufstieg vollzog sich jedoch weitgehend im Verborgenen; selbst die Führungsspitze der D E K entdeckte erst im Herbst 1941 die wirkliche Bedeutung Bormanns 144.

a. Die Auseinandersetzungen mit den weltanschaulichen Distanzierungskräften Im Sommer 1940 hatte Reichsinnenminister Frick die Reichsstatthalter und Oberpräsidenten wissen lassen, „daß der Führer alle nicht unbedingt notwendigen Maßnahmen zu vermeiden wünscht, die das Verhältnis des Staates und der Partei zur Kirche verschlechtern könnten" 1 4 5 . Doch die Adressaten maßen dem Schreiben des Innenministers keine besondere Bedeutung zu. Seitens der „weltanschaulichen Distanzierungskiäfte" ging der Kampf gegen das Christentum und seine organisierten Lebensäußerungen ungeniert weiter. Denn, so äußerte etwa Reichsorganisationsleiter Dr. Ley, „der Wunsch des Führers, während des Krieges alle konfessionellen kirchlichen Fragen zurückzustellen und sie nicht zu einem Streitobjekt zu machen, darf aber nicht aufgefaßt werden, als ob der Partei selbst irgendwelche Fesseln auferlegt wären, klare Entscheidungen herbeizuführen" 146 . Es waren vielmehr, wie ein Vermerk der Reichskanzlei belegt, „der Kirchenminister und kirchliche Stellen", die sich seit dem Bekanntwerden von Hitlers Äußerung bei allen sich bietenden Gelegenheiten darauf beriefen 147 . So auch die Mitglieder des Geistlichen Vertrauensrates. Sie erblickten in dieser Führerweisung die Erfüllung eines langegehegten, aber nie öffentlich ausge144 Vgl. hierzu die Vorgänge um das Bormann-Rundschreiben vom 9.6.1941 (KJ 1933-44, S. 450-452): Im Protokoll der GVR-Sitzung vom 24./25.11.1941 wird dieses versehentlich Reichsleiter Bouhler zugeschrieben ( E Z A BERLIN, 1/A 4/579, Bl. 69 f.). 145 Rundschreiben vom 24.7.1940 (BA KOBLENZ, R 43 II/150a, Bl. 2; abgedruckt bei J. S. C o Ν WAY, Kirchenpolitik, S. 375). Signifikant für die Funktionsweise der Machtmechanismen im NS-Staat ist die Art und Weise, wie dieses Rundschreiben zustande kam: Ein Briefentwurf der Reichskanzlei belegt, daß sich Hitler am 5.6.1940 „anläßlich eines Vortrags über die Frage des Verbots des Jesuitenordens in der O s t m a r k " im Sinne des späteren Rundschreibens geäußert hatte (BA KOBLENZ, R11/172, Bl. 22 f.). A m 15.6.1940 gab Lammers diese Äußerung Hitlers an den Innenminister weiter, der daraufhin das erwähnte Schreiben verfaßte. 146 Entwurf eines Schreibens von Ley an den Gauleiter und Reichsstatthalter des Gaues Württemberg-Hohenzollern, Wilhelm Murr, vom 4.4.1941; zit. nach F. ZIPFEL, Kirchenkampf, S. 508 f. 147 Vermerk über das Verhältnis Staat-Kirche vom 13.8.1941 (BA KOBLENZ, R 43 11/152, Bl. 69 f.).

Christentum und Nationalsozialismus — die unvereinbaren „Weltanschauungen"

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sprochenen Wunsches148. Denn durch diesen Entscheid Hitlers, so interpretierte man jedenfalls kirchlicherseits das Rundschreiben, wurden alle weiteren antichristlichen Aktionen verboten — sie konnten von nun an als ein Verstoß gegen den Willen Hitlers gewertet werden. Angesichts der unverändert kirchenfeindlichen Haltung der „weltanschaulichen Distanzierungskräfte" kamen bei den Vertrauensratsmitgliedern nur kurze Zeit nach dem Bekanntwerden des Frick-Rundschreibens Überlegungen auf, „ob und in welcher Weise Vorstellungen . . . über die auf vielen Gebieten sich verschärfende kirchenfeindliche Haltung wirksam an oberste Stellen erhoben werden können" 149 . Denn auch bei den GVRMitgliedern setzte sich immer mehr die Erkenntnis durch, daß die demonstrativen Bekundung einer staatsloyalen Haltung kein Mittel ist, um den NSStaat zu einer Abschwächung seiner antikirchlichen Politik zu veranlassen 150. Im Gegenteil: Selbst ein durch und durch staatstreues Organ wie der Vertrauensrat mußte sich den Vorwurf gefallen lassen, die Ziele der Staatsführung nicht genug zu unterstützen und zu wenig für die Stärkung der seelischen Haltung des deutschen Volkes und seiner Wehrmacht zu tun 151 . Die Erkenntnis, daß sich der Kampf der „weltanschaulichen Distanzierungskräfte" gegen die Kirchen verstärkte, also das bisherige Konzept der demonstrativen Loyalität keinerlei Erfolge gezeigt hatte, mag die GVRMitglieder denn auch veranlaßt haben, in der Sitzung am 10. Dezember 1940 die Kirchenkanzlei zu beauftragen, Belegmaterial über die antikirchlichen Aktionen während des Krieges zusammenzustellen. Was Oberkonsistorialrat Wieneke jedoch in der GVR-Sitzung am 13./ 14. Januar 1941 vorlegte, ging wesentlich über den Auftrag des Vertrauensrates hinaus: Wieneke präsentierte nämlich nicht nur eine 31-seitige, chronologisch geordnete Materialzusammenstellung „über die Angriffe gegen Kirche und Christentum während des Krieges", sondern auch gleich einen zehn Seiten umfassenden Entwurf für eine Eingabe an Hitler 152 . Stellt man 148

Bereits im Frühjahr 1940 hatte der Vertrauensrat den Entwurf einer Eingabe an Hitler fertiggestellt, in dem auch antikirchliche Maßnahmen von Staats- und Parteidienststellen angesprochen wurden (EZA BERLIN, 1/A 4/577, BL. 108-111). Die nie abgeschickte Eingabe Schloß mit den Worten: „In seinem unerschütterlichen Vertrauen zu Ihnen, mein Führer, wendet sich daher der gesamte deutsche Protestantismus an Sie mit der inständigen Bitte, Ihre Autorität dafür einzusetzen, daß die Treue evangelischer Volksgenossen gegenüber dem Glauben und der Kirche ihrer Väter keine Beeinträchtigung ihrer politischen Ehre und ihrer Stellung in Staat und Partei nach sich zieht." 149 Protokoll der GVR-Sitzung vom 9./10.12.1940 (EZA BERLIN, 1/A 4/575, Bl. 27 f.). 150 Vgl. oben S. 199 f. 151 Vgl. oben S. 186f.; 193. 152 Zum Folgenden: Eingabeentwurf mit Materialanhang von Wieneke (EZA BERLIN, 1/C 3/216 und LKA SCHWERIN, GVR-Handakten Schultz, II/5). Der Vollständigkeit halber sei noch angemerkt, daß die von K. MEIER, Kirchenkampf, Bd. III, S. 634 (Anm. 363), erwähnte und S. 138 auszugsweise zitierte „große Fassung" der Eingabe nie versandt wurde.

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Die wachsende Bedrohung (1940-1941)

in Rechnung, daß Wieneke 1933 als überzeugter DC-Anhänger in die Kirchenkanzlei kam 1 5 3 , so müssen beide Entwürfe um so mehr überraschen. Zwar begann auch diese Eingabe mit Hinweisen auf die staatsloyale Haltung der evangelischen Kirche und steigerte sich zu einer expliziten Treuebezeugung für Hitler, doch bildeten diese Elemente nur die Exposition, um schließlich aufzuzeigen, daß die bisherige Haltung der evangelischen Kirche zum Staat keinerlei Anlaß für Mißtrauen oder gar einen Kampf gegen die Kirche bieten könne. Der eigentliche Grund für die zahlreichen antikirchlichen Maßnahmen müsse in erster Linie in der durch „bestimmte Kreise des Staates und — vor allem — der Partei" propagierten Auffassung gesehen werden, daß „die von der Kirche verkündete Lehre . . . der Weltanschauung des Nationalsozialismus entgegengesetzt und damit eine Gefahr für die Zukunft des deutschen Volkes" sei. Den Beweis, so Wieneke in seinem Eingabeentwurf, lieferten die zahlreichen Äußerungen „führender Persönlichkeiten in Staat und Partei über das ,artfremde', ,ungermanische', von ,fremdrassischem' Ursprung ausgehende Christentum." Bei Hitler hoffte man, gegen solche Beschuldigungen Schutz zu finden: „Sie, mein Führer, stehen — das wissen wir—diesen Gedankengängen f e r n . . . Wir vertrauen deshalb auf Sie, mein Führer, daß Sie, zur rechten Stunde, das entscheidende und befreiende Wort sprechen werden, das diejenigen Kräfte in ihre Schranken zurückweisen wird, die meinen dem deutschen Volk zu nützen, wenn sie einen Kampf gegen das Christentum entfesseln." Wieneke wurde zwar allseits „Dank für seine große Mühe ausgesprochen" 154, doch konnte diese höfliche Geste nur mühsam verbergen, daß er mit seiner Vorlage, wohl ohne es zu ahnen, das Dynamit gelegt hatte, das den Vertrauensrat beinahe gesprengt hätte. Während nämlich Marahrens, Hymmen und Weber durchaus bereit waren, diesen Entwurf nach einigen Änderungen im Materialteil zu billigen, lehnte Schultz ihn kategorisch ab 156 . So einigte man sich vorerst einmal darauf, den Entwurf auf eine „sachliche Darstellung der Tatbestände und einen zusammenfassenden Schlußsatz" zu beschränken. Diese Aufgabe übernahmen Oberkonsistorialrat Brunotte und Vizepräsident Fürle. Sie versahen das Material mit den entsprechenden Aktenzeichen und brachten es in eine sachliche Ordnung 157 . Doch waren

153

V g l . K . SCHOLDER, K i r c h e n , B d . 1, S. 2 6 9 .

154 Protokoll der GVR-Sitzung vom 14./15.1.1941 (EZA BERLIN, 1/A 4/575, BL. 23-25). 155 In einem Brief an Fürle äußerte Schultz, daß er durchaus wisse, daß seine „Auffassung von der der anderen Mitglieder des Vertrauensrates erheblich abweiche" ( L K A SCHWERIN, GVR-Handakten Schultz, II/5). 156 Protokoll der GVR-Sitzung vom 13./14.1.1941 ( E Z A BERLIN, 1/A 4/575, BL. 23-25). 157 Uberarbeitete Fassung der Eingabe und des Materialanhangs, versehen mit handschriftlichen Notizen von Brunotte und Fürle ( E Z A BERLIN, 1 / C 3/216); vgl. auch den Brief von Brunotte an Benn vom 13.12.1951 indem sich Brunotte über die Genese der Denkschrift außen (EBD.).

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diese eher bescheidenen Maßnahmen kaum geeignet, die Lage zu entschärfen. Denn die Bedenken Schultz' richteten sich nicht gegen einzelne Formulierungen des Entwurfes, sondern er hielt das grundsätzliche Anliegen der Eingabe für verfehlt: „Bei aller Würdigung Ihres guten Willens", so schrieb er am 7. April 1941 an Wieneke, „muß ich bei meiner Weigerung, meine Unterschrift unter die Denkschrift zu setzen, b l e i b e n . . . Ich muß es nach nochmaliger genauer Prüfung des Wortlauts vielmehr kategorisch ablehnen, dem Führer Dinge vorzulegen, von deren objektiver Schiefheit ich heilig überzeugt bin" 1 5 8 . Die Schuld für die antikirchlichen Aktionen der letzten Zeit sei nämlich nicht bei den Staats- und Parteidienststellen zu suchen, sondern sie seien das Resultat eines verfehlten Verhaltens der Kirche. Gegenüber Fürle äußerte der mecklenburgische Landesbischof: „Nach wie vor glaube ich, daß einzig und allein die Deutsche Evangelische Kirche und ihr klägliches Versagen in den Jahren 1933 und 34 schuld ist an der ganzen Not, unter der heute alles Christliche im Reiche steht" 1 5 9 . Man könne Hitler zwar das Material über die Ausschreitungen gegen den christlichen Glauben und die Kirche zusenden, doch sei es unzulässig, Schuldzuweisungen vorzunehmen. Noch besser werde es jedoch sein, endlich an einer wirklichen Lösung der schwebenden Fragen aktiv gestaltend zu arbeiten. Denn „mit dem ewigen Jammern und Lamentieren ist weder etwas zu gewinnen, noch können wir damit dem positiven Auftrag gerecht werden, den wir als Träger des Erbes der Reformation unserem Volk gegenüber haben" 1 6 0 . Als der Vertrauensrat am 21. April wieder zusammentrat, präsentierte Schultz einen eigenen Entwurf für eine Eingabe an Hitler 1 6 1 . Ganz im Sinne seiner bisherigen Argumentation verzichtete Schultz auf jegliche Schuldzuweisungen. Vielmehr empfahl er den Vertrauensrat als ein Gremium, das sich verpflichtet fühle, den Führer auf die Gefahren hinzuweisen, die der Volksgemeinschaft durch die Mißachtung seiner Anweisung von Sommer 1940 entstehen könnten. Lediglich der Hinweis, daß gemäß Hitlers Befehl „die persönliche antichristliche Einstellung einzelner Amtsträger . . . nicht zu einem offenen Kampf, zu einer Unterdrückung und Diffamierung des Christentums führen" dürfe, erinnerte noch an den ersten Entwurf der Eingabe. Am 5. Mai wurde ein auf der Basis von Schultz' Entwurf erarbeitetes Schreiben zusammen mit einer „sachlichen Darstellung der Tatbestände" durch den Vertrauensrat gebilligt und an den Kirchenminister zur Weiter-

158 L K A SCHWERIN, GVR-Handakten Schultz, U / 5 . 159

B r i e f v o n S c h u l t z a n F ü r l e v o m 9 . 4 . 1 9 4 1 (EBD.).

160

B r i e f v o n S c h u l t z a n W e b e r v o m 1 7 . 4 . 1 9 4 1 (EBD.).

1 6 1 Protokoll der G V R - S i t z u n g v o m 2 1 . / 2 2 . 4 . 1 9 4 1 (EZABERLIN, 1 / A 4 / 5 7 5 , B l . 2 f . ) . D e r E n t w u r f von Schultz findet sich im E Z A BERLIN, 1 / C 3 / 2 1 6 , sowie im L K A SCHWERIN, GVRHandakten Schultz, I I / 5 .

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Die wachsende Bedrohung (1940-1941)

leitung an Hitler übergeben 162 . Der Materialteil hatte durch eine erneute Überarbeitung eine wesentliche Entschärfung erfahren: brisante Themen, wie z.B. der Mord an geistig Behinderten, waren völlig ausgeklammert worden, andere Teile hatten eine vorsichtigere Formulierung bekommen 163 . Durch die Umarbeitung der Eingabe und die Abschwächung des Belegmaterials wurde zwar die Krise innerhalb des Vertrauensrates vorerst beigelegt, doch gleichzeitig verzichtete dieser damit auf die eigentlich notwendige und von Wieneke durch seinen Eingabeentwurf angeregte Auseinandersetzung mit den „weltanschaulichen Distanzierungskräften". Aber selbst die gemäßigte Form hatte für den Geistlichen Vertrauensrat noch ein Nachspiel, das den gerade mühsam erreichten Zusammenhalt erneut gefährdete. Es formierte sich nämlich in den Reihen der Nationalkirchlichen Einung D C Widerstand gegen dieses Schreiben, so daß schließlich sogar Überlegungen reiften, den DC-Vertreter aus dem Geistlichen Vertrauensrat abzuziehen 164 . Anfang September 1941 kam es zu einer Entschließung der Arbeitsgemeinschaft evangelischer Kirchenleiter, die vorsah, daß Schultz seinen Posten niederlegen sollte165. Warum dieser Entschluß nicht verwirklicht wurde, läßt sich nicht sicher erkennen. In der Reichskanzlei fand das GVR-Schreiben Mitte Mai 1941 große Beachtung. Der zuständige Referent erwog sogar, ob nicht der „Tatsachenbericht . . . gelegentlich beim Führer zur Sprache gebracht werden sollte" 166 . Lammers zog es jedoch vor, sich die knifflige Sache möglichst schnell vom Halse zu schaffen. Er ordnete an, das Schreiben des Vertrauensrates an Bormann weiterzuleiten. Er wolle, so begründete er seinen Schritt in dem Brief an Bormann, „da der größere Teil der in der Anlage behandelten Beschwerden des Vertrauensrates das angebliche Vorgehen von Parteistellen zum Gegenstand hat", dessen „Entscheidung nicht vorgreifen" 167 . Doch Bormann dachte wohl niemals ernsthaft daran, einen der Berichte nachzu-

162 Protokoll der GVR-Sitzung vom 5.5.1941 (EZA BERLIN, 1/A 4/575, Bl. 4 f.). Am 8.5.1941 übersandte Kerrl das Schreiben und den Materialteil — „ohne . . . Stellung zu nehmen" — an die Reichskanzlei (BA KOBLENZ, R 43 11/172, Bl. 2 ff.). 163 Vgl. den Materialanhang der Endfassung der GVR-Eingabe (EBD., Bl. 4-20). Die Eingabe trägt das Datum vom 30.4.1941, obwohl sie erst am 5.5.1941 die Billigung des GVR fand. 164 Brief von Hoffmeister an Schmidt zur Nedden vom 15.7.1941: „Es erscheint mir notwendig, daß zum mindesten die Arbeitsgemeinschaft ev. Kirchenführer von diesem Schreiben an den Führer abrückt. Ob die Arbeitsgemeinschaft tatsächlich diese Energie aufbringt, erscheint mir äußerst zweifelhaft..." (LKA SCHWERIN, GVR-Handakten Schultz, IV/44). 165 Brief von Dungs an Schultz vom 12.9.1941: Aufgrund eines Beschlusses der Arbeitsgemeinschaft teilte Dungs mit, daß der gegenwärtige Augenblick als günstig für „das aus grundsätzlichen Erwägungen immer wieder von vielen Stellen geforderte Ausscheiden" erscheine (LKA SCHWERIN, GVR-Handakten Schultz, I I / 5 ) und Brief von Bauer an Schultz vom 15.9.1941 ( E B D . , III/31). 166 Vermerk der Reichskanzlei vom 1 2 . 5 . 1 9 4 1 ( B A KOBLENZ, R 4 3 1 1 / 1 7 2 , BL. 2 1 f.). 167 Brief (Entwurf) vom 7.6.1941 (EBD., Bl. 22 f.).

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prüfen: Zwar teilte er Lammers am 22. August 1941 mit, daß er diejenigen Fälle, zu denen die erforderlichen Angaben vorhanden seien, auch aufgreifen und prüfen werde, doch seien die vom Vertrauensrat gemachten Angaben „vielfach unklar und veraltet, weshalb ihre Nachprüfung tatsächlich zum großen Teil einfach nicht möglich ist" 168 . Noch während der Vertrauensrat auf eine Antwort auf seine Eingabe wartete — die allerdings nie eintraf169 — lösten weitere Aktionen der „weltanschaulichen Distanzierungskräfte" erneut große Unruhe in kirchlichen Kreisen aus. In großer Auflage wurde die Broschüre „Das Reich als Aufgabe", verfaßt von dem als Hauptschulungsleiter im Stabe Rosenberg tätigen Friedrich Schmidt, vertrieben170. Landesbischof Wurm und, im Einvernehmen mit dem Geistlichen Vertrauensrat, die Kirchenkanzlei protestierten energisch gegen diese Schrift, die die Befreiung des Reiches aus den „Fesseln" der . 2000-jährigen Kultur des Christentums und die Schaffung einer artgemäßen, germanischen Kultur proklamierte171. Doch noch weitaus größere Empörung und Aufregung, als sie Schmidts Buch verursacht hatte, rief das Bekanntwerden eines streng vertraulichen Rundschreibens von Reichsleiter Bormann hervor, in dem sich dieser am 9. Juni 1941 gegenüber den Gauleitern programmatisch über das „Verhältnis von Nationalsozialismus und Christentum" äußerte172. Denn mochte man in Schmidts Werk noch eine Privatarbeit sehen, ähnlich dem „Mythus" Rosenbergs, so hatten Bormanns Äußerungen — immerhin war er als Sekretär des Führers einer der engsten Vertrauten Hitlers 173 — schon einen offizielleren Anstrich.

168

(EBD., B l . 3 1 f.).

Am 21 ./22.7.1942 beschloß der GVR, nicht mehr auf einer besonderen Beantwortung der Eingabe zu bestehen (Protokoll der GVR-Sitzung: EZA BERLIN, 1/A 4/579, Bl. 103); vgl. auch: H. BRUNOTTE, Kurs, S. 136. 170 Das Buch erschien 1940 mit einer Erstauflage von 100.000 Exemplaren. Nach der Aufnahme in die „NS-Bibliographie" (23.12.1940) wurde eine zweite Auflage von nunmehr 500.000 Exemplaren gedruckt. H. BRUNOTTE, Auswirkungen, S. 218, berichtet, daß Schmidts Buch bis 1942 noch die Zahl von 800.000 gedruckten Exemplaren erreichte — zu einem Zeitpunkt als für christliche Literatur aus „kriegswirtschaftlichen" Gründen kaum noch ein Kilo Papier zu bekommen war. Vgl. auch oben S. 220, Anm. 78. 171 Vgl. Schreiben der DEKK an Kerrl vom 7.8.1941 mit einem Gutachten von Wieneke über Schmidts Buch (LKA SCHWERIN, GVR-Handakten Schultz, III/28) sowie H. HERMELINK, Kirche, S. 504 f. und G. SCHÄFER, Landesbischof, S. 21 f. passim. 169

172

B A KOBLENZ, N S 6 / 3 3 6 , B l . 1 8 - 2 2 ; eine A b s c h r i f t des

Bormann-Rundschreibens

befindet sich im LKA SCHWERIN, GVR-Handakten Schultz, III/24. Das Rundschreiben war, wie H. BRUNOTTE, Kurs, S. 136 berichtet, dem Vertrauensrat anonym zugegangen. Abdruck:

K J 1 9 3 3 - 4 4 , S. 4 5 0 - 4 5 2 ; F. ZIPFEL, K i r c h e n k a m p f , S. 5 1 2 - 5 1 6 ; z u m U b e r l i e f e r u n g s s c h e m a

EBD., S. 511. Uber den Ursprung des in kirchlichen Kreisen kursierenden Schreibens berichtet H. BRUNOTTE, Kurs, S. 136: „Einer der Gauleiter (Erich Koch in Königsberg) hatte es von einem ihm bekannten Pfarrer abschreiben lassen, und nun ging dies sehr offene und symptomatische Schreiben nach dem Schneeballsystem durch ganz Deutschland." 173

Uber die tatsächliche Stellung Bormanns vgl. J. v. LANG, Sekretär, S. 170.

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Bormann versteifte sich in seinem Rundschreiben auf die These, daß „nationalsozialistische und christliche Auffassungen . . . unvereinbar" seien174. Damit desavouierte er nicht nur alle bisherigen Bemühungen, die von Seiten der offiziellen DEK unternommen worden waren, um ein einvernehmliches Verhältnis zum nationalsozialistischen Staat herzustellen, sondern erklärte den aktiven Kampf gegen die evangelische Kirche geradezu zu einem Anliegen des nationalsozialistischen Staates. Auch der Vertrauensrat, inzwischen sensibel geworden für die weiterhin andauernden antikirchlichen Aktionen von Staat und Partei, beschäftigte sich ab Ende November 1941 mit Bormanns Rundschreiben175. Wieder war es Wieneke, der den Entwurf für eine Entgegnung vorlegte. Zwar fand der Entwurf nicht sofort die uneingeschränkte Billigung des Vertrauensrates, doch wurde er nach einer Überarbeitung durch Vizepräsident Hymmen allerseits akzeptiert176. Sogar Schultz brachte keine weiteren Einwände vor. So richtete der Vertrauensrat am 26. Februar 1942 eine Anfrage an die Reichskanzlei, die nicht recht erkennen läßt, ob sich dahinter eine gespielte Naivität verbarg177 oder eine tatsächliche Ahnungslosigkeit über die Funktion Bormanns: „Wir haben uns lange innerlich dagegen gesträubt anzunehmen, daß diese Auslassung zu Recht die Unterschrift des Reichsleiters Bormann trage, und sogar mit der Möglichkeit einer von der Feindpropaganda ausgehenden Fälschung gerechnet". Doch inzwischen habe man auch die Möglichkeit in Betracht ziehen müssen, daß es sich um ein authentisches Schreiben handele; man bäte deshalb um Aufklärung. Es wäre dem Vertrauensrat nämlich eine „tiefe Genugtuung", wenn nach erfolgter Prüfung erklärt werden könnte, „daß das unter dem Namen des Herrn Reichsleiters Bormann umlaufende Schreiben gefälscht ist, und daß die Parteiführung mit seinem Inhalt und seiner Tendenz nichts zu tun hat" 1 7 8 . Genau dieser Bitte konnte Lammers jedoch nicht entsprechen. Wahrscheinlich zog er es deshalb auch vor, dem Vertrauensrat erst gar nicht zu antworten. Allerdings blieb das Schreiben nicht folgenlos: Die Gestapo erschien im Dienstgebäude, um den zuständigen Referenten, Oberkonsistorialrat Wieneke, zu vernehmen und eine Hausdurchsuchung durchzuführen179. Wahrscheinlich wegen dieses Vorgehens der staatlichen Stellen KJ 1933-44, S. 450. Protokoll der GVR-Sitzung vom 24./25.11.1941 (EZA BERLIN, 1/A 4/579, Bl. 69f.). 176 Protokolle der GVR-Sitzungen vom 5 . / 6 . 1 . 1 9 4 2 und vom 15./16.1.1942 (EBD., Bl. 74 f.). 177 H. BRUNOTTE, Kurs, S. 136, neigt jedenfalls dieser Meinung zu: „Im Kirchenministerium war man entsetzt über diese offen zur Schau getragene Ironie des Geistlichen Vertrauensrates und befürchtete nichts Gutes." 178 Schreiben an Lammers vom 26.2.1942 (LKA SCHWERIN, GVR-Handakten Schultz, 174

175

m/24). 179

Vermerk von Wieneke vom 20.4.1942 (EZA BERLIN, 1/C 3/215).

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verzichtete der Vertrauensrat auch auf weitere Nachfragen nach dem Verbleib des Schreibens180. Aber auch für Bormann hatten die kirchlichen Interventionen Konsequenzen. Er wurde von verschiedenen Seiten aus Staat und Partei angegriffen — weniger wegen des Inhalts als vielmehr wegen des unpassenden Zeitpunkts der Herausgabe181 — und mußte sein Schreiben zurückziehen und vernichten lassen182. Bormann, der zwar fortan derartige Äußerungen vermied, gehörte jedoch auch fernerhin zu den fanatischsten Gegnern des Christentums und der Kirchen 183 . Allerdings wird man auch feststellen müssen, daß es die „weltanschaulichen Distanzierungskräfte" — auch Bormann — etwa ab Ende 1942 vermieden, weiterhin einen bewußten Konfrontationskurs gegenüber den Kirchen zu steuern. Ursächlich hierfür dürfte die sich verschärfende Kriegslage gewesen sein 184 . Der „Mustergau" Wartheland, der eine Art Experimentierfeld für die „weltanschaulichen Distanzierungskräfte" darstellte, bildete in dieser Beziehung allerdings eine Ausnahme — hier gingen auch nach 1942 die antikirchlichen Aktionen unvermindert weiter.

b. Der „Modellgau" Wartheland 185 Bereits vor Beginn des Zweiten Weltkrieges war es Hitler durch außenpolitisches Taktieren und durch militärische Okkupation gelungen, das Gebiet leo P r o t o k o l l der G V R - S i t z u n g v o m 2 1 . / 2 2 . 7 . 1 9 4 2 : „Von einer s c h r i f t l i c h e n E r i n n e r u n g a n R e i c h s m i n i s t e r L a m m e r s wegen d e r B e a n t w o r t u n g d e r M i t t e i l u n g des G e i s t l i c h e n Vertrauensrates ü b e r das s o g e n a n n t e B o r m a n n r u n d s c h r e i b e n soll abgesehen w e r d e n " ( E Z A BERLIN, 1 / A 4 / 5 7 9 , B l . 1 0 3 ) . 181

So n o t i e r t e z.B. G o e b b e l s in s e i n e m T a g e b u c h : „ E i n R u n d s c h r e i b e n B o r m a n n s ü b e r

die K i r c h e n f r a g e ist leider in den B e s i t z des feindlichen A u s l a n d e s geraten. W a r u m m u ß t e B o r m a n n a u c h in dieser Z e i t R u n d s c h r e i b e n ü b e r K i r c h e n f r a g e n loslassen? D i e K i r c h e n f r a g e ist k e i n P r o b l e m , das v o n k r i e g s e n t s c h e i d e n d e r B e d e u t u n g w ä r e " ( J . GOEBBELS, T a g e b u c h , S. 9 8 ; vgl. a u c h J . v. LANG, Sekretär, S. 1 9 6 ) . 182

F. ZIPFEL, K i r c h e n k a m p f , S. 5 1 1 .

183

Vgl. u n t e n S. 3 1 2 .

184

I n e i n e m R u n d s c h r e i b e n v o m 2 6 . 4 . 1 9 4 3 „ ü b e r die B e h a n d l u n g p o l i t i s c h konfessionel-

ler A n g e l e g e n h e i t e n " o r d n e t e B o r m a n n an, d a ß „jede kleinliche N a d e l s t i c h p o l i t i k " z u unterbleiben h a b e : „ A l l e A n g e l e g e n h e i t e n , die f ü r d e n A u s g a n g des Krieges n i c h t e n t s c h e i d e n d sind, o d e r die gar geeignet sind, D i f f e r e n z e n a u s z u l ö s e n u n d die V o l k s g e m e i n s c h a f t z u spalten, sind z u r ü c k z u s t e l l e n . D a z u g e h ö r e n insbesondere a u c h die politisch-konfessionellen Angeleg e n h e i t e n , die gegenwärtig n i c h t n e u geregelt w e r d e n m ü s s e n " 0 . S. CONWAY, K i r c h e n p o l i t i k , S. 3 7 9 ) . 185

E s geht in diesem K a p i t e l v o r r a n g i g u m die A u s e i n a n d e r s e t z u n g der r e i c h s k i r c h l i c h e n

O r g a n e , insbesondere des Vertrauensrates, m i t der N S - K i r c h e n p o l i t i k i m W a r t h e l a n d . Z u m G e s a m t k o m p l e x vgl. a u c h M . BROSZAT, P o l e n p o l i t i k , S. 1 4 7 - 1 5 7 ; J . S . CONWAY, K i r c h e n p o l i t i k , S. 3 2 6 - 3 4 2 ; P. GÜRTLER, N a t i o n a l s o z i a l i s m u s ; K . MEIER, K i r c h e n k a m p f , B d . 3, S. 1 1 4 - 1 3 3 ; B. STASIEWSKI, K i r c h e n p o l i t i k .

240

Die wachsende Bedrohung (1940-1941)

des Deutschen Reiches an dessen südöstlicher Ecke großflächig zu arrondieren: Osterreich, dem Sudetenland, Böhmen und Mähren war auf die Weise eine „Heimkehr ins Reich" beschieden 186 . Der Leitung der Deutschen Evangelischen Kirche erschien es selbstverständlich, die neuen Gebiete des „Großdeutschen Reiches" nun auch kirchenrechtlich der D E K anzuschließen 187 . Ganz anders sahen das die „weltanschaulichen Distanzierungskräfte des NS-Systems", die sich einig darin wußten, in den neu angegliederten Reichsteilen einen kirchenpolitischen Sonderweg einzuschlagen. So zielten die Bemühungen dieser Kräfte einerseits darauf ab, eine allzu enge Verbindung zwischen den neuen Gebieten und der D E K zu verhindern und andererseits den dort bestehenden Kirchen einen minderen Rechtsstatus zuzuweisen 188 . Daß diese Absicht nicht vollständig durchgesetzt werden konnte, kann wohl — wenn auch zum geringeren Teil — den Bemühungen der reichskirchlichen Behörden, also auch denen des Vertrauensrates und den Kirchenleitungen der beteiligten Gebiete zugeschrieben werden 189 . Doch entscheidender dürfte es gewesen sein, daß selbst die Distanzierungskräfte davor zurückscheuten, ihr Konzept in Gebieten, die durch die Art ihrer Annexion sowieso schon im Blickpunkt des deutschen und ausländischen Interesses standen, mit aller Konsequenz zu verwirklichen. Diese Scheu vor allzugroßer Publizität blieb sogar noch während des Krieges bestehen. So verzichteten die „weltanschaulichen Distanzierungskräfte" nach der Annexion von Elsaß und Lothringen darauf, ihre Politik dort in vollem Umfang zu verwirklichen 190 . Anders verhielt es sich mit den eher abgeschiedenen Gebieten des Ostens. Hier gelang es den Kirchengegnern, im Schatten der Kriegsereignisse einen geeigneten „Exerzierplatz" der nationalsozialistischen Weltanschauung 191 zu finden: Als mit Wirkung

Vgl. K . D . ERDMANN, Zeit, S. 468-484. Ein erstes deutliches Zeichen für den Willen zur Angliederung der „heimgekehrten" Kirchen an die D E K liefern bereits die Grußbotschaften, die anläßlich der Annektion von Österreich (GB1DEK1938, S. 15) und des Sudetenlandes (GB1DEK 1938, S. 81) zwischen der Leitung der D E K und den Kirchenleitungen der neuen Reichsgebiete ausgetauscht wurden. Auch begannen jeweils unmittelbar nach der territorialen Einverleibung Verhandlungen zwischen der evangelischen Kirche Österreichs (vgl. K. MEIER, Kirchenkampf, Bd. 3, S. 549) bzw. der Kirche im Sudetenland, in Böhmen und Mähren (vgl. EBD., S. 553) und den reichskirchlichen Leitungsorganen, die jeweils das Ziel einer Eingliederung dieser Kirchen in die D E K verfolgten. 188 VGL BEL K. MEIER, Kirchenkampf, Bd. 3, S. 548 f. bzw. S. 553 die Ausführungen über die Einführung von Beitragsordnungen in Österreich bzw. im Sudetenland. 189 Vgl. unten S. 312-315. Vgl. unten S. 314. 191 P. GÜRTLER, Nationalsozialismus, S. 39: Die Bezeichnung „Exerzierplatz der nationalsozialistischen Weltanschauung" für das Wartheland stammt aus einer Rede, die der Reichsstatthalter im Mai 1941 in Posen vor politischen Leitern der Partei hielt. 186

187

Christentum und Nationalsozialismus — die unvereinbaren „Weltanschauungen"

241

vom 26. Oktober 1939 das annektierte Gebiet des vormaligen polnischen Staates neu aufgegliedert wurde 192 , bot sich die Möglichkeit, einen besonderen Teil abzugrenzen, der über die Funktion eines nicht an die Reichsgesetze gebundenen Versuchsfeldes für die Verwirklichung völkisch-nationalsozialistischer Weltanschauungstheorien193 hinausgehend, als Experimentiergelände für eine radikale, antichristliche und antikirchliche Politik dienen sollte194. Für die Durchführung dieser „Sonder-Kirchenpolitik" 195 wurde der Reichsgau Posen — ab 29. Januar 1940 hieß er dann Wartheland — auserkoren. Dessen Reichsstatthalter Arthur Greiser erwies sich dabei als williges Ausführungsorgan dieser Politik. Wie auch schon bei den Gebieten, die dem Großdeutschen Reich vor Kriegsbeginn einverleibt worden waren, betrachteten es die kirchlichen Leitungsorgane als selbstverständlich, das neue Gebiet auch kirchlich an das Altreich anzubinden. Zumal sowohl das Konsistorium in Posen als auch der Ev. Oberkirchenrat Berlin übereinstimmend betonten, daß die Provinz Posen seit jeher Provinzialkirche der Ev. Kirche der altpreußischen Union gewesen und diese Beziehung nicht einmal während der polnischen Zeit aufgegeben worden sei 196 . Schon vor der geplanten offiziellen Angliederung nahm denn der Berliner E O K auch ganz selbstverständlich seine Aufsichtsrechte wahr. Deutlichstes Zeichen hierfür war die Anpassung der Konsisto192 Durch „Erlaß des Führers und Reichskanzlers über die Gliederung und Verwaltung der Ostgebiete" vom 8.10.1939 (RGBl 1939, S. 2042f.) wurden die Reichsgaue Westpreußen und Posen gebildet; mit Wirkung vom 26.10.1939 (RGBl 1939, S. 2057; K. MEIER, Kirchenkampf, Bd. 3, S. 114, nennt fälschlicherweise den 24.10.1939) trat dieser Erlaß in Kraft. Mit Wirkung vom 29.1.1940 wurde der Reichsgau Posen in „Reichsgau Wartheland" umbenannt (RGBl 1940, S. 251). 1 . 3 Zur gesamten deutschen Polenpolitik zwischen 1939 und 1945 vgl. M. BROSZAT, Polenpolitik. 1 . 4 P. GÜRTLER, Nationalsozialismus, S. 33, führt folgende Gründe an, die das Wartheland als vorteilhaftes „Experimentiergebiet" erscheinen ließen: 1. Radikale Veränderungen im Bereich von Danzig-Westpreußen hätten angesichts der unbestreitbaren kirchlichen Zugehörigkeit dieses Gebietes zur Ev. Kirche der altpreußischen Union erheblichen Widerstand im Altreich hervorgerufen. 2. Danzig mit seiner überwiegend deutschen Bevölkerung lag als Kriegsanlaß zu sehr im Blickfeld der Öffentlichkeit. 3. Eine geringe Zahl von Volksdeutschen, bei gleichzeitiger Umstrukturierung der Bevölkerung (Vertreibung der polnischen Bevölkerungsteile; Neuansiedlung von Reichsdeutschen und deutschen Ostrücksiedlern), bot die Möglichkeit, die antikirchlichen Maßnahmen hinter dem Gesamtkonzept der großen „Kolonisationsaufgabe" zu verbergen. 4. Die Rivalität zwischen den Reichsstatthaltern Greiser und Forster (Danzig), die enge Bindung von Greiser an die SS und die Erfahrung, die Greisers Stellvertreter Jäger in Kirchenangelegenheiten mitbrachte. Zu dem letzten Punkt ist allerdings anzumerken, daß Greiser seine Stellung auf Bormanns Vorschlag erhielt (vgl. J. v. LANG, Sekretär, S. 153). Es muß also davon ausgegangen werden, daß Bormann sich von Anfang an in die Politik des Warthelandes einschaltete. 195

M . BROSZAT, Polenpolitik, S. 147.

In einen Grußwechsel zwischen dem E O K Berlin und dem Konsistorium in Posen schrieb der Posener Generalsuperintendent Blau: „Immer ist es unsere Uberzeugung gewesen, 196

242

Die wachsende Bedrohung (1940-1941)

rialbezirke an die Gaugrenzen der neuen Gebiete 197 . Auf diese Weise fiel in den Posener Aufsichtsbezirk auch ein Teil der ehemaligen „Evangelischaugsburgischen Kirche in der Republik Polen". Es galt nun eine Lösung für die Verwaltung dieses neuen Kirchengebildes zu finden, mit der sowohl die Unierten, als auch die Lutheraner zufrieden sein konnten. Der Geistliche Vertrauensrat, dem angetragen worden war, einen diesbezüglichen Vorschlag zu unterbreiten, kam in seiner Sitzung am 16. November 1939 zu der „Entschließung", daß „zu gegebener Zeit eine neue Form des Zusammenschlusses gefunden werden" müsse, der die neuen „Gebiete unmittelbar und auf das engste mit der Deutschen Evangelischen Kirche" verbinde. Da jedoch die Gemeinden evangelisch-augsburgischen Bekenntnisses aus organisatorischen und finanziellen Erwägungen nicht selbständig lebensfähig seien und „dringend einer sofortigen Ordnung und Betreuung [bedürften], erachtet[e] es der Geistliche Vertrauensrat in Ubereinstimmung mit dem Leiter der Deutschen Evangelischen Kirchenkanzlei für angezeigt, daß die altpreußische Landeskirche sich zunächst treuhänderisch der Ordnung und Betreuung der evang.-augsburgischen Gemeinden im Reichsgebiet annimmt" 1 9 8 . Da sich auch die vorläufige Kirchenleitung, die in Lodz unter Pfarrer D. Alfred Kleindienst zur Betreuung der evangelisch-augsburgischen Gemeinden gebildet worden war 199 , mit dieser Regelung einverstanden erklärte, wurde, mit Zustimmung von Kirchenminister Kerrl, am 6. Dezember eine entsprechende Anordnung in Kraft gesetzt 200 . Von nun an gab es ein Konsistorium mit zwei Konsistorialabteilungen: Während der Abteilung Posen unter Leitung von Generalsuperintendent Blau die Führung des bisherigen Aufsichtsbezirks Posen zukam 201 , hatte die Abteilung Ost, deren Leitung Pfarrer Kleindienst übertragen wurde, die entsprechenden Aufgaben für das übrige Gebiet des neuen Reichsgaus, d.h. den Teil des Gaues, in dem die ehe-

daß wir die uns gestellte Aufgabe nicht lösen könnten ohne die Mutterkirche, ohne das heilige, unzerstörbare Band, welches uns . . . mit dem Leben der Mutterkirche verbindet. Das Band zwischen der Mutterkirche und uns ist in seiner alten Kraft und Festigkeit wieder hergestellt", G B 1 D E K 1939, S. 121 f.; vgl. P. GÜRTLER, Nationalsozialismus, S. 24 f.). 1 9 7 GB1DEK (Ausgabe B) 1939, S. 127. 198 Protokoll der GVR-Sitzung v o m 1 6 . 1 1 . 1 9 3 9 ( L K A HANNOVER, S 1, E II, 129). Als „Anlage" befindet sich bei diesem Protokoll die GVR-Entschließung. P. GÜRTLER, Nationalsozialismus, S. 25, gibt fälschlicherweise den 1 5 . 1 1 . 1 9 3 9 als Datum der Entschließung an. 1 9 9 K. MEIER, Kirchenkampf, Bd. 3, S. 118: „Das Kirchliche Außenamt der D E K hatte bereits am 25. September den Vorsitzenden der Arbeitsgemeinschaft deutscher Pastoren in der Evangelisch-augsburgischen Kirche und Leiter der deutschen Volksgruppe in Wolhynien, Pfr. D. Alfred Kleindienst, der aus Luzk (Wolhynien) umgesiedelt war, beauftragt, die deutschen evangelisch-augsburgischen Gemeinden unter einer deutschen Kirchenleitung zu sammeln, die sich im Oktober 1939 in Lodz konstituierte." 200 p_ GÜRTLER, Nationalsozialismus, S. 27. 2 0 1 EBD., S. 25: Der Aufsichtsbezirk umfaßte 19 Kirchenkreise mit 229 Gemeinden, 235 Pfarrern und 147.000 evangelischen Christen.

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mais zur „Evangelisch-augsburgischen Kirche der Republik Polen" gehörenden Gemeinden lagen, zu übernehmen 202 . Wichtige, insbesondere das Verhältnis zum Staat betreffende Fragen sollten erst nach gemeinsamer Beratung durch das gesamte Konsistorium entschieden werden 203 . Anfang Februar 1940 wurde erstmals deutlich, daß von Seiten der Gauleitung gegen eine kirchenpolitische Angliederung des neuen Reichsgaues an die Ev. Kirche der altpreußischen Union Widerstand zu erwarten sei. Als nämlich der Ev. Oberkirchenrat Berlin am 2. Januar 1940 bei Kerrl um Zustimmung zu einer „Verordnung zur vorläufigen Ordnung der Rechtsverhältnisse in den im Deutschen Reich gelegenen, bisher zur EvangelischAugsburgischen Kirche in Polen gehörenden Kirchengemeinden und Kirchenkreisen" nachsuchte, gab Kerrl diese nur unter dem Vorbehalt, daß es sich um eine vorläufige Regelung handele. Gleichzeitig wies er darauf hin, daß sich Reichsstatthalter Greiser „aus politischen Gründen . . . gegen alle Pläne und Bestrebungen, die im Warthegau bestehenden religiösen Vereinigungen und Religionsgesellschaften in ein Rechts- oder Verwaltungsverhältnis zu den Kirchen im Altreich zu bringen, aussprechen müsse" 204 . Auch sonst verschlechterte sich das Verhältnis zwischen dem Konsistorium in Posen und der Reichsstatthalterei zunehmend, da es gehäuft zu antikirchlichen Maßnahmen staatlicher Organe kam. So traten Behinderungen des schulischen Religionsunterrichts auf, Kirchenbücher wurden beschlagnahmt und Amtshandlungen auf kircheneigenen Friedhöfen gestört 205 . Doch weder die durch Kerrl übermittelten Drohungen des Reichsstatthalters, noch das sich verschlechternde Verhältnis zwischen Kirche und staatlichen Organen veranlaßten das Posener Konsistorium und den Ev. Oberkirchenrat Berlin zu einer Änderung des eingeschlagenen Eingliederungskurses: So hielt das „Evangelische Konsistorium im Reichsgau Posen", nachdem die Klärung der rechtlichen Fragen weitgehend abgeschlossen war, den Zeitpunkt für gekommen, mit offiziellen Feiern und Festgottesdiensten die „Neugestaltung der kirchlichen Verhältnisse im Reichsgau Posen" zu begehen. Doch zur Durchführung der für den 13. Februar in Posen und für den 15. Februar in Litzmannstadt (so der neue Name von Lodz) geplanten Feiern kam es nicht mehr. Denn nach einer heftigen Intervention des Reichsstatthalters, der sich darüber beschwerte, daß die kirchlichen Neuordnungsversuche hinter seinem Rücken geschehen seien 206 , mußten die Feiern und 2 0 2 EBD., S. 26: Die Konsistorialabteilung Lodz (später: Litzmannstadt) betreute 5 Kirchenkreise mit 45 Gemeinden, 11 Filialgemeinden, 48 Pfarrstellen, 8 ständigen Vikariaten und 188.000 evangelischen Gemeindegliedern. 2 0 3 EBD., S. 27. 2 0 4 Ein auszugsweiser Abdruck des Briefes von Kerrl an den E O K Berlin vom 5 . 2 . 1 9 4 0 findet sich bei P. GÜRTLER, Nationalsozialismus, S. 28. 2 0 5 EBD., S. 29. 2 0 6 Brief von Greiser an Blau vom 5 . 2 . 1 9 4 0 (EBD., S. 187f.).

