Das Problem der Urkunden bei Thukydides: Die Frage der Überlieferungsabsicht durch den Autor 3515070877, 9783515070874

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Das Problem der Urkunden bei Thukydides: Die Frage der Überlieferungsabsicht durch den Autor
 3515070877, 9783515070874

Table of contents :
Inhalt
Vorbemerkung
I. Einleitung
1. Problem und Forschungsstand
2. Anlaß zur hiesigen Untersuchung
a) Allgemeine Erwägungen (gegen MEYER)
b) Kritik an LUSCHNAT
c) Untersuchungsthemata
II. Hauptteil
1.Überprüfung von MEYERs Spezialuntersuchung
a) IV 118f
b) V 18f
c) V 23f
d) V 47
e) V 77 und 79
f) VIII 18; 37; 58
Zwischenbilanz
2. Sind Urkunden λόγοι oder ἔργα
3. Wie vollendet sind V und VIII?
4. Verarbeitung urkundlichen Materials
Zwischenbilanz
5. Methode, Ziel, Sinngehalt: Thukydides’ Stil
a) Die Aussagen des Methodenkapitels
b) Das Ziel der thukydideischen Historiographie
c) Der Sinngehalt
III. Schluß
1.Zusammenfassung
2. Ergebnis
IV. Anhänge
1. Abkürzungen
2. Literaturverzeichnis
3. Index locorum

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PALINGENESIA LXIII

FRIEDHELM L. MÜLLER

DAS PROBLEM DER URKUNDEN BEI THUKYDIDES

FRANZ STEINER VERLAG STUTTGART

PALINGENESIA MONOGRAPHIEN UNDTEXTE ZUR KLASSISCHEN ALTERTUMSWISSENSCHAFT

PALINGENESIA MONOGRAPHIEN UNDTEXTE

ZUR KLASSISCHEN ALTERTUMSWISSENSCHAFT

HERAUSGEGEBEN VON

OTTO LENDLE UNDPETER STEINMETZ BAND 63

UNAEST QUAE REPARET SEQUE IPSA RESEMINET ALES: ASSYRII PHOENICA VOCANT

FRANZ STEINER VERLAG STUTTGART

1997

FRIEDHELM L. MÜLLER

DER URKUNDEN DAS PROBLEM BEI THUKYDIDES

DIE FRAGE DER ÜBERLIEFERUNGSABSICHT DURCH DENAUTOR

FRANZ STEINER VERLAG STUTTGART

1997

Abbildung desPhönix: Mosaik ausAntiochia amOrontes, jetzt imLouvre. Fondation Eugène Piot, Monuments et Mémoires, publ. parl’Académie desInscriptions et Belles-Lettres, 36, 1938, 100.

HANS-HELMUT et ILSE BIERSCHENCK

celebrantibus coniugium quinquagenarium

CIP-Einheitsaufnahme Die Deutsche Bibliothek –

Müller, Friedhelm L.:

Das Problem derUrkunden bei Thukydides: die Frage der Überlieferungsabsicht durch denAutor / Friedhelm L. Müller. Stuttgart: Steiner, 1997 (Palingenesia; Bd.63) ISBN 3-515-07087-7

NE: GT

ISO 9706

Jede Verwertung des Werkes außerhalb der Grenzen des Urheberrechtsgesetzes ist unzulässig und strafbar. Dies gilt insbesondere für Übersetzung, Nachdruck, Mikroverfilmung oder vergleichbare Verfahren sowie fürdie Speicherung in Datenverarbeitungsanlagen. © 1997 byFranz Steiner Verlag Wiesbaden GmbH, Sitz Stuttgart. Gedruckt auf säurefreiem, alterungsbeständigem Papier. Druck: Druckerei Proff, Eurasburg. Printed inGermany

Inhalt

7

Vorbemerkung

I. Einleitung

9

9 14

1. Problem undForschungsstand

2. Anlaß zurhiesigen

Untersuchung

a) Allgemeine Erwägungen (gegen MEYER) b) Kritik an LUSCHNAT

c) Untersuchungsthemata

14 25 29

II. Hauptteil

31

1. Überprüfung vonMEYERs Spezialuntersuchung a) IV 118f b) V 18f

31 49 72 86 91

c) V 23f d) V 47 e) V 77 und79 f) VIII 18; 37; 58 Zwischenbilanz

γ ο ι oderἔρ γ α ? 2. Sind Urkunden λό 3. Wie vollendet sind V undVIII?

100 109

4. Verarbeitung urkundlichen Materials Zwischenbilanz

5. 31 Methode, Ziel, Sinngehalt:

17 170 Thukydides’‘Stil’

a) DieAussagen desMethodenkapitels b) Das Ziel derthukydideischen c) DerSinngehalt

Historiographie

112 130 143 1

173 178 187

195

III. Schluß

1. Zusammenfassung 2. Ergebnis

195 201

203

IV. Anhänge

1. Abkürzungen 2. Literaturverzeichnis 3. Index locorum

203 204 209

Vorbemerkung

Die vorliegende Studie bedarf in mindestens doppelter Hinsicht der Rechtfertigung. Denn zumeinen wendet sie sich mitaller Entschiedenheit gegen diepostum veröffentlichte Arbeit eines früh Verstorbenen, undzumanderen ist ihrnegativer (widerlegender oder auch ‘destruktiver’) Teil gemessen amGesamtumfang ungewöhnlich lang. Wennauchunvermeidlich, soist mirdochbeides ingleicher Weise unangenehm, undbeides warneben anderen Hinderungsgründen (auch persönlicher Umstände) mit ausschlaggebend für die viele Jahre verzögerte Fertigstellung desBegonnenen. Bereits beiderersten Lektüre der Arbeit über Die Urkunden im Geschichtswerk des Thukydides während meines Studiums vormittlerweile gutdreißig Jahren gewann ich dieÜberzeugung, daßdiedortverfochtene These (die wortgetreu vollständige Wiedergabe der neun Vertragstexte, diesich in demnach des Autors Tod veröffentlichten Geschichtswerk finden, entspreche der Konzeption undAbsicht des vor Abschluß seines Werkes Gestorbenen) vonGrund auffalsch ist; undbereits vor 1970, alsdiese Arbeit in zweiter Auflage erschien, hatte icheinen großen Teil dessen niedergeschrieben, was manjetzt in Teil II.1.a–f (also im ‘destruktiven’Teil) liest. Daßich die nie vergessene Studie nach vielen Anläufen, Unterbrechungen undVerhinderungen nunmehr doch entschlossen zuende führte, hatneben anderen (weniger wichtigen) Gründen vorallem die entscheidende Ursache, daßmansich mitdernach meiner Überzeugung falschen, zwar gelegentlich angezweifelten, aber niemals in toto widerlegten These zufriedengegeben zuhaben scheint unddaßsomit bei immer seltener undschwächer etwas ganz sicher Unzutreffendes – werdendem Protest – endgültig zurcommunis opinio derWissenschaft zu avancieren droht. (Bezeichnenderweise, wenngleich –wie ich zu ganz zuUnrecht – , redet H.ERBSE [1989, 42] vonder zeigen gedenke – “ veraltete[n] Annahme, Thukydides habe überhaupt keine Urkunden im Wortlaut in seine Erzählung aufnehmen dürfen” , wobei dasWort “ dürfen”eine tendenziöse Verfälschung der bisherigen communis nicht salva debita in mortuum pietate – opinio ist.) Das möchte ich – verantworten: amicus Plato – magis amica veritas.

Die ungewöhnliche Ausdehnung der Widerlegung habe ich in Teil III.1. (Zusammenfassung), vorallem S.196f, zubegründen versucht, worauf ich hier verweise.

MeinDank gilt beiden Herausgebern derPalingenesia für die Aufnahme derArbeit inihre angesehene Reihe, gilt Otto LENDLE für die freundliche Durchsicht undBeurteilung undgilt demVerlag Franz Steiner fürstets erfreuliche Kooperation.

I. Einleitung

1. Problem undForschungsstand Ein Problem, das die Thukydides-Forschung bis ungefähr Ende der fünfziger Jahre verschiedentlich beschäftigte – seit der Studie von CARL MEYER (1955, 21970)1 ist es, ohne daß das Problem als

befriedigend geklärt gelten könnte, umdie Angelegenheit etwas still geworden – , liegt in den Urkunden des Geschichtswerks, d.h. in der wörtlichen Wiedergabe dieser Vertragstexte: So sehr es demmodernen Historiker selbstverständlich ist, in Anmerkungen oder Anhängen die Belege undQuellen seiner Darstellung vorzuführen, ebenso sehr gilt es –oder galt es doch lange Zeit hindurch –für die antike Historiographie als ungewöhnlich, ja befremdlich, undzwar auch bei Thukydides, in dessen Werk sich ja (alles andere eher als selbstverständlich) insgesamt 9 Vertragstexte oder -vorschläge finden; denn nach seinem eigenen Zeugnis im sogenannten ‘Redensatz’ (I 22,1) geht es ihmbekanntlich nicht umeine wörtliche Vermittlung des jeweils Gesagten oder Verhandelten (und darum konnte es auch niemals gehen).2

Seitdem NIPPERDEY3 ganz allgemein für die Geschichtsschreibung “ der Alten”als eine Eigentümlichkeit festgestellt hatte, daß Reden undBriefe nie imWortlaut zitiert, sondern in denStil desje-

1 CARL MEYER, Die Urkunden im Geschichtswerk des Thukydides, München 1955 (= Zetemata 10), ND1970 mit4 S. “Ergänzungen undBerichtigungen”(von H.ERBSE, derauch die erste Publikation besorgt hatte); die Arbeit hatte 1940 in Hamburg als Dissertation vorgelegen undwarbis zumTodihres Verfassers 1950 ausgearbeitet worden; die Wichtigkeit der Arbeit, die allerdings in Ansatz und Durchführung zur Gänze als verfehlt gelten undmit der ich mich während des ganzen ersten Teils ausgiebig kritisch auseinandersetzen muß(doch vgl.auch unt. Fußn. 182), gebietet es, sie zuallererst zunennen. (Zitierweise künftig stets nur

MEYER mit S.-Angabe zur Unterscheidung von EDUARD MEYER = ED.MEYER) 2 DieFrage der(anscheinend keineswegs selbstverständlichen) Anwendbarkeit diesesdie Reden betreffenden Grundsatzes aufdie Urkundentexte ist noch zuüberprüfen; MEYER ist ja sogar – völlig indiskutabel undgegen Thukydides’eigene Benennung als λ vondenUrkunden als ἔρ desKrieges ausgegangen, ohne α γ γ ο ι– ό darin wesentlichen Widerspruch zuerfahren. 3 Von der antiken Historiographie ..., in: Opuscula, ed.R.SCHOELL, Berlin 1877,

422-. 411–

10

I. Einleitung

weiligen Werkes umgesetzt werden,4 undaufgrund dessen gemeint hatte, daß die antike Historiographie nach ihrer künstlerischen Form der modernen weit überlegen sei, undseitdem dann diese Feststellungen, die in der römischen Geschichtsschreibung hohen Stils beobachtet und für sie ganz sicher uneingeschränkt gültig sind, “ durch Wilamowitz und Schwartz wie Stilgesetze behandelt wurden, die auch für Thukydides bei der Verwertung urkundlichen Materials gültig gewesen seien” ,5 entwickelte sich daraus das Urkundenproblem bei Thukydides, das als solches also erst seit Ende des vorigen Jahrhunderts existiert: DasVorhandensein vonUrkunden, von wortgetreu zitierten Vertragstexten in seinem Werk widersprach ja diesem ‘Stilgesetz’ ganz offenkundig. Selbstverständlich und mit Notwendigkeit ergab sich also die Frage: Wie erklärt sich die Zitierung derUrkunden imthukydideischen Geschichtswerk? Zugleich mit dem Bewußtwerden dieses zunächst nur Widerspruch zur künstlerischen Form markierenden Problems wurden Versuche unternommen, es zulösen. Vonfrüheren Forschern haben sich hierzu besonders KIRCHHOFF, WILAMOWITZ, ED. MEYER und SCHWARTZ geäußert;6 in jüngerer Zeit wurde eben dieses Problem in der genannten Untersuchung vonMEYER erneut aufgegriffen und ausführlich behandelt. Den drei Forschern KIRCHHOFF, WILAMOWITZ und SCHWARTZ wargemeinsam, daßnach ihrer Auffassung die erhaltenen Urkunden auf die Nichtvollendung des thukydideischen Werkes deuten. Entweder sei Thukydides erst nachträglich in den Besitz desjeweiligen Vertragswortlauts gelangt undzu völliger Verarbeitung des Inhalts für die Darstellung nicht mehr gekommen; oder aber er habe die Texte zwar von Anfang an besessen, sie jedoch nur als Rohmaterial für die spätere endgültige Ausarbeitung verwenden wollen. Da das vom Autor selbst vor seinem Tode nicht mehr erledigt worden sei, habe derja unbedingt anzunehmende Herausgeber dieses eingelegte, 4 Das schlagendste, von NIPPERDEY noch nicht angeführte Beispiel hierfür dürfte die Rede desClaudius fürdaspassive Wahlrecht derGallier sein, die sowohl inschriftlich (allerdings verstümmelt CIL 13, 1668 = DESSAU ILS 212) wie auch in dertaciteischen Wiedergabe (ann.XI 24) erhalten ist. (Hierzu vgl. KOESTERMANN imAnnalen-Komm., Band III 76 [mit weiterer Literatur] und81f.) 5 MEYER 7, mit demTerminus “Stilgesetz”schon nicht ganz ‘sauber’, wie man ihmauch sonst eine offenbar oftmals bewußt unscharfe undunpräzise Ausdrucksweise vorwerfen muß;ichwerde gelegentlich darauf hinweisen. 6 KIRCHHOFF, Thukydides undsein Urkundenmaterial; WILAMOWITZ Curae Thucydideae; DerWaffenstillstandsvertrag von423; DasBündnis zwischen Sparta und Athen; Thukydides VIII; Lesefrüchte 79 (Hermes 37, 1902); ED.MEYER, 436; SCHWARTZ, Das Geschichtswerk des Thukydides. Forschungen ... II 269–

Problem

undForschungsstand

11

aber so nicht zur Veröffentlichung bestimmte Material mit publiziert. Die Urkunden boten damit einen Ansatz zurAnalyse desWerkes imHinblick auf seine Entstehungsgeschichte. ED.MEYER, der auch in der Zeit der regsten Thukydidesanalyse

unbeirrt undunbeeindruckt seine (etwas allzu unkritische) unitarische Auffassung vonderinsgesamt einheitlichen Konzeption desthukydideischen Werkes vertrat, ließ sich auch durch die Argumente nicht umstimmen, die gegen die Urkunden undim Zusammenhang mit ihnen vorgebracht wurden; er wies darauf hin, daßmandemHistoriker nicht aus moderner Sicht vorschreiben dürfe, was undwie er darzustellen gehabt habe.7

Diese sehr kurze Charakterisierung der früheren Arbeiten genügt vorerst, um den Ausgangspunkt der Arbeit von MEYER zu erkennen.8 MEYER suchte das Faktum der wörtlich überlieferten Dokumente nicht mehr aus dervermeintlichen oder wirklichen Unfertigkeit zu erklären,9 sondern die Urkunden als nicht herauslösbare, fest verwobene Teile des Ganzen zubegreifen, die vomAutor selbst in der vorliegenden Form für die Darstellung vorgesehen gewesen seien; anders ausgedrückt: der zunächst einmal aus demerwähnten ‘Stilgesetz’sich ergebende undals solcher anzuerkennende Anstoß,10 für den sich eine sehr naheliegende undeinleuchtende Erklärung in der ebenfalls anzuerkennenden und auch unbestreitbaren Tatsache anbot, daß Thukydides nicht mehr.letzte Hand ansein Werk legen

7 ED.MEYER aaOvor allem 285f. (Allerdings ist derVorhalt “nicht ausmoderner Sicht vorschreiben”eine nicht ganzkorrekte Darstellung: dassogen. ‘Stilgesetz’ist ja, wennesdennalssolches gelten würde, ausantiker Sicht erwachsen.) 8 Aufvorgebrachte Argumente, Argumentationsweisen undEinzelheiten ist selbstverständlich nochimZusammenhang derBetrachtung derbetreffenden Stellen bei

Thukydides einzugehen. 9 Die von ERBSE im Vorwort zu MEYER (vor S. 1) gebrauchte Formulierung “ verfolgt dasZiel, die Beziehungen derbei Thukydides erhaltenen Urkunden zum darstellenden Text zuüberprüfen unddie mit ihnen verbundenen Probleme

aus der Diskussion über die kompositorische Einheit des Gesamtwerkes herauszulösen”(Hervorhebung vonmir) ist eine treffende Charakterisierung derVerfahrensweise, markiert aberdeutlich denm.E. falschen Ansatz: man darf die Urkunden, dieja gerade undnurindennotorisch unfertigen Partien V und VIII (dazu IV-Ende) vorkommen, woimUnterschied zudenvoll ausgeführten Teilen dafür die markanten Reden völlig fehlen, nicht davon isoliert betrachten. 10DaßderAnstoß nicht allein aufdemmehräußerlichen Widerspruch beruht, der

ausdiesem nachträglich angewendeten ‘Gesetz’resultiert, welches MEYER bekämpft (von daher trat derAnstoß nurklarer insBewußtsein), sondern mehr noch aufdemVergleich mitThukydides’Art derDarstellung, wiewirsie ansonsten beobachten (dazu unten in II.5), also vor allem auf einem inneren Widerspruch, sei schon hier vorwegnehmend betont.

12

I. Einleitung

konnte, es vielmehr (auch rein äußerlich) als Torso zurückließ, – dieser Anstoß sollte als ein gewolltes Mittel der Darstellung zuverstehen sein, als Absicht des Historikers, der damit (zur eigenen kritischen Urteilsbildung des Lesers oder Hörers?) das Material, das sonst von ihm verarbeitet wurde,11 als Beleg oder Quelle vorführen gewollt habe. MEYER geht so vor, daß er alle Urkunden im Werk durchnimmt undBezüge zwischen ihrem Inhalt unddenjeweils umgebenden Partien (vereinzelt auch über größere Entfernung, z.B. vomV. bis zum VII. Buch) aufspürt, woraus er dann denSchluß zieht, die Urkunden seien in ihrer jetzt vorliegenden Form für das Verständnis jener Passagen unddamit für das Verständnis des ganzen Werkes unentbehrlich, demnach auch so, wie wir sie jetzt vorfinden, von Thukydides eingeplant undverarbeitet worden. Die Urkunden, welche er – entgegen jeder Wahrscheinlichkeit (vgl.ob., manmußschon sagen – γ α versteht unddie also demI 22,2 forρ Fußn. 2 u.unt. in II.2) als ἔ mulierten Grundsatz der größtmöglichen Genauigkeit und Wahrheitstreue folgen würden, dienen nach seiner Auffassung dem“ höchsten undletzten Zweck derthukydideischen Darstellung” , indem sie “ das Studium all derer (fördern), welche die Absicht haben, τ ε ῶ νγ μ έ ν ω ν ντ ο φ ὸσα έ ςzu sehen”.12

Mit dem Artikel Thukydides (RE Suppl.XII) von O.LUSCHNAT wurde die Forschung hierzu insofern bereichert, als dieser sich nicht nur auf die Darstellung bisheriger Ergebnisse beschränkt, sondern 1132) innerhalb der die Diskussion selbst weiterführt und(Sp.1113– Behandlung dieser Frage die Urkunden (im Gegensatz zu MEYER) γ γ , sondern als λό ο α ιverstanden wissen möchte13 undsie nicht als ἔρ damit zugleich einspannt in dengrößeren Problemkreis derthukydi1183) behandelt.14 deischen Reden, die er später (Sp. 1146– 11Denndasgibt es allenthalben auch (inden‘fertigen Teilen’), worauf unten (in II.4) einzugehen sein wird; MEYER hätte sich gerade dazuernsthafter Gedanken machen undes erklären müssen. 12So MEYER 98; darauf komme ich zunächst noch im 2.Teil der Einleitung (S.23)

sodann später imAbschnitt II.2 (über die Zuordnung derUrkunden zudenBereichen desMethodenkapitels) undin II.5.b (zum Ziel desThukydides). 13Er änderte damit offenbar seine Ansicht seit seiner Rezension vonMEYER (DLZ γ αnicht widerspro77, 1956), wo er MEYERs Auffassung der Urkunden als ἔρ

zusprechen,

chen hatte.

14LUSCHNAT hathiermit eine entscheidende Frage innerhalb deseigentlichen Problems angeschnitten, mit der ich mich schon vor Erscheinen seines Artikels von einem etwas anderen Ansatz her beschäftigt hatte undgegen MEYER zu ähnlichem Ergebnis gekommen warwieLUSCHNAT (das scheint vernünftigerweise anders auch garnicht möglich); unter Berücksichtigung seiner Ergebnisse undzugleich in

Problem

undForschungsstand

13

Andererseits trifft sich LUSCHNAT darin wieder mit MEYER, daß er den Urkunden in ihrer jetzigen Form einen festen Platz nicht bloß im heute vorliegenden Werk, sondern auch in der Konzeption desselben durch Thukydides zuzuweisen geneigt ist. Zu dieser Ansicht gelangt er dadurch, daßer denetwas allgemeinen Begriff der “ Homogenität”einführt, der nur scheinbar deutlicher oder präziser ist als dervon SCHWARTZ (u.a.) verwendete Terminus “Stileinheit” ; er versucht so nachzuweisen, daß Homogenität, da im Werk, so meint er, nirgends zu finden, wohl gar nicht Absicht des Historikers gewe-

sen sei.15 Berücksichtige manangesichts dessen die (von LUSCHNAT vorgeführte) breite Vielfalt von Redeformen (vgl.Sp. 1156ff), wozu eben auch die Urkunden gehörten, dann fügten sich auch diese sehr wohl in die Form des Werkes ein (vgl. Sp.1130). Nach diesem Überblick läßt sich das Problem in der folgenden (etwas banal anmutenden) Alternative formulieren: Entweder wollte Thukydides die Urkunden in der vorliegenden Form in seinem Werk mitteilen, wie dies die beiden letzten Stimmen (MEYER undLUSCHNAT) vertreten, oder er wollte es nicht, wie es die meisten früheren Forscher (KIRCHHOFF, WILAMOWITZ, SCHWARTZ) meinten. (Im letzteren Falle bleibt für ihr Vorhandensein im Werk wohl nur die Erklärung aus dessen Unvollendetheit.) Neben diesen alternativen Möglichkeiten gibt es eine dritte offenbar nicht.16

Auseinandersetzung mitihmführe ichdies unten in dembetreffenden Kapitel zur Frage λ γ γ αetwas verkürzt vor. –Die Urkundenfrage schien mir ο ιoder ἔρ ό durch LUSCHNATs Artikel einen neuen Impuls erhalten zuhaben, nachdem man schon den Eindruck hatte gewinnen müssen, als habe mansich allgemein mit MEYERs Resultaten zufrieden gegeben oder auch abgefunden. Allerdings hatsich dervermutete Impuls nicht erkennbar ausgewirkt, undmanhatsich wohl danach dabei beruhigt (löbliche Ausnahme ANDREWES in GOMME V, 1981). 15Vgl. etwa Sp.1119, darauf komme ichbald, nochinderEinleitung zusprechen. 16DieAnnahme späterer Interpolation scheidet vonvornherein gänzlich aus(darauf ist auch noch niemand verfallen); Interpolation wäre imübrigen derzweiten Annahme zuzurechnen.

I. Einleitung

14

2. Anlaß zurvorliegenden

Untersuchung

Um nun die Berechtigung dafür darzutun, daß dieses Problem nach denbeiden letzten Stellungnahmen, die die früheren Lösungsversuche ja berücksichtigen und behandeln und sich beide –insgesamt betrachtet –für die erste der genannten beiden Möglichkeiten aussprechen, noch einmal aufgenommen wird, undum damit die eigene Absicht undAufgabe näher zudefinieren, lasse ich demsummarischen Referat der vorangehenden Seiten nunmehr (wiederum summarisch) eine vorläufige Kritik folgen. Da hier noch nicht der Ort ist für konkrete und spezielle Einzelfragen, muß dabei von allgemeinen Überlegungen ausgegangen werden, obgleich sich MEYER, demich mich zunächst zuwende, ausdrücklich gegen allgemeine Erwägungen (die offenbar nur gegen seine Auffassung sprechen können) verwahrte: “ Das Urkundenproblem bei Thukydides läßt sich also mit allgemeinen Erwägungn nicht lösen. Hier führt nurgedul17 dige Interpretation des Textes zumZiel.” Trotzdem werde

ich auf einige solcher “allgemeinen Erwägun-

gen” nicht verzichten, zumal sie nicht gänzlich anstelle der geforderten Interpretation treten, sondern als Kriterium für die Tragfähigkeit mancher Theorien und Argumente dienen sollen; in dieser Funktion haben sie ihre volle Berechtigung. Gesteht man, generell von der schon erwähnten Nicht-Vollendung des Werkes ausgehend, insbesondere die an sich ja notorische Unfertigkeit der Bücher V und VIII ein,18 eben der Stellen, wo sich –bei nur scheinbarer Ausnahme IV 118f –allein die Urkunden (bei gleichzeitigem Fehlen der für Thukydides typischen Reden) finden, dann dürfte es wohl amnaheliegendsten sein, auch deren Vorkom17MEYER 10; absolut undfürsich genommen ist dies natürlich ganz in Ordnung undsoll in seiner grundsätzlichen Richtigkeit nicht bestritten werden, wenn dem auf denfolgenden Seiten ein wenig zuwider gehandelt wird; doch darf manmit gleichem Recht aucherwidern: gegen allgemeine Erwägungen wird sich das Problemebenso wenig lösen lassen; ferner verzichtet auch MEYER selbst keineswegs völlig auf ‘allgemeine Erwägungen’; zudem soll die allgemeine Überlegung die ‘geduldige Interpretation’ja nicht ersetzen oderverhindern, undschließlich mußman dochmitgroßer Vorsicht beobachten, wasdennMEYER defacto unter ‘geduldiger Interpretation’versteht: dies nähert sich oft einem tendenziösen Behaupten vonweder Erweislichem noch imText erkennbar Angelegtem mithilfe unscharfer (und manchmal wohlauchgezielt unpräziser) allgemein gehaltener Formulierung. 18Die mangelnde Vollendung dieser beiden Bücher imVergleich zuVI undVII wirdjetzt alsgegebene Voraussetzung genommen; siekannhier nicht imeinzelnen nachgewiesen werden, sondern dies wird imHauptteil (II.3) versucht.

15

2.a) Allgemeine Erwägungen (gegen MEYER)

menentsprechend zu deuten. Oder aber manmüßte eine andere, ge-

genteilige, weniger naheliegende Auffassung beweisen.19 Dem sollte MEYERS Untersuchung ja auch dienen. Doch die Schwierigkeit eines solchen Beweises, der schon den äußeren Anschein gegen sich hat und dem offensichtlichen Befund widerstreitet –die Tatsache, daß die Urkunden ausgerechnet in V undVIII stehen, ist ja nuneinmal nicht zu leugnen – , mußte natürlich auch ihm bewußt sein. Daher suchte er sich die Beweislast insofern zu mildern, als er allgemeine Erwägungen abwies und, indem er ‘geduldige Text-Interpretation’ dagegenstellte, suspekt machte.20

Mankann es MEYER sicherlich als methodisch zulässig konzedieren, daß er sich vornahm, möglichst alle (ungesicherten) Entstehungshypothesen, die zuvor stets mit hereingespielt hatten, von der Untersuchung fernzuhalten. Es kann ja tatsächlich höchstens sekundär bedeutsam sein, wann unddurch wenThukydides in denBesitz einzelner Schriftstücke gelangte;21 entscheidend ist, wie er sie verwertete und –sofern man der Werkinterpretation dies zu ermitwieer sie zuverwerten gedachte. MEYER teln zutraut undzumutet – geht jedoch, umdie Voraussetzungen für seinen Beweis zu erleich-

tern, einen Schritt weiter, indem er die Anstößigkeit der Urkunden im Text überhaupt in Abrede stellt. Er meinte das wohl tun zu müssen, wenn es glaubhaft sein sollte, daßThukydides die Überlieferung so beabsichtigt habe. Bei der Widerlegung seiner Vorgänger hatte er auch insofern bisweilen relativ ‘leichtes Spiel’, als er Übertreibungen und überspitzte Formulierungen gut zurückweisen und teilweise seine ‘Gegner’ untereinander ausspielen konnte, ja auf deren eigene spätere Äußerungen sich berufen durfte. Im Mittelpunkt stand dabei jenes von NIPPERDEY entdeckte, von WILAMOWITZ und SCHWARTZ

vor allem inaugurierte ‘Stilgesetz’. Wenn beispielsweise WILAMOWITZ (unter Berufung auf NIPPERDEY) formulierte:

“ constans historicae artis regula est totidem verbis ,22 inseri quae alieno stilo scripta sint”

non

19MitderBeweispflicht verhält es sich also genau umgekehrt, als MEYER 10 glaubenmachen will, vgl. auchunten S.20. 20Natürlich – wie schon gesagt – fehlen auch bei MEYER allgemeine Erwägungen nicht undkönnen nicht ganzfehlen; diehier folgenden Erörterungen beziehen sich nuraufdie Abschnitte allgemeiner Art bei MEYER, d.h. aufGedanken undArgumente seiner Einleitung und(z.T.) seiner Schlußbetrachtung. 21Dies spielt u.a. bei KIRCHHOFF keine ganz geringe Rolle. 22Curae Thucidideae 18.

16

I. Einleitung

so durfte man das als eine etwas voreilige Verallgemeinerung bezeichnen undals eine Übertragung von Erkenntnissen über die spätere, römische Geschichtsschreibung auf die antike Historiographie überhaupt und damit auf Thukydides. WILAMOWITZ hatte dieses Diktum übrigens später selbst schon erheblich eingeschränkt: für Thukydides müsse “ im Prinzip zugestanden werden, daßwir nicht behaupten dürfen, für ihn hätte das Gesetz bereits gegolten.”23 Auch SCHWARTZ, der ansonsten hierin mit WILAMOWITZ einer Meinung ist undselbst weithin mit dem‘Gesetz’argumentiert,24 hatte immerhin die Möglichkeit zugegeben, es könne geltend gemacht werden, “ daß die Stilgesetze der späteren ... Historiographie auf Thukydides nicht angewandt werden” dürften, jedoch nur, umsich sogleich gegen eine solche Anschauung zuereifern, welche nach seiner Ansicht “ nur eine idealisierende Bewunderung bis zur Mißachtung 25 klar vorliegender Tatsachen überspannt.”

Auch wenn man MEYER in seiner Restriktion dieses ominösen ‘Stilgesetzes’ auf einen engeren Geltungsbereich folgt –ob man das unbedingt tunmuß, sei dahingestellt; die Frage wenigstens ist ja immerhin naheliegend, ob dasallgemein Gültige nicht eigentlich auch für Thukydides gelte undalso die Urkunden nicht entgegen seiner , so hat man sich aber doch künstlerischen Absicht im Werk stehen – vor zwei Fehlschlüssen zuhüten: a) Einmal ist damit noch keineswegs gesagt, daß in den Beobachtungen undBehauptungen der früheren Forscher nicht doch zumindest ein richtiger Kern stecken könnte (und wahrscheinlich mehr als nur das!), mit anderen Worten, daß nicht einem Stilkünstler und Meister derStilisierung, wiees Thukydides nuneinmal ist (man bedenke die Reden!), der gewaltige Stilunterschied weniger aufgrund desvonNIPPERDEY fürdie römischen Historiker als verbindlich ent23Der Waffenstillstandsvertrag ... 621. DerAusdruck “ im Prinzip”deutet hier an, wie auch der ganze Zusammenhang lehrt, daß WILAMOWITZ trotz Berücksichtigung desEinwandes seine Ansicht überdieUrkunden beiThukydides (aus guten Gründen) aufrecht erhält. 24Vgl. hierfür v.a. SCHWARTZ’Kapitel “ die Stileinheit

31. kes” aaO20– 25 SCHWARTZ 29, also im Kapitel ‘Stileinheit’.

desthukydideischen Wer-

2.a) Allgemeine Erwägungen (gegen MEYER)

17

deckten und dann von anderen per Extrapolation auf die griechischen Historiker undauf Thukydides rückübertragenen ‘Stilgesetzes’ als vielleicht eher aufgrund eines ‘ungeschriebenen’, nämlich seines eigenen inneren oderkünstlerischen Gesetzes hätte auffallen müssen, welches nicht von ihmselbst ‘gesetzt’oder erst seit ihmselbst gültig ist unddurch das er sich auch nicht als von einer festen Lehre (τ έ χ ), sondern als voneiner generell gültigen undgewissermaßen traη ν ditionellen Maxime selbstverständlich beeinflußt undbestimmt sah.26 Wieviel belangloses Detail drängte sich doch so (d.h. mit der wörtlichen Wiedergabe derUrkundentexte) in diepräzise undgehaltvolle Darstellung, die dasWesen seines gerade darum so prägnanten Stils ausmacht (oder wennnicht allein ausmacht, so doch entscheidend bestimmt), seines Stils, worunter ja nicht nur im engsten Sinn Wortwahl und syntaktische Eigenart der Diktion zu verstehen sind. Hierauf beruht er allenfalls auch.27 Mußte ihm nicht die Diskrepanz dieses seines Stils zujenem Urkundenstil vonDetails undkleinkarierten Nebensächlichkeiten bewußt werden? Man wird diese Frage vielleicht vorläufig unter Hinweis darauf bejahen dürfen, daß Thukydides immerhin nachweislich an manchen Stellen (in den fertigen, vollendeten Partien!) sogenanntes ‘urkundliches Material’, statt es wörtlich zu zitieren, in seine Sprache umgeformt hat.28

26Es ist hier dieFrage zustellen, woher denndasStilgesetz beidenRömern kommensolle, wenn nicht vondenGriechen. SCHWARTZ’Satz “dass die Römer wie die gesamte künstlerische Geschichtschreibung, so auch dies Stilgesetz vonden Griechen übernommen haben, versteht sich vonselbst”(aaO 29, Fußn. 1)klingt vielleicht zuapodiktisch undmagvonmanchem alsunbewiesene bloße Behauptung abgetan werden. Aber ist der Satz nicht einfach sachlich richtig? Undwas ließe sich vernünftigerweise sachlich dagegen vorbringen? Nursoviel ist allerdings ηdärüber nicht ν sicher anzunehmen, daßeseine bestimmte Lehre imSinneiner τ χ έ gab; abereine solche findet manauchinLukians Schrift π ά ρ νγ ία ῶ ςδ ε ῖἱστορ φ ε ινnoch nicht, in einer Zeit, dawirdasGesetz bei denRömern längst wirksam sehen.

27Den Ausdruck “ Stil”hat LUSCHNAT 1127– 1130 als “ allzu wenig geprüft”zum Problem erhoben; mirist er indessen klar genug, auch wenndie negative Bestimmung des Begriffs, waser nicht oder nicht nurist, zunächst leichter fällt als eine konkrete positive Definition. So belasse iches vorerst einmal bei demAusdruck, wie ich ihn schrieb, vgl. unt., Kap. II.5, S.171f. 28 Es sei hier nur auf IV 16 verwiesen; weiteres unten in Kapitel II.4, S. 143ff. MEYER 10 bestreitet die Beweiskraft unddenWert solcher Stellen undmeint, es sei zwischen wörtlicher Wiedergabe, Referat oder bloßer Erwähnung je nach Wichtigkeit desVorgangs imHinblick aufdenGesamtkrieg entschieden worden, eine Annahme, die miteinfachem Vergleichen (z.B. V 77, z.B. diedrei Dokumente in VIII!) als unrichtig zuerkennen ist (vgl. dazuauchLUSCHNAT 1125).

18

I. Einleitung

Dies bedeutet nun natürlich wiederum noch nicht, daß Thukydides den stilistischen Anstoß auch unbedingt in jedem Fall hätte vermeiden müssen oder wollen; manwürde vielleicht an die Äußerung vonI 22,4 denken, woerja sagt, daßes ihmnicht auf denGenuß des augenblicklichen Hörens ankomme: Daskönnte dochheißen, daßihm die Vermittlung der reinen Tatsachen, auch durch wörtliche Wiedergabe von Verträgen immer noch wichtiger sei als die Vermeidung eines eventuellen ‘Stilbruchs’. So könnte man zumindest zunächst einmal urteilen, obgleich wahrscheinlich zu Unrecht, wie mannach einigem Nachdenken finden wird: Denn es warganz gewiß nicht die Absicht des Thukydides in jenen Sätzen, irgendwelche stilistisch weniger guten oder schwächeren Partien zu entschuldigen, sondern – wenn man denn schon überhaupt apologetische Tendenzen (anstatt Polemik) in den Worten des Methodenkapitels I 22 sehen will – doch wohl gewiß die, seine in jeder Hinsicht schwierigen Reden zu rechtfertigen. Diese sind nunaber alles andere als ausgerechnet stilistisch schwache Teile des Werkes, während ein solches Urteil für die Urkunden schwerlich unzutreffend ist. Auch stehen die Reden bei Thukydides an Bedeutung insofern weit über den Urkunden, als jene in sublimierter Weise wesentliche Reflexionen des Autors wiedergeben, diese aber allenfalls auf der Stufe des Vordergründigen Partei-Verhandlungen undKompromisse vor Augen stellen, keinesfalls ebenbürtig den von Thukydides selbst gestalteten Reden, die aber ihrerseits hinsichtlich der Wahrheitsfindung (zumindest auf der vordergründigen Ebene) hinter den tatsächlichen Ereignissen zurangieren scheinen.

b) Ausdrücklich sei noch auf den zweiten möglichen Fehlschluß hingewiesen: WennmanmitMEYER dessen Frage “ ob etwa irgendeine antike Theorie dem Historiker die Mitteilung von Urkunden imoriginalen Wortlaut verboten habe,”( MEYER 9) verneint, so ist daraus doch keineswegs abzuleiten oder gar zu erweisen, daß Thukydides die wörtliche Überlieferung beabsichtigt habe. Füreine solche Annahme genügt nicht dernegative Nachweis, daß von außen her kein Verbot entgegenstand, sondern sie müßte, wie schon gesagt, erst positiv als zutreffend erwiesen werden. Dagegen stehen jedoch verschiedene Tatschen.

Die innere Diskre-

panz zwischen demStil der Urkunden undThukydides’Darstellung ist bereits angesprochen worden. DaßThukydides ananderen Stellen urkundliches Material verarbeitet, statt

es zuzitieren,

wurde gleich-

2.a) Allgemeine Erwägungen (gegen MEYER)

19

falls soeben schon erwähnt; demVertragswortlaut an solchen Stellen weniger Bedeutung zuzuschreiben als dem Vorschlag V 77 und demVertrag V 79, wäre unbillig undwird nicht einmal von MEYER selbst versucht.29 Ferner stehen die Urkunden in den anerkanntermaßen am wenigsten ausgearbeiteten Partien des Werkes, undzugleich mit ihrer Existenz ist dort ein Fehlen der direkten Reden zu verzeichnen. Hierüber hat man sich schon in der Antike Gedanken gemacht. Wienämlich auch ausdemTadel seines Kritkers Dionysios

von Halikarnaß noch zu erkennen ist, galten gerade sie als das Bezeichnende, als das, worin Thukydides etwas Besonders darstellte.30 Die auf Kratipp zurückgehende Erklärung, Thukydides habe die Reden im Laufe der Zeit als ungeeignetes Mittel undals störend beim mündlichen Vortrag erkannt und darum davon Abstand genommen,31 ist offenbar unzutreffende Spekulation; dagegen sprechen Thukydides’eigene Äußerungen in I 22,4 und– aus heutiger Sicht, wovon Kratipp natürlich noch nichts ahnte –die Spätdatierung so

zahlreicher Reden, darunter des Epitaphios.32 Daher bleibt auch für das Fehlen der direkten Reden kaum eine andere Erklärung als die der Unfertigkeit des Werkes; oder wenn man etwas vorsichtiger urteilen will, bietet sich auch für das Fehlen der direkten Reden als einfachste und naheliegendste Erklärung die der Unfertigkeit des Werkes an.33

29MEYER 65 erklärt sich, indem er fürdenspeziellen Fall vonV 77 und79 die relative Unwichtigkeit zugibt, selbst gegen seine früher (aaO 10, bes.12) entwickelte

Auffassung. 30Ich verweise hier nur auf den Anfang des Kap.34 der Schrift π ί– υ ρ δ ο ὶΘ υκ ε γ ρ ο ία η ις ) οἴον ε τ α ί τιν ς να δ ο υ(p.381Us.-Rad.), woes heißt: ἐ ἷς(scil. δημ έ ω ρ α ντ ὴ νἄκ ο τ ςεἶν ῦσυγγραφ . ιν α ιδύναμ 31Zitiert von Dion.Hal. aaO Kap.16, p.349, 5ss (Us.-Rad.). 32Vgl. hierzu J.TH. KAKRIDIS, Der thukydideische Epitaphios, 1961, 112ff; H. FLASHAR, Der Epitaphios ..., SB Heidelberg 1969,1 (kritisch dazu LUSCHNAT, Nachträge 768– 771); TH.FISCHER, Zur Gefallenenrede ..., 1989, dessen Ansicht (Thukydides distanziere sich vonPerikles) michjedoch nicht überzeugt. 33 Dies (außer gegen ED.MEYER, MEYER, LUSCHNAT, die den Umstand als in den historischen Gegebenheiten begründet sehen, welche injenen Partien keine Reden angebracht erscheinen ließen, oder in der freien künstlerischen Entscheidung des Historikers, derjene Partien eben dadurch vondenübrigen Teilen variierend absetzen wollte) vor allem gegen W.SCHMID (Gesch.d.griech.Lit. I,5, 17, Fußn. 3 u. besonders 165f), der Kratipp insofern ernst zu nehmen versucht, als dieser dem Thukydides Motive unterschiebe, die für ihn selbst vielleicht ausschlaggebend gewesen sein könnten. So weit magdasangehen; wenn sich SCHMID selbst jedoch diese Anschauung unter der Hand zueigen macht (besonders 179; vgl auch 136; ferner 204), kann manihmnicht mehr folgen. Seine Ansicht ist übrigens auch nur vertretbar, wenn manden Spätansatz z.B. des Epitaphios leugnet, wie es SCHMID 75 mitFußn. 1in aller Entschiedenheit tut.

20

I. Einleitung

Angesichts dessen wird auch MEYERs Ansicht darüber, was zu beweisen wäre, hinfällig; er schreibt (mit SCHWARTZ sich auseinandersetzend): “ Selbst wenn es in dem Geschichtswerk gar nicht wenige Beispiele gäbe, wonach Thukydides Aktenstücke in seinen Stil umgesetzt hat, wäre das noch kein Beweis gegen die Ursprünglichkeit der überlieferten Darstellungsform. Wenn der Historiker urkundliches Material bisweilen im Stil der Erzählung wiedergibt, an anderen Stellen dagegen im originalen Wortlaut vorlegt, so könnte er sich die Entscheidung darüber, wann dies erlaubt undjenes geboten sei, durchaus vorbehalten haben.”(aaO 10) Diese Sätze von so unkritischer Selbstverständlichkeit, ja fast Banalität, die nur durch die zweideutige Formulierung von der “ Ursprünglichkeit der überlieferten Darstellungsform”(diese ist ja überhaupt nicht angefochten) auffallen, implizieren die Forderung nach einem Beweis dagegen, daß die überlieferte Darstellungsform von Thukydides beabsichtigt war, durch denjenigen, der MEYERs These nicht zu folgen bereit ist. Diese Forderung wäre berechtigt, wenn jenes vorher von ihm bekämpfte Stilgesetz (in der überspitzten und historisch unrichtigen Sicht) der einzige Einwand gegen die Urkunden (und seine These) wäre. Aber die Schwierigkeiten undEinwände bestehen ja auch, wenn man von demNIPPERDEY’schen ‘Gesetz’absieht, und damit verlagert sich die Beweispflicht eigentlich schon zu MEYERs Position.34 Denn nur wenn man sich über die angeführten Tatsachen hinwegsetzt, kann man hoffen, des Historikers Absicht glaubhaft zumachen, die Urkunden in der vorliegenden Form als 34 Vgl. SCHWARTZ 44f über die Urkunde in V 18f: “ Ein Beweis ... muss um so mehr verlangt werden, als eine solche Einlage sich nicht vonselbst verstand, vielmehretwas neues, unerhörtes gewesen wäre unddieStileinheit seines Werkes, die er doch sonst so streng wahrt, ... aufdasschwerste geschädigt haben würde.”Damit gewinnen auch die Belegstellen, andenen Thukydides urkundliches Material umsetzend benutzt hat, ein anderes Gewicht; in Zuspitzung könnte manMEYERs Selbst wenn es gar keine soeben zitierten Satz sogar folgendermaßen umkehren: “ Beispiele gäbe, wonach Thukydides Aktenstücke in seinen Stil umgesetzt hat, wäre das noch kein Beweis für die ‘Ursprünglichkeit’der überlieferten DarstellungsUrsprünglichkeit der überlieferten Darstellungsform”ist darum irrefühform.”(“ rend, als es ja gar nicht darum geht, sondern umdie Absicht, Urkunden wörtlich Nunaber gibt es derartige zuüberliefern oder nicht.) Mankönnte dannfortfahren: “ Stellen zurGenüge, vondenen die Wahrscheinlichkeit einer geplanten, aber nicht durchgeführten Umformung eine beachtliche Stütze findet.”Die Evidenz der von SCHWARTZ angeführten Stellen wird vonMEYER übrigens bestritten; auch LUSCHNATberuft sich ihnen gegenüber aufdesHistorikers freie Entscheidung.

2.a) Allgemeine Erwägungen (gegen MEYER)

21

echte Bestandteile seiner Darstellung darzubieten (so wie die Reden, vielleicht gar an ihrer Stelle). Was MEYER geleistet hat, kann jedenfalls –trotz der vielfachen, mir nur unter bestimmten, nicht eben freundlichen Prämissen verständlichen Anerkennung35 – noch bei weitem nicht als plausibel, einleuchtend, überzeugend oder gar als endgültiger Beweis gelten.36 Er hat vielmehr verschiedene Fragen miteinander verquickt und dabei von der Lösung der einen ungerechtfertigte Schlüsse auf die anderen gezogen.

In seiner Rezension stellt ANDREWES (hier Fußn. 35) drei Probleme heraus, die MEYER in eins zulösen versuche: 1. obThukydides bei Abfassung derumgebenden Passagen den jeweiligen Vertragswortlaut besessen habe oder nicht, 2. ob diejeweiligen Stellen voraussetzen, daßderLeser eine bestimmte Vertragsklausel (wörtlich!) kenne,37 3. ob dazu die Kenntnis des ganzen Vertrags erforderlich sei. Tatsächlich spielen noch drei weitere Fragen herein, deren Klärung der Untersuchung des eigentlichen Problems hätte vorausgehen müssen und welche wohl die Voraussetzung für die Glaubhaftigkeit der MEYERschen These eventuell hätten erleichtern können, aber noch nicht als Argumente für dieselbe zu verwenden waren. Gemeint ist erstens die Frage, ob Thukydides irgendeine maßgebliche Theorie gekannt oder zu beachten gehabt habe, die ihm das Zitat der Urkunden verbot (oder auch anempfahl!); diese Frage kann als bereits beantwortet angesehen werden undsei unter ausdrücklichem Hinweis 35Vgl. die folgenden Besprechungen undKurzrezensionen: LUSCHNAT DLZ 77, 20; DENBOERMnemosyne 9, 1956, 245f; MCGREGOR AJPh 77, 1956, 1956, 18–

442f; GOMME CR 6, 1956, 220f; WASSERMANN CW 1956, 107; CHAMBERS CPh 51, 1956, 279; WOLF AAHG 10, 1957, 161; WEIL REG 70, 1957, 543; DE ROMILLY RPh 30, 1956, 308f; SALMON AC 24, 1955, 474f; WEHRLI MH 12 1955, 279. Dazu BENGTSON, Griech. Gesch. 19775, 215, viel zu positiv: “ eine . Kritische Vorbehalte sind mir umsichtige undimGanzen überzeugende Arbeit” demgegenüber nur vereinzelt bekannt geworden, vor allem ANDREWES JHS 77, 1957, 328f; ferner G. KLAFFENBACH, Bemerkungen zu griechischen Urkundenwesen, 35, Fußn. 2, undLUSCHNAT im RE-Artikel (vgl. folg.Fußn.; seine ob. zuerst angeführte Beurteilung korrigierend); ferner A.G.WOODHEAD in d.Rez.d.ND JHS 92, 1972, 199– 200, undMCGREGOR undDENBOER (s.o.) zurückhaltender. 36Vgl. auch LUSCHNAT 1125: “ (Es ist) unumgänglich, die Argumentation von C.MEYER ... zu überprüfen, die ... noch nicht als endgültige Widerlegung des Ansatzes von Schwartz gelten kann.” 37Eine bestimmte Klausel könnte ja auch in dem, wasmanals Anspielung ansieht, bekanntgemacht werden (wofür es anderweitig Parallelen gibt), vgl. J.ROMILLY, RPh30, 1956, 308: “Celui-ci fait rarement allusion à desclauses dedetail; quand il le fait, l’allusion même peut être aussi le moyen deles faire connaître.”(Daß dies zutrifft, läßt sich z.B. ausI 35,2 ableiten.)

22

I. Einleitung

darauf, daßsich aus ihrer mit Wahrscheinlichkeit möglichen Verneinung noch absolut nichts für MEYERs viel weiter gehende Behauptung ableiten läßt, als erledigt betrachtet. Zweitens handelt es sich darum, was als das letzte Ziel,38 als der eigentliche Sinn derthukydideischen Geschichtsschreibung anzusehen sei. Denn eine bestimmte Art vonGenauigkeitsstreben könnte ja das Urkundenzitat vielleicht erklären und begründen. Darauf kann hier nicht mit Ausführlichkeit eingegangen werden; es genügt fürjetzt indessen die Feststellung, daß MEYERs Auffassung, wenn nicht einfach falsch, doch zumindest zu eng ist: “ Die Urkunden fördern das Studium all derer, welche die Absicht haben, τ έ ν νγενομ ω ῶ ντ ὸσα φ έ ςzu sehen. Solche Teile aber, die diesem höchsten undletzten Ziel derthuky-

dideischen Darstellung dienen, lassen sich nicht als unentwickelte Vorstadien betrachten oder gar als Fremdkörper 39 ausscheiden.” Richtiger ist da SCHADEWALDTs Feststellung “ Urkundlichkeit ist zwar eine unerläßliche Voraussetzung der Geschichtschreibung, aber noch nicht diese selbst.” und: Die ausgereifte Form aller rechten Geschichtschreibung sich von der Urkundlichkeit zum Begreifen der erhebt “ Sinnheit desGeschehensverlaufes.”40 Fügt man hierzu noch das allgemein bekannte Zeugnis des Methodenkapitels, so ist das Wichtigste eigentlich schon gesagt: Einen Besitz für immer will Thukydides schaffen; es genügt ihm (und das bedeutet doch wohl in diesem Zusammenhang: es ist sein Ziel), daß sein Werk von denjenigen als nützlich beurteilt wird, denen es um die Erkenntnis des tatsächlichen wahren Verlaufs geht (der Akzent liegt auf demGegensatz zumO hrenschmaus’, undauf diesen Gegensatz kommt es weit mehr an,‘als daßes umdetailliertes Einzelwissen ginge). Wohl werden “ Gewißheit über die EreigGenauigkeit”oder “ Nutzen” , den er anstrebt, genisse”als Voraussetzungen für den “ Ziel. letztes sie nicht Dieses nannt; liegt in der Ersind aber doch kenntnis des Allgmeingültigen, welches entsprechend dermenschli-

38ZurFrage desmethodischen Ziels, welches aber zuunterscheiden ist vomletzten Ziel seiner Historiographie, FR.EGERMANN, Zum historiographischen Ziel ..., 602). 447 (vgl. DENS, in Historia 24, 1972, 575– Historia 10, 1961, 435– 39MEYER 98, vgl.ob.S.4 m.Fußn. 12; nurumdie Worte vom“höchsten undletzten Ziel der thukydideischen Darstellung”geht es im Augenblick; die Behauptung, νförderlich, ist ω έν ομ ὲ εν φ ςτ νγ ῶ die Urkunden seien für die Erkenntnis des σα später zu überprüfen (vgl.in II.2, S. 112ff u. II.5, S. 171ff). 40 SCHADEWALDT 27; derselbe Satz auch zitiert bei PATZER 73; Bezug genommen auf denselben Gedanken ebenfalls bei Walter SCHMID 233.

2.a) Allgemeine Erwägungen (gegen MEYER)

23

chen Natur immer gleich oder ähnlich sein wird. H.ERBSE (A&A 1961, 33) hat dies folgendermaßen formuliert: “ Der unverkennbare Vorzug des thukydideischen Werkes (besteht) darin, daß es die in der realen Erscheinung ver-

dunkelte, innere Wahrheit der Gestalten und Ereignisse aufzuweisen und ihr Lebensgesetz an den Gliedern exemplarischer Begebenheiten erscheinen zu lassen vermag. ... Das Auffinden der hinter den Dingen wirkenden Kräfte undder geheimen Beziehungen zwischen den Ereignissen macht seine eigentliche Methode aus.” Schreibt manhier statt “ eigentliche Methode”die Worte “ daseigent, “seine letzte Absicht” liche Wesen” Ziel”od.ähnl.,41 so ist treffend ,“ das umrissen, worauf es Thukydides eigentlich ankommt undworin die von ihm vermittelte Erkenntnis (der ‘Nutzen’) besteht. Ob dafür detaillierte Einzelheiten, wie diese in den Urkunden mitgeteilt werden werden, nötig und förderlich sind oder ob diese nicht geradezu das Gegenteil bewirken (können), d.h. die ‘Verdunklung der inneren Wahrheit durch zu viel reale Erscheinung’ (um es nach ERBSE zu formulieren) verursachen, ist eine andere Frage und zumindest eine Frage wert.42 Drittens spielt die Frage eine wichtige Rolle, ob die Urkunden von Thukydides als λό γ ο γ ιoder als ἔρ α verstanden werden. Denn je nach dem wäre als methodischer Grundsatz für ihre Behandlung seitens des Historikers der ‘Redensatz’des Methodenkapitels (I 22,1) γ α -Satz (I 22,2) anzusetzen. MEYER hat sie, wie bereits oder der ἔρ (ob., S. 12) erwähnt, als ἔρ γ αaufgefaßt; das wird völlig eindeutig von ihm aaO 98 ausgesprochen: Zwar werde “ von den Urkunden im ‘Methodenkapitel’ nicht gesproγ mitverstanden α ρ chen. Wohl aber könnten sie unter denἔ sein, unddiese Vermutung gewinnt an Wahrscheinlichkeit, wenn manbedenkt, wie sehr gerade auf die Dokumente zuTaten”von sich trifft, was Thukydides bei Darlegung der “ verlangte (1,22,2) ... Bei Abschluß eines Vertrages vereinigen sich zwei Parteien, ... und im Ablauf des Krieges ... ist ein derartiges Ereignis eine Tat allerersten Ranges. Hier ließ sich wirklich ein Grad an Genauigkeit erreichen wie sonst selten.”

41Dies kann, glaube ich, ohne Sinneinbuße geschehen undauch, ohne daß damit

denAusführungen undGedanken vonERBSE Gewalt angetan würde. 42Als Hinweis darauf, wie ich sie beantworte, sind die obigen Bemerkungen (S.16f) über Thukydides’Stil undsein Darstellungsprinzip im Vergleich zumStil derUrkunden zuverstehen; vgl. zumganzen Zusammenhang unt. in II 5.

24

I. Einleitung

Aus dieser Auffassung ergibt sich für MEYER dann einleuchtend die Notwendigkeit, die Urkunden wörtlich zu zitieren. Nunist aber die Auffassung der Urkunden als ἔρ γ α(sehr zurückhaltend gesagt) alles andere als sicher; LUSCHNAT hat sie ja, wie erwähnt, den λό γ ο ι zugeordnet; damit würde eine ganz wesentliche Stütze für MEYERs These hinfällig. Andererseits betrachtet LUSCHNAT die Urkunden doch als von Thukydides zur wörtlichen Wiedergabe vorgesehen. Da der Redensatz nach seiner Auffassung ohnehin eine “gedankliche Lücke”(so Sp.1179 u.ö.) enthalte (dazu jedoch unt., S. 175 u.176) und die Grenzen zwischen Reden und Urkunden fließend seien (so Sp.1130), wird es ihm möglich, die Urkunden den ‘gesprochenen Partien’ zuzuordnen, aber zugleich ihre wörtliche Wiedergabe als gewollt zu betrachten (vielleicht gerade wegen ihrer eigenartigen Form, wie er im Falle von IV 118f vermutet, zu deren Zitat dann in Analogie andere Urkunden hinzugekommen seien, vgl.Sp. 1129). Auch diese Frage ist hier nicht weiter zu verfolgen –ich begnüge mich vorwegnehmend mit der Feststellung, daß mich dies alles , andere eher als überzeugend oder auch nur wahrscheinlich dünkt – sondern dies ist dembetreffenden Kapitel im Hauptteil der folgenden Untersuchung zu überlassen. Es dürfte indes deutlich sein, wie sehr auch dieses Problem (besonders bei MEYER) für die Ansicht über die wörtliche Zitierung der Vertragstexte im thukydideischen Werk bestimmend ist. (Ich möchte sogar behaupten, daß die Zuordnung γ ο ι ein entγ αoder der λό der Urkundentexte zum Bereich der ἔρ scheidender Punkt ist, an dem undmit dem sich die Frage, ob Thukydides die Urkunden zitieren wollte oder nicht, klären läßt.) Nachdem also die beiden letzten Fragen für später zurückgestellt sind, verbleiben zunächst die drei oben herausgehobenen Fragen von jede für sich eine Antwort erheischend –bestehen; und ANDREWES – es ergibt sich als erste und vordringliche Aufgabe dieser Untersuchung, MEYERs Beweisgang im Hauptteil seiner Arbeit eingehend daraufhin zu prüfen, was er wirklich gezeigt und bewiesen hat und wie es nach seiner Arbeit mit der Antwort auf jene drei Fragen tatsächlich aussieht; dabei ist klar, daß MEYERs These angesichts bereits angedeuteten Schwierigkeiten, die ihr entgegenstehen, dann wahrscheinlich wird, wenn auch die dritte, am weitesten hende Frage bejaht werden muß. Erst wenn Klarheit darüber

der

nur gebesteht, was MEYERs Arbeit bei nüchterner Betrachtung tatsächlich geleistet hat, kann versucht werden, einer Lösung des Urkundenproblems überhaupt näher zukommen.

2.b) Kritik an LUSCHNAT

25

Unvollendetheit?” gibt auf die antike Diskussion über den unbefriedigenden Zustand des thukydideischen Werkes, der ihn zu dem Ergebnis führt, “ daß man schon in der Antike im Werk des Th. eine formale Unausgeglichenheit, vor allem, aber nicht nur, in der Redenbehandlung glaubte feststellen zu können, die z.T. (...) mit der äußeren Unvollendetheit in Verbindung gebracht wurde,”(Sp.1115) eine allgemeine, charakterisierende Zusammenstellung vonIndizien, die in neuerer Zeit für die innere Unvollendetheit angeführt wurden. “ Es wurden folgende Arten von Argumenten gebraucht: 1. Direkte Reden fehlen nicht nur im VIII.Buch, sondern auch im größten Teil des fünften ... dabei wird vorausgesetzt, daß Th. in dieser Hinsicht Homogenität erstrebt hat underreicht haben würde, wenn er das Werk hätte vollendenkönnen. ... 2. Urkunden stehen im IV., V. und VIII. Buch ‘in der Rohform’oder ‘als Rohmaterial’. Dabei wird teils vorausgesetzt, teils ausdrücklich behauptet, daßdas antike Stilgesetz solche Urkunden im Wortlaut in einem Geschichtswerk nicht zuließ, undvor allem, daß Th. auch in diesem Punkt Homogenität erstrebt hätte. Beweis dafür seien die in einen Bericht indirekten Stils umgesetzten Urkunden II 24 (...) und IV 16 (...). ... 3. Darstellerische Unausgeglichenheit verschiedener Art, deren Aufweis ebenfalls auf einem Postulat der HomogeUnter der Überschrift

“ Innere

LUSCHNAT 1112ff nach einem Blick

nität beruht. ... (Hinzu kommen subsidiär sprachliche und sachliche Anstöße: ....) Die unter Nr. 1–3 erwähnten Anstöße setzen also eine von Th. erstrebte, aber wegen des vorzeitigen Abbrechens nicht erreichte Homogenität des Werkes in verschiedener Hinsicht voraus.”(aaO 1115f)

Dies wurde darum so relativ ausführlich ausgeschrieben, weil hier bei Rubrizierung der Argumente einer inneren Unvollendetheit desWerkes ein Begriff eingeführt (und auf dem Raum knapp einer Spalte gleich viermal verwendet) wird, der zunächst ganz treffend undgeeignet erscheint, um die Voraussetzungen derjeweiligen Argumente zu charakterisieren, der dann in denfolgenden Ausführun-

26

I. Einleitung

gen LUSCHNATs, die (wie bereits oben bemerkt) über die Darstellung der Forschungslage hinausgehend selbst einen Schritt zur Lösung versuchen, geradezu ein Leitbegriff wird und dabei, wie mir scheint, auf einen methodischen Abweg führt: derAusdruck “ Homogenität” .

es empfehle sich, “ zu untersuchen, mit welcher Ausführlichkeit Th. die ein-

LUSCHNAT fährt dann fort,

zelnen Kriegsjahre behandelt hat” (ebenda), und schon an diesem Punkt beginnt, wenn ich es richtig sehe, der Irrtum, da nämlich ein eigentlich qualitativer Begriff, wie Homogenität nun einmal ist, übertragen wird auf eine quantitativ bestimmte Untersuchung, die sich auf rein äußerliche, quasi ‘mit der Elle zu messende’Ausführlichkeit der Darstellung stützt undgerade von deneventuellen Gründen, denUmständen undBedingungen dafür absieht. LUSCHNAT hält eine solche Untersuchung darum für berechtigt, “ weil so neben umstrittenen Partien auch Abschnitte miteinander verglichen werden, deren Ausgeformtheit nicht angezweifelt wird”(ebenda), under meint: “ Dem, was Th. erstrebte, kann mandadurch mindestens etwas näher kommen.”(ebenda)

Nunsoll das Recht auf eine solche Untersuchung nicht generell bestritten werden; nur, glaube ich, ist sie tatsächlich ‘herzlich irrelevant’und belanglos für die eigentliche Frage der Homogenität der Darstellung, dasich die Einwände hiergegen ja nicht auf quantitative Unterschiede in derfür einzelne Ereignisse oder Zeitabschnitte aufgewendeten Seitenzahl, sondern auf qualitative Differenzen und Diskrepanzen richten. Um das an einem einzigen Beispiel zu ῆ α ὶ ςκ κ ω α ὶΦ verdeutlichen: in V 32,2 steht das kurze Sätzchen κ , wozu bei CLASSEN-STEUP (z.St., V 84) ε ῖν ν τ ρ ο οπ ο λ εμ Λ ὶ ἤρξα ο κ bemerkt ist: “ Die isolierte Notiz wird nicht weiter ausgeführt; dies ist wohl wieder auf Rechnung des unvollendeten Zustandes desWerkes desTh. zusetzen.” Nicht die Kürze, sondern die zusammenhanglose Isoliertheit der Notiz, welche so völlig ‘in der Luft schwebend’eine spätere Wiederaufnahme oder eine nähere Erläuterung verlangt, aber im ganzen Werk nicht findet, ist ein Argument für die innere Unvollendetheit. Freilich beruht dieses Argument ‘auf einem Postulat der Homogenität’, aber doch lediglich in demunbestreitbar anzuerkennenden Sinn, daß

2.b) Kritik an LUSCHNAT

27

der Historiker insofern eine gleichartige Verfahrensweise überall angestrebt habe und, wenn er sein Werk wirklich hätte vollenden können, überall verwirklicht haben würde, daß er keine zusammenhanglosen und daher schlechterdings unverständlichen Bruchstücke vorgelegt hätte. Mit der Einfügung oder Nichteinfügung von Reden oder von Urkunden ist es genauso: dies ist keine mit Kriterien quantitativer Art zu beurteilende, sondern eine eminent qualitativ bestimmte Frage. Die ‘Homogenität’des im allgemeinen angewandten Verfahrens darf aber niemals auf eine Stufe gestellt oder gleichgesetzt werden mit einer ‘quantitativen Homogenität’, wie sie sich bei LUSCHNAT unter der Hand einstellt. Daher darf denn wohl auch seine optimistische Vermutung, daß mandadurch dem, was der Historiker anstrebte, näher kommen könne, in Zweifel gezogen werden. LUSCHNAT verfährt so, daß er im Anschluß an die Aufteilung des Werkes in die fünf natürlichen Abschnitte, die von WADE-GERY im OCD (1949) durchgeführt wurde,43 in einer Tabelle die pro Jahr desKrieges aufgewendeten Seitenzahlen imGeschichtswerk feststellt und untereinander vergleicht; dabei ergeben sich sowohl innerhalb der einzelnen Teile wie auch im Rahmen eines Vergleichs dieser Teile stellenweise erhebliche Unterschiede. “ Vergleicht mandiese Ziffern, dann drängt sich die Frage auf, ob Th. wirklich, was die Ausführlichkeit der Darstellung betrifft, Homogenität erstrebte,” sagt LUSCHNAT 1117f und folgert 1119: “ Homogenität ist nicht ein primäres Anliegen des Historikers gewesen, jedenfalls was die Ausführlichkeit der Darstellung betrifft.” Beide Sätze werden bedenklich, wenn man sich vor Augen hält, in welchem Zusammenhang sie gesagt undwelche Schlüsse daraus gezogen werden:44 “ Damit ist ... mindestens die Frage berechtigt, ob z.B. auch im Punkte der direkten bzw. indirekten Reden Homogenität überhaupt seine Absicht war.”(aaO 1119)

43A = Buch I / B = Buch II – VIII 6 / V 24 / C = V 27 – VI 7 / D = VI 8 – E = VIII 6–109. 44Damit dies gezeigt werden konnte, mußte derAbschnitt so (für eine Einleitung) ungewöhnlich breit referiert werden; sonst hätte das Abzählen vonTextseiten als irrelevant beiseite gelassen werden können. DieBreite desReferats rechtfertigt sich aber auchvonderWichtigkeit derSache fürdenHauptteil derfolgenden Untersuchung her.

28

I. Einleitung

Auch diese Frage hat ihr Recht und wird als solche nicht beanstandet. Wie ich aber soeben (S.26) den Punkt, wo der Irrtum beginnt, glaubte bestimmen zukönnen, so scheint mir in demnunbei LUSCHNAT sofort anschließenden Satz derPunkt erkennbar zuwerden, wo der Fehler gleichsam manifest geworden ist: “ Man darf in Anbetracht der verschiedenen Ausführlichkeit vonTeil C undE nicht vonvornherein annehmen, daß das Fehlen direkter Reden in diesen Partien eine und dieselbe Ursache hat, nämlich ‘innere Unvollendetheit’, ‘mangelnde Ausarbeitung’oder ‘Fehlen derSchlußredaktion’.” Hier ist, wie ich es sehe, nunwirklich dasvollzogen, daßmit quantiin Anbetracht der verschiedenen Ausführlichtativen Kriterien (“ ) über eine eminent qualitative Gegebenheit (“ keit” dasFehlen direk) geurteilt undeventuell mögliche qualitativ ausgerichtete ter Reden” ) damit in Zweifel gezogen innere Unvollendetheit” Begründungen (“ werden.45 LUSCHNAT gelangt im weiteren (Sp.1121) unter Zuhilfenahme einer Interpretation von V 26,6 zu der Ansicht, daß die Zwischenkriegszeit (Teil C) aus ökonomischen Gründen kürzer dargestellt werden sollte, weil sie rangmäßig untergeordnet sei: “ Dieser Unterordnung entspricht die ‘Skizzenhaftigkeit’ vielleicht besser: der Abrißcharakter, derDarstellung in C” , wasfür die Beurteilung derReden (d.h. die Beurteilung des Fehlens von direkten Reden in diesem Abschnitt) wichtig sei: ‘gesprochene Partien’undein Kapitel indirekter Reden (V 69) seien demnach aus ökonomischen Gründen an die Stelle vondirekten Reden getreten.46 Daß hier auch quantitative Überlegungen ein Recht haben,47 soll nochmals anerkannt werden, nurmußmandoch sofort fragen, wie sich dies zusammenreimt, daß ausgerechnet in dem Abschnitt, der angeblich ausökonomischen Gründen kurz behandelt werden sollte unddarum aufdirekte Reden verzichtet, zwei Urkunden invollstän45Brücke oder Weiche, mittels deren manaufdieverkehrte Bahn gerät, scheint mir eben derallzu unscharfe, aber wiedieZitate ja zeigen, immer wieder verwendete Begriff derHomogenität zusein, derfürbeide Bereiche zupassen scheint undden ichgerade darum indiesem Zusammenhang alsnicht förderlich ansehe. 46Vgl. auch LUSCHNAT 1132: “ Die Zwischenkriegszeit sollte ihrer geringeren Bedeutung entsprechend kürzere Darstellung finden.”

47Jedenfalls, wennmanderThese vonderangeblich geringeren Bedeutung der “ Zwischenkriegszeit”folgt, wasmankeineswegs muß: die Tatsache, daßThukyZweiten dides gerade imBereich dessogen. Z weiten Methodenkapitels”unddes “ Zeit bis404 als einen Krieg verstehen Proömiums”(V 20 undV 26) die gesamte “ möchte, spricht dagegen.

