Der antike Fiktionalitätsdiskurs 3110548291, 9783110548297

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Der antike Fiktionalitätsdiskurs
 3110548291, 9783110548297

Table of contents :
Inhalt
Einleitung
Fiktion, Fiktivität, Fiktionalität: Die modernen Theorien
Falschheit oder Fiktion? Zu einigen in der Forschung umstrittenen Stellen im frühen Fiktionalitäts- bzw. Falschheitsdiskurs
Fiktion auf der Ebene der Geschichte
Fiktion auf der Ebene der Darstellung?
Fiktion auf der Ebene der Textproduktion
Fiktion im Zusammenhang der gesamten Sprachhandlungssituation
Zusammenfassung
Bibliographie
Register

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Stefan Feddern

DerantikeFiktionalitätsdiskurs

Stefan Feddern

Der antike Fiktion alitä tsd is kurs

DE GRUYTER

ISBN978-3-11-054829·7 e-lSBN (PDF)978-3-11-055055·9 e-lSBN (EPUB)978-3-11-054972-0 ISSN 1866-7651 Libraryof CongressControlNumber:2018935456 BibliografischeInformationder DeutschenNationalbibliothek Die Deutsche Nationalbibliothek verzeichnet diese Publikation in der Deutschen Nationalbibliografie; detaillierte bibliografische Daten sind im Internet über http://dnb.dnb.de abrufbar.

© 2018 Walter de Gruyter GmbH, Berlin/Boston Druck und buchbinderische Verarbeitung: Hubert & Co. GmbH & Co. KG, Göttingen www.degruyter.com

Inhalt 1 1.1 1.2 1.2.1 1.2.2

Einleitung-1 Zur Einführung. Gegenstand der Analyse-1 Forschungsstand7 überblicke 8 Problematisierung 28

2 2.1 2.1.1 2.1.2 2.2 2.2.1 2.2.2 2.2.3 2.2.4 2.3 2.3.1 2.3.2

Fiktion, Fiktivität, Fiktionalität:Die modernenTheorien36 Literatur- und sprachtheoretische Grundlagen 38 Das Problem der Referenz38 Die Ebenen des Erzähltextes: Geschichte und Darstellung 45 Fiktion auf der Ebene der Geschichte 48 Faktoren der Fiktivität: Ereignisträger, Ort und Zeit 52 Reale Objekte in fiktiven Geschichten 53 Skalierungen der Fiktivität 56 Fiktive Welten 59 Fiktion auf der Ebene der Darstellung62 Die doppelte Sprachhandlungssituation -62 Das Verhältnis zwischen Fiktivität und fiktionaler Darstellung 66 2.3.3 Narration als Fiktion? -68 2.4 Fiktion auf der Ebene der Textproduktion. Searles pretenceTheorie 74 2.5 Fiktion auf der Ebene der Textrezeption 79 2.5.1 Fiktionssignale 79 2.5.1.1 Textuelle Fiktionssignale 80 2.5.1.1.1 Signale auf der Ebene der Geschichte 80 2.5.1.1.2 Signale auf der Ebene der Darstellung 81 2.5.1.2 Paratextuelle Fiktionssignale 84 2.5.2 Beurteilung von Fiktionssignalen 86 Rezeption fiktionaler Texte als make-believe88 2.5.3 Rezeption und Funktion fiktionaler Texte90 2.5.4 2.6 Fiktion im Zusammenhang der Sprachhandlungssituation 94 Fiktion und Drama 95 2.7

3 3.1

Falschheitoder Fiktion?Zu einigen in der Forschungumstrittenen Stellen im frühen Fiktionalitäts- bzw. Falschheitsdiskurs 98 Homer-98

VIII

-

Inhalt

Xenophanes-1O1 Pindar, Nemee 7 -105 Xenophon, Kyrupädie 2,2 -107

3.2 3.3 3.4

4 4.1 4.1.1

Fiktionauf der Ebene der Geschichte -119

4.1.1.1 4.1.1.2 4.2 4.2.1 4.2.2 4.2.3 4.3 4.3.1 4.3.2 4.3.2.1 4.3.2.2 4.3.2.3 4.4 4.5 4.6