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Festgottesdienste, die durch zwei Mitglieder des Geistlichen Vertrauensrates gehalten werden sollten207, abgesetzt werden. Für sein Vorgehen bekam der Reichsstatthalter Schützenhilfe aus der Parteikanzlei: Der Stabsleiter beim Stellvertreter des Führers, Martin Bormann, teilte am 15. Februar 1940 in einem an Generalsuperintendent Blau gerichteten Schreiben mit, daß der Führer die Entscheidung Greisers „vollauf gebilligt" habe208. Interessanterweise wurden die bisherigen Maßnahmen des Reichsstatthalters von dem Konsistorium des Warthelandes und den reichskirchklichen Leitungsorganen unterschiedlich eingeschätzt: Als die beiden Konsistorialabteilungen nach der Absage der Eingliederungsfeiern am 22. Februar zu Beratungen zusammentrafen, kamen die Anwesenden zu einer bemerkenswert weitsichtigen Einschätzung der Lage: „Die Aufmerksamkeit des Kollegiums wurde auf die Tatsache gelenkt, daß es sich bei den beiden Schreiben vom 5. und 15.2. d.Js. [sc.: die Schreiben Greisers bzw. Bormanns] nicht um eine persönliche Stellungnahme einzelner Persönlichkeiten gegenüber unserer Kirche handelt, daß vielmehr den beiden Schreiben die grundsätzliche Stellungnahme der Partei zugrunde liegt, die bereits nach der Eingliederung der Ostmark und des Sudetengaues amtlich bekannt geworden ist. Hiernach muß für unser Kirchengebiet mit der Absicht gerechnet werden, die öffentlich-rechtliche Stellung unserer Kirche zu ihren Ungunsten zu ändern und in dieser Hinsicht einen Anfang zu machen, zunächst bezüglich des kirchlichen Umlagewesens und sodann bezüglich der bisher gezahlten staatlichen Zuschüsse"209. Die reichskirchlichen Leitungsorgane schienen hingegen eher geneigt, das Verhalten der Reichsstatthalterei als Folge eines eigenmächtigen antikirchlichen Feldzuges Greisers und seines Stellvertreters August Jäger, des sattsam bekannten „Rechtswalters" aus den ersten Jahren des Kirchenkampfes 210 , zu interpretieren. Als der Reichsstatthalter am 14. März 1940 eine „Verordnung über die Erhebung von Beiträgen durch religiöse Vereinigungen und

207

Wochenbrief Marahrens' vom 20.2.1940: „Die beiden Predigten in der Kreuzkirche in Posen und in der Johanneskirche in Lodz werden von Mitgliedern des Geistlichen Vertrauensrates gehalten werden." Es darf angenommen werden, daß Hymmen die Predigt in Posen, Marahrens hingegen die in Lodz halten sollte. 208 P. GÜRTLER, Nationalsozialismus, S. 190 f. Offensichtlich hatte sich Greiser aber nicht nur Rückendeckung bei Bormann, sondern auch bei Himmler geholt. Am 13.2.1940 schrieb dieser—wohl als Antwort auf eine an ihn übersandte Abschrift des Greiser-Schreibens an Blau vom 5.2.1940 — an den Statthalter: „Ich bin mit ihrer Meinung nicht nur völlig einverstanden, sondern ich bin darüber ausgesprochen glücklich" (zit. nach M. BROSZAT, Polenpolitik, S. 213, Anm. 176). 209 Bericht an den EOK Berlin betr. die Beratungen der beiden Konsistorialabteilungen am 2 2 . 2 . 1 9 4 1 (P. GÜRTLER, Nationalsozialismus, S. 3 4 f.). 210 Vgl. K . SCHOLDER, Kirchen, Bd. 1 und 2; K . MEIER, Kirchenkampf, Bd. 1.

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Religionsgesellschaften" herausgab211, um, wie der, Kirchenreferent des Statthalters erklärte, die Kirche „auf das Niveau eines privaten Vereins" herabzudrücken212, protestierte Präsident Werner zwar bei Generalfeldmarschall Göring energisch gegen diese Maßnahme. Doch sah er anscheinend in der Verordnung lediglich eine isolierte Aktion der Posener Statthalterei: Es könne nicht hingenommen werden, so führte Werner aus, „daß etwa in Durchführung dieser Verordnung nach den Plänen des Regierungspräsidenten Jäger ein Teil der Deutschen Evangelischen Kirche aus deren Verband herausgerissen wird.. ." 213 . Noch Ende September 1940, also zu einem Zeitpunkt, als die Reichsstatthalterei ihre Absichten für die Neuordnung der kirchlichen Verhältnisse im Warthegau durch die Bekanntgabe der „13 Punkte" bereits offengelegt214 und der Reichsstatthalter dem Posener Konsistorium die bevorstehende Trennung von Staat und Kirche schon angekündigt hatte215, hielt der Vertrauensrat die Kirchenpolitik im Warthegau für ein regionales Problem. Als Präsident Hymmen in einer GVR-Sitzung die Frage aufwarf, „wie weit die Entscheidung im Warthegau für das Altreich präjudiziell" sei und ob weiterhin eine „regionale Behandlung der Frage durch das Konsistorium in Posen und den Evangelischen Oberkirchenrat in Berlin genüge", wurde unter Zustimmung von Marahrens festgestellt, daß „in keiner Weise feststehe, daß Reichsstatthalter Greiser auf zentralen Wunsch" handele. Also „bestehe kein Grund zu der Annahme, daß die Entwicklung im Altreich durch seine Maßnahme im Wartheland festgelegt werde". Es sei deshalb auch weiterhin eine regionale Bearbeitung angemessen216. Diese Einschätzung der kirchlichen Situation im Warthegau erklärt auch, warum der Geistliche Vertrauensrat, obwohl er sich mit dem Konsistorium in Posen in der Ablehnung der Kirchenpolitik des Reichsstatthalters einig 211

P. GÜRTLER, N a t i o n a l s o z i a l i s m u s , S. 1 9 2 .

Aktenvermerk über eine Besprechung zwischen Vertretern des Konsistoriums und dem Kirchenreferenten des Reichsstatthalters am 6.5.1940 (auszugsweise abgedruckt EBD., 212

S. 4 5 ) . 213 Brief vom 2.4.1940 (EBD., S. 195-197); eine Abschrift mit der Bitte, „auch den Herrn Reichsminister und Chef der Reichskanzlei [zu] unterrichten' ', schickte Werner an Kritzinger

( B A KOBLENZ, R 4 3 1 1 / 1 7 0 , B l . 2 - 8 ) . 2 1 4 P. GÜRTLER, Nationalsozialismus, S. 200f.; KJ 1933-44, S. 434f. Zur Bedeutung dieser „13 Punkte" vgl. auch P. GÜRTLER, Nationalsozialismus, S. 47-51; K. MEIER, Kirchenkampf, Bd. 3, S. 122 f. : Wahrscheinlich sollten diese Punkte den Rahmen für die nationalsozialistische Kirchenpolitik nach dem Krieg bilden. Es wird allgemein angenommen, daß diese antikirchliche Konzeption aus der NSDAP-Zentrale, dem „Braunen Haus" in München, stammt

( M . BROSZAT, P o l e n p o l i t i k , S. 1 5 0 f.; B. STASIEWSKI, K i r c h e n p o l i t i k , S. 53). J . THIERFELDER, E i n i -

gungswerk, S. 8 (Anm. 8) weist jedoch unter Bezugnahme auf eine Auskunft von K. Scholder darauf hin, daß die „13 Punkte" aus der Hand Jägers stammen. 215

Vgl. P.GÜRTLER, N a t i o n a l s o z i a l i s m u s , S. 5 4 - 5 7 : G r e i s e r k ü n d i g t e a m 4 . 9 . 1 9 4 0 in

einem Gespräch mit Blau eine solche Trennung an. 216 Protokoll der GVR-Sitzung vom 27./28.9.1940 (EZA BERLIN, 1/A 4/575, Bl. 38-42).

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wußte 217 , bisher keinerlei eigene Schritte unternommen hatte. Dieses überließ er vielmehr dem Konsistorium in Posen und Werner in seiner Eigenschaft als Präsident des Ev. Oberkirchenrates Berlin 218 . Es muß jedoch dem Vertrauensrat eingeräumt werden, daß es im Herbst 1940 überaus schwer war, die Zuständigkeiten für die Kirchenpolitik im Wartheland zu erkennen. Zwar war auch den kirchlichen Stellen spätestens seit dem Sommer klar, daß Kerrl trotz seiner Proteste 219 die Kompetenzen für die Kirchenpolitik in diesem Reichsgau faktisch verloren hatte 220 . Im Herbst 1941 wurde dieser Tatsache offiziell Rechnung getragen: Reichsminister Lammers ließ die Reichsstatthalter der neuen Reichsgaue am 25. September 1941 durch ein „geheimes" Rundschreiben wissen, daß Kerrl „einem Wunsche des Führers entsprechend, . . . seine Tätigkeit auf die Gebiete des Großdeutschen Reiches beschränkt [habe], für die das Konkordat vom 20. Juli 1933 Geltung hat" 2 2 1 . Interpretierend fügte er hinzu: „Es wird dem Wunsche des Führers entsprechen, daß die dem Reichsminister für die kirchlichen Angelegenheiten . . . bisher obliegenden Befugnisse von dem zuständigen Reichsstatthalter ausgeübt werden" 222 . Allerdings kann dieses Rundschreiben kaum als Legitimation für Greisers bisherige Kirchenpolitik im Warthegau herangezogen werden. Denn auch

2 1 7 Als Beleg für diese Übereinstimmung können die GVR-Sitzungsprotokolle herangezogen werden: Für den 27.3.1940 hatte Werner aus Anlaß der Bekanntgabe der Verordnung über die Erhebung von Kirchenbeiträgen sogar eine Sondersitzung einberufen. Alle Anwesenden waren sich darüber einig, daß alles getan werden müsse, um ein Inkrafttreten dieser Verordnung zu verhindern (LKA SCHWERIN, GVR-Handakten Schultz, 1/1). In einem Aktenvermerk über die Sitzung am 23./24.7.1940 (Protokoll der GVR-Sitzung: EZA BERLIN, 1/A 4/575, Bl.-46^49) heißt es: „ . . . wurde es allseitig für dringend erforderlich erachtet, der von dem Reichsstatthalter in Posen beabsichtigten Neuregelung der kirchlichen Verhältnisse im Warthegau Widerstand entgegenzusetzen" (zit. nach P. GÜRTLER, Nationalsozialismus, S. 51). 218 Bezeichnenderweise gingen die Eingaben, mit denen sich Werner an die Reichsstellen wandte, nie unter dem DEK-Geschäftszeichen, sondern immer unter dem des E O K Berlin heraus. 219 Bereits am 22.1.1940 wandte sich Kerrl mit der Beschwerde an Lammers, daß das Kirchenministerium als ,,federführende[s] Fachministerium" bei Angelegenheiten der Kirchensteuerregelung im Warthegau vom Stellvertreter des Führers übergangen werde (BA KOBLENZ, R 43 II/152, Bl. 75 f.). Am 3.4.1940 protestierte er bei Innenminster Frick gegen seine Nichtbeteiligung beim Erlaß der „Beitragsverordnung" (BA KOBLENZ, R 43 11/170, Bl. 19 f.; Abchrift an Lammers). 220 VGL ρ GÜRTLER, Nationalsozialismus, S. 51-54. 221

B A KOBLENZ, R 4 3 1 1 / 1 5 2 , B L 1 0 3 . D e r v o n P. GÜRTLER, N a t i o n a l s o z i a l i s m u s , S . 5 2 ,

erhobene Einwand, daß Kerrl niemals offiziell die Kompetenzen für die WarthegauKirchenpolitik entzogen worden seien, kann aufgrund dieses Schreibens nicht mehr aufrecht erhalten werden. Die Ansicht von J. S. CONWAY, Kirchenpolitik, S. 329, daß Kerrl aufgrund seiner Erfolglosigkeit auf das Altreich beschränkt wurde, verdreht die Kausalitäten — Kerrls Erfolglosigkeit war ein Resultat, nicht aber Ursache seiner Entmachtung der Kirchenpolitik für die neu erworbenen Gebieten. 222 Vgl. Anm. 221.

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schon vor dem Herbst 1941 nahm er für sich in Anspruch, eine besondere Ermächtigung Hitlers für seine Kirchenpolitik zu besitzen223. O b dieser Anspruch Greisers zu Recht bestand oder ob es sich hierbei um ein Konstrukt der Parteikanzlei handelte, war im Sommer 1941 keineswegs klar erkennbar. Selbst in den Reichsministerien bestand zu diesem Zeitpunkt noch große Unsicherheit über die rechtliche Grundlage von Greisers Vorgehen. Am 11. Juni 1941 notierte Reichskabinettsrat Dr. Ficker in einem Vermerk für Lammers, „daß der genaue Wortlaut der Führerweisung in der Angelegenheit weder den Reichsressorts noch der Reichskanzlei bekannt" sei224. Den Vorschlag, „die Frage der Behandlung der Kirchen im Warthegau nochmals beim Führer zur Sprache zu bringen", befürwortete Lammers zwar grundsätzlich, hielt aber den Zeitpunkt — wahrscheinlich wegen der Vorbereitungen für den Rußlandfeldzug 225 — für wenig geeignet226. Sowohl dem Konsistorium in Posen als auch dem Ev. Oberkirchenrat Berlin und den reichskirchlichen Leitungsgremien blieben die Auseinandersetzungen um die Zuständigkeiten für die Kirchenpolitik im Reichsgau Wartheland verborgen. Sie waren vielmehr damit beschäftigt, sich gegen die ständigen Behinderungen der kirchlichen Arbeit durch Partei- und Staatsstellen zu wehren. So beunruhigte im Winter 1940/41 eine Kampagne der NSDAP zur Propagierung der „13 Punkte" die überwiegend christlich gesonnene Bevölkerung im Warthegau227. Anfang Februar 1941 verkündete die Reichsstatthalterei ein Sammlungsverbot für Kollekten228 und forderte die Posener Kirchenleitung erneut auf, sich als Verein zu konstituieren 229 . Als dann Mitte April 1941 die Reichsstatthalterei der Posener Kirchenleitung auch noch mitteilte, daß man ein „Evangelisches Konsistorium Posen — Litzmannstadt" als nicht existierend betrachte, kamen nun auch die reichskirchlichen Oliane langsam zu der Uberzeugung, daß der Versuch einer „Regionalisierung" des Kirchenkampfes im Warthegau nicht länger durchzuhalten sei. Als Konsequenz aus dieser Erkenntnis muß der Entschluß des Vertrauensrates gesehen werden, die Eingabe, die Generalsuperintendent Blau am 3. April 1941 an Hitler gerichtet hatte, durch ein eigenes Schreiben

223

Erstmals am 5.2.1940 erwähnte Greiser in dem Brief an Blau, er sei „vom Führer persönlich mit starken und ausreichenden Vollmachten für den politischen, völkischen und wirtschaftlichen Neuaufbau des Warthegaues versehen" (P. GÜRTLER, Nationalsozialismus, S. 187 f.); vgl. hierzu auch die Ausführungen EBD., S. 37-43 über „die Rechtssetzungsbefugnis des Reichsstatthalters im ,rechtsfreien Raum' des Warthegaues". 224 BA KOBLENZ, R 43 11/170, Bl. 193-195 (identisch mit BA KOBLENZ, R 43 11/169, Bl. 137-141). 225 Diese Vermutung äußert M. BROSZAT, Polenpolitik, S. 153. 226 Vgl. oben Anm. 224. So schrieb Lammers einerseits als Randnotiz an Fickers Vorschlag ,Ja!", vermerkte aber gleichzeitig „Z. Zt. nicht zum Vortrag beim Führer geeignet". 227 Vgl. P. GÜRTLER, Nationalsozialismus, S. 58-65. 228

EBD.

229

EBD.

248

Die wachsende Bedrohung (1940-1941)

zu unterstützen 230 . Bezeichnenderweise kam den Mitgliedern des Vertrauensrates diese Einsicht in die tatsächlichen Absichten der staatlichen Stellen in einem Augenblick, als auch in anderer Hinsicht über die antikirchliche Politik von Partei und Staat nachgedacht wurde 231 . Bisher habe man sich, so ließ der Vertrauensrat in dem auf den 27. Mai datierten Schreiben Hitler wissen, trotz der schroffen Haltung Greisers „äußerste Zurückhaltung auferlegt", da man hoffte, daß es durch sachliche Verhandlungen zwischen dem Konsistorium und der Reichsstatthalterei schließlich doch noch zu einem für die evangelische Kirche tragbaren Ergebnis kommen werde"232. Nachdem aber dieser Weg durch die Behauptung des Statthalters, ein Konsistorium existiere überhaupt nicht, abgeschnitten wurde, sei „ein Notstand eingetreten, der ein weiteres Zuwarten unsererseits ausschließt"233. In aller Form brachte der Geistliche Vertrauensrat in den folgenden Darlegungen die vollkommene Ubereinstimmung mit der Ansicht des Posener Konsistoriums zum Ausdruck. Auch in Zukunft werde man den Konsistorialbezirk Posen als einen Teil der Ev. Kirche der altpreußischen Union und der DEK betrachten. Gegenteilige Äußerungen des Statthalters könne man nur als „irrig" bezeichnen 234 . Eine Antwort erhielten weder der Vertrauensrat noch Generalsuperintendent Blau. Der Grund hierfür dürfte in der bereits erwähnten Unsicherheit zu suchen sein, die zu diesem Zeitpunkt noch in der Reichskanzlei über die rechtliche Fundierung von Greisers Handlungen herrschte235. Unterdessen verschärfte sich der Kampf gegen die Kirchen des Warthegaues weiter. War es im Sommer 1941 die von der Gestapo durchgeführte Beschlagnahme der Kassenbestände, der Bankguthaben und der Kassenbücher, durch die der Reichsstatthalter die Kirchen ihrer finanziellen Grundlagen berauben wollte236, so erfolgte im Herbst 1941 der bisher weitgehendste Eingriff in kirchliche Belange. Durch den Erlaß einer „Verordnung über religiöse Vereinigungen und Religionsgesellschaften im Reichsgau Wartheland", die am 13. September 1941 bekanntgegeben wurde 237 , machte 230 P. GÜRTLER, Nationalsozialismus, S. 229-231. Die Beratungen über das Schreiben des GVR fanden am 5.5.1941 (Protokoll der GVR-Sitzung: EZA BERLIN, 1/A 4/575, Bl. 4f.) und am 26./27.5.1941 (Protokoll der GVR-Sitzung: EZA BERLIN, 1/A 4/579, Bl. 24 f.) statt. 231 Vgl. oben S. 232-239. 232 Eingabe (unterzeichnet von Hymmen) vom 27.5.1941 (EZA BERLIN, 1/A 4/569, Bl. 324 f.; P. GÜRTLER, Nationalsozialismus, S. 249-251).

233

234

EBD.

EBD.

235

Der Vermerk vom 11.6.1941 belegt, daß eine Antwort unterblieb, weil erst ein Führerentscheid eingeholt werden sollte (vgl. oben Anm. 224). 236 VGL. Ρ GÜRTLER, Nationalsozialismus, S. 69. Der von Gürtler erwähnte Protest gegen diese Maßnahme wurde nicht vom EOK Berlin, sondern von der Finanzabteilung beim EOK erhoben (Abschrift des Schreibens vom 18.8.1941 an Kerrl: EZA BERLIN, 1/A 4/573, Bl. 87f.). 237

1/A

VERORDNUNGSBLATT DES REICHSSTWTHALTERS IM WARTHEGAU 1 9 4 1 , S . 4 6 3 ; E Z A BERLIN,

4/573,

Bl.

112-116

(Abschrift); P.

GÜRTLER,

Nationalsozialismus,

S. 2 6 0 - 2 6 4 .

Christentum und Nationalsozialismus — die unvereinbaren „Weltanschauungen"

249

Greiser seine A n k ü n d i g u n g w a h r und n a h m den K i r c h e n ihren bisherigen Rechtsstatus. Stattdessen wies er ihnen denjenigen einer „juristischen Person privaten Rechts" 2 3 8 zu. D o c h begnügte sich Greiser nicht damit, die Kirchen ihrer rechtlichen Sicherheit zu entkleiden u n d die Mitgliedschaft in der K i r c h e zu erschweren — so k o n n t e n n u r volljährige Personen die Kirchenmitgliedschaft erlangen —; v i e l m e h r stellte er sie auch unter eine umfassende staatliche Kontrolle. M e h r noch: er v e r b o t die bisherigen K i r c h e n u n d setzte an ihre Stelle vier neue „Rechtspersonen": D i e „Posener evangelische K i r c h e deutscher Nationalität im Wartheland", die „Litzmannstädter evangelische K i r c h e deutscher Nationalität im Wartheland", die „Evangelisch-lutherische K i r c h e deutscher Nationalität im Warthegau-West" und die „Römischkatholische K i r c h e deutscher Nationalität im Reichsgau Wartheland" 2 3 9 . D e r Geistliche Vertrauensrat ließ sich am 8. O k t o b e r anläßlich seiner ersten Zusammenkunft nach der Bekanntgabe der Verordnung durch Oberkonsistorialrat Benn eingehend über „Inhalt und Bedeutung" dieser neuen Rechtssetzung informieren 2 4 0 . Da der Ev. Oberkirchenrat Berlin zwischenzeitlich bereits eine Eingabe an Hitler gerichtet hatte 2 4 1 , beschlossen die G V R Mitglieder und der stellvertretende Leiter der Kirchenkanzlei, v o n einem eigenen Schreiben abzusehen und stattdessen die EOK-Eingabe durch ein Telegramm zu unterstützen. Deutlich artikulierte sich in diesem Telegramm

238 Über diese besondere Rechtsform schreibt P. GÜRTLER, Nationalsozialismus, S. 7 2 f., Anm. 195: „Der vom Reichsstatthalter hier eingeführte und im folgenden fortlaufend verwendete Begriff der Juristischen Person des privaten Rechts' war inhaltlich unklar und leistete mannigfachen Mißverständnissen und Fehldeutungen Vorschub. Er enthielt zwar einige wesentliche Merkmale des eingetragenen Vereins (§§ 21 ff. BGB), deckte sich jedoch weder mit diesem noch mit einer der anderen juristischen Personen des privaten Rechts... In der Tat war beabsichtigt, eine juristische Person des privaten Rechts sui generis zu schaffen." 239 Eine Kurzfassung der Verordnung ergibt folgendes Bild: § 1 legte die neue Rechtsform („juristische Personen des privaten Rechts' ') fest und gliederte die bisher bestehenden Kirchen neu, § 2 bestimmte, daß durch die neuen „Kirchen"-Gebilde „Satzungen" aufzustellen seien, deren Genehmigung sich der Reichsstatthalter vorbehielt. Die §§ 3 und 4 bestimmten den Inhalt der Satzung und die Bedingungen für die Bestellung von Vorstandsmitgliedern (Einspruchsrecht des Statthalters), § 5 legte die Bedingungen für den Verlust der Rechtsfähigkeit der religiösen Vereinigungen fest — u.a. behielt sich der Reichsstatthalter vor, die Rechtsfähigkeit ggf. zu entziehen. Die §§ 6-8 enthielten Bestimmungen über die Mitgliedschaft in den religiösen Vereinigungen: Volljährigkeit, deutsche Nationalität und Wohnort im Warthegau waren für die Mitgliedschaft in den Kirchen „deutscher Nationalität" Bedingung (§§6 und 7); Polen mußten eine besondere Genehmigung für die Gründung besonderer religiöser Vereinigungen beantragen (§8). Die §§9-15 regelten nur die Ein- und Austrittsmodalitäten; diese mußten durch einen Standesbeamten vorgenommen werden, wodurch sich der Staat ein Kontrollrecht sicherte. § 16 enthielt einige Äußerungen zu der „Beitrags"-Verordnung vom 14.3.1941. Der § 17 gab dem Statthalter das Recht, weitere Ausführungsbestimmungen zu erlassen. Alle der Verordnung entgegenstehenden Regelungen wurden außer Kraft gesetzt. — Eine genaue Erläuterung der einzelnen Bestimmungen der Verordnung vgl. EBD., S. 72-81. 240 Protokoll der GVR-Sitzung vom 8./9.10.1941 (EZA BERLIN, 1/A 4/579, BL. 58 f.). 241 Eingabe vom 26.9.1941: P. GÜRTLER, Nationalsozialismus, S. 265-269.

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Die wachsende Bedrohung (1940-1941)

der Wille, alles für den Erhalt der bisherigen evangelischen Kirche im Wartheland zu tun: „Die deutschen evangelischen Gemeinden des Warthelandes . . . sollen laut Verordnung des Reichsstatthalters Posen vom 13. September zu einem privatisierenden Verband gemacht, von der deutschen Mutterkirche getrennt und gleichzeitig vollständiger das Glaubensleben tief berührender Staatskontrolle unterworfen werden. Ernst und Größe unserer Zeit machen grundlose, gewaltsame und beunruhigende Experimente dieser Art unverständlich. Namens der deutschen Christenheit, die das Schicksal ihrer Gliedkirche im Osten als das ihre empfindet, bitten wir dringendst, zu befehlen, daß die Posener Verordnung nicht durchgeführt wird" 242 . In den Tagen nach dem Erlaß der Verordnung vom 13. September 1941 erreichten die Reichskanzlei eine ganze Reihe von Protestnoten, u.a. auch die Eingabe des Ev. Oberkirchenrates Berlin und das Telegramm des Vertrauensrates. Für Lammers stellte sich damit erneut die im Sommer unbeantwortet gebliebene Frage, ob Greiser für sein Vorgehen eine besondere Vollmacht Hitlers habe. Bezeichnenderweise wandte er sich mit dieser Frage zuerst an Bormann; offensichtlich war Lammers der Ansicht, daß dieser nähere Informationen besitzen müsse243. Bormann antwortete allerdings nur sehr vage und ausweichend244. Doch gelang es Lammers wenig später, wenn auch keine Grundsatzentscheidung, so doch wenigstens eine zustimmende Äußerung Hitlers zu der Verordnung vom 13. September zu erhalten245. Diese Einzelentscheidung in Verbindung mit Bormanns und Greisers Beteuerungen, daß eine Vollmacht Hitlers existiere, und schließlich die mit Hitlers Zustimmung erfolgte Beschränkung Kerrls auf das Altreich mögen letztendlich dazu geführt haben, daß auch Lammers in der Folgezeit den Anspruch von Greiser und der Parteikanzlei auf die Gestaltung der kirchlichen Verhältnisse im Warthegau anerkannte. Jedenfalls muß die lapidare Mitteilung der Reichskanzlei, die am 11. November im Ev. Oberkirchenrat Berlin eintraf, so gedeutet werden: „Der Führer billigt die von dem Reichsstatthalter im Reichsgau Wartheland am 13. September 1941 erlassene Verordnung über religiöse Vereinigungen und Religionsgesellschaften"246. Wußten sich bis2 « Telegramm des G V R an H i t l e r v o m 1 0 . 1 0 . 1 9 4 1 ( B A KOBLENZ, R 4 3 1 1 / 1 7 0 , BL. 2 2 7 ) . 243 Brief vom 19.10.1941 (EBD., BL. 230f.). Lammers' Annahme bestand nicht ganz zu unrecht: Die Rundschreiben von Bormann an die Statthalter dieser Gebiete zeigen, daß er sich für die Kirchenpolitik der besetzten Gebiete durchaus zuständig fühlte (vgl. J. S. CONWAY, Kirchenpolitik, S. 329 f.). 244

B r i e f an L a m m e r s v o m 2 2 . 1 0 . 1 9 4 1 ( B A KOBLENZ, R 4 3 1 1 / 1 7 0 , BL. 2 2 4 ) .

Vermerk (angefertigt von Ficker) vom 6 . 1 1 . 1 9 4 1 (EBD., BL. 236). 246 Brief (Entwurf) von Lammers vom 1 1 . 1 1 . 1 9 4 1 (EBD., Bl. 238;P. GÜRTLER, Nationalsozialismus, S. 277). Daß Hitler nichts gegen die Experimente Greisers einzuwenden hatte, zeigt auch eine Eintragung in Rosenbergs Tagebuch (wahrscheinlich vom 16.9.1940): „Gauleiter Greiser berichtet über die Regelung im Warthegau: die Konfessionen als private Vereinigungen. Der Führer hat nichts dagegen, daß gänzlich verschiedene Ordnungen in den Gauen bestünden; was haben wir für eine Ursache, die Kirchen in den Sattel zu setzen" (KAMPF, 245

Christentum und Nationalsozialismus — die unvereinbaren „Weltanschauungen"

251

her der Vertrauensrat und die Kirchenleitung des Warthelandes einig, daß die Verordnung vom 13. September „keine Grundlage" für die weitere kirchliche Arbeit sein konnte 247 , so änderte sich die Lage durch diesen Führerentscheid gänzlich, da nun endgültig deutlich geworden war, daß Greiser keine Kirchenpolitik auf eigene Faust betrieb, sondern auf Hitlers Billigung zählen konnte. Zwar wandte sich der Vertrauensrat noch mit der Bitte an die Reichskanzlei, Minister Lammers möge ihm die Möglichkeit geben, die Bedenken der DEK gegen Greisers Verordnung vorzutragen 248 , doch ließ dieser lediglich mitteilen, er habe momentan keine Zeit 249 . Anfang des Jahres 1942 begannen, unter Hinzuziehung von Theologen und Juristen aus dem Altreich, die Beratungen über die durch §2 der Verordnung des Reichsstatthalters vom 13. September 1941 vorgeschriebene „Satzung" für die neuen Kirchengebilde250. Zwar beschäftigte sich auch der Vertrauensrat in zahlreichen Sitzungen mit den jeweiligen Entwürfen und den gleichzeitig stattfindenden Verhandlungen mit der Reichsstatthalterei251, doch beschränkte er sich darauf, in internen Beratungen mit dem Posener Konsistorium Empfehlungen auszusprechen252. Erst als diese Verhandlungen im Frühjahr 1943 in eine kritische Phase eintraten, schaltete sich auch der Geistliche Vertrauensrat wieder aktiv ein. Der Reichsstatthalter hatte nämlich — als Entgegnung auf die beiden vorherigen kirchlichen Entwürfe, die ihm unzulänglich erschienen 253 — am 23. April S. 148). — Die Beurteilung von P. GÜRTLER, Nationalsozialismus, S. 87, daß die „Billigung" nur durch Bormann erfolgt sei, dürfte sich aufgrund der Quellenlage nicht halten lassen. Allerdings ist wohl der Ursprungsort der Verordnung selbst in der Parteikanzlei zu suchen. 2 4 7 Protokoll der GVR-Sitzuiig vom 2 7 . / 2 8 . 1 0 . 1 9 4 1 : Zu der Sitzung waren Generalsuperintendent Blau, Pfr. Kleindienst und der führende Jurist der Posener Kirchenleitung nach Berlin gekommen (EZA BERLIN, 1/A 4 / 5 7 9 , Bl. 62-63). 2 4 8 Der Beschluß hierzu fiel am 24./25.11.1941 (Protokoll der GVR-Sitzung: EBD., Bl. 69 f.): Schultz wurde beauftragt, in der Reichskanzlei um einen Termin nachzusuchen. Am 27. November traf Schultz mit Kritzinger zusammen und bat um einen Termin. Dabei betonte er, daß „gerade die nationalsozialistisch gesinnten evangelischen Kreise sich durch die Entwicklung der Dinge bedrückt fühlen" (Vermerk von Kritzinger: BA KOBLENZ, R 4311/172, Bl. 127). 2 4 9 Am 2 . 1 . 1 9 4 2 teilte Kritzinger Schultz mit, daß Lammers, „da er ständig im Führerhauptquatier weilt, vorerst nicht in der Lage ist, die Mitglieder des Vertrauensrates zu empfang e n " ( E Z A BERLIN, 1 / A 4 / 5 7 1 ) .

250 VGL ρ GÜRTLER, Nationalsozialismus, S. 88. 2 5 1 Die Protokolle folgender GVR-Sitzungen lassen eine Beschäftigung mit den „Satzungs"-Entwürfen und den Verhandlungen mit der Statthalterei erkennen: 2 7 . 1 . 1 9 4 2 (EZA BERLIN, 1/A 4/579, Bl. 82 f.), 12.2.1942 (EBD., Bl. 84), 2 6 . 2 . 1 9 4 2 (EBD., Bl. 85), 5 . / 6 . 5 . 1 9 4 2 (EBD., Bl. 92f.),9./10.6.1942(EBD.,Bl. 97f.),23.6.1942(EBD.,Bl. 100),21./22.7.1942 (EBD., Bl. 103-104), 13./14.10.1942 (EBD., Bl. 113 f.). 2 5 2 Am 2 1 . / 2 2 . 7 . 1 9 4 2 (Protokoll der GVR-Sitzung: EBD., Bl. 103-104) empfahl der G V R , an der DEK-Gliedschaft der Kirchen im Warthegau unbedingt festzuhalten. 2 5 3 Der erste Satzungsentwurf ist abgedruckt in: P. GÜRTLER, Nationalsozialismus, S. 295 -299; vgl. auch EBD., S. 9 2 - 9 6 . Der zweite Entwurf EBD., S. 3 1 8 - 3 2 5 (jeweils linke Spalte); vgl. auch EBD., S. 9 7 - 1 0 0 .

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Die wachsende Bedrohung (1940-1941)

einen eigenen, möglicherweise von Regierungspräsident Jäger entworfenen, gewiß aber von der Parteileitung der NSDAP gebilligten Vorschlag vorgelegt254. Seitens der kirchlichen Gremien wurde dieser als völlig indiskutabel abgelehnt. Denn im Unterschied zu den bisherigen kirchlichen Entwürfen waren z.B. alle Formulierungen entfernt worden, die eine Verbindung zwischen den Kirchen des Warthegaues und der DEK zum Inhalt hatten. Am 30. September 1943 teilte Generalsuperintendent Blau dem Reichsstatthalter in einem ausführlichen Schreiben diese Ablehnung mit 255 . Einer Bitte der Posener Kirchenleitung entsprechend, wandte sich der Geistliche Vertrauensrat am 2. März 1944 an den Reichsinnenminister — seit August 1943 war dies Heinrich Himmler — und bat ihn, unter Beifügung von Blaus Eingabe, zugunsten der Kirchen des Warthegaues einzugreifen, ihre Unabhängigkeit zu sichern und die Bindungen dieser Kirchen an die DEK zu garantieren. Zur Unterstützung der eigenen Argumentation wies der Vertauensrat auf die allgemeine Beunruhigung hin, die durch die Behandlung der Kirchen im Warthegau entstanden sei, „weil die Vorgänge im Warthegau vielfach als Vorboten einer bevorstehenden allgemeinen Unterbindung der kirchlichen Lebensmöglichkeiten auch im Altreich angesehen werden" 256 . Eine Antwort erhielten auch dieses Mal weder Generalsuperintendent Blau noch der Geistliche Vertrauensrat. Im Fall der Reichsstatthalterei war das wohl darauf zurückzuführen, daß man dort seit dem Herbst 1943 darauf verzichtete, die Satzungsangelegenheit weiter zu verfolgen, was wohl auch durch die sich verschärfende Kriegslage bedingt war. Das Desinteresse der Reichsstatthalterei an weiteren Beratungen über eine „Satzung" war jedoch nicht gleichzusetzen mit einer Aussetzung der antikirchlichen Maßnahmen — diese wurden bis zum Kriegsende fortgesetzt. Als Reaktion hierauf kam es im Sommer 1944 zu einer gemeinsamen Aktion der Kirchenleitungen in Posen und Litzmannstadt einerseits und des Vertrauensrates andererseits257. Verabredungsgemäß wandten sich zuerst Generalsuperintendent Blau am 12. Juli und Pfarrer Kleindienst am 5. September 1944 mit Eingaben an das Reichsinnenministerium 258 . Bezeichnenderweise 254

Abgedruckt EBD., S. 318-325 (jeweils rechte Spalte); vgl. hierzu auch EBD., S. 100-107. EBD., S. 330-341; vgl. auch EBD., S. 103-107. 256 EBD., S. 341-347. Aus dem Protokoll der GVR-Sitzung vom 1 1 . 1 . 1 9 4 4 (EZA BERLIN, 2/54, Bl. 53 f.) geht hervor, daß die Anregung zu dieser Eingabe von der Kirchenleitung in Posen ausging. Am 29.2.1944 (EBD., Bl. 62f.: Protokoll der Sitzung) wurde die Eingabe schließlich abgezeichnet. 257 Am 18.4.1944 referierte OKonsR Nehring den GVR-Mitgliedern über die kirchliche Lage im Warthegau. Man einigte sich darauf, im Namen der Posener Kirchenleitung eine Eingabe zu fertigen, die der GVR dann „befürwortend" an den Reichsinnenminister weitergeben wollte (Protokoll der GVR-Sitzung: EBD., Bl. 69 f.). Am 29.6.1944 lag die Eingabe dem GVR vor und wurde für gut befunden (Protokoll der GVR-Sitzung: EBD., Bl. 75). 258 P. GÜRTLER, Nationalsozialismus, S. 347-353. 255

Christentum und Nationalsozialismus — die unvereinbaren „Weltanschauungen"

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zielten diese Schreiben nicht mehr darauf ab, einzelne Mißstände anzuprangern, sondern forderten den Innenminister auf, für eine grundsätzliche Abkehr von der bisherigen Kirchenpolitik im Wartheland Sorge zu tragen und dieses Gebiet in kirchenrechtlicher Hinsicht dem Altreich gleichzusetzen 259 . Am 11. September 1944 folgten der Vertrauensrat und der Vizepräsident der Kirchenkanzlei mit ihrem Brief an Himmler. Sie baten ihn, „sich der kirchlichen Verhältnisse im Reichsgau Wartheland im Sinne der Ihnen vorliegenden Eingabe in einer solchen Weise anzunehmen, daß die evangelischen Volksgenossen des Ostens wieder ein freudiges Vertrauen dazu gewinnen, daß lebendiges evangelisches Christentum und eine im Herzen des Volkes verwurzelte evangelische Kirche im Großdeutschen Reich Adolf Hitlers eines verständnisvollen Schutzes sicher sein können" 2 6 0 . Diese Eingabe war ein letzter, durch die Kriegsereignisse allerdings überholter Versuch, die nationalsozialistische Führung zu einer Änderung ihrer Warthegaupolitik zu bewegen — nur wenige Monate später fand das kirchenpolitische Experiment im „Modellgau" Wartheland durch die heranrückenden sowjetischen Truppen sein Ende.

2 5 9 Blau forderte u.a. eine „Abstandnahme von einer Sonderordnung für das Wartheland. Es darf nicht weiterhin angängig sein, daß der in Rede stehende Gegenstand, die Religionsfreiheit und ungestörte Religionsausübung, für die Deutschen im Wartheland anders geordnet wird als in den übrigen seit 1938 eingegliederten Gauen und in dem Altreich selbst." Blau Schloß mit der Bitte, die „Anordnungen des H e r r n Reichsstatthalters aufzuheben." — Kleindienst bat den Innenminister, „eine Änderung der Gesamthaltung der leitenden Instanzen im Warthegau zu veranlassen, vor allem alle seit dem Jahre 1940 erfolgten Einschränkungen und Maßnahmen der Kirche gegenüber aufzuheben" (EBD.); vgl. auch P. GÜRTLER, Nationalsozialismus, S. 115. 260

L K A HANNOVER, S 1, E II, 1 2 9 e u n d L 2, N r . 7 , B d . 8; P. GÜRTLER, N a t i o n a l s o z i a l i s -

mus, S. 353 f.

KAPITEL 7

DAS VERSAGEN GEGENÜBER D E N „RANDGRUPPEN" IN DER KIRCHE 1. Der Geistliche Vertrauensrat und die Vernichtung des „lebensunwerten Lebens"' Wenige Wochen nach Kriegsbeginn wurde unter dem Briefkopf des Reichsinnenministeriums ein Runderlaß an alle Heil- und Pflegeanstalten des Reiches übersandt. Diesem waren Meldebögen beigefügt, in denen, so verlangte es der Erlaß, genaue Angaben über die Art der Erkrankung und den Grad der Arbeitsfähigkeit der Patienten eingetragen werden sollten2. Rückfragen nach dem Zweck der Aktion wurden mit dem beschwichtigenden Hinweis abgetan, es handele sich lediglich um notwendige statistische Erhebungen3. Tatsächlich verbarg sich jedoch hinter dieser Fragebogenaktion der Auftakt zu einem beispiellosen Massenmorden an geistig oder körperlich Behinderten, psychisch Kranken oder Menschen, deren Leben, so die offizielle Sprachregelung, „lebensunwert" sei4. Ausschließlich versehen mit einer „Vollmacht" Hitlers5, selbst die Reichsbehörden waren nicht einge1 Es empfiehlt sich, um der terminologischen Klarheit willen, auf den Begriff „Euthanasie' ' weitgehendst zu verzichten, da er geeignet ist, die Grenzen wirklicher Sterbehilfe und der T ö t u n g von nicht-sterbenden Menschen zu verwischen (vgl. K . DÖRNER, Nationalsozialismus, S. 122 f.). Zur Definitionsänderung des Euthanasie-Begriffs seit dem Ende des 19. Jahrhunderts und der Umprägung im Sinne einer sozialdarwinistischen Tötungslegitimation an den schwächsten Gliedern der Gesellschaft vgl. z.B. EBD., S. 1 2 3 - 1 3 6 ; J . FISCHER, Uto-

p i e ; E . K L E E , „ E u t h a n a s i e " , S. 1 1 - 3 3 ; K . NOWAK, „ E u t h a n a s i e " , S . 1 1 - 6 4 . W e i t e r e L i t e r a t u r -

angaben finden sich bei E . KLEE, „Euthanasie". 2 D e r Erlaß des Innenministeriums vom 9 . 1 0 . 1 9 3 9 (Unterschrift: Dr. Conti), der Meldebogen und das Merkblatt über die Ausfüllung des Meldebogens sind abgedruckt EBD., S. 9 1 - 9 3 . 3

P . G . BRAUNE, S . 1 0 8 .

In dieser Weise argumentierten bereits 1930 die Nationalsozialistischen Monatshefte (1, 1930, S. 298); zit. nach K. NOWAK, „Euthanasie", S. 43. 5 Hitler hatte Ende O k t o b e r folgende formlose Ermächtigung — niedergeschrieben auf einem Bogen seines privaten Briefpapiers — unterzeichnet und auf den 1. September 1939 zurückdatiert: „Reichsleiter Bouhler und Dr. med. Brandt sind unter Verantwortung beauftragt, die Befugnis namentlich zu bestimmender Arzte so zu erweitern, daß nach menschlichem Ermessen unheilbar Kranken bei kritischster Beurteilung ihres Krankheitszustandes der Gnadentod gewährt werden kann". Dieses Schreiben blieb die einzige „Rechtsgrundlage" der gesamten Tötungsaktion. Seinem ganzen Charakter nach entsprach es nicht einmal den damals üblichen Führererlassen, geschweige denn, daß es Gesetzescharakter beanspruchen konnte (vgl. L. GRUCHMANN, Euthanasie, S. 241). 4

Der Geistliche Vertrauensrat und die Vernichtung des „lebensunwerten Lebens"

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weiht 6 , begannen unter Leitung von Reichsleiter Bouhler und Dr. med. Brandt eine Reihe von Ärzten und besonders ausgesuchten Hilfskräften im Herbst 1939 mit der „Aktion Τ 4". Hinter diesem Tarnnamen verbarg sich jene Adresse — „T 4 " steht für Tiergartenstraße 4 (Berlin) —, von der ab April 1940 die Massentötung von Patienten in staatlichen, privaten und kirchlichen Heil- und Pflegeeinrichtungen gesteuert wurde 7 . Als im Februar 1940 erste sichere Informationen über das Morden durchsickerten, waren die anfänglichen Reaktionen gleichermaßen von Unglauben und Entsetzen bestimmt 8 . Auf mündliche und schriftliche Vorstellungen, die von einzelnen Leitern kirchlicher Pflegeeinrichtungen unmittelbar nach dem Bekanntwerden dieser Morde erhoben wurden, bekamen diese nur ausweichende und verharmlosende Antworten. Sofern die Durchführung solcher Aktionen nicht mehr zu verheimlichen war, wurde den Beschwerdeführern für den Fall der Weitergabe dieser Informationen mit Repressalien oder gar dem Tod gedroht9. Doch selbst auf diese Weise konnte nicht verhindert werden, daß bald auch die kirchenleitenden Organe in den Ländern und auf Reichsebene über die Mordaktion informiert waren 10 . 6 K. DOERNER, Nationalsozialismus, S. 147, spricht in diesem Zusammenhang von einer „nebenstaatlichen Organisation der Vernichtungsaktionen". Denn es waren an der Durchführung der Mordaktion — mit Ausnahme der Abteilung IV des Reichsinnenministeriums — keine Reichsministerien oder sonstigen staatlichen Behörden beteiligt. Die Abteilung IV, die unter der Leitung des „Reichsärzteführers" Dr. Conti stand, wurde von diesem selbständig geführt und sorgfältig gegenüber den anderen Abteilungen des Reichsinnenministeriums abgeschirmt, so daß anfangs nicht einmal der Innenminister über diese Aktion unterrichtet war. Selbst zur Finanzierung der Aktion wurden anfangs nur Parteigelder genutzt; jegliche Spuren, und seien es nur Posten im Reichshaushalt, sollten vermieden werden (L. GRUCHMANN, Euthanasie, S. 242 f.). Diese strikte Abschirmung gegenüber den Reichsministerien erklärt auch, warum Braunes Informationen über die Tötungen von anderen Ressortministern (Reichskanzlei, Justiz-, Innen- und Kirchenministerium) mit Überraschung aufgenommen wurden (P. G . BRAUNE, Kampf, S. 111 f.). Allerdings hat keiner der Reichsminister — spätestens seit Frühjahr 1940 waren alle informiert — gegen die Ermordnung der Kranken protestiert. Typisch war vielmehr die Reaktion von Justizminister Gürtner, der eine fundierte Gesetzesgrundlage schaffen wollte (vgl. L. GRUCHMANN, Euthanasie). Gruchmann nimmt an, daß Gürtners Initiative nicht nur dem Wunsch entsprang, in seinem Ressort einen „ störungsfreien Geschäftsgang' " zu gewährleisten, sondern auch der Absicht, durch ein geregeltes Verfahren die Tötungen zu begrenzen und Mißbrauch auszuschalten (EBD., S. 250 f.). 7 Bereits ab Frühjahr 1939 war es zu Fällen sog. „Kindereuthanasie" gekommen: Anfang 1939 waren die Eltern eines behinderten Kindes mit der Bitte an Hitler herangetreten, die Tötung ihres Kindes zu veranlassen. Hitler ließ sich durch Dr. Brandt über den Fall Bericht erstatten. Die von ihm im diesem Einzelfall erteilte Genehmigung zur Tötung des Kindes bildete den Anlaß, Brandt und Bouhler zu gestatten, in gleichgelagerten Fällen von sich aus eine Entscheidung zu treffen. Jedoch erst im Laufe des Krieges kam es zu einem starken Anstieg dieser unter der Bezeichnung „Kindereuthanasie" durchgeführten Tötungen.