2.c) Untersuchungsthemata

29

diger wörtlicher Wiedergabe eingelegt erscheinen, was doch nur ein Aufblähen der Darstellung durch unnütze Einzelheiten bedeutet. Einen größeren Widerspruch kann mansich ja kaum ausdenken, und diese Paradoxie müßte für LUSCHNAT gerade aufgrund seiner eigenenArgumentation ein schlagender Beweis sein gegen die angebliche Absicht, die Urkunden wörtlich undals ganze imText zuzitieren.

Der kritische Überblick über LUSCHNATs Ausführungen ist, da er hier nur vorläufig sein kann, nun rasch zuende zu führen: Nach einer Erörterung der Beweiskraft solcher Stellen, an denen Thukydides Urkunden in seiner Darstellung verarbeitet hat (statt sie wörtlich anzuführen), auf die später zurückzukommen ist, folgt die Auseinandersetzung mit MEYER darüber, als wasdie Urkunden einzustufen seien, als λό γ ο ιoder als ἔρ γ α , wovon, wie bereits gesagt, in einemeigenen Kapitel der folgenden Untersuchung gehandelt werden muß, so daßsich eine Stellungnahme dazu imAugenblick erübrigt.

Es haben sich ausdervorstehenden vorläufigen Kritik an MEYER undan LUSCHNAT eine Reihe vonEinzelfragen als tractanda für die folgende Untersuchung ergeben, die imHauptteil derReihe nach behandelt werden müssen:

1. Was hat MEYERs Untersuchung wirklich erbracht? (Kritische Überprüfung seiner Argumentation) γ zubetrachten? α 2. Sind die Urkundentexte als λό γ ο ιoder als ἔρ 3. Wie steht es mit der (von MEYER undvonLUSCHNAT bestrittenen) Unfertigkeit derDarstellung in V undin VIII? 4. Wie wird ‘urkundliches Material’bei Thukydides sonst behandelt? 5. Was ist als ‘das letzte undhöchste Ziel’48der thukydideischen Geschichtsschreibung anzusehen? Stil”des Thukydides? 6. Was ist “ Wenn eine Beschäftigung damit berechtigt und wohl auch lohnend erscheint, weil manaus der Beantwortung dieser Fragen Hinweise auf die vermutliche Absicht des Thukydides mit den Urkundentexten erwarten darf, undwenn eben dadurch auch eine erneute Beschäftigung mit dem Urkundenproblem bei Thukydides ihr Recht zu haben scheint, so soll doch keine falsche Erwartung geweckt werden, als ob manThukydides Absicht(en) sicher erschließen oder gar 48MEYER 98 redet vom“höchsten undletzten Zweck derthukydideischen lung” .

Darstel-

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I. Einleitung

beweisen könne: Am Ende seiner kurzen Rezension des NDs von MEYER (vgl. ob., Fußn. 35) macht A.G.WOODHEAD mitRecht darauf aufmerksam, daß wir nicht wissen undnie wissen werden, wie Thukydides mit den Urkunden verfahren wollte.49 Aber eine etwas höhere oder geringere Wahrscheinlichkeit ist wohl zu ermitteln; und eben darum geht es. (Aus demAbzielen lediglich auf Wahrscheinlichkeit folgt, daß alle Argumente lediglich Wahrscheinlichkeits-Argumente, keine strikten Beweise sein können undwollen.)

49AaO200: “ Thereal issue tobefaced is thatwedonotknowandareunlikely to know, whatThucydides intended byhisinsertion of these documents.”DerRelativierung unserer Wissensmöglichkeiten stimme ichvoll zu,deminderWendung by his insertion of the documents liegenden Präjudiz nicht: es ist ja keineswegs ausgemacht, daßThukydides inserted these documents indenText; denn sie lagen ja möglicherweise lediglich als ‘Rohmaterial’bei undwurden vom notwendigerweise anzunehmenden Editor eingefügt.

II. Hauptteil

1. Überprüfung vonMEYERs

Spezialuntersuchung

Nachfolgend werden MEYERs Argumente undBeweisgänge einer eingehenden und genauen Prüfung unterzogen, um eine möglichst exakte Vorstellung davon zu gewinnen, ob die Zitierung der einzelnen Urkunden im Text des Werkes als von Thukydides gewollt betrachtet werden kann oder darf oder gar muß, wie es MEYER glauben machen möchte, oder ob nicht wenigstens die Möglichkeit einer anderen Auffassung bleibt. Sollte sich dasLetztere ergeben, so wäre dann weiterzufragen; andernfalls, wenn sich derText ganz und gar nurmit der wortgetreuen Zitierung der Vertragstexte verstehen läßt, ist gegen MEYERs Ansicht selbst dann kaum noch etwas vorzubringen, wenn es (woran übrigens kein Zweifel möglich ist) zur Zuweisung der Urkunden, die ja MEYER als ἔ ό γ α ρ behandelt, zu den λ γ ο ι des Kapitels I 22 kommen sollte: dann wäre Thukydides eben nicht so ganz konsequent verfahren, daswäreja vielleicht denkbar.

a. Zu IV 118f In IV 118f steht die erste in unserem Thukydides-Text wörtlich

tradierte Urkunde; sie betrifft den auf ein Jahr geschlossenen Waffenstillstand zwischen Athen und Sparta im Jahr 423 v.Chr., während dessen Dauer über den endgültigen Frieden verhandelt werden

sollte.

Um Interpretation und Einzelerklärung des Dokuments haben sich KIRCHHOFF, STEUP, WILAMOWITZ und zuletzt BIKERMAN bemüht.50 Darauf soll im folgenden nur hinsichtlich eines Punktes, der nach der BIKERMAN’schen Arbeit als geklärt gelten darf, eingegangen werden; im übrigen geht es hier ebenso wenig umdie Ergebnisse derEinzelinterpretation wiebei MEYER, der 50KIRCHHOFF

1– 27; STEUP, Thukydideische Studien I 1– 28 undimKommentar von CLASSEN; WILAMOWITZ, Der Waffenstillstandsvertrag ...; BIKERMAN, La trêve de423 ...; weitere Lit.zu dieser Urkunde bei BENGTSON, Die Staatsverträge

... II, Nr.185.

32

II. Hauptteil

“ das Verhältnis der Urkunde(n) zur Darstellung der geschichtlichen Ereignisse beleuchtet” (aaO 13) allem vor damit sich auseinandersetzt, und “ ob die Dokumente nurlose eingefügte Beilagen sind, zu deren Ausarbeitung Thukydides, falls er sie überhaupt mitteilen wollte, nicht mehr gekommen ist, oder ob sie von Anfang an einen festen Bestandteil des Geschichtswerkes gebildet haben, der somit nicht aus dem Rahmen gelöst werden kann.”(ebenda)51 Sondern es geht vor allem darum zu sondieren, was MEYER eigentlich wirklich widerlegt oder bewiesen hat undwas er demgegenüber glaubt bewiesen zuhaben. Es darf schon soviel vorweggenommen werden, daß zwischen demvermeintlich und dem tatsächlich Bewiesenen eine deutliche Diskrepanz besteht unddaß der Befund bei IV 118f symptomatisch ist für seine gesamte Untersuchung, von der sich etwa ein Zehntel mit IV 118f befaßt. (So kann man der Beschäftigung mit dieser ersten Urkunde exemplarische Bedeutung zuerkennen. Gleichwohl wichtiger ist die folgende Urkunde, was dort begründet wird.) KIRCHHOFF52 erkannte zuerst, daßsie sich in zwei Hauptabschnitte 2). Den 10 und 118,11– 14 (dazugehörig 119,1– aufteilt: 118,1– Wechsel zwischen erster, zweiter unddritter grammatischer Person er-

klärte er damit, daßes sich imersten Teil umdasProtokoll derVerhandlungen imRate handle, welches voneinem Athener aufgenommen wurde. Dieser Protokollant habein§ 1 dieÄußerungen derGesandten wörtlich aufgeschrieben, zwischen § 1 und§ 2 liege eine (nicht protokollierte) Zwischenfrage derAthener dahin gehend, obdiese Bestimmungvonallen Beteiligten gebilligt werde, woraufhin dieGesandten erklärt hätten, dies sei die Ansicht derSpartaner, die (nicht anwesenden) Böotier undPhoker wollten sie aber auchdazubestimmen; diese Auskunft habe demathenischen Verhandlungsführer genügt undsei in dervorliegenden Formniedergeschrieben worden. Dieser Zwischenfall sei die Ursache dafür, daß später (in § 4) gleich zweimal ausdrücklich κ ιςhinzugeο χ μ ά α ὶτ ο ῖςἄ ο ιςξυμ λ λ fügt werde; gemeint seien damit jedoch nurdie in Athen anwesenden Bundesgenossen, dieauchin§ 2 zu§ 1 ihre Zustimmung erteilt hätten.

51 “ Von Anfang an einen

festen Bestandteil desGeschichtswerkes gebildet”ist wieder eine der typischen unscharfen undzugleich (absichtlich?) irreführenden Wendungen: niemand bezweifelt, daßdie Urkunden vonAnfang an,d.h. seit der Werkspublikation durch denHerausgeber imWerk gestanden haben; aber darum geht esja garnicht, sondern darum, obsieinderjetzigen Formeinen ‘festen Bestandteil’in derWerkskonzeption des Thukydides gebildet haben! 52NachWILAMOWITZ’Urteil (aaO607) hatKIRCHHOFF dieUrkunde “überhaupt erst demVerständnis erschlossen” .

1.a) Zu IV 118f

DasProtokoll reiche bis § 10 undsei amTage derVolksversammlung vorgetragen worden; es bilde die Grundlage des Volksbeschlusses, der während der Versammlung formuliert und sogleich rechtskräftig 2) das Protokoll des beschlossen wurde. Hieran schließe sich (119,1– Ratsschreibers über dieVorgänge indieser Volksversammlung; dieses Zusatzprotokoll gehöre noch als Schlußteil zurUrkunde hinzu.

VonderErklärung desersten Teils als Ratsprotokoll abgesehen, bei weitem mehr, alsdieses kurze Referat zeigen kann– warhier – tatsächlich Entscheidendes für das Verständnis geleistet (vgl. Fußn. 52 undGOMMEs Urteil inFußn. 54 a.E.); fraglich kannheute nurdieAuswertung undDeutung seiner Einzelerklärungen undErkenntnisse er-

scheinen. Beinahe gleichzeitig mitKIRCHHOFF hatte sich STEUP umdie Urkunde gemüht; er konnte nurnoch nachträglich undanmerkungsweise zudessen Ausführungen Stellung nehmen. Inmanchem hatte erdasselbe Ergebnis gefunden wie dieser, hatte im übrigen jedoch zahlreiche Textveränderungen undEingriffe indie Überlieferung vorgenommen, die insgesamt eher verwirrend als heilend genannt werden müssen. Eins aber vorallem beurteilte er richtiger undzutreffender als KIRCH10. Weil durch HOFF (und danach WILAMOWITZ): den Abschnitt 118,1– Brasidas’Aktionen inThrakien die athenische Position dort aufs äußerste gefährdet warundmandurch einen (wenigstens vorläufigen) Vertrag in dieser Bedrängnis etwas ‘Luft zubekommen’hoffte, habe man damals denAbschluß mit besonderem Eifer betrieben unddie Vorschläge der Peloponnesier in größter Eile akzeptiert, so habe man die (schriftlich vorliegende) Erklärung derselben imvollen Wortlaut übernommen, sogar (in § 9) die Sätze fürdenFall, daßAthen ablehnte. Also nicht dasProtokoll derVerhandlungen imRat, sondern dasfürdiese 10 Verhandlungen vorgelegte lakedämonische Schriftstück sei in 118,1– ο ρ ῖςπ α überliefert. Dementsprechend sei, someinte STEUP weiter, τ ι(§ 2) nicht vondenin Athen gegenwärtigen, sondern vondenauf σ ο ῦ der spartanischen Bundesversammlung anwesenden Mitgliedern gesagt worden, welche diese Vorschläge ausarbeiteten. (Dieselben seien dann allerdings auch in Athen [119,2] vertreten gewesen.) Dabei seien §§ 1 –3 als Antwort auf die dort vor der spartanischen Bundesversammlung vorgelegten Vorschläge Athens zuverstehen, in § 4 vollziehe sich der Übergang zudenPunkten, über die noch keine athenischen Vorschläge existiert hätten. WILAMOWITZ

ließ diese Erklärung unberücksichtigt: Nach längeren Verhandlungen war ... eine Gesandtschaft der “ Peloponnesier in Athen eingetroffen, die zumAbschluß eines Waffenstillstandes auf Grund von Bedingungen, die sie mitbrachten, bevollmächtigt war. Die Verhandlung wardnatürlich im Rat geführt. Auch von athenischer Seite war ein Vertragsentwurf vorbereitet, denmanzunächst zugrunde legte. Der Schreiber protokollierte, undwas er niederschrieb, liegt uns vor (aaO 607f;

vgl. auch 611 u. 616)

Die Entscheidung zugunsten STEUPs Erklärung hat E. BIKERMAN gebracht mitdem(seiner Einfachheit wegen) fast überraschenden, aber umsodurchlagenderen Hinweis, daßeseinSitzungsprotokoll derArt,

33

34

II. Hauptteil

wie KIRCHHOFF und WILAMOWITZ voraussetzen, in jener Zeit noch überhaupt nicht gab:53 noch im Jahr 346 mußmansich im Prozeß zwischen Demosthenes undAischines überdieTruggesandtschaft auf dasGedächtnis berufen, undgardasManöver, dasAlkibiades imJahr

420 mitdenspartanischen Gesandten durchführte (V 45), indem er sie vorderVokksversammlung anders aussagen ließ, alssiees imRatgetanhatten, wäre nicht möglich gewesen, wenndarüber ein Sitzungsprotokoll geführt worden wäre; sein Gegner Nikias hätte sich dann sicher darauf berufen. Soviel zudieser Frage.54

53Damit erübrigen sich auch die Erörterungen vonA.HEUSS (Klio 27, 1934, 220, Anm. 1,bis 222) zudieser Urkunde; ebenso die Behandlung bei BUSOLT, Griech. Geschichte III 2, Anm.1aufS.1163, mitBerücksichtigung weiterer Literatur. 54Damit erübrigen sich auchdie Erörterungen vonA.HEUSS (Klio 27, 1934, 220, Anm. 1,bis 222) zudieser Urkunde; ebenso die Behandlung bei BUSOLT, Griech. Geschichte III 2, Anm.1aufS.1163, mitBerücksichtigung weiterer Literatur. 54DasVorstehende wurde bereits imersten Anlauf dieser Studie vor 1970 aufgeschrieben; inzwischen hatimNachdruck vonMEYERs Arbeit auch H.ERBSE unter der Überschrift “Ergänzungen undBerichtigungen”(S.102) mit demBedauern, bei Bearbeitung desManuskripts nicht erreichbar war” daßihmderAufsatz “ , auf

die Arbeit von BIKERMAN hingewiesen: “ Bikerman bietet wichtige Beobachtungen zur Terminologie des Thukydides (ἐ ) und η ν ία , σπ κ χ ο ε ε ο ν ι, εἰρή ιρ δ α ὶ ὅρκ erklärt das Zustandekommen der drei Teile des Abkommens. Dieses wird nur verständlich, wenn mandie im5. und4. Jh. üblichen Formen desdiplomatischen Geschäftsverkehrs beachtet” , sagt ERBSE aaO mit vollem Recht, fährt dann aber 119 ist entbehrlich): (kein Abschnitt derKap.4,118– unmittelbar anschließend fort “ Bikermans Aufsatz ist geeignet, M.sHauptthese zustützen.” –Derletzte Satz ist

schlicht unzutreffend; derin Klammern stehende Zusatz zudemvorangehenden richtigen Referat vonBIKERMANs Aufsatz ist eine tendenziös verfälschende Aussage: Es wurde ja auch nirgends behauptet, daßirgendein Teil desDokumentes im damaligen, zeitgenössischen politischen Geschehen, imdiplomatischen Geschäftsverkehr, “ entbehrlich” gewesen wäre; aber nurdasZustandekommen der(heute etwaseigenartig anmutenden) Form derUrkunde injener Zeit hatBIKERMAN behandelt. Damit wirdüberhaupt nichts gesagt überdieEntbehrlichkeit oder Unentbehrlichkeit der Urkunde oder einzelner ihrer Abschnitte für die Darstellung des Thukydides, das heißt über dasProblem, umdas es MEYER geht. Wenn es vor diesem Hintergrunde unter Berufung aufBIKERMAN heißt, kein Abschnitt derKapitel IV 118f sei entbehrlich, undgleich anschließend der Satz folgt, BIKERMANs Aufsatz sei geeignet, MEYERs Hauptthese zustützen –dasonst keine Angabe geboten wird, inwiefern MEYERs These durch BIKERMAN gestützt werde, mußman ja wohl mit Notwendigkeit dasVorhergehende als Begründung dafür verstehen, zumal es sich scheinbar so buchstäblich deckt mit MEYERs Auffassung, nichts von denUrkunden sei entbehrlich, nureben bezieht sichdies bei beiden aufganz ver, soist dasm.E. eine unverantwortliche schiedene Zeiten undGeltungsbereiche – Irreführung desweniger eingearbeiteten Lesers, methodisch unredlich undunfein.Im selben Absatz weist ERBSE auch aufGOMMEs Kommentar (III 596 und606) hin, wobei er dessen Einstellung zuKIRCHHOFFs Auffassung mitdemAusdruck Stellungsnahme zuKirchhoffs These” “ ebenfalls zuunscharf oder zublaß wiedergibt. Da MEYERs und KIRCHHOFFs Thesen einander ausschließen und auch MEYER zuKIRCHHOFF ‘Stellung genommen’hat, erwartet mannach derzitierten Formulierung, daßauch GOMMEs Autorität sich kritisch mit KIRCHHOFF auseinandersetze (und also für MEYER spreche). In Wahrheit liegt GOMMEs Urteil auf

1.a) Zu IV 118f

35

Nun zu MEYER: er referiert zunächst Wilamowitz’ Urteil, mit dem er sich hauptsächlich auseinandersetzt.55 Größtenteils hat er wohl Recht mit dem, waser gegen ihn vorbringt, aber seine Folgerungen gehen fehl. WILAMOWITZ hatte in IV 120,1 denRelativsatz α ἷςἐπ ρ χ ή ο ν τ οathetieren wollen, weil er die Form ἐπ ρ ή χ ο ν τ οals Imperfekt zu ἐπ έρ χ εσ θ α ιverstand56 undweil er eine Rückbezieheung auf ξ ῇ σ α ν... ἐ υ ν ςλόγ ο υ ς(119,3) darin sah. Hiergegen argumentiert

MEYER ausführlich undkann damit überzeugen, daß die von WILAMOWITZ verworfene Ableitung richtig ist, daß das Wort wie π ρ ο σ ρ χ ά εσ θ α ι(121,1) und π ρ κ ο α ρ χ τ ε ά σ θ α ι(I 25,4) eine rituelle Hand-

folgender Linie: “ Kirchhoff s discussion of cc.118– 19 ... remains the best that we have and nearly a model of what such a discussion should be.”(aaO 596; Abweichungen in Einzelheiten sind damit nicht ausgeschlossen, wie gleichfalls ebendort bemerkt wird.) 55Eine an sich geringfügige Unkorrektheit ist ihmdabei unterlaufen, die manaber nach allen Erfahrungen undnach seiner Praxis tendenziöser Ungenauigkeit im sprachlichen Ausdruck nicht soohneweiteres durchgehen lassen kann; er sagt (aaO 14): “ Wilamowitz bezeichnete dieUmrahmung derUrkunde durch die korrespondierenden Worte ... alseinwandfrei. Hiernach könne manannehmen, Thukydides selbst habe dasDokument andieser Stelle eingefügt. Jedoch schließe sich die Erzählung auch nach seiner Entfernung gutzusammen ...” . Die Unkorrektheit liegt in derKleinigkeit derNicht-Einfügung desWörtchens “zwar” dashier nötig gewesen wäre (“ Hiernach könne manzwar annehmen, ... Jedoch ...” ); denn so, wie jetzt referiert ist, wird WILAMOWITZ’Ansicht verfälscht, es heißt paraphrasiert etwa: ‘Nach WILAMOWITZ’Urteil darf manannehmen, daßdasDokument vonThukydides selbst andieser Stelle eingefügt wurde; jedoch meinte er, daßsich die Erzählung auch ohne dasselbe gut zusammenfüge.”Das aber trifft, wie gesagt, eben nicht WILAMOWITZ’Ansicht darüber; dennes ist derhypothetische Charakter der Formulierung nicht berücksichtigt, welcher lediglich die Möglichkeit einer Einfügung durch den Autor selbst nicht ausschließt, undebenso unberücksichtigt ist daskonzessive Moment, dasdenSatz beiWILAMOWITZ durch denZusammenhang desdavor unddahinter Stehenden bestimmt. Nachdem WILAMOWITZ einige Eigentümlichkeiten herausgestellt hat, schreibt er anderbetreffenden Stelle (aaO 620): “ DieUrkunde ist auchformell eine Einlage. Jetzt umrahmen sie, wiedasfür eine solche charakteristisch ist, korrespondierende Worte. ... Das ist ganz in Ordnung undkann durchaus nicht dagegen ins Feld geführt werden, daß er selbst die Einlage gemacht hat. Ein anderes ist schon, daßsich auch nach ihrer Entfernung die Erzählung gut zusammenschließt ...” . In ein Satzgefüge gebracht ist der GeObwohl die Umrahmung derUrkunde nicht dagegen danke also etwa folgender: “ spricht, daß sie von Thukydides selbst eingefügt wurde, zeigt sich doch, daß die Erzählung auchohne dieselbe gutzusammenstimmt.”(Er sieht übrigens auch darin kein beweiskräftiges Argument gegen Thukydides’eigene Hand undrechnet bis zumEnde stets mitderMöglichkeit einer Einlage durch denAutor selbst, aber nie mit mehr als mit einer Möglichkeit.) 56Die Ableitung vonἐπ ά ρ χ εσ θ α ιhatte ervehement abgelehnt (aaO 617,1: “Also Thukydides mißbraucht homerische Glossen. Dassoll einGrieche verstanden ha) ben!”

36

II. Hauptteil

lung bezeichnet undhier ein Synonym zu σπ έ ν δ εσ θ α ιbildet;57 die Athetese in 120,1 ist daher nicht gerechtfertigt. So weit wird man zustimmen,58 aber nicht weiter: “ Weshalb freilich Wilamowitz so energisch auf die Entfernung des Satzes α ρ χ ἷςἐπ ο ή ν τ οin 4,120,1 drang, ist leicht einzusehen. Daer nachweisen wollte, daßdie Urkunde erst nachträglich in das Geschichtswerk eingefügt worden sei, konnte er dieRückbeziehung vonἐπ ρ χ ή ο ν τ οaufἐσπ έ ν δ ο ν τ ο (4,119,2) keineswegs zugeben.”(MEYER 17) Daßhier ein tendenziöses Referat vorliegt, indem das Ergebnis von WILAMOWITZ’ Untersuchungen als das Ziel, das er nachweisen wollte, vorausgestellt und damit das methodische Verfahren genau umgekehrt ist, wird jedem klar, der diese selbst liest. WILAMOWITZ ging vielmehr von der (unrichtig aufgefaßten) Form ἐπ ρ χ ή ο ν τ οaus, unddiese war ihm neben anderem ein Indiz für die nachträgliche Einfügung der Urkunde. Indessen ist mit der richtigen Erklärung έ ν δ desWortes als eines Synonyms zuσπ ε σ θ α ι, welches 119,2 (also in der Urkunde selbst) verwendet ist, noch längst nicht die Rückbeziehung auf eben dieses Wort gegeben. Ja, durch das Imperfekt wird das m.E. eher ausgeschlossen. In 119,2 liegt mit ξυνετίθ ν ὶ ε τ α οδ ὲκ ἐσ π έ ν δ ν ο τ ν τ ν οdie Form ο... ο έ δ ο ἵδ εein Hendiadyoin vor, wobei ἐσπ des Vertragsschlusses bezeichnet (also in seiner ursprünglichen Bedeutung, nicht in derallgemeineren gebraucht ist, vgl. vorletzte Fußnote) unddas manetwa folgendermaßen wiedergeben kann: Den durch σ π ο ν δ α ίsanktionierten Vertrag schlossen ... folgende Leute.” Das durative Imperfekt ist hier ausderSituation des Schreibers, der diese Formel abfaßte unddie Vorgänge in ihrem Verlauf gegenwärρ χ ή ο οin ν τ tig miterlebte, nicht zubeanstanden. Dagegen kann mitἐπ 120,1, d.h. im Zuge der thukydideischen Darstellung nicht der punkα ι, gemeint θ σ ε δ ν έ π tuelle (vorzeitige) Abschluß des Vertrages, das σ

57σπ έ ν δ εσ θ α ιmeint ursprünglich dasRitual beim Abschluß desVertrags, steht , wobei dieVerhandlungen dareinen Vertrag eingehen” dann aber allgemein für “ ιin 121,1 zupostulieren. χ εσ ρ α θ ά über eingeschlossen sind; dasselbe ist für ἐπ 58 Ich glaube dies auch gegen GOMMEs Ansicht, die er im Kommentar z.St. ο τ ν ρ χ ο ή (S.607) äußert (und die auch manches für sich hat), daßnämlich in ἐπ eine Textverderbnis vorliege, sagen zusollen; DENBOER, derin seiner Rezension der MEYERschen Arbeit (ob.S.21, Fußn. 35) die alte Auffassung vonWILAMOχ ρ ε α θ ι, überzeugt nicht; dagegen σ έ ρ χ ο ν ή τ οsei Imperfekt zuἐπ WITZvertritt, ἐ π stimmt MCGREGOR in seiner Besprechung von MEYERs Arbeit (ob., S. 21, Fußn. 35) dessen Auffassung zu. (Hinweis hierauf im Nachtrag zum ND von MEYERs Arbeit, S.103, durch ERBSE.)

1.a) Zu IV 118f

37

sein,59 sondern gesagt werden soll: “ ... während sie sich um den Vertrag bemühten.”60Das bedeutet: die Formulierung α ἵςἐπ ρ ή χ ο ν τ οbezieht sich nicht auf ein einzelnes Wort innerhalb des Schlußteils der Urkunde, sondern allenfalls auf den ganzen Vertrag mitsamt den Verhandlungen oder vielmehr (richtiger und deutlicher) auf die 117,1 berichtete Tatsache Λ α κ ε δ ό α ν ιμ ιο ιδ ὲκ α η ρ ν ὶἈ ι... α θ ῖο μ ιἅ αἦ ε ὐ θ ὺ ςἐκεχειρ ία νἐπ σ α ν τ ο οἐν ιή ια ύ σ ιο ν . Damit ist auch klar, wasπ ρ ρ έ ε α ὶτ ὰ ςταύ ςἡμ τ α ς(120,1) bedeutet: Selbstverständlich sind es die Tage des beginnenden Frühlings 423, in welchen die beiden Parteien ἐκεχειρ ία ν ἐπ σ ο α ιή ν τ ο ἐν ια ύ σ ιο ν (117,1), die Tage umden 14. Elaphebolion (beziehungsweise den 12. Geraistios nach lakedämonischem Kalender). WILAMOWITZ hat

nichts anderes gemeint:61

“ Von den Tagen muß er reden, weil es sich sogleich um Tage handelt, 122,6. Der Abfall von Skione wirkt aber so unmittelbar hinter der athenischen Erwartung, die er täuschte, erst mit voller Kraft.”(WILAMOWITZ 620) Bei dieser auch von MEYER 17 zitierten Erklärung geht es WILAMOέ WITZ aber, wie MEYER nicht verstanden zu haben scheint, um ἡ μ ρ α ς , nicht umταύτας.62 Auffallend warja gegenüber den sonst viel 59Daswürde

bedeuten: “ Indiesen Tagen, während welcher sie mitdemRitual des Vertragsabschlusses beschäftigt waren, ...” . Solche mehrtägige Dauer ist aber für die Schlußzeremonie undenkbar (vorsichtiger urteilt GOMME im Komm.z.St., S.607f, der es für fraglich hält, ob man wirklich so lange Zeit dafür ansetzen dürfe), hingegen sicher anzunehmen für die Verhandlungen bis zum Abschluß, die sich tatsächlich über Tage erstreckten; zwischen Ratsverhandlungen undVolksversammlung lagen nach KIRCHHOFF die Tage derGroßen Dionysien (vgl. seine Erρ α ν[118,12] aaO 15). Jedenfalls kann beides schwerέ ή ν klärung zuτ δ ετ ὴ νἡμ lich anein unddemselben Tag stattgefunden haben. 60Auch ein Imperfectum de conatu könnte das vielleicht ausdrücken, ohne daß ιpostulierte Bedeutungserweiteα θ εσ δ έν mandie oben (drittletzte Fußn.) für σπ ρ χ εσ θ rung parallel dazu auch fürἐπ α ιvoraussetzt: “ ά ... während sie darauf hinρ χ ε σ θ α arbeiteten, die Schlußzeremonie (= dasἐ ι) vornehmen zukönnen.”Die ά π Folgerung hinsichtlich derRückbeziehung dieses Ausdrucks bleibt jedoch dieselbe. 61Erst durch MEYERs Interpretation undPolemik (aaO 15 und 17) wird man zu ρ ρ ὶ α έ ε ςτα ὰ ῇ ν... π σ α ύ τ α derAnnahme geführt, alsbezöge sich τ ςἡμ ςaufξ ν υ γ ο υ ε ιζό τ ς(119,3). Diese Beziehung galt bei WILAῶ νμ ό ν ν... ἐ ςλ ῶ νσπ δ ω ο ν χ ρ ο ν χ τ οals Form vonἐπ εσ έρ θ ή α MOWITZ für denZusatz ἐ ι. Gerade weil WIπ ρ α έ ςτα τ α ύ LAMOWITZ τ ὰ ςnicht als bestimmte Tage während desWaffenςἡμ stillstands, andenen die Vertreter beider Seiten zuFriedensverhandlungen zusammenkamen (so aber erscheint seine Auffassung bei MEYER 14), verstehen wollte, ρ χ ή ν ο τ ο–atheρ χ mußte er α ο ν ή τ ο–bei seiner Auffassung der Form ἐπ ἷςἐπ tieren. 62Daher

ist seine Polemik, dieer imZusammenhang mitderBehauptung, ἐπ ρ ή ν τ ο , gegen WILAMOWITZ führt ο δ ν έ χ ο ν τ οbeziehe sich unmittelbar auf ἐσπ

38

II. Hauptteil

allgemeineren Angaben über den Synchronismus von Ereignissen63 die Erwähnung vonTagen.64 Auch der Ausdruck “ unmittelbar hinter der athenischen Erwartung (gemeint ist 117,1)65 ist von WILAρ MOWITZ eher temporal (nämlich δ έ α ςὕστερ ύ οἡμ , 122,6) als ο ν lokal gemeint. Auf diesen Widerspruch, den die Hervorhebung des ‘Synchronismus’ von Erwartung und tatsächlichem Verlauf besonders betont, beruht der innere Zusammenhang des Berichts, denWILAMOWITZ aufzeigt. Ohne die Urkunde wäre dasGanze auch lokal imWerk desThukydides zusammengerückt. So weit ist seine Beobachtung unabweisbar. Ob freilich “ der Zusammenhang da war, ehe die Urkunde zwischen trat”(so WILAMOWITZ) oder ob derZusammenhang gegeben ist, obgleich sich die Urkunde zwischen eingefügt findet, kann von da aus nicht entschieden werden. Daßsich inhaltliche Bezüge über weite Strecken desthukydideischen Werkes auseinandergezogen finden, ist eine bekannte Gegebenheit, welche für WILAMOWITZ’Ansicht einen weiteren Beweis (formaler Art) fordert. Die formale ρ α έ χ ο ν ρ ρ τ ςταύ ὶδ ο(120, Rückbeziehung durch π ε ὰ τ ὲτ α ή ςἡμ ςα ἷςἐπ 1) scheint dafür nicht ganz zugenügen.

Noch weniger erweislich ist MEYERs Ansicht, daßdie Urkunde Bedingung für dasVerständnis desgesamten Berichtes in denKapi123 sei. Das zu zeigen, unternimmt er 17–20 im Anschluß teln 117– an seine Widerlegung von WILAMOWITZ. Bevor ich mich dem zuwenden kann, muß wiederum eine scheinbar geringfügige Unkorrektheit richtiggestellt werden, der insofern Gewicht beizumessen ist, als sie ohne Richtigstellung geeignet wäre, die Bedeutung der Urkunde für denKontext über Gebühr zuheben. 66 auf χ ο ν τ ρ ο ή ἷς ἐπ Im Zuge der Kritik an WILAMOWITZ, der α ρ ὶ ε ῇπ να ὐ τ νἐ ῇ α σ ν υ 119,3 glaubte beziehen zumüssen, woes heißt ξ (“ Aber auch das nach demEingriff verbleibende Satzfragment warihmhöchst ), unberechtigt; WILAMOWITZ zielte aufetwas ganzanderes. lästig, ...” 63 Sonst τ ο ῦα ὐ τ ο ῦχ α ὲ ε τ ὰδ ιμ ῶ ν ο ς(θ ο έρ υ ) undähnl. (vgl. auch IV 46,1 κ ς ε ο... u.ähnl.). τ αἐγίγν τ θ α ῦ ντα ν ο νκ ᾽ὃ νχρό ὸ τ ναὐ τ ὸ 64Wasτα ύ τ α ςbetrifft, mußfreilich rückhaltlos anerkannt werden, daßes erst als ἷς , also ohne WILAMOWITZ’falsche Athetese, ganz sinnvoll Korrelativum zu α wird, indem damit dieRückbeziehung auf 117,1 deutlicher hervortritt; nichts desto weniger wollte auchWILAMOWITZ dieBeziehung sosehen. 65νομ ίσ α ν τ ε ςἈθ η ν α ῖο σ ιμ ο ρ ὲ νο φ ῶ νπ ὐ κἂ νσ α νἔ σ ίδ νΒρα τ ὸ ιτ . ν θ α ᾽ἡσυχία ε κ τ οκ ρ υ α ιν ά α σ σ ρ α ὶνπ ῆ σ α ι ο δ ὐ ὲ νπ τ α π ο σ 66DerDeutlichkeit halber seinochmals hervorgehoben: nurdieses Relativsätzchen.

1.a) ZuIV 118f

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τ ῶ ε νμ ιζό νσπ ν ω ο ν δ ῶ νδ ιὰπ α ν τ ὸ ςἐ ο υ ςλόγ , steht (aaO 14) der Satz ς “ daß während des einjährigen Waffenstillstandes über die endgültige Beilegung desKrieges verhandelt werden sollte, entnehmen wir zwei Stellen des Vertragsinstrumentes. ”

Das hat zwar seine Richtigkeit (die Stellen sind 118,6 und 118,13), ist aber doch nurhalb richtig. Denn wir sind, umdas zuerfahren, nicht auf diese beiden Stellen des Dokumentes angewiesen, sondern könabgesehen davon, daßes eine platte Selbstverständlichnen dasselbe – keit ist – ebenfalls aus dem Kapitel 117 erfahren, wie keinesfalls hätte verschwiegen werden dürfen. Dort werden die beiderseitigen Beweggründe für das Waffenstillstands-Abkommen berichtet. Der zitierte Satz von MEYER ist darum unkorrekt undirreführend, weil die Formulierung (bewußt oder unbeabsichtigt?) ein “ ausnur”oder “ schließlich’ suggeriert, wo allenfalls ein “ auch”vertretbar wäre. Über die Athener liest man in 117,1 ν μ ίσ α ν τ ο ε ς... ε λ ῶ ίσ ἰ κα ιν ςσφ ’ ν α ιτ ε ν ὰπ ο ι... ἐπ λ χ ε ο ίω , von den Spartanern ἡγούμ ἔ α ικ ὶ ξυμβῆ ιθ υ ή μ σ ε ινα ὐτ ο ὺ ς(= Ἀ η ν α ῆ ίο ν α θ υ ίτ ) ... ξυναλλα εκ α ς γ ὶ το ρ α ὺ ς ςἄνδ φ ίσ σ ινἀπ ο δ ν ό τ α σ ο ν α . σ α ςσπ ο ν θ ὶἐ δ ὰ α ε ικ λ ίωχρόν νπ ὸ ςπ ο ιή ςτ Was die Spartaner dort als Wunsch der Athener vermuten, ist zugleich ihre eigene dringende Absicht, da sie auf diese Weise – und nurso ist es möglich – ihre Gefangenen freibekommen wollen. Es kann nicht einen Augenblick bezweifelt oder gar ernsthaft ε bestritten werden, daß der Ausdruck π ιζό ν νμ ν νσπ ω ρ ν ῶ ὶτ ῶ δ ο ε (119,3) unmittelbar zurückgreift auf ξυμ ῆ ν α ιτ ὰπ , beziehungsλ ε ίω β weise auf σ π ο ν(117,1). ν ο ν δ ὰ σ α σ θ α ικ α ςπ ὶἐ ο ε ίωχρό λ ιή νπ ὸ ςτ Auch wenn die Bestimmung 118,6 und118,13 nicht in demVertrag stünden oder der Vertrag uns gar nicht überliefert wäre, könnte nicht im geringsten unklar sein, wovon in 119,3 gesprochen wird: manwürde absolut nichts für dasVerständnis vermissen. Mankann sogar noch einen Schritt weiter gehen: Selbst wenn wir die Bemerkung in 117,1 nicht hätten, wären wir nicht auf die Vertragsbestimmungen 118,6 und118,13 angewiesen, daes sich eben von selbst verstünde, daßα ίin demZusammenhang, ε ίζ α δ ν υ ἱμ ο ο ςσπ da von demAbschluß eines Waffenstillstands berichtet wurde, nur den eigentlichen Frieden, beziehungsweise Friedensvertrag meinen kann. Was sollte daran unklar sein, undwemeigentlich? Nunaber haben wir bereits in 117,1 die zitierten Bemerkungen, und das bedeutet erst recht, daß die Vertragsbestimmungen 118,6 und 118,13 für das Verständnis von 119,3 nicht etwa, wie man aufgrund von MEYERS Darstellung meinen könnte, erforderlich, sondern vielmehr

nicht zwar, umauch daseigens zu daß sie einfach überflüssig sind –

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II. Hauptteil

betonen, innerhalb der Urkunde selbst, wohl aber für das Verständnis des Zusammenhangs 117– 123. Dieser Sachverhalt muß in aller Deutlichkeit herausgestellt werden. Daß während des Waffenstillstands über den Frieden verhandelt werden sollte, können wir zwar demVertragstext entnehmen, weil wir ihn nuneinmal in unserem Text haben, wir sind aber nicht darauf angewiesen, undsomit liegt in denbeiden Vertragsklauseln kein Argument für die Überlieferungsabsicht der Urkunde durch Thukydides. Von Bedeutung sind diebeiden Stellen derUrkunde – unddamit stößt manauf eine derFragen, die ANDREWES heraushob – in anderer Hinsicht, nämlich für die Frage, ob Thukydides die Urkunden bereits kannte oder vorliegen hatte, als er denjetzt umrahmenden Bericht schrieb: Obgleich die Motivation für den Vertragsabschluß so allgemein und aus der politisch-militärischen Konstellation begründet ist, daß Thukydides sie sehr wohl ohne spezielle Kenntnis der Urkunde undohne nähere Information über die damaligen Verhandlungen eruieren konnte –WILAMOWITZ und KIRCHHOFF, die beide mit einer späteren Einfügung der Urkunde rechnen, müssen diese Voraussetzung machen; undes ist nichts Anstößiges daran – undobgleich von vornherein der endgültige Friede als Zielsetzung eines Waffenstillstands zu gelten hat, ohne daß das eigens ausgesprochen sein müßte, kann manproblemlos annnehmen und als wahrscheinlich gelten lassen, daßThukydides 117,1 in Kenntnis derUrkunde schrieb unddie beiden Bestimmungen bei der Formulierung jener Motivation undderdenbeiden Parteien unterstellten Absichten berücksichtigte; sie konnten ihm zumindest als Bestätigung seiner Ansicht über das beiderseitige Streben dienen. Mehr ist denbeiden Stellen nicht zuentnehmen; davon, daßsie zumVerständnis desthukydideischen Berichtes besonders förderlich oder gar erforderlich überhaupt keine Rede sein. wie gesagt – wären, kann –

Nach seiner Auseinandersetzung mit WILAMOWITZ versucht MEYER seinerseits denentgegengesetzten Nachweis: “ Die volle Bedeutung desDokumentes erschließt sich erst, wenn wirdenGang derEreignisse nach demAbschluß des

Waffenstillstandes verfolgen.”(MEYER 17)

123 Daran schließt er eine Rekapitulation derin denKapiteln 120– berichteten Vorgänge, wobei an drei Stellen behauptet wird, es sei auf eine Bestimmung desVertrages derart Rücksicht genommen, daß die Kenntnis derjeweiligen Bestimmung Voraussetzung fürdasVer-

1.a) Zu IV 118f

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ständnis der in diesem Kapiteln berichteten Vorgänge sei. Dies ist – wie sich sogleich ergibt – für alle drei Punkte unzutreffend. Was darüber hinaus (aaO 19f) dargestellt wird, kann mit der Überlieferungsabsicht des Vertrags nicht entfernt in Beziehung gesetzt werden, denn was als ‘Erschließen der vollen Bedeutung des Dokumentes’verstanden werden könnte, ist allenfalls, daß es, weil nämlich beide Parteien sich nicht daran hielten, überhaupt keine Bedeutung hatte. Sollte das vielleicht als positives Argument für die Überlieferungsabsicht der Urkunde seitens des Geschichtsschreibers anzusehen sein?67

Die als so wesentlich herausgekehrten ‘Beziehungen’ stehen in Kapitel 122: Nachdem Skione zu Brasidas übergetreten war, wollte dieser von dort gegen Mende undPotideia vorgehen, under verlegte zu diesem Zweck Truppen nach Skione. Da erschienen der Athener Aristonymos undder Spartiate Athenaios, denen es oblag, das Abkommen überall zu verkünden. Brasidas nahm davon Kenntnis, willigte im großen Ganzen – wie die übrigen Verbündeten in Thrakien – in die Bestimmungen ein undzog die Angriffstruppen aus dem Bereitstellungsraum ab. Aristonymos, der bei seiner Mission zugleich die athenischen Interessen vertrat, erkannte seinerseits den vollzogenen Abfall der übrigen Städte als rechtmäßig an, nurbei Skione be67Immerhin ist auch dieses m.E. ganz abwegige

Argument vorgebracht worden: Deutlicher fast noch als selbst MEYER verficht es z.B. LUSCHNAT in seiner lobenden Rezension (ob., Fußn. 35): “ Thukydides erreicht aber noch einen weiteren Gewinn mit der Einfügung von Urkunden im Wortlaut: Der Leser sieht, wie sich das Handeln stets von dem in den Verträgen Vereinbarten entfernt, wie Schwäche, Interessengegensätze, Hinterlist oderüberhaupt dieUnfreiheit derMenschen zuT aten’führen, die schließlich imschroffen Widerspruch zumvertraglich ‘ stehen. Nurwerdie Verträge genau kennt, versteht’, wasdann geFestgelegten ‘ Bereicheschieht, undin diesem inneren Nachschaffen liegt die erkenntnismäßige –Wäre dies die Absicht rung, die der Historiker seinen Lesern verschaffen will.” des Thukydides gewesen –woher weiß maneigentlich immer so genau, was ‘der , so hätte er es anstatt mit demumHistoriker seinen Lesern verschaffen will’? – ständlichen unddasrechte Verständnis inWahrheit eher behindernden als förderndenUrkunden durch ein sinnvoll verkürztes Referat ihres Inhalts leichter erreichen können. Doch dies berührt die Frage von Ziel undMethode der thukydideischen Historiographie, aufdie hier nicht weiter einzugehen ist. –Davon abgesehen aber ist grundsätzlich zuwarnen vorderArt vonArgumentation, wie sie hier begegnet, daßmandemAutor irgendetwas als seine Absicht unterstellt, wovon er

kein einziges Wort verlauten läßt, unddies damit begründet, daßer eben gewollt habe, daßdie Leser es selbst herausfinden sollten. Damit wirdjeder interpretatorischen Willkür, ja reiner Spekulation, die Tür geöffnet! Wie Thukydides bekanntlich bezüglich der Urkunden (direkt) überhaupt nichts äußert, so sagt er erst recht nichts davon, daß er durch ihre Einfügung undÜberlieferung im Rahmen seines Geschichtswerks (durch Vegleich mitdemübrigen Bericht) deren faktische Bedeutungslosigkeit lehren wolle.

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II. Hauptteil

er, daßdiese Stadt unter die Vertragsbestimmungen falle, nachdemer aus einer Berechnung derTage festgestellt hatte, daß sie später abgefallen war.68 Dem widersprach Brasidas mit der Behauptung, sie seien früher abgefallen, under gab die Stadt nicht frei.69 In stritt

Athen will man daraufhin sofort gegen Skione zu Felde ziehen, doch erklären die Spartaner das als Vertragsbruch undbieten stattdessen schiedsrichterliche Entscheidung an, die aber von den Athenern nicht akzeptiert wird.70 Man war dort zu sehr erbittert und –so entscheidet der Historiker selbst –befand sich auch wirklich im Recht; denn Skione warumzwei Tage zuspät abgefallen.71 “ Für Thrakien, wo Brasidas der athenischen Macht schwer zu schaffen machte, sollte der status quo gelten, berechnet auf denTag desVertrages’, ’ stellte WILAMOWITZ72 fest; da sich Sparta offenbar (auch nach Thukydides’ Meinung) nicht daran hielt, war dieser Streit entstanden, und infolgedessen faßten die Athener einen jener radikalen, durch Kleon forcierten Beschlüsse (wie man sie schon aus der MytileneDebatte im ersten Teil des III. Buches kennt): Σ κ ιω ν α ίο υ ςἐξελ α ε ὶ ῖνκ α ι(IV 122,6).73 ε ῖν κ τ ἀ π ο

An diesem Bericht setzt MEYER an: 1. Die Berechtigung zu dem Vorwurf, Athen würde mit einem Feldzug gegen Skione die Abmachungen verletzen, entnähmen die Spartaner einer Bestimmung des Vertrags (118,8), und sie seien selbst entsprechend dieser Bestimmung zumschiedsgerichtlichen Verfahren bereit; έρ α ις 2. die Ausdrücke ἐ ρ ῶ ρἡμ ε νund δ ὰ μ ύ ο ογ ῦτ ισ νἡμ ῶ κλογ κ ή ο ιε νim Anε τ σ νἀφ ο τ ι ὕστερ ρ ν(dazu wäre noch zu zählen ὅ ο ε ὕ σ τ ) ν ο τ ερ ρ ό γ επ schluß an die erste Wendung und ἀ λ ὰὡ ο λ ν ςπ έλ ε τ ließen sich nuraus derDatumsangabe 118,12 und119,1 verstehen; 68122,3 Σ κ ιω ν α ίο υ ςδ ὲαἰσθ ρ ῶ νὅ ε τ ιὕσ μ τ ε ε ν ό μ ο ο νἡμ ῦτ ῶ ισ ςἐ κλογ ρ ο νἀφ ε ή κ σ ο ηἐνσπ τ ιε νο φ ό ν κἔ δ ὐ ο υ ι. α ςἔσεσθ 69Ebenda ἀντέλ ε γ επ ο λ λ ὰὡ ςπ ρ . ρ ό λ ιν ο νπ τ ό ὴ νκ ε ίε ιτ α ὶο κἀφ ὐ 70122,4f ο ἱἈ θ η ν α ῖο ι εὐ θ ν η ὺ ν ςἑτοῖμ σ ιώ κ α νστρα τ ε νΣ ύ ε ὴ ινἐ π ο ὶτ ιἦ -· ὐ ή να σ α α εσ σ θ α ι ἔφ β β ρ α ε ιςπ ν τ ε ψ α α ςπ έμ έ ρ σ ν ό ιο ιπ κ ε δ α ιμ ο α ἱδ ὲΛ ὲ ῆ α ἱδ ιο ρ ςκρίνεσθ ὶα σ νπ ὐ α ε τ ο ιἦ ῃτ εἑτοῖμ τ ο ὺ ςτ ὰ ίκ ά ν δ ο ςσπ ς... δ ε λ ιν.... ε ο νκινδυνεύ ὲ νο κἤθ ὐ ῃμ δ ίκ · 71 122,6 ε ἶχ εδ ὲκ α ὶ ἡἀ ή λ θ ε ἱ ιαπ ρ νᾗο ε ὶτ ῆ λ ο λ ᾶ ςἀ ω ε σ π ο ά σ τ ςμ κ ιω η σ α νο ἱΣ α έρ ιςὕστερ σ τ νἀ π έ ο η ν ρἡμ α Ἀ ῖο θ ὰ ι ἐδικαίου νδ ύ ογ ν α ῖο ι. · 72WILAMOWITZ 618; der Satz steht zurErläuterung derEigentümlichkeit, daß bei derFestlegung derDemarkationslinien in 118,4 Thrakien nicht genannt wird. 73 Zur Ausführung gelangte dieser Beschluß tatsächlich im Jahr 421, als sein Initiator Kleon selbst schon tot war, vgl. V 32,1.

1.a) Zu IV 118f

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3. die Kenntnis des status quo (und ebenfalls derTag, auf dener berechnet werden sollte) sei nuraus der Urkunde zuentnehmen.74

Mit diesen drei Punkten für die Überlieferungsabsicht der Urkunde durch Thukydides zu argumentieren, grenzt ans Unseriöse!75 Die unter Punkt 1. getroffene Feststellung ist (absolut betrachtet) als

solche richtig, hat aber mit der Überlieferungsabsicht schier gar nichts zu tun. Was durch diese Feststellung bewiesen wird, ist –so lächerlich es auch klingen mag, mankommt bei genauem Zusehen nicht an der Feststellung vorbei – nicht mehr undnichts anderes als dies Unbestreitbar-Unbestrittene, daßdie Spartaner die entsprechenden Bestimmungen des von ihnen geschlossenen Vertrags kannten und vorbrachten. Daß aber der Leser des thukydideischen Werks diese Vertragsklausel erfahren, daß er sie darüber hinaus im Wortlaut kennen oder daß darum sogleich der ganze Vertragstext wortgetreu wiedergegeben werden müßte, wird damit weder bewiesen noch irgendwie wahrscheinlich gemacht. Vielmehr ist es demLeser gänzlich gleichgültig zu erfahren, daß eine Bestimmung dieses Inhalts getroffen wurde; sie ist nämlich ebenso selbstverständlich wie die Absicht, nach Schluß eines Waffenstillstands-Abkommens in der Zeit des Waffenstillstands über den Frieden zu verhandeln. Wozu sollte ein Waffenstillstand geschlossen werden undwie hätte er Sinn, wenn jeder Streitpunkt immer gleich durch bewaffnete Intervention behoben werden dürfte? Daß das athenische Vorhaben, gegen Skione zu Feld zu ziehen, mit demgeschlossenen Abkommen unvereinbar war, wußte jeder, dervondemBestehen des Abkommens überhaupt etwas gehört hatte. Athen glaubte sich auch nur daher zu dieser Maßnahme berechtigt, weil es damit auf einen vorherigen Bruch der Abmachungen seitens des Gegners zu antworten meinte und vielleicht durch das vertragswidrige Vorgehen den Verrag durchsetzen, d.h. den gegnerischen Vertragsbruch durch einen eigenen zum Interessenausgleich nutzen wollte. Das eigentliche Problem warja für Athen: wie sollte es die Verwirklichung seiner berechtigten Ansprüche erreichen, wenn Sparta sich weigerte, deren Berechtigung anzuerkennen, oder allgemeiner: soll mansich selbst an eingegangene Verpflichtungen halten, wenn es der Partner nicht tut? Für dieses allgemeine Problem aber gibt die Kenntnis des Urkundentextes nicht das Geringste aus, m.a.W.: sie vermittelt keinerlei

Erkenntnisse.

74118,4 ἐ π ὶτ ῆ ςα ὐ τ ῶ νμ έ ν ε . ν ινἑκατέρ ε ο νἔχομ υ ῦ ρν ςἔχον α τ ε π ςἅ

75Undes bleibt absolut unerfindlich, wiediese Art vonArgumentation seitens der Mehrzahl derRezensenten hatAnerkennung finden können!

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II. Hauptteil

Generell undmit allergrößter Selbstverständlichkeit sind militärische Unternehmungen gegen die Vertragspartner stets ein Bruch des eventuell bestehenden Abkommens undgelten auch dafür; das braucht keinen Beleg.76 Thukydides konnte nicht anders denken und dachte auch nicht anders; das geht eindeutig aus verschiedenen Stellen seines Werks hervor: beispielshalber I 45,3, wo das athenische Hilfsgeschwader für Kerkyra die Anweisung erhält μ ὴναυμ α ρ ρ ο ιν θ ε ίο ο ῖπ ις ε ῖνΚ ο νδ χ . Dazu heißt es π ὴ ὲτα λ ύ ε ῦ τ μ ατ ι ν ο ῦ ἕ ν κ α ε τ ὰ ςσπ ν ά ο δ . Da steht aber vorher nichts von einer Vertragsklausel, ς die das verbot; undalso dürfte dies eigentlich –nach MEYERs Aufdort nicht verständlich sein!77 Hinzufassung zur hiesigen Stelle – gefügt sei noch I 78,4: wenn Thukydides die Athener amEnde ihrer Warnrede in Sparta vor Beginn des Krieges sagen läßt: “ Wir fordern euch auf, ... löst nicht die Verträge undübertretet nicht die dasfolgende ist, wieausδ έhervorgeht, als GegenEide, sondern’ – vorschlag, nicht ’ primär als Inhalt des Vertrags undder Eide hinzugesetzt –“ löst die Streitpunkte durch Schiedsgericht entsprechend dem Vertrag,”so ist damit klar, daß ein militärisches Vorgehen gegen Athen (zugunsten der Korinthier) ein Bruch des 30-jährigen Friedens wäre, ohne daßdieBestimmung, keine militärischen Aktionen gegeneinander zuunternehmen, erst referiert werden müßte; zugleich wird klar, daß schiedsrichterliche Entscheidung für eventuelle Streitfälle als grundsätzliche Alternative (zu militärischen Aktionen) anzusehen ist. Im Vertrag selbst mußte das natürlich festgehalten werden; in einem Geschichtswerk hingegen vermißt mansolche Bestimmungen, wenn sie fehlen, nicht; aber auch hier dürfte man analog MEYERs Auffassung zu122,4 dasGanze nicht verstehen! Es kann also zu diesem Punkt festgestellt werden, daß der spartanische Vorwurf, Athen breche mit einer Militäraktion gegen Skione die gegenseitigen Abmachungen, selbstverständlich einem jeden als berechtigt einleuchtet, auch wenn er die Klausel 118,8 nicht (wörtlich oder inhaltlich) kannte. Diese Bestimmung ist also für das Verständnis derhistorischen Dartellung nicht etwa unerläßlich, sondern überflüssig; denn auch anderswo versteht man dasja, ohne daß 76Vgl. auch SCHWAHN RE IV A 1, 1104f s.v. σ μ α μ χ ία υ :“ Aus demWesen der . als solcher ergibt sich, daßdieVerbündeten Streitigkeiten unter sich nicht durch σ Krieg austragen dürfen.” 77Etwas anderes ist es miteiner Spezialbestimmung, wiesie zuvor indenReden derKerkyräer undKorinthier inAthen diskutiert worden war, daßnämlich keine Partei die Bundesgenossen der anderen beiziehen dürfe (I 35,1; 40,2). Diese Klausel mußte referiert werden (NB: referiert; keineswegs wirddeshalb derganze Vertrag selbst wörtlich zitiert!).

1.a) ZuIV 118f

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Thukydides die zugrunde liegenden Vertragsklauseln (geschweige ganze Verträge, deswegen!) zitierte.

2. Der zweite Punkt betrifft die Chronologie der Ereignisse; diese ist wiederum wichtig, weil es hierüber zumStreit gekommen war. Daß auch Thukydides der Chronologie in diesem Fall besondere Bedeutung beimaß, mußmanschon allein daraus schließen, daßer selber Stellung nimmt und entscheidet. Aristonymos errechnete den Abfall von Skione als “ später” , Brasidas behauptete “früher” , Thukydides entscheidet “ um zwei Tage später” . MEYER hat mit der Bemerkung, daß sich jedem aufmerksamen Leser die Frage nach dem chronologischen Fixpunkt aufdrängen muß, ganz recht; auch wenn

Die Antwort gibt die Urkunde” er sagt, “ , hater noch insofern

recht,

als der Bezugspunkt, wie ihn eine relative Zeitangabe wie “später” oder “ früher”notwendig braucht –ob dieser nun ausgesprochen oder zu erschließen ist, spielt dabei keine Rolle – , tatsächlich identisch ist mit den beiden Datumsangaben “ 14.Elaphebolion”und “ 12. Geraistios’ ( 118,12 und 119,1). Er hat jedoch sogleich wieder eklatant unrecht, ’ wenn er in dieser absoluten Zeitangabe die Voraussetzung erblickt, umjene relativen Bestimmungen anknüpfer, d.h. verstehen zu können. Die Antwort auf die Frage nach dem Bezugspunkt kann nämlich viel einfacher gegeben werden, so wie es ὴ νἐκεχ ε τ ὰτ ο υ νμ der Scholiast tat: ἤγ ε ία ιρ ν . Zwar kann man mithilfe des in den Urkunden gegebenen Datums nunmehr auch das Datum des Übertritts von Skione errechnen (= 16.Elaphebolion oder 14.Geraistios), aber was ist daran gelegen? Auf das ὓστερ νkommt ο es an, allenfalls –umdie Streitigkeiten zu pointieren, ‘verständlich ; das zumachen’–auf die Feststellung “ nurum zwei Tage zu spät” absolute Datum ist demgegenüber ganz uninteressant und seine Errechnung von Thukydides offenbar auch nicht intendiert, sonst hätte er dasDatum ja nennen können. Anders wäre die Sache freilich –und MEYER tut, als wäre das , der Fall, denn nur so wäre seine Behauptung ernsthaft vertretbar – wenn Thukydides in 122,6 tatsächlich (statt der relativen Angaben) das bestimmte Datum selbst (und ohne Zusatz) geboten hätte: dann brauchte man zumVergleich die Angaben der Urkunde, und damit wäre die Überlieferungsabsicht –für diesen Punkt, aber selbst dann evident. Das aber ist noch nicht zugleich für die gesamte Urkunde – Skione von Athen von Abfall den für eben nicht der Fall. Da man ο ύ kein absolutes Datum, sondern nurdie allgemeine Bestimmung δ γ ) erfährt, hat Thukydiν ὰ ρἡμ ὴ νἐκεχειρία έρ α ιςὕστερ ε τ ὰτ ν(sc. μ ο

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II. Hauptteil

des selbst die absolute Zeitbestimmung des Vertragsabschlusses in der Urkunde hierfür überflüssig gemacht; sie ist nunnicht nurnicht mehr zur Berechnung des Abfalls undfür das Verständnis des Zusammenhangs nötig, sondern sie steht jetzt geradezu beziehunslos da. Anders ausgedrückt: dadurch daß der absoluten Zeitangabe der Urkunde nicht auch ein absolutes Datum des Übertritts entspricht, wird die Überlieferungsabsicht des Datums unddamit der Urkunde nicht nurnicht bewiesen, sondern eher – weil wiederum überflüssig – unwahrscheinlich gemacht. Auch hier scheint die so sehr überbetonte, falsch ausgelegte ‘Beziehung’desUrkundentextes zuderfolgenden Darstellung woanders zuliegen undaufetwas anderes hinzuweisen: Nicht daßdie Urkunde wörtlich hätte überliefert werden sollen, sondern daß Thukydides sie kannte oder ihren Text vorliegen gehabt haben könnte, als er den Bericht verfaßte. Die bestimmte Aussage δ έρ α ιςὕστερ ρἡμ ὰ ύ ογ ν ο η σ α νscheint zu belegen, daß er die genauen Daten des Verἀ π έ σ τ tragsabschlusses unddesÜbertritts derSkionäer kannte; unddaslegt die Vermutung nahe, daßer dann auch bereits den Vertragstext, in demer daserste derbeiden Daten fand, besaß.78

3. Am ehesten stichhaltig erscheint auf den ersten Blick der dritte Punkt: manerfahre nur aus demVertrag, daß der status quo gelten sollte. Bei näherem Zusehen zeigt sich jedoch, daß auch das nicht zutrifft. WILAMOWITZ hatte bemerkt, daß bei Festlegung der Demarkationslinien Thrakien überhaupt nicht erwähnt wird: “ Die Urkunde sagt über Thrakien kein Wort. Das war zu weit, umvon Athen aus eine Demarkationslinie zu ziehen; da sollte der Status quogelten, berechnet auf denTag des Vertrages. Eine Gesandtschaft ging sofort ab, um ihn in Thrakien inKraft zusetzen.”W ILAMOWITZ aaO618) 78Weniger wahrscheinlich ist daher KIRCHHOFFs Ansicht (aaO 25): “ Wasin diesenAngaben thatsächliches enthalten ist, nämlich dass ein Waffenstillstand abgeschlossen wurde, dass dies umden Beginn des Frühjahrs 423 geschah unddass die Waffenruhe ein Jahr dauerte, ist so beschaffen, dass Thukydides es wissen konnte undmusste, auch wenner die Urkunde, die er mit-

theilt, nie gesehen hätte: Die Mittheilung dieser Thatsachen verräth folglich keine –KIRCHHOFF ließ die Feststellung in 122,6, welche siBenutzung der Urkunde.” cherlich Kenntnis nahelegt, hierfür unbeachtet. –Gegen dieForderungen, dieerim folgenden hinsichtlich derAuswertung derinderUrkunde gebotenen Einzelheiten für die Darstellung an Thukydides stellte, wendet sich MEYER 1f mit Recht; KIRCHHOFFs Ansicht, daßdieUrkunde aufdieUnfertigkeit desWerkes deute, ist davon nicht berührt undist damit nicht zuwiderlegen.

1.a) Zu IV 118f

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Tatsächlich ist zwar rückschauend die Bestimmung ἐ π ὶτ ῆ ςα ὐ έ τ ῶ νμ ν ε ινἑκατέρ ο υ ςἔχον τ α ρν ῦ ςἅ π ε νἔχο μ ε νals Abmachung, die auch für Thrakien gelten sollte, zu verstehen; sie wirdjedoch in der Urkunde gar nicht speziell dafür eingeführt, sondern ist gleichsam die Überschrift für die in § 4 folgenden Einzelbestimmungen; analog dazu sollte natürlich überall (d.h. auch in Thrakien) verfahren werden. Das aber ist schon wieder eine solche Selbstverständlichkeit für den Leser des thukydideischen Werkes, daßer diese Bestimmung ebenso wenig zumVerständnis des nachfolgend Berichteten braucht wie die oben erwähnte Klausel über die schiedsrichterliche Entscheidung bei Streitfällen, obwohl natürlich diese wie jene in den Vertrag selbst hineingehörte. Im übrigen warja in 117 genau so viel, wie manzumVerständnis braucht, gesagt worden: ν τ οἐν ια σ α ύ σ ίσ ιο ννομ ία α νἐπ ν ε εχ ιρ τ ο ιή ε ἐκ η ν ςἈ α ῖο θ ὲ ν ιμ φ ῶ νπ ρ νσ ο ίδ α σ σ ῆ α π σ ο α ι οὐ σ νΒρα νἔ τ ο κἂ τ ιτ ὸ ρ ὐ δ νπ ὲ ὶν ν . ᾽ἡσυχία θ α τ οκ ιν κ ε υ α ά σ α σ ρ π α Das impliziert den (ohnehin selbstverständlichen) Ausschluß von ἀ φ ισ τ ά ν ρ α ι (und in gleicher Weise von π ο σ δ έ χ ε σ μ έν θ ο α ) ισ υ ιἀφ α τ ς nach Vertragschluß, also während derWaffenruhe. Die Probe hierauf ist leicht: man lese nur die Darstellung von 117 bis 123 unter Auslassung der Urkunde: es zeigt sich, daß WILAMOWITZ mit der Bemerkung, es schließe sich die Erzählung ohne die Urkunde anstandslos zusammen, vollkommen im Recht war. Ankeiner einzigen Stelle ist die (inhaltliche oder gar wörtliche) Kenntnis einer Vertragsbestimmung über das in dem Abschnitt 117– 123 Berichtete hinaus zumVerständnis erforderlich.

Als Fazit der bisherigen Betrachtung ergibt sich: WILAMOWITZ’ Athetese des Relativsätzchens α ρ χ ν τ οberuhte auf einer unzuο ή ἷςἐπ treffenden Auffassung der Form undist darum abzulehnen. ρ τ α χ ν ο(120,1) ο ρ έ ή ςτα α ύ τ ςα ἷςἐπ ὰ ὲτ ςἡμ ρ ὶδ ε Die Zeitangabe π ), nicht κ ν τ ο bezieht sich zurück auf Kapitel 117 (ἐ χ ε σ α ε ία ιρ ν ἐπ ο ιή ο(119,2). τ ν ο δ ν auf den Ausdruck ἐσπ έ Der Wahrscheinlichkeit nach kannte Thukydides bei Abfassung 123 denText der Urkunde; doch läßt sich nirgends des Berichts 117– eine Stelle des Vertrags (weder im Inhalt noch gar im Wortlaut) als Voraussetzung für dasVerständndis dieses Berichts nachweisen. Es kann daher erst recht nicht als erwiesen gelten, daß Thukydides den Wortlaut des ganzen Vertrags in der endgültigen Fassung seines Werks hätte wiedergeben wollen. (Daß er gegebenenfalls einzelne Bestimmungen des Abkommens inindirekter Aussage an

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II.Hauptteil

der Stelle, wojetzt die Urkunde steht, mitgeteilt haben würde, ist darum nicht ausgeschlossen; aber wahrscheinlich oder gar notwendig ist nicht einmal diese Annahme.) Gänzlich unhaltbar (und intellektuell eine schiere Zumutung) ist daher MEYERs Schluß derBehandlung dieser Urkunde: ... ohne Kenntnis der Vertragsbestimmungen würden die “ Streitigkeiten der Athener undLakedämonier ganz unver ständlich bleiben. Es kann somit keinem Zweifel unterliegen, daß das Dokument von Anfang an in demGeschichtswerk gestanden undeinen festen Bestandteil desselbengebildet hat.”(MEYER 20; Sperrung vonmir) Vondiesen beiden Sätzen ist dererste schlicht unsinnig,78a derzweite allenfalls halb-richtig: Insofern als ja niemand annimmt oder annehmenwird, die Urkunde habe nicht beim Erscheinen desWerkes von ‘ Anfang an in demGeschichtswerk gestanden’undsomit ‘einen festen Bestandteil desselben gebildet’, ist derSatz vonMEYER in dieser Beziehung zwar ‘richtig’, aber ein Schlag ins Leere. Unrichtig ist er hinsichtlich deseigentlichen Problems, umdases geht, undhinsichtlich seiner Zielrichtung. Denn es ist damit nichts für die eigentliche Frage, die Konzeption des Historikers für sein vollendetes, nach Überarbeitung endgültig ausgeformtes Werk gewonnen; daß das vollständig zitierte Dokument darin ‘einen festen Platz’gehabt haben würde, ist nach wie vor unbewiesen (und auch so unbeweisbar, wie es unwahrscheinlich ist). Alle drei positiven Argumente für die Notwendigkeit der Urkunde andieser Stelle desThukydidestextes, welche MEYER anführte, haben sich als nicht stichhaltig erwiesen, beziehungsweise ins Nichts aufgelöst.

78aMankönnte in vornehmem Stillschweigen darüber hinweggehen, würde nicht vergerade diese eklatante Unrichtigkeit – verallgemeinert garauf “ Urkunden – die” Wesentlich ist, daßsie [= dieUrkunden, Zusatz vonmir] dieauthentische treten: “ Formulierung dessen bringen, wasfürdasVerständnis derthukydideischen Erzählung wichtig ist.” (ERBSE 1989, 42, anderbereits inderVorbemerkung notierten meinte abtun zusollen; demStelle, woer die gegenteilige Ansicht als veraltet” “ diese Meinung vonMEYER/ERBSE gegenüber werde ich nachweisen, daßgerade in allen Fällen unzutreffend ist.)

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b. Zu V 18f Die folgende Urkunde ist insofern als exemplarisch zubetrachten, als bei ihr nicht nurdie (fast schon ‘handgreiflich’) irrige, aber weithin anerkannte Auffassung von MEYER widerlegt, sondern ausThukydides’Text ein positives Argument für die gegenteilige Ansicht angeführt werden kann, wiedies beidenanderen Urkunden nicht (in demMaße) möglich ist; soenthält derihrgewidmete Abschnitt in nuce die ganze Untersuchung.

Nach demWaffenstillstand von423 folgte (wie beabsichtigt war) derAbschluß eines Friedensvertrags, dessogenannten Nikiasfriedens von421; denVertragstext lesen wirjetzt in V 18f. Umdiese Urkundeundihre Einordnung in denKontext haben sich vor allem STEUP, KIRCHHOFF, SCHWARTZ und WILAMOWITZ79 und zuletzt natürlich MEYER (aaO 23ff) teils kritisch, teils exegetisch bemüht. Uns geht es auch hier nicht um die Exegese der Urkunde mit ihren komplizierten Bestimmungen, deren Erklärung Thukydides ja schuldig bleibt,80 sondern lediglich umdie Einfügung in die Umgebung und die gegenseitigen Entsprechungen oder Widersprüche zwischen Urkunde undKontext; denn nur von dort sind eventuell Rückschlüsse möglich

auf die Absicht des Historikers, denVertrag wörtlich zu überliefern

oder das nicht zu tun.

