»Der Führer sorgt für unsere Kinder...« Die Kinderlandverschickung im Zweiten Weltkrieg 3506746634

Zugl.: Köln, Univ., veränd. Diss., 1996

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»Der Führer sorgt für unsere Kinder...« Die Kinderlandverschickung im Zweiten Weltkrieg
 3506746634

Table of contents :
VORWORT 9
EINLEITUNG 11
A. ERZIEHUNGSPOLITIK IM DRITTEN REICH:
EIN AKZENTUIERENDER ÜBERBLICK 25
I. Erziehung im Nationalsozialismus - die ideologischen
Grundkonstanten 25
IL Die Institutionen der Erziehung 31
1. Die Eltern - Keimzelle des neuen Staates? 33
2. Die Schule - ein Anachronismus? 34
3. Die Nationalsozialistische Volkswohlfahrt - Fürsorge ohne
humanitäres Ethos? 41
4. Die Hitlerjugend - auf dem Weg zum Erziehungsmonopol? 45
III. Das Lager als Instrument nationalsozialistischer Erziehung 56
IV. Erziehungspolitik an der Wende zum Krieg:
Die zweite .Machtergreifung' der HJ 62
B. EINRICHTUNG UND ORGANISATORISCHER AUFBAU
DER KLV 69
I. Die Initiative 76
IL Die Luftkriegslage Mitte 1940 81
III. Die Organisation der KLV 84
1. Die Aufgaben im Entsendegau 89
2. Die Aufnahmegaue 96
3. Die Verschickung durch die Nationalsozialistische
Volkswohlfahrt 107
4. Die Lager der KLV für die zehn- bis vierzehnjährigen Kinder.... 119
IV Das Ausmaß der Kinderlandverschickungsaktion 134
C. DAS LEBEN IN DEN LAGERN DER KLV 144
I. Erzieherische Ziele 144
IL Lageralltag 148
1. Die Lagerleiter und Lagermannschaftsführer 149
2. Tagesablauf und Verantwortlichkeiten 157
3. Der Lagerunterricht 165
III. Anspruch und Wirklichkeit 171
1. Die Dauer der Verschickung 171
2. Werbung 175
6 Inhaltsverzeichnis
3. Freiwilligkeit 184
4. Der Kontakt zum Elternhaus 188
D. DIE KLV UNTER DEM DRUCK DER SICH
VERÄNDERNDEN BEDINGUNGEN DES KRIEGES 194
I. Luftkrieg und Luftschutz 194
IL Kinderlandverschickung seit 1942 - Der Kampf mit dem Mangel 199
1. Das Transportproblem 200
2. Der Quartiermangel 202
3. Der Führermangel 205
III. Anpassung an den Krieg? Die geschlossene Schulverlegung 213
IV Die KLV in der Endphase des Dritten Reichs 225
V. Die Auflösung der Lager 230
E. DIE KLV IN DEN REGIONEN - FALLBEISPIELE 235
I. Köln - Kinderlandverschickung aus einer katholischen
Großstadt 235
IL Stuttgart - Kinderlandverschickung erst ab 1943 244
III. Münster - Kinderlandverschickung aus einer katholisch
geprägten Verwaltungsstadt 250
IV. Hamburg - Kinderlandverschickung mit Besonderheiten 257
F. POLITISCHE KONFLIKTPOTENTIALE UM DIE KLV 261
I. Die KLV im Spannungsfeld der beteiligten Parteiorganisationen
und Behörden 261
IL Der Konflikt mit den Kirchen 277
1. Angriffe auf kirchliche Besitzstände mit Hilfe der KLV 283
2. Die rechtlichen Grundlagen einer religiösen Betreuung in den
KLV-Lagern 287
3. Die Betreuung der KLV durch die Kirchen 293
G. KINDERLANDVERSCHICKUNG: HUMANITÄRE KRIEGSNOTHILFE,
UMWERTUNG DER ERZIEHUNG ODER NUR
INSTRUMENT ZUR PERSÖNLICHEN MACHTENTFALTUNG
IHRER FÜHRER? 307
I. Die KLV in der Erfahrung der Schüler, Lehrer und Eltern 310
1. Als Kind im KLV-Lager: Neue Freiheit oder vorgezogener
Kasernenhof? 310
2. KLV: „Für die Schüler ein Paradies, für die Lehrer eine Hölle?" 315
3. Die Eltern: Gesundes Mißtrauen oder verantwortungsloses
Handeln? 318
Inhaltsverzeichnis 7
IL Die KLV - ein Mittel zur politischen Selbstbehauptung 322
1. Fritz Wächtler und der NSLB 322
2. Bernhard Rust und das Reichserziehungsministerium 323
3. Die NSV und Erich Hilgenfeld 325
4. Die Hitlerjugend 327
5. Baidur von Schirach 330
H. ERWEITERTE KINDERLANDVERSCHICKUNG:
EINE BILANZ 339
ANHANG 343
A. Die Evakuierung von Schulkindern in England 1939-1945 343
B. Ausgewählte Dokumente 348
ABKÜRZUNGEN 362
QUELLEN UND LITERATUR 364
A. Quellen 364
B. Literatur 371
PERSONENREGISTER 380
ORTSREGISTER 384
SACHREGISTER 386

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Gerhard Kock

»Der Führer sorgt für unsere Kinder...«

Die Kinderlandverschickung im Zweiten Weltkrieg

Ferdinand Schöningh Paderborn • München • Wien • Zürich

Der Autor: Gerhard Kock, Dr. phil., geb. 1967, ist Wissenschaftlicher Mitarbeiter am Historischen Seminar der Universität Köln. Er promovierte dort 1996 mit einer diesem Buch zugrundeliegenden Arbeit. Titelbilder: Oben: Berliner Kinder werden mit einem Sonderzug in ein KLV-Lager verschickt. Unten: Berlin, Friedrichstraße (1944). Photos: Bundesarchiv, Koblenz.

Die Deutsche Bibliothek - CIP-Einheitsaufnahme Kock, Gerhard: „Der Führer sorgt für unsere Kinder ...": Die Kinderlandverschickung im Zweiten Weltkrieg/Gerhard Kock. - Paderborn; München; Wien; Zürich: Schöningh 1997 Zugl.: Köln, Univ., veränd. Diss., 1996 u.d.T.: Kock, Gerhard: Die erweiterte Kinderlandverschickung 1940-1945 ISBN 3-506-74663-4 Bayerisch* Stas'.sDibliothek

München Umschlaggestaltung: I N N O V A G m b H , D-33178 Borchen Gedruckt auf umweltfreundlichem, chlorfrei gebleichtem und alterungsbeständigem Papier © ISO 9706

© 1997 Ferdinand Schöningh, Paderborn (Verlag Ferdinand Schöningh GmbH, Jühenplatz 1, D-33098 Paderborn) Alle Rechte vorbehalten. Dieses Werk sowie einzelne Teile sind urheberrechtlich geschützt. Jede Verwertung in anderen als den gesetzlich zugelassenen Fällen ist ohne vorherige schriftliche Zustimmung des Verlages nicht zulässig. Printed in Germany. Herstellung: Ferdinand Schöningh, Paderborn ISBN 3-506-74663-4

WftOC

INHALTSVERZEICHNIS

VORWORT

9

EINLEITUNG

11

A. ERZIEHUNGSPOLITIK IM DRITTEN REICH: EIN AKZENTUIERENDER ÜBERBLICK

25

I. IL

Erziehung im Nationalsozialismus - die ideologischen Grundkonstanten Die Institutionen der Erziehung 1. Die Eltern - Keimzelle des neuen Staates? 2. Die Schule - ein Anachronismus? 3. Die Nationalsozialistische Volkswohlfahrt - Fürsorge ohne humanitäres Ethos? 4. Die Hitlerjugend - auf dem Weg zum Erziehungsmonopol?

25 31 33 34 41 45

III. Das Lager als Instrument nationalsozialistischer Erziehung

56

IV. Erziehungspolitik an der Wende zum Krieg: Die zweite .Machtergreifung' der HJ

62

B. E I N R I C H T U N G U N D ORGANISATORISCHER AUFBAU DER KLV

69

I.

76

Die Initiative

IL Die Luftkriegslage Mitte 1940 III. Die Organisation der KLV 1. Die Aufgaben im Entsendegau 2. Die Aufnahmegaue 3. Die Verschickung durch die Nationalsozialistische Volkswohlfahrt 4. Die Lager der KLV für die zehn- bis vierzehnjährigen Kinder....

107 119

IV

134

Das Ausmaß der Kinderlandverschickungsaktion

C. DAS LEBEN IN D E N LAGERN DER KLV

81 84 89 96

144

I.

Erzieherische Ziele

144

IL

Lageralltag 1. Die Lagerleiter und Lagermannschaftsführer 2. Tagesablauf und Verantwortlichkeiten 3. Der Lagerunterricht

148 149 157 165

III. Anspruch und Wirklichkeit 1. Die Dauer der Verschickung 2. Werbung

171 171 175

6

Inhaltsverzeichnis 3. Freiwilligkeit 4. Der Kontakt zum Elternhaus

D. DIE KLV U N T E R DEM D R U C K DER SICH V E R Ä N D E R N D E N B E D I N G U N G E N DES KRIEGES

184 188

194

I.

Luftkrieg und Luftschutz

194

IL

Kinderlandverschickung seit 1942 - Der Kampf mit dem Mangel 1. Das Transportproblem 2. Der Quartiermangel 3. Der Führermangel

199 200 202 205

III. Anpassung an den Krieg? Die geschlossene Schulverlegung

213

IV Die KLV in der Endphase des Dritten Reichs

225

V.

230

Die Auflösung der Lager

E. DIE KLV IN D E N R E G I O N E N - FALLBEISPIELE I.

IL

Köln - Kinderlandverschickung aus einer katholischen Großstadt

235

Stuttgart - Kinderlandverschickung erst ab 1943

244

III. Münster - Kinderlandverschickung aus einer katholisch geprägten Verwaltungsstadt IV. Hamburg - Kinderlandverschickung mit Besonderheiten F. POLITISCHE K O N F L I K T P O T E N T I A L E UM DIE KLV I. IL

Die KLV im Spannungsfeld der beteiligten Parteiorganisationen und Behörden Der Konflikt mit den Kirchen 1. Angriffe auf kirchliche Besitzstände mit Hilfe der KLV 2. Die rechtlichen Grundlagen einer religiösen Betreuung in den KLV-Lagern 3. Die Betreuung der KLV durch die Kirchen

G. K I N D E R L A N D V E R S C H I C K U N G : HUMANITÄRE KRIEGSN O T H I L F E , U M W E R T U N G DER E R Z I E H U N G ODER NUR INSTRUMENT ZUR P E R S Ö N L I C H E N MACHTENTFALTUNG IHRER FÜHRER? I.

235

Die KLV in der Erfahrung der Schüler, Lehrer und Eltern 1. Als Kind im KLV-Lager: Neue Freiheit oder vorgezogener Kasernenhof? 2. KLV: „Für die Schüler ein Paradies, für die Lehrer eine Hölle?" 3. Die Eltern: Gesundes Mißtrauen oder verantwortungsloses Handeln?

250 257 261 261 277 283 287 293

307 310 310 315 318

Inhaltsverzeichnis IL

Die KLV - ein Mittel zur politischen Selbstbehauptung 1. Fritz Wächtler und der NSLB 2. Bernhard Rust und das Reichserziehungsministerium 3. Die NSV und Erich Hilgenfeld 4. Die Hitlerjugend 5. Baidur von Schirach

7 322 322 323 325 327 330

H. ERWEITERTE KINDERLANDVERSCHICKUNG: EINE BILANZ

339

ANHANG A. Die Evakuierung von Schulkindern in England 1939-1945 B. Ausgewählte Dokumente

343 343 348

ABKÜRZUNGEN

362

QUELLEN U N D LITERATUR A. Quellen B. Literatur

364 364 371

PERSONENREGISTER

380

ORTSREGISTER

384

SACHREGISTER

386

VORWORT

Wo auch immer ich Menschen von meiner Arbeit über die Erweiterte Kinderlandverschickung berichtete, traf ich auf ein lebhaftes Interesse an dieser Aktion, die bei der Generation der Kriegskinder häufig auch Teil der eigenen Biographie ist. Die Beschäftigung mit der Erweiterten Kinderlandverschickung und ihrem zunächst seltsam anmutenden Widerspruch zwischen humanitärer Aktion und indoktrinärer Maßnahme eines totalitären Staates hat mir in den letzten Jahren so immer wieder vor Augen geführt, daß Geschichte keine selbstbezogene und nur für den an ähnlichen Fragestellungen arbeitenden Historiker relevante Wissenschaft ist. Die vorliegende Arbeit ist die nur geringfügig überarbeitete Fassung meiner Dissertation mit dem Titel „Die Erweiterte Kinderlandverschickung 1940-1945", die von der Philosophischen Fakultät der Universität zu Köln am 6. Juli 1996 angenommen worden ist. Mein erster Dank geht deshalb an Professor Dr. Wolfgang Schieder, der sich bereit erklärt hat, das Zweitgutachten zu übernehmen. Betreut wurde die Arbeit von Professor Dr. Eberhard Kolb, der sich weit über das gewöhnliche Maß hinaus für mein Dissertationsprojekt eingesetzt hat und dem ich nicht nur viele wichtige fachliche Anregungen zu verdanken habe. Der Verlag Ferdinand Schöningh hat dafür gesorgt, daß die Drucklegung der Arbeit in relativ kurzer Zeit gelingen konnte. Hier gilt mein Dank in erster Linie dem zuständigen Lektor, Michael Werner. Ein Blick in das Quellenverzeichnis zeigt, daß ich bei der Materialbeschaffung für diese Arbeit auf die Unterstützung vieler Archivare angewiesen war. Durch ihre Mühe haben sie es ermöglicht, daß ich die äußerst verstreut liegenden Quellen mit einem vertretbaren Aufwand zu einem Gesamtbild zusammensetzen konnte. Auch ihnen allen möchte ich herzlich danken. Meinen Freunden und meiner Familie sei gedankt für ihr Interesse an mir und meiner Beschäftigung mit der Erweiterten Kinderlandverschickung, für die kritische Durchsicht einzelner Kapitel, die praktische Hilfestellung beim Umgang mit den Tücken der modernen Datenverarbeitung und vor allem dafür, daß sie mich in dieser Zeit auf meiner Bahn gehalten haben. Meine Eltern Manfred und Gisela Kock sowie Helga Stephany haben darüber hinaus dafür gesorgt, daß ich mir um die Finanzierung keine Sorgen machen mußte. Sie alle haben entscheidenden Anteil an dieser Arbeit. Köln, im November 1996

Gerhard Kock

EINLEITUNG

Die von Hitler im September 1940 eingerichtete Erweiterte Kinderlandverschickung (KLV) führte bis Kriegsende 850.000 Jugendliche zwischen zehn und vierzehn Jahren aus den Städten in ländliche Gebiete des Reiches. Dort lebten sie ungestört von Alarmen und Bombenangriffen für mindestens ein halbes Jahr zusammen und wurden auch in eigenen Lagerschulen unterrichtet. 1 Die jüngeren Kinder konnten ebenfalls mit der KLV aus den Städten herausgebracht werden. Etwa eine Million Kinder unter zehn Jahren kamen so für mehrere Monate in Pflegefamilien unter. Die Erweiterte Kinderlandverschickung war eine Antwort der nationalsozialistischen Führung auf die sich in dieser Zeit verändernde Luftkriegslage und sollte vor allem der Beruhigung der Bevölkerung dienen, die durch die ersten nennenswerten Bombenangriffe auf deutsche Städte aufgeschreckt worden war. Mit der Organisation betraute Hitler seinen Beauftragten für die Jugenderziehung des Deutschen Reiches und Reichsstatthalter in Österreich, Baidur von Schirach. Dieser siedelte eine neue ,Reichsdienststelle KLV bei der Reichsjugendführung an und unterstrich damit den Führungsanspruch der Hitlerjugend auf die neue Luftschutzmaßnahme. Selber zuständig war die nationalsozialistische Jugendorganisation für die Unterbringung der über zehnjährigen Kinder sowie die Organisation der Lager. Lagerleiter war ein vom Nationalsozialistischen Lehrerbund bestimmter Lehrer, der auch den Schulunterricht erteilen sollte. Ihm zur Seite stand ein von der HJ bestimmter Lagermannschaftsführer, dem Schirach die Verantwortung für die übrige ,Dienstgestaltung' übertrug. Die Kosten für die Aktion, die von der Partei organisiert, aber vom Reich bezahlt wurde, beliefen sich bis Ende 1944 auf 1,2 Milliarden Reichsmark.2 Die vorliegende Untersuchung zeichnet die Geschichte der Erweiterten Kinderlandverschickung nach und stellt die Frage nach der funktionalen Der offizielle Name der Verschickungsaktion war,Erweiterte Kinderlandverschickung'. Mit diesem Namen versuchte man, an die bereits mehrere Jahrzehnte vorher eingerichtete und ,Kinderlandverschickung' genannte Erholungsmaßnahme anzuknüpfen, um zu vermeiden, daß die Aktion in der Bevölkerung als eine Evakuierungsmaßnahme begriffen würde. Man verwendete allerdings sofort den Begriff .Kinderlandverschickung' und seine Abkürzung ,KLV auch für die,Erweiterte Kinderlandverschickung'. Der Sprachgebrauch blieb dabei jedoch uneinheitlich. In der vorliegenden Arbeit wird deshalb zumeist die griffigere Abkürzung ,KLV verwendet. Zur Zahl der in KLV-Lager insgesamt verschickten Kinder vgl. S. 134. Die Summe von 1,2 Milliarden Reichsmark ergibt sich aus Vermerken des Ministerialrates Schmidt-Schwarzenberg im Reichsfinanzministerium, BA Potsdam, R 2/1195.

12

Einleitung

Bedeutung der Aktion im Gefüge der Erziehungspolitik sowie des Herrschaftssystems im Dritten Reich. Das auch heute noch tradierte unkritische Bild der KLV leugnet diese funktionale Bedeutung und reduziert die Kinderlandverschickung auf humanitäre Aspekte. 3 Eine Beschäftigung mit dieser Aktion öffnet den Blick jedoch auf verschiedene Problemfelder, die sich teilweise überlagern. In Gang gesetzt als Luftschutzmaßnahme war die Erweiterte Kinderlandverschickung zunächst zumindest aus der Perspektive von Hitler und Goebbels ausschließlich als psychologische Maßnahme zur Beruhigung der Bevölkerung gedacht. Die Notwendigkeit eines wirksamen Schutzes der städtischen Zivilbevölkerung schien der nationalsozialistischen Führung zu diesem Zeitpunkt noch nicht gegeben. Schon bald wuchs die Bedrohung für die Bevölkerung in den Städten aber, und die Erweiterte Kinderlandverschickung wurde mehr und mehr zu einem notwendigen Instrument aktiver Luftschutzpolitik. Zu untersuchen ist, inwieweit die KLV als eine Maßnahme zur Bewahrung von Kindern und Jugendlichen vor feindlichen Bombenangriffen erfolgreich war und ob die Kinder in den Lagern und Familien der Erweiterten Kinderlandverschickung tatsächlich vor den Bomben geschützt waren. Die KLV hat daneben auch eine psychosoziale Dimension. Der Lageraufenthalt hunderttausender Jugendlicher in einer für die Ausbildung der Persönlichkeit entscheidenden Lebensphase prägte die kollektive Identität einer ganzen Generation. Der Begriff,Erweiterte Kinderlandverschickung' steht in der Erinnerung vieler Menschen heute für eine der wichtigsten Phasen ihres Heranwachsens. Auch vor diesem Hintergrund wirft die Aktion zahlreiche Fragen auf, die die vorliegende Studie aus einer geschichtswissenschaftlichen Perspektive zu beantworten sucht. Hatte der Nationalsozialismus - wie Hansen meint 4 - aus Sicht der Bevölkerungsmehrheit mit seinen von der NSDAP ausgehenden fürsorgepolitischen Bestrebungen zunächst eine qualitative Alternative zum Weimarer .Wohlfahrtsstaat' geboten, so ergab sich für die Kriegszeit, in der der gesamten Bevölkerung große Opfer vom nationalsozialistischen Staat abverlangt wurden, eine neue Situation. Die Erweiterte Kinderlandverschickung war nicht nur ein Angebot des Staates an die Bürger, sondern war gleichzeitig mit vielen Ansprüchen verbunden. Im Zentrum stand hier sicherlich die Forderung nach einer zumindest zeitweiligen Trennung der Mütter von ihren Kindern. Da oftmals auch die Väter durch den vom Drit5

'

So z. B. Dabei, KLV, S. 16: „Erleichtert wurde die gesamte KLV-Arbeit dadurch, daß dieses Hilfswerk in der breiten Öffentlichkeit jenseits aller Aspekte des Staates oder der Partei als gut und notwendig betrachtet wurde." Zur Problematik der Dokumentation Dabels vgl. S. 19. Vgl. Hansen, Wohlfahrtspolitik im NS-Staat, S. 4ff.

Einleitung

13

ten Reich entfesselten Krieg auf nicht absehbare Zeit von den Familien getrennt waren, bedeutete die Zustimmung zur Verschickung der Kinder eine vollständige Aufgabe des familiären Zusammenlebens. Die Frage nach der Akzeptanz der KLV in der deutschen Gesellschaft ermöglicht so einen Einblick in die Durchdringung des Kriegsalltags durch die nationalsozialistische Partei. Die Erweiterte Kinderlandverschickung besaß auch eine auf die Zukunft gerichtete Zielsetzung. Als eine von Partei und Staat initiierte und kontrollierte Erziehungsmaßnahme hatte sie sich in die entsprechenden Bemühungen des Systems um eine Gleichschaltung der Gesellschaft einzuordnen und sollte hierzu einen nicht unerheblichen Beitrag leisten. Dazu gehörte die Zurückdrängung der in der Tradition des 19. Jahrhunderts stehenden humanistischen Schulerziehung sowie die Ausschaltung der Kirchen - also eines außerstaatlichen und außerparteilichen Faktors als Erziehungsinstanz. Diese Veränderungen sollten einer dynamischeren und dem Charakter der nationalsozialistischen Bewegung mehr entsprechenden Erziehung Platz schaffen, wie sie für den außerschulischen Bereich von der Hitlerjugend seit Anfang 1933 zur alleinigen Erziehungsform neben Elternhaus und Schule erklärt worden war. Dieser Versuch der Umfunktionierung einer kriegsbedingten Evakuierungsmaßnahme entsprechend den Bedürfnissen einer totalitären Jugendorganisation ist singulär sowohl in der deutschen Geschichte als auch in der Geschichte des Zweiten Weltkrieges.' Es ist allerdings zu fragen, inwieweit die in den Lagern durchgeführte und von der Hitlerjugend kontrollierte Formationserziehung einen erfolgreichen Versuch darstellte, die in der HJ erprobte neue, nationalsozialistische' Form der Jugenderziehung auch auf den Schulsektor auszuweiten. 6 Die Erweiterte Kinderlandverschickung diente auch - wie wohl jede Institution und Organisation im NS-Staat - als ein Instrument zur Verwirklichung von machtpolitischen Ambitionen der beteiligten Personen und Organisationen. Sie berührte dabei zahlreiche sich überlappende Kompetenzbereiche: das Reichsministerium für Wissenschaft, Erziehung und Volksbildung (RMWEV) mit Bernhard Rust an der Spitze, die Nationalsozialistische Volkswohlfahrt (NSV) unter Erich Hilgenfeld, den Natio'

6

Auch in Großbritannien gab es eine groß angelegte Evakuierungsaktion. Dort wurden die Kinder bereits seit Mitte 1939 auf dem Land in Familienunterkünften untergebracht. Anders als in Deutschland wurde dort die Evakuierung jedoch lediglich als eine vorübergehende Schutzmaßnahme begriffen. Vgl. dazu den Exkurs im Anhang, S. 343. So formuliert auch, allerdings ohne zu differenzieren, Schultz, Erziehung unterm Hakenkreuz, S. 9: „Eine totalitäre Erziehungspolitik hat ab 1940 deutlich die Kombination der Schule mit dem ,Lager' favorisiert, nicht zuletzt in den in ihrer politisch-pädagogischen Bedeutung unterschätzten Lagern der .Kinderlandverschickung'."

14

Einleitung

nalsozialistischen Lehrerbund (NSLB) mit seinem Reichswalter Fritz Wächtler sowie die Reichsjugendführung mit Baidur von Schirach. Sie alle versuchten, mit Hilfe der Erweiterten Kinderlandverschickung ihren Einfluß auszubauen, um in dem ausufernden Ressortpartikularismus des nationalsozialistischen Staates Terraingewinne zu erzielen. Für die nationalsozialistischen Führer ging es dabei nicht nur um Einflußnahme auf ein weiteres Tätigkeitsfeld und die Anhäufung von weiteren Kompetenzen. Vielmehr kämpften sie gleichzeitig gegen einen persönlichen Machtverfall, sie befanden sich in einem „ständigen Wettlauf um die Gunst des Führers." 7 Für die beteiligten Reichs- und Parteiorganisationen und ihre Führer stellte sich also auch die Frage nach ihrer Legitimation im NS-Staat. 8 Damit berührt die KLV die Frage nach den Mechanismen und den Gründen für die für viele Bereiche der nationalsozialistischen Herrschaftsausübung bereits von der Forschung beobachtete „kumulative Radikalisierungstendenz" 9 des Dritten Reiches. Diese Frage weist über die Bedeutung der Maßnahme selbst hinaus und ist in einen Zusammenhang mit dem von Kershaw als wichtigstes Merkmal nationalsozialistischer Herrschaft gesehenen Element zu stellen: dem der Zerstörung, die nach innen auch eine Selbstzerstörung gewesen sei. Diese Eigenart des Nationalsozialismus möchte Kershaw nicht auf Hitlers persönlichen Destruktionstrieb reduzieren. „Die Zerstörung, für die Hitlers Name steht, resultierte nicht aus der Einbildung, dem Willen und der Skrupellosigkeit eines einzelnen Mannes. Sie war immanenter Teil des nationalsozialistischen ,Systems'." 10 Die nationalsozialistische Herrschaft führte dementsprechend auch nicht zur Errichtung eines autoritären Verwaltungssystems, sondern zu einer Zerstörung kohärenter Regierungsinstanzen und der ihnen zukommenden Autorität. Gleichzeitig ist - wie Rebentisch zeigt - eine „rational kaum erklärbare innere Strukturlosigkeit" der nationalsozialistischen Herrschaft zu beobachten, die nicht allein aus der Überlagerung der Staatsbehörden durch unkontrollierte Parteiinstanzen und der dualistischen Verschränkung von normativem Staatshandeln und regellosen improvisierten Sofortmaßnahmen resultierte, sondern wohl auch die Folge mangelnder Plan7

Mommsen, Hitlers Stellung im nationalsozialistischen Herrschaftssystem, S. 81. Hansen, Wohlfahrtspolitik im NS-Staat, S. 4, akzentuiert diesen Gesichtspunkt allgemein für den Bereich der Wohlfahrtspflege, ohne auf die Erweiterte Kinderlandverschickung Bezug zu nehmen: „Die Auseinandersetzungen um einen vorderen Platz bei der Durchführung volkswohlfahrtpflegerischer Maßnahmen geben Aufschluß über den inneren Zustand der nationalsozialistischen Polykratie." 9 Mommsen, Hitlers Stellung im nationalsozialistischen Herrschaftssystem, S. 81. '« Kershaw, Hitlers Macht, S. 246f. 8

Einleitung

15

mäßigkeit und fehlender Systematik bei der verfassungspolitischen Ausgestaltung des Führerstaates gewesen ist." Wenn nicht zahllose Menschen bereit gewesen wären, ,im Sinne des Führers' zu arbeiten, hätte es für die eigentümliche Form der von Hitler ausgeübten personalisierten Macht keine soziale und politische Grundlage gegeben. Wird der persönliche Einfluß Hitlers auf die Außen- und die Judenpolitik heute wohl einhellig zumindest als maßgeblich bezeichnet, konnte die Historiographie für den Bereich der Innenpolitik in der Frage nach der Rolle des Diktators noch keinen Konsens erzielen. Die Erweiterte Kinderlandverschickung gehörte nicht zu den Einrichtungen des nationalsozialistischen Herrschaftsgefüges, die direkt auf Hitlers Interesse stieß. Die Aktion konnte sich deshalb relativ unabhängig von seiner direkten Einflußnahme entwickeln. In ihrer Zielsetzung - dies war die einzige Vorgabe Hitlers an die Organisatoren - sollte sie die Sorgen vor Luftangriffen in der Bevölkerung zerstreuen helfen und die verschickten Kinder und Jugendlichen vor den Bomben bewahren. Tatsächlich knüpften Schirach und die anderen beteiligten Personen aber viel weiterreichende Erwartungen an ihr Engagement für die KLV, die eben nicht nur Luftschutz- und Erziehungsmaßnahme, sondern auch Machtinstrument in der Hand der Politiker war. Bei der Durchsetzung ihrer Ziele beriefen sie sich auf den vermeintlichen oder tatsächlichen Willen des Führers. Dies war offenbar eine notwendige Voraussetzung für die Realisation machtpolitischer Ziele der einzelnen .Unterführer'. Wie verhält sich die Vermischung dieser unterschiedlichen Funktionen, welche die Erweiterte Kinderlandverschickung zu erfüllen hatte, zu dem von Kershaw unterstellten Destruktionstrieb des nationalsozialistischen Systems? Ging der Zwang für die einzelnen Herrschaftsträger, ihre persönliche Macht ausweiten zu müssen, mit einer Selbstzerstörung des Systems einher, bzw. bedingte er diese? Auch vor diesem Hintergrund sollen die Strategien und Erfolge bzw. Mißerfolge der an der Erweiterten Kinderlandverschickung beteiligten Institutionen miteinander verglichen werden. Nach einem Blick auf den Forschungsstand wird die vorliegende Studie zunächst etwas ausführlicher auf einige Aspekte der nationalsozialistischen Erziehung und der Sozialpolitik sowie des Verhältnisses von Schule und Hitlerjugend in der Vorkriegszeit eingehen. In diesen Jahren wurden die Voraussetzungen geschaffen, welche die Erweiterte Kinderlandverschickung in ihrer spezifischen Ausprägung erst ermöglicht haben und deshalb für die Bewertung der KLV eine wesentliche Rolle spielen. Im HinRebentisch, Führerstaat und Verwaltung im Zweiten Weltkrieg, S. 533.

16

Einleitung

tergrund steht dabei die Frage, wie die 1940 eingerichtete Maßnahme in die erziehungspolitische und sozialpolitische Konzeption des nationalsozialistischen Systems paßte und inwieweit sie eine folgerichtige Weiterentwicklung der Schulpolitik der Vorkriegszeit darstellte. Außerdem scheint es unerläßlich, für eine Bewertung der Rolle der Hitlerjugend bei der Organisation der Erweiterten Kinderlandverschickung einen Blick auf deren erfolgreiche Verdrängung der konkurrierenden Jugendorganisationen in der Vorkriegszeit zu werfen. Das zweite Kapitel untersucht die Ereignisse, die zur Einrichtung der Erweiterten Kinderlandverschickung geführt haben, und zeichnet die Organisationsstruktur der Aktion nach. In diesem Zusammenhang ist auch die in der Literatur bisher nicht zufriedenstellend beantwortete Frage ihres quantitativen Ausmaßes zu untersuchen. Was versprachen sich die an der KLV beteiligten Organisationen von ihrem Engagement? Welche eigenen inhaltlichen Ziele wollten sie durchsetzen und wie erfolgreich waren sie dabei? Die Diskrepanz zwischen Anspruch und Wirklichkeit im Lageralltag steht im Mittelpunkt des dritten Kapitels. Das vierte Kapitel zeichnet den chronologischen Verlauf der Aktion nach. Seit 1942 stand die Erweiterte Kinderlandverschickung zunehmend unter dem Druck der sich verändernden Bedingungen im Krieg. Die sich daraus ergebenden organisatorischen Schwierigkeiten sind in diesem Zusammenhang ebenso zu diskutieren wie auch die Einbindung der Aktion in die seit 1943 durchgeführten allgemeinen Umquartierungsmaßnahmen der Bevölkerung. Die Darstellung der Erweiterten Kinderlandverschickung in der Schlußphase des Dritten Reiches und ihre Auflösung nach Kriegsende beschließt dieses Kapitel. Um regionale Unterschiede in Durchführung und Ablauf zu untersuchen, setzt das fünfte Kapitel die KLV am Beispiel von vier deutschen Städten - Köln, Stuttgart, Münster und Hamburg - mit dem Kriegserleben in den Ballungsräumen in Beziehung. Die politischen Konfliktpotentiale, die mit der Erweiterten Kinderlandverschickung verknüpft waren, werden zum einen in der Auseinandersetzung zwischen den beteiligten Stellen deutlich, zum anderen spiegeln sie sich in dem erstaunlich harten Kampf, den die Kirchen um die KLV und damit um ihren Einfluß auf die Erziehung der deutschen Jugend führten. Diese Fragen stehen im sechsten Kapitel zur Diskussion. Das abschließende Kapitel gilt einer Bewertung der verschiedenen Aspekte der Kinderlandverschickung. Dabei geht es um zweierlei: Zum einen ist die Aktion aus der Perspektive der beteiligten Kinder, Lehrer und Eltern zu bewerten. Zum anderen stellt sich hier die Frage nach der Bedeutung der Kinderlandverschickung für das Verständnis der Machtstrukturen im Erziehungsraum des nationalsozialistischen Staates und der Not-

Einleitung

17

wendigkeit einer machtpolitischen Expansion der einzelnen nationalsozialistischen Führer. Betrachtet man die wissenschaftliche Literatur über die junge Generation im nationalsozialistischen Staat und im Zweiten Weltkrieg, so ist zunächst das erstaunliche Faktum zu konstatieren, daß der Erweiterten Kinderlandverschickung von der historischen Forschung bisher keine nennenswerte Aufmerksamkeit gewidmet worden ist. Obwohl sich von der Kinderlandverschickung nicht als eine marginale und womöglich allein kriegsbedingte Randerscheinung nationalsozialistischer Herrschaftsausübung sprechen läßt, liegt eine einschlägige Untersuchung zu diesem Thema bislang nicht vor. Dies verwundert um so mehr, als es über die Jugend im Dritten Reich insgesamt eine breite Forschungsliteratur gibt. Der Grund für die Vernachlässigung der Erweiterten Kinderlandverschickung scheint unter anderem in ihrer Verknüpfung mit dem Krieg zu liegen, da in fast allen Arbeiten über die Erziehung im NS-Staat und die Hitlerjugend die Kriegsjahre in den Hintergrund rücken. So stellt Horst Ueberhorst den ,Wandel der Konzeptionen während des Krieges' (so lautet die entsprechende Kapitelüberschrift) lediglich als eine Anpassung an die besonderen Umstände des Krieges dar, gleiches gilt für die Arbeiten von Brandenburg, Klose und Koch.12 Arno Klönne konzentriert sich mit Kriegsbeginn auf die Untersuchung von Jugendopposition und Widerstand.13 Erst in den letzten Jahren hat die Beschäftigung mit den innenpolitischen und gesellschaftsgeschichtlichen Entwicklungen während des Zweiten Weltkrieges die Generation der Kinder und noch nicht kriegstauglichen Jugendlichen erreicht.14 Dabei verschiebt sich nun auch zunehmend der Blickwinkel von den wenigen unangepaßten und dem Widerstand zuzuordnenden Jugendgruppierungen auf die große Mehrheit der Jugendlichen, die sich mit der gesellschaftspolitischen Situation arrangiert haben. ,5 An der Universität Rostock hat die dortige Forschungsgruppe Jugendgeschichte mehrere Untersuchungen zur Jugend während des Zweiten Weltkrieges veröffentlicht, die Erweiterte Kinderlandverschickung dabei jedoch noch '-' Horst Ueberhorst: Elite für die Diktatur. Die Nationalpolitischen Erziehungsanstalten 1933-1945. Ein Dokumentarbericht. Düsseldorf 1969; Hans-Christian Brandenburg: Die Geschichte der HJ. Köln 1968; Werner Klose: Generation im Gleichschritt. Oldenburg/ Hamburg 1964; Hansjoachim Koch: Geschichte der Hitlerjugend. Percha 1975. " Arno Klönne: Jugend im Dritten Reich. Die Hitler-Jugend und ihre Gegner. Dokumente und Analysen. Köln 1984. " Den Anfang machte hier Rolf Schörken: Luftwaffenhelfer und Drittes Reich. Stuttgart 1985. 15 Vgl. hier z. B. Rolf Schörken: Jugend 1945. Politisches Denken und Lebensgeschichte. Frankfurt/Main 1994.

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nicht berücksichtigt."' Auch die jüngst erschienene Studie von Alfons Kenkmann über die Lebenswelt großstädtischer Jugendlicher im Dritten Reich klammert die Erweiterte Kinderlandverschickung völlig aus.17 Die ansonsten äußerst informative Biographie von Michael Wortmann über Baidur von Schirach, der als,Beauftragter des Führers für die Erweiterte Kinderlandverschickung' die Verantwortung für die gesamte KLVAktion trug, widmet dem Komplex Kinderlandverschickung nur wenige Zeilen.18 Die Ende der achtziger Jahre erschienene populärwissenschaftliche Schirach-Biographie von Jochen von Lang beschränkt sich auf den wenigen der Kinderlandverschickung gewidmeten Seiten auf einige allgemeine Schilderungen. 19 Die Arbeit von Willi Feiten über den Nationalsozialistischen Lehrerbund enthält zwar ein kurzes Kapitel zur Kinderlandverschickung.- 0 Darin werden jedoch ausschließlich einige Quellen aus dem Bestand des Nationalsozialistischen Lehrerbundes herangezogen. Greifen Untersuchungen, die sich mit Jugend, Schule oder Volkswohlfahrtspflege im Dritten Reich befassen, die Erweiterte Kinderlandverschickung auf, so treffen die Autoren meist pauschalisierende und oft auch falsche Bewertungen. So formuliert Benz in seiner Arbeit über Kinder und Jugendliche in der NS-Zeit: „1944, als die Organisation der Kinderlandverschickung zusammenbrach, hatten sich ungefähr drei Millionen Kinder und Jugendliche in 5000 KLV-Lagern befunden."21 Die vorliegende Untersuchung wird zeigen, daß weder die Organisation zusammenbrach noch daß die Zahl von drei Millionen Kindern in KLV-Lagern stimmt. Rempel irrt in seiner Arbeit über die Hitlerjugend völlig, wenn er davon ausgeht, daß seitens der HJ nur der Bund Deutscher Mädel (BDM) an der Erweiterten Kinderlandverschickung beteiligt war.22

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Die Ergebnisse sind zusammengetragen in: Deutsche Jugend im Zweiten Weltkrieg, Rostock 1991, und Deutsche Jugend zwischen Krieg und Frieden 1944-1946, Rostock 1993. 17 Alfons Kenkmann: Wilde Jugend. Lebenswelt großstadtischer Jugendlicher zwischen Weltwirtschaftskrise, Nationalsozialismus und Währungsreform. Essen 1996. 18 Michael Wortmann: Baidur von Schirach. Hitlers Jugendführer. Köln 1982. Mit Schirachs Ernennung zum Reichsstatthalter in Österreich verlagert sich der Fokus der Arbeit auf diese Tätigkeit und wird damit der politischen Rolle Schirachs nicht mehr völlig gerecht. " Jochen von Lang: Der Hitler-Junge. Baidur von Schirach: Der Mann, der Deutschlands Jugend erzog. Hamburg 1988. 20 Willi Feiten: Der Nationalsozialistische Lehrerbund. Entwicklung und Organisation. Ein Beitrag zum Aufbau und zur Organisationsstruktur des nationalsozialistischen Herrschaftssystems. Weinheim/Basel 1981. 21 Wolfgang Benz: Kinder und Jugendliche in der NS-Zeit. In: Ders./Ute Benz (Hg.): Sozialisation und Traumatisierung. Kinder in der Zeit des Nationalsozialismus. Frankfurt 1992, S. 22. 22 „Here [in der KLV, G.K.] they were under the care of BDM girls and Nazi teachers." (Gerhard Rempel: Hitlers children. The Hitler Youth and the SS. Chapel Hill/London 1989. S. 145.)

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In Studien, die sich mit dem Luftkrieg beschäftigen, wird die Erweiterte Kinderlandverschickung lediglich unter dem Aspekt des Bevölkerungsschutzes angesprochen, die Informationen sind meist recht dürftig und nicht immer korrekt. 23 Vorländer geht in seinen Arbeiten über die Nationalsozialistische Volkswohlfahrt lediglich mit wenigen Sätzen auf die KLV ein,24 bleibt in seinen Urteilen aber vorsichtig. Zu einer kritischen Bewertung der KLV gelangt Harald Scholtz.25 Er verzichtet jedoch auf die Heranziehung von einschlägigem Quellenmaterial; seine Informationen bezieht er aus dem von Gerhard Dabei im Auftrag der ,Dokumentationsgemeinschaft KLV zusammengestellten Band ,Die Erweiterte Kinderlandverschickung'. 2 '' Bis jetzt ist diese Dokumentation die einzige Arbeit, die den Anspruch auf lückenlose Darstellung der Erweiterten Kinderlandverschickung erhebt - aber sie genügt keineswegs wissenschaftlichen Ansprüchen. Ihr Quellenwert bedarf daher sorgfältiger Überprüfung. Die Gründungsmitglieder der 1979 ins Leben gerufenen Dokumentationsgemeinschaft waren zu einem erheblichen Teil Mitarbeiter der für die Planung und Durchführung der Erweiterten Kinderlandverschickung verantwortlichen Reichsdienststelle KLV.27 Zweck der Vereins23

Am ausführlichsten und kompetentesten sind die entsprechenden Abschnitte in den 1960 erschienenen Dokumenten deutscher Kriegsschäden Bd. II/I, S. 497-500, und bei Olaf Groehler: Bombenkrieg gegen Deutschland. Berlin 1990, S. 264-266. Die anderen Arbeiten bleiben hingegen meist unkorrekt, so z. B. Erich Hampe, der davon ausgeht, die Federführung habe bei der NSV gelegen. Die Initiative für die Einrichtung der Aktion sei von Eltern und Schulen ausgegangen (Erich Hampe: Der zivile Luftschutz im Zweiten Weltkrieg. Dokumentation und Erfahrungsberichte über Aufbau und Einsatz. Frankfurt 1963. S. 427). Uta Hohn setzt in ihrer Arbeit den Beginn der Erweiterten Kinderlandverschickung falsch an (Uta Hohn: Die Zerstörung deutscher Städte im Zweiten Weltkrieg. Regionale Unterschiede in der Bilanz der Wohnungstotalschäden und Folgen des Luftkrieges unter bevölkerungsgeographischem Aspekt. Dortmund 1991. S. 53) -' Vgl. Herwart Vorländer: Die NSV. Darstellung und Dokumentation einer nationalsozialistischen Organisation. Boppard 1988. S. 138f. 25 Vor allem in Harald Scholtz: Erziehung und Unterricht unterm Hakenkreuz. Göttingen 1985. -'" Gerhard Dabei: KLV. Die Erweiterte Kinder-Land-Verschickung. KLV-Lager 1940-1945. Freiburg 1981. 27 Gründungsmitglieder waren Erika Witt, Ernst Goldbeck, Eberhard Grüttner, Helene Grüttner, Erna Dabei, Werner Frchse, Horst Hechler, Gerhard Dabei. (Satzung der Dokumentationsgemeinschaft KLV, BA Koblenz, Zsg. 140/53.) Bei vier der Genannten steht zweifelsfrei fest, daß sie als Mitarbeiter der Reichsdienststelle KLV tätig waren. Gerhard Dabei stand dort an verantwortlicher Stelle der Organisation. Seit 1940 Leiter des Referates Führung und Ausrichtung in der Reichsdienststelle, wurde ihm im Januar 1945 die Leitung der Reichsdienststelle KLV übertragen. Der am 16.6.1916 geborene Dabei war Parteimitglied seit dem 1.12.1935. (Vgl. die Mitgliedskarte im BA Abteilung III, Gerhard Dabei. Bei einer parteistatistischen Erhebung aus dem Jahr 1939 wurde allerdings als Datum des Parteieintritts der 1.5.1937 angegeben. Bereits am 29.8.1930 wurde er Mitglied der HJ (Angabe in einem Fragebogen zur Bearbeitung des Aufnahmeantrags für die Reichsschrifttumskammer vom 21.8.1938, BA Abteilung III, Gerhard Dabei.) 1940 bekleidete er den Dienstrang

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gründung war laut Satzung die „Sammlung und Sichtung jeden erreichbaren Materials" zur Erweiterten Kinderlandverschickung, die „Herstellung einer Dokumentation" sowie die „Auskunfterteilung" und die „Überführung des Archivmaterials nach Abschluß der Dokumentationsarbeit." 28 Den Jahresberichten des Vereins läßt sich jedoch entnehmen, daß mit Hilfe der Dokumentation eine Anerkennung der Tätigkeit in der KLV durch die Bundes- und die Landesversicherungsanstalten erreicht werden sollte.29 Ziel der Arbeitsgemeinschaft war es zumindest auch deshalb, die KLV als eine rein humanitäre Aktion darzustellen. 30 In der Dokumentation schreibt Dabei, es sei „mehr als eine Vermutung, daß diese KLV-Evakuierungs-Aktion in die Gesamtlandschaft wissenschaftlicher und publizistischer Beschäftigung mit der Zeitgeschichte der NS-Diktatur und des 2. Weltkriegs nicht hineinpaßt."' 1 Schon bei dem Aufruf zur Materialsammlung für die Dokumentation machte er aus der Zielsetzung der geplanten Dokumentation kein Hehl. Eine ehrliche Dokumentation - so Dabei - lebe von der Wahrhaftigkeit und von Tatsachen. Das Nest brauche man dabei aber nicht zu beschmutzen, „denn diese KLV war eine GUTE Tat."32 Mit einer die Wirklichkeit in vielen Punkten auf den

eines Bannführers. Am 20.4.1944 wurde er von Hitler in den Rang eines Hauptbannführers befördert. (Beförderungsliste in BA Abteilung III, O. 195 II, Bl. 95.) Als Beruf gab Dabei 1938 Jugendführer' an, er war jedoch auch als Schriftsteller tätig. So verfaßte er Jugendgeschichten mit Titeln wie ,Mit Krad und Karabiner - Fahrt und Kampf einer Kradschützenschwadron' (1942) oder ,Die Jungen der grauen Straße. Ein Roman über die Hitlerjugend 1933-1940' sowie ,Fach'auf sätze zu Jugendfragen. Werner Frehse wurde im Januar 1943 zum Leiter der Reichsschule für KLV-Lagermannschaftsführer in Steinau a. d. Oder ernannt, die im November 1943 in das 50 Kilometer von Prag entfernte Podiebrad übersiedelte. Eberhard Grüttner war Leiter der Reichsdienststelle, Horst Hechler war Leiter der Hauptabteilung Transport und Verkehr in der Reichsdienststelle. Der heutige Vorsitzende der weiter aktiven Dokumentationsgemeinschaft KLV, Gustav Post, war ab Juli 1941 im Gebiet Hochland Gebietsinspekteur der Erweiterten Kinderlandverschickung, ab Mitte 1942 Gebietsinspekteur im Sudetenland. Ende 1943 übernahm er die KLV-Nachwuchsführerschule in Tatra-Lomnitz. Alle 14 Tage reiste dort eine neue Mannschaft von 60 bis 65 ausgewählten Hitlerjungen an, um für den Einsatz in KLV-Lagern ausgebildet zu werden. (KLV-Mitteilungen, Ausgabe 0, BA Koblenz, ZSg. 140/53.) 28 Vgl. die Satzung der Dokumentationsgemeinschaft KLV, BA Koblenz, ZSg. 140/53. 29 Vgl. z.B. das Protokoll der 6. KLV-Jahreshauptvcrsammlungin Lüneburg vom 2.6.1984, BA Koblenz, ZSg. 140/53. Hier heißt es: „In der allgemeinen Diskussion wird nochmals als einer der Schwerpunkte die partnerschaftliche Zusammenarbeit mit der BFA und LVA erwähnt." (S. 7f.) Auch in den Protokollen der folgenden Sitzungen nimmt dieses Thema einen breiten Raum ein. 50 Dieses wird von Scholtz durchaus richtig in den Vordergrund gestellt. Um so fragwürdiger ist seine unkritische Übernahme des Materials aus der Dokumentation. " Dabei, KLV, S. 297. 32 5. Rundbrief der Dokumentationsgemeinschaft KLV, BA Koblenz, Zsg. 140/53. Hervorhebung im Original.

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Kopf stellenden Darstellung der KLV versucht die Dokumentation, die Erziehungspolitik des NS-Regimes nachträglich zu rechtfertigen. 33 Kritischer bewertet die journalistische Darstellung von Claus Larass die Erweiterte Kinderlandverschickung. Diese arbeitet allerdings ohne jeden wissenschaftlichen Apparat und stützt sich wie Scholtz fast ausschließlich auf die Dokumentation Dabels.34 Trotz der von Larass gemachten Einschränkungen fällt auch seine Bilanz letzten Endes positiv aus. Mit der KLV befassen sich einige lokal- oder regionalgeschichtliche Untersuchungen, die mit unterschiedlicher Akzentuierung und auch unterschiedlicher Bewertung Aussagen über ein bestimmtes Entsendegebiet machen. Die Ergebnisse dieser Studien haben wohl aufgrund ihrer manchmal sehr schweren Zugänglichkeit noch keinen nennenswerten Eingang in die Forschungsliteratur gefunden. Sehr nützlich sind hier drei ungedruckte Magisterarbeiten zur Erweiterten KLV, die in den letzten Jahren entstanden sind. Eine beschäftigt sich mit der Kinderlandverschickung im Gau Westfalen-Nord, zwei weitere mit der in Hamburg. 3 '' Die Autoren kommen für die von ihnen untersuchte Regionen zu interessanten Urteilen. In einem eigenen Kapitel geht auch die Dissertation von Sylvelin Wissmann über das Bremer Volksschulwesen während der NS-Zeit auf die Erweiterte Kinderlandverschickung ein. Wissmann sieht als alleinige Ursache für die Einrichtung der KLV den „Erhalt der Art": „Eine Hauptsorge galt daher Kindern und Jugendlichen und ihrem Überleben: Sie waren das künftige Volk."3'' Darüber hinaus haben in einigen Orten ehemalige KLV-Teilneh-

" Die Dokumentation enthält nicht unerhebliche sachliche Fehler. Zwei von vielen Verzerrungen seien hier kurz skizziert: So bezeichnet Dabei die KLV „ohne Zweifel" (Dabei, KLV, S. 12) als eine Reichseinrichtung. Richtig ist aber, wie weiter unten dargestellt wird, daß es sich bei der Erweiterten Kinderlandverschickung um eine Aktion von Parteiglicderungen handelte, die nur letztlich vom Reich finanziert wurde. Die von Dabei in die Diskussion gebrachte Zahl von insgesamt 2,5 Millionen lagerverschickter Kinder (Ebd., S. 14) ist viel zu hoch angesetzt. An anderer Stelle spricht er sogar von 2,8 Millionen Kindern. (Ebd., S.24). H Claus Larass: Der Zug der Kinder. KLV - Die Evakuierung 5 Millionen deutscher Kinder im Zweiten Weltkrieg. München 1983. " Daniela von Jüchen: Die Erweiterte Kinderlandverschickung im Zweiten Weltkrieg. Organisation und regionale Durchführung im Gau Westfalen-Nord. Mag. masch. Münster 1992; Gudrun Patricia Pott: Die .Erweiterte Kinderlandverschickung' (KLV) in Hamburg 19401945. Mag. masch. Hamburg 1986; Frank von Spee: Die Hamburger Kinderlandverschickung (KLV) in den Jahren 1942-1945. Eine Studie zum Lageralltag. Mag. masch. Hamburg 1991. Eine kürzlich erschienene Dissertation über die Situation in Hamburg (Carsten Kressel: Evakuierungen und Erweiterte Kinderlandverschickung im Vergleich. Das Beispiel der Städte Liverpool und Hamburg. Frankfurt 1996) konnte leider nicht mehr ausgewertet werden. * Sylvelin Wissmann: Es war eben unsere Schulzeit. Das Bremer Volksschulwesen unter dem Nationalsozialismus. Bremen 1993. S. 274.

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mer die Verschickungen ihrer Schule bzw. ihrer Stadt dokumentiert. Als Beispiel sei hier die kürzlich erschiene „Zeitgeschichtliche Dokumentation" über die Verschickungen aus Wilhelmshaven genannt, deren kurze Einleitung allerdings auf jede Analyse verzichtet. Das Buch ist auf diese Weise nicht viel mehr als ein Fotoalbum. 37 Einige Erinnerungsbücher und Autobiographien reflektieren die Erlebnisse im KLV-Lager in persönlich gehaltener Form - meist aus der Perspektive des Schülers, aber auch aus der des Lehrers. Stellvertretend genannt seien ein kritischer autobiographischer Bericht des heute in den USA lehrenden Germanisten Jost Hermand und ein Erfahrungsbericht des ehemaligen Lagerleiters Alfred Ehrentreich. 38 Hermand weist in seiner Einleitung auf die Schwierigkeit hin, im Hinblick auf die Lager der Erweiterten Kinderlandverschickung generalisierende Urteile zu fällen. Da diese jedoch für viele Kinder einen traumatischen Charakter gehabt hätten, möchte Hermand „eher das Negative als das Positive dieser Lager" herausstellen.3'' Ehrentreich betont dagegen mehr die positiven Seiten der Verschickung. Aufgrund der als äußerst unbefriedigend zu bezeichnenden Forschungslage sind für eine Beschäftigung mit der Erweiterten Kinderlandverschickung die einschlägigen Quellenbestände umfassend auszuwerten. Die mit der Durchführung der Aktion betraute Reichsdienststelle KLV war der Reichsjugendführung (RJF) zugeordnet, deren Aktenbestände leider als verloren gelten.40 Deshalb war es notwendig, neben zeitgenössischem Schrifttum zur Erziehung sowie erziehungspolitischen und jugendpolitischen Zeitschriften des Dritten Reiches möglichst umfassend die Akten der anderen an der KLV beteiligten und der Reichsdienststelle KLV nachgeordneten Organisationen heranzuziehen. 41 Überprüft wurden alle einschlägigen Bestände bis hinunter zur Länderebene. In den Beständen der zentralen Reichs- und Parteistellen des nationalsozialistischen Staates im Bundesarchiv fand sich reiches Material zur 0

Martha Schlegel: Von der Nordseeküstc in die Kinderlandverschickung 1940-1945. Zeitgeschichtliche Dokumentation. Oldenburg 1996. Jost Hermand: Als Pimpf in Polen. Die Erweiterte Kinderlandverschickung 1940-1945. Frankfurt/M. 1993; Alfred Ehrentreich: Dresdner Elegie. Schule im Krieg. Die Kinderlandverschickung im Dritten Reich. Brackwede bei Bielefeld 1985. " Ebd., S. 24. ,: Vgl. den Hinweis im Findbuch NS 28 des BA Koblenz, S. IV: „Insgesamt muß die Überlieferung der Reichsjugendführung und des Jugendführers des Deutschen Reiches als verloren gelten." 41 Für eine genaue Auflistung der untersuchten Bestände vgl. das Quellen- und Literaturverzeichnis, S. 364. 18

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Organisationsstruktur und zum Aufbau der Erweiterten Kinderlandverschickung. In erster Linie zu nennen sind hier die Akten des Nationalsozialistischen Lehrerbundes und des Reichsministeriums für Wissenschaft, Erziehung und Volksbildung sowie der Nationalsozialistischen Volkswohlfahrt und des Hauptamtes für Volkswohlfahrt als unmittelbar an der Erweiterten Kinderlandverschickung beteiligte Einrichtungen. Das Fehlen der Akten der Reichsjugendführung läßt sich teilweise ausgleichen durch den umfangreichen Bestand von amtlichen Drucksachen der Reichsjugendführung. In anderen Beständen des Bundesarchivs fand sich ergänzendes Material. Das einzige Archiv mit einem eigenen Bestand zur Kinderlandverschickung ist das Staatsarchiv Hamburg. Diese Akten sind vor allem in Bezug auf die Dokumentation des dienstlichen Verkehrs der einzelnen Hamburger Lager und Lehrer einschlägig. Der große Umfang des Bestandes täuscht aber darüber hinweg, daß sein Informationsgehalt nur begrenzt ist: Es handelt sich hierbei um die Korrespondenz sowie die Akten des Hamburger KLV-Inspekteurs des NSLB und späteren KLV-Schulbeauftragten Heinrich Sahrhage. Er war für die regionale Durchführung des Lehrereinsatzes zuständig und damit an den zentralen Entscheidungsprozessen nicht beteiligt, so daß die Akten ein verzerrtes Bild über die Kompetenzen und Entscheidungsstrukturen zeichnen. Zudem erfordert die Überlieferungsgeschichte Vorsicht bei der Bewertung des Bestandes. Nach dem Krieg wurden die Akten von Sahrhage selber als einem der Hauptverantwortlichen für die Erweiterte Kinderlandverschickung in Hamburg verwahrt. Nach dessen Tod ließ die Dokumentationsgemeinschaft KLV die Akten nach Freiburg bringen, wo sie umgeordnet wurden. Erst nach langen Verhandlungen gelang es dem Staatsarchiv Hamburg, die Akten zu übernehmen, ohne daß feststellbar gewesen ist, ob diese noch vollständig sind.42 Das Österreichische Staatsarchiv Wien bietet interessantes Material zur Rolle Schirachs bei der Einrichtung der Erweiterten Kinderlandverschickung. Die praktische Durchführung der Verschickungen und ihre Organisation auf regionaler Ebene ließ sich anhand der einschlägigen Bestände der Staatsarchive rekonstruieren. Hier waren besonders die Akten der obersten Schulbehörden, der Kultusministerien sowie - in geringerem Maße - der NSDAP-Parteigliederungen einschlägig. Exemplarisch wurde für die vorliegende Studie in einigen regionalen Archiven recherchiert, um die lokale Umsetzung der beschlossenen Maßnahmen beispielhaft rekonstruieren zu können. Die zentralen kirchlichen Archive boten Material zu Fragen der religiösen Betreuung der Kinder, der Haltung der Kirche geVgl. hierzu das Findbuch des Bestandes 361-10, Kinderlandverschickung Hamburg, StA Hamburg.