K. NOWAK, „Euthanasie", S. 131. Vgl. die späteren Aufzeichnungen von P. G. BRAUNE, Kampf, S. 109 und L. SCHLAICH, Lebensunwert?, S. 6 6 - 1 0 7 , insbes. S. 72; 76. 10 Allerdings konnten sich nur die Kirchenleitungen von Württemberg (vgl. G. SCHÄFER, Landesbischof, S. 113-146) und Bayern (vgl. H . BAIER, Kirche, S. 222-225) dazu 8

9

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Das Versagen gegenüber den „Randgruppen" in der Kirche

Will man den Protokollen, die regelmäßig über die Sitzungen des Vertrauensrates angefertigt wurden, Glauben schenken, so spricht nichts dafür, daß sich dieses Gremium jemals mit der Tötung des „lebensunwerten Lebens" beschäftigt hat. Denn es existieren in den Verhandlungsniederschriften des fraglichen Zeitraums, also zwischen Frühsommer 1940 und Herbst 1941, weder explizite Ausführungen hierzu, noch läßt sich aufgrund indirekter Hinweise — etwa anhand der geladenen Referenten — etwas über die Behandlung dieses Massenmordens erschließen. Demgegenüber steht die Darstellung von Brunotte: „Nach den ersten Anzeichen, daß Menschen aus Anstalten der Inneren Mission mit z.T. unbekanntem Ziel fortgebracht wurden und daß häufig kurz danach rätselhafte Todesnachrichten an die Angehörigen gelangten, ließ sich der Geistliche Vertrauensrat von den Herren der Inneren Mission in mehreren Sitzungen eingehend Bericht erstatten . . . über den Sitzungen des Vertrauensrates lag das ganze Grauen dieser ersten Anzeichen von Massenmord, zumal Pastor Braune aus seinen Besprechungen im Reichsinnenministerium berichtete, daß alle, die von den Dingen wüßten, mit dem Tode bedroht seien" n . Gerade dieser letzte Hinweis läßt die Folgerung zu, daß wahrscheinlich bewußt auf besondere Vermerke in den Protokollen verzichtet wurde, um die beteiligten Personen nicht zu gefährden. Aus diesem Grund kann nur wenig über die internen Überlegungen des Vertrauensrates zu dieser Frage gesagt werden. Bestenfalls lassen sich allgemeine Hinweise dafür finden, daß — wie auch Brunotte berichtet — die Mitteilungen über die „Euthanasieaktion" tatsächlich mit „Grauen aufgenommen" wurde. So äußerte sich Marahrens nur wenige Tage, nachdem der Geistliche Vertrauensrat erstmals bei staatlichen Stellen vorstellig geworden war, in seinem Wochenbrief zur Behindertenbetreuung. Ohne auf den Mord an den Behinderten direkt einzugehen, erörterte er sehr ausführlich den Dienst der Liebe, den die Kirche ihren schwächsten Gliedern in den Heil- und Pflegeanstalten schuldig sei12. Bei Schultz dürfte das Bekanntwerden der Tötungsaktion sogar in höchstem entschließen, bei Reichs- und Landesbehörden vorstellig zu werden.—Unsicher ist, ob sich auch Marahrens, abgesehen von seiner Tätigkeit im GVR, an Staatsstellen wandte. Ein entsprechendes Schriftstück konnte nicht ausfindig gemacht werden. Allerdings existiert im LKA HANNOVER, L 2, Nr. 20b, Bd. 2, ein an Marahrens gerichtetes Schreiben des Innenministeriums vom 28.11.1940 (Büro von Ministerialrat Dr. Linden; Vermerk: „Geheime Reichssache" — „1. Ausfertigung"), in dem auf einen Brief von Marahrens vom 29.9.1940 Bezug genommen wird: Marahrens wird in dem Schreiben gebeten, „die grundsätzliche Stellungnahme zu der Angelegenheit" aus den beiden Anlagen zu ersehen — beigefügt waren der Brief, den Wurm am 9.10.1940 auf seine Eingabe gegen die Ermordung von Behinderten bekam und das Antwortschreiben, das in der Kirchenkanzlei auf die Eingabe vom 16.7.1940 (vgl. unten Anm. 26) einging. 11 H. BRUNOTTE, Kurs, S. 125: Außer von Braune erhielt der GVR durch Pastor v. Bodelschwingh (Bethel) und Pastor Dicke, dem ehemaligen Leiter der Kückenmühler Anstalten bei Stettin, Informationen über die Morde. 12 Wochenbrief Marahrens' vom 31.7.1940.

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Maße persönliche Betroffenheit ausgelöst haben — war er doch selbst Vater eines behinderten Kindes13. Erste Aktivitäten des Vertrauensrates lassen sich ab Mitte Juli 1940 feststellen. Am 15. Juli wurde dem Leiter der Kirchenkanzlei von Pfarrer Constantin Frick, dem Präsidenten des Centraiausschusses der Inneren Mission, eine Eingabe übergeben, durch die die Leitung der DEK dringend gebeten wurde, „so schnell wie möglich zu handeln, da höchste Gefahr im Verzuge" sei. Es stehe nämlich nun eindeutig fest, daß es sich bei den festgestellten Todesfällen von Patienten evangelischer Heil- und Pflegeanstalten „um ein planmäßiges Vorgehen zur Ausmerzung der angeblich hoffnungslos Kranken oder sonst gemeinschaftsunfähigen Menschen" handele w . Als Anlage war dem Schreiben eine ausführliche Denkschrift beigegeben, die die Eingabe Fricks umfassend untermauern sollte15. Verfasser dieser mutigen und klaren Denkschrift war Pastor Braune, selbst Leiter einer Behindertenpflegeeinrichtung und Vizepräsident des Centraiausschusses der Inneren Mission, der den Vertrauensrat bereits mündlich mit Informationen über diese Mordaktion versorgt hatte16. Ob die Denkschrift Braunes allerdings aufgrund dieser Besprechungen durch den Vertrauensrat angeregt wurde, läßt sich nicht mit Bestimmtheit sagen17. Nur einen Tag nachdem Frick die Eingabe und die Denkschrift in der Kirchenkanzlei abgegeben hatte, wurden Abschriften beider Schriftstücke zusammen mit einem Schreiben, das gemeinsam von der Kirchenkanzlei und dem Geistlichen Vertrauensrat verantwortet wurde 18 , durch Oberkonsistorialrat Brunotte in der Reichskanzlei abgegeben19. Im Gegensatz zu den Ausarbeitungen, die Frick und Braune gefertigt hatten, ist das Schreiben der Reichskirchenleitung durch äußerste Zurückhal13 Maschinenschriftliche Nachträge zu Willgeroth, Die mecklenburgischen Pfarrer (LKA SCHWERIN): Schultz hatte aus seiner ersten Ehe zwei Töchter: Marianne (geb. 1931) und Marlene (geb. 1933). Letztere wurde mit geistigen Behinderungen geboren. 14

L K A HANNOVER, S 1 , H III, 1 2 1 0 ; E . KLÜGEL, L a n d e s k i r c h e , D o k u m e n t e , S . 1 7 5 f .

Die Denkschrift ist verschiedentlich abgedruckt worden; u.a. K J 1933-44, S. 399-406; H. HERMELINK, Kirche, S. 520-532; H. v. HASE, Dokumente, S. 14-22. 15

16

P. G . BRAUNE, K a m p f , S. 1 1 2 ; H . BRUNOTTE, K u r s , S. 1 2 5 .

K. NOWAK, „Euthanasie", S. 133, vermutet, daß eine entsprechende Anregung seitens des Vertrauensrates gegeben wurde. Diese Vermutung dürfte auf dem Bericht von H. BRUNOTTE, Kurs, S. 125, beruhen. Braune selbst berichtet rückblickend lediglich, daß ihm von fast allen staatlichen Stellen, die er über die Mordaktion informierte, die Zusammenstellung einer Denkschrift empfohlen wurde (P. G. BRAUNE, Kampf, S. 111 f.). 17

18

L K A HANNOVER, S 1 , H III, 1 2 1 0 ; E . KLÜGEL, L a n d e s k i r c h e , D o k u m e n t e , S. 1 7 4 f . F ü r

den G V R unterzeichnete Marahrens (in dem Aufsatz von P.G.BRAUNE, Kampf, S. 112, A n m . 3, wird fälschlicherweise angegeben, daß Marahrens, Schultz und Hymmen gemeinsam unterschrieben), für die Kirchenkanzlei Präsident Werner. 19 H. BRUNOTTE, Kurs, S. 125: „Ich habe die Anfertigung der geheimen Reinschrift überwacht und die Eingabe dem Ministerialdirektor Dr. Kritzinger in der Reichskanzlei persönlich überbracht".

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Das Versagen gegenüber den „Randgruppen" in der Kirche

tung und Vorsicht gekennzeichnet: „Wir unterbreiten Ihnen den Sachverhalt, da wir nicht in der Lage sind, die Angaben im einzelnen nachzuprüfen" 2 0 . Falls die Angaben zuträfen, so hieß es in der vorsichtigen Art dieser Gremien, bäte man, „aus der Verantwortung der Kirche für die ihr anbefohlenen hilfsbedürftigen Menschen und aufgrund der in der Botschaft Jesu Christi begründeten Haltung des deutschen Protestantismus um vorherige gründliche Prüfung nach der rechtlichen, medizinischen, sittlichen und staatspolitischen Seite" 21 . Gleichzeitig unternahm Braune noch einen eigenen Versuch, seine Denkschrift der NS-Führungsspitze zur Kenntnis zu bringen: über Prof. Dr. W. H. Göring, einen Vetter des Reichsmarschalls, ließ er auch diesem ein Exemplar zukommen 2 2 . Bereits Ende Juli, so berichtet Braune, habe er aus der Reichskanzlei die mündliche Mitteilung erhalten, daß Lammers die Denkschrift Hitler vorgetragen habe: Die Maßnahmen könnten zwar nicht eingestellt werden, wohl aber wolle man für eine „ .anständigte]' " Durchführung Sorge tragen. Braune deutete dieses so, daß in Zukunft „die Kranken und ihre Angehörigen dabei nicht weiter geängstigt oder gequält werden sollten" 23 . Eine offizielle Antwort an die reichskirchlichen Leitungsorgane ließ jedoch vorerst noch auf sich warten. Doch auch ohne diese zeigte sich, daß das vom Geistlichen Vertrauensrat und der Kirchenkanzlei weitergereichte Material erhebliche Unruhe bei den Beteiligten der Mordaktion ausgelöst hatte. Am 12. August wurde nämlich Pastor Braune verhaftet und drei Monate lang in „Schutzhaft" gehalten24. Mittlerweile hatte die Reichskanzlei die Unterlagen „aus Zuständigkeitsgründen" an das Innenministerium weitergeleitet. Dort wurden die Schriftstücke durch Staatsekretär Dr. Conti, Leiter der berüchtigten Abteilung VI, bearbeitet. Allein hierdurch wurden die Chancen, durch die Eingaben und die Denkschrift etwas zu erreichen, erheblich gemindert, denn Conti wurde quasi in eigener Sache tätig, da seine Abteilung die einzige Staatsstelle war, die sich offiziell mit der Mordaktion befaßte 25 . 20

L K A HANNOVER S 1, Η Ι Π , 1 2 1 0 ; E . KUUGEL, L a n d e s k i r c h e , D o k u m e n t e , S. 1 7 4 . — G e -

rade wegen dieser sehr zurückhaltenden Stellungnahme muß sich der G V R den Vorwurf gefallen lassen, in dieser Frage versagt zu haben: G. DENZLER / V. FABRICIUS, Kirchen, S. 119, werten dieses Begleitschreiben des Vertrauensrates gar als eine Distanzierung von der Denkschrift Braunes, Ε. Κ IFF,, „Euthanasie", S. 212, hält es angesichts dieses Schreibens für „verständlich", wenn Braune schreibt, daß damals von der offiziellen Kirche keinerlei Hilfe zu erwarten gewesen sei. 2 1 Vgl. oben Anm. 20. 2 2 K. NOWAK, „Euthanasie", S. 135. P.G. BRAUNE, Kampf, S. 112, schreibt nur, daß die Weitergabe über einen „nahen Verwandten" Görings erfolgt sei. 23

EBD.

EBD., S. 112f.: Von offizieller Seite wurde allerdings jeglicher Zusammenhang zwischen der Verhaftung und der Denkschrift abgestritten. Ein von Heydrich unterzeichneter „Schutzhaftbefehl", der Braune während seiner Haft vorgelegt wurde, beschuldigte ihn „.Maßnahmen des Staates und der Partei sabotiert' zu haben". 25 Vgl. oben Anm. 6. 24

Der Geistliche Vertrauensrat und die Vernichtung des „lebensunwerten Lebens"

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Am 9. Oktober 1940 antwortete Conti der Kirchenkanzlei, daß die „Maßnahmen einer Rechtsgrundlage nicht entbehren". Allerdings, so ließ er wissen, könne „eine Veröffentlichung der rechtlichen Grundlagen . . . aus kriegswichtigen und außenpolitischen Gründen . . . nicht erfolgen, wie dies auch bei anderen aus Anlaß des Krieges getroffenen Maßnahmen erforderlich ist". Dieses habe man bereits Präsident Frick mitgeteilt, der darauf hin zugesagt habe, „daß er die bei der Inneren Mission bestehenden und auf der unbegründeten Annahme einer illegalen und unsachgemäßen Durchführung der Maßnahmen beruhenden Widerstände beseitigen werde". Conti bat die Kirchenkanzlei, „in demselben Sinne zu wirken" 26 . Diese in Contis Antwort erwähnte Zusage Fricks, „Widerstände [zu] beseitigen", dürfte aus den im Sommer und Herbst 1940 im Gange befindlichen Überlegungen des Reichsinnenministeriums resultieren, einen Gesetzesentwurf zu erarbeiten, durch den die „Euthanasie"Aktion in „geordnete" Bahnen gelenkt werden sollte — an die Stelle der bisherigen Willkür sollten fest umrissene Kriterien für die Auswahl der „Todeskandidaten" treten 27 . So unglaublich es heute klingen mag, so muß doch davon ausgegangen werden, daß führende Persönlichkeiten der Inneren Mission, so auch Präsident Frick, und die Leitungsgremien der Deutschen Evangelischen Kirche zu diesem Zeitpunkt offensichtlich bereit waren, eine begrenzte und „legalisierte" Tötung von Behinderten und psychisch Kranken zu akzeptieren 28 . Unverständlich bleibt diese Haltung auch dann, wenn man die dahinter stehende Absicht, nämlich die Rettung aller minder schweren Fälle, berücksichtigt29. Auch der Geistliche Vertrauensrat wurde durch Vertreter der Inneren Mission, mit denen er in ständigem Kontakt stand 30 , über die Unterredungen mit dem Innenministerium regelmäßig informiert. Doch erst im Winter 1940/41 gab es im Vertrauensrat Überlegungen, in dieser Angelegenheit ein zweites Mal aktiv zu werden. Ende des Jahres 1940 übersandte Vizepräsident Hymmen den Entwurf eines an den Innenminister gerichteten Schreibens zur Begutachtung an Landesbischof Marahrens 31 . Dieser brachte seine 26 Abschrift, aus dem Innenministerium stammend (LKA HANNOVER, L 2, Nr. 20b, Bd. 2; G. SCHÄFER, Landesbischof Wurm, S. 131; E. KLEE, „Euthanasie", Dokumente, S. 180). Die Darstellung von H. BRUNOTTE, Kurs, S. 125 f., daß keine Antwort auf die Denkschrift ergangen sei, ist zu korrigieren. 27 Vgl. zu den Überlegungen, die hierzu in den Reichsministerien, insbesondere im Justizministerium angestellt wurden: L. GRUCHMANN, Euthanasie. 28

29

V g l . E . KLEE, „ E u t h a n a s i e " , S. 2 7 8 - 2 8 9 ; K . NOWAK, „ E u t h a n a s i e " , S. 1 3 7 .

EBD. SO Vgl. oben S. 256. Brief vom 27.12.1940 mit beiliegendem Eingabeentwurf (LKA HANNOVER, L 2, Nr. 20b, Bd. 2). Der von Klügel entdeckte und von ihm erstmals edierte, undatierte Eingabeentwurf (LKA HANNOVER, S 1, H II, 127 b; E. KLÜGEL, Landeskirche, Dokumente, S. 177 f.) stammt von Hymmen. Es handelt sich also nicht, wie meist in der Literatur — Klügel folgend — angenommen wird, um ein durch den GVR gebilligtes Schriftstück. 31

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Änderungen an und schickte den überarbeiteten Entwurf am 2. Januar 1941 an Hymmens Privatadresse32. Beide Entwürfe weisen große Unterschiede auf: Zwar stellen sowohl Hymmen als auch Marahrens an den Anfang ihrer Entwürfe den Dank an das Innenministerium, daß es den Anstalten der Inneren Mission Befreiung von der Ausfüllung der berüchtigten Fragebogen gewährt habe 33 — wie sich zeigen sollte eine irrige Annahme —, doch die weiteren Passagen der Schreiben weisen deutliche Differenzen auf. Hymmen räumt dem Staat eine unbeschränkte Vollmacht auf dem Gebiete der Gesetzgebung ein: „Sie [sc.: die evangelische Kirche] ist der Meinung, daß die staatliche Gesetzgebung vom Staate selbst und seinen verantwortlichen Leitern vor Gott und dem eigenen Gewissen verantwortet werden muß" 3 4 . Dieses gilt auch im Falle der „Tötung lebensunwertem Lebens". Lediglich einen Hinweis „auf den schweren Ernst der zu treffenden Entscheidung" und die Bitte, eine möglichst genaue Umschreibung der von den Maßnahmen betroffenen Kranken zu geben — um „Fehlgriffe" zu vermeiden —, könne sich die evangelische Kirche erlauben. Abseits dieser fatalen grundsätzlichen Erwägungen sprach sich Hymmen jedoch dafür aus, die Anstalten der Inneren Mission bei der Durchführung der Tötungsaktion auszunehmen und ihnen weiterhin ihren Dienst der christlichen Liebe zu gestatten. Der Entwurf von Marahrens wird hingegen ganz durch den Appell geprägt, auf jegliche Tötung von Kranken zu verzichten — mit keinem Wort gesteht er dem Staat das Recht zur Tötung von „lebensunwertem Leben" zu. Stattdessen findet sich bei ihm der Hinweis àuf die fatalen Folgen eines solchen Tuns—auch des gesetzlich geregelten! Denn, so Marahrens, „in der ganzen Angelegenheit erweisen sich die Maßstäbe rationaler Zweckmäßigkeit schlechterdings als unzureichend" 35 . Weiter schreibt der hannoversche Landesbischof: „Der Geistliche Vertrauensrat glaubt, auch die Reichsregierung daran erinnern zu müssen, wie unauflöslich Gemüt und sittliches Urteil, das Empfinden für sittliche Gemeinschaft und gegenseitige Verantwortung, die persönliche und gemeinsame Haltung auch gegenüber schweren und niederdrückenden Schickungen in den religiösen wenn auch vielleicht manchmal unbewußten Tiefen eines Volkes verwurzelt sind".

32

33

EBD.

H y m m e n schreibt (vgl. oben Anm. 3 1 ) : , , . . . darf ich annehmen, daß die Kirchenkanzlei zu der Frage der Ausfüllung der Fragebogen durch die Anstalten der Inneren Mission im Sinne des Schlußsatzes ihres Schreibens vom . . . [Anm.: Lücke im Briefentwurf selbst] nicht mehr Stellung zu nehmen braucht". Bei Marahrens heißt es: „ . . . darf ich annehmen, daß das wesentliche Anliegen dieses Schreibens, soweit es die Heranziehung der Anstalten der Inneren Mission bei der Durchführung der im Gange befindlichen Maßnahme betrifft, praktisch erfüllt wird, so daß die Kirchenkanzlei nicht mehr im Sinne ihres Schreibens vom . . . [Anm.: Lücke im Briefentwurf selbst] tätig zu werden braucht" (LKA HANNOVER, L 2, Nr. 20b, Bd. 2). 34 35 Vgl. oben Anm. 31. Vgl. oben Anm. 33.

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Dieses zeige sich z.B. daran, daß selbst Menschen, die äußerlich der Kirche fernstehen, „ihre hoffnungslos kranken Angehörigen . . . der christlichen Liebe zur Pflege übergeben in dem Vertrauen, daß ihnen von ihr gedient wird bis ans Ende. Die Innere Mission kann deshalb an keiner anderen Maßnahme aktiv mitwirken als an der liebevollen, unermüdlichen Pflege aller ihr anvertrauten Kranken". Marahrens schließt mit der Mahnung, daß „wo nur noch das Elend und die Ohnmacht eines Menschenwesens scheint geliebt werden zu können . . . auch der Staat das Unbegreifliche, das hier Ereignis wird, ehren sollte". In der Kirchenkanzlei wurden beide Entwürfe zwar noch zu einer Synopse zusammengefaßt36, doch hat es den Anschein, daß weder der Entwurf von Hymmen noch derjenige von Marahrens zur Versendung gekommen ist. Dieses mag einerseits auf interne Meinungsverschiedenheiten über das Schreiben selbst zurückzuführen sein37. Doch besteht andererseits auch die Möglichkeit, daß Präsident Werner, unter dessen Briefkopf das Schreiben versandt werden sollte, sich weigerte, seine Unterschrift zu geben38. Inwieweit auch die falsche Ausgangsvoraussetzung des Schreibens eine Versendung verhindert hat, bleibt gleichfalls zu fragen. Denn dem Vertrauensrat dürfte bald nach dem Jahreswechsel klar geworden sein, daß die Annahme, die Anstalten der Inneren Mission seien von den Tötungsaktionen ausgenommen, irrig war39. Letztlich blieb also das Schreiben vom 16. Juli 1940 die einzige Maßnahme, die der Vertrauensrat in dieser Angelegenheit ergriff. Selbst wenn man nur das „offizielle" Ende der Tötungsaktionen in Betracht zieht 40 — im Sommer 1941 ließ Hitler durch eine mündliche Weisung, wohl mit Rück3 6 Ein Exemplar, datiert mit .Januar 1941", befindet sich im L K A SCHWERIN, GVRHandakten Schultz, 11/38. 3 7 Erinnert werden kann in diesem Zusammenhang an die Auseinandersetzungen, die unmittelbar nach dem Jahreswechsel innerhalb des Vertrauensrates über eine an Hitler gerichtete Denkschrift, die Behinderungen der kirchlichen Arbeit betreffend, ausbrachen. Auch die abgeschwächte Fassung dieser Denkschrift konnte erst nach der Entfernung einer Passage, die sich mit der „Euthanasie" beschäftigte, verschickt werden (vgl. oben S. 236). 3 8 Daß diese Befürchtung nicht ganz unbegründet war, geht schon aus dem Schreiben von Marahrens an H y m m e n hervor ( L K A HANNOVER, L 2, N r . 20b, Bd. 2): „Hoffentlich trägt H e r r Präsident keine Bedenken, die Sache zu schreiben." 3 9 So dürfte es dem Vertrauensrat z.B. angesichts der guten Beziehungen zu Bodelschwingh kaum verborgen geblieben sein, daß am 1 9 . 2 . 1 9 4 1 eine große Ärztekommission in Bethel anreiste, u m dort ihre berüchtigten Gutachten anzufertigen (E. KLEE, „Euthanasie", S. 3 2 3 - 3 2 6 ) . 40

L . GRUCHMANN, E u t h a n a s i e , S. 2 7 8 f . : A m 2 4 . 8 . 1 9 4 1 g a b H i t l e r i m F ü h r e r h a u p t q u a r -

tier an Brandt die mündliche Weisung, die „Aktion Τ 4", also die Massentötung von geistig Behinderten oder psychisch Kranken, zu stoppen. D o c h auch nach diesem Termin ging das Morden — wenn auch nicht mehr in einem derartig großem Umfang — noch bis Kriegsende weiter (vgl. besonders die ausführliche Darstellung von E. KLEE, „Euthanasie" und den dazugehörigen Quellenband).

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Das Versagen gegenüber den „Randgruppen" in der Kirche

sieht auf die Stimmung der Bevölkerung und die Meinung des Auslandes, die Aktion aussetzen — hat der Vertrauensrat ab Sommer 1940, also über ein Jahr lang, zu den Morden geschwiegen. Die These, daß die offizielle Kirche in dieser Angelegenheit nicht versagt habe41, dürfte mithin kaum haltbar sein.

2. Der A usschluß der „ nichtarischen " Christen aus der Kirchengemeinschaft''2 Im Herbst und Winter 1941/42 mußte sich der Geistliche Vertrauensrat mit einem Thema auseinandersetzen, das, so oft es bisher auf der Tagesordnung gestanden hatte, nur ausweichend behandelt worden war — nämlich mit der Stellung der „nichtarischen" Christen in der DEK 43 . Als am 1. September 1941 das Reichsinnenministerium jene berüchtigte Polizeiverordnung erließ, die es allen Juden über sechs Jahre zur Pflicht machte, einen handtellergroßen, gelben , Judenstern" „gut sichtbar an der rechten Brustseite ihrer Oberbekleidung anzubringen"44, war das für die deutsch-christlichen Kirchenleitungen ein willkommenes Signal, die Initiative zu ergreifen, um auch im kirchlichen Bereich auf eine Aussonderung der „nichtarischen" Christen hinzuwirken. Entsprechende Bemühungen der Vorkriegszeit fanden damit ihre Fortsetzung45. Einer der ersten, der sich in dieser Beziehung hervortat, war Präsident Klotsche, der Leiter der sächsiSo H . BRUNOTTE, Kurs, S. 1 2 6 . Wenn im folgenden Abschnitt von „Nichtariern" die Rede ist, so immer nur von solchen, die sich zu einer der christlichen Konfessionen bekannten. Ansonsten muß leider festgestellt werden, daß das Problem der Judenverfolgung „an sich" von den offiziellen Kirchenleitungen fast ausschließlich als ein Politikum betrachtet wurde. Erst sehr spät erhob sich auch unter den Kirchenführern vereinzelter Protest gegen die Behandlung der Juden. Etwas anders stellt sich die Haltung der BK dar: Zwar gab es auch hier kaum organisierte Proteste, doch nahmen immer wieder einzelne BK-Glieder und Pastoren zum Schicksal der Juden Stellung (vgl. z.B. G . DENZLER/V. FABRICIUS, Kirchen, S. 1 3 3 - 1 5 8 ; O . ELLAS, Kirchenkampf; W. GERLACH, Zeugen). 43 Mindestens zweimal wandte sich Pfr. Grüber an den GVR, um ihn auf die Situation der christlichen „Nichtarier" aufmerksam zu machen (LKA SCHWERIN, GVR-Handakten Schultz, 1/1: Protokoll der GVR-Sitzung vom 18.1.1940); H. BRUNOTTE, Kirchenmitgliedschaft, S. 161, erwähnt ein Schreiben Grübers an den GVR vom 27.7.1940. Selbst nach der Verhaftung Grübers schritt der GVR nicht ein, sondern überließ dem EOK Berlin alle weiteren Maßnahmen (Vermerk der DEKK vom 4.1.1941: EZA BERLIN, 1/C 3/172, Bl. 1). Zu Beginn des Jahres 1941 wandte sich die „Gesellschaft zur Beförderung des Christentums unter den Juden' die durch die Gestapo aufgelöst werden sollte, an den GVR mit der Bitte, sie gegen diese ungerechtfertigte Auflösung in Schutz zu nehmen (EBD., Bl. 6: Brief von Staatssekretär a.D. Hoffman an Marahrens vom 23.2.1941). Der GVR lehnte ein Einschreiten ab (Protokoll der GVR-Sitzung vom 21./22.4.1941: EZA BERLIN, 1/A 4/576, Bl. 2f.). 44 RGBl 1941, S. 547. 45 Vgl. H. BRUNOTTE, Kirchenmitgliedschaft, S. 154-160. 41 42

Der Ausschluß der „nichtarischen" Christen aus der Kirchengemeinschaft

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sehen Landeskirche. Er schrieb am 21. Oktober 1941 an die Kirchenkanzlei: „Nach gesetzlicher Einführung des Judensterns im Reichsgebiet wird das Erfordernis immer dringender, an den Kirchen und kirchlichen Versammlungsräumen folgende Verbotstafel anzubringen: Juden haben keinen Zutritt!' U m Zustimmung wird gebeten" 46 . Doch die Kirchenkanzlei zeigte keinerlei Interesse an der Anregung Klotsches, so daß diese vorerst unbeantwortet liegenblieb. Ahnlich zurückhaltend reagierte auch der Geistliche Vertrauensrat. In der Sitzung am 27./28. Oktober 1941 wurde lediglich beschlossen, vor eigenen Beschlüssen die Stellungnahme des Ev. Oberkirchenrates Berlin abzuwarten. So trat man an diesen mit der Bitte heran, „die K[irchen] K[anzlei] zu unterrichten, wenn er zu einem Ergebnis komm[e], damit die Kfirchen] K[anzlei] das Rundschreiben des E O K an die Landeskirchen mit dem Anheimgeben entsprechend zu verfahren, weitergeben" könne 47 . In der GVR-Sitzung am 11. November 1941 stand das Thema „nichtarische" Christen erneut auf der Tagesordnung — dieses geschah wohl auf Betreiben von Vizepräsident Fürle, der seinerseits vom Kirchenministerium gedrängt wurde, auf das Schreiben von Präsident Klotsche zu reagieren48. Doch auch zu diesem Zeitpunkt vermied es der Vertrauensrat noch, eine eigene Position zu beziehen. Stattdessen wurde nun versucht, die Angelegenheit dem Kirchenministerium zuzuschieben. So richtete der Vertrauensrat an den Kirchenminister die Bitte, er möge bei den zuständigen Stellen feststellen, „ob staatliche Anordnungen in der Angelegenheit erlassen oder zu erwarten" seien 49 . Der Vertrauensrat wollte also — anders kann diese Anfrage kaum gedeutet werden — einen eventuellen Ausschluß der „nichtarischen" Christen lieber dem Kirchenministerium überlassen und eine eigene eindeutige Stellungnahme weiterhin vermeiden. Doch im Kirchenministerium dachte man überhaupt nicht daran, entsprechende Schritte zu unternehmen. Stattdessen ließ Minister Kerrl die DEK-Kirchenbehörden wissen, daß es sich um eine „innerkirchliche Angelegenheit" handele, die allein kirchlicherseits zu regeln sei. Es fehlte jedoch nicht der deutliche Hinweis, wie eine entsprechende Regelung aussehen sollte: „Die von der Landeskirche Sachsens vorgeschlagene Regelung", so Kerrl, „begegnet hier keinen Bedenken" 50 . Nach diesen Äußerungen aus dem Kirchenministerium gaben die Kirchenkanzlei und der Geistliche Vertrauensrat ihre bisher geübte Zurückhal46

E Z A BERLIN, 1 / C 3 / 1 7 2 , BL. 2 7 ; H . BRUNOTTE, K i r c h e n m i t g l i e d s c h a f t , S. 164 u n d

W. GERLACH, Zeugen, S. 295. 47 Protokoll der GVR-Sitzung vom 27./28.10.1941 (EZA BERLIN, 1/A 4/579, Bl. 62f.). 48 Schreiben des Kirchenministeriums an die DEKK vom 28.10.1941 (EZA BERLIN, 1/C 3/172, BL. 8). 49

50

P r o t o k o l l d e r G V R - S i t z u n g v o m 1 1 . 1 1 . 1 9 4 1 ( E Z A BERLIN, 1 / A 4 / 5 7 9 , BL. 67 f.).

Schreiben vom 3.12.1941 (EZA BERLIN, 1/C 3/172, Bl. 42).

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Das Versagen gegenüber den „Randgruppen" in der Kirche

tung auf: „Nach eingehender Aussprache", so wurde im Protokoll der GVRSitzung vom 8./9. Dezember 1941 festgehalten, „hält der G V R ein Rundschreiben der D E K an die Landeskirchen für erforderlich, das darauf hinzielt, daß sich die christlichen Nichtarier an dem kirchlichen Leben der Gemeinde nicht mehr beteiligen" 51 . Ein entsprechender Referentenentwurf wurde noch in derselben Sitzung in Auftrag gegeben 52 . Eine gute Woche später, als der Vertrauensrat anläßlich der Beerdigung von Kirchenminister Kerrl am 16. und 17. Dezember in Berlin zusammentrat, genehmigten alle Mitglieder den Referentenentwurf 53 . A m 22. Dezember ging dann, versehen mit der Unterschrift Fiirles, folgendes Rundschreiben an die obersten Behörden der evangelischen Landeskirchen: „Der Durchbruch des rassischen Bewußtseins in unserem Volk, verstärkt durch die Erfahrungen des Krieges, und entsprechende Maßnahmen der politischen Führung haben die Ausscheidung der Juden aus der Gemeinschaft mit uns Deutschen bewirkt. Dies ist eine unbestreitbare Tatsache, an welcher die deutschen evangelischen Kirchen, die in ihrem Dienst an dem einen ewigen Evangelium an das deutsche Volk gewiesen sind und im Rechtsbereich dieses Volkes als Körperschaften des öffentlichen Rechts leben, nicht achtlos vorüber gehen können. Wir bitten daher im Einvernehmen mit dem Geistlichen Vertrauensrat der Deutschen Evangelischen Kirche die obersten Behörden, geeignete Vorkehrungen zu treffen, daß die getauften Nichtarier dem kirchlichen Leben der deutschen Gemeinde fernbleiben. Die getauften Nichtarier werden selbst Mittel und Wege suchen müssen, sich Einrichtungen zu schaffen, die ihrer gesonderten gottesdienstlichen und seelsorgerischen Betreuung dienen können. Wir werden bemüht sein, bei den zuständigen staatlichen Stellen die Zulassung derartiger Einrichtungen zu erwirken" 5 4 . Sowohl der Geistliche Vertrauensrat als auch die Kirchenkanzlei mußten jedoch wissen, daß durch dieses Schreiben die sowieso große N o t der „nichtarischen" Christen noch vergrößert wurde — zumal die angesprochenen „Mittel und Wege" für eine eigene Versorgung dieses Personenkreises Ende 1941 gewiß nicht mehr bestanden 55 . Daß dieses Schreiben dennoch die Zustimmung aller Vertrauensratsmitglieder erhielt, kann nicht nur aus dem Drängen des Kirchenministeriums 52 EBD. SI E Z A BERLIN, 1/A 4/579, BL. 71. 53 Protokoll der GVR-Sitzung vom 16./17.12.1941 (EBD., BL. 73). H . BRUNOTTE, Kirchenmitgliedschaft, S. 166, i m also, wenn er schreibt: „Ein förmlicher Zustimmungsbeschluß des G V R ist nicht bei den Akten; die Protokolle sind infolge der Kriegseinwirkung unvollständig." Die Verantwortung für dieses Schreiben liegt ebenso bei der Kirchenkanzlei wie bei dem GVR. 54

K J 1 9 3 3 - 4 4 , S. 461; H . BRUNOTTE, Kirchenmitgliedschaft, S. 166; W. GERLACH, Zeugen,

S. 3 2 8 . 55 Dieses muß sogar H . BRUNOTTE, Kirchenmitgliedschaft, S. 168, einräumen, der ansonsten sehr apologetisch argumentiert.

Der Ausschluß der „nichtarischen" Christen aus der Kirchengemeinschaft

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und dem Vorpreschen der deutsch-christlichen Landeskirchen erklärt werden. Hierin ist zwar der letzte Anstoß zu sehen, doch muß auch die schwierige Gesamtlage berücksichtigt werden, in der sich die Leitung der DEK zu diesem Zeitpunkt befand. Während der ersten Kriegsjahre häuften sich die Fälle, in denen führende NS-Größen—trotz der ausdrücklichen Weisung Hitlers, alles zu vermeiden, was die Einheit der Volksgemeinschaft während des Krieges stören könnte 56 — ihre antikirchliche Haltung immer deutlicher artikulierten. Allein im Sommer und Herbst 1941 waren es drei größere Vorfälle, die in den Kirchenleitungsorganen der DEK für Unruhe sorgten: In einem Brief an die aus Thüringen stammenden Soldaten, der auch in der „Thüringer Gauzeitung" veröffentlicht wurde, beschuldigte Gauleiter Sauckel die evangelische Kirche, sie habe das Judentum für „sakrosankt" erklärt und sei bereit, den Herrschaftsanspruch des Judentums und „die Ausbeutung dieser abgefeimten Juden und ihrer Helfershelfer als eine Fügung Gottes" zu akzeptieren 57 . Wenig später wurde dem Vertrauensrat das Rundschreiben Bormanns bekannt, in dem dieser die Unvereinbarkeit von nationalsozialistischer Weltanschauung und christlichem Glauben behauptete. Bormann zog daraus die Folgerung, daß der Einfluß der christlichen Kirchen bei der Führung des Volkes ausgeschaltet werden müsse58. Geradezu als Billigung solcher antichristlichen Ausfälle mußte es in dieser Situation angesehen werden, daß Reichsminister Lammers der Kirchenkanzlei mitteilte, daß Hitler die antikirchliche Politik des Statthalters Greiser im Warthegau billige59. Hinzu kam, daß der Kirchenkanzlei und dem Vertrauensrat im Herbst 1941 eine Reihe von Einzelfällen bekannt wurden, in denen die Gestapo gegen den Besuch kirchlicher Veranstaltungen durch „nichtarische" Christen eingeschritten war 60 und gegen Personen vorging, die die weitere Teilnahme der „Nichtarier" am Gemeindeleben befürworteten 61 . Uberblickt man diese Situation, in der sich die DEK am Ende des Jahres 1941 befand, so erscheint das Rundschreiben vom 22. Dezember 1941 in erster 56

Vgl. dazu oben S. 232f.; 239, Anm. 184. A m 1.11.1941 beschwerte sich die Kirchenkanzlei — „im Einvernehmen mit dem Geistlichen Vertrauensrat" — bei Reichsminister Lammers über die Äußerungen von Sauckel (BA KOBLENZ, R 4311/169, Bl. 174). Am 15.11.1941 kam aus der Reichskanzlei der Bescheid, daß man in dieser Angelegenheit keinen Anlaß zum Eingreifen erkennen könne (EZ A BERLIN, 1 / C 3/215). 58 Vgl. oben S. 237 f. 59 Schreiben (Entwurf) der Reichskanzlei an die Kirchenkanzlei vom 11.11.1941 bzgl. der Haltung Hitlers zur „Verordnung über religiöse Vereinigungen und Religionsgesellschaften im Reichsgau Wartheland" (BA KOBLENZ, R 43 11/170, Bl. 238). Der Eingang des Schreibens wird durch Protokollvermerk der GVR-Sitzung vom 24./25.11.1941 (EZA Berlin, 1/A 4/579, Bl. 69 f.) bestätigt. 57

60

Vgl. E Z A BERLIN, 1 / C 3 / 1 7 2 ; H . BRUNOTTE, K i r c h e n m i t g l i e d s c h a f t , S. 164 f.

61

EBD.; W. GERLACH, Zeugen, S. 284-297.

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Linie als eine Konzession gegenüber der nationalsozialistischen Rassenpolitik. Ziel dieser Konzessionsbereitschaft war die Bestandswahrung der DEK. Offensichtlich beherrschte dieses Anliegen die Gedanken der führenden Persönlichkeiten der evangelischen Kirche sogar so weit, daß sie bereit waren, ein Rundschreiben wie das vom 22. Dezember 1941 zu verantworten und damit einen Teil der evangelischen Christen kirchlicherseits preiszugeben. Auch eine nähere Betrachtung des Schreibens erweist dieses als ein vorrangig politisches Dokument: So werden nicht theologische Argumente, sondern „der Durchbruch des rassischen Bewußtseins" und „entsprechende Maßnahmen der politischen Führung" als ursächlich für dieses Schreiben angeführt. Passagenweise erscheint der Rundbrief geradezu als eine Antwort auf die antikirchlichen Ausfälle führender NS-Funktionäre. Das antijüdische Bestreben der evangelischen Kirche wird ebenso betont wie deren enge Volksverbundenheit. Selbst der Versuch, den Kirchen ihren Rechtsstatus zu nehmen — wie gerade vorher im Wartheland geschehen — findet hier seine Erwiderung. Denn kaum anders ist der explizite Hinweis auf die rechtliche Verankerung der Kirchen als „Körperschaften des öffentlichen Rechts" zu verstehen. Nur wenn man dieses Schreiben in erster Linie in seiner funktionalen Bedeutung als Konzession an die NS-Rassenpolitik begreift, läßt sich auch erklären, daß Marahrens seine Zustimmung zu dem Rundschreiben vom 22. Dezember 1941 gab, obwohl er nur wenige Tage zuvor einer Denkschrift der Kirchenführerkonferenz zugestimmt hatte, die sich u.a. gegen „die sich steigernde Härte in der Behandlung der Nichtarier, auch derer, die sich zum christlichen Glauben bekennen" 62 , wandte. Aber auch mit einer eigenen Eingabe wandte sich Marahrens zu einem späteren Zeitpunkt noch an das Innenministerium. In diesem, auf den 19. Januar 1943 datierten Schreiben machte er sich zum Anwalt der christlichen „Nichtarier": „Wir sind verpflichtet", so schrieb er, „wegen dieser Glieder der evangelischen Kirche uns zu den berichteten Maßnahmen zu äußern und dringend zu bitten, daß die wenigen der christlichen Kirche angehörenden Mischlinge eine gesonderte Behandlung erfahren... Wir können als verantwortliche Vertreter der evangelischen Kirche . . . nicht dazu schweigen, daß die betroffenen Männer, Frauen und Kinder nun in religiöser Hinsicht in das Nichts hinaus gestoßen werden" 63 . Auch wies Marahrens in diesem Schreiben auf die „tief beunruhigenden Gerüchte" über die Behandlung der Juden hin und forderte, „alles zu tun, daß notwendige politische und staatliche Maßnahmen nicht durch unverantwortliche Einzelne mit schwerem Unrecht belastet werden und dadurch unserem Volk eine Bürde auf das Gewissen gelegt wird, die es nicht 62

Denkschrift vom 9.12.1941: H . HERMELINK, Kirche, S. 539-542. Abschrift: LKA HANNOVER, S 1, Ε II, 126; E. KLÜGEL, Landeskirche, Dokumente, S. 202 f. 63

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tragen kann", denn „Gottes unverbrüchliche Gebote [gelten] unter allen U m s t ä n d e n . . . Wenn die Heiligkeit des Lebens nicht geachtet, Ehen zerstört und Unschuldigen Unrecht und Gewalt angetan wird, so verstößt das gegen die elementarsten Gebote Gottes" 6 4 . Es scheint aufgrund dieser Äußerungen durchaus die Folgerung gerechtfertigt, daß der hannoversche Landesbischof aus eigenem Antrieb nie ein Schreiben wie dasjenige vom 22. Dezember 1941 verfaßt hätte. Denn stets hielt er daran fest, daß jeder getaufte Jude als Glied der Kirche anzusehen sei: „Daß keiner vom gemeinsamen gottesdienstlichen Leben und von dem Sakrament ausgeschlossen werden darf, scheint mir unaufgebbar" 65 . Auch Hymmen, so hat es jedenfalls den Anschein, hätte von sich aus ein solches Schreiben nicht aufgesetzt. So meinte sogar noch der Rat der Bekenntnissynode im Rheinland im März 1942, aus der Tatsache, daß für Altpreußen ein Äquivalent zu dem Schreiben der DEK-Leitung nicht erlassen worden sei, entnehmen zu können, „daß D. Hymmen anscheinend nicht hinter der Zustimmung des Geistlichen Vertrauensrates" stehe 66 . Einzig Landesbischof Schultz dürfte voll hinter der DEK-Stellungnahme gestanden haben. Denn er unterzeichnete nur einen Tag nach den Beratungen über das DEK-Rundschreiben eine Bekanntmachung der deutschchristlichen Kirchenleiter über die Stellung der „nichtarischen" Christen. Dort heißt es u.a.: „Die unterzeichneten deutschen Evangelischen Kirchenleiter haben . . . jegliche Gemeinschaft mit den Judenchristen aufgehoben. Sie sind entschlossen, keinerlei Einflüsse jüdischen Geistes auf das deutsche religiöse und kirchliche Leben zu dulden" 67 . Am 29. Dezember 1941 ließ Schultz diese Bekanntmachung zusammen mit einem Kirchengesetz, das die „rassejüdischen Christen" aus der mecklenburgischen Landeskirche ausschloß, im kirchlichen Amtsblatt abdrucken 68 . Die Reaktionen auf das DEK-Rundschreiben waren durchweg negativ. Im Kirchenministerium wurde es als „lendenlahm" empfunden, ja es wurde der 6 4 EBD. Allerdings konnte Marahrens durchaus konzedieren: „Die Rassenfrage ist als völkisch-politische Frage allein durch die verantwortliche politische Führung zu lösen" — aber eben nur insoweit nicht gegen göttliche Gebote verstoßen wurde; vgl. auch Wochenbrief Marahrens' vom 2 9 . 3 . 1 9 3 9 . 6 5 EBD. Vgl. auch W. KLÜGEL, Landeskirche, S. 4 9 1 - 4 9 9 . M . E . kann Kliigel durchaus glaubhaft machen (gegen W. GERLACH, Zeugen, S. 332, Anm. 12),daßeineDifferenzzwischen dem gemeinsam von der D E K K und dem GVR verantworteten Schreiben vom 2 2 . 1 2 . 1 9 4 1 und der sonst von Marahrens in dieser Frage dokumentierten Haltung besteht; vgl. auch das Urteil des Marahrens-Vertrauten P. FLEISCH: „Insbesondere trat Herr Landesbischof stets dafür ein, daß die Pastoren verpflichtet seien, sich der nichtarischen Gemeindeglieder genau so anzunehmen wie aller anderen" (Kirchengeschichte, S. 280). 6 6 Rundschreiben der Evangelischen Bekenntnissynode des Rheinlands vom 2 3 . 3 . 1 9 4 2 ( L K A BIELEFELD, 5, 1, Nr. 38, Fase. 1; vgl. auch W. GERLACH, Zeugen, S. 332). 6 7 Erklärung vom 17.12.1941: KJ 1 9 3 3 - 4 4 , S. 460. 6 8 KABl Mecklenburg 1941, S. 2.