MEYER nimmt für seinen Nachweis derangeblichen Notwendigkeit der Urkunde drei Beobachtungen KIRCHHOFFS als Ausgangspunkt, die diesem ergaben, daßThukydides bei Abfassung derPartie V 21ff den Text der V 18f überlieferten Urkunde gekannt habe.81

79STEUP, RhM25, 1870, 273– 305; vgl. imKomm-Band V 247ff; Thukydid. Stu45; WILAMOWITZ, 71; KIRCHHOFF aaO 28– 72; SCHWARTZ aaO 32– dien I 29– DasBündnis zwischen Sparta undAthen. (Weitere Lit. beiBENGTSON, Staatsverträge ... II, Nr.188) 80SCHWARTZ aaO43: AuchwennderHistoriker dieFriedensurkunde in extenso mitteilen wollte, musste “ er sie mit einem erklärenden undergänzenden Bericht ausstatten.” (Kap. 17kannnachihmnicht dafür gelten.) 81DaThukydides aber – so KIRCHHOFF aaO66ff – erst nach 404 in denBesitz des Schriftstücks gelangt sein könne (eine Auffassung, die MEYER aaO 26 zuRecht als ganz unwahrscheinliche Vermutung”bezeichnet hatundwelche auchSCHWARTZ “ aaO 44, vgl. auch aaO 11, ablehnte), ergebe sich als Abfassungszeit für diesen Abschnitt dieZeit nach404. Dagegen bildeten dieKapitel 17 und20 eine in sich zusammenhängende Einheit, dieerst später durch dasDazwischentreten derUrkunde 18f zerstört worden sei. Soviel ergibt sich ganz klar ausKIRCHHOFFs Erörterungen aaO 66ff, undinsofern ist MEYERs Kritik nicht ganz verständlich: K irchhoffs Stellungnahme ist nicht eindeutig”(S. 24) und Obwohl er dasDokument “ zuBeziehungen aufgevor als ‘notwendige Voraussetzung’für die entsprechenden “ zählt hatte, behauptet er nun, die Urkunde bilde keinen organischen undnotwendi‘ genBestandteil derDarstellung, in welche siejetzt eingefügt erscheint’, ja sie unterbreche ‘denursprünglichen Zusammenhang derselben sogar in auffälliger und

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II. Hauptteil

Diesen drei Belegen fügt er seinerseits zunächst zwei Stellen (V 56,3; VII 18,3), sodann zwei weitere (V 3,4; 34,1) und nochmals vier Stellen (V 25,2; 26,2; 35,4; 42,2) hinzu, umdamit darzutun, wie eng “ die Verflechtung des historischen Berichtes mit dem Dokument (aaO 18f). Insgesamt also 11 Belege (bzvv. 12 Stellen, tatsächlich ist” da KIRCHHOFFs erster Beleg zwei Stellen namhaft macht) sind zu überprüfen.

1.Beleg: Die Ausdrücke (V 27,1) ἐπ ε ὴγ ρα ιδ ὰ ἱπ ε ν η κ τ ο ν τ ο ύ τ ε ιςσπ ο ν δ α ὶἐγένο ν τ α οκ ὶ μ α χ ία νἡξυμ ρ ο , ... und ε ὕ σ τ (V 32,5) τ ά ςτ εδεχημ έρ ο υ ςἐπ ισ ο ν δ σ ά η α νἈ ν ,α ς α ἳἦ θ ίο ιςκ α ὶ Β ο ιω τ ο ῖςπ ρ ὸ ςἀλλήλ ο υ ςο ὐπ λ λ ο ῷ ὕστε ε ν ρ ο α νγενόμ ι [τ ο ύ τ ω ]τ ν ῶ νπ ε η ν κ τ ο ν τ ο υ τ ίδ ω νσπ ν ο δ ῶ ν , ... setzen, daaußer in derUrkunde desNikiasfriedens

ηδ τ (V 18,3: ἔ ὲεἶν α ιτ ὰ ςσπ ο ν δ ὰ ή ςπ κ ε ν ο τ η ν ν α τ αἈ ίο θ ις κ α μ ὶτ ά ο χ ῖςξυμ ο ιςτ ο ῖςἈθ η ν α ίω νκ α ὶΛ α κ ε δ ο ν α ίο ιςκ ιμ α ὶ μ χ ά ο ιςτ ο τ ῖςξυμ ο ῖςΛ κ νἀδόλ α ν ίω εδ ο α ιμ ο υ ε ςκ ίς α ὶ ἀβλαβ ῆ νκ κ α α α ὶκ τ ὰγ ὶκ α τ ὰθ ά ) λ α σ ν σ α sonst nirgends eine Angabe über diehier einfach als bekannte Größe eingeführte Dauer zufinden sei, nach KIRCHHOFF undMEYER einen Leser voraus, der diese Bestimmung aus der Urkunde kenne.

wahrnehmbarer Weise’, ... usw.”(aaO 26) Anscheinend ist MEYER nicht klar geworden, daßKIRCHHOFF unterscheidet zwischen 17 und20 einerseits und21 bis 24 andererseits, wovon die erste Gruppe durch die Urkunde zerrissen, die zweite aber inhaltlich von ihr abhängig sein soll. Undzugleich ist ihmdabei offenbarnicht bewußt geworden, daßes sich umzwei verschiedene Urkunden handelt: die des Nikiasfriedens und die des athenisch-spartanischen Bündnisses. KIRCHHOFFs spätere Erörterung (aaO 155– 179) beschäftigt sichja lediglich mitdemAbschnitt, der die zweite Urkunde enthält. Die frühere Aufteilung (nämlich a. bis Kap. 20, b. abKap21) wirddabei garnicht mehr berührt, sondern nurderzweite Teil (= b.) analysiert, wobei sichfürKIRCHHOFF innerhalb dieses Teils eine Modifizierung (wohl auch: Präzisierung) derart herausstellt, daßV 21– 24 (mit der zweiten, derBündnis-Urkunde also, vonderbislang noch garnicht die Rede ist, denn dieimanschließenden Bericht aufgewiesenen Rückbeziehungen gehen ja aufdie erste Urkunde, denNikiasfrieden, V.18f) einen nachträglichen Einschub zwischen V 20 (dem Ende desersten Teils) undV 25 bilden. Mankann sagen, daßKIRCHHOFFmit seiner späteren, nochmaligen Behandlung dieser Partie amAnfang des nach seinem früheren Schnitt beginnenden zweiten Teils desGeschichtswerks (V 24 alsnachträglichen Einschub zwischen denbeiden Teilen 25ff) dieKapitel V 21– des Werkes (I bis V 20 undV 25 bis Ende) abgespalten hat. So erscheint mir KIRCHHOFFs Stellungnahme zwar kompliziert (unddurch daszeitliche Nacheinander der zweimaligen Behandlung erhöht sich die Kompliziertheit), aber sehr wohl eindeutig. (Ob KIRCHHOFF mit seinen Überlegungen Recht hat, steht jetzt nicht zurDebatte: zuerst mußklar sein, wasermeinte.)

1.b) Zu V 18f

51

Das erscheint zuerst sehr plausibel undüberzeugend, stimmt aber nicht.82 Denn abgesehen davon, daß es für diejenigen Leser, an die sich das Werk richtet, nämlich Athener um das Jahr 400 und bald danach, ohne weiteres selbstverständlich undklar war, daßmit dem 50-jährigen Vertrag dieser von uns als Nikiasfrieden”bezeichnete Vertragsschluß gemeint war und daß sich “ die Einführung als ‘bekannte Größe’schon von daher rechtfertigen kann, ohne daß darum die Urkunde oder auch nurdie betreffende Klausel (18,3) hätte mitgeteilt werden müssen, ergibt sich zunächst einmal auch schon aus demTextzusammenhang, in demdies steht, von selber, daßes sich dabei nurumeben denFriedensvertrag desJahres 421 handeln kann: V 27,1 ist ja der Neueinsatz des historischen Berichts nach Abschluß des Friedens und des athenisch-spartanischen Bündnisses im Jahr 421. Dazwischen eingeschoben sind die beiden Kapitel 25 und 26 (das zweite Proömium); anderen Schluß heißt es: ρ ηδιαφ ά ο ντ ε τ ὰτ εκ κ αἔ τ ὰδ έ α νμ ὖ νο ὴ ὶ ξύγ χ υ σ ιντ ῶ ν τ ή μ σ ηἐξηγ α ο ή ι. θ ο λ εμ αὡ ςἐπ ιτ ε α ὶτ νκ ὰἔπ ῶ δ ν ο π σ Da auch am Beginn des Zwischenpassus zur Bezeichnung des Friedens- und des Bündnisvertrags von 421 σπ μ ο χ ν ία α δ α ίundξυμ verwendet wurden (25,1 μ ε τ ὰδ ὲτ ὰ μ ςσπ α ν χ ία ο ν νξυμ δ ὴ ὰ ςκ α ὶτ τ ῶ νΛ α κ ο η εδ ν ν α ίω α ιμ ίω α ν νκ θ , ...), kann die Formulierung ὶτ νἈ ῶ in 27,1 (ἐ ρα ὴγ ὰ π ε η κ ιδ ἱπ ο ν τ ε ο ν τ ύ τ ε ιςσπ ο ν δ α ν ο ν α τ οκ ὶ ἐγένο ὶ ὕστερ ἡξυμ μ α χ ία , ...) auch bei Hinzufügung des Zusatzes π η κ ν ο τ ε ε ν ο τ ις ύ τ (und ohne die Urkunde) nicht den geringsten Zweifel aufkommen lassen, worum es dort geht. Gerade die von MEYER nicht mitzitierte Junktur κ α ὶ ὕστερ μ ο α νἡξυμ χ ία definiert die σ π ν ο δ α ί, da ein anderer Vertrag mit nachfolgendem Bündnis gar nicht in Rede steht, so eindeutig, daß selbst für den modernen Leser, der weder von sich ausnoch ausderUrkunde Kenntnis über diebeabsichtigte Dauer des Nikiasfriedens mitbringen würde, die Beziehung des Ausdrucks eindeutig und klar wäre und er lediglich aus der Wendung die Belehrung über die geplante Friedensdauer gewänne. Weder 18,3 noch gar die ganze Urkunde sind also nötig. Für die zweite Stelle dieses Belegs gilt ungefähr dasselbe: wenn dem Leser in V 26,2 gesagt worden war, daß der Nikiasfrieden in Wahrheit nicht wirklichen Kriegsabschluß bedeutete, weil die Feindseligkeiten allenthalben andauerten oder aber doch bald wieder auf82Es gibt einen schlagenden Gegenbeweis, derdies widerlegt unddenich gleich anführen werde nacheiner Überlegung, dievielleicht nicht vonvornherein undvon selbst unbedingt zwingend undbeweiskräftig ist, aber doch schon für sich genommenWahrscheinlichkeit beanspruchen darf, deren Beweiskraft dann imZusammenhang mitjener Stelle m.E. überzeugend wird.

52

II. Hauptteil

undweil u.a. beispielsweise die Böotier nureinenjeweils auf zehn Tage gültigen Waffenstilltand schlossen,83 so ist in demAusdruck (32,5) έρ ο υ τ ά εδεχημ ςἐπ ςτ ισ π ο ν δ ά σ η α ν νἈ ς ,α α θ ἳἦ ίο ιςκ α ὶΒ ο ιω τ ή λ ο υ ςο ο ὐπ ῷ ο ὕ λ λ ὸ λ λ ρ ςἀ σ νγενόμ ρ ο ε τ ν ε α ο ι[τ ύ τ ω ] ῖςπ ν η κ ο ν τ ῶ νπ ε ν τ τ ο υ τ ίδ ω νσπ ο ν δ , ... ῶ ν klar, daßes sich beidenδεχ μ ρ ε ή ο ιἐπισπον δ α ίumebenjenen jeweils 10-tägigen Waffenstillstand undbei denπ η κ ο ν ε ν τ τ ο υ τ ίδ ε ο ν ςσπ δ α ίum denNikiasfrieden handeln muß, zumal dieser Vertrag zusätzlich (inzwischen) in 27,1 als fünfzigjährig”geführt worden war. Die Vertragsbestimmung aus V “ 18,3 ist für denLeser zumVerständnis dieser Stelle nicht erforderlich, erst recht nicht der ganze Vertrag. genommen wurden

Wemjedoch diese Argumentation, daß der Leser die Klausel über die Dauer des geschlossenen Vertrags nicht aus demVertragswortlaut zukennen brauche, umandenbetreffenden Stellen zuverstehen, wovon bei dem f ünfzigjährigen Vertrag”die Rede ist, nicht ausreicht undwer also “ immer noch glaubt, Thukydides rechne mit einem Leser, der die angeblich notwendige Klausel der in seinem Werk eingelegten Urkunde entnommen habe, derwird sich demGegenbeleg aufgrund einer Stelle beugen müssen, an welcher Thukydides von einem anderen, zuvor weder erwähnten noch gar zitierten Vertrag dessen Dauer ‘wie eine bekannte Größe’einführt und das Verständnis beim Leser einfach voraussetzt;84 ich meine V 14,4: υ ρ ὸ ὐ ςα τ α ὺ ςτο ὶπ ςἈργείο ὲκ εδ ιν ις α ε ο τ ύτ ν ο ο έβ κ ν υ ια ξ ῖςτ ςτρ ὰ α ι.85Wenn Thukydides diesen bei seinen Leἶν ε ῳ ν δ ο ὰ ᾽ἐξ π σ π ςἐ ό δ 83Βοιω τ ο ίτ εἐκεχειρ ία νδεχήμ ο ρ ν ε . DerAthetese dieses Satzes durch ο νἦγ

STEUP (Thuk.Studien I 86, Anm., vgl. Komm.z.St.) folge ich nicht. Allerdings zeigt sich auch hier in denvonSTEUP monierten Mängeln die Unfertigkeit und mehrskizzenhafte Vorläufigkeit vonBuchV. 84Ich wiederhole, wasich schon oben sagte: bei demPublikum, für das Thukydides schrieb, Athener undGriechen umoder nach400, dieohnehin eine gewisse Kenntnis derEreignisse besaßen, wardasviel weniger auffällig, als es heute erscheinen mag. 85UmMißverständnissen vorzubeugen; eshandelt sich nicht umdenmehrfach erwähnten (I 23,4; 35,1; 40,2; 67,2 + 4; 78,4; 87,6; 115.1; 140,2; II 2,1; VII 18,2) β ο ία ε ὐ τ ὰΕ ω λ σ ςἅ ιν(also aus demJahr Frieden zwischen Athen undSparta μ 446/5), derübrigens auch anallen diesen Stellen wenigstens durch einen Relativsatz näher bestimmt ist undin I 115,1 ausdrücklich als 30-jährig bezeichnet wird (interessanterweise werden beidenzahlreichen Erwähnungen dieses Vertrags doch stets nur Klauseln daraus referiert, wonicht bloß aufdenVertrag angespielt ist, aber nicht eine einzige zitiert), sondern umdenFrieden zwischen Sparta und Argos, dererst vonhier ausauf451/0 zudatieren ist undauchimI.Buch im ῳ π ᾽ἐξ δ ό Abschnitt derPentekontaetie keine Erwähnung findet, aber in V 28,2 (ἐ γ ὰ ρπ ρ ὸ ςα ὐ τ ο ὺ ) ‘repetiert’wird. ν ςα α ἱ σπ ο ν δ α ὶ ἦσ

1.b) ZuV 18f

53

sern ganz gewiß viel weniger bekannten Vertrag so einfach als ‘eine bekannte Größe’ behandeln konnte,86 so konnte er das sicher mit mehr Recht in V 27,1 und32,5 vondemja allgemein bekannten und ausführlich behandelten Nikiasfrieden tun. Niemand möchte ja wohl imErnst behaupten, er habe umderErwähnung in V 14,4 willen das Dokument desspartanisch-argivischen Friedens vorlegen müssen. Damit aber wird KIRCHHOFFs und MEYERs Behauptung hinfällig, der Leser benötige, umder Angabe in 27,1 und32,5 willen, die Urkunde, diejetzt in V 18f überliefert ist. Beide haben V 14,4 insofern nicht beachtet, obwohl diese Stelle nicht nuräußerlich in unmittelbarer räumlicher Nachbarschaft der von ihnen behandelten Urkunde steht, sondern auch inhaltlich in den dem Frieden vorangehenden und seine Motive erläuternden Bericht gehört.87 Sonach hat denn dererste undwichtigste, zugleich auch amehesten beweiskräftig erscheinende Punkt in derReihe dervon MEYER angeführten Stellen seine Beweiskraft undBedeutsamkeit verloren. Alle übrigen wirken von vornherein weniger überzeugend und erweisen sich sich bei der Überprüfung als ziemlich problemlos: sie alle vermögen nicht entfernt die Beweislast zu tragen, die MEYER ihnen glaubt zumuten zudürfen.

2.Beleg: Die Formulierung (V 29,2)

νεἶν α ι κ ο οεὔορ τ π ντ ὅ τ ιἐ ῖςτ α α ν δ ο ῖςἐγέγρα α ικ α τ ῖςσπ τ ῖςἈ ῇ , κ έ ο ινδο λ ο ῖνπ ο ο ῖντ ε λ ε α ὶ ἀφ ῖν ,ὅ α ικ τ ῖν ε ιἂ νἀμφ σ θ ο ρ π ν ο ίο ιςκ η ν α ίο ις εδ κ α ιμ α θ Λ α ὶἈ

die Bestimmung V 18,11 voraus: ο ιςδ ιι, λόγ ρ μ ν ο ο έ ῦ η υπ ο σ τ ο ινὁπ α ὶὅ ιο ῦ νκ ο τ ερ ν ι ἀμ έτ ε ἰδ α ι, ετ ῖν α ε θ ῃμ ο τ ιςτα ύ μ έ ν ο τ έρ ο κ ιςεὔορ α κ ιςχρω ίο νεἶν ο α ιἀμφ ν ίο ις ο . α ιμ ο ε δ κ ο τ η ν α έρ α ίο ις α ῇἀμφ ιςκ ὶΛ ,Ἀ θ κ ο νδ ῃἂ π ὅ

setze

86Vgl. GOMME z.St.: It is anyhow surprising that hegives noexplanatory note here. There wasnoreason “ to suppose that hisreaders knewmuchabout it.” 87Allerdings teile auch ichdasErstaunen vonGOMME (vor.Fußn.) über die kom-

unddas mentarlose Einführung der Angabe der dreißigjährige Vertrag”(14,4) – gilt ähnlich für die Angabe f ünfzigjährig “ ”in 27,1 und32,5, obwohl wir dies dort, wiegezeigt, natürlich verstehen “ können -, aber ausdemErstaunen über dieStellen ist eben mitnichten ein Argument fürdie Überlieferungsabsicht derUrkunden zu gewinnen; sondern es beweist erneut, wasallgemein anerkannt, aber vonMEYER ausersichtlichen Gründen bestritten wird: dieUnfertigkeit vonBuch V. Es ist doch bezeichnend, daßThukydides im I. undII. Buch (vgl. Fußn. 85) zusolchen Angabenerläuternde Bemerkungen hinzusetzt, daßsie aber imV. Buch kurz hintereinander dreimal vermißt werden. (Vgl auch SCHWARTZ aaO43f, wogegen sich MEYER aaO28 wendet mitderbloßen Behauptung, gezeigt zuhaben, daßdieStellen füreinen Leser bestimmt (seien), derdieKlauseln desVertrags imWortlaut kennt ; damit werde dasVertrauen indieThese vonSCHWARTZ hinreichend er“” meint MEYER!) schüttert –

54

II. Hauptteil

Das istjedoch nurhalb richtig: KIRCHHOFF 66 hatte gemeint, die Darstellung verrate deutlich eine Kenntnis des Inhalts undauch des Wortlauts der Urkunde . Das kann man akzeptieren; denn die un“ ” leugbare Nähe desWortlauts dieser Stellen erlaubt jedenfalls die Annahme, daßThukydides, als er V 29,2 schrieb, die Formulierung des Vertrags (V 18,11) kannte oder vorliegen hatte.88 Aber wenn auch die Darstellung Kenntnis der Urkunde verrät, d.h. wenn Thukydides beim Schreiben des Berichts von Kap.29 die Urkunde kannte, so ist doch daraus nicht entfernt zu schließen, daßer die ganze Urkunde oder auch nurdiese betreffende Klausel wörtlich überliefern wollte, wie das MEYER verstanden wissen möchte. KIRCHHOFFs Formulierung ist einwandfrei; selbst MEYERs Formulierung (aaO 24 setzt ) in dem Sinn, daß der Autor 29,2 nur mit Kenntnis“des ... voraus” Vertragswortlautes habe schreiben können, ist noch richtig; falsch ist der implizite Schluß, daß auch der Leser 29,2 nur verstünde, wenn er zuvor 18,11 gelesen habe.89 Als obmanein Inhaltsreferat nur 88Immerhin ist wohl nicht uninteressant, wasWILAMOWITZ 942 beobachtet, daß nämlich Thukydides anscheinend in 29,2 die beiden sinngemäß gleichen, aber im Wortlaut leicht differierenden Bestimmungen desFriedensvertrags (18,11) unddes ) späteren Bündnisses (23,6) verwechselt”(vielleicht kann mansagen vermengt” “ habe. (Zustimmend dazu POHLENZ, MEYER 46, Thuk.-Studien III, 79; vgl. auch “ Fußn. 2; irrig dagegen ED.MEYER aaO 284, Fußn. 1; vgl. ferner SCHWARTZ 50.) DerDeutlichkeit halber stelle ichdiebeiden Bestimmungen hier nebeneinander: ῇΛ α κ έτ μ ο ιδ ε ν κ ο η δ ο α ιῦ ν σ ἰδ ινὁπ έτ V 18,1 ε ιἀμ - V 23,6 ἢνδ ο ο ν ίο ιςκ α η ν α ὶἈ ίο ιςπ θ ρ ο σ ρ ι, λόγ ο ιο α ῦ ο νκ ὶὅ ιςδ τ ο υπ έ τ ερ ι- μ ς ρ ὶτ ῆ ε ε λ ε ῖνπ α θ ε ῖν α ικ κ ὶἀφ μ α ν έ ίο ο κ ιςεὔορ ο νεἶν ιςχρω α ι ῇ ,ε ὔ κ ετ α θ νδο ε ῃμ φ ο ο ῖν τ ιςτα α ιἂ ι, ὅ έρ τ μ ,ὅ ύ τ ς ία ἀ χ α μ μ υ ξ ίρ ι. ο α ιςεἶν ο τ έ φ νἀμφ κ ο ο ο ις ρ τ έρ , Ἀθηνα ῇἀμ ο ῃἂ νδ κ ο π

ις ίο ν . ο α κ ιμ ε δ α ο ιςκ α ὶΛ ι α νεἶν κ ο οεὔορ τ π 29,2 ὅ τ ιἐ α ντ ῖςσπ ν δ ο α ῖςτα ῖςἐγέγρα α ικ τ τ ῖςἈ ια κ ,Λ α ῇ ε δ κ ο ῖντο ο ῖνπ λ έ ο ινδο ῖν ε ελ ,ὅ τ νἀμφ ιἂ α ὶ ἀφ α ικ ῖν ε ρ ο σ θ π μ ο ν ίο ιςκ α η ν α ὶἈ ίο θ ις . , wieWILAMOWITZ bemerkt, undes Für denSinn ist dies in derTat gleichgültig” zeigt wohl auch, daß Thukydides beide Formulierungen kannte, als er 29,2 “ schrieb. Aber diese Ungenauigkeit kannganzsicher nicht als Beleg dafür gewertet werden, daß Thukydides die eine oder die andere Urkunde im Wortlaut hätte zitieren wollen, wie MEYER glaubhaft machen will. Gerade wennes ihmumdie buchstäbliche Genauigkeit einer wörtlichen Wiedergabe der Urkunde(n) gegangen wäre, hätte er sich dieUngenauigkeit in29,2 nicht erlauben können; aber es ging ihmja auch garnicht umdenBuchstaben, sondern umdenSinn, unddas heißt auch: er brauchte dasZitat derUrkunde nicht, sondern konnte sich miteiner sinngemäßen Paraphrase begnügen.

89Washier vorliegt, ist derimmer wiederkehrende Fehler einer (absichtlich?) unpräzisen Ausdrucksweise. MEYER sagt aaO 24 zudieser Stelle zunächst tatsäch-

1.b) ZuV 18f

55

dann verstünde, wenn manzuvor das Original wörtlich gehört hätte: soll man mehr über das Argument oder über den ‘Erfinder’des Arguments den Kopf schütteln? Wenn Thukydides in Kap.29 nach Mantineias Abfall von Sparta

undseinem Anschluß an Argos zurBegründung der daraufhin unter denübrigen Städten derPeloponnes sich ausbreitenden Unruhe sagt, daß diese über Sparta erzürnt waren “ aus vielen Gründen und weil im Vertrag mit Athen geschrieben stand, der Eid hindere nicht Zusätze und Streichungen, die beiden Städten recht seien, Sparta undAthen. Dieser Satz machte die Peloponnesier ammeisten stutzig und erregte Argwohn, Sparta wolle sie mit Athens Hilfe unterwerfen; gerecht wäre gewesen, die Nachträge für alle Verbündeten vorzusehen. Diese Angst trieb die meisten, mit Argos raschestens auch ihre Bündnisse zuschließen”(Übersetzg. LANDMANN),

wenn Thukydides dies sagt, so ist doch wirklich nicht zu sehen, warummanhier zumVerständnis auch noch 18,11 kennen müsse. Der Bericht zeigt uns, die wir den Vertrag nuneinmal auch kennen, le-

diglich, daßdieser (selbstverständlich) überall in der Peloponnes mit allen Einzelbestimmungen bekannt war. Thukydides’Leser könnten bestens erst in 29,2 durch die besorgten Gedanken der Peloponnesier, wie sie dort referiert werden, mit demInhalt bekannt gemacht werden. Das wäre nicht nurvöllig problemlos, sondern auch normal undentspräche der sonstigen Praxis, vgl.die Belege aus Fußn. 85.

3.Beleg: Die dritte von KIRCHHOFF aufgewiesene Rückbeziehung derDarstellung auf die Urkunde liegt in V 21,1: ) ρ ο ρ ι ἀπ ό τ ε ρπ ν ο α ι ἃεἶχ ο δ ν ὰ ιδ ό ο ν λ α νγ χ ίο ο α ιμ ε ις(ἔ δ κ Λ α ίε μ α λ ώ τ ο υ ςἀφ ἰχ ινα ίσ ρ ὰσφ α ρ ὺ ο α ςεὐθ δ ὺ ν ςτ εἄ ςπ τ ο ύ ςτ ρ α ν β ε ιςἸσαγό η ρ έ σ ςπ κ ᾴ ρ ε α ψ ν τ νκ ὶπ α σ α έμ ςἐ π ὰἐ ὶΘ ςτ ν ὴ ντ ρ ίδ α η ν ρ λ νΚ εα ᾶ ίδ ὸ ντ νκ α ο α νἐκέλευ ιλ χ α κ ὶΦ ο α ὶΜ ίο α α φ α η ν ιςκ υ ρ λ ο ο δ λ ιδ ὺ ίπ λ α ὶ το ς ινπ ν ιτ ό α ο μ ςἄ ῖςἈ θ Ἀ θ α ι ο ιςδέχεσ η τ τ οἑκά σ ὰ τ ν δ ὰ ο ςὡ ςσπ ςεἴρ beruhe auf Spezialbestimmungen desFriedensvertrages, V 18,5: σ ὕ ιο ο χ α μ α ἱ ξύμ ὶο ν ικ ό ιο ε κ δ ιμ α α α ὶΛ νδ ὲκ ω τ ν ό ιδ δ ο π ἀ τ ά ὰτα ὐ α τ νκ ά χ ω νξυμμ ῶ α νκ ὶτ ίω ν α η τ α ιν ςἔχου σ ινἈθ χ ο α ι μ α ικ ἱ ξύμ ιο ὶο ν ό δ ε ιςΛ α α κ ιμ ν ίο η α und ἀ νδ ω τ ν ό θ δ ο ὲἈ π φ ίπ . ο λ ιν μ Ἀ lich nicht mehr als 5 ,29,2 (... Zitat ...) setzt 5,18,11 voraus (... Zitat ...).”In einembestimmten, beschränkten Verständnis ist dies nicht falsch, im intendierten “ Sinne aber unzutreffend, unddies isteine unredliche Verfahrensweise!

56

II. Hauptteil

Die Worte ὡ η τ οἑκά ςεἴρ σ τ ο ις , meint MEYER, griffen auf die Ausführungsbestimmungen der Urkunde (V 18,5– 6) für die einzelnen Staaten Thrakiens zurück, wasauch WILAMOWITZ (aaO 945,1) anerkannt habe. KIRCHHOFF hatte noch gemeint, die nun folgende Darstellung der Versuche, diese Bestimmungen zur “ Ausführung zu bringen, (habe) eine Kenntniss vondemselben beim Darsteller selbst wie auch seinen Lesern zurnothwendigen Voraussetzung”(aaO 67). Auch hier hat manes wieder mit Halb-Richtigem zu tun. Richtige (und Selbstverständliches bemerkende) Beobachtungen verbinden sich mit weitergehenden, aber logisch nicht einwandfreien Folgerungen daraus. Denn natürlich beruhte die Rückgabe der Gefangenen und die zunächst nur beabsichtigte, aber nicht sofort realisierte Übergabe der Stadt Amphipolis auf den entsprechenden

Abmachungen im Vertrag, die wir, da wir diesen besitzen, heraussuchen unduns immer wieder im Wortlaut vorlesen mögen; wenn diese Abmachungen nicht getroffen worden wären, dann wären die Gefangenen nämlich nicht herausgegeben worden (usw.). Aber es ist doch einfach unsinnig (wenn nicht lächerlich) zu behaupten, die Rückgabe der Gefangenen unddie Übergabe von Amphipolis seien dem Leser nicht verständlich, wenn er die Kenntnis der betreffenden Vertragsklausel nicht mitbringe. Mit dem gleichen Recht könnte man sagen, die Parenthese ἔλ ρ ὰ χ α ο νγ ο ι ἀπ ρ ο δ ιδ ν α ι ἃεἶχ νsei, da weder im Vertrag noch sonst ό ο ε ότ ρ π irgendwo etwas von demLosverfahren zur Ermittlung desjenigen geschrieben steht, der mit der Ausführung der Abmachungen zu beginnen habe, für den Leser unverständlich. Die Unsinnigkeit einer solchen Behauptung springt in die Augen; denn eben der Inhalt der Parenthese gibt demLeser denHinweis, daßmandarum gelost hatte. Ebenso wird jeder wenigstens durchschnittlich intelligente Leser, der in 17,2 gelesen hatte ὴ ν α ῳ τ ν ςτ ἔ μ χ νἀπ ό σ ο δ ο λ έ ο ο ιπ εἃἑκάτερ τ σ οὥ ῖτ ε ρ ω χ ε ν υ ξ η νπ ο ιε ῖσ ν ή θ α ι, ε ἰρ sofort im Bilde sein, wenn er die oben ausgeschriebene Stelle V 21,1 liest, ohne eine einzige Einzelheit ausdemVertrag kennen zumüssen. Daher ist KIRCHHOFFs undMEYERs (undhinsichtlich des Aus90auch WILAMOWITZ’) Ansicht unrichtig. η τ ο ά ἑκ σ το ις drucks ὡ ςεἴρ

90Diese Formel ist nämlich ebenso zubeurteilen wie29,2: siedeutet demLeser an, daßimVertrag Bestimmungen fürdieeinzelnen Städte getroffen waren, verlangt aber keineswegs dieKenntnis dieser Bestimmungen durch denLeser; imübrigen ist auf diese Formel noch gesondert einzugehen, da MEYER auch daraus einen Beleg für seine Ansicht zugewinnen sucht, vgl. unten zum8.bis 11.Beleg.

1.b) ZuV 18f

57

4.Beleg: Als vierten (und ersten eigenen) Beleg führt MEYER V

56,3 an; doch hat man zum Verständnis auch die beiden ersten Paragraphen des Kapitels heranzuziehen (auf die vor allem im Zusammenhang mit derUrkunde V 47 einzugehen sein wird). (56,1) τ ο ῦδ ᾽ἐπ μ ιγ ν ιγ έ ο ν ο υχειμ ῶ ν ο ςΛ α κ ε δ α ό ιμ ν ιο ι λαθ ό ν η ν α ίο τ ε θ ςἈ ρ ρ υ ο ο υ ύ ςφ ςτ ετριακοσ ίο υ ςκ α ὶ Ἀγησιπ π ίδ α ν ρ χ ο ν τ ακ α ἄ τ ὰθ ά λ α σ σ α νἐ ςἘ π ίδ ρ α υ ο νἐσέπ εμ ψ α ρ ν . (2) Ἀ γ ε ῖο ιδ ᾽ἐλθ ό ν τ ε η ν ᾽Ἀ ςπ ρ α θ ίο α υ ςἐπ εκ ά λ ο υ ν μ ,ὅ α τ ι, γεγρ μ έ ν ο νἐ ντ α ῖςσπ ο ν δ α ῆ ςἑαυτ ῶ ὴἐᾶ νἑκά ιὰτ ῖςδ ν σ τ ο υ ςμ μ ίο υ ςδιιέν λ ε π ο α ι, ἐά σ ε α ια νκ τ ὰθ ά λ α σ σ α νπ ρ α α π λ εῦσ α ι κ ὴκἀ α ὶε κ ἰμ ε ῖν ο ςΠ ιἐ ύ λ ο νκομ ιο ῦ σ ινἐ π ὶΛ α κ ε δ α ο ιμ ν ίο υ ·ς η ν τ ο ὺ ίο ε υ σ ςΜ σ ςκ α ὶ Εἵλω ή σ τ α εσ , ἀ ς δ ικ θ α ια ὐ τ ο ί. (3) Ἀ ν η α ῖο ιδ θ ὲἈ ιά λ κ δ ο ιβ υπ ε ίσ α ν τ ο ῃ ῇμ ὲ ςτ νΛ ῇστή λ α κ ω ν ικ ρ α ψ α ν γ ,ὅ ε ιν νο τ α ιο κἐνέμ ὐ ἱΛ έ α κ π ὑ ε δ ό α ιμ ν ιο ιτ ο ῖςὅρκο ις , ἐ ισ ντ α ςδ ύ ο ὲΠ λ νἐκόμ ρ ο α ὺ ν ίω ςἐ κΚ νΕἵλω τ α ςλῇζεσθ α ι, ᾽ἄ λ τ λ ὰδ αἡσύχα ν ζ ο . Hier vermerkt MEYER 25, daß die Errichtung von Säulen (auf

deren athenischem Exemplar man den Nachtrag anbrachte) den Vertragschließenden auferlegt worden war (vgl. V 18,10)91 und daß die Athener zu demVorwurf berechtigt waren, weil die Spartaner in dem in § 1 geschilderten Vorgehen zweifellos auch athenische Gewässer berührt hätten, der Friede aber laut V 18,3 auch κ ά α τ ὰθ λ α σ habe gelten sollen.92 σ ν α Dazu ist festzustellen, daß die aus CLASSEN-STEUP (Komm.z.St.) entnommene Ansicht, die Spartaner hätten bei ihrer Nacht- undNe,93 darum nicht belaktion ohne Frage athenische Gewässer berührt” “

91Dasist zwar richtig, aber fürdenLeser nicht zuwissen notwendig, daer ausder Bemerkung selbst, daßmandort einen Nachtrag anbrachte, vonsich ausauf dieja nicht unübliche Errichtung eines Steinexemplars derUrkunde hingewiesen wurde;

er kannte so etwas als die gewöhnliche Praxis auch vonzahllosen Beschlüssen der Volksversammlung (also sozusagen imBereich derInnenpolitik; im Bereich der äußeren Politik wares ebenso). 92 Daß MEYER die in § 2 referierten Vorstellungen der Argiver in diesem Zu-

sammenhang nicht als Beleg berücksichtigt, ist darum richtig, weil die Argiver dort nicht mit denBestimmungen des Friedensvertrags von421 (an demArgos ja gar nicht beteiligt war), sondern mitdenen desargivisch-athenischen Abkommens des Jahres 420/19 (vgl. Thuk. V 47) argumentieren. Doch wie ein solcher Beleg zu bewerten wäre, wurde ja schon zuV 29,2 erklärt: DerLeser wird eben durch das Referat überdiebetreffende Bestimmung (hinreichend!) in Kenntnis gesetzt, ohne die Vertragsklausel kennen zumüssen. 93 Hier dürfen vielleicht Zweifel angemeldet werden, ob dies überhaupt zutrifft; denn unabhängig davon, von woausdie Spartaner ausliefen (Thukydides macht dazuja keine Angaben), konnten sie doch mitein paar Schiffen (um300 Leute zu transportieren) vonThyrea nach Hermione übersetzend undvondaausin nächster Nähe stets an der Küste entlang (wozu sie wegen der Heimlichkeit ihrer Unternehmung ohnehin gezwungen waren) über die troizenische Küste nach Epidauros

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II. Hauptteil

stichhaltig ist, weil der Verstoß gegen den Friedensvertrag ja gar nicht eigentlich (jedenfalls nicht primär) in der Vertrags-Bestimmung begründet ist, daß der Friede auch κ α τ ὰ θ ά λ α σ σ α νgelten sollte (V 18,3).94 Der Verstoß bestand zuerst undvor allem darin, daß Sparta während des Friedens militärische Kräfte nach Epidauros schaffte, mit demsich Athens Verbündete Argos im Kriegszustand befand. Aufwelchem Wege dasgeschah, ist dabei ziemlich nebensächlich. Es warmit dieser Aktion klar, daß nach athenischer Auffassung95 der Vertrag gebrochen war. Da sich Athen aufgrund des argivischen Drängens seinerseits gezwungen oder doch wenigstens veranlaßt sah, diesem Vertrag (noch viel massiver undeindeutiger) zuwiderzuhandeln, indem es jetzt direkt undunmittelbar denSpartanern zumSchaden dieHeloten nach Pylos schaffte, suchte es auf Anraten desklugen politischen Taktikers Alkibiades, mit der Eintragung auf dem Stein den Spartanern den ‘Schwarzen Peter’ zuzuschieben unddamit kundzutun, daßauch Athen sich nicht mehr an den Vertrag halten müsse. Als ‘Schachzug’tagespolitischer Taktik und Propaganda ist das ganz plausibel, bedarf aber keiner detaillierten Vertragskenntnis seitens des Lesers.96 gelangen, ohne dabei athenische (oder äginetische) Hoheits-Gewässer eigentlich zu η ν α ίο υ α θ ν ό τ ςist ja vielleicht auch ein ε θ ςἈ durchfahren; der Ausdruck λ Hinweis dafür, daßsie möglicherweise soverfahren sein könnten. 94Dies ist übrigens eine Bestimmung, diederLeser auch nicht eigens ausdem Vertrag entnommen zuhaben brauchte, umdenathenischen Vorwurf gegen Sparta zuverstehen, ganzabgesehen vonihrer Selbstverständlichkeit zumeinen undzum α λ σ gelσ α τ ά ὰθ α ν anderen davon, daßdieBestimmung, derFriede solle auchκ ten, ja nie undnimmer dasBefahren desMeeres verbot, sondern bedeutete, daß auch aufdemMeere kein Schiff dereinen Seite ein Schiff deranderen angreifen νweder deneigentlichen Anlaß α σ σ α λ ά θ τ ὰ α durfte, so daßalso die Formel κ zurBeschwerde botnoch als Hinweis fürdieeventuelle Überlieferungsabsicht der ganzen Urkunde gelten kann. 95Demgegenüber konnte Sparta aber ganzsicher anführen, dieBestimmung V 18,3 beziehe sich aufdiedamaligen Verbündeten, nicht aufdie, die später erst dazugeworden waren, wiedies mitArgos derFall war. Aberumdiese eventuell mögliche Auseinandersetzung geht esja garnicht, Thukydides deutet sie mitkeinem Wort an,unddarum brauchte mandieBestimmung 18,3auchnicht zukennen, dasie zur Klärung dessen, worauf es hier ankommt, nichts beiträgt. Es wäre ein Sophismus zusagen, Thukydides habejene Bestimmung mitteilen wollen oder müssen (und darum denganzen Vertrag zitiert!), umdamit dieeventuell mögliche Gegenposition Spartas gegen diein 56,3 erhobene Anschuldigung seitens Athens anzudeuten. Zur eigenen kritischen Urteilsbildung des Lesers vielleicht? Ohne daß Thukydides selbst einen erläuternden Hinweis gegeben hätte? 96 Erwähnenswert war dieser ‘kluge Schachzug’des Alkibiades für Thukydides insofern, alsdieMaßnahme vondemüblichen Verfahren abwich, vgl. SCHWAHN . (Symmachia 3, RE IV A 1, 1102– 1134 [1931]) 1112: Nach demBruch einer σ (= συμ μ ”Gerade daswurde α χ ία ) werden diedarüber errichteten Stelen zerstört. “

1.b) ZuV 18f

59

Der 5. Beleg (VII 18,3) ist der wohl bisher schwächste und schnell abzutun. Zwar kann man anerkennen, daß der Inhalt des Satzes ὁ σ ά κ ιςπ ρ ίτ ο υδιαφ ρ ε α ο ὶγένοιν τ οτ ῶ νκ α τ ὰτ ὰ ςσπ ο ν μ έν η τ ο ω υ ν ,ἐ β φ ισ ςδίκ α δ ὰ ςἀμ ςπ ρ οκ α λ ο έ υμ ν ω ντ ῶ νΛ α κ ε ο νἐπ νο ν ίω έ ο ιτρ π κἤθελ ὐ (sc. Ἀ ε ιν ιμ δ α η ν θ α ῖο ι) sich auf die Vertragsbestimmung V 18,4 “ bezieht”(wie MEYERs Formulierung lautet); denn wenn im Vertrag nicht eine schiedsgerichtliche Lösung eventueller Streitfragen vorgesehen und festgelegt worden wäre (wie üblich undganz selbstverständlich – das zeigt die inhaltsgleiche Bestimmung IV 118,4), dann hätten die Spartaner ja die athenische Weigerung nicht zumVorwurf machen können. Aber die Annahme ist doch schlicht unsinnig, daß um dieses Gedankens und Sätzchens willen (im VII. Buch!) der Leser die Bestimmung V 18,4 im Wortlaut kennen müsse. Als ob zumVerständnis einer solchen Selbstverständlichkeit, die sich stets aus sich selbst erklärt, die

ganze Urkunde zitiert werden müßte!97 Mansollte sich hier vielleicht begnügen mit demHinweis auf die Unsinnigkeit, an dieser Stelle eine (wortgetreue, nur durch vorheriges Zitat der Urkunde mögliche) Kenntnis der Bestimmung V 18,4 seitens des Lesers zu postulieren, aber es sei doch (der auch zu IV 118f gültige) Hinweis angefügt, daß mit der gleichen Selbstverständlichkeit z.B. in I 78,4 (ebenfalls in I 140,2) vom schiedsrichterlichen Verfahren gesprochen wird, welches im 30-jährigen Frieden von 446/5 vorgeschrieben war, ohne daß auch nur das geringste Stück der Vertragsklausel (geschweige der ganze Vertrag) zitiert würde. Wieso sollte auf einmal in VII 18,3 etwas, das im I. Buch ohne weiteres von selbst klar war, eine Vertragsklausel als Stütze und als Voraussetzung zumVerständnis benötigen? Undwie also könnte die ausgeschriebene Stelle VII 18,3 gar als Argument für Thukydides’ Absicht dienen, denVertragswortlaut V 18f mitzuteilen?

6. und7. Beleg: MEYER bezweifelt, daß die schon (zum 3.Beleg, hier S.56) zitierte Wendung aus V 17,2 ξυνεχω ι ο ρ ε ῖτ οὥ σ τ εἃἑκάτερ η νπ ο ν ιε ῖσ θ νεἰρή ὴ α ιauch die Rückgabe π ῳἔσ ο νἀ τ α χ ν ο μ ό ςτ π ο δ λ έ der Kriegsgefangenen, von der V 21,1 und24,2 gesprochen werde, vonAlkibiades vermieden, umdenVertrag zwaralsvonSparta gebrochen bezeichnenzukönnen, zugleich aber, dadies fürAthen tunlich erschien, denselben doch nicht endgültig aufzugeben undals zerstört betrachten zumüssen. Dasist es, was Thukydides hier deutlich machen will; anden Urkundentext, der die Bestimmung überdie Errichtung vonStelen enthält, denkt dabei niemand. 97Soll manübrigens glauben, daßderLeser oder Hörer gerade diese Bestimmung zwei Bücher später nochimGedächtnis hatte oderdaßmansieetwaeigens ‘nachschlug’, ineiner antiken Buchrolle aufsuchte?

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II. Hauptteil

der ententhalten könne, gesteht die Möglichkeit dafür aber zu;98 “ sprechende Paragraph des Vertragsinstruments (sei) jedoch an zwei weiteren Punkten deshistorischen Berichts ausdrücklich berücksichtigt”(aaO 27),99 nämlich in V 3,4 κ α ὶα ὐ τ ο ῖςτ ὲ νΠ ή ελ ὸμ σ ιο έ ο νὕστερ π ο νἐ ο ν ν ντ α ῖςγενομ ν α ιςσπ ν ο δ α ε θ λ ῆ ῖςἀπ undV 34, 1 κ α ηἡκόν τ ὶτ ω να ο ῦαὐ τ ο δ ο ὐ ῦθ υ έρ τ ο ςἤ ῖςτ νἀ ῶ π ὸ η ε ςμ κ τ ᾴ ὰΒρα ρ σ ίδ Θ ο υἐξελθ τ ν ό τ ω νστρατιω ῶ ν ,ο ὓ λ ε ςὁΚ ρ ε ίδ α τ ὰτ α ςμ ὰ ςσπ ν δ ὰ ισ ο ε ν . ςἐκόμ Hierfür mußjedoch zunächst einmal billig sein, wasfür 21,1 und 24,2 recht ist, d.h. daßV 17,2 ebenso für diese beiden zuletzt angeführten Stellen ausreichend sein mußwie für die vorher erwähnten. Sodann aber ist derFall mitV 3,4 noch ein besonderer: Es ist nicht nurabwegig, sondern in fast schon belustigendem Maße absurd anzunehmen, daß dort (an früherer Stelle also, ehe der Leser die Urkunde gesehen haben konnte!) dieBestimmung V 18,7 “ ausdrücklich berücksichtigt”sei in dem Sinne, daß man den Bericht nur mit Kenntnis der betreffenden Vertragsklausel verstehe’und daher die ‘ Urkunde wörtlich habe überliefert werden müssen (eben dafür sucht MEYER ja Argumente). Ist es schon erstaunlich, daß solche Argumentation angeboten wurde, so noch mehr (und eigentlich unbegreiflich), daß man sie akzeptiert hat; schuld daran ist wohl auch hier die unpräzise Ausdrucksweise, dermanleicht zumOpfer fällt. DieStelle beweist nungenau dasGegenteil vondem,wassiebei MEYER beweisen soll. Sie liefert nämlich den schlüssigen Beweis dafür, daß derartige Erwähnungen von Aktionen (die allerdings seinerzeit ihren Grund in einer zwischen denParteien getroffenen Ab98 Die Kriegsgefangenen wiederzubekommen, war ausdrücklich als Motiv der αεἶν έ τ δ ιἡ α ό κ ε ιπ ιη ο Spartaner fürdenFrieden dargestellt worden, vgl. 15,1ἐ νἀνδρ ῶ ν ῶ μ ίᾳτ ν ο ίο ις , ἐπ ιθ υ α ιμ ο ε δ κ ο ντ ῖςΛ σ α χἧσ ὐ α ὶο ,κ ις σ α β μ ύ ξ ίσ α θ σ α ι. Dasselbe Motiv warja auch schon zumAbή σ ο υκομ ῆ κτ τ ῶ νἐ ςν schluß desWaffenstillstands von423 fürdieSpartaner entscheidend gewesen, vgl. IV 117,1f. Wennnach Vertragsschluß also dieGefangenen zurückgegeben, bzw. ausgetauscht werden, ist daran nichts besonders Erwähnenswertes; erwähnenswert ist nur, wenndies derErwartung zuwider nicht geschieht. 99Die ‘zugrunde liegende’Vertragsklausel ist V 18,7 ἀ η α ὶἈ ὲκ θ π ο νδ δ ό ν τ ω ν ο ν ίω ιμ α εδ κ α ὶΛ ι εἰσ α ο , ὅ σ ς α ὶ το ν ὺ ο ίο ις... κ ςἄνδρ ε δ κ α ιμ ν α ι Λ α ῖο υ α ο ν ῖο ι ἄρχ η η θ η ν ςἈ α ῷ Ἀ ίω ο νἢἄλλ θ θ ,ὅ σ τ υ ο ίπ μ ο σ ίῳ η δ ῷ ντ ἐ η μ λ υ ο π έ ν ο ε ο ν ν ςΠ κ υ ο ρ ιο ῃπ λ ο α ν ιώ ίῳκ κ ὶ το ὺ νΣ ςἐ ,ἐ νδημοσ σ ιν μ α χ ν ο ἐ ι μ ν ω ύ ί ξ ν μ ο ι α ε δ κ α Λ ε ῖν ι ο α υ σ ο , ικ ο ὅ α ὺ λ τ ς νἀφ ὶ λ σ ίω ς ἄ · ν μ ω ά χ νξυμ ῶ ιςτ ἴτ α ὶε ῃεἰσ εκ μ ψ ὶκ α Σ κ ιώ ν α σ ίδ ε ὶ ὅσ ςἐσέπ ο υ ςΒρα . V 21,1s.o zum3. μ ο σ ίῳ η ῷ δ ιςἐσ ν α ή τ ντ ὶνἐ α κ ο ν ε δ νΛ ίω νἐ τ ῶ α νἈ θ ιμ ι η ν ῖο α θ ἱἈ νο α σ έ δ ο ο υἀπ Beleg; V 24,2 τ σ ο ὺ ρ α ῆ ςἄνδ ςνῆ ςτο ὺ κτ ςἐ ν ο ίο ις κ ε . α δ α ιμ τ ο ῖςΛ

1.b) ZuV 18f

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machung hatten) für den Leser im Zusammenhang des historischen Berichts ohne Kenntnis des Wortlauts derbetreffenden Abmachung vollkommen verständlich sind. Die angesichts der Argumentationsweise von MEYER stets zu wiederholende Feststellung, daß eben die Erwähnung einer auf einer Vertragsbestimmung beruhenden Maßnahme für den Leser hinreichende Belehrung über die zugrundeliegende Vertragsbestimmung bietet, wird gerade durch die Stelle V 3,4 und ihre ‘Abhängigkeit’von V 18,7 belegt. Als Nachweis für die Überlieferungsabsicht der Urkunde durch Thukydides ist diese Stelle ganz ungeeignet unddasdenkbar schlechteste Argument. Dies gilt auch für die zweite hier angeführte Stelle (V 34,1): daß Klearidas die Besatzung vonAmphipolis (und wahrscheinlich auch von Skione; vgl.CLASSEN-STEUP z.St.) heimführte, beruht auf der Vertragsbestimmung, die wir wörtlich aus 18,7 kennen; aber die Kenntnis der Bestimmung selbst ist unwichtig und überflüssig. Zudem steht die Bemerkung nicht um ihrer selbst willen da, sondern als Einleitung zu der folgenden Maßnahme der Spartaner: sie ließen die Heloten frei, die unter Brasidas gekämpft hatten. Voraussetzung für diese Freilassung war, daß Klearidas sie zuvor heimgeführt hatte, nach Abschluß des Vertrags.100 V 18,7 braucht manalso auch hier nicht zukennen.

8. bis 11. Beleg: Gegen SCHWARTZ’Ansicht (aaO 42), daß Thukydides die umständlichen undumfangreichen Bestimmungen des Friedensvertrags über die thrakischen Städte schon deshalb nicht habe mitzuteilen brauchen, weil diese denselben gar nicht annahmen (vgl. V 21,2),101 meint MEYER nur, Thukydides habe es aber nun η τ οἑκά σ τ ο ις ςεἴρ eben doch getan, wie ja die Worte V 21,1 a.E. ὡ deutlich machten; denn aus demVertrag werde ersichtlich, warum diese Städte denFrieden abgelehnt hätten. Damit sind wirwieder bei derschon oben (zuEnde des3.Belegs, Fußn. 90) berührten Formel, 100Es heißt nicht “ aufgrund” ; der Aspekt, unter demberichtet wird, hebt das temporale Moment (ἤ ) hervor, nicht daskausale. η δ 101Wenn andererseits GRUNDY (Thucydides andthe History of his Age, 481f) darauf hinwies, daßsich die Städte, die sich nach IV 109,3 demBrasidas anschlossen, imFriedensvertrag nicht namentlich erwähnt werden (weil sie seiner VermutungnachinderZwischenzeit bereits durch Athen zurückerobert worden undinder ν α ῖο η ι θ summarischen Klausel V 18,8 κ νπ η λ ινἔχ ό ο ινἈ σ υ α ὶε λ αἄλ ἴτ ιν mitenthalten seien, vgl. MEYER 28,2), sokanneigentlich auchdasnurals Hinweis aufmangelhafte gegenseitige Abstimmung vonUrkunde undhistorischem Bericht undsomit alsArgument fürSCHWARTZ’Ansicht gewertet werden, daßdieMitteilungdesVertragstextes eher verwirrend als sinnvoll sei under bei abschließender Überarbeitung herausgenommen oderverarbeitet worden wäre.

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II. Hauptteil

für die MEYER nunnoch vier weitere Stellen als Parallelen anführt, Verflechtung des historischen Berichtes mit dem um damit die enge “ Dokument”(aaO 28f) zuzeigen: V 25,2: κ μ α ακ ὶἅ α ὶτ η ν ο α ῖςἈ ίο ιςο θ ν ό ν ιό ρ ο ιο τ κ εδ ἱΛ α α ο ιμ ιπ ς ν ο υὕπ ο τ ῦχρό ο π τ ν τ οἔσ ο ιἐγένο τ ινἐ νο ἷςο ὐπ ο ε τ ιο ν κ ςἐ ῦ η τ ο . ω νἃ νξυγκειμέν ῶ τ ε ἴρ )ο ῃ ν ὔ τ ῇεἰρή εἀπ V 26,2: ἐ νᾗ(sc. τ έδ ο σ α νπ ά ν τ αο ὐ τ ᾽ἀπ εδ έξ α ν τ ο ἃξυνέθ ν τ ε ο . V 35,4: τ άτ εἄ ρ λ ίαεἶχ λ αχω έν ο νμ ο ν τ ε ςἕ ω ίσ ι κἀκε ςσφ ῖν ο ιπ ο ιή μ έ η ν α . ντ ὰ ε ια ἰρ ε σ V 42,2: τ άτ εἄ λ λ αἐσκόπ η ο υ νὅ ς.... κ σ ή αἐξελελοίπ ῆ ε ντ σ α ςξυνθ “ Die Wendungen ἐ κτ ῶ νξυγνκειμ η τ ο/ ἃξυνέθ έ ν ω νἃεἴρ ε ν τ ὰ ο /τ η /ὅ μ έ ν σ α αἐξελελοίπ ῆ ςweisen allesamt auf einen κ η ή ςξυνθ ε α ντ σ ε ἰρ

festen Ausgangspunkt zurück, als welchen wir die Friedensurkunde zubestimmen versuchten. Sie wären sinnlos undauch sprachwidrig, wenn der Leser die echte Gestalt jener Urkunde nicht kennen würde.”(MEYER aaO 29) Gleich von der letzten Behauptung ausgehend ist festzustellen, daß die angeführten Wendungen, dieja allesamt nur in unbestimmter, allgemeiner Umschreibung einen Tatbestand oder Sachverhalt angeben, weder sinnlos noch sprachwidrig sind, wenn man die jeweils zugrunde liegende Bestimmung desVertrags nicht kennt. Im Gegenteil ist gerade dann, wenn dasbestimmte Gebot oder Verbot als solches nicht bekannt ist, eine der hier stehenden unbestimmten Formulierungen (oder eine ähnliche) angebracht undist die konkrete nurdaanwendbar, wo Angabe sie taten dies oder taten jenes nicht” “ Tatbestand, die konkrete Forderung vorher angegeben der konkrete wurde. Um dies zu verdeutlichen: nur wenn es in V 25,2 statt der ο ι ο π τ dort verwendeten allgemeinen Formulierung etwa hieße ὕπ ε τ ς(nach V ν ίπ ό κἀπ δ ο ίαο ο ρ ὐ λ ινκ α ὶτ ὰἄ λ λ αχω νἈμφ ὴ ν τ οτ ν ο έ γ ἐ 35,3), könnte manunter Umständen (wie es MEYER ständig tut) die α ὶτ φ ὰἄ λ ίπ ινκ ο λ νἈμ ὴ Behauptung vertreten, hier sei ἀ π ο δ ιτ ο α ν ῦ und ρ ία(aus dem Vertrag) ‘als bekannte Größe’eingeführt λ αχω müsse daher demLeser ausdemVorhergehenden bekannt sein.102 Gänzlich abzulehnen ist daher die Annahme, eine unbestimmte ν έ ω νἃ νξυγκειμ ῶ ε κτ τ ςἐ ν τ ῦ ινἐ ἷςο νο ιο Formulierung wie ἔσ ο ὐπ η τ οsetze beim Leser definitive Kenntnis davon voraus, wasdenn ε ἴρ in denVereinbarungen gesagt worden sei. Die Wendung drückt nur

aus, daßes Vereinbarungen gab (das weißman, weil manvomVer-

102Daßich freilich auchdiese Argumentation fürnicht richtig halte undablehne, habe ich bereits früher gesagt, vgl. etwa zuV 29,2 unter Beleg 3.

1.b) Zu V 18f

63

tragsschluß weiß), die jedoch nicht verabredungsgemäß erfüllt wurden. Dafür braucht der Leser nicht zu wissen, was im einzelnen verabredet wurde, wie ja auch nicht gesagt wird, was konkret uner füllt blieb: ἔσ τ ινἐ νο ἵςο ὐπ ο ιο ῦ ν τ ε ς... Wie die Formel ὡ ς η τ οἑκά ε ἴρ σ τ ο ις(21,1) nur anzeigt, daß den Städten die sie betreffenden Bestimmungen, bzw. der Vertrag mit den sie betreffenden Be-

stimmungen (selbstverständlich) mitgeteilt worden war(demgemäß sollten sie sich nämlich verhalten), nicht aber bedeutet, daß Thukydides den Leser an den Wortlaut einzelner Vorschriften erinnern würde, ebenso ist in denanderen vier (soeben zitierten) Wendungen zu urteilen: sie alle zeigen demLeser (was er weiß), daßes vertraglich festgeschriebene Bestimmungen gab; aber keine einzige Stelle verlangt die Kenntnis einer Vertragsklausel über dashinaus, wasunabhängig von der Urkunde allgemein bekannt ist.103 Doch soll es auch hier nicht bei der logischen Erörterung dessen bleiben, was genaugenommen dasteht undwas die Formulierungen sprachlich hergeben, andeuten und beweisen oder nicht beweisen, sondern auch hier (wie oben zu Beleg 1) ist das Vorgetragene zusätzlich zu erhärten undzu belegen, durch den Nachweis, daß Formulierungen wie die angeführten bei Thukydides tatsächlich nicht mehr bedeuten undnicht mehr voraussetzen oder an Kenntnis verlangen, als soeben dargelegt wurde. θ ο νδ ὲκ α ὶΘ ε Wenn es in I 107,7 heißt ἦλ σ ῆ σ α λ ςτ ῶ νἱπ ο π ῖς Ἀ η ν θ α ίο ιςκ μ α α χ τ ικ ν , so beruht der Ausdruck κ ό ὰτ ὸξυμ α τ ὰτ ὸ 103Auch ANDREWES (aaO 139) hatte bereits bestritten, daßdie bloßen Referenzen ε ν α eine (wörtliche) Kenntnis derKlauseln erforauf Ausdrücke wieτ ε ίμ κ ὰξυγ Ergänzungen undBederten, wie MEYER glaubte. ERBSE macht ihm in den “ richtigungen”(S.103 der 2.Aufl. von MEYER) daraus folgenden Vorwurf: “ Allerdings steht Andrewes, im Gegensatz zu allen anderen Rezensenten der 1. Auflage, M.sHauptthese ablehnend gegenüber, ohnedies imeinzelnen zubegründen.” - Dieser Vorwurf ist ausgesprochen unbillig; dennes versteht sich vonselbst, daß in einer Kurz-Rezension (und darum handelt es sich bei der Besprechung imeinzelnen”gegeben durch ANDREWES imJHS 77, 329f) keine Begründungen “ werden können, undimübrigen zeigt schon einkurzer Blick in die Besprechung, wiesubstantiell dieEinwände vonANDREWES gegen MEYERs Arbeit sind. Wenn er festgestellt hatte, daßMEYER vonder(vergleichsweise nebensächlichen) Lösung der Frage, ob Thukydides die Urkunden-Texte bei Abfassung seines historischen Berichts bereits kannte odernicht, ungerechtfertigt weitergehende Schlüsse aufdie Hauptfrage (die nach derÜberlieferungsabsicht derUrkundentexte durch Thukydides) zog, indem er irrtümlich glaubte, ausder vermeintlichen Notwendigkeit vonEinzelheiten eines Vertrages zumVerständnis deshistorischen Berichts die Überlieferungsabsicht positiv ‘bewiesen’zuhaben, dann hatte ANDREWES seine ablehnende Haltung gegenüber derMEYERschen Hauptthese denUmständen gemäß doch wohl hinreichend begründet.

64

II. Hauptteil

νlediglich ό ικ χ α μ μ υ ξ

auf der Feststellung in 102,4, daß zunächst die Athener Bundesgenossen der Argiver wurden und dann π ρ ὸ ςΘ ε σ ο ρ ο τ ιςο έ μ αἀμφ σ α λ ο ἱ αὐτ ὺ ςἅ μ κ ο ο α χ ὶ ὅρ η ικ α ίακατέσ ὶ ξυμ . Weτ der der Ausdruck ο ἱα ὐ τ κ ο ο ιnoch der Inhalt der ξυμ ὶ ὅρ μ α χ ία werden irgendwo weiter erläutert; undso setzt auch der Ausdruck κ ὰ τ α μ α χ ικ τ ὸξυμ ό νin 107,7 weder Kenntnis des Inhalts noch gar des Wortlauts jener Bestimmung in dem Bündnisvertrag voraus, aufgrund deren die thessalischen Reiter denAthenern zuhilfe kamen.104 Nach MEYERs Ansicht müßte nunaber die Wendung κ α μ τ α ὰτ ὸξυμ χ ικ νin 107,7, die doch denvon ihm angeführten Wendungen so geό nauentspricht, wie mannurwünschen kann, “sinnlos”und“sprachwidrig”sein. Man sieht, was davon zu halten ist105 (vgl. auch unten

S. 149, Nr.5).

MEYER wendet sich dann derVerknüpfung derüberlieferten Urmit denRahmenpartien zu. KIRCHHOFF 70 hatte die Anknüpfung nach oben, “ bewerkstelligt durch die einfache Hinzufügung eines gar nicht erwarteten τά , als “eine durchaus lose undober” δ ε flächliche” bezeichnet, eine Feststellung, diesicher richtig, mitder

kunde

104Genauso wirdII 22,3inἡδ ὲβοήθ ε ιαα ητ ῶ ὕ νΘ τ ε σ σ α λ ῶ νκ α ὸ τ ὰτ μ α χ η ν α ικ ε ίο τ οτ ὸ ιςmitderallgemeinen Formuνἐγέν α ο λ νξυμ ῖςἈ ιὸ α π θ lierung κ α τ ὰτ ὸπ μ α α χ λ α ικ ό ιὸ νaufeben dieses selbe Bündnis hingeνξυμ wiesen, ohnedaßdemLeser auchnureinWortvomInhalt desVertrages mitgeteilt worden wäre; daswareben weder nötig, nochverlangte es derLeser, weil auch ohne Kenntnis derVertragsklauseln alles klar ist. Ausunmittelbarer Nähedervon MEYER zitierten Stelle sei noch verwiesen aufV 30,1, wosich erkennen läßt, wie Thukydides verfährt, wenn es für denLeser notwendig ist, eine bestimmte Abmachung eines Vertrages zukennen, dort heißt es: ε ρ μ έ ν ιο νεἶν ο νκ η ι ύ τ α ι, ὅ ἰρ ώ ώ ω νκ ήτ ιθ ε νἢἡρ η ῶ τ φ α νμ ι, ἢ ίσ η χ νψ ω ῆ ο θ νξυμμά ςτ ῶ λ ὸπ ντ ἂ μ αᾖ= dadoch(sc.in demVertrage) gesagt sei, wasdieMehrheit derBündner λ υ beschließe, solle gelten, wenn nicht irgendwelche religiösen Hinderungsgründe vorlägen. –Thukydides läßt in einem solchen Falle mit dem Inhalt der Vertragsklausel, deren Wortlaut dabei ganzoffenbar durchschimmert oder anklingt, argumentieren undsetzt denLeser aufdiese Weise davon inKenntnis. KeinGedanke, daßdieVertragsklausel Wort umWort odergarderganze Bündnisvertrag Wort um μ έ ν ο ν..., was η ἰρ Wort zitiert wäre. (Eine wichtige Stelle hierfür ist auch V 39,3 ε aber zurfolgenden Urkunde V 47 gehört.) 105Ananderer Stelle (VII 20,1, woinderWendung κ μ χ ικ α νder ό α τ ὰτ ὸξυμ

Vertrag zwichen Athen, Argos, Mantineia undElis angesprochen wird, dessen Vertragsurkunde inV 47 überliefert ist) hält MEYER seine Argumentation anscheiselbst nicht mehraufrecht: eswäreauchzuabwegig anzuundmitRecht – nend– nehmen, daß die Erwähnung im VII. Buch das Zitat der Urkunde im V.Buch voraussetze oder verlange (obwohl erja eine ähnlich groteske Annahme in Beleg 5 vorgetragen hatte), dies umso mehr, als sich, wiezuzeigen sein wird, die dortige Wendung garnicht aufdievonMEYER angenommene Urkunde V 47, sondern auf einen anderen Vertrag bezieht, dessen Abschluß undWortlaut Thukydides vorenthält’. (Darauf

istbeiBesprechung vonV 47 einzugehen.)



1.b) Zu V 18f

65

aber nicht viel anzufangen ist, dasie schwerlich ein Argument gegen die eventuelle Überlieferungsabsicht ergibt; denn eine festere Verbindung war andererseits weder nötig noch ist sie ohne weiteres vorstellbar, erst recht nicht so leicht herzustellen wie durch daseinfache τά δ ε.106 Die sprachlichen Bedenken, die SCHWARTZ 35 gegen die Abhängigkeit des τ ά δ εvon ἐσπ ε ίσ ν α τ μ οund ὤ ο σ α νvorbringt, sind, wie WILAMOWITZ 938 undMEYER 29 zeigen, nicht so schwer, daß mandaran ernsthaft Anstoß nehmen dürfte; undselbst der Ein-

wand, daß es “ gegen die elementaren Regeln einer geordneten Erzählung”verstoße (SCHWARTZ ebenda), wenn erst die Feierlichkeiten des Vertragsschlusses berichtet würden (wie dies mit dem Ausdruck κ α ὶ ἐσπ ρ ε ν ίσ α τ ὸ οπ ςτο η ν α ίο ὺ υ ςἈ θ μ ο σ ςκ α α νἐκεῖν ὶὤ ο ί τ επ ρ ὸ ςτο ὺ ςΛ α ο κ ε ν δ ίο α ιμ υ β α σ ὴ ςnach π νξύμ ινder Fall ο ιο ν ῦ τ α ιτ sein soll) und danach das Protokoll über diese Feierlichkeiten ausführlich mitgeteilt werde, kann nicht so recht überzeugen, da in dem Falle, daß die Urkunde wörtlich mitgeteilt werden sollte, ein anderer Platz als derjetzige ohne tieferen Eingriff in die Textgestaltung kaum denkbar ist.107 Von dort aus kann, soweit ich es sehe, nichts wirklich gegen die Urkunde vorgebracht werden. Lediglich die Dublette, die WILAMOWITZ 938 in den Worten (17,2) π ο ιο ῦ ν τ ία ὴ β νξύμ α ιτ σ ινκ α ὶ ἐσπ ν α η ε ρ ίσ α ν ὸ τ οπ ςτ ο ὺ ςἈθ ρ ὸ ο μ ο , ἐκεῖν υ ίτ ν ε σ επ ν α ίο δ ςτ ο ς , τά ο ὺ κ ε α α ιμ δ α ὶὤ ςΛ υ ο ςκ und (18,1) σπ ο ν δ ὰ η σ α ν ν τ ςἐπ α οἈ ο θ ιή α ό ν ῖο ὶ α ιο κ ικ α ὶΛ ε ικ δ α ιμ μ χ α ο ικ α τ μ ο ὰτά σ α τ ὰπ ό α νκ δ α ο λ ε ις εκ ὶὤ ἱ ξύμ aufweist (genau wiezwischen 13,2 und14,1), die sich ähnlich bei anderen Urkunden wiederholt,108 könnte auch hier auf fehlende Über-

106Der Hinweis, daßauch andere Urkunden, etwa V 47, so leicht undeinfach eingefügt erscheinen, gibt ebenfalls nicht viel aus, da natürlich für alle Urkunden dasselbe gilt. AberauchIV 16,1beispielsweise wirddasdiewörtliche Wiedergabe ο ν ν τ ο vertretende Referat in indirekter Rede durch ein einfaches τ γ ίγ ο ια ίδ ε(ἐ σ π ο ) eingeleitet, undselbst die Reden finden sich oftmals äußerlich ν δ α ια ίδ ε ὶ το ganz ähnlich oberflächlich’eingefügt, z.B. III 29,2 ἔλ ο λ π ς ε ία τ υ ο ε ῖςΤ τ να ξ ὐ ε ρἨ ὴ λ ε ῖο ν ἀ ά δ ε . Dielose Einfügung ist also kein Argument gegen die Über‘ςτ lieferungsabsicht der Dokumente seitens des Historikers; natürlich auch nicht umgekehrt: es handelt sich umeine hierfür irrelevante Beobachtung. 107Nimmt mandagegen, wiees SCHWARTZ tut undwieauch ich es für richtig halte, an,daßdieUrkunde nurals Rohmaterial indenAufzeichnungen lag underst vomHerausgeber demjetzt als ‘endgültig’vorliegenden Text einverleibt wurde, wasThukydides selbst indieser Form nicht getan haben würde, so mußmandoch zugeben, daß dies mit der geringst-möglichen Beeinträchtigung von Text- und Sinnzusammenhang undzugleich aufdieeinfachste Weise anderunter diesen Umständen passendsten Stelle geschehen ist. 108MEYER 29,4 bestreitet zwardieDublette als solche, verweist aber zugleich auf V 46/47 als Parallele.