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genüber der KLV und auch zur Praxis der Zurückdrängung der Kirchen bei der Betreuung von psychisch oder physisch kranken Menschen mit Hilfe der Erweiterten Kinderlandverschickung. Ausgeklammert bei der Archivsuche blieben die außerdeutschen Archive, in denen Material zu der Situation in den Aufnahmegauen zu vermuten ist (z.B. im ehemaligen Warthegau und dem Generalgouvernement). Die Verhältnisse in den Aufnahmegauen lassen sich allerdings hinreichend mit Hilfe des Materials darstellen, das in den süddeutschen Archiven zu finden ist. Als relativ unergiebig hat sich eine Auswertung von verschiedenen Tageszeitungen erwiesen. Hier finden sich zwar recht häufig Berichte über die Kinderlandverschickung. Diese sind jedoch durchweg in sehr allgemeiner Form gehalten und vermitteln bei einer nur wenig variierten inhaltlichen Beschreibung das Bild eines glücklichen' Lagerlebens. Selten waren in diese für die breite Öffentlichkeit und damit für die Zielgruppe der Erweiterten Kinderlandverschickung bestimmten Schilderungen zuverlässige Fakten und Zahlen eingebettet. Befragungen von Zeitzeugen in unsystematischer Form sowie Erinnerungsberichte ergänzen und illustrieren die aus den Quellen gewonnenen Erkenntnisse, haben jedoch in keinem Fall zu einer Korrektur der aus den Akten gewonnenen Beobachtungen geführt.43 Insgesamt waren die KLVErfahrungen zu unterschiedlich, als daß sich generalisierende Erkenntnisse formulieren ließen. Erlebnisberichte und autobiographische Schilderungen können lediglich ein Bild zeichnen, wie einzelne ihre Zeit im KLV-Lager erinnern. Über das subjektive Erleben der Kinder und Jugendlichen in der Kinderlandverschickung lassen sich wohl keine quantifizierbaren Aussagen machen. Die Problematik einer wissenschaftlichen Auswertung von autobiographischen Zeugnissen faßt Peukert treffend mit den Worten zusammen, ihr gemeinsamer Nenner sei gerade ihre geringe Verallgemeinerbarkeit. 44 Auf eine systematische Erhebung von autobiographischen Schilderungen wurde daher verzichtet. Insgesamt ergibt sich so trotz der Überlieferungslücken eine zwar zerstreute und unsystematische, aber dennoch ausreichende Quellenbasis, die es erlaubt, die Einrichtung der Erweiterten Kinderlandverschickung detailliert nachzuzeichnen. 45

An dieser Stelle sei Bruno Melchert für die freundliche Überlassung von etwa 20 von ihm zusammengetragenen Erinncrungsberichten, dem ehemaligen HJ-Oberbannführer Wilhelm Jurzek und dem ehemaligen Standortlagermannschaftsführer Hanns Schaefer für ihre Gesprächsbereitschaft sowie der Familie Stephany für die Überlassung des Nachlasses von Dr. Alfred Stephany herzlich gedankt. " Peukert, Das Dritte Reich aus der ,Alltagsperspektive', S. 548. Allgemein zur geschichtswissenschaftlichen Relevanz autobiographischer Zeugnisse jugendlicher Sozialisation vgl. Hausmann, Heranwachsen im .Dritten Reich'.

A. ERZIEHUNGSPOLITIK IM DRITTEN REICH: EIN AKZENTUIERENDER ÜBERBLICK

I. ERZIEHUNG IM NATIONALSOZIALISMUS DIE IDEOLOGISCHEN GRUNDKONSTANTEN Mit dem Beginn des Dritten Reiches hat kein von staatlicher Seite sanktioniertes Konzept einer .richtigen' nationalsozialistischen Erziehung vorgelegen. Wer auch immer von ,der' nationalsozialistischen Erziehung sprach, konnte sich dabei lediglich auf einige Passagen in Hitlers ,Mein Kampf berufen und tat dies natürlich auch. Hitler selber zeigte sich, endlich an die Macht gelangt, an Erziehungsfragen relativ desinteressiert. Erziehungspolitische Äußerungen und Planungen erlangten dann Autorität, wenn sie von ihren Befürwortern politisch durchgesetzt werden konnten. Es kam also auf das jeweilige politische Gewicht der hinter den Planungen stehenden Personen und Institutionen mehr an als auf eine Übereinstimmung mit einer bestimmten erziehungspolitischen Konzeption zumindest so lange, wie die ideologischen Grundkonstanten des Nationalsozialismus unangetastet blieben. Der Erziehungssektor ist ein interessantes Beispiel für die Machtstrukturen im Dritten Reich, für die Überlappung der Kompetenzbereiche der verschiedenen Partei- und Staatsorganisationen: Rust, Frick, Ley, Schirach, Goebbels, Himmler, Bormann - sie und viele andere nationalsozialistische Führer hatten jeweils eigene Machtinteressen auf dem Gebiet der Bildungs- bzw. Erziehungspolitik. Von einer geplanten „Destruktion der Erziehung im Nationalsozialismus" spricht Steinhaus in bezug auf die alten humanistischen Bildungstraditionen. 1 Ausgehend von der Totalitarismus-These 2 glaubt er eine einheitliche Erziehungstheorie des Nationalsozialismus erkennen zu können und entwickelt damit eine These, die auch von Hans-Jochen Gamm vertreten wird, der die Faschismustheorie heranzieht und zum gleichen Ergebnis kommt. 3 Steinhaus bezeichnet das in ,Mein Kampf entwickelte 1

So der Untertitel seines Werkes: Hubert Steinhaus: Hitlers pädagogische Maximen: .Mein Kampf' und die Destruktion der Erziehung im Nationalsozialismus. Frankfurt/M. 1981. -' Vgl. das erste Kapitel seiner Arbeit, in der er als seinen Gewährsmann Bracher heranzieht. (Ebd., S. 3-33.) 1 Hans-Jochen Gamm, Führung und Verführung: Pädagogik des Nationalsozialismus. München 2 1990.

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A.

Erziehungspolitik

im Dritten

Reich

„Schulprogramm" Hitlers als „eine konsequent wirkende Folgerung aus seinen politischen Leitvorstellungen und den ihnen zugrundeliegenden anthropologischen und geschichtsphilosophischen Prämissen."4 Danach habe Hitler nicht nur seine zentralen weltanschaulichen Vorstellungen, sondern auch die sich für ihn daraus ergebenden pädagogischen Folgerungen nie mehr verändert. Alle späteren Stellungnahmen seien nur Wiederholungen, Variationen oder situative Konkretisierungen der ursprünglichen Auffassung. Die pädagogischen Vorstellungen in ,Mein Kampf seien bis zum Ende des Dritten Reiches das „pädagogische Dogma" des Nationalsozialismus geblieben.5 Im Gegensatz dazu vermag ein Großteil der erziehungshistorischen Forschung ein erziehungspolitisches Konzept des Nationalsozialismus nicht zu erkennen. 6 Besonders pointiert äußert sich Christoph Lingelbach in Anlehnung an die auch heute noch als grundlegend geltende Studie über das nationalsozialistische Schulwesen von Rolf Eilers:7 „Den inneren Widersprüchen dieses Herrschaftssystems, die sich im Kampf der Organisationen, Institutionen und führenden Personen um die Erziehung niederschlugen, entsprach die Vielzahl kontroverser Lehrmeinungen über den Sinn und die Aufgabe der nationalsozialistischen Erziehung. Insofern kann angesichts der ideologischen und terminologischen Divergenzen führender Pädagogen von einem geschlossen erziehungstheoretischen ,System' des Dritten Reiches nicht mehr die Rede sein." Lediglich ein Grundzug der Erziehung und Erziehungstheorie sei nicht zu verkennen: „Die physische und psychische Vorbereitung des jungen Menschen auf den als ,Selbstbehauptungskampf' des ,deutschen Volkes' vorgestellten Zweiten Weltkrieg." s Schon Eilers führte die von ihm festgestellte „lähmende und beunruhigende Instabilität" der nationalsozialistischen Schulpolitik auf die Instrumentalisierung der Erziehung für die Zwecke des zukünftigen Krieges zurück. 9 ' 5

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Steinhaus, Hitlers pädagogische Maximen, S. 17. Ebd., S. 18. Zuletzt Wolfgang Keim: Erziehung unter der Nazi-Diktatur. Darmstadt 1995. Vgl. hierzu auch Hans-Günther Assel: Die Perversion der politischen Pädagogik im Nationalsozialismus. München 1963; Kurt Aurin: Die Politisierung der Pädagogik im „Dritten Reich". In: Zeitschrift für Pädagogik 29 (1983), S. 675-692; Ulrich Herrmann (Hg.): Die Formung des Volksgenossen. Der .Erziehungsstaat' des Dritten Reiches. Weinhcim/Bascl 1985; KarlChristoph Lingelbach: Erziehung und Erziehungstheorie im nationalsozialistischen Deutschland. Frankfurt 1970; Manfred Messerschmidt: Bildung und Erziehung im zivilen und militärischen System. In: Ders. (Hg.): Militärgeschichte. Probleme - Thesen - Wege. Stuttgart 1982. S. 190-214; Harald Scholtz: Erziehung und Unterricht unterm Hakenkreuz. Göttingen 1985. Rolf Eilers: Die nationalsozialistische Schulpolitik. Köln/Opladen 1963. Lingelbach, Erziehung und Erziehungstheoric, S. 248. Eilers, Die nationalsozialistische Schulpolitik, S. 106.

/. Die ideologischen

Grundkonstanten

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Auch wenn es an einer einheitlichen Konzeption mangelte, ist doch von der erziehungshistorischen Forschung überzeugend herausgearbeitet worden, daß die Nationalsozialisten in der Erziehung ein wichtiges Instrument zur Erreichung ihrer Ziele sahen und vom Tag der Machtergreifung an konsequent ihre Politisierung betrieben haben. „Wer von der Notwendigkeit der Diktatur und des nationalen Ausnahmezustandes überzeugt war, dem konnte eine Erziehung im Schlepptau der Politik als Gebot der Stunde erscheinen."10 Die hierzu notwendigen ideologischen Leitlinien waren in diesem Sinne unbedingte Voraussetzungen für jede erziehungspolitische Maßnahme des nationalsozialistischen Staates. Welches die Erziehungsziele im völkischen Staat waren, faßte einer der Erziehungspolitiker des Dritten Reichs, der Ministerialrat im RMWEV Rudolf Benze, prägnant zusammen: „Zwei Gebote gelten für das Leben und die Erziehung jedes Deutschen:,Deutschland, Deutschland über alles' und ,Ich bin nichts, mein Volk ist alles'."11 Ergänzend zu diesen beiden Prämissen trat die Ausrichtung der Volksgemeinschaft nach dem Führerprinzip. Das alte Verhältnis von Staatsbürger-Staat sollte sich in ein Führer-Gefolgschaft-Verhältnis auflösen.12 Das Erziehungsziel des nationalsozialistischen Staates war damit nicht länger die Förderung einer eigenständigen Entwicklung des Menschen entsprechend seinen Anlagen und Fähigkeiten. Dieses in der humanistischen Bildungstradition stehende Erziehungsziel wurde aufgegeben zugunsten einer Ausrichtung des Menschen an den Bedürfnissen des Staates mit den Mitteln einer totalen Menschenformung.13 Den Ansatzpunkt - nicht das Konzept - für eine derartige Erziehung hatte Hitler in ,Mein Kampf vorgegeben: „Wenn wir als erste Aufgabe des Staates im Dienste und zum Wohle seines Volkstums die Erhaltung, Pflege und Entwicklung der besten rassischen Elemente erkennen, so ist es natürlich, daß sich diese Sorgfalt nicht nur bis zur Geburt des jeweilig kleinen jungen Volks- und Rassegenossen zu erstrecken hat, sondern daß sie aus dem jungen Sprößling auch ein wertvolles Glied für eine spätere Weitervermehrung erziehen muß." 14 Folgerichtig formulierte Benze nach der Machtübernahme 1933: „Erziehen, d.h. emporziehen kann nur, wer höher " Scholtz, Erziehung unterm Hakenkreuz, S. 109. ' Benze, Deutsche Erziehung und ihre Träger, in: dcrs./Gräfer (Hg.), Erziehungsmächtc und Erziehungshoheit, Leipzig 1940, S. 5. 12 Assel, Die Perversion der politischen Pädagogik, S. 35. 15 Vgl. Herrmann, Die Formung des Volksgenossen, S. 71: „Mit jenem zwischenmenschlichen Handlungsgefüge, dessen Ziel die geistige und moralische Verselbständigung ist und das wir mit .Erziehung' bzw. .Bildung' bezeichnen, hat diese .Züchtigungspädagogik' nichts gemein." 14 Hitler, Mein Kampf, S. 451. 1

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A.

Erziehungspolitik

im Dritten

Reich

steht als der, den er erziehen will. Wer tiefer steht, kann nur herabziehen. Damit ist schon grundsätzlich angesprochen, wer erziehen darf. Nur der, der im Sinne der geltenden Ordnung zu fördern vermag."15 Diese Forderung bedingte den Anspruch des nationalsozialistischen Staates auf die totale Kontrolle aller Träger der Erziehung in einer Form, die von Hitler ebenfalls in ,Mein Kampf skizziert worden war: „So wie der Staat, was die rein wissenschaftliche Ausbildung betrifft, schon heute in das Selbstbestimmungsrecht des einzelnen eingreift und ihm gegenüber das Recht der Gesamtheit wahrnimmt, indem er, ohne Befragung des Wollens oder Nichtwollens der Eltern, das Kind dem Schulzwange unterwirft, so muß in noch viel höherem Maße der völkische Staat dereinst seine Autorität durchsetzen gegenüber der Unkenntnis oder dem Unverständnis des einzelnen in den Fragen der Erhaltung des Volkstums."16 Die Konsequenz dieser Forderungen war für Hitler eindeutig: „Planmäßig ist der Lehrstoff [...] aufzubauen, planmäßig die Erziehung so zu gestalten, daß der junge Mensch beim Verlassen seiner Schule nicht ein halber Pazifist, Demokrat oder sonstwas ist, sondern ein ganzer Deutscher."17 Bildung als das klassische' Erziehungsziel trat bei diesem Anspruch in den Hintergrund - die Entfaltung einer kulturellen Kompetenz hielt Hitler schließlich für überflüssig. Nach der Machtübernahme begannen die staatlichen Schulbehörden, diese Grundsätze in ihren Erlassen und Vorschriften zur Leitlinie ihres Handelns zu machen. In einer amtlichen Verlautbarung erläuterte das Reichsministerium für Wissenschaft, Erziehung und Volksbildung diese neue Politik: Die „nationalsozialistische Revolution der Weltanschauung" habe an die Stelle des „Trugbildes der gebildeten Persönlichkeit" die Gestalt des „wirklichen, d.h. durch Blut und geschichtliches Schicksal bestimmten deutschen Menschen" gesetzt und an Stelle der humanistischen Bildungsideologie eine Erziehungsordnung aufgebaut, die sich aus der „Gemeinschaft des wirklichen Kampfes" entwickelt habe. ls Zum Schlüssel einer nationalsozialistischen Erziehung entwickelte sich nun das,Erlebnis in der Gemeinschaft'. 15 Benze, Deutsche Erziehung und ihre Träger, S. 6. "• Hitler, Mein Kampf, S. 453. Rauschning legt in seinen frei erfundenen, aber ganz authentisch wirkenden Gesprächen mit Hitler dem Diktator folgenden Ausspruch in den Mund: „Ich will keine intellektuelle Erziehung. Mit Wissen verderbe ich mir die Jugend. Am liebsten ließe ich sie nur das lernen, was sie ihrem Spicltricbe folgend sich freiwillig aneignen. Aber Beherrschung müssen sie lernen." (Rauschning, Gespräche mit Hitler, S. 237.) 17 Hitler, Mein Kampf, S. 474. 18 Erziehung und Unterricht in der Höheren Schule. Amtliche Ausgabe des Reichs- und Preußischen Ministeriums für Wissenschaft, Erziehung und Volksbildung. Berlin 1938, S. 12. Zit. n. Mosse, Der nationalsozialistische Alltag, S. 300.

/. Die ideologischen

Grundkonstanten

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Diese Schlüsselbegriffe übernahmen die nationalsozialistischen Erziehungspolitiker von der Reformpädagogik. Für die Nationalsozialisten erfüllte das ,Erlebnis' jedoch eine Erziehungsfunktion, die sich von der Zielsetzung der deutschen Reformpädagogen fundamental unterschied, denn diese wollten den Jugendlichen durch die Erfahrung von Erlebnis und Gemeinschaft zu Verantwortlichkeit und Selbständigkeit erziehen. Statt ,Erziehung zur Autonomie' hieß es im Dritten Reich ,Erziehung zur Volksgemeinschaft'. Dieser Anspruch führte dazu, daß man Elternhaus und Schule, die das Individuum in den Mittelpunkt stellten, als sekundäre Erziehungsträger betrachtete und der Partei die grundsätzliche Verantwortung für die politisch-weltanschauliche Erziehung übertrug. 19 Eine individuell abgestimmte Erziehung hielt man für unzeitgemäß. Statt dessen propagierte man die Erziehung in der Gemeinschaft, in der .Formation', in welcher der junge Volksgenosse sich bewähren und den .völkischen Zusammenhang' seiner Existenz nicht nur lernen, sondern auch erleben sollte. Alle „echte Erziehung" war Gemeinschaftserziehung.21 Unterschieden wurde dabei lediglich zwischen der Erziehung durch Ältere und der durch Gleichaltrige. „Jene ist Grundsatz in der Erziehung von Elternhaus und Staat, diese in der Kameradschaft, also vor allem in der Parteierziehung." 21 Auch die Erziehung durch die Kameradschaft hatte ihre Wurzeln in der Reformpädagogik und in der bündischen Jugendbewegung. Während dort die Unabhängigkeit von erwachsenen Strukturen jedoch einen emanzipatorischen Hintergrund hatte, nutzte der Nationalsozialismus diese Erziehungskonzeption für eine Uniformierung von kindlichen Einzelreaktionen und sorgte so für eine Einengung persönlicher und informeller Beziehungen zwischen den Kindern bzw. Jugendlichen. Anstelle individueller Qualitäten und Freundschaften wurde die Durchsetzung von Kameradschaft, Ehre und Härte als absolute Werte verbindlich gemacht. In der nationalsozialistischen Kameradschaft sollten die Jugendlichen lernen zu gehorchen und zu befehlen - in Bindung an den Führer und in Identifikation mit dem deutschen Nationalstaat.22 Die Methoden dieser Formung durch ,Er" „So sind die zur Volkserziehung berufenen Stellen nun: Elternhaus, Staat und Bewegung sie alle Glieder und Hüter der natürlichen Blutsgemeinschaft, das Elternhaus der kleinsten, das Volk, d.h. Staat und Partei, der größten und letzten. Die Entscheidung haben Staat und Partei nach dem von ihnen gemeinsam bestimmten Arbeitsplan; denn sie sind ja die Bevollmächtigten des aus den Familienzellen zusammengesetzten Volkskörpers, der diesen Teilen erst Sicherung und Sinn gibt." (Benze, Deutsche Erziehung und ihre Träger, S. 16.) 2: Ebd., S. 8. 21 Ebd.,S. 10. 22 Vgl. Scholtz, Nationalsozialistische Machtausübung im Erziehungsfeld und ihre Wirkungen auf die junge Generation, S. 28. Für Oelkers ist .Gemeinschaft' der pädagogische Zentralbegriff, „das romantische positive Prinzip, eine säkulare Heilserwartung, an die sich .völkische' wie .kommunistische' Symbolisierungen gleichermaßen heften konnten."

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A. Erziehungspolitik im Dritten Reich

regung' und Verführung lassen sich als Übung und Gewöhnung - nicht als Analyse und Reflexion - charakterisieren. Die nationalsozialistischen Erziehungspolitiker, die die Erziehung für die Herrschaftssicherung instrumentalisieren wollten, fanden Unterstützung im Bereich der zeitgenössischen Erziehungswissenschaften. Besonders Ernst Krieck trug mit seiner Theorie der ,Reinen Erziehungswissenschaft' zum ideologischen Überbau bei.23 Seine Thesen zur Menschenformung stellen sich als eine Sozialisationstheorie dar. Erziehung ist demnach eine „Urfunktion" jedes Gemeinschaftslebens, wie Religion, Recht und Sprache,24 so daß von der Gemeinschaft auf ihre Mitglieder eine erziehende und formende Wirkung ausgeht. Mit dieser These erweiterte Krieck nicht nur das traditionelle Erziehungsverständnis, sondern bot gleichzeitig den Ansatz einer neuen,,reinen' Erziehungswissenschaft. Erziehung schien nunmehr nicht in erster Linie eine „Aufgabe, sondern eine Gegebenheit", es ging um das Aufspüren der „Erziehungsidee" in allen menschlichen Gemeinschaften, so „als ständen wir diesen Dingen gar nicht als Erzieher, sondern als unbeteiligter Beschauer und Forscher gegenüber." 25 Vor diesem Hintergrund definierte Krieck sein Forschungsgebiet neu: Die Erziehungswissenschaft habe die Aufgabe, „die Beschränkungen der Erziehungsidee auf die planmäßige Einwirkung der Alteren auf die Jugend zu zerbrechen, um das ganze Leben der Gemeinschaft wie der einzelnen Glieder in ihrer vollen Wechselbeziehung dem Geltungsbereich der Erziehungsidee zu unterstellen." 26 Damit bildete die Gemeinschaft, nicht das Kind, den eigentlichen Gegenstand aller wissenschaftlichen Betrachtung und den Ausgangspunkt des pädagogischen Denkens Ernst Kriecks.27 (Oelkers, Erziehung und Gemeinschaft, S. 39). Insgesamt leitet er den Gedanken von Gemeinschaft als pädagogischem Prinzip historisch aus dem 19. Jahrhundert her. „Die einzige politische Tradition mit Breitenwirkung in der deutschen Pädagogik bis 1933 war die Jahn, Arndt, Fichte'-Linie, und sie schafft, .völkisch' radikalisiert, die Affinität zur Erziehungsideologie nach 1933." Oelkers bezeichnet das Konzept der Erziehung zur Gemeinschaft als ein „Konzept der Reformpädagogik in Weimar, für das in allen weltanschaulichen Lagern der Weimarer Diskussion optiert wurde." (Ebd., S. 22f.) 23 Zu Krieck und seinem Kollegen Alfred Baeumler vgl. Keim, Erziehung in der Nazi-Diktatur, S. 165-168. 24 Krieck, Philosophie der Erziehung, Jena 1922, S. 3, zit. n. Lingelbach, Erziehung und Erziehungstheorie im nationalsozialistischen Deutschland, S. 67. ^ Krieck, Grundriß der Erziehungswissenschaft. Fünf Vorträge, Leipzig 1927, S. 19, zit. n. ebd., S. 67. 26 Ebd., S. 68. 27 Diese pseudowissenschaftliche Fundicrung läßt sich in der Umsetzung erzieherischer Maßnahmen gut nachweisen. So resümiert z. B. Niehuis für das Landjahr: „Die propagierte Landjahrkonzeption als lebensgebundene Erziehung, die erzieherisch wertvolle Momente im Gemeinschaftsleben, im Landleben und in der manuellen Arbeit sah, die vom Landjahrerzicher pädagogisch verwertet werden sollten, vermittelt durchaus den Eindruck einer funktionalen Bildung." (Niehuis, Das Landjahr, S. 299f.)

//. Die Institutionen der Erziehung

31

Erziehung - so die politische Konsequenz aus derartigen erziehungswissenschaftlichen Überlegungen - wurde damit zu einem legitimen Instrument der Herrschaftssicherung. Endgültig an die Macht gelangt, verkündete Hitler diese Neudefinition der Erziehung programmatisch: „Der neue Staat wird dann ein Phantasieprodukt bleiben, wenn er nicht einen neuen Menschen schafft. Seit zweieinhalbtausend Jahren sind mit ganz wenigen Ausnahmen nahezu sämtliche Revolutionen gescheitert, weil ihre Führer nicht erkannt hatten, daß das Wesentliche einer Revolution nicht die Machtübernahme ist, sondern die Erziehung der Menschen." 28 Das „letzte Ziel" einer solchen Politik sei es, „durch die restlose Erfassung aller Deutschen mittels der nationalsozialistischen Aufklärung und Lehre in der Partei und im Anhängerkreis dem gesamten Volks- und Staatsaufbau in der Zukunft überhaupt nur noch Nationalsozialisten zur Verfügung zu stellen."29 Im Zuge der Machtkonsolidierung des nationalsozialistischen Staates wurde Erziehung in unterschiedlichen Bereichen und Handlungsfeldern wesentlicher Bestandteil der NS-Herrschaft, seiner Ideologieproduktion und Herrschaftssicherung, „eines der wirksamsten Instrumente zur Sicherung und Ausweitung staatlicher Macht." 30 Es ergab sich dabei als selbstverständliche Forderung, „daß die gesamte Erziehungs- und Bildungsarbeit, die vor dem Wehrdienst am jungen Deutschen geleistet wird und in irgendeinem mittelbaren oder unmittelbaren Zusammenhang mit seinem Wehrdienst steht, nicht nur ein klares Endziel, sondern auch eine einheitliche Ausrichtung und einen logischen Aufbau braucht." 31 Das zentrale Ziel des nationalsozialistischen Staates seit der Machtübernahme 1933 - die Entfesselung eines „Rasse- und Raumkrieges" - war nicht nur vom Stand der Ausbildung und Erziehung des Soldaten abhängig, sondern von der Erziehung und Bildung des Gesamtvolkes überhaupt. 32

II.

D I E INSTITUTIONEN DER ERZIEHUNG

Wie es keine einheitliche, in sich konsistente nationalsozialistische Weltanschauung gab, so bestand auch die nationalsozialistische Ausleseideolo28

Hitler am 1.7.1933 auf einer Rede in Rcichenhall, zit. n. Ehrhardt, Erziehungsdenken und Erziehungspraxis, S. 58. 2S Rede Hitlers 1935; zit n. ebd., S. 61. >0 Lingelbach, Erziehung und Erziehungstheorie im nationalsozialistischen Deutschland, S.31. " Frießner, Forderungen der Wehrmacht an die Jugenderziehung, S. 7. « Ebd.,S.5.

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A. Erziehungspolitik im Dritten Reich

gie aus einem Konglomerat rassistischer, biologistischer und quasi-religiöser Ideologeme, lediglich zusammengehalten von der Vorstellung eines ,Herrenmenschentums' und dem Glauben an eine züchterisch herstellbare heile Volksgemeinschaft. Auf dieses Ziel hin wurde die Erziehung seit 1933 ausgerichtet und ein differenziertes System aufeinander bezogener Ausleseinstanzen geschaffen.33 Schiedeck und Stahlmann zeigen für alle Schulformen, wie sich das Ausleseprinzip als eine Grundkonstante durch die gesamte Entwicklungszeit der Jugendlichen zog. Die Maßnahmen - wie die Pflichtauslese an den Grundschulen, die Einrichtung der Hauptschule und die Vereinheitlichung der verschiedenen Gymnasien 1938 - zeigen, wie hierbei zwei Ziele miteinander verknüpft wurden: „einerseits die totale Kontrolle über die Jugend zu erlangen, andererseits die Durchsetzung der rassistischen Weltanschauung auf der strukturellen und inhaltlichen Ebene des Schulsystems zu sichern."34 Die Ausleseinstanzen des nationalsozialistischen Staates sollten sich aber nicht auf den schulischen Bereich beschränken, sondern schon bei der Geburt - bzw. bei der Zeugung - einsetzen und die einzelnen ,Glieder der Volksgemeinschaft' in ihrem gesamten Sozialisationsprozeß begleiten und reglementieren. In bewußter Abgrenzung zu den traditionellen Einrichtungen planten und etablierten die Nationalsozialisten gesonderte Institutionen, die für besonders ausgewählte Jugendliche gedacht waren. Wären alle geplanten Einrichtungen vollständig eingeführt worden, hätte es im NS-Staat eigene Erziehungsanstalten für Kinder und Jugendliche jeden Alters gegeben: von Kindergärten der Nationalsozialistischen Volkswohlfahrt und der NS-Frauenschaft über die Gliederungen der Hitlerjugend, den Adolf-Hitler-Schulen und den Nationalpolitischen Erziehungsanstalten, dem Langemarck-Studium und dem Landjahr über Reichsarbeitsdienst bis zu den NS-Ordensburgen. Als entscheidenden Faktor für die politisch-moralische Grundorientierung im Nationalsozialismus aufwachsender Menschen hat der Erziehungswissenschaftler Klafki jedoch zumindest bis zur Pubertät die Familie ausgemacht. Die Angebote des nationalsozialistischen Systems seien lediglich als Chance wahrgenommen worden, sich gegenüber dem Elternhaus zu verselbständigen. Die Schule habe im politischen Sozialisationsprozeß im Sinne nationalsozialistischer Zielsetzungen eine relativ geringe, eher bremsende als fördernde Rolle gespielt. „Auch die HJ scheint für die politische Sozialisation im Sinne des Nationalsozialismus in der Mehrzahl der Fälle eine geringere Bedeutung gehabt zu haben, als das bis heute viel" Vgl. hierzu Stahlmann/Schiedeck, Erziehung durch Gemeinschaft, S. 19 * Ebd., S. 49.

//. Die Institutionen der Erziehung

33

fach noch unterstellt wird." Eine radikale politische Konversion vermochten die nationalsozialistischen Ausleseinstanzen offenbar nur selten auszulösen - weder hin zum Nationalsozialismus noch von ihm weg.35 Diese Einschätzung aus erziehungswissenschaftlicher Perspektive korrespondiert mit der Bewertung des Erfolgs der Politik der Hitlerjugend durch den Historiker Klönne. Insgesamt kann man davon ausgehen, daß die Wirklichkeit des HJ-Betriebes und die Wirksamkeit der HJ-Erziehung nicht annähernd dem Bild entsprochen haben, welches der NS-Staat und die Reichsjugendführung entworfen hatten.36

1. Die Eltern - Keimzelle des neuen Staates? Die nationalsozialistische Ideologie betrachtete die Kernfamilie als kleinste biosoziale Einheit der ,Volksgemeinschaff, in die sie konzentrisch über größere Kernfamilienverbände, die ,Sippen', eingegliedert war. Als Keimzelle des Staates' erhielt die Familie durch eine solche Funktionsbestimmung politisch-ideologische Aufgaben. Die Eltern waren damit neben Schule und Hitler-Jugend eine der drei Säulen im Erziehungssektor, zu denen sich der nationalsozialistische Staat zumindest bis 1939 unmißverständlich bekannte. Von einem Elternrecht, vom Anspruch der Eltern, ihre Kinder nach ihrer weltanschaulichen Überzeugung oder religiösen Bindung zu erziehen, darf man dabei allerdings nicht sprechen, auch wenn Hitler dieses formal anerkannt hatte. Dem hohen theoretisch-ideologischen Stellenwert der Familie stand die Forderung nach einer Erziehung in und zur Volksgemeinschaft gegenüber. Deshalb konnte das nationalsozialistische Familienideal in der Praxis nur solange gelten, wie der Staat nicht das Recht auf die Erziehung für sich reklamierte und die Eltern sich ebenfalls zum Nationalsozialismus bekannten oder ihn zumindest tolerierten „das Recht der Nation geht vor das Recht des Vaters."37 Nach 1933 wurden die Eltern mehr und mehr vom Spannungsfeld Schule - HJ eingeengt. Ihre Rolle im nationalsozialistischen Erziehungssystem sollte radikal zurückgedrängt werden. In der zeitgenössischen Überblicksdarstellung ,Erziehung im Großdeutschen Reich' hieß es in diesem Sinne •" Klafki, Typische Faktorenkonstellationen, S. 162-168. Zit. auf S. 168. Außer dem Beispiel der Geschwister Scholl gibt es in der von Klafki untersuchten Literatur kein Beispiel für eine radikale politische Konversion, die durch eine nationalsozialistische Erziehungsinstanz ausgelöst worden ist. * Klönne, Jugend im Dritten Reich, S. 140. An anderer Stelle formuliert er: „Aufs Ganze gesehen, erwies sich die Ambition, über die HJ die Gesamtheit der Jugend zu organisieren und im NS-Sinne zu sozialisieren, als pädagogisch unrealistisch." (Ebd., S. 131.) 57 So die sprachlich holprige Formulierung bei Stellrecht, Neue Erziehung, S. 79.

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A.

Erztehungspolitik

im Dritten

Reich

bezeichnend, daß die „unabdingbaren Erziehungspflichten und -rechte" der Eltern am stärksten in den ersten Lebensjahren seien. Sie „verklingen in dem Maße, wie Partei und Staat sich in die Erziehung einschalten."38 Sobald das Kind schulpflichtig war, sollte der Erziehungsfaktor ,Eltern' zugunsten von Schule und Hitlerjugend zurücktreten. Damit reduzierte sich das Elternrecht, so könnte man zynisch formulieren, auf die physische Bereitstellung eines deutschblütigen Lebewesens, welches von Staat und Bewegung zum Volksgenossen geformt werden sollte. Die Hitlerjugend als für die außerschulische Jugenderziehung zuständige Organisation warb dennoch gezielt um die Sympathien der Elternschaft, da die Aufteilung der Kinder- und Jugenderziehung, wie sie Benze und anderen vorschwebte, bis zur Einführung einer umfassenden Jugenddienstpflicht nicht rechtlich garantiert werden konnte. Die HJ blieb deshalb auf die Zustimmung der Eltern wenigstens teilweise angewiesen.39 Der von der HJ-Führung angestrebten Entfremdung der Jugendlichen von der Familie durch Überbeanspruchung im Dienst während und außerhalb der Schulzeit wurde durch eine Strategie der Unterwanderung des Elternhauses selbst noch Vorschub geleistet: Die Kinder sollten ihre eigenen Eltern überwachen. 40 Da diese Unterwanderung allerdings nur schwer zu realisieren war, konzentrierte sich die Hitlerjugend vor allem auf ihre Tätigkeitsfelder außerhalb der Schule. Kater kann deshalb für die Zeit von 1933 bis 1945 ein prinzipielles Einverständnis von Schule und Elternhaus in Bezug auf die Jugendorganisation feststellen, „das auf dem Hintergrund der gemeinsamen Ablehnung der NS-Jugendführung die für das Dritte Reich spezifische politische Brisanz" gewinnt. 41

2. Die Schule - ein

Anachronismus?

Die generelle gesellschaftliche Abqualifizierung von traditioneller Bildung stellte die Schule nach 1933 vor die Frage, welche Funktionen sie im nationalsozialistischen Staat einnehmen konnte. „Sie sah sich dem Dilemma 38 39

40

41

Benze, Erziehung im Großdeutschen Reich, S. 12. Vgl. hierzu Kater, Die deutsche Elternschaft im nationalsozialistischen Herrschaftssystem, S. 80-85. Hiervon berichten unter anderem die Deutschlandberichte der Sopade, Juni 1936, S. 851: „Die nationalsozialistische Jugenderziehung führt zu einer Entfremdung zwischen Eltern und Kindern." Zwei Jahre später vermelden die Berichte, „daß der Einfluß des Elternhauses auf die Kinder und Jugendlichen immer gespannter und feindlicher wird." (Deutschlandberichte der Sopade, Dezember 1938, S. 1401.) Kater, Die deutsche Elternschaft im nationalsozialistischen Herrschaftssystem, S. 87.

//. Die Institutionen der Erziehung

35

gegenüber, eine Gesellschaft zu legitimieren, die auf der ideologischen Ebene ihre Berechtigung einschränkte." 42 Bereits im Mai 1933 forderte der zu dieser Zeit noch für die Bildungspolitik zuständige Reichsinnenminister Frick die Herstellung eines „politischen Charakters" der Schule, indem sie „durch ihre Erziehung die gleichhafte Einordnung der Schüler ins Volksganze herbeiführt, damit der geschlossene politische Wille auch für die Zukunft eine starke und dauernde Grundlage im Volke findet." 43 Um diese Umwertung der Schule erreichen zu können, bedurfte es allerdings besonderer Ansätze, denn gerade im Schul- und Hochschulbereich saßen weiterhin die von den Nationalsozialisten als handlungs- und entscheidungsschwach angesehenen ,Bildungs- und Spießbürger', auf die man nur schrittweise Einfluß nehmen und politischen Druck ausüben konnte. Die Nationalsozialisten konnten nach der Machtübernahme nicht auf eine zentrale Schulinstitution zur Durchsetzung ihrer Politik zurückgreifen, da die Kulturhoheit mit der Entstehung des Deutschen Reiches bei den Ländern verblieben war.44 Die entscheidenden Hebel für die innere und äußere Gestaltung des deutschen Schulwesens lagen somit zu Beginn der faschistischen Diktatur bei den Ländern, deren Unterrichtsverwaltungen die politisch äußerst wichtige staatliche Schulaufsicht besaßen. Die Schulaufsicht über die Volks- und Mittelschulen übten als Mittelbehörden innerhalb der preußischen Regierungsbezirke die Regierungspräsidenten und auf der Kreisebene die Schulräte aus, die seit dem 1.4.1933 über Schulämter als Kreisbehörden verfügten. Die Schulaufsicht über die Höheren Schulen handhabten in den preußischen Provinzen die Provinzialschulkollegien - ein Ergebnis der Politik der letzten Jahre der Weimarer Republik. Vorher hatte es ein kollegiales Schulaufsichtssystem gegeben. Die Aufgaben der Provinzialschulkollegien hatten nach der am 3.9.1932 erlassenen ,Ersten Verordnung zur Vereinfachung und Verbilligung der Verwaltung' zum 1.4.1933 die bei den Oberpräsidenten neugebildeten Abteilungen für Höhere Schulen übernommen, denen meist ein Regierungsdirektor vorstand. Den Oberpräsidenten - meist in Personalunion auch Nyssen, Schule im Nationalsozialismus, S. 310. Rede des Reichsinnenministers Dr. Wilhelm Frick auf einer Konferenz von Länderministern über Erziehung v. 9.5.1933; abgedr. in: Gamm, Führung und Verführung, Dok. 4, S. 78. In den 1938 erschienenen Richtlinien für Erziehung und Unterricht an Höheren Schulen heißt es zu dieser Frage: „Die deutsche Schule ist ein Teil der nationalsozialistischen Erziehungsordnung. Sie hat die Aufgabe, im Verein mit den anderen Erziehungsmächten des Volkes, aber mit den ihr eigentümlichen Erziehungsmitteln, den nationalsozialistischen Menschen zu formen." (Zit n. Kohrs, Kindheit und Jugend unterm Hakenkreuz, S. 54.) Für das Folgende vgl. Diere, Das Reichsministerium für Wissenschaft, Erziehung und Volksbildung, S. 108-113.

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A.

Erziehungspolitik

im Dritten

Reich

NSDAP-Gauleiter 45 - oblag fortan allein die Schulaufsicht in den Provinzen. In der programmatischen Rede des Reichsinnenministers Frick am 9.5.1933 sieht Ottweiler die ersten Anzeichen der Bestrebung, das gesamte Schulwesen einer reichseinheitlichen Planung und damit dem totalitären Anspruch des Regimes zu unterwerfen und entsprechend umzugestalten.46 Hier entwickelte Frick verbindlich für alle Länder Leitlinien und Schwerpunkte für eine nationalsozialistische Ausgestaltung des Unterrichts. Die Unterrichts- und Erziehungsarbeit sollte sich auf die drei Bereiche Geschichte, Lebens-/Rassenkunde und körperliche Ertüchtigung gründen, die Vermittlung von intellektuellen Werten weitgehend reduziert werden.47 Die Umstrukturierung auf dem Schulsektor begann mit der Zentralisierung der Schulverwaltung. Als Rechtsgrundlage für die schrittweise Vernichtung der bürgerlichen Demokratie auch im schulpolitischen Bereich diente das ,Vorläufige Gesetz zur Gleichschaltung der Länder mit dem Reich' vom 31.3.1933. Schon wenige Wochen nach der Rede Fricks wurden erste Kommissionen zur Vereinheitlichung und Zentralisierung des Schulsystems eingesetzt.4S Mit dem Gesetz über den Neuaufbau des Reiches vom 30. Januar 1934 wurde diese Zentralisationspolitik formal vollendet. Zum ersten Mal in der deutschen Geschichte war das gesamte Erziehungs- und Unterrichtswesen der Zuständigkeit der Länder entzogen. Die Beseitigung der Bundesstaatlichkeit und die Schaffung eines nationalsozialistischen Einheitsstaates drängten Anfang 1934 auf die Etablierung einer schulpolitischen Befehlszentrale. Mit der Einrichtung des Reichsministeriums für Wissenschaft, Erziehung und Volksbildung am 1.5.1934 wurden schließlich die organisatorischen und personellen Voraussetzungen zu reichseinheitlichen schulpolitischen Maßnahmen geschaffen.49 In den Geschäftsbereich der neuen Behörde gingen alle bisher vom Reichsministerium des Innern bearbeiteten Angelegenheiten der Wissenschaft, der Erziehung und des Unterrichts, der Jugendverbände und der Erwachsenenbildung über. Die institutionelle und personelle Basis für den Aufbau der So z.B. Erich Koch in Ostpreußen, Wilhelm Kube im Gau Kurmark/Brandenburg (bis 1936), Josef Wagner in Westfalen-Süd und Schlesien (Absetzung ab 1940), der Dezember 1934 seiner Ämter enthobene Helmuth Brückner in Nieder- und Oberschlesien und Hinrich Lohse in Schleswig-Holstein). Vgl. Ottweiler, Die Volksschule im Nationalsozialismus, S. 13f. Die Rede ist abgedr. in Meier-Benneckenstem, Dokumente der deutschen Politik, Bd. 1, S. 300f. Vgl. hierzu ausführlich Ottweiler, Die Volksschule im Nationalsozialismus, S. 17-24. Für dies und das folgende vgl. die bei aller ideologischer Fragwürdigkeit doch sehr informative Darstellung bei Diere, Das Reichsministerium für Wissenschaft, Erziehung und Volksbildung, S. 115f.

//. Die Institutionen der Erziehung

37

Behörde bildete das bisherige preußische Kultusministerium. Der in der Weimarer Zeit unehrenhaft aus dem Schuldienst entlassene Lehrer und preußische Kultusminister Bernhard Rust wurde in Personalunion Reichsminister für Wissenschaft, Erziehung und Volksbildung. Die Kultusverwaltungen der Länder waren nun dem Reichserziehungsministerium nachgeordnet. Dennoch kam es in den folgenden Jahren nicht zu schwerwiegenden Eingriffen des Reiches in die Schulorganisation der Länder. Die Erste Durchführungsverordnung über den Neuaufbau des Reiches vom 2.2.1934 überließ den Ländern nämlich die konkurrierende Gesetzgebung. Sie konnten demnach die Kulturhoheit weiter ausüben, wenn auch nur im Namen des Reiches, solange und soweit das Reich nicht selbst von diesen Rechten Gebrauch machte. Das Reichserziehungsministerium bemühte sich mit unterschiedlichem Erfolg, die Autonomierechte der nachgeordneten Stellen im Schulwesen einzuschränken. So scheiterte der Versuch, die kommunale Schulaufsicht zu beseitigen und von staatlichen Aufsichtsbeamten wahrnehmen zu lassen, am nachhaltigen Einspruch des Deutschen Gemeindetages.50 Erst 1937/1938 kam es für das höhere und mittlere Schulwesen zu einer Reichsschulreform. Ottweiler sieht die Ursachen für diese Verzögerung zum einen in der Komplexität der Strukturen, zum anderen aber auch in der „unübersehbaren Flut von Schulreformvorschlägen widersprüchlichster Zielsetzung", die alle vorgegeben hätten, „die bestmögliche Lösung im Sinne nationalsozialistischer Ausrichtung und Geisteshaltung gefunden zu haben."51 Die Vereinheitlichung des höheren Schulwesens begann 1937 mit der Reduktion auf die drei Grundtypen altsprachliches Gymnasium sowie die naturwissenschaftliche und die neusprachliche Oberschule. Die Zahl der Schuljahre wurde auf acht herabgesetzt. Hinzu traten, abzweigend von der sechsten Volksschulklasse, sechsklassige Aufbauschulen in Oberschulform (Deutsche Oberschule). Neben diese Typenkonzentration trat jedoch auch eine Zersplitterung des Schulwesens, die auf das Bestreben der verschiedenen Parteiorganisationen zurückging, Einfluß auf das Schulsystem zu nehmen und Schulen in eigener Trägerschaft zu gründen. (Zu nennen sind hier in erster Linie die Nationalpolitischen Erziehungsanstalten, die Adolf-Hitler-Schulen und die Deutschen Heimschulen). 1938 wurde der preußische Typ der sechsklassigen Mittelschule, die mit dem fünften Schuljahr begann, für das Reich verbindlich gemacht. Deren Aufbau war in den meisten Ländern noch nicht abgeschlossen, als 1941 die Einführung der vierklassigen 50 51

Vgl. hierzu Ottweiler, Die Volksschule im Nationalsozialismus, S. 23f. Ebd., S. 21.

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A. Erziehungspolitik im Dritten Reich

Hauptschule die Mittelschule ablösen sollte. Aber auch diese Entscheidung wurde wieder vertagt. Die Reichseinheitlichkeit der Unterrichtsinhalte wurde erst in den Jahren 1937 bis 1942 durch Herausgabe von Reichsrichtlinien herbeigeführt. Den weltanschaulichen Prioritäten wurde dennoch nur unzureichend Rechnung getragen. Dies galt insbesondere für den Schulsport. Zwar wurde die Stundenzahl für Sportunterricht überall erhöht, aber die Ausstattung der Schulen war oft unzureichend, so daß vor allem an den Landschulen Leibesübungen unter einfachsten Bedingungen betrieben werden mußten. Hinzu kamen die ständigen Auseinandersetzungen mit der Hitlerjugend, die ihre Ansprüche geltend machte und damit auch den Schulsport in die Defensive drängte. 52 Eine Umwertung der Schulerziehung hätte gerade auf dem Gebiet der körperlichen Ertüchtigung viele Fürsprecher auch bei Teilen der,alten Eliten' - nämlich der Wehrmacht gefunden. Das Rust-Ministerium schien den Militärpolitikern aber zu schwach, um auf diesem Gebiet eigene Akzente setzen zu können. 53 Von einer „wehrwissenschaftlich ausgerichteten und entsprechend vorgebildeten Lehrtätigkeit" 54 glaubte der Chef des Stabes der Heeresbildungsinspektion, Hans Frießner, 1938 die Schulen noch weit entfernt. Das Defizit resultierte seiner Ansicht nach nicht nur aus der Kürze der Zeit, die seit der Machtübernahme durch die Nationalsozialisten verstrichen war, sondern auch aus der Tatsache, daß die Schulpolitik während der zurückliegenden Jahre in der Frage der Neugestaltung des Lehrerbildungsbereichs keine hinreichende Durchschlagskraft bewiesen habe.55 Das Oberkommando des Heeres (OKH) startete deshalb bereits vor dem Krieg Initiativen, mit denen die Schulerziehung auf den Wehrgedanken ausgerichtet werden sollte.56 Ziel bei dem Versuch des O K H , zentrale 52 53

54

Vgl- J o t h , Sport und Leibesübungen im Dritten Reich, S. 732f. Diere konstatiert vor dem Hintergrund der marxistischen Faschismustheorie auch auf diesem Gebiet eine zentrale Planung und Vorbereitung des Systems auf den Krieg, ohne Einzelinteressen der beteiligten Personen und Institutionen gelten zu lassen: „Der Aufbau eines Reichserziehungsministeriums schuf für den Übergang des faschistischen Regimes zur forcierten Kriegsvorbereitung vom Apparat der Unterrichtsverwaltung her die Voraussetzungen, um die Schule fest in das System der ideologischen Vorbereitung des Krieges einzubinden und sie gezielt für die ideologische Unterstützung und Rechtfertigung der faschistischen Politik einzusetzen." (Diere, Das Reichsministerium für Wissenschaft, Erziehung und Volksbildung, S. 120.) Frießner, Schule und Landesverteidigung, in: Der Deutsche Erzieher 2 (1939), S. 380.

» Ebd. 56

„Die Anteilnahme der bewaffneten Macht an dem bildungspolitischen Geschehen im Dritten Reich, ihre Bemühungen um Durchsetzung eigener Interessen sowie ihre Rolle als Triebkraft von Entwicklungstendenzen, Einzelvorgängen und konkreten Entscheidungen im NSErziehungsfeld waren wesentlich weitreichender als bislang angenommen." (Kersting, Militär und Jugend im NS-Staat, S. 415.)

//. Die Institutionen der Erziehung

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Rahmenbedingungen des Unterrichts wie Lehrpläne, Schulbücher und die Lehrerausbildung den militärischen Erfordernissen anzupassen, ist die direkte Nachwuchswerbung gewesen.57 Als zentralen Beleg für eine aktive Schulpolitik der Heeresführung sieht Kersting die sogenannte Heeresinitiative vom Frühjahr 1939.5!i Im Winter 1938/39 setzten Verhandlungen ein, in denen sich das O K H mit dem Erziehungsministerium und dem Deutschen Zentralinstitut für Erziehung und Unterricht über Möglichkeiten einer stärkeren Ausrichtung des Schulwesens auf die Bedürfnisse des Militärs und des Krieges zu verständigen suchte. Man war sich einig, daß eine engere Zusammenarbeit mit dem Zentralinstitut ein „zweckmäßiger Weg" zur „praktischen Einflußnahme auf die Erzieherschaft" sowie zur „praktischen Erprobung des etwa vorgesehenen neuartigen Wehrkundeunterrichts" sei.59 Gleichzeitig plante die Heeresführung den Aufbau einer militärisch-schulischen Verbindungsorganisation, von der auch Luftwaffe und Kriegsmarine profitieren sollten. Auf Heeresseite waren hierzu spezielle Wehrkreis-Schulungsoffiziere vorgesehen. Im Schulwesen selbst sollte die Organisation schwerpunktmäßig von „Verbindungsoffizieren" aus den Reihen des NSLB getragen werden. Der Entschluß des Heeres, seinen wehr- und schulpolitischen Vorstellungen stärker als bisher Gehör zu verschaffen und die eigene intensivierte Schulpolitik durch den Aufbau einer gemeinsam mit dem NSLB projektierten militärisch-schulischen Verbindungsorganisation institutionell abzusichern, fiel mit einer Zuspitzung der machtpolitischen Rivalitäten auf dem NS-Erziehungssektor zusammen. Der damalige Referent der Heeresbildungsinspektion für das Schulwesen und die Schuloffiziere, Kurt Hesse, schrieb nach dem Krieg, daß sich das O K H damals stärker an den NSLB als an das Ministerium angelehnt hätte, weil es die politische Organisation als den stärkeren Verbündeten eingestuft und sich von ihrer Indienstnahme eine direktere Einwirkungsmöglichkeit auf die „Lehrerschaft und [...] die Schulen aller Art" versprochen hätte. 60 Die Ursache für diese Entscheidung gegen das Reichserziehungsministerium liegt wohl auch in der Person des Reichserziehungsministers, Bernhard Rust, begründet. Seit dem 6.2.1933 residierte der Lehrer und ,alte Kämpfer' in Preußen im Kultusministerium, zunächst noch als Kommissar des Reiches. Am 21.4.1933 wurde seine unbedingte Loyalität zu Hitler mit der Ernennung zum ersten Reichserziehungsminister belohnt. Diese Position behielt er zwar bis 1945 bei, wurde aber von der Führung des Rei57

Ebd., S. 215. Für diesen Vorgang vgl. ebd., S. 243-250. » Nach einer Vortragsnotiz Murawskis v. 27.3.1939, BA-MA RW 4/v.271, zit. n. ebd., S. 244. 60 Unveröffentlichtes Manuskript, zit. n. ebd., S. 245. 58

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A.

