Der Aufbau der realen Welt.

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Der Aufbau der realen Welt.

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Der Kufbau üer realen Welt Grundriß -er allgemeinen Kategorienlehre

von

Nicolai h a r t m a n n

Valter-eGeugterLCo. v o r m a l s G. Z. Göschen'jche v e r l a g s h a n ü l u n g z I . G u t t e n t ag , V e r l a g s ­ buchhandlung z Georg Re i mer z Karl J. Cr ü b n e r z Veit & Comp.

B e r l i n 1940

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Archiv-Nr. 42 45 40 Druck von W alter de G ruyter L Co - Berlin W 35 Print.ed in Qermany

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Vorwort. Den Untersuchungen „Zur Grundlegung" und denen über „Mög­ lichkeit und Wirklichkeit" stelle ich mit der Allgemeinen Kategorien­ lehre, die den „Aufbau der realen Welt" umreißen soll, das dritte Stück der Ontologie an die Seite. Die Entfaltung des neuen Themas ist durch die vorausgegangenen Bände eindeutig vorgezeichnet. M an wird sich der dort mehrfach er­ örterten Gründe erinnern, warum alle ins Besondere und Inhaltliche gehende Ontologie die Form der Kategorienlehre annehmen muß. Nicht von Verstandesbegriffen handelt die Kategorienlehre, sondern von den strukturellen Fundam enten der realen Welt, genau in dem­ selben Sinne, wie die Modalanalyse von ihrer Seinsweise handelte. Kategorienlehre ist nicht Sache der Erkenntnistheorie; sie ist für diese zwar unentbehrlich, kann aber von ihr allein nicht bewältigt werden. Nur ontologische Frageweise hat für sie die rechte Einstellung und die nötige Weite. M it welchem Recht sich Seinsfundam ente unter dem Namen von „Kategorien" behandeln lassen, ist nicht schwer zu zeigen; davon gibt die Einleitung Rechenschaft. Daß aber in einer Untersuchung über Kategorien auch ein einheitliches Gerüst der realen Welt greifbar wird, ist eine Einsicht, die sich nicht zum voraus, sondern erst im Fortschreiten der inhaltlichen Erörterungen selbst erweisen läßt. Wenn ich diese Ein­ sicht bereits im Titel des Buches ausspreche, so greife ich damit dem Erweise nicht vor, sondern weise nur vorweg auf den ontologischen Hauptgegenstand der Kategorialanalyse hin. Der Hinweis ist nicht überflüssig. Denn der Weg des Erweises ist ein weiter. Das ontologische Kategorienproblem ist mit einer langen Reihe von Aporien belastet, von denen die meisten auf traditionellen Vorurteilen beruhen. Der Abbau dieser Vorurteile ist die Aufgabe des l. Teiles. Er vollzieht sich in rein kritischer Arbeit, und zwar auf einem Wege, der, wie mir scheinen will, der Weg einer neuen Kritik der reinen Vernunft ist. I n der Tat handelt es sich hier auf der ganzen Linie um neue Einschränkungen der apriorischen Erkenntnis sowie um Sicherung der objektiven Gültigkeit philosophischer Einsichten. Dieser Teil der Untersuchungen wird nicht um seiner selbst willen geführt, enthält aber die entscheidenden Auseinandersetzungen. Ein Bruchstück davon habe ich bereits 1924 in dem Aufsatz „Wie ist kritische Ontologie überhaupt möglich" veröffentlicht. Der Sache nach war es schon damals die Vorarbeit zur Katcgorienlehrc. I n der neuen Be-

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arbeitung konnte ich die alten Ansätze fast durchgehend festhalten. Inhaltlich aber bedurfte es vieler Ergänzungen. Die Kategorienlehre selbst freilich erfordert ein ganz anderes Vor­ gehen. Kategorien wollen aufgezeigt, analysiert, durch ihre mannig­ faltigen Abwandlungen hindurch verfolgt sein. Der II. Teil nimmt diese Aufgabe in Angriff, indem er die strukturellen Fundam ental­ kategorien herausarbeitet, d. H. diejenigen Kategorien, die allen Schichten des Realen (und überdies allen Seinssphären) gemeinsam sind, sowie die sich eng an sie anschließenden Kategoriengruppen der Q ualität und Q uantität. Diese Untersuchung muß weit ausholen. S ie mag darum in ihren Anfängen unübersichtlich scheinen. Vergleicht man sie aber mit den Schwierigkeiten der Modalanalyse, so darf sie als konkret und relativ leicht gelten. S ie kann überall am Inhaltlichen an ­ setzen, z. T. sogar am anschaulich Gegebenen und unm ittelbar Auf« weisbaren. Denn jede dieser Kategorien durchdringt den ganzen Schichtenbau der realen Welt bis hinauf zu den Höhen des geistigen S eins und offenbart in jeder Höhenlage neue S eiten ihres Wesens. Die Anfänge dieser Untersuchung liegen weit zurück. Schon die „Metaphysik der Erkenntnis" (1921) fußte auf einigen Analysen dieser Art. Wenn ich sie damals mit hätte vorlegen können, es wäre manches schlimme Mißverständnis niemals aufgekommen; ich hoffte denn auch, in absehbarer Zeit einen Abriß der Kategorienlehre folgen lassen zu können. Die Hoffnung erfüllte sich nicht. M it dem Eindringen wuchs der Stoff an, und solange der Überblick des Ganzen fehlte, entbehrten auch die ersten Schritte der Sicherheit. Indessen sind fast zwei J a h r­ zehnte darüber hingegangen und die ganze Problemlage im Fach hat sich verschoben. Der Ontologie ist sie günstiger geworden: der F rage­ bereich um das „Seiende als Seiendes" hat wieder eine gewisse S elb ­ ständigkeit erlangt; und wenn man heute das S ein vom Gegenstandsein unterscheidet, so wird man wenigstens von den Jüngeren verstanden. Andererseits hat sich der Fragebereich der Ontologie zu ungeahnter Verzweigung ausgewachsen; niemand wird heute noch glauben können, auf diesem Arbeitsgebiet als Einzelner zu einem Abschluß gelangen zu können. Es beginnt vielmehr die Einsicht durchzudringen, daß wir überhaupt heute erst in den Ansängen der Kategorienlehre stehen. Wer auf diesem Gebiete etwas vorlegen will, muß notgedrungen einen vorläufigen Grenzstrich ziehen. Die Problemlage unserer Zeit gestattet den Einblick nur in gewisse Ausschnitte des kategorialen Gesamtaufbaus. Nur die niederen Schich­ ten sind halbwegs zugänglich geworden; für die höheren, die des seelischen und des geistigen Seins, mangelt es noch an gründlicher Vorarbeit. Und wie könnte es anders sein? Ist doch die Psychologie, ist doch die

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Mehrzahl der Geisteswissenschaften noch jung. Diese allgemeine Problemlage kann sich nur langsam ändern. Wer mehr als einen Aus­ schnitt geben wollte, müßte mit Vermutungen künftiger Einsichten arbeiten. Damit kann in der Wissenschaft niemand Glück haben. Den Propheten spielen wird stets nur der Unwissende. So ist es denn auch heute nur ein Ausschnitt aus der kategorialen Mannigfaltigkeit, was ich auf diesen Blättern vorlege. Und nicht nur auf diesen Blättern. Denn das gleiche wie von den Fundamental­ kategorien, die dieser Band behandelt, gilt auch von den Kategorien der Natur, mit denen es der nächste (das vierte Stück der Ontologie) zu tun hat. Andererseits aber ist auch der engste Ausschnitt aus der kategorialen Mannigfaltigkeit nur auf Grund größerer Zusammen­ hänge faßbar. Man muß diese wenigstens im Blick haben, wenn auch die Analyse sie nicht bewältigt. Denn so steht es einmal im Kategorien­ problem: es hängt alles unaufhebbar aneinander, und man kann die Anfänge erst zur Klarheit bringen, wenn man mit der Kategorialanalyse bedeutend über sie hinausgelangt ist und etwas vom Aspekt des Ganzen erfaßt hat. Das widerstreitet keineswegs dem Ansatz an einem Ausschnitt. Im Gegenteil, dafür stehen die Aussichten gar nicht schlecht. Gerade das Ganze ist von den Anfängen aus in gewissen Umrissen erkennbar. Denn eben weil im Kategorienreich alles unlöslich aneinanderhängt, muß sich auch schon in den Fundamentalkategorien etwas vom Aufbau der realen Welt verraten. So kommt es, daß am Leitfaden dieser Kategorien eine Reihe von Gesetzen greifbar wird, die das innere Gerüst des ganzen Aufbaus ausmachen. Darum bildet die Heraus­ arbeitung dieser Gesetze den eigentlichen Schwerpunkt der vorliegenden Untersuchungen. M it ihnen hat es der dritte Teil des Buches zu tun. M it den Gesetzen selbst bringe ich heute nicht mehr etwas Neues. Ich habe 1926 unter dem Titel „Kategoriäle Gesetze" (Philosophischer Anzeiger I, 2) von ihnen gehandelt; doch fehlte mir damals das breitere inhaltliche Material, um sie mehr ins Einzelne durchzuprüfen. Auch habe ich im Lauf der Jahre manches an der damaligen Fassung ver­ besserungsbedürftig gefunden. Die Gesetze kehren zwar in der neuen Fassung alle wieder, haben aber in einigen wesentlichen Stücken eine Änderung erfahren. Der Hauptpunkt des Unterschiedes läßt sich ohne Schwierigkeiten vorweg angeben. Damals schien es mir noch, daß alle Überlagerung der Seinsschichten und ihrer Kategorien den Charakter des Über­ formungsverhältnisses trage. Damit war dem relativierten FormMaterie-Verhältnis, also einem einzelnen Kategorienpaar, ein zu großer Spielraum zugestanden; der Aufbau der realen Welt war noch

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zu einfach gezeichnet. Der Fehler machte sich dann in der weiteren Durchführung der Kategorialanalyse immer mehr als Unstimmigkeit geltend. Es zeigte sich, daß weder die Schichten des Realen selbst noch die seiner Kategorien im reinen Uberformungsverhältnis aufgehen, daß vielmehr eine zweite Art der Überlagerung sich dazwischenschiebt und nach oben zu immer mehr das Feld beherrscht. Diese galt es zu fassen und der kategorialen Gesetzlichkeit einzugliedern. S o sah ich mich denn auf die neuerliche Überprüfung der ersten Grundlagen zurückgeworfen. M it den mannigfachen Umwegen, die meine Untersuchungen seitdem durchlaufen haben, brauche ich den Leser dieses Buches nicht zu beschweren. Ich habe denn auch in der neuen Darstellung der kategorialen Gesetze davon Abstand genommen, auf die frühere Fassung Bezug zu nehmen. Es schien mir überflüssig, heute noch fortlaufend an sie zu erinnern. Wer die alte Arbeit kennt, wird ohnehin leicht die Abweichungen feststellen. Und über die Gründe der veränderten Fassung gibt die Analyse selbst genügend Aufschluß. Indessen konnte ich von J a h r zu Ja h r verfolgen, wie sich der Schich­ tungsgedanke, obgleich ich ihn damals in unausgereifter Form gebracht hatte, immer mehr durchsetzte. Es scheint, daß er ein allgemein emp­ fundenes und auf vielen Problemgebieten gedanklich vorbereitetes Desiderat des erwachenden ontologischen Denkens erfüllte. D as be­ sondere Verhältnis der Schichten jedoch sowie namentlich die zwischen ihnen waltende Abhängigkeit unterlag hierbei mancher Verunklärung. D a nun der kategoriale B au der realen Welt ein Schichtenbau ist, die besondere Art seiner Schichtung also zum eigentlichen Hauptthema des vorliegenden Buches gehört, so habe ich nunmehr auf die Behand­ lung der vierten Gesetzesgruppe, die der Dependenzgesetze, größeren Nachdruck legen müssen. Erst von diesen Gesetzen aus fällt das ent­ scheidende Licht auf das Schichtungsverhältnis, und auch sonst liegen bei ihnen die wichtigsten Aufschlüsse über den Aufbau der realen Welt. Erst hier, im letzten systematischen Abschnitt des Schlußteiles, kommt das Hauptthem a des ganzen Werkes zum Austrag. — Noch eines liegt mir hierbei am Herzen. Ich höre immer wieder den Vorwurf, ich hätte der Philosophie das Recht, auf ein „System" hinzuarbeiten, abgesprochen, täte dabei aber selbst nichts anderes als ein philosophisches System zu bauen. Es kann nicht fehlen, daß dieser Vorwurf insonderheit gegen ein Buch erhoben werden wird, welches direkt vom Aufbau der realen Welt handelt, also jedenfalls doch auf ein System hinarbeitet. Ich könnte gegenfragen: soll etwa einem, der gegen das Kon­ struieren einschreitet, das Thema „Welt" verwehrt sein? Oder soll, weil es das Them a doch nun einmal gibt, aller kritischen Besinnung

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abgeschworen und aller Spekulation die Tür geöffnet sein? S o wird man es wohl nicht meinen. Aber es ist vielleicht besser, wenn ich den entscheidenden Unterschied — auf die Gefahr hin, denen lästig zu werden, die ihn längst erfaßt haben — hier in Kürze darlege. D a ist doch den Herren Kritikern ein mir kaum begreifliches Miß­ verständnis untergelaufen. S ie haben das System der Welt mit dem System der Philosophie, das Suchen nach ersterem mit dem fabu­ lierenden Gedankenspiel des letzteren verwechselt. Niemals habe ich bestritten, daß die Welt, in der wir leben, ein System ist, und daß die philosophische Erkenntnis dieser Welt auf Erkenntnis ihres Systems hinauslaufen muß. Bestritten habe ich stets nur, daß solche Erkenntnis von einem vorentworfenen Systemplane ausgehen dürfe — gleich als wüßten wir schon vor aller Untersuchung, wie das Weltsystem be­ schaffen ist —, um dann hinterher die Phänomene hineinzuzwängen, soweit das geht, und abzuweisen, soweit es nicht geht. Dieses haben die spekulativen Systeme der Metaphysik von den Anfängen der Philo­ sophie bis auf unsere Zeit getan. Darum hat sich keines von ihnen halten können. Systeme dieser Art sind es, die m. E. in der T at heute ausgespielt haben. Das ist der Unterschied, auf den allein es ankommt: ob man ein erdachtes resp. den Traditionen theologischer Populärmetaphysik ent­ nommenes System voraussetzt, oder ob man ein noch unbekanntes System, das im Gefüge der Welt stecken mag, von den Phänom enen ausgehend aufzudecken sucht. Von einem Aufbau der „realen Welt" wird man sinnvollerweise nur im zweiten Falle handeln können. M an wird dabei freilich das System nicht auf den Tisch präparieren können. M an wird sich auch nicht einbilden dürfen, das vom Fabulieren ver­ wöhnte metaphysische Bedürfnis befriedigen zu können. M an wird vielmehr zufrieden sein, wenn es gelingt, einige Grundzüge des ge­ suchten Weltgerüstes zur Greifbarkeit zu bringen. Mehr als einige Grundzüge bringt auch dieses Buch nicht. Die kategorialen Gesetze bilden nur ein loses Geflecht, in den: manches hypothetisch und vieles ganz offen bleibt. Wer die Gesamtanschauung von der Welt, auf die sie hinausführen, ein System der Philosophie nennen will, dem soll das unverwehrt sein. Er muß sich dann nur hüten, das System über die Grenzen des wirklich Aufgewiesenen und Dargelegten hinaus nach Gutdünken zu erweitern. Dem System­ süchtigen vom alten Schlage wird das nicht leicht sein. Wer den Unter­ schied von Untersuchen und Konstruieren nicht in langjähriger eigener Arbeit an denselben Problembeständen ermessen gelernt hat, wird hier schwerlich die kritische Grenze zu ziehen wissen. Er wird gut tun, sie sich einstweilen zeigen zu lassen.

