Das vergessene Subjekt: Subjektkonstitutionen in mediatisierten Alltagswelten [1. Aufl.] 978-3-658-23935-0;978-3-658-23936-7

Der Band liefert eine kritische Bestandsaufnahme bestehender Subjektkonzeptionen der kommunikationswissenschaftlichen Fo

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German Pages VIII, 311 [312] Year 2019

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Das vergessene Subjekt: Subjektkonstitutionen in mediatisierten Alltagswelten [1. Aufl.]
 978-3-658-23935-0;978-3-658-23936-7

Table of contents :
Front Matter ....Pages I-VIII
Einführung: Das vergessene Subjekt in der Kommunikationswissenschaft (Peter Gentzel, Friedrich Krotz, Jeffrey Wimmer, Rainer Winter)....Pages 1-14
Front Matter ....Pages 15-15
Wie konstituiert das Kommunizieren den Menschen? Zum Subjektkonzept der Kommunikationswissenschaft im Zeitalter digital mediatisierter Lebensweisen (Friedrich Krotz)....Pages 17-37
Das Subjekt des kommunikativen Handelns, Subjektivität und Subjektivierung (Hubert Knoblauch)....Pages 39-58
Von der sozialen Interaktion zur digitalen Vernetzung: Prozesse der Mediatisierung und die Transformationen des Selbst (Rainer Winter)....Pages 59-85
Materialität, Technik und das Subjekt: Elemente kritischer Kommunikations- und Medienanalyse (Peter Gentzel)....Pages 87-113
Mediennutzung und Psychoanalyse: Theoretische und Empirische Perspektiven (Jacob Johanssen)....Pages 115-133
Subjektivierung in datafizierten Gesellschaften – Dividualisierung als Perspektive auf kommunikative Aushandlungsprozesse in datengetriebenen Zeiten (Jakob Hörtnagl)....Pages 135-156
Front Matter ....Pages 157-157
Das erzählte Selbst: Narrative Subjektkonstruktionen im Zeichen medialen und gesellschaftlich-kulturellen Wandels (Christina Schachtner)....Pages 159-184
Vom Subjekt zum User – und zurück? (Manfred Faßler)....Pages 185-206
Die Geschichte medienbasierter Selbsttechnologien von Rousseau bis Runtastic (Gerrit Fröhlich)....Pages 207-226
Subjektinszenierung und Kommunikationsmacht digital (Holger Herma, Laura Maleyka)....Pages 227-253
Zur Medialität pädagogischer Beziehungen und der medialen Seite der Bildung (Kerstin Jergus)....Pages 255-275
Friendzone Level 5000. Memes als bildvermittelte Subjektivierungspraktiken (Sascha Oswald)....Pages 277-311

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Medien · Kultur · Kommunikation

Peter Gentzel · Friedrich Krotz Jeffrey Wimmer · Rainer Winter Hrsg.

Das vergessene Subjekt Subjektkonstitutionen in mediatisierten Alltagswelten

Medien • Kultur • Kommunikation Reihe herausgegeben von Andreas Hepp, FB 9, ZeMKI, Universität Bremen, Bremen, Deutschland Friedrich Krotz, FB 9, ZeMKI, Universität Bremen, Bremen, Bremen, Deutschland Waldemar Vogelgesang, FB IV Soziologie, Universität Trier, Trier, Deutschland Maren Hartmann, Universität der Künste (UdK), Berlin, Deutschland

Kulturen sind heute nicht mehr jenseits von Medien vorstellbar: Ob wir an unsere eigene Kultur oder ,fremde‘ Kulturen denken, diese sind umfassend mit Prozessen der Medienkommunikation verschränkt. Doch welchem Wandel sind Kulturen damit ausgesetzt? In welcher Beziehung stehen verschiedene Medien wie Film, Fernsehen, das Internet oder die Mobilkommunikation zu unterschiedlichen kulturellen Formen? Wie verändert sich Alltag unter dem Einfluss einer zunehmend globalisierten Medienkommunikation? Welche Medienkompetenzen sind notwendig, um sich in Gesellschaften zurecht zu finden, die von Medien durchdrungen sind? Es sind solche auf medialen und kulturellen Wandel und damit verbundene Herausforderungen und Konflikte bezogene Fragen, mit denen sich die Bände der Reihe „Medien – Kultur – Kommunikation“ auseinandersetzen. Dieses Themenfeld überschreitet dabei die Grenzen verschiedener sozial- und kulturwissenschaftlicher Disziplinen wie der Kommunikations- und Medienwissenschaft, der Soziologie, der Politikwissenschaft, der Anthropologie und der Sprach- und Literaturwissenschaften. Die verschiedenen Bände der Reihe zielen darauf, ausgehend von unterschiedlichen theoretischen und empirischen Zugängen, das komplexe Interdependenzverhältnis von Medien, Kultur und Kommunikation in einer breiten sozialwissenschaftlichen Perspektive zu fassen. Dabei soll die Reihe sowohl aktuelle Forschungen als auch Überblicksdarstellungen in diesem Bereich zugänglich machen.

Weitere Bände in der Reihe http://www.springer.com/series/12694

Peter Gentzel · Friedrich Krotz · Jeffrey Wimmer · Rainer Winter (Hrsg.)

Das vergessene Subjekt Subjektkonstitutionen in mediatisierten Alltagswelten

Hrsg. Peter Gentzel Universität Augsburg Augsburg, Deutschland

Friedrich Krotz Universität Bremen Bremen, Deutschland

Jeffrey Wimmer Universität Augsburg Augsburg, Deutschland

Rainer Winter Universität Klagenfurt Klagenfurt, Österreich

ISSN 2524-3160 ISSN 2524-3179  (electronic) Medien • Kultur • Kommunikation ISBN 978-3-658-23935-0 ISBN 978-3-658-23936-7  (eBook) https://doi.org/10.1007/978-3-658-23936-7 Die Deutsche Nationalbibliothek verzeichnet diese Publikation in der Deutschen Nationalbibliografie; detaillierte bibliografische Daten sind im Internet über http://dnb.d-nb.de abrufbar. Springer VS © Springer Fachmedien Wiesbaden GmbH, ein Teil von Springer Nature 2019 Das Werk einschließlich aller seiner Teile ist urheberrechtlich geschützt. Jede Verwertung, die nicht ausdrücklich vom Urheberrechtsgesetz zugelassen ist, bedarf der vorherigen Zustimmung des Verlags. Das gilt insbesondere für Vervielfältigungen, Bearbeitungen, Übersetzungen, Mikroverfilmungen und die Einspeicherung und Verarbeitung in elektronischen Systemen. Die Wiedergabe von allgemein beschreibenden Bezeichnungen, Marken, Unternehmensnamen etc. in diesem Werk bedeutet nicht, dass diese frei durch jedermann benutzt werden dürfen. Die Berechtigung zur Benutzung unterliegt, auch ohne gesonderten Hinweis hierzu, den Regeln des Markenrechts. Die Rechte des jeweiligen Zeicheninhabers sind zu beachten. Der Verlag, die Autoren und die Herausgeber gehen davon aus, dass die Angaben und Informationen in diesem Werk zum Zeitpunkt der Veröffentlichung vollständig und korrekt sind. Weder der Verlag, noch die Autoren oder die Herausgeber übernehmen, ausdrücklich oder implizit, Gewähr für den Inhalt des Werkes, etwaige Fehler oder Äußerungen. Der Verlag bleibt im Hinblick auf geografische Zuordnungen und Gebietsbezeichnungen in veröffentlichten Karten und Institutionsadressen neutral. Springer VS ist ein Imprint der eingetragenen Gesellschaft Springer Fachmedien Wiesbaden GmbH und ist ein Teil von Springer Nature Die Anschrift der Gesellschaft ist: Abraham-Lincoln-Str. 46, 65189 Wiesbaden, Germany

Inhaltsverzeichnis

Einführung: Das vergessene Subjekt in der Kommunikationswissenschaft. . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . 1 Peter Gentzel, Friedrich Krotz, Jeffrey Wimmer und Rainer Winter Teil I Subjektkonzeptionen in der kommunikationswissenschaftlichen Forschung und im Lichte aktueller sozial- und kulturwissenschaftlicher Entwicklungen Wie konstituiert das Kommunizieren den Menschen? Zum Subjektkonzept der Kommunikationswissenschaft im Zeitalter digital mediatisierter Lebensweisen. . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . 17 Friedrich Krotz Das Subjekt des kommunikativen Handelns, Subjektivität und Subjektivierung . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . 39 Hubert Knoblauch Von der sozialen Interaktion zur digitalen Vernetzung: Prozesse der Mediatisierung und die Transformationen des Selbst. . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . 59 Rainer Winter Materialität, Technik und das Subjekt: Elemente kritischer Kommunikations- und Medienanalyse. . . . . . . . . . . . . . . . . . . . 87 Peter Gentzel

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Inhaltsverzeichnis

Mediennutzung und Psychoanalyse: Theoretische und Empirische Perspektiven. . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . 115 Jacob Johanssen Subjektivierung in datafizierten Gesellschaften – Dividualisierung als Perspektive auf kommunikative Aushandlungsprozesse in datengetriebenen Zeiten. . . . . . . . . . . . . . . . . . . 135 Jakob Hörtnagl Teil II Empirische Analysen der Bedeutung von Subjektivität und Identität in und für digitale(r) Kommunikation in mediatisierten Welten Das erzählte Selbst: Narrative Subjektkonstruktionen im Zeichen medialen und gesellschaftlich-kulturellen Wandels. . . . . . . . . 159 Christina Schachtner Vom Subjekt zum User – und zurück?. . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . 185 Manfred Faßler Die Geschichte medienbasierter Selbsttechnologien von Rousseau bis Runtastic. . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . 207 Gerrit Fröhlich Subjektinszenierung und Kommunikationsmacht digital. . . . . . . . . . . . . 227 Holger Herma und Laura Maleyka Zur Medialität pädagogischer Beziehungen und der medialen Seite der Bildung. . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . 255 Kerstin Jergus Friendzone Level 5000. Memes als bildvermittelte Subjektivierungspraktiken. . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . 277 Sascha Oswald

Herausgeber‐ und Autorenverzeichnis

Über die Herausgeber Dr. Peter Gentzel, Universität Augsburg, Augsburg, Deutschland, [email protected] Friedrich Krotz,  ZeMKI, Bremen, Deutschland, [email protected] Jeffrey Wimmer, Universität Augsburg, Augsburg, Deutschland, [email protected] Prof. Dr. Rainer Winter,  Alpen-Adria Universität Klagenfurt, Institut für Medienund Kommunikationswissenschaft, Klagenfurt, Österreich, [email protected]

Autorenverzeichnis Hubert Knoblauch, Institut für Soziologie, Technische Universität Berlin, Berlin, Deutschland, [email protected] Jacob Johanssen, Communication and Media Research Institute, Faculty of Media, Arts and Design, University of Westminster, Northwick Park, Harrow, Großbritannien, [email protected] Jakob Hörtnagl, MA, Universität Augsburg, Augsburg, Deutschland, jakob. [email protected] Christina Schachtner,  Alpen-Adria-Universität Klagenfurt, Klagenfurt, Österreich, [email protected] VII

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Herausgeber‐ und Autorenverzeichnis

Sen. Prof. Dr. habil. Manfred Faßler,  Dipl. soz., Institut für Kulturanthropologie und Europäische Ethnologie, Frankfurt am Main, Deutschland, [email protected] Dr. Gerrit Fröhlich,  Universität Trier, Trier, Deutschland, [email protected] Dr. Holger Herma, Universität Hildesheim, Institut für Sozialwissenschaften, Hildesheim, Deutschland, [email protected] Laura Maleyka,  M.A., Universität Hildesheim, Institut für Sozialwissenschaften, Hildesheim, Deutschland, [email protected] PD Dr. Kerstin Jergus,  Technische Universität Dresden, Professur für Systematische Erziehungswissenschaft, Dresden, Deutschland, [email protected] Sascha Oswald,  M.A., Institut für Sozialwissenschaften, Universität Hildesheim, Hildesheim, Deutschland, [email protected]

Einführung: Das vergessene Subjekt in der Kommunikationswissenschaft Peter Gentzel, Friedrich Krotz, Jeffrey Wimmer und Rainer Winter

Zusammenfassung

Im Mittelpunkt des Bandes steht die Frage nach dem sich transformierenden Beziehungsverhältnis von Subjekt, Kommunikation und Gesellschaft, in dem der gegenwärtig rapide Medienwandel – so unsere These – eine zentrale Rolle einnimmt. Der Mediatisierungsansatz empfiehlt sich aus mehreren Gründen als Einstieg in diese komplexe Fragestellung, weil er eine analytisch konsistente Perspektive darstellt, die kommunikative und mediale Wandlungsprozesse mit sozialen und kulturellen zusammenführt. Subjekte entstehen in dieser Perspektive auf der Basis kommunikativen Handelns, Praktiken und Gewohnheiten und der Verarbeitung des damit verbundenen Erlebens, allesamt ihrerseits eng mit gesellschaftlichen Kontexten und Prozessen verbunden.

P. Gentzel (*)  Universität Augsburg, Augsburg, Deutschland E-Mail: [email protected] F. Krotz  ZeMKI, Bremen, Deutschland E-Mail: [email protected] J. Wimmer  Universität Augsburg, Augsburg, Deutschland E-Mail: [email protected] R. Winter  Institut für Medien- und Kommunikationswissenschaft, Alpen-Adria Universität Klagenfurt, Klagenfurt, Österreich E-Mail: [email protected]

© Springer Fachmedien Wiesbaden GmbH, ein Teil von Springer Nature 2019 P. Gentzel et al. (Hrsg.), Das vergessene Subjekt, Medien • Kultur • Kommunikation, https://doi.org/10.1007/978-3-658-23936-7_1

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1 Einleitung Im Mittelpunkt des Bandes steht die Frage nach dem sich transformierenden Beziehungsverhältnis von Subjekt, Kommunikation und Gesellschaft, in dem der gegenwärtig rapide Medienwandel – so unsere These – eine zentrale Rolle einnimmt (vgl. ausführlich Krotz 2017, S. 31). Der Mediatisierungsansatz empfiehlt sich aus mehreren Gründen als Einstieg in diese komplexe Fragestellung, weil er eine analytisch konsistente Perspektive darstellt, die kommunikative und mediale Wandlungsprozesse mit sozialen und kulturellen zusammenführt. Subjekte entstehen in dieser Perspektive auf der Basis kommunikativen Handelns, Praktiken und Gewohnheiten und der Verarbeitung des damit verbundenen Erlebens, allesamt ihrerseits eng mit gesellschaftlichen Kontexten und Prozessen verbunden. Dieser Analyserahmen knüpft am Menschenbild des Animal Symbolicums (Cassirer 2007) und den Cultural Studies an und erweitert die Untersuchung von Kommunikationsprozessen um ihre soziale wie kulturelle Dimension (vgl. ausführlich den Beitrag von Krotz). Phänomene der Handlungskoordinierung, der Vergemeinschaftung und Vergesellschaftung werden hierbei ebenso berücksichtigt, wie die symbolischen Formen expliziten und impliziten Wissens. In empirischer Hinsicht rücken dadurch verstärkt auch personale und situative Kommunikationsbedingungen in den Blick. Damit sind für das angemessene Verständnis von subjektbezogenen Prozessen sowohl konkrete Kommunikationsrahmen, -rollen, -motive und -inhalte als auch die damit wechselseitig verbundenen, voneinander unterscheidbaren Aspekte von Medien als Techniken, soziale Institutionen, Inszenierungsapparate und die auf diese Weise sozial und technisch aufgespannten Erlebnisräume analytisch bedeutsam.

2 Defizite in der Kommunikationswissenschaft, die Notwendigkeit eines Subjektkonzepts und der Mediatisierungsansatz als möglicher Ausgangspunkt In der prädigitalen Publizistikwissenschaft des 20. Jahrhunderts wurden Individuen oftmals allein als Nutzer1 von Medien, so prototypisch im Uses-und-­ Gratifications-Ansatz als Bündel von Bedürfnissen, oder umgekehrt als Objekte

1Zugunsten

einer besseren Lesbarkeit wird im Folgenden ausschließlich die maskuline Form verwendet. Es sind allerdings stets beide Geschlechter angesprochen.

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der Medienwirkung berücksichtigt (vgl. Pürer 2003). Diese Verkürzung ergab sich aus der damaligen Medienzentriertheit von Theorie und Empirie, die sich am deutlichsten in der bekannten Lasswell-Formel ausdrückt. Gerade in der deutschsprachigen Kommunikationswissenschaft waren die disziplinären Material- und Formalobjekte lange Zeit sehr eng an Massenkommunikation bzw. öffentliche Kommunikation gebunden (vgl. kritisch dazu Hepp 2016). Komplexere Vorstellungen von Individualität und Subjektivität oder von Vergesellschaftung und Vergemeinschaftung wurden deshalb innerhalb dieser Disziplin kaum entwickelt, sondern primär aus Konzepten der „Mediennutzung und -rezeption“ oder des „Publikums“ abgeleitet. Auch das mit der Entwicklung des Uses-und-Gratifications-Ansatzes einhergehende Diktum „Was machen die Menschen mit den Medien?“ (Rosengren et al. 1985) führte lediglich zur Berücksichtigung und Aggregation verdinglichter Motive einzelner Individuen. Dementsprechend ist auch der „aktive Rezipient“ in diesem Zusammenhang meist nur jemand, der anhand rationaler und reflektierter Bedürfnisse mediale Angebote zur Rezeption auswählt (vgl. kritisch dazu Dahlgren 2013). Darüber hinausgehende Aktivitäten des Verstehens und Vermittelns, der Aneignung und des Gebrauchs von Medien in Wechselwirkung mit sich verändernden gesellschaftlichen und kulturellen Rahmenbedingungen wurden bislang vor allem allein im Rahmen der Cultural Studies oder in Bezug auf Bourdieus Habitus-Ansatz stärker thematisiert (vgl. die Beiträge in Hepp et al. 2015). Eine breite kommunikationswissenschaftliche Auseinandersetzung mit den differenzierten ‚Aktivitäten‘ des Subjekts in Auseinandersetzung mit z. B. soziologischen oder sozialpsychologischen Theorien hat dementsprechend bisher kaum stattgefunden. Allenfalls wird „das Subjekt“ in der Kommunikationswissenschaft bislang eher unspezifisch und zum Teil nicht immer trennscharf zu anderen Konstrukten, wie insbesondere zum einen zu „Akteur“ und „Individuum“ und zum anderen zu „Identität“ und „Selbstbild“ in den Blick genommen. Prototypisch verweist Reichert (2008, S. 47) auf das ziemlich weite und etwas unscharfe Begriffsfeld der Beschäftigung mit medienvermittelten Subjektivierungsprozessen: In der Diskussion um den Stellenwert der Selbstthematisierung in Blogs, Wikis, Chats und Foren hat sich jüngst eine Art semantisches Begriffsfeld herausgebildet, mit dem versucht wird, die Praktiken der Subjektivierung zu definieren. Dieses semantische Netz spannt sich zwischen den Begriffen ,Identitätsarbeit‘, ,Biographiearbeit‘, ,Selbstnarration‘ und ,Selbstmanagement‘ auf und ist von einem emphatischen Individualitätskonzept geprägt.

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Folgerichtig erstaunt es nicht, dass beispielsweise bisher ungeklärt ist, ob das handelnde Subjekt sich in spezifischen direkten Interaktions- oder medienvermittelten Kommunikationsprozessen konstituiert. Oder auch welche Rolle die (medienvermittelte) Bezugnahme auf ein soziokulturelles Wissen spielt, und wenn ja, in welchem Modus diese Bezugnahme erfolgt. Keineswegs zufriedenstellend herausgearbeitet wurde bisher ebenso wenig, wie das Verhältnis von Subjekt und Identität unter den Bedingungen einer digitalen Mediengesellschaft gedacht werden muss. In den mediatisierten Formen gegenwärtigen gesellschaftlichen und kulturellen Lebens reichen die bisherigen disziplinären Ansätze dementsprechend nicht mehr aus, auch deswegen, weil die Entwicklung der Medien derzeit immer neue Fragen aufwirft. Denn das Individuum konstituiert sich in den mediatisierten Welten des 21. Jahrhunderts gerade auch im Verhältnis zu allgegenwärtigen und in vielerlei Hinsicht dominanten digitalen Medien als handelndes Subjekt: So ist es in seinem medienbezogenen Handeln an der Herstellung sozialer Wirklichkeiten aktiv beteiligt, es partizipiert an unterschiedlichen kulturellen sowie sozialen Prozessen, es projiziert sich selbst ins Netz, es entwickelt sich darüber und in Bezug darauf in sozialen Beziehungen kontinuierlich weiter und hat gleichwohl in Arbeit wie Freizeit permanent an Vergemeinschaftungs- und Vergesellschaftungsformen teil. Aus einer kritischen Perspektive sieht es sich aber auch mit (medialen) Aufforderungen zur Selbststeuerung, -organisation und/oder -sozialisation konfrontiert (vgl. dazu z. B. Bröckling 2007; Thomas 2007). Darüber hinaus verändern sich aber auch die Rahmenbedingungen von Kommunikation, was deswegen von zentraler Bedeutung ist, weil das Subjekt ja letztlich in kommunikativen Praktiken entsteht und sich entwickelt. So schreiben sich gesellschaftliche und kulturelle Strukturen wie Hierarchie und Macht über kommunikative Prozesse in Individuen ein, um von diesen wiederum reproduziert oder verändert zu werden. Im Mittelpunkt aktueller theoretischer Auseinandersetzungen und empirischer Studien stehen daher vermehrt auch Fragen nach der Handlungsmacht von Akteuren im Verhältnis zu Techniken und Objekten (z. B. Lepa et al. 2014) oder nach dem Wesen und der Bedeutung individueller Ideen in Anbetracht einer omnipräsenten und tief greifenden Verflechtung der Wirklichkeit mit eben diesen (z. B. Couldry und Hepp 2016). Die Frage nach dem Subjekt zielt insofern über die Kommunikationswissenschaft hinausgehend zugleich auf ein leistungsfähiges heuristisches Schlüsselkonzept bzw. eine analytische Strategie (Reckwitz 2008, S. 10 f.) der geistes-, sozial- und kulturwissenschaftlichen Forschung. Dabei ist zu beobachten, dass es um das Konstrukt Subjekt in anderen Disziplinen gegenwärtig scheinbar nicht sehr gut bestellt ist. Als Indiz für diese These kann die Marginalisierung von Subjektkonzeptionen im Rahmen jüngerer sozialtheoretischer Diskurse gelesen

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werden. So scheint beispielsweise in den Debatten um einen Practice Turn bzw. der Praxistheorien (PT) (Schatzki 1996; Schatzki et al. 2001) die – dringend notwendige – Aufwertung der Materialität von Sozialität und Kultur einseitig zulasten des Subjekts zu gehen (Alkemeyer und Buschmann 2016). Zumindest folgt der Betonung des routinehaften, repetitiven und habitualisierten Charakters von Praktiken die Beschreibung des Sozialen eher in Kategorien der Ordnung und Stabilität. Es sind vornehmlich die Praktiken von Interesse, die zu einer Reproduktion der bestehenden sozialen Ordnung beitragen. Die aus Teilnehmerperspektive eher charakteristische Desorganisation und Instabilität, der kulturelle Wandel und die stetige Veränderung des Sozialen treten dagegen zumeist in den Hintergrund. Aufstände und Rebellionen gegen die neoliberale Ordnung, wie z. B. Occupy Wall Street oder die Indignados Bewegung in Spanien, sind in ihrer Verknüpfung von Protesten auf der Straße mit digitalen Formen des Widerstandes spektakulär und außeralltäglich, verweisen aber deutlich auf die transformative Kraft digitaler Praktiken (vgl. Winter 2010, 2016), die es stärker in der Analyse zu berücksichtigen gilt. Auch der mit diesen Diskursen assoziierte Material Turn (Bennett und Joyce 2010), sowie die sich interdisziplinär institutionalisierten Science and Technology Studies (STS) (Lengersdorf und Wieser 2014) leisten zwar wichtige Beiträge zur Entwicklung der theoretischen und analytischen Instrumente sozialwissenschaftlicher Forschung, suchen den Anschluss an Subjekttheorien aber nur allzu selten. Schließlich ist es die Akteur-Netzwerk-Theorie (ANT) (Latour 2007), die dezidiert das Subjekt als archimedischen Punkt der bisherigen Sozialtheorie unterstellt und dann polemisch dagegen argumentiert. Nichtsdestotrotz bietet es sich an, die Impulse und Beiträge dieser drei Forschungsperspektiven – PT, ANT und STS – aufzunehmen. Denn die technologische „Textur“, die eine digitale Infrastruktur für alle symbolischen Operationen der Lebenswelt darstellt und das Soziale und Kulturelle allgemein synthetisiert (Knorr-Cetina et al. 2017), macht elaboriertere Konzepte nötig, um ebendiese analysieren zu können. Ferner müssen diese Analysen dann aber auch in die sozialen und kommunikativen Praktiken der alltäglichen Lebenswelt re-integriert werden. Denn nur dann lassen sich bedeutungsvolle Modulationen von Technologie auch analytisch wirklich begreifen, bewerten und gesellschaftspolitisch kritisieren. Insofern hilft es auch, die Klassiker der Subjekt- und Subjektivierungsanalyse erneut zu konsultieren und weiterzuentwickeln. Anknüpfungspunkte für derartige Forschungsfragen liefert vor allem die Soziologie, die bekanntlich über eine Vielfalt historisch entwickelter und aktueller Subjektkonzeptionen verfügt, die in ganz unterschiedlichen theoretischen Traditionen angesiedelt sind: In dem an die Wahrheit der Praxis und in der Selbstverwirklichung in der Arbeit gebundenen Menschen des frühen Marx; in der auf

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Mead zurückgehenden Konzeption, dass sich der Mensch als handelndes Subjekt in seinen kommunikativen Interaktionen und Beziehungen konstituiert; in der Annahme, dass Subjektbildung wie bei Goffman vor allem durch das Bemühen um eine gelungene Präsentation des eigenen Selbst charakterisiert ist; dass es wie bei Habermas normativ um ein verständigungsfähiges Subjekt geht; dass Praxis und Habitus für die Ausformung von Subjektstrukturen von zentraler Bedeutung sind wie bei Bourdieu; dass es die gesellschaftlich geformten inneren Strukturen des Menschen sind wie bei Freud, in denen sich das Subjekt ausdrückt und die Welt aneignet; dass es sich wie bei Foucault innerhalb der gesellschaftlichen Machtbedingungen formatiert oder wie bei Butler erst durch diese erzeugt wird. In diesem Zusammenhang müssen dann auch die damit verbundenen sozialen Prozesse näher betrachtet werden. Hier stellen sich dann beispielsweise Fragen danach, wie hilfreich Konzepte wie Individualisierung oder Identität heute noch sind, um das Zustandekommen und die Folgen digitalen Handelns in mediatisierten Welten angemessen untersuchen zu können. Und wie wir unsere aktuellen Theoriekonzepte von sozialen Welten, kommunikativen Figurationen, Neostämmen etc. weiterentwickeln müssen, um Vergemeinschaftungsprozesse von heute adäquat beschreiben zu können? Aber nicht nur die Klassiker soziologischer Theorienbildung bilden wichtige Ausgangspunkte für ein (neu) zu entwickelndes Verständnis eines kommunikativen Subjekts. Vielmehr sind auch zahlreiche weitere konzeptionelle Zugänge zu nennen, die in der Vergangenheit zur Weiterentwicklung der Kommunikationswissenschaft beigetragen haben und die zur Entwicklung eines prozesshaften Subjektkonzepts beitragen können. Hier sind insbesondere die Psychoanalyse, der westliche Marxismus und die Kritische Theorie zu nennen: Die Psychoanalyse stellt bekanntlich das Verhältnis von Natur und Kultur verdichtet auf den Menschen und seine Handlungs- und Erlebensstruktur in der Gesellschaft in den Vordergrund. Der westliche Marxismus gewinnt sein Menschenbild aus der Analyse von Kapital und Arbeit und damit aus der Perspektive von struktureller Macht, entfremdeten Arbeitsverhältnissen und darum asymmetrisch konstituierter Gesellschaft. Die Kritische Theorie ist zumindest in Deutschland immer schon eine relevante Grundlage der Medien- und Kulturanalyse gewesen und wird dies auf der Basis insbesondere auch ihrer Bezüge zu Psychoanalyse und Marxismus ebenso bei der Konzeptualisierung einer Theorie des Subjekts unter radikalen Bedingungen medialen Wandels sein. Fern davon, alle in diesen Überlegungen gründenden Fragen umfassend beantworten zu können, machen die hier knapp skizzierten theoretischen Argumente und empirischen Analysen die Notwendigkeit einer Entwicklung von Subjektkonzepten notwendig, die die lange Zeit dominierende medienzentrierte

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Perspektive durch Forschung im Sinne der Mediatisierungsforschung in einer breiter angelegten sozial und kulturell zentrierten Perspektive erweitert und überwindet. Der Mediatisierungsansatz2 geht bekanntlich von einem fundamentalen Wandel von Alltag, Kultur und Gesellschaft im Kontext des Wandels der Medien aus. Er zielt dementsprechend darauf ab, diese beiden Transformationen – einerseits der Medien, andererseits der menschlichen Lebensformen – und ihren Zusammenhang aktuell, historisch und kritisch in den Blick zu nehmen, d. h. sie empirisch zu untersuchen und theoretisch zu fassen. Mediatisierung wird dabei als ein sogenannter Metaprozess verstanden, also als eine Entwicklung, die kulturell und sozial abhängig vor sich geht, aber langfristig auch für die Entwicklung der gesamten Menschheit von Bedeutung ist; ferner als ein Prozess, der die menschliche Entwicklung schon immer begleitet hat. Deshalb muss Mediatisierung immer auch im Zusammenhang mit anderen Metaprozessen wie Globalisierung, Individualisierung und Ökonomisierung untersucht werden (Krotz 2001, 2011, 2014). Danach muss der heutige Medienwandel, der häufig etwas undifferenziert und technikdeterministisch als Digitalisierung bezeichnet wird, insbesondere auf die Potenziale und die Verwendung der Computer und des Übergangs von Medien in Hardware-Software-Systeme zurückgeführt und damit als Entstehung einer allgemeinen, digitalen, computergestützten Infrastruktur für alle symbolischen Operationen der Menschheit verstanden werden, in der die alten Mediensysteme aufgehen. Auf dieser Basis bezeichnen wir ein soziales oder kulturelles Phänomen oder einen Handlungsbereich der Menschen wie seine Familie, Freundschaften oder Arbeitssituation als mediatisiert, wenn die Art, wie dieses Phänomen ‚funktioniert‘, ohne Berücksichtigung der Medien und ihrer Bedeutung dafür nicht verstanden werden kann. Ein zunehmend genauer untersuchtes Feld solchen Wandels ist die Sozialisation der zukünftigen Generationen. Aufwachsen heute geschieht zumindest in den Industriegesellschaften im Rahmen einer ständigen Präsenz von Internet, Smartphone und Co, und die Konsequenzen dieser Entwicklungen werden mittlerweile ja auch breit diskutiert (vgl. die Beiträge in Hoffmann et al. 2017).3

2Einführende

und weiterführende Literatur findet sich bei Krotz (2001, 2007) und Krotz et al. (2014, 2017). 3Vgl. hierzu auch Röser et al. (2017) sowie Greschke et al. (2017) zu den sich im Zusammenhang mit dem Mediengebrauch entwickelnden Kommunikationsstrukturen, entlang derer sich Familie heute konstituiert.

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Aus diesen Überlegungen heraus ist die Frage unmittelbar plausibel, ob der Wandel von Alltag, Kultur und Gesellschaft im Kontext des Wandels der Medien auf die Umwelt von Individuen begrenzt ist, oder aber, ob sich auch das kommunikative Subjekt unter solchen Bedingungen verändert bzw. ob es neue Kompetenzen und Fähigkeiten sowie neue Integrationsmechanismen komplexer werdender Erfahrungszusammenhänge benötigt und welche Rolle dafür sich verändernde Sozialisationsbedingungen spielen. Schon damit also stellt sich die eingangs formulierte Frage nach dem Subjekt und seinem Verhältnis zu Kommunikation und Gesellschaft grundlegender als je zuvor, da es ja auch in digitalen Zeiten, wie, mit wem und warum auch immer, das Subjekt seines Kommunizierens sein will bzw. in der Regel zu sein beansprucht.4 Analytische Überlegungen dazu können dementsprechend an der „natürliche(n) Wandelbarkeit des Menschen als soziale Konstante“ (Elias 1986, S. 110 ff.) anknüpfen, die in des Menschen Fähigkeit, Kultur und Gesellschaft aktiv und kommunikativ zu gestalten und in ihrer Abhängigkeit davon, angelegt ist. Insofern gründet der Wandel der Formen des Zusammenlebens der Menschen nicht in ihrer Biologie oder auf dem Zusammenspiel von Reizen und Reaktionen, sondern eben in dieser sozialen und kulturellen, insbesondere sinnbezogenen Variabilität (Linton 1974, zuerst 1945). Für den Wandel der Menschen und ihrer Formen des Zusammenlebens sind dann natürlich insbesondere auch die jeweiligen Kommunikationsmittel von Bedeutung (Elias 1986, S. 118 ff.), die sich die Menschen in ihren Sozialisationsprozessen und in ihrem sozialen Handeln lebenslang aneignen (Hoffmann et al. 2017). Der Mensch kann im Hinblick auf die Bedeutung von Medien und Kommunikation deshalb in einer ganz allgemeinen Weise als Animal Symbolicum (Cassirer 2007, S. 52) beschrieben werden. Wie es dieser Ausdruck besagt, sind sowohl evolutionäre Entstehung und Körperlichkeit von Bedeutung, als auch die unbedingte Einbettung des Menschen in eine symbolische Umwelt. Insofern ist Kommunikation basale menschliche Fähigkeit und für Sozialisation von zentraler Bedeutung, weil sie Basis von sozialem Austausch, von Lernen und von sozialen Beziehungen und individueller Entwicklung ist, anhand derer ein Mensch in die Gesellschaft hineinwächst und sich Kompetenzen und Eigenschaften aneignet. Und andererseits bewirkt vor allem der heutige umfassende mediale und kommunikative Druck auf soziale Institutionen und Prozesse und auf kulturelle Sinngebungen und dafür relevante Diskurse,

4Vgl.

hierzu auch die Diskussion um den Subjektbegriff von Daniel (1981), der dieses Konzept mit integrierender Identität, reflektierendem und reflektiertem Ich und aktivem Selbst in Beziehung setzt.

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dass sich die sozialen Subjekte auf die dadurch entstehenden Bedingungen und deren Wandel einstellen. Das soziale Subjekt ist mithin ein primär kommunikativ basiertes Subjekt, das sich in Mediatisierungsprozessen verändert (Krotz 2017). Dabei bilden sich natürlich dann nicht nur die Ausdrucks- und Darstellungsweisen der Menschen, sondern auch deren Verwendung um. In der Perspektive des Mediatisierungsansatzes bedarf es insofern heute eines detaillierteren Konzepts dafür, wer eigentlich kommuniziert, also wie ein kommunikativ verstandenes Subjekt sich in seinem Kommunizieren mit sich selbst und mit anderen konstituiert und im Kontext des Wandels der Medien auch entwickelt. Denn es sind die daraus entstehenden sozialen Beziehungen, Wissen und Gefühlserleben, die damit verbundenen institutionellen Bindungen, die darüber vermittelte Teilhabe an Kultur und Gesellschaft, die einerseits den Menschen als Subjekt in der Gesellschaft konstituieren, andererseits aber auch die symbolischen und begrifflichen Kategorien produzieren, in denen Wahrnehmung und Erleben, Fühlen und Denken stattfinden und die darüber den Menschen prägen.5 Insoweit es um Mediatisierungsprozesse geht, muss es dabei auch sozusagen um das mediatisierte Ich, das mediatisierte Selbst sowie um mediatisierte Identität gehen (Krotz 2017). Natürlich ist ein solches Konzept nicht auf die Perspektive des Mediatisierungsansatzes beschränkt, auch wenn der analytische Bedarf dafür bisher in den traditionellen Ansätzen der Kommunikationswissenschaft nicht immer angemessen berücksichtigt worden ist – ein Defizit, dem die im Folgenden vorgestellten Beiträge entgegenwirken möchten.

3 Theoretische und empirische Innen- und Außenperspektiven: Die Beiträge dieses Buches Ausgangspunkt des Sammelbandes ist die Tagung „Mediatisierung, digitale Praktiken und das Subjekt“, die vom 25. bis zum 27. November 2015 im Haus der Wissenschaft in Bremen stattfand. Veranstaltet wurde sie vom DFG-Schwerpunktprogramm 1505 „Mediatisierte Welten“ in Kooperation mit der Fachgruppe „Soziologie der Medienkommunikation“ der Deutschen Gesellschaft für Publizistik und Kommunikationswissenschaft und der Sektion

5Der Begriff ‚prägen‘ bedarf natürlich weiterer, vor allem auch empirischer Differenzierung. Er drückt ja in den Sozialwissenschaften gerade aus, dass man nicht so recht weiß, was da genau passiert, nur, dass etwas passiert (vgl. dazu problematisierend Wimmer 2018).

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„Medien- und Kommunikationssoziologie“ der Deutschen Gesellschaft für Soziologie. Die im Folgenden knapp vorgestellten Beiträge sind das Ergebnis eines zweifachen Auswahlprozesses. So wurden sie erstens aus dem Pool der Tagungsvorträge, die alle einen Review-Prozess durchliefen, gezielt ausgewählt. Zweitens wurden im Nachgang der Tagung Form und Ausrichtung sowie Ziel und Mehrwert der anvisierten Publikation eingehend besprochen und die Beiträge anhand dieses Konzepts nochmals selektiert. Allen Autoren wurde schließlich die Bearbeitung der Abstracts vor dem Hintergrund einer gut einjährigen Distanz (und den damit verbundenen Entwicklungsprozessen) angezeigt. Auf Basis der im vorangegangen Abschnitt skizzierten Grundlagen und Forschungsperspektiven möchte der Band Bedingungen der Konstitution und Konstruktion von Subjekten im Hinblick auf kulturelle, gesellschaftliche und mediale Bedingungen und deren Bedeutung für Kommunikationsprozesse und kommunikatives Handeln in theoretischer wie empirischer Hinsicht diskutieren. Diese, wenngleichforschungspraktischengverbundene,Unterscheidungzwischentheoretischkonzeptionellen Argumentationen und empirischen Untersuchungen, findet sich auch in der Gliederung des Bandes wieder. So versammeln sich in einem ersten Teil Beiträge, die primär theoretische und konzeptionelle Argumente präsentieren. Diese Beiträge betreffen sowohl die Binnen- als auch die Außendimension der Forschung in der hier als Integrationsdisziplin verstandenen Kommunikationswissenschaft. D. h. es werden Subjektkonzeptionen der kommunikationswissenschaftlichen Forschung insgesamt rekonstruiert, analysiert, kritisiert und weiterführende Perspektiven eröffnet (Binnenperspektive). Zudem wird der Zusammenhang von Subjekt, Kommunikation, Gesellschaft und Medienwandel im Lichte der Klassiker soziologischer Theorienbildung oder aktueller Theorieentwicklungen – z. B. aus den Kulturwissenschaften, Kritischen Theorie, Psychoanalyse, kommunikativen Konstruktivismus, STS oder PT – diskutiert (Außenperspektive). Friedrich Krotz macht in seinem – in den ersten Teil des Sammelbandes einführenden – Beitrag deutlich, dass die gegenwärtig dringende Frage nach dem Subjekt v. a. im Kontext der alles Soziale durchdringenden Digitalisierung zu sehen ist. Dieser Prozess macht aus kommunikationswissenschaftlicher Sicht analytisch zweierlei nötig, nicht nur einen angemessenen Subjektbegriff und darauf bezogenes Subjektivierungsverständnis, sondern auch einen grundlegenden Kommunikationsbegriff und darauf bezogenes Verständnis von Medienwandel. Hubert Knoblauch deutet den Subjektbegriff aus der Perspektive des kommunikativen Konstruktivismus um. Am Beispiel des Zeigens verdeutlicht er, dass das Subjekt als ein Attribut kommunikativen Handelns zu verstehen ist, das sich empirisch mit Subjekten, Selbsten und Identitäten modellieren lässt. Die ­Ausbildung

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von Handelnden, Rollen und kollektiven Identitäten im Rahmen der Sozialisierung kann darauf aufbauend als ein unabgeschlossener Prozess der doppelten Subjektivierung verstanden werden: Zum einen wird das Subjekt in Zeiten der Mediatisierung öffentlicher, zum anderen kommt es zu einer verstärkten Verinnerlichung des Handelns. Rainer Winter nimmt den Aspekt der Mediatisierung sozialer Vernetzung analytisch auf. Aus der Perspektive des Pragmatismus und des Symbolischen Interaktionismus rekonstruiert er, wie sich das Selbst in sozialen Interaktionen herausbildet. Der Prozess der Mediatisierung bringt ein digitales Selbst hervor, das Kontroll- und Standardisierungskontexten verstärkt ausgesetzt ist. Der Beitrag sensibilisiert abschließend dafür, dass die Zivilgesellschaft intensiver dahin begleitet und gefördert werden muss, dass die digitale Transformation des Selbst nicht die Freiheit des Individuums beschneidet. Peter Gentzel knüpft inhaltlich an den kritischen Impetus von Winter an. Er verbindet in seinem programmatischen Beitrag Aspekte der PT, STS und ANT mit der Technikanalyse Martin Heideggers, um Subjektivität und Materialität in Zeiten der Datafizierung (Couldry und Hepp 2016) angemessener untersuchen zu können. Auch Jacob Johansson integriert Ansätze aus anderen Disziplinen, um die kommunikationswissenschaftliche Analyseperspektive anzureichern. Er präsentiert ausgewählte psychoanalytische Konzepte, die dabei helfen, die Komplexität von Subjektivierungsprozessen besser zu verstehen und eine detailliertere Subjekttheorie zu formulieren. Zugleich werden auch methodologische Anregungen gegeben. Jakob Hörtnagel rundet mit seinem Beitrag den stark theoretisch-konzeptionell ausgerichteten ersten Teil ab. Wie bei Gentzel ist auch bei ihm die Diagnose der Datafizierung des Subjekts Ausgangspunkt der Argumentation. Allerdings fokussiert Hörtnagel auf die Ansätze von Michel Foucault und Gilles Deleuze und den damit verbundenen Konzepten der Gouvernementalität und der Modulation. Mit diesen kann analytisch nachvollzogen werden, wie algorithmische Verarbeitungsprozesse Teil von kommunikativen Handlungen und Praktiken der Selbst- und Fremdführung werden. Er fasst diese als Prozesse der Dividualisierung, die eine kontextsensible Mediatisierungsforschung stärker berücksichtigen sollte. Im zweiten Teil des Sammelbandes finden sich stärker empirisch-analytisch orientierte Beiträge, die mittels Fallbeispielen die Bedeutung von Subjektivität in und für digitale(r) Kommunikation in mediatisierten Welten wie z. B. kommunikative Identitätskonstruktionen in digitalen Medienumgebungen beschreiben. Christina Schachtner interpretiert aus intersubjektiver wie narrationstheoretischer Perspektive die Ergebnisse eines internationalen Forschungsprojekts, bei dem mehrere Netzakteure und Blogger befragt wurden. Sie kann sechs Narrationstypen bzw. narrative Praktiken identifizieren, die wiederum in den verschiedenen Regionen der Welt auf je unterschiedliche Weise das Selbst der Akteure prozesshaft

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stetig formen. Einem Parforceritt gleich skizziert Manfred Faßler die empirische Aktualität der digitalen und unumstößlichen Transformation des (Schriftwelt-) Subjekts zu einem Computer-User. Dieser Prozess geht einher mit einer Entdifferenzierung sozialer und technologischer Verfassung bzw. von Subjekt und User und dem Entstehen des sogenannten Prakteurs, der sich der unvermeidbaren Kopplung von vernetzten Dingen und Programmen sowie deren Beteiligungsanforderungen als eine Art offenes Subjekt stetig anpasse. Wie Hörtnagel bezieht sich Gerrit Fröhlich auf das Theoriegebäude von Foucault. Allerdings fokussiert er auf die Praktiken und Verfahrensweisen, die den Prozess der Subjektivierung maßgeblich bestimmen und die unter dem Begriff der Technologien des Selbst gefasst werden können. An zwei empirischen Fallbeispielen medienbasierter Selbsttechnologien, der Tagebuchführung im 18. Jahrhundert sowie des digitalen Lebensmanagements der gegenwärtigen Quantify Yourself-Bewegung, verdeutlicht er das Potenzial interdisziplinärer Analyse für detailliertere Einsichten. Holger Herma und Laura Maleyka untersuchen in ihrer Analyse des Kommentarbereichs von ZEIT Online empirisch, mit welchen Kommunikationspraktiken sich Akteure als Subjekte entwerfen und inwieweit Positionierungen der Diskussionsteilnehmenden als Hinweise auf Subjektivierungsprozesse interpretiert werden können. Mit Rückgriff auf das Konzept der Kommunikationsmacht von Jo Reichertz kommen sie zu dem Schluss, dass digitale Kommunikation Subjektivität nicht verschwindet lässt, sondern vielmehr als Subjektivierungsgenerator fungiert. Kerstin Jergus beleuchtet die Bildung des Subjekts unter dem Gesichtspunkt der Medialität des Pädagogischen. Sie kann aufzeigen, dass die Medienvergessenheit des gegenwärtigen bildungspolitischen Diskurses die konstitutive Stellung des sogenannten Zwischen, in dem Subjekt und Welt in eine Beziehung treten könnten, mit problematischen Folgen behaftet außer Acht lässt. Den zweiten Teil abschließend fokussiert Sascha Oswald inhaltsanalytisch Meme als visuelle Subjektivierungspraktiken. Am Fallbeispiel des Friendzone‐Diskurses innerhalb der Online‐Community 9gag verdeutlicht er, inwieweit die spezifischen medialen Eigenschaften dieses Internetphänomens sowie sein Vorhandensein in einem ganz spezifisch strukturierten digitalen Raum veränderte Wahrnehmungsschemata und neue Techniken der Selbstthematisierung zur Folge haben. Abschließend möchten wir uns herzlich bei folgenden Personen bedanken: Bei Cathrin Despotović und Merle-Marie Kruse, die 2015 zusammen mit uns die Tagung 2015 vorbereiteten und durchführten, bei den Reihenherausgebern Maren Hartmann, Andreas Hepp und Waldemar Vogelgesang, die diesen Band ermöglichten, bei Julia Augart für das Korrektorat und bei Monika Mülhausen und Barbara Emig-Roller von Springer VS für die professionelle Umsetzung des Sammelbandes.

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Teil I Subjektkonzeptionen in der kommunikationswissenschaftlichen Forschung und im Lichte aktueller sozial- und kulturwissenschaftlicher Entwicklungen

Wie konstituiert das Kommunizieren den Menschen? Zum Subjektkonzept der Kommunikationswissenschaft im Zeitalter digital mediatisierter Lebensweisen Friedrich Krotz

Zusammenfassung

Die Frage nach dem Subjekt der digital mediatisierten Gesellschaft stellt sich heute anders als nach dem Subjekt früherer bzw. nicht umfassend über Computernetze konstituierter Gesellschaften bzw. Formen des Zusammenlebens. Die Kommunikationswissenschaft braucht für die Antwort einen angemessenen Subjektbegriff und ein darauf bezogenes Subjektivierungsverständnis, ein brauchbares Konzept menschlichen Kommunizierens als Basis von Subjekt und Subjektivierung, und ein Verständnis von dessen Wandel im Kontext des Wandels der Medien. Gegenwärtige gesellschaftliche Bedingungen kann man so zusammenfassen, dass die Menschen ihr Sein zunehmend als ein Sein im Übergang verstehen (müssen), dass sie zunehmend an unterschiedliche und unterschiedlich vermachtete Diskurse angebunden bzw. umgekehrt subjektiv daran orientiert sind und dass sie zunehmend darum bemüht sind und sein müssen, gegen diese segmentierenden Druckverhältnisse eine Ganzheit des Subjekts oder zumindest einen gestaltbaren Zusammenhang ihrer Person zu behaupten. Schlüsselwörter

Kommunikation · Mediatisierung · Medienwandel · Subjektkonzept

F. Krotz (*)  ZeMKI, Bremen, Deutschland E-Mail: [email protected] © Springer Fachmedien Wiesbaden GmbH, ein Teil von Springer Nature 2019 P. Gentzel et al. (Hrsg.), Das vergessene Subjekt, Medien • Kultur • Kommunikation, https://doi.org/10.1007/978-3-658-23936-7_2

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1 Einleitung: Kommunizierende Subjekte in mediatisierten Welten Wie bereits in der Einleitung dieses Bandes erläutert, verweisen die Ergebnisse der Forschung im Rahmen des Mediatisierungsansatzes darauf, dass sich derzeit die Menschen als Subjekte der Gesellschaft im Kontext des Medienwandels verändern. Denn Medien dienen heute nicht mehr nur der Information, der Unterhaltung und der Bildung, um deren in der prädigitalen Zeit benannten Aufgaben noch einmal anzusprechen. Vielmehr durchsetzen sie immer weiter alle Lebensbereiche von Mensch und Gesellschaft; gleichzeitig zielen mediale Angebote wie Google, Facebook und andere darauf ab, das Handeln ihrer Klienten zu organisieren: Facebook beispielsweise die sozialen Beziehungen aller Art, WhatsApp die Alltagskommunikation der Menschen. Und die immer zahlreicher werdenden Programme, die als Apps auf dem Smartphone präsent sind, begleiten die Menschen immer häufiger den ganzen Tag über und sind für immer mehr Aktivitäten zuständig, vom Essen kochen über das Einkaufen und Autofahren bis hin zu Streamingdiensten in Musik. Weitere und noch näher am Körper angebrachte Geräte werden entwickelt – Google Brillen, medizinbezogen Messgeräte oder Uhren mit allerlei Zusatzfunktionen. Dabei verändern sich insbesondere auch die Sozialisationsbedingungen der künftigen Generationen, die Reflexionsformen der Menschen und auch die Bedeutung ihrer kommunikativen Instrumente wie der Sprache (Hoffmann et al. 2017; Krotz 2017b, c). Denn der Zusammenhang zwischen Medienwandel und dem Wandel der kommunikativ basierten Formen von Alltag, Kultur und Gesellschaft kommt ja vor allem auch durch den Wandel des menschlichen Kommunizierens zustande: Dieses wird durch die zunehmende Bindung an technische Medien, durch Smartphone, Internet und Apps ubiquitär und findet jederzeit in immer mehr möglichen Formen statt. Insbesondere werden dabei Handlungen, die früher face-to-face oder instrumentell mit dafür geschaffenen Instrumenten und Gegenständen betrieben wurden, wie etwa das Krieg führen, medizinische Operationen am Körper oder auch viele Arbeitsprozesse in Aktivitäten transformiert, die medienvermittelt oder mediatisiert, also in Settings stattfinden, für die Medien konstitutiv sind. Zudem sind die Formen kommunikativen Handelns der Menschen zunehmend auch durch gigantische Medienkonglomerate strukturiert, die die Medien und ihre Entwicklung kontrollieren und sie zur Überwachung, zum Datensammeln und zur Beeinflussung ihrer Kunden verwenden. Dieser Prozess wirkt sich auf vielfältige weitere Lebensbereiche aus: auf das Wissen, das zunehmend von Google kontrolliert und nur noch in personalisierten Versionen herausgegeben wird, auf die Entstehung von Filterblasen, auf die Sexualität, die sich ihrerseits von direkten Interaktionen in maschinell begleitete

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oder gesteuerte Operationen zu wandeln scheint, auf Selbstbilder und Selbstbeeinflussungen etwa durch Gesundheitsapps, auf ständige Vergleiche und auch zunehmende Bewertungen durch Individuen, aber auch durch bürokratische oder kommerzielle Institutionen, bis hin zu den Indizes, mit denen die chinesische Regierung die gesellschaftliche Nützlichkeit ihrer Bürgerinnen und Bürger beurteilt. Insofern steht also die Frage nach dem Subjekt der digital mediatisierten Gesellschaft im Unterschied zum Subjekt früherer bzw. nicht umfassend über Computernetze konstituierter Gesellschaften bzw. Formen des Zusammenlebens im Raum. Damit befasst sich der vorliegende Aufsatz, der dafür einige Rahmenüberlegungen anstellt und von vorliegenden Subjektkonzeptionen und -studien berichtet. In Abschn. 2 wird es zunächst um Überlegungen zum Subjektbegriff und dessen Beziehung zum menschlichen Kommunizieren gehen, wobei der Mediatisierungsansatz hierbei als Grundlage verwendet wird. Abschn. 3 stellt dann verschiedene empirische und theoretische Ansätze aus verschiedenen Wissenschaften dar, die für die Entwicklung eines kommunikativen Subjektkonzepts in heutigen mediatisierten Welten von Bedeutung sein können, wobei vor allem Subjektstrukturen im Vordergrund stehen. Abschn. 4 schließlich wird sich mit Subjektivierungsprozessen, die zwar situativ zustande kommen, in denen sich aber wichtige gesellschaftliche Bedingungen realisieren, beschäftigen.

2 Rahmenbedingungen: Kommunizieren, Mediatisierung, Subjekt und Subjektivierung Wer sich mit Subjekt und Subjektivierung und deren Wandel beim Übergang in computergesteuerte und darüber mediatisierte Formen des menschlichen Zusammenlebens beschäftigen will, muss sich mit dafür relevanten Grundbegriffen auseinandersetzen. Erstens verlangt dies einen angemessenen Subjektbegriff und ein darauf bezogenes Subjektivierungsverständnis, zweitens ein brauchbares Konzept menschlichen Kommunizierens als Basis von Subjekt und Subjektivierung, und drittens ein Verständnis von dessen Wandel im Kontext des Wandels der Medien. Im Hinblick auf den Wandel der Medien und dessen sozialer und kultureller Bedeutung verweisen wir hier auf die Ergebnisse des Mediatisierungsansatzes.1 Zu den beiden anderen Aspekten werden hier nun einige rahmende Überlegungen angestellt.

1In

Kurzversion: Krotz (2017a, b, c), ausführlicher: Hepp (2012), Hjavard (2013), Krotz (2001, 2007), Krotz und Hepp (2012, 2013), Krotz et al. (2014), Lundby (2009, 2014).

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Der Begriff der Kommunikation hat in den letzten Jahrzehnten parallel zu den aktuellen Mediatisierungsprozessen eine geradezu inflationäre Entwicklung durchgemacht. Folgt man dem Duden (1989, S. 367), so bedeutete Kommunikation im 18. Jahrhundert noch „Mitteilung, Unterredung“ und war so wesentlich an menschliches Handeln gebunden. Heute jedoch wird Kommunikation auch im Zusammenhang mit Faxmaschinen, Computern und Robotern verwendet, für Aktivitäten kollektiver soziale Akteure wie etwa der Rundfunkanstalten, für die Steuerung von Raketen zum Ort ihrer Explosion, für Tiere bis hin zu Schnecken und Bakterien, sogar Pflanzen und Bäume werden der Kommunikation verdächtigt. In einem abstrakten Kontext ist das zweifelsohne sinnvoll, gleichzeitig ist es aber auch wichtig, Differenzen zwischen dem ‚Kommunizieren‘ der verschiedenen möglichen Akteure in den Blick zu nehmen, vor allem dann, wenn man nach dem Wandel des menschlichen Subjekts fragt. Solche Unterschiede können hier nur an Beispielen angedeutet werden: Faxmaschinen ‚kommunizieren‘ dann erfolgreich miteinander, wenn beide beteiligten Geräte nach dem Kommunikationsprozess über genau die gleichen Daten verfügen. Bei Tieren meint Kommunikation dagegen mit wenigen Ausnahmen Reiz-Reaktionsmechanismen – Kommunikation findet etwa dann statt, wenn die Gazelle auf einen Warnruf eines anderen Tieres hin davon läuft. Und Roboter können Sprache nicht verstehen, aber sie simulieren oder darauf reagieren: Menschliches Kommunizieren kann auf keines dieser Modelle reduziert werden – erfolgreiches Kommunizieren von Menschen ist weder an identische Wissensbestände noch an unmittelbare Reaktionen gebunden und kann auch nicht als Simulation verstanden werden, sondern benötigt bekanntlich Verstehensprozesse und zielt auf Verständigung (Habermas 1987). Die Entwicklung eines kommunikativ gerichteten Subjektbegriffs, der den Wandel des Subjekts im Kontext des Wandels der Medien in den Blick nehmen will, muss an einem dafür sinnvollen und nicht reduktionistischen Begriff des menschlichen Kommunizierens ansetzen. Beobachtbar ist nur eine situativ stattfindende Übermittlung, aber dieser vorgeordnet ist ein Prozess der Genese eines Kommunikats, das in der inneren Wirklichkeit eines Kommunikators entsteht und an die gemeinsame Definition der Situation gebunden ist. Der Übermittlung nachgeordnet braucht es eine Verarbeitung des übertragenen Kommunikats und seiner Kontexte, die im Rahmen der inneren Wirklichkeit der anderen stattfindet, die an der Kommunikationssituation beteiligt sind. Bei allen Beteiligen finden dabei komplexe Prozesse ab, die etwa Mead im Rahmen des Symbolischen Interaktionismus als tentative Übernahme der Rolle der jeweils anderen beschrieben hat und die an Empathie gebunden sind. Diese am situativen Gespräch orientierten Basiskonzepte für symbolisch vermitteltes Interagieren lassen sich auf medienvermittelte Kommunikationsformen verallgemeinern (vgl. hierzu auch Krotz 2001, 2007 und natürlich grundlegend die Werke von Mead 1969, 1973; Helle 2001 und anderen).

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Zudem benötigt man einen Begriff des Subjekts. Auch dies ist ein umstrittenes Gebiet, wie bereits in der Einleitung des vorliegenden Bandes angesprochen. Dabei ist zunächst zu berücksichtigen, dass es in den Sozialwissenschaften diverse Subjektbegriffe gibt, die in der Regel von einem empirisch brauchbaren Konzept eines durch aktive und lebenslange Sozialisation wesentlich auch durch seine Kommunikation geprägten Individuums ausgehen. Dieses unterscheidet sich in seiner kulturellen und sozialen Abhängigkeit natürlich von dem absolut gesetzten und autonom gedachten Subjekt des „Ich denke, also bin ich“ (Descartes 1986). Im Folgenden verwenden wir den Begriff des Subjektes in Anlehnung an die Definition im Lexikon zur Soziologie in einem sozialwissenschaftlichen Sinn für „das erlebende und agierende Individuum mit seinen Bedürfnissen und Strebungen, welches den materiellen, sozialen und kulturellen Objekten, die seine Umwelt ausmachen, gegenübertritt, auf sie einwirkt und selbst von ihnen geprägt wird“ (Klima 1978, S. 664). Dazu kompatibel versteht Schulze (1990, S. 747) auf einer empirischen Basis unter ‚Subjekt‘ die unauflösliche Verkoppelung von Körper und Bewusstsein, die aber immer auch situativ gebunden ist. Ähnliche Konzepte finden sich auch in der Psychoanalyse und der Psychologie. Von Bedeutung ist dabei, dass eine solche Begriffsdefinition am Selbstverständnis der Menschen ansetzt: So versteht sich mehr oder weniger wohl jeder Mensch zumindest der westlichen Industriegesellschaften als aktives und von anderen unabhängiges Subjekt, und sie bzw. er gehen auch davon aus, dass seine oder ihre Umwelt von anderen Subjekten bevölkert ist. Subjektivität geht damit nicht in Identität und auch nicht in den Mechanismen der Gesellschaft auf, sondern beinhaltet einen handlungstheoretisch relevanten Rest, insofern jedes Individuum prinzipiell über vorgegebene Normen hinaus kreativ und handlungsfähig bleibt und insbesondere auch das eigene Handeln und Erleben reflektiert (Daniel 1981). Dabei werden ‚Subjekt‘ und ‚Subjektivität‘ nicht wie in der Philosophie als absolute Konzepte verstanden, die übergreifend für sich analysiert werden können, sondern als historische und kulturell abhängige: Das Subjekt des Mittelalters unterscheidet sich von dem einer Sklavenhaltergesellschaft und ebenso wohl vom Subjekt der deutschen Industriegesellschaft oder dem indigener Völker etwa in Lateinamerika.2 Ein derartiges Subjektkonzept zielt dementsprechend auf eine situationsübergreifende, kulturell vermittelte Subjektstruktur. Es fasst den Menschen als ‚Animal Symbolicum‘ im Sinne Cassirers (2007), indem es das ‚Subjekt‘

2Vgl.

hierzu auch das Menschenbild des Symbolischen Interaktionismus (Goffman 1973; Helle 2001; Mead 1969, 1973) und die These von Shibutani: „The socialized person is a society in minature“ (Shibutani 1955, S. 564), die zugleich diese Abhängigkeit von Kultur und Gesellschaft und die mögliche Kreativität und Freiheit des Kommunizierens zum Ausdruck bringen.

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zwischen Materialität und Natur einerseits und seiner Symbolwelt, in der es lebt, andererseits ansiedelt, beide aber grundlegend einbezieht. Solche Subjektstrukturen werden häufig auch als (kommunikativer) Sozialcharakter oder als (kommunikativer) Habitus bezeichnet, wie weiter unten noch genauer ausgeführt wird. Es liegt auf der Hand, dass ein solcher Sozialcharakter die Handlungs- und Erlebensstrukturen von Individuen in einer realtypischen Perspektive beschreiben und dabei auch Unterschiede zwischen gesellschaftlichen Gruppierungen berücksichtigen kann, ohne jedoch alle Individuen gleichermaßen differenziert beschreiben oder daraus gar Handlungen kausal ableiten zu können. Bereits aus einem derartigen vergleichsweise einfachen und allgemeinen Subjektbegriff lassen sich einige Annahmen herausarbeiten, die die Bedeutung des Kommunizierens für Genese und Art gesellschaftlicher und historischer Subjektstrukturen deutlich machen: Als handelnder Akteur muss das Subjekt einerseits zwischen sich als handelnder Person und seiner Umwelt, mithin zwischen inneren und äußeren Prozessen unterscheiden können. Es muss dementsprechend über ein Wahrnehmungsvermögen verfügen, also sehen und hören können, sowie über die Fähigkeit, das Gesehene und Gehörte in irgendeinem Sinn verstehen, interpretieren, verarbeiten und sich in seinem Handeln sinnvoll darauf beziehen zu können. Diese Wahrnehmungsweisen, Fähigkeiten und Kompetenzen knüpfen an biologischen Potenzialen an, sind aber im konkreten Fall auf das jeweilige kulturelle Umfeld bezogen, in dem der Mensch aufwächst (und lebenslang agiert) und insofern grundsätzlich erlernt. Sie sind damit als in der Sozialisation angeeignete Fähigkeiten vom Kommunizieren mit anderen Menschen abhängig. Denn der Mensch kommt mit einer Vielfalt von Potenzialen auf die Welt, die sich dann zu eingewöhnten Formen der Wahrnehmung und des Fühlens, des Sprechens und Bewegens entwickeln (Linton 1974). Dazu gehört insbesondere das menschliche Potenzial, mit Symbolen operieren zu können, mittels derer sich das Individuum auf die Welt, auf andere und damit auch auf sich selbst bezieht. Darüber fügt sich der Mensch in die ihm immer schon vorgegebene Kultur und Gesellschaft ein, damit reproduziert er sie und erhält sie aufrecht und damit entwickelt er sie weiter, indem er sie sowohl als Kontext als auch als Gegenstand seines Handelns berücksichtigt. Dies geschieht auf allen möglichen Ebenen menschlichen Handelns, und immer auch in Verbindung mit Sprache und den kommunikativen Gegebenheiten, in die die Individuen hineingeboren werden. Denn nur darüber kann Erleben in Begriffe gefasst und verarbeitet werden. Im Vergleich zu Tieren kann man dies auch so ausdrücken, dass das menschliche Subjekt das Fehlen genetisch festgelegter Reiz-Reaktionsmuster durch einerseits

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kulturell und zeitspezifische Gewohnheiten, andererseits durch entsprechende Praktiken oder Handlungsweisen und durch Denken substituiert, die einerseits übernommen, andererseits aber immer auch weiter entwickelt werden.3 Soziale oder kommunikative Subjekte sind damit prinzipiell daraufhin ausgerichtet, in der jeweiligen Kultur und Gesellschaft lebensfähig zu sein. Sie müssen deshalb über gemeinsame historisch bzw. kulturell abhängige Kompetenzen und Strukturen verfügen, die sich mit dem Begriff des Sozialcharakters bzw. Habitus beschreiben lassen. Dabei entwickeln sich Sozialcharakter und Habitus im Rahmen erst einmal vorgegebener Strukturen etwa des Sprechens, Bewegens, Denkens und Handelns und damit im Rahmen sozialer und kulturell vorgegebener Bedingungen. Diese nehmen natürlich immer auch auf Macht Bezug, die als Universalie menschlicher Wirklichkeit begriffen werden muss, wenn auch die Formen von Macht kulturell und historisch veränderbar sind. Festzuhalten ist jedenfalls, dass für all diese Prozesse das menschliche Kommunizieren der Individuen konstitutiv ist.4 Es ist ergänzend anzumerken, dass die so beschriebenen Subjektvorstellungen und deren Bedeutung für Alltag, Kultur und Gesellschaft gelegentlich auch kritisch diskutiert werden. So hat Foucault eine Sozialwissenschaft, die sich am Subjekt orientiert, zur Ideologie erklärt (Foucault 1990), und so hat Althusser das Konzept eines von machtvollen Institutionen erzwungenen situativ konstituierten Subjekts (Althusser 1977) entwickelt und damit Subjektivierungsprozesse untrennbar an Machtstrukturen gebunden. Dieses sogenannte Anrufungskonzept ermöglicht es dementsprechend, Subjektivierungsprozesse vor allem auch im Hinblick auf institutionalisierte Machtkonstellationen in den Blick zu nehmen und so auch die Stabilität gesellschaftlicher Einordnungen der Subjekte zu erklären, die dadurch ja hergestellt wird. Es setzt dazu aber implizit auch eine kulturell und gesellschaftliche vorstrukturierte Sozialisation des Individuums voraus, durch das die einzelnen in ihrer Zeit lebensfähig werden und sich dann auf Anruf in die Gesellschaft einordnen können. Insofern werden wir auf dieses Subjektivierungskonzept in Abschn. 4 genauer eingehen und auf die Möglichkeit

3Ebenso

wie zu Tieren kann man natürlich grundlegende Differenzen zu sogenannten künstlichen Intelligenzen feststellen. 4Wir verweisen hier einmal mehr darauf, dass hier vor allem die Arbeiten von Mead berücksichtigt werden müssen. Denn nur bei ihm findet sich der Hinweis darauf, dass die Bedingungen des menschlichen Kommunizierens den Menschen auch in seiner Struktur beeinflussen – die menschlichen Kommunikationsformen sind ohne ein inneres Selbstbild nicht möglich, das darüber entsteht (vgl. auch Krotz 2007).

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einer integrierenden Perspektive verweisen. Hier sollen nun zunächst im folgenden Abschn. 3 die vorliegenden Überlegungen zu Sozialcharakter und Habitus umrissen werden.

3 Das kommunizierende Subjekt als wandlungsfähige Struktur: Sozialcharakter und Habitus Auf Basis dieser Grundannahmen kann nun eine Reihe sozialwissenschaftlicher Subjektbeschreibungen aus verschiedenen gesellschaftlichen und historischen Zusammenhängen umrissen werden; dies ist das zentrale Vorhaben dieses dritten Teilkapitels. Diese Subjektbeschreibungen beruhen auf zum Teil gemeinsamen, zum Teil auf verschiedenen theoretischen Grundannahmen und zum Teil auf empirischen Untersuchungen. Sie beabsichtigen jeweils, die sozialen Subjektstrukturen spezifischer gesellschaftlicher und historischer Phasen zu erfassen. Insofern drücken sie immer auch gesellschaftlichen Wandel aus, indem sie verschiedene Typen von Subjektstrukturen zu verschiedenen Zeitpunkten als Folge unterschiedlicher Sozialisationsprozesse und unterschiedlicher Gesellschaftsbedingungen herausarbeiten. Wir beginnen mit historischen und medienbezogenen Konzeptionen und skizzieren dann eine Reihe von soziologischen Ansätzen.5 Natürlich können diese Konzeptionen in diesem Aufsatz nur angesprochen und nicht genauer beschrieben oder auf ihre Verwendbarkeit für kommunikationswissenschaftlich relevante Einordnungen diskutiert werden.

3.1 Subjektstruktur im europäischen Hochmittelalter Ausbildungen des historischen Konzepts ‚Subjekt‘ sind insbesondere eigentlich auch ein Thema einer sozialwissenschaftlichen Geschichtswissenschaft. Deren auf das Hochmittelalter, also auf die Zeit um 1100 unserer Zeitrechnung bezogenen Erkenntnisse über das damals relevante Subjektkonzept hat Derschka (2014)

5Es

handelt sich dabei mangels anderer Literatur ausschließlich um im politischen Sinn westliche Konzepte, was dem folgenden Text dementsprechend einen eurozentrischen Bias verpasst.

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zusammengestellt. Danach haben sich Individuum6 und Persönlichkeit (verstanden als „die innere Organisation eines Individuums, die es seinem Wesen nach von anderen Individuen unterscheidbar macht“ (Derschka 2014, S. 20) in jener Zeit begonnen auszubilden, also in einer historischen Phase, in der sich gesellschaftlich auch die Bereitschaft entwickelte, die in einer wachsenden Handlungsfreiheit gründenden Ansprüche und Potenziale der einzelnen Menschen gesellschaftlich zu berücksichtigen und als berechtigt anzuerkennen. Derschka findet dementsprechend „Orte der Individualität“ in vielen gesellschaftlichen Zusammenhängen: in der Religion und bei den Mönchen, in philosophischen Erwägungen wie auch im Recht, in den zwischenmenschlichen Verhältnissen, den Feldern sozialer Beziehungen, in der sich entwickelnden materiellen Kultur und der Ausbreitung der Finanzwirtschaft, und nicht zuletzt auch in der Literatur, etwa als Aufkommen biografischen Schreibens, des Schreibens persönlicher Briefe, des Wandels der damaligen fiktionalen Literatur und auch der Malerei – also in den damaligen Medien. Zeitgenössisch verbunden mit diesem Wandel waren die Wiederbelebung der antiken Persönlichkeitstheorie und ihre Weiterentwicklung zu einer „humoralen Charaktertypologie“ (Derschka 2014, S. 192) der vier an Körperflüssigkeiten gebundenen sogenannten Temperamente, die sich dementsprechend auf die einzelnen Menschen beziehen ließ. Als relevante Ursache für diese Entwicklungen hebt Derschka insbesondere die Bedeutung von Kommunikation hervor, die unter den damals komplexer werdenden Lebensbedingungen einen Bedeutungszuwachs erlebte. Denn in den früher sehr viel überschaubareren sozialen Welten und Lebensbereichen, in denen kein Gebrauch von Schrift gemacht wurde, und im Rahmen einer Wirtschaft, die „ohne Geld und mit einfachsten Technologien auskommt und die in keine staatlichen Strukturen eingebunden“ (Derschka 2014, S. 196) war, waren Wahrnehmung, Denken und Erleben sehr viel stringenter in feste gruppenbezogene Kontexte eingebettet, sodass beispielsweise Meinungsunterschiede auf unterschiedliche soziale Gegebenheiten und Rahmenbedingungen und nicht auf individuelle Unterschiede und Biografien zurückgeführt wurden (Derschka 2014, S. 192–213).7 Betont wird auch die wachsende Bedeutung der Stadt und der dort möglichen Arbeitsteilung; insofern verortet die Geschichtswissenschaft Individualisierungsprozesse nicht wie die Soziologie erst bei der industriellen Arbeitsteilung, sondern bereits sehr viel früher.

6Derschka

weist drauf hin, dass der Begriff des Individuums erst im 18. Jahrhundert für „Einzelmenschen“ verwendet wurde (Derschka 2014, S. 19). 7Heute würde man hier wohl vom Aufbrechen einer Gesellschaftsstruktur aus ‚Blasen‘ sprechen.

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3.2 Medienbezogene Subjektstrukturen Seitens der Kommunikations- und Medienwissenschaft wäre im Hinblick auf Subjektkonzepte auf die Arbeiten der sogenannten Mediumstheorie, also die Schriften von Harold Innis (1951, 2007) und McLuhan (1964; hierzu auch Krotz 2001) zu verweisen, die noch in der Tradition des auslaufenden neunzehnten Jahrhunderts die menschliche Geschichte unikausal und in voneinander abgetrennten Phasen zu beschreiben versuchten. Innis als empirischer Ökonom und Technologieforscher befasste sich mit dem Zusammenhang zwischen den je vorherrschenden Medien und den jeweiligen Herrschaftsstrukturen; McLuhan erweiterte dies auch auf Charakterisierungen des Individuums und beschrieb dann bekanntlich beispielsweise den Menschentypus der Printkultur als thematisch orientierten und dabei theoretisch gerichteten Experten. Dieser wurde dann von Meyrowitz (1990) auch auf empirischer Grundlage zum Menschentyp der Fernsehgesellschaft weiterentwickelt, indem er die Rezeption des Fernsehens mit dem Instrumentarium Goffmans untersuchte. Weitere einschlägige empirische Belege bzw. auch Korrekturen lassen sich im Hinblick auf das Subjekt bezüglich verschiedener Phasen der medialen Entwicklung beispielsweise im Rahmen von Havelocks (1990) Studien über die Bedeutung der Erfindung der Schrift, im Rahmen von Ongs (2016) Analyse der aufkommende Printkultur, und in den Studien von Goody und Mitarbeitern über den Menschen in oralen Gesellschaften (Goody et al. 1986) finden. In dieser Wissenschaftstradition wurden insbesondere die in lebenslanger Sozialisation angelegten medial kontextualisierten Handlungs- und Kommunikationsmuster herausgearbeitet, von denen her auf eine Subjektstruktur geschlossen werden kann. Ergänzend wäre auf David Riesman und seine MitarbeiterInnen einzugehen, die 1953 einen zeitgenössisch angelegten Entwurf eines Sozialcharakters präsentierten. Darunter verstehen sie die „mehr oder weniger sozial und historisch bedingte Struktur der individuellen Triebe und Befriedigungen: Die Verfassung, in der der Mensch der Welt und seinen Mitmenschen gegenübertritt“ (Riesman et al. 1958, S. 20 f.). Der ‚soziale Charakter‘ ist danach dann der Teil des Charakters von Individuen, der einer sozialen Gruppe gemeinsam ist und der auf den Erfahrungen ihrer Mitglieder beruht. Auf der Basis vor allem bevölkerungspolitischer Entwicklungen wird dann beschrieben, wie sich der US-amerikanische Sozialcharakter von der Traditionsleitung über eine Innenleitung durch den ‚Kreiselkompass des Gewissens‘ hin zu einer gesellschaftlichen Außenlenkung gewandelt hat bzw. wandelt. Für diesen außengeleiteten Sozialcharakter spielen danach vor allem auch Ängste und Unsicherheiten eine Rolle, die sich in zunehmender Orientierungssuche in der Außenwelt ausdrücken und die dabei auf die ebenfalls zunehmenden Angebote der Massenkommunikation und Unterhaltungsindustrie trifft.

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3.3 Soziologisch/psychoanalytische Subjektstrukturen Auf einer mehr gesellschaftswissenschaftlichen Ebene, die allgemein an Marx und an Freud anknüpft,8 lässt sich weiter eine Folge von empirisch beschriebenen Sozialcharakteren benennen, die – unter anderen – auch von Daniel (1981) genauer beschrieben und diskutiert wurden und hier auch aus Platzgründen nur knapp umrissen werden können. • Hier ist zunächst die bekannte Studie zum ‚autoritären Charakter‘ zu nennen, die Adorno zusammen mit weiteren Forschern in den USA durchgeführt hat (Adorno et al. 1968). Sie war auf den Faschismus gerichtet und stellte Ethnozentrismus in den Mittelpunkt, ermöglichte aber als qualitative Studie auch tiefer schürfende Interpretationen und theoretisch begründete weiterführende Überlegungen. • Parallel dazu und auch weit darüber hinaus hat sich Erich Fromm eigentlich sein Leben lang damit beschäftigt, den Sozialcharakter der im Kapitalismus lebenden Menschen (seiner Zeit) auf der Basis marxistischer und psychoanalytischer Einsichten sowie empirischer Forschung herauszuarbeiten (Fromm 1942, 1982). Immer versuchte er dabei aber auch, „Wege aus einer kranken Gesellschaft“ (Fromm 1981) zu finden, indem er individuell bzw. gesellschaftlich relevante Schlussfolgerungen gezogen hat, um seine Diagnose einer „Anatomie der menschlichen Destruktivität“ (Fromm 1977) und einer strukturellen „Furcht vor der Freiheit“ (Fromm 1983) fruchtbar zu machen. Auch bei ihm spielen die Konsumorientierung und der sich auch darin ausdrückende zunehmende Bedarf an Orientierung und an Zulieferungen von außen eine zentrale Rolle, insofern seiner These nach kapitalistische Machtbedingungen problematische psychische Strukturen generieren. • Weiter ist, was differenzierte akademische Subjekttheorien angeht, auf den sogenannten neuen Sozialisationstypus zu verweisen, der vor allem mit den Namen von Thomas Ziehe (1975) und Christopher Lasch (1979) verbunden ist. Ihre These behauptet eine zunehmende Orientierung der Menschen jener Zeit an inneren Prozessen als Reaktion auf als sinnlos und abwegig angesehene bürgerliche Karriere- und Konsumerwartungen, an die das eigene Leben geknüpft werden sollte. Im Zusammenhang damit entwickelten sich auch zunehmend Konflikte um Natur und Umwelt und daraufhin orientierte soziale Bewegungen, etwa die Bürgerinitiativbewegung. Als Deutung dafür bot sich die Narzissmustheorie der Psychoanalyse an.

8Vgl

hierzu auch Adorno 1968.

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• Ergänzend zu den hier kurz benannten Subjekttheorien, die am Begriff des Sozialcharakters ansetzen, muss der Habitusbegriff von Bourdieu genannt werden (Bourdieu 1987), der letztlich die Individuen einer bestimmten Kultur in einer bestimmten Zeitphase sowohl in ihrer klassenspezifischen Diversität als auch in ihren historisch/kulturellen Gemeinsamkeiten beschreibt. • Schließlich bietet auch der Zivilisationsansatz von Norbert Elias Einsichten in Subjektstrukturen, insofern dort Psychogenese und Soziogenese als miteinander verschränkt beschrieben werden (Elias 1972, 1994). Danach führen die immer komplexer werdenden gesellschaftlichen Bedingungen zu steigenden Anforderungen an die Individuen und damit zu Persönlichkeitsstrukturen, die sich als immer tiefer gehende und weiter elaborierte Reflexionsprozesse und als Ausbildung innerer Kontrollinstanzen wie etwa des Gewissens begreifen lassen. Elias’ Theorie liegt dabei eine Kommunikationstheorie zugrunde, weil der Zusammenhang zwischen Psycho- und Soziogenese nach seinen Dokumentanalysen auch durch die Beobachtungen der Menschen und durch deren Orientierung an den gehobenen Klassen und so letztlich auf der Basis von Kommunikation als Wahrnehmung und Handlungsorientierung zustande kommt. (Elias 1986, Krotz 2001, 2003, 2007). Zusammenfassend kann man sagen, dass derartige aus den gesellschaftsstrukturellen Bedingungen für Sozialisation und Kommunikation abgeleitete Subjektkonzepte jedenfalls für die Sozialwissenschaften, zu denen ja auch die Kommunikationswissenschaft gehört, Sinn machen, insofern sie Subjektstrukturen und die ihnen gesellschaftlich möglichen Handlungsweisen in einer allgemeinen Weise von den gesellschaftlichen Strukturen und den daraus entstehenden Sozialisationsbedingungen und -zielen ableiten. Diese sind dann einerseits für die Lebenschancen von Individuen in ihrer jeweiligen Kultur und Gesellschaft bedeutsam, eröffnen damit aber andererseits auch einen Weg um zu analysieren, wie sich Gesellschaft auch auf der Ebene individuellen sozialen und kommunikativen Handelns entwickelt. Auch lassen sich gesellschaftlich gerichtete Basismechanismen wie die Kommunikationsvorstellungen von Mead als „Taking the role of the other“ und das in Kommunikation wurzelnde reflexive Bewusstsein als allgemeine menschliche Eigenschaft (Mead 1973) oder die Schütz’sche „Generalthese der Reziprozität der Perspektiven“ (Gurewitch 1971; Schütz 1971) ohne ein derartiges Subjektkonzept kaum sinnvoll behaupten. Insgesamt spielen, wenn es um die Genese des Sozialcharakters bzw. des ‚Habitus‘ geht, insbesondere Sozialisationsformen und damit die Familie als bedeutsame Vermittlerin eine zentrale Rolle, deren Strukturen sich mehr oder weniger verbindlich auch in den gesellschaftlichen Bedingungen für Handeln und Kommunizieren wiederfinden. Natürlich dürfen solche Beschreibungen von

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kultur- und zeittypischen Sozialcharakteren nicht als kausal daraus ableitbar oder irgendwie einheitlich wirksam begriffen werden, vielmehr handelt es sich bei Sozialcharakter und Habitus um eine Art gesellschaftlich konstituierter Realtypen. Diese kommen als Gewohnheiten und Praktiken auf der Basis symbolisch vermittelter Interaktionen zustande, aus denen sich insofern neben gesellschaftlichen Stabilisierungen auch Abweichungen und Widerstandshaltungen entwickeln können und immer auch entwickelt haben. Dies gilt natürlich erst recht heute in zunehmend durch Diversität charakterisierten Gesellschaften; gleichwohl müssen auch diese von ihren Mitgliedern in irgendeiner Form gemeinsam getragen werden, sodass die Subjekte zueinander passende Kompetenzen benötigen und im Sozialisationsprozess entwickeln müssen.

3.4 Vermutungen Insgesamt wird in all den Ansätzen betont, dass der Mensch in einem hohen Ausmaß fähig ist, sich zu wandeln. Vor diesem Hintergrund ist es natürlich ein ziemliches Problem, die sich hier aufdrängende Frage nach einem Sozialcharakter heutiger Gesellschaften zu beantworten, die durch das Aufkommen einer neuen und computergesteuerten digitalen Infrastruktur für Kommunikation und symbolische Operationen gekennzeichnet sind und die in einer kapitalistischen Ökonomie geformt wurden und werden. Es lässt sich natürlich leicht vermuten, dass sich heute ein neuer Typus von Sozialcharakter ausbildet, der komplex und fluid gedacht werden muss und der sich in Zusammenhang mit den sich schnell entwickelnden Mediatisierungsprozessen wandelt. Konkret lassen sich allerdings derzeit nur einzelne Bruchstücke eines solchen Sozialcharakters benennen: Dafür können einmal die vielfältigen Forschungsergebnisse von Turkle (1998) herangezogen werden, ferner Überlegungen aus der Psychoanalyse, wie sie beispielsweise Bainbridge und Yates (2014) zusammengetragen haben. Auch Ergebnisse der Mediatisierungsforschung lassen sich hier in den Blick nehmen: Möglicherweise verändern sich insgesamt Orientierungsmuster, insofern die Organisation des Internet hierarchisierte Followerstrukturen als Normalform kollektiver Orientierungen durchsetzt. Möglicherweise verändern sich Reflexionsprozesse, insofern sie zunehmend über Internetkommunikation und damit in breiteren Kommunikationsverbänden stattfinden als früher. Möglicherweise verändern sich Selbsteinschätzungen, weil sie viel stärker als früher an Vergleiche geknüpft werden, die sich auf narzisstische Praktiken beziehen, wie sie sich im Selfie-Boom und in trainierten Selbstdarstellungsmethoden ausdrücken. Möglicherweise verändern sich Identitätsstrukturen, weil sie an die Repräsentation von Marken gebunden werden. Möglicherweise besitzen die gesellschaftlichen Subjekte heute wesentlich mehr soziale Beziehungen und

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kommunikativ basierte soziale Kontakte, die aber vermutlich gleichartiger gemanagt werden und so zu weniger konkreten, dafür aber standardisierten empathischen Prozessen veranlassen. Möglicherweise finden sich zunehmende Kommunikationsnotwendigkeiten und Kommunikationszwänge, verbunden mit hegemonialen und immer geschickter operierenden, zum Teil auch algorithmisch basierten Kontroll- und Manipulationsformen, denen die Menschen folgen oder die als Anlässe für Ängste erscheinen. Möglicherweise muss die zunehmende Komplexität sozialer Anlässe sowie eine veränderte Körperlichkeit verbunden mit zunehmender Kontrolle durch Medien berücksichtigt werden (Krotz 2017b, c). Viele Vermutungen – aber ein klares Bild zeichnet sich hier nicht ab; zudem sind die Sozialisationsbedingungen zusammen mit den Familien heute in einem immer schnelleren Fluss (Greschke et al. 2017; vgl. hierzu auch Röser et al. 2017). Denn der aktuelle Mediatisierungsschub ist keineswegs beendet, sondern geht immer weiter. Vielleicht kann man eine Reihe von gesellschaftlichen Bedingungen so zusammenfassen, dass die Menschen ihr Sein zunehmend als ein Sein im Übergang verstehen (müssen), dass sie zunehmend an unterschiedliche und unterschiedlich vermachtete Diskurse angebunden bzw. subjektiv umgekehrt daran orientiert sind und dass sie zunehmend darum bemüht sind und sein müssen, gegen diese segmentierenden Druckverhältnisse eine Ganzheit des Subjekts oder zumindest einen gestaltbaren Zusammenhang ihrer Person zu behaupten. Einen daraus abgeleiteten stabilen Sozialcharakter kann es dementsprechend nicht geben, vermutlich lassen sich aber bestimmte Entwicklungslinien empirisch aufzeigen, über deren Zukunft man allerdings nur Vermutungen anstellen kann. Insofern spricht auch aus Sicht der Mediatisierungsforschung heute vieles dafür, insbesondere die Vielfalt von Subjektivierungsprozessen genauer zu untersuchen. In dem folgenden letzten Absatz soll es angesichts dessen einmal ergänzend um die bereits in Abschn. 2 genannten Ansätze gehen, die weniger Subjektstrukturen als machtgebundene Subjektivierungsformen in den Vordergrund rücken, und zum anderem um einige integrierende Überlegungen.

4 Subjektivierung durch Anrufung und einige integrierende Anmerkungen Wie auch die Beiträge in dem vorliegenden Band zeigen, haben sich die Sozialwissenschaften in den letzten Jahrzehnten zunehmend von soziologisch basierten und an Sozialisationsprozesse gebundene Subjektbeschreibungen abgewendet, die auf die Struktur gesellschaftlicher Subjekte zielen, und sich stattdessen um konstituierende Subjektivierungsprozesse gekümmert, dabei freilich auch den Blick auf Machtverhältnisse verengt. Für diese Entwicklungen stehen insbesondere

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die Arbeiten von Foucault und Althusser. Wie es Bröckling auf den Punkt bringt, begreifen beide „Subjektivierung als einen Formungsprozess, bei dem gesellschaftliche Zurichtung und Selbstmodellierung in eins gehen“ (Bröckling 2007, S. 31). Während Bourdieu aber eher Sozialisationsprozesse studiert, beschreibt Althusser (1977) Subjektivierungsprozesse mit einer „Urszene“, wie es Bröckling (2007, S. 27) nennt: In dieser ruft ein Polizist als Vertreter staatlicher Macht ein Individuum mit „He, Sie da“ an, woraufhin sich das Individuum gemeint fühlt und darauf reagiert, sich etwa dem Polizisten zuwendet oder davonläuft – und durch diese Abfolge kommunikativen Geschehens wird das Individuum zu einem spezifischen sozialen Subjekt in der spezifischen Situation und unterwirft sich damit prinzipiell der aktuellen Machtkonstellation. Hinter diesen Überlegungen zu einem Prozess der institutionellen Anrufung steht Althussers striktes Verständnis von einem ideologischen Staatsapparat, mittels dessen sich Herrschaft über die gesellschaftlichen Strukturen im Rahmen kapitalistischer Verhältnisse kristallisiert. Der frühe Foucault hat seinerseits in seinen genealogischen Schriften das Subjekt als eigenständige gesellschaftliche Instanz abgelehnt, indem er Theorien, die am handelnden Subjekt ansetzen, als ideologisch ansieht und stattdessen machtvolle gesellschaftliche Diskurse in den Mittelpunkt rückt, denen die Subjekte immer schon unterworfen seien (Foucault 1990) und die sie auch selbst vorantreiben. Geschichte und Gesellschaftstheorie können in dieser Perspektive dann nicht vom Subjekt, von Bewusstsein, von einer Handlungstheorie her beschrieben, verstanden oder rekonstruiert werden. Der Mensch wird bei Foucault stattdessen in seiner Ganzheit an die ihn ‚umgebenden‘ Diskurse angeschlossen, insofern diese ihn entscheidend bestimmen. Erst in seinen späteren Schriften hat Foucault seine diesbezüglichen Thesen aufgebrochen und beispielsweise die Möglichkeit spezifischer widerständiger Handlungsformen berücksichtigt (vgl. hierzu auch Dahlmanns 2008, insbs. S. 45–88). Butler (1991) entwickelt diese Sichtweise dann im Hinblick auf einen differenzierten Feminismus weiter. Ein beindruckendes und umfassendes Beispiel für eine Studie, die in der so entwickelten Theorie nach den Subjekten von heute fragt, hat Bröckling (2007) mit der Beschreibung und Analyse des unternehmerischen Selbsts vorgelegt. Im Gegensatz zu den oben behandelten Konzepten eines Subjekts, dessen Struktur durch einen gesellschaftlich und kulturell notwendigen Sozialcharakter bzw. durch einen kulturell und klassenspezifischen Habitus beschrieben werden kann, rücken diese Ansätze also gesellschaftlich bedingte Subjektivierungsprozesse in den Vordergrund, deren Verhältnis zu einer implizit vorausgesetzten Subjektstruktur jedoch unbestimmt bleibt. Das Problem dabei ist, dass die handelnden Subjekte hier mehr oder weniger nur noch als Erzeugnisse von Diskursen erscheinen, während es doch die Menschen sind, die ihre Verhältnisse selber machen, auch wenn sie nicht

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wissen, wie sie das tun, um hier an Marx zu erinnern. Hier wird das fundamentale Mikro-Makro-Problem der Soziologie deutlich, die entweder von einem holistischen Begriff wie Gesellschaft oder Gesellschaftssystem oder von einer individuell angesiedelten Handlungstheorie ausgeht. Ob die Kommunikationswissenschaft ein geeignetes Bezugsmuster ist, um hier Lösungen zu finden, kann eher bezweifelt werden, weil Kommunizieren jedenfalls zunächst einmal eine Form menschlichen Handelns ist, die bei dieser Wissenschaft im Vordergrund steht. Jedoch ist hier anzumerken, dass die Subjektivierungsansätze den Subjektbegriff verändert haben. ‚Subjekt‘ meint hier eine situative und an spezifische Machtformen gebundene personale Präsenz in ihrer Beziehung zur Gesellschaftsstruktur, deren Gestalt aber nicht unmittelbar eindeutig festgelegt ist. Die Konstitution des Subjekts in diesem Zusammenhang ist dann aber zunächst einmal für die Kommunikationswissenschaft interessant, weil sie durch einen kommunikativen Akt, nämlich eine Anrufung zustande kommt – Subjektivierung als Anrufungsprozess. Die naheliegende Frage ist es dann, ob neben der Polizei nicht auch andere Institutionen anrufen und so verschiedene machtgebundene Subjektstrukturen entstehen können, etwa durch die Kirche, die Werbung, den Geldautomaten – Althussers Argumentation gilt wohl auch für andere hegemoniale Institutionen. Subjektivierungsprozesse in diesem Sinn brauchen von daher weder konsistent zu sein noch zu einheitlichen Subjektformen eines Individuums zu führen. Das Individuum erscheint dann in komplexeren Gesellschaftsformationen als in subjektivierte Aspekte seiner selbst zerlegt, in denen sich die unterschiedlichen Machtpolitiken abbilden – die Verbindung zu dem oben berichteten Subjektkonzept von Shibutani liegt dann in gewisser Weise auf der Hand. Offen bleibt bei einer Subjektivierung durch Anrufung gesellschaftlicher Institutionen dann allerdings, ob es, wie in der Individualisierungsthese von Beck (1986) angelegt, dann nicht wieder auch integrierende Einflüsse und Bewegungen gibt, die dann natürlich ganz anders verlaufen können als früher – beispielsweise eine einzelne Anrufungsprozesse übergreifende hegemoniale Einbettung des Individuums durch eine kollektive Anrufung durch Medien. Zudem generiert die zunehmende Komplexität der sozialen Wirklichkeit möglicher Weise wie auch immer dimensionierte Freiräume für das Individuum, das der Polizei alleine gerade nicht ausgeliefert ist, weil auch andere Subjektivierungsprozesse stattfinden (können), die untereinander weder einheitlich noch kompatibel oder kohärent sein müssen. Allgemein wäre darauf hinzuweisen, dass der Ansatz der Subjektivierungsprozesse mit dem Konzept eines historisch und kulturell über Sozialisation vermittelten Sozialcharakter bzw. Habitus zumindest erst einmal verträglich erscheint, weil derartige Subjektivierungsprozesse ja ein bereits vorhandenes und sozialisiertes Subjekt voraussetzen, was bisher bei der Analyse solcher subjektkonstituierender

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Anrufungsprozesse, soweit zu sehen ist, nicht weiter berücksichtigt worden ist. Darüber hinaus ist zu betonen, dass auch Subjektivierungsprozesse vor allem an symbolische Vermittlungen und insbesondere an Kommunikation gebunden sind: Das soziale Subjekt auch der Subjektivierungsansätze ist ganz offensichtlich wesentlich durch Kommunikation sozialisiert und wird auch kommunikativ angerufen. Insofern stellt sich die Frage nach Integrationsmöglichkeiten der beiden Ansätze. Hierzu können im Folgenden nur noch einige Anmerkungen gemacht werden. Erstens kann man fragen, inwiefern Mediatisierungsprozesse dazu beitragen können, die zunehmend disparaten gesellschaftlichen Subjekte ‚zusammen zu halten‘. Folgt man Ergebnissen der Mediatisierungsforschung, so verbinden insbesondere die Medien die divergierenden Handlungsbereiche und partielle Sozialwelten, in denen die Menschen auch medienvermittelt handeln und erleben, mit dem Individuum in seiner Körperlichkeit, über die es wahrnimmt (Krotz 2017b, c). Denn die Medien können ja gerade in all diesen Sozialwelten genutzt werden und sie werden dort auch genutzt. Damit hängt insbesondere zusammen, dass Medien heute nicht mehr nur wie früher Inhalte transportieren oder vermitteln, sondern menschliches Handeln und insbesondere gerade soziale Beziehungen direkt (und nicht über Informations- oder Unterhaltungsleistungen) organisieren, in denen die verschiedenen Handlungsbereiche und Sozialwelten sich konstituieren. Für das handelnde Subjekt verbindet sich infolgedessen sein zwangsläufig körperlich zentriertes Selbst mit seiner Medienzugewandtheit und mit dem Gebrauch von Medien in den verschiedenen Sozialwelten zu einer Handlungseinheit. Damit verfügt es über innere, von ihm auf die eigenen Aktivitäten zurückgeführte Verbindungen zwischen solchen Handlungsbereichen, die die Rollen und Identitäten adressierbar machen, in denen es sich in diesen zunehmend ausdifferenzierenden Sozialwelten ausdrückt, sodass es als koordinierendes Individuum handlungsfähig bleiben kann. Zum zweiten passen Subjektivierungsansätze zu dem prozessual gedachten Mediatisierungsansatz, insofern sie sowohl ganz unterschiedliche Anrufungsprozesse durch ganz unterschiedliche gesellschaftliche Institutionen zulassen, aber auch Veränderungen in Anrufungsprozessen in den Blick zu nehmen gestatten, insofern hier etwa Medien eine Rolle spielen – siehe die oben beispielhaft angeführte ‚Anrufung durch einen Geldautomaten‘, der allemal eine Identitätserklärung verlangt. Ein Verständnis von Anrufungsprozessen und darauf gründenden Subjektivierungssegmenten kann insofern hilfreich sein, um einen Wandel des Subjekts nicht nur durch den Vergleich zwischen verschiedenen Generationen in den Blick zu nehmen, sondern auch unterschiedliche institutionelle Einbindungen berücksichtigen zu können. Hier stellt sich natürlich insbesondere die Frage, welche hegemonialen Institutionen für Subjektivierungsprozesse neben der Polizei wirksam sein können, und auch, ob es immer hegemoniale Ansätze sein müssen,

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deren Anrufung subjektiviert. Insbesondere liegt es nahe zu vermuten, dass Subjekte, die ja unterschiedliche Anforderungen verarbeiten müssen, sich auch selbst anrufen und so Erlebnisse angemessen verarbeiten können. Dies kann einerseits zu einer kritischen Reflexion von Subjektivierungsprozessen und Handlungsorientierungen, andererseits zu einer kritischen Reflexion von Mediatisierungsprozessen beitragen. Drittens wäre der Frage nach virtuellen Subjekten nachzugehen, die als ‚künstliche Intelligenzen‘ gegebenenfalls weder eine räumliche Verortung noch eine kontinuierliche Existenz besitzen müssen, was für Sozialität ganz neue Fragen aufwirft. Abschließend lässt sich sagen, dass die Entwicklung einer Theorie des Subjekts und von Subjektivierungsprozessen in mediatisierten Gesellschaften oder vielleicht allgemeiner, Sozialagglomerationen von heute vergleichsweise offen ist und genauer bearbeitet werden muss, dass aber auch insgesamt der kommunikative Charakter von Subjektivierungsprozessen und die kommunikative Prägung von Subjektstrukturen noch lange nicht hinreichend verstanden worden sind. Auch die Kommunikationswissenschaft hätte hier angesichts der Medienentwicklung und der Mediatisierungsprozesse von heute Wesentliches beizutragen. In dieser Perspektive wäre von einem sozialen Subjekt in einer spezifischen historisch-kulturellen Ausprägung mit spezifischen kommunikativen und auch weiteren Kompetenzen und Fähigkeiten zu sprechen, ebenso aber auch von spezifisch historischen und kommunikativ vermittelten institutionellen Subjektivierungsprozessen. Subjektivierungstheoretische Ansätze sollten insgesamt die Individuen in ihren lebensweltlichen Erfahrungen und in den kommunikativ definierten sozialen Welten verankern und insofern kommunikative Praktiken berücksichtigen.9 Das Besondere der derzeitigen Entwicklung, das die Mediatisierungsforschung beobachtet und theoretisch zu fassen erlaubt, ist die nachhaltige und umfassende Durchdringung sozialer Verhältnisse und sozialen Handelns durch die Medien – ein Prozess, der das Leben der Menschen bereichern könnte, dies aber heute nur sehr beschränkt tut. Denn die Entwicklungen heute werden von riesigen Unternehmen kontrolliert und vorangetrieben, die sich um soziale Folgen, um menschliche Selbstverwirklichung und Demokratie nur kümmern, sofern es für ihre Interessen bzw. für ihre Legitimation hilfreich ist. Damit wird aber die grundlegende Besonderheit des Menschen, seine umfassende Befähigung zu gestaltender

9Sie

sollten auch zu Kenntnis nehmen, dass sich die Dialektiken, die sich im Verhältnis von Individuum und Gesellschaft ebenso wie im Verhältnis von Subjekt und Macht ausdrücken, eben Dialektiken sind und nicht einfach nur Paradoxien oder Ambivalenzen, die man nur hilflos konstatieren kann.

