Der Dichter und sein Astronom. Briefwechsel zwischen Rainer Maria Rilke und Erwein von Aretin
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Der Dichter und sein Astronom Der Briefwechsel zwischen Rainer Maria Rilke und Erwein von Aretin Herausgegeben von Karl Otmar von Aretin und Martina King

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© Insel Verlag Frankfurt am Main und Leipzig 2005 Alle Rechte Vorbehalten, insbesondere das der Übersetzung, des öffentlichen Vortrags sowie der Übertragung durch Rundfunk und Fernsehen, auch einzelner Teile. Kein Teil des Werkes darf in irgendeiner Form (durch Fotografie, Mikrofilm oder andere Verfahren) ohne schriftliche'Genehmigung des Verlages reproduziert oder unter Verwendung elektronischer Systeme verarbeitet, vervielfältigt oder verbreitet werden. Satz und Druck: Memminger MedienCentrum AG Printed in Germany Erste Auflage 2005 3-458-17271-8 1 2 3 4 5 6 - 10 09 08 07 06 05

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Inhalt Einleitung Erwein Freiherr von Aretin. Ein Lebensbild von Karl Otmar von Aretin

Der Briefwechsel

Anhang

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Erläuterungen

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Nachwort: Astronomie und Dichtung Editorische Notiz

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Literatur- und Siglenverzeichnis Personenregister

154

211

207

Einleitung

Erwein Freiherr von Aretin. Ein Lebensbild von Karl Otmar von Aretin

I. Vor 50 Jahren habe ich als junger Historiker die Erinne¬ rungen meines Vaters Erwem Freiherr von Aretin — er¬ schienen 1955 unter dem Titel Krone und Ketten - heraus¬ gegeben. Mit der Veröffentlichung des Briefwechsels zwischen ihm und Rainer Maria Rilke bietet sich nun eine zweite Gelegenheit, an einen Mann zu erinnern, der sich durch vielfältige Interessen, einen weiten Bildungs¬ horizont

und

politische

Unbestechlichkeit

auszeich¬

nete. Der Titel des Buches »Der Dichter und sein Astronom« läßt ein wenig an Wallenstein und Seni denken. Und in der Tat galt das Interesse Rainer Maria Rilkes an Erwein Freiherrn von Aretin, das sich zu einer echten Freund¬ schaft entwickelte, zunächst dem studierten Astronomen, der überdies für Naturerscheinungen ein waches Interesse besaß.

In Wien bereitete sich Aretin 1913 auf seine erste Anstel¬ lung als Leiter einer Sternwarte auf einer Mittelmeermsel an der Istrischen Küste vor. Er verkehrte im Salon von Rilkes Gönnerin Fürstin Marie von Thurn und Taxis, mit der er über seine Mutter, eine geborene Prinzessin von der Leyen, verwandt war. Durch seine Frau, Marianne Gräfin Belcredi, war er sowohl mit den Regensburger Thurn und Taxis wie mit der österreichischen Linie des Hauses verwandt. Marie von Thurn und Taxis erwähnte Aretin Rilke ge¬ genüber zum erstenmal im Zusammenhang eines Treffens mit dem Philosophen Rudolf Kassner. »Kassner habe ich 9

in Wien gesehen«, schrieb sie im Februar 1914 an Rilke. »Er war wieder köstlich. Wir haben einen Astronomen entdeckt, der ein Geisterseher ist und mit dem wir von Aldebaran / meinem geheimnisvollen Lieblingsstern / und von leuchtenden Schatten sprechen.«1 Noch war der Name Aretins nicht genannt worden, der Rilke auch nichts bedeutet hätte, sondern nur die Tatsache, daß er Astronom und Geisterseher sei. Diese Besonderheiten Aretins waren es auch, die Rilke, als sie sich ein Jahr später in München trafen, faszinierten. Mitte Februar 1915 fuhr der Dichter kurzfristig von seinem ländlichen Domizil in Irschenhausen nach München, um einer Lesung Thomas Manns, »Gedanken im Kriege«, beizuwohnen, und traf um den 16.2. herum erstmalig mit Aretin zusammen.2 Beeindruckt fragte er bei Marie von Thurn und Taxis an, wer er eigentlich sei, »dieser Mensch, der die Biographie eines ihm gleichgültigen Sternes achter Größe schreibt und unter diesem Vorwand Beziehungen zu allen Sonnen unterhält, womit er doch aufjeden Fall ganz andere Dinge vorhat«.3 Sie antwortete, etwas beunruhigt von der letzten Bemerkung, daß sie ihn natürlich kenne und sich beson¬ ders an seine schöne Hände erinnere. Aretin sei auch mit ihr verwandt. Mag sein, daß Aretin Rilke auch wegen sei¬ nes historischen und kunsthistorischen Wissens ein ange¬ nehmer Gesprächspartner war. Interessiert war Rilke aber in erster Linie an seinen astronomischen und mathemati¬ schen Kenntnissen. Jedenfalls entwickelte sich aus dieser 1 Marie Taxis an RMR, 22.2.1914, TT, S. 361. 2 Vgl. RMR an Marie Taxis, 24.2. 15, TT, S. 401, RMR an Thankmar Münchhau¬ sen, 6.3.1915, TvM, S. 38. 3 RMR an Marie Taxis, 24.2. 1915, TT, S.401.

IO

Begegnung eine Freundschaft, so daß die beiden sich, so lange Rilke in München lebte, häufig trafen. Wer war nun Erwein Freiherr von Aretin, von dem Marie von Thurn und Taxis Rilke schrieb, daß sie ihn sehr gern habe, daß er »ein ganz eigener Mensch« sei, den auch »Freund Kassner sehr goütirte«?1 Erwein Freiherr von Aretin wurde am 19. September 1887 in Bad Kissingen als Sohn des späteren Regierungs¬ präsidenten von Regensburg Anton Freiherr von Aretin und seiner Gemahlin Marie, geb. Prinzessin von der Leyen, geboren. Aus der Zeit seines Vaters im Landratsamt in Bad Kissmgen erzählte seine Mutter, sie habe in Bad Kissingen ihren Sohn Erwein einmal im Kinderwagen ge¬ schoben, als ihr Fürst Bismarck, der sich dort zur Kur auf¬ hielt, begegnet sei. Er habe sich über den Wagen gebeugt und beim Anblick des kleinen Kindes nicht sehr diploma¬ tisch ausgerufen: »Gott, ist der scheußhch.« Erweins Mut¬ ter hat dem Kanzler diese Bemerkung nie verziehen, auch wenn sie die Geschichte später lachend weitererzählte. Aretin war zeit seines Lebens aufseine schönen, schlanken Hände stolz, die auch Marie von Thurn und Taxis Rilke gegenüber erwähnte. Er besaß, was sein Außeres betraf, eine gewisse mit Selbstironie verbundene Eitelkeit. So er¬ zählte er gerne, er habe einmal einer Baronin Guttenberg von einer Bekannten erzählt, die seine Schönheit geprie¬ sen habe, was die Baronin zu der Bemerkung veranlaßte, »Erwein, sie hat sicher Deine Seele gemeint.« Seine Jugend verlebte Aretin in den Orten, wo sein Vater Regierungspräsident war, in Landshut und später in Re-

1 Marie Taxis an RMR, 6.3. 1915, TT, S. 406.

gensburg. Seine Gymnasialzeit verbrachte er als Page der königlich bayerischen Pagerie bis zu seinem Abitur im Münchner Wilhelmsgymnasium. Die traditionsgesättigte Atmosphäre des Münchner Hofes zur Zeit des Prinzre¬ genten prägte seine politische Vorstellungswelt. Er war und blieb bis zu seinem Tod ein Bewunderer des Hauses Wittelsbach und ein überzeugter Anhänger der Monar¬ chie. 1907 begann er das für einen Adligen ungewöhnliche Studium der Astronomie und Mathematik in München und ging später nach Leipzig und Göttingen. Dort pro¬ movierte er 1912 mit der Berechnung eines von ihm ent¬ deckten Sternes, >Lambda tauriPhilosoph«< auch in München sein werde und daß »der >Astronom< [. . .] aus Solln rasch herbeizuholen« sei;1 Ende Dezember verlebte man einen anregenden Abend miteinander, in dessen Verlauf Kassner die Einleitung sei¬ nes neuen Buches Zahl und Gesicht den Freunden Rilke, Aretin, Wolfskehl und Erich von Kahler vorlas.2 Auch wandte sich Rilke in Wappen und Siegel betreffenden

1 RMR an Marie Taxis, 24. 4. 1918, TT, S. 551. 2 Vgl. RMR an Marie Taxis, 13.1.1919, TT, S. 571, und »Freunde im Gespräch«, S. 116.

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Fragen an Aretin, und dieser bediente die Neugier des Dichters, so gut er konnte. Der Zusammenbruch des Reiches 1918 und die Revolu¬ tion hat in dem Briefwechsel der beiden keinen Nieder¬ schlag gefunden. Auf dem Höhepunkt der Räteherrschaft wurde Aretin im März 1919 als Geisel verhaftet. Der Schock saß bei bei dem Ehepaar, das im August 1918 sei¬ nen ersten Sohn bekommen hatte, tief. Ende 1919 zogen sie auf das Schloß Neuburg an der Kammei, das dem Vetter Heinrich v. Aretin gehörte. Die Burg, von Ring¬ mauern umgeben und mit Wehrtürmen ausgestattet, war lange Zeit unbewohnt gewesen. Im Krieg hatte sie kurze Zeit als Gefangenenlager für französische Offiziere ge¬ dient. Das Haus war ziemlich heruntergekommen, und der Vetter Heinrich konnte nur das Nötigste herrichten. Trotzdem war die junge Familie, die sich bald vergrö¬ ßerte, in Neuburg glücklich. Das Schloß war von der Augsburger Patnzierfamihe Vöhhn im 16. Jahrhundert erbaut worden, die in eine alte Burganlage ein Stadtpalais mit sehenswerten Stukkaturen gestellt hatte. Nach dem Aussterben der Vöhlins, die über den Pfefferhandel reich geworden waren, war Neuburg 1817 an die Familie Aretin als Lehen gekommen, die es aber me als Wohnsitz nutzte. So ist es zu erklären, daß Erwein Aretin aufseinen Inspektionsgängen durch das Schloß ebenso erstaunliche wie wertvolle Entdeckungen machte. Im Eßzimmer hin¬ gen zwei Portraits von Vöhlins, die sie sich in der Art des berühmten Portraits Karls V. von Tizian, das sich in der Münchner Alten Pinakothek befindet, hatten malen las¬ sen. Bei näherer Untersuchung stellte sich heraus, daß die Bilder von einem Schüler Tizians stammten. Die Origi17

nale hängen heute ebenfalls in der Alten Pinakothek. Aut dem Dachboden von Neuburg fand Aretin eine auseinan¬ dergenommene Kreuzabnahmegruppe, die sich als ein Werk des Bildschnitzers Christoph Rodt entpuppte. Der Fund war eine kleine kunsthistorische Sensation. Im ver¬ staubten und total verschmutzten Archiv fand Aretin zu seinem Erstaunen Dokumente, aus denen hervorging, daß ein Vöhlin im 17. Jahrhundert mehrere Adelsdiplome ausgestellt hatte, ein Recht, das zu dieser Zeit nur dem Kaiser zustand. Rilke, der im Sommer 1919 in die Schweiz emigriert war, fand Aretin Anfang Februar 1920 durch einen Brief der Gräfin Mirbach-Geldern auf dieser verwunschenen Burg wieder. Er wohnte inzwischen in Locarno und war sicht¬ lich froh, seinen Freund aus Münchner Tagen wiederge¬ funden zu haben. Mit der Antwort ließ sich Aretin acht Wochen Zeit. Erberichtete Rilke von seiner Abwendung von der Astronomie und seiner Hinwendung zur Ge¬ schichte, unterstützt durch die Besonderheiten des Schlos¬ ses. Auch lud er den Freund aufseine Burg ein, deren zwei¬ ten Stock er ihm gerne eingeräumt hätte, wenn nicht der ruinöse Zustand von Baulichkeiten und Mobiliar solchen Plänen im Weg gestanden wäre. Rilke ging zwar nicht auf das Angebot ein, bat Aretin aber, Ausschau nach einer Bleibe auf dem Lande zu halten, wo er sich einmieten und seine literarischen Pläne in Ruhe verwirklichen könne. Aretin machte ihm verschiedene Vorschläge und berich¬ tete von seinen Sorgen um den schwerkranken Vater. Als dieser wenig später, am 27. April 1921, starb, schrieb ihm Rilke einen zauberhaften Kondolenzbrief. Es folgten noch zwei Briefe Rilkes aus Muzot vom Dezember 1921 und

Anfang Februar 1922, wo der Dichter von der Sorge um gute Arbeitsbedingungen berichtet. Ein wenig von der schöpferischen Unruhe dieser Jahre ist auch in diesen Briefen zu spüren. Er bat Aretin, ein Horoskop fiir seine Tochter zu erstellen, das dieser auch lieferte und über das Rilke sehr betroffen war. 1922 schlief die Korrespondenz ein, wie es oft unter Freunden geschieht, wenn die Umstände wegfallen, unter denen sich die Freundschaft ausgebildet hatte. Die vor¬ handenen Briefe zeigen aber eine Vertrautheit im Ton, wie sie sich nur bei einer echten tiefen Beziehung zeigt. Es ist eine eigentümliche Atmosphäre, die dieses Jahr 1915, das Jahr der intensivsten Freundschaft zwischen Rilke und Aretm bestimmte. Rilke umgab sich mit einem Kreis von Freunden, die seine mathematischen und na¬ turwissenschaftlichen Interessen teilten. Einiges von dem Geist dieses Jahres findet sich später in seinen Werken wieder. Aretin war sein Begleiter und Erklärer für viele Zusammenhänge. Als Rilke nach seiner Militärzeit nach München zurückkehrte, hatte sich die Beziehung der bei¬ den gewandelt. Mathematik und Astronomie waren zwar nicht mehr die beherrschenden Themen der Diskussio¬ nen wie 1915 - Aretins wachsendes Interesse für histori¬ sche und politische Fragen machte sich deutlich bemerk¬ bar -, dennoch blieb er für Rilke weiter der Astronom, den er fragen konnte und von dem er auch Antworten bekam. Für Aretm war, wie spätere Briefe zeigen, die Freundschaft mit Rilke wichtig, und er bedauerte den Abbruch der Korrespondenz. Als im Juni 1924, gut zwei Jahre nach Rilkes letztem Brief, Aretins Frau Gedichte ei¬ nes befreundeten Laienpoeten mit der Bitte um eine kri-

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tische Stellungnahme an Rilke sandte, äußerte der über das Bittschreiben unglückliche Aretm in einer kurzen Begleitnotiz die Hoffnung, »ein frohes Wort« von Rilke zu hören, und meinte, daß der Laienpoet dann »wenigstens das eine Verdienst [habe], seine Brücke gewesen zu sein«. Zu diesem Brückenschlag ist es nicht mehr gekommen.

II.

Die Wege Rilkes und Aretins trennten sich 1922. In die¬ sen Jahren seines beschaulichen Daseins auf Schloß Neu¬ burg wurde Aretm zu einer Persönlichkeit des öffent¬ lichen Lebens. Er begann, Artikel für das Hochland, in den Süddeutschen Monatsheften und besonders für die Münchner Neuesten Nachrichten zu schreiben. Er trat in den Kreis um den konservativen, nationalen Professor Nikolaus Cossmann ein, dem auch der Historiker Karl Alexander von Müller angehörte. In seinen Erinnerungen Im Wandel ei¬ ner Welt nennt Müller Aretm »einen Mann mit erstaunli¬ chen, aber manchmal etwas wildwüchsigen historischen Kenntnissen«. Der Kreis um Paul Nikolaus Cossmann wurde von ganz anderen Ideen als Astronomie und Ma¬ thematik beherrscht. Man diskutierte hier über die Nie¬ derlage im Weltkrieg, Versailles und die nationale Iden¬ tität der Deutschen. Der Cossmann-Kreis gehörte zu Beginn der Zwanzigeijahre zu jenen nationalistischen Zirkeln, in denen auch Hitler eine Rolle spielte. Von ihm distanzierte sich Cossmann allerdings nach dem Hitler¬ putsch 1923. Das Organ dieser Gruppe waren die Süd¬ deutschen Monatshefte. Cossmann hatte sie in der Absicht, 20

Erwein von Aretin, Wien 1914

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das Gesamtwerk seines gleichaltrigen Freundes, des Kom¬ ponisten Hans Pfitzner, zu fördern, 1904 gegründet. Sie wurden im Ersten Weltkrieg zu einem nationalistischen Blatt, das verbissen am Sieg festhielt. Auch nach 1918 hielt das Blatt, das eine weite Verbreitung fand, an diesem kon¬ servativ-nationalen Kurs fest. 1920 wechselten die größte süddeutsche Zeitung, die Münchner Neuesten Nachrichten, und ihr Verlag Knorr und Hirth in die Hände eines Kon¬ sortiums, in dem die rheinische Schwerindustrie und ins¬ besondere der Generaldirektor der Guten Hofihungshütte, Paul Reusch, die wesentlichen Geldgeber waren. Cossmann wurde sein politischer Berater. Geplant war, eine Gruppe von Zeitungen zu gründen, die im süd¬ deutsch-österreichischen Raum ihre Wirkung entfalten sollte. Reusch, aber auch der durch seine Heirat zu Geld gekommene Franz von Papen, standen hinter diesen Plä¬ nen. Mit ihrer Hilfe wurden 1923 in Wien Verhandlun¬ gen wegen der Übernahme der Wiener Freien Presse ge¬ führt, bei der Cossmann nach dem Theologen Konrad Preysing Erwein Aretin als Chefredakteur vorschlug. Die Verhandlungen zerschlugen sich, und Aretin blieb freier Mitarbeiter der Münchner Neuesten Nachrichten. Für Aretins Leben war das Jahr 1924 entscheidend. Über den Vetter seiner Frau, Eugen Fürst Öttingen-Wallerstein, und den Kabinettschef des bayerischen Kronprinzen, Jo¬ seph Maria Graf Soden, kam er in den Kreis der politi¬ schen Berater Kronprinz Ruprechts. Nicht zuletzt wegen seiner journalistischen Erfolge und seiner Beziehung zu Cossmann wurde er bald ein angesehenes Mitglied unter dessen Beratern. 1924 übernahm Aretin die Führung des Bayerischen Heimat- und Königbundes. Unter seiner 22

Führung erstarkte diese überparteiliche monarchistische Organisation, die besonders auf dem flachen Land weite Verbreitung fand. Noch wichtiger und für seine Zukunft entscheidend war die Tatsache, daß er im selben Jahr die Berichterstattung zum Hitlerprozeß für die

Münchner

Neuesten Nachrichten übertragen bekam. Er war von der Person Hitlers derart negativ beeindruckt, daß er von ei¬ ner »teuflischen Erscheinung« sprach. Von da an war er von dem völlig amoralischen Wesen Hitlers überzeugt. 1925 übernahm er das Ressort Innenpolitik der Münchner Neuesten Nachrichten. Damit war ein politischer Berater des Kronprinzen von Bayern an eine wichtige Position gekommen. Bevor er die Stelle übernahm, ließ er sich von seinen politischen Freunden versichern, daß sie ihm hel¬ fen würden, wenn er wegen seiner Haltung in Schwierig¬ keiten käme. 1926, und das war die dritte entscheidende Wendung seines Lebens, besuchte er die stigmatisierte Therese Neumann in Konnersreuth. Er schrieb über seine Erlebnisse in einer Beilage der Münchner Neuesten Nachrichten einen Artikel, der in 32 Sprachen übersetzt wurde und damals eine Sensation darstellte. Dieser Artikel machte Therese Neumann in der ganzen Welt bekannt. Diese drei Elemente: Monarchie, Ablehnung Hitlers und Konnersreuth bestimmten sein künftiges Leben mit all seinen tragischen Entwicklungen. Als sich 1929 der Auf¬ stieg des Nationalsozialismus abzeichnete, bekämpfte ihn Aretin in vielen Artikeln. Schon bald war er der Überzeu¬ gung, daß die Wiedereinführung der Monarchie in Bay¬ ern die wirksamste Abwehr gegen die ansteigende Flut des Nationalsozialismus wäre. Bestärkt wurde er in seiner Haltung von dem Kreis um Therese Neumann. Sie

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konnte Fürst Erich Waldburg-Zeil dafür gewinnen, dem Journalisten und früheren Chefredakteur der Münchner Neuesten Nachrichten Fritz Gerlich das Geld für eine Zei¬ tung zu geben, in der er dem Nationalsozialismus Paroli bieten sollte. Gerlichs Blatt Der Gerade Weg wurde in den Jahren 1930 bis 1933 zum Kampfblatt gegen den Natio¬ nalsozialismus. Gerlich war über Aretin mit Therese Neu¬ mann bekannt geworden. 1930 verhinderte Aretin, daß der Fleimat- und Königbund und Kronprinz Ruprecht von Hitler in die Harzburger Front eingebunden werden konnten, die einen Volksentscheid organisierte gegen den sogenannten Youngplan, der die deutschen Reparations¬ zahlungen regelte. Die Zeitung der Nationalsozialisten, der Völkische Beobachter, hatte bereits den bayerischen Kronprinzen als Beteiligten im Kampf gegen den Young¬ plan gemeldet. Aretin verspottete Hitler wegen dieser Meldung. Es kam zu einer Beleidigungsklage Hitlers ge¬ gen Aretin. Inzwischen hatte Gerlich einen Mann gefun¬ den, der ihm Nachrichten aus der Zentrale der NSDAP, dem Braunen Haus, zuspielte. Davon profitierte auch Aretin. Im Wahlkampf für die Reichspräsidentenwahl 1932 war es Hitler gelungen, von Reusch die Zusage zu bekom¬ men, daß die Münchner Neuesten Nachrichten nicht mehr ge¬ gen ihn polemisieren würden. Die Redaktion weigerte sich, dieser Weisung zu folgen. Aretin schrieb einen Arti¬ kel, »Warum nicht Hitler«, in den auch Nachrichten des Gewährsmannes Gerlichs einflossen und in dem die Um¬ gebung Hitlers an den Pranger gestellt wurde. Reusch zog daraufhin einen Teil seines Vermögens aus dem Verlag Knorr und Hirth zurück. Hitler aber hat Aretin diesen Atikel und seine eindeutige Haltung nie verziehen. 24

Auch wenn Hitler in der Reichspräsidentenwahl unter¬ lag, so hatte er doch die Zahl der für ihn abgegebenen Stimmen gegenüber dem schon damals als Sensation empfundenen Sieg der NSDAP bei der Reichstagswahl vom September 1930 verdoppelt. Das Jahr 1932 stand im Zeichen des Aufstiegs der NSDAP zur stärksten Partei. In der Sorge vor einer Herrschaft Hitlers nahm der Vorsit¬ zende der Bayerischen Volkspartei, Fritz Schaffer, Kon¬ takt zu Aretin und den bayerischen Monarchisten auf. Angesichts der drohenden Machtübernahme durch Hitler und seiner Partei gelang es Aretin auch, die Redaktion der Münchner Neuesten Nachrichten für die Idee einer Restau¬ ration der bayerischen Monarchie zu gewinnen. In der Bayerischen Volkspartei wurde die Idee ernsthaft erwo¬ gen, und selbst in der bayerischen SPD gab es Stimmen, die die Monarchie für das kleinere Übel hielten. Bis in den Februar 1933 hinein liefen die Bemühungen, in Bay¬ ern entweder die Monarchie auszurufen oder Kronprinz Ruprecht zum Generalstaatskommissar für Bayern zu ma¬ chen. Eine Anfrage bei Reichspräsident von Hmdenburg, wie er sich dazu verhalten würde, verlief negativ. Am 8. März 1933 übernahmen die Nationalsozialisten die Macht auch in Bayern.

III.

Aretin und die ganze Redaktion der Münchner Neuesten Nachrichten wurden am 13. März 1933 verhaftet. Aretm blieb am längsten, bis zum 17. Mai 1934, in Haft. Die neuen Machthaber strebten wegen seiner monarchisti-

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sehen Pläne gegen ihn vor dem Reichsgericht einen Prozeß wegen Landesverrats an. Das von der Gestapo ge¬ lieferte Material erwies sich dazu als zu dünn. Der Polizei¬ präsident von München, Heinrich Himmler, schickte den Leiter der politischen Polizei, Reinhard Heydrich, zum Reichsgerichtspräsidenten Burnke nach Leipzig, um ihn davon zu überzeugen, daß gegen Erwein von Aretin trotzdem

ein

Landesverratsverfahren

eröffnet werden

müsse. Heydrichs Bericht für Himmler von dieser ver¬ geblichen Mission liest sich ausgesprochen amüsant, weil aus ihm hervorgeht, wie Bumke sich über den Emissär aus München lustig machte. Als Heydrich erklärte, wenn das Material nicht ausreiche, müsse man wegen monarchisti¬ scher Umtriebe eben rückwirkend ein Gesetz erlassen, quittierte Bumke diese Forderung mit der Bemerkung, das sei unter Kulturvölkern nicht üblich. Ein Aufbäumen des Rechstaates, das freilich Aretin wenig nützte. Anstatt aus der Haft entlassen zu werden, kam er in das KZ Dach¬ au, wobei die Weisung erging, er müsse dieses Lager nicht lebend verlassen. Tatsächlich berichtet Aretin in seinen Memoiren von einigen bedrohlichen Situationen. Ge¬ rüchte von dieser Weisung kamen dem Reichsstatthalter General Ritter von Epp zu Ohren. Er rettete Aretin das Leben, indem er sich fast täglich bei der Kommandantur des Lagers nach dessen Wohlergehen erkundigte. Wie die Akten des Reichsstatthalters zeigen, kam es darüber im Juni 1934 zu einem heftigen Schlagabtausch zwischen Himmler und Epp, also bereits nach der Entlassung Aretins aus der Schutzhaft. Himmler drohte damit, die Adju¬ tanten Epps in das KZ Dachau zu befördern. Mag sein, daß die Lagerleitung damals nichts mehr mit Aretin anzu26

fangen wußte, jedenfalls wurde er kurz vor Weihnachten 193 3 aus Dachau entlassen und in das Gefängnis in Stadel¬ heim verbracht, wo er mit Cossmann und dem Verlagslei¬ ter der Münchner Neuesten Nachrichten, Dr. Betz, in eine Zelle kam. Seine Haft dauerte weitere viereinhalb Monate. Er war am Ende im Sanatorium Neuwittelsbach mit Cossmann zusammen untergebracht. Am 17. Mai 1934 war es so¬ weit, daß seine Frau, die die lange Zeit seiner Haft mit al¬ len möglichen Gesuchen zu verkürzen versucht hatte, mit den Worten in sein Zimmer gestürzt kam: »Weißt Du es schon? Du bist frei.« Er war frei, aber unter welchen Bedingungen? Von Knorr und Hirth fristlos entlassen, stand er wirtschaftlich vor dem Nichts. Paul Reusch, der Inhaber von Knorr und Hirth, ließ Aretins Frau, als sie sich an ihn um Hilfe wandte, durch seine Sekretärin ausrichten, daß er ihn nicht finanziell un¬ terstützen und auch sonst nichts für ihn unternehmen werde. In dieser Situation griffen seine adligen Freunde ein. Sie haben seine Familie bis 1945 finanziell über Wasser gehalten. Insbesondere Eugen Fürst zu Ottingen-Waller¬ stein hielt ihm in diesen schweren Zeiten die Treue. Als einer der ersten gratulierte ihm zu seiner Entlassung der Historiker Karl Alexander von Müller, den er aus dem Kreis um Cossmann und die Süddeutschen Monatshefte kannte. Er forderte Aretin auf, seine Haltung zu überden¬ ken und sich im Hinblick auf die Zukunft seiner vier Söhne dem nationalen Aufbruch anzuschließen. Aretin antwortete ihm, daß er nach allem, was er erlebt habe, nicht an einen nationalen Aufbruch glauben könne. Was aber seine vier Söhne angehe, so habe er in Dachau ihre

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Gesichter vor sich gesehen und sich geschworen, sich so zu verhalten, daß er ihnen nach seiner Entlassung ins Ge¬ sicht sehen könne. Aretm begab sich zu seiner Erholung zu Freunden, u. a. dem Psychiater Emil Gebsattel. Es scheint, daß diese Auf¬ enthalte ihm noch einmal das Leben gerettet haben. Auf den Erschießungslisten des Lagers Dachau vom 30. Juni/ 1. Juli 1934 steht sein Name neben dem des tatsächlich er¬ schossenen Fritz Gerlich. Wann die Gestapo ihren Irrtum erkannte, läßt sich nicht mehr feststellen. Seit 1935 durfte Aretin München nur mit Genehmigung der Gestapo betreten. Er lebte bei seiner Schwester in Hohenstein in Württemberg und sah seine Familie nur in den Schulferien und zu Weihnachten. Bei diesen Besuchen wurde er in München von der Gestapo vorgeladen. Seine Familie bangte jedesmal, ob er einbe¬ halten würde, und war froh, wenn er bleich und schweig¬ sam von den Verhören wieder zurückkam. Dabei hat er, wie erst nach seinem Tod ein Vernehmungsbeamter be¬ richtete, jedesmal keinen Zweifel an seiner monarchi¬ stischen Überzeugung gelassen und war nicht bereit, ir¬ gendwelche Zugeständnisse zu machen. Am Ende zollten sogar die Gestapoleute diesem merkwürdigen, so beharr¬ lich an seiner Meinung festhaltenden Mann Achtung. 1938 wurde er noch einmal für ein paar Tage verhaftet. Alle Versuche, irgendeine Anstellung zu gewinnen, schei¬ terten. Sein Gesuch, in die Reichsschrifttumskammer aufgenommen zu werden, wurde abgelehnt, was einem Berufsverbot gleichkam. Er blieb ohne geregeltes Ein¬ kommen. Für einen Schweizer Verlag schrieb er zwei Bü¬ cher: »Bindung und Bekenntnisse« und »Die Kunst an28

ständig zu sein«, die verboten wurden, als das Pseudonym, unter dem sie erschienen waren, enträtselt worden war. Von der weitverzweigten Familie der Grafen Arco erhielt er den Auftrag, deren Familiengeschichte zu schreiben. Es gelang ihm nicht, die Genehmigung für Auslandsreisen zu erhalten. Da es noch einen italienischen Zweig der Fami¬ lie gab, mit einem großen Archiv in Mantua, war er auf briefliche Auskünfte angewiesen. Immerhin bekam er für seine Arbeit ein monatliches Taschengeld. Diese Beschäf¬ tigung machte seine erzwungene Untätigkeit erträglicher. Zehn Bände mit insgesamt 6700 Seiten geben Zeugnis von dieser Arbeit. 1937 bot ihm Kardmalstaatssekretär Eugenio Pacelli, der ihn von seiner Zeit als päpstlicher Nuntius in München kannte, eine Professur an der katholischen Universität in Mailand an. Der Plan zerschlug sich, weil Aretm keinen Paß und damit keine Möglichkeit erhielt, nach Italien zu kommen. Während des Krieges konnte er längere Zeit bei seiner Familie in München leben. Im Sommer 1943, als der spä¬ tere Attentäter Claus Graf Schenk von Stauffenberg nach seiner schweren Verwundung in Nordafrika in München im Lazarett lag, wohnte dessen Frau Nina bei Aretins. Stauffenberg kam mehrfach auf Besuch. Eine Beteiligung an Stauffenbergs Plänen lehnte Aretin mit der Begrün¬ dung ab, daß er zu sehr von der Gestapo überwacht sei und deshalb ein Risiko für den Widerstand darstelle. Nach dem 20. Juli wurde er bei seiner Schwester in FIohenstein verhaftet und nach München gebracht. Er kam merkwürdigerweise nach wenigen Tagen mit der Be¬ gründung wieder frei, daß man wisse, er habe mit dem 29

Attentat nichts zu tun. Es ist unbekannt, woher die Ge¬ stapo diese Kenntnisse hatte. In den ersten Monaten des Jahre 1945, als sich der voll¬ ständige

Zusammenbruch

des

Reiches

abzeichnete,

schrieb sich Aretin seine ganze Empörung und Wut über das von Hitler und seinen Kumpanen angerichtete Ende Deutschlands von der Leber. Diese Artikel, die nie er¬ schienen sind, zeigen ihn, so altmodisch, wie dieses Wort ist, als Patrioten, der über die Katastrophen verzweifelt war, die über Deutschland hereingebrochen waren. Das Ende des 3. Reiches erlebte er in Hohenstein.

IV.

Im Juni 1945 fuhr in Hohenstein ein Münchner Taxi vor. Darin saßen Aretins Frau und zwei seiner Söhne und hol¬ ten ihn im Namen der amerikanischen Militärregierung und im Auftrag des bayerischen Ministerpräsidenten Fritz Schäffer ab. Die abenteuerliche Fahrt durch die amerika¬ nische und französische Zone weckte bei Aretin hohe Er¬ wartungen. Er nahm an, daß er nach allem, was er erlebt hatte, auf seinen alten Posten in der Redaktion der Münchner

Neuesten

Nachrichten

zurückkehren würde.

Aber die Leitung für das nun Süddeutsche Zeitung ge¬ nannte Organ war an eine andere Gruppe vergeben wor¬ den. Bemühungen Schätfers, der ihn im Kultusministe¬ rium eine Anstellung verschaffen wollte, wurden von den Amerikanern blockiert. Sie konnten diesem Junker nichts abgewinnen, der sie in den Gesprächen, die sie mit ihm führten, überzeugen wollte, daß die beste Lösung wäre.

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die bayerische Monarchie wiederzuerrichten. Überzeugt davon, daß die Kommunisten die eindeutigsten Gegner des Nationalsozialismus waren und daß dieser Konserva¬ tive mit seinen Ansichten zum Wiederaufbau Bayerns un¬ geeignet war, ließen sie ihn warten. Aretin hatte gehofft, daß er für seine Leidenszeit entschädigt würde. Er konnte immerhin daraufhinweisen, daß er mit am eindeutigsten vor Hitler und dem Nationalsozialismus gewarnt und für diese Haltung zwölf Jahre lang schwer gelitten hatte. Die Situation wurde für ihn immer unerträglicher. Als ihm das Gerede der Amerikaner über die deutschen Junker, die den Aufstieg des Nationalsozialismus begünstigt und ge¬ fördert hätten, zuviel wurde, schrieb er in der Süddeut¬ schen Zeitung einen Artikel mit dem Titel »Wir bayeri¬ schen Junker«, in dem er den Nachweis führte, daß der er¬ ste Präsident Amerikas, George Washington, ursprüng¬ lich aus einer bayerischen Adelsfamilie gleichen Namens stammte. Die Amerikaner in ihrem Hauptquartier in der Tegernseer Landstraße hatten dafür kein Verständnis. So wurden bald die Aufträge, für die Süddeutsche Zeitung Ar¬ tikel zu schreiben, weniger. Weil sich in der bayerischen Presselandschaft kein Platz für Aretin fand, wurde er Ende 1946 Vizepräsident des Deut¬ schen Caritasverbandes. Noch einmal setzte er seinen ganzen Idealismus für diese Aufgabe ein. Auch diese Tä¬ tigkeit fand nach der Währungsreform ein jähes Ende, als ihm das Präsidium des Caritasverbandes erklärte, daß sie nun unter den veränderten wirtschaftlichen Verhältnissen kein Geld mehr für einen Vizepräsidenten hätten und da¬ her mit sofortiger Wirkung die Zahlung dafür einstellen würden. Es kam zu einer losen Verbindung mit der zwei-

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ten Münchner Zeitung, dem Münchner Merkur.

1949

schien seine Hoffnung aut eine Anstellung als Journalist endlich in Erfüllung zu gehen. Er übernahm die Chefre¬ daktion der katholischen Wochenzeitung Münchner Allge¬ meine. Diese Zeitung war aber hoch verschuldet. Aretin schrieb unter anderem über seine Erlebnisse von 1931/ 1932. Es gelang ihm auch, neue Abonnenten zu gewin¬ nen. Aber noch 1950 kam auch hier das Ende. Eine verschleppte Nierenentzündung, die er sich in Da¬ chau zugezogen hatte, führte 1951 zum gesundheitlichen Zusammenbruch. Am 25. Februar 1952, am Faschings¬ dienstag, ging sein Leben zu Ende. Es war ihm nicht ge¬ lungen, nach 1945 wieder Fuß zu fassen. Seine Erinne¬ rungen an die dramatischen Jahre 1930 bis 1933 und an seine Haftzeit 1933/34 erschienen 1955 nach seinem Tod unter dem Titel Krone und Ketten im Süddeutschen Ver¬ lag. Die Drucker, die Aretm noch aus der Zeit vor 1933 kannten und verehrten, druckten sein Buch auf einer ex¬ tra wieder hergestellten alten Druckmaschine. Nach dem Ausklang seiner Freundschaft mit Rilke wurde Aretin mit Leib und Seele zum Journalisten. Zur Mathe¬ matik und zur Astronomie fand er nicht zurück. Nach seinem Tod fand sich unter seinen Papieren zwar auch Korrespondenz mit Mathematikern. Doch waren diese Wissenschaften aus seiner Zeit als Rilkes Astronom nur noch Hobby. Von der Gefährlichkeit Hitlers überzeugt, kämpfte er, solange er schreiben konnte, gegen ihn und das Heraufkommen der NSDAP. Zu einer Figur der Zeit¬ geschichte wurde er erst, als seine Freundschaft mit Rilke aufgehört hatte, sein Leben zu bestimmen. Sie war, so ge¬ sehen, eine Episode in seinem Leben.

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Der Briefwechsel

i. Rilke an Aretin z. Zt. Irschenhausen bei Ebenhausen (Isarthalbahn), Landhaus »Schönblick«, am 8. Februar 1915

Verehrter Baron Aretin, Sie können nicht wissen, eine wie große Freude Sie mir mit Ihren gütigen Zeilen zugesagt und versprochen ha¬ ben: die, Sie zu sehen und mit Ihnen über Dinge zu spre¬ chen, von denen ich mir Arbeit und Fortschritt er¬ warte. Nun bin ich für ein paar Tage auf dem Lande, aber sowie ich nach München zurückkomme, wird es mein erstes sein, bei Ihnen anzufragen, wann ich Sie besuchen darf. Sicher noch im Lauf dieser Woche. Dankbar Ihr ergebener RMRilke

2. Rilke an Aretin München, Finkenstr. 2. IV, am 14. März 1915

Lieber Baron Aretin, kann ich nun die Freude für mich in Anspruch nehmen, Sie einmal bei mir zu sehen?; vormittag, am frühen oder am späteren Nachmittag, ganz nach Ihrer Wahl, nur ein kleines Wort darüber, den Tag vorher. Verhindert bin ich morgen, Montag und Mittwoch Nachmittag. Seit einer Weile vom Lande zurück, hätte ich Sie, soweit 35

es auf den mnern Antrieb ankam, sicher schon besucht, doch fehlte mir das rechte Gewissen, mich Ihnen, bei ver¬ hältnismäßig mürrischem Gemüthe, zuzumuthen. Ce temps me ronge, m’use, me consume — zu meiner Verdrießlichkeit und Verdrossenheit hat nicht wenig die Erfahrung beigetragen, dass ich, allein, weder nut den »Errungenschaften«, noch mit Cantor’s Ge¬ schichte viel anzufangen wusste. Erst gab es Wege ein Stück weit, aber auf einmal verließ mich alle Orientie¬ rung; ich bm offenbar von diszipliniertem Einsehen zu weit abgekommen innerlich, da muss ich mich schon klein machen und Schüler werden fiir eine Zeit und, of¬ fengestanden, ich bin ganz durstig danach. Ich stelle es mir schon ganz nützlich vor, wenn sich etwa ein einigerma¬ ßen unterrichteter Student fände, der mit mir ein Buch wie das Kritzinger’sche einfach gemeinsam läse und nur keine Zeile durchgehen ließe, die nur halb begriffen bleibt. Nach so einem jungen Menschen suche ich nun. Ist auf diese Weise ein überwindender, ehrlicher Anfang gemacht, so könnt ich mir schon denken, dass nur aller¬ hand weitere Lektüre gedeihe. Vielleicht auch finden sich dann eigene Wege, denn wozu ein Bedürfnis da ist, das müsste man auch nut dem persönlichen Griff des Nöthighabens anfassen lernen: wenns einem nur erst in den Um¬ kreis geschoben ist. Jener Schiller (Alfred), der die Vorträge hielt, nach denen ich Sie fragte, ist ein anderer, als jener von dem Sie unge¬ fähr wussten, - und einer der wunderlichsten Menschen, die mir begegnet sind. Ich sah ihn seither, war bei seinem letzten Vortrag, von dem ich Ihnen erzählen werde. Cela vous touchera de pres, ll me semble. 36

Empfehlen Sie mich, bitte, Ihren Damen auf das Allerer¬ gebenste, und lassen Sie mich bald wissen, wann wir uns Wiedersehen. Ihr RMRilke (PS: Die ersten beiden Nummern 2 in der Finkenstraße zählen noch zum Wittelsbacherplatz, erst der 3. Haus¬ eingang rechts, kleine Thür, heißt Finkenstrasse 2 (Calwey’sches Haus;) dort bitte bei »Albert« zu läuten, 4. Stock rechts.)

