Das Meer als Versprechen: Bedeutung und Funktion von Seeherrschaft bei Thukydides [1 ed.] 9783666253249, 9783525253243

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Das Meer als Versprechen: Bedeutung und Funktion von Seeherrschaft bei Thukydides [1 ed.]
 9783666253249, 9783525253243

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Hans Kopp

Das Meer als Versprechen Bedeutung und Funktion von Seeherrschaft bei Thukydides

THOUKYDIDEIA Studies in Thucydides

Herausgegeben von Ernst Baltrusch, Edith Foster, Neville Morley, Clifford Orwin, Oliver Schelske, Christian Wendt

Band 1

Vandenhoeck & Ruprecht

Hans Kopp

Das Meer als Versprechen Bedeutung und Funktion von Seeherrschaft bei Thukydides

Vandenhoeck & Ruprecht

Bibliografische Information der Deutschen Nationalbibliothek Die Deutsche Nationalbibliothek verzeichnet diese Publikation in der Deutschen Nationalbibliografie; detaillierte bibliografische Daten sind im Internet über http://dnb.d-nb.de abrufbar. ISBN 978-3-666-25324-9 Weitere Ausgaben und Online-Angebote sind erhältlich unter: www.v-r.de Umschlagabbildung: Thomas Hobbes, Eight Bookes of the Peloponnesian Warre, London 1629, Kupfertitel (Ausschnitt). Reproduced by permission of the Provost and ­ Scholars of King’s College, Cambridge. Das Werk wurde für die Veröffentlichung überarbeitet. This dissertation has been revised for publication. Der Druck dieses Buches wurde ermöglicht durch einen Druckkostenzuschuss aus Mitteln der Einstein Stiftung Berlin. © 2017, Vandenhoeck & Ruprecht GmbH & Co. KG, Theaterstraße 13, D-37073 Göttingen / Vandenhoeck & Ruprecht LLC, Bristol, CT, U. S. A. www.v-r.de Alle Rechte vorbehalten. Das Werk und seine Teile sind urheberrechtlich geschützt. Jede Verwertung in anderen als den gesetzlich zugelassenen Fällen bedarf der vorherigen schriftlichen Einwilligung des Verlages. Satz: textformart, Göttingen | www.text-form-art.de

Inhalt

Vorwort . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . 7 1. Einleitung . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . 9 1.1 Gegenstand und Zielsetzung . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . 11 1.2 Seeherrschaft bei Thukydides als Problem der Forschung . . . . . 14 1.2.1 Thukydides, die Antike und Seeherrschaft: eine klassische Beziehung . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . 15 1.2.2 Thukydides als Vordenker maritimer Macht . . . . . . . . . 19 1.2.3 Ein »forerunner of Mahan, and none more worthy«? ­Thukydides als Seemachtstheoretiker . . . . . . . . . . . . . 21 1.2.4 ­Thukydides und Seeherrschaft in der altertumswissenschaftlichen Forschung . . . . . . . . . . 31 1.3 Methodik der Untersuchung . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . 37 1.4 Aufbau der Untersuchung . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . 46 2. Die Archäologie . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . 51 2.1 Apologie der Seeherrschaft und maritimes Machtprinzip? Die Archäologie in der Forschung . . . . . . . . . . . . . . . . . . . 52 2.2 Die Funktion von Seeherrschaft in der Archäologie . . . . . . . . . 57 3. Leitworte . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . 75 3.1 Seeherrschaft im Wortgebrauch des ­Thukydides . . . . . . . . . . 75 3.2 Das kratos zur See als Paradigma . . . . . . . . . . . . . . . . . . . 81 3.2.1 ­Perikles . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . 82 3.2.2 Alkibiades . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . 87 3.2.3 Die Redner auf Samos . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . 89 3.2.4 Das kratos zur See als Spiegel des Kriegsverlaufs . . . . . . . 93

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Inhalt

4. Logoi und erga . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . 111 4.1 Die These des ­Perikles   . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . 112 4.2 Die Antithese des Kriegsberichts . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . 130 4.2.1 Der gefährdete Hafen als Chiffre . . . . . . . . . . . . . . . . 137 4.2.2 Löcher im Netz der naukratores . . . . . . . . . . . . . . . . . 151 4.2.2.1 Die Revolte von Mytilene und die Mission des Alkidas (3,1–36) . . . . . . . . . . . . . . . . . . . 153 4.2.2.2 Die Quadrupelallianz von 420 (5,47 und 5,56) . . . . 168 4.2.2.3 Der Melierdialog (5,85–113) . . . . . . . . . . . . . . . 176 4.2.3 Paralogoi: die Sizilienexpedition . . . . . . . . . . . . . . . . . 189 5. Die Funktion von Seeherrschaft bei ­Thukydides . . . . . . . . . . . . . 209 5.1 Der ›Nachruf‹ auf ­Perikles und Athens maritime dynamis . . . . . 210 5.2 Seeherrschaft und Rhetorik  . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . 218 6. Fazit: ­Thukydides im Kontext . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . 237 6.1 Seeherrschaft und das ›Könnens-Bewusstsein‹ des 5. Jahrhunderts v. Chr. . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . 242 6.2 Wider das Klischee: der Realismus des T ­ hukydides . . . . . . . . 262

Literaturverzeichnis . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . 273 Register . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . 291

Vorwort

Die vorliegende Untersuchung ist die überarbeitete und bibliographisch aktualisierte Fassung meiner Dissertation, die im Dezember 2015 vom Fachbereich Geschichts- und Kulturwissenschaften der Freien Universität Berlin angenommen wurde. Es ist mir eine Freude, an dieser Stelle denjenigen Personen und Institutionen danken zu können, die das Entstehen der Arbeit begleitet und ermöglicht haben. Zu danken habe ich zuallererst meinem Doktorvater Ernst Baltrusch sowie Christian Wendt, der das Zweitgutachten übernommen hat, für ihre Kritik, ihre Anregungen, vor allem aber für ihre Geduld. Dem Exzellenzcluster TOPOI danke ich für das mir gewährte Promotionsstipendium, den Verantwortlichen der Berlin Graduate School of Ancient Studies für die Aufnahme in ihr Graduiertenprogramm. Anna Cook und der Bibliothek des King’s College, Cambridge gilt mein Dank für die Bereitstellung der Titelabbildung und Kai Pätzke vom Verlag Vandenhoeck & Ruprecht für seine Unterstützung bei der Drucklegung des Buches. Den Herausgebern der Thoukydideia bin ich für die Ehre zu Dank verpflichtet, diese ganz Thukydides gewidmete Reihe mit meinem Versuch, seinem Werk beizukommen, eröffnen zu dürfen. Ganz besonders habe ich Sarah Walter zu danken, für ihren unermüdlichen Einsatz beim Korrekturlesen, weil sie sich nie scheute, meine Probleme zu ihren Problemen zu erklären, vor allem aber, weil sie mich während der Promotions­ zeit ertragen hat. Der größte Dank gebührt freilich meinen Eltern, die mich ein Studium der Geschichte beginnen ließen, ohne nach dem Grund zu fragen, wozu das Ganze denn bitte gut sei, im Vertrauen darauf, ich wisse schon, was ich tue. Ihnen sei dieses Buch gewidmet, in der Hoffnung, es kann ein wenig von diesem Vertrauen zurückzahlen. Berlin, im September 2016

Hans Kopp

1. Einleitung

Unter allen Autoren der Antike gilt Thukydides als derjenige, bei dem Seeherrschaft die ausführlichste und expliziteste Behandlung erfährt. Der athenische Historiker erscheint vielen gar als der antike Vordenker maritimer Macht und ihrer Möglichkeiten schlechthin. »Bei ihm« sei, so schrieb etwa Kurt von Fritz, »alles auf die athenische Seeherrschaft ausgerichtet«.1 Mangelnde Wertschätzung maritimer Macht und ihrer Möglichkeiten könne man Thukydides daher kaum vorwerfen, ganz im Gegenteil: »If anything, Thucydides overestimates the value of sea power.«2 Urteile wie diese verwundern zunächst auch nicht, denn Thukydides scheint in seiner Geschichte des Peloponnesischen Krieges alles bereitzuhalten, was solche Einschätzungen rechtfertigen kann: Einen großen Krieg, der auch ein bedeutender Seekrieg war und der mit Athen die größte Seemacht der damaligen Zeit involviert sah;3 die ausführliche Schilderung von Seeschlachten, teils in einer Drastik und mitreißenden Dramatik der Darstellung, die Generationen von Rezipienten fesselte, unter ihnen Plutarch (mor. 3­ 47b–c), und in der antiken Literatur letztlich ihresgleichen sucht;4 mit dem atheni­ schen Staatsmann Perikles einen berühmten Protagonisten, der die ›Größe‹ der Meeres­beherrschung in eingängigen und rhetorisch brillanten Schlagworten fixierte (1,143,4),5 die selbst eine eigene Wirkungsgeschichte entfalteten, sinnbildlich für die Reflexion antiker Beherrschung des Meeres wurden und als Z ­ itat

1 Von Fritz (1967) 667. 2 Hunt (1998) 126. 3 Zum Geschehen zur See im Peloponnesischen Krieg vgl. Strauss (1989) sowie die entsprechenden Abschnitte bei Lazenby (2004). 4 Einzig Aischylos’ dichterische Darstellung der Seeschlacht bei Salamis (Pers. 385–443) und Polybios’ Rekonstruktion der Seeschlacht vor Chios des Jahres 201 v. Chr. zwischen den Flotten Philipps V. von Makedonien und der pergamenisch-rhodischen Allianz (16,2–9) sind in dieser Hinsicht überhaupt vergleichbar. 5 Thukydides wird zitiert nach der Ausgabe von Gian Battista Alberti (Hg.), Thucydidis his­ toriae, 3 Bde., Rom 1972–2000; umfangreichere übersetzte Passagen sind der Übersetzung von Georg Peter Landmann, Thukydides. Geschichte des Peloponnesischen Krieges, 2 Bde., München 1993 entnommen (teils orthographisch angepasst).

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Einleitung

dem Thema Kontur und Zugkraft verleihen können.6 Als Wort, als Idee und als Sache scheinen maritime Macht und Seeherrschaft, scheinen sea power und ›Thalassokratie‹ der Struktur des Textes unauflösbar eingewoben. Das Bemühen, dem Phänomen der maritimen Macht und seiner Bedeutung auf den Grund zu gehen, sei dabei für Thukydides nicht nur Beiwerk gewesen, sondern berühre in fundamentaler Weise den Kern seiner historischen Analyse. Lisa Kallet-Marx etwa folgerte, unter dem berühmten »wahrsten Grund«, den Thukydides als die eigentliche Ursache des athenisch-spartanischen Krieges bezeichnet (1,23,6), sei letztlich weniger eine konkrete realhistorische Entwicklung zu verstehen, sondern vielmehr »a concept: the very idea and potential of sea power«, Athens unvergleichliche (und den Spartanern unbegreifliche) Möglichkeit zur fast unbegrenzten Entfaltung ihrer Stärke zur See, wie sie Perikles in seiner dritten Rede bei Thukydides formuliert (2,62,2).7 »Athens Thalassokratie« konnte schließlich sogar als eine »Voraussetzung thukydideischen Geschichtsdenkens« apostrophiert werden, die als Konzept und Idee das Werk als Ganzes entscheidend präge.8 Zwar gibt es auch gegenläufige Indizien, die Zweifel an der Systematik und konzeptionellen Schärfe seiner Darstellung aufkommen lassen.9 Doch hat in einer bemerkenswerten Volte Jacqueline de Romilly versucht, dieses ›Manko‹ geradezu in sein Gegenteil zu verkehren: Die fehlenden Details und die wenig ausgebildete Systematik seien gerade ein Beleg für die grundlegende Bedeutung des maritimen Imperialismus bei Thukydides; dieser kenne in der Darstellung des Historikers keine konkreten Ziele, sondern sei statt­dessen eine Selbstverständlichkeit und ein voraussetzungsloser, nicht hinterfragter Selbstzweck.10 Mit maritimer Machtpolitik, Seestrategie und der Eroberung von Herrschaftsräumen zur See sei es darüber hinaus auch nicht getan. Athens völlig neuartige Macht zur See habe zudem konventionelle Auffassungen über das Verhältnis von Macht, Raum und Zeit hinfällig werden lassen; was zuvor in unerreichbarer Ferne erschien, das sei plötzlich ganz nah gewesen, aus dem Bereich des nur Wünschbaren in den Bereich des konkret Möglichen verschoben worden.11 Bei Thukydides sei all das dokumentiert. Mit seinem Werk sei so der in der Antike 6 7 8 9

So zuletzt etwa bei Engels (2016). Siehe Kallet-Marx (1993) 115. So der Titel des Aufsatzes von Krischer (1994/1995). Siehe etwa Gomme, Andrewes u. Dover (1945–1981) I, 19; de Romilly (1951) 66; Vogt (1956) 256–257; Starr (1978); Till (1984) 19; Lapini (1997) 38; Fantasia (2003) 459; Strauss (2016) 94–96. 10 Siehe de Romilly (1951) 66. Ganz ähnlich auch Vogt (1956) 256–257. 11 So Ober (1998) 90. Vgl. auch M. Taylor (2010) 78: »According to his [Perikles’] presentation of the Athenians’ control of the watery part of the world, wishing is the only difference between what the Athenians actually have and what they could have.« Rood (2012b)

Gegenstand und Zielsetzung 

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letztlich singuläre Fall einer völligen Neuerfassung und Neubewertung des Verhältnisses des Menschen zur Natur und insbesondere dem Meer eingetreten: Die in der Antike ansonsten so oft geäußerte »Furcht vor dem Meer« sei der Sorge um den Verlust der Herrschaft über das Meer gewichen, besonders bei den Athenern. Das Meer ist nicht mehr Subjekt der Natur, sondern kalkulierbares Objekt menschlichen Gestaltungswillens, Mittel zum Erfolg und sicherer als das Land, auf dem nach wie vor Hinterhalte, Raubüberfälle und Erdbeben drohen – eine Umkehrung der traditionellen Einstellung gegenüber den Naturelementen Land und Meer, die in dieser Form einmalig ist in der antiken Literatur.12

Das erinnert dann beinahe schon an Carl Schmitts vor gänzlich anderem Hintergrund und mit gänzlich anderer Stoßrichtung geäußerte Behauptung, das Meer sei für den Menschen der Moderne »nicht mehr nur ein ›Element‹«, sondern sei »ein Raum geworden, der menschlicher Herrschaft, Machtentfaltung und Machtverteilung zugänglich ist«.13 Konkrete machtpolitische Erwägungen und ganz grundsätzliche, tieferliegende anthropologische Fragen nach dem Verhältnis zur Natur und den Elementen berühren sich in diesem Punkt zwangsläufig.

1.1 Gegenstand und Zielsetzung Vor diesem Hintergrund ist der vorliegenden Untersuchung das Ziel gesetzt, nach der konkreten Funktion des Motivs ›Seeherrschaft‹ in Thukydides’ Ge­ schichte des Peloponnesischen Krieges zu fragen.14 Es steht also nicht die Frage im Vordergrund, was Seeherrschaft bei Thukydides ist bzw. ob und inwieweit sein Werk als Beleg für entsprechende Ideen und Konzepte im 5. Jahrhundert v. Chr. herangezogen werden kann. Ebenso wenig werden realhistorisch motivierte Überlegungen eine Rolle spielen; auf die Frage etwa, ob Thukydides eine angemessene Darstellung der maritimen Aspekte des Peloponnesischen Krieges gelang oder ob er die strukturellen Elemente von Seemacht und Seeherr157–158 zu den »transformations wrought in perceptions of space by the ­phenomenon of Athenian expansionism« bei Thukydides. Zum Verhältnis von Seeherrschaft und ›Könnens-Bewusstsein‹ ausführlicher unten Kap. 6.1. 12 R. Schulz (2011) 64. Vgl. auch R. Schulz (2005) 209. 13 Schmitt (1995) 253. Vgl. dazu generell Derman (2011). 14 Die Ausdrücke ›maritime Macht‹, ›Seemacht‹ und ›Seeherrschaft‹ werden im Folgenden unspezifisch gebraucht; eine klare inhaltliche Differenzierung ist weder im Hinblick auf die Fragestellung nötig noch erscheint sie angesichts mangelnder allgemeinverbindlicher Definitionen überhaupt möglich. Vgl. zur Begriffsproblematik jetzt Baltrusch, Kopp u. Wendt (2016a) 9–13.

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Einleitung

schaft gebührend berücksichtigte, wird man in den folgenden Kapiteln keine ­Antworten finden. Es geht vielmehr darum, nachzuvollziehen, wie sich einzelne Formulierungen, Sätze und größere narrative Zusammenhänge im Text zu einem zunächst literarischen Gegenstand ›Seeherrschaft‹ verdichten. Aus der konkreten Behandlung und Gestaltung dieses Gegenstandes durch Thukydides können dann wiederum Rückschlüsse auch auf die konkrete historiographische Funktion dieses Motivs gezogen werden.15 Dabei setze ich voraus, dass es in Thukydides’ Geschichtswerk ein Motiv ›Seeherrschaft‹ gibt, das sich durch fast sämtliche Teile und Ebenen des Textes – Wortgebrauch, direkte und indirekte Reden, Ereignisbericht, auktoriale Kommentare  – hindurch verfolgen lässt,16 das eine spezifische literarische Behandlung erfährt und das im Hinblick auf die übergeordnete Aussageabsicht des Werkes eine konkrete Funktion zu erfüllen hat. Diese Funktion, die es im Folgenden zu analysieren gilt, ist der eigentliche Gegenstand der Untersuchung. Dass es ein solches Motiv, das letztlich mehr ist als ein bloßer Bericht über das (kriegerische) Geschehen zur See, sondern funktional der Aussage des Textes zuarbeitet, überhaupt geben kann, liegt in der Eigenheit antiker Geschichtsschreibung im Allgemeinen, der des Thukydides im Besonderen begründet. Dort, wo er in seinem historiographischen Bericht über das Geschehen zu Wasser, über Seeherrschaft schreibt, tritt Thukydides in gleichsam doppelter Gestalt vor uns: Als ein der getreuen Wiedergabe des Faktischen verpflichteter Historiker sammelte er das verfügbare Material und bietet uns ein – in gewissen Grenzen freilich – objektiv anmutendes Abbild der ›realen‹ Seeherrschaft seiner Zeit. Zugleich jedoch wählte Thukydides mit der dem antiken Geschichtsschreiber eigenen großen Freiheit der Gestaltung aus dem ihm dadurch verfügbaren Material nach subjektivem Ermessen und zu ganz konkreten Mitteilungsabsichten bewusst aus, hob dabei manches stark hervor, ließ anderes wiederum weg, ordnete die Gegenstände so an, dass sie bei der Lektüre des Werkes zueinander in Beziehung treten müssen und so mittels ihrer Form der Darstellung im Zusammenspiel der einzelnen Elemente den Sinn und die Bedeutung des ganzen Textes generieren können.17 Diese »Bildung von typischen Themen, Ereignis15 Zur Notwendigkeit, gerade bei den prominenten Partien des thukydideischen Geschichts­ werkes nicht nur deren Inhalt zu beurteilen, sondern auch nach der ganz konkreten Funktion zu fragen, die diese für die Darstellung und damit auch für Thukydides’ Aussageabsichten erfüllen, vgl. die Bemerkungen bei Flashar (1969) 6–7 sowie Luschnat (1970) 1236 (zum perikleischen Epitaphios): »Da wir noch nicht genau wissen, welche Funktion der Epitaphios im Geschichtswerk hat […], wissen wir erst recht nicht, was Th. damit, abgesehen vom Zusammenhang des Geschichtswerkes, hat sagen wollen.« 16 Zur Bedeutung dieser Struktur für die Methodik der Untersuchung unten Kap. 1.3. 17 Die Bemerkung von Strasburger (1958) 32 über die Charakteristik antiker Geschichtsschreibung und der des Thukydides im Besonderen scheint mir nach wie vor Entscheidendes zu treffen und jegliche Diskussion über eine Diskrepanz zwischen ›wissenschaft-

Gegenstand und Zielsetzung 

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mustern und ›narrativen Reihen‹« durch den gesamten Text und seine Verästelungen hindurch gehört zu den ganz typischen Werkzeugen des Thukydides.18 Auch hinsichtlich des Motivs Seeherrschaft wird daher die Frage »nach den Gesichtspunkten« gestellt werden müssen, die Thukydides veranlasst haben mochten, »innerhalb seines Werkes bestimmte Partien derart herauszuheben, daß die angewendeten Kategorien der Betrachtung über das kausal-chronologische Ordnungssystem hinausweisen«.19 Die Schnittstelle zwischen beiden Ebenen, also zwischen dem ›bloßen‹ Gegenstand und dem daraus gewonnenen funktio­ nalen, der Aussage zuarbeitenden Motiv mit eigenem Deutungspotential,20 wird im Folgenden immer wieder auszuloten sein. Dabei ist die Einsicht in dieses charakteristische Darstellungsprinzip des Thukydides kein Verdienst der jüngeren Forschung allein, auch wenn gerade sein Werk in den letzten Jahrzehnten wie kaum ein anderer antiker Text ein Versuchsfeld neuer (und teils auch weniger neuer) theoretischer und methodischer Ansätze war und die vorgebrachten Lesarten des Textes davon auch teils immens profitieren konnten.21 Gesehen hat man vieles davon freilich schon vor langer Zeit; exemplarisch sei hierfür nur Eduard Meyer genannt, dessen allge­ meine Charakterisierung des thukydideischen Textes noch immer als treffend und gültig erachtet werden kann: Die Aufgabe, die er sich gesetzt hat, ist, die Dinge unmittelbar auf uns wirken zu lassen, wie sie gewesen sind, das heisst aber nichts anderes, als wie sie ihm selbst erscheinen […]. In jedem Wort das er schreibt, in der Art, wie er die Thatsachen gruppirt und erzählt, in dem was er mittheilt wie in dem was er verschweigt, steckt sein Urteil bereits darin. Wer das tadelt, verkennt, dass es eine objective Geschichtsschreibung im populären Sinne überhaupt nicht gibt: die Individualität des Schriftstellers, seine subjective Auffassung steckt überall in seiner Darstellung

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licher Objektivität‹ und dazu vermeintlich gegensätzlicher subjektiv-freier Gestaltung obsolet werden zu lassen: »Die griechische Geschichtsschreibung […] stammt vom Epos ab, das heißt von der Kunst, und arbeitet daher von Natur mit deren Mitteln. Bereits in den schlichtesten, scheinbar rein chronikartigen Partien seiner Erzählung arbeitet Thukydides durch die planmäßige Gewaltsamkeit der Stoffauswahl […] mit den Privilegien des Künstlers.« Vgl. dazu auch Strasburger (1966) 73–74; Luschnat (1970) 1236;­ Tsakmakis (1995b) 14; Grethlein (2005) 70. Zur Subjektivität des Historikers Thukydides am Beispiel des ›Methodenkapitels‹ vgl. Vössing (2005). So Rengakos (2011) 388 im Anschluss an Connor (1984). So Stahl (1966) 110. Vgl. Lubkoll (2004) 185: Ein literarisches Motiv »dient der formalen Gliederung, der semantischen Organisation und der Verflechtung von Themen; es fungiert als inhaltliche Schaltstelle und erzeugt Spannung; es fördert die Anschaulichkeit; es entfaltet ein Deutungspotential«. Siehe besonders Rood (1998a). Vgl. zu diesem »shift in Thucydidean studies« den Überblick bei Hornblower (1991–2008) II, 15–16.