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Ob ich selbst die Grenze richtig gezogen habe — diese Frage wird der aufmerksam Lesende in jedem Kapitel des Buches neu gestellt finden. S ie zu beantworten ist weder Sache des Autors noch seiner Zeitgenossen. S ie beantwortet sich von selbst, wenn die Forschung einige Schritte weiter gelangt und die Problemlage eine andere ge­ worden ist. S o lehrt es uns die geschichtliche Erfahrung. Aber die Heutigen erfahren die Antwort nicht mehr. Eine Fülle weiterer Fragen hängt hiermit zusammen, die alle ins Methodologische gehen. Fast ebenso groß wie das Mißverständnis in der Systemfrage ist das andere, das die „Voraussetzungen" der Philo­ sophie betrifft. Jene selben Kritiker haben mir die Id ee einer „voraus­ setzungslosen Philosophie" zugeschrieben. S ie haben damit einen mir gänzlich fremden Gedanken — der ja auch nachweislich ganz anderen Ursprungs ist — auf meine Arbeiten übertragen. Ich habe schon vor zwei Jahrzehnten itt der „Metaphysik der Erkenntnis", damals noch im Gegensatz zur Mehrzahl der Fachgenossen, die umgekehrte Forde­ rung erhoben, die Philosophie von einem so breit wie möglich angelegten Umfang des Gegebenen aus zu beginnen und in diesem Gegebenen den Bestand ihrer Voraussetzungen zu erblicken. Z u wenig Gegebenes anzunehmen ist gefährlich, denn es setzt eine Auslese voraus, deren Gesichtspunkt nicht zum voraus feststehen kann; zu viel vorauszusetzen ist weit gefahrloser, weil in der Fortarbeit das irrig Hingenommene sich herausstellen läßt. Die Philosophie beginnt nicht mit sich selbst; sie setzt das in Jahrhunderten angesammelte Wissen und die methodische Erfahrung aller Wissenschaften voraus, nicht weniger aber auch die zweischneidigen Erfahrungen der philosophischen Systeme. Aus alledem hat sie zu lernen. Von dem ungeheuren Unsinn einer „voraussetzungs­ losen Wissenschaft" ist sie jedenfalls weiter entfernt als irgendein anderer Wissenszweig. Was sie wirklich zu vermeiden trachten muß, sind nur Voraus­ setzungen einer bestimmten A rt: die spekulativen und konstruktiven, die der Untersuchung vorgreifen und ihre Ziele vorweg bestimmen. Noch im Neukantianismus hat die Tradition der Systembaumeisterei vorgeherrscht. Wir stehen heute in der Reaktion gegen diese Tendenz. Philosophie soll keine Luftschlösser bauen. S ie soll auch nicht vor­ spiegeln, zeitlose Dinge zu treiben. Aus der Zeitlage heraus die P ro ­ bleme aufgreifen soll sie, in dem Maße als diese spruchreif geworden sind. Es gibt keine größere Aufgabe für sie, als die Arbeit an ihnen bewußt und ohne Nebenrücksichten aufzunehmen. Berlin, Dezember 1939. N ic o la i H a r t m a n n .

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Inhalt. S eite

E in le itu n g 1. Die S tellu n g der Kategorienlehre innerhalb de* O n to lo g ie ................. 1 2. D er S in n der F rage nach den „ K a te g o r ie n " ........................................... 2 3. D as erkenntnistheoretische K ateg o rien p ro b lem ........................................... 5 4. Die Gegebenheitsverhältnisse im Wissen um K ategorien.......................... 8 5. Von der Erkennbarkeit der K a te g o rie n ..............................................................10 6. Berechtigung des Festhaltens an den „ G ru n d p räd ik a te n "........................... 13 7. W eitgehende standpunktliche Indifferenz der Kategorienlehre . . . . 15 8. Die geschichtliche K ontinuität der K a te g o ria la n a ly s e ....................................17 9. Die Denkformen und der kategoriale R elativism us........................................ 19 10. Die geschichtliche Beweglichkeit des Geistes und die Kotegonen . . . 20 11. Kategoriale Stellung der D e n k fo rm e n ..............................................................22 12. Echte und scheinbare K a te g o rie n ...........................................................................23 13. Die Beweglichkeit der Denkformen und das Durchgehen der Kategorien 25 14. P ragm atism us, Historismus und F iktionstheorie............................................ 27 15. Die A rten der V ariabilität und ihre G r ü n d e ................................................ 29 16. D er Richtungssinn im Wechsel der D e n k fo rm e n ............................................ 32 17. D as Auftauchen der Kategorien im Wechsel der D enkform en.......................34 18. Die Lagerung der prim ären G e g e b e n h e itsg e b ie te ........................................36 19. Kategoriale E ntfaltung des W e ltb e w u ß ts e in s .................................................39

Erster T e i l

A l l g e me i n e r B e g r i f f der Kat egor ien I. Abschnitt. T ie K ategorien und d as ideale S ein. 1. K a p ite l. G le ic h se tz u n g von P r i n z i p i e n u n d W e s e n h e i t e n .......................41 a. Prinzip und D e te r m in a tio n ...............................................................................41 b. D as Allgemeine in den Kategorien. Antike Fassungen............................... 43 c. Neuzeitliche Fassungen. K ant und seine E pigonen........................................45 d. Die phänomenologische E rneuerung der W e s e n s le h re ............................... 46 2. K a p ite l. A u f h e b u n g d e r G le ic h se tz u n g . D ie A b g r e n z u n g .......................48 a. Die drei Hauptpunkte der U ntersch eid u n g .....................................................48 b. Die Grenzen des Formcharakters in den K a t e g o r i e n ............................... 50 c. D as Substratm om ent in den K ategorien.........................................................51 3. K a p ite l. D ie K a t e g o r i e n d e s id e a l e n S e i n s ................................................ 52 a. Prinzip und Concretum innerhalb des W esensreiches............................... 52 b. Die Spiegelung der Sachlage in den Gegebenheitsverhältnissen . . 54 e. Wesenheiten und W esenskategorien ..................................................................56 d. Ausblick. W erte und W ertkategorien..................................................................57 4. K a p ite l. I n h a l t l i c h e r Ü berschuß d e r R e a l k a t e g o r i e n ............................... 59 a. Kategorialer Hintergrund des S phärenunterschiedes....................................59 b. Modale und substantielle M o m e n te ..................................................................60 c. Die Zeitlichkeit als kategoriale Grenzscheide. Die Räumlichkeit . . . 62 d. Die Realkategorie der Individualität. Konsequenzen....................................64

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II. Abschnitt. Ontologische Fassungen und Fehlerquellen. Seite

5. K a p ite l. D id a k tisc h e r W e r t d e r V o r u r t e i l e .................................................66 a. D as unbewältigte Rätsel der „ T e ilh a b e ".................................................. 66 b. Notwendigkeit einer radikaleren „ K ritik " .................................................. 68 c. Geschichtlicher Gang der Arbeit am K a te g o rie n p ro b le m .................... 70 d. M ethodologisches..............................................................................................73 6. K a p ite l. D e r k a te g o r ia le C h o r i s m o s u n d d ie H o m o n y m ie . . . . 75 a. Aporie und Geschichte des C h o ris m o s .......................................................75 b. Aufhebung des Chorismos. D as Wesen des P r i n z i p s .........................77 c. D as Platonische V orurteil der H o m o n y m ie ..........................................79 d. D er Gedanke des „P rinzips" und seine Vernichtung in der Homonymie 81 c. Die Theorie der „V erm ögen". Aufhebung der Homonymie . . . . 83 7. K a p ite l. K a t e g o r i a l e G r e n z ü b e r s c h r e itu n g u n d H e t e r o g e n e i t ä t . 85 a. Die Verallgem einerung spezieller K a teg o rien..........................................85 b. Krasse T ypen kategorial einseitiger W e l t b il d e r ..................................... 87 c. Die Grenzüberschreitung „nach u n te n " .......................................................89 d. D as E rfordernis der W ahrung kategorialer E igenart.............................91 8. K a p ite l. K a t e g o r i a l e r T e l e o l o g i s m u s u n d N o r m a ti v i s m u s . . . 93 a. Alte und neue Zweckvorstellungen im K a te g o rie n p ro b le m ................93 b. Ätiologische Fundierung der K a te g o rie n .................................................. 94 c. Kritische Stellungnahm e und methodisches E rfordernis........................ 97 9. K a p ite l. K a t e g o r i a l e r F o r m a l i s m u s ................................................................. 98 a. D as antike Form prinzip und seine G r e n z e n ..........................................98 b. Stellung des Form alism us zu den anderen V o ru rteilen ................... 100 c. Folgeerscheinungen des kategorialen F o rm a lism u s................................ 102 d. D as Erfordernis der m aterialen M om ente in den Kategorien . . . 104

III. Abschnitt. Crkenntnistheoretische Fassungen und Fehlerquellen. 10. K a p i te l . N e u e A u f g a b e n d e r V e r n u n f t k r i t i k ..........................................106 a. Besondere Restriktion einzelner K a te g o rie n .............................................106 b. D as V orurteil der B e g r if f l i c h s t .............................................................. 108 c. D as wirkliche V erhältnis von Kategorie und B e g r i f f ....................... 110 d. Kategorialer Subjektivism us ............................................................113 e. Wiederherstellung der dimensionalen Überschneidung............................114 11. K a p ite l. K a t e g o r i a l e r A p r i o r i s m ü s u n d R a t i o n a l i s m u s ....................116 a. Die vermeintliche Erkennbarkeit a priori der K a teg o rien ...................116 b. W ahres V erhältnis des A priorism us zu den K ateg o rien ...................118 c. Kategorialer N ationalism us........................................................................... 120 d. Erkenntniskategorien und K ateg v rien erk en n tn is.................................... 123 e. Konsequenzen, die Kritik der apriorischen V ernunft betreffend . . . 124 s. D er Einschlag des Irra tio n a le n in den K a te g o r ie n ........................... 127 12. K a p ite l. V o r u r t e i l e in den J d e n t i t ä t s t h e s e n ..........................................129 a. Jdentitätsphilosophische V ereinfachung......................................................129 b. Die erste Restriktion. D er Gedanke der kategorialen Id e n titä t . . . 131 c. K ants „Oberster Grundsatz" und seine überstandpunktlicheG eltung . 133 d. D er absolute A priorism us und seine A porien........................................ 134 e. W eitere Einschränkung der kategorialen I d e n t i t ä t ................................136 13. K a p ite l. D a s V o r u r t e i l d e r lo g is c h -o n to lo g is c h e n I d e n t i t ä t . . . 138 a. Die doppelte J d e n titä ts th e s e ......................................................................138 b. Aufdeckung der Unstimmigkeiten. D as D rei-S phären-V erhältnis. . . 139 c. Einschränkung der logisch-ontologischen I d e n t i t ä t ............................... 141

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Seite

14. K a p ite l. K o n se q u e n z e n a u s der K ritik d er J d e n t it ä ts t h e s e n . . . 143 a. Sekundäre Erfaßbarkeit der Erkenntniskategorien...................................143 b. Die partiale Id en tität einzelner Kategorien...............................................144 c. Abstufung von Id en tität und Nichtidentität in den Kategorien . . . 146 d. Zum kategorialen Grenzverhältnis der Seinssphären und des Logischen 147 c. Weitere Sphärenmannigfaltigkeit. Begrenzung der Aufgabe . . . . 148 IV. Abschnitt. Fehlerquellen der philosophischen Systematik. 15. K a p ite l. D a s V o r u r te il d es E in h e its p o s tu la ts .......................................151 a. Kategorialer M o n is m u s ...............................................................................151 b. Die metaphysische Aporetik des „obersten P rin zip s"............................... 152 c. Die greifbare Einheit der gegenseitigen B e z o g e n h e it...........................154 d. Die Unableitbarkeit der K a teg o rie n ........................................................... 156 16. K a p ite l. D a s V o r u r te il d es k a te g o ria le n D u a l i s m u s ....................... 158 a. Gegensatz und Widerstreit im Aufbau der W elt....................................... 158 b. Der innere Dualismus im Prinzipiengedanken s e l b s t........................... 160 c. Das Aufgehen der Kategorien im C o n c re tu m ....................................... 161 17. K a p ite l. D a s V o r u r te il des H a r m o n i e p o s tu l a ts ................................... 163 a. Die Antinomien und der Realwiderstreit ............................................... 163 b. Echte und unechte Antinomien. Kant und die Hegelsche Dialektik. . 165 c. S inn der unlösbaren Antinomien. Größenwahn der Vernunft . . . 167 d. Die Einheit der Welt und das natürliche System der Kategorien. . 169

Zweiter Teil

D i e Lehre von den Fundam entalkategorien I. Abschnitt. Tie Schichten des Realen und die Sphären. 18. K a p ite l. D ie E rk e n n tn is s p h ä re u n d ih re S t u f e n ............................... 171 a. Realität und E rkenntnis............................................................................... 171 b. Die Spaltung der Erkenntnissphäre. Traditionelle Unterscheidungen 173 c. Verhältnis der Erkenntnisstufen zum Logischen und zum A k t..................... 174 d. Die innere Heterogeneität der Erkenntnisstufen....................................... 177 e. Verteilung des apriorischen Einschlages auf die Erkenntnisstufen . . . 178 f. Reduktion der Stufen auf zwei Grundbereiche der Erkenntnis . . . 179 19. K a p ite l. D a s H in e in s p ie le n d er id e a le n u nd logischen S p h ä r e . 181 a. Jdealstrukturen in den niederen Erkenntnisstufen................................... 181 b. Die logische Sphäre und ihre Jdealgesetzlichkeit......................................183 c. Die Stellung der logischen Sphäre . . . i .......................................... 185 d. Die Rolle des Logischen in der Erkenntnis.............................................. 187 20. K a p ite l. D ie L eh re von den S chichten d es R e a le n ..............................188 a. „Natur und Geist". Der vierschichtige S tu fe n b a u ................................... 188 b. Geschichtliche Ursprünge des Schichtungsgedankens............................... 190 c. Das Grenzverhältnis der Schichten und die Metaphysik des stetigen Überganges....................................................................................................... 193 d. Die^drei Einschnitte in der Stufenfolge der realen W e l t ................... 195 e. Die^vier Hauptschichten des Realen und ihre weitere Unterteilung . . 197 21. K a p ite l. S chichten des R e a le n und Schichten der K a te g o rie n . . 200 a. Dimensionen kategorialer M annigfaltigkeit...............................................200 b. Die Stellung der Fundamentalkategorien innerhalb der am Concretum differenzierbaren Schichtenfolge................................................................... 201

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XII

Inhalt. Seite?

c. Die drei erkennbaren G ruppen der Fundam entalkategorien . . . . -203 cl. Die obere Grenze der Fundam entalkategorien und das ideale S e in 206 e. Die Zwischenstellung der Q u a n titä ts k a te g o rie n .......................................... 207 22. K a p ite l. E i n o r d n u n g d e r s e k u n d ä re n S p h ä r e n in d ie S c h ic h te n d e s R e a l e n ................................................................................................................... 203 a. Ontologische Zufälligkeit der sekundären S p h ä r e n ......................................208 b. Doppelsinn von „prim är" und „sekundär". P hänom en und S e in . . 210 c. Ontische Zugehörigkeit und inhaltliche Z u o rd n u n g ......................................211 d. Zweierlei Z uordnung in der E rk e n n tn is....................................................... 213 o. Die Verdoppelung der Kategorien und die Z u o r d n u n g .........................215 II.