3. Rilke an Aretin München, Finkenstr. 2IV; am ersten April, Donnerstag, [1915]

Lieber Baron Aretin, es könnte mich höchstens die Vorsicht abhalten, ob ich dem Beisammensein mit Ihrem Freunde nicht am Ende störend sei —, da indessen Ihr Billet ein solches Bedenken nicht aufkommen lässt, so bitte ich Sie, der Baronin zu versichern, wie sehr gerne ich heute abend komme und es mir selbst möglichst herzlich zu glauben. Gleichviel ob es hernach noch zur Astronomie kommen mag oder nicht. Irgendwie (will mir scheinen) ist sie im Spiel, auch wo wir sie scheinbar daraus lassen (ist sie doch recht eigentlich die Kunst der Verhältnisse), oder ist das nur Ausrede und Umweg des schlechten (ach so unbereiteten!) Schülers, wenn ich solches annehmen möchte?Je¬ denfalls drückt mich nicht wenig, wenn ich bedenke, wel¬ che Nebenumstände ich Ihnen eigentlich bereite, indem 37

ich Ihnen zumuthe vor meinen Augen und Ohren so aus¬ führlich mit Herrn Kritzinger umzugehen

(den

Sie

durchaus nicht nöthig haben, und der am Ende an mir, Neuling, doch nur vergeudet ist.) Ja, das ist eine wahre Sorge für mich. Eine überflüssige? (Das möcht ich Sie im¬ mer wieder fragen.) Vielen Dank also für Ihre guten Zeilen und auf heute, acht Uhr. Ihr herzlich ergebener RMRilke

4. Rilke an Aretin [München] Finkenstrasse 2 IV am 11. April, Sonntag [1915]

Lieber Baron Aretin, ich erfahre soeben, dass meine kleine (vierzehnjährige) Tochter, Ruth, morgen, allem, von den Osterferien zu¬ rückkommt (ihre Mutter ist noch in Hamburg geblieben); sie hat gerade vor Schul-Anfang noch den einen freien Tag und so möchte ich den Mittag und ein Theil des Nachmit¬ tags ihr widmen, da ich sie ohnehin nur selten sehe, wenn die Schule erst wieder begonnen hat. Entschuldigen Sie mich also bitte bei der Baronin für morgen mittag, ich hatte mich gefreut, schade. Wenn ich kommen darf', ein anderes Mal. Auch unseren Nachmittag werden wir besser verle¬ gen, auf wann, das überlasse ich Ihnen, wenn nicht vor¬ her, vielleicht Freitag. Bestimmen Sie ganz nach Ihrer Zeit und Stimmung. Ich erwarte einen kleinen Bescheid.

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Ich hoffe Sie beide wohl, trotz des arg verdrießlichen Wetters und bin Ihnen ganz herzlich ergeben. Ihr Rilke

5. Rilke an Aretin [München] Finkenstr. 2IV, am 12. April 1915, Montag

Lieber Baron Aretin, sehr dankbar, dass die Pause nicht zu groß wird, und Sie schon Mittwoch wieder fiir mich Zeit haben wollen! Ich freue mich und komme um 3. Meinen Handkuss der Baronin; Ihnen Herzliches, Dankbares. Ihr Rilke

6. Rilke an Aretin München, Finkenstr. 2 IV, am letzten April [1915]

Mein Lieber Baron Aretin ich denke an Sie, ob Sie alle Erschwernisse überwunden haben und nun heute reisen und wünsche Ihnen für den mährischen Park, dieselbe Jahreszeit, die (sollte man mei¬ nen) auf die Vorräthe des Sommers gekommen ist und sie, über die beeilten Bäume hinüber, verschwenderisch aus39

giebt. (Und möge auch auf den Schlossgängen aller Spuk Ihnen den Gefallen thun, fühlbar zu sein!) Wenn Sie zurückkommen, erzähl ich Ihnen von Bernus und seiner Frau, mit denen wir merkwürdige Dinge be¬ sprechen und durchmachen. Am sechsten ist nun übrigens meine Musterung, so wird, wenn wir uns Wiedersehen, der Würfel über mir gefallen sein —, endlich. Legen Sie der Baronin meine Verehrung und meine Rei¬ sewünsche zu Füßen, zugleich mit diesem kleinen Reise¬ gruß. Auf Wiedersehen, herzlichst Ihr Rilke Nachschrift. Verehrter, wollen Sie sich die Mühe machen, diesen Brief dem Fürsten Alex, außer meinen vielen Grüßen, mitzu¬ bringen. Sollten Sie den Fürsten nicht sehen, so haben Sie die Güte, ihn in Wien zur Post zu geben. Danke. Herzlich: R.

7. Rilke an Aretin [München] Finkenstr. 2IV, Mittwoch [Mitte Mai 1915]

Mein lieber Baron Aretin gestern früh kam Ihre mährische Karte; am Abend, die schon hiesige -, ich freue mich, Sie wieder hier zu denken und komme gerne morgen Donnerstag, nach 3 zu Ihnen hinaus. Gegen fünf muss ich weiter, einen Theeweg in Ih¬ rer nächsten Nähe. (Bernus). 40

Herzlich aut Wiedersehen und Grüße. Ihr Rilke. Danke für Weitergabe des Briefes. Der Fürst hat mir gleich geschrieben.

8. Rilke an Aretin [München] Finkenstr. 2IV, Sonnabend vor Pfingsten [24. 5.1915]

Lieber Baron Aretin, danke für Ihre Karte, ich hätte längst etwas vorgeschlagen, doch gab’s ein Gedräng. Sehen und Wiedersehen einzel¬ ner Menschen, auch war ich nicht recht wohl. Nun fassten wir eben den Entschluss für 2, drei Tage nach Frauenchiemsee zu fahren, wohin Ruth mit ihrer Mutter diesen Morgen gereist ist, sie telegrafierten mir von dort, es sei herrlich und still. So kommt man vielleicht draußen über die öffentliche Lücke der Feiertage leidlich hinüber. Wüsst ich, wie lange wir bleiben, würd ich Ihnen rathen auch zu kommen. Es geht München Rosenheim - Prien, dann mit einer kleinen Bahn bis Stock, von da Übersetzen nut dem Dampfer alles in ahem zwei Stunden. (Ce qui oblige peu -)• Am End kommen Sie, sonst sehen wir uns gleich beim Wiederhiersein, hoff ich. Was macht die Übersiedlungs-Vorbereitung? Aber wie schön wirds in Solln sein bei dieser Jahreszeit.: (Soh(e)n und Hab(e)n.) Herzlichst Ihr Rilke (aber in Eile.)

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9. Rilke an Aretin [München] z.Zt.: Widenmayerstr. 32 III. b/Koenig, am 2. July 1915

Mein lieber Aretin, bewundern Sie mich, ich habe den stärksten Antrieben widerstanden, einmal zu Ihnen hinauszukommen, einse¬ hend immer mehr, dass ich es endlich, in jenem Allein¬ sein, das nur seit Paris seltener geworden ist, zu nur selber bringen müsse, so oder so; vierzehn Tage pflag ich nun diesen peinlichsten Umgang, den mit meiner höchst des¬ orientierten Persönlichkeit, und bin nicht viel weiter, aber doch etwas ruhiger, nicht mehr so völlig ausgefranst an den Rändern meiner Natur. Trefflich ists, dass diese neue Wohnung, wo mich fast niemand weiß und vermuthet, für meine rabiate Einsamkeit ausgezeichnete Vorbe¬ dingungen mit sich bringt, so gute, dass ich im Suchen meiner Landhausmöglichkeiten etwas lau geworden bin, das sehr Prosaische hier zunächst für das schön Gegebene nehmend und nützend. Eine Haushälterin habe ich schon engagiert, das enthebt mich dem meisten Ausgehen, mit ihr wirtschafte ich allein, bei Abwesenheit der Besitzerin, in der frei und hochgelegenen Wohnung, die Isargelände gegenüber und im Arbeitsraum einen Mares und das große, (mir so bedeutende) Bild von Pablo Picasso. Aber nun hören Sie, der oft zurück gedrängte Wunsch nach einer Stunde mit Ihnen hat heute die unmittelbarste Belebung erfahren; ich traf Felix Noeggerath, den seine merkwürdigen inneren Unternehmungen immerfort an die seltsamsten Probleme rücken, wir sprachen, von den Dingen, die ihn gerade angehen, ich ließ mir erzählen, er 42

reichte Astronomisches herein, ich wollte mehr und wei¬ terhören. Nun kommt Noeggerath Montag zu mir zum Thee, ich weiß, dass ich ihm die lebhafteste Freude und unabsehbar Anregung und Vorschub bereite, wenn ich Sie bitte, auch zu kommen; wollen, können Sie? Er wird Ihnen vielleicht ebenso anregend sein können, früher oder später, mir will es scheinen, man bekommt durch ihn Anstoß zu allerhand äußersten Gegenständen; sein Geist legt da und dorthin ganz gerade, etwas geneigte Bahnen an, man folgt und meint, aufjeder bis ans Ende zu wollen: ist das Täuschung? Das Vergnügen ist jedenfalls groß und zuweilen schwört man, wirklich am Ende gewesen zu sein, und es bleibt einem nichts zu wünschen übrig. Ich hoffe sehr, Sie kommen; zur Noth könnt es ein ande¬ rer Nachmittag werden, wenn der Montag Ihnen nicht passt; allerdings sehr lange Wahl ist nicht, denn N. steht auch schon im Begriff, aufs Land zu gehen; sehr näch¬ stens, glaube ich. Ich weiß nicht, würde es die Baronin langweilen, mit dabei zu sein?; ich wage nicht, sie zu bit¬ ten, nur wenn sie gerade auch in der Stadt sein sollte: Sa¬ gen Sie ihr, mit meinem Handkuss, wie glücklich ich wäre, sie hier zu sehen. Gestern freut ich mich, dass der Himmel Ihnen endlich den Garten begießt; er hats gründlich besorgt. Alle herzli¬ chen Grüsse, Ihr treu ergebener Rilke Ich bin auch telefonisch erreichbar (21 2 12) allerdings verstehe ich schlecht am Apparat; aber ein »Ja« (was es doch hoffentlich wird) würd ich schon fassen.

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io. Rilke an Aretin München, Widenmayerstr. 32 III, am letzten July 1915

Lieber Aretin, sagen Sie, erstrecken sich Ihre Nachforschungs-Möglich¬ keiten auch auf französische Verwundete? Für diesen Fall beiliegend einige Personalien; es handelt sich um den Sohn meiner trefflichen Bedienerin in Paris, die seit Jah¬ ren mir bekannt und für mich bemüht war. Ich würde gern alles thun zur Ermittelung seines Verbleibs —, was etwa käme noch in Frage? Ich hoffe, Sie sind auch ein Weg; ist dem so, so sind Sie gewiss der beste. Wie geht’s draußen? Noeggerath ist inzwischen (höre ich) verhaftet gewesen, als verdächtig, weil er sich in Parten¬ kirchen, oder wo es war, viel mit oesterreichischen Solda¬ ten zu schaffen gemacht habe. Wie, darf man das nicht? Nach einer Stunde war er wieder frei, zog es aber dann vor, eine andere, weniger aufpasserische Sommerfrische zu wählen; soll jetzt in Ammerland sein. Fleute läuft nun wirklich der July ab — und? Nun, es ge¬ schieht kein Wunder, denn alle, durch dies etwa gesche¬ hen könnte, glauben nicht daran. Ich bin bedrückt, mehr, als ich sagen kann. Mit ergebenstem Handkuss für Ihre Frau sehr herzlich Ihr Rilke Las dieser Tage eine erste, frühe Fassung der Education Sentimentale, von, stellenweise, entzückender Jugend; wussten Sie davon?

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11. Aretin an Rilke Solln, [Ottilienstr. 20] den 3. August 1915

Lieber Rilke! Für Ihre Name vom letzten Juli möchte ich Ihnen gleich danken. Die Nachforschungen nach dem armen Pierre Manger sind allenthalben schon eingeleitet. Sie werden dieser Tage vom bay. Kriegsministerium eine entspre¬ chende Auskunft über die bay. Gefangenenlager und La¬ zarette bekommen und für die übrigen deutschen Stellen habe ich mich bereits an die Berliner Zentrale gewandt. Versagen diese beiden (offiziellen) Stellen, so würde ich mich an den Bischof von Paderborn wenden, der sich im Auftrag Benedikts XV. mit solchen Nachforschungen be¬ schäftigt und diesem schwierigen Auftrag mittels seines Heeres von Feldgeistlichen erheblich besser nachkommt als sein Lausanner College auf der anderen Seite. Natür¬ lich wäre es recht gut, wenn man den Ort wüsste, an dem Manger in »Verlier« geriet, wie man in Wien so erstaun¬ lich lässlich sagt. Der arme Noeggerath, dessen Ruhe durch solche gefähr¬ lichen Dinge gestört werden musste. Bei der unablässig tä¬ tigen feindlichen Spionage ist allerdings Vorsicht sehr am Platz und der Verkehr mit Soldaten verdächtig. Das Scheitern meiner Juliprophezeiung halte ich mehr für einen Irrtum des Krieges, als meiner Quellen, da ich mir unmöglich denken kann, dass dieser furchtbare Kampf die gegenwärtige polnische Schlacht — ihr Gelingen voraus¬ gesetzt - überlebt. Ihr Bedrücktsein bedaure ich aufrich¬ tig, kenne Sie aber viel zu wenig, um mit Gegengiften

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kommen zu können. Ich kann Sie nur versichern, dass Sie ne prie bei meiner Frau und nur sind und dass nichts so auf die Nerven gehendes Sie hier mehr stören soll, als neulich das Auftreten des Father Fischer. Die education sentimentale kenne ich in keiner Fassung, wie ich überhaupt auf die grossen Stimmen aller Zeiten viel zu wenig hörte im Lärm der jetzigen und in dem Kenntnisse sammelnden, wenig miterlebendem Studium meiner Liebhabereien. So scheinen Sie mir unendlich reich, da Sie mit vielen Hirnen denken, deren Tätigkeit ich bestenfalls nur historisch von aussen kenne. Wenn Sie Lust haben Freude zu bereiten — und das können Sie so gut — und Ihre Einsamkeit Sie jemals drücken sollte, so schenken Sie uns einmal einen stillen, schönen Abend! Mit besten Grüssen auch von meiner Frau! Ihr Erwein Aretin

12. Rilke an Aretin [München] Widenmayerstr. 32 III, am 7. August 1915

Lieber Aretin, Sie beschämen meine unbescheidenste Erwartung, durch den Umtang Ihrer Güte sowohl, als durch die Größe des Apparats, den Sie an der Hand haben und den Sie, nöthigentalls, für den guten Pierre Manger in Bewegung setzen wollen. Ich schreibe an seine Mutter, ob sie imstande wäre, nur den Ort anzugeben, von wo sie die Nachricht seiner Verwundung, überhaupt die letzten Nachrichten be¬ kam -. Wenn ich dann selbst etwas thun kann, so bitte ich 46

um Anweisung, denn ich bin verhältnismäßig frei, unbe¬ schäftigt, wenn man es streng ausdrücken will. Die Gründe meiner Bedrücktheit, um die Sie sich so liebenswürdig besorgen, hegen wohl am Tiefsten in diesem »Freisein«, in diesem Ausbleiben des inneren Befehls und Berufs, auf den unsereiner hoffnungslos angewiesen ist. Pathmos ist eine dürre Insel, und es ist ein trübes Ansehen auf ihr, wenn einen nicht das ungeheuerste Diktat überstürzt, dass man ihm nüt beiden Händen nachschreibe . . . Es gab Zeiten — Übrigens kenne ich mich selbst zuwenig, um das Gift zu nennen, das mir die Säfte trübt, ich überwand es auch meistens nicht durch Gegengifte, sondern das Gift selbst gerieth dem inneren Dämon in die Hände, und er, zür¬ nend, gebrauchte es in seinem Geiste. Die Versuche nach der Astronomie hin mögen indessen wirklich aus einem antidotischen Instinkte hervorgegangen sein. Wir haben zu hoch oben angefangen, das trieb uns dann auch ins Vague und Grenzenlose, — ich sehe schon, ich müsste nur erst so etwas wie eine Gymnasialstufe zurückrufen, um dann in bescheidenstem Lernen aufzusteigen. Ich habe nur bei Stauffenberg nun noch einige Bücher von Poincare geholt, daneben eine Elementar-Mathematik und sogar nach einem Studenten die Umschau eröffnet, der mir auf die Finger sähe. Dabei kann ich mich noch von Flaubert nicht losreißen, lese ihn und Strindberg abwech¬ selnd und habe dabei so wenig Frische zur Verfügung, dass meine Erschöpfung mich, wie eine Arbeit, beschäftigt hält. In solchen Verhältmssen, peu presentable, schieb ich es noch auf, zu Ihnen hinauszukommen, ob nur gleich manchmal schon recht danach zumuthe war.

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Die letzten Tage las ich manchmal »Politiken« (Kopenha¬ gen) und den »Figaro«, die Haltung dieser Blätter giebt gar keine Auskunft auf Frieden oder Waffenruhe, wieso auch, die Franzosen sind jetzt von einer wunderbaren Fassung, die Ereignisse des letzten Jahres haben sie, scheint mir, be¬ sonnen gemacht, wie sie’s seit der Revolution noch nicht waren. Soll es wirklich noch einmal ein Kriegs-Winter werden? Auch die Reden in der Duma scheinen das nicht auszuschließen. Noeggerath telefonierte mir gestern. Ist ausgezeichnet in Ammerland, bat sich Ihre Adresse aus, sehr nach Ihnen fragend. Ihre Telefonnummer hatte ich gerade nicht zur Hand, sonst würde er Sie angerufen haben. Meine Handküsse zuhause, und tausend Grüße.

Ihr Rilke

13. Rilke an Aretin [München] Widenmayerstr. 32 III, Montag [9. 8.1915]

Mein lieber Aretin, als Nachschrift zu vorgestern, dass die Antwort des bayr. Kriegsministeriums, Pierre Manger angehend, nun da ist, negativ, bisher in Bayern nicht gemeldet. Hoffen wir nun auf die berliner Auskunft. Und schön, dass dann immer noch der Bischof bleibt als letzte Mög¬ lichkeit -, aber, wie gesagt, lassen Sie mich nach Thunlichkeit, auch etwas dabei leisten! Herzlichst Ihr Rilke 48

i4- Aretin an Rilke [Solln,] [Ottilienstr. 20,] 14. August 1915

Lieber Rilke! Hier ist die recht negative Berliner Auskunft, die aber für die Zukunft noch einiger Hoffnung Raum lässt. Dem Paderborner Bischof habe ich schon vor einiger Zeit ge¬ schrieben. Bei dem sind unsere Aussichten, glaube ich, nicht schlecht. Da der arme Manger verwundet ist, wird er noch in einem Lazarett sein und nicht in einem Gefange¬ nenlager; daher die aufschiebende Berliner Antwort. Hier kann aber Paderborn mit seinem Heer von Lazarettgeist¬ lichen gut zu Hilfe kommen. Selbstverständlich würde ich auch Nachricht erhalten, wenn Manger an der Front ge¬ storben und von deutschen Soldaten beerdigt worden wäre, sodass die Unsicherheit kaum lange währen wird. — Von Noeggerath habe ich nichts gehört. Ist nicht die Lek¬ türe Poincares (die ich eben auch wieder vornehme) und die einer Elementar-Mathematik im Widerspruch? Mir scheint es so, weil ich die Brücke nicht erkenne, die ein anderer zwischen zwei so grundverschiedenen Dingen sich schlägt. Mit bestem Gruss! Ihr E. A.

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15- Rilke an Aretin München, Widenmayerstr. 32 III, am 5. September 1915 (Sonntag)

Lieber Aretin, Pierre Manger ist gefunden, ist in Frankreich, lebt! Ge¬ stern abend ein Brief seiner Mutter, worin sie nur schreibt, dies wäre ihr eben mitgetheilt worden und uns dankt für die Mühe und Bereitschaft, versichernd, ein über das andere Mal, wie sehr das Wissen darum ihr in den bösen Tagen der Ungewissheit beigestanden hätte. Diese Aufgabe ist also nicht weiterzuverfolgen, dagegen schreibt sie nur von einem anderen jungen Menschen, dont la mere est desolee - und giebt mir seine Daten. Wol¬ len wir auch zu dessen Gunsten ein paar Schritte versu¬ chen? Das heißt, ich würde Sie einfach bitten, mir die nöthigen Adressen anzugeben,

damit ich die fällige

Schreibarbeit selber thue, wenn ich nicht bedächte, dass das Gewicht Ihres Namens sicher der Sache dienlicher ist, als ein von meinem Unterzeichneter Anspruch?! Aber wenn ich etwas thun kann, so bitte ich um einen Wink, wie und wohin, - es würde mich quälen, Sie wieder mit neuer Ar¬ beit zu beschäftigen. In jedem Fall schreib ich hier neben die Bezeichnungen ab, wie sie mir gegeben sind. Vorgestern war van de Velde bei mir; er hat die Nachricht, dass Andre Gide gefallen sei, aus recht zuverlässiger Quelle, aber er hofft, gleich mir, sie könne noch widerlegt werden. Mit der herzlichsten Empfehlung an Ihre Frau, bin ich von Herzen der Ihre[,] Rilke 50

Mein ganzer Besitz in Paris ist verloren, im April verstei¬ gert, encore une chose finie Andre Pineau Caporal au 293 eme de ligne Section de Telephonistes i8e Corps d’Armee, blesse ä Ecury-le-Repos (Wenn ich recht lese, oder: Fleury-le-Repos ?) le 6 ou 8 Septembre 1914 (fast ein Jahr!) disparu.

16. Rilke an Aretin [München] [Widenmayerstr. 32III] Sonntag [um den 10.10. 1915]

Lieber Aretin, Schade: zunächst hab ich Ihr Ausbleiben im egoistischten Sinne bedauert, dann wars der letzte ruhige Nachmittag in diesen Zim¬ mern (am Picasso), die ich jetzt, bei Rückkunft der Eigenthümerin, verlassen muß; Schließlich hätten Sie bei mir Kerstin Strindberg ange¬ troffen, Strindberg’s Tochter, und ich würde Ihnen den Hinweis auf sein Gold gerne durch diese Ansicht seines Blutes erwidert haben, das sich in einem schönen jungen Mädchen wunderlich genug fühlen und erkennen mag. Im frömmsten Nieder-Österreich, von einer schrulligen Großmutter vernachlässigt, dann, ganz klein, durch einen Kinder-Garten zu den englischen Fräulein übergehend, wo sie während zehn Jahren aufgewachsen ist: in solchen

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Situationen mehr und mehr schwedische Selbstständig¬ keit und Strinbergsches Gedräng in sich aufkommen sehn: das möchte keine von den gewöhnlichsten Lebens¬ mischungen sein. Ich (was mich selbst angeht) weiß noch gar nicht wohin. Da ich eben etwas entschlossener wurde, erreichte mich die Nachricht von der nicht weit bevorstehenden näch¬ sten Musterung! Der gegenüber, da doch diesmal ein zu¬ greifender Ausgang fast unvermeidlich scheint, wird wohl jedes eigenmächtige Planen illusorisch, überflüssig wer¬ den. Wasfür Un-Heil und Un-Sinn. Ich bin sehr gedrückt und nicht sehr sicher vor der dürftigsten Kleinnrüthigkeit; denn alles darf einem widerfahren, nur nicht das durchaus Fremde, nur nicht das Gespenst. Ich lasse Sie wissen, wo ich nächstens bin und hoffe, es kommt dann gleich zum Nachholen unseres Wiederse¬ hens. Ihrer Frau geht es doch hoffentlich zum Besten!? Ich bitte mit meinem ergebensten Handkuss bei ihr erinnert zu sein und bin, immer ganz herzlich, der Ihre Rilke

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17-

Rilke an Aretin München, Keferstrasse n, Sonnabend [um den 28.11.1915]

Mein lieber Aretin, also, es ist ein Unglück, dass man die nochmalige Muste¬ rung wirklich durchgesetzt hat, denn sie verlief früh mor¬ gen noch unwirklicher als die erste, und führte zurück auf dasselbe Resultat, das der Stabsarzt nun erst mit rechter Ironie endgültig überlegen konstatierte. Wasfür eine un¬ wirkliche Welt. Und dann noch ein, wie mir schien, höchst überflüssiges Nachspiel, meinen unpassenden Ver¬ such neulich Herrn v. V. zu erreichen betreffend, eine Lehre, ein Verweis auf’s Gröbste mir ins Gesicht gesagt, von einem kaum dazu Berufenen, vor der versammelten Kommission. Kurz: Breughel, und ich unter den ms jüng¬ ste Gericht peinlich Auferstandenen. Bitte also um Gottes Willen nichts als Schweigen über mich gegen den Gesandten, Schweigen von allen Seiten, sonst wird mirs als neues Attentat angerechnet. Ich gehe unter diesen Umständen wahrscheinlich nächste Woche nach Berlin, aber nur für kurz; wenn ich zurück bin, hoff ich sehr, Sie und Ihre verehrte Frau hier den Thee trinken zu sehen, den ich Ihnen neulich einge¬ schenkt habe. Sie sollen nicht merken, dass er kalt gewor¬ den wäre. Von Herzen Ihr ergebener Rilke

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i8.

Rilke an Aretin Hotel Esplanade, Berlin W. 9, Bellevuestr. 18, am 10. Dez. 1915

Mein lieber Aretin, immer noch in Berlin, durch Zahnarzt und allerhand Be¬ schwerlichkeiten festgehalten —, Schicksal noch unverän¬ dert, in Wien thut man das möglichste, einen Schreiber¬ posten für mich zu erreichen —, aber es scheint schwer. Nun stellt sich hier noch eine Möglichkeit heraus, die mir sogar erlaubte, an der Arbeit zu bleiben, lieber Himmel, an meiner; nämlich es besteht ein Abkommen zwischen Österreich und Deutschland, nachdem die deutschen Generalkommanden österreichische Personen des jeweiligen Wohnorts allem Dienste entheben können, wenn sie von berufener Stelle aus geistigen oder künstlerischen Grün¬ den »im allgemeinen deutschen Interesse« (wie die Verfü¬ gung heißt), reklamiert werden: es wäre also, da München mein Wohnort ist, das bayer. Generalkommando zustän¬ dig, eine solche, mich betreffende Eingabe aufzunehmen und eventuell zu berücksichtigen. Der Vereinbarung nach darf das Generalkommando sogar selbständig, ohne Zu¬ stimmung des österr. Kriegsministeriums seine Entschei¬ dung fällen. Hier ist eine Gruppe meiner überzeugtesten Freunde im Begriff, unter einem großen Theologen, zu solcher Wirkung zusammenzutreten, nun sollte, sagt man nur, rasch von München aus ein Ähnliches versucht wer¬ den. Aber durch wen? Und wer vermöchte die maßge¬ bende Person im Generalkommando auf einen solchen Versuch günstig vorzubereiten? Das sind die Fragen.

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Könnten Sie einmal mit Stauffenberg darüber telefonie¬ ren, vielleicht auch mit Baron Pranckh. Und wäre Franckenstein geneigt, sich an die Spitze einer solchen Reklamierung zu stellen —, am Ende? Man versichert mir, es handle sich da um eine durchaus billige und rechtmäßige Sache, die niemandem Schande macht, und meine hiesi¬ gen Freunde sind der Meinung, dass gerade meine Arbeit einen solchen Schritt rechtfertigt. Ich weiß das freilich nicht zu beurtheilen —, zu wünschen nur, dass es so sein möchte. Freilich ist der Versuch eine hohe militärische Behörde von der Bedeutung meiner so innerlichen Thätigkeit zu überzeugen nicht der leichteste. Wie denken Sie? Botschaft und Generalkonsulat sind da ohne jeden Ein¬ fluß. Doch wird meinen Freunden eben von der hiesigen Botschaft dieser Weg als berechtigt und ehrlich gangbar beschrieben, und von hier aus soll er mit aller Energie (versichert man mir) versucht werden. Ists unbescheiden, lieber Aretin, wenn ich Sie bitte, das mit Franckenstein (dem Sie mich sehr empfehlen, nicht¬ wahr?) zu berathen, ich weiß nicht wer so günstig dafür stünde, begreife aber natürlich, wenn er die Sache ab¬ weist, und halte dann eben Schicksal für Schicksal bis zur weiteren Klärung. (Ach diese Verstörung und Verschüt¬ tung guter Anfänge!) Still, genug. Meinen Handkuss Ihrer verehrten Frau und ganz dankbar der Ihre. Rilke

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i9-

Aretin an Rilke Solln, [Ottilienstr. 20] den 11. Dezember 1915

Lieber Rilke! Verzeihen Sie bitte zunächst diese fatale Schrift, die mehr zum Gegenstand des Briefes passt, wie zu den Gefühlen aufrichtigster Freundschaft und Hilfsbereitschaft, die ihn diktieren. Und vielen Dank zunächst für das Vertrauen Ihrer gestri¬ gen Zeilen. Ich weiß nicht recht, wie ich Ihre hiesige Ge¬ meinde rasch genug sammeln und mit schweren Gewich¬ ten belegen könnte, um von hier aus einen vernünftigen Schritt zu wagen. Das ist wohl auch, wenn die Berliner Freunde sprechen, unnötig. Mit Willy Stauffenberg, der heute abend nicht erreichbar ist, will ich natürlich auch darüber noch beraten, Ihnen aber vorher noch schreiben, was ich tat. Eben habe ich einen Brief an Franckenstein vollendet, um dessen Unterstützung ich mich bewarb. Wie mir Willy St.’s Schwester mitteilte, ist diese Unter¬ stützung immer möglichst passiv in diesen Dingen, was man Fr. auch nicht verübeln kann, da er sich wegen seiner Theaterleute beständig mit dem Generalkommando her¬ umraufen muss, also kaum viel Lust verspürt die Rei¬ bungsflächen zu erweitern. Ich habe nun geglaubt, Ihnen, da die Dinge so sind, am besten dienen zu können, dass ich Franckenstein bat, über Sie das beste und zweckdien¬ lichste literarische Werturteil zu fallen, wenn er vom Ge¬ neralkommando als sachverständige Behörde darum an¬ gegangen würde. Dieser Fall wäre also herbeizuführen. Sollte also Ihr Berliner Verehrerkreis die besprochene und

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sehr begrüssenswerte Eingabe machen, was er, mag er be¬ stehen, aus wem er will, besser kann, als jeder hiesige, so würde ich raten, dass er als Münchener Sachverständigen für Ihren literarischen Wert (Welche Kriegsgreuel es doch gibt!!) an erster Stelle Franckenstein nennt, der Ihnen dann, dafür glaube ich gutstehen zu können, nach bestem Können und sehr wirkungsvoll helfen wird. Natürlich wären noch andere gut: Hofmannsthal oder andere be¬ kannte Insel-Leute, deren Adressen zu geben, ich viel¬ leicht auch raten möchte, aber Franckenstein hätte halt immer die Vorteile und das Gewicht seines Amtes, das ganz und sicher dann auf Ihrer Seite stehen wird. Initiativ¬ schritte von Fr. zu verlangen, möchte kaum Erfolg bei ihm haben, da er zu sehr mit ähnlichem belastet ist. Wird er aber vom Generalkommando zu einem Schritt ge¬ zwungen, so ist es für ihn keine größere Mühe, ihn positiv oder negativ zu machen, und er wird sicher positiv ausfallen. Die Eingabe wäre bald zu richten an das: »Stellvertretende Generalkommando I. Bayr. Armee-Korps, München, Herzog Maxburg« und Ihre »Wohnhaftigkeit«(!) Mün¬ chen Keferstrasse

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ausdrücklich zu betonen. Sollte

Stauffenberg mit mir neue Wege finden, so würde ich te¬ legraphieren. Hoffentlich haben Ihre Schritte allen, von mir ersehnten Erfolg, und sehen wir Sie bald wieder hier, nicht mehr von Phantomen geängstigt. Ich habe nächsten Mittwoch die zweifelhafte Freude meiner dritten Musterung, deren Resultat aber leider keinesfalls wertvolles unterbrechen und zerstören wird. Meine Frau grüsst Sie in herzlichstem Mitempfinden und

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ich bitte Sie aller treuen Mithilfe immer versichert zu sein, die in meinen Kräften steht. Ihr herzhchst ergebener Erwein Aretin

20. Aretin an Rilke Solln, Ottilienstr. 20, den 15. Januar 1916

Lieber Rilke! Einem Briefwechsel ist es nicht recht förderlich, wenn man keinen rechten Begriff über die Aussichten eines Briefes hat, wirklich in die Hände des Empfängers zu ge¬ langen. So ging nur, glaube ich, bereits ein Briet ins Ufer¬ lose, den ich Ihnen ins Hotel Esplanade nach Berlin sandte, und worin ich Ihnen meine Taten und Meinun¬ gen berichtete in Ihrer nur sehr nahe hegenden Angele¬ genheit. Ich hatte später wiederholt die Freude, mich Ihrer Ge¬ mahlin nützlich zu erweisen (oder wenigstens zu glauben es getan zu haben, was recht verwandt ist) und hörte neu¬ lich am Telephon von ihr die erfreuliche Kunde, dass wenigstens die Münchener Operationen zum erwünsch¬ ten Ziele führten und dass auch Franckenstein meine wiederholte briefliche und persönliche Mahnung sich zu Herzen nahm und nicht versagte, was beinahe mehr ist, als ich hoffte. Mein Brief nach Berlin hat Ihnen erzählen wollen, weshalb ich eine besondere Münchener Aktion für schwer und etwas schädlich hielt und dass Stauffen-

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berg diese Ansicht teilte, da Ihren hiesigen Freunden si¬ cher nicht die Zahl und die treue Anhänglichkeit, wohl aber das Gewicht fehlt, dessen eine Unterschrift mehr bedarf, als ein Mensch. Nun werden Sie hoffentlich in nicht zu ferner Zeit den Weg wieder hierher finden wenigstens hatte Ihre Frau Gemahlin diesen Gedanken — und ein Intermezzo non troppo sinfonico hat ein ruhi¬ ges Ende. Eine Musterung hat auch mich inzwischen wieder bear¬ beitet, aber mit keinem neuen Erfolg, sodass ich sicher hier bleibe und vielleicht im Anschluss an Lehmanns Uitzilopochth-Kolleg eine kleine Arbeit durchfuhren kann, was mir sehr erwünscht wäre. Die letzten Wochen brachten mir die Bekanntschaft des Herrn v. Günther und eines jungen Grafen Keyserlingk, den Sie, glaube ich, auch kennen und der sehr erfreulich zu sein scheint. Günther hat vielleicht etwas das unausgeglichene, ex¬ tremhebende seiner geistigen Lage noch zu sehr, als dass er ganz Zusagen könnte. Auch eilt vielleicht dafür seine Selbsteinschätzung seinem Ruhm etwas zu sehr voraus. Ich

treffe ihn recht häufig durch die gemeinsamen

Bahnfahrten und höre von ihm manch gutes und schö¬ nes Projekt, bei dem ich ihm helfen soll. Wäre weniger literarisches »Unternehmertum« dabei, er fände willigere Ohren. Doch hoffe ich in nicht zu ferner Zeit bei Ihnen endlich den Tee zu trinken, der vor 6 Wochen unterbro¬ chen wurde, und Ihnen dann davon erzählen zu kön¬ nen. Bitte sagen Sie der Fürstin meinen ergebensten Handkuss und dem Fürsten die Grüsse meiner immer dankbaren Er¬ gebenheit, die es zwar versäumte, den Wünschen desjah-

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reswechsels Worte zu geben. Seien Sie selbst von mir und meiner Frau herzlichst gegrüsst.