Hesiod über die plausible Fiktion (Theog. 26-28)-119 Weitere Reflexionen über die Plausibilität von fiktiven Geschichten -137 Cicero über Homers Darstellung der Sirenen (fin. 5,49-52) -137 Die Plausibilität der Fabel -140 Zur Geschichtsschreibung-143 Thukydides' Methodenkapitel: Über die Redenfiktion -143 Der Wahrheitsstatus der Geschichtsschreibung in Ciceros Geschichtstheorie -163 Die Mirabilien -171

Platon-189 Ausgewählte Stellen aus dem Corpus Platonicum -190 Die Dichterkritik -192 Forschungsstand -193 Methodische Vorbemerkungen. Platons Unterscheidung zwischen Geschichte und Darstellung-197 Die Ebene der Geschichte (rep. 376e- 392c6) -199 Aristoteles über das Mögliche als Gegenstandsbereich des 212 Dichters und die Motivierung: Poetik, Kapitel 9 Polybios' Dreiteilung zwischen Geschichte (io10p(a), Darstellung 259 (öux8Eou;)und Fiktion (µü809 Strabos Unterscheidung zwischen dem historischen Kern einer Geschichte (ia10p(a) und ihrer fiktionalen Ausgestaltung (ÖlQOKEU~) -

4.7 4.7.1 4.7.1.1 4.7.1.2

4.7.1.2.1 4.7.1.2.2 4.7.1.2.3

280

Skalierungen der dargestellten Geschichte 297 Die Unterteilung der Erzählung bei Cicero und dem Auctor ad Herennium 298 Zur Dreiteilung der narratio in negotiis posita in fabula (µ0809, 302 historia (ioi:op(a) und argumentum (nMaµa) Zur historischen Genese der Dreiteilung der narratio in negotiis posita in fabula (µü809, historia (ioi:op(a) und argumentum (nMaµa) 314 Die Unterteilung der Erzählung bei Sextus Empiricus 316 Polybios' Unterscheidung von historischen Gattungen 324 lsokrates' Unterscheidung von Literaturgattungen 327

Inhalt -

4.7.2 4.7.2.1 4.7.2.2 4.7.2.2.1 4.7.2.2.2 4.7.2.3 4.7.2.4 4.7.2.5 4.7.2.6 4.7.2.7 4.7.2.8 4.7.2.9 4.7.3 4.7.3.1 4.7.3.2 4.7.3.3 4.8

5

5.1 5.1.1

Die Dreiteilung zwischen fabula (µü809, historia(iatop(a) und argumentum(nMoµa) bei anderen Autoren - 332 Die Unterteilung der Erzählung bei Quintilian 332 Die Unterteilung der Erzählung bei (Pseudo-)Hermogenes 334 Die Erzählgattung nMoµa bei Hermogenes, Aphthonios, Priscian 336 und Nikolaos Cicero über die Fiktionalität der Tragödie 342 Die Unterteilung der Erzählung beim Anonymus 345 Seguerianus Die Unterteilung der Erzählung in den Scholien zu Dionysios Thrax-348 352 Die Unterteilung der Erzählung bei Nikolaos Die Unterteilung der Erzählung bei Priscian 354 Die Unterteilung der Erzählung bei Martianus Capella 355 Die Unterteilung der Erzählung bei Isidor aus Sevilla 356 Die Unterteilung der Erzählung in den Terenzscholien 357 Abweichungen von der Dreiteilung zwischen fabula (µü809, historia{iatop(a) und argumentum(nMoµa) - 359 Die Unterteilung der Erzählung bei Theon 360 Die Unterteilung der Erzählung bei Aphthonios 367 Die Unterteilung der Erzählung bei Servius 369 Die Legitimierung von (allegorischen) fiktiven Geschichten durch 379 Macrobius -

Fiktionauf der Ebeneder Darstellung? -

384

Die Unterteilung der Erzählung nach dem Redekriterium 384 Platons Dichterkritik. Die Ebene der Darstellung (rep. 392c7-

398b)-384

5.1.2 5.1.3 5.2

Aristoteles, Poetik, Kapitel 3-389 Die Unterteilung der Erzählung Kara np6owna bei Dositheus, 398 Diomedes, Nikolaos, Servius und Isidor aus Sevilla Zur narratioin personis posita bei Cicero und dem Auctorad