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Kommunikation und sein damit verbundenes nicht hintergehbares Interesse an Beziehungen mit anderen im Rahmen seiner Selbstverwirklichung sowie an einem demokratischen Zusammenleben in Freiheit und Verantwortung, die beide an freie Kommunikation gebunden sind, beängstigend eingeschränkt. Kommunizieren wird funktionalisiert und an den Prozess des Warentauschs gebunden, die kommunikative Reproduktion des Menschseins richtet sich zunehmend gegen ihn selbst – Marx hat dies als Entfremdung bezeichnet. Insofern ist dies heute eine Entwicklung, deren Bedeutung weit über die früherer Mediatisierungsschübe hinausgeht, insofern sich die Durchdringung durch Medien heute nicht auf einzelne Handlungsformen, einzelne Lebensbereiche oder einzelne Gruppierungen oder bestimmte soziale Welten beschränkt, sondern universell ist. Denn so wird alles soziale Handeln grundlegend von medialen und darüber auch in einer neuen Weise von kapitalistischen Bedingungen abhängig werden, weil die Betreiber von Medien an allen symbolischen Operationen der Subjekte partizipieren und sie beeinflussen können. Insofern haben die hier diskutierten Fragen heute einen besonderen Stellenwert. Die kommunikativ vergemeinschafteten Individuen sind es, die diesen Prozess kollektiv in die Hand nehmen und die Entwicklung in eine selbstbestimmte wenden müssen, indem sie gemeinsam zunächst für Transparenz und dann für zivilgesellschaftliche Steuerung sorgen müssen. In diesem Zusammenhang müssen sowohl die Subjekttheorie wie auch der Subjektivierungsansatz theoretisch weitergedacht und im Hinblick auf widerständiges Handeln neu gewendet werden. Dazu aber muss die Bedeutung von Kommunikation nicht einfach nur akzeptiert, sondern als wesentliche Besonderheit in den Blick genommen werden.

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Das Subjekt des kommunikativen Handelns, Subjektivität und Subjektivierung Hubert Knoblauch

Zusammenfassung

In diesem Beitrag soll der Begriff des Subjekts aus der Perspektive des sozialen bzw. kommunikativen Konstruktivismus angegangen werden. Denn in dieser Theorie wird eine systematische Arbeitsteilung zwischen dem philosophischen Begriff des Subjekts und dem soziologischen der Identität vorgeschlagen. In jüngerer Zeit wurde der Sozialkonstruktivismus zu einem kommunikativen Konstruktivismus ausgebaut, dessen Grundbegriff das kommunikative Handeln darstellt. Im folgenden Teil soll dann dargelegt werden, dass dieser Ausbau auch mit Problemen des phänomenologischen Subjektbegriffs zu tun hat, die mit dem Sozialkonstruktivismus verbunden sind. Auf dieser Skizze aufbauend wird dann die Frage nach dem Subjekt des kommunikativen Handelns behandelt. Am Beispiel des Zeigens möchte ich erläutern, dass das Subjekt nicht als eigene Substanz zu fassen ist, sondern eher ein Attribut, genauer: eine Eigenschaft des kommunikativen Handelns ist. Wir sollten deswegen von Subjektivität statt vom Subjekt reden. Allerdings kann das kommunikative Handeln auch nicht ohne jene Eigenschaft gedacht werden. Erst die Subjektivität macht es erklärlich, dass Sozialität nicht in Systemen und Handeln nicht in Praktiken aufgeht, während die Kommunikation dafür sorgt,

Dieser Aufsatz stellt eine Fortschreibung eines Textes über „das Subjekt des kommunikativen Handelns“ dar und bezieht Gedanken aus meinem jüngeren Buch mit ein (Knoblauch 2017). Für die Korrektur bedanke ich mich bei Jana Adam. H. Knoblauch (*)  Institut für Soziologie, Technische Universität Berlin, Berlin, Deutschland E-Mail: [email protected] © Springer Fachmedien Wiesbaden GmbH, ein Teil von Springer Nature 2019 P. Gentzel et al. (Hrsg.), Das vergessene Subjekt, Medien • Kultur • Kommunikation, https://doi.org/10.1007/978-3-658-23936-7_3

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dass Sozialität alles umfasst, worüber kommuniziert werden kann. Auch wenn wir grundbegrifflich nur von einer Subjektivität ausgehen, so haben wir es im Alltagsleben empirisch immer mit Subjekten, Selbsten und Identitäten zu tun. Diese sind aber keine vorgängigen Substanzen, sondern leiten sich aus dem kommunikativen Handeln ab. Dieser Prozess, der einst als Sozialisierung eines als abgeschlossen gedachten Individuums genannt wurde, lässt sich als Subjektivierung beschreiben. Im abschließenden Teil soll diese durchaus ungewöhnliche Begriffsverwendung kurz skizziert werden, wobei ich auf die besonderen Formen der Subjektivierung unter den Bedingungen der gegenwärtigen Mediatisierung eingehe, die ich als doppelte Subjektivierung bezeichnen möchte. Schlüsselwörter

Kommunikatives Handeln · Kommunikative Konstruktion · Soziale Konstruktion ·  Sozialtheorie · Sozialität · Subjektivierung

1 Einleitung Die Frage nach dem Subjekt ist heute wieder sehr aktuell. Ihre Aktualität verdankt sie einerseits einer interessanten Überschneidung sozialwissenschaftlicher und sozialphilosophischer Debatten, die sich ihrer differenten Tradition allerdings selten Rechenschaft tragen: So spielt das „Subjekt“ in der kritischen Theorie Adornos, aber auch in der verstehenden und der phänomenologischen Soziologie von Weber bis Schütz eine andere Rolle als dies in ‚subjektkritischen‘ poststrukturalistischen oder postkonstruktivistischen Theorien gedacht ist (die häufig das angreifen, was dort als Individuum oder Identität bezeichnet wird). Die Frage nach dem Subjekt gründet aber auch in der rasanten Entwicklung technischer Systeme, die zunehmend selbst zu handeln scheinen – sei es in Form riesiger Flugzeuge, menschenähnlicher Roboter oder feinster Sprachdialogsysteme. Sie stellt sich also insbesondere aufgrund der gegenwärtigen Formen der digitalisierten Mediatisierung, jenem „Metaprozess“ (Krotz 2001), der nicht nur neue Figurationen erzeugt, sondern damit auch ein „neues Selbst“ (Couldry und Hepp 2016). Ich möchte in diesem Rahmen jedoch nicht die Diskussion um die Mediatisierung aufgreifen; und auch den Zusammenhang zwischen der Mediatisierung und der Subjektivierung möchte ich in diesem Rahmen nicht erläutern, weil ich dies an anderer Stelle ausführlicher getan habe (Knoblauch 2017). Ich will mich hier vielmehr mit dem Subjekt beschäftigen und fragen, wie es an der sozialen Konstruktion der Wirklichkeit beteiligt ist. Dabei verstehe ich die soziale Konstruktion

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als eine kommunikative Konstruktion, die ihrerseits im kommunikativen Handeln verankert ist. Deswegen muss geklärt werden, wie sich das Subjekt der sozialen Konstruktion von dem der kommunikativen Konstruktion unterscheidet. In beiden Fällen aber geht es um Handeln, sodass sich in jedem Fall die Frage nach dem Subjekt des Handelns stellt. Diese Frage nach dem Subjekt ist sehr aktuell, weil wir immer mehr „intelligenten“ Objekten und Technologien begegnen, die „autonom“ handeln. Freilich stellt sich die Frage nach dem Subjekt des Handelns auch im Umgang mit Tieren: ob und in welchem Ausmaße Tiere (und welche Tiere) handeln können und eine Identität besitzen. Schließlich sollte man daran erinnern, dass die Frage nach dem Subjekt des Handelns auch immer eine religiöse Frage war. Neben dem Eingriff von Geistern oder okkulten Kräften in unser Wirken stellte sich immer auch die Frage, ob und in welcher Weise wir selbst in unserem Innersten anderen Subjekten unterworfen sind. Bekanntlich bietet die Calvinistische Prädestinationslehre eine der radikalsten Vorstellungen über die Determiniertheit unseres Handelns durch den Willen eines so gewaltigen Gottes, der für den Menschen selbst nicht mehr einsichtig ist. Wie Max Weber (1988) betonte, steht die Radikalität dieser Vorstellungen am Anfang der protestantischen Ethik, die den „Geist des Kapitalismus“ antrieb (Soeffner 1992). Es ist diese Zentrierung des Subjekts um ein zunächst sich allein bestimmendes, wollendes, später auch Einzigartigkeit beanspruchendes Individuum, die die Moderne zu prägen scheint. Ist der Individualismus deswegen eine der mächtigsten Triebkräfte der modernen Gesellschaft, so läutete spätestens die Ankunft der Postmoderne vor mehr als 40 Jahre auch den Abgesang auf das Individuum ein. Hatte die marxistische Kritik schon betont, dass der Individualismus weniger ein universales als ein bürgerliches Phänomen war, zweifelte die postmoderne Kritik das Subjekt an: So löste sich etwa der „Autor“ auf, der juristische „Täter“ wurde zunehmend zum Opfer seiner milieuhaft prägenden Zustände und das Individuum selbst wurde zum Epiphänomen neurobiologischer Vorgänge erklärt. So radikal die postmodernde Kritik anfangs schien, so hat sich ihre Diagnose durch die gesellschaftliche Entwicklung, vor allem die der Kommunikationstechnologien, seither noch eher verschärft: Die Autorenschaft von zunehmend mehr Kulturprodukten (Literatur, Musik, Wissenschaft etc.) wird durch die digitalen Technologien aufgelöst, die Handlungsfähigkeit wird durch immer mehr Technologien „postsozial“ durchsetzt, und an die Stelle eines bewussten Individuums rücken beratene, mit verschiedensten Psychopharmaka behandelte Akteure, die mit ihrer nichtmenschlichen Umwelt ein „Akteursnetzwerk“ (Bellinger und Krieger 2006) bilden, dessen Kern kaum mehr als „Subjekt“ identifizierbar ist.

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Vor diesem Hintergrund mag es verständlich sein, dass es heute durchaus Verwirrungen gibt, wenn von Subjekt, Individuum oder Identität die Rede ist (cf. Habermas 1988, S. 192 ff.). Doch es sind nicht nur diese historisch vielleicht einzigartigen Veränderungen, die zu dieser begrifflichen Verwirrung beitragen. Daran beteiligt sind auch mit der Veränderung der Kommunikation einhergehende transdisziplinäre Verschiebungen im wissenschaftlichen Diskurs. So war der Begriff des Subjekts herkömmlich in der (Sozial-)Philosophie zu Hause (wobei er nur in ohnehin disziplinüberschreitenden etwa marxistischen Theorien in eine Opposition zum Begriff des „Objekts“ gebracht wird), während die Soziologie seit einigen Jahrzehnten den Begriff der Identität verwendet, um die ideologischen Assoziationen des „Individuums“ zu vermeiden. Die kulturwissenschaftliche Entgrenzung aber von Philosophie (und „Epistemologie“), Soziologie und anderen Kulturwissenschaften hat zur Folge, dass der Begriff des Subjekts nun auch in den Sozialwissenschaften zuhause ist. Im vorliegenden Text möchte ich (1) den Begriff des Subjekts aus der Perspektive des sozialen Konstruktivismus angehen. Denn in dieser Theorie wird eine systematische Arbeitsteilung zwischen dem philosophischen Begriff des Subjekts und dem soziologischen der Identität vorgeschlagen (Knoblauch 2004). In jüngerer Zeit wurde der Sozialkonstruktivismus zu einem kommunikativen Konstruktivismus ausgebaut (vgl. Knoblauch 1995; Keller et al. 2012; Knoblauch 2017), dessen Grundbegriff das kommunikative Handeln darstellt. Im folgenden Teil soll dann dargelegt werden (2), dass dieser Ausbau auch mit Problemen des phänomenologischen Subjektbegriffs zu tun hat, die mit dem Sozialkonstruktivismus verbunden sind. Auf dieser Skizze aufbauend möchte ich dann auf die Frage nach dem Subjekt des kommunikativen Handelns eingehen. Am Beispiel des Zeigens möchte ich erläutern (3), dass das Subjekt nicht als eigene Substanz zu fassen ist, sondern eher ein Attribut, genauer: eine Eigenschaft des kommunikativen Handelns darstellt. Wir sollten deswegen von Subjektivität statt vom Subjekt reden. Allerdings kann das kommunikative Handeln auch nicht ohne jene Eigenschaft gedacht werden. Erst die Subjektivität macht es erklärlich, dass Sozialität nicht in Systemen und Handeln nicht in Praktiken aufgeht, während die Kommunikation dafür sorgt, dass Sozialität alles umfasst, worüber kommuniziert werden kann. Auch wenn wir grundbegrifflich nur von einer Subjektivität ausgehen, so haben wir es im Alltagsleben empirisch immer mit Subjekten, Selbsten und Identitäten zu tun. Diese sind aber keine vorgängigen Substanzen, sondern leiten sich aus dem kommunikativen Handeln ab. Dieser Prozess, der einst als Sozialisierung eines als abgeschlossen gedachten Individuums genannt wurde, lässt sich als Subjektivierung beschreiben. Im abschließenden Teil (4) möchte ich

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diese durchaus ungewöhnliche Begriffsverwendung kurz skizzieren, um abschließend auf die besonderen Formen der Subjektivierung unter den Bedingungen der gegenwärtigen Mediatisierung einzugehen, die ich als doppelte Subjektivierung bezeichnen möchte.

2 Das Subjekt in der gesellschaftlichen Konstruktion Spielt das Subjekt für die frühe Soziologie keine tragende Rolle, so betritt es vor allem mit Webers Grundlegung der Soziologie als Handlungstheorie die Bühne der soziologischen Grundbegriffe. Vermutlich auch um die sehr spezifische soziohistorische Prägung des Begriffs des „Individuums“ (nicht zuletzt durch den Protestantismus) zu vermeiden, betont Weber bekanntlich die Bedeutung der Subjektivität des Handelns. Handeln – der grundlegende Prozess, aus dem Soziales besteht – lässt sich nicht einfach von außen beobachten; er setzt jenes „Innen“ voraus, das vor Weber schon die „verstehende“ Tradition von Vico bis Dilthey hervorgehoben hatte. „Innen“ ist der Sinn, der von den einzelnen Handelnden „subjektiv“ gemeint ist. Wie Schütz später monierte, ließ Weber es jedoch offen, was denn dieses Subjektive sei, das das Handeln und sein Meinen auszeichnet. Zu seiner Klärung stützte sich Schütz auf die Phänomenologie Husserls: Das Subjekt ist Agens des Bewusstseins, das sich einerseits durch Intentionalität auszeichnet und andererseits durch den Vergleich der intentionalen Objekte als Typisierung (die Schütz als Grundzug des Sinns ansah). Das Subjekt ist also das Ich, das in der Zeit erfährt und erfährt, dass es erfährt. Das Handeln ist für Schütz lediglich eine Form der Erfahrung, aber eine besondere, die sich durch ihre eigene Zeitstruktur auszeichnet: Es ist eine Erfahrung, die sich (als abgeschlossen vorgestellte Handlung) sozusagen zeitlich vorentwirft – und diesen Entwurf (als Handeln) in der Zeit realisiert. Wenn man sich fragt, was nun das Subjektive des Handelns ausmacht, so könnte man schlicht sagen: der Umstand, dass ich jeweils handle. In der Tat sollte man beachten, dass die Phänomenologie Handeln nicht aus der Beobachterperspektive beschreibt. Es geht der Phänomenologie nicht zuerst um das Verstehen des Anderen (wie in der qualitativen Sozialforschung), sondern zuerst um das Verstehen des Ich. Deswegen geht es phänomenologisch auch nicht um die Frage, ob Handeln zugeschrieben werden kann (außer wenn das Problem der Intersubjektivität Thema ist). Phänomenologie ist eine Form der Introspektion, die sich auf die jeweils eigenen Erfahrungen richtet. Die Phänomenologie ist gewissermaßen radikal subjektivistisch: Das Subjekt bin immer ich.

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Für die Soziologie ergibt sich allerdings daraus ein „kosmologisches“ Problem (Luckmann 1974). Wie nämlich können wir Aussagen über andere Subjekte machen? Diese Frage steht zwar auch im Zentrum soziologischer Methodenlehren, doch wird sie nicht einmal von Schütz als bloße Methodenfrage behandelt. Vielmehr geht schon Husserl davon aus, dass sich diese Frage aus der Perspektive eines jeden Subjekts stellt. Als Lösung bietet schon Husserl den Begriff der „Intersubjektivität“ an, der sich auf das Verhältnis zwischen dem Subjekt und Anderen bezieht. Für andere Theoriezusammenhänge sollte beachtet werden, dass Subjekt also nicht als Gegenbegriff zu „Objekt“ firmiert, sondern als Bezugsgröße zu „Anderen“. Für Husserl stellt sich die Intersubjektivität schon auf einer transzendentalen Ebene ein: Selbst wenn das Subjekt die Geltung der Außenwelt bezweifelt, kann es die „Anderen“ durch die Variation seiner selbst sozusagen vorwegnehmen. Schütz (1971a) widersprach dieser „transzendentalen“ Lösung vehement, reduziere sie die „Anderen“ doch auf die im Bewusstsein vorhandenen Möglichkeiten. Auch wenn das Bewusstsein – und damit das Subjekt – von zentraler Bedeutung für die Intersubjektivität sei, so lasse sich diese lediglich als „empirisches“ Phänomen verstehen: Die Lebenswelt des Alltags, die vom Handeln geprägt ist, schließt die Anderen ein. Husserl sieht die Anderen in der Epoché als auf Bewusstseinsprozesse reduzierbar (oder zumindest als aus diesen rekonstruierbar) an, während Schütz sie in den Bereich des Sozialen und des Handelns, also die Lebenswelt verschiebt, in der Andere als empirisch gegeben inbegriffen sind. Husserl will die Sozialität über das Bewusstsein erklären, Schütz setzt sie voraus. Die Anderen bilden deswegen auch eine der Säulen der Lebenswelt. Die empirische Vorgegebenheit des Anderen ist auf verschiedene Weise behandelt worden: Schütz hat sie aus der subjektiven Perspektive als Teil einer „mundanen Phänomenologie“ zu beschreiben und als „Strukturen der Lebenswelt“ zu verallgemeinern versucht. Diese Strukturen der Lebenswelt bilden, wie Luckmann (1973) in der Weiterführung dieser Analysen argumentiert, eine Art „protosoziologische“ Vorgabe für die empirische Soziologie. In gewisser Weise könnte man die so beschriebene Lebenswelt als Strukturen des Subjektiven beschreiben, berücksichtigt man, dass dieses Subjektive immer schon soziale Seiten aufweist. Diese „Strukturen der Lebenswelt“ (Schütz und Luckmann 1979, 1984) bilden denn auch die Grundlagen für die „gesellschaftliche Konstruktion der Wirklichkeit“, wie das von Berger und Luckmann verfasste Konzept eines (wissens-) soziologischen Konstruktivismus lautet. Als Ausgangspunkt dient ihnen ein an Schütz angelehntes Konzept des (phänomenologisch vom Ich aus beschriebenen) sinnhaften Handelns, von dem sie dann zeigen, wie es in der Interaktion zur Objektivität ausgeweitet wird. Berger und Luckmann (1970) bezeichnen diese

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Ausweitung zuerst als „dialektisch“, stellen später aber fest, dass der Begriff der Dialektik durchaus problematisch ist. Denn er unterstellt eine dialektische und vor allem kontrastive Beziehung zum Objektiven, die – im Unterschied etwa zum sehr beschränkten Konzept Searles (2012) – sowohl die Sozialwelt wie auch die von ihr behandelte und „gewusste“ Wirklichkeit umfasst. Vor allem aber führt der Begriff in einen merkwürdigen Zirkel, in den auch das Subjekt einbezogen ist (ausführlicher in Knoblauch 2005). Denn der dialektische Prozess entpuppt sich als analytisch-konstitutiver Aufbauprozess: Ein zunächst als vorsozial angenommenes handelndes Bewusstsein, das seine Intentionen (auch vermittelt durch den Körper) externalisiert und so objektiviert, dass eine Koordination mit Anderen möglich ist. Aus dieser Koordination entstehen Handlungsabläufe, die dank des zur Routinisierung fähigen Bewusstseins auf Dauer gestellt werden können. Sobald sie von Dritten adaptiert werden, gerinnen sie zu „objektiven“ Institutionen, deren Sinn nun gesondert „legitimiert“ werden muss. Die vormalig vorsozialen Subjekte finden sich nun in einer sozial objektivierten Welt, in die sie durch Internalisierung sozialisiert werden. Subjekt und Objekt bilden dabei keine Gegensätze, die sich aufheben, sondern eher zwei Momente eines Kreislaufes, der sich aber gerade am Subjekt auf eine merkwürdige Weise schließt: Das vorsoziale Subjekt ist, am Ende der Konstruktion, eine vollkommen sozialisierte „persönliche Identität“ oder, in den Worten von Mead (1964), ein „Selbst“. So plausibel dieser Kreis als Modell der Rekonstruktion dient, so macht er aber doch die Voraussetzung eines Subjektes vor der Konstruktion. Da aber das Subjekt schon immer in den Kreislauf verstrickt ist, da wir also, wie Luckmann (1973) es nennt, schon immer in einem „soziohistorischen Apriori“ leben, stellt sich die Frage, wie man denn von einem solchen vorsozialen Subjekt ausgehen kann.1 Eine Lösung auf dieses Problem wurde von Husserl formuliert, der den letzten Grund des Bewusstseins im transzendentalen Ego erkannte. Allerdings wirft die Annahme eines transzendentalen Egos die Frage auf, wie dieses selbst begründet werden kann. Da diese Frage in den unendlichen Regress führt, gilt auch das „absolute“ Begründungsprogramm Husserls als gescheitert.

1Diese

Frage stellt sich, wenn man den Prozess als dialektisch begreift, wie Simmel dies tut: „Nachdem die Synthese des Subjektiven das Objektive hervorgebracht, erzeugt nun die Synthese des Objektiven ein neueres und höheres Subjektives – wie die Persönlichkeit sich an den sozialen Kreis hingibt und sich in ihm verliert, um dann durch die individuelle Kreuzung der sozialen Kreise in ihr wieder ihre Eigenart zurückzugewinnen“ (Simmel 1992, S. 467).

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Eine zweite Lösung wird von Schütz vorgeschlagen, der eine mundanphänomenologische Analyse des handelnden Subjekts durchführt, um allgemeine Strukturen der Lebenswelt auszuweisen. Das Subjekt und sein Bewusstsein sind hier mit einer Reihe von Eigenschaften versehen, die sich aus der ‚mundanen Phänomenologie‘ ergeben, also der Methode der Introspektion, die Schütz durchgeführt hat. Da sich jedoch dieses Phänomenologie betreibende Subjekt – hier nun durchaus auch Schütz persönlich – in einer je spezifischen soziohistorischen Lebenswelt befindet, wird das Problem aufgeworfen, wie die zeit- und gesellschaftsspezifischen Merkmale, denen er ausgesetzt ist, verallgemeinert werden können. Analysiert Schütz nicht im Wesentlichen die Lebenswelt von Alfred Schütz (gerade auch angesichts der ungeklärten Methodologie der mundanen Phänomenologie)? Kann sie tatsächlich die Lebenswelt von Frauen, Nicht-Europäern oder Tieren angemessen erfassen, wie die Kritik vonseiten des Feminismus, des Postkolonialismus und der Postsozialität lautet? Wie schon andernorts (Knoblauch 2008) erläutert, müssen diese Fragen keineswegs bedeuten, das Programm einer lebensweltlichen Begründung aufzugeben. Vielmehr kann der Einbezug der verschiedenen Perspektiven zu einer Korrektur der Schütz’schen Lebensweltanalyse durch eine Art triangulierender Relationierung führen. Diese Relationierung erfordert zwar ein Subjekt als Bezugsgröße (sowohl des beschriebenen Gegenstandes wie auch der Beschreibung). Dabei sollte der Subjektbegriff jedoch sehr „dünn“, also voraussetzungsarm gehalten werden. Dafür gibt es mehrere Gründe: Zum einen ist der Prozess der Relationierung (etwa zwischen mir, den Lesenden und z. B. Schütz’ Texten) ebenso wie der der Beschreibung dessen, was relationiert wird, selbst kommunikativ. Während diese Form der Kommunikation Teil des Verfahrens der hier vertretenen Wissenschaft der Soziologie ist, darf man nicht ausschließen, dass Annahmen über das Subjekt diese Disziplin und die Kenntnisse der Lesenden überschreiten, etwa in Richtung auf die Psychologie, die Anthropologie oder die Philosophie. Zweitens zeigt sich schon wenige Jahrzehnte nach Schütz’ Analysen der Lebenswelt, dass einige ihrer als „universal“ angesehenen Strukturen möglicherweise sehr zeittypisch sind (Knoblauch 2017, S. 39 ff.). Will man den Begriff der Lebenswelt nicht aufgeben, müssen die „Strukturen“ der Lebenswelt mit einem anderen Subjektbegriff verbunden werden. Dieser Begriff ist nicht substanziell, sondern prozessual, indem er das Subjekt als Moment des kommunikativen Handelns, also als Subjektivität fasst. Subjekte entstehen erst aus dem kommunikativen Handeln. Darauf werden wir unten noch eingehen. Drittens ist diese Subjektivität dezentriert, indem sie Teil einer Relation ist. Das können wir nur andeuten, weil wir uns im folgenden Abschnitt drittens darauf konzentrieren wollen, dass diese Subjektivität lediglich formal bestimmt wird.

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3 Das Subjekt der kommunikativen Konstruktion In welchem Sinne können wir überhaupt von Subjekten sprechen? Diese Frage stellt sich aus guten Gründen, hatten wir doch hinführend das Problem der Relativität mit dem Subjekt verknüpft: In die Annahme eines ‚universalen‘, ‚abstrakten‘ oder sogar individuellen Subjekts gehen notwendig kulturspezifische, ethnozentrische, möglicherweise sogar idiosynkratische Elemente ein, die die daraus abgeleitete Sozialität entsprechend verzerren. Doch auch wenn ich nicht behaupten will, dass es keine Substanz des Subjekts gibt, scheinen keine gesicherten Hinweise darauf vorzuliegen, worin diese genau besteht. Gibt es spezifische und bestimmbare einheitliche Bedürfnisse, Handlungsantriebe, Charaktereigenschaften von Subjekten allgemein? Diese Frage lässt sich substanziell bekanntlich schwer beantworten. Daher will ich hier auch möglichst wenig substanzielle Annahmen über das Subjekt machen und die Erläuterungen auf die Subjektivität beschränken, die wir aus dem kommunikativen Handeln ableiten können. Diese Ableitung kann ich an einem mustergültigen Beispiel des kommunikativen Handelns illustrieren: dem Zeigen. Denn das Zeigen hat mit einem Phänomen zu tun, das schon Schütz als Austauschbarkeit der Standpunkte bezeichnete: „Ich setze“, so Schütz, selbstverständlich voraus, „dass mein Mitmensch und ich die gleichen Erfahrungen von der gemeinsamen Welt machen würden, wenn wir die Plätze austauschten, wenn sich also mein ‚Hier‘ in sein ‚Hier‘ und sein ‚Hier‘, für mich jetzt noch ein ‚Dort‘, in mein ‚Hier‘ verwandelte“ (Schütz 1971b, S. 365). Die Austauschbarkeit der Standpunkte ist eine der zentralen „Idealisierungen“ in Schütz’ Theorie der Intersubjektivität. Gerade die Analyse des Zeigens kann deswegen die Besonderheit der Subjektivität des kommunikativen Handelns deutlich machen. Denn Schütz betrachtet das Subjekt als räumlichen „Nullpunkt eines Koordinatensystems“. Er teilt diese Vorstellung mit einer klassischen Theorie des Zeigens, die Bühler (1982) formuliert hat. Was Schütz als „Hier“ bezeichnet, fasst Bühler etwas abstrakter als ‚haecceitas‘. Zeigen erklärt sich für Bühler subjektivistisch dadurch, dass es von diesem „Hier“ ausgeht. Schütz’ subjektiver „Nullpunkt des Koordinatensystems“ ist beim Zeigen das ‚Origo‘: Origo ist der identische Punkt, auf den alles, was gezeigt wird, bezogen ist, und dieses Origo ist für ihn das leibliche Subjekt, von dem aus die Deixis ausgehe.2

2Dies gilt, im übertragenen Sinne, auch für die sprachliche Deixis und für das, was Husserl Indexikalität nannte: Worte wie „ich“, „hier“ und „jetzt“ sind zwar Teil eines konventionalisierten Sprachsystems wie auch ihre Gegenbegriffe („du“, „dort“, „früher“), doch können sie nur aus ihrem Bezug auf die Situation, die Position und die Relation verstanden werden.

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An diesem subjektivistischen Modell hat Hanks (1996) deutliche Kritik geübt und eine relationale Vorstellung des Zeigens entwickelt. Er betont, dass der Fingerzeig nicht als solitäre Handlung gedacht werden kann, weil er sich keineswegs nur von dem subjektiven Standpunkt aus leiten lässt, aus dem er zeigt. Vielmehr besteht die ‚Kunst‘ des Zeigens gerade darin, dass die Zeigende an jemand Anderem orientiert ist: Sie richtet ihren Körper so aus, dass der Andere den Fingerzeig sehen kann, und sie richtet Finger und Hand so aus, dass die Richtung aus der Perspektive des Anderen sichtbar ist. Im Zeigen antizipiere ich demzufolge die Perspektive des Anderen und ich mache das Zeigen für Andere sichtbar. Diese Position ist zwar ein Bezugspunkt des Zeigens, aber nicht der einzige. In seiner Orientierung auf ein Drittes hat das Zeigen zwei weitere Bezugspunkte.3 Damit habe ich die Bedeutung der Relationalität des Zeigens hervorgehoben; zugleich aber macht das Beispiel auch eine Änderung dessen deutlich, was unter dem Standpunkt verstanden werden muss.4 Denn es geht beim Zeigen nicht nur um das, was Mead „Perspektivität“ nennt. Das Zeigen berücksichtigt im Handeln nicht nur den Standort der Anderen. In der Austauschbarkeit der Standpunkte muss es notwendig auch den eigenen Standpunkt bedenken, um richtig zeigen zu können: Wo es selbst steht, ist dafür relevant, wie es zeigt. Diesen Standpunkt bezeichnet die Positionalität. Positionalität meint hier aber keineswegs die einseitige Beziehung zwischen einem Subjekt und einem Objekt, wie sie im „origo“ zum Ausdruck kommt: Ein einzelner Mensch nimmt Dinge wahr.5 Im Zeigen wird auch deutlich, dass diese Positionalität nicht einfach in Relation auf das Ding (das gezeigt wird) zu verstehen ist, sondern in Beziehung auf andere, denen gezeigt wird oder die zeigen. Diese Positionalität ist keine Eigenschaft des Subjekts, sondern ein Moment des kommunikativen Handelns. Genauer ist es eines jener Momente, die die Subjektivität des Handelns ausmachen. Ohne diese Position macht weder das Zeigen noch das Sehen des Zeigens einen Sinn. Wir müssen hier also keine vorgängige Substanz des Subjekts annehmen; vielmehr ist das Subjekt Teil der Relation des Zeigens, also formal; und es ist prozessual, weil es sich im Prozess des Zeigens einstellt; wegen der Asymmetrie des Zeigens (wer

3Ricœur

(1991, S. 238) spricht deswegen auch von einem „co-positing“ zweier Subjekte. muss auch beachtet werden, dass sich der Begriff der „Perspektive“ stark an dem visuellen Aspekt der Sinnlichkeit festmacht, die schon für die Zeigende nur eine Modalität darstellt. Zur Perspektive vgl. Mead (1983). 5Der Begriff der „Positionalität“ wurde von Plessner geprägt und bezeichnet das eingeschränkte Verhältnis von höheren (in ihrer Biologie „zentralistisch organisierten“) Tieren zu den Gegenständen ihrer handelnden und wahrnehmenden Zuwendung (Plessner 1975). 4Es

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zeigt und wem gezeigt wird) sind die Subjekte jedoch nicht identisch, sondern zeichnen sich durch ihre jeweilige (relationale, prozessuale) Positionalität aus. Die Subjektivität liegt einmal in dieser Asymmetrie begründet, die mit der gerade beschriebenen Positionalität verbunden ist. Diese Positionalität ist keineswegs das einzige Moment der Subjektivität im kommunikativen Handeln. Schon die Körper und ihre Sinne weisen eine Asymmetrie auf: Das bloße Sehen des Zeigens unterscheidet sich deutlich vom kinästhetisch-visuellen Bewegen von Arm, Hand und Augen. Auch die Motive von Zeigen und Gezeigt werden sind in einer Weise asymmetrisch, die sich mit Schütz’ Unterscheidung zwischen dem „Weil-Motiv“ (ich schaue, weil mir gezeigt wird) und dem Um-zu-Motiv (Ich zeige, damit jemand schaut) beschreiben lässt. Ich kann dies jedoch hier nicht ausführen (Knoblauch 2017, S. 114 ff.). Mit der kurzen Illustration der Positionalität des Zeigens will ich lediglich anzeigen, was ich unter der Subjektivität des kommunikativen Handelns verstehen will. Subjektivität ist ein Moment, das Kommunikation zum kommunikativen Handeln macht. Das bedeutet indes nicht, dass wir im alltäglichen Handeln empirisch die Vorstellung von Subjekten, Individuen und Identitäten aufgeben müssen. Allerdings sind die empirischen Subjekte selbst Ergebnisse kommunikativer Konstruktionen, die sich aus der Subjektivität ableiten. Sie bildet den Kondensationskern der Subjektivierung, also dessen, was Identität, Person und Individuum genannt wird, wie die neuere Subjektivierungsforschung deutlich zeigt (Bosančić 2018).

4 Subjektivierung und kommunikatives Handeln Auch wenn wir nicht von besonderen Inhalten des Bewusstseins ausgehen, so erfordert Subjektivität doch zweifellos ein Bewusstsein. Allerdings ist dieses Bewusstsein nicht der Ausgangspunkt des kommunikativen Handelns oder auch nur des Handelns. Vielmehr gehe ich davon aus, dass sich das Bewusstsein im kommunikativen Handeln konstituiert. Das betont auch schon Mead, wenn er bemerkt: „We find no evidence for the prior existence of consciousness as something which brings about behavior on the part of one organism that is of such a sort as to call forth an adjustive response on the part of another organism, without itself being dependent on such behavior“ (Mead 1964, S. 131). Erst durch die Beteiligung am kommunikativen Handeln bildet sich das Bewusstsein aus. Kraft der Subjektivität stellt sich eine Differenz in der reziproken Perspektive ein, sodass sich Subjekte ausbilden können. Wir bezeichnen dies als Subjektivierung. Subjektivierung oder Subjektwerdung wird von Joas entspricht einer Art „Desozialisierungsprozess“ genannt (Joas 1989, S. 158): Das kommunikative

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Handeln wird aus seinem handelnden, relationalen und sozialen Kontext entbettet und verinnerlicht. Das kann man, mit Mead, am Beispiel des Denkens veranschaulichen: Das Denken besteht für Mead in „the importation of outer conversation, conversation of gestures with others, into the self in which the individual takes the role of others as well as his own role“ (Mead 1964, S. 42). Das Denken ist also eine nach innen verlegte Konversation, die ihren dialogischen Charakter verliert oder – als innere „Stimme des Gewissens“, mit der ich mich in den „inneren Dialog“ begebe – verlieren kann. Das Besondere dieser Subjektivierung besteht darin, dass nun auch der Verweis, der im kommunikativen Handeln wirkend vorgenommen wird, verinnerlicht werden kann und damit als Intentionalität erscheint. Diese Intentionalität ist allerdings keine Voraussetzung der Kommunikation, sondern eine Folge der Teilnahme am kommunikativen Handeln. Der relationale Aspekt des Handelns im Denken bleibt durch den Bezug zu anderen (Dingen und Handelnden) erhalten, ist aber nicht mehr sichtbar (und ‚wirkt‘ deshalb auch nicht mehr). Auf diese Weise ist das Subjekt weniger Teil des kommunikativen Handelns als vielmehr dessen Ergebnis. Die kommunikativen Handlungen und auch die sozialen Beziehungen, aus denen sie bestehen und die sie bedeuten, können durch weitere Vereinseitigung „Vorstellungen“, „Imaginationen“ und „Phantasien“ werden, aus denen das eigene Handeln seine Entwürfe schöpfen kann. Sie bilden ein Imaginarium des inneren Denkens und Raumes aus, das vom kommunikativen Handeln gefüllt ist und durch die Affektivität auch eine starke wertende und emotionale Besetzung erfährt. Man sieht hieran schon, dass „Desozialisierung“ eine unzureichende Bezeichnung ist, geht es bei der Subjektivierung nicht eigentlich darum, dass Subjekte aus der Relation herausfallen; vielmehr besteht die Subjektivierung in einer Verinnerlichung der Relation. Da Subjektivität formal schon etwa als Positionalität des kommunikativen Handelns auftritt, geht es bei der Subjektivierung jedoch nicht nur um eine Vereinseitigung des Sinns, sondern eher um eine Art der Vereinseitigung der Relation. Das Selbst ist die Relation, die nach „innen“ verlegt werden kann, sobald sich ein solches Innen im kommunikativen Handeln ausgebildet hat und verstetigt.6 Die Vereinseitigung erfolgt im Rahmen von Handlungssequenzen,

6Cooley

(1902) beschreibt das folgendermaßen: „As we see our face, figure, and dress in the glass, and are interested in them because they are ours, and pleased or otherwise with them according as they do or do not answer to what we should like them to be; so in imagination we perceive in another’s mind some thought of their appearance, manners, aims, deeds, character, friends, and so on, and are variously affected by it. A self idea of this sort seems to have three principal elements: the imagination if our appearance to the other person, the imagination of that appearance, and some sort of self-feeling, such as pride or mortification.“

Das Subjekt des kommunikativen Handelns, Subjektivität …

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aus denen sich Handeln, Motive und Strategien ableiten. Wir kommen darauf im Zusammenhang mit den Sequenzen zurück. Mit der Vereinseitigung der Relation nach innen – die Mead durch die Bezeichnungen „I“ und „Me“ fasst – kann sich auch ein Verständnis des Selbst ausbilden, sobald sich das Selbst als eine Relation versteht: Das Selbst wendet sich dann reflexiv auf sich selbst zu. Am augenfälligsten geschieht dies körperlich, wenn etwa die Teile des Körpers objektiviert werden.7 An dieser elementaren Subjektivierung schließen dann auch entwickeltere Formen der Selbsttechniken an, die den Umgang mit dem eigenen Körper ‚kultivieren‘. Die Subjektivierung aber erstreckt sich auch auf das sich ausbildende Bewusstsein. Dazu tragen diese Selbsttechniken bei, wie etwa das „Erkenne dich selbst“, die Selbstsorge oder die ‚aiskesis‘ bzw. „Arbeit an uns“. Dabei handelt es sich um „Verfahren […], die den Individuen angeboten und auferlegt werden, damit sie ihre Identität in Abhängigkeit von einer Reihe vorgegebener Zwecke und im Rahmen von Verhältnissen der Selbstbemeisterung und der Selbsterkenntnis fixieren, bewähren und verändern“ (Foucault 2009, S. 623).8 Mit dem Begriff der Identität können wir dann solche Formen der Subjektivierung bezeichnen, die auf eine Vereinheitlichung der verschiedenen „Stimmen“ bzw. „Rollen“ im kommunikativen Handeln zielen.9 Sie setzen die Reziprozität der Motive voraus und bilden

7Mead

(1964, S. 95) nennt das „the making of an individual an object to himself“. Hier ist die „Spiegelphase“ zu nennen (Lacan 1973), aber auch die von der Psychoanalyse herausgestellten Handlungen, in denen Kleinkinder ihren Körper, dessen Teile und Ausstöße zum Gegenstand machen. 8Die Selbstsorge ist eine (a) Haltung, sie ist (b) eine Form der Aufmerksamkeit, sie umfasst (c) eine Reihe von Handlungen, die auf sich selbst gerichtet sind, wie Meditationstechniken, Techniken der Erinnerung, Techniken der Gewissensprüfung, der Überprüfung von Vorstellungen usw. Technologien der Subjektkonstruktion sind das Für-sich-selbst-Sorgen, Selbstbeherrschung, Selbsthermeneutik, Diätetik und die Ästhetisierung der eigenen Existenz (Foucault 1988). 9Der Begriff der Identität ist aus der Freud’schen Psychoanalyse, in der soziologischen Tradition vor allem aus der Mead’schen Sozialpsychologie abgeleitet, die zwischen einem vorsozialen „I“ und einem sozialen „Me“ unterscheidet. Sie geht konzeptionell davon aus, dass beide Aspekte in eine Identität integriert werden, die zwar der Form nach das „Ich“ Freuds parallelisiert, bei Mead aber nicht ein Gebilde aus Zwängen und Verdrängungen ist, sondern den Anforderungen an eine demokratische Persönlichkeit entspricht, die Eigenes im Rahmen des Gemeinschaftlichen vertritt. Der Begriff der Identität spielt eine zentrale Rolle im symbolischen Interaktionismus, er wird von Habermas und der kritischen Theorie als grundlegend angesehen, tritt aber auch in der Theorie der gesellschaftlichen Konstruktion der Wirklichkeit an zentraler Stelle auf, und er wird auch von Berger wie von Luckmann immer wieder behandelt, auf Sprache, Religion und die moderne Gesellschaft bezogen und weiterentwickelt.

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sich erst in den Sequenzen des kommunikativen Handelns aus, wie sie etwa die primäre Sozialisation bestimmen. Sie sind gesellschaftlich stark geprägt, wie etwa die besondere, aber auch sehr offene Form des modernen Individuums mit dem für es zentralen freien Willen.10 Identitäten müssen sich nicht auf dyadische Beziehungen beschränken – wie die Relation auch nur immer das einfachste Beispiel für das Soziale ist. So hat die Psychoanalyse immer wieder betont, dass sich die Vereinseitigung – im Rahmen der Institution der bürgerlichen Familie – auch auf eine Dreierkonstellation beziehen kann: Die Relation von Vater, Mutter und Kind vereinseitigt sich demnach in die inneren Rollen von „Ich“, „Es“ und „Über-Ich“. Vereinseitigungen können sich aber auch auf kollektive Identitäten beziehen, wenn diese in einer halbwegs einheitlichen Weise kommunikativ auftreten oder kommuniziert werden. Diese Kommunikation kann körperlich in der schieren körperlichen Präsenz eines Kollektivs (etwa bei Versammlungen, Demonstrationen oder auch in der ‚kollektiven Efferveszenz‘ (Durkheim 1981) gemeinsamer Rituale stattfinden. Die Kommunikation kann sich durch eine besondere Sinnlichkeit und Affektivität auszeichnen, wenn etwa die leibkörperliche Stimme im Chor konsonanter Töne so aufgeht, dass selbst die subjektive Wahrnehmung keine Differenz mehr vernimmt. Kollektive können in Form von Symbolen repräsentiert werden oder auch durch eine mehr oder weniger gemeinsame Sprache, wenn sie etwa das ‚Wir‘ vom ‚Ihr‘ scheidet.

5 Doppelte Subjektivierung in der Kommunikationsgesellschaft Stellt Subjektivität eine Voraussetzung für das dar, was wir als Sozialität bezeichnen, also den Gegenstandsbereich der Sozialwissenschaften, so kann die Subjektivierung die Ausbildung von Handelnden, Rollen und kollektiven Identitäten erklären, ohne die Gesellschaften empirisch nicht bestehen können. Die Begriffe sind notwendig so allgemein gehalten, weil sie sich auf verschiedene Arten von Gesellschaften beziehen können müssen – seien es einfache Hordengesellschaften oder moderne Industriegesellschaften. Weil wir uns in diesem Band aber mit den gegenwärtigen Prozessen der Mediatisierung beschäftigen, will ich mich abschließend der besonderen Form der Subjektivierung zuwenden, die damit verbunden ist. Ich will sie als doppelte Subjektivierung kurz umreißen,

10Zur

historischen Entwicklung der individualistischen Identität vgl. Abels (1998).

Das Subjekt des kommunikativen Handelns, Subjektivität …

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muss dazu allerdings auf eine Erläuterung der Prozesse der Mediatisierung verzichten, die mit ihnen verbunden sind und die Gegenstand der anderen Beiträge dieses Bandes sind. Weil wir unser Verständnis der Mediatisierung andernorts ausführlich dargestellt haben, mag hier der Hinweis genügen, dass ich Mediatisierung als einen durchgängigen gesellschaftlichen Prozess der Veränderung körperlicher, technischer und dinglicher Vermittlungen kommunikativer Handlungen ansehe. Die besonderen Züge der gegenwärtigen Mediatisierung erblicken wir in der Digitalisierung dieser Vermittlung, ihrer Inter- und Intraaktivierung und der zunehmenden materialen Produktivität dieser „Kommunikationsarbeit“ (Knoblauch 2017, S. 319 ff.). Ich will diese Form der Mediatisierung unter dem Begriff der Kommunikativierung zusammenfassen und mich hier auf seine Folgen für die Subjektivierung beschränken. Ich möchte diese Änderungen als doppelte Subjektivierung beschreiben, weil sie zwei Seiten aufweist. Auf der einen Seite wird das Subjekt durch die Kommunikativierung öffentlich. Auf der anderen Seite kommt es zu einer verstärkten Verinnerlichung des Handelns in dem, was ich Veraktung nennen möchte. Die doppelte Verbindung dieser Subjektivierung mit der Kommunikativierung wird von Castells unterstrichen, der sie auf den Begriff der „massenhaften Selbstkommunikation“ bringt. Der Bezug auf die „Masse“ ist dabei etwas irreführend, denn das Subjekt dieser Kommunikativierung geht ja gerade nicht in der Masse auf. Es wird vielmehr identifiziert und identifizierbar gemacht, denn das kommunikative Handeln ist hochgradig auf das einzelne Subjekt ausgerichtet. Um eine „Self-Communication“ handelt es sich, weil diese zugleich vom Subjekt ausgeht: „the production of messages is self-generated, the potential receiver self-directed, and content retrieval self-selected“ (Castells 2009, S. 55). Castells spricht daher auch geradezu paradox von „kommunikativen Subjekten“ (Castells 2009, S. 136). Dieses Paradox findet seine Entsprechung in dem veränderten Verhältnis von Privatheit und Öffentlichkeit, das als „persönliche Öffentlichkeit“ (Schmidt 2012) bezeichnet wird:11 Die Subjektivierung wird in Öffentlichkeiten vollzogen, die kommunikativ keine klare Grenze zu einer Privatsphäre kennen. Daraus ergeben sich nicht nur eine Veröffentlichung der Aufmerksamkeit und eine eigene „Ökonomie der Aufmerksamkeit“. Daraus ergeben sich auch immer mehr Probleme mit der juristischen Vorstellung des „Privaten“ und des Subjekts. Die durch die Kommunikativierung und ihre technologisch ermöglichte Dauerobjektivationen

11Es

kommt dadurch zur Doppeldeutigkeit des Begriffs der Privatheit, die auch als „privacy paradox“ bezeichnet wird: Der Schutz der Privatsphäre gilt als selbstverständlich gültige Norm, die jedoch durch die (eigene) Praxis immer wieder gebrochen wird.

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betriebene Veröffentlichung schließt die Veröffentlichung von Problemen der Gesichtswahrung mit ein, wie sie Goffman (1967) für die Face-to-Face-Interaktion beschrieben hatte: Stigmatisierung, Internet-Mobbing oder „personalisierte Shitstorms“, die unter massenmedialen Bedingungen lediglich bei „Celebrities“ gängig waren, können nun jedes Subjekt ereilen. In der Tat lässt sich die Veröffentlichung des Subjektiven schon im Zuge der (neoliberal begründeten) Pluralisierung der Massenmedien beobachten, wie etwa in den „Bekenntnis-Shows“ der 1990er Jahre (Imhof und Schulz 1998). Während die Massenmedien allerdings Einzelne nur repräsentativ für alle anderen darstellten, kann sich jedes Subjekt durch die Kommunikativierung zum zentralen Thema der Kommunikation machen. Angefangen von der Selbstdarstellung in verschiedensten Formaten (Homepage, Facebook-Eintrag, digitale Fotopinnwand oder YouTubes „Broadcast Yourself“) bis zum Lifeblogging geht es auch bei der Kommunikativierung um eine Repräsentation des Selbst (Eisewicht und Grenz 2017). Neben der „privaten Öffentlichkeit“ kommt es zur Ausbildung neuer Öffentlichkeitsformen, wie etwa den „networked publics“ (Boyd 2010). In ihrer Zentrierung auf das Subjekt bilden sie häufig Umformungen der sozialen Beziehungen, die einst Freundschaften, Bekanntschaften oder Kollegialverhältnisse waren, sich nun aber translokal ausweiten. Es handelt sich hier nicht mehr um traditionale Beziehungen oder um formale Mitgliedschaften, sondern um Formen der „Zugehörigkeit“ bzw. des „belonging“, die sich durch ihre affektive Besetzung auszeichnen. Dieses „Zugehörigkeitsgefühl“ kann sich mit sozialen Strukturen und Institutionen (etwa Universitäten) verbinden und auch auf Kollektive erstrecken, in denen Subjekte handeln oder in die sie diskursiv verstrickt sind (wie etwa Migrationsgruppen, Fangemeinschaften und andere „Communities“ (Pfaff-Czarnecka 2011). Selbst die „Peergroups“ der jugendlichen Sozialisation werden nun mediatisiert und finden sich in Chats, Internet-Spielgemeinschaften und anderen Communities. Ihren subjektiven Charakter beziehen diese Netzwerke daraus, dass sie – im Rahmen der Zugänglichkeiten – vom Subjekt selegiert werden und deswegen subjektiven Relevanzkriterien folgen können. So können sich eigene „kleine Lebenswelten“ in mediatisierten Formen einstellen, in denen die selegierte „Netzwerköffentlichkeit“ „Echo-Kammern“ ausbildet oder als „Tele-Cocon“ für besondere und hochgradig individualisierte Subjektivierungen dient (Ito 2008, S. 10).12 So können sich etwa Anorektikerinnen, die lange Zeit als subjektivierte Zuschreibungen medizinischer Therapien lediglich institutionell definiert wurden,

12Zu

den kleinen Lebenswelten vgl. Honer (2011).

Das Subjekt des kommunikativen Handelns, Subjektivität …

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nun als eigenständige Subjekte begreifen, die sich ihre eigenen Kreise schaffen und danach ihre Ernährung, Kosmetik und Körpergestaltung ausrichten (Traue und Schünzel 2014). Diese Aktivierung der mediatisierten Subjekte wird vor allem im Vergleich zu den Massenmedien deutlich: Es hat sehr lange gedauert, bis deren Rezeption als Handeln erkannt wurde, doch beschränkte sich diese Rezeption, wie schon erwähnt, weitgehend auf die „Aneignung“ und Decodierung dessen, was als Objektivation formal und inhaltlich schon von spezialisierten Institutionen produziert worden war. Die gegenwärtige Kommunikativierung führt zu einer intensiveren Aktivierung der Subjekte, die ihren Ausdruck in der genannten „Selbstdarstellung“ findet. Sie ist nicht nur beiläufig und situativ flüchtig, sondern wird zu einer medialen Performanz. Die wachsende Rolle der Performanz ist, wie gesagt, schon in der Zeit der Liberalisierung der Massenmedien aufgetreten.13 Die Kommunikativierung weist darüber hinaus eine Subjektivierungstendenz auf, wie sie schon im „Personal Computer“ zum Ausdruck kommt: Das Subjekt ist leibkörperlich mit den Medien verbunden und wirkt – sei es durch Tippen, durch das Aussprechen von Worten (bei Systemen mit interaktiver Spracherkennung), möglicherweise aber auch nur durch automatisch erkannte Augenbewegung (bei körperlich schwer Behinderten) oder gar einer Hirnanspannung bei Bewegungslosen. Was die Kommunikativierung der herkömmlichen Form theatraler oder dramaturgischer Performanz hinzufügt, ist der wirkende Aspekt der Performativität: Insbesondere die Interaktivität der Kommunikationstechnologien verleiht den mediatisierten Handlungen eine Wirkmacht. Sie produziert Objektivationen, auch wenn diese nur aus (veröffentlichten) Fotografien, Videos und Twittertexten bestehen mögen, und sie löst damit dauerhafte sequenzielle Folgehandlungen aus, auch wenn diese nur als Überweisung im Internetbanking vollzogen werden. Entscheidend an dieser Performativität ist, dass sie sich nicht allein der Kommunikationsmacht der Worte verdankt und dann von Kassierern oder anderen Menschen, mit denen gesprochen wird, „in die Tat“ umgesetzt wird. Kraft der Mediation wird sie durch die Subjekte selbst vollzogen, indem diese nun Objektivationen erzeugen, wann immer sie etwas tun. Die mediatisierten kommunikativen Handlungen werden nun zu diskreten Einheiten, die Akt-Strukturen annehmen. Sie heißen in der Computersprache nicht zufällig „Befehle“, denn sie machen die kommunikativen Handlungen zu Wirkakten mit

13Willems

(1998) hat dies in seiner Diagnose der „Inszenierungsgesellschaft“ hervorgehoben; Kershaw (1996) spricht explizit von einer „performative society“: „the mediatisation of developed societies disperses the theatrical by inserting performance into everyday life“.

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eindeutigen Erzeugnissen, die als Datum im Speicher einer potenziellen Öffentlichkeit stehen. Die Kommunikativierung führt so zu einer Veraktung: Sie erzeugt eine Ein- und Abgrenzung von Handlungen, wie sie immer schon mit „Sprechakten“ analytisch verbunden war. Jeder „Befehl“, jedes „item“, jeder „move“ lässt sich nun als Einheit fassen und bewerten. Dieser Veraktung entspricht ein Subjekt, das nicht nur (ähnlich dem „Sprechakt“) objektivierte „Intentionen“ hat, die im technisch objektivierten Akt zum Ausdruck kommen. Die Kommunikativierung erzeugt also nicht nur ein öffentlich performatives Außen, sondern auch ein objektiviertes Innen. Wegen seiner hohen Performativität weist dieses Innen wenig von dem auf, was die Romantik oder was die Psychoanalyse wortreich mit einer lediglich symbolisch beschreibbaren Seele ausgestattet hat. Es besteht stattdessen aus den objektivierten Akten und den Entscheidungen. Es erscheint für diese Entscheidungen im wortwörtlichen Sinn „verantwortlich“ zu zeichnen, weil das kommunikative Handeln dank der technischen Vermittlung wie ein vorsoziales einseitiges Handeln erscheint.14 Die Verantwortung für die Akte übernimmt jedoch nicht die allgemeine „Vernunft“ in der „rationalen Wahl“. Vielmehr zeigt sich das Selbst erst in den Wahlen, die das Subjekt trifft und die es mit seiner performativen Seite so zur Deckung bringen muss, dass es sich „authentisch“ fühlt. Dieses authentische Subjekt zerfällt dennoch nicht in eine postmoderne, beliebig mit den Kontexten wechselnde „proteische“ Identität, und ob es eine „Singularität“ (Reckwitz 2017) ist, die sich vom Individuum unterscheidet, bleibt abzuwarten. Weil und sofern es fortwährend adressiert wird, affiziert wird und selbst wirkend seine objektivierten Spuren hinterlässt, kann es als dauernder Bezugspunkt des mediatisierten kommunikativen Handelns eine Konstanz gewinnen, die, wie alles Subjektive, auf andere bezogen und an das Soziale gebunden bleibt (Hitzler 1991).

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14Dies

wird natürlich durch die rechtlichen Regelungen der Verantwortlichkeit für die mediatisierten Akte durch Kaufverträge, personalisierte E-Mail-Accounts u. a. gesichert.

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Von der sozialen Interaktion zur digitalen Vernetzung: Prozesse der Mediatisierung und die Transformationen des Selbst Rainer Winter

Zusammenfassung

In der Tradition des Pragmatismus und des Symbolischen Interaktionismus konstituiert sich das Selbst in der sozialen Interaktion. Nach einer Darstellung dieses Zusammenhangs untersucht der Beitrag die Folgen der audiovisuellen Mediatisierung in den letzten Jahrzehnten des 20. Jahrhunderts und die Implikationen der digitalen Mediatisierung im 21. Jahrhundert für das Selbst, das durch diese Entwicklungen infrage gestellt wird. Es wird gezeigt, dass es zu medial bedingten Transformationen des Selbst kommt. Dennoch hat es weiterhin eine wichtige Bedeutung für die Initiierung von kreativen Prozessen und für die Möglichkeit von Emanzipation. Schlüsselwörter

Audiovisuelle Mediatisierung · Digitale Mediatisierung · Kultur der Simulation · Postmoderne · Soziales Selbst · Soziale Interaktion · Virtuelles Selbst · Virtuelle Transparenz

R. Winter (*)  Institut für Medien- und Kommunikationswissenschaft, Alpen-Adria Universität Klagenfurt, Klagenfurt, Österreich E-Mail: [email protected] © Springer Fachmedien Wiesbaden GmbH, ein Teil von Springer Nature 2019 P. Gentzel et al. (Hrsg.), Das vergessene Subjekt, Medien • Kultur • Kommunikation, https://doi.org/10.1007/978-3-658-23936-7_4

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1 Einleitung Ein zentrales Anliegen der Mediensoziologie ist es, die unumstößlichen und nicht rückgängig machbaren Veränderungen der kulturellen und sozialen Welten durch Medien zu analysieren. Mediensoziologie ist keine Bindestrichsoziologie, die sich nur mit soziologischen Aspekten der Medien beschäftigt (Waisbord 2014; ­Hoffmann und Winter 2018). Vielmehr möchte sie einen Beitrag zu einem tieferen Verständnis der Gegenwart leisten. Sie möchte die Gefahren und Möglichkeiten in einer gesellschaftlichen Situation ausloten, in der Medien allgegenwärtig sind (Featherstone 2009). So kann z. B. die Untersuchung der Mediengeschichte zeigen, wie Medien zur kulturellen und sozialen Differenzierung beigetragen haben, die die heutigen Gesellschaften auszeichnet, auch wenn Phänomene der Entdifferenzierung nicht zu übersehen sind (Winter und Eckert 1990). Sehr deutlich werden die durch Medien bedingten Transformationen durch die Prozesse der Digitalisierung in den letzten zwanzig Jahren. Es ist sicherlich nicht übertrieben zu konstatieren, dass sich ähnlich wie durch Schrift und Buchdruck eine radikale Veränderung der Kommunikationsbedingungen und -verhältnisse ereignet hat. Diese gehen so weit, dass das Soziale selbst sich verändert. Immer mehr erscheint es als eine Dimension der technologischen Welten (Lash 2002; Faßler 2009, 2014). Die digitale Epoche bringt neue kulturelle, soziale und politische Konstellationen hervor. So wird z. B. das Erstarken von Rechtspopulismus, Rassismus und Hass durch digitale Medien getragen und verbreitet, aber auch soziale Bewegungen, die für Gleichheit und Demokratie eintreten, nutzen die digitalen Medien für ihre Zwecke (Winter 2010; Castells 2012; Mason 2012). Auch unsere Beziehungen, unsere Gemeinschaften und unser Selbstverständnis haben sich dramatisch verändert. Es ist die wichtige Aufgabe der Mediensoziologie, diese noch wenig begriffenen und erfassten Transformationen im Kontext der (spät)kapitalistischen Gesellschaft zu erforschen. Vor allem geht es ihr darum, den Anteil der (digitalen) Medien an diesen Prozessen zu bestimmen. Insbesondere Friedrich Krotz (2001, 2007, S. 30) hat vorgeschlagen, den Begriff der Mediatisierung in der Kommunikationswissenschaft systematisch zu verwenden, um die Prozesse medialen Wandels zu erfassen, die im Zusammenhang mit Veränderungen im Verhältnis von Alltag, Identität, Kultur und Gesellschaft zu betrachten sind. In seiner Lesart ist Mediatisierung – wie z. B. auch die Globalisierung oder die Individualisierung – ein Metaprozess (Krotz 2007, S. 40), der begrifflich bestimmt und empirisch erforscht werden muss. Nur in analytischer Perspektive lässt er sich von den anderen Metaprozessen trennen, die die heutige gesellschaftliche Dynamik bestimmen. Er betrifft nicht nur die Transformationen in Kultur und Gesellschaft, sondern auch die von Institutionen und Organisationen, sowie „die Veränderungen im sozialen und kommunikativen Handeln der Menschen“ (Krotz 2007, S. 38).

Von der sozialen Interaktion …

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Im vorliegenden Buch wird diese kommunikationswissenschaftliche Perspektive erweitert, indem der Zusammenhang von Mediatisierung und Subjekt ins Zentrum der Betrachtung gerückt wird. Hiermit werden (sozial-)psychologische und soziologische Perspektiven wichtig, die das Subjekt, konzipiert als Selbst oder Identität, schon immer im Blick haben oder sogar auf dieses fokussiert sind. So wurde in der pragmatistischen Tradition das Selbst (‚self‘) von Anfang an als empirisch verankert verstanden. Es entwickelt sich in sozialen Interaktionen. Während Philosophen oft ein zeitloses und stabiles Selbst entwarfen, verändert sich das Selbst nach Auffassung des Pragmatismus durch die s­ ozialen Reaktionen und Erwartungen der anderen. In diesem dynamischen Prozess handelt das Individuum aktiv und kreativ. Das Selbst reflektiert und reagiert auf die sozialen Anforderungen der Kontexte, in die es eingebunden ist. Für Mead (1967, S. 140) ist es „essentially a social structure, and it arises in social experience“. Auch wenn sich das Selbst in sozialen Interaktionen entwickelt, bleibt es gleichwohl im Individuum verankert. Diese sozialpsychologische Einsicht eines interpretativ orientierten Interaktionismus, die die Sozialisationstheorie prägt und auch in der klinischen Entwicklungspsychologie sehr wichtig geworden ist (­Edelstein und Keller 1982; Selman 1984), wird leitend für die folgende Untersuchung des Zusammenhangs von Mediatisierung und Bildung des Selbst sein.1 Zunächst werden wir einige wichtige Merkmale der sozialen Konstitution des Selbst in der Tradition des Pragmatismus herausarbeiten (Abschn. 2). Dann werden wir untersuchen, wie die Mediatisierungsschübe im späten 20. und im 21. Jahrhundert, die durch audiovisuelle (Abschn. 3) und digitale (Abschn. 4) Medien bestimmt werden, einen entscheidenden Einfluss auf die Bildung des Selbst haben. Vor allem Jean Baudrillard hat den prägenden Einfluss und die

1In der Theorie der Subjektkulturen, die Andreas Reckwitz entwickelt hat, lokalisiert er Meads Sozialpsychologie in der „post-bürgerlichen Subjektkultur“ (Reckwitz 2006, S. 413). Sie sei von einem „Code des Sozialen“ geprägt, der die Differenz von Individuum und Gesellschaft aufheben würde. „[…] vielmehr gewinnt das nach-bürgerliche Subjekt seine Identität erst in der Zugehörigkeit zur gruppenförmigen Sozialität“ (Reckwitz 2006, S. 413). Was an Mead fasziniert, ist aber gerade, dass er zeigen kann, dass sich menschliche Individualität nur in sozialen Interaktionen entwickeln kann. Wenn die kommunikativen Funktionen und die Reflexionsfähigkeit durch vielfältige soziale Beziehungen voll entfaltet sind, kann sie sich auch von sozialen Zwängen distanzieren, postkonventionell und nonkonformistisch ­agieren. Diese empirische Einsicht der Entwicklungspsychologie (Noam und Kegan 1982) entgeht dem Theoretiker Reckwitz, der wie Arnold Gehlen (1957) an der transformativen Kraft und dem Eigenwert gelungener gesellschaftlicher Subjektivierung kein (großes) Interesse zu haben scheint.

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zentrale Bedeutung der postmodernen Bilderwelt zum Thema gemacht. Er ist der Auffassung, dass nicht nur das Reale verschwindet, sondern auch das Selbst in der medial konstituierten Hyperrealität der Gegenwart als Zentrum des Handelns obsolet wird (Abschn. 3.1). Anschließend werden wir diese pessimistische Diagnose mit sozialpsychologischen Befunden konfrontieren. Hierzu werden wir die unter diesen Bedingungen auftretende soziale Sättigung („social saturation“) näher betrachten, die durch die ubiquitäre Verfügbarkeit von Kommunikationstechnologien hervorgebracht wird. Sie wurde schon früh von Kenneth Gergen eingehend analysiert (Abschn. 3.2). Dann werden wir die Baudrillards Diagnose gegenüber skeptische Perspektive vertiefen, indem wir den Einfluss des Films in der Postmoderne näher betrachten, der insbesondere von Norman Denzin, einem der wichtigsten heutigen Vertreter des Symbolischen Interaktionismus, untersucht wurde (Abschn. 3.3). Schließlich wenden wir uns den Folgen der digitalen Mediatisierung für die Bildung des Selbst zu (Abschn. 4). Den wegweisenden Arbeiten der psychoanalytisch geschulten Psychologin Sherry Turkle, die schon in den 1980er-Jahren eine Pionierin auf diesem Gebiet war, kommt dabei eine wichtige Bedeutung zu, weil sie an vielen Beispielen die Folgen der Digitalisierung für die Bildung des Selbst herausgearbeitet hat (Abschn. 4.1). Eine Diskussion des von Bernard Harcourt, dem Direktor des Columbia Center for Contemporary Critical Thought, entwickelten Konzepts der „expository society“ vertieft die Ergebnisse ihrer Studien durch die Analyse der digitalen Machtverhältnisse und der Herausbildung eines transparenten digitalen Selbst (Abschn. 4.2). In einer Schlussbetrachtung plädieren wir mit dem Psychoanalytiker Félix Guattari dafür, auch im digitalen Zeitalter Emanzipation und Subjektivierung zusammenzudenken. Hierfür ist sowohl theoretische als auch empirische Arbeit erforderlich (Abschn. 5).

2 Die soziale Konstitution des Selbst in der Tradition des Pragmatismus und des Symbolischen Interaktionismus Es war ein wichtiges Anliegen der pragmatistischen Philosophie, das soziale Selbst nicht transzendental wie in der Tradition von Descartes2 zu bestimmen, sondern mundan zu verankern. Das Selbst gewinnt in den alltäglichen Lebenszusammenhängen gewöhnlicher Individuen Gestalt. Pointiert wird dies in der

2Für

Descartes in seinen philosophischen Reflexionen ist das „cogito“ eine kognitive Entität, die sich in den Denkprozessen ausdrückt. Es ermöglicht, die (soziale) Welt zu beobachten, bleibt aber von ihr getrennt und ist entkörperlicht.

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an der Empirie orientierten Auffassung von William James deutlich, die auch Cooley und Mead teilen. „Properly speaking, a man has as many social selves as there are individuals who recognize him and carry an image of him in their mind“ (James 1961, S. 46). Ein soziales Selbst hat keine universale Gestalt, sondern formiert sich erst auf unterschiedliche Weise in lokalen Kontexten der Interaktion. Es existiert nicht als stabile Entität an sich, sondern es sind die sozialen Beziehungen, die ihm Form und Kohärenz geben. Mead (1967) schließt hier an. Das Selbst ist ein soziales Objekt, das in kommunikativen Prozessen entsteht, wenn diese reflexiv werden. Dies kann in Prozessen der Imagination oder des Nachdenkens erfolgen, wie dies bereits Charles H. Cooley (1964), wenn auch eher durch seine phänomenologische Perspektive subjektivistisch orientiert, gezeigt hat, oder in der symbolischen und reflexiven Interaktion mit anderen, deren Perspektive übernommen wird, um die eigenen Handlungen zu beurteilen. „Die Identität, die der Identität anderer bewusst gegenübersteht, wird also ein Objekt, ein Anderer für sich selbst, allein durch die Tatsache, dass sie sich sprechen und antworten hört“ (Mead 1980a, S. 245). Für Mead (1967, S. 135 ff.) wird diese menschliche Fähigkeit zur Koordination von Perspektiven zur Grundlage des „self-consciousness“, dem Kern des Selbst, den er als aus der sozialen Erfahrung hervorgehende innere Repräsentation der äußeren Konversation mit signifikanten Gesten bzw. der Reaktionen der anderen auf uns begreift. Zu Beginn der Adoleszenz entwickelt das Individuum dann im „Spiel“ ein Verständnis der Organisiertheit von Gruppen bzw. der Gesellschaft, was Mead (1967, S. 154 ff.) die Perspektive des „generalisierten Anderen“ nennt. In reflexiver Auseinandersetzung setzt es die Kommunikation der Gruppe oder der Gesellschaft in seinem Innern fort. So entwickelt sich das Selbst als eine soziale Struktur im Prozess der gesellschaftlichen Koordinierung, wie es in der Entwicklungspsychologie empirisch belegt wurde (Selman 1984, S. 34). Wie James hält Mead fest, dass die regelhafte Strukturiertheit unterschiedlicher sozialer Kontexte auch verschiedene Formen von Selbst hervorbringt. We carry on a whole series of different relationships to different people. We are one thing to one man and another thing to another. There are parts of the self which exist only for the self in relationship to itself. […] It is the social process itself that is responsible for the appearance of the self; it is not there as a self apart from this type of experience (Mead 1967, S. 142).

Die Vorstellungen (‚me‘), die sich das Individuum von den Bildern, die wichtige Bezugspersonen von ihm haben, macht, können in Auseinandersetzung mit seinem ‚I‘, seiner Triebausstattung, zu einer homogenen Selbstauffassung synthetisiert werden, zu einem ‚self‘ bzw. einer Ich-Identität (Joas 1980, S. 117). Mead ist also

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der Auffassung, dass die menschliche Natur selbst in gesellschaftlichen Prozessen hervorgebracht wird (Joas 1980, S. 112). Herbert Blumer (1969), ein Schüler von Mead, entwickelte auf der Grundlage von dessen Werk den Symbolischen Interaktionismus, der zu einer Bewegung innerhalb der Soziologie (Keller 2012) und auch in der Sozialpsychologie wichtig wurde. Er stellte ins Zentrum seiner programmatischen Überlegungen, wie Individuen Bedeutungen konstruieren, wenn sie miteinander interagieren. „Dinge“ wie z. B. physische Objekte, aber auch Menschen, soziale Rollen oder Institutionen beeinflussen das Handeln von Individuen, weil sie eine spezifische Bedeutung für sie haben. „Thus, symbolic interactionism sees meanings as social products, as creations that are formed in and through the defining activities of people as they interact“ (Blumer 1969, S. 5). Eingebunden in kulturelle Orientierungen und soziale Organisationen, sind Individuen dennoch aktiv und kreativ Handelnde, die bedeutungsvolle soziale Welten hervorbringen, die sie wiederum gestalten und verändern. Auch das Selbst ist nach Blumer (1969, S. 13), der Mead folgt, ein ‚Ding‘, das aus der sozialen Interaktion hervorgeht. Ein Individuum lernt, sich von außen zu betrachten, indem es die Position der anderen ihm gegenüber imaginiert. Da es ein soziales Selbst hat, lernt es auch, mit sich selbst zu interagieren. Hierfür sind Selbstgespräche, in denen verschiedene Positionen eingenommen werden, ein Beispiel. Auch sie stellen eine Form sozialer Interaktion dar (Blumer 1969, S. 13). Für Blumer (1969, S. 48 f.) ist der Symbolische Interaktionismus eine empirische Wissenschaft. Das Selbst soll in den sozialen Kontexten erforscht werden, in denen es handelt und Bedeutungen schafft. Der Prozess der Kreation von Bedeutungen ist in sozialen Interaktionen nie abgeschlossen. Deshalb soll auf der Basis empirischer Forschung beschrieben werden, wie Individuen bestimmen bzw. neu festlegen, was für sie von Bedeutung ist. Auch das Selbst ist nicht stabil oder feststehend, sondern ein prozesshaftes Geschehen. Erving Goffman, der in der Tradition von Mead steht, aber einen eigenständigen Ansatz innerhalb der interpretativen Soziologie entwickelt hat, hat die Auffassungen von Blumer differenziert und vertieft. Seine Studien verknüpfen naturalistische und ethnografische Forschung mit der Verwendung von Metaphern, um die Beobachtungen und Beschreibungen der sozialen Welt miteinander vergleichen und systematisieren zu können. Goffman (1994) identifiziert in seinen Studien eine Interaktionsordnung, der sein Hauptinteresse gilt. Regeln und Normen, die in kognitiven Rahmen verankert sind, mit denen wir soziale Situationen wahrnehmen und uns in ihnen zurechtfinden, strukturieren und ordnen Handlungen (Goffman 1977). Goffman (1977, S. 55 ff.) legt Wert darauf, dass diese Rahmen transformiert werden können. Er betont die Kontingenzen in sozialen Situationen, die modulierenden Umstände, die einen wichtigen Einfluss auf die Konstitution des sozialen Selbst haben können.

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Wenn wir das Selbst analysieren, werden wir also von seinem Besitzer, von der ­Person, die am meisten dabei zu gewinnen oder verlieren hat, weggezogen […]. Es gibt immer eine Hinterbühne mit Geräten, in der der Körper sich formen kann, und eine Vorderbühne mit feststehenden Requisiten. Es gibt immer ein Ensemble von ­Personen […] (Goffman 1969, S. 231).

In der Lesart von Goffman ist das soziale Selbst ein dramaturgisches Selbst, ein Selbst, das sich auf unterschiedlichen Bühnen präsentiert und inszeniert. Für seine gelingende Selbstdarstellung ist es auf Mithilfe angewiesen. In alltäglichen Interaktionsordnungen wird es erschaffen. Es ist deren Produkt und „trägt in allen seinen Teilen die Spuren dieser Entstehung“ (Goffman 1969, S. 231). Wie James hebt Goffman (1977) immer wieder hervor, dass unterschiedliche Rahmen auch unterschiedliche Formen von Selbst hervorbringen. Die bisherigen Ausführungen haben deutlich gemacht, dass in der Tradition des Pragmatismus das Selbst in sozialen Interaktionen konstituiert wird. Zeitlich existiert es nicht vor diesen, sondern gewinnt in interpersonalen Beziehungen und Erfahrungen Gestalt und Form. Eine gelungene Selbstbildung bedarf der sozialen Unterstützung und Anerkennung durch andere. Dann sind die Voraussetzungen dafür geschaffen, dass Individualität sich entfalten und die Welt auch aktiv verändert werden kann. Wie wird aber dieser Prozess im Kontext der zunehmenden Mediatisierung transformiert? Medien sind allgegenwärtig, belagern uns, haben unser Leben durchdrungen und flächendeckend kolonialisiert. Schon in den Diskussionen um die Postmoderne seit den 1980er-Jahren wurde die mediale Durchdringung unseres Alltags durch die Bilderflut der Medien und die wachsende Bedeutung von Kommunikationstechnologien zu einem wichtigen Thema, das bis heute nicht an Relevanz verloren hat. Es stellt sich die Frage, ob und wie das Selbst sich im Kontext der Mediatisierung behaupten kann. Wie Lyotard (1986, S. 45 ff.) gezeigt hat, ist die Postmoderne insbesondere durch eine tief gehende Skepsis den großen Erzählungen der Moderne gegenüber geprägt, die eine Einheitlichkeit der Gesellschaft unterstellt und die unaufhörliche Produktion von Wissen als Beitrag zum Fortschritt der Menschheit legitimiert haben. Das soziale Band der Moderne ist in der Lesart von Lyotard zerfallen. Das Selbst kann in der Postmoderne nicht mehr als aktive und schöpferische Kraft verstanden werden. Das Selbst ist wenig, aber es ist nicht isoliert, es ist in einem Gefüge von Relationen gefangen, das noch nie so komplex und beweglich war. Jung oder alt, Mann oder Frau, reich oder arm, ist es immer auf ‚Knoten‘ des Kommunikationskreislaufes gesetzt, seien sie auch noch so unbedeutend (Lyotard 1986, S. 55).

Im Folgenden werden wir diskutieren, ob diese Einschätzung zutrifft.

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3 Audiovisuelle Mediatisierung in der Postmoderne und ihre Implikationen für die Konstitution des Selbst Wir werden zunächst Jean Baudrillards pessimistische Analysen betrachten, bevor wir uns mit Arbeiten von Kenneth J. Gergen und Norman K. Denzin auseinandersetzen, die bereits in den 1990er-Jahren die veränderte Konstitution des Selbst unter den Bedingungen der damaligen Mediatisierung betrachtet haben. Während für Baudrillard das Reale in den postmodernen Bilderfluten der Medien untergegangen und verschwunden ist, halten Gergen und Denzin, die beide in der Tradition des Pragmatismus und des Interaktionismus stehen, am Selbst fest. Sie suchen nach Auswegen, Formen des Widerstandes und nach neuen Möglichkeiten der Selbstentfaltung.

3.1 Das Verschwinden des Selbst in der Hyperrealität Für Baudrillard (1978, 1982) lässt sich die Postmoderne durch einen Prozess der Entdifferenzierung und der Implosion von Grenzen und Unterschieden beschreiben. Eine sozial differenzierte Gesellschaft, die an den Bedingungen der industriellen Produktion ausgerichtet ist, weicht einer von Medien beherrschten Gesellschaft der Simulation (Kellner 1989, S. 67). Während in der modernen Gesellschaft die Produktion von Waren und Produkten dominiert, wird die Postmoderne von der radikalen Vervielfältigung und Beschleunigung von Bildern und Zeichen geprägt. Vor allem Medien wie das Fernsehen tragen dazu bei, dass alle Bereiche der Gesellschaft von Simulakra durchdrungen werden. Bilder, Zeichen und Codes werden produziert und zirkulieren in der Gesellschaft. Dabei verselbstständigen sich diese, koppeln sich von der Wirklichkeit ab und verlieren so zunehmend ihre Verbindung zu einem Referenten außerhalb der Welt der Simulation. Die Bilder werden referenzlos. Das Bild „verweist auf keine Realität. Es ist sein eigenes Simulakrum“ (Baudrillard 1978, S. 15). So entsteht eine neue Medienwirklichkeit, die Baudrillard als Hyperrealität bestimmt. „Es gibt keine Fiktion mehr, der sich das Leben, noch dazu siegreich, entgegenstellen könnte – die gesamte Realität ist zum Spiel der Realität übergegangen – die radikale Ernüchterung, das coole und kybernetische Stadium folgt auf die heiße und phantastische Phase“ (Baudrillard 1982, S. 117). Während Marshall McLuhan (McLuhan und Powers 1995) der Evolution des Kommunikationssystems und der zunehmenden Mediatisierung positive Aspekte abringen konnte, so z. B. die Entstehung einer globalen Gemeinschaft oder eines

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planetarischen Bewusstseins, führen die Medien für Baudrillard (1983, 1987) zu einer „Ekstase der Kommunikation“ und sind dafür verantwortlich, dass im Hyperrealismus der Simulation zwischen dem Realen und dem Spektakel der Bilder nicht mehr unterschieden werden kann. So ersetzen Medienspektakel das öffentliche Leben. Private Leben und intime Geschichten werden ausführlich dargestellt und flimmern permanent über die Bildschirme. Im Fernsehen, im Radio und heute in den digitalen Medien wird über persönliche Probleme, über Tragödien und Erfolge unaufhörlich in der Form persönlicher Geschichten berichtet. So werden wir mit einer Vielzahl von Formen eines medialen Selbst und der Beschreibung von Innerlichkeiten konfrontiert. In Talkshows gibt es z. B. keine persönlichen Abgründe mehr, die nicht ans Licht gezerrt werden. Die Promiskuität von Kommunikation und Information führen zwangsläufig zu Transparenz und sogar zu Obszönität. Obszön sind Verhältnisse, die kein Geheimnis mehr haben, weil sie sich in Information und Kommunikation aufgelöst haben (Baudrillard 1987, S. 19). Phänomenologisch betrachtet, rücken medial vermittelte Dinge und Personen immer näher, lassen keinen Platz mehr für soziale Interaktionen, in denen sich ein Selbst herausbilden kann. Douglas Kellner (1989, S. 72) fasst zusammen: „In this universe we enter a new form of subjectivity, in which we become saturated with information, images, events and ecstasies. Without defence or distance, we become a ‚pure screen, a switching center for all the networks of influence“ (Baudrillard 1983, S. 133). In Baudrillards Sichtweise gibt es kein soziales Selbst mehr, das sich distanziert und reflexiv mit der Welt auseinandersetzt. Es sind nicht mehr die Erfahrung von Raum und Zeit in der Kopräsenz von signifikanten Anderen oder das auf sich selbst zentrierte Nachdenken, die die Position des Individuums entscheidend bestimmen. „Der Körper als Schauplatz, die Landschaft als Schauplatz, die Zeit als Schauplatz verschwinden immer mehr. Gleiches gilt für den öffentlichen Raum: Das Theater des Sozialen, das Theater des Politischen bilden sich zunehmend zu einem großen schlaffen Körper mit zahlreichen Köpfen zurück“ (Baudrillard 1987, S. 16). Die Vervielfältigung von Selbstbildern durch die Medien, die von einer Fülle von (psychologischen) Experten orchestriert werden, macht es weitgehend unmöglich, das eigene Selbst abzugrenzen, da es im Rezeptionsprozess Selbstbilder (‚me’) von den Medien übernommen hat. So verschwindet für Baudrillard in der Hyperrealität nicht nur das Reale, sondern auch das in sozialen Interaktionen gegründete Selbst. Angesichts der Prozesse der Digitalisierung verwendet er in seinen späteren Arbeiten für diese Transformationsprozesse auch den Begriff des Virtuellen. „Die vollkommen homogenisierte, digitalisierte, ‚operationalisierte‘ virtuelle Realität tritt an die Stelle jener anderen Realität, weil sie perfekt, kontrollierbar und widerspruchsfrei ist“

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(Baudrillard 2002, S. 37). Das denkende und handelnde Subjekt wird durch technologische Vermittlungen ersetzt. „In diesem Sinne ist es das Virtuelle, das uns denkt“ (Baudrillard 2002, S. 38).

3.2 Das übersättigte Selbst in der Postmoderne Nicht ganz so pessimistisch und ausweglos wie Baudrillard betrachtet der US-amerikanische Sozialpsychologe Kenneth Gergen (1996) die Mediatisierung des Selbst, die er als „soziale Sättigung“ („social saturation“) fasst. Er beobachtet einen vor allem durch mediale Veränderungen bedingten grundlegenden kulturellen und sozialen Wandel, der zu einem Verschwinden der modernen Selbstsicht geführt hat. Die „Technologien der sozialen Sättigung“ (Gergen 1996, S. 95) lassen ein zentriertes, an persönlicher tieferer Wahrheit und Einheit orientiertes individuelles Selbst verschwinden. Die technologisch ermöglichte Konfrontation mit einer Vielzahl an persönlichen Auffassungen, Werten und Lebensstilen führt zu einem „Bevölkern des Selbst, das das Eindringen von Teilidentitäten durch soziale Sättigung reflektiert“ (Gergen 1996, S. 95). In der Postmoderne erweitert sich das Netz unserer Beziehungen und wir nehmen viele Stimmen in uns auf. Durch die Technologien dieses Jahrhunderts, durch Menge und Vielfalt der Beziehungen, in die wir eingebunden sind, nehmen mögliche Häufigkeit der ­Kontakte, Intensität der Beziehungen sowie ihre Dauerhaftigkeit ständig zu. Wenn diese Zunahme ins Extreme führt, erreichen wir ein Stadium sozialer Sättigung (Gergen 1996, S. 114).

In unserem Gedächtnis sind (medial vermittelte) Lebensmuster und Identitäten gespeichert, die in einer geeigneten Situation aktiviert werden können. Im Denken, der „sublimierten Konversation“ (Mead 1980b, S. 208), kann es zur intensiven Auseinandersetzung mit jedem Selbst kommen, das wir für wichtig halten. Dies können nicht nur enge Bezugspersonen aus unserem Leben, sondern auch Figuren aus Romanen oder Fernsehserien sein. In diesen inneren Dialogen wird unser subjektives Leben „vielschichtiger“, wie Gergen (1996, S. 128) feststellt. Gleichzeitig besteht aber die Gefahr der Multiphrenie, einer Konfrontation mit zu vielen Selbstbildern und einer nicht koordinierbaren Vielfalt an Stimmen. Das relativ zusammenhängende und einheitliche Empfinden des Selbst, das einer traditionellen Kultur innewohnt, weicht mannigfachen und konkurrierenden Potentialen. Es entsteht ein multiphrener Zustand, in dem man in sich ständig verlagernden, verketteten und widerstreitenden Seinsströmungen schwimmt (Gergen 1996, S. 140).

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Unter postmodernen Bedingungen, die mit den kommunikationstechnologischen Transformationen eng verbunden sind sind, wird die Vorstellung eines kohärenten und in relativ stabilen sozialen Beziehungen lebenden Selbst hinfällig. „Das Selbst als Besitzer wahrer und identifizierbarer Charakteristika – wie Rationalität, Gefühl, Inspiration und Willen – ist demontiert“ (Gergen 1996, S. 30). Stattdessen befindet es sich durch die vielen Beziehungen, in die es eingebunden ist, in einem kontinuierlichen Prozess der Selbstschöpfung, der nie abgeschlossen ist. Jedes gelebte Selbst kann infrage gestellt, ironisiert und ersetzt werden. Hier sieht Gergen aber auch ein enormes Potenzial zur Selbstentfaltung. In der Postmoderne gerät das Selbst in einen Zustand der permanenten Bezogenheit. „Man hört auf, an ein Selbst zu glauben, das von den Beziehungen, in die man eingebettet ist, unabhängig ist“ (Gergen 1996, S. 46). Hiervon ausgehend, entwickelt Gergen (2009) eine Betrachtungsweise, die das „relationale Sein“ ins Zentrum rückt. In Beziehungen findet ein unaufhörlicher Prozess der intersubjektiven Koordination statt. „From this standpoint there is no isolated self or fully private experience. Rather, we exist in a world of co-­ constitution“ (Gergen 2009, S. xv). Die Entwicklung eines Verständnisses für den konstitutiven Charakter des relationalen Seins und für die damit verbundenen ethischen Dimensionen hält Gergen für essenziell, wenn die Menschheit überleben will. Er ist also niemand, der nostalgisch der Vergangenheit nachtrauert, wie es bei Baudrillard den Anschein hat. In der sozialen Sättigung sieht er auch Potenziale, die positiv entfaltet werden können. Hierfür müssen Perspektiven, die vom Selbst her denken, zugunsten einer Betrachtung überwunden werden, die die generative Kraft von Beziehungen und des relationalen Seins als Chance und Hoffnung verstehen.

3.3 Die Bilderwelt postmoderner Filme und ihr Einfluss auf die Konstitution des Selbst Auch Norman K. Denzin (1991) hält es für notwendig, sich den gesellschaftlichen Transformationen der Postmoderne zu widmen, um die Situation des Selbst unter diesen Bedingungen verstehen zu können. Wie Gergen betont Denzin, dass das Selbst nun mehr Quellen zur Disposition hat, um seine Identität zu gestalten. Neben den ‚face-to-face‘-Begegnungen gibt es eine Fülle medial vermittelter Interaktionen. Als Soziologe geht er dennoch davon aus, dass das postmoderne Selbst sich in den alltäglichen Inszenierungen von sozialen Identitäten erfährt, die durch Gender, Klasse und ‚race‘ bestimmt werden. Gleichzeitig drückt es aber zwangsläufig die vielfältigen Widersprüche des Postmodernismus

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aus (Denzin 1991, S. vii), die in der klassischen Sozialtheorie nicht berücksichtigt sind. Daher hält er es für wichtig, sich mit der postmodernen Theorie und ihren Repräsentationen des Selbst auseinanderzusetzen. This society, Baudrillard argues, only knows itself through the reflections that flow from the camera’s eye. But this knowledge, Baudrillard contends, is unreflexive. […] I examine the basic thesis (taken from Baudrillard) that members of the contemporary world are voyeurs adrift in a sea of symbols. They know and see themselves through cinema and television (Denzin 1991, S. vii).