Ihr treu ergebener Erwem Aretin

21. Rilke an Aretin Briete bitte über die Victorgasse, wie immer. Wien, am 18. Januar 1916

Mein lieber Aretin, seit dem 4ten bin ich Landwehr-Infanterist und damit in das Leben der Baracken und Exerzierplätze einbegriffen, das mir, wie Sie sich vorstellen werden, noch so neu ist, dass es mich völlig beschäftigt hält. Ich habe noch keinem Menschen geschrieben, auf Ihren guten Brief hin lieber Aretin, nahm ich mich aber, wie Sie sehen, zu einem Missive zusammen, wenn auch zum Dürftigsten, nach dem Maaße meiner Müdigkeit. Aus Ihrem Brief vernehm oder vermuth ich zuerst, dass die münchner Eingabe nicht ohne Erfolg gewesen sein muß: der wird sich ja wohl nach und nach auf dem Büreau-Wege hierher fortsetzen und hier, hoff ich, etwas Wirkung thun. Eventuell, wenn etwas wirklich Erreichtes vorliegt, würd ich Sie bitten, das Ergebnis kurz an den Presse-Dienst des k. k. Kriegsministeriums zu berichten (Wien I. Georg Cochplatz 3) mit dem Ersuchen, mich da¬ von zu verständigen; denn ich wäre freilich gespannt zu wissen, was der gute und herzliche Wille, der da thätig war, hat erreichen können. 60

Bis vor drei Tagen hab ich bei den lieben Freunden ge¬ wohnt, jetzt bin ich näher an die Kaserne gezogen, komme aber fast täglich abends in die Viktorgasse; was der Fürst und die Fürstin mir in diesen Tagen waren und sind, lässt sich nicht beschreiben; häusliche Abendstunden nach den ungewohntesten Tagen, in den inkommensurabelsten Verhältnissen —: was hätte hülfreicher, herzlicher mitwirken können? Leider ist nun durch den ganz plötzlichen Tod der guten Gräfin Schlick jähe und verwirrende Trauer über den kleinen Familienkreis hereingebrochen, der sich rasch zusammengefunden hat; auch Erich und Pascha kamen nach Wien, Pascha ist noch hier und ich freue mich für die Für¬ stin, dass sie ihn im Augenblick so innerlichen Schmerzes an ihrer Seite hat, ruhig und gleichmüthig und doch so innen bewegt, wie das seine Art ist. Vom Fürsten sowohl als von der Fürstin Marie soll ich das Herzlichste an Sie schreiben; und wieviel füg ich selber an für alle gemeinsa¬ men Freunde. Sicher werden Sie auch wieder mal an die Trogerstrasse telefonieren, ich habe bis jetzt nur telegra¬ fisch dorthin berichtet, finde aber hoffentlich in den nächsten Tagen die Ausdauer zu einigem Erzählen. Wenn nur unseres Thees Fortsetzung und sozusagen zweite Hälfte sich nicht sehr sehr hinausschiebt! Ich fürcht es, wenn ich mich im Spiegel seh. Grüßen Sie weiter Noeg¬ gerath, (Guenther) und besonders den lieben Keyserlingk, den ich so gerne gesehen hätte. Mit dem ergebensten Handkuss für Ihre Frau, grüß ich Sie dankbar, mein lieber Aretin, als Ihr herzlich zugethaner Rilke

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22. Aretin an Rilke Solln, Ottilienstr. 20, den 24. April 1917

Mein lieber Rilke! Heute will ich Ihnen den Vorschlag wiederholen, den ich Ihnen vor acht Tagen machte, dass Sie nämlich aut mei¬ nem Nachweisebureau eine kleine Tätigkeit überneh¬ men, um so zu erreichen, dass hinter Ihnen als schützende Macht nicht nur ein privater Verlag, sondern eine halb militärische Organisation steht, die wenigstens hier alle nicht felddiensttauglichen vor den peinlichen Möglich¬ keiten eines wenig heroischen Garnisonsdienstes be¬ wahrt. Ich habe gestern an der betr. Zentrale darüber ge¬ sprochen. Da ich Delegierter, und als solcher dort etwas ungemein Verehrungswürdiges bm, so steht es mir absolut frei, ohne irgendjemand zu fragen, wen immer ich will, in mein Bureau aufzunehmen, sodass Sie es tatsächlich nur mit mir zu tun hätten. Auch die Reklamationen beim Konsulat bezw. bei der Militärbehörde würden durch mich besorgt werden. Da nunmehr auch Österreicher in Deutschland zur Hilfsdienstpflicht herangezogen werden können, die Tätigkeit in meinem Bureau aber natürlich als ihre Erfüllung gilt, so wäre auch diese Seite zu beden¬ ken. Ihre Tätigkeit würde täglich etwa um halb 11 Uhr höchstens eine halbe Stunde, sehr häutig sehr viel weniger Zeit beanspruchen, und kann auch immer, wie es seit mehreren Wochen geschieht, durch andere ausgeübt wer¬ den, sodass Sie keinesfalls sehr gebunden sind. Der advocatus diaboli muss allerdings dick unterstreichen, dass die aus zwei einander täglich abwechselnden Damen 62

bestehende Gesellschaft peinlich trivial ist. Ich bin aber zur angegebenen Zeit gleichfalls in demselben Zimmer tätig, was nicht der letzte Grund ist, Ihnen diesen Vor¬ schlag zu wiederholen. Dieser scheint mir doch ziemlich überlegenswert. Bemerken möchte ich noch, dass der de¬ primierende Verkehr mit dem Auskunft suchenden Publi¬ kum in einem ganz anderen Raum stattfindet, als die für Sie vorgesehene Tätigkeit. Ich stehe Ihnen natürlich gerne zu jeder weiteren Auskunft zur Verfügung und bin jeden Tag sicher von 9-1 ih auf dem Bureau, sodass auch Sie jeden Tag eine Tätigkeit beginnen könnten, die, so unerfreulich und geisttötend sie ist, in jeder Beziehung vor jeglicher anderen den Vorzug verdient. Verzeihen Sie, wenn aufrichtige Freundschaft und die Freude Ihnen in den nächsten Monaten helfen zu kön¬ nen, das Kleid der Zudringlichkeit anzog, um sich Ihnen bemerkbar zu machen. Sollte aus meinem Vorschlag ein wertvoller Dienst entstehen, den ich Ihnen leisten konnte, so würde ich meine Kriegstätigkeit nicht als ganz unnütz betrachten. Da eine freie Stelle in meinem Bureau Beset¬ zung verlangt, so würde Ihre unerwünschte, aber begreif¬ liche Absage mir nicht einmal ein wenig Arbeit ersparen, die ich dann nur für einen weniger willkommenen leisten müsste. Ich bin mit den herzlichsten Grüssen, die meine Frau Ih¬ nen schickt, Ihr treu ergebener Erwein Aretin

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23. Rilke an Aretin z. Zt.: Gut Böckel bei Bieren, Kreis Herford Westphalen, am 19. August 1917

Lieber Aretin, schon lange hole ich aus, um die Feder auf Sie anzuset¬ zen, nun giebt eine Himmelserschemung des gestrigen Abends den Ausschlag. Ich muss voraus schicken, es war, nach regnerischen und stürmischen Tagen, ein erster son¬ niger warmer, nicht ohne gleichmäßig heiteren Wind, einfach ein schöner Sommertag. Wir gingen auf der Landstraße zwischen den Feldern und Wiesen, und die Landschaft mit ihrem leichten Auf und Ab, das erst in den Fernen sich breiter auszuwägen scheint, gewährte die aus¬ giebigste Übersicht. Wir sahen die Sonne, etwa eine Stunde über ihrem eigentlichen Untergang, hinter einem dichtgrauen Wolkenvorbau verschwinden und gewahr¬ ten, wie sie nach und nach dessen Ränder aufleuchten und glänzen machte, während zugleich in dem reinen Himmel, den sie eben verlassen hatte, leichte, weiße Wol¬ kengebilde

gleichsam

ausgeworfen

wurden,

schlanke

Wolkensäulen, die sich langsam im Überfluss des Lichts verzehrten. Dort vor der Mitte war die graue Wolken¬ wand flach abgeschnitten, gleich einer Brüstung, zu bei¬ den Seiten des Lichtabgrunds aber bäumte sie sich in zakkigen und häuptigen, aufbegehrenden Formen empor. Das an sich war schon ein Schauspiel genug. Nun über¬ raschte uns aber, bei unserem nächsten Hinschaun, die unvermuthlichste Steigerung. Das Abendlicht, offenbar von spiegelnden Dünsten im Hinterraum aufgefangen, richtete, wie ein Scheinwerfer, eine breite sanfte Strah64

lung über das ganze Gewölb des Himmels hin, wo sie, be¬ sonders gegen den dunkler blauen Nordhimmel, in einem völlig ausgezogenen Bogen abgegrenzt war; dieser Bogen führte den Blick an der anderen Seite bis in die Dünste des östlichen Horizonts, und dort entstand etwas wie ein schwaches Spiegelbild der gegenüberliegenden Szenerie. Nun konnte man erkennen, wie jene milde aber außeror¬ dentlich bestimmte Lichtbahn im Zemth am breitesten war und von beiden Seiten her gegen das Gegenbild zu¬ sammenlief. Ich weiß nicht, ob dieses Phänomen selten ist, aus unserem hiesigen kleinen Kreis hatte niemand je ein ähnliches beobachtet. Es stand, muss ich sagen, mit ei¬ nem recht großen Gebahren im Firmament dieser bäuri¬ schen Landschaft, und ich wünschte die Menschen von früher herbei, die zumal in Kriegs- und Nothzeit, ein solches Gebild nicht hätten hingehen lassen, ohne es ir¬ gendwie in ihr Erlebnis, zwischen Hoffen und Fürchten, einzubeziehen. Nichts war volksthümlicher in diesem Augenblick als der, über Felder, Hänge und Gehöfte hin, sich gebärdende, ja recht eigentlich sich mittheilende Himmel. Die Landschaft lag so durchaus bewohnt unter ihm, und es war in der Tradition des menschlichen Auges als ein lesendes und gehorchendes diese Zeichen aufzu¬ nehmen. So grob und schließlich anmaßend der Fehler des Menschen seit jeher war, wenn er Erscheinungen der über ihn fort handelnden und träumenden Natur sich zum Schrecken oder zur Warnung nahm, irgendwie kor¬ rigiert dieser Fehler diese Ziellosigkeit unseres Gemüths und bestärkt die Zusammenhänge, auf die wir nun einmal hier angewiesen sind, so vorläufig sie sonst auch sein mö¬ gen. 65

Weiter hätte ich wenig aus Böckel zu berichten; das alte (nur zum Theil aus dem siebzehnten Jahrhundert) stam¬ mende Herrenhaus hegt, wie alle hiesigen Güter, hinter Wassergräben

und

einem

hochgewordenen

Linden¬

schutz, sozusagen im Souterrain der Landschaft und er¬ leichtert daher nicht von vornherein die Beziehungen zu ihr. Thatsächlich scheint sie mir fremder zu bleiben, und die zahlreichen Regentage haben dazu beigetragen, dass ich die meiste Zeit in meinen schönen Zimmern zu¬ bringe, einem Thurmzimmer und zwei daran anstoßen¬ den geräumigen Gelassen mit den alten Fenstern in der behaglichen Mauertiefe des alten Baukörpers. Voraussichtlich werde ich erst gegen Mitte September wieder in München sein und dort, immer vorausgesetzt dass mir Freiheit der Verfügung bleibt, ein rechtes Studen¬ tenleben anfangen, mit einem Logis in der Nähe der Uni¬ versität, wie sich das für einen so beflissenen Studierenden gehört. Solln wäre doch wohl erschwerend für diese Pläne, so gern ich sonst daran denken würde, um Ihret¬ willen. Meinen Handkuss Ihrer verehrten Frau und alles immer Herzlichste Ihres Rilke Das Gauhe’sche Lexikon von 1740 u. 1747 (2 Bde.) habe ich erworben, und ich freue mich, es Ihnen, wenn ich erst wieder in München bin, für Ihre Arbeiten zur Verfügung zu stellen. Für Ihre Familie kommt es nicht in Betracht, aber doch wohl für die Vorgeschichte mehrerer der Ihri¬ gen verbundenen; (soweit man ihm glauben mag.)

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24. Aretin an Rilke Solln, Ottilienstr. 20, den 14. September 1917

Lieber Rilke! Erstaunt lese ich das Datum Ihres lieben Briefes vom 19. August. Mir schien er so von vorgestern, dass ich den vie¬ len Dingen gar nicht ernsthaft Einhalt tat, die seine Beant¬ wortung feindlich verzögern wollten. Mir hat sich der Zeitbegriff seit dem unseligen 1. August 1914 vollkom¬ men gewandelt und drei Jahre haben mich noch nicht an die größeren Schritte gewöhnen können, die die Zeit jetzt nimmt. Das von Ihnen geschilderte Lichtphänomen habe ich noch nie in dieser Deutlichkeit beschrieben gelesen. Ich kann aber nicht sagen, ob es selbst so selten ist, oder ob nur die eindrucksfähigen Augen so selten sind es zu sehen. In einer bestimmten gesetzmässigen Entfernung von der Sonne hat der blaue Himmelshmtergrund ein Helligkeitsmaximum, das durch einen lichten breiter werdenden Streifen mit der Sonne verbunden ist. Gerade die letzten Jahre, d. h. etwa die um 1905 haben darüber eingehende Untersuchungen gebracht und für die Verteilung der Helligkeit am Taghimmel ganz merkwürdige Gesetze aufgestellt, ohne meines Wissens bisher die Natur dieser Gesetze, die natürlich mit der Lichtbrechung in der Luft Zusammenhängen, bis auf den kleinen unvermeidlichen Rest, der immer bleibt, erklären zu können. Die Araber kannten diesen hellsten Punkt auch und gaben ihm den heute noch gebräuchlichen Namen, den mich der Krieg aber für den Augenblick unrettbar vergessen liess. Auch 67

scheint die Erscheinung immerhin so selten, dass sogar meine Bücher mir die Kenntnis dieses Namens versagen. Dass sie sich überhaupt dem nicht photometrisch bewaff¬ neten Auge zeigt, kann nur bei völliger Abblendung der Sonne Vorkommen, die in Ihrem Fall in selten scharfer Weise durch die Wolkenbrüstung vorgenommen worden zu sein scheint. Eine Sonnenfinsternis hat natürlich diese Abblendwirkung nicht, da der Mond als ausserhalb der Atmosphäre stehend auch diese verdunkelt. Doch muss wohl noch mehr als die Wolkenbank beim Schauspiel mitgeholfen haben, da solche Wolkenbänke sich wohl öf¬ ter einstellen als die von Ihnen beschriebene Erscheinung, die ich nie auch nur andeutungsweise sah. Ich kann mir wohl vorstellen, dass der Anblick einer himmlischen und lichten Brücke, die den Westen dem Osten verband, heute zu Gedanken fuhren mag, die dieses schöne Himmelszeichen gern deuten möchten,

und

wenn unsere Unwissenheit dieses riesenhafte und älteste Buch einmal als wertlos zugeklappt hat, so mag ein Ver¬ such es wieder zu öffnen zu einer Zeit nicht unangemes¬ sen erscheinen, wo unsere Weisheit an ihrem Ende steht. Nur dieser Zusammenbruch lässt heute die Brücke von West nach Ost zerstört, die alle Köpfe suchen und keiner finden kann. Auch der Versuch des Papstes war nur ein Balken zugeworfen dem ertrinkenden Europa. Dennoch glaubt mein Optimismus, der die deutsche Zukunft, die mir wichtigste, heller sieht, als je, dass dieser Balken allen Ländern eine späte Rettung bedeutet. An unserem Frie¬ denswillen ist nicht zu zweifeln, da er ein logisches Attri¬ but des Siegers ist, als den wir uns unbestritten betrachten können. Dies ist es, was den Friedenswillen an der Ge68

genseite noch hindert sich geltend zu machen. Der römi¬ sche Vorschlag geht, wie Eingeweihte wissen wollen, auf England zurück, dessen Forderungen er übrigens nahezu restlos vermittelt. Nie haben die Zeitungen aller Länder sich so sehr als reine Werkzeuge der Politik gezeigt, wie in diesen Tagen, wo sie aus allen Ländern nur Schaum brin¬ gen, während die ffiedenspendende Arbeit völlig ge¬ räuschlos am Werk ist. Die Zeitungen müssen so handeln angesichts der Übermüdung der Völker, müssen Noten abdrucken, die ihnen, aber nicht dem Papst geschrieben sind, da nichts die keimende Saat rascher töten könnte, als die allzu vielen Köche, die durch die leiseste Andeu¬ tung des Geschehens von heute auf den Plan gerufen würden. Es erscheint den eingeweihten Stellen sehr un¬ wahrscheinlich, dass zu Weihnachten noch Krieg wäre, viele halten das Gegenteil für sicher. Jedenfalls stehen wir dicht vor einem Ziel, das uns als Menschen, Europäer und Deutsche hoch erfreuen wird. Wenn Sie eine Zei¬ tung sehen, denken Sie daran, dass es nur mehr ein mehr oder weniger geschickt gespieltes Instrument ist, ein Ge¬ genstand späterer Geschichtsschreibung, aber nicht ihre Quelle. Nie war das gedruckte und öffentlich gespro¬ chene Wort in allen Lagern so eifrig bemüht, die wahren Absichten zu verhüllen. Stockholm wollte den Weg vier¬ schrötiger Wahrheit gehen. Er wäre bodenlos blutig ge¬ worden. Ich kenne übrigens nicht mehr als die zu erraten¬ den Umrisse des Geschehens. Handgreiflich weiss ich nur, dass die Münchener Stadtkommandantur seit einigen Wochen die verstaubten Demobilisationsakten aus dem Regal nahm und sie bearbeitet. Da sie bisher immer nur das dringendste Bedürfnis des Tages ihr Programm diktie69

ren Hess, hoffen Optimisten, dass sie auch jetzt dieser Ge¬ wohnheit folgte. Es freute mich von Ihren Winterplänen zu hören, die so eine recht aufregende Folie bekommen werden. Was den¬ ken Sie an der Universität zu hören, die Sie so von Sohn weg und in ihre Nähe zieht? Ich frage mich auch, ob ich nicht meine freier werdende Zeit so angenehm verbrin¬ gen könnte. Doch weiss ich nicht, wie sehr Bureau und Archivstudien mein Leben weiter bestimmen werden. Letztere möchte ich garnicht mehr missen. Ich bin zwar gerade ein wenig von meinem Weg abgeirrt in die Akten der oberdeutschen Jesuitenprovmz, finde aber da soviel Mannigfaches und Interessantes, dass ich mich täglich auf die Stunde freue. Unveröffentlichte Briefe kluger Men¬ schen zu lesen, ist ein eigener Genuss. Da sie immer an einen innerlich kaum nahestehenden Dritten, den Or¬ densobern oder sonst jemand, geschrieben sind, fällt der unedle, etwas überlegene Gedanke der Indiskretion ganz weg, und diese Adressate vergrössern auch die auffallende, ganz plastische Deutlichkeit der Briefe, da die Fremdheit der Schreiber nichts zwischen den Zeilen stehen lassen darf, wie Verwandte und Freunde es unbewusst fast im¬ mer tun, da sie der Sympathie die Kraft zuschreiben, die Lücken der Darstellung sinngemäss zu ergänzen. Ihr Gauhe’sches Lexikon wird nur viel Freude machen. Ich benützte es immer in Lösch fern von meinen Papieren und kam im eiligen, nicht geordneten Blättern nie dazu, das nachzusehen, was meine Absicht gewesen wäre. Um so lieber sehe ich es einmal auf meinem Schreibtisch. Meine Frau grüsst Sie mit den herzlichsten Grüssen und hofft wie ich auf einen genussreichen Winter, der uns öf70

ter zusammenbringt. Hoffentlich können Sie noch ein¬ mal herausschauen, ehe das Wetter die Fahrt zur Reise macht. Immer Ihr Erwein Aretm

25. Aretin an Rilke Solln, Ottilienstr. 20, den 9. Januar 1918

Lieber Rilke! Ahe Telephone Münchens konnten, so sehr ich sie be¬ schäftigte, mich letzten Montag nicht von einer eingegan¬ genen Verpflichtung befreien, weil sie, wie ich es immer befürchtete, alle ms Leere sprachen und gerade die nicht erreichten, auf die es angekommen wäre. Eine Verpflich¬ tung hat immer einen leicht säuerlichen Beigeschmack. Dass Ihre Aufforderung zum Schulervortrag ihn beträcht¬ lich erhöhte, ohne ein ideelles Verdienst treuer Pflichter¬ füllung bei mir zu schaffen, da ich mich ihr doch mit allen Mitteln zu entziehen suchte, ist besonders tragisch, und eines Mitleids wert, das diese Entschuldigung hervorrufen soll. Wir sangen vorgestern zusammen ein politisches, also ein garstiges Lied. Es wäre ein heiles Wunder, wenn Sie und ich bei der Verschiedenheit der Eindrücke, die wir von Ju¬ gend auf empfingen, hier eine Ansicht teilten. Sie glauben an die ganze Menschheit und ich nur an einen, nicht na¬ tional abgegrenzten Teil von ihr. Ich schließe von meinem Glauben ausdrücklich das überwältigend grosse geistige

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Proletariat aus, das immer nur dem Mammon dient und me dem Nächsten, so sehr es gerade diese Absicht hervor¬ kehrt. Ich bin mir völlig bewußt, dass ein Hauptherd die¬ ses Proletariats Berlin ist, dass dort die Gier nach Gold immer mehr peinlich hervortritt. Diese Gier ist meines Erachtens jetzt in Russland erweckt, durch Leute, die den Ideen Tolstois so ferne stehen, wie der Fabrikarbeiter dem Bauern. Emen Segen für die Menschheit kann ich darin nicht erblicken. Sie wissen, dass die Sozialdemokratie aller Länder lediglich von den Geldmitteln des im üblen Sinne internationalen Grosskapitals lebt, die die Massen wirt¬ schaftlich völlig in der Hand hat und sie als Sturmbock benützt gegen alle Kreise, die der Allmacht des Goldes heute noch im Wege stehen. Die breiten Massen als sol¬ che sind unproduktiv wie die Spiegel. Alles, was als Ideen aus ihnen herausleuchtet, muss erst in sie hineingeleuchtet werden. Die Presse hat diese traurige Pflicht übernom¬ men, begeht aber die prinzipielle Fälschung, dass sie als Organ der öffentlichen Meinung angesehen werden will, und nicht als ihre Erzeugerin. Sie ist heute fast ausschliess¬ lich in den Händen von Leuten, die mit ihrer politischen Macht unzufrieden sind, da sie der finanziellen nicht ent¬ spricht. Diese Unzufriedenheit wird mit tausend Reflek¬ toren ms Volk geworfen, und dort die bestehende Unzu¬ friedenheit in wirtschaftlicher Beziehung als politische Unzufriedenheit umgefälscht. Gäbe das Grosskapital die Hälfte des zur Aufreizung der Namenlosen verwendeten Vermögens, direkt zur Besserung ihrer wirtschaftlichen Verhältnisse, so wäre dies eine Tat, die allerdings für die Geldgeber wertlos wäre, weil zufriedene Massen ihnen zur Erreichung ihrer politischen Ziele nichts nützen.

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Dem Glück der Menschheit steht niemes Erachtens nichts so sehr im Wege, wie das Gold und seine Macht. Es ist für mich das schlechthin Böse. Das Gute aber sind alle Kräfte, die seine Macht verhindern. Dieser Krieg war in seinen Ursprüngen ein Kampf der Plutokratie gegen die Aristo¬ kratie. Ich liebe Frankreich, aber seine Regierung scheint mir auch persönlich verächtlich, ausser den hochachtba¬ ren Männern, die jetzt Frankreich retten wollen. In Eng¬ land ist die Plutokratie älter als in Frankreich, wo sie erst von 1789 datiert. England liebte ich nie, den Engländer an sich eher. Dass England reich war, wird ihm niemand übelnehmen. Dass dieser Reichtum aber niemals einem sozialen Zweck diente, etwa wie der deutsche der Arbei¬ terversicherung, gibt ihm sein plutokratisches Gepräge. Es war ein Krieg der Prinzipien, der 1914 ausbrach und Russland musste auf der falschen Seite stehen, da es dem Gold gegenüber nicht mehr frei war. Es hat nie für seine Sache gekämpft und konnte sie daher auch als erster auf¬ geben. Das Tragische an Russland ist, dass es, als es sich vom Westen befreite, dem westlichen Gedanken unterlag. Es siegte dort das hungrige Proletariat und mit dem Frei¬ werden des Besitzes wird die Gier nach ihm wachsen. Die edlen Erscheinungen der Märztage, vor allem Tscheidse, sind schon hinweggefegt. Es geht wie im letzten Akt von Kaisers »Von morgens bis mitternachts« mit dem Geld¬ beutel m der Heilsarmeeversammlung. Das revolutionäre Russland ist nur durch seine Machtlosigkeit von dem alten verschieden und dadurch, dass es seine Ziele mit Phrasen verbrämte, was das alte sympathischerweise nicht tat. Kerenskys einzige Offensive war nicht auf russischem, sondern auf galizischem Boden, und das sieht nicht aus

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wie die Tat eines edlen Antagonisten unseres Tirpitz. Was die an sich wenig erfreulichen Leute um Tirpitz betrifft, so halte ich sie sicher für grössere Idealisten, als die um Trotzki. Persönlichen Vorteil hat ja wohl keiner von ihnen von der Unpopularität, die sie mutig auf sich laden. Und was ihre imperialistischen Ziele betrifft, so sind sie darin Waisenknaben gegen Briand-Carsons Verlangen nach dem linken Rhemufer, wie gegen Lloyd Georges heutige Forderungen. Es mag Ihnen scheinen, als liebte der Adel den Krieg und in manchen Dingen ist das wohl auch richtig. Aber der Adel ist sich vollkommen bewusst, dass Kriege seine Stel¬ lung regelmässig schwächen. Die Landsknechtkriege zer¬ rissen zuerst die Grenzen des Adels als Stand, die napoleomschen führten die grosse demokratische Welle herauf, die 1848 die Dämme überschlug, der Krieg 1870 bracht mit dem Reich im Reichstag, das demokratischste grosse Parlament der Welt und was dieser Krieg ihm bescheren wird, werden wir erst noch erleben. Gewinne irgend wel¬ cher Art macht der Adel im Krieg, diesem Bruder der Revolution, niemals. Wenn er ihn trotzdem instinktiv auf jener Seite durchficht, die in der Qual des Heute dem Gespött aller Presseleute ausgesetzt ist, so tut er das aus verantwortungsvoller Liebe zu dem Volk, dessen bester dienender Teil er in seinen guten Zeiten immer war. In diesem Krieg gegen die trostlose Verflachung kapitalisti¬ scher Demokratie ist er natürlich williger dabei als es z. B. der preussische Adel des Jahres 1866 war. Das deutsche Volk, zumal das norddeutsche, ist ja in seinen Äusserun¬ gen erschreckend reizlos und hat ausserdem noch vom Himmel die besondere Strafe auferlegt bekommen dem

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Ausland gegenüber durch den undeutschen, aller Kultur baren, betriebsamen Berliner vertreten zu werden. Es hat me einen Tolstoi gefunden und immer eine rassenfremde oder schauerlich subalterne Presse gehabt. Ich hebe aber dieses Volk heiss und kann mich in diesem Kampf, den es nie gesucht hat, nicht von ihm trennen. Mir sind Eisass und Lothringen, die alten »Avilsa Imperh« und das Land, dessen Berge auch auf französisch Schratzmännle und Hartmannsweilerkopf heissen, altes deutsches Land. Hier gibt es keine Ungerechtigkeit von 1871, wohl aber eine von 1681. Frankreich hat ziemlich klaglos die Eroberun¬ gen Napoleons I. aufgegeben; warum sollen die Ludwigs XIV. sakrosankt sein? Annexionen nicht-deutscher Ge¬ biete würde ich selbstverständlich beklagen, und das deut¬ sche Volk wird sicher diese Meinung teilen, wenn man auch über die Vlamen streiten wird. Der Krieg wird sich in den nächsten Wochen weniger um sie, als um das Eisass drehen, das Kühlmann klugerweise in den Mittelpunkt des

Interesses schob.

Hier wird trotz aller Ullsteins

Deutschland aus Selbstachtung unerbittlich sein. Nie hat Lrankreich einen deutschen Verzicht auf das Eisass vor¬ weisen können, wie wir den Frankfurter Vertrag, dessen Degradierung zum »Fetzen Papier« zur Gerechtigkeit ge¬ stempelt werden soll. Klar ist dieser Brief, weiss Gott, nicht geworden und auch nicht so absolut eindeutig, wie die Gedanken, die ihn dik¬ tierten. Es ist mir kein angenehmer Gedanke, Sie über die kastenmässige Beschränktheit meiner Gedanken lächeln zu sehen und meines Vertrauens in die Menschen. Sie wa¬ ren mit Ihrer allumfassenden Menschenliebe Optimist und erleben heute eine doppelt schlimme Zeit. Ich war

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vielleicht in punkto Menschenliebe Pessimist, aber die gut tausend Briefe, die ich seit 3 Jahren auf meinem Nachwei¬ sebureau las, haben mich zum völligen Optimisten ge¬ macht. Sie haben die Liebe zu meinen Landsleuten, die mir von jeher das geographische Zentrum meiner Ge¬ fühle bestimmte, vertieft und mich mit einem unbändi¬ gen Vertrauen erfüllt wenigstens in den deutschen Teil der Menschheit. Dass mein Kastengeist auch heute noch das Proletariat der Geldgierigen ausschliessen möchte, dafür kann ich nichts. C’est plus fort que moi. Verzeihen Sie in Freundschaft diese konfuse Fortsetzung unseres vorgestrigen Dialogs. Es läuft hier eine Kluft der Meinungen, deren Verdeckung meine Ehrlichkeit nicht zulässt. Sie ahnen kaum, wie wertvoll und erhebend mir Ihre Freundschaft ist, erhebend und klärend in jedem Sinne. Dieser Brief des Widerspruchs wird sie sicher nicht erschüttern, wenn Ihre Freundlichkeit alles Kopfschütteln erstickt, das er vielleicht erweckt. Meine Frau, die noch nicht in die Stadt fahren soll, würde sich ungemein freuen, wenn Sie einmal die Zeit fänden, nachmittags heraus zu kommen. Wie sehr ich es täte, wissen Sie. Die Züge - es kommt zunächst der um 41125m in Betracht sind ja nicht gerade besonders schön, aber sie gehen, und das ist nach soviel Exerzitien in Bescheidenheit und De¬ mut sehr viel wert. Sie werden keine alldeutsche Predigt gemessen, wohl aber das Behagen eines warmen Kachel¬ ofenzimmers, einer Tasse echten Tees und der herzlichen Verehrung zweier Menschen. Erwein Aretm

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26. Rilke an Aretin [München] Hotel Continental, am 19.Januar 1918

Lieber Aretin, Ehrlichkeit in Ehren, aber nun ists genug; ich habe meh¬ rere Briefe an Sie versucht, erst in Gedanken, dann in der mühsamsten Schrift, eben zerreiße ich den letzten -, denn es hat keinen Sinn zwischen uns, solche Standpunkte nach politischer Länge und Breite festzustellen. Sie konnten immerhin, auf Grund von Überlieferung und Anschauung, eine Urtheilsebene durch die Zeit durchlegen und einen persönlichen Durchschnitt aufdekken, — nur, der ich nur mit den Kapillaren des Gefühls in allem verästelt und verhaftet bin, ist es überhaupt ver¬ wehrt, mich überzeugend zu machen. Es ist mir eine Lehre, dass ich nicht reden soll; es kann am Ende nicht meine Sache sein, zu diesen Vorgängen ge¬ fühlsmäßig Stellung zu nehmen; vielmehr muss ich trach¬ ten über sie hinüber und durch sie durch, jene Beziehun¬ gen mir zu bewahren, in denen mein Leben, soweit ich denken kann, befestigt war. Und das sind ja, zum Glück, dieselben, in denen unser freundschaftliches Verständnis, auf das auch ich den herzlichsten Werth lege, sich ausge¬ bildet hat. Es wäre das Einfachste gewesen, ich hätte, Ihrem Rufe nachgebend, statt aller Schreibversuche, den Weg nach Solln

unternommen;

eine

stille

Nachmittagsstunde

würde uns, selbst ohne Aussprache, in der natürlichsten Gegenseitigkeit bestätigt haben. Nun aber sehe ich mein Heil fürs nächste in der genauesten Klausur, der ich mich

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denn auch seit Sonntag, ohne die mindeste Ausnahme, unterworfen hatte. Entschuldigen und empfehlen Sie mich in diesem Sinne bei Ihrer verehrten Frau. Und ver¬ gessen Sie nicht, dass Schüler nun sehr auf Sie rechnet und dass nächsten Montag, Achteinviertei, der nächste Vortrag stattfindet (bei Prof. Freytag, Elisabethstr 21, 4. Stock, Atelier). Das wäre dann also auch unser nächstes Wieder¬ sehen, denn bei Schüler darf ich keinesfalls fehlen. Ihr Rilke

27. Rilke an Aretin München, Hotel Continental, am 24. Januar 1918, Donnerstag

Lieber Aretin, ich nehme meine Abgeschlossenheit so genau und ä la let¬ tre, dass ich nicht einmal zu Kassner gehe. Schade, dass wir uns auch bei Schüler nicht getroffen haben, - er hat einen guten Rückblick über die bisherigen Ausführungen ge¬ geben, so dass der Abend besonders geeignet war, den Anschluss herzustellen. Unter den neuen Zuhörern war auch Schrenck-Notzing. Nun eine absurde Bitte. Es geht, so schreibt mir eine aus¬ wärtige Korrespondentin, aus München der Ruf hervor von einer Person, die im Stellen des Horoskops das Un¬ glaubliche leiste. Ich frage bei verschiedenen Damen an und man nennt nur, bald gläubig, bald enttäuscht, eine Frau Arold in der Klenzestraße 5, angeblich. Sie errathen schon, dass es meiner Briefschreiberin darauf 78

ankommt, selber einen Versuch zu machen; nun ist es so, dass ich sie ernst nehme und ihr nicht gerne etwas Skurri¬ les rathen möchte. Halten Sie es für möglich, dass es der Ruf jener Frau Arold sei, der bis nach Norddeutschland gedrungen ist, oder giebt es jemanden hier, von dem Sie wissen, dass er Vertrauen verdiente? Die »Kundschaft« wird ja, furcht ich, auf Seiten der gewagteren Persönlich¬ keit sein. Und ich frage mich auch, ob die junge Dame, strenggenommen, ein Horoskop erwartet oder eine Sen¬ sation. Darf ich auf Ihren Rath Anspruch machen -? In einem kurzen Brief oder mündlich, wenn Sie gerade hier vor¬ überkommen; denn Ihre Erkältung ist hoffentlich inzwi¬ schen überstanden? Ihr Rilke

28. Aretin an Rilke [Solln] [Ottilienstr. 20] [Mitte Februar 1918]

Lieber Rilke! Ihr Telephon ist für Nachrichtenvermittlung wenig ge¬ eignet. Ich nehme daher zu diesem unwürdigen BureauFetzen meine Zuflucht. Meine Cousine Berchem tele¬ phonierte mir, dass sie Ihnen ganz persönlich danken möchte für Ihr Mitgefühl in einem Fall, der uns ja alle gleichmässig erdrückt. Ich glaube, Sie könnten der armen Schwester des Toten von ernstem Nutzen sein, wenn Sie sie in der Georgenstrasse aufsuchten etwa heute nachm.,

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oder wann immer es Ihnen passt. Nur bittet sie um tele¬ phonische Ansage. Herzlichst! E. Aretm

29. Aretin an Rilke Solln, Ottilienstr. 20, den 15. März 1918

Lieber Rilke! Verzeihen Sie, bitte, von vornherein die Kürze dieses mit¬ ternächtlichen Begleitwortes. Das Horoskop hat mir viel Freude gemacht, ich wage aber nicht zu behaupten, dass es gut ist, weil die Gabe astrologischer Intuition mir so ziemlich völlig fehlt, und ich sie als wichtiger ansehe, denn den mathematisch-mechanischen Teil dieser Dinge, den ich, glaube ich, einigermassen beherrsche. Das Horoskop ist selbstverständlich für Sie geschrieben. Ob Sie es weiter geben wollen oder können, steht bei Ih¬ nen. Wie bei allen »okkulten Dingen« ist die Sprache auch hier recht traumbuchhaft subaltern. C’est plus fort que moi. Ich würde mich freuen, wenn Sie mich das andere Horoskop wissen liessen und sich über das meine äusserten, doppelt freuen, wenn es mündlich geschähe. Meine Frau sendet die herzlichsten Grüsse!

Ihr treu ergebener E.A.

80

30.

Rilke an Aretin München, Hotel Continental,

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Lieber Aretin,

am 19. März 1918

ohne die Anwesenheit meiner Frau und Ruths (die mich nun, da sie nur sehr kurz bleiben, ganz in Anspruch neh¬ men) wäre ich gewiss schon zu Ihnen hinausgefahren, um Ihnen mein Erstaunen über die, wie ich vermuthe, ungemein zutreffende Deutkraft des Horoskops lebhafter vorzustellen. Es ist das erste Mal, daß ich ein derartiges Dokument in Händen habe und ich gehe damit unwill¬ kürlich gar nicht wie mit einem Papier, sondern etwa wie mit einem sprechenden Vogel um —, sonderbar und im höheren Sinne beglückend, wie weit jenes Ganze doch reicht, in dem wir gewusst und getragen sind, wenn auch nicht als das, wofür wir uns halten. Es ist selbstverständ¬ lich, dass ich Ihre Kunstprobe mit Freude an die Stelle weitergebe, auf die sie wird den eigentlichen Eindruck zu machen haben. Sowie meine Familie zu Besuch nach Dachau geht, wo man sie erwartet, sage ich mich gleich bei Ihnen an; das ist kein vagues Versprechen diesmal, sondern schon die sehr freudige halbe Anmeldung, die nur noch, was den Tag an¬ geht, am Telefon zu präzisieren ist. Empfehlen Sie mich Ihrer Frau in aller meiner Ergeben¬ heit und seien Sie mir auf das dankbarste gegrüßt. Ihr Rilke Ihr Garten beantwortet wohl das Glück dieser verfrühten Himmel auch schon mit allerhand grünen Äußerungen; heute flog uns, Ruth und mir, ein eben fertig gewordener Citronenfalter quer durch den Spaziergang.

3i. Rilke an Aretin München, Ainmillerstr. 34 IV, am 10. May 1918

Mein lieber Aretin, ich grüße Sie mit der Verschämtheit eines Anfängers aus meinen neugeborenen Verhältnissen. Noch ist es nicht soweit, dass ich Sie zur Besichtigung bitten dürfte, Sie kä¬ men zu sehr hinter die Coulissen der werdenden Szene —, aber am Montag Abend lese ich im Picasso-Saal bei Frau Könige' einige Gedichte von Alfred Wolfenstein. Frau König hätte Freude, Sie bei dieser Gelegenheit bei sich zu sehen und ich bitte Sie herzlichst, zu kommen (etwa 3/t 9, nach dem Essen). Mit dem Telefon bin ich noch nicht recht eingerichtet, bitte daher ein kleines geschriebenes Wort. Ihrer Frau meinen ergebensten Handkuss. Ganz der Ihre. Rilke (* Leopoldstraße 8 BI)

32. Rilke an Aretin München, Ainmillerstrasse 34/IV, am 28. May 1918

Lieber Aretin, es ist ein Äußerstes meiner Briefträgheit, dass ich Ihnen noch nicht versichert habe, wie gut mir der Freitag passt, zu dem Sie sich angesagt haben. Wir werden allem sein, 82

wenn nicht vielleicht Mme Lipper und Dr. Hausenstein sich einfinden, denen ich, da Hausenstein abreist, einen Tag dieser Woche zur Wahl gestellt habe. Der ländliche und häusliche Augenblick neulich bei Ih¬ nen hat mich erfrischt wie eine Woche Landaufenthalt. Ihr herzlich ergebener Rilke

33. Rilke an Aretin München, AinmiUerstr. 3 4IV, am 20. July 1918

Lieber Aretin, gestern hatte ich Gelegenheit, das schöne kleine Siegel im Inneren einer kleinen Reliquienkapsel zu sehen; ich habe rasch eine Abzeichnung davon hergestellt zur Correktur und Ergänzung meiner nicht ganz zutreffenden Angaben von neulich. Das Wappen macht mir Eindruck, oder sinds die romantischen Umstände, in denen es sich aufbewahrt, die mich wünschen lassen, es zu enträthseln? Arbeiten Sie noch an der Bibliothek? Dann könnten wir uns einmal dort verabreden und zusammen Einiges durchsehen, den Siebmacher oder was sonst aussichtsvoll schiene. Viel¬ leicht aber verlassen Sie gar nicht Ihre Ländlichkeit bei diesem nun endlich sommerlichen Julius. Ich bin jetzt auch telefonisch anrufbar, unter der Zauber¬ zahl: 33313. Um die Ausrichtung ergebenster Handküsse bittend, sehr herzlich der Ihre. Rilke 83

34-

Aretin an Rilke Solln, Ottilienstr. 20, den 21. Juli 1918

Lieber Rilke! Vielen Dank für das unerschütterliche Vertrauen, das Sie mir die Wappenzeichnung schicken liess. Es handelt sich jedenfalls nicht um einen Kardinal, der 5 Quasten an sei¬ nem Hut haben müsste, und ebenso wenig um einen Erz¬ bischof, der 4 Quasten beanspruchen darf. Drei Quasten, wie hier, sind die Abzeichen eines Bischofs oder Erzabts. Letzteres kommt wohl in Qsterreich kaum in Frage, höchstens Martinsberg in Ungarn. (Die drei anderen Erz¬ äbte sind Montecassino, Beuron und St. Vinzenz in Ame¬ rika, letztere zwei neueren Datums). Auch der Nuntius scheidet wohl sicher aus, da er in Wien immer Erzbischof gewesen sein dürfte. Die Identifizierung des Wappens wird einige Schwierig¬ keiten haben, da von den eigentlichen Bischöfen keiner in Betracht kommen kann: Salzburg: Colloredo (Kard.) Triest: Hohenwarth (Erzbischof, Kard. ?) Wien: Migazzi (Kardinal) Olmütz: Colloredo (Kard.) Prag: Przichowsky (Kard.?) Görz: Inzaghi (nicht Graf) Brixen: Lodron Trient: Thun Gurk: Salm Seckau: Arco St. Andrä: Schrattenbach (Wappen?)