Abschnitt. Tie elementaren Gegensatzkategorien.

23. K a p ite l. D ie S t e l l u n g d e r S e in s g e g e n s ä tz e . G eschichtliches . . . 218 a. Die Aufgabe und ihre G renzen........................................................................ 218 b. W eitere Einschränkungen und methodische R ic h tlin ie n ............................. 220 c. Die geschichtlichen Anfänge des Problem s der Seinsgegensätze . . . 223 d. Die Pythagoreer, Parm enides, P l a t o n ....................................................... 224 o. Die Kategorien des Aristoteles und die Prinzipien seiner Metaphysik 226 f. K ants Reflexionsbegriffe und Hegels A n tithetik .......................................... 228 24. K a p ite l. D ie T a f e l d e r S e i n s g e g e n s ä t z e .......................................................230 a. Anordnung der zwölf G e g en satz p aa re........................................................... 230 b. Verschiedenheit von F o rm und S truktur, M aterie und S ubstrat . . . 231 c. D as V erhältnis von Elem ent, Dimension und K ontinuität zum Substrat 233 d. Unterscheidung von Gegensatz, Widerstreit, Diskretion und M annig­ faltigkeit .................................................................................................................... 235 o. D as V erhältnis von Prinzip, F orm , In n e re m und D eterm ination . 238 f. Methodologisches. Vielzahl und Einheit der K a te g o r ie n ......................... 240 25. K a p ite l. D ie i n n e r e B e z o g e n h e i t in d e r G e g e n s ä tz lic h k e it. . . . 243 a. Die verborgenen gcncra der G egensätze....................................................... 243 b. Die innere Bezogenheit in den Gegensätzen der ersten G ruppe . . 245 c. Die innere Bezogenheit in den Gegensätzen der zweiten G ruppe . . 246 d. D as Gesetz des Überganges. Die R e la tiv ie r u n g ......................................248 c. Die einseitige A b stu fu n g ...................................................................................251 f. Die beiderseitige Abstufung................................................................................. 252 26. K a p ite l. G e g e n s e itig e Ü b e r o r d n u n g u n d I m p l i k a t i o n d e r G e g e n ­ sätze ............................................................... *................................................................255 a. D ie äußere Bezogenheit und Q u e rv e rb u n d e n h e it......................................255 b. Unm ittelbar evidente Im p lik a tio n e n ................................................................ 257 c. Einige Beispiele entfernterer I m p l i k a t i o n e n ...............................................258 d. D as Senkrechtstehen der Seinsgegensätze a u fe in a n d e r............................. 261 c. D as innere Gefüge der Seinsgegensätze........................................................263 III.

Abschnitt. Tic Abwandlung der Scinsgcgcnsätzc in den Schichten.

27. K a p ite l. K a t e g o r i e n m in i m a l e r A b w a n d l u n g ...........................................265 a. Deskriptive Behandlung und A b w a n d lu n g ................................................... 265 b. Id e n titä t und V ariabilität der S einsgegensätze.......................................... 267 c. Prinzip und Concretnm . D as G ru n d v e rh ä ltn is.......................................... 268 d. Sphärenunterschied von Prinzip und C o n c re tn m ...................................... 271 e. Schichtenabwandlung von Prinzip und C o n c r e tu m ..................................273 f. Struktur und M o d u s ..........................................................................................275 28. K a p i te l . R e l a t i o n u n d S u b s t r a t , F o r m u n d M a t e r i e ...................... 278a. S tellung und Geschichte der R e la tio n sk ateg o rie .......................................... 278

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XIII

In h a lt.

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b. Wesen und Abwandlung der S u b stra tk a te g o rie ...................................... 280 c. Abw andlungen der R e l a t i o n .......................... .... ....................................... 283 d. F o rm und M aterie im A ufbau der W elt. Die Überformung und ihre G r e n z e n ................................................................................................................ 286 *29. K a p ite l. E i n h e i t u n d M a n n i g f a l t i g k e i t ...................................................... 289 a. Vermeintlicher S einsvorrang der Einheit. Geschichtliches........................ 289 b. Z u r A bw andlung von Einheit und Mannigfaltigkeit in der Schichtung des R e a le n ! . . . 291 c. D as Gesetz der M annigfaltigkeit. Unbewältigte Restbestände. . . . 294 d. Sphärenunterschiede der Einheit. D er B e g r i f f ......................................296 -30. K a p i te l . G e g e n s a tz u n d D im e n s io n , D is k r e t io n u n d K o n t i n u i t ä t 298 a. Z ur Abwandlung von Gegensatz und D im e n s io n ...................................298 b. Dimensionen und D im en sio n ssy stem e ........................................................ 300 c. Kategoriales P riu s der K ontinuität und Vorherrschaft der Diskretion in den realen R e i h e n ..................................................................................... 303 d. Die höheren K ontinuen im organischen, seelischen und geistigen Leben 305 6. Einseitige Übergewichte im E r k e n n e n ........................................................ 307 31. K a p ite l. D e t e r m i n a t i o n u n d D e p e n d e n z ............................................... 309 a. D eterm inative Reihe, Bedingung und G r u n d ......................................309 b. Sphärenunterschiede. Wesenszufälligkeit und Realnotwendigkeit . . . 311 c. Die besonderen T ypen der D eterm ination in den Schichten des R ealen 313 d. Andere D e te rm in a tio n s fo rm e n ....................................................................316 32. K a p ite l. E in s tim m ig k e it u n d W id e r s t r e i t .................................................... 319 a. Realrepugnanz und W id e rs p ru c h ................................................................. 319 b. Die Abwandlung des W iderstreits in den Schichten des Realen und die Form en der E in s tim m ig k e it........................................................................321 c. Z u r Metaphysik des Widerstreits. Grenzen der H a rm o n ie .................... 324 d. D as Problem der A n tin o m ie n .................................................................326 33.

K a p i te l . E le m e n t u n d G e f ü g e .......................................................................329 a. Gebilde, Ganzheiten und G e f ü g e .................................................................329 b. In n e re Gebundenheit und Beweglichkeit der Gefüge. Die Rolle des W iderstreits und der L a b i l i t ä t ......................................................................332 c. Die dynamischen Gefüge und der Aufbau des K o s m o s ........................334 d. D as organische Gefüge und die höheren S y s te m ty p e n ......................336 e. Sphärenunterschiede. D er Begriff, das Kunstwerk...................................339

34. K a p ite l. I n n e r e s und Ä u ß e r e s ..........................................................................341 a. Geschichtliches. Leibniz, Kant, H egel............................................................341 b. D as I n n e re der dynamischen Gefüge. Gestaffeltes I n n e n und Außen 344 c. D as In n e re des O rganism us und die S elb std ete rm in atio n ................. 346 d. Die seelische In n e n w e lt und das In n e re der P e r s o n .......................... 348 c. Z um Sphärenunterschied und zur Gegebenheit des In n e re n . . . 350 IV. Abschnitt. T ie K ategorien der Q u alität. 35.

K a p ite l. D a s P o s i t i v e u n d d a s N e g a t i v e .............................................. 352 a. Die sinnlichen Q ualitäten und ihre S u b je k tiv itä t.................................. 352 b. D as kategoriale Q ualitätsproblem und die besonderen Kategorien der Q u a l i t ä t .................................................................................................................... 354 c. Die ontologische Unselbständigkeit des N e g a t i v e n ......................................357 d. D as Denken und die negative B e g risfsb ild u n g .......................................... 359

36. K a p ite l. I d e n t i t ä t und V e r s c h i e d e n h e i t .................................................... 361 a. D as Identische im V erschiedenen.................................................................... 361

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Seite b. D as logische und das ontologische J d e n titä ts p r in z ip ............................. 363 c. Die ontologische Id e n titä t und das W e r d e n ......................................365 37. K a p ite l. A l l g e m e in h e it u n d I n d i v i d u a l i t ä t ..................................... 368 a. Die Metaphysik der Universalien und die sog. Individuation . . . 368 b. Die Antinomie der qualitativen In d ividualität und das Problem des principium in d iv id u a tio n is......................................................................... 370 c. D as principium individuationis im N ealzusam m enhang.................372 d. Die Individualität alles Realen und die R ealität des Allgemeinen 375 c. Sphärenunterschied im V erhältnis des Allgemeinen und des I n d i­ viduellen............................................................................................................ 377 f. Schichtenabwandlung des Allgemeinen und des Individuellen . . . 380 38. K a p ite l. Die q u a l i t a t i v e M a n n i g f a l t i g k e i t ......................................... 383 a. Die „Zuordnung" der W a h rn e h m u n g sq u a litä te n .............................383 b. Z uordnung und Erscheinungsverhältnis. Die sinnlichen Q ualitäten und ihre D im ensionssystem e................................................................385 c. R elativität und Reobjektivation in der W ah rn e h m u n g ............................. 387 V. Abschnitt. K ategorien der Q u an tität. 39. K a p ite l. E in e s u n d V i e l e s ..................................................................................... 390 a. Q ualität und Q u a n t i t ä t ......................................................................................390 b. Die endliche Zahl und das ganzzahlige V e r h ä l t n i s ........................ 392 c. Die Zahlenreihe und das Schema der V ie lh e it.................................395 40. K a p ite l. D a s U n e n d lic h e u n d d a s C o n t in u u m d e r r e e l l e n Z a h l e n 398 a. Bruch, Grenzübergang und transzendente Z a h l .......................................... 398 b. Die kontinuierliche G rößenänderung und das Unendlichkleine . . . . 400 c. Die Aporie und die Dialektik des U n e n d lic h e n ...................................... 402 41. K a p ite l. D ie R e c h n u n g u n d d a s B e r e c h e n b a r e .................................404 a. Sphärenunterschied der Q u a n titä ts k a te g o rie n ......................... 404 b. D as Q uantitative im S e in und die Kunstgriffe der Rechnung . . . . 407 c. D ie drei Arten des Unberechenbaren und die Grenzen des m athe­ matischen A p rio rism u s............................................................................. 409

Dritter Teil

D i e k a t e g o r i a l e n Gesetze I. Abschnitt. Gesetze der kategorialen G eltung. 42. K a p ite l. a. Die b. Eine c. Die

D a s P r o b l e m d e r k a te g o r ia l e n G e s e tz lic h k e it................... 412 Frage nach dem affirm ativen Wesen der K a te g o rie n ....................412 methodologische S c h w ie rig k e it................................................................ 414 vier G ruppen der Gesetze und ihre G ru n d s ä tz e ................................ 416

43. K a p ite l. D a s G e ltu n g s g e s e tz d e s „ P r i n z i p s " ..........................................419 a. Form ulierung der G e s e t z e ................................................................419 b. D as Gesetz des „P rinzips". S e in In h a lt und seineGeschichte . . . . 421 c. Die Antinomie im Wesen des P rin z ip s e in s...................................... 423 d. D eutung der Antinomie. D as Enthaltensein der Kategorien im Conc re tu m ...........................................................................................................424 44. K a p ite l. D ie d r e i ü b r i g e n G e l t u n g s g e s e t z e ...............................................426 a. D as Gesetz der Schichtengeltung. Unverbrüchlichkeit und Notwendigkeit 426 b. D as Gesetz der S c hichtenzugehörigkeit...................................... 428 c. D as Gesetz der Schichtendetermination ...................................................429

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XV

In h a lt.

II. Abschnitt. Gesetze der katcaorialen Kohärenz. S eite

45.

K a p ite l. D a s Gesetz d e r V e r b u n d e n h e i t .........................................432 a. D as Problem der kategorialen K o h ä r e n z ............................................ 432 b. Form ulierung der Kohärenzgesetze............................................................. 433 c. D as Gesetz der Verbundenheit und die komplexe D eterm ination . . . 434 d. Kategoriale Verflechtung und S c h ich te n d eterm in atio n .................. 437

46. K a p ite l. a. D as b. D as 6. Die d. D as 47.

D ie G esetzlich k eit d e r i n t e r k a t e g o r i a l e n R e l a t i o n . . . 439 Gesetz der S c h ic h te n e in h e it..........................................................439 Gesetz der Schichtenganzheit. Wechselbedingtheit der Kategorien 441 Begrenzung des G a n z h e its g e s e tz e s.................................................443 Gesetz der I m p lik a tio n .......................................................................445

K a p ite l. D a s W e se n d e r k a te g o r ia l e n I m p l i k a t i o n ...............447 a. Z u r Geschichte des Jm p lik a tio n s p ro b le m s ........................................447 b. Im plikation als funktionale Jnnenstruktur der kategorialen Kohärenz 449 c. Die implikative Einheit einer Kategorienschicht................................... 452 d. Grenzen der Erweisbarkeit des Jm p lik atio n sg esetzes...................... 454 e. D a s Kohärenzproblem in den höheren Kategorienschichten..............456

48. K a p ite l. Z u r G eschichte u n d M e ta p h y s ik d e r k a te g o r ia l e n K o ­ h ä r e n z .....................................................................................................................458 a. Die Platonische Dialektik und ihr metaphysischer Hintergrund . . . . 458 b. P lo tin s Dialektik. Menschliche und absolute V e r n u n f t ................ 460 c. Die Kombinatorik des R aim undus Lullus und Leibniz' scientia gene­ ralis ..............................................................................................................................461 49.