Problematisch ist nach Denzin, dass die Inszenierungen von Formen des Selbst und von Lebensstilen in den visuelle Oberflächen ausstellenden Hollywoodfilmen der Komplexität und Unterschiedlichkeit der gelebten Alltagserfahrungen in der Regel nicht gerecht werden, weil sie hauptsächlich Klischees bedienen oder Idealisierungen schaffen. Sie können nicht oder nur schwer sinnvoll mit ihnen vermittelt werden. Zum Beispiel kann die Zirkulation von Bildern von erotischer Schönheit, glücklichem Familienleben, finanziellem Erfolg und von Glück Ressentiments in sozial benachteiligten Gruppen wecken oder intensivieren (Denzin 1991, S. 55). Zwangsläufig muss sich das postmoderne Selbst mit den in der Gesellschaft zirkulierenden und sie durchdringenden medialen Bildern des Selbst auseinandersetzen, auch wenn diese mit der konkreten Erfahrung oft wenig zu tun haben oder ihr eklatant widersprechen. Im Sinne Goffmans (1969) begreift Denzin sowohl diese Repräsentationen als auch die alltäglichen Aufführungen von Identität als dramaturgische Inszenierungen. Das Theatermodell von Goffman ist angesichts der wachsenden Bedeutung der Bilderflut der Medien und der in ihnen inszenierten Welten nun keine Metapher mehr, sondern „interaktionelle Wirklichkeit“ (Denzin 1991, S. x) geworden. „The postmodern society is a dramaturgical society“ (Denzin 1991, S. x). Gleichzeitig weist er daraufhin, dass jedoch persönliche Probleme und Erfahrungen in diesen Prozessen weiterhin eine wichtige Rolle spielen. Deshalb müssen Theorien und Methoden entwickelt werden, um zu erfassen, wie Individuen den postmodernen Moment der Geschichte erfahren und erleben. Vor allem stellt sich die Frage, wie sie unter diesen Bedingungen kreativ handeln können. Denzin lehnt die Position einer kulturellen Indifferenz, die keine wertende Position zu den beschriebenen und analysierten Phänomenen einnimmt (­Connor 1989), entschieden ab. Denn es geht ihm darum, eine postmodernistische ­Theorie des kulturellen Widerstandes zu entwickeln. Hierzu ist es auch erforderlich, die eigene Position als WissenschaftlerIn in der Schaffung von Bedeutungen zu erkunden und zu bestimmen (Denzin 1991, S. xi). „Such a theory examines

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how the basic existential experiences with self, other, gender, race, nationality, family, love, intimacy, violence, death, and freedom are produced and given mythical meaning in everyday life“ (Denzin 1991, S. xi). Anders als Baudrillard möchte Denzin erforschen, wie Individuen und Gruppen in der dramaturgischen, postmodernen Ordnung aktiv und schöpferisch ihre Welt gestalten können. Er gibt also die Vorstellung eines sozialen Selbst keineswegs auf. Auch wenn er Baudrillard und der postmodernen Theorie von Lyotard (1986) und Fredric ­ ­Jameson (1991) in vielem folgt, so z. B. in der Annahme, dass die Grenzen zwischen Bildern und der „realen“ Welt immer mehr verschwimmen, kritisiert er sie dennoch deutlich, weil sie die Perspektive der alltäglichen Erfahrung weitgehend ausblenden: „More importantly, unexplained in each theory is the way in which human beings, in and through interaction and communication with one another, make sense of and connect themselves to the dominant, residual and emergent features of postmodern life“ (Denzin 1991, S. 50). Durch die Analyse wichtiger und erfolgreicher Hollywoodfilme wie z. B. Blue Velvet, Wall Street oder Do the Right Thing möchte Denzin eine dichte Beschreibung der postmodernen Welten bewerkstelligen und insbesondere die Merkmale des medial inszenierten postmodernen Selbst herausarbeiten. Die untersuchten Filme stellen für ihn Lesarten des Lebens im zeitgenössischen Amerika dar. „Such texts dramaturgically enact the epiphanal moments of postmodernism. They center their texts on larger-than-life persons. The biographical experiences of such individuals represent attempts to come to grips with the existential dilemmas of postmodernism“ (Denzin 1991, S. 63). So arbeitet er z. B. in der Analyse von Blue Velvet (1986) auf der Basis von Filmrezensionen zunächst heraus, welche realistischen Lesarten in der Kritik des Films entwickelt wurden (Denzin 1991, S. 70 ff.). Er kann zeigen, dass dem Film eine Fülle von Bedeutungen zugeschrieben wurde. So wurde er z. B. als Pornografie, als Komödie, als Kleinstadtfilm oder als Film Noir betrachtet. In einem weiteren Schritt zeigt er dann, dass Blue Velvet auch als postmoderner Text voller Widersprüche verstanden werden kann (Denzin 1991, S. 75 f.). So verwischt der Film die Grenzen zwischen Vergangenheit und Gegenwart, zwischen Wirklichkeit und Traum, zwischen Bildern und der Wirklichkeit. Gleichzeitig verweist er auf das Undarstellbare, auf das symbolisch nicht Repräsentierbare. Blue Velvet changiert in seiner Inszenierung zwischen Parodie und Pastiche. Das Kleinstadtleben, das in vielen Hollywoodfilmen der 1940er und 1950er idealisiert wird, wird von Lynch zum Teil wohl auch idyllisch dargestellt, ist aber voller Abgründe, Gefahren und Hinterbühnen, auf denen Gewalt, Rohheit und Perversionen regieren. Denzin (1991, S. 80) kommt zu dem Schluss, dass der Film wohl eine ironisch distanzierte Einstellung vermitteln kann. Da die Position von Lynch selbst jedoch ambivalent

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bleibt, kann die in der Postmoderne herrschende Gefühlsstruktur der Indifferenz auch verstärkt werden. Dagegen ist Do the Right Thing (1989) für Denzin ein herausragender Film, der die Codes und Bedeutungen, die „race“ und das „racial self“ umfassen, in ihrer Vielschichtigkeit inszeniert. „DO THE RIGHT THING is an ethnography of the lived experiences of ordinary, everyday black and white, Italian, Korean, Puerto Rican, and Spanish-American men, women, and children in Brooklyn“ (Denzin 1991, S. 126). Dem Film gelingt es, die verschiedenen Perspektiven lebendig und anschaulich darzustellen. Er gibt damit einen tief gehenden Einblick in die symbolischen Bedeutungen, die das „racial self“ ausmachen. Zusammenfassend stellt Denzin (1991, S. 149 ff.) fest, dass die klassische Sozialtheorie eine soziale Welt beschreibt, die so nicht mehr existiert bzw. erfahren wird. Dagegen hebt die postmoderne Theorie die Bedeutung von Bildern und medialen Repräsentation für die Inszenierungen von Rasse, Klasse oder G ­ ender hervor. Die von Denzin analysierten Hollywoodfilme stellen wohl die Widersprüche des postmodernen Selbst dar, bieten mit Ausnahme von Do the Right Thing jedoch nur oberflächliche und illusorische Lösungen an. Während Spike Lees’ Film den alltäglichen Rassismus in den USA differenziert darstellt und Unbehagen weckt, verleugnen die anderen Filme zentrale Aspekte der sozialen Wirklichkeit wie die Rolle von sozialer Klasse oder geschlechtlicher Diskriminierung oder perpetuieren die Mythen von romantischer Liebe und von gesellschaftlichem Erfolg durch harte Arbeit. Vor diesem Hintergrund hält es Denzin für notwendig, die Repräsentationen von Erfahrungen, die durch Medien oder andere sinnstiftende Institutionen der Gesellschaft geschaffen werden, differenziert zu analysieren und zu untersuchen, um herauszufinden, wie sie die alltäglichen Erfahrungen bestimmen. Dann soll der Einfluss der widersprüchlichen Elemente der postmodernen Kultur auf die eigene Biografie reflektiert und diese eigensinnig gestaltet werden, um eine Politik des Widerstandes zu entfalten (Winter 2001). „Begin to write, and live our own pedagogical versions of the postmodern, making our own playful ‚mystories‘ of this bewildering, frightening, terrifying, exhilarating historical moment“ (Denzin 1991, S. 156). Denzin gibt also konkrete Anleitungen, wie das Selbst in der Postmoderne verändert werden kann. Zweifellos ist es dezentriert und hat seine feste Verankerung in sozialen Interaktionen weitgehend verloren. Ohne Nostalgie weist Denzin aber daraufhin, dass es in postmodernen Geschichten immer wieder neu geschaffen wird. „The self which emerges will itself be a tangled web of all that has become before“ (Denzin 1991, S. 157). Eine Soziologie, die realistisch die

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postmoderne Welt darstellt, hält er für unmöglich, weil diese zu heterogen, komplex und vielfältig geworden sei. Daher fordert er eine „cinematic-ethnographic interpretive sociology“ (Denzin 1991, S. 157), die neue Wege in der Selbstbildung und Welterkundung geht.

3.4 Zusammenfassung Die Prozesse der audiovisuellen Mediatisierung in den 1980er und 1990er J­ahren der Postmoderne machen deutlich, dass wir grundlegende Positionen, Theorien und Ansätze in Sozialtheorie und Soziologie überdenken müssen. Dies zeigen die Arbeiten von Baudrillard, Denzin und Gergen deutlich. Die Konstitution des Selbst erfolgt zunehmend in der Auseinandersetzung mit den Bilderwelten audiovisueller Medien. Für Baudrillard verschwindet das soziale Selbst sogar als eine soziale Struktur in den Simulationen der Hyperrealität, in denen es seiner Ansicht nach nicht mehr benötigt wird. Von Gergens und Denzins Analysen können wir hingegen lernen, dass das Selbst weiterhin von Bedeutung ist, auch wenn es sich entscheidend verändert hat. Während Gergen es als tief eingebunden in Beziehungen begreift, arbeitet Denzin seine Verankerung und Auseinandersetzung mit kulturellen Repräsentationen heraus. Beide betonen die neuen Möglichkeiten und Chancen, die die Mediatisierung bietet, wenn ihre Konsequenzen kritisch reflektiert und erfasst werden.

4 Digitale Mediatisierung, virtuelle Transparenz und die Konstitution des digitalen Selbst Auch im 21. Jahrhundert spielt die Auseinandersetzung mit audiovisuellen Bilderwelten eine wichtige Rolle. Beispielsweise bieten YouTube oder Netflix scheinbar unendliche digitale Archive von Filmen, die auf jedem Smartphone jederzeit und an jedem Ort abgerufen werden können. Insgesamt betrachtet, hat die zunehmende Digitalisierung seit den 1990er Jahren zu einem neuen Mediatisierungsschub geführt, der die Konstitution des Selbst im 21. Jahrhundert entscheidend transformiert. Einige wesentliche Veränderungen werden wir im Folgenden diskutieren. Hierzu wenden wir uns zunächst den wegweisenden ­Studien von Sherry Turkle zu, die eine inspirierende und viel gelesene Autorin im Feld der Internetforschung ist.

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4.1 Das ambivalente Potenzial der digitalen Medien In „Die Wunschmaschine. Der Computer als Zweites Ich“ (1986) und in „Leben im Netz. Identität in Zeiten des Internet“ (1999) zeichnet sie ein überwiegend positives Bild der Verfügbarkeit und Nutzung digitaler Technologien, die Veränderungen in unserem Verhalten und Denken hervorbringen. Sie transformieren unsere Wahrnehmung von Raum und Zeit, und der Computer als denkende Maschine fordert unser Denken und unser Selbstverständnis heraus, indem er neue Anlässe und Perspektiven für das Nachdenken über uns selbst vermittelt (Turkle 1986, S. 208). Die Beziehung zu einem Computer kann die Vorstellungen der Menschen von sich selbst, von ihrer Arbeit, von ihren Beziehungen zu anderen Menschen sowie ihr Nachdenken über gesellschaftliche Prozesse beeinflussen. Sie kann die Grundlage für neue ästhetische Wertsysteme, für neue Rituale, neue Philosophien und neue ­kulturelle Formen bilden (Turkle 1986, S. 204).

Turkle bestimmt den Computer als „Katalysator kultureller Strukturen“ (Turkle 1986, S. 204). Es bilden sich nicht nur computerzentrierte Spezialkulturen (Eckert et al. 1991), sondern auch neue Formen der Selbstwahrnehmung, der Selbstreflexion und des Selbstausdrucks heraus. In „Leben im Netz“ (1999) identifiziert Turkle eine postmoderne Kultur der Simulation, die ein Parallelleben in virtuellen Welten ermöglicht. Menschen gebrauchen Computer, um sich zu verknüpfen. Sie entwickeln nicht nur ein anderes Raumverständnis. „Computerbildschirme sind eine neue Arena für unsere erotischen und intellektuellen Phantasien“ (Turkle 1999, S. 38). Jedoch stellt Turkle auch fest, dass das Leben in virtuellen Welten unsere Erfahrung des Realen erschüttern und zum Verschwinden bringen kann (Turkle 1999, S. 382 ff.). Gleichzeitig entstehen aber in Auseinandersetzung und im Gebrauch digitaler Technologien dezentrierte Identitäten, die weniger einzigartig als vielseitig und wandelbar sind. „Zur Idee einer multiplen Identität hat auch das Internet beigetragen. Seine Benutzer können sich ein Selbst schaffen, indem sie durch viele verschiedene Identitäten vagabundieren“ (Turkle 1999, S. 287). In der Postmoderne bestehen Identitäten in der Regel aus multiplen Rollen im Berufsleben und in nicht virtuellen Freizeitaktivitäten, die sich mischen und auch widersprechen können (Turkle 1999, S. 289). In diesem Zusammenhang konstatiert Gergen (1996), wie wir gezeigt haben, eine Übersättigung des Selbst, ein proteisches (Lifton 1993) oder ein flexibles (Martin 1994) Selbst sind weitere Charakterisierungen der Veränderungen des Selbst in der Postmoderne.

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In der Postmoderne bestehen in den persönlichen Beziehungen, in der Familie und im Freundeskreis, immer weniger lebenslange Bindungen. So wird das Einnehmen unterschiedlicher Rollen und das Tragen vielfältiger Masken für viele zur Selbstverständlichkeit. Turkle zeigt an empirischen Beispielen, dass das Internet zu einem Experimentierfeld für das Ausprobieren und die Schaffung von Identitäten geworden ist. „In seiner virtuellen Realität stilisieren und erschaffen wir unser Selbst“ (Turkle 1999, S. 290). Wir erfahren, was es bedeutet, in einer Kultur der Simulation zu leben. Im Cyberspace erschaffen Hunderttausende, vielleicht schon Millionen von Menschen Online-Personae; letztere leben in einer überaus vielgestaltigen Welt virtueller Gemeinschaften, in denen die gewohnheitsmäßige Erzeugung multipler Identitäten die Vorstellung eines realen, unitären Selbst untergräbt (Turkle 1999, S. 436).

Am Ende ihrer Studie legt Turkle dar, dass es wichtig sein wird, dass keine in sich geschlossenen virtuellen Welten das Reale vollständig ersetzen, sondern dass das Reale und das Virtuelle sich immer wieder durchdringen. „Verloren unter 100 Freunden“ (2012) schlägt deutlich kritischere Töne an. Turkle (2012, S. 29 ff.) beklagt einen Verlust der Authentizität in der größer gewordenen, differenzierteren und immer wichtiger werdenden Kultur der Simulation. Unter Authentizität versteht sie „die Fähigkeit, sich in einen anderen Menschen hineinversetzen zu können, etwas auf der Grundlage gemeinsamer menschlicher Erfahrungen nachvollziehen zu können“ (2012, S. 32). Am Beispiel der Idee vom sozialen Roboter macht sie deutlich, dass mit Technologien die Vorstellung verbunden ist, sie könnten als Ersatz für die reale Interaktion mit Menschen dienen. Wir versuchen mit ihnen Nähe zu erleben, vermeiden sie aber gerade, weil wir der menschlichen Intimität ausweichen (Turkle 2012, S. 38). Sie stellt auch fest, dass uns die digitalen Technologien der Konnektivität in einen Zustand ständiger Betriebsbereitschaft versetzen (Turkle 2012, S. 44). Wir können uns der Konnektivität nicht entziehen. Viele Menschen möchten auch im öffentlichen Raum, dem Ort von leiblicher Kopräsenz, mit ihren persönlichen Netzwerken alleine sein (Turkle 2012, S. 46). Vor allem für Jugendliche ist die permanente Verbindung mit Netzwerken zentral. Turkle (Turkle 2012, S. 50) bezeichnet die Technologien als „Phantom-Körperteile“. „Unsere neuen Maschinen schaffen den Raum für das Erscheinen eines neuen Selbst-Zustandes, des Es-Selbst, aufgeteilt zwischen dem Bildschirm und dem physisch Realen, durch Technologie ins elektrische Dasein gehievt“ (Turkle 2012, S. 50). Nicht unser Ich kontrolliert und beherrscht die Technologie, sondern wir sind in technologische Netzwerke eingebunden. Smartphones haben Cyborgs aus uns gemacht (Turkle 2012, S. 261), die permanent online, ständig verfügbar sind und niemals alleine sein wollen.

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Turkle (2012, S. 50) stellt fest, dass Online-Identitäten oft mehr als Ausdruck des Selbst als die Identitäten in der physischen Wirklichkeit verstanden werden. Die Gleichzeitigkeit virtueller und realer Aktivitäten lässt einen Lebensmix entstehen, eine „Mischung aus dem, was man online und offline“ (Turkle 2012, S. 275) ist. Turkle (Turkle 2012, S. 281) kommt zu dem Schluss, dass die zentrale Verfügbarkeit elektronischer Medien den Sinn für reale Interaktionen mit Menschen zunehmend schwächt oder ihn ganz verloren gehen lässt. Zudem besteht online die Gefahr, dass wir andere als Gegenstände behandeln, gefühllos, unvorsichtig oder rücksichtslos agieren (Turkle 2012, S. 289 ff.). Eine weitere Einsicht von Turkle (2012, S. 300 ff.) ist, dass das Selbst online zu einer Gemeinschaftsarbeit wird.3 Vor allem bei Jugendlichen hat sie beobachtet, dass diese ihre Gefühle online mitteilen und so andere an ihnen teilhaben lassen. Dies passiert oft schon beim Entstehen von Gefühlen. Sie erwarten sofortige Anteilnahme und Bestätigung. Auf diese Weise versuchen die Jugendlichen, sich über ihre eigenen Empfindungen klar zu werden. In diesem Zusammenhang konstatiert Turkle eine „Hyperaußengeleitetheit“ (2012, S. 302), die ein kollaboratives Selbst entstehen lässt. Sie hält fest: „Die Technologie ist nicht die Ursache einer Empfindungsweise, bei der die Bestätigung eines Gefühls Teil seiner Etablierung und sogar Teil des Gefühls selbst wird, sondern begünstigt sie lediglich“ (Turkle 2012, S. 303). Heranwachsende nutzen die Ressourcen der virtuellen Welten, um ihre Identität spielerisch zu erproben, wobei Online-Spiele einen ernsthaften Charakter gewinnen (können). Turkle (2012, S. 307 ff.) zeigt, wie Avatare zur Identitätsarbeit genutzt werden. Das erstellte Profil stellt nicht nur dar, was man ist, sondern auch, was man sein möchte, als was man online anerkannt werden möchte. „Wenn wir unseren Avataren Leben einhauchen, drücken wir damit unsere Hoffnungen, Stärken und Verletzlichkeit aus. Sie sind eine Art natürlicher Rorschachtest“ (Turkle 2012, S. 359). Auch Facebook und MySpace ermöglichen die Schaffung virtueller Figuren. Online wird das Selbst als fließend erfahren. Es kann zwischen verschiedenen Wirklichkeiten wechseln und sich doch als ein Selbst erleben. „Mit einer so vielfältigen Identität fühlen sich die Leute nicht deshalb ‚vollständig‘, weil ihre Identitäten eins sind, sondern weil die Beziehungen zwischen den verschiedenen Aspekten ihres Ichs fließend und unaggressiv sind“ (Turkle 2012, S. 331).

3Auch

Christina Schachtner zeigt in ihrer Studie „Das narrative Subjekt. Erzählen im Zeitalter des Internets“ (2016), wie sich NetzakteurInnen und BloggerInnen durch Praktiken des Erzählens im Netz als Subjekte realisieren.

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Turkle (2012, S. 388 ff.) weist auch auf die Möglichkeiten und Gefahren der neuen Bekenntniskultur im Netz hin. So werden „Beichten“ in der Regel anonym gegeben. Es lässt sich nicht nachprüfen, ob die Bekenntnisse ernst gemeint sind. Auch die Reaktionen erfolgen anonym. Dennoch machen sich die Bekennenden verletzlich, worauf oft unsensibel und grausam reagiert wird (Turkle 2012, S. 397 f.). Das Beispiel der Bekenntniskultur veranschaulicht die Unwahrscheinlichkeit, dass sich auf Internetportalen Gemeinschaften konstituieren, deren Mitglieder sich physisch nahe sind, die gemeinsame Interessen haben, sich einander verpflichtet fühlen oder reziprok organisiert sind (Turkle 2012, S. 402). Schließlich widmet Turkle (2012, S. 406 ff.) sich den neu entstandenen Ängsten in den virtuellen Welten. Zunächst ist die Angst zu nennen, nicht mehr verbunden, sondern alleine und isoliert zu sein. Facebook und andere Portale ermöglichen auch Stalking (Turkle 2012, S. 425). Sie institutionalisieren Voyeurismus. Man kann ungestört in das Privatleben anderer eindringen und es durchstöbern. Bei einigen der von ihr untersuchten NutzerInnen entsteht die Befürchtung, dass von der eigenen Privatsphäre in der Zukunft nichts mehr bleiben wird (Turkle 2012, S. 431 ff.). Wir hinterlassen im Netz elektronische Spuren, die gespeichert, verfolgt und kommerziell oder politisch genutzt werden können. So kann auch in westlichen Demokratien die Angst davor entstehen, sich politisch zu äußern (Turkle 2012, S. 440). Angesichts dieser Gefahren ist Selbstkontrolle und Dissimulation vonnöten. Abschließend stellt Turkle (2012, S. 468) fest: „Im Netz finden wir schnell ‚Gesellschaft‘, sind aber erschöpft vom Druck der dazu erforderlichen Selbstdarstellung“. Sie kommt zu dem Schluss, dass die angestrebte Konnektivität uns gerade nicht einander näher bringt, sondern voneinander trennt und uns einsam macht (Turkle 2012, S. 469). „Aber die Konnektivität zerstört auch unsere Bindung an Dinge, die uns immer gut getan haben – zum Beispiel zwischenmenschliche Begegnungen“ (Turkle 2012, S. 476). Vor allem junge Menschen scheinen das Bedürfnis nach einer langfristigen und „tieferen Verbundenheit“ (Turkle 2012, S. 491) mit anderen nicht mehr zu haben. Skeptisch stellt Turkle (2012, S. 474) die Frage, ob die Technologie nicht ein Symptom sein könne. Vielleicht wollen wir (noch) nicht wahrhaben, was wir durch sie verloren haben. Ihre interpretativ explorativen Studien veranschaulichen, wie die digitale Mediatisierung die Konstitution des Selbst drastisch verändert hat. Hatte Turkle in den 1980er- und 1990er Jahren eher die positiven Möglichkeiten – wie z. B. den Computer als Selbstausdruck oder den spielerischen Wechsel von Identitäten im Netz – hervorgehoben, so rücken im 21. Jahrhundert immer mehr die Gefahren und Probleme für eine gelungene Identitätsbildung ins Zentrum ihrer Forschung. Sie weist daraufhin, was verloren geht, wenn Konnektivität und Online-Sein

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dominieren. Das soziale Selbst konstituiert sich in sozialen Interaktionen, die auf der realen Kopräsenz von Menschen basieren. Die Forschung steht erst am Anfang, um zu begreifen, was verschwindet, wenn diese Bedingungen Konkurrenz durch virtuelle Welten erfahren oder durch sie (zum Teil) ersetzt werden. Man hat den Eindruck Zeuge eines groß angelegten sozialen Experiments zu sein, bei dem aus wirtschaftlichen und politischen Interessen die Grundlagen unserer personalen und sozialen Existenz aufs Spiel gesetzt bzw. zerstört werden.

4.2 Die virtuelle Transparenz des digitalen Selbst Bernard Harcourt arbeitet in seinem Buch „Exposed. Desire and Disobedience in the Digital Age“ (2015) heraus, dass wir heute zwischen einem digitalen und einem analogen Selbst unterscheiden sollten, wobei das digitale immer mehr an Bedeutung gewinnt. Unser enthusiastischer Gebrauch von sozialen Medien, der Spaß beim Online-Shoppen oder die interessierte Nutzung der Suchmaschine von Google konstituieren ein permanentes digitales Selbst, eine virtuelle Identität, da all unsere Aktivitäten gespeichert und archiviert werden und auch verfolgt und vermessen werden können. So werden durch Tracking Daten über NutzerInnen gesammelt. Die virtuelle Transparenz schafft die Voraussetzung dafür, dass diese zu wirtschaftlichen oder machtorientierten Zwecken ausgewertet und analysiert werden können. „A new expository power constantly tracks and pieces together our digital selves. It renders us legible to others, open, accessible, subject to everyone’s idiosyncratic projects – whether governmental, commercial, personal, or intimate“ (Harcourt 2015, S. 15). Dabei stellen wir unsere Daten freiwillig zur Verfügung. „The technologies that end up facilitating surveillance are the very technologies we crave. We desire those digital spaces, those virtual experiences, all those electronic gadgets – and we have become, slowly but surely, enslaved to them“ (Harcourt 2015, S. 52). Harcourt ist der Auffassung, dass die virtuelle Transparenz eine neue Form der sozialen Kontrolle möglich macht, die direkt in unsere technologische Lebensform eingelassen ist und an deren Entstehung wir durch unsere Aktivitäten beteiligt sind. „The digital space itself is precisely the machine that we are connected to: it is full of life and energy, of color and movement, of stimulation and production“ (Harcourt 2015, S. 50). Heute stehen uns digitale Welten, mit denen wir uns von den Routinen und Zwängen der Institutionen wie Schule oder Arbeitsplatz distanzieren können, jederzeit zur Verfügung. Wir können ihrem Versprechen folgen, zu tun, was wir tun möchten, sowie auf die Erfüllung unserer (geheimen) Wünsche hoffen. „It is a free space where all the formerly coercive surveillance technology is now

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woven into the very fabric of our pleasure and fantasies. In short, a new form of expository power embeds punitive transparence into our hedonist indulgences and inserts the power to punish in our daily pleasures“ (Harcourt 2015, S. 21). Gerade unsere leidenschaftlichen Interessen, die wir im digitalen Raum verfolgen und kultivieren, machen uns virtuell transparent und damit kontrollierbar sowie manipulierbar. Harcourt (2015, S. 80–104) arbeitet in Auseinandersetzung mit dem von Jeremy Bentham entworfenen Panopticon und Michel Foucaults Analytik der Macht (1976) heraus, dass sich die digitale Kontrolle von der Biomacht insofern unterscheidet, als sie umfassender, tief gehender und individualisierender ist. Unsere Aktivitäten im digitalen Raum werden lückenlos erfasst, können jederzeit verfolgt und bestraft werden. „It is about every little desire, every preference, every want, and all the complexity of the self, social relations, political beliefs and ambitions, psychological well-being. It extends into every crevice and every dimension of everyday living of every single one of us in our individuality“ (Harcourt 2015, S. 103). Auch Bentham strebte Überwachung, Kontrolle und Sicherheit an. Im digitalen Zeitalter geht es aber auch um Zurschaustellung, Sichtbarmachung und Entblößung (Harcourt 2015, S. 116). „Our ambition is to see through brick walls and physical barriers, to turn internal structures inside out, to break down entirely the internal-external differentiation, in order to see into devices and to decipher the invisible“ (Harcourt 2015, S. 120). Dabei wird die virtuelle Transparenz gerade deshalb möglich, weil wir uns verführen lassen, uns freiwillig preiszugeben. So gewinnt unser digitales Selbst Kontur, weil wir im Netz anderen, die körperlich nicht präsent sind, Geschichten über uns erzählen und durch diese Darstellungen unsere Ich-Identitäten konstruieren (Harcourt 2015, S. 128 ff.). Wir präsentieren uns aber nicht nur selbst, sondern beobachten und überwachen auch andere. Ihre Selfies, ihre Äußerungen und Erzählungen, ihre Bilder und Videos etc. stellen Teile eines Mosaiks dar, das in detektivischer Arbeit zusammengesetzt werden kann und tiefere Einblicke verspricht. Zudem verändern die digitalen Medien den Charakter von Bekenntnissen. Anders als mündliche Selbstenthüllungen in der Beichte oder in der Therapie (Hahn 1982; Hahn et al. 1991) sind die digitalen Bekenntnisse öffentlich ausgestellt und können ein großes Publikum erreichen. Außerdem werden sie für immer bewahrt. Hinzu kommt, dass die Selbstpräsentation vom jeweiligen digitalen Kontext abhängt. Während auf Facebook in der Regel ein Selbst inszeniert wird, das wünschenswert ist und soziale Anerkennung finden möchte, ist in anonymen Umgebungen wie Chatrooms oder in den Kommentarseiten von Tageszeitungen die Präsentation eines Selbst möglich, das unzivilisiert, rassistisch, rücksichtslos und gehässig ist. Es muss keine Rücksicht auf eine interpersonale Dynamik genommen und kein Gesichtsverlust gefürchtet werden.

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Im Anschluss an Goffman (1972) diagnostiziert Harcourt (2015, S. 217 ff.) eine „Demütigung des Selbst“ („the mortification of the self“) im digitalen Raum. Sowohl Mead als auch Goffman sind davon ausgegangen, dass das Selbst nicht angeboren oder eine transzendentale Instanz ist. Wie bereits in Kap. 2 beschrieben, bildet es sich in sozialen Interaktionen mit anderen heraus. Die digitale Mediatisierung führt nun zu einer Neukonfiguration des Selbst im 21. Jahrhundert. EXPOSED, WATCHED, RECORDED, PREDICTED – for many of us, the new digital technologies have begun to shape our subjectivity. The inability to control our intimate information, the sentiment of being followed or tracked, these reinforce our sense of vulnerability. Our constant attention to rankings and ratings, to the number of ‚likes‘, retweets, comments, and shares, start to define our conception of self (Harcourt 2015, S. 217).

Es scheint so, als ob es den Bereich der Hinterbühne nicht mehr gibt. Das überall verfügbare Wissen über uns, dessen Zirkulation wir nicht kontrollieren können, beraubt uns eines sicheren Rückzugsorts. Diese Situation ähnelt der von Insassen in psychiatrischen Anstalten. Auch diese müssen ständig damit rechnen, dass destruktive Informationen über sie zirkulieren, die sie lieber geheim halten würden (Goffman 1972, S. 159). So hat eine dokumentierte Krankengeschichte, in der eine psychische Störung diagnostiziert und so eine Fallgeschichte konstruiert wird, sehr negative Auswirkungen auf die Selbstwahrnehmung und -darstellung. Der Insasse/die Insassin kann jederzeit bloßgestellt werden. Zudem kann jede seiner/ihrer Aktivitäten beobachtet und dokumentiert werden, um persönliche Informationen zu sammeln und Schlüsse daraus zu ziehen. „In der Heilanstalt macht der Insasse also die Erfahrung, dass sein Selbst keine Festung ist, sondern vielmehr eine kleine offene Stadt; vielleicht ist er es bald satt, jubeln zu müssen, sobald sie von den eigenen Truppen gehalten wird, und sich zu empören, wenn der Feind sie überrennt“ (Goffman 1972, S. 163). Die NutzerInnen digitaler Technologien empören sich in der Regel nicht. Allenfalls in einer Krise machen sie sich klar, dass ihre freiwilligen Aktivitäten im Netz zur Überwachung und Kontrolle führen. Wie InsassInnen in totalen Institutionen praktizieren einige „die amoralische Kunst der Schamlosigkeit“ (Goffman 1972, S. 167). Sie kennen im Netz keine Selbstkontrolle mehr und geben Informationen preis, die sie in realen Interaktionen für sich behalten würden. Harcourt (2015, S. 229 ff.) kommt zu dem Schluss, dass uns die digitale Zurschaustellung, z. B. im Kontext von Google, Facebook oder NSA, zu digitalen Subjekten macht, die ähnliche Erfahrungen wie InsassInnen psychiatrischer Anstalten machen. Wir haben keine Rückzugsorte mehr, verlieren unsere Privatsphäre und Anonymität,

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können die digitale Verbreitung von Geheimnissen und wichtigen Momenten in unserem Leben nicht beeinflussen. We are experiencing a moral transformation, undergoing a moral career, becoming different moral agents. For many of us, the virtual transparence has begun to mortify our analog selves – they are fading away like the image on an old Polaroid instant Photo. Google, Facebook, Amazon, Scorelogix, the NSA – through their rankings, recommendations, scores, and no-fly-lists – are putting in place a new system of privileges and punishments that are restructuring our selves (Harcourt 2015, S. 232).

Eindringlich hat Goffman in „Asyle“ (1972, S. 166) gezeigt, dass das Selbst nicht „Eigentum der Person“ ist, sondern aus den „Mustern sozialer Kontrolle“, in die es eingebunden ist, hervorgeht. Die digitale Mediatisierung führt zu einer Neukonfiguration von Subjektivität, deren Umrisse sich abzuzeichnen beginnen. Am Ende seiner Studie ruft Harcourt (2015, S. 280 ff.) zum politischen Ungehorsam und zum Widerstand auf. Den Auswirkungen der „expository society“ muss entschieden entgegengetreten werden. „Each one of us has a unique ability to intervene in our own way. […] Resistance must come from within each and every one of us […]“ (Harcourt 2015, S. 281). Er appelliert an unser ethisches Selbst. Die „Occupy Wall Street“-Bewegung ist für ihn ein eindrückliches Beispiel für die Schaffung eines Raumes für innovatives, in die Zukunft weisendes Denken und für politischen Widerstand. Er weist auch auf Deleuze und Guattari hin, die im „Anti-Ödipus“ (1974) feststellen, dass revolutionäre Veränderungen durch Wünsche und Begehren getragen werden (Harcourt 2015, S. 283). Jedoch haben diese nun im 21. Jahrhundert gerade zur Versklavung beigetragen. Mit dem Hinweis auf dieses Paradox beschließt er seine Studie.

4.3 Zusammenfassung Die explorativen Studien von Sherry Turkle und Bernard Harcourt, die im Zentrum unserer Betrachtung der Implikationen der digitalen Mediatisierung für die Subjektbildung stehen, bieten eine Fülle von Einsichten und Perspektiven für zukünftige theoretische Analysen und empirische Untersuchungen. Unmissverständlich machen sie klar, dass eine radikale Veränderung der Konstitution des Selbst im digitalen Zeitalter stattfindet, der wir unser Interesse zuwenden sollten. Sie fragen auch, was dieser Entwicklung, die mit dem Verschwinden des Privaten und neuen Formen sozialer Kontrolle einhergeht, entgegengesetzt werden kann.

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5 Schlussbetrachtung: Emanzipation im digitalen Zeitalter? Ausgehend vom Pragmatismus und vom Symbolischen Interaktionismus haben wir rekonstruiert, wie sich das Selbst in sozialen Interaktionen herausbildet. Wir haben zunächst die Folgen der audiovisuellen Mediatisierung für die Subjektformation in den letzten Jahrzehnten des 20. Jahrhunderts betrachtet. Das Selbst wird belagert, bedroht, verschwindet aber nicht. Anders als Baudrillard sind wir zu dem Schluss gekommen, dass es weiterhin relevant ist. Im 21. Jahrhundert hat die digitale Mediatisierung ein digitales Selbst hervorgebracht, das überwacht, kontrolliert und gedemütigt wird. Das von Mead und anderen analysierte analoge Selbst rückt immer mehr in den Hintergrund. Unsere Ausführungen legen dar, dass es eine wichtige Aufgabe der Mediati­ sierungsforschung sein soll, das Selbst gerade nicht aus dem Blick zu verlieren. Zudem muss es politisch gestärkt werden. Formen des Widerstandes gegen die digitale Zurschaustellung müssen entwickelt werden. Gefährliche Entwicklungen im Bereich der künstlichen Intelligenz wie z. B. die Bilderkennung und -generierung müssen gestoppt werden, wie auch führende Forscher und Forscherinnen in diesem Bereich fordern (Brundage et al. 2018). Es muss auch über neue Formen der Subjektivierung im digitalen ­Zeitalter nachgedacht werden. Félix Guattari (1994) forderte dies bereits in seinem Essay „Die drei Ökologien“. Eine emanzipatorische Praxis ist in der Ära der Informationsrevolution und der Entwicklung der Biotechnologien erst dann möglich, wenn das Selbst sich nicht von den semiotischen Flows, den zirkulierenden Bildern und Zeichen und dem Chaos der Informationen überwältigen lässt. Hierzu muss es eigene Formen der Temporalität entwickeln, eine Kunst des Eigensinns entfalten (Winter 2001) und sich individualisieren. Für Guattari ist ein Subjekt stets ein verwickeltes Gefüge verschiedener Komponenten. Als Psychoanalytiker geht er davon aus, dass die präverbalen subjektiven Formationen, die ein Kind entwickelt, nicht verschwinden, sondern auch im Erwachsenenleben erhalten bleiben. Deshalb ist ein Subjekt grundsätzlich polyfonisch strukturiert. So können auch im digitalen Zeitalter Prozesse heterogenen Werdens (Guattari 1994, S. 76), die durch eigensinnige Fluchtlinien und wiederkehrende existenzielle Muster (Refrains) bewirkt werden, zu neuen Artikulationen der lebensgeschichtlich erworbenen Komponenten führen. Auf diese Weise kann eine digitale Festlegung der Identität im Mediatisierungsprozess kreativ unterlaufen und verhindert werden. Wenn diese Fluchtlinien gefunden werden, kann das Selbst different zu sich selbst und auf neue Weise singularisiert werden.

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Materialität, Technik und das Subjekt: Elemente kritischer Kommunikationsund Medienanalyse Peter Gentzel

Zusammenfassung

Der Beitrag zeigt auf, dass die Konzeptionen von Subjektivität und Materialität wechselseitig aufeinander verweisen, dies allerdings weder in der traditionellen Kommunikations- und Medienforschung noch in der Diskussion um Praxistheorien, Science and Technology Studies (STS) und Akteur-Netzwerk-Theorien (ANT) angemessen berücksichtigt wird. Zunächst werden einige Grundannahmen traditioneller Kommunikationsanalysen diskutiert, denen ein psychologisch verkürztes Verständnis von Subjekten und ein allenfalls undifferenzierter Umgang mit medialen Objekten bzw. Medienmaterialität zu unterstellen ist. Ebenfalls kritisch wird den Praxistheorien ein Bias auf Reproduktion und Ordnung sowie ein allenfalls defizitäres Subjektkonzept nachgewiesen. Mit Hilfe von STS und ANT werden zudem analytische Modelle sowie Befunde zur Bedeutung medialer Objekte und Materialität vorgestellt. Schließlich wird mithilfe der Technikanalysen Martin Heideggers ein Weg für die kritische Adaption von practice und material turn für Kommunikations- und Medienanalysen skizziert. Schlüsselwörter

Kritische Kommunikationsforschung · Mediatisierung · Praxistheorie ·  Science and Technology Studies · Techniksoziologie

P. Gentzel (*)  Universität Augsburg, Augsburg, Deutschland E-Mail: [email protected] © Springer Fachmedien Wiesbaden GmbH, ein Teil von Springer Nature 2019 P. Gentzel et al. (Hrsg.), Das vergessene Subjekt, Medien • Kultur • Kommunikation, https://doi.org/10.1007/978-3-658-23936-7_5

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1 Einleitung Gegenstand der folgenden Überlegungen ist das Verhältnis von Subjekten und materiellen Objekten sowie den davon abhängigen Konzepten des Handelns und der Technik in und für gegenwärtige Kommunikations- und Medienanalysen. Das Adjektiv ‚gegenwärtig‘ zielt dabei auf ein bestimmtes Muster der Rekonzeptualisierung von Subjekten und Objekten in den interdisziplinären und internationalen Sozialwissenschaften. Dieses Muster ist gekennzeichnet durch eine markante Bedeutungsaufwertung von technologischen Artefakten im Kontext des „practice turn“ (Schatzki et al. 2001) und „material turn“ (Bennet und Joyce 2010) bzw. konkret bezogen auf digitale Medien einer „material phenomenology“ (Couldry und Hepp 2017). Gleichzeitig geht diese (Wieder-)Entdeckung der v. a. technologischen Objekte oftmals einseitig zulasten von Subjektkonzeptionen. Diese Kehrseite der Aufwertung materieller Objekte ist dabei weder ­ theoretisch-konzeptionell zwingend, noch analytisch und gesellschaftspolitisch wünschenswert. Zum Beispiel entwickeln Protagonisten der Praxistheorien (PT) ihre Argumente für eine konzeptionelle Privilegierung des „temporally unfolding and spatially dispersed nexus of doings and sayings“ (Schatzki 1996, S. 89) oder der theoriegeschichtlichen „Dezentrierung des Subjekts“ (Reckwitz 2008a, S. 186) oftmals in Abgrenzung zum starken Subjekt der (Mundan-)Phänomenologie (Reckwitz 2008a, b). Damit einher geht die Kritik an solchen Handlungstheorien, die mentalistisch verkürzte Erklärungen anbieten (Schatzki 2001b, S. 47; Reckwitz 2003, S. 282–283), weil sie die Analyse sozialer Handlungen durch Nennung und Aggregation bewusster und rationalisierter Intentionen abschließen. Die plausiblen Schlussfolgerungen sind, dass 1) explizites Wissen und rationale Intentionen nur einen Teil menschlichen Verhaltens in einer sozialen, kulturellen und technologisch konstruierten Welt ausmachen und deshalb folglich 2) die Bedeutung von Routinen, Habitualisierungen und Alltag aufgewertet werden muss. Dies wird in der Regel anhand des 3) Begriffs der Materialität ausdifferenziert, der sowohl auf inkorporiertes Routinewissen als auch auf natürliche und artifizielle Objekte abstellt. Insbesondere aufgrund dieser Argumente bieten sich PT oder auch (nur) das „Idiom der Praktik“ (in Anlehnung an Rouse 2006, zit. nach Alkemeyer et al. 2015, S. 7) an, um einen Übergang zu den stärker analytisch orientierten Science and Technology Studies (STS) (Lengersdorf und Wieser 2014) und der Akteur-Netzwerk-Theorie (ANT) (Belliger und Krieger 2006) herzustellen. Denn diese setzen „empirisch-konstruktivistisch“ (Knorr-Cetina 1989), insbesondere in ihrer ersten Phase der laboratory studies, direkt an den konkret beobachtbaren Subjekten und Objekten in hochgradig vorstrukturierten Arbeitsumfeldern der Wissensproduktion

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an, um Bedeutung und Konsequenz jener Routinehaftigkeit und Materialität der Praxis zu beschreiben. Ihre Befunde, beispielsweise im Hinblick auf in Technologien eingebaute und sich verändernde Affordanzen (Lievrouw 2014) oder Standardisierungs- und Klassifikationseffekte im Zuge der Nutzung materieller Infrastrukturen (Bowker und Star 1999), begründen mit Nachdruck, warum das Verhältnis von subjektiven Handlungen und übergreifenden technologischen Prozessen wechselseitig analysiert und gedacht werden sollte. Schließlich ist es v. a. Bruno Latours Ansatz der ANT, der das Arbeitsprogramm jener frühen empirisch-konstruktivistischen Laborstudien auf eine sozialtheoretische Ebene zu übertragen sucht (Latour 2006, 2007). Aus dem „follow the actor“-Credo der ethnografischen Analysen (Latour 2005, S. 12) leitet er dabei eine radikal symmetrische erkenntnistheoretische Position ab, in der die Differenz zwischen Subjekten und Objekten aufgehoben wird. Während die ANT sich in methodologischer Hinsicht hervorragend eignet, um beispielsweise die Soziale Netzwerkanalyse weiterzuentwickeln, verliert sich beim Übergang von Methodologie zu „Sozialtheorie“ und Erkenntnistheorie allerdings ein hohes Maß an Plausibilität. Die grundlegende These dieses Beitrages ist, dass die Konzeptionen von menschlichen Subjekten und materiellen Objekten wechselseitig aufeinander verweisen und keine antagonistischen Gegenpole darstellen. Folgt man jener These der Wechselseitigkeit, ergeben sich bestimmte Schieflagen in den skizzierten Diskussionszusammenhängen (oder ‚turns‘). Zwei Beobachtungen sind in dem Zusammenhang leitend: Zum Ersten die augenfällige Vermischung der Konzepte von Subjekt und Objekt aus sozialphilosophischen und erkenntnistheoretischen Debatten mit jenen der sozialtheoretischen und analytischen Ebene. Zum Zweiten die erwähnte einseitige Aufwertung artifizieller, v. a. technologischer Objekte zulasten der Subjekte. Eine erhöhte Sensibilität gegenüber diesen beiden Schieflagen macht aus disziplinärer Perspektive den Unterschied zwischen instruktiver Adaption und Weiterentwicklung oder unkritischem Import aus. Folglich fungiert die These der wechselseitigen Konstruktion von Subjekt und Objekt, Handeln und Technik in dem vorliegenden Beitrag sowohl als Analyseraster für PT, STS und ANT als auch als Ansatzpunkt für deren kommunikationswissenschaftliche Bearbeitung. Diese Problem- und Vorhabenbeschreibung wird in drei Argumentationsschritten bearbeitet, die die folgenden Ausführungen auch formal strukturieren. Im ersten Schritt wird das kommunikationswissenschaftliche Verständnis von Subjektivität und Objektivität skizziert. Zentral hierfür ist die Beobachtung, dass kommunikationswissenschaftliche Theoriebildung und Analyse durch Technikund Objektvergessenheit charakterisiert ist. Eine Vergessenheit, die als Folgeerscheinung eines sozialphänomenologisch bzw. -konstruktivistisch angelegten,

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zu starken, d. h. zu rational und zu individualistisch gedachten, Subjektbegriffs interpretiert werden kann. Mit diesem rationalistischen Subjektbegriff geht dann notwendig ein psychologisch verkürztes, weil auf Rationalität, Intentionen und Motive eingeengtes Handlungs- und Kommunikationskonzept einher. Unter Zuhilfenahme aktueller Beiträge aus dem Forschungsfeld Mediatisierung wird begründet, warum eine Adaption von PT und STS hier weiterhilft. Im zweiten Schritt erfolgt die angesprochene Analyse der Bedeutung von Subjekten in ihrem Verhältnis zu Objekten, von Handeln und Technik in PT, STS und ANT. Als identitätsstiftende Merkmale der PT werden dabei eine flache Ontologie sowie eine relationale und kontextuelle Forschungshaltung (Schatzki 2016) identifiziert. Kritisiert wird dabei das Zerfallen der Subjektkonzeptionen (Alkemeyer und Buschmann 2016) in einerseits strategische oder taktische Konstrukteure (Hörning 2001) von „practices as performance“ (Shove et al. 2012, Shove und Pantzar 2007) und bloße Vollzugsorgane von „practices as entity“ (Shove et al. 2012, Shove und Pantzar 2007) andererseits. Gerade die grundlegenden praxistheoretischen Arbeiten (Schatzki 1996; Schatzki et al. 2001) weisen insgesamt einen Bias auf Routinen und immer schon geordnete soziale Ordnungen auf. Ebenfalls zu kritisieren ist, dass aus dem praxistheoretischen Ziel der „Überwindung des Subjekt-Objekt-Dualismus“ (Schatzki 2001a, S. 1) mittels eines aufgeblähten Materialitätsbegriffs, kein analytisch tragfähiges Instrumentarium zur Beschreibung der Bedeutung materieller Objekte emergiert. In diese letztgenannte Leerstelle werden in der Folge zwei Modelle der STS und die ANT, im Sinne einer instruktiv weiterentwickelten Sozialen Netzwerkanalyse, eingepasst. Im dritten Schritt wird im Anschluss an die sozialphilosophischen Grundideen der PT für das Zulassen von Differenzen und Normativität innerhalb der flachen Ontologie und Subjekt-Objekt-Netzwerken plädiert. Ausgangspunkt hierfür ist ein Argumentationsschritt aus der frühen Sozialphilosophie Martin Heideggers, der mit dessen sozialphilosophischen Analysen von Technologie und Wissen aus den 1950er Jahren verbunden wird. Denn gleichwohl sich die PT sehr umfassend bei Heidegger (und Ludwig Wittgenstein) bedienen (ebenso wie es die „Praxeologien“ von P. Bourdieu oder M. Foucault tun; Dreyfus 1995, S. 7–8; Dreyfus 2001a), lassen sie all jene – für sein Werk konstitutiven – Momente von Selbstbestimmung, Krise, Kreativität und Poiesis außer Acht. Ausblickend wird argumentiert, dass eine solche Rehabilitierung des Subjektbegriffs den Weg für eine historische, normative und damit auch kritische Fundierung der Analyse mediatisierter Kommunikationspraktiken bereiten kann.

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2 Massenkommunikation und Medienkultur: Zum Wandel von Subjekten und Objekten kommunikationswissenschaftlicher Forschung Die Institutionalisierungsgeschichte der Publizistik und Kommunikationswissenschaft nach der „sozialwissenschaftlichen Wende“ (Löblich 2010) geht mit einer Fokussierung von Material- und Formalobjekt auf Phänomene der Massenkommunikation einher. Sie ist zudem getragen von der Einnahme der erkenntnistheoretischen Position des Positivismus. Die breitere, eher kulturwissenschaftliche Orientierung von Theorie und Methodologie der Zeitungskunde aus der Zeit der Weimarer Republik wurde dagegen marginalisiert (Gentzel und Koenen 2012). In der Einleitung zu diesem Band wurden die Subjekt- und Objektvorstellungen einiger Kernkonzepte der Massenkommunikation, Informationsverbreitung und Medienwahl bereits diskutiert. Es wurde gezeigt, dass Subjekte in diesen als Funktionsträger für Massenkommunikation angesprochen werden (Sender & Empfänger, Produzent & Rezipient, Meinungsführer & Influencer) und mittels von diesen Funktionen abhängigen, aggregierten sozialen und psychischen Eigenschaften konzipiert sind. Auch die Konzeptualisierung der medialen Objekte allein als materielle Kommunikationskanäle (Saxer 1999) wurde als unzureichend bewertet. Zur Vorbereitung der praxistheoretischen Diskussion verspricht nun die Analyse des erkenntnistheoretischen Stellenwerts jener Subjekt-ObjektBeziehungen einen Mehrwert. Erkenntnistheoretisch und methodologisch haben die für Kommunikationsprozesse, Informationsverbreitung und Medienwahl funktionalen oder dysfunktionalen Subjekte den Status eines Quantors – um es mit einem Begriff aus der klassischen Logik auszudrücken. Das heißt, sie werden als vorhandene, abgeschlossene Größen begriffen, die im Sinne dieses Vorhandenseins einen positiven oder negativen Wert haben und in der je definierten Art und Weise entsprechend konstant wirken (oder bewirkt werden). Insgesamt steht dieses Erkenntnismodell aus Quantoren und diesen äußerlichen Wirkbeziehungen der naturwissenschaftlichen – konkret der physikalischen statt bspw. chemischen – Epistemologie nahe (Krotz 2008). Es entspricht damit dem cartesianischen Dualismus. Das Attribut geht auf den französischen Mathematiker und Philosophen Rene Descartes zurück, der in der ersten Hälfte des 17. Jahrhunderts mit dem Discourse de la méthode und den Meditationes de prima philosophia die Grundlagen der, bis heute die Wissenschaften dominierenden, korrespondenztheoretischen Erkenntnistheorie formulierte. Weitere Kernelemente dieses Modells sind 1) methodischer Individualismus (Rückführung von gesellschaftlichen und

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kulturellen Phänomenen auf die intentionalen Handlungen des Einzelnen), 2) distanzierte Beobachterperspektive (korrekte Erklärungen erfolgen aus einer objektiven, theoretischen, von den Alltagspraktiken entkoppelten Position heraus), 3) Eindeutigkeit und theoretischer Holismus (individuelle Handlungen und soziale Prozesse lassen sich auf explizite Intentionen und Regeln zurückführen) (Dreyfus 1995, S. 4–9). Für die Kommunikationswissenschaft der Gegenwart ist das Erklärungspotenzial dieses Erkenntnismodells erschöpft, was aufgrund des Aufbrechens jener Quantoren, d.  h. des brüchig Werdens von Abgeschlossenheit und Abgrenzbarkeit offenkundig wird – man denke etwa an die Abgrenzungen von Massenkommunikation und interpersonaler Kommunikation, one-to-many und many-to-many Kommunikation, Massenmedien und Sozialen Medien oder Produktion und Rezeption. Seit der Jahrtausendwende – erinnert sei an sozialpsychologisch orientierte Arbeiten (z. B. Weiß 2001), die einsetzende Rezeption der Cultural Studies (z. B. Hepp 1999) sowie die (Re-)Formulierung des Mediatisierungsansatzes (Krotz 2001) – erfährt deshalb auch das Bezugssystems Kultur wieder deutlich mehr disziplinäre Aufmerksamkeit. In der Folge mehren sich dann auch kritische Stimmen zu dem aus medienkultureller Perspektive verkürzten Wirkungsbegriff (u. a. Wimmer 2013) oder den physikalischen Konzepten von Kommunikation und Medien (u. a. Krotz 2008). Dennoch bleibt festzuhalten, dass der Austausch über die Grenzen der empirisch-sozialwissenschaftlichen und kulturalistischen Forschungshaltung hinweg, durchaus analog zu den internationalen Communication and Media Studies (u. a. Couldry 2004, S. 115–118; Reardon und Rogers 1988; Wiemann 1988), verbesserungswürdig ist (u. a. Hachmeister 2008; Wehmeier 2011; Wissenschaftsrat 2007). Die gemeinsame Entwicklung adäquater theoretischer und analytischer Instrumente, insbesondere im internationalen und interdisziplinären Austausch, ist deshalb von entscheidender Bedeutung für die Zukunft des Fachs. Eine solch kollektiv geführte, an den begrifflichen und konzeptionellen Grundlagen der Disziplin interessierte Diskussion kommt gerade erst in Gang (u. a. Hepp 2016). Sie drängt aber nicht nur aufgrund Disziplin immanenter Gründen, wie etwa der Definition von Fachidentität (durch Kontinuität), sondern insbesondere aufgrund von Fragen gesellschaftlicher Relevanz. Ein kurzer Blick auf einige empirische Diagnosen aus der jüngsten Vergangenheit digitaler Kommunikationsprozesse, insbesondere die Folgen einer sich monopolisierenden, der Datenökonomie verpflichteten Transformation von Medienmärkten und -produkten, reicht aus, um z. B. gesellschaftspolitische Relevanz und Kritik auch jenseits von Themen wie Informationsverbreitung,

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Öffentlichkeit und Medienwahl einzufordern. Beispielsweise diagnostizieren synchrone empirische Analysen eine „digitalen, computerkontrollierten Infrastruktur für alle symbolischen Operationen“ (Krotz 2017) bzw. eine „deep mediatization“ im Zeichen von „datafication“ (Couldry und Hepp 2017) und weisen so auf eine grundlegende Veränderung der sozialen und kulturellen Welt – und damit notwendig auch der in dieser Welt befindlichen Subjekte hin. Dies kulminiert in einer Gegenwart, in der „[t]he operating conditions of digital-infrastructures become part of the functioning conditions of the self“ (Couldry und Hepp 2017, S. 161). Ausgangspunkt dieser Entwicklung ist die Annahme einer zunehmenden Mediatisierung kommunikativer Praktiken – mithin der mediation of everything (Livingstone 2009) – und damit eine These, die sich auch außerhalb kommunikations- und medienanalytischer Untersuchungen im engeren Sinne bestätigt (z. B. Rosa 2005; Illouz 2007). Gleichwohl also die Entwicklung sozialwissenschaftlicher Disziplinen in Abhängigkeit der jeweiligen Materialobjekte freilich auf unterschiedliche Schlüsselkonzepte zulaufen muss (Öffentlichkeit, Gesellschaft, Kultur, Markt, Politik etc.), sind es allen voran Omnipräsenz und Ubiquität von Medientechnologien im Alltag, die zunehmend in das Zentrum der Sozial- und Kulturanalysen insgesamt rücken. Kommunikations- und Medienanalysen sind damit sowohl analytisch „dezentriert“ (Morley 2009) als auch disziplinärer entgrenzt. Bezogen auf die hier geführte konzeptionelle Diskussion bedeutet dies zunächst erst einmal die Überwindung der polaren Unterscheidungen von (intentionalem) Handeln und (routinemäßigem) Verhalten und damit auch der einseitig-funktionalistischen Beziehung zwischen kommunizierendem Subjekt und technologischem Medienobjekt (unilateraler Konstruktivismus bzw. Determinismus; Lievrouw 2014). Mit PT, STS und ANT werden in der Folge die derzeit profiliertesten Ansätze diskutiert, die sich der Kritik und Überschreitung jener Grenzlinien widmen.

3 Flache Ontologie und relationale Forschung: Subjekte, Objekte und Materialität in Praxistheorien und Science and Technologie Studies Mit dem cultural turn (Alexander 1988) der Sozialtheorien in den 1960er Jahren wird die erkenntnistheoretische Position des cartesianischen Dualismus in den Sozialwissenschaften nachhaltig unterlaufen. Neben der großflächigen Institutionalisierung der Kulturwissenschaften und der Profilierung der Kultursoziologie

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ist damit v. a. die theoretische und analytische Entwicklung adressiert. In deren Mittelpunkt rückt nun das Bezugssystem Kultur, d. h. die „sinnhafte Organisation der Wirklichkeit, in deren Zusammenhang Verhalten und soziale Gebilde erst möglich werden“ (Reckwitz 2008a, S. 16). Diese Entwicklung kulminiert in der jüngeren Theoriegeschichte in einem „practice turn“ (Schatzki et al. 2001; Reckwitz 2008a), folgt man anderen Autoren gar einem „material turn“ (Bennett und Joyce 2010). Es geht nun nicht um die normative Tragweite und empirische Legitimation jener proklamierten „turns“, sondern um deren substanzielle Beiträge zur Weiterentwicklung des hier thematischen, wechselseitigen Verweisungszusammenhangs von Subjekt und Objekt.

3.1 Praxistheorien Die praxistheoretische Perspektive hat den gesamten sozialtheoretischen Diskurs nachhaltig beeinflusst. Insbesondere prägt die Beschäftigung mit Praktiken – mindestens als begriffliches Instrument – weit über die tradierten disziplinären Grenzen hinaus die sozialwissenschaftliche Forschung nachhaltig (Alkemeyer et al. 2015, S. 7; Schäfer 2016, S. 14). Auch in der deutschsprachigen Kommunikationswissenschaft scheinen praxistheoretische Zugänge allmählich adaptiert zu werden (Foellmer et al. 2018; Gentzel 2015, 2017; Pentzold 2015; Raabe 2009). Nun ist es unmöglich, die eine praxistheoretische Position herauszufiltern. Der Diskurs ist insgesamt weder abgeschlossen noch bis in jedes Theorem hinein homogen und auch die Argumentationstypen variieren – z. B. diskutiert Andreas Reckwitz eher theoriegeschichtlich (Reckwitz 2008a, b), die internationale Diskussion begann dagegen stärker genealogisch auf Basis der Sozialphilosophie Wittgensteins und Heideggers (Schatzki 1996; Schatzki et al. 2001). Aus diesen Gründen ist es sinnvoll, zunächst skizzenhaft die grundlegenden Gemeinsamkeiten von Praxistheorien herauszuarbeiten und diese im Anschluss für das Verhältnis von Subjekten und Objekten zu deklinieren. Primär sind es zwei Überzeugungen, die sich als praxistheoretischer Konsens identifizieren lassen: Erstens der theoretische Ausgangspunkt einer „flachen Ontologie“ (Schatzki 2016, S. 30 f.) und zweitens, eine „kontextuelle und relationale Forschungshaltung“ (Schäfer 2016, S. 13). Jene „flache Ontologie“ bezieht sich auf die epistemologische Dimension. Diese wurde traditionell entweder in einem, weiter oben näher charakterisierten, starken Subjekt oder einer universalen und singulären, hegemonialen und starren Struktur verankert. Die praxistheoretische Analyse besetzt diesen Punkt dagegen mit einem räumlich und zeitlich

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variierendem „Zusammenspiel von Praktiken und materiellen Arrangements“ (Schatzki 2016, S. 32–34), das zwischen der Handlungs- und Strukturebene liegt (Reckwitz 2008a, S. 544–550; Raabe 2009, S. 364). Praktiken werden also nicht einer Wirklichkeitsebene (z. B. Mikro oder Makro) oder einem distinkten Ursprungsort (z. B. Subjekt oder objektivierte Gesellschaft, Handlung oder Struktur) außerhalb des soziokulturellen Alltags zugeordnet. Vielmehr wird die Überzeugung geteilt, dass alle sozialen Phänomene „auf einer Ebene liegen“, d. h. die „[v]ermeintlich übergeordnete[n] oder globale[n] […] denselben Aufbau [haben, P.G.] wie Mikro- oder lokale Phänomene“ (Schatzki 2016, S. 34). Praktiken bezeichnen in diesem Zusammenspiel die konkrete Aktualisierung eines „temporally unfolding and spatially dispersed nexus of doings and sayings“ (Schatzki 1996, S. 89) der als kulturell tradierter, sozial geteilter „pool of understandings, a set of rules“ (Schatzki 2001b, S. 53) charakterisiert ist. Praktiken sind deshalb weder als Aggregation individueller Motive noch als notwendige Folge einer universellen Struktur beschreibbar (vgl. Gentzel 2015, S. 67–73). Die Macht des Subjekts wird damit in theoretischer Hinsicht entscheidend beschnitten, analytisch aber gleichzeitig gestärkt. So ziehen Praxistheorien aus der Ablehnung transzendentaler Phänomenologien, also dem Ansatz am vereinzelten, rationalen Subjekt, theoretisches Kapital (Reckwitz 2003). Die Analyse setzt aber gleichsam an den inkorporierten „Wissensrepertoires und -kompetenzen“ (Hörning 2001, S. 185), die „Menschen – oft implizit – einsetzen, um […] zu handeln“ (Hörning 2001, S. 11) an. Es geht also vermehrt um die Beschreibung von Gepflogenheiten und Routinen bzw. der Art und Weise, wie man sich im Alltag verhält. Praktiken werden damit von sozial und kulturell eingehegten Subjekten vollzogen, die eben auch emotional und affektiv reagieren. Die Analyse subjektiver Handlungen ist damit nicht mehr durch die Explikation von Intentionen hinreichend abgesichert, sondern muss Wege finden wie auch verkörperte Handlungsroutinen und Kulturtechniken, nicht reflektierte und nicht rationalisierte Handlungszwänge in ihrer Verwobenheit mit allgegenwärtigen und ubiquitären Medientechnologien beschrieben werden können. Der zweite Teil des oben eingeführten Zusammenspiels bezieht sich auf Objekte, im Sinne materieller Arrangements – und ist deshalb auch nicht mit den, dem Subjekt äußerlichen, objektiven Bezugspunkten der Phänomenologie identisch. Materielle Arrangements sind Konstellationen von „Menschen, Organismen, Artefakten und natürlichen Dingen“ (Schatzki 2016, S. 33), die in unterscheidbaren Wechselverhältnissen mit Praktiken stehen. Unterscheiden lassen sich diese Wechselverhältnisse insofern „1) Praktiken materielle Arrangements hervorbringen, gebrauchen, verändern, auf sie gerichtet oder untrennbar

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mit ihnen verbunden sind und 2) Arrangements Praktiken ausrichten, präfigurieren und ermöglichen“ (Schatzki 2016). Das Zusammenspiel als sozialwissenschaftlich Analysekategorie zielt deshalb nicht auf additive Verknüpfungen (Subjekt und Objekt), sondern lässt sich sowohl nach Typen (z. B. Gebrauch, Präfiguration, Beschränkung, Intentionalität) als auch hinsichtlich Komplexität und Homogenität differenzieren (Schatzki 2016). Das Subjekt der PT ist somit gleichzeitig von Autonomieverlust und Bedeutungsaufwertung betroffen. Auf der einen Seite wird ihm Handlungsautonomie entrissen – es wird „dezentralisiert“ (Reckwitz 2008a, b) und dessen „Aktivitätsniveau abgesenkt“ (Hirschauer 2016, S. 45). Auf der anderen Seite wird es zum analytischen Fixpunkt, weil es jeweils seine Praktiken sind, die analysiert werden und die dann erst in der Konsequenz als Tradierungen und Routinen oder abweichende „Strategien und Taktiken“ klassifiziert werden können (Hörning 2001, 2004). Dieses Aufbrechen der alleinigen Verfügungsgewalt des rationalen Subjekts über die Handlungserklärung lässt sich auch in der internationalen Kommunikations- und Medienforschung beobachten – etwa im Sinne einer „material phenomenology“ (Couldry und Hepp 2017), „verteilter Handlungserklärungen“ (Henion 2013) oder „shared intentionality“ (Tomasello 2008). Damit ist sicherlich der Weg zu einer Weiterentwicklung der sozialwissenschaftlichen Subjekttheorie angelegt, schlechterdings wird dieser im praxistheoretischen Diskurs nicht konsequent und systematisch beschritten (Alkemeyer und Buschmann 2016; Alkemeyer et al. 2015). Insgesamt kristallisieren sich zwei Formen der Subjektkonzeption heraus, die beide für sich genommen noch keinen Mehrwert darstellen. Einmal werden Subjekte als Konstrukteure und v. a. Veränderer von Praktiken beschrieben, die bestimmte Taktiken und Strategien anwenden, um Praktiken aufzuführen und zu modellieren (z. B. „practice as performance“, Shove und Pantzar 2007). In welchen spezifischen Praktiken und Praxisfelder diese Taktiker und Strategen allerdings involviert und sozialisiert sind bzw. unter welchen Bedingungen diese Ausnahmen von der Regel durch die Subjekte vorgenommen werden – denn die Annahme einer Existenz von Subjekten außerhalb von sozialen Praktiken wäre aporetisch – bleibt undeutlich. Auf der anderen Seite stehen Subjektvorstellungen, die der originär strukturalistischen Konzeption bloßer Vollzugsorgane nahestehen. Diese Subjekte werden von einer immer schon geordnet gedachten, sich in Reproduktionsschleifen bewegenden Praxis gewissermaßen „rekrutiert“ (z. B. „practice as entity“, Shove und P ­ antzar 2007). Einen instruktiven Ansatzpunkt zur Weiterentwicklung stellt hier das Plädoyer von Thomas Alkemeyer und Kollegen dar, die für eine „dünne Subjektkonzeption“ im Sinne einer systematischen Verschränkung von Teilnehmer- und Strukturperspektive werben (Alkemeyer und Buschmann 2016; Alkemeyer et al. 2015).

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Trotz dieser Defizite liegt ein Mehrwert der PT gegenüber den starken Subjekten der traditionellen Kommunikationsanalyse allerdings auf der Hand: Es ist die Sensibilisierung für leblose Artefakte, Technologien, Natur oder allgemein Materialität als „Geländer“ und „Krückstöcke“ (Hirschauer 2016, S. 50 ff.) von Handlungen – und exakt an dieser Stelle drängen sich Bezüge zur ANT und den STS auf (Gentzel 2017). Denn die Objekte und Dinge stehen nicht außerhalb von Bedeutungsaushandlung und sozialer Interaktion, sondern eröffnen neue und erweitern bestehende Potenziale – oder verstärken den Zwang sich gegenüber „Kommunikationsmächten“ (Reichertz 2009) allenfalls „passiv“ zu verhalten. Die Analyse sozialer Praktiken fordert demnach eine genauere Beschreibung von Materialität bzw. der mit Praktiken vernetzten Objekte ein – und das in doppeltem Sinne. So bezieht sich die Materialität sozialer Praktiken „auf Körper und auf Artefakte, sie [soziale Praktiken, P. G.] sind letztlich ein Arrangement sinnhaft regulierter Körperbewegungen und Artefaktaktivitäten, die beide in den Praktiken miteinander gekoppelt sind“ (Reckwitz 2008a, S. 698, Hervorhebungen P. G.). Während die Bedeutung der Inkorporation von Wissen und dessen Auswirkung auf den Subjekt- und Handlungsbegriff bereits angedeutet wurde, soll es in der Folge nun um das Zusammenspiel mit technischen Artefakten wie medialen Infrastrukturen gehen. Schlechterdings finden sich im praxistheoretischen Diskurs (noch) keine elaborierten analytischen Konzepte zum Umgang mit Objekten. Hierfür eignen sich eine Reihe von Arbeiten aus dem Umfeld der STS, besonders prägnant – aber auch besonders kritisch – in Form der ANT.

3.2 Science and Technologie Studies und AkteurNetzwerk-Theorie Die STS bzw. der „empirische Konstruktivismus“ (Knorr-Cetina 1989) sind ein interdisziplinäres und internationales Forschungsfeld, das empirische und konzeptionelle Arbeiten zur Produziertheit von Wissen und Technik versammelt, sich systematisch weiterentwickelt und mittlerweile institutionalisiert hat (Lengersdorf und Wieser 2014, S. 3–7; Lievrouw 2014). Mit Weiterentwicklung ist dabei insbesondere die Ausdehnung des Gegenstandsbereichs von der Fabrikation wissenschaftlichen Wissens im Rahmen der frühen laboratory studies auf eine gesamtgesellschaftliche Ebene gemeint. Technologien und Wissensproduktion werden damit in zweifacher Weise für die Sozial- und Kulturanalyse interessant. Einerseits hinsichtlich der Frage, welche Sozialität und welches kulturelle Wissen in Technologien verbaut ist und andererseits bezüglich der Effekte, die die soziokulturell unterschiedlichen Aneignungsweisen dieser Technologien zeitigen. Für

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die Kommunikations- und Medienanalyse eröffnet sich damit ein äußerst vielversprechender Weg, um Objekte jenseits der Pole rein technischer und rein sozialer Determiniertheit, die ebenfalls als Folgeerscheinung physikalischer Epistemologie begreifbar sind, analysieren zu können. Weite Teile dieser Studien von „Wissen und Technik in Aktion“ (Lengersdorf und Wieser 2014, S. 5) teilen dabei die „praxistheoretischen“ Prinzipien der Kontextualität und Relativität und verfügen zugleich über ein außerordentliches Maß an Reflexivität (Knorr-Cetina 1989, S. 91). In der Folge sollen mit den „Affordanzen“ (Bloomfield et al. 2010; Zillien 2008) und den „boundary objects“ (Star und Griesemer 1989; Bowker und Star 1999) nun exemplarisch zwei dieser Analysekonzepte kurz vorgestellt werden. So lenkt das u. a. in der Mediensoziologie weiterentwickelte Konzept der „Affordanzen“ den Fokus auf die Erfordernisse und Aufforderungsstrukturen von Artefakten in alltäglichen sozialen und kommunikativen Praktiken (Lievrouw 2014). Damit rücken Prozesse der Veränderung, Umgestaltung und Stabilisierung von Medien in den Blick. Kommunikationstechnologien werden so nicht nur danach befragt, wie sie Verständigung ermöglichen oder begrenzen, sondern ihre Kapazitäten werden selbst zum Gegenstand von Aushandlungs- und Ausgestaltungsprozessen. Die disziplinäre Adaption dieser Analyseperspektive kann die Formen und Strukturen der bedeutungsvollen Konstruktion, Veränderung und Tradierung von Medialität analysieren und Anforderungen an entsprechende Fertigungs- und Designprozesse formulieren (Höflich 2016; Zillien 2008). Ebenso instruktiv erscheint der Ansatz der „boundary objects“. Die Analyse von Grenzobjekten legt nämlich den Fokus auf die häufig unscheinbaren Standardisierungs- und Klassifikationseffekte medialer Infrastrukturen auf der einen und auf die variierende Verwendung dieser Medientechnologien durch unterschiedliche soziale Akteure (z. B. im Hinblick auf Alter, Sozioökonomie, Geschlecht) auf der anderen Seite. Grenzobjekte sind damit einerseits flexibel, weil heterogene Interessen adressiert werden können, andererseits robust genug, um eine gemeinsame Identität zu stiften und etwa Kooperation zu gewährleisten (Star und Griesemer 1989). Ähnlich wie in der Affordanzforschung rückt damit die Mehrdeutigkeit bzw. -funktionalität und die kommunikative Institutionalisierung von Medienmaterialität in den Blick. Während damit die technologischen Objekte analytisch überhaupt erst einmal zugänglich werden und entsprechend sensible Kommunikations- und Medienanalysen damit nicht mehr nur auf die Rezeption von Inhalten beschränkt bleiben, sondern auch auf die Produktion bzw. die bedeutungsvolle Aushandlung von Materialität und Technologie zielt, sind Fragen nach der Veränderung von Subjektivität hier noch nicht systematisch angelegt.

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Dieses Moment wird in der ANT prekär. Sie lässt sich als radikalster Theorieentwurf der STS verstehen, weil deren Vertreter um M. Callon, B. Latour und J. Law die Idee einer „flache Ontologie“ konsequent ausbuchstabieren. Methodische orientiert sich die ANT – und darin stimmt sie mit den STS noch weitgehend überein – an der Ethnologie, die Begrifflichkeiten sind semiotisch inspiriert – so gehen etwa die „Übersetzungen“ und „Aktanten“ auf die Arbeiten Michel Serres zurück (Passoth 2010, S. 312) und die epistemologische Position ist radikal symmetrisch bzw. ontologisch flach – abgeleitet aus der wissenssoziologischen Programmatik D. Bloors (Gentzel 2015, S. 114–134). Vertreter der ANT plädieren für eine Analyse der Wirklichkeit in Form von Netzwerken an denen das Soziale, Ideelle und Ideologische, Natürliche und die Technologie gleichberechtigt partizipieren. Diese Netzwerke sollen dabei nicht nur auf die Relationen angewendet werden (wie es die klassische Netzwerkanalyse tut), sondern die ontologische Grundkategorie schlechthin bilden. Das bedeutet, sie sind auch auf die Substanzen oder Knoten, d. h. auf alle Elemente des Netzwerks selbst – und damit nicht zuletzt auf Subjekte und Objekte – gleichermaßen anzuwenden. Dies ist zunächst erst einmal instruktiv, weil damit Netzwerke dynamischer, offener und umfassender gedacht werden, als es die soziale Netzwerkforschung kann und somit auch produktive wie destruktive, ordnende wie desorganisierende Potenziale offengelegt werden (Höhne und Umlauf 2016). Die Akteur-Netzwerke sind nämlich in ethnografischer Analyse und aus Akteursperspektive zunächst erst einmal zu identifizieren und nicht, wie es aus der distanzierten Beobachterperspektive häufig scheinen mag, bereits gegeben. Sie sind ferner voller Widerstände und mitunter chaotisch, weshalb Prozesse der „Übersetzung“, „Vermischung“ und „Reinigung“ eine herausragende Rolle spielen. Die ANT bezieht sich also nicht nur auf die Relation zwischen Subjekten und Objekten und diese folgt auch nicht automatisch den Kategorien von Organisation, Ordnung oder Stabilität, sondern auch auf diese selbst. Die proklamierte Heterogenität meint deshalb nicht nur die Netzwerkteilnehmer in ihrer Gesamtheit (Natur, Artefakte, Ideen, Menschen), sondern auch deren jeweilige eigene Konstitution als „Hybride“ oder „Monster“ (Latour 2007). In der Folge werden damit notwendig die distinkten Kategorien von Natur, Technologie, Sozialität oder Kultur brüchig – und B. Latour hat sichtlich Spaß daran, jene Relationen und Assoziation, die eine technisierte und mediatisierte Spätmoderne kennzeichnen, der traditionellen Sozialtheorie polemisch vorzuhalten (Latour 2006). Dass die ANT eine ganze Reihe wichtiger Kritikpunkte an der traditionellen Theorie vorträgt und zudem analytisch reüssiert, weil sie etwa unterschiedliches Quellenmaterial und unterschiedlichste Daten oder Texte miteinander verknüpft, steht außer Frage. Ganz sicher hat die dadurch erzeugte Form

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der Evidenz ihre interdisziplinäre Adaption katalysiert und auch die Produktivität, in jedem Fall aber die Kreativität, der Sozialanalyse deutlich stimuliert. Trotz aller empirischen Überzeugungskraft und theoretischen Polemik bleiben aber Fragen unbeantwortet, denen sich die Sozialwissenschaft nicht entziehen sollte. Dies sind insbesondere normative Fragen nach Kritik, Selbstbestimmung, Ethik, Verantwortlichkeit, guten und schlechten Handlungsoptionen, die allesamt eng an den Subjektbegriff gekoppelt sind. Hier ist die ANT in der Regel stumm und die Vermutung liegt nahe, dass dieser Umstand nicht einem bloßen Desinteresse geschuldet ist, sondern allein durch das Denken in Relationen und Assoziationen schlicht nicht gut bearbeitet werden kann.

4 Subjekt, Objekt und Kritik – Zur Technisierung von Wissen, Handeln und Kommunikation Wie könnte nun eine systematische Verflechtung von Subjekt- und Objektkonzeptionen aussehen? Wie können die diagnostizierten Einseitigkeiten überwunden werden? Und welche Leitlinien für die Adaption der praxistheoretischen Position und der Analysemodelle aus STS und ANT ergeben sich daraus? Antworten auf diese Fragen können nur skizzenhaft erfolgen, weshalb sich an dieser Stelle auf den Nachvollzug eines Argumentationsschritts aus den sozialphilosophischen Grundlagen der PT beschränkt wird. Ziel ist es, damit eine im Subjektbegriff verankerte Differenzierung in Erinnerung zu rufen. Eine Differenzierung, die in den Diskussionen um practice turn und material turn nicht präsent ist, für die Entwicklung einer kritischen Theorie- und Analyseperspektive allerdings vielversprechend scheint. Die zentralen epistemologischen Referenzen der Praxistheorien gelten dem Spätwerk Wittgensteins, den 1953 postum herausgegebenen Philosophischen Untersuchungen, sowie den Überlegungen Heideggers zum „In-der-Welt-Sein“ des Subjekts, wie sie 1927 in Sein und Zeit veröffentlicht wurden (u. a. Couldry 2004, S. 123; Reckwitz 2003, S. 283; Schatzki 1996, S. 18, 25–54). Beide Argumentationen werden herangezogen, um die grundlegende praxistheoretische Epistemologie im Sinne einer flachen Ontologie zu formulieren (Bloor 2001; Dreyfus 2001b; Schatzki 1996, S. 115). Insbesondere die Ablehnung idealistisch-metaphysischer und psychologisch-materialistischer Fundierungsstrategien für Subjekt bzw. Struktur – also der Annahme diese ließen sich außerhalb von Praxiszusammenhängen beschreiben – liegt hier bereits umfänglich vor. Die Überlegungen Wittgensteins und Heideggers sind in dieser kritischen Stoßrichtung komplementär, weil sie den Gegenstand ihrer Überlegungen „Sprache“

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(­Wittgenstein) und „Dasein“ (Heidegger) im Sinne eines „Verstehensmediums“ (Stegmüller 1968, S. 148) konzipieren – und damit explizit gegen die physikalisch wirkenden Quantoren des cartesianischen Dualismus entwickeln (Dreyfus 1995, S. 7, 35 ff., 146–156; Rentsch 1985). Beide verfolgen somit das Ziel, Alternativen zur positivistischen Weltsicht, d. h. methodischem Individualismus, distanzierter Beobachterperspektive und Eindeutigkeit und theoretischem Holismus zu entwickeln (Gentzel 2015, S. 30–48). Augenfällig wird dies bereits mit Blick auf das Subjekt der Mediationen (Descartes) und jenem in Sein und Zeit (Heidegger). Protagonist der Überlegungen Descartes’ ist ein zurückgezogenes, am Kamin sitzendes, vereinzeltes Bewusstsein (Descartes 1994, S. 11–12), dessen Denken mit einer Reflexion über die Knetbarkeit von Wachs (als pars-per-toto für physische Objekte und Materialität) beginnt (Descartes 1994, S. 23) und in der Folge die wissenschaftlich korrekten, Wahrheit garantierenden Regeln des Erkennens formuliert. Der Protagonist in Heideggers Sein und Zeit (Heidegger 2001) ist demgegenüber das „Dasein“ als „In-der-WeltSein“. Dieses Dasein ist immer kulturell, sozial und materiell eingebunden – es ist niemals singulär und als denkendes Subjekt (res cogitans) der materiellen Außenwelt (res extensa) gegenübergestellt. Das Subjekt in Sein und Zeit zeichnet sich aus durch „In-der-Welt-Sein“ und damit u. a. „Geworfenheit“ (Leben in einer konkreten Welt), „Mit-Sein“ (Sozialität), den Umgang mit „zuhandenem Zeug“ (mit Praktiken verwobene Objekte und Dinge) und den Modus der „Uneigentlichkeit“ (routinehafter Alltag). Es geht zumeist in diesen alltäglichen Routinen auf – und das hat Konsequenzen für die Qualität von Erfahrungen, für Selbstbestimmung und Selbstbewusstsein und auch für den Umgang mit Dingen. Denn im routinehaften Alltag leben Subjekte im Modus der „Uneigentlichkeit“ und handeln so, wie „man“ handeln sollte und es regelmäßig tut. Entsprechend benutzt „man“ auch das technische (Werk-)„Zeug“ – nämlich gemäß dessen Affordanzen, Funktionen und Verwendungsweisen. Während sich PT von diesen Überlegungen häufig und nachhaltig inspirieren lassen, ignorieren sie die – für Sein und Zeit konstitutive – jeweils zweite Seite der Selbst- und Umweltbezüge. All diese grundlegenden Beschreibungen von Subjekt, Objekt und Welt, Handeln, Verhalten und Technik, Heidegger nennt sie „Existenzialien“, gehen dort nämlich nicht in den Kategorien Ordnung, Stabilität und Reproduktion auf, sondern haben einen Krisenmodus. Wenn das Dasein der eigenen Endlichkeit gewahr wird, die technischen Objekte ihre Funktionen nicht erfüllen und die Routinen gestört sind, wechselt auch die Qualität der Wahrnehmung, des Selbst- und Weltbezugs: Das „uneigentliche Man“ wird zu selbstbestimmter „Eigentlichkeit“, die „Zuhandenheit“ von „Zeugs“ wird gebrochen und Artefakte erscheinen als „Vorhandenheit“, d. h. ihre sonst allzu sehr v­ erdeckten

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technischen Eigenschaften, Funktionen und Affordanzen werden wahrgenommen – nicht zuletzt ist auch der Umgang mit den Mitmenschen ein anderer, nämlich „fürsorglicher“. So wie Wittgenstein zeigt, dass die Sprache nur über ihr Sprechen verstehund analysierbar ist, zeigt Heidegger, dass Subjektivität nur inmitten praktischer Vollzüge und irreduzibel verstrickt in dinglich-materielle, soziale und kulturelle Verhältnisse existent ist. Seine, dezidiert gegen das cartesische Erkenntnismodell gerichtete Begründung des Vorrangs der Praxis (Heidegger 2001, S. 89–101), basiert also auf einer Analyse von Alltag und Krise, Routine und Veränderung. Das analytische Oszillieren sozialer Praktiken zwischen routinehafter Reproduktion und taktischer oder strategischer Veränderung erweitert Heidegger somit um krisenhafte Momente. Entscheidend ist, dass diese nicht bloß deskriptive Ausnahmen der Regel darstellen, sondern die Qualität von Selbst- und Weltbezügen, nach Heidegger die Ontologie des Selbst und der Dinge, ändern. Auch wenn jener erste, praxistheoretisch umfassend rezipiert und adaptierte Modus auch in Sein und Zeit deutlich überwiegt, sind somit systematische Unterscheidungen und Problematisierungen eingebaut, die an den Brüchen des Alltags ansetzen, ohne auf eine prä-praktische Ebene zu verweisen. Deshalb kommt auch Heideggers normativer Appell an ein selbstbestimmtes und selbstbewusstes „eigentliches Dasein“ ohne Rückgriff auf metaphysische Konzeption vereinzelter und rationaler Subjekte aus. Das Subjekt Heideggers emergiert einzig und allein aus den Beziehungen zur Umwelt, zu Mitmenschen und Dingen. In diesem Sinne ist das „Dasein“ ein Akteur-Netzwerk. Allerdings kann dieses Subjekt die bereits geordneten Relationen und Bezüge überschreiten und Alternativen formulieren. Damit eröffnet sich die Möglichkeit, jenen Ansatz der „dünnen Subjektkonzeption“ (Alkemeyer et al. 2015, S. 25) systematisch weiterzuentwickeln. Denn einerseits liegen grundlegende Gemeinsamkeiten – etwa mit Blick auf das analytische Ansetzen an der Teilnehmerperspektive im Sinne einer „komplexeren Innenposition“ (in Anlehnung an Boltanski 2010; Alkemeyer et al. 2015) oder an „practice as performance“ (Shove et al. 2012, Shove und Pantzar 2007) – bereits auf der Hand. Andererseits erweitert Heidegger jenes wechselseitige Konstitutionsverhältnis von Subjekt und Objekt entschieden über die subjektiven Innenperspektive und Fragen der Herstellung von Ordnung hinaus auf die Qualität praktischer Selbst-, Ding- und Sozialbezüge. Nun steht Normativität in den Argumentationen im Kontext des practice und material turns nicht gerade im Fokus, allerdings zeigt Heidegger in seinem Spätwerk (Heidegger 1977, 2000, 2003), welch analytische Kraft damit verbunden sein kann. Im Zentrum dieser Arbeiten stehen nämlich die Konsequenzen von Technisierung und ökonomisch-rationalem Denken für die Welt- und Selbstbezüge

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des „Daseins“. Für Heidegger sind es nicht die artifiziellen, dinglichen Objekte, die per se wirken. Es ist das technische Denken und Handeln, dass mit ihnen einhergeht und in immer weitere Lebensbereiche vordringt. Sein berühmtes Diktum wonach das Wesen der Technik „ganz und gar nichts Technisches“ (Heidegger 2000, S. 9) ist, hat seine wissenschaftliche Entsprechung im „Satz vom Grund“, d. h. der Einstellung, dass alle Phänomene auf konkrete Gründe zurückzuführen, berechen- und kalkulierbar sind (Heidegger 1965). Die zunehmende Technisierung der Lebenswelt in der Moderne zeichnet sich demnach nicht primär durch ein Mehr an technischen Dingen aus, sondern durch die Expansion des technischen Handelns, also des berechnenden, kalkulierenden und effizienten Handelns, und des technischen Denkens, also der Wahrnehmung und Beschreibung von Prozessen und Dingen in Zweck-Mittel-Relationen, in Kategorien des Herstellens, Verwaltens und der Bestandssicherung. Mit der Ausbreitung der Technik als jener Handlungs-, Wissens- und Wahrnehmungsformen geht für ihn eine Umstrukturierung der Weltbezüge, gewissermaßen eine Entfremdung der Selbstund Weltbezüge des „Daseins“ – Heidegger nennt dies „Gestell“ – bzw. eine „Versiegelung der Lebenswelt“ (Luckner 2008, S. 11) einher. Es steht außer Frage, dass die Analysen Heideggers in der Form nicht umstandslos auf empirisch-sozialwissenschaftliche Forschung übertragbar sind. Einerseits, weil sein theoretisches Instrumentarium, die emphatische Wortwahl und eigenwillige Begriffskonstruktionen grundsätzlich schwer zugänglich sind – und diesbezüglich auch schon hinlänglich kritisiert wurden (Adorno 1970). Andererseits, weil er allein die Endlichkeit, die „Angst vor dem Tod“, als Krisenmoment bestimmt aus dem heraus sich selbstbestimmte Subjekte, deren Denken, Handeln und Weltbezug nicht allein technisch-instrumentell „versiegelt“ ist, entwickeln können (Luckner 2008, S. 82–91). Gleichwohl bietet er zumindest eine analytische Programmatik an, in deren Mittelpunkt ein wechselseitiges Konstitutionsverhältnis von Subjekt und Objekt, Handeln und Technik steht. Aus diesem Analyseprogramm leiten sich Fragen ab, die auch für Kommunikations- und Medienanalysen in Zeiten der Digitalisierung, deep mediatization und datafication interessant scheinen. Beispielsweise beschreibt er im Angesicht eines Wasserkraftwerks, wie sich die Wahrnehmung und Klassifikation des Rheins als natürlichem Objekt zum „Bestand“, d. h. die Transformation eines Flusses zur kalkulierbaren und verwertbaren Ressource wandelt (Heidegger 2000). In diesem Sinne ließe sich etwa die metrische Kontur von Facebook-Profilen, das Zählen von Followern, Likes und Re-Tweets oder die Zunahme algorithmisch konstruierter journalistischer Beiträge kritisch auf Selbstund Weltbezüge rückbeziehen.

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Eine Bedingung für diese Art von Fragen ist das Zulassen und Einfordern von Unterscheidungen und damit Normativität, die sich auf die praktischen Selbst- und Weltbezüge bezieht und an ein Ideal der Selbstbestimmung, Wahrnehmungs- und Erfahrungsqualität, Reflexions- und Kritikfähigkeit des Subjekts gebunden ist. Diese muss selbstredend weiterentwickelt werden, indem jene Unterscheidungen der Welt- und Selbstbezüge über den Krisenmoment des Erkennens der eigenen Endlichkeit, des „Seins-zum-Tode“ hinaus, analysiert und ausdifferenziert werden. Ansätze einer solchen Ausdifferenzierung finden sich etwa bei Hanna Arendt, die Heideggers Diagnose der Technisierung von Denken und Handeln teilt – bei ihr ist es die in der Moderne dominante Handlungsform des „Herstellens“ seitens des „Homo Fabers“ – mit dem „zoon politicon“, das in Alternativen denkt, das mit Mitmenschen in der Öffentlichkeit kommuniziert und interagiert, aber einen Gegenentwurf präsentiert (Arendt 2005). Auch Herbert Marcuse, der Heideggers Vorlesungen in den 1920er Jahren besuchte, versuchte die Analysen des Daseins und der Technik weiterzuentwickeln, indem er sie in der Analyse des eindimensionalen Menschen (Marcuse 2004) mit der Kritik des historischen Materialismus zusammenzuführte (Luckner 2008, S. 56). Weiterhin hat der Sprachphilosoph Ernst Tugendhat gezeigt, dass es für Selbstbestimmung und Selbstbewusstsein (Tugendhat 1979) einer Differenzierung der Selbst- und Weltbezüge (des „sich zu sich Verhaltes“; Tugendhat 1979) bedarf. Er führt hierzu Heideggers Unterscheidung mit dem inneren Dialog zwischen „I“ und „ME“ (Tugendhat 1979, S. 245–262) und der Perspektivübernahme in den Stufen von „play“, „game“ und „generalisiertem Anderen“ bei Georg Herbert Mead zusammen (Tugendhat 1979, S. 263–282). Schließlich weißt jüngst auch die Soziologie der Weltbeziehungen in ihrer Emphase auf Erfahrungen der Resonanz (Rosa 2016) und damit (normativen) Unterscheidungen von Welt- und Selbstbezügen strukturelle Ähnlichkeiten mit den Analysen Heideggers auf. Es ist unschwer zu erkennen, dass diese hier bloß gelisteten analytisch-begrifflichen Instrumente weitreichende Gemeinsamkeiten mit einer klassischen These kritischer Sozialforschung, der Entfremdung, aufweisen. Entfremdung meint dabei Intentionen und Praktiken, die Subjekten „nicht von anderen Akteuren oder äußeren Faktoren aufgezwungen wurden […] welche sie aber […dennoch, d. A.] nicht ‚wirklich‘ wollen oder unterstützen“ (Rosa 2013, S. 234). Die traditionsreiche Entfremdungsthese ließe sich somit in die Gegenwart verlängern und neujustieren, denn die „Entfremdung von Arbeit wird [heute, P. G.] zu Entfremdung von eigenem Handeln; Entfremdung von Produkten wird zu Entfremdung von Dingwelt, Entfremdung von Natur wird Entfremdung von Raum und Zeit“ (Rosa 2013, S. 109). Entfremdung ist dabei nur ein spezifisches Konzept wissenschaftlicher Kritik, aber es ist ohne einen Subjektbegriff schlicht nicht zu haben und

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unterstreicht damit beispielhaft dessen Relevanz. Insofern verspricht eine elaborierte Diskussion des Subjektbegriffs die gesellschaftspolitische Funktion der Kommunikationswissenschaft – auch jenseits normativer Öffentlichkeitskonzepte – deutlicher zu konturieren bzw. überhaupt wahrzunehmen. Weniger programmatischen Charakter, dafür stärker pragmatisch-analytische Relevanz haben die zu beobachtenden andersartigen sozialen und zeitlichen Rahmen dieser Analysen von Welt-, Sozial- und Selbstbezügen. Das Subjekt in diesen Analysen ist nämlich kein spezifischer Akteur in einem spezifischen Handlungszusammenhang bzw. einer vorab definierten Situation der Mediennutzung. Es geht also nicht um einen Träger aggregierter Eigenschaften und die Frage, wie diese Eigenschaften mit einem exklusiven Typus rationaler Handlungsentscheidungen korrelieren, sondern um eine Transformation der Praktiken selbst, d. h. der Welt- und Selbstbezüge, des Wissens und Erkennens in einer historischen Dimension. Diese Analysen verstehen das Subjekt demnach grundsätzlich prozessual (relational). Damit rücken für gegenwärtige Medien- und Kommunikationsanalysen erneut Sozialisations-, Inkorporations- und Enkulturationsprozesse – angereichert z. B. durch Sensibilität gegenüber Klassifikations-, Selektions- und Standardisierungseffekte von Grenzobjekten und materiellen Infrastrukturen – in den Mittelpunkt. Die Medien- und Kommunikationswissenschaft ist hierfür eigentlich gut aufgestellt, weil diese Theorien und Modelle zumindest in den Cultural Studies und der Medienkulturforschung allgegenwärtig sind. In diesem Zusammenhang kann Theorie dann auch nicht nur importiert, sondern adaptiert und entwickelt werden. Augenfällig ist nämlich, dass sowohl Praxistheoretiker als auch Latour der Auseinandersetzung an diesem Punkt aus dem Weg gehen. Eine systematische Rekonstruktion der Arbeiten Meads und des Symbolischen Interaktionismus, des Pragmatismus, der Wissenssoziologie nach Berger und Luckmann, finden sich in deren Werken nämlich nicht.

5 Fazit: Potentiale und Grenzen flacher Ontologien und relationaler Analysen Die hier entfaltete Chronologie der Argumentation zu PT, STS und ANT ist keine willkürliche, sondern markiert einen Weg, der deren kritische Adaption für die Kommunikations- und Medienforschung erleichtern soll. Dazu braucht es eine Überprüfung der basalen theoretischen und analytischen Konzepte unserer Disziplin – nämlich Kommunikation und Medien.