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Kirchenkanzlei sogar nachdrücklich geraten, endlich wirksame Maßnahmen zu ergreifen, um sich die „ Judensternträger' . . . ,vom Halse zu schaffen'" 6 9 . Die deutsch-christlichen Kirchen riefen gleichfalls nach gesetzlichen Maßnahmen zum Ausschluß der „nichtarischen" Christen70. Aus dem bekenntniskirchlichen Raum erreichten den Vertrauensrat dagegen im Februar 1942 zwei aufeinander abgestimmte Protestbriefe. Der eine stammte aus der Feder von Landesbischof Wurm 71 , für den anderen zeichneten die Pfarrer Kloppenburg und Böhm, die im Namen der Konferenz der Landesbruderräte bzw. für die 2. Vorläufige Kirchenleitung sprachen, verantwortlich 72 . Beide Briefe stimmten zwar darin überein, daß es dem Staat nicht verwehrt werden könne, die von ihm für nötig gehaltenen Rassegesetze zu erlassen73. Doch ebenso deutlich betonte jedes der beiden Schreiben, daß „vom Evangelium her . . . der Ausschluß der getauften Nichtarier nicht zu rechtfertigen" sei74. Auf den Brief von Wurm — das Schreiben von Kloppenburg und Böhm wurde nie beantwortet75 — verfaßten sowohl der Vertrauensrat als auch der Vizepräsident der Kirchenkanzlei Entgegnungen. Aufgrund der langwierigen internen Beratungen über das Antwortschreiben des Vertrauensrates76 wurde dieses erst am 20. Mai, das der Kirchenkanzlei gar erst am 10. Juni 1942 abgesandt. Aufschlußreich ist dabei die Art und Weise, wie die Leitungsgremien der DEK ihr Rundschreiben vom 22. Dezember 1941 gegen den von Wurm geäußerten Verdacht verteidigten, sie hätten um eines politischen Vorteils willen

4 9 Vermerk der D E K K über ein Gespräch mit Landgerichtsrat Haugg vom Kirchenministerium am 31.3.1941 (EZA BERLIN, 1/C 3/172, BL. 43). 7 0 Schreiben von Präsident Klotsche an die DEKK vom 15.1.1941 (EBD., Bl. 50). 71 Schreiben an die DEKK vom 6.2.1942 (EBD., BL. 64 f.; KJ 1933-44, S. 461-463). 72 Schreiben an die DEKK vom 5.2.1942 (EZA BERLIN, 1 / C 3/172, BL. 77-79; KJ 1933 -44, S. 463 f.). 73 So schrieb Wurm: „Von keiner evangelischen Kirche ist dem Staat das Recht bestritten worden, zum Zweck der Reinerhaltung des deutschen Volkes eine Rassengesetzgebung zu erlassen." Böhm und Kloppenburg schrieben: „Die Tatsache, daß sich der Staat zu bestimmten Maßnahmen gegen die Juden veranlaßt gesehen hat, gibt der Kirche Christi kein Recht, die Folgerung daraus zu ziehen, die die Kirchenkanzlei glaubt, daraus herleiten zu müssen." 7 4 Vgl. oben Anm. 71. 75 H. BRUNOTTE, Kirchenmitgliedschaft, S. 171, bemerkt dazu: „Ein Antwortschreiben an die VKL ist nicht ergangen. Der GVR erkannte den Leitungsanspruch dieses Gremiums nicht an." 7 6 Am 26.2.1942 kam Wurms Schreiben erstmals in einer GVR-Sitzung zur Verhandlung, Konsistorialrat Kracht wurde gebeten, einen Entwurf für ein Antwortschreiben vorzulegen (Protokoll: E Z A BERLIN, 1/A 4/579, Bl. 85). Am 16.4.1942 (Protokoll: EBD., Bl. 89 f.) legte Marahrens einen Gegenentwurf zu dem von Kracht am 11.3.1941 vorgelegten Text vor. Nach ausführlicher Aussprache und mehrfacher Überarbeitung einigte man sich in der Sitzung am 19./20.5.1941 auf den endgültigen Inhalt des Schreibens. Die Formulierungsarbeit übernahm Prof. Weber (Protokoll: EBD., Bl. 95f.).

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„Zugeständnisse in Glaubenssachen" gemacht77: Der Vertrauensrat insistierte darauf, daß es „Überlegungen . . . durch den Erlaß des Rundschreibens um Wohlwollen zu werben" nicht gegeben habe. Allein „sachlichtheologische Gründe" seien ursächlich für das Schreiben gewesen78. Fürles Antwort läßt hingegen durchaus erkennen, daß Wurms Vermutung doch nicht völlig abwegig war, und durchaus die Sorge um die Zukunft der DEK einer der wesentlichen Gründe für die Abfassung des Schreibens gewesen ist. Er sei gewiß, daß er „aus der [ihm] z. Zt. obliegenden Verantwortung für die Zukunft der Deutschen Evangelischen Kirche so handeln mußte, wie [er] es tat" 79 . Genese, Inhalt und Apologie des Rundschreibens vom 22. Dezember 1941, das mit Recht als ein „scriptum atrum" der DEK bezeichnet werden kann 80 , lassen mithin durchaus die Folgerung zu, daß die offizielle Kirchenleitung der DEK bereit war, die Kirchengemeinschaft mit den „nichtarischen" Christen für einen vermeintlichen politischen Terraingewinn zu opfern. Dem Beweis der politischen Treue gegenüber der nationalsozialistischen Führung wurde einmal mehr ein höherer Stellenwert zugemessen als der konstitutiven Bedeutung der Taufe für die Kirchenmitgliedschaft. Stattdessen erklärte man vorgebliche rassische Gesichtspunkte zum ausschlaggebenden Kriterium, das über die Kirchengliedschaft in der verfaßten Kirche zu entscheiden hatte.

77

Vgl. oben A n m . 71. Schreiben des GVR an Wurm vom 20.5.1942 (EZA BERLIN, 1 / C 3/172, BL. 83-92; abgedruckt in: W. GERLACH, Zeugen, S. 332-337; auszugsweise wiedergegeben bei H . BRUNOTTE, Kirchenmitgliedschaft, S. 169-171). 78

79

S c h r e i b e n a n W u r m v o m 1 0 . 6 . 1 9 4 2 ( E Z A BERLIN, 1 / C 3 / 1 7 2 , B 1 . 9 6 ; W . GERLACH,Zeu-

gen, S. 3 3 7 ff.). 80 So die Bezeichnung von W. GERLACH (Zeugen, S. 327). Der Tatsache, daß die offizielle Kirche gegenüber den Juden versagt habe, war sich nach dem Krieg auch Marahrens bewußt: „Besonders schwer liegt mir auf", so sagte er am 15.8.1945 vor der Bekenntnisgemeinschaft der hannoverschen Landeskirche, „ . . . daß die Kirche im ersten Sturm der Verfolgung, der über die deutsche Judenschaft losbrach, nicht das lösende Wort f a n d . . . Hier wird jedenfalls deutlich, daß Schuld auf unserem Wege l i e g t . . . " (G. BESIER, „Selbstreinigung", S. 186-193; Zitat S. 190).

KAPITEL 8

AUF DEM WEG ZUR ENTMÜNDIGTEN KIRCHE DER GEISTLICHE VERTRAUENSRAT U N D DAS DROHENDE STAATSKOMMISSARIAT (1942-1945) 1. Der Weg in die Abhängigkeit: Staatssekretär Muhs und seine Konzeption Am 16. und 17. Dezember 1941 kam der Geistliche Vertrauensrat zu einer außerordentlichen Sitzung zusammen. Der Anlaß hierfür war, wie das Protokoll festhielt, „die durch den Tod des Ministers herbeigeführte Lage" Denn zwei Tage zuvor, in den Morgenstunden des 14. Dezember 1941, war der Reichsminister für die kirchlichen Angelegenheiten, Hanns Kerrl, in Paris gestorben; als Todesursache vermerkte der untersuchende Arzt auf dem Totenschein „Herzversagen"2. Obwohl Kerrl in der Tat seit längerem an Herzbeschwerden litt 3 , gab dieser plötzliche Tod Anlaß für Spekulationen. Starb der Minister tatsächlich eines natürlichen Todes, oder wurde er von seinen politischen Gegnern „beseitigt" 4 . Letztere immer wieder aufgegriffene Vermutung kann für sich sogar Kerrls eigene Äußerungen reklamieren. Im November 1941, wenige Wochen vor seinem Tod, meinte er gegenüber Theodor Ellwein, daß er—nicht nur aus gesundheitlichen Gründen — mit seinem Tod rechne5. Doch sprechen andere Argumente, wie zu zeigen sein wird, gegen die These eines gewaltsamen Todes des Kirchenministers. Zur selben Zeit, als der Vertrauensrat zu einer ersten Lagebesprechung zusammenkam, wurden in der Reichskanzlei ebenfalls Verhandlungen über die durch Kerrls Tod entstandene Situation geführt. Ministerialdirektor Dr. Klopfer und Ministerialrat Krüger aus der Parteikanzlei hatten Ministerialdirigent Kritzinger aufgesucht, um mit ihm „die Frage der weiteren Verwaltung des Reichsministeriums für die kirchlichen Angelegenheiten zu besprechen" 6 . Offensichtlich bestand nämlich gerade in den Kreisen, die bisher Protokoll der GVR-Sitzung vom 16./17.12.1941 (EZA BERLIN, 1/A 4/579, BL. 73). Information der Ev. Arbeitsgemeinschaft für Kirchliche Zeitgeschichte vom 14.10.1986 — eine Kopie des Totenscheins liegt dort vor. 3 H. BRUNOTTE, Kurs, S. 107. K. MEIER, Kirchenkampf, Bd. 2, S. 411 (Anm. 207), datiert den Beginn von Kerrls Herzerkrankung auf den Sommer 1936. 4 Daß Kerrl „beseitigt" wurde, hält z.B. L. SIEGELE-WENSCHKEWITZ, Geschichte, S. 205, für „nicht ausgeschlossen". 5 T. ELLWEIN, Freiheit (Nachwort), S. 225. 6 Vermerk von Kritzinger vom 16.12.1941 über das Gespräch mit Klopfer und Krüger am selbigen Tag (BA KOBLENZ, R 43 II/1156b, Bl. 23). Der Besuch war am 15.12. von Bormann 1

2

Der Weg in die Abhängigkeit

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immer am nachdrücklichsten auf eine politische Ausschaltung von Kerrl hingearbeitet hatten, ziemliche Ratlosigkeit über die weitere Verwaltung des Kirchenministeriums. Denn einerseits, so wußten die Vertreter der Parteikanzlei — auch im Namen von Reichsleiter Bormann — mitzuteilen, bestünden „gewisse Hemmungen dagegen, daß Staatssekretär Muhs selbständig mit der Führung der Geschäfte des Reichskirchenministers betraut würde"; Kritzinger notierte sich, man halte ihn in der Parteikanzlei für zu „sprunghaft". Andererseits hielt man es aber auch nicht für wahrscheinlich, daß Hitler einer Angliederung des Kirchenministeriums an das Innenministerium oder gar der Ernennung eines ganz neuen Ministers zustimmen werde7. So schlugen die Vertreter der Parteikanzlei vor, Muhs solle die Geschäfte weiterführen, eine Erhebung in den Ministerrang wurde indes nicht erwogen. In der Parteikanzlei ging man davon aus, daß die faktische Führung der Geschäfte sowieso bei Ministerialdirigent Dr. Stahn liegen werde, und mit diesem meinte man in der Parteikanzlei gut auskommen zu können. Bormann schwebte sogar vor, „eine Persönlichkeit in das Reichskirchenministerium abzuordnen, die etwa notwendig werdende Maßnahmen gegen die Kirche für alle Fälle vorbereiten" könne 8 . Am 20. Dezember 1941 kam es zu einer Aussprache zwischen Lammers und Bormann, bei der man sich im Sinne des Referentenvorschlags einigte. Allerdings, so notierte sich Lammers, hielt es Reichsleiter Bormann „für unbedingt erforderlich, daß Staatssekretär Muhs besonders eindringlich darauf hingewiesen wird, daß er die Führung der Geschäfte keinesfalls dazu benutzen dürfe, um Kirchenpolitik zu machen, keinesfalls dürfe er die von Reichminister Kerrl verfolgte Kirchenpolitik irgendwie fortsetzen" 9 . Einzig die Frage, ob der Kirchenminister auch für die besetzten Gebiete zuständig sein solle, blieb offen 10 . Im Gegensatz zu Bormann, der dem Kirchenminister gerne jegliche Zuständigkeit für die besetzten Gebiete entzogen hätte, beabsichtigte Lammers, ihm eine Reihe von kirchlichen Anangekündigt worden (EBD., Bl. 22). Bormann, anscheinend vom plötzlichen Ableben Kerrls überrascht, unterbreitete zwar keine eigenen Vorschläge, erklärte jedoch, daß er „als Leiter der Partei-Kanzlei außerordentlich an den Fragen interessiert [sei], die sich infolge des Todes von Reichsminister Kerrl ergeben haben." Er bat darum, dem Führer erst nach vorheriger Rücksprache Vorschläge für die Nachfolgefrage zu unterbreiten. 7 EBD. Am 14.12.1941 notierte sich Rosenberg über Hitlers Erwägungen nach Kerrls Tod in seinem Tagebuch: „[Hitler] scherzend: Wollen Sie [sc.: Rosenberg] nicht Kerrls Amt übernehmen? Als ich erschrocken abwinke: Sie haben allerdings ein anderes Amt. Aber dem Innenministerium will ich die Kirchenangelegenheiten nicht übergeben" (KAMPF, S. 37). 8 Vgl. oben Anm. 6. Bormann dachte an Ministerialrat Krüger oder den früheren Staatskommissar Prof. Plattner (Wien). 9 Vermerk vom 23.12.1941 über das Gespräch mit Bormann am 20.12.1941 (EBD., Bl. 2 4 ) . 10 Schreiben von Lammers an Bormann vom 2 0 . 1 . 1 9 4 2 (BA KOBLENZ, R 43 II/150a, Bl. 133-136); vgl. auch oben S. 244.

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Auf dem Weg zur entmündigten Kirche (1942-1945)

gelegenheiten „für die auch in den neuen Gebieten unbedingt eine Zentralinstanz vorhanden sein muß", zuzugestehen11. Allerdings wollte Lammers jegliche Tätigkeit von Muhs auf diesem Gebiet an seine oder Bormanns vorherige Zustimmung binden. Als Lammers am 16. Januar 1942 bei Hitler Vortrag über die in Aussicht genommene Beauftragung von Muhs hielt, sprach er auch die zwischen ihm und Bormann strittige Frage an, ob Muhs Kompetenzen für die besetzten Gebiete bekommen sollte. Hitler akzeptierte den Vorschlag von Lammers. So bekam Muhs zwar nominelle Zuständigkeiten auch für die besetzten Gebiete — Kerrl waren sie erst wenige Monate zuvor endgültig entzogen worden12 —, doch war er in diesem Bereich faktisch völlig von den Willensäußerungen von Bormann und Lammers abhängig. Staatssekretär Muhs sollte nach dem Willen von Bormann — und in weitgehendem Einverständnis mit Lammers — also kaum mehr als ein Konkursverwalter der christlichen Kirchen sein. Jegliche eigenständige Kirchenpolitik, sowohl im Altreich und erst recht in den „neuen" Gebieten, wurde ihm untersagt. Allein die durch die Kriegssituation gebotene Zurückhaltung verhinderte eine allzu offensichtliche Veränderung der bestehenden Strukturen. Faktisch waren diese jedoch dadurch ausgehöhlt worden, daß sich die eigentlichen Kompetenzen immer mehr zugunsten der Parteikanzlei verschoben und diese somit zur eigentlichen Schaltstelle der Kirchenpolitik geworden war. Doch im Gegensatz zu den Erwartungen von Lammers und Bormann, die in Stahn die bestimmende Persönlichkeit im Kirchenministerium sahen, war auch Muhs von Anfang an gewillt, den ihm noch verbliebenen Spielraum zu nutzen. Die Richtung seiner kirchenpolitischen Ambitionen zeichnete sich bereits vor seiner eigentlichen Beauftragung ab. Nur drei Tage nach dem Staatsbegräbnis für den Kirchenminister13 entließ er die von Kerrl erst 11 Lammers hielt in folgenden Punkten eine Zentralinstanz für erforderlich: ,,a) Wahrnehmung der staatlichen Rechte bei der Besetzung bischöflicher Stühle; Bestätigung der Mitglieder der Obersten Behörden der evangelischen Kirchen, b) Bewilligung und Entziehung von Staatsleistungen an die Kirchen, c) Zustimmung zu Rechtssetzungsakten der Reichsstatthalter auf staatskirchenrechtlichem Gebiet, d) sonstige Angelegenheiten von grundsätzlicher politischer Bedeutung" (EBD.). 12 Geheimschreiben von Lammers an die Reichsstatthalter der besetzten Gebiete vom 2 5 . 9 . 1 9 4 1 : „Einem Wunsche des Führers entsprechend, hat der Reichsminister für die kirchlichen Angelegenheiten seine Tätigkeit auf die Gebiete des Großdeutschen Reiches beschränkt, für die das Konkordat vom 20. Juli 1933 Geltung h a t " (BA KOBLENZ, R 43 II/152, Bl. 103 f.). 13 Für den 2 0 . 1 2 . 1 9 4 1 wurde für Kerrl ein Staatsbegräbnis angeordnet. Zu dem Trauerakt in der Neuen Reichskanzlei sollten die Kirchenführer, so eine Anweisung der Kirchenkanzlei, nur nach ausdrücklicher Einladung durch das Propagandaministerium erscheinen. Hingegen war die Anwesenheit der Kirchenführer bei dem anschließenden kirchlichen Begräbnis auf dem Waldfriedhof in Dahlem erwünscht (H. BAIER, Kirche, S. 301). Die Predigt hielt auf Wunsch Kerrls Theodor Ellwein. Kerrl selbst hatte festgelegt, daß er über 1. Kor. 15.58 predigen sollte (T. ELLWEIN, Freiheit [Nachwort], S. 225).

Der Weg in die Abhängigkeit

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wenige Monate zuvor eingesetzte Finanzabteilung in Bremen 14 , obwohl sie — anders als die übrigen Finanzabteilungen — in weiten Teilen der kirchlichen Öffentlichkeit Rückhalt besaß15, da man von ihr wirksame Maßnahmen gegen das skandalöse Verhalten des Bremer Landesbischofs Weidemann erhoffte 16 . Stattdessen beauftragte er mit der Leitung der Bremer Finanzabteilung den Rechtsanwalt Dr. Georg Cölle, der bereits Vorsitzender der Finanzabteilung der hannoverschen Landeskirche sowie Mitglied der Finanzabteilungen der DEK und der braunschweigischen Landeskirche war. Eine pikante Note bekam das Vorgehen von Muhs zusätzlich dadurch, daß Cölle bereits seit 1940 Rechtsberater von Landesbischof Weidemann17 und Muhs wiederum seit seiner Studienzeit mit Weidemann freundschaftlich verbunden war 18 . Zwar war die eigentliche Funktion der Bremer Finanzabteilung, nämlich eine ordnungsgemäße Verwaltung der Staatszuschüsse an die Kirchen zu gewährleisten, durch diese Umbesetzung hinfällig geworden, doch für das Konzept von Muhs wurde sie erst jetzt richtig brauchbar — und zwar als ein gefügiges Instrument seiner staatskirchlichen Politik. Gleichzeitig bemühte 14 Vgl. A. MEYER-ZOLLITSCH, Nationalsozialismus, S. 284-302 und R . HEINONEN, Anpassung, S. 247-253 und 2 6 9 - 2 7 2 (beide Darstellungen stimmen in ihren wesentlichen Resultaten überein; die von Meyer-Zollitsch ist allerdings detailreicher): Am 8. Oktober 1941 hatte der Kirchenminister die Einsetzung einer Finanzabteilung in Bremen verfügt, während die Kirchenkanzlei gleichzeitig ein Disziplinarverfahren gegen Weidemann einleitete und ihn vorläufig von seinem Bischofsamt suspendierte. Zweieinhalb Monate später, am 2 0 . 1 2 . 1 9 4 1 forderte Muhs die Bremer Finanzabteilung zum Rücktritt auf. Als die Mitglieder diesem Ansinnen nicht nachkamen, entließ er sie am 23.12.1941. 15 Kerrl hatte drei entschiedene Weidemann-Gegner (Hermann Edzard, Eduard Meyer, Dr. Hermann Apelt) zu Mitgliedern der Finanzabteilung berufen, um so den Landesbischof zu disziplinieren (EBD.). 16 Weidemann, der sich seiner Position und der Unterstützung führender Personen des NS-Staates sicher war, wurde im Laufe der Zeit immer maßloser (A. MEYER-ZOLLITSCH, Nationalsozialismus, S. 285). Als er sich Ende 1940 auf betrügerische Weise eine rückwirkende Gehaltserhöhung von 12.000 auf 22.000 R M im Jahr „genehmigte", löste diese Maßnahme Empörung aus. Schwerer wog noch die Scheidungsklage gegen seine Frau, die er im Herbst 1941 einreichte (EBD., S. 286; R . HEINONEN, Anpassung, S. 248). Weidemann wies seiner Frau alle Schuld zu, „obwohl es die Spatzen von den Domdächern pfiffen, daß er sich damit nur für die Verbindung mit seiner erheblich jüngeren Sekretärin frei machen wollte, mit der er seit längerem ein Verhältnis unterhielt" (A. MEYER-ZOLLITSCH, Nationalsozialismus, S. 286). Zunehmend vernachlässigte er auch seine Amtspflichten und ging sogar so weit, Amtsgeheimnisse preiszugeben, die ihm als Seelsorger anvertraut worden waren (R. HEINONEN, Anpassung, S. 248). Hinzu kamen zwei Beleidigungsklagen, die im Sommer 1941 gegen ihn anhängig waren (EBD.). Als am 11.7.1941 der Dom-Bauherr Franz Schütte, „von verschiedensten Seiten gedrängt", Anzeige gegen Weidemann wegen Betrugs und Veruntreuung von Kirchengeldern erstattete, kam die Lawine ins Rollen: Das Kirchenministerium setzte eine Finanzabteilung ein, und die D E K K eröffnete ein Disziplinarverfahren (A. MEYER-ZOLLITSCH, Nationalsozialismus, S. 286). 17 18

EBD., S. 292. R . HEINONEN, Anpassung, S. 119.

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er sich darum, die gegen Weidemann laufenden strafrechtlichen und disziplinarischen Ermittlungen zu Fall zu bringen 19 . Offensichtlich gedachte Muhs genau dort fortzufahren, wo er im Herbst 1938, bedingt durch die Rückkehr Kerrls in die Tagespolitik, seine kirchenpolitischen Ambitionen zurückstellen mußte. Als programmatisch für dieses Handeln hatte sich damals eine von Muhs im Winter 1937/38 erstellte Denkschrift erwiesen. Diese Vorschläge „Zur Befriedung der Evangelischen Kirche" 2 0 zielten darauf ab, die evangelische Kirche zu einem gefügigen Bestandteil des NS-Systems zu machen. Für eine Grundvoraussetzung hielt er schon damals die Einrichtung einer „einheitlichen, vom Staate garantierten, kontrollierten Verwaltung". Obwohl er besonderen Wert auf eine Kontrolle der Kirchenfinanzen legte, ging es ihm tatsächlich um wesentlich mehr: Es sei für eine „gesetzmäßige Verwendung der finanziellen Mittel unerläßlich", so schrieb Muhs, „daß die Leitung der staatlichen (!) Finanzabteilungen mit der Leitung [der] kirchl. Behörde zusammen in einer Hand liegt. Durch die hiermit gewährleistete schärfste Durchführung der staatlichen Finanzhoheit ist der kirchlichen Unordnung, die infolge der Willkürherrschaft der Bruderräte eingezogen ist, ein wirksamer Riegel vorgeschoben." Sowohl der Ausgangspunkt der Argumentation als auch die Schlußfolgerung hieraus sind bemerkenswert. Ganz selbstverständlich setzte Muhs voraus, daß es sich bei den Finanzabteilungen um „staatliche" Organe handelte. Daß diese Rechtsauffassung zumindest stark umstritten war, hat Brunotte eingehend nachgewiesen 21 . Denn der eigentlichen Intention der 15. Verordnung zur Durchführung des Gesetzes zur Sicherung der D E K vom 25. Juni 1937, die die Rechtsgrundlage für das System der Finanzabteilungen bildete, entsprach es wohl mehr, den Finanzabteilungen den Charakter einer kirchlichen Abteilung zuzumessen. Doch waren einzelne Formulierungen dieser Verordnung geeignet, Mißverständnisse aufkommen zu lassen. So hieß es z.B. in §3 (2), daß die Finanzabteilungen „dem Staat für ordnungsgemäße Verwendung der für evangelisch-kirchliche Zwecke gewährten Staatszuschüsse und Kirchensteuermittel verantwortlich" seien 22 . Somit leisteten sie durchaus einen Beitrag zur staatlichen Kontrolle der evangelischen Kirche. Alle Versuche, die Frage abschließend zu klären, ob es sich bei den Finanzabteilungen um staatliche oder kirchliche Organe handelte, blieben jedoch ohne Erfolg. Der Eindruck von Brunotte, daß „diese Unklarheit beabsichtigt

Vgl. unten S. 277 f. Es handelt sich um eine Abschrift, die in Kreisen der Bekennenden Kirche zirkulierte, die jedoch eine authentische Wiedergabe der Muhs-Denkschrift sein dürfte (EZA BERLIN, 19

20

5 0 / 4 5 , BL. 1 £.); vgl. R . HEINONEN, A n p a s s u n g , S. 1 2 1 - 1 2 4 ; K . MEIER, K i r c h e n k a m p f , B d . 3 ,

Anm. 1 7 5 . H. BRUNOTTE, Entwicklung, S. 53-78. GB1DEK 1937, S. 33-35; KJ 1933-44, S. 186-188.

S. 6 2 4 , 21 22

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[sei], um je nach Bedarf die Vorteile der einen oder anderen Möglichkeit ausnützen zu können 2 3 , erscheint also durchaus als berechtigt. Weitaus bedeutsamer als die von Muhs vertretene Rechtsauffassung war sein daraus folgender Schluß: Es sei nämlich unerläßlich für eine staatlich kontrollierte Verwaltung, daß die Leitung der Finanzabteilung und der kirchlichen Verwaltung in derselben Hand liege. Was Muhs vorschwebte, war also nichts anderes als eine vollständige staatliche Kontrolle über die kirchliche Verwaltung; die Finanzabteilungen sollten hierfür den archimedischen Punkt bilden. Denn, so argumentierte Muhs an anderer Stelle seiner Denkschrift, „nach Geschichte und eigener Lehre [habe] die Evang. Kirche kein Recht auf souveräne Verwaltung". Bezeichnend für die von Muhs vorgeschlagenen Verwaltungsmaßnahmen ist das abschließende Urteil in der Denkschrift: „Es kann kein Zweifel sein, daß auf diesem kirchlich und staatlich einwandfreien Wege der Einfluß der Bekenntnissynode auf das Kirchenvolk gebrochen wird und der freien rein geistigen Auseinandersetzung, die unter dem Eindruck des vordringenden Nationalsozialismus stehen wird, Raum geschaffen wird. Was sich einer solchen Ordnung widersetzen sollte, wird zahlenmäßig nicht erheblich sein und ist in eine Freikirche abzudrängen". Die Frage der „geistlichen Leitung" wurde von Muhs lediglich unter dem Aspekt behandelt, wie eine möglichst staatstreue Ausrichtung der Pastorenschaft zu erzielen sei. Im Rahmen der Ausbildung seien Maßnahmen zu treffen, um die Universitäten zu einer Brutstätte eines „neuen staats- u[nd] volksverbundenen Pfarrerstands" zu machen. Bei der Betreuung der im Amt befindlichen Pfarrer müsse darauf geachtet werden, daß nur solchen geistlichen Leitungen „Unterstützung seitens der Behörde . . . zuteil werden [könne], die die kirchliche Leitungsaufgabe in grundsätzlicher Zustimmung zur national] sozialistischen] Weltanschauung auffassen und ausüben". Während für Muhs die Umbildung der Bremer Finanzabteilung ein erster notwendiger Schritt auf seinem Weg war, mußte dieser mit fast ebensolcher Zwangsläufigkeit auf die Kritik der weltanschaulichen Distanzierungskräfte stoßen. Denn ihnen war ja an einer völligen kirchenpolitischen Abstinenz von Muhs gelegen. So schrieb Lammers auf Veranlassung von Bormann 2 4 am 22. Februar 1942 an Muhs, daß die Einrichtung von Finanzabteilungen nicht im Interesse der vom Führer gewünschten Kirchenpolitik liege. Er wies Muhs sehr nachdrücklich darauf hin, unbedingt „von der Einrichtung etwaiger weiterer Finanzabteilungen bei den Evangelischen Landeskirchen" abzusehen 25 . Muhs blieb angesichts seiner bescheidenen Machtposition

23

H . BRUNOTTE, E n t w i c k l u n g , S. 6 2 .

24

S c h r e i b e n v o n B o r m a n n a n L a m m e r s v o m 1 1 . 2 . 1 9 4 2 ( B A KOBLENZ, R 4 3 I I / 1 7 0 a ,

Bl. 4 5 f.). 25 EBD., Bl. 47.

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nichts anderes übrig, als dieses zuzusagen. Doch das eigentlich Interessante an dem Antwortschreiben von Muhs 26 sind seine Verteidigungsversuche für das Konzept der staatlichen Finanzaufsicht. Denn sie zeigen nur allzu deutlich, daß er noch immer an den Positionen seiner 1937/38 abgefaßten Denkschrift festhielt. Nach einer ausführlichen Darlegung von Kerrls Gründen, die diesen zur Einrichtung einer Finanzabteilung in Bremen veranlaßt hatten — „es kam ihm lediglich darauf an, den Landesbischof, der ihn in seiner Überheblichkeit schwer verletzt hatte, zu zwingen, den staatlichen Willen zu beachten" — legte er seine eigene Position dar: „Ich kann es auch nicht leugnen, daß ich selbst ebenfalls immer die Uberzeugung gehabt habe, daß die Finanzabteilungen das geeignetste Mittel des Staates sind, um die kirchliche Macht auf leichtestem und schnellstem Wege unwirksam zu machen. Der Gedanke, daß die Einrichtung von Finanzabteilungen den von Ihnen übermittelten Weisungen des Führers widersprechen würde, lag mir deshalb auch fern". Selbst Kirchenminister Kerrl, der allgemein eher gewillt gewesen sei, die Finanzabteilungen wieder abzuschaffen, habe wiederholt erfahren, daß sie ein „vortreffliches Mittel [seien], den staatlichen Willen gegen heftigsten Widerstand in den Kirchen durchzusetzen und daß diese Notwendigkeit öfter und selbst bei nichtigem Anlaß entstehen" könne. Muhs gedachte also in der Tat nach dem Tode von Kerrl, an seinen „naivstaatskirchlichen" Kurs, dem jedes Verständnis für das Wesen von Kirche abging, wieder anzuknüpfen 27 . Auf Veranlassung von Bormann, der den status quo bis zu einer endgültigen Abrechnung mit den Kirchen aufrecht zu erhalten wünschte, mußte Muhs jedoch die Umsetzung seiner kirchenpolitischen Konzeption abbrechen, bevor er überhaupt richtig damit begonnen hatte. Ansatzpunkt für alle weiteren kirchenpolitischen Pläne von Muhs konnten fortan nur noch die bestehenden Finanzabteilungen sein, eine Ausweitung des Systems der Finanzabteilungen kam indes nicht mehr in Frage. Doch Muhs schien gewillt, den ihm hier verbliebenen Spielraum konsequent für seinen eigenen kirchenpolitischen Kurs zu nutzen.

26

Schreiben an Lammers v o m 2 8 . 2 . 1 9 4 2 (EBD., Bl. 48 f.). D e r Begriff „naiv-staatskirchlich" scheint angebracht, u m den Kurs von Muhs gegenüber demjenigen von Kerrl abzusetzen, den dieser in den Jahren 1935-1937 steuerte. D i e Bezeichnung „naiv" hebt dabei hervor, daß Muhs im Gegensatz zu Kerrl, dem wenigstens ein Interesse an christlich-kirchlichen Inhalten zu eigen war, in keiner Weise in der Lage war, das eigentliche Wesen von Kirche zu erfassen (vgl. H . BRUNOTTE, Kurs, S. 97). Brunotte charakterisiert diese „naiv-staatskirchliche" Linie folgendermaßen: „Die Kirche müsse sich dem Staat anpassen; ihre Verwaltung werde am besten mehr oder weniger ganz v o m Staat übernommen oder doch im Auftrage des Staates geführt;,geistliche Leitung' in einem ganz unverbindlichen Sinne könnten die Bischöfe nebenher tragen" (EBD.). 27

Die Beziehungen zwischen Kirchenministerium und reichskirchlichen Leitungsorganen

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2. Die Beziehungen zwischen Kirchenministerium und reichskirchlichen Leitungsorganen nach der Beauftragung von Staatssekretär Muhs Die Beauftragung von Staatssekretär Dr. Hermann Muhs mit der Leitung des Reichskirchenministeriums führte zu einer rapiden Verschlechterung des Verhältnisses zu den reichskirchlichen Organen. Das gilt gleichermaßen für die Kirchenkanzlei wie für den Geistlichen Vertrauensrat, da sich die Beziehungen zwischen diesen beiden Organen unter dem Werner-Nachfolger, Vizepräsident Dr. Fürle, so weit verbesserten, daß in allen wichtigen Fragen eine einvernehmliche Haltung herrschte28. Fast zwangsläufig wurde der Geistliche Vertrauensrat deshalb auch in die Auseinandersetzung zwischen Muhs und Fürle anläßlich der Weidemann-Affaire29 hineingezogen. Muhs, dem nach der Umbesetzung der Bremer Finanzabteilung an einer möglichst geräuschlosen Abwicklung dieses Falls gelegen war, teils aus Freundschaft zu Weidemann, teils aus Erwägungen der politischen Opportunität, setzte sich für eine Einstellung aller weiteren Untersuchungen in dieser Angelegenheit ein. So ersuchte er den Reichsjustizminister30, die strafrechtlichen Ermittlungen gegen Weidemann wegen Betrugs und Veruntreuung von Kirchengeldern niederzuschlagen31. Den stellvertretenden Leiter der Kirchenkanzlei forderte er auf, das Disziplinarverfahren gegen den Landesbischof einzustellen, ja er vertrat sogar die Ansicht, daß ein solches Verfahren gegen einen Kirchenführer gar nicht zulässig sei32. Doch anders als der Justizminister, der der Bitte von Muhs im Dezember 1942 nachkam33, hielt Fürle an der Durchführung des Disziplinarverfahrens fest34. Dieses geschah, wie auch schon die Eröffnung des Verfahrens, das wahrscheinlich erst auf Anregung von Marahrens eingeleitet worden war35, im vollen Einvernehmen 28 29

Vgl. EBD., S. 131, oben S. 174 f. und unten S. 2 9 7 - 3 0 1 . Z u m gesamten Problemkreis vgl. oben S. 273 f.; R . HEINONEN, Anpassung; A . MEYER-

ZOLLITSCH, N a t i o n a l s o z i a l i s m u s ; H . STOEVESANDT, G e m e i n d e n . 3 0 K . D . ERDMANN, Zeit, S. 858: Im Justizministerium kam es in der fraglichen Zeit zu mehrmaligen Wechseln. Franz Gürtner starb am 2 9 . 1 . 1 9 4 1 . Franz Schlegelberger führte das Ministerium von Februar 1941 bis zum 2 4 . 8 . 1 9 4 2 als Beauftragter. Von diesem Termin an bis z u m 3 0 . 4 . 1 9 4 5 war der ehemalige Volksgerichtshofspräsident O t t o Georg Thierack Justizminister. 31

A . MEYER-ZOLLITSCH, N a t i o n a l s o z i a l i s m u s , S. 2 9 5 .

32

H . BRUNOTTE, K u r s , S. 1 3 5 .

33

R . HEINONEN, A n p a s s u n g , S. 2 7 1 ; A . MEYER-ZOLLITSCH, N a t i o n a l s o z i a l i s m u s , S. 2 9 5 .

34

H . BRUNOTTE, K u r s , S. 1 3 5 .

A . MEYER-ZOLLITSCH, Nationalsozialismus, S. 2 8 7 : D e r Dom-Bauherr Schlemmermeyer informierte Marahrens als Mitglied des Vertrauensrates am 2 8 . 8 . 1 9 4 1 brieflich über einen geplanten reißerischen Artikel im „Schwarzen Korps". D e r „ F a l l " Weidemann sollte als „Aufhänger" für einen Rundumschlag gegen die evangelische Kirche dienen. Eine Gruppe von Bauherren verschiedener Bremer Kirchen drängte bei Marahrens auf ein rasches Durchgreifen: „ E i n sofortiges Handeln seitens der Kirche ist geboten, weil sie sonst Gefahr läuft, mit einer Kritik überzogen zu werden, wie sie es vielleicht noch nicht erlebt hat." Bereits während 35

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Auf dem Weg zur entmündigten Kirche (1942-1945)

mit dem Vertrauensrat. Noch im Januar 1944, als die Möglichkeit diskutiert wurde, Wiedemann in den Ruhestand zu versetzen, um so diese Angelegenheit zu bereinigen, hielt der Vertrauensrat an dieser Position fest: „Als gegebener Weg für ein Ausscheiden von Landesbischof Weidemann aus dem Amt bleibt der Weg des Disziplinarverfahrens" 36 . Es kam jedoch nicht mehr zur Durchführung eines solchen Verfahrens, da Weidemann einen Tag nach der GVR-Sitzung, also am 29. Januar 1944, wegen verschiedener Straftaten verhaftet wurde 37 . Hierzu dürfte auch das Verhalten der Kirchenkanzlei und des Vertrauensrates beigetragen haben, denn sie verhinderten durch ihre Weigerung, das Disziplinarverfahren einzustellen, alle Versuche, die Affaire um Weidemann geräuschlos zu regeln; eine Tatsache, die Staatssekretär Muhs dem Vizepräsidenten der Kirchenkanzlei und dem Geistlichen Vertrauensrat sehr verübelte. Parallel zu den Auseinandersetzungen infolge der „Weidemann-Affaire" bahnte sich im Frühjahr 1942 eine weitere Belastungsprobe für die Beziehunder Sitzung am 28./29.7.1941 (EZ A BERLIN, 1/A 4/579, BL. 46 f.) hatte der G V R „über den aus einer bremischen Gemeinde eingegangen Antrag auf Einleitung eines Diziplinarverfahrens gegen Landesbischof Weidemann" beraten. Man einigte sich darauf, daß Fürle zuerst ein Gespräch mit Weidemann führen solle. Nach diesem Gespräch, das zwischen dem 21. und 23.8. stattfand (EBD., Bl. 53 f.), kamen die GVR-Mitglieder in der Sitzung am 8 . / 9 . 9 . 1 9 4 2 überein, mit dem Kirchenminister wegen des weiteren Vorgehens gegen Weidemann Kontakt aufzunehmen (EBD., Bl. 55 f.). In der Sitzung am 8./9.10.1941 wurde die Einleitung eines Disziplinarverfahrens gegen Weidemann bekanntgegeben (EBD., Bl. 58 f.). 3 6 Protokoll der GVR-Sitzung vom 28.1.1944 (mit Anlage einer Verordnung): Konkreter Anlaß war die Vorlage einer neuen „Verordnung betr. das Amt des Landeskirchenführers und Präsidenten der Bremischen Evangelischen Kirche", die in § 2 die Möglichkeit vorsah, einen Kirchenführer auch gegen seinen Willen ggf. in den Ruhestand versetzen zu können (EZA BERLIN, 2/54, Bl. 55-58). Die Leiter der bremischen Finanzabteilung, Cölle, drängte bereits im Dezember 1942 auf eine Ruhestandsversetzung von Weidemann. Er stieß jedoch auf die Ablehnung der Kirchenkanzlei, teils aus grundsätzlichen Erwägungen, teils weil man in dem Vorschlag den Beginn einer Disziplinaraufsicht des Staates über die Kirchen erblickte

( A . MEYER-ZOLLITSCH, N a t i o n a l s o z i a l i s m u s , S. 2 9 9 ) . 3 7 Neben dem Ermittlungsverfahren und dem Disziplinarverfahren verschärfte sich Weidemanns Lage durch den Ausgang seines Ehescheidungsprozesses: A m 3.3.1942 wurde er schuldig geschieden. Weidemann zog sich daraufhin vorerst aus Bremen zurück, kündigte aber bereits im Herbst 1942 seine Rückkehr an, da er bei dem von ihm angestrebten Revisionsverfahren in seiner Scheidungsangelegenheit mit einem positiven Ausgang rechnete. Doch die Rückkehr Weidemanns, den selbst Cölle inzwischen „kirchenpolitisch als abgeschrieben" betrachtete (EBD., S. 298), konnte weder Muhs noch Cölle recht sein. Als dann am 13.11.1942 — entgegen Weidemanns Erwartungen — das Urteil der ersten Instanz bestätigt wurde, war das das endgültige Ende seiner Karriere. Eine von Cölle vorgeschlagene Versetzung in den Ruhestand lehnten sowohl Weidemann als auch die Kirchenkanzlei ab. U m eine Wiederaufnahme seines Scheidungsverfahrens zu erreichen, die ihm eine Rehabilitierung bringen sollte, veranlaßte er seine Sekretärin zu einem Meineid. Wenig später erstattete diese jedoch Selbstanzeige, da sie Weidemann zu weiteren Falschaussagen nötigen wollte (H. STOEVESANDT, Gemeinden, S. 123). Im Januar 1944 wurde Weidemann verhaftet und im Oktober 1944 wegen Meineides, Anstiftung zum Meineid und versuchter Nötigung zu zweieinhalb Jahren Zuchthaus verurteilt.

Die Beziehungen zwischen Kirchenministerium und reichskirchlichen Leitungsorganen

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gen zwischen den reichskirchlichen Leitungsorganen und dem amtierenden Kirchenminister an. Oberkonsistorialrat Brunotte hatte bei einem Besuch im Reichskirchenministerium erfahren, daß man dort beabsichtigte, die bisherige Regelung für das Glockenläuten bei Beerdigungen zu ändern. War es bisher üblich, nur bei Bestattungen von Kirchengliedern die Kirchenglocken zu läuten, so sollte dieses jetzt auch bei Personen geschehen, die aus der Kirche ausgetreten waren 38 . Wenige Tage später lag der Kirchenkanzlei tatsächlich ein entsprechender Erlaß des Kirchenministeriums, ausgegeben am 5. Mai 1942, vor 3 9 , so daß er bereits in der GVR-Sitzung am 19. und 20. Mai 1942 4 0 beraten werden konnte. Inhaltlich stimmte er im wesentlichen mit dem überein, was Brunotte bereits mündlich erfahren hatte. Vorerst entschlossen sich die GVR-Mitglieder, im Innenministerium, das eigentlich für Friedhofsangelegenheiten zuständig war, nähere Erkundigungen über die praktische Durchführung dieses Erlasses einzuholen. Brunotte, der beauftragt wurde, dieses zu tun, berichtete später über diesen Besuch: „Ich begab mich in das Reichsinnenministerium und fand einen Referenten vor, der mir eröffnete, die Idee sei von Dr. Muhs persönlich, im Innenministerium habe man kein Interesse an der Sache; er selber könne nicht verstehen, warum ein aus der Kirche ausgetretener Gottgläubiger sich ausgerechnet von der Kirche noch wolle zu Grabe läuten lassen" 41 . Am 10. Juni unterrichtete Brunotte den Vertrauensrat über den Inhalt des Gespräches und legte gleichzeitig den Entwurf eines Schreibens an das Innenministerium vor, das nochmals die wesentlichen Bedenken gegen den neuen Erlaß zusammenfaßte. Diese gipfelten in der Bitte sowohl aus Rechtsgründen — immerhin seien die Glocken Eigentum der Kirchen — als auch aus kultischen Gründen, diesen Eingriff in das kirchliche Verfügungsrecht über die Glocken zurückzuziehen 42 . Einen Tag später wurde dieses Schreiben mit Zustimmung des Geistlichen Vertrauensrates von Fürle unterzeichnet und abgesandt 43 . Damit wurde eine Lawine in Gang gesetzt. Nur wenige Tage später bestellte Muhs Fürle zu sich. Im Laufe der Unterredung schrie er diesen an, „wie er dazu käme, sich über das Kirchenministerium an das Innenministerium zu wenden; in der Sache sehe man deutlich die volksfremde und staatsfeindliche Einstellung der Kirchenkanzlei, die ihm schon lange aufgefallen sei; Fürle sei ein Saboteur am deutschen Volke; er werde daraus die Konsequenzen ziehen und ihm zunächst den Vorsitz in der Finanzabteilung 3 8 Bereits in der GVR-Sitzung am 2 5 . 3 . 1 9 4 2 ( E Z A BERLIN, 1/A 4 / 5 7 9 , Bl. 88) konnte Brunotte erste Informationen geben. A m 5 . 5 . 1 9 4 2 (EBD., Bl. 9 1 - 9 3 ) trug er Genaueres vor. 3 9 KGVOB1 Sachsen 1942, S. 40; der Inhalt des Erlasses geht außerdem aus der Antwort der D E K K an das Innenministerium vom 1 1 . 6 . 1 9 4 2 hervor ( E Z A BERLIN, 2 / 4 4 0 ) . 4 0 Protokoll: E Z A BERLIN, 1/A 4 / 5 7 9 , Bl. 95 f. 41

H . BRUNOTTE, K u r s , S. 1 3 7 .

42

Protokoll der GVR-Sitzung vom 9 . / 1 0 . 6 . 1 9 4 2 ( E Z A BERLIN, 1/A 4 / 5 7 9 , Bl. 97 f.). Schreiben der D E K K vom 1 1 . 6 . 1 9 4 1 an das Innenministerium ( E Z A BERLIN, 2 / 4 4 0 ) .