5.3

Herennium- 402 Catull, carmen16 -

6

IX

403

Fiktionauf der Ebeneder Textproduktion -

406

6.1

Die allgemeine Definition der Erzählung bei Cicero und in der 406 rhetorischen Tradition -

6.2

Hermogenes' Theorem des "als ob" -

410

X -

6.3

6.4

Inhalt

Fiktion als Eingeständnis des Autors. Die Unterscheidung zwischen der Fabel und der mythischen Erzählung bei Theon und Nikolaos 412 Die Abgrenzung der Fiktion von anderen Formen der 426 Unwahrheit-

7.1.8.2 7.2 7.2.1 7.2.2 7.3 7.3.1 7.3.2

Fiktionim Zusammenhangder gesamten Sprachhandlungssituation 429 Fiktion als Lizenz und Übereinkunft429 Das Gorgias-Fragment 23 429 lsokrates 445 Ciceros Prolog zu De legibus 447 Horaz, Ars poetica 465 Ovid, Amores 3,12 482 Plutarch, De audiendis poetis 494 De audiendis poetis 1494 Solons Diktum noMa ljJEuöovtat ao1öo(495 De audiendis poetis II 498 Lukian über die Gesetze der Dichtung und der 515 GeschichtsschreibungDie nournK~ t~ouo(a 518 Die nou1uK~ t~ouo(a in Agatharchides' nEpl tfj~ 'Epu8pä~ 519 8aAaoori~ Die no1rtt1K~t~ouo(a in den Scholien 525 Fiktion als Aufgabe des Dichters 528 Der Platonische Sokrates über die Aufgabe des Dichters 528 Servius, Laktanz und Isidor über die Aufgabe des Dichters 529 Fiktion als spielerischer Scherz 535 Thespis über die Tragödie 536 Phaedrus über seine Fabeln 538

8 8.1 8.1.1 8.2 8.2.1 8.3 8.4 8.4.1

Zusammenfassung 549 Literatur- und sprachtheoretische Grundlagen 549 Die Ebenen des Erzähltextes: Geschichte und Darstellung Fiktion auf der Ebene der Geschichte 550 Skalierungen der dargestellten Geschichte 551 Fiktion auf der Ebene der Darstellung 552 Fiktion auf der Ebene der Textproduktion 553 Die pretence-Theorie 554

7

7.1 7.1.1 7.1.2 7.1.3 7.1.4 7.1.5 7.1.6 7.1.6.1 7.1.6.2 7.1.6.3 7.1.7 7.1.8 7.1.8.1

549

Inhalt -

8.5 8.5.1 8.5.2 8.6

Fiktion auf der Ebene der Textrezeption -555 Fiktionssignale-555 556 Rezeption und Funktion fiktionaler TexteFiktion im Zusammenhang der Sprachhandlungssituation -

Bibliographie - 561 Fragment-, Textausgaben, Kommentare und 561 ÜbersetzungenLiterarische und philosophische Texte564 Sekundärliteratur 565 Register -

588

XI

557

1 Einleitung 1.1 Zur Einführung.Gegenstandder Analyse Zur literarischen Fiktion wurden nicht erst in der Modeme, sondern schon in der Antike verschiedene Konzepte entwickelt. So hat Aristoteles im neunten Kapitel der Poetik die literarische Fiktion als Gegenstandsbereich des Dichters insofern legitimiert, als der Dichter das Mögliche darstellen soll, wohingegen sich der Historiker mit dem Geschehenen beschäftigt. 1 Der Geograph Eratosthenes hingegen hat die Ansicht vertreten, dass man erst dann herausfinden könne, wo Odysseus herumgeirrt sei, wenn man den Riemer gefunden habe, der den Sack der Winde genäht habe, der Odysseus die Heimfahrt ermöglichen sollte. 2 Diese Aussage ist natürlich ironisch zu verstehen: Da es Eratosthenes zufolge jeder Dichter auf das Hervorrufen von Emotionen, nicht auf Belehrung abgesehen habe, 3 sei die gesamte Darstellung der Irrfahrt als Fiktion anzusehen und der Versuch, der Odysseerichtige geographische Informationen zu entnehmen, von vornherein zum Scheitern verurteilt. Eratosthenes' Ansicht ist jedoch nicht unwidersprochen geblieben. Insbesondere der Polyhistor Polybios und die Geographen Agatharchides und Strabo haben sich dezidiert gegen Eratosthenes' Verständnis der Homerischen Epen und der Dichtung im Allgemeinen gestellt. Sie vertreten die Position, dass sich in den dichterischen Werken wirkliche und nicht-wirkliche Elemente vermischen, und warnen somit vor einer undifferenzierten und unangemessenen Betrachtung der entsprechenden literarischen Produkte." Über die literarische Fiktion wurde auch in den Instruktionen zur Erzählung reflektiert. Dort finden sich Skalierungen der dargestellten Geschichte, die die fiktionalen Diskursformen von der faktualen Diskursform unterscheiden und die - meist zwei - fiktionalen Diskursformen voneinander abgrenzen. 5 Was bildet also den Gegenstand der Analyse, wenn diese und derartige Aussagen in dieser Arbeit untersucht werden? Die Praxis der literarischen Fiktion ist (für sich betrachtet) von der Untersuchung ausgeschlossen. Vielmehr stehen