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Laibach: Brigido (Freiherr) St. Pölten: Hohenwarth (Wappen?) Leitmeritz: Kindermann (nicht Graf) Königgrätz: TrauttmannsdorfF Brünn: Lachenbauer (nicht Graf) Linz: Gail (nicht Graf) Budweis: Schaffgottsch Hievon sind mir nur die Wappen Hohenwarth und Schrattenbach unbekannt, die Sie zweifellos im Gauhe finden, d. h. in Ihrem Adelslexikon. Sind, wie ich vermu¬ ten möchte, diese beiden auch nicht die gesuchten, so bleibt nichts übrig als die Wappen aller österr. Grafen durchzusehen, eine ganz und gar hässliche Arbeit, da sie nirgends als solche, d. h. von der Masse des übrigen Adels getrennt zu finden sind, Siebmacher noch unvollständig und nach Kronländern getrennt ist, und letzten Endes die Möglichkeit nicht sehr fern liegt, dass der Gesuchte garkein österr., sondern ein ausländischer, etwa belgischer oder italienischer (?) Graf ist. Kürzer wäre ein Blick in den Schematismus der Erzdiözese Wien im betr. Jahre. Dieser liegt aber nicht an der Staatsbibliothek, wenigstens ver¬ mute ich das, sondern nur in der Ordinariatsbibliothek, in der ich zwar schon viel war, die aber gegenwärtig auf un¬ absehbare Zeit Ferien hat. Es möchte sich daher empfehlen, die Zeichnung, die ich etwas schweren Herzens wieder beilege (Wappenzeich¬ nungen Ihrer Hand werden nicht allzu häufig sein, etwa wie die Radierungen Goethes) an die K. K. Heraldische Gesellschaft Adler, Wien I., Mana-Theresienstrasse 3 mit der Bitte um Auskunft zu senden. Wenn man gerade be¬ sonderes Glück hat, bekommt man sogar Antwort. Selbst-

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verständlich bin ich auch zu dieser Sendung gern be¬ reit. Meine Frau grüsst Sie herzlichst. Sie verschwindet Anfang August in Faltins Klinik. Wenn Sie vorher herausfänden, so würde es sie ebenso freuen, wie mich jede Begegnung in der Stadt. Schonen Sie bitte Ihr so begrüssenswertes Telephon nicht! Ihr Erwein Aretin

35. Rilke an Aretin Locarno (Tessin) Schweiz, Pension Villa Muralto, am 2. Februar 1920

Lieber Freund, endlich, endlich - Ihre Adresse, durch Picard, den ich (denken Sie) gestern, genau an dem Tag nach Ihnen fragte, da er einen Brief von Ihnen bekommen hatte. Nun aber wünsch ich mir einen; bitte, erzählen Sie doch recht viel von sich, von den Ihren, von Neuburg. Nicht etwa, dass ich den Namen vergessen hätte, aber mit fehlte die nähere Bezeichnung (bis gestern), und Ihre früheren Adressen kamen mir, sooft ich sie schreiben wollte, so ab¬ gestorben und veijährt vor, als ob über dort nichts Sie zu erreichen vermöchte. Nur einmal hab ich durch die Gfn. Mirbach von Ihnen gehört, aber die Nachbarschaften Roggenburg-Neuburg waren ja nicht genug angerückt, als dass ein häufiger Verkehr sich ergeben konnte. Wie leben Sie, lieber Freund? Ich vermuthe so, wie ich zu leben wünschen würde. Immer wirds deutlicher und un86

abweislicher für mich, dass ich nichts in mir vorwärts bringen werde, bevor nicht ein Jahr ländlicher Einsamkeit in einem alten Hause mir wird gewährt worden sein. An¬ ders komm ich nicht zur Besinnung als so, in der ununter¬ brochensten natürlichsten Stille, — wenn ich gleich dazu sage in einem »alten« Hause, so liegts an der Erfahrung, dass Dinge voller Vergangenheit und Schicksal mir eben jenen Umgang mit Menschen sublimieren können, auf dessen übrige Ausübung ich während einer solchen Ab¬ geschiedenheit völlig verzichten müsste. Kurz: etwas wie der Duineser Winter müsste mir wieder vergünstigt sein, mein Instinkt diktiert mir dies alles ja schon seit lange, nur ist eben die Verwirklichung schwer, sie scheint Sache nicht irgendeiner Vorsicht, sondern ganz und gar der Vor¬ sehung zu sein. Die Schweiz —: (eine Art Feigheit hält mich ab, vor dem Frühjahr zurückzukehren) sie hat mir manche Erleichte¬ rung und Beweglichkeit eingebracht, aber ich leb doch vielfach nach außen und erneuere mich dabei nur wenig, da die Natur keine thätige Erneuerung in mir bewirkt. Wie sehr ist Spanien in diesem Sinne für mich das Äußer¬ ste gewesen, die letzte Stufe des Irdischen vor der Him¬ melfahrt ins Innere, vor jener Verwandlung, die Kassner, das »Opfer« oder die »Umkehr« nennt. Seit Toledo giebt es (wenigstens in Europa) sicher keine Landschaft mehr für mich, die nür »Correspondenzen« bereiten könnte. Das Wohlthun, das ich während zweier Sommermonate genoß, ging weniger von landschaftlichen Einflüssen aus, als von einem alten, salis’schen Palazzo auf Soglio, der ob¬ zwar seit Jahrzehnten »Hotellerie«, doch ganz die Span¬ nungen seiner angestauten Vergangenheit, in Mauern,

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Möbeln, Boisserien und Bildern bewahrt hat, - dazu noch der alte Terassengarten mit traditionell zu Kugeln, Säulen und Wänden beschnittenem Buchs —, und nun ward mir noch obendrein eine kleine alte salis’sche Biblio¬ thek (seit vierzig Jahren unbetreten) eingeräumt—, c’etait le bon moment de mon sejour en Suisse —, dort schrieb ich den beiliegenden Aufsatz* (sein Titel ist nicht von mir, es ist, bescheidentlicher, nichts als eine Anregung zu je¬ nem (möglichen?) Experiment gemeint; Koelsch sagt »ja« dazu -); ich war, wie jene Erinnerung zeigt, auf dem Wege der Einkehr, die ersten Schritte, mit meiner un¬ überwindlichen Langsamkeit, - gleich darauf musste ich wieder in der entgegengesetzten Richtung, denn ich hatte in mehreren Schweizer Städten Lese-Abende ange¬ sagt, - es wurden schließlich: sieben! Ein Versuch, der nicht ohne Interesse war. Ich brachte, von Mal zu Mal ler¬ nend, wies zu machen sei, (zehn Jahre hatte ich nicht mehr vorgelesen) innerhalb zwei Stunden nur ganz we¬ nige Gedichte, schuf denen aber durch einen jeweils frei erfundenen discoursjene vorbereitende Gemeinsamkeit, auf die das Gedicht, genau genommen, nirgends rechnen darf. Das hat sich nicht schlecht gelohnt

aber die Zahl

meiner Beziehungen ist darüber nur noch größer gewor¬ den, und so wird der Wunsch nach der »cella continuata« immer dringender. Empfehlen Sie mich aufs Ergebenste Ihrer Frau und, bitte, erzählen Sie Gutes Ihrem Rilke den Sie wohl schon gelesen haben werden 88

36.

Aretin an Rilke Neuburg an der Kammei, [Bayerisch-Schwaben] am Gründonnerstg 1920 [1.4.1920]

Lieber Freund! Dass Ihr Brief fast einen Monat alt werden musste, bis das ländliche Einerlei der Tage mir heute eine Lücke liess, ihn wieder hervorzusuchen! Dabei hat mich dieser Brief ge¬ freut, wie kein anderer dieses Winters. Das war aber wohl sein Verhängnis, weil er deshalb ausgeschaltet wurde aus dem allzu mechanischen Betrieb der täglichen Correspondenzerledigung, da der Dank, den er fand, nach herzlicherem Ausdruck suchte. Der absonderliche Gedanke, dem Sie im ersten Heft des Inselschiffs, das Sie so freundlich waren zu senden, Aus¬ druck geben, die Kronennaht des Schädels zur Hervorbringung eines Geräusches zu verwenden, das ganz indivi¬ duell jeden Menschen etwa so kennzeichnen sollte wie die Linien der Finger, hat mir sehr gefallen. Nur furchtet mein physikalisches Gewissen, dass dieser Ton nie zustande käme, da die Unebenheiten der Grammophonplatte in der Tiefen- und nicht in der Seitenrichtung hegen, d. h. in der Richtung der auf- und abtanzenden Nadelspitze und nicht senkrecht zu ihr. Und wenn es auch nicht so wäre, so müsste der Musiker vielleicht befürchten, dass diese Cha¬ rakterisierung der Menschen ziemlich misstönend ausfallen müsste. Dennoch ist der Gedanke die absonderliche Gestalt dieser Knochennaht zur Charakterisierung zu ver¬ wenden, wie ich glaube, doch fruchtbar, da man alles be¬ mühen sollte, um »Mathematik« in das Wissen vom Men¬ schen zu bringen, Gewichte zu suchen für das bis heute Imponderabile. 89

Was ich von hier zu erzählen habe, ist nicht sehr viel. Ich bin sehr weit abgedrängt von aller Astronomie. Da mir aber mein Wissen um ihr Wesen immer wertvoller war als die Registratorenarbeit in ihrem Dienst, so nehme ich diese allmähliche Wendung ohne viel Trauer hin. Es konnte wohl nicht anders sein hier, als dass ich mich all¬ mählich ganz historisch orientierte. Da es mir offenbar nicht gegeben ist schöpferisch zu sein, die Verhältnisse hier aber, wofür ich sie besonders lobe, eine Tätigkeit für den Alltag, etwa in der Landwirtschaft, nicht zulassen, so bin ich natürlich dazu gedrängt, den drei Dimensionen des schönen Landes die vierte der Zeit beizufügen und mich einzugraben in die Geschichte der Gegenden. Die ist nun hier in Schwaben besonders fesselnd, da das Fehlen einer nivellierenden Zentralgewalt an allen Orten fest andere Verhältnisse bestehen liess, was sich nicht nur in der viel größeren geistigen Beweglichkeit der sehr ange¬ nehmen Bevölkerung, sondern auch heute noch in tau¬ send absonderlichen Gewohnheiten äussert, die alles ge¬ schichtliche Studium anziehend machen. Das ganz schöne kleine Archiv des Schlosses war die Einfallspforte in diese 4. Dimension, die vielen Güter der Ge¬ gend erweiterten die Bresche und so bin ich allmählich auf dem Weg die politische und genealogische Geschichte des Landes recht gut zu kennen. Die badische Historische Kommission bat mich ihr den 4. Band des Oberbadischen Geschlechterbuches

herauszugeben,

einer

genealogi¬

schen Geschichte des schwäbischen Adels, und so wurde, was Liebhaberei war, auch noch mit dem »familientechmsch« gern erwünschten Mantel einer sozusagen »prakti¬ schen« Tätigkeit drapiert.

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Aut das angenehmste empfinde ich, dass dieses ganze Land fast aut dem Mond zu hegen scheint. Die Zeitungen berichten von Geschehnissen, die so fern klingen, als spielten sie in Asien, und werden die Geschehnisse lauter, so sorgt schon ein freundlicher Druckerstreik dafür, dass ich überhaupt nichts mehr höre. Das wäre mir früher schwer erträglich gewesen. Heute begrüsse ich es sehr. Meine Heimat macht eine Krankheit durch, die Jahre dauern wird. Die Lektüre der täglichen Bulletins ist und bleibt unzureichend gegenüber den grossen Linien dieses Geschehens, die wir vorläufig nur verschieden auslegen, aber nicht begreifen können. Ich komme ziemlich viel nach München und lege so allerdings recht subjektive Ausschnitte durch die bewegte Gegenwart und von der Zukunft weder viel erhoffend noch viel befürchtend kehre ich immer froh auf meinen Berg zurück. Wann werden ich ihn Ihnen einmal zeigen können? Ich kann mir so wenig vorstellen, dass die unruhige heutige Schweiz das Land sein kann, wo Sie Sich wohlfühlen, und wenn ich von hier aus von der unruhigen Schweiz spre¬ che, so mögen Sie daraus ersehen, wie behaglich nur das Leben hier vorkommt. Auf Ihren Ruf nach einem alten Haus, in dem Sie lange Zeit in Ruhe sitzen könnten, möchte ich so gerne antworten, indem ich die schweren Flügel meines Torturms weit öffne und Sie herzlichst bitte, hier zuhause zu sein, solange Sie wollen. Aber ich glaube Sie etwas abhängig von vielen Dingen, die das Haus, das ioo Jahre lang leer stand, Ihnen noch nicht so bieten kann, wie es gerne möchte. Mein zweiter Stock, der ungestörter Ihre Domäne sein könnte, ist ein ganz klein bischen Ruine. Eine notdürftige Wasserleitung ist

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noch kein Bad und die Möbel oben haben nicht die Schönheit, die mit den Gebrechen ihres Alters versöhnen könnte. Meine eigenen Möbel, die ja auch sehr unter den Umständen litten, unter denen sie gekauft wurden, rei¬ chen ja bei weitem nicht für diese weitläufigen Räume. Das alles lässt meine Einladung ein bischen zögernd wer¬ den und befiehlt meiner Vorsicht Sie zu bitten, einmal im Sommer herzusehen, wo alles doch ein bischen freundli¬ cher aussieht, und Sich dann selbst die Frage vorzulegen, ob Sie Sich trauen, Seele dieser Halbruine zu werden. Ich furchte. Sie werden ein bischen erschrecken, und hoffe doch sehr, dass Sie es nicht tun. Kommen Sie nach Rog¬ genburg dieses Jahr? Dann müssten Sie ja wohl auch ein paar Tage her! Im Mai muss ich wohl nach Mähren, wo mein Schwager Karl eine Kalnoky heiratet und im Juni bin ich wohl bei meinen Eltern auf dem Lande, um dann vom i.Juli ab meine Neuburg hoffentlich nicht mehr zu verlassen. Von Herrn Dr. Picard hoffe ich sehr, dass er vor¬ her kommt, vielleicht sind Sie dann auch schon im Land und sehen Sich ein wenig den Frühling hier an. Meine Frau grüsst Sie herzlichst und ich bleibe Ihr alter u treuer Erwein Aretin

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Schloß Neuburg an der Kammei, Archiv Schloß Neuburg

37. Rilke an Aretin Schloss Berg am Irchel, Kanton Zürich, Schweiz, am 20. März 1921

Lieber, verehrter Freund, meine bergischen Brief-Listen (ältere hab ich eben nicht zur Hand) zeigen mir, dass ich Ihnen von hier aus noch kein Zeichen gegeben habe; das lag zum Theil an einem sehr oberflächlichen Hindernis. Ich habe (welche Nach-

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lässigkeit ich mir selten zuschulden kommen lasse) ver¬ säumt, Ihre Adresse in mein Correspondenten-Buch ein¬ zutragen: es stehen nur die älteren darin: Pullach als die letzte. Nun schwebt mir ja so etwas wie Neuburg an der Kamel vor, es stimmt vielleicht, aber ich bin ein zu schlechter Geograph, um mich auf Ortsabgaben meines Gedächtnisses verlassen zu können. (Da kommt mir, zum Glück, der Einfall, die Gräfin Mirbach zu bitten, sie möge gütigst dieses an Sie weiterbefördern.) Es ist eigentlich nur ein kleines Sichrühren, durch das ich Ihre Aufmerksamkeit zu erregen hoffe, so dass Sie mir dann mit einigen Nachrichten sich gegenwärtig machen möchten. Ich muß nicht versichern, wie lebhaft meine Wünsche sind, es dürfte lauter Gutes und Günstiges in ih¬ nen zu Worte kommen! Von mir kann ich kurz sein. Im Herbst war ich in Paris, zehn Tage etwa nur; ohne irgend Menschen in Anspruch zu nehmen, stellte ich mir meinen Anschluß an die dor¬ tige (mir unverändert zugekehrte) Welt her, an Dinge und Atmosphären —, das war von dem unbeschreiblichsten Glück - und erst mit diesem Gelingen war mir das Be¬ wusstsein meines vollzähligen Lebens wieder möglich. Günstige Fügungen brachten es mit sich, dass ich, in die Schweiz zurückkehrend, in dieses kleine alte Schlösschen, Berg am Irchel, mich zurückziehen konnte, allein, von ei¬ ner stillen Wirtschafterin aufs Beste versorgt. In diesen, mir zugänglichsten Verhältnissen, die etwas von der ein¬ stigen duineser Geborgenheit an sich haben, ist nun der Winter hingegangen, leider nicht so ergiebig und besinn¬ lich für mich, wie das, den Umständen nach, möglich ge¬ wesen wäre -, theils weil doch, durch die Fugen des

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Schutzes, allerhand Sorgen hereindrangen, theils weil meine innerliche Wiederaufnehmung von einer Lang¬ samkeit ist für die ein Maaß gar nicht anzugeben wäre. Je mehr ich zu der Einsicht dieser enormen lenteur meines inneren Vollziehern gelange, desto dringender wird es mir, mir bald eine ständigere, ebenso stille Wohnstätte zu erwerben, die nicht (wie alle die schönen, ja wunderbaren Gastfreundschaften, die mir vergönnt gewesen sind) den Ablauf in sich trägt: ich müsste Jahre des gleichmäßigsten ununterbrochensten Daseins (eines ländlichen, sehr stillen und wenigstens monatelang völlig einsiedlerischen!) vor mir sehen dürfen. Als mich neulich mein Verleger hier besuchte, einigten wir uns darüber, dass dies jetzt zu su¬ chen sei —, und ich konnte ihm mein gutes entlegenes Berg (siehe Abbildung) so recht als Muster meiner Be¬ dürfnisse vorführen. Wenn Sie je, lieber Freund, eine Miethmöglichkeit wüss¬ ten, die Ähnliches böte, so würden Sie mich herzlich ver¬ pflichten, mir alle Behelfe und Orientierungen zu der¬ gleichen refuge zu schaffen und einzusenden: ich täusche mich nicht darüber, dass das selten und schwer sein würde . . . Genug: Sie sehen, welcher Egoismus zuletzt hinter die¬ sem Brief steckt und ihn vor sich hertreibt; ja gewiss, aber auch anderes, — vor Allem die Ihnen herzliche, immer gleiche Zuwendung und Freundschaft. Ihr Rilke Alles aufrichtig Ergebene an die Baronin.

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38.

Aretin an Rilke Schloss Neuburg a.d. Kammel, Bayerisch-Schwaben, den 29. März 1921

Lieber, sehr verehrter Freund! Übermorgen ist es gerade ein Jahr, seit mein letzter Brief die Reise zu Ihnen antrat und nur durch die Fürstin Taxis und die Gräfin Mirbach kam mir von Zeit zu Zeit ein dumpfer Ton von Ihnen, dass Sie in Venedig waren und in Paris und nun in einem reizenden Schweizer Schlösschen sässen, irgendwo, auswendig wusste es keine von beiden. Sonst hätte ich längst wieder die Hand ausgestreckt nach der Ihren. Da schickte mir - und der Zufall wollte, dass ich wirklich gerade an denselben Umweg dachte — die Gräfin Mirbach Ihren freundlichen Brief, der den meinen mit einem Dank beginnen lässt, wo er mit einer Frage hätte begin¬ nen sollen. Es freut mich so, dass Sie Ihr altes Leben ein bisschen retten durften, dass Ihnen Paris nicht fremd erschien, son¬ dern wie eine ersehnte Bestätigung. Von Venedig wun¬ dert es mich ja nicht. Es wird immer unzerstörbar schei¬ nen. Und vielleicht wundert es mich von Paris nur deshalb, weil ich es nicht kenne, und es der Ferne jetzt grauenhafter erscheinen will, wie das alldeutsche Berlin. Aber Ihr Paris ist dies nicht und ich will gern glauben, dass ich mich einer Wahnvorstellung hingebe, da ich mit dieser alten und immer grossen Stadt kein Erinnerungsbild ver¬ knüpfen kann. Wie Sie sehen bin ich immer noch hier auf dem Land, den Tag geniessend, wie er kommt und mich fast ein bischen 96

nach einer Beschäftigung sehnend, die mir unangenehm wäre. Denn da hier jeder Tag nur gerade die Arbeit hat, die mir Freude macht, so hat er wirklich garkeme »Ar¬ beit«, und da ich ganz und gar unproductiv bin, ganz Bas¬ sin und niemals Quelle, so ist das nicht so erfreulich, wie es scheinen mag, und das Jahr ist lang. In meiner kleinen Familie, die sich erst im Herbst vergrössern möchte, ist al¬ les wohl. Mein armer Vater aber ist sterbend und fahre ich heute zu ihm nach München. Es ist ein langer Tod, der schon im November begann und von dem ich garnicht weiss, ob er nicht noch bis November währt. Ich stand meinem Vater immer sehr nahe und er war immer mein bester Freund. Es will nur scheinen, als sei dieser Abschied jetzt garnicht so schwer, da es so war, und als falle er auch ihm leicht, da er so gar nichts mehr zu versäumen hat in diesem Leben, seitdem ihm noch ein letzter Wunsch er¬ füllt wurde, dass meine zweite Schwester sich auf eigne Füsse stellt. Sie hat sich vor ein paar Wochen mit einem Grafen Bissmgen verlobt, auf dessen Gut im Schwarzwald (in wundervollstem Land) ich mit ihr kürzlich zwei Wo¬ chen verbrachte. Ihnen

die

gesuchte Mietmöglichkeit zu

verschaffen,

werde ich meine Netze auswerfen. Ob es was nützt? Sehr wahrscheinlich will es mir nicht scheinen. Mein Schwa¬ ger Arco hat ein paar schöne und sehr ländlich-einsame Schlösser, die ohne Mieter sind, injeglichem aber so stark an das 18. Jahrhundert gemahnen, dass ich nicht weiss, ob es Ihnen möglich wäre, das 20. so leicht und länger zu ver¬ gessen. Auch etwa 10 km von hier (und von Roggenburg) ist ein leeres mietbares Schloss, bei dessen Besitzer ich mich erkundigen will. Da weder Roggenburg noch wir

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einen Wagen haben, ist Ihre Einsamkeit dort gerade so weit gesichert, als es Ihnen erwünscht erscheint, da io km Fussweg

immerhin

eine

Schranke

freundschaftlicher

Sehnsucht sind. Ich hoffe sehr, Ihnen bald ein paar Vor¬ schläge machen zu können (vielleicht kommt auch ein kleines Haus am Walchensee dazu, über dessen winterli¬ che Eignung ich mir nur nicht im klaren bin, und das an diesem See doch von München und seinen Sonntags¬ gästen doch nicht so ganz isoliert ist, wie Sie es wünschen möchten!) Brauch ich beizufügen, wie sehr es mir Freude wäre, wenn die grosse Schranke dieser Grenze wegfiele? Meine Frau sendet ihre besten Grüsse und ich in alter Verehrung die herzlichsten meiner Gedanken. Ihr Erwein Aretin

39.

Rilke an Aretin Schloss Berg am Irchel, Kanton Zürich, Schweiz, am letzten März 1921

Sehr lieber Freund, lassen Sie mich, das die Erinnerung mir erlaubt, eine Weile in Gedanken an Ihren Vater bleiben: wie seh ich ihn noch vor nur, bei jenem Abendessen, in Ihrem kleinen Esszimmer an der Leopoldstraße

zuhörend, während

Sie ihm die »Höhe« Ihres Sollner Gartens rühmten, den er noch nicht kannte! - Auch Ihre Schwester, jetzt also Grä¬ fin Bissingen, war damals da Ich kann mir denken, lieber Freund, dass dem alten Herrn 98

das Abschlüßen nicht zu schwer wird-leichter, als Ihnen, der Gedanke, ihn zu verlieren, ob Sie ihn gleich schon so lange leiden sehen —. Für jene, in so weitaus anderen Er¬ wartungen und Hoffnungen stark und thätig gewesene Generation ist ja die Abkehr vom Heutigen ein Endgülti¬ ges -, ist sie’s doch schon fast für uns, da selbst jenes Min¬ deste an noch Verstehenkönnen fehlt, mit dem auch noch der, der vorwiegend in seine innere Welt zu schauen ge¬ übt war, an ein Allgemeineres möchte angeschlossen blei¬ ben dürfen. — Bedauern Sie deshalb nicht die gleich¬ mäßige ländliche Abgeschiedenheit Ihrer Existenz, — sie bietet am Ende, so wie sie ist, die beste Begünstigung für einen stillschweigenden und in seiner Art stätigen An¬ schluß; mag der dann auch noch so zuständlich und ohne starkes Gefälle sein, er bewährt sich, glauben Sies, — an der innersten Natur. Auch das Hervorbringen, selbst das pro¬ duktivste, dient ja nur der Schaffung einer gewissen inne¬ ren Konstanten, und Kunst ist vielleicht nur deshalb so viel, weil einzelne ihrer reinsten Bildungen eine Gewähr geben für die Erreichung einer zuverlässigeren innersten Einstellung— (et encore!). Gerade in unserer Zeit, da die meisten aus Ambition zur künstlerischen (oder schein¬ künstlerischen) Leistung angetrieben werden, kann man gar nicht genug auf diesem letzten, ja einzigen Grunde der Kunstwerdung bestehen, der so tief und heimlich ist, dass der unscheinbarste Dienst an ihm erst recht diesem scheinbarsten und berühmten (: der wirklichen Produk¬ tion) gleichzusetzen ist. Ja freilich, ist »mein« Paris nicht das politische! Jene Ei¬ genschaften, wodurch es mir zu den Zeiten meines leb¬ haften Lernens, in einem unübertrefflichen Sinne Welt

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geworden ist, haben wohl niemals viel Einfluss gehabt auf das Benehmen seiner Politiker, aber sie konnten zum Glück auch durch deren Fehler nicht zerstört werden. Übrigens ist, was jetzt als ein äußerster blindester Chauvi¬ nismus erscheint und nicht anders wirkt, doch dem »all¬ deutschesten Berlin« und dem Grauen, das es erregt, nicht durchaus entsprechend. Der Franzose ist zu lange ge¬ wöhnt gewesen, sich für unvergleichlich zu halten, um sich plötzlich zu vergleichen; seine Überschätzung hat so unendlich viel Erinnerung und Tradition, dass sie es aus sich heraus bis zum reinsten Entzücken bringt, in dem jede Übertreibung (genau wie die Hermann Keyserlings sooft) hinreißend und schuldlos wird. Auch liegt es ja die¬ sen Temperamenten so nah, das Fremde in der Schattie¬ rung des Feindlichen und Bösen zu sehen —, des unvereinlich »Anderen« —, und was ist für den Franzosen nicht, durch die Zeiten hin, das einfach »Andere« gewesen! Ich muss immer denken, wie un-unmöglich es war, Rodin einen ausländischen, österreichischen oder skandinavi¬ schen Namen beizubringen; man durfte ihn vorsprechen, so oft und so genau man nur konnte —, er hörte ihn anders, und wie das französische Ohr, so sind auch die übrigen Sinne des Franzosen durchaus unumstellbar. Wieviele entsetzliche Fehler mögen in dieser Einschränkung ihren Grund haben. Auch konnte der neue Einblick in das wirkliche deutsche Dasein nur in einem einzigen, sehr vorübergehenden Moment der letzten Jahre gelingen; da er damals nicht geschah, so mussten gleich daraus die Feh¬ ler des von drüben Zuschauenden sich wieder vergrößern und vergröbern, denn schon war auch die Erkennbarkeit dessen, was deutsches Wesen werden will, gemindert, ein 100

Wille trübte den anderen —, und der Franzose, als Anfän¬ ger im Hinaus- und Hinüberschauen, konnte sofort nicht mehr mit und zog sich in die Sicherheit seiner Vorurtheile zurück, die ihm unvergleichlich erfasslicher und verlässli¬ cher waren. Ist doch auch bei uns kein Blick imstande, die Widersprüche des mehr gemischten als chemisch verei¬ nigten Ganzen, als das ein so erschüttertes und dabei un¬ waches Volk erscheint, zu umfassen und zu versöhnen der Träger dieses Blicks müßte ja ebenjener Staatsmann sein, dessen Ausbleiben, angesichts der Noth, die ihn ver¬ langt, fast unbegreiflich ist! Aber wo bin ich hmgerathen, auf die sechste Briefseite, nur um Ihnen mein Paris, das ich einst verließ und nun in seiner Herrlichkeit unbeschädigt weiß, ein wenig errathbarer zu machen. Es ist eben die einzige Stelle der Welt, wo sich, aus Temperament und unüberwachten Antrie¬ ben, ein solcher Durchschnittspunkt aller Richtungen und Spannungen des menschlichen Lebens ausbilden konnte —, einer der geheimen Brennpunkte jener Ellipse »Leben«, deren anderer Brennpunkt wahrscheinlich nur ein

Spiegelbild

ist

einer,

weit über uns befestigten

Stelle. Lieber Freund, ich gehe doch die zehn Kilometer ab und zu, in großen Anständen, nach Neuburg hinüber, um Ih¬ nen von alledem noch weiter zu erzählen: denn nun weiß ich mein ganzes Bewusstsein wieder, und kenne mehr, als jenen scheuen momentanen Ausschnitt mit höchst unge¬ wissen Rändern, auf den ich während des Krieges einge¬ schränkt worden war. Die zehn Kilometer, nein, nein -, ich weiß wohl, es ist keineswegs so weit —, im Gegentheil, wie Sie sagen, gar IOI

nicht »sehr wahrscheinlich«? Immerhin macht es mir schon Eindruck, dass Sie mir nicht mit den ersten Worten alle Aussichten absagen, sondern sogar mehrere aufzählen. Dass ein solches Schlösschen noch allzusehr im 18. Jahr¬ hundert befangen sei, seinem Gemüthe nach, würde kein völlig unüberwindliches Hindernis sein: ich würde nur das Nöthigste thun, ihm an einzelnen oberflächlicheren Stellen diese Überzeugung auszureden. Mit solchen Ge¬ gebenheiten könnt ich mich, mein ich, immer noch eher auseinandersetzen, als mit einem »kleinen Haus«. Kleine Häuser schaffen so gar keine Umgebung; entweder sie bringen keine Vergangenheit mit, oder, wenn sie eine ha¬ ben, schwätzen sie von ihr wie Zugehefrauen. Aber ich will Ihnen in keiner Weise vorgreifen; auch nicht durch ein zu eifriges Eingehen auf Ihre zugesagte Um¬ sicht mich Ihnen drängend und lästig machen: Sie wissen, ich gehöre zu denen, die nicht zählen und eilen -, für zehn Tage war ich in die Schweiz gereist, im Sommer werden es zwei Jahre, dass ich jenseits der bayerischen Grenzen wohne

genauso steht es auch mit meinem

Willen, Aufträgen -, und mit meiner Erwartung. Bitte empfehlen Sie mich Ihrer Frau in meiner ganzen alten Ergebenheit und seien Sie meiner freundschaftli¬ chen Zuwendung immer ganz versichert. Herzlich

Ihr Rilke (Nun ist Ihre Adresse fest und deutlich angemerkt)

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40.

Rilke an Aretin Schloss Berg am Irchel, Kanton Zürich, Schweiz, am ersten May 1921

Mein lieber Freund, durch Ihren neuesten Brief war ich darauf vorbereitet, wie nahe Ihnen jener große, Ihnen nächste Verlust bevorstehe, den mir nun die gestern abend eingetroffene Anzeige wirklich vorstellt. Ich möchte darauf hm so rasch als möglich mit einigen Zeilen bei Ihnen sein. Es scheint mir sicher, dass Sie voll gefassten Gefühles sind und unter dem Einfluss der reinen, stillen Gesetzmäßig¬ keit, die ja nicht anders als stumm und rücksichtslos sein kann, unserer Beschränkung gegenüber. Ihre Mutter wird im Glauben jene innerlichste Tröstung finden, die in der eigenen Mitte des Schmerzes ent¬ springt; mögen Sie nur Alle sich fähig fühlen, ihr das Zu¬ rückbleiben sanft und versöhnlich zu machen. Im übrigen ist es ja unserer Trauer seltsames Vorrecht, dass sie dort, wo sie nicht durch den Widerspruch beirrt er¬ scheint, dass wir in einzelnen Fällen ein Leben, scheinbar unvollendet, unterbrochen, abgerissen meinen -, ganz Lernen sein darf, ganz Leistung, reinste vollkommenste Besinnung. Und nirgends erweist sie sich größer in die¬ sem eigentümlichen Uns-Aufgegebensein, als wenn der Verlust des Vaters, in seinem hohen Alter, uns betrifft: welcher uns, gewissermaßen, zu einer neuen Zusammen¬ fassung, ja zu einer ersten Selbstständigkeit unserer inne¬ ren Fähigkeiten verpflichtet. Solange der Vater uns lebt, sind wir doch eine Art relief an

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ihn (dafür auch die Tragik der Konflikte), — und dieser Schlag macht uns ganz zur ronde-bosse, frei, ach, freiste¬ hend auf allen Seiten . . . (die Mutter hat uns ja von Anfang an, die muthige, soweit sie konnte, hinaus-gestellt —). Nur dies, lieber Freund, indem ich Ihnen herzlich die Hände reiche und der Ihrigen gedenke. Immer Ihr Rilke P. S: Ich muss dieses Blatt nach Neuburg richten, ob es Ih¬ nen gleich dort erst später zukommen dürfte, - denn ich weiß nicht, ob die Adresse der Ludwigstrasse 4 noch Gül¬ tigkeit hat.

41. Aretin an Rilke Neuburg an der Kammel, [Bayerisch-Schwaben] den 30. Mai 1921

Lieber Freund! Nun ist schon mehr als ein Monat vergangen, seit Ihr gu¬ ter Brief zu mir kam. Sie werden finden, dass der Dank, den sein liebes Kommen weckte, lange brauchte, um sich einen Ausdruck zu suchen, aber was stehen nicht alles für hässliche Pflichten um einen Sarg, sodass man die Erfül¬ lung der froheren gerne verschiebt, um sich nicht zu ver¬ stricken ms unlieb Getane. Es war ein grosser und feierlicher Tod, der meinem Vater geschenkt war. Ich war gerade für 24 Stunden bei meiner Frau zuhause und mein Schnellzug brachte mich eine Stunde zu spät an dieses Bett. Da mein Vater schon einige 104

Tage bewusstlos war, so habe ich seinem Blick nicht ge¬ fehlt. Ich werde me die fast heitere, stolze Stimmung ver¬ gessen, in der ich meine Mutter und meine Geschwister trat. Es lag auf ihnen wie ein Abglanz dieses wundervollen Vollendens, trotzdem sie alle zum erstenmale an einem Totenbette standen und ich glaube, dass meine Schwester mir unser aller Gedanken sagte: dass jede Angst vor Tod fiir alle Zeit wich von uns, vor diesem starken Eindruck. Es war so seltsam, dass man keine Tränen sah an diesem Sarg (ausser bei Fernerstehenden), als dieser gefürchtete Tod wie ein unerwartet schönes Wunder zwischen uns trat. Und fast ein Wunder war es, wie alles sich glättete, wie nichts von all der Widerwärtigkeit, mit der städtische Ge¬ schäftigkeit den Tod beschimpft, hereinspülte in dieses Sterbezimmer, wie wir ihn ruhig, wie ein Reliquiar heimflihren konnten in sein Land. Auch die Gefahren des länd¬ lichen Ungeschicks, die fast so peinlich werden können wie die städtische Routine, blieben gebannt, und so sah ein wunderbarer Maientag die alte Erde sich schliessen, als sei dies alles so vorherbestimmt, dass eine Trauer in sol¬ chem Naturgeschehen nirgends eine Fuge fand, sich auf¬ bäumend einzukrallen. Ich muss natürlich in diesen Wochen viel nach München zu Besprechungen mit meinem Bruder und dem unver¬ meidlichen Kreuzweg durch Amtsgerichte und Nota¬ riate. Auch heute muss ich wieder hin zur Heirat meiner Schwester und meine Neuburg kommt mir in diesem Jahr ganz fremd entgegen, fast wie eine Sommerfrische und nicht wie mein Zuhause, so sehr entzogen bin ich seinem Leben. Die Gräfin Mirbach habe ich lange nicht mehr ge105

sehen. Sie wissen wohl, dass ihr Leben gegenwärtig von viel Hässlichkeit bedrängt ist, die die Trennung von ihrem Mann mit sich bringt. Ich weiss nicht, ob es ihr lieb ist, dass diese so bekannt ist, wie sie es in Wirklichkeit ist und bitte Sie ihr gegenüber, nicht mehr zu wissen, als was sie Ihnen schreibt. Ihr Wunsch nach einem Wohnsitz bleibt mir vor Augen. Aber kommen Sie nicht auch ohne ihn einmal in dieses Land? Sie würden mir wohl eine Nachricht senden; denn nun sind es schon zwei Jahre, die ich Sie nicht mehr sah! Meine Frau schhesst sich meinen herzlichsten Grüssen an und ich drücke nochmals dankbar die Hand, die Sie mir in so lieber Teilnahme entgegenstreckten. Ihr Erwein Aretm

42. Rilke an Aretin Chateau de Muzot, sur Sierre, Valais, am 29. Dezember 1921

Mein lieber Freund, erst waren die Unsicherheiten meines Da- oder auch nur Irgendwo-Seins groß und anhaltend; dann dauerte es lange, ehe ich wusste, ob ich mich in diesem kleinen Manoir (inmitten der herrlichen Landschaft des Valais!) würde halten können. Schließlich, als auch diese, durch ein neues Schweizer Wunder, ungefähr gesichert war, be¬ gann der Kampf mit dem starken, alten, durch Jahrhun¬ derte nicht mehr ständig bewohnt gewesenen Haus. Alles das ist überstanden. Dazu sind etwa fünfhundert Briefe 106

beantwortet, die sich während jener Ablenkungen ange¬ häuft hatten, — und ich benutze mein erstes Aufschauen (das nur kurz sein kann, denn nun will ich erst recht an¬ fangen, nach Innen zu schauen: wofür dieses alte Muzot ja gefunden und bereitet wurde —), um Sie wieder einmal zu erkennen und zu grüßen. Wie mag es Ihnen in so langer Frist über Sommer und Herbst (die beide ausführlich und ausgiebig waren) ergan¬ gen sein? Diese Frage führt aber auch schon, da die Daten von 1921 im schrägsten Ablauf sind, zu meinen herzlich¬ sten Wünschen für ein künftiges Jahr im Hinblick auf Sie, lieber Freund, und die Ihnen Nahen und Lieben! Ich kann von mir weiter nicht viel berichten. So wie ich voriges Jahr in dem guten Berg eingeschlossen war, so verschließ ich mich heuer in dieses alte Schlösschen und bitte Gott um nichts, als um gute Klausur in dieser stren¬ gen starken Schale. Als um lange Klausur, denn ich bin immer noch weit weit davon, mich eingeholt zu haben. So ist auch keinerlei Beweis aus diesem Wett- oder Ring¬ lauf zu erbringen: denn das heute mitfolgende kleine Vor¬ wort zu den Zeichnungen eines befreundeten Knaben hätte immer, zu jeder Zeit geschrieben sein können und hatte für mich nur den Reiz eines Versuchs, mittels fran¬ zösischen Denkens auf meinen gewohnten Weg zu kom¬ men: Soyez indulgent! Aber ich ende nicht, ohne eine Doppelbitte, lieber und werther Aretin: erstens, bitte halten Sie’s doch immer im Aug, ob sich eine Unterkunft für mich finden ließe -, denn mit der Zeit wird die Schweiz, so langmüthig sie mich auch erträgt, ja doch ihren Ablauf haben . . . Und zum Zweiten: erinnern Sie sich, einmal ein merk107

würdiges Horoscop (der Frau Arold zuvorkommend) für eine mir bekannte Dame aufgestellt zu haben? — Würden die mitfolgenden Daten eines jungen Mädchens Ihnen nicht Lust machen, dergleichen Kunst noch einmal zu versuchen?: an diesem Fall läge mir sogar mehr, als, da¬ mals, an jenem. Empfehlen Sie mich, lieber Freund, der Baronin, aufs Be¬ ste und glauben Sie mich immer herzlich den Ihren Rilke

43. Rilke an Aretin Chateau de Muzot, sur Sierre (Valais), Schweiz, am 9. Februar 1922

Lieber Freund, so haben Sie wirklich, in bereiter Güte, die hohe Kunst des weitesten Bezugs an meine unbescheidene Anforde¬ rung gewandt! Was das Resultat angeht

es scheint mir

beträchtlich; allerdings wer Ruth in den letzten Jahren ge¬ worden ist, das zu verfolgen, war mir ja wenig vergönnt; in einem hätte da das Horoskop unrecht, indem es der »Geborenen« eine große Reinheit des Stils im schriftli¬ chen Ausdruck« nach- oder vielmehr vor-sagt: meine Tochter schreibt keine guten, keine eigentlich kenntli¬ chen Briefe, — aber vielleicht ruf ich auch dergleichen — durch meine anderweitig enorme Brieflichkeit von den Nächsten abgelenkt - nicht genug bei ihr wach und - we¬ nigstens auf mich zu — hervor. Ich werde die Blätter, in denen Ihre Mühe zu so vielfälti108

gern Ergebnis zusammenwirkt, noch besser durchsehen, wenn die große Welle Arbeit vorüber ist, die mich jetzt, endlich, trägt. Ich hoffe, sie hebt mich ihren lebendigen Berg weiter — mindestens hinaus über das harte Still-Liegen, das, bald durch äußere, bald durch innere Trocken¬ heit, nun seit Jahren mein Theil war. So wollte ich nur eigentlich an die thatsächlichste Nach¬ richt Ihres guten Schreibens heute Anschluss nehmen und, da diese eine glückliche ist — den frohesten, lieber Freund, — den wünschendsten! Der Baronin und Ihnen alles Herzlichste für Glück und Zukunft des zweiten Sohns! Ganz wunderbar, dass Sie mir doch auf allerhand muzotine Gehäuse noch Hoffnung machen können. Ich bin gespannt. - Das gute Muzot: schön wärs, es bliebe mir noch eine Weile. Aber vor allem ist meine redliche Sorge die, mirs ins Eigenste zu wenden, solang ichs habe. Dank. Immer in alter großer Beziehung und Freund¬ schaft, Ihr Rilke P. S.: Ihre Meinung über »Mitsou« war überaus lieb.

109

Erwein Freiherr von Aretin auf Schloß Neuburg mit seiner Familie: Marianne, geh. Gräfin Belcredi (1888-1968), mit ihren Söhnen Anton (1918-1981), Ludwig (1921-1945) und Karl Otmar (geh. 1923)

110

Anhang



Erläuterungen

1. Rilke an Aretin, 8. 2. 1915

Handgeschriebener Briefkopf

2. Rilke an Aretin, 14. 3.1915

Handgeschriebener Briefkopf kann ich nun [. . .] bei mir zu sehen ?: Am 18. März besucht Aretin Rilke (vgl. RMR an Marie Taxis, 18. 3.1915, TT, S.411). Errungenschaften: Hjans] Hjermann] Kritzinger: Errungen¬ schaften der Astronomie nach den Originalarbeiten der führen¬ den Forscher. Weimar: Kiepenheuer 1912. Cantors Geschichte: Moritz Cantor: Vorlesungen über die Geschichte der Mathematik, 3. Auflage, Leipzig: Teubner 1907.

ein Buch wie das Kritzingersche: Die Errungenschaften der Astronomie, siehe oben. cela vous touchera de pres, il me semble: Alfred Schüler (1865-1923), Schriftsteller und Privatgelehrter, neben Ludwig Klages, Karl Wolfskehl und Ludwig Derleth Mit¬ glied der Münchner »Kosmiker«. Schülers Kritik an der modernen Zivilisation artikuliert sich in einer Vortrags¬ reihe über Die ewige Stadt - gehalten in München im Lrühjahr 1915 im Rahmen der »Kriegshilfe für geistige Berufe« und wiederholt 1917/18 -, in der das antike Rom der späten Kaiserzeit zum Ideal schöpferischer, matriar¬ chalischer Gemeinschaft stilisiert wird. Was Rilke, der am 8. 3.1915 den dritten Vortrag besucht und auch 1917/18 wieder zu den Zuhörern zählt, an Schülers archaisieren¬ dem Kulturmodell vor allem beeindruckt, ist dessen Auf-

Wertung des kaiserlichen Ahnenkults bzw. daß die »Toten als die eigentlich Seienden, das Toten-Reich als einziges unerhörtes Dasein, unsre kleine Lebensfrist aber als eine Art Ausnahme davon« gedeutet werden (RMR an Marie Taxis, 18.3. 1915, TT, S. 409). Von hier übernimmt Rilke den poetologisch bedeutsamen Begriff des »Offenen« (vgl. auch Engel, KAII, S. 676f. und Gerhard Plumpe: Alfred Schüler und die »Kosmische Runde«, in: Manfred Frank: Gott im Exil. Vorlesungen über die Neue Mythologie. Frankfurt am Main: Suhrkamp 1988, S.212-265). bitte bei »Albert« zu läuten: Vom 22.9.1914 bis zum 14.6.1915 lebt Rilke mit längeren Unterbrechungen in der Pension Pfänner in der Finkenstraße, wo er mit der Malerin Loulou Albert-Lasard eine Etage gemietet hat.