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Einleitung

als unentbehrliches und unaustilgbares Element, selbst wenn er die trockenste Chronik schreibt, die nur die »Thatsachen« verzeichnen will. Denn eben die Aussage, dass etwas eine »Thatsache« sei, enthält schon ein Urteil […].22

Letztlich, um noch weiter zurückzugehen, findet sich dieses ganz grundlegende Verständnis des Textes schon bei Thukydides’ vielleicht wichtigstem neuzeitlichen Rezipienten, Thomas Hobbes, der im Vorwort seiner berühmten Übersetzung von 1629 schrieb, »that the narration itself doth secretly instruct the reader, and more effectually than can possibly be done by precept«.23 Wie Thukydides durch die Mittel seiner Darstellung auch im Hinblick auf das Motiv der Meeresbeherrschung seine individuelle »subjective Auffassung« vermittelt und wie dadurch selbst in zunächst trocken-chronikartig anmutenden Passagen doch ein Urteil über die Möglichkeiten und die Bedeutung maritimer Macht verborgen sein kann, diese Fragen stehen im Zentrum der folgenden Überlegungen.

1.2 Seeherrschaft bei Thukydides als Problem der Forschung Warum sollte es jedoch überhaupt von Bedeutung sein, ob Thukydides ein Motiv ›Seeherrschaft‹ mit einer bestimmten Intention gestaltet und ihm in seinem Text eine spezifische historiographische Funktion zugewiesen hat? Abgesehen von der ganz realen Bedeutung des von ihm berichteten Seekriegsgeschehens für die Ereignisgeschichte des späten 5.  Jahrhunderts v. Chr. legen es vier Gründe nahe, der Frage nach dem Stellenwert von Seeherrschaft bei Thukydides nochmalige und gesonderte Aufmerksamkeit zu schenken: 1. der grundsätzliche Stellenwert, der Thukydides’ Text als Beleg für die reflektierte »Meeresnähe« der klassisch-griechischen Antike zugewiesen wird;24 2. die Konzentration gewisser Teile der Forschung auf das Denken des Thukydides, also die Annahme, er habe nicht nur über Seeherrschaft berichtet, sondern auch ein persönliches Urteil über dieses Phänomen abgegeben, was den Aussagen des Textes wiederum besondere Autorität verleihe; 3. die oft hervorgehobene ›theoretische‹ und überzeitliche Qualität, die Thukydides’ Auseinandersetzung mit maritimer Macht attestiert wird und die selbst bereits das Ergebnis einer spezifischen und schon im 16. Jahrhundert beginnenden Rezeption des Textes ist; 4. schließlich die damit zusammenhängende und nach wie vor in der Forschung nicht einheitlich beantwortete Frage, wie genau die Rolle von Seeherrschaft 22 E. Meyer (1899) 386. Vgl. dazu auch Strasburger (1958) 32; (1966) 73–74. 23 Hobbes (1975) 36. 24 Der Ausdruck »Meeresnähe« wird gebraucht von Lesky (1947) 215.

Seeherrschaft bei Thukydides als Problem der Forschung 

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im Werk zu werten ist, ob Thukydides’ historischer Bericht eine neutrale Darstellung, eine apologetisch motivierte Lobschrift oder letztlich doch eher eine Kritik maritimer Macht und ihrer Anwendung darstellt.

1.2.1 Thukydides, die Antike und Seeherrschaft: eine klassische Beziehung Es gehört zu den nicht nur in der Altertumswissenschaft verbreiteten, sondern auch darüber hinaus geläufigen Überzeugungen, dass in der Antike »die Beherrschung der See« nicht nur »das natürliche Ziel der Seestädte«, sondern den Gesellschaften der Zeit auch der »Begriff Seeherrschaft mit seinen vielfältigen Bedeutungen […] keineswegs fremd« gewesen sei,25 es sich also bei antiker Seeherrschaft nicht nur um ein realhistorisches Phänomen, sondern auch um eine dieses Phänomen reflektierende Begriffsbildung gehandelt habe.26 Thukydides’ Geschichtswerk gilt dabei – wie eingangs bereits angedeutet – im Hinblick auf Seemacht und Seeherrschaft als das vielleicht bezeichnendste Beispiel einer spezifischen Form literarischer Wirklichkeitsverarbeitung, bei der die konkrete Erfahrung historischer Prozesse und die dadurch in Gang gesetzte Reflexion zu einer noch heute rekonstruierbaren Konzeptualisierung zentraler Gegenstände der damaligen Zeit durch die Zeitgenossen selbst führten. Auch der Gegenstand ›Seeherrschaft‹ in der Antike erscheine dadurch so plastisch und selbstverständlich, dass jede »Analyse des antiken Phänomens«, so Raimund Schulz, »von Thukydides ausgehen« müsse, »der in der Archäologie seines Werkes das Streben nach Reichtum und Seeherrschaft zum Strukturprinzip der griechischen Geschichte bis in seine Zeit erhoben« habe.27 Die Zeit des klassischen Griechenlands gilt dabei nicht allein als eine historische Epoche, in der Seeherrschaft im Ägäisraum entscheidend zur Entwicklung größerer Machtakkumulationen beitrug, sondern vor allem auch als die eigentliche Geburtsstunde des Gedankens, menschlicher politischer Wille und Anspruch könne sich auch des Meeres als seines Aktionsraumes bemächtigen, das Meer also bewusst ›beherrscht‹ werden. Erst »seit dieser Zeit«, so schrieb im Kriegsjahr 1944 der Historiker Egmont Zechlin (der damals den bezeichnend betitelten ›Lehrstuhl für Überseegeschichte‹ in Berlin bekleidete) – und er meinte damit die Zeit des Themistokles – »wird das Leben zur See zu 25 Die Zitate von Mollat du Jourdin (1993) 49 (im französischen Original: »La domination de la mer fut […] un objectif naturel des villes maritimes. La notion de sea power ne leur fut pas étrangère, avec ses implications diverses«). 26 Vgl. dazu generell Momigliano (1944) sowie jetzt Engels (2016), der den Auswirkungen der Ideen von Seeherrschaft auf die Herausbildung politisch-sozialer ›Identitäten‹ im antiken Mittelmeerraum nachgeht. 27 R. Schulz (2005) 10. Vgl. auch Braunert (1967) 6; Abulafia (2014) 139.

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Einleitung

einem staatspolitischen Problem«.28 Diese Entdeckung, dieses ›Problem‹ habe das k­ lassische Altertum der Weltgeschichte als Erbe mit auf den Weg gegeben und Seemacht und Seeherrschaft als Faktum, vor allem aber als Reflexionsgegenstand überhaupt erst geschaffen. Dafür spreche ja nicht nur das, was über die tatsächliche, realhistorische Bedeutung maritimer Macht zu dieser Zeit bekannt sei, sondern vor allem auch die begrifflich differenzierende Konzeptualisierung des Phänomens in der Zeit selbst. Dass Seeherrschaft in der Antike (vor allem im 5.  Jahrhundert v. Chr. in Athen) das Objekt tiefergehender Reflexion war, veranschauliche ja nicht zuletzt auch der aus diesem Reflexionsprozess vermeintlich hervorgegangene Terminus ›Thalassokratie‹, der oft als antik-griechisches Synonym für Seeherrschaft oder sea power schlechthin verstanden wird.29 Diese Reflexivität zeichne die klassisch-griechische Antike in ihrem Verhältnis zu ihrer maritimen Macht ganz besonders aus, wie etwa (ausgehend von einer Diskussion des thukydideischen Textes) Jacqueline de Romilly bemerkte: Ce pouvoir, de toute évidence, était une thalassocratie, c’est-à-dire le pouvoir de la mer, comme pour Venise. Mais il se trouve que les Athéniens ont été pleinement conscients de ce que représentait ce pouvoir de la mer, en soi […]. Depuis Thémistocle jusqu’aux dernières années du Ve siècle, Athènes exerça donc la thalassocratie; et elle l’exerça de façon consciente et délibérée.30

Diese ganz reale und alltägliche Erfahrung von Seeherrschaft habe sich darüber hinaus auch entscheidend auf das Verhältnis der Menschen der Antike zum Meer bzw. genauer: auf ihre Wahrnehmung und ihr Verständnis des sie umgebenden natürlichen Raumes und ihres Platzes in der Welt ausgewirkt. Dieter Timpe etwa konstatierte, die »geschichtliche Erfahrung« von Seeherrschaft habe, weit mehr als alle anderen historischen Prozesse der griechischrömischen Antike, »das Verhältnis zum Mittelmeer theoretisch und praktisch grundlegend geändert und für die Zukunft geprägt«.31 Auch zur Herausbildung verschiedener Konstruktionen ›nationaler‹ Identität konnte die Idee der Seeherrschaft in der Antike wohl beitragen, indem sich einzelne Gemeinschaften dadurch in ihrer Eigenheit und politisch-gesellschaftlichen Charakteristik zu definieren versuchten, wie sie sich selbst in Beziehung zum Bild der see28 Zechlin (1944) 21. 29 Etwa bei de Souza (2013a) 376; Abulafia (2014) 139. Zur besonderen Problematik des Ausdrucks ›Thalassokratie‹ vgl. Kopp (2016b). 30 De Romilly (2001) 165 (eigene Hervorhebung). Ganz ähnlich auch Hornblower (2012) 1336: »In a simple sense sea power has been exercised for as long as human beings have used ships for military purposes. But Greeks started thinking about thalassocracy se­ riously in the fifth cent. BCE , when Athens maintained its empire by naval power«. 31 Timpe (2004) 13.

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beherrschenden, maritim orientierten Macht setzten.32 Das konnte dann mittels der einfachen Übernahme bzw. erst der Entwicklung solcher Vorstellungen geschehen, mittels der Distanzierung davon oder auch durch eine differenziertere Ausein­andersetzung; zumeist ist das Material jedoch zu dünn gesät, um ein wirklich abschließendes Urteil über diese Frage und vor allem die Trägerschicht solcher ›Identitäten‹ zu fällen. Aus erweiterter Perspektive und im Hinblick auf die Herausbildung historio­ graphischer Traditionen kann die Auseinandersetzung der Antike mit dem Meer und dessen ›Beherrschung‹ sogar als ein früher und paradigmatischer Fall der Entdeckung des Meeresraumes als eines Objektes genuin historischer Betrachtungsweise gelten, wie dies etwa Peregrine Horden und Nicholas­ Purcell, führende Vertreter der historischen Meeresforschung der letzten Jahre, formulierten: The Mediterranean has some claim to be the great original of seas as the subject of history. Sea-based political hegemony was identified as an object of historiographical inquiry in the fifth century B. C. by the first historians in the Western tradition, Herodotus and Thucydides, who invented for it the label »thalassocracy« (sea rule).33

Was mit Herodot und Thukydides begonnen habe, präge dabei nicht nur bis heute die Vorstellung, das Meer sei ein menschlicher Machtentfaltung zugänglicher, letztlich beherrschbarer Naturraum, sondern diene darüber hinaus auch als eine Blaupause noch umfassenderer Konzeptualisierungen, die weit über­ allein strategische Erwägungen hinausreichen würden: »Ancient sea power had a political and cultural significance that has frequently been revived across the ages to invest the concept with meanings far broader than those encompassed by strategists.«34 Herodot und Thukydides werden dadurch letztlich zu Vorgängern der modernen historischen Interpretationen einzelner Meeresräume, von Braudel bis hin zu Horden und Purcell selbst. David Abulafia schließlich, ein weiterer renommierter Vertreter der primär historischen Betrachtung des Meeres, ging sogar noch weiter und wollte in Thukydides nicht etwa einen frühen, sondern sogar einen besseren Braudel erkennen: Im Gegensatz zu sei­ nem französischen ›Nachfolger‹ habe es der Athener nämlich geschafft, über die Geschichte des Mittelmeerraumes zu schreiben, ohne dabei den Einfluss des Menschen zu gering zu veranschlagen. So konnte Thukydides in dieser Lesart zum Vorreiter einer ganz eigenen Version der maritimen Geschichtsschreibung werden, die einerseits die natürlichen Begebenheiten des Raumes berück32 Dazu jetzt ausführlich Engels (2016). 33 Horden u. Purcell (2006) 724. 34 Lambert (2010) 82.

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sichtigt, zugleich jedoch auch die eigenständige Bedeutung des menschlichen Faktors in der Geschichte gebührend in Betracht zieht. Was aus Thukydides ein Vorbild für alle folgenden Historiker mache, sei zugleich eine regelrechte ›Abreibung‹ für Braudel.35 Die moderne Sicht auf antike Seemacht und Seeherrschaft vor allem zur Zeit des klassischen Griechenlands ist dabei ganz wesentlich durch die Annahme geprägt, diese Phänomene ließen sich nicht erst aus der Rückschau rekonstruieren, sondern seien auch schon von den Zeitgenossen selbst als solche erkannt und reflektiert worden, ein intellektuelles Erbe, das vor allem in Gestalt der klassischen Historiographie Herodots und Thukydides’ noch immer nachwirke. Wie im Fall anderer antiker Konzepte und Phänomene – etwa der Herausbildung einer in sich differenzierten Verfassungstypologie im 5. und 4. Jahrhundert v. Chr. – liefert das klassische Altertum dem modernen Betrachter die zur Kategorisierung und Klassifizierung der Gegenstände notwendigen sprachlichen Ausdrücke gleich mit, begegnen doch in der griechischen Literatur seit der zweiten Hälfte des 5.  Jahrhunderts v. Chr. Wortbildungen wie etwa θαλασσοκρατεῖν oder θαλασσοκράτωρ, die doch ganz wörtlich ›Seeherrschaft‹ zu bezeichnen scheinen.36 Mit dem Beginn der Geschichtsschreibung im eigentlichen Sinn in der zweiten Hälfte des 5. Jahrhunderts v. Chr. begannen die Griechen somit anscheinend, über maritime Macht nachzudenken, nach deren Möglichkeiten und deren Charakteristika zu fragen und dieses Konzept in gewisser Weise zur Deutung und Klassifizierung ihrer Welt zu gebrauchen.37 Was die heutige Beurteilung dieser schon antiken Reflexion des Phänomens betrifft, so hat in einer als einschlägig zu bezeichnenden Bemerkung Arnaldo Momigliano schon vor vielen Jahren die Marschroute vorgegeben: »In Athens facts had a way of becoming spiritual problems; Athenian thalassocracy itself underwent searching analysis both in its presuppositions and its effects.«38 Damit stand und steht er mitnichten allein. Egmont Zechlin etwa befand: »In Griechenland bildeten sich ›Seemacht‹ und ›Seeherrschaften‹ und wurden mit ihren Vorzügen und Nachteilen von den Zeitgenossen diskutiert, wir haben sogar den Vorzug, daß bereits die zeitgenössischen Historiker die See in ihrer Bedeutung für die politische Geschichte erkannten und beschrieben haben.«39 Es ist dieser spezifische Vorzug, der die Antike und ihre Seeherrschaft vor den meisten anderen Epochen, mögen sie auch noch so seebegeistert und seemächtig ge35 Siehe Abulafia (2003) 12: »In fact, Thucydides trounces Braudel by showing an understanding of the human element in the making of Mediterranean history«. 36 Dazu Kopp (2016b) 35–37 sowie unten Kap. 3.1. 37 Siehe Lazenby (1987) 493: »The concept of sea power was also formulated as early as we have any kind of historical writing«. 38 Momigliano (1944) 2. Vgl. auch Starr (1955) 290. 39 Zechlin (1947) 17.

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wesen sein, auszeichne. Elizabeth Irwin diagnostizierte unlängst sogar einen regelrechten ›Heißhunger‹, den man im Athen des späten 5. Jahrhunderts v. Chr. nach dem Thema ›Thalassokratie‹ verspürt habe und den die zwei berühmtesten Historiker der Zeit, Herodot und Thukydides, mittels ihrer Werke zu stillen versucht hätten.40

1.2.2 Thukydides als Vordenker maritimer Macht Mindestens ebenso wirkmächtig wie jene primär dokumentarische Funktion des Textes für die Rekonstruktion einer besonders intensiven und reflektierten Beziehung der griechischen Antike zum Meer ist die Annahme, ­­Thukydides habe durch seinen historiographischen Bericht auch ein individuelles statement abgegeben, ein aus persönlicher Überzeugung gesprochenes Urteil über den Wert und die Möglichkeiten maritimer Macht, das gerade deshalb, weil es sein persönliches Urteil ist, besondere Autorität gewinne. T ­ hukydides habe nicht nur aus historiographischer Pflichterfüllung über Seeherrschaft berichtet, sondern sich auch selbst, als Denker und kritischer Zeitbeobachter, für dieses Phänomen interessiert und es als einen Gegenstand angesehen, der der theoretischen Durchdringung wert und nicht nur ein reines Epiphänomen der historischen Entwicklung war.41 Fast immer, wenn sich einzelne Stimmen der Forschung ausführlicher mit maritimer Macht und Seeherrschaft bei ­Thukydides befassen, kommen sie deshalb nicht umhin, ein Urteil auch über die Wertung dieser Phänomene durch­ Thukydides zu fällen, es also nicht bei der Feststellung zu belassen, dass er darüber in irgendeiner Form berichtet, sondern dahinter auch eine explizite und durchaus subjektiv wertende Mitteilungsabsicht zu vermuten. Wenn etwa­ Perikles in seiner ersten Rede in Buch 1 die paradigmatisch gewordene Formulierung gebraucht, es sei »etwas Großes um die Beherrschung des Meeres« (1,143,4), so spreche an dieser Stelle letztlich doch, so zumindest Chester Starr, ­Thukydides selbst aus vollster eigener Überzeugung: »Thucydides has made abundantly clear his belief that sea power is what counts: μέγα γὰρ τὸ τῆς θαλάσσης κράτος«.42 In ähnlicher Weise sehen auch andere Stimmen in den Ausführungen des Textes zum Komplex Seemacht und Seeherrschaft oft nicht allein ein ›objektives‹ historisches Beschreiben, sondern auch ein subjektives Werten und Urteilen des Denkers und Zeitbeobachters T ­ hukydides. Man liest dann von der Bewunderung, die ­Thukydides dem maritimen Imperialismus 40 Irwin (2010) 430. 41 Siehe Engels (2016) 293 (»the historian’s own interest in the theorisation of sea power«). 42 Starr (1978) 345 (eigene Hervorhebung).

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athenischer Prägung gezollt habe und derentwegen er sea power als die Grundlage dieser Macht gegen alle Anwürfe und Kritik verteidigen musste.43 Es ist die Rede von seinem aufrichtigen Glauben an die Unausweichlichkeit der ›Thalassokratie‹ als politischen Prinzips,44 von seiner tiefen Einsicht in die Wirkmächtigkeit einer Seeherrschaft, die leitend dem gesamten historischen Prozess sei­ ner Zeit zugrundelag,45 oder – im anderen Extrem – von seiner h ­ arschen Kritik an dieser Form der Machtpolitik zur See, ihrem zu großen Aggressionspotential, ihrer zu materialistischen Weltsicht wie ihrem letztlich verblendenden, falsche (und gefährliche)  Identitäten konstruierenden Charakter.46 In all diesen Fällen steht nicht primär zur Diskussion, was Seeherrschaft bei T ­ hukydides sein mag oder wie er ihre Wirkmechanismen zeichnet (das scheint vielmehr un­ strittig), sondern immer auch (und teils vor allem), wie er selbst dazu Stellung bezieht, ja ob er gar eine Art ›Lehre‹ vom Wert dieses Phänomens entwickelt hat, die in seinem Bericht konstant mitschwingt und die er gegenüber anderen Positionen verteidigen wollte. Auch in Bezug auf Seeherrschaft findet dadurch nur statt, was als generelles (und dabei keineswegs neues) Phänomen der ­Thukydides-Forschung zu bewerten ist: Die Frage nach dem Denken des ­Thukydides, wie es sich in seinem Text manifestiert, hat schon seit langem die früher vorherrschenden, entweder primär philologischen oder streng historischen Fragen an den Text als die neue ›Thukydideische Frage‹ abgelöst, wie dies Robert Connor schon in den 1970er Jahren konstatieren konnte.47 Daran hat sich bis heute kaum etwas geändert, ebenso wenig wie an der Tatsache, dass ­Thukydides immer noch in verschiedenen Kontexten als eine besondere Autorität in Anspruch genommen werden kann, weshalb auch den Gegenständen, von denen sein Text handelt, allein dadurch Bedeutung und Gewicht verliehen werde, dass er sie behandelt. Neville Morley hat das erst unlängst erneut als eines der ganz wesentlichen Charakte­ris­ tika selbst der jüngsten Auseinandersetzungen mit T ­ hukydides herausgestellt:

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Etwa Momigliano (1944) 3; Kagan (1991) 111–113. Besonders bei Plenio (1954) 94. De Romilly (1951) bes. 106–107. Ähnlich auch Rengakos (1984) 43–44. So bei Foster (2010) und M. Taylor (2010). Connor (1977) 295: »Indeed the problem of Thucydides’ attitudes and judgments appears to have replaced the composition problem as the Thucydidean question.« Vgl. auch Finley (1942) Kap. VIII sowie Luschnat (1970) 1229–1258 zum Denken des ­Thukydides als zentraler Forschungsfrage. Volk (1978) 282 konstatiert (angesichts seiner Auffassung nach allzu positivistischer Nutzungen des Textes als ›bloßer‹ Quelle) »die Gefahr […], daß das Werk des ­Thukydides, allmählich ausgeschlachtet als ein Wrack sattsam verifizierter Quellen und Einzeldaten, das Interesse der historischen Forschung verliert. ­Thukydides als ganzen aus dem ganzen Werk zu verstehen, bleibt demgegenüber eine immer wieder zu erneuernde Aufgabe.«

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Entscheidend sei nicht allein, dass in ­Thukydides’ Werk grundsätzlich inter­ essante und überzeugende Aussagen und Ideen gefunden werden können, »but that ideas are perceived as interesting and productive, and often persuasive, be­ cause and insofar as they are attributed to Thucydides«.48 Durchaus analog lässt sich auch von Seeherrschaft in der griechischen Antike behaupten, dass das Phänomen – zum Teil zumindest – überhaupt erst dadurch als bedeutsam erscheint, dass es von ­Thukydides und dadurch von einer der größten Autoritäten des klassischen Athen behandelt und reflektiert wurde, noch dazu (fast) zum ersten Mal. Denn selbst wenn auch bei anderen Autoren der Zeit, etwa bei­ Herodot oder vor allem bei Pseudo-Xenophon, von Macht zur See und deren Bedeutung die Rede ist, so verbinde sich doch einzig und zuerst bei ­Thukydides, so die gängige Deutung, die konkrete inhaltliche Auseinandersetzung mit der besonderen Autorität (und intellektuellen Integrität) ihres Verfassers zu der Vorstellung,49 wir hätten hier ein aus tiefer historischer Einsicht und Reflexion gewonnenes Bekenntnis zur maritimen Machtpolitik vor uns, vielleicht sogar eine in ihrer Zeit singuläre »theory of sea power«.50

1.2.3 Ein »forerunner of Mahan, and none more worthy«? ­Thukydides als Seemachtstheoretiker51 Dieser Aspekt der theoretischen Qualität des Textes, also die Vorstellung, dass in ­Thukydides’ Geschichtswerk nicht nur eine konkrete Kette von Ereignissen dokumentiert werde, sondern er auch aus diesen partikularen Analysen gewonnene ›Theorien‹ biete (über das Funktionieren der Demokratie, die ›zwischenstaatlichen‹ Beziehungen, als militärische Handlungsanleitungen etc.), ließ es nur naheliegend erscheinen, T ­ hukydides auch als einen Analytiker maritimer Macht zu begreifen, der »interest in the theorisation of sea power« besessen habe,52 und ihn daher in eine Reihe mit modernen ›Nachfolgern‹ in dieser Funktion zu stellen. Diese Sichtweise ist keineswegs neu oder nur dem Geist des modernen Imperialismus zur See des 19. Jahrhunderts verhaftet, wie es etwa das Zitat in der Überschrift dieses Kapitels mit dem Verweis auf Alfred T. Mahan, den prägendsten Seemachtstheoretiker des 19. und frühen 20. Jahrhunderts na-

48 Morley (2016) 38. 49 Zu ­Thukydides als besonders glaubwürdiger Autorität bzw. zur Konstruktion dieses Bildes vgl. Morley (2014). 50 So noch Strauss (2010) 15; nuancierter jetzt Strauss (2016) 95–97. Vgl. auch de Romilly (1951) 106–107; Raaflaub (1994) 124; (2001) 315–318. 51 Das Zitat von C. Taylor (1920) 40. 52 Das Zitat von Engels (2016) 293.