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II. Hauptteil

arbeitung undauf Unfertigkeit derganzen Partie deuten. So läßt sich aus dervorderen Einfügung derUrkunde kein Argument gewinnen.

Aber sehr schwierig ist es, ihren Schluß (19,1) mit der Fortsetzung des historischen Berichts (20,1) zu harmonisieren. An der ersten Stelle heißt es ρ χ ε ἄ ιδ ὲτ ῶ νσπ ο ν δ ῶ ν (add. KIRCHHOFF) ἔ φ ρ ο ο ςΠ λ εισ η ν ὸ τ ισ ό λ α ίο ςτετά υμ ςἈρτεμ ῃφ ρ θ τ ίν ή ο ν τ ο ,ἐ ς νδ ὲἈ θ ν α ιςἄρ χ β ω νἈ ο η λ κ λ η α ιῶ ν ῖο ν φ ο ὸ λ α ςἘ ςμ ςἕκ ῃφ θ ίν τ ο ν τ ο ς . Damit ist als Vertragsbeginn (nach ED.MEYER aaO 288) der 11. April 421 festgesetzt. In V 20,1 steht α ὗ τ α ια ἱ σπ ν τ οτελευτῶ ν δ ο α ν τ ὶ ἐγένο ο ρ ςτ ι, ἐ ο μ κ ῶ ν ῦχειμ ο αἦ ςἅ Δ ιο ν υ σ ίω νεὐ θ ὺ . ῶ ν ικ νἀ σ τ ςτ ῶ Die städtischen Dionysien fallen auf den8. bis 13. Elaphebolion,109 d.h. (wieder nach ED.MEYER aaO) in 421 auf den25. bis 30.März, so daßV 20,1 von “sogleich nach dem30.März”geredet ist. KIRCHHOFF sah in der Differenz beider Daten (19,1: 20,1) einen Beweis für seine Annahme, daß Thukydides erst, nachdem Kap.17 und 20 geschrieben waren, in den Besitz des Dokumentes gelangt sei; er habe es an derStelle vorläufig abgelegt, ohne es für die fertige Darstellung sofort auszuwerten unddiese danach zu korrigieren. Hiergegen argumentiert ED.MEYER aaO 288f, dem sich MEYER anschließt, so, daß die verschiedenen Daten auch für verschiedene Ereignisse gültig seien: das in 20,1 genannte (frühere) für den Vertragsabschluß, das in der Urkunde genannte (spätere) für das Inkrafttreten der Abmachung, welches aus derErfahrung von423 (als Skione in Unkenntnis des Vertragsschlusses einige Tage danach zu Brasidas abfiel und sich daraus ein Streitfall entwickelte) bewußt um einige Tage nach Vertragsschluß festgelegt worden sei.110 109Vgl. den Festkalender bei L.DEUBNER, Att.Feste, nach S.268. 110 ED.MEYER verweist auf Aristophanes’ Frieden und meint, weil es dort gelungen sei, die Friedensgöttin zubefreien, es sei “ kein Zweifel, dass der Friede perfect und abgeschlossen war, als die Komödie aufgeführt wurde” . Ein solcher er begegnet einem immer wieder –istnatürlich entschieden zuleichtgläuSchluß – big undkritiklos. Niemand bestreitet zwar, daßdiese Komödie imZusammenhang steht mitderallgemeinen Friedenssehnsucht undmitdendaraufhin begonnenen Friedensverhandlungen, aber die Annahme, daß der Friede bei Aufführung des Stückes darum tatsächlich gewesen sei, weil es dieKomödie sodarstellt, ist fast so wiedie Behauptung, daßseit demJahre 388 v.Chr. derReichtum gerecht verteilt gewesen sei, weil Plutos in Aristophanes’gleichnamiger Komödie desJahres von Aristophanes hat seiner Blindheit geheilt wird.- Unrichtig auchWILAMOWTTZ 946: “ seine Komödie in derfesten Zuversicht gedichtet, daßderFriede zustande käme; daskonnte hier unmöglich wieinderLysistrate bloß inderfiktiven Handlung geschehen. Dasschwache Drama ist rasch hingeworfen, aber Monate hatdoch das Dichten undEinstudieren gedauert. So beweist es dieZuversicht derAthener, den

1.b) ZuV 18f

67

Diese elegante Konstruktion ist jedoch eine nicht erweisliche Hypothese, die mindestens drei Ungereimtheiten in Kauf nimmt oder unberücksichtigt läßt: 1. Die Annahme als solche, daß Vertragsschluß und Friedensbeginn differieren sollten, ist ganz ungewöhnlich und wäre nicht nur damals neu, sondern ist, soweit ich sehe, in der ganzen Antike nicht ‘wiederholt’worden; ED.MEYER weiß (aaO 289) lediglich auf 1866 zu verweisen, wo “ der Beginn der Waffenruhe nicht auf den Abschluß der Vereinbarung, sondern auf den nächsten Mittag festgesetzt wurde undsich in der Zwischenzeit noch das Treffen von Blumenau entwickeln konnte.”Dieses Beispiel als einziges spricht für sich.111 Thukydides hätte eine solche Besonderheit auch schwerlich kommentarlos lassen können, sondern hätte denLeser, demdaseine Datum in der Urkunde begegnete undder nun sogleich ein anderes läse (ein früheres, wobei eigenartigerweise der zweite Ausdruck unbestimmter ist undetliche Tage Spielraum gibt),112 über die SachlaPreis aber hatihmdertatsächlich bereits erreichte Friede gebracht.”Wieso hätte nicht auch hier der Friede “ bloß in der fiktiven Handlung”zustande kommen können? Als sich Aristophanes Monate vorderAufführung ansDichten machte, war die Handlung rein fiktiv. Ich bestreite vorallem auch dasletzte Sätzchen, daß nur der tatsächlich erreichte Friede den Erfolg des Stücks bewirkt habe: die Friedenssehnsucht vermochte dasebenso! Zudem sagt Thukydides 20,1 unmißverständlich ἐ κΔ ιο , doch wohl nicht aus Unν υ σ ίω ν= “nach denDionysien”

kenntnis, weil erdamals nicht inAthen weilte. 111Vgl. auch BUSOLT, Griech.Gesch. III 2, 1191f, Anm.3: “ Allein aus V 17 a.E, und V 19 ergibt sich, daß auch in diesem Falle der Vertrag mit dem Tage des förmlichen Abschlusses und der Eidesleistung begann.”(Dieses ausdrücklich gegen ED.MEYER) 112Warum sagt Thukydides übrigens nicht “ am(soundsovielten) Tage nach den ? Daß Dionysien” , sondern unbestimmter “sogleich nach (seit) den Dionysien” ε ὐ θ ὺ ςnicht buchstäblich denallernächsten Augenblick meinen muß, sondern einen gewissen Spielraum läßt, zeigt u.a. V 31,6, woes heißt, daß die Korinthier ε θ ύ ὐ ς nach den Eleiern Verbündete der Argiver geworden seien: verfolgt man die Darstellung von 30,5 an, so zeigt sich folgendes: Korinth hatte die argivischen Gesandten, diediesbezüglich dort waren, aufdie nächste Versammlung beschieden; danach kamen eleische Gesandte (auch hier steht ε ὐ ) und schlossen erst θ ύ ς ein Bündnis mit Korinth, danach gingen sie nach Argos undschlossen dort ab; nacheinem Zwischenstück, dasdieUrsache dereleischen Feindseligkeit gegenüber Sparta angibt (31,2– 5) wird diese Formulierung a.E. von 31,5 wieder aufgenom᾽ἐ τ ε ύ ι εὐθ ςμ ρ ίν θ ιο ο men, unddannheißt es in 31,6 ἐγ α ἱΚ ὶο τ ν οδ ὲκ ν ο έ μ α χ ο κ ι. DaßderAusῆ ε νξύμ η ςἈργείω ίν ςΧα κ ιδ λ κ ο ᾴ υ ρ α ὶο ςκ π ὶΘ ἱἐ ᾽ἐκ druck ε ίν ο ε υ τ ε ςganz gewiß (zumindest) einige Tage, vielleicht sogar ὺ θ ὐ ςμ Wochen beinhaltet, ist klar. (Vgl. auch BELOCH, Griech.Gesch. II 21, 314f, Anm.2: “ ε ) STEUPs Bemerkung (Komm. zu 30,5) ὐ θ ύ ςist ein dehnbares Wort.” “ Bei einer letzten Revision ... würde Th. seine Darstellung dieser Dinge wohl

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II. Hauptteil

ge informieren müssen, wenn er die Urkunde wirklich hätte mitteilen wollen. 2. Unerklärt ist bei ED.MEYERs Annahme das Präs. ἄρ χ ε ιin 19,1. Zwar weist STEUP (Studien, 68, vgl.Komm.z.St.) auf, daß in Vertragsklauseln neben Infinitiv undImperativ gelegentlich auch der Indikativ Präsens erscheint, aber dies gilt nur, soweit sich die Bestimmung (auch) auf die Gegenwart bezieht. Es scheint ausgeschlossen, eine künftige, nur auf spätere Zeit bezügliche Bestimmung im Ind.Präs. zu geben; in dem Falle müßte, wenn nicht Infinitiv oder Imperativ stehen, Ind.Futur eintreten (vgl. V 23,4: ὀ μ ο ῦ ν τ α ι). Mithin ist in 19,1 durch ἄρ χ ε ιδ ὲτ νσπ ῶ ο ν δ ῶ νdas Datum des Friedensbeginns zugleich als dasdes Vertragsschlusses (bzw. umgekehrt) aufzufassen, so wie auch IV 118,2 mit der (üblichen) Inf.-Konstr. ἄ ρ ρ έ α ν ... Vertragsschluß und Waffenstillstandsbeὴ ν χ νἡμ ε δ ινδ ετ ὲτή ginn für denselben Augenblick festgestellt werden. Damit werden alle Überlegungen hinfällig, die darauf abzielen, eine längere Zeitspanne zwischen Vertragsschließung und beabsichtigtem Friedens-

umauf diese Weise die Differenz zwischen 19,1 und20,1 auszugleichen.113 KIRCHHOFFs Ansicht (aaO 69), daß die beiden verschiedenen Daten in Wahrheit denselben Tag meinen

beginn einzuschieben,

müßten, bleibt gültig. 3. Schließlich liegt in der verschiedenen Methode der Datierung (nicht in der Verschiedenheit der tatsächlichen Daten, sondern in ihrer unterschiedlichen Bestimmung) ein Anstoß, derm.E. ganz klar zeigt, daß die beiden Angaben gerade nicht aufeinander bezogen oder abgestimmt sind, wie sie es ja sein müßten, wenn ED.MEYERs referierte Annahme zutreffen sollte. Für die zweite Datierung hat O. LENDLE114 die bestimmenden Ursachen und Beweggründe aufgezeigt, indem er diese Datierung in dengrößeren Zusammenhang der Reaktion desThukydides auf dasErscheinen derAtthis desHellanikos stellte.115 Umdie auf größerer Genauigkeit beruhenden Vorteile seiner eigenen Datierungsmethode nach Sommer- undWinterhalbjahren gegenüber der Datierung nach Archonten undeponymen Beamten bei Hellanikos herauszustellen, ergriff Thukydides die Gele-

ist richtig, besagt aber nichts gegen dieDehnbarkeit, etwas klarer gestaltet haben” ύ ς . denSpielraum vonεὐθ 113Erstaunlich ist, wie daseindeutige Präsens so unberücksichtigt blieb. (Etwas anderes ist es, wenn Aorist statt fehlendem, aber logisch erforderlichem Futur II steht, vgl. WILAMOWITZ aaO 939,1.) 114O.LENDLE, Die Auseinandersetzung desThukydides mit Hellanikos, Hermes 682) 143 (= WdF 98, Darmstadt 1968, 661– 92, 1964, 192– 115Die Polemik gegen Hellanikos hatte auch schon WILAMOWITZ aaO943 erkannt.

1.b) Zu V 18f

69

genheit, die sich ihm hier bei einer nur geringfügigen Änderung seines Berichtes amBeginn des II. Buches (sowie in I 97,2) bot, da seine Methode auf wenige Tage genau zehn Jahre für den Archidamischen Krieg undfür den gesamten Krieg dreimal neun Jahre ergab, wie es der Wirklichkeit entsprach. Diese Ausführungen LENDLEs sind unabweisbar undallgemein anerkannt worden. Nunist aber die in unserem Text frühere Datierungsmethode der Urkunde –das ist zumindest erstaunlich –die genauere, da sich doch Thukydides gerade auf die Genauigkeit seiner Methode so viel zugute hält. Wie konnte Thukydides, der mit seiner Datierung in 20,1 und mit seiner anschließenden Erörterung darüber eben die größte Genauigkeit beansprucht, dies unmittelbar nach der fremdenauf denTag genauen Datierung (19,1) tun, während seine eigene Methode mit einem unbestimmten Spielraum arbeitet, also im Ver-

gleich dazu ungenauer ist? Zwar müssen einander zwei Datierungsmethoden an sich nicht ausschließen;116 das zeigt ihre Verbindung II 2,1 im selben Satz, wo die möglichst genaue zeitliche Fixierung des Überfalls derThebaner auf Platää erreicht werden soll. Aber gerade dies, die Verbindung und Vereinigung von zwei Datierungsmethoden, ist hier eben nicht der Fall, sondern die beiden Methoden stehen unverbunden kurz hintereinander; die zweite ist von der ersten ganz unabhängig und so formuliert, daß sie jedenfalls keine Bekanntschaft mit jener ersten oder gar eine Beziehung darauf zuerkennen gibt. Ja, beide stehen so sehr unverbunden nebeneinander, daß die Genauigkeit der ersten der Absicht der zweiten (nämlich größte Genauigkeit für sich und nur für sich zu beanspruchen) direkt zuwiderläuft.117 116Vgl. GOMME Komm.zu 20,1, vor allem III 682. 117Dieser Sachverhalt klang zwar in derbisherigen Forschung schon gelegentlich Ueberdies kommt die zweite Datirung einmal an,außer bei KIRCHHOFF (aaO69: “ nachderersten sehr unerwartet underscheint imjetzigen Zusammenhang garnicht motivirt, dasie sich inderFormnicht alseine Wiederaufnahme derersten, sondern

) undWILAMOWITZ als neues undselbständiges Moment derDarstellung einführt.” (aaO 943: dieDatierung mithilfe derDionysien seinachdemMonatsdatum derUrkunde “ ) auchLENDLE (aaO 139,3: “ Manbeachte, daßThukydides hier zwecklos” denTagdesNikiasfriedens, obgleich er unmittelbar vorher (5,19,1) die Originalurkunde mitgenauesten Zeitangaben zitiert hatte, eigens nocheinzweites Malnach ); er seinem Verfahren datiert, umdie Längenberechnung durchführen zukönnen” ist aber wohl noch nicht scharf genug gesehen undherausgestellt worden. Bei geunernauem Hinsehen ist die zweite Datierung nach derersten nämlich nicht nur“ wartet”(KIRCHHOFF), “ zwecklos”(WILAMOWITZ) oder ‘beachtenswert’(LENDLE), sondern beide sind nebeneinander unpassend, weil dieerste dieoffenkundige Absicht derzweiten beeinträchtigt unddurchkreuzt. Dawiraber in20,1dieAbsicht des Historikers eindeutig undmit Bestimmtheit fassen können (vgl. LENDLE aaO

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II. Hauptteil

Nunmag man sagen: Die in der Urkunde gegebene Datierung

nach Monaten undTagen kam in der Literatur ansonsten nicht vor undwarauch nicht praktikabel, weil keiner der staatlichen Kalender allgemein (bekannt oder gültig) war(vgl. WILAMOWITZ aaO 943); sie war darum auch kein wirkliches Objekt für Kritik und Polemik, sondern Thukydides brauchte sich nur gegen die wirklich konkurrierende Methode des Hellanikos zuwenden. Aber wenn das so ist (und es braucht nicht bezweifelt zu werden), so ist doch zu fragen, was die ja doch nicht recht verwertbare, weil nicht allgemein verständliche Urkundendatierung (19,1) dann überhaupt aus Thukydides’ und dies ist ebenso wenig Sicht im Werk sollte, wenn sie lediglich – zu bezweifeln –die thukydideische Datierung in 20,1 in ihrer Wirkung beeinträchtigte. Zur Datierung des angeblich vom Vertragsschluß zu unterscheidenden Friedensbeginns war sie ja demnach für den allgemein-griechischen Leser ungeeignet, wenn ihm der Historiker nicht wenigstens einen Hinweis gab. Das aber ist, wie schon festgestellt, nicht geschehen; es konnte auch nicht geschehen, weil beide Methoden nicht zusammenpassen, dasheißt sich gegenseitig im Wegstehen undbeeinträchtigen. Mit der im vorigen Absatz besprochenen Erklärung durch WILAMOWITZ ist die Beeinträchtigung derin Kap.20 faßbaren Absicht seitens der Urkunden-Datierung nicht etwa beseitigt, sondern lediglich erklärt, warum sich unser Autor im Zusammenhang seiner

Polemik gegen Hellanikos’Datierungsmethode nicht zugleich auch gegen die Datierungsmethode der Urkunde gewandt habe; diese Erklärung durch WILAMOWITZ ist aber, weil die beiden Datierungen , sondern störend sind, unzureizwecklos” nicht bloß gegenseitig “ chend. Warum nunThukydides voneiner Polemik gegen die UrkundenDatierungsmethode absehen konnte, dafür gibt es einen fast lächerlich einfachen Grund, der wohl schon anklang undder, soweit ich sehe, der einzig plausible ist: Die Urkunde unddamit die störende Datierungsmethode gehört nicht ins Werk. Thukydides dachte gar nicht daran, sie zuüberliefern, ihmschwebte vielmehr konzeptionell eine Darstellung vor, in der diese Urkunde nicht stand; insofern erübrigte sich für ihn jegliche Stellungnahme zu ihrer DatierungsMethode und gab es für ihn das Problem überhaupt nicht.118 139: “(Kap. 20) dient vomersten biszumletzten Wort derPolemik gegen dasAr), gibt es zurLösung der Schwierigkeit m.E. chontenverfahren des Hellanikos.” nureine einzige Möglichkeit; immerhin: esgibt eine, dazuvgl. ob.im Text. 118Statt derersten (Fußn. 117 ausgeschriebenen) Bemerkung vonLENDLE würde Nurweil Thukydides dieDatierung innerhalb derUrkunde ich also lieber sagen: “

1.b) Zu V 18f

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Akzeptiert mandiese Lösung, so lösen sich auch die oben aufgewiesenen Ungereimtheiten: manist befreit von derproblematischen Annahme einer Auseinanderziehung vonVertragsabschluß undFriedensbeginn; das Präsens ἄ ρ χ ε ιδ ὲτ ῶ νσπ ο ν δ ῶ νmeint das protokollarische Heute beim Vertragsabschluß, der zugleich Friedensbeginn war; unddie thukydideische Formulierung ἐ κΔ ιο ν υ σ ίω νεὐθ ὺ ςτ ῶ ν ἀ σ τ ικ ῶ νmeint (wie KIRCHHOFF aaO 69 als ausgemacht ansah) denselben Zeitpunkt wie jenes Datum in der Urkunde, die uns nur durch den Zufall von Thukydides’vorzeitigem Tod und das dadurch bedingte Ausbleiben einer endgültigen Redaktion überliefert ist.119 Zusammenfassend läßt sich sagen: MEYER hat sein Beweisziel, die unverzichtbare Notwendigkeit dieser Urkunde (wie aller Urkundentexte im thukydideischen Werk) nachzuweisen, nicht erreicht: keiner seiner vorgebrachten Belege erwies sich als stichhaltig; selbst sein zunächst sehr einleuchtend wirkender (einzig gravierender) erster Beleg konnte durch einen entsprechenden Gegenbeleg als nichtig abgewiesen werden. Andererseits waren im Zusammenhang mit dieser Urkunde einige Schwierigkeiten aufzuzeigen, deren Lösung nurmöglich scheint bei der Annahme, daßdie Urkunde nicht überliefert werden sollte. Hierdurch hat die Urkunde in V 18f eine Sonderstellung.

in seinem Werk nicht zuzitieren gedachte, konnte er die Datierung desNikiasfiedens in 20,1 nach eigener Art undmitderbeschriebenen polemischen Absicht gegen Hellanikos vornehmen.” - Richtig verstanden zusein scheinen mirauchbei

alsaufdasselbe Datum, denNikiasfrieden, bezogen. 119DerAusdruck ἐ κΔ ιο ν υ σ ίω νεὐθ ὺ νgeht also wiemanerςτ ῶ νἀ τ ῶ ικ σ rechnen kann, aufeinen Tag, der 11oder 12Tage nachdemEnde derstädtischen Dionysien (30.März) lag, auf den 11.April (nach ED.MEYER aaO 288); oder aber, wenneins derJahre 423/2 und422/1 nicht, wieallgemein angenommen, inAthen, sondern in Sparta ein Schaltjahr war, aufden 12.April unseres Kalenders. (Diese Auffassung vertritt LENDLE aaO 130, Anm.4, vielleicht zuRecht; doch kommt es imhiesigen Zusammenhang darauf nicht an,undwirkönnen diesen äußerst komLENDLE beide Datierung

plizierten Fragenkomplex beiseite lassen.) Sprachlich jedenfalls ist die Fixierung

νaufeinen Zeitpunkt, der 11 ῶ ικ τ σ νἀ ῶ νεὐ ὺ θ ςτ κΔ ίω ν σ ιο υ desAusdrucks ἐ oder 12Tage nachdemgenannten Fest lag, keinProblem.

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II. Hauptteil

c. Zu V 23f Auch der überwiegende Teil der Erörterungen MEYERs zur Ur-

des 421 geschlossenen Bündnisvertrags zwischen Sparta und Athen (V 23f) ergibt praktisch nichts für die Frage der Überlieferungsabsicht der Urkunde durch Thukydides. MEYER bietet im er46) ausführlich Referat, Interpretation und sten Abschnitt (aaO 36– Einzelerklärung; dabei nimmt die Auseinandersetzung mit der früheren Forschung einen breiten Raum ein, vor allem die Auseinandersetzung mit der(ganz allgemein heute undso auch bei ihmabge62) dieses Bündnis als lehnten) These von SCHWARTZ, der (aaO 46– nie verwirklicht bezeichnet undin derüberlieferten Urkunde nurein Bündnisangebot von spartanischer Seite gesehen hatte, dasdurch die Ungeschicklichkeit des Herausgebers in unseren Text geraten sei. 50) Deshalb unternimmt es MEYER imzweiten Abschnitt (aaO 46– “ zubelegen, daßdie spartanisch-athenische Symmachie auf die weitere historische Entwicklung und damit auf deren Darstellung durch Thukydides einwirkte.”(aaO 46) abgesehen von Kleinigkeiten, die Dieser Nachweis, demman– beiseite bleiben können120 –imGroßen undGanzen zustimmen kann kunde

120AmRande sei nur ein Beispiel herausgegriffen, wo gerade die von MEYER vorgeschlagene Lösung desProblems erst danneine gewisse Wahrscheinlichkeit gewinnt, wennmanannimmt, daßdieUrkunde indenendgültigen Text durch Thukydides nicht eingefügt werden sollte, dasiejetzt denZusammenhang zerreißt und gerade für die postulierte Rückbeziehung störend wirkt: In V 27,1 macht die Beziehung vonἐ ςα ὐ τ άanscheinend gewisse Schwierigkeiten (MEYER 44, Fußn. 1). τ ά Die Beziehung innerhalb desSatzes scheint ἐ ςzuverlangen, aber sachlich ςα ὐ ά ν δ ο ςσπ ςherbeigeholt worden waren, träfe dasnicht zu,dadie Bündner nicht ἐ in V 17,2). Eben auf diesen μ ε ν α ρ α σ sondern zu denVerhandlungen (τ ὰπ σ ό ςα , undMEYER 44 mit ὐ ά τ Ausdruck τ μ ν ε α ρ bezog KRÜGER (z.St.) ἐ α ὰπ σ σ ό Fußn. 2, derdiese Auffassung inBreite entwickelt, findet demgemäß denAusdruck ς . –Nunmeine ich zwar, daßdie Formulierung ἐ ά“verblüffend korrekt” τ ὐ ἐ ςα αkeineswegs ν ε μ ρ α σ ό σ ὰπ άdie tatsächlich in 17,2 erscheinende Form τ τ α ὐ notwendig braucht unddaßdurchaus nicht eine formale Rückbeziehung darauf keineswegs so eindeutig als termiα μ ν ε σ ό σ α ρ ὰπ vorliegt (wie übrigens auch τ nus technicus “Verhandlungen”[in Gegensatz zu Vertrag] genommen werden muß, wie es bei MEYER erscheint, sondern weniger technisch unddafür allge, unddas sind sowohl meiner ist = “ wasdavorging, geschah, verhandelt wurde” die Verhandlungen wiederdaraus sich ergebende Vertrag), sondern die Rückbeςα ὐ τ άum ziehung ist inhaltlich undebenfalls allgemeiner; es handelt sich in ἐ die herbeigerufen worden die inhaltliche Aufnahme dervormaligen Ereignisse: “ waren dazu, zudenVerhandlungen unddem,wassichdaraus ergab oderergeben ν ε μ α nicht ό σ σ α ρ ὰπ sollte, demVertrag” . Mankönnte m.E. ebenso gut, wennτ ν μ ε α inGeό ν τ εγιγ ὰτό zufällig in 17,2 stünde, sinngemäß eine Wendung wieτ ςα τ ὐ etwa ά ‘bezogen’denken, eben weil ἐ τ ά ςα ὐ danken ergänzen unddarauf ἐ

1.c) Zu V 23f

73

(und zwar umso mehr, als er sich weitgehend mit Ansichten früherer Forscher, besonders WILAMOWITZ, in Übereinstimmung befindet, also keineswegs so selbständig ist, wie es auf den ersten Blick erscheinen mag), richtet sich ebenfalls, wieja schon aus demsoeben in Kürze vorgetragenen Referat von dessen These deutlich wird, hauptsächlich gegen SCHWARTZ. Erst danach, im dritten Abschnitt also, geht MEYER daran zu zeigen, daß derhistorische Bericht auch voneinzelnen Bündnis. (aaO 50) “bestimmungen abhängig ist” Diese, wie schon gewohnt, etwas unklare Formulierung, die für sich genommen ja nicht mehr zu bedeuten braucht, als daß Thukydides die betreffenden Bestimmungen bei Abfassung des historischen Berichtes gekannt habe und insofern der Bericht darauf beruhe (ohne daß auch der Leser die Bestimmungen im Wortlaut kennen müßte) – und dem würde manja leicht zustimmen können; nur KIRCHHOFF 164 ist darin anderer Ansicht – 162– , diese Formulierung bei MEYER

so adverbiell zu verstehen ist wie unser “dazu”undnicht formal, sondern nur inhaltlich einen Bezugspunkt verlangt. Doch ist dies zu wenig gravierend, um länger dabei zuverharren, undes sei ruhig die formale Beziehung vonἐ ςα ὐ τ ά auf τ ρ α μ ὰπ σ ε ν σ ό α mitMEYER akzeptiert. Aber dies wird doch gerade erst dann einigermaßen wahrscheinlich, wenn nicht dazwischen die Urkunde steht, weil durch ihr Dazwischentreten die σ π ο ν δ α ίein viel zu großes Gewicht in der Vorstellung desLesers bekämen, sozusagen sich verselbständigten; dannwäre ἐ ς α ὐ τ inderTat nicht mehr soallgemein aufdiedamaligen Ereignisse, aber auch ά underst recht nicht auf τ μ ρ ε α ν σ αin demtechnischen Sinne “Verhandσ ὰπ ό lungen” zubeziehen, sondern sinngemäß (aus derSicht desLesers, derdenganzenZwischenteil gelesen hätte) aufdie σ π ν δ α ί, unddannwäre nach derLogik ο desSatzes, indemdieWendung ἐ ά τ ςα ὐ τ steht, ἐ ςα ὐ ά ς(STAHLs Konjektur) zu postulieren, wasaber – sachlich nicht zuträfe. wieanfangs gesagt – noch durch MEYςα τ ά ὐ Imübrigen wirdweder durch meine Auffassung vonἐ in τ ςα ὐ ά ERsArgumentation gegen STEUP dessen sprachlicher Einwand gegen ἐ 27, 1 beseitigt; vielleicht ist der Ausdruck mit STEUP ganz zustreichen, obwohl ich das für nicht nötig halte. Irreführend ist nurwieder MEYER 44, Fußn. 1in seiner α λ ε κ ρ α ῖν Auseinandersetzung mit STEUP (z.St.). Wenn dieser feststellte, daß π α in 17,2 ohne Angabe des Zwecks gebraucht sei (und so aus demdortigen Sprachgebrauch auf die Athetese vonἐ in 27,1 schließt), ist es unkorrekt von ςα ὐ τ ά ε τ ν α ς κ έσ α λ ρ α MEYER, darauf zuantworten “ α άnach π ςα τ ὐ In 5,17,2 wäre ἐ unverständlich, eben weil derZweck nochgarnicht angegeben ist underst inder .” ν α μ ε ό σ ρ α σ ὰπ Fortführung desSatzes erscheint, dannfreilich viel präziser: τ Dennhier wirdeine falsche Front aufgebaut, nochdazumitirreführender Behaupα ν erscheint eben nicht in derFortführung des Satzes μ ε ρ α tung; denn τ ὰπ σ σ ό ε , sondern in einem ganz anderen, ν τ α λ έσ κ α ς α ρ α als Angabe desZwecks zuπ parenthetischen Satz alsObjekt zuπ η σ ν . Eshätte abervonMEYER, um α ή θ λ εκ ρ α korrekt gegen STEUP zuargumentieren, gesagt werden müssen, warum es in V 17,2nicht etwaheißen könne π κ ρ α α λ ε ν έσ τ α ςἐ α ς....

74

II. Hauptteil

ist indes, wie aus späteren Wendungen (aaO 57) erhellt, auch hier wieder so gemeint, daßdie Darstellung fürdenLeser “ ohne genaue Kenntnis derBündnisurkunde undurchsichtig bleiben”

würde und daß

“ die Erzählung bewußt aufdasDokument abgestimmt”sei. Im hiesigen Zusammenhang genügt es, dendritten Teil zuüberprüfen.121 Die vorher (aaO 36– 50) bei MEYER geführten Erörterungen und die Lösungen in der früheren Forschung spielen hier teils nuramRande herein, teils nützen sie demVerständnis lediglich insoweit, als daran erkennbar werden kann, mit welcher Interpretationskunst eine fehlende Bestimmung in den Vertrag hineininter-

pretiert und sodann umgekehrt wieder ein Argument für die Überlieferungsabsicht der Urkunde, die manangeblich zumVerständnis benötige, herausinterpretiert wird. Wir müssen uns also nicht mit der ganzen (höchst problematischen) Partie befassen.122

57) sollte rasch erAuch der interessante dritte Teil (MEYER 50– ledigt werden können, dadoch MEYER 50 selbst dazu sagen muß “ Für diese Untersuchung kommen nur zwei umstrittene

Stellen in Betracht” umstritteundda die Vertragsklausel, auf die sich die beiden “ – μ es έ ν η ο handelt λ ν ἄ ν ε ω υἀλλή ν sich um V 39,3 εἰρ nen Stellen” ή μ τ εσπ έν δ εσ ή η τ οἄ τ ν ε επ θ υ μ ο α ε λ ίτ ῖν ῳ εμ undV 46,2 καθ ρεἴρ ά π ε δ β α ίν ε ν ε ιν–angeblich beziehen (sollen), im εη ὶ ξυμ η νμ λ ω λ ἀ λ Vertragstext gar nicht vorhanden ist; MEYER 51: “ Eine derartige Vereinbarung steht im Vertrag augenscheinlich nicht.”123 Umindes nicht unnötig denVorwurf zuprovozieren, an MEYERs

Argumenten achtlos vorübergegangen zusein oder ihnen nicht genügend Aufmerksamkeit gewidmet zuhaben, ist die Überprüfung wenigstens des dritten Teils seiner Erörterung zu V 23f unvermeidlich: 121Literatur zuderUrkunde V 23f bei BENGTSON, Staatsverträge ... II, Nr.189. 122Dasheißt nicht, daßichallen Erörterungen undAnsichten MEYERs undseiner bisweilen etwas eigenartigen Logik undArgumentation in diesem Abschnitt zustimmen würde (vgl. Fußn. 120). Aber die schon erwähnte Tatsache, daßvondort für das eigentliche Problem, die Überlieferungsabsicht, nichts zu gewinnen ist, erlaubt

es, darüber

hinwegzugehen.

123Es verdient wirklich Beachtung, wasfür eine Argumentation zugemutet (und durch diemeisten Rezensenten gebilligt) wird: zweiStellen sollen aufeine imüberlieferten Vertragstext garnicht vorhandene Klausel hinweisen, undeben dassoll ein Beleg für die Überlieferungsabsicht dieser Urkunde durch Thukydides sein!

1.c) Zu V 23f

75

MEYERs Lösung, vonderambesten auszugehen ist, lautet: “ DieAussagen εἰρημ έ ν ο νἄ ν ε υἀλλή ή λ ω τ νμ εσπ έ ν δ εσ θ α ί ή τ επ ε ῖνundκαθά ῳμ ο λ τ εμ η π ρεἴρ ε τ οἄ ν ε υἀλλή λ ω ν η μ δ ε ν ὶξ β μ α υ ίν ε ινgreifen zurück aufdie mündliche Vereinbarung in 5, 35,3: χ ρ ό ν ο υ ςτ ρ επ ού θ ε ν τ οἄ ν ε ρ φ υξυγ γ α ῆ ςἐ ν ῆ ντ ο ἷςχ ρ ο ὴἐσ ὺ ιό ν τ ςμ α φ ο ο τ ςἀμ έρ ιςπ ο λ ίο εμ υ ςεἶν α ι. Diese Beziehung wirddurch denPassus φ ά σ κ ο ν τ ε ς(sc.ο ἱΛ α κ εδ ό α ν ρ ιμ ρ ῇτ ιο ο ό νκο τ ε ι) π ὴδεχομ ιν ο ὺ ςμ έ ν ο υ ςτ ὰ ς σ π ο ν δ ὰ γ κ ά ρ σ ςπ ο α ν ε α σ ιν(5, 42,2) ausdrücklich unterstrichen. Erst durch Einschaltung dergemeinsamen Absprache, in welcher festgelegt war,daßzubestimmter Zeit bestimmte Staaten vondenGroßmächten alsgemeinsame Feinde behandelt werden sollten, wurde dieAusführungsbestimmung desspartanisch-athenischen Defensivbündnisses wirksam (5, 23,1 und 2: κ α τ α φ ω λ ύ ε τ ινδ ὼ (MEYER 56) π μ ό μ λ ).” αἄ ὲἅ ε ε Aufgrund dieser Interpretation folgert er(aaO 57): “ Das komplizierte Verhältnis, in demdie einzelnen Teile des thukydideischen Berichtes zueinander stehen, würde ohne genaue Kenntnis derBündnisurkunde undurchsichtig bleiben.”

Das wirkt beinahe überzeugend undeinleuchtend; jetzt scheint es, als stünde die vermißte Klausel, wennmannurgenau genug hinsehe, demSinne nach (aber mitetwas anderem Wortlaut) dochimVertragstext. Wie brüchig jedoch das Fundament dieser Kombination ist, von der MEYER 57, Fußn. 1selbst sagt, der “ versuchte Nachweis (habe) nicht denGrad anEvidenz erreichen (können) wiedieBeweisführung, diesich mitdervorangehenden Urkunde befaßte” ,

wird (erst) erkennbar, wennmanvomErgebnis auszurückgeht unddie Mühe nicht scheut, durch Analyse desGedankengangs denFehler zu suchen.124 Dannzeigt sich alsentscheidender Fehler der, daßauchMEYER mit seiner Interpretation undKombination unter derHandausdemreinen Defensivbündnis, dasderVertrag seinem Wortlaut, Inhalt undWesen nach ist, einen Angriffs- undVerteidigungspakt macht, eben das, was er seinem Vorgänger ED.MEYER zuRecht als Fehler vorwarf. Dieser hatte (aaO 290ff), indem ermeinte, es sei “ ohne weiteres zuzugeben, dass Thukydides sich in V, 39,3. 46,2 nicht genau ausgedrückt hat,”

124Aufdem‘Hinweg’fällt mannurzuleicht demaußerordentlich komplizierten, schwer durchschaubaren Sachverhalt, besonders denunscharfen Formulierungen unddem(angesichts derVerworrenheit desProblems imganzen) dannsoglatt erscheinenden Ergebnis zumOpfer, zumal gerade in MEYERs Abschnitt über V 23f (S.36– 57) derbei weitem größte Teil nuramRande zureigentlichen Frage gehört undakzeptabel erscheint; bisderLeser dannzurSache selbst kommt, ist seine kritische Energie verbraucht. Die lästige, aber notwendige Beschäftigung, wieder zurückzuschreiten undzuüberprüfen, hatmanbislang anscheinend gescheut; jedenfalls scheint sie mirbei denlobenden Rezensionen derArbeit entschieden zukurz gekommen zusein.

76

II. Hauptteil

sodaßer denAnschein erwecke, “ alsenthalte derVertrag mehr, alserwirklich enthält,”(aaO292) V 23,1 und23,2 als Bezugsstelle dergenannten Stellen in Anspruch genommen.125 Dort wird festgelegt, daß Athen undSparta im Fall eines Angriffs seitens eines dritten Staates gegen eine derbeiden Städte diesen Angreifer als gemeinsamen Feind betrachten unddannauchnur gemeinsam mitihmwieder Frieden schließen wollten. DanunBöotien, dasja demNikiasfrieden nicht beigetreten warundsich also mitAthen noch imKriegszustand befand, derjedoch durch einen aufjeweils zehn Tage befristeten (und dann erneuerten) Waffenstillstand (vgl. V 26,2 und32,5) suspendiert war,mitderGrenzfestung Panakton athenisches so argumentiert ED.MEYER – , wenn dieser Gebiet besetzt hielt, wäre –

Waffenstillstand einmal nicht mehrverlängert wurde undAthen Böotien angriff, Sparta zujeder möglichen Bundeshilfe an Athen verpflichtet gewesen.126 Dazusagt MEYER 52 mitRecht: “ Diese Deutung stützt sich jedoch auf eine willkürliche Auslegung des Vertragstextes.” Undzwar gilt das in zweifacher Hinsicht: denn abgesehen davon, daß hier erstens die ausdemKrieg noch fortdauernde Besetzung vonPanakton mit einem Angriff darauf nach Abschluß des athenisch-spartanischen Bündnisses, also derbeiVertragsschluß vorliegende Zustand miteiner Aktion nach Vertragsschluß unzulässigerweise gleichgesetzt ganz richtig weist MEYER darauf hin, daßdie Vorgänge um wird,127 – Panakton, d.h. die Besetzung undspätere Schleifung der Befestigungsanlagen durch Böotien, weder vonAthen nochvonSparta jemals als

125V 23,1f ... ἤ ντιν ε ςἴω σ ῆ ινἐ νπ ὴ ο νγ ιο λ ςτ έμ ιτ ὴ νΛ κ εδ α ο α ιμ ν ν ίω κ α ὶ κα κ η ν ῶ α ίο ο ο ν φ κ υ ίο εδ ε α υ ςπ λ ε α θ ο ςΛ α κ ιμ ιῶ σ ε α , ὠ ῖνἈ ιμ ιΛ δ ς ν ἂ νδύνω ίο ν τ ῳ κ ιςτρ α ῳ τ νἢ ὁ α ό ὰτ ι ἰσχυροτά π π ὸδυνατό ο ὲ τ ίῳ νδ ῃ ὴ ώ νπ σ α κ α ν ό ε μ ο λ δ τ ινΛ η ντ α ε ία νεἶν ι α ςοἴχω ν τ ι τα ο λ α ι, π εμ ύ τ δ · , κατα ν ω λ ιν ε ο ύ τ έρ η α ν ίο κ ῶ ὸἀμφ ιςκ ινὑ α π ε χ ὶ κα ςπ ά σ ν ίο θ ιςκ α ὶἈ ςκ α ὶἀ μ ω φ ω τ ὼ μ π ό . τα ρ ύ λ ε θ ο ε ῦ αδ τ μ αἄ α ίω ὶπ ᾽εἶν α ι δικα ςκ δ ὲἅ ῆ α νἴω ιο ὶ κα ικ σ ῶ ιπ ο λ κ έμ ς η ν α ίω νγ θ νἈ ὴ ε ντιν ςἐ α ὶἤ ω ./ κ ςτ λ δ ό ς ῳ ῳ ό π τ ὅ υ ίο ς α > τρ ν η ίο ν ο θ υ κ ε δ α ιμ ς ο λ ύ ο β ἰ ε ι τ ό θ α κ ν ὲ μ ν ὸ τ , ς ο γ Ἄρ ιν... [ὡ ε ςist bei WILAMOWITZ versehentlich ausgefallen; Text undÜbersetγ ἄ zung zeigen aber eindeutig, daßer es voraussetzt] ‘zwei Vorschläge, deneinen, wenn Frieden” . Hude theilt dass –wenn sie Krieg wünschten, denandern, dass – garkeine Aenderungsvorschläge mit; dasist recht, ...; aber nunsieht es soaus, als muthete er uns zu, die Ausreden der Interpreten anzunehmen, gleich als ob ein schönes Kunstwort wieEllipse hinreichte, Unsinn zuSinn zumachen. Indie beidenLücken gehört derInhalt derVorschläge, indieerste eine kräftige Kriegsdrohung, indie zweite derKerndesActenstückes, dasdahinter steht. DaderVertrag nureine kurze Spanne Zeit gegolten hat, bis manzueinem Bündnis fortschritt, hatte seine Mittheilung überhaupt keinen Zweck; das Buch des Thukydides wäre einFoliant geworden, wenneres mitsolchen Anlagen hätte belasten wollen. Die grammatische Analyse in Verbindung mitderhistoriographischen zeigt hier greifbar, dass die Erzählung nurskizziert war, das Material, dasfür sie zuexcerpiren war, aberdabei lag, alsderVerfasser starb, unddassderHerausgeber mitäusserster Pietät verfahren ist.”

1.e) Zu V 77 und79

97

Damit ist jedoch weder WILAMOWITZ’evident richtige Ansicht zu widerlegen noch ein Argument für die Überlieferungsabsicht der Urkunden V 77 und79 gewonnen. SCHWARTZ fand in dem Abschnitt V 76– 81 weitere Schwierigkeiten.163 Sie veranlaßten ihn zu der Schlußfolgerung, daß das in 79 mitgeteilte Schriftstück möglicherweise niemals verwirklicht worden, das Bündnis also niemals zustande gekommen sei; es handle sich

eher wohl um einen von den argivischen Oligarchen vorgelegten

Entwurf, den der Herausgeber des thukydideischen Werkes irrtümlich als tatsächlich abgeschlossenes Bündnis behandelt und in die Darstellung des Geschichtsschreibers eingelegt habe. Nach seiner Ansicht wären die Worte κ α ή ὶ ὁπ λ ω ν... εἶχ ό αἀ σ λ λ ο ν διελ ύ σ α ν τ ο (80,1) anzuschließen an den ersten Teil des Kap. 78 (κ α ὶτ κ ῶ ε νΛ α

1631. In dernach Kap.77 folgenden Erzählung werde nurberichtet, daßdie Argiver die spartanischen Vorschläge annahmen; ob undwie sie die darin enthaltenen Forderungen ausführten, werde – nicht berichtet, obwohl dies zunächst jedenfalls – wegen der notwendig damit verbundenen Auseinandersetzung mit denbisherigen Verbündeten nicht eben leicht für Argos war. Nach demvorliegenden Text (Kap. 78) müsse manannehmen, daßdiese Verhandlungen erfolglos blieben, danurkurz erwähnt werde, daßdasfrühere Bündnis (mit Athen, Elis, Mantineia) aufgegeben undein neues (mit Sparta) geschlossen werde. 2. Nach der in Kap. 79 überlieferten Bündnisurkunde solle die Führung eines eventuellen Bundesgenossenkrieges zwischen denverbündeten Städten Argos und Sparta geteilt werden (79,3); so viel hätte die spartanische Regierung aber nurkonzedieren können, “ wenn sie der argivischen völlig sicher zu sein glaubte, d.h. wenn die oligarchische Partei so fest im Regiment sass, dass ein Umsturz in der inneren undäusseren Politik nicht zubefürchten war.” Dagegen werde dervöllige Sieg der argivischen Oligarchen, den manaus dieser Bestimmung der Bündnisurkunde erschließen müsse, nicht unmittelbar vor derselben, sondern erst an viel miteiner Breite, die von späterer Stelle (81,2) berichtet. Andererseits aber werde “ der knappen Einleitung der Bündnisurkunde auffallend absticht, ... eine ganze Reihe von Massnahmen der Argiver undSpartaner berichtet, die nichts anderes sein können als die Ausführung der ersten, dem Bündnis vorangehenden Propositionen des Lichas.” 3. Thukydides hebe hervor, daßsich Sparta undArgos zueiner gemeinsamen Politik gegenüber Athen verpflichteten, under sehe darin “eine ähnliche Übereilung” wie in denVerhandlungen mitdenChalkidiern undPerdikkas. Dieses Urteil durch Thukydides sei unverständlich, wenn das Bündnis bereits bestanden habe, aber undauch diese berechtigt, wenndie Argiver nurerst die Propositionen desLichas “ nicht ohne Widerspruch”akzeptiert hätten. Perdikkas habe diese Übereilung richtig erkannt undmit seinem Abfall von Athen noch gezögert, da er auch die Argiver habe zögern sehen. 4. Als im Sommer 417 die Demokraten sich in Argos wieder durchgesetzt hatten die unddie spartanische Hilfe für die Oligarchen zu spät kam, da müsse doch “ restaurierte Demokratie ... nichts eiligeres zu tun gehabt (haben) als das Bündnis ; davon aber berichte Thukydides nichts. mit demverhaßten Sparta zubeseitigen”

98

II. Hauptteil

ο ν ίω ντ δ α ιμ ὸστράτευ μ αἀνεχώ η σ ε ρ ν...).

Der zweite Teil von Kap. 78, die Urkunde Kap. 79 unddie ersten Worte des Kap. 80 (α ὲ ν ἱμ ) seien demHerausgeber zuzuschreiben. Für σ π ο ν τ δ α ο ὶ... ἐγεγένην die unorganische Einfügung des Aktenstücks in den Text glaubte er auch noch denWortlaut von76,2 anführen zukönnen: ἐβ ο ύ λ ο ν τ οδ ὲ ῶ ρ τ νσπ ο ο ν δ π ὰ σ α ν ςπ τ ε ο ιή ρ ὸ ςπ ςτο ὺ κ ο ν ίο α ε υ δ ςΛ α θ ιμ ὖ ιςὕσ ς[α ε τ ρ ο νκ α ὶ ξυμ μ α χ ία νκ ῳ μ α ἐ ή ὶ] οὕτ ῷ π ητ δ ιτ δ ω ίθ ςἤ ε σ θ α ι. Wenn man in deneingeklammerten Worten, die “ auf keine Weise zukonstruieseien, den “ ren” misslungenen Versuch die Mitteilung derBündnisurkunde anzukündigen”sehe undsie daher athetiere, so entspreche alles der vorher von ihm rekonstruierten Erzählung. (Hinsichtlich der Urkunde V 77 schloß sich SCHWARTZ ganz an die oben zitierten Ausführungen von WILAMOWITZ an.) Die Ausführungen von SCHWARTZ sind zwar scharfsinnig, aber 65 hat sie auch zu spitzfindig und wenig überzeugend; MEYER 60– (insgesamt beurteilt mit Recht) zurückgewiesen; und hierin liegen seine Verdienste. Insbesondere sei hier seine Interpretation des für SCHWARTZ ‘auf keine Weise konstruierbaren’Satzes 76,2 gewissermaßen als Überschrift über die folgende Darstellung undihren Ablauf in drei Stufen (aaO 61)164 hervorgehoben. undeben deshalb Andererseits zeigen SCHWARTZ’Einwände – eines auch ganz deutlich, nämlich wurden sie hier berücksichtigt – wie wenig die Urkunden in denfür sich viel besser verständlichen

Zusammenhang passen. Hierin treffen die Erörterungen von KIRCHHOFF, WILAMOWITZ und SCHWARTZ (bei aller sonstigen Verschiedenheit ihrer Ansichten im einzelnen) zusammen, daß die Schwierigkeiten behoben wären, wenn die Urkunden nicht im Text stünden (sondern statt ihrer vielleicht ein zusammenfassendes Referat), daß aber der historische Ablauf nicht nur nicht unklarer wäre, sondern an Stringenz undKlarheit unzweifelhaft gewänne, ohne daß bemerkenswerte sachliche Unterschiede feststellbar wären. Dies müßte zu denken geben, zumal auch MEYERs Erörterung nicht nurkein wirklich überzeugendes Argument, sondern überhaupt kein Argument für die Überlieferungsabsicht der Urkunden beizubringen wußte, es sei denn das soeben angedeutete der ‘Markierung der jeweils erreichten Stufe im historischen Ablauf. Damit kommt abschließend nochmals der Gesichtspunkt der Wichtigkeit, der schon zu V 47 kurz erwähnt wurde (ob., Fußn. 155), auf, zudemnoch kurz Stellung zunehmen ist. Diebeiden Urkunden V 77 und79 zeichnen 164Trotz dersogleich wieder übers Ziel hinausschießenden Verbindung mit den . diejeweiligen Etappen ... markierte” dieThukydides angeblich “

Urkunden, durch (ebenda)

1.e) ZuV 77 und79

99

sich sowohl imengeren Rahmen (des V.Buches) wie erst recht in Bezug auf den gesamten Peloponnesischen Krieg geradezu aus durch historische Bedeutungslosigkeit (zu 77 vgl. WILAMOWITZ’Ansicht, ob., 96 mit Fußn. 162). Im Grunde gibt das sogar MEYER 65 selbst zu, freilich nicht so drastisch formulierend: “ Sicherlich haben die Dokumente 5,77 und5,79 nicht die hohe Bedeutung der in denvorigen Kapiteln behandelten Urkunden.”

Es ist daher einfach nicht zusehen, wasThukydides bewogen haben könnte, gerade diese Abmachungen wortwörtlich in sein Werk aufzunehmen. Der an sich schon zu V 47 angebrachte Zweifel ist hier noch erheblich stärker. Vom Standpunkt der historischen Bedeutsamkeit ausspricht alles gegen eine Zitierabsicht derUrkunden seitens des Thukydides. Es müßte schon plausibel gemacht werden, warum andere Abkommen, die nur erwähnt oder angedeutet wer-

den, nicht gleichfalls zitiert sind. Aus dieser Überlegung ergibt sich, daß historische Bedeutsamkeit keinesfalls das entscheidende Kriterium dafür gewesen ist, einen Vertrag wörtlich zu zitieren. Ein weiterer wichtiger Hinweis ist hier anzufügen, aus dem sich bereits mit Sicherheit ergibt, daß MEYERs Auffassung der im Werk stehenden Vertragstexte als ἔ γ α(gemäß der in I 22 vorgenommeρ nen Unterscheidung von λό γ ) im Sinne des Thukydides γ ο α ιundἔρ falsch ist. Der Vertragsvorschlag, den wir dann als Vertragsurkunde V 77 im Text haben, heißt ausdrücklich ξυμ ρ ή ιο β α γ τ ο ςλό ς(V 76,3 e.E.) und wird in V 78 ausdrücklich nochmals als λ γ ο ό ςbezeichnet (τ ο ῦ τ ο νμ ὲ ντ ὸ νλό γ ο ρ νπ ο σ εδ έξ α ν τ ο...). Damit ist eine sehr wichtige Stütze für MEYERs These, die ich in der Einleitung (ob., S.23 u. 29) als zu untersuchendes Problem anführte, hinfällig. MEYER hat dies ganz übergangen, manmußsagen: wider besseres Wissen verschwiegen. Denn derSachverhalt als solcher kann ihmnicht entgangen sein, da er ihn selbst zitiert.165 Doch soll dem für dieses Problem vorgesehenen Kapitel, in demdieser zwar singuläre, aber eindeutige Beleg in einen größeren Zusammenhang gestellt unddurch eine ausführlichere Untersuchung abgestützt wird, nicht vorgegriffen werden.

165Vgl. MEYER 57: Man ... entsandte einen Mann namens Lichas nach Argos, ρ ιο ή ς β α τ ρ ίο η υ β ςzuüberbringen hatte.”Ebenda Dieser ξυμ α τ γ ο υ derλ ςξυμ ό “ γ ο λ ό ςist 5,77 (indorischem Dialekt) mitgeteilt.” “

100

II. Hauptteil

f. Zu VIII 18, 37 und58 Auch die drei Urkunden des VIII. Buches sind gemeinsam zu betrachten; sie verkörpern die drei zwischen Sparta und Persien (vertreten durch den Satrapen Tissaphernes) im 20.Kriegsjahr (d.h. imWinterhalbjahr 412/11) nacheinander geschlossenen Abkommen. Bei ihrer Besprechung werde ich mich ganz auf die von MEYER angeführten ‘Belege’beschränken und auch auf die Nachzeichnung des historischen Zusammenhangs, in den sie gehören, verzichten.166 Über alle drei Urkundentexte ist pauschal zu sagen, daß sie für die Darstellung deshistorischen Geschehens ohne Gewinn undalso überflüssig sind; sie bedeuten für des Lesers ‘Verständnis’ schier nichts, undes gibt nicht einmal wirklich ‘Beziehungen’wie MEYER sich so gern ausdrückt. Wo eine Angabe oder Bemerkung im Text des Thukydides auf einer Vertragsklausel ‘beruht’(ein ebenfalls unpräzis undtendenziös gern gebrauchter Ausdruck), ist die Darstellung mit einer Ausnahme ganz uneingeschränkt ebenso gutohne die ‘betreffende’Klausel verstehbar. Dagegen hat MEYER lediglich wiederholt die völlig unbewiesene undz.T. abwegige Behauptung (wie man sie auch schon von denfrüheren Abschnitten her kennt) anzubieten, das ‘Verständnis erschließe sich erst (voll) für einen Leser,

der die Urkundentexte (genau) kennt’. Zu VIII 18 gibt es außer der nichtssagenden und sehr einseitig betrachtenden Behauptung (MEYER 69) “ in der bisherigen Darstellung des achten Buches führte der Gang der Ereignisse auf das Bündnis zu, undder aufmerksame Leser ist keineswegs überrascht, nunvon seiner Realisierung zu hören”167

166 I onischer Krieg” ; Sparta undPeloponnesischer Bundseekriegführende Macht; Persien “ kommt ‘ins Spiel’; Tissaphernes läßt in Sparta verhandeln undverspricht Soldzahlungen; Umtriebe des Alkibiades usw; es reihen sich zahlreiche einzelne Unternehmungen aneinander. Eine Zusammenfassung dervielfältigen Aktionen, in die die Urkunden ‘eingebettet’sind undderen Darstellung schon bei Thukydides sehr konzentriert undnicht immer leicht durchschaubar ist (denn es fehlt soetwas wie ein ‘Roter Faden’), hatte fast 10 Seiten ergeben; ich habe sie, umdenLeser nicht nach denvorangehenden Seiten unnötig noch weiter zuermüden, entschlossengestrichen. Dies schien mirdarum nicht nurmöglich underlaubt, sondern fast geboten, weil ein wirklicher Zusammenhang zwischen den Urkundentexten und demumgebenden historischen Bericht tatsächlich nicht besteht.

167Wohl aber ist manüberrascht das(unwichtige!) Bündnis imOriginal vorgeführt

zu bekommen. Der Gerechtigkeit halber ist allerdings zu sagen, daß MEYERs Behauptung der Abwehr der Kritik durch WILAMOWITZ (Thukydid. VIII, Hermes 618], 584) dient, der bemängelt hatte, daß durch den bestimmten 43, 1908 [578– ) derVertrag als bekannt eingeführt”werde. Hier kann man η ρ ώ τ Artikel (undπ “

1.f) ZuVIII 18; 37; 58

101

unddernoch schwammigeren Behauptung (aaO 70) “ Das Dokument eröffnet also sehr wesentliche Perspektiven, undThukydides tat recht daran, es nicht unerwähnt zu lassen”168

eigentlich nurdenHinweis (ebenda), daßsich (der Spartaner) Therimenes “ durch die letzte Stipulation des Vertrages zur Expedition gegen Iasos (8,28,2) bestimmen ließ (8,18,3): ἢ νδ έτιν ε ς ... [folgt griech. Text]169 Dasmagja so sein, kann aber dasUrkundenzitat imGeschichtswerk nicht begründen noch rechtfertigen. (Irgendeinen Beleg oder ein Argument zugunsten der Überlieferungsabsicht dieser Urkunde durch Thukydides gibt es also nicht.)

Gleich darauf schon geht MEYER zurnächsten Urkunde (VIII 37) über, die noch im selben Winter vereinbart wurde und das frühere Abkommen außer Kraft setzte (wodurch dessen Zitat nochmals eine Stufe unnötiger wird; dies gilt allerdings auch für den zweiten Vertrag, dembald ein dritter folgt.) Nachdem MEYER über einige Seiten hindie Bemängelungen vonSCHWARTZ undWILAMOWITZ (erfolgreich) zurückgewiesen hat,170 kommt er zu dem Bericht (VIII 43,3f), der seiner Meinung nach das Urkundenzitat (von 18 und von 37) verlangt; er erwähnt (und zitiert) die Kritik des Lichas, eines Mitglieds der Regierungskommission, die vonSparta aus zurInspektion nach Kleinasien gereist war, an beiden früheren Verträgen undsagt dazu: Auch dieser Bericht setzt die Mitteilung der Urkunde voraus: “ die aufregende Darstellung mit ihren deutlichen HinMEYER zustimmen, mußaber nicht, vgl. ablehnend M.TREU, Gnomon 40, 1968, 715f; bloß hatdasnichts mitder(immer wieder zuUnrecht als selbstverständlich

vorausgesetzten) Überlieferungsabsicht zutun. 168Die ‘wesentlichen Perspektiven’sind propagandistische Phrase, undein knapp hätte ‘wesentlichere Perwenn überhaupt nötig – referierender Bericht vomInhalt – spektiven eröffnen’können. Imübrigen: wasist hier wieder mit nicht unerwähnt “ wäre! lassen”gemeint? Offenbar das (überflüssige) Zitat: als ob dasdasselbe 169Demschließt sich (aaO 71) noch die Ankündigung an, es werde sich zeigen, daßdasnicht die einzige Stelle ist, anwelcher die Darstellung Kenntnis“derUrkunde voraussetzt.”(Bei wemauch immer [beim Schreiber oder beim Leser?] vor‘ aussetzt’) 170Diese (meistens erfolgreiche) Bemühung umdasrechte Verständnis des überlieferten Textes istMEYERs Hauptverdienst, dasanerkannt zuwerden verdient; offenbar liegt indiesem Verdienst (neben derstets unpräzisen, dasEntscheidende oft verdeckenden Ausdrucksweise) ein zweiter (positiv zubewertender) Grund dafür, warum dashöchst Unglückliche seiner Behandlung dereigentlichen Frage nicht recht bemerkt wurde.

102

II. Hauptteil

weisen auf die Verträge desChalkideus unddes Therimenes verlöre jegliches Gewicht, wenn der Leser die fatalen Bestimmungen jener Abmachungen nicht imWortlaut studiert undin ihrer Tragweite erkannt hätte.” Dies ist jedoch im ersten Satz einfach falsch, undnach demDoppel-

punkt eine bloße Interpretations-Meinung, worüber man auch ganz anders denken kann. Der Bericht lautet (43,3f) μ ά λ ισ τ αδ ὲὁΛ ίχ α ςἐσκόπ μ ν α ε ακ ὶτ ὰ ὰπ ύ ε ο ιο ιτ ς ρ ια η ςο ὰ σ π ο ν δ τ ὔ ςοὐδετέρ ετ ὰ ω ὰ ςΧαλκιδ έ ετ ὔ τ ςο ςΘ μ έ ν ο υ ηκα ςἔ ςξυγ φ λ ῶ κ ε ῖσ θ α ι, ἀ ρ α λ νεἶν λ ὸ ἰ χώ α ὰδειν ιε ς ςκ η ρ ρ α ό ο ν ξ τ . τα γ νπ ε ὶ α τ ρ ο ν ύ ο ε ὺ ό α ιλ σ ιἦρ ὶο ἱπ ςκ η ςβα σ ὅ ὰ ρκ α ὶ νήσ ο υ ςἁπ ά σ α ν ς ε ῖν(ἐ ῖν α ι171γ ν ῦ νἀ ε ι κρατε σ ιώ ξ ρ χ ι έ ε α ρ ὺ ο σ ὶΘ ινκ σ ε α ςκ ὰμ α ὶτ κ λ π ά ία λ νκ ινδουλεύ α ο ὶΛ ὴ ντ ο χ νἀρ ῖςἝ ὴ α ᾽ἐλευθ Β λ ), κ ὶἀ ο ν ιω τ δ τ ν ία η ῶ ικ ερ ςἂ νΜ α ε υ ε ςο ν νἐκέλ ίο ο ὖ υ η ρ ςπ σ κ ιθ ε ο ὺ α δ ιμ ε ιτ α ῖν α ι. (4)ἑτέρ ε ςΛ λ β ε λ τ ίο υ ςσπ έν δ εσ θ α ι ..., und er setzt darum die Mitteilung der Urkunden”nicht voraus, weil –ganz nach dem “Verfahren, das Thukydides anderweitig praktiziert, wenn er Verträge, statt sie zu zitieren, erwähnt (dazu unt. in

das, wasderLeser von denVerträgen wisKap.II.4 dieser Studie) – sen soll oder muß, vonThukydides perReferat angegeben wird, vgl. die Unterstreichung im obigen Zitat. Der in Klammern stehende τ α ῖνbeweist geradezu, daß beide Urkunden (Kap. ρ ε Zusatz nach κ zitiert werden sollten; dabei ist es gleichgültig, ob nicht und 18 37) ν... δουλ ῆ ε ιν... Thukyε ύ ν man der Überlieferung folgt (dann ist ἐ dides’ objektive Mitteilung) oder der Bekkerschen Verbesserung (ἐ ν ε ῖν α ι ...), die den Gedanken als subjektive Meinung des Lichas formuliert.172

Nach längerer Erörterung zudendazwischenliegenden Partien173 wiederholt MEYER 80 zu Kap. 52 diese nämliche Behauptung von der Notwendigkeit der Kenntnis der Verträge: “ Auch im schwierigen Kapitel 8, 52 ... werden beide Verträge als durchaus bekannt vorausgesetzt: ... [griech. Text]

Dies ist hier ganz ebenso unrichtig wie an dervorigen Stelle; denn es wird auch hier, was der Leser allenfalls kennen muß oder soll, wiederum als Referat aus Lichas’Munddargeboten: 171 ἐ ν ε ῖν α ι Bekker: ἐ ῆ ν νcodd.

172Dies auch gegen SCHWARTZ 75, der– ein R egest”derVerunnötigerweise – ’steht just hier in träge (statt des Verträge selbst) für angebracht hält: dieses ‘Regest“ 43,3, woes gebraucht wird. 173Hierzu gilt positiv dasselbe, wasichin Fußn. 170 angemerkt habe.