3.

Rilke an Aretin, i.

4.1915

Handgeschriebener Briefkopf mit Ihrem Freunde: Hans Hermann Kritzinger (geb. 1887), Astronom, Astrologe, Okkultist und Nostradamus-Übersetzer, Verfasser zahlreicher Bücher, darunter populär¬ astronomischer Texte wie Spaziergänge durch den Welten¬ raum (Berlin 1917), aber auch geheimwissenschaftlicher und okkultistischer Beiträge wie Mysterien von Sonne und Seele (Berlin, Görlitz 1922) oder Todesstrahlen und Wün¬ schelrute (Leipzig, Zürich 1929).Vgl. auch Anm. zu Brief Nr. 2 und Nachwort, S. i8of. u. 196. Ihr Billet: Nicht erhalten.

4. Rilke an Aretin, 11.4.1915

Handgeschriebener Briefkopf bei der Baronin: Marianne Freifrau von Aretin, geb. Gräfin Belcredi (1888-1968).

5.

Rilke an Aretin,

12. 4. 1915

Handgeschriebener Briefkopf

6. Rilke an Aretin, 30.4.1915

Handgeschriebener Briefkopf den

mährischen

Park:

Schloß Lösch bei Brünn (heute

Brno), Stammschloß der Familie Belcredi. Bernus: Alexander v. Bernus (1880-1965), Naturwissen¬ schaftler, Schriftsteller und Anhänger der theosophischen Lehre, verheiratet mit Bertha von Hefner-Alteneck. Eine Einladung nach Stift Neuburg bei Heidelberg,

dem

Wohnsitz Bernus’, hatte Rilke Ende März abgelehnt, pflegt aber mit dem Ehepaar, das okkultistische Interessen hat, gesellschaftlichen Umgang in München: »[. . .] auch die geisterseherischen Beziehungen gingen noch weiter, mit dem sonderbaren Baron Bernus und seiner Frau, der in seinem Laboratorium parazelsische Kräuter destilliert« (RMR an Marianne Friedländer-Fuld, 28.5.1915, BP, S. m). Im Januar 1918 schlägt Aretin Bernus als mitver¬ antwortlichen Astrologen zur Erstellung eines Horoskops für Marianne Friedländer-Fuld vor. Vgl. auch Anmer¬ kung zu Brief Nr. 27. dem Fürsten Alex: Fürst Alexander von Thurn und Taxis (1851-1939), Ehemann von Marie Thurn und Taxis.

7. Rilke an Aretin, Mitte Mai 1915

Handgeschriebener Briefkopf ohne Datumsangabe Ihre mährische Karte: Nicht erhalten.

8.

Rilke an Aretin,

24. 5.1915

Handgeschriebener Briefkopf

Nun fassten wir eben den Entschluss: Uber das Pfingstwochenende 24-/25. 5.1915 unternimmt Rilke zusammen mit Lou Andreas-Salome und Loulou Albert-Lasard einen Ausflug nach Schloß Herrenchiemsee und zur Frauenin¬ sel (vgl. Tagebucheintrag Lou Salome in LAS, S. 374). Die Übersiedlungs- Vorbereitung: Erwein und Marianne von Aretm leben von Juli 1915 bis März 1919 in Solln, Ottilienstr. 20.

9. Rilke an Aretin, 2.7.1915

Handgeschriebener Briefkopf diese neue Wohnung: Vom 14.6. bis 11. 10. 1915 lebt Rilke in der Wohnung der Schriftstellerin und Kunstsammlerin Hertha König (1884-1976), die die Sommermonate auf ihrem Gut Böckel bei Bieren in Westfalen verbringt. Frau König hatte im Herbst 1914 auf Anraten Rilkes Picassos Gemälde »La Familie des Saltimbanques« (1905) aus der Münchner Galerie Thannhauser erworben. Die Bildlich¬ keit der 5. Dumeser Elegie verdankt sich u. a. der Ausein¬ andersetzung mit dem Gemälde in diesen Sommerwo¬ chen 1915. Noeggerath:

Felix Noeggerath (1885-1960), Philosoph,

Indologe und Schriftsteller, zählt zum Münchner Bekann¬ tenkreis um Rilke und Aretin. Gemeinsam mit Walter Benjamin, der Noeggerath nur als »Genie« oder »Univer¬ salgenie« bezeichnet, besuchen Rilke, Aretm und Noeg¬ gerath zu

Beginn des Wintersemesters

1915/16

ein

Privatseminar des Münchner Amerikanisten Walter Leh¬ mann zur »Einführung in die altmexikanische Kultur und Sprache«: »Es sitzen da nur zwei richtige Studenten und eine Studentin [. . .] ferner ein Universalgenie, von dem

ich Ihnen gleich erzählen werde; Dr. von Aretin, ein Astronom aus Göttingen, Rainer Maria Rilke, der sehr schläfrig und bescheiden schräg vor sich hinsieht, mit traurig hängenden Schnurrbartspitzen und ich.« (Walter Benjamin an Fritz Radt, 21. 11.1915, mitgeteilt von Gershom Scholem in Merkur 35 [1981], S. 137) Noeggerath lädt Benjamin auch »zu Kantbesprechungen ein, die er mit Rilke und dem Göttinger Astronomen abhält« (ebd., S. 138), ferner zählt er mit Rilke zu den Zuhörern von Schülers Vortragszyklus (vgl. Anmerkung zu Brief Nr. 2). Rilke nennt Noeggerath »einen bedeutenden und wich¬ tigen Kopf« (RMR an Marie Taxis, 5.11.1915, TT, S. 446), da sich dieser neben seinen akademischen Diszi¬ plinen durch ein weites Interessenspektrum auszeichnet, von Mathematik und Quantenphysik über vergleichende Mythologie bis zu Esoterik und Okkultismus reichend; thematische Überschneidungen mit Rilkes und Aretins gemeinsamen Interessen sind so zahlreich — einschließlich freundschaftlicher Kontakte zu Kosnnkern und GeorgeKreis -, daß Rilke anfänglich überrascht, nahezu irritiert gewesen sein muß: »Er [Rilke] kannte nur ein paar Ge¬ dichte von mir und tiel aus allen Wolken — er nahm es mir beinah übel -, als er Zeuge eines Gesprächs mit E. von Aretin über Relativitätstheorie wurde (der ja ursprüng¬ lich Astronom war): >Ich muß mich erst langsam wieder an Sie gewöhnem, sagte mir Rilke damals«; vgl. Brief Noeggerath an den Herausgeber des Merkur Joachim Moras, 2. 2. 1955, zitiert nach Jens Malte Fischer (Hrsg.): Das Fenster, Manuskript von Felix Noeggerath, hrsg. in der Reihe »Vergessene Autoren der Moderne XXIII«, Siegen 1986, hier Anhang, S. 32.

10. Rilke an Aretin, 31.7.1915

Handgeschriebener Briefkopf meiner trefflichen Bedienerin: Eine Madame Manger, von der Rilke am 21.1.1920 an Leopold von Schlözer berich¬ tet: »Ich verließ Paris ahnungslos am 21. Juli 1914, für — wie ich meinte, — acht Wochen, meine alte Concierge stand weinend, weinend! (ahnte sie mehr als ich?) am Wagenschlag« (GBII, S. 617). Derselben treuen Madame Manger gelingt es, zwei Koffer mit Briefen und Manu¬ skripten Rilkes zu retten, als im April 1915 ohne sein Wissen sein Pariser Eigentum versteigert wird; Gide be¬ richtet darüber im Januar 1916 an Rolland: »[. . .] une excellente femme qui pleurait en nous racontant ceci [den Verkauf der Habe] et qui est parvenue ä mettre ä l’abri dans des malles les lettres et les manuscrits, tous les papiers, semble-t-il, qui n’etaient pas de vente« (zitiert nach Chro¬ nik, S. 526, vgl. auch Anmerkung zu Brief Nr. 15). Education sentimentale: Rilke kennt Flaubert seit 1902, im Jahre 1915 gehört letzterer zu den intensiv rezipierten Autoren (vgl. RMR an Marie Taxis, 24.2.1915 und 2.8. 1915, TT, S. 401 und S. 431, RMR an Thankmar v. Münchhausen, 6.3.1915, TvM, S. 37). Die Schriftstelle¬ rin Editha Klipstein hatte Rilke im Juli auf die angespro¬ chene Frühfassung der Education sentimentale hingewiesen und ihm das Buch geliehen.

11. Aretin an Rilke, 3. 8.1915

Handschriftlicher Brief, handgeschriebener Briefkopf Bischof von Paderborn: Karl Joseph Schulte (1871-1941). Das Scheitern meiner Juliprophezeiung: Nicht ermittelt. die gegenwärtige polnische Schlacht: Die seit Mai 1915 ablau-

fende Ost-Offensive der Mittelmächte führte im August zur Eroberung Polens;

Generalgouverneur des unter

deutscher Verwaltung stehenden nördlichen »Kongre߬ polen« wurde am 25. 8. General Hans Hartwig von Beseler. Father Fischer: Nicht ermittelt.

12. Rilke an Aretin, 7. 8.1915:

Handgeschriebener Briefkopf Pathmos [. . .] mit beiden Händen nachschreibe: Eine von Rilke in unterschiedlichen Kontexten verwendete Figur, sowohl im Rahmen epistolarischer Selbststilisierung zum >poeta vates< (vgl. RMR an Marie Taxis, 16. 1. 1912, TT, S. 92, und an Magda von Hattingberg, 16. 2.1914, in: Rai¬ ner Maria Rilke:

Briefwechsel mit Benevuta. Hrsg, von

Magda v. Hattingberg, Vorwort und Anmerkungen von Kurt Leonhard. Eßlingen: Bechtle 1954, S. 91) als auch in poetischen Texten (vgl. das Gedicht Siehe: [denn kein Baum soll dich zerstreuen] vom November 1915, KAU, S. 143 f., oder die 57. Aufzeichnung im Malte, KAIII, S. 599). Die Metapher geht auf ein Bild des frühneuzeitlichen Malers Hans Memling zurück, das den Apokalyptiker Johannes auf Patmos mit Schreibfeder und Messer zeigt. Rilke, der das Gemälde 1906 in Brügge gesehen hatte, interpretiert es fälschlicherweise als beidhändiges, sogenannt >automatisches< Schreiben im Zustand der In¬ spiration

(zur mittelalterlichen

Schreiberikonographie

vgl. Wagner Eglhaaf: Mystik der Moderne, S. 99 und 324)Die Verbindung von Kreativität, Inspiration und Prophe¬ tie gehört zu den Leitmotiven, die Rilkes Konzept von Autorschaft und Künstlertum konstituieren,

werkge-

schichtlich realisiert z. B. in den Prophetengedichten der Neuen Gedichte wie Mohammeds Berufung oder Ein Prophet oder im Motiv der sich verselbständigenden >inspirierten< Schreibhand Maltes. Brieflich verwendet Rilke die Figur zur Deutung, Ästhetisierung und Vermittlung des Entste¬ hungsprozesses der ersten Elegie; ein gutes Beispiel für die konsekutive Mythenbildung in der ersten Rezeptions¬ welle geben die Erinnerungen der Fürstin Thurn und Ta¬ xis, S. 48 f. Zum gleichen semantischen Feld wie das >inspirierte< Schreiben des Apokalyptikers gehört die von Rilke sehr häufig verwendete Figur des »Diktats«. Staujfenberg:

Dr. med. Wilhelm Freiherr Schenk von

Stauffenberg (1879-1918), Privatdozent für innere Medi¬ zin in München. Rilke, der seit Jahren mit Stauffenberg befreundet ist, begibt sich Sommer 1914 in dessen ärzt¬ liche Behandlung; Stauffenberg bleibt ihm während der Münchner Jahre bis zu seinem plötzlichen Tod ein enger Vertrauter und Berater, auch wenn sich Rilke gegen die psychotherapeutischen Intentionen seines Arztes sträubt (vgl. Freedman II, S. 213). Stauffenberg verstirbt uner¬ wartet im Februar 1918 (vgl. auch Anmerkung zu Brief Nr. 28). einige Bücher von Poincare geholt [. . .] der mir auf die Finger sähe: Im Zuge astronomischer Studien mit Aretin ver¬ sucht Rilke, die Bücher des französischen Mathematikers und Philosophen Henri Poincare (1854-1912) Der Wert der Wissenschaft und Wissenschaft und Hypothese zu lesen, kämpft aber mangels mathematischer Basiskenntnisse mit Verständnisschwierigkeiten. Am 22. 7. erkundigt er sich deshalb bei Sidome Nädherny, »ob man nach Janowitz je¬ manden könnte kommen lassen, um mit ihm zu arbeiten? 120

Einen tüchtigen Studenten?« (SNB, S. 239) Poincare, Be¬ gründer des geometrischen

Konventionahsmusart nouveau< und Gründungsmit¬ glied des >Deutschen Werkbundesc Van de Velde war als Direktor der Weimarer Kunstgewerbeschule, die er von 1908 bis 1914 leitete, Vorgänger von Walter Gropius, un¬ ter dessen Ägide aus dem Institut das >Bauhaus< hervor¬ ging. Rilke und van de Velde verband seit ihrem ersten Zusammentreffen in Leipzig 1910 ein freundschaftlicher Kontakt, von van de Velde stammt der Einbandentwurf zur Erstausgabe des Marienlebens in der Insel-Bücherei I9I3die Nachricht, daß Andre Gide gefallen sei, [. . .] könne noch widerlegt werden: Das Gerücht bestätigte sich nicht. Rilke kannte Gide seit Juni 1910, als dieser ihn in Paris zu¬ sammen mit van de Velde und seinem Freund Theo van Rysselberghe zum Mittagessen eingeladen hatte; es ent¬ wickelte sich eine lebenslange Freundschaft mit umfang¬ reicher Korrespondenz. encore une chose finie: Rilke erfährt erst jetzt, daß seine in Paris zurückgelassene Habe bereits im April zur Deckung von Mietschulden versteigert worden war. Darunter be¬ fanden sich neben Möbeln und Bildern vor allem »der un¬ vermeidlichste Niederschlag, wie ihn die Bewegung der Arbeit mit sich bringt [. . .] Bücher, Papiere, Anmerkun¬ gen, alle Briefschaften« (RMR an Anton Kippenberg, 5.10.1915, AKII, S. 31). Tatsächlich hatte Rilkes Con¬ cierge Madame Manger, von deren zeitweilig verscholle¬ nem Sohn Pierre in den Briefen Nr. 10-15 die Rede ist, zwei Koffer mit Dokumenten gerettet. Auf Betreiben Andre Gides im Winter 1915 wurden diese Koffer seque122

striert und 1921 in den Räumen der Nouvelle Revue Framjaise untergestellt; Rilke erhielt sie 1925 zurück (vgl. auch Anmerkung zu Brief Nr. 10).

16. Rilke an Aretin, um den io. io. 1915

Ohne Briefkopf, lediglich handschriftlich Angabe des Wochentages »Sonntag« Kerstin Strindberg: Tochter des schwedischen Dramatikers August Strindberg, »ein kleines ungeduldiges Geschöpf, manchen Moment schön, vor allem aber eigensinnig wie ihr Vater« (RMR an Marie Taxis, 11.6.1917, TT, S. 504). Nach einer ersten Lektüre-Phase im Winter 1911/12 ist 1915 das Jahr einer intensiven Strindberg-Rezeption für Rilke, der im Winter und Frühjahr die Kammerspiele wie¬ der liest, ferner Autobiographische Schriften und Ein Blau¬ buch und im Sommer Aufführungen von Gespenstersonate und Totentanz in den Münchner Kammerspielen besucht (vgl. Rilke-Flandbuch, S. 122).

17. Rilke an Aretin, um den 25.11.1915 Handgeschriebener Briefkopf ohne Datumsangabe also, es ist ein Unglück [. . .] vor der versammelten Kommission: Als Ergebnis seiner zweiten Musterung am 24. 11. 1915 war Rilke für tauglich erklärt worden und hatte den Be¬ fehl erhalten, als »uneingereihter Landsturmmann« zum 4. 1. 1916 in die Kaserne Turnau in Nordböhmen einzu¬ rücken. Um das »Verhängnis«, den »Untergang im Frem¬ desten« (RMR an Philipp Schey, 25. 11. 1915, BP, S. 147) abzuwenden,

erwirkt

Rilke

ungeachtet gegenteiliger

Empfehlungen und Warnungen durch Vermittlung des Grafen Bruselles, Mitglied der österreichischen Gesandt-

123

schaft, eine Nachmusterung, die am 27.11. stattfindet. Ein ausführliches ärztliches Zeugnis Stauffenbergs, der Rilke wegen eines Nervenleidens und einer vernarbten Postprimärtuberkulose der Lungenspitzen für dienstun¬ tauglich hält, sollte die Freistellung erwirken; eine Hoff¬ nung, die sich nicht erfüllen wird. Schuld daran war wohl Rilkes undiplomatisches Vorgehen, als er um eine Privat¬ audienz beim österreichischen Gesandten, Herrn von Veliez, nachsuchte. Die Audienz wurde nicht gewährt, statt dessen hatte der Vorfall das im Brief an Aretin erwähnte demütigende Nachspiel (vgl. RMR an Philipp Schey, 25. 11. und 27.11.1915, BP, S. 146-150).

18. Rilke an Aretin, 10.12.1915

Hotelbriefpapier,

gedruckter

Briefkopf in

einfachen

Großbuchstaben: links Firmenlogo (gotischer Großbuch¬ stabe »E« mit Lorbeerkranz), darunter »Hotel Esplanade«, darunter »Berlin und Hamburg«, rechts »Berlin W.9 .«, darunter »Bellevuestr. 18« Handschriftliche Datumsangabe einen Schreiberposten: Auftakt der »diplomatischen Großoffensive« (Freedman II, S. 252) zur Errettung Rilkes vor dem drohenden Kriegsdienst sind die Bemühungen des Schriftstellers und Rilke-Verehrers Rudolf Bartsch, ak¬ tuell im Wiener Kriegsarchiv als Oberleutnant bei der »Literarischen Gruppe« eingesetzt, ebendort für Rilke eine Anstellung zu erwirken. Im Laufe intensiver Bemü¬ hungen durch Bartsch und das Ehepaar Taxis stellt sich heraus, daß Rilke vom stellvertretenden Kriegsminister v. Schleyer krankheitsbedingt für »dienstmindertauglich« erklärt werden müsse, was Schleyer ablehnt (vgl. Marie 124

Taxis an RMR, 2.12. 1915 und 7.12.1915, TT, S. 463 £, RMR an Sidome Nädherny, 17. 12.1915, SNB, S. 252). Nun stellt sich hier noch eine Möglichkeit heraus: Rilke hat von dem erwähnten Abkommen zwischen Österreich und Deutschland erfahren, das für den Fall des nachge¬ wiesenen öffentlichen deutschen Interesses seine Rekla¬ mation legitimieren würde und konzentriert im folgen¬ den alle Hoffnung und Energie auf diesen Nachweis. Dazu schweben ihm parallele Eingaben von mehreren Personengruppen mit entsprechender kulturpolitischer Relevanz vor: zum einen die erwähnte Berliner Gruppe, zum anderen eine Eingabe aus München, schließlich soll der Insel-Verlag »ein Aufgebot meiner Freunde [. . .] rasch um eine solche Eingabe an das kgl. Bayerische Generalkommando [. . .] versammeln [. . .] die richtigem Namen würden da natürlich von entscheidendem Ge¬ wicht sein« (RMR an Katharina Kippenberg,

11.12.

1915, KK, S. 156). Das zitierte Schreiben an Katharina Kippenberg ist dem Brief an Erwein Aretin inhaltlich auf¬ fallend ähnlich. einem großen Theologen: Adolf von Harnack (1851-1930), evangelischer

Kirchenhistoriker

und

Kulturpolitiken

Gründer und Präsident der Kaiser-Wilhelm-Gesellschaft und der Notgemeinschaft der deutschen Wissenschaft, Generaldirektor der Preußischen Staatsbibliothek (vgl. BP, S. 548). Baron Pranckh: Johann Ludwig Gottheb Freiherr von Pranckh (1888-1945), königlich-bayerischer Kammer¬ junker und bayerischer Offizier, hoher militärischer Wür¬ denträger (Max-Josef-Orden), über seine Schwiegermut¬ ter mit Franckenstein verwandt. 125

Franckenstein: Clemens Freiherr von Franckenstein (i 875— 1942), Intendant der bayerischen Staatsoper und Kompo¬ nist, ist ein vertrauter Jugendfreund der Baronin Aretin. Verschüttung guter Anfänge: Seit Mitte Oktober hatte eine Schaffensphase eingesetzt, aus der der Zyklus Sieben Ge¬ dichte, das protoexpressionistische Groteskgedicht

Der

Tod, das Requiem auf den Tod eines Knaben und schließlich die Vierte Elegie hervorgegangen waren.

19. Aretin an Rilke, ii. 12.1915 Maschinenschriftlicher

Brief,

maschinengeschriebener

Briefkopf Willy Stau fenberg: Siehe Anmerkung zu Brief Nr. 12. Willy St.’s Schwester: Fledwig Leopoldine Freifrau von Berchem, geh. Freiin Schenk von Stauffenberg (geb. 1883) (vgl. auch Anmerkung zu Brief Nr. 28).

20. Aretin an Rilke, 15.1.1916 Maschinenschriftlicher

Brief,

maschinengeschriebener

Briefkopf die erfreuliche Kunde [. . .] als ich hoffte: Der 4.1. 1916, der Tag, an dem Rilke endgültig einrücken mußte, zwar nun nicht mehr nach Turnau in Böhmen, sondern zum Landwehr-Schiitzenregiment Nr. 1 in die Wiener Kaserne im Baumgarten, hatte die Wende im Kampf um die Rekla¬ mation gebracht: die Münchner Eingabe war aufgrund der Fürsprache von Prinz Ludwig Ferdinand von Bayern positiv entschieden worden, zu spät allerdings, da für be¬ reits Eingerückte die Kompetenz des Münchener Gene¬ ralkommandos erlischt. Eine Musterung hat auch mich: Aretin war wegen eines 126

schweren Herzfehlers wehruntauglich, mußte sich aber regelmäßigen Musterungen unterziehen. Lehmanns

Uitzilopochtli-Kolleg:

Siehe Anmerkung zu

Brief Nr. 9. Herrn

v.

Günther: Johannes Ferdinand von Günther

(1886-1973), baltischer Schriftsteller, von 1914 bis 1923 in

München ansässig. Günther veröffentlichte neben eige¬ nen Dramen zahlreiche Übersetzungen aus dem Russi¬ schen und Englischen. Grafen Keyserlingk:

Graf Paul von Keyserlingk (1890-

1918), gefallen als Leutnant des Bayerischen Infanterie-

Leibregiments.

21. Rilke an Aretin, 18.1.1916

Handschriftlicher Briefkopf Landwehr-Infanterist: Vom 4. 1. bis 15.1. nimmt Rilke am Rekrutendienst teil, am 15.1. wird er am Rand körperli¬ cher und seelischer Erschöpfung nochmals gemustert und am 27. 1. dem Wiener Kriegsarchiv überstellt, wo er Ga¬ genbogen liniert, um nicht an propagandistischer Schrift¬ stellertätigkeit, dem »Heldenfrisieren« (RMR an Anton Kippenberg, 16. 2. 1916, AK II, S. 46) teilnehmen zu müs¬ sen. Die Kasernenzeit erlebt er als so traumatisch, daß seine sonst reiche epistolarische Aktivität fast völlig zum Erliegen kommt; bisher sind aus dieser Phase keine Briefe überliefert, so daß der vorliegende Text in gewisser Weise ein biographisches Novum darstellt. Missive: Altertümlich für: Sendschreiben; auch: Rund¬ schreiben. hei den lieben Freunden gewohnt: Wiener Stadtpalais der Fa¬ milie Taxis in der Victorgasse. 127

Gräfin Schlick: Gräfin Maria Theresia Schlick, geh. Prin¬ zessin Hohenlohe (18. io. 1860-13.1.1916),

Schwester

von Marie Thurn und Taxis, verheiratet mit Erwein Graf Schlick. Erich und Pascha: Prinz Erich von Thurn und Taxis (18761952) und Prinz Alexander von Thurn und Taxis (18811937), Söhne des Fürstenpaares Marie und Alexander von Thurn und Taxis. Trogerstrasse: Clara und Ruth Rilke wohnen seit Septem¬ ber 1913 in der Trogerstraße 50. den lieben Keyserlingk: Rilkes Briefe an Paul Keyserlingk sind nicht erhalten, siehe Anmerkung zu Brief Nr. 20.

22. Aretin an Rilke, 24.4.1917 Maschinenschriftlicher Brief Privatbriefpapier mit gedrucktem Briefkopf, Großbuch¬ staben, Schrift im Antiquatypus: links »Dr. Erwem Frei¬ herr von Aretin«, darunter »Telephon

11133«, rechts

»Solln bei München, den.19«, darunter »Ottilienstr. 20«, Datum maschinenschriftlich eingelugt meinem Nachweisebureau: Aretin war freiwilliger Helfer beim Suchdienst des Roten Kreuzes. Wie und ob Rilke auf Aretins Angebot reagiert, ist nicht bekannt. Bis 18. Juli hält sich der Dichter noch in Mün¬ chen auf und reist dann über Berlin nach Westfalen, von wo aus er den nächsten Brief an Aretin schreibt.

23. Rilke an Aretin, 19. 8.1917 Vorveröffentlichungen in: Rainer Maria Rilke: Briefe aus den Jahren 1914 bis 1921. Herausgegeben von Ruth SieberRilke und Carl Sieber, Leipzig: Insel 1938, und Rainer 128

Maria Rilke: Briefe. Herausgegeben vom Rilke-Archiv in Weimar in Verbindung mit Ruth Sieber-Rilke, besorgt durch Karl Altheim, Wiesbaden 1950 (entspricht GBII, S. 539-541). In beiden Ausgaben ist das Schreiben unge¬ kürzt in modernisierter Orthographie wiedergegeben. Handgeschriebener Briefkopf Böckel: Die Zeit vom 25. 7. bis 4. 10.1917 verbringt Rilke als Gast von Hertha König auf deren westfälischem Gut Böckel. Dabei sagt ihm die Landschaft nicht zu, wie aus zahlreichen, inhaltlich und stilistisch analogen Briefstellen hervorgeht, vgl. RMR an Marie Taxis, 18.8.1917 (TT, S. 510L), RMR an Katharina Kippenberg, 2. 8. 1917 (KK, S. 237), schließlich RMR an Thankmar von Münchhau¬ sen, 3.9. 1917 (TvM, S.67), und an Sidonie Nädherny, 19.8. 1917 (SNB, S. 274), wo jeweils wie im vorliegen¬ den Brief vom landschaftlichen »Souterrain« die Rede ist. Das Gauhe’sche Lexikon: Johann Friedrich Gauhe: Des heiligen Römischen Reichs genealogisch-historisches Adels-Lexicon: nebst einer Vorrede, Anhänge und Register über beyde Teile, Leipzig: Gleditsch 1910 (zuerst 1740).

24. Aretin an Rilke, 14.9. 1917

Maschinenschriftlicher Brief Privatbriefpapier mit gedrucktem Briefkopf, Großbuch¬ staben, Schrift im Jugendstiltypus: links »Dr. Erwein Frei¬ herr von Aretin«, darunter »Telephon 11133«, rechts »Solln bei München, den.19«, darunter »Ottihenstr. 20«, Datum maschinenschriftlich eingefügt heute noch gebräuchlichen Namen: Der gesuchte arabische Terminus scheint sehr wenig gebräuchlich oder um 1920 129

bereits in Vergessenheit geraten zu sein, da Astronomie-, Physik- und Meteorologiegeschichten dazu keine kon¬ kreten Daten liefern. Auch der Versuch des Papstes [. . .] Europa: Aretin spielt hier auf die päpstliche Friedensnote vom i. August 1917 an. Papst Benedikt XV. übergab am 9. August 1917 eine auf dem Jahrestag des Kriegsausbruchs zurückdatierte Note, in der er an die kriegführenden Mächte appellierte, die Bedingungen für einen Verständigungsfrieden zu nennen. Die Note geht zurück auf die vom Deutschen Reichstag am 17. Juli 1917 beschlossene Friedensresolu¬ tion, die einen Frieden ohne Annexionen und Kriegsent¬ schädigungen angeboten hatte. Rußland, Frankreich und Italien antworteten gar nicht. England wartete die deut¬ sche Reaktion, insbesondere 111 der Frage der Wiederher¬ stellung Belgiens ab. Die deutsche Note vom 19. Septem¬ ber enthielt zur Enttäuschung des Vatikans nichts darüber, weshalb die päpstliche Initiative ohne Auswirkungen blieb. Aretins Ausführungen zeigen, welche Hoffnungen die Note in Deutschland geweckt hatte. Stockholm [. . .] gehen: Aretin bezieht sich hier auf die für August 1917 geplante Friedenskonferenz der sozialisti¬ schen Parteien der kriegführenden Länder. Die Konfe¬ renz kam nicht zustande. Lösch: Siehe Anmerkung zu Brief Nr. 6.

25. Aretin an Rilke, 9.1.1918

Maschinenschriftlicher Brief Pnvatbriefpapier mit gedrucktem Briefkopf, Großbuch¬ staben, Schrift im Jugendstiltypus: links »Dr. Erwein Frei¬ herr von Aretin«, darunter »Telephon

130

11133«, rechts

»Solln bei München, den.19«, darunter »Ottilienstr. 20«, Datum maschinenschriftlich eingefugt Beilage: Briefumschlag, Poststempel 10. 1. 1918 Anschrift (handschriftlich): Seiner Hoch wohlgeboren/ Herrn Rainer Maria Rilke/ München/Hotel Continen¬ tal, Ottostrasse 6 Ihre Aufforderung zum Schulervortrag: Am 4. Januar bittet Rilke Schüler schriftlich, Aretin zum nächsten Vortrag mitbringen zu dürfen (vgl. RMR an Alfred Schüler, 4.1.1918, mitgeteilt von Gustav Willibald Freytag in JbDSG 4 [i960], S.429); Aretin lehnt wegen anderwei¬ tiger Verpflichtungen ab. Wir sangen vorgestern [. . .] ein garstiges Lied: Zitat nach Goethe:

Faust, I. Teil, Auerbachs Keller: »Ein garstig

Lied! Pfui! Ein politisch Lied.« Bei dem erwähnten Zu¬ sammentreffen am 7.1. 1918 kommt es zwischen Rilke und Aretin zum politischen Streit. Ideen Tolstois: Lew Nikolajewitsch Graf Tolstoi (18281910), russischer Schriftsteller, bekundete sowohl in seinen gesellschaftskritischen Dramen als auch in beispielhafter eigener Lebensführung den Wunsch nach sozialer Gerech¬ tigkeit und Solidarität mit den Unterprivilegierten. Die edlen Erscheinungen der Märztage, vor allem Tscheidse, sind schon hinweggefegt: Aretin bezieht sich auf die erste, >sanfte< und humane Phase der russischen Revolution, die aus dem Februaraufstand der Petrograder Arbeiter und Soldaten hervorgegangen war. Die tiefere Problematik dieser >sanften< Revolution lag im Fehlen einer wirksa¬ men und politisch effizienten Autorität, da sich ab März zwei »Halbregierungen« (Adam Ulam: Die Bolschewiki. Köln, Berlin: Kiepenheuer 1967, S. 364) in die Staatsfuh-

rung teilten: die bourgeoise >Provisorische Regierung< und der Petrograder Arbeiter- und Soldatenrat (Sowjet), der sich aus demokratischen Menschewiki und nichtbol¬ schewistischen

Sozialrevolutionären

zusammensetzte.

Ziel des Sowjets war die Errichtung einer gewaltfreien und auf humanitären Prämissen gründenden revolutio¬ nären Demokratie< in dezidierter Abkehr vom Zarismus, den man mit Gewaltherrschaft identifizierte. Der Menschewistenvertreter Tscheidse war Vorsitzender der Exe¬ kutivkomitees des Sowjets, Kerenski, der gleichzeitig den Posten des Justiz- und später Kriegsmimsters in der provi¬ sorischen Regierung innehatte, sein Stellvertreter. Der gemäßigte Demokrat Tscheidse, obwohl nominell Ober¬ haupt des Petrograder Sowjets, trat operativ allerdings kaum in der Vordergrund und zeichnete sich vielmehr durch politische Unentschlossenheit und Zurückhaltung aus. Daß Aretin Tscheidse erwähnt, spricht dafür, daß der Sowjet-Vorsitzende in Deutschland sehr beachtet und als Hoffnungsträger gesehen wurde. Im Januar 1918, zum Zeitpunkt von Aretins pessimisti¬ schen Äußerungen, hatte sich die politisch-historische Si¬ tuation grundlegend gewandelt: Die sanfte und auch für die außerrussische Welt beispielhaft unblutige Revolution war unter dem oppositionellen Einfluß Lenins und der Bolschewiki in eine zunehmend anarchische und gewalt¬ tätige Phase übergegangen, die am 25. Oktober zum Sturz der provisorischen Regierung und zur blutigen Macht¬ übernahme durch Lenin und seine Partei führte. Die Si¬ tuation der leidenden Bevölkerung in dem vom Krieg zerrütteten Staat konnte auch durch die folgende bolsche¬ wistische Einparteiendikatur nicht verbessert werden.

132

vielmehr regierten Hunger, Terror und Gesetzlosigkeit das Land, das im Rahmen der seit Anfang Dezember lau¬ fenden Friedensverhandlungen in Brest-Litowsk große territoriale Einbußen hinnehmen mußte. Kaisers »Von morgens bis mitternachts«: 1912 entstandenes und 1917 uraufgefiihrtes Drama des expressionistischen Theaterautors Georg Kaiser (1878-1945). Aretins Anspie¬ lung bezieht sich auf die implizite Kritik an Scheinmoral und Raffgier, als im letzten Akt des Dramas der Protago¬ nist in Selbstanklage Geldscheine unter die Teilnehmer einer Heilsarmeeversammlung wirft und damit eine Prü¬ gelei auslöst. Kerenskys

einzige

Offensive:

Aleksandr Fjodorowitsch

Kerenski (1881-1970), gemäßigter russischer Sozialrevo¬ lutionär, anfangs Justiz- und Kriegsminister, ab Juli Mini¬ sterpräsident der Provisorischen Regierung und Stellver¬ treter Tscheidses im Petrograder Sowjet, hatte zuvor die russische Februarrevolution ausgelöst, die zum Sturz Nikolaus< II. führte. Die Offensive, ein von Kerenski befoh¬ lener letzter militärischer Vorstoß Rußlands im Juli 1917, scheiterte nach anfänglichen Erfolgen in Galizien und führte zum endgültigen militärischen Zusammenbruch. Bei Ausbruch der russischen Oktoberrevolution am 25./ 26. 10. 1917 floh Kerenski vor den bolschewistischen Truppen aus Rußland. Er starb 1970 in den USA. Tirpitz: Großadmiral Alfred von Tirpitz (1849-1930) war der Schöpfer der deutschen Flotte. Er war 1916 im Kon¬ flikt mit Reichskanzler Bethmann-Hollweg zurückgetre¬ ten. Trotzki: Leo Davidowitsch Trotzki (1879-1940) war Ja¬ nuar 1918 Außenkommissar und Leiter der russischen

133

Delegation bei den von Dezember 1917 bis März 1918 währenden Friedensverhandlungen in Brest-Litowsk nnt Deutschland und Österreich-Ungarn. Nach der Okto¬ berrevolution hatte er die Rote Armee ins Leben gerufen. Von Stalin entmachtet, wurde Trotzki 1929 ausgewiesen. Am 21.8. 1940 wurde er in Mexiko von einem russischen Agenten ermordet. Briand: Aristide Briand (1862-1932), französischer Politi¬ ker, vertrat während des Ersten Weltkriegs als Minister¬ präsident extrem nationalistische Ziele wie die Forderung nach Annexion des Rheinlandes und der Saar. Nach 1926 betrieb er zusammen mit Gustav Stresemann die deutschfranzösische Aussöhnung. Carson: Eduard Carson (1854-1955), britischer Politiker, 1916/17 erster Lord der Admiralität, 1917/18 Mitglied des englischen Kriegskabinetts. Lloyd Georges heutige Forderungen: David Lloyd George (1863-1945), britischer Politiker, bildete Ende 1916 das englische Kriegskabinett. Bei den Friedensverhandlun¬ gen in Versailles war er der Leiter der englischen Delega¬ tion. In Deutschland wurde er als Organisator des Krieges in England angesehen. Aretins Bemerkung zielt wohl dar¬ auf, daß sich Lloyd George gegen alle Versuche wandte, einen

Verständigungsfneden

herbeizuftihren

und

die

Auflösung Österreich-Ungarns und des Osmamschen Reiches forderte. das demokratischste grosse Parlament der Welt: Aretin spielt darauf an, daß der deutsche Reichstag nach dem allge¬ meinen geheimen Wahlrecht gewählt wurde. der preussische Adel des Jahres 1866: Im Deutschen Krieg 1866 zwischen Preußen und Österreich um die Vorherr-

134

schaft in Deutschland hatte Preußen den Sieg errungen, was zur Gründung des norddeutschen Bundes und zur Durchsetzung der sogenannten »klemdeutschen Lö¬ sung« — Einigung des Reiches unter Ausschluß Öster¬ reichs — führte. Mir sind Eisass und Lothringen [. . .] altes deutsches Land: Die Rückkehr Elsaß-Lothringens zu Frankreich war im Ersten Weltkrieg ein französisches Kriegsziel. Frankreich hat ziemlich klaglos [. . .] sakrosankt sein ? Unter Napoleon I. war das linke Rheinufer französisch. Ludwig XIV. hatte 1681 Straßburg besetzt. wenn man auch über die Warnen streiten wird: Nach der Be¬ setzung Belgiens 1914 versuchte die deutsche Regierung die Vlamen zu gewinnen und gegen die französisch spre¬ chende Bevölkerung Belgiens in dem Sinn auszuspielen, daß Teile Belgiens oder ganz Belgien von Deutschland annektiert werden sollten. Kühlmann: Richard von Kühlmann (1873-1948), 1917/ 1918 deutscher Staatssekretär des Äußeren. Kühlmann schloß den Frieden von Brest-Litowsk (3.3.1918) mit Rußland und am 7. 5. 1918 in Bukarest den Frieden mit Rumänien. Eine etwaige Verständigung zwischen Deutschland und Frankreich über Elsaß-Lothringen hatte er in einer Note vom 9. 10. 1917 radikal abgelehnt. trotz aller Ullsteins: Das Verlagsimperium Ullstein wurde traditionell von männlichen Familienmitgliedern geführt, die sich in die Leitung der verschiedenen Ressorts teilten. 1918 betrifft dies Louis Ullstein (1863-1933), Franz Edgar Ullstein (1868-1945), Rudolf Ullstein (1874-1964) und Hermann Ullstein (1875-1943)- Aretins Anspielung be¬ zieht sich auf eine imperialistische Kontinentalpolitik, die 135

der Verlag während des Krieges in der hauseigenen Vossischen Zeitung artikulierte: ein geeinigtes Europa, befreit von der Vorherrschaft des eigentlichen Feindes Englands sei als gleichrangiger Machtblock neben den großen Weltimperien (Großbritannien, Amerika, Ostasien) an¬ zustreben. Die Voraussetzungen hierfür seien Verständi¬ gung mit Rußland und Frankreich. In diesem Zusam¬ menhang kritisierte die Vossische Zeitung nicht nur die Rußlandfeindlichkeit der deutschen Militärs, sondern auch Kühlmanns kompromißlose Haltung in der ElsaßLothringen-Frage. Nie hat Frankreich [. . .] gestempelt werden soll: Das alte Reich hatte auch im 16. und 17. Jahrhundert nie offiziell auf das Elsaß verzichtet. Der Friede von Frankfurt am 10.5.1871 beendete den Deutsch-Französischen Krieg

von 1870/1871.

26. Rilke an Aretin, 19.1.1918

Handgeschriebener Briefkopf Hotel Continental: Trotz langer Suche war es Rilke, der den Spätherbst in Berlin verbracht hatte, nicht gelungen, in München eine passende Wohnung zu finden; vom 10. 12. 1917 bis 7. 5. 1918 logiert er im Hotel Continental.