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helegen könnte, sondern letztlich so alt wie die moderne T ­ hukydides-Rezeption selbst und dadurch unentwirrbar mit der neuzeitlichen Wirkungsgeschichte des Textes verknüpft.53 Die Gefahr, die von solch wirkmächtigen Traditionen der Interpretation für eine genuin historische Interpretation ›großer‹, kanonisch gewordener Texte ausgeht, hat vor allem Quentin Skinner wiederholt ins Bewusstsein gerufen und dies unter dem Begriff der mythologies zusammengefasst, zu denen sich Traditionen verdichten können.54 Diese mythologies könnten, so Skinner, sowohl die Fragen diktieren, die an Texte gestellt werden, wie auch die Antworten, die auf diese Fragen gegeben werden; in Texten ›gefunden‹ werde daher oft nur das, was aufgrund einer vorgeprägten Erwartung überhaupt erst ›gesucht‹ werde, und das nicht etwa, weil der Text es nahelege, sondern weil die verbreiteten Annahmen über Gehalt und Tendenz des Textes diese ›Suche‹ bereits prädeterminieren würden. So könnten im Extremfall einzelne, nur randständige Bemerkungen eines Autors zu zentralen doctrines seines Denkens verknüpft und eine Systematik der Ausführungen dort konstruiert werden, wo eigentlich nur Unzusammenhängendes berichtet wird. Eine Erörterung auch der Rezeption eines Textes, die zumindest die wesentlichen Linien hervorhebt, ist demnach unabdingbar, und das im Fall von ­Thukydides ganz besonders.55 Jedoch kann dies bezüglich der Bedeutung von Seeherrschaft bei ­Thukydides hier gewiss nicht in Vollständigkeit geleistet werden und bedarf ohnehin einer eigenen, detaillierten Untersuchung, die bisher noch nicht vorliegt.56 In dem Maße, in dem etwa die Idee von T ­ hukydides als dem Gründer der ›realistischen‹ Schule der zwischenstaatlichen Beziehungen kritischer Revision ausgesetzt war,57 ist dies bei­ Thukydides, dem ›Seemachtstheoretiker‹, noch nicht geschehen. Es lassen sich jedoch einige grobe Linien der Rezeption des Textes im Hinblick auf maritime Macht und ihre Analyse durch ­Thukydides erkennen, die sich durch die Jahrhunderte kaum merklich unterscheiden und in vielfältigen Kontexten begegnen: in politischer Publizistik und Marinetheorie ebenso wie in wissenschaftlichen Befassungen der Altertumskunde. Ein Beispiel für die Rolle, die ­Thukydides als dem vermeintlich ersten Vordenker maritimer Macht und Begründer einer dahingehenden Tradition zugewiesen wird, findet sich in B ­ eatrice Heusers Überblick über das strategische Denken von der Antike bis zur Neuzeit. Dort wird zunächst das Kapitel zu »long-term trends and early maritime strategy« mit einem T ­ hukydides-Zitat (1,143,4) eröffnet, jener 53 54 55 56 57

Zum Konzept der Wirkungsgeschichte vgl. Gadamer (1990) 305–312. Siehe Skinner (2002). Siehe dazu Harloe u. Morley (2012a). Knapp dazu etwa Hoekstra (2012) 28–29. Vgl. Lebow (2012); Forde (2012).

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Passage aus dem ersten Buch, in der P ­ erikles das Wort von der ›Größe‹ der Meeresbeherrschung formuliert.58 Sodann wird konstatiert: »Where we talk about­ Strategy, Tactics, sometimes of operational art, with relation to the sea, it has been within the wider context of ›command of the sea‹ or ›seapower‹,  a term traced to ­Thucydides’ ›rule of the sea‹«.59 Schließlich wird das Phänomen des Nachdenkens und Schreibens über Kriegführung insgesamt auf die Antike zurückgeführt, um dann ganz konkret auf T ­ hukydides als den antiken Stifter der Idee, das Meer ›beherrschen‹ zu können, zu verweisen: In the Renaissance, Thucydides’ ›rule of the sea‹ was rediscovered, and from this Francis Bacon […] derived his claim that ›He that commands the sea is at great liberty and may take as much and as little of the war as he will‹ […]. The claim was exaggerated further by Sir Walter Raleigh […]: ›Whosoever commandeth the sea commandeth trade; whosoever commandeth trade commandeth the riches of the world‹, and thus the world itself. The Italian Tomaso Campanella later put it even more concisely, ›Che e signore del mare e signore della terra‹ […].60

Schließlich wird noch bemerkt, dass John Colomb  – ein führender britischer Marinestratege und Anhänger der imperialen Politik Großbritanniens des 19. Jahrhunderts – »used Thucydides’ and Raleigh’s term ›command of the sea‹ ­ hukydides und der Anwithout further definition«,61 wodurch die Brücke von T tike über die Wiederentdeckung des maritimen Denkens in der Renaissance bis zur Blütephase maritim orientierter imperialistischer Politik im ausgehenden 19. Jahrhundert geschlagen wird. Ob die genannten Autoren tatsächlich derart direkt auf ­Thukydides Bezug nahmen, braucht an dieser Stelle nicht zur Diskussion zu stehen. Entscheidend ist vielmehr, dass sich im Hinblick auf ­Thukydides und seine vermeintlichen Einsichten in die Bedeutung von Seeherrschaft, com­ mand of the sea oder sea power exakt jener Prozess der Traditionsbildung erkennen lässt, der über die Epochen hinweg eine Auseinandersetzung mit prinzipiell gleichbleibenden Fragen und Problemstellungen postuliert, ein zentraler Kritikpunkt Skinners an der von mythologies geleiteten Sicht auf historische Texte. In der Tat begegnet die ›Reaktivierung‹ des T ­ hukydides bzw. der in seinem Text scheinbar hinterlegten Einsichten bereits in einem ganz frühen Stadium der neuzeitlichen Rezeption seines Geschichtswerkes. Schon im späten 16. Jahrhundert konnte er als Apologet maritimer Herrschaft gelesen werden, der die Notwendigkeit des imperium maris immer wieder betont habe. Gerade in einer histori58 59 60 61

Heuser (2010) 201. Heuser (2010) 201. Vgl. dazu auch die Bemerkungen bei Sicking (2004) 345. Heuser (2010) 207. Heuser (2010) 221. Vgl. auch Freedman (2013) 115 (zur Konzeptualisierung maritimer Macht im England des 19. Jahrhunderts): »The dominant concept was command of the sea, which could be traced back to Thucydides.«

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schen Situation, in der das Meer als ›Herrschaftsraum‹ neu (bzw. wieder) entdeckt wurde und die Frage, wer es überhaupt beherrschen kann und aufgrund welcher Legitimation, umstritten war, schien T ­ hukydides’ Geschichtswerk ein besonderes Potential als Referenzpunkt zu besitzen.62 Man griff dann gerne auf den Athener zurück, um etwa zu beweisen, »Of What Importance it is, To be Lords of the Seas« – so John Dee, Astronom, Alchemist, Kartograph und zeitweiliger politischer Berater am Hofe E ­ lisabeths I. von England in seiner 1577 erschienenen Schrift General and Rare Memorials Pertayning to the Perfect Arte of Navi­ gation,63 in der er mit Nachdruck den Aufbau einer schlagkräftigen Flotte für das englische Königreich propagierte.64 Im Mittelpunkt dieser frühen Rezeption stand dabei freilich noch weniger ­Thukydides selbst als Autorität als vielmehr­ Perikles, dessen Reden im Werk als Vorbild und Inspiration dienten. Der athenische Stratege habe nämlich gewusst, so Dee, dass nur als »Lords and Maisters of the Seas« die Athener ihre »Souerainty« hatten erreichen können,65 ein bleibendes, immer aktuelles Herrschaftsvorbild. Die Ankunft eines »Brytish, or English Pericles«,66 der den Engländern das Hohelied der maritimen Macht begreiflich machen soll, wird von Dee unablässig beschworen: Ausführlich wird dazu aus den Reden des ­Perikles zitiert (in der lateinischen Übersetzung Melanchthons) und dadurch einer tiefgreifenden Verschmelzung von Autor (­ Thukydides), Figur (Perikles) und Idee (in Dees Worten: »to be lords of the seas«) zugearbeitet.67 Dass Dee zudem noch dafür verantwortlich zu ­machen ist, dass der in der antiken Literatur nur bei Strabon (1,3,2) und in zwei Thukydidesscholien belegte, in Herkunft und antiker Bedeutung obskure Terminus thalattokratia seine Auferstehung feiern konnte (1597) und dann über Umwege und mit etlichen Lücken der Überlieferung zum schließlich fast omnipräsenten modernen ›Thalasso­k ratie‹-Begriff wurde,68 vermag dann nur noch bedingt zu verwundern. Diese Form der T ­ hukydides-Rezeption unter maritimen Vorzeichen war freilich nicht auf England beschränkt, sondern ist auch in anderen Staaten mit maritim ausgerichteter Politik anzutreffen: Im damals noch zur See engagierten Spanien las zur selben Zeit ein anonymer Leser der kastilischen Thukydides-­ 62 Siehe dazu Hoekstra (2012) 28: »Thucydides was frequently invoked to shore up the legitimacy of conquest, and especially of establishing rule where there had been a total absence of dominion.« 63 Dee (1577 [1968]) 38 (Marginalie). 64 Zur Bedeutung der maritim-imperialen Schriften Dees vgl. Sherman (1995) Kap. 7; Armitage (2000) 105–107. 65 Dee (1577 [1968]) 12. 66 Dee (1577 [1968]) 37. Vgl. dazu Cormack (2001) 155–156. 67 Dazu knapp Hoekstra (2012) 28–29. 68 Dazu generell Kopp (2016b). Die frühneuzeitliche Rezeption des antiken SeeherrschaftsVokabulars, insbesondere die Wiederentdeckung von θαλαττοκρατία durch John Dee, werde ich an anderer Stelle ausführlicher behandeln.

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Übersetzung das Werk als einen Beleg der »importancia de tener fuerzas y ­poder por mar«, die aus Thukydides’ Text abzulesen sei.69 Und in der alljährlich rituell mit dem Meer vermählten See-Republik Venedig sah der Patrizier Antonio Zeno in seinem Kommentar zu Reden bei T ­ hukydides und Sallust in P ­ erikles’ Bemerkung, die Seefahrt sei eine Kunst, die nicht nebenher zu praktizieren sei (1,142,9), auch ein Vorbild für die Macht zur See seiner Stadt: Die Schifffahrt sei, wie damals für Athen, nun auch für Venedig diejenige Kunst, dank der die Vorfahren »Herrschaft« (imperium) und »allen Ruhm« (gloria tanta) für ihre Stadt erworben hätten.70 Ganz gleich, wie man die Entstehung dieser wirkmächtigen Bilder im Einzelnen rekonstruiert und welchen konkreten Einfluss man ihnen im Detail zubilligt: Die in der Frühen Neuzeit beginnende Wirkungsgeschichte des Verständnisses von T ­ hukydides als des maritimen Autors und Seeherrschafts-Vordenkers der Antike par excellence kann in ihrer Bedeutung für die Prägung späterer Sichtweisen und Lesarten kaum überschätzt werden. Wie sehr dieser Strang der T ­ hukydides-Rezeption mitunter den gleichbleibenden Mustern folgt, zeigt sich allein schon daran, dass auch manche neueren Deutungen des 19. und 20. Jahrhunderts im Kern noch viel mit John Dees zunächst singulärer Wertschätzung des maritimen Vordenkers T ­ hukydides zu tun hatten. Letztlich ist der Unterschied zwischen Dees viereinhalb Jahrhunderte altem Versuch, T ­ hukydides als autoritativen ›Beleg‹ für die Bedeutung des im­ perium maris und seine politische Agenda zu gewinnen, und modernen Interpretationen, denen zufolge ­Thukydides die Möglichkeiten und den machtpolitischen Nutzen einer maritim orientierten Politik propagiere und dies seinen Lesern als Botschaft mit auf den Weg gebe, manchmal nur gering. So waren es unter anderem praktizierende Marinestrategen und -theoretiker, die in­ Thukydides einen der ihren erkennen wollten und ihm eine in seiner Zeit singuläre und erst sehr viel später wieder ›erreichte‹ Einsicht in die Bedeutung maritimer Macht zubilligten. Gegen Ende des 19. Jahrhunderts etwa argumentierte C ­ yprian Bridge, ein englischer Marineoffizier und zu diesem Zeitpunkt Commander-in-Chief der Australian Squadron der Royal Navy, T ­ hukydides sei als der erste echte Marinedenker der Geschichte zu begreifen. In seinem für die Encyclopædia Britannica verfassten Beitrag über »Sea-Power« schrieb er im Jahr 1899 über diesen Terminus: There is something more than mere literary interest in the fact that the term in another language was used more than two thousand years ago. Before Mahan no historian – not even one of those who specially devoted themselves to the narration of naval occurrences  – had evinced  a more correct appreciation of the general principles of naval warfare than Thucydides. He alludes several times to the im69 Zitiert nach Goodman (1997) 11 Anm. 32. 70 Zeno (1569) 116. Zu Zenos Kommentar und dessen Kontext vgl. Hoekstra (2012) 29–30.

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portance of getting command of the sea. This country would have been saved some disasters and been less often in peril had British writers – taken as guides by the public – possessed the same grasp of the true principles of defence as Thucydides exhibited. One passage in his history is worth quoting. Brief as it is, it shows that on the subject of sea-power he was a predecessor of Mahan.71

Die Passage, die Bridge veranlasste, ­Thukydides in eine Reihe mit Alfred T. Mahan, dem bedeutendsten und einflussreichsten neuzeitlichen ›Theoretiker‹ eines maritimen Imperialismus, zu stellen,72 ist die Zeile, die wie kaum eine andere mit Seeherrschaft bei T ­ hukydides assoziiert wird: P ­ erikles’ berühmte Bemerkung in seiner ersten Rede (1,143,4), es sei »etwas Großes um die Beherrschung des Meeres« (μέγα γὰρ τὸ τῆς θαλάσσης κράτος). Sie ziert nicht nur bis heute das Emblem der griechischen Marine, sondern hat für die Beurteilung des thukydideischen Textes generell eine geradezu leitmotivische Funktion.73 Wie kaum anders zu erwarten, ist dieser Strang der Rezeption dort besonders stark, wo sich eine fest verankerte Tradition der Antikenrezeption mit den Erfordernissen global ausgerichteter Außenpolitik und einer gewissen ›imperialen‹ Tradition verbinden ließ.74 Seit den frühen 1970er Jahren gehört­ Thukydides’ Geschichtswerk zum Kern der Pflichtlektüre in der Ausbildung am amerikanischen Naval War College in Newport, Rhode Island,75 wo seine 71 Bridge (1910) 4–5. Vgl. auch C. Taylor (1920) 40 in seiner Biographie Mahans: »Some twenty centuries ago that remarkable Greek historian Thucydides recognised the significance of Sea Power, and urged upon his countrymen the importance of obtaining command of the sea. In this he was the forerunner of Mahan, and none more worthy.« Zeilen wie die Bridges wurden dabei keineswegs für das Kuriositätenkabinett geschrieben, sondern konnten durchaus darauf hoffen, gehört zu werden, wie das Beispiel von Beatty (1922) verdeutlichen kann. In der ›Lord Rector’s Address‹, die David Beatty  – Admiral der Royal Navy und Kommandant des 1.  Schlachtkreuzergeschwaders in der Seeschlacht vor dem Skagerrak 1916  – am 28.  Oktober 1920 in seiner damaligen Funktion als Rektor der Universität Edinburgh zum Thema »Sea Power« hielt, nimmt er auf Bridge – und dadurch auch auf ­Thukydides – ganz unmittelbar Bezug (460): »However far back into history we may carry our researches, we find sea power in one or other of its modes of action – military, economic, or both – influencing the destiny of the world. Historians of the early days have preached the gospel of sea power, and, as pointed out by A ­ dmiral Sir Cyprian Bridge in his essay, no historian before Mahan had evinced a more correct appreciation of the general principles of naval warfare than Thucydides. He laid stress on the words of Pericles, the first man of his time at Athens, ablest alike in counsel and a­ ction, and one of the greatest orators of all time, who in urging the continuance of the war with the Peloponnesians said: ›The rule of the sea is indeed  a great matter.‹« 72 Zum Vergleich zwischen ­Thukydides und der neuzeitlichen Seemachtstheorie Mahans nun Strauss (2016) 94–98, der vor allem die Unterschiede hervorhebt. 73 Dazu ausführlicher unten Kap. 3. 74 Siehe R. Schulz (2011) 85. 75 Dazu Harloe u. Morley (2012a) 12; Stradis (2015) 431–433.

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Darstellung des Peloponnesischen Krieges noch heute als »that great foundation of strategic studies« gilt, in der »the growth of Athenian power to its fleet and its limited sorties throughout the Aegean« zugeschrieben werde.76 Schon lange zuvor, 1921, war in den Proceedings des U. S. Naval Institute ein kurzer Beitrag zu »Thucydides and Sea Power« erschienen, der mit der gewohnt programmatischen, die Jahrtausende überspannenden Einleitung eröffnet: »Five centuries before Christ the influence of sea power upon events was as c­ learly enunciated by Thucydides as 2400 years later by Captain Mahan.«77 Nach drei Seiten, auf denen Zitat an Zitat gereiht wird, steht das Urteil fest: »these quotations […] show unmistakably that Thucydides had  a clear conception of the influence of sea power«. Abgesehen von den Reden des ­Perikles sei es dabei vor allem die Passage 1,15 (aus der Archäologie), die als ­Thukydides’ »very distinct and definitive statement of his views on the subject« angesehen werden müsse: Wer sich eine Flotte zulege, werde reich und mächtig, indem er Inseln unterwerfe; zu Land habe kein Konflikt zu solchem Machtzuwachs geführt – »Captain Mahan never went farther than this«.78 Bereits der Gründer des Naval War College, Stephen B. Luce, hatte T ­ hukydides, »the best naval historian of antiquity«, im Jahr 1909 als Vorbild empfohlen: »His works should be read by every naval student today.«79 Es sind dabei keineswegs allein angloamerikanische Marinehistoriker und Strategen, die den Rekurs auf T ­ hukydides als den vermeintlich ersten Seekriegs- bzw. Marinetheoretiker suchen; auch ihre deutschen Kollegen sind ihnen dabei mitunter gefolgt und verweisen explizit zurück auf ­Thukydides, wenn es gilt, das Nachdenken über Seemacht und Seeherrschaft in seinen Anfängen zu rekonstruieren und ihm einen historischen Ort zuzuweisen.80 76 Rowlands (2012) 91. Vgl. dazu auch die Bemerkung von Kiesling (2003) 94–95. 77 Scammell (1921) 701. 78 Scammell (1921) 704. 79 Luce (1975) 129. 80 Etwa besonders explizit bei Düppler (1999) 14–15, 17: »Bereits im klassischen Griechenland waren Begriff und generelle Bedeutung von Seemacht bekannt. So beschreibt­ Thukydides Seemacht als die wesentliche Voraussetzung zur Sicherung attischen Wohlstands durch ungehinderten Seehandel. In seiner Überlieferung zum Peloponnesischen Krieg (­431–404 v. Chr.) weist er auf den Zusammenhang von ausgedehnten Seehandelsinteressen und der Notwendigkeit einer diesen Interessen angepaßten Kriegsflotte hin […]. Diese See-Macht sieht T ­ hukydides in erster Linie in der hinlänglichen Anzahl von Kriegsschiffen und deren Kampfwert begründet […]. ­Thukydides erkannte, daß Seemacht nicht improvisierbar sein konnte, sondern sich überlegt und beständig entwickeln mußte […]. Schon im Altertum war es das Ziel, mit Seemacht Seeherrschaft zu erringen. ­Thukydides beschreibt Seeherrschaft als Herrschaft über die Seeverbindungslinien und die angrenzenden Küsten. Herrschaft muß dort ausgeübt werden, wo es zur Durch­ setzung eigener Staatsinteressen notwendig erscheint. Wer die See zwischen den Küsten beherrschen will, muß nach ­Thukydides daher auch die Häfen an diesen Küsten unter seine Kontrolle bringen.«

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Es ließe sich einwenden, dass die Ansichten von Admirälen und Seestrategen für die historische Bewertung des thukydideischen Textes und dessen Ausführungen über Seeherrschaft nur von untergeordneter Bedeutung sind. Das mag bis zu einem gewissen Grad auch zutreffen, doch ist auffällig, dass derartige Deutungen keineswegs auf die engeren Zirkel der Marineakademien beschränkt blieben. Auch wenn sich Vertreter der historischen oder politischen Wissenschaften zu diesem Thema äußern, so steht dabei oftmals im Vordergrund, dass ­Thukydides der erste in einer Reihe von großen Denkern gewesen sei, die sich des Phänomens der maritimen Macht angenommen hätten; er sei also  – ganz griechisch gedacht – der prōtos heuretēs dieser Bewusstwerdung menschlicher Möglichkeiten zur See gewesen. Denn auch wenn kein geringerer als Arnaldo Momigliano festhielt, dass »Thalassocracy, as is well known, b ­ ecomes a clear-cut idea in Herodotus«,81 so gilt doch gemeinhin ­Thukydides als der Erste, der Seeherrschaft und die Möglichkeiten maritimer Machtpolitik mit dem Anspruch auf Abstraktion und Reflexion behandelt habe. Die wenigen Gegenstimmen fielen dagegen kaum ins Gewicht.82 ­Thukydides gilt als ein ›Klassiker‹ der Auseinandersetzung mit Seeherrschaft, maritimer Macht und Seestrategie, was zwangsläufig bedeutet, seinen Aussagen den Status »einer übergeschichtlichen Wahrheit« zu attestieren, die »auf potentiell endlose Wiederholbarkeit« hin angelegt sei – denn das ist es ja, was einen ›Klassiker‹ im Kern ausmacht.83 Dadurch setzt die Moderne hinsichtlich des Themas der maritimen Macht nur um, was sie ­Thukydides auch ansonsten gerne attestiert, den Anspruch nämlich, zeitlose Probleme mit universellem Anspruch behandelt zu haben. Zwei Beispiele können diese Beanspruchung des Textes illustrieren: Dem Historiker und Seekriegsanalytiker Herbert Rosinski zufolge kulminiere bei­ Thukydides in wenigen berühmt gewordenen Worten die gesamte Theorie maritimer Machtentfaltung. Es genüge nicht, so Rosinski, Seemacht nur als die Summe der maritimen Machtmittel eines Staates – Flotte, Handelsmarine, Werften etc.  – zu verstehen; wolle man das Phänomen wahrhaftig begreifen, so benötige man ein Verständnis von sea power »in the deeper sense, in which the word was originally coined by no less a one than Thucydides: τó τής Oαλάσσης [sic] κράτος, the ›Power of the Sea,‹ the power which the sea confers upon him who knows how to conquer and to use it«.84 Eine ganz ähnliche Version dieser ›Überlieferungsgeschichte‹ bieten die Politikwissenschaftler George Modelski und William R. T ­ hompson in ihrer Studie über Seapower in Global Politics von 1988: 81 Momigliano (1944) 1. 82 Siehe etwa Gomme, Andrewes u. Dover (1945–1981) I, 19; Vogt (1956) 256–257; Starr (1978); Lapini (1997) 38; Till (1984) 19; Fantasia (2003) 459; Strauss (2016) 94–96. 83 Die Zitate von Koselleck (2002) 47. 84 Rosinski (1977) 26.