43

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nehmen; wenn es dann nicht besser würde, wolle er ihn auch als stellvertretenden Leiter der Kirchenkanzlei beseitigen"44. Obwohl es bei der Frage des Glockengeläuts für aus der Kirche Ausgetretene immer auch um eine Machtfrage ging, war doch die Schärfe, mit der Muhs vorging, überraschend. Der Staatssekretär wollte offensichtlich diese Auseinandersetzung zum Anlaß für eine grundsätzliche Machtprobe zwischen den reichskirchlichen Organen und dem Kirchenministerium nehmen. So wurde die Frage, ob Muhs überhaupt befugt sei, solche Eingriffe in kultische Angelegenheiten vorzunehmen, immer mehr durch die Diskussion darüber verdrängt, ob das Kirchenministerium für die reichskirchlichen Organe der alleinige Ansprechpartner zu sein habe. Während der Geistliche Vertrauensrat und die Kirchenkanzlei sich durchaus das Recht vorbehielten, auch andere Reichsbehörden anzusprechen, beanspruchte Muhs für sein Ministerium ein Ausschließlichkeitsrecht für alle die Kirchen betreffenden Fragen. Fürle, der sich im Einklang mit dem Vertrauensrat wußte und sich auch der Rückendeckung einiger Landeskirchen sicher sein konnte 45 , gab jedoch bei dieser Machtprobe seine Position nicht preis46. Daraufhin machte Muhs seine Drohung wahr und nahm eine Änderung in der Leitung der Finanzabteilung der DEK vor. Am 21. August beauftragte er „wegen der dauernden Einberufung des Leiters und des stellvertretenden Leiters der Finanzabteilung bei der Deutschen Evangelischen Kirchenkanzlei zum Heeresdienst das Mitglied dieser Finanzabteilung Dr. Cölle mit der Leitung der Geschäfte" 47 . Die implizit damit zum Ausdruck gebrachte Behauptung, Fürle sei wegen seiner militärischen Tätigkeit nicht mehr in der Lage, die Finanzabteilung der DEK zu leiten, wird schon dadurch widerlegt, daß dieser noch bis in den Herbst 1943 die Kirchenkanzlei der DEK leiten konnte. Denn er war bei einer militärischen Dienststelle in Berlin tätig und konnte

4 4 H . BRUNOTTE, Kurs, S. 137. — In einer späteren Äußerung ( L K A STUTTGART, Bd. 115b, VIII, Altreg.: Brief an Muhs vom 6 . 1 0 . 1 9 4 3 ) nimmt Fürle auf diese Besprechung Bezug und erwähnt, daß Muhs ihn bereits damals daraufhingewiesen habe, „daß eine Entwicklung [sc.: der Ausbau der Finanzabteilungen] eingesetzt hat, die erhebliche Gefahren in sich birgt.' ' Mithin besteht auch die Möglichkeit, daß die Auseinandersetzung zwischen Fürle und Muhs noch andere Ursachen hat als lediglich die Läuteordnung. 4 5 A m 1 0 . 6 . 1 9 4 2 hatte sich z.B. der E O K Karlsruhe sowohl an die Kirchenkanzlei als auch an den G V R mit der Bitte gewandt, „gegen diese Anordnung Einspruch zu erheben", da „der Hinweis des Herrn Reichskirchenministers . . . in striktem Widerspruch zu dem bestehenden Recht und zu den auch von dem Dritten Reich vertretenen religionspolitischen Grundsätzen" steht ( E Z A BERLIN, 1/A 4/571); vgl. auch H. BRUNOTTE, Kurs, S. 137. 4 6 Die Debatte über das Glockengeläut zog sich noch bis zum Frühjahr 1944 hin und wurde schließlich durch das Innenministerium im Sinne von Muhs entschieden — Glockengeläut mußte nun auch bei Beerdigungen von aus der Kirche Ausgetretenen gewährt werden ( E Z A BERLIN, 2 / 4 4 0 ; der Erlaß des Innenministers vom 1 1 . 2 . 1 9 4 4 ist abgedruckt im ABl Württemberg 1944, S. 108). 4 7 GB1DEK 1942, S. 67.

Die Beziehungen zwischen Kirchenministerium und reichskirchlichen Leitungsorganen

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sich zur Wahrnehmung seiner Aufgaben in der Kirchenkanzlei des öfteren beurlauben lassen48. Binnen weniger Wochen hatte sich das ohnehin durch die unterschiedlichen Positionen in der „Weidemann-Affaire" angespannte Verhältnis zwischen Fürle und Muhs so weit verschlechtert, daß es Muhs noch zwei Jahre später ablehnte, den stellvertretenden Leiter der Kirchenkanzlei zu empfangen49. Doch nicht nur Fürle befand sich im Frühjahr 1942 in einer schwierigen Situation, sonden auch Landesbischof Marahrens. Denn sowohl der zunehmende Druck der hannoverschen Finanzabteilung unter der Leitung von Dr. Cölle als auch das ständig schlechter werdende Verhältnis zwischen den reichskirchlichen Organen und dem Kirchenministerium beunruhigten ihn. Doch die naheliegendste Lösung—eine Intervention bei Muhs — verbot sich für Marahrens; zu sehr standen ihm die Auseinandersetzungen vor Augen, die er mit Muhs seit dem Beginn des Kirchenkampfes führte50: Muhs, von 1933 bis 1935 Regierungspräsident in Hildesheim, war zwischen Juli 1933 und Oktober 1934 als Vertreter der Deutschen Christen Mitglied des hannoverschen Kirchensenats gewesen51. Aus dieser Zeit datiert der Beginn einer ständig gespannten Beziehung zwischen Muhs und Marahrens, die ihren Höhepunkt erreichte, als der hannoversche Landesbischof 1936 scharf gegen die Berufung von Muhs in das Reichskirchenministerium protestierte52. Aber auch in der Folgezeit blieben die Beziehungen zwischen beiden ständig gespannt, da Muhs die Tätigkeit der hannoverschen Finanzabteilung stetig förderte53. In dieser Situation wandte sich Marahrens am 11. Mai 1942 „persönlich und vertraulich" mit der Bitte „um Rat und Hilfe" an den Chef der Reichs48 Protokoll der GVR-Sitzung vom 2.11.1943: Durch einen Brief vom 28.10.1943 teilte Fürle mit, daß er nach Breslau versetzt werde (LKA HANNOVER, L 2, Bd. 7, Nr. 1). 4 9 Auf die Bitte des GVR an Muhs, ihn gemeinsam mit Fürle zu empfangen, ließ Staatssekretär Muhs antworten, er sei „sehr gern bereit, . . . die Mitglieder des Geistlichen Vertrauensrates allein zu empfangen..." (Schreiben von Ministerialrat Büchner an die GVRGeschäftsstelle vom 24.4.1944: EZA BERLIN, 2/53, BL. 12). Zur weiteren Entwicklung vgl. unten S. 287; 291-294. 50 Zum Verhältnis zwischen Muhs und Marahrens vgl. EZA BERLIN, 1/A 4/384: Darstellung der hannoverschen Kirchenregierung über das von Muhs gegen Marahrens gerichtete Verhalten (1933-1936). 51 Muhs war seit der Kirchenwahl im Juli 1933 bis zu der Entmachtung dieses Gremiums nach dem Sturz des Rechtswalters Jäger im Oktober 1934 Mitglied des hannoverschen Kirchensenats. 52 Vgl. oben Anm. 50 und E. KLÜGEL, Landeskirche, S. 232-234. Insbesondere die Tatsache, daß Muhs am 10.11.1936 seinen Kirchenaustritt erklärt hatte, diesen Schritt jedoch am 16.11.1936 bereits wieder zurücknahm, als er von seiner bevorstehenden Berufung in das Kirchenministerium erfuhr, sprach nach Ansicht der hannoverschen Kirchenleitung gegen die Berufung. » EBD., S. 312-319.

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kanzlei, Minister Heinrich Lammers 54 . „Die in meiner Landeskirche hervortretenden Schwierigkeiten", so schrieb er, „gehen im wesentlichen auf die sofort nach dem Tode des Herrn Reichsministers Kerrl zutage getretene völlig veränderte Einstellung des Reichsministeriums für kirchliche Angelegenheiten zurück. Sie sind auch im übrigen Bereiche der Deutschen Evangelischen Kirche so spürbar, daß sie das Verhältnis von Staat und Kirche belasten können". Doch Lammers winkte sofort ab — er wolle nicht in den Geschäftsbereich des Kirchenministeriums eingreifen55. Stattdessen informierte er Muhs über das Schreiben des hannoverschen Landesbischofs56. Am 3. Juni 1942 wandte sich Marahrens erneut an Lammers 57 ; diesmal wurde er deutlicher: Nicht die Erörterung von Einzelfragen—etwa die Tätigkeit der Finanzabteilung — sei sein eigentliches Anliegen, sondern „wie mit dem geschäftsführenden Herrn Kirchenminister ein dienstlicher Verkehr, der von den Differenzen der Vergangenheit absieht, ermöglicht werden könnte". Denn „eine unmittelbare Fühlungnahme mit Herrn Staatssekretär Muhs wird sich für mich ohne Vermittlung einer staatlichen Persönlichkeit verbieten" 58 . Es deutet allerdings nichts darauf hin, daß die erbetene Besprechung jemals stattfand. Eine solche Unterredung zu verhindern, gehörte auch zu den Anliegen von Muhs. Am 16. Juli 1942 sandte er — nach einer Rückfrage bei seinem Intimus Cölle 59 — einen ausführlichen Bericht an Lammers, in dem er die Grundlosigkeit von Marahrens' Beschwerden darstellte und stattdessen die angeblich staats- und volksfeindliche Haltung von Marahrens anprangerte60. Muhs beschuldigte den hannoverschen Landesbischof, er wolle durch seine Bitte um einen Empfang bei Lammers das Kirchenministerium und die Reichskanzlei gegeneinander ausspielen. Dieses sei anscheinend eine in gewissen kirchlichen Kreisen gebräuchliche Methode. Er habe, so meinte Muhs unter deutlicher Anspielung auf die gerade in Gange befindlichen Auseinandersetzungen über die „Affaire Weidemann" und die umstrittene Läuteordnung, „schon bald nach dem Tode meines Herrn Ministers feststellen müssen, daß sich eine Anzahl kirchlicher Stellen, deren antinationalsozialistische und staatsfeindliche Haltung allerdings einwandfrei 54 55

56 57 58 59

B A KOBLENZ, R 4 3 I I / 1 6 5 a , Bl. 164. S c h r e i b e n an Marahrens v o m 1 8 . 5 . 1 9 4 2 (EBD., Bl. 165).

Schreiben vom 18.5.1942 (EBD., Bl. 165 f.). EBD., Bl. 168. EBD. S c h r e i b e n v o n C ö l l e an M u h s v o m 1 6 . 6 . 1 9 4 2 (EBD., Bl. 1 7 3 - 1 7 5 ) .

60 Muhs wußte zu berichten, daß „das Verhalten des Landesbischofs Marahrens aber in keiner Weise so [sei], wie es der Existenzkampf des deutschen Volkes im gegenwärtigen Augenblick von jedem deutschen Menschen fordert. Zahlreiche Beschwerden über ihn persönlich wie auch über das Landeskirchenamt Hannover liegen vor." Außerdem verbreite Marahrens Mitteilungen der Kirchenführerkonferenz, durch die „offensichtlich . . . das Volk gegen den Führer aufgehetzt werden [soll], um auf diese Weise einen Druck auf ihn auszuüben" (EBD., Bl. 170-172).

Staatskommissariat oder kirchliche Organe?

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feststeht, bei den verschiedensten Angelegenheiten mit Obersten Reichsbehörden und anderen staatlichen Stellen direkt in Verbindung gesetzt haben, offensichtlich mit dem Zweck, die Staatsstellen gegeneinander auszuspielen in der Hoffnung, auf diese Weise ihre Ziele leichter zu erreichen" 61 . Deutlicher hätte Muhs seine Einschätzung der reichskirchlichen Leitungsorgane kaum zum Ausdruck bringen können. So beschränkte er denn auch seine Beziehungen zu diesen „staatsfeindlichen" Organen weitgehend. Erst eineinhalb Jahre nach dem Tode Kerrls hatte sich das Verhältnis zu Marahrens wieder soweit normalisiert, daß er den gesamten Vertrauensrat empfing 62 ; vorher war es lediglich einzelnen GVR-Mitgliedern gelungen, einen Termin bei Muhs zu erhalten63. Das Verhältnis zwischen dem amtierenden Kirchenminister und den reichskirchlichen Leitungsorganen wurde also während der „Ära Muhs" sowohl durch persönliche Spannungen als auch durch Konzeptionsunterschiede belastet. Denn wer wie Muhs den Wert der Finanzabteilungen verteidigte, mußte fast zwangsläufig den Geistlichen Vertrauensrat und die mit ihm kooperierende Kirchenkanzlei ablehnen, da diese Gremien für jeweils unterschiedliche Konzepte standen. Gehörte der Geistliche Vertrauensrat in die Kategorie von Kerrls Versuchen, neben der juristischen Verwaltung ein geistliches Kirchenleitungsorgan zu installieren, so hatten die Finanzabteilungen ihren Ursprung in einer streng staatskirchlichen Konzeption. Muhs, dem es nur darum gehen konnte, die Kirche einheitlich auszurichten, mußten natürlicherweise die Finanzabteilungen für ein solches Unterfangen wesentlich geeigneter erscheinen, da sie auf geistliche Dimensionen kirchlicher Arbeit keine Rücksicht zu nehmen brauchten. Ein Gremium wie der Geistliche Vertrauensrat konnte dabei im Grunde nur hinderlich sein, denn seine Existenz wurde — bei allen Unzulänglichkeiten — doch von kirchlichen Bedürfnissen geprägt.

3. Staatskommissariat oder kirchliche Organe ? — Der Kampf um die Macht der Finanzabteilungen64 Durch eine relativ restriktive Auslegung der 15. Durchführungsverordnung vom 25. Juni 1937 hatte Minister Kerrl im Zeitraum zwischen Hochsommer 1938 und Dezember 1941 die Bedeutung der Finanzabteilungen 61

62

EBD.

Der Empfang fand am 5.5.1943 statt; vgl. unten S. 287. 63 Laut Protokoll vom 26.2.1942 (EZA BERLIN, 1/A 4/579, BL. 85 f.) wollten sich Weber und Schultz für den 12.3. bei Muhs anmelden. Anfang 1943 wurde H y m m e n von Muhs empfangen (LKA STUTTGART, D 1/147: Niederschrift über den Empfang des GVR bei Muhs am 5.5.1943). 64 Zur Geschichte der Finanzaufsicht insgesamt H . BRUNOTTE, Entwicklung.

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Auf dem Weg zur entmündigten Kirche (1942-1945)

z u n e h m e n d eingeschränkt 6 5 . E r dachte sogar daran, die Finanzabteilungen gänzlich a u f z u h e b e n 6 6 ; eine Tatsache, die auch Staatssekretär M u h s nach d e m Tode K e r r l s bestätigen m u ß t e 6 7 . D a ß M u h s ü b e r den W e r t der Finanzabteilungen v o l l k o m m e n anders dachte, bewies er u n m i t t e l b a r nach K e r r l s Tod, i n d e m er w i e d e r an seine aus d e m W i n t e r 1 9 3 7 / 3 8 s t a m m e n d e D e n k schrift a n z u k n ü p f e n versuchte. A l l e r d i n g s w a r es i h m durch den e r k l ä r t e n W i l l e n B o r m a n n s untersagt, weitere Finanzabteilungen e i n z u r i c h t e n u n d so das System der f i n a n z i e l l e n K o n t r o l l e der K i r c h e z u k o m p l e t t i e r e n 6 8 . So blieben i h m also allein die bestehenden Finanzabteilungen, u m seine eigene kirchenpolitische K o n z e p t i o n u m z u s e t z e n . S c h o n bald n a c h der Ü b e r n a h m e des K i r c h e n m i n i s t e r i u m s begann M u h s , die v o n K e r r l v o r g e n o m m e n e M a c h t m i n d e r u n g der Finanzabteilungen rückgängig zu m a c h e n . A m 14. M a i 1 9 4 2 bestimmte er durch einen Ministerialerlaß, daß „die v o n den Finanzabteilungen f r ü h e r geübte M i t w i r k u n g bei d e r Ergänzung v o n kirchlichen K ö r p e r s c h a f t e n " w i e d e r e i n z u f ü h r e n sei 6 9 .

65 Hierzu seien einige Beispiele genannt: 1. Am 21.7.1939 erließ Kerrl eine Anweisung zur „Ausführung der Fünfzehnten Verordnung zur Durchführung des Gesetzes zur Sicherung der Evangelischen Kirche vom 25. Juni 1937" (BA KOBLENZ, NL Schwarzhaupt, Nr. 4, Bl. 10-12), durch die der Einfluß der Finanzabteilungen eingeschränkt wurde. 2. Am 3.1.1940 ermahnte er sowohl den badischen EOK als auch die dortige Finanzabteilung, „daß es, insbesondere] angesichts der Kriegslage, möglich sein muß, das im Interesse sachlicher] Zusammenarbeit dringend erforderliche Einvernehmen beider Behörden herzustellen" (EBD., Bl. 25 f.). 3. Am 12.8.1940 übersandte er dem Landeskirchenamt Hannover eine Auslegung seiner Anweisung vom 21.7.1939, in der er nochmals auf die beschränkten Zuständigkeiten der Finanzabteilungen hinwies (EBD., Bl. 31 f.). 4. Trotz der relativ eindeutigen Entscheidung Kerrls kam es im Frühjahr 1940 zwischen der Kirchenkanzlei und der badischen Finanzabteilung zu einem Streit, ob auch die Finanzabteilungen verpflichtet seien, gemäß der Verordnung über die Rechtseinheit zwischen den Landeskirchen vom 5.3.1938 ihre rechtsverbindlichen Anordnungen vor dem Erlaß dem Präsidenten der Kirchenkanzlei vorzulegen. Während Präsident Werner und der GVR dieser Ansicht waren (EZA BERLIN, 1/A 4/14, Bl. 112: Brief von Werner an Dürr vom 17.5.1940), betrachtete der Vorsitzende der badischen Finanzabteilung dieses nur als einen freiwilligen Akt (EBD., Bl. 111 : Brief von Dürr an Werner vom 2.4.1940; Bl. 130: Brief von Dürr an Werner vom 31.5.1940). Angesichts dieser unterschiedlichen Auffassungen beschlossen die reichskirchlichen Leitungsorgane, die Entscheidung Kerrls einzuholen (EBD., Bl. 114: Brief von Werner an Kerrl vom 24.6.1940). Als Reaktion sandte Kerrl am 27.7.1940 ein Rundschreiben an die Finanzabteilungen der Länder, in dem er die Rechtsauffassung Werners und des Vertrauensrates bestätigte (EBD., Bl. 116). Dürr blieb nichts anderes übrig, als beizugeben: Er werde fortan die „rechtsverbindlichen Anordnungen der Finanzabteilung beim Ev. Oberkirchenrat Karlsruhe dem Herrn Reichsminister für die kirchlichen Angelegenheiten über den Herrn Vorsitzenden der Finanzabteilung bei der Deutschen Evang. Kirchenkanzlei" einreichen.

H . BRUNOTTE, Entwicklung, S . 6 7 . Brief an Lammers vom 28.2.1942: „Er [sc.: Kerrl] hat sich oft dahin geäußert, daß er in den Finanzabteilungen lediglich ein Machtmittel des Staates gegen die Kirchen sah und immer gewillt war, sie ganz allgemein wieder zu beseitigen" (BA KOBLENZ, R 43 II/170a, Bl. 48 f.). 68 Vgl. oben S. 271; 275f. 69 EZA BERLIN, 2/687; vgl. auch Protokoll der GVR-Sitzung vom 9./10.6.1942 (EZA BERLIN, 1/A 4/579, Bl. 97 f.). 66

67

Staatskommissariat oder kirchliche Organe?

285

Damit wurde die Ausführungsanweisung Kerrls vom 21. Juli 1939, die das Mitspracherecht der Finanzabteilungen allein auf die finanziellen Aspekte von Personalentscheidungen begrenzt hatte, wieder aufgehoben70. Zwar bat der Vertrauensrat den stellvertretenden Leiter der Kirchenkanzlei, gegen eine solche Ausweitung der Befugnisse Widerspruch einzulegen71, doch geschah dieses offensichtlich nur halbherzig. Denn solange Fürle gleichzeitig Vorsitzender der Finanzabteilung der DEK und Leiter der Kirchenkanzlei war, gab es keinen Grund, gravierende Nachteile durch eine derartige Regelung für die DEK-Leitung zu befürchten. Anders sah es hingegen in den Landeskirchen aus, wo die Verwaltungsbehörden und die Finanzabteilungen schon vielfach personell getrennt waren und die Finanzabteilungen oftmals von kirchenfernen Persönlichkeiten geleitet wurden72. Als jedoch Muhs am 21. August 1942 Fürle als Leiter der Finanzabteilung der DEK ablöste und stattdessen Cölle, der ja bereits Leiter der Finanzabteilungen von Hannover und Bremen war, kommissarisch mit der Führung der Geschäfte betraute73, zeitigte der Erlaß vom 14. Mai 1942 seine Wirkung. Denn Cölle versuchte nun, mit Rückendeckung von Muhs seine Kompetenzen zu erweitern. Er meinte gar, aus diesem Erlaß ein generelles Recht der Finanzabteilung der DEK auf Mitwirkung bei der Begutachtung von landeskirchlichen Gesetzen unter dem Aspekt der Rechtseinheit konstruieren zu können 74 . Obgleich sowohl der Vertrauensrat als auch die Kirchenkanzlei ein solches Recht, das einer Kontrolle beider Organe durch die Finanzabteilung gleichgekommen wäre, grundsätzlich ablehnten75, zeigten sie doch in

70

B A KOBLENZ, N L S c h w a r z h a u p t , N r . 4, BL. 1 0 - 1 2 .

Protokoll der GVR-Sitzung vom 9 . / 1 0 . 6 . 1 9 4 2 (EZA BERLIN, 1/A 4/579, Bl. 97f.). Vgl. H. BRUNOTTE, Entwicklung, S. 7 5 - 7 8 : In den Landeskirchen Hannover, Braunschweig, Baden und Bremen hatten den Vorsitz der Finanzabteilungen — in Baden mit kurzfristigen Unterbrechungen — Persönlichkeiten inne, die nicht der Kirchenverwaltung angehörten. In der ApU waren es die Finanzabteilungen bei den Konsistorien Münster und Düsseldorf, die zeitweise von kirchenfremden Persönlichkeiten geleitet wurden. 7 3 Schreiben von Muhs an die Kirchenkanzlei vom 2 1 . 8 . 1 9 4 2 (EZA BERLIN, 1/A 4/503; GB1DEK 1942, S. 67). 74 Brief von Cölle an Fürle vom 17.10.1942 (EZA BERLIN, 1/A 4 / 1 4 , Bl. 154), behandelt in der GVR-Sitzung am 10./11.11.1942 ( E Z A BERLIN, 1/A 4 / 5 7 9 , Bl. 118f.): Cölle nahm für sich in Anspruch, bei allen Eingängen, die in irgendeiner Weise finanzielle Auswirkungen haben könnten, beteiligt zu werden. Er beanspruchte mithin ein Mitspracherecht bei annähernd allen landeskirchlichen Gesetzen. Vgl. auch das Schreiben von Cölle an Muhs vom 17.10.1942, in dem Cölle Muhs um Rückendeckung für sein Vorgehen ersuchte (EZA BERLIN, 1/A 4/503). 7 5 Sowohl der GVR-Beschluß vom 10./11.11.1942 ( E Z A BERLIN, 1/A 4 / 5 7 9 , BL. 118 f.) als auch zwei Briefentwürfe (ein Entwurf wahrscheinlich von Schwarzhaupt, ca. Mitte November [BA KOBLENZ, N L Schwarzhaupt, Nr. 4, Bl. 43-45]; ein zweiter Entwurf, wahrscheinlich von Brunotte [EZA BERLIN, 1/A 4 / 1 4 , Bl. 165-167]) lassen die Meinung der Kirchenkanzlei klar erkennen. Letztlich entschied man sich jedoch dafür, Cölle um eine mündliche Unterredung zu ersuchen. Am 5.12.1942 gab Cölle hierzu sein Einverständnis (EBD., Bl. 160). 71

72

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dieser Frage eine, wie sich erst später zeigen sollte, fatale Bereitschaft, den Wünschen Cölles entgegenzukommen. Als es am 9. Dezember zu einer Besprechung zwischen Vertretern der Kirchenkanzlei (Fürle, Gisevius, Brunotte) und Cölle kam, erkannte Fürle zwar die Zuständigkeit der Finanzabteilung bei der Kirchenkanzlei für die Prüfung von rechtsverbindlichen Anordnungen der landeskirchlichen Finanzabteilungen an, verneinte jedoch die Existenz einer allgemeinen „Rechtsgrundlage für eine Zustimmung der Finanzabteilung bei Unbedenklichkeitserklärungen landeskirchlicher Verordnungen". Man sei jedoch bereit, so erklärte Fürle, der Finanzabteilung Verordnungsentwürfe, bei denen finanzielle Auswirkungen zu erwarten seien, zur Kenntnisnahme zu übermitteln 76 . Cölle indes interpretierte diese Zusage so, als ob Fürle seiner Rechtsauffassung zugestimmt habe 77 . Zwar machte die Kirchenkanzlei erneut ihre Einwände gegen eine derartige Interpretation geltend, doch ließ sich Cölle davon nicht beeindrucken. Sein Ziel war es nach wie vor, der Finanzabteilung bei der Kirchenkanzlei ein Kontrollrecht über die landeskirchliche Gesetzgebung zu verschaffen. Der erste Teilerfolg, den er errungen hatte, dürfte ihn wesentlich dazu ermuntert haben, seine Linie kontinuierlich weiterzuverfolgen 78 . Einen nächsten Schritt auf dem Weg zu einem staatlich kontrollierten Finanzwesen bedeutete die Bekanntmachung des amtierenden Kirchenministers vom 3. April 1943. Das scheinbare Provisorium der Beauftragung Cölles wurde nun in eine endgültige Regelung umgewandelt 79 . Immer mehr mußte sich der Leitung der D E K die Vermutung aufdrängen, Muhs wolle die Finanzabteilungen von der allgemeinen kirchlichen Verwaltung trennen. Denn die endgültige Ablösung Fürles widerlegte die bisherige offizielle Begründung von Muhs, er wolle durch seine Maßnahme nur eine Entlastung des durch den Militärdienst zu sehr beanspruchten Fürle herbeiführen. Die endgültige Übernahme der Finanzabteilung bei der Kirchenkanzlei durch Cölle sorgte nicht nur im Vertrauensrat und der Kirchenkanzlei für Unruhe. Auch in zahlreichen Landeskirchen entstand durch die Bekanntmachung vom 3. April Besorgnis. War der Vorsitzende der Finanzabteilung der D E K bisher immer auch gleichzeitig Leiter der Kirchenkanzlei oder zumindest Mitarbeiter dieses Gremiums gewesen80, so bedeutete die Ernennung Cölles, daß eine völlig kirchenfremde Persönlichkeit die Kontrolle 76 Vermerk über eine Besprechung zwischen Vertretern der Kirchenkanzlei und Dr. Cölle am 9.12.1942 (EBD., Bl. 161). 7 7 Brief an Fürle vom 9.1.1943. Cölle teilt in diesem Schreiben auch mit, daß „der Herr Kirchenminister diesen [sc.: Cölles] Standpunkt als zutreffend bezeichnet" habe (EBD., Bl. 163). 78 Brief von Fürle an Cölle vom 26.1.1943 (EBD., Bl. 164-167). 79 Schreiben von Muhs an die Finanzabteilung bei der DEKK vom 3.4.1943 (EZA BERLIN, 1/A 4/504; GB1DEK 1943, S. 31). 8 0 H. Brunotte, Entwicklung, S. 75: ORK Gustavus (1935-1937), Präs. Werner (1937 -1941) und als Vertretung für Werner: Vizepräsident Fürle (1941-1942).

Staatskommissariat oder kirchliche Organe?

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über die Finanzen der D E K erhielt und gleichzeitig die Aufsicht über die Tätigkeit der landeskirchlichen Finanzverwaltungen zu führen hatte 81 . Mithin war die Beauftragung von Cölle weit mehr als nur eine Personalentscheidung. Der Geistliche Vertrauensrat ersuchte den amtierenden Kirchenminister sofort nach der Veröffentlichung dieser Bekanntmachung um einen Empfang. Muhs entsprach dieser Bitte und sagte ein Zusammentreffen zu, weigerte sich allerdings, den Vertrauensrat zusammen mit dem stellvertretenden Leiter der Kirchenkanzlei zu empfangen 82 . So mußte das Treffen am 5. Mai 1943 ohne Fürle stattfinden. Nur dadurch, daß der Leiter der Finanzabteilung der kirchlichen Verwaltung entstamme, so erklärten die Mitglieder des Vertrauensrates, könne „eine enge Zusammenarbeit der F[inanz] A[bteilung] mit der Behörde, deren ,Abteilung' sie war, gewährleistet" werden 83 . Cölle hingegen, so erklärte Marahrens als der derzeitige GVR-Vorsitzende, zeige unverkennbar das Bestreben, „seine Befugnisse dauernd zu erweitern. Er betrachtet sich in keiner Weise als Organ der Kirche, über deren Gelder er doch verfügt, sondern sieht sich als eine staatliche F[inanz] Afbteilung]' an, ja—ich muß das Wort gebrauchen — als eine Art Staatskommissar zur Uberwachung der gesamten Verwaltung der Kirche. Es fehlt auch in der D E K nicht an Anzeichen dafür, daß er bestrebt ist, die Verwaltung der Kirche praktisch mehr oder weniger ganz unter seine Kontrolle zu bringen" 8 4 . Erstmals fiel damit in der Debatte um die Tätigkeit Cölles der Begriff „Staatskommissar", der fortan die Diskussion bestimmen sollte. Damit wurde das Verhalten Cölles mit jenem verhängnisvollen Wirken des „Rechtswalters" August Jäger zu Beginn des Kirchenkampfes parallelisiert. Wenige Tage später, am 18. Mai, übersandte der Vertrauensrat dem amtierenden Kirchenminister eine schriftliche Fassung der anläßlich des Empfangs vorgebrachten Bedenken gegen die endgültige Übernahme der Finanzabteilung durch Cölle. Auf dieses Schreiben ging unter dem 9. Juni 1943 eine Antwort des Kirchenministeriums ein 85 : Man bezweifele, so ließ Muhs den Vertrauensrat wissen, die Zuständigkeit des Vertrauensrates für diese aus81 Dieses regelte der § 8 Abs. 2 der 15. Durchführungsverordnung vom 25.6.1937 (GB1DEK1937, S. 34): „Die Finanzabteilung bei der Deutschen Evangelischen Kirchenkanzlei kann in die Vermögensverwaltung einer Landeskirche Einsicht nehmen, Auskunft verlangen und Anregungen für die Führung der Vermögensverwaltung geben." 82 N o c h am 2 7 . 4 . 1 9 4 3 schrieb Marahrens einen Brief an die Geschäftsstelle, in dem er zum Ausdruck brachte, daß er aufgrund der geltenden Rechtskonstruktion zwischen G V R und Kirchenkanzlei nur einen gemeinsamen Empfang für möglich hielte: „Ich weiß nicht, was geschehen wird, wenn sich der Herr Staatssekretär unserer Bitte verschließen sollte." ( E Z A BERLIN, 1/A 4 / 5 7 2 , BL. 105). Anläßlich des Empfangs am 5 . 5 . 1 9 4 3 bat der GVR den Staatssekretär, „uns zukünftig, sobald es die Sache erfordert, zusammen zu empfangen' ' (LKA STUTTGART, D 1/147: Vortrag des Vertrauensrates anläßlich des Empfangs durch Muhs). 83

EBD.

85

E Z A BERLIN, 2 / 6 8 7 .

84

EBD.

288

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schließlich „vermögensrechtliche Frage", außerdem bäte er, einer derartigen Personalentscheidung nicht einen so großen Wert beizumessen. Doch diesmal ließen die GVR-Mitglieder nicht locker. A m 9. Juli folgte ein weiteres Schreiben des Vertrauensrates, weil man den Eindruck gewonnen habe, „daß unsere Bedenken noch nicht in ihrem vollen Gewicht deutlich geworden sind" 86 . Nachdrücklich wurde abermals erklärt, daß „sowohl eine selbständige kirchliche Verwaltung wie auch insbesondere eine geistliche Leitung . . . nicht mehr möglich [seien], wenn alle Maßnahmen der kirchlichen Organe von der Genehmigung der Finanzabteilung abhängig sind". Es sei „eine Tatsache, daß derjenige, der über die Gelder verfügt, in Wirklichkeit die Kirchenleitung wahrnimmt". Der Vertrauensrat ging sogar noch weiter: Man sähe sich „ernstlich vor die Frage gestellt", so ließ man Muhs wissen, ob man „nicht in aller Kürze dem Führer des deutschen Volkes und der von ihm berufenen Reichsregierung unter Angabe der Gründe von diesem Tatbestand Kenntnis geben und sich außerstande erklären [müsse], seinem Auftrage noch ferner gerecht zu werden . . . W i r würden als Grund für unsere Entschließung vertreten müssen, daß der evangelischen Kirche mitten im Kriege ohne erkennbaren Anlaß durch einen neuen Kurs hinsichtlich der Finanzabteilungen die ihr reichsgesetzlich verbürgte Selbständigkeit praktisch völlig entzogen und ihr eine eigenständige Leitung sowohl nach Seiten der Verwaltung als auch nach Seiten der geistlichen Führung unmöglich" gemacht werde. Die Rücktrittsdrohung des Vertrauensrates verfehlte indes völlig ihre Wirkung. Muhs setzte seinen Kurs auch in den nächsten Monaten unbeirrt fort und betraute in zwei landeskirchlichen Finanzabteilungen jeweils Persönlichkeiten mit dem Vorsitz, die nicht der kirchlichen Verwaltung angehörten87. Weitere Versuche des Vertrauensrates, den amtierenden Kirchenminister von seinen Plänen abzubringen, scheiterten — weder reagierte er auf ein Schreiben des Vertrauensrates vom 2. November 194388 noch brachten mündliche Vorstellungen ein Ergebnis89. Cölle hingegen führte sich währenddessen immer mehr als der Herr über eine eigenständige Behörde auf. Nicht nur, daß er seine Dienstbezüge von

86

EBD.; L K A SCHWERIN, GVR-Handakten Schultz, III/5; eine weitere Durchschrift befin-

d e t s i c h i m L K A HANNOVER, S 1, E I I , 129d. 87 H . BRUNOTTE, Entwicklung, S. 72: In Schleswig-Holstein blieb Dr. Kinder Vorsitzender der Finanzabteilung, obwohl er Mitte 1943 aus der Kirchenverwaltung ausschied und Universitätskurator in Kiel wurde. Im Konsistorium Ostpreußen wurde die Leitung nicht dem neu ernannten Präsidenten Dr. Gefaeller, sondern einem Rechtsanwalt Dr. Ball übertragen. Vgl. auch das Protokoll der GVR-Sitzung am 19.10.1943 ( L K A HANNOVER, L 2, Nr. 7, Bd. 1). 88

E Z A BERLIN, 2/687; v g l . a u c h : P r o t o k o l l d e r G V R - S i t z u n g v o m 2.11.1943 ( L K A H A N -

NOVER, L 2, N r . 7, B d . 1). 89

H . BRUNOTTE, E n t w i c k l u n g , S. 72.

Staatskommissariat oder kirchliche Organe?

289

Muhs drastisch erhöhen ließ 90 , er verselbständigte auch immer mehr die Verwaltung der Finanzabteilung und stellte eigene Sachbearbeiter ein 91 . Gegenüber der Kirchenkanzlei und dem Vertrauensrat ging er zu einer stetigen Politik der Nadelstiche über. Nachdem am Abend des 22. November 1943 die Kirchenkanzlei durch Bombenangriffe schwer verwüstet worden war, hielt der Vertrauensrat seine Sitzung am 8. Dezember in den Räumlichkeiten der Reichsfrauenhilfe in Potsdam ab. Hierfür sollte der Reichsfrauenhilfe eine Spende zuteilwerden. Doch mußte der Vertrauensrat auf seiner Sitzung am 11. Januar 1944 davon Kenntnis nehmen, daß Cölle den angeforderten Betrag von 50 RM verweigerte. Das Protokoll der Sitzung bemerkt dazu lakonisch: „Die Mitglieder des Geistlichen Vertrauensrates geben diese Spende aus eigenen Mitteln" 92 . Erst im Mai gelang es endlich, Cölle dazu zu veranlassen, solche Kosten künftig durch die Finanzabteilung begleichen zu lassen93. Aber nicht nur gegenüber dem Vertrauensrat gebärdete sich Cölle als Staatskommissar. Auch gegenüber den Landeskirchen meinte er, sofern sie nicht sowieso eine Finanzabteilung besaßen, die er überwachen konnte, eine „Kontrollfunktion" wahrnehmen zu müssen. Das bezeichnendste Beispiel hierfür ist sein Verhalten gegenüber dem österreichischen Bischof Eder und dem sudetendeutschen Kirchenpräsidenten Wehrenfennig. Cölle drohte beiden mit dem Entzug von Finanzmitteln, sofern sie nicht ihre Unterschriften zu den 13 Sätzen des württembergischen Landesbischofs Wurm über „Auftrag und Dienst der Kirche" 94 zurückzögen 95 . Mit diesem, von Muhs gutgeheißenen Vorgehen96, hatte er bei dem österreichischen Landesbischof sogar Erfolg: Eder zog seine Unterschrift zurück. Der Vertrauensrat begnügte 9 0 Brief von Muhs an die Finanzabteilungen Hannover, Bremen und der DEK vom 1 8 . 6 . 1 9 4 3 ( L K A SCHWERIN, GVR-Handakten Schultz, III/9). Die Erhöhung des Gehalts von Cölle auf ca. 36.000 R M pro Jahr löste in der Kirchenkanzlei Empörung aus (EBD.: vgl. die „Fragen . . . betr. Bezüge von Herrn Dr. Cölle", ausgearbeitet von Brunotte). 91

H . BRUNOTTE, E n t w i c k l u n g , S. 7 2 .

92

E Z A BERLIN, 2 / 5 4 , BL. 5 3 f .

93 Die erste nachweisbare Bewilligung einer Spende für die Bereitstellung von Tagungsräumen und Unterkünften durch den Vorsitzenden der Finanzabteilung bei der D E K K stammt

v o m 1 9 . 5 . 1 9 4 4 (EBD., Bl. 14). 94 Vgl. J. THIERFELDER, Einigungswerk. Zum Verhältnis des Vertrauensrates zum Einigungswerk vgl. oben S. 1 7 5 - 1 8 2 . 9 5 Vgl. zum konkreten Vorgang J. THIERFELDER, Einigungswerk, S. 136 f. 9 6 Schreiben von Muhs an Fürle (Abschrift) vom 2 2 . 7 . 1 9 4 3 : Eine solche Handlungsweise, so meinte Muhs, könne er „auch nicht grundsätzlich m i ß b i l l i g e n . . . Denn die Unterschriften der sog. Wurm-Aktion weisen eine Reihe von Namen auf, die staatspolitisch wiederholt zu schweren Beanstandungen Anlaß gegeben haben." Im Gegenteil: „Daß einem Ubergreifen der W u r m A k t i o n auf die österreichische Landeskirche . . . von Seiten des Leiters der Finanzabteilung der Deutschen Evangelischen Kirchenkanzlei in gewisser Weise entgegengearbeitet worden sein mag, kann bei dieser Sachlage wohl nicht beanstandet werden" ( L K A STUTTGART, Bd. 115b VII, Altreg.).

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sich damit, diese Angelegenheit „zur Kenntnis" zu nehmen, da der organisierte Protest von Landesbischof Wurm, der Kirchenfiihrerkonferenz und dem Lutherrat getragen wurde 97 . Für neue Belastungen zwischen den reichskirchlichen Organen einerseits und dem Kirchenministerium andererseits sorgten Anfang März 1944 zwei von Muhs herausgegebene Erlasse. Unter dem l . M ä r z 1944 übersandte Muhs ein Schreiben, durch das er die Stellung der bei den Finanzabteilungen beschäftigten Personen näher bestimmen wollte 98 . Was Muhs als eine Interpretation der 15. Durchführungsverordnung kaschierte, war in Wirklichkeit ein weiterer Schritt auf dem Wege zu einer völligen Trennung von Finanzabteilungen und kirchlicher Verwaltung. So sollten fortan alle „bei einer Finanzabteilung tätigen kirchlichen] Beamten und Angestellten und die von einer Finanzabteilung zur Dienstleistung eingestellten Personen . . . in Ansehung dieser Dienste der Dienstaufsicht des Vorsitzenden der Finanzabteilung" unterstehen. Dieses bedeutete in disziplinarrechtlicher Hinsicht eine völlige Herauslösung der Finanzabteilungen aus der kirchlichen Verwaltung. Verweise, Dienststrafen, Beförderungen und Entlassungen konnten entweder vom Leiter der Finanzabteilung selbst ausgesprochen werden oder mußten von der kirchlichen Verwaltung auf seine Anweisung vorgenommen werden. Wenige Tage später ging ein weiterer, vom 6. März 1944 stammender Brief aus dem Kirchenministerium in der Kirchenkanzlei ein: Cölle sei, so ordnete Muhs an, zukünftig bei allen „Unbedenklichkeitserklärungen" landeskirchlicher Verordnungen, von denen direkte oder indirekte finanzielle Auswirkungen zu erwarten seien, zu beteiligen 99 . Was auf den ersten Blick nur nach einer weiteren Überwachung von finanziellen Belangen aussah, bedeutete faktisch eine Kontrolle großer Bereiche der landeskirchlichen Gesetzgebung durch den Vorsitzenden der Finanzabteilung, da fast alle Verordnungen, die der reichskirchlichen Zustimmung bedurften, in irgendeiner Weise auch finanzielle Folgen hatten. Was Cölle im Herbst 1942 aus eigener Kraft nicht erreicht hatte, schien ihm nun mit Hilfe des Kirchenministers zu gelingen — eine Ausweitung seines Staatskommissariats auf die Landeskirchen, verbunden mit einer gleichzeitigen Einschränkung der Kompetenzen des Vertrauensrates und der Kirchenkanzlei.

9 7 Schreiben der Kirchenfiihrerkonferenz an die Kirchenkanzlei vom 1 5 . 5 . 1 9 4 3 ( L K A STUTTGART, Bd. 115b VIII, Altreg.). Fürle leitete dieses Schreiben am 2 4 . 6 . 1 9 4 3 an Muhs weiter (EBD.); vgl. auch den Protestbrief Wurms an Muhs vom 3 . 7 . 1 9 4 3 ( H . HERMELINK, Kirche, S. 613 ff.). 9 8 Erlaß und Abschrift des Erlasses als Rundschreiben der Finanzabteilung bei der D E K K an die landeskirchlichen Finanzabteilungen vom 3 0 . 3 . 1 9 4 4 ( E Z A BERLIN, 1/A 4 / 5 0 5 ) . 9 9 Schreiben von Cölle an die landeskirchlichen Finanzabteilungen vom 1 7 . 3 . 1 9 4 4 mit Abschrift des Erlasses vom 6 . 3 . 1 9 4 4 (EBD.).

Staatskommissariat oder kirchliche Organe?

291

Die Kirchenkanzlei und der Vertrauensrat entschlossen sich, beim amtierenden Kirchenminister Protest gegen die zwei Erlasse einzulegen 10°. Beide Organe erklärten, sie seien weder bereit, ein eigenes Disziplinarrecht der Finanzabteilungen 101 noch ein Mitwirkungsrecht der DEK-Finanzabteilung bei der Erteilung von „Unbedenklichkeitserklärungen" für landeskirchliche Gesetze anzuerkennen 102 . In der Praxis verfuhr man denn auch entsprechend: Nach Aussage von Brunotte wurde in keinem Fall die Zustimmung der Finanzabteilung zu „Unbedenklichkeitserklärungen" eingeholt. Aber auch die Landeskirchen beteiligten sich — unabhängig von der kirchenpolitischen Richtung — an diesem Boykott, indem sie eigenmächtige „Unbedenklichkeitserklärungen" Cölles stets zurückwiesen 103 . Neben den schriftlichen Einwendungen gegen die beiden Erlasse wurde noch ein zweiter Weg beschritten: Gemeinsam ersuchten der Vertrauensrat und Fürle bei Muhs um eine Unterredung 104 . Doch auch dieses Mal ließ Muhs zur allgemeinen Überraschung durch seinen persönlichen Referenten mitteilen, daß er „sehr gerne bereit ist, die Mitglieder des Geistlichen Vertrauensrates allein zu empfangen". Doch zeigte er noch immer keine Bereitschaft, auch Fürle zu empfangen 105 . Selbst durch die Entgegnung des Ver100 Die Protokolle der GVR-Sitzungen vom 28./29.3.1944 ( E Z A BERLIN, 2/54, Bl. 64 f.) und vom 18.4.1944 (EBD., Bl. 69 f.) belegen die Verabschiedung der jeweiligen Schreiben. Die Entwürfe für die Schreiben stammten jeweils von Brunotte (GVR-Protokoll vom 28./29.3.1944). 101 Brief von Fürle an Muhs vom 19.4.1944. Fürle k o m m t zu dem Ergebnis: „ D i e von der 15. [ D J V O geschaffene Rechtsgrundlage wird durch den Erlaß vom 1. März wesentlich verschoben." Denn nach den Bestimmungen dieser Verordnung „ist die Finanzabteilung keine selbständige Behörde mit eigenem Behördenapperat, sondern eine für den Bezirk einer Landeskirche bzw. der Deutschen Evang. Kirche gebildete Abteilung der Kirchenbehörde." Insofern bleiben die Mitglieder dieser Abteilung auch der Kirchenbehörde, zu der sie gehören, disziplinarisch unterstellt. Abschließend bittet Fürle „ i m Einvernehmen mit dem Geistlichen Vertrauensrat der Deutschen Evangelischen Kirche dringend, die getroffene Entscheidung zu revidieren und den Erlaß vom 1. M ä r z 1944 . . . aufzuheben" ( E Z A BERLIN, 2/687; E Z A BERLIN, 1/A 4/504 und B A KOBLENZ, N L Schwarzhaupt, N r . 4, Bl. 58 f.). 102 Brief von Fürle an Muhs vom 21.4.1944. Fürle bezieht sich auf die mit Cölle bereits Ende 1942 geführten Verhandlungen: Schon damals habe er sich „ z u einer für beide Seiten durchaus annehmbaren Form enger Fühlungnahme bereit erklärt." Allerdings habe er gemeinsam mit dem G V R auch schon damals davor gewarnt, die Rechtsgrundlagen der Finanzabteilungen zu verändern: „Würde die Zustimmung der Finanzabteilung zu meiner Unbedenklichkeitserklärung jetzt neu eingeführt werden, so wäre das ein neuer Schritt auf dem Wege der während der letzten beiden Jahre immer wieder beobachteten Entwicklung der Einschränkung der Kirchenleitung auf dem ihr nach dem 15. D V O ausschließlich verbliebenen Zuständigkeitsbereich zu Gunsten der Finanzabteilung" (EBD., Bl. 61 f.). 103 H . BRUNOTTE, Entwicklung, S. 73 f.; vgl. auch: Protokoll der GVR-Sitzung vom 13./14.6.1944 ( E Z A BERLIN, 2/54, Bl. 72-74); der Eingang von Protestschreiben der Landeskirchen H a m b u r g und Bayern gegen den Erlaß vom 6 . 3 . 1 9 4 4 wird bestätigt. 104 In den Schreiben vom 19.4.1944 (oben A n m . 101) bzw. 21.4.1944 (oben A n m . 102) wird jeweils der Wunsch nach einer Besprechung geäußert. 105 Schreiben von Büchner an Schwarzhaupt v o m 24.4.1944 ( E Z A BERLIN, 2/53, Bl. 12).