1 S. das Kapitel 4.4 dieser Arbeit. 2 Zum Diktum des Eratosthenes vgl. Eratosthenes, fr. I A 16 Berger (1880) 36 = fr. 5 Roller (2010) 43. 3 Vgl. Eratosthenes, fr. I A 20 Berger (1880) 37 = fr. 2 Roller (2010) 41. 4 Zu Eratosthenes, Polybios und Strabo s. die Kapitel 4.5 und 4.6 dieser Arbeit. Zu Agatharchides s. das Kapitel 7.1.8.1dieser Arbeit. 5 S. das Kapitel 4.7 dieser Arbeit. https://doi.org/10.1515/9783110550559-002

2

-

1 Einleitung

die wichtigsten expliziten Äußerungen zur literarischen Fiktion im Mittelpunkt der Untersuchung. Der Versuch, den Status dieser expliziten Reflexionen über die literarische Fiktion anzugeben, würde eine eigene Abhandlung erfordern. Insbesondere die Frage, ob die in dieser Arbeit untersuchten Reflexionen über die literarische Fiktion Theorien im strengen Sinn darstellen, kann in diesem Zusammenhang nicht behandelt werden. 6 Wenn daher in dieser Arbeit von „Fiktionstheorien" die Rede ist, dann wird der Begriff „Theorie" in dem ganz allgemeinen Sinn verwendet, dass ein Autor über das Wesen und die Bedingungen von Literatur (in diesem Fall: von literarischer Fiktion) reflektiert; denn auch in diesem Sinn wird der Theoriebegriff in der Literaturwissenschaft verwendet. 7 Am besten lassen sich die expliziten Reflexionen über die literarische Fiktion, die in dieser Arbeit analysiert werden, als Diskurs beschreiben. 8 Zwar kann man kaum davon sprechen, dass ein antiker Fiktionalitätsdiskurs im strengen Sinn des Diskurses vorliegt. Denn unter der Diskursanalyse, die auf Michel Foucault zurückgeführt wird, versteht man eine historische Transzendentalwissenschaft, die nach den Realitätsbedingungen für Aussagen fragt. 9 In vielerlei Hinsicht stellt die Diskursanalyse den Gegenpol zu traditionellen hermeneutischen Interpretationen dar: 10 sie teilt nicht mehr das hermeneutische Ziel, durch bestimmte interpretative Operationen zu einem adäquaten Sinnverstehen des Textes zu gelangen. Schon das triadische Kommunikationsmodell, das den meisten literaturwissenschaftlichen Theorien und Interpretationsverfahren zugrunde liegt und auf Aristoteles zurückgeht, 11 widerspricht ihren theoretischen Prämissen: der Autor als Urheber eines Textes; der Text, der als Einheit verstanden wird und auf seinen Produzenten und seine Entstehungssituation verweist; der Leser, der im Verlauf des Verstehens in einen Dialog mit dem Text tritt und sich dessen Sinn aneignet. Im Gegensatz hierzu folgt die Diskursanalyse der Prämisse, dass der Diskurs die Ordnung der Texte bestimmt, wodurch ihre Urheber im Diskurs verschwinden. 12

6 Zum Theoriebegriff in der Literaturwissenschaft vgl. Köppe/Winl