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It is well to recall, though, that not just the practice but also the conceptualisation of seapower have an interesting lineage of classical origins. In ancient Greece the application of naval resources to systematic political purposes came to be known by the term thalassocracy whose dictionary meaning is ›maritime supremacy‹ or ›rule of the sea‹ […]. But the fullest exposition of seapower is the account given by Thucydides of the Periclean strategy for fighting the Peloponnesian War […]. The modern understanding of seapower is in part a process of practical learning handed down from the Greeks, via Byzantium, and more recently, via Venice […]. But it was not just a matter of practice. The concept of seapower must also have survived as part of the heritage of classical learning and preserved in such texts as those of Thucydides.85

Diese Deutung, die in T ­ hukydides den Verfasser und Erfinder einer letztlich immer modernen, weil zeitlosen und dadurch relevanten Einsicht in grundsätzliche Funktionsweisen maritimer Macht erkennen will, geht mit generellen Auffassungen über die besondere Qualität seines Textes einher, die darin weniger einen konkret historisch zeitgebundenen, sondern einen in vielerlei Hinsicht erstaunlich modernen Text sehen. ­Thukydides wurde dadurch, in einer Formulierung Neville Morleys, für viele Interpreten ein »modern before modernity, engaged in the same intellectual task as they were, who happened to present his work in the unfamiliar form of  a historical narrative«.86 Was den einen, wie etwa Bridge, Rosinski oder Modelski und Thompson, jedoch als bemerkenswerte Weitsicht erscheinen mag, ist für andere nur »a fascinating example, the first in Western literature, of the distorted role assigned to sea power«, wodurch­ Thukydides’ Geschichtswerk letztlich zu einer Art Frühform der verhängnisvollen Fehldeutung der neuzeitlichen Geschichte Europas durch die späteren Brüder im Geiste des ›navalistischen‹ 19. Jahrhunderts verkommt.87 Wiederum ließe sich einwenden, dass auch die Ausführungen von Politikwissenschaftlern, die explizit an makroperspektivischen Modellbildungen interessiert sind, oder von Marinestrategen, die nach eingängigen Maximen in autoritativen Texten suchen, für eine wissenschaftlich-historische Lesart des­ Thukydides von keinerlei Bedeutung sind. Jedoch sind es keineswegs nur die angesprochenen ›Fachfremden‹, die ­Thukydides als Vordenker, Theoretiker und Apologeten maritimer Macht begreifen, sondern auch Altertumswissenschaftler und -wissenschaftlerinnen fast jeder Prägung. So heißt es etwa in einer aktuellen Studie über die narrative Technik des Polybios, bereits ­Thukydides habe die Bedeutung von thalassocracy als eine seiner zentralen ›Lehren‹ angesehen und darüber geschrieben, um seine Leser in dieser Weise zu ›unter85 Modelski u. Thompson (1988) 4–7. Vgl. auch Halpern (1996) 323; Lambert (2010) 82. 86 Morley (2014) 155. 87 So vor allem Starr (1978) 345; (1989) 27.

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richten‹.88 Teils werden auch aus der Perspektive der Alten Geschichte die Traditionskonstruktionen anderer Disziplinen fast unverändert übernommen bzw. in eine eigene historische Perspektive übersetzt.89 Auch die Vorstellung,­ Thukydides’ Ausführungen zu den Möglichkeiten maritimer Macht hätten erhebliches theoretisches Potential, finden sich dort wieder. Die grande dame der ­Thukydides-Forschung des 20.  Jahrhunderts etwa, Jacqueline de Romilly, befand mit Blick auf P ­ erikles’ erste Rede im Werk: »Thucydides could be the very first theoretician of modern strategy and armarments«.90 Sie attestierte dem Historiker gar »une véritable théorie des possibilités réservées à la thalassocratie athénienne«,91 die sein Werk als Ganzes sowie auch spezifisch seine historische Analyse entscheidend präge. Walter Lapini zufolge handelt es sich bei­ Thukydides’ Wiedergabe der ersten P ­ eriklesrede, mit ihrem Schlagwort von der ›Größe‹ der Meeresbeherrschung, gar um »il ›manifesto‹ della teoria della su­ periorità marittima ateniese«.92 Kurt Raaflaub schließlich sah in den seestrategischen Maximen der ersten P ­ eriklesrede eine regelrechte »theory of sea-power« (wenngleich mit gewisser Vorsicht in Anführungszeichen gesetzt).93 Die Erhebung empirisch gewonnener Einsicht zur Theorie gilt dabei als typisch für das klassische Athen,94 und Seeherrschaft bilde dabei, so etwa Barry Strauss, keine Ausnahme: Of all ancient historians, only Thucydides does justice to naval history, because he alone offers a theory of sea power and its importance […]. Thucydides appreciates the significance of sea power for strategy. He understands the dynamism of the sea. He recognizes its political importance, for naval power went hand in hand with democracy in classical Greece. He also highlights the intimate connection between naval warfare and finance; if money is the sinews of war, then it is the veins and arteries of war at sea.95

88 Siehe Miltsios (2013b)  32: »That thalassocracy constitutes an excellent source of hegemonic power and material prosperity, and is consequently a fundamental precondition for any state seeking to extend the limits of its power, is an idea that occurs as early as Thucydides, who appears to have been the first to teach it to his readers.« 89 Etwa bei Ruschenbusch (1994) 367: »Zunehmend dachte man, wie dementsprechend Überlegungen bei Ps-Xenophon (AP) und ­Thukydides zeigen, in strategischen und politischen Kategorien, wie sie in der Neuzeit erst am Ende des 19.  Jahrhundert [sic] vom amerikanischen Admiral Mahan in seinem epochemachenden Werk ›The Influence of Sea Power upon History‹ wiederentdeckt worden sind.« 90 De Romilly (1977) 26. 91 De Romilly (1951) 38. 92 Das Zitat von Lapini (1997) 164. 93 Raaflaub (2001) 315–318. Vgl. auch de Romilly (1951) 63; H. Rawlings (2010) 281. 94 Siehe Voegelin (2000) 443: »The development of theory as  a subtle heightening of the­ typical in reality may be called the essence of classical culture.« 95 Strauss (2010) 15. Vgl. nun jedoch Strauss (2016) 94–97.

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Von Macht zur See, dem Wortgebrauch nach auch scheinbar explizit von ›Seeherrschaft‹, sprach schon Herodot (besonders prominent in 3,122,2); sein Werk ist sogar für einen großen Teil  der griechischen Seeherrschafts-Terminologie einer der frühesten, wenn nicht der früheste Beleg. Doch nicht nur erscheint das Thema bei ihm weit weniger zentral; auch sei es ein Unterschied im Grad der theoretischen Durchdringung und Konzeptualisierung, der aus dieser Perspektive den entscheidenden Unterschied zwischen beiden Autoren ausmache.96 Herodot mag an manchen Stellen über Seemacht und Seeherrschaft geschrieben haben; ­Thukydides jedoch habe diese Phänomene auch durchdrungen und verstanden – darin liege der ganz grundlegende Unterschied zwischen beiden Autoren. Bei ­Thukydides könne daher exakt jenes Phänomen im Hinblick auf Seeherrschaft und maritime Macht erfasst werden, das Karl Friedrich Stroheker in anderem Zusammenhang als prägend für das klassische Athen beschrieben hat: »eine systematische Erfassung und Durchdringung des gesamten Komplexes«, die »erst der rationale Geist des späteren fünften Jahrhunderts« angestrebt und umgesetzt habe.97 Das wirklich Neue an diesen Denkweisen seien dabei gerade der »Durchbruch der Ratio« und die »Fähigkeit zur Abstraktion« gewesen, »die zur Theorie und zum Schema führten«: Denker wie die Sophisten oder eben T ­ hukydides hätten aus der Fülle des ihnen zur Verfügung stehenden historischen oder auch mythischen Materials die für sie jeweils interessanten Phänomene »zu einem System zusammenfügen« und sie »auf einer abstrakten Ebene […] charakterisieren und einordnen« wollen.98 Im Hinblick auf maritime Macht und deren Beurteilung habe T ­ hukydides genau das geleistet, wovon sein Werk – insbesondere die Archäologie ganz zu Beginn – noch heute Zeugnis ablege.

1.2.4 ­Thukydides und Seeherrschaft in der altertumswissenschaftlichen Forschung So zentral die Bedeutung des thukydideischen Geschichtswerkes für antike Seeherrschaft und deren moderne Bewertung in vielerlei Hinsicht somit auch ist – was genau ­Thukydides über diesen Gegenstand sagen wollte, welche konkrete Aussage seine historische Analyse als Ganzes zu diesem Themenkomplex bereithält, ist nach wie vor (und vielleicht mehr denn je) in der Forschung zu96 Siehe etwa de Romilly (1977) 26, 28: »Herodotus did, from time to time, hint at the importance of being master of the sea […]. These are already keen glimpses. In Thucydides, they have become  a theory, indeed  a firm and lucid theory.« Vgl. hingegen Shimron (1989) 92. 97 Stroheker (1954) 381. 98 Stroheker (1954) 394.

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tiefst umstritten. Tatsächlich ist nämlich jenseits der bloßen Feststellung, dass­ Thukydides über diese Dinge schrieb und ihnen eine gewisse Prominenz in seiner Darstellung einräumte, keineswegs so sicher und eindeutig auszumachen, was er als seine Botschaft hinsichtlich Seeherrschaft vermittelt wissen wollte. Wie hinsichtlich so vieler Aspekte, so muss auch bezüglich der Frage, welche Ansichten T ­ hukydides’ Text über Seeherrschaft bereithält, »a bewildering range of different accounts of what Thucydides wrote and meant« konstatiert werden.99 War er ein »advocate of flexible sea power or chronicler of its limits«?100 War er ein Bewunderer des maritimen Imperialismus athenischer Prägung oder doch dessen schärfster Kritiker, der die selbst miterlebten Entgleisungen seebasierter Machtpolitik anprangerte? Oder doch nichts von beidem, sondern letztlich nur ein neutraler Berichterstatter, der sich für derartige Fragen nur in dem ganz konkreten Rahmen interessierte, in dem solche Phänomene für seine Darstellung des Peloponnesischen Krieges relevant waren, und der von darüber hinausgehenden Wertungen Abstand nahm? Aufs Ganze gesehen herrscht im Hinblick auf Seeherrschaft bei T ­ hukydides eine gewisse Neigung zu extremen Deutungen vor, wozu ganz maßgeblich die fast immer emotional belastete, mitunter polemisch geführte Debatte um die Beurteilung des ­Perikles durch ­Thukydides beiträgt.101 In diesem Kontext sind abwägende Positionen, die ein Auge auch für die vielen Ambivalenzen der thukydideischen Darstellung maritimer Machtentfaltung haben und versuchen, das Motiv aus der narrativen Struktur des Textes heraus zu beurteilen, in der Minderzahl. Hervorzuheben ist dabei aus den jüngeren Untersuchungen zum einen vor allem der Aufsatz von Raimund Schulz über »­Thukydides und das Meer«,102 gelingt es ihm doch, einerseits die Ausführungen des T ­ hukydides zu Seeherrschaft in die geistigen Strömungen des späteren 5. Jahrhunderts v. Chr. einzuordnen (völlig zu Recht hebt Schulz etwa den Einfluss der Sophistik und des ›Könnens-Bewusstseins‹ der Zeit auf die Herausbildung systematischerer Vorstellung über die Möglichkeiten und Folgen maritimer Machtausübung hervor),103 anderseits auch werkimmanent die Fernbeziehungen und narrativen Abhängigkeiten herauszuarbeiten und dahingehend zu befragen, wie sie der Aussageabsicht des Werkganzen womöglich zuarbeiten. Schulz sieht einen wesentlichen Teil der Botschaft des ­Thukydides gerade in dem Motiv der ›Lernfähigkeit‹ zur See, also der in der historischen Erzählung immer wieder durchscheinenden und allen Kriegsparteien gegebenen Möglichkeit, sich zur See 99 So Morley (2016) 23 zu den groben Konturen der ­Thukydides-Deutungen. Vgl. dazu auch die Bemerkungen von Connor (1982) 284–286. 100 So Morley (2016) 23. 101 Dazu auch unten Kap. 5.1. 102 R. Schulz (2011). 103 Dazu auch unten Kap. 6.1.

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›fortzubilden‹ und die Nachteile in Erfahrung und Ausbildung durch Innovationsgeist auszugleichen. Zuletzt hat Barry Strauss in einem kurzen Beitrag dafür plädiert, ­Thukydides nicht als Verfechter maritimer Machtpolitik zu verstehen, sondern die Vieldeutigkeit seines Urteils gerade auch im Hinblick auf (Athens) Seemacht zu berücksichtigen. Dazu müsse jedoch die Idee einer Art Identität von ­Thukydides und ­Perikles, der dem Historiker als Sprachrohr diene, aufgegeben werden: »Thucydides is not to be identified with any of the characters in his book. The historian was hardly an advocate of sea power along the lines of Mahan – far from it. When it comes to sea power, T ­ hucydides sounds an uncertain trumpet.«104 Sieht man von derartigen Einzelfällen einmal ab, so werden die Pole der möglichen Deutungen zum einen durch eine klassische Studie Arnaldo Momi­ glia­nos, zum anderen durch die neueren Untersuchungen von Edith Foster und Martha Taylor markiert.105 In seinem Aufsatz zu »Sea-Power in Greek Thought« von 1944 konstatierte Momigliano, T ­ hukydides habe im Gegensatz etwa zu Pseudo-Xenophon die »immorality of the Athenian empire« akzeptieren, gutheißen und gegen Anwürfe verteidigen müssen, da sie »related to the glory of sea power« gewesen sei.106 ­Thukydides wird hier zum Apologeten einer spezi­ fischen Form des maritimen Imperialismus, den er am Beispiel Athens erkannt und durch sein Sprachrohr P ­ erikles im Werk verewigt habe. Diese Einsicht des hellhörigen Zeitbeobachters T ­ hukydides habe sogar die Urteile des Historikers­ Thukydides im Einzelnen diktieren können. Zuweilen wurde dieses Argument sogar dahingehend zugespitzt, ­Thukydides habe gerade deshalb Seeherrschaft in seinem Werk einen so besonderen Rang eingeräumt, weil er sich nach Kriegsende und dem Einsturz der athenischen ›Thalassokratie‹ regelrecht gezwungen sah – aus persönlichen Motiven, aber auch, um dem historischen Gegenstand Gerechtigkeit zuteil werden zu lassen  –, die Seeherrschaft historisch ›reinzu­ waschen‹ und zu erweisen, dass sie trotz allem Verhängnis, das man nach der Niederlage von 404 in ihr vielleicht sehen mochte, ein Glücksfall und vor allem eine der Macht Athens notwendig zukommende Äußerung derselben gewesen war. Vor allem Wolfgang Plenio hat diese Deutung in seiner (unpublizierten) Dissertation vertreten, wobei die Fronten klar abgesteckt erscheinen: Hier die Realisten, die genügend Einsicht in das Notwendige – eben auch die Seeherrschaft – besaßen, dort die vorschnell urteilenden »Moralisten«, die in der Seeherrschaft den großen Sündenfall athenischer Politik erkennen wollten. Diesen gegenüber habe ­Thukydides durch seine Darstellung und vor allem mittels der programmatischen Reden des P ­ erikles nochmals deutlich machen wollen, dass 104 Strauss (2016) 95. 105 Momigliano (1944); Foster (2010); M. Taylor (2010). 106 Momigliano (1944) 2–3.

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die »Thalassokratie […] eine geschichtliche Tatsache [war], an der sich nicht rütteln ließ«, eine Tatsache, die das Handeln Athens diktiert habe und die Grundlage all seiner Größe gewesen sei.107 Was der Historiker T ­ hukydides durch sein Sprachrohr P ­ erikles verkünde, das mutiert in einer solchen Lesart schließlich zum »fanatischen Streben […], die historische Wahrheit, die in der von Ressentiments erfüllten Atmosphäre der Parteikämpfe nach 404 völlig verdunkelt zu werden drohte, in das helle Licht einer von keiner Modeströmung beeinflussten Würdigung zu rücken«.108 Unverhüllte Seeherrschaftsapologetik und historische Analyse werden so nicht nur als deckungsgleich begriffen, sondern letztere nimmt fast einen der Verherrlichung der ›Thalassokratie‹ untergeordneten Rang ein, letztlich ganz so, als wäre das gesamte Werk nur konzipiert worden, um die Bestätigung für die Richtigkeit perikleischer Seeherrschaftspolitik ex post zu liefern.109 Es lässt sich an diesen Beispielen bereits ersehen, dass es kaum möglich erscheint, über Seeherrschaft bei T ­ hukydides bzw. über die Wertung dieses Phänomens durch den Historiker zu sprechen, ohne dadurch auch über die Figur des P ­ erikles zu urteilen. Diese Verflechtung prägt sowohl diejenigen Untersuchungen, die in T ­ hukydides einen Kritiker maritimer Macht erkennen wollen, als auch diejenigen, die – wie etwa Plenio oder Momigliano – in ihm einen Verteidiger der als richtig und unausweichlich erachteten Seeherrschaftspolitik Athens sehen. Die wohl wirkmächtigste Variante letzterer Lesart formulierte Jacqueline de Romilly. ­Thukydides, so de Romilly, habe die perikleische ›Theorie‹ der ›Thalassokratie‹ bewundert, seine gesamte eigene historische Analyse darauf basiert und sein Werk auch als eine stringente Beweisführung konzipiert, wie zutreffend und richtig diese ›Theorie‹ grundsätzlich gewesen sei, auch wenn ihr schließlich kein Erfolg beschieden war.110 Die gesamte Konzeption des ­Thukydides, wie sie das Werk von vorn bis hinten durchziehe, kenne daher grundsätzlich auch nur eine Richtung imperialer Politik für Athen – zum Meer hin: D’autre part Thucydide ne précise par aucun autre trait le domaine de l’expansion athénienne, ni les raisons qui, parmi l’immense surface de la mer, dirigent les flottes du Pirée vers telle région vers telle autre: routes du blé? pays à piller? points stratégiques pour une lutte éventuelle? y a-t-il un système dans les conquêtes d’Athènes? – il ne le dit pas. La volonté de puissance qu’il retient, et qui est tout uniment celle d’Athènes, ne tend aussi, tout uniment, qu’à dominer sur mer.111 107 108 109 110 111

Plenio (1954) 94. Plenio (1954) 48. So auch Herter (1953) 621 für die erste ­Periklesrede. Siehe de Romilly (1951) 38 und bes. 106–107. De Romilly (1951) 66.

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Die vermeintlichen ›Lücken‹ in T ­ hukydides’ Systematik, die Gomme, Starr, Strauss und andere ausgemacht haben,112 werden hier geradezu in ihr Gegenteil verkehrt: Sie seien kein Zeichen mangelnden Interesses oder gar fehlender intellektueller Sorgfalt,113 sondern vielmehr Reflex einer tief verwurzelten Überzeugung, dass Athen  – zumindest der Logik der thukydideischen Analyse zufolge  – das Meer beherrschen muss, ohne Wenn und Aber; Gedanken an infrastrukturelle Bedingungen oder gar ein konkretes, pragmatisch umrissenes Ziel solcher Machtpolitik würden dieses idealtypisch klare Bild nur verwässern. Athens Seeherrschaft des 5. Jahrhunderts nämlich, wie sie uns durch ­Thukydides präsentiert werde, sei schlicht ein Selbstzweck gewesen, in gewissem Sinne sogar ›unlogisch‹, und habe keiner Rechtfertigung ihrer Existenz bedurft. Man habe nicht das Meer beherrscht, um dadurch etwas Konkretes zu erreichen, sondern letztlich um der Meeresbeherrschung selbst willen.114 Das gewiss große Verdienst de Romillys im Hinblick auf die hier untersuchte Fragestellung war es, durch ihre Konzentration auf die Logik und argumentative Struktur des Textes Seeherrschaft endgültig (Momigliano hatte den Weg ja schon vorgezeichnet) aus dem Korsett primär ökonomischer und infrastruktureller Erwägungen befreit und in die Reihe der das Werk prägenden leitmotivischen Gedanken gestellt zu haben. In gewisser Weise hat sie vielleicht als erste den spezifischen Gegenstand Seeherrschaft im Werk in dem Sinne, in dem er auch hier behandelt und begriffen wird – als Objekt der Reflexion und des Denkens des ­Thukydides und weniger als bloßer Gegenstand der Chronik  –, geschaffen, zumindest für die weitere altertumswissenschaftliche Beschäftigung. In der Wertung des Seeherrschafts-Gedankens perikleischer Prägung ganz ähnlich argumentierte auch Antonios Rengakos, der in seiner Untersuchung des Machtdenkens der Athener bei T ­ hukydides völlig zu Recht großen Wert auf die Seeherrschafts-Motive legte und in dieser Thematik einen wesentlichen Aspekt der perikleischen Rhetorik im Werk (und dadurch auch einen Interessenschwerpunkt des T ­ hukydides selbst) erkannte.115 Doch auch bei Rengakos ist die Untersuchung des Seeherrschafts-Gedankens nicht von der Figur des ­Perikles zu trennen, was sich auch in der Konzentration der Analyse auf die Reden manifestiert. Wenn Rengakos in der dritten Rede des ­Perikles eine »theoretische Begründung der athenischen Machtpolitik« in Gestalt einer »prinzipiellen Untersuchung der Größe der attischen Herrschaft«, die völlig auf der 112 Siehe Gomme, Andrewes u. Dover (1945–1981) I, 19; Vogt (1956) 256–257; Starr (1978); Lapini (1997) 38; Fantasia (2003) 459; Strauss (2016) 94–96. 113 So etwa Starr (1978) 349–350. 114 Siehe de Romilly (1951) 68–69. 115 Siehe etwa Rengakos (1984) 44 Anm. 108: »Der Gedanke der Seeherrschaft ist für das athenische Machtdenken von besonderer Wichtigkeit und wird dementsprechend sehr oft hervorgehoben.«

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Seeherrschaft beruhe, erkennt,116 so ist damit zwar ein Charakteristikum dieser Rede getroffen, über die vielfältigen Bezüge jedoch, die genau diese Passage nicht nur aufgreift, sondern erst eigentlich ermöglicht, und auch über die Fernwirkungen des Seeherrschafts-Gedankens im restlichen Werk kein Wort verloren. Gerade angesichts dieser auch ansonsten weitverbreiteten Konzentration auf die Reden des Werkes muss es ein Ziel der vorliegenden Untersuchung sein, möglichst die Gesamtheit des Textes und damit alle möglichen Ebenen der Auseinandersetzung und Reflexion einzubeziehen, um das Motiv Seeherrschaft in seiner Funktion bei T ­ hukydides angemessen beurteilen zu können. Man sieht an den vorangehenden Beispielen nur zu gut, wie eng und fast unauflöslich die Verbindung erscheint, die zwischen dem Seeherrschafts-Gedanken des 5. Jahrhunderts v. Chr., der Darstellung des ­Thukydides und der Figur des ­Perikles, wie sie bei ­Thukydides überliefert ist, besteht. Ohne P ­ erikles wäre Seeherrschaft bei T ­ hukydides nicht denkbar, nicht greifbar, müsste a­ bstrakt und ein letztlich gesichtsloses Konzept bleiben. Auch im Aufbau der vorliegenden Untersuchung wird dieser Verbindung Rechnung getragen (Kap. 4), und in einem abschließenden Kapitel (5) wird schließlich auch explizit die Frage er­ örtert werden müssen, ob die hier vorgetragene Interpretation der Funktion des Seeherrschafts-Motivs nicht im Widerspruch zu T ­ hukydides’ eigenem Urteil über Perikles (2,65) steht. Dem Vorwurf, genau diesen möglichen Widerspruch nicht vollständig auflösen zu können, sahen sich auch zwei in letzter Zeit erschienene Arbeiten ausgesetzt, die sich ausführlicher mit dem Motiv der Seeherrschaft und dessen Funktion bei T ­ hukydides auseinandersetzen und im Vergleich mit Plenio oder Rengakos das entgegengesetzte Ende des in der Deutung Möglichen repräsentieren: Edith Fosters Thucydides, Pericles, and Periclean Imperialism und Martha Taylors Thucydides, Pericles, and the Idea of Athens in the Peloponnesian War, beide erstaunlicherweise im selben Jahr erschienen.117 Beider ­Thukydides ist mitnichten ein Bewunderer des athenischen Seereiches und der von ­Perikles (im Werk) propagierten aggressiven maritimen Machtpolitik, sondern vielmehr ein scharfer Kritiker eben dieser Politik und damit auch der von ­Perikles vertretenen Idee bzw. Ideologie maritimer Macht. Dabei setzen die beiden Autorinnen je unterschiedliche Schwerpunkte: Während Foster (deren Untersuchung auf die Bücher 1 und 2 beschränkt ist) vor allem ­Perikles’ rhetorische Evokation eines maritimen »imaginary empire« Athens in den Blick nimmt,118 die­ Thukydides mittels seiner eigenen Darstellung als übertrieben und gefährlich gebrandmarkt habe, weil sie ein zu großes Vertrauen auf die materiellen Macht116 Rengakos (1984) 43–44. 117 Foster (2010); M. Taylor (2010). 118 Das Zitat bei Foster (2010) 188.