K a p i te l . H e g e ls I d e e d e r D i a le k t ik ................................................... 464 a. Kategorien des „Absoluten". Die A n t i th e t ik ........................................ 464 b. Die Synthesen und die aufsteigende Richtung der D ialektik..............465 c. In n e re G ründe des S tre ite s um die D ia le k tik ....................................467 d. Kategoriale Kohärenz und Verflüssigung der B e g r if f e .......................469

III. Abschnitt. Gesetze der kategorialen Schichtung. 50. K a p ite l. D a s H ö h e n v e r h ä l t n i s d e r K a t e g o r i e n ........................472 a. Schichtung und K o h ä r e n z .................................................................... 472 b. Form ulierung der Schichtungsgesetze...................................................474 e. Schichtungsverhältnis und logisches Subsum ptionsverhältnis . . . . 476 d. D er Richtungssinn des „Höheren" und „Niederen" in der kategorialen S c h ich tu n g ...................................................................................................478 51. K a p i te l . D a s G esetz d e r W i e d e r k e h r ................................................. 479 a. D as S einsverhältnis der S c h ic h te n .........................................................479 b. D as Enthaltensein niederer Kategorien in den h ö h e r e n .................. 480 c. Durchgehende und begrenzte Wiederkehr. D as „Abbrechen" derLinie 482 d. Überform ungsverhältnis und Ü berbauungsverhältnis...........................485 e. Die Ablösung der beiden Überlagerungsverhältnisse im Schichtenbau der W e lt........................................................................................................487 f. D er ontologisch strenge S in n des Gesetzes der W iederkehr........489 52.

K a p ite l. Z u r M e ta p h y s ik d e r k a te g o r ia l e n W i e d e r k e h r ...... 491 a. Ontologischer S in n der Irrev e rsib ilität...............................................491 b. Die totale Wiederkehr und die Gebundenheit der höheren Schichten 494 c. Geschichtetes Wesen der höheren S e in s g e b ild e ............................. 496

53.

K a p ite l. G esetz d e r A b w a n d lu n g u n d Gesetz d e s N o v u m s . . . . 499 a. D as V erhältnis von Wiederkehr und A b w a n d lu n g .....................499 b. Beispiele aus den elem entaren Seinsgegensätzen ..................................500

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c. D as periodische A uftreten des irreduziblen N o v u m s ..................................503 d. D as Ineinandergreifen der Schichtungs- und Kohärenzgesetzlichleit . 505 54. K a p ite l. D a s G esetz d e r S c h i c h t e n d i s t a n z ...................................................507 a. Die Diskontinuität der A bw andlung................................................................ 507 b. Metaphysische Aufhebung der Schichtendistanz und ihre Hintergründe . 509 c. Metaphysische G renzfragen. Genetische D eutung der Schichtung . . 510

IV. Abschnitt. Gesetze der kategorialen Testenden;. 55. K a p ite l. S c h ic h tu n g u n d A b h ä n g ig k e it........................................................... 512 a. D as Getragensein des Bewußtseins vom O r g a n is m u s ............................. 512 b. D as Getragensein des Geistes von der ganzen Schichtenfolge . . . . 514 c. Die S tellung der Dependenzgesetze. Z u r Term inologie des „Abhängens" 516 d. Form ulierung der Dependenzgesetze................................................................518 c. In n e re s V erhältnis der vier Gesetze z u e in a n d e r ......................................521 56. K a p ite l. D a s k a te g o r ia le G r u n d g e s e tz ........................................................... 522 a. D er S in n des „Stärkerseins" in der S c h id stu n g .......................................... 522 b. Die Abhängigkeit des geistigen S e in s und das Kategorienverhältnis 524 c. Kategoriale D eterm ination und kategoriale D e p e n d e n z .......................526 d. Zweierlei Überlegenheit in einer S ch ich te n fo lg e ............................... 528 57. K a p ite l. D a s Gesetz d e r I n d i f f e r e n z u n d d ie J n v e r s i o n s t h e o r i e n 529 a. D er S in n der Schichtenselbständigkeit gegen die höhere F orm . . . . 529 b. Inversion des kategorialen G ru n d g e se tz e s............................................ 530 c. Die Teleologie der Form en als spekulatives D enkschem a.................. 533 ’ d. D er verkappte A nthropom orphism us in der Formenteleologie . . . 535 o. Suggestive Macht verborgener Irrtü m e r in der D en k fo rm .............. 537 58.

K a p ite l. D a s G esetz d e r M a t e r i e .................................................................... 539 a. Die Kehrseite der Indifferenz in derÜ b e rfo rm u n g ..................................... 539 b. Die Einschränkung der kategorialen Dependenz im Gesetz der M aterie 540 c. Fundam ent und Überbau. Scheinbares Verschwinden der Dependenz 542

59.

K a p ite l. D a s Gesetz d e r F r e i h e i t .....................................................................544 a. Die Jndependenz in der D ependenz................................................................ 544 b. Zweierlei S einsvorrang. D as Ineinandergreifen von Abhängigkeit und F r e i h e i t .................................................................................................... 546 c. Verstöße der Metaphysik gegen das Gesetz der F r e i h e i t ...................... 549 d. Schematisches Erklären und zu leichtes S p i e l ....................................... 550

60. K a p ite l. K a t e g o r i a l e D e p e n d e n z u n d A u t o n o m i e ......................552 a. Vermeintliche Umkehrung der D e p e n d e n z ........................................... 552 b. D er ethische Problem hintergrund des vierten Dependenzgesetzes . . . 554 c. D eterm inism us und Schichtung der D eterm inationen . . . . . . . 556 d. Die Aufhebung einer falschen A l t e r n a ti v e ...................................................557 c. D er Kausalnexus und seine Ü berform barkeit.............................................. 559 f. Die überkausalen D eterm inanten im K a u sa lp ro z e ß ................................. 561 61. K a p ite l. a. Die b. Die c. Die d. Die c. D er f. D as g. Die

K a t e g o r i a l e F r e i h e i t u n d W i l l e n s f r e i h e i t ............................. 563 Schichtung der A u to n o m ie n .................................................................... 563 ontologischen Fehler im D eterm inism us und Indeterm inism us 565 Überformung des Kausalnexus im F i n a l n e x u s ..................................566 Seligierbarkeit der M ittel auf ihre Kausalwirkung h i n .................... 568 Finaldeterm inism us und die teleologische M e tap h y sik .....................570 Schichtenreich und die determ inativen M o n is m e n ............................. 573 kategorialen Gesetze als Einheitstypus der realen W e l t .....................574

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V. Abschnitt. Methodologische Folgerungen. S ei t e

62. K a p ite l. D ie R e f le x io n a u f d a s V e r f a h r e n .............................................576 a. M ethode und M ethodenbew ußtsein................................................................576 b. M ethode und Problemstellung. Problembewußtsein und Sachbewußts e i i t ...................................................................................................................... 578 c. Die Problem situation und ihre methodische A u s w e rtu n g ....................... 580 63. K a p ite l. A n a ly tis c h e M e th o d e u n d D e s k r i p t i o n .................................... 582 a. Traditionelle M ethodenpostulate.................................................................. 582 b. Nückschließende Methode und Analysis des S e ie n d e n ........................... 583 c. Die ontische Dependenz und ihre Umkehrung im G ange derAnalysis 585 (1. Geschichtliches. Analysis, Hypothesis und transzendentale E rörterung 587 o. Deskriptiv-phänomenologischer Ausgangspunkt der Analysis. . . . " 589 f. Die Phänom enebene der D e sk rip tio n ..................................................... 591 64. K a p ite l. D ia le k tis c h e M e t h o d e ........................................................................... 593 a. Die Umbiegung der Betrachtung in die H o riz o n ta le ...........................593 b. D as Korrektiv der Dialektik zum hypothetischen Einschlag der Analysis 595 c. Spekulative und kategoriale D ia le k tik ..................................................... 597 fl. Methodologische Konsequenzen der Kohärenzgesetze........................... 598 o. Dialektische Begriffsbildung und B e g riffsb ew e g u n g ........................... 601 f. Leistung und Grenzen der kategorialen D ia le k tik ............................... 603 65. K a p ite l. D ie M e th o d e d e r S c h i c h t e n p e r s p e k t iv e .....................................605 a. Die andere Dimension der konspektiven S c h a u ....................................605 b. Methodologische Konsequenz der Schichtungsgesetze........................... 607 c. W eitere Konsequenzen. Die M ethode der E r g ä n z u n g .......................610 (1. D as Arbeiten „von unten auf" und „aus der M i t t e " ........................... 612 o. Die M ethode der A b w a n d lu n g .................................................................. 614

H a r t in a n u , Der Ausbau der realen Welt.

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Einleitung 1. Die Stellung der Kategorienlehre innerhalb der Ontologie.

Das erste Anliegen der Ontologie geht dahin, die Frage nach dem „Seienden als Seienden" in ihrer vollen Allgemeinheit zu klären, sowie sich der Gegebenheit des Seienden grundsätzlich zu versichern. M t dieser Aufgabe hat es die Grundlegung der Ontologie zu tun. Daneben tritt in zweiter Linie das Problem der Seinsweisen (Realität und Ideali­ tät) und ihres Verhältnisses zueinander. Die Behandlung dieses P ro­ blems fällt der Modalanalyse zu. Denn in den variierenden Verhält­ nissen von Möglichkeit, Wirklichkeit und Notwendigkeit, sowie deren negativen Gegengliedern, wandelt sich die Seinsweise ab. Soweit steht die Untersuchung noch diesseits aller inhaltlichen Fragen, und folglich auch diesseits aller Erörterung von konstitutiven Grundlagen des Seienden. Erst mit der inhaltlichen Differenzierung des Seins­ problems tritt die Untersuchung an diese Grundlagen heran. Sie geht damit in ein drittes Stadium über und wird zur Kategorienlehre. Alles, was die Ontologie über jene allgemeinen Bestimmungen des ersten und zweiten Fragebereichs hinaus über das Seiende aus­ machen kann, bewegt sich im Geleise der Kategorialanalyse. Alle irgendwie grundlegenden Unterschiede der Seinsgebiete, -stufen oder -schichten, sowie die innerhalb der Gebiete waltenden gemeinsamen Züge und verbindenden Verhältnisse, nehmen die Form von Kategorien an. Da aber Gliederungen, Grundzüge und Verhältnisse des Seienden eben das sind, was den Aufbau der realen Welt ausmacht, so hat es die Kate­ gorialanalyse mit nichts Geringerem als diesem Aufbau der Welt zu tun. Begrenzt ist ihr Thema nur insofern, als sie den Weltbau nicht bis in seine Einzelheiten verfolgt, sondern sich ausschließlich an das Prinzipielle und Grundsätzliche in ihm hält. Sie folgt der Besonderung auf allen Seinsgebieten nur so weit, bis sie auf die Ansätze der Spezialwissen­ schaften stößt, deren mannigfache Verzweigung ja nichts anderes ist als die weitere Aufteilung der Welt als Forschungsgegenstand an die be­ sonderen Methoden des Eindringens. H a r t m a n n , Der Aufbau der realen Welt.

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Dieser Anschluß an die Einzelgebiete der positiven Wissenschaft ist für die Kategorienlehre tief charakteristisch. Wie die Wissenschaften alle sich einst von der Philosophie abgespalten haben, so bleiben sie für diese dauernd das immer weiter sich ausbreitende Feld der Gegebenheit. Das philosophische Wissen geht nicht den Weg der Ableitung von den Fundamenten zu den Einzelheiten, sondern den der Erfahrung und des Rückschlusses von den Tatsachen zu den Grundlagen. Da es sich aber in den Kategorien um die Seinsgrundlagen derselben Gegenstandsgebiete handelt, mit denen es auch die Einzelwissenschaften zu tun haben, so ist es klar, daß sich hier eine feste Grenzscheide der Philosophie gegen die letzteren gar nicht ziehen läßt, daß es vielmehr breite Grenzzonen geben muß, auf denen sie sich mit ihnen überdeckt. Das ist für beide Teile kein Schade, braucht auch den Unterschied der Methode nicht zu beeinträchtigen. Denn so allein ist es möglich, die inhaltlich auseinanderstrebenden Wissenschaften durch die Einheit der Philosophie zusammenzuhalten. Und so allein kann die Philosophie mit dem Bathos der Erfahrung in lebendiger Fühlung bleiben. Eines ist so notwendig wie das andere. F ü r die Kategorienforschung aber ist dieser Zusammenhang der Lebensnerv. Denn woher sonst sollte sie ihr Wissen um die reale Welt schöpfen? Wir stehen also mit dem Eintritt in den dritten Fragebereich an dem Punkte der Ontologie, von dem ab sie in Kategorienlehre übergeht. Auch das ist kein scharfer Grenzstrich; in gewissem Sinne sind auch die Seinsmodi schon Kategorien, nur eben noch keine inhaltlichen; und andererseits ist auch die enger verstandene Kategorienlehre ebensosehr eigentliche Ontologie wie die vorangehenden Untersuchungen der Grund­ legung und der Modalanalyse. Der Unterschied liegt nur im Einsetzen des Strukturellen, Konstitutiven und Inhaltlichen. M an darf also sagen: im Gegensatz zu der grundlegenden Behandlung des Seienden als solchen und der Seinsweisen ist die Kategorienlehre die inhaltliche Durch­ führung der Ontologie.

2. Der S inn der Frage nach den „Kategorien".

Um die Grundbestimmungen des Seienden also, und zwar in inhalt­ licher Hinsicht, soll es sich in den Kategorien handeln. Das ist eine klare Aufgabe, an der es nicht viel zu deuteln gibt. Denn fragt man nun weiter, was Kategorien sind, so stellt sich die Antwort ganz von selbst ein, sobald man Beispiele nennt: etwa Einheit und Mannigfaltigkeit, Quan­ tität und Qualität, Maß und Größe, Raum und Zeit, Werden und Beharrung, Kausalität und Gesetzlichkeit u. s. f. M an kennt die Seins­ bestimmungen dieser Art sehr wohl auch ohne Untersuchung, sie muten

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uns vertraut an, begegnen uns im Leben auf Schritt und Tritt. S ie sind in gewissen Grenzen das Selbstverständliche an allen Dingen; wir bemerken sie im Leben zumeist nur deshalb nicht, weil sie das Ge­ meinsame, Durchgehende sind — dasjenige, wodurch die Dinge sich nicht unterscheiden —, kurz das Selbstverständliche. Uns aber ist es im Leben um die Dinge in ihrer Unterschiedenheit zu tun. Die Philosophie dagegen besteht wesentlich darin, daß sie das Unverstandene im Selbst­ verständlichen allererst entdeckt. Der S inn der Frage nach den Kategorien wurzelt in solcher Ent­ deckung des Unverstandenen. Jede einzelne Kategorie, wie harmlos sie auch auf den ersten Blick anmuten mag, enthüllt, einmal genauer ins Auge gefaßt, eine Fülle von Rätseln; und an der Lösung dieser Rätsel hängt alles weitere Eindringen in das Wesen der Dinge, der Geschehnisse, des Lebens, der Welt. Daß man das Prinzipielle in den Dingen erfaßt, indem man sich ihrer Prinzipien versichert, ist ein tautologischer Satz. Sofern also Kategorien Prinzipien des Seienden sind, ist das Forschen nach ihnen die natürliche Tendenz der philosophischen Erkenntnis. Aber wie reimt sich damit die Wortbedeutung von „Kategorie"? D as W ort bedeutet nun einmal „Aussage" oder „Prädikat"; und Aus­ sage ist Sache des Urteils, der Setzung, der Behauptung — und selbst wenn man vom sprachlichen Ausdruck absieht, so doch immerhin Sache des Denkens, und keineswegs des Seins. Die Art, wie Aristoteles seiner­ zeit den Terminus „Kategorie" einführte, betont den S inn der Aussage darin ganz offen: Kategorien sind die Grundprädikate des Seienden, die aller spezielleren Prädikation vorausgehen und gleichsam ihren Rahmen bilden. Dann aber, so scheint es, sind sie bloße Begriffe. Denn prädizieren lassen sich nur Begriffe. S o gesehen wird die Frage nach den Kategorien wieder sehr zwei­ deutig. Was gehen Aussagen als solche, desgl. Urteile und Begriffe, die Ontologie an? S ie können bestenfalls auf das gehen, was mensch­ liches Denken oder Dafürhalten dem Seienden „beilegt", nicht was diesem an sich „zukommt". Oder soll man etwa voraussetzen, daß das Beigelegte mit dem Zukommenden identisch, die Aussage also fest an das Sein gebunden wäre? Wo bleibt da der Spielraum menschlichen I r r ­ tums, ja selbst der noch weitere des menschlichen Nichtwissens und NichtWissenkönnens? Es war die süllschweigende Voraussetzung des Aristoteles, daß in den ersten Grundprädikaten ein Irrtu m nicht möglich sei: nur in den beson­ deren Bestimmungen von Größe, Beschaffenheit, Ort, Zeitpunkt usw. könne der Mensch fehlgreifen, nicht aber darin, daß überhaupt alles Qualität und Quantität, Raumstelle und Zeitdauer hat. Eine Voraus-