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Ausgehend von Zusammenspielen von Praktiken und materiellen Arrangements, lässt sich ein Verständnis kommunikativer Praktiken entwickeln, das die vielfältigen Veränderungen in Zeiten einer computerkontrollierten Infrastruktur für alle symbolischen Operationen bzw. deep mediatization greifen kann. Dies betrifft insbesondere die doppelte Bedeutung von Materialität. So gilt es, erstens, Kommunikationsprozesse auch jenseits explizierter Intentionen der zentrierten Mediennutzung einzelner Akteure zu analysieren, insbesondere wenn der Analysebefund einer tiefen Mediatisierung von Alltagswelten richtig ist. Mithilfe einer Absenkung und Differenzierung von Aktivitätsniveaus von Praktiken ließen sich die alltäglichen Kommunikationsroutinen schärfer in die Analyse einbeziehen. Schon in Max Webers Idealtypenkonstruktion, die im Übrigen primär methodisch-analytischer Funktionen erfüllte (Gerhardt 2001), fanden sich neben dem rationalen beispielsweise auch das traditionale Handeln. Der Anschluss an Webers Überlegungen, die bewusste und rationale Intention als hartes Differenzkriterium zwischen Verhalten und Handeln zu institutionalisieren und die kommunikative Handlung daran anzuschließen, ist somit weder theoretisch zwingend, noch für die empirische Analyse der digitalen Datenökonomie der Gegenwart sonderlich hilfreich. Denn die auf Datenspuren basierenden Kommunikationsprozesse, z. B. bei interpersonaler Kommunikation mittels social media-Applikationen, sind weder auf die involvierten Individuen und deren zeitlich, räumlich, sozial und modal distinkte Nutzungshandlungen beschränkt, noch wird individuell adressierte Werbung, als von Daten in werbliche Angebote übersetzte Kommunikate, von einem Kommunikator intentional erstellt. Auch die Analyse von Öffentlichkeit durch professionelle, journalistische Nachrichtenproduktion steht vor diesen Problemen, weil Phänomene der algorithmischen Nachrichtenaggregation, der Informationsselektion und -aufbereitung im Datenjournalismus oder der Bot-Kommunikation keine rationalen und distinkten Handlungsakte darstellen. Die praxistheoretisch informierte Medien- und Kommunikationsanalyse fokussiert demnach auf den Alltag, d. h. auf die Mediatisierung von Routinen, die Ausbildung und Pflege sozialer Beziehungen, die Veränderungen von Normen und die Inkorporation von Orientierungswissen. Die Relevanz einer solchen Perspektive unterstreichen beispielsweise auch Studien zum mediatisierten Lebenswandel – permanently online, permanently connected (Vorderer et al. 2015), weil sie zeigen, dass es nicht sonderlich sinnvoll ist, distinkte Praktiken der Mediennutzung zu konstruieren und diese z. B. über bewusste Gratifikationserwartungen zu analysieren. Gerade die Lebenswelten von Jugendlichen – die Art wie sie soziale Beziehungen aufbauen und pflegen, wie sie sich Informationen und Wissen aneignen und nutzen, welche Normen und Werte für Privatheit und Öffentlichkeit oder online- und offline-Freundschaften gelten – sind

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grundlegend und irreversibel mit medialen Objekten und ubiquitär operierenden Infrastrukturen verwoben. Diese Lebenswelten sind ohne das Zusammenspiel von Praktiken und medialen Arrangements, das bereits an der Ausbildung von Motiven und Intentionen sowie deren Rationalisierung mitwirkt, nicht (mehr) beschreibbar. Nur durch die kontextuelle und relationale Analyse digitaler und mobiler Kommunikationspraktiken lassen sich über diese Fragen hinaus spätmoderne Transformationsmuster sozialer Beschleunigung (Rosa 2013), Prozesse der Re-Konfiguration von Räumen (Lefebvre 1991) oder Phänomene der Netzwerkgesellschaft (Castells 2001), die allesamt auf die Veränderungen kulturell tradierter Wissensbestände und -kompetenzen sowie sozialer (Ko-)Orientierung, Vergemeinschaftung und Vergesellschaftung zielen, aus kommunikations- und medienwissenschaftlicher Perspektive bearbeiten. So gilt es, zweitens, die materiellen Artefakten und Technologien selbst für die Analyse zu öffnen und theoretisch zu integrieren. Gerade in empirischer Hinsicht reichen dafür allein die Mittel und Argumente der PT nicht aus. Entsprechend instruktiv sind deshalb die Studien und Instrumentarien aus dem Feld der STS und ANT. So zeigt etwa die Forschung zu Affordanzen, dass Technologien nicht allein funktional definierte, technische Entitäten in einer soziokulturellen Welt sind und man mit diesen eben umzugehen lernt oder nicht lernt. Vielmehr sind bestimmte Aufforderungen und Bedienungsformen in Materialität eingelassen und diese werden in Aneignungspraktiken auch weiter ausgehandelt und modelliert. Kommunikations- und Medienanalysen können mithilfe dieser Perspektive einerseits kritisch hinterfragen, an welche Vorstellungen und Interessen die Konstruktion und das Design von Medienobjekten gebunden ist. Andererseits ist es mit dieser analytischen Perspektive möglich, die historische Gewordenheit von Medientechnologien über die Geschichten technischer Innovationen und funktionaler Leistungssteigerungen hinauszuführen. Beispielsweise könnten so die Veränderungen alltäglicher Aneignungspraktiken, Designveränderungen, Medieninhaltsproduktion und Programmveränderungen zusammengeführt werden (Weber 2008). Einen anderen Blickwinkel eröffnen die Studien von Susan Leigh Star, insbesondere zu „boundary objects“ und der bedeutungsvollen Materialität von Infrastrukturen. Star war eine Studentin von Anselm Strauss und fühlte sich den Arbeiten Meads und Blumers verpflichtet. Ausgangspunkt ihrer Analysen ist deshalb die Frage, wie Materialität mit Prozessen der Bedeutungsaushandlung zusammenhängt (Giessmann und Taha 2017). In diesen gelingt es ihr eindrucksvoll aufzuzeigen, dass Objekte einerseits sehr flexibel in der Handhabung sind und von unterschiedlichen Akteuren auch unterschiedlich angeeignet werden. Andererseits sind diese Grenzobjekte aber auch stabil genug, um durch Standardisierungen und Klassifikationen Kooperation zu ermöglichen und Identität zu stiften. Insbesondere ihre Konzeptualisierung von Infrastrukturen, die zwischen sozialen

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und technischen Eigenschaften changiert sowie lokale und globale Aneignungskontexte flexibel miteinander verbindet, scheint für Medien und Kommunikationsanalysen geradezu prädestiniert (Bowker und Star 1999). Auch hier ergibt sich eine kritische Perspektive, die der Kommunikationsforschung in der Form noch nicht zur Verfügung steht – etwa wenn Star und Kollegen zeigen, zu welchen Klassifikations-, Standardisierungs- und Selektionsleistungen (Medien-)Infrastrukturen Kommunikations- und Handlungsprozesse nahezu unscheinbar verpflichten (Schubert 2017). Den Versuch, diese Produziertheit und Konstruiertheit von Technologie und Wissen auf ein gesellschaftstheoretisches Level zu heben, unternimmt schließlich die ANT. Instruktiv ist in diesem Zusammenhang insbesondere der Fokus auf Übersetzungsleitungen, Kontingenzen, Widerständen, die allesamt der Stabilisierung sozialer und materieller Netzwerkverbindungen voraus gehen. Die sozialwissenschaftliche Analyse wird damit auf die kritische Analyse vermeintlich gesicherter Fakten, vor-definierter Akteure und feldspezifischer Logiken verpflichtet. Insbesondere die Mediatisierungsforschung, die programmatisch sozialen und kulturellen Wandel mit medialen und kommunikativen Veränderungsprozessen zu verbinden sucht, ist hier angesprochen. Geht man von einem wechselseitigen Konstitutionsverhältnis von Subjekt und Objekt, Handeln und Technik aus, dann ergeben sich für die Entwicklung einer entsprechenden Forschungsperspektive in der Kommunikations- und Medienforschung eine Reihe von Anknüpfungspunkten. Denn all den hier verhandelten Ansätzen und Modellen ist eine gewisse Einseitigkeit in der Theorieentwicklung zu eigen. So tendieren PT in Folge der Fokussierung auf Routinen und Gepflogenheiten zu einer Überbetonung von Reproduktion und sozialer Ordnung. Zwar gibt es auch jene Autoren, die die Taktiken und Strategien der Akteure (Hörning 2001), die komplexen Innenpositionen (Boltanski 2010) der Teilnehmer von practice as performances (Shove und Pantzar 2007) betonen und eine systematische Verschränkung von Teilnehmersicht und Theaterperspektive einfordern (Alkemeyer und Buschmann 2016), doch sind diese Ansätze (noch) in der Minderheit. So gesehen liefert die Praxistheorie zwar eine sinnvolle Kritik am monadischen Subjektbegriff der cartesianischen Epistemologie, bleibt dessen v. a. analytische Weiterentwickelung aber schuldig (Alkemeyer et al. 2015). Dies wird insbesondere dann offenkundig, wenn man nach dem praxistheoretischen Äquivalent für Kreativität, Spontaneität und Widerstand sucht – also jenen Phänomenen, die in starken Subjektkonzeptionen im Vordergrund stehen. Entsprechend ist es auch nur wenig überraschend, dass praxistheoretische Konzepte von Kritik, Reflexion, Selbstbestimmung oder Freiheit rar gesät sind (Alkemeyer et al. 2015, S. 13–16, 26–27).

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Dies zeigt sich potenziert bei der ANT, die besonders vehement und besonders laut gegen den Subjektbegriff argumentiert. Auch das mag im Hinblick auf das transzendentale, metaphysische Subjekt in vielerlei Hinsicht berechtigt sein, schafft es aber nicht für die oben skizzierten Leistungsmerkmale starker Subjekttheorien bessere Alternative aufzuzeigen. Und so mag es sicherlich zutreffen, dass Sozialität, Kultur, Technik, Wissenschaft und Natur auch an der Netzwerkkarte des spätmodernen Subjekts mitwirken, nur bedarf es zur produktiven Überwindung noch eines weiteren Schritts. In diesem Fall lässt sich sogar fragen, ob der Mangel an Sensibilität für Machtverhältnisse und Ungleichheiten sowie die fehlende Zeit- und Entwicklungsdimension (u. a. Couldry 2006) nicht einen zu hohen Preis darstellen (ausführlicher Gentzel 2017). Weiterhelfen könnte in diesem Zusammenhang eine erneute Konsultation der praxistheoretisch nur einseitig rezipierten sozialphilosophischen Klassiker. Insbesondere die Konzeptualisierung des Subjekts aus den praktischen Selbst- und Weltbezügen in Heideggers Sein und Zeit berücksichtigt nämlich neben der Reproduktionsseite auch den Krisenmodus sozialer Praktiken. Aus der Analyse gebrochener Routinen und gestörter Funktionalitäten leitet er nämlich eine zweiseitige Ontologie von Subjekt und Objekt ab. Diese Unterscheidung und deren inhärente normative Setzungen idealer, selbstbestimmter Selbstbezüge kehren in seinen mehr als zwei Jahrzehnte später veröffentlichten philosophischen Analysen von Technik und Wissen wieder und entfalten erhebliches kritisches Potenzial. Beispielsweise ließen sich an die Diagnose der Ausweitung technischen Handelns und Denkens und einer Versiegelung der Lebenswelt (Luckner 2008, S. 11) anschließen und im Angesicht der Metrik digitaler Profile von Individuen, algorithmischer Selektion von Wissen und datenbasierter Vermessung von Subjektivität und Sozialität erneut stellen.

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Mediennutzung und Psychoanalyse: Theoretische und Empirische Perspektiven Jacob Johanssen

Zusammenfassung

Dieser Beitrag verfolgt das Ziel aufzuzeigen, inwieweit die Psychoanalyse, insbesondere nach Sigmund Freud, die Kommunikationswissenschaft und speziell Mediennutzungsforschung bereichern kann. Ausgehend von dem Argument, dass die Kommunikationswissenschaft über inadäquate Subjekttheorien verfügt, argumentiere ich, dass psychoanalytische Konzepte und Ideen sowohl für theoretische als auch empirische Fragen wertvoll sein können. Anschließend werden drei psychoanalytische Konzepte – das Unbewusste, freie Assoziation, und Affekt – genauer definiert und anhand eines empirischen Beispiels einer Studie zur Rezeption von Reality-TV veranschaulicht. Ein Ausblick auf die Zukunft einer psychoanalytischen Kommunikationswissenschaft schließt das Kapitel ab. Schlüsselwörter

Affekt · Das Unbewusste · Diskurs · Freie Assoziation ·  Mediennutzungsforschung · Psychoanalyse · Reality TV · Sigmund Freud ·  Subjekttheorie

J. Johanssen (*)  Communication and Media Research Institute, University of Westminster, Northwick Park, Großbritannien E-Mail: [email protected] © Springer Fachmedien Wiesbaden GmbH, ein Teil von Springer Nature 2019 P. Gentzel et al. (Hrsg.), Das vergessene Subjekt, Medien • Kultur • Kommunikation, https://doi.org/10.1007/978-3-658-23936-7_6

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Ziel des Beitrages ist es zu diskutieren, inwieweit die Psychoanalyse die Kommunikationswissenschaft bereichern kann. Ich argumentiere, dass der Subjektbegriff in der Kommunikationswissenschaft oftmals von einem rational und logisch handelnden Individuum bestimmt ist (Dahlgren 2013). Hier vermag die Psychoanalyse als Subjekttheorie wertvolle Impulse liefern, die sowohl theoretische als auch empirische Fragestellungen beleuchten mögen. Konkret beziehe ich mich auf Sigmund Freuds Werke und stelle fest, dass er den Menschen an sich und insbesondere menschliches Handeln als prozesshaft und als durch Fantasien, Affekte, das Unbewusste und bewusste Entscheidungen konstituiert ansieht. Es ist vor allem ein Blickwinkel auf innere Prozesse, und ihre Dynamik in sozialen Situationen, der sein Werk kennzeichnet. Ein solches Verständnis kann insbesondere dann hilfreich sein, wenn es um Fragen der Mediennutzung geht. Denn die Wahl und Selektion von Medieninhalten, so die Prämisse des Beitrages, unterliegt nicht allein aktiv-rationalen Prozessen, sondern oftmals auch unbewussten Fantasien und Gedanken die im Hinblick auf die Biografie des Subjekts zu sehen sind. Ähnliche Ideen sind zwar durchaus in der Kommunikationswissenschaft vorhanden, etwa in Theorien der Rezeptionsforschung, allerdings ignorieren diese oftmals das Soziale und konzeptualisieren menschliches Handeln als mikroskopisch auf Mediennutzung oder Rezeption bezogen. Dieses Kapitel beginnt mit einer überblicksartigen Darstellung der Forschung zum Thema Psychoanalyse und Medien. Im Anschluss greife ich gezielt einige Konzepte der Freud’schen Psychoanalyse heraus – das Unbewusste, Affekte und freie Assoziation – um diese im Hinblick auf theoretische und methodologische Perspektiven auf Medien zu diskutieren.

1 Das (fehlende) Subjekt in der Kommunikationswissenschaft Peter Dahlgren hat dafür plädiert Fragestellungen mit Hinblick auf das Subjekt in der Kommunikationswissenschaft zu „reaktivieren“ (2013, S. 73, meine Übersetzung). Er argumentiert, dass die Kommunikationswissenschaft über viele implizite Modelle verfüge, die zu erklären suchten wie das Subjekt oder Subjekte funktionieren. Explizite Subjektkonzeptionen, so ja auch die Prämisse dieses Sammelbandes, fehlten oft, so Dahlgren. Natürlich geht es innerhalb der Kommunikationswissenschaft viel um das menschliche Subjekt. Dies geschieht in unterschiedlichen Sub-Disziplinen innerhalb unserer Wissenschaft und mittels einer Fülle von Theorien, Paradigmen und Ansätzen, welche das Subjekt und Medien im Spannungsfeld von sozialen und kulturellen Gesichtspunkten analysieren. Allerdings wird hierbei ein komplexes Subjektbild oft ausgeklammert

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oder als eine Tatsache sui generis gewissermaßen vorweggenommen ohne es weiter zu thematisieren. In der heutigen Zeit spielen die Medien eine große Rolle was die symbolische Konstruktion, Verteilung und Aneignung von bestimmten Ideologien, Bildern und Werten anbelangt. Darüber hinaus haben Medien in den letzten Jahrzehnten an Einfluss gewonnen in dem sie sich einerseits ausdifferenziert haben und andererseits durch Internettechnologie Gesellschaften an sich strukturell verändert haben. Des Weiteren ist zu beobachten, dass vor allem vernetzte Medien und Medieninhalte (Smartphones, Apps, Soziale Medien) sich stark auf das individuelle Subjekt ausrichten, es kategorisieren, vermarkten, anvisieren und einbeziehen. Angesichts dieser Zentrierung auf das Individuum als MediennutzerIn, welches natürlich mit vielen anderen Individuen kommunizieren soll, ist eine psychoanalytische Subjekttheorie hilfreich, um die hier skizzierten Prozesse genauer zu hinterfragen. Denn die Psychoanalyse geht konzeptuell vom Individuum aus und wie dieses mit anderen Individuen und Strukturen verwoben ist (Krüger und Johanssen 2016). Peter Dahlgren (2013) argumentiert in seinem Aufsatz explizit, dass die Kommunikationswissenschaft auch jenseits des Rationalen ansetzen solle wenn es um Fragen der Mediennutzung aber auch um strukturelle und inhaltliche Aspekte digitaler Medien geht. Ich meine, dass die Psychoanalyse (in ihren verschiedenen Strömungen und Schulen) hier Impulse liefern kann. Wenn es um Fragen der (vermeintlichen) Irrationalität geht liefert die Psychoanalyse die Perspektive auf eben solche. Allgemein formuliert versteht die Psychoanalyse den Menschen und Subjektivität als prozesshaft, konfliktreich, ambivalent, gespalten, begehrend und komplex. Ein solches Subjektverständnis – welches ich im Weiteren konkretisieren werde – verändert unsere Sichtweise auf Mediennutzung im Besonderen. Eine psychoanalytische Sichtweise auf Medien(nutzung) beinhaltet Widersprüche, Mehrdeutigkeit, Zusammenhanglosigkeit, Widerstand und Zerstörung, aber auch Lust, Kreativität und Freude etwa in Bezug auf Mediennutzung. Die Psychoanalyse vermag zugleich methodologische wie theoretische Impulse für eine empirische Mediennutzungsforschung liefern. „Ein psychoanalytischer Ansatz setzt einen Schwerpunkt auf das irrationale Selbst, subjektive und nicht objektive Erfahrung, und widersprüchliche Antworten, all dies ist Teil von Nutzungspraktiken“ (Hill 2007, S. 85, meine Übersetzung), wie die Mediennutzungsforscherin Annette Hill in Bezug auf die Psychoanalyse schreibt. Sie argumentiert, dass eine solche Sichtweise oftmals in der empirischen Mediennutzungsforschung fehle. So ist tatsächlich eine empirische Mediennutzungsforschung, welche sich auf psychoanalytische Konzepte bezieht, weitgehend inexistent. Im nächsten Abschnitt werde ich eine kurze, unvollständige, Einführung in psychoanalytische Medienforschung allgemein darlegen. Die restlichen Abschnitte werden sich konkret auf ein empirisches

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Beispiel aus der Mediennutzungs- und Publikumsforschung konzentrieren, um aufzuzeigen inwieweit die Psychoanalyse hier Relevanz für die Kommunikationswissenschaft hat.

2 Psychoanalyse und Medien Die Psychoanalyse ist primär eine klinische Disziplin, welche sich mit Fragen des psychischen Leidens und deren Verringerung bzw. wie dieses in allgemeines Unglück umgewandelt werden kann, befasst (Freud 1950). Allerdings ist die Psychoanalyse seit ihrem Anbeginn auch eine Sichtweise auf kulturelle und gesellschaftliche Fragen. Freuds metapsychologische Schriften, wie etwa Das Unbehagen in der Kultur (1974) haben subjektive Prozesse auf strukturelle Prozesse bezogen (wie etwa das Konzept der Verdrängung). Diese Perspektive wurde vor allem von der Frankfurter Schule aufgegriffen und versucht mit Marx’ Werken zu verbinden (Fromm 1993; Marcuse 1995). Diese Schriften hatten natürlich auch ihren Einfluss auf die Kommunikationswissenschaft aber mit dem Aufkommen und der Verbreitung der britischen Cultural Studies wurde die Psychoanalyse eher verdrängt und fand sich seitdem in den Film- und Medienwissenschaften stärker vertreten (Angerer 2001; Bitsch 2008; Braidt 2006). Allerdings ist seit geraumer Zeit auch eine Art psychoanalytische Kommunikationswissenschaft in der Entstehung begriffen, welche Ideen aus der Kommunikationswissenschaft und psychoanalytische Sichtweisen kombiniert um gegenwärtige Phänomene zu untersuchen (vgl. für einen ausführlicheren Überblick Johanssen und Krüger 2016). Hier können vor allem AutorInnen wie Vera King (2013, 2014), Elfriede Löchel (1997, 2006), Brigitte Hipfl (2009, 2015), Christina Schachtner (1993, 2016, siehe auch ihren Beitrag in diesem Band) im deutschsprachigen Raum genannt werden. Die Werke Alfred Lorenzers (1986), die soziologische und psychoanalytische Konzepte auf Fragen zu Kultur und Gesellschaft angewandt haben, sind bis heute ebenfalls deutschsprachigen Raum präsent und werden weiter entwickelt (Prokop und Jansen 2006; Krüger 2014). Im englischsprachigen Raum wurde die Psychoanalyse zuerst vor allem als filmanalytisches Instrument gesehen um das (ideologische) Verhältnis zwischen Filminhalten, dargestellten Geschlechterrollenbildern und dem Publikum zu diskutieren (Copjec 1989; Cowie 1990; de Lauretis 1984; Mulvey 1975; Silverman 1992). Sherry Turkle (1984, 1985, 2009, 2011) ist vielleicht eine der bekanntesten ForscherInnen, welche sich mit Psychoanalyse und Virtualität beschäftigt hat. Ihre Arbeiten, die sich auf Jacques Lacan (2002) und auch Erik Erikson (1963) beziehen, haben das Verhältnis vom Subjekt zu virtuellen Avataren und Identitäten

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im Internet, aber auch in anderen Objekten, die Medienelemente aufweisen (z. B. Roboter) untersucht. Hierbei hat sich ihre Sichtweise im Laufe der Jahre von einer positiven zu einer eher kritischeren gewandelt. Sie argumentiert, dass vor allem soziale Medien und deren Allgegenwärtigkeit durch Smartphones menschliche Subjekte beziehungsloser und narzisstischer werden lassen (vgl. auch Dean 2010). Es bleibt aber festzuhalten, dass das wissenschaftliche Forschungsfeld ‚Psychoanalyse und Medien‘ im Entstehen begriffen ist. Es kann eine gewisse Geschichte für sich reklamieren, hat sich aber in den letzten Jahren stärker ausdifferenziert und auch gegenwärtige Phänomene in den Blick genommen (Johanssen 2019). Wie aber kann empirische Kommunikationsforschung konkret von der Psychoanalyse profitieren? Im Folgenden werde ich drei psychoanalytische Konzepte vorstellen und mithilfe von einem Beispiel erläutern, wie diese für eine Konzeptualisierung und Erforschung von Mediennutzung hilfreich sein könnten. Diese sind vor allem in Bezug auf eine Subjekttheorie und Subjektivierungsprozesse für die Kommunikationswissenschaft von Bedeutung, da Verbindungen zwischen biografischen Elementen und Mediennutzungspraktiken von Subjekten erforscht bzw. theoretisch gefasst werden können. Wie bereits erwähnt ist die Psychoanalyse eine klinische Disziplin und Begriffe und Konzepte können nicht einfach so übernommen werden bzw. sollten sie nie als eine Form von Wahrheitsdiskurs gebraucht werden, der etwa ForschungsprobandInnen ‚psychoanalysiert‘ oder den Eindruck erweckt eine ultimative, unbewusste Wahrheit ans Licht bringen zu können. Dies würde die Psychoanalyse als klinische Disziplin auch nicht tun. Vielmehr kann die Verbindung von psychoanalytischen Konzepten die Kommunikationswissenschaft mit ihren ausgewiesenen Theorien und Ideen zu Medienwandel, Kultur und Gesellschaft anregen und andere Perspektiven aufzeigen.

2.1 Das Unbewusste und die Medien Die wohl zentralste Idee innerhalb der Psychoanalyse ist die des Unbewussten. Es war Sigmund Freud, der eine komplexe Theorie des menschlichen Subjektes entworfen hat, die vor allem auf dem Unbewussten basierte. Freud hat im Laufe seines Lebens viele seiner Ideen und Entwürfe verändert bzw. revidiert und so werde ich hier auf seine späteren Arbeiten zum Unbewussten eingehen. Das Unbewusste ist zunächst als Prozess zu begreifen, welcher sowohl zu dem Unbewussten an sich führt, als auch dieses als etwas Prozesshaftes und Dynamisches in Bewegung hält. Nach Freud (1989) entsteht das Unbewusste aufgrund von verdrängten Ideen, Erfahrungen oder Fantasien im frühen Kindesalter. Bestimmte Eindrücke sind zu traumatisch, peinlich, unverständlich oder undenkbar, sodass sie verdrängt

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werden. Das Unbewusste entsteht und wird so durch Verdrängung erzeugt. Diese Verdrängungsprozesse begleiten uns unser gesamtes Leben und bestimmte Dinge werden zeitlebens verdrängt. Ziel von Verdrängung ist ein Zustand, der das Verdrängte unbewusst werden lässt. Dies geschieht etwa auch als Reaktion auf traumatische Erlebnisse. Allerdings ist das Unbewusste eine dynamische Macht und so drängen verdrängte Inhalte immer in Richtung des Bewusstseins und können dem Individuum bewusst werden. Nach Freud dienen Verdrängungsprozesse auch ökonomischen Zielen. Wir können schlichtweg nicht alles behalten, womit wir je konfrontiert waren und bestimmte Inhalte werden daher unbewusst – sind jedoch wieder abrufbar, etwa wenn wir an sie erinnert werden (Freud 1989). Das Unbewusste ist ein wichtiger Teil menschlichen Lebens und die Psychoanalyse argumentiert, dass Individuen nicht immer in der Lage sind rational zu begründen, warum sie bestimmte Dinge getan haben. Die tiefer liegenden Gründe sind unbewusst. Was bedeutet dies für die Kommunikations- und Medienforschung? Wenn wir davon ausgehen, dass Medien in einer bestimmte Weise, sei sie stark oder weniger stark, auf uns wirken und gleichzeitig von uns bewirkt, also genutzt, verändert und geschaffen, werden, so müssen wir festhalten, dass diese Art der Mediennutzung nicht immer rational und bewusst abläuft. Zwar suchen KommunikationswissenschaftlerInnen immerzu nach Motiven, Gründen und Erklärungen für die Dominanz von Medien, z. B. für das Aufkommen neuer digitaler Medien, Nutzungsweisen und so weiter und so fort. Allerdings sind diese Gründe oftmals zweckorientiert, rational und diskursiv verortet. Indem das Subjekt in der Kommunikationswissenschaft (und in anderen Wissenschaften), sowohl theoretisch als auch empirisch, implizit und explizit als aktiv-rational handelndes Subjekt angesprochen wird, so vermag es auch nur rational zu antworten. In unser, fast schon pathologischen, Begierde alles erklären und deuten zu wollen, legen wir als KommunikationswissenschaftlerInnen einen zu großen Wert auf bewusstes Wissen, das auf Rationalität basiert. Was aber ist mit Unklarheiten, Widersprüchen, Nicht-Wissen oder Unkenntnis etwa in qualitativen Befragungen zu Mediennutzung (Johanssen 2016a)? Nach der Psychoanalyse ist Mediennutzung stark von unbewussten Elementen beeinflusst. Wenn es etwa um Fragen der Mediennutzung geht und diese in empirischen Untersuchungen erhoben werden, mögen Befragte viele Motive und Nutzungsmuster erörtern, jedoch gibt es nach der Psychoanalyse oftmals eine dahinterliegende Ebene, welche unbewusste Elemente bzw. Elemente, die nicht einwandfrei erklärt werden können, enthält. Diese explizite Subjektkonzeption, welche das Subjekt als zwischen bewussten und unbewussten Prozessen konstituiert sieht, offenbart eine Komplexität, die so nicht immer in der Mediennutzungsforschung vorhanden ist.

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Wie können wir als ForscherInnen aber nun Erkenntnisse erlangen, wenn es um unbewusste Beziehungen und Bindungen zu Medien geht? Eine mögliche Antwort kann die Technik der freien Assoziation liefern.

2.2 Freie Assoziation als Empirische Methode Sigmund Freud hat stets betont, dass die Psychoanalyse sowohl Theorie als auch Methode ist (1950). Wie bereits erörtert, versuchen sich unbewusste oder verdrängte Inhalte im Subjekt Bahn zu brechen und ins Bewusstsein vorzudringen. Freud hat sich dieser Elemente in der klinischen Psychoanalyse zu Nutze gemacht, indem er seine PatientInnen ermutigte frei assoziativ zu erzählen. Subjekte sollen genau die Dinge aussprechen, an die sie in diesem Moment gedacht haben und dies ohne eine nachfolgende innere ‚Zensur‘ d. h. ohne darüber nachzudenken, ob das Gedachte für die psychoanalytische Sitzung von Relevanz ist. Durch diese assoziative Erzählweise können unbewusste, vergessene oder verdrängte Inhalte ins Bewusstsein vordringen und so wertvolle Erkenntnisse über die bestimmte Symptomatik eines/r PatientIn liefern. Der/die PsychoanalytikerIn begibt sich hierbei in eine aktiv-rezeptive Position: Der erörterte Gedankenstrom wird aufgenommen und angenommen ohne dass dieser stark interpretiert oder hinterfragt wird. Treten etwa lange Pausen oder Momente der Stille auf, so sollen diese von dem/r Analytiker/in toleriert und ggf. versucht werden in weitere Erzählungen transformiert zu werden. Momente des Schweigens verdeutlichen oft, dass der/die Patient/in darüber nachdenkt, ob ein bestimmter Gedanke von Wichtigkeit ist. Nach der Psychoanalyse gibt es in dem Sinne keine Unterscheidung von Unwichtig und Wichtig. Alles ist potenziell wichtig oder relevant und sollte ausgesprochen werden (Freud 1989). Wie kann dies nun in eine Methode, die sinnvoll für die Kommunikationswissenschaft ist, transferiert werden? Selbstverständlich geht es in der empirischen Kommunikationsforschung darum bestimmte Themenkomplexe zu erforschen, welche spezifischen Fragestellungen zugrunde liegen. Jedoch kann freie Assoziation in Kombination mit narrativgenerierenden Fragen komplexere Antworten ermöglichen. Gerade wenn es um Fragen der Verbindung von Biografien, Identitäten und Medien geht, kann freie Assoziation von Vorteil sein. Im Gegensatz zu ethnografischen Methoden, oder offenen, qualitativen Befragungen, ist es die Verbindung von Methodologie und Subjektkonzeption, die hier eine Bereicherung für die Kommunikationswissenschaft darstellt. Erhobene Daten können mittels psychoanalytischer Konzepte, sowohl was ihre interpersonelle Entstehung (z. B. durch Interviewdynamiken) als auch ihre tiefer gehende

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Bedeutung betrifft, analysiert werden. Diese Kombination ermöglicht einen geschärften Blickwinkel insbesondere auf Momente in qualitativen Befragungen, die durch unbewusste Prozesse gekennzeichnet sind. Solche Momente „sind oftmals von Pausen, Unklarheiten, ungewöhnlicher oder zusammenhangsloser Sprache, oder Themenwechseln gekennzeichnet“ (Bereswill et al. 2010, S. 239, meine Übersetzung). Die Freud’sche Psychoanalyse legt weiterhin einen gewissen konzeptuellen Wert auf Affekte (Green 1999). Diese bieten sich insofern an hier zu diskutieren, als dass sie auf Sprache, das Unbewusste und deren Verschachtelung Bezug nehmen. Sie sind insbesondere auch für die Mediennutzung relevant wenn es um die Reaktion auf bestimmte Inhalte geht.

2.3 Affekttheorien und Reality TV Es sind vor allem Arbeiten der Cultural Studies, die Affekt als Konzept in den letzten 15–20 Jahren diskutiert haben, hier wird sich meistens auf Deleuze (1996) oder Massumi (2002) bezogen und eine klare Grenze zwischen Affekt als Erlebnis, als Moment, als Beziehung und andererseits als Sprache und Diskursen gesetzt. In der Kommunikationswissenschaft wird Affekt meist gebraucht um Medien inhaltsanalytisch zu betrachten. In der empirischen Mediennutzungsforschung ist ‚Affekt‘ bis jetzt kaum operationalisiert worden. Allgemein gesprochen, kann ‚Affekt‘ als etwas Exzessives, Körperliches bezeichnet werden, das über das individuelle Subjekt hinausgeht. Affekt bezeichnet eine Bewegung zwischen Körpern oder Körpern und Gegenständen. Der Begriff bezeichnet, nach Deleuze (1981), die Möglichkeit durch etwas oder jemanden bewegt zu werden und diesen gleichzeitig zu bewegen. Im Grunde genommen markiert das wachsende Interesse an Affekttheorien eine gewisse Abkehr vom großen Interesse an Diskursen und Sprache innerhalb der Geistes- und Sozialwissenschaften der letzten Jahrzehnte (Skeggs und Wood 2012). In den letzten 15–20 Jahren ist ein genereller Fokus innerhalb kommunikationswissenschaftlicher Arbeiten auf Emotionen und insbesondere auf Affekte zu beobachten (z. B. Bente und Fromm 1997; Wegener 1994; Bonner 2005; Kavka 2009; Bratich 2011; Skeggs und Wood 2012; Stach 2013; Lünenborg 2015). Diese Arbeiten beleuchten gleichsam den Trend des Reality TV und Sendungen in denen es vor allem um Körper und Körperlichkeit geht. Misha Kavka hat argumentiert, dass ZuschauerInnen von Reality TV eine affektive Verbindung zu den gesehenen Inhalten fühlen, da diese in ähnlichen Situationen waren wie die KandidatInnen. Diese Ähnlichkeit kann vor allem etabliert werden, weil es um (sog.) ‚reale‘ Personen und Situationen gehe. ZuschauerInnen erkennen so ihre eigenen affektiven Reaktionen in

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den Menschen im Fernsehen wieder. In diesem Wiedererkennungswert besteht die reale Dimension von Reality TV, so Kavka. Reality TV bildet somit eine „affektive Basis“ (Kavka 2009, S. 29, meine Übersetzung), das ZuschauerInnen und TeilnehmerInnen verbindet. Ich werde auf diesen Punkt im Weiteren noch genauer eingehen. Eines der ersten deutschsprachigen Bücher, das sich dem Thema widmete, ist Bente und Fromms „Affektfernsehen“ (1997). Sie arbeiteten vier Merkmale von Affektfernsehen (z. B. Daily Talks oder Reality TV) heraus: Personalisierung, Authentizität, Intimisierung und Emotionalisierung (Bente und Fromm 1997, S. 20). Allgemein ist Affektfernsehen „emotionsgeladen“ (Bente und Fromm 1997, S. 42) und es stehen Einzelschicksale, die oftmals sehr „extrem“ (Bente und Fromm 1997, S. 66) dargestellt werden, im Vordergrund. Im deutschsprachigen Raum hat unter anderem auch Ulrike Prokop Reality-TV Shows als „Affektshows“ (2006) bezeichnet. In ihrer inhaltsanalytischen Arbeit, die auf den psychoanalytischen Werken Alfred Lorenzers (1986) basiert, zu Big Brother (RTL2) stellt sie heraus, dass es um die Inszenierung unterschiedlicher Affekte gehe. Darum müssen von der Regie möglichst Szenen geschaffen werden, die gefühlvoll sind und durch reale Gefühle charakterisiert sind. Es sind vor allem Sequenzen, die durch Körperlichkeit bestimmt sind und nicht durch sachliche Diskussionen, die besonders real wirken, so Prokop. Diese wird etwa durch die Spiele und durch körperliche Interaktionen zwischen den TeilnehmerInnen (wie etwa Berühren, Betrachten, Kommentare über den anderen Körper) hergestellt (Prokop 2006, S. 273). In vielen Arbeiten, wie auch hier von Prokop, wird „Affekt“ synonym mit „Emotion“ oder „emotional“ gebraucht. Eine psychoanalytische Konzeptualisierung von Affekt vermag weitere Impulse zu liefern um das Konzept mit Bezug auf Reality TV und Publika zu konkretisieren. In Arbeiten zu Reality TV und Affekt wird Affekt oftmals eher implizit als explizit definiert. Arbeiten, die Deleuze oder Massumi folgen, positionieren sich oftmals im Gegensatz zum individuellen Subjekt oder zu empirischen Studien. Affekt vermag dennoch hilfreich zu sein um bestimmte Mediennutzungsprozesse besser zu verstehen. Freuds Ideen und wie diese vor allem von dem französischen Psychoanalytiker André Green (1999) aufgegriffen wurden, bieten sich hier an, da affektive Erlebnisse als Prozesse angesehen werden. Diese Prozesse sind in einem Spannungsfeld von Bewusstsein, dem Unbewussten, körperlichen Reaktionen und Sprache zu verorten. Nach Freud ist der Begriff „Affekt“ als subjektive und körperliche Erfahrung und auch Reaktion auf etwas zu verstehen (Freud 1989). Dies kann etwa eine Sequenz innerhalb einer Fernsehsendung, etwas was jemand sagt aber natürlich auch ein Gedanke, oder eine Fantasie die ein Individuum hat, sein. Freud hat seine Affekttheorie fortwährend weiterentwickelt und sie kann in

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d­ iesem Beitrag nur umrissartig skizziert werden. Seine frühe Affekttheorie, die in seiner Arbeit mit Breuer über Hysterie (Breuer und Freud 1991) und in dem „Entwurf einer Psychologie“ (1987) erstmals definiert wurde, konzeptualisiert den affektiven Prozess vor allem als eine Bewegung, als etwas im Körper, das, wie Freud es nennt, „abgeführt“ wird. Damit enden die Bewegung und die affektive Erfahrung. Diese Bewegung kann ihren Ursprung im Inneren, oder im Äußeren haben. Nach Freud, können sich affektive Reaktionen auf Erinnerung beziehen, d. h. wenn etwas erinnert wird, ist dies durch eine affektive Reaktion begleitet. Allerdings kann es auch affektive Reaktionen geben, die ohne eine Erinnerungsleistung passieren. Es ist nach Freud nur diese letzte Sequenz der Abfuhr des Affektes, die von uns bewusst wahrgenommen wird. Alle anderen Prozesse, die zu der affektiven Reaktion geführt haben sind unbewusst (Freud 1987). Affektive Reaktionen können ohne Kontext, ohne erkennbare Gründe passieren und dies ist zentral für das Projekt zu Embarrassing Bodies und die Narrative der Interviewten. Wenn Affekte ohne Kontext oder Gründe erlebt werden, sind diese unbewusst, so Freud. Die unbewussten Gründe für eine bestimmte Reaktion liegen im Subjekt selbst und in seiner Biografie. Im Gegensatz zu etwa Massumi (2002), treten für Freud affektive Reaktionen nicht einfach so auf. Sie können durch eine (bewusste oder unbewusste) Erinnerung oder durch ein externes Phänomen, etwa eine Fernsehsendung, hervorgerufen werden. André Green (1999) hat argumentiert, dass Affekt und Diskurs in einem Spannungsverhältnis stehen. Indem Subjekte über eine affektive Reaktion nachdenken, können diese zwar sagen ob sie angenehm oder unangenehm war, aber es ist schwer über ihre Beschaffenheit oder ihren „Inhalt“ zu sprechen. Ein „Affekt erscheint nur wenn die anderen Teile der Sprache ihre Möglichkeiten ausgeschöpft haben, daher meine Schwierigkeit darüber zu sprechen“ (Green 1999, S. 251, meine Übersetzung). Es gibt also eine Schwierigkeit aber keine Unmöglichkeit über Affekte zu sprechen. Die Psychoanalytikerin Ruth Stein hat dies ähnlich ausgedrückt: „In diesem Sinne ist Affekt reflexiv und sogar reaktiv. Er reflektiert was erfahren wurde in einer verspäteten Art und Weise. […] Deshalb sind der Erfahrungsmoment und der Bedeutungs- oder Signifikationsmoment niemals gleichauf, der letztere ist immer rückwirkend“ (Stein 1999, S. 132, meine Übersetzung). Diese Sichtweise ist insofern hilfreich, als das sie uns erlaubt Mediennutzungsprozesse und deren Diskussion in Interviews als zwischen Diskursivem und Nicht-diskursivem verortet zu sehen. Die Freud’sche Affekttheorie erlaubt es uns Mediennutzung theoretisch und empirisch mit Komplexität zu betrachten. Sie eröffnet einen komplexen Blick auf Mediennutzung und Reflexion darüber z. B. in qualitativen Interviews. Mediennutzung ist ein körperlicher Prozess, der nicht gänzlich zur Sprache gebracht werden kann. Das folgende Beispiel soll nun die hier vorgestellten Konzepte genauer verdeutlichen.

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2.4 Das Unbewusste, Affekte und die Grenzen des Diskursiven: Ein empirisches Beispiel Ich werde nun die vorgestellten Konzepte anhand eines empirischen Beispiels näher diskutieren. Ausgangspunkt bildete die britische Reality-TV-Sendung Embarrassing Bodies (Channel 4, 2007–2015). In der Sendung werden PatientInnen von ÄrztInnen untersucht und oftmals auch vorlaufender Kamera operiert. Die Sendung ist stark darauf ausgelegt, wie viele Reality-Formate, die TeilnehmerInnen bloßzustellen: Sie ziehen sich nackt aus, müssen über schamvolle Erkrankungen berichten, die oftmals mit tabuisierten Themen zu tun haben und werden schließlich behandelt oder an Experten verwiesen. Wichtig ist auch, dass die Sendung immer mit einem Heilungsnarrativ endet. In klassischer „vorher-nachher“-Logik werden alle PatientInnen erfolgreich geheilt (Johanssen 2017). Es ist sehr deutlich, dass es sowohl in der Sendung, als auch in ihrer Aneignung um Affekte und Affektivität, im Aneignungsprozess aber auch um Körperlichkeit, um affektive Reaktionen, aber natürlich auch um diskursive Prozesse und um Reflexion geht. Warum sehen Menschen so ein Format? Welche Beziehungen gibt es zwischen ihren Biografien und dem Gesehenen? Wie denken sie über ihre eigenen Körper? Diese Fragen strukturierten das Forschungsprojekt. Im Rahmen des Projektes habe ich qualitative Interviews mit zehn ProbandInnen geführt. Die erste Frage, die ich ihnen gestellt habe, zielte darauf ab eine möglichst lange Assoziationskette über ihre eigene Identität zu generieren. Diese sollte einerseits als guter Einstieg in das Gespräch gedacht sein, andererseits mögliche Rückschlüsse in Kombination mit weiteren Daten aus den Gesprächen über die Sendungsrezeption ermöglichen. Ausgehend von der Psychoanalyse haben viele Dinge, die wir tun (wie etwa die Rezeption einer bestimmten Fernsehsendung) in gewisser Weise mit unserer Biografie und bestimmten Schlüsselerlebnissen in dieser zu tun. Die Rezeption von Embarrassing Bodies etwa kommt daher nicht von ungefähr, sondern vermag mit bestimmten Aspekten subjektiver Identität zusammenzuhängen. Ob sich MediennutzerInnen dieser Aspekte immer bewusst sind, wird im weiteren Verlauf diskutiert. Die Frage, die ich zu Anfang stellte, lautete: I would like to hear about your life story, experiences and events that you feel are important to you personally, from your childhood up to now. Please take as long as you would like. You have all the time you need. You may begin wherever you like. I will listen.

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Ich werde nun auf eine Befragte genauer eingehen, um zu demonstrieren wie psychoanalytische Konzepte in diesem Fall von Nutzen sein können. Ellen (Name geändert) war zum Zeitpunkt des Gesprächs Mitte 50 und arbeitete im administrativen Bereich einer Wochenzeitung in London. Auf meine erste Frage begann sie fast unmittelbar davon zu erzählen, dass sie mit einem Vater aufwuchs, der eine chronische Krankheit habe. Sie erzählte, dass sich jüngst sein Gesundheitszustand stark verschlechtert hätte und sie eines nachts ins Krankenhaus musste, wo ihr Vater mit starken Schmerzen eingeliefert worden war. Die ÄrztInnen konnten lange Zeit nicht feststellen was genau das Problem war. Wie sich herausstellte, hatte ein Tumor den Vater befallen. Der Spezialist, zu dem er regelmäßig ging, hatte diesen Tumor nicht erkannt. Ellen war darüber sehr erbost und verbittert, wie sie sagte. Kurz nachdem sie diese Geschichte erzählt hatte, sagte sie plötzlich: Having said that, it’s just made me realise that I, one thing I did forget about my life and I suppose I tend to gloss over, is that I had a mini, sort of, I don’t even know what, it wasn’t a breakdown, it was like a sort of depressive period myself (144–146).

Sie führte dies folgendermaßen aus: I remember, I remember feeling fine, feeling, it was a French exam and I remember going into the classroom, I remember that and I wasn’t worried about this exam in the slightest and, erm, and I sat down and I remember, I remember looking at the piece of paper that the questions were written on and I remember it is quite a sunny day and I remember looking, I remember sitting there just keep looking at it, looking at it and I suddenly thought „I can’t read it, I don’t know what it says!“ and it wasn’t, it wasn’t in French, it was in English and I couldn’t make the words sort of sink into my head. It was really bizarre and I’ve never experienced it since and it was just, I was sort of reading the words but the meaning, I couldn’t understand the meaning and nothing would sort of go into my head. I remember sitting, I remember, I remember sort of looking out the window thinking „OK, calm down. Just take a minute and then look back again.“, everybody was busily writing away and I thought „Don’t panic“, just you know and I looked back again and I still couldn’t do it and I remember just packing up my pencils in my pencil case and putting it in my bag and getting up and saying to the teacher “I’m sorry, I can’t do this.“ and I just walked out of the classroom (146–160).

Dieses Zitat demonstriert eindrucksvoll was eine assoziative Erzählweise an Material generieren kann. Material das detailliert ist und nicht (nur) von Rationalität und Kausalität geleitet ist. In der obigen Passage wird deutlich, wie sich Ellen im Moment des Interviews an etwas Vergessenes oder Verdrängtes

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erinnert hat und dann der Erinnerung assoziativ nachspürt. Dies wird vor allem an den Redewendungen „ich weiß noch“ oder „ich erinnere mich“ erkennbar. Das obige Narrativ ist keines das einfach so abgerufen werden kann, sondern die Erinnerung an eben jenes ist innerhalb der Gesprächssituation erst entstanden. Ellen erzählte und erinnerte gewissermaßen gleichzeitig. Hätte ich keine Frage nach der Biografie gestellt, so wäre diese Erinnerung nie zur Sprache gekommen. Sie ist jedoch von außerordentlicher Wichtigkeit, wenn es darum geht die Rezeption und Bindung an Embarrassing Bodies zu verstehen. Ich interpretiere dieses Zitat einmal als eine freie Assoziation, die während der Interviewsituation entstand und außerdem als einen diskursiven Versuch eine körperliche Erfahrung nachträglich zu erklären und symbolisch mit Bedeutung zu versehen. Ellen konnte sich jedoch nicht erklären, warum sie diese Erfahrung gemacht hat. Man könnte nun fragen: Warum ist diese Passage relevant, es geht doch um kommunikationswissenschaftliche Fragestellungen im Hinblick auf eine bestimmte Sendung? Ein Blick auf die Aspekte der Biografie in Verbindung mit Fragen der Rezeption zeigt eine neue Perspektive auf. Offenbar schien für Ellen in Aspekten ihrer Biografie der Körper und Aspekte der Kontrolle über den Körper, ein Kontrollverlust über den Körper, ein affektives Erlebnis ist immer eine Art Enteignung des Körpers und der Rationalität, eine Rolle zu spielen. Die obige Passage verdeutlicht daher nicht nur das Potenzial von freier Assoziation als Methode, sie zeigt auch wie Ellen versuchte nachträglich eine affektiv-körperliche Erfahrung in Worte zu fassen. Dies gelang ihr nur bedingt, da das von ihr Erlebte an den Grenzen des diskursiv beschreibbaren zu verorten ist. Ellen und viele der anderen Befragten ebenfalls, sprachen sehr positiv über Embarrassing Bodies. Vor allem schätzte sie die ÄrztInnen und dass diese immer eine Antwort auf Patientenfragen hätten und Dinge so gut erklären könnten. Die ÄrztInnen seien besonders professionell, liebevoll, respektvoll, fürsorglich und könnten gut mit Menschen umgehen. Ellen sagte, dass die Sendung Aspekte von Krankheit „demystifizieren“ (250) würde. Diese Aussagen können im Zusammenhang mit Ellens Lebensgeschichte und vor allem ihren Erfahrungen mit einem chronisch kranken Vater und ihrer eigenen Erfahrung anlässlich des Französischtests in der Schule als Teenager gesehen werden. Niemand konnte ihr wirklich sagen, was genau passiert war. Sie betonte, wie verärgert sie sei, dass die ÄrztInnen den Tumor ihres Vaters so spät diagnostiziert hatten. Sie idealisierte daher die Embarrassing Bodies-ÄrztInnen und fühlte eine Art von Geborgenheit und Stabilität wenn sie die Sendung sah. In der Sendung tun die ÄrztInnen genau das, was Ellen in ihrem realen Leben vermisst hatte: sie diagnostizieren affektive Zustände, benennen sie als bestimmte Krankheiten und helfen dann den PatientInnen. Episoden, wie sie Ellen in ihrem Leben erlebt hatte, gibt es in der Sendung

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nicht. Der Sendung kommt somit ein hoher Stellenwert in Ellens Leben zu, wie sie selbst sagte. Die Sendung ist ein Ort an dem kranke Körper geheilt werden, jedoch werden die Körper der ZuschauerInnen nicht geheilt. Sie bleiben gewissermaßen auf ihren Wünschen sitzen. Jedoch ist die Tatsache, dass affektive und körperliche Zustände als etwas in der Sendung benannt werden von großer Wichtigkeit. So können die ZuschauerInnen die Fantasie entwickeln, dass es auf alles eine Antwort gibt und auch sie eines Tages geheilt werden könnten. Dieser Wunsch nach Heilung könnte im Fall von Ellen mit Aspekten ihrer Biografie erklärt werden und den Erlebnissen, die sie mit Körpern und ÄrztInnen hatte. Eine andere Befragte äußerte sich ähnlich: I like the idea of medicine, of treating something because all the things, healing and I think, I think with the Embarrassing Bodies programme it’s not only they heal the surface of the skin, okay, we do some injections and the glands stop to swell or whatever, it heals the emotional part because these problems that cause a bit of trouble when I see actually that, I don’t know if all of them find treatment, like every, but I have watched many of them, erm, I even feel emotional because I feel like Wow, I bet it feels like such a relief of actually dealing with things (562–532).

Es gab bei allen Befragten diesen Wunsch nach Heilung und Verständnis, den die ÄrztInnen symbolisieren und deshalb schalten die RezipientInnen Woche für Woche ein. Abschließend möchte ich auf die Beziehung zwischen Affekt und dem Unbewussten genauer eingehen und wie diese die Sendungsrezeption beeinflusst. Über die Sendung und die sehr detailreichen Operationen und Eingriffe sagte Ellen das folgende: I can watch most other things, she says gruesomely. I don’t know, I don’t like seeing pain, is the other one that gets me. I’m quite happy to watch operations but if it’s a sort of emergency medical thing that we’re watching and the person is obviously in a lot of pain and screaming and that really „eeeuuh“ gets to me. Watching pain is horrible! I can’t watch that (514–517). Erm, not very good at watching needles go in, don’t know why, I have to look away at that point. Don’t like, can’t watch things with eyes that freaks me out and can’t watch anything that involves boobs being pulled around. Breast augmentation just makes me feel ill and liposuction because I don’t know why (491–496).

Diese Zitate zeigen, dass Ellen versuchte affektive Reaktionen nachträglich zu beschreiben und zu bedeuten. Allerdings konnte sie nicht erklären, warum sie

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bestimmte affektive Reaktionen auf bestimmte Sequenzen hatte. Ausgehend von der Psychoanalyse, wurde hier der Versuch unternommen etwas Affektives in etwas Diskursives zu übersetzen. Die Gründe für die Reaktionen sind jedoch unbewusst. Diese Interpretation wird auch dadurch untermauert, dass viele, nicht alle, Befragten sagten, sie glaubten nicht, dass es eine Beziehung zwischen ihren Biografien und Embarrassing Bodies gäbe oder dies explizit verneinten. Nur zwei der insgesamt zehn Befragten wurden sich dieser Verbindung erst innerhalb des Gespräches bewusst, da sie nie wirklich mit anderen über die Sendung gesprochen hatten. Jedoch erzählten alle Befragten als Antwort auf meine erste Frage von Aspekten ihrer Biografie die fast ausschließlich Krankheiten, Medizin, ihre Körper oder andere Körper zum Inhalt hatten. Hier könnte kritisch angemerkt werden, dass ich sie ja im Prinzip danach gefragt hatte, da es im Forschungsprojekt ja um Embarrassing Bodies ging. Allerdings trifft dieser Einwand auf jegliche qualitative Forschung zu. Die Tatsache, dass die Befragten eine Beziehung zwischen ihrer Biografie und der Sendung explizit, bewusst verneinten, diese jedoch implizit in allen Gesprächen auftauchte, lässt den Schluss zu, dass eine unbewusste Beziehung zwischen beiden bestand. Diese unbewusste Beziehung zwischen Biografie und Mediennutzung wurde von den Befragten zur Sprache gebracht. Allerdings waren sie sich dieser Beziehung nicht bewusst. In diesem Sinne ist die Wahl der wöchentlichen Rezeption der Sendung nicht nur bewusster Natur. Sie stellt teilweise eine unbewusste Wahl dar, damit Affekte abgeführt, abreagiert werden können und die RezipientInnen ein Gefühl der Kontrolle über ihre Körper erlangen konnten. Ich als Forscher kann nicht sagen, warum genau die Befragten diese affektiven Reaktionen haben, sondern nur, dass sie diese haben. Worin die Verbindung zwischen Biografie und der Sendungsrezeption genau besteht, vermag ich nicht zu sagen aber ich argumentiere, dass sie besteht. Hier zeigt sich, dass wir als ForscherInnen nicht immer alles zweifelsfrei erklären oder analysieren können. Psychoanalytisches Wissen erhebt keinen Anspruch final oder universell zu sein, sondern es basiert auf intersubjektiven Eindrücken. Diese Eindrücke müssen zweifelsohne intersubjektiv nachvollziehbar dargelegt werden.

3 Fazit und Ausblick Ich habe in diesem Beitrag die psychoanalytische Kommunikationswissenschaft als ein noch im Entstehen begriffenes Feld beschrieben. Ich habe verschiedene psychoanalytische Konzepte vorgestellt und aufgezeigt, wie diese in empirischen und theoretischen Fragestellungen Anwendung finden können.

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Es kann mit Sicherheit festgestellt werden, dass die Psychoanalyse die komplexeste Subjekttheorie des Menschen ist. Wie die Mediatisierungsforschung und auch andere Paradigmen innerhalb der Kommunikationswissenschaft aufzeigen, so sind Gesellschaften weltweit zu unterschiedlichen Graden von Prozessen durchzogen, die Medienwandel vorantreiben. Anhand des konkret diskutierten Beispiels lässt sich erkennen, dass ausgehend von einem psychoanalytischen Ansatz die Subjektivierung innerhalb und durch Medienrezeptionsprozesse eine gewisse Komplexität aufweist. Ellen und die anderen Befragten der Studie nutzten Embarrassing Bodies unbewusst um bestimmte eigene körperliche Erlebnisse „durchzuarbeiten“ (Freud 1989) und insbesondere in Bezug auf affektive Reaktionen um diese abzureagieren. Medieninhalte können also von großer bewusster und unbewusster Bedeutung für RezipientInnen sein. Oftmals besteht ein Zusammenhang zwischen biografischen Erlebnissen und Mediennutzung. Inwieweit die Sendung wirklich hilfreich für die Befragten war, vermag ich nicht zu beurteilen. Die Psychoanalyse erlaubt nicht nur einen besonderen Blick auf Subjektivierungsprozesse in Beziehung zu einem Grenzraum zwischen Diskursivem und Nicht-diskursivem, sie vermag uns als WissenschaftlerInnen auch daran zu erinnern, dass wir nicht allwissend sind. Eine psychoanalytische Kommunikationswissenschaft steckt noch in den Kinderschuhen. Psychoanalytische Arbeiten zu Medien haben in der Vergangenheit oftmals Berührungspunkte mit der Kommunikationswissenschaft gescheut und lieber in einem eigenen Zirkel operiert. Dies sollte sich ändern, damit einerseits psychoanalytische Ideen außerhalb elitärer Kreise bekannter werden, andererseits damit eine kritische Debatte zwischen Kommunikationswissenschaft und Psychoanalyse angestoßen werden kann. Oftmals werden KommunikationswissenschaftlerInnen, die ein Interesse an psychoanalytischen Fragestellungen haben kritisch betrachtet oder misstrauisch beäugt. Ein wahrer Ideenaustausch kann nur stattfinden, wenn beide Seiten offen aufeinander zugehen. Dies könnte auch stärker vorangetrieben werden, wenn sich die psychoanalytische Kommunikationswissenschaft stärker hin zu konkreten, empirischen Phänomenen orientiert. Oftmals sind psychoanalytische Arbeiten zu Medien und Kommunikation, etwa wenn sie sich auf Jacques Lacan beziehen, zu überfrachtet und überfordernd für eine interessierte Leserschaft, die sich außerhalb der Psychoanalyse befindet. Eine konkrete Anwendung von Theorien (Krüger 2014; Johanssen 2016a, b) kann hier den Einstieg erleichtern und die Relevanz der Psychoanalyse als Subjekttheorie sowohl für theoretische als auch empirische Fragen zu Medien aufzeigen.

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Subjektivierung in datafizierten Gesellschaften – Dividualisierung als Perspektive auf kommunikative Aushandlungsprozesse in datengetriebenen Zeiten Jakob Hörtnagl

Zusammenfassung

In diesem Beitrag soll der Frage nachgegangen werden, welche Folgen die Datafizierung der Gesellschaft für Prozesse der Subjektivierung hat. Subjekte können als Ergebnis von kommunikativen Klassifikationsleistungen begriffen werden, welche sich in Zeiten einer ‚tiefen‘ Mediatisierung verändern. Aspekte der interaktiven Kommunikation mit einer übergeordneten, digitalen Infrastruktur und ihrer distinkten Rechen- und Verarbeitungslogik, werden zu einem zentralen Modus der Subjektivierung. Gleichzeit sickern Regierungsrationalitäten in alltägliche kommunikative Handlungen ein und beeinflussen so unseren Horizont des Denk- und Machbaren. Vor dem Hintergrund aktueller Subjekttheorien und dem Konzept der Gouvernementalität soll Modulation als Form der Klassifikation in datafizierten Gesellschaften beschreiben, wie algorithmische Verarbeitungsprozesse Teil von kommunikativen Handlungen und Praktiken der Selbst- und Fremdführung werden. Die Ausführungen verweisen dabei auf einen Prozess der Dividualisierung, bei dem digitale Abdrücke von Individuen zunehmend zu kommunikativen Bausteinen der digitalen wie analogen Aushandlung von Subjekten werden. Deren Verhandlung muss im Rahmen einer kontextsensiblen Mediatisierungsforschung kritisch mitgedacht werden.

J. Hörtnagl (*)  Institut für Medien, Wissen und Kommunikation, Universität Augsburg, Augsburg, Deutschland E-Mail: [email protected] © Springer Fachmedien Wiesbaden GmbH, ein Teil von Springer Nature 2019 P. Gentzel et al. (Hrsg.), Das vergessene Subjekt, Medien • Kultur • Kommunikation, https://doi.org/10.1007/978-3-658-23936-7_7

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Schlüsselwörter

Subjekt · Datafizierung · Dividuum · Gouvernementalität · Interaktive Kommunikation · Modulation · Praxis · Technologien des Selbst

1 Einleitung In diesem Beitrag wird der Frage nachgegangen, welche Folgen die Datafizierung der Gesellschaft für Prozesse der Subjektivierung hat. Im Rahmen von kultur- und sozialwissenschaftlichen Subjekttheorien können Subjekte als „sozial bewohnbare Zonen“ verstanden werden (Villa 2013), die im Rahmen von Subjektkulturen (Reckwitz 2006) durch die jeweils präsenten Diskurse ermöglicht (Foucault 1983) und ihm Rahmen performativer Praktiken (Butler 2001) verwirklicht werden. Dabei zeigt sich die Notwendigkeit der Betrachtung von Subjektivierung im Spannungsfeld geltender Machtverhältnisse und den Prozessen der Klassifikation, die darin eine normierende Rolle spielen. Unter Bedingungen moderner Gouvernementalität (Foucault 1983) sind es besonders Praktiken der Selbstführung, die subjektivierend wirken. Durch die Emergenz und Ubiquität neuer Medientechnologien werden diese Praktiken zunehmend medienvermittelt vollzogen. Aspekte der interaktiven Kommunikation mit einer übergeordneten, digitalen Infrastruktur und ihrer distinkten Rechen- und Verarbeitungslogik, werden so zu einem zentralen Modus der Subjektivierung. Gleichzeit sickern dadurch Regierungsrationalitäten in all­ tägliche kommunikative Handlungen ein und beeinflussen so unseren Horizont des Denk- und Machbaren. Es sollen Hintergründe und Konsequenzen dieser Wechselwirkung kritisch diskutiert werden. Dazu bietet sich die Mediatisierungsforschung als Theorieansatz an, der sich mit soziokulturellen Wandlungsprozessen beschäftigt, die sich aus der wechselseitigen Durchdringung von Medien und Kommunikation einerseits und Gesellschaft und Kultur andererseits ergeben (Krotz 2001, 2007). Durch neue Medientechnologien verändert sich die Art und Weise, wie wir kommunizieren und damit auch die Bedingungen, unter denen Kultur ausgehandelt wird. In historischer Perspektive lassen sich Schübe der Mediatisierung identifizieren, bei denen technologische Entwicklungen mit Umwälzungen des sozialen Zusammenlebens einhergehen. Nach Nick Couldry und Andreas Hepp durchleben wir nun einen neuen Schub, die durch eine ‚tiefe‘ Mediatisierung gekennzeichnet ist (Couldry und Hepp 2017, S. 7). Angetrieben durch eine immer dichtere Digitalisierung und der damit ermöglichten technischen und inhaltlichen Konvergenz von Medienangeboten, betreten wir nun eine Phase der Datafizierung, die dadurch gekennzeichnet ist, dass immer mehr

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Zustände unserer Alltagswelt in ein digitales Format übersetzt und damit einer automatisierten Berechnungslogik zugänglich gemacht werden. Dies hat zur Folge, dass die symbolischen Bausteine der sozialen Welt nicht mehr nur von Medien vermittelt, sondern auch in zentralen Bereichen von ihnen mitkonstruiert werden. Dies geschieht durch die zunehmende Verwobenheit unseres Alltags mit der technischen Infrastruktur des Internets, ihren Angeboten und ihren Verarbeitungslogiken. Oder wie Roger Burrow es ausdrückt: (…) the ‚stuff‘ that makes up the social and urban fabric has changed – it is no longer just about emergent properties that derive from a complex of social associations and interactions. These associations and interactions are now not only mediated by software and code they are becoming constituted by it (Burrows 2009, S. 451).

Damit ist also nicht nur die neue Vielfalt an Möglichkeiten der Interaktion und Partizipation gemeint, wie sie durch das sogenannte Web 2.0 ermöglicht werden. Es geht um die Durchdringung unserer alltäglichen Lebenswelt und ihrer Konstruktion durch Daten und deren algorithmische Verarbeitung. Diese Überlegungen bilden bei Couldry und Hepp die Grundlage ihrer „materialistischen Phänomenologie“ (Couldry und Hepp 2017, S. 5), die darauf abzielt, klassisch phänomenologische Ansätze für die Rolle von Technologie in kommunikativen Aushandlungsprozessen zu sensibilisieren. Diesen Ansätzen folgend, sind es letztendlich menschliche Akteure, die durch ihr kommunikatives Handeln Sinn herstellen (Berger und Luckmann 2007; Knoblauch 2013). Dieser Beitrag knüpft daran an und will Denkanstöße darüber liefern, wie Wissen, und damit auch Subjekte, in datafizierten Praktiken verhandelt wird. Mit Blick auf diese kommunikative Aushandlung lässt sich synchron zur Datafizierung der Gesellschaft eine weitere Veränderung attestieren: Die Etablierung der interaktiven Kommunikation als neuen Basistypus der Kommunikation. Friedrich Krotz (2008) führt exemplarisch auf Basis eines semiotischen Kommunikationsverständnisses die Eigenschaft von Computerspielen als Kommunikationstypus aus, der sich aus der Fähigkeit von Computern ergibt, eigenständig in Dialog zum Menschen zu treten. Wesentlich ist dabei, dass im Rahmen der interpersonalen Kommunikation zweier Mitspieler über ein Spiel der Computer als interaktiver Referenzrahmen relevant bleibt und der produktiv auf die Spieler zurückwirkt. Während Krotz seine Ausführungen auf die Kommunikation mit, bzw. über, Computerspiele und Roboter beschränkt, soll diese Perspektive hier erweitert werden: In einer Zeit, in der interpersonale, medienvermittelte Kommunikation fast ausschließlich über designte Benutzeroberflächen im Rahmen digitaler Infrastrukturen und den ihr inhärenten Regeln stattfindet, ist fast jede Form der interpersonalen

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Kommunikation über soziale Medien, ähnlich wie die Kommunikation zweier Mitspieler, gleichzeitig interaktive Kommunikation. Das Spiel wird ersetzt durch ein sehr viel abstrakteres, diffuses Gebilde, das hier, gemeinsam mit seinen Kapazitäten, auf den ‚Spieler‘ einzuwirken, diskutiert werden soll. Heute sind es vor allem Praktiken der Selbstführung, in denen Empfindungen und Zustände auch interaktiv kommuniziert und verhandelt werden. Zentrales Argument des Beitrages ist, dass durch diese interaktive Komponente alltägliche Handlungen angeknüpft werden an übergeordnete Rechen- und Regierungslogiken, die immer auch subjektivierend wirken. Um Charakter und Konsequenzen dieses Wandels kritisch zu beleuchten, wird der Blick auf alte und neue Prozesse der Klassifikation geworfen. In klassischen diskurstheoretischen Überlegungen wird davon ausgegangen, dass kommunikativ ein normativer Rahmen geschaffen wird, an dem Akteure ihr Tun und Handeln ausrichten können (Kap. 2). Diese Annahme muss hinterfragt werden, wenn algorithmische Verarbeitungsprozesse in Prozesse der Auswahl, Bewertung und Sortierung von Wissen eine immer größere Rolle spielen und so unseren Denk- und Handlungshorizont mitgestalten. Vor dem Hintergrund aktueller Subjekttheorien und dem Konzept der Gouvernementalität wird Modulation (Deleuze 1992) als Modus der Klassifikation in datafizierten Gesellschaften diskutiert, um zu beschreiben, wie algorithmische Verarbeitungsprozesse in kommunikative Handlungen und Praktiken der Selbst- und Fremdführung einsickern (Kap. 3). Dazu wird ein Wandel skizziert, bei dem sprachlich-normative Wege der Klassifikation ergänzt werden durch algorithmisch-faktische, die sich unmittelbar aus den technischen Potenzialen einer digitalen Infrastruktur ergeben. Diese Entwicklung wird auf drei Ebenen besprochen: Der Ebene der Kategorie selbst (Abschn. 3.1), die durch maschinelle Lernprozesse aufmerksamkeitseffizient moduliert wird. Die Mesoebene ‚smarter‘ Infrastrukturen, innerhalb denen Modulation als normierende Kraft der Subjektivierung wirksam wird (Abschn. 3.2). Und die Mikroebene individueller Aneignungspraktiken, auf der die Vielfalt im Umgang mit digitalen Abbildern und deren (widerständige) Potenziale sichtbar werden (Abschn. 3.3). Abschließend sollen Herausforderungen angeschnitten werden, die mit diesem Wandel einhergehen (Kap. 4). Dazu gehört die normierende Funktion der Modulation, die im breiteren gesellschaftstheoretischen Kontext begriffen werden muss und in einem engen Zusammenhang mit den Werten einer neoliberalen Leistungsgesellschaft steht. Die Ausführungen verweisen dabei auf einen Prozess der Dividualisierung, bei dem digitale Abdrücke von Individuen zunehmend zu kommunikativen Bausteinen der digitalen wie analogen Aushandlung von Subjekten werden. Deren Verhandlung und Wirkung muss im Rahmen einer kontextsensiblen Mediatisierungsforschung kritisch mitgedacht werden.

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2 Das Subjekt als Ideal im Diskurs Foucault zielt in seinen Werken auf eine umfassende historische Betrachtung von Prozessen der Subjektivierung und den resultierenden Subjektformen ab (Foucault 1983, S. 208). Dazu diskutiert er das Verhältnis zwischen Macht und Subjekt in unterschiedlichen historischen Epochen. Den bei ihm zentralen Begriff der Macht versteht Foucault als Beziehungsaspekt zwischen (menschlichen) Akteuren und deren Kapazitäten, durch eigene Handlungen auf das Handeln anderer in ihrem Sinne einzuwirken (Revel 2014). Als produktiver Aspekt der Macht wird Klassifikation in diesem Zusammenhang als die Fähigkeit bezeichnet, durch die Auswahl, Sortierung und Kategorisierung bestimmtes Wissen für andere als normal oder erstrebenswert zu etablieren. Entsprechend gilt es auch, keine allgemeingültige Definition von Macht zu etablieren, sondern, wie Foucault selbst in seinen soziohistorischen Studien, die Machttechniken zu erschließen, mittels denen in verschiedenen gesellschaftlichen Kontexten Subjekte produziert werden. Als rezente Form solcher Verflechtungen entwickelt er das Konzept der Gouvernementalität. Damit beschreibt Foucault ein Ensemble von Machttechniken, die sich ab dem 19. Jh. zu dem verdichtet haben, was wir als Staat verstehen (Foucault 1983). Zu den Regierungsformen gehören Techniken der Biomacht, die die gesamte Bevölkerung als Objekt haben – zum Beispiel durch Techniken der statistischen Vermessung einer Population, um deren Eigenschaften als Masse handlungsleitend abzubilden. An Foucaults Konzept der Disziplinarmacht lassen sich die produktiven Qualitäten solcher Machttechniken illustrieren: Über Diskurse wird tradiertes Wissen vermittelt, das sich den Menschen als Rahmen anbietet, an dem sie ihr Denken und Handeln ausrichten können. Dies geschieht durch die Internalisierung von Machtverhältnissen: An ‚geschlossenen Systemen‘ wie Schulen, Gefängnissen, Fabriken oder Hospitälern wird illustriert, wie der prüfende Blick und seine normierende Funktion als Überwachungstechnik kultiviert wird. Durch den bloßen Akt der Überwachung – und nicht erst durch die Sanktion bei Abweichung der erwünschten Norm – werden Subjekte geschaffen, die immerwährend den Blick nach innen richten und sich nach geltenden Erwartungen selbst disziplinieren. Das Subjekt der geschlossenen Systeme produziert sich so selbst nach dem Vorbild eines kommunikativ konstruierten Ideals. Die Besonderheit der Gouvernementalität als Form des Regierens ist, dass sie auf Formen der eigenständigen Selbstführung zurückgreift, sogenannten Technologien des Selbst, die es dem Einzelnen ermöglichen…. (…) aus eigener Kraft oder mithilfe anderer eine Reihe von Operationen an seinem Körper oder seiner Seele, seinem Denken, seinem Verhalten und seiner Existenzweise vorzunehmen, mit dem Ziel, sich so zu verändern, dass er einen gewissen Zustand des Glücks, der Reinheit, der Weisheit, der Vollkommenheit oder der Unsterblichkeit erlangt (Foucault 1993, S. 26).

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Selbsttechnologien sind damit Praktiken der Selbstführung, die zur Verfügung stehen, um eigenständig Ziele zu formulieren und Strategien zu entwickeln, diese zu erreichen. Sie stellen sich dem Einzelnen als Anleitung zum richtigen Leben dar und bilden so ein wesentliches Merkmal heutiger Regierungsrationalität: Als „Führung zur Selbstführung“ („conduire des conduites“) beschreibt Gouvernementalität einen Stil des Regierens moderner Staaten, bei dem es darum geht, das Subjekt als Resultat einer Situation regulierter Freiheit zu betrachten (Foucault 1994, S. 237). Dem Subjektkonzept Foucaults liegt damit eine Doppeldeutigkeit zugrunde, weil es sich einerseits als beherrschtes Subjekt konzipieren lässt, das sich einer souveränen Macht beugen muss. Andererseits tut sich ein Spielraum der Möglichkeiten auf, der die Handlungsfähigkeit und Handlungspotenziale von Subjekten in den Mittelpunkt rückt. Durch die Einführung von Web 2.0 Technologien haben sich auch die Praktiken der Selbstsorge stark verändert, sodass sie als Konstellationen und den darin befindlichen Beziehungen zwischen Menschen und Technologien begriffen werden müssen (Bakardjieva und Gaden 2012). Disziplinierung ist Teil von machttheoretischen Überlegungen, mit denen Foucault die enge Verbindung von Wissen und Macht und die Bedeutung von Akte der Klassifikation im Kontext von Subjektivierung verdeutlicht. Ihm geht es um die subjektivierende Kraft von Wissen in gesellschaftlichen (Sub-) Systemen, darunter die von ihm diskutierten geschlossenen Systeme. Erst wenn klare Vorstellungen dessen existieren, was als normal zu werten ist, ermöglicht dies die Thematisierung und Sanktionierung der Abweichung. Das Subjekt der geschlossenen Systeme ist ein Subjekt diskursiv vermittelter Normen, die als symbolische Ordnung Gültigkeit haben: Über Kategorien des ‚guten Schülers‘, ‚fleißigen Arbeiters‘ oder ‚gefügigen Insassen‘ werden erstrebenswerte Subjektformen geschaffen, die handlungsleitende Funktion haben. Über Diskurse werden Aussagen darüber ermöglicht, was als wünschenswert, moralisch oder richtig angenommen werden kann, welche Erwartungen mit bestimmten sozialen Rollen verbunden sind, oder wie sich ein Mensch gesellschaftskonform ausdrücken kann. Geschlossene Systeme werden zu Abdrücken solcher Normen, die subjektivierend auf ihre ‚Insassen‘ (Foucault 2013) einwirken. Die Verschränkung von Wissen und Macht manifestiert sich als Klassifikationssystem, das gleichzeitig unterdrückt und ermöglicht, mit der Sprache als zentralem Organ zur Herstellung einer solchen institutionalisierten Ordnung. Foucaults Leistung besteht darin, dass er Aspekte der Subjektivierung in einen machttheoretischen Zusammenhang stellt, der repressive und produktive Kapazitäten sowie die Doppeldeutigkeit von Subjektivierung sinnvoll zusammenführt. Zum Subjekt wird somit jenes selbst-reflexive Wesen, das als Mitglied einer Gesellschaft mit Praktiken zur autonomen Lebensführung ausgestattet ist, dabei aber gleichzeitig in übergeordnete, biopolitisch intervenierende,

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Regierungsrationalitäten, eingebettet bleibt. Subjektivierung zu untersuchen bedeutet damit, diese Rationalität mitzudenken, um herauszufinden, welche Werte, Praktiken und Handlungsoptionen damit verbunden sind. Die Frage ist nun, welche Mechanismen in Zeiten der Datafizierung, in denen medienvermittelte Praktiken der Selbstführung prominent werden, die auch interaktiv kommuniziert werden, die Beziehung zwischen Subjekt und Gesellschaft mitgestalten.

3 Die Dividualisierung des Subjekts Wenn wir uns der Frage zuwenden, welche normierenden Kategorien in einer datafizierten Gesellschaft Gültigkeit haben, müssen wir zuerst nach aktuellen Subjektformen fragen. In der Gouvernementalität der Gegenwart (Bröckling et al. 2000) ist es vor allem die Rationalität des Marktes, die sich zum zentralen Organisationsprinzip der Gesellschaft entwickelt und in der Wahlfreiheit und die daraus resultierende Selbstverantwortlichkeit für das Subjekt immer mehr zu Leitgedanken einer gelungenen Lebensführung werden. Im Zuge ihrer Theorie der reflexiven Modernisierung erkunden die Soziologen Ulrich Beck (1986) und Anthony Giddens (1991) unter dem Schlagwort der Individualisierung Prozesse der Herauslösung des Menschen aus traditionellen Bedeutungszusammenhängen. Das Individuum muss, ganz im Sinne gouvernementaler Selbstführung, dazu in der Lage sein, reflexiv seine eigenen Bedürfnisse zu erkunden und abzuwägen, Ziele zu definieren und Lösungswege zu erarbeiten. Vor diesem Hintergrund beschreibt Ulrich Bröckling das „unternehmerische Selbst“ als dominante Subjektform der Gegenwart (2007). Dabei betont Bröckling die Herausforderungen, denen sich das Subjekt im Wettbewerb eines neoliberalen Arbeitsmarktes stellen muss. Als Ich-AG folgt es dem Imperativ der beständigen Selbstoptimierung und muss als Manager seines eigenen Erfolges bestehen – oder Verantwortung für sein Scheitern übernehmen. Gesellschaftstheoretische Grundlage solcher Überlegungen ist, dass es gegenwärtig vor allem Zwänge des neoliberalen Kapitalismus und dem damit einhergehenden Druck zur Nutzen-Maximierung und Selbst-Optimierung, sind, die subjektivierend wirken. Das Subjekt der Postmoderne lässt sich in keine feste Form mehr gießen (Reckwitz 2006), vielmehr resultieren aus der Pluralisierung von Lebensstilen vielfältige hybride Formen, die weitgehend durch individuelle Entscheidungen realisiert werden und die sich häufig im Spannungsfeld hegemonialer und marginaler Subjektformen befinden. In jüngster Vergangenheit entpuppt sich Datafizierung als Motor einer weiteren Entwicklung: Steffen Mau sieht Ökonomisierung und Digitalisierung als Antriebe einer „Verdatung der Gesellschaft“ (Mau 2017, S. 40), in der sich die Bedingungen dieses Wettbewerbes

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noch zusätzlich dadurch verschärfen, dass das Subjekt durch die umfassende Quantifizierung von unterschiedlichsten Zuständen immer dichter in allgegenwärtige Berechnungs- und Vergleichslogiken eingebunden wird. Auf Foucault aufbauend, beschreibt Gilles Deleuze in „Postscript of the Societies of Control“ (1992) den Übergang von der Disziplinargesellschaft zur Kontrollgesellschaft als ein langsames Sterben der geschlossenen Systeme und ihrer institutionalisierten Machttechniken. An die Stelle diskursiv vermittelter Ideale tritt die Dynamik eines konstanten Flusses, in dem Zustände einem ständigen Wandel unterworfen sind. Aus machttheoretischer Perspektive geht es damit nicht mehr um Disziplin, sondern um Kontrolle in diesem ständigen Fluss in einem Prozess, den Deleuze Modulation nennt. Modulation lässt sich beschreiben als „selbst-deformierende Abdrücke, die sich jeden Moment kontinuierlich neu anpassen, oder als Sieb, dessen Maschen sich von Punkt zu Punkt verändern“ (Deleuze 1992, S. 4; eigene Übersetzung). Exemplarisch hierfür nennt er das moderne Unternehmen, das sich mit seinen flexiblen Vergütungen, flachen Hierarchien, dynamischen Arbeitszeiten, seiner distinkten Wettbewerbslogik oder dem umfassenden Grundsatz des lebenslangen Lernens von den vergleichsweise starren Konstrukten der geschlossenen Systeme unterscheidet. Damit verschwimmen die Grenzen, innerhalb denen nach einem diskursiven Ideal subjektiviert wird. Die Machttechniken der Kontrollgesellschaft setzen bei Deleuze nicht nur beim Individuum, als dem einzelnen, selbst-reflexiv handelnden Menschen, an, sondern auch beim Dividuum (Deleuze 1992, S. 5). Darunter versteht er Fragmente des Individuums, die sich im ständigen Fluss der Modulation kontinuierlich bilden und verändern. Sie bilden einzelne Eigenschaften ab, die im jeweiligen Kontext stellvertretend für die Person stehen und auf die sich bestimmte Operationen anwenden lassen. An die Stelle der Masse als statistisches Abbild von Individuen tritt die Kontrolle von Dividuen durch code (Deleuze 1992, S. 5): In Datenbanken, auf Geldkonten, in Geodaten oder Marktdaten werden Werte gespeichert, die als Ansatzpunkte dieser Kontrolle dienen und die sich im Fluss der Modulation immerfort neu anpassen. So wird die Position jedes Elements des offenen Systems von Punkt zu Punkt neu erfasst, vermessen und verarbeitet (Deleuze 1992, S. 7), oder wie Jennifer Whitson es in Bezug auf Regierungstechniken ­ausdrückt: „Instead of individuals – irreducible and with an autonomous sense of agency – the new subject of governance is instead the dividual, an artifact of data mining searches and computer profiles.“ (Whitson 2015, S. 343). In datengetriebenen Zeiten sind Subjekte immer auch Teil von digitalen Infrastrukturen, in denen individuelle Handlungen und Praktiken anschlussfähig gemacht werden für Prozesse der automatisierten Datenverarbeitung und interaktiven Kommunikation. Dies wirft die Frage auf, welche Konsequenzen eine ‚tiefe‘ Mediatisierung,

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also die immer dichtere Verschmelzung von menschlichen und technischen Akteuren, auf die Art und Weise hat, wie Wissen unter diesen Umständen verhandelt wird. Der Begriff des Dividuum bietet sich als heuristisches Konstrukt an, um die Doppeldeutigkeit des Subjektbegriffs im Umgang mit digitalen Daten zu beschreiben. Er dient der Beschreibung der Mechanismen, die im Rahmen datafizierter Regierungsrationalitäten subjektivierend wirken. Gleichzeitig bietet sich der Begriff des Dividuum aus Perspektive des Individuums für die digitalen Abbilder und Spuren an, die in alltäglichen Aneignungsprozessen, auch in Hinblick auf interaktive Kommunikation, zunehmend relevant werden. Dazu wird Modulation im nächsten ­Kapitel als Modus diskutiert, der beschreibt, wie Aufgaben der Auswahl, Sortierung und Bewertung von Zuständen vermehrt durch algorithmische Verarbeitungsprozesse geleistet werden, um anschließend zu erkunden, welche Konsequenzen dies im Meso- und Mikrokontext alltäglicher Erfahrungen haben kann. Bei Foucault ist es der Nationalstaat, der subjektivierende Bedingungen schafft. Im Zuge der Kontrollgesellschaft ist es mitunter auch die digitale Infrastruktur des Internets, die bestimmte Macht- und Herrschaftsbeziehungen ermöglicht. Hier soll der Frage nachgegangen werden, welche neuen Herausforderungen im Umgang mit Wissen sich damit verbinden lassen. Die Sammlung und Verarbeitung von digitalen Daten erfolgt nach Methoden, die sich unter dem Gesichtspunkt von Big Data beschreiben lassen. Dieser Ausdruck bezeichnet Vordergründig das immense Volumen an Daten, mit dem heute gearbeitet wird, bezieht sich aber auch auf Potenziale, die sich aus immer leistungsfähigeren Medien- und Überwachungstechnologien ergeben (Kitchin 2014, S. 1). Insbesondere die Möglichkeiten der kontinuierlichen, hochauflösenden Erfassung in Echtzeit und das In-Beziehung-Setzen der erfassten Daten durch Aggregation und Skalierung von Datensätze durch Algorithmen. Dem zugrunde liegt die Erkenntnis, dass in westlichen Gesellschaften nur mehr ein Bruchteil der Informations- und Datenflüsse den Weg über die menschliche Wahrnehmung nehmen (Hayles 2006, S. 161). Der Großteil, so Hayles, läuft elektronisch durch die globale Infrastruktur vernetzter Geräte und deren Software, die gemeinsam auch, aber nicht nur, das Internet darstellen. Thomas Whalen (2000, zit. nach Hayles 2006) weist darauf hin, dass es sich um mehr als um vernetzte Artefakte handelt, nämlich um ein umfassendes kognitives System, in das Menschen eingebettet sind und in dem Entscheidungen, die das zwischenmenschliche Zusammenleben betreffen, auch von Maschinen getroffen werden. Exemplarisch können hier Städte als performative Infrastrukturen (Thrift 2005, S. 224) genommen werden, in denen Ströme aus Menschen und Informationen mittels automatisierten Verfahren gesteuert und geleitet werden. Nicht nur auf der raum-zeitlichen Ebene geografischer Fragestellungen entsteht der Bedarf, dieses „software sorting“ (Graham 2005) in den Blick zu nehmen. Auch das Denken selbst und unsere

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Kapazitäten, Wissen zu generieren und einzusetzen, bleiben von Big Data nicht unbeeinflusst. Im Kontext von Gouvernementalität kann Modulation als Modus verstanden werden, über den Regierungsrationalitäten die Bedingungen herstellen, innerhalb dem Subjekte heute selbstwirksam handlungsfähig sein können. Wissen wird damit immer öfter im Umgang mit solchen Systemen, und damit im Modus der interaktiven Kommunikation, verhandelt. Um dies zu erläutern, soll der Blick auf drei wesentliche Aspekte gerichtet werden, über die sich das Einsickern von Prozessen automatisierter Kategorisierungen in den Alltag beschreiben lässt: Die Modulation der Kategorie im Rahmen digitaler Profile, datafizierte Institutionen als ‚smarte‘ Infrastrukturen sowie die Ebene der individuellen Aneignung und kommunikativen Aushandlung und inwiefern diese von diesen technologischen Bedingungen berührt werden.

3.1 Modulation der Kategorie Der Frage, wie Maschinen auf der Ebene der Kategorie subjektivierend wirken, widmet sich John Cheney-Lippold (2011, 2017). Kategorie ist hier nicht als Begriff der empirischen Forschung gemeint, sondern es geht um die Rolle von Algorithmen bei der Klassifizierung alltäglicher Handlungen. Cheney-Lippold fragt nach Prozessen der Klassifikation unter technologischen Bedingungen der Datafizierung und stellt fest, dass Computer-Code heute maßgeblich dazu genutzt wird, um Daten über Populationen und deren Verhaltensweisen zu sammeln und nach Kriterien der Gewinnmaximierung einzusetzen. Algorithmen sollen dabei nicht als neutrale Akteure begriffen werden, sondern als Agenten eines neoliberalen Kapitalismus. Die Macht von Code liegt in seiner Faktizität: Er stellt sich nicht als Werturteil oder als Wissen von der Welt zur Disposition, das in zwischenmenschlicher Interaktion verhandelt wird und sich zu normativen Kategorien verfestigen kann. Die Macht von Code wirkt unmittelbar auf der Ebene der Kategorie selbst indem sie, primär ökonomischen Interessen folgend, moduliert wird. Grundlage dafür schafft die kontinuierliche Erhebung von transaktionalen Daten auf Basis alltäglicher Handlungen sowie die Rechenoperationen, die darauf angewendet werden können. Am Beispiel Marketing diskutiert Cheney-Lippold, wie die Variable Geschlecht mit Instrumenten der statistischen Wahrscheinlichkeitsrechnung und des maschinellen Lernens aus transaktionalen Nutzerdaten generiert wird (Cheney-Lippold 2011, S. 167). Das Ziel in diesem Beispiel ist, Menschen präziser als bei traditionellen Marketinginstrumenten in Zielpublika zu unterteilen, um Inhalte werbewirksamer zu platzieren. Aus Datenbanken werden Korrelationen zwischen der

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Kategorie Geschlecht und dem Surfverhalten abgeleitet. Jede einzelne Handlung eines Nutzers, also welche Seiten im Internet angesteuert, welche Artikel gekauft oder welche Nachrichten ‚geliked‘ werden, werden den Kategorien männlich oder weiblich zugeordnet. In Summe werden diese Zuschreibungen aber nicht zu binären Zuteilungen eines Subjektes eines konkreten Geschlechts verdichtet, sondern es wird graduell differenziert. Das Resultat ist nicht eindeutig männlich oder weiblich, sondern irgendwo dazwischen, wird als umso ‚männlicher‘ eingestuft, je stärker sein Verhalten dem typischen Verhalten vergangener, als ‚männlich‘ eingestuften Nutzer entspricht und je weniger ‚weibliches‘ Verhalten erfasst wurde. Es geht damit auch nicht mehr um Mann als biologisches Geschlecht oder kulturelles Konstrukt, sondern um ‚Männlichkeit‘ als algorithmisch produzierte Kategorie, die sich aus dem messbaren Verhalten einer vorhandenen Masse von Nutzern ableitet. Damit wird ‚Mann‘ zum „measureable type“ (Cheney-Lippold 2017, S. 39): Ein datenbasiertes Modell des männlichen Geschlechts, das sich aber nicht mehr an sozialen Normen oder einer biologischen Ausstattung orientiert, sondern das sich aus der Messbarkeit der Eigenschaften ableitet, die damit assoziiert werden. Grundlage dieser Messtypen sind gesammelte Datenpunkte, die sich mit Deleuze als Dividuen bezeichnen lassen und die sich als digitale Fragmente des Individuums im konstanten Strom automatisierter Datenverarbeitung modulieren lassen. Charakteristisch dafür ist, dass die getätigten Zuschreibungen keine festen ­Größen sind, sondern Heuristiken, die laufend angepasst werden. Indem die Datenbanken kontinuierlich mit Nutzereingaben gefüttert werden, verändern sich die Bedingungen, unter denen nachfolgende Entscheidungen getroffen werden. So ändern sich im Verlauf der Zeit nicht nur die Zuteilungen der Nutzer und deren Beziehung zum Messtypus, auch der Messtypus selbst wird laufend moduliert. Ohne, dass eigene Handlungen gesetzt werden müssen, verändern sich Datenprofile, weil sich durch die Eingaben der Nutzer die Einstellungen verändern, auf deren Grundlage kategorisiert wird. Während in den geschlossenen Systemen Foucaults (proto-) typische Vorstellungen von Männlichkeit relativ starr bleiben, bzw. sich zwar langsam, in zwischenmenschlichen Aushandlungsprozessen verhandelt, verändern, richtet sich algorithmisch produzierte ‚Männlichkeit‘ wenig nach der tatsächlichen biologischen Ausstattung seiner Signifikanten oder der normierenden Kraft tradierter Instanzen, sondern nach Datenspuren der Nutzer und den statistischen Operationen, die auf sie angewandt werden können: (…) (A)lgorithms allow a shift to a more flexible and functional definition of the category, one that de-essentializes gender from its corporeal and societal forms and determinations while it also re-essentializes gender as a statistically-related, largely market research-driven category (Cheney-Lippold 2011, S. 170).

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Der anpassungsfähige Messtypus dient als temporärer Abdruck, dessen Form sich aber zu jeder Zeit verändert. Im Kontext algorithmischer Verarbeitungsprozesse werden Dividuen und deren kontinuierliche Modulation zu Vehikel der Herstellung von Subjekten. Diese Art der Sortierung ist zwar nachvollziehbar, solange wir uns einzelnen und wenig abstrakten Kategorien wie jener des Geschlechts zuwenden. In einer datafizierten Gesellschaft geht es hier aber nicht um singuläre Kategorien und deren Verhältnis zur ‚realen‘ Welt, sondern um Big Data und dessen Kapazitäten, riesige Mengen von Daten zu speichern und zu verarbeiten, um daraus scheinbar unendlich viele verschiedene Messtypen zu bilden. In Summe lässt sich aus Dividuen eine „algorithmische Identität“ jedes Nutzers ableiten (Cheney-Lippold 2011), die dadurch charakterisiert ist, dass die Nutzer nicht mehr für die Daten, sondern die Daten für sie sprechen: Weil sich Prozesse der Aggregation von Dividuen automatisiert und außerhalb unserer Wahrnehmung abspielen, bleiben die Konsequenzen oft verborgen. Die Zuteilung zu bestimmten Zielpublika und die damit verbundene Personalisierung von Werbung im täglichen Internetkonsum ist ein vergleichsweise harmloses Beispiel. In Summe bilden diese transaktional erhobenen Daten ein System der Überwachung, in dem durch Verknüpfung von Datenbanken Verbindungen hergestellt werden zwischen demografischen Informationen, Surfverhalten, persönlichen Vorlieben, GeotrackingDaten, sozioökonomischem Status oder Gesundheitsdaten. Die damit verbundenen Mechanismen der Selektion können den Alltag von Menschen nachhaltig beeinflussen. Chancen, Risiken oder biopolitische Maßnahmen hängen dann mitunter davon ab, durch welches digitale Profil sich eine Person bestimmten Gruppen zuordnen lässt. Dies kann weitreichende Konsequenzen haben, wenn es darum geht, einen Kredit zu beantragen (Just und Latzer 2017, S. 240), Versicherungsleistungen in Anspruch zu nehmen (Crawford und Schultz 2014) oder um herauszufinden, wer eine Gefahr für die nationale Sicherheit darstellt (Cheney-Lippold 2017, S. 39). Aus dieser Modulation ergibt sich ein moralisierendes System, das Mitgliedschaften produziert, die mitunter als normal oder gerecht empfunden werden (Fourcade und Healy 2017, S. 24), weil sie auf vergangenen Handlungen und deren automatisierten Verarbeitung beruhen: Digital traces of individual behaviors (where classifying instruments define what ‚behavior‘ is, and how it should be measured) are increasingly aggregated, stored and analyzed. As new techniques allow for the matching and merging of data from different sources, the results crystallize—for the individuals classified—into what looks like a super-charged form of capital (Fourcade und Healy 2017, S. 10).

Transaktionale Daten werden somit zu einem System mit einer distinkten Verarbeitungslogik verdichtet, mit dem Nutzer interaktiv kommunizieren und das

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getätigte Handlungen wertend zurückspiegelt. Mit Blick auf die digitale Konstruktion subjektrelevanter Kategorien beschreibt Cheney-Lippold die damit einhergehenden, oft intransparenten regulative Wirkung als „soft biopolitcs“ (2011, S. 173). Das ‚soft‘ bezieht sich nicht auf die Wirksamkeit einer Maßnahme, sondern auf deren Kapazität, direkt auf der Ebene der Kategorie Einfluss zu nehmen, um damit sonst oft divergente Möglichkeiten des Denk- und Machbaren zu sortieren. In stetiger Modulation werden Optionen entwickelt und angeboten, die zunehmend in Alltagsabläufe von Menschen einsickern. Häufig begegnen uns diese Optionen als Vorschläge, die, basierend auf automatisch erstellten Profilen, an Nutzer von Angeboten herangetragen werden. Algorithmen als Kontrollfaktor wirken als Teil von Such-, Filter-, Bewertungs- oder Recommender-Systemen und werden mitunter effizient genutzt, um die Aufmerksamkeit und das Verhalten von Usern zu beeinflussen (Just und Latzer 2017).