1.f) Zu VIII 18; 37; 58

103

α ίχ ςο ά σ κ ὐφ ὁΛ ω νἀνεκ τ ὸ νεἶν α ι ξυγκεῖσ α θ α ι κρατε ῖνβ ατ έ ῶ νπ ό λ σ ιλ ε ω νὧ νπ ο τ ὲκ α ὐ ρ ρ ο ὶπ νἢα τ ό τ ὸ ἱπ ε ςἢο α ρ χ ον.174 ες ἦ τ έρ

Nachdem die athenischen Verhandlungen mitTissaphernes (unter Alkibiades’ Vermittlung) gescheitert waren (Kap. 56), wandte sich dieser wieder den verärgerten Peloponnesiern zu undschloß, ebenfalls noch im selben Winterhalbjahr, einen dritten Vertrag mit ihnen, der wiederum denzweiten außer Kraft setzte. Thukydides motiviert undbegründet diesen Vertrag in Kap.57 relativ ausführlich aus derSicht desTissaphernes, undin Kap.58 steht dessen Text. Der in 57,2 gebotene Einleitungssatz dazu fällt sprachlich durch ein doppeltes ο ὖ ν auf, wiemanes auf soengem Raumbei Thukydides sonst nicht findet (STEUP z.St., Band VIII 138). WILAMOWITZ (Thuk. VIII, Hermes 43, 1908, 595) sah darin den Beleg für nachträgliches Zusammenfügen zweier Fassungen, während MEYER 85 im Anschluß an L.KUNLE (Untersuchungen ..., Diss.Freiburg 1909) 36 die unterschiedliche Funktion (a. schlußfolgernd, b. fortführend) hervorhebt.175 Tatsächlich wirkt 57,2 mit 58 und dem 1.Sätzchen von 59 wie ein nachträglicher Einschub, nämlich möglicherweise als

vom Herausgeber vollzogene Einfügung der vorgefundenen π ν ε ο ./ ιρ Urkunde in den vorgefundenen Zusammenhang 57,1 ... ἤ 59,1 κ ε τ α ὰτα ὶμ ῦ τ .... Benötigt wird die Urkunde nämlich für den α ganzen übrigen Zusammenhang (gegen MEYER undin einem Fall auch gegen WILAMOWITZ und ERBSE, Thukydides-Interpret. 39ff)

nicht. Im Gegenteil ergibt sich durch die zuerst einmal von Thukydides nicht beantwortete Frage, wieso die Verhandlungen (57,1) in Kaunos stattfinden, der Vertrag 58,1 aber von der Mäanderebene (bei Milet?) redet, eine (unnötige undvermeidbare) Unklarheit.176

174Nach neuerlicher – erfolgreicher – Erörterung derin Kap.52 liegenden (vor allemsprachlichen) Problematik wiederholt MEYER 84diese Behauptung einweiteres Mal: Die Kenntnis der Stipulationen ist also hier ebenso erforderlich wie in 8, 43,3, “ wozumersten MalvonderMißbilligung desLichas die Rede war.”Durch dieWiederholung wirddieBehauptung abernicht zutreffender. 175Diese rechtfertigende Verteidigung ist etwas schwach undnicht überzeugend; νproblemlos mit ὖ aber die Sache magauf sich beruhen: mankann das zweite ο

VANHERWERDEN athetieren. 176WasMEYER 86 dazusagt, istebenfalls keine Erklärung, sondern eine fast verhöhnend banale Feststellung dessen, wasmansieht: T hukydides verzichtete augenscheinlich aufnähere Ausführung dieser bedeutungslosen Einzelheiten, die sich “ nurteilweise noch ausdemgebotenen Bericht erschließen lassen.”Ausseiner Feder wirkt ein solcher Satz ganz besonders merkwürdig, will er doch sonst so oft einreden, manbenötige fürAngaben, diebestens aussich selbst verständlich sind,

104

II. Hauptteil

Dies alles läßt die Mitteilung der Urkunde jedenfalls nicht erforderlich scheinen. Einen ersten Versuch, dies jedoch zubelegen, findet man mit Beziehung auf 84,4 (Aufruhr in Milet)177 und 108,5 (Aufruhr in Antandros gegen den Untersatrapen Arsakes)178 bei MEYER 88: “ Hier genügt es, die Abhängigkeit der Erzählung in 8, 5 und in 8, 108,4–109,2 von der in 8,58,2 mitgeteil84,4– ten Vereinbarung aufzuweisen.” Ein solcher ‘Aufweis’erfolgt dann aber gar nicht, sondern man hat aus dem in Fußn. 1gegebenen Hinweis auf STEUP (Komm. zu 84,4) zu erschließen, daß mit 84,4 τ ὸἐ ντ ή ῇΜ ῳ τ μ ιλ η ἐ ῳ ν κ μ έ ο δ ο ν ο ν 179und 108,5 ἐκβ ά λ ρ λ ν ρ ο ιον ο ύρ υ ο έ ςφ υ τ ο ῦΤισσαφ σ ι το ρ ὺ ο υ ρ ςφ ο ὺ ς α ὐ τ ο ῦἐ ῆ κτ ςἀκροπ ό λ ε ω ςdie Rechtsgrundlage für Tissaphernes’castellum von Milet und Arsakes’Besatzung auf der Akropolis von Antandros in der Vertragsklausel 58,2 angesprochen sei unddaß insofern dieser (gesamte!) Vertragswortlaut zum ‘Verständnis’ (?!) der beiden Stellen zitiert werden mußte. Dazu sage ich gar nichts: eine solche Abhängigkeit derErzählung”spricht für sich selbst. 91 einmal umgekehrt vor, indem er nicht Danach geht “ MEYER 88– Thukydides’Text als von einer Vertragsklausel abhängig zu erweisen sucht, sondern den im Vertrag unerklärten Ausdruck κ α τ ὰτ ὰ α(58,5) auf 45,2, also auf Thukydides’historische Darstelν ε ίμ ε κ γ υ ξ lung zurückführt: alles andere eher als ein Argument für Überlieferungsabsicht des Vertragsdokumentes durch Thukydides! Das erste ernsthafte Argument bringt MEYER 90 mit Hinweis auf die Erwähnung der phönikischen Flotte. Im Vertrag (58,5 u.7) werden zweimal die ‘Schiffe des Königs’erwähnt; damit ist die dem Leser schon seit 46,1 bekannte (dort übrigens ohne irgendeine Erklärung oder Anknüpfungsmöglichkeit wie etwas Bekanntes eingeführt unddemLeser ‘zugemutet’) phönikische Flotte gemeint (dort redet Informationen aus dem(wörtlichen) Zitat einer Urkunde. (Ebenfalls nicht recht 9 ERBSE, WS 101, 1988.) überzeugend zuVIII 57– 177DerHinweis scheint mirnötig, daßThukydides diesen Aufruhr nicht mitder Auslieferung derkleinasiatischen Griechen andiePerser, wie sie ausdenVertragsklauseln 18,1und37,2 erkennbar wird, indieMEYER denVorgang einordnet, motiviert, sondern mitderErbitterung über Lichas. 178Auch hierzu ist festzuhalten, daßderAufstand nicht wegen der Vertragsbestimmung 58,2 ausbricht (wie MEYER meint), sondern damit motiviert ist, daßman ähnlich blutige Übergriffe wiein Atramyttion befürchtete unddemzuvorkommen wollte. 179STEUP wahrscheinlich nach derVertragsbestimmung vonc. 58,2: π ρ ε ῆ ὶτ ς “ἑ ε τ α ι.” ω ὺ ε ςβούλ α ιλ σ β ςὅπ ω τ έ α ῆ ρ α υ τ ςτ ς ο ῦβουλευ χ ώ

1.f) ZuVIII 18; 37; 58

105

Alkibiades zu Tissaphernes von den ν α ῦ ςΦ ο ιν ίσ σ α ςἅσ ρπ ρ π ε ε α σ κ , die er aber denPeloponnesiern nicht verfügbar machen ο ε τ υ ά ε ζ solle). Wenn es dann unmittelbar nach demVertrag in 59 heißt ε κ α ὶμ τ ὰτα ῦ τ απ ρ ε α σ κ ε υ ά η ζ ε τ οΤισσαφ ςτ ρ έ ν ά ςτ εΦ ο ισ ν α ίσ ςν α ῦ ςἄξ ω ν τ , ὥ ρεἴρη ο σ π , κ ε α ὶ τἆ λ λ αὅσα ρὑ π ε π ε τ χ ο ,κ α έ σ ὶ ἐβούλ ε τ ρ οπ α σ κ α ε υ α μ ε ν ο ζό ο λ ῦ ςγ ο νδῆ ςε ἶν α ι, so urteilt MEYER 90 (in Fußn. 2 sich aufdasScholion zuὥ η σ ρεἴρ π ε τ οstützend: ἐ ντ α ῖςσπ ν ο δ α τ ό ι) ν ο ῖςδηλ “ Dieser Satz greift ausdrücklich auf das vorangehende Do-

kument zurück. Dem Leser, der die entsprechende Vertragsbestimmung nicht kennenlernen konnte, wären die Bemühungen des Tissaphernes doch recht undurchsichtig geblieben.” Doch auch dies ist nicht mehr als eine mögliche undkeineswegs sehr wahrscheinliche Meinung: Denn selbst wenn die Urkunde – wie ich überzeugt bin –im endgültig redigierten Text nicht vorausginge, wäre sowohl die Formel ὥ η τ οin sich selbst verständρ σ ε π ἴρ ε lich genug, wie ich dies oben (S.62ff) zu den entsprechenden Formeln (die auf V 18f bezogen sein sollen) zeigte: die Formel wie “ vereinbart”belegt, daß vereinbart worden war, undwill überhaupt nicht andeuten, was vereinbart wurde; sie ist aus sich selbst verständlich. Die phönikischen Schiffe” aber haben (mit oder ohne Urworauf auch der Wortlaut 46,1, in kunde!) ihren Anknüpfungspunkt “ (ν α ῦ ςΦ ο ιν ίσ σ α ς , 59: Φ ο ιν ίσ σ α ςν α ῦ ς46,1) hinführt. Dort waren dem Leser, wie soeben vermerkt, die nämlichen Schiffe ohne vorherige Erklärung oder Anknüpfungsmöglichkeit zugemutet worden, und jedermann erachtet das dort als problemlos, auch MEYER. Wieso sollte man nun hier die Urkunde zum Verständnis α σ ιλ ω έ ς ἱβ benötigen, die zudem einen anderen Ausdruck (α ῆ ε ν ) benutzt? Wenn man sich bald darauf (in Kap.78) über das ς ὰ ς Ausbleiben der Schiffe beklagt, so redet man wiederum von τ ν ο υ ςΦ ο ίσ ιν έρ σ α ῦ . So kann man auch hier (gegen ς ςνα ρ ὰΤισσαφ π α MEYER) folgern, daß die Urkunde jedenfalls vom Leser nicht benötigt wird, wenngleich sie denaufgebrachten Schiffsbesatzungen bekannt gewesen sein mag. Bevor dann MEYER abschließend nochmals ein ernstzunehmendes Argument vorbringt, bei dem er ausnahmsweise einmal WILAMOsiWITZein wenig für sich sprechen lassen kann (s.u.), zeigt er 90f – cherlich gegen seine Absicht –erst einmal die Überflüssigkeit der Urkunde 58: Im Zusammenhang der ‘Flottenpolitik’ des Tisaphernes, die vorallem darin bestand, diephönikischen Schiffe wohl anzukündigen, jedoch niemals erscheinen zulassen, führt MEYER drei

106

II. Hauptteil

Stellen an, in denen sich eben diese Hinhaltetaktik ausgedrückt findet: 87,4 Thukydides’eigene Stellungnahme; 56,2 und57,2; dazu sagt er: “ Alle drei Stellen deuten zurück auf 8, 46,2 (ε ὐ τ ε λ ρ έσ α τ ε τ ῆ χ ᾽εἶν α ε ι, βρα ρ ά δ ςδαπ ο δ ῖμ ὲτ ίῳ α ν ῆ ςκ α μ ὶἅ αμ ε τ ὰτ ῆ ς α λ ε ία ῦἀσφ ο τ α υ ἑ ςα ὐ τ ο ὺ ρ ὶ ἑα τ ςπ υ ε ο ὺ ςτ ο ὺ η ν α ςἝ α λ ςκ λ ρ ῖψ α ι).”(aaO 91) τ α τ Das ist der gleiche Zusammenhang (nämlich Beratung des Tissaphernes durch Alkibiades), auf den sich (vgl. S. 104f) die Erwähnung der phönikischen Schiffe (46,1) gründet; das ist nur keine Urkunde, unddas bedeutet, daß die Urkunde 58 auch hierfür nutzlos ist.180

Das angekündigte ‘ernsthafte’Argument von MEYER, bei demer sich auch auf WILAMOWITZ (Thuk.VIII, 597) berufen kann, ist zugleich das letzte überhaupt: der VIII 43,3f aufgebrochene Konflikt zwischen Lichas als dem Sprecher der spartanischen Elferkommission undTissaphernes, welcher sich daraufhin im Zorn undohne Einigung von ihnen zurückgezogen habe (43,4 Τ η ισ φ ρ ςἀπ η σ ν έ α ε ρ χ ώ ῆ γ ςκ σ ε νἀ α νδ ᾽α ῶ ι᾽ὀρ π ὐ τ ρ κ α τ ὶἄ ο ), sei noch offen, und nur aus π ς der Urkunde erfahre man, welche Lösung der Zwist in Knidos ge“ Das wirkt auf den ersten Blick so funden hat.”(MEYER 91)181 gravierend, wie der Beleg 1 zu V 18f (ob., S.50ff). Dennoch liegt hierin kein wirklicher Beweis für die Überlieferungsabsicht dieser (ganzen) Urkunde, die sich sonst ja als ganz so bedeutungslos gezeigt hat wie die beiden vorherigen, sondern hier tritt allenfalls (dies mit WILAMOWITZ) ein Beleg zutage für die (nun wirklich nicht bezweifelbare) Unvollendetheit des VIII.Buches, das ja in 109 ‘mitten im Satz’abbricht. 180Dasselbe Urteil gilt für MEYERs Ansicht zur S oldpolitik”(91). MEYER stellt , fährt dann 3 auf” zwar fest Über die Soldpolitik klärte bereits der Bericht 8, 45,2– “ anschließend) fort Was Tissaphernes bezweckte, als er die Ankunft aber (direkt “ der phönikischen Flotte versprach “ undzugleich verhinderte, verdeutlicht erst die Konfrontierung der entsprechenden Stipulation mit den folgenden Ereignissen; dennjetzt erkennt man, daßjene fixierten Zusagen dieechten Absichten desPersers nur verdecken sollten”[ verdeutlicht erst ...”ist wiederum eine stolide Phrase, “ mit Alkibiades’Rat in 46 konnte daran gar kein denn nach 45,2f in Verbindung Zweifel mehr bestehen], umdann zufolgern Es läßt sich also nicht leugnen, daß des thukydideischen Berichtes unauch dieses Abkommen für das Verständnis “ Ich bingänzlich anderer Ansicht. entbehrlich ist.” 181Vgl. WILAMOWITZ aaO der Zwist mitLichas hatte sich umdie Hoheitsrechte gedreht: wie das geordnet ward, müssen wir des Königs über die Griechenstädte “ hören, unddassteht nurin demVertrage.”

1.f) Zu VIII 18; 37; 58

107

Daß, wenn denn die ‘Lösung’ tatsächlich mitgeteilt werden mußte, ein Referat der (in 58,2) jetzt ‘abgemilderten’, nämlich auf Kleinasien beschränkten Machtansprüche des Perserkönigs im Interesse der Klarheit bessere Dienste geleistet hätte als dasZitat des ganzen Vertrags, ist einerseits klar, andererseits von den früheren Forschern (hier wiederum von WILAMOWITZ) so oft festgestellt (und, weil unbestreitbar, niemals widerlegt) worden, daß mandarauf nicht mehr insistieren muß. Aber ich möchte noch einen Schritt weiter gehen, d.h. die Notwendigkeit einer expressis verbis mitgeteilten ‘Lösung’desStreits bezweifeln: Zum einen ist eine Lösung undwirkliche Beilegung des Streits nicht erfolgt, sondern die persische Seite hat, umdas Abkommen, an demTissaphernes interessiert war, zu erreichen, etwas Kompromißbereitschaft undEntgegenkommen gezeigt, indem sie auf die in der Realität doch nicht haltbaren ‘historischen’ Ansprüche verzichtete und sich mit dem kleinasiatischen Festland begnügte; zum anderen kann man dieses Wenige (das Lichas’ edlen Ansprüchen ohnehin nicht genügte) kaum weniger gut als aus dem Urkundentext, der die Frage ja auch nur indirekt klärt, dem historischen Bericht entnehmen:

In 43,3 war Tissaphernes wegen Lichas’Forderungen beleidigt κ ρ τ α ο π und ἄ ςabgereist. Nach den gescheiterten Bemühungen des Alkibiades um ein Abkommen Athens mit dem Satrapen hatte sich Tissaphernes (57) wieder mit den Peolponnesiern ‘ins Benehmen gesetzt’, umein neues Abkommen zuerreichen (während das alte ja de iure noch gültig war). Auch ohne die folgende Urkunde des tatsächlich zustande gekommenen Vertrags, kann der aufmerksame Leser immerhin auf eine kompromißartige Verständigung schließen. Daß dieses wenige Erschließbare unbefriedigend ist, sehe ich sehr wohl selbst;182 aber ein wirkliches Argument für die Überliefe-

182Es ist ein historischer Zufall – , daß undes kann gar nicht geplant worden sein – dashier zurletzten Urkunde angefallene Argument vonMEYER dasbemerkenswerteste undbedeutsamste von allen ist: die ‘Reduzierung’des persischen Anspruchs auf nurnoch Kleinasien (ohne die vorgelagerten Inseln undsonstige griechische in der Urkunde Kap.58, nicht im indirekt – Gebiete) findet sich tatsächlich nur – nicht daswiederhole ich mit Nachdruck – historischen Bericht. Daraus kann zwar – abgeleitet werden, daßdiese Vertragsklausel oder derganze Vertrag oder die drei Verträge desVIII. Buches oder gardie sämtlichen neun Vertragstexte inderthukydideischen Darstellung (umdiese im höheren Sinne verständlich’zumachen) hät‘ ihmdie Fertigstellung und ten zitiert werden müssen oder vonThukydides, wenn Endredaktion seines Werkes vergönnt gewesen wäre, dargeboten worden wären. Aber, obwohl ich in der folgenden Zusammenfassung MEYERs Scheitern bei diesem seinem Vorhaben eines Nachweises derNotwendigkeit undUnverzichtbar-

108

II. Hauptteil

rung der Urkunde, die ja ihrerseits praktisch nicht mehr und gar nichts Deutlicheres bietet, ist damit nicht gegeben, sondern –wie gesagt –nur wieder ein Hinweis auf die Unfertigkeit des VIII. Buches.183

keit der Dokumente fürdasVerständnis derDarstellung feststellen muß, fühle ich mich gedrängt, ein Wort der ‘Ehrenrettung’undderAnerkennung einzufügen: Wie ich im Lauf der vorstehenden Überprüfung gelegentlich, z.B. in Fußn. 170, vermerkte, liegen MEYERs Verdienste inderWiderlegung vonKritikpunkten, Bemängelungen undVorbehalten gegenüber derja unvollendeten thukydideischen

Darstellung, dievonseiten derForschergeneration umWILAMOWITZ vorgetragen worden waren. MEYERs Arbeit, die nach demVorwort des Herausgebers ERBSE von E.KAPP angeregt worden war, ist damit einzuordnen in den Strom der (verständlichen) Reaktion gegen die oftmals allzu spitzfindigen undhyperkritischen, bisweilen selbstherrlich apodiktischen Äußerungen bedeutender Gelehrter umdie letzte Jahrhundertwende, wiemansie auchaufanderen Gebieten, besonders inder Homerforschung, beobachten kann. In diesem Bereich derKorrektur vonzuSpitzfindigem undvon zu kühnen Konstruktionen hat MEYER Bemerkenswertes und viel Überzeugendes geleistet; undvorallem darauf wirddie weitgehende Anerkennung seiner Arbeit zurückzuführen sein. Wenn ichdasScheitern seiner Bemühungen im eigentlichen undhauptsächlichen Anliegen feststellen mußte, so geschah dies ausschließlich umder Sache willen, in der derjunge Autor m.E. in einer unverantwortlichen Weise auf einen nicht gangbaren und der natürlichen Wahrscheinlichkeit widerstrebenden Weg ‘angesetzt’worden war, wo er – den Möglichkeiten eines jungen Doktoranden entsprechend –geleistet hat, waszu leisten war: es wäre abwegig zuerwarten, daßer unter dengegebenen Umständen das Gegenteil von dem, das ihm sozusagen auf- undvorgegeben war, hätte ermitteln undvertreten können. (Indiesem Dilemma, etwas faktisch Unerweisliches, die Notwendigkeit der Vertragstexte für des Lesers Verständnis der thukydideischen Darstellung zu erweisen, sah er sich wohl auch zuder von mir oft bemängelten unpräzisen undverschleiernden Ausdrucksweise [wie ‘Beziehungen’usw.] genötigt.) Das Scheitern in der Hauptsache hat MEYER zumindest nicht allein zu verantworten. (Es ist mir nicht bekannt, mit welchem Ergebnis ‘die Anfänge der Arbeit 1940 in Hamburg als Dissertation vorlagen’[ERBSE imVorwort]; es ist mir allerdings auch unvorstellbar, daßein so gelehrter undkritischer Kopf wie H.ERBSE die Mängel unddas in der Hauptsache Unhaltbare der Thesen bei seiner als Herausgeber undBearbeiter notwendig gründlichen Beschäftigung damit nicht erkannt haben sollte.) 183Vonerheblichem Argumentationsgewicht ist die Besprechung des Abschnitts 146, bes.144, und374. Danach 9 durch ANDREWES (In GOMME V) 136– Kap. 57– kann es als höchst wahrscheinlich gelten, daßThukydides beieiner späteren Revision (Schlußredaktion) statt derUrkunde selbst einkurzreferierendes Sätzchen geschrieben hätte, oder aber als möglich, daßderHerausgeber die bereits vorliegende knappe Zusammenfassung durch denvollen Wortlaut ersetzte; undinjedem Falle bleibt WILAMOWITZ’Argument unwiderlegt, daß57,1vernünftigerweise nicht unvermittelt (undunerklärt) mit58,1zusammen imselben Text stehen kann.

109

Zwischenbilanz zu II.

1

Der Versuch, die Urkundentexte für dasVerständnis derthukydideischen Darstellung als notwendig zuerweisen, ist mißlungen. Denn in keinem einzigen Fall ließ sich beweisen oder wenigstens wahrscheinlich machen, daß die Kenntnis einer bestimmten Vertragsbe-

stimmung (in ihrem Wortlaut) oder gar deswegen der ganze Vertragstext, in demeine bestimmte Stipulation festgelegt war, erforderlich oder auch nur nützlich undförderlich sei. In allen Fällen ergab sich das Verständnis-Notwendige unmittelbar aus der historischen Darstellung des Thukydides selbst.

Bei der Urkunde des Waffenstillstands IV 118f zeigte sich zunächst, daß die (angeblich von den Vertragsklauseln 118,6 und 13 abhängige) Wendung ξ ῇ σ α νἐ υ ν να ὐ τ ῇπ ρ ειζ ε ὶτ ῶ νμ νδ νσπ ῶ ν ω ν δ ό ιὰ ο π α ν ο υ τ ὸ ςin 119,3 (direkt nach dem eingefügten Vertrag) unςἐ ςλόγ mittelbar (und ohne den Vertrag zu benötigen oder zu berücksichῆ ν α ιτ β ὰπ λ μ ε ίω tigen) auf 117,1 ξ undσπ υ σ α α σ α ο θ ικ ν ὶἐ δ ὰ ς ςπ ο ιή ν ίωχρό ε τ ὸ νπ νberuht (ob., S.39); dann waren auch die drei anο λ geführten Belege (ob., S.42ff) für Notwendigkeit der Urkunde nicht . (ob., S.48) stichhaltig undwurden “ ins Nichts aufgelöst” Im Zusammenhang des Nikiasfriedens (Vertrag V 18f) gab es einen zuerst ‘schlagend’erscheinenden Beweis (Beleg 1, ob., S. 50f), der entweder die Kenntnis des Vertrags oder doch eine bestimmte Angabe desselben unverzichtbar zumachen schien, daßmannämlich die geplante Gültigkeitsdauer von50 Jahren, wie sie in V 27,1 undV 32,5 ‘als bekannt’vorausgesetzt werde, nur aus demVertrag (§ 3) erfahre. Doch auch hier erwies sich die Annahme, daß man 18,3 zum Verständnis benötige, als unzutreffend, weil sich das Verständnisnotwendige tatsächlich aus den Stellen selbst ergibt (ob., S. 51f) undweil ein ebenso schlagender Gegenbeweis aus V 14,4 erbracht werden konnte (ob., S.52f), woThukydides ganz ebenso eine ebensolche Angabe zur Vertragsdauer ‘als bekannt’einführt, die zuvor nicht begegnet war: diejeweilige Angabe enthält die notwendige Information zu sich selbst in sich selbst. Alle weiteren Belege (Nr.2 bis 11) waren von weit geringerem Gewicht underwiesen sich (ob., S.53ff) allesamt als unzutreffend oder belanglos. nach Erledigung der von MEYER anZu dieser Urkunde konnte – geführten Belege –(S.67ff) sogar ein (m.E. sehr gravierendes) positives Wahrscheinlichkeitsargument gegen die Zitierabsicht der Urkunde durch Thukydides vorgebracht werden, indem die Datierungs-

110

II. Hauptteil

methode der Urkunde in 19,1 der thukydideischen Absicht, mit seiner eigenen Datierung (die er in 20,1 in der Polemik gegen Hellanikos vorführt) die größte Genauigkeit zu beanspruchen, direkt entgegensteht und diese unbezweifelbare Absicht durchkreuzt. Daraus ist zu schließen: Die Urkunde und damit die störende Datierungsmethode gehört (nach der Konzeption des Thukydides) nicht

ins Werk. (ob., S.70)

Beim athenisch-spartanischen (Defensiv-)Bündnis (V 23f), das im historischen Kontext so bedeutungslos war, daß ED.SCHWARTZ sogar seine reale Existenz bestreiten konnte, hatte MEYER nur “ zwei umstrittene Stellen”(ob., S.74) anzuführen, die auf etwas anspielen sollen, das nach eigenem Eingeständnis von MEYER gar nicht im Vertrag steht, selbst die ausgiebige Erörterung und Interpretation (u.a. mit unzulässiger Aufwertung des Bündnisses) konnte daraus keine glaubhaften Belege für die Zitierabsicht desVertragstextes erstellen; dagegen sind (nach meiner Ansicht) die beiden Stellen (V 39,3 und 46,2) als unechte, auf Verwechslung mit V 38,1 beruhende Randnotifür die zen zu betrachten und jedenfalls keine Argumente “ Überlieferungsabsicht der (ganzen) Urkunde durch Thukydides”. (ob., S. 85)

Der Vertragstext des Bündnisses zwischen Athen undArgos, Elis, Mantineia (V 47) soll ebenfalls an zwei nachfolgenden Stellen (V 56,2 und 61,2) als dem Leser bekannt vorausgesetzt sein; aber an beiden Stellen ergibt sich dasangeblich als bekannt Vorausgesetzte – wie das in solchen Fällen üblich ist –aus den (knapp referierenden) Stellen selbst, die also erneut kein Argument für Zitierabsicht der Vertragsbestimmung (47,5) oder des gesamten Vertrags in wörtlicher Form erbringen können. (ob., S.89)

Für die beiden in V 77 und79 stehenden Verträge zwischen Sparta und Argos (der erste ein unter militärischem Druck angenommener einseitiger Vorschlag von spartanischer Seite aus, der zweite ein bald danach geschlossener etwas weitergehender Vertrag) gibt es überhaupt keine Belege oder Argumente, die ein Zitat der Urkunden im vollendeten Werk des Thukydides wahrscheinlich machen könnten. Dagegen zeigt sich, daß das (durch den Herausgeber zu verantwortende) Einfügen der Urkunde V 79 einen wohlvorbereiteten Subjektswechsel von 78 nach 80,1 zunichte macht unddaß aufgrund der außerordentlichen Bedeutungslosigkeit beider Dokumente im historischen Zusammenhang “ einfach nicht zu sehen (ist), wasThukydi-

Zwischenbilanz

zuII.1

dides bewogen haben könnte, gerade diese Abmachungen Werk aufzunehmen.”(ob., S.99)

111

in sein

Die drei Abkommen des VIII. Buches (18; 37; 58), die Sparta mit dempersischen Satrapen Tissaphernes schloß, haben nurimHinblick auf die vom Spartaner Lichas in 43,3 geäußerte Empörung darüber, daß in den beiden ersten Verträgen die dortigen Griechen (statt von der athenischen Beherrschung befreit zu werden) den persischen

Machtansprüchen in ihrer historisch weitesten Ausdehnung unterworfen würden, eine gewisse Belegfunktion (die aber nicht zum Verständnis benötigt wird, weil die Äußerung des Lichas sich aus sich selbst erklärt undgewissermaßen die Vertragsbestimmung aus 18 und 37 referiert). Als ein Korrektiv dazu kann 58,2 gelten, wo der persische Herrschaftsanspruch auf das kleinasiatische Festland beschränkt ist. In dieser Korrektiv-Funktion liegt ein echtes Argument, den Leser mit dem Inhalt der Bestimmung und der Tatsache als solcher bekanntzumachen, aber, da diese KorrektivFunktion von 43,3 bereits sehr deutlich erfüllt ist (vgl. ob., S. 102), auch hier kein Argument für die wörtliche Zitierung der Vertragsklausel oder des ganzen Vertrags oder gar aller drei Verträge; allerdings ein Argument für das Fehlen ‘der letzten Hand’ in Buch VIII. (ob., S. 106f)

112

II. Hauptteil

2. Sind die Urkunden λό γ ο ιoder ἔρ γ α ? Im Sinne einer Wahrscheinlichkeitsermittlung darüber, wie Thukydides mit den Urkunden, die sich jetzt184 im Text befinden, zu verfahren gedachte, hat die Frage derZuordnung eine sehr wichtige, ja vielleicht entscheidende Bedeutung. Obgleich von vornherein und sozusagen ‘auf den ersten Blick’klar sein müßte, daß die Urkunden gemäß der Differenzierung in I 22 demBereich ὅ ῳ ε ἶπ σ αμ ὲ νλ γ ο ν ό , nicht aber den ἔρ 185zugehören,186 hat sie MEYER, γ ατ ῶ νπ ρ α χ θ έν τω ν worauf schon mehrfach hingewiesen wurde (vgl. Fußn. 186; ferner 4, Fußn. 12; 22 und 22f m.Fußn. 39; 90 m.Fußn. 154), den ἔ γ αzugeρ historisch unrichtige – rechnet, weil er damit seine – Vorstellung von “ Genauigkeit” , wie er sie in den wortgetreu tradierten Texten sah, mit dem von Thukydides in I 22,2 beanspruchten Verfahren der möglichst genauen Faktenermittlung in Verbindung bringen konnte. Wie abwegig das ist, wurde ebenfalls schon oben (S.89f) imZusammenhang mit V 47 undnach KLAFFENBACH aufgezeigt.187 Dieser eindeutig falschen Zuordnung, welcher, wie MEYER nicht entgangen sein kann (vgl. ob., S.99 mit Fußn. 165), die thukydideische Benennung widerspricht, liegt zudem ein methodischer Fehler zugrunde (vgl. unt.S. 114). Demgegenüber hat sich bereits LUSCH1130 dafür eingesetzt, daß die Urkunden ihrem Wesen NAT 1127– γ nach als λό ο ιzu betrachten sind. Um diese wesensmäßige Unterscheidung zwischen λ γ γ αbemüht sich die nachfolgende ο ιund ἔρ ό Untersuchung, die bereits durchgeführt war, bevor ich LUSCHNATs Artikel zu Gesicht bekam.188 Thukydides erwähnt in I 22 bekanntlich nicht die Urkunden, jees denfalls nicht ausdrücklich. Für Meyer 5 ist das ganz natürlich: “ , wenn man man sich darüber wäre ein allzu grober Anachronismus” wundern wollte; denn diese Urkunden hätten für Thukydides, derja 184D.h. in demnach des Autors Toddurch einen unbekannten Editor publizierten Text. 185Über die merkwürdig umständliche (fast tautologische) Doppelheit in beiden Ausdrücken vgl. unt., S. 126. 186Denn, wie bereits erwähnt (vgl. in der Einleitung Fußn. 2 undS.99), redet Thuγ ο . ό ς kydides selbst (in Bezug auf die Urkunde V 77) vonλ 187 Vgl. auch ebenso LUSCHNAT 1126. 188Die Anfänge der hiesigen Untersuchung – zunächst nurdie kritische Auseinan-

gehen bereits auf meine Studentenzeit Mitte dersechziger dersetzung mit MEYER – Jahre zurück; sie konnten seither aufgrund vieler (gravierender, z.T. äußerer, z.T. persönlicher) Bedingungen und Hinderungsgründe trotz verschiedener über die Jahre hinversuchter Anläufe nicht weitergeführt werden.

2. SinddieUrkunden λ γ γ ο ιoderἔρ α ό ?

113

Geschichte seiner Zeit, also Gegenwartsgeschichte, schreibe, nicht eben dieselbe Bedeutung als Quelle haben können wieheute.189 Damit ist zunächst noch nichts über die Art ihrer Verwendung durch Thukydides gesagt;190 es ist damit ebenfalls nicht gesagt, daß man im Methodenkapitel unbedingt eine Äußerung über sie finden müßte. Denn nur der Historiker entscheidet darüber, ob er sich vollständig über alle Quellen unddie dafür angewandten methodischen Prinzipien im einzelnen äußert oder ob er sie alle zusammen unter die Stichwörter λό γ γ ο ιundἔρ α fassen will.191 Es gilt damit aber sehr wohl das Postulat, daß das Zitat der Urkunden den methodischen Grundsätzen, die er für sein Werk beansprucht, nicht widersprechen dürfe.

Was nun die Zugehörigkeit der Urkunden zu einem der beiden Bereiche angeht, die die genannten Stichwörter bezeichnen, so verwahrt sich Meyer 5 (Fußn. 2) dagegen, diese Frage irgendwie mit dem Redensatz in Beziehung zu setzen. In der Tat wäre es übel für seine These, müßte mandendort ausgesprochenen Grundsatz, nicht den tatsächlichen Wortlaut, sondern das Notwendige nach der Haltung des Redners wiederzugeben,192 mit der wörtlichen Wiedergabe von Schriftstücken in Einklang bringen. DaßThukydides demgemäß nicht daran dachte, Verträge (und gar Vertragsvorschläge wie V 77) 189Die Erklärung ist kaumeinleuchtend undkann nicht überzeugen; dennes mag angesichts derdemheutigen Historiker geläufigen Unterscheidung zwischen pridie ArtderÜbermären Quellen, wozudie wörtlich überlieferten Verträge zählen – lieferung, ob auf Stein oder im Geschichtswerk eines antiken Historiographen, spielt dafür keine Rolle – undsekundären, denen manThukydides’Werk zurechnet, (vielleicht?) plausibel erscheinen, insofern damit die Urkunden als Primärquellen heute einen ‘nominell’höheren Rang erhalten als die Sekundärquelle, durch die sie z.T. erst zugänglich wurden. Es lenkt dies jedoch vomProblem ab. Denn die Vertragstexte sind doch auch für Thukydides Quellen der Darstellung, da sie ihmvonderen Gegenstand, demPeloponnesischen Krieg, berichten; sie waren ihmebenso Material, auf daser sich stützen konnte, wiedie Erzählungen seiner Gewährsleute. In diesem Sinne desMaterials hatten sie fürThukydides keine prinzipiell andere Bedeutung als fürdenmodernen Historiker undkein geringeres Gewicht als dasübrige Material. Demnach ist es durchaus kein Anachronismus, von denUrkunden alsQuellen zusprechen (bloß weil derzeitliche Abstand zuihnen für Thukydides unduns so erheblich differiert?). 190Aber es ist umso weniger wahrscheinlich, daßsie in extenso hätten zitiert werdensollen, wennihrQuellenwert geringwertig war. 191Das Stichwort λ ό γ ο ιverwendet er dort nicht, sondern stattdessen ὅ ν ὲ αμ σ . ν ν τ ω χ θ έ ρ α γ ατ νπ ῶ ρ γ α erscheinen alsἔ ῳ γ ε λ ό ἶπ νἕκ ο α σ τ ο ι; unddieἔρ 192WennmandenRedensatz einmal summarisch so zusammenfassen darf. Bereits 1480 im Bericht über “Neue Forschungen zuThukydides”(DLZ 58, 1937, 1471– 1509) hat FR.EGERMANN in Auseinandersetzung mit A.GROSSKINSKY und1503– und H.PATZER seine Auffassung ausgeführt, vgl.DENS. 1961 und 1972; ferner unten II.5.a, S. 173ff.

114

II. Hauptteil

wörtlich und vollständig zu zitieren, könnte (und müßte) eine naheliegende Folgerung daraus unddie Erklärung dafür sein, daß er über sie nichts äußert. Aber das mag noch voreilig gefolgert erscheinen. MEYER 96f schließt anders; da er in den Urkunden das Prinzip, welches Thukydides für die ἔρ γ αbeansprucht, verwirklicht sieht, glaubt er sie auch dort subsumiert, und man ist ihm in dieser irrigen (ja recht abwegigen) Auffassung gefolgt. Der Schluß geht aber fehl, undzwar aufgrund der Methode zu fragen: Nicht, wo sich die Urkunden nach dem Verfahren, das ihr Zitat zubelegen scheint, amehesten zurechnen lassen, hätte manfragen dürfen, um sie dann ungeachtet ihres Wesens undihrer inneren Zugehöigkeit dort hinzuordnen, sondern die Frage hätte lauten müssen, zu welchem derbeiden im Methodenkapitel genannten Bereiche geschichtlicher Wirklichkeit sie dem Wesen nach gehören. Wohl wird man zunächst eine gewisse Grenzposition zwischen beiden Bereichen konzedieren oder auch mit ‘Weder-Noch’antworten; doch dürfte sich bei näherem Zusehen sehr rasch herausstellen, γ daß sie ihrem Wesen nach den λό ο ιzugehören193 und daß demnach die Aussage des ‘Redensatzes’ ebenfalls auf sie angewendet werden muß. Welche Schwierigkeiten sich dabei ergeben, wurde soeben gesagt. Dies kann als sehr gravierendes Wahrscheinlichkeits-Argument dafür gelten, daß Thukydides an eine wörtliche Wiedergabe dieser man müßte ihm denn einen VerSchriftstücke nicht gedacht habe – stoß gegen seine eigenen Grundsätze unterstellen. ῳεἶπ έλ ο νἕκα λ γ Im Bereich dessen, ὅ ο ν σ τ ε τ ο νλ ό ὲ ι ἢμ ς σ αμ ηὄντ δ ε ῷἤ γ α , steht der andere Bereich der ἔρ ς να ή σ ὐ ε τ ινἢἐ ο λ εμ π gegenüber. Beide sind als Teile des geῳ μ ρ χ α θ ν έ έ τ ω λ νἐ ο ντ π ῷ νπ ῶ τ samten Geschehens gegenübergestellt; fürbeide werden verschiedene Verfahrensweisen (der Darstellung) beansprucht. Der erste Ausdruck umfaßt alle im Zusammenhang mit dem Peloponnesischen Krieg von den einzelnen Parteien jeweils gehaltenen Reden unddie diplomatischen Verhandlungen. Dazu gehören ebenso die Feldherrnreden wie die politischen Ansprachen vor der Volksversammlung in Athen oder der spartanischen Tagsatzung, die Beratungen in Syrakus ebenso wie der Epitaphios, der Brief des Nikias aus Sizilien ebenso wie das, was wirjetzt als den Melierdialog lesen, oder die indirekten Reden unddie innerlich unwahren Scheinverhandlungen in der Zeit zwischen Kriegsbeschluß undtatsächlichem Kriegsausbruch, von denen am Ende des I. Buches berichtet wird. 193Dies hat (inzwischen) LUSCHNAT 1127– 1130 ganz richtig dem Wesen nach ebenso beurteilt.

2. SinddieUrkunden λό γ α γ ? ο ιoderἔρ

115

Diese Auffassung von ὅ σ αμ ὲ νλ ῳεἶπ γ ό ο νumschließt etwas mehr, als manmit demgewöhnlich verwendeten Stichwort “ Redensatz”anspricht; aber sie dürfte zutreffend sein; denn “ wieviel die , das ist mehr als einzelnen vor oder in demKrieg redend194 sagten” nur die in ausgefeilter Formulierung ausgedrückten Gedanken einer öffentlich vorgetragenen Rede; es gehört dazueben auch, umes noch einmal zu sagen, der ganze Bereich der diplomatischen Verhandlungen.195 Das legt einen etwas genaueren Blick auf denSprachgebrauch von λό γ ο ςnahe. 194Mit “redend”wird vorläufig dasgriechische λ ῳ wiedergegeben; die Begrünγ ό dung dafür ergibt sich aus demFolgenden. 195Vor allem ist die Auffassung vonK.ROHRER (WS 1959, 36– 53) 40 abzulehnen, die manbestenfalls als unverständlich bezeichnen kann: “ Ganz genau und wörtlich genommen, gilt I 22,1 nurfürdievonTh. direkt berichteten Reden, die kurz vor und während des Krieges gehalten wurden (ὅ ῳεἶπ ν ο γ ὲ νλ σ ό αμ κ α σ ἕ τ α[sic! ebenso auf derselben Seite oben, bei derEinzelerklärung dagegen έλ λ ο ν unten ἕ ή ηὄντες τ ), nicht aber ῷ σ ε α να σ ε τ ο ὐ κ ι] ἢμ τ ινἢἐ ἤ ςπ δ ο λ εμ fürdie Reden ausfrüherer Zeit, fürBriefe, selbst nicht fürjene Reden, dieausder Zeit des Krieges stammen, schon garnicht aber für Zitate, Inschriften undTexte vonBeschlüssen usw. Diese fallen bei einer Interpretation ad verbum nicht unter

denebenzitierten Ausdruck desAutors. Interpretiert manaberdenSatz sinngemäß, so dürfen wohl Reden und Briefe aus der Kriegs- undzeitlich unbegrenzten Vorkriegszeit als λ γ ο ιverstanden werden, insofern nicht gewichtige Gründe gegen ό - Wenn ROHRER im selben Abatz die Geltung diese freiere Erklärung sprechen.” von I 22,1 für “Reden, die kurz vor undwährend desKrieges gehalten wurden” für Reden, die aus der Zeit des Krieges stammen”ablehnt, so beansprucht und “ kann ichdasnicht anders als unverständlich nennen. (Vermutlich ist gemeint, daß ἢμ έλ λ ο ν τ ε ς... ἢ... ἤ ηὄν δ τ ε ςbei enger Interpretation nurauf die Zeit unmittelbar vorundundunmittelbar nach Kriegsbeginn zubeziehen sei, wohingegen die Reden aus späterer Kriegszeit nicht dazugehörten; aber 1. ist daseine zuenge Auslegung adverbum, derer selbst ja dieInterpretation nachdemSinn gegenüberstellt, und2. ist aus seiner Formulierung “ Reden, die aus der Zeit des Krieges stammen” nicht erkennbar, daß“ ausspäterer ZeitdesKrieges”gemeint sein soll.) – DaßderSatz I 22,1 nicht für Kurz-Zitate undInschriften gelte, kann manakzeptieren; daß er für “ Texte von Beschlüssen usw.”[und wie weiter?], wie sie dastehen, nicht angewendet werden könne, möchte auch ich meinen, ich bemühe mich gerade um die Konsequenzen daraus. –Mit dem letzten Satz des zitierten Abschnitts kann manvollends garnichts anfangen, dieFormulierung ist einfach zu ‘weich’, umsich nicht jedem Ansatz undZugriff zuentziehen, denn “ insofern nicht gewichtige Gründe gegen diese freiere Erklärung sprechen,” kann manschließlich alles so verstehen, wie es gerade gefällt! Welches wären denn ‘gewichtige αmußmannicht weiter τ σ α κ Gründe’? –Den Druckfehler des zweimaligen ἕ bemängeln; aber manhätte dochmindestens einen Hinweis aufdie (freilich schon imvorigen Jahrh. entstandene undletztlich leider dochwenig ergiebige) Arbeit von V.HEHN(Über die Authentizität derReden desThukydides, Abh.d.Ak. Mainz, 804, aus dem Nachlaß ed.v.K.Deichgräber) erwarten sollen, wurde sie 1951, 793– doch erst acht Jahre vor dem Erscheinen von Rohrers Aufsatz mit nahezu auch gleichlautendem Titel publiziert. – Imübrigen legt ROHRER denRedensatz –

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II. Hauptteil

Er zielt an zahlreichen Stellen eindeutig auf “ Verhandlungen”, unddie Phrase ε ἰςλόγ ο υ ςἰέν α ιkann man(neben π ρ ά σ σ ) geradeε ιν zu als Terminus für “verhandeln”bezeichnen. Verhandlungen werden nun natürlich mündlich geführt, durch gesprochene Worte, aber es muß sich dabei nicht ausschließlich ummündlich Vorgetragenes handeln undschon gar nicht umzusammenhängende Reden. Von den ungezählten Fällen, wo es ξ ῆ λ θ ο υ ν ν(ᾖ σ α ν , κα )ἐ η τ σ έ α σ ν τ ςλόγ ο υ ς oder λ γ ο ό υ ςπ ο ιο ῦ ν τ ρ α ι π ό ς... oder ähnlich heißt und wo man Verhandlungen”übersetzen kann (“ durchweg mit “ sie kamen zu V. sie knüpften V. an” zusammen” ,“ sie verhandelten mit”usw.), sei ,“ hier nur auf ganz weniges hingewiesen, woraus sich der (nicht-mo-

nologische) dialogische Charakter solcher diplomatischen Unternehmungen oder auch ein Schriftstück als Verhandlungsgrundlage mit Sicherheit oder Wahrscheinlichkeit ergibt.196 In der Behandlung des Waffenstillstandsvertrags von 423 (IV 118f), wobei es hauptsächlich um die Erklärung von dessen eigenartiger Form geht, hat E.BIKERMAN197 sich grundsätzlich zu der Art der Verhandlungsführung geäußert unddabei festgestellt, daß diese – im Vergleich zu heute vielleicht etwas starr und umständlich – gewöhnlich nach folgendem Schema verlief: Die Gesandten einer Partei erschienen bei deranderen mit einem zuHause beschlossenen, schriftlich fixierten Vorschlag, an dessen Inhalt sie gebunden waren; sie hatten Vollmacht auf dieser festgelegten Basis ein Abkommen zu schließen, das dann Gültigkeit besaß unddie eigene Regierung verpflichtete.198 Ihre Aufgabe wares hauptsächlich oder gar ausschließhier, ohne sich hinreichend mit der Interpretation von EGERMANN (von 1937) dahin aus, daß Thukydides den historischen Kern der von auseinanderzusetzen – ihm wiedergegebenen Reden anstrebe (vgl aaO 45), und er kommt zu dem Ergebnis, “ daß Th. bei der Abfassung der Reden so verfuhr, wie er im Methodensatz ankündigte.”(aaO 50) Damit istjedenfalls so viel geleistet, daßdie von M.POHLENZ (GGN 1919, 96ff) vertretene Ansicht, Thukydides habe sich bei einem Teil der Reden an sein Programm gehalten, bei einem anderen Teil aber nicht, überwunden wird. Das warindes auch schon bei A.GROSSKINSKY undbei Die H.PATZER geschehen. ROHRER präzisiert sein Ergebnis noch etwas weiter: “ Reden enthalten einen historischen Kern. Man kann ihnen in dem Sinn und insoweit Authentizität zubilligen, als mandie Grundgedanken als authentisches Gedankengut des jeweiligen Sprechers ansieht.”(aaO 50; diese Auffassung hat jedoch nach EGERMANN 1972 als überholt zu gelten.) 196Selbstverständlich ist nicht an einen reinen ‘Notenwechsel’durch quasi stummes Überreichen eines Schriftstücks zu denken –in solchen Fällen spricht Thuky, sondern an eine 132 – , die überbracht wurden; vgl. I 128– Briefen” dides von “ schriftliche Verhandlungsgrundlage, andie sich die Gesandten zuhalten hatten. 197 La trêve de 423 ..., vgl. ob., S.31ff, bes.33f. 198Hierzu vgl.G.BUSOLT, Griech Staatskunde II (HdA IV 1), II 1252: “ Gewöhnlich kamen Verträge ... in derWeise zustande, daßdereine Staat andenanderen

2. SinddieUrkunden λό γ ο ιoderἔρ γ α ?

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lich, die Gegenpartei zurAnnahme dervorgelegten Propositionen zu überreden. Gelang dies nicht, so wardie Reihe an ihr (der Gegenpartei), durch eine Rückgesandtschaft ihrerseits Bedingungen vorzuschlagen.199 Dieser Ablauf mußgrundsätzlich als die Form gelten, in dermansich die Verhandlungen derZeit vorzustellen hat, undein Hinweis dafür findet sich auch in der von BIKERMAN besprochenen Urkunde.200

Interessant undwichtig ist nun, daß Thukydides eben dafür das Wort λό γ ο ςverwendet. Das Beispiel höchster Evidenz ist V 76 (vgl. ob. 99 m.Fußn. 165). Manbraucht das Kapitel nur einmal aufmerksamzu lesen, umunzweifelhaft zuerkennen, wasdort unter λό γ ο ςzu verstehen ist: Zu Beginn des Winters 418/7 zogen die Spartaner gegen die Argiver zu Felde; als sie bis Tegea gelangt waren, sandten sie auf Einigung zielende λό γ ο ιvoraus (λ γ ό ο υ ςπ ρ ο ύπ π ο νἐ εμ ςτ ὸ ); sie hatten dort nämlich Leute, die schon geς υ ίο ρ η τ α β ςξυμ ο γ ρ Ἄ meinsame Sache mit ihnen machten, umdie demokratische Staatsform (wieder) abzuschaffen. Dassollte auf demWegüber ein Bündnis mit Sparta gelingen. Es kommt also der Lakedämonier Lichas dorthin, zwei Vertragsvorschläge mit sich führend (δ ρ γ ω ν έ ύ ωφ ολ ό jene Fall, daß den den für wählten, Krieg ), einen ἐ ςτ ὸἌργο den ς anderen für den Fall einer friedlichen Lösung. Wäre die Annahme eines, bzw. zweier Schriftstücke nicht ohnehin wahrscheinlich, so würde doch das Wort φ ρ ω νdarauf deuten.201 Lichas trug nicht zwei έ lediglich in Gedanken oder gesprochenen Worten konzipierte Vorschläge, sondern ein ‘Papier’(bzw. zwei P apiere’) bei sich. In 76,1 ‘όγ könnte man noch schwanken, ob nicht λ ο υ π ρ νvielleicht ο ο ύπ ςπ εμ in bildlichem Sinne zuverstehen sei, hier aber gibt es keinen Zweifel mehr, daß nur die konkret greifbaren Schriftstücke gemeint sind. η ς μ έ ν Der nächste Satz bestätigt dies: nach vielem HinundHer (γ ν ε ο

Gesandte abschickte, die mit Vollmacht ausgestattet waren und Vorschläge über den Abschluß oder einen bereits von der höchsten Staatsgewalt ihres Staates angenommenen Vertragsentwurf überbrachten.” 199Vgl.vor allem BIKERMAN aaO 206f; als Belege für diese umständliche Art fortwährender Gesandtschaften undRückgesandtschaften sowie für die zugrunde liegenden Schriftstücke nennt BIKERMAN: Andokides III 35; Demosthenes XIX 278; Thukyd. V 46,3; Aischines II 50; Pollux, Onom. VIII 96 (vgl. Aristot., Ath.Pol. 43,6); Polybios XXIII (XXIV) 2,4f; IG I2 108. 200IV 118,9 τ ῖ· ο ῖςμ ὲ νΛ α κ ε δ α ο ιμ ν ίο ιςκ α ὶτ μ ά αδοκε χ ο ιςτα ο τ ῖςξυμ ῦ ε τ ς ςἐ ι, ἰόν α ε ῖ εἶν ντούτ ω νδοκ ο ε εδικαιότερ ἰδ μ ῖνκάλλ νεἴτ ιο έτ ιὑ . ε Λ α ο ν αδιδάσκετ κ ε δ ίμ α 201Vgl. auch unten, Fußn. 205, die dort zitierte Wendung ausAristoteles ο ὰ ἱτ ς ν τ ο ε ἐ π ς . έρ ισ τ ο ὰ λ ςφ

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II. Hauptteil

ῆ ςἀντιλογίας)202 entschließt π ο λ λ

man sich dort zur Annahme des Friedensvorschlags; dieser lautet folgendermaßen ... (π ρ ο σ δ έξ α σ θ α ι ρ ιο ή β νλόγ α ο τ ν . ἔσ τ ὸ νξυμ τ ιδ ὲὅ δ · ...). Washier als ὅ ε δ εὁξυμ β α ρ ιο ή γ ςλό ο ςverstanden wird, ist das dann mit Kap. 77 folgende τ Schriftstück.203 Angesichts dessen dürfte es kaum noch nötig sein zu erweisen, daßVerhandlungen nicht in Form einer oder zweier oder auch mehrerer zusammenhängender Reden vonstatten gingen; es sei aber der Vollständigkeit halber auch das kurz dargelegt. Am besten dürften Melierdialog”in seiner Form undseine Einführung das der sogen. “ (V 84,3–85) bezeugen, obgleich die dort gebotene Schilderung – gerade dasGegenteil auszubuchstäblich undwörtlich genommen – sagen scheint: Die Athener π ρ ὶνἀ δ ικ ε ῖντ ιτ ῆ ῆ ςschickten Gesandte ςγ μ έ ν γ σ ο ο ο υ υ ςπ ς . Die Melier dagegen ließen diese nicht vor das ο λ ό ιη Volk, sondern hießen sie sich im Rathaus vor demRat über ihr Anliegen äußern. Niemand wird hier zweifeln wollen, daß dies in der Realität gewöhnlich so gehandhabt wurde, zu allermindest in den Vorverhandlungen undfür das λ ρ γ ε ινπ ε ὶὧ έ νἥκουσ ιν . Die Begründung dafür wird von den Athenern ausgesprochen: Damit nicht die Masse im zusammenhängenden Redefluß verführerische undnicht sofort widerlegbare Dinge höre undsich davon verleiten lasse. Sie tun ihrerseits ein übriges und bieten den Dialog als Verhandlungsform an, daß nämlich Punkt um Punkt einzeln vorgetragen und beantwortet werden solle, indem manbei jeder Zweideutigkeit oder ὴδοκ ρ ὸ η δ ςτ ε Schwierigkeit sofort unterbreche (π ο ίω ὸμ ῦ νἐπ ιτ ε ςλ γ εσ θ α ι εὐ β θ ά ν ο ). Wer würde diese Einleitung nicht ὺ ν τ ε ςὑπ μ ς ο λ α für eine Fiktion derart halten, daß hier das in der Realität Übliche und Gewöhnliche als etwas Besonderes und Neuartiges hingestellt wird, um damit die allerdings für ein Geschichtswerk auffallende und in dieser Art singuläre Form204 eingängiger zu machen? Diese Form war aber in Thukydides’Werk umso eher legitimiert, je weniger derFall in derRealität ungewöhnlich war. Es ist zudem doch in Athen die Aufgabe des Rates, vertreten jeweils durch die amtierenden Prytanen,205 die Verhandlungen zuführen unddann demVolk 202Dasist zugleich typisch fürdie (dialogische!) Form, inderdie mündlichen Verhandlungen zuverlaufen pflegten. 203Daßdieser mein Verweis aufdasDokument nichts miteiner eventuellen Zitierabsicht durch Thukydides zu tun hat, versteht sich von selbst, wird aber ‘si-

cherheitshalber’eigens betont. 204Allenfalls (als eine Vorstufe) vergleichbar wäre II 71ff undvielleicht III 113. 205Aristoteles, Ath.Pol. 43,6 π έ ρ α κ ε ὶο ρ ο ςκ ἱπ σ χ ο έρ ν τ α α ιδ ὲκ ὶο ἱ κήρυ ε ις τ ν ο ςτούτ ο έρ τ ο λ ὰ ισ ςφ ὰ ςἐπ α ἱτ ὶο β ,κ ν ε ιςτ ο τ ῶ ρ ο ρ υ σ ῖςπ τ ά ν ε σ ινπ

2.SinddieUrkunden λό γ ο ιoderἔρ γ α ?

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das erzielte Ergebnis zur Abstimmung oder Ratifizierung vorzulegen.206 Erst dabei, d.h. vor dem Volk, werden dann “ Reden”für und wider diebetreffende Angelegenheit gehalten. Als die spartanischen Gesandten imJahr 425 mit ihrem Friedensangebot keinen Erfolg hatten, weil sich in der Volksversammlung weitergehende Forderungen geltend machten, als sie öffentlich konzedieren konnten, suchten sie die Verhandlungen sozusagen wieder in denkleineren Rahmen vonξύνεδρ ο ι, einer eigens dafür zuwählenden Kommission, zurückzuverlegen (IV 21– 22,2). Es war sicherlich vorauszusehen, daßdie Volksversammlung sich so etwas nicht gefallen lassen würde; aber was Kleon als Stimmführer dagegen vorbringt, sind keine formal juristischen Einwände, sondern beruht allein auf seiner (ab-)wertenden Auslegung, welche die Zwangslage

der spartanischen Gesandten (bewußt und absichtlich?) nicht berücksichtigt. Diese mußten ja damit rechnen, auch bei weiteren Konzessionen207 erfolglos zu bleiben, undSparta wäre seinen Verbündeten gegenüber in ein sehr schlechtes Licht geraten, ohne wenigstens für sich selbst einen Vorteil davon zuhaben.208 Es kann also eigentlich keinen Zweifel geben darüber, wiees um die Einmaligkeit der Verhandlungen des Melierdialogs in Wirklichkeit steht. Vielleicht ist Thukydides’Grund für dieses ‘Spiel’, daß das, was

erhier zurMotivation derathenischen Politik imHinblick aufdiesizilische Expedition darlegen wollte, anbrutaler Offenheit für denHörer unzumutbar weit über dashinausging, wasein Politiker öffentlich in einer Versammlung zusagen gewagt hätte. Trotzdem (oder weil es ihm ja umdietiefere Wahrheit ging, nicht umwortgetreue Wiedergabe, sonφ α ρ σ ις ό ηπ , wieer es in I 23,6 und mitdiη τ θ ε σ τ ά λ dern umdie ἀ DiePrytanen vermittelten ... ἀ π ο δ ιδ ό α σ ι. Dazuvgl. BUSOLT Staatskunde 1030: “ denVerkehr ... mitdenGesandten undanderen Fremden. ... Ansie wandten sich zuerst fremde Herolde undGesandte. Nachdem siedieVerhandlungen eingeleitet hatten, brachten sie die Angelegenheit andasPlenum desRates. Ihre Sache war auch die Einführung ... vonGesandten, Beamten undPrivatleuten in die Ratssitzung.” 206BUSOLT aaO 1252: Die Gesandten “ verhandelten zunächst mitdenzuständigen Behörden, meist mit demRat ... DasErgebnis derVerhandlungen kamzurentκ ῆ α ι, andie υ ν θ scheidenden Beschlußfassung über die Abmachungen, die σ höchste, in Demokratien von der Gemeindeversammlung verkörperte Staatsgewalt.”

207Dazu waren sie möglicherweise (vielleicht ineiner Zusatz-Bevollmächtigung) berechtigt, umdas Hauptanliegen (die Befreiung der Gefangenen) erwirken zu

können.

208IV22,3μ ὴἐ ςτο ὺ ςξυμμ ά χ ο υ ῶ σ ςδιαβληθ ινεἰπ ό ν ν τ ε ό α ςκ ὶο ὐτυχ τ ε ς . Vgl auch GOMME imKomm. III 462.

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II. Hauptteil

rektem Bezug auf die Sizilien-Expedition in VI 6,1 ausdrückt: erst recht) mußte er dies aussprechen. Er stand also vorderFrage, wie seine Gedanken glaubhaft darzustellen seien, im Grunde dasselbe Problem, das Herodot beschäftigte, als er die zwar für ihnwichtige, aber für die Mentalität derPerser, denen er sie in denMundlegt, völlig unglaubhafte Diskussion über die Staatsform vorzutragen gedachte. Herodot besaß genügend Unbekümmertheit, umzubehaupten, wasjetzt folge, erscheine zwar einigen Griechen unwahrscheinlich, sei aber doch so gesagt worden.209 Für Thukydides war das sicher (so) nicht möglich. Ohne die Frage der Glaubwürdigkeit vor seinen Lesern überhaupt zu erörtern, läßt er die Auseinandersetzung hinter geschlossenen Türen undin Form eines Dialogs stattfinden. Gerade letzteres bot ihmzwei weitere Vorteile: einmal ist die dialogische Form “ dieser harten Sachlichkeit angemessener als die ausgeführte Rede ...; in ihrer schroffen, erzwungenen Kürze bringen die Äußerungen und Gegenäußerungen den Geist unmenschlicher mörderischer Rohheit hebt sich durch die meisterlich zumAusdruck” ,210 undzumanderen “ ungewohnte Form dieses Gespräch noch mehr als die zusammenhängende Rede aus dem Fluß der Darstellung heraus” ,211 handelt es sich doch hier umeinen Höhepunkt, der im vollendeten Werk vielleicht einmal die Mitte gebildet haben könnte, undzugleich um das Vorspiel und damit die Einleitung, die innere Motivation trotz desnoch weitere neun desjenigen Unternehmens, dasschließlich – Jahre nach dem unglücklichen Ausgang anhaltenden athenischen kriegsentscheidend war. Widerstandes –

Es dürfte

deutlich sein, daß der Sprachgebrauch des Thukydides γ ο ςnicht auf zusammenhängende öffentliche Reden bedas Wort λό ῳ εἶπ ο νnotwenγ ε νλ ό σ αμ schränkt und daß daher der Ausdruck ὅ dig in der oben (S. 114f) vorgeschlagenen Weise weiter gefaßt werden muß, nämlich als Bereich aller diplomatischen Verhandlungen, einschließlich der dabei zumeist oder doch häufig zugrunde liegenden Schriftstücke. Für alle diese Äußerungen also wird seitens des Geschichtsschreibers auf wörtliche Wiedergabe verzichtet, einmal das ist der von Thukyweil sie in der Regel gar nicht möglich war– , zum anderen weil es ihm dides genannte, rein äußerliche Grund – für das eigentliche Ziel seiner Historiographie, d.h. für den Nutzen, den er durch die Erkenntnis der tieferen, hinter allem Äußerlichen verborgenen Wahrheit zu erbringen hoffte, darauf nicht ankam, vgl. unt. den Abschnitt zumZiel der thukydideischen Historiographie.

209Herodot III 80,1ἐλ η έ χ σ α γ ν θ ω νλό ο , ιἄπ ισ ν τ ὲ ἐν ίο ο ισ ιἙλλήν ιμ ᾽ὦ . ν νδ η σ α θ χ ἐ λ έ 210 W.Schmid, Gesch.d.griech.Lit. 177f. 211Ebenda 178. (Dies dürfte übrigens auch der Grund für das Wechselgespräch in III 113 sein; das Unglück der Amprakioten wird dadurch besonders pointiert herν ετ .) έ ο γ ισ τ ο ν... ἐγ έ ρτο vorgehoben; vgl. III 113,6 π τ ο... μ ῦ ὰ ο ά θ ςγ

2. SinddieUrkunden λό γ ο ιoderἔρ γ α ?

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Wenn der Inhalt dieses ersten Bereiches (ὅ ῳεἶπ σ αμ ὲ νλ γ ό ) ο ν hiermit richtig erfaßt ist, drängt sich die Zugehörigkeit der Urkunden geradezu auf: denn was sind diese anderes als λ γ ο ό ι, als Verhandlungen der Parteien untereinander, entweder Teile dieser Verhandlungen oder das schriftlich fixierte unddamit konkretisierte Ergebnis diplomatischer Aktionen? Wenn nun letzteres (also “ konkre), kann man sie dann vielleicht wegen ihrer Eitisiertes Ergebnis” genschaft als ‘konkretisiertes Ergebnis diplomatischer Aktionen’als γ ο νim Sinne des Thukydides ansprechen? Diese Frage impliein ἔρ ziert eine Vorfrage: wasbedeuten die ἔ γ ατ ρ ῶ νπραχθέντω ν ?212 Das Wort ἔρ γ ο νkommt außer an dieser Stelle noch weitere 148 Mal in irgendeiner Form bei Thukydides vor; es dient fast immer zur Bezeichnung des Gegensatzes zu Schein statt Wirklichkeit oder zu vorgeblicher statt tatsächlicher Motivation; das Element des Tatsächlichen schwingt auch in solchen Fällen mit, wo der Gegenbegriff nicht direkt daneben steht oder wo man im Deutschen nicht mehr mit der grundlegenden Bedeutung “ Tatsache”übersetzen kann, sonTat”im Sinn von Aktion oder “ Tat”im Sinn von vollbrachter dern “ Leistung sagen muß. Es steht 53 Mal213 im Sinn der genannten Un212Die folgende Wortuntersuchung wurde durchgeführt, weil einige Aussagen der 290) vor allem 276ff, wo eine Studie von H.R. IMMERWAHR (Ergon, ..., 261– kurzgefaßte Wortuntersuchung vorgelegt ist, zunächst etwas unglaubwürdig und auch bei einzelnen Stichproben suspekt erschienen (diese Angaben wurden dann aber doch bestätigt). Es geht dort durchaus nicht um Gegenüberstellung und Abgrenzung vonλ γ ο ό ςundἔργ ο ν , aber eben darum dürfen die übereinstimmenden Ergebnisse für zutreffend gelten. (Nicht zugänglich war mir die Spezialuntersuchung von A.PARRY, Logos andErgon in Thucydides, Harvard-Diss., Cambridge [Mass.] 1957, bekannt nur aus der Zusammenfassung in HSPh 63, 1958, 522– 529, die aber nichts ausgibt.) 213 I 11,2; 23,3; 39,1; 69,5; 70,2 73,2; 84,3; 128,3 130,2; II 8,4; 11,5; 36,4; 40,1; 2 (bis); 41,2; 42,2; 4; 43,1; 2; 3; 46,1; 64,6; 65,9; III 10,1; 38,4; 46,4; 66,2; 67,6; 7; 70,1; 82,7; 83,4; IV 67,1; 70,2; 87,1; 126,6; V 55,1; 69,2; 111,3; VI 18,6; 38,2; 40,2; 78,3; 79,2; 80,2; VII 48,3; 69,2; VIII 46,3; 78; 89,2. An einigen dieser α ί aufgehoben zu α ί... κ α ίoder κ ε... κ Stellen scheint der Gegensatz durch τ sein; doch läßt sich erkennen, daß das nicht so ist: die Gegensätze werden nicht aufgehoben, sondern verbunden; diese Stellen sind: I 39,1 (vgl. CLASSEN-STEUP z.St.); II 8,4 (κ α ί... κ α ί ist alternativ, nicht vereinigend), II 41,2 und42,2 (in beiden Fällen erhält das, was Perikles dort für die ideale athenische Demokratie ν γ ο γ ο ςund ἔρ ό beansprucht, erst sein volles Gewicht, wenn man den in λ α ίwie in II 8,4 alternativ; α ί... κ liegenden Gegensatz berücksichtigt), II 43,2 (κ nicht ..., ή τ ε... τ εist mit “ vgl. CLASSEN-STEUP z.St. und zu I 82,2), III 66,2 (μ ν ῶ α ὶτ νκ ω γ νἔρ ῶ ετ π ότ sondern”wiederzugeben). Einzig IV 67,1 ist ἀ νalszusammenfassender Ausdruck zuverstehen, derdiebeiden Bereiche der ω γ λ ό Rüstung bewußt verbindet; doch wird dadurch weder der Gegensatz zwischen νbeseitigt, noch könnte diese singuläre Stelle gegen den weit γ ο γ ο ςundἔρ λ ό überwiegenden sonstigen Gebrauch ankommen.

122

II. Hauptteil

terscheidung direkt mit dem jeweiligen Ausdruck des Gegensatzes (λ γ ό ο ηu.ä.) zusammen; in 15 von diesen Fällen214 findet sich ς , γν μ ώ dabei die rein adverbielle Verwendung im Dativ Singular, etwa folgendermaßen: λ γ ῳ )μ ῃ έ δ (ἀ ῇ μ ῳ , γνώ ν–ἔρ κ έ γ ο ό . In einer weiteren Gruppe lassen sich fast 70 Verwendungen215 zusammenfassen, womanadverbiell oder in Form eines adjektivischen Attributs mit “ tatsächlich”übersetzen kann oder (bei rein substantivischem Gebrauch desWortes) mit“ (einschließlich der Tat” Modifikationen actio, facinus, factum, wobei manjedoch beim Versuch einer Festlegung etwa aufactio oderfactum in Schwierigkeiten gerät). Diese Gruppe schließt sich gegenüber der vorigen insofern zusammen, als dermitgedachte oder vorschwebende Gegensatz nicht expressis verbis formuliert ist unddaher imVergleich zujenen Fällen weniger ins Auge springt; bei einer ganzen Reihe von Fällen kommt allerdings auch garnichts aufeinen Gegensatz an; doch heißt nicht, daß das Wort an solchen das sei ausdrücklich betont – dies – Stellen für Thukydides irgendetwas vondemihmeigenen Charakter desTatsächlichen verloren hätte. In welchem Ausmaß undauch mit welchen Einschränkungen dasfür die einzelnen Fälle gilt undwieviel man für das Verständnis derjeweiligen Stelle gewinnt, wenn mansich dies fortwährend bewußt hält, d.h. das Wort in seiner prägnanten Bedeutung nimmt, kann im einzlenen natürlich nicht vorgeführt werden. Vereinzelte Anwendungen lassen sich leicht anschließen: So ist es als vollbrachter Leistung oder Handlung vonderBedeutung “Tat” Pflicht”oder nicht weit zur Verwendung des Wortes im Sinn von “ “ Aufgabe” , wie es viermal216 vorkommt: als die zu vollbringende γ ν ο Tat. In gleicher Weise erklärt sich der singuläre Gebrauch von ἔρ als “Notwendigkeit”.217 Auffallend häufig dagegen,218 aber typisch unddamit zugleich ein Hinweis fürdasVerständnis derStelle I 22,2, 214 I 23,3; 84,3; 128,3; II 11,5; 42,4; 46,1; 64,6; III 70,1; 83,4; IV 126,6; VI 18,6; 78,3; VII 48,3; 69,2; VIII 89,2. 215 I 5,1; 2; 17; 21,2; 22,3; 23,1; 49,7; 68,2; 75,3; 84,4; 90,3; 120,5 (bis); 126,6; 140,1; 144,2; II 2,4; 7,1; 11,7; 29,3; 35,1 (bis); 39,1; 40,1; 2; 41,4; 43,1; 75,3; 81,2; 4; III 10,2; 26,4; 38,4; 48,2; 82,4; 83,3; IV 85,4; 92,7; V 9,10; 26,2; 35,4; 63,3; 75,3; 108; 109; VI 8,4; 17,4; 33,4; 34,9; 40,2; 56,2; 57,1; 60,2; 86,1; 99,2; VII 19,1; 21,2; 87,5; VIII 48,7; 68,4; 92,4; 10; 11; 108,5; 109,1. 216I 33,4; II 89,8; III 3,1; VII 63,2. 217 VI 80,3. 218 23 Fälle: I 72,4; 80,1; 105,5; 107,7; II 89,9; III 108,1; 112,7; IV 14,2; 25,2; 32,4; 34,3; 72,4; 96,8; 131,3; 134,2; V 67,2; VI 66,1; VII 71,3; VIII 1,1; 28,2; 42,3; 61,3; 105,1.

2. SinddieUrkunden λό γ γ α ? ο ιoderἔρ

123

von wo die Betrachtung ausging, steht ἔρ γ ο νals Ausdruck für μ η ά χ (oder auch π ό λ εμ ο ), d.h. als ein militärisches Ereignis (hierfür sind ς nur die Stellen gezählt, an denen eindeutig eine Schlacht oder militärische Unternehmung so bezeichnet wird). Daß dabei weniger eine besondere eigenständige Bedeutung als vielmehr eine jeweils aus dem Zusammenhang sich ergebende sinnfällige Festlegung des Worνals Tatsache oder Handlung in Erscheinung tritt –der Geγ ο tes ἔρ gensatz zum(vorhergehenden) bloßen Planen oder Verhandeln wirkt , das zeigt sich deutlich bei der Betrachtung besonders bestimmend – solcher Stellen, an denen sich der Übergang vomeinen zumanderen erkennen läßt:

Als Beispiel dafür nenne ich I 49,7 undVI 57,1: an dieser Stelle heißt es von denTyrannenmördern, nachdem in 56,2f ihr Plan entwickelt und am Anfang des Satzes 57,1 die Ausgangslage vorgeführt wurde, daßsie mit denDolchen zurkonkreten (blutigen) Tat schritten;219 an jener Stelle wird von den Athenern in der Seeschlacht zwischen Kerkyra und Korinth (als sich die Entscheidung deutlicher da schritt jeder zur Tat”,220 d.h. zum abzuzeichnen begann) gesagt: “ Kampf. Diese Beispiele zeigen, wie sehr es sich hier lediglich um eine Bedeutungs-Nuance handelt undwie eng diese letzte Gruppe zu den früheren hinzugehört, deren Unterscheidung voneinander ja hauptsächlich auf äußeren Kriterien beruhte, nicht auf wesensmäßig inhaltlicher Bedeutungsdifferenz. νniemals in konkreter γ ο Wichtig ist abschließend noch, daß ἔρ Monument”erscheint,221 Bedeutung von opus = (Bau-)Werk oder “ wie es bei Herodot möglich ist.222 γ νbei Thukydides verbinden sich also –das ist ο In demWort ἔρ als Ergebnis festzuhalten –zwei (einander durchaus naheliegende) Bedeutungen, beide zeigen sich am deutlichsten bei der GegensetTat”und ηu.ä.: einmal heißt es “ μ ώ γ ο , γν ς ό zung zu Begriffen wie λ “ Handlung”(im Gegensatz zu bloßem Vorhaben oder Reden), zum anderen bezeichnet

es

TatsächlichWirklichkeit”(“ und“ Tatsache” “

219ἐ ςτ ὸἔρ γ ο νπ ρ ῇ ο σ α ν . 220τ ό τ εδ ὴἔρ γ ο υπ ᾶ ςεἴχ ε η τ . (Übersetzung ob. imText inderFormulieδ οἤ dagriff einjeder ein in rung vonCLASSEM STEUP; mankönnte auch übersetzen “ die Schlacht”.)