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setzung, die praktisch wohl auch kaum anzufechten ist und erst in größeren spekulativen Zusammenhängen fragwürdig werden kann. Daß diese Zusammenhänge sich mit Notwendigkeit einstellen, sobald man über ein eng begrenztes Katagoriensystem hinausgeht und die Reichweite der kategorialen Mannigfaltigkeit zu übersehen beginnt, mußte dem Aristoteles noch fern liegen. Dennoch kündigte sich die Unstimmigkeit schon in seiner eigenen Kategorientafel an. Ließ sich doch die erste und wichtigste seiner Kategorien, die Substanz (ovcria) in keiner Weise als ein „Prädikat" verstehen. I n aller Ausdrücklichkeit lehrte Aristoteles, S ub­ stanz sei dasjenige „von dem alles andere ausgesagt werde", was aber selbst von keinem anderen ausgesagt werden könne. Damit ist das logische Schema der Kategorien als Aussageformen bereits durchbrochen, und zwar gerade an der zentralen Kategorie, um die alle anderen sich gruppieren. Aber selbst wenn man hierin eine bloß formale Unstimmigkeit sehen wollte, so traf doch das Schema auch nach anderer Seite nicht zu. Die wichtigsten Aussagen über das Seiende als solches sind bei Aristoteles in den vier Prinzipien seiner Metaphysik enthalten: in „Form und Materie" einerseits, „Dynamis und Energeia" andererseits. Aber diese Aussagen sind nicht in seine Kategorientafel aufgenommen. M an muß darin wohl ein Zeichen sehen, daß es ihm in dieser Tafel gar nicht im Ernst um den Inbegriff der fundamentalsten Aussagen über das Seiende zu tun war. Diese Folgerung ist ebenso unvermeidlich wie geschichtlich aufschluß­ reich. Denn hier liegt der Grund, warum in den ganzen Jahrhunderten der von Aristoteles beeinflußten Philosophie — in denen jene soeben genannten vier Prinzipien die denkbar größte Rolle spielten — die Forschung nach den Seinsgrundlagen sich nicht an den Begriff der Kategorie gehalten hat, sondern terminologisch andere Wege gegangen ist. I m Neuplatonismus hießen solche Grundlagen nach Platonischer Art „Gattungen des Seienden" (yevr) t o ü ö v t o s ), in der Scholastik hießen sie Universalien, Wesenheiten (essentiae), substantielle Formen, in der Neuzeit simplices, requisita, principia, u. a. m. Der Terminus „Kategorien" taucht wohl immer wieder auf, beherrscht aber keineswegs das Feld. Er rückt mit der Zeit immer mehr von der Metaphysik in die Logik. I n der T at, wie hätte es anders sein sollen? Ist doch die „Aussage" als solche dem Seienden äußerlich. Die Dinge haben ihre Bestimmungen an sich, unabhängig vom Urteil über sie. D as Urteil kann sie treffen oder verfehlen, und je nachdem ist es wahr oder unwahr. M an sollte also meinen, die ganzeFrage nach i)en „Kategorien" habe damit ausgespielt. Aber ganz das Gegenteil ist der Fall: die Frage nach den Univer­ salien, den substantiellen Formen und manchem, was ihnen verwandt

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ist, hat ausgespielt; die nach den Kategorien ist nur verschoben worden, hat einen Sinnwandel erfahren, hat aber dabei doch das Wesentliche ihrer ursprünglichen Bedeutung festgehalten. M an fragt sich natürlich, wie das möglich ist. Die Antwort lautet: es ist möglich, gerade weil der Aussagecharakter als solcher dem Seienden äußerlich ist. Während alle anderen begrifflichen Fassungen der Seins­ grundlagen irgendeine die Sache selbst betreffende Auffassung oder Vorstellungsweise in sie hineintrugen, stand der Begriff der „Kategorie" vollkommen neutral zu ihnen und involvierte keine inhaltlichen Vorur­ teile. Er eben hielt sich an das dem Seienden Äußerliche, die Aussagbarkeit. Diese als solche läßt sich ja nicht bestreiten — soweit wenigstens, als jene Seinsgrundlagen erkennbar und in Begriffe faßbar sind, — aber das Seiende selbst mitsamt seinen Grundlagen ist dagegen in­ different. Daß aber mit den Kategorien etwas gemeint ist, was jenseits der Aussage liegt und von ihr unabhängig dasteht, ließ sich in ihrem Begriff ohne Schwierigkeiten festhalten. Das teilen sie mit allen anderen P rä ­ dikaten, denn das gehört zum S inn des Urteils. Worüber sagen Urteile denn etwas aus? Doch nicht über sich selbst, und auch nicht über den Subjektsbegriff. Sie sagen ganz eindeutig etwas über die Sache aus; und dieses Etwas, das sie aussagen, bezeichnen sie eben damit als ein an der Sache Bestehendes. W as vom Urteil überhaupt gilt, gilt auch für die ontologischen Grund­ prädikate (Kategorien): indem sie selbst die allgemeinsten Aussage­ formen — gleichsam die Geleise möglicher speziellerer Aussagen — sind, sagen sie nichtsdestoweniger die Grundbestimmungen der Gegenstände aus, von denen sie handeln. Und die Meinung darin ist, daß eben diese aus­ gesagten Grundbestimmungen den Gegenständen als seienden zukommen, und zwar unabhängig davon, ob sie von ihnen ausgesagt werden oder nicht. Alles Seiende erscheint, wenn es ausgesagt wird, in Form von Prädikaten. Aber die Prädikate sind nicht identisch mit ihm. Begriffe und Urteile sind nicht um ihrer selbst willen da, sondern um des Seienden willen. Es ist der innere, ontologische S inn des Urteils, der seine logisch immanente Form transzendiert. D as ist es, was den Begriff der „Kate­ gorie" allen Mißverständnissen zum Trotz ontologisch tragfähig er­ halten hat. 3. Das erkenntnistheoretische Kategorienproblem. Andererseits aber ist es doch verständlich, daß sich mit dem Terminus „Kategorie" die Tendenz verband, ihn subjektiv zu verstehen. Als mit dem Aufkommen der neueren Erkenntnistheorie das Apriorismus-

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Problem ins Zentrum des Interesses rückte, wurde, diese Tendenz fast zwangsläufig. Der S treit der Rationalisten und Empiristen gab ihr ein Gewicht, wie man es in der älteren Philosophie nicht gekannt hatte. Die Empiristen bestritten nicht, daß der Verstand mit Hilfe seiner B e­ griffe dem Gegebenen eine Fülle von Bestimmungen hinzufügte; sie bestritten nur, daß dieses Hinzugefügte Erkenntniswert habe (d. h. daß es den Gegenständen auch wirklich zukäme). Die rationalisüschen Gegner aber behaupteten eben diesen Erkenntniswert; ihnen schwebte eine innerliche Verbundenheit der vom Verstände eingesetzten Grundbegriffe mit den Grundwesenszügen des Seienden vor. Auf dem Boden dieser Streitfrage hat nun das Kategorienproblem eine großartige Erneuerung erfahren, ging aber zugleich seines ursprüng­ lich ontologischen Charakters verlustig. Es wurde zu einem Teilproblem der Erkenntnistheorie. Jetzt wurde es für die Kategorien wesentlich, daß sie Begriffe sind, Sache des Verstandes, seine von ihm mitgebrachten „Ideen" (idcae innatae), seine Elemente (simpliecs), oder auch seine ersten, der Erfahrung vorausgehenden Einsichten (cognitione prius). Bestritt man ihnen nunmehr den Erkenntniswert, so setzte man sie zu willkürlichen Annahmen herab; suchte man ihren Erkenntniswert zu begründen, so machte man sie zur an sich gewissen (evidenten) Grund­ lage aller über die bloße Wahrnehmung hinausgehenden Einsicht. Diese Alternative hat bis in die neuesten Theorien hinein eine be­ stimmende Rolle gespielt. Wenn Kategorien bloß Begriffe sind, die der menschliche Verstand sich bildet, so liegt es nah, sie als „Fiktionen" zu verstehen; oder mehr pragmatistisch gewandt, als Formen des Vor­ stellens, die geeignet sind, der Gegenstände praktisch Herr zu werden; oder in Historistischer Wendung, als Denkformen, die relativ auf bestimmte Zeiten und Verhältnisse sogar eine gewisse Notwendigkeit haben können, aber mit dem Wandel der Verhältnisse wechseln müssen. Ebenso fehlt es nicht an gegenteiligen Theorien, die den strengen Wahrheitswert des Apriorismus zu begründen suchen. Aber sie ziehen dabei das Gegen­ standsfeld der Erkenntnis nach idealistischer Art in ein transzendentales Bewußtsein, ins Reich des Logischen, oder auch direkt in die Welt des Gedankens hinein und entwerten damit zugleich die objektive Gültig­ keit, die sie zu erweisen trachtem Es ist das bleibende Verdienst der Kantischen Philosophie, daß sie int erkenntnistheoretischen Kategorienproblem den eigentlichen Haupt­ fragepunkt erkannt und klar herausgearbeitet hat. Er liegt nicht im Inhaltlichen, sondern im Geltungsanspruch der Kategorien. Die „transzen­ dentale Deduktion" ist eigens diesen: Geltungsanspruch gewidmet. Sind Kategorien „reine Verstandesbegriffe" und beruht auf ihnen der apriorische Einschlag in unserer Erkenntnis (die „synthetischen Urteile

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a priori"), so kommt alles darauf an, ob sie auch auf die Gegenstände zutreffen, über die wir urteilen. Kant nannte dieses Zutreffen die „objek­ tive Gültigkeit". D as Werk der „Kritik" bestand in dem Nachweis, daß ein solches Zutreffen sehr bestimmte Grenzen hat, also keineswegs selbstverständlich ist. Es sind Grenzen, welche die Vernunft auch nicht immer eingehalten hat. M it der Grenzüberschreitung aber setzt der Irrtu m ein. Den Grenzstrich zog Kant zwischen den empirischen und bett „transzendentalen" Gegenständen. Nur auf die ersteren sind unsere Kategorien anwendbar; sie haben „objektive Gültigkeit" nur in den Grenzen „möglicher Erfahrung". Wie aber steht nun das so gefaßte erkenntnistheoretische Kategorien­ problem zum ontologischen? Is t es wirklich wahr, was man der Kantischeti Philosophie wohl nachgesagt hat, daß die Frage der Seinsgrundlagen dabei so ganz ausgeschaltet sei? Is t es nicht vielmehr so, daß das Problem jener Grenzziehung, sowie das der objektiven Gültigkeit überhaupt, gerade die Frage nach den Seinsgrundlagen einschaltet? I m Grunde kann ja doch ein Verstandesbegriff nur dann auf die Sache zutreffen, wenn die Beschaffenheit, die er von ihr aussagt, an der Sache auch wirklich besteht. Die „objektive Gültigkeit" also, soweit sie reicht, setzt voraus, daß die Berstandeskategorie zugleich Gegenstandskategorie ist1). Diesen inneren Zusammenhang kann man nur dann verfehlet:, wenn man die „Erkenntnis" als eine rein interne Bewußtseinsange­ legenheit versteht, etwa als bloße Sache des „Denkens" oder des Urteils; ein Fehler, den freilich die meisten Theorien des 19. Jahrhunderts, insonderheit die neukantischen, gemacht haben. Kant selbst hat ihn keines­ wegs gemacht. Ih m gilt Erkenntnis noch als Verhältnis des Subjekts mit seinen Vorstellungen zu einem „empirisch realen" Gegenstände; und das Hauptproblem ist ihm das Zutreffen der Vorstellung auf den Gegenstand. Darum steht das Problem der „objektiven Gültigkeit" im Zentrum seiner Kategorienlehre. Ist es der Verstand, der in den synthe­ tischen Urteilen a priori „seine" ihm eigentümlichen Kategorien einsetzt, so ist die objektive Gültigkeit solcher Urteile etwas tief Fragwürdiges und muß besonders erwiesen werden. I n der Frage nach ihr steckt also unverkennbar das ontologische Kategorienproblem. Und besinnt man sich nun auf den vollen S inn des Erkenntnisbegriffs — daß Erkennen das „Erfassen" eines Seienden ist, das auch unabhängig von ihm ist, was es ist —, so zeigt sich vollends, daß der apriorische Einschlag der Erkenntnis den Charakter der Kategorien als Seinsprinzipien schon zur Voraussetzung hat. t) Kritik der reinen Vernunft", S . 197 (die Schlußworte des Abschnitts). Vgl. dazu des Verfassers „Grundzüge einer Metaphysik der Erkenntnis"- (Vert. 1925) Kap. 46. — D as ontologisch Prinzipielle hierzu s. unten Kap. 12 e.