3.2 Die Biopolitik der Körpervermessung Die Auswirkung aus subjektiver Perspektive soll nun anhand von zwei Bereichen diskutiert werden. Zuerst soll der Blick auf Institutionen gerichtet werden, um zu illustrieren, welche subjektivierende Rolle Modulation auf der Mesoebene zukommen kann. Die Art und Weise, wie Modulation den Horizont des Denk- und Machbaren beeinflusst, wird zwar am Beispiel konkreter Institutionen besprochen, lässt sich aber – sofern eine ausreichende Erfassung transaktionaler Daten gegeben ist – ebenso auf die Gesellschaft als Ganzes und unsere Rolle als ‚gute‘ Bürger oder Konsumenten anwenden. Die Ubiquität von Vermessungstechnologien und deren Verflechtung mit Praktiken führt dazu, dass die Sammlung und Auswertung von Daten in immer mehr Umgebungen unseres Alltags eine immer wichtigere Rolle spielen (Lupton 2015a): Die ‚smart city‘ als Regulierungsinstanz ihrer Einwohner oder das ‚smart home‘, das sich mittels Sensoren und Automatisierung laufend an die Bedürfnisse seiner Bewohner anpasst. Als „sentient schools“ bezeichnet Deborah Lupton (2015b) jene Versuche, mittels Daten-Tracking kontinuierlich Informationen über verschiedene Bereiche einer Schule zu sammeln, um daraus biopädagogische Maßnahmen abzuleiten. Die Sammlung und Auswertung von Körperdaten ermöglicht die oben beschriebene Modulation von Befindlichkeiten, die sich als „soft biopolitics“ auf die Art und Weise auswirken, wie subjektrelevante Kategorien (re)produziert werden. Dazu beschreibt Ben Williamson, wie ‚smart schools‘ als Geflecht öffentlicher Gesundheitsprogramme, kommerzieller Unternehmensinteressen und automatisierter Datenverarbeitung begriffen werden müssen, um zu verstehen, auf welche Art und

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Weise junge Menschen über ihren Körper und ihre Gesundheit lernen (­Williamson 2015). Durch die Erfassung von Daten aus allen Bereichen der Schule wird ein dichtes Informationsnetz entwickelt. Ähnlich wie im Marketing lassen sich damit statistische Trends errechnen, aus denen Norm- und Zielvorgaben abgeleitet, Ziele definiert oder Prognosen über zukünftige Handlungen getroffen werden können. Dieser digitale Abdruck der Schule, der sich aus der Summe aller getätigten Messungen in Echtzeit modulieren lässt, kann als Ausgangspunkt gesundheitspolitischer Entscheidungen herangezogen werden. Die Messbarkeit ermöglicht den Vergleich und die Gewichtung unterschiedlicher Parameter die sich im Kontext bestimmter Zielvorgaben als Erstrebenswert herauskristallisieren. Die Schule wird so in ein Datennetz eingebettet, das die Operationalisierung dieser Zielvorgaben vor dem Hintergrund öffentlicher und kommerzieller Interessen ermöglicht. Die ‚smart School‘ wird so zu einer Maschine, deren einzelne Komponenten nach Gesichtspunkten neoliberaler Verwertbarkeit optimiert werden können (Williamson 2015, S. 134). Als Schüler in einem solchen System wird man dazu angehalten, sich vor dem Hintergrund getätigter Einschätzungen und dem damit konstruierten Ideal hin zu reflektieren, zum Beispiel um Gesundheitsziele zu erreichen oder bestimmten Leistungsanforderungen zu entsprechen. Ähnlich wie am Beispiel der Disziplinargesellschaft wird der Blick geschult und nach innen gerichtet, mit dem Bild des ‚guten Schülers‘ als Orientierungspunkt. Anders als in geschlossenen Systemen wird ein solches Ideal aber nicht mehr ausschließlich diskursiv vermittelt, sondern interaktiv, indem gesammelte Daten reflexiv auf die Population dieser „kalkulierbaren Öffentlichkeit“ (Williamson 2015) zurückgespiegelt werden und so Anlässe zur Intervention bieten. Als Ergebnisse von maschinellen Lernprozessen werden Daten kontinuierlich ausgewertet, um so den biopolitisch wirksamen Messtypus zu rekonfigurieren. Über die Art und Weise, wie der Körper in einer solchen Schule thematisiert wird, schreibt Lupton: The body in this discourse becomes positioned as a ‚smart machine‘ linked with other ‚smart machines‘. Bodily sensations become phenomena that are mediated and augmented through machines, transformed into data and then communicated back to the user. This vision of the body as augmented via self-tracking devices present a digital cyborg, in which such devices not only become prosthetics of the body but extend the body into a network with other bodies and with objects (Lupton 2013, S. 27).

Daten legen sich dazu wie eine „algorithmische Haut“ (Williamson 2015) über die körperlichen Erfahrungen des Schülers. Dabei verdrängen sie diese natürlich nicht, provozieren aber eine Übersetzung leiblicher Befindlichkeiten in eine Form, die von Computern erfasst und verarbeitet werden kann (Neyland 2015) und damit auch eine Objektivierung des Körpers entlang operativer Rechenlogiken.

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Die so geleistete Anpassung ermöglicht die Quantifizierung, Bewertung und den Vergleich von Körpermerkmalen über die das Individuum Wege lernt, den Körper seinen eigenen Wünschen entsprechend zu gestalten, jedoch immer in Aushandlung mit seinen digitalen bzw. dividualisierten Abbildern.

3.3 Dividuen als Teil kommunikativer Aushandlung Diese Überlegung, die auf individuelle Handlungsmöglichkeit im Rahmen digitaler Infrastrukturen anspielt, dabei aber noch die Mesoebene einer datafizierten Institution in den Fokus nimmt, lässt sich am Beispiel des Umgangs mit dem Körper im Kontext von Selbstvermessung weiter illustrieren. Der Körper wird in heutigen Gesellschaften zunehmend als etwas Formbares begriffen, das sich wirkungsvoll als Ressource modellieren und inszenieren lässt, dessen gesundheitlicher Erhalt gleichzeitig aber immer mehr selbstverantwortlich zu leisten ist. Als Testament der eigenen Lebensführung verspricht die Gestaltung des eigenen Körpers einen sozialen Mehrwert über den gesundheitlichen Nutzen hinaus (Hitzler 2002; Villa 2007). Als aktueller Weg der körperlichen Selbstsorge bieten sich in jüngster Zeit Praktiken der Selbstvermessung an, wie sie durch die Nutzung von Selbstvermessungs-­ Angeboten und assoziierten „Wearables“ möglich werden (Duttweiler und Passoth 2016; Neff und Nafus 2016; Lupton 2016). Diese erlauben es den Nutzern, Daten über ihre eigenen Körper zu erheben und auszuwerten. Dazu sind sie mit Funktionen ausgestattet, die zur Anwendung in unterschiedlichen Lebensbereichen einladen. Vor allem das Smartphone bietet sich in den Bereichen Gesundheit und Fitness an, um sich aus den zahlreichen Angeboten und ihren Funktionalitäten ein personalisiertes S ­ elbstvermessungs-Regime zu basteln, das einem dabei helfen soll, Ziele der persönlichen Lebensführung zu erreichen. Praktiken der Selbstvermessung sind damit jene Praktiken der Selbstführung, die im Rahmen aktueller Gouvernementalität angeboten werden, um selbstwirksam und erfolgreich sein Leben zu bestreiten, die aber gleichzeitig auf inhärente Rationalitäten der Macht verweisen, die kritisch hinterfragt werden müssen. Als „data doubles“ bezeichnet Minna Ruckenstein (2014) die digitalen Abbilder, die im Rahmen von Praktiken mit Selbstvermessungs-Angeboten erstellt werden und die sich den Nutzern zur Reflexion eigener Befindlichkeiten anbieten. Je nach Ziel und Anlass können diese digitalen Abbilder im Fluss der Modulation zerlegt und neu zusammengesetzt werden und bieten so Wege der Selbstführung an, die zur Interaktion einladen. Praktiken der Selbstvermessung lassen sich als kommunikative Phänomene begreifen, die vielfältige kommunikative Anschlusshandlungen erlauben (Lomborg und Frandsen 2015). Über die interaktive Kommunikation mit

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den Geräten selbst werden normative Botschaften vermittelt, die in die Software eingeschrieben wurden, zum Beispiel bestimmte Wert- und Zielvorstellungen die ausdrücken, wie sportliche Leistungen bewertet werden. Dazu gehören auch visuelle, textuelle oder akustische Feedback-Mechanismen, über die Angebote auf Inputs der User reagieren können. Sie eröffnen so Ziele und Strategien, um selbstreflexiv Handlungen an sich vorzunehmen, die der erfolgreichen Lebensführung dienen. Darüber hinaus bieten sie Funktionen, um Informationen mit Peers und in sozialen Netzwerken zu teilen und schaffen dadurch Horizonte der Vergemeinschaftung und körperlichen Leistungsverwertung durch positive Selbstthematisierung im breiteren sozialen Kontext. Charakteristisch für diese Abbilder ist deren „livelyness“ (Lupton 2017), also, dass deren Bedeutung, anders als von Daten-Enthusiasten manchmal behauptet, nicht festgesetzt ist und sie in verschiedenen Kontexten von unterschiedlichen Akteuren anders verstanden und gebraucht werden können. Dies bedient zum einen das Potenzial der kommerziellen Verwertung und der datengetriebenen Kontrolle im Sinne von Deleuze: Machtbeziehungen sickern viel dichter in unser Leben ein, wenn jeder getätigte Schritt, jeder gelaufene Meter und jede verbrannte Kalorie als kommunikative Handlung an ein regulatorisches Organ aufgefasst werden kann. Zum anderen verweist diese Lebendigkeit aber auch auf die vielfältigen möglichen Aneignungsweisen, die im Umgang mit Datenspuren denkbar sind: Sie stellen Ressourcen im Umgang mit der eigenen Körperlichkeit dar und bieten sich als Bausteine für Anschlusskommunikation im weiteren sozialen Kreis an. Deren Gewichtung und die ihnen zugeschriebene Valenz ist dabei keine feste Größe, sondern Gegenstand der Aushandlung über verschiedene Personengruppen und Berufsfelder hinweg (Fiore-Gartland und Neff 2015). Möglichkeiten der Einflussnahme können daher keinem blinden Technikdeterminismus untergeschoben werden. Praktiken der Selbstvermessung erweisen sich in ihrer konkreten Aneignung als vielfältig und lassen sich nicht monokausal den Absichten von Unternehmen unterordnen. Gerade bei den fleißigsten Selbstvermessern wie der Quantified-Self Bewegung zeigt sich, dass kreative Nutzung dort stattfindet, wo nicht-intendierte Funktionen ausprobiert werden, wo bewusst auch ‚falsche‘ Daten, zum Beispiel durch mogeln, produziert werden, oder Datensätze unvollständig bleiben, weil Menschen Vermessungstechnologien in vielen Bereichen ihres Lebens nicht haben wollen (Nafus und Sherman 2014). Der ‚ideale‘ Selbstvermesser, der durch seine Daten lückenlos Auskunft über seine Gewohnheiten und Abläufe gibt und so die Interessen von Unternehmen oder Regierungen bedient (Till 2014) bleibt somit bis auf weiteres nur ein (Alp-)Traum. Dabei bleibt allerdings die Frage offen, ob nicht auch widerständische Praktiken ihrerseits gewinnbringend eingefangen werden.

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Darüber hinaus weißen aktuelle Studien regelmäßig darauf hin, dass es meist gerade nicht um eine Rationalisierung alltäglicher Praktiken entlang von Effizienzkriterien geht, bei der die im Angebot vermittelten Ideale und Normen unreflektiert übernommen werden. Was Pharabod et al. „force de la chaine“ nennt, also die „Kraft der Kette“, bei den Nutzern ein gutes Gefühl zu provozieren (Pharabod et al. 2013), beschreibt Duttweiler (2016) als Kernfunktion von Selbstvermessungstechnologien. Dabei geht es nicht um die Daten und deren Informationsgehalt, sondern um das Potenzial von Visualisierungen oder Feedback-Optionen, bei den Nutzern ein positives Gefühl der Selbstvergewisserung anzuregen. Es ist nicht allein der instrumentelle Gebrauch, der zur Nutzung motiviert, sondern ein übergeordnetes Identitätsziel oder ein biografisches Projekt, das ausschlaggebend dafür ist, wie konsequent Selbstvermessung betrieben wird (Duttweiler 2016). Dies lässt sich als Aufruf verstehen, dass derartige Medienpraktiken im sozialen Kontext untersucht und verstanden werden müssen.

4 Ausblick Mit Blick auf das Subjekt eröffnet sich in Zeiten der Datafizierung eine neue Dimension: Durch die permanente Aufzeichnung von transaktionalen Daten werden Menschen, freiwillig oder unfreiwillig, Teil einer übergeordneten Berechnungslogik und den darin eingeschriebenen Machtverhältnissen. Interaktive Kommunikation mit Medientechnologien wird in heutigen Medienkulturen zu einem festen Bestandteil der Aushandlung von Kultur. Diese hat immer eine reflexive Komponente, weil das Subjekt zwangsläufig in Interaktion mit sich selbst und seinen digitalen Fußspuren ausgehandelt wird. Dabei verweist das Konzept der Dividuen auf die Tatsache, dass interaktive Kommunikation nicht nur Gelegenheiten für Introspektion und Anschlusskommunikation schafft, sondern immer auch Teil einer übergeordneten digitalen Infrastruktur ist, die transaktionale Daten zum Zweck der Profilierung und Verwertbarkeit sammelt und verarbeitet. Dabei sind es vor allem kommerzielle Interessen, deren Folgen in neoliberalen Gesellschaften der Gegenwart kritisch zu betrachten sind (Mau 2017). Die Machtbeziehung zwischen kommerziellen Unternehmen und Nutzern ist weitgehend asymmetrisch, wobei es Unternehmen sind, die Zugriff zu Technologie und Daten haben und die Nutzer, deren Verhalten Teil einer umfassenden Kommodifizierung alltäglicher Praktiken wird. Diese Einbettung in eine neoliberale Verwertungslogik zeigt sich exemplarisch darin, dass die Objektivierung des Körpers entlang numerisch-messbarer Parameter auch als eine Übersetzung von Freizeitaktivitäten in Arbeitsleistung betrachtet werden kann (Till 2014). Erhobene Daten können von Unternehmen gewinnbringend eingesetzt

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werden, sie machen aber auch alltägliche Handlung einer Vergleichs- und Wettbewerbslogik zugänglich, die sich primär an Kriterien der Effizienz und Optimierung orientiert. In der Aneignung zeigt sich aber auch die Kreativität im Umgang mit neuen Technologien und das widerständige Potenzial unvollständiger Daten, die sich eher an den Bedürfnissen der Nutzer orientieren und weniger an den Interessen der Unternehmen. Jüngste Skandale im Umgang mit persönlichen Daten durch Unternehmen unterstreichen die Relevanz einer solchen Auseinandersetzung. Logiken der Effizienz und Optimierung sind, wie beim Blick auf aktuelle Subjektformen gezeigt wurde, nicht erst Resultat der Datafizierung, aber erst durch die ubiquitäre transaktionale Erfassung von Handlungen und die interaktive Kommunikation werden sie untrennbarer Teil der Alltagswelt. Statt nur als strukturelle Gegebenheit oder diskursives Ideal sickern erstrebenswerte Subjektformen in Alltagspraktiken der Selbstführung ein und modulieren unsere Befindlichkeit von Innen. Dividuen, deren automatisierte Verarbeitung und zwischenmenschliche Interpretation, haben so eine inhärent subjektivierende Qualität, die sich aus der Art und Weise ergibt, wie sich Wissen, Kommunikation und Technologie darin miteinander verflechten. Wie am Beispiel der Selbstvermessung diskutiert wird, wird der reflexive Moment der reflexiven Modernisierung mehr und mehr ein Moment der interaktiven Kommunikation, wenn aus dem Blick nach innen auf die eigenen Befindlichkeiten der Blick auf das Smartphone wird. Die potenzielle Vielfalt und Hybridität der Subjektformen der jüngeren Vergangenheit zeugt nicht davon, dass es keine Verbindlichkeiten mehr gibt. Vielmehr sind die Gemeinsamkeiten der Subjektformen nicht mehr nur in der konkreten Gestalt der Subjektform zu suchen, sondern in der Logik deren Genese – und damit in Kommunikation und der digitalen Infrastruktur, in der bestimmte Formen ermöglicht oder verhindert werden. Im Rahmen gouvernementaler Selbstführung werden Medientechnologien so zu Instanzen der Reflexion, die unser Zusammenleben maßgeblich beeinflussen, insofern Fragen der Sozialisation, Identität oder der leiblichen Empfindung zunehmend über Profile und Messungen verhandelt werden. Die analytische Herausforderung ist, dass Modulation auf jeder der diskutierten Ebenen unterschiedlich untersucht werden muss, dass es gleichzeitig für eine kontextsensible Medien- und Kommunikationsforschung aber wichtig ist, die potenziell handlungsleitende Funktion solcher Mensch-Maschine Konstellationen mitzudenken. Bei der Frage, wie Kategorien moduliert werden, bedeutet dies, dass Produktionsverhältnisse und Wirkungsweisen von Code reflektiert werden müssen. Um die häufig postulierte Intransparenz proprietärer Systeme zu durchdringen (Pasquale 2015), erscheint es sinnvoll, die Produktionsverhältnisse von Code und dessen Funktionsweise zum Gegenstand von Studien zu machen (Kitchin 2017). Die epistemologische Qualität von Code sollte als „computational ethnography“ (Elish und Boyd 2017)

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kritisch reflektiert werden, ohne einem naiven Dataismus (van Dijck 2014) zu verfallen. Dies schließt auch die kritische Reflexion der tatsächlichen Wirksamkeit von Big Data mit ein. Darüber hinaus muss auf institutioneller Ebene gefragt werden, welche normierenden Faktoren subjektivierend herangezogen werden, bzw. welche Praktiken sich damit verknüpfen lassen, um normative Ziele zu erreichen. Die Antwort hierauf ließe sich im Rahmen theoriegenerierender Verfahren (Krotz 2005) auf gesellschaftstheoretische Überlegungen zurückspiegeln, die aktuelle Subjektformen im Spannungsfeld individualisierter Leistungsgesellschaft verortet. Dabei sollte eine kontextsensible nicht-medienzentrierte Kommunikationsforschung (Hepp 2010) auf der Mikroebene zeigen, wie Dividuen Teil kommunikativer Aushandlungsprozesse werden und welche Anteile die diskutierten Mensch-Maschine-Verflechtungen an der Konstruktion und Zirkulation von digitalen Abbildern haben, bzw. wo diese relevant für Anschlusskommunikation werden. Abschließend ist der Beitrag damit auch ein Plädoyer für eine praxistheoretisch ausgerichtete Medienforschung, die den Blick auf solche Konstellationen, und die Handlungen die dadurch ermöglicht werden, ganzheitlich erfasst.

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Teil II Empirische Analysen der Bedeutung von Subjektivität und Identität in und für digitale(r) Kommunikation in mediatisierten Welten

Das erzählte Selbst: Narrative Subjektkonstruktionen im Zeichen medialen und gesellschaftlichkulturellen Wandels Christina Schachtner

Zusammenfassung

Welche Narrationen erzählen Menschen, die die digitalen Medien als Instrumente und Bühnen des Erzählens nutzen oder sie zum Gegenstand des Erzählens machen? Diese Frage steht im Zentrum dieses Beitrags, der eine Sekundärauswertung der Studie ‚Kommunikative Öffentlichkeiten im Cyberspace‘ zugrunde liegt, in die Netzakteur_innen und Blogger_innen aus verschiedenen Teilen der Welt einbezogen waren. Es wurden sechs Narrationstypen identifiziert: Vernetzungs-, Selbstinszenierungs-, Händler- und Verkäufer-, Grenzmanagement-, Verwandlungs-, Auf- und Ausbruchsnarrationen. Diese Narrationstypen werden aus der Perspektive intersubjektiver und narrationsbezogener Theorieansätze analysiert. Sie stellen Antworten auf biografische und gesellschaftlich-kulturelle Provokationen dar und geben Einblicke in die Sehnsüchte der Netzgeneration, in ihre Orientierungssuche sowie in ihre Subjektkonstruktionen. Die digitalen Medien zeigen sich in den Narrationen nicht nur als Instrumente des Erzählens, sie formen das Was und Wie des Erzählens mit.

C. Schachtner (*)  Alpen-Adria-Universität Klagenfurt, Klagenfurt, Österreich E-Mail: [email protected] © Springer Fachmedien Wiesbaden GmbH, ein Teil von Springer Nature 2019 P. Gentzel et al. (Hrsg.), Das vergessene Subjekt, Medien • Kultur • Kommunikation, https://doi.org/10.1007/978-3-658-23936-7_8

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Schlüsselwörter

Blogger_innen · Digitale Medien · Gesellschaftlich-kultureller Wandel ·  Intersubjektivität · Narrationen · Narrationsforschung · Netzakteur_innen ·  Psychoanalyse · Subjektkonzeption

Wenn ich in diesem Beitrag, wie im Titel anklingt, Medien, Subjekt und den gesellschaftlich-kulturellen Wandel zueinander ins Verhältnis setze, so verfolge ich eine Perspektive der Wechselwirkungen, die sich von einer mediendeterministischen Perspektive absetzt. Dies zu betonen, ist mir wichtig, weil deterministische Annahmen bezogen auf digitale Medien in öffentlichen, zuweilen wissenschaftlich gestützten, Diskussionen keine Seltenheit sind. Solche Sichtweisen sind, da linear, verlockend, verhelfen sie doch zu raschen Urteilen und raschem Handeln, aber nicht zur Einsicht in komplexe Zusammenhänge. Ziel des Beitrags ist es, die angesprochenen Wechselwirkungen genauer zu bestimmen, indem die narrativen Verstrickungen des Subjekts in die medialen und gesellschaftlich-kulturellen Entwicklungen untersucht werden. Die Betrachtung der medialen Entwicklung beschränkt sich auf die digitale Medienwelt. Mein Anspruch ist, Subjektkonstruktionen im Zeitalter digitaler Medien empirisch und theoretisch zu beschreiben. Dies soll in vier Schritten erfolgen. Zunächst werde ich zwei theoretische Ansätze präsentieren, die eine Erklärungsfolie für die in der Studie ‚Kommunikative Öffentlichkeiten im Cyberspace‘1 ermittelten Narrationen von Netzakteur_innen und Blogger_innen aus verschiedenen Teilen der Welt bilden sollen. Die Präsentation der identifizierten Narrationstypen erfolgt in einem zweiten Schritt. In einem dritten und vierten Schritt werden die digitalen Medien und die aktuellen gesellschaftlich-kulturellen Umbrüche als Bedingungen problematisiert, die die Narrationen und somit auch das Selbst als Narration mitformen. Vor diesem Hintergrund wird abschließend die Frage nach den Möglichkeiten zeitgenössischer Subjektkonzeptionen erörtert.

1(Die

Studie ist ein Teilprojekt des Gesamtprojekts ‚Subjektkonstruktionen und digitale Kultur‘, die vom FWF (Fonds zur Förderung der wissenschaftlichen Forschung, Projekt I 237–617) und von der VolkswagenStiftung gefördert wurde und von 2011–2014 durchgeführt wurde. Kooperationspartner der Alpen-Adria-Universität Klagenfurt waren die Universität Bremen, die TU Hamburg-Harburg und die Universität Münster. Die Ergebnisse des Gesamtprojekts finden sich in Carstensen et al. (2014). Eine ausführliche Darstellung der Ergebnisse, die in diesem Beitrag thematisiert werden, finden sich in Schachtner (2016). Der vorliegende Beitrag greift Ergebnisse aus diesem Buch auf, die den Zusammenhang zwischen Narrationen, Medien, Subjekt und gesellschaftlich-kulturellen Wandel beleuchten und fügt diesen Ergebnissen neue theoretische Überlegungen hinzu.).

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1 Intersubjektivität und Narration: Theoretische Annäherungen Die Frage nach dem Subjekt im Zeitalter digitaler Medien ist, so kann man in Anlehnung an Meyer-Drawe sagen (1990), nicht durch eine einzige Theorie zu klären, weil erst durch das Zusammenspiel verschiedener Theorieansätze, unterschiedliche Dimensionen und Facetten der Subjektwerdung beleuchtet werden. Ich beschränke mich in diesem Beitrag auf intersubjektive Ansätze und narrationstheoretische Perspektiven. Intersubjektive Theorieansätze erklären die Angewiesenheit des Individuums auf ein Du, welches das Erzählen als fundamentales Bedürfnis kennzeichnet. Anders formuliert: Sie begründen das Warum des Erzählens. Die Leistung narrationstheoretischer Perspektiven besteht darin, dass sie das Wie des Erzählens ins Blickfeld bringen. In den zitierten Theorieansätzen werden die Begriffe Subjekt und Selbst verwendet, ohne dass diese Begriffe explizit definiert werden. Allerdings erschließt sich die jeweilige Begriffsbedeutung implizit. Unter Subjekt wird der Mensch als denkendes, fühlendes und handelndes Wesen verstanden, das sich im Spannungsfeld zwischen Autonomie und Heteronomie konstituiert. Subjekte sind die Akteur_innen, die sich als Interaktionspartner_innen begegnen. Der Begriff Selbst beschreibt die Summe der Haltungen, Orientierungen, Wertvorstellungen, Kommunikationsmuster, kurz den Ich-Entwurf, aus dem heraus das Subjekt agiert und der nicht statisch, sondern als Prozess zu denken ist. Die beiden Begriffe, das muss eingeräumt werden, werden nicht trennscharf verwendet. Es haftet ihnen zudem etwas Vages an. Das dürfte mit der Entnormierung, Relativierung und den Versuchen der Neudefinition in gegenwärtigen Subjektdiskussionen zu tun haben, die auch jenseits der hier einbezogenen Theorieansätze geführt werden (Bilden 2011, S. 193). In dieser Vagheit ist nicht zwangsläufig ein Nachteil zu sehen; sie eröffnet auch Spielräume für die Entdeckung und Etablierung neuer Akzentuierungen, die einer Methodologie entgegen kommt, an der sich das Forschungsprojekt ‚Kommunikative Öffentlichkeiten im Cyberspace‘ orientiert und auf die im weiteren Verlauf des Beitrags noch eingegangen wird. Im Folgenden skizziere ich zentrale Annahmen intersubjektiver und narrationstheoretischer Ansätze, die Erklärungsangebote für die vorliegende Empirie liefern. Ich werde dieses Erklärungspotenzial nicht erst am Ende dieses Beitrags auf die Empirie beziehen, sondern bereits im Verlauf meiner Ausführungen immer wieder darauf zurückkommen.

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1.1 Intersubjektive Theorieperspektiven Unter der Überschrift „Intersubjektivität“ schöpfe ich aus mehreren theoretischen Quellen, die den Menschen als soziales Wesen betrachten, dessen Subjektwerdung unverzichtbar an die Existenz Anderer gebunden ist. Ich rekurriere auf die intersubjektive Wende in der Psychoanalyse, auf das sozialpsychologische Konzept von George H. Mead sowie auf die phänomenologischen Überlegungen von MeyerDrawe. Die Argumente aus diesen theoretischen Quellen bilden die Basis, auf denen narrationstheoretische Perspektiven aufsetzen können. Mead hat die Bedeutung der Bezogenheit auf die soziale Umgebung bereits in den 70er Jahren des 20. Jh’s erkannt. Er unterschied zwischen dem Ich und dem ICH (1973, S. 218). Das ICH ist nach Mead die organisierte Gruppe von gesellschaftlichen Normen und Regeln, die man selbst einnimmt. Das Ich reagiere auf das ICH mehr oder weniger unbestimmt; es verkörpere das Kreative im Menschen. Mead situiert die Begegnung mit dem verallgemeinerten Anderen im Innern des Subjekts; er macht diesen Anderen zur inneren Struktur, die das Ich tendenziell dominiert wie folgendes Zitat vermittelt: „Gewöhnlich bestimmt die Struktur des ICH den Ausdruck des Ich“ (Mead 1973, S. 254). In den intersubjektiven Ansätzen psychoanalytischer Prägung wird dagegen die Begegnung mit dem konkreten Anderen stärker betont. Nach Altmeyer und Thomä wird der Mensch in soziale Beziehungen hineingeboren und gewinnt durch soziale Beziehungen hindurch ein Verhältnis zu sich selbst (2006, S. 8). Verinnerlicht werden nicht Normen, sondern Beziehungsschicksale, womit zugleich die emotionale Qualität der Bezogenheit gegenüber der rationalen Qualität Mead’scher Prägung hervorgehoben wird. Intersubjektivität ist nach Altmeyer und Thomä eine mentale Bewegung, die sich gegen die bei der Geburt erfahrene Trennung richtet, deren Überwindung die Hauptentwicklungsaufgabe des Kindes darstellt (2006, S. 7). Die innere Welt des Menschen sei von Anfang an – so ihre Hauptthese – auf die äußere Welt bezogen; in dieser Bezogenheit konstituiere sich die Psyche des Menschen (Altmeyer und Thomä 2006, S. 26). Das Erfordernis der Begegnung mit dem konkreten Anderen wird auch von Meyer-Drawe gesehen, die phänomenologisch argumentiert, die Ursache für dieses Erfordernis aber nicht in der Trennungserfahrung bei der Geburt, sondern in der Tatsache sieht, dass wir dem Reich des Sichtbaren angehören, aber uns selbst nur fragmentarisch sehen (1990, S. 115). Das bewirke einen Fleck in der Autonomie und zugleich die Öffnung zum Du (Meyer-Drawe 1990, S. 115). Der Blick des Anderen reiche an das heran, was ich selbst nicht sehen kann

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(Meyer-Drawe 1990, S. 117). An dieser Stelle liefert Benjamin, die sich wiederum aus psychoanalytischer Sicht mit dem Blick des Anderen beschäftigt, eine differenzierende Ergänzung. Der auf das Individuum gerichtete Blick des Anderen bedeute Anerkennung, durch die einer den Anderen als psychisch verfasstes Wesen erfahre, mit dem sich mitempfinden lasse (2010, S. 66). Auch bei Benjamin findet sich sowohl die Betonung der Begegnung mit einem konkreten Anderen als auch die emotionale Dimension als Bestandteil dieser Begegnung. Anerkennung ist für Benjamin die entscheidende Begleitmusik der Selbstbehauptung (1990, S. 24). Anerkennung im Sinne von Benjamin bedeutet nicht nur Zustimmung; sie kann auch die Form von Kritik annehmen. Wesentlich ist das Wahrgenommenwerden; das Spiegeln des Eigenen im Anderen. Gemeinsam ist den intersubjektiven Theorieperspektiven unterschiedlicher Couleur die Annahme, dass der Mensch für seine Selbstwerdung nicht die Wahl hat, sich zwischen Autonomie und Heteronomie zu entscheiden, beides setzt sich vielmehr in einer Bewegung gegeneinander durch (Meyer-Drawe 1990, S. 152), anders gesagt: Das Subjekt ist autonom und heteronom, ist Souverän und Adressat. Was so plausibel klingt, ist für die Konzeption des Subjekts über verschiedene Disziplinen hinweg nicht selbstverständlich. Mit der Aufklärung hat sich vielmehr mit nachhaltiger Wirkung ein Ich-Ideal etabliert, das sich nicht in Beziehungen, sondern durch Herauslösung aus Beziehungen entwickelt. Für Meyer-Drawe bedeutet dieses Ideal, den Menschen „eine ununterbrochene, kräftezehrende Selbsttäuschung aufzubürden“ (2015, S. 27). Im Hinblick auf das hier verhandelte Thema ist festzuhalten: Die Angewiesenheit auf Andere ist es, die das Erzählen zu einem existenziellen Erfordernis macht. Mithilfe narrativer Praktiken zeige ich mich den Anderen, entlocke ihnen Reaktionen, die ich als Anerkennung erleben kann. Im Gegenzug kann ich zum Adressat für die Erzählungen der Anderen werden. Das Erzählen ist der Modus, in dem sich Reziprozität entfaltet.

1.2 Narrationstheoretische Perspektiven Lässt sich mit intersubjektiven Theorieansätzen das Warum des Erzählens erklären, so ergeben sich aus narrationstheoretischer Sicht Überlegungen Hinweise auf das Wie des Erzählens. Narrationen2 bilden narrationstheoretisch

2Ich unterscheide zwischen Erzählung und Narration. Erzählung ist eine Form der Darstellung, also ein Medium. Das Ergebnis der Erzählung ist die Geschichte oder Narration (Müller-Funk 2002, S. 171 f.).

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betrachtet einen grundlegenden Modus wie Menschen mit der Welt in Beziehung treten. Hardy zufolge sind alle Lebensvollzüge narrativ geprägt: „Wir träumen narrativ, planen, revidieren, kritisieren, konstruieren, klatschen, hassen und lieben in narrativer Form“ (1968, S. 14). Die Funktion von Narrationen besteht darin, dass sie uns helfen, die Welt zu erklären, verständlich machen, warum etwas so ist und nicht anders (Meuter 2007, S. 48). Sie sind eine Möglichkeit, die Welt neu zu sehen, ja, eine neue Welt zu sehen (Meuter 2007, S. 47). Ihre Leistung besteht darin, Komplexität zu reduzieren, die Wirklichkeit zu ordnen, um sich in ihr orientieren und in ihr handeln zu können (Straub 2013, S. 105). Sie dienen dem Aufbau einer sinnhaften Welt und einer sinnhaften Existenz in dieser Welt. Narrative Welt- und Selbstentwürfe gehen Hand in Hand, aber sie entstehen nicht in der Separierung von, sondern ganz im Gegenteil in der kommunikativen Auseinandersetzung mit der gegenständlichen und sozialen Umgebung. Kommunikation bildet das unverzichtbare Medium für die Übermittlung von Narrationen, dessen wir uns in der Hoffnung bedienen, dass unsere Narrationen Resonanzen auslösen, auf die wir wiederum narrativ reagieren. An dieser Stelle zeigt sich eine Verbindung zu intersubjektivitätstheoretischen Annahmen. Das Erzählen ist stets eingebettet in ein intersubjektives Geschehen, in dem es zur Begegnung mit konkreten oder imaginierten Annahmen kommt und damit auch zum möglichen Aufeinandertreffen verschiedener Selbstentwürfe. In dieser Begegnung erfahren wir die Blicke der Anderen; Blicke, die Anerkennung in vielerlei Schattierungen bedeuten. Cavarero hat die intersubjektive Einbindung narrativer Selbstentwürfe so ausgedrückt: „It is rather the necessary aspect of an identity which, from beginning to end, is intertwined with other lives – which reciprocal exposures and innumerable gazes – and needs the other’s tale“ (1997, S. 88). Die intersubjektive Verschränkung von Narrationen sowie darin sich ausdrückende Welt- und Selbstentwürfe birgt die Möglichkeit zur Veränderung. Erzählen ist nach Wolfgang Kraus „work in progress“ (2000, S. 5). Das Subjekt kann sich dieser Arbeit nicht entziehen. Der Preis für den Verzicht auf kontinuierliche narrative Selbstarbeit wäre die Selbstauflösung des Subjekts (Kraus 2000, S. 15). Vertreter_innen narrationstheoretischer Ansätze beobachten gegenwärtig allgemeine Veränderungstendenzen von Narrationen und von Formen des Erzählens. Straub stellt fest, dass Erzählungen in „spät- und postmodernen Zeiten fragiler und fluider, disparater, disperser und paradoxer, fragmentierter und rhapsodischer“ geworden sind (2013, S. 100). Kraus konstatiert, dass es schwerer geworden sei, sich „aus einem Guss“ zu erzählen, d. h. eine stabile und umfassende Selbsterzählung zu entwickeln (2000, S. 15). Heutige Narrationen weisen nach Kraus Kontingenzen auf, d. h. es wird betont, dass etwas so, aber auch anders sein könne. Wenn diese Annahme stimmt, so schwächt das die von Meuter behauptete Funktion von Narrationen, Gewissheiten zu liefern. Kraus hat weiter einen narrativen Kampf

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um Kohärenz beobachtet angesichts der Erosion tradierter sozialer Zusammenhänge. Und schließlich fällt das offene Ende zeitgenössischer Alltagserzählungen auf, was Kraus mit der mangelnden Hoffnung der Erzähler_innen erklärt, dass alles gut wird und dass sie die Dinge im Griff behalten. Dem entspreche der Verzicht, die Erzählungen rund zu machen (Kraus 2000, S. 16). Die geschilderten Veränderungstendenzen stehen in Beziehung zur aktuellen gesellschaftlich-kulturellen Wirklichkeit an, die teilweise vermittelt durch intersubjektive Beziehungen, die alltäglichen Narrationen nicht unberührt lässt. Die Gegenwartsgesellschaft ist von Umbrüchen gekennzeichnet, die mit Unberechenbarkeiten, Ungereimtheiten und Unsicherheit einhergehen, die das Erzählen einmal mehr stimulieren. Bhabha formuliert dazu: „Die Erfahrung von Ambivalenz beinhaltet den Ansporn zu sprechen, den Drang sich zu äußern, eine Form, das Ungelöste und Widersprüchliche durch-zu-arbeiten, um das Recht auf Erzählen zu erhalten“ (2012, S. 51). Vor dem Hintergrund der skizzierten erzählrelevanten theoretischen Annahmen, möchte ich folgende erkenntnisleitenden Fragen stellen, denen ich in diesem Beitrag anhand von Ergebnissen der Studie ‚Kommunikative Öffentlichkeiten im Cyberspace‘ nachgehe: • Was, warum und wie erzählen Netzakteur_innen und Blogger_innen? • Welche Rolle spielen Medien in ihren narrativen Praktiken? • In welcher Beziehung stehen die narrativen Praktiken zu aktuellen gesellschaftlichkulturellen Veränderungen? • Wie muss der Subjektbegriff im Zeitalter digitaler Medien konzipiert werden?

2 Erzählen als Selbstkonstruktion: Eine Typologie medienbezogener Narrationen Auf der Basis des genannten Forschungsprojekts3 wurde eine Typologie von Narrationen entwickelt, die in diesem Abschnitt vorgestellt wird. Teilnehmer_innen der Studie waren 33 Netzakteur_innen und Blogger_innen4 (jeweils zur Hälfte

3Mitglieder

der Forschungsgruppe ‚Kommunikative Öffentlichkeiten im Cyberspace’ waren: Nicole Duller, Katja Langeland, Katja Ošljak, Christina Schachtner, Heidrun Stückler.

4Als

Netzakteur_innen werden solche Personen bezeichnet, die zum Zeitpunkt des Interviews viele verschiedene Aktivitäten im Internet entwickelten. Blogger_innen werden Personen genannt, deren Hauptaktivität im Bloggen bestand.

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Frauen und Männer bzw. Mädchen und Jungen) aus sechs europäischen Ländern (Deutschland, Italien, Österreich, Schweiz, Türkei, Ukraine), aus vier arabischen Ländern (Bahrain, Jemen, Saudi-Arabien, Vereinigte Arabische Emirate) sowie aus den USA. Das empirische Material bilden 33 Interviews und 51Visualisierungen, in denen die Interviewpartner_innen in Wort und Bild erzählen, über was und wie sie in sozialen Netzwerken kommunizieren. Für die Sekundärauswertung der empirischen Daten aus narrationstheoretischer Sicht, die in diesem Beitrag verfolgt wird, wurden 21 Interviews herangezogen; die Visualisierungen haben in diesem Beitrag lediglich illustrierenden Status.

2.1 Methodologie und Forschungsmethoden5 In der Studie ‚Kommunikative Öffentlichkeiten im Cyberspace‘ wurde ein verstehend-interpretativer Forschungsansatz gewählt, der ein exploratives Vorgehen erlaubt und daher einem relativ neuen Forschungsfeld mit vielen Unbekannten angemessen ist. In der Tradition dieses Forschungsansatzes steht die von Strauss und Glaser Anfang der 60er Jahre entwickelte Grounded Theory. Ihren Prinzipien folgte in vorliegender Studie sowohl die Erhebung als auch die Auswertung der Daten. Diese sehen in Abweichung von einer nomothetischen Forschungsmethodologie vor, theoretische Annahmen nicht an die Empirie heranzutragen, sondern sie aus der Empirie heraus zu entwickeln, anders gesagt: Theorie nicht zu überprüfen, sondern zu entdecken (Strauss 1995, S. 71). Als Erhebungsmethoden wurden das thematisch strukturierte Interview und die Methode der Visualisierung gewählt. Dem thematisch-strukturierten Interview lag ein Frageleitfaden zugrunde, der primär der Orientierung der Forscher_innen diente. Nach Explikation einer Eingangsfrage konnten die Interviewpartner_innen frei über ihre Netzpraktiken und Netzerlebnisse erzählen. Anhand des Frageleitfadens verfolgten die Forscher_innen mit, inwieweit bestimmte, für das Erkenntnisinteresse relevante Themen von den Interviewpartner_innen angesprochen wurden. Die Visualisierung stellt eine zum Interview kontrastierende Methode dar. Die Interviewpartner_innen wurden gebeten, folgende zwei Fragen mit einer Zeichnung zu beantworten: 1) Wer bin ich? und 2) Ich wechsle zwischen Plattformen. Wie sieht das aus? Die Methode der Visualisierung hat den Vorzug, dass sie den Zugang zum Vorbewussten und Geahnten eröffnet, dass sie die Darstellung von Widersprüchen erleichtert, weil das Bild nicht zu logischen Erklärungen drängt

5Mehr

zu Methodologie und Methoden s. Schachtner (2016, S. 17 ff. und 111 ff.).

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und dass sie stärker als Worte die Emotionalität der Zeichner_innen anspricht. Wie erwähnt werden die Visualisierungen in diesem Beitrag lediglich zur Illustration der Narrationstypen herangezogen. Im Zentrum des Verstehens und Interpretierens der empirischen Daten stand die Suche nach einer Schlüsselkategorie,6 die Hinweise auf einen möglichen Narrationsypus liefert. Diese Suche begann mit der Auswahl aller Textstellen pro Interview mit narrativem Gehalt, die anschließend nach thematischen Kriterien gebündelt wurden wie Motive, Gefühle, Handlungen. Auf der Basis diese Kriterien wurden erkenntnisleitende Fragen abgeleitet, anhand derer die Aussagen in einem Interview geordnet wurden (Schachtner 2016, S. 113): • Welche charakteristischen Merkmale enthält die Narration? (Merkmalsebenen) • Welche Handlungen zeichnen sich ab? (Handlungsebene) • Welche Motive/Ziele sind erkennbar? (motivationale Ebene) • Welche Gefühle korrespondieren den Motiven/Zielen und Handlungen? ­(emotionale Ebene) • Welche Reflexionen zeigen sich? (reflexive Ebene) • Welche Rolle spielen die digitalen Medien in der Narration? (mediale Ebene) • Welche externen Folgen/Reaktionen zeigen sich in der Narration? (Folgenebene) • In welchen gesellschaftlich-kulturellen Kontext ist die Narration eingebettet? (kontextuelle Ebene) Nach erfolgter Einzelauswertung wurde ein Quervergleich der Interviews durchgeführt, um übergreifende Merkmale zu erkennen, die auf einen Narrationstypus verweisen. Folgende sechs Typen konnten identifiziert werden: Vernetzungsnarrationen, Selbstinszenierungsnarrationen, Verkäufer_innen und Händler_ innennarrationen, Grenzmanagementnarrationen, Verwandlungsnarrationen, Aufund Ausbruchsnarrationen.

2.2 „Master narratives“: Eine Typologie medienbezogener Narrationen Die einzelnen Narrationstypen zeichnen sich jeweils durch eine dominierende Narration aus, die allerdings in verschiedenen Versionen auftreten kann. Sie liegt wie ein ‚unterirdisches Gespinst‘ den erzählten Episoden, Reflexionen,

6Eine

Schlüsselkategorie muss explizit oder implizit häufig im Material vorkommen und Ausgangspunkt verschiedener Submuster eines Phänomens sein (Strauss 1995, S. 64).

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Erinnerungen und Zukunftswünschen zugrunde und gibt diesen einen Sinn. Sie wird teils explizit, teils implizit erzählt, ist den Erzählenden aber in der Regel als Narration nicht bewusst. Nünning bezeichnet diese Art von Narrationen als „master narratives“ (2013, S. 163), denen einzelne narrative Puzzlestücke zugeordnet werden können. „Master narratives“ sind nicht statisch, sie werden zu unterschiedlichen Zeitpunkten unterschiedlich erzählt, es tauchen neue Episoden auf, andere werden weggelassen. Es kann sogar sein, dass sie durch eine neue Narration ersetzt werden. Andererseits haftet ihnen eine gewisse Kontinuität an, weil sie der Auseinandersetzung mit lebensgeschichtlichen Erfahrungen und gesellschaftlich-kulturellen Bedingungen entspringen, die sich nicht von Tag zu Tag verändern. Die hier vorgestellten Narrationstypen sind insofern narrative Zeitsignaturen, weil sie nicht nur von der gesellschaftlich-kulturellen Entwicklung mitgeprägt sind, sondern auch vom Prozess der Mediatisierung in dem Sinne, dass Medien eine selbstverständliche Rolle in ihnen spielen (Krotz und Hepp 2012). Ich werde im Folgenden für die Präsentation der sechs Narrationstypen jeweils ein Fallbeispiel auswählen.

2.2.1 Vernetzungsnarrationen In den Vernetzungsnarrationen steht das kommunikative Verbundensein mit Anderen im Zentrum. Eine Version dieses Typus folgt dem Leitgedanken ‚­Zeigen und Austauschen‘. Die ausschließlich arabischen Netzakteur_innen erzählen, dass sie im Netz lokale und regionale Grenzen überschreiten, um für andere Netzakteur_nnen in anderen Ländern und Kontinenten die Besonderheiten der eigenen Kultur sichtbar zu machen, aber auch um Ereignisse in anderen Teilen der Welt zu diskutieren. „I use it (das Netz, d. A.)“, so ein arabischer Erzähler, „as a way to show kind of the Middle East and Saudi Arabia specifically from the ground, from a perspective that’s not really represented in the news“. Betont wird das Distributionspotenzial digitaler Medien, aber auch das Solidarisierungspotenzial der Online-Communities angesichts erfahrener Sanktionen vonseiten der Kontrollbehörden im eigenen Land. (Abb. 1). Die Netzakteur_innen erzählen sich in ihren Vernetzungsnarrationen als „citizen of the world“ bzw. als „multinational and multigeographical“. Eine andere Version von Vernetzungsnarration erzählt ein 21-jähriger amerikanischer Student, dem es nicht um die Verbundenheit mit der Welt, sondern mit seinen Freunden und seiner Familie geht. ‚Sharing‘ ist die Schlüsselkategorie in seiner Geschichte; via Internet teilt er Alltagsbeobachtungen, Musik und vor allem Bilder. Die Multimedialität des Mediums ermöglicht es ihm, das Bild als Dokument seines Lebens und als Kontaktbrücke zu nutzen. Der 21-Jährige konstruiert sich in seiner Narration als Teil von Gemeinschaften, denen er trotz räumlicher Trennung emotional verbunden bleiben möchte.

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Abb. 1   Empfangs- und Sendebereit. (Netzakteur 26, Saudi-Arabien)

2.2.2 Selbstinszenierungsnarrationen In den Selbstinszenierungsnarrationen geht es um die Konstruktion und Präsentation des Ichs für ein Publikum (Seel 2001, S. 49). Dieses Ich wird absichtsvoll in Szene gesetzt; Fragen des Zeigens und Nicht-Zeigens sind zentral. Die Anderen interessieren als Zuschauer_innen und als Kommentator_innen. Eine Version dieses Narrationstyps habe ich getitelt „der bewunderte Star“. Ein 29-jähriger Netzakteur aus einer europäischen Großstadt erzählt diese Version mit seiner Visualisierung, die der Frage antwortet: „Wer bin ich online?“ (Abb. 2). Der 29-Jährige positioniert sich auf der Spitze eines Berges, der aus Statussymbolen besteht; die Zuschauer_innen blicken zu ihm auf. Er richtet seinen Blick in einen Spiegel, so wie einst Narziss in einen Teich blickte, um sich in sein Spiegelbild zu verlieben. In dieser Narration begegnet uns ein Ich, das bewundert werden will, das erfolgreich sein Leben meistert, sich unabhängig gibt, mit einem imaginierten Publikum in seiner Fantasie spielt und zugleich Anerkennung von konkreten Anderen erhofft. Eine zweite Version von Selbstinszenierung repräsentieren Narrationen mit dem Titel ‚Gegenmodell‘. Es wird in diesen Narrationen ein Subjekt der Zukunft geschildert, das den Sehnsüchten und Träumen seiner Schöpferinnen entspringt. Eine 24-jährige Bloggerin erzählt ihre Narration mit einem Bild, auf dem sie sich angelehnt an die Manga-Figur Asuka darstellt. Sie inszeniert ihre Online-Auftritte mit hohem Zeitaufwand und wünscht sich vor

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Abb. 2   Ein Ich, das bewundert werden will. (Netzakteur 29, Österreich)

allem Komplimente, die sie als „Balsam für die Seele“ empfindet. Hinter diesem Bild steht eine junge Frau, Migrantin, die von sich sagt: „Ich bin ja nichts und ich kann ja nichts“. Dagegen kämpft sie mit narrativen Mitteln an. In den Narrationen mit dem Titel ‚Gegenmodell‘ zeigt sich ein Subjekt, das sich ein Ziel setzt und sich Bestätigung wünscht. In beiden Versionen von Selbstinszenierungsnarrationen hat die zustimmende Anerkennung durch Andere einen hohen Stellenwert (Abb. 3).

2.2.3 Händler- und Verkäufernarrationen Auch in den Händler- und Verkäufernarrationen werden Inszenierungen geschildert, die aber nicht die eigene Person, sondern Produkte betreffen. Die Autor_innen dieser Geschichten erzählen, dass sie Produkte wie Taschenlampen, Smartphones, Bleichmittel für Zähne testen und dann online vorstellen. Sie können, wie sie berichten, mit einem Gewinn rechnen, sei es in Form eines Honorars oder des vorgestellten Produkts oder auch in Form von Anerkennung für eine gelungene mediale Präsentation ihrer Testergebnisse. Einer der Protagonist_innen, ein 24-jähriger Blogger aus dem deutschsprachigen Raum, zeichnet sich als Verkäufer von Süßigkeiten an einer Autobahn, die wohl den Strom seiner Follower und potenziellen Käufer symbolisiert. Obschon die Händler- und Verkäufernarrationen auf Produkte fokussieren,

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Abb. 3   Das Ich als Zukunftsentwurf. (Bloggerin 24, Deutschland)

sagen sie auch etwas aus über Selbstentwürfe. Sie verweisen auf ein kompetentes Ich, das sich einübt in die Logik kapitalistischer Marktwirtschaft, wozu die Fähigkeit gehört, die Bedürfnisse Anderer zu antizipieren bzw. sie zu stimulieren. Auch das stellt eine Variante von Intersubjektivität dar (Abb. 4).

2.2.4 Grenzmanagementnarrationen In den Narrationen der Grenzmanager_innen stehen Grenzen im Mittelpunkt, tradierte Grenzen, die von der Technik digitaler Medien hinweggefegt werden und Abb. 4   Der Blogger als Verkäufer von Süßigkeiten. (Blogger 24, Schweiz)

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neue Grenzen, die von außen oder von innen kommen. Vor allem werden die Grenzen zwischen Öffentlichkeit und Privatheit thematisiert. Für die Erzähler_innen einer Version von Grenzmanagementnarrationen kollidiert das Angebot eines grenzenlosen digitalen Kommunikationsraums mit neu aufkommenden unerwünschten Grenzen z. B. von Grenzen freier Meinungsäußerung. Eine 27-jährige arabische Bloggerin erfährt, wie sie erzählt, solche Grenzen in Form von Drohmails, die sie erhält, wenn sie sich online an die öffentliche Diskussion gesellschaftlicher Tabus wie Religion, Politik, Sex wagt. Als Antwort auf diese Bedrohung führe sie jetzt drei Blogs, die sie mit unterschiedlichen Inhalten fülle und an unterschiedliche Adressat_ innen richte. Mittels eigener Selektions- und Differenzierungsstrategien versuche sie, sich den vorgegebenen Grenzen zu entwinden. Nicht von unerwünschten, sondern von fehlenden Grenzen handelt die Narration einer 19-jährigen Netzakteurin aus einem europäischen Land. Sie erzählt zunächst, wie sehr sie es genieße, in der Netzöffentlichkeit ein schönes Bild von sich zu entwerfen, aber dann zeichnet sie dieses Bild (Abb. 5). Sie beschreibt sich als das Püppchen mit seinem Mac, auf das viele Arme zugreifen. Das Bild deute ich als einen Versuch, sich inmitten einer anonymen Öffentlichkeit in die Privatheit zurückzuziehen. Das Grenzmanagement besteht in dieser Narration nicht darin, Grenzen zu überwinden, sondern Grenzen zu setzen, selbstbestimmte Grenzen. Sowohl diese Erzählerin als auch andere Erzähler_innen von

Abb. 5   Rückzug in die Privatheit inmitten einer anonymen Öffentlichkeit. (Netzakteurin 19, Österreich)

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Grenzmanagementnarrationen entwerfen sich als Akteur_innen, die Entscheidungen treffen und diese in entsprechende Handlungsstrategien transformieren. Wir begegnen einem reflexiven Subjekt, das mit verschiedenen Formen von Öffentlichkeit experimentiert oder Grenzüberschreitungen konstatiert und sich dagegen wehrt. Eine Verbindung zur Theorie der Intersubjektivität zeigt sich insofern, als dieser Narrationstypus sowohl auf die selbstverständliche Gegebenheit von Intersubjektivität verweist, als auch auf Risiken, die diese aus der Sicht von Netzakteur_innen und Blogger_innen gewinnen kann.

2.2.5 Verwandlungsnarrationen Die Protagonist_innen der Verwandlungsnarrationen sind Kinder und Jugendliche, die spüren, dass sie den Übergang in eine neue Lebensphase bewerkstelligen sollen und wollen. Da gibt es einen 13-Jährigen, der erzählt, wie er unter Einbindung medialer Technik seinen Weg in die Erwachsenenwelt nehmen will. Eines seiner Ziele ist, seine Zugangsrechte im Netz zu erweitern, das andere besteht im Ansammeln medientechnischer Geräte als materialisierter Beleg seines Erwachsenwerdens. „Ich habe auch keine Kindersicherung mehr“, ist der zentrale Satz in seiner Narration. Eine andere Version des Verwandelns erzählt ein 12-jähriges Mädchen. In dieser Version stehen keine konkreten Ziele im Mittelpunkt, sondern das Ringen, Experimentieren, Hinterfragen, Zweifeln. Die 12-Jährige berichtet, dass sie in sieben Online-Rollenspielen mit verschiedenen Persönlichkeitsfacetten experimentiere. Das Hinterfragen und Zweifeln äußert sich in einer Frage, die sich wie ein roter Faden durch ihre Geschichte zieht, es ist die Frage nach dem Richtigen und Wichtigen, zu deren Klärung sie ihre Erfahrungen im virtuellen Raum heranzieht. Immer wieder wirft sie die Frage auf, ob sie dort richtige Freund_innen finde, ob sie dort was Richtiges lernen könne. Es geht ihr, so interpretiere ich, letztlich um die Frage nach dem richtigen Leben. Indem die 12-Jährige permanent in Erwägung zieht, dass ihre Erfahrungen im virtuellen Raum so oder so bewertet werden könnten, gibt sie ihrer Narration einen kontingenten Charakter. In den beiden Verwandlungsnarrationen tritt uns ein Subjekt entgegen, das sich in einer Übergangsphase sieht und die digitalen Medien zur Gestaltung dieser Lebensphase nutzen will, allerdings unterschiedlich. Der 13-jährige Junge betrachtet den möglichst ungehinderten Zugang zur digitalen Technik sowie den Besitz technischer Geräte als Beleg seines Erwachsenwerdens. Das 12-jährige Mädchen nutzt den Vergleich zwischen der Realität im Netz und außerhalb, um die Möglichkeiten der beiden Realitätsfelder für die Entwicklung ihrer Persönlichkeit auszuloten. Der Junge präsentiert sich implizit, das Mädchen explizit als Suchende(r) (Abb. 6).

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Abb. 6   Auf der Suche nach dem Richtigen. (Netzakteurin 12, Deutschland)

2.2.6 Auf- und Ausbruchsnarrationen Die Auf- und Ausbruchsnarrationen verweisen auf biografische und auf politische Projekte, die jeweils eng mit den digitalen Medien verwoben sind. Es geht in den Narrationen um physische oder virtuelle Grenzüberschreitungen in andere gesellschaftlich-kulturelle Territorien. Von einem biografischen Aufbruch berichtet eine 24-jährige Amerikanerin, die nach Europa aufgebrochen ist, von Land zu Land reist und unterschiedlichste Erfahrungen sammelt. Mit Hilfe von Fotos, die sie in eine Bildergalerie online stellt, bringt sie ihre alltäglichen Erfahrungsstücke in einen Zusammenhang: „I take pictures of my food that I eat in different countries (…). It’s an easier way to put things together“, erklärt sie. Mit diesen Worten benennt sie die Online-Bildergalerie als Methode zur Herstellung von Kohärenz, die für die in den USA zurückgebliebene Familie sichtbar werden soll. Aufbrüche in einem politischen Sinn werden von arabischen Netzakteur_innen und Blogger_innen geschildert. Sie bestehen in der auf Online-Plattformen enthaltenen Kritik am politischen Status quo und in der Infragestellung gesellschaftlicher Tabus. „How can we learn about other religions if we are not meant to talk about them? How can we believe (…) about the value of life and the value of human rights if you have no rights?“, erklärt die 23-jährige Gründerin der Plattform Mideast Youth die Notwendigkeit eines kritischen Online-Dialogs. Die politischen

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Auf- und Ausbruchsnarrationen offenbaren ein rebellisches Subjekt, das Fesseln ablegen will, das Risiken in Kauf nimmt, das aber nicht nur um seiner selbst willen kämpft, sondern sich als Teil eines Wir definiert, für das sich die Lebensumstände ändern sollen. Ob biografisch oder politisch motiviert, in beiden Versionen dieses Narrationstyps steht die Intersubjektivität im Fokus. Die erste Version zielt auf die Aufrechterhaltung intersubjektiver Beziehungen mittels Bilder ab; die zweite dokumentiert den Kampf um bessere Chancen für das soziale Miteinander. Darüber hinaus verweisen die Auf- und Ausbruchsnarrationen auf ein zukunftsorientiertes Denken und Handeln, dem Gefühle der Hoffnung, aber auch der ­Verunsicherung und Angst korrespondieren, ist der Ausgang dieser Narrationen doch höchst ungewiss.

2.3 Zusammenfassung Junge Netzakteur_innen und Blogger_innen erzählen von ihren Wünschen nach Verbundenheit auf familialer, regionaler und globaler Ebene, von den Anstrengungen ihrer Selbstinszenierung, von ihren Versuchen der Grenzüberschreitung und Grenzziehung, von ihren Verwandlungs- und Veränderungsexperimenten, von ihrer Kritik an herrschenden Verhältnissen und von ihren individuellen und gesellschaftlichen Zukunftsvisionen. Sie erzählen – das soll betont werden – über ihre Erzählungen im Netz, die in Worten und zunehmend in Bildern oder in Bild-Wort-­Kombinationen erfolgen. Sie erzählen im virtuellen Raum, so vermitteln ihre Narrationen, weil sie sich selbst, zuweilen auch ihre Kultur über nationale Grenzen hinaus sichtbar machen wollen, weil sie sich nach Anerkennung sehnen, weil sie Gegenbilder von sich selbst oder ihrem Land erzeugen wollen. Das Erzählen steht immer in Verbindung mit imaginierten oder konkreten sozialen Beziehungen, sei es, dass solche hergestellt oder aufrechterhalten werden sollen, dass sie neu definiert oder kritisch reflektiert werden, womit sich die Annahmen der intersubjektive Theorieansätze bestätigen. Begleitet ist dieses Erzählen von einem emotionalen Schwanken zwischen Optimismus und Zweifel, zwischen Hoffnung und Sorge.7

7Kritische Reflexionen der Erzähler_innen in Bezug auf die Risiken digitaler Medien wurden nur insoweit einbezogen als sie zu Bestandteilen der jeweiligen Narrationen werden. Sie betreffen, wie beschrieben, neue Überwachungsmöglichkeiten, die Zerstörung der Privatsphäre sowie die Unverbindlichkeit digital hergestellter sozialer Beziehungen.

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3 Die Rolle der Medien Es gibt keine Narration, in der Medien nicht eine zentrale Rolle einnehmen. Das kann nicht überraschen, stammen die Narrationen doch von Netzakteur_innen und Blogger_innen. Sie gehören der sogenannten Generation Y an,8 den zwischen 1985 und 2000 Geborenen (Hurrelmann und Albrecht 2014, S. 15), die weltweit zu den intensivsten Netzusern zählen. Die Mehrheit der Generation Y hat digitale Medien zu ihrem bevorzugten Kommunikationsmittel gemacht. Es kann angenommen werden, dass sich die narrativen Praktiken in dieser Generation typischerweise in Verbindung mit Medien entwickeln. Die digitalen Medien werden als Orte oder Instrumente für die Herstellung, Präsentation und Distribution von Narrationen geschildert. Je nach Fokus einer ­Narration verwandeln sich die digitalen Medien unter der Regie narrativer Praktiken, so geht aus den Erzählungen hervor, in Vernetzungsinstrumente, Vergleichsfolien, ­Experimentierräume, Ausstellungsräume, Trainingsorte, Bühnen der Selbstdarstellung oder Kampfinstrumente, wie die Worte einer arabischen Netzakteurin illustrieren: „We use new media in order to fight against oppression – oppression against ourselves, oppression against minorities“. Die funktionale Vielseitigkeit digitaler Medien speist sich aus der multifunktionalen technischen Struktur dieser Medien, zu deren wichtigsten Merkmalen das grenzüberschreitende Vernetzungspotenzial, die Multimedialität und die Interaktivität zählen. Das Vernetzungspotenzial ermöglicht es, die Erzählungen ins Laufen zu bringen, ihr verdanken sich die Möglichkeiten zur Herstellung von Beziehungen sowie die Distributions- und Solidarisierungschancen. Die Multimedialität eröffnet neue Chancen für ein vokales Erzählen in Form von Musik und Podcasts und ein visuelles Erzählen in Form von Bildern und Videos. Vor allem das Bild scheint im Zuge der Digitalisierung ein neues narratives Gewicht zu erhalten; es dient den Narrationen der Interviewpartner_innen zufolge dazu, eigenes Leben zu dokumentieren, unterschiedliche bis widersprüchliche Erfahrungswelten zusammenzufügen sowie als Kontaktbrücke zu denen, die man irgendwo zurücklassen musste. In den Selbstinszenierungsnarrationen gewinnt der in mediale Formen übersetzte ­Körper, der sorgfältig bearbeitete, der verkleidete und sich darstellende Körper „eine neue Attraktion in seinem Gebrauch als Bild“ (Ries 2013, S. 41).

8Hurrelmann und Albrecht (2014) bezeichnen mit dem Begriff Generation Y eine Alterskohorte, die in ihrer Jugend mit den gleichen Entwicklungen wie technische Neuerungen, soziale und kulturelle Stimmungsumschwünge konfrontiert sind. Von diesen Entwicklungen sei die gesamte Gesellschaft betroffen, aber es präge den beiden Sozialisationstheoretikern zufolge diejenigen besonders stark, die sich frisch mit ihnen auseinandersetzten.

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Die Realisierung solcher Möglichkeiten allerdings resultiert aus der interaktiven Qualität digitaler Medien, und – unverzichtbar – aus der Existenz eines aktiven Subjekts, das das Angebot zur Interaktion sowohl mit dem technischen als auch mit dem sozialen Gegenüber aufnimmt. Die Erzähler_innen generieren sich in ihren narrativen medienbezogenen Praktiken nicht als Zuschauer_innen oder als Nur-Nutzer_innen; sie entwerfen sich vielmehr als Gestalter_innen, die die medialen Inhalte mitproduzieren und damit auch die Medien selbst (Jenkins 2011; Krotz 2008, 48 f.; Schachtner 2016, S. 217 ff.). Wenn die narrativen Praktiken der Netzakteur_innen und Blogger_innen in diesem Beitrag bislang im Kontext digitaler Medien geschildert wurden, so heißt das nicht, dass audiovisuelle oder Printmedien darin nicht auch eine Rolle spielen: Im Gegenteil. Es scheint geradezu typisch zu sein, dass Erfahrungen aus anderen Medien aufgerufen und in das Erzählen online übertragen werden. Ein 21-­Jähriger erzählt, dass sein Schreibstil beim Bloggen von der Fernsehserie G ­ ossip Girl inspiriert sei; Comicfiguren werden als Vorlage für Selbstinszenierungen geschildert, Nicknames als Hommage an Held_innen aus Romanen oder an Modemarken kreiert, um nur einige Beispiele zu nennen. Die Narrationen der Netzakteur_ innen und Blogger_innen stellen nicht selten transmediale Erzählprojekte dar, in denen frühere und aktuelle Erfahrungen aus verschiedenen Medien gemischt, neu durchgearbeitet und mit neuen Sinnfacetten versetzt werden, womit sich die ­Erzähler_innen einmal mehr als Gestalter_innen beweisen.

4 Erzählen als Antwort/Signal (auf) gesellschaftlich-kulturelle(r) Umbrüche Narrationen entstehen, weil uns die Welt zur Auslegung aufgegeben ist, um in ihr handlungsfähig zu werden (Schütz und Luckmann 1975, S. 25). Die präsentierten Narrationen der Netzakteur_innen und Blogger_innen sind situiert in einer von gesellschaftlich-kulturellen Umbrüchen gekennzeichneten Welt. Inwiefern findet der gesellschaftliche Wandel seinen Widerhall in den Narrationen? Ich versuche meine Antworten entlang zentraler Umbruchsphänomene wie Enttraditionalisierung, Pluralisierung, Entgrenzung, Individualisierung zu finden, ohne den Anspruch zu erheben, das gesamte Umbruchsszenario abzubilden. Der Prozess der Enttraditionalisierung startete in den westlichen Ländern in der Moderne und beinhaltet einerseits die Befreiung der Ökonomie aus den lokalen Fesseln von Familie und Haushalt und andererseits die Erosion tradierter Werte, Normen, Lebensmodelle. Enttraditionalisierung wird häufig primär mit Verlust, Demontage, Zerfall in Verbindung gebracht (Baumann 2003, S. 12 ff.).

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Die Narrationen der arabischen Erzähler_innen lehren uns, dass das Überwinden von Traditionen auch ein von den Subjekten bewusst angestrebtes Ziel sein kann, wenn die Tradition den Zukunftsvisionen der nachwachsenden Generation widerspricht. Wie auch immer entstanden: Lebensformen verlieren im Zuge von Enttraditionalisierung an struktureller Gefügtheit und das berechenbare Maß, auf das hin die Subjekte ihre Lebensentwürfe ausrichten können (Keupp 2015). Offen gewordene Lebensläufe sind das wichtigste Kennzeichen der Generation Y, wie Hurrelmann und Albrecht in ihrer Studie festgestellt haben (2014, S. 35). Der Erosion tradierter Strukturen korrespondiert das suchende Ich, das seinen Auftritt in den Selbstinszenierungs-, in den Auf- und Ausbruchsnarrationen sowie in den Verwandlungsnarrationen hat, in denen zum gesellschaftlichen der biografische Umbruch kommt. Die Narrationen des suchenden Ichs künden davon, dass dieses Ich mit Selbstentwürfen experimentiert, dass es auf Kommentare wartet, aber am liebsten Zustimmung empfängt, die als „Balsam für die Seele“ beschrieben werden. Von der westlichen Version des suchenden Ichs unterscheiden sich die arabischen Erzähler_innen, die nicht auf die Erosion eines tradierten Wertekanons reagieren, sondern diese herbeiführen wollen. Ihre Suche besteht darin, wie sie tradierte Werte kritisch hinterfragen und Alternativen ins Spiel bringen können, ohne sich selbst und ihre Familien zu gefährden. Im virtuellen Raum, so erzählen sie, sei ihnen das eher möglich als in der Welt jenseits des Bildschirms. Pluralisierung kann in Anlehnung an Welsch (1988, S. 13) als das Herzwort der Moderne bezeichnet werden, das auf die Vervielfältigung von Lebensräumen verweist, die mit einer Vervielfältigung von Anforderungen und Angeboten an das Subjekt einhergeht. Die Medien haben an der Intensivierung und Beschleunigung von Pluralisierungstrends einen entscheidenden Anteil. Bereits Buch und Zeitung führten über die physische Nahwelt hinaus, Radio und Fernsehen verstärkten diesen Trend, indem sie das Spektrum der Erfahrungswelten erheblich erweiterten (Meyrowitz 1990, S. 20). Mit den digitalen Medien wurde die Vervielfältigung auf die Spitze getrieben. Das Internet ist nach Mitchell „ein gleichzeitig operierender riesiger Computer, der uns eine Welt miteinander verbundener Räume offeriert, in denen wir in sich überlappenden Beziehungen kommunizieren, arbeiten, lernen, spielen können“ (2003, S. 13 f.), wovon auch diese Visualisierung eines 22-jährigen Netzakteurs aus einem europäischen Land erzählt (Abb. 7). Das Bild zeigt seinen Tagesablauf in der physischen Welt und – symbolisiert durch die Sprechblasen – die gleichzeitige Präsenz der virtuellen Welt als Parallelwelt. Pluralisierung ist ein widersprüchlicher Prozess, der sowohl Erweiterung an Optionen bedeutet als auch die Zunahme des Risikos fragmentierter Erfahrungen. Dem Risiko, dass das ‚Leben im Plural‘ in voneinander isolierte Stücke zerfällt,

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Abb. 7   Ein Leben im Plural. (Netzakteur 22, Österreich)

antworten narrative Praktiken, die auf die Herstellung von Kohärenz abzielen. Ich erinnere an die amerikanische Weltenbummlerin, die auf ihren Reisen durch verschiedene Länder Alltägliches fotografiert und das Festgehaltene in eine Bildergalerie stellt. So fügt sie ihre Alltage zu einem bunten Mosaik zusammen, das für sie ein Ganzes bildet. Die Pluralisierung von Lebensräumen bedeutet nicht nur Erweiterung, sondern auch Überlagerung, aus der Entgrenzungen erwachsen, z. B. zwischen Kulturen, zwischen Arbeit und Freizeit, zwischen Öffentlichkeit und Privatheit. Ich beschränke mich an dieser Stelle auf die medial forcierte Entgrenzung von Öffentlichkeit und Privatheit. Fragen des privaten Lebens wie Partnerwahl, Tod, Sexualität wurden in den letzten Jahren zu einem beliebten Thema medialer Inszenierungen im Fernsehen (Jurczyk und Oechsle 2008, S. 8). Die digitalen Medien haben die Möglichkeiten der Veröffentlichung des Privaten erweitert, offerieren sie doch Räume, zu denen alle Welt Zugang hat. Mit der strukturellen Entgrenzung von Öffentlichkeit und ­Privatheit gerät eine vertraute Ordnung ins Wanken. Die Subjekte sind herausgefordert neue Klassifizierungen, d. h. Handlungen des Aus- und Einschließens zu entwickeln (Baumann 1992, S. 15). Diese Herausforderung findet einen deutlichen

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Widerhall in den Grenzmanagementnarrationen, in denen z. B. Selektion und Differenzierung von Inhalten und Adressat_innen als Strategien geschildert werden, die neue Grenzen zwischen Öffentlichkeit und Privatheit begründen. Deutlich zeigt sich das Bedürfnis, klare Grenzen zu ziehen und sich keiner ungeklärten Situation zu überlassen. Individualisierung als weiteres Phänomen gesellschaftlich-kultureller Umbrüche signalisiert die Entbettung des Individuums aus tradierten sozialen Zusammenhängen, womit auch kollektiv geteilte Lebensmodelle obsolet werden (Beck und Sopp 1997, S. 10). In den Geschichten der arabischen Netzakteur_innen ist Individualisierung im Sinne von Selbstbestimmung ebenfalls ein Thema, jedoch kein Thema, das ihnen vorgegeben wird, sondern ein Thema ihrer rebellischen Anstrengungen. Ungeachtet der Auslöser von Individualisierungstendenzen finden sich in allen Narrationen Versuche der Neuorientierung und Neukonstitution des Subjekts auf einem Spannungsbogen zwischen egozentrischen und duorientierten Individualisierungsentwürfen. In einer der Selbstinszenierungsnarrationen begegnet uns eine egozentrische Version dieser Neuorientierung in Gestalt des bewunderten Stars, der sein Leben ganz aus eigener Kraft meistern will und doch nach den neidvollen Blicken eines Publikums giert. Als Gegenpol finden sich in anderen Narrationen Selbstentwürfe, die auf Dialog abzielen, der als Inspirationsquelle dienen soll. Besonders ausgeprägt ist die soziale Orientierung in den Narrationen der arabischen Erzähler_innen. Sie schildern ihren Wunsch nach Selbstbestimmung in enger Verbindung mit dem Wunsch nach gesellschaftlich-kulturellem Wandel. Den Narrationen zufolge wird die Neukonstitution des Subjekts und der Gesellschaft als kollektives Unternehmen angestrebt. Die digitalen Netzwerke werden von ihnen als relativ geschützte Orte charakterisiert, die darin unterstützen sollen, Verbündete und Mitstreiter_innen zu finden. Ich fasse zusammen: Die Erzähler_innen setzen sich narrativ mit den gesellschaftlich-kulturellen Umbrüchen auseinander, mit denen sie konfrontiert werden oder die sie selbst herbeiführen wollen. In den ermittelten Narrationen finden sich Spuren des eingetretenen oder angestrebten Wandels in Form geschilderter Erfahrungen, Handlungen und Hoffnungen. Einmal mehr sind die Erzähler_innen angesichts der Erosion tradierter Strukturen als Designer ihrer Zukunft aufgerufen. Als solche generieren sie sich, wenn sie in den Verwandlungsnarrationen als Rollenspieler_innen experimentieren, wenn sie sich „glitzernde“ Ziele setzen, wenn sie in den Aufbruchs- und Ausbruchsnarrationen für ihre Visionen von einer anderen Gesellschaft Risiken in Kauf nehmen, wenn sie in den Vernetzungsnarrationen mittels digitaler Kommunikationsmedien versuchen, weltweit miteinander ins Gespräch zu kommen. Insofern können die hier präsentierten Narrationen der Netzgeneration nicht nur als Auseinandersetzung

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mit grundlegenden Herausforderungen des Menschseins gesehen werden, wie sie die Theorie der Intersubjektivität benennt, sondern auch als Antworten auf gesellschaftlich-kulturelle Provokationen der Gegenwartsgesellschaften.

5 Zur Konzeption des Subjekts im Zeitalter digitaler Medien Wie lässt sich das menschliche Individuum im Zeitalter digitaler Medien theoretisch fassen? Ich komme zur letzten Frage des Fragenkatalogs, der am Ende des ersten Abschnitts formuliert wurde. Der Versuch, eine Antwort auf diese Frage zu finden, bietet mir Gelegenheit, auf zentrale Ergebnisse zu rekurrieren, die im Verlauf dieses Beitrags dargelegt wurden, um auf dieser Basis die Konturen einer zeitgenössischen Subjektkonzeption zu entwerfen. Ich plane keine Zusammenfassung, sondern eine Zusammenführung von zentralen Argumenten, um sie im Hinblick auf ein Thema nochmals zu befragen, das über die vorliegende empirische Studie hinausführt. Dieses Vorhaben verlangt eine argumentative Bewegung vom empirisch Konkreten zum Konzeptionellen. Die Begriffe Subjekt und Selbst ziehen sich bereits durch den gesamten ­Beitrag. Die empirischen Ergebnisse bestätigen die Bedeutung wie sie in den intersubjektiven und narrationstheoretischen Ansätzen angenommen und im ersten Abschnitt dargestellt wurden. Sie betonen das Prozesshafte von Narrationen, das Menschen als Akteur_innen verlangt, ein Anspruch, dem der Begriff Subjekt Rechnung trägt. Das Selbst kann als Ergebnis narrativer Praktiken gesehen werden, das niemals in einer endgültigen Form erstarrt. Diese Praktiken gelten u. a. der kommunikativen Herstellung von Narrationen. Krotz erklärt, dass Kommunikation nicht im luftleeren Raum stattfindet, sondern unter strukturell vorgegebenen historischen und kulturellen Bedingungen (1998, S. 77). Sie ermöglicht die Konstruktion von Narrationen, die als eine Art unterirdisches Gespinst den berichteten Episoden, Szenen, Erinnerungen zugrunde liegen, ihnen Zusammenhalt und Sinn geben. Die kommunikativ produzierten Narrationen sind ihren Schöpfer_innen als Ganzes in der Regel nicht bewusst und doch können sie als Antworten auf biografische und gesellschaftlich-kulturelle Entwicklungen gelesen werden, die für das Subjekt Provokationen enthalten. Mit dem Begriff Provokation soll gegen deterministische Annahmen argumentiert werden. Provokationen – so kann in Anlehnung an Butler gesagt werden – bereiten die Bühne für die Konstruktion und Präsentation von Narrationen und narrativen Puzzlestücken, mit denen sich die Menschen gegenüber den gesellschaftlich-kulturellen Strukturen positionieren und sich dadurch als Subjekte selbst hervorbringen (2003, S. 28).

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­rovokationen bedeuten nicht Fremdbestimmung, sondern Aufforderung zum P Reflektieren und Handeln. (Digitale) Medien gewinnen in mehrfacher Hinsicht Einfluss auf diesen Prozess. Sie sind Produkte des gesellschaftlich-kulturellen Wandels und treiben ihn weiter voran; sie forcieren die Provokationen und sie werden als Orte und Instrumente zur Auseinandersetzung mit diesen Provokationen genutzt. Die gesellschaftlich-kulturellen Provokationen können an verschiedenen Stellen der Welt eine unterschiedliche Bedeutung gewinnen. Die hier vorgestellte Untersuchung weist daraufhin, dass die Narrationen von Netzakteur_innen aus westlichen Industrieländern auf gesellschaftlich-kulturelle Wandlungsphänomene wie Enttraditionalisierung und Individualisierung antworten, d. h. dass diese Phänomene als gegeben angenommen werden, während sie aus Sicht der Akteur_innen aus Ländern des Mittleren Ostens fehlen und deshalb von ihnen angestrebt werden. Ob sich die Netzakteur_innen und Blogger_innen mit dem gesellschaftlich-kulturellen Wandel konfrontiert sehen oder ihn anstreben, in der narrativen Auseinandersetzung tritt ein suchendes, aktives, gestaltendes Subjekt in Erscheinung. Die Narrationen freilich fallen aufgrund der unterschiedlichen Positionierung unterschiedlich aus. Gemeinsam ist ihnen dennoch deren Gerichtetheit auf ein antwortendes Du im Sinne intersubjektiver Theorieannahmen, von dem neue Impulse für die Weiterentwicklung der Narrationen ausgehen (Gergen und Gergen 1988, S. 39). Was von den zitierten Theorien noch nicht einbezogen wurde, ist die paradoxe Situation, in der sich Erzähler_innen heutzutage befinden: Einerseits sind sie für die Konstruktion ihrer narrativen Welt- und Selbstentwürfe auf Andere angewiesen, andererseits stehen ihnen aufgrund erodierender sozialer Netze diese Anderen nicht mehr selbstverständlich zur Verfügung oder sie wissen nicht, auf welche Anderen sie zählen können. Umso mehr kommen den Erzähler_innen die digitalen Netze entgegen, die das Versprechen auf Vernetzung signalisieren. Die gesellschaftlich-kulturellen Provokationen müssen den Erzähler_innen zwar nicht notwendig bewusst sein, um sie narrativ zu verarbeiten, wohl aber müssen sie die Konsequenzen dieser Provokationen spüren. Dafür gibt es Hinweise. Die Netzakteur_innen und Blogger_innen scheinen teils zu ahnen, teils zu wissen, dass sie angesichts der gesellschaftlichen Dynamik nicht aufhören können zu erzählen und sich selbst zu konstruieren, dass sie angesichts der gesellschaftlichen Komplexität und Unübersichtlichkeit selbst dafür sorgen müssen, wahrgenommen zu werden, dass ihnen das Du angesichts erodierender sozialer Netze nicht selbstverständlich ist, sondern dass sie darum ringen müssen oder dass ihre Entwicklungschancen jenseits des gesellschaftlichen Status quo liegen und um sie zu erreichen, der globale Dialog hilfreich werden kann. Neben der rationalen Dimension ihrer Narrationen, verweisen diese auf ein starkes emotionales

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­ ngagement. Es zeichnet sich durch ein Hin- und Hergerissen-Sein zwischen E Zuversicht und Zweifel, zwischen Hoffnung und Enttäuschung, zwischen Entschlossenheit und Angst aus. In den ambivalenten Gefühlen, die zeitgenössische Erzähler_innen charakterisieren, spiegelt sich einmal mehr die Ungewissheit und Unberechenbarkeit des gesellschaftlich-kulturellen Wandels wider. Die gefühlte Ambivalenz ist stimmig und von Vorteil. Ihr Wert erschließt sich den Erzähler_innen, wenn die Ambivalenz, wie Bhabha annimmt (2012, S. 51) zu weiterem Erzählen anspornt, das dazu dient, narrative Weltdeutungen und Selbstkonstruktion zu verfeinern, zu präzisieren, zu korrigieren, zu erweitern und zu erneuern.

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Vom Subjekt zum User – und zurück? Manfred Faßler

The dirty little secret of social media according to a study by research at HP is that most conversation are driven by media outlet, not individuals. Steve Rubel

Zusammenfassung

Derzeitiger Schwerpunkt digitaler Vernetzungen ist die datentechnische Globalisierung des Sozialen. Dazu gehört die Durchsetzung eines latenten, anpassungssensiblen Konzepts von User. Plaudernde digitale Programme und interaktiv sich wähnende Menschen bringen neue soziotechnische Formate von Abhängigkeit, Vertrauen, Wahrheit, Zuverlässigkeit und Berechenbarkeit hervor. Dinge, gegenständlich und ungegenständlich, visuell, virtuell, mit enormen Reichweiten und Geschwindigkeiten suchen nach Partnermenschen. Subjekt wird transformiert zum Prakteur. Schlüsselwörter

Digitale Konfiguration · Ding-User-Beziehung · Kollektiv · Konfiguration ·  Mediamorphes Subjekt · Quantified subject · Teleoperative Zusammenhänge ·  Postdemokratie · Prozess-Akteur-Beziehung

M. Faßler (*)  Institut für Kulturanthropologie und Europäische Ethnologie, Frankfurt, Deutschland E-Mail: [email protected] © Springer Fachmedien Wiesbaden GmbH, ein Teil von Springer Nature 2019 P. Gentzel et al. (Hrsg.), Das vergessene Subjekt, Medien • Kultur • Kommunikation, https://doi.org/10.1007/978-3-658-23936-7_9

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1 Ein Vorschlag Programme, Dinge, Akteure, Aktanten, Subjekte, User kommen sich im Universum vernetzter Algorithmen sehr nahe, werden virtuell identisch. Mit ihm verbindet sich eine neue Politik der umfassenden Kontingenzkontrolle. Ein digital konfiguriertes Subjekt spielt darin derzeit kaum eine konzeptionelle Rolle. Eigentlich schade. Ein kurzer Blick in die Landschaft der digitalen, soziotechnischen Dynamisierung bringt folgende Ergebnisse: V. Flusser sprach von Subjekt zu Projekt, S. J. Schmidt von Aktanten, K. Barad schreibt über Agentialismus, B. Latour und M. Callon über Actor-Netwerke, in denen Mensch, Strukturen, Maschinen gleichaktiv sind, R. Kurzweil sieht die Verschmelzung von Maschinen-Mensch-Intelligenz auf uns zukommen, genannt Singularität, seit 30 Jahren kümmern sich Computerscientist um die Vividness der digitalen Sphären, G. Russegger spricht von Smartjects. Andere suchen nach Wegen, Auswegen, innerhalb eines als techno-autark missverstandenen kybernetischen Entwicklungsverlaufes, dem einzelnen Menschen trotzig einen noch gebührlichen Platz zu reservieren. Das Subjekt im Reservat technogener Praxis? Diese Schutzhaltung ist zu defensiv. Medientechnologische Organisationsweisen bringen zwar ihre spezifische Komplexität hervor, dies allerdings immer wieder in Beziehung zum Menschen, der sie auf sich, sein Leben, sein Soziales anwendet. Ob Mensch im Status des Subjekts weiterhin erforderlich sein wird, ist strittig. Aber ein Modell der soziotechnischen Bindungen des Menschen (Subjekt) benötigen wir. Gerade dann, wenn man anerkennt, dass Erfinder, Adressat, Markt, Produzent, Konsument, Kontrolleur von digitalen Medientechnologien der Mensch ist. Das setzt also eine (Entwicklungs-) Einheit der Differenzen voraus. Abgelehnt ist damit ein Entweder-Oder-Status, eine Gegensatz-, Feindlichkeits-, Entfremdungs-These. Dies schließt mit ein, sich kritisch mit der Beobachtung digital-technischer Verfassungen zu beschäftigen. In ihnen erfolgt ein Wandel a) in Richtung der Eigenkomplexität von Ding-User-Beziehungen und b) in Richtung der Eigenlogik von Prozess-Akteur-Beziehungen. Nach den Jahrzehnten freudig betriebener Erwartungsentgrenzung, der freien, endlosen Cyberspaces, stehen wir am Anfang einer nach-gesellschaftlichen

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Phase der Erwartungseingrenzung. Die Suche nach dem globalen Sozialen ist im Gange. Möglich, dass das Subjekt eine Renaissance erfährt. Der einzelne Mensch, ob anthropologisch oder soziologisch bedacht, bleibt auch in komplexen informationstechnologischen Netzwerken wichtig. Ebenso wichtig bleiben die sozialen Bedingungen (Praktiken), unter denen Menschen agieren. Aber wie? Die eingangs angesprochenen Aspekte führen auf ein Verhältnis von (unausweichlichen) Praktiken und (auf- und eingeforderten, selbstorganisierten) Akteuren zu. Ich schlage, mit etwas Schmunzeln, den Terminus Prakteure vor, – oder werde ihn hier erst einmal verwenden. Prakteure stehen für die nicht hintergehbare Kopplung von vernetzten Dingen und Programmen (gegenständlich und ungegenständlich) sowie die nicht hintergehbaren Beteiligungsanforderungen. Es ist eine Figur des aktuellen soziotechnischen, kognitiven, gestalterischen, partizipativen Sozialzwangs. Unter den sich andeutenden funktionalen, ethischen, kreativitätspolitischen (Bröckling 2007; Reckwitz 2012; Ullrich 2016) und ­ökonomisch-spezialisierten Erwartungseingrenzungen steht der Prakteur für latente persönliche Anpassungslösungen. Im Ideal der psychologischen Subjekttheorie, die z. B. W. Prinz vorlegt, wäre dies das „offene Subjekt“ (Prinz 2013). Ich werde auf die psychologischen Aspekte hier nicht eingehen. Mit den soziologischen habe ich schon genug zu tun. Wie stehen Subjekt und Prakteur zueinander? Subjekt wird/bleibt nur dann soziologisch interessant, wenn es zu einem pragmatischen Verständnis von Emergenz beiträgt. Dafür muss es eine ‚Möglichkeit‘, keine Wahrscheinlichkeit sein. Da, so verstanden, Subjekt und digitale Welten primär im Zustand der Möglichkeit agieren, wäre dies der Ausgang für weitere Forschungen. Hier setze ich mit Prakteur an. Gemeint ist die strukturelle Einheit von möglich und wahrscheinlich, biotisch und abiotisch, ungegenständlich und gegenständlich. Diese Einheit steht uns heute als Pragmatik des Virtuellen zur Verfügung. Der Prakteur realisiert Mögliches, indem ‚wahrscheinliches‘ hervorgebracht wird, in einen soziotechnischen Änderungsraum übersetzt wird. Erwartet wird, dass dies die Einheit der Differenz von automatisierten Prozessen, Physiologie, Technologie, Aktualisierung nicht auflösbar ist. Aktualität des Subjekts ist der Prakteur; er besteht im sich in Echtzeit fortsetzenden temporären Überschreiten einzelner, virtueller, technologischer, struktureller, ökologischer Möglichkeiten. Mit diesem skizzierten Vorschlag werde ich ein paar Aspekte beobachten.

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2 Subjekt, ohne Vertrag? Seien wir Realisten: Subjekt ist eine systemische Zuschreibung, keine Freigabe. Sie verspricht eigenverantwortlichen Umgang mit Sachen, Dingen, Verhältnissen und mit sich selbst, – nach den Regeln soziotechnischer Verhältnisse. Die historischen Rahmenbedingungen dafür waren typografisch, industriell, institutionell, didaktisch standardisiert und kodiert, also begrenzt. Aktuell geht es um personalisierende datentechnische Kodierungen in großen Ding-Leute-Netzwerken, um (dinglich-datentechnische) Zwänge, (kommunikative, ökonomische) Gründe, (netzt-strukturelle) Verhaltensanforderungen und (kreativ-innovativer) Interaktionschancen. Nach den Souveränitätsverlusten von Nationalgesellschaften gegenüber globalen Datennetzwerken und dem Souveränitätsverlust von Subjekt gegenüber den gegenständlichen (maschinellen) und ungegenständlichen (datentechnischen) Dingen, werden neue kodierende, regelnde Zuschreibungen gesucht. Praxis- und Praktiken-Diskurse, Netzwerke- und Techniktheorien gestalten diese begrifflich und empirisch schwierige Suche. Aber nicht nur diese. Alle sehen sich mit der Einsicht konfrontiert, dass Subjekt tief in der sozialen europäischen Moderne verankert ist. Seine bisherigen Rahmenbedingungen gehören zur kurzen Entwurfs- und Sozialgeschichte der bürgerlich Eigenart des Menschen, die mal mit Individuum, mal romantisch mit Genie, mal diktatorisch mit Befehl und Gehorsam, mal ökonomisch mit der Unternehmerpersönlichkeit, mal mit Bürger/ Bürgerin verbunden wurde. Widersprüche, unaufhebbare ökonomische Gegensätze begleiteten diese moderne Geschichte. Oft diskutiert und überraschend ist: Die Konstruktion von Subjekt ist eng verwoben mit Industrialisierung des Sozialen, Fabriktechniken aller Art, Mechanisierung der Städte und Haushalte, Telekommunikation etc., und bleibt dennoch ideengeschichtlich den Dingen und Maschinen begrifflich fern (Satzende unklar). Bis in die Aktualität bleibt Subjekt ein schriftkulturelles Konstrukt, geisteswissenschaftlich schwergewichtig. Das belesene Subjekt, das sich seiner selbst gewiss und bewusst ist, folgt den kognitiven Räumen des erlesenen Denkens, den Lehr- und Kontexten, den Standards und Regelungen der Gesellschaft. Dem Subjekt fremd, ja gegnerisch erscheinen Technik, Maschine, Apparat. In manchen soziologischen Anläufen wurde versucht, die Leerstellen zwischen Subjekt und Maschine empirisch und theoretisch zu füllen. Dies reicht zurück bis zu den faits sociaux von E. Durkheim, geht auf das stählerne Gehäuse der Hörigkeit von M. Weber, auf Sachzwänge von H. Schelsky und Sachdominanz von H. Linde zurück. Erst in den letzten Jahren wird versucht, die dualistischen Konzepte von Mensch und Maschine durch Modelle von Nutzungs-, Vernetzungs-, Entwicklungs- oder Informationszusammenhängen zu überwinden.

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Gründe sind u. a.: Ende des 20. Jahrhunderts erfahren die modernen Subjektinszenierungen einen globalen Referenzschock. Die typografische Konstruktion des Individuums und Subjekts, seine Schriftverfassung und seine Schriftpflichten, werden durch datentechnologische Veränderungen der Kommunikations-, Aktions- und Interaktionsbedingungen geschwächt, in weiten Teilen zurückgelassen, historisiert. • In den Dynamiken erdweiter datentechnologischer Entwicklungen bildet sich nicht nur eine Demografie des Digitalen aus (Nutzerpopulationen von Facebook, Twitter, Instagram etc.), nicht nur Netzpopulationen. • Damit einher geht die Veränderung der Positionierung des Einzelnen in Online-Offline-Netzwerken, also (funktionale, kommunikative, kollaborative) Veränderung des Subjekts. Gebrauchsregeln und –anweisungen virtueller Zustände und Dinge tragen sich in die Wahrnehmungs- und Aktionsfähigkeiten der Menschen ein. Als unauffällige Begleiter verändern sie durch täglich stundenlange berufliche, öffentliche, individuelle, intime Nutzung die kognitiven und kommunikativen Verknüpfungs- und Assoziationsfelder für mehr als 3,6 Mrd. Menschen Anfang 2017. Es wird durch die Selbstanwendung von Computertechnologie auf Lebensund Produktionsverhältnisse ein datenmorphes Subjekt hervorgebracht, – alias User. Daten- und Informationstechnologien führen eine Moment-Subjektivität, ein ad hoc–Ich ein, das zugleich eine erdweite Formalisierung ermöglicht: Die Anforderung, digitale Interfaces zu nutzen, führt nicht nur zur Globalisierung des Sozialen und damit zur Schwächung der ausschließlich auf eine einzelne Gesellschaft bezogenen Subjektdimensionen. Sie leitet die globale Standardisierung von Selbstwahrnehmung des Menschen als ‚User‘ ein. User ist potenziell mit allen in Datenfreundschaft und hat zugleich keinen normativ geregelten Zugang zu ‚seiner Gesellschaft‘. Dies bewertete Crouch als „postdemokratischen Zustand“, in dem der einzelne Mensch zusammengesetzt ist aus widerrufbaren Positionen: Bürger, Kunde, Objekt (Crouch 2015, S. 199).

3 Kalküle statt Rolle Der/die/das User ist nicht nur Funktionsträger programmierter Teilbereiche. User löst die Vererbung gesellschaftlicher Attributierung im Subjekt-Konzept ab. Das User-Selbst behält den Anspruch auf Individualisierung, Person, Interaktion aufrecht, entkoppelt diese Sozialformen allerdings von Gesellschaft.