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trauensrates, daß diese Angelegenheit nur im Beisein von Fiirle besprochen werden könne 106 , ließ Muhs sich nicht bewegen, auch den Vizepräsidenten der Kirchenkanzlei zu der Besprechung hinzuzuziehen. Über die persönlichen Auseinandersetzungen hinausgehend, teilte er stattdessen am 6. Juni auch noch mit, daß er sich Fürles Auffassung über das Wesen der Finanzabteilungen nicht zu eigen machen könne. Als Marahrens am 15. Juni 1944 mit dem amtierenden Kirchenminister ein Vermittlungsgespräch führte, beteuerte Muhs abermals, Fürle habe sich ihm gegenüber so verhalten, „daß ich ihn nicht mehr empfangen kann...", da sich dieses „nicht mit der Würde meines Amtes verträgt" 107 . Doch sei er immer noch bereit, alleine mit dem Geistlichen Vertrauensrat über die fragliche Verordnung zu sprechen. Am 29. Juni berichtete Marahrens dieses den übrigen Mitgliedern des Vertrauensrates108. Man einigte sich darauf, vor weiteren Schritten Rücksprache mit Fürle zu halten. Zu diesem Zweck wurde Brunotte beauftragt, Fürle, der inzwischen zu einer militärischen Dienststelle nach Breslau versetzt worden war, aufzusuchen, ihm über die derzeitige Situation zu berichten und seine Stellungnahme dazu zu erfahren 109 . Fürle sei, so berichtete Brunotte am 20. Juli in einer GVR-Sitzung, über die angeblich weitreichenden Spannungen zwischen ihm und dem Staatssekretär äußerst überrascht gewesen. Es habe zwar Meinungsverschiedenheiten gegeben, doch habe er sich immer um eine sachliche Linie gegenüber Muhs bemüht 110 . Der Vertrauensrat befand sich nun in einer schwierigen Situation: Einerseits hatte Muhs in der Unterredung mit Marahrens nochmals sein Gesprächsangebot über die Erlasse vom 1. und 6. März 1944 erneuert, andererseits verpflichteten die Loyalität und inhaltliche Ubereinstimmung mit Fürle dazu, nicht ohne ihn zu verhandeln 111 . Um erneut Handlungsfreiheit zu gewinnen, schien es notwendig, beide Angelegenheiten getrennt zu behandeln. Offen blieb nur, in welcher Reihenfolge die Einzelfragen geklärt werden sollten. Während Marahrens erst die Zwistigkeiten zwischen Fürle und Muhs bereinigen wollte, hielt die Kirchenkanzlei — wie ein internes „Material"Papier, das zur Vorbereitung der GVR-Sitzung am 29. und 30. Juni dienen sollte, belegt — es auch für möglich, zuerst ein Gespräch mit dem amtieren106

Schreiben des Vertrauensrates (Unterschriften von Marahrens, Schultz und Hymmen)

a n M u h s v o m 2 . 5 . 1 9 4 4 (EBD., Bl. 13). 107

Protokoll der Begegnung zwischen Muhs und Marahrens am 15.6.1944 (LKA HANNOL 2, Nr. 7, Bd. 2). 108 Protokoll der GVR-Sitzung vom 29.6.1944 (EZA BERLIN, 2/54, BL. 75 f.).

VER,

109

EBD.

110

Der Inhalt des Gesprächs zwischen Fürle und Brunotte läßt sich teilweise aus dem Brief von Marahrens an Muhs vom 20.7.1944 rekonstruieren (LKA HANNOVER, L 2, Nr. 7, B d . 2 b z w . E Z A BERLIN, 2 / 5 3 , Bl. 2 1 f.). 111 EBD.

Staatskommissariat oder kirchliche Organe?

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den Kirchenminister zu führen. Man müsse Fürle nur „entsprechend . . . orientieren, damit dieser nicht auf die Idee kommt, der Geistliche Vertrauensrat wolle ihm in den Rücken fallen" 112 . Das Ergebnis der GVR-Sitzung am 20. Juli 1944 lief auf eine Entscheidung zugunsten des Vorschlages von Marahrens hinaus113. Noch am selben Tag teilte dieser dem Staatssekretär brieflich mit, daß es der Vertrauensrat für notwendig halte, ein „ungetrübtes sachliches Arbeitsverhältnis" wiederherzustellen, „ehe an eine Weiterführung des Gespräches über die schwebenden Fragen, vor allem über die Befugnisse der Finanzabteilung, gedacht werden" könne 114 . Gleichzeitig bot der hannoversche Landesbischof seine Vermittlerdienste an. Diese Befriedungsvorschläge hinderten den Vertrauensrat jedoch nicht daran, auch in der Sache selbst eine feste Position einzunehmen: am 29. Juli wurde Muhs die offizielle Antwort des Vertrauensrates auf das Schreiben vom 6. Juni 1944 übermittelt. Man habe sich, so hieß es in dem Schreiben, die von Fürle vertretene Rechtsauffassung über den Charakter der Finanzabteilungen als kirchliche Einrichtungen zu eigen gemacht und müsse deshalb der Ansicht des Kirchenministeriums energisch widersprechen115. Aber auch Cölle dürfte gespürt haben, daß es ihm diesesmal nicht so leicht gelingen werde, die Kirchenkanzlei und den Vertrauensrat zu Konzessionen zu bewegen. Denn auch er hatte sich an das Kirchenministerium gewandt und den dort tätigen Landgerichtsrat Haugg gebeten, zur Besprechung einiger Fragen, „deren Erörterung mit der Kirchenkanzlei mir am Herzen liegt", nach Stolberg116 zu kommen 117 . Wohl als Reaktion auf die Bitte von Cölle und die feste Haltung des Vertrauensrates lenkte Muhs schließlich ein und schickte am 1. August 1944 Haugg nach Stolberg, um mit den noch anwesenden Referenten der Kirchenkanzlei, Schwarzhaupt und Brunotte, sowie dem Vorsitzenden der Finanzabteilung ein Gespräch über die Handhabung des Erlasses vom 6. März zu führen. Das Ergebnis „einer längeren Aussprache" war das sog. „Stoiberger Protokoll" 118 , das auf eine genaue Beschreibung derjenigen Gebiete abzielte, bei denen die Erteilung von Unbedenklichkeitserklärungen für landeskirchliche Gesetze durch die Kirchenkanzlei an die Zustimmung der Finanzabtei-

112

E Z A BERLIN, 2 / 5 4 , BL. 78 f.

Protokoll der GVR-Sitzung vom 20.7.1944 (EBD., Bl. 80). »« Vgl. oben Anm. 110. 115 Vermerk vom 8.12.1944 (LKA SCHWERIN, GVR-Handakten Schultz, III/9); vgl. auch H. BRUNOTTE, Entwicklung, S. 74. 116 Stolberg war seit dem Februar 1944 Sitz der Kirchenkanzlei (vgl. unten S. 325). 113

117

Schreiben von Cölle an Haugg.vom 1 2 . 7 . 1 9 4 4 ( E Z A BERLIN, 1 / A 4 / 5 0 6 ) .

„Vermerk über die gemeinsame Besprechung zwischen KK und FA in Anwesenheit von Landgerichtsrat Haugg . . . am 1.8.1944"; angefertigt am 3.8.1944 (BA KOBLENZ, NL Schwarzhaupt, Nr. 4, BL. 63 und EZA BERLIN, 2/54, BL. 83 f.). 118

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lung der D E K gebunden werden sollte. Es wurde vereinbart, Cölle künftig zu einer Reihe von Angelegenheiten hinzuzuziehen, die in diesen Bereich gehörten 119 . Doch fast genauso wichtig wie die Fixierung der in Frage kommenden Gebiete war die Regelung des Verfahrens, durch das die Finanzabteilung ihre Stellungnahme abgeben sollte. Das „Stoiberger Protokoll" hielt hierzu fest: „Die Zustimmung der Finanzabteilung wird nur gegenüber dem Herrn Leiter der Kirchenkanzlei ausgesprochen". Durch die Formulierung kam deutlich zum Ausdruck, daß die Finanzabteilung nicht als eine eigenständige, der Kirchenkanzlei gleichgestellten Behörde, sondern als ein Teil der kirchlichen Verwaltung betrachtet werden mußte. Aber auch die Bereinigung des gespannten Verhältnisses zwischen Muhs und Fürle wurde vom Kirchenministerium in Angriff genommen. So erhielt Marahrens drei Tage nach der Besprechung in Stolberg Antwort auf sein Schreiben vom 20. Juli: Ministerialrat Büchner, der persönliche Referent von Muhs, ersuchte Marahrens darin um ein baldiges Gespräch 120 . Das Ergebnis der Zusammenkunft, die dann am 18. August stattfand, konnte beide Seiten zufriedenstellen. Einerseits ließ Muhs erklären, er werde Fürle empfangen, falls dieser darum bitte. Im Gegenzug wurde für den 30. August 1944 eine Zusammenkunft zwischen dem Vertrauensrat — diesmal noch ohne Fürle — und dem amtierenden Kirchenminister vereinbart 121 . Der Empfang bei Muhs am 30. August 1944 erbrachte jedoch nicht die erhofften Ergebnisse. Zwar wurde das „Stoiberger Protokoll" allseits akzeptiert und damit eine verbindliche Auslegung für den Erlaß vom 6. März 1944 gefunden, doch konnte man sich nicht über die Einräumung eines Disziplinarrechts für die Finanzabteilungen einigen. In aller Deutlichkeit beklagte sich Marahrens später in einem Bericht für die Kirchenführerkonferenz über den Verlauf des Empfangs: „In dieser Debatte brach die ganze Not auf, in die die Kirchen mit den Finanzabteilungen gebracht werden" 122 . Wie sehr aber dem Kirchenministerium an einer einvernehmlichen Regelung über die disziplinarischen Kompetenzen der Finanzabteilung lag, zeigen die folgenden Ereignisse: Schon wenige Tage nach dem Zusammentreffen des Vertrauensrates mit Muhs übersandte das Kirchenministerium der Kirchenkanzlei am 7. September 1944 Modifikationsvorschläge zu dem 119 Folgende Bereiche fielen hierunter: ,,a) Besoldungswesen (Beamten-, Pfarrer- und Angestelltenbesoldung), b) Steuerangelegenheiten, c) Beitrags- und Umlagenrecht, d) Gebührenwesen, e) Kassen- und Rechnungswesen, f) Haushaltswesen, g) Staatsleistungen und dgl., h) Bildung von Gesamtverbänden, i) Finanzzweckverbände". 120

S c h r e i b e n v o m 3 1 . 7 . 1 9 4 4 ; E i n g a n g s v e r m e r k v o m 4 . 8 . 1 9 4 4 ( L K A HANNOVER, L 2 ,

Nr. 7, Bd. 2). 121 Bericht von Marahrens über das Zusammentreffen mit Büchner an die Geschäftsstelle v o m 2 1 . 8 . 1 9 4 4 ( E Z A BERLIN, 2 / 5 3 , Bl. 2 3 f.). 122 Bericht von Marahrens an die Kirchenführerkonferenz über die Tätigkeit des GVR vom 6.12.1944 (LKA HANNOVER, L 2, Nr. 7, Bd. 3).

Staatskommissariat oder kirchliche Organe?

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Erlaß vom 1. März 1944 123 . Am 28. September erschien Haugg im Auftrag des Kirchenminsiters gar persönlich in der Kirchenkanzlei; offensichtlich sollte er — analog zum „Stoiberger Protokoll" — auch in dieser Angelegenheit eine Einigung mit der Kirchenkanzlei erzielen. Haugg schlug vor, der Kirchenkanzlei ein stärkeres Mitwirkungsrecht bei der Handhabung des Erlasses einzuräumen, und erklärte sich sogar bereit, den Erlaß in einigen Punkten abzuschwächen. So sollten Verwarnungen und Verweise der Finanzabteilungen nicht als Dienststrafen im Sinne des Disziplinarrechts betrachtet werden. Auch stellte er in Aussicht, eine Zustimmungspflicht der Kirchenkanzlei für alle innerhalb der Finanzabteilungen vorgenommenen Beförderungen in den Erlaß vom 13. März 1944 aufzunehmen 124 . Als die Referenten der Kirchenkanzlei dem Vertrauensrat in der Sitzung am 5. und 6. Oktober diese Vorschläge unterbreiteten, lehnte sie dieser jedoch eindeutig ab. Man empfahl der Kirchenkanzlei, „sich an den angebotenen Modifikationen des Erlasses nicht zu beteiligen und . . . zu schreiben, daß sein [Muhs'] Schreiben v. 7. September 1944 die erhobenen Bedenken nicht behebt" 1 2 5 . Wie berechtigt das Mißtrauen der reichskirchlichen Organe gegenüber dem Kirchenministerium und der Finanzabteilung war, zeigte sich schon bald. Muhs setzte nämlich ohne jede Rücksicht auf die Verhandlungen mit dem Vertrauensrat seinen Plan einer möglichst weitgehenden finanziellen Kontrolle der evangelischen Kirche unbeirrt fort. So mußte der Vertrauensrat noch in derselben Sitzung, in der er über das Kompromißangebot des Kirchenministeriums beraten hatte, von der Ernennung Cölles zum Mitglied der altpreußischen Finanzabteilung Kenntnis nehmen 126 . Für Cölle, der damit in fünf Finanzabteilungen vertreten war, bedeutete diese Ernennung einen weiteren Machtzuwachs 127 . Doch auch in qualitativer Hinsicht sollten die Finanzabteilungen weiter ausgebaut werden. A m 12. Oktober 1944 versandte Cölle ein als „vertraulich" gekennzeichnetes Rundschreiben an die Finanzabteilungen der Landeskirchen, in dem er mitteilte, daß von Seiten des Kirchenministers keine Bedenken bestünden, wenn sich die Vorsitzenden der Finanzabteilungen 123 Protokoll der GVR-Sitzung v o m 5 . / 6 . 1 0 . 1 9 4 4 ( E Z A BERLIN, 2 / 5 4 , BL. 9 0 - 9 2 ) und Verm e r k v o m 8 . 1 2 . 1 9 4 4 ( L K A SCHWERIN, G V R - H a n d a k t e n Schultz, III/9). 124 EBD. 125 Protokoll der GVR-Sitzung v o m 5 . / 6 . 1 0 . 1 9 4 4 ( E Z A BERLIN, 2 / 5 4 , Bl. 9 0 - 9 2 ) .

126 „Präsident D. Hymmen teilt mit, daß nach einer mündlichen Besprechung zwischen Staatssekretär Dr. Muhs und VPR Dr. Evers dem E.O. in Berlin mitgeteilt worden ist, daß Dr. Cölle die Leitung der FA in Altpreußen übernehmen soll. Inzwischen ist auch die offizielle Mitteilung eingegangen, daß Dr. Cölle Mitglied der altpreuss. FA geworden ist" (EBD.). Die Ernennung wurde am 28.9.1944 (GB1DEK [Ausg. B] 1944, S. 41) offiziell bekanntgegeben. 127 Neben der neuen Mitgliedschaft in der altpreußischen Finanzabteilung und der Leitung der Finanzabteilung bei der DEK-Kirchenkanzlei führte Cölle noch den Vorsitz der Finanzabteilungen in Hannover, Braunschweig und Bremen.

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künftig als „Leiter der Finanzabteilung" bezeichneten. Zur Begründung führte er an, daß allein die Vorsitzenden die Verantwortung für Entschließungen trügen — die Finanzabteilungen seien insofern ausgesprochen „Präsidialbehörden". Die neue Bezeichnung sei geeignet, diesem Sachverhalt Ausdruck zu verleihen128. Cölle war also bestrebt, durch die Wahl seiner Amtsbezeichnung die Selbständigkeit der Finanzabteilungen herauszustellen: Neben dem selbstverständlichen Gebrauch des Begriffs „Behörde" für die Finanzabteilungen fällt bei der Wahl der Bezeichnung „Leiter der Finanzabteilung" die Ähnlichkeit zu dem Titel „Leiter der Kirchenkanzlei" auf — eine Parallele, die bestimmt nicht unabsichtlich gewählt wurde. Mitte Dezember erfuhr der Vertrauensrat durch Vortrag Brunottes von Cölles vertraulichem Rundschreiben129. Ein bereits von der Kirchenkanzlei vorbereitetes Protestschreiben an Cölle, das abschriftlich auch den Landeskirchen zugehen sollte, fand bei den anwesenden GVR-Mitgliedern allgemeine Zustimmung. In diesem Schreiben wurde auf die Rechtswidrigkeit der Titeländerung Cölles hingewiesen und gleichzeitig angeordnet, daß „für den Geschäftsbereich der Deutschen Evangelischen Kirchenkanzlei . . . in Zukunft ausschließlich die der 15. Durchführungsverordnung entsprechende Bezeichnung ,Der Vorsitzende der Finanzabteilung' anzuwenden ist"13°. Obwohl sowohl Cölle als auch Muhs versuchten, die Versendung des Schreibens an die Landeskirchen zu verhindern131, wurde dieses am 10. Februar 1945 an alle Landeskirchen übersandt132. Doch zu diesem Zeitpunkt hatten die ganze Angelegenheit und selbst solche geharnischten Proteste nur noch marginalen'Rang. Sowohl die Kompetenzerweiterungsversuche von Cölle als auch das Schreiben der Kirchenkanzlei gingen in den allgemeinen Wirren der letzten Kriegswochen unter. Dennoch sollte es noch gut zwei Monate dauern, ehe am 16. April 1945 Brunotte, der als dienstältester theologischer Sachbearbeiter nach der Besetzung Stolbergs durch amerikanische Truppen die Leitung der Kirchenkanzlei übernommen hatte, Cölle von seiner Funktion enthob133. Damit fand die Institution einer Finanzabteilung für die DEK ihr Ende. 128

BA KOBLENZ, N L S c h w a r z h a u p t , N r . 4, Bl. 66.

129

Protokoll der GVR-Sitzung vom 1 1 . / 1 2 . 1 2 . 1 9 4 4 (EZA BERLIN, 2 / 5 4 , Bl. 9 8 - 1 0 0 ) . H . BRUNOTTE, Entwicklung, S. 74, irrt, wenn er das Bekanntwerden dieses Briefes erst auf Anfang Januar 1945 datiert. 130

BA KOBLENZ, N L S c h w a r z h a u p t , N r . 4, Bl. 65 f.

131

Cölle hatte den Entwurf für das Rundschreiben zufällig im Geschäftszimmer der DEKK gesehen. Er wandte sich an Brunotte, um ihn aufzufordern, das Schreiben nicht zu versenden (EZA BERLIN, 1/A 4/507: Vermerk von Cölle vom 25.1.1945). Nachdem Cölle Muhs über das geplante Schreiben der Kirchenkanzlei informiert hatte, forderte dieser die DEKK ebenfalls auf, das Schreiben nicht zu versenden (EBD.). 132 Datum auf dem Rundschreiben (BA KOBLENZ, N L Schwarzhaupt, Nr. 4, Bl. 65 f.). 133

H . BRUNOTTE, E n t w i c k l u n g , S. 75.

Der Kampf um die Kirchenkanzlei

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4. Der Kampf um die Kirchenkanzlei Seitdem Vizepräsident Dr. Fürle aufgrund der kriegsbedingten Abwesenheit von Präsident Dr. Werner die Leitung der Kirchenkanzlei innehatte, herrschte in allen wichtigen Fragen zwischen dieser Leitungsbehörde und dem Geistlichen Vertrauensrat Einvernehmen134. Hingegen verschlechterten sich die Beziehungen zwischen den reichskirchlichen Leitungsorganen und dem Kirchenministerium ständig, seitdem dort Staatssekretär Muhs die Geschäfte führte. Besonders das Verhältnis zwischen Muhs und Fürle war aufs äußerste gespannt, da—neben den sachlichen Meinungsverschiedenheiten — noch persönliche Differenzen hinzukamen135. Als Fürle, der seit 1941 auch bei einer militärischen Dienststelle in Berlin tätig war, im Herbst 1943 nach Breslau versetzt wurde, schien dieses für Muhs der willkommene Anlaß, sich des unbotmäßigen Vizepräsidenten zu entledigen und die Leitung der Kirchenkanzlei in willfährigere Hände zu legen. So wandte sich Muhs bereits wenige Wochen nach der Versetzung Fürles an den Geistlichen Vertrauensrat, um ihm mitzuteilen, daß er die Regelung von Fürles Vertretung selbst in die Hand zu nehmen gedenke; von Fürle erbat er „geeignete Vorschläge" für eine Neubesetzung136. Diese Absicht lief den übereinstimmenden Plänen von Fürle und dem Vertrauensrat völlig zuwider. Deren einhellige Bemühungen zielten nämlich darauf ab, nicht auch noch die Kirchenkanzlei zu einem willigen Werkzeug von Muhs' Kirchenpolitik werden zu lassen. So hatte man sich in der GVR-Sitzung am 8. Dezember 1943 darauf geeinigt, die „Leitung der Deutschen Evangelischen Kirchenkanzlei einschließlich der Leitung der Deutschen Evangelischen Kirche nach der 17. Durchführungsverordnung auf Herrn Oberkonsistorialrat Dr. Gisevius" zu übertragen137. Fürle sollte dem Kirchenministerium diese Auffassung der reichskirchlichen Leitungsorgane mitteilen. Dieses tat er denn auch: In einem Schreiben an Muhs schlug Fürle in Ubereinstimmung mit dem Vertrauensrat vor, fortan Gisevius mit der „uneingeschränkten Vertretung" — also einschließlich der aus der 17. Durchführungsverordnung von 1937 resultierenden Befugnisse — zu beauftragen138. Vgl. oben S. 174 f. Vgl. oben S. 277-283. 136 Schreiben an Fürle vom 30.11.1943 (EZA BERLIN, 2/65); vgl. auch: Protokoll vom 8.12.1943 (LKA HANNOVER, L 2, Nr. 7, Bd. 2). Daß das Reichskirchenministerium einen eigenen Vorschlag für die Besetzung von Fürles Posten hatte, geht aus dem Protokoll vom 11.1.1944 (EZA BERLIN, 2/54, BL. 53 f.) hervor. In dieser Sitzung erklärte sich der Vertrauensrat gegen den Kandidaten des Ministeriums. 134 135

137

Protokoll der GVR-Sitzung v o m 8 . 1 2 . 1 9 4 3 ( L K A HANNOVER, L 2, N r . 7, Bd. 1);

ebenso: Protokoll der GVR-Sitzung vom 11.1.1944 (EZA BERLIN, 2/54, BL. 53 f.). 138

Schreiben v o m 9 . 1 2 . 1 9 4 3 ( E Z A BERLIN, 2 / 6 5 ) .

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Im Januar 1944 spitzte sich die Situation weiter zu, da Muhs erneut Überlegungen zur Umbesetzung der Kirchenkanzlei anstellte. Der Geistliche Vertrauensrat „würde überlegen müssen", so wurde im Protokoll der Sitzung vom 11. Januar 1944 niedergelegt, „ob er im Falle einer Ernennung von Herrn KR. seine Aufgabe für erledigt ansehen muß" 139 . Wer sich allerdings hinter dem Kürzel „KR" verbirgt, läßt sich aus dem Protokoll nicht entnehmen. Nicht ausgeschlossen erscheint es, daß damit der sächsische Oberlandeskirchenrat Willy Kretzschmar gemeint war 140 . Kretzschmar, der Leiter der sächsischen Finanzabteilung, galt als Finanzfachmann; insofern hätte seine Berufung gut in das Konzept von Muhs gepaßt. Hinzu kam, daß zwischen Kretzschmar und dem juristischen Leiter der sächsischen Landeskirche, Präsident Johannes Klotsche, seit längerem ein gespanntes Verhältnis herrschte141, so daß im Kirchenministerium auch eine anderweitige Verwendung von Kretzschmar erwogen wurde. Allerdings lassen sich — außer den beiden o.a. Indizien — keine Dokumente finden, die als Belege für derartige Überlegungen angeführt werden könnten. Kretzschmar wurde zwar in der Tat im März 1944 vom Kirchenministerium aus Dresden abgezogen, doch bestand sein Auftrag im wesentlichen in einer Tätigkeit in der Finanzabteilung bei der Kirchenkanzlei in Stolberg. Seine gleichzeitige Beauftragung zu Dienstleistungen in der badischen Finanzabteilung konnte er wegen der schwierigen Verkehrsverhältnisse kaum wahrnehmen 142 . Es hat den Anschein, als ob die Auseinandersetzung um Fürles Vertretung mit einem Patt enden sollte: Weder wurde eine Umbesetzung in der Leitung der Kirchenkanzlei im Sinne von Muhs vorgenommen, noch erlangte die vom Vertrauensrat und der Kirchenkanzlei geplante Stellvertretungsregelung Gültigkeit. Fürle blieb somit nominell weiterhin Leiter der Kirchenkanzlei 143 , obwohl aufgrund seiner kriegsbedingten Abwesenheit und der schwierigen Kommunikation der Vertrauensrat immer mehr zum faktischen Leitungsorgan der DEK wurde 144 . 139 EZA BERLIN, 2/54, BL. 53 f.: Diese Zeilen wurden im Protokoll nachträglich durchgestrichen (Randvermerk: „streichen"). Wahrscheinlich wurde die Rücktrittsdrohung gegenüber Muhs nie ausgesprochen. 1 4 0 P. FLEISCH, Kirchengeschichte, S. 292, schreibt: „Er [sc.: Fürle] sollte durch Kretzschmar ersetzt werden, der wegen Schwierigkeiten mit Klotsche in Sachsen ausschied. Glücklicherweise gelang es dem Vertrauensrat, sich dagegen mit Erfolg zu wehren." 141

V g l . K . MEIER, K i r c h e n k a m p f , B d . 3 , S. 5 2 6 ; 5 2 8 f .

142

EBD., S. 5 2 6 .

Während der GVR-Sitzungen wurde der Leiter der Kirchenkanzlei durch Referenten vertreten. Ausdrückliche Erwähnung in den GVR-Protokollen fanden folgende Personen: Gisevius vertrat Fürle am 1 5 . 2 . 1 9 4 4 (EZA BERLIN, 2/54, Bl. 60 f.), 2 9 . 2 . 1 9 4 4 (EBD., Bl. 62 f.) und am 2 . 5 . 1 9 4 4 (EBD., Bl. 71); Brunotte vertrat Fürle am 14./15.6.1944 (EBD., Bl. 72-74), 143

2 9 . / 3 0 . 6 . 1 9 4 4 (EBD., B l . 7 5 f . ) , 2 0 . 7 . 1 9 4 4 (EBD., B l . 8 0 ) . A m 2 9 . 8 . 1 9 4 4 (EBD., B l . 8 5 f . ) u n d a m

5./6.10.1944 (EBD., Bl. 90-93) wird Heyer als Vertreter Fürles genannt. 144 Die Kommunikation mit Fürle beschränkte sich im wesentlichen auf Briefwechsel. Zumeist wurde auf diesem Weg auch die Einverständniserklärung Fürles zu Schreiben, die in

Der Kampf um die Kirchenkanzlei

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Im Winter 1944/45 unternahm Muhs allerdings einen erneuten Vorstoß, um die bestehenden Verhältnisse in der Kirchenkanzlei zu ändern. Bereits im Dezember 1944 erwog er, so berichtet Brunotte, „für Dr. Werner bei der Wehrmacht einen längeren Arbeitsurlaub zu erwirken, um an die Stelle von Fürle wieder den gefügigeren Werner zu bekommen; für diese Vergünstigungen sollte dem Präsidenten Werner die Verpflichtung auferlegt werden, den Vertrauensrat umzubilden und dessen Aktivität zu beschneiden" 145 . Tatsächlich kam es jedoch ganz anders: Nur wenige Tage, nachdem Muhs dem Vertrauensrat anläßlich eines Empfangs am 11. Januar 1945 erklärt hatte, er werde keine Änderungen in den Leitungsstrukturen der D E K ohne vorherige Rücksprache mit dem Vertrauensrat vornehmen 146 , besetzte er den Posten des Leiters der Kirchenkanzlei neu. Am 3. Februar 1945 informierte er die Kirchenkanzlei — den Vertrauensrat setzte er nur „nachrichtlich" davon in Kenntnis —, daß er „in Abänderung früher ergangener Bestimmungen wegen zufolge des Krieges vorliegender tatsächlicher Behinderung" den Präsidenten des Landeskirchenamtes Schleswig-Holsteins, Herbert Bührke, „mit der einstweiligen Wahrnehmung der Geschäfte und mit der Vertretung des Leiters der Deutschen Evangelischen Kirche" beauftragt habe 147 . Inwieweit dieses nach Absprache oder gar auf Bitten des Leiters der DEK-Finanzabteilung geschah 148 , muß dahingestellt bleiben. Sicher ist indes, daß Fürle ein entschiedener Gegner der machtpolitischen Gelüste Cölles war 149 . Eine Ausschaltung Fürles konnte die Position Cölles nur stärken. Welche Erwartungen Muhs bei diesem Machtkampf in Bührke setzte, bleibt unklar 150 . Im Auftrage des Vertrauensrates, der in seiner Sitzung am 22. Februar beschloß, gegen die Berufung Bührkes zu protestieren 151 , verfaßte Vizepräsident Hymmen ein Protestschreiben, in dem er, wie er selbst urteilte, sich bemühte, „rückhaltlos zu sagen, was gesagt werden muß, ohne das Tischtuch seinem Namen herausgehen sollten, eingeholt. Ein einziges Mal, am l ì . 10.1944, fand eine GVR-Sitzung in Breslau statt ( E Z A BERLIN, 2 / 5 4 , Bl. 9 4 - 9 7 ) , u m auf diese Weise Fürle die Teilnahme zu ermöglichen. Im Februar 1945 brach der Kontakt für mehrere Wochen sogar völlig ab. H . BRUNOTTE, Kurs, S. 143 f. Das Protokoll v o m 2 2 . 2 . 1 9 4 5 ( E Z A BERLIN, 2 / 5 4 , BL. 104) hielt fest, daß in einem Schreiben an Muhs zum Ausdruck gebracht werden sollte, „daß der G V R über diese Maßnahme [sc.: die Ablösung Fürles], die er aufgrund des Gesprächs v o m 1 1 . 1 . 4 5 zur Zeit nicht erwarten konnte, außerordentlich befremdet ist." 145 146

1 4 7 L K A HANNOVER, L 2, Nr. 7, Bd. 2. — H . BRUNOTTE, Kurs, S. 144 und, ihm folgend, K . MEIER, Kirchenkampf, Bd. 3, S. 148, geben fälschlicherweise den 2 2 . 2 . 1 9 4 5 als D a t u m für das Schreiben von Muhs an. 1 4 8 So äußert H . BRUNOTTE, Kurs, S. 144, die Ansicht, daß die Ablösung von Fürle dem Wirken Cölles zu verdanken war.

Vgl. oben S. 2 8 3 - 2 9 6 . Bührke leitete die Landeskirche Schleswig-Holstein seit dem 1 . 9 . 1 9 4 3 . E r war damit Nachfolger von Christian Kinder, der z u m Universitätskurator der Universität Kiel ernannt wurde (KGVOBl Schleswig-Holstein 1943, S. 47). 149 150

151

Protokoll der GVR-Sitzung v o m 2 2 . 2 . 1 9 4 5 ( E Z A BERLIN, 2 / 5 4 , Bl. 1 0 4 - 1 0 7 ) .

300

Auf dem Weg zur entmündigten Kirche (1942-1945)

zwischen uns und dem Kirchenministerium geradezu zu zerschneiden"152. Die Abberufung Fiirles, so meinte Hymmen 153 , sei gänzlich unverständlich, da hierdurch keine Schwierigkeiten behoben, sondern neue geschaffen würden. Denn mit Fürle sei es trotz seiner militärischen Verwendung in Breslau immer noch möglich gewesen, Kontakt zu halten. Wie indes eine Zusammenarbeit mit dem der Kirchenkanzlei unbekannten und mit der Materie unvertrauten Präsidenten Biihrke möglich sein solle, wisse man nicht. Zudem liege dessen Wohnort Timmendorfer Strand154 „verkehrstechnisch ganz besonders ungünstig". Aber ebenso wie über das Vorgehen selbst empörte sich Hymmen über die Form. Er warf Muhs vor, die Leitung der DEK durch seinen Schritt „als bloßes Objekt staatlicher Maßnahmen" zu behandeln. Selbst für den loyalen Hymmen stellte sich die Frage, ob es denn überhaupt noch Sinn habe, „daß wir [sc.: der GVR] noch weiter die persönliche Verbind mg durch mündliche Aussprachen mit Ihnen pflegen, wenn doch praktisch über unser Urteil hinweggegangen wird". Dieser Brief wurde zur Unterzeichnung zuerst nach Hannover geschickt. Marahrens leitete ihn dann weiter nach Schwerin. Von dort kam er allerdings ohne die Unterschrift von Schultz zurück, denn dieser hatte Bedenken gegen einzelne Formulierungen155. Da die Postverbindungen jedoch zwischenzeitlich eingestellt wurden, unterblieb ein weiterer Versuch, sich über einen neuen Protestbrief zu einigen. Zu einer Zusammenarbeit mit Bührke kam es allerdings auch nicht, da Hymmen sich weigerte, Akten zu zeichnen, die auch Bührkes Unterschrift bedurft hätten156. Doch auch ohne den Protestbrief war das Kirchenministerium über die Einwände des Vertrauensrates informiert. Denn Marahrens hatte bereits am 27. Februar bei einem Besuch in Wittenberg, dem Ausweichquartier des Kirchenministeriums, die Bedenken des Vertrauensrates gegen die Abberufung von Vizepräsident Fürle vorgebracht. In einem Gespräch mit Landgerichtsrat Haugg157 wies er auf die „Störung der werdenden Vertrauensatmosphäre" zwischen dem Vertrauensrat und dem Kirchenministerium hin. Auch warnte er vor den negativen Folgen der durch Bührkes Berufung 152

Brief (Abschrift) von Hymmen an Schultz vom 5.3.1945 (LKA H A N N O V E R , L 2, Nr. 7, Bd. 2). 153 Brief von Hymmen an Muhs vom 3 . 3 . 1 9 4 5 ( E B D . ) . 154 Timmendorfer Strand wurde nach der Ausbombung des Kieler Landeskirchenamtes im Januar 1944 zur Ausweichstelle. 155 Schreiben von Schultz an Schwarzhaupt vom 14.3.1945 und Brunotte vom 19.3.1945 mit beiliegenden Verbesserungsvorschlägen (EZA BERLIN, 2/65). Vermerk der GVR-Geschäftsstelle vom 2 8 . 4 . 1 9 4 5 ( E B D . ) . 157 Brief von Marahrens an Brunotte vom 7.3.1945 (LKA H A N N O V E R , L 2, Nr. 7, Bd. 2). Daß Haugg der Gesprächspartner war, ergibt sich nicht aus dem Brief an Brunotte, doch findet sich in dem Bestand LKA H A N N O V E R , L 2, Nr. 7, Bd. 1 ein Briefwechsel zwischen Marahrens und Haugg wegen eines Termins für eine gemeinsame Besprechung. Am 27.2.1945 bedankte sich Marahrens für das Gespräch.

Der Kampf um die Kirchenkanzlei

301

herbeigeführten Trennung der DEK von der Ev. Kirche der altpreußischen Union 158 . Doch waren alle Versuche, das Kirchenministerium zu einer Rücknahme seiner Entscheidung zu bewegen, letztlich ergebnislos — Bührke blieb der neue Leiter der Kirchenkanzlei. Allerdings erschien er nur noch ein einziges Mal in der Kirchenkanzlei. Auf der Rückreise von einer Besprechung mit Muhs besuchte Bührke Mitte März auch Stolberg159. Bührke, der als „sachlicher Beamter geschildert [wurde], dem irgendwelche DC-Politik nicht vorgeworfen werden könnte" 16°, war sich offenbar der zweifelhaften Ehre seiner Berufung durchaus bewußt. Jedenfalls „verspürte er" nach Aussage von Brunotte, mit dem er in Stolberg zusammentraf, „keine große N e i g u n g , . . . die schwierige Aufgabe in der Kirchenkanzlei zu übernehmen, glaubte . . . sich doch der Sache nicht entziehen zu sollen, auch um Schlimmeres zu verhüten" 161. Ein weiterer Besuch, der anläßlich einer GVR-Sitzung für den 8. April in Aussicht genommen wurde, fand ebensowenig statt wie die Sitzung selbst. Am 14. April 1945 marschierten amerikanische Truppen in Stolberg ein; wenige Wochen später fand die nationalsozialistische Herrschaft in ganz Deutschland ihr Ende. Die Frage der Kirchenleitung in der DEK hatte sich damit zwar nicht generell erledigt, stand aber nun unter völlig veränderten Vorzeichen.

Brief von Marahrens an Brunotte vom 7.3.1945 (LKA HANNOVER, L 2, Nr. 7, Bd. 2). Brief von Bührke an Cölle vom 19.3.1945. Aus diesem Brief ergibt sich, daß Bührke wahrscheinlich am 16./17.3.1945 in Stolberg war; er traf dort weder Hymmen noch Cölle an (EZA BERLIN, 1/A 4/507). 160 Vgl. oben Anm. 157. 1 6 1 H . BRUNOTTE, Kurs, S. 1 4 4 . 158

159

KAPITEL 9

DIE BEMÜHUNGEN DES GEISTLICHEN VERTRAUENSRATES UM D E N ERHALT KIRCHLICHER STRUKTUREN (1942-1945) 1. Bemühungen um den Erhalt einer kirchlichen Fundamentalunterweisung Lange bevor die Partei- und Staatsführung begann, jeglichen kirchlichen Einfluß aus dem Bereich der Kinderpflege und der Schule zu verdrängen1, hatte sie schon erste, aber entscheidende Schritte unternommen, um die Kirchen von der außerschulischen Erziehung der Jugend auszuschließen. Daß dieses auch noch mit Unterstützung von Reichsbischof Müller geschehen war, gibt der Angelegenheit einen besonders bitteren Beigeschmack. Denn Müller war es gewesen, der, ohne hierzu eine Ermächtigung zu besitzen, im Dezember 1933 die evangelischen Jugendverbände der „Hitler-Jugend" preisgegeben hatte — nicht zu unrecht nannte Landesbischof Wurm diese Aktion rückblickend „einen wahren Schurkenstreich" 2 . Doch war diese Ubergabe erst der Anfang gewesen — ein Staat, der für sich ein Erziehungsmonopol in Anspruch nahm, mußte in jeglicher kirchlichen Jugendarbeit — gerade auch in der außerschulischen — immer eine konkurrierende Größe sehen, die es auszuschalten galt. So mußte sich der Vertrauensrat seit der Aufnahme seiner Tätigkeit mit Behinderungen der noch verbliebenen Jugendarbeit beschäftigen. Polemik gegen den Konfirmandenunterricht und Versuche, sowohl diesen als auch den Besuch von Gottesdiensten und Jugendstunden durch das Ansetzen von HJ-Pflichtdiensten oder Ahnlichem zu verhindern, gehörten zum Standardrepertoire dieser antikirchlichen Agitation3. Doch dabei blieb es nicht: Vgl. oben S. 2 0 4 - 2 1 0 . T. WURM, Erinnerungen, S. 91; zum Vorgang selbst vgl. K. SCHOLDER, Kirchen, Bd. 1, S. 7 3 1 - 7 3 8 . 3 Vgl. den Materialanhang der GVR-Eingabe an Hitler vom 3 0 . 4 . 1 9 4 1 (BA KOBLENZ, R 43 II / 1 7 2 , Bl. 3 - 2 0 ) : In Herrnhut (Sachsen) wurde denjenigen Kindern, die sich nicht konfirmieren ließen, ein eigenes Bäumchen (!) zum Einpflanzen in Aussicht gestellt. In Bernstadt (Sachsen) wurde Kindern gedroht, sie würden durch eine Konfirmation ihre Berufsaussichten verschlechtern. In Reinsdorf bei Zwickau verboten Lehrer den Kindern, an der kirchlichen Unterweisung teilzunehmen. Mit Schreiben vom 17.6.1941 ( E Z A Berlin, 1/A 4 / 5 7 0 ) berichtete Wurm dem GVR, daß lettische Umsiedler von der Lagerverwaltung daran gehindert wurden, sich konfirmieren zu lassen. Wie das Ansetzen von „Diensten", die Austragung von Sportwettkämpfen und Parteifeiern sowie die Durchführung von Sammlungen als ein Mittel angewandt wurden, um Jugendliche am Kirchbesuch oder an der Teilnahme von anderen kirchlichen Veranstaltungen zu hindern, zeigt H . BAIER, Kirche, S. 132-154, eindrucksvoll in seinem Teil über die „Bedrängnis und Bewährung kirchlicher Jugendarbeit". 1

2

Erhalt einer kirchlichen Fundamentalunterweisung

303

Denn was als Agitation begonnen hatte, steigerte sich zu massiven Versuchen, jegliche Einflußnahme auf die Jugend seitens der Kirche zu unterbinden. Wie weit dieser Prozeß bis zum Jahre 1942 fortgeschritten war, zeigt sich deutlich daran, daß die Kirche zu diesem Zeitpunkt bereits um den Erhalt einer christlichen Fundamentalunterweisung der Jugend kämpfen mußte — dem Konfirmandenunterricht und der kirchlichen Unterweisung, die einen Ausgleich für die großen Einschränkungen des Religionsunterrichts bilden sollte, drohten akute Gefahren. Schon im Herbst 1940 wurden dem Vertrauensrat Fälle bekannt, in denen Kinder aus sog. „luftgefährdeten" Gebieten, die im Rahmen von Landverschickungen in Lagern in weniger betroffenen Regionen des Reiches untergebracht worden waren, am Besuch des Konfirmandenunterrichts gehindert wurden 4 . Im Dezember 1940 machte der Vertrauensrat Reichsminister Lammers auf diese Situation aufmerksam 5 . Wie sich zeigen sollte mit Erfolg; denn mit der Unterstützung des Kirchenministeriums, das sich auch für eine Beibehaltung der kirchlichen Unterweisung aussprach6, konnte der Reichsjugendführer veranlaßt werden, im Februar 1941 eine Verfügung herauszugeben, durch die es ermöglicht wurde, den Lagerkindern weiterhin Konfirmandenunterricht zu erteilen. Allerdings mußte dieser, sofern der Anmarschweg nicht mehr als vier Kilometer betrug, in kircheneigenen Räumen abgehalten werden 7 . Doch in der Praxis wurde auch diese Weisung immer wieder unterlaufen: So trafen auch noch im März 1941 in der GVRGeschäftsstelle mehrere Berichte des bayerischen Landeskirchenrates ein, die sich alle auf die Unterbindung jeglicher religiöser Unterweisung, einschließlich des Konfirmandenunterrichts, in den Kinderlagern bezogen. Selbst der Kirchenbesuch der landverschickten Kinder sollte verhindert werden; Dieser dürfe nur geduldet werden, so gab Oberkirchenrat Greifenstein die Äußerungen des für das Kinderlager zuständigen Gauamtsleiters wieder, „wenn ein Kind aus eigenem Antrieb darauf besteht, in die Kirche zu gehen. Das 4 Vgl. den Materialanhang (Anm. 3): „In vielen Fällen widersetzten sich die Lagerleiter den ausgesprochenen Wünschen der Eltern, z.B. in Frankenhausen (Kyffhäuser), Krössinsee und Prützow (Pommern) sowie im Gau Bayrische Ostmark (Bayreuth)." D e r zuständige Referent der Reichskanzlei vermerkte am Rand: „hier bekannt". 5 Brief v o m 12.12.1940 (BA KOBLENZ, R 4311/157, Bl. 166-168 und als Abschrift im LKA

HANNOVER, S 1, E I I , 1 2 0 b ) . 6 Brief des Kirchenministers (i.A. Stahn) an Lammers v o m 3.1.1941: „ . . . auch nach meinem Dafürhalten [sollte] eine religiöse Betreuung der Kinder ermöglicht werden, . . . w o sie v o n den Eltern gewünscht wird' ' (BA KOBLENZ, R 43 II/157, Bl. 171). Wie aus einem Schreiben (Entwurf) der Reichskanzlei hervorgeht, hat Kritzinger am 6 . 1 . 1 9 4 1 die Angelegenheit dem Reichsjugendführer übergeben (EBD., Bl. 170 f.). 7 Erlaß der Reichsjugendführung v o m 24.2.1941. A m 15.3.1941 übersandte Kerrl den Kirchenbehörden eine Abschrift des entsprechenden Rundschreibens (BA KOBLENZ, R 58/266). Einen ähnlich lautenden Erlaß gab das Kirchenministerium bzgl. des Konfirmandenunterrichts für Lagerkinder am 15.3.1941 heraus (KJ 1933-44, S. 443 f.).

304

Die Bemühungen um den Erhalt kirchlicher Strukturen (1942-1945)

wird aber nicht geschehen! Die Lehrkräfte haben in dieser Richtung vorbildlich zu wirken. Solcher eventueller Gottesdienst kann nur stattfinden, wenn kein Lagerdienst angesetzt ist. Jeden Sonntag früh um 10 Uhr ist die Morgenfeier der HJ. Teilnahme daran ist Pflicht" 8 . Doch die Aktionen gegen die religiöse Unterweisung und Betreuung der Jugend beschränkten sich nicht nur auf die Lager und ähnliche Einrichtungen, die den Gliederungen von Staat und Partei unmittelbar unterstanden, sondern erstreckten sich auf ganze Regionen des Reiches. Innerhalb des Altreiches trafen die antikirchlichen Maßnahmen das Land Sachsen in extremer Form. Während nämlich in den anderen Ländern des Reiches die Aktionen gegen den Konfirmandenunterricht und die kirchliche Unterweisung meistens auf Agitation und örtliche Behinderungen beschränkt blieben9, scheute man in Sachsen auch nicht davor zurück, mit massiven Verboten den kirchlichen Einfluß auf die Jugendlichen immer weiter zurückzudrängen. Williges Werkzeug hierbei war Präsident Klotsche, der Leiter des sächsischen Landeskirchenamtes. Am 21. Oktober 1941 gab er einen Erlaß heraus, der jegliche, über den bereits verkürzten Konfirmandenunterricht hinausgehende religiöse Unterweisung volksschulpflichtiger Kinder verbot10. Offensichtlich war diese Regelung auf Veranlassung von Reichsstatthalter Mutschmann ergangen, der schon früher versucht hatte, die Kirche bei der Betreuung der Jugend auszuschalten n . Denn Klotsche teilte auf Anfrage der Kirchenkanzlei mit, daß er diesen Erlaß, der in erster Linie darauf hinzielte, die Gemeindejugendstunden zu beseitigen, „auf höhere Weisung" hin veranlaßt habe12. Gerade aber die Gemeindejugendstunden waren eingerichtet worden, um angesichts des fast überall fehlenden Religionsunterrichts und

8 Brief an den G V R v o m 7.3.1941 ( E Z A BERLIN, 1/A 4/569, Bl. 128). A m 11.3.1941 schrieb Greifenstein zwei weitere Briefe, in denen er ähnliche Vorfälle schilderte (Ebd., Bl. 130 f.). H . BRUNOTTE, Kurs, S. 139, berichtete über die Entwicklung nach der Herausgabe des Erlasses: „Ich konnte jeden Fall einer Umgehung dieses Befehls persönlich bei dem Referenten melden, und fast stets wurde Abhilfe geschaffen. Es kam aber auch vor, daß der Referent der Reichsjugendführung sagen mußte: hier treibt ein Gaubeauftragter des NS-Lehrerbundes Sabotage an meinem Befehl; dagegen ist nichts zu machen." » Vgl. H . BAIER, Kirche, S. 132-157; E. KLÜGEL, Landeskirche, S. 431-435; K . HUNSCHE, Kampf. 10 Der Text des Erlasses ist wiedergegeben in der GVR-Eingabe an den Reichsinnenminister vom 28.4.1944 ( L K A HANNOVER, L 2, Nr. 7, Bd. 5). 11 So wollte Sachsen als zweites Land — nach Württemberg — statt des Religionsunterrichts einen Weltanschauungsunterricht einführen. Das Reichserziehungsministerium wandte sich jedoch in einem Schreiben vom 7.6.1940 gegen ein derartiges Vorgehen (vgl.