221Unrichtig BÉTANT (Lexicon Thuc.) I 397 s.v. ἔρ . Anallen dort angeführγ ο ν ten Stellen ist deutlich, daßjeweils die Tätigkeit, nicht deren Objekt gemeint ist; vgl. auch IMMERWAHR aaOFußn. 47 undS.287 mitFußn.77, wodasselbe auch für II 43,3 nachgewiesen wird; zu VIII 92,10 (u. 11) vgl.auch CLASSEN-STEUP. 222IMMERWAHR aaO269 (“ InHerodotus ergon hasa tendency tomeanthefinishedproduct of anactivity”u.ähnl.öfter).

124

II. Hauptteil

keit” ) im Gegensatz wand.



zu bloßem Anschein oder scheinbarem Vor-

Es mußnunzubestimmen versucht werden, wasThukydides mit γ ατ ρ ῶ νπ α χ den ἔρ θ έν τ ῷ ω νἐ ῳ π in I 22,2 gemeint hat. Zweiντ ο μ λ έ fellos bedeuten diese ἔ γ α zunächst einmal, wenn mandenBegriff ρ weit faßt, die Kriegsereignisse schlechthin, so wie mandiesen Teil des Methodenkapitels allgemein zusammenfaßt. Dabei bleibt aber die γ α Abgrenzung von ἔ ρ undτ ῶ ρ ν α χ π θ έ ν τ ω ν unklar.223 Die Gegenüberγ berstellung heißt ja nicht einfach λ α oder ὅ γ ο ι–ἔρ ό σ α ... εἶπ ὰ ο ν–τ ρ α χ θ π ν έ τ , es geht offensichtlich nicht nurumdie Vergleichung von α γ ε ινundπ ρ λ έ ά σ σ ε ιν , sondern es spielt der andere Gedanke herein, – γ ῳ zeigte, der Gegensatz von ρ ἔ der sich in dem Ausdruck λ ῳ γ ό

bloßem Schein derWorte undtatsächlicher Wirklichkeit. Gegenüber dem, was(so ohne Substanz) ‘geredet’ wurde, kommt es im zweiten Satz des Kapitels auf das Tatsächliche des Geschehens an, gegenüber den(unrealistischen) Verhandlungen auf die tatsächlichen Handlungen. Das bestätigt die gerade vorhergehende Stelle I 21,2; auch dort geht es um diesen Gegensatz. Den Ausschmückungen der Dichter und Logographen sowie der allgemein menschlichen Schwäche, das Alte stets über Gebühr zubestaunen, stehen die ἔ gegenüber. Der γ α ρ Krieg wird sich denen als größter erweisen, die für ihre Betrach᾽αὐτ π ν tung die Tatsachen selbst zumAusgangspunkt nehmen (ἀ ῶ γ ω νσκοπ τ ῶ νἔρ ο ῦ ι). Dies ist freilich so bekannt, daß darauf längst σ in denKommentaren hingewiesen undbei Übersetzungen Rücksicht genommen wurde. Aber manbegnügt sich, scheint’s, mit der Feststellung oder bleibt bei einer Formulierung stehen, die derStelle gerecht zu werden scheint, ohne sich doch immer klarzumachen oder ν Tatsächlichen”τ ῶ danach zu fragen, was denn konkret unter dem“ zu verstehen sei.224 Sucht man diese also ῳ μ ρ α χ νἐ τ ω θ ντ έ έν λ π π ο ῷ 223Falsch ist sicher die Gleichsetzung durch Wa.SCHMID aaO223: “ ὰπ τ ρ α χ ῳ γ ό γ αsind identisch.”Richtig sieht er, daß sich die Ausdrücke λ θ έ ν τ αundἔρ γ αund ῳ zu ἔρ γ ό νgegenüberstehen, speziell λ ω τ ρ ν χ θ έ α γ ατ ῶ νπ νundἔρ ε ἶπ ο ρ χ α ε θ ἶπ έν τ νzuπ ω ν(ebenda mitFußn. 1u.2); eine Gleichsetzung innerhalb ο dieser Ausdrücke wird dadurch aber nicht gerechtfertigt. Wie SCHMID die Ausdrücke versteht, wären sie tautologisch: woaber gäbe es das sonst bei Thukydides, unddann anderexponierten Stelle derMethoden-Reflexion! Manmußsich vielmehr bemühen, denSinn dieser doppelten Ausdrucksweise zuverstehen. 224Dafür einige Belege, beidenen sichbeobachten läßt, wieeinerseits dasRichtige in denBlick kommt undformuliert, andererseits aber wieder aufgegeben wird, so daßdie Unterscheidung wieder verschwimmt. So ist HORNEFFERs Übertragung (Bremen 1957) “ DieTatsachen dagegen vondem, wasimLaufe des Krieges vor

2. SinddieUrkunden λό γ γ ο α ιoderἔρ ?

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inhaltlich festzulegen, so bleiben dafür (gegenüber den im ersten Satz in den Blick genommenen diplomatischen Verhandlungen) nur die rein militärischen Aktionen des Krieges, eben das, was im Vergleich dazu die wahren Tatsachen des Krieges ausmacht, worin sich sich ging, ...” vollkommen korrekt, auch anderfrüheren Stelle I 21,1 (“ wenn man dieTatsachen selbst ins Auge faßt” ); es bleibt nurfürdenLeser unbestimmt, was inhaltlich damit gemeint ist, daja die eine Vokabel ἔρ γ ο νim Deutschen (an

verschiedenen Stellen) durch verschiedene Wörter wiedergegeben werden muß; vgl. dazu die gleich folgende Verwendung in 22,3 und23,1, wo es bei HORNEFFEReinmal “ Ereignis” , daszweite Mal“Taten”heißt; wiesehr es sich anderletztgenannten Stelle derBedeutung π μ ο ό λ ε ςannähert, kann manwohl nurimGriechischen erkennen. Ziemlich genauso verhält es sich mitderÜbersetzung vonG. P.LANDMANN (Zürich 1959): “ Wasaber tatsächlich geschah in demKriege”und 21,2 “ deraufdaswirklich Geschehene merkt”undspäter ganz wieHorneffer: “ Er. Vortrefflich (bis zuderangedeuteten Grenze) ist dieErklärung , “Taten” eignisse” τ ῶ νπ ρ bei CLASSEN-STEUP z.St.: “ α χ θ έ , d.h., nach der ν ῳ τω νἐ ν τῷπ ο λ έμ umfassenden Bedeutung desπ ρ ά σ σ ε , aller Vorgänge während desKrieges, soιν wohl der eigentlichen Kriegsbegebenheiten, wie auch desjenigen, was sich in Entwürfen, Beratungen undVerhandlungen zutrug. Vondemallen aber bezeichnen ῳ εἶπ γ α γ demὅ τ ὰἔρ σ αλ ό ο νgegenüber dasTatsächliche.”Ich schließe KRÜGERs Erklärung (2 Bände, Berlin 1846/7) hier an: er versteht τ die Beγ α als “ ὰἔρ gebenheiten” , paraphrasiert “ vondemwasindemKriege ausgeführt undbetrieben oder verhandelt wurde, habe ich die eigentlichen Facta usw.”underklärt dann: “ Nämlich nicht aufdiese allein ist dasumfassende π ρ ε ά ινbeziehbar, sondern ττ γ αnur einen ὰἔρ auch auf Verhandlungen, ja selbst auf Reden, so daß also τ Theil, τ α ρ χ θ ν έ τ α dasGanze umfaßt” ὰπ . Unerheblich fürunsere Fragestellung ist die Erklärung, mitderA.MADDALENA (Thucydides historiarum liber primus ... comm. e traduz. ..., 3 Heftchen, Florenz 1951/2) die Stelle versieht; er weist auf die Gegenüberstellung der §§ 1 und2 hin undendet in der Erkenntnis, daß sich die

unterschiedlichen Prinzipien derWiedergabe indemhöchsten Kriterium derWahrheitsliebe verbinden. Seine Übersetzung verwendet anallen vier oben genannten γ ο ν fatto”für ἔρ . Fragwürdig erscheint GOMME (I 1950, 143): Stellen das Wort “ ὐ νareincluded in α ω ν τ έ θ χ α ρ νπ ατ γ ῶ ὰἔρ νandτ ο ἶπ ε ῳ γ ό αλ σ ... both ὅ “ γ α[gemeint ist I 21,2] of the war, that is, whyhe uses the somewhat τ ὰτ ὰἔρ ρ ὰἔ orτ α τ ν χ θ έ α ρ ὰπ γ ατ ρ α ῶ χ νπ θ inplace ofτ ὰἔρ ν έν ω τ clumsy phrase τ γ α .”Die interessanteste Bemerkung fand ich bei POPPO-STAHL (Thucydides ... libri octo, Leipzig 18863) I 1, S. 115 (dort wird polemisiert gegen eine mir unbeγ bereits ausα ρ kannte Äußerung vonKRÜGER, inderer meine Auffassung vonἔ gedrückt zu haben scheint): “ . Etiam orationes, ν ω ν τ θ έ χ α ρ γ τ ατ νπ ὰδ ῶ ᾽ ἔρ cumadres agendas pertinerent, rerum actarum quodam modopartes erant. ... Paὰ αres bellicas vult esse, cum τ γ rumrecte Krueg. Stud. hist. II p.215 τ ὰἔρ ρ α etiam alia inter bellum gesta complectantur. Namorationibus omnes π α ν τ χ θ έ res gestae opponuntur.”Die ausdemcum-Satz zurekonstruierende Begründung KRÜGERs trifft sich mit der o.a. Erklärung von CLASSEN-STEUP; demgegenüber istes nicht richtig, daßdenReden schlechthin omnes resgestae gegenübergestellt ιν ε τ τ ά ρ γ ε ινundπ έ würden; dafür würde imGriechischen dieGegensetzung vonλ genügen; π ρ ά ττ ε ινgibt nämlich indieser Verbindung anstandslos einen klaren Gegensatz zuλ γ ε ιν έ .

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II. Hauptteil

Krieg undFrieden eigentlich unterscheiden. Die ἔρ γ α , so vertanden, γ ό ο können darum nur im Kriege selbst vorkommen,225 die λ ιsind dagegen nicht auf den Frieden beschränkt.226 Wenn manalso diebeiden Sätze des Methodenkapitels so auffaßt, d.h. als den Bereich der politischen Aktivität, der diplomatischen Verhandlungen vor dem Krieg und während des Krieges einerseits und als den Bereich des vornehmlich (oder richtiger: ausschließlich) militärischen Geschehens andererseits, dann erklärt sich erstens auch, warum Thukydides in diesem Zusmmenhang zumdritten Mal γ ο νverwendet (I 23,3), als er von der Schwierigkeit seidas Wort ἔρ ner Arbeit spricht; es war mühevoll, weil ο ρ ἱπ ό α ν τ ε ο ςτ ις ο ῖςἔργ ά σ τ ο ιςin ihren Berichten nicht übereinstimmten. Weil er hier imἑκ mer noch von jenem zweiten Bereich spricht, von der Erforschung des tatsächlichen genauen Ablaufs derkriegerischen Ereignisse, darum konnte er nicht allgemein von τ ο ῖς π ρ γ α χ θ ε ο ῖσ ρ ά ι, von τ ῖςπ μ α σ ιoder τ ο ῖςγ μ ε ν έ ο ν ο ιςsprechen. Unddann erklärt sich zweitens auch die eigentümliche (scheinbar ῳεἶπ γ ό ο ν ? tautologische) Form des ersten Ausdrucks.227 Warum λ Anscheinend hat sich noch niemand daran gestoßen. Dabei ist diese etwas umständliche Aussage doch durchaus eine Parallele zu der “ somewhat clumsy phrase τ γ ατ ὰἔρ ῶ ρ νπ α χ θ έν τω ν”.228Dort ist man längst darauf aufmerksam geworden, hier geht man (anscheinend) darüber hinweg. Wäre es aber Thukydides nur auf die Gegenüberstellung von Reden undAktionen angekommen, so wäre (wie bereits ἷνε ὲ σ αμ ebenfalls in Fußn. 224 bemerkt) auch die Formulierung ὅ ὰδ ρ α ὲπ χ θ ν έ τ αausreichend und angemessen gewesen; auch π ο ν–τ γ hätte man in dieser einfachen α ὰδ ᾽ἔρ ο υ ςἑκάσ ν–τ τ ω ὲ νλόγ τ ο ὺ ςμ Kontraposition so auffassen müssen. Nunaber geht es offenbar nicht nurumdiesen Gegensatz, sondern zugleich auch umwertendes Vergleichen. Indem Thukydides so die beiden Bereiche nur nennt und nebeneinanderstellt, bezeichnet er zugleich die Bedeutung, die er ihnen zuerkennt; eben dies gelingt ihm durch die Hinzunahme des Begriffspaars λ γ ο νzu dem ohnehin ausgedrückten Gegensatz ἔρ γ ο ό ς– ῳ ε ἶπ ν ο γ νλ ό ὲ αμ σ ρ ά τ τ ε ιν . In den beiden Formulierungen ὅ ε γ ιν–π έ λ hat also der doppelte Gegensatz von τ ν ω γ ατ νπραχθέν ῶ ὰδ ᾽ἔρ undτ “ reden undhandeln”einerseits sowie von “ Schein undWirklichkeit” andererseits seinen sprachlichen Ausdruck gefunden; freilich nicht in klar überschaubarer, konzinner Antithese, sondern nach demPrinzip 225ἔρ γ ατ ῶ νπ ρ α χ θ έν τ ω νἐ ῳ . ῷ π ντ ο μ λ έ 226ἢμ έλ λ ο ν τ ε ςπ ο λ ή ε μ σ ε ηὄντε ἤ ινἢἐ δ ῷ να ς . ὐ τ 227 Vgl. ob., S. 112 m.Fußn. 185. 228So GOMME indersoeben (Fußn. 224) zitierten Stelle.

2. Sind die Urkunden λ γ ο ό ιoder ἔρ γ α ?

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von Variation undInkonzinnität gestaltet.229 Dabei sind die Gegensätze so ineinander gefügt und verzahnt, daß eine säuberlich trennende Analyse nurschwer gelingt.230

Es bleibt die nicht ganz leichte Frage zu beantworten, wie man diesem Sachverhalt desdoppelten Gegensatzes undderTrennung in die beiden Bereiche (die vor undim Krieg geführten [unwahrhaftigen] Verhandlungen und das in kriegerischer Auseinandersetzung bestehende T atsächliche’) übersetzend Rechnung tragen kann. Dabei ‘ sich an der Grenze der Übersetzbarkeit:231 Was eine bewegt man Sprache in einem Ausdruck zusammenfaßt, läßt sich wohl meist erkennen undbeschreiben, aber selten in einer anderen durch einen adäquaten Ausdruck oder ein Wort, das an allen Stellen in gleicher Weise verwendbar wäre, wiedergeben. Das zeigt sich hier beim Wort ἔργ ο ν , als dessen Grundbedeutung “Tatsache”zu erschließen war, das aber keineswegs überall sinnvoll so zu übersetzen ist.232 Anderersten Stelle würde ich sagen: “ Wasdie einzelnen Parteien in 233 undan der zweiten mich ihren Verhandlungen vorbrachten, ...” an Horneffer anschließen, dessen Übertragung ichja (ob., Fußn. 224) 229Vgl.die reiche Materialsammlung vonJ.ROS, Dieμ ετ β η(variatio) .... ο α λ 230Zwar lassen sich die beiden Ausdruckspaare λ ό ε έγ ινundπ ρ ά τ τ ε ινsowie λ γ ο ςundἔρ γ ο νherausschälen, aberdieformale Struktur hebtdasgleichsam wieder ῳ auf: ihr zufolge entsprechen der(nach dersyntaktischen Formgebung durch λ γ ό näher bestimmten) Phrase ὅ γ α , welche durch das Attribut νεἶπ ὲ νdie ἔρ ο αμ σ γ τ α χ ῶ θ α τ ρ έν νnäher bestimmt zu sein scheinen, obgleich inhaltlich τ ω νπ ὰἔρ als der engere Ausdruck die nähere Bestimmung der π ρ α χ θ έ ν τ αbedeutet; und (der Form nach vonε ῳ γ λ ό ἶπ νabhängig) erhält seinen Sinn undd.h. seine Beο . α γ rechtigung eigentlich erst durch τ ᾽ἔρ ὰδ 231AmRande sei hier hingewiesen aufdenSammelband “ DasProblem desÜbersetzens”(= WdF 8, hg.v.H.J. STÖRIG, Darmstadt 1963; darin im Rang weit überragend M.LUTHERs “ Was ist übersetSendbrief ...” undWILAMOWITZ’Beitrag “ zen?” ). 232Aufderanderen Seite steht dasProblem, wieweitmansich beieinem Wort der fremden Sprache aufeine bestimmte Bedeutungsschattierung versteifen darf, ohne γ ο ςspürό dabei Sinn undGeltungsbereich zusehreinzuschränken; daswirdbeiλ Scheinbaren”und bar: darf manden zweifellos stark hervortetenden Sinn des “ “ Unwahren”so fixieren, daß manin I 22,1 etwa sagt: “ Wieviel die einzelnen in ? Ganz sicher doch ihren unwahrhaftigen Scheinverhandlungen vorbrachten, ...” wohl nicht; denn es wäre eine zueinseitige Festlegung, bei der ein Faktor zur Summe erhoben wäre.

233Damit dürfte derText immer noch treffender wiedergegeben sein als beispielsweise bei LANDMANN (“ WasnuninReden hüben unddrüben vorgebracht wurde ) oder bei HORNEFFER (“ Wasnundie Reden betrifft, die ... gehalten worden ...” ). sind, ...”

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II. Hauptteil

korrekt nannte, wenngleich der Nachteil nicht zu übersehen ist, daß Tatsachen”unklar bleibt undder deutsche der konkrete Inhalt jener “ Leser den Sinngehalt nicht (wie im Griechischen aus demSprachge) erschließen kann. γ ο ν brauch desWortes ἔρ

Es kann nun beantwortet werden, wie weit die Urkunden im Werk mit den methodischen Grundsätzen von I 22 in Einklang zu bringen sind und ob umgekehrt diese Grundsätze auf die Urkunden angewendet werden dürfen: Nach der vorstehenden Betrachtung ist γ α im dargelegten Sinne es völlig ausgeschlossen, die Urkunden als ἔρ

zu begreifen. Sie gehören (oder besser: ihr Inhalt gehört) demWesen nach entweder als ein Teil oder als das Ergebnis der von den Gegnern untereinander geführten Verhandlungen unbedingt zu eben

ῳ ῷ μ π ο λ ρ έ χ γ α θ ατ έν τ νπ νἐ ῶ ω ντ ρ diesen Verhandlungen. Sie zu den ἔ zu zählen, kann manallenfalls versuchen, wenn manden schon oben (S. 112 u. 114) herausgestellten methodischen Fehler begeht oder γ wenn man unter einem ἔρ ο νdas versteht, was es nach Thukydides’ Sprachgebrauch nicht ist: nämlich das Ergebnis, das konkret greifbare Produkt einer Handlung, wenn manes nicht als ein abstraktes Faktum (= “ ) oder als Aktion, sondern als ein hergestelltes Tatsache” opus, einen real greifbaren Gegenstand234 erklärt; dann würde man γ νbeο den Gegenstand Vertrag, d.h. das konkrete Schriftstück als ἔρ zeichnen.235 Nicht ernsthaft vertretbar ist aber auch die Ansicht, die Urkunzu rechnen undThukydides habe γ α ρ dentexte seien darum zu den ἔ γ -Prinzipien verfahren wollen, weil α ρ darum mit ihnen nach den ἔ das Zustandekommen eines Vertrags ein tatsächlicher Vorgang im in dieser Richtung beweKrieg sei (und zwar einer von Bedeutung – gen sich MEYERs Äußerungen). Denn in diesem Sinn müßten ja auch die Reden vor einer Volksversammlung in Athen oder die Ansprachen der Feldherren vor der Schlacht als ‘ein tatsächlicher Vorgang im Kriege’gelten, insofern sie wirklich stattgefunden haben; in die, ν ο 46) ein ἔργ sem Sinne wäre also der berühmte Epitaphios (II 35– wenn denn Perikles tatsächlich am Ende des ersten Kriegsjahres die Gedenkrede auf die Gefallenen hielt, woran ja niemand zweifelt.

234Das warbei Herodot möglich, vgl. ob. 123 mit Fußn. 222. 235 Abgesehen vom Verstoß gegen den Sprachgebrauch unterläuft dabei auch der Fehler, daß manzwischen Urkunde qua Abmachung, d.h. ihrem Inhalt, undUrkunde quaGegenstand nicht unterscheidet. Aufdiese fehlerhafte Ansicht braucht daher nicht länger mehreingegangen zuwerden.

2. SinddieUrkunden λ γ ό ο ιoderἔρ γ α ?

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γ ο γ α ό ιundἔρ identisch: ein absurder GedanDamit wären aber λ ke! Es ist auch hier –nochmals –nachdrücklich zu betonen, daß es umden Inhalt desGesagten geht, ebenso wie umdenInhalt der Ur-

kunden. Da versteht es sich von selbst, daß auch eine Rede die wirklich gehalten wurde, für Thukydides eben ein λό γ ο γ ο ν ςist, ein ἔρ nicht sein kann. In nicht geringerem Maße gilt das für die Verträge; sie sind λόγ ο ι, die sich nurzubald –gemessen an den ‘tatsächlichen als trügerisch undunwahr erwiesen. Ereignissen’–

AlsErgebnis dieses Kapitels ist festzuhalten, daßdie Vertragstexίgezählt werden können. Das Streben nach ἀ te nicht zu denἔρ γ α ρ κ β ε ια , welches für jene in Anspruch genommen wird, kann daher

nicht (nachträglich) auf sie übertragen werden. Die Stütze, die MEYER aus dem –vermeintlichen –höchsten und letzten Zweck thukydideischer Geschichtsdarstellung für eine derartige Auffassung zu gewinnen glaubte, ist hinfällig.236 Entscheidet man sich jedoch dafür, γ ο sie demBereich der λό ιzuzurechnen, wie es die vorstehende Erörterung als unumgänglich nachzuweisen unternahm, so ergibt sich m.E. zwingend ein Argument dafür, daß Thukydides die Verträge – jedenfalls zu derZeit, als er seine methodischen Grundsätze niederschrieb –nicht als komplette, wortgetreue Dokumente hat überliefern wollen.

236Fehlerhaft undgeradezu ‘kontraproduktiv’ist sein ‘Kleben’anderwortwörtlichen Genauigkeit als Wesen desUrkundlichen, welches eine ganz ungriechische undunthukydideische Vorstellung ist, vgl. ob., S.89f KLAFFENBACHs Erkenntnis undferner LUSCHNAT 1126 sowie ob., S. 112.

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II. Hauptteil

3. Wie vollendet sind V und VIII?

Das Urkundenproblem ist immer auch im Zusammenhang gesehen worden mit der (unbestreitbaren äußeren undbestreitbaren inne-

ren) Unvollendetheit des thukydideischen Werkes.237 Das reichte bis in die Nähe eines ‘Zirkelschlusses’derart, daß man (zumindest nach der Ansicht einiger) in den Urkunden den Beweis für die Unfertigkeit gesehen habe238 undmit der (ja doch notorischen) Unfertigkeit

der Urkunden enthaltenden Partien des V. unddes ganzen VIII. Buches das Vorhandensein dieser Urkunden erklärte, vgl. LUSCHNAT 1126, der unmittelbar im Anschluß an das Wort “ des Zirkelschlusses”genau das soeben in Fußn. 238 Zitierte anführt239 unddazu auch a nice arguauf GOMME verweist (Sather Lectures XXVII 118,3 “ ). ment in circle” Aber die Qualifizierung als Zirkelschluß ist nicht immer seriös, so auch in diesem Falle nicht: Richtig ist, daßbeide Argumente sich gegenseitig stützen; unrichtig ist, daß sie je nur aus demjeweilig anderen sich begründeten. Beide Argumente beruhen auf selbständigen Beobachtungen: die Urkunden sind sozusagen ‘Fremdkörper’ im Werk (wie oben insbesondere zu V 18f und zu V 79 gezeigt wurde), die keinerlei Gewinn für die historische Darstellung bringen (das hat sich oben im Zug der Überprüfung von MEYERs Argumentation insgesamt hinreichend deutlich ergeben) undeben darum befremdlich wirken (das Befremdliche wird sich auch aus den späteren Kapiteln II.4 und II.5 ergeben) –die Unfertigkeit der Partien, in denen die Urkunden vorwiegend stehen,240 ist von denmeisten Lesern des thukydideischen Werkes immer schon empfunden sowie von Interpreten undKommentatoren auch argumentativ aufgezeigt worden. Umgekehrt ist diese (wenn auch mit mancher ‘unwissenschaftlichen’Subjektivität, so doch in ganz ursprünglicher, natürlicher Weise) so empfundene Unfertigkeit gerade der ‘Urkunden-Partien’ V und VIII von interessierter Seite, d.i. besonders von MEYER (sowohl 237MEYERs Studie beginnt praktisch in derdritten Zeile auf S.1 (und in gewissem einleitenden Bemerkungen”sind davon bestimmt) mit dem Sinne die gesamten “

. Stichwort “ innerlich unfertig”

238WILAMOWITZ, Lesefrüchte Nr.79 (Hermes 37, 1902, 308, im unmittelbaren Dass wira priori anzunehmen haben, es Anschluß andasob., Fußn. 162 Zitierte): “ fehle die stilistische Schlussarbeit, so oft ein Actenstück eingeschoben ist, weiss wervomStil antiker Geschichtsschreibung etwas versteht oder lernen will.” 239Das Nämliche zitiert bei MEYER 3f, bei beiden in modernisierter Schreibweise. 240 IV 118f und wohl auch V 18f sind hier (anscheinend oder wohl doch nur scheinbar) eine Ausnahme, dieaber keinen Gegenbeweis bildet, daauch sie keinen Gewinn für die Darstellung bedeuten, vgl. auch die folg. Fußn. undunt., S. 135.

3. Wie vollendet sind V undVIII?

131

in der Einleitung wie in der Schlußbetrachtung) undauch vonseiten LUSCHNATs 1113ff bestritten worden, vgl. hierzu ob., S. 14f in der Einleitung. Tatsächlich wäre es ja ein Argument für Thukydides’Zitierabsicht, wenn die überlieferten Vertragstexte sich in vollkommen ausgearbeiteten Partien fänden.241 Damit die unrichtige Bestreitung des unvollendeten Zustands von V undVIII nicht wirklich unter der Hand zum Argument werde, sollen nachfolgend Belege der Unfertigkeit angeführt werden. Zuvor jedoch möchte ich noch (= nochmals) kurz Stellung nehmenzudervonLUSCHNAT (auf demWegüber die wenig glückliche

Einführung des Begriffs der Homogenität, vgl. ob., S.25– 29) als vermutlich absichtlich ermittelten rangmäßigen “ Unterordnung”des Teils C unter (D und) E.242 Darauf bin ich bereits in der Einleitung (25– 29, bes.27f; in der vorläufigen Kritik) kurz eingegangen, vor allem mit demVorbehalt, daßmaneine qualitative Gegebenheit wie das Vorhandensein oder Fehlen der (thukydides-typischen) direkten Reden nicht mit rein quantitativen Überlegungen (wie der pro Kriegsjahr aufgewandten Seitenzahl) beurteilen solle.243 Bezüglich der rangmäßigen Unterordnung hatte ich (S.28f) bereits auf die Widersprüchlichkeit hingewiesen, die sich hieraus für ein Urkundenzitat überhaupt (insbesondere der so überaus nichtigen, d.h. unnötigen, nutzlosen, unwichtigen Beispiele V 47 / 77 / 79) ergibt; dies wiederhole ich hier nur mit dem Hinweis darauf, daß sich in dieser Beziehung LUSCHNAT 1120f ebenso selbst widerspricht, wie er das 1120 gegen SCHWARTZ aufgezeigt hat: Wenn nämlich “ für andeutende, kurze Darstellung die mangelnde Wichtigkeit im Sinne der historiographischen Absichten des Th. als Grund zugestanden werden” muß(aaO 1120) undwenn Teil C rangmäßig untergeordnet sein soll 241Allerdings auch dies kein zwingendes Argument (= Beweis), da auch in dem Falle derHerausgeber dasvorgefundene Material anderjeweils passenden Stelle eingefügt haben könnte, ohne daßdas demWillen des Autors entsprach (ohne Herausgeber kommt manja nuneinmal nicht aus, da der Autor vor Abschluß seines Werkes starb; MEYERs diesbezügliche abfällige Bemerkung gegen WILAMOWITZ (aaO 3 “ diese unbekannte Größe führte er ein” ) ist unangebracht. DasVerfahren ist für IV 118f undV 18f zumindest denkbar. Bei diesen beiden Sonderfällen könnte mansogar eine Zitierabsicht seitens desAutors annehmen, wenndemnicht die siebenanderen wirklich so ganz zwecklosen (und störenden!) Beispiele unddagegen die Verarbeitung anderer Urkunden, worauf im nächsten Abschnitt (II.4) einzugehen ist, entgegenstünden. 242Zur Untergliederung des gesamten vorliegenden Werks in seine fünf natürlichen Teile nach WADE-GERY im OCD vgl.ob.Fußn. 43 und LUSCHNAT 1116ff. 243Überhaupt bin ich der Ansicht, daß das Abzählen von Seitenzahlen generell kein adäquates Kriterium fürThukydides’unvollendetes Werk ist.

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II. Hauptteil

(d)ieser Unterordnung ... die ‘Skizzenhaftigkeit’, vielleicht besund “ ser: der Abrißcharakter, der Darstellung in Teil C (entspricht), der prinzipiell nicht anders zu bewerten ist als bei der Pentekontaetie, wo allerdings eine Unterordnung zweiten Grades noch stärkere Komprimierung bedingt”(aaO 1121), dann ist das vernünftigerweise nicht in Einklang zu bringen damit, daß hier (ausgerechnet) die

genannten drei Urkunden eingelegt werden. Nun bin ich bezüglich des Begriffs ‘rangmäßige Unterordnung’ freilich etwas anderer Meinung: was LUSCHNAT 1121 dazu ausführt, ist –gerade in Parallele von Buch I zu II-V 24 –m.E. eher mit dem undnicht nur in Ausdruck “ Vorbereitung”erfaßt.244 Wie in Buch I – der Pentekontaetie –vorbereitend’dargestellt wird, daß die histori‘ die kriegerische Auseinandersetzung um die sche Entwicklung auf politische Vorherrschaft in Griechenland – sozusagen unvermeidlich –hinläuft, so zeigt die ganze Zeit des ‘faulen Friedens’ (V 26,3 ὕ π ), wie die Entwicklung auf den Wieder-Ausbruch und ή ο π τ ο κ χ ςἀ ν ω ο damit die Fortsetzung desnicht wirklich beendeten Krieges hinführt. Diese Vorbereitung ist, wenn auch nicht Hauptsache und nicht das Eigentliche, so doch jedenfalls nichts Unwichtiges, wie es der Ausdruck der ‘rangmäßigen Unterordnung’ insinuiert. Im Gegenteil – ist zu wiederum von der Parallele des Buches I aus argumentierend – sagen, daß in diesem Vorbereitungsteil einige ‘Glanzpunkte’ der thukydideischen Darstellung, Belege seiner ‘geschichts-wissenschaftlichen Forschungen’vorliegen. Auch wenn ich LUSCHNAT durchaus in der Interpretation von V 27ff als Vorbereitung für die Fortsetzung des Gesamtkrieges (wie V 84ff [Melierdialog] für VI-VII [Sizilienexpedition]) zu folgen und auch das Verständnis der (fehlenden) Reden in C (an ‘gesprochenen 113 [Melierdialog]) Partien’nur indirekte Reden in Kap.69, dazu 85– als geplant245 zu akzeptieren bereit wäre, so läßt sich doch mit all demunter keinen Umständen das Urkundenzitat in 47 / 77/ 79 auch nurentfernt als Absicht des Autors wahrscheinlich machen. Gegen rangmäßige Unterordnung (und damit gegen absichtlich ο geringere Ausarbeitung) spricht noch, daß Thukydides die ὕπ τ π ς ο darzustellen interessiert ήals ‘eigentlich ja (fast) Krieg’246 χ κ ω ἀ ν ο 244 Dies ist nicht bloß eine läppische Benennungsfrage, weil die ‘rangmäßige Unterordnung’zusehr dasElement desUnwichtigen enthält. 245“ Die Wahl dieser Form bestätigt, daßschriftstellerische Absicht dahinter steht.” (LUSCHNAT 1121) 246Vgl. V 26,2 τ ὴ νδ ιὰμ έ σ ο ο υξύμ νν β ο μ α σ ὴἀξιώ ινε ε λ ό ιπ ε σ ἴτ ιςμ μ ίζ ε ιν ,ο ὐ κὀρ θ ῶ ςδικα ιώ σ ε ι.

3. Wie vollendet sind V undVIII?

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sein mußte. Eine absichtlich nur ‘abrißartige’Darstellung der in dieser Zeit vorkommenden militärischen Ereignisse kann daher als eher unwahrscheinlich gelten; wo sie begegnet, dürfte sie ein Beleg sein für das noch Unfertige der Darstellung. Inwieweit man von Unfertigkeit oder Vorläufigkeit der Darstellung zu sprechen hat, hängt ein wenig auch ab von der Arbeitsweise undvon denArbeitsmöglichkeiten des Historikers, über die mansich mit mancherlei Unsicherheit und Unwägbarkeit nur schwer ein Bild machen kann. Wenn manvon den äußeren technischen Bedingungen ausgeht, wird vielleicht am leichtesten ersichtlich und ‘nachvollziehbar’, wie schwer es war, Änderungen, ohne die bis heute wohl kein ernsthaft bemühter undforschender Schriftsteller auskommt, durchzuführen, insbesondere bei Abschnitten, die bereits – mehr oder weniger –endgültig ausgestaltet waren, aber dann doch Änderungen erforderten. Dort war die antike Buchrolle ein gewaltiges Hindernis, undes mußte mit Verweiszeichen undlosen ‘Zetteln’gearbeitet werden, wie manbei der Stoffsammlung vor einer ersten durchgehenden Darstellung selbstverständlich mit dem‘Zettelkasten’arbeiten mußte. Im übrigen waren –wie bis in die letzten Jahre unserer Zeit, bevor die Möglichkeiten des Computers für jedermann nutzbar wurden – für die Erstellung eines längeren Manuskripts neben Papier und Tinte auch Schere undKlebstoff ein notwendiges Material. Diese rein äußerliche Sachlage dürfte eine mögliche Überarbeitung undendgültige Ausgestaltung des möglicherweise erst vorläufig 83 zuund in offener Weise’niedergeschriebenen Abschnitts V 27– sätzlich‘zu der psychologischen Barriere erschwert haben, die sich aus der Sizilienexpedition 415/3 ergab: diese gewaltige in sich geschlossene, aber nurzweijährige Unternehmung, deren entscheiden-

de Bedeutung für denGesamtkrieg von27 Jahren Thukydides sofort oder sehr bald erkannte, deren ausführliche Darstellung er auch sofort in Angriff nahm und bis zum Ende durchführte, beanspruchte

vermutlich alle Kräfte so sehr, daß er für die Ausformung des unwohl auch keine Lust fertig liegen gebliebenen Zwischenstücks dann “ mehr hatte.”247 247W.SCHMID (in: SCHMID-STÄHLIN) 134. –Zur ‘psychologischen Bedeutung’ Die Krise des athenischen Imperialismus und der Sizilienexpedition vgl.ebenda: “ sein Zusammenbruch inderschwersten Niederlage, die Athen je erlitten hatte, ein sachlich wie räumlich fest umgrenztes Ereignis mit gegensätzlichen Spannungen von höchster Kraft undTragik in Vorgängen, Planungen, Persönlichkeiten, voll vonπ ρ α ά γ λ ο ο ιvomersten Anfang an. DerMann, derdie Seele derganzen Unternehmung undder einzige war, der ihrer Leitung gewachsen war, infolge der Zuchtlosigkeit seines Privatlebens aus der führenden Stellung verdrängt, in das feindliche Lager übergegangen, ersetzt durch einen Mann, derdasganze Unterneh-

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II. Hauptteil

Diese Möglichkeit ist ein anderer Ansatz als LUSCHNATs zuvor erwähnte Auffassung einer absichtlichen rangmäßigen Unterordnung, hat aber Vorläufigkeit und/oder Unvollendetheit zur Voraussetzung. Dies erfährt noch eine gewisse Komplizierung in der durch K.V.FRITZ (Griech.Geschichtsschreibung I, Anm.-Band 309) –“ die innere Unfertigkeit des ganzen Abschnitts”vorausgesetzt –aufgewas denn bei einer vollständigen, endgültigen worfene Frage, “ Durcharbeitung desWerkes an die Stelle dieses unfertigen Abschnitts hätte treten können.” Über die Arbeitsweise ist nicht wesentlich mehr undnichts Sichereres zu vermuten, als sich aus den Worten des Anfangs (I 1,1) ergibt, daß er ξυν ρ γ α μ έ ψ ετ νπ ν... ἀρξάμ ὸ ο ό λ ε έ ε ν ο ςεὐ θ ὺ μ ς καθ ιστα ν ο υ : das kann nur die ‘Stoffsammlung’von Anfang an und vermutlich eine nachfolgende, wohl in den Jahren des Nilkiasfriedens nach dem Archidamischen Krieg sehr weitgehende Fertigstellung von I bis gegen Ende IV / Anfang V bedeuten, wobei die Ausarbeitung dieses Teils sicherlich nicht erst nach 423/1 begann. Zwischen diesen mächtigen Komplexen von Buch I bis V 24 (= A + B, s.o., Fußn.43) und VI-VII (= D) wirkt der Teil C, die sogenannte Zwischenkriegszeit besonders vorläufig, unvollkommen oder hastig und eilig. Das hat schon F.W.ULLRICH in seinen Überlegungen zur “ Entstehung des Thukydideischen Geschichtswerkes”248 so beurteilt (aaO 139/77): während in früheren Teilen Stoff eher im fünften Buche herangezogen als vermieden worden sei, werde “ von demBeginne des zweiten Theiles an in eilender Kürze fast über sechs volle Jahre beinahe nureine Uebersicht gegeben.” Soweit ich sehe, wird in allen anderen Stimmen (insbesondere bei SCHWARTZ) die Schwäche der Ausgestaltung dieses Teils mit dem Zitat der Urkunden (und demFehlen direkter Reden) in Zusammen-

menablehnte unddessen Entschlußkraft durch sein Temperament gehemmt war, auf der Gegenseite ein Staatsmann vonhervorragenden Fähigkeiten, der es verstand, seine Vaterstadt in kürzester Zeit zueiner überlegenen Gegnerin des mächtigsten Reiches in Griechenland heranzubilden, ein Krieg nicht wieder Archidamische, in demzwei verschiedenartige Gegner sich auszuweichen suchten, sondern zwischen zwei an Veranlagung undMacht gleichartigen Staaten, die in direktem Verfahren mitvollem Krafteinsatz sich zuLandundzurSee bekämpften, dieEreignisse in wuchtigen Schlägen rasch aufeinander folgend undzurKatastrophe drängend –es ist nicht verwunderlich, daßThukydides angesichts eines solchen Stoffes alles andere liegen ließ undihmungesäumt seine ganze schriftstellerische Kraft zuwandte.” 248Zuerst Hamburg 1846 geschlossen publiziert, NDals Auszug Darmstadt 1968.

3. Wie vollendet sind V undVIII?

135

hang gebracht.249 Amgewichtigsten erscheint mir hier W. SCHMID (aaO) 132f, der ein Nachlassen in der Stoffgestaltung bereits “ gegen Ende des vierten Buches”ansetzt, wodurch auch das Zitat der Urkunde des Waffenstillstandes von423 (IV 118f) eingeschlossen ist: ... macht sich ein gewisser Nachlaß in der Energie der Stoffgestal“ tung geltend: es werden Urkunden in Rohform in den Text aufgenommen, ... [Anführung der ersten fünf Urkunden, während die sechste, V 79, vergessen scheint] ..... Dagegen fehlen die Vertragsurkunden V 31 (Elis, Korinth, Argos) und V 60 (Waffenstillstand zwischen Argos undAgis). Im achten Buch finden sich im Wortlaut noch drei Verträge zwischen Tissaphernes undden Spartanern aus den Jahren 412/11. Diesem Einverleiben von unverarbeitetem Rohmaterial steht gegenüber das Zurücktreten oder Fehlen von direkten Reden im größten Teil des fünften Buches. Die redaktionelle Verwahrlosung des Abschnitts von 421 bis 415 zeigt sich auch in einer Äußerlichkeit: auch in dieser Partie ist die Einteilung nach Kriegsjahren beibehalten, undder Schluß jedes Kriegsjahres ist durch Unterschrift bezeichnet; in dieser wird regelmäßig der Name des Thukydides genannt, er fehlt ausnahmsweise II 47,1 undIV 116,3, dann aber fehlt er regelmäßig vom elften bis zum fünfzehnten Jahr des 416 Kriegs. Die Darstellung ist in dem Abschnitt über die Jahre 421– sehr kurz und abrupt, abgesehen von der sehr sorgfältig ausgearbeiteten Schilderung derSchlacht vonMantineia.”

Umdie bislang nur ‘abstrakt’behauptete, von Lesern undErklärern insbesondere im Kontrast zu VI undVII empfundene Unvollkommenheit zu konkretisieren, ist eine Durchsicht des Inhalts und seiner Darstellung250 erforderlich:

Die Fortsetzung desBerichtes inV setzt mit27,1unmittelbar nach “ dem 50-jährigen Frieden undspäter demBündnis”(Sparta –Athen) ein, nämlich beim Rückweg derkorinthischen Gesandten. AusVerdruß über die beiden Abkommen (Korinth war dem Frieden ja nicht beigetreten, unddasBündnis verstanden siealseinen Versuch Spartas, die Peloponnes zuunterwerfen) wenden sie sich nach Argos mitder Aufforderung, einBündnis ohne undgegen Sparta zubegründen. 249Wasja nicht falsch, sondern objektiv beobachtet ist; unddasUrkundenzitat ist nicht etwa – darauf kommt es wegen des unterstellten ‘Zirkels’(ob., S.130) an – daseinzige Argument der‘Unfertigkeit’, sondern eins unter anderen. 250Dabei beschränke ich mich auf die Kapitel 27– 56, die ich unabhängig von der 116 auf zusammenfassenden Übersicht, die ANDREWES in GOMME V (zu V 14– 383 unter demTitel “Indications of Incompleteness” 9) als Appendix 1, S.361– 375– darbietet, sozusagen als normaler aufmerksamer Leser durchgegangen bin. –Einen ὸ ὶτ α ρκ π ε ganzgravierenden Beleg findet maninV 22,1τ φ ά ιᾗ ε σ ρ ο ῇπ τ ὐ ῇα , wovon manzuvor keinWortgehört hat(undwozuMEYER schweigt). ρ ότ ν ρ π ο ε

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II. Hauptteil

(28) Darauf ging Argos als alte Rivalin Spartas gern ein, weil der Frieden mitSparta auslief undweil manaufeine Führungsstellung (vor Sparta) hoffte; es wurden 12 Männer bestimmt, mit denen alle Griechen außer Athenern und Spartanern ein Bündnis schließen dürften. (29) Alserste Stadt trat Mantineia (ausAngst vorSparta, demes im Krieg einen Teil Arkadiens genommen hatte) demBündnis bei; daman allenthalben in derPeloponnes Groll gegen Sparta hegte undmeinte, Mantineia habe weitere (unbekannte) Gründe für seine Abkehr von Sparta, gabes inderganzen Peloponnes Unruhe, indem dieStädte Anschluß an Argos suchten. (30) Alsdies in Sparta bemerkt wird, schickt manGesandte nach Korinth als Urheber; dort hatte mangerade dieübrigen Mitglieder des Peloponnesischen Bundes, diedenFrieden nicht angenommen hatten, zuBeratungen versammelt, undinderen Gegenwart rechtfertigen sich dieKorinther so,daßdieSpartaner, ohneetwas erreicht zuhaben, wieder abziehen müssen. Argivische Gesandte drängten damals zugleich zumBeitritt in denvonKorinth selbst angeregten Bund (dem bisher ja nurArgos undMantineia angehörten). (31) Zunächst schließt dannElis einBündnis mitKorinth, dannmit Argos, weil Elis mit Sparta Zwist wegen Lepreon hatte (über dessen Anlaß berichtet wird). Gleich darauf wird auch Korinth Bündnismitglied undebenso die thrakische Chalkidike, während Böotien undMegara (als Oligarchien) bei Sparta verblieben (das auch eine stärkere Kontrolle auf sie ausübte).

So weit kann maneine darstellerische Einheit feststellen, anderes zubemängeln gibt; dannaberfolgen kurze Mitteilungen über drei Ereignisse, die in ihrer Knappheit undKürze kaum als endgültig angenichts

sehen werden können (imdritten Fall kann dabei nichts anderes vorliegenals das ‘Stichwort’eines später einzufügenden Berichts) nämlich (32) Athen erobert Skione undbestraft es so hart undgrausam, wie es zweiJahre zuvor (IV 122,6) auf Kleons Betreiben beschlossen wordenwar: erwachsene Männer wurden hingerichtet, Frauen undKinder versklavt unddasLanddenPlatäern zugewiesen (d.h. die Gemeinde wurde völlig eliminiert). Hier liegt ein (allerdings erklärbarer) Widerspruch vor zu IV 123,4, wonach Brasidas Frauen und Kinder nach Olynth inSicherheit gebracht hatte; immerhin istanzunehmen, daß hier einHinweis auf dasFehlen einer letzten Revision vorliegt, beiwelcher der Widerspruch beseitigt worden wäre, vgl. CLASSEN-STEUP z.St. Die nächste ‘stichwortartige’Nachricht besagt, daß Athen dieDelier wieder nachDelos zurückholte (ihre Vertreibung warin V 1 ebenfalls kurz, aber dochetwas ausführlicher berichtet worden). Die dritte Nachricht sagt ohnejegliche Erläuterung oder Ausfühρ ν ξ α τ ο ρ ο ιἤ rung (an späterer Stelle) nur κ ῆ κ ό ὶΛ α ςκ κ α ὶΦ ω (D)ies ist wohl wieder auf Rechnung des unvollendeten μ ε ῖν .“ ε λ π ο Zustands ... zu setzen.”(CLASSEN-STEUP z.St.)

In 32,3 wirdderbisherige Bericht überverschiedene diplomatische Aktivitäten fortgeführt: vergeblicher Versuch, Tegea von Sparta zu lösenundin denargivischen Bund zuholen; ebenso vergeblich derVerVersuch Korinths, Böotien zudiesem Schritt zubewegen; derBöoter

3. Wievollendet sind V undVIII?

137

Vermittlungsversuch zugunsten Korinths in Athen, denje 10-tägigen Waffenstillstand auch für Korinth zuerwirken, bleibt ergebnislos. Kap.33 ist einer (erfolgreichen) Unternehmung Spartas gewidmet, die sich (indirekt) gegen Mantineia richtete undbeiderderen Kriegsbeute (s.o. Kap.29) zumindest teilweise (Genaueres wird nicht mitgeteilt) zurückgewonnen unddiegegen Sparta gerichtete Befestigung der Mantineier beiKypsela zerstört wurde.251 Kap.34 berichtet dieFreilassung derHeloten, dieunter Brasidas in Thrakien gekämpft hatten, unddie(vorübergehende) Degradierung der spartanischen Vollbürger, dieausderathenischen Gefangenschaft zurückgekehrt waren.

35,1 enthält wiederum eine nackt (= kommentarlos) vermeldete Einzelheit, nämlich die Eroberung vonThyssos (auf der Halbinsel Akte der thrakischen Chalkidike) als einer mit Athen verbündeten Stadt durch dieDier.252 In eine gewisse Einheit läßt sich der Abschnitt von 35,2 bis einDiplomatic Exchange”(GOMME schließlich 48 zusammenfassen, als “ IV 37); doch untergliedert sichdies: Zunächst wird in 35 gesagt, daßes in diesem Sommer einen normalen friedlichen Verkehr zwischen Sparta undAthen gab, aber ebenso vonAnfang anstarkes Mißtrauen bestand, weil sie sich die Ansprüche ausdemFriedensvertrag nicht erfüllten (z.T. nicht erfüllen konnten). Kap.36 bringt mitdemfolgenden Winter bereits einen deutlicheren Ansatz zumUmbruch, insofern in Sparta unter derAmtsführung neuer Ephoren die dortige ‘Kriegspartei’(nach viel ergebnislosen Verhandlungen) dasverbündete Böotien zumEintritt indasargivische Bündnis Argos zu zubewegen suchte, umaufdiese Weise einBündnis Sparta – erreichen, d.h.die athenisch-spartanische Verständigung zu Fall zu bringen. (37) Dieser Initiative schlossen sich zwei argivische Regierungsmitglieder an,diedenheimreisenden böotischen Gesandten ganz ähnliche Vorschläge unterbreiteten unddeswegen Verhandlungsbeauftragte nach Böotien zu senden versprachen, wodie Vorschläge aus Sparta undausArgos vondenBöotarchen positiv aufgenommen und weiterbetrieben wurden. (38) Infolge ungeschickter Informationspolitik der Böotarchen jedoch scheitert dasganze Vorhaben dann dermaßen, daßes weder einAbkommen mitKorinth nochmitArgos gibt.

251DasKap. steht alsEinzelaktion

knapp für sich, aber in sich abgerundet undbieίο ν κ ε ιμ α δ α tet, außer in einem geringfügigen sprachlichen Anstoß (dem Gen. Λ ι), vondemCLASSEN-STEUP z.St. annehιο ν ό α ιμ δ ε κ α ω νtrotz des Subjekts Λ men, daß er bei einer letzten Revision beseitigt worden sein könnte, keinen Anlaß

zurBemängelung.

252Wie weit diese Angabe zutrifft, ist unsicher, vgl.CLASSEN-STEUP z.St.: die Dier sind nach V 82,1 erst 417 vonAthen abgefallen, während Thyssos sich nach IV 109,5 Brasidas angeschlossen hatte. Möglicherweise wardies eher eine proathenische Aktion als gegen Athen gerichtet, undmöglicherweise liegt hier eher eine unzutreffende Information des Thukydides vor als ein Beleg der Unfertigkeit, obwohl auch hier (im Zuge abschließender Bearbeitung) eine spätere Korrektur (Präzisierung) angenommen werden kann.

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II. Hauptteil Kap.39 setzt miteiner ähnlich kurzen (und unerklärten) Notiz ein wie35,1: Mekyberna wird vonseiten Olynths erobert. –Gegen Ende desWinters (unddamit des 11.Kriegsjahrs) schließen die Spartaner, da die immer noch geführten Verhandlungen mit Athen immer noch erfolglos blieben, ein Separatbündnis mitBöotien, worauf Panakton –

das Streitobjekt zwischen Sparta undAthen, dessen Rückgabe Athen zustand, Sparta aberbeiVerweigerung Böotiens nicht bewirken konnte ὐ undumdessentwillen sie dasSonderbündnis geschlossen hatten –ε ρ ε ῃ ῖτ ο . Die ebenso überraschend wiekurzundkommentarlos θ θ ὺ ςκα

gebotene Nachricht ist ein erneutes Indiz für das Fehlen der Schlußarbeit, bzw. belegt die stichwortartige Vorläufigkeit desBerichts, vgl. CLASSEN-STEUP z.St. mit Verweis auf STAHL (in POPPO-STAHL). 48, Beginn des 12.Kriegsjahrs, bilden in sich eine Die Kapitel 40– Einheit, vergleichbar demAbschnitt 27– 31; allerdings ist diese Einheit, der mankeine besondere Unfertigkeit oder Vorläufigkeit anmerkt oder ‘nachsagen’mag, gekennzeichnet voneinem ständigen HinundHereines ziemlichen diplomatischen Wirrwarrs. –Als im Frühjahr keine böotischen Boten erschienen waren, fühlten sichdieArgiver, dieauchvom Bündnis Böotiens mitSparta undvonderSchleifung Panaktons gehört hatten, woraus sie aufBeitritt Böotiens zumFriedensvertrag schlossen, inderGefahr, isoliert zuwerden undwomöglich gegen mehrere mächtige Gegner gleichzeitig kämpfen zumüssen, sodaßsienundochlieber den(auslaufenden) Vertrag mitSparta zuverlängern wünschten. (41) Tatsächlich kam zwischen den argivischen Gesandten und Sparta, obwohl die Kynosuria als Streitpunkt offen blieb, ein Bündnis zustande, weil Sparta daran gelegen war. (42) In Athen kames unterdessen wegen derSchleifung derFestung Panakton undwegen des (vertragswidrigen) Bündnisses Böotien – Sparta zuheftigem Streit. (43) Darauf regte sich auchinAthen (zuSparta vgl. schon Kapitel 36) wieder die ‘Kriegspartei’, insbesondere derjunge Alkibiades – hier bei Thukydi, dersogar (wegen gekränkten Stolzes des nicht deserstmals genannt – gebührend Geachteten) aufeigene Verantwortung Verbindung mitArgos aufnahm undeine Gesandtschaft vondort, möglichst zusammen mitElis undMantineia, zuVerhandlungen über ein Bündnis mitAthen anforderte, derer seine Unterstützung verhieß. (44) Auf diese (dort überraschende) Nachricht hin nahm man (ohne Rücksicht auf die Bündnisverhandlungen in Sparta) sofort Verbindung nach Athen auf, zudemmanseitje stärker hinneigte; inAthen erschienen jedoch gleichzeitig spartanische Gesandte, umvorübereilten Beschlüssen wegen des jüngsten Streits zuwarnen, bevollmächtigt, den Streit beizulegen. (45) DaAlkibiades, derdies imRatgehört hatte, einen Fehlschlag seiner Bemühungen mitArgos befürchtete, falls die Spartaner in der Volksversammlung ebenso sprächen wie imRat, überredete er sie in betrügerischer Weise (er werde ihnen indemFalle Pylos verschaffen, indem er sichjetzt dafür einsetzen wolle, während er bislang dagegen gestimmt habe), vordemVolk ihre Vollmachten zuverleugnen. Voll Zorn und Ärger über die (betrogenen) Spartaner ließ die Volksversammlung sofort dieargivischen Gesandten auftreten, undes wäre unverzüglich zueinem Bündnis gekommen, wenndieVersammlung nicht wegen eines Erdbebens hätte abgebrochen werden müssen. (46) Am folgenden Tagerreichte Nikias einen Aufschub, umnochmal miteiner Gesandtschaft inSparta zuverhandeln; allerdings waren derGesandt-

3. Wievollendet sind V undVIII?

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schaft (Nikias selbst gehört dazu) schier unerfüllbare Forderungen aufgetragen worden, z.B. Panakton, dasja geschleift war, müsse unbeschädigt übergeben, das Bündnis mit Böotien aufgehoben werden. Als Nikias’Gesandtschaft dann –erwartungsgemäß –ohne Erfolg heimkam, schloß man(voll Ärger über ihn, über die Friedenspartei undüber Sparta) den Vertrag mitArgos, dessen Wortlaut in Kap.47 überliefert ist. (48) Trotz dieses Vertrags blieb das athenisch-spartanische Vertragsverhältnis (V 18f / V 23f) de iure in Kraft; Korinth jedoch trat, obwohl mitArgos verbündet, diesem Bündnis Athens mitArgos ebenso wenig bei, wieesja demFriedensvertrag seines Verbündeten Sparta mit Athen ferngeblieben undwie es demBündnis Argos/Elis/Mantineia nicht beigetreten war; so stand Korinth wieder stärker bei Sparta. (49/50) Vonden Olympischen Spielen 420 wurde Sparta wegen Störung des Festfriedens, der in Elea bereits gegolten hatte, ausgeschlossen; Begründung undAuseinandersetzung darüber werden berichtet; manbefürchtete eine militärische Intervention Spartas umso mehr, als derSpartaner Lichas, dessen Gespann als böotisch gestartet war, sich provokativ als (spartanischer!) Besitzer kundgab unddarum vondenOrdnern gezüchtigt worden war; doch blieb alles ruhig. – Nach denSpielen trafen in Korinth Gesandte ausArgos, die zum Beitritt Korinths insBündnis warben, mitspartanischen Gesandten zusammen; aber trotz vieler Reden kamwegen eines Erdbebens nichts heraus.; unddasSommerhalbjahr ging zuende. (51) AusdemWinterhalbjahr wirdnureine Schlacht umwohnender Volksstämme gegen Heraklea in Trachis (426 von Sparta gegründet, vgl. III 92,2) berichtet, in welcher der(spartanische) Befehlshaber und einige Herakleoten fielen. (52) Gleich im folgenden Frühjahr übernahmen die Böotier den geschädigten Ort undschickten dessen spartanischen Kommandanten fort. –Alkibiades zieht als athenischer Feldherr mit geringen Truppen in diePeloponnes, woer sich mitVerbündeten verstärkt undanverschiedenen Plätzen zumVorteil desBundes zuwirken sucht, z.B. bei Patrai undRhion (amZugang zumGolf vonKorinth, fast dennördlichsten Punkt der Peloponnes markierend) mit langen Mauern bis ans Meer, wasjedoch durch Sikyonier undKorinther (zuderen Nachteil dies hätte sein können) verhindert wird.253 (53/54) Es kommt anschließend zum Krieg254 der Argiver gegen Epidauros, wofür als Vorwand eine nicht beglichene religiöse Schuld diente, in demes aber darum ging, Epidauros gewaltsam in denBund zuholen; dazurüsteten die Argiver allein, weil derreligiöse Vorwand sie allein betraf. Gleichzeitig rücken dieSpartaner mitgeheimem Ziel nach Nordosten aus, kehren aber an ihrer Grenze um,dadasGrenzübergangsopfer ungünstig war. Nach deren Umkehr rückt Argos vier Tage vordemheiligen Monat gegen Epidauros aus; die Verbündeten ὺ ο ςδ᾽ leisteten aber den Bewohnern keine Hilfe (doch vgl. 55,1 τ ). χ ο υ μ ά ς ὺ ρ ίο υ ςξυμ α ὶ το ςκ υ α ιδ π Ἐ

253Ein wenig klares Kapitel, worin – so GOMME z.St. –entweder der unfertige Zustand oder absichtliche Verdunklung derLeistung desAlkibiades zusehen ist. 254π όλ ε μ ο ςἐγ έ ν ε τ οsteht wieeine Überschrift über 53f; denn Ende 53 rüsten die , underst 54,3 fallen sie tatsächlich ein, dazwiρ κ ε ε σ υ ά ο τ α ν Argiver noch, π ζ ο schen dieNotiz über Spartas Auszug biszurGrenze.

140

II. Hauptteil

(55) Bei einem auf Athens Veranlassung in Mantineia tagenden Friedenskongreß wird zunächst der Rückzug des argivischen Heeres ausEpidauros veranlaßt; alsdanach aber doch kein Verhandlungsergebnis erzielt wird, fallen die Argiver wiederum insEpidaurische ein, wovon sie ein Drittel verwüsten. (56) Imfolgenden Winterhalbjahr schickt Sparta unbemerkt von Athen auf demSeeweg 300 Mann unter Agesippidas255 als Verstärkung nach Epidauros. Nachargivischer Beschwerde, daßdie Athener vertragswidrig Feinde durch ihr (See-)Gebiet hätten ziehen lassen, führendiese nundie nachdemNikiasfrieden ausPylos abgezogenen Heloten undMessenier wieder dorthin, damit sie Sparta schaden. (Der Friede mit Sparta wird aber nicht formell aufgehoben, sondern ein propagandistischer Zusatz aufdie Stele geschrieben, daßsich Sparta gegen den Frieden vergangen habe.) –Gegen Ende des Winters unternehmen dieArgiver einen erfolglosen Sturm aufEpidauros.

Ich beende hier den etwas ermüdenden undlediglich referierenden Überblick.256 Er hatm.E. hinreichend dasgezeigt, worauf es ankam: Es gibt imV. Buch neben denvoll ausgearbeiteten Partien (der Schlacht von Mantineia unddemMelierdialog) unddemHauptteil, welcher so, wie er ist, als geplant undwahrscheinlich von den äußeren Umständen eines Mangels an größeren kriegerischen Ereignissen und eines Überflusses’ an verworren-verwirrender Diplomatie beist, auch Stellen, die unverkennbar undwohl sidingt zubetrachten ‘ cher unbestreitbar die Vorläufigkeit der Darstellung in diesem Buch belegen, weil sie lediglich Stichworte undMarkierungspunkte sind 255Ob mandie Geringfügigkeit der unterschiedlichen Schreibweise gegenüber η σ ιπ γ π ίδ α 52,1 Ἠ ςals Beleg dermangelnden letzten Revision nehmen darf (so STEUP z.St.) lasse ich dahingestellt. 256 Es folgt mit 57– 75 der große und nach Ansicht aller vollendet durchgeformte Komplex der Schlacht bei Mantineia (Sommer 418), mitdemSparta seinen (mili59 (spartanischer Einmarsch ins tärischen) Ruf wieder herstellte; dazu bilden 57– 63 (der bei schon beginnender Schlacht vomSpartanerkönig Argivische) und60– Agis ausbedungene viermonatige Waffenstillstand, sein plötzlicher Rückzug aus der Schlacht undausdemFeindgebiet sowie seine deswegen in Sparta erfolgte 6 geben kurz Nachricht über den Verurteilung) ein retardierendes Präludium. (75,4– [von Epidaurus mitdemÜnerfall aufdasunbewachte Argos provozierten] Kampf 81 trägt umEpidauros amEndedesSommers.) Diedaran anschließende Partie 76– zwar in Gestalt derbeiden Urkunden 77 und79 den‘Stempel derVorläufigkeit’ aufderStirn, bleibt hier aber selbstverständlich darum außer Betrachtung, weilja unabhängig vom Urkundenzitat argumentiert werden soll. –Daß der Melier-Dialog (Kap. 84ff) nichts ‘Unfertiges’, sondern

imGegenteil einbesonders

ausgearbeite-

tes Glanzlicht thukydideischer Darstellung ist, bedarf keiner Erwähnung. Das dazwischen stehende Stück 82f enthält allerdings nochmals (in 82,1) gleich zwei ganz kurze isolierte Nachrichten, die einer Ausführung und/oder Erklärung bedürften, daher alsStichworte fürdieEinfügung einer späteren Ausarbeitung andieser Stelle und somit als Beleg der Vorläufigkeit gelten können; aber dies wird, wie ich glau56 hinreichend belegt, s.o. imText. be, auchdurch dasbisher betrachtete Stück 27–

3. Wie vollendet sind V undVIII?

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für spätere Einfügung eines ausgearbeiteten Berichtes. (Diese Stellen

sind vorstehend durch die Schrift hervorgehoben worden und müssen daher nicht rekapituliert werden.)257 Wenn sich nun in diesem unfertig vorläufigen Bereich die so unnützen Urkunden über ganz unwichtige Vertragsschlüsse finden, während Thukydides andere, keineswegs weniger wichtige Verträge lediglich erwähnt und an anderen Stellen ‘urkundliches Material’ statt es zu zitieren verarbeitet, d.h. als meist extrem verkürztes Referat in denText nimmt, undzwar, wie im folgenden Kapitel gezeigt werden soll, häufiger, als man bisher (SCHWARTZ z.B. und auch MEYER) angenommen oder zugegeben hat, dann kommt für die Überlieferung derjetzt im Werk vorhandenen Urkunden eigentlich nur eine einzige natürliche Erklärung in Frage, die die frühere Forschung (vor MEYER) mit vollem Recht als selbstverständlich ansah(und deres wieder zuihrem Recht zuverhelfen gilt): es fehlt die Schlußarbeit, die diese Texte eventuell noch ‘ausgezogen’, ansonsten aber in die Ablage verbannt hätte.