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Aber auch ohne Kants klassische Fragestellung kann man sich diesen Zusammenhang klar machen. Geht man davon aus, daß es sich zunächst nur um Verstandesbegriffe handle — denn von den Dingen, wie sie an sich sind, könne man ja nichts wissen —, so fragt es sich doch: sind denn diese Verstandesbegriffe wirklich Formen des Erkenntnisverhältnisses, also etwa des „Erfassens" als solchen, oder des Problembewußtseins, des Wahrheitsbewußtseins, des Erkenntnisfortschrittes (des Eindringens in die Sache) u. s. w.? D as sind sie offenbar nicht. S ie müßten ja sonst den Charakter der Subjekt-Objekt-Relation betreffen. Sie betreffen aber vielmehr ganz allein das Inhaltliche des Gegenstandes, und zwar so, wie er in der Erkenntnis erscheint. Darin ist der Anspruch enthalten, daß der Gegenstand auch an sich so beschaffen sei. Und sofern es sich um echte Erkenntnis (und nicht Irrtu m ) handelt, muß dann der Gegenstand auch wirklich so beschaffen sein, wie die vom Verstände eingesetzten Kategorien es sagen. Alle Rede von sog. „Erkenntniskategorien" — sofern sie nur int Ernst Kategorien der Gegenstandserfassung, und nicht bloß solche des Denkens oder des Urteils meint — hat es also in Wahrheit schon mit S eins­ kategorien zu tun. Die gedankenlose Redeweise bringt sich das nur nicht zum Bewußtsein, weil sie ihre eigenen Voraussetzungen nicht präsent hat: daß Erkennen „Erfassen" heißt, und daß der Gegenstand der Er­ kenntnis ein von seinem Gegenstandsein unabhängiges, übergegen­ ständliches S ein hat. 4. Die Gegebenheitsverhältnisse im Wissen um Kategorien.

Hierzu kommt aber noch etwas anderes. Die Erkenntnis und ihr Gegenstand, das Seiende, sind dem erkennenden Bewußtsein selbst nicht in gleicher Weise gegeben. Die natürliche Richtung der Erkenntnis ist die auf den Gegenstand (intentio recta), ihr Bewußtsein ist Gegen­ standsbewußtsein, nicht Selbstbewußtsein. S ie kann wohl auch sich selbst zum Gegenstände machen, aber nur in der Form einer Rückbesinnung von den Gegenständen her; und dann ist es schon eine Erkenntnis zweiter Ordnung, eine gegen die natürliche Richtung laufende, umgebogene, „reflektierte" Erkenntnis (intentio obliqua). Diese gegen sich selbst zurück­ gewandte Erkenntnis ist die erkenntnistheoretische, in der die Erkenntnis um sich selbst weiß. Direkt gegeben also ist in aller Erkenntnis nur die Seite des Gegen­ standes. Was wir von der Erkenntnis selbst wissen, das wissen wir stets in erster Linie von ihrem Gegenstände; denn freilich fällt von ihm auch auf sie mancherlei Licht zurück. I n Wirklichkeit aber wissen wir von der Erkenntnis selbst und als solcher relativ wenig und erst auf Umwegen. Dieses Gegebenheitsverhältnis zu durchschauen und im folgenden dauernd

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im Auge zu haben, ist wichtig, weil die Tradition skeptischer und idea­ listischer Denkweise in der Erkenntnistheorie das umgekehrte Verhältnis lehrt: vom Gegenstände, wie er „ist", erfahren wir nichts, die Erkenntnis dagegen erfährt im Erkennen sich selbst. Hier liegt die Vorstellung zu­ grunde, die Erkenntnis sei ja stets bei sich, müßte also auch stets um sich wissen, der Gegenstand aber sei von ihr geschieden durch unübersteigliche Heterogeneität. Diese Vorstellung ignoriert die Grundtatsache im Er­ kenntnisverhältnis: das Ausgerichtetsein auf die Gegenstände; sie igno­ riert zugleich das Verborgensein des eigenen Wesens der Erkenntnis für sie selbst. Und außerdem hebt sie den S inn des „Erfassens" im Er­ kenntnisverhältnis unbesehen auf und vernichtet damit die Erkenntnis selbst. D as begrenzte Recht der Skepsis klarzustellen, ist Aufgabe einer anderen Untersuchung. Hier handelt es sich nur um das Gegebenheits­ verhältnis von Sein und Erkenntnis, unabhängig davon, ob das Sein, mit dem wir es zu tun haben, Ansichsein ist oder nicht. Denn auch ein auf uns relatives S ein zeigt dieselbe Priorität der Gegebenheit. Auch vom erscheinenden Gegenstände gilt, daß die Erkenntnis direkt nur um ihn weiß, und nicht um sich selbst. Nun aber ist eins klar: was von der Erkenntnis und ihrem Gegenstände in ihrer konkreten Fülle gilt, das muß erst recht vom Prinzipiellen in beiden gelten, d. h. von ihren Kategorien. Denn dieses Prinzipielle ist schon an sich nur mittelbar vom Konkreten aus zur Gegebenheit zubringen. I n diesem Punkte aber haben die neuzeitlichen Theorien, insonderheit die idealistischen, sich noch in besonderer Weise einer grundsätzlichen Verkennung der Sachlage schuldig gemacht. W ar es doch der Stolz und Glanz dieser Theorien, eine Ableitung der Kategorien aus dem Wesen des Bewußtseins, des Ich, des Denkens, oder der Vernunft zu geben. Reinhold, Fichte, Hegel, die Neukantianer haben Ableitungen dieser Art geradezu als die Hauptaufgabe der Philosophie verstanden; sie sahen mit Verachtung auf die Versuche älterer Denker, die Kategorien ana­ lytisch aus dem Felde des Gegebenen aufzulesen. Die Geschichte aber hat ihnen Unrecht gegeben. Nichts in ihren großen Systemen hat sich vor der Kritik weniger bewährt als diese hochfliegenden Ableitungen. Die analytischen Arten des Vorgehens haben Recht behalten. Und, was mehr ist als das, sie weisen alle ohne Ausnahme auf die Seite des Gegenstandes zurück; und erst vom Gegenstände aus, soweit sie ihm das Prinzipielle abzugewinnen wissen, können sie es mittelbar auf die Er­ kenntnis übertragen. Das große Fiasko jener Deduktionen ist ein lehrreiches Kapitel in der Geschichte der Erkenntnistheorie und der Metaphysik. Es hat unwider­ leglich bewiesen, daß wir von den Kategorien der Erkenntnis direkt

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gar nichts wissen können, daß vielmehr alles, was wir von ihnen erfahren, am Gegenstände der Erkenntnis (am Seienden, soweit es erkannt wird) erfahren wird und erst von ihm aus auf die Erkenntnis rückübertragen wird. S o sind die Kategorien des Aristoteles, so die Kantischen und die Hegelschen den Gegenstandsverhältnissen entnommen, einerlei ob sie von der Theorie für Arten des Seins oder für Begriffe und Funktionen des Verstandes ausgegeben wurden. Substanz, Beschaffenheit, Größe waren als Bestimmungen des Gegenstandes gefunden und gemeint, nicht als Bestimmungen des Erkennens; ebenso Kausalität und Wechsel­ wirkung, Endlichkeit und Unendlichkeit. Von der Erkenntnis sagen diese Kategorien nichts aus; sie konnten also auch sinnvoller Weise gar nicht als Bestimmungen der Erkenntnis gelten. Die These, die sie für Er­ kenntniskategorien erklärte, meinte in Wahrheit auch etwas ganz anderes, etwas was dem In h a lt und Wesen dieser Kategorien gar nicht angesehen werden und aus ihm auch niemals folgen konnte., S ie meinte die Ab­ hängigkeit des Gegenstandes mitsamt seinen kategorialen Bestimmungen vom Bewußtsein. Das aber ist eine spekulativ-metaphysische These, die das Wesen der Kategorien im Grunde nichts angeht und ihren ursprünglich gegenständlichen Charakter auch nicht anficht. Wissen wir somit von Erkenntniskategorien als solchen unmittelbar nichts, so ist es um so beachtlicher, daß wir von Gegenstandskategorien auch vor aller philosophischen Besinnung schon eine ganze Menge wissen. Denn die Erfahrung stößt uns im Leben und in der Wissenschaft unent­ wegt auf sie — nicht auf alle freilich, wohl aber auf einige, die sich ganz von selbst als durchgehende Grundzüge der Erfahrungsgegenstände herausheben. Von dieser Art sind z. B. die Aristotelischen Kategorien, die ja unmittelbar der Erfahrung des unreflektierten Lebens und seinen Aussageweisen entnommen sind. Dem schlichten Gegenstandsbewußtsein des Alltags entgehen diese Gegenstandskategorien nur deswegen, weil sie ihm gar zu geläufig und selbstverständlich sind. M it dem Einsetzen der philosophischen Frageweise aber wird das Geläufige und Selbstverständliche zum Problem gemacht; und nun erst entdeckt der Mensch, daß es solcher Grundzüge des Seienden in der ihm wohlbekannten Welt noch eine ungeahnte Fülle gibt, und daß sie bei näherem Zusehen weit entfernt sind, ihm verständlich zu sein. Damit erst eröffnet sich jene Flucht von Rätseln und Fragen, mit denen es die Kategorienlehre zu tun hat. 5. B on der Erkennbarkeit der Kategorien.

Diese Sachlage behält etwas Paradoxes im Hinblick auf den Zu­ sammenhang des Apriorismus mit den Erkenntniskategorien. D a auf

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den letzteren alle Erkenntnis a priori beruhen muß, so liegt die Auf­ fassung nahe, daß sie selbst in irgendeiner Weise Erkenntnischarakter haben müssen, also etwa wie bei den Neukantianern „reine Erkenntnisse", oder wie bei Descartes „das der Erkenntnis nach Frühere" (cognitione prius), das „am meisten Bekannte" (maxirne notum) u. s. w. sein müssen. Diese Auffassung beruht auf einem Mißverständnis des Apriorischen. M an geht dabei etwa von der Kantischen Bestimmung aus, a priori sei das Allgemeine und Notwendige in der Erkenntnis; und man meint nun, es müßte vor dem Bewußtsein der eigentlichen Gegenstände — der Einzelfälle — ein reines Bewußtsein dieses Allgemeinen und Not­ wendigen, z. B. in Form eines Gesetzesbewußtseins, geben. Das ist weder Kants Meinung, noch läßt es sich im Phänomenbereich der Er­ kenntnis aufweisen. Das Allgemeine und Notwendige wird, wenn über­ haupt, so stets erst nachträglich als solches erfaßt; erst die Einzelfälle bringen den Verstand auf seine S pur. Aber das hindert nicht, daß in der Auffassung der Einzelfälle jenes Allgemeine und Notwendige inhaltlich vorausgesetzt ist, oder Kantisch gesprochen, daß es in der Erfahrung „ange­ wandt" wird, ohne als solches erkannt zu sein. Dasselbe gilt auch von den ersten Voraussetzungen dieses Allgemeinen und Notwendigen, d. H. von den Erkenntniskategorien. Sie sind weit entfernt, selbst apriorische Einsichten zu sein. S ie sind so wenig „reine Erkenntnisse", als sie „reine Verstandesbegriffe" sind. Die Begrifflichkeit an ihnen ist sekundär, genau so sehr wie das Begriffensein und das Erkanntsein überhaupt. Erst die Philosophie vermag sie aufzuweisen, zu erfassen und in begriffliche Form zu fassen. Sie selbst, sowie ihr Funk­ tionieren in der Gegenstandserkenntnis, sind unabhängig von allem Erfaßt- und Begriffenwerden. S ie sind wohl Grundlagen, Bedingungen oder Prinzipien der Erkenntnis, nämlich des apriorischen Einschlages der Gegenstandserkenntnis. Aber erkannt werden in der letzteren nicht sie selbst, sondern „durch sie" die Gegenstände (Dinge, Geschehnisse, Real­ verhältnisse u. s. f.); sie selbst dagegen bleiben in dieser Erkenntnis, die durch sie zustandekommt, durchaus unerkannt. Und sie können in ihr unerkannt bleiben, weil es in ihr nur auf das Funktionieren der Kategorien ankommt, nicht aber auf ein Bewußtsein ihrer Funktion. Was die Erkenntniskategorien im Bewußtsein zustandebringen, ist der breite apriorische Bestandteil aller naiven und wissenschaftlichen Erkenntnis. Diese aber besteht unabhängig von aller Kategoriener­ kenntnis und geht ihr zeitlich weit vorher. Der Kategoriengebrauch, den die Erkenntnis macht, kann nicht auf die Erkenntnistheorie warten, die allein imstande ist, ihr die Kategorien bewußt zu machen, von denen sie Gebrauch macht. Es ist damit ähnlich wie mit dem Gebrauch unserer

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stimmt, was immerhin nicht in ihrem Wesen liegt, sondern eine Folge der Inversion aller kategorialen Dependenz ist. Was es mit solcher Inversion auf sich hat, ist oben gezeigt worden (Kap. 57 b und c). I m übrigen sieht man leicht, daß hier nur die genaue Kenntnis der kategorialen Gesetze Ordnung schaffen kann. b. Methodologische Konsequenz der Schichtungsgesetze. F ü r den Zweck der Methodenperspektive lassen sich die Schichtungs­ gesetze in zwei Sätzen zusammenfassen: 1.) Eine Fülle niederer Ka­ tegorien kehrt in den höheren abgewandelt wieder, und 2.) die höheren gehen in diesen wiederkehrenden Elementen nicht auf, ihre Distanz gegen diese liegt von Schicht zu Schicht in einem Novum. Diese beiden Sätze vorausgesetzt, würde sich für einen unendlichen Intellekt eine Reihe sehr weitgehender Konsequenzen ergeben: 1. Wäre der In h a lt einer Kategorie (von etwa mittlerer Höhe) total erkannt, so müßte aus ihm die Reihe der niederen Kategorien so weit erkennbar sein, als sie wiederkehrende Elemente dieser Ka­ tegorie sind. 2. Wäre der In h a lt der höchsten Kategorien total erkannt, so müßte aus ihm das System aller niederen mitsamt ihrer Rangordnung genau so weit erkennbar sein, als ihre Wiederkehr bis in die höchsten hinein­ reicht. 3. Wäre der In h a lt aller Kategorien einer Schicht total erkannt, so würde der In h a lt etwaiger höherer Kategorien doch höchstens den überformten Elementen nach, die in ihm wiederkehren, also nicht in seinem Eigentlichen (dem Novum) erkennbar sein. 4. Ob überhaupt es höhere Kategorien über den erkannten gibt, in denen diese als Elemente wiederkehren könnten, wäre damit nicht erkennbar. Diese methodischen Regeln, obschon so nur für einen unendlichen Verstand gültig, drücken doch in aller Klarheit das Grundsätzliche der Schichtenperspektive aus, daß von den höheren Kategorien aus stets niedere zu erkennen sind, niemals aber von den niederen aus die Eigen­ art der höheren (ihr Novum). Hiermit ist der Punkt aufgedeckt, in dem die teleologisch auswärtsführende Dialektik sich von Grund aus geirrt hat. Diese meinte, inner­ halb der kategorialen Schichtung aufwärts schließen zu können, weil das Höhere im Niederen enthalten sei; sie hatte nicht begriffen, daß in der wirklichen Schichtenfolge der Kategorien stets nur die niederen in den höheren enthalten sein können. Das Gesetz der Wiederkehr formuliert zusammen mit dem Gesetz der Stärke den einzigen M odus