J . THIERFELDER, A u s e i n a n d e r s e t z u n g e n , S. 2 4 7 ) . 12 GVR-Eingabe an den Reichsinnenminister vom 28.4.1944 ( L K A HANNOVER, L 2, N r . 7, Bd. 5). Auch Schumann, Krebs und Prater berichteten in der GVR-Sitzung am 27.12%. 10.1941 ( E Z A BERLIN, 1/A 4/579, Bl. 62f.), daß der Erlaß „auf Weisung des Reichsstatthalters" ergangen sei.

Erhalt einer kirchlichen Fundamentalunterweisung

305

des stark eingeschränkten Konfirmandenunterrichts eine einigermaßen ausreichende religiöse Unterweisung sicherzustellen. Bereits sechs Tage nach der Herausgabe des Erlasses traf sich der Vertrauensrat mit drei repräsentativen Vertretern der sächsischen Pfarrerschaft 13 . Ubereinstimmend lehnten Pfarrer Prater (BK) sowie die Superintendenten Schumann (Mitte) und Krebs (DC) — sie nahmen als sog. „Theologische Arbeitsgemeinschaft" die Interessenvertretung ihrer jeweiligen kirchlichen Richtung im sächsischen Landeskirchenamt wahr 14 — diese weitreichende Einschränkung der kirchlichen Unterweisung ab. Denn wenn diese Regelung bestehen bleibe, so argumentierten sie, verkürze sich die religiöse Unterweisung für die Kinder zwischen dem 6. und 14. Lebensjahr auf insgesamt sieben Monate Konfirmandenunterricht. Man einigte sich darauf, namens der „Theologischen Arbeitsgemeinschaft" die offizielle Bitte an die Kirchenkanzlei zu richten, „gegenüber dem Präsidenten des Landeskirchenamtes zum Ausdruck zu bringen, daß der jetzige Zustand in Bezug auf die Jugendunterweisung in Sachsen kirchlich unmöglich" sei15. Auf die vielfältigen Proteste hin durfte Klotsche mit Zustimmung des Reichsstatthalters im November 1941 einen weiteren Erlaß herausgeben. Es werde „nach erfolgter Fühlungnahme mit den zuständigen Stellen anheim gegeben, Kinder vom 12. bis zum 14. Lebensjahr wöchentlich je einmal für eine Stunde zur religiösen Jugendunterweisung zu sammeln" 16 . Allerdings war weder Werbung für diesen Unterricht erlaubt, noch durfte die Teilnahme zur Voraussetzung für die Konfirmation gemacht werden. Damit blieben in Sachsen die Möglichkeiten zur religiösen Jugendunterweisung noch hinter den ohnehin dürftigen Verhältnissen im Warthegau zurück 17 . Mit einer Eingabe wandte sich der Vertrauensrat am 20. Dezember 1942 an das Reichsministerium für Wissenschaft, Erziehung und Volksbildung, um die Genehmigung zu erhalten, in Sachsen wenigstens eine religiöse Unterweisung für alle Kinder zwischen 6 und 14 Jahren durchführen zu können. Diese sollte selbstverständlich freiwillig sein, aber, sofern kein Religionsunterricht erteilt wurde, als Voraussetzung für die Konfirmation gelten18. Eine Antwort erhielt der Vertrauensrat auf diese Eingabe nie. Im Gegenteil: Nachdem der Erlaß Klotsches vom November 1941 fast zwei Jahre von staatlichen Stellen unbeanstandet geblieben war, mußte er auf eine Intervention 13

14

EBD.

Vgl. oben S. 129 f. 15 Protokoll der GVR-Sitzung vom 27./28.10.1941 (EZA BERLIN, 1/A 4/579, BL. 62 f.). 16 Der Text des Klotsche-Erlasses vom 21.11.1941 ist wiedergegeben in der GVR-Eingabe an den Reichsinnenminister vom 28.4.1944 (LKA HANNOVER, L 2, Nr. 7, Bd. 5). 17 Vgl. oben S. 239-253. 18 Der Inhalt dieser Eingabe geht aus dem Schreiben des GVR an den Reichsinnenminister vom 28.4.1944 hervor (LKA HANNOVER, L 2, Nr. 7, Bd. 5).

306

Die Bemühungen um den Erhalt kirchlicher Strukturen (1942-1945)

der Gestapo 19 im August 1943 durch einen neuerlichen Erlaß ersetzt werden: War es bisher üblich, daß diejenigen Kinder, die im zwölften Lebensjahr standen, an den Gemeindejugendstunden teilnehmen konnten, so bestimmte Klotsche „in Anbetracht aufgetretener Schwierigkeiten", daß die „religiöse Jugendunterweisung . . . nunmehr mit dem vollendeten 12. Lebensjahr" beginne 20 . Mittels eines interpretatorischen Taschenspielertricks wurde so die kirchliche Jugendunterweisung in Sachsen also um ein weiteres Jahr gekürzt. Im Klartext hieß das, daß keinem Kind mehr als zwei Jahre lang — einschließlich des Konfirmandenunterrichts — christliche Werte und Inhalte vermittelt werden durften. In mehreren Schreiben wandte sich der sächsische Landesbruderrat an Landesbischof Marahrens — immer mit der Bitte, der Vertrauensrat möge sich für eine Lockerung der erlassenen Beschränkungen einsetzen 21 . Tatsächlich erklärte sich der Vertrauensrat hierzu auch bereit und faßte in der Sitzung am 27. September 1943 einen entsprechenden Beschluß — doch dauerte es bis zum 28. April 1944, ehe er umgesetzt wurde 22 und eine ausführliche Beschwerde über die katastrophalen Verhältnisse bei der religiösen Jugendunterweisung in Sachsen an den Reichsinnenminister zur Absendung kam 2 3 . Dringend wurde der Innenminister gebeten, den untragbaren Zustand in Sachsen zu beenden. Niemand verstehe es, „warum im 5. Kriegsjahr, wo es auf eine Zusammenfassung aller Kräfte und auf die Mobilisierung auch der letzten seelischen Reserven ankommen sollte, in einem Teil des Deutschen Reiches ohne gesetzliche Grundlagen willkürliche Anordnungen getroffen werden können, die die kirchliche Unterweisung in einer Weise einengen, wie das nirgends in Deutschland sonst üblich ist" 2 4 . Uber das 19 A m 1 0 . 6 . 1 9 4 1 hatte die Gestapo, Außenstelle Plauen, an die Landräte ein Schreiben gesandt, durch das festgestellt wurde, „daß unter Kindern des 12. Lebensjahres nur solche zu verstehen sind, die ihr 12. Lebensjahr vollendet haben." U m entsprechende Instruktion der Pfarrämter wurde gebeten (EBD.). 2 0 Runderlaß 100 (Abschrift) vom 2 . 8 . 1 9 4 3 des Landeskirchenamtes Dresden ( E Z A BERLIN, 2 / 4 4 1 ) . 2 1 Zahlreiche an den G V R und die D E K K gerichtete Proteste gegen den Runderlaß 100 finden sich EBD. 2 2 Wahrscheinliche Ursache hierfür war die Zerstörung der Kirchenkanzlei im Herbst und Winter 1 9 4 3 / 4 4 und die anschließende Auslagerung der Behörde nach Stolberg (Harz). D o r t konnte der Dienstbetrieb erst am 1 0 . 3 . 1 9 4 4 wieder aufgenommen werden. 2 3 Laut Protokoll der GVR-Sitzung vom 2 7 . 9 . 1 9 4 3 ( L K A HANNOVER, L 2, N r . 7, Bd. 1) beschloß der G V R „sich . . . mit einer Eingabe an den Reichsminister des Inneren [zu] wenden." A m 2 8 . 4 . 1 9 4 4 wurde die Eingabe mit dem Briefkopf des Vertrauensrates versandt. D o c h erst am 1 0 . 5 . 1 9 4 4 traf bei Marahrens in Hannover ein Exemplar der Eingabe ein. Maschinenschriftlich hatte Brunotte folgenden Vermerk hinzugefügt: „Abschrift übersenden wir zu gefälligen und vertraulichen K e n n t n i s n a h m e . . . " ( L K A HANNOVER, S 1, E II, 129c). Dieser Zusatz macht es wahrscheinlich, daß Marahrens das Schreiben vorher nicht kannte; ähnlich dürfte es bei den anderen GVR-Mitgliedern gewesen sein. 24

GVR-Eingabe

N r . 7, Bd. 5).

an den Reichsinnenminister

vom 28.4.1944

(LKA

HANNOVER,

L2,

Kirchliche Arbeit und „totaler Kriegseinsatz"

307

weitere Schicksal dieser Eingabe schreibt Brunotte: „Diese wanderte von da [sc.: vom Innenministerium] zum ,Braunen Haus' in München und von da zur Gestapo, wie ich vertraulich von Dr. Cölle erfuhr. Geschehen ist in der Sache bis zum Kriegsende nichts" 25 . In der Tat konnte bis zum Kriegsende keine Änderung dieser für die kirchliche Jugendunterweisung untragbaren Situation mehr erreicht werden.

2. Kirchliche Arbeit und „totaler

Kriegseinsatz"

Als die Kirchenkanzlei der DEK im Frühjahr 1940 erste statistische Angaben über die Auswirkungen des Krieges auf die Arbeit der Kirche zusammenstellte, ermittelte man auch die Zahl der zur Wehrmacht eingezogenen Pfarrer und Hilfsprediger: Von den 16.903 fest angestellten Geistlichen waren 4.039 einberufen worden. Das entsprach einer Quote von etwa 24 % 26 . Der Geistliche Vertrauensrat wertete diese Zahlen, so wurde am 4. Juni 1940 in einem Schreiben an Hitler betont, als Beleg für die „Treue" der ,,evangelische[n] Pfarrerschaft . . . zu Ihnen und zu unserem Volk" 27 . Selbst im Frühjahr 1941, als sich die Quote der einberufenen Geistlichen auf 34%, entsprechend etwa 5.750 Pfarrer, erhöht hatte, waren noch ähnliche Töne von Seiten der offiziellen Kirche zu hören 28 . Auch die Protokolle, die im Vertrauensrat über alle internen Beratungen angefertigt wurden, lassen zum Jahresbeginn 1941 noch keinerlei besondere Besorgnis über die ansteigenden Zahlen bei den Einberufungen von Geistlichen erkennen 29 . Daraus läßt sich nur der Schluß ziehen, daß zu diesem Zeitpunkt der zunehmende Mangel an Geistlichen noch nicht als eine Gefahr für die Aufgaben der Kirche angesehen wurde. Nicht wesentlich anders sah die Situation bei den nichttheologischen Mitarbeitern der Kirche aus. Während die wehrfähigen männlichen Bediensteten in großer Zahl zur Wehrmacht eingezogen wurden 30 , reklamierten die Arbeitsämter in zunehmenden Maße auch Gemeindehelferinnen und Pastorenfrauen für den Einsatz in der Rüstungsindustrie 31 . Doch zu Beginn des Krieges sah der Vertrauensrat auch dieses nicht als eine Bedrohung der kirch25

H . BRUNOTTE, Kurs, S. 1 3 8 f .

26

Entwurf einer (nie abgesandten) Eingabe (ca. Mai 1940) des GVR an Hitler (EZA BERLIN, 1/A 4/577, BL. 108-111). 27 EZA BERLIN, 1/A 4/568, Bl. 93-96. 28 Eingabe des GVR an Hitler vom 30.4.1941 (BA KOBLENZ, R 43 11/172, Bl. 3 f.). 29

V g l . d i e P r o t o k o l l e d e s f r a g l i c h e n Z e i t r a u m s ( E Z A BERLIN, 1 / A 4 / 5 7 5 b z w . 1 / A 4 / 5 7 7 ) .

30

Vgl. die Personalstärkemeldungen der Kirchenbehörden (EZA BERLIN, 1/C 3/87);

H . BRUNOTTE, Kurs, S. 122. 31 Schreiben der Reichsfrauenhilfe an den GVR mit anliegendem Entwurf für eine Eingabe vom 14.12.1939 (LKA SCHWERIN, GVR-Handakten Schultz, III/LL).

308

Die Bemühungen um den Erhalt kirchlicher Strukturen (1942-1945)

liehen Arbeit an. Entsprechend wurde denn auch auf eine Bitte der Evangelischen Reichsfrauenhilfe, sich um eine generelle Freistellung von kirchlichen Mitarbeiterinnen zu bemühen 32 , geantwortet: „Bei aller Würdigung der Dringlichkeit hinreichender Versorgung der Kirchengemeinden . . . [habe man sich] doch nicht dazu entschließen können, etwa durch entsprechende Vorstellungen beim Reichsverteidigungsrat eine generelle Freistellung aller in der kirchlichen Arbeit stehenden weiblichen Kräfte vom Hilfsdienst in der Kriegsindustrie und dergleichen zu beantragen" 33 . Eine Prüfung im Einzelfall wurde indes für möglich gehalten. Erstmals im Sommer 1941 läßt sich eine veränderte Haltung des Vertrauensrates feststellen. Galt bisher eine hohe Zahl eingezogener Pfarrer als Unterpfand nationaler Treue der Kirche, so kam nun angesichts der Dauer des Krieges auch immer mehr die hierdurch bedingte Bedrohung des kirchlichen Lebens in das Blickfeld. Ursächlich für diese Einstellungsänderung war nicht nur die ständig weiter steigende Zahl der einberufenen Pfarrer 34 , sondern auch das Vorgehen der weltanschaulichen Distanzierungskräfte, durch deren Restriktionsmaßnahmen fast alle Bemühungen, einen gewissen Ausgleich für die fehlenden Pfarrer zu schaffen, hinfällig geworden waren. War bereits im Laufe des Jahres 1940 annähernd die gesamte Produktion christlicher Literatur zum Erliegen gekommen, so mußten zum 1. Juni 1941 fast alle kirchlichen Zeitungen ihr Erscheinen einstellen35. Ebenso unterlag jegliche Art religiöser Unterweisung sowie die diakonische Arbeit immer neuen Erschwernissen36. Doch sollte es noch bis 1943 dauern, ehe sich der Vertrauensrat endlich entschließen konnte, Protest gegen die personelle Ausdünnung der Kirche zu erheben. Inzwischen hatte sich die Personalsituation in der Kirche ständig weiter verschärft — zu Jahresbeginn 1943 waren bereits 41,5% aller evangelischen Pfarrer ihren Gemeinden durch Kriegsdienst entzogen; am Stichtag 1. Juli 1943 war diese Zahl bereits auf 44,44% gestiegen37. Erstmals im Frühjahr 1943 wandte sich der Vertrauensrat an Generalfeldmarschall Keitel, um ihn auf die für die kirchlichen Belange bedrohliche Zunahme der Einberufungen von Pastoren hinzuweisen 38 . Unterstützung erhielt er bei diesen Bemühungen durch die Kirchenführerkonferenz, die ihn ermunterte, „einen ener-

32

EBD.

33

R u n d s c h r e i b e n d e r K i r c h e n k a n z l e i v o m 3 . 1 . 1 9 4 0 (EBD.).

34

Zwischen Frühjahr 1941 und Winter 1941/42 stieg die Zahl der einberufenen Pfarrer

v o n 3 4 % a u f 4 0 % a n ( v g l . Ε . KLÜGEL, L a n d e s k i r c h e , S. 4 1 0 ) . 35

Vgl. oben S. 226 ff. Vgl. oben S. 204-218. 37 Bericht über die Kirchenführerkonferenz am 2.6.1943 (LKA STUTTGART, D 1/147) bzw. Eingabe der DEKK an das Kirchenministerium vom 6.10.1943 (LKA HANNOVER, L 2, 730-02). 38 Der Inhalt der Eingabe ergibt sich aus den in A n m . 37 zitierten Dokumenten. 36

Kirchliche Arbeit und „totaler Kriegseinsatz"

309

gischen Vorstoß bei Generalfeldmarschall Keitel [zu] machen zwecks Berücksichtigung kirchlicher Notwendigkeiten gerade in der jetzigen Phase des Krieges"39. In der Tat kam es im Sommer 1943 zu entsprechenden Gesprächen und Eingaben bei der militärischen Führung und den Reichsministerien 40 , die am Ende sogar einen Teilerfolg verbuchen konnten. Am 22. Oktober wurde vom Oberkommando der Wehrmacht ein Erlaß herausgegeben, daß fortan „amtierende Geistliche" nicht mehr zum Wehrdienst heranzuziehen seien41. Ein weiteres Anwachsen der Einberufungszahlen unter den Pastoren konnte durch diesen Erlaß vorerst verhindert werden42. Ebenfalls 1943 setzten die Bemühungen des Vertrauensrates um eine generelle Freistellung der Gemeindehelferinnen und Pastorenfrauen von Arbeitseinsätzen in „kriegswichtigen" Betrieben ein. Bislang hatte man es der Kirchenkanzlei überlassen, von Fall zu Fall Einzelregelungen zu finden — eine Aufgabe, bei der es besonders Frau Dr. Schwarzhaupt in einer ganzen Anzahl von Fällen gelang, Freistellungen vom Arbeitseinsatz zu erlangen 43 . Offensichtlich war dieser Weg so erfolgreich, daß Marahrens sogar seine Kollegen in der Kirchenführerkonferenz ausdrücklich aufforderte, sich mit Problemfällen an die Kirchenkanzlei zu wenden, da „wegen freundlicher Haltung des Reichsarbeitsamtes in Einzelfällen" Aussicht auf positive Regelungen bestünde44. Am 8. Februar 1943 wurde erstmals eine Eingabe an den Generalbevollmächtigten für den Arbeitseinsatz, Reichsleiter Sauckel, gerichtet. Anlaß für dieses Schreiben war die durch einige Arbeitsämter geäußerte Ansicht, daß die Arbeit der Gemeindehelferinnen nicht als kriegswichtig einzustufen sei und sie somit für den Arbeitseinsatz in „kriegswichtigen" Betrieben zur Verfügung stünden45. Sauckel wurde in dem Schreiben gebeten, der Kirche Bericht über die Kirchenführerkonferenz am 2.6.1943 (LKA STUTTGART, D 1/147). Vgl. die Protokolle der GVR-Sitzungen vom 20.7.1943 (LKA SCHWERIN, GVRHandakten Schultz, 1/2), vom 3.8.1943 (EBD.) und vom 27.9.1943 (LKA HANNOVER, L 2, Nr. 7, Bd. 1) sowie die Eingabe der DEKK und des GVR vom 6.10.1943 an den Kirchenminister (EBD., L 2,730-32). 41 Am 8.12.1943 wurde der Erlaß dem GVR bekanntgegeben (LKA HANNOVER, L 2, Nr. 7, Bd. 1: Protokoll der Sitzung), am 10.11.1944 wurden Geistliche auch vom Arbeitsdienst freigestellt (LKA SCHWERIN, GVR-Handakten Schultz, I I / 5 : Abschrift des Erlasses). 42 Für die gesamte DEK konnten keine exakten Angaben über die Entwicklung der Einberufungszahlen nach der Herausgabe des Erlasses ausfindig gemacht werden, doch dürfte sich die Entwicklung ähnlich wie in Bayern vollzogen haben: Am 1.10.1943 wurden dort 537 einberufene Geistliche registriert, am 1.4.1944 waren es 513, und am 1.10.1944 standen 498 Pfarrer im Dienst der Wehrmacht (H. BAIER, Kirche, S. 44 f.). 4 3 H. BRUNOTTE, Kurs, S. 140. Die Angaben von Brunotte wurden dem Vf. von Frau Dr. Schwarzhaupt in einem Gespräch am 12.5.1986 bestätigt. 44 Bericht über die Kirchenführerkonferenz am 2.6.1943 (LKA STUTTGART, D 1/147). 45 Protokoll der GVR-Sitzung vom 19.1.1943: „Konsistorialrätin Dr. Schwarzhaupt teilt mit, daß bei Verhandlungen mit dem Reichsarbeitsministerium über die Freistellung von 39

40

310

Die Bemühungen um den Erhalt kirchlicher Strukturen (1942-1945)

auch weiterhin Gemeindehelferinnen zu überlassen und auch in Zukunft das Weiterbestehen einiger Bibelschulen zur Ausbildung von weiteren Gemeindehelferinnen zu garantieren 46 . Auch an andere Reichsstellen trat der Vertrauensrat nun heran, um eine generelle Dienstverpflichtung der weiblichen Arbeitskräfte zu verhindern. A m 1. April 1943 begaben sich Landesbischof Schultz und Konsistorialrätin Schwarzhaupt zu Staatssekretär Muhs. Dieser sagte zu, sich ebenfalls an Sauckel zu wenden und die Eingabe des Vertrauensrates zu befürworten 47 . Wenige Tage später wurde eine von Frau Schwarzhaupt gefertigte Eingabe an Reichsminister Lammers gesandt48. Inhaltlich glich sie in wesentlichen Passagen dem Schreiben, das der Vertrauensrat am 8. Februar 1943 bereits an Saukkel gerichtet hatte. Auch in dieser Eingabe wurde dringend gebeten, von weiteren Dienstverpflichtungen von Gemeindehelferinnen und Pastorenfrauen abzusehen, da „sie in ihrer Arbeit schlechthin nicht zu ersetzen sind" 4 9 . Als unmittelbares Ergebnis dieser Bemühungen wurde den kirchenleitenden Organen der D E K lediglich die Mitteilung Sauckels zuteil, man solle sich in dieser Frage mit der Partei einigen 50 . Inwieweit das Rundschreiben Sauckels vom 21. August 1943 51 auch als Ergebnis der kirchlichen Eingaben angesehen werden kann, ist nicht sicher zu sagen. Sicher ist hingegen, daß es denjenigen Gemeindehelferinnen, die mindestens eine Arbeitszeit von 48 Wochenstunden nachweisen konnten, Schutz gegen Dienstverpflichtungen bot. Für Ehefrauen von Pastoren, die nicht in einem festen Angestelltenverhältnis bei der Kirche standen, sondern ehrenamtlich in der Gemeinde tätig waren, bestimmte das Rundschreiben hingegen, daß sie „grundsätzlich ebenso zu behandeln [seien] wie andere Frauen" 5 2 , mithin also für Kriegsproduktion herangezogen werden konnten. Insofern konnte auch dieser Erlaß nur als Teilerfolg angesehen werden. dienstverpflichteten Gemeindehelferinnen das R A M der Auffassung einiger Arbeitsämter, daß kirchlicher Dienst grundsätzlich nicht kriegswichtig ist, entgegengetreten i s t " ( E Z A BERLIN, 1/A 4/579, BL. 127 f.). Zur Abgabe von Personal aus der kirchlichen Verwaltung vgl. auch E Z A BERLIN, 1 / C 3 / 8 7 u n d 8 8 . 46

E Z A BERLIN, 1 / A 4 / 5 7 2 , BL. 5 4 f .

Das Protokoll der GVR-Sitzung vom 30./31.3.1943 ( E Z A Berlin, 1/A 4/579, Bl. 136f.) hält fest: „Landesbischof Schultz will in dieser Angelegenheit bei dem Herrn Staatssekretär Muhs persönlich vorstellig werden." In einem Vermerk (undatierte Abschrift) wird das erwähnte Ergebnis des Besuchs von Schultz und Frau Schwarzhaupt kurz niedergelegt ( L K A 47

HANNOVER, S 1, E II, 1 2 9 d ) . 48 Eingabe des G V R vom 6.4.1943 ( E Z A BERLIN, 1/A 4/572, BL. 56-58 und L K A HANNOVER S 1, E II, 129d [Abschrift]). 4

' EBD.

Bericht über die Kirchenführerkonferenz am 2.6.1943 ( L K A STUTTGART, D 1/147). „Betrifft: Arbeitseinsatz von Gemeindehelferinnen, Gemeindeschwestern, Pfarrfrauen und sonstigen im Dienst der Kirche stehenden Personen" (F. ZIPFEL, Kirchenkampf, S. 517-519). 50 51

52

EBD.

Kirchliche Arbeit und „totaler Kriegseinsatz"

311

Seit Sommer 1943 wurden die „Auskämmungs"-Aktionen, durch die der Rüstungsindustrie weitere Arbeitskräfte zugeführt werden sollten, verstärkt. So machte der Generalbevollmächtigte für den Arbeitseinsatz dem Kirchenministerium zur Auflage, 3.000 Arbeitskräfte aus dem kirchlichen Bereich für „kriegswichtige' ' Zwecke zu stellen — 1.300 sollte davon die evangelische Kirche aufbringen 53 . Da ein großer Teil der männlichen Bediensteten bereits zur Wehrmacht eingezogen oder unabkömmlich gestellt worden war — von den knapp 30.000 männlichen Kirchenbediensteten waren am Stichtag 31. Mai 1943 11.878 zur Wehrmacht eingezogen, weitere 3.226 waren Uk-gestellt 54 —, sollten in erster Linie weibliche Arbeitskräfte für die Arbeit in der Rüstungsindustrie verpflichtet werden 55 . Tatsächlich wurden annäherend 1.000 Personen von den Landeskirchen für den Einsatz in der Rüstungsindustrie gemeldet 56 . Allerdings verzögerte sich der Einsatz in den Rüstungsbetrieben immer wieder, so daß im Sommer 1944 noch ein Großteil der angeforderten Kirchenbediensteten in ihren angestammten Funktionen Dienst tat 57 . Neben diesen gelenkten „Auskämmungs"-Aktionen kam es jedoch immer wieder zu „wilden" Dienstverpflichtungen durch lokale Arbeitsämter 58 . Kirchliche Mitarbeiter, die auf diese Weise für die Rüstungsindustrie verpflichtet wurden, mußten im Gegensatz zu den großen „Auskämmungs"-Aktionen ihre Arbeit in den Rüstungsbetrieben meist recht schnell antreten. Bis zum Spätsommer 1944 hatte sich die Kriegssituation jedoch so weit verschlechtert, daß erneut versucht wurde, das bescheidene Reservoir der noch vorhandenen kirchlichen Mitarbeiter für Kriegszwecke zu reklamieren. Als Frau Schwarzhaupt dem Vertrauensrat am 29. August über die zu erwartende „Abgabe von Arbeitskräften für den totalen Kriegseinsatz" berichtete 59 , begnügten sich die Mitglieder dieses Gremiums damit, dieses zur „Kenntnis" zu nehmen 6 0 . Ein Einspruch erschien wohl angesichts der Kriegslage kaum noch erfolgversprechend. Ebenso wurden ab Sommer 1944 wieder verstärkt Pfarrer zur Wehrmacht einberufen, so daß am 1. Oktober 1944ca. 4 5 % aller Pfarrer der D E K Kriegs-

53

S c h r e i b e n des R e i c h s k i r c h e n m i n i s t e r i u m s a n d i e D E K K v o m 2 2 . 1 1 . 1 9 4 3 ( E Z A BERLIN,

1/C 3/89). 54 55 56

Liste der beschäftigten Arbeitskräfte der gesamten D E K ; Stand 3 1 . 5 . 1 9 4 3 (EBD.). 8.813 weibliche Arbeitskräfte waren am 3 1 . 5 . 1 9 4 3 in der D E K beschäftigt (EBD.). Marahrens-Bericht für die Kirchenführerkonferenz über die Tätigkeit des GVR; Som-

m e r 1 9 4 4 ( L K A HANNOVER, L 2 , N r . 7 , B d . 1 ) . 57

EBD.

Eingabe der D E K K an den Generalbevollmächtigten für den Arbeitseinsatz vom 2 6 . 1 0 . 1 9 4 3 mit der Bitte, die „wilden" Dienstverpflichtungen zu unterbinden ( E Z A BERLIN, 1/C 3/89). 5 9 Protokoll der GVR-Sitzung ( E Z A BERLIN, 2 / 5 4 , BL. 85 f.). 58

60

EBD.

312

Die Bemühungen um den Erhalt kirchlicher Strukturen (1942-1945)

dienst verrichteten61. Hinzu kam, daß ab Herbst 1944 der sog. „Volkssturm" aufgestellt wurde, zu dem anfangs auch Pfarrer herangezogen wurden. Da die Übungen des „Volkssturms" aber überwiegend am Wochenende erfolgten, ergaben sich für Pastoren zwangsläufig Terminüberschneidungen mit ihren Predigtverpflichtungen. Doch während sich der Vertrauensrat und die Kirchenkanzlei noch um eine Dienstzeitregelung bemühten, die es den Pastoren ermöglichen sollte, den sonntäglichen Gottesdienst zu halten, befahl Bormann, dem der „Volkssturm" unterstand, durch ein Rundschreiben am 2. November allen Gauleitern, Geistliche auf keinen Fall in den Volkssturm aufzunehmen62. Offiziell wurde dieses damit begründet, daß ihnen auch weiterhin die Möglichkeit gegeben werden sollte, ihren sonntäglichen Gottesdienst abzuhalten. Tatsächlich ging es Bormann jedoch um eine Isolierung der Pfarrerschaft von der übrigen „Volksgemeinschaft"63. Noch in den letzten Kriegsmonaten hielt Bormann also an seinem intransigent antikirchlichen Kurs fest.

3. Die kriegsbedingte Wahrnehmung von Betreuungsaufgaben für die neu „angegliederten" Gebiete des „Großdeutschen Reiches" Während der Vertrauensrat gegenüber den Landeskirchen des „Altreichs" nie die Funktion eines wirklichen „Leitungsorgans" einnahm, kann dieses in Bezug auf die neu „angegliederten" Reichsteile nicht mit gleicher Bestimmtheit gesagt werden. Wie bereits geschildert, bestanden zum Reichsgau Wartheland von Anfang an engste Beziehungen, die dazu führten, daß die Kirchenleitungen in Posen und Litzmannstadt kaum eine Entscheidung ohne Rückfrage bei dem Geistlichen Vertrauensrat und der Kirchenkanzlei trafen64. Aber auch die übrigen neu „angegliederten" Gebiete des Reiches hielten eine enge Verbindung zu den reichskirchlichen Organen. Folglich mußte sich der Geistliche Vertrauensrat auch des öfteren mit den Problemen dieser Kirchengebiete befassen: So war er denn auch in jeder Phase an der Erarbeitung der „Verordnung über die Eingliederung der Deutschen Evange61 Zum Stichtag 1.10.1944 waren nach Berechnungen der DEKK 45 % der Geistlichen und 98% der nichtordinierten Kandidaten bei der Wehrmacht (LKA SCHWERIN, GVRHandakten Schultz, III/32: Entwurf eines Rundschreibens an die Landeskirchen vom Januar 1945). 62

63

L K A HANNOVER, L 2, N r . 7, B d . 3 u n d L K A STUTTCART, D 1 / 1 4 7 .

Die Freistellung der Geistlichen vom „Volkssturm" erfolgte nicht aus „kirchenfreundlichen" Absichten: So wurde im Januar 1945 ausdrücklich die Befreiung von Organisten, Küstern und anderen Kirchenbediensteten, die für einen geordneten Gottesdienstablauf notwendig waren, verboten (vgl. F. ZIPFEL, Kirchenkampf, S. 248), und schon im Frühjahr 1944 hatte Bormann Überlegungen anstellen lassen, ob evangelische Geistliche weiterhin als Offiziere tragbar seien (vgl. EBD., S. 519-527). « Vgl. oben S. 239-253.

Die kriegsbedingte Wahrnehmung von Betreuungsaufgaben

313

lischen Kirche in Böhmen, Mähren und Schlesien" maßgeblich beteiligt65. Noch lange nach der Bekanntgabe der Eingliederungsverordnung war Präsident Wehrenfennig dem Vertrauensrat für die Mithilfe bei der Erstellung der Verordnung dankbar66. Für Osterreich war gar eine „Eingliederungsverordnung" erarbeitet worden, die es dem Leiter der DEK-Kirchenkanzlei gestattete, maßgeblich bei der Bestimmung der Beamten der „Evangelischen Kirche A. und H.B. in Osterreich" mitzuwirken67. Nach der Herausgabe des Erlasses vom 29. März 1940 war auch der Vertrauensrat befugt, bei der Regelung von Personalangelegenheiten der evangelischen Kirche Österreichs mitzuwirken68. Mit der neuen elsässischen Kirchenleitung nahm der Vertrauensrat schon bald nach der Angliederung dieses Gebietes an das Deutsche Reich Kontakt auf. So trafen der lutherische Kirchenpräsident Maurer und der reformierte Synodalpräsident Bartholome — beide waren von dem badischen Reichsstatthalter und Gauleiter Wagner, der auch Chef der Zivilverwaltung des Elsaß war, ernannt worden — am 28. Oktober zu einem ersten ausführlichen Gespräch mit den Mitgliedern des Vertrauensrates in Berlin ein. Neben den finanziellen Problemen, die durch den Entzug der Staatsleistungen entstanden waren69, stand die Umgestaltung der bisherigen Kirchenverfassung und die geplante Angliederung der beiden evangelischen Kirchen des Elsaß an die DEK im Vordergrund der Unterredung70. Sucht man die Gründe für die enge Anlehnung der neuen Kirchengebiete an die DEK, so ist besonders auf die Haltung des Staates in diesen Gebieten zu verweisen. Wenn es die nationalsozialistischen Machthaber auch vermieden, in Osterreich, dem Sudetenland und im Elsaß mit gleicher Konsequenz wie im Wartheland vorzugehen, so versuchten sie doch, den Kirchen ihre 65

Vgl. hierzu die Protokolle der GVR-Sitzungen vom 20.-22.5.1940 (EZA BERLIN, 1/A 4/577, BL. 100-105), vom 3.-5.6.1940 (EZA BERLIN, 1/A 4/575, BL. 57-60) und vom 5./6.9.1940 (EBD., BL. 43-45). 66 Schreiben von Wehrenfennig an Hymmen vom 30.12.1940 (EZA BERLIN, 1/A 4/569 Bl. 3); die Eingliederungsverordnung ist abgedruckt in: GB1DEK 1940, S. 41 f. 67 Die „Verordnung über die Eingliederung der Evangelischen Kirche A. und H.B. in Österreich in die Deutsche Evangelische Kirche" vom 26.8.1939 (GB1DEK 1939, S. 95 f.) bestimmte durch § 3 Abs. 1 : „Die Beamten des Oberkirchenrates A. und H. B. sind Beamte der Deutschen Evangelischen Kirche." In §3 Abs. 3 hieß es: „Gegenüber den ordentlichen und außerordentlichen Mitgliedern des Oberkirchenrats nimmt der Evangelische Oberkirchenrat A. und H. B. in Wien im Einvernehmen mit dem Leiter der Deutschen Evangelischen Kirchenkanzlei die Befugnisse der obersten Dienstbehörde wahr." 68 Aufgrund von Ziffer 2 des Erlasses vom 28.3.1940 (GB1DEK 1940, S. 13) stand dem GVR ein Mitwirkungsrecht bei der Wahrnehmung dieser Aufsichtsfunktion zu. " Protokoll der GVR-Sitzung vom 28./29.10.1940 (EZA BERLIN, 1/A 4/575, Bl. 32-34). Anläßlich dieser ersten Kontaktaufnahme trafen Maurer und Bartholome nicht nur mit den Vertretern der DEK zusammen, sondern führten auch ein Gespräch mit Kirchenminister Kerrl (vgl. K. MEIER, Kirchenkampf, Bd. 3, S. 561). 70

EBD.

314

Die Bemühungen um den Erhalt kirchlicher Strukturen (1942-1945)

bisherige besondere rechtliche Stellung zu nehmen 71 . Ansatzpunkt hierfür war der bereits erwähnte Entzug der Staatsleistungen und die Forderung nach dem Erlaß von „Beitragsordnungen" zur Finanzierung der kirchlichen Ausgaben. In besonderer Weise drängten die „weltanschaulichen Distanzierungskräfte" auf eine Änderung des Rechtsstatus für die Kirchen. Dieses zeigte sich Anfang 1942 im Elsaß, als die Lutheraner dem Chef der Zivilverwaltung einen Entwurf für eine neue Kirchenverfassung vorlegten. Reichsstatthalter Wagner reichte den Entwurf nämlich sofort an die Parteikanzlei weiter 72 , die auch in diesem Fall die Federführung bei den religionspolitischen Entscheidungen für die neu angegliederten Gebiete beanspruchte. Daß von dieser Seite Einwände gegen einige Passagen der Verfassung vorgebracht wurden, konnte angesichts der grundsätzlich kirchenfeindlichen Haltung dieser Parteidienststelle nicht verwundern. Insbesondere wurde die Bezeichnung „Institution des öffentlichen Rechts" moniert — die Elsässer Kirche müsse erst den Nachweis führen, daß eine solche Bezeichnung gerechtfertigt sei73. Professor Weber, der des öfteren nach Straßburg fuhr, um sich im Auftrag des Vertrauensrates über die dortige Situation zu informieren, und Bischof Heckel, der Leiter des Kirchlichen Außenamtes, rieten den Kirchenvertretern des Elsaß, die Sache nicht auf sich beruhen zu lassen, sondern durch ein Rechtsgutachten den geforderten Nachweis zu führen. Gedacht war daran, entsprechende Gutachten bei Prof. Rudolf Smend (Göttingen) — für die reformierte Kirche — und bei Dr. Otto Friedrich (Karlsruhe) — für die Lutheraner — in Auftrag zu geben. Aufgrund der zögerlichen Haltung von Kirchenpräsident Maurer, dem, so der Eindruck von Weber, die Sache nicht sonderlich eilig erschien, entschlossen sich die Lutheraner und ihnen folgend auch die Reformierten erst im Herbst 1942 zu einem solchen Schritt 74 . Trotz dieses Entschlusses ist es unsicher, ob die Gutachten überhaupt jemals in Auftrag gegeben bzw. erstellt wurden. Sicher ist hingegen, daß es im Elsaß während des Krieges nicht mehr zu einer Umgestaltung der kirchlichen Verhältnisse kam und Kirchenpräsident Maurer Ende 1943 den Gemeinden im Elsaß mitteilen konnte, „daß der äußere Bestand unserer Kirche, soweit wir Menschen überhaupt sehen können, vorerst gesichert erscheint" 75 . Die evangelische Kirche Österreichs hatte sich wiederholt mit Beschwerden über die staatlichen Repressionen an den Geistlichen Vertrauensrat 71

Vgl. K. MEIER, Kirchenkampf, Bd. 3, S. 548f.; 553; 560f. Vgl. Bericht über die kirchliche Situation im Elsaß. Erstellt von Prof. Weber für die GVR-Mitglieder (EZA BERLIN, 1/A 4 / 5 7 1 und LKA SCHWERIN, GVR-Handakten Schultz, IV/47), ausgehändigt in der Sitzung am 13.10.1942 (Protokoll der Sitzung: EZA BERLIN, 1/A 4/579, Bl. 113 f.). 72

74

"

EBD.

75

Rundschreiben von Maurer; Advent 1943 (LKA HANNOVER, L 2, Nr. 7, Bd. 7).

EBD.

„Communio sanctorum" oder „communio religiosorum"?

315

gewandt, die von diesem auch an die zuständigen Zentralbehörden des Reiches weitergeleitet wurden 76 . Aber erst zu Beginn des Jahres 1944 mußte sich der Vertrauensrat erstmals mit inneren Angelegenheiten der evangelischen Kirche Österreichs befassen. Anlaß hierfür war die Regelung der Bischofsnachfolge für den bisherigen Amtsträger Dr. Johann Eder, der am 25. Februar 1944 gestorben war. Da die Beamten des Ev. Oberkirchenrates in Wien als Beamte der DEK galten, konnte auch die Berufung von Eders Nachfolger nicht ohne die Zustimmung des Vertrauensrates erfolgen77. Diese erging am 29. Juni 1944 zu der Ernennung von Pfarrer Gerhard May. Allerdings behielt sich der Vertrauensrat vor, diesen durch ein Mitglied des Vertrauensrates in sein Amt einführen zu lassen78. Wegen der schwierigen Verkehrsverhältnisse konnte dieses Vorhaben — Marahrens hatte diese Aufgabe übernommen — jedoch nicht verwirklicht werden79. Für Marahrens hatte die Mitwirkung bei der Ernennung von May und die beabsichtigte Amtseinführung allerdings noch ein Nachspiel: Als der hannoversche Landesbischof den Mitgliedern der Kirchenführerkonferenz am 6. Dezember 1944 einen Bericht über die GVR-Aktivitäten des letzten halben Jahres zusandte, enthielt dieser auch den Satz: „Zu der Berufung von D.May zum Bischof von Wien haben wir unsere Zustimmung gegeben"80. Erbost über diese Formulierung wandte sich der bayerische Landesbischof Meiser an Marahrens, um zu erfahren, „aufgrund welcher Vollmachten der Geistliche Vertrauensrat solche Verfügungen trifft, die sich von kirchenregimentlichen Handeln in nichts mehr unterscheiden" 81 . Zwar konnte Marahrens in diesem Fall zu Recht auf die besondere rechtliche Stellung der Beamtenschaft des österreichischen Ev. Oberkirchenrates und des österreichischen Bischofs verweisen82; doch ist bezeichnend, daß Meiser selbst noch in dieser Phase des Krieges eifersüchtig darüber wachte, daß sich der Vertrauensrat ja nur keine Leitungsrechte anmaßte. 4. „Communio sanctorum" oder „communio religiosorum"? — Der Geistliche Vertrauensrat und die Auseinandersetzung um die „Thünnger Kirchenordnung" Der sich in den Anfangsjahren des Krieges ständig verstärkende Druck der „weltanschaulichen Distanzierungskräfte" hatte im deutsch-christlichen 76 Vgl. Denkschrift an Hitler vom 30.4.1940 über die Behinderung der kirchlichen Arbeit mit zahlreichen Beispielen aus Österreich (BA KOBLENZ, R 43 11/172, Bl. 4-20). 77 Vgl. oben S. 313, Anm. 67. 78 Protokoll der GVR-Sitzung vom 29./30.6.1944 (EZA BERLIN, 2/54, BL. 75 f.). 79 Vgl. den Briefwechsel zwischen dem Ev. Oberkirchenrat in Wien und Marahrens, insbes. die Absage von Marahrens vom 9.10.1944 (LKA HANNOVER, L 2, Nr. 7, Bd. 8). 80

L K A HANNOVER, L 2 , N r . 7 , B d . 3 .

81

B r i e f a n M a r a h r e n s v o m 1 8 . 1 2 . 1 9 4 4 (EBD.).

82

Ebd.: Brief an Meiser vom 16.1.1945 (EBD.).

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Die Bemühungen um den Erhalt kirchlicher Strukturen (1942-1945)

Kräftefeld zu einer Polarisierung geführt. Damit wurde ein schon ansatzweise seit der Zeit des Reichskirchenausschusses feststellbarer Trend beschleunigt: Während der Restbestand der Reichsbewegung DC, der seit dem Herbst 1938 unter dem Namen „Luther-Deutsche" firmierte 83 , die Kampf- und Glaubensbewegung D C (ehemalige „Hossenfelderbewegung") 8 4 sowie die westfälischen Deutschen Christen eine Annäherung an die volkskirchlich orientierte „Mitte" vollzogen 85 , versuchte die Nationalkirchliche Einung DC, ihr deutsch-christliches Profil während des Krieges noch deutlicher herauszustellen. Die deutsch-christlich geführten Landeskirchen Anhalt und Lübeck, besonders aber Thüringen, gerierten sich dabei als Exponenten dieses Kurses, während die übrigen Mitglieder der Arbeitsgemeinschaft nationalsozialistischer Kirchenleiter — wenn auch aus unterschiedlichen Gründen — eine gewisse Distanz zu den Bemühungen um die Verwirklichung eines „positiven Christentums" wahrten 86 . Nicht ohne Schwierigkeiten kann die Position des Mecklenburger Landesbischofs Schultz im Kreise der DC-Kirchenleiter bestimmt werden: Sicher gehörte er zu denjenigen Deutschen Christen, die über den religionspolitischen Kurs von Partei und Staat enttäuscht waren. Seine Bereitschaft, das Vorgehen des Vertrauensrates gegen die staatlichen Restriktionsmaßnahmen mitzutragen und sein recht moderater kirchenpolitischer Kurs in Mecklenburg während der letzten Kriegsjahre87 müssen als eine Folge dieser Frustration angesehen werden. Sobald es allerdings um Angelegenheiten deutsch-christlich geleiteter Landeskirchen ging, präsentierte er sich als Anwalt von deren Interessen, 83 Vgl. K. MEIER, Kirchenkampf, Bd. 3, S. 156. Zur allgemeinen Entwicklung der deutschchristlichen Gruppen bis 1939 vgl. K. MEIER, Die Deutschen Christen. 84 Vgl. K. MEIER, Kirchenkampf, Bd. 3, S. 156: Seit dem Ubertritt Hossenfelders zur Thüringer DC stand diese deutsch-christliche „Restgruppe" unter der Leitung von Oberkonsistorialrat Dr. Friedrich Wieneke und Sup. Johannes Schleuning (Berlin). Die Beurteilung, die Wieneke 1942 durch die bekenntniskirchliche Seite erfuhr, kann angesichts seiner Tätigkeit für den GVR nur unterstrichen werden; nämlich, daß er sich auf seine Weise „wacker für die Kirche einsetzte" (EBD.). Das durchweg durch die Anfangsjahre des Kirchenkampfes geprägte Urteil von H.-J. SONNE, Theologie, S. 117f., berücksichtigt nicht die Entwicklung Wienekes während der Kriegszeit (vgl. oben S. 233-236). 85 Vgl. EBD.: Die westfälischen Deutschen Christen standen unter der Leitung von Pfarrer Walter Fiebig. 86 In den Landeskirchen Sachsen und Nassau-Hessen, die ebenso wie Thüringen, Anhalt

(vgl. K . MEIER, K i r c h e n k a m p f , B d . 3, S. 3 7 0 - 3 7 5 ) , L ü b e c k (vgl. EBD., S. 3 8 7 - 3 8 9 ; K . F. REIMERS,

Lübeck) und Mecklenburg der Arbeitsgemeinschaft nationalsozialistischer Kirchenleiter angehörten, waren es weniger spezifisch deutsch-christliche Gedankengänge, sondern vielmehr die Abhängigkeit von den örtlichen Reichsstatthaltern, die das Handeln der jeweiligen Präsidenten der Landeskirchen bestimmten (vgl. oben S. 126; 136). In Oldenburg (vgl. K. MEIER, Kirchenkampf, Bd. 3, S. 407-414) und der Ev. Kirche der altpreußischen Union (vgl. EBD., S. 181-224) kam es zwar während des Krieges nicht zu einer wirklichen innerkirchlichen Befriedung, doch zeigten die Kirchenleitungen eine sichtbare Abstinenz von spezifisch deutsch-christlicher Politik. 87

Vgl. N . BESTE, K i r c h e n k a m p f , S. 2 2 3 - 2 2 8 .