Methodik der Untersuchung 

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faktoren allein und einen letztlich amoralischen imperialistischen Trieb offenbart habe, beschäftigt sich Taylor insbesondere mit ­Perikles’ ›Neudefinition‹ Athens in seinen Reden,119 die sie dann mit der fatalerweise ›gelungenen‹ Verwirklichung dieser Vision des P ­ erikles während des Krieges kontrastiert. ­Taylor zufolge entwerfe P ­ erikles in den Reden vor und nach Kriegsbeginn ein regelrechtes Programm, wie Athen als Stadt neu zu definieren sei, nämlich losgelöst von allen traditionellen Bindungen an die physische Präsenz Attikas und nur noch auf das Meer bezogen: P ­ erikles’ Athen sei eine »vision of an Athens that had traded its land and houses in Attica for control of half of the world,«120 und diese Hälfte ist das Meer, das Athen ihm zufolge allein und vollständig beherrsche (2,62,2). Die späteren ›Entgleisungen‹ athenischer Politik, die andere gerade als eine Abkehr von der gemäßigten Politik perikleischer Prägung interpretieren,121 erscheinen aus dieser Perspektive als eine allzu buchstäbliche Umsetzung und gleichzeitig eine Zuspitzung der Ideen absoluter Meeresbeherrschung, wie sie der Stratege bei T ­ hukydides vertritt. Nicht trotz der von P ­ erikles beschworenen Herrschaft über das Meer habe Athen den Krieg verloren, sondern gerade weil es im Glauben an diese Machtfülle einen Pfad der politischen Verblendung betreten habe, der ins Unglück der totalen Niederlage habe führen müssen – das exakte Gegenteil also der apologetischen Sicht.

1.3 Methodik der Untersuchung Hinsichtlich der Methodik der Untersuchung muss eine gewisse ›Schieflage‹ zwischen dem eigentlich wünschenswerten Vorgehen und dem aus mehreren Gründen notwendigen konstatiert werden. Eigentlich nämlich wäre das Ziel der Untersuchung die möglichst umfassende Rekonstruktion des Denkens über Seeherrschaft und maritime Macht im Athen des späten 5. Jahrhunderts v. Chr., also eine Ideengeschichte in dem Sinne, wie er vor allem mit dem Namen Quentin Skinner verbunden wird: die konsequent historisierende Einbettung von Texten in die Diskurse ihrer Zeit, die ›klassische‹ Texte nicht primär aus sich selbst heraus, sondern aus dem geistigen Kontext ihrer Zeit erklärt und sie weniger als zeitlose Höhenkammliteratur, sondern als Beiträge zu je aktuellen Debatten und Diskursen versteht. Die Aussagen der einzelnen Zeugnisse – darunter ­Thukydides’ Geschichtswerk – würden in ein Netz der diskursiven Bezüge, der Reaktionen auf- und gegeneinander gestellt werden, wodurch eine genuin historische Sichtweise ermöglicht würde, die das Denken einzelner Autoren 119 M. Taylor (2010) Kap. 1. 120 M. Taylor (2010) 82. 121 Exemplarisch etwa bei Rengakos (1984).

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als jeweils spezifisch motivierte Eingriffe, als Akte der Kommunikation in bestimmten Debatten begreift, was sich methodisch vor allem durch die detaillierte Analyse intertextueller Beziehungen bewerkstelligen ließe.122 So sollte die Frage geklärt werden, woher T ­ hukydides’ Darstellung und ihre Aussagen ihre Impulse bezogen und wie er selbst wiederum durch die Spezifik seiner Ausführungen auf diese Impulse reagierte. Eigentlich sollte dadurch zumindest in Teilen diejenige »history of the idea of thalassocracy in Greek thought« geschrieben werden, deren aus seiner Perspektive reichlich überraschendes Fehlen Arnaldo Momigliano schon 1944 konstatiert hat und die, trotz mancher Anläufe in diese Richtung, immer noch nicht in hinreichender Ausführlichkeit vorgelegt worden ist.123 Tatsächlich jedoch bedingen sowohl die Anzahl als auch die besondere Qualität unserer Quellen eine andere Methodik. Selbst für diejenigen Teilepochen der Antike, aus denen eine verhältnismäßig große Menge an Textzeugnissen überliefert ist, ist es dennoch nicht möglich, in angemessener Breite das mögliche Geflecht der Beziehungen, Abhängigkeiten und Reaktionen zwischen einzelnen Texten zu bestimmen, wie dies im Bereich der neueren Ideengeschichte praktiziert wird, ganz abgesehen von der Frage, wie groß der Umfang der ursprünglichen Textproduktion für einzelne Teilepochen überhaupt veranschlagt werden darf, gerade an den Übergängen hin zu größerer Schriftlichkeit. Das gilt auch für den hier relevanten Zeitraum der letzten Jahrzehnte des 5. Jahrhunderts v. Chr. und für das Werk des ­Thukydides, weshalb sich der Versuch einer Kontextualisierung in seinem Fall – und auch bei Herodot – zumeist eher auf die Einbettung in ›intellektuelle Milieus‹ mit spezifischen Denkweisen, die die jeweilige (›wissenschaftliche‹) Methode und die Interessen der Autoren erklären helfen sollen,124 als auf den Vergleich mit konkreten anderen Äußerungen zu denselben Aspekten bezieht. Dass sich hinsichtlich einzelner Themen und Gegenstände der Darstellung (wie etwa der Figur des Minos oder der Rekonstruktion der griechischen Frühgeschichte in der Archäologie) konkrete Berührungspunkte mit zeitgenössischen Diskussionen und Vorstellungen erkennen lassen,125 ist die

122 Siehe Skinner (2008) 652. 123 Momigliano (1944) 1: »As far as I know, the history of the idea of thalassocracy in Greek thought has never been written – a surprising fact.« Vgl. jetzt jedoch Engels (2016). 124 Zu Herodot etwa Raaflaub (2002); Thomas (2006a); zu ­Thukydides Connor (1982) 271–277; Hornblower (1987) 110–135; Thomas (2006b); (2017). Zur durchaus umstrittenen Frage, inwieweit ein derart kontextualisierender Zugang im Fall von ­Thukydides überhaupt gewinnbringend ist, vgl. Greenwood (2006) 3. Zu »contextualism« und »universalism« bei ­Thukydides jetzt die grundlegenden methodischen Überlegungen von­ Morley (2016). 125 Zu Minos und Herodot: Irwin (2007); Saïd (2011b); zur Archäologie: Connor (1984) 21–23; Luraghi (2000).

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Ausnahme. Den Schritt, T ­ hukydides aus der Perspektive der weitaus besser belegten Debatten des 4. Jahrhunderts zu betrachten, möchte ich dabei ausdrücklich vermeiden,126 selbst wenn sich die Diskussionen des 4. Jahrhunderts, auch über Seeherrschaft, selbstverständlich nicht von Grund auf neu entwickelten und in vielerlei Hinsicht auf den Erfahrungen und Konzepten des 5. Jahrhunderts basierten.127 Es erscheint letztlich unstrittig, dass es gerade im Athen des ausgehenden 5.  Jahrhunderts v. Chr. eine »idea of thalassocracy« gab,128 vielleicht gar eine »théorie de la thalassocratie«,129 die ›in der Luft lag‹, die heiß diskutiert, theoretisch reflektiert und schließlich auch abstrakt formuliert wurde.130 »Our fifth-century historians«, so unlängst Elizabeth Irwin, »were writing for audiences preoccupied with the historical phenomenon of thalassocracy«.131 Sieht man jedoch genauer hin, auf welchen Zeugnissen diese Vorstellung beruht, so ist schnell ersichtlich, dass wir es dabei mit einer alles andere als breiten Materialbasis zu tun haben. Die Vorstellung einer verbreiteten »idea of thalassocracy«, die zum Kernbestand politischer Diskussion und Reflexion in Athen gehört habe, speist sich letztlich vor allem aus zwei Quellen: Pseudo-Xenophons ­Athenaion Politeia, also einem weder zeitlich noch in Bezug auf den Autor, das Genre oder die Wirkungsabsicht sicher bestimmbaren Text,132 und eben­ Thukydides selbst; Herodot spielt dabei, auch wenn bei ihm zuerst von Seeherrschaft die Rede ist (3,122,2), allenfalls eine untergeordnete Rolle, angesichts der doch nur randständigen Bedeutung des Gegenstandes für seinen historischen Bericht.133 Material vor den 440er Jahren, das sich expliziter mit Seemacht und Seeherrschaft befasst, ist wohl auszuschließen,134 und auch wenn es in den Jahren unmittelbar nach Kriegsende 404 v. Chr. vielleicht eine Unzahl an Pamphleten und Streitschriften vor allem gegen Athens Seeherrschaft gegeben haben

126 Vgl. Leppin (1999) 18. 127 So etwa de Romilly (1958) 92. Vgl. zur Sicht des 4. Jahrhunderts auf Athens Seemacht Ober (1978); (1987); Wilker (2016). 128 How u. Wells (1912) 295. 129 De Romilly (1962) 225. Vgl. auch Raaflaub (2001) 317. 130 Vgl. etwa Frisch (1942) 78, 85; Katsaros (2001) 158–220. Zur »idea of thalassocracy« im griechischen Denken generell Momigliano (1944), auch wenn die vorliegende Untersuchung gerade im Hinblick auf T ­ hukydides zu teils konträren Ergebnissen kommt. 131 Irwin (2010) 430. Vgl. auch Irwin (2009) 399 (»contemporary obsession with the history of thalassocracy evidenced by Thucydides’ Archaeology and the thalassocratic lists that must lie behind it«); L. Rawlings (2007) 111 (»Contemporary discourse in Athens on the nature of sea power is reflected in the works of both Thucydides and the Old Oligarch«). 132 So schon Kalinka (1913) 41–45. Vgl. allgemein Weber (2010) 20–27, zur Datierungsfrage speziell Hornblower (2011b), zur Genrezugehörigkeit Coşkun (2012). 133 Siehe de Romilly (1977) 26. Anders hingegen Shimron (1989) 92. 134 Siehe Momigliano (1944) 3.

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mag, wie etwa Momigliano vermutet hat,135 so ist das alles verloren, bis auf ein paar Spuren davon, die sich als Reflexe dieser Debatten in den frühen Dialogen Platons erhalten haben.136 Die möglichen intertextuellen Beziehungen zwischen den entsprechenden Texten im Hinblick auf ihre Behandlung von Seeherrschaft wurden gewiss schon häufiger gesehen, sowohl zwischen T ­ hukydides und ­Herodot als auch zwischen ­Thukydides und Pseudo-Xenophon,137 wobei jedoch zumeist eher im Vordergrund steht, ob sich einer der Texte explizit auf den anderen bezieht, wir es also mit einer primär literarischen Abhängigkeit zu tun haben, oder aber, ob beide nur Reflexe einer allgemeineren Auseinandersetzung mit den im Athen der Zeit gängigen Diskussions- und Argumentationsmustern sind.138 Die Frage hingegen, ob sich aus diesen teils recht offensichtlichen Gemeinsamkeiten auch Indizien für konkretere Mitteilungsabsichten der jeweiligen Autoren zu bestimmten Themenkomplexen ergeben, wird dabei allenfalls am Rande gestreift,139 was, wie gesagt, angesichts des nur spärlichen Materials und des dadurch bedingten hohen Grades an spekulativer Rekonstruktion auch kaum verwundert. Betrifft dieser erste Faktor somit vor allem die Quantität des zur Verfügung stehenden Quellenmaterials, so besteht der zweite – und noch wichtigere – in ­ hukydides wurde  – wie so dessen besonderer Qualität. Auch der Text des T viele antike Texte – nicht dazu verfasst, um zu einer Vielzahl an Fragen explizit Stellung zu beziehen, die moderne Rezipienten aus verschiedenen Gründen interessieren mögen. Zwar gibt es dabei freilich Ausnahmen und Unterschiede: Platon, Aristoteles oder Cicero wollten (unter anderem) politische Philosophie betreiben und können daher auch ruhigen Gewissens mit Fragestellungen untersucht werden, die sich aus dementsprechenden Überlegungen ergeben. Die Zielsetzung der Texte korrespondiert in solchen Fällen ganz offenkundig mit unseren Fragen. Bei vielen anderen Texten jedoch geht diese Gleichung nicht auf, und ­Thukydides’ Geschichte des Peloponnesischen Krieges stellt dabei keine Ausnahme dar, im Gegenteil: Sein Text bzw. die Beschäftigung damit steht pa135 Siehe Momigliano (1944) 3.  Vgl. jetzt auch Engels (2016) 300, der von einer »heated­ debate about thalassocratic ideology« in diesen Jahren ausgeht. 136 Siehe dazu Momigliano (1944) 3; Engels (2016) 300. Zu den relevanten Stellen bei Platon (Alkibiades I und Gorgias) auch unten Kap.  6.2. Dass T ­ hukydides mit seiner ›apologetischen‹ Darstellung der athenischen Seeherrschaft gegen diese Stimmungslage anschrieb, vermutet Plenio (1954) 94. 137 Zwischen Herodot und ­Thukydides: Irwin (2007); T ­ hukydides und Pseudo-Xenophon: Frisch (1942) 79–87; de Romilly (1962); Leduc (1976) 106; Hornblower (2011b) 329–332; Laspe u. Schubert (2012) 71–77. 138 So etwa Frisch (1942) 85: »It is not one speech that is the basis, but hundreds of speeches […] any educated Athenian who was the least interested in the navy and defence had all the arguments at his finger’s ends.« 139 Vgl. jedoch Irwin (2007).

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radigmatisch für eine Problematik, die Otto Lendle in Bezug auf ­Thukydides und seine Haltung zur imperialen Politik seiner Heimatstadt formulierte, die Überlegung nämlich, »ob wir überhaupt das Recht« haben, an einen Autor »solche Fragen zu stellen und Antworten darauf zu geben, die er selbst nicht formuliert hat«.140 An Lendles Mahnung ist zunächst viel Wahres: Das explizite Thema der Darstellung des T ­ hukydides ist seiner eigenen Ankündigung zufolge »der Krieg der Peloponnesier und der Athener, wie sie ihn gegeneinander führten« (1,1,1). Dieses ›Wie‹ (ὡς) eines konkreten Krieges ist der Gegenstand des Textes, und dieser Leitidee hat sich prinzipiell alles andere unterzuordnen.141 Ob es darüber hinaus noch Erklärungs- und Analyseabsichten des ­Thukydides gab oder wie sich die Darlegung dieses ›Wie‹ mit seinem ebenfalls expliziten Anspruch verträgt, einen nützlichen »Besitz für immer« geschrieben zu haben (1,22,4), das mag zwar interpretierend erschlossen werden kön­ hukydides war auch kein Cornen, gesagt hat er es uns jedenfalls nicht. Und T bett oder M ­ ahan, kein Seemachtstheoretiker avant la lettre, selbst wenn manche das über die Jahrhunderte anders sehen wollten. Kein Wunder also, dass nicht nur hinsichtlich einzelner Elemente seiner Darstellung – und Seeherrschaft bildet dabei mitnichten eine Ausnahme –, sondern sogar über die Frage, welche grundsätzliche Art von Text wir mit ­Thukydides’ Werk eigentlich vor uns haben, heftig debattiert wurde und noch immer wird.142 Damit soll freilich nicht gesagt sein, dass es innerhalb der historiographischen Darstellung keine gleichsam unterschwellig behandelten Fragen gibt. Im Gegenteil lässt der Text doch durchaus einzelne Motive und ganze thematische Schwerpunkte erkennen, die­ Thukydides gar nicht hätte behandeln müssen, die ihm aber offensichtlich von gewisser Bedeutung waren und über die er etwas mitteilen wollte, das über die reine Chronik hinausreichte.143 Dass auch Seeherrschaft als ein Motiv der Darstellung zu diesen zentralen Themen des Werkes gehört, scheint mir dabei unstrittig, zumal nach der ausführlichen Analyse de Romillys. Nur – und damit komme ich zur Frage der besonderen Qualität des Quellenmaterials zurück – äußert sich T ­ hukydides fast nie explizit zu diesen Dingen und tut dies schon gar nicht in Form einzelner Behauptungen, die sich zu einer Art systematischem Gedankengebäude zusammenfügen ließen. Das beredte Fehlen an Behauptungen und Theoremen gehört ja gerade zu den ganz charakteristischen Merkmalen des Textes.144 Barry Strauss und andere haben das auch in Be-

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Lendle (1992) 102. Vgl. dazu auch die Bemerkungen von Leppin (1999) 15. Siehe Leppin (1999) 15; Baltrusch (2011) 149. Dazu nun Morley (2016). Diese, einer unitarischen Sicht verpflichtete Deutung des Textes wurde vor allem durch die Arbeiten von Finley (1942) und de Romilly (1951) zur vorherrschenden Lesart. 144 Siehe Connor (1982) 287–289.

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zug auf die maritimen Aspekte ganz richtig gesehen.145 T ­ hukydides entwickelt keine durch strenge Systematik geprägten Gedankengebäude, sondern lässt die Erzählung über die Ereignisse des Krieges die Aufgabe übernehmen, diejenigen Aspekte zu verdeutlichen, die ihm offenbar als wesentlich erschienen. Diesem Muster folgt er bezeichnenderweise selbst dort, wo es auch zusätzlich einzelne auktoriale Behauptungen gibt, wie Christopher Pelling bemerkt hat.146 Es folgt daraus, dass das, was T ­ hukydides zu Seeherrschaft sagt, erst in einer sorgsamen Analyse aus dem Zusammenhang des Textes rekonstruiert werden muss, bevor überhaupt danach gefragt werden kann, was diese Aussagen in ihrer Zeit bedeu­ ­ hukydides also so darüber schrieb, wie tet haben mögen, mit welcher Intention T er schrieb, und inwiefern sich darin ein Eingriff in zeitgenössische Diskurse erkennen lässt. Die Aussage des Textes ist nicht einfach da, sie muss erst interpretierend erschlossen werden.147 Doch wie kann das gelingen, angesichts einer verwirrenden Vielfalt teils völlig konträrer Deutungen,148 die die Hoffnung auf eine ›richtige‹ Lesart noch aussichtsloser erscheinen lässt,149 als sie es angesichts der seit der zweiten Hälfte des 20. Jahrhunderts von verschiedener Seite gegen dieses hermeneutische Vorhaben vorgebrachten Einwände ohnehin sein mag? Sobald das Interesse der Untersuchung nicht länger allein auf der Rekonstruktion des Faktischen mittels der Quelle ­Thukydides liegt, sondern der Text selbst und die ihn prägenden Vorstellungen zum Untersuchungsgegenstand werden, müssen dessen Spezifika der Gestaltung und Sinngebung unweigerlich eine zentrale Rolle spielen. Bereits eingangs wurde ja kurz darauf verwiesen, dass  – wie schon Thomas Hobbes, Eduard Meyer, Hermann Strasburger und andere hervorgehoben haben  – bei antiker Geschichtsschreibung im Allgemeinen, bei T ­ hukydides jedoch im ganz Besonderen der formalen Gestaltung, der Auswahl des Berichteten, dessen Anordnung und Bezügen, also letztlich den primär literarischen Mitteln eine entscheidende Bedeutung im Hinblick auf die historiographische Aussageabsicht zukommt. Die auf den ersten Blick vermeintliche Polarität zwischen Wahrheitsanspruch und freier, subjektiver Gestaltung des Materials innerhalb eines historiographischen Berichts stellt sich daher auch nicht als solche dar, wie etwa Jonas Grethlein klar hervorgehoben hat: Bei T ­ hukydides wird »vieles nicht explizit gesagt, sondern durch 145 Siehe Strauss (2016) 94: »In his discussion of sea power Thucydides is less than systematic, as several scholars have noted. Yet Thucydides was not a systematic thinker.« 146 Siehe Pelling (2000) 89: »So narrative alone is not enough for Thucydides to make his points, and the brief analytical passages make things particularly clear; but narrative remained his primary medium, and he naturally did what he could to make his narrative suggest the points he found most vital.« 147 Dazu Baltrusch (2011) 149. 148 Dazu nun Morley (2016) 23. 149 Vgl. Skinner (2008) zur Frage, ob es überhaupt (noch) möglich ist, Texte zu ›inter­ pretieren‹.