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Subjekt wird zum Microagent, und für den Werbe- und Datenmarkt zum Microtarget. Der (klassisch-moderne) erziehende und gewährende Vertragspartner des Einzelnen ist nicht mehr Gesellschaft. Es sind Netzwerkunternehmen. Deren Allgemeine Geschäftsbedingungen berufen sich auf Communities und Kollektive, auf Nutzungsverträge und Kündigungsfristen. Offene, änderungssensible Gesellschaft und eine entsprechend geforderte Subjektivität sind darin nicht ausdrücklich vorgesehen. Subjekt war in der europäischen Moderne Partner eines sozialen Vertrages, den der einzelne Mensch durch seine Biografie mit und in Gesellschaft ‚schloss‘, unabsichtlich. Dieser Spur der Ding- und Sachverhältnisse werde ich hier weiter folgen, wissend, dass über zahlreiche Forschungen und Autoren die Verbindungen von Subjekt, Subjektivität, „Dispositive“ (Foucault), Disziplinierung, Domestizierung erarbeitet wurden. Es sind Arbeiten über eine Psyche, die den Raum von Gesellschaft nicht zu verlassen hatte. Dies werde ich hier nicht weiter aufgreifen. In einzelnen Aspekten werde ich mich den Fragen widmen, welche theoretischen und empirischen Anforderungen an das Konzept Subjekt entstanden sind. Die Konstellationen sozialer Moderne ermöglichten es, Subjekt als gesellschaftsgebunden und innerhalb der Gesellschaft als vertragsfähig einzusetzen. Aus dieser Ordnung rührt das hohe Verständnis von Subjektivität: Sie wird als eigenständige Anerkennung der gesellschaftlichen Kodes und Regelweisen verstanden. Zu diesen gehörte die Konstruktion glaubwürdiger Kontinuität und Reproduzierbarkeit. Diese dauerhaften Rahmen (Goffman) und Rollenprofile werden durch Datenströme und Gerätenetzwerke zerlegt. Mit der Durchsetzung von computertechnologischen Netzen und Netzwerken erweitern sich nicht nur die gewerblichen und ökonomischen Weltbezüge. Daten- und Informationstechnologien verlassen die normativen Grenzen von Gesellschaft. Im Zuge der Globalisierung des Sozialen bildet sich nicht nur eine nachgesellschaftliche Sozialität aus (Faßler 2014). Der einzelne Mensch erfährt durch seine Aktionen in und mit Daten- und Informationsnetzen eine globale, vernetzte, multipolare, nichtlineare Zuordnung. In jeder Sekunde der Mediennutzung bestätigt er das Partizipations- und Regelungsprinzip des Users, der Überwachung und Selbstkontrolle, des Lifelogging, des Quantified Self, dessen zählbares Profil, zählbare Netzkontakte, Sportaktivitäten, Arbeitsintensität etc. In die Selbstwahrnehmung wird die fraglose, weil anscheinend nur ‚nutzungsgebundene‘ Selbstkontrolle und Selbstüberwachung eingelagert. Dies erscheint nicht als ‚fremdbestimmter‘ Machtgestus, nicht als Herrschaft, – worüber ich bei Interviews immer wieder überrascht bin. Immersion, Intimität und Interaktivität erzeugen die Illusion, User/Subjekt sei

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keine Zuschreibung. Aber im Gegensatz zu symbolischen Einbettung von Subjekt in die Produktions-Typografie- und Kommunikations-Gesellschaft, erfolgt die Einbettung des Users vermittels seiner interaktiven Berechenbarkeit. In der Nutzung, in den verschiedenen problem solvings, gilt das Prinzip selektiver, bestätigender Anpassung. Die Rolle hat ausgespielt. Kalküle, Algorithmen, Massive Data, Big Data, verschiedenste Analytics lösen die Rollenkonzepte ab. Dies ist soziologisch bislang nicht erforscht. Nicht den Dingen und Sachen, Institutionen und Verfahren zugeordnet, sondern berechenbar, abrufbar, modellierbar Datenströmen zugefügt und aus diesen herausgerechnet, entsteht der User als Neuverfassung des Einzelnen in hochtechnologischen Umwelten. Nicht, dass Subjekt völlig verschwände. Bedarf an nutzbringenden Formaten des einzelmenschlichen Aktionismus wird es weiterhin geben, – wie die Debatten um Kreativität, Innovation, produktive Neugier zeigen. Aber der User wird sich auf die Vorherrschaft von Quantifizierung und Kalkül einstellen müssen. Womit wir bei einem veränderten ‚sub‘ angekommen sind: Das ‚sub‘ globaler, privatwirtschaftlich betriebener Informations-, Wissens-, Innovationsnetzwerke, die als nach-gesellschaftliche ‚soziale‘ Netzwerke angepriesen werden. Es sind die unverbindlichen, rollenfreien, instantan aktivierbaren kollaborativen Fähigkeiten, die gefordert werden. Sie werden mit höchst variablen Zuständen in Einklang gebracht. User-Subjekt sieht sich keiner Gewissensprüfung gegenüber, sondern einer permanenten Konsistenzprüfung. Zukunft des Subjekts ist die Latenz des Users, oder, wie ich eingangs vorschlug: das Format des Prakteurs.

4 Consistent types Luke Dormehl schrieb (2014) in „The Formula“: „If concepts like ‚creativity‘ and ‚perceptiveness‘ are successfully quantified and linked to consistent types of behaviour, these might take on as much importance as gender or race.“ (Dormehl 2014, S. 59) Damit beantwortet er die Frage, in wieweit die „human relationship with algorithms“ „real“ sind oder „real enough“ (Dormehl 2014, S. 258): Man muss sich mit den Programmen der Quantifizierung von Daten auseinandersetzen, um zu verstehen, was in naher Zukunft, also morgen, unter „consistent types of behaviour“, hier: Subjekt, versammelt wird. Ich werde im Folgenden auf einige Aspekte möglicher „consistent types“ eingehen, immer mit der Frage verbunden: Gibt es Wege vom User zurück in eine daten-zivilisatorische Neuverfassung von Subjektivität?

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Um dies leisten zu können, muss zwischen Erfindung von Daten-Technologien, deren Anwendung, Automatisierung und globaler Ausbreitung, ihrer Ökonomisierung und letztlich ihrer sozialen Verfassung unterschieden werden. Das wird hier nicht empirisch und schlussfolgernd möglich sein. Allerdings ist eine theoretische Position von Gewicht: Die Vorstellungen, komplexe, automatisierte Datenwelten mithilfe zwischenmenschlicher Beobachtungskategorien wie Handlung, Absicht, Interaktion erfassen zu können, war und ist eine Illusion. N. Luhmann hatte angeboten, soziale Systeme von psychischen Systemen zu unterscheiden. Er hielt sie in seiner Beobachtungstheorie auf scheinbar unüberwindbarem Abstand. Ich werde versuchen, diesen Abstand zu verkürzen. Ob damit eine (Ehren-)Rettung der Beobachtungskategorie Subjekt (im Format: Prakteur) in globalen Datenströmen möglich wird, in expandierenden Gerätenetzen und kurzzeitig aktiven Community-Arbeits-Organisations-Netzwerken, wird sich ­zeigen.

5 Keine Zeit für Zusammenhänge Mag sein, dass inzwischen mehr Algorithmen zur Verfügung stehen, als erkannte oder anerkannte Probleme. Zählen lässt sich dies nicht. Die Nachricht in „The Formula“ lautet: Digitale Speicher- und Kommunikationstechnologien werden so entwickelt, dass sie konsistente Typen des Online-Offline-Sozialen in sich erzeugen und fordern können. Konsistenz meint vorrangig „the catchall phrase Big Data“, welche „large amounts of data“ anspricht, die verwendet werden können, „to understand, analyze, and forecast trends in real time“. Dies ist verbunden mit data analytics, analytics, or deep analytics (Ross 2016, S. 154). Die Maße der soziotechnischen Verbundenheit (hier: consistency) stehen längst unter dem Zeitdruck der Organisationsentscheidungen ‚in real time‘, der Zeitbrücke zwischen menschlicher Wahrnehmung und Verlangsamung der Datenprozessierung, und High Frequency Communication. Eine zeitsouveräne Auslegung von Unterscheidungen und Entscheidungen ist nirgends zu lesen oder zu beobachten. Damit ist eine der wichtigsten Bestimmungsgrößen des Subjekts in industrieller Moderne geschwächt: die Zeit der Reflexion, des Nach-Denkens, der selbstverantwortlichen Selbstbeobachtung. Die kontraktualistische Grundlage (und damit die soziale Kontinuitätsbasis) von Subjekt verliert ihre Bedeutung. An ihre Stelle ist, – auch in Soziologie –, die Interaktion (von Maschine-Medium-Mensch) getreten, der stumme Vertrag interaktiver Praktiken. Dieser allerdings ist zeittheoretisch nicht gegliedert. Er gerät

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zunehmend in den Sog von schaltungstechnisch aktiver ‚real time‘, milliardenfach pro Sek. Echtzeit ist eine Bremse, um die User am Display zu halten, denn nur so kommen Datenkonzerne an die nicht-intentionalen Daten. Die technologischen Grundgeschwindigkeiten entziehen sich der Wahrnehmungsfähigkeit des Menschen. Preis dieser gebremsten Beschleunigung ist der Verzicht auf ‚zeitraubende‘ Zusammenhänge und deren Erklärung. Digitale Daten- und Informationstechnologien zielen auf die Soziobiologie kognitiver, kommunikativer, kreativer Verfassung des einzelnen Menschen und auf die organisatorische, operative, konnektive Verfassung des Sozialen. Die Frage nach den Entstehungs- und (Selbst-) Erhaltungsbedingungen von Subjektivität macht deutlich, dass es nicht mehr (und nie) nur um unbelebte Dinge ging, sondern um die datentechnologische Vernetzung von organischen und anorganischen Zuständen – als lebendige Zusammenhänge. Für deren ‚Ordnung‘ fehlen netzsoziale Normen. An einem prominenten Beispiel wird dies deutlich: Der Entwicklung selbstfahrender Autos. Wie lässt sich eine Theorie zum „Subjekt in einem Autonomen System“ formulieren? Dies wäre für „User in globalen Digitalnetzwerken“ hilfreich. Wie lässt sich Subjekt in und für ein autonomes automobiles System beschreiben? Neben den bislang nicht gelösten ethischen Fragen, wem ein autonomes System im Straßenverkehr ausweichen soll (jungen Menschen zuungunsten älterer Menschen, einem auf die Straße rollenden Einkaufswagen zuungunsten eines Menschen, einem Kind zuungunsten der begleitenden Eltern?), liegen Bündel von Fragen danach, wie die beruflichen, nachbarschaftlichen, familiären, gemeinschaftlichen, individuellen etc. ‚Rollen‘ und Zuschreibungen aussehen können oder sollten? Soll es überhaupt noch um Rollen, Rahmen gehen? Und wenn ja, mit welchen Referenzen?

6 Programme, nicht Intentionen Das modern entworfene Subjekt zielte auf den lese- und schreibfähigen Menschen, der zunächst schulisch alphabetisiert werden musste. Schriftsprache und Psyche gingen eine strukturell machtvolle Verbindung ein. Sie führte zu einem medial konstruierten (gebildeten, wissenden, vertragsfähigen) Subjekt. Die damit verbundenen institutionellen, organisatorischen Logiken und Regeln des typografischen Universums verlieren in digitalen Medien an Bedeutung. Das Massenmediale verblasst gegenüber den Milliarden Echtzeitmaschinen und ihren Displays. Der medientechnische Rückkanal, die echtzeitig vernetzte

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­ ommunikation im selben Medium, koppeln den einzelnen User-Menschen eng K an die Daten- und Informationsströme. Nach den Erfolgen globaler Turing-Tests, in Games, virtuellen Realitäten, Second Life, online-Ökonomie, Blended Learning etc. wirkt Subjekt sehr einsam, sozialverlassen. Eine soziale Neubestimmung der Stellung des einzelnen Menschen muss sich dieser latenten, schwindelerregenden Zustände bewusst sein. Es gibt keine einfache Antwort auf die Frage: Was ist/Wo ist Subjekt? Individualisierte Souveränitätsversprechen, die sich auf bewusstes, wohlbegründetes, eigenentschiedenes Handeln berufen, wird man zur Seite stellen müssen. Ebenso draußen bleiben gesellschaftsbezogene Souveränitätsmodelle. Was spricht demnach der Term Subjekt an? Subjekt war personalisierende Anpassungskategorie. Es entstand als Zuweisung, als Versprechen, als Aufforderung, ‚sich‘ in Zusammenhängen zu verhalten, die die Lebensbedingungen ‚zur Verfügung‘ stellen. Bei Subjekt ging es um ein ‚bestimmtes Leben‘. Dieses ist den sozialen Rahmungen verpflichtet. ‚Bestimmt‘ sein hieß immer auch, vor der Situation einer Verhaltensentscheidung ‚bestimmt‘ sein. Diese zeitlich und strukturell ‚vorherige‘ Bestimmung widerspricht der einzelmenschlichen Empfindung und Erwartung, in situ ‚selbstbestimmt‘ handeln zu können. ‚Fremdbestimmt‘ und ‚selbstbestimmt‘ stehen in offener Relation zu einander, in einem mitunter produktiven Konflikt, der zugleich unausweichlich ist. Subjektivität ist, so eingegrenzt, die Fähigkeit, mit Regeln, Normen, Dingen, Technologien variierend, lebensdienlich, gestalterisch, entwerfend, konsumtiv, egoistisch umgehen zu können. Angenommen wird damit, dass das Werkzeug des Subjekts von diesem eigenverantwortlich eingesetzt wird. Selbstbestimmung und Eigenverantwortlichkeit setzen allerdings voraus, dass Ich Zeit hat, diese zu bedenken oder störungsfrei anwenden kann. Eben dies ist durch die digitale Vernetzung fraglich geworden. Die Bedingungen für Subjekt sind in die Infrastruktur der digitalen Netzwerke umgezogen. Der Mensch befindet sich im permanenten Blick- und Sozialkontakt mit Interfaces, in globalen Turing-Räumen, ist Prakteur geworden. Damit stelle ich Subjekt in die datentechnologischen Entwicklungs- und Vernetzungsoptionen. User übersetze ich nun in soziotechnisches Subjekt. Der soziale Zusammenhang ist der des Prakteurs in heterogenen Vernetzungsdynamiken. Ungewiss bleibt: Ist User eine Kunstform des Subjekts? Passt sie zur künstlichen Intelligenz? Ist User der aktuelle datentechnische Arbeitskörper des Menschen, und dies weltweit? Vermutlich. Worin bestehen dann aber die sozialen Ansprüche an das Format Subjekt?

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7 Blick zurück, kurz Testläufe der Digitalisierung sind abgeschlossen; die Tests der möglichen Vernetzung von menschlicher und maschineller Kommunikation ebenfalls. Die Turing-Welt ist etabliert. Derzeitige Versprechen zielen auf Smartness, Industrie 4.0, Cyber Physical Systems und – ach ja: Pflege-, Service-, Denkroboter und deren Heimat, die globalen Gerätenetzwerke. Der einzelne Mensch wird in seinen möglichen Netz-Markt-Funktionen angesprochen: Als User, Consumer, Producer, oder als Microtarget, datenökonomisches Kleinziel, permanent eingekreist. Eher ein Subagent als ein Subjekt, wird die bedingte Aktivität des einzelnen Menschen gefordert und datentechnisch begleitet. Nicht die (alte) Sozial-Ressource Subjekt, sondern die Netzressource ‚user as interagent‘ wird verbreitet. Das soziale Konzept vom einzelnen Menschen wird den Bedingungen digitaler Medienzustände angepasst. Mithin wird der einzelne Mensch der Standardnutzung eingepasst, die in jeder Sekunde heißt: „Du, User, wendest eine Technologie auf Dich an, die Du nicht nur nicht kontrollieren kannst. Sie wird Dein gesamtes soziobiologisches Körpergeschehen verändern, als nach-genetische Entwicklung“. Auf die nachgenetischen Dimensionen werde ich hier nicht eingehen. Das tat ich schon an anderer Stelle (Faßler 2012). Ich werde mich dem Terminus ‚User‘ mit ein paar Arbeitsschritten widmen, da mit ihm eine andere Art der Positionierung des Menschen in einer soziotechnischen Formation erfolgt. Sie ist vor allem diskontinuierlich, veränderungssensibel und –intensiv, so wie normativ nicht konstant. Ich vermute zudem, dass ‚User‘ ein Brückenbegriff im Veränderungsverlauf des Konzepts ‚Subjekt‘ darstellt. Er ist eng mit den Versuchen verbunden, entweder Communities oder Kollektive als Gesellschaftsersatz durchzusetzen. Aber davon später. Netztechnologische, mediamorphe Entwicklungen werden unsere Lebensumstände weiter verändern, werden berufliche, nachbarschaftliche, freundschaftliche und politische Anpassungswellen erzeugen, werden neue gewerbliche Loyalitäten durch Allgemeine Geschäftsbedingungen nach sich ziehen (Selbstanwendung). Menschen werden sich auf die vielfach verschnörkelten Anforderungen medientechnisch bedingter Arbeits-, Produktions-, Unterhaltungs-, Spiel-, Lern-, Konfliktwelten einstellen (Selbstbeobachtung), werden diese nutzen und sich als Nutzer/Nutzerinnen bewähren (Selbstkontrolle). Mit welchen Sozial- und Selbstverständnissen dies geschieht, ist unentschieden; raus aus dem Rennen um empirisch belegte Beobachtung sind Klassen-, Schicht- und Herrschaftskonzept. Globale Mediennetzwerke sind als Kommunikationstechniken etabliert, ohne einen ausdrücklichen Bezug auf Menschen und deren L ­ ebenszusammenhänge.

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Aber es gibt ihn, diesen Bezug und die Verkörperung sozialer Regeln als Subjektivität. Mayer-Schönberger und Kenneth (2013) schreiben: „Big-data is not an ice-cold world of algorithms and automatons. There is an essential role for people, with all our foibles, misperceptions and mistakes, since these traits walk hand in hand with human creativity, instinct, and genius“. Worin die sozialen Betriebssysteme bestehen, die diesen Veränderungen folgen, wird also debattiert. Welchen Status, welche Rolle ‚Subjekt‘ hat, wurde zurückgestellt. Fast lässt sich von einer konstitutionellen Abwesenheit eines Konsens (oder eines Konfliktes) über Subjekt/Subjektivität reden. Dabei ist, aus meiner Sicht, ein solches soziales Format des einzelnen Menschen keineswegs aus dem Rennen um die Konstanz, Kontinuität und Verlässlichkeit sozialer Zusammenhänge.

8 Kurze Besuche in schwierigem Gelände: Subjekt, HCI, User, Aktant, Agent Bleiben wir beim Beispiel Human-Computer-Interaction/HCI. Es war einer jener groß angelegten terminologischen Versuche, die universalen netztechnologischen Entwicklungen mit einem neuen, allgemeinen Ausdruck zu belegen. Interaktion war klug gewählt. Sie versprach, dass die menschlichen und technologischen ‚Akteure‘ in einem formalen, regulierenden Feld zusammenkommen. Erdweit sollten sie neue Weisen der Mensch-Maschine-Beziehungen ermöglichen. Fern vom Terrain, von Gesellschaft, von institutioneller Moderne schimmerte ein neues Territorium: Virtuelle Realität und Cyberspace(s). Dass Mensch in dieser einiges von seiner (automatisierbaren) Handlungssouveränität abgeben musste, und diese Bereiche als digitale Programme dennoch in seinem Aktionsfeld blieben, bildete eine Art schweigender Konsens. Gerade dies, den Menschen von bisherigen Standardlasten, sich wiederholenden, maschinengleichen Abläufen zu entlasten, ihnen von der industriellen Maschinenbindung zu befreien, lieferte den Schwung der Versprechen. Anfänglich gab es keine machtvolle Informations- und Datenindustrie, aber die Vision sich neu herausbildender Zusammenhänge. Ort dieses interaktiven Geschehens war nicht mehr Gesellschaft, nicht mehr Industrie, sondern die Vielfalt der Interfaces. Sie bevölkerten die Erde in einer enormen Geschwindigkeit. In den Debatten um Eigenart dieses künstlichen Ortsnetzwerkes verstummte nicht nur Gesellschaftsbezug. Subjekt, Subjektivität als soziale (altruistisch gemeinte) Aufforderung und Versprechen kamen diesen Dynamiken nicht nach. Sie schienen zu

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ermüden, fast klaglos in psychologisierende Schleifen einzudrehen. Gründe dafür waren vielfältig – und sind es geblieben. So ist bis heute die enge, vor allem strukturell gesteuerte und nicht-hintergehbare Bindung (strukturelle Kopplung) von Subjekt und Technologie nicht ausführlich debattiert. In jedem Ding, jeder Sache, jedem Medium sind variierbare Anforderungen an Wahrnehmung, Denkweise, Nutzungsfähigkeit, Wiederholung, korrekte Bedienung, also komplexe Körperlichkeit eingelagert. Sie werden zu subjektiven Eigenarten, Eigenschaften, formuliert man sie als Berufsqualifikation, als Konsumentenverhalten, Käuferinteressen, Umgangsgewohnheiten, Wissenskonventionen oder auch als Neugier, Kreativität. Dass die Dynamiken dieser Anpassungen subjekttheoretisch wenig debattiert wurden hat auch damit zu tun, dass oft Subjekt entweder mit normativen Erwartungen verbunden wird, oder aber innerhalb der soziologischen Gespräche noch viel zu sehr auf den Regelungsbedarf industrieller und institutioneller Moderne bezogen ist. Der Gewinn aufseiten des Menschen wurde im Zuwachs an allgemeinem Wissen (Wissensgesellschaft), an Intelligenz (globale Intelligenzentwicklung), an Kommunikationsgeschwindigkeit gesehen. Anfänglich wurde HCI nicht als gewerbliche Rationalisierungsreserve betrachtet, sondern als ein neues kognitives und kommunikatives Tor/Fenster zu neuen Terrains. HCI galt als „Figuration der Vielfalt“ (Falb 2015), und war doch der Einstieg in eine Umformungsperiode des sozialen Konzepts vom Subjekt, genannt User. Interessant ist, dass in den Jahren 1980 – 2000 wenig darüber geforscht wurde, in welcher Weise Subjekt verändert wurde. Dabei stellte die digitale Medialität keine sich fortsetzende Einkanaligkeit, keine lineare Kommunikation, keine Massenmedien allein mehr zur Verfügung. Mit der Liberalisierung der Medienlizensierung, der Aufhebung des Sendemonopols des Staates in den 1980ern, dem WWW Anfang der 1990, entstand ein sich immer weiter differenzierender Sendeund Interaktionsmarkt. Dieser baute die Gefüge von Aufmerksamkeit, Nachricht, Wissensaneignung, Zeitdisziplin, Loyalität zum Medium, zum Sender oder zum staatlichen (hoheitlichen) Sendemonopol radikal um. In einer bemerkenswerten Weise wurde Subjekt vom strukturellen, propagandistischen Zwang des ‚Volksempfängers‘ entlastet und für komplexe Kommunikation ‚freigestellt‘. Der Interaktion folgte die Vernetzung, die Plattform, die Cloud, Smartness und Augmented Reality. Interaktion, jener in der Soziologie so prominente Ausdruck, mit dem eine symbolische, regulierende, verbindliche Zwischenwelt beschrieben und empiriefähig gemacht wurde, konnte seine Prominenz gegenüber Vernetzung, künstliche Intelligenz, wisdom of crowd (Surowiecki 2004) kaum halten. Dem kybernetischen Verständnis der 1950er–1970er sehr nahe, dass die ‚Kommunikations- und

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Verständigungskanäle‘ zwischen Mensch-Maschine-Medium-Molekül-Markt durch Daten- und Informationsströme gewährleistet werden können, verzichtete der Ausdruck Human-Computer-Interaktion/HCI auf eine subjektivierende Geste. In einer fast anthropologischen Sprache wird ‚Human‘ als (interaktiver) Akteur digitaler Universal-und Querschnittstechnologie zugeordnet. Physiologie und Technologie in einem konstanten Datenstrom. Mensch und Maschine schienen nun die Welt ‚Hand-in-Hand‘ zu betreten. Mensch und Maschine bildeten eine soziale Figur, sie gehörten zusammen. Sie ließ sich, in Anlehnung an Norbert Elias und Dean K. Simonton (1984), als Konfiguration denken. Unklar blieb, ob dies eine Verbindung war, die die Unterschiede aufrechterhielt, oder aber in jene „Singularität“ der Fusion von menschlicher und computertechnischer Intelligenz (Kurzweil) führte, in der die Mensch-Maschine-Differenz keine Bedeutung mehr hat. Subjekt, die sprachlich und dinglich geregelte einzelmenschliche Einordnung in einen sozialen, ökonomischen, technologischen Zusammenhang, fand in diesen Entwicklungen kaum einen Zugang. Sie schien nicht mehr nötig, da das moderne Konzept des Subjekts in der Komplexität der sozialen Verhältnisse keinerlei direkten Bezug mehr finden konnte. Am deutlichsten drückte dies Niklas Luhmann (Gesellschaft der Gesellschaft, et al.) in der strikten begrifflichen Unterscheidung von sozialem System und psychischem System aus. Aber dies ist nicht mehr so schlüssig, wie es anfänglich schien. Denn ganz so heimatlos oder auf sich gestellt, auf seine Psyche zurückgeworfen, war das Subjekt-Modell nicht. Ihm wurde ein neuer Weltstatus und Allerweltsname gegeben: User.

9 Zugehörigkeits-Ikone Kollektiv Im Rückblick auf die 1990er und 2000er Jahre fällt noch etwas anderes auf. Rasch wurde unter dem Einfluss von HCI-Terminologie, Vernetzungsempirie (Castells) und dem Selbstverständnis von Usern als zentrale Akteure in Netzwerken die Gesprächslage zugunsten von Community und Kollektiv verändert. Wobei damit zwei grundverschiedene Ideen verbunden wurden: Community (virtuelle Gemeinschaften, H. Rheingold) bezog sich auf konkrete selbstgestellte und selbstorganisierte Vorhaben, auf die Entwicklung von Problemlösungen in Gruppen, die durch ihre Interessenlagen zusammengekommen sind. Dies wurde rasch von Unternehmen genutzt, indem diese Communities als outsourcing-Adresse in den Entwicklungswettbewerb einbezogen wurden. So entstand eine Struktur der „Communities of Projects“ (Faßler).

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Grundverschieden hiervon verbreitete sich der Terminus des Kollektivs als Gesellschaftsersatz. Vor allem in den 2000ern rückte Kollektiv in den allerdings umstrittenen Status eines Souveränitätsversprechens: Es galt den User-­Subjekten. Angestoßen durch P. Levy (1997) zielten die Diskurse auf die Entstehung „kollektiver Intelligenz“ im Zusammenwirken von Mensch und Datentechnologie. H. Rheingold (2003) folgte nicht dem evolutionsgewichteten Argument von P. Levy, nahm aber den Gedanken von „collective action“ um seine „smart mobs“ zu protegieren. Eugene Thacker schrieb über „Schwärme – Kollektive ohne Zentrum“ (2009). Carolin Wiedemann kritisierte (2016) den Rückfall in klassisches Souveränitätsdenken, das die „Verwobenheit und Mannigfaltigkeit kollaborativer Konstitutionsprozesse“ nicht erfasst (a. a. O., S. 263). Noch deutlicher formulierten B. Coleman und F. Stadler. Sie wiesen darauf hin, dass die Kollektiv-User-Ideale dem „klassischen Subjektbegriff treu“ blieben, „anstatt die Verwobenheit materieller und affektiver Effekte in die Konstitutionsprozesse von Kollektivität zu erforschen“. Alle Positionen, von denen ich hier nur wenige andeuten kann, verbindet eine wichtige Veränderung: Kollektiv wird kaum mehr über eine normative Idee noch über eine regelhafte Repräsentation beschrieben. Kollektiv ist ein „Mass Ornament“, wie Sascha Simons es nennt (2014). Seine Automatik wird bestimmt durch „mediatisierte Nachahmungshandlungen, die (…) sämtliche Stufen der Webkommunikation prägen“ (Simons 2014, S. 256). Kollektiv wird in Datennetzwerken über „Wahrnehmung“ (Kaldrack und Röhle 2014) hervorgebracht. In dieser Darstellung lässt sich Subjekt nicht mehr als sozialer Souverän verstehen, sondern als auf serielle Momente der Bestätigung und Anpassung reduziertes Versprechen. Soziales wurde erhalten, ohne auf die technologisch-operationalen Felder einzugehen. Erschwert wurde die Gesprächslage noch dadurch, dass etliche, die von Kultur, Identität und Subjekt sprachen, sich kaum oder gar nicht auf soziotechnologische Dispositionen all dieser hehren Kategorien einließen. Technik war (und ist für viele) ein Fremdes, Feindliches des Menschen, das zu ‚überwinden‘, zu ‚überschreiten‘ sei. Ich werde auf diese Denklage hier nicht ausführlich eingehen. Ich stelle die Frage nach der Kategorie ‚Subjekt‘ vielmehr in das Zentrum soziotechnologischer Entwicklungen. Dabei grenze ich Subjekt als Beobachtungskategorie ein, die zugleich Selbst- und Fremdbeobachtung ist. Sie ist ein anpassungssensibles Mittel, Menschen in ihrer sozialen, beruflichen, kommunikativen Aufgabenstellung und in ihrem ‚Selbstverständnis‘ zu beschreiben.

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10 Ikone der Datennetze: Teleoperative Zusammenhänge Denken Soziologen und Soziologinnen an Subjekt, wenn sie über User sprechen? Denken wir an bestätigende Relationalität subjektiver Praktiken, wenn wir über Human-Computer-Interaction/HCI forschen? Und falls wir es tun: Welche Bedeutung hat in solchen Arbeiten ‚tele‘? Steht dieser soziotechnische Formalismus der teleoperativen, telepräsenten, teleproduktiven Welten dem ‚inter‘ (Keibl) entgegen? Zumindest ist es nicht einfach, bei echtzeitigen Teleoperationen, die in wahrnehmungsfähiger Echtzeit erfolgen (und im Hintergrund menschlicher Wahrnehmung deutlich schneller sind, d. h. bis zu 40 ms. im Bereich High Frequency Trading), selbstgewiss von einem symbolisch gefestigten ‚Inter‘ zu sprechen. Die Vorstellung, dass ‚Inter‘ durch Angesichtigkeit und Verständigung erhalten und tradiert wird, ist bereits durch Mensch-Maschine-Thesen und erst recht durch HCI in das romantische Kästchen gelegt worden. Soziale Verfassungen sind nicht nur massiv industrialisiert. Diese produktionstechnischen Grundbedingungen sind erweitert durch die „Herrschaft der Mechanisierung“ in Wohnungen (Giedion 1987), Büros und vor allem durch die „Herrschaft der mathematischen Regeln“ (Heintz) und den überall eingesetzten Informationstechnologien. Gerade diese Tele-/Simulations-/Augmentierungs-Technologien konkurrieren mit den klassischen ‚Inter-Techniken‘ um ihren Einfluss bei der Neuorganisation und regelhaften Verfassung des Sozialen. Neue Organisations-, Freiheits- und Zusammenhangsmodelle entstehen. Dabei ist der Siegeszug der Tele-Techniken lange vorbereitet. Teleskope (Holländisches Fernrohr 1608; Lipperhey) und Mikroskope (Janssen 1590; Galilei 1609), Samuel F. B. Morse (erster brauchbarer ‚electrical telegraph‘ 1833, mit J. Henry und A. Vail), Telegrafie (telegraphische Depesche), Telegramme, Radio (19. zum 20. Jh.), Television und vor allem Telefonie belegen den langen technologischen Werdegang der Tele-Kybernetik, also der Netztechnologien (beginnend Dez. 1969 zwischen Stanford – UCLA: Login) oder der Telematik (Flusser 1989). Sicher ließe sich noch auf die Repräsentationsmodelle für ‚fernanwesende‘ Staatsführer, Götter, oder eines Gottes verweisen. Ich gehe aus Platzgründen hier nicht näher darauf ein. Interessant bleibt der Konflikt zwischen ‚Inter‘ als symbolisch kontrollierte, institutionelle Ordnungssetzung und ‚Tele‘ als ökonomisch, verfahrenstechnisch kontrollierte nicht-institutionelle Organisationsstruktur. Waren die „Portables die Mobilitätsikonen des ausgehenden 20. Jahrhunderts“ (Weber 2008), so sind digitale Plattformen, globale Sofort-Vernetzung,

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­Geräte-Menschen-Netzwerke die Sozialikone des beginnenden 21. Jahrhunderts. Ohne Irritation wird von spezifischen Netz-Plattformen als ‚Soziale Netzwerke‘ gesprochen. Es sind teleoperative und teleaktive Soziallabore, deren Experimentalstatus seitens der Betreiber bestimmt wird, nicht seitens der User, – oder nur selten. Von Sozialen Netzwerken zu reden, ist ein schlechter Minimalkonsens, wenn es sich um änderungsresistente Beteiligungsangebote handelt. Hat man es mit offenen Systemen zu tun, sieht das schon anders aus. Aber auch dort, in Open Source, Open Culture, Open Knowledge – Netzwerken ist es keineswegs einfach für die Kategorie Subjekt. Die dort mögliche gemeinsame, antwortintensive Veränderung angebotener Software lässt prinzipiell offen, wie Unterscheidung zum Unterschied wird, wie darüber entschieden wird. Und sie lässt offen, wie man Differenz und Distinktion zusammenkommen.

11 Subjekt, aus der fernen Nähe? Aber wie könnte ein Subjekt-Konzept in Online-Offline-Strukturen verfasst sein? Die ersten vierzig Jahre, in denen Computertechnologie über Personal Computing (1980), digitale Netzwerke, World Wide Web (1990) und Plattformen (in den 2000ern) zunehmend aktionsfähiger in sozialen Zusammenhängen positioniert wurden, liegen hinter uns. Genau betrachtet, sind sie nicht nur in soziale Zusammenhänge eingefügt worden. Längst bilden sie eigenlogische soziotechnische Formationen. Zu diesen zählen Terrains, nationale Gesellschaften und deren normative Ordnungen, die als eigenständige soziale Verfassungen auftreten, erdweit. M. Castells nennt sie „Informationsgesellschaft“. Ich bevorzuge technosoziale Habitate (2001). Und für diese lässt sich die Überlegung von A. Reckwitz anwenden, „die soziologisch gängige Gleichsetzung von ‚Sozialität‘ mit ‚Intersubjektivität‘“ erscheine ihm „nicht plausibel“. (Reckwitz 2003, S. 292). Der Ort einer Soziologie des medialen Selbst und des medialen Subjekts wäre damit nicht der kollektive Geist, nicht die philosophische Selbstdeutung des Menschen, sondern die ‚sozialen Praktiken‘: Die Dusche, der Kühlschrank, die Online-Zeitung, das Twittern, die Online und Offline – Recherche, etc.: „Eine Praktik besteht aus bestimmten routinisierten Bewegungen und Aktivitäten des Körpers“ (Reckwitz S. 290). Dies mit dem Nachsatz, dass noch weitgehend ungeklärt ist, wie Subjektivität unter globalen Kommunikationsbedingungen situativ, strukturell und sozial formuliert werden kann. D. de Kerkhove notierte in großer Geste (2002): „Wir brauchen ein Set weltweit gültiger, sofortiger, dauerhafter, sprachübergreifender und

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sofort brauchbarer sowie ermächtigender transkultureller und ortsübergreifender Metaphern.“ (de Kerckhove 2002, S. 87). Seitdem ist technologisch enorm viel geschehen; soziologische Forschung und Theoriebildung hängen inzwischen um einige softwaretechnische Durchsetzungsverläufe zurück. Orientierungen über eine Subjektivität, die den ­kybernetischen und digitalen Vernetzungszuständen gestalterisch ‚beikommen‘ könnte, fehlen. Zu oft noch wird entweder eine typografisch sozialisiertes Reflexion-­ Subjekt oder ein industriell-bürokratisches Selbstverwaltungs-Subjekt verteidigt. Demgegenüber sind nicht nur Teilstrukturen gewerblicher, unternehmerischer Organisationsbereiche verändert, nicht nur industriell-bürokratische Grundlagen von Gesellschaft. In der sich ausweitenden Nutzung datentechnischer Netze entstanden nicht nur vorläuferlose Sozialverfassungen. Die Gesetzmäßigkeiten ihrer Abstraktionen (Digitalisierung, Algorithmisierung, Vernetzung, Virtualisierung, etc.,) eigneten sich u. a. die Reformulierung von Zugehörigkeit, Zusammenhang, Regelverhalten, Subjektivität, Intelligenz, Kreativität, Innovation an.

12 User Subjekt – Ipv6 Es ist eine nach-fordistische, datentechnologische Ökologie entstanden. In deren Kerngeschehen wurde das Internet of Things (IoT) positioniert, das großräumig ausgelegte Konzepte von Intelligenz (Levy 1997), Transportlogistik, Smartness und Industrie 4.0 hervorbringt. Dessen Zukunft, ab 2020, wird das Internet Protocol version 6 (IPv6). Mit ihm rücken Subjekt und Ding zeitlich, datentechnisch, kontroll- und beobachtungstechnisch nicht nur enorm eng aneinander. Die Dinge und Subjekte werden zu Zustandsvariablen der Datenströme, sie werden jeweils zum ‚gemeinsamen Zweiten‘. Zusammenhänge, die institutionell, territorial, sprachlich, architektonisch, normativ gedacht wurden, und als ‚gemeinsames Drittes‘ funktionierten, werden in einem rechnenden Zusammenhang aufgenommen. Mit rechnendem Zusammen ist gemeint: Es lässt sich von Millionen und Milliarden ‚Usern‘ und ‚Dingen‘ sprechen, deren Datenkörper in den medial verfassten Raum-Zeiten (auf Anfrage) errechnet, sinnlich-präsent, also interface-fähig gemacht werden. Sie verschwinden wieder, werden zur Datenbasis kommender Anfragen, werden in Cloud(s) gespeichert, zur ad-hoc-Personalität, zu gesammelten und korrelierten Nutzer-Körper werden. IT-Netzwerke werden auf diesem Wege zum gemeinsamen Zweiten, zum nächsten Verwandten (Christaller). Die Logik des Dritten („Wenn zwei sich streiten, freut sich der Dritte [Gewinnprinzip]/entscheidet der Dritte [Richterprinzip]“), versöhnt der Dritte [Pfarrer,

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Therapeut, gute Freunde,…]) wird ausgehebelt, – und mit ihr auch die Dominanz der subjektiven Reflexions- und Entscheidungsmodelle. In diesen Veränderungen bildet sich ein paradoxaler Organisationsmodus heraus, der allen bisherigen sozio- und kulturgenetischen Regeln zu widersprechen scheint. Dieser Modus besteht aus • formaler Unvollkommenheit der Netzwerke. Beriefen sich Gesellschafts-, Kultur- und Handlungstheorien auf Formen, Regeln und Formkonflikte, so stehen aktuell Schaltungszustände, Immersion, Korrelationen, ad hoc-­Kommunikation im Focus. Sie werden als organisationsbildend behauptet, ohne eine sozialorganisatorische Referenz im herkömmlichen Verständnis aufzuweisen. Dies lässt sich als Selbsttäuschung der Netznutzung ansprechen. • dem Versprechen der Ziel- und Entscheidungsvermehrung, der Vervielfältigung von Handlungs- und Rationalitätsoptionen. Aber gerade diese explizite und kodierte Ziel-, Wahl- und Entscheidungsvermehrung findet nicht statt, womit ein wichtiges kompensatorisches Element, also die Aufwandsentschädigung für Konflikte, entfällt. Zu beobachten sind Kreativitäts- und Innovationsforderungen, die dann die Bahnen des re-entry eröffnen, also des Wiedereintritts von veränderten Anforderungen in die permanenten Konfliktzonen. • Es vermehren sich dem folgend die unbestimmten Ziele, die ziellose Speicherung von Daten, über die der Mantel der Korrelationen geworfen wird, um Ursachen, Gründen, Wirkungen zu entgehen. • So entstehen mächtige Strukturen ungerichteter Diskriminierungspotenziale. Richtung erhalten sie erst, wenn an Daten Interesse besteht. Und dieses Interesse ist konsensfrei. Interesse wird durch einen (Markt-)Souverän gesetzt. Traditionell wird eine solche Architektur als Ausnahmezustand beschrieben. • Zu ihm gehören aktuell unzählbare Datenmengen ohne Zweckbezug der Unterscheidungsmerkmale. Dies bestätigt keineswegs die gängige Behauptung, Daten hätten ihre Diskriminierungsqualität verloren, hätten keine, seien neutrale Differenzen. Mit jeder Software wird ein physikalisches Unterscheidungs- und Sozialmodell gesetzt, das zu einer Art Doppelleben der diskreten Ordnungen führt. Denn mit dem primären Schaltungsmodell der 01-Daten sind jeweils spezifische Gruppierungs- und Suchlogiken verbunden, die es dem Nutzer und der Nutzerin ermöglichen, schaltbare Relevanzkriterien einzusetzen, um aus ungerichteten Datenmengen gerichtete Informationsströme zu machen.

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13 Kurze Theorieaspekte Mit ein paar Bemerkungen zu Theorieaspekten möchte ich den Vorschlag, sich mit Praktiken und Akteuren = PraktEuren zu befassen, unterlegen. „Supertheorien“ nannte N. Luhmann jene Gedankengebäude, die einen „Universalitätsanspruch der Gegenstandserfassung“ erheben. Seine Systemtheorie zählte er dazu, und auch die Kommunikationstheorie von J. Habermas. Der Systembegriff baut bei N. Luhmann auf der Leitdifferenz System und Umwelt auf. Er setzt sich damit von dem „primitiven“ (Schluchter 2000, S. 112–113) Denkmuster vom ‚Ganzen und seinen Teilen‘ ab. Zugleich grenzt er sich von dem Klassiker ab: „Das Ganze ist mehr als die Summe seiner Teile“. Systeme und Subsysteme (wie „generalisierte Medien“: Wirtschaft, Wissenschaft, Kunst, Liebe, Gesellschaft) werden als operational geschlossen gedacht, um zugleich ihre informationelle, energetische, materiale Offenheit anzuerkennen. Der offene Umweltbezug garantiert Energie- und Informationszufuhr, die eine „chaotische“ (Küppers 1996) Selbstorganisation immer wieder neu ermöglichen. Die operationale Geschlossenheit benennt jene angenommene Fähigkeit von Systemen, sich dem Chaos und der Entdifferenzierung gegenüber Umwelt (Entropie) zu erwehren. Dies wird ‚Negentropie‘ genannt. Sie ermöglicht es, differenzierte, spezialisierte Ordnungsebenen immer wieder neu zu bilden. Den Dingen, und damit Sachverhältnissen etwas näher kam A. Giddens. Im Rückbezug auf Erving Goffman’s Frameanalysis bot Anthony Giddens in „The Consequences of Modernity“ (1991, S. 92) eine Theorie der Commitments (Verpflichtung, Bekenntnis) an. Die, so ließe sich sagen, kommunikative Fläche des Vertrauens, verband er mit folgenden Schritten: Acces points, faceless commitments (where abstract systems predominate), facework commitments, focused interactions. ‚Die faceless commitments‘ sind nach Giddens „disembedded mechanisms interact with re-embedded contexts of action und „similarly linked in an ambiguous way with those demanding faceworks“. Dieser starke Bezug auf die nicht-angesichtigen ‚Einverständnisse‘, die das Subjekt mitbegründen, müsste man inzwischen erweitern mit Modellen der auswählenden Interaktion, der algorithmisch erzeugten Netz-Tele-Aktion, der beobachtenden/überwachenden Interfaces und Kameras. Aus meiner Sicht ist ein Subjektmodell erforderlich, das auf immersive/virtual/Interface commitments begründet ist. Gegenwärtig verändern die Anwendungs- und Nutzungszusammenhänge von Informations- und Computertechnologien den Organisationskode des anthropologisch modernen Sozialen: Das mediale Selbst, mit dem Menschen Ich- und Selbstmodellierungen bewerkstelligen. Das mediale Selbst wird konfiguriert 1) als (tele-) operatives

Vom Subjekt zum User – und zurück?

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Selbst [HCI], als (tele-)apparatives Selbst [networking], 2) als medientechnisch anonymes Selbst [Big Data], 3) als techno-(broad)casting Self [Selfies, tweets], 4) als instabiles Projekt-Selbst [Communities of Projects] und 5) als telesoziales Selbst [erdweite Habitate-Bindungen]. Waren industrie-bürokratische Gesellschaften u. a. über die Imagination symbolischer Zusammenhänge und vor allem symbolisch geregelter Zugehörigkeit beschreibbar (Mead), so läuft seit WWW, also seit 1990, eine netztechnologische Entzauberung des gesellschaftlich Symbolischen ab. Interaktion ist in IT-Netzen kaum mehr als Bestätigung einer allgemeingültigen/verbindlichen Sozial-Ordnung erfahrbar, die aktive Menschen (elterlich-autoritär) in ihre symbolische Fangarme aufnimmt. Anstelle der Kontinuitäts-Annahme (oder Formfort-setzung) treten uneinheitliche, aber strukturell ähnliche Prozesse, die ich serielle Partizipation, serielles Selbst und diskontinuierliche, projektgebundene Bestätigung nenne.

14 Zum Schluss Die Arbeitsfrage lautete: Vom Subjekt zum User und zurück? Die Antwort lautet: Nein, es gibt kein Zurück in das Schriftwelt-Subjekt. Seit 150 Jahren ist es industrialisiert, seit 40 Jahren digitalisiert es sich selbst. Eine Übertragung der aus der Schriftwelt und frühen Industrialisierung vertrauten Subjekt-Ideale gelingt nicht. Für Subjekt und User gilt: Selbstorganisation ist immer vorläufig, und ohne langfristiges Ziel. Die Beobachtung all dessen ist mit der Frage verbunden, ob man anerkennt, dass die Differenz zwischen sozialer und technologischer Verfassung im heutigen Falle immer geringer wird. Damit entfiele die Begründungskonkurrenz zwischen einer individuellen und sozial-systemischen Subjekt- bzw. User-Begrifflichkeit. Dies macht dann Platz für den menschlichen Akteur in ­Praktiken, den Prakteur.

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Die Geschichte medienbasierter Selbsttechnologien von Rousseau bis Runtastic Gerrit Fröhlich

Zusammenfassung

Im Rahmen des Beitrags wird die mediale Verfasstheit von Selbsttechnologien in den Fokus gerückt. Dies soll zum einen in Form eines allgemeinen theoretischen Konzepts erfolgen, zum anderen entlang der Fallbeispiele des Tagebuchs und der digitalen Selbstvermessung. Selbstführung, wie sie von Foucault unter dem Begriff der Technologien des Selbst erfasst wurden, weisen eine starke medienbezogene Komponente auf. Sie findet einerseits über den medialen Austausch mit anderen statt, andererseits aber auch in direkter Auseinandersetzung mit medialen Artefakten, ihren gegebenen technischen Strukturen und damit ihren konkreten materiellen Eigenschaften und Affordanzen. So evoziert das Tagebuch, basierend auf Schrift und Narration, andere Formen der Selbsterforschung und begünstigt somit andere Subjektformen als die digitale Selbstvermessung, bei welcher die Selbstthematisierung vor allem in Auseinandersetzung mit Zahl und Algorithmus stattfindet. Entlang dieser und weiterer Beispiele soll am Konzept der medienbasierten Selbsttechnologien aufgezeigt werden, wie mediensoziologische Ansätze für eine Soziologie des Subjekts fruchtbar gemacht werden können.

Der vorliegende Beitrag präsentiert in Kurzform zentrale Thesen der abgeschlossenen Dissertation „Medienbasierte Selbsttechnologien 1800, 1900, 2000. Vom narrativen Tagebuch zur digitalen Selbstvermessung“ (Fröhlich 2018).

G. Fröhlich (*)  Soziologie, Universität Trier, Trier, Deutschland E-Mail: [email protected] © Springer Fachmedien Wiesbaden GmbH, ein Teil von Springer Nature 2019 P. Gentzel et al. (Hrsg.), Das vergessene Subjekt, Medien • Kultur • Kommunikation, https://doi.org/10.1007/978-3-658-23936-7_10

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Schlüsselwörter

Subjektivierung · Selbsttechnologien · Selbstthematisierung · Tagebuch ·  Digitale Selbstvermessung · Selftracking · Schriftlichkeit · Quantifizierung

1 Einleitung Ich beginne ein Unternehmen, das ohne Beispiel ist und das niemand nachahmen wird. Ich will meinesgleichen einen Menschen in der ganzen Naturwahrheit zeigen, und dieser Mensch werde ich sein. Ich allein. Ich lese in meinem Herzen und kenne die Menschen. Ich bin nicht wie einer von denen geschaffen, die ich gesehen habe; und ich wage sogar zu glauben, daß ich nicht wie einer der Lebenden gebildet bin. Wenn ich nicht besser bin, so bin ich wenigstens anders (Rousseau 2012, S. 9). I got up this morning at 6:10am after going to sleep at 12.45am. I was awaken once during the night. My heart rate was 61 beats per minute, my blood pressure was 127/74. I had 0 minutes of exercise yesterday, and that’s why my heart rate during exercise was not calculated. I had about 600 milligrams of caffeine, 0 of alcohol, and my score on the narcissm-personality- index, called the npi-16, is reassuring 0.31 (Wolf 2010).1

Hier stehen zwei Äußerungen einer Person über sich, beide formuliert aus dem Wunsch nach nüchterner und umfassender Selbsterkenntnis: zum einen JeanJacques Rousseau und der bekannte Anfang seiner Bekenntnisse, zum anderen ein initialer Vortrag der Quantified Self-Bewegung von Gary Wolf. Bei dem einen die Selbstoffenbarung eines Individuums, das von seiner Einzigartigkeit auf die Einzigartigkeit seines Textes schließt (und umgekehrt), beim anderen „self-knowledge through numbers“.2 Zwischen beiden liegt nicht nur eine zeitliche Differenz von über 200 Jahren, sondern vor allem vielfältige Entwicklungen in den Bereichen Mediengebrauch, verwendeter Semantik, Motiv und Modus der Selbstthematisierung – und diese Entwicklungen bedingen sich gegenseitig. Selbstthematisierung und damit einhergehend (wie im weiteren Verlauf noch verdeutlicht wird) auch Selbsterkenntnis und -transformation sind an die genutzten Medien gebunden: „Von den Leuten gibt es immer nur das, was Medien speichern und weitergeben können.“ (Kittler 1986, S. 5).

1https://www.ted.com/talks/gary_wolf_the_quantified_self

[Letzter Aufruf am 17.01.2018]. ist der Leitspruch der professionalisierten Selbstvermesser, siehe beispielsweise http://quantifiedself.com/ [Letzter Aufruf am 17.01.2018].

2Dies

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Identität und Subjektivität sind eng an die jeweils gegebenen technischen und medialen Gelegenheitsstrukturen gebunden, in denen das eigene Selbst und das eigene Verhalten thematisiert werden kann. Kommunikation liefert „einerseits den Anlass und andererseits die Semantiken für Selbsterfassung“ (Reinhardt 2006, S. 36): Indem das Individuum die Möglichkeit des Selbstbezugs wahrnimmt, eine distanzierte Position zu sich einnimmt und sich damit zum Objekt der eigenen Erkenntnis macht, konstituiert es sich erst als Subjekt. Das Subjekt „spricht sich selbst, wird aber dadurch erst, was es ist“, wie es Judith Butler (Butler 2007, S. 118) ausdrückt hat – beziehungsweise: Es schreibt sich (Rousseau) oder berechnet sich (Wolf). Insofern Selbstthematisierung zum Zwecke der Selbsterkenntnis oder Selbsttransformation in Auseinandersetzung mit medialen Artefakten stattfindet, lässt sich von medienbasierten Selbsttechnologien sprechen. Medien erhöhen die Wahrscheinlichkeit des Auftretens von Kommunikationen über das Selbst sowie die Betonung bestimmter Facetten dieses Selbst bei Unterbelichtung anderer. Welche Aspekte des Lebens also auf welche Weise und mit welchen Effekten in den Fokus der Selbstführung geraten, wird somit auch zur Frage der dabei beteiligten Medien, der medialen Artefakte sowie deren konkreter materieller Beschaffenheit. Die ‚Ordnung‘ des eigenen Lebens wird von Medienordnungen bestimmt, weshalb der Fokus auf die Prägung der Selbstführung durch die jeweiligen Medienformate gelegt werden soll. Hierzu soll in einem ersten Teil das Konzept der Technologien des Selbst von Michel Foucault vorgestellt und darüber hinaus verdeutlicht werden, inwieweit hierbei vor allem die Thematisierung des Selbst eine zentrale Rolle einnimmt. Darüber hinaus soll der Einfluss der Medien auf die Strukturierung jener Selbstthematisierung aufgezeigt werden. Im zweiten Teil des Beitrags soll dies an zwei populären Medienpraktiken durchdekliniert werden: Der Tagebuchführung rund um 1800 sowie der kontemporären digitalen Selbstvermessung.

2 Medienbasierte Selbsttechnologien Zwischenbilanz-Momente gibt es ja dauernd: Badezimmerspiegel, Flusensieb, Bewerbungsgespräch, Flirt, Steuererklärung; beim Therapeuten, Blick in den Reisepass, eine Einzelverbindungsnachweise-Telefonrechnung, in der Wintermantelinnentasche Kinokarten oder Caféhauszuckertütchen aus dem letzten Jahr entdecken, als alles noch ein bisschen anders war (…). Alles Gelegenheiten kurzen Innehaltens, mal sentimental, mal geschockt, selten zufrieden: Aha, DAS [sic] ist dann also wohl mein Leben (Stuckrad-Barre 2016).

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Sich als Subjekt zu bilden stellt das Ergebnis einer gemeinsamen sozialen Erfahrung innerhalb eines bestimmten sozialen sowie – wie im wie im Verlauf des Beitrags deutlich gemacht werden soll – (medien)technischen Rahmens dar. Nach dem Subjekt zu fragen, bedingt die Analyse derjenigen zugrunde liegenden Ordnung, in der sich die Mitglieder einer Gruppe als Subjekte dessen, was sie „tun, denken und sagen […] konstituieren und anerkennen“ (Foucault 1990, S. 49). Die Praktiken und Verfahrensweisen von Selbsterkenntnis und -erprobung, ­Selbstkontrolle und Selbsteinwirkung, die den Prozess der Subjektivierung maßgeblich bestimmen, lassen sich zusammenfassen unter dem Begriff der Technologien des Selbst.3 Diese gelten als Schlüssel zur späten Phase Foucaults (Gehring 2014, S. 102), in deren Verlauf er mit einer „gelassenen Hinwendung zum Individuum, den unverwechselbaren Formen seiner Lebensführung und Möglichkeiten seiner Selbstgestaltung“ (Hesse 2003, S. 300) überraschte. Eine einschlägige Definition findet sich im zweiten Band von Foucaults Sexualität und Wahrheit: Unter den Technologien des Selbst sind hier „gewußte und gewollte Praktiken zu verstehen, mit denen sich die Menschen nicht nur die Regeln ihres Verhaltens festlegen, sondern sich selber zu transformieren, sich in ihrem besonderen Sein zu modifizieren und aus ihrem Leben ein Werk zu machen suchen, das gewisse ästhetische Werte trägt und gewissen Stilkriterien entspricht“ (Foucault 1989, S. 18). Klassische Selbsttechnologien umfassen verschiedene Formen der Askese oder des Trainings; auch Ernährungsdiäten, Meditationspraktiken sowie Traumdeutung gehören dazu (Foucault 1989, S. 98 f.). Das geht bis hin zu gegenwärtigen Beispielen der Körpermanipulationen – beispielsweise Sport, Kosmetik oder Schönheitschirurgie (Villa 2008). Darüber hinaus basiert Selbstführung jedoch in großem Maß auf der Thematisierung des eigenen Verhaltens, der Gedanken, Meinungen, Gefühle und Empfindungen. Im Zentrum des vorliegenden Artikels geht es dementsprechend nicht primär um Diät, Askese oder Meditationen, auch nicht Schönheitshandeln wie Bodybuilding, sondern jene Varianten, die explizit auf Kommunikation beruhen, genauer: Auf der kommunikativen Externalisierung und Vermittlung der eigenen Gedanken, Handlungen, (Körper-)Eigenschaften und Verhaltensweisen. Selbstthematisierung ist in ihren unterschiedlichen Variationen zu einem festen Bestandteil des Alltagslebens heutiger Individuen geworden (Schroer 2006, S. 57), was nicht zuletzt als Effekt der Industrialisierung verstanden werden kann.

3Siehe

exemplarisch die prominenten Beispiele in Band 2 und 3 der Trilogie zu Sexualität und Wahrheit (Foucault 1989, 1995). Zudem finden sich Überlegungen zu den Selbsttechnologien in diversen Interviews und Beiträgen verstreut (Foucault 1987, 1993a, b, 2005a, b).

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Erst die Freiheit von traditionellen Abhängigkeiten liefert Gelegenheit und Motivation zur Herausbildung eines intensivierten Selbstverhältnisses, da die Individuen nun „ihre Biografie selbstherstellen, inszenieren, zusammenschustern müssen (…)“ (Beck und Beck-Gernsheim 1993, S. 179). Was die Person ausmacht und wodurch sie definiert wird, muss zunehmend aus einer prinzipiell unendlichen Fülle potenzieller Erscheinungen, Empfindungen und Handlungen destilliert werden. Identität wird vor diesem Hintergrund im Rahmen kommunikativer Akte zugeschrieben, hergestellt, etabliert und stabilisiert. Nun verspüren Individuen jedoch nicht zwangsläufig aus sich heraus das Bedürfnis, Selbstzeugnis abzulegen, jedenfalls nicht in einer Qualität und Quantität, auf welche sich die Gesellschaft verlassen könnte (Bublitz 2010, S. 57). Deshalb haben sich beispielsweise in der Beichte oder der Psychoanalyse institutionalisierte Prozeduren zum Selbstbekenntnis herausgebildet, die Alois Hahn unter den Begriff der Biografiegeneratoren fasst: „Welche meiner Akte ich nicht vergesse, welche mir nicht vergessen werden, welche Akte und Erlebnisse also zu mir gehören, ergibt sich (…) auch aus den Darstellungsgelegenheiten, die die Gruppe zur Verfügung hält, in denen ein Individuum sich in sozial zurechnungsfähiger Form ‚ausdrückt‘.“ (Hahn 1987, S. 11). Gerade diese Thematisierung des Selbst lässt sich erst dann im Kern erfassen, wenn sie unter dem Gesichtspunkt der Selbsttechnologien analysiert wird, das heißt als spezifische Möglichkeit, zu einem Wissen über sich zu gelangen und auf dessen Basis die eigene Selbsttransformation anzuleiten und nachzuverfolgen. Wenn das Subjekt sich, wie Butler schreibt, als sprachliche Gelegenheit des Individuums verstehen lässt „Verständlichkeit zu gewinnen und zu reproduzieren, also die sprachliche Bedingung seiner Existenz und Handlungsfähigkeit“ (Butler 2001, S. 15), dann sind Biografiegeneratoren also institutionalisierte, auf Langfristigkeit angelegte Triebkräfte der Subjektivierung. Die Frage, wie Selbstthematisierung auf das Selbst zurückwirkt, betrifft nicht nur das Was der Thematisierung, sondern auch das Wie – und dieses Wie muss immer auch medial verstanden werden. ‚Zwischenbilanz-Momente‘ vollziehen sich nicht nur innerhalb eines institutionalisierten Rahmens, sondern – in Gestalt der jeweils zum Einsatz kommenden medialen Strukturen – auch in einem materialisierten. Medien sind hier nicht alleine deshalb relevant, weil sie soziale Interaktionen vermitteln, in denen die Meadsche Übernahme einer externalen Perspektive vollzogen wird, sondern diese Perspektivenverschiebung findet bereits in der Auseinandersetzung mit den medialen Artefakten selber statt. Analog zur Funktion der Massenmedien, der Gesellschaft zu ermöglichen, sich selber zu beobachten (Luhmann 1996) ermöglichen mediale Artefakte somit subjektive Selbstbeobachtung.

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Mit medienbasierten Selbsttechnologien hat man es also dann zu tun, wenn sich Subjekte durch Selbstthematisierung in Auseinandersetzung mit medialen Artefakten selber erkennen und führen: Vom unvermittelten Gespräch über Stift und Papier, Filmkamera und Fotoapparat, Telefon und Fernsehkamera, bis hin zu Smartphone, Tastatur und Bewegungssensor. Medien evozieren Selbstthematisierung, ihre Präsenz bringt Individuen zum Sprechen, zum Schreiben, zum Fotografieren und stellt somit ganz im Sinne Foucaults einen materiellen Anreiz zur Selbstoffenbarung dar. Zwar determinieren sie den Kommunikationsprozess nicht, doch sie strukturieren ihn. Welche Aspekte des Lebens auf welche Weise in den Fokus der Selbstführung geraten, wird somit auch zu einer Frage der dabei beteiligten Medien. Es gilt aus dieser Perspektive somit, Selbstführung durch Selbstthematisierung weniger als Summe ihrer Inhalte (Berghaus 1999, S. 181), als vielmehr als Effekt des Angebotscharakters der genutzten Medien zu begreifen. Christina Schachtner bringt dieses Forschungsprogramm an der Schnittstelle zwischen Medienmaterialität und Subjektivierung folgendermaßen auf den Punkt: Eine subjektivitätsorientierte Technikforschung hat grundlagentheoretische und evaluierende Aufgaben. Sie erarbeitet zum einen grundsätzliche Erkenntnisse über die zwischen den Subjekten und technischen Artefakten entstehenden Interaktionsmuster. Zum anderen sucht sie diese zu bewerten. Sie untersucht, inwieweit die Herstellung und der Gebrauch technischer Verfahren und Apparate Räume eröffnet, die es erlauben, Subjektivität vielfältig zu leben und weiterzuentwickeln (Schachtner 1997, S. 21).

Die Geschichte der Selbsttechnologien lässt sich auf diese Weise auch als Geschichte der Medientechnologien erzählen. Zwar gilt natürlich, dass der Weg von medientechnischen zu sozialen Wandlungsprozessen keine Einbahnstraße ist, sondern dass diese Prozesse vielfältig verschränkt sind: Medien beeinflussen nicht nur Individuen und Institutionen, sondern werden natürlich ihrerseits von Individuen und Institutionen geprägt. Nichtsdestotrotz soll im Rahmen dieses Beitrags der erste Aspekt betont werden, ohne den zweiten in Abrede zu stellen. Im Fokus steht also nicht die Frage, warum die medialen Artefakte so geworden sind, wie sie sind, sondern was sie bewirken, sobald sie existieren und genutzt werden. Um zu verstehen, was in dieser Hinsicht zwischen Tagebuch und Selbstvermessung geschehen ist, soll Friedrich Kittler herangezogen werden: In Rückgriff auf sein Konzept der Aufschreibesysteme (Kittler 2003, S. 501) lässt sich behaupten, dass in den jeweiligen medienhistorischen Epochen nicht nur ein Medium dominanter war als andere, sondern, dass dieses Medium vielmehr einen einzigartigen epistemischen Status einnahm, den es in früheren Epochen noch nicht haben konnte

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und in späteren Epochen wieder verlor. Bei einem Aufschreibesystem handelt es sich um Netzwerke „von Techniken und Institutionen, die einer gegebenen Kultur die Adressierung, Speicherung und Verarbeitung relevanter Daten erlaubt“ (Kittler 2003, S. 501). Diese Netzwerke und die auf ihnen basierenden Kulturen werden von Kittler in Form zweier historischer Zäsuren zusammengefasst: Den Medienumbrüchen um 1800 und um 1900. Ein Aufschreibesystem 2000 wurde von Kittler selber nie expliziert, es finden sich jedoch vereinzelt in späteren Texten und Interviews Hinweise, die im späteren Verlauf dieses Beitrags aufgegriffen und ausgebaut werden sollen, sodass sich eine dritte große Zäsur erkennen lässt. Jeder dieser Umbrüche korrespondiert mit eigenen Formen der Selbstführung durch mediale Artefakte, wie im Folgenden aufgezeigt werden soll.

3 Schrift und Narration im Aufschreibesystem 1800 Ich möchte, daß alle Welt in meinem Herzen liest (Rousseau, zitiert nach Schneider 1986, S. 11).

Das Tagebuch gilt als eines der zentralen „Medien der Selbsterkundung in der Moderne“ (Schroer 2006, S. 51 f.). Zwar nahm Schrift im Rahmen der Selbsttechnologien schon seit der Antike einen besonderen Stellenwert ein, beispielsweise in Form von Traumtagebüchern, Tatenberichten und Chroniken (Gruber 2008, S. 16), doch erst im Aufschreibesystem 1800 fällt die Tradition der Selbstführung in der Auseinandersetzung mit Schrift mit deren Aufwertung zusammen. Die häufig geäußerte Annahme, „dass Subjektivität durch Technologien des Schreibens und Lesens konfiguriert wird“ (Allard 2014, S. 79), lässt sich am Beispiel der Tagebuchführung um 1800 in Bezug zu einem umfassenden Programm der Verbindung von Schrift und (innerer) Natur setzen. Durch die Verbreitung der Schrift im Rahmen erfolgreicher Bestrebungen zur Alphabetisierung wurde Sprache zum „allgemeinen, gereinigten und homogenen Medium“ (­Kittler 2003, S. 47). Das heißt, sie wurde: 1) durch Alphabetisierung und die Etablierung eines Bildungssystems verbreitet, 2) von Mundart bereinigt und 3) Teil eines kontinuierlichen Kreislaufs von Sprechen, Schreiben und Lesen. Vor diesem Hintergrund wird nicht nur der starke Anstieg der Tagebuchliteratur (Wolf 2002, S. 1) verständlich, sondern ebenso, wie der Text als Spiegel des Subjekts erscheinen konnte, sodass der chronistische Ton durch einen subjektiveren abgelöst wurde (Gruber 2008, S. 22). In der Zeit um 1800 waren verschiedene Institutionen, erziehungswissenschaftliche Weltanschauungen und neu entstandene bürgerliche Familienstrukturen daran

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beteiligt, Lesen und Schreiben als eine Art quasi-natürliche Welt- und Selbstanschauung zu installieren. Hier ist neben neuen Spracherwerbstechniken wie der Lautiermethode und dem konzentrierten Lesen lernen in der bürgerlichen Kleinfamilie vor allem das stille Lesen mit der inneren Stimme anzuführen, das in besonderer Weise zur Naturalisierung der Schrift beitrug. War es zuvor üblich, „laut und im Kreis von Zuhörern zu lesen“ (Sarasin 2001, S. 167), ging mit dem stillen Lesen eine Individualisierung der Leserinnen und Leser einher, die sich konzentriert und zurückgezogen mit Texterzeugnissen beschäftigen konnten und sollten. Dieser Rezeptionsstil äußerte sich konkret in der Verbreitung von Anleitungen zum richtigen Lesen, wie sie beispielsweise 1799 von Johann Adam Bergk herausgegeben wurden (Bergk 1799). Da die eigentlichen Sinneseindrücke nicht objektiviert in auditiven und visuellen Medien speicherbar und verbreitungsfähig waren – jedenfalls nicht bis zum Aufschreibesystem 1900 –, wurde diese Funktion zwangsläufig von Handschrift und Lektüre erfüllt, die im Zuge dessen als ebenso natürliche Träger für das ‚Reale‘ erschienen wie später Foto, Film und Grammofon. „Das Schreiben war mühelos und das Lesen lautlos gemacht worden, um Schrift mit Natur zu verwechseln. An Buchstaben, über die sie als gebildete Leser hinweglesen konnten, hatten die Leute Gesichte und Geräusche“ (Kittler 1986, S. 18). Stift und Papier traten als verlässliches Medium von Seele und innerer Natur auf. Die mit Bedeutung aufgeladene subjektive Innenwelt wurde in der Geste des Schreibens nicht allein veräußert, sondern in weiten Teilen erst hervorgebracht. Das Tagebuch als Artefakt wurde somit Instrument und Nachweis der Herausbildung von Subjektivität gleichermaßen. Zugleich führte die Tatsache, dass subjektive Empfindungen nun verstärkt in Form dieser ‚bereinigten‘ Schriftfassung vorlagen, zu einem Verständnis eines Subjekts, das durch Kontinuität geprägt war, das als bewusster Lenker und Urheber seiner Lebensgeschichte erschien. Das Tagebuch zeichnete sich darüber hinaus dadurch aus, Ereignisse in narrativer Form zu gliedern: Durch die vom Medium an das Subjekt herangetragene Linearität der schriftlichen Ausdrucksform erfolgte innerhalb der erzählten Lebensgeschichte eine Strukturierung der eigenen Motive und Entscheidungen. Die Biografie wurde in Form einer (scheinbar) konsistenten Geschichte vorgeführt, die es ermöglichte, Muster zu entdecken, in denen aller Verschiedenheit zum Trotz eine Einheitlichkeit der Identität zutage trat. Es war nicht möglich, unbewusst zu schreiben, und wer den Versuch antrat, seiner Seele im Textspiegel auf den Grund zu gehen, konnte nicht schreiben, ohne zu reflektieren. Narrative Selbstthematisierung erzeugte auf diese Weise das Konzept der Urheberschaft und damit das Gefühl für die eigene Identität und die subjektive Einflussnahme auf das eigene Leben. Tagebuchschreiberinnen und -schreiber wurden auf diese Weise analog zur ‚Erfindung‘ der Autorschaft auch zu Autorinnen und Autoren ihres Lebens stilisiert.

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Im Zuge der Praxis des stillen Lesens und Wiederlesens kanonischer Werke gewann auch die Relektüre der eigenen Selbstzeugnisse, also das beständige, stille, reflektierte Wiederholen des Aufgeschriebenen, an Bedeutung. Relektüre diente aus damaliger Sicht dem Zweck, das eigene Werk stetig zu verbessern und dem Ideal von Selbstinspiration und Selbstkorrektur zu entsprechen (Zanetti 2008, S. 98). Man hat also Zeit zu überlegen, da der Text nicht verschwindet wie das gesprochene Wort. Da Texte mehrfach gelesen werden können, etabliert der kommunikative Umgang mit Texten eine Überprüfung auf innere Kohärenz; genaueres Hinsehen mobilisiert Gegenargumente und erlaubt Beobachtungen zweiter Ordnung, die die dem Text zugrunde liegenden Unterscheidungen freilegen, befragen, kritisieren oder akzeptieren (Bohn 1999, S. 215).

Übertragt man diese Herangehensweise an Schrifterzeugnisse auf textbasierte Selbstthematisierung in Tagebüchern, wird die folgende Beobachtung Butlers geradezu wörtlich genommen: „Ich kann nicht genau erklären, warum ich gerade so geworden bin, und meine Bemühungen um eine narrative Rekonstruktion unterliegen einer ständigen Überarbeitung.“ (Butler 2007, S. 57). In den Tagebüchern und Autobiografien als schriftbasierten Biografiegeneratoren zur selbstbezüglichen Schärfung der eigenen Identität konnte das Innenleben nun gespeichert und reflektiert werden, und den Leserinnen und Lesern trat diese selbst erschriebene Subjektivität in der Relektüre der eigenen Aufzeichnungen wie ein Spiegelbild entgegen, das sich durch Identität und Individualität auszeichnete, das im gleichen Maße mit sich selbst identisch und kohärent erschien wie es sich auch von anderen Personen (und ihren Texten) unterschied. Die neuen Schreib- und Leseerwerbstechniken begünstigten eine scheinbare Gleichsetzung von Schrift und innerer Natur, sodass der Text zum Spiegel der inneren Wahrheit aufsteigen konnte und Selbstführung nun eine Frage der Organisation von Gefühl, Moral und Religiosität wurde. Tagebuchführung als medienbasierte Selbsttechnologie fußte auf dem Text als Spiegel einer auf Innerlichkeit, Individualität und Identität basierenden Selbstbeobachtung und -führung auf Basis von ‚Empfinden und Verhalten‘ (­Boswell 1996, S. 49). ‚Transparenz des Herzens‘ wurde ‚moralischer Imperativ‘ (Han 2012, S. 73). Das Ergebnis war ein Diskursproduktionssystem im Monopol der Schrift, das auf endloser Wiederholung des (Wieder)-Lesens von Geschriebenem und dem Fortschreiben des Gelesenen basierte. Subjektivität wurde „Effekt dieses lesenden Schreibens und schreibenden Lesens“ (Volkening 2008, S. 24). Zugleich sorgten die Linearität des Schriftmediums sowie der Imperativ zur Relektüre für die Erfüllung der Konsistenzanforderungen im Hadern mit der eigenen Identität. Unverwechselbare Handschrift und innere Selbstbeschau in Kombination mit einem Medium, welches das Experimentieren mit Originalität

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und Einzigartigkeit ermöglichte, sollten die Differenz zu anderen verdeutlichen und trugen dazu bei, dass seitdem „unter ‚Individuum’ nicht länger mehr ein unspaltbar kleines Einzelding, sondern ein Einzelsubjekt zu verstehen ist“ (Frank 1988, S. 7). Die Diskursproduktion um 1800 fungierte als „Maschine, die Beichten, Bekenntnisse und damit jene Individualität produziert, die die Romantik produktiv nannte“ (Kittler 2013, S. 21). Auf diese Weise wurde das ‚Ich‘, die eigene, unverwechselbare Identität, zu einem Leitbegriff, dem im Tagebuch mit der Schreibfeder in der Hand auf die Spur gekommen werden sollte (Breithaupt 2014, S. 27). Im Schreiben wie im Lesen der Tagebücher wurde im linearen Medium der Schrift sowie im greifbaren Objekt des Buchs vorgeführt, dass zu einem individuellen Charakter eine individuelle Wahrheit gehöre, und dass mit dem Aufschreiben dieser Wahrheit und aus der Erschaffung eines einzigartigen Textes das Individuum seine Grenzen gegenüber Anderen ziehen kann. So hat die Entdeckung des Selbst im Spiegel des Textes „eine Wendung auf die eigene Person eingeleitet“ (Abraham 2002, S. 140) Der Imperativ, in der Auseinandersetzung mit den eigenen handschriftlichen Selbstzeugnissen das Besondere innerhalb des eigenen Lebens zu entdecken, ist wenigstens in Teilen als ein Ergebnis von medienpädagogischen Einflüssen rund um Alphabetisierung und Handschriftlichkeit zu verstehen. Wer nun schrieb, schrieb als Mensch, als Individuum und als Bürger – nicht besser oder schlechter als Andere, zumindest jedoch: Anders. Die Wandlungen, die zu zum Erkalten der Schriftsprache bei der Übertragung und Konstitution von Innerlichkeit führten (Schneider 1986) und die damit den Weg von der Innenorientierung des bürgerlichen Subjekts zur Außenorientierung der Angestelltenkultur begleiteten, wurden mit dem Aufschreibesystem 1900 eingeleitet.

4 Aufzeichnung und Wiedergabe im Aufschreibesystem 1900 Die elektrische Gedankenschrift, das Elektrenkephalogramm, ist eben neugeboren. (…) Heute schreibt uns das Gehirn noch in Geheimzeichen, morgen wird man vielleicht Geistes- und Hirnkrankheiten aus ihm lesen können und übermorgen wird man sich die ersten aufrichtigen Briefe in Hirnschrift schreiben (Finkler, zit. n. Borck 2008, S. 413).

Während Speicherung, Transformation und Übertragung von Selbstthematisierung im Aufschreibesystem 1800 – im wahrsten Wortsinn – nur manuell stattfanden, wurde im Aufschreibesystem 1900 zunächst die Speicherung automatisiert. In den Jahrzehnten vor der Jahrhundertwende führten Physiologen und Mediziner wie beispielsweise der Angelo Mosso Experimente mit Apparaten durch (Felsch 2007),

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durch welche verschiedene Körperfunktionen wie Gehirnaktivität und Puls in ihrem zeitlichen Verlauf in der Gestalt der Kurve visualisiert werden konnten und die auf diese Weise ehemals subjektives, innerliches Erleben wie beispielsweise Stress objektiv ‚lesbar‘ machen sollten. ‚Transparenz des Herzens‘ konnte nicht mehr nur im Sinne Rousseaus verstanden werden, sondern war nun in Gestalt der Pulskurven buchstäblich Schrift, die vom Herzen ohne den Umweg über Bewusstsein und Selbstreflexion aufgezeichnet werden konnte. Die Epoche um 1900 mit ihren Pulsmessern und Waagen war also mit anderen Worten die Zeit der „Registrirapparate und Registrirmethoden“, wie Ernst Mach (2002, S. 21) es beschrieb. Es setzten sich Medien durch, deren neue Qualität darin bestand, dass die Verbindung von Signifikanten und Signifikaten eine der physikalischen Hervorbringung war – neben den gerade beschriebenen Apparaten waren das vor allem Film, Fotografie und Phonograph. Der Phonograph beispielsweise konnte speichern, „was Kehlköpfe vor jeder Zeichenordnung und allen Wortbedeutungen an Geräusch auswerfen“ (Kittler 1986, S. 29). An die Seite der Literatur traten mediale Artefakte, die Gestalt, Bewegung, Stimme – zuvor Teil der Vorstellungswelt stiller Leserinnen und Leser – exakt speichern konnten. Schreiben war vor diesem neuen Hintergrund „keine natürliche Ausweitung des Menschen mehr, der durch Handschrift seine Stimme, Seele, Individualität zur Welt bringen würde“ (Kittler 1986, S. 305). Was der Mensch in Gespräch und Selbstgespräch wiedergibt, ist – das brachte die neue Speichertechnik nun schmerzhaft ans Licht – keineswegs immer durchdacht und reflektiert. War das Unartikulierte um 1800 noch aus der Speicherung ausgeschlossen, da nichts aufgeschrieben werden konnte, was nicht zuvor bewusst formuliert wurde, schnitten die Medien um 1900 ohne Rücksicht auf Sinngehalt leidenschaftslos alles mit, was zu sehen oder zu hören war. Kein Bewusstsein war mehr nötig, um etwas aufzeichnen oder wiedergeben zu können – und was auf diese neue Weise gespeichert wurde, offenbarte gerade deshalb, dass Sprache und Denken offenbar nie so notwendig zusammengehörten, wie noch hundert Jahre zuvor angenommen wurde. Selbstführung durch Selbstthematisierung hieß in der Psychoanalyse dementsprechend, seine Selbstführung auf jene Mängel zu richten, denen das Bewusstsein unmöglich selber auf die Spur kommen konnte – ganz im Gegensatz zu Tagebuchführung. Kurzum: Den Tagebuchschreibenden wurde der Stift entnommen und – scheinbar – der Natur in die Hände gelegt. „In Analogmedien greift (…), wie der Erfinder des Photokopierverfahrens es nannte, die Natur selbst zum ­Bleistift.“ (Kittler 2002, S. 60) Das Selbst schrieb sich im Aufschreibesystem 1900 nicht mehr selber, sondern es wurde von allerlei (medialen) Registrierapparaturen geschrieben. Kein Subjekt war nötig, durch welches das Geschehen laufen

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müsste, um archiviert zu werden, keine Narration und keine Liste, um Ordnung in die Dinge zu bringen. Das Subjekt zeigte sich nicht mehr nur im Wort, sondern im Klang seiner Stimme, in seinen Bewegungen, seiner Gestik, seiner Motorik, seiner Atmung, seinem Puls – kurzum: Als Ergebnis von allerlei Mechanik, die physikalische Effekte verzeichnet, in denen sich die Subjekte dann wiederfinden konnten, und die damit von Grund auf veränderte, was Subjekte sind, wie Selbstführung vonstattengehen kann und welche Ziele und Motive dabei eine Rolle spielen. Mit der Etablierung mechanischer Schriftsysteme wurde auch die Vorstellung obsolet, dass der Mensch (ausschließlich) in Handschrift und Relektüre seine Seele fände: Selbsterkenntnis hieß hier die Erfahrung eines autarken Körpers, der unablässig Signale sendet, nicht nicht kommunizieren kann, und in dem ein Ich materialisiert war, das nicht selber steuerte, sondern Beifahrer bleibt, und dem man nicht durch eine – nun entzauberte – Selbstlektüre auf die Schliche kam, sondern durch Fokus auf physische Prozesse und ungewollte Äußerungen. Wie sich diese mechanischen Schriftsysteme im Zuge des 20. Jahrhunderts zur digitalen Selbstvermessung weiterentwickelt haben, ist Inhalt des folgenden Kapitels.

5 Zahl und Algorithmus im Aufschreibesystem 2000 Some guy walks in late. We’re having beverages, about to introduce ourselves, and Kevin said: Okay, you came in late, you go first. So instead of giving a little ­discourse, the guy just opened his computer and showed us the most amazing visualization of every minute of his time over the past year. And he said: Okay, well, so this is who I am. You know, I’m gonna show you something about myself rather than tell you something about myself.4

Digitale Selbstvermessung ist als Bündel von Medienformaten mit Fokus auf technischen Artefakten zur – weitgehend selbstständigen – wissentlichen Erfassung, Speicherung, Verarbeitung und Weitergabe von Daten rund um den eigenen Körper, das eigene Verhalten und das persönliche Umfeld zu verstehen. Einer der wesentlichen Kernaspekte der Selbstvermessung besteht in der Umwandlung verschiedenster Lebensaspekte in Zahlen mit dem Ziel der

4Gary Wolf über die Anfänge der Quantified Self Meetups (https://www.youtube.com/watch? v=moEXxSdKqpc, letzter Aufruf am 17.01.2018).

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­ elbsterkenntnis sowie der Arbeit an sich selbst. Nun also wieder: „lauter Dinge, S die ‚gemessen‘ sein müssen“ (Foucault 1989, S. 131), und zwar in Auseinandersetzung mit technischen Medien, welche Informationen in quantifizierter Form speichern, digital prozessieren und übertragen können. Es handelt sich aus der Perspektive dieses Beitrags auch hierbei um auf Dauer gestellte Anreize zur Selbstthematisierung in Auseinandersetzung mit medialen Artefakten. Diese trennen Relevantes von Irrelevantem, sodass sie aus der Perspektive einer Analyse medienbasierter Selbsttechnologie geradezu als der Idealfall eines weniger institutionalisierten als vielmehr materialisierten Biografiegenerators verstanden werden können. Zugleich stellen die Artefakte der digitalen Selbstvermessung damit ein aktuelles Beispiel für die Technologien des Selbst dar, in dem das Schreiben über sich (Foucault 2012) durch die digitale Erfassung, Verarbeitung und Weitergabe von Daten über sich abgelöst wurde. Diese Medieninteraktionen sind wiederum einerseits von institutionellen Bedingungen gerahmt, andererseits von technischen. Deshalb soll digitale Selbstvermessung hier als die medienbasierte Selbsttechnologie des Aufschreibesystems 2000 beschrieben werden, welche auf Basis von Zahl und Algorithmus mittels automatisierter Speicherung, Transformation und Übertragung von Selbstthematisierung Biografien generiert. Nachdem um 1900 bereits die Speicherung von Medien automatisiert wurde, sind nun im Aufschreibesystem 2000 sowohl die Speicherung, Übertragung als auch Verarbeitung von Daten über das Selbst automatisiert. Die dauerhafte und lückenlose Alltagserfassung in Zahlenform findet statt, ohne dass diesem Prozess zu viel Aufmerksamkeit gewidmet werden müsste. In diesem Imperativ zum nicht nur sporadischen, sondern möglichst umfassenden Zählen verbirgt sich die Vorstellung, dass eine Selbsterkenntnis, die sich aus Zahlen ergibt, umso zuverlässiger sei, je gleichmäßiger und lückenloser diese erhoben wurden. Ermöglicht wurde dies durch die im Aufschreibesystem 2000 vorherrschende Stellung der Zahl sowohl auf der technischen Hinterbühne in Form von Prozessoren, Programmen und Algorithmen, als auch durch die Institutionalisierung der Zahl als Kommunikationsmedium (Mau 2017). Aussagen, die in Form von Zahlen vermittelt werden, erfahren eine höhere Akzeptanz, sodass ihnen einerseits im Vergleich zu sprachlichen Aussagen ein höherer Wahrheitsgehalt unterstellt wird, sie andererseits aber auch Anschlusskommunikationen wahrscheinlicher machen. Zahlen haben im Aufschreibesystem 2000 begonnen, sich von den Buchstaben zu befreien (Flusser 2002, S. 29), sind jedoch „keine zeitlosen Ideen, sondern historische Aprioris, die operativ und medial hergestellt werden“ (Kittler 1992). Deshalb geht mit der Verwendung von Zahlen eine besondere Eigenlogik einher, die sich auf den Modus der Selbstführung überträgt und damit die Selbstverhältnisse der Nutzerinnen und Nutzer strukturiert. Aus diesen Eigenarten ergibt sich der

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auffällige Schwerpunkt der digitalen Selbstvermessung auf physische und physiologische Eigenschaften: Da automatisiert nur dasjenige überhaupt speicherbar wird, was leicht zu quantifizieren ist, richten sich Selbstthematisierung und damit auch Selbstführung im Rahmen der digitalen Selbstvermessung vor allem auf den individuellen Körper, sein Gewicht, seine Form oder seine Leistungsfähigkeit. Physiologische Eigenschaften werden auf diese Weise zum zentralen Inhalt der Selbstthematisierung, während sich jemand, der beispielsweise Glück oder Zufriedenheit erfassen will, schnell mit den Grenzen der Quantifizierbarkeit konfrontiert sieht (Kappler und Vormbusch 2014). An die Stelle von Schrift und Mechanisierung tritt nun ein rechnerisches Kalkül, das zwischen Aufzeichnung und Darstellung die Transformation setzt. Technologien digitaler Selbstvermessung registrieren nicht nur, sie transformieren und ordnen. Quantitative Aussagen sind unabhängig von Inhalt und Bedeutung gemäß mathematischer und kalkulatorischer Regeln transformierbar, was im Aufschreibesystem 2000 auf der technischen Seite zunehmend in Form von Algorithmen implementiert werden kann. „Obschon die Herstellung von Zahlen (Statistiken, Bilanzen etc.) eine Vielzahl von Entscheidungen erfordert, werden sie in der Regel für die Sache selbst gehalten (…). Statistiken geben vor, eine Realität zu zeigen, die außerhalb von ihnen liegt und durch sie sichtbar gemacht wird“ (Heintz 2010, S. 170). Diese Herrschaft der Regel (Heintz 1993) auf der medientechnischen Hinterbühne geht im Falle der digitalen Selbstvermessung von der simplen Aufforderung von Aktivitätstrackern, pro Tag eine bestimmte Zahl von Schritten zu laufen, über Empfehlungen von Diet-Trackern wie myfitnesspal, die auf eine zu hohe oder zu geringe Kalorieneinnahme hinweisen, bis hin zu komplexer Mustererkennung durch Dienste wie tictrac, die auf Korrelationen zwischen unterschiedlichen Daten hinweisen sollen – und dazu beispielsweise die Häufigkeit von Migräneanfällen mit der Zahl der Termine im Google-Kalender abgleichen, um der Nutzerin oder dem Nutzer den Zusammenhang zwischen Stress und Gesundheit vor Augen zu führen. Auch subtilere Formen der Datenverarbeitung wie die Visualisierung stellen das Ergebnis eines automatisierten zahlenbasierten Transformationsprozesses dar, welcher der Grafik selber nicht mehr anzusehen ist: „Zwischen dem vermessenen Objekt und seiner bildlichen Darstellung liegt eine Vielzahl von Aufzeichnungen und Bearbeitungsschritten, die sich im Prinzip an jedem Punkt in verschiedene Richtungen verzweigen können.“ (Heintz 2007, S. 78). Dieser in der digitalen Selbstvermessung dominante Aspekt der Datenvisualisierung ist im gleichen Maß wie die in ihr verborgene Quantifizierung Ausdruck der Vorstellung, wahrheitsgemäße Selbsterkenntnis sei nur über den Umweg mathematischer Abstraktion

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möglich, weniger jedoch mittels Fotografien oder gar der schlichten Betrachtung der anwesenden Körper selbst (und schon gar nicht in unzuverlässigen schriftlichen Aufzeichnungen). Die auf technischer Ebene stattfindende Quantifizierung ermöglicht es, das Erkennen von Mustern im Alltag an die Technik auszulagern, was eine Verschiebung der Interpretationsinstanz mit sich bringt. Die Transformation von unbestimmten Eigenschaften in Zahlen erfordert, ebenso wie die Transformation von Lebenslauf in Biografie, eine Arbeit, die im Falle der digitalen Selbstvermessung jedoch nicht von der Nutzerin oder dem Nutzer selber geleistet und gesteuert wird, sondern an technologische Prozesse und damit letzten Endes an Programmierleistung abgegeben wird. Die Umwandlung der eingegebenen Daten in Zeitverläufe findet automatisiert statt, Grafiken werden ohne Zutun der Nutzerinnen und Nutzer erstellt und Muster Analysen unterzogen, bei denen nicht selten am Ende ein Handlungsimperativ oder zumindest eine Evaluation in Form von grünen oder roten Signalfarben stattfindet. Im Falle der digitalen Selbstvermessung werden darüber hinaus verschiedene Individuen, aber auch verschiedene Stadien desselben Individuums ‚kommensurabel’, das heißt in mindestens einer Hinsicht vergleichbar, bei gleichzeitiger Aufrechterhaltung der Möglichkeit, sich hinsichtlich des konkreten Wertes zu unterscheiden. Hier findet sich im Aufschreibesystem 2000 eine funktionale Äquivalenz zur Tagebuchführung um 1800, durch die vor allem Identität und Individualität herausgearbeitet wurde: Auch der numerische Vergleich erlaubt es, einerseits Identität herzustellen, andererseits Differenz. Schritte machen nahezu alle Personen, die Schrittzahlen hingegen können voneinander abweichen. Gerade im Fall des intrapersonalen Vergleichs lässt sich auf diese Weise biografische Kohärenz mit der Betonung von Individualität kombinieren: „Die digitalen Daten sind zwar für jedes Individuum anders, aber als Digitalwerte sind alle gleich und vergleichbar.“ (Belliger und Krieger 2014). Kurzum: Im Zuge einer technisch bedingten und institutionell gestützten Reduktion jeglicher Botschaften auf das Format der Zahl wird den Nutzerinnen und Nutzern im Aufschreibesystem 2000 nicht nur die Übertragung und Speicherung, sondern mittels mathematischer Algorithmen auch die Informationsverarbeitung aus der Hand genommen. Diese dreifache Automatisierung der Selbstthematisierung bleibt nicht ohne Folgen: Verschiedene Aspekte des Selbst können durch die Transformation in Zahlen automatisiert gespeichert, verarbeitet und weitergegeben werden, immer vorausgesetzt, sie lassen sich überhaupt in quantifizierter Form ausdrücken, weshalb bei der Umwandlung von Lebenslauf in Biografie auch nur das relevant ist, was Zahl werden kann. Im Ergebnis werden physiologische Aspekte auf- und Innerlichkeit abgewertet.

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Quantitäten sind, mit Luhmann gesprochen, nicht so unschuldig, wie es scheinen könnte“ (Luhmann 1996, S. 60). Zahlen und die auf ihnen basierenden Visualisierungen beziehen sich auf eine vermeintlich objektiv existierende Realität und erscheinen als blinder Fleck der Selbstdarstellung, klammern aber gerade dadurch die Normen der Messung, Transformation und Kommunikation von Zahlen aus. Somit sind in die Anwendungen rund um die digitale Selbstvermessung einerseits bestimmte gesamtgesellschaftliche Tendenzen zur Verwendung von Zahlen eingeschrieben, andererseits strukturieren sie die Handlungen der Nutzerinnen und Nutzer und legen auch ihnen wieder nahe, sich selbst in Form von quantifizierten Daten auszudrücken, um dort dem wahren, ‚authentischen‘ Wissen über sich auf die Spur zu kommen.

6 Fazit Jede dieser Zeichenarten [Buchstaben, Ziffern, grammatische Zeichen] fordert den Schreibenden auf, nach den ihnen entsprechenden Denkarten zu denken: Man hat, wenn man Gleichungen schreibt, anders zu denken, als wenn es darum geht, Symbole für Regeln oder Worte einer Sprache zu schreiben (Flusser 2002, S. 26).

Der Weg von der Selbsterzählung zur Selbstzählung ist Ausdruck eines tief greifenden medientechnischen und institutionellen Wandels, der sich vor allem im Verlauf der letzten zweihundert Jahre vollzog und sich entlang der großen Zäsuren 1800, 1900 und 2000 einteilen lässt. Zwischen Rousseau, der sich selbst (be)schreibt und damit am Beginn der modernen Selbstthematisierung steht, bis hin zu den Selbstvermessern, die mit sich rechnen (lassen), haben sich in diesem Sinne zahlreiche Entwicklungen vollzogen: Von der Handschrift über die Körperspuren hin zu statistischen Kurven, von der Innerlichkeit zur Körperbezogenheit, von der Kausalität zur Korrelation, von der Identität mit sich zum Vergleich mit dem Anderen. In medienbasierten Selbsttechnologien (das heißt: Der Selbstführung durch Selbstthematisierung in Auseinandersetzung mit medialen Artefakten) kreuzen sich soziale Anforderungen zur Selbstgestaltung mit den Effekten medialer Eigenschaften. Die materielle Dimension der im Rahmen medienbasierter Selbsttechnologien beteiligten Medien ist als konstitutives Element von Biografiegeneratoren zu verstehen, sodass Kulturen der Selbstführung sich entlang der durch Speicherungs-, Transformations- und Übertragungsmedien bereitgestellten Strukturen der Ermöglichung und Einschränkung von Selbsterkenntnis unterscheiden lassen. Sämtliche medienbasierten S ­ elbsttechnologien

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im hier diskutierten Sinn fußen auf der Überzeugung, dass Selbsterkenntnis durch die jeweiligen Medien möglich und nötig sei, und dass die jeweils dominierenden Medien, auf die richtige Weise genutzt, einen geradezu natürlichen Zugriff auf das objektivierte Selbst erlauben würden. Sei es in der Schrift um 1800, in den Kurven um 1900 oder in der Zahl um 2000: Im Zentrum stand jeweils die Vorstellung, der ‚Natur‘ selber – der inneren, psychischen, wie auch der äußeren, physischen – könne der Stift überreicht werden, sodass man mittels einer scheinbaren Natürlichkeit der mediengestützten Selbsterfassung, zu authentischer Selbstthematisierung, objektiver Selbsterkenntnis und damit zu gelingender Arbeit an sich selbst kommen könne. Sein Leben ‚in Ordnung zu bringen‘ bedeutet deshalb nicht zuletzt, es in Medienordnungen einzupassen und entlang ihrer technischen Standards zu strukturieren. Durch die Speicherung, Verarbeitung und Übertragung derjenigen Eigenschaften, die dem Subjekt ‚zugeschrieben‘ werden können, wird Selbstthematisierung zur Selbstführung durch mediale Artefakte ermöglicht, hervorgebracht, gegliedert und begrenzt. Sie ermöglichen mittels ihrer Speicherfunktion die Objektivierung des Selbst, bestimmen in ihrer Verarbeitungsfunktion die Arten und Weisen, auf die das Subjekt zu Wissen über sich gelangen kann und binden in ihrer Übertragungsfunktion andere mit ein oder schließen sie aus. Auf diese Weise greifen Medien in die Herstellung des Selbstverhältnisses und damit in den Prozess der Subjektivierung ein, evozieren Identität, Individualität, moralische und religiöse Selbstreflexion, aber auch den Fokus auf Körperlichkeit und physikalisch Messbares, auf Ranglisten und Vergleiche. Somit zeigt sich, wie sehr die „Modi des Sagens und Schreibens“ (Hahn 1987, S. 16) (medien)technisch strukturiert sind. Die von Foucault gestellte Frage, wie sich Mitglieder einer Gruppe als Subjekte dessen, was sie „tun, denken und sagen […] konstituieren und anerkennen“ (Foucault 1990, S. 49), hängt zu einem großen Teil an den Möglichkeiten und Einschränkungen, ob und wie es gesagt, geschrieben, aufgezeichnet oder errechnet werden kann. Zwar kann die medienfokussierte Analyse eines derart komplexen Prozesses immer nur ein Puzzlestück neben anderen sein. Was mit dem Konzept der medienbasierten Selbsttechnologien jedoch vorliegt, ist eine Denkfigur, die verschiedene Teildisziplinen der Soziologie sowie der Medien- und Kommunikationswissenschaften in den Dialog miteinander bringt, gleichzeitig den Fokus auf die unterschätzten Artefakte und Medientechnologien legt und zeigt, wie die Diskursanalyse vom Inhalt der Archive zur Form der Archive gleiten kann.