Erziehungspolitik

im Dritten

Reich

ches schon bald als entscheidungsschwach und unfähig betrachtet und seine Autorität von Heß, Goebbels und Bormann systematisch demontiert. Seit 1941 betrieb Bormann den Sturz des Ministers.61 Schulpolitische Entscheidungen wurden zunehmend direkt in der Parteikanzlei und im Führerhauptquartier getroffen, Rust trotz mehrfacher Versuche von Hitler während des Krieges überhaupt nicht mehr empfangen. Der Nationalsozialistische Lehrerbund als die Zwangsorganisation der Lehrer aller Schularten wurde dagegen in der Vorkriegszeit als eine Organisation der Zukunft begriffen. Bereits 1936 waren 97 Prozent aller Lehrer dem NSLB beigetreten, 32 Prozent von ihnen waren auch NSDAP-Mitglied. 62 Als ein der Partei angeschlossener Verband wurde der NSLB vom Hauptamt für Erzieher ,betreut', das in die Reichsleitung der N S D A P eingebaut war. NS-Parteiamt und NSLB-Funktion wurden in der Regel in Personalunion wahrgenommen. So stand der Leiter des Gaues Bayreuth, Fritz Wächtler, sowohl an der Spitze des NSLB wie auch an der des Hauptamtes für Erzieher. 1936 wurden ihm auch Aufgaben innerhalb der Dienststelle des Führers übertragen, wo er nun als Sachverständiger für Schul- und Erziehungsfragen fungierte.63 Aufgabe des NSLB war die „weltanschauliche Ausrichtung der Lehrerschaft auf die nationalsozialistischen Erziehungsziele." 64 1936 übertrug Rust dem NSLB die politische Schulung der gesamten Erzieherschaft65 und verfügte, daß die nationalpolitischen Schullehrgänge, die bis dahin von den staatlichen Schulaufsichtsbehörden eingerichtet wurden, in Zukunft von den Gauleitungen des NSLB durchgeführt werden sollten.66 Aufgrund seiner Verklammerung mit dem Hauptamt für Erzieher ergab sich für den " Bezeichnend sind hier die Kommentare im Tagebuch von Goebbels: „Schlimm sieht es noch in der Schulfrage aus. Rust tut gar nichts. Er ist und bleibt ein Steißtrommler. Läßt sich von seiner alten Bürokratie beschwindeln. Unsere Lehrbücher in den Schulen sind auch von anno Tobak. Kein neuer Geist, keine Initiative. Auch die Lehrererziehung liegt ganz falsch. Man darf die Lehrer nicht akademisch ausbilden. Das macht sie nur unzufrieden mit dem ABC. Und sie versumpfen dann entweder oder sie werden Revolutionäre. Das bremst die ganze Entwicklung. Höhere Bildung schreit nach höherem Amt. Gibt man das nicht, dann kommt Unzufriedenheit. Aber davon versteht Rust gar nichts." (Goebbels, Tagebücher Bd. 4, Eintrag vom 26.9.1940, S. 340.) 62 Zahlen bei Ottweiler, Die Volksschule im Nationalsozialismus, S. 27. Feiten, Der NSLB, S. 147, und Eilers, Schulpolitik im Dritten Reich, S. 128 nennen diese Zahlen jedoch für das Jahr 1937. a Diehl-Thiele, Partei und Staat, S. 219. 64 Klamroth, Schulverwaltung und Schulverwaltungsrecht, in: Benze, Deutsche Schulerziehung, S. 51. 65 Erlaß vom 12.5.1936, vgl. Wenke, Die pädagogische Lage, in: Die Erziehung 11 (1936), S. 433f. 66 Wirtschaft und Recht, Nr. 39, zit. n. Ottweiler, Die Volksschule im Nationalsozialismus, S. 28.

//. Die Institutionen der Erziehung

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NSLB die zusätzliche Aufgabe, „die schulpolitischen Belange der NSDAP bei den Behörden zu vertreten, die politischen Gutachten für die Lehrer zu erstellen und die Wünsche der NSDAP bei den Stellenbesetzungen durchzusetzen." 67 Aber trotz dieser Veränderungen vollzog sich in den dreißiger Jahren keine radikale, mit der Tradition brechende Neugestaltung des Schulsektors. In der Vorkriegszeit wurde von staatlicher Seite weder an der herkömmlichen Funktion des Lehrers noch an der Institution Schule insgesamt gerüttelt.68 Bis zum Kriegsausbruch wurden die alten Strukturen lediglich uminterpretiert und Alternativmodelle zur Schule wie die Adolf-HitlerSchulen entwickelt, neue Lehrpläne und Schulbücher eingeführt und mit ,Rassenkunde' ein neues Schulfach geschaffen. Grundsätzlich sahen die nationalsozialistischen Erziehungspolitiker die alte Institution Schule aber als einen Anachronismus an, dem das Leben vorausgeeilt zu sein schien, und der deshalb überwunden werden müßte. Die Bedeutung der Schule, so hieß es in einer Erklärung des Reichsministeriums für Wissenschaft, Erziehung und Volksbildung aus dem Jahr 1938, würde lediglich in dem Maße wachsen, in dem der neue geistige Gehalt jenen Grad seiner Durchformung erreichen würde, in dem er lehrbar werde: „Auch das nationalsozialistische Zeitalter wird die Schule hervorbringen, die Geist von seinem Geiste ist, aber wir müssen uns bewußt sein, daß wir am Anfang der neuen Bildung stehen." 69

3. Die Nationalsozialistische Volkswohlfahrt - Fürsorge ohne humanitäres Ethos? Die Nationalsozialistische Volkswohlfahrt war eine parteinahe Organisation, die für die nationalsozialistische Durchdringung der deutschen Gesellschaft eine wichtige Rolle spielte.70 Die Ursache für die Entstehung der NSV und ihre Bedeutung sieht Hansen im Prinzip des nationalsozialistischen Regimes, Politik als „sozialdarwinistisches Entwicklungslabor"71 zu betrachten. Die Mischung von aus der ,Bewegung' verpflichteten politischen Amtsleitern und Fachkräften sei grundlegend für eine 67 68 69

70

71

Organisationshandbuch der NSDAP, S. 252. Vgl. hierzu Müller/Zymek, Datenhandbuch zur deutschen Bildungsgeschichte, S. 133. Erziehung und Unterricht in der Höheren Schule, 1938, zit. n. Scholtz, Nationalsozialistische Machtausübung im Erziehungsfeld Bd. 2, S. 24f. Zur Geschichte der NSV vgl. u.a. Buchheim, Die Übernahme staatlicher Fürsorgeaufgaben durch die NSV; Hansen: Wohlfahrtspolitik im NS-Staat; Vorländer, Die NSV, Boppard 1988. Hansen, Wohlfahrtspolitik, S. 10.

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Dynamik der NSV geworden, die später eher Recht setzte, als sich gegebenen rechtlichen Strukturen unterzuordnen. „Ergebnis dieser Dynamik wie auch deren Nahrung waren die frühzeitig aufgestellten, weitreichenden Ansprüche der NSV."72 So hatte bereits die erste Satzung des Vereins vom 18.4.1932 erklärt, daß die in ihr aufgezeigten Tätigkeitsbereiche „keine Begrenzung der Wohlfahrtsbestrebungen" 73 bedeuteten. Unmittelbar mit der Machtergreifung begann die Durchsetzung dieses Totalitätsanspruchs gegenüber den anderen Wohlfahrtsverbänden. Im Mai 1933 schließlich erklärte Hitler die NSV für alle Fragen der Volkswohlfahrt und Fürsorge zuständig. Bei der Reichsleitung der NSDAP wurde ein Hauptamt für Volkswohlfahrt eingerichtet, das der Arbeit des Verbandes die politischen Richtlinien vorgab. Der Leiter des Hauptamtes für Volkswohlfahrt mußte sich dem Stellvertreter des Führers gegenüber verantworten. Damit ergab sich eine ähnliche Rechtskonstruktion wie für den NSLB. Die Dienststellenleiter der NSV waren zugleich politische Leiter der NSDAP. Als Spitzenverband der freien Wohlfahrtspflege erhielt die NSV einerseits Zuschüsse, die das Reich und die Gemeinden der freien Wohlfahrtspflege gewährten. Auf der anderen Seite wurde die NSV mit ihrem angeschlossenen Winterhilfswerk (WHW) auch eingesetzt, um durch Sammelaktionen erhebliche Finanzmittel direkt bei der Bevölkerung abzuschöpfen. Die NSV betätigte sich auf allen Gebieten der öffentlichen und konfessionellen Fürsorge. Hauptarbeitsgebiet war die Betreuung von Müttern mit kleinen Kindern im sogenannten .Hilfswerk Mutter und Kind'. 1937 entfielen mit 99,3 Millionen Reichsmark zwei Drittel der Gesamtausgaben der NSV auf diese Sparte.74 Bis Ende 1942 wurden insgesamt fünf Millionen Kinder für einige Wochen zur Erholung in ländliche Gebiete verschickt.75 Die Mütterverschickung begann 1934 mit 40.340 Verschickungen und erreichte 1938 ihren Höhepunkt mit 77.723 Frauen.76 Aber auch die anderen Aktivitäten der NSV - Schwesternwesen, Kindergärten, Hilfestellung für Mutter und Kind und ,Sonstige Bereiche' (z.B. NSV-Bahnhofsdienst, Trinkerfürsorge) - erlangten beträchtliche Größenordnungen. 72

Ebd.,S. 13. Geschichte der NSV von den Anfängen bis 1934, o. Verf., S. 196, BA Potsdam, NS 26/262. 74 Arbeitsbericht des Hilfswerks Mutter und Kind für das Jahr 1937/38, S. 26. BA Potsdam, NS 22/457. Insgesamt entfielen 11,8 Mio. RM auf die Müttererholung, 42 Mio. RM auf die Kindererholung. 7 ' Vgl. Hansen, Wohlfahrtspohtik, S. 19. Diese Zahlen werden jedoch durch einen Vergleich mit der Erholungsfürsorge in Kaiserreich und Weimarer Republik relativiert, da es sich bei der Erholungsfürsorge nicht um eine Erfindung der Nationalsozialisten handelte. Vgl. die entsprechenden Bemerkungen, S. 70. "' Aufkommen und Verwendung der Mittel im Winterhilfswerk des Deutschen Volkes, o. D. (1942), S. 31, BA Potsdam, NS 26/261. 73

/ / . Die Institutionen

Jahr 1936/37 1937/38 1938/39 1939/40 1940/41 1941/42 1942/43

der

Gesamtaufkommen 415,15

418,99 566,35 680,72 916,24 1.208,79 1.595,74

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Erziehung

Hilfswerk Mutter und Kind 54,60 78,43 176,02 343,45 552,20 701,77 1.210,98

G e s a m t a u f k o m m e n und Verwendung der (Kriegs-)Winterhilfswerke 1936/37 bis 1942/43 (in Mio. Reichsmark) 7 7

Die Finanzierung der Arbeit der NSV wurde im Laufe der Jahre zunehmend durch das Winterhilfswerk übernommen und damit von der deutschen Bevölkerung privat aufgebracht. Trotzdem betrachtete diese die Leistungen der NSV als eine positive Erscheinung des Systems. Das Spendenaufkommen stieg von Jahr zu Jahr erheblich, was offenbar nur zum Teil mit dem zunehmenden Zwang zu einer großzügigen Spende zu tun hatte, sondern auch einem tatsächlich vorhandenen Bedürfnis zur Hilfestellung entsprach.78 Die NSV betrachtete ihre Aufgabe „ausschließlich unter dem Gesichtspunkt der Stärkung und Förderung der gesunden Teile des deutschen Volkes".79 Eine Betreuung des einzelnen um seiner selbst willen lehnte sie ab; der Betreute hatte keinen Anspruch auf Hilfe als Individuum, Ausgangspunkt und Endziel war einzig und allein das Volk in seiner Gesamtheit: „Wir gehen nicht vom einzelnen Menschen aus" - so Goebbels 1938 auf einer gemeinsamen Tagung von NSV und Winterhilfswerk. 80 Als Voraussetzung für eine Hilfe durch die NSV galt dementsprechend, daß der zu Betreuende ein „hilfsbedürftiger, erbgesunder, deutschblütiger und würdiger Volksgenosse" war und '7 Errechnet bei Hansen, Wohlfahrtspolitik, S. 26, auf der Grundlage von Rechenschaftsberichten der (Kriegs)Winterhilfswerke. Hansen bezweifelt allerdings die Richtigkeit der Angaben, besonders ab Kriegsbeginn. Die außen- wie innenpolitische Bedeutung der NSV habe die Verantwortlichen dazu veranlaßt, die NSV in ihrer Bedeutung hochzustilisieren. (Vgl. Hansen, Wohlfahrtspolitik, S. 30.) Gegen diese These läßt sich einwenden, daß gerade in den Kriegsjahren der Druck auf die Bevölkerung, ansehnliche Geldbeträge für das WHV zu spenden, immer größer wurde. 78 Vgl. die nebenstehende Tabelle. " Stadelmann, Die rechtliche Stellung der NSV und des WHW, S. 6. 8: Rede Goebbels' auf der NSV/WHW-Tagung anläßlich des Reichsparteitages 1938, abgedr. in ebd., S. 36. Ausführlicher heißt es hier: „Wir vertreten nicht die Anschauung: Man muß die Hungernden speisen, die Durstigen tränken und die Nackten bekleiden - das sind für uns keine Motive."

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sich „nach seinem Denken und Handeln" in die Volksgemeinschaft einfügte.81 In der NSV verband sich eine dezidierte Absage an jedes christliche oder humanitäre Ethos mit einer Ideologie, die an dessen Stelle rasse- und erbbiologische Werte zur obersten Norm erklärt hatte. Gleichzeitig versuchte die NSV in Verabsolutierung dieser Norm, für ihre Form von Volkspflege einen Monopolanspruch durchzusetzen, „unter Ausschaltung aller anderen Bestrebungen und Institutionen, deren Beweggründe und Ziele sie neben den ihren nicht mehr gelten ließ."82 Beides, die dogmatische Perversion und Intoleranz und die organisationsmäßige Verdrängung der Konkurrenten, ist spätestens im Sommer 1933 angelegt worden, auch wenn Strategien und Taktiken wechselten und sich den Gegebenheiten anpaßten. Der nationalsozialistische Staat war eben kein Wohlfahrtsstaat. „Über die ursprüngliche Ferne des Nationalsozialismus zur Wohlfahrtspflege können auch nicht die ideologischen Sprünge zur Begründung und Abgrenzung eines eigenständigen nationalsozialistischen Wohlfahrtsgedankens hinwegtäuschen." 83 Mit Beginn der allgemeinen Radikalisierungsphase des nationalsozialistischen Regimes 1937/38 erkennt Hansen erste „Versuche zur Ausschaltung der konfessionellen Wohlfahrtspflege." 84 Gleichzeitig entstanden Konflikte zwischen der öffentlichen und der parteiamtlichen Wohlfahrtspflege. Das Verhältnis zwischen der sich selbst als nationalsozialistisch begreifenden öffentlichen Fürsorge und der NSV wurde bis zum Zusammenbruch des Regimes immer feindseliger. Unter Beteiligung und auch durch Initiative der Parteikanzlei kam es nach Kriegsbeginn zu einer Anzahl von Erlassen, die entweder direkt eine Kompetenzerweiterung der NSV gegenüber den traditionellen Fürsorgeträgern beinhalteten oder aber mittelbar dem nationalsozialistischen Wohlfahrtsverband zugute kamen.85 81

82 83 84 85

Ebd., S. 38. In einem - offensichtlich in dieser Form beschlossenen - Entwurf betr. „Arbeitsgebiete und Betreuungsgrundsätze der NSV" vom April 1944 heißt es: „Die NSV ist als angeschlossener Verband der NSDAP Trägerin der nationalsozialistischen Volkspflege. Volkspflege in diesem Sinne ist die planmäßig organisierte Gemeinschaftshilfe zur Erhaltung und Förderung der gesunden Lebenskräfte der deutschen Volksgemeinschaft, sowie zur Behebung besonders auftretender sozialer Notstände. Die NSV betreut daher vor allem im Rahmen der der NSDAP obliegenden menschenführenden Aufgaben der Erziehung zur Volksgemeinschaft und gemäß ihrer bevölkerungspolitischen Grundsätze die erbgesunde gemeinschaftstüchtige Familie." (Genehmigter Entwurf des Leiters der Parteikanzlei, Bormann, und des Leiters des Hauptamtes für Volks Wohlfahrt, Hilgenfeld, vom April 1944, BA Potsdam, R 55/452, Bl. 2.) Vorländer, Die NSV, S. 178. Hansen, Wohlfahrtspolitik, S. 32. So lautet die entsprechende Kapitelüberschrift in ebd., S. 105. In der Reihenfolge ihres Erscheinens seien hier genannt: Runderlaß über die „Zusammenarbeit der Gemeinden und Landkreise (Jugendämter) mit der NSV zur Förderung der

//. Die Institutionen der Erziehung

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Die Erlasse waren jedoch Kompromisse zwischen der parteiamtlichen NSV und den öffentlichen Stellen und dürfen nicht überbewertet werden. Damit stellt sich die Frage nach der tatsächlichen Macht der NSV. Ihr Leiter Erich Hilgenfeld war lediglich Hauptamtsleiter, die NSV keine Parteigliederung, sondern lediglich ein der NSDAP angeschlossener Verband. Daraus leitet Vorländer die These ab, daß die Macht der NSV „eine faktische, keine offizielle" gewesen sei, die nicht auf Teilhabe an obersten Entscheidungsprozessen beruht hätte.86 Als wichtigste Determinanten ihres Einflusses erkennt Vorländer die Macht des Geldes, da die NSV durch Mitgliedsbeiträge und Sammlungstätigkeit über große finanzielle Ressourcen verfügte, sowie die vielen erfolgreichen Aktivitäten inner- und außerhalb des wohlfahrtspflegerischen Bereichs. Damit habe die Macht der NSV letztlich in ihrer wichtigen systemstabilisierenden Funktion gelegen. „Trotzdem errang sie bei weitem nicht auf allen Gebieten die Macht, die sie anstrebte und stieß häufig an ihre Grenzen, außerhalb wie innerhalb der Partei. Die Durchsetzungskraft ihrer zentralen Leitung gegenüber den untergeordneten Instanzen entsprach keineswegs immer dem vorgegebenen Anschein." 87

4. Die Hitlerjugend - auf dem Weg zum

Erziehungsmonopol?

Bei dem Versuch einer nationalsozialistischen Durchdringung der deutschen Gesellschaft nach 1933 maß die nationalsozialistische Führung der Hitlerjugend eine große Bedeutung bei.88 Bis 1933 eine Art „Jung-SA mit sozialrevolutionärem Anstrich" 89 , erhielt sie nach der Machtergreifung die Aufgabe des wichtigsten Erziehungsfaktors in der NS-Gesellschaft und wurde zu einem totalen System der Erfassung und Beeinflussung der Jugend und „zu einem der wesentlichen Mittel zur Herrschaftserhaltung des Kindertagesstätten" vom 21.3.1941; Runderlaß über die „Zusammenarbeit zwischen Gesundheitsamt und Hilfswerk ,Mutter und Kind' der NSV" vom 20.10.1941; Runderlaß über die „Übertragung von Geschäften des Jugendamtes auf die NSV-Jugendhilfe und Zusammenarbeit von Jugendamt und NSV-Jugendhilfe" vom 24.10.1941; Runderlaß über „Öffentliche Fürsorge, insbesondere Aufbau der Richtsätze" vom 31.10.1941; Runderlaß über die „Fürsorge für erziehungsbedürftige Minderjährige (Erziehungsfürsorge, Unterbringung in Jugendheimstätten der NSV)" vom 25.8.1943. 86 Vorländer, Die NSV, S. 180f., Zitat auf S. 180. 87 Ebd., S. 182. 88 Zu diesem Kapitel vgl. z.B. Klönne, Jugend im Dritten Reich; Scholtz, Erziehung und Unterricht unterm Hakenkreuz; Schubert-Weller, Hitlerjugend, sowie die Quelleneditionen von Matthias von Hellfeld/Arno Klönne, Die betrogene Generation, und Karl-Heinz Jahnke/Michael Buddrus, Deutsche Jugend 1933-1945. 8 '' Klönne, Jugend im Dritten Reich, S. 122.

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A. Erziehungspolitik

im Dritten Reich

NS-Regimes" ausgebaut.90 Die Zielsetzung der HJ-Erziehung bestand dabei jedoch weniger in der Herausbildung einer breiten Schicht von fanatisch-aktiven jungen Nationalsozialisten, als vielmehr „in der Dressur der Jugendlichen zu Systemanpassung, zum Verzicht auf politische und gesellschaftliche Willensbildung und Spontaneität, in der Verhinderung sowohl der eigentlich politischen Erfahrung als auch der gesellschaftlichen Utopiebildung - kurz: in der politisch-gesellschaftlichen und, oft genug damit zusammenhängend, ethischen Neutralisierung der Jugend." 91 Die Förderung der Eigenaktivität der Jugend durch den Staat besaß für die Jugendlichen aber auch eine gewisse Attraktion, „nicht zuletzt durch die in der ,Selbstführung' gegebene Möglichkeit, sich in der Gleichaltrigengruppe von den Erziehungsansprüchen der Erwachsenen abzugrenzen." 92 Diese Pseudobefreiung von der älteren Generation schrieb die HJ auf ihre Fahnen und ernannte sich zu einem neuen Träger der Jugenderziehung. Sie definierte sich damit nicht nur als eine selbständige Erziehungsmacht, sondern trat gleichzeitig in Konkurrenz zu den beiden etablierten Erziehungsträgern, dem Elternhaus und der Schule. Als eine Gliederung der NSDAP nahm die Hitlerjugend nach den Vorstellungen des HJ-Theoretikers Dietze dabei eine führende Stellung ein, „wie sie der Partei im Leben des Volkes ohne sachliche Begrenzung zukommt." 93 Hitler selber hatte diesen Anspruch bereits 1933 legitimiert, als er erklärt hatte, daß SA, SS, Stahlhelm und HJ „nunmehr für alle Zukunft" die einzigen Organisationen sein würden, die der nationalsozialistische Staat als Träger der politischen Jugend- und Männererziehung anerkenne. 94 Das Verhältnis der HJ zum Staat des Dritten Reiches und ihre verfassungsrechtliche Einordnung wurden durch die Beziehung von Partei und Staat im Reich überhaupt bestimmt. Die Hitlerjugend vertrat dabei aggressiv den Anspruch, die totale und alleinige Institution der Jugenderziehung neben Elternhaus und Schule zu sein. Da es keine klare Kompetenzabgrenzung zu anderen staatlichen Stellen gab, entwickelte sich deshalb eine permanente Frontstellung der Hitlerjugend zum Erziehungsministerium. Dem schwach und kraftlos agierenden Reichsminister Rust gelang es jedoch nie, ein ernsthaftes Gegengewicht zur dynamisch auftretenden Hitlerjugend zu bilden. Die Parteiführung stützte zudem den Kurs der HJ, indem sie deren Politik ständig neu sanktionierte. So hielt man innerhalb der Jugendorganisation nach den Jahren der Machtkonsolidierung nicht einmal "> E b d . 1,1

Ebd., S. 124. Scholtz, Erziehung unterm Hakenkreuz, S. 115f. * Dietze, Die Rechtsgestalt der Hitlerjugend, S. 245 ' 4 Das Junge Deutschland 27, Hft. 7 (1933). S. 171. ,:

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mehr einen besonderen staatlichen Auftrag, der die Monopolstellung der HJ legitimieren sollte, für nötig. 95 Die gesamte Politik der Reichsjugendführung und der Hitlerjugend ist ohne die Person Baidur von Schirachs nicht denkbar. Ihm war es schon vor der Machtergreifung gelungen, das Vertrauen Hitlers zu gewinnen. 96 Schirach wollte in Hitlers Schatten - wie dies Rempel zutreffend ausdrückt „a kind of education tsar" werden. 97 Deutlich erkennbar zieht sich dieser Wunsch des Jugendführers durch sein gesamtes politisches Handeln seit der Zeit der Machtergreifung. Die Hitler-Jugend war dabei nicht nur das Produkt seiner Arbeit, sondern auch die Basis seiner Macht. Mit welchem Ehrgeiz Schirach die Übernahme des gesamten Erziehungsapparates anstrebte, kann hier nur ansatzweise skizziert werden. In seiner Biographie zeichnet Wortmann überzeugend das Bild von einem fanatisierten Hitleranhänger, der bereits bei seiner ersten Begegnung mit Hitler sein eigenes Schicksal mit dem des NSDAP-Führers untrennbar verknüpfte. 98 Im Frühjahr 1927 hatte Schirach in München ein Germanistikstudium begonnen und noch im gleichen Jahr die Hochschulgruppenführung des bis dahin zerstrittenen Nationalsozialistischen Deutschen Studentenbundes (NSDStB) übernommen. Schon im folgenden Jahr wurde er Reichsführer des NSDStB und Schriftleiter des,Akademischen Beobachters'. 1929 wurde er auch für die NSDAP aktiv und für das gesamte Reichsgebiet zum Parteiredner bestellt. 1931 schließlich übertrug ihm ,die Bewegung' die Führung der gesamten sich Hitler verpflichtet fühlenden Jugend, er wurde zum Reichsjugendführer befördert.99 Auch in der SA machte Schirach Karriere. 1925 erhielt er in Weimar die SA-Mitgliedschaft, 1927 erfolgte seine Aufnahme in den Münchner Sturm 1, dessen Truppenführer er 1928 wurde. 1931 wurde er aufgrund seiner Funktion als Reichsjugendführer in den Rang eines Gruppenführers im Stabe des höchsten SA-Führers erhoben.100 95

„Eines großen staatlichen Auftrages bedarf es um so weniger, als die gesamte deutsche Jugend total in der HJ erfaßt wird und die Organisation der Jugendbewegung mit der gesamten Durchführung der Jugenderziehung betraut wird." (Kaufmann, Das kommende Deutschland, S. 26.) * Der am 9.5.1907 geborene Baidur von Schirach trat bereits 1925 in die NSDAP ein, wo er die Partei-Mitgliedsnummer 17.251 erhielt. (Parteimitgliedskarte, BA Abteilung III, Baidur von Schirach.) 97 „Thcre were constant negotiations and numerous agreements, punctuated by broken promises and renegotiations, particularly over control of the Adolf Hitler Schools, the Land Year, and the Child evacuation Program." (Rempel, Hitler's children, S. 22.) 98 Vgl. die entsprechende Passage bei Wortmann, Baidur von Schirach, S. 37-43. 99 Hier handelt es sich um eigene Angaben in einem Fragebogen für eine SA-Mitgliedschaft, BA Abteilung III, SA, Baidur von Schirach. 100 Seit dem 9.11.1937 bekleidete er den Rang eines SA-Obergruppenführers und hatte damit den gleichen Dienstgrad wie der Reichserziehungsminister Bernhard Rust. (Vgl. die entsprechende Auflistung, BA Abteilung III, SA, Baidur von Schirach.)

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Schirach verstand es geschickt, die in der HJ organisierte Jugend auf sich und den Führer einzustimmen. Dabei erhielt er die Illusion einer selbstbestimmten Jugendbewegung auch noch zu einer Zeit aufrecht, als davon in der Praxis keine Rede mehr sein konnte. 101 Bei seinen Maßnahmen als Reichsjugendführer der NSDAP und Jugendführer des Deutschen Reiches hatte er die volle Rückendeckung des Führers. Allein diese Tatsache sicherte der HJ eine nahezu unangreifbare Position in ihren Auseinandersetzungen mit anderen staatlichen oder parteilichen Stellen. Die Monopolisierung der Jugenderziehung durch die HJ begann nur wenige Tage nach der nationalsozialistischen Machtübernahme mit der Ausschaltung aller anderen nicht-kirchlichen Jugendorganisationen und fand kurz vor Kriegsausbruch mit den Durchführungsverordnungen zum Gesetz über die Hitler-Jugend vom 29. März 1939 ihren vorläufigen Abschluß. Am 20. April 1940 wurden erstmals alle Zehnjährigen im,Altreich' pflichtmäßig für die HJ erfaßt und alle 17jährigen zur Erfüllung ihrer Jugenddienstpflicht aufgerufen. Bis zu dieser Einführung einer Zwangsmitgliedschaft mußte die Attraktivität der HJ aufrechterhalten, wenn nicht ständig erhöht werden. Dazu war eine permanent sich erneuernde Machtergreifung erforderlich. Bis 1933 hatte sich der NS-Jugendverband im Bereich der organisierten Jugend in einer Randposition befunden. Die von Schirach mit großem Engagement geführte Parteigliederung war Ende 1932 mit ihren 40.000 Mitgliedern alles andere als eine ernst zu nehmende Konkurrenz für die anderen Jugendverbände, vor allem für die konfessionellen Gruppen. Gleich nach der Machtübernahme entwickelte die HJ allerdings eine parallel zur allgemeinen Gleichschaltung des öffentlichen Lebens verlaufende Dynamik. Bereits unmittelbar nach dem Reichstagsbrand am 27. Februar 1933 wurde die kommunistische Jugendarbeit verboten. Ab März wurde dieses Verbot in den einzelnen Ländern auch auf die sozialdemokratischen Jugendverbände ausgeweitet. Damit war die von den linken Parteien getragene organisierte Jugend wenige Wochen nach der Machtübernahme ausgeschaltet. Die Ausschaltung konkurrierender Jugendorganisationen war bis zu diesem Punkt noch auf dem Boden der damaligen Gesetze vollzogen worden. Das änderte sich jedoch am 5. April 1933, als eine HJ-Einheit auf Geheiß Schirachs in Berlin den ,Reichsausschuß der deutschen Jugendverbände' besetzte, Baidur von Schirach die Leitung für abgesetzt erklärte und den ,:|

Schirach selbst nannte als Grundlage des vermeintlichen Erfolgs der HJ-Erziehung nicht die Überzeugungskraft der Jugendorganisation: „Das Gebäude der nationalsozialistischen Jugend ist gleichfalls auf dem Fundament der Disziplin und des Gehorsams errichtet." (Schirach, Die Hitler-Jugend, S. 67.)

/ / . Die Institutionen

Sport Jugend verbände Katholische Jugendverbände Evangelische Jugendverbände Gewerkschaftsjugend Sozialistische Arbeiterjugend Kommunistischer Jugendverband Bündische Jugend Hitler-Jugend (Ende 1932)

der

Erziehung

49 ca. 2.000.000 ca. 1.000.000 ca. 600.000 ca. 400.000 ca. 90.000 ca. 55.000 ca. 70.000 ca. 40.000

Mitgliederzahlen der großen Jugendverbände gegen Ende der Weimarer Republik 1

Reichsausschuß der Reichsjugendführung der NSDAP unterstellte. Spätestens mit dieser von der Partei- und Staatsführung lediglich nachträglich sanktionierten Aktion begann der „Generalangriff der HJ gegen alle konkurrierenden Verbände".103 Noch im gleichen Monat wurden alle jüdischen, sozialistischen und marxistischen Jugendverbände aus dem Reichsausschuß ausgeschlossen und damit für illegal erklärt. Mit der Ernennung Baidur von Schirachs zum Jugendführer des Deutschen Reiches am 17.6.1933 wurde ein weiterer wichtiger Schritt vollzogen. Durch diese neu geschaffene Position waren dem ehrgeizigen Kopf der Hitlerjugend sämtliche Verbände der Jugendarbeit unterstellt und somit die gesamte Jugendarbeit der Kontrolle und Reglementierung durch NSDAP und HJ unterworfen.104 Mit dieser Ernennung erhielt der Reichsjugendführer der NSDAP als verfassungsrechtliche Konsequenz auch staatliche Hoheitsrechte. Seine Person wurde damit zum sinnfälligen Merkmal der unklaren rechtlichen Position der Hitlerjugend, die auf der einen Seite Parteigliederung und auf der anderen Seite Staatsjugendorganisation war. Gleichzeitig mit dieser strukturellen Veränderung in der Gestaltung der öffentlichen Jugendarbeit wurde auch der konservative ,Großdeutsche Bund' aufgelöst, ein erst seit Mitte März 1933 bestehender Zusammenschluß bündischer Jugendvereinigungen unter der Führung des Admiral a. D. von Trotha.105 Die Verfolgung einzelner bündischer Jugendorganisationen hatte bereits Anfang März begonnen.106 Das Verbot des Großdeut102

Zahlen bei von Hellfeld/Klönne, Die betrogene Generation, S. 17. Focke/Reimer, Alltag unterm Hakenkreuz, S. 21. 1=4 Ernennung des Reichsjugendführers der NSDAP zum Jugendführer des Deutschen Reiches, 17.6.1933; abgedr. in Jahnke/Buddrus, Deutsche Jugend 1933-1945, Dok. 8. los Verordnung des Reichsjugendführers vom 22.6.1933, abgedr. in ebd., Dok. 11. I=< ' Schirach hatte hierzu in einem Schreiben an die Amtsleiter der NSDAP erklärt, „daß ich in allen Bünden (mit Ausnahme der in der H J . zusammengeschlossenen) Feinde des Nationalsozialismus sehe." (Schreiben des Reichsjugendführers Baidur von Schirach an die Amtsleiter der NSDAP v. 8.3.1933; abgedr. in ebd., Dok. 3.) 103

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sehen Bundes macht deutlich, wie rigoros die HJ die Gleichschaltung der Jugend voranzutreiben gedachte. Obwohl die Ziele von HJ und Großdeutschem Bund nahezu identisch waren, galt ein Nebeneinander von HJ und bündischer Jugend als unerwünscht. In diesem Sinne erscheint auch die am 21.6.1933 vollzogene Eingliederung der Jugendvereinigungen des Stahlhelms, des Scharnhorst-Bundes, in die HJ als eine folgerichtige Zentralisierung der außerschulischen nationalen Jugenderziehung in der Hitlerjugend. Auch innerhalb der Parteigliederungen wollte die HJ ihre Stellung monopolisieren. Am 8.12.1933 gelang es Schirach durch ein Abkommen mit Robert Ley, die DAF-Jugend in die Hitlerjugend zu überführen. Schirach und Ley erklärten in ihrem Abkommen die HJ nach weniger als einem Jahr nationalsozialistischer Herrschaft zur „einzigen Jugendbewegung Deutschlands". 107 Mit viel Energie betrieb Schirach auch die Ausschaltung der konfessionellen Jugendorganisationen. Während die protestantischen Verbände durch ein am 19. Dezember 1933 geschlossenes Abkommen zwischen Hitlerjugend und Evangelischem Jugendwerk für die weitere Zukunft eine Mitgliedschaft in der Hitlerjugend als Zugangsvoraussetzung zur Evangelischen Jugend festlegten,108 bewahrten die katholischen Jugendverbände unter Berufung auf das zwischen Reich und Vatikan abgeschlossene Konkordat zunächst ihre Eigenständigkeit. Der rasche Aufstieg der Hitlerjugend war zunächst also ausschließlich die Folge einer rücksichtslosen Monopolisierung. Ende 1933 gehörten den Gliederungen der HJ bereits rund 2,2 Millionen Mädchen und Jungen im Alter von 10 bis 18 Jahren an.109 Im Dezember 1934 waren es 3,5 Millionen, ein Viertel aller im nationalsozialistischen Sinne deutschen Jugendlichen zwischen 10 und 18 Jahren.110 Mit dem 1934 erlassenen Verbot der ,Reichsschaft deutscher Pfadfinder' war bis auf die Arbeit der katholischen ' " In dem Abkommen zwischen Ley und Schirach heißt es: „Die Hitler-Jugend ist die einzige Jugendbewegung Deutschlands. Sie umfaßt auch die Deutsche Arbeitsfront." (Völkischer Beobachter, 11.12.1933; abgedr. in ebd., Dok. 24.) iis Vgl c i a s Abkommen über die Eingliederung der evangelischen Jugend in die Hitler-Jugend zwischen dem Reichsjugendführer und dem ,Reichsführer im Evangelischen Jugendwerk Deutschlands', Ludwig Müller, vom 19.12.1933: „Das evangelische Jugendwerk erkennt die einheitliche staatspolitische Erziehung der deutschen Jugend durch den nationalsozialistischen Staat und die Hitler-Jugend als Träger der Staatsidee an. Die Jugendlichen des Evangelischen Jugendwerkes unter 18 Jahren werden in die Hitler-Jugend und ihre Untergliedcrungen eingegliedert. Wer nicht Mitglied der Hitler-Jugend wird, kann fürderhin innerhalb dieser Altersstufe nicht Mitglied des Evangelischen Jugendwerkes sein." (Abgedr. in ebd., Dok. 25.) ,: '' Zahlen entnommen aus Jahnke/Buddrus, Deutsche Jugend 1933-1945, S. 15. 110 Deutschlandberichte der Sopade, 6.11.1934, S. 551.

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Verbände jede organisierte Jugendarbeit außerhalb und unabhängig von der HJ unmöglich gemacht worden. Am 23.7.1935 schränkte der Reichsführer SS Heinrich Himmler auch die Arbeit der konfessionellen Jugendverbände rigoros ein. Nunmehr war allen konfessionellen Jugendverbänden „jede Betätigung, die nicht rein-religiöser Art ist, insbesondere eine solche politischer, sportlicher und volkssportlicher Art", untersagt.111 Mit den Anordnungen Schirachs vom 18.6.1937, in denen er eine Doppelmitgliedschaft in HJ und den vom Reichskonkordat geschützten katholischen Jugendverbänden untersagte, waren diese endgültig als vom nationalsozialistischen Staat unerwünscht gekennzeichnet.112 Eine katholische Jugendarbeit konnte es jetzt nur noch gegen die Hitlerjugend geben. Die Hitlerjugend gab sich mit dieser Monopolisierung der außerschulischen Jugendarbeit jedoch nicht zufrieden, sondern versuchte, die restlose Erfassung aller Jugendlichen durchzusetzen. Ein erster Schritt hierzu war die Einrichtung des Staatsjugendtages für alle Schülerinnen und Schüler im Jahr 1934."3 Nunmehr wurde jeder Samstag für den HJ-Dienst reserviert. Während ihre Mitglieder den Tag meist für Fahrten oder Wanderungen nutzten, mußten alle nicht in der HJ organisierten Jugendlichen an diesem Tag zur Schule gehen, wo sie in zusammengefaßten Rumpfklassen staatspolitischen Unterricht erhielten. Mit der Durchsetzung des Staatsjugendtages war der HJ ein wichtiger Schritt gelungen. Auf der einen Seite hatte sie mit dem staatspolitischen Unterricht eine unattraktive Zwangsalternative zum HJ-Dienst geschaffen, auf der anderen Seite vollzog sich diese auf dem Rücken der Schule, die für 111

112

113

Berliner Börsen-Zeitung, 26.7.1935; abgedr. in Jahnke/Buddrus, Deutsche Jugend 19331945, Dok. 47. Anordnung des Reichsjugendführers zum Verbot der Doppelmitgliedschaft in HJ und konfessionellen Jugendverbänden, 18.6.1937, Verordnungsblatt der Obersten Reichsbehörde Jugendführer des Deutschen Reiches und der Reichsjugendführung der NSDAP, V/14, S. 219f.; abgedr. in ebd., Dok. 78. Im Dezember 1936 hatte Schirach in einer Rundfunkansprache an die Eltern diesen Anspruch bereits - noch leicht verklausuliert - zum Ausdruck gebracht: „Wer auf die HJ.-Fahne schwört, band sich damit nicht nur an diese Fahne, sondern zugleich auch an eine höhere Macht. [...] Ich überlasse es also den Kirchen, die Jugend im Sinne ihrer Konfessionen religiös zu erziehen und werde ihnen auch in diese Erziehung niemals hineinreden. Mein Auftrag wurde mir vom Deutschen Reich gegeben. Ich bin dem Reich dafür verantwortlich, daß die gesamte Jugend im Sinne der nationalsozialistischen Staatsidee körperlich, geistig und sittlich erzogen wird. Für die Durchführung dieser erzieherischen Aufgabe wird ein bestimmter Dienst angesetzt werden. Und ich habe nichts dagegen, daß außerhalb dieses Dienstes jeder Jugendliche religiös dort erzogen wird, wo das seine Eltern wollen oder er selbst will. An den Sonntagen wird während der Kirchzeit grundsätzlich kein Dienst angesetzt werden, so daß jedem Gelegenheit gegeben ist, die Kirchen seiner Konfession besuchen zu können." (Abgedr. in: Schirach, Revolution der Erziehung, S. 62f.) Erlaß zur Einführung des Staatsjugendtages, v., 30.7.1934 (R. U II C 260 / U II C 30700/33), abgedr. in Fricke-Finkelnburg, Nationalsozialismus und Schule, S. 243-245.

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den Staatsjugendtag nicht nur Unterricht ausfallen lassen, sondern auch noch ihre Lehrer zur Verfügung stellen mußte. Die Sopade-Berichte konstatierten diese qualitative Veränderung des Erziehungssektors mit großer Sorge: „Deutschlands Jugend bildet heute ein riesiges Bild marschierender Kolonnen. Wohin marschieren sie?"114 Die Berichte schildern jedoch auch die praktischen Probleme, welche die Einführung des Staatsjugendtages brachte. So fehlte es offenbar an HJ-Führern, um den Samstagsdienst durchführen zu können.115 Die Lehrer hingegen waren nur teilweise bereit, unmotivierten Kindern staatspolitischen Unterricht zu erteilen. Auch innerhalb der Hitlerjugend war man von der Konzeption des Staatsjugendtages nicht restlos überzeugt. Deshalb verwundert es nicht, daß er am 4.12.1936 wieder in der Versenkung verschwand - in dem Moment, als der Hitlerjugend ein geeigneter scheinendes Instrument zur Verfügung stand. Mit der Durchsetzung des,Gesetzes über die Hitler-Jugend', das am 1. Dezember 1936 erlassen wurde, gelang ihr der entscheidende Schritt zu einer restlosen Erfassung der deutschen Jugend. In Paragraph 1 dieses Gesetzes heißt es: „Die gesamte deutsche Jugend innerhalb des Reichsgebietes ist in der Hitler-Jugend zusammengefaßt." 116 Das Prinzip der freiwilligen Zugehörigkeit zur HJ blieb zwar formal bis zur Einführung der Jugenddienstpflicht 1939 erhalten; von Hellfeld und Klönne weisen jedoch darauf hin, daß ein ,Freiwilligkeitsprinzip' bei gleichzeitigem Anspruch auf alleinige und umfassende Erziehungsgewalt nichts anderes bedeuten kann als eine „propagandistische Verhüllung des Totalitätsanspruches bzw. den Verzicht auf ganz bestimmte Zwangserfassungsmittel, nicht aber den Verzicht auf Erfassungszwang überhaupt." 117 Mit den beiden Durchführungsverordnungen zum Hitler-JugendGesetz, die am 25.3.1939 erlassen wurden, war der Prozeß der Gleichschaltung und der totalen Erfassung der deutschen Jugend rechtlich abgeschlossen.118 In der ersten Durchführungsverordnung wurde die ausschließliche Zuständigkeit des Jugendführers des Deutschen Reiches für alle Aufgaben der körperlichen, geistigen und sittlichen Erziehung der ge114

Deutschlandberichte der Sopade, Juni 1936, S. 834. Ebd., 6.11.1934, S. 560. "• Reichsgesetzblatt, Teil 1, 1936. S. 993; abgedr. in Jahnke/Buddrus, Deutsche Jugend 19331945, Dok. 69. 117 Von Hellfeld/Klönne, Die betrogene Generation, S. 96f. 1,8 Nach dem Erlaß des Gesetzes über die Hitler-Jugend Ende 1936 begann zwischen den betroffenen Ministerien eine langwierige Auseinandersetzung um die Durchführungsbestimmungen. Erziehungsministerium, Reichskanzlei, Innenministerium, Hitlerjugend und Parteikanzlei rangen um Kompetenzen und Autoritäten. Als Sieger dieser Auseinandersetzung ist Baidur von Schirach anzusehen. (Die Auseinandersetzung ist dokumentiert in BA Potsdam, R 2/12887-12891.) 115

//. Die Institutionen der Erziehung

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samten deutschen Jugend des Reichsgebiets außerhalb von Elternhaus und Schule gesetzlich festgeschrieben. Die zweite Durchführungsverordnung verpflichtete alle Jugendlichen vom zehnten bis zum vollendeten achtzehnten Lebensjahr zum Dienst in der Hitler-Jugend.119 Der Reichsjugendführer vereinte in den Gliederungen der Hitlerjugend nach der fast vollständigen Übernahme des Jahrgangs 1929 in das Deutsche Jungvolk (DJ) und in den Jungmädelbund (JM) am 20.4.1939 ungefähr 8,7 Millionen Kinder und Jugendliche, das waren 98,1 Prozent aller Jugendlichen über zehn Jahren. Wie sorgsam Schirach darauf bedacht war, den damit verbundenen Autoritätsgewinn zu sichern, zeigt ein am 2. April 1940 an alle Obersten Reichsbehörden ergangenes Schreiben, in dem der Reichsjugendführer erklärte, er könne der „mir vom Führer und Reichskanzler übertragenen Verantwortung [...] nicht gerecht werden, wenn Bestimmungen ergehen, die die Jugend außerhalb des Schulunterrichts betreffen, ohne daß mein Einvernehmen vorher eingeholt worden ist."120 Die Hitlerjugend war damit schon nach wenigen Jahren zu einer ernst zu nehmenden Konkurrenz für den traditionellen Träger staatlicher Erziehung - die Schule - geworden. Die Formulierung der Erziehungsziele im Nationalsozialismus hatte diese in eine Defensivstellung gebracht. Körperliche Erziehung und Charakterbildung als die beiden wichtigsten Aufgaben nationalsozialistischer Erziehung sollten vorrangig in der HJ stattfinden. Die dynamisch auftretende Hitlerjugend schien alle von den Nationalsozialisten geforderten Erziehungsnormen zu erfüllen, die Schule hingegen ein Relikt vergangener und überwundener Zeiten zu sein. Zunächst hatte die Hitlerjugend deshalb das Bedürfnis, sich von der alten ,verstaubten' Schule abzugrenzen. Noch 1936 bekräftigte Schirach, daß die Hitler-Jugend keine Schule sei und auch keine werden wolle. Niemals dürfe der Dienst in der Hitlerjugend die Fortsetzung des Unterrichts mit anderen Mitteln werden. „Das bedeutet keine Herabsetzung der Schule und der wissensmäßigen Erziehung, die notwendig ist. Es soll nur eine klare Abgrenzung zwischen Unterricht und Jugendführung im Sinne des Nationalsozialismus sein."121 An anderer Stelle unterschied er Schule und HJ anhand der unterschiedlichen Aufgaben von Lehrer und HJ-Führer: „Lehren und Führung sind zwei grundverschiedene Dinge."122 Schon bald richteten die HJ-Führer jedoch direkte Angriffe gegen die Schule. Auf diese 119

Reichsgesetzblatt, 1939, Nr. 66, Berlin, v. 6.4.1939; in v. Hellfeld/Klönne, Die betrogene Ge neration, Dok. 53. 120 BA Potsdam, R 2/12890, Bl. 206. 121 Schirach, An deutsche Eltern!, in: ders., Revolution der Erziehung, S. 59. 122 Ders., Die Hitler-Jugend, S. 170.

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Weise erhielt der Totalitätsanspruch der ^evolutionären' HJ gegenüber der deutschen Jugend zusätzliche Legitimität. Vom Primat der Weltanschauung her wurde der nationalsozialistische Jugendführer als dem Lehrer klar überlegen erklärt, die Person des Lehrers als das größte Hemmnis in der Entwicklung von der ,alten' Schule hin zu einer neuen, nationalsozialistischen Bildungseinrichtung gesehen. In ihren Angriffen machten sich die Jugendfunktionäre Hitlers emotional fundierten Antiintellektualismus, der gegen den,Schulmeister' als Träger von Wissen polemisierte, gänzlich zu eigen und untergruben so den Ruf des gesamten Berufsstandes.123 Für Schirach hatte der Lehrer des,alten Stils' ausgedient. Der HJ sei nun der Kampf um die neue Erziehung zugefallen: „Wir kämpfen nicht gegen die Schule, wir kämpfen für die Schule. Und zwar gegen jeden, der sie anders als nationalsozialistisch gestalten möchte. Wir glauben an die Sendung des nationalsozialistischen Jugendführers. Wir glauben, daß eine unaufhaltsame Entwicklung dahin treibt, daß der Erzieher der Zukunft während der verschiedenen Stationen seines Lebens und Dienstes auch verschiedene erzieherische Funktionen ausübt. [...] Er wird nicht tagtäglich um 12.45 Uhr das Buch zuklappen, [...] um mit dem Zeichen einer Glocke das für vierundzwanzig Stunden zu vergessen, was er niemals auch für eine Stunde seines Daseins vergessen darf: die erzieherische Sendung."124 Die Angriffe der HJ-Führer auf die Schulen beschränkten sich zunächst jedoch weitgehend auf verbale Attacken und indirekte Eingriffsversuche, da die Reichsjugendführung keine Möglichkeit besaß, direkt über den Schulsektor zu verfügen. Dieser wurde weiterhin als Staatsangelegenheit vom Reichsministerium für Wissenschaft, Erziehung und Volksbildung verantwortet. Dennoch stellte der Monopolanspruch der HJ für die Schule keine leere Drohung dar. Immer offener wurde innerhalb der Hitlerjugendführung von kommenden Zeiten gesprochen, „wenn einmal neben dem Elternhaus nur noch ein Erziehungsfaktor" 125 , die Hitlerjugend, stehen würde. Nach Schirachs Vorstellungen sollte das Selbstführungsprinzip auch auf die Schulen ausgedehnt werden. Die damit verbundene „Idee vom Jugendstaat" m konnte aber nur Wirklichkeit werden, wenn die HJ den gesamten Erziehungsapparat unter ihre Kontrolle bekam. Der sich aus solchen Forderungen ergebende unüberbrückbare Gegensatz zwischen Hitlerjugend und Schule bildete deshalb eine „durchgängige Grundkonstante im Erziehungsraum des nationalsozialistischen Staates."127 123

Vgl. hierzu Kater, Hitler-Jugend und Schule, S. 584f. Schirach, Um die Einheit der Erziehung, in: ders., Revolution der Erziehung, S. 125 125 Stellrecht, Neue Erziehung, S. 75. 126 Wortmann, Baidur von Schirach, S. 127. 127 Ebd., S. 128. 124

//. Die Institutionen der Erziehung

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In einem Erlaß des Reichsinnenministeriums waren die Beziehungen zwischen Schule und Hitlerjugend zwar bereits im August 1933 formal geregelt worden. Hier war von einer Aufgabenteilung die Rede, die beiden Erziehungsträgern' ihren Raum sichern sollte.128 Daß dieser Erlaß allerdings lediglich in der Theorie ein harmonisches Zusammenwirken ermöglichte, machte die bereits im folgenden Sommer beschlossene Einführung des oben schon erwähnten Staatsjugendtages deutlich. Indem den Lehrern hierbei vorgeschrieben wurde, einen,nationalpolitischen' Unterricht zu erteilen, gab man ihnen Gelegenheit, ihre konforme Gesinnung zu beweisen, und stellte sie gleichzeitig in den Dienst der Hitlerjugend. „Der Schule wurde damit temporär zugemutet, die Konsolidierung ihres Konkurrenten in der Jugenderziehung zu fördern und die faktische Preisgabe ihrer Neutralität in ein dem ganzen Volk dienendes nationalpolitisches Engagement umzudeuten." 129 Mit seiner Einwilligung in den Staatsjugendtag hatte Rust ein wichtiges Zugeständnis an die HJ gemacht. Nun hatte die nationalsozialistische Jugendorganisation einen gesetzlich anerkannten festen Platz im Schulsystem eingenommen. 1935 machte die HJ einen weiteren wichtigen Schritt nach vorn, als die Schulen dazu verpflichtet wurden, einen HJ-Vertrauenslehrer einzusetzen, dessen Aufgabe es war, bei Meinungsverschiedenheiten zwischen Schülern, die HJ-Mitglieder waren, und Lehrern als Schiedsrichter zu fungieren.130 Reichserziehungsminister Rust behauptete gegenüber der Dynamik der Reichsjugendführung theoretisch zwar nach wie vor die Position der Schule, praktisch gab er aber schrittweise gegenüber den Forderungen der Hitlerjugend nach. So hatte das Gesetz über die Hitlerjugend vom Dezember 1936 im Reichserziehungsministerium die Alarmglocken läuten lassen. Rust reichte einen Gegengesetzentwurf ein, der die erzieherische Aufgabe der Schulen betonte und die Unterstellung Schirachs unter sein Ministerium verlangte. Weder mit der einen noch mit der anderen Forderung konnte er sich allerdings durchsetzen. 131 Die Hitlerjugend hatte die Schulbürokratie bereits vor 1939 in die Defensive gedrängt. 128

Erlaß zur Pflege der Beziehungen der Schule zur Hitlerjugend, 26.8.1933, U II C 1562, abgedr. in: Fricke-Finkelnburg, Nationalsozialismus und Schule, S. 241f. 129 Scholtz, Schule als Erziehungsfaktor, in: Heinemann (Hg.), Erziehung und Schulung im Dritten Reich, S. 34f. 150 Den Titel ,HJ-Vertrauenslehrer' gab es allerdings erst seit 1938, als die Institution des HJLehrers von Rust in Erlaßform gebracht wurde: .Vertrauenslehrer der HJ' v. 18.2.1938, E I S 1027/37 E IIa, E lila, K II (b) abgedr. in: Fricke-Finkelnburg, Nationalsozialismus und Schule, S. 250-253. 131 Vgl. hierzu Wortmann, Baidur von Schirach, S. 142.

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A. Erziehungspolitik im Dritten Reich III. DAS LAGER ALS INSTRUMENT NATIONALSOZIALISTISCHER ERZIEHUNG

Erziehung erhielt nur dann nationalpolitischen Sinn, wenn der Jugendliche als das höchste Gebot den Einsatz für die Volksgemeinschaft anerkannte. Diese Anerkennung sollte nicht im „Verstandesmäßigen hängen bleiben", sondern aus „Gesinnung fließen".132 Deshalb sollte die Erziehung im wesentlichen durch ,Erlebnis' und hierbei in erster Linie durch ein Gemeinschaftserlebnis erfolgen. Bei den dabei verwendeten Erziehungsmitteln zielte man besonders auf die vorrationalen und gefühlsmäßigen Schichten der menschlichen Psyche. Geeignet schienen hierzu alle Veranstaltungen, die eine Entindividualisierung der Teilnehmer begünstigten, also vor allen Dingen Massenveranstaltungen. Aufmärsche und Kundgebungen, bei denen der einzelne symbolisch in der Volksgemeinschaft aufgehen sollte, wurden deshalb sorgfältig inszeniert. Diese Inszenierungen blieben zwangsläufig jedoch immer zeitlich begrenzt. Zudem war es nur schwer möglich, eine Teilnahme für alle verpflichtend zu machen und zu kontrollieren. Als eine Ergänzung bot sich hier die Einrichtung des Lagers an, das in seinen vielfältigen Erscheinungsformen zu einem der wichtigsten Herrschaftsmittel der Nationalsozialisten wurde. Da dieses in seiner Ausprägung als KLV-Lager für diese Arbeit besonders wichtig ist, soll es im folgenden etwas näher beschrieben werden. Das Lager war keine Erfindung der Nationalsozialisten. Als Erziehungsform spielte es bereits in der Jugendbewegung eine wichtige Rolle. Wollte man sich dort jedoch bewußt gegen den bürgerlichen Lebensstil der Erwachsenen abgrenzen, so wurde durch den Nationalsozialismus das Lager zur Lebensform schlechthin stilisiert. Nahezu jede NS-Gliederung verfügte über ihre eigenen Lagerformen, die je nach Zielgruppe in ihrer Ausgestaltung variieren konnten, aber dennoch über einige charakteristische Gemeinsamkeiten verfügten: - In jedem Lager, gleich welcher Form und welchen Inhalts, sollte .erzogen' werden. - Das Lagerprinzip sollte die Auffassung des Nationalsozialismus vom normalen Leben als chronische Kampfsituation widerspiegeln. - Eine einheitliche Grundstruktur, die vor allem in einem identischen Tagesablauf zum Ausdruck kam, sollte die nationalsozialistischen Lager prägen.IM 1,2 133

Benze, Rudolf: Nationalpolitische Erziehung im Dritten Reich. Berlin 1936. S. 21. Vgl. hierzu Stahlmann/Schiedeck, Erziehung durch Gemeinschaft, S. 70f. Schiedeck und Stahlmann nennen als besondere Abschnitte des Tagesablaufs die Fahnenhissung, die jeweils

III. Das Lager als Instrument der Erziehung

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Ehrhardt hat am Beispiel des Schulungslagers des NSLB die Grundfunktionen eines nationalsozialistischen Lagers durchgespielt und dabei folgende Charakteristika herausgearbeitet.' 34 Möglichst weit von den Städten entfernt, boten die Lager, die in ihrer äußeren Gestalt Kasernen ähnelten, für die Teilnehmer ungewohnte Wohnverhältnisse in einer fremden Umgebung. Ein strenger Tagesablauf, der Dienstcharakter, die ausgeprägten Kommandostrukturen sowie die lagereinheitliche Uniformierung dienten der Bildung einer Führer-Gefolgschaft-Bindung. Dazu kamen nationalsozialistische Symbolik (Feiern, Lieder etc.), Sport und weltanschauliche Schulung sowie eine paramilitärische Ausbildung (Geländedienst, Schießen, Marschieren). Das Lagerleben sollte auf diese Weise zu einem wichtigen Element der von den Nationalsozialisten erstrebten .Gleichschaltung' werden. Hier ließen sich die im völkischen Sinne umgedeuteten Werte von Kameradschaft und Gemeinschaft verwirklichen. Die durch Appelle und Einberufungen zusammengestellten Lagergruppen wurden in diesem Sinne als prototypische Form von Gemeinschaft' überhaupt begriffen.135 Entwickelt wurde vor diesem Hintergrund eine zeitgenössische theoretische Grundlegung des Lagers. Demnach war das Gemeinschaftslager ein „unbarmherziger Schleif- und Prüfstein", ein „Sieb mit engen Maschen", in dem der Nationalsozialismus als Weltanschauung weniger gelehrt als gelebt werden sollte.136 In der Lagerform allein schien die ,Aushebung' aus der alltäglichen Berufsarbeit, aus den gewohnten Lebenskreisen möglich. „Erst in dieser gehobenen Stimmungslage ist eine Besinnung und Ausrichtung auf die Lebens- und Bildungsideale der Volkswerdung und Menschenformung möglich."137 Stilisiert zu einer übergeschichtlichen und archaischen Erziehungs-, Lebens- und Gesellungsform, in der sich quasi naturhaft „rassische", „volkhafte" und „artgemäße" Wesensmerkmale „reinen Deutschtums" verwirklichen sollten, transzendierte das Lager in der nationalsozialistischen Ideologie zum „magischen Gesamtzusammenhang", 138 in dem der Mensch kein personales Wesen mit eigener Verantwortlichkeit, sondern auf einer Mikroebene ,gliedhaft' in den Gesamtorganismus ,Volk' eingebettet sein morgens, und die Fahneneinholung, die jeweils am Abend stattfand. Der Wochenplan war nach der Prämisse „keine Stunde durfte unausgefüllt bleiben" gestaltet. (Gauger, Mädel im Freizeitlager, Potsdam 1936, zit. n. Stahlmann/Schiedeck, Erziehung durch Gemeinschaft, S. 90.) 134 Vgl. Ehrhardt, Erziehungsdenken und Erziehungspraxis, S. 130-138. 158 Stahlmann/Schiedeck, Erziehung durch Gemeinschaft, S. IX. 136 Maassen, 1934, zit. n. ebd., S. 103. 137 Arp, Erziehung im Lager. In: Nationalsozialistisches Bildungswesen 4 (1939), S. 34. 138 Stahlmann/Schiedeck, Erziehung durch Gemeinschaft, S. 106.