Kapillaren des Gefühls: Rilke verwendet diese Metapho¬ rik, die an den ästhetisierenden Redegestus des biologi¬ schen Monismus erinnert, als Instrument der Selbstdeu¬ tung auch in anderem argumentativen Zusammenhang: »[. • •] ich bin in der innersten Mitte erstarrt, mein sonst in Capillaren aufgezweigtes und vertheiltes Wesen ist aus al¬ len seinen Röhrchen zurückgesunken« (RMR an Thankmar von Münchhausen, 5. 8.1918, TvM, S. 85).

136

Prof. Freytag: Die Wiederholung von Schülers Vortrags¬ reihe von 1915 findet diesmal im Haus seines Gönners, des Münchner Ophthalmologen Gustav Willibald Freytag (1876-1961), statt. Freytag, Sohn des Schriftstellers Gustav Freytag und Gründer des Vereins »Isar-Athen«, veröffent¬ licht i960 Rilkes Briefe an Schüler, in: JbDSG 4 (i960), S. 425-43327. Rilke an Aretin, 24.1.1918 Handgeschriebener Briefkopf Kassner:

Rudolf Kassner (1873-1959), österreichischer

Kunstphilosoph, war nüt Rilke von 1907 bis zu dessen Le¬ bensende eng befreundet, ihm ist die Achte Elegie gewid¬ met; vgl. auch: Klaus E. Bohnenkamp (Hrsg.): Rainer Ma¬ ria Rilke und Rudolf Kassner. Freunde im Gespräch. Briefe und Dokumente, Frankfurt am Main: Insel 1997, vgl. auch Anmerkung zu Brief Nr. 35. Schrenck-Notzing: Albert Freiherr von Schrenck-Notzing (1862-1929), Arzt und Okkultist, Schüler Carl du Preis, unterhält in München einen spiritistischen Zirkel und veranstaltet Seancen (vgl. auch Nachwort, S. iöpfi). Eine auswärtige Korrespondentin [. . .] angeblich: Bei der »auswärtigen Korrespondentin« handelt es sich um Ma¬ rianne v. Friedländer-Fuld, geschiedene Lady Mitford, die sich bei Rilke nach einem Astrologen erkundigt hatte. Hier fehlt der Antwortbrief Aretins,

den Rilke am

28. 1. 1918 erhält und den er Marianne Friedländer ge¬ genüber erwähnt, da sich Aretin bereit erklärt habe, »ver¬ gleichende Astrologie zu betreiben«, unter der Bedin¬ gung, daß sich in Gestalt des Naturwissenschaftlers und Theosophen Alexander von Bernus eine zweite Autorität 137

an dem Projekt beteilige (RMR an Marianne Friedlän¬ der, 28. 1.1918, zitiert nach Chronik, S. 590). Ungeachtet von Aretins Engagement veranlaßt Rilke allerdings die Erstellung eines parallelen Horoskops durch die besag¬ te Münchner Astrologin Frau Arold (Schreibweise bei Schnack »Arnold«, S. 593, 605, 1145), was er drei Tage vor der Fertigstellung von Aretins Horoskop an Marianne Friedländer berichtet.

28. Aretin an Rilke, Mitte Februar 1918 Handschriftlicher Brief ohne Briefkopf, keine Datums¬ angabe Meine Cousine Bereitem [. . .] der uns ja alle gleichmässig erdrückt: Hedwig Leopoldme Freifrau von Berchem, geb. Freiin Schenk von Stauffenberg (geb. 1883), ist die Schwe¬ ster von Rilkes Arzt Wilhelm von Stauffenberg, der am 13.2. 1918 unerwartet verstorben war (vgl. Anmerkungen zu Brief Nr. 12 und 19). Für den tiefbetroffenen Rilke hat »die plötzliche und endgültige Entbehrung eines voll¬ kommenen Freundes [. . .] die Hemmungen, die mein Leben einschränken, beinahe unüberwindlich gemacht« (RMR an Gräfin Caroline Schenk von Stauffenberg, 28. 2.1918, GB II, S. 544).

29. Aretin an Rilke, 15. 3.1918 Maschinenschriftlicher Brief Privatbriefpapier mit gedrucktem Briefkopf, Großbuch¬ staben, Schrift im Jugendstiltypus: links »Dr. Erwem Frei¬ herr von Aretin«, darunter »Telephon

11133«, rechts

»Solln bei München, den.19«, darunter »Ottilienstr. 20«, Datum maschinenschriftlich eingefügt

138

30. Rilke an Aretin, 19. 3.1918

Handgeschriebener Briefkopf Es ist selbstverständlich [. . .] Eindruck zu machen haben: Wann und ob Rilke Aretins Horoskop an die Auftragge¬ berin weiterreichte, ist nicht zu ermitteln. Das parallel entstandene Horoskop der Frau Arold schickt Rilke am 13.10.1918 an Marianne Friedländer.

31. Rilke an Aretin, io. 5.1918

Handgeschriebener Briefkopf meinen

neugeborenen

Verhältnissen: Am 8. Mai bezieht

Rilke als Nachmieter von Egon Freiherrn von Ramberg eine eigene Wohnung in der Ainmillerstraße 34. im Picasso-Saal bei Frau König: Vgl. Anmerkung zu Brief Nr. 9. Hertha König lebt mittlerweile in der Leopold¬ straße. einige Gedichte von Alfred Wolfenstein: Alfred Wolfenstein (1888-1945), frühexpressionistischer Lyriker und Drama¬ tiker. Ungeachtet gewisser Vorbehalte setzt sich Rilke in¬ tensiv mit der expressionistischen Avantgarde auseinander, dazu gehört in den Münchner Jahren auch der künstleri¬ sche Austausch mit Alfred Wolfenstein, den er seit 1914 persönlich kennt. 1916 hatte Rilke nach einem für ihn un¬ befriedigenden Vortragsabend Wolfensteins in der Buch¬ handlung Goltz den Dichter zu einer privaten Lesung in der Keferstrasse aufgefordert, nun trägt er selbst Gedichte von Wolfenstein vor. Zum Leseabend am 13.5.1918 in Hertha Königs neuer Wohnung sind neben Aretin auch Grete Lichtenstein und Wilhelm Hausenstein eingeladen. Wol¬ fenstein, Herausgeber des Periodikums Die Erhebung, pu¬ bliziert seinerseits 1918 und 1919 einige Gedichte Rilkes.

139

32. Rilke an Aretin, 28. 5.1918

Privatbriefpapier mit gedrucktem Briefkopf, Großbuch¬ staben, Schrift im Antiquatypus: rechts »München«, dar¬ unter »Ammillerstrasse 34/IV«, links handschriftliche Da¬ tumsangabe Mme Lipper: Margot Lipper, geb. Cohn (* 1890), ab 1919 in zweiter Ehe mit Wilhelm Hausenstein verheiratet. Dr.

Hausenstein:

Wilhelm

Hausenstein

(1882-1957),

Kunsthistoriker und Schriftsteller. Hausenstein und seine spätere Frau zählen zu Rilkes engerem Freundeskreis in München, Rilke ist 1919 bei der Eheschließung Trau¬ zeuge; als nach Proklamation der Räterepublik im Früh¬ jahr 1919 der weiße Terror losbricht, gehören Rilke und Hausenstein zu dem Kreis unabhängiger Linksintellektueller, die einen an verschiedenen Stellen veröffentlich¬ ten Aufruf zur Mäßigung und Gewaltfreiheit unterzeich¬ nen. Hausensteins 1921 erschienene, abstraktionskritische Abhandlung Kaiman oder Eine Geschichte vom Maler Klee und von der Kunst dieses Zeitalters wird später Rilkes ableh¬ nende Einstellung einer absoluten Kunst gegenüber, der der Verzicht auf jede außerästhetische Referenz konstitu¬ tiv ist, im Hinblick auf die Malerei der Moderne unter¬ mauern.

33. Rilke an Aretin, 20.7.1918

Handgeschriebener Briefkopf Reliquienkapsel: Zur poetologischen Relevanz dieses Mo¬ tivs bzw. einer für Rilke gültigen existenziellen Dimen¬ sion vgl. auch das Gedicht Der Reliquienschrein aus Der neuen Gedichte anderer Teil, KAI, S. 530. Der aktuelle Vor¬ gang war nicht zu ermitteln. 140

Bibliothek: Bayerische Staatsbibliothek, München. Siebmacher: Johann Siebmacher: Johann Siebmachers grosses und allgemeines Wappenbuch, Nürnberg 1855.

34. Aretin an Rilke, 21.7.1918

Maschinenschriftlicher Brief Privatbriefpapier mit gedrucktem Briefkopf, Großbuch¬ staben, Schrift im Antiquatypus: links »Dr. Erwein Frei¬ herr von Aretin«, darunter »Telephon 11133«, rechts »Solln bei München, den.19«, darunter »Ottilienstr. 20«, Datum maschinenschriftlich eingefügt Gaulle: Siehe Anmerkung zu Brief Nr. 23. Siebmacher: Siehe Anmerkung zu Brief Nr. 33. Faltins Klinik: Frauenklinik, wo Marianne Freifrau von Aretin am 15.8. 1918 ihren ersten Sohn Anton zur Welt brachte. Am 28. 12. stirbt Aretins Schwiegermutter. Eine ge¬ druckte Todesanzeige von »Ihrer Exzellenz / Anna Gräfin Belcredi geb. Reichsfreiin von Weiden [...]/ Gmunden, am 28. Dezember 1918« ohne Begleitbrief, mit handge¬ schriebenem

Briefumschlag

(Poststempel

unleserlich,

Anschrift: Herrn Rainer Maria Rilke/München/Ainmillerstr. 32/IV) ergeht an Rilke. Dies ist der letzte be¬ legte postalische Kontakt zwischen Aretm und Rilke vor der endgültigen räumlichen Trennung: Im Sommer 1919 reist Rilke in die Schweiz, Aretin zieht nach Neuburg an der Kammei in Schwaben.

35. Rilke an Aretin, 2.2.1920 Handgeschriebener Briefkopf Picard:

Dr. Max Picard (1888-1965), Arzt und Autor

kunstphilosophischer und physiognomischer Publikatio¬ nen, befreundet mit Wilhelm Hausenstein und seit 1918 zum Bekanntenkreis um Rilke und Aretin gehörig: »Mit Kassner zusammen [. . .] sehe ich zuweilen einen Dr. Pi¬ card, den einfachsten, rührendsten Menschen von der Welt« (RMR an Marie Taxis, 15.1.1918, TT, S. 534). Nach der Übersiedelung Picards ms Tessm war man sich im Winter 1919/1920 in Locarno wiederbegegnet, am 6. 1.1920 hatte das Ehepaar Picard Rilke in der Pension Muralto besucht. Für Picards Buch Der letzte Mensch (1921) setzt sich Rilke wiederholt in Briefen an Freunde und Verleger ein, nachdem er es in einem Brief an den Verfasser

sehr

gelobt

hatte

(vgl.

RMR

an

Picard,

19. 1.1921, in NWV, S. 443 f.; vgl. auch das Widmungsge¬ dicht Für Max Picard, KAII, S. 295). Gfn. Mirbach: Gräfin Marie Therese von Mirbach-Geldern-Egmont, geh. Gräfin Hoyos (1883-1967), mit Rilke seit 1919 bekannt und bis 1924 in sporadischem Briefkon¬ takt (Briefe teilweise veröffentlicht in GBII, Herausgabe durch Hildegard Heideimann, Würzburg, in Vorberei¬ tung). Wohnsitz der Familie Mirbach ist Schloß Roggen¬ burg/Oberschwaben in unmittelbarer Nachbarschaft von Neuburg an der Kammei. Wie sehr ist Spanien [. . .] »Umkehr« nennt: Anspielung auf eine komplexe Chiffre aus Kassners Aphorismensamm¬ lung Aus den Sätzen des Yogi (1911), auf die Rilke in wechselnden epistolarischen und poetischen Kontexten immer wieder zu sprechen kommt und die er in abgewan142

delter Form als Motto dem programmatischen Gedicht Wendung vom Sommer 1914 (KAII, S. 100) voranstellt: »Der Weg von der Innigkeit zur Größe geht durch das Opter«. An der Schnittstelle zwischen Phänomenologie des mittleren Werks und innerem Erlebnisraum des Spät¬ werks hat auch der Aphorismus selbst programmatischen Charakter, insofern er Rilkes dichterisches Selbstver¬ ständnis reformuliert: Bedingung künstlerischer »Größe« und dafür, erfahrbare Welt in einem umfassenden Sinn in Sprache zu transformieren, ist »der Verzicht auf umfas¬ sende Lebensteilhabe« (Engel, KAII, S. 505), d. h. Distan¬ zierung von einer »Innigkeit« genannten Position der im¬ manenten Unmittelbarkeit ohne kategoriale Trennung zwischen >Innen< und >Außenmacht

süßRilke und Rodin< vgl. Rainer Maria Rilke / Auguste Rodin: Der Briefwech¬ sel. Hrsg, von Rätus Luck. Frankfurt am Main und Leip¬ zig: Insel 2001; ausführliche bibliographische Angaben im Anhang. jener Ellipse »Leben«: Zu Etymologie, Bedeutung und Funktion der Ellipsen-Metapher im Kontext von Rilkes Astronomie-Rezeption vgl. Nachwort, S. 200.

40. Rilke an Aretin, i. 5.1921

Vorveröffentlichung in: Rainer Maria Rilke: Briefe aus den fahren 1914 bis 1921. Hrsg, von Ruth Sieber-Rilke und Carl Sieber. Leipzig: Insel 1938. Das Schreiben ist dort ungekürzt in modernisierter Orthographie wiedergege¬ ben. Handgeschriebener Briefkopf 149

die gestern abend eingetroffene Anzeige: Am 29.4. 21 (Datum aufgrund des Poststempels festgestellt) ergeht eine ge¬ druckte Todesanzeige von »Seiner Exzellenz / Freiherrn Anton von Aretin / [. . .] München, Adldorf, Neuburg a. d. Kammei, Schramberg, den 27. April 1921«, ohne Be¬ gleitbrief mit handschriftlichem Briefumschlag (schwarz¬ umrandet, Anschrift: Herrn Rainer Maria Rilke/Berg am Irchel/Kanton Zürich/Schweiz) an Rilke. Ihre Mutter: Maria Freifrau von Aretin, geb. Prinzessin von der Leyen (1857-1934). ronde-bosse: Bezeichnung für eine Technik aus der Goldschmiedekunst, »bei der vollrunde Gegenstände, z. B. Schmuckstücke oder Dosen aus Gold bzw. Silber, mit transluzidem Email überfangen werden«. Gegenbegriff zur sogenannten En-plein-Emaillierung flacher Objekte (nach Peter W. Hartmann:

Kunstlexikon, Wien: Hart¬

mann 1996).

41. Aretin an Rilke, 30. 5.1921 Maschinenschriftlicher Brief auf schwarzumrandetem Pa¬ pier, maschinengeschriebener Briefkopf Beilage: schwarzumrandeter Briefumschlag, Poststempel unleserlich. Anschrift: (maschinenschriftlich) Herrn Rainer Maria Rilke/Schloß Berg am Irchel/Kanton Zürich/Schweiz (nachgesandt: Le Pneure/Etoy/Vaud) Besprechungen mit meinem Bruder: Karl Freiherr von Aretin (1884-1945). Heirat

meiner

Schwester:

Siehe Anmerkung zu Brief

Nr. 38. Gräfin Mirbach: Siehe Anmerkung zu Brief Nr. 3 5. 150

42. Rilke an Aretin, 29.12.1921 Privatbriefpapier mit gedrucktem Briefkopf, Großbuch¬ staben, Schrift im Antiquatypus: rechts »Chateau de Muzot«, darunter »sur Sierre« (handschriftlich unterstrichen), darunter »Valais«; darunter handschriftliche Datumsan¬ gabe Beilage: Postkarte, bedruckt mit einer Photographie von Muzot, umseitig von Hand mit folgendem Text beschrie¬ ben: »Daten: / Ein Mädchen, geboren etwa zwei Weg¬ stunden hinter Bremen; / imjahre 1901; / am 12. Dezem¬ ber; / etwa zehn Minuten nach ein Uhr, nachmittags« in diesem kleinen Manoir: Nach einer unsicheren Zeit der Suche

nach

dem

angemessenen

»Elegien-Ort«

hatte

Rilke im Juni 1921 durch Zufall das Schloß Muzot ober¬ halb Sierre im Kanton Wallis entdeckt, einen kleinen Wohnturm aus dem 13. Jahrhundert. Schwierigkeiten er¬ gaben sich aus dem Zustand des Gebäudes — es war weder mit sanitären Anlagen noch mit elektrischer Beleuchtung ausgestattet — und aus einer Mietdauer von mindestens drei Monaten. Schließlich mietete Nanny Wunderlys Cousin Werner Reinhart Muzot und überließ es Rilke zur Untermiete, der von Juli 1921 bis zu seinem Tod 1926 mit Unterbrechungen in Muzot lebte. Zur Ortsbeschrei¬ bung

vgl.

RMR

an

Marie

Taxis,

25.7-

TT,

S. 674 ff. das heute mitfolgende kleine Vorwort: Rilkes preface d Mitsou, vgl. Anmerkung zu Brief Nr. 37. eine Unterkunft für mich finden ließe: Auch hier muß auf eine lückenhafte Überlieferung der Korrespondenz ge¬ schlossen werden, da Rilke am 20. 3. 1922 auf eine Reak¬ tion Aretins anspielt, zu der kein Schreiben erhalten ist.

»Was Erwein Aretin angeht, oh diese Schlösser, die er für mich >im Auge hat< —, die wollen nichts bedeuten; sie stö¬ ren ihn keineswegs in der Aufnehmung anderer Gegen¬ stände, - sie sind vorläufig vollkommen durchlässig.« (RMR an Nanny Wunderly, NWV, S. 721) ein merkwürdiges Horoscop [. . .] aufgestellt zu haben: Vgl. Anmerkung zu Brief Nr. 27. die mitfolgenden Daten eines jungen Mädchens: Siehe Bei¬ lage; es handelt sich um Rilkes Tochter Ruth.

43. Rilke an Aretin, 9.2.1922 Handgeschriebener Briefkopf Was das Resultat angeht: Zurückhaltender äußert sich Rilke Nanny Wunderly gegenüber, der er in den vergan¬ genen Wochen wiederholt von Zweifeln und Skepsis be¬ züglich ihres holländischen Astrologen Randolph Roxroy (2.1. 1922, 11.1.1922 und 15. 1.1922, NWV, S.636, 637, 648) geschrieben hatte: »Noch eine Beilage: ein Horo¬ skop Ruths! Ich bat meinen Freund, Baron A., den Astro¬ nomen, einmal eins zu versuchen, leider hat er errathen, daß es sich um Ruth handeln möchte, was nun, unwill¬ kürlich, einschränkend für seine Aussprache geworden ist. - Sie sehen, es fehlt auch hier nicht an - unvereinten, wenngleich zuletzt vielleicht nicht unvereinlichen - Wi¬ dersprüchen.« (3.3.1922, NWV, S.689) Das von Aretin erstellte Horoskop sowie ein entsprechender Begleitbrief, aus dem hervorgeht, daß Aretin die Zielperson erraten hatte, ist nicht erhalten. die große Welle Arbeit: Häufiger als Wassermetaphern ver¬ wendet Rilke das Bild des »Sturms« oder »Orkans« (RMR an Anton Kippenberg, 9.2.1922, AKII, S.256, RMR an 152

Marie Taxis, 11.2. 1922, TT, S. 698, RMR an Lou Sa¬ lome, 11.2. 1922, LAS, S. 444) zur Bezeichnung der inten¬ siven Arbeitsphase zwischen erstem und elftem Februar 1922, in der die Sonette an Orpheus sowie die siebente, achte, neunte, sechste und zehnte Duineser Elegie entstehen — bevor am 14. Februar die spätere fünfte Elegie niederge¬ schrieben wird, was der Dichter als »strahlenden NachSturm« (RMR an Nanny Wunderly, 15.2. 1922, NWV, S. 672) erlebt. die thatsächlichste Nachricht Ihres guten

Schreibens: Am

11. 11. 1921 war Louis v. Aretin (f 1945) geboren worden, vgl. Anmerkung zu Brief Nr. 38. Ihre Meinung über »Mitsou«: Siehe Anmerkung zu Brief Nr. 37. Aus den Anspielungen läßt sich zusammenfassend rekon¬ struieren, daß das fehlende Schreiben Aretins Ruths Ho¬ roskop, die Identifikation der Zielperson, die Mitteilung über die glückliche Geburt des zweiten Sohnes und Posi¬ tives zu Mitsou enthalten haben muß.

153

Nachwort Astronomie und Dichtung

»Denn um ein Horoskop erstellen zu können muß man zunächst einmal ein Astronom erster Güte werden . . .« Joris-Karl Huysmans, La-Bas, 1891, S. 322

Der Briefwechsel zwischen Rilke und Aretin ist das Do¬ kument einer facettenreichen Freundschaft zwischen ei¬ nem Dichter und einem Astronomen in der Epoche des Ersten Weltkriegs. In den Münchner Jahren wird der schriftliche Dialog nur diskontinuierlich gepflegt; man trifft sich schlicht zu häufig, um lange Briefe auszutau¬ schen. Später, nach dem Wegzug der Beteiligten, setzt sich das Briefgespräch als lockere Folge von Einzelbriefen bis in die Tage des >Elegiensturmes< Frühjahr 1922 fort. Dabei könnten die Interessen beider Partner am freund¬ schaftlichen Austausch nicht unterschiedlicher sein: Aretms Briefe enthalten u.a. Überlegungen und Spekulatio¬ nen zu politischem Tagesgeschehen, Gesellschaftsstruktur und Mediensituation im Rang kulturpolitischer Essayistik und reflektieren dabei die konservativ-monarchistische Perspektive des Adels, eine Perspektive, die mit der Men¬ talität des pazifistischen Dichters Rilke empfindlich kol¬ lidiert. Rilkes Schreiben dagegen ist - wie nicht selten bei ihm - u. a. von der vermuteten gesellschaftlichen Handlungsmacht des Adressaten her motiviert, der sei¬ nen Einfluß für mancherlei existentielle Bedrückung des Freundes bzw. für engagierte Hilfsprojekte Rilkes gel¬ tend machen sollte. So gehört Aretin zu dem Kreis von

154

Helfern im Kampf gegen den drohenden Kriegsdienst und wird ferner wie manch anderer mit der Aufgabe be¬ traut, dem unbehausten Europareisenden zu einer Bleibe zu verhelfen, die Rilkes Bedürfnis nach Exklusivität und kultureller Authentizität entgegenkommt. Ferner präsen¬ tieren Rilkes Briefe, wie so häufig, monologische Refle¬ xionen über Häuser, Orte, letztendlich Exkurse über die eigene Identität und die Bedingungen künstlerischen Schaffens. Bei einem immensen Briefwerk von weit über ioooo Briefen finden sich allerdings wesentlich umfang¬ reichere und bedeutsamere Korrespondenzen mit solch rilketypischen Reflexionen in ästhetisch vollkommener Gestaltung, ausführlich kommentiert und interpretiert von den jeweiligen Herausgebern. Deshalb soll hier nicht weiter auf diese Aspekte eingegangen werden, ebensowe¬ nig auf Aretins kenntnisreiche Einlassungen, obwohl sie dem historisch Interessierten reichlich Stoff zum Nach¬ denken bieten. Denn das ist noch nicht alles. Mit dem Thema >Astronomie< ist ein kulturelles Feld an¬ gesprochen, das weit in die Ideen- und Sprachgeschichte der Moderne hineinreicht und neue Ausblicke auf Rilkes poetisches Schaffen eröffnet. Ungeachtet der Tatsache, daß astronomische Inhalte in den Briefen kaum explizit thematisiert werden, statt dessen eine Vielzahl eher alltäg¬ licher Themen, kann diejenige Wissenschaft, die für Rilke »im Spiel [ist], auch wo wir sie scheinbar daraus las¬ sen« (1.4. 1915), doch als >Initialzündung< und prägendes Element der vorliegenden Korrespondenz und Freund¬ schaftsbeziehung betrachtet werden: dem gemeinsamen Interesse an Astronomie verdankt sich anfangs ein intensi¬ ver persönlicher Umgang der beiden Freunde, man be-

155

treibt zusammen astronomische Studien,1 Rilke setzt sich unter Anleitung Aretins mit höherer Mathematik aus¬ einander und spricht auch in späteren Jahren noch von »meinem Freund, dem Astronomen«.2 Für den Dichter, der seit dem Stundenbuch immer wieder auf die Sterne zu sprechen kommt, hat diese Thematik weitreichende ästhetische und poetologische Dimensionen: in der Bilderwelt des lyrischen Spätwerks spielen kosmologische Figuren eine zentrale Rolle. Deshalb erscheint es sinnvoll, diesen Aspekt der Korrespondenz mit Aretin in den Mit¬ telpunkt des Interesses zu stellen. War die Einleitung die¬ ses Bandes vor allem dem Briefpartner gewidmet, so soll sich das Nachwort auf Rilkes Auseinandersetzung mit der Astronomie konzentrieren. Das Ziel ist, historische Voraussetzungen, zeitgenössische Kontexte und spezi¬ fisch ästhetische Funktion dieser Auseinandersetzung zu klären, so daß Folgendes erkennbar wird: wie bewältigt ein moderner Autor in der Epoche postmetaphysischer Orientierungslosigkeit die zeittypische Spannung zwi¬ schen Irrationalismus und Szientismus, zwischen Wissen¬ schaftsskepsis und Wissenschaftsgläubigkeit, wie macht er diese Spannung im Hinblick auf seine eigene poetische Produktion fruchtbar? Was bedeutet es, wenn sich Rilke zum Auftakt der Aretin-Korrespondenz vom Gespräch über Astronomie »Arbeit und Fortschritt« (8.2. 1915) er¬ wartet? Um diese scheinbar einfach klingende Frage zu beantworten, bedarf es eines längeren Exkurses in die Ideengeschichte der Moderne.

1 Vgl. Rilke an Karl v. d. Heydt, 22.3.1915, KEH, S. 199. 2 Zum Beispiel RMR an Nanny Wunderly, 3.3. 1922, NWV, S. 689.

156

i. Das historische Bezugsproblem

Der Siegeszug der Naturwissenschaften, der in der zwei¬ ten Hälfte des 19. Jahrhunderts eingesetzt hatte, führt um 1900 zu einer radikalen Umstellung gesellschaftlicher und kultureller Orientierungsstrukturen. Tradierte religiöse oder metaphysische Weltdeutungsmodelle weichen einem allgemeinen Immanenzdenken, das auf der Basis von Po¬ sitivismus und Empirie mechanische Kausalität gegen naturphilosophische Teleologie setzt. Der ganzheitliche Weltzusammenhang geht verloren; an seiner Stelle bieten die sich rasch ausdifferenzierenden Einzeldisziphnen le¬ diglich Detailerkenntnisse in Bereichen, die der konkre¬ ten sinnlichen Erfahrung nicht mehr zugänglich sind. Wird die Onentierungsproblematik der Epoche ganz all¬ gemein auf die Leitbegriffe >DifferenzierungAnonymisierung< und >Abstraktion< hm ausgerichtet, kennzeich¬ nen diese Tendenzen insbesondere die Befindlichkeit der Naturwissenschaften. Zwar stärkt die Ausdehnung des Forschungsbereiches in die unendlichen Dimensionen von Makro- und Mikrokosmos durch Quanten- und Atomphysik, Zellbiologie und Genetik das kollektive Identitätsgefühl, doch macht die wachsende Entsinnlichung und Unanschaulichkeit den naturwissenschaft¬ lichen Diskurs für Laien immer schwerer zugänglich. Was vormalig sinnlich überprüfbar war, verdankt sich jetzt ausschließlich technischen Messungen, abstrakten Be¬ rechnungen und Formeln. Dies gilt nicht nur für die Leit¬ disziplinen Physik und Biologie, sondern - gerade im Hinblick auf die Unendlichkeit des Makrokosmos - auch für die Astronomie. Neue Techniken wie Photometrie 157

und Spektralanalyse verdrängen eine ausschließlich me¬ chanistische Himmelskunde und ihren ursprünglichen Aufgabenbereich, die Erforschung der Planetenbewe¬ gung, und werfen Fragen auf, die bisher als unbeant¬ wortbar galten: wie ist die stoffliche Beschaffenheit der Himmelskörper? Woraus sind sie entstanden? Da die Ma¬ terialität der Sterne nicht wahrgenommen, sondern nur aus physikalischen Daten abgeleitet werden kann, kommt es auch in der Astronomie zu einem Paradigmen Wechsel. Mittelbarkeit, Mathematisierung und Abstraktion ver¬ wandeln die Sternenkunde zunehmend von der anschau¬ lichen teleskopischen Beobachtung in eine modellbildende Laborwissenschaft. Die Reaktionen im allgemeinen Bewußtsein lassen sich grob in Wissenschaftseuphorie und Wissenschaftsskepsis unterteilen, doch zeigt sich bei näherer Betrachtung, daß diese scheinbar kontrastierenden Positionen zwei Varian¬ ten ein und des gleichen Leidens darstellen; seine Kardi¬ nalsymptome sind Unbehagen an Versachlichung und Mathematisierung, postmetaphysische Orientierungslo¬ sigkeit und Sehnsucht nach dem verlorenen Ganzen. Die Leitdiskurse der Epoche - Naturwissenschaft und Tech¬ nik - formulieren Grundfragen von Erkenntnis und Exi¬ stenz auf so radikale Weise neu, daß der bislang gültige Realitätsbegrift'in Frage gestellt wird. Das führt zu funda¬ mentaler Verunsicherung, aber auch zu Lösungs- und Be¬ wältigungsmodellen.

158

2. Szientismus versus Spiritualismus

Die beiden wichtigsten Lösungsversuche lassen sich ver¬ einfachend mit >Szientismus< versus >Spiritualismus< über¬ schreiben und suggerieren einen Gegensatz, der sich bei näherer Betrachtung auflöst: zwar wird das historische Bezugsproblem aus unterschiedlichen Richtungen in den Blick genommen, nämlich von den oben genannten Posi¬ tionen >Wissenschaftseuphorie< bzw. >Wissenschaftsskepsis< aus, doch die Lösungen zeigen deutliche Parallelen bzw. Überschneidungen. Diese Schnittstellen sind für Rilke und Aretin von entscheidender Bedeutung - der eine verortet hier sein Wissenschaftsverständnis, der an¬ dere seine Poetologie. Noch wichtiger allerdings ist fol¬ gendes: die Astronomie ist nicht nur gemeinsamer Inter¬ essenschwerpunkt der beiden Freunde, vielmehr markiert sie ganz allgemein die angesprochene Schnittstelle zwi¬ schen Szientismus und Spiritualismus, insofern sie einen breit anschlußfähigen Bildervorrat zur Verfügung stellt und zum sprachlichen Bindeglied zwischen beiden Posi¬ tionen wird. Wie kommt es zu dieser Vermittlungsfunktion? Was vereinfachend mit >Szientismus< betitelt wurde, birgt komplexe kulturelle Wechselverhältnisse: Die Spannung zwischen Wissenschaftsgläubigkeit auf der einen und hochspezialisierten, unzugänglichen Fachsprachen auf der anderen Seite bringt dasjenige Phänomen hervor, was un¬ ter dem Schlagwort >Wissenschaftspopularisierung< um 1900 in der pädagogischen, naturwissenschaftlichen bzw. gesellschaftlichen Literatur außerordentlich Konjunktur hat. Es wird versucht, auf dem Weg der Umdeutung 159

Abstraktes sinnlich zugänglich zu machen, ihm unter Umständen gar eine ästhetische Qualität abzugewinnen und mechanisch ablaufende, kontingente Naturprozesse künstlich zu harmonisieren und teleologisch zu überfor¬ men. Ziel solcher Operationen ist die Überführung wis¬ senschaftlichen Denkens in eine allgemein zugängliche und gültige wissenschaftliche Weltanschauungmomstischen Bewegung< in eine pseudowissenschaftliche Immanenzreligion ver¬ wandeln. Analogie- und Alleinheitsdenken prägen den äußerst vielgestaltigen biologischen Monismus, der zwar wissenschaftlich antritt, sich aber schließlich als Gegen¬ entwurf erweist: Die Monisten suchen den reinen Szien¬ tismus durch harmonisierende und ästhetisierende Na¬ turauslegung zu überbieten, spielen den Gedanken der Allbeseelung gegen materialistische Beschränkungen aus und verkünden mit messiamscher Emphase die neue »Re¬ ligion sowohl der Wissenschaft wie der Entwicklung« (Nipperdey: Arbeitsweit und Bürgergeist, S. 509). Ein Überblick über die inflationäre (pseudo)wissenschaftliche Populärliteratur der Epoche zeigt die Reichweite dieser Anverwandlungen: vom wunderbaren Mikrokosmos des Wassertropfens, der auch dem Laienmikroskop zugäng¬ lich ist, über Pflanzen- und Tierseelen bis zur Evolution 160

von Menschen, Gesteinen oder Gestirnen wird alles in den Blick genommen, was Naturwissenschaftler und Evolutionstheoretiker umtreibt. Das Stichwort >Gestirne< ist gefallen: neben den aufgelisteten Leitdisziplinen sticht die Bevorzugung einer neu expandierenden Wissenschaft ms Auge — die der Astronomie. Zahlreiche Monogra¬ phien, populärwissenschaftliche Zeitschriften und nicht zuletzt die Gründung der zukünftig führenden populär¬ wissenschaftlichen Bildungsanstalt unter astronomischer Federführung, der Gesellschaft »Urania« in Berlin, bele¬ gen einen Befund, der sich im Hinblick auf das historische Bezugsproblem gut interpretieren läßt. Die Evolutions¬ theorie ersetzt eine sich auf Gott berufende teleologische Schöpfungsordnung, in der der Mensch eine externe Stellung innehatte, durch ein Modell, das letzteren als im¬ manenten Endpunkt einer Höherentwicklung der Arten versteht. Mit dem Wegfall einer göttlichen Schöpfungsin¬ stanz, deren Abbild der Mensch war, kommt auch dessen Sonderstatus abhanden. Das neu entstehende Verortungsproblem läßt sich über einen Wechsel der Perspektive re¬ gulieren — die Astronomie ebnet dafür den Weg. Anstelle des vormaligen Bezugs zum transzendenten Schöpfer tritt der Bezug zum Weltall, zu den Sternen. War der Mensch in der metaphysischen Weltordnung klein im Angesicht Gottes, ist er jetzt klein im Angesicht der Sterne, die - so hat man den Eindruck - den vormali¬ gen transzendenten Bezugspunkt ersetzen. Das All der Himmelskörper, populärwissenschaftlich anthropomorphisiert und subjektiviert, ermöglicht neu die Einord¬ nung des entfremdeten Menschen in unübersichtlich ge¬ wordene kosmische Gesamtzusammenhänge. Wer wie die 161

Monisten die Naturwissenschaften unter dem Signum der Allemheit zur neuen Religion ausrufen will, braucht — das All; ein All, das allgemein verständlich und in die wissen¬ schaftliche Weltanschauung! integriert ist. Entsprechend breit ist auch das Spektrum möglicher Funktionalisierungen bzw. Ideologisierungen der Astronomie durch Popularisierer unterschiedlichster Observanz und reicht vom nachmetaphysischen Theismus, der die Astronomie als höchsten Ausdruck schöpferischer Kraft versteht, bis zu einer Strategie der Projektionen und Anthropomorphisierungen, die das beliebte Thema der Sternenevolution zum politischen Manifest des

Repubhkanismus

aus¬

baut.1 Das religiöse Vakuum soll offensichtlich durch eine Spirituahsierung von Naturwissenschaft kompensiert werden, wobei Kosmologie an die Stelle von Transzendenz rückt. Mit umgekehrter Logik, allerdings ganz ähnlicher Ziel¬ setzung, operiert die konkurrierende Position, die sich, wissenschaftsskeptisch bis -feindlich, als Tendenz zu außerkirchhcher Esoterisierung und Spiritualisierung be¬ zeichnen läßt. Irrationales Einheitsdenken kennzeichnet beide, die >Wissenschaftssekten< monistischer Provenienz und all die »apokalyptischen und okkultistischen Bewe¬ gungen, Endzeitsekten und spiritistischen Zirkel« (Linse: Geisterseher und Wunderwirker, S. 13), die sich um 1900 vornehmlich in den Metropolen ausbreiten und auf die eschatologische Dimension verweisen, die der kollektiven Wahrnehmung der Jahrhundertwende eignet. Das Spek¬ trum esoterischer Angebote, vom Spiritismus du Preis bis 1 Wilhelm Meyer: Die Lebensgeschichte der Cestime in Briefen an eine Freundin. Eine populäre Astronomie der Fixsterne, Leipzig: Hermann Haacke 1898, S. 125 f.

162

zur theosophischen Lehre der Madame Blavatsky, vom gnostischen Hermetismus Eliphas Levis’ bis zur Mythen¬ bildung des Münchner Kosmikerkreises, übernimmt in seiner Gesamtheit die Funktion »einer flexibilisierten Theologie und Lebenslehre, die gerade nicht auf Tradi¬ tion, sondern auf die Beschleunigung der Moderne hin angepasst ist« (Gruber: Erfahrung und System, S. 19). Ex¬ emplarisch soll der geheimwissenschaftliche Diskurs herausgegnffen werden, da sich hier Überschneidungen mit der wissenschaftlichen Weltanschauung< besonders gut dokumentieren lassen und sich der Kontrast zwischen Szientismus und Spiritualismus als scheinbarer erweist. Während Carl du Prel, Begründer des deutschen Spiritis¬ mus und Okkultismus, einerseits die Parapsychologie zur empirisch arbeitenden Naturwissenschaft erklärt, anderer¬ seits sein magisches, den Leib-Seele-Dualismus überwin¬ dendes Ideengebäude als >Momsmus< bezeichnet, werden auch im Lager der monistischen Wissenschaftspopularisierer die Grenzen unscharf; hatte Haeckel, der emphatische Verkünder der »monistischen Religion«, noch streng ma¬ terialistisch argumentiert, gerieten die ästhetischen Insze¬ nierungen des Giordano-Bruno-Bundes unter Ägide der Friedrichshagener Altnaturalisten Wille und Bölsche zur pantheistischen Naturfeier, zur Synthese aus Natur und Kunst. Im Liebesieben in der Natur Bölsches schließlich sind die Übergänge zwischen märchenhaft erzählter Fort¬ pflanzungsbiologie und mystischer Einheitsschau flie¬ ßend; aus Bölsches Feder stammt auch einer der ersten deutschen magischen Romane, Die Mittagsgöttin, basie¬ rend sowohl auf den Naturwissenschaftlichen Grundlagen der Poesie als auch auf Parapsychologie und Theosophie. 163

Die Antwort auf das historische Bezugsproblem scheint prototypisch von denjenigen >Ersatztotalitäten< geleistet, die wissenschaftliche Naturkausalität und antimaterialisti¬ sches Ganzheitsdenken auf wundersame Weise integrie¬ ren. Die irritierende Kluft zwischen physikalischer und immaterieller Welt soll überbrückt werden, weshalb Na¬ turwissenschaft als Religion und Parapsychologie als Naturwissenschaft verstanden sein will. Entsprechend kommt es zur Ausdifferenzierung eines einheitlichen Vo¬ kabulars: in der vagen Rede von »Kosmos«, »Kraft«, »Geist«, »Beseelung« und »Einheit«, ferner einer Nomen¬ klatur der Verrätselung, von den >Geheimwissenschaften< der Parapsychologie, von du Preis spiritistischer Grundla¬ genschrift Das Rätsel des Menschen (1892) und Rudolf Steiners

Von Seelenrätseln (1917) bis zu den

Haeckels (1899) und den

Welträtseln

Naturgeheimnissen

Bölsches

(1906) reichend, dokumentiert sich die funktionale Ver¬ wandtschaft scheinbar verschiedener Ansätze.