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die kunstvolle literarische Gestaltung implizit gezeigt«, weshalb sich auch der »wissenschaftliche Charakter der Geschichtsschreibung und ihre literarische Gestalt« keineswegs widersprechen, da vielmehr »letztere in den Dienst der ersten gestellt« ist.150 Aus dieser Feststellung folgt auch, dass bei ­Thukydides die ›Bedeutung‹ der berichteten Geschehnisse für die Aussage des Textes zunächst keine eigentlich objektive, unwandelbare Größe ist; vielmehr ist das, was das Berichtete bedeuten soll, nur daraus zu erschließen, wie es berichtet wird, wie Hans-Peter Stahl hervorgehoben hat.151 Was heißt all das für die Frage nach der Funktion bestimmter Motive im Text und die Möglichkeit, eine konkrete Aussageabsicht zu rekonstruieren, die der Auswahl und Gestaltung des Materials leitend zugrundegelegen haben könnte? Es bedeutet vor allem, dass jede Untersuchung des Textes, die nach solchen Aussagen fragt, seine im eigentlichen Sinne dialogische bzw. dialektische Struktur berücksichtigen muss. Was ist damit gemeint? Damit ist gemeint, dass die Aussagen und ›Botschaften‹ des Textes nicht primär auf der Ebene der expliziten statements gesucht werden können, zumal diese  – im großen Unterschied auch zu anderen antiken Geschichtsschreibern – bei T ­ hukydides ohnehin auffallend selten sind.152 Diese zuvor lange dominante Praxis wurde von der jüngeren ­Thukydides-Forschung seit den 1960er Jahren als zwar keineswegs völlig obsolet, aber als unzureichend erwiesen, verstellt eine einseitige Konzentration auf die expliziten Kommentare doch den Blick auf die gerade angesprochenen, dem Genre der antiken Historiographie inhärenten anderen Mittel der Sinngebung. In seinem Aufsatz von 1977, in dem er diese ›neue Ära‹ der­ Thukydides-Interpretation kommentierte, hat Robert Connor diese Charakte­ ristik (nicht allein) des thukydideischen Werkes prägnant zusammengefasst: Now we have come to recognize that facts never speak for themselves unless selected and arranged by the narrator and that behind the shaping of any narrative lie principles or assumptions that are vital for the understanding of the work […]. The negative lesson is not to rely excessively on Thucydides’ explicit statements, since so many of these were never intended to bear a wider interpretive burden. The positive lesson is that Thucydides’ text is often the best possible commentary on itself.153 150 Grethlein (2005) 70. Vgl. dazu auch Luschnat (1970) 1236; Tsakmakis (1995b) 14; Pelling (2000) 89. 151 Siehe Stahl (1966) 136–137: »Hier liegt ein entscheidender Punkt für das Verständnis unseres Autors: die ›Bedeutung‹ eines Vorgangs ist bei ihm nie etwas Vorgegebenes (in der Art, daß ein ›Stoff‹ ausgewählt würde nach dem Grad seiner Eignung, eine vorformulierte These – oder ein Pathos – zu exemplifizieren), sondern immer wächst die Sinndeutung aus dem jeweiligen Geschehen hervor und ist von ihm unablösbar«. 152 Im Unterschied zu Autoren wie etwa Polybios; dazu Strasburger (1990) 229. Zu Thu­k y­di­­ des’ auktorialen Kommentaren vgl. Gribble (1998); de Bakker (2017). 153 Connor (1977) 298.

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Schon Teile der althistorischen Forschung hatten bereits vor längerer Zeit erkannt, wie wichtig auch die impliziten, in der Anlage des Werkes und dessen literarischer Gestaltung begründeten Methoden der Sinngebung bei T ­ hukydides sind, auch ohne das methodische Rüstzeug der Narratologie oder der Rezep­ tionsästhetik.154 Je mehr dann vor allem die philologische Forschung der letzten Jahrzehnte diese impliziten Mittel der Sinngebung bei T ­ hukydides herausarbeiten konnte,155 umso mehr mussten gerade die wenigen expliziten Bemerkungen, die zuvor als des objektiven Historikers zweifelsfreies und letztgültiges Urteil galten, in ihrer Aussagekraft relativiert werden. Auch wenn vereinzelt und in Details durchaus berechtigt die Mahnung geäußert wurde, man dürfe trotz alledem den literarischen Charakter des Textes nicht zu stark gegenüber dem historiographischen gewichten und ihn auch nicht überinterpretieren,156 so darf dieses grundsätzliche Verständnis des Textes doch als mittlerweile etabliert gelten. Es erscheint dabei auch kaum überzeugend, dem Werk des ­Thukydides mit dem Hinweis darauf, sein wohl intendiertes zeitgenössisches Publikum sei einer solchen doppelbödigen Lektüre gar nicht fähig gewesen,157 eine derartige Konstruktionsweise abzusprechen. Gerade die Doppelbödigkeit scheinbar einfacher Aussagen, die daher ständig hinterfragt, in ihrer situativen Gebundenheit gesehen und dadurch auch in ihrem Anspruch auf die Darlegung einer objektiven Wahrheit relativiert werden müssen, ist doch eines der ganz zentralen Probleme, das die geistige Produktion Athens im späteren 5.  Jahrhundert grundlegend prägte, in Dichtung und Philosophie gleichermaßen. Gerade im Vergleich mit der attischen Tragödie ergeben sich dabei bezeichnende Parallelen, sowohl in der Konstruktion von Sinn, in der Kombination aus didaktischem Anspruch und der Reflexion der Basis von Normen und Überzeugungen wie auch in allgemeinerer struktureller Hinsicht. Hans Diller etwa sah eine grundsätzliche Nähe des thukydideischen Werkes zur Tragödie des Euripides darin, dass beide das Entlarven und Enthüllen der von ihnen diagnostizierten Webfehler ihrer Umwelt als eine ihrer wesentlichen Aufgaben ansahen.158 Die Ähnlichkeiten zwischen T ­ hukydides und der Tragödie gehen jedoch, wie 154 Siehe vor allem Strasburger (1966) 73–74 sowie bereits E. Meyer (1899) 386. 155 Vgl. den Überblick bei Hornblower (1991–2008) II, 15–16. Beispielhaft ist die Aufstellung der wichtigsten Darstellungsmittel, die Rengakos (2011) 388 aus der Untersuchung von Connor (1984) erstellt hat: »die allmähliche Enthüllung wichtiger Informationen«, »die Erzeugung von Spannung«, »die Retardation«, »die aus der Diskrepanz zwischen dem Wissen des Lesers und dem Nicht-Wissen der handelnden Personen entstehende Ironie«, »die kompositorische Iuxtaposition«, »die Bildung von typischen Themen, Ereignismustern und ›narrativen Reihen‹« sowie intertextuelle Bezüge. 156 So Dover (1983) und Rhodes (1998). 157 So Kleinlogel (1995) bes. 57–59. Vgl. dagegen jedoch M. Meier (2006) 141 sowie generell Yunis (2003). 158 Diller (1962) 204. Vgl. auch Luschnat (1970) 1240.

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schon oft gesehen wurde,159 viel weiter, wie etwa Peter ­Euben jüngst erneut hervorgehoben hat: »I believe there are substantial continuities of substance and form between Greek tragedy and Thucydides’ History, continuities that are significant enough to establish the former as a preface to, and necessary condition for, understanding the latter.«160 Der Begriff, der mir, gerade auch angesichts der unweigerlichen Gefahren solcher Vergleiche,161 am geeignetsten erscheint, diese Verwandtschaft beider Texte auf den Punkt zu bringen, ist der der ›Dialektik‹. Beide Texte bzw. Gattungen verbindet der Umstand, dass sie zwar einerseits ausdrücklich didaktisch wirken wollen (so bei Thuk. 1,22,4),162 dabei jedoch die ›Wahrheit‹, die ›Botschaft‹ und damit die interne ›Bedeutung‹ des Textes nicht als einfach ablesbare Aussage formuliert wird, sondern erst im Zusammenspiel, teils auch dem Gegeneinander verschiedener Aussage- und Darstellungsebenen hervorgebracht werden muss, die Botschaft also ein flexibler Faktor ist, der der aktiven Einbeziehung des Rezipienten bedarf. Gerade darin erst verwirkliche sich, so Simon Goldhill, der eigentlich didaktische Zweck der Tragödie: Bedeutung existiere darin nicht per se auf der Ebene der eigentlichen Aussagen, sondern »is produced in the relation between actor and chorus, scene and stasimon […]. It is this dialectic, this play of difference, that is in part the reason why tragedy is a genre apparently most given to generalization and didacticism, and yet so difficult to tie down to a consistent, finalized ›message‹«.163 ­Thukydides’ Geschichtswerk funktioniert nach grundsätzlich ähnlichen Prinzipien, wie bereits verschiedentlich erkannt wurde,164 und auch das Verhältnis zwischen generalisierenden Aussagen und der Schwierigkeit, die eine ›Botschaft‹ dahinter zu bestimmen, verbindet beide Texte. Bedeutung ist bei beiden nicht statisch, sondern wird erst hervorgebracht – darin ähneln sich die Tragödie und die Geschichtsschreibung des ­Thukydides in hohem Maße. Die eingangs konstatierte Diskrepanz zwischen teils völlig konträren Deutungen des Textes liegt wohl auch darin begründet, dass diese Dialektik der Sinngebung in der Interpretation nicht genügend respektiert und eine der Textebenen in ihrer Bedeutung für die Aussage des Ganzen über die anderen erhoben wird. Aus einem, nur komplementären Teil der Aussage wird dann das 159 Siehe etwa Reinhardt (1966) 215; Stahl (1966) 136–137; Flashar (1969) 40, 44, 54; Luschnat (1970) 1253–1256; Euben (1990) 173; Lebow (2003) 126–128. 160 Euben (2012) 93. 161 Siehe Connor (1982) 281: »Many of these comparisons, to be sure, are trivial or fail to specify precisely in what sense the comparison is intended. Allmost all historical narratives are tragic in the sense that they concern suffering and loss. More significant are attempts to show that the Histories share techniques or a viewpoint with contem­ porary tragic drama.« 162 Zum didaktischen Anspruch der Tragödie Goldhill (2000). 163 Goldhill (1986) 271. 164 Siehe etwa Stahl (1966) 136–137; Luschnat (1970) 1232.

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Denken des ­Thukydides als absolute Größe rekonstruiert. Exemplarisch vermag dies die oft gestellte Frage nach dem Urteil des ­Thukydides über Sparta zu verdeutlichen, eine Forschungsfrage, die man mit Hinweis auf diese oder jene Passage ganz unterschiedlich zu beantworten versucht hat und deren daher offensichtliches Manko Ernst Baltrusch zu Recht hervorgehoben hat: Zwar ließen sich, so Baltrusch, für alle der vorgebrachten »Auffassungen […] aus dem Werk Belege anführen«, doch hätten die jeweils als ›Beleg‹ gebrauchten Passagen »immer ihre konkrete Funktion im Zusammenhang der berichteten Ereignisse«, weshalb man aus ihnen nur dann grundsätzliche ›Haltungen‹ des ­Thukydides zu den untersuchten Fragen ableiten könne, »wenn man sie gegeneinander ausspielt«; das sei jedoch »vollständig gegen die Intention des Autors«. Man könne, so Baltrusch weiter, »nur aus den Erga, aus der Entwicklung des Krieges, mithin aus dem ›Gesamtzusammenhang‹ des ›Getanen‹ erschließen«, welche Ansichten ­Thukydides zu einzelnen Gegenständen und Problemen vertreten haben könnte.165 Als bestimmende methodische Prämisse der vorliegenden Untersuchung wird diese Forderung das weitere Vorgehen prägen.166

1.4 Aufbau der Untersuchung Die im Vorhergehenden erläuterte Charakteristik des thukydideischen Textes und dessen spezifisches Konstruktionsprinzip des Nebeneinanders von wenigen auktorialen Kommentaren, narrativen Passagen des Kriegsberichts und diesen begleitenden, kommentierenden und reflektierenden Reden schlägt sich auch im Aufbau der Untersuchung wieder. Ich gehe dabei von der Beobachtung aus, dass sich Seeherrschaft bei T ­ hukydides in verschiedenen Ebenen des Textes manifestiert und als Motiv erkennen lässt: in seiner eigenen Analyse historischer Prozesse, wie sie vor allem die Archäologie zu Beginn des Werkes bietet; sodann im Wortgebrauch, also zum einen in der bloßen Existenz bestimmter charakteristischer Formulierungen, zum anderen in deren konkreter Verwendung im Text; ferner in den Reden der Protagonisten des Werkes, die über die Beherrschung des Meeres sprechen; schließlich im eigentlichen Kriegsbericht selbst, also in ­Thukydides’ Schilderung der konkreten maritimen Ereignisse des Peloponnesischen Krieges. An dieser Unterteilung orientiert sich auch der Aufbau des Hauptteils der Untersuchung. 165 Baltrusch (2011) 139. 166 Eine Diskussion der ›Thukydideischen Frage‹ kann und muss hier unterbleiben; vgl. dazu den Überblick bei Rengakos (2011) 382–387. Im Folgenden gehe ich von einer im Grunde ›unitarischen‹ Position aus, wie sie seit Finley (1942) und de Romilly (1951) vorherrschend geworden ist; dazu auch Connor (1984) 9–11; Pelling (2000) 93; Rengakos (2011) 385.

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Zunächst (Kap.  2) werde ich die Archäologie, also die einleitenden und in vielerlei Hinsicht programmatischen Kapitel des Werkes, die oft als Basis einer apologetischen Deutung des Textes begriffen werden (2.1), einer neuen Lektüre im Hinblick auf Seeherrschaft unterziehen und dabei vor allem nach der Funktion fragen, die die Charakteristik maritimer Macht, wie sie T ­ hukydides in diesen Partien zeichnet, in Relation zum folgenden Kriegsbericht zu erfüllen hat. Dabei zeigt sich (2.2), dass ­Thukydides zwar innerhalb dieser einleitenden  Kapitel durchaus der Beherrschung des Meeres eine gewichtige Rolle innerhalb historischer Prozesse der Entstehung und Konsolidierung von Macht zuweist, er zugleich jedoch auch für die destruktiven Kräfte dieser Macht sensibilisiert und sie daher keineswegs als absolut zu verstehendes ›Machtprinzip‹ zeichnet. Zudem bietet die der Archäologie folgende Pentekontaetie bereits einen Eindruck davon, dass der Glaube an maritime Überlegenheit einen weit wichtigeren Faktor der Analyse des ­Thukydides darstellen wird als diese Macht selbst. Anschließend (Kap. 3) rücken der Wortgebrauch des ­Thukydides und seine Verwendung der Seeherrschafts-Terminologie ins Zentrum des Interesses: Dazu werde ich zunächst einen allgemeinen Überblick über die griechische Seeherrschafts-Terminologie bieten (3.1), bevor dann mit der Formulierung τὸ τῆς θαλάσσης κράτος der sicherlich prominenteste und wirkungsvollste Ausdruck für Seeherrschaft im Werk auf seine konkrete Verwendung und Bedeutung hin untersucht wird (3.2). Dabei wird sich herausstellen, dass T ­ hukydides diese zentrale und auch in der Rezeption seines Textes ungeheuer prominente Formulierung keineswegs als ein gültiges Axiom mit gleichsam ›statischer‹ Bedeutung begreift, sondern ihr – gemäß seiner an anderer Stelle (3,82,4) formulierten Einsicht in die situativ bedingte Kontextabhängigkeit von Wortverwendungen  – ein das gesamte Werk umspannendes dramatisches ›Schicksal‹ zuschreibt. Anhand der daran ersichtlichen Verfallskurve der Idee maritimer Überlegenheit lassen sich von der Zeit vor Kriegsbeginn bis hin zu Buch 8 und dem Jahr 411 einige grundlegende Analysen des Werkes exemplifizieren. Das folgende und für die gesamte Untersuchung zentrale Kapitel 4 ist der Dialektik von Reden (logoi) und Ereignissen bzw. Taten (erga) im Werk gewidmet. Zunächst wird dazu eingehend analysiert werden, wie vor allem ­Perikles in seinen Reden ein rhetorisch höchst suggestives und (zunächst) erfolgreiches Bild unbegrenzbarer athenischer Meeresbeherrschung entwirft, das die gesamte dramatische Entwicklung von Seeherrschaft bei ­Thukydides eng mit der Figur des Strategen verbunden erscheinen lässt, mit welchen Mitteln dies geschieht und zu welchen Zwecken (4.1). Daran anschließend (4.2) werde ich darlegen, wie ­Thukydides zu dieser These des ­Perikles mittels der konkreten Kriegsberichte eine Art Antithese formuliert. Dabei kommt der Einsicht des­ Thukydides in die ganz konkret-faktische Begrenzung der Möglichkeiten anti-

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Einleitung

ken Seekrieges eine entscheidende Rolle zu, da ich davon ausgehe, dass er diese Einsicht dazu genutzt hat, um mittels verschiedener narrativer Muster und Motive einen Kontrapunkt zur Überhöhung der maritimen Macht Athens durch­ Perikles zu setzen. Diese narrativen Komplexe sind 1. das wiederkehrende Motiv des gefährdeten Hafens, der fast von der Gegenseite eingenommen werden konnte (4.2.1); sodann 2. der wiederholt im Text thematisierte Hinweis auf die unvermeidlichen Schlupflöcher im Netz jeder Seeherrschaft (4.2.2); schließlich 3. die dialektische Konstruktion von dritter P ­ eriklesrede und Sizilienexpedition in funktionaler Analogie zum Diptychon von Leichenrede und Pestbeschreibung (4.2.3). Dadurch verdeutlicht T ­ hukydides nicht nur dramatisch das (vorläufige) Scheitern athenischer Ambitionen zur See, sondern positioniert im Text durch die schrittweise Dekonstruktion des psychologischen Charakters athenischer Überlegenheit zur See, wie er in den Büchern zuvor formuliert worden ist, auch ein notwendiges Pendant zur Überhöhung athenischer Macht durch­ Perikles, bevor dann mit Buch 8 das Kriegsgeschehen und auch die Selbstsicht der Parteien gleichsam von neuem im Entstehen gezeigt wird, letztlich ›bereinigt‹ um die Exzesse früherer Selbsteinschätzung. Das fünfte Kapitel setzt sich mit der unausweichlichen Frage auseinander, wie eine derartige Lesart des Werkes mit der scheinbar ungebrochenen Bewunderung des ­Thukydides für ­Perikles und dessen Kriegsplan zu vereinbaren ist. Dabei wird, nach einem kurzen Blick auf die keineswegs einhellige Bewertung der dafür relevanten Passage 2,65 in der Forschung (5.1), die ganz konkrete Funktion analysiert werden, die dem Argument Seeherrschaft in der perikleischen Rhetorik und auch darüber hinaus in den Versuchen der Protagonisten des Werkes, ihre Ansichten zu ›verkaufen‹, zukommt (5.2). Wie sich zeigen lässt, kommentiert ­Thukydides durch die zuvor analysierten Kontrapunkte des Kriegsberichts keineswegs in erster Linie den konkreten perikleischen Kriegsplan, sondern unterzieht vielmehr die Inanspruchnahme und teils idealisierende Überhöhung des Motivs der Meeresbeherrschung in der politischen Rhetorik kritischer Überprüfung, wobei dieser Aspekt keineswegs auf P ­ erikles beschränkt ist, sondern sich durch das gesamte Werk zieht, von ­Perikles’ erster Rede in Buch 1 bis hin zu den letzten Kapiteln des achten Buches. Dadurch kann der konkrete Ort deutlich gemacht werden, den Seeherrschaft in ­Thukydides’ Analyse zugewiesen bekommt: Weit davon entfernt, ein axiomatisch vorgetragenes Machtprinzip zu sein, ist das Reden über Seeherrschaft für T ­ hukydides zuallererst ein Werkzeug in den Händen derjenigen, die eine entscheidungsbefugte Versammlung von ihrem Standpunkt überzeugen wollen, und muss daher genauso sorgsam auf seine tatsächliche Berechtigung hin überprüft werden wie jedes andere Element politischer Rhetorik. Daher ist Seeherrschaft, ist das Meer bei – nicht für – T ­ hukydides ein Versprechen, wie es auch im Titel der Untersuchung formuliert ist.

Aufbau der Untersuchung 

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Im abschließenden Kapitel 6 werden die Ergebnisse nochmals zusammengefasst und in ihren ideengeschichtlichen Kontext eingeordnet. Zunächst wird dazu die Frage diskutiert werden, wie überhaupt ein ›Kontext‹ der Ausführungen des ­Thukydides über Seeherrschaft rekonstruiert werden kann. Anschließend werden die Ergebnisse der Analyse des Textes in Bezug zu dem von Athen ausgehenden ›Könnens-Bewusstsein‹ (Christian Meier) gesetzt, das besonders auch die Seefahrt in den Mittelpunkt rückte, und es wird die Frage gestellt, wie sich T ­ hukydides zu dieser Idee der Weltbemächtigung positionierte (6.1). Dabei zeigt sich, dass ­Thukydides kein ungebrochen affirmatives Bekenntnis zur ›Beherrschbarkeit‹ des Meeres mittels technischer Erfindungsgabe formuliert, sondern ein ebenso ambivalentes, mit Zweifeln durchsetztes Urteil abgibt, wie es für andere Texte der Zeit – attische Tragödie, Herodot – konstatiert werden kann. Zuletzt (6.2) wird dann nach dem Verhältnis dieser Botschaft zur politischen Rhetorik und Argumentation im ausgehenden 5. Jahrhundert gefragt. Auch durch eine historische Kontextualisierung erweist sich Thukydides’ Ge­ schichte des Peloponnesischen Krieges dadurch schlussendlich als ein kraftvolles Plädoyer gegen eine simplifizierende Rhetorik und wohlklingende Klischees einer politischen Sprache, die suggestive Bilder von der ›Größe‹ unbegrenzter Meeresbeherrschung an Stelle nüchterner Überlegungen zur Basis von Entscheidungen werden ließen.

2. Die Archäologie

T ­ hukydides’ sogenannte Archäologie, die auf das Prooimion folgenden ersten Kapitel seines Werkes (1,2–19),1 gilt gemeinhin als der »locus classicus for Greek ideas on the role of seapower in history«.2 Arnaldo Momigliano etwa befand, die gesamte historische Entwicklung Griechenlands bis hin zu den Perserkriegen sei hier »described in terms of naval power«,3 ein Anzeichen unter vielen dafür, dass ­Thukydides in diesen Kapiteln nicht nur die ältere Vergangenheit rekonstruierte, soweit es ihm möglich war, sondern auch »das Streben nach Reichtum und Seeherrschaft zum Strukturprinzip der griechischen Geschichte bis in seine Zeit erhoben hat«.4 Wie wohl – abgesehen von einigen Partien besonders in den Reden des P ­ erikles – kein anderer Teil seines Geschichtswerkes, ja letztlich der gesamten antiken Literatur, scheinen diese Kapitel das Zeugnis schlechthin zu sein für einen systematischen, analytisch vorgehenden und an der Ausarbeitung theoretisierbarer Maximen interessierten Blick der Antike auf das Phänomen der maritim basierten Macht, wie er in dieser Form einzigartig sei.5 Dieter Timpe etwa sah in der Archäologie des ­Thukydides die Entwicklung der »Konzeption einer ἀρχὴ τῆς θαλάσσης« im späteren 5. Jahrhundert dokumentiert, die »die Begriffe von Macht und Herrschaft auf das Meer« angewendet und »Flottenbesitz, Seekontrolle und Piratenbeseitigung mit Erobe­rung, Aus1 Aus der Vielzahl an Literatur zu diesem oft besprochenen Teil  des Werkes sei neben den entsprechenden Partien in den Kommentaren von Gomme, Andrewes u. Dover ­(1945–1981) I, 91–157 und Hornblower (1991–2008) I, 7–66 vor allem auf die Untersuchung von Erbse (1979c)  verwiesen. Zur Struktur und Komposition der Archäologie vgl. ferner die Ausführungen von Tsakmakis (1995b) 25–63. Zu ­Thukydides’ Methodik in der Rekonstruktion der Vergangenheit und zur Zielsetzung der Archäologie vgl. auch Hunter (1980). 2 Figueira (1985) 62. 3 Momigliano (1944) 3. Vgl. auch de Romilly (1951) 63 (»Les chapitres d’introduction […] sont en effet qu’une histoire des maîtres de la mer«) sowie Hornblower (1991–2008) I, 3. Irwin (2009) 399 sieht in diesen einleitenden Kapiteln sogar das Zeugnis einer »contem­ porary obsession with the history of thalassocracy«. 4 R. Schulz (2005) 10. 5 Etwa de Romilly (1956) 261–273.