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der Verbundenheit, der zwischen den Schichten waltet. Diese Ver­ bundenheit hat nur einseitige Richtung und irreversible Dependenz. Die Wiederkehr verbindet die Schichten wohl fest miteinander, aber sie bindet nur die höheren an die niederen, nicht die niederen an die höheren. Aus dem Gesagten läßt sich die weitere Konsequenz ziehen: je höher im Schichtenreich ein Ausschnitt erkannter Kategorien gelegen ist, um so mehr Erkenntnis niederer Kategorien ist aus ihm zu gewinnen. Aufwärts sind eben stets nur Elementarbedingungen möglicher Ka­ tegorien erkennbar, nicht diese selbst in ihrem Eigentümlichen und Neuartigen. Abwärts aber ist alles erkennbar, was nur irgend die Rolle des Elementes spielt, und zwar stets bis in das Eigentümliche der niederen Kategorien hinein. Von den höchsten Kategorien aus müßte somit die Totalität aller in ihnen wiederkehrenden Elemente — u. a. also die ganze Reihe der Fundamentalkategorien — erkennbar sein. Von den niedersten aus dagegen ließe sich über das Eigentümliche der höheren in keiner Weise etwas ausmachen. M an wird die methodologische Chance, die hierin liegt, um so höher einschätzen müssen, als sie sich der Dimension des Vorgehens nach mit derjenigen der kategorialen Dialektik überkreuzt. Letztere ermöglicht ein Vordringen von einer einzelnen Kategorie zur Totalität ihrer ganzen Kategorienschicht, bleibt aber an deren Grenzen gebunden. Die Schich­ tenperspektive dagegen ermöglicht auch ein Überschreiten dieser Gren­ zen — allerdings nur ein solches „nach unten zu" und auch das nur in den Grenzen der kategorialen Wiederkehr; aber es besteht damit doch die Möglichkeit, sich von den Kategorien einer Schicht auf die der anderen hinführen zu lassen. Dam it wird die Bewegungsfreiheit des konspektiv schauenden Vordringens bedeutend erweitert. Nun gelten die angegebenen Methodenregeln nur für einen un­ endlichen Verstand. Sollen sie praktisch verwendbar werden, so muß man sie dem endlichen Verstände entsprechend reduzieren. Die Problem ­ situation ist dadurch gegeben, daß auf Grund analytischer Methode eine Reihe von Kategorien in einem Teil ihrer Momente vorerkannt ist. Diese Kategorien gehören vorzugsweise den mittleren Schichten an, eben denen, die auch dem Concretum nach am besten bekannt sind. Die Frage geht nun dahin, wieweit von einem solchen Bestände des unvollständig Erkannten aus die Kategorien höherer und niederer Schichten zugänglich gemacht werden können. Unter dieser Frage­ stellung nehmen die Regeln die folgende Form an. 1. Is t der In h a lt einer Kategorie teilweise erkannt, so ist aus ihm genau so viel an niederen Kategorien erkennbar, als in ihm an wieder­ kehrenden Elementen erkannt ist. Ist also z. B. nur das Novum erkannt,

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nicht aber die Elemente, so sind niedere Kategorien daraus nicht er­ kennbar. 2. Is t der In h a lt der höchsten Kategorien oder auch nur einer von ihnen teilweise erkannt, so ist aus ihm genau so viel an Kategorien aller Schichten erkennbar, als in ihm selbst an wiederkehrenden Ele­ menten erkannt ist. Vom Aufbau des ganzen Kategoriensystems, soweit es überhaupt erfaßbar ist, läßt sich nur von den höchsten Ka­ tegorien aus ein Bild gewinnen. 3. Is t der In h a lt einiger Kategorien gleicher Schicht erkannt, so läßt sich von ihm aus die Eigenart (das Novum) etwaiger höherer Kategorien in keiner Weise erkennen; wohl aber lassen sich gewisse wiederkehrende Elemente höherer Kategorien angeben, sofern diese anderweitig bekannt sind. 4. Ob es überhaupt höhere Kategorien über den erkannten gibt, in denen diese als Elemente wiederkehren könnten, ist daraus in keiner Weise zu ersehen. Auch in solcher Reduktion verbleibt doch der Schichtenperspektive ein beträchtliches Leistungsfeld. Die letzte Regel ist dieselbe geblieben, weil sie negativ ist. Die Bedeutung der zweiten ist weit herabgesetzt; Bruchstücke des Kategoriensystems werden auch von Kategorien m itt­ lerer Höhe aus faßbar. Die an sich mögliche Überschau von oben also kann dem bei unvollständig erfaßten Ausgangspunkten nur wenig hinzufügen. D as ganze methodologische Gewicht fällt unter solchen Umständen auf die erste und dritte Regel, wobei aber wiederum die erste die bei weitem wichtigere ist. Denn die erste handelt von der Erkennbarkeit ganzer Kategorien niederer Schicht aus Grund erkannter Elemente von höheren; in der dritten aber geht es um Erkennbarkeit bloßer Elemente höherer Kategorien auf Grund erkannter niederer Kategorien. Die erste Regel ist das Gesetz der eigentlichen, abwärtsgerichteten Schichtenperspektive, die dritte nur ein Gesetz der uneigentlichen, aufwärtsgerichteten. S ie haben dieses gemeinsam, daß die Bindung ausschließlich an den Elementen hängt, und nicht am Novum. Auf­ wärts aber ist aus bloßen Elementen wenig zu ersehen, denn da ist das Novum die Hauptsache; abwärts dagegen ist das Novum in den Elementen enthalten. Aufwärts muß aus Elementen auf Kategorien geschlossen werden, abwärts brauchen nur aus Kategorien die Elemente aufgewiesen zu werden. I n beiden Fällen bleibt das Eigentümliche und Autonome der höheren Kategorien aus dem Spiel.

H a r t m a n n , Der Aufbau der realen Welt.

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c. Weitere Konsequenzen. D ie Methode der Ergänzung. Daß in der Schichtenperspektive ein eigentlich positives Vordringen nur abwärts, nicht aber aufwärts möglich ist, liegt keineswegs an der Beschränktheit der Ausgangspunkte im endlichen Verstände; es liegt auch nicht, wie man wohl meinen könnte, an der ontisch aufwärts gehenden Dependenz der höheren von den niederen Kategorien und ihrer Irreversibilität. Wäre nämlich diese Dependenz eine totale, so könnte nichts die Erkenntnis hindern, ebensogut von den niederen zu höheren Kategorien aufzusteigen, wie umgekehrt von diesen zu jenen hinabzusteigen. Die ratio cognoscendi hat Freiheit gegen die Richtung der ratio essendi; sie kann je nach der Lagerung des Gege­ benen vom Bedingenden zum Bedingten oder umgekehrt vorgehen. Auch bei noch so endlicher Erkenntnis bleibt diese Bewegungsfreiheit unberührt. W oran die Beschränkung auf eine Richtung liegt, ist vielmehr das Gesetz des Novums (und mit ihm zusammen das Gesetz der Freiheit). Das Novum der höheren Kategorien bedeutet eben, daß diese nicht im Geflecht der wiederkehrenden Elemente aufgehen, keine bloßen S y n ­ thesen sind, sondern stets noch etwas darüber hinaus, was erst m it ihnen einsetzt. Gäbe es nicht von Schicht zu Schicht das Novum der höheren Kategorien gegenüber den niederen, so müßte es möglich sein, auch aufwärts von den niederen zu den höheren methodisch vorzu­ dringen. Denn alles Vordringen solcher Art hängt an der Wiederkehr der niederen Kategorien in den höheren. Diese Wiederkehr aber um faßt das Novum der höheren nicht m it; und sie ist außerdem noch begrenzt durch die Schranken der Überformung an bestimmten Schichten­ distanzen (vgl. Kap. 53c, sowie Kap. 51c—e). D a nun das Novum nur Novum der höheren gegen die niederen Kategorien ist, und nicht umgekehrt ein solches der niederen gegen die höheren, so folgt, daß es ein an der Wiederkehr der Elemente fort­ schreitendes Verfahren nur hindert, von den niederen zu den höheren aufzusteigen, nicht aber von diesen zu jenen hinabzusteigen. Und dem entspricht es sehr genau, daß das Aufsteigen der Methode nicht völlig verwehrt, sondern nur auf untergeordnete Momente der höheren Kategorien beschränkt ist (wie die dritte Methodenregel es aussprach). Damit freilich wird der Aufstieg als ein Weg zur Aufdeckung unbe­ kannter Kategorien praktisch wertlos. Nur als Kontrollinstanz anderer Methoden kann er eine Rolle spielen. Tatsächlich aber ist die Sachlage doch noch anders. Die Methode der Schichtenperspektive arbeitet niemals für sich allein, sie setzt erst ein, wo vielerlei Kategorien verschiedener Schichtenhöhe bereits teilweise erkannt sind. Diese teilweise erkannten — auf analytischem Wege er-

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fdrosselten oder auch dialektisch aufgefundenen — Kategorien bedürfen dann der inhaltlichen Ergänzung. Eine solche aber kann die Schichten« Perspektive immer bringen: von den teilweise vorerkannten höheren Kategorien aus läßt sich stets die Erkenntnis der niederen inhaltlich ergänzen; und von den niederen aus kann die Erkenntnis der höheren wenigstens den Elementen nach kontrolliert und aufgefüllt werden. Is t das Novum der höheren Kategorie vorerkannt, so kann auf diese Weise mittelbar auch der Aufstieg an Bedeutung gewinnen; denn nur das Novum ist „von unten her" nicht faßbar. I m Zusammenhang der Methoden also gewinnen die erste und dritte Methodenregel der Schichtenperspektive ganz erheblich an Ge­ wicht; und was vielleicht wichtiger ist, sie werden homogen, das Gewicht verschiebt sich ein wenig zugunsten der dritten. Die erste bleibt ihr zwar immer noch weit überlegen; aber man kann beide nun doch in zwei parallele Regeln der Eränzung umformulieren. 1. Is t an einer höheren Kategorie eine Reihe von Elementen an­ nähernd erkannt, die offenbar niederer Provenienz, aber in ihrer Ursprungsschicht noch unerkannt oder unvollständig erkannt sind, so ist von ihnen aus die Erkenntnis der niederen Kategorienschicht stets ergänzbar. 2. Is t an einer höheren Kategorie das Novum annähernd erkannt, aber nicht die Elemente, die in ihr wiederkehren, und ist andererseits eine Reihe niederer Kategorien erkannt, so ist aus diesen die Erkenntnis der höheren den Elementen nach ergänzbar. M ittelbar kann sich damit auch die Erkenntnis ihres Novums erweitern. M an kann diese beiden Ergänzungsregeln auch so zusammenfassen: alle Erkenntnis niederer Kategorien ist von erkannten höheren aus ergänzbar, einerlei welcher Schicht diese angehören und wieweit ihr Novum erkannt ist; und alle Erkenntnis höherer Kategorien ist der Elementarstruktur nach von erkannten niederen aus ergänzbar, einerlei welcher Schicht die niederen angehören. Die Methode der Ergänzung hat auf diese Weise doch einen breiten Spielraum im Gefüge der Methoden. Was die erste Ergänzungsregel anlangt, so hat die Abwandlung der Elementargegensätze ein reiches M aterial dafür geliefert, wie unübersehbar mannigfaltig der Gewinn für das Erfassen der niedersten Kategorien ist, der sich an der Aus­ wertung von über die ganze Schichtenfolge verstreuten höheren Ka­ tegorien aus ergibt, auch wenn diese nur teilweise erkannt sind und nur sporadisch in vorläufiger Auslese herangezogen werden können. Die zweite Ergänzungsregel aber bekommt ihr Gewicht dadurch, daß die Erkenntnis der Elemente erheblich an Bedeutung zunimmt, wenn sie

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auf ein schon vorerkanntes Novum stößt. Denn sie gibt diesem den Rahmen und die ontische Grundlage. d. Das Arbeiten „von unten auf" und „aus der Mitte".

M an vergegenwärtige sich dazu die Gesamtsituation. Die Analysis fördert zunächst vom deskriptiv erfaßten Concretum aus gewisse Ka­ tegoriengruppen zutage, die verschiedenen Schichten angehören und nur lose Verbindung zeigen. Die Schichtenzugehörigkeit der einzelnen ist mitgegeben, darum setzt hier dialektisch-konspektive Schau ein und erweitert das Gesamtbild der einen und der anderen Schicht. Aber weder die Übersicht der Schicht noch das Bild der Einzelkategorie kommt damit zum Abschluß. D arum bedarf es des dritten Gliedes im System der Methoden, der Schichtenperspektive (rechnet man die Deskription mit ein, so ist sie bereits das vierte Glied). Diese Perspektive aber findet in den mittleren Schichten eine gewisse Verdichtung des bereits Erkannten vor; nach oben und nach unten zu steht sie zunächst vor einer gewissen Leere. Die höchsten Kategorien sind undurchsichtig wegen ihrer hohen: Komplexheit, die niedersten wegen ihrer Einfachheit. Nach beiden S eiten steht der Schichtenperspektive das Vordringen offen, aber in sehr verschiedener Weise und mit noch mehr verschiedener Aussicht. Die höchsten Kategorien sind etwa die des Gesinntseins, des W ert­ verständnisses, des Persönlichen, der geformten Gemeinschaft und ihres Geisteslebens, der Geschichte, nicht weniger aber auch die des Erkenuens, der Wissenschaft, des künstlerischen Schauens und seiner Gegen­ stände. Auf diesen Gebieten nun hat analytisches Eindringen mancherlei kategoriales G ut aufgedeckt, aber es meist nur in losen Umrissen, ohne eigentliches Durchschauen der Struktur, zu fassen vermocht. An die innere Form ung dieser Kategorien tastet man sich erst auf Umwegen heran; und dabei spielt der Ausgang von bedeutend niederen Kate­ gorien, die in ihnen als Elemente wiederkehren, eine erhebliche Rolle, Erst gegen sie als Elemente hebt sich dann das Novum der höheren deutlich ab. M an erinnere sich dazu etwa der Wiederkehr der Kausalität im dritten Akt des Finalnexus (Kap. 61 e). Ein gewaltiges methodisches Gewicht gewinnt unter diesem Gesichts­ punkte die Kenntnis der Fundamentalkategorien, in erster Linie die der oben ausführlich analysierten Seinsgegensätze, aber auch die der Modalitäts-, Qualitäts- und Quantitätskategorien. S ie bilden eine durchgehende Strukturgesetzlichkeit für alle kategoriale Struktur höherer Ordnung. Diese erfaßt zu haben ist wesentliche Voraussetzung für das Verständnis höherer Kategorien; und zwar keineswegs bloß für die