.Communio sanctorum" oder „communio religiosorum"?

317

oder er versuchte doch zumindest, vermittelnd im Sinne seiner „Kameraden" tätig zu werden. Dieses zeigte sich besonders deutlich zwischen dem Winter 1943 und dem Jahresanfang 1945, als sich der Vertrauensrat mit der „Thüringer Kirchenordnung" beschäftigen mußte — jenem letzten Versuch, der noch einmal deutlich machte, in welcher Weise die Exponenten eines prononciert deutschchristlichen Kurses noch während der letzten Kriegsphase ihr Konzept zu verwirklichen suchten. Nachdem am 28. August 1942 der Thüringer Landesbischof Martin Sasse gestorben war, wurde im Frühjahr 1943 Hugo Rönck, der sich „als agiler Landesjugendpfarrer (seit 1936) in seiner aktiv-zupackenden Art wie auch besonders als,alter Kämpfer' der NSDAP politisch ausgewiesen [hatte], für geeignet befunden, im Landeskirchenrat den Vorsitz zu übernehmen und als leitender Geistlicher der Thüringer Evangelischen Kirche zu fungieren" 88 . Gleichzeitig mit Rönck wurde Dr. Erwin Brauer, der als Reichsorganisationsleiter der Nationalkirchen Einung D C tätig war, zum Mitglied des Landeskirchenrates ernannt 89 . Schon diese einseitige Zusammensetzung des Landeskirchenrates veranlaßte nicht nur den Landesbruderrat der Bekennenden Kirche, sondern, wie eine entsprechende an den Vertrauensrat gerichtete Beschwerde belegt, auch den Thüringer Pfarrerverein zu Protesten90. Doch gelang es Rönck in den folgenden Monaten, seine Stellung weiter zu festigen: Am 6. April 1943 wurde aufgrund des „kirchlichen Ermächtigungsgesetzes" vom 7. September 1933 ein Präsidialgesetz beschlossen, durch das es Rönck, der nun die Dienstbezeichnung „Präsident der Thüringer evangelischen Kirche" führte, ermöglicht wurde, den Landeskirchenrat umzubilden und dabei auch das letzte nicht deutsch-christliche Mitglied dieses Gremiums auszubooten91. Im Vertrauensrat und in der Kirchenkanzlei bestanden anfangs Bedenken gegen dieses Gesetz92. Erst nach einigen Änderungen, 88 K. MEIER, Kirchenkampf, Bd. 3, S. 484. Ursprünglich war Julius Leutheuser als Nachfolger von Sasse vorgesehen. Doch fiel Leutheuser am 24.11.1942 bei Stalingrad. Es wurde auch erwogen, Siegfried Leffler, den Reichsleiter der Nationalkirchlichen Einung DC, für den kirchlichen Dienst zu reaktivieren. Doch wurde dieser Gedanke verworfen, da man kaum eine Chance sah, von den staatlichen Behörden eine Freigabe Lefflers, der seit 1933 als Regierungsrat in Weimar tätig war, für den Kirchendienst zu erlangen. 89

EBD.

Brief von Pastor Dahinten (Thüringer ev. Pfarrerverein) an den GVR vom 11.1.1943 (EZA BERLIN, 1/A 4/572, Bl. 2); vgl. auch die zahlreichen Briefe, die Marahrens erreichten 90

( L K A HANNOVER, L 2, N r . 2b, Bd. 2).

»» Thüringer KBl 1943, S. 3 f.; vgl. auch K. MEIER, Kirchenkampf, Bd. 3, S. 484 f. »2 In der GVR-Sitzung am 4./5.5.1943 (LKA SCHWERIN, GVR-Handakten Schultz, 1/2) wurde das Präsidialgesetz besprochen. Am 8.5.1943 teilte Fürle dem Landeskirchenamt in Eisenach mit, daß Bedenken gegen das Gesetz bestünden: Zum einen widerspreche es dem geschichtlichen Charakter der Thüringer Kirche, zum anderen sei es kaum mit dem Gebot der Rechtseinheit unter den Landeskirchen zu vereinbaren (vgl. K. MEIER, Kirchenkampf, Bd. 3, S. 485).

318

Die Bemühungen um den Erhalt kirchlicher Strukturen (1942-1945)

so etwa die Beschränkung des Gesetzes auf die Dauer des Krieges, bekam es die „Unbedenklichkeitserklärung" durch den Leiter der Kirchenkanzlei 93 . Korrespondierend zu der organisatorischen und personellen Umgestaltung der Thüringer Kirche strebte Rönck auch eine Umbildung der Thüringer Kirchenverfassung an. Auf diese Weise sollte die Landeskirche in Anpassung an die NS-Ideologie umgebildet werden 94 . Am 16. Dezember 1943 reichte Rönck der Kirchenkanzlei den Entwurf für die geplante Kirchenordnung ein, um ihn gemäß der Verordnung vom 5. März 1938 unter dem Aspekt der „Rechtseinheit" zwischen den Landeskirchen prüfen zu lassen 95 . Es sei nebenbei bemerkt, daß Rönck sich fast gleichzeitig an Staatssekretär Muhs wandte, um bei ihm — unter Hinweis auf die „in Thüringen neu geschaffenen kirchlichen Verhältnisse" und die dadurch gewährleistete „Gewissensfreiheit" — den Erlaß „einer klaren Verordnung über den Schutz der Gewissensfreiheit" anzuregen: „In dem Augenblick, da sich der Führer entschließen könnte, einmal im Namen des nationalsozialistischen Staates die unbedingte religiöse Toleranz im Sinne des Parteiprogramms zum Gesetz zu erheben, wäre die Lösung aller religiösen Spannungen nur mehr eine Frage der Zeit" 9 6 . Sieht man Röncks Bemühungen um eine innere Umgestaltung der Kirche im Zusammenhang mit diesem Vorschlag, so legt sich die Vermutung nahe, daß er noch Ende 1943 hoffte, ein einvernehmliches Verhältnis zwischen Christentum und Nationalsozialismus herstellen zu können. Im Geistlichen Vertrauensrat, der aufgrund des Erlasses vom 11. März 1940 vor der Erteilung von „Unbedenklichkeitserklärungen" im Sinne der Verordnung vom 5. März 1938 angehört werden mußte 97 , stieß der Thüringer Entwurf jedoch bei Hymmen und noch mehr bei Marahrens auf Bedenken. U m allen Mitgliedern die Möglichkeit zu einer eingehenden Prüfung Vgl. EBD., S. 484. Vgl. die Äußerungen von Rönck anläßlich seiner Einführung als Landeskirchenrat am 1 5 . 3 . 1 9 4 3 (LKA HANNOVER, L 2, Nr. 2b, Bd. 2: Abschrift aus der Zeitschrift „Der Kirchenälteste" 5 / 1 9 4 3 , Nr. 2) und diejenigen auf einer Pfarrerkonferenz Mitte Juni 1943 (wiedergegeben bei K. MEIER, Kirchenkampf, Bd. 3, S. 485f.). Signifikant ist die Stellungnahme, die Rönck nach der Veröffentlichung der Kirchenordnung am 3 0 . 8 . 1 9 4 4 in einem Schreiben an die Kirchenkanzlei abgab: „Im übrigen handelt es sich bei dem in Rede stehenden Gesetz zutiefst nur um Folgerungen, die aus dem Grundsatz eines positiven Christentums im Sinne des nationalsozialistischen Staates sowie aus dem verpflichtenden Erbe Martin Luthers sich 93 94

e r g e b e n " ( L K A HANNOVER, L 2 , N r . 2 , B d . 2 ) . 95

L K A HANNOVER, L 2 , N r . 7 , B d . 5 , u n d L K A SCHWERIN, G V R - H a n d a k t e n

Schultz,

IV/ 65. 96

A u s z u g s w e i s e A b s c h r i f t e i n e s B r i e f e s v o m 3 0 . 1 2 . 1 9 4 3 ( B A KOBLENZ, R 4 3 1 1 / 1 7 2 , B l .

211 f.). Wie aus einem Vermerk der Reichskanzlei vom 2 . 1 2 . 1 9 4 4 (EBD., Bl. 210) hervorgeht, hatte Muhs den von Rönck unterbreiteten Vorschlag Ende 1944 der Reichskanzlei zugänglich gemacht und mitgeteilt, daß er evtl. beabsichtige, einen ähnlichen „Toleranzerlaß" herauszugeben. 9 7 GB1DEK 1940, S. 13; besonders Ziffer 2d.

.Communio sanctorum" oder „communio religiosorum"?

319

des Entwurfes zu geben, wurden die weiteren Verhandlungen über die Kirchenordnung vorerst einmal auf den 28. Januar 1944 verschoben 98 . Rönck, dem dieses durch die Kirchenkanzlei mitgeteilt wurde", reagierte sichtlich verärgert: Er „halte es für zweifelhaft, ob mit der fraglichen Angelegenheit der GVR der DEK befaßt werden" müsse. Andererseits wolle er aber auch keinen Einspruch erheben, sofern er nur rasch die Zustimmung der Kirchenkanzlei erhalte100. Zur Bekräftigung seiner Position fügte Rönck hinzu, daß über die Verordnung „monatelang mit weiten Kreisen der Pfarrerschaft gesprochen" worden sei101. Was Rönck jedoch verschwieg, war die Tatsache, daß die neue Kirchenordnung trotz dieser Gespräche bei einem Großteil der Thüringer Pfarrer nur auf wenig Gegenliebe stieß102. Um die sich anbahnenden Spannungen zwischen einem Teil der GVRMitglieder und Rönck zu entschärfen, schlug Landesbischof Schultz in der Sitzung am 28. Januar 1944 vor, den Thüringer Kirchenpräsidenten zum nächsten Zusammentreffen des Vertrauensrates einzuladen. Sogar auf eine gemeinsame Marschroute konnte man sich einigen. Es gelte, Rönck davon zu überzeugen, daß es inopportun sei, eine so weitreichende Neuregelung der Kirchenverhältnisse während der Kriegszeit in Angriff zu nehmen. Er solle sich stattdessen darauf beschränken, einzelne änderungsbedürftige Punkte der bisherigen Kirchenverfassung auf dem Erlaßweg umzugestalten103. Am 29. Februar kam es dann tatsächlich in Potsdam zu einem Zusammentreffen zwischen Rönck und den GVR-Mitgliedern104. Doch zeigte sich recht schnell, daß sich der Thüringer Kirchenpräsident auf keine Kompromisse einlassen wollte. Denn sein Ziel war es nicht, einige innerkirchliche Veränderungen durchzuführen, sondern ihm ging es darum, endlich „positives Christentum" im Sinne des Artikels 24 des NSDAP-Parteiprogramms Wirklichkeit werden zu lassen105. Was Rönck auch immer unter diesem Begriff verstand, er strebte zunächst einmal eine möglichst weitgehende Öffnung der Kirche für jede Art von Religiosität an. Die Paragraphen 13 und 22 der Kirchenordnung brachten diese Absicht deutlich zum Ausdruck: So erlaubte es der § 13, bei Durchführung von Taufen auch nichttrinitarische Taufformeln zu benutzen, während es der § 22 einem ungetauften Erwachsenen unter bestimmten Bedingungen gestattete, vollberechtigtes Mitglied der 98

P r o t o k o l l der G V R - S i t z u n g v o m 1 1 . 1 . 1 9 4 4 ( E Z A BERLIN, 2 / 5 4 , Bl. 53 f.). " Brief ( A b s c h r i f t ) v o m 1 8 . 1 . 1 9 4 4 ( L K A HANNOVER, L 2, N r . 7, Bd. 5). 100

Brief (Abschrift) von Rönck an die DEKK vom 27.1.1944 (EBD.). EBD.

102

Vgl. die zahlreichen Briefe, die Marahrens hierzu erreichten (LKA HANNOVER, L 2, Nr. 2b, Bd. 2 und L 2, Nr. 7, Bd. 5). 103 Protokoll der GVR-Sitzung vom 28.1.1944 (EZA BERLIN, 2/54, Bl. 55). 104 Protokoll der GVR-Sitzung vom 29.2.1944 (EBD. Bl. 62 f.). 105 Vgl. die Einführungsbemerkungen von Rönck zur „Thüringer Kirchenordnung" (LKA SCHWERIN, GVR-Handakten Schultz, IV/65).

320

Die Bemühungen um den Erhalt kirchlicher Strukturen (1942-1945)

Thüringer Evangelischen Kirche zu werden und somit auch aller Sakramente und Amtshandlungen teilhaftig zu werden106. Offensichtlich hat auch Marahrens—nachdem klar war, daß Rönck an seiner Position kompromißlos festhalten werde — mit Kritik nicht zurückgehalten. Aus späteren Äußerungen läßt sich die Position des hannoverschen Landesbischofs recht deutlich erkennen. So schrieb er an Pfarrer Wolfgang Schanze, einem Mitglied des Thüringer Landesbruderrates: „Diese Kirche [sc.: die Thüringer Kirche] will nicht mehr Gefäß für die communio sanctorum sein, d.h. die Gemeinschaft der Christus-Angehörigen, sondern begnügt sich damit, eine communio religiosorum in sich zu beherbergen". Marahrens bezweifelte sogar, ob „eine Landeskirche mit einer solchen Kirchenordnung sich in den Rahmen der DEK, insbesondere unter Berücksichtigung von Artikel 1 der Verfassung der DEK, einfügen will" 107 . Aber auch Rönck selbst ließ er unmißverständlich wissen, daß „Bestimmungen wie sie §22 und § 13 zeigen, . . . in der Kirche nicht getragen werden" können108. Auch halte er eine Kirche, in der neben dem verpflichtenden Erbe Martin Luthers auch das „Sittlichkeits- und Moralempfinden der germanischen Rasse" zur Norm gemacht werde, für eine Unmöglichkeit. Für diese Position konnte sich Marahrens der Unterstützung von Hymmen sicher sein109, „während ein anderes Mitglied des GVR", so vermerkte Marahrens später, „zu einer entgegenkommenderen Haltung neigte" u o . Da Rönck weiterhin auf einer Behandlung der Thüringer Kirchenordnung im Sinne der Verordnung vom 5. März 1938 bestand111, mußte sich der Vertrauensrat Ende März erneut mit der Kirchenordnung beschäftigen m . Auf Drängen von Marahrens entschloß dieser sich, dem Leiter der Kirchenkanzlei zu empfehlen, keine Unbedenklichkeitserklärung zu erteilen. Andererseits ließ man Fürle aber auch die Freiheit, „den Erlaß der Kirchenordnung zuzulassen, ohne damit seinerseits die Grundtendenz und die Einzelbestimmungen der Kirchenordnung zu billigen"113. Der Kompromiß106 Vgl Thüringer K B l (A) 1944, S. 45-58 oder den Sonderdruck der Kirchenordnung ( L K A SCHWERIN, GVR-Handakten Schultz, IV/65). 107

B r i e f v o m 1 5 . 7 . 1 9 4 4 ( L K A HANNOVER, L 2 , N r . 2 b , B d . 2 ) .

" » Brief an Rönck vom 25.8.1944 (EBD. bzw. E Z A BERLIN, 2 / 5 4 , BL. 113). A m 18.10.1944 schickte Marahrens ein von ihm gefertigtes Gutachten über die Thüringer Kirchenordnung an Rönck, in dem die bereits geäußerten Bedenken noch einmal zusammengefaßt wurden (EBD., Bl. l l l f . ) . 105 Vgl. hierzu den Protest des Εν. Oberkirchenrates Berlin gegen die Thüringer Kirchenordnung vom 4.10.1944, der auf einer Vollsitzung, also unter Teilnahme von H y m m e n , verabschiedet wurde ( L K A HANNOVER, L 2, Nr. 7, Bd. 5). 110 Brief von Marahrens an Wurm vom 4.2.1947 (EBD.). 111 Protokoll der GVR-Sitzung v o m 28/29.3.1944: „ O K R Brunotte teilt ein Telegramm von Präsident Rönck mit, mit dem dieser um eine baldige Stellungnahme des Leiters der D E K K , zu den von ihm vorgelegten Verordnungen bittet" ( E Z A BERLIN, 2 / 5 4 , BL. 64 f.). 112

EBD.

113

EBD.

,Communio sanctorum" oder „communio religiosorum"?

321

charakter dieser Entschließung dürfte die Diskrepanzen, die zwischen Marahrens und Schultz in dieser Frage bestanden, widerspiegeln. Fürle übermittelte Rönck am 4. April, daß sich der Vertrauensrat nicht zu einer „positiven Stellungnahme" habe entschließen können; auch er selber wolle „von einer ausdrücklichen Stellungnahme" absehen114. Diese Mitteilung interpretierte Rönck recht eigenwillig: Er ließ nämlich am 15. Juli 1944 die neue Thüringer Kirchenordnung im Gesetzblatt veröffentlichen—versehen mit dem Passus, die Kirchenordnung sei „im Einvernehmen" mit dem stellvertretenden Leiter der Kirchenkanzlei ergangen115. Auf die unverzüglichen Proteste der Kirchenkanzlei, daß eine Unbedenklichkeitserklärung nie erteilt worden sei und von einem „Einverständnis" mit der gesamten Ordnung erst recht nicht die Rede sein könne116, reagierte Rönck mit gespielter Verwunderung. Am 30. August 1944 schrieb er an die Kirchenkanzlei: „Nachdem mir . . . ausdrücklich empfohlen worden war, die neue Thüringer Kirchenordnung ,ohne den Passus über die Unbedenklichkeitserklärung des Leiter der Kirchenkanzlei zu veröffentlichen', mußte ich in gutem Glauben nach dem ausführlichen Vorverhandlungen das gegenseitige Einvernehmen in der Sache voraussetzen"117. Deshalb habe er sich dann auch entschlossen, dieses Einverständnis durch einen entsprechenden Passus auszudrücken118. Alle Versuche des Vertrauensrates und der Kirchenkanzlei, Rönck zu einer Richtigstellung zu veranlassen, schlugen fehl119. Durch seine Maßnahmen zur Umgestaltung der Thüringer Landeskirche hatte sich Rönck allerdings auch in eine schwierige Lage manövriert, denn durch die Veröffentlichung der Thüringer Kirchenordnung verschärfte sich der Gegensatz zwischen ihm und einem Großteil der Thüringer Pfarrerschaft noch weiter120. Aber nicht nur das — Rönck hatte sich auch die Gegnerschaft der meisten Landeskirchen zugezogen. Ubereinstimmend pro114

L K A HANNOVER, L 2 , N r . 2 b , B d . 2 .

»5 Vgl. oben A n m . 106. 116 Brief (Abschrift) der D E K K an Rönck ( L K A HANNOVER, L 2, N r . 7, Bd. 5). 117

EBD.

118

EBD.

Das Protokoll der GVR-Sitzung vom 29.8.1944 hält fest: „ D e r G V R hält es für erforderlich, klarzustellen, daß die Thür. Kirchenordnung nicht im Einvernehmen mit dem Leiter der D E K K , erlassen worden i s t " ( E Z A BERLIN, 2/54, Bl. 85 f.). A m 13.8.1944 forderte Fürle Rönck auf, die entsprechende Passage der Kirchenordnung richtig zu stellen ( L K A HANNOVER, L 2, Nr. 7, Bd. 5). „ N a c h nochmaliger Beratung im G V R " forderte Fürle Rönck am 24.10.1944 gar auf, „die Durchführung der K O durch Bekanntmachung im ,Thür. Kirchenblatt' bis auf weiteres auszusetzen" (EBD.). 120 Die nicht deutsch-christlichen Mitglieder des liturgischen und des katechetischen Ausschusses der Thüringer Evangelischen Kirche wandten sich am 27.9.1944 mit einer Eingabe (gez. Mitzenheim) an die Kirchenkanzlei, die Thüringer Kirchliche Konferenz (gez. Otto) folgte am 23.11.1944 (EBD.). Auch an Rönck direkt wurden eine Reihe von Beschwerden gerichtet: A m 28.10.1944 wandte sich die Thüringer Kirchliche Konferenz (gez. Otto) an ihn (EBD.: Abschrift des Schreibens), am 25.1.1945 beschwerte sich die Bekenntnisgemeinschaft (gez. Mitzenheim) bei Rönck (EBD.: Abschrift des Schreibens). 119

322

Die Bemühungen um den Erhalt kirchlicher Strukturen (1942-1945)

testierten Meiser im Namen der dem Lutherrat angeschlossenen Kirchen und Vizepräsident Evers für den Ev. Oberkirchenrat Berlin gegen die Thüringer Kirchenordnung. Beide erblickten in ihr eine Gefahr für den Zusammenhalt der Deutschen Evangelischen Kirche121. In der Sache waren diese Darlegungen denen von Marahrens ähnlich. Auch sie sahen in den Paragraphen 13 und 22 einen Verstoß gegen die Verfassung der DEK, durch den sich die Thüringer Landeskirche von den übrigen Landeskirchen isoliere. Andererseits wurde Rönck von Seiten der NSDAP angegriffen, weil man es nicht für opportun hielt, daß sich ein „Ehrenzeichenträger" — Rönck war Träger des „Goldenen Parteiabzeichens" — in derartiger Weise kirchlich exponiere m . Trotz mehrfacher Versuche, für seinen Kurs der Annäherung von Partei und Kirche bei Staats- und Parteiinstanzen—zuletzt sogar bei Hitler selbst — Unterstützung zu finden, verschärfte sich der Gegensatz zwischen Rönck und der NSDAP-Führung bis zum Herbst 1944 so weit, daß Rönck von Reichsleiter Bormann am 5. Oktober 1944 aus der Partei ausgeschlossen wurde 123 . Bezeichnenderweise war fast ausschließlich dieser Parteiausschluß für Röncks weitere Haltung in der Frage der Kirchenordnung ausschlaggebend, eine Tatsache, die aufs deutlichste zeigt, daß sein Handeln weniger durch theologische als vielmehr durch politische Überlegungen gesteuert wurde. Rönck stellte sich nämlich in der Folgezeit auf den Standpunkt, daß eine Zurücknahme oder Aussetzung der Kirchenordnung zu dem politischen Mißverständnis führen könne, er habe aus Verärgerung über seinen Parteiausschluß den bisherigen Kurs der Kooperation von Partei und Kirche verlassen124. In der Thüringer Landeskirche führte der Parteiausschluß zu einer Solidaritätsaktion für Rönck. Die Pröpste und ihre Stellvertreter veröffentlichten am 3. Januar 1945 eine Vertrauenskundgebung für den Kirchenpräsidenten, die in die Bitte einmündete, er möge sich die Dienstbezeichnung „Landesbischof" zulegen125. Von der Bekenntnisgemeinschaft wurde diese Erklärung allerdings nicht mitgetragen126. Rönck konnte diese Aktion nur recht 121

Abschriften der Stellungnahmen von Meiser vom 25.8.1944 und des EOK Berlin vom

4 . 1 0 . 1 9 4 4 (EBD.). " 2 Vgl. K . MEIER, K i r c h e n k a m p f , B d . 3 , S. 4 9 0 . 123

Vgl. die ausführliche „Dokumentation", die Rönck über seinen Parteiausschluß anfer-

t i g t e ( L K A HANNOVER, L 2 , N r . 2b, B d . 2). 124

Protokoll der GVR-Sitzung vom 22.2.1945 (EZA BERLIN, 2/54, BL. 104-107). Hektographiertes Rundschreiben vom 3.1.1945 (LKA HANNOVER, L 2, Nr. 7, Bd. 5). 126 Am 16.1.1945 schrieb Schanze an Marahrens: „Herr Präsident Rönck versucht jetzt seine Position durch Huldigungskundgebungen aus der Thüringer Landeskirche zu stützen, die den Eindruck erwecken sollen, als habe er seine Landeskirche geschlossen hinter sich. Davon kann natürlich keine Rede sein. Ich sende in der Anlage meinen Einspruch an Propst Kade mit. Es erscheint uns wichtig, daß in der DEK kein falsches Bild über die innerkirchliche Lage in Thüringen entsteht" (EBD.); vgl. auch: K. MEIER, Kirchenkampf, Bd. 3, S. 491. 125

.Communio sanctorum" oder „communio religiosorum"?

323

kommen — schien sie doch geeignet, seine angeschlagene Position innerhalb der Landeskirche und auch gegenüber der politischen Führung wieder aufzuwerten. Doch bedurfte es aufgrund der Verordnung zur Gewährung der Rechtseinheit unter den Landeskirchen vom 5. März 1938 auch in diesem Fall der Prüfung des entsprechenden Gesetzes durch die Kirchenkanzlei und den Vertrauensrat 127 . Am 22. Februar 1945 kam es noch einmal zu einer Besprechung zwischen Rönck und zwei Mitgliedern des Vertrauensrates128 — allerdings waren es durchaus unterschiedliche Interessenlagen, die dieses Gespräch bestimmten. Während dem Thüringer Kirchenpräsidenten daran lag, möglichst schnell die Zustimmung der reichskirchlichen Leitungsorgane zu dem sog. „Bischofsgesetz" zu erlangen 129 , drängten Marahrens und Hymmen — Schultz und Weber fehlten krankeitsbedingt 130 — darauf, daß zuerst die durch die Veröffentlichung der Thüringer Kirchenordnung entstandene Lage bereinigt werden müsse. „Von einer Seite"—wahrscheinlich war es Landesbischof Marahrens — wurde Rönck dringend nahegelegt, „dem Rat des stellvertretenden Leiters der K[irchen] K[anzlei] zu entsprechen und die Anwendung der Thüringer K[irchen] Ofrdnung] während des Krieges auszusetzen" 1 3 1 . So weit meinte Rönck jedoch nicht gehen zu können, doch erklärte er sich erstmals bereit, die Paragraphen 13 und 22 nicht ohne das Einverständnis der nicht deutsch-christlichen Kreise anzuwenden, was, wie Rönck richtig erkannte, „praktisch einer Sistierung der beiden Paragraphen auf die Kriegsdauer gleichkommen" würde 132 . Marahrens und wohl auch Hymmen ging dieses Zugeständnis jedoch nicht weit genug, sie bestanden auf einer Rücknahme der gesamten Kirchenordnung. Schultz hingegen sekundierte seinem deutsch-christlichen Gesinnungsfreund in einem Brief an die Kirchenkanzlei: „Man kann Herrn Präsidenten Rönck nicht zumuten, daß er nach allem, was geschah, die Kirchenordnung in toto zurückzieht, da er dadurch in den Verdacht kommen würde, aus Verärgerung seinen ursprünglichen Kurs, der auf eine Kooperation von Kirche und Partei abzielte, verlassen zu haben" 1 3 3 . 127 Diese Prozedur dürfte auch der Grund dafür gewesen sein, daß zwischen der Erklärung der Pröpste und der Vorstellung Röncks als Bischof mehr als zwei Monate vergingen (vgl. EBD.). 128

P r o t o k o l l d e r G V R - S i t z u n g v o m 2 2 . 2 . 1 9 4 5 ( E Z A BERLIN, 2 / 5 4 , BL. 1 0 4 - 1 0 7 ) .

Brief (Abschrift) von Rönck an Schultz vom 5.2.1945: Sollte eine GVR-Sitzung z. Zt. nicht stattfinden können, möge Schultz, „um der Sache des Deutschen Christentums willen' ', die Zustimmung zur „Frage meiner Amtsbezeichnung auf schriftlichem Wege" herbeiführen (LKA HANNOVER, L 2, Nr. 7, Bd. 5). In ähnlicher Weise schrieb Rönck am 24.2.1945 an Cölle (EZA BERLIN, 1/A 4/507). Eine Abschrift des Bischofsgesetzes (Entwurf) findet sich im EZA 129

BERLIN, 2 / 5 4 , BL. 1 0 8 f. 130 131 132 133

Vgl. unten S. 326 f. Protokoll der GVR-Sitzung vom 22.2.1945 (EZA BERLIN, 2/54, BL. 104-107). Brief von Rönck an Cölle vom 24.2.1945 (EZA BERLIN, 1/A 4/507). Brief (Abschrift) an Brunotte vom 27.1.1945 (LKA HANNOVER, L 2, Nr. 7, Bd. 5).

324

Die Bemühungen um den Erhalt kirchlicher Strukturen (1942-1945)

Die Meinungsverschiedenheiten innerhalb des Vertrauensrates verhinderten also auch noch jetzt eine eindeutige Stellungnahme des Gesamtgremiums zu der Thüringer Kirchenordnung. Abseits aller Einmütigkeit, die sich in den letzten Jahren bei der Abwehr von Maßnahmen der weltanschaulichen Distanzierungskräfte herausgebildet hatte, blieben also die grundsätzlichen theologischen Differenzen bis zur letzten Sitzung bestehen. Rönck unternahm jedoch noch einen weiteren Versuch: Er versuchte nämlich, von dem gerade erst zum Präsidenten der Kirchenkanzlei ernannten Herbert Bührke die für das Inkrafttreten des „Bischofsgesetzes" notwendige Unbedenklichkeitserklärung zu erlangen134. Zwar schlug auch dieser Versuch fehl, doch hinderte ihn das nicht daran, sich am Ostersonntag 1945 als Landesbischof vorzustellen135. Allerdings endete seine Zeit als Bischof schon sehr bald: Bereits am 30. April 1945 wurde er durch die amerikanischen Besatzungstruppen verhaftet136. Aus der folgenden Internierung wurde er jedoch schon nach kurzer Zeit entlassen, versehen mit dem Vermerk „Cleared of all charges pending against him and unconditionally released"137. Da diese Entscheidung aber immer wieder angefochten wurde, sah sich Rönck noch über zwei Jahre später veranlaßt, immer neue Beweise für seine angebliche Gegnerschaft zum nationalsozialistischen System herbeizubringen138.

134 Rönck, der in der Sitzung am 22. Februar erfahren hatte, daß Vizepräsident Fürle inzwischen durch Staatssekretär Muhs seines Amtes enthoben worden war und daß der Leiter des Kieler Landeskirchenamtes die Geschäftsführung der DEK-Kirchenkanzlei übernehmen sollte, gedachte diese Situation zu nutzen: Am 24. Februar wandte er sich an Dr. Cölle, den Leiter der Finanzabteilung bei der DEK, und bat ihn, „persönlich darauf hin[zu]wirken, daß die Zustimmung des Herrn Stellv. Leiters der Deutschen Evang. Kirchenkanzlei nunmehr umgehend erfolgt. Ihre Einschaltung scheint mir deshalb jetzt besonders wichtig, weil ich mir denken könnte, daß Herr Präsident Bührke noch nicht über die in Frage kommenden Zusammenhänge genügend orientiert sein kann" (EZA BERLIN, 1/A 4/507). 135 Schreiben von Rönck an die DEKK vom 23.3.1945 (LKA SCHWERIN, GVR-Handakten Schultz, IV/65); vgl. auch die Veröffentlichung im Thüringer KBl (B) 1945, S. 19 f. I « K. MEIER, Kirchenkampf, Bd. 3, S. 493. 137 Brief von Rönck an Marahrens vom 2.6.1947 (LKA HANNOVER, L 2, Nr. 2b, Bd. 2). 138 Rönck versuchte von Marahrens einen „Persilschein" zu bekommen, da „Denunzianten . . . in übelster Weise versucht haben, das gegen mich ergangene, im wesentlichen entlastende politische Spruchkammerurteil zu inhibieren" (EBD.).

KAPITEL 1 0

DER GEISTLICHE VERTRAUENSRAT IN DER „SCHLUSSPHASE" DES KRIEGES

1. Der Winter 1944/45—Die Arbeitsbedingungen des Geistlichen Vertrauensrates am Ende des Krieges Im Winter 1943/44 wurde das Gebäude der Kirchenkanzlei in Berlin durch mehrere Bombenangriffe so schwer beschädigt, daß es nicht mehr benutzt werden konnte1. Angesichts dieser Lage entschloß sich der Dirigent der Kirchenkanzlei, Oberkonsistorialrat Gisevius, im Februar 1944, die Kirchenkanzlei in die vorgesehene Ausweichstelle Stolberg/Harz zu verlegen2. Dadurch wurde sichergestellt, daß diese Behörde, wenn auch mit verkleinerter Belegschaft, einen relativ ungestörten Dienstbetrieb aufrecht erhalten konnte. Für den Geistlichen Vertrauensrat bedeutete der Totalschaden an dem Gebäude in der Marchstraße jedoch mehr als nur den Verlust der Räumlichkeiten seiner Geschäftsstelle. Denn unabdingbare Voraussetzung für das Funktionieren des Vertrauensrates war ein verkehrstechnisch günstiger Tagungsort; in dieser Beziehung war Berlin kaum zu überbieten. Stolberg hingegen lag so ungünstig, daß es, obwohl dort nun auch die GVRGeschäftsstelle lag, wenig geraten schien, fortan dort die Zusammenkünfte des Vertrauensrates abzuhalten. Folglich mußte der Vertrauensrat von nun an des öfteren seine Tagungsorte wechseln, da ein dauerhaft benutzbarer, verkehrgünstig gelegener Ort nicht gefunden werden konnte. Im Winter 1943/44 fanden alle GVR-Sitzungen im Haus der Brandenburgischen Frauenhilfe in Potsdam statt3. Ab Frühjahr 1944 wurden auch Sitzungen im Mutterhaus des Evangelischen Landpflegeverbandes in Sanger1 H. BRUNOTTE, Kurs, S. 142: Am 22.11.1943 und am 29.1.1944 erlitt das Gebäude in der Marchstraße schwere Schäden, war aber mit großen Einschränkungen noch benutzbar. Am 15.2.1944 erhielt jener Teil des Hauses, in dem noch gearbeitet werden konnte, einen Volltreffer; die Räumung des Gebäudes wurde unabdingbar. 2 EBD., S. 142 f.: Am 10.3.1944 konnte der Betrieb der Kirchenkanzlei im Gebäude des Amtsgerichts Stolberg/Harz wieder aufgenommen werden. 3 D i e GVR-Protokolle v o m 8 . 1 2 . 1 9 4 3 ( L K A HANNOVER, L 2, N r . 7, Bd. 1), 1 1 . 1 . 1 9 4 4 ( E Z A BERLIN, 2 / 5 4 , BL. 53f.), 2 8 . 1 . 1 9 4 4 (EBD., BL. 55), 1 5 . 2 . 1 9 4 4 (EBD., BL. 6 0 f . ) und v o m

29.2.1944 (EBD., BL. 62 f.) weisen alle Potsdam als Tagungsort aus.

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Der Geistliche Vertrauensrat in der „Schlußphase" des Krieges

hausen abgehalten4, das zwar verkehrstechnisch ungünstiger als Potsdam lag, aber von Kriegseinwirkungen bisher verschont geblieben war. Nur zweimal wurden andere Tagungsorte gewählt: Am 22. November 1944 trafen sich die Mitglieder des Vertrauensrates in Breslau, um Vizepräsident Fiirle die Teilnahme an der Sitzung zu ermöglichen 5 , am 20. Juli 1944 tagte der Vertrauensrat in Northeim 6 . Trotz aller Sorgfalt bei der Auswahl der Tagungsorte kam es — besonders seit Sommer 1944 — immer wieder vor, daß einzelne Mitglieder des Vertrauensrates wegen kriegsbedingter Verkehrsschwierigkeiten nicht zu den angesetzten Sitzungen erscheinen konnten 7 . Einige Sitzungen mußten wegen vorübergehender Reisebeschränkungen sogar ganz abgesagt werden 8 . Doch nicht nur die Zerstörung der Verkehrswege behinderte die Arbeit des Vertrauensrates: Weber, der im Februar 1943 zur Wehrmacht eingezogen wurde 9 , konnte bei den meisten Zusammenkünften des Vertrauensrates nicht mehr zugegen sein, da mehrfache Bemühungen, wenigstens für die GVR-Sitzungen seine Freistellung zu erreichen10, ohne Erfolg blieben. Erst nach seiner Entlassung aus der Wehrmacht erschien er wieder sporadisch zu einigen der angesetzten Termine; im Frühjahr 1945 fiel er durch Krankheit endgültig für die Arbeit des Vertrauensrates aus11.

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Die GVR-Protokolle vom 28./29.3.1944 (EZA BERLIN, 2/54, BL. 64 f.), 18.4.1944 (EBD., Bl. 69 f.), 13./14.6.1944 (EBD., Bl. 72-74), 29./30.6.1944 (EBD., Bl. 75 f.), 10.8.1944 (EBD., Bl. 81 f.), 5-/6.10.1944 (EBD., Bl. 90-93), 11./12.12.1944 (EBD., Bl. 98-100) und 22.2.1945 (EBD., Bl. 104-107) weisen Sangerhausen aus. In Potsdam fanden am 2.5.1944 (EBD., Bl. 71), 29.8.1944 (EBD., Bl. 85f.) und am 10.1.1945 (EBD., Bl. 101-103) Sitzungen statt. 5

P r o t o k o l l d e r G V R - S i t z u n g v o m 2 2 . 1 1 . 1 9 4 4 (EBD., B l . 9 4 - 9 7 ) .

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Protokoll der GVR-Sitzung vom 20.7.1044 (EBD., Bl. 80). Aufgrund der schwierigen Verkehrsverhältnisse sagte Schultz seine Teilnahme z.B. für folgende Sitzungen ab: 5./6.10.1944 (LKA HANNOVER, L 2, Nr. 7, Bd. 3: Brief [Abschrift] von Schultz an die Geschäftsstelle vom 4.10.1944), 8.12.1944 (LKA HANNOVER, L 2, Nr. 7, Bd. 1 : Vermerk im Protokoll vom 8.12.1944), am 9.2.1945 teilte Schultz mit, daß er die Teilnahme an der Sitzung am 21.2.1945 für fraglich halte (LKA HANNOVER, L 2, Nr. 2a, Bd. 4: Brief von Schultz an Marahrens vom 9.2.1944). 8 Brief der GVR-Geschäftsstelle an Marahrens und Weber vom 25.1.1945. Schwarzhaupt teilte mit, daß „infolge der neusten Reisebeschränkungen . . . die für den heutigen Tag vorgesehene Sitzung nicht zustande gekommen [sei]". Auch die Sitzungen, die nach dem 22.2.1945 in Aussicht genommen wurden, konnten aufgrund von Reisebeschränkungen nicht stattfin7

d e n ( L K A HANNOVER, L 2 , N r . 7, B d . 3). 9 E Z A BERLIN, 1/A 4/572, Bl. 23-27: Weber wurde am 5.2.1943 zum Landschützen Ersatz-Batallion 11 in Hildesheim eingezogen. 10 Protokoll der GVR-Sitzung vom 16./17.2.1943 (EZA BERLIN, 1/A 4/579, Bl. 131f.). 11 Die Anwesenheitsvermerke in den Protokollen (soweit vorhanden!) seit Februar 1943 belegen die Teilnahme von Weber n u r noch an folgenden Sitzungen: 2.5.1944 (EZA BERLIN, 2/54, Bl. 71), 29./30.6.1944 (EBD., Bl. 75f.), 10.8.1944 (EBD., Bl. 81f.) 22.11.1944 (EBD., Bl. 94-97); vgl. auch den Brief (Abschrift) der Geschäftsstelle (Schwarzhaupt) an Schultz vom 10.3.1945: Weber, so teilte Schwarzhaupt mit, werde „in diesen Tagen operiert"; mithin werde er auch vorerst für die weitere GVR-Arbeit ausfallen (EZA BERLIN, 2/54, Bl. 115).

Der Winter 1944/45

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Ebenfalls krankheitsbedingt war das häufige Fehlen von Schultz in den letzten beiden Kriegsjahren; seit August 1944 nahm er gar nur noch an einer einzigen Sitzung teil u . Schultz, der an schwerem Diabetes litt, mußte sich während der letzten Jahre immer häufiger in ärztliche Behandlung begeben, da er aufgrund der schlechten Insulinqualität des öfteren hypoglykämische Anfälle erlitt 13 . Ebenso nahm der Leiter der GVR-Geschäftsstelle, Vizepräsident Hundt, seit dem Herbst 1943 nur noch an den Sitzungen des Vertrauensrates teil, die in Potsdam stattfanden. Reisen in entferntere Orte erschienen ihm mit Rücksicht auf sein Alter zu anstrengend. Im Januar 1945 nahm Hundt sein häufiges Fehlen zum Anlaß, an den Vorsitzenden des Vertrauensrates ein Rücktrittsgesuch zu richten H . Bedingt durch seine häufigen Verhinderungen, so schrieb Hundt, sei ihm immer mehr eine Gastrolle im Vertrauensrat zugewachsen; mithin sei seine Tätigkeit für das Gesamtgremium wenig nutzbringend: „Der Versuchung aber, statt nutzbringenden ,Beratens' in zeitverschwendendes .Bereden' zu geraten, lediglich um das Gesicht von früher her zu wahren, will ich nicht ausgesetzt bleiben". Doch der tatsächliche Grund für das Abschiedsgesuch lag tiefer. Hundt litt seit der Ubergabe des Kirchenministeriums durch Muhs sehr unter der Mißachtung, die ihm der amtierende Kirchenminister entgegenbrachte: „Mich aber etwa ihm aufzudrängen' ', so meinte Hundt, „oder amtlich aufdrängen zu lassen, konnte und kann selbstverständlich unter keinen Umständen in Frage kommen". Zwar versuchte Vizepräsident Hymmen, ihn noch umzustimmen; er bat Hundt unter Hinweis auf die schwierige Situation der DEK, die durch die Ablösung von Fürle noch verschärft worden sei, seinen Posten weiter zu bekleiden 15 . Doch erscheint fraglich, ob Hymmens Brief vom 15. März angesichts der Wirren der letzten Kriegswochen seinen Adressaten überhaupt noch erreichte. Selbst wenn dieses der Fall gewesen sein sollte, so erzielte Hymmen mit seinem Schreiben keine Wirkung mehr: Hundt nahm sich am 27. April 1945 das Leben. Neben der allgemeinen Kriegslage — die sowjetische Armee war inzwischen nach Berlin vorgedrungen — dürften ihn auch persönliche Enttäuschung und tiefe Resignation über die kirchenpolitische Entwicklung seit dem Herbst 1938 zu diesem Schritt veranlaßt haben. Trotz dieser „Auflösungserscheinungen" läßt sich feststellen, daß die Arbeit des Vertrauensrates auch 1944 nicht zum Erliegen kam. Im Gegenteil: Ende des Jahres legte Hymmen dem Vertrauensrat sogar noch einen Plan zur

12 Wahrscheinlich nur noch an der GVR-Sitzung in Breslau am 22.11.1944 (Protokoll der Sitzung: EBD., Bl. 94-97). 13 Brief (Abschrift) von Schultz an die GVR-Geschäftsstelle v o m 2 8 . 7 . 1 9 4 4 (LKA HAN-

NOVER, L 2 , N r . 7, B d . 3). 14 E Z A BERLIN, 2 / 5 3 , Bl. 2 9 - 3 2 . 15

Brief v o m 15.3.1945 (EBD., Bl. 34).

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Der Geistliche Vertrauensrat in der „Schlußphase" des Krieges

Umgestaltung der DEK vor. Gedacht war an eine „Konferenz der obersten Kirchenbehörden" als Leitungsorgan. Neben den landeskirchlichen Leitungen sollten der Präsident der Kirchenkanzlei und der Vertrauensrat dieser Konferenz angehören. Der Vertrauensrat sollte in diesem Rahmen die Funktion eines „Ständigen Ausschusses" übernehmen16. Allerdings war dieser Vorschlag durch den Lauf der Kriegsereignisse so anachronistisch, daß er in den GVR-Sitzungen nicht mehr zur Verhandlung kam17. Aber auch auf anderen Gebieten ließ sich, wie oben aufgezeigt, teilweise sogar eine Verstärkung der Aktivitäten feststellen18. Zur Begründung dieser Tatsache müssen mehrere Faktoren berücksichtigt werden: Einerseits besaß der Vertrauensrat auch ohne die Mitarbeit von Vizepräsident Hundt eine wirksame und funktionstüchtige Geschäftsstelle. Wie aus der Korrespondenz des Vertrauensrates hervorgeht, war es vor allem Frau Schwarzhaupt19 zu verdanken, daß die organisatorischen Fragen — so z.B. die Klärung von Sitzungsterminen, die Beschaffung von Reisegenehmigungen und Unterkünften für die GVRMitglieder — gelöst werden konnten. Aber auch die Korrespondenz und die meisten Sitzungsprotokolle stammten aus ihrer Feder, ebenso wie Rechtsgutachten und Schriftsätze; letztere hauptsächlich zur Auseinandersetzung mit der Finanzabteilung. Gleichfalls unterstützte Brunotte die Tätigkeit des Vertrauensrates. Der Großteil der Eingaben und Protestschreiben, die im Namen des Vertrauensrates in der letzten Kriegsphase versandt wurden, waren von ihm formuliert worden. Andererseits hatte sich seit dem Sommer 1942 das Arbeitsklima im Vertrauensrat entscheidend gebessert. So bildeten sich in fast allen Fragen, die die Abwehr von antichristlichen Aktionen betrafen, einhellige Auffassungen heraus20. Wie weit das Vertrauensverhältnis am Ende der gemeinsamen Arbeit entwickelt war, wird schon daraus deutlich, daß Schultz den übrigen Mitgliedern des Vertrauensrates für den Fall seiner Verhinderung die Vollmacht erteilte, „ihre Entschließungen auch in meinem Namen zu fassen, da ich zu ihnen das Vertrauen haben darf, daß Sie meine allen bekannte Haltung bei ihren Entscheidungen berücksichtigen werden". Denn, so schrieb Schultz — wohl mit Blick auf die letzten drei Jahre —, es sei „