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sollte, dessen Gesetzmäßigkeiten er zumindest für die Dauer des Lagers uneingeschränkt unterlag.139 Unter improvisierten Bedingungen und auf begrenzte Zeit war hier eine totale Kontrolle über alle Lebensäußerungen des Menschen möglich. Es verwundert nicht, daß Rust bereits 1934 Lager und Kolonne als diejenigen Einrichtungen bezeichnet hat, durch die man Nationalsozialist werden könne. 140 Benze forderte deshalb, „die nationalpolitische Gemeinschaftsgesinnung schon bei der Jugend dadurch zu stärken und selbstverständlich zu machen, daß sie die Jugend möglichst oft in enger Gemeinschaft zusammenleben läßt."141 Die Hitlerjugend beherzigte diese Ideologie. Stolz verkündet Schirach 1936: „Überall entstehen nun bereits neue Jugendherbergen nationalsozialistischer Prägung. Die HJ weiß, welch großen Einfluß nicht nur das erzieherische Wort, sondern vor allem das praktische Erleben hat."142 Für die Jugendlichen wurden unterschiedliche Lageraktionen konzipiert. Selbstverständlich gehörten die ein- oder mehrtägigen Fahrtenlager der Hitlerjugend zum - für die meisten Kinder äußerst attraktiven Pflichtprogramm. Aber daneben entwickelten sich schon bald andere Lagerformen. Die erste große und pflichtmäßige Einrichtung, die die Jugendlichen für eine längere Zeit aus ihren angestammten Sozialisationsstrukturen entfernte, war das 1934 erstmals in Preußen durchgeführte Landjahr, das alle Charakteristika, die ein nationalsozialistisches Lager kennzeichnen, erfüllte und als Mittel der Indoktrination eine erhebliche Bedeutung erlangte.143 Ziel der Erziehung im Landjahr war die „totale Erfassung der jugendlichen Persönlichkeit." 144 Für neun Monate von der Familie getrennt, waren die Jugendlichen dort einer starken Beeinflussung ausgesetzt. Anträgen auf vorzeitige Entlassung wurde in der Regel nicht stattgegeben, Elternbesuche im Lager waren untersagt, und es wurde auch kein Urlaub gewährt. Einen halben Tag arbeiteten die Jugendlichen bei einem Bauern, den Nachmittag verbrachten sie im Lager. Schon im ersten Jahr wurden 21.000 Jugendliche verschickt, 1936 war die Zahl mit knapp 35.000 am höchsten. Im Krieg sank sie dann auf unter zwanzigtausend. Insgesamt sind ca. 264.000 Jugendliche durch die Landjahrerziehung gegangen.145 « Ebd.,S. 1. 14:

Zit n. Scholtz, Erziehung unterm Hakenkreuz, S. 119. ' 4 ' Ebd., S. 23. 142 Schirach, Die Hitler-Jugend, S. 68. 143 Vgl. hierzu Eilers, Die nationalsozialistische Schulpolitik, S. 38f. 144 Niehuis, Das Landjahr, S. 41. 145 Zahlen ebd., S. 67.

/ / / . Das Lager als Instrument der Erziehung

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Das Landjahr war eine Staatseinrichtung, seine Durchführung ursprünglich eine Sache des Erziehungsministeriums. Die Landjahrpflichtigen hätten mit der Verabschiedung des Hitlerjugend-Gesetzes 1936 in den Zuständigkeitsbereich der Jugendorganisation gehört. Deshalb war diese Einrichtung ein Störfaktor in der Machtpolitik der Hitlerjugend. Vergeblich versuchte die Reichsjugendführung, das Landjahr durch eine von ihr dominierte Aktion zu ersetzen. Es gelang ihr jedoch, auf die Gestaltung des Lagerlebens einen maßgeblichen Einfluß zu gewinnen. So konnte sie durch die Organisation der Landjahrlager, die eher Schulungscharakter hatten, wichtige Erfahrungen sammeln, die ihr später bei der Durchführung der Kinderlandverschickung nützlich waren. Als ein weiterer Lagertyp entwickelte sich das Schullandheim, das schon seit seinen Anfängen eine Verknüpfung von Schule und Lager war. Von nationalsozialistischer Seite wurde es als eine „Quelle praktischer nationalsozialistischer Erziehung" 146 gesehen. Allerdings standen die Schullandheime nicht in der Verantwortlichkeit der Hitlerjugend, da die Heime den Schulen zugeordnet waren. Bereits vor dem Beginn der Erweiterten Kinderlandverschickung hatte die mit dem NSLB zur ,Reichsarbeitsgemeinschaft' zusammengeschlossene deutsche Schullandheimbewegung etwa 450 Heime betreut. Während des Schuljahres 1938/39 fuhren insgesamt 8.100 Klassenverbände in ein solches Haus. 147 Der Entschluß der Reichsjugendführung, der Konkurrenz durch die Schulen zu begegnen, läßt sich an der Einrichtung eines Lagertyps ablesen, der eine permanente Verknüpfung von Schule und Lager bildete. Gemeinsam mit der Deutschen Arbeitsfront (DAF) unter ihrem Führer Robert Ley wurde mit den Adolf-Hitler-Schulen (AHS) ein neuer Schultyp geschaffen, der außerhalb des konventionellen Schulsektors stand. Der Gründungsaufruf der AHS vom 15.1.1937 war ohne Wissen des Reichsministeriums für Wissenschaft, Erziehung und Volksbildung erlassen worden. Rust reagierte darauf mit einem wütenden Protest, den Ley mit Deutlichkeit beantwortete: „Deine Aufgabe als Reichserziehungsminister erstreckt sich niemals auf Parteischulen, deshalb gehen Dich die Adolf-Hitler-Schule genau wie die nationalsozialistischen Ordensburgen gar nichts an."148 Es handele sich, so der DAF-Führer, bei den AHS um eine „völlig parteieigene Angelegenheit."149 w Wiggert-Posen, Gemeinschaftserziehung durch Schullandheimarbeit, in: Der Deutsche Erzieher 1942, S. 7. "' Jeischik, Politische Betrachtungen, Schul-KLV-Nachrichten, Heft 1, Oktober 1942, S. 5. I4S Brief von Ley an Erziehungsminister Rust v. 22.1.1937; abgedr. in: Gamm, Führung und Verführung, Dok. 21, S. 133. "• > Ebd.

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Bei der Einrichtung der neuen Schule konnten Ley und Schirach sich am Vorbild der Nationalpolitischen Erziehungsanstalten (NPEA oder Napola) orientieren. Ehemalige Kadettenanstalten waren mit Beginn des Dritten Reiches von der nationalsozialistischen Führung als Eliteschulen des Nationalsozialismus wiederbelebt worden. Formal unterstanden die Napolas zwar zunächst dem Reichserziehungsministerium. Schon bald übte aber die SS die alleinige Kontrolle über diese Schulen aus. Unter der Inspektion von SS-Obergruppenführer Heißmeyer wurden sie gänzlich dem Rust-Ministerium entzogen. In den Anstalten sollte „aus der einseitig die geistigen Kräfte entwickelnden Schule [...] eine den Körper, Charakter und Geist gleichmäßig erfassende Gesamterziehung werden, die als politische Erziehung zum deutschen Volke und Staate hin mannschaftsformend und typenbildend zugleich sein mußte." 150 Die Entstehung der Adolf-Hitler-Schulen darf aber nicht als Produkt einer Planung von neuartigen Oberschulen angesehen werden, die den Parteiführernachwuchs ausbilden sollten.151 „Sie war vielmehr das Ergebnis eines gescheiterten Versuches, aus den NPEA heraus ein von der Partei zu kontrollierendes Schulsystem neben dem staatlichen zu entwickeln." 152 Daß dieses,Schulsystem der HJ' nicht als Sondersystem neben den ,normalen' Schulen bestehen bleiben, sondern vielmehr das Modell für eine Umgestaltung der schulischen Erziehung bilden sollte, zeigt die Ansprache Schirachs zur Grundsteinlegung von neun Adolf-Hitler-Schulen am 15.1.1938. Schirach führte in seiner Rede aus, daß sich jede „große Bewegung" in einem erzieherischen System spiegele: „Unsere Bewegung legt an diesem Tage nicht nur den Grundstein zu neuen Bauten; sie verkündet zugleich das System der nationalsozialistischen Erziehung." 153 Aber wie sollte die ,neue Erziehung' aussehen? Die von Hitler am 15.1.1937 unterzeichneten sechs ,Grundsätze der Adolf-Hitler-Schulen' zeichnen ein deutliches Bild von der von DAF und HJ angestrebten Form der Jugendschulung. Da hier auch viele der Elemente festzustellen sind, die vier Jahre später die KLV-Lager kennzeichnen, erscheint es sinnvoll, diese Grundsätze bereits im Vorgriff vergleichend vorzustellen.154 Der erste ,w

151

152 153

154

Schäfer, Ziel und Gestalt der nationalpolitischen Erziehungsanstalten. In: Nationalsozialistisches Bildungswesen 7 (1942), S. 19. So erklärt die ehemalige BDM-Reichsreferentin Jutta Rüdiger in Anlehnung an die zeitgenössischen Rechtfertigungen der HJ: „Ziel der Schulen sollte es sein, den nationalsozialistischen Führernachwuchs im weitesten Sinne für alle Berufe - nicht nur für die Parteiorganisationen der NSDAP - sicherzustellen." (Rüdiger, Die Hitler-Jugend und ihr Selbstverständnis, S. 159.) Scholtz, NS-Ausleseschulen, S. 162. Schirach, Grundsteinlegung der Adolf-Hitler-Schulen, 15.1.1938, in: ders., Revolution der Erziehung, S. 100. Die Grundsätze werden zit. n. Scholtz, NS-Ausleseschulen, S. 172.

///. Das Lager als Instrument der Erziehung

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Grundsatz der Adolf-Hitler-Schulen schrieb fest, daß die neuen Schulen Einheiten der HJ sein und von dieser verantwortlich geführt werden sollten. Lehrstoff, Lehrplan und Lehrkörper wurden von den unterzeichnenden Reichsleitern reichseinheitlich bestimmt. Auch die KLV-Lager standen in der Verantwortung der Hitlerjugend. In den AHS galt ein Auswahlverfahren, nach dem Jungen aufgenommen werden sollten, „die sich im Deutschen Jungvolk hervorragend bewährt haben und von den zuständigen Hoheitsträgern in Vorschlag gebracht werden." 155 Dieses Eliteprinzip galt für die Kinderlandverschickung nicht. Unentgeltlich waren sowohl AHS wie auch die KLV. Die Schulaufsicht gehörte bei den AHS zu den H o heitsrechten der Gauleiter der NSDAP. Auch bei der Kinderlandverschickung lagen die Hoheitsrechte zunächst bei einer Parteiorganisation dem Nationalsozialistischen Lehrerbund. Schließlich sollte der Abschluß der AHS als dem Abitur gleichwertig gelten. Die damit verbundene Entintellektualisierung der Hochschulzugangsberechtigung verdeutlicht die nationalsozialistischen Vorbehalte gegen Wissen und Bildung, wie sie auch in Beschreibungen des Schulunterrichts in den Kinderlandverschickungslagern immer wieder auftauchen. Adolf-Hitler-Schulen und die Lager der Erweiterten Kinderlandverschickung, diese beiden Formen der Gemeinschaftserziehung schienen 1942 als „zwei parallel verlaufende und zusammengehörende Wege zu dem Ziel, den jungen deutschen Menschen im Sinne nationalsozialistischer Erzieherideen zu formen." 156 Die HJ galt als Trägerin einer erzieherischen Anschauung, die ohne weiteres auch im schulischen Leben verwirklicht werden könnte: „Die Selbstverantwortung der Jugend ist auch in der Schule denkbar. Ich weiß, daß dieser Gedanke von manchen Zunftgelehrten als erzieherische Utopie verlacht wird. Immerhin kann ich darauf hinweisen, daß in dem von mir geleiteten Sektor unseres höheren Schulwesens, nämlich in den Adolf-HitlerSchulen, dieser Gedanke der Selbstverantwortung der Jugend mit Erfolg seit nunmehr drei Jahren täglich verwirklicht wird." 157 Die HJ sei deshalb dazu berufen, „an die Lösung des Gesamtproblems der nationalsozialistischen Erziehung" heranzugehen.158 Eine dauerhafte Verknüpfung von Schule und Lager als der „ideale Schauplatz für die Verwirklichung der nationalsozialistischen Volksge155

Ebd.

ist Freyer, Die KLV-Lager als neue Erziehungsform, in: Der Deutsche Erzieher 1942, S. 258. 157 Schirach, Um die Einheit der Erziehung, in: ders., Revolution der Erziehung, S. 112. 158 Ebd., S. 121. In den Sopade-Berichten heißt es dazu: „Das System wünschte, die Höheren Schulen, in denen noch der alte nationale Geist herrschte, durch Schulen zu ersetzen, die eine hundertprozentige Sicherung für den Nachwuchs geben. Die Schulen bestehen heute in den Nationalpolitischen Erziehungsanstalten und den Adolf-Hitler-Schulen." (Deutschlandberichte der Sopade, März 1939, S. 331.)

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A. Erziehungspolitik im Dritten Reich

meinschaft"159 erschien der HJ als eine folgerichtige Umgestaltung des Erziehungssektors. In den Eliteschulen der Nationalsozialisten, den Nationalpolitischen Erziehungsanstalten und den Adolf-Hitler-Schulen, war die Verknüpfung ausprobiert worden. Mit der 1940 eingerichteten Erweiterten Kinderlandverschickung wurde dieser Forderung erstmals auch für den Bereich der Regelschulen Rechnung getragen.

IV. ERZIEHUNGSPOLITIK AN DER WENDE ZUM KRIEG: DIE ZWEITE MACHTERGREIFUNG' DER HJ Mit der Einführung der Jugenddienstpflicht im März 1939 schien der Abschluß im stürmischen Aufbau der Hitlerjugend erreicht, die FIJ kontrollierte nun die gesamte außerschulische Jugenderziehung. Schirach und seine Unterführer verkündeten in zahllosen Verlautbarungen das Ende der erfolgreichen Expansionspolitik. Die schul- und jugendpolitischen Entscheidungen der ersten Kriegsjahre zeigen jedoch, daß sich die Reichsjugendführung, die mittlerweile über einen riesigen bürokratischen Apparat mit 19 Ämtern verfügte, in denen 650 hauptamtliche Angestellte tätig waren,160 mit dem Erreichten nicht abfinden wollte. Der Ausbruch des Zweiten Weltkrieges bedeutete für die Hitler-Jugend zunächst die Konfrontation mit neuen Aufgaben und Problemen. Die Reichsjugendführung mußte die Jugendlichen zu verstärktem Einsatz aufrufen. Sammlungen, Ernte- und Produktionseinsätze, die schon in Friedenszeiten von der HJ durchgeführt worden waren, wurden nun beträchtlich ausgeweitet. Außerdem mußte die Jugendorganisation einen zunehmenden Führermangel kompensieren, da weite Teile ihres Führerkorps in die Wehrmacht einberufen wurden. Die Lücken füllte man mit Studenten, Lehrern und Parteimitgliedern, der bürokratische Apparat der Reichsjugendführung wurde auf sechs Hauptämter reduziert, später zu drei Befehlsstellen zusammengefaßt.161 Gleichzeitig gab die Reichsjugendführung auch die bisher wenigstens in ihren Grundzügen eingehaltene Trennung von schulischer und außerschulischer Erziehung auf. Nach Beendigung des Frankreichfeldzuges, als ein baldiges Ende des Krieges absehbar schien, mündeten die Umstrukturierungen der Reichsjugendführung in Zielvorgaben für eine Neugestaltung ,w

Wortmann, Baidur von Schirach, S. 130. Zahlen bei Kreuter, Die Reichsjugendführung, S. 42. "' Vgl. ebd. M

IV. Erziehungspolitik an der Wende zum Krieg

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des Erziehungswesens nach dem Krieg. „Wie die Bindung an das ,Reich' allmählich die Konturen von Staat und Partei aufgehoben hatte, so sollte jetzt die vielfältig ausgebaute Form der Lagererziehung die Konturen von Schule und .Dienst' in der Jugendorganisation auflösen."162 Die Zuspitzung der rüstungs- und bildungspolitischen Lage im Herbst 1938 hatte jedoch auch die NSLB-Führung auf den Plan gerufen.163 Bestärkt durch sich verdichtende Gerüchte über eine baldige Eingliederung des Erziehungsministeriums in den Machtbereich Schirachs164 rechnete auch die Lehrerorganisation damit, von bevorstehenden Reorganisationsmaßnahmen profitieren zu können. Ende November 1938 übersandte Wächtler eine Denkschrift an Heß und Bormann, mit der er den Stellvertreter des Führers von der Notwendigkeit gezielter Partei-Eingriffe in den Zuständigkeitsbereich Rusts zu überzeugen versuchte. Dabei diente das Problem des Leistungsrückgangs als Beleg für die Reformbedürftigkeit der NS-Schulpolitik. Der NSLB-Führung fehle das „Recht der Anordnung", auf das Reichserziehungsministerium setze man „keine Hoffnung mehr."165 Damit traten NSLB und Reichsjugendführung zunächst als Verbündete in einem Kampf gegen das Reichserziehungsministerium auf. Die Schuladministration unter Rust sah sich also sowohl mit dem Totalitätsanspruch der RJF als auch mit den Machtansprüchen der NS-Lehrerorganisation konfrontiert.166 Hitler hatte sich während der ganzen Vorkriegszeit an Erziehungsdingen relativ uninteressiert gezeigt. Sogar die Einrichtung der,Adolf-HitlerSchulen', die ja seinen Namen trugen, war von der höchsten Führungsebene zunächst unkommentiert geblieben. Die erste öffentliche Anerkennung durch Hitler erhielten die neuen Schulen erst in einer Rede am 10.12.1940. In ihr bezeichnete Hitler die AHS und die NPEA als Resultate des politischen Willens der NS-Bewegung.167 Nunmehr waren die na142

Scholtz, Erziehung unterm Hakenkreuz, S. 46. "'' Für folgendes vgl. Kcrsting, Militär und Jugend im NS-Staat, S. 212-214. "'4 Meldungen aus dem Reich, Bd. 2, S. 133f. ,a Zit n. Kersting, Militär und Jugend im NS-Staat, S. 213f. "'' Rempel kann zeigen, daß Schirach und die Reichsjugendführung bei ihren Maßnahmen die Unterstützung der SS hinter sich wußten, die eine Allianz gebildet hätten. „Here, as in all other competitive situations, the SS never failed to come to the aid of the RJF. The special ties between HJ and SS were reaffirmed in the process." (Rempel, Hitler's children, S. 22.) Er entwickelt die Entstehung der Allianz zwischen HJ und SS. Das Engagement der SS beim vormilitärischen Training der HJ - Rempel nennt hier unter anderem die Wehrertüchtigungslager - habe für die Zementierung einer „symbiotic relationship between two Nazi generations" gesorgt. (Rempel, Hitler's children, S. 46.) Hier heißt es weiter: „Svmbolic of this relationship was a significant number of prominent early HJ leaders who transferred to the SS and the 800 leaders who left for the W-SS [Waffen-SS, G. K.] in 1939-40, setting a pattern for younger men and women in their charge to follow during the course of the war." (Ebd.) "•" Bouhler (Hg.), Der Großdeutsche Freiheitskampf. Reden Adolf Hitlers. München 1941, zit. n. Scholtz, NS-Ausleseschulen, S. 255.

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A.

Erziehungspolhik

im Dritten

Reich

tionalsozialistischen Schulen nicht länger Sonderformen, sondern gliederten sich als Modelle einer grundlegenden Umstrukturierung des Schulwesens diesem ein. Über die Gründe, die Hitler bewogen haben, sich der Schulpolitik zuzuwenden, läßt sich nur spekulieren. Scholtz sieht die Notwendigkeit, das österreichische Schulwesen in das des neuen Reiches einzubauen, als die zentrale Ursache für Hitlers Eingreifen. Hinzu gekommen sei der akute Mangel an Volksschullehrern, das Mißtrauen gegenüber ihrer akademischen Ausbildung sowie die für notwendig erachtete Beschneidung des Einflusses vor allem kirchlicher Internatsschulen. 168 Mit Beginn des Krieges wurden zunächst weitere einschneidende strukturelle Veränderungen im Schulsektor geplant und durchgeführt. Schon die Einführung der Gemeinschaftsschule 1939/1940 bedeutete einen bis dahin nicht vorgekommenen Eingriff in die Traditionen des deutschen Schulsystems, der vor allem die Kirchen traf. Bewußt wurde dabei in Kauf genommen, daß diese Maßnahmen offen gegen die Interessen der überwiegend christlich geprägten Bevölkerung gerichtet waren. Ob den Verantwortlichen bewußt war, wie massiv die Proteste von Kirche und Bevölkerung gegen diese Maßnahme werden würden, muß bezweifelt werden.169 Das Signal war aber deutlich: Auf vermeintlich überholte Einzelinteressen der Bevölkerung wollte der Staat in der nun eingetretenen Phase der Systementwicklung keine Rücksicht mehr nehmen, der kirchliche Einfluß auf das staatliche Schulwesen sollte nun vollständig ausgeschaltet werden. 170 Damit verlagerte sich das Interesse der Kirchen zwangsläufig auf die außerschulische Erziehung der Jugend. Durch die Einrichtung der Kinderlandverschickung wurden aber auch diese Bemühungen der Kirchen erschwert. Die Einführung der Gemeinschaftsschule bildete nur den Auftakt in der Neustrukturierung des Schulsystems. Ende 1940 sollte nach dem Modell des angegliederten' Österreichs im Altreich mit der Hauptschule ein neuer Schultyp eingeführt werden. 171 Vollmundig angekündigt, wurde ihre endgültig am 16. Mai 1941 beschlossene Einführung durch einen Erlaß Rusts vom 13.6.1942 bis zum Kriegsende vertagt, um dann doch in einzel-

"« Ebd., S. 258. Vgl. die Einzelschilderungen von Lahrkamp, Zur Auseinandersetzung zwischen katholischer Kirche und Nationalsozialismus, S. 146-148. I7D Willenborg, „Katholische Eltern, das müßt ihr wissen!", S. 157. 171 Am 31.10.1940 teilte Bormann Lammers mit: „Der Führer wünscht die Einführung der in der Ostmark besonders bewährten Schuleinrichtungen - Hauptschule, Lehrerbildungsanstalt - auch im Reiche." (Schreiben Bormanns an Lammers vom 31.10.1940, BA Potsdam, R 43 11/955.) 169

IV. Erziehungspolitik an der Wende zum Krieg

65

nen Landesteilen erste Gehversuche zu starten. 172 Vor allem Bormann drängte auf eine schnelle Einführung der Hauptschule im Altreich, da er hier den „Beginn einer Revolutionierung des deutschen Schulwesens" sah.173 In den Ausleseverfahren für die Aufnahme in die Hauptschule wurde zum ersten Mal eine „engere Verbindung zwischen Pflichtschule und Partei hergestellt."174 Bei einer,Versetzung' des Schülers in die Hauptschule blieb den Eltern lediglich die Möglichkeit, sich über die Entscheidung der Lehrer beim Schulrat sowie beim Kreisleiter der Partei zu beschweren. „Das Bildungsschicksal der Zehnjährigen geriet dadurch in den Zuständigkeitsbereich der Partei."175 Bei aller Inkonsequenz in ihrer Durchführung signalisiert die Führerentscheidung zur Einführung der Hauptschule im Reich, daß wichtige schulpolitische Entscheidungen seit Beginn des Krieges zunehmend unter Umgehung des Reichserziehungsministers direkt von der obersten Parteileitung ausgingen und getroffen wurden. 176 Mit den seit Anfang 1941 eingerichteten Deutschen Heimschulen trat ein weiterer neuer Schultyp in die Erziehungslandschaft. Im Unterschied zu den Nationalpolitischen Erziehungsanstalten und den Adolf-Hitler-Schulen, die bei ihrer Schülerauslese besondere Anforderungen stellten, galten für die Aufnahme und den Verbleib in einer Deutschen Heimschule die Richtlinien der allgemeinen öffentlichen Schulen mit der zusätzlichen Forderung der „Bewährung des Jungen oder Mädels im Gemeinschaftsleben des Heimes." 177 Bis 1943 wurden knapp 100 Heimschulen eingerichtet; die meisten waren ehemalige private oder kirchliche Internate. War die Hitlerjugend an der Einführung der Hauptschulen und der Deutschen Heimschulen nicht direkt beteiligt, gelang ihr der entscheidende Einbruch in den Schulsektor mit der Einführung der österreichischen Lehrerbildungsanstalten (LBA) im gesamten Reich. Unter dem Vorwand, der Mangel an Lehrern könne nur durch eine völlige Umstrukturierung der Lehrerausbildung beseitigt werden, forderte zunächst die Parteikanzlei der NSDAP den Abbau der akademischen Lehrerausbildung und begann, den Reichserziehungsminister massiv unter Druck zu setzen.178 Am 17.3.1939 fand ein Gespräch zwischen Rust und Heß statt, in dem dieser eine Entakademisierung der Volksschullehrerausbildung von Rust verlangte. Rust 172

173

174 175

Bis zum Kriegsende gab es im Altreich 53 Hauptschulen in Württemberg, 51 im Saarland. Die übrigen 1.938 Hauptschulcn (1943) verteilten sich auf die im Krieg gewonnenen oder besetzten Gebiete. Rundschreiben Bormanns vom 27.8.1941, Nr. 105/41, BA Koblenz, NS 12/694.

Ebd.

Scholtz, NS-Ausleseschulen, S. 271. "* Vgl. Ottweiler, Die Volksschule im Nationalsozialismus, S. 101. 177 Rüge, Die Deutschen Heimschulen, in: DSE 1941/42 (1943), S. 221f. 171 Für das folgende vgl. Ottweiler, Die Volksschule im Nationalsozialismus, S. 244-249.

66

A.

Erziehungspolitik

im Dritten

Reich

erhielt in seinen Versuchen, diese Entakademisierung zu verhindern, zwar Unterstützung vom NSLB und von der SS, unterlag aber schließlich der mächtigen Phalanx der Gegner einer Hochschulausbildung für Lehrer, die von Heß, Göring und Bormann angeführt wurde. Am 8.2.1941 verfügte der Erziehungsminister die Einrichtung der Lehrerbildungsanstalten, zwei Monate später wurden die Hochschulen für Lehrerbildung sowie die Staatlichen Aufbaulehrgänge in Lehrerbildungsanstalten umgewandelt. Proteste regten sich nicht. Schon am 12.12.1940 hatte die NSLB-Reichsleitung alle weiteren „Diskussionen und Erörterungen über die zweckmäßigste Art der Lehrerausbildung" verboten. 179 Mit dem vorgeblichen Ziel einer „Behebung des gegenwärtigen Mangels an Volksschullehrern" 180 entakademisierten die Lehrerbildungsanstalten die erst wenige Jahre zuvor neu geregelte Ausbildung der Volksschullehrer und brachte diese gleichzeitig in den Zuständigkeitsbereich der HJ. In den Adolf-Hitler-Schulen ähnlichen Internaten begannen bereits vierzehnjährige Schüler und Schülerinnen eine fünfjährige Ausbildung zum Volksschullehrer. Die Ausbildung in den Lehrerbildungsanstalten dauerte bei Schülerinnen und Schülern mit Volksschulabschluß fünf Jahre. Je höher der Schulabschluß war, desto kürzer sollte die Ausbildungszeit auf der LBA sein. Abiturienten brauchten nur ein Jahr, um ihren Abschluß als Volksschullehrer zu erwerben. 181 Die Kosten der Ausbildung trug der Staat, die Eltern hatten lediglich einen geringen ,Erziehungsbeitrag' zu leisten, der sich nach der Höhe ihres Einkommens richtete. In der Tagesgestaltung sollten sich „die Erziehungsgrundsätze der Hitlerjugend und der Lehrerbildungsanstalten miteinander in Einklang" bringen lassen.182 Die Auswahl der Jungen und Mädchen erfolgte in von der HJ organisierten Musterungslagern. Die letzte Entscheidung über die Zulassung zur LBA traf allerdings der „beauftragte Leiter der Lehrerbildungsanstalt." 183 Die Beurteilung wurde dabei nach folgenden Gesichtspunkten gewonnen. „1. Allgemeine Haltung (Charakter, Kameradschaft, Führereignung). 2. Körperliche und sportliche Leistungsfähigkeit (sportliche Leistungsprüfungen, Kampfspiele). - 3. Geistige Begabung (schriftliche und mündliche Prüfung in den Grundfächern, kurze Referate, Zeitungsberichte). 4. Musik- und Werkschaffen (Gestaltung von Feiern und Abendrun179 180

Rundschreiben der NSLB-Reichsleitung vom 12.12.1940, BA Koblenz, NS 12/553. Schulverwaltung Hansestadt Hamburg, Erlaß vom 3.6.1942, StA Hamburg, OSB VI, F IL Mitteilungen, Rundschreiben etc. Bd. 1942.

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Ebd.

182

Erlaß des RMWEV vom 4.11.1942, betr. Lehrerbildungsanstalten und Hitlerjugend, MB1WEV 1942, S. 440. Erlaß des RMWEV vom 9.9.1941, StA Hamburg, OSB VI, F IL Mitteilungen, Rundschreiben etc. Bd. 1942.

183

IV. Erziehungspolitik an der Wende zum Krieg

67

den)."184 Deutlich wird, daß der hier zugrunde liegende Kriterienkatalog vor allem die Ansprüche der Hitlerjugend befriedigte. Die Vorstellungen der alten Bildungsträger flössen nur am Rande ein. Die ideologische Durchdringung der LBA entsprach laut Stoffplan in etwa dem, was die 1938 erschienenen reichseinheitlichen Lehrpläne für die Höheren Schulen festgeschrieben hatten. Der Schwerpunkt der politischen Erziehung der LBA lag jedoch bei der Gemeinschaftserziehung', in der der Hitlerjugend eine besondere Bedeutung zukam. Durch diesen Eingriff in den Schulsektor war die HJ nicht mehr darauf angewiesen, auf eine ihr gegenüber loyal eingestellte Lehrerschaft zu treffen, sondern konnte an der Auswahl und Ausrichtung dieser Lehrer aktiv mitwirken. 185 Die mit großem personellen und finanziellen Aufwand betriebene Einrichtung von insgesamt 257 Lehrerbildungsanstalten zwischen 1940 und 1943186 kann nach Ansicht von Scholtz keineswegs als ,kriegsbedingt' angesehen werden, da man hierzu auch verstärkt ,Schulhelfer' hätte ausbilden können. 187 Ein durchschlagender Erfolg in der Bekämpfung des Lehrermangels ließ sich mit der Einführung der Lehrerbildungsanstalten offensichtlich auch nicht erzielen. Regelmäßig wurden dringliche Rundschreiben an die HJ geschickt, in denen um eine weitere Werbung von LBA-Anwärterinnen und Anwärtern gebeten wurde. 188 Für das Reichsministerium für Wissenschaft, Erziehung und Volksbildung bedeutete dieser Strukturwandel einen großen Einflußverlust. Den Zugang zur Volksschullehrerausbildung kontrollierte nunmehr die Hitler-Jugend. Mit Beginn des Krieges ergab sich also eine veränderte Situation auf dem Erziehungssektor. Befanden sich die Träger der schulischen Erziehung 184

Wenke, Die pädagogische Lage in Deutschland, in: Die Erziehung 17 (1942), S. 161. Damit wurde eine Beobachtung des Sicherheitsdienstes der SS aus dem Jahre 1938 Wirklichkeit: „Man ist im Gegensatz hierzu bestrebt, HJ-Führer bzw. aus der HJ hervorgegangene und noch in der HJ stehende Junglehrer in den staatlichen Erziehungsapparat entscheidend einzubauen, um eine Beeinflussung der Schule durch die Hitler-Jugend sicherzustellen. Veranlaßt durch die verschiedenen Äußerungen des Reichsjugendführers und durch verschiedene Aufsätze in den HJ-amtlichen Zeitschriften, befürchtet man in Kreisen der Lehrerschaft eine Gleichschaltung durch die HJ', bzw. zumindest eine Umgestaltung des Schulwesens nach den von dem Reichsjugendführer und dem Reichsleiter Dr. Ley gewünschten Richtlinien." (Interner SD-Bericht zur Lage der Jugend, Jahresbericht 1938, in: Boberach (Hg.), Meldungen aus dem Reich, S. 144.) 186 Ende 1942 gab es folgende Lehrerbildungsanstalten: in Preußen 53, Bayern 8, Sachsen 6, Württemberg 3, Baden 3, Thüringen 3, Braunschweig 3, Hessen 2, Mecklenburg, Oldenburg und Anhalt je 1. Lehrerinnenbildungsanstalten bestanden in Preußen 57, Bayern 7, Sachsen 4, Württemberg, Baden, Braunschweig, Bremen, Anhalt, Mecklenburg, Oldenburg und Thüringen je 1. Hinzu kamen die Anstalten in den .angeschlossenen Gebieten'. (Verzeichnis der LBAs, Stand vom 24.9.1942, MB1WEV 1942, S. 364.) ,8 ' Scholtz, Erziehung unterm Hakenkreuz, S. 101. i8i Vgl. z. B. Der K'Führer des Gebietes. Rundschreiben vom 1.6.1944, StA Hamburg, OSB VI, Akte 28.

183

68

A. Erziehungspolitik im Dritten Reich

durchweg in der Defensive, erweckte die Hitlerjugend den Eindruck, eine Übernahme der Verantwortung auch für die schulische Jugenderziehung sei nur noch eine Frage der Zeit. Mit der Erweiterten Kinderlandverschickung schien Schirach einen großen Schritt auf diesem Weg weiterzukommen. Erstmals gewann er auch auf das Regelschulsystem maßgeblichen Einfluß. Die von Baidur von Schirach angekündigte Revolution der Erziehung' sollte sich nun auch unmittelbar auf die Gestaltung des Schulalltags auswirken.

B. EINRICHTUNG UND ORGANISATORISCHER AUFBAU DER KLV

Die Einrichtung der Erweiterten Kinderlandverschickung im Herbst 1940 kam nicht nur für die Bevölkerung, sondern auch für viele nationalsozialistische Politiker in den Machtzentralen überraschend. Der Sicherheitsdienst der SS berichtete am 30. September 1940 von in Berlin aufgetauchten Gerüchten über eine angebliche Kinderevakuierung, „die sich außerordentlich beunruhigend in der Bevölkerung auswirken." Der Sicherheitsdienst riet, „auf schnellstem Wege über Presse und Rundfunk eine richtigstellende und beruhigende amtliche Verlautbarung zu geben."1 Nur wenige Tage darauf, am 3. Oktober, waren bereits die ersten Kindertransporte auf dem Weg in die Aufnahmegebiete. Drei Tage nach dem Beschluß zur Einrichtung der Evakuierungsmaßnahme, die diesen Namen nicht tragen durfte und deshalb ,Erweiterte Kinderlandverschickung' genannt werden sollte, herrschte offensichtlich große Konfusion über die neue Einrichtung. Und noch Ende Juni 1941 glaubten die Verantwortlichen in der Berliner Reichsdienststelle, da ein Ende des Krieges abzusehen sei, müsse lediglich eine kürzere Zeit mit Hilfe der Evakuierungsaktion überbrückt werden, die zudem nur eine geringe objektive Gefährdung der Kinder brächte.2 In einem Fernschreiben Schirachs an die Gebietsbeauftragten vom 24.4.1941 hieß es deshalb, die Dauer der Kinderlandverschickung richte sich nach der Dauer des Krieges.3 Der .Startschuß' zur Erweiterten Kinderlandverschickung fiel am 27. September 1940. Unter der Überschrift „Landverschickung der Jugend luftgefährdeter Gebiete" erging ein streng vertrauliches Rundschreiben des Reichsleiters Bormann an sämtliche obersten Reichs- und Parteistellen, mit dem der Befehl Hitlers zur Organisation der Landverschickung bekanntgegeben wurde: „Auf Anordnung des Führers werden Kinder aus Gebieten, die immer wieder nächtliche Luftalarme haben, zunächst insbesondere aus Hamburg und Berlin, auf Grund freier Entschließung der Erzie1

2

3

Bericht des Sicherheitsdienstes der SS Nr. 128,30.9.1940, in: Boberach (Hg.), Meldungen aus dem Reich, S. 1622. So verkündeten sie bei einer Besprechung mit allen regionalen Verantwortlichen: „Grundsätzlich soll die Aktion weitergeführt werden, voraussichtlich noch bis kommenden Sommer." (Bericht über eine Besprechung zur Aktion Erweiterte Kinderlandverschickung am 25.6.1941 in Berlin, GLA Karlsruhe, 465d/957.) Fernschreiben des Beauftragten des Führers für die Kinderlandverschickung, Baidur von Schirach, an die Gauleitungen der NSDAP vom 24.4.1941 (Abschrift), StA Hamburg, 36110/6.

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B. Einrichtung

und Aufbau

der KLV

hungsberechtigten in die übrigen Gebiete des Reiches verschickt. Mit der Durchführung dieser Maßnahmen hat der Führer Reichsleiter Baidur von Schirach beauftragt, zu dessen Unterstützung insbesondere die NSV, die HJ und der NS-Lehrerbund tätig werden. Die NSV übernimmt die Verschickung der noch nicht schulpflichtigen Kinder und der Kinder der ersten vier Schuljahrgänge, die HJ übernimmt die Unterbringung der Kinder vom 5. Schuljahre an. Die Unterbringungsaktion beginnt am Donnerstag, den 3. Oktober 1940."4 An diesen Erlaß anknüpfend setzte Schirach seine Pläne in die Tat um. Bereits am 2.10.1940, also nur fünf Tage nach dem Rundschreiben Bormanns, veröffentlichte er eine Durchführungsanweisung, die wiederum entsprechende Anordnungen des Reichserziehungsministers, des Reichsernährungsministers, des Reichsgesundheitsführers, des Reichswalters des NS-Lehrerbundes und des Reichsschatzmeisters der NSDAP nach sich zog. 5 Mit diesen Anweisungen wurden sowohl die Struktur der Kinderlandverschickung als auch die Kompetenzen der beteiligten Organisationen bindend geregelt. Auf konkrete Vorstellungen von Seiten Hitlers brauchte Schirach dabei angeblich keine Rücksicht zu nehmen: „Hitler bewilligte mir alles." 6 Bei Fragen der Organisation konnte er auf die Schullandheimbewegung zurückgreifen, die viele Parallelen zu den KLV-Lagern aufwies. Die Reichsdienststelle KLV sollte nun eine lagermäßige und möglichst klassenweise Unterbringung und Betreuung der zehn- bis 14jährigen Jugendlichen organisieren. Der lagerinterne Schulunterricht stand dabei in der Verantwortung des NSLB, während die Gestaltung des Lagerlebens zu den Aufgaben der Hitlerjugend gehörte. Die jüngeren Kinder sollten auf Pflegefamilien in den Aufnahmegebieten verteilt werden. Ihren Namen bezog die Erweiterte Kinderlandverschickung von einer Einrichtung, die bereits seit dem Ende des 19. Jahrhunderts existierte und als eine karitative Maßnahme allgemein in der Bevölkerung bekannt war. 1872 hatte der ,Wohlthätige Schulverein' in Berlin begonnen, Kinder aus der Großstadt für eine begrenzte Zeit aufs Land zu bringen, damit diese dort in den Sommerwochen eine ausreichende und ausgewogene Ernährung erhielten. Auch die Kirchen richteten bald eigene Verschickungsorganisationen ein. Mit Beginn der Weimarer Republik kamen die Arbeiterwohlfahrt, die KPD und später die Hitlerjugend hinzu. Der Vorläufer der 1940 eingerichteten ,Reichsdienststelle KLV wurde bereits 4

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6

Rdschr. des Reichsleiters Bormann v. 27.9.1940. Der komplette Wortlaut ist abgedruckt im Anhang, S. 353. Vgl. die verschiedenen Anlagen zum Rundschreiben des Beauftragten des Führers für die KLV Nr. 7/40. Schirach, Ich glaubte an Hitler, S. 271.

B. Einrichtung

Jahr 1917 1923 1932 seit 1934 jährlich 1938

und Aufbau

der KLV

71

verschickte Kinder ca. ca. ca. ca. ca.

575.000 488.000 233.000 650.000 875.000

Von d e r ,Reichszentrale Landaufenthalt für S t a d t k i n d e r ' verschickte Kinder"

1916 gegründet. Er koordinierte die mehrwöchigen Ferienmaßnahmen unter dem Namen „Reichszentrale Landaufenthalt für Stadtkinder". Mit Beginn der nationalsozialistischen Herrschaft stieg die Zahl der zur Erholung verschickten Kinder an. Die Ursache dafür ist nicht alleine in einem propagandistisch oder tatsächlich fürsorglich motivierten Anspruch der Führung auf karitative Stützung der unteren Bevölkerungsschichten zu sehen. Vielmehr ist hier auch ein Bemühen der die Reichszentrale nun dominierenden Reichsjugendführung um eine Erweiterung ihrer Kontrollfunktionen zu erkennen. Scholtz sieht in der Erholungsverschickung bereits eine Erprobung der „umfassenderen Aktionen des Jahres 1940, die ,Erweiterte Kinderlandverschickung' und die gesundheitliche Überwachung aller Kinder und Jugendlichen zwischen dem sechsten und dem achtzehnten Lebensjahr."8 Mit dieser Einschätzung zielt Scholtz aber zu weit. Es gibt keinerlei Belege dafür, daß bereits mit Beginn der nationalsozialistischen Herrschaft Pläne für eine Verknüpfung der allgemeinbildenden Schulen mit dem Lager vorhanden gewesen seien. Richtig ist lediglich, daß NSV und Reichsjugendführung in der Kinderlandverschickung der Vorkriegszeit organisatorische Erfahrungen sammelten, auf die sie bei der Einrichtung der Erweiterten Kinderlandverschickung zurückgreifen konnten. Die Erholungsverschickung wurde während der gesamten Kriegsdauer mit großem Aufwand fortgeführt und lief damit neben der Erweiterten Kinderlandverschickung weiter.9 Die Reichsjugendführung zog sich aber aus diesem Aufgabenbereich zurück und überließ der NSV die alleinige

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Zahlen in: BA Koblenz, R 36/2045. Scholtz, Erziehung unterm Hakenkreuz, S. 69. Auf einer Tagung der Träger der Jugenderholungspflege Anfang 1942 wurde die Notwendigkeit der Kinderverschickung unterstrichen. In dem Arbeitsbericht heißt es: „Die Örtliche Erholungspflege ist für die Dauer des Krieges weitgehendst auszubauen, damit gerade in den Ferien die Schulkinder in Großstädten, die ohne Beaufsichtigung sind, unter Kontrolle stehen." (Bericht über die Tagung der Jugenderholungspflege in München vom 4.1.1942 bis zum 7.1.1942, GLA Karlsruhe, 465d/957.)

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B. Einrichtung

und Aufbau

der KLV

Organisation. Der entsprechende Verteilungsplan des Gaues Baden weist für das Haushaltsjahr 1943/44 eine Aufnahmekapazität für insgesamt 14.000 Kinder und eine Entsendekapazität für insgesamt 7.500 Kinder auf, die jeweils für vier bis sechs Wochen verschickt wurden. 10 Einem Verteilungsplan für das Jahr 1943/44 läßt sich entnehmen, daß im Rahmen der Erholungsverschickung im Gesamtreich 300.000 Plätze bereitgestellt werden sollten." Mit der Erholungsverschickung von Kindern existierte also ein Modell für eine Evakuierung von Schulkindern zum Schutz vor Luftangriffen. Gerade in den westlichen Gebieten des Reiches gab es bereits mit Beginn des Luftkrieges erste Überlegungen, ob und in welcher Form auf die erwarteten Luftalarme reagiert werden könnte. Zumindest in einigen Wehrkreisen wurden Vorbereitungen für eine Evakuierung der schulpflichtigen Kinder getroffen. So teilte der Höhere SS- und Polizeiführer West und Inspekteur der Ordnungspolizei im Wehrkreis VI am 28.9.1939 mit, daß die Vorbereitungen für die Ausquartierung der schulpflichtigen Kinder bis etwa zum 15. Lebensjahr in einer Anzahl von Orten nunmehr sofort so durchzuorganisieren seien, „daß die Ausquartierung jederzeit reibungslos durchgeführt werden kann. [...] Die erforderlichen Vorarbeiten sind von den örtlichen LS-Leitern in Verbindung mit den örtlich zuständigen Schulbehörden zu treffen. Die Zustimmung der Eltern zur Ausquartierung der Kinder ist dabei herbeizuführen." 12 Als sich jedoch ein Sieg in Polen abzeichnete, änderten die militärischen Befehlshaber ihre Ansicht. Am 27.10.1939 sandte der Reichsinnenminister einen Schnellbrief an die Reichsverteidigungskommissare, in dem es hieß, daß der Reichsminister der Luftfahrt und Oberbefehlshaber der Luftwaffe, Göring, entschieden habe, „daß von einer Ausquartierung der Bevölkerung aus Städten aus Gründen etwaiger Luftgefährdung grundsätzlich abzusehen ist. Eingeleitete Vorbereitungsmaßnahmen sind einzustellen. Dazu gehört auch die Vorbereitung planmäßiger Ausquartierung der Schuljugend." 13 Man dachte dennoch auch weiterhin an einen Ausbau der als bewährt geltenden und in der Bevölkerung akzeptierten Kinderlandverschickung. So schrieb der Oberpräsident der Provinz Westfalen an die Regierungspräsidenten in Münster und Minden am 29. Juni 1940: „Im Hinblick auf 10

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Vgl. den Vcrteilungsplan für die Erholungsverschickung KLV des Gaues Baden für das Haushaltsjahr 1943/44, GLA Karlsruhe, 465d/957. Rundschreiben 19/43 vom 3.2.1943 des Hauptamtes für Volkswohlfahrt, StA Münster, GfV 656. Schreiben des Höheren SS- und Polizeiführers West und Inspekteurs der Ordnungspolizei im Wehrkreis VI, StA Münster, O P 5074. Schreiben des Rcichsministers des Innern an die Reichsverteidigungskommissare vom 27.10.1939, StA Münster, O P 5074.

B. Einrichtung

und Aufbau

der

KLV

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die zeitige Luftlage erscheint eine sofortige Erweiterung der Kinderlandverschickung aus besonders bedrohten Industriegemeinden erforderlich. Seitens der Gauleitung ist die NSV mit der schleunigen Durchführung der dazu erforderlichen Maßnahmen beauftragt. Die Kreisamtsleiter der NSV werden sich mit den Herren Landräten der für die Entsendung bezw. die Unterbringung in Frage kommenden Kreise in Verbindung setzen." 14 Die Pläne wurden zunächst aber wieder in die Schublade gelegt. Als die Evakuierungsaktion schließlich unter der Überschrift Erweiterte Kinderlandverschickung' eingerichtet wurde, bezogen sich viele der verantwortlichen Stellen, vor allem die der NSV, auf die Erholungsverschickung.15 Für die Bevölkerung stellte sich die Aktion dennoch zunächst als ein öffentliches Eingeständnis dar, das Militär könnte die deutschen Städte nicht mehr vor den englischen Luftangriffen schützen. Nachdem die Propagandamaschinen im Sommer 1940 ein schnelles und siegreiches Ende des Krieges suggeriert hatten, wurden die Menschen in Berlin - auch aufgrund von unzureichender Instruktion der örtlichen NSV-Beauftragten16 - durch die Nachricht, eine Evakuierung ihrer Kinder sei geplant, überrascht. Die Erweiterte Kinderlandverschickung sorgte also statt für eine geplante Beruhigung der Bevölkerung für eine erhebliche Destabilisierung der Stimmung, bevor die ersten Kinder und Jugendlichen die Städte verlassen hatten. In einer Pressekonferenz mußte Goebbels bereits am 30. September die Öffentlichkeit beruhigen: „In Berlin kursierten in den letzten 14

Schreiben des Oberpräsidenten der Provinz Westfalen an die Regierungspräsidenten in Münster und Minden vom 29.6.1940, StA Detmold M 1 I S/40. " Vgl. das Schreiben der NSV-Gauleitung Westfalen-Nord vom 15.10.1940 an alle Kreisleitungen: „In einer vom Gauleiter anberaumten Sitzung ist festgelegt worden, eine neue Kinderentsendung durchzuführen, jedoch auf einer anderen Grundlage wie bisher (sie!). Es kommen in erster Linie hierfür solche Kreise in Frage, die als besonders luftgefährdet anzusehen sind, um die Kinder vor gesundheitlichen Gefahren zu bewahren. [...] Die Entsendung der Kinder ist von dem freiwilligen Einverständnis der Eltern abhängig zu machen, wobei jedoch in geeigneter Weise erzieherisch auf die Eltern einzuwirken ist, um sie über die Notwendigkeit der Entsendung aufzuklären und bei ihnen Verständnis und Bereitwilligkeit zu wecken. Die Entsendung und Aufnahme der Kinder ist Aufgabe der Partei." (Schreiben der NSV-Gauleitung Westfalen-Nord vom 15.10.1940 an alle Kreisleitungen, StA Detmold, L 113/506, Bl. 223.) "' Zumindest Goebbels glaubte, in der NSV den Hauptschuldigen für den .propagandistischen Flop', der die Einrichtung der KLV in seinen Augen war, ausmachen zu können: „Der Minister geißelt in diesem Zusammenhang nochmals den Tatbestand, daß die NSV durch übereiltes Handeln die Gerüchte von einer Zwangsevakuierung verschuldet hat. Eine an sich vorbildliche Hilfsmaßnahme sei dadurch, daß klare Anordnungen des Ministers nicht durchgeführt wurden, zu der schwersten Belastungsprobe für weite Bevölkerungskreise in Berlin geworden, die seit Kriegsbeginn festzustellen sei." (Ministerbesprechung beim RM für Volksaufklärung und Propaganda, Goebbels, 1.10.1940, in: Boelcke, Die geheimen Goebbels-Konferenzen, S. 141.)

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B. Einrichtung

und Aufbau

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Tagen einige verworrene Gerüchte, nämlich einmal, daß die Engländer mit Gas kämen, und zweitens, daß eine Zwangsevakuierung der Berliner Kinder nach luftgeschützteren Gebieten vorgenommen werden würde. [...] Hinsichtlich der Kinderevakuierung wird lediglich den Müttern freigestellt, mit ihren Kindern luftgeschütztere Gebiete aufzusuchen, wobei die Partei helfend zur Seite steht und die Reise gratis vermittelt. Ein Zwang besteht nicht, jedoch sollen jene Mütter auch nicht mit dem Makel der Feigheit behaftet sein."17 Das Propagandaministerium gab in einem vertraulichen Informationsbrief an die Redaktion der Frankfurter Zeitung zu, daß „der Terror der Berliner Luftschutzwarte" zu erheblichen Klagen geführt habe. „Er soll jetzt durch einige handgreifliche Maßnahmen gebrochen werden. Es wird großer Wert darauf gelegt, daß auf keinen Fall durch solche Manöver die Stimmung der Bevölkerung leide. Was die Evakuierung Berlins betrifft, so wird man es vielen Eltern nahelegen, ihre Kinder fortzugeben. Man hofft, daß man zunächst mindestens 50.000 Kinder aus Berlin fortbringen kann." 18 Dieser Reaktion der Presselenkung ging eine direkte Einmischung Hitlers voraus. Ein Schreiben von Martin Bormann an Reichsjugendführer Axmann, den stellvertretenden Gauleiter von Berlin, Görlitzer, und an Hilgenfeld vom 30. September 1940 zeigt, daß Hitler mit der Maßnahme lediglich eine Beruhigung der Bevölkerung beabsichtigte und ansonsten keine weiteren erzieherischen oder sonstigen Ziele mit der Einrichtung der Erweiterten Kinderlandverschickung verknüpfte. In seinen Augen war die Aktion fehlgeschlagen, weil gerade dieses Ziel durch die ersten Maßnahmen der Verantwortlichen konterkariert worden war. Nun sei das Gegenteil von dem erreicht worden, was Hitler eigentlich gewollt habe: „Statt Beruhigung der Eltern über das Schicksal ihrer Kinder wird Unruhe geschaffen! Daß der Führer mit einer derartigen Auslegung seiner Anordnungen nicht einverstanden ist, liegt auf der Hand. Der Führer hat mich daher beauftragt, Ihnen noch einmal klipp und klar darzulegen, daß 1. die Verschickung der Kinder keineswegs erfolgt, weil heftigere Angriffe zu erwarten sind als bisher; die Verschickung erfolgt vielmehr deswegen, weil mit Einsetzen der kalten Jahreszeit das gänzliche Fehlen von geeigneten Luftschutzkellern sich viel unangenehmer als bisher auswirkt. Gerade deswegen sollten 2. zunächst einmal die Kinder der Laubenkolonien und die Kinder aus jenen Häusern, die keine oder ungenügende Luftschutzkeller haben, verschickt werden. Der Sinn der Anordnung des Führers war es, den Eltern eine Sorge für ihre Kinder abzunehmen, weil der Führer sich 17 18

Bestellungen aus der Pressekonferenz vom 30.9.1940, BA Koblenz, ZSg. 101/17, Bl. 166. Informationsbrief der Berliner Redaktion der Frankfurter Zeitung vom 30.9.1940, BA Koblenz, ZSg. 102/48, Bl. 46.