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Subjektinszenierung und Kommunikationsmacht digital Holger Herma und Laura Maleyka

Zusammenfassung

Im Gegensatz zur Face-to-Face-Kommunikation entbehrt digitale Kommunikation konventioneller Sprecherpositionen. Diese müssen erst durch soziale Praktiken der Kommunikation hergestellt werden. Dies gilt insbesondere für sehr gering strukturierte, diskursive Medienformate wie Online-Kommentarbereiche. Unser Beitrag fragt danach, wie es Akteuren und Akteurinnen in einem solchen Setting gelingt, eine intelligible Subjektpositionierung herzustellen. Dazu führen wir eine Fallanalyse anhand des Online-Kommentarbereichs der ZEIT online (ZON) durch. Wir gehen dabei davon aus, dass den Diskursteilnehmenden daran gelegen ist, als souveräne Subjekte in Erscheinung zu treten, indem es ihnen gelingt, Gesprächsrahmungen zu setzen, denen andere Teilnehmende folgen. Gelingt es Akteuren und Akteurinnen einen solchen Gesprächsrahmen zu etablieren, sprechen wir in Anlehnung an Jo Reichertz von der Erlangung von Kommunikationsmacht. Schlüsselwörter

Digitale Kommunikation · Digitale Subjekttypen ·  Kommunikationsmacht · Online-Kommentarbereiche · Praktiken der Subjektivierung · Subjektpositionierung

H. Herma (*) · L. Maleyka  Institut für Sozialwissenschaften, Universität Hildesheim, Hildesheim, Deutschland E-Mail: [email protected] L. Maleyka E-Mail: [email protected] © Springer Fachmedien Wiesbaden GmbH, ein Teil von Springer Nature 2019 P. Gentzel et al. (Hrsg.), Das vergessene Subjekt, Medien • Kultur • Kommunikation, https://doi.org/10.1007/978-3-658-23936-7_11

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1 Einleitung Ist Subjektivität in der digitalen Kommunikation eine andere oder ist sie anders strukturiert als in analoger Kommunikation? In der Kommunikation unter Anwesenden, in der Face-to-Face-Situation, ist die Autorität einer Sprecherperson in Teilen bereits mitgebracht. Sie ist unter bestimmten Gesichtspunkten bereits gegeben, da entweder bekannt ist, mit wem man spricht oder dies unmittelbar und rasch prüfbar ist – also auch an Merkmalen, die nicht aus dem Sprechinhalt selbst entspringen. In den klassischen Verbreitungsmedien, abseits von Face-to-Face, ist dies die jeweilige Autorität der Medienpositionen (eine Zeitung, ein TV-Sender u. a.) und sind es die jeweiligen kulturell etablierten Subpositionen wie Sparten und Rubriken, aus denen heraus jemand spricht, zum Beispiel ein Leitartikel, eine Kolumne, ein Kommentator bzw. eine Kommentatorin oder Moderator bzw. Moderatorin oder ein eingeführter ‚Experte‘ bzw. ‚Expertin‘ in einer Talkshow. In Feldern digitaler Kommunikation, wie dem im Folgenden betrachteten Online-Kommentarbereich, existiert eine solche mitgebrachte Autorität nicht. Man kennt in der Regel nur den Nickname der Person. Andere Identitätsmarker, auf die man in analoger Kommunikation zurückgreifen kann, wie realer Name, Alter, Geschlecht, Beruf/Qualifikation, soziale Herkunft, etc., sind hingegen unbekannt. Eine Sprecherautorität muss mithilfe bestimmter sozialer Praktiken erst hergestellt werden. In der Weise, wie diese hergestellt wird, zeigen sich daher Praktiken der Subjektivierung, das heißt speziell solche, die die Teilnehmenden als Sprechende identifizieren und legitimieren sollen. Und mit Blick auf digitale Kommentarbereiche ist mit Sprecherautorität nicht die aus einer Tradition, aus einem institutionell präetablierten Verhältnis abgeleitete oder die über Gewaltherrschaft durchgesetzte Autorität gemeint, sondern diejenige, die es ohne diese Mittel vermag einen Diskurs zu etablieren, dem gefolgt wird – der also zu Anschlusskommunikationen führt. Wir wollen dies an dem speziellen Fall eines Ausschnitts einer Kommunikation in einem Online-Kommentarbereich beobachten und entwickeln. Mit der programmatischen Überschrift „Schlecht, schlechter, Geschlecht“ betitelte der Journalist Harald Martenstein im Juni 2013 eine Kolumne in der ZEIT, in der er die Legitimität der Gender Studies diskutiert. Durch seine soziale Rolle als Journalist ist seine Subjektpositionierung prädeterminiert. Anders verhält es sich im Online-Kommentarbereich der ZON, in dem über eben diesen Artikel diskutiert wurde. Hier finden sich 432 Kommentare, die von Leserinnen und Lesern des ZON verfasst wurden und in chronologischer Reihenfolge erscheinen. Durch die Charakteristika dieser Diskursform (unüberschaubare Beteiligung

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von ­ Diskurteilnehmenden, schwierige Nachvollziehbarkeit der inhaltlichen Anschlüsse von Beiträgen zu Beiträgen anderer Userinnen und User), ist zunächst unklar, wer sich beteiligt. Im Mittelpunkt unseres Beitrags steht daher die Frage nach den kommunikativen Praktiken, über die sich diese Akteure und Akteurinnen in einem digitalen Forum als Subjekte entwerfen und Publikumsresonanz erlangen. Wir gehen davon aus, dass sich in der Anerkennung und Durchsetzung von Sprecherpositionen zugleich Prozesse der Subjektivierung artikulieren. Daher fragen wir, wie sich diese unter den medialen Rahmenbedingungen der Kommunikation in Online-Kommentarbereichen etablieren können. Und zwar im Hinblick auf solche, die im Online-Kommentarbereich zu besonderen Resonanzen, speziell: Die zu Kommunikationshoheiten führen. Im Anschluss an Reichertz (2009) nennen wir dies im Folgenden Kommunikationsmacht. Von Kommunikationsmacht sprechen wir, wenn es Sprecherinnen oder Sprechern über ihre Beiträge gelingt, die Geltung von Rahmendefinitionen eines Kommunikationsgeschehens durchzusetzen. Am Verlauf von Diskussionen in einem Online-Kommentarbereich lässt sich also ex post beobachten, dass solche Rahmendefinitionen durchgesetzt wurden, ohne zugleich oder gar davor nach dem wie ihrer Durchsetzung zu fragen bzw. hierzu ein Modell voranzustellen. Mit dieser Analyseeinstellung deuten wir auf einen Aspekt von Online-Kommentarbereichen hin, der uns wichtig erscheint: Die besonderen Bedingungen der Resonanzbildung, die dem Format zu eigen sind und die in den folgenden Abschnitten skizziert werden. Denn einiges stellt sich bei digitalen Kommunikationsformen anders dar als in Face-to-Face-Situationen oder bei analogen Kommunikations- und Medienformaten. Die Mediengattung (Ayaß 2004) Online-Kommentarbereich gibt eine spezifische Strukturierungslogik vor, die in analogen Kommunikationsgattungen nicht vorzufinden ist. Hierbei kommt eine exklusive Form der Aufmerksamkeitsökonomie zum Tragen, die vor dem Hintergrund eines unsichtbaren Publikums entsteht. Die ‚schweigende Mehrheit‘ (Stegbauer und Rausch 2001) der Mitlesenden führt zu bestimmten Resonanzmechanismen und zu spezifischen Weisen der Selbstdarstellung. Wir gehen davon aus, dass die Beteiligten an Online-Diskussionen zuerst vor der Herausforderung stehen, sich selbst als Diskussionsteilnehmende wahrnehmbar zu machen, und zwar in einer Weise, die Aufmerksamkeitsgeltung beanspruchen kann. Durch die fehlende physische Ko-Präsenz sind gestische und mimische Feedback-Mechanismen nicht gegeben. Außerdem müssen die sozialen Folgen eines Disputs im Online-Kommentarbereich nicht getragen werden – im analogen Bereich sind diese Folgen dagegen groß.

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Wir setzen also nicht an der möglichen Intention und Motivation der Akteure und Akteurinnen an, welches Subjekt sie sein wollen. Hingegen betrachten wir die faktische Praxis der Kommunikation und gehen davon aus, dass sich Subjektivität erst über die Identifizierung eines Subjekts in der Einnahme oder Zuweisung einer Position in der Praxis des Sprechens konstituiert. Diese Subjektpositionen sind Voraussetzung zum Sprechen, insofern fassen wir hier Subjektpositionen speziell als Sprecherpositionen. Betrachten wir das Subjekt als Prozessstruktur, können wir seine Konstitution daher auch empirisch nachvollziehen, so etwa im Nachvollzug von Akten der Positionierung in einem kommunikativen Geschehen (Lucius-Hoene und Deppermann 2004).

2 Online-Kommentarbereiche und die Frage der Kommunikationsmacht Als empirischer Gegenstand können Medien in ihrem Einfluss auf gesellschaftliche Wandlungsprozesse untersucht werden, wie sie auch mit dem Konzept der Mediatisierung (Krotz 2001) in den Blick genommen werden. Innerhalb der Mediatisierungsperspektive oder auch den mediatisierten Welten (Krotz und Hepp 2012) ist nun insbesondere der Aspekt des Wandels von Kommunikation von besonderer Bedeutung, da er maßgeblich den Prozess der Subjektivierung abzubilden vermag (Mikos 2005). Das bedeutet in Bezug auf Kommentarbereiche im Internet, dass Kommunikation hier schriftlich, asynchron und im Distanzbereich stattfindet (Schuegraf und Meier 2005, S. 425), gleichzeitig aber eine sprechsprachliche Pragmatik bzw. eine konzeptuelle Mündlichkeit (Koch und Österreicher 1985) aufweist, durch die Nähe inszeniert wird (Schuegraf und Meier 2005, S. 427). Online-Kommentarbereiche können als Plattform der Äußerung und des Austauschs von Meinungen und Erfahrungen betrachtet werden. Gleichzeitig sind sie von außen eher schwach reguliert. Neben der thematischen Setzung eines Online-Kommentarbereichs gibt es kaum strukturelle Regelungen des Kommunikationsverlaufs: Aufgrund der Anonymität müssen unter anderem Sprecherposition, Turn-Wechsel/-Folge, Sprecheranzahl, Länge eines Redebeitrags (Sacks et al. 1974, Sacks 1984), inhaltliche und sprachliche Anschlussfähigkeit von Beiträgen erst ausgehandelt werden, weshalb wir davon ausgehen, dass Forenkommunikation einem instantanen Selbstregulativ unterliegt. Insofern stehen Akteure und Akteurinnen in einem Online-Kommentarbereich vor einer Herausforderung, die kennzeichnend für Online-Kommunikation im Allgemeinen ist – die Aushandlung einer Sprecherposition bzw. einer Identitätsform (Döring 2010; Schmidt 2011).

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Aufgrund der in Online-Kommentarbereichen diffusen Kommunikationssituation ist es für die Akteure und Akteurinnen gleichfalls schwierig, Gewissheit darüber zu erlangen, ob ihre intendierte Sprechposition von den anderen Diskursteilnehmenden anerkannt wird oder nicht. Likes etwa zeigen Bestätigung, Zustimmung oder Applaus an, sind aber ohne Beweis, ob dem Sprecher oder der Sprecherin auch diskursiv gefolgt wurde. Wir gehen deshalb davon aus, dass Sprechern und Sprecherinnen in Online-Kommentarbereichen daran gelegen ist, über ihre Beiträge eine Deutung zu etablieren, der Andere folgen. Diese Art der Einflussnahme kann als Kommunikationsmacht beschrieben werden, wie sie Reichertz (2009) bestimmt. Für den empirischen Fall des theoretischen Konzeptes der Kommunikationsmacht gehen wir daher davon aus, dass diese nicht einfach auszählbar ist (z. B. anhand von Likes oder Leserempfehlungen). Sie muss sich vielmehr darin zeigen, wie nicht nur einfache Reaktionen generiert werden konnten, sondern, dass gewissermaßen das Steuer in der Hand behalten wird – dass in der Kommunikation also Rahmen gesetzt werden, denen gefolgt wird. Erfordert ist folglich eine diskursive Resonanz. Wie können sich Teilnehmende in einem Online-Kommentarbereich diskursive Resonanz ihrer Kommentare verschaffen? Das überzeugende Argument (Toulmin et al. 1979) allein kann es kaum sein. Dies ist nur in einem bereits anerkannten Rahmen von Aussagen, auf den sich die Teilnehmenden beziehen können, wahrheitsfähig. Auf diesen Rahmen müssen sich die Sprecher und Sprecherinnen allerdings erst verständigen, weswegen sie sich zunächst im Online-Kommentarbereich gewissermaßen in einer ‚verwaisten‘ Situation befinden.1 Wer wie welches Aussagesystem akzeptiert, muss erst herausgefunden bzw. ausgehandelt werden. Wir gehen daher davon aus, dass es die Behauptung einer Autorität ist, mit der ein überzeugendes Argument überhaupt geführt werden kann. Gemeint ist die Behauptung und Etablierung einer Sprecherposition, von der aus Argumente anerkennungsfähig sind. Als Analyseeinstellung dafür setzen wir den Fokus daher so: Liegt ein rahmendes System von Prämissen als gültige Sicht einer Situation vor und folgen kommunikative Beiträge einer zuvor eingeführten Rahmendefinition, wurde diskursive Resonanz im Sinne von Kommunikationsmacht erlangt. Dies zeigen wir im Folgenden anhand einer Fallanalyse.

1Damit

ist nicht gesagt, dass die Situation strukturlos bleibt. Es ist davon auszugehen, dass sich vergleichsweise klare Strukturen etablieren. Jedoch sind sie nicht in solch starkem Maße vorjustiert, wie es beispielsweise für Artikel in überregionalen Zeitungen der Fall ist.

232

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3 Lotosblüten – Subjektinszenierung am Beispiel einer Userin des ZON Die Userin Lotosblüten ist eine auffallende Diskursteilnehmerin im Kommentarbereich des ZON2. Mit einer Gesamtzahl von 36 Postings ist sie eine Teilnehmerin, die sich sehr häufig beteiligt. Dabei initiiert sie nie eigene Themen, sondern antwortet immer auf Beiträge anderer User. Zwei Usern antwortet sie besonders häufig. Diese sind anarkarsis, auf dessen Beiträge sie 14 Antworten schreibt und ATopper, dem sie 13 Mal antwortet. Weitere User auf deren Postings Lotosblüten antwortet sind AriDeVille und citro, (jeweils drei Antworten) sowie Mario Fox, gorgo und Ortmann (jeweils eine Antwort). Dass so viele Antworten auf die User anarkasis und ATopper entfallen, liegt daran, dass sie ebenso Lotosblüten antworten und diese ihrerseits wieder antwortet. Auf diese Weise entwickeln sich zwei eigenständige Diskurse, die wir Diskursnetze genannt haben. Als eigenständige Diskursnetze zeichnen sie sich dadurch aus, dass mehrere Teilnehmende über einen gewissen Zeitraum über ein eigenständiges Thema diskutieren und dabei immer wieder an Beiträge anderer Nutzer anschließen. Lotosblüten beschreibt sich selbst in einem ihrer Postings als „denkende Frau“ und als „Mathematikerin“ (Posting 186), die „Mathematik an einer Uni“ (Posting 188) lehrt. Durch diese Selbstaussagen wissen wir etwas über ihr Geschlecht, ihren Bildungshintergrund und ihre berufliche Tätigkeit. Da Lotosblüten unter einem Pseudonym in einem digitalen Kommentarbereich in Erscheinung tritt, lässt sich ihre Subjektivierung ausschließlich über ihre kommunikativen

2Das

Material stammt aus einem von der DFG geförderten Forschungsprojekt, das die Unterschiede zwischen digitaler und analoger Kommunikation untersucht. Hierzu wurden u. A. kommunikative Rahmungen in Debattierclubs, in bildbasierter Kommunikation (Selfies, Memes, Instagram), im journalistischen Sprechen und in Foto- und Filmclubs rekonstruiert und in Hinsicht auf die Bedingungen der Herstellung von Kommunikationsmacht untersucht. In Bezug auf Online-Kommentarbereiche wurden hierzu u. A. entsprechende Bereiche zu Artikeln des aktuellen Tagesgeschehens unterschiedlicher namhafter Tageszeitungen untersucht. Die Userin Lotosblüten wurde als eine von vielen möglichen Kommentatoren für diesen Beitrag ausgewählt, weil sie vergleichsweise viele und lange Posts verfasst hat. Damit können wir auf reichhaltiges Material zurückgreifen, um hier eine gesättigte Analyse ihrer Subjektinszenierung vorlegen zu können (für weitere Ergebnisse der Analyse dieses Kommentarbereichs vgl. Maleyka und Oswald 2017). Gleichfalls präsentieren wir hier ein Fallbeispiel, das nach einer dezidierten Feinanalyse fragt. Die Verallgemeinerbarkeit der Ergebnisse, also die Frage, ob die hier festgestellte Art der Subjektinszenierung charakteristisch für Kommentarforen im Allgemeinen ist, muss erst durch eine quantitative Analyse überprüft werden.

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­ andlungen erschließen. Dabei fällt zunächst auf, dass die Postings von LotosH blüten bestimmte wiederkehrende Charakteristika aufweisen. Fast immer beginnt sie ihren Beitrag, indem sie einen Ausschnitt eines anderen Users oder einer Userin zitiert, um hieran anzuschließen. Dies tut sie meist im Modus der Kritik. Sie weist zurecht, korrigiert, stellt richtig, ordnet ein und mahnt fehlerhafte Ausführungen an. Dabei positioniert sie die Autoren, indem sie ihre vermeintlich fehlerhafte Ausführung als persönliche Verfehlung rahmt, die diese zwar aufgrund mangelnden Wissens oder unzulänglicher Argumentation vornehmen, jedoch in der Absicht zu täuschen bzw. Sachverhalte aus taktischen Gründen in einen falschen Zusammenhang zu stellen. Diese Fremdpositionierung ihrer Mitdiskutanten als notorisch Täuschende, Verschleiernde oder Taktierende ermöglicht es ihr aus einem stetigen Gestus der Empörung und Entrüstung zu sprechen. Denn nur so kann Lotosblüten an moralische Werte appellieren; nämlich den Wert der Aufrichtigkeit, den die anderen Diskursteilnehmenden (vermeintlich) verletzen. Durch das direkte Zitat positioniert sich Lotosblüten gleichfalls selbst. Denn das Zitat ist ein objektives Mittel der Beweisführung, da es einen Beleg für die Aussage, auf die sie sich bezieht darstellt. Sie kann damit aufzeigen, dass sie genau und präzise vorgeht und sich profunde mit der kritisierten Position auseinandergesetzt hat. Gleichfalls kann sie belegen, dass sie selbst redlich vorgeht, da das Original für die Unverfälschtheit der Aussage steht. Somit kann Lotosblüten ihrer eigenen Sprachhandlung Seriosität verleihen und sich gleichfalls als aufrichtige Person positionieren. Im Folgenden wollen wir nun den beschriebenen Diskurs im Online-Kommentarbereich genauer betrachten, wobei wir den Begriff Diskurs hier im Sinne der sprachpragmatischen Linguistik verstehen. Im Anschluss an diese Perspektive fragen wir innerhalb der Diskursanalyse danach, wie Akteure mit Sprache handeln. Da wir uns auf ein Fallbeispiel beschränken möchten, sollen nun zwei Postings von Lotosblüten einer sprachpragmatischen Analyse (Spitzmüller und Warnke 2011) unterzogen werden, indem danach gefragt wird, anhand welcher illokutionären Indikatoren die Sprachhandlungen von Lotosblüten beschrieben werden können und wie hieraus Sprechakte (Austin 1979, Searle 2007) entstehen. Bezüglich des konkreten analytischen Vorgehens untersuchen wir auf sprachpragmatischer Ebene, welche Argumentationsschemata, Semantiken und stilistische Mittel, also Metaphorik, Pejorationen, Meliorationen, etc. (Klein 1980; Lakoff und Johnson 2000; Weimer 2005) verwendet werden, um positive und negative Deutungshorizonte (Przyborski 2004) auszumalen, vor welchen dann eigene Orientierungen (Bohnsack 2003) erzeugt und verteidigt werden. Weiterhin analysieren wir, wie die Diskursteilnehmerin Lotosblüten (zumindest gibt die Sprecherperson an, weiblich zu sein) über ihre Kommentare als Subjekt in Erscheinung tritt. Subjektivierung verstehen wir als interdependente

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Subjektinszenierung, die anhand von Selbst- und Fremdzuschreibungen erfolgt. Innerhalb der sprachpragmatischen Analyse arbeiten wir daher die Selbst- und Fremdpositionierungen (Lucius-Hoene und Deppermann 2004) der Diskursteilnehmenden heraus. Ziel ist es, einen konkreten sprachlichen Habitus (Bourdieu 1976, 2005, S.  89) herauszuarbeiten, mit dem Lotosblüten als Subjektfigur in einem Online-Kommentarbereich verortbar gemacht werden kann. Wir gehen davon aus, dass Akteure über einen praktischen Sinn (Bourdieu 2005, S. 63) verfügen, der ihnen Kenntnis über legitimen Sprachgebrauch und die damit einhergehende Anerkennung verleiht. Da Akteure in unterschiedlichem Maße über dieses sprachliche Kapital verfügen, erwächst aus Sprachkompetenz ein Distinktionsprofit. Damit ist davon auszugehen, dass sich Akteure in sprachlichen Feldern (Bourdieu 2005, S. 69) bewegen, die gleichzeitig Kräftefelder sind, da Akteure in diesen Feldern eine Position einnehmen und damit auch Position zu anderen Akteuren beziehen. Die Unterschiedlichkeit der Akteure und ihrer Positionen im Feld wird damit konstitutiv für das Feld und dessen Struktur. Sprache ist eine Form praktischen Handelns, die vornehmlich aus körperlicher Konditionierung hervorgeht bzw. der ein Habitus zugrunde liegt (Rehbein 2007, S. 125). Daher wollen wir im Folgenden auch vom sprachlichen Habitus sprechen, der insbesondere in einem vornehmlich sprachstrukturierten Feld – wie einem Online-Kommentarbereich – die soziale Position der Akteurinnen und Akteure bestimmt. Dies schließt dann an ein forschungspraktisches Vorgehen an, wie es Krais und Gebauer (2017) in Bezug auf die empirische Untersuchung des Habitus vorschlägt, nämlich, Subjektfiguren herauszuarbeiten: Wie unterschiedlich die Akteure sein können bzw. welche unterschiedlichen Positionen es gibt, wird damit zu einer zentralen Frage bei der Untersuchung eines bestimmten Feldes. Und man kann diese Frage beantworten, indem man untersucht, welche Akteure es gibt, denn die Akteure sind nichts anderes als Verkörperungen, Personifizierungen von Strukturen (Krais und Gebauer 2017, S. 57).

In einem sprachlichen Feld, das in diesem Fall durch schriftsprachlich strukturierte Praxis bestimmt wird, ist es daher die Beherrschung durchsetzungsfähige Sprachhandlungen, die einem Akteur oder einer Akteurin Sprachautorität verleiht (Bourdieu 2005, S. 63). So werden wir anhand unserer Analyse aus dem sprachlichen Habitus von Lotosblüten eine Diskursfigur ableiten, die sich in dem sprachlichen Feld Online-Kommentarbereich als Sprachautorität behaupten möchte, um somit Kommunikationsmacht zu erlangen.

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3.1 Lotosblüten – Aufklärerin in einer antiken Tragödie Für die folgende Analyse wurde jeweils der erste Beitrag ausgewählt, mit dem Lotosblüten den Usern anarkasis und ATopper antwortet. Grund dafür ist, dass sich hieraus zwei eigenständige Diskursnetze3 entspinnen, was es ermöglicht, die Analyse fortzusetzen und den hier erarbeiteten Habitus in weiteren Beiträgen auf seine Konsistenz zu überprüfen. Lotosblüten beteiligt sich mit dem Beitrag 177 das erste Mal aktiv im Online-Kommentarbereich zum Artikel von Harald Martenstein:

Übersicht

• Lotosblüten • 08. Juni 2013 23:34 Uhr 177. Astrologie „(Ansonsten wäre auch die reine Mathematik keine Wissenschaft mehr…)“ – Natürlich ist alle sinnvolle Wissenschaft empirisch. Was wäre die Alternative? Spekulative Wissenschaft? Metaphysik? Theologie? Selbst dort, wo diese ernsthaft universitär betrieben werden, geht es um Empirie – um Erforschung der Wirklichkeit oder der Wege ihrer Deutung – und das Grundprinzip bleibt und muß sein die Falsifizierbarkeit und Reproduzierbarkeit. Dort, wo abgeschlossene Denksysteme verkündet werden, ist es Ideologie, dort wo, wo nicht widerlegt werden kann, ist es Glauben. Und was die Mathematik betrifft – Sie kennen sie wohl nicht. Mathematik ist diejenige Wissenschaft, wo die empirische Methode auf die Spitze getrieben wird. Der Mathematiker denkt sich nichts aus, er stellt Vermutungen auf über Objektzusammenhänge, und versucht diese zu beweisen. Erst wenn ihm dies gelungen ist, vertritt er diese neue Erkenntnis – bis dahin mögen die Hinweise auf Richtigkeit oder Falschheit noch so erdrückend sein – er akzeptiert sie nicht. Diese Grundhaltung würde der Gender-„Forschung“ mehr als gut tun, es würde sie erst auf eine solide Feste stellen. Das – mit Verlaub – verquaste Wortgeklingel, das mit einem Sturzbach an unklaren und undefinierten

3Das

erste Diskursnetz besteht aus 20, das zweite aus 44 aufeinander Bezug nehmender Kommentare.

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Begriffen den klaren Gedanken zu verhindern hilft und sich gegen die empirische Falsifizierung mit Händen und Füßen wehrt, dagegen die immer repetierten Glaubenssätze wie Mantras setzt, hat mit Wissenschaft so viel zu tun wie Astrologie mit Astronomie. 11 Leserempfehlungen

Das Posting von Lotosblüten ist die erste Antwort an den User ATopper und trägt die Überschrift „Astrologie“. Das Substantiv scheint zunächst kontextuell schwierig anschließbar zu sein, da keine Verbindung zum Thema naheliegt. Im Duden findet sich folgende Definition: „Lehre, die aus der mathematischen Erfassung der Örter und Bewegungen der Himmelskörper sowie orts- und zeitabhängiger Koordinatenschnittpunkte Schlüsse zur Beurteilung von irdischen Gegebenheiten und deren Entwicklung zieht“ (Duden 2017). Auch diese Definition gibt wenig Aufschluss darüber, in welchem Zusammenhang Astrologie mit dem Artikel von Harald Martenstein bzw. mit der Genderforschung steht. Das Posting beginnt dann mit einem direkten Zitat aus dem Beitrag 123 von ATopper. Das Zitat ist eine konditionale Aussage. Es nimmt Bezug auf die Proposition4 dieses Beitrags „Wissenschaften sind nicht auf empirische Wissenschaften begrenzt“. Diese Proposition stellt somit eine These dar: Es gibt Wissenschaften, die nicht empirisch sind. Diese These wird durch eine Exemplifizierung gestützt: Die Mathematik ist eine nicht empirische Wissenschaft. Hierauf folgt nun die Antwort von Lotosblüten in Form einer Antithese; Wissenschaft ist immer empirisch. Dieser Antithese kann man auf konnotativer Ebene Empörungen entnehmen („Natürlich […]“, im Sinne von selbstverständlich). Der Gestus der Empörung wird durch eine Reihung rhetorischer Fragen im Nominalstil fortgesetzt („Was wäre die Alternative? Spekulative Wissenschaft? Metaphysik?“). Diese Reihung impliziert gleichfalls die Antwort: Es lässt sich keine Wissenschaft finden, die nicht empirisch ist. Die Sprecherin empfindet es geradezu als verwerflich, dass ATopper dies anzweifelt.

4„Proposition“

wird als analytische Kategorie im Anschluss an Searles Auffassung von Sprechakten verwendet. Der propositionale Akt ist der Akt des Sprechens, mit dem man sich auf die „Dinge“ in der Welt bezieht und ihnen Eigenschaften zuschreibt; man trifft also Aussagen über Sachverhalte (Searle 2007, S. 48 ff.). In diesem Sinne wird im Weiteren auch das Verb „etw. proponieren“ verwendet, wenn jemand eine Aussage tätigt; die Verben etw. proponieren bzw. etw. aussagen werden daher im Folgenden synonym verwendet.

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Dem lässt sie nun eine Erklärung als Folge von Aussagesätzen folgen. Empirie heiße Erforschung und Deutung von Wirklichkeit, ihre Eigenschaften seien Falsifizierbarkeit und Reproduzierbarkeit. Gegenbeispiele hierzu seien Ideologie, da sie irreversibel ist und Glaube, da er nicht widerlegbar ist. Bemerkenswert ist hier die Stilistik der Erklärung. Die drei Sätze beginnen jeweils mit der gleichen Konjunktion „Dort, wo“ (Anapher). Dies wirkt eindringlich und verstärkt die Wirkung der Erklärung als eine zentrale Ausführung. Die Erklärung von Wissenschaft erfolgt in Form eines Einschubs, der aus der Satzführung herausfällt (Anakoluth), damit wird auf syntaktischer Ebene herausgestellt, dass hier etwas Zentrales erläutert wird. Die Gegenbeispiele („Ideologie“, „Glaube“) werden syntaktisch gleichartig (Parallelismus) ausgeführt, was die Wirkung hat, dass Ideologie und Glaube als Synonyme dargestellt werden. Damit ist die Erklärung als Ganzes eine Gegenüberstellung zweier entgegengesetzter Gedanken (Antitheton): Das Wichtige ist die Wissenschaft, den diametralen Gegensatz bilden Ideologie und Glaube. Im folgenden Absatz proponiert Lotosblüten, dass ATopper Mathematik nicht kennt. Durch das einschränkende Partikel ‚wohl‘ wird die Behauptung zu einer Vermutung. Erneut fällt dieser Einschub aus der Satzführung heraus (Anakoluth). Durch die mit Gedankenstrich angefügte Endstellung wird betont, dass es ATopper ist, der zu wenig Wissen über Mathematik habe. Weiterhin wird Mathematik personifiziert, was durch das Verb ‚kennen‘ und das Reflexivpronomen ‚sie‘ geschieht. Mathematik erscheint als eine Frau (eine alternative Formulierung, ohne Personifizierung wäre z. B.: „Sie haben wohl keine Ahnung davon“). Diese Vermutung wird durch eine Erklärung als Folge von Aussagesätzen gestützt. Mathematik sei Wissenschaft in ihrer Urform. Die Proposition wird anhand des Beispiels eines Mathematikers und seiner Arbeitsweise erläutert. Die Beschreibung der Tätigkeiten des Mathematikers stellt eine Steigerung seiner Tätigkeiten dar, die in ihrer Wertigkeit auf einem Höhepunkt kulminieren(Graduation in Form einer Klimax): „nicht ausdenken“, „Vermutungen aufstellen“, „versuchen zu beweisen“, „gelingen“, „Erkenntnis vertreten“. Diese sich positiv steigernden Tätigkeiten sind eingelassen in einen Nebenprozess. Dieser Nebenprozess tritt erneut als Anakoluth auf, denn er wird am Ende der Aufzählung durch die Gedankenstriche hervorgehoben. Der Nebenprozess selbst stellt zwei entgegengesetzte Gedanken gegenüber, ohne einen Widerspruch dieser zu bilden (Antitheton) „noch so erdrückend“ vs. „nicht akzeptieren“. Durch die Verschränkung von Klimax und Antitheton wird hier ein heroisches Szenario aufgebaut: Der Mathematiker als Held führt Handlungen aus, die sich in ihrer Wertigkeit steigern. Dies tut er eingelassen in ein Kampfszenario aus widrigen Umständen und eigenem Entgegenstellen. Damit wird die Personifikation der

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Mathematik zu einer Darstellung als Halbgott (Allegorie), denn der Mathematiker wird zur Verkörperung des Ideals der empirischen Beweisführung. Der dritte Absatz beginnt mit einem Direktiv in Form eines Ratschlags und einer Begründung. Lotosblüten spricht die Empfehlung aus, das Vorgehen, wie es in der Mathematik praktiziert wird („Grundhaltung“), zu übernehmen, denn der Genderforschung fehle die Substanz. Hierbei wird die Genderforschung durch metaphorischen Sprachgebrauch personifiziert: ‚gut tun‘ wird ursprünglich im Wortfeld der Gesundheit verwendet, eine Medizin/Behandlung/Ernährung tut dem Körper gut. Damit wird die Genderforschung als erkrankte Person dargestellt. Die Begründung ist ebenso metaphorisch, denn die „solide Feste“ ist eine veraltete Bezeichnung für ein Fundament oder eine Grundlage. Gemeint ist also, dass die Genderforschung einer Grundlage entbehrt; sie hat keinen Gegenstand und ist damit keine Forschung. Diese Interpretation der Metaphorik bestätigt sich auf pragmatischer Ebene. Der Wortteil Forschung im Nomen Genderforschung ist in Anführungszeichen gesetzt. Dies verweist darauf, dass das Wort zwischen diesen Zeichen in ironisierender Weise verwendet wird. Als Form des Spottes ist hier also gemeint, dass die Genderforschung genau das Gegenteil von Forschung ist. Des Weiteren steht der Satz im Konjunktiv; ein Modus, der die Potenzialität der Aussage betont, gleichzeitig aber auch an ihrer Realisierung zweifelt. Dem schließt Lotosblüten eine Erklärung als Folge von Aussagesätzen an. Sie erörtert im Folgenden inwiefern die Genderforschung keine Wissenschaft sei. Die Verben des Satzes steigern sich in ihrer negativen Wertigkeit (Klimax). Unwissenschaftlichkeit wird hierbei anhand von Verben personifiziert. Das „Wortgeklingel“ „hilft verhindern“, „wehrt sich“ und „setzt dagegen“. Dies ist die dreigliedrige Klimax, die in einem vierten Glied mit resultativer Funktion kulminiert: „[…] hat mit Wissenschaft so viel zu tun, wie X mit Y“ (Vergleich als Antitheton). Hier wird also ein Szenario größeren Ausmaßes beschrieben, das in einem Höhepunkt endet, dessen Folgen zum Ergebnis haben, dass Genderforschung im absoluten Gegensatz zu Wissenschaft steht. Dieses Szenario größeren Ausmaßes wird dabei auf metaphorischer Ebene ausgebaut. Dem personifizierten „Wortgeklingel“ gesellt sich ein ebenso personifizierter „Sturzbach“ hinzu, der aus „unklaren und undefinierten Begriffen“ (Alliteration) besteht, sowie die „Glaubenssätze wie Mantras“. Diese drei belebten Abstrakta treten in einen Kampf mit den ebenfalls personifizierten Abstrakta „klarer Gedanke“ und „empirische Falsifizierung“. Das Antitheton, das aus diesem Szenario folgt ist eine Alliteration (Astrologie/Astronomie), die den Kontrast innerhalb des Szenarios beschreibt, indem es eine Analogie (die ebenso die Wörter selbst aufweisen) zwischen beiden konträren Disziplinen herstellt. Die Konnotation des Vergleichs wird dabei ebenso auf das Szenario übertragen: Astrologie und Astronomie sind

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der Form (signifiant) nach sehr ähnlich, die Bedeutung (signifié) ist jedoch eine genau entgegengesetzte. Gemeint ist also, dass Genderforschung und Wissenschaft der Bezeichnung nach empirisch sind, ihre Inhalte stehen jedoch in absolutem Gegensatz zueinander. So wird auch erst in diesem letzten Satz deutlich, inwiefern die Überschrift des Beitrags in Zusammenhang mit der Thematik des Online-Kommentarbereichs steht. Astrologie wird als Synonym für Genderforschung eingeführt. Um dies zu verstehen, muss aber die gesamte Argumentation des Beitrags gelesen und verstanden werden: Es besteht ein diametraler Gegensatz zwischen Wissenschaft und Unwissenschaftlichkeit. Mathematik wird dabei als Wissenschaft in ihrer reinsten Form, Genderforschung als Unwissenschaftlichkeit dargestellt. Dies findet sich in analoger Form bei den Disziplinen Astronomie und Astrologie. Diese Pointe kann sich dem Lesenden jedoch erst am Ende des Beitrags erschließen; vorher lässt sich die Überschrift in keinen kontextuellen Zusammenhang einordnen. In ihrem Beitrag baut Lotosblüten somit einen Spannungsbogen auf. Der Anlass, aus dem sich Lotosblüten am diskursiven Geschehen beteiligt, ist Empörung. Sie zeigt sich empört, da ein anderer Teilnehmer eine vermeintlich unanfechtbare Tatsache falsch darstellt. Dieser Empörung lässt Lotosblüten eine Richtigstellung folgen, die auf eine klare binäre Zuordnung abhebt: Wissenschaftlichkeit und Unwissenschaftlichkeit. Da ATopper diese Klassifikation verkennt, positioniert sie ihn als einen Unwissenden. Daraufhin klärt sie im Folgenden auf, indem sie die Mathematik personifiziert und sie als heroische Allegorie von Wissenschaftlichkeit darstellt. Die glorifizierte Beschreibung von Wissenschaftlichkeit überführt sie anschließend in ein Szenario des Widerstreits, bei dem sich die Wissenschaftlichkeit gegen die verwirrenden Taktiken der Unwissenschaftlichkeit der Genderforschung behaupten muss. Der Spannungsbogen löst sich am Ende, wenn deutlich wird, wie der Dualismus gelöst werden kann. Lotosblüten weist es klar aus; es ist der klassische Kampf zwischen Gut und Böse. Anhand der Analyse eines weiteren Postings soll nun geprüft werden, ob sich die Strukturierung und Stilistik der Sprachhandlungen als konsistentes Kommunikationsmuster zeigt.

Übersicht

• Lotosblüten. • 10. Juni 2013 15:07 Uhr.

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358. Mirakel I „Es liegt darin die Ablehnung von kontinuitiver Folgerichtigkeit und struktureller Konsistenz“ – Richtig, doch zugleich pochen die Genderakrobaten in jeder ihrer Äußerungen implizit auf genau dieser Folgerichtigkeit, um die Wahrheit ihrer Theorie zu beweisen – you can’t eat the cake and have it. Das Aufgeben der Folgerichtigkeit, d. h. der logischen Schlüssigkeit ist nicht partiell zu haben, sondern nur um den Preis des Ganzen, der Kommunikationsfähigkeit schlechthin. Das Programm dieser Art von „Denken“ ist es, das Denken und Argumentieren selbst aufzuheben und mündet in die Sprachlosigkeit. So sehr die Poststurkuralisten die Logik und ihre Kälte kritisieren oder ihren Herrschaftsanspruch anklagen – in jedem ihrer Sätze, sofern er Konsistenz beansprucht, widerlegen sie sich selbst, denn sie setzen eben diese Herrschaft voraus, um überhaupt verstanden werden zu können. Und die Verelendung der Begriffe hat in Foucault eine Spitze erreicht: Die bloße Tatsache, ein Objekt von Wissen zu sein, ist für ihn bereits „Versklavung“, Erkennen damit schon „Herrschaft“ (und er macht die Begriffe damit letztlich beliebig). 11 Leserempfehlungen

Dieses Posting ist die erste Antwort von Lotosblüten auf einen Beitrag des Teilnehmers anakarsis. Es trägt die Überschrift „Mirakel I“. Dieses Substantiv erscheint erneut schwierig anschließbar zu sein, da sich wieder keine naheliegende Verbindung zum Kontext des Themas finden lässt. Im Duden lässt sich folgende Definition finden: 1. (gehoben) Wunder, wunderbare Begebenheit 2. Mirakelspiel Synonyme: Wunder, wunderbare Begebenheit, Wundererscheinung, Wunderwerk; (bildungssprachlich) MysteriumHerkunft: lateinisch miraculum = Wunder, zu: mirari  = sich wundern (Duden 2017). Wie auch im vorigen Beitrag, ergibt die Definition des Dudens keinen weitergehenden Sinnzusammenhang, der in diesem Diskurs anschlussfähig erscheint. Die römische Eins lässt lediglich vermuten, dass es mindestens einen anschließenden Folgebeitrag geben wird.

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Das Posting beginnt dann mit einem direkten Zitat aus dem Beitrag 350 von anarkasis. Das Zitat selbst ist ein Aussagesatz in Form einer Begründung. In seinem Beitrag stellt anarkasis die Proposition auf, dass „sich die Stellungnahmen Butlers und der einschlägigen Vertreterinnen zu den anatomischen Gegebenheiten von Mann und Frau“ begründen lassen. Die Begründung wird hier von Lotosblüten zitiert. Nun erfolgt ihre Antwort als Expressiv in Form einer Wertung und einer Aussage. Lotosblüten stimmt der zitierten Proposition von anarkasis zu („– Richtig“) und ergänzt sie durch eine Aussage, die auf einen Widerspruch verweist („doch“). Der Widerspruch bestehe darin, dass die „Genderakrobaten“ auf etwas bestehen (Folgerichtigkeit), was sie ebenso ablehnen. Diesen Widerspruch zwischen Einstellung und Handlung der Genderforschung wiederholt Lotosblüten auf metaphorischer Ebene, indem sie die Vertreter und Vertreterinnen der Genderforschung als „Genderakrobaten“ bezeichnet. Ein Akrobat stellt insofern eine Analogie zum hier kritisierten Verhalten dar, als dass er komplizierte körperliche Bewegungen ausführt, die häufig im Widerspruch zur Schwerkraft stehen (z. B. auf einem Seil balancieren, jonglieren). Der metaphorische Widerspruch zeigt sich auch in den Verben. Das Verb ‚pochen‘ ist ein gehobener Ausdruck und bezeichnet in seiner metaphorischen Verwendung ‚energisch, unnachgiebig bestehen‘. Als sprachliches Bild ist Pochen eine laute Tätigkeit. Die Aussprache des Wortes selbst unterstützt seine Bedeutung, indem hierbei der Laut der Tätigkeit imitiert wird (Onomatopoesie). Dieses Pochen wird jedoch „implizit“, also indirekt, nicht ausdrücklich ausgeführt. Das ‚implizite Pochen‘ ist genau genommen unmöglich, da sich die beiden Wörter logisch ausschließen (Oxymoron); stilistisch wiederholen sie jedoch den angemahnten Widerspruch zwischen Einstellung und Handlung. Abschließend wird durch einen Gedankenstrich eine englische Redewendung angefügt, die den Widerspruch zuspitzt, indem sie auf die Unmöglichkeit eines Paradoxons hinweist: einen Kuchen aufessen und ihn gleichzeitig behalten. Dass hier eine englische Redewendung verwendet wird, wirkt emphatisch, es wird nicht nur der Widerspruch betont, sondern die Widersinnigkeit des kritisierten Verhaltens. Der nächste Absatz beginnt mit einer Erklärung. Lotosblüten führt hier eine Aussage an, die eine symmetrische Relation widergibt (nebenordnende Bedingung): Aus X (Folgerichtigkeit) folgt Y (Kommunikationsfähigkeit). Verwendet wird der Nominalstil (das Aufgeben, der Folgerichtigkeit, der Schlüssigkeit, des Ganzen, der Kommunikationsfähigkeit) als Passivkonstruktion. Somit wirkt die Aussage nüchtern und sachlich. Lotosblüten diagnostiziert hier eine zwingende Folge, die sich aus einer unvermeidlichen Kausalität ableitet. Gleichzeitig wird eine Metaphorik des Marktes aufgemacht. Wenn ‚etwas zu haben

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ist, um den Preis‘, dann entsteht das Bild eines kommerziellen Tausches. Dieser Tausch ist gleichfalls in ein größeres Szenario eingebettet, nämlich in ein absolutes. Es geht nicht um Teile (partiell), sondern um alles (schlechthin). Hierdurch entsteht ein hybrider pragmatischer Stil. Einerseits wird eine Argumentation formal aufgebaut, andererseits ist sie auf bildlicher Ebene in eine Vorstellung von Sieg oder Niederlage übertragen. Lotosblüten zeigt sich damit als beherrschte Analytikerin, denn in dem dramatischen Szenario kann sie weiterhin die objektiven Zusammenhänge erkennen. Ihre Kompetenz im Durchschauen verworrener Umstände bekräftigt Lotosblüten daraufhin durch eine Erklärung. Sie erläutert die Absicht („Denken und Argumentieren selbst aufzuheben“), die einer bestimmten Handlung („Art von ‚Denken‘“) zugrunde liegt und welche Folgen („Sprachlosigkeit“) hieraus entstehen. Als Passivkonstruktion ist hierbei unklar, wer die beschriebenen Handlungen ausführt. Die unbekannte Person tut es jedoch auf metaphorischer Ebene (aufheben als Verbildlichung von ‚etwas nicht mehr bestehen lassen‘). Dieses Aufheben wird durch eine transformierte Handlung verschleiert, nämlich durch das „Programm dieser Art von ‚Denken‘“. Ein Programm kann im Sinne einer Agenda, wie sie Organisationen haben oder als Software verstanden werden. In beiden Fällen wird etwas anderes als das eigentliche Denken ausgeführt. Das zeigt die Formulierung „Art von […]“, sowie die Anführungszeichen an. Dies „mündet“ dann „in die Sprachlosigkeit“. Lotosblüten zeigt also auf, dass unbekannte Akteure und Akteurinnen hier etwas organisiert, also planmäßig, ausführen und dies gleichzeitig verschleiern. Das Ergebnis ist die Dysfunktionalität des Systems (Sprachlosigkeit). Im nächsten Absatz zeigt sie, durch eine Erklärung als Folge von Aussagesätzen, wie sich diese Verschleierung entblößen lässt. Lotosblüten proponiert, dass „die Poststurkuralisten“ [sic!] in ihrer Argumentation widersprüchlich seien, wodurch sie selbst unglaubwürdig werden. Diese Aussage wird in Form einer Steigerung dargelegt. Die Stufenfolge der Handlungen der Poststrukturalisten wird dabei als Folge von negativen Tätigkeiten aufgezählt (Antiklimax): „kritisieren“, „anklagen“, „widerlegen“, „setzen voraus“ und kulminiert negativ im „überhaupt verstanden werden zu können“. Die Verben gehören zum Wortfeld der Rechtsprechung und lassen das Bild der Poststrukturalisten als Ankläger vor einem Gericht entstehen. Die Angeklagten sind dabei „die Logik und ihre Kälte“, die in diesem Satz personifiziert werden. Die Anklage endet jedoch tragisch, da sie nicht einmal „verstanden werden“ kann. Die Erklärung wird damit zur metaphorischen Darstellung der Tragödie eines Antihelden, der einen (juristischen) Kampf aufnimmt, nur um überhaupt in Erscheinung zu treten, wobei er kläglich versagt, da er etwas Widersinniges bekämpft (eine Herrschaft, die sie selbst voraussetzen).

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Im letzten Absatz erfolgt eine weitere Erklärung. Lotosblüten stellt die These auf, dass Foucault Fachtermini in einer maximal fehlerhaften Weise verwende. Dies erläutert sie anhand der Begriffe „Objekt von Wissen“ und „Erkennen“. Die Proposition stellt eine Entwicklung fest, die einen Höhepunkt erreicht hat. Die Erklärung dieser Proposition wird in analoger Weise durch eine Antiklimax dargelegt (Versklavung, Herrschaft, beliebig machen), was die Eskalationsrhetorik von Lotosblütens Argumentation auf syntaktischer Ebene unterstreicht. Auf metaphorischer Ebene wird hier das Bild der Deprivation einer Personengruppe gezeichnet: Verelendung wird personifiziert („die Verelendung der […] hat erreicht […]“). Diese leidet vermeintlich unter Versklavung und Herrschaft. Dieser lamentable Umstand ist jedoch tragisch, da er auf der Fehlinterpretation von Foucault beruht (was durch die Anführungszeichen angezeigt wird). Die Verwendung der Partikel (und, bloß, bereits, damit, letztlich) unterstreicht den Fatalismus des Szenarios, in dem eine vermeintlich belanglose Tatsache frühzeitig falsch eingeordnet wird, woraus in der Folge schicksalhafte Entwicklungen entstehen. Auch in diesem Posting erzeugt Lotosblüten eine geschlossene Narration. Der Anlass ihres Beitrags ist das Posting eines anderen Teilnehmers, dessen Aussage sie bestätigt. Sie belässt es jedoch nicht lediglich bei der Validierung des Beitrags von anarkasis, sondern verweist auf tiefer liegende Zusammenhänge. Sie zeigt einen widersinnigen Irrweg auf, den die Genderforschung begehe. Der Irrweg ist jedoch nicht nur ergebnislos, sondern führt zu einer essenziellen Entscheidung zwischen Sieg oder Niederlage. Diese entscheidende Finalisierung zeigt Lotosblüten in einem Gestus der nüchternen Objektivität auf, mit dem sie sich selbst als Analytikerin positioniert. Den Topos des Irrweges nimmt sie in ihren Ausführungen zu den Poststrukturalisten wieder auf, erweitert ihn jedoch zu einem tragischen Kampf eines Antihelden. Am konkreten Beispiel von Foucault wiederholt sie die Tragödie des Antihelden, diesmal in ein anderes metaphorisches Szenario eingebettet und mit einer Verschiebung des tragischen Finales. Der Held ist hier nicht mehr nur tragisch, weil er sich selbst zerstört, sondern weil er auch das zerstört, was er vermeintlich retten möchte. Ein zweites Posting schließt sich diesem Beitrag an:

Übersicht

• Lotosblüten. • 10. Juni 2013 15:07 Uhr.

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359. Mirakel II Der poststrukturalistische Angriff auf die Vernunft findet in der Genderforschung nur Ausdruck, er hat dort nicht seinen Ursprung. Und so ist die immanente Feindschaft gegen die Naturwissenschaft nur Ausdruck der Feindschaft gegen Erkenntnis, wo diese Anspruch auf Gültigkeit haben könnte – und untergräbt, größtenteils unbewußt, die eigenen Ansprüche. Dies alles nicht zu durchschauen, ist eines der Mirakel der Genderforschung (und nicht von ihr allein). 11 Leserempfehlungen

Dieses Posting soll offensichtlich als Folgebeitrag verstanden werden, da es die gleiche Überschrift trägt. Die Zahl römisch Zwei zeigt nun die Verbindung zum vorigen Beitrag auf. Bisher hat sich noch keine sinnvolle Lesart ergeben, die dabei helfen könnte, die Überschrift im semantischen Kontext zu verstehen. Das Posting beginnt nun mit einer Erklärung. Lotosblüten proponiert, dass der Dualismus zwischen Genderforschung und Naturwissenschaften nur Manifestation eines Widerstreits zwischen Poststrukturalisten und Naturwissenschaften sei, der von ersteren begonnen wurde. Erneut werden abstrakte Begriffe personifiziert („poststrukturalistischer Angriff“, „Vernunft“) und ersetzen damit als abstrakte Agenten konkrete Personen als Handlungsträger oder Handlungsträgerin. Dies erfolgt abermals als Gegenüberstellung von zwei entgegengesetzten Gedanken (Antitheton) („nur Ausdruck, […] nicht sein Ursprung“), wodurch auch auf syntaktischer Ebene auf einen Widerspruch verwiesen wird. Dem folgt eine Erklärung. Lotosblüten proponiert, dass das Opponieren (der Poststrukturalisten) gegen die Naturwissenschaften eigentlich ein Opponieren gegen Erkenntnis sei und sich die Poststrukturalisten damit letztlich selbst demontierten. Diese These wird auf pragmatischer Ebene erneut als Personifizierung vorgetragen. Es gibt hierbei zwei antagonistische Parteien („die Feindschaft“ gegen „die Naturwissenschaft“, „Erkenntnis“), die die Handlungen ausführen („Anspruch haben“, „unbewusst untergraben“). Gleichzeitig besteht die aufgezeigte Problematik nicht zwischen beiden Parteien, sondern wird einer Seite zugeschrieben und dabei psychologisiert („immanente Feindschaft“, „Ausdruck von“, „größtenteils unterbewusst“). Hierbei löst Lotosblüten das tragische Szenario auf, indem sie es ontologisiert: Das Wesen der Tragödie liegt nicht im Zwist der Parteien, sondern im Poststrukturalismus selbst. Der Poststrukturalismus konstituiert sich ausschließlich aus der feindseligen Antihaltung zu den Naturwissenschaften, weshalb alle Handlungen selbstzerstörerische Irrwege sind.

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So kann Lotosblüten den Poststrukturalismus nur als einzige Agonie deuten, die sie in einer Tragödie des Antihelden im Irrtum mit sich selbst darstellt. Im letzten Satz des Postings erfolgt erneut eine Erklärung. Lotosblüten stellt fest, dass die Genderforschung die beschriebene Problematik unerklärlicherweise nicht erkenne. Erst in diesem letzten Satz wird die Überschrift der beiden Postings verständlich. Mit „Mirakel“ ist das Unverständnis über das Verkennen der aufgezeigten Problematik durch die Genderforschung gemeint. Das Wort selbst kann aufgrund des semantischen Kontextes nur negativ konnotiert als ‚Mysterium‘ gedeutet werden, also als eine nicht logisch zu erklärende Erscheinung. Das Verhalten der Genderforschung wird hier also als verworren und undurchschaubar deklariert. Die Anmerkung in der angefügten Klammer ist eine Anspielung (Allusio), die andeutet, dass es noch weitere Akteure und Akteurinnen gibt, die an diesem Mirakel mitwirken. Wer genau gemeint ist, wird implizit festgesetzt, bleibt faktisch aber für Interpretationen offen.

3.2 Sprachlicher Habitus der Aufklärerin Lotosblüten Eingangs sind wir davon ausgegangen, dass ein Online-Kommentarbereich ein Ort ist, an dem Macht über die Art und Weise des Kommunizierens gewonnen werden kann. In Anbetracht der ausschließlichen Verfügbarkeit von Sprache, ist es damit auch jene Art der (Sprach-)Handlung, die den Akteuren und Akteurinnen zur Verfügung steht, um sich als Subjekte zu positionieren und um Kommunikationsmacht zu ringen. In Lotosblütens sprachlichen Habitus zeigen sich häufig Sprechakte der Beurteilung (Expressiva), der Zurechtweisung (Direktiva) und der Erklärung (Repräsentativa). In Bezug auf ihr Sprachhandeln heißt das, dass sie ihren psychischen Zustand kundtut, den sie angesichts der Äußerung eines anderen Sprechers hat. Dementsprechend fordert sie den Sprecher auf, sich in anderer Weise zu verhalten. Und sie ordnet Propositionen so ein, dass sie die Welt repräsentieren, also, dass sie Wahrheit wiedergeben. Damit ist sie eine Person, die zurechtrückt und Ordnung wiederherstellen möchte. Dies tut sie über Selbstpositionierungen (Empörung, Zustimmung, Ablehnung) und über Fremdpositionierung durch klare Ausweisung von Fehlverhalten anderer Diskursteilnehmender und der Darlegung von Wahrheit. Diese Sprachhandlungen sind eingelassen in eine markante Stilistik. Der Satzbau ihrer Erklärungen verbindet häufig Haupt- und Nebensätze (Hypotaxe), wodurch ihre Ausführungen eher gehoben, aber auch langwierig sind. Durch die Verschränkung von Stilmitteln, wie z. B. der Klimax mit dem Antitheton, werden die Aussagen kompliziert. Sie wählt häufig den Nominalstil, indem sie abstrakte

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Worte personifiziert. Personifizierungen und gehobene sowie metaphorische Wortwahl lassen eine bildreiche Sprache entstehen, die in Allegorien von Gut und Böse überführt werden. Diese klassischen rhetorischen Stilmittel ­(Fuhrmann 2011; Lakoff und Johnson 2000; Ueding und Steinbrink 2005), wie z. B. Metaphorik, Personifikation, Klimax, Antitheton, derer sich Lotosblüten häufig bedient, bewirken, dass sie eine antike Tragödie inszeniert. Damit gelingt es ihr eine deutliche Vorstellung von Genderforschung als Unwissenschaftlichkeit und demgegenüber Naturwissenschaften als Wissenschaftlichkeit zu erzeugen. Die vermeintlich kontextlosen Überschriften ihrer Postings, die in der Regel ähnlich ausführlich ausfallen, wie die hier untersuchten Beispiele, geben in der Zusammenschau letztlich ein ebenso konturiertes Bild (vgl. Tab. 1). Die Überschriften bezeichnen einerseits die Genderforschung. Hier werden Synonyme für die Genderforschung eingeführt (z. B. „Astrologie“, „Moden“, „Tautologie“, etc.), die die Disziplin als mystisch, abstrakt, widersinnig und verführerisch rahmen. Andererseits beziehen sich die Überschriften auf die Diskursteilnehmenden (z. B. „Followers of Fashion“, „Adepten“, etc.), auf die Lotosblüten mit ihren Beiträgen Bezug nimmt. Hierin werden die Diskursteilnehmenden als hörige, unwissende, arrogante, anmaßende und betrügerische Akteure und Akteurinnen positioniert. Zuletzt finden sich Überschriften, die Anweisungen geben, die sich an die anderen Diskursteilnehmenden richten und ihr fehlerhaftes Verhalten anmahnen (z. B. „Bitte sehr“, „Zu kurz“, etc.). Damit schließt Lotosblüten nicht nur beitragsintern eine narrative Gestalt, sondern vermittelt diese ebenso durch ihre Überschriften, indem die von ihr identifizierten Übeltäter darin ein weiteres Mal ausgewiesen werden. Das konturierte Bild dieser geschlossenen narrativen Gestalt besteht nun darin, dass Lotosblüten ihre diskursive Position auf subtile Weise kundtut. Sie positioniert sich nicht nur durch ihre Postings selbst, sondern positioniert auch die Genderforschung und die Diskursteilnehmer, indem sie bereits in der Überschrift wiederholt Bezug auf sie nimmt. (Tab. 1). In Bezug auf Lotosblütens sprachlichen Habitus kann damit gesagt werden, dass sie dem wissenschaftlichen Ethos der Klarheit folgt. Dies ist das absolute Ziel und gleichzeitig die weiteste Selektionsregel, unter der jeder ihrer Beiträge gefasst werden kann. Zu diesem Schluss kommen wir aufgrund der sprachpragmatischen Analyse, die oben dargestellten Sprachhandlungen zeigen, dass den Beiträgen von Lotosblüten ein ganz bestimmtes Ethos zugrunde liegt. Dieses Ethos verfolgt sie, indem sie das Publikum der Diskursteilnehmenden und stillen Mitlesenden aufklärt. Sie klärt darüber auf, wie sich die Dinge in Wirklichkeit verhalten. Sie klärt auf, wer die Übeltäter sind, die verschleiern und Unwahrheiten verbreiten. Und sie empört sich darüber, dass es Menschen gibt, die gegen das Ethos der Verbreitung von

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Tab. 1   Überschriften der Beiträge von Lotosblüten Genderforschung

Diskursteilnehmer

Anweisungen

Astrologie

Da rauscht es im eigenen Netz

Bitte sehr I

Freiheit und Verhalten

Followers of Fashion I

Bitte sehr II

Moden

Followers of Fashion II

Wo…?

Tautologien

Adepten

Eben, wozu dann?

Tautologien, zum zweiten I

Reduziert zum Viertelwissen I

Vielleicht

Tautologien, zum zweiten II

Reduziert zum Viertelwissen II

Wenden Sie das mal auf sich an…

Tautologien, zum zweiten III Reduziert zum Viertelwissen II Mirakel I

Auf dem hohen Wagen

Mirakel II

Auf den Schlips getreten…(offenbar ein Mann?)

Das Ganze bleibt uns fremd

Ein Lehrer von eigenen Gnaden …I

Weitere Seltsamkeiten

Ein Lehrer von eigenen Gnaden … II

Zu kurz

Ein Lehrer von eigenen Gnaden … III Ein Lehrer von eigenen Gnaden … IV Untaugliche Mittel I Untaugliche Mittel II Erschütternd und kaum zu glauben I Erschütternd und kaum zu glauben II

Klarheit ankämpfen. Damit entspricht sie der Subjektfigur der Aufklärerin, die vor einem Publikum der Unmündigen und Unwissenden gegen undurchschaubare Herrschaftsansprüche kämpft.5 Dieses Ethos der Verhinderung von Unklarheit ist gleichzeitig Lotosblütens Kompetenz, denn es entfaltet praktische Wirkung.

5Zur

Metapher „Argumentieren ist Krieg“ und der Subjektfigur des Kriegers/der Kriegerin (Lakoff und Johnson 2000, S. 11 ff.).

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Lotosblüten klärt auf, indem sie eine abgeschlossene Narration erschafft und einen Modus des Kommunizierens etabliert, dem letztlich alle Diskursteilnehmenden folgen. Dieses Folgen zeigt sich darin, dass manche User und Userinnen ihr nicht (mehr) antworten und ihre Rahmung damit gelten lassen. Andere User, wie ATopper und anarkasis antworten und widersprechen ihr zwar, aber folgen ihr in ihren kommunikativen Handlungen, wodurch sie den Modus der Gesprächsführung bestätigen und anerkennen (ihm wird also Geltung zugesprochen). Diese Art der Bestätigung und Folgebereitschaft kann als ein Beleg dafür angesehen werden, dass Lotosblütens kommunikative Handlungen innerhalb dieses Diskurses Kommunikationsmacht entfalten.

4 Diskussion – Typische Subjektfiguren in der Online-Kommunikation? Unsere Analyse des Ausschnitts aus der Online-Diskussion lässt sich nun auch als kartografische Skizze von Subjektpositionen betrachten, die wir im untersuchten Feld beobachten konnten. Es ist eben dieses ‚doing subject‘, das uns dabei interessiert, keineswegs die theoretisch-inhaltliche Stringenz der Argumente der Diskutierenden. Subjektivität entsteht hier durch schriftsprachliche Inszenierung, deshalb sprechen wir von Subjektinszenierung. Und mit Inszenierung ist die Praxis des Entwerfens gemeint, jene also, die gängig mit Begriffen wie Selbstentwurf bezeichnet ist. Dies bleibt aber nicht chimärenhaft oder artifiziell, sondern ist konstitutiv für jede Praxis der Herstellung von Sprechenden und Identitäten, die über wechselseitige Bezugnahmen und Zuschreibungen soziale Wirklichkeit hervorbringen. Die Materialanalyse zeigt, wie sich darüber ein kommunikativer Kosmos herausbildet, ohne dass die Akteure und Akteurinnen nach verifizierenden Nachweisen in der offline-Welt verlangen oder sich dort gar verabreden. An die für unsere Zwecke in den Blick genommenen Subjektpositionierungen lassen sich nun denkbare weitere Spezifizierungen anschließen. Etwa die nach einer stärkeren Typisierung der Subjektpositionen in der Online-Diskussion. Solche können schematisch auch als typische Subjektfiguren beschreiben werden. Diese Schemata markieren bestimmte Figurationen von Selbst- und Fremdbeschreibungen, die in der Gesellschaft vertreten sind, oder anders gesagt: Die ein Diskurs als mögliches Repertoire von Identitäten, bzw. von Seinsweisen bereitstellt. Unser Material lässt hierzu bereits eine Reihe von Typisierungen zu. Im Sinne unserer Kartografie von Subjektpositionen geben sie aus sich heraus Aufschluss über das Geflecht und die Figuren eines Kampffeldes um Resonanz und die Gunst eines Publikums.

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Legt man dies in dieser typisierenden Weise an unser Material an, können dabei hervortretende Figuren identifiziert werden. So hat Lotosblüten Kommunikationsmacht erlangt, da sie einen Rahmen etabliert hat, dem als solcher Geltung zugesprochen wird. Wie ist dieser beschaffen? Er ist erstens agonal. Lotosblüten fremdpositioniert ständig, identifiziert Gegner und ereifert sich. Grundlage dieser Typisierung ist der bei ihr ausgeprägte Wettstreit um wissenschaftliche Haltung. Sie bemüht also ein wissenschaftliches Ethos und weist darin anderen beständig Defizite nach, maßt sich selbst Kompetenzen an und spricht diese anderen ab. Sie kann damit aber offensichtlich eine souveräne Position etablieren, denn andere lassen sich davon leiten. Sie setzt somit einen Rahmen, der einen Diskursraum eröffnet, in dem man sich positionieren kann, z. B. sich in Konkurrenz dazu setzen. Dieser Rahmen wird anerkannt, selbst oder gerade wenn die gegnerische Kampfposition eingenommen wird. Dies wird auch von ATopper anerkannt,6 der ihr zwar nicht zustimmt, aber den Rahmen als solchen gelten lässt. Bei ATopper wird der oder die andere in seiner oder ihrer Selbstpositionierung nicht exkludiert und nicht infrage gestellt. ATopper ist zwar auch eine Wissenschaftsfigur, aber eine ganz andere. Er praktiziert den wissenschaftlichen Umgang mit einem Ethos des Respekts und trotz allen leidenschaftlichen Engagements für die Sache letztlich mit Abstand. Er verkörpert stärker die Figur des ‚überzeugten Sachkämpfers‘, der aber dennoch nach Feierabend gemeinsam mit dem Gegner einen heiteren Abend in der Weinstube verbringen kann. Als Kontrastfolie kann man sich einen Typus vor Augen führen, der sich in Online-Kommentarbereichen sehr häufig finden lässt, so auch in unseren Untersuchungen. Wir wollen ihn hier lediglich erwähnen, da wir uns in dieser Fallstudie auf die genaue Rekonstruktion eines sprachlichen Habitus konzentrieren (Lotosblüten). Wir nennen diesen den ‚Wutbürger‘. Also jenen, politisch enttäuschten und heftig protestierenden, meist konservativen Bürger, wie ihn der Duden mittlerweile definiert. In den Foren gewinnt dieser Typus sehr häufig die meisten Likes für sich, erhält aber nur wenig bis keine Resonanz in Form von Kommentaren und Bezugnahmen. Dies erscheint als wichtiges Moment bei der Etablierung und Verstetigung von Rahmungen, um von Kommunikationsmacht oder ihrem Ausleiben zu sprechen (Maleyka und Oswald 2017).

6ATopper

als weitere Subjektfigur soll hier nur zu Illustrationszwecken beispielhaft und in sehr verkürzter Darstellung angeführt werden. Die Typisierungen basieren auf einem Korpus von drei überregionalen Zeitungen mit jeweils rund 400 Kommentaren pro Online-Kommentarbereich.

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5 Fazit Unsere Materialanalyse war von der Frage geleitet, wie sich die entdeckten Positionierungen der Diskussionsteilnehmenden in Hinsicht auf Subjektivierungsprozesse lesen lassen. Die dargestellten Positionierungen fassen wir als Zugang zu Subjektivierungsweisen im Feld des Online-Kommentarbereichs und den Ansatzpunkt für Subjektivierung sehen wir in den Selbst- und Fremdpositionierungen, die die Teilnehmenden des Kommentarbereichs selbst vornehmen. Wir beobachten hierbei also eine textuelle Konstitution von Subjektivität, genauer: Eine schriftsprachliche, die sich über wechselseitige Zuweisungen in der Kommunikation des Online-Kommentarbereichs vollzieht. Versteht man Subjektivierung grundsätzlich als Herstellung von Existenz in einem sozialen Geschehen, haben die betrachteten Teilnehmenden Existenz erlangt. Sie nehmen sich wahr und das in spezifischer Weise; das heißt, über die Zuweisung und Identifizierung von Subjektpositionen. Gewiss existieren auch Sprechende mit Kommentaren ohne Resonanz in dem Sinne, dass sie Einträge hinterlassen haben. Ihnen wird aber nicht gefolgt, sie konnten keine Rahmen setzen, die ihnen Kommunikationsmacht verliehen hätte. Als Diskursträger und Diskursträgerinnen im kommunikativen Geschehen des Online-Kommentarbereichs existieren sie folglich nicht. In der Analyse des Kommentarbereichs können wir zeigen, dass die Sprechenden über die Interdependenz ihrer Beiträge eine relationale Anordnung von Subjektpositionen schaffen. Der Spezifik der Mediengattung entsprechend können sie sich nicht auf mitgebrachte, übernommene oder angenommene Subjektpositionen beziehen, sondern darauf, wie diese innerhalb der Diskussion erst erzeugt bzw. inszeniert werden. In einem Folgeschritt ließe sich dann die Frage stellen, wie Rahmendefinitionen der Thematisierung eines Gegenstandes (hier die Kolumne von H. Martenstein aus dem ZEIT-OnlineMagazin) als solche überhaupt anerkennungsfähig sind und grundsätzlich gefolgt werden können. Das heißt, auf welche Thematisierungsmodi die Einzelnen dabei zurückgreifen, etwa welche kulturell etablierten Sprechweisen und Themensetzungen generell opportun, verfügbar und durchsetzungsfähig sind. Kommunikationsmacht entfaltet sich aber nicht in diesem Punkt, sondern – wie die Materialanalyse zeigt – im Setzen von Rahmen, denen gefolgt wird. Wir können also zeigen, dass im Medienformat Online-Kommentarbereich eine spezifische Form von Resonanzbildung praktiziert wird und darüber eine Form sozialer Ordnungsbildung beobachtet werden kann, die sich kommunikativ über Akte der Positionierung vollzieht. Diese determinieren jedoch Subjektivierungsweisen nicht, sondern präfigurieren sie allenfalls.

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Insofern wohnt Subjektivität keine digitale, analoge oder anders fundierte Natur inne, sondern sie ist ein fließendes Gebilde in einem Geflecht von Subjektpositionen, die kommunikativ und performativ hergestellt, stabilisiert und kontinuiert werden und auch wieder zerfallen können. In diesem Sinne besitzt Subjektivität kein originäres Medium an das es statisch gebunden ist, sondern wird allenfalls über verschiedene kommunikative Rahmenbedingungen von Mediengattungen in unterschiedliche Formgelegenheiten gebracht. Daher lässt sich von digitalen Praktiken sprechen, die zu Subjektivierung führen, und die technisch ermöglichten Spielräume führen zu bisher so nicht in den Vordergrund getretenen Subjektivierungsweisen, fasst man den Online-Kommentarbereich als vergleichsweise anarchischen Diskursraum. Zugleich stellen wir fest: Mit digitaler Kommunikation verschwindet Subjektivität nicht, vielmehr lässt sich umgekehrt behaupten, dass Kommunikation in Online-Kommentarbereichen Subjektivität einfordert, sie fungiert sogar als Subjektivierungsgenerator. In Bezug auf Prozesse der Mediatisierung gehen wir daher davon aus, dass mediale Kommunikation – abhängig vom jeweiligen medialen Format – die Bedingungen, Subjektivität zu inszenieren, in unterschiedliche Konstellationen setzt. Der Kommentarbereich strukturiert die Bedingungen dazu nicht nur anders, sondern setzt auch eingespielte Diskussionskultur7 unter andere Vorzeichen. Man stelle sich vor, in einer Face-to-Face-Kommunikation wäre man unentwegt konfrontiert mit Entgegnungen wie „Sie haben komplett den Kontakt zur Realität verloren“, „ich möchte mich nicht wiederholen“, „diesen Popanz ziehen Sie aus der Trickkiste“, „haben Sie sich jemals mit Teilgebieten der Mathematik wie mathematische Logik beschäftigt?“, „Sicher nein, sonst könnten Sie einige Ihrer Aussagen selbst falsifizieren“, wie sie im Online-Kommentarbereich (auch hier: Lotosblüten) zu beobachten sind. Dies mag zum Repertoire einiger routinierter Politiker und Politikerinnen in Talkshows oder anderen Diskussionsrunden gehören, zu den Standards von adhoc-Diskussionen einander Unbekannter, zudem in einem Diskussionsbereich üblicherweise Höhergebildeter, eher nicht. Die Anonymität des Netzes und die physische Nicht-Präsenz der Beteiligten, zum Beispiel durch fehlende gestische Resonanz, erschafft hier andere Frei- und Schutzräume und setzt andere Pufferqualitäten zur Affektregulierung. Die Frage unseres Beitrags richtete sich darauf, wie in Online-Kommentarbereichen bestimmte Rahmen gesetzt werden müssen, damit es gelingt, Deutungshoheiten in Diskussionen zu etablieren, oder anders gesagt: Wirkungszentren auf

7„Diskussionskultur“

wird hier in einem alltagssprachlichen Verständnis verwendet und schließt nicht an Gabe-Theorien an.

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Handlungsbühnen zu installieren. Weiterführend ließe sich fragen, ob es in der Kommunikation in digitalen Bereichen ganz bestimmte Rahmen braucht und ob diese hinzukommend durch die Inszenierung bestimmter Subjektfiguren mit Hegemoniepotenzial unterstützt werden. Ob nun Online-Kommunikation, oder speziell Kommunikation in Kommentarbereichen – und hier wiederum speziell in bestimmten Sparten und über die jeweils beteiligten Publika – besondere Subjektfiguren hervorbringt, ist ein Punkt, der hier zwar nicht im Zentrum der empirischen Betrachtung stand. Gleichwohl ließe sich perspektivisch fragen, ob Kommunikation in Kommentarbereichen besondere Subjektfiguren begünstigt und befördert.

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Zur Medialität pädagogischer Beziehungen und der medialen Seite der Bildung Kerstin Jergus

Zusammenfassung

Der Beitrag beleuchtet aus einer erziehungswissenschaftlichen Perspektive den Zusammenhang von Bildung, Subjekt und Medialität. Ausgehend von den gegenwärtigen Entwicklungen im Lichte digitalisierter Medien wird erörtert, wie die Bildung des Subjekts kategorial und prozedural mit Medialität verbunden ist. Aufgezeigt wird, dass Bildungsprozesse grundlegend eine mediale Seite besitzen. Deutlich wird dies unter anderem daran, dass Technologien des Selbst und des Wissens historisch und systematisch mit Bildung verwoben sind, wie auch pädagogische Beziehungen über Vermittlungsprozesse Gestalt annehmen. Im Ergebnis wird gezeigt, wie die relationierende Vermittlung im ‚Zwischen‘ für Bildungsprozesse grundlegend ist. Schlüsselwörter

Anerkennung · Digitalisierung · Humboldt · Mediatisierung · Öffentlichkeit · Pädagogik

1 Einleitung: Von der Pädagogisierung der Medien Gegenwärtige Mediatisierungsprozesse rufen vermehrt die Forderung nach einer angemessenen Bildung im Zeitalter digitalisierter und technisierter Lebens-, Erwerbs- und Sozialverhältnisse auf den Plan: Konzertierte politische Invektiven K. Jergus (*)  Technische Universität Dresden, Dresden, Deutschland E-Mail: [email protected] © Springer Fachmedien Wiesbaden GmbH, ein Teil von Springer Nature 2019 P. Gentzel et al. (Hrsg.), Das vergessene Subjekt, Medien • Kultur • Kommunikation, https://doi.org/10.1007/978-3-658-23936-7_12

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und Programme wie etwa die kürzlich aufgelegte „Bildungsoffensive für die digitale Wissensgesellschaft“ (BMBF 2016) konstatieren einen dringlichen Nachholbedarf im Bereich Bildung und Umgang mit digitalisierten Medien. In den Mittelpunkt wird hierbei das Anliegen gerückt, die Bürgerinnen und Bürger zur Teilhabe am soziokulturellen Leben wie auch Arbeitnehmerinnen und Arbeitnehmer zur Ausführung und Bewältigung digitalisierter Arbeitswelten zu befähigen (BMBF 2016, S. 2 ff.). In diesen und anderen Initiativen artikuliert sich nicht nur die Sorge um das (gesellschaftliche) Überleben in einer zunehmend digitalisierten Zukunft, sondern auch die Überzeugung, durch entsprechende Bildungsmaßnahmen könne die Kluft zwischen dem Menschenmöglichen und dem Technikmöglichen minimiert werden. Zugleich sind solche Initiativen getragen von der mehr oder weniger deutlichen Unterstellung, Bildungs- und Lernwelten unterlägen bislang einer gewissen Medienvergessenheit oder gar -abstinenz. Zwar spricht einiges für die Diagnose einer Vergessenheit des Medialen in pädagogischen Theorien und pädagogischen Settings, jedoch dominieren in weiten Teilen der Diskussionen, und dies trifft auch insbesondere auf die oben erwähnte „Bildungsoffensive“ zu, mediendidaktische statt medienpädagogische Überlegungen. In den Vordergrund wird die Befähigung zum Umgang mit Medien gestellt und also die Vorstellung der instrumentellen Beherrschung medientechnischer Arrangements privilegiert. Aus einer solchen kompetenzorientierten Sichtweise werden Medien zu Dingen und Gegenständen, die es anzuwenden und als Instrumente zu bedienen gilt. In den Hintergrund tritt auf diese Weise die in pädagogische Prozesse eingelassene Medialität. Zwar existieren vielfältige Arbeiten, die Medien einen wichtigen Platz im Rahmen von Sozialisationsprozessen zusprechen (Vollbrecht und Wegener 2009), wie auch insgesamt eine rege Forschungstätigkeit zu verzeichnen ist, in denen spezifische Mediengenres wie Film, Kino und Literatur auf ihre bildungstheoretischen Gehalte hin untersucht werden (Wimmer et al. 2009; Sanders et al. 2016; Koller und Rieger-Ladich 2005; Zahn 2012). Ein gemeinsamer Grundzug dieser Zugänge kann darin gesehen werden, dass Medien hierbei als ein dem Menschen gegenüber Tretendes konzipiert werden. Die scheinbar selbstverständliche Gegensätzlichkeit von Mensch und Medientechnik ist jedoch, wie Käte Meyer-Drawe (1995) schreibt, hervorgegangen aus und eingeflochten in die spezifische westeuropäische Geschichte, in der technische Entwicklungen und Vorstellungen des Menschen aufs Engste miteinander verzahnt sind und zu keinem Zeitpunkt unberührt von der „Signatur des Technischen“ (Meyer-Drawe 1995, S. 359) blieben. Folgt man den Überlegungen Michael Wimmers (2014), so liegt im Bildungsdenken kategorial eine Nähe zu Optimierungs- und Vervollkommnungsambitionen vor, die jede

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d­ichotome Gegenüberstellung von hier humanistisch orientierter Bildung und dort unmenschlicher Medientechnik fragwürdig werden lässt. Der Versuch, eine humanistische Bildung zu privilegieren und von einer medientechnischen Seite zu trennen, so die Kritik Wimmers, verweise auf „ein gewisse[s] Nicht-Denken des Technischen, das als etwas Äußerliches, Sekundäres, rein Instrumentelles und Objekthaftes aufgefasst und dem Menschen als Subjekt entgegengesetzt wird“ (Wimmer 2014, S. 239). Dieses Verständnis der Gegensätzlichkeit von Medien und Mensch ist eingebettet in eine Tradition medientheoretischer Vorstellungen von Medien als menschlichen Extensionen und Werkzeugen (McLuhan 1964), der auf bildungstheoretischer Seite eine lange Denktradition der Subjektbildung ‚vermittels‘ Welt und Dingen korrespondiert. Die Semantik und die Praktiken der ‚Vermittlung‘ stehen in einem weiteren Bezugshorizont zu pädagogischen Prozessen, als es eine reduzierte Perspektive auf Medien als Instrumente menschlicher Welt- und Selbstbezüge einzuholen vermag. Denn eine solche Engführung der Perspektive verdeckt, dass die Gegensätzlichkeit von Medien und Mensch nicht ohne medientechnische Spuren und Bilder entstanden ist, in denen sich Menschen über ihre Menschlichkeit Aufschluss gegeben haben. Weiterführend sind an dieser Stelle hingegen jene medientheoretischen Perspektiven, die der vermittelnden Qualität von Medien Rechnung tragen. „Medialität“, so fasst es etwa Benjamin Jörissen (2017, S. 441) „verweist […] auf jene konstitutive Ebene, ohne die kein Zeichen, ergo kein Sinn, ergo keine Kultur und keine Ästhetik denkbar wären. Was aber in medialen Prozessen zur Erscheinung kommt, […] sind Zeichen, nicht Medien selbst“. Das Mediale kann nicht an sich, sondern nur an seinen Wirkungen erfahren werden. Ein Charakteristikum von Medialität besteht folglich weniger in der technischen Seite als in dem Umstand, dass Medien Relationen vollziehen, ohne selbst Relatum einer Bezugnahme zu sein (Krämer 1998). Mit Gerhard Gamm (2004, S. 160) lässt sich Medialität demzufolge als „globales Mittel zum Austausch gesellschaftlich verabredeter Zeichen“ und somit als „Transformationsraum von Informationen, Macht, Wissen und Energie“ fassen. In diesem umfassenderen Sinne wird Medialität als das, „was dazwischen ist, dazwischen tritt, die Mitte oder das Vermittelnde“ (Krämer 1998) verstanden. Ein solches weiter gefasstes Verständnis von Medialität1 vermag einzuholen, inwiefern die vermittelnde Dimension von Bildung und Erziehung durch eine Engführung auf medientechnische Apparaturen

1Die

kategorialen, analytischen und semantischen Differenzen und Bezüge zwischen Medialität und Mediatisierung werden bei Hepp (2014) ausgeführt, eine empirische Perspektive auf Mediatisierungsprozesse wird von Krotz (2017) grundgelegt.

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und deren Anwendungs- bzw. Rezeptionsweisen aus dem Blickfeld entschwindet. Hingegen lässt sich unter dem Gesichtspunkt der vermittelnden Relation die systematische Implikation des Medialen in pädagogischen Prozessen – etwa auch in semantischen und praktischen Hinsichten der ‚Vermittlung‘ – in den Vordergrund rücken. Vor diesem Hintergrund machen es sich die folgenden Ausführungen zum Anliegen, die Bildung des Subjekts unter dem Gesichtspunkt der Medialität des Pädagogischen zu beleuchten. Dies erfolgt in drei Schritten: Historisch-systematisch wird aufgezeigt, wie Bildung in der modernen Prägung als ‚Allgemeine Menschenbildung‘ in einem sozial- und begriffsgeschichtlichen Zusammenhang mit medientechnischen Entwicklungen steht (2). Daran anschließend wird auf der kategorialen Ebene beleuchtet, wie Bildung als ein Wechselverhältnis zwischen Ich und Welt konstitutiv mit der Möglichkeit eines ‚Zwischenraumes‘ zusammenhängt und von einer Logik der Überschreitung zehrt (3). In einer dritten Perspektivierung wird die die mediale Dimension des ‚Zwischen‘ auf der Ebene pädagogischer Prozesse diskutiert, die stets in soziale Relationen der Intersubjektivität eingebettet und von Vermittlungen bestimmt sind (4). Abschließend wird der Zusammenhang von Pädagogisierung und Mediatisierung gebündelt und auf die eingangs aufgerufene Medienvergessenheit des Pädagogischen bezogen (5).

2 Über die Bildung des Subjekts in Technoanthropologien Die bis heute prägende Vorstellung von Bildung ist nicht ohne ihre mediale Vermittlung in und durch Technologien der Humanisierung, etwa durch moderne Wissenschaften und durch moderne Institutionen wie Schule zu entziffern. Bereits im Wort Technologie findet sich die Verbindung von hervorbringender Herstellung (techné) und darin eingewobener Formierung von Vorstellungsweisen des Denkmöglichen (logos). Dieser Zusammenhang von techné und logos lässt sich auch in der pädagogischen Denktradition finden, die in unterschiedlichen Hinsichten der Auffassung folgt, dass der Mensch in und durch Bildung hervorgebracht werde. ‚Bildung‘ steht in einem abkünftigen Bezug zu ‚Bild‘ bzw. ‚Bildhaftigkeit‘ und verweist in dieser etymologischen Spur auf eine technologische Grundierung. Im Gerundivum ‚Bild-ung‘ ist nicht nur eine prozedurale, sondern auch eine hervorbringende Dimension eingelassen. Die pädagogische Tradition

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ist historisch kaum zu trennen von den auch medial induzierten Bildern, die sich Menschen von ihrer Menschlichkeit gemacht haben.2 Die bildhafte Vermittlung steht an einem der Anfänge antiker Bildungstraditionen, wenn etwa in Platons Höhlengleichnis der Bildungsgang des Menschen durch vielfältige Formen des Bildhaften – dem Medium des Gleichnisses, den Schattenprojektionen des Vergänglichen, der Sonne als Bild der ewigen Idee des Guten etc. – strukturiert wird. Diese Vorstellung findet sich auch in der neoplatonisch und christlich geprägten Auffassung von einer absoluten, durch Teilhabe an der ewigen Wahrheit oder der göttlichen Schöpfungslehre erfahrbaren, Ordnung wieder. Im Zuge der sozialen und technischen Veränderungen in der Renaissance entsteht die Frage nach der Stellung des Menschen im Verhältnis zu dieser absoluten Ordnung. In der Frührenaissance wird die Gottesebenbildlichkeit des Menschen (imago dei) von Pico della Mirandola um(ge)schrieben als Ähnlichkeit im Hinblick auf die grundsätzliche Möglichkeit freier schöpferischer Tätigkeit. Die in dieser Zeit aufkommenden Marionetten und Uhrwerke prägen die Vorstellung, Dinge und Gegenstände in der Welt bewegen und hervorbringen zu können. So war auch der Renaissancehumanist Comenius, dessen pädagogische Überlegungen an der Schwelle des modernen Bildungsdenkens angesiedelt sind, überzeugt von der grundsätzlichen Möglichkeit und Notwendigkeit menschlicher Mitwirkung (collusor dei) an der Realisation der göttlichen Ordnung. Um diese harmonische Ordnung den Menschen einsichtig werden zu lassen, trat Comenius nicht nur für eine allgemeine und für alle zugängliche Bildung ein, er entwickelte auch Lehrbücher, in denen die erkennbare Welt (Orbis Sensualium Pictus, Comenius 1658) in ihrer göttlichen Geordnetheit dargestellt und dem Menschen zu erkennen aufgegeben war – aus heutiger Sicht die ersten didaktischen, auf Vermittlung und Zeigen angelegten Lehrmedien. Ein solches Verständnis des Menschen als einem schöpferischen und selbstbestimmten Subjekt wird in der Neuzeit nicht länger in einer eschatologischen Ordnungsvorstellung gegründet, vielmehr wird das Subjekt selbst zum Grund jeglicher Ordnungsbezüge gemacht. Für das moderne Bildungsdenken der Aufklärung und vor allem des Neuhumanismus gilt das Menschliche nicht mehr lediglich als ein Element in einer unumstößlichen und transzendenten Ordnung,

2Bildlichkeitsvorstellungen

sind in weiten Teilen bis heute von der platonischen, metaphysisch-eschatologischen Bild-Abbild-Dichotomie moderiert (Mersch 2014), was zur Folge hat, dass das damit verflochtene Verständnis von Bildung in weiten Teilen nach wie vor als imitierende bzw. repräsentationslogische Aneignung von Welt vorgestellt und der mediale Charakter verdeckt wird.

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sondern als das Maß und Zentrum jeglicher, d. h. auch anders möglicher Ordnungen. Die Menschenkunde, wie sie sich in der heraufziehenden neuen Wissenschaftslogik als ordnende Zergliederung der Welt durch Disziplinen des Seienden und als Disziplinierung des Menschen formierte (Foucault 1974), intensivierte diese Frage nach dem Verhältnis von Mensch und sozialer Ordnung. Geprägt sind die neuzeitlichen Vorstellungen vom Menschen als eigengesetzliches Wesen nicht zuletzt von semantischen Spuren und Bildern technischer Maschinen (Meyer-Drawe 1997), die, gelenkt von einem inneren Zentrum – in der Sprache der Bildung: dem Vernunftgesetz, dem Bildungstrieb oder dem sittlichen Gesetz –, einen Antrieb und eine Ausrichtung erhalten. Die neuhumanistische Vorstellung von Pädagogik als eine vom Menschen ausgehende und auf die ganzheitliche Hervorbringung des Menschlichen orientierte Bildung tritt nicht zufällig in jener Zeit der beginnenden Industrialisierung auf, in der technische Entwicklungen, maschinelle Vorgänge und zergliederte Arbeitsschritte die romantische Stilisierung des Menschen als selbstzweckhaft, ganzheitlich und natürlich umso faszinierender werden ließen. Sozialgeschichtlich führten Techniken wie Buchdruck und Medien wie Geld zur Ausformung moderner Sozialbeziehungen. Die Auffassung des Menschen als Rechtssubjekt und Bürger3 war stark verwoben mit der nationalstaatlichen Dimensionierung von Bildung als öffentlicher Aufgabe. Bis heute zeigt sich, dass – hier sei exemplarisch an die eingangs erwähnte „Bildungsoffensive“ erinnert – nationalstaatliche Interessen und gesellschaftliche Erfordernisse in pädagogisierte Formate der Veränderung und Befähigung des Einzelnen übersetzt werden (Tröhler 2016).4 Diese moderne Vorstellung des Menschen als durch Bildung hervorgebrachter Bürger ist zudem eng mit kolonialen Projektionen des Fremden und Unzivilisierten verwoben – sowohl innerhalb der modernen Gesellschaft im „Medium des Kindes“ (Luhmann 2006) als auch im Außen der modernen Gesellschaften im Bild

3Die

Anthropologie des Bildungsdenkens beinhaltet nicht nur eine eurozentrische, sondern vor allem auch eine androzentrische Sichtweise, welche – nicht erst beginnend bei Rousseaus zweifachen Erziehungsgangs des Emile und der Sophie – die vermeintliche Universalität des neuzeitlichen Bildungsdenkens durch Partikularisierungen, etwa der zweigeschlechtlichen Ordnung, unterlief. 4Dieses ‚Muster‘ einer Pädagogisierung sozialer und politischer Problemlagen diente, dies zeigt sich in ganz ähnlicher Weise aktuell auch in den Themenfeldern Migration und Inklusion, in der Vergangenheit wie in der Gegenwart sehr häufig der Entpolitisierung soziostruktureller Problemlagen wie etwa sozialer Ungleichheit und Globalisierungsfolgen, die unmittelbar in und durch medientechnische Entwicklungen getragen, verursacht und erfahrbar werden.

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des „Wilden“. Die Etablierung moderner institutionalisierter Bildung im späten 18. Jahrhundert beruhte nicht zuletzt auch auf den eigens in diesem Zusammenhang entwickelten Medien der Lehre wie etwa Schulbüchern. Die hierbei durch Buchdruck und Alphabetisierung sich ausbreitende Form des extensiven Lesens (gegenüber dem repetitiven Lesen der alten Lateinschulen), nicht zuletzt auch in der aufkommenden fiktionalen Literatur, schrieb einen ästhetischen Erfahrungsraum des auch anders Möglichen in die Selbst- und Sozialverhältnisse ein. Es besteht folglich sozial- und begriffsgeschichtlich ein enger Zusammenhang zwischen der humanistischen Anthropologie und dem Bildungsdenken, dessen medientechnische Spuren häufig verdeckt bleiben. Dieses Vergessen der medialen Seite von Bildung und ihrer medientechnischen Signaturen in Begriffs- und Sozialgeschichte führt gegenwärtig angesichts der den Menschen übersteigenden – und transhumanistische Ambitionen hervorbringenden – Möglichkeiten immer häufiger dazu, dass Bildung durch mediale und digitalisierte Optimierungsangebote und Perfektionierungstechnologien verdrängt und ersetzt zu werden vermag.5 Die Ausweitung mediatisierter Lehr-Lern-Settings durchdringt – etwa in Form von Datenbanken, Lernplattformen und ‚Tutorials‘ – pädagogische Settings, sie überschreibt und ersetzt pädagogische Praktiken. Privatisierte und individualisierte Medien- und Digitalformate durchdringen zunehmend den Raum der Bildung. Insbesondere versprechen diese meist gewerblich und ökonomisch organisierten Formate durch eine stärkere Individualisierung eine verbesserte und effizientere Bildung, hier ist etwa an MOOC’s zu denken wie auch an die Verbreitung von OER’s. Diese Formate orientieren sich an und imitieren in Teilen überkommene pädagogische Formate des Lehrens und Lernens, wobei dabei eine spezifische Ausrichtung vorherrschend wird, die Individualisierung als Personalisierung codiert (Ode 2014). Ähnliches lässt sich im Hinblick auf gegenwärtige Datafizierungstechniken wie etwa Formen des ‚Selftrackings‘ beobachten, die eine Verbesserung der individuellen Lebensführung durch Aufzeichnung und Anreizmechanismen versprechen. Mit diesem Anspruch, menschliches Leben in jeder Hinsicht verbessern zu können, stellt sich nicht nur die Frage nach den Möglichkeiten und Grenzen des Menschlichen. Auch wird unmittelbar die Möglichkeit und Legitimität öffentlicher Bildung berührt, wenn nicht gar herausgefordert und überschrieben.

5Dies lässt sich etwa an Verbesserungsmöglichkeiten auf der Ebene körperlich-physischer Erscheinungen ablesen, wie auch an zunehmenden physiologischen Interventionen, die von körpertechnischen Erweiterungen bis hin zu Neuro-Enhancement auf die Grenzen herkömmlicher Gesundheits-, Entwicklungs- und Bildungskonzepte verweisen (Schäfer 2015).

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Eine kompetenzorientierte Sichtweise, die Medien zu Instrumenten des Menschen erklärt und didaktisch die Nutzung von Medien in den Vordergrund stellt, verdeckt jedoch die grundsätzliche Verbindung von Medien und Bildung. Insbesondere bleibt eine solche Vorstellung begriffs- und sprachlos gegenüber den Durchdringungen des Menschlichen durch Medien. Die Vorstellung einer instrumentellen Beherrschung der Medien verunmöglicht es, jene Distanz zwischen Individuen und Welt zur Geltung bringen und erfahren zu können, die das moderne Bildungsdenken kennzeichnet. Daraus resultiert die grundsätzliche Notwendigkeit, den medialen Spuren im Bildungsgeschehen selbst Beachtung zu schenken.