Umnundie (innere) Unfertigkeit desVIII. Buches zubelegen, beabsichtige ich keine weitere Erörterung: diese ergibt sich allein aus derTatsache des Abbrechens ‘mitten im Satz’undnoch vor Ende des gerade im Bericht stehenden Sommerhalbjahrs, d.h. der äußeren Un-

vollendetheit.257a Selbst für sehr unkritische Köpfe liegt angesichts dieser unbestreitbaren Tatsache die Frage der inneren Unfertigkeit nahe.258 Sie ist auch seit z.B. HOLZAPFEL (1893) und WILAMOWITZ (Thuk.VIII, 1908) nicht ernsthaft in Frage gestellt worden, undauch die Schichtenanalyse dieses Buches durch DELEBECQUE (1965; 1967) fußt auf dieser Tatsache,259 so daß sich ein nochmaliger Aufweis er257Es sei nochmals aufdie umfassendere Zusammenstellung (ob., Fußn. 250) der 9 durch ANDREWES 116) in GOMME V 375– Belege von incompleteness (für V 14–

verwiesen. 257aVöllig indiskutabel ist H.KONISHI, Thukydides’History as a Finished Piece, 7, wenner meint, es gebe keinen Beleg Liverpool Classical Monthly 12, 1987, 5– dafür, daßThukydides sein Werk über dasJahr 411 v.Chr. hinaus habe fortsetzen wollen. Nicht zugänglich wurde mirFLORY, ST.F., WhydidThucydides leave his History unfinished?, Summary in: American Philological Association, Abstracts

1988 [1989], 23. 258LUSCHNAT 1113 sieht diesen Zusammenhang grundsätzlich so, daßer immer, schränkt hin sagt: “ Vonvornherein mußmanmitderMöglichkeit rechnen, ...” diesjedoch ablehnend (ebenda) gleich darauf ein: “Etwas ganzanderes aber istes, wennwirausderTatsache deräußeren Unvollendetheit aufeine tiefsitzende innere Unvollendetheit schließen wollten, ...” . 259WasANDREWES (= GOMME V) 382 undzuvor 373 über die vermutliche Arohne aufgenauere Informabeitsweise sagt, daßThukydides Nachrichten sofort –

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II. Hauptteil

übrigt. Hierfür ist nachdrücklich (und stärker als zu Buch V) auf die Zusammenstellung bei ANDREWES (= GOMME V) 369– 375 zu verweisen: ich zähle dort ca. 40 einzeln namhaft gemachte Stellen (die zuvor im vorangehenden Kommentar allesamt besprochen wurden). Selbst wenn man die eine oder andere Stelle in Zweifel zieht,260 kann die unfertige Vorläufigkeit von VIII vernünftigerweise von niemandem bestritten werden –unabhängig von den Urkunden, aber mit eindeutiger Auswirkung auf die Beurteilung ihres Vorhandenseins.

als Bericht zu späterer Ergänzung niederschrieb (“ leaving it to a tionen zuwarten – later stage to integrate these into a unified account written from his ownpoint of his method wasto write outin full literary form thereports he re, 373 und“ view” ceived, soon after receipt of them andwithout waiting for the fuller information he , 382), ist glaubhaft, wenngleich kaum beweisbar. could be sure of getting later” Jedenfalls ist VIII aber amdichtesten anderersten vorläufigen Niederschrift undso am stärksten noch offen für Änderungen, Verbesserungen, Ergänzungen, Nachträge. 260Z.B. versucht dies ERBSE (Thukydides-Interpretationen 39– 47) mit der Passage 59. VIII 57–

4. Verarbeitung

urkundlichen Materials

Wichtiger als die ohnehin ja kaum bestreitbare Unfertigkeit der die Urkunden enthaltenden Teile des thukydideischen Geschichtswerks (vor allem unstrittig V 27– 83 undVIII; aber nach Ansicht von Wilh. SCHMID undANDREWES auch schon ab Ende IV undsomit alle Urkunden einschließend) ist für die rechte Vorstellung von der vermutlichen Absicht des Autors bezüglich der Vertragstexte sein Verfahren, das er in den ‘fertigen’ Partien mit urkundlichem Material praktiziert. Denn es ist eine naheliegende undnatürliche Vermutung, daß er in dieser Hinsicht analog verfahren wäre, wenn er zur Abschlußarbeit an den in noch stärker vorläufiger Form vorliegenden

Teilen gekommen wäre.261

AndenAnfang setze ich denHinweis aufeine kaum noch erkennbar ‘eingearbeitete’ oder verwertete Urkunde, die A.VONDOMASZEWSKI (SB Heidelberg 1920,5) in VI 57,2– 6 aufgezeigt hat,262 weil sie belegt, bis zu welchem Grade die Verwertung urkundlichen Materials bei Thukydides zu gehen pflegt. Dort hat VONDOMASZEWSKI aus der (begrenzten Anzahl undder) Nennfolge der mit Athen in der letzten Schlacht vor Syrakus kämpfenden Verbündeten im Vergleich daß dem mit der Beschriftung der Schlangensäule263 erschlossen, “ Schriftsteller eine amtliche Liste der Streitkräfte, die Demosthenes auf seinem Zuge mit sich führte, zu Gebote stand.”(aaO 8)264 261UmLUSCHNATs (wenig glücklichen) Begriff der “ Homogenität”aufzunehmen unddemdarin enthaltenen Vorwurf gegen alle, die ein indenPrinzipien sich selbst treu bleibendes Verfahren beiderBehandlung gleicher Sachverhalte voraussetzen, zubegegnen: es wird keine äußerliche Gleichförmigkeit derDarstellung, sondern eine imGrundsatz sich gleichbleibende Methode angenommen, ohne die mankein ‘Methodenkapitel’brauchte undstattdessen die thukydideische Darstellung als willkürliche Ansammlung vonBeliebigkeiten zubetrachten hätte. 262Sie wird vonMEYER 12, Fußn. 1,bestritten, obwohl er ebenda unmittelbar zuvorgesagt hatte: “Amtliche Verzeichnisse (Urkunden) sind zweifellos auch im Ka59,1 verwendet.” talog der Kriegsteilnehmer 7, 57– 263Es ist dies die berühmte (in Konstantinopel befindliche) Schlangensäule, die den Dreifuß trug, auf demPausanias sein (später eradiertes unddurch die Stadtnamen ersetztes) Epigramm ausAnlaß desSiegs über die Perser in Delphi geweiht hatte, welches Thukydides I 132,2 mitteilt. 264In unmittelbarer Fortsetzung dazuseiderganze Schlußabsatz zitiert, weil er die (vor MEYERs unglücklichem Versuch) natürliche Auffassung zu den Urkunden als selbstverständlich spiegelt: “Wanner diese Urkunde für seine Darstellung des sizilischen Krieges genützt hat, erkennt man an demZusatz zu den Kleruchen Aeginas, ο ιν νε α ἳτ ν[hierzu vgl. SCHADEWALDT 9f]. Demnach hat ἶχ ο ό τ εΑ ἴγ er erst nach seiner Rückkehr ausderVerbannung diesem Abschnitt seines Werkes

die letzte Gestalt gegeben. Die übrigen Urkunden, die er in ihrer ursprünglichen

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II. Hauptteil

6 sind II 9, die katalogartige In eine Linie zu ordnen mit VI 57,2– Aufzählung der beiderseitigen Verbündeten;265 II 13, Athens Machtmittel in der indirekten Rede des Perikles;266 II 96f, die katalogartige Aufzählung der Machtmittel des Sitalkes und der Einkünfte des Odrysenlandes;267 III 17, die Angabe der in Dienst stehenden Schiffe (π α ρ α ή π λ σ ια ιδ ὲκ α ὶἔ τ ιπ ) und der λ έ ε ν ίο ο υτ μ υ ο ο υ ςἀρχομ ῦπ ο λ έ Kosten, die den Staatsschatz belasteten;268 IV 38,5–39,3, die Zahlangaben am Ende der Pylos/Sphakteria-Episode;269 IV 53,1, die Ausfahrt von 60 Schiffen mit 2.000 Hopliten unter Nikias undzwei weiteren Strategen.270 Diese eher unscheinbaren, aber doch auch für die (in I 22,2 beanspruchte) akribische Faktenermittlung bezeichnenden Beispiele können undsollen natürlich nicht als Beweise gegen die Urkunden-Zitate überfordert werden, aber als belegende Hinweise auf die gewissenhafte undselbst bei Geringfügigem umgesicherte Daten bemühte Arbeitsweise desHistorikers sind sie allemal gut. Form seinem Entwurf derZeit desfaulen Friedens nuräußerlich eingefügt hatte, mit seiner Erzählung zuverschmelzen, warihmnicht mehr vergönnt. Sicherlich waren für ihn auch diese Urkunden nichts als Bausteine, die er als Mitlebender nicht höher schätzen konnte, als die Nachrichten anderer Art, denen er sonst seine

Kenntnis verdankte.” 265Die sachliche Unergiebigkeit (vgl. GOMME II 12: it is a meagre andbeggarly ή , withnodetails of forces, andabove all ρ σ κ ρ ε α υ description, espescially of theπ no comparison of the strength of the two sides. ... Thucydides in this chapter says ) läßt sich nicht dagegen ins Feld führen, daß nothing of the allies in the west ...” ofallies ready totake partinthe hier eine amtliche Liste zugrunde liegt (vermutlich “ , GOMME ebenda); daßes sich mehrumeine vorläufige Notiz ensuing campaign” zuhandeln scheint (GOMME ebenda “This chapter infact looks like a short note ... ) unddaß es sich augenwhich was never properly worked into the main narrative” dasmußmanzwangsläufig andieser Stelle vonvornherein vermuten – scheinlich – umdie Verbündeten amBeginn desArchidamischen (nicht desgesamten) Kriegs handelt, spielt hierebenfalls keine Rolle. 266Hier kann nurverwiesen werden auf die außerordentlich ausführliche Erörte47. rung (über reichlich 30 Seiten) beiGOMME z.St., II 26– 267Daßmansich die Art desverwendeten Materials schwer vorstellen kann und daß unsere Kenntnis über dendortigen Bereich sehr gering ist (vgl. GOMME z.St., 6] 242 “Very little is known of the Thracian peoples andof the Odrysian II [241– ), kingdom in the fifth century beyond what Herodotus andThucydides tell us, ...” kannwiederum nicht alseinGegenargument gelten. 268Über die Schwierigkeiten desKapitels GOMME z.St., II 272– 278; daßes sich umAngaben handelt, die auf den offiziellen Abrechnungen’des Staatshaushalts basieren, steht nicht in Frage. ‘ 269Daß irgendeine amtliche Dokumentation zugru ndeliegt, ist unverkennbar und kann als unbestritten gelten, möglicherweise ist dieeine Angabe (über die athenischen Gefallenen) in IG I2 949 (dazu GOMME III 492f zuIII 44,6) belegt. 270Diese Ausfahrt ist – vgl. GOMME z.St., III 507 – nicht nurbelegt, sondern auch 22. aufca.7.–10.Mai424datierbar ausIGI2324,20–

4. Verarbeitung

urkundlichen Materials

145

Hat mandies erkannt, wird mansich eine ungefähre Vorstellung davon bilden können, in welchem Ausmaß Urkunden besonders im I.Buch, woThukydides die Ergebnisse seiner geschichtswissenschaftlichen Studien (größtenteils aus der Zeit vor demKrieg) nicht ohne Stolz vorführt: ebenso, wie er bei Homer Belege seiner Erkenntnisse findet, zieht er seine Schlüsse aus ‘urkundlichem Material’. Über die soeben angeführten Fälle hinaus gibt es viele weitere, wo urkundliches Material im engeren Sinne (nämlich Verträge undBeschlüsse) benutzt, verarbeitet undunterschiedlich ausführlich referiert (aber eben nie in extenso zitiert) wird. Diese zahlreichen weiteren Stellen, auf die ich nachfolgend noch eingehen werde, sind im einzelnen nicht beweisend, aber auch sie können sowohl einzeln wie auch in ihrer Gesamtheit als höchst belehrend gelten dafür, wie Thukydides üblicherweise verfährt: er gibt –um es summarisch vorwegzunehnur eine verschwindend geringe Andeutung vom Inhalt, evenmen – tuell ein oder zwei Stichpunkte, undmanchmal überhaupt keine inhaltliche Andeutung, sondern bloß eine Mitteilung vomFaktum einer vertraglichen Abmachung; unddoch kann er gelegentlich später auf α τ ὰτ ὸ eine solche Abmachung mit so allgemeinen Wendungen wie κ irgendwer je ohne daß μ έ ν zurückgreifen, ο ν η ρ ὡ oder ς ν ε ἰ ό ικ χ α μ μ υ ξ irgendetwas vermißt hätte zum“ Verständnis”solcher Stellen im Zusammenhang des historischen Berichts. Macht mansich einmal klar, daß das über vier Bücher hin völlig problemlos war, wirkt es schon von vornherein unglaubhaft und recht seltsam, daß vom fünften Buch an, d.h. nach dem Auftauchen der völlig unnötigen Vertragswortlaute, der umgebende übrige, d.h. jeweils folgende Bericht nur noch mit undnach Kenntnis des gesamten Vertragstextes verständlich sein solle. In einer recht inhaltsreichen längeren Fußnote hat SCHWARTZ 30,1 auf insgesamt sieben solcher Fälle aufmerksam gemacht,271 12 hat dazu ablehnend Stellung genommen, undLUSCHMEYER 10– NAT 1123f führt dieselben Stellen in einer übersichtlichen Tabelle unter Angabe derjeweiligen Nummern bei BENGTSON (Staatsverträge) und bei MEYER an, und er bespricht sie 1124f sehr knapp, vorwiegend in kritischer Auseinandersetzung mit MEYER. Ich gehe nachfolgend diese (lediglich sieben) vonSCHWARTZ für lohnend er-

271 II 24,1f; III 28,1; 114,2; IV 16; 21,3; 105,2 und 106,2; V 27,2 und 28,2. Er beginnt also erst im zweiten Buch, d.h. in derDarstellung des Krieges; das hat

seinen guten Grund; under hatdamit die sicherlich insgesamt überzeugendsten Stellen angeführt; gleichwohl sind auch die zahlreichen Stellen des I.Buches, an denen urkundliches Material verarbeitet ist, sehr aufschlußreich für das übliche thukydideische Verfahren; darum sollten sienicht übergangen werden.

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II. Hauptteil

achteten zusammen mit den zahlreichen weiteren Stellen vor allem auch des I.Buchs in der Reihenfolge ihres Vorkommens bei Thukydides durch.272

1. In I 29,5 wird der “Kapitulationsvertrag der Epidamnier mit 273referiert.274 In einem einzigen Sätzchen wird das Korkyra 435” Faktum als solches mitgeteilt und der wesentliche Punkt referiert, und so ist dieses allererste Beispiel ein Muster undexemplarisch für die vernünftige Verfahrensweise, wie sie nicht nur von Thukydides,

im Grunde genommen überall bis heute gehandhabt wird. Nunkann mannatürlich leicht dagegen argumentieren, daß alle Belege des I. Buches insofern nicht beweiskräftig seien, als sie nicht in den von Thukydides darzustellenden Krieg fielen. Das ist zunächst einmal rein ‘äußerlich’ richtig, trifft aber die Sache doch nicht so ganz: Die Streitigkeiten zwischen Kerkyra und Korinth wegen Epidamnos, die den ersten Anlaß zumKriegsausbruch bilden,275 sindja Teil der ‘Vorbereitung’zumKrieg selbst; wie wichtig diese Vorbereitung ist, zeigt der Umfang des I. Buches, dasja als ganzes die Entwicklung zum Krieg enthält, und wie wichtig darin die Kerkyra55 Epidamnos-Episode ist, zeigt deren Umfang im I.Buch: Kap. 24– 36)276 und der Korinther (37– mit den Reden der Kerkyräer (32– 43)277 in Athen. sondern

272Dabei zeigt sich, daß die von SCHWARTZ angeführten Stellen tatsächlich die überzeugendsten sind; aber den so zahlreichen anderen Stellen kommt von ihrer Quantität herein beachtliches Gewicht zu,weshalb auch sie Beachtung verdienen. 273BENGTSON, Staatsverträge 80, Titel zuNr.160. 274Wegen dermutserhaft-exemplarischen Bedeutung dieses ersten Beispiels führe ν ν ο μ α ίδ νἘπ α ὴ ηκ ὶτ ᾳα ὐ β ρ τ έ ichdenWortlaut an:τ ο ῖςξυν έ ῇδ ὲα ὐ τ ῇἡμ σ νἐπ τ ὲ ετο ὺ ςμ ή ίᾳὥ σ γ α σ θ α ιὁμ ρ α α τ σ τ κ ν ο ῦ ο ρ ςπ α λ τ ο ο ὺ λ ιο ο ςπ ή λ υ δ α ςἀ π ο ι δ ό οτ λ σ λ θ α νἄ ι, Κ ω ςἂ ρ , ἕ ο ιν ιν θ α ίο τ ςἔχε υ ςδ ὲδήσαν Amgleichen Tagtraf es sich, daßauch Epidamnos sich seinen Belagerern ῃ= “ δ ό ξ ergab und ein Abkommen annahm, wonach die Neuankömmlinge verkauft, die Korinther bis zu weiteren Beschlüssen in Fesseln gehalten werden sollten.”(Landmann)

275Vgl. 55,2 amEndederganzen Episode α ο ῦ ε τ οτ ηἐγέν τ ρ ώ ηπ τ ἰτ ὕ ίαδ ὲα . Derzweite Anlaß istbekanntυ α ίο ν ς η ίο θ ιςἐ ιν ρ θ ὺ ςτο υτ ο ο μ ο ῖςΚ ςἈ έ λ π ο lich die sofort anschließend berichtete Auseinandersetzung zwischen Athen und Korinth um Poteidaia, 56–66. 276Innerhalb dieser Rede gibt es ferner eine Anspielung auf den30-jährigen FrieSparta von446/5, indem eine Bestimmung referiert wird; darauf gedenAthen – he ich beim dritten Beispiel (I 78,4) ein, wo derselbe Vertrag, aber eine andere Klausel angesprochen ist.

277Auch in dieser Rede der Korinther findet sich (40,2) eine Anspielung auf den 30-jährigen Friedensvertrag zwischen Sparta undAthen von 446/5, die mit unter das 3. Beispiel gezogen wird.

4. Verarbeitung

urkundlichen Materials

147

2. Unmittelbar danach, d.h. nach diesem Redenpaar, das die Bedeutung der ganzen Angelegenheit zeigt, in die das 1. (und das 2.) Beispiel gehört, folgt sogleich in 44,1 das zweite Beispiel: die “ Epimachie zwischen Athen undKorkyra” .278 Athen schließt zwar kein volles ‘Schutz- undTrutzbündnis’ὥ ίσ τ ετ ο ὺ ςα ο τ ὺ ρ ὐ ο ὺ α ὶφ ςἐχθ ςκ λ ο υ ίζ ςνομ ε ιν , weil es die Gefahr barg, den bestehenden Vertrag mit den Peloponnesiern brechen zumüssen, falls die Kerkyräer verlangten, gegen Korinth zufahren, aber doch ein Verteidigungsbündnis zu gemeinsamer Abwehr eines fremden Angriffs: ε ῖν , ἐά σ α ν λ τ ῇἀλλή ντ ω νβοηθ οτ ιςἐ χ ία νδ α ο ιή π ὲἐπ ὶ ἐπ ιμ ή ν α ρ ο α κ νἴῃἢἈθ Κ υ ςἢτ έρ ὺ ςτού ά χ ο υς.279 τ νξυμμ ω Worum es in dem Vertrag geht, wird knapp, aber absolut hinreichend in einem einzigen Teilsätzchen referiert. 3. AmEnde ihrer Rede in Sparta fordern die Athener in I 78,4 τ ὰδ ρ η , wobei sie sich auf ν αδ ῃλ ὲδιάφ ο ύ κ εσ θ ή α α τ ίκ ικ ὰτ ὴ νξυνθ den (selbstverständlich nicht zitierten) Vertrag des 30-jährigen Friedens beziehen, der 446/5 zwischen Sparta undAthen zustande kam unddurch den Peloponnesischen Krieg aufgehoben wurde;280 dieselbe Bestimmung dieses Vertrages über ein eventuelles Schiedsgericht bei Streitfragen liegt der Perikles-Rede vom Winter 432/1 in I 140,2 zugrunde,281 und sie wird ein drittes Mal VII 18,2 in der Reflexion der Spartaner vorausgesetzt;282 der Vertrag wird bei Thukydides noch weitere Male erwähnt undz.T. in Einzelbestimmungen referiert, nirgends aber trotz seiner Wichtigkeit im Wortlaut zitiert: zuerst in I 23,4283 dann bereits in 35,2 (s.o., Fußn. 276), woeine Bestimmung über derzeit neutrale Städte referiert ist,284 die ebenfalls 278 BENGTSON Nr. 161, S. 80f. 279 Diese Stelle oben (S.79) als Beleg zur Unterscheidung von ξ μ α χ ίαund μ υ α χ ιμ π ία ἐ angeführt. 280BENGTSON Nr.156, S.74– 6 mit weiteren Bezeugungen bei Andokides, Diodor, Justin, Pausanias, Plutarch. 281I 140,2 εἰρημ έ ν ο νγ ὰ ρδίκ ι α ή λ ο ν ιςδιδό α λ λ νἀ ςμ ὲ ρ ω ντ ό ῶ νδιαφ

κ α ὶ δέχ ε σ α θ ι. 282VII 18,2 ἐ νγ ὰ ρτ ῷ π ρ ο ὸ τ ντ ρ έ ρ ο ῳ έτ ε π ο (= imArchidam.Krieg) σφ ῳ μ λ έ ν α ιἐ β ῖο η νΘ ο θ νἦλ ια α ᾶ θ α τ αμ ιὅ τ εἐ ά λ ιτ λ λ ςΠ ο νγενέσ ρ ιμ μ α π α ν ό έ ιφ ὴἐπ αμ λ π ιςὅ α κ ή ντ νἐ νξυνθ ν ο σ π ο ν ο έ ρ δ ε τ ό α ρ α ί, εἰρημ α ῖςπ ῖςκ α ρ κ ε ο ιν ρ α ςπ ,ἢ νἐ ςδίκ υ ο νδίκ ο κ ή α ςθ τ ὐ ο χὑπ έλ ὶο α ι, α ὐ ω ι διδόν σ . η ν α ν ίω λ ο υμ έ ν ντ νἈθ ῶ ω 283123,4 λ ύ σ α ν τ οτ ε ὰ ομ ςτριακοντούτε τ ν ῖςἐγένο ο ιςσπ τ ὐ ἳα ὰ ν δ ο ςα ία β ο ςἅ τὰ Ε λ ω ὐ σ ιν. 284I 35,2 Ἑ λ λ η ν ίδ ω νπ ᾽ὁ ρ ό λ α ιπ η ε α μ χ α τ ε μ δ ω ῖ, ἐξεῖν ιςμ ν ο α ,ἥ ῦξυμ . ε ῖν π ο τ έρ τ ο ιἐλθ α υ νἀρέσκη ςἂ

148

II. Hauptteil

in 40,2 (s.o., Fußn. 277) referiert285 wird; ferner in I 67,2, wo eine andere Klausel den Hintergrund bildet, die Autonomie Äginas: die Ägineten führen in Sparta Beschwerde, daß sie entgegen der Bestimmung des Vertrags nicht selbständig seien;286 undgewissermassen parallel dazu die Beschwerde der Megarer in I 67,4 daß sie von Markt und Häfen im Bereich der athenischen Herrschaft ausgegegen denVertrag”.287 Die eigentliche ‘Einführung’ schlossen seien “ dieses Vertrags gibt Thukydides in I 115,1, nachdem er ihn bereits mindestens viermal per Anspielung erwähnt hat, und natürlich zitiert er nicht den Vertrag, sondern er erwähnt ihn unter Angabe von gerade zwei Punkten: der Vertragsdauer undder Rückgabe besetzter Plätze.288 Thukydides’ Verfahren allein mit diesem (wichtigen!) Vertrag, der so oft (meist mit referierender Anspielung auf eine niemals im Wortlaut zitierte Vertragsklausel) erwähnt, aber niemals wörtlich zitiert wird und dessen Abschluß (mit sehr knappem Referat von zwei Bestimmungen) erst in I 115,1 (nach mehrfacher Erwähnung) mitgeteilt wird, ist geeignet, MEYERs gesamte Argumentation über die angebliche Notwendigkeit, eine Vertragsbestimmung im Wortlaut zu kennen, um den Sachverhalt recht zu verstehen, sooft eine referierende Anspielung begegne (z.B. in den zu Vertrag V 18f als έ ν α ,ἃ , τ τ ο ὰεἰρημ 8. bis 11. Belege angeführten Wendungen ἃείρη führen. zu absurdum ad u.ä.), ο τ ν ε έθ ν υ ξ 4. In I 101,3 wird der “Kapitulationsvertrag zwischen Thasos und Athen, 463”289nach 3-jähriger Belagerung, berichtet:290 natürlich, kann man sagen, nur als kurzgefaßtes Referat der Bestimmungen: Niederreißen der Mauern, Abliefern der Schiffe, Zahlung von 285I 40,2 ἐξεῖν α ιπ α ρ ὁπ ν ω νπ ό λ ε φ ω νἀγρά ῶ ιτ α υ ιςβούλετ ο ρ ςτ έ τ ο . ἐλ θ ε ῖν 286 I 67,2 Α ἰγ ιν ῆ τ α ι...᾽λέγον ν ὰτ τ ὰ ο α τ ςσπ ικ ε μ ο ςο ο ν ὐ κεἶν ό τ α ὐ ια ά δ . ς 287I 67,4 Μ ε γ α ῆ ρ ςδηλ ο ά λ ιῦ ρ α ,μ ν ο τ ε αδιάφ ςμ ὲ ίγ νκ κὀλ α ὐ ρ αο ὶ ἕτ ε τ ια ῆ τ ῇκ ὶτ ςἈ χ ρ νἀ α ίω ν η ῇἈθ ντ νἐ θ α ιτ ῶ εεἴργεσ ντ ω σ τ αδ ὲλιμέν ῆ ὰ ά ρ ὰτ δ ᾶ ρ ν ςσπ . γ ο ς ο ςἀ ςπ α κ 288 115,1 I ὰ δ ν ς ο νσπ ο ρ ε τ σ ὕ ῷ λ λ ο ν τ β ο ή ία σ α ε ὐπ ςο ςδ ᾽Ε ὐ ὲἀ π ρ ω α χ ἀ ν ά μ ὺ ο ςξυμ ὶτ α υ ίο ςκ ν ο ιμ α κ ε ρ δ ὸ η α ν α ςΛ ῖο ι) π ἱἈθ ο(sc. ο ν τ α σ ἐ π ο ιή α ὶ ακ ν ῆ α ὶ Τροζ ὰ γ ςκ η ὶΠ α νκ ία α ισ ε ν τ ις ό ο δ ςΝ , ἀπ υ χ ο ςτριακοντούτε . ν σ ίω η ν ν η ν ο α π ρεἶχ ῖο λ ο ε ιΠ ὰ ο νἈ θ ῦ τ αγ ν τα Ἀ χ α ιία 289 BENGTSON Nr. 135, S. 38f. · 290I 101,3 Θ ά σ ιο ιδ η ὲτρ η θ ῳἔτ σ νἈ α ίτ γ γ λ ό ε μ ο ιπ ν ο ε ιὡ μ ο λ ρ κ ιο ο ύ α σ εὅ άτ τ α , χρήμ ε ς τ ν ό δ α ρ ῦ α ε α ν λ τ ό ε α ὶν ςπ εκαθ ςκ ν ό α ίο ςτ ιςτεῖχ ιε εἤπ ντ ή ,τ ιν ε έρ νφ ὸ α ὶτ ὸλοιπ ικ ο ν ε αταξάμ ίκ τ ὐ ια α ν ῦ ο δ ο ι ἀπ ε ἔ δ ρ ο νκ έτ α νἀφ έ λ ν λ ο α τ ε ὶτ ὸμ . ς

4. Verarbeitung

urkundlichen Materials

149

sofortiger Reparation und künftigem T ribut’, Aufgeben des Fest‘ landsbesitzes und damit der dortigen Bergwerkstätigkeit.291 5. Gleich danach wird in I 102,4 das Bündnis zwischen Athen und Argos aus dem Jahr 459 berichtet; möglicherweise fehlt es bei BENGTSON darum, weil es außer derhiesigen Notiz,292 keine Bezeugung des Bündnisses (genauer gesagt sind es zwei Bündnisse: Athen – Argos undAthen/Argos – Thessalien) gibt (?); nur als eine andere Folge der damaligen Verärgerung (wegen der ehrenrührigen Rücksendung des athenischen Hilfskorps von Ithome) wird der Ostrakismos des Kimon (Plut., Kim.17) berichtet.293 6. Im nächsten Kapitel, I 103,1, wird die Kapitulation der Messenier am Berg Ithome berichtet;294 der geschlossene Vertrag wird nur im Wesentlichen referiert: (codd.: τ ῳ τ ε ι, ὡ ά Krüger) ἔ κ τ ῃδεκ ῳ ςο ὐ ρ τ ετ μ ά νἸθ ώ ᾽ἐ ο ἱδ ίν ο η ρ σ ὸ α εδ ιμ νπ κ α ςτ ο α ὺ , ξυνέβ χ ςΛ ε ιν ν τ έ έ ν τ τ ι ἐδύνα οἀ η δ έ α ὶμ ή ο ικ ν δ σ ο ο υὑπ π ό σ ν ελ ο π ν ο κΠ ᾽ᾧ φ ἐ ινἐ σ ία ξ ο υ ςἐ ο τ ῆ ς ή νδ ·ἢ ο η τ α ι, τ σ ς ῦλαβόν ο ν έτ τ α τ ια ὐ ιςἁ κ λ ίσ π ο τ εἐπ ιβ . ν ο ι δοῦλ α ε ἶν 7. DerI 112,1 nur ganz knapp gemeldete 5-jährige Vertrag295 ist im zeitlichen Ansatz unsicher; Diodor (XI 86,1) setzt ihn auf 453. Er ist nicht einmal seiner Art nach klar, ein Inhaltsrefert fehlt, und man versteht die σπ ίmeist als Waffenstillstand. α ν ο δ 8. Nach der Niederlage von Koroneia (447), in der Athen rund 1.000 (und damit ein Zwölftel, vgl.GOMME z.St.) seiner Hopliten verloren haben soll, schloß es 446 den in I 112,3 mit einem einzigen

291DaßThukydides, derdortalsBergwerkseigner selbst wirtschaftliche Interessen hatte, denVertrag aufs genaueste kannte, wirdimübrigen vonniemandem bezweifelt, das hat aber erwartungsgemäß keinen Einfluß darauf, wie er denInhalt mitteilt. Bemerkenswert istvielleicht, daßdasVertragsreferat mitvier Angaben relativ präzis ist.

292I102,4 εὐ θ ὺ ςἐπ ή ε ὴἀνεχώ ιδ Μ νἐ η ῷ π η ὶτ ν σ έ α ρ νἀφ νγενομ έν ὴ τ ε ςτ ν ω ιςτ ε ίο ο ῖςἐκείν ) Ἀργ υ ίο ς ν ο κ α ε δ α ιμ ρ α μ χ ία νπ ῳ ὸ ὺ ο ς(sc. Λ μ τ ςα ὐ δ ξ υ ις ο έρ φ ο τ αἀμ μ ο ὺ ςἅ λ α ρ σ σ ὸ α ε ὶπ τ ο , κ ςΘ μ α χ ο ι ἐγένον μ π ο ίο ιςξύμ λ ε η . τ ίακατέσ χ α μ ο ἱα κ ο α ὶ ξυμ ὐ ικ τ ο ὶ ὅρ 293Große Vorteile hatte Athen im übrigen nicht von diesen Bündnisse, vgl. GOMMEI 302 z.St. A thens got little andonly occasional advantage from these two (as at Tanagra, 107,7) muchharm.”–Es ist natürlich alliances, andsometimes “ auch kein Gedanke daran zuverschwenden, ob für Thukydides ein Zitat dieser Verträge hätte

inFrage kommen können.

294BENGTSON 40f, Nr.138; die Zeit ist unsicher, nach BENGTSON amwahrscheinlichsten 460/59. 295 I 112,1 σπ ο ν δ α ὶ γίγνον τ ν ε ιςπ ν α τ ίο η α ιΠ ε λ η ο σ α ὶἈθ π ίο ιςκ ο ν ν 9. ε τ ε ῖς, BENGTSON 46, Nr, 143; ferner GOMME I 325–

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II. Hauptteil

Satz im Wichtigsten referierten Vertrag:296 es mußte Böotien räumenundbekam dafür seine Kriegsgefangenen zurück. (I 115,1 [= 30-jähr.Friede Athen –Sparta von 446/5] ob., Nr.3.)

9. Der Kapitulationsvertrag der Insel Samos aus dem Jahr 439 (nach neunmonatiger Belagerung) wird I 117,3 in der üblichen Art mit denwesentlichen Bestimmungen referiert.297 Danach mußten die Samier ihre Mauern niederreißen, Kriegsschiffe abliefern, Geiseln stellen undReparationen an Athen zahlen. AusDiodor XII 28,3 Und Plut., Perikl. 28,1 ist ferner bekannt, daß die Oligarchie zugunsten der Demokratie wieder beseitigt wurde, wasThukydides ebenso als unwesentlich übergeht wie die vermutliche Landabtretung und den Verlust der Insel Amorgos (vgl. BENGTSON 78). Obwohl nicht zurSache gehörig, ist dochnicht ganz uninteressant, daßThukydides in I 118,3 und126,4 zweimal sogar ein delphisches Orakel in Prosa referiert (hinzu kommt II 54,4), aber in 132,2 doch das ursprünglich aufdemnachdenPerserkriegen inDelphi geweihten Dreifuß befindliche zweizeilige Epigramm des Pausanias wörtlich zitiert. (Ein solcher Zweizeiler im Exkurs ist natürlich nicht vergleichbar mit demZitat eines seitenlangen Vertragstextes, dernicht nurebenso gut, sondern besser alsReferat zugeben war.) 10. Zum Schluß des I.Buches298 ist als urkundliches Material (jedoch kein Staatsvertrag) in I 139,1 noch das Megarische Psephisma referiert (dazu GOMME I 447f), das nach verbreiteter antiker Ansicht (außer bei Thukydides) als das entscheidende Hindernis zur Rettung desFriedens galt: ιπ α θ ό ὴἂ νγίγνεσ μ ακαθ ισ ε λ ο ῦ ιμ σ ρ έ ω νψήφ ε γ α ρ ὶΜ ε τ ὸπ ο ῖςἐ έ σ ιτ ν α ιτ θ ο ῖςλιμ ὴχρῆσ η τ οα ὐ τ ο ὺ ςμ ,ἐ νᾧ ν ἴρ ο ε λ εμ ᾷ . ρ γ ο η ῇἀ δ ὲτ ῇἈ τ τ ικ ῇμ ρ χ νἀ ν α η ίω θ ῇἈ τ

11. Aus der Zeit des darzustellenden Krieges tritt nach II 9 und S.144), womanein offizielles Dokument als Informations(ob., 13 grundlage anzusetzen hat, ohne es näher bestimmen zu können, als erster gravierender Beleg für Thukydides’ übliches Verfahren im Umgang

mitsolchen offiziellen Dokumenten als Informationsquelle

296BENGTSON 69, Nr.153. τ ὴ νΒοιω ν ι π α ᾶ σ ῖο α ν η τ ία ν Ἀθ ν ο ιπ ἐ ξέλ ι. α τ ν ῦ ιο ρ α ςκομ ςἄνδ φ ν ο ιἐ ο ὺ μ ε ᾽ᾧ τ ά σ ιη ο ὰ ςπ δ ν ο σ π 297117,3 I ἀ δ ύ ν α ν η ὶ τ μ ο ῳ ιδ ά τ η νἐν σ α ή ὲὄν θ τ κ ε ρ ςἀ ν ιο τ λ χ ίσ ε ινἐξεπ ο ρ ο υ ν ςδ ό ή τ α ε ε ὶ ὁμ τ ν ῖχ ςκ ό ό λ ε ςτ γ εκαθ ίᾳ η ο λ ο σ α νὁμ ρ χ ώ κ α ρ σ ε ο ὶπ α ο ικ αταξάμεν τ ν έ θ α τ ατ ὰἀναλω α τ ε ν ὶχρήμ ό ςκ δ α ρ α ῦ α ςπ α ὶν τ ε ςκ 7. ι. BENGTSON 78f, Nr.159; GOMME I 354– α ν ῦ ο δ ο π υ ν ο ςἀ ό τ ὰχρ 298ZuPerikles’Beziehung aufden30-jährigen Frieden Athen – Sparta von446/5 ρ... s.o. Nr.3. ὰ ν νγ έ ο in I 140,2 εἰρημ

4. Verarbeitung

urkundlichen Materials

151

II 24,1 (u.2) entgegen, worauf auch SCHWARTZ299 hingewiesen hatte, die Reservierung von 1.000 Talenten als äußerster Notreserve: χ ιατάλα ίλ ν τ αἀ π ὸτ ῶ νἐ ντ ῇἀκορπ ό ά λ τ ε ω ι χρημ νἔδο ξ ε ν τ ο ῖςἐξα α ὐ μ έ σ ν ε α τ απ ο ίρ ο ιη ιςχω ρ ὶςθ έσ θ α ικ ὴἀ α ν ὶμ α νδ έτ ιςεἴπ ,ἀ ῃἢἐπ ν λ λ ᾽ἀ ῦ π ὸτ νἄλ λ ο ῶ λ ω νπ ιε ολ εμ ῖνἦ α ῃκιν τ ε ατα ῖντ ὰχρήμ ίσ φ ῦ τ αἐ η ς ἄ λ λ ψ ο μ τ ὴ ο ι , ἢ ν ἱπ ο · ῃστρ ίτ α ῷἐπ τ ι νη ιο ιπ ῃἀμ λ έμ λ έ ω σ ύ ιτ ῇπ ν ό λ α ε ικ α ὶδ έ ία ν ι, θ ά α α νἐπ τ σ θ ο νζημ έθ ε ν τ ο . MEYER 12 (Nr.6 m.Fußn. 1)hat dies als darum nicht relevant abgewiesen, weil es kein Staatsvertrag sei unddarum bei weitem nicht die Bedeutung eines zwischenstaatlichen Vertrages“ ”habe. Diese Begründung ist vordergründig-äußerlich zutreffend: ein Staatsvertrag ist der Volksbeschluß nicht (weshalb er auch selbstverständlich bei BENGTSON fehlt), aber daß das Argument nicht stichhaltig ist und MEYER sich damit selbst ananderen Stellen (z.B.V 39, wozu er dann aber einfach schweigt; ich füge hinzu die sogleich folgende Stelle II 70,3) in Erklärungsnotstand bringt, weist LUSCHNAT 1125 auf. Ich nehme darum die hiesige Stelle300 gar nicht als ‘Gegenbeweis’gegen das Urkundenzitat, sondern lediglich als Beleg für das üblicher- und vernünftigerweise praktizierte Verfahren im Umgang mit Dokumenten als Informationsquelle, wobei ich allerdings der Meinung bin, daß für ein Abgehen vombewährt-praktikablen Verfahren eine einleuchtende Begründung (die immer undnicht nur gelegentlich gültig ist) nicht bloß erkennbar, sondern auch vom Autor selbst genannt sein müßte. Eben dies (beides!) ist aber nicht der Fall.301 299SCHWARTZ hatte nur24,1 namhaft gemacht; aber die in § 2 erwähnte Aussonderung von100Trieren als ‘eiserner Reserve’beruht entweder aufdemselben oder

einem ebensolchen Beschluß wie§ 1. 300Überdiemangelnde Bedeutsamkeit ansich kann manüberdies noch geteilter Meinung sein, worauf es hieraber garnicht ankommen soll. 301Lediglich in Fußnote anzumerken (nicht eigens unter denverwerteten Urkunμ . ν χ α ικ ό μ α νξ τ ὰτ ὸπ α λ ιὸ α υ den zu zählen) ist die Wendung in II 22,3: κ Nach demkleinen Reiterscharmützel bei Phrygioi (in Attika nahe Athen) von attischen undthessalischen Reitern gegen böotische heißt es mitdieser Wendung, die thessalische Hilfe sei denAthenern ‘nachdemalten Bündndis’zuteil geworden. Dies beruht”(MEYERs mißverständliche Wendung an solche Stellen) auf demI 102,4 “erwähnten Vertrag (vgl. ob.S. 149, Nr.5), demzufolge denAthenern schon einmal ein thessalisches Reiterkorps (in I 107,7) zu Hilfe gekommen war. Alswahrscheinlich kannmanannehmen, daßThukydides denVertrag kannte, von dessen Inhalt aber an keiner einzigen Stelle auch nureine einzige Bestimmung referiert (geschweige der ganze Wortlaut mitgeteilt) wird. Nach MEYERs (ob., S. 61ff zuBelegen 8 bis 11)unhaltbarer Meinung müßte, damit mandiese Wendung (hier oder in I 107,7) verstehen”könne, derVertrag imWortlaut mitgeteilt sein. “verständnislos, wieso erdasimV.Buch glaubte behaupten Manfragt sich wirklich zumüssen, nachdem er anfrüheren Stellen offenbar keine Probleme sah.

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II. Hauptteil

In derAbfolge desII.Buches wäre hier II 29,4– 6 zunennen, eine Stelle, die BENGTSON 85f, Nr.165 mit VI 95,2 zusammenfaßt: B ündnis zwischen Athen undSitalkes, König derOdrysen” u. 3.Bündnis “ zwischen Athen undKönig Perdikkas II. vonMakedonien,“431” . Die Angaben dazu bei Thukydides sindjedoch so dürftig, daß manauf diesen Beleg schadlos verzichten kann.

12. Im zweiten Kriegswinter (430/29) konnte sich Poteidaia, dessenBelagerung schon seit derVorkriegszeit andauerte unddasja den zweiten Kriegsanlaß geliefert hatte, nicht mehr halten; weil es auch demBelagerungsheer schlecht genug ging unddie Belagerung selbst denathenischen Staatsschatz schon unverhältnismäßig stark angegriffen hatte, kames zu Verhandlungen undanschließend zurEinigung, die Thukydides in II 70,3 referiert: η σ α ν , ἐξελθ ὶ τοῖσ δ π εο ἐ νξυνέβ ὖ ε ῖνα ὐ τ ο ὺ ςκ α ὶπ α ῖδ α ςκ α ὶ γ υ ν α ῖκ α ςκ α ὶτ ο ὺ ςἐπ ρ ικ ο ο υ ύ ςξ νἑ α ν ὺ τ ὶ ἱμ α ν υ α ίῳ ῖκ ςδ ,γ ὲ ρ ιό τ ντ νἔχον ὸ ι ῥη ύ τ α ςἐφ ό δ α ὶ ἀργ ιο ,κ ν α .κ ὶο ῖν ἱ νδυο ὺ ξ μ ὲ νὑπ ό σ π ο ν δ ο ι ἐξῆλ θ ο ν...

Dieses Abkommen (BENGTSON 88f, Nr. 168, von SCHWARTZ nicht erwähnt) ist problematisch, weil die nicht bevollmächtigten Feldherren ihre Befugnis überschritten; aber es ist ein gültiger, schriftlich fixierter Vertrag, der in Athen vorlag und kritisiert wurde; keine Frage, daß Thukydides ihn kannte und aus dem Text lediglich die ihmverständnisnotwendig scheinenden Bedingungen referiert.302 13.II 71,2– 74,3: Ein ganzer Verhandlungskomplex mit direkten und indirekten Reden undwenigstens auch einer schriftlichen Verhandlungsgrundlage findet sich am Beginn des dritten Kriegsjahres 74. Die Spartaner ziehen unter Archidamos gegen Plataiai; in II 71– Thukydides legt zunächst denPlataiern eine wörtliche Rede in den 4), mit der sie Archidamos von Feindseligkeiten gegen Mund (71,2– sie abzubringen suchen; darauf antwortet Archidamos seinerseits in einer wörtlichen Rede (72,1), in der er ‘wenigstens Neutralität’verlangt; nach Beratung der Plataier unter sich erfolgt ihre Antwort in indirekter Redeform: wegen Abhängigkeit von undTreuepflicht zu Athen, zugleich wegen derunerbittlichen Feindschaft dermitSparta

302VonInteresse ist der Ausdruck ὑπ ), weil er hier vertragsgemäß” ό σ π ο ν δ ο ι(“ einen schriftlichen Vertrag zurVoraussetzung hatunddamit belegt, daßeinsolcher ρ ὺ ο ο εκ ὺ ς ςν stets gegeben sein kann, wenn das Wort verwendet wird, z.B. τ τ α ίζε ιὑ ο π ο ὺ ύ ο ςκομ ςτ ενεκρ ιII 79,7oderτ ο ν ε μ ισ ά δ υ ν ο ό ςκομ π σ ὑ π ο νII 92,4 undähnlich α δ ο σ ν αἀπ έ ο δ σ π ό νὑπ ω ὰἐκείν υ ο δ ν ςII 82 oderτ σ π ό anungezählten weiteren Stellen. Daswird mannicht weiter ‘belasten’oder gardamit argumentieren, daßja auch solche Verträge nicht zitiert würden, aber es zeigt, mitwelcher Selbstverständlichkeit Vertragsklauseln ebeninihrer Erwähnung (ohne Referat und erst recht ohne Zitat) aus sich selbst verständlich sind; und so sind auch diese in sich unbedeutenden Stellen Belege dafür, wie generell überflüssig das Zitat ganzer Urkunden ist.

4. Verarbeitung

urkundlichen Materials

153

verbündeten Thebaner könnten sie Archidamos’ Vorschlag (beide Seiten in ihre neutral sich verhaltende Stadt einzulassen) nicht akzeptieren; Archidamos entgegnet nochmals in (kurzer) wörtlicher Rede (72,3) mit einem neuen Vorschlag; die Plataier beraten sich erneut und erbitten dann (wiederum in indirekter Redeform) Waffenstillstand, um sich mit den verbündeten Athenern zu beraten. Der Waffenstillstand wird gewährt und dürfte als eine kurze schriftliche Abmachung festgelegt worden sein. Nach Beratung in Athen, von der inhaltlich überhaupt nichts mitgeteilt wird, wofür aber nach dem in der Antike üblichen Verhandlungsverfahren durch bevollmächtigte Gesandte anhand eines Schriftstücks (vgl. E.BIKERMANs Erkenntnisse ob., S.31ff [bes. 33f] und vor allem 116f) der letzte Vorschlag des Archidamos (ggf. in einer plataiischen ‘Bearbeitung’oder in ein plataiisches Schriftstück eingeflossen) als schriftliche Verhandlungsgrundlage gedient haben dürfte, wird 73,3 in Plataiai die Antwort der Athener in wörtlicher Rede der plataiischen Gesandten wiedergegeben: vermutlich soll damit ein schriftliches Abkommen zwischen Athen und den plataiischen Gesandten als Ergebnis der dortigen Beratungen angedeutet werden. Darauf beschließen die Plataier, Verwüstung damit unabwendbare – treu zu Athen zu stehen unddie – ihres Landes durch die Spartaner hinzunehmen; in indirekter Rede wird weiter ein Beschluß gegeben, daß kein Plataier mehr aus der Stadt gehen, sondern von der Mauer herab per Zuruf die Ablehnung des letzten spartanischen Vorschlags mitgeteilt werden solle. Danach folgt (74,3) noch ein wörtlich wiedergegebener Götteranruf durch Archidamos (der also in diesem relativ kurzen Abschnitt drei wörtliche Reden erhält), und danach beginnt die kriegerische Belagerung. Eine sehr komplexe Komposition des Historikers, bei der er ähnlich frei verfahren sein dürfte, wie bei seinen Reden (die ja hier im Ganzen in unterschiedlicher Weise einen wichtigen Bestandteil bilden), bei der er sich aber meiner Überzeugung nach (neben mündlichen Berichten von Gewährsleuten) hat leiten lassen von dem, was ihm wahrscheinlich in irgendeiner Form als (schriftliche) Verhandlungsgrundlage (der Plataier) in Athen zur Kenntnis gelangt war.303 303Wenn diese Vermutung zutreffend sein sollte, ließe sich damit eine andere, keineswegs sehr kühne, sondern recht naheliegende Vermutung über die in Thukydides’Werk vorhandenen Urkunden abstützen, die demgleichzeitigen Fehlen der wörtlichen Reden in denbetreffenden Partien Rechnung trägt undfür alle Urkunden, wasja der Plausibilität wegen zupostulieren ist, eine einheitliche Erklärung bietet: Die Urkunden lagen den noch unfertigen Teilen, an denen der Historiker noch nicht zueiner endgültigen Sicht derDinge gelangt warunddaher noch keine undzwar durchaus von seiner Reden hatte formulieren können, als Material bei – , als Material fürdie dort zukomponierenden Reden, Thukydides selbst beigefügt –

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II. Hauptteil

14. In II, 103,1 (Schlußkapitel) steht (ohne jede Erwähnung einer vertraglichen Regelung) beiläufig eine Wendung, dieallerdings eine vertragliche Regelung voraussetzt: die kriegsgefangenen Freien wurden Mann um Mann ausgetauscht (τ ο ύ ςτ εἐλευθ ο υ έρ ςτ να ῶ ἰχ μ α λ ώ τ ω ν..., ο ρἀ ὴ ἳἀ ν ν τ ἀνδ ). Hier ist es beinahe ρ η ὸ σ ν α ςἐλ ύ θ gleichgültig, ob Thukydides die vertragliche Regelung kannte; gege᾽ darauf beruht”letztlich sein Bericht, inbenhaben mußes sie, und “

undsie wurden, als derAutor verstorben war, vomHerausgeber, dervondieser Absicht (resp.Funktion) nichts wußte (undwohlauchnicht wissen konnte) als Bestandteil derhistorischen Darstellung mitpubliziert. Diese Annahme würde praktisch alle Schwierigkeiten lösen, diesichjetzt ausundmitdenUrkunden ergeben, undvor allem auch erklären, wieso manohne die Urkunden ankeiner einzigen Stelle irgendetwas in derhistorischen Darstellung vermißt oder nicht verstehen kann (und das bedeutet ja ihre faktische Überflüssigkeit). MEYERs beflissener das kann Versuch, die Urkunden als verständnisnotwendig zuerweisen, ist ja – völlig undgänzlich gescheitert, manwohl beim besten Willen nicht anders sagen – undebenso ist er bei der Begründung für das angeblich erforderliche unddarum vonThukydides beabsichtigte Zitat dereinen Urkunde inWiderspruch zuranderen geraten, z.B. daßnurwichtige zwischenstaatliche Verträge als Urkunden imWortlaut zitiert würden: es gibt zwischenstaatliche Verträge (z.B. zwischen Sparta und Böotien in V 39), die wichtiger sind als manche zitierte Urkunde, aber nicht zitiert werden, undmanche zitierte Urkunde ist weder wichtig noch ein zwischenstaatlicher Vertrag (V 77 oder alle drei in VIII).- Woher übrigens hat Thukydides die γ ν ητ μ ώ ῶ νἀλη θ ῶ ςλεχθ έ ν τ ω ν(I 22,1) ermittelt, wennnicht aushistorischen Quellen? (Also auchausVerträgen!) DaßThukydides dieReden völlig frei ‘ausden Fingern gesogen’habe, nimmt ja niemand an. Waseigentlich liegt näher, als die Urkunden als historische Quellen eben für das auszubeuten, was als historischfaktisch indie eigene Deutung desGeschehens, wieThukydides sie indenReden unternimmt, eingehen mußte? Dafür kann manwohl auch eine gewisse Wahrscheinlichkeit ansetzen, wennmaneinmal bedenkt, wiesehr diemeisten Reden – trotz ihrer starken Tendenz zumAllgemeinen, worüber im nächsten Kapitel zu ausderkonkreten historischen Situation ‘hervorwachsen’undihr reden sein wird– hier aus verhaftet sind. Als besonders eindrucksvolles Beispiel dafür möchte ich – verweisen aufdiebeiden Reden vorderSeeschlacht amGolf von nächster Nähe – Korinth in II 87 und89, aber prinzipiell gilt für alle thukydideischen Reden, daß sie zumAllgemeinen tendieren, aber fest in derhistorischen Situation verankert sind.Denvorstehenden Gedanken einer (einheitlichen) Erklärung des Vorhandenseins derneunVertragstexte inThukydides’Werkmöchte ichnicht sosehr alseine (allzu kühne?) These vertreten (und aufgefaßt sehen), als vielmehr als eine (immerhin wohl einigermaßen plausible) Möglichkeit zurDiskussion stellen. Als R ohmaterial”(das Wort bei SCHWARTZ, bei KIRCHHOFF, bei Wilh.SCHMID u.a.)“wurden die Urkunden ja immer schon verstanden; nach meiner Erwägung dienten sie aber nicht nuralsQuelle deshistorischen Berichts, sondern darüber hinaus auchspeziell ητ η ῶ θ νἀ ῶ μ λ ςλ . Wo die Reden fertig sind (d.h. zuallerletzt, ν ν ώ εχ τ ω ν θ έ der γ wennThukydides seine Sicht derDinge gewonnen hatte undin denReden darstellte), dagibtesdannkeinen Bedarf mehrfürUrkundentexte.

4. Verarbeitung

urkundlichen Materials

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sofern der von ihm berichtete Vorgang darauf beruht.304

Auch das III.Buch weist einige entsprechende Stellen auf, dabei zwei besonders interessante (28 und 114), an denen urkundliches Material zugrundeliegt, aber eben nicht wörtlich zitiert wird: 4: Als man in Athen zu Beginn des 4.Kriegs15. III 3,3 und4,2– jahrs (428) vor dem drohenden Abfall von Mytilene nicht länger mehr die Augen verschließen kann, sondern 40 Schiffe aussendet, umderGefahr nach Möglichkeit noch zuvorzukommen, erhalten die Feldherren, falls er Überraschungs-Coup nicht gelinge, denAuftrag ν η α ίο ιςεἰπ τ ιλ Μ υ ε α ῖνν ῦ ςτ ρ α δ επ ο α ῦ ν α ηκα ικ α θ ε ὶ τε ίχ ὴπ ειθ μ έ ν ω νδ ο ,μ ὲπ μ ε ῖν ο λ ε ῖν λ . ε Dies ist ein syntaktisch fast auf Stichworte verkürzter Volksbeschluß, den Thukydides natürlich im vollen Wortlaut kannte, aber nur im verständnisnotwendigen Kern referiert. Als die Mytilenäer sich bei einem versuchten Seegefecht nicht

behaupten können, verhandeln sie mit den athenischen Feldherren über Waffenstillstand, unddanach senden sie über weitere Verhandlungen nach Athen: ηπ ρ ο 4,2 ... λόγ ο ρ υ δ σ ε έφ ο ν(sc. Μ ςἤ η υ ν α τ ιλ ῖο ο ι) τ ῖςστρ α γ γ ο ο ῖς... (3) κ α ὶτ ὶο η ν η ἱ στρατη α ῶ νἈθ ίω νἀπ τ εδ έξ ν τ ο... α (4) κ α ὶἀ ν ὴ ο νπ κ μ σ ω ο ά ε χ ν ιη ο ιπ π ο έμ υ σ ινἐ ή ν α ςο ςτ ὰ ἱ ςἈ θ η ν α ῖο ιλ ι... ε τ υ ἴπ Μ ω ε ςπ ίσ ε ντ ια ὰ ν α ῦ ῶ ςν ε ςἀπ θ ῖνὡ ελ ςσφ ιο . ν τ ν τ ω ερ ύ ννεω ὲ ο δ ὐ Sowohl der Waffenstillstandsvertrag wie die Verhandlungsgrundlage der Gesandten müssen in Athen schriftlich vorgelegen haben und dürften Thukydides bekannt gewesen sein.305 16. Nachdem die Verhandlungen in Athen für Mytilene ergebnislos geblieben waren, wurde die Stadt durch die Athener belagert; im Sommer des folgenden Jahres sah sie sich, da aus Sparta keine Hilfe gekommen war, die Vorräte zuende gingen undes inneren Aufruhr gegeben hatte, zur Übergabe an die Belagerer genötigt (III 28,1): α α η τ ακ ὶτ ὸστρ ρ ό γ ία χ νπ ά εΠ ςτ ο ο λ ῇὁμ ιν ι κο α τ ν ῦ ιο π ο υ τ ιρ ὶΜ ε α ιπ σ η ν α ὲ νἐξεῖν ίο ιςμ ιβουλεῦ α θ τ εἈ σ ,ὥ ν ο εδ τ π ό ν ὴ νἐ ςτ νστρατιὰ ὴ α ὶτ ικ α τ ν νὁπ ίω ντ ν α η ο ι βούλω νἄ ῖο λ ὰ ςτ ς ινἐ ε λ έλ τ σ β ε ο νδ ὲἀπ ία σ ε ρ ο ὺ , π τ ς ὐ ια α θ ινδέχεσ λ π ό λ ιν ά ῳδ᾽ ἂ νπ νὅ σ νἐ η ν α ίο ρ υ ὶ ἑαυτῶ α ε ν ςπ ή ςΜ υ τ ιλ Ἀ θ η δ ὲ η δ έ ν αμ η ν α νμ ίω σ τ α υ ιΜ ή τ εδῆ αμ η τ χ ά , Π ιν σ ω θ ἔλ ·ιλ 304Undwieder gilt, daßdies nach MEYERs (aaO 23ff, bes.27 zuV 18f als 6.Beleg vertretenen) Auffassung ohne ein Zitat desentsprechenden Wortlauts nicht verständlich sein dürfte!

305DaßdieMytilenäer gemäß § 5 gleichzeitig nachSparta umHilfe senden, wofür es ein weiteres Schriftstück gegeben haben dürfte, das Thukydides gekannt haben kann, sei nuramRande erwähnt.

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II. Hauptteil

ή τ ρ α εἀ π ν ο ἀ δ π δ ο β κ ὲ τ νξύμ ίσ ε α α ιμ ῖν σ α ι. ἡμ ιςα ηἐγέν ε ὕ τ

τ ο . Auf diese vorläufige Kapitulationsvereinbarung, die erst nach

Beschluß in Athen zueinem vollwertigen Abkommen werden konnte, da die Feldherren zu mehr nicht befugt waren (vgl. die Vereinbarung um Poteidaia, ob.Nr. 12), hatte bereits SCHWARTZ hingewiesen, BENGTSON 89f führt sie als Nr.170, undMEYER 10 (Fußn. 5) hat sich in ausgesprochen unseriöser Weise umeine Stellungnahme dazu herumgedrückt. Thukydides gibt in klar erkennbarem Kurzreferat die Hauptsache der vorläufigen Vereinbarung an. Auch dieses (vorläufige) Abkommen lag in Athen vor unddürfte demHistoriker im Wortlaut bekannt gewesen sein; ein Zitat kamselbstververständlich nicht in Frage, zumal nicht einmal die zwei (wichtigeren) Volksbeschlüsse in dieser Angelegenheit (s.u., Nr.17 u.vgl. 49) zitiert werden. Kap. 37–

17. Nachdem der athenische Feldherr Paches die zunächst auf Tenedos internierten Mytilenäer nach Athen überstellt hatte, wurde dort über diese und die Mytilenäer überhaupt beraten; im ersten Zorn ließ man sich zu drastisch-grausamem Vorgehen hinreißen ρ III 36,2: π ε ὶδ μ ὲτ α νἀνδρ ῶ τ ,κ α ο ν ὸὀργ ςἐπ ὶὑ ῦ π ο ιο ῆ νγνώ ῶ ς λ ι, ἀ λ α τ ε ὰ π κ νἀ ῖν ο ο ν ό τ α ν ό ςμ ρ α ὺ ο ςπ ῖςο τ ο ὐτ ὑ να ε ο ξ ἔδ ῶ ῖδ α σ α ι, π ςδ ὲ ν α η ίο κ α υ ὶ το ι ἡβ , ὅ ο ς σ ὺ τ ςἅπ α ν ιλ α υ τ ςΜ ηὡ ρ ς ιή π κ ο α υ υ ινο ντρ σ ν έμ ὖ ὶγ α ῖκ α ρ α π ο δ ίσ α ι... (3) π ν δ ςἀ η τ ο ντ Π αἄγγελ έ ν ὰτά χ ά , κ α τ ν ω ν ο τ χ ε ύ ε ο ῶ νδεδογμ ςκελ ς ν α ίο η υ ς ·... α σ σ ή θ α υ ιΜ τ ιλ ρ χ δ ια Auch dieser kurz referierte Beschluß war Thukydides im Wortlaut bekannt.306

18. Eine kaum noch erkennbare vertragliche Abmachung307 liegt 68) ausgestalteten Ende Plataiais zugrunde demumfänglich (Kap. 52– (mit Reden derPlataier undThebaner bis zurletztendlichen Hinrichtung derhalbverhungert Überlebenden aus derStadt). Als der spartanische Feldherr bemerkt, daß die Belagerten inzwischen schon zu schwach sind, umsich vonderMauer herab gegen denAnsturm der 306Amnächsten Tagkommt eszuneuer Beratung, dieThukydides mitdemRedeDiodotos (42– 48) vorAugen stellt, unddanach mitnurknappaar Kleon (37– 40) – perMehrheit zueinem milderen Beschluß (auf derBasis desvonDiodotos Angeratenen), derjedoch (49) nuralsFaktum berichtet undausdemnicht referiert wird, weil dasVerständnisnotwendige ausdenvorhergehenden Worten desDiodotos bereits hinreichend klar ist: ein sinnvoll ökonomisches Verfahren, welches, wennes nurbedacht wird, sehr gegen dasZitat vonnutzlos detaillierten Urkunden spricht. Stattdessen hebt Thukydides hervor, mit wie knapper Notder besonnenere Beschluß denVollzug desBlutbefehls nochverhindern konnte. 307BENGTSON 90f, Nr.171 zitiert dazu 52,1– . ιν λ ό νπ 3 ... π ρ ὴ έδ ο ντ σ α α

4. Verarbeitung

urkundlichen Materials

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Feinde noch richtig zu wehren, möchte er die Stadt lieber mit ‘gütlicher Einigung’auf spartanische Seite ziehen als im Sturm erobern, weil ihmdies seitens seiner Regierung so aufgetragen war, damit im Fall eines späteren Friedens, bei demEroberungen zurückzugeben wären, Plataiai als f reiwillig”übergewechselt nicht wieder abgetreten werden müßte.“(Ob in dieser spartanischen Weisung an den Feldherrn έ ν ρα ο ὰ νγ ὐ ῷ τ 52,2 εἰρημ ἐ κΛ α κ ε δ α ο ν ίμ ο ς , ὅπ ω ,ε ς ἰ σπ ν ο ν ο ιν τ ίγ όπ ρ ὸ ο η τ ν επ α ςἈ ίο δ α ὶγ θ υ α ρ ςκ ο ὶ ξυγ χ ω ῖε νὅ σ α ῳ χ ρ ω ίαἔχου σ ινἑκάτερ μ ο ὴἀ ι ἀπ έ λ ν π ο ά ο δ δ ο τ ο ιδ ό σ θ α ι, μ ς λ ά τ α ια ὡ η ςαὐτ σ νἑκόν ῶ ρ ά ρ ν ο ε ἴηἡΠ σ χ τ τ ω νπ ω ω ν ein schriftliches Dokument wiedergegeben ist [das Thukydides gekannt haben könnte], ist nicht sicher und auch nicht übermäßig wahrscheinlich, kann aber immerhin vermutet werden.) Darum entbietet er einen Herold zur Stadt, der ein ÜbergabeAngebot verkündet, auf das hin die Plataier π ρ έ δ νπ ο ό λ α ντ ὴ ιν(§ σ α 3). Die in indirekter Rede mitgeteilten Worte desHerolds ρ οπ π ε ιδ έμ υ κ ο ὲα αλέγ ν ὐ ο τ 52,2 π ν τ ύ α , ε ο ο τ λ α ι ῖςκήρ ἰβ ὴ νπ ό λ ινἕκον ν α ῦ ο ιτ δ α ρ τ ε ςτ π α ο ίο ο ν ιςκ ῖςΛ α κ ὶδ ε δ ια α ιμ α ῖςἐκείν σ θ κ α α σ τ ι, τ ο ο ιςχρήσα ύ ςτ , εἀ ε δ ά σ ιν ο υ ίκ ςκολ η νδ ὲοὐδ ν έ α ρ ὰδ ίκ π α dürften mit an Sicherheit grenzender Wahrscheinlichkeit den Übergabe-Vertrag (der das Angebot kurzerhand als Vertragstext über10 das spartanische Angebot in den nahm, so wie man in IV 118,1– Vertrag überführt sieht, vgl.ob., S.32ff) referieren; denn wenn man spartanischerseits damals schon an die eigene Rechtsposition bei späteren Verhandlungen mit Athen gedacht hat, dann hat manauch dafür gesorgt, hierzu etwas in der Hand zu haben, nämlich einen ‘in beiderseitigem Einvernehmen’geschlossenen schriftlichen Vertrag. 19. Nach den in Kap.70 berichteten Kämpfen zwischen Demos und oligarchischer Partei auf Kerkyra (bis zur Ermordung des athenfreundlichen Peithias) wird in 71,1 ein Einigungs- undNeutralitäts-Vorschlag referiert, der sogleich als Volksbeschluß durchgesetzt und per Gesandtschaft nach Athen übermittelt wird, also auf jeden Fall auch schriftlich vorgelegen hat und von Thukydides für seinen Bericht ausgenutzt worden ist: λ έ ὶβ α ακ τ ῦ ι τα τ υ νὅ α ρ ίο ςεἶπ ο κ υ ρ ε ε τ ςΚ 71,1 ξυγκαλέσαν ε ότ α ίω ,τ ν ν η ᾽ Ἀθ νὑ ῖε π θ ε ᾽ἂ νδουλω ισ τ κ α ὶἥ ἴηκ αε τ τ ισ , η ς ὶ ἡσυχάζοντα ιᾷν ᾽ἢμ λ λ θ ιἀ υ α ο ςδέχεσ η εδ ετ έρ νμ ὸ ιπ ο λ ῶ ρ υ ικ α ὶ ἐπ ε ,κ ῖσ ι. ὡ α θ ςδ ν ὲεἶπ ο νἡγ ιο έμ λ ο νπ ο έ λ ὲπ τ ὸδ η ν . μ ὴ νγνώ ντ α κ σ α γ ι ἠνά α σ Bürgerkriegs gelingt in III 75 demAthener NikodieVerständigung undderAbschluß einer Symmachie mitAthen

Im Zug desselben stratos

158

II. Hauptteil

ετο ὺ τ ρ ο ὥ σ ὺ ςα ίλ ὺ α τ ςκ ο ὐ ο ὶφ ςἐχθ υ ίζ ςνομ ε , dieBENGTιν SON91 (Nr.172) unter die Staatsverträge aufnimmt. Dadiese Verständigung gleich anschließend, noch ehe Nikostratos abgefahren ist, platzt undder Bürgerkrieg wieder auflebt, ist auch die Symmachie hinfällig, so daß(auch fürThukydides) keinerlei Anlaß bestand, diesen Vertrag als solchen anzuerkennen (oder garwörtlich zuzitieren).

20. Eine eher nebensächliche, aber nicht uninteressante Notiz findet sich in 86,3, wozwar nicht die (durch Volksbeschluß erfolgte) Entsendung von 20 Schiffen nach Leontinoi, aber der in diesem Zusammenhang vonThukydides verwendete (= referierte) Ausdruck κ α τ άτ επ α μ α λ χ ία α νurkundlich belegbar ist.308 Für Thukyιὰ νξυμ dides magdas alte Bündnis, das (als Erneuerung eines noch älteren) 4, Nr.163) unduns aus demJahr 433/2 stammt (vgl. BENGTSON 82– –wie immer: fragmentarisch –in IG I2 52 (weiteres bei BENGTSON aaO) erhalten ist, gekannt haben oder (unwahrscheinlicherweise) auch nicht; in jedem Fall dürfte ihm der Volksbeschluß des Jahres 427 bekannt gewesen sein undseiner Nachricht über die Entsendung zugrunde liegen.309 Wie weit demin III 109 stehenden Bericht vonderteilweisen Abzugsvereinbarung etwas Urkundliches zugrunde liegt, ist recht unsicher; mankann es vermuten, aber weder beweisen noch sehr wahrscheinlich machen; umnicht unnötigerweise aufzuUnsicheres zurekurrieren, zähle ichdiefragliche Stelle nicht mit.

21. Gegen Ende des III. Buches (114,3), im Winter 426/5 findet sich ein regelrechter Staatsvertrag (BENGTSON 94, Nr.175), die auf 100 Jahre geschlossene Epimachie der Akarnanen, Amphilochier, Amprakioten, von SCHWARTZ (mit Recht) angeführt für das übliche Verfahren der Mitteilung von Verträgen, von MEYER 11f (Nr.5) mit der Begründung, daß sich dies auf einem für die Großmächte bedeutungslosen Nebenkriegsschauplatz abspielte, abgetan.310

308Nicht als ob eine solche Wendung zumVerständnis einen Beleg benötigte –

diese unsinnige Behauptung habe ichbereits wiederholt abgelehnt, zuerst zuV 18f ; im Gegenteil: Thukydides be(ob., S. 61ff zu 8.– 11.Beleg), zuletzt in Fußn. 301 – legt diese Wendung ja auch hier nicht, sondern läßt sie ‘sich selbst erklären’, weil sie aus sich selbst verständlich ist. 309Die Gesandtschaft aus Leontinoi, die umdie athenischen Schiffe κ ε α τ άτ νbat, istdie, welcher derberühmte σ α ε μ ν α χ ςἦ ιἼω ία τ νκ α ὶὅ α λ α νξυμ π ιὰ Gorgias angehörte, vondessen Wirkung Plat., Hipp.maior 282 b redet. 310MEYER 11f: Da dies ein Vorgang auf einem Nebenkriegsschauplatz war, der fürdiekriegführenden “ Großmächte Athen undSparta keine Bedeutung hatte, wird Thukydides bewußt auf wortgetreue Mitteilung der Urkunde verzichtet haben, Ichführe dies wieder einmal wenn ihmwirklich eine Abschrift zugekommen ist.” ‘windelweichen’, nachablenkenden Ausflüchten salopp gesagt – anals Beleg, der–

4. Verarbeitung urkundlichen

Materials

159

III 114,3 ἐ ν νσπ ο αχρό ο ιτ ν ε νἔπ δ ςτ μ ὸ ὰ α χ ςκ α ία ὶ ξυμ νἐπ ο ιή σ α ν τ οἑκα τ ὸ νἔ ηἈκαρνᾶ τ ν ε ςκ φ α ίλ ὶ Ἀμ ο χ ο ιπ ρ ὸ μ ςἈ ή τ α ρ κ ιώ τ α ςἐ π α ρ π κ εἈμ ὶ τοῖσ δ ε ιώ ,ὥ π σ τ εμ τ α ε ςμ τ ὰἈ ρ κ α νστρατεύ ν ω ν ά ε ινἐ π η ὶΠ ή ε σ λ ο ίο τ π ο ν ν εἈκαρνᾶ υ ε ςμ ςμ ν α ρ α κ ιώ η π τ ν ω νἐ ᾽Ἀ α π ίο θ υ τ ὰἈμ ε ς ῖνδ , βοηθ ὲτ ω ῇἀλλήλ ν , κ α ὶ ἀπ ο δ ο ῦ ν ρ α π α κ ι Ἀμ ιώ τ α ςὁπ ρ ή ρ ο ίαἢὁμ ό υ σ αἢχω ς φ ιλ χ ό μ ω νἔχ Ἀ ο υ σ ι, κ α ὶἐ η π ν ὶἈ α θ κ ρ ὴβ ο τ ιο ε ό νμ ῖνπ ο λ έ μ ιο νὂ νἈ κ ρ α ν ᾶ σ ιν . τα ῦ τ αξυνθέμ ε ν ο ι διέλ υ σ α ντ ὸ νπ ό λ ε μ ο ν .311

22. Zuerst in Buch IV (Kap. 16) steht der schon von SCHWARTZ angeführte Waffenstillstand um Pylos/Sphakteria (BENGTSON 95, Nr.176) aus demJahr 425. MEYER 11 (Nr.2) hat auch dies Beispiel als, weil unbedeutend, nicht relevant abgelehnt, denn es gelte “ nur suchenden (und insoweit auch unredlichen) Argumentationsweise: als ob es um “ bewußt oder unbewußt”ginge, als objemals jemand bei Thukydides ein unbewußtes Verhalten undVerfahren unterstellt hätte, als ob manangesichts des genauen Referats daran zuzweifeln einen Anlaß hätte, daßThukydides denText kannte, undals obdie als gewissenhaft bezeugte Bemühung umErforschung der Fakten nicht auch das Besorgen solcher Quellen einschlösse. (Wie Thukydides’ Bericht aussehen könnte, wenn er jenen Text nicht gekannt hätte, magdie bei BENGTSON aaO zitierte Notiz ausDiodor (XII 60,6) zeigen: ο ν ρ ν κ ᾶ ε νἈ α ὲ ἱμ ς η νε η ἰςἔ ν τ ο ν ιτ ρ νεἰρή ε κ ὴ α μ ιώ ο π ῖςἈμ τ α ιςσυνέθεν τ οτ δ ια λ υ σ ά ν. α τ ό ἑκ 311Statt weiterer Erörterung zitiere ichdieBENGTSON 94 gebotene Erläuterung: “ DerVertrag sahfolgende Bestimmungen vor: 1. Die Ambrakioten sind nicht verpflichtet, mitdenAkarnanen gegen ). α ρ τ ε ύ ε ιν τ diePeloponnesier zuFelde zuziehen (σ 2. Die Akarnanen sind nicht verpflichtet, sich amKampfe derAmbra). ύ ε ιν α τ ε ρ τ kioten gegen dieAthener zubeteiligen (σ 3. Die Vertragschließenden sind zu gegenseitiger Hilfeleistung verpflichtet, falls ihr Gebiet angegriffen wird (β η θ ). ε ῖν ο 4. DieAmbrakioten haben dieGeiseln unddasGebiet derAmphilochier herauszugeben, dassich inihrem Besitz befindet. 5. DieAmbrakioten verpflichten sich, nicht dieStadt Anaktorion zuun). η θ ε ῖν ο terstützen (β Die Verpflichtungen unter 1. und2. sind sehr wahrscheinlich durch die zwischen denVertragschließenden unddenAthenern bzw. denPeloponnesiern bestehenden Verträge (die nicht erhalten sind) zuerklären. α ρ τ Sehr wesentlich ist der Unterschied zwischen den Begriffen σ η ; das erstere bedeutet die Beteiligung an einem θ ε ῖν ο τ ε ύ ε ινundβ Kriege aufsymmachialer Basis, daszweite bedeutet diepartielle Hilfeleistung. DemBündnis gehen dieathenischen Erfolge unter Demosthenes über 114).” die Ambrakioten voraus (Thuk. III 105–

160

II. Hauptteil

Zeitspanne.”312 Seine Argumentation, daß einzig zwischenstaatliche Verträge unter Großmächten der wörtlichen Wiedergabe gewürdigt würden, widerlegt bereits LUSCHNAT 1125, und so bleibt auch hier ein sehr gewichtiges Beispiel, dessen Bedeutsamkeit nicht einmal MEYER bestreiten kann, dafür, daß –woran nach den vorherigen 20 Beispielen kaum noch ein Zweifel möglich sein die normale Wiedergabe wichtiger Abmachungen ein Referat sollte – der wesentlichen Punkte in indirekter Rede ist. ν 16,1ἐγ ο ίγ ν τ οσπ ο ν δ α ὶ τοια α κ ίδ ε , Λ ο ε ν δ α ίο ιμ ντ ὲ υ ὰ ςμ ς ν α ῦ η σ ςἐ α νκ α να χ μ ά ὶτ ἷςἐνα ὰ ςἐ ῇπ υ ντ ά ῇΛ α σ κ ω ν α ικ ς , ρ α ί, π ρ α κ α σ α δ α ο νμ ν ίσ ῦ α ι κομ α ν α ιἦ ὅ σ τ α ςἐ νἈ λ ο ύ ςΠ ὴἐπ ν ε η έρ α ίο ιφ ιντ υ ή ῷ τ εκ τ ς ,κ α ε α θ ιχ μ ὶ ὅπ λ αμ τ α ίσ τ ὰ ιμ ῆ γ ή νμ τ εκ α τ ὰθ ά λ α σ η σ ν α α ν , Ἀθ ίο υ ςδ ή ὲτ ῳ σ ο ῖςἐ ῇν ντ ρ ά ν ῳ ἀ δ σ Λ ι σῖτ α κ ε ίρ εδ ντο ο νἐᾶ ὺ ο α ν ντ ῇἠπ ίο ςἐ ιμ υ ςἐ σ μ έν γ ο ν ,δ α ύ οχοίν π ε εμ ιντακ α τ ὶμ π έμ ὸ νκ ικ α ῳ Ἀ ςἑκά τ σ τ τ ικ ὰ ίτ α ω νκ ςἀλφ ὶδ οκοτύ ύ λ α ο ςοἴν υκ α ά π ὶ κρέα ο ν τ ,θ ς ερ ι ίσ · τα α ε ῦ τ αδ ν η τ ω ντ δ ν νἡμ ὲὁρώ ὲτούτ ω νἈθ α ῶ ίω μ νἐσπ έ υ λ ά ᾳφ σ σ ε ινδ η δ ὲ νἐσπ ὲκ ρ α λ π ε ινκ α ὶπ ε ῖνλάθ λ ο ὶ νμ ῖο δ ν σ ὴ ο ,ὅ η ν ὲ α νἧσσ ο ίο ἀ νἈ υ μ β ὴ ννῆ σ π θ α α ν ςμη ί ο ο ν τ τ α ς , · ὴἐπ κ α ε έρ ιντ ῷ ὶὅπ Π μ η ή ε ιφ τ λ λ σ α εκ ο π ν ίω μ ν ο α νστρ ῷ α τ ή τ εκ ῆ α τ ὰθ νμ ά λ α σ σ α ιδ ν . (2) ὅτ ᾽ἂ τ ὰγ ντούτ ρ α νπ α ω β α ίν ω σ ινἑκά τ ε α ρ ο ικ ὶ ὁτιο , τό ελελ ν τ ῦ ύ σ θ α ιτ ὰ ν ο δ ςσπ ά ς . ρ ιο η ἐσ π ν έλ ὗἐπ α ε θ χ σ ω ινο έ ῖσ α θ ιδ ἱἐ νἈ θ ὲα κτ ὰ ῶ τ ὐ ςμ β ν ε ις ῶ νΛ ρ κ α έ . εδ σ ο νπ ν ίω α ιμ (Das ausführliche Zitat dieses Referats, weil in IV 23,1 (s.u., S. 161 mitFußn. 314) hierauf Bezug genommen wird.)

für eine begrenzte

23. Die nächste Stelle 21,3 hatBENGTSON als Einheit zusammen mit 16 behandelt (es geht umdie ablehnende Antwort auf die spartanischen Vorschläge, die während des Waffenstillstands in Athen unterbreitet wurden); MEYER 11 (Nr.3) beruft sich darauf, daß diese

Antwort, die auf Kleons Betreiben in der athenischen Ekklesie den sicherlich nicht aufgezeichnet” Spartanern als Bescheid zuteil wird, “ die Stadt aufjeden Fall ohne Dokument war; die Spartaner hätten “ κ ρ η ν α σ ῶ νἄπ η α νἐ κτ ρ verlassen, wie 4, 22,3 beweist: ἀ ῶ νἈθ χ ν ώ ε τ ο ι.”Das magso stimmen, ist aber nicht, worum es (mir) geht; das Wichtigste in eben diesem § 3 übersieht MEYER nurzugern: Thu-

312MEYER ebenda fortfahrend: “ Fraglos kommt dieser Übereinkunft eine größere sachliche Bedeutung zuals denbeiden vorher erwähnten Vereinbarungen”(gemeint IV 105,2 und 106,2, die er selbst [= MEYER 10] vorher’[unter Nr. 1]er‘ darauf hin, daß sie wähnt hat) “ und der feierliche Ausdruck σ ν δ ο α π ί deutet schriftlich festgelegt wurde. Aberabgesehen davon, daßeine schriftliche Fixierung nur in diesem letzten Falle wahrscheinlich ist, handelt es sich an allen genannten Stellen umprovisorische Regelungen, die Feldherren zwecks Einstellung der Feindseligkeiten treffen, nicht umVerträge zwischen Staaten.”