3. Astronomie als semantisches Bindeglied

Und die Astronomie? Sie ist das Bindeglied, das nicht nur einen nachmetaphysischen Orientierungsrahmen liefert, sondern auch den passenden Bildervorrat tur den Wandel religiöser Semantik. Die Rede von Sonnen, Planeten, Milchstraßen, Fixsternen und Meteoriten, ferner von technischen Innovationen wie dem Teleskop steckt im¬ mer wieder Reichweite und Bezugsrahmen der jeweili¬ gen Spekulationen beider Lager ab; im populärdarwimstischen Denksystem Bölsches herrscht eine Rhetorik der 164

Übertreibung, deren Superlative u. a. aus astronomischem Vokabular stammen. Bezeichnen die gerne aufgerufenen »Jahrnhllionen« einen in abstrakte Dimensionen ausge¬ dehnten Zeithorizont, bildet das All der Himmelskörper den unendlichen Raum materieller Phänomene. Ferner tragen astronomische Metaphern über Analogiebildun¬ gen zwischen Mikro- und Makrokosmos zur Konstitution eines hohstischen Weltbildes bei, dem Alleinheit in der Vielheit wesentlich ist; als Beispiel seien Bölsches Verglei¬ che zwischen unbefruchteter Eizelle und diversen Plane¬ ten bzw. befruchteter Eizelle und Sonne erwähnt.1 Astronomische Bilder kennzeichnen gleichermaßen den erzählerisch-emphatischen Stil von du Preis parapsycho¬ logischen Programmschriften Das Rätsel des Menschen (1892) und Der Spiritismus (1893). Einerseits markieren sie den unendlichen Raum des immateriellen Organisations¬ prinzips >SeeleKunst< auf die Naturwissenschaften reagiert. Daraus ergibt sich die Frage, welcher Stellenwert der Kunst überhaupt im konkurrierenden Ideenspektrum rationaler oder irrationaler Weltzugänge, Sinnstiftungsan¬ gebote und Totalitätssubstitute zugeschrieben wird. Wo 166

hat sie ihren Ort zwischen Szientismus und Spiritualis¬ mus ? Die Antwort ist eindeutig: es geht um die Superiorität von Kunst respektive Dichtung, es geht darum, Naturwis¬ senschaften und Religion poetisch zu überbieten - durch »Mythologie, Schau und Intuition« (Nipperdey: Arbeits¬ welt

und

Bürgergeist,

S. 678).

Dabei

setzt sich

der

ästhetische Diskurs um 1900 intensiv mit Wissenschaft und Esoterik auseinander, wobei verschiedene Möglich¬ keiten durchgespielt werden: zum einen besinnt sich Dichtung auf ihr autonomes Schöpfungspotential und ruft als Attacke gegen wissenschaftsorientierte Daseinsab¬ bildung eine ästhetizistische Gegenwelt des reinen Selbst¬ bezuges aus. Paradebeispiel für künstliche Gegenwelten und für explizite Wissenschaftsfeindlichkeit ist Stefan George und sein Kreis. Zum anderen — und das ist auch für Rilke von Bedeutung - gehört es zum Selbstverständ¬ nis zeitgenössischer Literatur, Naturwissenschaft in Dich¬ tung einzubinden; mit dem Ziel, das Neuartige und Fremde im Binnenraum poetischen Sprechens einzuord¬ nen, umzudeuten und in Schranken zu verweisen. Dies hat eine doppelte Funktion: Unanschauliche, sinnlich kaum greifbare Gegenstände werden poetisch verfügbar gemacht, und zugleich wird die Deutungshoheit von Dichtung restituiert. Rilke, der sich ebenso wie sein Freund Rudolf Kassner der Mathematik zuwendet und der für sein Spätwerk auf das kosmologische Vokabular der Astronomie zurück¬ greift, ist hier kein Einzelfall. Vielmehr kennzeichnet ein Gestus akribischer Wissenschaftlichkeit zahlreiche Auto¬ ren der nachnaturalistischen Periode; Hermann Broch ist 167

studierter Mathematiker, Thomas Mann integriert medi¬ zinische Kenntnisse systematisch in sein literarisches Werk und zitiert im Zauberberg wörtlich aus Lehrbüchern der Biologie, nicht zu vergessen die weit über den schieren Positivismus hinausgehende Weitsicht des Mathemati¬ kers Ulrich, des »Mannes ohne Eigenschaften«. Simultan tendiert das >System Kunst< in Bereiche »vagierender Religiosität« (Nipperdey: Arbeitswelt und Bürgergeist, S. 521 ff.), spielt mit Formen neuer Mystik und Esoterik und setzt sich mit den >Parawissenschaften< Okkultismus und Spiritismus auseinander. Besonders die Parapsycho¬ logie wird zur ganzheitlichen Sinnstiftungsinstanz, der sich zahlreiche Künstler andienen: neben Thomas Mann, Däubler, Hille und den Frühexpressionisten ist es vor al¬ lem die Prager Literaturszene um Meyrink, Willi Haas, Kafka, Werfel, Brod und Kornfeld, die in spiritistischen Zirkeln verkehrt. In der bildenden Kunst läßt sich eine deutliche Verbindungslinie zwischen Okkultismus und Avantgarde nachzeichnen, die vom graphischen Werk Redons über Kandinskys Schrift Über das Geistige in der Kunst bis zu Max Ernst, Gauguin und Malewitsch reicht. Auf die Nähe zwischen literarischer Avantgarde und Spi¬ ritismus hat Baßler hingewiesen, insofern in der okkulten Praxis des >automatischen Schreibens< sowohl die für die Moderne konstitutive Verfremdung sprachlicher Ord¬ nung als auch ein Selbstverständnis des schreibenden Subjekts als »unmittelbar von der Primärwirklichkeit« inspiriertem und nicht auf tradierte Sprachmuster zu¬ rückgreifenden Kunstschöpfers gebahnt sei.1 Diese Ver1 Moritz Baßler: »Lehnstühle werden verrückt«. Spiritismus und emphatische Moderne: Zu einer Fußnote hei IVassily Kandinsky; in: Hofmannsthal-Jahrbuch 1, 1993.

168

bindung zwischen Inspiration, Prophetie und okkultisti¬ schen Motiven ist gerade für Rilkes brieflich konstruiertes und medialisiertes Selbstbild, ebenso wie für seine fiktionale Produktion, charakteristisch.1 Hochburg des deut¬ schen Spiritismus ist München, Heimatstadt des Reise¬ schriftstellers, Philosophen und Okkultisten Carl du Prel. Dem spiritistischen Zirkel des du-Prel-Schülers SchrenckNotzing gehört nicht nur der um exakte Wissenschaft¬ lichkeit bemühte Thomas Mann an, sondern auch der Astronom Erwein von Aretin.

5. Rilke — Biographisches

Genau an dieser für die Intellektuellen der Epoche cha¬ rakteristischen Schnittstelle zwischen Szientismus und Ir¬ rationalismus, genauer gesagt zwischen Monismus, Spiri¬ tismus und Astronomie, ist Rilke angesiedelt — sowohl was sein Selbstverständnis als Autor anbetrifft als auch im Hin¬ blick auf jenes reiche Ideenkaleidoskop, dem sich seine Poetologie verdankt. Bekannt ist, wie sich diese Poetologie unter dem Einfluß entsprechender Diskurse mehrfach wandelt; Elemente monistischen, okkultistischen und lebensphilosophischen Gedankengutes sind von der For¬ schung in Rilkes Werk identifiziert worden. Bekannt ist auch, daß Rilke sich intensiv mit dem Spiritismus ausein¬ andersetzt.2 Diese Beschäftigung reicht von der frühen 1 Zum automatischen Schreiben als Element der Malte-Poetologie vgl. Martina Wagner-Eglhaaf: Mystik der Moderne, Stuttgart: Metzler 1989, Kapitel III. 2 Zu Rilke und Monismus vgl. Monika Fick: Sinnstiftung durch Sinnlichkeit. Moni¬

stisches Denken um 1900, in: Gotthard Fuchs und Manfred Koch (Hrsg.): Ästhetische

169

Lektüre zweier Schriften du Preis (Der Spiritismus und Das Rätsel des Menschen, 1897) und kurzer Korrespon¬ denz mit dem Okkultisten bis zur Teilnahme an mehreren Seancen in Duino 1912, für deren minutiöse schriftliche Dokumentation Rilke verantwortlich zeichnet. Selbst dem Baron Schrenck-Notzing ist Rilke — so geht aus der hier vorliegenden Korrespondenz hervor (vgl. Brief Nr. 27) - im Umfeld von Alfred Schüler persönlich be¬ gegnet, nachdem der Aristokrat seit 1913 wiederholt in Briefen an Marie Thurn und Taxis Erwähnung findet. Trotz

des pejorativen

Etiketts

»Geisterzucker«1

hatte

Rilke, zwischen Skepsis und Hinwendung schwankend, die publizistischen Aktivitäten des Okkultisten stets mit Interesse verfolgt, seine eigene spiritistische Praxis aller¬ dings auf die Dumeser Seancen beschränkt. Wie nun der Stellenwert der Naturwissenschaften in die¬ ser zeittypischen Gemengelage einzuschätzen ist, wurde bisher kaum diskutiert. Zu augenfällig dominieren philo¬ sophische, esoterische und ästhetische Diskurse Rilkes li¬ terarisches CEuvre, sieht man vom Biologismus des Malte und dem spekulativ-physikalischen Konzept des Aufsatzes Ur-Geräusch

(1919) einmal ab. Der vorliegende Brief¬

wechsel kann diese Leerstelle füllen. Er liefert den Beweis, daß der Dichter durchaus um Rezeption naturwissen¬ schaftlicher Gegenstände wie Astronomie und Mathema¬ tik unter professioneller Anleitung bemüht war, daß mit und religiöse Erfahrungen der Jahrhundertwenden, Teil II, Paderborn: Schöningh 1998, S. 69-85, zu Rilke und Okkultismus vgl. Georg Braungart: Spiritismus und Literatur

um 1900, in: Ästhetische und religiöse Erfahrungen der Jahrhundertwenden, S. 85-93, zu Rilke und Lebensphilosophie vgl. Michael Kahl: Lebensphilosophie und Ästhetik: zu

Rilkes Werk 1902-1910, Freiburg i. B.: Rombach 1999. 1 RMR an Marie Taxis, 27.12.1913, TT, S. 343.

170

der Astronomie ferner genau jener Knotenpunkt der Ideengeschichte erreicht wird, an dem sich sprachliche Lösungsmöglichkeiten für das historische Bezugsproblem ergeben. Rilkes du-Prel-Lektiiren hatten beispielhaft vor¬ geführt, wie astronomische Termini zu Metaphern für esoterische Seelenräume werden können. Achtzehn Jahre später kommt es zur Begegnung mit Aretin, dem der Dichter die Entfaltung eines lange präformierten astrono¬ mischen Interesses verdankt: 1895 hatte der zwanzigjäh¬ rige Rilke die populärastronomische Schrift Urania des französischen Astronomen Camille Flammarion gelesen, später kommt er brieflich immer wieder auf den frühneuzeitlichen Astronomen Tycho Brahe zu sprechen, 1909 er¬ wähnt er Anton Kippenberg gegenüber die Wiederkehr des Halleyschen Kometen als mögliche Legitimation einer Schaffenskrise, »wenn ich dadurch nicht verdächtig würde, mich solcher siderischer Beziehungen zu rühmen«.1 Für Rilke, der als modernes Individuum alles über indivi¬ duelle Kontakte regelt, der ein >Netzwerk< von Freunden, Mäzenen und Jüngern nach dem Modell funktionaler Differenzierung über Europa spannt, ist 1915 auch wieder der persönliche Kontakt ausschlaggebend für die Ausein¬ andersetzung mit einem wirkmächtigen Themenbereich. Den bayerischen Baron kennzeichnen gleich drei Attri¬ bute, die für Rilke von Bedeutung sind: Aretin ist Natur¬ wissenschaftler, Aristokrat — was für Rilke auch aus ästhetischen Gründen relevant ist — und weist sich vor al¬ lem durch ein explizites Interesse an paranormalen Phä¬ nomenen und Geheimwissenschaften aus: er nimmt an 1 RMR an Anton Kippenberg, 7.8. 1909, AK 1, S. 167.

Seancen teil, berichtet von Geistererscheinungen und erstellt routinemäßig Horoskope für Verwandte

und

Freunde (vgl. Einleitung, S. 14). Beide Protagonisten des vorliegenden Briefwechsels par¬ tizipieren also an zwei für die Ideengeschichte der Epoche relevanten Diskursen, Astrononüe und Parapsychologie. Dementsprechend präsentiert die Korrespondenz eine Koppelung dieser Diskurse: der Funktionsbereich Aretins erstreckt sich für Rilke von wissenschaftlicher Astrono¬ mie und höherer Mathematik bis zur praktizierten Astro¬ logie, einer Disziplin, die um 1900 eng an Esoterik und Geheimwissenschaften angebunden wird. Auch die brief¬ liche Rede über Aretm ist von solcher Engführung ge¬ kennzeichnet; Marie Taxis identifiziert, als sie Rüke von ersten Gesprächen mit Aretm berichtet, den Begriff des Astronomen mit dem des »Geistersehers«, »mit dem wir von Aldebaran / meinem geheimnisvollen Lieblingsstern / und von leuchtenden Schatten sprechen«1 (vgl. Einleitung, S. 10). Die Rede vom »Geisterseher« ist insofern von zeitgenös¬ sischer Relevanz, als du Prel Kants aufklärerische Polemik gegen den Ahnherrn des Spiritismus Swedenborg, Träume eines Geistersehers, zum pro-okkultistischen Manifest um¬ deutet. Rilke, der nicht nur du Prel sondern vermutlich auch Kants Schrift kannte, hatte seinerseits bereits im Malte auf Swedenborg angespielt.2

1 Marie Taxis an RMR, 22.2. 1914, TT, S. 361. 2 Der Kammerdiener des alten Grafen Brahe, vertraut im Umgang mit Geistern wie das gesamte Personal aus Maltes Kinderwelt, »verbrachte die Sonntag-Nach¬ mittage damit, Swedenborg zu lesen«. Kommentierte Neuausgabe von 1997, Reclam, S. 126.

172

»Merkwürdige und geheimnisvolle Dinge«1 habe die Freundin erlebt, so empfindet dann auch Rilke die er¬ sten brieflichen Mitteilungen über den »Geisterseher« und übernimmt die begriffliche Zuschreibung der Für¬ stin in einem Brief an Sidonie Nädherny: Aretin sei ein »Geister- und Sternseher, dabei sehr hiesigen Blicks, kri¬ tisch, maßvoll und ausgeglichen [. . .]«2 Das von Rilke und Marie Taxis gebrauchte Vokabular des »Geheimnisvollem und »Seherischem indiziert eine Inte¬ gration der naturwissenschaftlichen Fachdisziplin in den Diskurs der Geheimwissenschaften, noch

bevor Rilke

Aretin und dessen spiritistische Neigungen persönlich zur Kenntnis genommen hatte. Was bedeutet das? Geht diese auffällige Engführung Astronomie/Astrologie/Geheim¬ wissenschaften nur aus individualbiographischen Über¬ einstimmungen hervor, oder ist sie möglicherweise ein überindividuelles Phänomen, gebahnt von der ideengeschichtlichen Situation der Moderne?

6. Astronomen als Geisterseher — aus der Kulturgeschichte von Astronomie und Astrologie

Bis ins 17. Jahrhundert werden Astronomie und Astrolo¬ gie als Doppelwissenschaft betrieben, da die wissen¬ schaftsgeschichtlichen Voraussetzungen für eine strikte Trennung - Umstellung der Astronomie auf rein empiri¬ sches und mathematisches Vorgehen, Abkehr von einer metaphysischen Hermeneutik des beobachteten Sternen1 RMR an Marie Taxis, 24.2. 1914, TT, S. 361 f. 2 RMR an Sidonie Nädherny, 22.7.1915; SNB, S.239.

173

himmels und vor allem die endgültige Durchsetzung des Heliozentrismus auch außerhalb der Fachdisziplin — vor¬ her nicht gegeben sind. Bezeichnenderweise betätigen sich die großen Astronomen der frühen Neuzeit, Regiomontanus, Kopernikus, Brahe (der in Rilkes persönlicher Bilderwelt zum Inspirationstopos wird), Kepler und noch Galilei, sämtlich als Hofastrologen im Dienste der jeweili¬ gen kirchlichen oder weltlichen Machtinstanzen. Die fortschreitende funktionale Differenzierung führt be¬ kanntermaßen zur Profilierung, Abschließung und wech¬ selseitigen Ausgrenzung der Subsysteme Religion und Wissenschaft. In diesem Kontext ist die ab 1700 irreversi¬ bel werdende Ausemanderentwicklung von Astronomie und Astrologie sowie die jeweilige Ausgrenzung von Sinnfragen als moderne Systemdifferenzierung zu verste¬ hen. Der Siegeszug der Astronomie im 18. und 19. Jahrhun¬ dert, der mit der Entdeckung der teleskopischen Planeten Uranus und Neptun das seit babylonischer Zeit unverän¬ dert tradierte Makrokosmos-Modell der Astrologie un¬ plausibel werden läßt, führt zu einer Marginalisierung der Sterndeutungskunde. Positivismus, Kausalrationalität und induktives Denken, konstitutiv für die Erkenntniskon¬ zepte des 19. Jahrhunderts, scheinen mit der alten Wis¬ sensordnung der Ähnlichkeit unvereinbar und verschie¬ ben die Astrologie in kulturell abgewertete Bereiche des (Irr)glaubens. In den angelsächsischen Ländern nimmt die oben disku¬ tierte >Esoterisierung< der Lebenswelt, die Hinwendung zu irrationalen Weltdeutungsmodellen und magischen Praktiken im 19. Jahrhundert ihren Anfang. Dort kommt 174

es dann auch ab etwa 1880 zu einer Reintegration der Astrologie in das kulturelle Leben. Dabei wird die klassi¬ sche Koppelung von astronomischem und astrologischem Wissen aufgegeben zugunsten einer esoterischen Astro¬ logie, zugunsten eines modernen Amalgams aus Stern¬ deutungskunde,

Kabbalistik,

Alchemie,

Okkultismus

und gnostischer Hermetik. Träger solch >kontaminierter< Astrologie ist in erster Linie die Theosophie, die als Nach¬ folgebewegung des Spiritismus 1884 nach Deutschland importiert wird — und mit ihr die Astrologie, die theosophischen Medien wie Die Sphinx oder Prana. Journal für experimentelle Geheimwissenschaften neue Popularität ver¬ dankt. Damit ist auch die voraufklärerische Tradition ei¬ ner exklusiven Astrologie beendet, deren Klientel sich nur aus privilegierten Trägern politischer und ökonomischer Macht rekrutiert hatte. Im Zuge des theosophisch gesteu¬ erten Institutionalisierungsprozesses der deutschen Astro¬ logie sorgen Zeitschriften, Lehrbücher und Tagungen für reichen Informationstransfer in die Öffentlichkeit und für ein wachsendes Interesse am Horoskop. Die auf frei kom¬ binierten Elementen aus Kabbala, Gnosis und östlichen Religionen basierende Theosophie wiederum steht den Geheimwissenschaften insofern nahe, als sie ursprünglich aus der spiritistischen Szene hervorgeht und sich u. a. der Erforschung okkulter und parapsychologischer Phäno¬ mene widmet. So ist das Wiedererstarken der Astrologie in Deutschland von einer Nähe zur Parapsychologie ge¬ kennzeichnet, die um 1900 klasseniibergreifend in Mode ist: der Glaube an die Geister Verstorbener und an Mate¬ rialisationsphänomene ist ebenso weit verbreitet wie Ti¬ scherücken, automatisches Schreiben und somnambules

175

Offenbarungssprechen. Daß sich die Seancenteilnehmer Aretin und Rilke über Horoskope verständigen, müßte also primär nicht wundernehmen; die Selbstverständlich¬ keit allerdings, mit der sich der Naturunssenschaftler und Astronom in der Epoche einer universellen Szientifizierung der Lebenswelt als Astrologe betätigt, wirft Fragen auf, denen sich ganz allgemein mit dem Hinweis auf die akribisch

betriebene

Verwissenschaftlichung

des

bil-

dungsbürgerhchen Oberschichtsspiritismus du-Prelscher Provenienz begegnen läßt. Aretins Zurückhaltung im Brief vom 15.2. 1918 ist wohl charakteristisch, steht aber in keinem Widerspruch zu seiner Bereitwilligkeit, aut Nachfrage Horoskope zu erstellen. Wer sich in den Krei¬ sen der Intellektuellen zum Spiritismus bekannte, ver¬ stand sich als Naturwissenschaftler. Der aus heutiger Sicht evidente Widerspruch zweier unvereinbarer Wissensord¬ nungen wird von den nach Ganzheit und Synthese stre¬ benden Zeitgenossen nicht als solcher wahrgenommen, da der geheimwissenschaftliche Diskurs die Rituale und Praktiken der Naturwissenschaften imitiert. Man gibt sich technokratisch, sucht den empirischen Beweis des Unbe¬ weisbaren und geht dabei von der Annahme aus, die Phä¬ nomene des Übersinnlichen ständen unter dem gleichen Kausalgesetz wie die sinnliche Welt, »Okkultismus« sei »unbekannte

Naturwissenschaft«.1

Die

übergeordnete

Einheit, die esoterische Lehren zwischen Glaube und Wissen zu stiften suchen, verdankt sich einer »systemi¬ schen Entdifferenzierung von Religion und Wissen¬ schaft« (Gruber: Erfahrung und System, S. 20), Folge des

1 Du Prel: Der Spiritismus, Leipzig: Reclam 1893, S. 15.

176

verunsicherten

Realitätsbegriffes.

Bedingung für

das

neue Verschmelzen von Religion und Wissenschaft ist ein doppeldeutiges, paradoxes Magieverständnis: einerseits fungiert Magie als spiritueller Kompensationsraum von Irritationen, die eine technisierte, entzauberte Welt her¬ vorbringt, andererseits als zweckrationale Supertechnik und positivistische Anti-Religion — als Technomagie. Ferner: eine Naturwissenschaft, die so abstrakt ist wie z. B. die moderne Physik, präsentiert ihre Erkenntnisse eher als Glaubensartikel denn als Evidenzen und fordert die Bereitschaft, paranormale Phänomene auf der Verlän¬ gerungslinie eines derart ungegenständhchen physikali¬ schen Weltbildes anzusiedeln.1 Seit dem Zusammenbruch der klassischen monokausalen Physik ist das wissenschaft¬ liche Denken von der Bildung oft widersprüchlicher Hy¬ pothesen geprägt, die sich je nach statistischer Plausibilität durchsetzen oder nicht. Wo aber mehrere Erklärungen für möglich gehalten werden, kann auch dem Unwahr¬ scheinlichen potentiell Wirklichkeit zugesprochen wer¬ den. Das entstehende Konglomerat aus rationalen und ir¬ rationalen Elementen macht den Okkultismus auf breiter Basis anschlußfähig für Apologeten von Naturwissen¬ schaft oder Religion und verdeckt Widersprüche, die sich bei der simultanen Teilnahme an beiden Diskursen auf¬ tun. So nimmt es nicht wunder, daß unter den seriösen i Solche Konzepte werden auch von der magischen Literatur um 1900 reflektiert: »Die Luft kann genausogut Geister befördern, wie sie Bazillen befördert. Es steht zweifelsfrei fest, dass sie Ausflüsse, Ausströmungen transportiert, ohne sie zu verfäl¬ schen: Elektrizität zum Beispiel — oder die Fluida eines Magnetiseurs, der einer fer¬ nen Person die Weisung sendet, sich quer durch Paris zu ihm herzubegeben.« (Jo¬ ris-Karl Huysmans: »Lä-Bas«, übersetzt und herausgegeben von U. Bossier, Stutt¬ gart: Reclam 1994 (zuerst 1891), S. 221)

177

Naturwissenschaftlern des ausgehenden 19. Jahrhunderts nicht nur radikale Materialisten wie Rudolf Virchow anzutreffen sind, sondern auch etliche überzeugte Ok¬ kultisten, daß »die Schnittmengen von Magie und Wis¬ senschaft in allgemeine Nachschlagewerke einziehen« (Stockhammer, Zaubertexte, S. 44) — wie

Encyclopedia

Britannica und Meyers Neues Lexikon — und daß die wech¬ selseitige Nobilitierung von Technik und Magie zum Konsensthema einschlägiger Organe wird. Diese allge¬ meine Wechselwirkung läßt sich auch im Hinblick auf die Astronomie spezifizieren. Stehen die Adepten der Tech¬ nomagie vor Problemen wie etwa der Einsicht, daß sich Geister nicht berechnen lassen, daß im Falle okkultisti¬ scher Versuchsanordnungen Kausalgesetze nicht univer¬ sell gültig und paranormale Erscheinungen nicht regelhaft wiederholbar sind, dann hilft ein astronomisches Bild: man bemüht den Vergleich mit einem Kometenfall, des¬ sen Wirklichkeit, wenn auch nicht beliebig oft wahr¬ nehmbar, so doch unbezweifelbar sei. Trotz seiner logi¬ schen Ungereimtheiten wird häufig auf dieses Argument zurückgegriffen, u. a. auch von du Prel im Rätsel des Men¬ schenJ ein Hinweis auf die breite Anschlußfähigkeit astro¬ nomischer Redeweisen für das »zweckirrationalistische« (vgl. Stockhammer: Zaubertexte, S. 15 ff.) Konglomerat aus Esoterik und Wissenschaft. Wie man mit einer Fülle astronomischer und astrophysikahscher Bilder den Spiri¬ tismus grundsätzlich legitimiert und wissenschaftlich ver¬ ankert, führt der Okkultist in mehreren Schriften bei¬ spielhaft vor.

1 Carl du Prel, wie Fußnote 2, S. 165.

178

Ferner zählen zu den parapsychologisch afFizierten Na¬ turwissenschaftlern neben Chemikern, Physikern und Medizinern auch drei bedeutende Astronomen, Giovanni Schiaparelli (1835-1910), Camille Flammarion (18421925) und Friedrich Zöllner (1834-1882). Letzterer fir¬ miert seit der epochalen Erfindung der Photometrie, die Rückschlüsse von unterschiedlichen Lichtintensitäten auf die materiale Beschaffenheit der Planeten ermöglicht, als Begründer der modernen Astrophysik. Ungeachtet dieser technischen Fortschrittlichkeit räumt Zöllner im Anhang zu seinem Hauptwerk

Wissenschaftliche

Abhandlungen

(1878) spiritistischen Versuchsanordnungen den gleichen systematischen Rang ein wie dem physikalischen Experi¬ ment und präsentiert Abbildungen von Materialisations¬ phänomenen. Aus Flammarions Feder stammen nicht nur das populärastronomische Buch Uranie (1889), sondern okkultistische Fallsammlungen und ein umfangreiches spiritistisches Standardwerk, Les Forces Naturelles Inconnues (1907); Flammarion differenziert ebensowenig wie Zöllner, insofern bereits in

Uranie die Frage okkulter

Fernwirkungen - die auch den deutschen Kollegen umtreibt - angerissen wird. Rilke muß sich dieser seltsamen Engführung von Astronomie und Geheimwissenschaften schon früh bewußt gewesen sein, da er sich nach der Lek¬ türe von Uranie 1895 bei einem Astronomen über den Wahrheitsgehalt der diskutierten paranormalen Phäno¬ mene erkundigt.1 Für Zöllner und Flammarion sind sol¬ che Vorgehensweisen nicht widersprüchlich, da Parapsy-

1 Rilke anj. Bauschmger, 2. 12. 1895, vgl. Chronik, S. 36.

179

chologie und Astronomie der gleichen positivistischen Wis¬ sensordnung zugerechnet werden. Auf der anderen Seite gibt es die theosophisch vermittelte Nähe zwischen Parapsychologie und Astrologie, auf die be¬ reits eingegangen wurde, so daß von einem impliziten und mittelbaren Wiederanschluß der alten Schwesterdis¬ ziplin an den Gegenstandsbereich der Astronomie ge¬ sprochen werden kann, oder besser von zeittypischen Bindegliedern, die Aretins Tätigkeit als Astrologe plausi¬ bel werden lassen. Daneben stützen auch einzelne Beispiele für eine explizite Koppelung diese Plausibilität: Nicht nur Aretin ist Astro¬ nom und Astrologe, sondern auch der mit Aretin und Rilke bekannte Astronom Hans Hermann Kritzinger (vgl. Brief Nr. 2 und Nr. 3 und Einleitung, S. 14), der ne¬ ben wissenschaftlichen Fachpublikationen und zahlrei¬ chen populärastronomischen Texten im Plauderton auch Bücher über Rutengehen und kosmische Strahlungen veröffentlicht,1 ein parapsychologisches Periodikum her¬ ausgibt,2 Nostradamus übersetzt und in späteren Jahren nur noch als Berufsastrologe praktiziert. Den umgekehr¬ ten Weg von der Astrologie zur Astronomie beschreitet Wilhelm Hartmann (1893-1965), der nach Jahren aus¬ schließlich astrologischer Tätigkeit Astronomie studiert, Leiter der Nürnberger Sternwarte wird und weiterhin im stillen Astrologie betreibt. Auch aus dem Lager der Monisten, das mit dem Projekt der Wissenschaftspopularisierung ästhetische Transfor¬ mationen bahnt, kommen Signale, die auf die sprachliche 1 Zum Beispiel Todesslrahlen und Wünschelrute, Leipzig, Zürich: 1929. 2 Psychische Studien zur Klärung der okkulten Probleme (Monatsschrift).

180

Mittlerfunktion der Astronomie im Ideendschungel des »Zweckirrationalismus« hinweisen: das hündische Selbst¬ verständnis

konkurrierender

Monistengruppierungen

läßt sich den Gruppenbezeichnungen »Giordano-BrunoBund« bzw. »Kepler-Bund« ablesen; explizit wird hier auf astronomisch-astrologische Schlüsselfiguren aus der kriti¬ schen Epoche zwischen ptolemäischer und kopernikanischer Weitsicht Bezug genommen.

7. Rilke und Aretin zwischen Wissenschaft und Irrationalismus

Dieser kurze Abriß aus der Kulturgeschichte von Astro¬ nomie und Astrologie soll den Blick freilegen auf ein zeit¬ typisches szientistisch-irrationalistisches Amalgam,

das

um die Jahrhundertwende unter Intellektuellen Kon¬ junktur hat. Wenn auch nicht positiv belegbar, so ist den¬ noch mit Sicherheit anzunehmen, daß der professionelle Astronom und Amateurastrologe Aretin die Schriften des Begründers der Astrophysik Zöllner kannte - Rilke je¬ denfalls rezipiert Flammarion, nachweislich auch in spä¬ teren Jahren,1 beide Freunde setzen sich intensiv mit Kritzinger auseinander — und Aretins Zöllner-Rezeption ist um so wahrscheinlicher, als ersterer selbst am 14.9. I9I7 vom »photometrisch bewaffneten Auge« spricht. Auch in den Briefen Marie Taxis’ und Rilkes tauchen unter dem Einfluß Aretins Metaphern aus dem Gegenstandsbereich der Spektralanalyse auf. In den Umdeutungsoperationen

1 RMR an Marie Taxis, 7.3. 1924. TT, S.795 f.

181

beider Briefschreiber offenbart sich die breite Anschlu߬ fähigkeit astrophysikalischen Vokabulars fiir Zeichenbil¬ dungen jedweder Art: Für die Fürstin, mit der Aretin in Wien über die Spektralanalyse gesprochen hatte, werden ultraviolett strahlende, dem menschlichen Visus nicht zu¬ gängliche Flimmelskörper zu schreckenerregenden »Sternen-Gespenstern«.1 Rilke greift am 2. August 1915, in den Tagen eines regen mündlichen Austausches mit dem Astronomen, auf Bilder aus der Spektraloptik zurück, um das Kontingente, Unüberschaubare der Weltkriegsepoche sprachlich zu konturieren: »[. . .] es gibt wenig Konstanten im Menschlichen, wie Viele sind anders [. . .] haben die Farbe einer Zeit ange¬ nommen, die selbst nicht zu sagen wüßte, ob sie eine hat, ich glaube, sie spielt sich an einer noch unentdeckten Stelle des Spektrums ab, in einem Ultra-roth, das über unsere Sinne geht.«2 Neben seinen okkultistischen Neigungen weisen charak¬ teristische Briefstellen Aretin als Repräsentanten des »Zweckirrationalismus« aus, wenn der Astronom z. B. ei¬ nerseits für »Mathenratisierung«, d. h. Szientifizierung von Anthropologie und Humanphysiologie votiert, an¬ dererseits die für ihn persönlich gültige Bedeutung der Astronomie nicht in praktisch-wissenschaftliche Hand¬ lungsvollzüge, sondern in eine vage Vorstellung von post¬ metaphysischer Wissenschaftsmetaphysik verlegt: »[. . .] da mir aber mein Wissen um ihr Wesen [der Astronomie] immer wertvoller war als die Registratorenarbeit in ihrem 1 Marie Taxis an RMR, 6.3. 1915, TT, S.406. 2 RMR an Marie Taxis, 2. 8. 1915, TT, S.430.

182

Dienst« (1.4. 1920). Biographisch bedeutsam erscheint in diesem Zusammenhang der Umstand, daß Aretin zwar früh der Astronomie, die sich ja bereits von der reinen Er¬ fahrungswissenschaft zur Berechnungswissenschaft ge¬ wandelt hatte, den Rücken kehrt, daß er »die Gabe astro¬ logischer Intuition [. . .] als wichtiger« bezeichnet, »denn den

mathematisch-mechanischen

Teil

dieser

Dinge«

(15.3. 1918), dabei aber lebenslang Mathematiker bleibt. Aretins undogmatisches Denken ist offensichtlich für Ril¬ kes ästhetische Zielsetzungen reizvoll und fruchtbar, da es letzterem um Möglichkeiten der Grenzüberschreitung und deren poetische Ausformulierung geht. Entspre¬ chend zeigt sich, daß auch für den Briefpartner Rilke die Naturwissenschaft, vertreten durch Astronomie und Ma¬ thematik, keine Gegenposition zur ganzheitlichen Ideen¬ welt poetischer Fiktionen konturiert, sondern sich als Inspirationsquelle widerspruchsfrei in diese Ideenwelt einfügt — Schülers Mythen, mährische Gespenster und Poincares mathematische Theoreme koexistieren in pro¬ duktiver Symbiose; Privatdämonologie und Naturwis¬ senschaft gehen eine gewagte Verbindung zwischen Inspi¬ rationsglauben und szientistischem Exorzismus ein, wenn Rilke vom »Gift« spricht, das »dem inneren Dämon in die Hände [geriet], und er, zürnend, gebrauchte es in seinem Geiste«, »die Versuche nach der Astronomie« dagegen als aus »antidotischem Instinkte hervorgegangen« etikettiert (7. 8. 1915). Bezeichnenderweise repräsentieren auch jene Wissenschaftler, die in der Beziehung Rilke/Aretin eine Rolle spielen, die epochentypische Schwelle zwischen Szientismus und Irrationalismus: Neben dem bereits er¬ wähnten Astronomen, Geheimwissenschaftler und Astro-

183

logen Kritzinger ist auf Alexander von Bernus hinzuweisen (vgl. Anmerkungen zu den Briefen Nr. 6 und Nr. 27), der sich neben seiner Tätigkeit als Naturwissenschaftler mit Theosophie und okkulten Problemen beschäftigt und den Aretm als astrologischen Berater bei der Erstellung ei¬ nes Horoskops für Marianne Friedländer-Fuld hinzuziehen möchte. Auch der von Rilke sehr geschätzte Biologe und Schriftsteller Adolf Kölsch (vgl. Anmerkung zu Brief Nr. 35) zeigt sich dem Okkultismus gegenüber aufge¬ schlossen: der Verfasser zahlreicher populärwissenschaftli¬ cher Bücher und Aufsätze zu Botanik, Zoologie, Anthro¬ pologie und allgemeiner Naturkunde, der 1919 Rilkes spekulativen experimentellen Ansatz aus dem Aufsatz UrGeräusch in die Tat umsetzen will, rezensiert in dem Auf¬ satz »Am Rand des Noch-nicht-Gewußten« (Neue Zür¬ cher Zeitung, 11. u. 12. 5. 1921) das Buch Ueber Telepathie und Hellsehen1 äußerst positiv, dies vor dem Hintergrund eines dezidiert materialismus- und positivismuskritischen Ganzheitsdenkens.

Ueber Telepathie und Hellsehen hatte

Rilke übrigens ebenso wie die Kölsch-Rezension gleich nach dem Erscheinen voll zustimmenden Interesses gele¬ sen.2 Auch Felix Noeggerath (1885-1960), Philosoph und In¬ dologe, beschäftigt sich gleichermaßen mit Naturwissen¬ schaften und Mathematik als auch mit Parapsychologie und der theoretischen Analyse okkulter Phänomene. Dem Astronomen und Astrologen Aretm kommt in die¬ ser zeittypischen Konstellation die Funktion zu, Rilke in seine wissenschaftliche Disziplin einzuführen und für Na1 Rudolf Tischner: Über Telepathie und Hellsehen, München: Bergmann 1921. 2 RMR an Nanny Wunderly, 20. 5.1921, NWV, S. 439.

184

hestehende Horoskope zu verfassen - nicht zu vergessen bereits erwähnte praktische Hilfeleistungen, die sich Aretins gesellschaftlichem Status verdanken. Die Paradoxie dieser Funktionsverknüpfungen erweist sich im Licht des historischen Kontexts als eine scheinbare.

8. Rilke — Poetologisches Inwiefern ist das alles von Bedeutung? Warum ist es rele¬ vant, unter der Perspektive von Rilkes Dichtung auf die Nähe

der Doppelwissenschaft

Astronomie/Astrologie

zum Spiritismus hinzuweisen, zu einer Disziplin, die die Grenze zwischen Leben und Tod unter Verweis auf die überbrückende Einheit >Seele< negiert? Weil Rilke, des¬ sen ureigenstes Anliegen es ist, die abseitigen Elemente menschlicher Existenz wie Leid und Tod in seine poeti¬ sche Konzeption von Dasein zu integrieren, die angemes¬ sene Metaphorik für die >conditio humana< des Spätwerks u. a. aus dem Bildervorrat einer traditionell kosmologi¬ schen Astronomie bezieht. Es geht ihm um die ästhetische Gestaltung von Grenzerfahrungen jenseits zivilisatori¬ scher Verdrängung. Dabei schwingt allerdings die Be¬ fürchtung mit, daß die zunehmende Abstraktion der Lebenswelt, der Schwund mythisch-archaischer Bildlich¬ keit

diesen

Gestaltungsprozeß

erschwert.

Aus

dieser

Spannung heraus entwickelt Rilke eine >Poetik der VerwandlungGenie-Astronomen< Brahe wird die Überwin¬ dung von Wissenschaft durch Kunst inszeniert, ferner ein Künstlermythos konstituiert, der deutlich auf Rilkes eige¬ nes Selbstverständnis verweist: »Dann denk ich an den siebzehnjährigen Tyge Brahe [. . .] aber die Nächte [. . .] lag er aus seinem kleinen Fenster hinaus, [. . .] und prägte sich so im Stillen [. . .] den Nachthimmel ein, bekam ihn so in der reinlichsten Ordnung in sein Einsehn hereindiktiert, man möchte sagen, der Reihe nach, seine Seele sang ihn vom Blatt weg aufs erste Hinschauen (Liebe, das ist Genie),-siehst Du und ein Jahr später, [. . .] gewahrte er mit bloßem Blick den neuen Stern in der Cassiopeia, so vertraut war ihm dieses zahllose Gewölb, daß ihm das kleine stille Hinzukommen einfach sichtbar wurde [. . .] «2 1 RMR an Annette Kolb, 9. 1. 1913, GBII, S. 393. 2 RMR an Magda von Hattingberg, 16.2. 1914. in: Rainer Maria Rilke: Briefwech¬ sel mit Benevuta. Hrsg, von Magda v. Hattingberg, Vorwort und Anmerkungen von Kurt Leonhard. Eßlingen: Bechtle 1954, S. 83.

190

Die keiner besonderen Leistung verdankte Beobachtung des historischen Brahe — eine Supernova, die im Sommer 1572 selbst bei Tageslicht sichtbar war und zahlreichen Zeitgenossen auffiel - wird zum privilegierten Erkennt¬ nisakt des Genies umgeschrieben. Daran kann sich eine ästhetisierte Aretin-Figuration anschließen, denn auch letzterer hatte in seiner Promotionsschrift die Entdeckung eines Sternes mitgeteilt, >Lambda tauri< im Sternbild des Stieres (vgl. Einleitung, S. 10 und 12): »[. . .] können Sie sich eine Vorstellung machen, wer er eigentlich ist, dieser Mensch, der die Biographie eines ihm gleichgültigen Sternes achter Größe schreibt und unter diesem Vorwand Beziehungen zu allen Sonnen unterhält, womit er doch auf jeden Fall ganz andere Dinge vorhat.«1 Obwohl me in einem Atemzug erwähnt, liegt der ge¬ dankliche Kurzschluß zwischen Brahe und Aretin auf der Hand: Astronomen, Astrologen und Aristokraten, Einheits- und Allseher, Symbole raum-zeitlicher Kohärenz und besonders privilegiert, da sie das Wissen des unend¬ lich Entfernten verwalten und Garanten einer nachmeta¬ physischen »kosmischem Ordnung in einer zerfallenden Welt sind. Marianne Friedländer gegenüber rühmt Rilke Aretin als »Astronom von Fach«, der »vorurtheilsfrei ge¬ nug in seiner Wissenschaft« sei, »um die Astrologie nicht nur zuzugeben, sondern sogar selbst zu betreiben«, wäh¬ rend er Bernus’ astrologischer Tätigkeit mit Zurückhal¬ tung und Skepsis begegnet, da Besagter »nun durchaus

1 RMR an MarieTaxis, 24.2. 1915, TT, S.401.

nicht Astronom ist, sondern ganz Theosoph steinerscher Richtung« und es Leute gebe, die ihm »eine gewisse hell¬ seherische Begabung zusprechen, ich weiß nicht auf Grund von welchen Erfahrungen«.1 Die poetische Spur ist unmißverständlich lesbar: Astronom muß man sein, um auch das Amt des >Sehers< angemessen zu erfüllen. Rilke revitalisiert hier nicht nur eine Koppelung, die zuletzt im 17. Jahrhundert als zwingend angesehen wurde, er räumt ihr auch den gleichen verbindlichen Status ein wie zu Zei¬ ten Tycho Brahes. Astronomie und Astrologie bedingen sich wechselseitig, da empirische oder technische Sternenkenntnis im Idealfall (Brahe und Aretin!) in vortechnische, poetisch anschlußfähige Symbolräume und in die Kon¬ struktion existenzieller Ahnlichkeitsbeziehungen fuhrt; umgekehrt setzt die Konstruktion solcher Beziehungen aber empirisch-technische Fachkompetenz voraus und ist durch rein esoterisches Wissen nicht ausreichend gewähr¬ leistet. Innerhalb des skizzierten diskursiven Kontexts be¬ schreitet Rilke hier insofern einen Sonderweg, als er eher aut die historische Tradition einer astronomischen Astro¬ logie Bezug nimmt anstatt auf das zeittypische theosophische Konglomerat aus Esoterik, Okkultismus und Astro¬ logie. In einem ähnlichem Zusammenhang ist auch seine Polemik gegen den kommerziellen holländischen Astro¬ logen Randolph Roxroy zu verstehen, dessen Eloroskop für Nanny Wunderly Rilke als »geringfügig«, als »vagues Geheimthun und Sich-ausbreiten [. . .] in Bausch und Bogen [. . .] abzulehnen« geneigt ist.2 Die symbolische 1 RMR an Marianne Friedländer-Fuld, 28.1. 18, unveröffendicht, mit freundli¬ cher Genehmigung des Deutschen Literaturarchivs Marbach. 2 RMR an Nanny Wunderly, 2.1. 1922, NWV, S. 636.