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Die Archäologie

beutung, Beherrschung und Kolonisation von Gegenküsten« verknüpft habe.6 Dabei habe nicht etwa der Einblick in die spärlichen Zeugnisse früherer Zeit­ Thukydides’ Urteil über den Wert maritimer Macht bestimmt, sondern vielmehr eine in seinem Denken bereits vorgeformte, auf der Anschauung seiner eigenen Zeit basierende »theory of sea power« seine Darlegung geprägt.7 Selbst die wiederholt vorgetragenen Warnungen Chester Starrs, die nur oberflächlich betrachtet große Bedeutung des Maritimen in diesen Kapiteln könne leicht zu verzerrenden Fehleinschätzungen der Relevanz von Seemacht im restlichen Werk führen und aus T ­ hukydides einen systematisch vorgehenden Marinetheoretiker avant la lettre machen, der er gar nicht gewesen sei,8 konnten dieser Deutung der Archäologie keinen Abbruch tun.

2.1 Apologie der Seeherrschaft und maritimes Machtprinzip? Die Archäologie in der Forschung Welche Botschaften die Archäologie hinsichtlich des Phänomens Seeherrschaft genau bereithält und welche nicht, wird im Folgenden untersucht werden müssen. Zuvor sind jedoch noch einige, wenngleich skizzenhafte, Bemerkungen zu den großen Linien und Tendenzen der Forschung notwendig. Abgesehen nämlich von ihrem tatsächlichen Gehalt sind die Darlegungen der Archäologie auch aus einem weiteren Grund von entscheidender Bedeutung für die Untersuchung von Seeherrschaft bei T ­ hukydides, zwingen sie doch unweigerlich zur Auseinandersetzung mit ganz grundlegenden Problemen der Interpretationen der Absichten und des historiographischen Vorgehens des Werkes. Zum einen gelten diese Kapitel gemeinhin als der Versuch des Historikers, eine Abfolge, in mancher Lesart gar eine regelrechte Genealogie der Seeherrschaften zu konstruieren, die vom kretischen König Minos bis (implizit zumindest) hin zu Athen reicht,9 um dadurch Seeherrschaft als eine ›natürliche‹, weil immer schon praktizierte und daher auch legitimierte Form der Machtausübung zu erweisen.10 Die Beherrschung des Meeres werde durch ­Thukydides so als ein allgemeines Strukturelement der historischen Entwicklung und als

6 Timpe (2004) 5 mit Anm. 5. 7 So etwa neben vielen anderen H. Rawlings (2010) 281: »For early history, Thucydides has limited means: he scrutinizes the scant and untrustworthy evidence available and arrives at broad conclusions, conclusions based upon a theory of sea power that is, in turn, based heavily upon the model of the contemporary Athenian Empire.« 8 Siehe Starr (1978) 345–346; (1989) 27. 9 So bei Constantakopoulou (2007) 92; Laspe u. Schubert (2012) 16 mit Anm. 67. 10 Zu ›Natürlichkeit‹ und Zwangsläufigkeit in der Archäologie vgl. Irwin (2007) 195–196.

Apologie der Seeherrschaft und maritimes Machtprinzip? 

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ein natürliches Produkt in der griechischen Welt präsentiert.11 Dadurch habe er Seeherrschaft als den Maßstab jeglicher zivilisatorischer Entwicklung hervorheben wollen.12 Zudem sei ihm auch daran gelegen gewesen, die Bedeutung dieses Phänomens innerhalb historischer Prozesse klar herauszustellen, was auch heute noch eine darauf basierende Rekonstruktion und Definition von Seeherrschaft als »flächendeckender Hegemonie« zur See erlaube.13 Die Botschaft, die eine Lektüre der Archäologie somit jedem Leser mit auf den Weg gebe – sowohl als eine ›Leseanleitung‹, die ihn auf die folgende historische Darstellung vorbereite,14 als auch als grundlegendere Leitsätze über die Möglichkeiten maritimer Machtpolitik –, ist so oft beschrieben worden, dass sie hier nur in aller Kürze wiederholt werden muss.15 In Hartmut Erbses Worten: Dass »Geld und Flotte« der entscheidende Schlüssel zum Aufbau jeglicher Macht seien, diese Lehre habe ­Thukydides »dem Leser von Anfang an mit unerbittlicher Regelmäßigkeit eingehämmert«.16 Die Archäologie erfülle somit neben ihrem eigentlichen Zweck, der Begründung der anfänglichen These des ­Thukydides von der Bedeutung des Peloponnesischen Krieges (1,1,1), noch einen zweiten, nämlich den, dem Leser in Form einer Art Exposition diejenigen zentralen und immer wiederkehrenden Motive und Prinzipien der historischen Entwicklung in komprimierter Form darzubieten, die dann in der folgenden ›Durchführung‹ des historiographischen Berichts zur vollen Entfaltung kommen werden.17 Die Funktion der Archäologie als vermeintlicher Demonstration der überragenden Bedeutung maritimer Macht beschränke sich jedoch nicht allein auf die Betonung der historischen Relevanz dieses Faktors. Eng verbunden mit dieser Lesart ist eine weitere, der zufolge T ­ hukydides die von ihm beschriebenen früheren Seeherrschaften keineswegs nur zum Zwecke der Erhellung struk-

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Etwa bei Kagan (1991) 112; Constantakopoulou (2007) 92–93; Irwin (2007) 193–204. Siehe etwa Starr (1955) 291. R. Schulz (2005) 10. Siehe etwa Finley (1942) 87. Exemplarisch etwa bei de Romilly (1956) 261–262: »En effet, la flotte permet le commerce. Le commerce apporte des revenues. Les revenues donnent naissance à un trésor. Le trésor, d’autre part, est lié à la stabilité, laquelle entraîne l’existence de remparts. Et ces trois termes, flotte-trésor-remparts, permettent alors à un État d’engrouper d’autres, plus nombreux, sous sa domination, et d’acquérir la force.« 16 Erbse (1961) 26. Vgl. auch Erbse (1979c) 258. 17 Siehe dazu Jaeger (1959) 485: »In der Erzählung des Krieges stellen sich dieselben Prinzipien viel näher und weniger übersichtlich, weil auf größerem Raume dar, hier dagegen treten sie uns fast rein und mit einem Minimum von Stoff belastet entgegen. Die Stichworte der modernen Realpolitik wiederholen sich in der Vorgeschichte mit fast stereotyper Regelmäßigkeit und prägen sich dem Leser so ein, daß er an die Darstellung des Krieges mit dem Bewußtsein herantritt, daß es sich um die größte Machtentfaltung und Machtkrisis handelt, die jemals in der griechischen Geschichte dagewesen ist.«

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Die Archäologie

tureller Aspekte der historischen Entwicklung hervorhob, sondern damit zugleich auch eine apologetische Intention verfolgte: Der in diesen Kapiteln mit allen Mitteln der Kunst erbrachte Beweis der ›Natürlichkeit‹ und Zwangsläufigkeit der maritimen Machtakkumulation diene letztlich vor allem dazu, schon vor Beginn der eigentlichen Kriegserzählung zu erweisen, dass auch Athen zu­ Thukydides’ Zeit nur nach schon immer gültigen Prinzipien gehandelt habe, ja handeln habe müssen.18 Somit sei auch der Seebund als Seeherrschaft, als eine ›Thalassokratie‹ vom Vorwurf der Ungerechtigkeit und der Immoralität, wie er von den Untertanen Athens erhoben worden sein mag,19 freizusprechen, war die in ihm praktizierte Form der Politik doch  – historisch ›bewiesen‹  – alternativlos. Diese Deutung, die keineswegs neu ist,20 vertrat erst kürzlich (und besonders explizit) Elizabeth Irwin, weshalb sie hier auch exemplarisch zitiert sei: The proem [gemeint ist die Archäologie] goes on to present the process once more in the historical period (1.15), where it attains total independence from the mythic paradigms in order to demonstrate as  a universal phenomenon the strength that arises from naval power […]. Ever more abstractly formulated, the process evokes the telos of Thucydides’ historical narrative, Athens’ acquisition of naval archē, the newest, last, and greatest thalassocracy, its origin to be narrated in the Pentekontaetia, by which time, if the proem has been effective, such a trajectory will be received not as aggressive imperial expansion, but as a dynamic of history, an instantiation of the ›natural‹ growth that comes, and has always come, from naval power.21

Die Bedeutung, die dem Motiv der Seeherrschaft in einer solchen Lesart zukommt, ist augenfällig: Was sonst vielleicht nur ein Aspekt unter vielen gewesen sein mag, eine Erklärung dafür, weshalb die Vergangenheit in ihren Schwächen wie in ihren Stärken so war, wie sie war, wird hier aufs engste mit der vermeintlichen Gesamtintention des thukydideischen Werkes verknüpft, ex eventu als eine Verteidigungsschrift athenischer Machtpolitik zu fungieren. Nur vor diesem Hintergrund sei dann auch die oft bemerkte historiographische Konkurrenz zwischen Herodot und T ­ hukydides zu verorten: Wo der eine, ­Thukydides, Minos als den Prototyp athenischer ›Thalassokratie‹ zum ersten ägäischen Imperialisten und nachzuahmenden Erfolgsmodell stilisiert habe22, da habe der andere, Herodot, diese Interpretation mit der gewissermaßen anti-athenischen

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Dazu etwa Kagan (1991) 112; Constantakopoulou (2007) 92. Siehe Momigliano (1944) 2. Siehe dazu den Überblick bei Stahl (1966) 25.  Irwin (2007) 197–198. Siehe etwa Calame (1996) 426: »La thalassocratie minoenne est bien le miroir, ou la préfiguration, de l’hégémonie athénienne sur le bassin égéen.«

Apologie der Seeherrschaft und maritimes Machtprinzip? 

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Gegenversion konfrontiert, erst Polykrates von Samos könne beanspruchen, frühester Seeherrscher der Geschichte genannt zu werden (3,122,2).23 Hinter dem nur auf den ersten Blick objektiven Versuch der Rekonstruktion früherer Seeherrschaften stehe daher bei T ­ hukydides zunächst der Wunsch, apologetisch den von den Zeitgenossen oftmals wegen seiner Methoden kritisierten maritimen Imperialismus athenischer Prägung zu verteidigen. Der Figur des P ­ erikles kommt in diesem Zusammenhang wie so häufig besondere Bedeutung zu. Fritz Bizer etwa folgerte in seiner Untersuchung der Ar­ chäologie, ­Thukydides habe darin vom Standpunkt seiner tiefen Bewunderung athenischer Größe aus »eine Rechtfertigung und Verteidigung der perikleischen Machtpolitik von der geschichtlichen Seite her« erbringen wollen.24 Aus dieser Logik ergibt sich dann auch leicht der Schluss, welche inhaltliche Tendenz die Rekonstruktion der Archäologie in ihrer so starken Betonung der ›natürlichen‹ Prozesshaftigkeit des historischen Ablaufs verraten könne: Selbst die »Gewaltherrschaft« Athens müsse im Lichte dieser Kapitel als »historische Notwendigkeit« erscheinen, »für die niemand verantwortlich zu machen ist«. Das aber bedeute, dass aufgrund dieser Zwangsläufigkeit die Aufrechterhalten dieser Herrschaft ein »ehernes Gesetz für jeden attischen Politiker« und daher »der Vorwurf ungerechter Gewaltherrschaft und verbrecherischer Kriegspolitik, der nach Athens Sturz gegen ­Perikles erhoben wurde, […] sinnlos« gewesen sei. Für die persönliche Haltung des ­Thukydides könne dies nur einen Schluss zulassen: »So steht er gleich in der Archäologie vor uns als attischer Imperialist und glühender Bewunderer und Verteidiger des P ­ erikles und seiner Politik, deren Richtigkeit und Notwendigkeit, entgegen den Anwürfen seiner scheinbar im Recht befindlichen Gegner, zu beweisen ihm nach 404 mehr und mehr zum Zweck seines Werkes geworden zu sein scheint.«25 Mit dem immer noch diskutierten und keineswegs eindeutig zu beantwortenden Problem der Haltung des T ­ hukydides gegenüber P ­ erikles und dessen Politik werde ich mich an späterer Stelle noch ausführlicher auseinandersetzen,26 weshalb eine Er­örte­ rung dieser Frage hier unterbleiben kann. Fürs erste genügt es festzuhalten, dass sich diese Lesart nur zu leicht mit der Annahme einer tiefen Bewunderung des ­Thukydides für Athens Seeherrschaft, die ›Thalassokratie‹, wie sie ­Perikles propagiert habe, verbinden ließ.27 Die maritime Politik des P ­ erikles habe dabei nur »the ancient secret of power which Minos and Agamemnon had used

23 So die Grundthese des Aufsatzes von Irwin (2007). Vgl. auch Irwin (2009) sowie Pelling (2011) zu Herodots Beziehung zu Samos. 24 Bizer (1968) 47. Vgl. auch de Romilly (1966) 182. 25 Bizer (1968) 41–42. Vgl. auch Momigliano (1944) 3. 26 Siehe unten Kap. 5.1. 27 Etwa bei Plenio (1954) 48–49.

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before him« angewendet,28 könne also als eine Anwendung von historisch als erfolgversprechend erwiesenen Prinzipien begriffen werden. Warum sollte dann die Existenz athenischer Meeresbeherrschung überhaupt zur Diskussion stehen oder das Vertrauen in diese Machtfaktoren hinterfragt werden, wenn sie doch ­Thukydides selbst als scheinbar unumstößlich präsentierte und sich sogar die Mühe machte, ihnen nirgendwo anders als mitten auf der »Visitenkarte des ganzen Werkes« eine historische Fundierung zu verleihen?29 Die dem zugrundeliegende These einer apologetischen Tendenz der thukydideischen Darstellung von Seeherrschaft wurde zwar vielfach geäußert,30 jedoch gerade auch hinsichtlich der Archäologie bestritten, etwa von Hans-Peter Stahl oder auch Antonis Tsakmakis. Letzterer sprach sich dabei ganz vehement gegen eine derartige Deutung aus, die ihm zufolge vor allem auf einer Verkennung der tatsächlichen Gewichtung der Argumente dieser Kapitel beruht.31 Derartige Lesarten müssen sich dabei nicht nur den Vorwurf gefallen lassen, selbst dort von der oft nicht näher hinterfragten Prämisse einer persönlichen Bewunderung des ­Thukydides für Athens Machtpolitik auszugehen, wo diese nicht das Thema der Darstellung ist,32 sondern sehen sich auch im Werk selbst mit enormen Hürden konfrontiert. Eine der ganz grundlegenden Aporien (oder auch Ironien) der thukydideischen Darstellung liegt doch genau darin, dass die in der Archäologie scheinbar aufgestellte Rechnung gerade nicht aufgeht und Athen, obwohl es das dort entwickelte ›Machtprinzip‹ doch buchstabengetreu befolgte, eben nicht als Sieger aus dem Krieg hervorging, sondern diejenigen, die in dieser sehr verengten Sicht auf die Botschaft dieser Kapitel eigentlich unmöglich siegreich sein konnten: die Spartaner, die  – wie ­Thukydides ­Perikles in deutlichem Bezug auf die Archäologie formulieren lässt (1,141,3–5) – weder über Geld noch über eine konkurrenzfähige Flotte verfügten und somit der ›Lehre‹ der Archäologie zuwiderhandelten.33 Gerade angesichts der späteren Niederlage Athens, die der folgende historische Bericht in allen Details 28 Finley (1967) 141. Vgl. auch Hornblower (1991–2008) I, 229 (zu P ­ erikles’ Gnome μέγα γὰρ τὸ τῆς θαλάσσης κράτος in 1,143,4): »One of the main messages of the Archaeology«. 29 Die Formulierung von Erbse (1979c) 246. 30 Etwa von Momigliano (1944) 3 und Plenio (1954) 48, 94. Vgl. auch Herter (1953) 621 zur ersten ­Periklesrede. Zur Kritik an dieser Annahme vgl. Stahl (1966) 22–26. 31 Tsakmakis (1995b)  44–45: »Unannehmbar ist auch die Ansicht, ­Thukydides hätte beabsichtigt, die athenische Machtpolitik durch die Archäologie zu rechtfertigen oder die Bedeutung der Macht und der Flotte für den Krieg in einer ›Ouvertüre‹ anzudeuten.« Vgl. dazu auch Stahl (1966) 25–27; Price (2001) 342–343; Foster (2010) 8–9 mit Anm. 1, 20–21. 32 Siehe Stahl (1966) 25.  Die Reduktion der Archäologie auf eine Auseinandersetzung mit den Machtgrundlagen Athens problematisieren Hunter (1980) 206 und Tsakmakis (1995b) 45. 33 Siehe Malitz (1982) 287–288; Connor (1984) 34. Price (2001) 176–177, 186–187 zu den thematischen Anklängen an die Archäologie in den P ­ eriklesreden.

Die Funktion von Seeherrschaft in der Archäologie

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und teils schonungslos ausbreitet, erscheint nicht recht verständlich, weshalb­ Thukydides die ›Visitenkarte‹ seines Werkes hätte nutzen sollen, um eine Theorie zu entwickeln, die dann  – aus welchen Gründen auch immer  – gar nicht wirklich funktioniert.34 Diese Widersprüchlichkeit verdeutlicht nicht nur, dass mit einer einseitigen Lektüre der Archäologie, die sich nur auf die Gewinnung einer ›Seemachtslehre‹ oder einer ›maritimen Sicht der Geschichte‹ versteifen will, nicht viel gewonnen ist, sondern drängt vielmehr die Frage auf, ob sich nicht auch eine Untersuchung des Themenkomplexes Seeherrschaft in diesen Kapiteln letztlich kaum von der Überlegung trennen lässt, was ­Thukydides mit seiner Darstellung bezweckte, wie sich seine Aussagen zu diesem Phänomen zu der Grundtendenz seines Werkes verhalten und wie sie von dieser her gesehen zu bewerten sind.35

2.2 Die Funktion von Seeherrschaft in der Archäologie Es soll nicht das Ziel der folgenden Überlegungen sein, die Bedeutung der maritimen Macht in ­Thukydides’ Abhandlung generell herunterzuspielen; das hieße doch, gegen die explizite Aussage des Textes zu argumentieren. Unstrittig (und letztlich auch unbestreitbar) ist, dass Seeherrschaft in der Archäologie sehr prominent behandelt wird. Das lässt ein Blick auf den Text, die behandelten historischen Phänomene und auch die Schwerpunkte der Rekonstruktion klar erkennen.36 Ebenso ist auch die oft geäußerte Ansicht kaum von der Hand zu weisen, T ­ hukydides habe die Erkenntnisse über das Funktionieren der maritimen archē Athens als erster in der Geschichtsschreibung angewendet und als analytisches Modell auch auf die Frühzeit übertragen. Den ›Beweis‹ dieser »important lessons about power« erbringt T ­ hukydides an mehre­ren historischen 34 Siehe dazu Hunter (1980) 195–196. Ausgeklammert werden muss an dieser Stelle die Frage nach den Entstehungsschichten des Werkes und damit auch nach dem Bearbeitungsstadium der Archäologie. Erkennt man etwa mit Schadewaldt (1929) 64 Anm. 2 in der Archäologie ein frühes, ursprünglich nur in Bezug auf den Archidamischen Krieg verfasstes Stück, so »wird gerade bei der Abfassung der Archäologie in der Zeit der unerschütterten Seemacht die Konzeption des ναυτικόν als des entscheidenden Faktors in der Machtentfaltung Griechenlands begreiflich« und das geschilderte Problem löst sich in Luft auf. Dagegen sei nur auf Erbse (1979c) 246 mit der überzeugenden Gegenargumentation verwiesen, dass es »von vornherein als unwahrscheinlich gelten« müsse, »daß der alternde Historiker, auch wenn er frühere Anschauungen aufgegeben haben und zu neuen grundlegenden Einsichten gelangt sein sollte, gerade das Prooimion (die Visitenkarte des ganzen Werkes) bis zu seinem Tode in einem trümmerhaften Zustande habe liegen lassen«. 35 So richtig R. Schulz (2011) 79. 36 Vgl. etwa Hornblower (1991–2008) I, 3. 

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Die Archäologie

Exempla,37 die sich fast durch die gesamte Archäologie ziehen, diese Kapitel in gewisser Weise gliedern und eine Brücke schlagen von der (modern gesprochen) prähistorischen Zeit der griechischen Frühgeschichte bis hin zu T ­ hukydides’ eigener Lebenswelt. Den Anfang markiert dabei die Seeherrschaft des Kreterkönigs Minos, in deren Darstellung durch T ­ hukydides sich, so jüngst David Engels, eine Rückprojektion der »contemporary situation of Attic thalassocracy and the historian’s own interest in the theorisation of sea power« vermischt hätten.38 ­Thukydides vermerkt zunächst, dass die Machtstellung des Minos, der »das heute hellenische Meer weithin beherrschte« (τῆς νῦν Ἑλληνικῆς θαλάσσης ἐπὶ πλεῖστον ἐκράτησε, 1,4), von enormer Bedeutung für die griechische Frühgeschichte war, markiert Minos’ Herrschaft doch innerhalb seines Schemas eine erste Stufe der Bekämpfung ungeordneter, unsicherer Zustände.39 Durch Minos’ effektive Bekämpfung der Seeräuberei in der Ägäis sei diese konstante Quelle der Gefahr und Unsicherheit beseitigt worden; dadurch sei wiederum die Gründung von Städten gefördert und die Erwirtschaftung von Überschüssen möglich geworden (1,4; 1,8).40 Dass ­Thukydides zudem eigens hervorhebt, vielleicht in Auseinandersetzung mit Herodot (3,122,2) bzw. als Reaktion auf verbreitete und konkurrierende Interpretationen der Vergangenheit und ihrer Legitimationsfunktion für die Gegenwart,41 Minos sei der »allerfrüheste« gewesen (παλαίτατος), der sich dieser Form der seegestützten Macht bedient habe (1,4), verstärkt nur noch den Eindruck, dass hier das erste und damit für die Zukunft wegweisende Zustandekommen einer neuen und spezifischen Form der Machtausübung präsentiert wird. Dieser durch Minos’ Wirken herbeigeführte Zustand eines ersten allgemeineren Anwachsens wirtschaftlicher und militärischer Potenz, basierend auf dem ordnenden Eingreifen der Seemacht, habe die Griechen dann später überhaupt erst befähigt, den gemeinsamen Zug nach Troja zu unternehmen (1,3,5). Auch wenn T ­ hukydides dies keineswegs explizit formuliert, so deutet er doch einen Zusammenhang zwischen der größeren Vertrautheit mit dem Meer (1,3,4), den im Anschluss geschilderten Aus­w ir­

37 Das Zitat von Kallet-Marx (1993) 35. 38 Engels (2016) 293. 39 Die in der prähistorischen Archäologie seit langem diskutierte Frage nach der realen Existenz einer minoischen ›Thalassokratie‹ muss an dieser Stelle nicht näher vertieft werden. Vgl. dazu Cadogan (1984) sowie die Kritik von Starr (1955), der die Vorstellung einer minoischen Seeherrschaft als einen Reflex der athenischen Vormacht zur See des 5. Jahrhunderts begriff, die im 19. Jahrhundert unter den Vorzeichen des neuzeitlichen Imperialismus zur See gerne wieder aufgegriffen wurde. Dazu ferner Baurain (1991) sowie speziell zur modernen Forschungsgeschichte Papadopoulos (2005). 40 Dazu Kallet-Marx (1993) 21–36, bes. 35–36; Spahn (2011) 29. 41 Siehe dazu Irwin (2007).