4. Verarbeitung

urkundlichen Materials

161

kydides läßt in der Antwort auf denim I.Buch mehrmals erwähnten, aber niemals wörtlich (in Teilen oder gar ganz) zitierten 30-jährigen Vertrag von 446/5 (ob., S. 147, Nr.3; BENGTSON 74– 6, Nr.156) Bezug nehmen unddaraus referieren: ρ ) ἀπ ε ίν 21,3 ἔπ ο κ ισ έ ω ν λ α ν(sc. Κ ε σ θ α ιὡ ὴτ ὰμ ςχ ρ ὲ νὅπ λ α ῳ π ή φ σ ρ ᾶ α α ςα κ δ α ὐ ὶσ τ ο ό ὺ ῇν ν ὺ ντ ςτο τ ςἐ α ρ ςπ ῶ τ ο νκ ο μ ισ ῆ ν α θ ι Ἀθ ή ν α ζ ε , ἐλθόν τ ω νδ ὲἀπ ο δ ό ν τ α ςΛ α κ ε δ ο ν α ιμ ίο υ ς ςκ γ α ὰ ὶ Τροζῆ ν Ν ακ η ίσ α α ὶἈ ια νκ α χ ὶΠ α ιία , ἃο ν ὐπ ο λ έ μ ῳ ἔλ β α ο , ἀ ν λ ᾽ἀ λ π ὸτ ῆ ρ ςπ ρ ο τ α έ ε ςξυμβάσ ω η ν ς Ἀθ α ίω ν ξ υ γ η χ σ ω ρ ά ν τ ω νκ ρ α ο τ ᾶ ὰξυμφ ςκ α ὶἐ ῷ ντ τ ό τ εδεομέν ω ντ ι μ ᾶ λ λ ο ν σπ ίσ ο ν , κομ α δ σ ν ῶ θ α ι το ὺ ςἄνδ ρ α ςκ α ὶ σπ ο ν δ ὰ ς ν ῇχρό ο ο νἀμφ τ ρ έ ο κ νδ ις ο α θ νἂ σ ι, ὁπ α ο σ ό σ . ιή π ο Nähme manMEYERs Argumentation zu den wörtlich überlieferten Verträgen in V undVIII ernst, so könnte der Leser die Anführung aus demnicht im Wortlaut mitgeteilten Vertrag gar nicht verstehen.313 Aber MEYER übersieht, wie gesagt, nur zu gern diese faktische Widerlegung seiner späteren Argumentation durch das bei Thukydides gängige undübliche Verfahren: das Referat einer Vertragsbestimmung macht diese hinreichend klar undverständlich. In 23,1 wird auf einige Teile der Bestimmungen des (nicht zitierten, aber ausführlich referierten) Vertrages aus Kap.16 Bezug genommen;314 dazu ist allerdings zusagen, daßdasausgiebige Referat der Waffenstillstands-Vereinbarung vonThukydides nicht wegen dieser Rückbeziehung (dafür wäre es unnötig gewesen), sondern um seiner selbst willen geboten wurde. 24. In IV 46,2 wird ein weiterer Vertrag referiert, der mit dem Bürgerkrieg auf Kerkyra zutunhat: nach Erstürmung der Festung,

313Hierzu ist ausdemV.Buch, umdases imgegenwärtigen Zusammenhang nicht weder beabsichtige ich, entsprechende Belege fürdasReferat ureigentlich geht– kundlichen Materials dort zu sammeln, noch ist die Möglichkeit dazu sehr wahr, aufdiefolgenden beiden Stellen zuverweisen: V 30,1 indenVorwürscheinlich – ῆ ρ ιο ν ύ έ ο νεἶν νκ λ ὸπ α ιὅτ ντ ιἂ fen der Spartaner andie Korinther εἰρημ η τ α ι(bezogen aufdenallgemeinen peloponnesischen ίσ φ η χ νψ ά ω μ θ ο ςτ νξυμ ῶ Bundesvertrag [nicht identisch mit demin 31,5 angesprochenen, vgl. BENGTSON ὴ νξ υ ν 86, zu Nr.166]): wo ist das wörtliche Zitat dieses Vertrags?; V 31,5 τ η τ ο... (= BENGTSON 86, Nr.166, ein 431 geφ ο έρ ν τ ρ ο ε η νπ ή ςἐ νἧεἴρ κ θ schlossener Vertrag derSpartaner mitdenpeloponnesischen Bündnern): woist das wörtliche Zitat dieses Vertrags? (Anders sind die Referate in V 38,1undV 41,1f zu bewerten, dainbeiden Fällen einVertrag nicht zustande kommt.) 314IV 23,1 ἀ φ ικ ο μ έ ν ω νδ ὲαὐτ ) διελέλυ (sc.τ β ὺ ε ρ ω ν θ ν τ οεὐ ἱ ῶ ν έσ ςα ῶ νπ , ν υ τ ο ῄ ι ἀπ ιο ν ό δ α ιμ κ ε α ἱΛ ῦ ςο α ὰ ςν ὶτ α , κ ν λ ο ύ ρ ὶΠ σ π ο ν δ ε α ἱπ ὶα ή ντ ε μ ο ρ α τ αἔχον ε τ ιδ ςἐπ ι ἐγκλήμ ῖο ν α η κ θ α θ ά ᾽Ἀ ρξυνέκ ἱδ ε ·ο π ιτ ο ε ι α αεἶν τ ν γ αδοκοῦ ο κἀξιόλ ὐ αο λ λ α ὶἄ νκ ο δ ν ρ ά ο σ π α τ ιπ α μ ῷ τ ε ιχ ίσ τ α ρ α νπ τ ο , ἐὰ α ῦ ὶ ὁτιο νκ ὴεἴρη ιδ τ ιὅ ο νἰσχυριζόμεν α σ ο ο ίδ ὐ κἀπ δ ε β α ῇ θ , λελύσ θ α ιτ ά . ὰ δ ς ν ο ςσπ

162

II. Hauptteil

die sich die exilierten Kerkyräer auf demgegenüber liegenden Festland errichtet hatten, trafen die athenischen Strategen Eurymedon und Sophokles (im J.425) ein Abkommen mit den noch auf einem Berg Verschanzten (BENGTSON 96f, Nr.177): η νὥ σ α σ τ ετ ο ὺ ρ ὲ νἐπ ρ ρ ὶδ α δ ςμ ο ε ο υ ι, π ικ ύ ο α ν α ῦ ὲ ςπ έβ ν υ ξ μ ο νδιαγ ρ ὰὅπ ντ απ ῶ λ α ν φ α δ α ῶ ν ό ν η ίω τ νδῆ ω ντ σ ὸ νἈθ ν α ι. ... κ α ὶα ὐ τ ο ὺ ς... ἐ ὴ ισ νδιεκόμ α νὑπ ο σ π ό ν υ δ λ ο κ α ςφ υ ς ... ὥ σ τ ἐά θ α σ ιτ ιςἁ ῷἀ ύ π ρ κ ὰ α ντ ο ά σ σ ιλ ελ ω ν , ἅπ δ ιδ λ ς ν δ ά π ο σ ς . Die zweite ᾽Klausel (eine Zusatzklausel fürdenTransport ausderInternierung nach Athen) wird offenbar nur darum mitgeteilt, weil sie von der Gegenpartei ausgenutzt wird, die Gefangenen (die früheren Bürgerkriegsgegner) ganz zuvernichten (wie Kap.47 berichtet).315 25. IV 54,2: Im Sommer 424 landeten die Athener unter Nikias (u.a.) auf der dem Lakonischen Golf vorgelagerten Insel Kythera, woes nach kurzem Kampf zumRückzug undbald danach aufgrund früherer Gespräche mit Nikias zur Ergebung der Kytherer kam: α ίο ν η ις θ ρ ὸ α τ ςἈ ία νκ ςΝ ικ α νπ α η σ ὶ το ὺ ςξυνάρχον έβ ν υ ξ ρ φ έ ψ ὶσ ὴ νθανάτου.316 ῶ ναὐτ α ιπ ε ιτρ ἐπ ῶ νπ λ 26. Im selben Sommer (424) kommt es auf Sizilien zunächst zu einer Waffenruhe zwischen Kamarina undGela (IV 58,1), wo sich dann ein pansizilischer Friedenskongreß zusammenfindet, dessen Bedeutung Thukydides durch die Einigungs- undFriedensrede des Sy64), und daraufhin (65,1; rakusaners Hermokrates hervorhebt (59– BENGTSON 98f, Nr.179) zu einem innersizilischen Frieden auf der Basis desStatus quo: ιἔ ο τ σ ε τ ςἃἕκα μ σ τ εἀπ ο ὥ υἔχον α ά σ σ ε λ λ σ α θ έ ιτ λ ο ο ῦπ ρ ιο ύ ν ι ἀργ νεἶν η α χ ο υ σ ι, τ ο ίν ῖςδ μ ν α τ γ α ὲΚ α ρ ρ α ίο ιςΜ ιν ο κ τ ὸ ντ ρ τ α ο α κ ῖςΣ ο σ υ ίο ιςἀπ . ο δ ῦ σ ιν ο Aufgrund dieses Vertrages wurden die Athener aus Sizilien wieder fortgeschickt, § 2: ὺ ντο ς ῶ ν τ ε α ςαὐτ σ έ λ κ α α ρ μ χ α ο ν α ιπ η ίω α νξύμ νἈθ ῶ ο ἱδ ὲτ α ὶἔ δ ν ο α ἱ σπ ὶα α ικ ν ή σ τ ο β α νὅ ι ξυμ τ τ ο ε ι ὄν ςεἶπ ντέλ ἐ τ ο ν ῦ ιο ο νἐπ ῶ ὲαὐτ νδ ω τ ν ά σ ε α ο ιςκοιν α ιν ί. ἐπ ίν κ ε ι κἀ α τ ν ο σ 315Als kaum groß erwähnenswert füge ich dasAbkommen zwischen Chios und Athen hier an, das Ende des siebten Kriegsjahrs (425/4) in IV 51 erwähnt wird. ι ο τ ν έ ν μ ο ε ιμ ά σ ιη ο Danach mußten dieChier ihre neueMauer wieder abtragen, π ρ ὶ ε δ ὲ νπ νμη ῶ τ νδυνα ῶ κτ η τ αἐ η α ν ιό τ α ίο ρ υ ὸ τ ε ιςκ θ π ςπ ίσ ςἈ α ὶ βεβ ο υ λ φ ε ύ , eine Zusicherung, die sicher auch schriftlich fixiert ρ ε ᾶ νβ ιν ο σ ε τ ςνεώ undvertragsgemäß bekräftigt war,vonderaber keinesfalls mehr als dasHiesige mitzuteilen lohnte. 316BENGTSON 98, Nr.178; daßdieser Vertrag so vonder athenischen Ekklesie bestätigt wurde, ist 57,4 zuentnehmen; die Kytherer hatten einen Tribut zuentrichten, konnten aber (bei einigen Deportationen) in derMehrzahl auf ihrer Insel wohnen bleiben.

4. Verarbeitung

163

urkundlichen Materials

γ ία ο λ ο ν ,κ α ῆ ε νὁμ ὶα ὴ ἱν η ςτ ν α ίω ῶ νἈθ τ νἀπ έπ ε λ ε υ σ α νμ ικ ε κΣ αἐ λ τ ία ῦ τ ὰτα ς .

27. Nachdem Nisaia, Vorstadt von Megara, durch die Athener ummauert, so vonMegara abgeschlossen ist undkeine Hoffnung auf Entsatz mehr besteht, kommt es IV 69,3 (BENGTSON 99f, Nr.180) zueiner Übergabe-Abmachung (BENGTSON aaO “eine typische Kapitulation” ): η ν α ίο ρ ίο υ νἕκασ ιςῥη ὲ ντ ο α ῖςἈ θ τ υ τ νἀ γ ο σ ο ῦμ η ρ έβ ν υ ξ ν ῆ α ι ὅπ λ απ ρ α θ α δ υ ό ν λ ο ο τ ν ίο α ις ἀ π , τ ῷ , τ ς ο ιμ ε α κ δ ῖςδ α ὲΛ ν τ ικ α ὶε τ εἄρχο ἴτ ιςἄλ η ν α θ ίο α ιἈ θ υ ῆ ν λ , χρῆσ ι ςὅτ ο ςἐν ν τ ω α ύ λ ι. ο νβ ἂ 28. Ein weiterer “Kapitulationsvertrag”317wird in IV 88 kenntlich. Nachdem Brasidas nach Thukydides’Bericht in 84 zunächst für sich allein Einlaß in die Stadt Akanthos erbeten underhalten hatte, sprach er in einer Rede (85– 7) so überzeugend undvertrauenerwekkend, daß die Akanthier beschlossen, von Athen abzufallen und als selbständige Bündner zudenLakedämoniern überzutreten: ν α σ α ώ τ νκ ὶπ ν α ισ ίω νο η α ἱπ ίο λ ε σ υ ν ω ίσ τ γ α σ θ ςἀφ α ι Ἀθ ἔ ό μ νὀ ο ν ίω τ ε ντ ςα τ ὸ ο ιμ ὐ α εδ κ ῖςὅρκ ο ιςο α ητ ῶ νΛ ὓ ὰτέ ςτ λ ο ὴ νἔσεσ μ χ ά ο υ ςαὐτ θ α ι ξυμ ὐ νἐξέπ αα τ τ ὸ ν ψ α σ α ν , ἦμ εμ η . τ μ ν α ο υ ν ι, ο ό γ ςο γ ὓ ρ νστρατό ά ὕ ὸ ιτ ο α τ ν τ σ ω χ ο α ςἂ νπ δ έ (Über sonstige Übergabebedingungen ist nichts bekannt.) 29. Das nächste Beispiel (IV 105,2/106,2; BENGTSON 101, Nr. 182) ist wiederum eins dervonSCHWARTZ angeführten, vonMEYER 10 (Nr. 1)bestrittenen: der Verlust von Amphipolis, der dem Historiker, welcher damals einer der athenischen Strategen im Raum Thrakien war und mit seinen (gerade sieben verfügbaren) Schiffen von Thasos aus zu spät eintraf, die 20-jährige Verbannung bis 404 einbrachte. Brasidas stand bei seiner Unternehmung gegen Amphipolis wegen der erwartbaren Hilfe von Thasos aus unter Zeitdruck undmachte daher ein ausgesprochen entgegenkommendes undleicht annehmbares Angebot. 105,2 μ ,Ἀ ν ώ ατό μ δ εἀνειπ γ ρ ία νἐπ ετ ο ιε οκήρυ ῖτ β α σ ινμ νξύμ ὴ τ ν ν ο ε φ ιπ νβουλόμ ο ὲ λ ιτ ῶ νκ η ν α α νμ ίω ὸ ντ ὶ Ἀθ ῶ νἐνόν ντ τ ω ν ὸ ,τ ε ιν έν αμ τ ν ο χ έ ετ ο ία ςμ α ὶ ὁμ η ςκ ῆ ςἴσ ῦτ π ὶτ ο ἐ ο ῖςἑαυτ μ ε εἡ τ ν νπ έ ν ο μ ε ό ερ α ν ο ῦἐκφ ιέ ιτ τ έ ὰἑα υ λ ν αἀπ ὴἐθ ο τ δ ὲμ ρ ν ῶ . man kann schon sagen –‘Sonderangebots’ ist den Aufgrund dieses – Amphipoliten, deren Überlegungen undArgumente dafür mitgeteilt sind, recht leicht, sich für die Annahme zuentscheiden, 106,2 . ν ε φ ἷςἐκήρυξ ᾽ο ο γ ρ εδ ίακ σ έξ α τ οἐ ν ὶπ α ο λ ο οἡὁμ τ ε ν γ έ ἐ 317Denhier nicht ganztreffenden Ausdruck verwendet

BENGTSON

100, Nr.181.

164

II. Hauptteil

MEYER meint, es habe sich ja nurumein mündliches, von Brasidas auf 5 Tage befristetes Angebot an die Bewohner gehandelt, zudem habe Thukydides für die Darstellung dessen, was er aus nächster Nähe miterlebte, “ganz gewiß keiner Unterlage”bedurft; daher sei es “also aus mehr als einem Grunde geradezu unwahrscheinlich, daß Thukydides für seine Darstellung eine Urkunde benutzt undin seinen Stil umgesetzt habe.” Dazu ist festzustellen, daßdie eventuell begrenzte Gültigkeitsdauer eines Angebots keinen Einfluß darauf hat, daßein Abkommen schriftlich erfolgte undals Urkunde an die jeweilige Behörde (zur Ratifizierung) ging; nach denvorangehenden Beispielen kann man schwerlich bezweifeln, daß auch die aufgrund der sehr milden undentgegenkommenden Bedingungen zustande gekommene Übereinkunft zwischen Amphipolis undBrasidas schriftlich fixiert war. Ob Thukydides einer schriftlichen Unterlage “ be, ist nicht die Frage: er hat solche Dokumente, wie man oft durfte” genug erkennen kann, üblicherweise verwendet undim hiesigen Fall keinen Anlaß gehabt, vondieser seiner Methode abzuweichen. In der Tat läßt sich hier aufgrund der sehr spärlichen Mitteilungen nicht viel über denVertrag sagen; daher ist dasGanze kein sehr überzeugendes oder beeindruckendes Beispiel für die Benutzung urkundlichen Materials in der Darstellung des Historikers, aber analog zudenzahlreichen vergleichbaren Fällen ist auch hier anzunehmen, daßThukydides die Abmachung kannte undbenutzte. den Vergleich 30. “Ganz entschieden”lehnt MEYER 11 (Nr.4) “ der beiden Urkunden 5, 77 und5, 79 mit denerzählenden Partien 5, 27,2 und5, 28,1”ab, also densiebenten vonSCHWARTZ angeführten Beleg für die Einarbeitung vonurkundlichem Material in denhistorischen Bericht. Im einen Falle komme wirklich ein Vertrag zustanmündliche[n] Vorstelde, im anderen handle es sich lediglich um “ Was 5, 27,2 an “ Vorlungen der Korinther bei denArgivern” , und“ ist, aufgezählt macht Inhalt nachfolden nicht des doch schlägen” (5, 28,1) aus” , vertritt er mit aller Emphase seinen μ α φ genden ψ ισ ή Irrtum, und so belegt er eine völlige Verkennung der schriftstelleumes so zu benennen –der rischen Situation des Historikers und– Erzählstruktur. Denn ganz diametral entgegen MEYERs Meinung macht, wasan Vorschlägen mitgeteilt ist, eben doch den Inhalt oder dieGrundlage desnachfolgenden Beschlusses aus! Woher denn sonst er hat sollte Thukydides die mündlichen Vorschläge gekannt haben – , wenn nicht aus eidie Verhandlungen ja nicht heimlich belauscht – ner historischen Quelle, als die manambesten undvernünftigsten dasargivische Psephisma ansetzt. Darauf als Grundlage beruhen die

4. Verarbeitung

urkundlichen Materials

165

von Thukydides mitgeteilten ‘Vorschläge’, und –umgekehrt –diese Vorschläge aus V 27,2 sind ein antizipierendes Inhaltsreferat von 28,1, eine Struktur, die man aus nächst erreichbarer Nähe auch im hier vorangehenden Beispiel (Nr.29) beobachtet, wodas Abkommen auf dem vorweg referierten κήρυ μ γ α des Brasidas beruht (= dieses zum Inhalt hat), aber auch in III 71,1 (ob., Nr.19): dort wird ein Einigungs- und Neutralitätsvorschlag (der Parteien auf Kerkyra) vorweg referiert und dann sogleich als Volksbeschluß durchgesetzt (dann aber natürlich nicht nochmal referiert). In diesen und allen weiteren ähnlichen Fällen318 hatThukydides denhistorischen Bericht nach seinen urkundlichen Quellen gestaltet, vermutlich ganz ebenso, wie er seine (eigenen!) wörtlichen Reden nach der historischen Situation gestaltet. Dies zu bestreiten bedeutet die schriftstellerische Methode

zuverkennen.

Die geschlossene Einheit der Sizilien-Expedition Athens von

415/3 in VI undVII, in derHauptsache (d.h. vondeneinzelnen Kapiteln abgesehen, die als Einschub die gleichzeitigen Vorkommnisse im Mutterland berichten) auf fern liegendem Territorium spielend, bietet insgesamt für Thukydides von vornherein viel weniger Möglichkeiten, urkundliches Material zu referieren – hier war er stärker , als dies in I –IV der Fall war. auf mündliche Berichte angewiesen – Was sich dort an Belegen für die Verwendung von urkundlichem Material durch Thukydides anführen läßt, ist in der Tat sehr dürftig undreicht gerade so eben aus, umzu zeigen, daßThukydides sein bis dahin (im Archidamischen Krieg, der im großen undganzen als darstellerisch vollendet gelten kann319) praktiziertes Verfahren bestimmt nicht (etwa zugunsten der sinnlosen Zitierung langwieriger Vertragstexte) geändert hat. Nimmt man an (wovon ob., S. 143 ausgegangen wurde), daß in 6 (kaum erkennbar) eine amtliche Liste derStreitkräfte zuVII 57,2– grunde liegt, so ist dies zunächst einmal zu erweitern auf VII 57– 59,1.320 Dasselbe gilt dann für VI 31,2, woThukydides die Kräfte 318Vgl.ebenso auch ob., S.156, Nr.17, Fußn. 306; undferner ebenfalls III 52,2 (ob., Nr.18): “ Die in indirekter Rede mitgeteilten Worte des Herolds ... dürften mit an Sicherheit grenzender Wahrscheinlichkeit den Übergabe-Vertrag ...

referieren.” 319Eine ‘Mängelliste’, woselbst dort noch ‘die letzte Hand’anzulegen war, bietet 7. ANDREWES (= GOMME V) 362– 320Vgl. hier sogar MEYERs ob.in Fußn. 262 zitierten Satz “ Amtliche Verzeichnisse (Urkunden) sind zweifellos auch im Katalog der Kriegsteilnehmer 7, 57–59,1 verwendet.”

166

II. Hauptteil

der früheren Ausfahrt gegen Epidauros (II 56) unter Perikles (= in derHauptsache 100 Schiffe mit4.000 Hopliten) undgegen Poteidaia unter Hagnon (in II 58, woaber keine Zahlen genannt werden) mit demersten Aufgebot nach Sizilien vergleicht; dasgilt dann zweifel44,1 bei der Angabe der athenischen Streitlos weiter für VI 43– macht, die sich bei Kerkyra gesammelt hat für den Zug nach Sizilien. Es könnte (mit weniger Sicherheit, aber doch vielleicht) auch gelten für VII 33,1, wo sich die Verstärkungen aus Kamarina und Gela für Syrakus angegeben finden; es ist hier allerdings schwerer, sich vorzustellen, daß und wie Thukydides in den Besitz solcher ‘amtlichen Dokumente’kam, als es sich bis zu seiner Verbannung 424 mit den athenischen, danach mit den spartanischen vorstellen läßt; immerhin ist keinesfalls ausgeschlossen, daßThukydides auch –

als damals im spartanisch-peloponnesischen Lager lebend –seine persönlichen Forschungen selbst bis Sizilien ausdehnte oder wenigstens genaue Informations-Unterlagen von dort erhielt; andernfalls hätte er die ganze Sizilien-Expedition schwerlich (so) schildern können.

Ganz sicher ist der in VI 8,2 mitgeteilte Volksbeschluß Grundlage eben dieser Mitteilung: φ ίσ α α ν η τ α ον ὶ στρ ε νκ π λ α ε ινἐ ία ικ ῦ ἐ ςΣ ψ ςἑξήκο απ ν τ έμ γ ο ντ η ὺ η ετ νΚ ὸ λ ε ρ α ιά α ὶΝ ιιν ίο ςα ρ υκ δ ά τ ο κ ςἈ λ ιβ ὐ ο κ τ τ ο ὺ ρ ά τ φ ο ά μ ς ν η υκ α χ α ν ο ο ε ντ ο υ νΞ ά ὸ ὶΛ κ ς , βοηθ ία ντ ικ ὸ νΝ μ ὲ νἘ γ ε σ τ α ίο ιςπ ρ ὸ λ ςΣ ε ο α ὲκ α ιν κ τ ο ικ υ ν τ ίο υ ίσ α ὶ ιδ ς , ξυγ η τ α ια , κ ν α ὐ τ ο υ ο ῖςτ ὶ ίγ ο ῦπ ο λ έμ ιγ Λ ε ο ν τ ο ίν υ ιπ ντ ερ , ἤ ς ν ρ ώ ιιγ σ κ ινἄ ρ ω σ ᾶ νγ ῃἂ ξ α ι, ὅ π ε λ ίᾳπ ικ ῇΣ ατ ὰἐ ντ λ λ τ ἆ ν η α ίο ις . θ αἈ τ σ Vermutlich ganz ebenso gilt dies für VI 93,2: ῖςΣ ο υ ν τ ατ ρ ο Γ σ ε τ ρ ύλ ά τ ίδ ν ιπ ςἄρχο υπ ο α ξ π ο λ ν ντ νΚ ε δ ὸ α ρ α κ ο ο υ σ ίο νβ ιςἐκέλ ρ θ ιν ίω ο νΚ ῶ ε α ὶτ τ νκ ω ε ,μ υ ν ᾽ἐκείν ο α ὶ τά ά λ ισ τ ακ νμ ω ρ τ ό ν ῃἐ κτ νπ ῶ α , ὅ μ π ε ῖν ν νπ ο ο ιε ό λ ε υ ἥ ε ο ῖ. ξ ε ιτ ῖςἐκ φ ε λ ία ιςὠ τ άτ χ ισ

Weniger wahrscheinlich, aber doch keineswegs unwahrscheinlich

), den die Kaρ ίν α ν τ ο εκ π ist Thukydides’Kenntnis des Bescheids (ἀ marinäer der athenischen undder syrakusanischen Gesandtschaft, die

beide gleichzeitig wegen tatkräftiger Unterstützung ihrer Sache vorsprachen, erteilte, VI 88,2 ο τ έ ε ι ἀμφ ν ὴτυγχά ν ε ιδ α ρ ίν τ ο , ἐπ εκ μ ν ε ο ι ἀπ λ ε υ ο υ σ ά β ω ο τ ὕ ρ ὔ ,ε ο ν ιςο μ ο ςὤ υ ή λ ο λ ό ε ςπ μ ὖ σ ά χ ρ ι ξυμ ο ὸ λ ιςσ νπ λ φ ῶ ςἀ μ ύ ιςἀ ο η δ ε τ έρ τ ιμ ν ρ ό α ῷπ ίσ ντ ινἐ ῖνεἶν α ε ι σφ νδοκ κ ο ρ ο . ν ε ιν

4. Verarbeitung

urkundlichen Materials

167

Als eine sozusagen ‘sekundäre’Verwendung urkundlichen Materials kann mandie Erwähnung desBündnisses Athen – Kamarina aus demJahr 427 bezeichnen; Thukydides hatte es (anscheinend) bereits 3 erwähnt als ein indirektes Verhältnis über Leontinoi als in III 86,1– gemeinsam Verbündetem vonKamarina undvonAthen (das Bündnis Leontinoi dort ausdrücklich in III 86,3, vgl. ob., S. 158, Nr. Athen – 20; das Bündnis Leontinoi –Kamarina ebenda § 2; vgl. BENGTSON 91f, Nr.173); dieses Bündnis wird in VI 75,3 (zum Jahr 414) angesprochen in den Worten τ ο η ὺ ν α ίο ςἈ θ υ ςἐ ὴ νΚ μ ρ ςτ ά ιν α α νκ α ὴ τ ὰτ ν μ α νξυμ χ η η τ ο ἐ ία π ρ νπ ὶΛ β ςγενομ έ ν ε ά ε χ σ ύ ε σ θ α ι. Es warzuvor schon in VI 52,1 (gleich nach der Ankunft der Athener in Sizilien im Jahr 415) erwähnt worden: γ η έλ ν α λ ε ίο γ θ τ οδ ο ις τ ῖς(sc. Ἀ ὐ ὲα )ἔ η κτ η ρ εΚ μ ἐσ α ίν ςὡ α ς νἂ νκ α ρ ο ῖε ὶὅ ω ρ χ τ ρ ο σ ιΣ α κ υ ρ νπ ό η ο σ ιε ιο ῦ ο ιπ σ λ ι ἰ ἔλθ ε μ ίζο ν . ... π ό ρ ο εκ ικ ν ν α τ τ α υ οα ὖ θ ιςἐ η μ ρ π α ίν ὶΚ ςκ α α ὶ σχ ό ν ο ύ κ ε ν ρ τ υ .ο ο ἱδ η ᾽ο κ ια λ νἐπ ὸ ε κἐδέχο ὐ ἰγ τ ε ο ςα ν ν τ ςἐ ολέγ η ὶ καταπ ιᾷν α ιμ κ ιαεἶν λ ιτ ὰὅρ εό ίσ ν η ν τ α ίω ω τ ε νἈ ν θ ςσφ ὶπ ο τ ὐ λ ὴα ε ίο ετα υ π π ι, ἢ έμ ω νμ α σ ςμ θ ιν.321 εσ χ έ δ Ein weiteres Mal findet sich dieses Bündnis genannt zu Beginn der Rede des athenischen Gesandten Euphemos vor denKamarinäern in ε VI 82,1 ἀφ ῆ όμ ικ ρ θ ὲ ό νἐ ςπ ρ νοὔ ο αμ π τ ὶτ ε η μ σ ςξυμ α χ ία ςἀ ν α ν ε ώ σ ε ι. Ferner findet sich im VI.Buch noch eine ‘indirekte’Urkundenbein 29,3, wo(im Zusammenhang der Beschuldigungen des Alkibiades wegen des Hermenfrevels davon die Rede ist ὅ τ ιδ ι᾽ α υ ο νκ ὶτ ῖο α ῶ νΜ ν ιξυνεστράτε τ ιν έ ω ντιν έ ᾽Ἀργε . Damit ς ε ἵτ ίν ο υο ἐκ ist angespielt auf den in V 82,5 wiedererneuerten Vertrag Athen – 6, Nr.196); die Erneuerung war nötig, weil Argos (BENGTSON 134– derjenige von 420 (= V 47) inzwischen (V 78) aufgegeben worden war, vgl. ob., S.87 mit Fußn. 148f zuV 47.

nutzung322

Dagegen möchte ich eine tatsächliche Urkundenbenutzung in VI 94,3 ausschließen, obwohl BENGTSON 136, Nr.197, die Kurze Notiz ρ ιπ τ ν ε ρ νἐ π ό ο ὶΚ υ αΣ ε ὸ ικ λ νπ ικ ό λ ιιᾷἐχώ τ ῇστρα ῃτ σ ά π ῇ σ α ν γ ίᾳἀπ ο λ ο ν μ ε ο ι ὁμ ό γ α γ ρ α οσ α ὶπ ακ μ σ als regelrechten Staatsvertrag anführt.323 321Eben hierzu

BENGTSON 92 “ Nach Thuk. VI 52, 1 wären die Kamarinäer nur verpflichtet gewesen, eineinziges attisches Schiff aufzunehmen, eine Angabe, die jedoch Zweifeln unterliegt.” 322Indirekt, insofern es sich nicht umeine Urkunde deraktuell darzustellenden, sondern umeine solche ausfrüherer Zeit (hier ausV 82,5 zumJahr 416) handelt. 323“ Daßes sich umeinen förmlichen Vertrag gehandelt hat, scheint ausThukydiπ ε ιἐ ν ὴ ο ὺ ντ ςτ ε ία λ ῶ ικ ικ ςτ νΣ ῶ ς... πέμ desVII 32, 1 hervorzugehen: ὁΝ

168

II. Hauptteil

Im VII.Buch gibt es nochmals ähnlich wie in VI zwei indirekte Vertrags-Berücksichtigungen in 18,2 und20,1. Anjener Stelle findet sich innerhalb der spartanischen Reflexion über die Kriegsschuld (beim ersten, demArchidamischen Krieg) eine weitere Anspielung auf die im athenisch-spartanischen Vertrag von 446/5 (ob., S. 147f, Nr.3; BENGTSON 74– 76, Nr.156) vorgesehene Schiedsgerichts-Regelung (die sie selbst, die Spartaner, damals trotz athenischer Aufforderung dazu abgelehnt hätten)324 unddamit eine der weitüberspannendsten Beziehungen innerhalb des thukydideischen Werkes, nämlich auf Perikles’Worte in I 140,2 undauf die Worte der Atherer in Sparta I 78,4 (die übrigen Nennungen des Vertrags, bzw die Anspielungen darauf ob., S.147f u. bes.52, Fußn. 85). An dieser Stelle (20,1) senden die Athener Charikles mit 30 Schiffen aus undmit derAnordnung κ α ὶἐ ῳ ν κ ςἌρ έ μ α τ ὰ ο γ ο ικ ςἀφ χ μ α ικ νπ ὸ ρ α α κ α τ ὸξυμ λ ε ῖνἈργείω νὁπ λ ίτ α ςἐ π ὶτ ὰ , wobei das ςνα ῦ ς νauf denin V 78 aufgegebenen, in V 82,5 wieder eneuὸ ικ χ α μ μ υ ξ erten athenisch-argivischen Vertrag von 420 (V 47) anspielt (ob., S.87 m. Fußn. 148f undsoeben S.167). Als echte Verträge des aktuellen Zusammenhangs sind anziführen VII 33,4 und82,2f. In 33,4 wird, als Demosthenes undEurymedon ihre Fahrt nach Sizilien von Kerkyra aus fortgesetzt haben, erwähnt, daß sie mit demim Messapischen herrschenden Dynasten Artas ein altes Bündnis erneuerten: τ ν ε μ ο ίτ ᾳ... ἀνα ιν ν ά ε α ω σ ρ τ Ἄ ῷ ία ν(BENGTSON 137, Nr.198). Bei dieser knappen Notiz ιλ νφ λ α ιὰ π α wird man vernünftigerweise keine Benutzung des Vertrags curch Thukydides postulieren, obwohl dies selbst hier nicht ausgeschlossen (aber doch wenig wahrscheinlich) ist. Von unvergleichbar höherem Interesse ist 82,2f, die Kapitulation des Demosthenes an Gylippos (BENGTSON 137f, Nr.199). Gemäß derWichtigkeit dieses Ereignisses, derendgültigen Katastrophe und dem urkundlich besiegelten Ende der Sizilien-Expedition, müßte nach MEYERs Argumentation, wäre Thukydides irgend konsequent verfahren, hier der Wortlaut des Kapitulations-Vertrags eingefügt sein, wasvermutlich dergroßzügigste und/oder naivste Leser alsei-

υ α ικ ίο υ λ ς ά ιπ α ρ ςτ εκ ὶἉ ό τ ν μ ά χ ε ο υ ,Κ ς ίσ ι ξυμ α α τ ὶ σφ ςκ νἔχον δ ίο δ ο ίο μ υ ὰξυστ ὺ ς , ἀ λ λ ε λ ο ςπ )σ ι* το (ω ή σ κ ρ ὴδιαφ α ὶ ἄλλο α ρ υ , ὅπ ς ω ςμ φ έ ν τ α ςκω λ ύ σ ω σ ι διελθ ε ῖν . Danach wurde vondenBundesgenossen ervartet,

daßsie denFeinden derAthener denDurchmarsch durch ihr Gebiet nicht * BENGTSON hatirrig δια ή σ ο ρ υ σ φ ι. ten.” 324Zitat oben in Fußn. 282.

gestat-

4. Verarbeitung urkundlichen Materials

169

nen Stilbruch sondergleichen empfände.325 Obwohl vom Vertragswortlaut dort kaum etwas zu erkennen ist, kann es in diesem Falle

doch wieder nicht zweifelhaft sein, daß (nicht nur) Thukydides diese Urkunde gekannt undalso auch benutzt hat. (Davon abgesehen hat textlich ganz gewiß nicht sehr viel in dem‘im Felde abgefaßten Papier’gestanden.) “ Der Vertrag bestimmte, daß die Athener ihre Waffen übergeben und daß niemand von ihnen den Tod erleiden sollte, weder durch Gewalt noch in der Gefangenschaft noch durch

Mangel andennötigsten Lebensmitteln. Daßdie Gefangenen alle Gegenstände vonWert, insbesondere ausSilber, abgeben mußten, wird noch eigens hervorgehoben.”( BENGTSON 138)326 Als Beleg dafür, daß der Vertrag als solcher bekannt war (und d.h. vor allem auch von demgewissenhaften Forscher Thukydides benutzt wurde), kann mandie auf Philistos basierende Nachricht bei Pausanias (I 29,2) ansehen, daß Demosthenes das Abkommen für alle anderen, nicht jedoch für sich selbst schloß, sondern sich selbst umzubringen gedachte, wovon er abgehalten wurde.327

325Die höchst tragische (und tragisch ausgestaltete; hierzu vgl. KERN, 1989, und vollendete”‘Episode’VI– [als Korrektiv] BLOEDOW, 1991) unddarstellerisch “ VIIverträgt hiereinfach keinen Vertragstext, wasüberhaupt nichts (mehr) mitdem NIPPERDEY-SCHWARTZschen “ Stilgesetz”zu tun hat, von dessen Widerlegung MEYER ausging, wohl aber mit dem ‘Stil’des Thukydides und dem Ziel seiner Historiographie, worüber imfolgenden Kapitel zusprechen ist. 326DerWortlaut VII 82,2f ἔπ υ ε ςἅ ο λ ιτ ρ ὸ λ ςτο ὺ ςἄ αδ α ὶπ νκ ο ᾽ ὕστερ α επ ατ λ εὅπ τ ε τ α σ ν ι, ὥ ίαγίγ μ ο γ σ θ έ ν η ο ο υ λ ο ςὁμ ὰΔ τ ε π α ν ὺ τ ςμ α ο ςτ ρ τ εδεσμ ή α ε ίω ια τ δ ή τ ςμ ή εβ ο ο ὴἀπ ῦ η ν α α δ ικ ο ὲ ν αμ θ α ὶμ ν ε ῖνμ ῖςμ ᾶ ς φ ε τ ςσ ν ά ἱπ νο έ δ ο σ α ρ η α ς α . κ ὶπ ίτ η ςἐν δ ε ίᾳδια ιο τ ά τ α κ γ ῆ τ α ςἀ ν σ νἐ α σ ε ρ ιο νὃεἶχ νκατέθ ύ α π α ὶτ ὸἀργ νἅ ίο ι, κ ιλ ο χ α ισ κ ὐ τ ο ὺ ςἑξα β α λ ό α . ς ν τ ε α ίδ ςτέσσαρ ςἐ νἀσπ α η σ ςἀσπ ίδ λ α ,κ α ὶἐνέπ τ ςὑπ ία ς 327Zitat nach BENGTSON 138: “Pausanias I 29, 12: γρ α ρ ο φ ωδ νδιάφ δ ὲοὐ ὲ ά ἢΦ ίλ α σ ισ ιή ὲ νσπ ν ο ὰ ο δ η νμ ςπ τ ν μ ο ο έ σ θ η ς[FgrHist. 556, 53], ὃ ηΔ φ ςἔ ῖν ε ιρ ε ιχ νἐπ ὸ τ ὑ , α ο τ ε κ ίσ ςἡλ α ὶὡ , κ ο ῦ τ ὐ να ὴ ιςπ ο λ σ θ ῖςἄλλ α ι το ι.”(Wie mandurch Thuk. VII 86,2 (+5)weiß, wurde er als Gefangeα ῖν ἀ ε π κ τ ο

ner später vondenSyrakusanern ebenso wieNikias auf Betreiben der Korinther

umgebracht.)

170

II. Hauptteil

Zwischenbilanz

zuII.4

Die Durchsicht des thukydideischen Textes von Buch I bis VII ergab über die von SCHWARTZ angeführten sieben Fälle hinaus eine Fülle von Beispielen, in denen Thukydides ganz ‘selbstverständlich’ und sozusagen unvermerkt urkundliches Material (Staats-Abrechnungen, Staatsverträge, Verzeichnisse, Volksbeschlüsse) für seine Darstellung verwendet, d.h. mehr oder (meist) weniger ausgiebig referierend ‘einarbeitet’, manchmal so, daß man den originalen Wortlaut einer Vertragsbestimmung noch glaubt heraushören oder ‘hindurchklingen’ zu hören,328 manchmal in bloßer Erwähnung des Faktums (d.h. ohne erkennbares Inhaltsreferat) mit lediglich dem Titel oder sachlichen Stichwort, niemals aber mit wörtlichem Zitat auch nur einer einzelnen bestimmten Vertragsklausel oder gar des kompletten Wortlauts einer Übereinkunft. Dieses selbstverständliche und ganz natürliche Verfahren wird vom I. Buch an über die Darstellung des Archidamischen Krieges hin durchgehalten und findet sich z.T. sogar (worauf nur beiläufig einmal hingewiesen wurde, z.B. auf V 39) in denunfertigen Partien des V. Buches; es begegnet der Sache nach unverändert, aber aufgrund der besonderen äußeren Umstände quantitativ erheblich verringert in den ebenfalls vollendeten Büchern VI und VII. Dadurch wird erwiesen, daß das bis gegen Ende IV praktizierte Verfahren nicht voneinem methodisch neuen abgelöst undersetzt werden sollte. Das heißt: wenn sich in denunfertigen Partien V undVIII gegen die Gewohnheit undErwartung auf einmal ganze Vertragstexte eingelegt finden, geschieht das nicht gemäß der Absicht des Autors. Nachdem also in Teil II.1 MEYERs Behauptung, die überlieferten Vertragstexte seien verständnisnotwendig, widerlegt wurde, in II.2 die von MEYER behauptete Zugehörigkeit der Urkunden zu , denen mandie (als Wörtlichkeit ohnehin mißverstandene) α γ denἔρ Akribie des‘Redensatzes’zuerkennen müsse, widerlegt wurde, in II.3 die Behauptung, die (Urkunden enthaltenden) Partien V und VII, widerlegt wurde, IV undVI – VIII seien so vollendet wie I – zeigt sich hier von einem vierten Ansatz her, daß die wortgetreue Mitteilung der (so überflüssigen!) Vertragstexte nicht der Absicht desThukydides entsprochen haben kann. 328Darauf

wurde in denvorstehend zusammengestellten Beispielen nicht eigens hingewiesen, es kann aber, insofern sich die in Frage kommenden Beispiele jetzt auf wenigen Seiten vereinigt finden –undbei fast allen ist der thukydideische , von einem daran Interessierten den BeiWortlaut ja ausgeschrieben worden – spielen recht bequem ‘abgelauscht’werden.

171

5. Methode, Ziel, Sinngehalt:

Thukydides’Stil

Nachdem MEYERs Auffassung von verschiedenen Ansätzen her als unhaltbar erwiesen ist, möchte ich im folgenden Kapitel zeigen, daß von der ganzen Art der thukydideischen Geschichtsschreibung her, der Art, die mangrob, d.i. ohne zu strenge Logik in die Bereiche Methode undZiel differenzieren kann unddie ich nicht ohne die Absicht einer gewissen Pointierung den‘Stil’desThukydides nenne, ein wörtliches Zitat von Urkundentexten mit ihren quisquilienhaften Details überhaupt nicht in Frage kam. Es dürfte dabei erkennbar sein, daß hier ‘Stil’nicht mehr bloß auf der Ebene der äußerlichen Sprachform anzusetzen ist, auf der sich sowohl NIPPERDEY und SCHWARTZ als auch stärker noch MEYER mit seiner Polemik gegen das angebliche “ Stilgesetz”(nicht minder aber auch WILLE 1965 [1968], bes.Kap.II) bewegten, sondern umfassender gemeint ist, nämlich als ‘die ganze Art’, die durch den “ höchsten undletzten Zweck”(MEYER 98) derthukydideischen Historiographie bestimmt ist undder auch die Methode von Forschung und Darstellung dient. Zugleich nehme ich damit den von LUSCHNAT (vgl. ob., S.13 u.17 m.Fußn. 27) ohne Notproblematisierten Begriff “ Stil”auf, den jener durch den vielleicht nicht so komplexen(?), jedenfalls aber Homogenität”ersetzte.329 keineswegs klareren Begriff “ Von der Methode her, über die sich Thukydides ausdrücklich, aber leider zu prägnant-interpretationsfähig undeben nicht gerade 3 unmißverständlich präzis im sogenannten Methodenkapitel I 22, 1– äußert, kam ein Urkundenzitat allein schon deshalb nicht in Frage, weil –wie bereits gezeigt –die Urkunden nach Thukydides’ Auffassung trotz MEYERs gegenteiliger (ja fast komisch zu nennender) Meinung den λ γ ο ιzuzurechnen sind, die gerade keine Wörtlichkeit ό wie ebenfalls schon gezeigt –nach (welche zudem – beanspruchen ist). Von ε ια ίβ ρ κ antik-griechischem Verständnis kein Element der ἀ derZielsetzung her, über die manauch im Methodenkapitel (§ 4) das Grundsätzliche erfährt, das aber ebenfalls interpretationsbedürftig ist, kann ein Urkundenzitat beinahe noch weniger vertreten werden, 329Ein gewisser GradanUnschärfe mußderReflexion undErörterung nicht unbedingt schaden, undes wird sich, wie ich glaube, im Verlauf derBesprechung von selbst deutlich machen, wasunter demBegriff zuverstehen ist. Im übrigen ist ja, wasanscheinend bisher weder bemerkt nochjedenfalls bemängelt wurde, auchder Methodenkapitel”redet, Begriff Methode, wenn man so problemlos vom “ γ ο ιdesMethodenkapitels ό unnscharf undaufVerschiedenerlei bezogen: beidenλ γ αvornehmlich auf Erforschung und ρ zielt er auf die Darstellung, bei den ἔ Ermittlung.)

172

II. Hauptteil

weil, wenn dies das Ziel wäre, ja die zahlreichen in die Darstellung verarbeiteten Urkunden ebenfalls im Wortlaut angeführt worden wären, was nicht nur nicht der Fall ist, sondern ganz offenkundig auch nicht einmal als Möglichkeit erwogen wurde (sonst wären sie

nicht erst eingearbeitet worden).330 Zu zeigen, daß –wie zu Beginn dieses Kapitels gesagt –die thukydideische Art von Historiographie nach Methode undZielsetzung ein Urkundenzitat gar nicht zuließ, bedeutet also zunächst undvor allem eine interpretierende Beschäftigung mit dem Methodenkapitel. In einem zweiten Schritt werde ich zu zeigen versuchen, daß die aus dem Methodenkapitel ermittelte Eigenart in der Durchführung auch tatsächlich eingehalten und, soweit es in diesem literarischen Metier möglich ist,331 realisiert wird: Thukydides führt nämlich in höherem Maße als bei Geschichtsschreibung sonst generell zu beobachten und im allgemeinen (z.B. wohl auch von Aristoteles) für möglich gehalό λ υüber das κ ο ν(Poet. 9, 1451 b 7) hinο α θ σ τ ᾽ἕκα ten wird, das καθ ρ κ ν α ο φ ώ τ ὶσπ υ ε δ ιλ ο α ιό ο σ , ο τ ν ο ερ ausgehend vor. Dieser Ansatz zumφ das nach Aristoteles (ebenda) an sich die Poesie vor der Historiographie auszeichnet, macht die besondere Eigenart der thukydideidasist derfast schon minderschen Geschichtsschreibung ausund– wertig-banale σκ ο π ό , unter demich dies betrachte –verbietet es ς schier, die schlechterdings läppischen Einzelheiten von Vertragstexten wörtlich und in extenso zu zitieren. Wo dies geschehen zu sein scheint, ist es ein “Stilbruch”332und ist es dem Thukydides nach Ausweis des sonst konsequenten Verfahrens gemäß seinen methodischen Prinzipien nicht zuzutrauen oder zuunterstellen.

330Allein diese Konsequenz derMEYERschen Argumentation, dasUrkundenzitat , macht deren Unhaltbarkeit, ja Undemhöchsten undletzten Zweck” entspreche “ sinnigkeit deutlich.

331Dadie Historiographie andieγ α υ θ ό ο λ ε μ ν ε ν ό gebunden ist, kann sie dasκ α zwangsläufig nurbis zueinem gewissen Grade verwirklichen; vgl. hierzu auchden Schluß bei A.SCHMITT, Teleologie undGeschichte bei Aristoteles, in: Das Ende, Figuren einer Denkform (= Poetik und Hermeneutik XVI), hg.v. K.Stierle 3. 563) 560– u.R.Warning, München 1996, (528– 332Der Gebrauch des Begriffs “ Stil”sollte sich von selbst erklären als umeine Stufe oberhalb dersprachlichen Formangesiedelt.

173

a) Die Aussagen desMethodenkapitels Mit dem schon so unzählige Male entweder ganz oder in Teilen behandelten Methodenkapitel333 I 22 erneut sich zu beschäftigen, hat man zunächst gewisse Hemmungen; aber es ist unvermeidlich und wird auch künftig immer wieder notwendig sein, insofern jeder, der Thukydides verstehen will, von diesem wichtigen Textdokument entweder auszugehen oder es mindestens zu berücksichtigen hat. Andererseits fällt die Beschäftigung damit leicht, weil nach den wirklich unzähligen unterschiedlich stark differierenden Versuchen mit der umfänglichen Behandlung durch EGERMANN 1972334 eine sichere undzuverlässige Basis zumVerständnis gelegt ist – undmehr als das. Ich beginne mit einer möglichst genauen Übersetzung (I 22,1): “ Bei all dem, was nun die einzelnen in der Rede äußerten335 entweder noch vor dem Krieg oder bereits darin befindlich, die (inhaltlich) exakte Genauigkeit336 des Gesagten durch die Zeit hindurch im Gedächtnis zu bewahren,337 war (zu) schwierig, sowohl für mich in Fällen, da ich selbst Ohrenzeuge war, als auch für diejenigen, die mir anderswoher berichteten. Wie mir aber die einzelnen betreffs der jeweiligen Situation das sachlich Notwendige338 am ehesten hät-

333 Neben den Kommentatoren CLASSEN-STEUP, GOMME, HORNBLOWER, KRÜGER, POPPO-STAHL seien z.T. fast beliebig und willkürlich angeführt EGERMANN (1972), ERBSE (Thuk.-Interpret. 1990), FINLEY, GROSSKINSKY, LENDLE (κτῆμ α ...), LESKY (Gesch.d.griech.Lit.), LUSCHNAT, MADDALENA, PATZER, POHLENZ; REGENBOGEN, DE ROMILLY, SCHADEWALDT, WALTER SCHMID ... 334Dies warnach 1937 und1961 derdritte Anlauf: umfassend, gründlich, präzis argumentierend und, wie ich glaube, endgültig. (Diese Einschätzung als endgültig kann m.E. auch nach der Entgegnung von LUSCHNAT, Nachträge [1974], 764– 768, der darauf erfolgten Entgegnung von 1983 undobwohl es noch manche spätere Arbeit zumThema gibt, woEGERMANN 1972 nicht berücksichtigt wird, aufrecht erhalten werden.) ERBSE (Thukydides-Interpretationen 1990, 131ff) legt EGERMANNs Aufsatz von 1972 zugrunde undbasiert gänzlich darauf; auch ich glaube nicht anders verfahren zukönnen; aber noch ein Fachmann undSachkenner μ wie O. LENDLE (κ ῆ α... 1990) berücksichtigt EGERMANN gar nicht und weicht τ deutlich vondessen Auffassung ab. 335Zum nicht-tautologischen Doppelausdruck λ ῳ γ ό νvgl. ob., S. 126: λ ο ῳεἶπ γ ό von § 2; die verbale Äußerung liegt in γ α hat seinen Ton im Gegensatz zudenἔρ . (Zur Doppelheit des Ausdrucks nimmt nicht einmal EGERMANNs gründliν ε ἶπ ο che Erörterung Stellung.) 336ἡἀ κ ρ ίβ ε ιαα ὐ τ ὴτ ῶ νλ εχ θ έν τ ω ν= “ inhaltlich-sachliche Genauigkeit”(Inhalt undGedankengang), nicht aber ‘genauer Wortlaut’(das wäre, weil ohnehin ausgeschlossen, keiner Erwähnung wert gewesen), EGERMANN (576 u.) 577. 337δ ια μ ν η μ ο ν ε ύ ε ιν= erinnern über einen längeren Zeitraum hin, EGERMANN 576 mitBelegen. 338τ ὰδέο ν τ α= “ das rein Sachliche, das, wasdas vorliegende Problem der be, EGERMANN 576. treffenden geschichtlichen Situation verlangte”

174

II. Hauptteil

ten ausdrücken müssen,339 so ist (in deneingelegten Reden) gesprochen, indem ich mich möglichst engandie gesamte Einstellung (oder Haltung)340 dessen hielt, was(bei anderer Gelegenheit) wirklich gesagt wurde.341

(§ 2) Das Tatsächliche (oder Faktische) aber des im Krieg Vollbrachten342 hielt ich nicht für richtig niederzuschreiben nach Erkundigung aufs Geratewohl hin343 undauch nicht ‘wie es mich dünkte’,344 sondern indem ich sowohl bei dem, wo ich selbst zugegen war, als auch bei demvon den anderen (mir Berichteten) in jeder Einzelheit auf den genauen Sachverhalt345 hin überprüfte, soweit es mir nur möglich346 war.347 (§ 3) Als mühevoll aber erwies sich dies (ward dies befunden),348 weil die an denjeweiligen faktischen Ereignissen Teilnehmenden über dasselbe nicht dasselbe sagten, sondern wiesich jeweils jeman” des Situation von Wohlwollen oder Erinnerungsfähigkeit ergab. 339ἄ νist irreal (nicht potential = “wohl gesprochen haben dürften” ), weil potenti-

ale Auffassung voraussetzte, wasThukydides keinesfalls meint, daßdiejeweiligen Redner inderSituation τ gesagt hätten, EGERMANN 582. ὰδέο ν τ α

340 γ ν ώ μ ηnicht “ Sinn, Tendenz”, EGERMANN 579f; vgl. auch schon DENS., DLZ 58, 1937, 1478; hiervon unbeeindruckt (u.daher falsch) z.B. PLANT, 1988. 341τ ὰἀ λ η θ ῶ ςλεχθ έ ν τ α= das (anderweitig) vondenjeweiligen Rednern tatsächlich undwirklich Vertretene, woraus Thukydides aufihre Einstellung (Argumentation) schließen konnte, EGERMANN 583f. 342Zudieser Dopplung desAusdrucks ἔ γ ατ ρ ῶ ρ νπ α χ θ έ ν τ ν(wie die‘Doppω ῳεἶπ γ ό lung’λ ο νsoeben Fußn. 335) vgl. ob., S. 124ff mit Fußn. 222ff. 343ἐ κτ ο ῦπ α ρ α τ υ χ ό ν τ ο ςist Neutrum, vgl. EGERMANN 586ff mitsprachlichen

Belegen.

344ZurBedeutung dieser herodoteischen Formel neuerdings MARINCOLA, 1989; μ α ... passim. ῆ zurweitergehenden Polemik gegen Herodot vgl. LENDLE, κτ 345ἀ κ ρ ίβ ε ιαist (auch hier wie in § 1) objektiv = genauer Sachverhalt (nicht subjektiv = Sorgfalt), vgl. EGERMANN 594f; zudem ist ἀ nicht (wie sonst ε ίᾳ ρ ιβ κ

meist) instrumental, sondern limitativ, EGERMANN 594 (mit sprachlichen Belegen). 346ὅ σ ο νδ υ ν α τ ό νdarf nicht attributiv mit ἀ verbunden werden, wie es ε ίᾳ ρ ιβ κ oft achtlos geschieht, EGERMANN 594 (und 595 Fußn.4). 347Auch die Satzstruktur hat EGERMANN 592f so, wie hier dargeboten, geklärt. 348 Subjekt zu η ὑ ρ ίσ κ ετ οist nicht ἔρ γ α(CLASSEN-STEUP; expressis verbis auch μ α... 234, Fußn. 8), sondern nach EGERMANN 597f mit sprachliῆ τ LENDLE, κ ή . (Allerdings binichmirnicht siθ ια ε λ ε ιαimSinne vonἀ ίβ ρ κ chen Belegen ἀ ε ια ansetzen darf, wasallerdings denVorteil ρ ίβ κ cher, ob manunbedingt nurἀ hätte, daß ἀ ε ια“ ρ der dominierende Begriff der beiden Sätze über Logoi und ίβ κ Erga”[EGERMANN 597] ist. Mir scheint gut möglich, ja sogar wahrscheinlich, daß ein aus ἐπ εξ ελ θ ώ νzu entwickelnder Begriff “Ermittlung”das Subjekt ist, zumal Erforschung des geε ια ρ verstanden werden muß“ ίβ κ auch bei Annahme vonἀ Als mühevoll erwies sich diese Ernauen Sachverhalts”[so etwa ERBSE 131]: “ mittlung” oder mitEGERMANN “ ... erwies sich diese Genauigkeit [= Erforschung .) desgenauen Sachverhalts]”

5.a)

Methode

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So weit die möglichst sinngenaue Übersetzung (der noch ausste§ 4 unt. in b) zumZiel derthukydideischen Historiographie). Thukydides sagt also in aller Deutlichkeit (die nur durch das von

hende

EGERMANN als fehlerhaft erwiesene Verständnis von ξ ώ μ π α ν σ ύ αγ μ ητ ῶ νἀλη θ ῶ ςλεχθ έν τ ω νals ‘Gesamttendenz des aktuell Vorgetragenen’verwischt wurde), daß er keine Anlehnung (in Gedankengang, Sinn oder garWortlaut) an die jeweils historisch-faktisch gehaltene Rede anstrebt, daß also die Reden im Werk seine (des Autors) Schöpfungen sind. Der ‘wenn auch noch so kleine Bezug seiner Reden zur Wirklichkeit’(nach LENDLE 236) liegt also nicht in inhaltlichem Anklang an das imkonkreten Fall tatsächlich Gesagte (in der Hinsicht besteht gerade kein Unterschied zu Herodot), sondern in der freien Gestaltung gemäß den sachlichen Erfordernissen der aktuellen Situation aufgrund von (die politische Einstellung of-

fenbarenden) tatsächlichen Äußerungen der Personen bei anderen Gelegenheiten. (Hier liegt dergewaltige Unterschied zuHerodot, der sich diese Mühe nicht machte, dies zu leisten auch nicht imstande war.) Insofern, als sich Thukydides hier offenbar strenge Richtlinien setzt, darf man nicht von Willkür undvon völlig freier Erfindung’ sprechen: Thukydides bindet sich an das Prinzip Wahrheit, nicht als ‘ positivistische Realität, sondern als höhere historische Wahrheit. auch im Bereich derReια ε ρ ίβ κ Wohl beansprucht Thukydides ἀ den, aber nicht die destatsächlichen Inhalts derje betreffenden Rede (geschweige gar des Wortlauts, dies kann man im Hinblick auf ιsind, nicht stark genug ο γ die Urkunden, dieja nichts anderes als λό betonen), sondern hinsichtlich dessen, was die Redner gemäß ihrer allgemeinen Einstellung als derSache nach angemessen undnotwen, bei demes sich Thuν ό dig hätten sagen müssen: wahrlich ein χαλεπ der α ν τ ὰδέο kydides nicht leicht gemacht hat! In dieser Bindung an τ η ς μ jeweiligen Situation ἐχομ η ςγνώ ά σ π ῆ α τ τ ςξυμ γ ύ ατ ο ι) ὅ τ (μ ι ἐγ ῳ ν έ (in demvonEGERMANN aufgewiesenen Verτ ω ν ῶ θ ςλεχθέν τ ῶ νἀλη ständnis) wurzelt übrigens die an denReden immer schon gesehene undbewunderte Funktion derSinndeutung über dieeinzelne konkrete Gelegenheit hinaus; undinsofern weist auch dasMethodenkapitel gedankliche Lücke”(LUSCHNAT 1179 u.ö.) auf, schon gar keine “ ι ο γ ό keine, in der man die Urkundentexte, auf die ja alles zu den λ Gesagte gar nicht beziehbar ist, unterbringen könnte. Von besonderer Wichtigkeit scheint mir EGERMANNs FestThukydides den Logoi-Satz auf die allstellung (585 m.Fußn.), daß “ gemeinste und umfassendste Formel gebrachte (hat), unter die sich alle die verschiedenen Reden seines Werkes subsumieren lassen.”Da-

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II. Hauptteil

zu Fußn. 1: “ Der Logoi-Satz ist also auf alle thukydideischen Reden anwendbar, alle sind sie einheitlich nach dem vom Autor angegebenen Prinzip verfaßt ...[Rest gegen LUSCHNAT und die angebliche Lücke im Gedankengang] ...”(Wiederum scheiden die Urkundentexte hier vonvornherein aus, aber dasist nicht dermomentan interessierende Punkt.) Nach dem Prinzip “ keine (Annäherung an) Wörtlichkeit des im aktuellen Fall Gesagten, nicht einmal ein Versuch dazu, sondern wie die Sprecher nach Thukydides’Beurteilung der Lage aufgrund ihrer sonst in Wirklichkeit geäußerten Einstellung das sachlich Notwendige hätten sagen müssen” , lassen sich alle Reden im Geschichtswerk erklären, auch die, die historisch-faktisch nie stattgefunden haben (z.B.die ‘der Athener’in Sparta I 73– 78), auch die einem Kollektiv in den Mund gelegten (z.B.die ‘der Korinther’in Athen I 37– 43 oder 71 undviele weitere), auch die, vondenen Thukydides in Sparta I 68– überhaupt keine Kenntnis haben konnte (z.B. die des Königs Archi85, des Ephoren Sthenelaidas I 86, vgl. EGERdamos in Sparta I 80– MANN 579 mit Verweis auf V 68,2 δ ιὰ ῆ τ ςπ ο λ ιτ ε ία τ ό ςτ ὸκρυπ νin Sparta): Auch in all diesen Fällen ebenso wieüberhaupt immer formuliert Thukydides, was die allgemein bekannte Einstellung im Blick auf die Situation als sachlich notwendig auszudrücken geboten

Die Reden sind Schöpfungen des hätte. (EGERMANN 580 “ Thukydides und insofern frei komponiert, als sie weder formalstilistisch noch inhaltlich-gedanklich ein bestimmtes reales Original ) Da gibt es auch (das wiederhole ich, vgl.soeben 175 kopieren.” , wogegen EGERMANN u.oben 24) gar keine “gedankliche Lücke” 580 m.Fußn. 1; im übrigen vgl.sein vernichtendes Urteil der drei Textzeilen S.599).349 γ α des Krieges, d.h. ganz eng Daß Thukydides im Bereich der ἔρ undscharf interpretiert, im Bereich der wirklich entscheidenden militärischen Fakten (also Schlachten),350 die allergrößte Genauigkeit 349Einm.E. schlagender Beweis fürdieRichtigkeit derEGERMANN’schen Deutung, mitdermanalle thukydideischen Reden erfaßt, ist es, daßmanmitderhergeητ Geθ ῶ ῶ νἀλη νals “ ω τ μ ςλεχθ έν ώ α μ π αγν σ ύ brachten Auffassung der ξ

ja diedrei soeben angesprosamttendenz desjeweils imkonkreten Falle Gesagten” chenen Fälle überhaupt nicht inEinklang bringen kann: diewirklich vomHistoriker erfundenen Reden, dieReden eines Personen-Kollektivs, dieingeheimer Beratung gehaltenen Reden. –Imübrigen basiert dasganze System der“ Fernbeziehungen zwischen denthukydideischen Reden” (RENGAKOS, 1996) aufgenau diesem PrinzipderRedengestaltung gemäß τ ὰδέο α durch Thukydides. τ ν 350Diese sehr enge, vielleicht etwas überspitzte Auffassung ergibt sich ausderGegenüberstellung vonὅ ρ α χ θ ῳ γ έ ατ ε ν , ῶ γ νπ τ ν ω ἶπ ο ν νλ undτ ὰδ ᾽ἔρ ὲ ό σ αμ vgl. ob., II.2, 112ff, bes. 124ff.

5.a)

Methode

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beansprucht, wurde immer schon so gesehen undrichtig erkannt; es ist daseinzig Konstante in allen Interpretationen. Abgesehen vondieserGrundtatsache wurde aber auch in diesem Satz alles unterschiedlich und kontrovers verstanden: von ἐ κτ ο ῦπ ρ α α τ υ χ ό ν τ ο ςbis zur Satzstruktur, nach welcher (s.o.) sowohl ο ἷςτ εα ὐ τ ῆ ὸ νals auch ςπ ρ α εξ 351von ἐπ ελ θ ώ νabhängig sind. Nach EGERὰτ νἄλλω ρ ῶ ν α ὰ >π