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vorstellte, wie unangenehm es für die Eltern sein müsse, ihre Kinder nachts bei Kälte aus dem Bett zu holen und in mehr oder weniger weit entfernte öffentliche, zum Teil nicht einmal geheizte Luftschutzräume zu bringen. 3. Zunächst sollte also gar nicht die Verschickung von Kindern z.B. reicher Eltern, die über einen völlig gesicherten warmen Luftschutzkeller verfügen, einsetzen, weil die Verschickung derartiger Kinder ja gar nicht notwendig ist. Die Verschickung war vielmehr vom Führer aufgefaßt als ein leuchtendes Beispiel sozialer Fürsorge gerade für die arme Bevölkerung der in Frage kommenden Gebiete." 19 Goebbels sah sich gezwungen, mit der Androhung von Maßnahmen dafür zu sorgen, daß die neue Einrichtung nicht von vorneherein für dauernde Mißstimmung in der Bevölkerung sorgte. In der Berliner Zeitung ließ er sich am 1.10.1940 zitieren, „daß selbstverständlich weder eine Zwangsevakuierung noch überhaupt eine Evakuierung von Kindern aus der Reichshauptstadt geplant ist. [...] Diese Verschickung ist eine durchaus freiwillige und widerrufbare, und ob die in Frage kommenden Eltern davon Gebrauch machen wollen, liegt in ihrer eigenen Entscheidung." 20 In einer Ministerbesprechung verlangte er in noch deutlicheren Worten, „die bisher nicht glücklich verlaufene Wirkung der Kinderverschickung in richtige Bahnen zu lenken."21 Alle seine Mühen bewirkten jedoch nichts. Die Erweiterte Kinderlandverschickung blieb bis zum Ende des Krieges eine unpopuläre Maßnahme. Daran konnte auch die schon Ende September bekanntgegebene Ausweitung auf alle luftkriegsgefährdeten Städte des Reiches nichts ändern. 22 " Schreiben des Stabsleiters des Stellvertreters des Führers, Martin Bormann, an den Reichsjugendführer Axmann, den stellvertretenden Gauleiter von Berlin, Görlitzer und den Hauptamtsleiter Hilgenfeld vom 30.9.1940, ÖStA/AdR, Bürckel/Mat 4651, Bd. I. 20 Erklärung des Reichsministers für Volksautklärung und Propaganda, Goebbels, abgedr. in: Berliner Zeitung vom 1.10.1940, in: Evangelisches Zentralarchiv Berlin, Best. 611/25,4. 21 Ministerbesprechung beim RM für Volksaufklärung und Propaganda, Goebbels, 3.10.1940, in: Boelcke, Die geheimen Goebbels-Konferenzen, S. 156. Die Nervosität des Ministers, der wie kein anderer für die Stimmung in der Bevölkerung verantwortlich war, wird durch eine andere Stelle aus dem Protokoll deutlich: „Zur Frage der Kinderevakuierung wird von Fällen berichtet, in denen Amtswalter versichert haben sollen, zwar werde jetzt in der Öffentlichkeit von einer freiwilligen Evakuierung geredet, es handele sich in Wahrheit aber doch um eine Zwangsevakuicrung. Pg. Böker soll sofort die Kreisleiter davon unterrichten, daß der Minister sie persönlich dafür verantwortlich macht, daß derartige Fälle nicht vorkommen; sollte dem Minister ein derartiger Fall bekannt werden, so hat der Verbreiter dieser Gerüchte mit dem Konzentrationslager zu rechnen. Herr Major Martin teilt dazu mit, daß das OKW eine etwaige Wirkung der Zwangsevakuierungs-Gerüchte an der Front dadurch abgefangen habe, daß er schon jetzt mit telegraphischer Anweisung den Gerüchten dienstlich entgegengetreten wäre." (Ministerbesprechung beim RM für Volksaufklärung und Propaganda, Goebbels, 3.10.1940, in: Boelcke, Die geheimen Goebbels-Konferenzen, S. 142.) 22 In einer Pressekonferenz wurde am 30.9.1940 mitgeteilt. „Der stellvertretende Gauleiter von Berlin, Staatsrat Görlitzer, bringt heute abend eine Klarstellung vor den Luftschutzwarten

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I. D I E INITIATIVE Wann die ersten Pläne für eine Evakuierungsaktion für Kinder entwickelt wurden und wer hier die treibende Kraft war, liegt bisher weitgehend im Dunkeln. 23 Die Einrichtung der Erweiterten Kinderlandverschickung ging zwar sicher unmittelbar auf einen Befehl Hitlers zurück, dieser blieb jedoch unbestimmt. Ein Treffen zwischen von Schirach und Hitler am 26. September 1940 ist der erste gesicherte Hinweis auf konkrete Überlegungen innerhalb der nationalsozialistischen Führung zur Durchführung einer Evakuierungsmaßnahme für Großstadtjugendliche. 24 Bereits am folgenden Tag veröffentlichte Bormann den Erlaß, in dem die Einrichtung der Erweiterten Kinderlandverschickung bekanntgegeben wurde. Als Begründung für die Einrichtung der Aktion nennt der Erlaß den Wunsch Hitlers, Kindern ohne ausreichende Luftschutzmöglichkeiten Erholung in ungefährdeten Gebieten des Reiches zu ermöglichen. Es gibt jedoch Argumente, die dafür sprechen, diese Begründung kritisch zu überprüfen. Wissmann geht - wie unter anderen auch Larass25 - hierbei nicht weit genug: „Verschleiernd wird im Erlaß Sorge um Gesundheit genannt, was in Wahrheit Sorge um das Leben der Kinder war, die vor Todesgefahr fliehen mußten." Dieser „Politik der Verharmlosung" entsprechend, habe man bei der Benennung an die Erholungseinrichtung der Kinderlandverschickung angeknüpft. „Die krasse Wahrheit wurde weitgehend verwischt." 26 Die Bewahrung der Kinder vor den Gefahren des Luftkrieges ist aber lediglich eine der Intentionen der Organisatoren gewesen. An eine tatsächliche Gefährdung der Zivilbevölkerung glaubte zu diesem Zeitpunkt keiner in der nationalsozialistischen Führung. Die Gründe für das sehr schnell einsetzende große Engagement für die Einrichtung der Erweiterten Kinderlandverschickung müssen also auch woanders gesucht werden. Alle Institutionen, die mit der Jugenderziehung in irgendeiner Weise beschäftigt waren, bemühten sich bereits vor dem Erscheinen des Führererlasses, auf die Erweiterte Kinderlandverschickung

23

24 25

2k

Berlins über die freiwillige Kinderverschickungs-Aktion, die nicht nur auf Berlin beschränkt bleibt, sondern auch auf Westdeutschland und Hamburg ausgedehnt wird." (Bestellungen aus der Pressekonferenz vom 30.9.1940, abends, BA Koblenz, ZSg. 101/17, Bl. 167.) So formuliert es auch Wissmann: „In welchem Gremium diesbezügliche Erwägungen zunächst stattfanden, ist nicht bekannt, jedenfalls konnte bereits Anfang Oktober 1940 eine Zusammenkunft auf höchster Ebene in Berlin einen Beschluß herbeiführen, der dann als Führerbefehl erging." (Wissmann, Es war eben unsere Schulzeit, S. 274f.) Vgl. das Itinerar Hitlers in Hillgruber, Hitlers Strategie, S. 679. „Adolf Hitler hatte der KLV-Aktion nur zugestimmt, um die Nervenkraft der deutschen Jugend zu erhalten." (Larass, Der Zug der Kinder, S. 100.) Wissmann, Es war eben unsere Schulzeit, S. 275.

/. Die Initiative

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Einfluß zu nehmen. Offenbar standen mehrere Vorschläge für eine Verschickung zur Disposition, zwischen denen sich Hitler entschied. So notierte der Staatssekretär im Reichserziehungsministerium, Zschintzsch, am 27. September 1940 die Ergebnisse eines Telefonates mit Bormann. Dieser habe ihm mitgeteilt, „daß der Führer zu der Frage der Evakuierung der Kinder aus luftgefährdeten Gebieten Entscheidungen getroffen habe." 27 Damit waren offensichtlich vorhandene eigene Pläne des Reichserziehungsministeriums vom Tisch.28 Die Einrichtung einer Kinderlandverschickung unter der Federführung von RJF und HJ war also das Ergebnis einer Diskussion über eine angemessene Form der Evakuierung der deutschen Großstadtjugend auf das Land mit verschiedenen Alternativen. Durchgesetzt haben sich bei dieser Auseinandersetzung Schirach und die HJ auf Kosten der staatlichen Stellen, ein Erfolg, den allerdings nicht nur Schirach für sich reklamierte. Auch das Hauptamt für Volkswohlfahrt teilte allen Gauamtsleitungen mit: „In der Anlage erhalten Sie einen vom Führer gebilligten Vorschlag des Hauptamtes für Volkswohlfahrt vom 27.9.1940 über die Entsendung von Kindern aus Berlin und Hamburg." 29 Aufgrund einer Unstimmigkeit in der Prozeßaussage Schirachs vor dem Nürnberger Militärgerichtshof entwickelt Larass die These, die Aktion sei geplant, beschlossen und begonnen worden, ohne daß der ehemalige Reichsjugendführer daran überhaupt beteiligt war. In Nürnberg hatte Schirach ausgesagt, er sei erst im Oktober zu Hitler gerufen worden, um die KLV zu organisieren. Larass: „Die ersten Kinderzüge wurden im Namen des Führers und des Reichsleiters zusammengestellt, und dieser Reichsleiter reiste zur gleichen Zeit erst von Wien nach Berlin, um den Befehl für eine Aktion zu übernehmen, die in seinem Namen bereits begonnen hatte." 30 Der Ablauf war jedoch ein anderer. Larass behauptet, die Anreise Schirachs nach Berlin sei erst für den 2. Oktober aktenkundig. Am 2.10.1940 gab es tatsächlich eine Besprechung Hitlers mit Frank, Bormann und Schirach in Berlin.31 In dem von ihm erstellten Itinerar Hitlers erwähnt Hillgruber jedoch bereits für den 26.9.1940 um 17 Uhr eine Besprechung mit Großadmiral Raeder, Schirach und Hilgenfeld in Berlin.32 Außerdem schrieb der ebenfalls in Berlin weilende Goebbels am 27. September in sein Tagebuch: -'" Aktennotiz des Staatssekretärs Zschintzsch über ein Telefonat mit Bormann v. 27.9.1940, BA Koblenz, R 21/203, Bl. 155. Vgl. den vollständigen Text im Anhang, S. 352. 28 Zschintzsch verweist in seiner Notiz auf „frühere Vorgänge", die nunmehr überholt seien.

(Ebd.) 2,i

30 M 32

Schreiben des Hauptamtes für Volkswohlfahrt an alle Gauamtsleiter vom 5.10.1940, BA Koblenz, R 36/2596. Larass, Der Zug der Kinder, S. 42. Vgl. das Itinerar Hitlers in Hillgruber, Hitlers Strategie, S. 679. Ebd.

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„Mit Schirach die Frage Wien besprochen." 33 Also muß Schirach auch an diesem Tag in Berlin gewesen sein. Larass sieht Goebbels als den Initiator für die KLV, Schirach sei sein ausführendes Organ gewesen.34 In Goebbels' Tagebüchern ist hiervon jedoch nicht die Rede. In einem Eintrag vom 28.9.1940, also einen Tag nach der Veröffentlichung des Bormann-Erlasses, heißt es lediglich: „Frage, ob Kinder aus Berlin und Hamburg evakuiert werden können. Ich stimme zu, aber nicht mit Zwang. Das wäre im gegenwärtigen Stadium unerträglich. Vor allem würde das die Stimmung ganz schwer herunterwerfen. Ich lege den ganzen Plan mit Gutterer und Görlitzer fest. Wir fangen ganz langsam damit an. Wenn die ganze Sache losgeht, werde ich unsere Kinder nach Südbayern schicken." 35 Der Führerbefehl vom 27.9.1940 enthielt allerdings bereits detaillierte organisatorische Vorgaben. Goebbels hat wohl lediglich für seinen Berliner Gaubezirk die nötigen Aktionen vor Ort beschlossen. Er reklamierte weder die Initiative für die Aktion für sich, noch suggerierte er, diese in Zukunft verantworten zu wollen. Das Schlüsselereignis bei der Einrichtung der Erweiterten Kinderlandverschickung ist wohl das Gespräch zwischen Hitler und Schirach am 26. September 1940. Kenntnis über den Verlauf gibt ausschließlich Schirach selber in seinen nach dem Krieg verfaßten Erinnerungen: „Hitler war unruhig und nervös. Nach den ersten Bombenabwürfen auf Berlin und andere Städte und den fast jede Nacht gestarteten Störangriffen einzelner feindlicher Flugzeuge war bei den Gauleitungen und sogar in der Reichskanzlei eine Flut von Briefen besorgter Eltern eingetroffen, die sich darüber beklagten, daß ihre Kinder keine Nacht mehr richtig durchschlafen konnten. ,Schirach, wir müssen diese Kinder aus den gefährdeten Städten evakuieren. Ich weiß, Sie haben in Wien alle Hände voll zu tun - aber ich muß Ihnen auch noch diese Aufgabe aufhalsen.'"36 In Schirachs Autobiographie erscheint die KLV also als das Produkt kurzfristiger Entscheidungen, die Hitler aufgrund rein humanitärer Überlegungen traf. Schirach habe diese Aufgabe zur Rettung der deutschen Jugend lediglich aus Pflichtverbundenheit und nicht aufgrund eigener Ambitionen übernommen. Gegen diese Darstellung eines selbstlosen Handelns Schirachs spricht allerdings einiges. So wußte der ehemalige Mitarbeiter und zuletzt Leiter der 33 34

35 36

Goebbels, Tagebücher Bd. 4, Eintrag vom 27.9.1940, S. 341. „Die mehrmals geäußerte Vermutung, Goebbels habe als erster die Massenverschickung der deutschen Kinder angeregt, ist an sich nicht unlogisch; er war Gauleiter von Berlin, kannte wie wenige die Stimmung in der Bevölkerung." (Larass, Der Zug der Kinder, S. 25.) Goebbels, Tagebücher Bd. 4, Eintrag vom 28.9.1940, S. 342. Schirach, Ich glaubte an Hitler, S. 269. In ähnlicher Weise erwähnt Schirach dieses Gespräch auch in den Verhandlungen im Nürnberger Kriegsverbrecherprozeß. (IMT, Bd. XIV, S. 454f.)

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Reichsdienststelle Kinderlandverschickung, Gerhard Dabei, auch in den späten 70er Jahren noch nicht, von wem die Initiative zur Einrichtung kam.37 Dabei glaubte wohl nicht der Schilderung Schirachs in dessen Autobiographie, die er selbstverständlich kannte. Auch der Text der Autobiographie läßt Zweifel an der Richtigkeit aufkommen. Dort weist Schirach auf seine Erfahrungen mit der angeblich von ihm „gleich nach der Machtergreifung" ins Leben gerufenen Kinderlandverschickung hin. „Nun schlug ich Hitler vor, die Evakuierung als ,Erweiterte Kinderlandverschickung' durchzuführen." 38 Hier wird an relativ vage Vorschläge Hitlers anknüpfend ein eigener Plan Schirachs angesprochen, der offensichtlich bereits vorlag. Die Erweiterte Kinderlandverschickung fügte sich inhaltlich nahtlos in die Bemühungen der HJ um eine Einflußnahme in der Schule ein. Deshalb scheint es möglich, daß es von Seiten Schirachs konkrete Überlegungen und Vorplanungen für eine Machtergreifung' auf dem Schulsektor mittels einer zunächst kriegsbedingt motivierten Verknüpfung von Schule und Lager, wie sie die Erweiterte KLV darstellte, gegeben hat. Die ersten schriftlichen Ausarbeitungen solcher Planungen tauchen jedoch erst am 27.9.1940 im unmittelbaren Umkreis von Hitler auf. In einem Aktenvermerk Schirachs „Vortrag beim Führer am 27.9.1940" heißt es: „Das von mir vorgelegte Expose betreffend: Entsendung der schulpflichtigen Jugendlichen aus Berlin und Hamburg wurde vom Führer durchgelesen und in allen Punkten gutgeheißen." 39 Damit kann lediglich als sicher gelten, daß das entsprechende Expose, das keinen Datumsvermerk, sondern lediglich das handschriftliche Kürzel BvS (für Baidur von Schirach) trägt, am 27. September vorgelegen hat. Dieser Entwurf und die am 2.10.1940 von Schirach erlassenen Durchführungsanweisungen stimmen allerdings weitgehend überein. 40 N u r in einigen Details gibt es Abweichungen. Heißt es im Entwurf, nach den Erfahrungen der Gauleitungen und der NSV werde eine Zwangsverschickung „nicht empfohlen", ist in den Durchführungsanweisungen hier für mehr Klarheit gesorgt worden. Die Verschickung sei „auf jeden Fall auf freiwilliger Grundlage vorzunehmen. Es ist davon abzusehen, irgendwelchen Zwang auf die Erziehungsberechtigten auszuüben." 37

Vgl. den 4. Rundbrief der Dokumentationsgemeinschaft KLV, Dabei, vom 10.10.1976, in dem er bei den ehemaligen Kollegen um Auskunft in dieser Frage bittet, BA Koblenz, ZSg. 140/53. 38 Schirach, Ich glaubte an Hitler, S. 270. " Aktenvermerk „Vortrag beim Führer am 27.9.1940" von Baidur von Schirach, o. D., abgedr. im Anhang, S. 351. 40 Vgl. den Abdruck von Entwurf und Durchführungsanweisung im Anhang, S. 348 und S. 354.

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Bezüglich der Transportkapazitäten geht der Entwurf von fünf bis sieben Zügen mit jeweils eintausend Jugendlichen täglich aus, während in den Durchführungsanweisungen nur noch von zwei bis drei Zügen die Rede ist. Der Entwurf bestimmt, daß Verpflegung und Ausrüstung von der NSV getragen werden, während die Durchführungsanweisungen an erster Stelle die Eltern in die Pflicht nehmen. Interessant ist auch der Punkt „Führung der Lager". Während in Schirachs Entwurf erklärt wird, die Abstellung von Führern erfolge durch die HJ-Abgabestandorte, heißt es in den Durchführungsanweisungen, die verantwortliche Führung der Lager liege bei dem vom NSLB zu bestimmenden Schulleiter. Diesem sei ein HJ-Führer beizugeben, „der für den HJ-Dienst im Lager nach besonderen Richtlinien der Reichsjugendführung verantwortlich ist." In seinem zweiten Gespräch mit Hitler am 27. September verfügte Schirach also über einen ausgearbeiteten Plan, wie auch seine nach dem Gespräch verfertigte Aktennotiz zeigt: „Ich bat zu Punkt 4 des Exposes, daß die von mir geforderten Anweisungen an Reichsverkehrsminister, Reichsfinanzminister, Reichsernährungsminister und Reichserziehungsminister sofort erteilt würden. Der Führer gab entsprechenden Befehl."41 In der Zeit zwischen diesem Gespräch und dem Erlaß der Durchführungsanweisungen konnten die anderen beteiligten Organisationen und Personen nur noch kleine Veränderungen am Konzept anbringen. Damit ergibt sich folgender Ereignisablauf. Am 26.9.1940 fand eine erste Besprechung über die Einrichtung der KLV statt, an der Hilgenfeld, Schirach und Großadmiral Raeder teilnahmen.42 Schirach war hierzu wohl von Hitler selber nach Berlin gebeten worden. In der Nacht arbeitete Schirach seine Pläne aus. O b er hierbei auf ältere Planungen zurückgreifen konnte, bleibt ungeklärt. Am 27. September traf er Hitler - vermutlich alleine - ein weiteres Mal.43 Der NSLB wurde wahrscheinlich in der Zwischenzeit informiert und ihm die Chance gegeben, an verantwortlicher 41

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Aktenvermerk „Vortrag beim Führer am 27.9.1940" von Baidur von Schirach, o. D., abgedr. unten S. 351. Die Teilnahme von Großadmiral Raeder in dieser Runde macht allerdings wenig Sinn, da Raeder weder aufgrund seiner Funktion noch aufgrund einer späteren Einbindung in die KLV an dieser Maßnahme beteiligt war. Womöglich gab es an diesem Nachmittag zwei Besprechungen - eine zwischen Hitler und Raeder und eine weitere zwischen Hitler, Hilgenfeld und Schirach - die Hillgruber in seinem Itinerar versehentlich zusammengefaßt hat. In seiner Autobiographie beschreibt er die Ausarbeitung der KLV-Organisation folgendermaßen: „Mit dem Mitarbeiter Helmut Möckel arbeitete ich in einer Nacht einen Plan aus, nach dem zunächst zweihunderttausend Schulkinder mit ihren Lehrern und etwa fünfzigtausend Kleinkinder mit ihren Müttern für mehrere Wochen in stadtferne Landgebiete verschickt werden sollten." (Schirach, Ich glaubte an Hitler, S. 270.)

//. Die Luftkriegslage Mitte 1940

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Stelle mitzuwirken. 44 Die NSV hatte aufgrund ihrer Beteiligung an der Besprechung am 26. September gute Gründe, die KLV ebenfalls für sich zu reklamieren. An der inhaltlichen Ausgestaltung war sie nicht direkt beteiligt. Regelrecht ausgebootet - hier scheint es keine Zweifel zu geben - wurde das Reichserziehungsministerium.

II. DIE LUFTKRIEGSLAGE MITTE 1940 Von kommenden Bombenkatastrophen in den deutschen Städten war im Sommer 1940 noch wenig zu ahnen, die Kämpfe hatten bis dahin vorwiegend außerhalb der deutschen Grenzen stattgefunden. 45 Deutschland war optimistisch, den Krieg bald beenden zu können. Der Frankreichfeldzug war siegreich abgeschlossen, Hitler erwartete ein Friedensangebot Englands und auch die Bevölkerung rechnete mit einem baldigen Ende des Krieges. Warum glaubte Hitler im August/September 1940, eine doch von vorneherein aufwendige Evakuierungsaktion für Kinder initiieren zu müssen? War Ende September abzusehen, daß sich die Luftkriegslage massiv verschärfen würde? Welche Bedrohung der Städte hat tatsächlich zu diesem Zeitpunkt bestanden, welche Entwicklung des Luftkrieges wurde prognostiziert und, vielleicht die entscheidende Frage, welche Gefährdung sah die Bevölkerung für sich selbst? Bereits bei der für den siegreichen Abschluß des Frankreichfeldzuges angesetzten Siegesfeier in der Berliner Kroll-Oper war der deutsche Optimismus, England würde bald kapitulieren, Makulatur. Churchill hatte auf die Hochstimmung seitens der Deutschen geantwortet: In einem Handstreich ließ er sämtliche französischen Kriegsschiffe in britischen Häfen besetzen und Teile der französischen Flotte am 3.7.1940 in Mers-el-Kebir in den Grund schießen. England wollte Frieden nur unter der Bedingung, daß Deutschland alle besetzten Gebiete räumte. Hitler antwortete mit der am 1.8.1940 erteilten Weisung Nr. 17, dem „verschärften Luftkrieg gegen England", der am 13.8.1940 begann und eigentlich nur als Vorbereitung zur Operation,Seelöwe' dienen sollte - einer Invasion Englands. Am 24.8.1940 fielen die ersten Bomben auf Londoner Wohngebiete, die Royal Air Force 44

45

Am 29.9.1940 informiert NSLB-Reichswalter Wächtler die Gauwalter in einem vertraulichen Rundschreiben Nr. 49/1940 über den Startschuß zur KLV. (BA Koblenz, NS 12/1432.) Die wenigen feindlichen Einflüge waren mehr Zufälle und wurden nicht ernst genommen. So griff am 18. Mai 1940 zum ersten Mal ein starker Kampfflugzeugverband der Royal Air Force mit beachtlichen Treffererfolgen eine deutsche Großstadt - Hamburg - an. (Brunswig, Feuersturm über Hamburg, S. 10.)

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antwortete mit Bomben auf Berlin. Das Ringen um die Entscheidung erreichte seinen Höhepunkt am 15. September. Goebbels ließ mitteilen, daß die Angriffshandlungen gegen England „völlig neuartig" seien und vergleichbar mit „keinem kriegsgeschichtlichen Ereignis."46 Am 27. September jedoch war ein derartiges Nachlassen des deutschen Drucks auf die britische Luftverteidigung zu spüren, daß die Briten mit Recht annahmen, die ,Schlacht um England' gewonnen zu haben.47 Die Einrichtung der Erweiterten Kinderlandverschickung fällt also zeitlich mit der Erkenntnis zusammen, daß Großbritannien weder kapitulieren würde noch innerhalb kürzester Zeit militärisch bezwungen werden könnte. Die englischen Bombenangriffe auf Berlin und andere deutsche Städte zeigten auch, daß der Krieg nunmehr nicht länger lediglich außerhalb der deutschen Grenzen geführt werden würde. Die Bedeutung dieser Tatsache wurde den Deutschen durch eine wenig später erfolgte Bekanntgabe der Zahlen der deutschen Zivilopfer deutlich: In der Zeit vom 10.5.1940 bis zum 20.10.1940 wurden 947 Zivilpersonen durch Luftangriffe getötet, etwa 2.650 wurden verwundet. 48 Auf eine nennenswerte Zivilverteidigung war Deutschland jedoch nicht vorbereitet, da die Grundsätze der von deutscher Seite geplanten Blitzkriege gegen solche Maßnahmen sprachen. 49 Bei Kriegsbeginn gab es keinerlei konkrete Vorbereitungen für einen umfassenden Luftschutz der Bevölkerung. Für die Reichsführung war auch nicht die tatsächliche Bedrohung der Menschen durch feindliche Luftangriffe der entscheidende Parameter für ihre Maßnahmen, sondern die Stimmung in der Bevölkerung. Eine zentrale Rolle spielte hierbei die Reichshauptstadt Berlin, obwohl diese aufgrund ihrer Entfernung zu den westlichen Reichsgrenzen zunächst nicht übermäßig gefährdet war. Die ersten Ziviltoten gab es in Berlin am 29.8.1940, einen Monat später, am 23./24.9.1940 griffen 111 Bombenflugzeuge Berlin an und zerstörten Gebäude in den Bezirken Tier44

47

48 M

Bestellungen aus der Pressekonferenz vom 15.8.1940, Anweisung Nr. 731, BA Koblenz, ZSg. 101/17, Bl. 84. Hampe, Der zivile Luftschutz im Zweiten Weltkrieg, S. 115. Zum Krieg gegen England vgl. Rauh, Geschichte des Zweiten Weltkrieges II, S. 284-321. Bestellungen aus der Pressekonferenz vom 24.10.1940, BA Koblenz, ZSg. 101/18, Bl. 51. So heißt es in den Dokumenten deutscher Kriegsschäden: „Es wäre ein Irrtum zu glauben, daß sich der Luftschutz in Deutschland zu Beginn des zweiten Weltkrieges auf einem hohen Stand befunden hätte. Das Gegenteil ist der Fall. Nicht nur der Luftschutzraumbau lag im Argen, sondern auch die Einsatzmittel - nach Personalstand, Ausrüstung und sonstigen Voraussetzungen - waren mehr als mangelhaft." (Dokumente deutscher Kriegsschäden, Bd. I I / l , S. 229.) Die Kinderlandverschickung deutet Beer aus dieser Perspektive als ein Sofortprogramm, mit dem „unter der Leitung der NSDAP Nichtberufstätige in Sicherheit" gebracht werden sollten. (Beer, Kriegsalltag an der Heimatfront, S. 221.)

//. Die Luftkriegslage Mitte 1940

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garten, Prenzlauer Berg, Charlottenburg, Spandau und Lichtenberg. Die Presse berichtete ausführlich über die Einflüge.50 Die Stimmung in der Bevölkerung kann man sehr gut an dem Tagebuch des selbstverständlich bestens informierten Propagandaministers Goebbels ablesen. Anfang September 1940 schätzte er diese optimistisch ein, deutete aber gleichzeitig die damit verbundenen Erwartungen auf einen baldigen Friedensschluß an: „Das Volk rechnet in weiten Kreisen mit einem vollen Sieg wohl in diesem Herbst. Ist es nicht der Fall, dann werden wir eine gewisse Enttäuschung zu überwinden haben." 51 Am 7. September erkannte er, der Luftkrieg könnte „nur bei Anwendung eines sehr erheblichen und massiven Terrors zu Erfolgen führen." 52 Die deutsche Führung hatte sich derweil längst von dem Gedanken verabschiedet, die britische Zivilbevölkerung zu schonen: „Wir bestehen darauf, daß wir nur militärische Ziele angreifen. Soll auch weiter vertreten werden. Wobei natürlich nicht zu vermeiden ist, daß auch zivile Schäden angerichtet werden." 53 Ab Mitte September klingen die Einträge des Propagandaministers zunehmend skeptisch. Es zeichnete sich ab, daß eine militärische Entscheidung nicht mehr im Verlaufe des Herbstes herbeigeführt werden konnte. „Wann Schluß ist? Das weiß heute noch niemand. Wir müssen nur entschlossen sein, bis zum Siege zu kämpfen." 54 Am 24.9.1940 schrieb Goebbels: „Die militärische Lage ist noch ganz ungewiß. Man beginnt sich allmählich auf einen zweiten Winter einzustellen." 55 In der folgenden Nacht gab es einen massiven Angriff auf Berlin, der von dem Propagandaministerium noch massiv aufgebauscht werden sollte.56 Dieser Angriff war wohl das Initial zur Einrichtung der Erweiterten Kinderlandverschickung. Schirach wurde nach Berlin gerufen und am s:

Groehler, Bomber über Berlin, S. 113. Bis Ende 1940 warfen die Flugzeuge 36 Mal Bomben über Berlin ab, dagegen erlebte Berlin 1941 neben einigen russischen Störangriffen im August und September nur noch 18 Bombardements durch die Engländer. Insgesamt wurden 448 Menschen getötet (1940: 222, 1941: 226). Als in der Nacht vom 7./8.11.1941 vor allem durch Nachtjäger 12,5 Prozent der eingesetzten britischen Flugzeuge über Berlin abgeschossen wurden, verbot Churchill alle Fernfliegerangriffe, um mit Flächenbombardements durch 1.000 Maschinen die Einäscherung deutscher Großstädte vorzubereiten. Von nun an bis zum 16.1.1943 trat für die Reichshauptstadt eine fast vierzehnmonatige Pause ein, die nur von wenigen Kurzalarmen unterbrochen wurde. Mit den Angriffen auf Berlin vom 18.11.1943 wurde schließlich die Schlacht um Berlin eingeleitet. Die Schläge vom 22.-26.11.1943 kosten 3.758 Menschenleben und machten 456.056 Berliner obdachlos. (Vgl. Groehler, Bomber über Berlin, S. 116-122.) 31 Goebbels, Tagebücher Bd. 4, Eintrag vom 5.9.1940, S. 308. 52 Ebd., Eintrag vom 7.9.1940, S. 311. » Ebd., Eintrag vom 9.9.1940, S. 315. 34 Ebd., Eintrag vom 15.9.1940, S. 324. 33 Ebd., Eintrag vom 24.9.1940, S. 336. '* „Gestern: ziemlich massiv waren die Angriffe auf Berlin. 11 Tote. Kaum militärische Ziele erreicht. Wir bauschen kolossal auf." (Ebd., Eintrag vom 25.9.1940, S. 338.)

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nächsten Tag fand die entscheidende Besprechung zwischen Hitler und Schirach statt. Im Vordergrund bei der Entscheidung für eine spektakuläre Maßnahme des Zivilschutzes stand weniger der Wunsch nach einem tatsächlich für notwendig erachteten Schutz der Kinder. Vielmehr sollte zum einen kaschiert werden, daß die bestehenden Luftschutzeinrichtungen vollkommen unzureichend waren. Zum anderen glaubte man, auf diese Weise die Fürsorgebereitschaft des nationalsozialistischen Staates dokumentieren zu können. Dies war um so notwendiger, als die Bevölkerung gleichzeitig darauf vorbereitet werden mußte, daß der Krieg wohl über den Winter 1940/41 hinaus andauern würde.

III. DIE ORGANISATION DER KLV Bei der Organisation und Durchführung der Erweiterten Kinderlandverschickung waren mehrere nationalsozialistische Organisationen beteiligt, die jeweils für bestimmte Aufgaben zuständig erklärt wurden. Die NSV, der NSLB und die Hitlerjugend mußten hierzu eine große Zahl von Personen in Bewegung setzen, koordinieren und kontrollieren. Die zentrale Einrichtung der Kinderlandverschickung war die Reichsdienststelle Kinderlandverschickung mit dem Reichsleiter und Statthalter von Wien, Baidur von Schirach an der Spitze. Dieser - gleichzeitig weiterhin Beauftragter des Führers für die Jugenderziehung im Dritten Reich und ehemaliger Reichsjugendführer - siedelte die Dienststelle bei der Reichsjugendführung in Berlin an und ernannte Helmut Möckel zu seinem Büroleiter und Stellvertreter - eine wichtige Funktion, da Schirach selber zumeist in Wien war. Der am 21.6.1909 in Vielau bei Zwickau geborene Möckel - Gebietsführer der HJ von Sachsen - war nach der Ernennung Axmanns zum neuen Reichsjugendführer am 28.8.1940 zum Stabsführer in der Reichsjugendführung ernannt worden. 57 Spätestens seit September 7

Nach Ablegung der Reifeprüfung hatte er Volkswirtschaft und Pädagogik studiert. Seit 1929 hatte sich Möckel in der NSDAP betätigt, bis zur Machtergreifung vor allem in der SS, er war auch Mitbegründer des NSLB. Seit dem 1.3.1931 hatte er das Mitgliedsbuch der NSDAP. Nach der Machtübernahme wurde er im März 1933 in die Gebietsführung Sachsen berufen, bei der er zunächst in der Schulungs- und Pressearbeit tätig war. 1934 wurde er zum Hauptbannführer und Stabsleiter in der Gebietsführung Sachsen befördert. Am 9.11.1936 erfolgte seine Berufung in die Reichsjugendführung, bei der er mit der Leitung des Arbeitsausschusses für HJ-Heimbeschaffung beauftragt wurde. Für seine Tätigkeit dort überreichte ihm Schirach das Goldene Ehrenzeichen der HJ. Am 1.1.1938 wurde er Gebietsführer in Sachsen. Bei Kriegsbeginn meldete Möckel sich freiwillig zur Luftwaffe, wo er als Jagdflieger ausgebildet wurde. Zur Biographie Möckels vgl. Bestellungen aus der Presse-

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1941 zeichnete er auch als „Bevollmächtigter Vertreter des Jugendführers des Deutschen Reiches und des Reichsjugendführers der NSDAP". 5 8 Somit hatte Möckel eine wichtige Vertrauensstellung innerhalb der Reichsjugendführung. Er fungierte nach der Demission Schirachs als Reichsjugendführer offensichtlich als Bindeglied zwischen Axmann und Schirach. Möckel richtete in der Reichsdienststelle KLV neben den für die organisatorische Abwicklung zuständigen Hauptabteilungen /Transport', G e sundheitsdienst', ,Verwaltung und Ernährung' und .Unterbringung' zwei verantwortliche Referate für ,Führung' und .Ausrichtung' sowie eine ,Reichsinspektion' ein, die für die weltanschauliche Ausrichtung der Jugendlichen verantwortlich waren. Der Hauptabteilung Transport stand der am 17.4.1912 geborene Horst Hechler vor. Er bekleidete über seine Funktionen in der Reichsdienststelle KLV hinaus auch noch das Amt des Inspekteurs der Erweiterten Kinderlandverschickung für das gesamte Reichsgebiet. 59 Für die Referate Führung und Ausrichtung zeichnete Gerhard Dabei verantwortlich. Zum organisatorischen Leiter der,Reichsdienststelle KLV, die in einem Zimmer im Berliner RJF-Haus Kurfürstenstraße mit fünf Personen die Arbeit aufgenommen hatte, berief Schirach den Berliner Jugendführer Grüttner. Als Möckel Anfang 1943 wieder in die Wehrmacht einberufen wurde, übertrug Schirach Grüttner auch die Funktion seines Stellvertreters.60 Die Reichsdienststelle KLV war für alle Fragen der Kinderlandverschickung verantwortlich und fühlte sich damit nicht nur für die in der Zuständigkeit der Hitlerjugend stehenden Aufgaben bei der Organisation und Durchführung der Verschickung weisungsbefugt, sondern auch für Fragen der Unterrichts- und Reiseorganisation, für deren Durchführung die NSV, der NSLB und das Erziehungsministerium zu sorgen hatten. In der Reichsdienststelle wurden alle zentralen Entscheidungen zur Erweiterten Kinderlandverschickung getroffen, ihre Ausführung wurde dann über die HJ-Gebietsführungen an die Stellen delegiert, die für die örtliche Durchführung in Anspruch genommen wurden. Im gesamten Reich wurden hierzu Gebietsbeauftragte für die Erweiterte Kinderlandverschickung ernannt - in der Regel war dies der HJ-Gebietsführer, dem sogenannte ,Bannbekonferenz vom 28.8.1940, BA Koblenz, ZSg. 101/17, Bl. 110, das Archiv für publizistische Arbeit (Intern. Biogr. Archiv), 31.8.1944, BA Potsdam, NS 5 VI, 17673, Bl. 19, sowie BA Abteilung III, Helmut Möckel. 58 So ein Briefkopf von ihm vom 9.9.1941, BA Abteilung III, Helmut Möckel. " Dies läßt sich einem von Dabei unterzeichneten Antrag auf Verleihung eines Kriegsverdienstkreuzes vom 28.8.1942 entnehmen, BA Abteilung III, Horst Hechler. ,,: Rundschreiben des Beauftragten des Führers für die lnspektion der Hitler-Jugend und Reichsleiters für die Jugenderziehung der NSDAP, Dienststelle Kinderlandverschickung 3/43 vom 1.4.1943, HStA München, Reichsstatthalter 388.

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auftragte für die KLV unterstanden. Es folgten in der Hierarchie die KLVStandortbeauftragten und die KLV-Standortmannschaftsführer bzw. -mädelführerinnen. Die NSDAP übernahm die gesamte finanzielle Betreuung der KLV. Für die Abwicklung waren die verschiedenen Parteigliederungen zuständig.61 Die HJ finanzierte Unterbringung, Verpflegung, Einkleidung und Versicherung der Jugendlichen. Die NSV übernahm Transportkosten und -Verpflegung sowie die ärztliche Untersuchung vor Reiseantritt. Der NSLB war verantwortlich für die Übernahme der Schulunterrichtskosten und der Aufwendungen, die für die Lehrer notwendig waren. Die notwendigen Finanzmittel beantragten die Parteigliederungen beim Reichsschatzmeister der NSDAP, der wiederum mit dem Reichsfinanzministerium abrechnete. Die zur Durchführung der Aktion benötigten Führungs- und Verwaltungskräfte wurden von anderen Behörden, Organisationen oder aus der Wirtschaft entweder abgestellt, beordert oder dienstverpflichtet. 62 Zum Kreis dieser Mitarbeiter gehörten Lagermannschaftsführer, Gesundheitsdienstmädel, Wirtschafterinnen, Küchenhilfen, Arzte und die Fachkräfte in den KLV-Dienststellen. Der Bannbeauftragte Kinderlandverschickung war Mitglied des zuständigen HJ-Bannstabes. Er empfing seine Arbeitsanweisungen vom Gebietsbeauftragen KLV und war verantwortlich für die Durchführung und reibungslose Arbeit aller Lager.63 Zwischen den Bannbeauftragten und den in den Lagern eingesetzten Lagermannschaftsführern gab es meist noch mindestens eine hierarchische Zwischenstufe. Bei mehr als acht KLV-Lagern bzw. fünf KLV-Hauptlagern am gleichen Ort wurde ein sogenannter KLV-Standort gebildet, der von einem KLV-Standortbeauftragten bzw. führer geleitet wurde. Ein KLV-Hauptlager wurde gebildet, wenn ein Lager in einem Ort bzw. mehrere Lager derselben Schule eine Stärke von hundert und mehr Jugendlichen aufwies.64 Bestand ein KLV-Hauptlager in mehreren getrennten Gebäuden, so war für jedes ein eigener Lagerleiter und ein eigener Lagermannschaftsführer zu benennen. Der Standortbeauftragte sollte als Verhandlungspartner gegenüber Behörden und Parteidienststellen auftreten, die Bedürfnisse der verschiedenen Lager koordinieren und größere Dienste des ganzen Standortes " Reichsschatzmeister der NSDAP, 4.10.1940. In: Rundschreiben des Beauftragten des Führers für die KLV, Anlage 6. 62 In einem Erlaß Rusts vom 2.10.1940 heißt es: „Die Lager für die nicht in Familien untergebrachten Schüler und Schülerinnen sind Veranstaltungen der NSDAP. Die Unterbringung und lagermäßige Betreuung durch die HJ erfolgt nach den Weisungen der zuständigen Parteistellen." (HA Köln, Best. 560/486, Bl. 5.) *3 Dienstvorschrift KLV/la, S. 13, StA Ludwigsburg, E 202 1/574. M Ebd.,S. 10.

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durchführen. Er war berechtigt, allen ihm unterstellten Lagerleitern und Hauptlagerleitern Weisungen zu erteilen. Mit dieser Dienststelle wurden Hauptlagerleiter - also Lehrer - oder Hitler-Jugendführer beauftragt. Dem KLV-Standortbeauftragten wurden für die Betreuung von Jungenlagern ein Standortlagermannschaftsführer, für die Mädchenlager eine Standortlagermädelschaf tsführerin zugeordnet. 65 Die Standortlagermannschaftsführer bildeten das Bindeglied zwischen der KLV-Organisation und den einzelnen Lagern, wie die Aufgabenbeschreibung des ehemaligen Standortlagermannschaftsführers von Tirol und Vorarlberg, Hanns Schaefer zeigt: „Ich war verantwortlich für die exakte Durchführung der Aufgaben eines Lagermannschaftsführers. Ich reiste also von einem Lager zum anderen und inspizierte den Dienst. Es waren meist von mir ausgebildete Oberschüler, die dann in der Obersekunda/Unterprima waren. Mich verband eine Freundschaft mit den Jungens, ich war ja nicht viel älter als sie. Da gab es hin und wieder mal Beschwerden und die Notwendigkeit, daß ich einen Rüffel erteilen mußte. Ich mußte ja auch die Spinde besichtigen und so. Es war im Grunde ein besserer Unteroffizier-vom-Dienst-Job, den man hatte. Man mußte kontrollieren, ob alles nationalsozialistisch, minimilitärisch vonstatten ging: ob die Meldung zackig genug war, ob das Glied ordentlich angetreten war, ob die Schuhe gut geputzt waren und ob die Jungen in guter körperlicher und kleidungsmäßiger Verfassung waren." 66 Schaefer inspizierte die einzelnen Lager in Tirol und Vorarlberg und gab Berichte an die Gebietsführung in Innsbruck ab. Als Standortlagermannschaftsführer wohnte Schaefer mit in einem Lager und wurde dort verpflegt.67 Mit der Einrichtung der Kinderlandverschickung verlor der Staat - sieht man von den Sonder- und Spezialschulen der Partei ab - zum ersten Mal die Aufsicht über einen Teil des schulischen Ausbildungssystems. Diese Funktion ging nun über auf den Berufsverband der Lehrerschaft, den Nationalsozialistischen Lehrerbund. In einem Rundschreiben der Reichswaltung des NSLB vom 5.10.1940 verkündete dieser zufrieden: „Für die schulische Betreuung ist nach der Weisung des Führers die Partei verantwortlich. Demzufolge wurde der Schulunterricht und dessen Beaufsichti"3 Ebd. ** Gespräch mit dem ehemaligen Lagermannschaftsführer und Standortlagermannschaftsführer von Tirol und Vorarlberg, Hanns Schaefer, vom 28.9.1994. 67 „Es war für einen jungen Mann, wie ich damals war, noch nicht ganz 20, eigentlich eine anstrengende Tätigkeit, auch ganz neu. Da spielten natürlich jetzt auch politische Momente mit. Man achtete also darauf, daß man nichts Wehrzersetzendes sagte, was ich mich auch nicht zu tun getraut habe." (Ebd.)

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B. Einrichtung

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gung dem NSLB und seinem Reichswalter Gauleiter Parteigenossen Wächtler übertragen. [...] Die Schulaufsicht wird nach reichseinheitlichen Weisungen durch den NSLB-Gauwalter des Aufnahmegaues und durch seine hierfür schriftlich Bevollmächtigten wahrgenommen." 68 Kurze Zeit später erschien ein Erlaß des Reichsministeriums für Wissenschaft, Erziehung und Volksbildung, in dem das Ministerium die Aushebelung der staatlichen Schulaufsicht zugunsten einer parteilichen bestätigt. „Nach den besonderen Anordnungen des Führers" trage die Verantwortung für den in den Lagern zu erteilenden Unterricht ausschließlich der Sonderbeauftragte des Führers für die Erweiterte Kinderlandverschickung, Reichsleiter von Schirach. „Dieser bedient sich dabei der zuständigen Amtswalter des NSLB. Von Aufsichtsmaßnahmen der Schulaufsichtsbehörden ist daher abzusehen." 69 Die Lehrer durften nunmehr keinen direkten Kontakt mit ihren Heimatbehörden aufnehmen, sondern mußten hierzu immer den Dienstweg über ihre neuen Aufsichtsorgane im Aufnahmegau gehen. Auch der NSLB richtete für die Durchführung seiner Aufgaben in der Erweiterten Kinderlandverschickung eine eigene Organisationsstruktur ein. Allerdings waren die Kompetenzen des Reichswalters des NSLB, Fritz Wächtler, sehr eingeschränkt. Sie bezogen sich nur auf die Organisation des Unterrichtes und die Rekrutierung der Lehrer. Dabei mußte Rücksicht auf Wünsche der HJ genommen werden. In den einzelnen Gauen wurden nun KLV-Schulbeauftragte eingesetzt, die die Arbeit auf Gauebene koordinieren sollten. Jeder Entsendegau schickte zudem einen NSLB-Inspekteur in die Aufnahmegaue, der vor allem schulaufsichtliche Aufgaben wahrnehmen sollte.70 In den Entsendegauen wurde darüber hinaus das Amt des KLV-Kreissachbearbeiters geschaffen, der als Ansprechpartner für die Eltern dienen sollte.71 *8 Rundschreiben der Reichswaltung des NSLB vom 5.10.1940, StA Detmold, M 1 IIB/4408. " Erlaß des RMWEV vom 7.2.1941, StA Detmold, L 80 HI/4372. 70 Rundschreiben 52 der Reichswaltung des NSLB vom 25.4.1941: „Jeder Aufnahmegau bekommt einen Inspekteur des NSLB aus einem Entsendegau. Dieser Inspekteur ist dem Gauwalter des NSLB des Aufnahmegaues disziplinar und fachlich unterstellt. [...] Wird die Arbeit dieses Inspekteurs zu umfangreich und wird in besonders gelagerten Fällen eine persönliche Bindung zu den anderen Entsendegauen gewünscht, so kann der Gau walter des Aufnahmegaues einen Beauftragten des anderen Entsendegaues anfordern, der dienstlich dem zuerst eingesetzten NSLB-Inspekteur unterstellt ist." (StA Hamburg, 361-10/53a, Hervorhebung im Original.) 71 Die KLV-Krcissachbearbeiter hatten die offensichtlich sehr aufwendige Aufgabe, die Eltern von den Vorteilen der KLV zu überzeugen und den Beschwerden beunruhigter Eltern nachzugehen. So schrieb ein Hamburger Sachbearbeiter an den Kreisamtsleiter des NSLB: „Wenn auch zur Zeit für die Verschickung im Kreis 2 .flauer Geschäftsgang' ist, so sind doch noch zahlreiche Kinder verschickt und Lehrer eingesetzt, es kommen laufend welche zurück, es müssen Vertretungen gestellt und neue Werbungen vorbereitet werden usw. Jedenfalls besteht durchaus die Notwendigkeit, daß der KLV-Kreissachbearbeiter zu

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Auch die NSV mußte für ihre Tätigkeit in der Kinderlandverschickung eine besondere organisatorische Struktur schaffen. In den Entsendegauen ließ sich die Arbeit an die bereits bestehende Gliederung anlehnen. Für die einzelnen Aufnahmegaue bestellte die NSV sogenannte Gauverbindungsmänner, die als Ansprechpartner und Inspektoren tätig waren. Die Gauverbindungsmänner wiederum benannten unter den Lehrern Kreisverbindungsmänner oder -frauen. Deren Aufgaben reichten von der Besichtigung einzelner KLV-Heime bzw. -Familienpflegestellen über die Meldung von abgereisten Müttern und Kindern bis hin zur Bearbeitung von Beschwerden aller Art. Mit den HJ-Lagern der KLV beschäftigten sie sich nicht.72 Vielmehr sollten sie bei ihren Besuchen in den Quartieren feststellen, ob Behandlung, Verpflegung und Unterkunft den Verhältnissen entsprechend in Ordnung waren. Die NSV sollte für Abschaffung der Mängel Sorge tragen. „Alles was an Sorgen und Nöten da ist" sollte an den Kreisverbindungsmann herangetragen werden und „in Zusammenarbeit mit unseren Kameraden von der NSV" bereinigt werden. 73 In den Berichten der Kreisverbindungsmänner spiegeln sich so vor allem die täglichen Probleme der KLV. So beschweren sich die Gasteltern über die Reinlichkeit der Kinder und umgekehrt. Mit inhaltlichen oder erzieherischen Fragen beschäftigen sich die Berichte nicht.

/. Die Aufgaben im Entsendegau Die Zielgruppe Mit der Erweiterten Kinderlandverschickung sollten die Jugendlichen, „die immer wieder nächtliche Luftalarme haben" 74 , in friedliche Gebiete des Reiches geschickt werden. Waren in den ersten Tagen nur Kinder aus Berlin und Hamburg verschickt worden, wurde die Maßnahme bereits Anfang Oktober 1940 auf die Gaue Westfalen-Nord, Westfalen-Süd, Essen, Düsseldorf, Köln-Aachen und Weser-Ems ausgeweitet, also auf die Gebiete, in denen die Gefahr eines englischen Luftangriffs am größten war. Grundsätz-

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bestimmten Stunden für alle Schulen und Dienststellen erreichbar sein muß." (Schreiben des KLV-Kreissachbearbeiters Kindermann an den Kreisamtsleiter des NSLB vom 5.11.1942, StA Hamburg, 361-10/1.) Vgl. die umfassende Dokumentation der Tätigkeit des NSV-Gauverbindungsmanns Spratte, der als Gesandter des Gaus Westfalen-Süd im Gau Baden tätig war. GLA Karlsruhe, 465d/906-908, 916 u. 932. Antwort des NSV-Gauverbindungsmannes Westfalen-Süd in Baden vom 3.8.1943 auf eine entsprechende Anfrage vom 30.7.1943, beide in GLA Karlsruhe, 465d/932. So das Rundschreiben Bormanns vom 27.9.1940, abgedr. im Anhang, S. 353.

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lieh stand die KLV dort jedem deutschen Schüler bis zum vierzehnten Lebensjahr offen. Jüdische Kinder durften allerdings nicht teilnehmen.75 Von der Verschickung ausgeschlossen wurden außerdem Kinder mit akuten Krankheiten, Bettnässer, Epileptiker, schwer Erziehbare und - zumindest in den ersten Monaten - Hilfsschüler.76 Taubstumme und Gehörlose konnten sich zwar grundsätzlich zur KLV anmelden, jedoch mußte hier jeweils eine geschlossene Klassengruppe gemeinsam reisen.77 Alle diese Einschränkungen dienten der Schaffung eines ,gesunden Volkskörpers' in jedem einzelnen Lager. Schon bei der Auswahl der für die Erweiterte Kinderlandverschickung in Frage kommenden Kinder wird also deutlich, daß es sich hierbei nicht um eine vorbehaltlos karitative Aktion des Staates handelte, sondern um eine Maßnahme, die mit den allgemeinen völkisch-rassischen Zielen des Systems korrespondierte. Zumindest in den ersten Monaten wurde die Fiktion aufgebaut, die Erweiterte Kinderlandverschickung richte sich in erster Linie - wie die Er75

So teilte der Hamburger KLV-Bcauftragte des NSLB, Sahrhage, am 17.3.1943 seinen Kreiswaltern „in gegebener Veranlassung" mit, „daß jüdische Mischlinge ersten und zweiten Grades nicht an der KLV teilnehmen können." (Schreiben des KLV-Beauftragten des NSLB, Sahrhage, an die Krciswalter vom 17.3.1943, StA Hamburg, 361-10/5.) "> In einem Rundschreiben hieß es im Februar 1943, daß alle Jugendlichen mit körperlichen und seelischen Gebrechen, die einer erhöhten Pflege bedürften und das Gemeinschaftsleben störend beeinflussen würden, nicht für eine Verschickung in Frage kämen: „z. B. Gelähmte, Epileptiker, sowie alle Jugendlichen mit schweren Organerkrankungen, die den Betreffenden für den allgemeinen Dienst der Hitler-Jugend untauglich machen: darüber hinaus alle chronischen Bettnässer." (Rundschreiben 8/43 vom 1.2.1943 des Beauftragten des Führers für die Erweiterte Kinderlandverschickung, BA Koblenz, NS 8/212.) Unter der Überschrift „Verschickung asozialer Elemente" hatte Schirach bereits im Mai 1941 die Gaubeauftragten aufgefordert, dafür zu sorgen, „daß Kinder, deren verbrecherische Neigung bezw. deren asoziale Einstellung bereits bekannt ist, auf keinen Fall an der Gemeinschaftsverschickung teilnehmen." (Rundschreiben des Beauftragten des Führers für die KLV Nr. 5/41, 20.5.1941, S. 3.) '7 Allerdings versuchten die Verantwortlichen immer wieder, diese Kinder von der Kinderlandverschickung auszuschließen. So wurde dem Hamburger Gaufachgruppenleiter Hilfsschulen im NSLB am 15.11.1940 vom NSLB-Gauwalter der NSV Hamburg, Mathies, mitgeteilt, daß Flilfsschulen von der Verschickung auszuschließen seien. (Vgl. das Antwortschreiben des Gaufachgruppenleiters Hilfsschulen im NSLB, Lüdecke, an NSVGauwalter Mathies vom 15.11.1940, StA Hamburg, 361-10/2.) Daraufhin erhoben sich seitens der NSLB-Gaufachgruppc massive Proteste, die dafür sorgten, daß das Verbot wieder rückgängig gemacht wurde. (Vgl. den entsprechenden Hinweis im Schreiben eines Lehrers an den Gaufachgruppenleiter Lüdecke, o. D., ebd.) Anfang 1943 wurde ein erneuter Versuch gemacht, die Hilfs- und Sonderschulen von der KLV auszuschließen, gegen den sich die betroffenen Schulen massiv wehrten. (Schreiben der Hamburger Sprachheilschule Karolinenstraße an den Gaufachschaftsleiter der Fachschaft V im NSLB, Lambeck, ebd.) In der Antwort des KLV-Beauftragten des NSLB, Sahrhage, wurde ein Kompromiß gefunden. Hier hieß es, daß nicht die Hilfs- und Sonderschulen ausgeschlossen werden, sondern lediglich in diesen nicht besonders für die Erweiterte KLV geworben werden sollte. „Von einem grundsätzlichen Ausschluß ist also weder in der Theorie noch in der Praxis die Rede."