3 Über Bildung als Vermittlungs- und Überschreitungsgeschehen Wurde bis zu dieser Stelle der Blick auf den sozial- und begriffsgeschichtlichen Zusammenhang zwischen der Bildung des Subjekts und der Medialität von Bildung gerichtet, soll im Folgenden auf der kategorialen Ebene der Bildungsbegriff im Hinblick auf die darin eingelagerten Bezugspunkte zu Medialität betrachtet werden. Es ist weiterführend, hierfür den Blick auf die Grundlegung des modernen Bildungsdenkens zu richten, um dessen kategorialen Gehalt für medientheoretische Überlegungen freizulegen. Ein besonderes Augenmerk liegt mithin auf den systematischen Implikationen der – Medien erforderlich machenden – Relation zwischen Subjekt und Welt. Die moderne Fassung von Bildung, wie sie prominent durch Wilhelm von Humboldt als „allgemeinste, regeste und freieste Wechselwirkung“ (Humboldt 1980, S. 235) zwischen Ich und Welt ausformuliert wurde, setzt ein entscheidendes Motiv der Moderne bereits voraus. Der Mensch der Moderne ist nicht festgelegt in einer Ordnung der eschatologischen oder metaphysischen Einheitslehre, in der sein Platz, seine Identität und sein Werden bereits vollkommen bestimmt wäre. Die von Rousseau im zweiten Discours formulierte Auszeichnung des Menschen durch „perfectibilité“, die grundsätzliche Unbestimmtheit des Menschen, stellt ihn als veränderbares, der Vervollkommnung fähiges, aber (noch) nicht perfektes Wesen vor. Eingelassen ist darin bereits bei Rousseau eine untilgbare Spannung zwischen der Potenzialität der Vervollkommnung und der fortwährenden Drohung ihres Scheiterns. Die Unbestimmtheit des Menschen ist die eine wichtige Seite dieser modernen Idee von Bildung. Diese Auffassung eröffnet die grundsätzliche Möglichkeit, eine Veränderbarkeit des Menschen – wie auch menschlicher Ordnungsgefüge – vorzustellen und impliziert somit auch eine grundsätzliche

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­ istanz gegenüber Zweckbestimmungen jeglicher Art. Im Anschluss an Kants DarD legung der Selbstzweckhaftigkeit des Menschen versteht Humboldt Bildung als jenes Geschehen, das dem Menschen qua seiner Freiheit von kausalgesetzlichen Determinierungen zukommt und worin seine Menschlichkeit Gestalt erlangt. Die zweite wichtige Seite dieses Bildungsbegriffs liegt in der damit einhergehenden Hervorhebung der Welthaftigkeit bzw. Sozialität im Bildungsgeschehen (Dörpinghaus 2004). Für Humboldts Auffassung von Bildung ist entscheidend, dass Bildung nicht als ein inneres Geschehen des Individuums aufgefasst wird. Um Bildung möglich werden zu lassen, so schreibt es Humboldt „[…] bedarf der Mensch einer Welt ausser sich“ (Humboldt 1980, S. 235). Ohne einen Bezug auf ein Anderes des Selbst, auf die Welt außerhalb des Ich, sei Bildung nicht möglich. Dabei ist diese Welt, die Humboldt allgemein negativ als „Nicht-Ich (d.i. Welt)“ (Humboldt 1980) bestimmt, dem Selbst nicht ohne weiteres zugänglich. Es erfordert die Selbsttätigkeit des Menschen, sich der vielgestaltigen Welt auszusetzen und sich ihr zugleich gegenüber empfänglich zu zeigen und zu öffnen. Das Entscheidende ist also ein Abstand, eine ‚Nicht-Identität‘ und also eine Fremdheit zwischen Ich und Welt, die das Bildungsgeschehen auszeichnet. Das Heraustreten aus einem selbstbezüglichen Individualismus, dessen monadologische Spuren zwar auch noch in Humboldts Verständnis von Individualität zu finden sind, ist für Bildung zentral. Zwischen Welt und Subjekt liegt ein Riss vor, der den Raum für bildende Erfahrungen eröffnet (Thompson 2009). Die Welt und das Ich bleiben sich gegenseitig unverfügbar, zwischen ihnen besteht eine grundlegende Differenz. Mit ‚­Bildung‘ wird jener vermittelnde Zwischenbereich – jenes ‚Medium‘ – angesprochen, indem sich die Relata dieser Konstellation (Ich und Welt) voneinander trennen und aufeinander beziehen. Die Sprachtheorie Humboldts gibt an dieser Stelle wichtige Hinweise darauf, dass Bildung nicht über den ‚Eintritt‘ in die Welt als Anfangspunkt dieser Wechselbeziehung gedacht werden kann. Vermittels der Sprache(n) ist das Ich stets mit der Welt verbunden, ist die Welt immer schon anteilig in ihm. Die Sprache existiert zeitlich und räumlich vor dem Individuum: Die Sprache kommt auf das Individuum zu, sie ist für Humboldt (2013) das „bildende Organ des Gedanken“ als Medium der Selbst- und Welterkenntnis, von dem sich das Selbst zu keinem Zeitpunkt vollends zu distanzieren vermag.6 Aus diesem Grund stellt für Humboldt das Studium der Sprachen auch kein exklusives Zusatzprogramm

6Dies

impliziert eine untilgbare Fremdheit im Eigenen, die als Alterität bezeichnet wird (Jergus 2017; Schäfer 2004; Wimmer 2013).

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und kein Exempel unter anderen dar. Jede Sprache, so Humboldt (2013, S. 191), beinhalte eine „Weltansicht“ (Humboldt, S. 223); für Humboldt ist das Sprechen ein Medium der Selbst- und der Welterfahrung (Wimmer 2009). Es ist diese konstitutive Differenz zwischen Ich und Welt, die ein permanentes Vermittlungsverhältnis, einen medialen Bezug der unendlichen Überschreitung des einen auf das andere hin und vice versa in Gang setzt.7 Bildung ist demzufolge ein Ort des „Zwischen“ (Thompson und Jergus 2014), an dem das moderne Subjekt in eine Relation zur sozialen Ordnung tritt. Vor dem Hintergrund gegenwärtiger Entwicklungen im Bereich digitalisierter Medienwelten lässt sich aus diesen Überlegungen die Frage entwickeln, wie solche ‚Zwischenräume‘ (noch) entstehen können, an denen eine Leerstelle oder eine Distanz erfahren werden kann. Insbesondere die enorme Ausweitung von Datafizierungsprozessen lässt Unterschiede zwischen dem Individuum und seiner Welt verschwinden, verkleinert oder vernichtet Räume der ‚Nicht-Identität‘. Das kann im Hinblick auf personen- und datenschutzrechtliche Aspekte neuer Kontrollmöglichkeiten im öffentlichen Räumen gesagt werden, wie auch im Anspruch unterschiedlicher Datafizierungs-Apps, alle Bereiche der Lebensführung vom Schlaf über die Kindererziehung bis zur Ernährung personifiziert und individualisiert zu erfassen. Räume der Unverfügbarkeit und der Erfahrung des Unbekannten werden hierbei marginalisiert, wenn nicht gar als Störungen markiert und empfunden. Für Humboldt lag im relationalen Wechselverhältnis zwischen Ich und Welt noch eine auf harmonische Versöhnung hin orientierte Bewegung. Jedoch sind an die Versöhnungsvorstellungen einer harmonischen Wechselbeziehung zwischen Subjekt und sozialer Ordnung von Beginn an Zweifel angemeldet worden, deren Prägnanz nicht zuletzt im Horizont der Erfahrung des Faschismus und des Spätkapitalismus besonders deutlich hervortrat. Es war unter anderem Max Horkheimer (1952), der der klassischen Fassung von Bildung ausgehend von der Beobachtung, dass der „Prozess der Bildung in den der Verarbeitung“ (Horkheimer 1952, S. 411) umgeschlagen sei, eine Absage erteilte. „Es gibt nichts Unbetretenes mehr“ (Horkheimer 1952), schreibt Horkheimer, und verweist damit auf den fehlenden Raum eines vermittelnden Zwischen, der eine Erfahrung ermöglichen könnte. Die verdinglichte Welt bietet laut Horkheimer

7Die

hierbei aufscheinende Logik eines Prozesses, der in Gang gesetzt wird, enthält auf der semantischen Ebene nicht nur Spuren einer technischen Sprache maschineller Produktion (Meyer-Drawe 1996), sondern verdeckt auch, dass es im strengen Sinne keinen Anfang und kein Ende dieses Prozesses gibt (Dörpinghaus 2003).

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keinen u­ nbearbeiteten Zugriff mehr, der nicht bereits vorstrukturiert und erfasst wäre. Hier ließe sich im Hinblick auf Mediatisierungstendenzen eine eine Verbindung sehen, die den aktuellen Wandel von Öffentlichkeiten und insbesondere deren Fragmentierung in Neuen Medien betrifft. Vorstrukturierte, an das Konsumverhalten der Nutzer_innen angepasste Informations- und Weltvermittlung im Rahmen neuer Sozialer Medien zeigen eindringlich, wie die Vernachlässigung des welthaften Anteils zu einer Immunisierung gegenüber den Belangen der sozialen und kulturellen Welt zu führen vermag (Simanowski 2018). Verloren geht in dieser personalisierten und ausschnitthaften Zu-Richtung der Welt tendenziell in immer umfassenderer Weise die Möglichkeit, etwas Unbekanntes und Unverstandenes überhaupt zu erfahren. Die Überschreitung des Eigenen auf eine Welt hin wie auch das Zukommen der Welt auf das Eigene, beide Bewegungen sind auch schon in Horkheimers Sicht zum Stillstand gekommen, indem hoch industrialisierte Prozesse der Spätmoderne den Menschen und die Welt vollkommen er- bzw. begriffen haben. Daraus folgt laut Horkheimer eine Sichtweise, die Bildung als Aneignung von Welt verkürzt. Das Subjekt werde als Agens der Weltbeherrschung und -verfügung eingesetzt und Bildung infolgedessen nur mehr als Selbstbildung im Sinne einer Selbstvervollkommnung vorstellbar. Demgegenüber verweist Horkheimer (1952, S. 415) auf die Notwendigkeit der „Hingabe an eine Sache“. Dass es „mit der Aneignung nicht getan“ ist, wie Horkheimer (1952, S. 415) schreibt, sondern Bildung mit einem Sich-Selbst-Fremd-Werden und einer grundlegenden Veränderung der Selbst- und Weltbezüge einhergeht, wird in der aktuellen Bildungstheorie immer wieder hervorgehoben (Koller 2012; Thompson 2009; Schäfer 2011). Die im Bildungsdenken kategorial angelegte Überschreitungs- und Vervollkommnungslogik, führte jedoch nicht selten zur Privilegierung der Selbstbildung und zur Abblendung der sozialen Seite der Bildung (Pongratz und Bünger 2008). Wird Bildung in der Hauptsache egologisch fundiert und als Aneignung, weniger jedoch als Überschreitungs- und Übersetzungsgeschehen im Zwischen von Welt und Selbst gedacht, so birgt dies nicht zuletzt die Problematik in sich, gegenüber Optimierungsansprüchen sprach- und begriffslos zu werden (Mayer et al. 2013). Beispielhaft mag hier an die permanente Selbst-Beobachtung und Bereitstellung von Personendaten durch Big Data gedacht werden. Die Möglichkeiten der automatischen Gesichtserkennung können und werden – von globalen Firmenkonzernen durch die aktive Mithilfe derjenigen, die ihre privaten Fotos durch Algorithmen identifizieren lassen, gespeichert und verwendet – nahtlos zur verstärkten Kontrolle und Überwachung genutzt. Die Grenzen des Zugriffs auf das Selbst werden dabei nicht von diesem einsehbar bestimmt – und sei dieses

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Selbst noch so medienkompetent informiert. Zugriffsmöglichkeiten und -rechte auf Individuen werden vielmehr von überstaatlichen, der öffentlichen Debatte und gemeinsamen Mitbestimmung entzogenen Konzernen monopolisiert, ohne dass für die kompetente Nutzung von digitalisierten Medien um diesen Zusammenhang gewusst werden muss und kann. Die Überschreitung des Selbst auf die Welt hin kann in dieser Hinsicht so kaum anders denn als Überschreitung des Menschlichen erscheinen, wovon transhumanistische Ambitionen der Überwindung menschlicher Mängel zehren (­Wimmer 2014). Sowohl die dichotomisierende Trennung zwischen Welt und Selbst als auch, wie von Horkheimer beschrieben, das deckungsgleiche Ineinandergreifen von Welt und Selbst verunmöglichen die Erfahrung eines Zwischen, jener relationierenden Mitte, durch die überhaupt erst ein Bezug zwischen den Relata der Beziehung – Ich und Welt, Selbst und soziale Ordnung, Subjekt und Gesellschaft – entstehen kann. Bis zu dieser Stelle wurde in zwei Hinsichten herausgearbeitet, wie die Bildung des Subjekts als ein Überschreitungsgeschehen zu verstehen ist: Sowohl im Hinblick auf die anthropotechnische Formierung neuhumanistisch-bürgerlicher Subjektivität als auch in der kategorialen Fassung von Bildung als eines Wechselverhältnisses im ‚Zwischen‘ von Ich und Welt. Auf diese Weise ließ sich veranschaulichen, wie die Bildung des Subjekts (im doppelten Genitiv) stets in mediale Bedingungen eingebunden ist und durch diese ermöglicht wurde. Sowohl sozial- als auch ideengeschichtlich wird in dieser Hinsicht das Werden des Menschen als Subjekt durch Projektionen und Bilder der Überschreitung des Gegebenen in Bildungsprozessen erfasst. Hierfür waren und sind medial vermittelte Techniken und wie auch „Technologien des Selbst“ (Foucault 1993) stets von grundlegender Bedeutung. Unter diesem Gesichtspunkt lässt sich bezogen auf aktuelle Medientechnologien danach fragen, wie die Möglichkeit und Struktur des ‚Zwischen‘ gegenwärtig beschaffen ist. Welche Optionen bestehen, die Erfahrung des ‚Unbetretenen‘ zu machen, sich einer Sache hinzugeben oder das Neue und Unbekannte zu erleben? Wie lässt sich in datafizierten Räumen vergessen und eine neue Sichtweise einnehmen? Ist Veränderung – das Betreten eines neuen Raumes, die Übernahme einer anderen Position etc. – (noch) möglich?

4 Zur Medialität des Pädagogischen Bis zu dieser Stelle ließ sich darlegen, wie die Bildung des Subjekts sozialgeschichtlich und begriffssystematisch eine mediale Seite besitzt. Als zentral erwies sich herbei die konstitutive Dimension des ‚Zwischen‘, die in gegenwärtigen Datafizierungs- und Digitalisierungsarrangements zunehmend marginalisiert oder

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a­ ufgehoben zu werden scheint. Im Folgenden soll das Augenmerk auf die prozedurale Dimension von Bildung gerichtet werden, da auch hier relationale Zwischenräume die Möglichkeit pädagogischer Prozesse bestimmen. Dies lässt sich im Besonderen in drei Hinsichten zeigen: An der Relation zwischen den Generationen, der Relation zwischen Subjekten in pädagogischen Interaktionen sowie der Relation zum Anderen bzw. zum Dritten. Nicht erst mit der modernen Pädagogik und Schleiermachers berühmten Diktum, die Gegenwart des Kindes nicht seiner Zukunft zu opfern, steht das Verhältnis der Generationen im Zentrum pädagogischer Frage- und Problemstellungen. Die platonische periagogé oder auch die renaissancehumanistische Vorstellung des Comenius von Bildung als imitatio verweisen auf das Problem, dass zwischen dem Bestehenden und dem Kommenden eine untilgbare Lücke klafft. Auch wenn Platon und Comenius die Frage der Generationalität als disziplinierendes Einrücken in das Bestehende vorstellten, verweisen sie dennoch auf das Problem, dass sich das Bestehende nicht ohne Weiteres tradiert. Die Tatsache der menschlichen Endlichkeit stellt die Substanz jeder Ordnung infrage, deren gewaltsame Schließung durch ontologisierende Gesten der Substanzialisierung bestehender Ordnungen seit je eine enge Verbindung zwischen Politik und Pädagogik implizierte. Gegenüber Bestimmtheitsansprüchen antiker und christlicher Eschatologien, die Menschen und Ordnung in ein perfektes Verhältnis zu bringen versuchten, stellt die neuzeitliche Vorstellung menschlicher Unbestimmtheit und Veränderungsfähigkeit die Frage nach der dem Menschen gemäßen Ordnung auf Dauer. Die Relation zwischen den gegenwärtigen und den kommenden Generationen wird nicht mehr allein aus der Mächtigkeit bestehender Ordnungen heraus zum Thema, sondern erzeugt in der Moderne eine fortwährende Konflikthaftigkeit, in die sich die moderne Profession und Theorie der Pädagogik als Vermittlung und Übersetzung einsetzt. Die Politizität dieses Generationenverhältnisses wird etwa von Hannah Arendt (2000) als Frage des Neuen im Zeichen der Geburt herausgestellt. Die Ankunft des Neuen und die Möglichkeit des Anfangens, so folgert daran anschließend Jan Masschelein (1996), konstituiert Pädagogisches als ein Antwortgeschehen. Pädagogisches resultiert gerade nicht aus der Überlegenheit einer Wissensposition heraus, die sich als Vermittlung und Tradierung des Gegebenen – die Disziplinierung und Kultivierung – ereignet. Pädagogik entsteht durch das Befragt- und Fraglichwerden des Gegebenen und offenbart eine grundsätzliche Schutzlosigkeit wie auch Schuldigkeit im Antworten. Diese Relation generationaler Ordnungen lässt sich im Hinblick auf mediatisierte und digitalisierte Lebenswelten gegenwärtig vor allem auf neuere Reproduktionstechnologien beziehen, die in Anspruch

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n­ehmen, die Zukunftsoffenheit optimieren oder gar tilgen zu können. Insbesondere jedoch versprechen Datenbanken und Lernumgebungen, das Wissbare und Erkennbare der Welt unabhängig von Tradierung und Vermittlung bewahren und aufbereiten zu können. In diesem Zusammenhang lässt sich die Frage aufwerfen, wie das politische Moment in Tradierungsprozessen – als dasjenige, das über die disziplinierende Einrückung des Bestehenden hinaus zu weisen vermag – zum Tragen kommen kann und wie also die unaufhebbare Lücke zwischen Tradierung und Neuem zur Geltung kommt. Des Weiteren lässt sich auf die vermittelnden Zwischenräume unter dem Gesichtspunkt der Relationen in pädagogischen Beziehungen eingehen. Pädagogische Prozesse vollziehen sich im Medium der Intersubjektivität, welche die Adressen und Relata pädagogischer Beziehungen stiftet. In der pädagogischen Beziehung vollzieht sich die positionierende Adressierung der Relata dieser Konstellation als Pädagog_in und Adressat_in – selbst da noch, wo durch Wissens- und Erfahrungsvorsprung eine Überlegenheitsposition reklamiert wird. Intersubjektivität ist hierbei insofern jeder souveränen Subjektivität vorgängig, als sich Subjekte in Sozial- und Anderenbezügen konstituieren und sich von anderen her erlernen (Meyer-Drawe 1990; Ricken 2013). Vor diesem Hintergrund schreiben Norbert Ricken und Nicole Balzer, dass Anerkennung ein „Medium des Pädagogischen“ (Balzer und Ricken 2010; Ricken 2016, S. 142) ist, insofern in Anerkennungsprozessen Momente der Rede und Anrede im Akt der Adressierung ineinander fallen. Anerkennung vollzieht sich – dies wird auch gegen eine rein moraltheoretische Vorstellung des lobenden Wertschätzungshandelns vorgebracht (Hetzel 2011) – als ein performativer Akt der Identitätsstiftung. Adressierende Anrufungen formieren den Platz, in dem ein Selbst sich einfinden soll (Butler 2001). Wie bereits bezogen auf die mediale Stellung der Sprache für Welt- und Selbsterkenntnis ausgeführt wurde, verweist dies darauf, dass ein „Selbst durch Andere“ (Schäfer und Thompson 2010, S. 11) entsteht, und also Andersheit und Fremdheit dem Selbst vorgängig sind. Für pädagogische Konstellationen bedeutet dies nicht nur, dass die Relata der pädagogischen Beziehung weder räumlich noch zeitlich vor dieser Beziehung bestehen, als würden sie erst in einen pädagogischen Raum eintreten, der nach Belieben oder äußerlichen Maßgaben wieder verlassen werden könnte. Vielmehr stiften pädagogische Beziehungen diese Adressen erst, indem Individuen durch adressierende Anrufungen in pädagogische Relationen einbezogen werden – als Kind, als Pädagogin bzw. Pädagoge, als Schülerin bzw. Schüler etc. Unter diesem Gesichtspunkt wird deutlich, weshalb überhaupt von einem pädagogischen Geschehen gesprochen werden kann: Der Ausgangspunkt liegt in der Erfahrungsoffenheit und Veränderungsmöglichkeit von Subjektivität – der Möglichkeit von und durch Andere(s) angesprochen zu werden.

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Dieses Medium der Intersubjektivität – gemeinsam mit der Relation zwischen den Generationen – wird zunehmend und zuvorderst durch digitalisierte Medien überschrieben, indem Individuen zu Adressen pädagogischer Ambitionen gemacht werden und angehalten sind, sich selbst als solche zu verstehen, etwa als ‚Informationsempfänger‘ oder ‚Wissenserwerbende‘. Dabei gerät die Praxis der Adressierung aus dem Blick, die nicht zuletzt die Option enthält, sich zu den Anrufungen in ein Verhältnis setzen zu können. Es wurde bereits eingangs auf die Überschreibung des Individuellen durch Personalisierung, etwa bei ‚Tutorials‘ oder ‚MOOC’s‘ hingewiesen. Die Relationalität von Bildungsprozessen wird hierbei aufgelöst, indem Modi der Zählbarkeit, Zergliederung und Sichtbarkeit dominieren, die Anrede und Adressierung als ‚Informationsgehalte‘ und ‚Informationsverarbeitung‘ codieren. Wissensvermittlungsprozesse werden infolgedessen nur mehr als Übertragungsprobleme wahrgenommen, die effizientere Lehrer_innen und Lerner_innen erfordern und Lehr-Lern-Settings zu optimieren verlangen. Wissen erscheint daraus resultierend als Gegenstand der Aneignung, das Selbst der Bildung als Adresse von Informationsverarbeitung und die Welt als Lernumgebung (Masschelein und Simons 2007). Die Welt wie auch das Selbst werden in Lernumgebungen als identifizierbare und objektive Adressen von Eingriffen und Zugriffen behandelt. Im Wort der Lernumgebung schwingt die Vorstellung einer passförmigen Verbindung zwischen Selbst und Welt mit, die der Vermittlung oder Übersetzung zwischen diesen Relata nicht mehr bedarf. Eng damit zusammenhängend ist schließlich eine dritte Relation – die zum Anderen – zu berücksichtigen. Nicht nur sind Generationengefüge durch Vermittlungsprozesse zwischen Tradierung und Neuerung durch soziokulturelle Bezüge bestimmt, auch die Intersubjektivität pädagogischer Prozesse geht über eine zweistellige Relation hinaus. Pädagogische Prozesse vollziehen sich sowohl mit als auch vor Anderen, die Gegenüber und Teil pädagogischer Prozesse sind – als Jahrgangsklasse, als Schulgemeinschaft, als gesellschaftlicher Raum, als Zuhörer_in etc. Die für das Bildungsdenken zentrale soziale Dimension gerät zunehmend aus dem Blickfeld, da sie die Effizienz und Fortschritt der individuellen Optimierungsmöglichkeiten zu stören oder zu bedrohen scheint. Die mediale Stelle im Zwischen, die in pädagogischen Beziehungen erst die Subjektpositionen der Lehrenden und Lernenden figuriert, lässt sich mit Theorien des Dritten in Verbindung bringen (Bedorf 2010): Die Figur des Dritten zeichnet sich gerade dadurch aus, keine substanzielle Qualität als ontologisierbare und zurechenbare Identität zu besitzen, und auch keine substanziell-physische Dimension im Sinne eines Instruments der Übermittlung zu sein. Sondern es ermöglicht als Anderes der Anderen – als dritte Position, als Grenze, als Differenz – Bezüge zwischen ego und alter, zwischen Selbst und Welt etc. (Fischer et al. 2010). Die Figur

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des Dritten vermittelt und unterbricht, sie eröffnet das Zwischen als Raum der Übersetzung. Bezogen auf pädagogische Prozesse bedeutet dies, dass in ihnen mehr und anderes anwesend ist, als sich in der Struktur dyadischer Verhältnisse abbildet. Die Abblendung der medialen Seite der Bildung – die jede Dyadizität durch ein Drittes überschreitet – führt nicht selten dazu, die Grenzen der Verfügung über sich selbst und andere dann als ein Scheitern in der Praxis, etwa als Scheitern pädagogischer Handlungsfähigkeit oder als individuelles Entwicklungsoder Lerndefizit, zu markieren. Objektivierungsambitionen, die Subjekte zu Trägern von Wissen und Erfahrung stilisieren, invisibilisieren die relationierende Mitte, die Ebene des Verstricktseins und die jeder Zurechnung auf intentionale Akte sich entziehende Machtförmigkeit von Ordnungen.

5 Von der Pädagogisierung der Medien zur Medialität des Pädagogischen Der hier ausgeführte Gedankengang folgte einem Bogen, der von der Pädagogisierung der Medien über die Bildung des Subjekts zur Medialität des Pädagogischen verlief. In der Bilanz dieses Gedankengangs ließ sich aufzeigen, wie eine vordergründige Kompetenzorientierung als Anliegen der Befähigung zum Umgang mit Medientechniken zu kurz greift. Denn eine solche Verkürzung würde nicht nur den doppelten Genitiv in der Bildung des Subjekts zum Vergessen bringen, indem abgeblendet wird, wie Vorstellungen des Menschen als Subjekt von medientechnischen Spuren gekennzeichnet sind. Auch verdeckt die dichotome Gegenüberstellung von Mensch und Medien die mediale Seite der Subjektwerdung, indem Medien als verdinglichter Gegenstand der Aneignung und Verfügung stilisiert werden. Wird hingegen der Gedanke aufgenommen, dass Pädagogisches und Medialität auf eine grundsätzlichere Weise miteinander verbunden sind, als es die Rufe nach der Befähigung zu kompetenten Umgangsweisen mit Medien und Digitalisierung nahelegen, so scheint es in diesen Forderungen also um mehr und anderes noch zu gehen. In diesem Zusammenhang lässt sich etwa darauf aufmerksam machen, dass die gegenwärtigen Mediatisierungstendenzen in Gestalt vermehrt privatisierter Bildungsarrangements, wie sie mit ‚MOOC’s‘, ‚Tutorials‘ und algorithmischen Datenbanken aufkommen, mit einer grundsätzlicheren Verschiebung zwischen den Sphären des Öffentlichen und Privaten einhergehen. Die gegenwärtige Durchdringung des Öffentlichen durch individualisierte Privatismen wie der entgrenzte Durchgriff des Öffentlichen auf das Private lässt sich auch für pädagogische Räume wahrnehmen.

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Die in digitalisierten Bildungsräumen angebotene Personalisierung und Identifizierung von Welt und Selbst, die passgenaue und bedarfsorientierte Lernangebote anzubieten und die Notwendigkeit von Raum und Zeit für Bildung zu nivellieren verspricht, hat daher Konsequenzen für die unmögliche Erfahrung, die mit Bildung umschrieben wurde. So wird etwa in Konzepten wie dem des ‚Lebenslangen Lernens‘ die Identität von Lernen und Leben behauptet, die sich mittels digitalisierter Medien offenbar ressourcenarm in allen Lebensbereichen implementieren lässt, ohne noch auf Bildung und Vermittlung angewiesen zu sein. Statt der im Bildungsdenken konstitutiven Welthaftigkeit des Selbst wird eine „Immunisierung“ (Masschelein und Simons 2005) gegenüber allen welthaften Anteilen in der Bildung des Selbst vorherrschend, die keine Räume der Übersetzung oder des Übertritts zwischen Sphären mehr erforderlich oder wünschenswert erscheinen lässt. Die zurechenbare Zuteilung der instrumentellen Verfügbarkeit über sich selbst und die Welt forciert auf diese Weise immunisierende „Illusionen von Autonomie“ (Meyer-Drawe 1990), die Beziehungen zur Welt und zu Anderen abzutrennen und in ausrechenbare, passförmige Relationen zu transferieren sucht. Ein solch immunisiertes Subjekt ist angehalten, sich selbst von den Berührungen und Bezeugungen der Anderen zu reinigen, und alle sozialen und medialen Bezüge nur mehr als stimmloses Rauschen (Rancière 2002) ohne jede Möglichkeit der Bezugnahme zu behandeln. Die Medienvergessenheit in der Bildung des Subjekts hat zur Folge, dass die spannungsvolle, grundsätzlich konflikthafte Differenz zwischen Welt und Selbst zum Verschwinden gebracht, die für Bildung konstitutive Relation zwischen Ich und Welt verunmöglicht wird. Welt wie auch Selbst werden in ‚Lernumgebungen‘ zu identifizierbaren und objektiven Adressen von Eingriffen und Zugriffen. Der Sprachlosigkeit anheimgegeben werden damit all jene Formen der ‚Hingabe‘ und Verstricktheit, die im Zwischenraum der Bildung überhaupt erst die Bildung des Subjekts ermöglichten. Widersprüchliches, Ambivalentes und Konflikthaftes entschwinden, weil sie sich nicht als Angebote des Lernens und in Form von Optionen offerieren, sondern eine Grenze im Erfahren, im Wissen, im Sprechen zum Vorschein kommen lassen. Ein technologisiertes Verständnis von Wissen als transferierbare Information, in dessen Konsequenz Selbst und Welt als Sender und Empfänger, als gleichförmige Pole eines Informationskanals verstanden werden (Kittler 1997), führt nicht zuletzt auch zu einer umso umfassenderen Kontroll- und Disziplinierungsoption des Zugriffs auf die als zurechenbare Einheit verstandene Identität des Subjekts. Nicht ohne Grund jedoch hing die moderne Formulierung von Bildung eng mit der Etablierung einer öffentlichen Sphäre zusammen, die als Erfahrungs- und

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Bezugsraum eines überindividuellen (und stets prekären) ‚Gemeinsamen‘ die Möglichkeit beinhaltete, das Gegebene zu überschreiten und eine Position verlassen zu können. Seit der Antike ist die Vorstellung von Bildung sehr eng an Grenzbeziehungen und Überschreitungen zwischen oikos und polis gebunden, und rekurriert in verschiedenen Hinsichten auf ein ‚Ganzes‘, das idiosynkratische Selbstbespiegelung überschreitet. Im Anschluss an die Theoriefigur des Dritten kann diese Sphäre des Öffentlichen als ein mediales Zwischen, als ein unzugehöriger Raum gefasst werden, in dem anderes und mehr anwesend werden kann, als ein-eindeutige Zurechenbarkeiten auf agierende Subjektadressen zu behandeln vermögen. Diese Öffnung auf den und das Andere hin ist für die Bildung des Subjekts konstitutiv. Das Vergessen der medialen Seite in der Bildung des Subjekts verschließt die konstitutive, mediale Stellung des Zwischen, in dem Subjekt und soziale Ordnung bzw. Ich und Welt in eine Beziehung treten könnten.

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Friendzone Level 5000. Memes als bildvermittelte Subjektivierungspraktiken Sascha Oswald

Zusammenfassung

Memes sind Internet‐Phänomene, genauer gesagt: Nutzergenerierte Inhalte verschiedenster Art (Bilder, Videos, Texte), die sich insbesondere durch die Art ihrer Verbreitung und Weiterverarbeitung auszeichnen. Es handelt sich dabei überwiegend um bildbasierte Formen der Massenkommunikation. Damit einhergehen sowohl die Verbreitung von Werten, Normen, Ansichten und Idealen wie auch von Identitätskonzepten und Selbstentwürfen. Der Beitrag befasst sich mit Memes als visuellen Subjektivierungspraktiken und Diskursen. Exemplarisch hierzu wird der überwiegend über Bilder transportierte Friendzone‐Diskurs innerhalb der Online‐Community 9gag rekonstruiert und gezeigt, wie in diesem Diskurs eine bestimmte Form des männlichen Subjekts konstituiert und zugleich Aussagen über Geschlechterbeziehungen produziert und etabliert werden. Die kommunikativen und medialen Eigenschaften der Memes sowie ihr Auftreten und Zirkulieren in einem ganz spezifisch strukturierten digitalen Raum sorgen dabei für veränderte Wahrnehmungsschemata und neue Techniken der Selbstthematisierung. Schlüsselwörter

9gag · Digitale Bildpraktiken · Digitale Diskurse · Friendzone ·  Mediatisierung · Memes · Subjektivierung · Visuelle Kommunikation

S. Oswald (*)  Institut für Sozialwissenschaften, Universität Hildesheim, Hildesheim, Deutschland E-Mail: [email protected] © Springer Fachmedien Wiesbaden GmbH, ein Teil von Springer Nature 2019 P. Gentzel et al. (Hrsg.), Das vergessene Subjekt, Medien • Kultur • Kommunikation, https://doi.org/10.1007/978-3-658-23936-7_13

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1 Einleitung Memes sind virale Internet-Phänomene und nehmen oft die Form eines visuellen Running Gags an. In sozialen Netzwerken aber auch andernorts im World Wide Web führt kaum ein Weg mehr an ihnen vorbei. Selbst Journalismus, Marketing und Politik (Asendorf et al. 2014; McCrae 2017; Schmehl 2017) sind auf die Präsenz und Potenziale der Bild-Memetik bereits aufmerksam geworden. Dabei stehen sie symptomatisch für einen sehr allgemeinen Trend hin zur digitalen Bildkommunikation. So ist zu beobachten, dass die Miteinbeziehung von Bildern in die (digitale) Alltagskommunikation in den letzten Jahren einen immer größeren Stellenwert eingenommen hat. Das zeigt sich auch in technischen Entwicklungen: So wurde die SMS von der MMS und schließlich von multimedialen Apps wie WhatsApp abgelöst und die Digitalkamera ist in Anbetracht integrierter und immer potenterer Smartphone-Kameras weitgehend obsolet geworden. Jüngst warb das Google Pixel mit der „am besten bewertete[n] Smartphone-Kamera“ und einem „unbegrenzten Speicherplatz für all deine Fotos und Videos“.1 Beinahe jede Soziale Netzwerkseite hat sich mittlerweile auf das massenhafte Hochladen und Teilen von Bildern auf ihren Seiten eingestellt. Viele haben es bereits zum primären Medium des Austauschs erhoben, beispielsweise so augenscheinlich unterschiedliche Anbieter wie Pinterest (das dem Zusammenstellen eigener Bildergalerien dient), Instagram (wo überwiegend Privatfotografien geteilt werden) oder 9gag (eine Seite zum Verbreiten von Memes). Die Bildzentriertheit moderner Kommunikation ist nun kein absolut neues Phänomen und wurde in Literatur und Medien schon oft aufgegriffen und verarbeitet. Auch die Sozialwissenschaft registriert mittlerweile die Verschiebungen, die im Bereich der Alltagskommunikation stattfinden und beginnt, wenn auch nur zögerlich, sich den damit einhergehenden forschungstechnischen Herausforderungen zu stellen. Zwar gibt es bereits einige qualitative Studien, die sich mit alltäglicher digitaler Bildkommunikation beschäftigen (u. a. Astheimer et al. 2011; Walser und Neumann-Braun 2013; Autenrieth 2014; Lobinger 2015; Niemann und Geise 2015; Schreiber und Kramer 2016), angesichts der Hochkonjunktur von Instagram, Snapchat, Whatsapp und Co. ist, zumindest im deutschsprachigen Raum, die Forschungslandschaft dennoch vergleichsweise überschaubar. So konstatiert Burri für die Soziologie gar eine „Bildvergessenheit“ (2008). Er meint damit nicht etwa, dass die Soziologie das Bild als Medium vernachlässigt hätte – doch habe

1https://madeby.google.com/intl/de_de/phone/,

Zugriffen: 06.03.2018.

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sich die Soziologie bislang zu sehr mit dem Bild als Einzelwerk und Dokument beschäftigt und weniger mit der alltagsweltlichen Einbindung dieses Mediums in Handlungen und Praktiken (Burri 2008, S. 345). Eine verstärkte Zuwendung bliebe nicht ohne Konsequenzen: Müller (2016) bspw. sieht die Notwendigkeit neuer methodischer Zugänge, um den sich verändernden Gebrauchsweisen von Bildern gerecht zu werden. Ihm geht es darum, sich Bildern im Plural und ihren jeweiligen Figurationen zu widmen. Damit geht ein grundsätzlich neues Verständnis von Bildern einher: Ihre Bedeutung und ihre Wertigkeit für Kommunikation und soziale Interaktionen erschöpft sich nicht in ihrer Semantik, sondern ist durch und durch pragmatischer Natur. Bilder stehen also niemals nur für sich, sie beziehen ihre Bedeutung nicht einfach aus einer immanenten Bildlogik und aus sozial eingeschriebenem Sinn. Was und wie viel ein Bild ‚sagt‘ ergibt sich erst aus dem Zusammenspiel sinnlicher Wahrnehmungsakte und aus der Einbindung des Kommunikats in komplexe, soziale Praktiken. Wer sich mit dem Bild als sozialem Artefakt auseinandersetzen möchte, kommt also nicht daran vorbei, das damit in Zusammenhang stehende Bildhandeln der beteiligten Individuen zu untersuchen, sowie deren Aggregationen zu Bildpraktiken. Es macht einen Unterschied, ob ich Joseph Ducreux’ „Selbstporträt als Spötter“ im Louvre von Paris betrachte, ob ich es im Rahmen einer Sonderausstellung zur Porträtmalerei des 18. Jahrhunderts sehe, ob ich eine digitale Kopie davon tagge und so in mein Bilder-Archiv aufnehme, ob ich es als Antwort auf eine WhatsApp-Nachricht per Smartphone versende oder ob ich dem Ausgangsmotiv eine Bildüberschrift hinzufüge, um es dann in einem Forum zu posten (siehe Abb. 1, 2 und 3). Abb. 1   Ducreux’ Selbstporträt als Spötter’ im Louvre. (Quelle: http://i. imgur.com/SO3WJlT.jpg Zugegriffen: 15.01.2018)

280 Abb. 2   Ducreux’ Selbstporträt als Spötter’ auf wikipedia. (Quelle: https://uploads4.wikiart. org/images/josephducreux/portrait-de-lartiste-sous-les-traits-dun-moqueur-1793.jpg/ Zugegriffen: 15.01.2018)

Abb. 3   Ducreux’ Selbstporträt als Spötter’ als Meme. (Quelle: https:// memeexplorer.com/ cache/180.jpg Zugegriffen: 24.05.2017)

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Bei näherer Betrachtung stellt sich auch Bildkommunikation als Kaleidoskop von „Sprachspielen“ (Wittgenstein 1984) heraus – worauf es ankommt, ist nicht nur der materiale Gegenstand selbst; es sind die unterschiedlichen Verwendungsweisen, die Situationen, in denen Bilder eine Rolle spielen und welche Rolle sie dort spielen. Im Sinne Wittgensteins ist nicht nur das „Sprechen der Sprache“, sondern auch das Zeigen von Bildern immer als Teil einer „Tätigkeit, oder einer Lebensform“ (Wittgenstein 1984, S. 250) anzusehen. Der vorliegende Beitrag wird sich entsprechend mit einer bestimmten Form der Bildsprache beschäftigen und wie diese in einem alltagsweltlichen Kontext als Medium der Selbst- und Welt-Bezüglichkeit eingesetzt wird. Wie werden mit, in und durch Bilder, Bildhandlungen und Bildpraktiken Subjektivierungsprozesse angestoßen und verfestigt? Dieser Frage werde ich mich anhand eines bestimmten Typus’ visueller Sprachspiele, sogenannter Memes auf der Seite 9gag.com, annähern. Die Analyse diskursiver digitaler Bildpraktiken an Fallbeispielen soll zeigen, wie sich in bildvermittelten Kommunikationsprozessen Subjektformen konstituieren und durchsetzen. Insbesondere soll nachvollzogen werden, wie die medialen Eigenschaften und Strukturen ‚memetischer‘ Bildkommunikation auf 9gag das Selbstverständnis der Nutzenden prägen.2

2 Memes – Definition Image-Macros stellen die wahrscheinlich bekannteste und beliebteste Form von Memes dar. Sie bestehen zumeist aus einem standardisierten Bild und zwei individualisierten Textzeilen am oberen und unteren Rand des Bildes. Bei den Memes in Abb. 4, 5, 6, 7 handelt es sich um besonders markante Beispiele konventionalisierter Bilder-Sprachspiele. Im „Bad Luck Brian“-Meme werden unerwartet ungünstig ausgehende Situationen geschildert, mit dem „Success-Kid“-Meme genau gegenteilige Erfahrungen. Beide Memes sind auf einen engen pragmatischen Rahmen begrenzt. So konstatiert auch der Linguist Osterroth: „Das Meme trägt eine spezielle Bedeutung und kann nur in bestimmten pragmatischen Kontexten genutzt werden. […] Schon heute kann man ganze Unterhaltungen führen, welche ausschließlich oder doch größtenteils auf Memes basieren“ (2015, S. 27).

2Für allgemeine Beobachtungen werde ich im Folgenden geschlechterneutrale Sprache verwenden. In den Fallbeispielen, die sich um Selbstbeschreibungen junger Männer drehen, werde ich auf das generische Maskulinum zurückgreifen. Dies soll jedoch nicht bedeuten, dass nicht auch weibliche User an den beschriebenen Bildpraktiken partizipieren.

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Abb. 4   Meme „Bad Luck Brian“, Derivat A. (Quelle: http://www.printoctopus. com/blog/wp-content/ uploads/2017/09/Badluck-brian-620x350.png. Zugegriffen: 15.01.2018)

Abb. 5   Meme „Bad Luck Brian“, Derivat B. (Quelle: http://www.printoctopus. com/blog/wp-content/ uploads/2017/09/Badluck-brian-620x350.png. Zugegriffen: 15.01.2018)

Image-Macros sind zwar die bekannteste und verbreitetste Meme-Variante, aber nicht die einzige. Memes können sich in den unterschiedlichsten Formen manifestieren mit jeweils ganz spezifischen Anwendungsregeln und Bedeutungen. Wie aber lässt sich unter diesen Voraussetzungen bestimmen, welche Inhalte zur

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Abb. 6   Meme „SuccessKid“, Derivat A. (Quelle: http://www.printoctopus. com/blog/wp-content/ uploads/2017/09/ Success-kid-620x287.png. Zugegriffen 15.01.2018)

Abb. 7   Meme „SuccessKid“, Derivat B. (Quelle: http://www.printoctopus. com/blog/wp-content/ uploads/2017/09/Successkid-620x287.png . Zugegriffen: 15.01.2018)

Kommunikationsform der Memes zählen?3 Shifman (2014) und auch Breitenbach (2015) verstehen unter Memes spezifische Internet-Phänomene, genauer gesagt: nutzergenerierte Inhalte verschiedenster Art (Bilder, Videos, Texte), die sich durch bestimmte Eigenschaften auszeichnen. Eine Meme-Analyse, die lediglich von Bild-Eigenschaften ausgeht, verfehlt aber den Kern der Sache. Kriterien wie bspw. emotionale Aufladung, Humor oder

3Hier

orientiere ich mich an der Definition von Holly, demnach Kommunikationsformen „medial bedingte kulturelle Praktiken“ (2011, S. 155) sind. Da die Seite 9gag.com mit Memes und der Kommentarfunktion zwei Kommunikationsformen vereint, lässt sich hier entsprechend von einer Kommunikationsplattform sprechen (Sievers 2016).

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Einfachheit sind weder notwendig noch hinreichend, um Memes zu definieren. Es ist vielmehr die konkrete Verknüpfung von Viralität und Modifikation – und damit die kollektive, partizipatorische Bild-Praxis – die letztlich darüber entscheidet, ob etwas zum Meme wird oder nicht. Sprich: Ein Inhalt ist dann memetisch zu nennen, wenn er von vielen modifiziert und verbreitet wird (Oswald 2018). Aus diesen Beobachtungen lässt sich schließlich folgende Arbeitsdefinition ableiten: Unter Internet-Memes sollen kulturelle Einheiten jeder Form oder Medialität verstanden werden – von Bildern über Videos bis hin zu Liedern, Textzeilen, einzelnen Wörtern oder abstrakten Konzepten –, die von einer kritischen Masse an Nutzenden im Internet verbreitet und dabei bewusst in Form oder Inhalt variiert werden. Eine Meme-Analyse sollte immer auch nach den konkreten Entstehungsorten und -kontexten von Memes fragen. Die Sprachcodes der Memes sind nicht auf Allgemeinverständlichkeit ausgelegt, sondern verlangen von den Rezipierenden ein gewisses Vorwissen, das zumeist in spezifischen Sprachkreisen erworben wird (Osterroth 2015, S. 34). Zwar zirkulieren Memes in sozialen Netzwerken wie Facebook oder Twitter, ihr Ursprung und eigentlicher ‚Lebensraum‘ sind aber sogenannte Imageboards wie imgur, reddit, 4chan, Tumbler, Pinterest oder eben 9gag, auf denen täglich tausende neuer Bilder eingestellt, bewertet und anschließend verbreitet werden. Während wir Memes also prinzipiell überall finden können, beginnt ihr „Semioseprozess“ – ihre Entstehung und Bedeutungsentfaltung (Herwig 2010, S. 10) – überwiegend auf Imageboards. Ort der Untersuchung ist in diesem Fall das Imageboard 9gag. Die Bilder werden hier je nach Popularität und Thematik in unterschiedlichen Sektionen angezeigt und dort jeweils von neu nach alt dargestellt. Die größte Sichtbarkeit ist in der Sektion „Hot“ gegeben, auf die ein Bild nur mit genügend positiven Bewertungen in den ‚unteren‘ Sektionen gelangt. Um in den Sektionen zu navigieren, muss nach unten gescrollt werden. Klickt man auf ein Bild oder dessen Überschrift, öffnet sich eine separate Seite, auf der das Bild in seiner vollen Auflösung angezeigt wird. Die Unterseiten enthalten einen Kommentarbereich, der von den Userinnen und Usern genutzt wird, um neben dem regulären Voting auch diskursiv auf die Bildbeiträge einzugehen und sie zu kommentieren oder zu evaluieren.4

4Dieses

„peer-reviewing“ (Authenrieth 2014) wird extensiv betrieben und stellt einen weiteren wichtigen Aspekt der Bildkommunikation und -rezeption auf 9gag dar, der hier aber nicht behandelt werden kann. Vgl. hierzu Oswald (2018).

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Das Voting-System und die Sichtbarkeitsarchitektur der Seite 9gag fördern dabei eine agonale Ökonomie der Aufmerksamkeit (Franck 1998), welche die Kreationen einem doppelten Selektionsdruck aussetzen: Zum einen sollten sie einen gewissen Grad an Simplizität und Standardisierung aufweisen, um Anschlussfähigkeit in Form von Wiederkennungswert und leichter Wiederholbarkeit zu gewährleisten. Zum anderen sollte das Meme auch einen Neuigkeitswert und eine Differenz transportieren, die es aus der Masse der anderen Memes hervorhebt. Bei 165 Mio. Nutzenden täglich, sekündlichen Updates und einer Rezeptionshaltung, die von der 9gag-Community selbstironisch mit „too long didn’t read“ umschrieben wird, stehen Umfang des user generated contents und Aufmerksamkeitsspanne der einzelnen Nutzerinnen und Nutzer in einem entgegengesetzten Verhältnis. Da es neben dem Publikum keine andere Bewertungsinstanz oder gar objektive Kriterien gibt, die garantieren, dass der eigene Beitrag gesehen wird, werden die Beiträge auf das Publikum und deren Rezeptionshaltung sowie auf die Umlaufgeschwindigkeit der Konkurrenz-Beiträge abgestimmt. In diesem Kampf um die Gunst eines unsichtbaren Publikums (Werron 2011) orientieren sich die Akteure auf 9gag primär an Trends, Hypes sowie beliebten und gängigen Mustern, und fügen ihren Kreationen meist nur individuierende Akzente in Form minimaler Alleinstellungsmerkmale hinzu.

3 Theoretische und methodische Grundlagen der Studie 3.1 Theoretische Grundlagen Die vorliegende Studie ist im Konnex von Soziologie, Sprach- bzw. Bild- sowie Kommunikationswissenschaft zu verorten. Die theoretische Grundlage bildet ein praxis- und diskurstheoretisches Modell der Subjektivierung (Alkemeyer 2013; Reckwitz 2003, 2008), das insbesondere die Ebene des Tuns (der ‚doings‘) und deren materielle Dimensionen betont. Diskurse entstehen demnach erst „in einem bestimmten sozialen Gebrauch, als ein Aussagesystem, das in bestimmten Kontexten rezipiert und produziert wird“ (Reckwitz 2003, S. 298). Das menschliche Selbst wiederum wird verstanden als selbstbezügliche Interpretationsleistung, die nur prozessual „innerhalb des Vollzugs sozialer Praktiken“ als „die Sequenz von

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Akten“ (Reckwitz 2003, S. 296), an denen Menschen teilhaben, entsteht.5 Selbstinterpretationen sind nicht als rein kognitive Akte zu verstehen. Sie können sich ebenso in äußerlichen Praktiken und Körperroutinen, expliziten wie impliziten, vollziehen (Rosa 2012). Praxeologisch betrachtet ist das Selbst eines Menschen also das Ergebnis vieler unterschiedlicher „doings and sayings“ (Schatzki 1996), sowohl seiner eigenen als auch anderer Beteiligter. Es entsteht innerhalb eines vielseitigen Beziehungs- und Bedeutungsgeflechts, in das sowohl menschliche wie auch nicht-menschliche „Partizipanden“ (Hirschauer 2004), z. B. technische Artefakte, eingebunden sind.6 Dabei spielen nicht zuletzt Mediatisierungsprozesse eine große Rolle, womit die (zunehmende) Verschränkung von Alltag, Gesellschaft, Kultur und Medien gemeint ist. Mediatisierung bezeichnet nach Krotz et al. „einen ähnlich übergreifenden Entwicklungsprozess wie Globalisierung oder Individualisierung, nämlich die zunehmende Prägung von Kultur und Gesellschaft durch Medienkommunikation“ (Krotz et al. 2017, S. 2). Auch die Frage nach dem Selbst lässt sich heute nicht mehr losgelöst von Medientechnologien und medialen Architekturen denken, von denen Menschen tagtäglich umgeben sind. „Die je verfügbaren und angeeigneten Medien“ sowie die unterschiedlichen Kommunikationsformate, die von ihnen ausgehen, „nehmen Einfluss darauf, wie Menschen sich selbst und andere wahrnehmen und erleben (können), was und wie sie denken (können), wie sie miteinander kommunikativ in Beziehung treten (können)“, so Reißmann (2015, S. 31). Entsprechend soll in diesem Beitrag untersucht werden, wie Selbstwahrnehmung, Erleben und Denkperspektivierung durch eine visuelle Kommunikationsform (Memes) und innerhalb der Strukturen einer digitalen Plattform (9gag) geprägt, d. h. mediatisiert werden. Es ist einem solchen prozessualen Verständnis der Selbstformierung angemessener, nicht von Subjekten als quasi-abgeschlossenen Einheiten zu sprechen. Stattdessen soll hier von Subjektivierungspraktiken die Rede sein. Für Alkemeyer bedeutet dies, die Frage zu stellen, „wie Individuen durch ihr Engagement in sozialen Praktiken Welt- und Selbstverhältnisse eingehen“, wobei „Praktiken und ihre Subjekte [sich gegenseitig] konstituieren [und] somit auch gemeinsam ihre Gestalt [verändern]“ (2013, S. 33–34). Ein solches Subjektverständnis bewegt

5Hannover

definiert Selbst bspw. als die „Sichtweise, die das Individuum von seiner eigenen Persönlichkeit hat“ (2012, S. 17). 6Hirschauer fasst unter diesem Begriff all „jene Entitäten […], die an Praxis teilhaben und in ihre Dynamik verwickelt sind. Menschen und andere Lebewesen, Körper und Textdokumente, Artefakte und Settings“ (2004, S. 74).

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sich also außerhalb des Struktur-Handlungs-Dualismus‘, sprich der Verkürzung von Subjektkonstitution auf eine rein intentionalistische oder eine rein strukturdeterminierte Sichtweise (Reckwitz 2003).7 Das Verhältnis von Subjekt, Praxis und Medien(-materialität) lässt sich u. a. mit dem Begriff der Affordanzen veranschaulichen: Medien aber auch Kommunikations(platt-)formen weisen immer einen spezifischen (kulturalisierten) Angebotscharakter auf. Das heißt, dass Aufbau, Struktur und Eigenschaften von Dingen und Technologien eine bestimmte Nutzung oder Wahrnehmung nahelegen bzw. zu bestimmten Handlungen anreizen (Gibson 1982). Im Unterschied zum Begriff der Aufforderung, der deterministische Implikationen trägt, betont der Begriff des Angebots die wechselseitige Durchdringung von Nutzenden und Technologie, aber auch die Möglichkeit der Abweichung von normierten Handlungsroutinen. Von beiden Seiten gehen Impulse aus, die aufseiten der Nutzenden jeweils spezifische Selbstbezüglichkeiten konstituieren, die zwar verfestigt (eingeschliffen), aber nie fixiert werden können. Subjektivierung ist also kein rein aktiver, bewusst gesteuerter Prozess, aber auch kein rein passiver Vorgang der Fremdgesteuertheit. Subjektivierung als Prozess vollzieht sich in expliziten Handlungen wie in impliziten Routinen und zwischen Individuen mit ‚Spielraum‘ einerseits und ordnenden Strukturen andererseits.

3.2 Methodische Grundlagen Sowohl Memes als formalisierte Kommunikationsform wie auch 9gag als Kommunikationsplattform stellen solche ordnenden (kommunikativen) Strukturen dar. Ich werde im Folgenden nachvollziehen, wie im Rahmen der Meme-­ Kommunikation auf 9gag ein bestimmter Diskurskomplex – das Konzept der Friendzone (kurz FZ, S. 4.1) – verhandelt wird und wie dabei aus mehr oder weniger individuellen Reflexionen von Nutzenden kollektive, standardisierte Selbstdeutungen entstehen. Ich werde zur Beschreibung und Analyse der Memes den Begriff der Bildpraktiken verwenden. Der Begriff bezeichnet „die eingespielten, vollzugsförmigen, in actu nicht reflektierten Muster bildlichen Produzierens, Ausdrückens, Wahrnehmens, Verstehens und Handelns“ (Reißmann 2015, S. 61). Methodisch werde ich dabei eine sprachpragmatische und kontextbezogene Analyse der Bildproduktion und der Bildverwendung vornehmen (Meier et al. 2014).

7Hierin sieht Gentzel (2015, S.  192 ff.) nicht zuletzt eine Entsprechung von praxistheoretischen und Mediatisierungsansätzen.

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In einem ersten Schritt werde ich mehrere Memes, die die FZ thematisieren, anhand diskursanalytischer und semiolinguistischer Ansätze analysieren und mit schriftbasierten Definitionen des Konzepts der FZ auf dem Internet-Lexikon urbandictionary.com abgleichen, um so Muster der Perspektivierung männlicher Selbstverständnisse herauszuarbeiten. Dabei orientiere ich mich an sprach- und bild-pragmatischen Analysemethoden: An Meiers bilddiskursanalytischem Konzept (2008, 2010), Stöckls Hermeneutik von Sprache-Bild-Texten (2011) und Schmitz’ Sehflächenforschung (2011). Alle Autoren verstehen ihre Konzepte eher als analytisches Instrumentarium (Stöckl 2011, S. 67) zur Entschlüsselung multimodaler Kommunikation denn als abgeschlossene Verfahren. Es geht primär darum, „die komplexe Interrelation zwischen Sprache und Bild und deren kommunikative Effekte“ (Stöckl 2011) und die „musterhafte Kommunikation zu einem gesellschaftlichen Thema“ (Meier 2014, S. 230) zu eruieren. Im zweiten Schritt werde ich, anknüpfend an die vorangegangenen Bild-Analysen, die spezifischen Merkmale der Kommunikationsform Meme sowie der Kommunikationsplattform 9gag darstellen und ihre Rolle für Subjektivierungsprozesse herausarbeiten. Da Memes selten nur als Bilder mit rein ikonischem Gehalt vorkommen, sondern in der Regel Text beinhalten, werden sie hier als Sehflächen behandelt. Schmitz bezeichnet Sehflächen als „Flächen, auf denen Texte und Bilder in geplantem Layout gemeinsame Bedeutungseinheiten bilden“ (2011, S. 25). Es handelt sich um multimodale Verbindungen, „in denen Schrift und Bild durch ein beide Seiten verbindendes Design formal und inhaltlich untrennbar ineinander spielen“ (2011, S. 26). Auch bei den Memes in diesem Beitrag sind Bild- und Textelemente miteinander verwoben und in einem bestimmten, nicht zufälligen Verhältnis zueinander arrangiert worden. Bild-Produzierende verfügen dabei über bewusste oder unbewusste Kompetenzen und arrangieren Sehflächen mit Blick auf die jeweiligen kommunikativen Potentiale der unterschiedlichen semiotischen Systeme. Stöckl spricht von einer Arbeitsteilung zwischen Sprache und Bild, wobei „die Stärken des einen semiotischen Systems die Schwächen des anderen aus[gleichen] und umgekehrt“ (2011, S. 48). Während Bedeutung bspw. in Sprache „fest verankert“ sei, wären Bilder notorisch „vage und unterminiert“ (2011). „Bilder bieten dem Rezipienten vielmehr ein Bedeutungspotenzial, das durch einen entsprechenden Kontext aktiviert und erschlossen werden muss. Solche Kontexte können (sprachliche) Begleittexte, Genre-, Stil- und enzyklopädisches Wissen sowie Erfahrung mit dem dargestellten Weltausschnitt und assoziierbaren Sachverhalten sein“ (2011, S. 49). Für die Meme-Analyse bedeutet dies, dass Memes a) auf ihre immanente Verknüpfungsstruktur bzw. Grammatik hin untersucht werden müssen, also

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darauf, in welchem Verhältnis Bild und Text sowie die einzelnen multimodalen Sehflächenelemente zueinanderstehen. Von besonderem Interesse sind b) auch die Modulierungen: Die Bedeutung eines Memes hängt nicht nur davon ab, was gezeigt wird, sondern mindestens ebenso sehr davon, wie es gezeigt wird. Es muss nach Möglichkeit aber auch immer c) dem kommunikativen Kontext Rechnung getragen werden, um die pragmatische Bedeutung einzuholen, die im jeweiligen Meme-Gebrauch entsteht. Hier stellen sich Fragen wie: Wo wird das Meme gepostet? An wen richtet es sich? Wie wird es verbreitet und verändert? Die Verfahren geben also Aufschluss darüber, welche kommunikativen und subjektivierenden Funktionen Memes, die das Konzept der FZ thematisieren, in den jeweiligen Kontexten erfüllen.

4 Textbasierte Friendzone-Diskurse 4.1 Friendzone – Definition Der Begriff Friendzone wurde Anfang der 90er geprägt und hat sich seitdem als Bezeichnung für eine freundschaftliche Beziehung durchgesetzt, in der die eine Person ein romantisches oder sexuelles Interesse hegt, die andere aber nur an einem platonischen Verhältnis interessiert ist.8 Das Internet-Lexikon urbandictionary.com (UD) vereint eine Vielzahl usergenerierter Definitionen des Begriffs und kann zugleich als Gradmesser für dessen Popularität dienen.9 Die Seite wird kaum moderiert und weist daher auch einen hohen Anteil bspw. rassistischer und sexistischer Einträge auf, weshalb sie nicht unumstritten ist. Gerade der ungefilterte Charakter der Seite bietet jedoch den Vorteil, zum einen eine sehr heterogene Menge an Definitionen zu versammeln. Zum anderen folgen die Definitionen, anders als in klassischen Lexikon-Einträgen, nicht dem Versuch einer möglichst objektiven Denotierung, sondern orientieren sich an subjektiven Gebrauchsweisen von Begriffen (daher auch der Name urban dictionary). Die Top-Definitionen eines Begriffs ergeben sich aus User-Rankings (Up- und Down-Votes) und die Anzahl der Einträge zu einem Begriff ist ein guter Gradmesser für dessen Konjunktur – auf dem UD wird gewissermaßen um Deutungshoheit gerungen.

8http://knowyourmeme.com/memes/friend-zone,

Zugriff: 06.03.2018. meisten Einträge zur FZ datieren aus den Jahren 2012–2015. Der Begriff hat sich in den letzten Jahren also verstärkter Nachfrage erfreut, den Höhepunkt seiner Popularität aber bereits überschritten.

9Die

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Abb. 8   Nice-Guy-Diskurs I. Screenshot. (Quelle: http://www.urbandictionary.com/define. php?term=Friend%20Zone. Zugegriffen: 02.11.2015)

Ich werde meine Darstellung an dieser Stelle abkürzen und die Ergebnisse nur kurz skizzieren. Ich beschränke mich auf drei in der Verteilung dominante und maximal-kontrastierende Männlichkeits-Diskurse, die als Vergleichsfolie für die noch zu eruierenden Bilddiskurse dienen werden.

4.2 Friendzone-Diskurse auf dem Urban Dictionary10 Der Nice-Guy-Diskurs kristallisiert sich in Aussagen, für die exemplarisch Abb. 8 und 9 stehen. Hier wird eine geradezu ‚tragische‘ Männlichkeit modelliert. Die bedingungslose Liebe des Mannes zu seiner Angebeteten bleibt unerwidert. Die Frau interpretiert seine Zuvorkommenheit aber nur als Zeichen freundschaftlicher Zuneigung und nicht als romantisches Interesse. Sie selbst schätzt ihn entsprechend nur als Freund. Der Mann fügt sich in dieser Darstellung passiv der Beziehungsdefinition der Frau. Diese Passivität sowie die Ignoranz bzw. Unwilligkeit der Frau haben dem Narrativ zufolge negative Auswirkungen auf

10Zum

Zeitpunkt der Datenerhebung Ende 2015 war die Definition in Abb. 8 die Top-Definition. Die Definitionen in Abb. 9, 10 und 11 rangierten derzeit auf Platz 13, 16 und 54.

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Abb. 9    Nice-Guy-Diskurs II. Screenshot. (Quelle: http://www.urbandictionary.com/ define.php?term=Friend%20Zone. Zugegriffen: 15.01.2018)

das Leben beider Parteien. In einer idealen, gerechten Welt würde dies vermieden werden, indem die Frau die Qualitäten des Mannes anerkennt und ihn als Partner und nicht nur als Freund akzeptiert. Abb. 10 steht exemplarisch für den Schwächlings-Diskurs; dieser übt explizit Kritik am Männerbild des Nice Guy und thematisiert Mann und Frau im Rahmen einer ökonomischen Austausch-Logik: Frau und Mann sind rationale Akteure auf dem Partnermarkt. Dem FZ-Mann wird dabei die Unfähigkeit unterstellt, sein Angebot auf die Nachfrage abzustimmen (er ist ‚nett‘, aber ‚langweilig‘). Die Zurückweisung durch die Frau stellt in diesem Narrativ keine tragische Fügung mehr dar, sondern erweist sich als Konsequenz selbstverantwortlichen Handelns. Der Mann bestimmt in dieser Lesart selbst über Erfolg oder Nicht-Erfolg – seine Zurückweisung wird daher als Versagen und Ausdruck defizitärer persönlicher Anlagen gewertet. Im Sexismus-Diskurs (Abb. 11) wird wiederum eine „negative Andrologie“ (Kucklick 2008) formuliert. In dieser Lesart wird der Mann vom Opfer zum Täter. Ihm wird vorgeworfen, der Frau die Zurückweisung als schuldhaftes Verhalten anzulasten. Der Begriff der FZ diene lediglich dazu, männlich-hegemoniale Definitionsmacht auszuüben. Die Motive des Mannes erschöpfen sich dieser Auslegung zufolge im egoistischen Streben nach Macht und Status. Nicht der homo

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Abb. 10   Schwächlings-Diskurs. Screenshot. (Quelle: http://www.urbandictionary.com/ define.php?term=Friend%20Zone. Zugegriffen: 15.01.2018)

Abb. 11   Sexismus-Diskurs. Screenshot. (Quelle: http://www.urbandictionary.com/define. php?term=Friend%20Zone. Zugegriffen: 15.01.2018)

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oeconomicus, sondern das klinische Krankheitsbild der Psychopathie stellt in diesem Männlichkeitsdiskurs die Interpretationsfolie für den ‚FZ-Mann‘. Die genannten Beispiele zeigen klar, wie die Bedeutung ein und desselben Begriffs sich durch ständige Arbeit am Begriff immer weiter verschiebt und vervielfältigt. Die beschriebenen Diskurse deuten die FZ jeweils sehr spezifisch aus und bringen u. a. sehr unterschiedliche Sichtweisen auf Männlichkeit hervor.

5 Die Friendzone im memetischen Bilddiskurs In diesem Kapitel soll nun untersucht werden, wie die eben dargestellten Selbstinterpretationsfolien im Gebrauch von Memes transformiert werden. Wir können das eingangs erwähnte Erkenntnisinteresse nun konkretisieren und fragen: Wie wirken sich a) der bildliche Kommunikationsmodus und b) die Kommunikationsstrukturen der Plattform 9gag auf das FZ-Konzept und damit auf die darin eingelagerten Männlichkeitsbilder aus? Hierzu werde ich exemplarisch vier FZ-Memes analysieren, die es auf 9gag jeweils in die Sektion „Hot“ geschafft haben. Interessant für eine bildwissenschaftliche Analyse aus subjektivierungstheoretischer Perspektive sind diese FZ-Memes gleich aus mehreren Gründen: 1. Es handelt sich dabei nicht um Einzelbilder, sondern um thematisch und/oder formal zusammenhängende Bilder im Rahmen einer (unabgeschlossenen) Bildserie. 2. Es handelt sich dabei um digitale Bilder, die von Nutzerinnen und Nutzern bewusst modifiziert wurden.11 3. Es handelt sich dabei um Bilder, die bewusst auf einer Internet-Plattform mit sehr spezifischen Interaktionsregeln verbreitet werden. 4. Es handelt sich um Bilder, die thematisch zentriert sind und deren inhaltlicher Ankerpunkt Geschlechter-Verhältnisse sind. Aus mediatisierungstheoretischer Perspektive ist der Gegenstand wiederum aus zweierlei Gründen interessant: Erstens muss das Imageboard 9gag als translokale Gemeinschaft verstanden werden, da „Kommunikationsmedien […] benötigt“ werden, um diese „im Hinblick auf deren Struktur, auf Wir-Gefühl(e) und auf

11Bewusst

im Sinne von nicht zufällig. Modifikationen, die sich im Rahmen von ‚Abnutzungsprozessen‘ bei der digitalen Bildzirkulation automatisch einstellen, sind also nicht gemeint (Marek 2014).

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Distinktion aufrecht zu erhalten“ (Hepp und Hitzler 2014, S. 47). Zweitens entstehen in den Memes auf 9gag mediatisierte Selbstverständnisse: Erfahrungen und Erlebnisse im Offline-Alltag werden in einen digitalen Raum übertragen und dort transformiert. Die Art der Transformation und die Struktur des digitalen Raums wiederum wirken sich auf Wirkungskraft und Perspektivierung jener Offline-Erfahrungen aus und konstituieren eine spezielle Ausprägung männlichen Selbstverständnisses. Kurz gesagt: Die FZ-Memes prägen als digitale Kommunikationspraktiken innerhalb einer mediatisierten Gemeinschaft das Bild des Mannes, indem sie Erfahrungen mit Zurückweisung visuell aufbereiten und kollektiv verhandeln.

5.1 Die Gay Best Friendzone Abb. 12 ist im Stil der sog. Rage-Guy Comics gehalten. Der Erzähler – Derp12 – schildert uns in knappen Worten die Beziehung zu einer jungen Frau, in die er verliebt ist: Beide mögen sich, sind sich freundschaftlich verbunden und verbringen gerne Zeit miteinander. Auf einer Party erfährt Derp von der jungen Frau, dass er für sie nur ein „gay best friend“ ist. Nach dieser Offenbarung wechselt der Zeichenstil. Wir sehen nun nur den jungen Mann, der mit starren Augen und einem leichten Lächeln am Betrachter vorbei ins Nichts blickt und dann in einen Säurebehälter springt. Mit dem Wechsel des Zeichenstils wird der Perspektivwechsel verdeutlicht, der stattgefunden hat: Wir befinden uns nun nicht mehr in der Außenwelt (auf der Party), sondern im metaphorisch ausgeleuchteten Inneren von Derp, der uns seine emotionale Reaktion auf die Aussage der Frau plastisch und bildlich vor Augen führt. Der metaphorische Sprung ins Säurebecken versinnbildlicht dabei nicht nur die emotionale Fallhöhe, sondern betont die Bedeutsamkeit dieses einschneidenden Erlebnisses: Im weiblichen Urteil löst sich Derp sprichwörtlich auf.

5.2 Friendzone-Fiona In Abb. 13 sehen wir eine junge Frau, Fiona, und zwei Textzeilen. Der Text nimmt Bezug auf die abgebildete Frau, die den Betrachter – das erfahren wir in der ersten Zeile – zwar für den „perfekten Mann“ hält, aber eben nur für alle

12Ein

auf 9gag gern verwendeter Platzhaltername.

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Abb. 12   Gay Best Friendzone. Screenshot. (Quelle: https://9gag.com/gag/1310429/thegay-best-friend-zone-worse-than-the-friendzone. Zugegriffen: 02.11.2015)

anderen Frauen, wie uns die zweite Zeile aufklärt. Fiona selbst hat keinerlei Interesse. In der formalen Struktur des Textes spiegelt sich zugleich die Erfahrungs- bzw. Wahrnehmungsstruktur des fiktiven Betrachters wieder: Die erste schürt Euphorie ob des Interesses und der Zuneigung der jungen Frau, während die zweite Textzeile die anschließende Ernüchterung wiedergibt. Die räumliche

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Abb. 13   FriendzoneFiona. Screenshot. (Quelle: https://9gag.com/ gag/1057576. Zugegriffen: 02.11.2015)

Lücke zwischen den Textzeilen fungiert als zusätzliches Symbol der Diskrepanz, die zwischen diesen beiden Erfahrungen liegt. Während im ersten Bild der Erzähler zugleich der Protagonist der Geschichte war, werden wir im zweiten Bild als Betrachter direkt angesprochen und mit dem Zurückgewiesenen identifiziert. In beiden Bildern liegt der Fokus auf der Gefühlswelt des Mannes, die aber nicht explizit in Worten wiedergegeben wird, sondern bildlich-metaphorisch und über formal-kompositorische Elemente vermittelt ist. Das Bild des Mannes ist in beiden Fällen kein defizitäres, sondern betont seine positiven Qualitäten. Das Verhalten der Frau wird als irrational und unmotiviert dargestellt.

5.3 Die Friendzone-Army Die Abb. 14 setzt sich aus der Überschrift und zwei großen horizontalen Bildabschnitten zusammen. Im ersten Bildabschnitt sehen wir den Screenshot einer Facebook-Status-Meldung, im Bild darunter ein militärisches Ehrengeleit während einer Trauerzeremonie und zwei Textzeilen, die zu einer Schweigeminute

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Abb. 14   Friendzone-Army. Screenshot. (Quelle: https://9gag.com/gag/av0q5VX/friend-zonelevel-5000. Zugegriffen: 02.11.2015)

auffordern. Die Facebook-Statusmeldung stammt von einer Frau namens Brittany, die uns wissen lässt, dass ihr bester Freund Andrew stets für sie „da war“. Zugleich gibt sie aber auch zu verstehen, dass sein Status (nur) dem eines „besten Freundes“ entspricht. Die Statusmeldung kann zwar als öffentliche Anerkennung interpretiert werden, erfährt durch die Bildüberschrift aber eine neue Rahmung. Diese weist die Freundschaftsbekundung als Akt der Demütigung aus: „Level: 5000“ steht ironisch-überspitzend für den hohen Grad dieser Demütigung. Die semantische Doppelbödigkeit von Ehrung und Demütigung stellt weniger einen Widerspruch dar als vielmehr eine ‚Ironie des Schicksals‘. Durch die formale Verbindung der Bildabschnitte wird zudem eine Verbindung zwischen den Inhalten ‚Ehrengeleit‘

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und ‚Freundschaftsbekundung‘ hergestellt. Die Kombination mit dem Ehrengeleit rückt die Freundschaftsbekundung in die Nähe eines Quasi-‚Todesurteils‘. Wie auch in Abb. 13 scheint hier die Zurückweisung durch die Frau ausreichend, um daraus den symbolischen Tod des Mannes abzuleiten. Die Assoziation von Militär und Geschlechterbeziehung ruft zudem die Konnotation des Geschlechterkampfes auf. Der Erzähler spricht den Betrachter des Bildes in der 1. Person Plural direkt an („our brothers“) und identifiziert ihn als Teil eines im Geschlechterkampf involvierten Männerbundes, eines Kollektivs von ‚Brüdern‘. In der Ehrung der derart ‚gefallenen‘ Brüder drücken sich – ironisch überspitzt und visuell verdichtet – Anteilnahme und Gruppensolidarität aus. Die abgebildeten Soldaten stehen symbolisch für die imaginierte Leidensgemeinschaft der Zurückgewiesen. Sie können als Ausdruck eines Wir-Gefühls und einer Gruppenidentität – der sogenannten Friendzone-Army13 – verstanden werden.

5.4 Ser Jorah of House Friendzone In Abb. 15 sehen wir drei Standbilder aus der Fernsehserie Game of Thrones. Die Erobererkönigin Daenerys weist mit harschen Worten ihren Berater Jorah ab, der ihr bereits dreimal das Leben gerettet hat, wie ein exdiegetischer Verweis betont. Der zugewandte Rücken von Daenerys fungiert in der Bild-Text-Komposition als weiteres Symbol für ihre Gleichgültigkeit gegenüber Jorah. Im zweiten Panel sehen wir Daenerys mit der Figur des Söldners Daario Naharis. Der Kommentar verweist auf drei Blumen, die dieser Daenerys schenkt und die im Kontrast zu den drei Malen stehen, in denen Jorah Daenerys das Leben rettete. Daenerys ist dem Söldner sichtlich mehr zugetan. Ihre Sympathieverteilungen werden im Vergleich als unverhältnismäßig, ungerecht und nicht nachvollziehbar dargestellt. In Text und Bild (man beachte die durch Herzen ersetzten Augen – Daenerys ist sprichwörtlich blind vor Liebe) wird das Bild eines naiv-infantilen Mädchens im weltvergessenen Dämmerzustand der jugendlichen Schwärmerei entworfen. Während Naharis’ Darstellung auf den Typus des plumpen Verführers verweist, wird Jorah Mormont als tugendhafter Held beschrieben, der sich Daenerys’ Zuneigung eigentlich verdient hätte. Er ist die Identifikationsfigur innerhalb dieser Narration.

13Die

Friendzone-Army ist eine Referenz an die 9gag-Army, eine halb-ironische Selbstbezeichnung der 9gag-Community.

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Abb. 15   Ser Jorah of House Friendzone. Screenshot. (Quelle: https://9gag.com/gag/a6Lwg3m/ friend-zone-can-be-cruel. Zugegriffen: 02.11.2015)

5.5 Männer- und Frauenbild in den Bildmemes Gegenüber den Beiträgen auf dem UD zeichnen die hier vorgestellten Memes ein deutlich homogeneres Bild der FZ und der darin eingelassenen Geschlechtercodierungen.14 Folgende Aussage-Elemente sind typisch für den FZ-Diskurs auf 9gag:

14Zur

Verhältnismäßigkeit können hier nur Erfahrungswerte herangezogen werden. Bei den getroffenen Aussagen handelt es sich also nicht um statistisch belastbare Generalisierungen. Es finden sich auf 9gag auch FZ-Memes, die z. B. dem Sexismus-Diskurs zugeordnet werden müssten. Diese sind aber deutlich unterrepräsentiert. Auf dem UD wiederum sind die unterschiedlichen FZ-Definitionen zwar entsprechend der Zustimmung durch die Userschaft gerankt, das Sichtbarkeitsgefälle ist jedoch ungleich geringer.

300

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Die Protagonisten der Narrative sind Männer und Frauen, die verallgemeinerte Eigenschaften repräsentieren: Dem Mann werden positive Qualitäten, insbesondere Moral und Tugend attestiert. Er erfährt eine Zurückweisung durch die Frau und erträgt diese in schicksalsfügiger Passivität. Der Akt der Zurückweisung wird als rücksichtslos und ungerecht beschrieben, die Frau selbst als ignorant. Ihr wird im Rahmen dieser Narrative aber nicht etwa Berechnung oder Boshaftigkeit unterstellt. Stattdessen wird in den Bildern ein Handeln aus der Haltung einer naiv-kindlichen Unschuld heraus beschrieben. Die Frau sei nicht zurechnungsfähig und ihr Urteil eine irrationale Gnadenwahl, auf die der Mann keinen Einfluss habe. Die Ignoranz und Naivität der Frau sowie die Tugendhaftigkeit des Mannes stehen sich in diesen Darstellungen diametral gegenüber und verhindern einen glücklichen Ausgang der Beziehung. Diese bilddiskursive Rahmung von Geschlechterbeziehungen als einer tragischen Sackgassensituation entspricht in weiten Teilen dem auf dem UD identifizierten Nice-Guy-Diskurs.

6 Formal-ästhetische Merkmale der Meme-Kommunikation auf 9gag Welche Rolle spielt das Format der Memes nun für die Etablierung dieses Diskurses? Bei den formal-ästhetischen Eigenschaften der Memes handelt es sich im Einzelnen nicht um Meme-exklusive Merkmale. Jedoch, so die These, bringt der Einsatz von Bildlichkeit und Humor im Verbund sehr spezifische mediatisierte Männlichkeitsbilder hervor.

6.1 Narration, Metaphorik und Kollektivsymbolik Besonders auffallend ist, dass die Inhalte der Memes nicht abstrakt erklärt, sondern in Geschichten veranschaulicht werden. Die FZ wird gewissermaßen am Beispiel erzählt. Die Internet-Memes abstrahieren dabei die Erfahrung der Zurückweisung nicht, sondern verpacken sie in eine konkrete Geschichte, die kulturell etablierte Figuren, Situationen und Topoi als Identifikationspunkte und Deutungshorizonte bereitstellt. In diesem Fall bedienen sich die Zitate größtenteils aktueller, popkultureller Referenzen. Dies ist als Anzeichen dafür zu werten, dass die Aneignung der kulturelleren Produkte durch die Akteure in einem milieuoder generationsspezifischen Rahmen bzw. Sprachraum stattfindet (Kumpf 2013). Indem sich die 9gag-User bewusst auf einen spezifischen popkulturellen Wissensund Relevanzhorizont beziehen, schaffen sie einen gruppeninternen habituellen

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Abb. 16   FZ als Jobinterview Teil I. Screenshot. (Quelle: https://9gag.com/ gag/6761698/job-interviewequivalent-of-friendzone. Zugegriffen: 02.11.2015)

Rahmen für die Deutung der jeweiligen Inhalte. Konvergente Konsumgewohnheiten und Erfahrungsräume wirken so als intersubjektive Brücke zwischen den Einzelnen und verweisen auf eine geteilte Gruppenzugehörigkeit. Der bildvermittelte Diskurs auf 9gag ist zusätzlich geprägt von einer dichten Metaphorik. Metaphern strukturieren nach Lakoff und Johnson (2000) ein abstraktes Konzept durch konkrete Erfahrungen. Ein Beispiel hierfür wäre der weiter oben dargestellte Sprung ins Säurebad (siehe Abb. 12). In den Abb. 16, 17

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Abb. 17   FZ als Jobinterview Teil II Screenshot. (Quelle: https://9gag.com/ gag/6761698/job-interviewequivalent-of-friendzone. Zugegriffen: 02.11.2015)

und 18 wird die FZ bspw. mit einer Bewerbungssituation verglichen oder mit einem Netz, in dem man sich verfängt. Im Rückgriff auf Metaphern wird so versucht, einem leiblichen Betroffensein, d. h. einem diffusen Erleben eine konkrete, artikulierbare und erfahrungsadäquate Form zu geben. Weiterhin setzt sich der FZ-Diskurs aus einem breiten Fundus an Kollektivsymbolik zusammen – die oben beschriebene Friendzone-Fiona fungiert bspw. als symbolische Verdichtung des begehrenswerten Girl-Next-Door oder die Friendzone-Army als Symbol einer loyalen Gruppeneinheit. Der Diskurs ist durchdrungen von einem Inventar an kollektiven Bildern, „durch die der viel beschworene ‚Konsens‘ in sehr viel höherem Maße generiert wird als durch den

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Abb. 18   FZ als Netz. Screenshot. (Quelle: https://9gag.com/gag/ ad6YwLD/trying-to-getout-of-the-friendzone-like. Zugegriffen: 02.11.2015)

Abgleich von Argumenten und Geltungsansprüchen im rationalen Dialog“ (Link 2006, S. 58). Der Gebrauch von Kollektivsymbolik kann mithin als komplexitätsreduzierende und gruppenintegrative Bildpraxis verständiger Rezipientinnen und Rezipienten betrachtet werden, in der sie sich nicht zuletzt als Kollektivsubjekt – als 9gagger oder Friendzone-Army – identifizieren.

6.2 Humor Daneben zeichnen sich FZ-Memes aber auch durch eine besondere Modulierung aus, nämlich durch ihre humorvoll-überspitzenden Neurahmungen. Die Bilder haben Appell-Charakter und fordern zum Lachen auf. Helmuth Plessner beschreibt das Lachen als Reaktion auf eine „widerständige Situation“: (Plessner 1970, S. 122) Die FZ-Memes, so die hier vertretene These, antworten auf den ‚widerständigen‘ Akt der Zurückweisung, welcher das männliche Selbstwertgefühl im Rahmen kulturell etablierter Männlichkeitsnormen herausfordert. Die 9gag-User konfrontieren die Zurückweisung als „Grenzlage“ (Plessner 1970, S. 101) der männlichen Identität und machen sich dabei das Prinzip des Lachens zu Eigen: In der Performanz des Komischen und Lustigen bewältigen sie gemeinsam diese Grenzerfahrung und domestizieren so die damit einhergehenden Gefühle von Ohnmacht und Scham. Im Gegensatz zum Weinen, bei dem sich der Weinende gegen die Welt abschließt, ist Lachen nach Plessner durch Geöffnetheit gekennzeichnet. Die ‚widerständige Situation‘ distanziert den Menschen von der Welt, im Lachen aber stellt er die verlorene Nähe wieder her. Die spezielle Sichtbarkeitsarchitektur und Vernetzungsstruktur der Seite 9gag macht es einander unbekannten und weit entfernten Usern nun möglich, sich als in diesem Lachen verbundene Gemeinschaft

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wahrzunehmen. So werden von den Mitgliedern der 9gag-Community jeweils individuelle Grenzerfahrungen kollektiv bearbeitet. Gruppendynamische Prozesse aber auch die Voting-Dynamik machen es möglich, dass Nutzerinnen und Nutzer an diesen Sprachspielen partizipieren, die selbst noch nie solche oder ähnliche Erfahrungen gemacht haben. Nicht zuletzt erfordert Humor als rhetorisches Mittel – wie es für die Memes ganz konkret in Form der Ironie, des running gags und des Galgenhumors zum Einsatz kommt – ein spezifisches gruppeninternes Hintergrundwissen, ohne das der Witz und die Pointe nicht zu verstehen sind. Der Humor knüpft also Bande auf der kognitiven Ebene, in Bezug auf den gemeinsamen Wissenshorizont, und auf der somatischen Ebene, durch das affektive, lustvolle Erleben der Komik. Er dient weiterhin als gruppenidentifikatorisches Stilmittel, das den allgemeinen Habitus der Community prägt und als Mittel der positiven affektiven Neubesetzung und Validierung einer konkreten Subjektivierungsfolie von Männlichkeit.

7 Fazit – Memes als Subjektivierungspraktiken 7.1 Deutungsmacht und Selbstnormalisierung im Bilderdiskurs Die FZ-Memes auf 9gag sind das Produkt von Bildpraktiken, die auf ein Problem der Selbstverortung im Rahmen männlicher Subjektivierung antworten. Konkret wird in und mit den Bildern das Problem der Zurückweisung bearbeitet: Die User nehmen Bezug auf Erfahrungen, die ihr männliches Image bedrohen. Im Rekurs auf etablierte Motive wie das des tragischen Helden wird es möglich, diese Erfahrungen rückwirkend umzudeuten und so in bestehende kulturelle Deutungsmuster und das eigene Selbstbild zu reintegrieren. Die Akteure normalisieren sich selbst, indem sie die Zurückweisung und das ‚Versagen‘ nicht mehr als Problem eines defizitären Ichs interpretieren, sondern als Schieflage, die bedingt wird durch die Ignoranz und das Fehlverhalten der Anderen. In den Kommentarspalten werden diese Deutungsangebote zusätzlich ausgehandelt, d. h. schriftlich oder ikonisch validiert, zum Teil aber auch kritisiert und differenziert.15 Die User schreiben sich so gegenseitig wieder den „Status eines intelligiblen, als ‚mitspielfähig‘ anerkannten Subjekts“ (Alkemeyer 2013, S. 34) zu.

15Vgl.

Oswald (2018).

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Diese Selbstnormalisierungen erfolgen, anders als z. B. im UD, nicht anhand fixer Definitionen oder abstrakter Theorien, sondern im Rahmen reziproker visuellmediatisierter Praktiken, die diffuse Erlebnisse und Gefühle konkretisieren. Dabei werden gängige Orientierungshorizonte moderner Subjektivierungsformen interessanterweise umgangen. So sucht man bspw. Optimierungsimperative oder Authentizitätsansprüche in den FZ-Memes auf 9gag vergeblich. Die Selbstdeutungen im FZ-Diskurs werden stattdessen stark von der Eigenlogik des Mediums Bild sowie des Kommunikationsraums 9gag beeinflusst. Die folgenden fünf Aspekte sind dabei von konstitutiver Bedeutung: 1. Der auf 9gag primäre Kommunikationsmodus der Bildlichkeit lässt einen (relativ) geringen Abstraktions- oder Differenzierungsgrad zu. Sowohl dem auf dem UD identifizierten Schwächlings-Diskurs wie auch dem Sexismus-Diskurs liegen vergleichsweise komplexe Deutungsschemata zugrunde, die sich nur schwer in Bildsprache und noch schwerer in wenige Bilder verpacken lassen. Der Nice-Guy-Diskurs hingegen beruht auf recht simplen schematischen und kulturell tradierten Motiven, die ohne viel Verlust in den Modus der Bildlichkeit übersetzt werden können. 2. Der starke Einsatz metaphorischer Bildsprache verstärkt zudem die Intelligibilität der Deutungsofferten. Individuelle Gefühlslagen und Erfahrungen werden intersubjektiv zugänglich, ‚lesbar‘ und verständlich gemacht. In den FZ-Memes werden die darin transportierten Männlichkeitsbilder so als intelligible Subjektivierungsfolien zur Verfügung gestellt. 3. Die Etablierung und Wiederholung kollektiver Symbolik macht es den 9gagUsern zudem möglich, sich vermittelt über diesen Sprachcode als Gruppeneinheit wahrzunehmen. Insgesamt sorgt die geteilte Bildsprache nicht nur für eine Reduzierung der Komplexität von Alltagserfahrungen, sondern auch für ein verstärktes Gemeinschaftsgefühl. 4. Während der Einsatz von Metaphern die affektive Besetzung des thematisierten Inhalts sicht- und sagbar macht, ist es insbesondere die humorvolle Rahmung der Inhalte, die deren emotionale Aufladung beantwortet und sie in einem lustvollen Erleben auflöst. Die 9gag-User eignen sich mit den Memes (als spezifischer Form des visuellen Humors) das Stigma der Zurückweisung an und sorgen so für einen reclaim der Fremdpositionierung. Im Modus der Bildlichkeit stehen den Akteuren dabei Möglichkeiten der humorvollen Überspitzung und Übertreibung sowie der direkten Veranschaulichung zur Verfügung, über die Schriftsprache in dieser Form nicht verfügt.

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5. Zu guter Letzt befördert die spezifische mediale Struktur der Seite 9gag die Entstehung einer Kultur der Aufmerksamkeitsökonomie, die von den Produzierenden schnelle und prägnante Inhalte fordert. Ein solches kommunikatives Setting bzw. digitales Ökosystem begünstigt einen bildsprachlichen Kommunikationsmodus, der sich, wie oben dargestellt, durch hohe Informationsdichte und Anschaulichkeit auszeichnet. Beides hat schlussendlich zur Folge, dass nicht Experimentieren und Originalität, sondern das Spielen mit bekannten und etablierten Mustern belohnt wird. Die Engführung des FZ-Konzepts auf 9gag kann also nicht mono-kausal erklärt werden, sondern ist der Effekt vielfältiger mediatisierter Struktur- und Handlungselemente, die im Kommunikationsraum 9gag ineinandergreifen, sich gegenseitig potenzieren und aus deren Verflechtung letztlich die Subjektivierungsfolie des Nice-Guys als dominante Selbstdeutung hervorgeht.

7.2 Ausblick – Mediatisierte Subjektentwürfe auf 9gag Auf einer allgemeineren Ebene und unabhängig von der Thematisierung der FZ stellt sich die 9gag-Community als ein besonderer Typus einer digital-mediatisierten Gemeinschaft dar, die eigene Subjektivierungspraktiken und -codes ausbildet. Diese sollen hier abschließend grob skizziert werden.16 Die Verwendung von humorvollen Bildern als primäres Kommunikationsmedium und deren massenhafte Zirkulation sind die Hauptmerkmale des Kommunikationsraums 9gag. In Kollektivsymbolen, geteilten Sprachcodes und Stiltypen verdichten sich die habituellen Strukturen einer pseudonymen und doch, insbesondere in den Kommentarbereichen, jederzeit füreinander präsenten und sichtbaren Sehgemeinschaft.17 Im Zentrum der Praktiken dieser Sehgemeinschaft stehen nicht etwa Originalität und Authentizität als sinnstiftende Motive, sondern die Kultivierung eines Gemeinschaftssinns, die verschwenderische Lust am Tun und eine zirkuläre Wettbewerbslogik.18 In den Darstellungsmustern drückt sich

16Subjektcodes

strukturieren nach Reckwitz Verhaltens- und Denkweisen, sie sind „zentrale Unterscheidungen, die Subjektformen festlegen und differenzieren“ (2008, S. 135 f.). 17Sehgemeinschaften sind nach Jürgen Raab „relativ dauerhafte, durch stabile Routinen abgesicherte und voneinander unabhängige ästhetische Wahrnehmungs- und Handlungsräume […]“ (2008, S. 306). 18Es geht nicht um linearen Wettbewerb mit dem Ziel der unbegrenzten Überbietung und Optimierung, sondern um Wettbewerb als Spiel, das immer wieder von vorne beginnt.

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ein Habitus aus, dessen Haltung zur Welt nicht kritisch-kommentierend, sondern spielerisch-aneignend und kompetitiv ist. Die überwiegend humorvolle R ­ ahmung der Beiträge sorgt dafür, dass die Akteure zugleich Distanz und Nähe zu ihrer Erfahrungswelt aufbauen. Dabei ist die Uneindeutigkeit der Positionierung kein Nebenprodukt habitueller Unentschlossenheit, sondern Effekt eines bewusst spielerischen Umgangs mit der Welt. Die Eindeutigkeit wird zugunsten ludischer Erlebnisqualitäten aufgegeben. Die 9gag-User entwerfen und produzieren sich in ihren (mal mehr, mal weniger) kreativen und wettbewerbsorientierten Schöpfungsakten als Individuen, binden sich aber zugleich stark an das Kollektiv zurück durch die Einhaltung einer rigiden Bildgrammatik und den Gebrauch von Semantiken, die das Wir betonen. So entsteht ein gemeinschaftliches Selbstverständnis, welches sich durch die Betonung des Kollektivs auszeichnet bei gleichzeitiger Ausrichtung auf ein kompetitiv-individualistisches Selbstkonzept, das Originalität betont.19 Die Bildpraktiken auf 9gag code-switchen beständig zwischen kulturellen Chiffren wie Kollektivität und Individualität, Nachahmung und Neuschöpfung, Humor und Ernsthaftigkeit, zwischen verschiedensten Stiltypen und thematischen Foki. Sie bringen nicht die eine fixe Subjektivität hervor, sondern formen das Selbst der Nutzenden partiell, dynamisch und durch die Überlagerung und Überschneidung unterschiedlicher Subjektivierungsformen. Medien können, schreibt Reißmann, „insofern sie Macht akkumulieren, eine inhaltliche, ästhetisch-formale und kommunikationspraktische Standardisierungskraft entfalten“ (2015, S. 29). Zieht man in Betracht, dass die meisten Medien – Computer, Smartphone, aber auch der (smarte) Fernseher – mittlerweile digitalisiert sind und Internetkommunikation eine ganze Bandbreite an multimodal konstituierten und prosumerorientierten Kommunikationsformen und -plattformen offeriert, so muss nicht nur die kommunikative Macht von Medien, sondern – viel differenzierter – auch die der darin eingebundenen einzelnen Formate in Rechnung gestellt werden. Am Beispiel der Memes wurde sehr konkret gezeigt, welche kommunikative Subjektivierungs-Macht von Memes ausgehen

19Die

individualistische Ausrichtung zeigt sich unter anderem in dem Wunsch der Nutzenden, es mit ihrer Kreation auf die Hauptseite zu schaffen, indem entweder ein möglichst beliebtes und populäres Derivat eines Memes kreiert oder gar ein völlig neues Meme losgestoßen wird. Das Spiel mit vorhandenen Formen und der Versuch, neue und dennoch mehrheitsfähige Formen ins Spiel zu bringen, sind jedoch immer auf die Community rückbezogen, deren Akzeptanz gesucht wird.

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kann: Ereignisse und Erfahrungen, die offline stattgefunden haben, werden mittels Memes einem dispersen Publikum zugänglich gemacht und erfahren hier eine neue ästhetische Aufbereitung und eine starke Erweiterung ihres Wirkungsradius’. Die inhaltliche und formal-ästhetische Standardisierung des Konzepts der Friendzone perpetuiert wiederum eine semantische Perspektivierung von Männlichkeit. Selbstverständlich handelt es sich dabei nicht um globale, sondern nur um partielle Subjektivierungseffekte. Dies entspricht aber nur dem Trend eines Verlusts ganzheitlicher Identitätsangebote und einer daraus resultierenden zunehmenden Fragmentierung (post-)moderner Selbste (Simmel 2009; Kucklick 2014; Reckwitz 2017). Mediatisierung als Metaprozess birgt in sich die zunehmende Pluralisierung von Subjektivierungspraktiken, die sich strukturell, inhaltlich und formal-ästhetisch unterscheiden und so immer vielfältigere und differenziertere Selbstdeutungsfolien hervorbringen. Memes sind nur ein Beispiel, das zeigt, dass es einer visuellen Soziologie nicht genügen darf, lediglich die semantische Ebene des Bildes zu betrachten. Es gilt stattdessen in zukünftigen Studien zu digitaler Bildpraxis die Bilder als Elemente von Handlungen und (Diskurs-)Praktiken ernst zu nehmen, welche in die Strukturen digitaler Kommunikationsräume eingebunden sind. Erst hieraus ergeben sich ihre kommunikative Kraft und ihre lebens- und alltagsweltliche Bedeutung. Nur so kann letztlich auch bestimmt werden, wie sich Subjektivierungsprozesse im Zeitalter der Digitalisierung und Mediatisierung vollziehen, sprich: in welchem Zusammenhang Medien, Kommunikationsformate und Selbstverständnisse stehen und sich immer wieder gegenseitig neu konstituieren.

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