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Bedeutung Aretins, des legitimen >SehersSpracheWahrheiten< fuhrt. Da wir einmal da sind, was blieb uns übrig, als uns auch zu den Schnittpunkten der Sternrichtungen in ein Verhältnis zu stellen, — was hier schicksalhaft zur Auslegung kommt, sind nur Fernen, Abstände, Distan¬ zen, an die wir dann, über so und so viel Erfahrungen, die Bedeutung unserer Spannungen geknüpft haben.«1

Daß die Gültigkeit eines Codes relativ ist zum jeweiligen Bedeutungsraum, den dieser Code stiftet, ist charakteri¬ stisch für Rilkes Umgang mit Sprache generell; als moder¬ ner Autor akzeptiert er keine metaphysischen oder »onto¬ logischen Wahrheitsgarantien« (Engel, Rilke-Handbuch, S. 515), die über den je aktuellen Sprechakt hinausreichen, also auch keinen absoluten Wahrheitsanspruch der Astro¬ logiejenseits derjeweiligen >AnwendungssituationRhetorik der Plauderen. Wenn Rilke von »Beziehungen zu allen Sonnen« spricht und von der »Bio¬ graphie eines Sternes«, von »solchen siderischen Bezie¬ hungen«2 und davon, »den gestirnten Himmel zugehörig ums Herz zu haben«,3 »fähig [zu sein], den Winken des neuen Himmels genau nachzugehen«4 5 oder, lyrisch ge¬ steigert, vom »starken Stern, der nicht den Beistand braucht /[...] der, von eigenem Gefühl entfacht, /[•• •] niedersinkt, wohin die Sonne sank«,3 so ähneln diese Per¬ sonifikationen bzw. Bilder einem gefühlvollen Populär1 So treten z. B. Sterne als »Hagestolze« auf, Doppelsterne als »glückliche Ehe¬ leute« u.ä., bei Wilhelm Meyer: Die Lebensgeschichte der Gestirne in Briefen an eine Freundin, wie Fußnote i, S. 162, hier S. 92f., 94ft2 RMR an Anton Kippenberg, 7. 8.1909. AK II, S. 167. 3 RMR an Ilse Erdmann, 9.10.1915, GBII, S. 506f. 4 RMR an Lisa Heise, n. 2.1924. GBIII, S. 855. 5 Gedicht Starker Stern . . . von 1924, KAII. S. 302.

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Stil, der sich schon an den Titeln ablesen läßt: so etwa Plaudergänge im Weltall (Harry Gravehus, Berlin 1882), Depesche von der Sonne, Eine himmlische Volkszählung (aus den Aufsatzsammlungen von Julius Stinde, Hamburg 1873, und Leo Brenner, Leipzig 1898 und Berlin 1903), Die Lebensgeschichte der Gestirne in Briefen an eine Freundin. Eine populäre Astronomie der Fixsterne (Wilhelm Meyer, Leipzig 1898) oder Spaziergänge durch den Weltenraum (Berlin 1927) von Rilkes und Aretins astronomischem >Tutor< Hans Hermann Kritzinger. Funktion solcher Rhetorik ist in beiden Fällen die Aneignung des Fremden als Eigenes bzw. eine Subjektivierung des wissenschaftli¬ chen Erkenntnisobjekts bis hm zum Angebot assoziativer oder identifikatorischer Lesarten. Ferner geht es um die Inszenierung von Natur als Artefakt, als ein vom Men¬ schen Geschaffenes, z. B. als dekoratives Ornament wie in der Ästhetik Bölsches oder als Biographien-Sujet. Der Konstruktion von Natur als Kunst verdankt sich in der Popularisierungsliteratur eine Gattungsmixtur aus Trak¬ tat, Erzählung und Märchen, die die Trennlinie zwischen >Dichtung und Wahrheit< verwischt, ferner ein synkretistisches Autorverständnis jenseits der Differenz von Na¬ turwissenschaftler und Dichter: Wilhelm Meyer, der in seiner Lebensgeschichte der Gestirne in Briefen an eine Freun¬ din abundant Anthropomorphisierungen sowie männli¬ che und weibliche Rollenstereotypien einsetzt, wird von seinem Biographen als »Poet« bezeichnet, denn ein sol¬ ches Selbstverständnis verlange die Tendenz »zu erhe¬ ben«.1 Die Engführung von Astronomie und Dichtung, i Bürgel, Bruno: Vom Arbeiter zum Astronomen. Die Lebensgeschichte eines Arbeiters, Berlin: Tempelhof 1952 (zuerst 1919), S.68.

196

die Rilkes Spätwerk in rein stilistischer Hinsicht kenn¬ zeichnet, ist also für die Bereiche Stilistik, Gattungstypik und Autorfunktion von der Popularisierungsbewegung vorformuliert

worden



als

Verschwisterung

von

ästhetischer und astronomischer Rede. Diese Verschwisterung artikuliert sich bei Rilke nicht nur in dichtungsimmanenten Figuren und Motiven, vielmehr bedient sich der Autor ihrer auch für Reflexionen über Kunst, Literatur und den eigenen Werdegang: So wird der spirituelle Charakter von El Grecos Gemälde Himmelfahrt Mariens als »Physik des Himmels«1 paraphrasiert — eine Terminologie, die sich übrigens ebenfalls im Arsenal der Popularisierer findet2 — oder literarische Identifikations¬ figuren des frühen Rilke werden rückblickend als astro¬ nomisch-astrologische Steuermechanismen ausgewiesen: Jens Peter Jacobsen als »>Jahres-Regent< meines Himmels-Erdenjahrs« und Herman Bang als »Stern erster Größe [. . .] nach dessen Erscheinung und Stellung ich mich eine ganze Weile in dem Dunkel meiner Jugend [. . .] zurechtfand«.3 Nach der Lektüre des Woyzeck, in der Phase eines ersten intensiven Umgangs mit Aretm, greift Rilke auf stellare Metaphern zurück, um Büchners Text und dessen theatralische Möglichkeiten unter den Bedingungen seiner eigenen >Poetik des Offenem1 lesbar zu machen: 1 RMR an Marie Taxis, 4. 12. 1912, TT, S. 241. 2 Köhler, Oswald: Die Wunder des Kosmos. Die Physik der Erde und des Himmels

populär dargestellt, Stuttgart: Dietz 1902. 3 RMR an Alfred Schaer, 26. 2. 1924, GBIII, S. 858 f. 4 Der Begriff des »Offenen« geht auf den Einfluß Schülers zurück, dessen Vorträge Rilke 1915 und 1917/18 gehört hatte, vgl. auch Briefe 2 und 26 mit Anmerkungen sowie Engel, KAII, S.676f.

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»Eine ungeheure Sache, vor mehr als achtzigjahren ge¬ schrieben [. . .] wie selbst um den Rekruten Wozzek, alle Größe des Daseins steht, wie er’s nicht hindern kann, dass [. . .] zu Seiten seiner dumpfen Seele die Horizonte ins Gewaltige, ins Ungeheure, ins Unendli¬ che aufreißen, ein Schauspiel ohnegleichen, wie dieser missbrauchte Mensch in seiner Stalljacke im Weltraum steht, nralgre lui, im unendlichen Bezug der Sterne. Das ist Theater, so könnte Theater sein [. . ,]Sternbildern< als »archetypisch gültigen Basismetaphern der Kondition humaine«< (Engel, Rilke-Handbuch, S. 413) bis zum dyna¬ mischen Motiv des Kometen. Letzterer gehört zu den zentralen Bewegungs- und Daseinsmetaphern in Rilkes

1 RMR an Marie Taxis, 9.7. 1915, TT. S. 426 t.

198

Bilderwelt, etwa vergleichbar mit Ballspiel, Vogelflug oder dem Bild von Steigen und Fallen der Fontäne: es geht um die Tilgung von Grenzziehungen wie Außen/ Innen,1 Oben/Unten,2 Subjekt/Objekt.3 Solche kategorialen Festschreibungen eliminieren die aufgelisteten Fi¬ guren durch die Dominanz von Bewegung, Dynamik, »Schwung«, die Dasein als permanenten Prozeß der An¬ eignung, der Transformation in einen inneren Erlebnis¬ raum formulieren. Das Meteormotiv taucht zwar bereits in der Spanischen Trilogie (1913) auf, wird allerdings zeit¬ gleich mit den ersten Aretin-Kontakten und in den dar¬ auffolgenden Jahren epistolarisch und lyrisch intensiver bearbeitet und entfaltet. Davon künden drei exegetische Briefstellen aus dem Jahr 1919,4 die Gedichte Einmalige Straße wie ein Sternenfall (1914/15), Der Tod (Nov. 1915), Nachthimmel und Sternenfall (1924) und Elegie an Marina Zwetajewa (1926). Exemplarisch für die zentralen Bedeu¬ tungsaspekte >Dynamik< und >Grenzüberschreitung< sei die Sprachbewegung aus Rilkes Brief vom 14. 1. 19 vorge¬ führt, die das traditionelle Makrokosmos/MikrokosmosSchema der Astrologie unter den Bedingungen moderner Innerlichkeit fortschreibt: »Im Gedicht >Der Tod< aber ist zuletzt der Moment auf¬ gerufen, da mir (ich stand nachts auf der wunderbaren Brücke von Toledo) ein in gespanntem langsamen Bo¬ gen durch den Weltenraum fallender Stern zugleich 1 RMR an Adelheid v. d. Marwitz, 14. 1. 1919, GB II, S. 571. 2 RMR an Nanny Wunderly, 20.12. 1919, NWV, S. 48. 3 Spanische Trilogie I (KAII, S. 43). 4 Wie Fußnote 1 und 2, dazu RMR an Lou Andreas-Salome, 13. 1.1919, LAS, S.383.

199

(wie soll ich das sagen?) durch den Innen-Raum fiel: der trennende Kontur des Körpers war nicht mehr da.«

Weitere Bilder aus dem Aretin-Briefwechsel künden von dem oben erwähnten Integrationsprozeß astronomischen Vokabulars in Rilkes Metaphernpool, speziell aus dem Bereich der traditionellen mechanischen Astronomie, die die Bahnen der Himmelskörper erforscht und einen brei¬ ten Assoziationsraum von Bewegung und Dynamik er¬ öffnet. So wird mit der »Ellipse Leben«, von der am 31. 3.1921 die Rede ist, den oben erwähnten Bewegungs¬ figuren im Kontext einer zunehmenden »Geometrisierung« von Rilkes Metaphorik ein weiterer »kreisförmiger Ablauf« (Engel, KAU, S. 621) hinzugefiigt; die astronomi¬ schen Konnotationen der Figur sind unübersehbar, da sie an den Bedeutungsrahmen des Meteormotivs anschließt: seit dem 19. Jahrhundert ist bekannt, daß sich die von Rilke so geschätzten Kometen ebenso wie Planeten auf einer elliptischen Bahn bewegen. Bereits in dem 1912 entstandenen Gedicht O die Kurven meiner Sehnsucht be¬ zeichnet die Ellipse als Element eines astronomischen Bildzusammenhangs eine bestimmte Flugbahn; gemeint ist die existentielle Verfaßtheit des lyrischen Ichs. Ein an¬ derer der Astronomie zugeneigter Autor hatte 20 Jahre zuvor die >Ellipse< in exakt gleicher poetischer Funktion gebraucht: der Spiritist du Prel im Rätsel des Menschen So ist zwischen Rilke und Aretin dann auch von Noeg¬ geraths Geist die Rede, der »da und dorthin ganz gerade, etwas geneigte Bahnen« anlegt (2.7. 1915) oder von ei-

i Carl du Prel, wie Fußnote 2, S. 165 hier S. 95.

200

ner »Lichtbahn«, die »im Zenith am breitesten war« (19.8.1917). Letzteres Schreiben, das dem Astronomen ausführlich ein meteorologisches Phänomen präsentiert, zeigt exemplarisch das sprachliche Verlaufsschema von der sinnlichen Wahrnehmung zur literarisierenden Auslegung-, deren Fokus ist nicht etwa die Frage nach optisch-physi¬ kalischen Hintergründen, sondern vielmehr eine astrologienahe Interpretation des Phänomens unter Rückgriff auf Mikrokosmos/Makrokosmos-Analogien, auf poetisch anschlußfähige >KorrespondenzenNatur als SchnftPoetik der Verwandlung< unter Rückgriff auf astrophysikalische Gegenstände; al¬ lerdings fungieren diese Gegenstände hier nicht mehr als Metaphern uneigentlicher Rede, sondern, bedeutungsvoll gesteigert, als Annahmen eigentlicher Rede. Phantastische Spekulationen über das Verhältnis von Dichtung und Ge¬ stirnsevolution sind es, die den Rang der Poesie als Schöpfungsinstanz zementieren: »Die Elegien zeigen uns an diesem Werke, am Werke dieser

fortwährenden

Umsetzungen

des

geliebten

Sichtbaren und Greifbaren in die unsichtbare Schwin¬ gung und Erregtheit unserer Natur, die neue Schwin¬ gungszahlen einführt in die Schwingungs-Sphären des Universums. (Da die verschiedenen Stoffe im Weltall nur verschiedene Schwingungsexponenten sind, so be¬ reiten wir, in dieser Weise, nicht nur Intensitäten geisti¬ ger Art vor, sondern wer weiß, neue Körper, Metalle, Sternnebel und Gestirne.)«1 Auch hier geht es, wie in den Matenalisationsexperimenten der Spiritisten, um Grenzüberschreitungen zwischen

i RMR an Witold Hulewicz, 13.11.1925, GBIII, S. 898.

202

materieller und immaterieller Welt, um die Transforma¬ tion von geistiger Energie in Materie, bezeichnender¬ weise in Himmelskörper. In Rilkes zirkulärer Denkbewe¬ gung ist es dem Menschen möglich, das nachmetaphysi¬ sche, Gott substituierende Orientierungssystem >stellarer Kosmosy in dem das Subjekt sich neu verorten kann, selbst hervorzubringen. Allerdings - und das ist entschei¬ dend - unter Oberhoheit der Poesie. Konnte anhand der bisher zitierten Briefstellen die Suche nach einer überge¬ ordneten Einheit zwischen Szientismus und Irrationalis¬ mus nachgezeichnet und gezeigt werden, wie aus diesem Projekt literarische Figuren und Bilder hervorgehen, so verdeutlicht der Hulewicz-Brief, wohin die Spur fuhrt: die gesuchte Einheit ist eine ästhetische, denn Dichtung, die nicht nur Welt deutet, sondern ihre eigene, autonome Welt poetischen Selbstbezuges erschafft, kann Naturwis¬ senschaft und Magie überbieten. Über das hierarchische Verhältnis

von

technischen

Naturwissenschaften

und

Kunst hatte sich Rilke bereits 1919 im Aufsatz Ur- Ge¬ räusch unmißverständlich geäußert.1 Später verweist er die Magie gleichermaßen in Schranken, über die nur die Dichtung hmausweisen kann: Ein Jahr vor dem erwähn¬ ten Schreiben an Hulewicz spielt der ehemalige Spiritist Rilke sein literarisches, im Malte erprobtes Vermögen, »eine Gestalt anzudeuten, die Vergangenes und noch nicht Entstandenes einfach als Gegenwärtigkeit des letz¬ ten Grades aufzufassen fähig wäre«, gegen die »fatalen Unbeholfenheiten, Halbheiten und [. . .] zahllosen Miss¬ verständnisse«2 der Seancen aus. 1 KAIV, S. 704. 2 RMR an Nora Purtscher-Wydenbruck, 11.8.1924, GBIII, S. 872.

203

Naturwissenschaft und Technomagie bleiben für Rilke untergeordnete Mittel zum Zweck, unvollständige Er¬ kenntnisformen, die sich der Autorität von Dichtung als höchster Interaktionsmöghchkeit zwischen Subjekt und Welt fugen müssen. Daraus leiten sich spezifischer Ort und Funktion des Dichters in der Moderne ab: man be¬ darf seiner, um den Erkenntnisgewinn »des Mikroskops, des Fernrohrs und so vieler, die Sinne nach oben und unten verschiebender Vorrichtungen« kommensurabel zu machen, da nur er die physiologischen Grenzen der Wahrnehmung - sei sie magisch oder empirisch vermit¬ telt — sprengen kann: »Es möchte nicht voreilig sein, zu vermuten, daß der Künstler, der diese [. . .] fünffingrige Hand seiner Sinne zu immer regerem und geistigerem Griff entwickelt, am entscheidensten an einer Erweiterung der einzel¬ nen Sinn-Gebiete arbeitet, nur daß seine beweisende Leistung, da sie ohne das Wunder zuletzt nicht möglich ist, ihm nicht erlaubt, den persönlichen Gebietsgewinn in die aufgeschlagene allgemeine Karte einzutragen.«1 Wenn hier vom Wunder die Rede ist, so meint Rilke nicht das Unerklärliche der Magie, sondern das für ihn schlechthin Wunderbare: die dichterische Inspiration.

Martina King

i Ur-Geräusch, wie Anm. 60.

204

Editorische Notiz Der überlieferte Teil des Briefwechsels zwischen Rainer Maria Rilke und Erwein Freiherrn von Aretin wird hier zum erstenmal vollständig veröf¬ fentlicht. Drei Schreiben Rilkes wurden an verschiedenen Stellen vorver¬ öffentlicht (siehe Anmerkungsteil), Aretins Briefe waren bisher nicht publiziert. Eingeschlagen in gelbes Ölpapier, lagen die Briefe Rilkes in Aretins Ar¬ beitszimmer, bevor letzterer 1947 den Beschluß faßte, sie nach Weimar in die sowjetisch besetzte Zone zu schicken. Sie sollten im dortigen RilkeArchiv aufbewahrt werden. Da eine Empfangsbestätigung von Weimar nicht eintraf, blieb es lange ungewiß, ob sie auch dort angelangt waren. Als die Besitzerin des Rilke-Nachlasses, Frau Ruth Sieber-Rilke, erfuhr, daß der Nachlaß von den DDR-Behörden beschlagnahmt werden sollte, transferierte sie ihn 1949 über Berlin nach Bremen. 1972, nach dem Tod von Ruth Sieber-Rilke, wurden die Dokumente vom Rilke-Archiv in Gernsbach übernommen. Überraschenderweise fanden sich dort nicht nur Rilkes Briefe an Aretin, sondern auch dessen Antwortschreiben. Rilke muß sie über Jahre aufbewahrt und seinen Erben übergeben ha¬ ben — ein klares Zeichen für die Bedeutung, die er dem Austausch mit Aretm beimaß. Allerdings ist die Korrespondenz nicht vollständig erhal¬ ten; es fehlen Briefe und Postkarten Aretins aus dem Jahr 1915, ferner mindestens ein Brief vom Januar 1918 und einer von Ende Januar 1921 (siehe Anmerkungsteil), möglicherweise auch Briefe Rilkes, ebenso fast alle Briefumschläge. Textgrundlage für die vorliegende Edition waren Fotokopien der Origi¬ nale. Die Textgestalt folgt, offensichtliche Verschreibungen ausgenom¬ men, in Orthographie und Interpunktion den Originalen. Aretins Briefe sind in lateinischer Schrift verfaßt, Rilke bedient sich ihrer nur bei Zita¬ ten und Eigennamen. Während Aretin grundsätzlich kein »ß« verwendet, sondern ausschließlich die S-Verdoppelung »ss«, gebraucht Rilke in der Wortmitte und am Wortende nach langen Vokalen und Diphthongen das »ß« in uneinheitlicher Weise: bisweilen als einfaches »ß«, der damaligen Reformorthographie entsprechend, bisweilen in Kombination mit ei¬ nem deutschen Bmnen-S, was faktisch auf eine S-Verdreifachung hinaus¬ läuft. In diesen Fällen wurde der besseren Lesbarkeit halber durchgehend zu »ß« normalisiert. Während Rilkes Briefe ausschließlich von Hand geschrieben sind, be¬ nützt Aretin meistens die Schreibmaschine; entsprechende Kennzeich¬ nungen finden sich im Anmerkungsteil.

205

Für die Überlassung der Fotokopien möchten wir Frau Hella SieberRilke vom Rilke-Archiv in Gernsbach herzlich danken. Dank gebührt ferner Herrn Dr. von Bülow und Frau Silke Becker vom Deutschen Lite¬ raturarchiv Marbach für die Genehmigung, aus unveröffentlichten Brie¬ fen Rilkes an Marianne Friedländer-Fuld zu zitieren, und für die Über¬ lassung entsprechender Fotokopien. Für sachkundige Beratung und viele wertvolle Hinweise bedanken wir uns bei Herrn Prof. Gerhard Lauer und Herrn Prof. Karl Eibl, für techni¬ sche Unterstützung bei Frau Uta Klein. München, im Dezember 2004

Die Herausgeber

206

Literatur- und Siglenverzeichnis

Werke, Briefe KA I-IV: Rainer Maria Rilke:

Werke. Kommentierte Ausgabe in vier

Bänden. Hrsg, von Manfred Engel, Ulrich Fülleborn, Horst Nalewski, August Stahl. Frankfurt am Main und Leipzig: Insel 1996. GB I—III: Rainer Maria Rilke: Briefe. Hrsg, vom Rilke-Archiv in Weimar in Verbindung mit Ruth Sieber-Rilke, besorgt durch Karl Altheim. Drei Bände. Frankfurt am Main: Insel 1987 (zuerst in zwei Bänden, Wiesba¬ den 1950). AK I, II: Rainer Maria Rilke: Briefivechsel mit Anton Kippenberg 1906-1926. Hrsg, von Ingeborg Schnack und Renate Scharffenberg. Zwei Bände. Frankfurt am Main und Leipzig: Insel 1995. BP: Rainer Maria Rilke: Briefe zur Politik. Hrsg, von Joachim W. Storck. Frankfurt am Main und Leipzig: Insel 1992. BR: Rainer Maria Rilke: Briefwechsel mit den Brüdern Reinhart igig-1926. Hrsg, von Rätus Luck, unter Mitwirkung von Hugo Sarbach. Frankfurt am Main: Insel 1988. BSF: Rainer Maria Rilke: Briefe an Schweizer Freunde. Erweiterte und kommentierte Ausgabe. Hrsg, von Rätus Luck, unter Mitwirkung von Hugo Sarbach. Frankfurt am Main und Leipzig: Insel 1994. Freunde im Gespräch: Rainer Maria Rilke und Rudolf Kassner: Freunde im Gespräch. Briefe und Dokumente. Hrsg, von Klaus E. Bohnenkamp. Frankfurt am Main und Leipzig: Insel 1997. Goll; »Ich sehne mich sehr nach Deinen blauen Briefen«. Rainer Maria Rilke, Claire Goll: Briefwechsel. Hrsg, von Barbara Glauert-Hesse. Frankfurt am Main und Leipzig: Insel 2003. KEH: Rainer Maria Rilke: Die Briefe an Karl und Elisabeth von der Fleydt 1905-1922. Hrsg, von Ingeborg Schnack und Renate Scharffenberg. Frankfurt am Main: Insel 1986. KK: Rainer Maria Rilke, Katharina Kippenberg: Briefwechsel. Hrsg, von Bettina von Bomhard. Wiesbaden: Insel 1954. LAS: Rainer Maria Rilke, Lou Andreas-Salome: Briefwechsel. Hrsg, von Ernst Pfeiffer. Frankfurt am Main: Insel 1975. NWV: Rainer Maria Rilke: Briefe an Nanny Wunderly- Volkart. Im Auf¬ trag der Schweizerischen Landesbibliothek und unter Mitarbeit von Niklaus Bigler, besorgt durch Rätus Luck. Zwei Bände. Frankfurt am Main: Insel 1977.

207

SNB: Rainer Maria Rilke: Briefe an Sidonie Nädherny von Borutin. Hrsg, von Bernhard Blume. Frankfurt am Main: Insel 1973. TT: Rainer Maria Rilke und Marie von Thurn und Taxis: Briefwechsel. Besorgt durch Ernst Zinn, mit einem Geleitwort von Rudolf Kassner. Zwei Bände. Wiesbaden und Zürich: Niehans und Insel 1951. TvM: Rainer Maria Rilke: Briefwechsel mit Thankmar von Münchhausen 1913 bis 1925. Hrsg, von Joachim W. Storck, mit einem Geleitwort von Maleen Gräfin von Hatzfeld und Hieronyma Baronin Speyart van Woer¬ den. Frankfurt am Main und Leipzig: Insel 2004.

Häufiger zitierte Sekundärliteratur Baßler, Moritz: »Lehnstühle werden verrückt«. Spiritismus und emphati¬ sche Moderne: Zu einer Fußnote bei Wassily Kandmsky, in: Hofmanrtsthal-Jahrbuch 1 (1993). Bölsche, Wilhelm: Das Liebesieben in der Natur. Zwei Bände. Jena: Eu¬ gen Diederichs 1898. Du Prel, Carl: Das Rätsel des Menschen. Neu herausgegeben von Hel¬ mut Fritsche. Wiesbaden o.J.: Löwit (zuerst 1892). Du Prel: Der Spiritismus. Leipzig: Reclam 1893. Engel, Manfred (Hrsg.): Rilke-Handbuch. Leben - Werk - Wirkung. Unter Mitarbeit von Dorothea Lauterbach. Stuttgart: Metzler 2004. Freedman, Ralph: Rainer Maria Rilke. Der Meister 1906-1926. Aus dem Amerikanischen von Curdin Ebneter. Frankfurt am Main und Leipzig: Insel 2002. Gruber, Bettina (Hrsg.): Erfahrung und System. Mystik und Esoterik in der Literatur der Moderne. Opladen: Westdeutscher Verlag 1997. Linse, Ulrich: Geisterseher und Wunderwirker. Heilssuche im Industrie¬ zeitalter. Frankfurt am Main: Fischer 1996. Meyer, Wilhelm: Die Lebensgeschichte der Gestirne in Briefen an eine Freundin. Eine populäre Astronomie der Fixsterne. Leipzig: Hermann Haacke 1898. Nipperdey, Thomas: Deutsche Geschichte 1866-1918. Erster Band: Ar¬ beitswelt und Bürgergeist. München: Beck 1998 (zuerst 1990). Schnack, Ingeborg: Rainer Maria Rilke. Chronik seines Lebens und sei¬ nes Werkes 1875-1926. Zweite, neu durchgesehene und ergänzte Auf¬ lage. Frankfurt am Main und Leipzig: Insel 1996. Stockhammer, Robert: Zaubertexte. Die Wiederkehr der Magie und die Literatur 1880-1945. Berlin: Akademie 2000.

208

Wagner-Eglhaaf, Martina: Mystik der Moderne. Die visionäre Ästhetik der deutschen Literatur im 20. Jahrhundert. Stuttgart: Metzler 1989.

Personenregister Fundstellen aus den Briefen sind gerade gesetzt.

Albert-Lasard, Loulou Altheim, Karl

37,114,116

12g, 148

Andreas-Salome,

45, 150

Benjamin, Walter

Lou

116,

153,

igg

Berchem,

13, n6f.

Hedwig

Leopoldine

Freifrau von, geh. Freiin Schenk

Arco, Joseph Adam Graf

84

von Stauffenberg

Arco-Valley, Adelheid Gräfin, geh. Freiin von Aretin

148

Arco-Valley, Anton Graf

79, 126, 158

Bernus, Alexander von

97, 148

Beseler, Hans Hartwig von

11,

148, 150

Betz, Anton

Aretin, Karl Freiherr von

17

148,

153 Aretin, Maria Freifrau von, geh. Prinzessin von der Leyen

163

Bismarck, Otto Fürst von

9, 11,

tan Graf von

97, 148

Bissingen und Nippenburg, Elisa¬ beth Gräfin von, geb. Freiin von Aretin

98, 148f.

Bölsche, Wilhelm

150 Freifrau

geh. Gräfin Belcredi

von,

9, 12, 114-

163-166, ig6

Bohnenkamp, Klaus E. Brahe, Tycho

Brenner, Leo

78 f., 108, 138f

170

ig6

Breughel, Pieter d.J. Ball, Leo de

Briand, Aristide

12

Bang, Herman

Baßler, Moritz

Broch, Hermann

124

Brod, Max

168

Bauschinger, Julius

179

Bayern, Ruprecht Kronprinz von

197

Buergel, Bruno

206

ig6

Bumke, Konrad Eduard

22-25 Becker, Silke

123

Büchner, Georg Bülow, Ulrich von

126

85

167

168

Bruselles, Graf

Bayern, Ludwig Ferdinand Prinz von

53

74, 134

Brigido, Michael Freiherr von

197

Bartsch, Rudolf

137

171, 174, i8g-ig2

Braungart, Georg

116 Arold, Frau

11

Bissingen und Nippenburg, Caje-

150

Aretin, Louis Freiherr von

11g

27

Blavatsky, Helena

Aretin, Heinrich Freiherr von

Marianne

40, 115,

137, 184, lgi

Aretin, Anton Freiherr von

Aretin,

Benedikt XV., Papst

26

206

Belcredi, Anna Gräfin von, geh. Reichsffeiin von Weiden Belcredi, Karl Graf

141

36, 113

Carson, Eduard

134

Colloredo, Hieronymus Graf

92, 146

Belcredi, Richard Graf

Cantor, Moritz

Cossmann, Nikolaus

12

211

84

20, 22, 27

Däubler, Theodor

Gisler, Lern

168

Derleth, Ludwig

Goethe,

113

Dietrichstein, Alexandrine Gräfin

137,

Ebneter, Curdin

kopoulos)

Eibl, Karl

146

122

Gruber, Bettina

163, 176

59, 61, 127 114,

143,

i86f,

Haas, Willi

193f, ml; 200

Epp, Franz Ritter von Erdmann, Ilse

168

Fick, Monika

168

Haeckel, Ernst

26

189, 193

163f.

Harnack, Adolf von

123

Hartmann, Peter W.

130

Hartmann, Wilhelm

180

Hattingberg, Magda von

16g

Fischer, Jens Malte Flammarion,

187, 197

Gropius, Walter

16

Manfred

Ernst, Max

196

Günther, Johannes Ferdinand von

206

Eisner, Kurt

von

Greco, El G. (Domenikos Theoto-

162-163, i6g-ij2, 176, 178, 200

Camille

119, 190

Hausenstein, Wilhelm

117 171,

17g,

83, 139J',

142

Hefner-Alteneck, Bertha von

181

Flaubert, Gustave Franckenstein, von

Wolfgang

85, öl Gravelius, Harry

144

Du Prel, Carl Freiherr von

Engel,

146

Johann

47, 118

Clemens

Heideimann, Hildegard

Freiherr

55-58, 126

Frank, Manfred

114

Freedman, Ralph Freytag,

Prof.

124

Gustav

Marianne von

16, 115, mff, 184, 191, 206

Fuchs, Gotthard

Galilei, Galileo

168

Himmler, Heinrich

26

Hider, Adolf

57

Hohenwarth,

Anton

Sigmund

84 f.

Hulewicz, Witold

168

201

Hofinannsthal, Hugo von

Graf

85

23

20, 23-23, 30-32

Hölderlin, Friedrich

16g

Gauhe, Johann Friedrich

202/.

Huysmans, Joris-Karl

134,177

66, 70,

129, 141

Inzaghi, Franz Philipp von

Gebsattel, Emil Freiherr von

Gide, Andre

136

174

Gail, Josef Anton

Gerlich, Fritz

26

Heydt, Karl von der

Hindenburg, Paul von

Friedländer-Fuld,

George, Stefan

193

Heydnch, Reinhard

Hille, Peter Willibald

78, 131, 137

Gauguin, Paul

Heise, Lisa

167 24, 28

50, 118, 122

113

142

84

28

Jacobsen, Jens Peter Johannes von Patmos Juncker, Axel

212

147

189,197 11g

Kafka, Franz

168

Kahl, Michael

Lehmann, Walter

Kahler, Erich von Kaiser, Georg

Levis, Eliphas

16

73, 133

Kandinsky, Wassily

Kassner, Rudolf

9, 11, 14, 16, 78,

Lloyd George, David Lodron, Paris Graf Luck, Rätus

174

Kerenski, Aleksandr Fjodorowitsch

reich Hermann

14g

75, 133

Graf von Malewitsch, Kasimir

100, 14g Keyserlingk, Paul Graf von

59,

61, 127f. Kmdermann, Ferdinand Kippenberg, Anton

85

122, 127, 144,

Manger, Madame Manger, Pierre

45 f., 48-50, 121f. 9, 168f.

Marees, Hans von (Schreibweise bei Rilke: »Mares«)

Kippenberg, Katharina

125, 12g,

144

140

Meyrink, Gustav

206

Migazzi,

Klossowski, Baltusz Koch, Manfred Köhler, Oswald Kölsch, Adolf König, Hertha Kolb, Annette

147

168

Christoph Anton

16g

Hoyos

197

144, 146, 148, 150

18, 86, 94, 96, 105, 142,

Mitterer, Erika

88, 144f, 184

187

82, 116, 12g, 139

Moras, Joachim

igo

Mühll, Dory von der 174

Münchhausen,

Hermann

117 145

Müller, Karl Alexander von

168

Hans

Graf

Therese Gräfin von, geb. Gräfin

147

Kopernikus, Nikolaus Kornfeld, Paul

162, 195/.

84 Mirbach-Geldern-Egmont, Marie

118

Klossowska, Baladine

igg

119

Meyer, Wilhelm

113

42

Marwitz, Adelheid von der Memling, Hans

Klipstein, Editha

168 118, 122

Mann, Thomas

147, 152, 171, 195

Kritzinger,

74, 134 84

Ludwig XIV., König von Frank¬

73, 132f-

Klages, Ludwig

83,

140

87, 137, 142/, 167

Klein, Uta

139

162

Lipper, Margot, geb. Cohn

168 172

Klee, Paul

163

Linse, Ulrich

146

Kant, Immanuel

Keyserling,

11g

Lichtenstein, Grete

Kalnoky, Therese Gräfin

Kepler, Johannes

13, 59, 116, 127

Leonhard, Kurt

170

20, 27

Thankmar

von

118, 129, 136, 144

14,

36, 38, 113/, i8of, 184, 196 Kühlmann, Richard von

75, 135

Nädherny von Borutin, Sidonie von

Lachenbauer, Johann Lauer, Gerhard

85

120, 125, 12g, 143, 173

Napoleon I., Kaiser von Frankreich

75, ‘35

206

213

Neumann, Therese Nikolaus II., Zar

Rolland, Romain

23, 24

Nipperdey, Thomas

Salm, Wilhelm Florentin Graf zu

180

84

Ottingen-Wallerstein, Eugen Fürst 22, 27

Schaer, Alfred

197

Schaffer, Fritz

23, 30

Schaffgottsch,

Philipp

Graf 2g

Scharffenberg, Renate

Paerna, Nikolai

145

Schey, Philipp

Papen, Franz von

Picard, Max

114

Maria Theresia

55,123

Preysing, Konrad Graf Anton

Schlözer, Leopold von Schnack, Ingeborg

61,

Peter

118

138, 147

Scholem, Gershom

117

Schrattenbach, Sigmund

22

Graf

84

Christoph Graf

84

Schrenck-Notzmg, Albert Freiherr

Purtscher-Wydenbruck, Nora, geb. Gräfin Wydenbruck

von 186,

78, 137, 16g f.

Schüler, Alfred

203

36, 71, 78, 113/.,

117, 131, 170, 183, ig7

Schulte. Karl Joseph Radt, Fritz

117

Schweikert, Rudi

Ramberg, Egon Freiherr von Regiomontanus, Johannes Reinhart, Georg Reinhart, Hans

Reusch, Paul

Sieber, Carl

146 131

Rodt, Christoph

Ruth,

206

geb.

Rilke

132/, 203

Siebmacher, Johann 128

83, 85, 141

Soden, Joseph Maria Graf

Sieber-Rilke,

Ruth

Rodin, Auguste

128, 148f.

38, 41, 81, 108, 128/., 143, 148/,

22, 24, 27

siehe:

118 146

Sieber-Rilke, Hella Sieber-Rilke,

Rilke, Clara, geb. Westhoff Ruth

13g 174

146

Reinhart, Werner

Rilke,

Gräfin,

128

47, 49, 120J., 183

Freiherr von

128

geb. Prinzessin Hohenlohe

Pranckh, Johann Ludwig Gottlieb

Przichowsky,

Schlick,

51

Poincare, Henri

124

Schlick, Erwein Graf

42, 51, 82, 116, 13g

Plumpe, Gerhard

17g

Schleyer, Leopold von

86, 92, 142, 146

Picasso, Pablo

147

123 f.

Schiaparelli, Giovanni

22

22

Pineau, Andre

Gotthard

85

Pacelli, Eugenio

Pfitzner, Hans

122

13, 14, 42-45,

48 f., 61, 116f., 184, 200 Nostradamus

132, 192

Rysselberghe, Theo van

160, 167/

Noeggerath, Fehx

118

Roxroy, Randolph

133

Stalin, Josef

22

134

Stauffenberg, Caroline Gräfin von, 100, 14g

geb. Gräfin Uxkull-Gyllenband

18

138

214

Stauffenberg, Claus Graf Schenk von

29

Stauffenberg, Nina Gräfin Schenk von, geb. Freiin von Lerchenfeld

Tolstoi, Lew Nikolajewitsch Graf 7T 75. 131 Trauttmannsdorff, Thaddäus Graf 85 Trotzki,

29

Stauffenberg, Dr. med. Wilhelm Freiherr Schenk von

47, 55 f-.,

Leo

Davidowitsch

74,

133f Tscheidse

73, 131f.

120, 124, 126, 138

Steiner, Rudolf

Stinde, Julius

Ulam, Adam

164

Stephens, Anthony

dolf; Hermann)

196

Stockhammer, Robert Storck, Joachim

75, 135

178

Velde, Henry van de

147, 149

Stresemann, Gustav

47, 51 f., 123

Strindberg, Kerstin

51, 123

v.V.)

53, 124

Virchow, Rudolf

178

Vöhlin, Patrizierfamilie

143

Swedenborg, Emanuel

74, 133

Waldburg-Zeil, Erich Fürst Washington, George

17

143

Thun, Guidobald Graf

84

Thurn und Taxis, Alexander Fürst von

Thurn und Taxis, Alexander (gen.

168

Wille, Bruno

163, 166

Wolfenstein, Alfred

82, 139

Wunderly-Volkart,

Nanny

151 ff, 156, 184, 192, 194, 199

61, 128

Ziegler, Richard

61, 128 Thurn und Taxis, Marie Fürstin

120,

9-16, 61, 96, 113-115, 117123,

125,

127-129,

142,

147,

151, 153, 170-173, 181 f, 19U 197.f

Zinn, Ernst

146

145

Zöllner, Friedrich

24

16, 113

Thurn und Taxis, Erich Prinz von

von

119,

31

Werfel, Franz

Wolfskehl, Karl

40

Pascha) Prinz von

Martina

169

145, 184

Tizian (Tiziano Vecellio) Thomas a Kempis

17

172

Wagner-Eglhaaf, Tirpitz, Alfred von Tischner, Rudolf

50, 122

Veliez, Herr von (bei Rilke: Herr

134

Strindberg, August

Studer, Claire

131

Ullstein (Louis; Franz Edgar; Ru¬

186

179, 181

146,

DATE DUE

-J