(Ebd.)

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holungsverschickung auch - an sozial schwache Familien. Dies entsprach der im Erlaß Bormanns angekündigten Zielsetzung der Aktion. Am 15. Oktober 1940 wurde in der Pressekonferenz des Reichspropagandaministeriums erklärt, von jeder Zeitung werde erwartet, „daß sie morgen in einem Kommentar zu der Frage der Evakuierung luftgefährdeter Gebiete Stellung nimmt und dabei unter anderem den Gedanken zum Ausdruck bringt, daß nun auch die Kinder bemittelter Schichten auf eigene Kosten in sichere Gebiete gebracht werden." 78 In Wirklichkeit wurde die soziale oder finanzielle Situation der Eltern überhaupt nicht berücksichtigt - geworben wurde in allen Schulen, alle Anmeldungen zur Erweiterten Kinderlandverschickung wurden angenommen. Die Anmeldung Die Anmeldungen zur KLV liefen über die Schulen. Diese führten Informationsveranstaltungen durch, in denen sie für die Verschickung warben. Anschließend sammelten sie die Verpflichtungsscheine der Eltern ein und übergaben sie den Beauftragten für die KLV in der Hitlerjugend, denn für die Aufteilung der Jugendlichen auf die einzelnen Lager war alleine die nationalsozialistische Jugendorganisation zuständig. Verschickt wurden nur solche Jugendliche, deren Eltern mit einer Dauer von mindestens sechs Monaten einverstanden waren. Die Verschickung mußte zwar auf freiwilliger Grundlage erfolgen, dennoch sollten die Jugendlichen möglichst klassenweise in den Schulen erfaßt werden und zur Entsendung kommen. Für Volksschülerinnen und Volksschüler bedeutete die Entsendung in die Erweiterte Kinderlandverschickung in der Regel, in einer etwa altersgleichen Gruppe mit einer meist unbekannten Lehrkraft verschickt zu werden. Die Schüler kamen oft weder aus derselben Schule noch aus demselben Stadtteil.79 Bei den Höheren Schulen bemühten sich meist die Schulleiter, eigene Lagergruppen zusammenzustellen. Jungen konnten nicht von einer Lehrerin, Mädchen aber durchaus von einem Lehrer begleitet werden, sofern noch eine weibliche Person mit im selben Lager un7S

Bestellungen aus der Pressekonferenz vom 15.10.1940, BA Koblenz, ZSg. 102/28, Bl. 41. Zeitungen in Orten, aus denen Kinder bisher nicht verschickt würden, sollten zunächst noch nicht diese Kommentierung bringen. „Sobald auch in diesen Orten die Kinderverschickung beginnt, muß dann gelegentlich gesagt werden, daß zuerst die Kinder der minderbemittelten Kreise auf Kosten der Allgemeinheit verschickt werden, daß dann aber auch die begüterten Schichten angeregt werden, ihre Kinder auf eigene Kosten in sichere Gebiete zu bringen." (Ebd., Bl. 42.) " Das hat Wissmann zumindest für Bremen zeigen können. Vgl. Wissmann, So war eben unsere Schulzeit, S. 240.

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tergebracht war. Aufgrund der „laufend aufgetretenen Schwierigkeiten"80 in den Aufnahmegebieten forderte jedoch zum Beispiel der badische Gauleiter für Volkswohlfahrt bereits Anfang November 1940 die Entsendeund Aufnahmestellen auf, bei der Zuteilung der Kinder auf Pflegefamilien darauf zu achten, daß diese von ihrem Milieu her zueinander paßten.81 Die Eltern mußten bescheinigen, daß in der Wohngemeinschaft des Kindes in den letzten zwei Jahren keine ansteckenden Krankheiten vorgekommen waren und daß das Kind kein Bettnässer war.82 Einige Wochen vor Reiseantritt führte die NSV schließlich bei jedem Kind eine medizinische Untersuchung durch. Der gründlichen Untersuchung schloß sich noch eine Ausreiseuntersuchung an, die zwei bis vier Tage vor der Abreise erfolgte. Jugendliche mit Ungeziefer oder übertragbaren Krankheiten sollten so von der Fahrt ausgeschlossen werden. 83 Die Kinder erhielten nach Abschluß dieser Untersuchungen eine Umhängekarte mit Angaben über die Zugehörigkeit zu einer Krankenkasse, die ihnen vor der Abreise um den Hals zu hängen war.84 Die Kinder sollten ihre Reise mit einer ausreichenden Menge an Kleidungsstücken antreten. In einem Rüstzettel wurden die Eltern auf diesen Umstand ausdrücklich aufmerksam gemacht.85 Eventuell nicht vorhandene Kleidung sollte die NSV aus ihren Beständen ergänzen. Der erste grundlegende Erlaß, der die Frage der Einkleidung und materiellen Ausstattung der Kinder regeln sollte, wurde schließlich am 8.2.1941 vom Reichswirtschaftsminister herausgegeben. Die NSV sollte zukünftig überwachen, daß 80

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Schreiben des badischen Gauamtes für Volkswohlfahrt an die Gauamtsleitung der NSDAP und die Leiter der Ämter für Volkswohlfahrt vom 8.11.1940, GLA Karlsruhe, 465d/954. „Bei der Ergänzung der Pflegestellenlisten durch den Entsendegau sind die jeweiligen Verhältnisse des Kindes in eine gewisse Übereinstimmung mit dem häuslichen Milieu der Gasteltern, soweit dies nach der Berufsangabc auf den Pflegestellcnlisten möglich ist, zu berücksichtigen." (Merkblatt für die Erweiterte Kinderlandverschickung, Anlage zum Schreiben des badischen Gauamtes für Volkswohlfahrt an die Gauamtsleitung der NSDAP und die Leiter der Ämter für Volkswohlfahrt vom 8.11.1940, ebd.) Vgl. Rundschreiben 8/43 vom 1.2.1943 des Beauftragten des Führers für die Erweiterte Kinderlandverschickung, BA Koblenz, NS 8/212. Ebd. In einem Merkblatt hieß es hierzu: „Sämtliche Kinder müssen eine in allen Teilen ordnungsgemäß ausgefüllte Umhängekarte sichtbar tragen. Die Umhängekarten müssen auf der Rückseite Angaben über Zugehörigkeit einer Krankenkasse enthalten und gelten gleichzeitig als Krankenschein." (Merkblatt für die Erweiterte Kinderlandverschickung, Anlage zum Schreiben des badischen Gauamtes für Volkswohlfahrt an die Gauamtsleitung der NSDAP und die Leiter der Ämter für Volkswohlfahrt vom 8.11.1940, GLA Karlsruhe, 465d/954.) Hier hieß es: „Keinesfalls dürfen die Kinder mit ungenügender Kleidung auf die Reise geschickt werden. (Rüstzettel für die 10- bis 14-jährigen, StA Ludwigsburg, E 202/575.) Vorgeschrieben war demnach unter anderem folgende Ausrüstung: ein warmer Zivilanzug, ein Wintermantel, eine Kopfbedeckung, zwei Paar Schuhe, mindestens drei Paar Strümpfe, ein Pullover sowie Näh- und Flickzeug.

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die verschickten Kinder und Jugendlichen eine gewisse Mindestausstattung an Kleidung und Schuhen mit sich führten. Grundsätzlich hätten die Eltern selbst dafür zu sorgen. „Soweit sie dazu außerstande sind, tritt ausnahmsweise die Betreuung durch die NSV an ihre Stelle. Es wird Vorsorge getragen, daß die erforderlichen Waren nach Art und Menge in den Entsendegauen vorhanden sind."86 Die Wirtschaftsämter des Heimatortes wurden beauftragt, die Koffer aller von der KLV erfaßten Kinder daraufhin zu überprüfen, ob die Kleidung für einen langen Aufenthalt ausreichen würde. 87 Waren alle Anmeldeformalitäten geregelt, machte sich das Kind schließlich zur festgesetzten Zeit auf den Weg zur Sammelstelle, von der aus die Transporte in die Kinderlandverschickung starteten. Der Transport In der Reichsdienststelle KLV leitete der ehemalige Sportlehrer Horst Hechler das Referat Unterbringung und Transport'. 88 Ihm oblag es, auf Fahrplankonferenzen, die alle zwei bis drei Monate stattfanden, mit Vertretern der Reichsbahn die Transporte in die Aufnahmegebiete zu organisieren. Diese wurden zumeist in Sonderzügen durchgeführt, manchmal aber auch in reservierten Abteilen von Regelzügen. In den ersten zwei Jahren wurden rund 1.700 Sonderzüge eingesetzt.89 Die Sonderzüge wurden st 87

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Erlaß des Reichswirtschaftsministers vom 8.2.1941, StA Detmold, M 1 II B/4408. Ebd. Das Problem der mangelnden Ausrüstung der Kinder blieb trotz aller Regelungsversuche die ganze KLV-Zeit über bestehen. So berichtete der Gauverbindungsbeauftragte der NSV Westfalen-Süd in Baden am 12.7.1943 von einem Einzelfall, „der bezeichnend für die Gesamtlage" war. Das betreffende Kind war ausgesprochen schlecht eingekleidet in Donaueschingen angekommen. Nachdem mit viel Mühe die Kleidung beschafft worden sei, hätte die Mutter des Kindes den Pflegeeltern geschrieben, daß fällige Punkte auf der Kleiderkarte nicht mehr vorhanden seien. „Dabei steht nun einwandfrei fest, daß Frau R. ihrem Kind überhaupt nichts gekauft hat." Diese Fälle würden sich derartig häufen, daß der Gauverbindungsbeauftragte annahm, „man entzieht bewußt den Kindern die zustehenden Punkte und Lebensmittelkarten usw. in der Annahme, der Gau Baden bezw. die NSV wird sich schon genügend Sorge darum machen und auch in der Lage sein, hier zu helfen. Das ist ein großer Irrtum, denn auch der Gau Baden liegt in Deutschland, wo bekanntlich alles zwangsbewirtschaftet ist." (Schreiben des Gauverbindungsmannes der NSV Westfalen-Süd in Baden an den Kreisleiter der NSDAP, Knoop, in Dortmund vom 12.7.1943, GLA Karlsruhe, 465d/916.) Für dieses und das Folgende vgl. den Bericht Hechlers in Dabei, KLV, S. 19-23. Die Angabe über die Zahl der eingesetzten Sonderzüge schwankt in den einzelnen Quellen nur unwesentlich und scheint insgesamt glaubwürdig zu sein. So hieß es in der Mitgliederversammlung der Reichszentrale Landaufenthalt für Stadtkinderam 1.2.1943, bis Ende 1942 seien 1.784 Sonderzüge eingesetzt worden (Protokoll der Mitgliederversammlung der .Reichszentrale Landaufenthalt für Stadtkinder e.V.' am 1.2.1943, BA Koblenz, R 36/2045.) Lediglich ein Telegramm Schirachs an Adolf Hitler zur Verabschiedung des eintausendsten Sonderzuges vom März 1941 fällt hierbei etwas aus dem Rahmen. Da hier auch die angegebene Zahl der bereits verschickten Kinder überzogen ist, muß davon ausgegangen werden,

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B. Einrichtung und Aufbau der KLV

von sogenannten Transportleitern begleitet, die anschließend über die Vorkommnisse auf der Fahrt Bericht erstatteten. Oft handelte es sich dabei um Hitlerjungen, die nicht wesentlich älter waren als die zu betreuenden Kinder,90 und für ihre Tätigkeit sogenannte Transportbegleiterspesen erhielten. Für ehrenamtliche Transportbegleiter waren je Fahrt sieben Reichsmark vorgesehen, Tranportleiter und Transportärzte erhielten zehn Reichsmark.91 Die Fahrten verliefen offensichtlich - wie bei Reisen von Jugendlichengruppen nicht weiter ungewöhnlich - nicht so diszipliniert, wie es die freudigen Berichte in den Tageszeitungen die Eltern glauben machen wollten. So hieß es in einer Notiz des Gauamtes für Volkswohlfahrt vom 7.5.1943: „In der Entsendeperiode März/April wurden von den einzelnen Reichsbahndirektionen sehr viele Sonderzug-Garnituren nach Durchführung der Transporte beanstandet. U.a. wurden wieder Fensterscheiben, Tische, Vorhänge usw. beschädigt. Die Reichsbahn wird in Zukunft den jeweiligen Entsendegau für diese Schäden haftbar machen."92 Während die Kinder auf dem Weg in die Entsendegebiete nahezu ausschließlich Sonderzüge benutzten, mußten sie für die Rückkehr in die Heimat häufig reguläre Verbindungen benutzen. Damit trugen die Organisatoren einem Problem Rechnung, das im Laufe der Zeit zunehmend für Schwierigkeiten sorgte: die kriegsbedingte Verknappung von Transportkapazitäten. 93 Eine erste Maßnahme war der Versuch einer günstigeren Ausnutzung der Züge. So wurde im Mai 1943 verfügt, daß KLV-Sonderzüge zukünftig nur noch auf solchen Stationen halten sollten, „wo mehr als

daß es sich insgesamt mehr um eine Propagandamaßnahme zur Werbung für die Kinderlandverschickung als um eine tatsächliche statistische Meldung handelte. (Telegramm des Reichsleilers und Beauftragten des Führers für die Erweiterte Kinderlandverschickung, von Schirach, an Adolf Hitler vom 31.3.1941, ÖStA/AdR, RStH Wien, Kart. 23.) Zur Frage der Größenordnung der Erweiterten Kinderlandverschickung vgl. das entsprechende Kapitel ab S. 134. 90 Vgl. z.B. den Bericht des Transportleiters und Gaulotsen des Gaues Baden über den Transport mit dem Sonderzug Ki 1607 mit Müttern und Kleinkindern von Dortmund nach Mülhausen am 5-/6.11.1942, (GLA Karlsruhe, 465d/957) oder die autobiographische Schilderung von Gielsdorf, Vom Christkind eine Landsknechtstrommel, S. 107f. " NSV-Finanzrundverfügung 12/43 vom 23.2.1943, StA Münster, GfV 656. 92 Notiz des Gauamtes für Volkswohlfahrt im Gau Westfalen-Nord vom 7.5.1943, StA Münster, GfV 653. 93 Golücke zeigt in seiner Untersuchung über die Reichsbahn während des Krieges, daß es bereits vor Kriegsausbruch zu Verkehrsstockungen in der Reichsbahn aufgrund der steigenden Forderungen der Wehrmacht gekommen war. Ende Dezember 1941 erfolgte ein Einbruch der Verkehrsleistungen auf breiter Front. Selbst wichtige Rüstungstransporte konnten nur zu 70 Prozent durchgeführt werden. Im Sommer 1942 sei es dann durch eine Reorganisation der Waggonproduktion zu einer nachhaltigen Entspannung der Transportlage gekommen. (Golücke, Der Zusammenbruch Deutschlands, S. 58f.)

/ / / . Die Organisation der KLV

95

zwanzig Personen aussteigen. Ferner müssen an der Zielstation mindestens 150-200 Personen den Sonderzug verlassen."94 Als die Transportschwierigkeiten bei der Bahn mit zunehmender Kriegsdauer immer größer wurden, brachten auch Schiffe die Kinder zu ihren Bestimmungsorten. Der erste Flußdampfer mit 430 Kindern verließ Hamburg in Richtung Prag am 14.9.1942 ,95 Bis Ende 1942 wurden nach Auskunft eines Leistungsberichtes der Reichsdienststelle Kinderlandverschickung insgesamt 78 Transporte auf Donau, Rhein, Weser und Elbe mit 35.817 Verschickten durchgeführt. 96 Die Fahrten dauerten jeweils mehrere Tage. Nachts wurden die Kinder in Schulen und Turnhallen bzw. bei Privatfamilien untergebracht. In den Schilderungen, die in den Tageszeitungen über die Transporte erschienen, wurden die Reisen als idyllische Dampferfahrten dargestellt. Von den offiziellen Transportbegleitern verfaßte Berichte zeigen jedoch, daß diese für die Öffentlichkeit bestimmten Schilderungen nicht der Wahrheit entsprachen. Die Reisen verliefen vielmehr unter schwierigsten Bedingungen. So waren die Kinder auf den für große Personenzahlen nicht ausgelegten Ausflugsdampfern nur mangelhaft vor Kälte und Regen geschützt, die nächtlichen Unterkünfte waren äußerst provisorisch und die Boote oft zu klein für die hohe Zahl von achthundert bis tausend Kindern. 97 Bei den Klagen über die Transportbedingungen auf den Schiffen handelte es sich nicht nur um die Reaktionen überempfindlicher Teilnehmer oder ihrer Eltern. So berichtete ein Vertreter des Hamburger Hauptamtes für Volkswohlfahrt im Oktober 1942 unter Berufung auf zwei Ärzte von zahlreich aufgetretenen Erkältungskrankheiten wegen der unzureichenden Massenquartiere unterwegs und der Kälte in den Morgenstunden. Anfangs unvernünftige Ernährung habe zu schweren Magen-Darm-Störungen geführt und in einem der Massenquartiere habe es Wanzen gegeben.98 Somit standen bereits am Beginn der KLV-Reisen ernste Klagen über die Aktion. Die vollkommen unzureichenden Transportbedingungen diskreditierten die Erweiterte Kinderlandverschickung insgesamt.

94

93 %

97

98

Notiz des Gauamtes für Volkswohlfahrt im Gau Westfalen-Nord vom 7.5.1943, StA Münster, GfV 653. Vgl. die Unterlagen im StA Hamburg, 361-10/67. Zahlen bei Schirach, Leistungen der Erweiterten Kinderlandverschickung, in: Parteikanzlei, Vertrauliche Informationen, Folge 76, Beitrag 985, 27.11.1942. Vgl. z. B. den Bericht über den Schiffstransport eines Hamburger Lagers von Düsseldorf nach Würzburg, o. D., StA Hamburg, 361-10/4. Schreiben des Leiters der Hauptstelle Wohlfahrtspflege und Jugendhilfe im HA für Volkswohlfahrt, Gau Hamburg, an die Gebictsführung der HJ, vom 22.10.1942, BA Koblenz, ZSg. 140/95.

96

2. Die

B. Einrichtung

und Aufbau

der KLV

Aufnahmegaue

Je mehr Städte in die KLV einbezogen wurden, desto größer war der Bedarf an Quartieren in den ländlichen Aufnahmegebieten. Die Verschickung führte zunächst in die südlichen und östlichen Gaue des Großdeutschen Reiches, also in die heutigen Bundesländer Baden-Württemberg, Hessen, Bayern, Mecklenburg, Thüringen und Sachsen sowie nach Pommern, Westpreußen, Ostpreußen, Posen, Schlesien und in das Sudetenland. Auch in den,neuen Reichsteilen' wurden KLV-Lager eingerichtet: in Österreich, im polnischen Beskidengebiet sowie in Böhmen und Mähren. Das befreundete oder abhängige Ausland wurde ebenfalls dazu veranlaßt, Raum für die verschickten Kinder zur Verfügung zu stellen. Jedem sogenannten Entsendegau wurden mit Beginn der Aktion zwar verschiedene Aufnahmegaue zugeordnet, diese Aufteilung änderte sich im Laufe der KLV-Aktion jedoch mehrfach. Daß die Jugendlichen in zumeist sehr weit entfernte Aufnahmegebiete geschickt wurden, erklärt Dabei ausschließlich mit der Versorgungslage und dem Fehlen von geeigneten Unterbringungsmöglichkeiten in der Nähe der Städte.99 Tatsächlich diente die Verschickung in von der Heimat weit entfernte Aufnahmegebiete auch noch einem anderen Ziel: Je weiter die Kinder von der Heimat entfernt waren, desto weiter entfernt glaubte man sie auch vom elterlichen und vom kirchlichen Einfluß. Wie das aussehen konnte, zeigt ein Briefwechsel zwischen dem Gauleiter und Reichsstatthalter in Salzburg, Friedrich Rainer, und Baidur von Schirach. Auf dessen Frage, ob Rainer bezüglich der Zuteilung von Kindern besondere Wünsche hätte, bat der Salzburger Statthalter, in den Reichsgau Salzburg vornehmlich Kinder aus evangelischen Familien oder überwiegend evangelischen Gegenden des Altreichs einzuweisen. Es habe sich gezeigt, „daß betont katholische Familien sich bemühen, auf konfessionsgleiche Kinder Einfluß zu nehmen." 100 Die Reichsjugendführung teilte daraufhin dem Salzburger Obergebietsführer Müller mit, „daß dem Wunsche des Gauleiters, vornehmlich Kinder aus ev. Gegenden zugewiesen zu bekommen, im Allgemeinen dadurch Rechnung getragen ist, daß dem Gau Salzburg Kinder aus Bremen und Wilhelmshaven zugewiesen wurden." 101 99

100

101

Dabei, KLV, S. 42. Dieser These folgt auch ein Teil der Forschung, so z.B. Focke/Reimer, Alltag unterm Hakenkreuz, S. 55: „Die KLV-Lager hatten einen solchen Umfang angenommen, daß die Lager in Deutschland nicht mehr ausreichten." Schreiben des Gauleiters und Reichsstatthalters in Salzburg, Rainer, an den Gauleiter und Reichsstatthalter in Wien, Reichsleiter Baidur von Schirach, vom 27.2.1941, ÖStA/AdR, Bürckel/Mat4651,Bd. II. Fernschreiben der Reichsjugendführung Berlin an den Salzburger Obergebietsführer Müller vom 10.3.1941, ÖStA/AdR, Bürckel/Mat 4651, Bd. IL

/ / / . Die Organisation der KLV

97

Zuteilung von Entsendegebieten auf die einzelnen Aufnahmegebiete 1 Entsendegebiete

Aufnahmegebiete Stand März 1941

Aufnahmegebiete Stand Mai 1943

Berlin

Ostland Danzig-Westpreußen Wartheland

Mark Brandenburg Ostpreußen Pommern

Nordmark Nordsee Schleswig-Holstein

Niederdonau Kurhessen Salzburg Schwaben

Schleswig-Holstein Franken

Niedersachsen

Pommern Weser-Ems Sachsen Kurhessen

Weser-Ems

Westfalen (Nord- und Süd)

Franken Hochland Württemberg Baden Steiermark Mainfranken Slowakei

Westfalen-Nord München-Oberbayern Baden Sudetenland Westfalen-Süd Moselland

Ruhr-Niederrhein Essen

Thüringen Protektorat Slowakei

Württemberg-Hohenzollern Niederdonau Steiermark Kärnten Westfalen-Nord Schwaben Tirol Moselland

Köln-Aachen

Schlesien

Baden Sachsen Niederschlesien Moselland

Hamburg

Bayer. Ostmark

Schleswig-Holstein Bayer. Ostmark Mark Brandenburg

Düsseldorf

Sachsen Sudetenland Slowakei

Thüringen Oberdonau Mainfranken Moselland

l0

-' Für 1941 vgl. das Rundschreiben der NSDAP-Reichsjugendführung 9/41 vom 21.3.1941, ÖStA/ AdR, Bürckel/Mat 4651, Bd. II; für 1943 vgl. die Aufstellung von Partei-Kanzlei, RMI und Hauptamt für Volkswohlfahrt, abgedr. im Rundschreiben der NSV-Gauleitung Baden vom 11.5.1943, GLA Karlsruhe, 465d/908. Die Bezeichnung der einzelnen Gebiete folgt nicht einheitlich der Gauaufteilung, deshalb sind einige der Gebiete für diese Aufstellung zusammengefaßt.

98

B. Einrichtung

und Aufbau

der KLV

Das Zusammenleben von eingesessener ländlicher Bevölkerung und den Gästen aus den Großstädten des Reiches gestaltete sich in allen Aufnahmegauen zunächst als schwierig. Das Reichssicherheitshauptamt schrieb deshalb am 3.12.1940 an alle SD-Abschnitte: „Es liegen aus den verschiedensten Gegenden viele Klagen vor über Schwierigkeiten und Unzulänglichkeiten bei der Verschickung bzw. Unterbringung von Kindern aus luftgefährdeten Gebieten (Disziplinloses Verhalten der Kinder, ungeeignete Lehrer u.a.)." 103 Vor allem eine große Zahl von Diebstählen und Vandalismus durch die Stadtkinder sorgte für Unmut in der Bevölkerung. Der Sicherheitsdienst forderte deshalb eine größere Sorgfalt bei der Zusammenstellung der Lager, „wenn sich die Zustände nicht weiter zu einer Katastrophe entwickeln sollen."' 04 Im Laufe der Zeit bekamen die Verantwortlichen diese Probleme aber einigermaßen in Griff.105 Die Bedingungen für die Einrichtung der KLV-Lager waren in den einzelnen Aufnahmegebieten sehr unterschiedlich. So trafen die Organisatoren in Bayern auf eine zu diesem Zeitpunkt bereits gut ausgebaute Fremdenverkehrs-Infrastruktur. Hier waren genügend lagergeeignete Häuser vorhanden, und die Verhältnisse von Großstadtmenschen waren der bayerischen Bevölkerung nicht fremd. Andererseits sahen die Gastwirte und Pensionsbetreiber durch die mit wenig Geld anreisenden Kinder ihre Lebensgrundlage - nämlich die Einnahmen durch wohlhabende Kur- und Feriengäste - in Gefahr. Die Hausbesitzer sahen den Fremdenverkehr durch die vielen Kinder dauerhaft bedroht, obwohl sie für die Bereitstellung eines Gebäudes als KLV-Lager eine Entschädigung erhielten, die sich an den Sätzen des Reichsleistungsgesetzes orientierte. LInterstützung in ihrem Widerstand fanden die Gastwirte und Hoteliers bei den für die wirtschaftliche Entwicklung zuständigen Landespolitikern. Der bayerische Staatsminister für Wirtschaft erklärte am 3.7.1941 gegen101

104

105

Fernschreiben des Reichssicherheitshauptamtes an alle SD-Leitabschnitte vom 3.12.1940, StA Würzburg, SD-Hauptaußenstelle Würzburg 41/17. Bericht des Sicherheitsdienstes der SS Nr. 147,5.12.1940, in: Boberach (Hg.), Meldungen aus dem Reich, S. 1856. So konnte bei einer Besprechung im Gau Baden im Juni 1942 festgestellt werden, „daß Beschwerden über das Verhalten der Kinder beider Gaue bisher nicht oder nur zu einem verschwindend kleinen Teil aufgetreten sind." (Besprechung zwischen Gausachbearbeiter Jochum, Gau Westmark und Gaustellenleiter Moßmann, Gau Baden am 25.6.1942, GLA Karlsruhe, 465d/957.) Aber auch umgekehrt gab es viele Ressentiments. So berichten die ehemaligen Schüler des Münsterschen Gymnasiums am Wasserturm: „Mit den einheimischen Jugendlichen verstanden sich die Schüler der Oberschule am Wasserturm nicht besonders gut. Öfters gab es Privatfehden zwischen Westfalen und Bayern. Zeitweise war es sogar notwendig, kleinere Jungen vom KLV-Lager unter Begleitschutz zum Friseur zu schicken, um sie vor den Angriffen der Bayern zu schützen. [...] Zu den älteren Dorfbewohnern gab es mit Ausnahme einiger Wirtsleute keine engeren Kontakte." (Eggert, Der Krieg frißt eine Schule, S. 150.)

/ / / . Die Organisation der KLV

99

über Schirach, die Kinderlandverschickung nehme in Bayern allmählich einen Umfang an, der den Fremdenverkehr immer mehr einschränken und bei weiterem Zuzug völlig unterbinden würde. „Ich verkenne gewiß nicht, daß gegenüber den für die Kinderlandverschickung maßgeblichen Gesichtspunkten militärischer und politischer Natur private Interessen der Erholungssuchenden und auch die des Fremdenverkehrs im allgemeinen zurücktreten müssen. Dagegen halte ich es für sehr bedenklich, daß die Kinderlandverschickung allmählich immer mehr auch die ausgesprochenen Heilbäder und die vom Reichsfremdenverkehrsverband anerkannten heilklimatisierten Kurorte erfaßt. Bei aller Anerkennung der Notwendigkeit der Kinderlandverschickung muß doch auch die Möglichkeit noch offen gelassen werden, daß kranke und erholungsbedürftige Volksgenossen, insbesondere aber die verwundeten und kranken Soldaten, Heilung und Genesung in den für sie besonders in Frage kommenden Kurorten finden können. Aus diesem Grunde ist auch in den zwischen Reichsfremdenverkehrsverband und der Reichsjugendführung sowie dem Hauptamt für Volkswohlfahrt abgeschlossenen verbindlichen Vereinbarungen die Bestimmung getroffen worden, daß die Heilbäder und heilklimatisierten Kurorte in die Kinderlandverschickung nicht einbezogen werden sollen. Leider werden jedoch entgegen dieser Vereinbarung den Bädern und heilklimatisierten Kurorten in Bayern immer neue Kindertransporte zugewiesen."106 Schirach antwortete dem Minister, daß er gemeinsam mit dem Reichsgesundheitsführer auf dem Standpunkt stehe, „daß auch den kranken und erholungsbedürftigen Volksgenossen ausreichend Plätze in den in Frage kommenden Kurorten vorbehalten bleiben müssen." 107 Er habe daher mit dem Reichsfremdenverkehrsverband eine Abmachung getroffen, laut der Heilbäder und heilklimatische Kurorte als grundsätzlich nicht in die Erweiterte Kinderlandverschickung einzubeziehende Orte bezeichnet würden, da diese „ihrer eigentlichen volksgesundheitlichen und kriegswichtigen Aufgabe im Dienste der Betreuung von Verwundeten und Kranken" erhalten bleiben sollten. „Falls jedoch ausnahmsweise bei Stoßaktionen eine Belegung auch solcher Orte unumgänglich notwendig ist, dürfen sie nur zu einem Teil des vorhandenen Bettenraumes belegt werden, um diese OrSchreiben des bayerischen Staatsministers für Wirtschaft an den Beauftragten des Führers für die Inspektion der HJ und Reichsleiter für die Jugenderziehung der NSDAP, Schirach, vom 3.7.1941, HStA München, MWi 5852. Das Schreiben nennt im einzelnen die Orte Bad Reichenhall, Bad Wiessee und andere. Schreiben des Beauftragten des Führers für die Inspektion der HJ und Reichsleiter für die Jugenderziehung der NSDAP, Schirach, an den Bayerischen Staatsminister für Wirtschaft vom 15.7.1941, HStA München, MWi 2682.

100

B. Einrichtung

und Aufbau

der KLV

te für ihre ursprüngliche volksgesundheitliche Aufgabe frei zu halten."108 Auf diese Vereinbarung berief sich in der Folge eine große Zahl von Hotel- und Gasthausbesitzern, die ihr Haus mit einer solchen Begründung von der Belegungspflicht für die KLV befreit wissen wollten.109 An den Beispielen Württemberg und Baden läßt sich erkennen, welche Dimensionen die KLV in den einzelnen Aufnahmegebieten haben konnte. Am 25.8.1943 waren 6.000 Kinder alleine aus dem Gau Essen in Württemberg untergebracht und ca. 40 Lehrkräfte abgeordnet. Die Zahl der verschickten Kinder stieg später auf 24.000, die der Lehrer auf 375."° E n t s e n d u n g e n aus d e m G a u Baden, Stand 15.2.1942. Die Anzahl der von der H J verschickten Kinder ist nicht genau bekannt und wird mit 1.800 angegeben. 1 "

Aufnahmegaue

Mütter/Kinder Mütter/Kinder Kinder von Insgesamt in Familien in Heimen 3 bis 10 Jahren

Baden Baden (Verwandte)

1.983/ 3.812

79/124

2.750/ 7.630

andere Gaue

1.796/ 3.420

insgesamt

6.529/14.862

79/124

5.452

11.450

5.660 779

16.040

11.891

33.485

5.995

Aufnahmen in den G a u Baden. Die Zahl der durch die HJ verschickten Kinder wird mit ca. 6.000 angegeben, Stand: 15.12.1942"-

Entsendestellen

Mütter/Kinder Mütter/Kinder Kinder von 3 in Familien in Heimen bis 10 Jahren

Westfalen-Süd

3.437/ 5.879

244/556

5.149

Weser-Ems Kreis Mannheim

-

-

2.267

15.265 2.267

5.452

11.450

5.660

16.040

139

1.223 46.245

Mannheim/private Verschickung verschiedene Gaue Private Verschickung insgesamt 108

1.983/ 3.812 2.750/ 7.630 392/

79/124

_

692

8.562/18.013

323/680

18.667

Insgesamt

Anlage zum Schreiben des Beauftragten des Führers für die Inspektion der HJ und Reichsleiter für die Jugenderziehung der NSDAP, Schirach, an den Bayerischen Staatsminister für Wirtschaft vom 15.7.1941, HStA München, MWi 2682. 109 Vgl. HStA München, MWi 2682. Die Anträge wurden von den örtlichen Bürgermeistern zumeist unterstützt. 1 : ' Brief des Vertreters des Gaues Essen im Auf nahmegau Württemberg, angesiedelt bei der M inisterialabteilung für die Volksschulen an seine Dienststelle, HStA Stuttgart E200b/65. 111 Entsendungen in den Gau Baden, Stand 15.2.1942, Aufstellung des Gausachbearbeiters für die KLV vom 9.3.1942, GLA Karlsruhe, 465d/957. "- Entsendungen aus dem Gau Baden, Stand 15.2.1942, Ebd.

/ / / . Die Organisation der KLV

101

Der Gau Baden war ein Gebiet, in dem nicht nur Kinder aufgenommen, sondern aus dessen Städten auch Kinder entsendet wurden, vorwiegend in ländliche Gebiete des eigenen Gaus. Die Tabelle auf der vorherigen Seite zeigt, daß sich die Verantwortlichen im Normalfall zwar an die beschlossenen Zuweisungen von Aufnahme- und Entsendegebiet hielten, es hier dennoch zu beachtlichen Verschiebungen kommen konnte. So hohe Verschickungszahlen wie in den südlichen Gauen ließen sich auch im Osten des Reiches erzielen. Im gesamten Gau Niederschlesien gab es 1944 beispielsweise 215 KLV-Lager, in denen 270 abgeordnete Lehrkräfte aller Schularten mit rund 10.000 Schülern untergebracht waren.113 In den östlichen Gauen fehlten in der Regel jedoch eine gut ausgebaute Infrastruktur und ein funktionierendes Fremdenverkehrswesen. Außer in den großen Kurorten Böhmens waren die Häuser, in denen die KLV-Lager eingerichtet wurden, in der Regel wesentlich einfacher ausgestattet als die in Bayern. Die heimliche Hauptstadt der Kinderlandverschickungsaktion war das böhmische Bad Podiebrad, etwa 40 Kilometer von Prag entfernt. Hier lebten etwa 15.000 Kinder in den verschiedenen Lagern, die in den Häusern des einst mondänen Kurortes eingerichtet waren.114 In der Beschreibung des ehemaligen Lagermannschaftsführers Hanns Schaefer werden die Zustände dort deutlich: „Fast alle, oder vielleicht sogar alle Hotels und Pensionen waren beschlagnahmt für die KLV. Das war ein Eldorado für die Kinder. Man konnte in der Elbe schwimmen, man konnte Sport treiben. Die Hotels waren sehr ordentlich, gepflegte, äußerst elegante Häuser. Wir Lagermannschaftsführer wurden angehalten, keinen Kontakt zu der Bevölkerung aufzunehmen, aber das durfte man mir natürlich nicht sagen."' 15 Insgesamt rechneten die Verantwortlichen mit ungefähr 35.000 Kindern in Böhmen und Mähren.116 Auch in das Generalgouvernement wurden Kinder verschickt. Bereits Anfang Dezember 1940 informierte Schirach den Generalgouverneur, 113

Bericht über eine Dienstreise des Vertreters des RMWEV, Abteilung Schulen, Lachmann, nach Breslau am 1./2.9.1944, BA Koblenz, R 21/723. 114 Das behauptet zumindest die NSK, Folge 273 am 20.11.1942, Bl. 4: „Wir haben landverschickte Jungen und Mädel in Böhmen und Mähren besucht. Wer weiß es schon, daß es dort eine ganze ,Kinderstadt' der KLV gibt? Rund 15.000 bis 16.000 Kinder sind in Podiebrad in der Nähe von Prag untergebracht." (BA Koblenz, Zsg. 140/104.) Der ehemalige Lagermannschaftsführer und Standortlagermannschaftsführer von Tirol und Vorarlberg, Hanns Schaefer, hält diese Zahlenangabe für möglich. 115 Gespräch mit dem ehemaligen Lagermannschaftsführer und Standortlagermannschaftsführer von Tirol und Vorarlberg, Hanns Schaefer, vom 28.9.1994. 116 Das geht aus dem Bericht des Pfarrers Erich Schult über den kirchlichen Dienst an den Umquartierten im Protektorat vom 27.10.1944 hervor. (ADW, CA 2696.)

102

B. Einrichtung und Aufbau der KLV

Reichsminister Hans Frank, über den Plan, auch Teile Polens in die Aufnahmegebiete einzubeziehen. „Ich bitte Sie daher, Ihre Zustimmung dazu zu geben, daß Verschickungen in bestimmte Teile des Generalgouvernements, insbesondere in die Tatra und die Beskiden, vorgenommen werden."117 Frank antwortete umgehend, Vorbereitungen für eine Verschickung seien bereits im Gange: „Bisher Aufnahmemöglichkeiten für etwa 3.000 Jugendliche festgestellt. Setze mich persönlich für die Durchführung dieser Maßnahmen ein und habe, Ihrem Vorschlage entsprechend, Gebietsführer Blum für das Generalgouvernement beauftragt."118 Als problematisch erwies sich die Verschickung in das dem Reich jangegliederte' Elsaß, in das vor allem Mutter-und-Kind-Entsendungen durchgeführt wurden. Anders als im Generalgouvernement, wo auf eventuelle Empfindlichkeiten der Bevölkerung keine Rücksicht genommen wurde, versuchte man im Elsaß, in der Bevölkerung eine Identifikation mit dem Deutschen Reich zu erreichen. In einem Inspektionsbericht hieß es hierzu jedoch, daß eine große Zahl verschickter Frauen im Elsaß aufgetreten sei, „als wenn sie Eroberer eines feindlichen Landes wären." 119 Mit der Einrichtung von KLV-Lagern im Ausland sollten nicht nur Kinder aus den gefährdeten Städten herausgebracht werden. Die Lager dienten gleichzeitig dazu, die Präsenz des Reiches in verbündeten Ländern zu demonstrieren; die KLV-Teilnehmer erfüllten eine „Mission" im Auftrag des Deutschen Reiches. i:o Gleichzeitig trugen diese Lager auch zur Ent1,7

Fernschreiben des Beauftragten des Führers für die Erweiterte Kinderlandverschickung, Baidur von Schirach, an den Generalgouverneur, Reichsminister Frank, vom 4.12.1940, ÖStA/AdR, Bürckel/Mat 4651, Bd. I. u8 Fernschreiben des Generalgouverneurs Frank an Reichsleiter von Schirach vom 9.12.1940, ÖStA/AdR, Bürckel/Mat 4651, Bd. I. Bei seiner Inspektionsreise ins Generalgouvernement verfaßte der Hamburger KLV-Kreisschulbeauftragte Lipke einen sehr euphorischen Bericht. Alles, Verpflegung und Essen, sei besser als im Reich. (Bericht des Hamburger KLVKreisschulbeauftragten Lipke vom 10.5.1943, StA Hamburg, 361-10/71.) Alle anderen Zeugnisse, die über die Lager der KLV erhalten sind, zeichnen aber ein anderes Bild. Demnach waren vor allem die räumlichen und sanitären Verhältnisse im Osten viel rückständiger als in den südlichen Lagern. 119 Bericht des Leiters der Abteilung Wohlfahrtspflege und Jugendhilfe in Hagen über eine Inspektionsreise ins Elsaß vom 16.10.1942, GLA Karlsruhe,465d/955. Auch einschreibender Kreisleitung Mannheim des Amtes für Volkswohlfahrt vom 8.9.1942 greift dieses Problem auf: „Von hier aus werden die Volksgenossen immer wieder darauf hingewiesen, daß sie im Elsaß nicht alles mit dem Maßstab messen dürfen, wie man es im Altreich tun kann. Es ist zu berücksichtigen, daß ein Großteil der Elsässer selbstverständlich noch nicht erkennen kann, um was es sich hier handelt." (Schreiben der Kreisleitung Mannheim des Amtes für Volkswohlfahrt vom 8.9.1942, GLA Karlsruhe, 465d/955.) '-'° So heißt es bei Scherer (Pimpfe unseres Gaues fahren nach Bulgarien ins KLV-Lager, in: Mitteilungen des NSLB, Januar 1943, S. 5.): „Auch sie helfen das Freundschaftsband der befreundeten und verbündeten Nation knüpfen, auch sie sind Gesandte des Großdeutschen Reiches und erfüllen auf ihrem Platz im KLV-Lager Bulgarien eine Mission."

/ / / . Die Organisation der KLV

103

schärfung des seit 1942 ständig wachsenden Mangels an geeigneten Lagerquartieren bei.121 Der deutsche Satellitenstaat Slowakei gehörte seit Ende Februar 1941 zu den Aufnahmegebieten für die Erweiterte Kinderlandverschickung. 122 Der für die Slowakei zuständige SD-Leitabschnitt Wien meldete an das Reichssicherheitshauptamt, daß ab dem 8.3.1941 etwa 25.000 Schulkinder mit 800 Lehrpersonen aus den luftgefährdeten Gebieten des Altreiches in die Slowakei kommen sollten. „Eine entsprechende Kommission aus HJ- und BdM-Angehörigen hat in Preßburg die Vorarbeiten bereits aufgenommen und verhandelt mit den verschiedenen Hotelbesitzern im Waagtal sowie in der Hohen Tatra, wo die deutschen Kinder vornehmlich untergebracht werden sollen."123 Der erste Transport mit etwa 500 Schulkindern aus den westlichen Industriegebieten des Reiches traf am 17.3.1941 in TrentschinTepla ein. Die Rechtsgrundlage der KLV in der Slowakei wurde jedoch erst Anfang 1942 festgelegt.124 Anfangs glaubte der Sicherheitsdienst der SS zu erkennen, daß die zu dieser Zeit zunehmende Verschlechterung der Stimmung in der Slowakei zu einem großen Teil auf die KLV-Aktion zurückzuführen sei. Der Sicherheitsdienst kommentierte diese Befürchtungen: „Am 16. und 17.3. wurden in der slowakischen Presse entsprechende Erklärungen des Slowakischen Pressebüros über die Kinderlandverschickung veröffentlicht. Dabei fiel auf, daß einzelne Formulierungen in dieser Erklärung wie eine Entschuldigung gegenüber der slowakischen Öffentlichkeit klingen, daß deutsche Kinder in der Slowakei Aufenthalt nehmen. Vermutlich wurde von slowakischer Seite befürchtet, die Kinder würden zu viele Lebensmittel benötigen, so daß dann in der Slowakei bestimmte Mängel in der Versorgung eintreten müßten." 125 In einem Vermerk des SD-Leitabschnitts Wien vom 2.4.1941 hieß es ähnlich, die Unterbringung reichsdeutscher Kinder in der Slowakei habe 121

Vgl. das Schreiben des Beauftragten des Führers für die Inspektion der HJ und Reichsleiter für die Jugenderziehung der NSDAP, von Schirach, an Reichsminister Goebbels vom 19.10.1942: „Zur Behebung der Unterbringungs- und Beschaffungsschwierigkeiten sind im Laufe des vergangenen Jahres mit Genehmigung des Führers Verschickungen in die Slowakei, nach Ungarn, Dänemark und Bulgarien vorgenommen worden. Für die kommende Zeit wird mit Genehmigung des Führers neuerdings Liechtenstein einbezogen und die Verschickung nach Norditalien geprüft." (HStA München, Reichsstatthalter 388/1.) 122 Rundschreiben 3/41 des Beauftragten des Führers für die Kinderlandverschickung vom 24.2.1941, StA Münster, GfV 653. 125 Bericht des SD-Leitabschnitts Wien an das RSHA vom 5.3.1941, IFZ, SS, MA 650/1. 124 In den Verw altungsanWeisungen für die KLV in der Slowakei heißt es hierzu: „Die aus dem Reich verschickten Kinder sind Gäste der Slowakei. Aus diesem Grunde regelt sich die Unterbringung und die Verpflegung nach freier Vereinbarung. Gesetze oder Zwangsmaßnahmen für die Regelung zufriedenstellender Verhältnisse, wie im Reich, gibt es nicht." (Verwaltungsanweisungen für die KLV in der Slowakei vom 1.1.1942, BA Koblenz, NS 12/538.) '» Bericht des SD-Leitabschnitts Wien an das RSHA vom 24.3.1941, IFZ, SS, MA 650/1.

104

B. Einrichtung

und Aufbau

der KLV

verschiedene slowakische Kreise veranlaßt, „ihre wahre Gesinnung und Einstellung mehr oder minder offen kundzugeben. So kann man in weiten Kreisen der slowakischen Bevölkerung immer häufiger und offener Bemerkungen darüber hören, daß die deutsche Kinderaktion daran schuld sei, daß die Versorgung in der Slowakei sich immer schwieriger gestalte."126 Am 16.5.1941 konnte der SD zwar vermelden, daß die anfangs negativen Stimmen zur Kinderlandverschickung merklich nachgelassen hätten.127 Die KLV-Aktion war jedoch während der gesamten Kriegszeit eine das Verhältnis zwischen Reich und Slowakei belastende Angelegenheit. So machten einige abfällige Bemerkungen des KLV-Schulinspekteurs in der Slowakei, Wilhelm Feuering, über die Geistlichkeit die Abberufung des Funktionärs erforderlich. Das slowakische Außenministerium hatte der Deutschen Gesandtschaft ein Aide-Memoire übergeben, in dem darauf hingewiesen wurde, daß „die Äußerungen Feuerings geeignet seien, ein störendes Moment in die freundschaftlichen Beziehungen zwischen der Slowakei und dem deutschen Reich zu bringen."128 Das Mißtrauen beruhte in der Slowakei jedoch auf Gegenseitigkeit. So berichtete am 3.1.1942 die KLV-Inspektionsärztin in der Slowakei, Dr. Gertrud Schulze, daß in den Lagern vorkommende Typhus- und Scharlachfälle bewußt eingeschleppt würden und „daß die Verbreitung der Epidemie noch künstlich gefördert wird." 129 Und nicht nur die reichsdeutsche und die slowakische Öffentlichkeit zeigten sich über die KLV-Aktion beunruhigt. Auch die für die Sicherstellung des deutschen Einflusses wichtige deutsche Volksgruppe in der Slowakei fühlte sich übergangen. Der SDBericht vom 24.3.1941 dazu: „Die deutsche Volksgruppe behauptet, von der Aktion offiziell keine Kenntnis erhalten zu haben, und Karmasin (Franz Karmasin, Staatssekretär für Volksdeutsche Angelegenheiten in der Slowakei, G. K.) ist ungehalten darüber, daß die Deutsche Partei nicht eingeschaltet und nur mit den slowakischen Stellen verhandelt wurde, wobei 126

Vermerk des SD-Leitabschnitts Wien vom 2.4.1941, IFZ, SS, MA 650/1. Schreiben des SD-Leitabschnitts Wien an das RSHA vom 16.5.1941, IFZ, SS, MA 650/1. 128 Zitat dieser Formulierung im Schreiben des KLV-Schulbeauftragten Wächtler an das Auswärtige Amt in Berlin vom 27.7.1943. Wächtler erklärte hier, „daß hinsichtlich des Einsatzes deutscher Erzieher für den KLV-Auslandsdienst von meiner Seite aus immer schon der allerstrcngste Maßstab angelegt wird und daß ich von jeher von meinen Beauftragten eine enge Zusammenarbeit mit den Volksdeutschen in den Aufnahmegebieten verlangt habe. Ich ordnete an, daß sämtliche für den Auslandseinsatz vorgesehenen Erzieher und Erzieherinnen nicht nur für diesen Zweck besonders ausgewählt, sondern vor allem vorher ausgerichtet und mir persönlich vorgestellt werden, wobei ich im einzelnen besonders immer wieder zur Pflicht mache, jenen Weisungen nachzukommen, die von den zuständigen Gesandtschaften und vom Auswärtigen Amt gegeben sind." (BA Koblenz, NS 12/vorl. 936) 129 Vermerk des SD-Leitabschnitts Wien über den Bericht der KLV-Inspektionsärztin in der Slowakei, Dr. Gertrud Schulze, vom 3.1.1942, IFZ, SS, MA 650/1. 127

///. Die Organisation der KLV

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die Interessen der Volksdeutschen Hotel-, Bauden- und Herbergsbesitzer angeblich nicht genügend berücksichtigt würden." 130 Letztendlich mußte sich aber auch die deutsche Volksgruppe mit der Situation abfinden. Am 16.5.41 meldete der SD-Leitabschnitt Wien, daß bis zu diesem Zeitpunkt rund 18.000 reichsdeutsche Kinder in 220 Lagern in der Slowakei untergebracht waren.131 Die Slowakei war nicht der einzige von Deutschland abhängige oder besetze Staat, der die Kinderlandverschickung in sein Gebiet tolerieren mußte. Seit Mai 1942 wurden Kinder und Jugendliche auch nach Belgien, nach Bulgarien, nach Dänemark, nach Italien, in die Niederlande sowie in die Volksdeutschen Gebiete Ungarns' verschickt, in denen 1943 in 55 Lagern 4831 Jungen und 465 Mädchen untergebracht wurden. 132 Für die Verschickung nach Ungarn wurden - ähnlich wie in der Slowakei - besondere Anweisungen erlassen.133 Hier wohnten auch die über zehnjährigen Kinder nicht im Lager, sondern in Familien. Sie kamen tagsüber zusammen, schliefen und aßen aber bei ihren Gastfamilien.134 In Bulgarien wurde im August 1942 ein erstes Musterlager eingerichtet. Dorthin verschickt wurden ausschließlich Jugendliche aus dem Gau Köln-Aachen, die Durchführung oblag der Hitlerjugend. Das Reichssicherheitshauptamt traf hier, wie auch für die meisten anderen Verschickungen ins Ausland, Sonderregelungen: Vom HJ-Gebietsbeauftragten SS-Obersturmführer Geiger aufgestellte Sammellisten in dreifacher Ausfertigung dienten als Paßersatz und ermöglichten den Kindern und ihren Begleitern die Reise in das Ausland. Betreuern und Transportmitarbeitern wurde in einem vereinfachten Verfahren ein Reisepaß ausgestellt.135 Im April 1943 teilte der Hamburger KLV-Schulinspekteur Sahrhage seinen KLV-Kreisschulbeauftragten mit, daß ein Versuch unternommen wer-

130

Vermerk des SD-Leitabschnitts Wien vom 19.3.1941, IFZ, SS, MA 650/1. Schreiben des SD-Leitabschnitts Wien an das RSHA vom 16.5.1941, IFZ, SS, MA 650/1. " 2 Hitlerjugend 1933 bis 1943, in: Das Junge Deutschland 37 (1943), S. 53. 133 Hier hieß es unter anderem: „Das deutsche und das ungarische Volk sind nicht nur durch politische Verträge, sondern auch durch eine herzliche Freundschaft verbunden; daher ist es erforderlich, daß Ihr in Eurer Tätigkeit als Führer der reichsdeutschen Jugendlager stets die Gesetze der Gastfreundschaft beachtet. Es muß unser aller Wille sein, die reichsdeutsche Kinderlagerverschickung auch im zweiten Jahr ihres Bestehens zu einem vollen Erfolg zu führen, um darin nicht nur unseren deutschen Jungen und Mädeln eine gute Erholung zu gewähren, sondern auch ihren politischen Blick für die hervorragenden Eigenschaften des befreundeten ungarischen Volkes zu schulen." (Anweisungen für die Reichsdeutsche Kinderlandverschickung in Ungarn vom 1.3.1943, BA Koblenz, ZSg. 140/96.) 134 Vgl. den entsprechenden Hinweis in einem Zeitungsartikel, verfaßt von Sahrhage, ohne Quellenangabe, StA Hamburg, 361-10/82. 135 Brief des Reichssicherheitshauptamts an den Regierungspräsident Aachen vom 3.8.1942, HStA Düsseldorf, Reg. Aachen Präsidialbüro 1664, Bl. 66. 131

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B. Einrichtung und Aufbau der KLV

den solle, auch in Dänemark KLV-Lager einzurichten.136 Die ersten Kinder wurden im Sommer 1943 dorthin gebracht, also zeitgleich mit dem in Dänemark verhängten Ausnahmezustand. Insgesamt wurden dort bis Oktober 1943 aber nur sechzehn Lager eingerichtet. Diese waren schon von Anfang an auf die schützende Präsenz der Wehrmacht angewiesen, während es in den anderen ,befreundeten' Staaten erst im Laufe der KLVAktion zu offenem Widerstand gegen die deutsche Hegemonialpolitik kam. Folgerichtig stellte der dänische KLV-Elternbrief fest: „Jugend und Wehrmacht sind auch in diesem Lande eng verschmolzen." 137 In Italien richteten die Verantwortlichen einige Musterlager ein, die weit besser ausgestattet als es die Lager sonst waren - dazu dienen sollten, das freundschaftliche Band zwischen den beiden faschistischen Staaten zu demonstrieren. In seinem Erinnerungsbericht zeigt Jost Hermand, daß die italienischen KLV-Lager in gar keiner Beziehung den Lagern in anderen Aufnahmegebieten vergleichbar waren.138 So wurde den Kindern ein Hotelfrühstück ans Bett serviert; untergebracht war Hermand in einer Villa, die Mussolini in den dreißiger Jahren Hitler geschenkt hatte. Zahlenmäßig fiel die Verschickung nach Italien nicht ins Gewicht. Erste Gehversuche machte die KLV auch in der Schweiz, allerdings erst kurz vor dem Zusammenbruch des Regimes. Ende Januar 1945 trat die NSV an Goebbels heran und erklärte, die Schweizer Botschaft habe um Zustimmung zur Verschickung von 500 deutschen Kindern in die Schweiz gebeten. „Oberbefehlshaber Hilgenfeld hat bisher eine derartige Verschickung abgelehnt, weil die jüdisch-marxistische Schweizer Presse dies propagandistisch gegen Deutschland ausgenutzt haben würde. Nunmehr will er auf Anraten seines leitenden NSV-Arztes, Parteigenossen Dr. Strohschneider, der die Schweiz aus eigener jahrelanger Anschauung kennt, dennoch 500 Kinder in die Schweiz entsenden, und zwar solche, deren Eltern von Bolschewisten ermordet worden sind. Diese Kinder werden unbefangen ihre Eindrücke über die Untaten der Bolschewisten der Schweizer Presse geben. Eine Verlautbarung im Inland darüber ist jedoch nicht beabsichtigt. Sind Sie, Herr Minister, damit einverstanden?" 139 Eine Antwort "fc Vgl. Schreiben des Hamburger KLV-Inspekteurs Sahrhage an die KLV-Kreisschulbeauftragten vom 28.4.1943, StA Hamburg, 361-10/5. 137 Emil Teichmann, Ein Vierteljahr Kinderlandverschickung in Dänemark, Elternbrief der Erweiterten Kinderlandverschickung in Dänemark, November 1943, BA Koblenz, Zsg. 140/88. Den Schriftleitern des Elternbriefes schien es notwendig, relativ offen auf die politische Situation in Dänemark einzugehen. In verschiedenen Berichten wurde erklärt, daß die Bevölkerung an den KLV-Lagern nicht sonderlich interessiert sei. 138 Vgl. Hermand, Als Pimpf in Polen, S. 45-49. 139 Schreiben der NSV an den Reichsminister Goebbels vom 31.1.1945, BA Potsdam, R 55/616, Bl. 160.