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Elementarschichtung in ihnen, sondern mittelbar noch mehr für die Heraushebung des Novums in ihnen. Hier liegt der Grund, warum die Kategorienlehre „von unten auf" arbeiten muß und nicht — wie etwa die Lebensphilosophie es wollte — mit den höchsten und interessantesten Strukturen beginnen kann. Das bedeutet keineswegs, daß sie von den niederen Kategorien aus die höheren „ableiten" könnte. Ableitung vielmehr wäre grundsätzlich nur von den höheren aus möglich; nur eben fehlt faktisch die Ausgangs­ bedingung dafür. D as Arbeiten von unten auf bedeutet vielmehr nur die Fundamentalbedingung für das Verständnis solcher höherer Struk­ turen, die ohnehin bereits aufgefunden, aber in ihrem Aufbau nicht durchschaut sind und darum der Ergänzung von anderer Seite be­ dürfen. Andererseits ist freilich zu sagen, daß die Kategorienforschung, im Ganzen genommen, auch keineswegs so ohne weiteres „von unten auf" arbeiten kann. Dazu müßten die niedersten Kategorien vor allem Ein­ setzen der Schichtenperspektive bekannt sein. Und das ist durchaus nicht der Fall. S ie müßten aus der Analyse an einem Concretum gewonnen sein. Nun aber entspricht ihnen gar kein eigenes Concretum, das direkt auf sie hinführen könnte. I h r Concretum ist vielmehr das der höheren Kategorienschichten. Aus diesem aber werden zunächst nicht sie selbst analytisch erkannt, sondern Kategorien mittlerer Höhe, entsprechend der Seinshöhe der besonderen Schicht. Und von diesen aus setzt erst die Besinnung auf die einfachsten und fundamentalsten Kategorien ein. Hier freilich setzt sie mit einer gewissen Unaufhaltsamkeit ein, ungesucht, zwangsläufig. Denn die immer wiederkehrenden Grundstrukturen fallen im Vergleich des Spezielleren ohne weiteres auf und drängen auf das Bestehen der Fundamentalkategorien hin. M an entdeckt z. B-, daß in R aum und Zeit, in der Bewegung, im Geschehen aller Art, im Lebensprozeß, in der Geschichte u. a. m. un­ gesucht immer wieder ein kategoriales Grundmoment des stetigen Überganges auftaucht, das sich in aller Verschiedenartigkeit der be­ sonderen Kontinuen ohne weiteres als ein und dasselbe wiedererkennen läßt. S o wird man auf die Fundamentalkategorie der Kontinuität hingedrängt, die sich dann auch als solche fassen läßt. Ähnlich geht es mit allen eigentlichen Fundamentalkategorien; ihre Erfassung geschieht in der „abwärts" gerichteten Schichtenperspektive, und sie setzt fast automatisch ein, sobald eine genügende Mannigfaltigkeit von Kategorien mittlerer Schichten annähernd erfaßt ist. S ie führt dann gleichsam vielstrahlig konvergierend abwärts. Diese Arbeit ist immer schon im Gange, wo Fundamentalkategorien erfaßt werden. Die Arbeit der Kategorienlehre „von unten auf" wird damit nicht

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etwa in Frage gestellt. S ie erweist sich nur als bedingt durch einen zunächst in umgekehrter Richtung zurückgelegten Weg, der von halber Seinshöhe ausgeht. Das bedeutet, daß die aufsteigende Schichten­ perspektive schon rückbasiert ist auf Vorarbeit der absteigenden. Die Überlegenheit der letzteren beruht (nach der ersten Ergänzungsregel) darauf, daß ontisch die höheren Kategorien das System der niederen stets insoweit enthalten, als sie deren Überformungen sind. Eingeschränkt bleibt sie nur durch die Grenzen unserer Erkenntnis der höheren Ka­ tegorien. Aber auch wo sie nicht zur erstmaligen Aufdeckung der niederen führt, bleibt sie doch stets eine Ergänzungs- und Kontrollinstanz für sie. Es ergeben sich somit drei weitere methodische Konsequenzen: 1. Bon den höheren Kategorien aus ist das System der niederen, sofern es anderweitig schon teilweise erkannt ist, stets insoweit inhaltlich kompletierbar und kontrollierbar, als jene selbst inhaltlich erkannt sind. 2. Die Fundamentalkategorien lassen sich nur aus der Elementar­ analyse der höheren — und vorwiegend der „mittleren" — erkennen. 3. Von den Fundamentalkategorien aus, soweit sie erkannt sind, ergibt sich ein Grundschema möglicher Elementarstruktur höherer Ka­ tegorien überhaupt. D as Vorgehen der Schichtenperspektive also beruht auf der Gegen­ seitigkeit zweier dimensional verbundener, der Richtung nach aber entgegengesetzter und in ihrer Kompetenz sehr verschieden gearteter Verfahren. M it der Gegenseitigkeit im dialektischen Verfahren hat das nichts zu tun. Dialektik ist ebenso richtungslos, wie die Kohärenz der Kategorien, auf der sie beruht. Schichtenperspektive ist so fest an eine Linie der kategorialen Verbundenheit gefesselt wie die Wiederkehr und die Dependenz der Kategorien selbst. Aber sie bewegt sich innerhalb der einen Linie frei aufwärts und abw ärts; sie hat als Erkenntnisweg Autonomie der Richtung gegen die einseitige Dependenz der Ka­ tegorien. e. Die Methode der Abwandlung.

Es gibt nun einen besonderen Modus der Betrachtung, bei dem die abwärts gerichtete Schichtenperspektive in die aufwärts gerichtete mit einbezogen ist und in ihr von Schritt zu Schritt die gebende Instanz bildet. Dieser Modus ist an sich nichts Neues gegenüber dem oben Dargelegten. Das Besondere an ihm ist nur, daß die Leistungsfähigkeit der Methode an ihm in eigenartiger Steigerung greifbar wird. Nach dem zweiten Schichtungsgesetz ist alle Wiederkehr zugleich Abwandlung der wiederkehrenden Kategorien. Als Elemente höherer Kategorien nehmen die niederen neue Gestalt an entsprechend der

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komplexeren Gesamtstruktur, in die sie eintreten. In d em sie in diese eindringen, erfahren sie deren Rückwirkung. Verfolgt man also die Wiederkehr einer niederen Kategorie durch eine ganze Reihe von Schichten hin, so lernt man ihren Grundcharakter auch in seinen B e­ sonderungen an der Reihe der wechselnden Gestaltungen kennen. Einem kategorialen Element ist es in sich selbst nicht leicht anzusehen, was alles in ihm liegt; auch die Kohärenz seiner eigenen Schicht reicht dafür nicht aus. Wohl aber gewinnt man ihm sein inneres Wesen ab, wenn man seine Abwandlungen in den höheren Schichten durchläuft. Diese Abwandlungen sind die reine Explikation seines Wesens. S ie sind gleichsam die „Erfahrungen", die das Seiende höherer Ordnung mit ihm als seinem Elemente macht. Und darum liegt hier auch der Boden der Erfahrung, welche das philosophische Denken des Seienden mit ihm macht. Nicht, als müßten die besonderen Gestaltungen, welche die Ab­ wandlung durchläuft, dem Elemente zugeschrieben werden; sie sind und bleiben vielmehr Funktion des jeweiligen Novums an ihm und gehören ausschließlich den Schichten an, in denen sie auftreten. Wohl aber fällt von diesen Gestalten ein eigenartiges Licht auf die G rund­ gestalt zurück, welche das unveränderlich durchgehende Formelement und das Schema für sie alle bildet. Denn alle höheren Ausgestaltungen bleiben abhängig von der Grundgestalt. S o kann denn diese von ihnen aus sehr wohl erkannt werden — und zwar in der eigentümlichen Weise, wie überhaupt Elementargestalten erkannt werden: aus der Explikation dessen, was in ihrem Schema wesensmöglich ist. Ein anschauliches Bild von dieser „Methode der Abwandlung" gibt die Kategorialanalyse der elementaren Seinsgegensätze (wie sie in den Kapiteln 27—34 durchgeführt worden ist). D as Wesen von Einheit, Widerstreit, Gefüge, Innerem u. s. f. erschließt sich dem Blick nur spärlich, solange man es in einschichtiger Betrachtung vor Augen hat; verfolgt man es aber durch seine mannigfaltigen Besonderungen im Mathematischen, im Physisch-Materiellen, im Organischen, im S ee­ lischen und nun gar auf den verschiedenen Gebieten und S tufen des Geisteslebens, so ergibt sich ein Reichtum der Formen, an dem der einheitliche Charakter der Grundstruktur sich anschaulich von vielen Seiten her fassen läßt. Es leuchtet ein, daß diese Methode in erster Linie die niedersten Kategorien betrifft. D as muß schon darum gelten, weil die Abwandlung der höheren Kategorien im Maße ihres Höherseins „kürzer" ist; außer­ dem ist die Wiederkehr der höheren auch keine vollständige. Es hat aber noch den anderen Grund, daß die niedersten Kategorien als solche nicht direkt analytisch zugänglich sind, sondern auf rückschauende Schichten-

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Perspektive angewiesen sind. S o kommt es, daß gerade im Anfang der Kategorienlehre die Methode der Abwandlung das Feld beherrscht, im Maße des Fortschreitens zu höheren Schichten aber immer mehr gegen das analytische und dialektische Verfahren in den Hintergrund tritt. Nur eins ist hierbei nicht zu vergessen. Die Methode der Abwandlung hat ihre natürliche Richtung, sie arbeitet „von unten auf" und schreitet zum Höheren fort. I n jedem einzelnen Punkte aber, an dem sie die Elementarform in höherer Überformung wiederfindet, ist sie vielmehr die umgekehrte Schichtenperspektive: sie erkennt die niedere Kategorie von der höheren aus. Und nur darum kann ihr die aufsteigende Reihe der höheren das vervollständigte Bild der niederen vermitteln. S ie folgt damit der ersten Ergänzungsregel, die da sagt, daß alle Erkenntnis niederer Kategorien sich von der Erkenntnis höherer aus vervollständigen läßt, einerlei welcher Schicht die letzteren angehören. S ie beruht also trotz der aufwärtsgehenden Folge der Abwand­ lungen, die sie durchläuft, vielmehr auf der abwärtsgerichteten Er­ kenntnis des Einfachen vom Komplexen her. Und dadurch stellt sie selbst sich wiederum als ein Doppelverfahren dar, in welchem die Zusammen­ schau des Ganzen sich nach beiden S eiten ausgleicht. Und wäre nicht durch analytisch Vorerkanntes im Gebiet der höheren Schichten der Ansatz für abwärts schauende Schichtenperspektive bereits in einer gewissen Breite gegeben — wofür die Quellen weit über die Geschichte der Philosophie und der Wissenschaften überhaupt verstreut liegen —, so hätte sie keinen Boden, auf dem sie sich bewegen könnte. — S o wird man von allen Seiten auf das Gefüge der Methoden, als aus ein ständiges Hand-in-Hand-Arbeiten, zurückgewiesen. Es ist eben in Wahrheit so, daß man an jeder einzelnen Kategorie des ganzen M ethodenapparates bedarf. Zu jeder einzelnen — mit alleiniger Aus­ nahme der ersten Elemente — gibt es den direkten analytischen Aufstieg vom Concretum her; an jeder beliebigen gibt es die dialektische Z u­ sammenschau der Kategorienschicht; und an jeder setzt die nach beiden S eiten führende Schichtenperspektive ein. Und je nachdem die eine oder die andere Methode vorangegangen ist, müssen die anderen zur Ergänzung und Kontrolle nachfolgen. I n der Beweglichkeit solchen Jneinandergreifens besteht die allei­ nige Möglichkeit, daß die Kategorialanalyse ihrer großen Aufgabe in den Grenzen endlicher Erkenntnis Herr werde.

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Merke von Nicolai Hartmann I. Hauptwerke I M V ER L A G W A L T E R D E G R Ü Y T E R & CO.

Grundzüge einer Metaphysik der Erkenntnis, 1921; zweite, ergänzte Auflage 1925. (Vttav. XV, 551 Seiten. Ritt 12.60, geb. 14.40 Ethik, 1926; zweite Auflage 1935. (Dftao. XX, 746 Seiten. RAT 9.—, geb. 10.— Q as Problem des geistigen Sbeins, Untersuchungen zur Grundle­ gung der Geschichtsphilosophie und der Geisteswissenschaften, 1933. Oktav. XIV, 482 Seiten. RAT 10.—, geb. 12.— 5Eur* Grundlegung der (Ontologie, 1935. Oktav. XVI, 322 Seiten. RAT 8.— , geb. RAT 9.— Möglichkeit und Wirklichkeit (Ontologie Band 2), 1938. Oktav. XVII, 481 Seiten. Geb. RAT 12.— Qer Aufbau der realen Welt, Grundriß der allgemeinen Kate­ gorienlehre (Ontologie Band 3), 1940. Oktav. XVIII, 616 Seiten. RAT 11.80, geb. 12.80 Qie Philosophie des deutschen Idealism us: I. Teil: Sichte, Schelling und die Romantik, 1923. Oktav. VIII, 282 Seiten. RAT 3.— , geb. 4.— . II. Teil: Hegel, 1929. Oktav. X, 392 Seiten. RAT 9.—, geb. 10.—

II. Frühere Ärbeüen I N A N DE R E N VERLAGEN p la to s Logik desK eins (philosophische Arbeiten III). Berlin, Alf reb (Eöpelmann, 1909. Oktav. X, 512 Seiten, vergriffen

Qes P roklus Oiadochus philosophische Äufangsgründe der M athematik (philosophische Arbeiten IV. 1). Berlin, Alfred Töpelmcmn. 1909. Gktav. 57 Seiten, vergriffen

Philosophische Grundfragen der B iologie (Bö. 6 der Sam m lung ,,w ege zur Philosophie"). Gottingen, vanöenhoek u. Ruprecht. 1912. Kl. Oktav. 172 Seiten, vergriffen

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III. Aufsätze und K eiträge Z u r M eth ode der Philosophiegeschichte. Kantstuöien, Bö. XV. 1910 K tlftem bildung und Id ea lism u s, in Philosophische Arbeiten. Berlin, B runo Lasstrer, 1912 Kristematische M ethode. Logos, Bö. 111. 1912 A ber die Erkennbarkeit des Apriorischen. Logos, Bö V. 1914— 15 Logische und ontologische W irklichkeit, Kantstuöien. Bö XX. 1915 D ie Zrage der B ew eisb ark eit des Kausalgesetzes. Kantstuöien, Bö. XXIV. 1919. Aristoteles und Hegel, Beiträge zur Philosophie öes Öeutschen Idealism us, Bö. 111, 1923; 2. Aufl. (Sonderdruck) Erfurt, K urt Stenger, 1933 D iesseits von Id e a lism u s und R ea lism u s, ein Beitrag zur Scheidung öes Ge­ schichtlichen und Übergeschichtlichen in der Kantischen Philosophie. Kantstuöien, Bö. X XIX , auch als Sonderdruck, Pan-V erlag. 1924 W ie ist kritische O n tologie überhaupt möglich? I n der Festschrift für P au l N atorp. Berlin, W alter de G ruyter, 1924 K ategoriale Gesetze, ein Kapitel zur Grundlegung der allgemeinen K ategorien­ lehre. Philosophischer Anzeiger, Bö. I. Bonn 1926 Systematische P h ilosop h ie in eigener D arstellung, in Deutsche systematische Philosophie nach ihren Gestaltern, Bö. I (auch als Sonderdruck) Berlin, Junker und D ünnhaupt, 1931; 2 Aufl. 1935 Z u m P rob lem der R ealitätsgegebenheit, Philosophische Dorträge der K antgesellschaft, Nr. 32. Berlin, Pan-D erlag, 1931 S in n g eb u n g und K innerfüllung.