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/ / / . Die Organisation der KLV

von Goebbels ist nicht überliefert, doch werden die militärischen Ereignisse eine positive Bewertung überflüssig gemacht haben. Das Prinzip der Demonstration von deutscher Präsenz im Ausland war durch die militärische Entwicklung konterkariert worden.

3. Die Verschickung durch die Nationalsozialistische

Volkswohlfahrt

Für die Verschickung der Kinder unter zehn Jahren war die Nationalsozialistische Volkswohlfahrt zuständig. Diese Kinder wurden nicht in Lagern zusammengefaßt, sondern in Familien untergebracht. Erreichten sie das zehnte Lebensjahr, wurden sie in die Zuständigkeit der Hitlerjugend überführt. Damit bezog sich der Auftrag für die NSV in erster Linie auf eine logistische Abwicklung der Transporte und der Unterbringung im Aufnahmegebiet. Nach der Klärung der Anmeldezahlen und der Organisation von Unterkunft und Transport beschränkte sich die Aufgabe der Wohlfahrtsorganisation auf eine reine Kontrollfunktion. Die Mutter-und-Kind-Verschickung Die sogenannte Mutter-und-Kind-Verschickung wurde im Rahmen der Erweiterten Kinderlandverschickung angeboten und richtete sich an Mütter mit kleinen Kindern - zunächst unter drei, schließlich unter sechs Jahren - , die gemeinsam aus den gefährdeten Städten in ländliche Gebiete gebracht wurden. Ältere Geschwister konnten in diesem Fall ihre Mütter begleiten.140 Die meisten Mütter wohnten mit ihren Kindern in einer Familie, wo sie den Gasteltern ein wenig zur Hand gehen sollten. Eine Unterbringung in NSV-eigenen Mutter-und-Kind-Heimen oder in anderen heimartigen Unterkünften gab es nur in begrenztem Umfang und war werdenden Müttern und Müttern mit Säuglingen vorbehalten. 141 Die nationalsozialistische Führung versprach sich mehrere Vorteile von dieser Ver140

In dem entsprechenden Merkblatt heißt es dazu lapidar: „Bei der Entsendung von Müttern mit Kleinkindern sollen auch die älteren Geschwister bei der Mutter bleiben." (Merkblatt für die Erweiterte Kinderlandverschickung, Anlage zum Schreiben des badischen Gauamtes für Volkswohlfahrt an die Gauamtsleitung der NSDAP und die Leiter der Ämter für Volkswohlfahrt vom 8.11.1940, GLA Karlsruhe, 465d/954.) Einer Liste der vom Hilfswerk Mutter und Kind verschickten Personen läßt sich entnehmen, daß diese Regelung tatsächlich umgesetzt wurde. Es reichte, wenn ein Kind der Mutter unter drei Jahren war, damit die älteren Kinder mitgeschickt wurden. (Liste von durch das Hilfswerk Mutter und Kind verschickten Familien, StA Bamberg, M 33/188.) 141 Die Mitwirkung der NS-Volkswohlfahrt bei der Umquartierung, Auszug aus dem Nachrichtendienst des Deutschen Vereins für öffentliche und private Fürsorge, Heft 8, 1943, HA Stuttgart, Sozialamt 835.

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B. Einrichtung und Aufbau der KLV

Schickung. Zunächst dachte man lediglich, daß die Väter, die zumeist an der Front waren, beruhigt sein würden, ihre Familien in Sicherheit zu wissen. Schon bald trat aber ein weiteres Argument für eine Mutter-und-Kind-Verschickung hinzu: Die Behörden konnten über die städtischen Wohnungen der verschickten Familien verfügen. Personen, die in als kriegswichtig eingestuften Betrieben arbeiteten, erhielten auf diesem Wege nach einer Ausbombung Ausweichwohnraum. Die Mutter-und-Kind-Verschickung war das Angebot im Rahmen der KLV, das am meisten von der Bevölkerung akzeptiert wurde. Deshalb reichten die von der NSV zur Verfügung gestellten Kapazitäten schon bald nicht mehr aus, die Dauer der Verschickung mußte begrenzt werden. In einem Merkblatt wurde den Müttern im April 1942 mitgeteilt: „Durch die großzügige Maßnahme der vom Führer angeordneten Kriegs-Kinderlandverschickung ist auch Ihnen mit Ihren Kindern ein längerer Aufenthalt im nicht luftgefährdeten Gebiet unseres Vaterlandes ermöglicht worden. In Anbetracht der Tatsache, daß noch eine große Anzahl Mütter, insbesondere werktätige und werdende Mütter bisher nicht verschickt werden konnte, sehe ich mich veranlaßt, jetzt diesen Müttern eine Entsendung zu ermöglichen. Wir sind daher gezwungen, die Entsendedauer zu befristen und diejenigen Mütter zurückzurufen, die langfristig verschickt waren und inzwischen Gelegenheit hatten, sich gründlich auszuruhen." 142 Die meisten Mütter blieben jedoch, hatten sie sich einmal an ihre neue Umgebung gewöhnt, für einen längeren Zeitraum in dem Aufnahmegebiet, was die Behörden in der Regel auch nicht unterbanden. Zurückgeschickt wurden sie lediglich, wenn das jüngste Kind das maximale Alter für eine Mutter-und-Kind-Verschickung erreicht hatte. Die Verantwortlichen in der NSV sahen den Widersinn, der in dieser Anordnung steckte. Der zuständige Gaubeauftragte im Gau Westfalen-Nord schrieb dieserhalb am 24.3.1942 an den Gauleiter: „Nach Meldung des Gauamtes der NSV waren in der letzten Zeit auf Veranlassung der Reichshauptamtsleitung der NSV viele in Oberbayern untergebrachte Mütter mit Kindern nach Westfalen-Nord zurückgeschickt worden, weil die Kinder inzwischen 3 Jahre alt geworden waren. Diese kamen dann in die alarm- und angriffsreiche Zeit hinein, so daß die Kreisleitungen Emscher-Lippe und Recklinghausen gegen die Rücksendung Verwahrung einlegten. [...] Im Hinblick auf die Möglichkeit stets neu zu erwartender Luftangriffe und der besonderen Luftgefährdung, auch des Gaues Westfalen-Nord, halte ich es für richtig, daß erreicht wird, daß Rücksendungen nur nach vorheriger Vereinbarung 142

„Merkblatt für Mütter, die mit ihren Kleinkindern im Rahmen der Kriegs-Kinderlandverschickung verschickt sind", April 1942, StA Münster, GfV 653.

III. Die Organisation der KLV

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zwischen Aufnahme- und Entsendegau erfolgen dürfen. Ganz abgesehen davon ist es ein Unding, heute die Mütter mit Kindern zurückzuschicken und sie im nächsten Monat neu zu versenden. Dieses läßt sich mit den Kosten und der Transportbehinderung nicht vereinbaren. [...] Das Alter der Mütter mit Kleinkindern, die entsandt werden können bis zum dritten Jahre, müßte auf 5-6 Jahre heraufgesetzt werden, da es kaum Mütter geben dürfte, die ihre 3-6jährigen Kinder alleine fortgeben, es sei denn in ein ausgesprochenes Heim." 143 Diesen Bedenken der Organisatoren auf Gauebene wurde in der Reichsdienststelle Kinderlandverschickung Rechnung getragen. Nachdem die meisten Stellen in den Aufnahmegebieten die Rückführungen sowieso nicht konsequent durchgeführt hatten, wurde im April 1943 das Höchstalter der Kinder, die mit ihren Müttern verschickt werden konnten, auf sechs Jahre hochgesetzt. 144 Mütter, die mit ihren Kindern nicht in Familien geschickt werden sollten, konnten in besonderen Mutter-und-Kind-Heimen Aufnahme finden. Diese hatte es schon vor Kriegsbeginn in der Regie von NSV und der verschiedenen - zuletzt lediglich der kirchlichen - Wohlfahrtsorganisationen gegeben. Die Zahl der durch die NSV betriebenen Heime reichte nun natürlich bei weitem nicht mehr aus. In einem Schreiben vom 27.11.1940 beschwerte sich die NSDAP-Reichsleitung, daß nicht genügend Heimplätze für eine Mutter-und-Kind-Verschickung bereitstanden. Deshalb sollten nun neue Heime eingerichtet werden: „In Frage kommen in erster Linie Einrichtungen, die der NSV-Arbeit bisher fernstanden" 145 - also vorwiegend Heime der Caritas und der Inneren Mission. Ende 1940 und Anfang 1941 waren deshalb Inspektoren der NSV unterwegs und schauten sich bestehende Einrichtungen der anderen Träger auf ihre Eignung hin an. Dabei wurden Listen der zu beschlagnahmenden Heime erstellt, nach denen in der Folge vorgegangen wurde. 146 143

Schreiben des Gaubeauftragten KLV des Gauamtes für Volkswohlfahrt im Gau WestfalenNord, Ummen, an den Gauleiter von Westfalen-Nord, Alfred Meyer, vom 24.3.1942, StA Münster, GfV 653. 144 Im entsprechenden Rundschreiben des Hauptamtes für Volkswohlfahrt hieß es: „Im Einvernehmen mit Reichsleiter von Schirach können in die Erweiterte Kinderlandverschickung der NSV künftig Mütter mit mindestens 1 Kind unter 6 Jahren einbezogen werden. Bei Bedarf können auch andere Mütter, die nach den Bestimmungendes Generalbevollmächtigten für den Arbeitseinsatz nicht meldepflichtig sind, berücksichtigt werden, z.B. Mütter mit 2 Kindern unter 10 Jahren, jeweils mit ihren übrigen jüngeren bzw. älteren Kindern. Vor Entsendung von Müttern ist jedoch mit den Landesarbeitsämtern Einvernehmen herbeizuführen." (Rundschreiben des Hauptamtes für Volkswohlfahrt 68/43, vom 20.4.1943, StA Münster, GfV 656.) 145 Schreiben der Reichsleitung der NSDAP an die NSV, 27.11.1940, GLA Karlsruhe, 465d/954. I4t Vgl. die verschiedenen Untersuchungsberichte in GLA Karlsruhe, 465d/954. Zur Rechtsgrundlage für die Beschlagnahmungen vgl. unten S. 120. Zur Frage der Enteignungen kirchlicher Einrichtungen vgl. S. 283.

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B. Einrichtung und Aufbau der KLV

Die Zahl der Heimplätze erreichte dennoch nie die Größenordnung der Plätze, die in Gastfamilien geschaffen wurden. Und auch hier gab es Schwierigkeiten bei der Quartierbeschaffung. 147 Während sich die Familien in den Aufnahmegebieten oft recht gut vorstellen konnten, ein weiteres Kind aufzunehmen, war ihnen die Aufnahme einer ,Hausfrau' keine willkommene Bereicherung der Hausgemeinschaft. Dabei erhielten sie nicht nur eine Aufwandsentschädigung für die Bereitstellung von Wohnraum, sondern konnten auch noch erhöhte Lebensmittelzuteilungen in den Essensplan integrieren. 148 Damit war die Verpflegung in den aufnehmenden Familien oft besser, als sie es in den eigens für die Mutter-und-Kleinkind-Verschickung vorgesehenen Heimen war.149 Zwischen den verschickten und den aufnehmenden Familien gab es verständlicherweise häufig Streitigkeiten und Empfindlichkeiten. Der Reichsleitung der NSV wurden über die Entsendungen, „namentlich von Müttern mit Kindern, [...] erhebliche Mängel gemeldet". Die NSV mahnte deshalb bei der Abwicklung der Verschickung größte Sorgfalt an und forderte die zuständigen Stellen auf, die verschiedenen ergangenen Anweisungen genau zu beachten. Die Mütter und Kinder sollten „sich haltungsmäßig und charakterlich für eine Entsendung eignen." Der Entsendegau sollte anhand der vom Aufnahmegau erstellten Pflegestellenlisten eine sorgfältige Auswahl der Mütter vornehmen. Strenge Auswahlkriterien sollten einen einwandfreien Ablauf der Mutter-und-Kind-Verschickung gewährleisten. „In die Auswahl und Überwachung der bereits besetzten und neu vorgesehenen Unterkünfte sind im Gau und Kreis die zuständigen Leiterinnen der Stelle Familienhilfe, in den Ortsgruppen die Leiterinnen der Hilfsstelle Mutter und Kind einzuschalten." 150 147

So hieß es in einem Rundbrief des Gauamtes für Volkswohlfahrt vom 11.9.1942 an alle Kreisamtsleiter der NSDAP: „Während die Gaststellen für Einzelkinder immer wieder schnellstens aufgebracht werden können, mangelt es z. Zt. an Gaststellen für Mütter und Kleinkinder." (GLA Karlsruhe, 465d/955.) u« ß e | e j n e r Besprechung im Hauptamt für Volkswohlfahrt wurde beschlossen, darauf hinzuweisen, „daß von den Ernährungsämtern die 20%ige Zulage, die für die Erholung von Müttern vorgesehen ist, bewilligt wird." (Bericht über die am 5.1.1941 im Sitzungssaal des Hauptamtes für Volkswohlfahrt in Berlin stattgefundene Besprechung über die Erweiterte Kinderlandverschickung vom 7.1.1941, GLA Karlsruhe, 465d/954.) 149 So schrieb die Ernährungsreferentin des Gaues Baden am 19.3.1941 an das Hauptamt für Volkswohlfahrt über ihre Eindrücke einer Inspektionsreise durch Mutter-und-Kind-Heime: „Die Durchführung der Ernährung ist durchaus nicht nach den neuzeitlichen Grundsätzen, vor allem nicht die Ernährung der Kinder." (Schreiben der Ernährungsreferentin des Gaues Baden an die NSDAP-Reichsleitung, Hauptamt für Volkswohlfahrt, Amt Gesundheit vom 19.3.1941, GLA Karlsruhe, 465d/954.) 150 Schreiben der Reichsleitung der NSV, Amt für Wohlfahrtspflege und Jugendhilfe, an die Gauamtsleiter und die nachgeordneten Stellen der NSV vom 29.11.1940, GLA Karlsruhe, 465d/954.

/ / / . Die Organisation der KLV

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Die Klagen über die aus den Städten anreisenden Mütter hörten jedoch nicht auf und zogen bald Kreise bis in die Parteikanzlei. Am 25.5.1941 schrieb Bormann an Hilgenfeld: „Immer wieder hören wir hier Klagen über das Verhalten der sogenannten Bomben-Flüchtlinge." 151 Die aus den Städten aufs Land verschickten Frauen seien zu anspruchsvoll und kämen mit der oft recht einfachen Lebensweise der Landbevölkerung nicht zurecht. Noch ein Jahr später mußte Hilgenfeld feststellen, daß sich die verschiedenen Maßnahmen zur Lenkung und Ausrichtung der im Rahmen der Erweiterten Kinderlandverschickung entsandten Mütter nicht als ausreichend erwiesen hätten, um die zahlreichen berechtigten Klagen über das Verhalten der Mütter zu beseitigen. Deshalb forderte er, den Müttern die Dauer der voraussichtlichen Entsendung vor der Abreise mitzuteilen, damit die NSV eine Handhabe hätte, Mütter wieder in ihre Heimatstädte zurückzuschicken. 152 1943 ordnete die Parteikanzlei schließlich für alle künftigen Entsendungen an, daß vor der Verschickung ein von den Müttern zu zahlender Kostenbeitrag vom Entsendegau festgelegt werden sollte. In dem Bestreben, Mütter und Kinder freiwillig aus den luftgefährdeten Gebieten zu entfernen, sei „bezüglich der finanziellen Beihilfen und der Dauer des Gastaufenthaltes" zu großzügig verfahren worden. „Leider kamen viele der verschickten Frauen der veränderten Lebensverhältnisse wegen zu weit aus dem gewohnten Lebensgleise. Sie verfügten teilweise über zu reichliche und deshalb zu ihrem bisherigen Lebensstandard in keinem Verhältnis stehende Geldmittel, sie verfügten über zu viel freie Zeit, da ihnen während des unbefristeten Gastaufenthaltes ein großer Teil der ihnen sonst obliegenden häuslichen Pflichten und Gewohnheiten abgenommen wurde. Unnötige und oft sinnlose Einkäufe sowie unerfreuliche Erscheinungen im persönlichen Verhalten dieser Frauen waren die Folge und führten zu immer wiederkehrenden Klagen und Beschwerden der Aufnahmegaue." 153 Der Kostenanteil für die Frauen war so festzusetzen, daß diese am Aufnahmeort nicht über höhere Barmittel verfügten, als ihnen zu Hause zur Bestreitung der entsprechenden Ausgaben zur Verfügung standen.154 Insgesamt waren den Verantwortlichen aber immer mehr die Hände gebunden, weil sich eine Trennung zwischen der Entsendung von Müttern mit Kindern im Rahmen der Erweiterten Kinderlandverschickung und der 131

Schreiben des Leiters der Partei-Kanzlei, Martin Bormann, an den Leiter des Hauptamtes für Volkswohlfahrt, Hilgenfeld, vom 25.5.1941, StA Münster, GfV 656. •* Schreiben der Reichsleitung des HA für Volkswohlfahrt an alle Gauleiter der Hauptämter für Volkswohlfahrt vom 18.3.1942, BA Koblenz, NS 37/1006. 155 Rundschreiben der Partei-Kanzlei Nr. 54/43 vom 26.3.1943, IFZ, NSDAP, MA 127/1. 154 Ebd.

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B. Einrichtung

und Aufbau

der

KLV

Evakuierung im Rahmen der Umquartierung aus Luftschutzgründen und wegen Fliegerschäden zunehmend schwieriger durchführen ließ. Die Behörden konnten also den Müttern nicht ernsthaft drohen, sie würden wieder zurück in ihre Heimatstädte gesendet. Die Verschickung der bis zu zehnjährigen Kinder in Familienpflegestellen Auch für die Kinderlandverschickung der sechs- bis zehnjährigen Kinder war die NSV verantwortlich. Diese bezog sich gleichermaßen auf beide Geschlechter, Jungen und Mädchen sollten „im Verhältnis 1:1 zur Entsendung gelangen."155 Die NSV brachte die Kinder in Pflegefamilien, wo sie dann von ihren Gasteltern versorgt wurden. Waren in einem Ort nur wenige landverschickte Kinder, so besuchten sie die normalen Klassen der örtlichen Volksschule. Wenn sehr viele Kinder zur selben Gastschule gingen, dann wurde für diese dort eigene Klassen eingerichtet. Die Schulbehörden der Entsendegebiete hatten dafür Lehrkräfte in die Aufnahmeorte zu entsenden, der Unterricht wurde schichtweise im örtlichen Schulgebäude abgehalten. Die Verschickung sollte - wie auch die der älteren Kinder - mindestens sechs Monate dauern, konnte aber durchaus zu einem, von nur wenigen Heimaturlauben unterbrochenen, mehrjährigen KLV-Aufenthalt werden. Erreichten die Kinder die Altersgrenze für eine Verschickung durch die NSV, so mußten sie ihre Pflegefamilien verlassen und in die von der HJ organisierten Lager der Erweiterten Kinderlandverschickung überwechseln. Bei der Vorbereitung der Verschickung erstellte die NSV des Aufnahmegebiets Listen, wieviele Kinder in jeder Gemeinde aufgenommen werden konnten. Anhand dieser Listen wurden die Kinder den Zügen in die Aufnahmegebiete zugeordnet und an dem Bestimmungsort auf die Familien verteilt.156 Wieviele Plätze die Aufnahmeorte melden konnten, hing zu einem wesentlichen Teil von dem Verhandlungsgeschick der örtlichen NSV-Steilen ab. So konnte zwar bei der Suche nach Privatquartieren das Reichsleistungsgesetz angewendet werden, wodurch die Familien verpflichtet werden konnten, Gastkinder aufzunehmen. 157 Diese Maßnahme 133

Merkblatt für die Erweiterte Kinderlandverschickung, Anlage zum Schreiben des badischen Gauamtes für Volkswohlfahrt an die Gauamtsleitung der NSDAP und die Leiter der Ämter für Volkswohlfahrt vom 8.11.1940, GLA Karlsruhe, 465d/954. 13,1 Dieses Verfahren wird z. B. für den Allgäuer Bezirk Saulgau belegt, StA Sigmaringen, Wü 89/13, Bd. 1/57. 157 Daß dies vereinzelt auch getan wurde, zeigt eine Auseinandersetzung der örtlichen NSV mit zwei Gasthausbesitzern im Kreis Beilngries. Am 17.3.1941 meldete der NSDAP-Kreislciter brieflich dem Landrat, daß diese sich weigern würden, ein Quartier zu stellen. Daraufhin ließ der Landrat die betreffenden Wirte durch die Polizei befragen. Diese gaben als

///. Die Organisation der KLV

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wurde jedoch nur für den absoluten Notfall bereitgehalten, da man - zumeist zu Recht - davon ausging, genügend Quartiere auf freiwilliger Basis beschaffen zu können. Für Unterbringung und Versorgung der Kinder erhielten die aufnehmenden Familien nicht nur die den Kindern zustehenden Lebensmittelkarten, sondern auch einen Unkostenbeitrag, den die NSV übernahm. Der Verpflegungssatz betrug zwei Reichsmark pro Tag und Kind.158 Versuche, eine Belegung zu verhindern, unternahmen vor allem die Familien, die Hotels oder Pensionen betrieben und durch eine Aufnahme zum einen ein vermietbares Zimmer verloren hätten, zum anderen die Unruhe im Haus fürchteten, die durch Kinder verursacht worden wäre. Deshalb versuchten diese Familien häufig, durch die Zahlung einer Ablösesumme von ihrer freiwilligen Verpflichtung' loszukommen - eine Maßnahme, die manchmal Erfolg hatte, von den KLV-Organisatoren jedoch nicht gerne gesehen wurde. 159 Auf der anderen Seite kam es durchaus vor, daß einzelne Gebiete mehr Plätze für sechs- bis zehnjährige Kinder bereitstellten, als schließlich Kinder in das entsprechende Gebiet gebracht wurden, ein Umstand, der ebenfalls für Unmut in der Bevölkerung sorgte.160 Wie auch bei der Mutter-und-Kind-Verschickung erforderte die Entsendung von Stadtkindern in ländliche Pflegefamilien von den Verantwortlichen viel Fingerspitzengefühl. Die Schwierigkeiten, die im VerhaltGrund für ihre Verweigerung die Angst vor zuviel Querelen mit den kleinen Untermietern an. Am folgenden Tag befürwortete der Landrat die Zwangseinweisung von Evakuierten auf der Grundlage des Reichsleistungsgesetzes. (Vgl. die betreffenden Briefe und Berichte im StA Amberg, Bezirksamt Beilngries, Nr. 3288.) 158 Vgl. den entsprechenden Hinweis im Schreiben einer Pflegemutter an den Hamburger KLVSchulbeauftragten Sahrhage vom 3.1.1946, StA Hamburg, 361-10/17a. 139 Vgl. z. B. den Bericht des Gaubeauftragten des Winterhilfswerkes in Wien, Hauptstelle Propaganda, über die Erweiterte Kinderlandverschickung von Hamburger Kindern an den Gaupropagandaleiterund Gebietsführer Kaufmann vom 6.11.1940: „Die zu Beginn der Aktion zur Werbung von Freiplätzen in einzelnen Fällen angewandten, zweifelhaften Methoden gelangten im Wege und über die Kreise der Gaudienststelle sehr schnell zur Kenntnis und wurden vom Gauamtsleiter, Parteigenossen Langer, unverzüglich abgestellt. Sowohl die Kreisamtsleiter, als auch die Verbindungsfrau der NS-Frauenschaft erhielten die strikte Weisung, Geldablösen nur dann entgegenzunehmen, wenn der betreffende Volksgenosse nicht in der Lage ist, ein Kind bei sich aufzunehmen, die Aktion aber unter allen Umständen irgendwie unterstützen möchte." (ÖStA/AdR, RStH Wien, Kart. 23.) IW Vgl. ebd.: „Es wurden im Gaugebiet Wien insgesamt 12.000 Freiplätze geworben. Durch die Entscheidung des Rcichsleiters kommen vorerst aber nur 5.000 Kinder nach Wien, so daß nur ein Teil der geworbenen Pflegeplätze belegt werden kann. Aus diesem Umstand ergeben sich insofern Schwierigkeiten, als eine Unzahl von Volksgenossen sich beschwerdeführend an die Kreisamtsleitungen wenden, weil sie keine Kinder bekommen sollen. Viele Volksgenossen bereiteten sich auf die Ankunft der Kinder durch Renovierung ihrer Wohnungen, durch Anschaffung von Betten, Kleidungsstücken, Wäsche und dergleichen vor."

114

B. Einrichtung

und Aufbau

der KLV

nis zwischen Gasteltern und Pflegekindern auftauchen konnten, waren vielfältig. So ließen sich nach Ansicht des Landrates des oberpfälzischen Burglengenfeld, in das vor allem Hamburger Kinder verbracht worden waren, die Ansprüche der in Familien untergebrachten Kinder in bezug auf Kost und Unterbringung „mit den hiesigen bescheidenen Verhältnissen nicht immer in Einklang bringen."161 Laut einem nur wenige Tage später abgefaßten Bericht des Wiener Gaubeauftragten des Winterhilfswerks ergaben sich häufig auch Schwierigkeiten durch eine übergroße Herzlichkeit der Gasteltern gegenüber den Kindern. „Nach den Aussagen von Jugendleiterinnen und NSV-Beauftragten aus Hamburg ist das Verhältnis zwischen Eltern und Kindern in Hamburg in der äußeren Form wesentlich kühler. Außerdem sind die Kinder bedeutend selbständiger erzogen, spielen auf den Straßen und bewegen sich völlig frei. Aus dem Verantwortungsbewußtsein der Wiener Pflegeeltern heraus ergibt sich nun, daß die Kinder die ihnen gebotene vorsorgliche Liebe als ungewohnten Zwang empfinden. Dies führt nun unter Umständen dazu, daß den Kindern diese Verhältnisse nicht passen, daß sie ungezogen und undankbar werden."162 Manchmal kamen die Gastfamilien mit den - mit Fortdauer des Krieges immer häufiger verwahrlosten - Stadtkindern überhaupt nicht zurecht. War das Pflegekind durch die üblichen Erziehungsmaßnahmen nicht zu disziplinieren, so mußte es aus der Gastfamilie herausgenommen werden. In Baden und im Elsaß meldete die Stelle der Jugenderholungspflege der Kreisamtsleitung dann den Fall den zuständigen Mitarbeitern der Jugendhilfe, die die Kinder in ihre Verantwortung nahmen. „Sofern durch Verlegung in eine besonders erziehungstüchtige Gastfamilie die Erziehungsschwierigkeiten nicht beseitigt werden können, ist, um eine Rückführung des Kindes zu vermeiden, im Einvernehmen mit dem Jugendamt im Rahmen der Minderjährigenfürsorge [...] eine Einweisung des Kindes in ein für den Einzelfall geeignetes Erziehungsheim vorzunehmen." 163 Die Reichsdienststelle KLV konnte sich zunächst nicht entscheiden, ob sie die verschickten Kinder in die Familien und die neue Landschaft integrieren, oder ob sie die Bindung der Kinder zu ihrer Heimat fördern sollte. Für diese Frage fand sich bis zum Kriegsende keine befriedigende Lösung. So hatte es 1940 zunächst Pläne gegeben, für die in FamilienpfleMonatsbericht des Landrates in Burglengenfeld vom 28.10.1940, StA Amberg, Bezirksamt Burglengenfeld, Nr. 18052. Bericht des Gaubeauftragten des Winterhilfswerkes in Wien, Hauptstelle Propaganda, über die Erweiterte Kinderlandverschickung von Hamburger Kindern an den Gaupropagandaleiter und Gebietsführer Kaufmann vom 6.11.1940, ÖStA/AdR, RStH Wien, Kart. 23. Schreiben des Gauamtes für Volkswohlfahrt Baden an alle NSDAP-Kreisleitungen im Gau Baden und Elsaß vom 24.7.1942, GLA Karlsruhe, 465d/955.

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gesteilen untergebrachten Kinder eine besondere Weihnachtsfeier zu gestalten. Davon nahm die NSV „nach Absprache mit dem Beauftragten für die erweiterte Kinderlandverschickung" jedoch Abstand. Statt dessen wurden Weihnachtspakete gepackt, für die je Kind drei Reichsmark, je Mutter vier Reichsmark aufgewendet werden sollten. Die Pflegeeltern erhielten als Zeichen der Anerkennung ein „für diesen Zweck vorbereitetes Führerbild."164 Mit diesem Geschenk würdigten die Verantwortlichen den ,ideologischen' Beitrag zur Stärkung der Volksgemeinschaft. Die Organisation des Schulunterrichtes bereitete den aufnehmenden Gemeinden weitere Schwierigkeiten. Die ländlichen Gebiete verfügten zumeist nur über eine ein- oder zweiklassige Volksschule, während die städtischen Gastkinder aus großen Schulen kamen, in denen für jeden Jahrgang eine eigene Klasse existierte. Kamen in solche Orte nun zwanzig oder noch mehr Kinder, ließen diese sich nicht ohne weiteres der bestehenden Schule angliedern. Unter Bezugnahme auf einen Erlaß des Erziehungsministeriums forderte der Regierungspräsident von Düsseldorf, die Schüler der aus den luftgefährdeten Gauen verlegten Schulen sollten in den Aufnahmegauen möglichst in eigenen Klassen und von eigenen Lehrern unterrichtet werden. „Das Einrichten geeigneter Klassen sichert am besten die Weiterführung des bisherigen Unterrichts der Schüler und ermöglicht die Benutzung der im Heimatgau eingeführten und den Schülern vertrauten Lehrmittel und Lernbücher. Der Unterricht in gaueigenen Klassen pflegt die innere Verbundenheit der Schüler mit ihrer Heimat." Bei den Volksschulen hielt er die in vielen ländlichen Orten selbstverständliche einklassige Volksschule - also den gemeinsamen Unterricht der Schüler von der ersten bis zur achten Klasse - für inakzeptabel. „Gegen die Zusammenfassung von 2,3 oder vier Jahrgängen der Volksschule zu einer Klasse habe ich keine Bedenken." Einer nachträglichen Umquartierung von Schülern nach dem Alter, um dadurch die Voraussetzungen für gaueigene Klassen zu schaffen, erteilte der Regierungspräsident jedoch eine Absage. Diese könne man „mit Rücksicht auf die Pflegeeltern wie die Kinder nur unter günstigen Verhältnissen" verantworten. 165 Schreiben des Amtes für Wohlfahrtspflege und Jugendhilfe bei der Reichswaltung der NSV vom 28.11.1940, GLA Karlsruhe, 465d/954. In der dem Bild beigefügten Urkunde hieß es: „Der Führer Adolf Hitler hat die Jugend des deutschen Volkes im Krieg um die Freiheit des Großdeutschen Reiches durch die erweiterte Kinderlandverschickung in seinen besonderen Schutz genommen [Hier wurde der betreffende Name eingetragen, G.K.] hat durch tätige Mithilfe diesem Werk gedient, wofür hiermit Dank und Anerkennung ausgesprochen wird." Unterzeichnet war die Urkunde von Schirach. (Urkunde für Gasteltern, BA Koblenz, NS 37/1006.) Erlaß des Regierungspräsidenten in Düsseldorf vom 30.11.1943, StA Sigmaringen, Wü 89/1, Nr. 86.

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B. Einrichtung

und Aufbau

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In kleineren Gemeinden schufen die neuen Volksschulklassen aber nicht nur Probleme, was die LJnterbringung und Bereitstellung von Schulräumen betraf. Die Kinder aus den Städten konnten auch für eine Entlastung des einheimischen Schulbetriebs sorgen, da die Behörden der Entsendegebiete Lehrkräfte in die Aufnahmegebiete abstellen mußten. Auf je hundert landverschickte Schüler sollte eine Lehrkaft abgeordnet werden.166 Durch den kriegsbedingten Lehrerausfall in Nöte geraten, interpretierten einige Bezirksschulämter einen Erlaß des Erziehungsministeriums, demzufolge die Schulaufsicht der verlegten Klassen auf die Behörden des Aufnahmegebietes überzugehen habe, dahingehend, daß sie die aufgenommenen Klassen mit den heimischen zusammenlegten. Manchmal wurden auch verlegte Volksschulklassen den heimischen Schulen eingegliedert - ein Verfahren, bei dem vor allem die einklassigen ländlichen Schulen profitierten. Gegen den Willen der aufgenommenen Lehrerinnen und Lehrer war diese Eingliederung allerdings nicht möglich. So scheiterte die von einem Bezirksschulrat am 28.10.1943 bereits vollzogene Zusammenlegung der Volksschule Herbertingen im Allgäu an dem erbitterten Widerstand der eingegliederten Lehrerin einer Duisburger Volksschulklasse. Die dem Bezirksschulrat übergeordnete württembergische Ministerialabteilung für Volksschulen machte dessen Anweisung am folgenden Tag wieder rückgängig.167 Gab es keinen Widerstand der zumeist sehr viel kleineren Gastklassen, so stimmte die Ministerialabteilung der Zusammenlegung in der Regel zunächst zu.168 Dem Wunsch der aufnehmenden Schulbehörden nach Zusammenlegung wurde von den Behörden der Entsendegebiete schließlich aber prinzipiell widersprochen. Alle verlegten Schulklassen mußten wieder als selbständige Anstalten geführt werden. „Diese Anordnung ist von den Eltern der Schüler begrüßt worden, sie ist ohne Zweifel geeignet, die Eltern weiterhin für die Verlegung der Schüler zu gewinnen und die Rückkehr der bereits verschickten Kinder zu verhindern." Der Düsseldorfer Regierungspräsident habe dringend gebeten, „die verlegten Schulklassen als eigene Anstalten zu erhalten. Ebenso haben die Oberbürgermeister der großen "•6 Im Schreiben der württembergischen Ministerialabteilung für Volksschulen an den Bezirksschulrat von Balingen vom 11.8.1944 heißt es: „Auf Anordnung des Herrn Regierungspräsidenten in Essen und im Einvernehmen mit Herrn Regierungs-Direktor Hilburger müssen die Lehrkräfte, die nach der Schlüsselzahl von 100 Kindern zu viel in Ihrem Bezirk tätig sind, anderen Bezirken, die noch keine Lehrkräfte erhalten haben, zugeführt, bezw. der Regierung in Düsseldorf zur Verfügung gestellt werden." (StA Sigmaringen, Wü 89/1, Nr. 86.) 147 Der Schriftwechsel zwischen dem Bezirksschulrat und der württembergischen Ministerialabteilung für Volksschulen ist überliefert im StA Sigmaringen, Wü 89/13, Bd. 1/57. "" So zum Beispiel für die Allgäuer Volksschulen in Ertingen, Rennhardsweiler, Hoßkirch, Saulgau, und Moosheim, StA Sigmaringen, Wü 89/13, Bd. 1/57.

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Städte den Wunsch zum Ausdruck gebracht, daß die Schulklassen als geschlossene Lebens- und Arbeitsgemeinschaften nicht zerrissen werden." Die württembergische Ministerialabteilung für Volksschulen nahm ihre stillschweigende Zustimmung zu den Eingliederungen der verlegten Schulen, die „aus der bedrängten Versorgungslage heraus" zwar verständlich schien, deshalb zurück. „Allein die Schulklassen aus dem Gau Essen dürfen auf keinen Fall dazu benutzt werden, das eigene Schulwesen versorgungsmäßig zu verbessern und zu gesunden." 169 Die Eingliederungen wurden untersagt und waren gegebenenfalls rückgängig zu machen. Die Verschickung der sechs- bis zehnjährigen Kinder in Familienpflegesteilen durch die NSV war insgesamt eine vergleichsweise erfolgreiche Aktion im Rahmen der Erweiterten Kinderlandverschickung. Sie entsprach in weiten Teilen der erprobten Erholungsverschickung, die Kinder waren jedoch für einen längeren Zeitraum bei ihren Pflegefamilien und besuchten deshalb auch während dieser Zeit die Schule. Waren die Kinder einmal bei einer Familie untergebracht, dann beschränkte sich die Arbeit der NSV auf die Auszahlung des festgesetzten Pflegegeldes an die Pflegefamilie. Die Verwandtenverschickung Unter dem Namen ,Verwandtenverschickung' wurde ab 1943 in stetig steigendem Maße die unorganisierte Form der Evakuierung von Schulkindern vermeintlich geordnet. Immer mehr Eltern brachten ihre Kinder unter Umgehung der Erweiterten Kinderlandverschickung zu Freunden oder Verwandten auf das Land, als sich die Situation in den Städten ab Mitte 1942 dramatisch zuspitzte. Zumeist handelte es sich hierbei um Kinder von Eltern, die der Erweiterten Kinderlandverschickung ablehnend gegenüberstanden. Mit der Verwandtenverschickung bemühte sich die Reichsdienststelle Kinderlandverschickung, nun auch diese Kinder zu erfassen. Damit war die Verwandtenverschickung ein Eingeständnis sowohl der organisatorischen Unzulänglichkeit der KLV als auch der Erkenntnis, daß die zentral organisierte KLV als Instrument zur Bewahrung der Kinder vor den feindlichen Bombenangriffen nicht angenommen wurde. In den Selbstdarstellungen der Verantwortlichen wurde dieses Eingeständnis natürlich vermieden. So hieß es im Nachrichtendienst des Deutschen Vereins für öffentliche und private Fürsorge: „Eine besondere Form der Unterkunftssicherung, die durch die NSV vermittelt wird, ist die Verwandtenhilfe, deren Zweck es ist, dazu beizutragen, daß die UmzuquarBrief der württembergischen Ministerialabteilung für die Volksschulen an die untergeord neten Bezirksschulräte vom 23.11.1944, StA Sigmaringen, Wü 89/1, Nr. 86.

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tierenden möglichst reibungslos und entsprechend ihren Lebensverhältnissen unterkommen. Sie ist bestimmten besonders luftgefährdeten Gauen vorbehalten und macht von der Unterbringung im zuständigen Aufnahmegau unabhängig, d. h. es können Verwandtenquartiere in allen Teilen des Reiches gewählt werden. Die Unterkunftssicherung erfolgt mittels der Verwandten-Meldekarte, die bei der NSV-Ortsgruppe des Entsendegaus zu erhalten ist. Auf dieser wird durch die NSV-Ortsgruppe des Aufnahmegaus die Erklärung der Verwandten bestätigt, daß sie zur Aufnahme der Umzuquartierenden bereit seien, und zugleich bescheinigt, daß keine Bedenken gegen die Aufnahme derselben am Aufnahmeort bestehen. [...] Die Beförderung der Umzuquartierenden geschieht durch Sammeltransporte und unter Benutzung des regulären Zugverkehrs. Die Bereitstellung von Transportsonderzügen geschieht im Benehmen der Gauamtsleitung der NSV mit der zuständigen Reichsbahndirektion." 170 Pro Person waren 50 Kilogramm Gepäck zulässig. Die Vorbereitung der Sammeltransporte geschah nach Absprache zwischen den Entsende- und den Aufnahmegauen. Die im Vergleich zur übrigen KLV viel größere quantitative Bedeutung der Verwandtenverschickung wird an einem Bericht deutlich, der im Reichserziehungsministerium kursierte. Hier wurde festgestellt, daß nach den vorliegenden Berichten von der Gesamtzahl der umquartierten Jugendlichen etwa die Hälfte (z. T auch wesentlich mehr) im Wege der Verwandtenhilfe, von der anderen Hälfte zwei Drittel von der NSV in Familienpflegcstellen und ein Drittel in KLV-Lager umquartiert waren.171 Die Verwandtenverschickung entzog sich mehr und mehr der Organisation der Reichsdienststelle KLV, wurde von dieser jedoch immer als Bestandteil ihrer Tätigkeit bezeichnet. In Wirklichkeit war sie zum einen das unausgesprochene Eingeständnis der KLV-Organisatoren, daß es ihnen mit zunehmender Kriegsdauer nicht gelang, geeignete Quartiere in ausreichender Anzahl bereitzustellen, 172 zum anderen ergab sich so für die Ver170

Die Mitwirkung der NS-Volkswohlfahrt bei der Umquartierung, Auszug aus dem Nachrichtendienst des Deutschen Vereins für öffentliche und private Fürsorge, Heft 8, 1943, HA Stuttgart, Sozialamt 835. 171 Bericht vom 3.12.1943 an den Leiter der Abteilung E (Schulwesen) im RMWEV, Dr. Frank, BA Koblenz, R 21/723. 172 Der Ende 1944 abgesandte Brief des Oberbürgermeisters von Stuttgart an die Ministerialabteilung für Bezirks- und Körperschaftsverwaltung illustriert die Schwierigkeit der Behörden, ausreichende Quartiere bereitzustellen: Bei der Umquartierung der Stuttgarter Schulen habe sich der Mangel an Quartieren auf dem Lande außerordentlich hemmend bemerkbar gemacht. „Es wurde deshalb den Erziehungsberechtigten freigestellt, ihre schulpflichtigen Kinder selbst bei Verwandten oder Bekannten auf dem Lande unterzubringen. Die Erziehungsberechtigten haben hiervon zahlreich Gebrauch gemacht - etwa 40-50 v. H. der Schulkinder wurden im Wege der Verwandtenhilfe umquartiert - und damit wesentlich zu einer raschen und reibungslosen Durchführung beigetragen." Der Bürgermeister bat die

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antwortlichen die Möglichkeit, weiterhin hohe KLV-Zahlen zu vermelden, indem sie die bei Verwandten untergebrachten Kinder einfach mitzählten.

4. Die Lager der KLV für die zehn- bis vierzehnjährigen

Kinder

Die Lager für die Kinder zwischen zehn und vierzehn Jahren standen im Zentrum der Aufmerksamkeit der Verantwortlichen in der Reichsdienststelle KLV und der Hitlerjugend. In den Lagern schien die Verwirklichung der inhaltlichen Ziele, die mit der Einrichtung der KLV verknüpft wurden und über die bloße Bewahrung der Großstadtjugend vor den Schäden des Krieges hinausgingen, am besten möglich. Deshalb konzentrierte sich das Engagement der Verantwortlichen auf diese Art der Verschickung. Die erfolgreiche Verwandtenverschickung paßte eben nicht in die inhaltliche Konzeption der Erweiterten Kinderlandverschickung, auch wenn sie eine quantitativ erheblich größere Bedeutung erlangte als die übrige KLV. Der von der Bevölkerung akzeptierten Mutter-und-Kind-Verschickung maßen die Köpfe in der Reichsdienststelle ein noch geringeres Gewicht bei als der Verschickung der sechs- bis zehnjährigen Kinder. Die Lager waren das Modell für eine Fortsetzung der Erweiterten Kinderlandverschickung nach dem Krieg als Regelangebot deutscher Schulerziehung unter der Federführung der Hitlerjugend. Die äußeren Bedingungen des Lagerlebens War bei der Verschickung der kleineren Kinder die Arbeit der Organisatoren in der Reichsdienststelle und der NSV mit der erfolgreich abgeschlossenen Suche nach einer Pflegefamilie und der Ankunft der Kinder beendet, stellte die Lagerverschickung auch in bezug auf die äußeren Bedingungen eine besondere Herausforderung dar. Der Raumbedarf für die Lager der Kinderlandverschickung war groß. Insgesamt wurden nach Berechnungen der Reichsjugendführung rund 3.600 Gebäude mit rund 250.000 Plätzen benötigt. Die erforderlichen Gegenstände, die zur Einrichtung der Lager notwendig waren, hätten nach einer zeitgenössischen Behörden zu prüfen, „ob bei der Bemessung des Räumungs-Familienunterhalts die im Wege der Verwandtenhilfe umquartierten Schulkinder nicht den in geschlossenen Klassen gleichgestellt werden können." Damit wäre eine völlige Gleichstellung der KLV-Kinder mit den anders verschickten Jugendlichen gewährleistet worden. (Brief des Oberbürgermeisters von Stuttgart an die Ministerialabteilung für Bezirks- und Körperschaftsverwaltung, o. D. (Okt./Nov. 1944), HA Stuttgart, Sozialamt 836)

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B. Einrichtung

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Schätzung ausgereicht, um eine Stadt von 40.000 Familien mit je fünf Köpfen häuslich einzurichten. 173 Die Unterbringung erfolgte in Jugendherbergen, Hotels und Erholungsheimen, die zu diesem Zweck beschlagnahmt wurden. Während deren Eigentümer in besetzten Gebieten entschädigungslos enteignet wurden, erhielten deutsche Besitzer die Unterbringungskosten auf der Basis von reduzierten Vorkriegspreisen ersetzt. Dabei suggeriert, daß die Hausbesitzer froh gewesen seien, auf dieser Grundlage in den Kriegsjahren ihr Haus als KLV-Lager weiterführen zu können.' 74 Zumindest die Hoteliers hatten allerdings große Vorbehalte gegen die Lager. So berichtet der Münsteraner Hauptlagerleiter Stephany, der seit Mitte 1943 im bayerischen Tegernsee war, daß die Besitzer von zwei der drei für seine Schule beschlagnahmten Hotels die Beschlagnahmung wieder rückgängig machen konnten.175 Das mit Kriegsbeginn am 1.9.1939 erlassene Reichsleistungsgesetz (RLG) bot Handhabe für eine Reihe von einschneidenden Maßnahmen zur Nutzbarmachung privaten Eigentums für Bedürfnisse des Krieges.176 In den ersten Wochen der KLV hatten Parteistellen jedoch in großer Zahl und ungeregelt Häuser für die Kinderlandverschickung beschlagnahmt. Der Reichsinnenminister sah deshalb Anfang 1941 dringende Veranlassung, die Rechtslage klarzustellen und darauf hinzuweisen, „daß die Befugnis zur Inanspruchnahme von Sachleistungen für Reichsaufgaben, wie z. B. von Unterkunft auf Grundstücken und in Gebäuden und Räumen sowie zu deren vorsorglicher Beschlagnahme [...] durch das RLG einheitlich geregelt ist und sich ausschließlich nach diesem Gesetz richtet."177 Für die Überlassung von beschlagnahmten Hotels und Herbergen wurde der vor Kriegsbeginn erhobene Preis zugrunde gelegt, von dem Abschläge bis zu fünfzig Prozent gemacht wurden, die sich danach errechneten, wie hoch die Belegung in der Vorkriegszeit gewesen war. Auf der Rechtsgrundlage des RLG gab das Reichsinnenministerium am 20.6.1941 einen Runderlaß heraus, in dem es hieß, daß „besondere Notwendigkeiten des Krieges, insbesondere die Unterbringung von Kindern aus luftgefährl7!

Kaufmann, Das kommende Deutschland, S. 359. „Es ist verständlich, daß dies zu großer Bereitschaft führte, der KLV geeignete Objekte zur Verfügung zu stellen." (Dabei, KLV, S. 4.) 173 Bericht des Hauptlagerleiters Stephany über den gegenwärtigen Stand der nach Tegernsee verlegten Klassen der beiden staatlichen Gymnasien Münsters, Nachlaß Stephany. 174 Das Gesetz ist vollständig abgedr. in: Dokumente deutscher Kriegsschäden, Bd. II/1,S. 449457. 177 Brief des RM1 an alle Parteidienststellen vom 25.1.1941, Bezirksamt Neuenburg v.W. Nr. 2401. Ein dreiviertel Jahr später wies ein Erlaß erneut auf diese Rechtslage hin. Erlaß des RMI vom 10.10.1941, StA Amberg, Bezirksamt Beilngries, Nr. 3288. 174

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deten Gebieten, [...] es dringend geboten erscheinen (lassen), daß die im gesamten Reichsgebiet vorhandenen Anstalten und Heime, in denen Minderjährige untergebracht sind, nach planwirtschaftlichen Gesichtspunkten verwendet werden." 178 Seit Anfang Oktober 1942 galt auch die NSV als Bedarfsträger für die Beschlagnahmung von Quartieren auf Grund des RLG. Sie sah in der Möglichkeit, Häuser für ihre Zwecke beschlagnahmen zu können, ein Instrument, ihre Machtposition gegenüber den anderen Wohlfahrtsträgern auszubauen. Dabei brauchte die NSV nicht selber in Aktion zu treten und mußte deshalb auch nicht fürchten, ihr positives Image in der Bevölkerung zu gefährden. Die Beschlagnahmung war von den NSV-Dienststellen bei den Landräten bzw. Bürgermeistern lediglich zu beantragen, die ihrerseits für die Durchführung Sorge tragen mußten. In der Folge ließ die NSV auf dieser Rechtsgrundlage verstärkt Heime und Einrichtungen der Inneren Mission oder der Caritas beschlagnahmen. Bei anderen Trägern war eine Beschlagnahmung meist nicht notwendig, es kam hier zu freien Vereinbarungen zwischen den KLV-Stellen und den Trägern der für die Belegung vorgesehenen Häuser.179 Die Inanspruchnahme der privaten Häuser stand allerdings erst an letzter Stelle der Bemühungen um Quartiere für die Kinderlandverschickung, denn der Reichsdienststelle KLV standen auch viele Häuser der Gliederungen der Hitlerjugend zur Verfügung. Seit 1933 war intensiv am Aufbau der Jugendherbergen gearbeitet und das Jahr 1937 zum sogenannten Jahr der Heimbeschaffung' für die HJ erklärt worden mit dem Ergebnis, daß 1.071 „Erziehungsstätten, die in jeder Weise nationalsozialistischen Anforderungen entsprachen" 180 , zusätzlich für die Hitlerjugend bereitstanden; 1939 gab es bereits 1.700 Häuser.181 Damit war die Ablösung der Schule als ,Erziehungsstätte' durch das ,Lager' oder ,Heim' vorbereitet. Im ersten Entsendeabschnitt der Erweiterten Kinderlandverschickung 1940 wurden für die Unterbringung der Jugendlichen in erster Linie diese parteieigenen Einrichtungen herangezogen; im zweiten Abschnitt folgten 178

Runderlaß des Reichsministers des Innern vom 20.6.1941, abgedr. in Vorländer, Die NSV, Dok. 214, S. 417. Hier heißt es weiter: „Die Sicherstellung dieses Zweckes erfordert es, daß auch die konfessionell bestimmten und die sonstigen, nicht von der öffentlichen Verwaltung, der Hitler-Jugend oder der NS-Volkswohlfahrt betriebenen Anstalten und Heime in die planwirtschaftliche Verwendung einbezogen werden." 179 So wurde in dem Vertrag zwischen der HJ-Gebietsführung Steiermark und der NSLB-GauwaltungGraz zur Überlassung eines Erholungshauses vom 21.3.1943 die Vergütung pro Tag und Bett auf 1,20 RM zuzüglich zehn Prozent Bedienungszuschlag festgelegt. (Vertrag zwischen der HJ-Gebictsführung Steiermark und der NSLB-Gauwaltung Graz zur Überlassung des Erholungshauses Felscnhaus Gleichberg vom 21.3.1943, BA Koblenz, NS 12/375.) 180 Hitler-Jugend 1933-1943, S. 30. 181 Ebd., S. 24.

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B. Einrichtung

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der KLV

Schulen, Klöster und Klosterschulen. Erst seit März 1941 standen als Unterbringungsmöglichkeiten Hotels, Gaststätten und Pensionen im Vordergrund.182 Immerhin gelanges den Organisatoren, in den ersten zwei Jahren der KLV 2.500 Gebäude mit insgesamt 100.000 Belegungsplätzen zur Verfügung zu stellen.183 Die Versorgung der Lager mit ausreichender Ausrüstung und Verpflegung war ein erhebliches Problem. An die Ausstattung der für KLV-Lager vorgesehenen Häuser waren - zumindest auf dem Papier - hohe Anforderungen gestellt. Entsprechend einem „Mindestraumprogramm für Lager mit 40 Jugendlichen" mußte der Schlafraum pro Person wenigstens drei Quadratmeter Grundfläche aufweisen und sieben Kubikmeter Luftraum haben. In jedem Raum sollten mindestens drei Betten stehen. Der Tagesraum, der gleichzeitig auch als Eß- oder Schlafraum genutzt werden konnte, mußte mindestens eineinhalb Quadratmeter pro Person groß sein. Das Zimmer für den Lagermannschaftsführer sollte eine Größe von mindestens zehn Quadratmetern haben, das für den Lagerleiter von mindestens zwölf Quadratmetern. Vorgesehen war in jedem Lager auch ein Krankenzimmer mit zwei Betten und mindestens zwölf Quadratmetern Grundfläche. In den Waschräumen sollten für je drei Jugendliche eine Waschstelle und eine ausreichende Zahl an Duschen zur Verfügung stehen.184 Die Organisatoren der Kinderlandverschickung hatten von Anfang an erkannt, daß eine Akzeptanz ihrer Aktion nur zu erreichen war, wenn die Grundbedürfnisse des täglichen Lebens mindestens ebenso gut erfüllt werden konnten, wie dies in den Heimatstädten der Fall war. Dies galt in besonderem Maße für die Ernährung. Die ,Anweisungen für die Kinderlandverschickung' forderten ausdrücklich, daß alle Mitarbeiter in der KLV ihr „Hauptaugenmerk auf die Abgabe einer guten und reichlichen Verpflegung" zu richten hätten.185 Täglich sollten zwei Reichsmark für die Verpflegung der Lagerteilnehmer aufgewendet werden, davon 1,40 RM für Lebensmittel und die restlichen sechzig Pfennige für deren Zubereitung und die Verteilung der Mahlzeiten. Die Kinder erhielten zusätzlich zu den ihnen entsprechend ihrem Alter auf Lebensmittelkarte zustehenden Rationen Sonderzuschläge.186 Das Reichsmi182

Börsenzeitung Nr. 152 vom 31.3.1941, BA Potsdam, R 8034 11/420, Bl. 16. Fehlberg, Die Leistungen der KLV-Lager, in: Das Junge Deutschland 37 (1943), S. 104. 184 BA Koblenz, R 21/510, Bl 76f. 183 Erweiterte Kinderlandverschickung. Anweisungen für Jungen- und Mädellager, BA Koblenz, NSD 43/94, S. 43. 184 Im Einzelnen: an Brot bzw. Mehl zehn Prozent, an Fett zehn Prozent, an Käse 25 Prozent, an Quark hundert Prozent, an Nährmitteln zehn Prozent, an Marmelade 25 Prozent, an Zucker zwanzig Prozent und je Tag 0,2 Liter entrahmte Frischmilch. (Erlaß des RM tur 183

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nisterium für Ernährung und Landwirtschaft stellte Anfang Oktober 1940 für die Lebensmittelzuteilung die Regel auf, daß in ein KLV-Lager verschickte Kinder keine eigenen Lebensmittelkarten erhalten sollten. Jedes Lager hatte die Belege über getätigte Käufe einzureichen, erst dann wurden monatlich ausgestellte Sammel-Lebensmittelkarten für den kommenden Monat gültig. Die Lebensmittelversorgung der Lager unterstand der Überwachung des Reichsministeriums für Ernährung und Landwirtschaft.187 Von dort wurden über die Lebensmittelstellen der Gaue und der Kreise bis hinunter zur Lagerverwaltung Instruktionen erteilt, die die geforderte Nahrungsmittelversorgung regelten. Seit 1941 beschäftigte sich auch eine eigene Abteilung Ernährungswirtschaft innerhalb der Reichsdienststelle KLV mit der Organisation der Verpflegung der KLV-Lager. Zunächst betraute diese eine Hamburger Großhandelsfirma mit der Belieferung aller Lager. Die Handelsfirma erhielt die Freigabebezugsscheine und sandte die für die einzelnen Lager bestimmten Lebensmittel unmittelbar an ihre Bestimmungsorte. Ende 1941 gab die Reichsdienststelle dieses zentralistische Verfahren auf und bestimmte in jedem Aufnahmegebiet eine eigene Verteilerfirma.188 Nachdem durch eine Anordnung des Reichsschatzmeisters der NSDAP der Reichsverband für deutsche Jugendherbergen aufgelöst und der Reichsjugendführung unterstellt worden war, wurde schließlich die Abteilung Ernährungswirtschaft aus der Dienststelle KLV herausgelöst und in das neu gegründete Wirtschaftsamt der Verwaltung der RJF als selbständige Hauptabteilung überführt. Diese organisierte nicht nur die KLV-Versorgung, sondern auch die der Wehrertüchtigungslager, der Adolf-HitlerSchulen, der NPEA sowie aller sonstigen Internate. Wallrabenstein verkündete selbstbewußt, daß von der Reichsjugendführung einheitlich festgelegte Ernährungspläne, die erhöhte Zuteilung sowie der hohe Verpflegungssatz für eine gesundheitsfördernde Ernährung sorgen würden, „die auch allen Anforderungen einer erhöhten Reizwirkung durch den Klimawechsel gerecht wird."189 Der Reichsverband für Deutsche Jugendherbergen gab eigens einen ,Rahmenplan für eine Wochen-Verpflegung' heraus, der durch beigefügte Rezepte wesentlich „das Gelingen der Ernährung und Landwirtschaft vom 29.10.1940, ÖStA/AdR, Bürckel/Mat. 4651, Bd. 1.) In Parteikanzlei, Vertrauliche Informationen, Folge 12, Beitrag 154, 22.3.1943, wird diese Zuteilung noch einmal bestätigt. 1,7 Vgl. auch den Final Report des ,United States Strategie Bombing Survey Civil Defense Division', der auszugsweise abgedruckt ist in den Dokumenten deutscher Kriegsschäden, S. 494-506. 188 Für diese und die folgenden Informationen vgl. Erinncrungsbericht des Leiters der Abteilung Ernährungswirtschaft in der Reichsdienststelle KLV, abgedr. in Dabei, KLV, S. 72-75. "^ Wallrabenstein, Erweiterte Kinderlandverschickung, in: DSE 1943, S. 96.

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B. Einrichtung und Aufbau der KLV

vom Führer befohlenen Sonderaktion" befördern sollte.190 Tatsächlich hing der Anspruch der Kinder auf eine gute Ernährung jedoch von den Voraussetzungen der einzelnen KLV-Lager ab. Diese wiederum waren so verschieden wie die Unterkünfte. So liegen Berichte wie der des Kölners Heribert S. aus dem Spätsommer 1941 vor: „Das Essen im Lager war mehr als schlecht. Es reichte auch quantitätsmäßig nicht. In einem benachbarten weiblichen Reichsarbeitsdienstlager wurden wir mit durchgefüttert."191 Dabei hingegen wertet die von ihm gesammelten Zeugenaussagen von ungefähr 500 KLV-Lagerteilnehmern folgendermaßen aus: Als ,sehr schlecht' bezeichnen die Verpflegung hier lediglich zwei Prozent, 16 Prozent als ,schlecht', 40 Prozent als ,reichlich gut' und 42 Prozent als ,sehr gut'.192 Die Verpflegung war also in allen Lagern verschieden, aber doch wohl - von wenigen Ausnahmen abgesehen - bis kurz vor Kriegsende, wenn auch nicht vielseitig, so doch ausreichend. Erst mit Kriegsende traten hier wirkliche Notstände auf.193 Verstöße gegen die vorgeschriebene Verteilung der Lebensmittel kamen allerdings häufig vor. In der Tagung zum zweijährigen Bestehen der KLV wies Schirach besonders darauf hin, daß schärfstens gegen die Unterschlagung von Lebensmitteln durch die Gaubeauftragten eingeschritten werden müsse. Die Lager und belegten Einrichtungen seien deshalb der Kritik der Bevölkerung ausgesetzt. „Es muß daher darauf gesehen werden, daß in diesen Einrichtungen größte Ordnung in Bezug auf die Verbrauchslenkung herrscht."194 Die Erinnerungen der ehemaligen KLV-Teilnehmer an das Hauspersonal sind wohl vor allem deshalb vorwiegend negativ. Zwar gab es eine eigene ,Wirtschaftsleiterinnenschule der KLV in Bad Podiebrad, in der bis 1945 über 1.000 junge und ältere Frauen für diese Aufgabe ausgebildet wurden.195 Die Häuser wurden jedoch zumeist von lokalem Wirtschaftspersonal betrieben, das zum Teil notdienstverpflichtet wurde und deshalb an einer sorgfältigen Betreuung der Kinder oft nicht interessiert war.196 I9=

BA Potsdam, R 2/11914. Der Plan sah unter anderem fünf tägliche Mahlzeiten vor. EB Heribert S , HA Köln Z. 81/1081, Bl. 14. " Dabei, KLV, S. 76. ' " Spee kritisiert in seiner Untersuchung von Hamburger KLV-Lagern das Fehlen von Bestimmungen zur Anlage von Notvorräten, woran zu erkennen sei, „daß die NS-Führung nicht nur in der Propaganda den eigentlichen Zweck der KLV zu kaschieren versuchte, sondern offenbar sogar selber darin keine reine Evakuierungsmaßnahme sehen wollte, für die das Einplanen von Notvorräten selbstverständlich gewesen wäre." (Spee, Die Hamburger Kinderlandverschickung, Studien zum Lageralltag, S. 112.) 1.4 Bericht an den badischen Leiter des Gauamtes für Volkswohlfahrt, Dinkel, über die Tagung zum zweijährigen Bestehen der Erweiterten Kinderlandverschickung in Berlin am 2.10.1942, GLA Karlsruhe, 465d/957. 1.5 Griesmayr/Würschinger, Idee und Gestalt der Hitlerjugend, S. 261. 194 Per Erlaß vom 19.2.1941 wies der Reichsminister des Innern sogar extra darauf hin, daß das für Lager notwendige Wirtschaftspersonal per Notdienstverordnung verpflichtet werden kann. (RdErl. des RMI vom 19.2.1941, StA Amberg, Bezirksamt Beilngries, Nr. 3288.) 191

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Nicht nur die Versorgung mit Lebensmitteln, sondern auch die mit Kleidung, Bettwaren und Schuhen erforderte eine besondere Regelung, da diese ebenfalls zwangsbewirtschaftet waren. Bett- und sonstige Wäsche für die KLV-Lager und -Heime, die in Eigenbewirtschaftung der HJ oder der NSV standen, sollte zentral über die HJ oder das Hauptamt für Volkswohlfahrt aus dafür zur Verfügung stehenden Spinnstoffkontingenten beschafft werden. Angemietete oder beschlagnahmte Beherbergungsbetriebe mußten einmalig für die Dauer der Inanspruchnahme und ohne Rücksicht auf eine eventuelle Unterbrechung neben den Bettwaren je belegtes Bett die eineinhalbfache Menge an Bettwäsche und Handtüchern sowie im Falle der Abgabe von Verpflegung die erforderliche Küchenwäsche zur Verfügung stellen.197 In vielen KLV-Lagern bekamen die Kinder sogenannte Wascheltern im Lagerort zugeteilt, die die Wäsche der KLV-Teilnehmer reinigen mußten. An Bekleidung und Ausrüstung stellte die NSV für die Lager bis 1943 insgesamt unter anderem 140.000 KLV-Uniformen für Jungen, 130.000 für Mädchen, 110.000 Paar Holzschuhe, 85.000 Schlafdecken und 139.000 Strohsäcke bereit.198 Nicht ohne Stolz verkündeten die Verantwortlichen: „Würde man diese Beschaffungen, die ärztliche Betreuung, die Fahrgelder, die Unterkunft und Verpflegung auf einen Jugendlichen umrechnen, so ergäbe sich monatlich ein Unterhaltssatz von mindestens 150 RM."199 Zumindest die Ausstattung mit Schuhen ließ sich jedoch nicht befriedigend lösen. Vielfach waren die Kinder zwar - wie die Vorschriften es bestimmten - mit zwei Paar intakten Schuhen in die Lager gereist.200 Aus dem eigentlich geplanten sechsmonatigen Aufenthalt wurde aber ein viel längerer, so daß die Kinder Ersatz für verschlissene Schuhe benötigten, der oftmals nicht zu beschaffen war.

197

Erlaß des Reichswirtschaftsministers vom 31.3.1942, HStA München, MWi 5852. Im Erlaß heißt es weiter: „Während der Dauer der Inanspruchnahme entstehender Ersatzbedarf wird aus den Kontingenten der HJ und der NSV den Beherbergungsbetrieben leihweise für diesen Zweck zur Verfügung gestellt. [...] Bettwäsche und Handtücher für Einzelbelegungen durch die NSV in Privathaushaltungen (Familienpflegesteilen) werden regelmäßig von den Familienpflegcstellen aus deren Beständen gestellt." 198 Zahlen bei Schirach, Leistungen der Erweiterten Kinderlandverschickung, in: Parteikanzlei, Vertrauliche Informationen, Folge 76, Beitrag 985, 27.11.1942. 199 Fehlberg, Die Leistungen der KLV-Lager, in: Das Junge Deutschland 37 (1943), S. 104. 2X „Grundsätzlich kann davon ausgegangen werden, daß in Anbetracht dieser Ausstattung der Kinder mit Schuhen vor der Entsendung ein Bedarf an neuen Schuhen in den Aufnahmegauen während der Landerverschickung nicht auftreten wird. Für den dringlichsten Schuhbedarf, der sich trotz dieser Ausstattung während des Aufenthalts in den Lagern der Aufnahmegaue einstellt, verfügt die HJ über ein Notstandskontingent an Schuhbcstellscheinen." (Weisung Nr. 203/42 LWA des Bavr. Staatsministeriums für Wirtschaft vom 9.4.1942, HStA München, MWi 5852.)

126

B. Einrichtung und Aufbau der KLV

Zahl der Erkrankungen in KLV-Lagern nach einer von Schirach paraphierten Aufstellung201 Art der Krankheit Scharlach u. Verdacht Diphtherie Masern Erkältungskrankheiten Mumps Röteln Ruhr TBC Windpocken Unfälle Sonst. Erkrankungen (Lebensmittelvergiftungen, Magen-Darmkrankheiten, Bettnässer etc.) Todesfälle

bis 15.3.41

bis 31.3.41

887 430 9 859 43 17 32 7 37 547

1.086 507 24 k.A. 48 28 58 10 88 796

1.634 631 42 2.160 81 54 k.A. 19 89 1.038

8.737 18

11.005 29

11.848 34

bis 3.2.41

Zur gesundheitlichen Versorgung der Lager richteten die Aufnahmegebiete besondere Inspektionsabteilungen ein, die mit hauptamtlich tätigen Ärzten, Hilfsärzten und ,Gesundheitsdienst-Mädeln' besetzt waren. Dieser Gesundheitsdienst der HJ besaß eine Mitsprachemöglichkeit bei der Auswahl der Unterkünfte, sorgte für eine hygienische Inspektion der Häuser und überwachte die Ernährung. Vor allem aber sollte der Dienst in den Lagern Erste-Hilfe-Maßnahmen durchführen und die leicht erkrankten Kinder und Jugendlichen betreuen. Nach Angaben der ehemaligen BDMReichsfererentin Jutta Rüdiger waren hierfür 726 Lagerärzte und -ärztinnen zusätzlich zu den örtlich ansässigen tätig, dazu kamen 125 Hilfsärzte, 390 sogenannte Gesundheitsdienstmädel, 278 Schwestern, 94 Medizinstudentinnen sowie 175 sonstige Pflegekräfte.202 Laut einer Aktennotiz vom 13.11.1940 über bisher bei Hamburger Kindern aufgetretene Infektionskrankheiten gab es bis zu diesem Zeitpunkt insgesamt 23 Diphtherieerkrankungen, einen Diphtherie-Todesfall, zwanzig Scharlacherkrankungen und ebenso viele Ruhrerkrankungen. Bei bis dahin 46.000 verschickten Kindern lag die Zahl damit unter dem Durch201

Von Schirach paraphierte Aufstellung von Erkrankungen im KLV-Lager, o. D., ÖStA/AdR, Bürckel/Mat 4651, Bd. IL -'--' Rüdiger, Die Hitler-Jugend und ihr Selbstverständnis, S. 212. Rüdiger gibt als ihre Quelle ,Das Junge Deutschland, 1943' an. Dort lassen sich die Zahlen allerdings nicht nachweisen. Die Zahl der Ärzte bestätigt aber Schirach, Leistungen der Erweiterten Kinderlandverschickung, in: Parteikanzlei, Vertrauliche Informationen, Folge 76, Beitrag 985, 27.11.1942.

/ / / . Die Organisation der KLV

127

schnitt der Erkrankungen der Hamburger Kinder.203 Im Juni 1941 nannte Schirach auf einer Tagung in Berlin neue Zahlen über den Gesundheitszustand der Teilnehmer in der KLV. Bis dahin waren 238 Fälle von Diphtherie, 829 Scharlacherkrankungen, 47 Masern-, 28 Röteln- sowie je 2 Ruhrund Typhuserkrankungen aufgetreten. 24 Kinder waren im KLV-Lager gestorben. Dazu kamen noch 428 von Schirach nicht näher beschriebene Unglücksfälle.204 Auch wenn der Berichterstatter dieser Tagung bezweifelte, „ob die Zahlen den Tatsachen entsprechen",205 so scheint es doch unbestreitbar zu sein, daß die gesundheitliche Betreuung in den KLV-Lagern eine bessere und umfassendere war, als sie in den Heimatstädten während des Krieges hätte durchgeführt werden können. Stolz vermeldete Schirach deshalb am 19.10.1942 an den Propagandaminister Goebbels, die Erweiterte Kinderlandverschickung habe sich zu einer der erfolgreichsten Maßnahmen der Gesundheitsförderung entwickelt. „Die Unterbringung in nicht-luftgefährdeten Gebieten, ausreichender Schlaf und befriedigende Ernährung haben sich dabei vorteilhaft ausgewirkt. Todesfälle und Krankheiten hielten sich in normalen Grenzen. In der Zeit vom 1.1.42 bis 30.6.42 z. B. verstarben in der Kinderlandverschickung 35 Jugendliche bei einer Gesamtzahl der Erkrankungen aller Art von 54.424 und Zahnbehandlungen von 14.570. Im Vergleich mit der Reichsstatistik sind das 4 Todesfälle weniger, als wenn die Kinder zu Hause geblieben wären. "206 Die Regelung der Frage, wer die Kosten für die Behandlung von in der KLV auftretenden Krankheiten übernehmen sollte, wurde bereits zur Jah2:1

Aktennotiz des Leiters der Hamburger Hauptstelle für Volksgesundheit vom 13.11.1940, StA Hamburg, 361-10/30. Auch am 9.1.1941 heißt es in einer Gesprächsnotiz Sahrhages über ein Telefonat mit dem Leiter der Hamburger Hauptstelle für Volksgesundheit: „Die Zahl der Erkrankungen (1%) und Todesfälle (bisher 9 von fast 70.000 Kindern) der verschickten Kinder liegt unter dem Hamburger Durchschnitt." (Gesprächsnotiz des KLV-Inspekteurs des NSLB, Sahrhage, über ein Telefonat mit dem Leiter der Hamburger Hauptstelle für Volksgesundheit, Dr. Voll, vom 9.1.1941, StA Hamburg, 361-10/3.) 234 Bericht über eine Arbeitstagung für KLV in Berlin, 25.6.1941, S. 4, BA Koblenz, NS 12/vorl 942. 203 Ebd. Vgl. dazu die Tabelle auf der vorherigen Seite. -'• Schreiben des Beauftragten des Führers für die Inspektion der HJ und Reichsleiter für die Jugenderziehung der NSDAP, von Schirach, an Reichsminister Goebbels vom 19.10.1942, HStA München, Reichsstatthalter 388/1. (Hervorh. im Original) Diese unbestreitbar positive Begleiterscheinung der Erweiterten Kinderlandverschickung betonten die KLV-Verantwortlichen natürlich gerne in ihren Erfolgsberichten. So heißt es bei Fehlberg, daß der Gesundheitszustand in den Lagern als sehr gut zu bezeichnen sei: „Der starke Klima- und Witterungsreiz und die Verpflegung haben sich außerordentlich günstig auf Längenwachstum und Gewichtszunahmen ausgewirkt. Durchschnittlich sind Gewichtszunahmen zwischen drei und fünf Kilo zu verzeichnen. Auf Grund einer sorgsamen Entsendeuntersuchung in der Heimat werden nur gesunde Jugendliche verschickt." (Fehlberg, Die Leistungen der KLV-Lager, in: Das Junge Deutschland 37 (1943), S. 104.)

128

B. Einrichtung

und Aufbau

der KLV

reswende 1940/41 geklärt. Am 21.12.1940 wurde ein entsprechender Vertrag mit den Krankenkassen vereinbart. Weitere Verträge schloß die NSV am 22.12.1940 mit der Kassenzahnärztlichen Vereinigung Deutschlands, am 28.12.1940 mit der Deutschen Apothekerschaft, am 6.1.1941 mit der Deutschen Krankenhausgesellschaft, am 7.1.1941 mit dem Reichsinnungsverband des Bandagisten- und Orthopädiemechanikerhandwerks und schließlich am 11.1.1941 mit dem Reichsinnungsverband des Augenoptikerhandwerks. 207 Kostenträger war jeweils die NSV, die wiederum mit dem Reichsschatzmeister der NSDAP abrechnete. Die Krankenhausgesellschaft stellte „mit Rücksicht auf den sozialen Charakter der Fürsorgeaktion" den jeweils günstigsten Satz in Rechnung, abgerechnet wurde monatlich.208 In verschiedenen, durch besonders viele KLV-Teilnehmer frequentierten Gebieten wurden daraufhin eigene Hilfskrankenhäuser errichtet. So gab es in Bad Podiebrad ein reguläres KLV-Krankenhaus; 209 KLV-Hilfskrankenhäuser und KLV-Krankenstationen gab es z. B. im Gau Schwaben in Bad Wörrishofen und in Kornau. 210 Die Richtlinien und Vorschriften zeichnen für die äußeren Bedingungen des Lagerlebens also ein recht positives Bild. Anspruch und Wirklichkeit stimmten jedoch nicht immer überein. Larass berichtet in seinem Buch über die Kinderlandverschickung von zahllosen Mängeln in den Lagern, vor allem aufgrund von unzureichenden Heizmöglichkeiten, zu wenig Betten und mangelnder Ernährung. 211 Die Berichte stammen jedoch alle aus der ersten KLV-Zeit, außerdem fehlen quantifizierende Vergleichsmöglichkeiten. Hilfreich ist hier die Untersuchung von Spee, der alle im umfangreichen Bestand ,Kinderlandverschickung' des Hamburger Staatsarchivs überlieferten Briefe, Tagebuchnotizen und Lagerberichte ausgewertet hat, die die 237

Abschriften der Verträge in StA Münster, GfV 656. 20» Vertrag über die Krankenhausaufenthalte von Kindern aus der KLV zwischen der NSV und der Deutschen Krankenhaus-Gesellschaft vom 6.1.1941, BA Koblenz, R 36/2596. 209 Vgl. das Gespräch mit dem ehemaligen Lagermannschaftsführer und Standortlagermannschaftsführer von Tirol und Vorarlberg, Hanns Schaefer, vom 28.9.1994. 2,0 Vgl. hierzu StA Augsburg, Gesundheitsamt Sonthofen 12. Am 2.3.1944 teilte das Reichsministerium für Ernährung und Landwirtschaft dem Jugendführer des Deutschen Reiches mit: „Nach Fühlungnahme mit dem Herrn Reichsgesundheitsführer teile ich mit: Es bestehen keine Bedenken dagegen, die in den Aufnahmegebieten der Kinderlandverschickung errichteten Hilfskrankenhäuser für verschickte Kinder als Krankenanstalten im Sinne meines Erlasses vom 15.2.1940 [...] mit Lebensmitteln zu versorgen." (Schreiben des Reichsministeriums für Ernährung und Landwirtschaft an den Jugendführer des Deutschen Reiches vom 2.3.1944, BA Potsdam, R 14/181, Bl. 96.) 211 Vgl. Larass, Der Zug der Kinder, S. 69-77.

/ / / . Die Organisation der KLV

129

Hamburger Lehrer an die KLV-Inspektion gesandt haben.212 Insgesamt zeigen die Berichte seiner Untersuchung zufolge, daß die meisten der Lager in ihrer Beschaffenheit weit hinter den offiziellen Zielsetzungen lagen. Die Anzahl der requirierten Wohnstätten, in denen nur sehr wenig Platz war, die über unzureichende Waschgelegenheiten und Abortanlagen verfügten oder eine für den Winter nur mangelhafte Heizung besaßen, überwog die Zahl der Unterkünfte, die den Standard geräumiger und gut befeuerbarer Hotels und Gasthöfe aufwiesen. Das gleiche galt für die gesundheitliche Betreuung, bei der es überwiegend an ausreichender ärztlicher und krankenpflegerischer Versorgung fehlte. Die wenigsten Lager verfügten über ein gesondertes Krankenzimmer. Spee erkennt folgende Hauptursachen für die Mängel: - Bei der kurzfristigen Beschaffung der Lager zu Beginn der KLV war auf die Einhaltung der Richtlinien kaum geachtet worden, um die Vorgaben des Führerbefehls erfüllen zu können. - Der Standard des Lagers hing vom Aufnahmeort ab. In ländlichen, touristisch nicht erschlossenen Gebieten war der Standard niedrig. Deshalb macht Spee die allgemeine Feststellung, daß die Lager im Süden des Reiches besser waren als die im Osten. 213 - Kriegsbedingter Mangel an Baumaterial und Einrichtungsgegenständen. - Die Aufgabenverteilung zwischen Lehrerschaft und HJ führte dazu, daß die Hilfe, die der Lehrer für seine Lagereinrichtung von der HJ benötigte, durch Rivalitäten und Kompetenzgerangel der jeweiligen Vertreter in den Verbindungsstäben und in der KLV-Leitung in Hamburg nur schleppend oder gar nicht zustande kam. Alle diese Mängel sind wohl als kriegsbedingt zu bezeichnen und waren im Durchschnitt nicht schwerwiegender, als es die Zustände in den Heimatstädten der Kinder waren. Insgesamt - so läßt sich resümieren - war die Versorgung der Kinder in den KLV-Lagern im Verhältnis zu den durch den Krieg bedingten Möglichkeiten durchaus zufriedenstellend.214

212 213

2,4

Spee, Die Hamburger Kinderlandverschickung. Studien zum Lageralltag, S. 11 lf. Vor allem aus Ostpreußen sind Berichte über katastrophale Zustände in den Lagern überliefert. Vgl. z. B.den Bericht der Leiterin des Lagers in der DJH Hohenbruch vom 18.6.1943: „Beim Betreten der Räume wirkten die schmutzstarrenden Räume wie ein Keulenschlag auf uns. [• •] •Der Lagermannschaftsführer und ich können uns einen längeren Aufenthalt hier überhaupt nicht vorstellen. [...] Ich weiß nicht, womit ich mich bei den Eltern entschuldigen soll, habe ich ihnen doch - laut Propaganda des Reichsstatthalters - alle Bedenken ausgeredet und nun?" Der zuständige Oberbannführer Thies wies die Vorwürfe am 25.6.1943 mit der Begründung zurück, daß der Standard in den meisten KLV-Lagern in Ostpreußen nicht hoher sei. (Beide Berichte in StA Hamburg, 361-10/51.) Die Erinnerungen der Kinder an diesen Aspekt ihres Lageraufenthaltes sind sehr unterschiedlich, vgl. hierzu unten, S. 310.

130

B. Einrichtung und Aufbau der KLV

Die offenen KLV-Lager Als die Erweiterte Kinderlandverschickung im Oktober 1940 innerhalb kürzester Zeit in Gang gesetzt wurde, ließen sich zunächst nicht genug lagergeeignete Häuser bereitstellen. Deshalb wurde bereits in den ersten Anweisungen festgelegt, daß auch Kinder von zehn bis vierzehn Jahren statt in Lagern im Notfall ausnahmsweise auch vorübergehend in Familien untergebracht werden könnten. Dabei sollten Gruppen gleichaltriger Kinder in einen möglichst kleinen Ort geschickt werden, ein für alle Kinder zuständiger Lagermannschaftsführer die Aufsicht behalten und die Kinder in einer eigenen Lagerschule unterrichtet werden. 215 Als Bezeichnung für diese Verschickung verwandte die Reichsdienststelle KLV den Begriff,offene Lager', um wenigstens auf dieser Ebene dem eigenen Anspruch auf eine Lagerunterbringung gerecht zu werden. Als 1943 in einem Rundschreiben erneut bestätigt wurde, daß die über zehnjährigen Kinder im Notfall auch in Familienpflegestellen untergebracht werden könnten, war es noch schwieriger geworden, geeignete Lager-Quartiere bereitzustellen. 216 Zudem war die Bereitschaft der Eltern, ihre Kinder in die KLV zu geben, größer, wenn die Verschickung in Gastfamilien und nicht in geschlossene Lager ging. So waren im von Luftangriffen stark bedrohten Wiesbadener Vorort Biebrich von rund 2.000 Schulkindern nur 106 verschickt worden, und zwar durchweg in offene KLV-Lager. Träger der Verschickung auch der über Zehnjährigen war dort die NSV.217 Die offenen Lager widersprachen allerdings den Erziehungsgrundsätzen, die die Reichsjugendführung für die Erweiterte Kinderlandverschickung verbindlich machen wollte. Deshalb gab es immer wieder Bestrebungen von Seiten der Partei und der Hitlerjugend, die ,offenen Lager' in richtige, nun geschlossen' genannte Lager umzuwandeln, da - so Wissmann zutreffend - die Staatsführung in diesen offenen Lagern ein ideologisches Risiko gesehen habe, nämlich „die mit der Aufgabe der Lagerunterbringung 213

Rundschreiben des Beauftragten des Führers für die KLV Nr. 6/40, 30.10.1940. In einem Merkblatt hieß es: „Stehen genügend Lager nicht mehr zur Verfügung, werden auch die älteren Kinder in Familienpflegestellen untergebracht, und zwar zunächst die Mädchen bis zu 14 Jahren, sowie die Knaben von 10-12 Jahren, während für die 12-14jährigen Knaben in erster Linie die von der HJ zu benennenden Lager in Anspruch zu nehmen sind." (Merkblatt für die Erweiterte Kinderlandverschickung, Anlage zum Schreiben des badischen Gauamtes für Volkswohlfahrt an die Gauamtsleitung der NSDAP und die Leiter der Ämter für Volkswohlfahrt vom 8.11.1940, GLA Karlsruhe, 465d/954.) 214 Sonderrundschreiben des Beauftragten des Führers für die KLV, Schirach, vom 4.6.1943, StA Hamburg, 361-10/15. 21 " Bericht über eine Dienstreise des Vertreters des RMWEV, Abteilung Schulen, Lachmann, in die westlichen Grenzgebiete vom 29.9.-7.10.1944, BA Koblenz, R 21/723.

/ / / . Die Organisation der KLV

131

verbundene geringere Aufsicht und Einflußnahme der HJ." 218 Der Erfolg der offenen KLV-Lager demonstriert, daß eine Verschickung der über zehnjährigen Kinder in Privatquartiere bei der Bevölkerung offenbar auf eine größere Akzeptanz gestoßen wäre als die Unterbringung in f o r m a len', von der Hitlerjugend geprägten Lagern. Die Lager für die Volksdeutschen' Kinder Die sogenannten Lager für die Volksdeutschen Kinder bildeten eine zahlenmäßig kleine und aus der übrigen KLV-Organisation und -Ideologie herausfallende Einrichtung. Es handelte sich hierbei um den Versuch, Kinder aus den eroberten und besetzten Gebieten, die für ,germanisierungsfähig' erklärt worden waren, mit der deutschen Kultur vertraut zu machen. Aus Gründen, die sich anhand der Akten nicht nachvollziehen lassen, wurde diese Aktion der Reichsdienststelle Kinderlandverschickung zugeordnet. Den KLV-Lagern vergleichbar waren die Lager für die Volksdeutschen Kinder lediglich in bezug auf Struktur und Ablauf des Lageralltags. Auch dort wohnten die Kinder mit Lehrern und HJ-Führern in einem Haus, in dem sie Unterricht erhielten. Aber schon der Unterricht war ein völlig anderer. Die polnischen, wallonischen, flämischen und tschechischen Kinder - vor allem um diese Nationalitäten handelte es sich - erhielten in erster Linie deutschen Sprachunterricht und wurden mit den angeblichen Errungenschaften der deutsch-völkischen Kultur vertraut gemacht. Die Lager dauerten für gewöhnlich drei Monate und führten vornehmlich in die zentralen Regionen des Deutschen Reiches. Wer die Initiative für diese Art der Lagerverschickung hatte, ist heute unklar. So heißt es in einer Mitteilung der Dienststelle KLV Anfang Mai 1942 lediglich unbestimmt, es bestehe die Absicht, „Jugendliche aus dem Generalgouvernement für längere "Zeit ins Reich zu holen, damit diese Jugendlichen durch diesen Aufenthalt im Reiche schnellstens vollkommen eingedeutscht werden." Zunächst war dabei an eine Verschickung von 2.000 Jugendlichen in die Gaue Sachsen und die Bayerische Ostmark gedacht.219 Die Zahl der verschickten Kinder war letztendlich aber um einiges höher, auch wenn sich genauere Angaben über die Größenordnung nicht machen lassen.

2,8 219

Wissmann, Es war eben unsere Schulzeit, S. 297. Mitteilung der Reichsdienststelle KLV, wiedergegeben in einem Schreiben des NSLB-Beauftragten für die KLV an die Gau waltung Bayerische Ostmark vom 14.5.1942, BA Koblenz, NS 12/940.

132

B. Einrichtung und Aufbau der KLV

Ein Tätigkeitsbericht des Militärbefehlshabers in Belgien und Nordfrankreich zeichnet ein farbiges Bild von der Aktion: „Die Kinderlandverschickung hat gute Fortschritte gemacht. [...] Im Laufe des April fuhren drei Sonderzüge mit je ca. 500 flämischen Jugendlichen nach Deutschland, unter denen sich eine große Anzahl von Jugendlichen aus bombengeschädigten Familien in Antwerpen befanden. In den Gebieten Moselland und Schwaben bestehen z. Zt. 34 Flamenlager, die meistenteils zwei Schulklassen umfassen. Der Geist in den Lagern ist gut, und die Jungen und Mädel haben eine enge Fühlung mit den Deutschen bekommen. Die weiteren Verschickungen erfolgen im Juli und August. Eine gewisse Beschränkung der Zahlen ist sowohl aus organisatorischen Gründen als auch aus Gründen des Einsatzes für den totalen Krieg notwendig. In Zukunft sollen vor allem die 12- und 13-jährigen Jungen verschickt werden, die daran anschließend für wesentlichere Aufgaben, wie germanischer Landdienst, Lehrlingswerbung für deutsche Rüstungswerke usw., späterhin für die germanischen Wehrertüchtigungslager und anschließenden Einsatz in die Waffen-SS geworben werden sollen."220 In seinem nächsten Bericht vermeldete der Militärbefehlshaber weitere Verschickungen, während gleichzeitig nach fünfmonatigem Aufenthalt in Schwaben eine Rückführung von 650 Kindern erfolgt sei. Im Oktober 1943 kam es zu Rückführungen aus dem Gebiet Moselland und zu einer Auffüllung der dortigen Lager. Zu diesem Zeitpunkt waren 500 Jugendliche in Einzellagern im Gebiet Schwaben, 500 Jugendliche in den Lagern im Gebiet Moselland und 500 Jugendliche im Großlager Dockendorf im HJ-Gebiet Moselland. An flämischen Kräften waren dafür insgesamt 48 Lehrer, 15 Lehrerinnen, 58 Jugendführer und 16 Jugendführerinnen tätig.221 Auch die,Germanische Leitstelle Finanzen, Wirtschaft und Vermögensverwaltung über Volkstumsarbeit in Flandern', die die Verschickung von Müttern mit Kindern koordinierte, war mit der Verschickung der ,volksdeutschen' Kinder zufrieden: „Nach wie vor findet die Mütter-undKind-Verschickung flämischer Frontkämpferfrauen nach Deutschland großen Anklang. Alle zur Verfügung gestellten Ferienplätze werden belegt. Die Mütter erholen sich gut und kommen begeistert und mit neuen Eindrücken und gutem Willen zurück. [...] Trotz größter Sorgen 22:

221

Tätigkeitsbericht Nr. 24 für die Monate April bis Juni 1943 des Militärbefehlshabers in Belgien und Nordfrankreich und des Chefs der Militärverwaltung vom 1.8.1943, IFZ, Besetzte Gebiete/Militärverwaltung, MA 677/5. Tätigkeitsbericht Nr. 25 für die Monate Juli bis September 1943 des Militärbefehlshabers in Belgien und Nordfrankreich und des Chefs der Militärverwaltung, IFZ, Besetzte Gebiete/Militärverwaltung, MA 677/5.

///. Die Organisation der KLV

133

um die Beschaffung der notwendigen Ausrüstungen zeigt die KLV und der Germ. Landdienst das erfreulichste Arbeitsbild. Die Finanzierung der flämischen KLV für die Dauer eines halben Jahres wird nach den nunmehr vorliegenden Erfahrungen etwa 8 Mill. belg. Frs. = 640.000 RM kosten." 222 Anders klangen dagegen die Berichte aus Wallonien, wo die Kinderlandverschickung nicht die erwarteten Ergebnisse brachte. „Am 11. September kehrten 155 wallonische Kinder zurück, nachdem 180 bereits vor Ablauf des vorgesehenen halben Jahres wegen Lageruntauglichkeit (Krankheit, asozialem Verhalten usw.) zurückgeschickt worden waren. Es wird in Zukunft bei der Auswahl der wallonischen Kinder ein strengerer Maßstab als bisher angelegt werden; außerdem müssen die Kinder jeweils klassenweise zusammen mit einer deutschen Schulklasse untergebracht werden, um das Erziehungsziel zu erreichen."223 Die Bemühungen um eine ,Germanisierung' der Kinder waren also nicht überall vom gewünschten Erfolg gekrönt. Bei einer Tagung zu KLV-Lagern für Volksdeutsche Kinder aus dem Generalgouvernement im Februar 1943 mit den in den Lagern eingesetzten Lehrkräften im Gau Bayreuth gaben die Tagungsteilnehmer die Einschätzung ab, daß bis zu zehn Prozent der Kinder eine „Abneigung gegen das Deutschtum" hätten. Als Nachteil wurde dabei gesehen, daß die Erzieher und die HJ-Führer die polnische Sprache nicht beherrschen. „Als beste Erziehungsform wird das kleine Lager mit nur einem Lehrer und einem HJ-Führer angesehen."224 Die pädagogischen Ziele - also die Vermittlung einer spezifisch deutschen Kultur und die Instrumentalisierung der Kinder als Botschafter dieser Kultur - schienen den Pädagogen ansonsten gefährdet. Insgesamt spielte die Verschickung von Volksdeutschen Kindern sowohl in bezug auf die Erweiterte Kinderlandverschickung als auch als Instrument zur ,Germanisierung' der eroberten Gebiete nur eine untergeordnete Rolle.

222

223

224

Monatsbericht der Germanischen Leitstelle, Finanzen, Wirtschaft und Vermögensverwaltung über Volkstumsarbeit in Flandern vom Juli 1943, IFZ, NSDAP, Fa-110. Germanische Leitstellen gab es in Berlin und Wien sowie den Niederlanden, Flandern, Dänemark, Norwegen und Finnland. Tätigkeitsbericht Nr. 25 für die Monate Juli bis September 1943 des Militärbefehlshabers in Belgien und Nordfrankreich und des Chefs der Militärverwaltung, IFZ, Besetzte Gebiete/Militärverwaltung, MA 677/5. Bericht über eine Tagung zu KLV-Lagern für Volksdeutsche Kinder aus dem Generalgouvernement am 9./10.2.1943 mit den in den Lagern eingesetzten Lehrkräften im Gau Bayreuth, BA Koblenz, NS 12/1432.

134

B. Einrichtung

und Aufbau

der

KLV

IV. DAS AUSMASS DER KINDERLANDVERSCHICKUNGSAKTION Wieviele Kinder insgesamt mit der Erweiterten Kinderlandverschickung aus ihren Heimatstädten gebracht worden sind, läßt sich heute nicht mehr zweifelsfrei bestimmen. In der Literatur gehen die entsprechenden Zahlen sehr weit auseinander. Die Schätzungen reichen - oft nicht als solche kenntlich gemacht - von 850.000 bis zu 2,8 Millionen in KLV-Lager verschickten Kindern. Die Zahl der insgesamt durch die KLV-Aktion erfaßten Kinder wird sogar zum Teil auf mehr als fünf Millionen geschätzt. Die kleinste Zahl nennt der selber als Lagerleiter an der Kinderlandverschickung beteiligte Ehrentreich unter Berufung auf „Berliner Angaben" mit 850.000 in die KLV-Lager verschickten Kindern. 225 Seinen Angaben folgen in der Sekundärliteratur von Hellfeld/Klönne und Jahnke/Buddrus. 226 Dabei macht die höchste Schätzung. Er nennt eine Zahl von 2,8 Millionen zehn- bis achtzehnjähriger Kinder und Jugendlicher in KLV-Lagern und 3,1 Millionen verschickter Mütter, Kleinkinder und sechs- bis zehnjähriger Kinder.227 Larass folgt den Zahlen Dabels, auf dessen Material er sich ausschließlich stützt. 228 Scholtz spricht für die Zeit bis 1941 bereits von 1,5 Millionen verschickten Kindern, ohne hierfür einen Beleg zu nennen. Er berichtet, die Parole vom Erholungslager sei außerordentlich erfolgreich gewesen,229 was allerdings selbst die Organisatoren der KLV lediglich in propagandistischen Veröffentlichungen behauptet haben. Die so weit auseinander gehenden Schätzungen weisen zunächst lediglich auf eine mangelnde Beschäftigung mit den Quellen. Die Autoren benutzen eine zufällig zur Verfügung stehende Zahl als Grundlage für eine Hochrechnung. Zumindest Dabei, der die oberste Meßlatte mit 5,9 Millio223

„Nach Berliner Angaben wurden im Reich insgesamt 850.000 Kinder (in Berlin allein 50.000) ausgelagert." (Ehrentreich, Erfahrungen aus der Kinderlandverschickung, S. 117.) An anderer Stelle nennt Ehrentreich allerdings eine wesentlich höhere Zahl: „2,5 Millionen Heranwachsende wurden in bis zu 9.000 KLV-Lagern versorgt." (Vgl. Ehrentreich, Dresdner Elegie, S. 60f.) 224 Von Hellfeld/Klönne, Die betrogene Generation, S. 193; Jahnke/Buddrus, Deutsche Jugend 1933-1945, S. 42, Anm. 47. 227 Und auch diese Zahl betrachtet Dabei nicht als oberste Grenze: „Diese Zahlen erhöhen sich noch durch die ab 1943/44 durchgeführte nochmalige „Erweiterung" der Erweiterten Kinderlandverschickung auf alle Personen, die nicht mehr unbedingt in den schwer zerstörten Städten bleiben mußten." (Dabei, KLV, S. 24.) 228 „Über 5.000.000 deutsche Mädchen und Jungen sowie etwa 20.000 holländische und belgische Kinder verließen ihr Elternhaus, ihre Schule, ihre Heimat." (Larass, Der Zug der Kinder, S. 9.) 229 Scholtz, NS-Ausleseschulen, S. 285. An anderer Stelle behauptet er, daß etwa jedes dritte deutsche Kind Bekanntschaft mit dem KLV-Lager gemacht habe. (Scholtz, Erziehung unterm Hakenkreuz, S. 193.)

IV. Das Ausmaß der Aktion

135

nen insgesamt verschickten Kindern angibt, muß jedoch auch eine absichtsvolle Übertreibung unterstellt werden, da er das von ihm so genannte .Hilfswerk' KLV nicht nur inhaltlich von jedem Makel zu befreien gesucht hat, sondern darüber hinaus seine Dokumentation als einen Versuch versteht, Rentenansprüche der ehemaligen Mitarbeiter in der Erweiterten Kinderlandverschickung durchzusetzen. 230 Je höher die Zahl der Kinder, so mag seine Spekulation gewesen sein, desto höher das Ansehen der KLV. Eine zuverlässige Berechnung der Verschickungszahlen ist allerdings auch sehr schwierig, da keine Aufstellungen über eine KLV-Teilnahme auf Reichsebene und über den gesamten Zeitraum der Aktion erhalten sind. Zwar wurden in der Reichsdienststelle KLV, deren Akten verloren sind, entsprechende Statistiken geführt; diese Zahlen waren jedoch der Geheimhaltung unterworfen und wurden nicht weitergegeben. Man glaubte, die Bekanntgabe genauer Zahlen würde für Unmut in der Bevölkerung sorgen: Vermeintlich hohe Zahlen hätten einen Hinweis dafür bieten können, wie gefährdet das Reich durch feindliche Bombenangriffe in Wirklichkeit war. Vermeintlich niedrige Zahlen hätten andererseits deutlich gemacht, auf wie wenig Akzeptanz diese mit sehr viel propagandistischem Engagement verbundene und vom Führer selbst ins Leben gerufene Evakuierungaktion eigentlich stieß.231 Eine weitere Schwierigkeit bei der Ermittlung der Gesamtzahl besteht in der in den Quellen manchmal ungenauen Trennung von Verschickungen 233 231

Vgl. hierzu die Bemerkungen auf S. 19f. dieser Arbeit. Das Verbot der Weitergabe genauer Zahlen an die Öffentlichkeit geht auf Hitler selber zurück. Auf ein Antworttelegramm Hitlers auf Schirachs Meldung vom tausendsten Sonderzug im Rahmen der erweiterten KLV und von insgesamt 450.000 verschickten Kindern folgte zwanzig Minuten später folgende Ergänzung durch den Staatsminister Meißner: „Betrifft: Heutiges Führertelegramm an Sie. Im Auftrage des Führers bitte ich, von einer Veröffentlichung im Wortlaut wegen der darin genannten Zahlen abzusehen. Gegen Veröffentlichung des Inhalts ohne Zahlenangabe bestehen keine Bedenken." (Telegramm des Staatsministers Meißner an Baidur von Schirach vom 1.4.1941,21.50 Uhr, ÖStA/AdR, RStH Wien, Kart. 23.) Schirach hielt sich an diese Vorgabe. So wurden in einer Besprechung über die Erweiterte Kinderlandverschickung am 25.6.1941 in Berlin, an der alle in den Gauen verantwortlichen Personen beteiligt waren, Verschickungs- und Aufnahmezahlen nicht bekannt gegeben. (Bericht über die Besprechung über die Aktion Erweiterte Kinderlandverschickung am 25.6.1941 in Berlin, GLA Karlsruhe, 465d/957.) In einer Besprechung zum zweijährigen Bestehen der KLV schrieb der Vertreter des Gauamtes für Volkswohlfahrt Baden an den Amtsleiter: „Der Reichsleiter wies ausdrücklich darauf hin, daß keine Zahlen der erweiterten Kinderlandverschickung in der Presse bekanntgegeben werden dürfen." (Bericht an den badischen Leiter des Gauamtes für Volkswohlfahrt, Dinkel, über die Tagung zum zweijährigen Bestehen der Erweiterten Kinderlandverschickung in Berlin am 2.10.1942, GLA Karlsruhe, 465d/957.) Auch die Mitglieder der Reichszentrale Landaufenthalt für Stadtkinder, die für die Organisation der Transporte in die Erweiterte Kinderlandverschickung zuständig waren, erhielten die genauen Zahlen nur unter Verweis auf strengste Geheimhaltungspflicht. (Protokoll der Mitgliederversammlung der ,Reichszentrale Landaufenthalt für Stadtkinder e.V.' am 1.2.1943, BA Koblenz, R 36/2045.)

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B. Einrichtung

und Aufbau

der KLV

durch die Reichsdienststelle KLV und von privat von den Eltern oder im Rahmen der Verwandtenverschickung versandten Kindern. Auch hier übernahm das Reich zumindest teilweise die Kosten der Reise, ansonsten bestanden aber keine weiteren Verpflichtungen für die Eltern bzw. die Kinder. Das Reichserziehungsministerium ging Ende 1943 davon aus, daß ungefähr die Hälfte aller verschickten Kinder auf dem Wege der Verwandtenverschickung aus ihren Städten versendet wurden. Von der verbleibenden Hälfte waren nach Schätzung des Ministeriums zwei Drittel von der NSV in Familienpflegestellen und ein Drittel in KLV-Lagern umquartiert.232 Darüber hinaus blieben viele der verschickten Kinder länger als ein halbes Jahr in der KLV, wurden von den Organisatoren dann aber manchmal als eine Neuverschickung betrachtet. Dennoch ist es möglich, anhand der Quellen eine zuverlässige Hochrechnung über die Zahl der insgesamt verschickten Kinder und Jugendlichen durchzuführen. Grundlage hierfür sind Leistungsberichte der KLV, die in Veröffentlichungen des NSLB, der HJ oder auch in allgemeinen Zeitungen überliefert sind, Protokolle von internen Dienstbesprechungen, Abrechnungsbelege sowie regionale Aufstellungen. Nach dem Befehl zur Einrichtung der Erweiterten KLV kam die Aktion sehr schnell ins Rollen.233 Die ersten 3.000 Kinder verließen bereits im Oktober ihre Heimatstädte Berlin und Hamburg.234 Am 4. November 1940 hieß es in einer Tischvorlage für eine Besprechung mit Schirach, aus Berlin seien 66.273 Personen verschickt, davon 15.776 HJ-Kinder, weitere 42.967 Kinder (22.971 HJ-Kinder) sollten bis zum 30.11.1940 verschickt werden. Aus Hamburg waren 47.910 Kinder verschickt, 32.393 HJ-Kinder sollten bis Ende November hinzukommen. In den ersten zwei Monaten der Erweiterten Kinderlandverschickung, in denen nur diese beiden Städte in die Erweiterte Kinderlandverschickung einbezogen waren, waren also bereits insgesamt 189.543 Kinder verschickt worden, davon etwa die Hälfte in ein KLV-Lager, die übrigen in Familienpflegestellen.235 Im Rahmen der Mut232

Vgl. den Bericht vom 3.12.1943 an den Leiter der Abteilung E (Schulwesen) im RMWEV, Dr. Frank, BA Koblenz, R 21/723. 233 Dabei rechnete man zumindest im Finanzministerium im Oktober 1940 noch mit einer kurzen Dauer der KLV, „voraussichtlich bis März des nächsten Jahres." (Vermerk des MinRat Schmidt-Schwarzenberg, 24.10.1940, BA Potsdam, R 2/11914, Bl. 35.) 234 Vgl. Dabei, Kinderlandverschickung, S. 19. 233 Tischvorlage „Zur Besprechung mit Reichsleiter von Schirach" (Ohne Autor, o. D.), ÖStA/AdR, Bürckel/Mat 4651, Bd. I. In einer als Anlage gekennzeichneten Notiz steht ergänzend, daß am 1. November 1940 insgesamt 1.279 Häuser (Jugendherbergen, Gaststätten, Hotels usw.) mit 70.160 Betten für die Lager der zehn- bis vierzehnjährigen Kinder zur Verfügung stünden. (Anlage 1 vom 4.11.1940, wahrscheinlich gehörend zur Tischvorlagc, ebd.) Laut einer Notiz in der Wiener Reichsstatthalterei waren bis zum 18.11.1940, also gut

IV. Das Ausmaß der

Aktion

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ter-und-Kind-Verschickung waren zu diesem Zeitpunkt erst sehr wenige Personen erfaßt worden. Am 20.2.1941 - die Industriestädte des Westens waren zu diesem Zeitpunkt bereits in die Erweiterte Kinderlandverschickung einbezogen worden - waren nach Informationen des RMWEV 320.000 Kinder verschickt, von denen 120.000 durch die HJ in KLV-Lager gebracht worden waren.236 Laut einer für Schirach vermutlich von Möckel verfertigten vertraulichen Ausarbeitung zum Stand der Kinderlandverschickung waren bis Ende März 1941 insgesamt 412.908 Kinder verschickt worden, davon 136.061 im Alter von zehn bis vierzehn Jahren in ein KLV-Lager, die jüngeren Kinder in Familienpflegestellen.237 Der Anteil der in Lager verschickten Kindern war zu diesem Zeitpunkt also geringer als ein gutes Drittel aller verschickten Kinder. Zumindest in ihrer Tendenz bestätigen diese Zahlen einander und können als zuverlässig gelten, da sie nur für eine interne Verwendung weitergegeben wurden. Dienten die Zahlen der Information nach außen - auch der vertraulichen - so rundeten die KLV-Organisatoren die Zahlen zumindest großzügig auf. So erklärte Schirach in einem Telegramm an Adolf Hitler vom 31.3.1941: „Mein Führer! In Durchführung des mir am 28.9.1940 erteilten Auftrages melde ich gehorsamst, daß heute der eintausendste Zug der Kinderlandverschickung abgefertigt wurde. Die Zahl der von dieser Aktion erfaßten Kinder zwischen sechs und vierzehn Jahren sowie Mütter mit Kleinkindern beträgt heute insgesamt 450.000."238 Mitte 1941 waren nach Angaben Schirachs vor seinen Mitarbeitern bereits 619.000 Kinder verschickt, davon 230.000 in KLV-Lager.239 Laut einem Jahresbericht der KLV wurden 1941 insgesamt 125.040 Jungen und 79.915 Mädchen in den Aufnahmegebieten in 3.855 Lagern untergebracht.240 Nach einem Bericht des Reichsschatzmeisters an das Reichsfinanzministerium waren bis zum 15.2.1942 insgesamt 261.370 Kinder in KLV-Lager verschickt worden.241 einem Monat, nachdem die ersten Züge Berlin verlassen hatten, insgesamt 91.500 Kinder und Jugendliche im Alter von 6-14 Jahren verschickt. (Ebd.) 234 Vermerk des MinRat Schmidt-Schwarzenberg über eine Besprechung mit Reichshauptamtsleiter Damson von der Reichsschatzmeisterei der NSDAP vom 20.2.1941. BA Potsdam, R 2/11914, Bl. 123. 237 Ausarbeitung (von Möckel?) ,Einzelheiten zum Stand der Kinderlandverschickung', 31.3.1941, ÖStA/AdR, Bürckel/Mat 4651, Bd. IL 238 Telegramm des Reichsleiters und Beauftragten des Führers für die Erweiterte Kinderlandverschickung, von Schirach, an Adolf Hitler vom 31.3.1941, ÖStA/AdR, RStH Wien, Kart. 23. 239 Bericht über eine Arbeitstagung für KLV in Berlin, 25.6.1941, S. 1, BA Koblenz, NS12/vorl.942. 240 Kaufmann, Das kommende Deutschland, S. 355. 241 BA Potsdam, R 2/11914.

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B. Einrichtung

und Aufbau

der KLV

Ein Jubiläums- und Leistungsbericht der HJ,,Hitlerjugend 1933-1943', verwendet wiederum überhöhte Zahlen. Insgesamt hätten bis Ende des Jahres 1942 600.000 Jungen und Mädchen die Lager der Erweiterten Kinderlandverschickung durchlaufen.242 Realistisch scheint hier eine intern bekanntgegebene Zahl. Am 19.10.1942 teilte Schirach Goebbels mit, daß bis zu diesem Zeitpunkt 335.409 Jugendliche im Alter von 10 bis 14 Jahren in ein HJ-Lager verschickt worden seien. Durch die NSV seien insgesamt 862.968 Kinder von sechs bis zehn Jahren und Mütter mit Kleinkindern in Familienpflegestellen und NSV-Heime gebracht worden.243 Die verschiedenen Zahlenangaben unterscheiden sich also weniger in der Nennung der Gesamtzahl der Verschickungen, als in ihrer Aufteilung auf die in der Verantwortung der HJ liegenden zehn- bis vierzehnjährigen Kinder und die durch die NSV in Familien verschickten kleineren Kinder. Den Mitgliedern der für die Transportabwicklung mit zuständigen Reichszentrale Landaufenthalt für Stadtkinder' wurde am 1.2.1943 mitgeteilt, bis Ende 1942 seien 1.784 Sonderzüge mit 1.519.984 Teilnehmern eingesetzt worden, darunter 202.169 Mütter mit 346.817 gemeinsam entsandten Kleinkindern und 557.403 Kinder, die die NSV in Familien gebracht habe.244 Geringere Zahlen nennt ein im Herbst 1943 im Jungen Deutschland' erschienener Leistungsbericht. Seit Herbst 1940 seien 382.616 Jungen und Mädchen in 1.621 Sonderzügen und 58 Schiffstransporten in KLV-Lager geschickt worden. 245 Im Herbst 1944 wurde die Zahl der in ein Lager verschickten Jugendlichen in der HJ-Zeitschrift Junges Deutschland' schließlich mit 800.000 angegeben.246 Auch wenn diese Zahlen nur in der Tendenz miteinander übereinstimmen, zeigt sich doch, daß die Gesamtzahl aller in Lager verschickten Kinder mit Sicherheit kleiner als eine Million ist. Wahrscheinlich ist die letztgenannte Zahl von 800.000 bis zum Herbst 1944 verschickter Kinder zuverlässig und erhöht sich lediglich um die in den letzten Kriegsmonaten neu verschickten Kinder auf etwa 850.000. Gestützt wird diese Annahme durch einige statistische Überlegungen. 1937 rechnete Hertha Siemering in ihrer Untersuchung .Deutschlands Ju242

Hitlerjugend 1933 bis 1943, in: Das Junge Deutschland 37 (1943), S. 53. Schreiben des Beauftragten des Führers für die Inspektion der HJ und Reichsleiter für die Jugenderziehung der NSDAP an Reichsminister Goebbels vom 19.10.1942, HStA München, Reichsstatthalter 388/1. 244 Protokoll der Mitgliederversammlung der ,Reichszentrale Landaufenthalt für Stadtkinder e.V.' am 1.2.1943, BA Koblenz, R 36/2045. Diese Zahlen wurden auch der Öffentlichkeit mitgeteilt: Am 18.3.1943 berichtete der Westdeutsche Beobachter, daß bis zu diesem Zeitpunkt etwa 1,5 Millionen Kinder und Jugendliche mit der KLV verschickt worden seien. (WB v. 18.3.1943, Morgenausgabe.) 243 Zahlen bei Fehlberg, Die Leistungen der KLV-Lager, in: Das Junge Deutschland 37 (1943), S. 103. 244 Vgl. Das Junge Deutschland 38 (1944), S. 83ff. 243

IV. Das Ausmaß

der

Aktion

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gend in Bevölkerung und Wirtschaft' die Zahl der Kinder hoch, die im Laufe der folgenden Jahre das vierzehnte Lebensjahr vollenden würden. 247 Die neun für eine KLV-Lagerverschickung infrage kommenden Jahrgänge (1926 bis 1934) weisen jeweils eine durchschnittliche Stärke von ungefähr einer Million auf. Damit beläuft sich die Zahl der theoretisch für eine Verschickung in Frage kommenden Kinder auf ungefähr neun Millionen. Berücksichtigt man, daß lediglich aus den luftkriegsgefährdeten Gebieten verschickt worden ist, erscheint die von Dabei in die Diskussion gebrachte Zahl von 2,8 Millionen lagerverschickter Kinder als weit überzogen. Bei einem Blick auf die Verschickungszahlen fällt auf, daß diese ihren Höhepunkt offensichtlich bereits im Jahr 1941 erreichten und dann rapide abnahmen. Diese Beobachtung bestätigen die Abrechnungen des Reichsfinanzministeriums, die für die Zeit bis Mai 1942 nach Monaten aufgeschlüsselt die jeweils gleichzeitig in Lager verschickten Kinder auflisten.248 Während die Zahl der verschickten Kinder zunächst rapide auf 171.079 im

Zahl der gleichzeitig in ein K L V - L a g e r verschickten Kinder nach Angaben des Reichsschatzmeisters der N S D A P

180000 r160000 140000 120000 100000 80000 60000 40000 20000

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