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kun­gen minoischer Seeherrschaft und dem Zug nach Troja an.42 Gleich darauf folgt dann der nächste noch mythische Seeherrscher, Agamemnon. Dem Herrscher von Mykene sei es unter anderem deshalb gelungen, die restlichen Griechen zum Krieg gegen Troja zu vereinigen, weil er durch seine Flotte an Stärke zugenommen hatte (ναυτικῷ … ἰσχύσας) (1,9,3), und das, obwohl sich die geographische Lage Mykenes – anders als die der Insel Kreta im Fall von Minos – dafür nicht per se gut eignete:43 »Nie jedoch hätte er als Festländer über die Inseln geherrscht (νήσων … ἐκράτει), außer über die vorgelagerten […], hätte er nicht auch eine Flotte gehabt (εἰ μὴ τι καὶ ναυτικὸν εἶχεν)« (1,9,4). An die Stelle der Könige der Vorzeit treten bei T ­ hukydides dann im weiteren Verlauf die poleis und Tyrannen der Archaik: Korinth habe nicht nur als erste Stadt Trieren besessen und gegen ihre Apoikie Kerkyra die erste Seeschlacht geschlagen, sondern sei auch durch den Zufluss an Geldern (χρημάτων πρόσοδος), der in der nun erneut seeräuberfreien Zeit möglich gewesen sei (1,13,5), mächtig geworden. ›Wortwörtlich‹ befolgen dabei die Korinther in der Darstellung des T ­ hukydides das Machtprinzip, wie es zuvor schon anhand von Minos entwickelt worden war.44 Auch die Ionier seien im Kampf gegen den Perserkönig Kyros eine kurze Zeit Seeherrscher gewesen (θαλάσσης … ἐκράτησαν, 1,13,6), genauso wie auch Polykrates, der sich mit Hilfe seiner Flotte eine Reihe von Inseln untertan gemacht habe (νήσων ὑπηκόους ἐποιήσατο, 1,13,6), das äußerliche Zeichen erfolgreicher Meeresbeherrschung in der Archäologie. Gerade Korinth bildet in der Darstellung der Archäologie eine wichtige Schnittstelle, betritt ­Thukydides damit doch nicht nur rein chronologisch den Rahmen der nachtrojanischen Geschichte, sondern zieht auch qualitative Parallelen zu seiner eigenen Gegenwart: So seien die Korinther nach allgemeiner Ansicht »die ersten gewesen, die annähernd in der heutigen Weise (ἐγγύτατα τοῦ νῦν τρόπου) sich auf Seefahrt verlegten« (1,13,2), was wiederum ein weiteres wichtiges ›Zuerst‹ markiert und auch insofern von Bedeutung ist, als Korinth ja noch zu ­Thukydides’ Lebzeiten als wichtige Seemacht gelten konnte und ein Teilnehmer des von ihm beschriebenen Krieges war, der aufseiten Spartas durchaus merklichen Einfluss auf das Seekriegsgeschehen nahm. Erstmalig tritt mit der Stadt am Isthmos zudem die Gesamtheit einer polis als Seeherrscher und Profiteur der gestärkten Machtposition ins Rampenlicht.45 Das zwischenzeitliche Fazit, das T ­ hukydides aus all diesen Beispielen zieht, scheint die Annahme einer eindeutigen Hervorhebung maritimer Herrschaft zu bestätigen und dient oft als Beweis dafür, T ­ hukydides sei tatsächlich als ein See42 Dazu Erbse (1979c)  253; Hunter (1980) 197; Hornblower (1991–2008) I, 18; Tsakmakis (1995b) 36; Saxonhouse (2017) 341–342. 43 Siehe R. Schulz (2011) 71, 73. 44 Vgl. etwa Kallet-Marx (1993) 31–32; Foster (2010) 36–37. 45 Siehe Hunter (1980) 214; Kallet-Marx (1993) 32.

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herrschaftstheoretiker und als ›erster Mahan‹ anzusehen.46 So, wie 2300 Jahre später der amerikanische Marineoffizier seine mit historischen Exempla ausgeschmückte Theorie vom überragenden Einfluss der Seemacht auf die Geschichte entwickeln sollte,47 so zeige auch die ›geistesverwandte‹ Archäologie des ­Thukydides, »that sea power was understood as an essential element of any form of imperialism«.48 In dem oft zitierten Fazit, das ­Thukydides unmittelbar an den Hinweis auf die im Vergleich zu seiner Gegenwart technisch noch rückständigen Flotten der Zeit vor den Perserkriegen (1,14) anschließt, heißt es: So stand es mit den hellenischen Flotten der Vorzeit und der späteren; und doch gelangten die Städte, die sich eine hielten, zu erheblicher Macht (ἰσχύς), durch Eingang von Geld (χρημάτων πρόσοδος) und Herrschaft über andere (ἄλλων ἀρχή): sie fuhren nämlich die Inseln an und unterwarfen sie, namentlich wenn ihr eigenes Gebiet nicht genügte. Einen Landkrieg, durch den ein Staat zu Macht (δύναμις) gelangt wäre, gab es nicht […]. (1,15,1–2)

Die auf den ersten Blick augenfällige Exklusivität, mit der ­Thukydides hier die Geschichte (zumindest der griechischen Frühzeit) auf das maritime Moment zu verengen scheint, hat die Kommentatoren oftmals verwundert und namentlich Chester Starr hat den athenischen Historiker nur allzu gerne (und oft) bezichtigt, durch diese Zuspitzung einer Verengung der Perspektive und dadurch letztlich einer Art ›Geschichtsfälschung‹ Vorschub geleistet zu haben, wie sie erst wieder die späteren Marinetheoretiker und imperialistischen navalists des 19. Jahrhunderts betrieben hätten. Die Passage sei, so Starr, »a fascinating example, the first in Western literature, of the distorted role assigned to sea power, for the political and military conflicts of Greek states by land actually had a very important result«.49 Wiederum erscheint ­Thukydides in dieser Sichtweise als erster Vordenker der Seemacht und ihrer Vorzüge, was hier jedoch nicht als Lob und Auszeichnung, sondern als Tadel gedacht ist. Starrs Kritik scheint mir dabei zugleich richtig und doch auch falsch: Sie ist richtig, weil sie eine zu einseitige Verzerrung und Schwerpunktsetzung dia­ gnostiziert; sie ist falsch, weil sie sich auf ­Thukydides, nicht jedoch auf dessen 46 Dazu auch oben Kap. 1.2.3. 47 Mahan (1890). 48 So Constantakopoulou (2012) 6639 über die Archäologie. Vgl. auch Hunter (1980) 214: »Chapter 15 summarizes in a few lines the advantages and power that navies bring – and here Thucydides is referring to all navies, whether ancient or more recent, for the pattern is the same.« 49 Starr (1989) 27. Starrs Kritik scheint jedoch eher die moderne Überbetonung der Bedeutung von Seemacht im Gefolge Mahans zu treffen als ­Thukydides selbst, wie de Souza (1990) betont. Vgl. Kennedy (1988) 2–7 für eine fundierte historische Kritik der Positionen und ›Theorien‹ Mahans. Zur realhistorischen Kritik an T ­ hukydides’ Behauptungen von Kapitel 15 der Archäologie vgl. Gomme, Andrewes u. Dover (1945–1981) I, 126.

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Rezipienten bezieht, denn es ist letztlich nicht ­Thukydides, der hier »the distorted role assigned to sea power« propagiert und einen maritimen Imperialismus als alleinigen Weg zur Macht empfiehlt, sondern vielmehr eine verbreitete Tendenz der Forschung, die Archäologie mitunter allein als eine Abfolge von mächtigen ›Thalassokratien‹ zu interpretieren und dieses Konzept zu einer thukydideischen Kategorie ersten Ranges zu erheben. Nur allzu leicht wird dabei etwa übersehen, dass ­Thukydides auch an dieser Stelle innerhalb seiner Beweisführung argumentiert und die Aussage, Flotten könnten zu großem Geldzufluss und Machtzuwachs führen, vor allem ein Teil dieser spezifischen Argumentation ist, die erklären soll, weshalb es in früheren Zeiten gar nicht erst zu großen gemeinsamen Unternehmungen kommen konnte, die sich mit dem Peloponnesischen Krieg messen könnten.50 Zudem hat doch Antonis Tsakmakis betont, dass T ­ hukydides in der Archäologie »der Vorherrschaft zur See keine grundsätzlich größere Bedeutung als der Macht auf dem Lande« zuweist, »wie immer wieder behauptet wird«, sondern er »im Gegenteil für die formale Herstellung eines Gleichgewichts zwischen den beiden Bereichen bei der historischen Erzählung« sorgt.51 Die Archäologie ist demnach nicht – worauf ja sowohl die vehemente Kritik Starrs als auch die gegenläufige Bewunderung beruhen – das einseitige Bekenntnis zu Seeherrschaft als der alles entscheidenden Form der Machtausübung, sondern bietet ein differenzierteres Spektrum mehrerer möglicher, sich nur in unterschiedlicher Form äußernder Versionen des machtpolitischen Wachstums und der dahinterliegenden Motivationen. Zudem stellt sich die Frage, ob es genügt, die Archäologie aus sich selbst heraus als Bekenntnis zur Bedeutung maritimer Macht zu lesen, wie oft praktiziert,52 oder ob nicht auch diese Kapitel in ihren vielfältigen Beziehungen zum restlichen Werk und daher in ihrer konkreten Funktion für die Darstellung gesehen werden müssen. Tut man dies, so stößt man schnell auf Hindernisse,53 die einer Lesart der Kapitel als eigenständiger Demonstration der überragenden Bedeutung von Seeherrschaft im Wege stehen. ­ hukydides’ ÄußerunWie alle Rekonstruktionen der Archäologie sind auch T gen über Seeherrschaft mitnichten Selbstzweck, sondern seiner übergeordneten Beweisführung untergeordnet,54 die darauf abzielt, den tieferen Grund darzulegen, der Griechenland als Ganzes seit jeher an Wachstum und Größe gehindert habe und damit Ereignisse von der Größe und Bedeutung des Peloponnesischen 50 Dazu Tsakmakis (1995b) 42. 51 Tsakmakis (1995b) 46. Vgl. auch Allison (2013) 259. 52 Siehe zur Kritik an dieser Sicht die Bemerkung von Allison (2013) 259: »Many are content with what appears to be a narrative of the growth of Athenian power where sea power and revenue dominate«. 53 Siehe dazu auch Hunter (1980) 195–196. 54 Siehe Erbse (1979c) zu Argumentation und Beweisführung der Archäologie.

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Krieges unmöglich werden ließ (1,1,1). Der Grund hierfür sei letztlich eine Medaille mit zwei Seiten: zum einen die Unfähigkeit der Griechen, gemeinsame Unternehmungen durchzuführen, zum anderen die der menschlichen Natur fest eingeschriebene Tendenz zu destabilisierendem ›Raubtierverhalten‹. Schon für die früheste Vorzeit konstatiert ­Thukydides diesen Zustand, der hier noch ohne Zierrat und gleichsam nackt in seiner Essenz präsentiert wird. Unsicherheit und die ständige Furcht vor Überfällen führten dazu, dass keine Stärke gewonnen werden konnte (1,2,1–2),55 und diese Faktoren verhinderten es auch, dass vor dem Trojanischen Krieg etwas Gemeinsames in Griechenland un­ter­ nom­men wurde, angesichts der »Ohnmacht« (ἀσθένεια) der früheren Zeit (1,3,1). Inbegriff dieser ursprünglichen Verhältnisse sind in der Archäologie zunächst die Seeräuber: Sie überfielen T ­ hukydides zufolge, kaum dass die Seefahrt größere Verbreitung gefunden hatte und ihnen somit auch die Möglichkeit dazu gab, »unbefestigte Städte und offne Siedlungen und lebten so fast ganz vom Raub« (1,5,1). Charakteristikum auch der Piraten sei es gewesen, dass sie sich immerfort »gegenseitig« überfielen (ἐπ’ ἀλλήλους, 1,5,1; vgl. 1,7: ἔϕερον  … ἀλλήλους) und sich so gegenseitig an Wachstum und Stabilität hinderten.56 Dasselbe konstatiert T ­ hukydides auch für das Verhalten der Räuber zu Lande (ἐλῄζοντο δὲ καὶ κατ’ ἤπειρον ἀλλήλους, 1,5,3). Minos, der erste Seeherrscher, tritt in diese Welt dann als der Erste ein, der sich dieser tief verwurzelten Psychologie des Raubens bediente, um seinerseits größere Ziele zu verfolgen, und die Seeherrschaft ist dabei das Mittel seiner Wahl: Während die Seeräuber sich nur gegenseitig überfielen und einzelne Städte plünderten, vereinigte Minos seine Schiffe als »allerfrühester« (παλαίτατος) zu einer Flotte (ναυτικὸν ἐκτήσατο), und mit diesem starken Machtinstrument unterwarf er sich die Inseln der Kykladen und verdrängte die karischen Seeräuber, um seine eigenen »Einkünfte« (πρόσοδοι) zu fördern (1,4). Auch Minos handelt also letztlich im Grunde wie die Piraten und alle zuvor, die doch ebenfalls zunächst daran dachten, ihre Einkünfte zu steigern (1,5,1),57 nur mit dem Unterschied, dass er durch die Konzentration seiner Machtmittel und ein planvolleres Vorgehen einen Zustand erreichte, der ihm ein beträchtliches Machtübergewicht verlieh.58 Exemplarisch für diese nun effizientere Organisation steht die Flotte des Minos: Schiffe hatten auch schon die Piraten zuvor, und­ Thukydides betont, dass es nicht zuletzt der Einsatz dieser Schiffe war (ihr technologischer Vorsprung also), der ihnen ihren anfänglichen Erfolg ermöglicht 55 Vgl. zu dieser Passage Deininger (1939) 87: »Dies ist sozusagen ein Schema für geschichtliche Abläufe, eine nüchterne Morphologie geschichtlicher Entwicklung in nuce.« 56 Siehe Foster (2010) 16 zur »reciprocity of banditry«. 57 Vgl. dazu Stahl (1966) 28. 58 So richtig Saïd (2011b) 69: »As a matter of fact, the first thalassocracy in the Archaeology is nothing other than regulated piracy on a grand scale.«

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hatte (1,5,1).59 Minos jedoch schuf sich als »allerfrühester« eine Flotte, war also organisatorisch den Piraten weit voraus, indem er seine Stärke planvoll konzentrierte und somit den Seeraub letztlich in die schon fast ›protostaatlichen‹ Bahnen ›regulärer‹ Seeherrschaft lenkte. Ein uneingeschränkt positives Urteil des ­Thukydides über Minos lässt sich darin schwerlich erkennen; die Effizienz seines Wirkens wird verzeichnet, jedoch nicht weiter gewertet.60 Damit trägt ­Thukydides’ Beschreibung der minoischen ›Thalassokratie‹ und ihrer Grundlagen zu einem Phänomen bei, das auch bei anderen Autoren und zu anderen Zeiten der Antike zu beobachten ist: Die Grenze zwischen Seeraub, wie ihn Piraten betrieben, und schon ›staatlicher‹ Seeherrschaft ist in der Überlieferung oftmals fließend,61 die Benennung als Seeräuber eine gebräuchliche Form der Denunziation und Herabsetzung des Gegners zur See, und die Frage, wer schon ›Seeherrscher‹ ist, wer noch als ›Seeräuber‹ zu brandmarken, vor allem eine der Zuschreibung, nicht der festen Differenzierung.62 Das betrifft nicht allein die Darstellungen der literarischen Quellen, sondern bestimmt auch die Bewertung der realhistorischen Bedeutung gerade der frühen ›Thalassokraten‹. Herodot etwa kann zwar Polykrates von Samos mühelos in der Terminologie des späteren 5. Jahrhunderts v. Chr. als den ersten Seeherrscher der Geschichte bezeichnen (3,122,2), doch kommt eine historische Rekonstruktion der Machtstellung des archaischen Tyrannen zu dem Ergebnis, dass sich auch seine Seeherrschaft in jenem gerade für die Archaik so typischen Graubereich zwischen ›Protostaatlichkeit‹ einerseits und ›privater‹, an der Gewinnmaximierung der jeweiligen Mächtigen orientierter Kriegführung andererseits bewegte.63 Auch Herodots Bericht lässt kaum einen Zweifel daran zu,64 dass sich der erste Anwärter auf das Epitheton ›Seeherrscher‹ vor allem auf Plünderungen und Kaperfahrten verstand, Inseln verwüstete und mit Sklaven handelte, um dadurch seinen Reichtum zu mehren und für die Art von Pracht zu sorgen, die Herodot an Samos bewunderte (3,39,3–5). Dass im Griechischen für beide Formen der Aktion zur See, den eigentlichen Seeraub wie die Seeherrschaft, dasselbe Vokabular Verwendung finden kann, also zwischen ›seebeherrschenden‹ See59 Dazu Foster (2010) 15–16. Zur Bedeutung der nautischen technē in der Archäologie vgl. de Romilly (1966) 167–168. 60 Die frühen Seeherrscher der Archäologie waren zudem keineswegs allein positiv konnotierte Figuren, sondern in der Überlieferung mindestens ambivalent besetzt, mit deutlich negativen Zügen; vgl. für Minos Irwin (2007) 199–204, für Agamemnon Foster (2010) 21. Zu den vielfältigen Wechselwirkungen der Archäologie mit den Erwartungen des zeitgenössischen Publikums vgl. die Bemerkungen von Luraghi (2000). 61 Vgl. zur Archäologie Saïd (2011b) 68–69. Irwin (2007) 197 zu »Athens as the ›pirate state‹« in der zeitgenössischen Kritik. 62 Siehe de Souza (2013b) sowie Wendt (2016). 63 Vgl. dazu ausführlich Carty (2015) bes. Kap. 6. 64 Zu Herodots Verhältnis zu Samos vgl. Irwin (2009); Pelling (2011).

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räubern und ›staatlichen‹ Seeherrschern auf der terminologischen Ebene oftmals überhaupt nicht unterschieden wurde, da schließlich beider Macht letztlich auf ihrer faktischen Stärke zur See beruhte und daher auch mit demselben Vokabular verdeutlicht werden konnte, trägt sein Teil  zu dieser Verwischung der Unterschiede bei. Minos hatte also kraft seiner Seeherrschaft die früheren Piraten vertrieben, und prima facie war das gewiss auch zum Vorteil aller: Die Seeräuber verschwanden, Küstenregionen konnten in größerer Sicherheit leben, Städte florierten und materieller Gewinn nahm zu (1,8,2–3), »a milestone in human progress« und tatsächlich ein Indiz dafür, dass aus ­Thukydides’ Sicht Seeherrschaft durchaus zur Schaffung zivilisierter, weil geordneter und sicherer Zustände beitragen konnte.65 Der piratische Lebensstil verschwand jedoch keineswegs (er ist allein schon durch sein frühes Zutagetreten als allgemeinmenschlich und unabänderlich erwiesen, 1,2,2), sondern wurde nur auf einer technisch und organisatorisch fortgeschritteneren Ebene fortgesetzt. Während es in der vorherigen Zeit noch einzelne Seeräuberinseln waren, die sich vor allem gegensei­ tig plünderten, sind es in der nachminoischen Ära nun reiche, befestigte Städte, einzelne größere Mächte, die diesen Zyklus von neuem zu beginnen scheinen. Deren Stärke war ­Thukydides zufolge ein Resultat der zunehmenden Konzentration von Machtmitteln in den Händen einiger weniger. Die einen, die nun reichen und mächtigen Städte, legten sich Mauern zu, die ihrer neuen Stärke dauerhafte Sicherheit verleihen sollten; die anderen, die vielen weniger Starken, sahen sich gezwungen, diese neue Situation anzuerkennen, und begaben sich – um ihres eigenen »Vorteils« (κέρδος) – in die Abhängigkeit (wörtlich: die »Sklaverei«, δουλεία) der Stärkeren und wurden dadurch zu Untertanen (ὑπήκοοι) (1,8,3). Es bildeten sich in diesem Stadium also zum ersten Mal auf größerer Ebene »unequal relationships« heraus,66 basierend auf wirtschaftlicher ­Potenz und militärisch-technischer Aufrüstung.67 Die Profiteure dieser Zustände (die schon auf 1,19 und die Präsentation Athens und Spartas als Kontrahenten hinweisen können), also die nun starken, sicheren Städte mit großer nautischmilitärischer Macht, die es ganz zu Beginn noch nicht gegeben hatte (1,2,2), verhalten sich aber in gewisser Weise weiterhin so, wie es auch die Piraten getan 65 Das Zitat von Irwin (2007) 195. Zur Beseitigung der Piraterie als ordnungsstiftendem Vorgang bei ­Thukydides auch Meißner (2012) 28–29; Wendt (2016) 82–84. 66 Kallet-Marx (1993) 27. Vgl. auch Irwin (2007) 195: »Here Minos functions as a template, the first instantiation of the processes of civilisation that for Thucydides culminates in­ evitably in the circumstances of his day, an exemplar of the process whereby a stronger fig­ure using the sea consolidates  a diverse group through his power, establishes hege­ mony, settles the land over which he rules, and ensures revenues for himself.« 67 Die spätere Unterordnung der Bündner unter Athen im Seebund (1,99,3) ist hier wohl schon angedeutet; siehe Stahl (1966) 29.

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hatten, die durch Minos beseitigt worden waren: Sie führen die gegeneinander gerichteten Plünderungen auf einer den Machtmitteln und der Reichweite nach ›fortschrittlicheren‹ Ebene durch, gestärkt durch die Macht, die ihnen auch die neue Sicherheit zukommen ließ.68 Denn an die Stelle piratischer Inseln treten jetzt große, reiche und befestigte Städte wie Mykene und Troja; der Trojanische Krieg selbst sei ja auch erst durch die neuen, machtpolitisch günstigeren Bedingungen der seefahrenden Zeit möglich gewesen (1,3,4–1,4).69 Diese Ausdehnung des piratischen Prinzips auf eine neue Stufe hat nun nicht mehr nur Folgen für die direkt Beteiligten allein, sondern zieht ganz Griechenland in Mitleidenschaft. Nach dem lange dauernden Krieg gab es ­Thukydides zufolge Migrationen, Neugründungen von Städten, vielerorts staseis und daraus resultierende Vertreibungen, die wiederum zu Umsiedlungen führten  – alles letztlich Gründe, weshalb Hellas »nicht in Ruhe wachsen konnte (μὴ ἡσυχάσασα αὐξηθῆναι)« (1,12,1),70 womit das eigentliche Hauptthema der Archäologie wieder in den Blick rückt: die Unfähigkeit der griechischen Welt, einen Modus des Zusammenlebens zu finden, der nicht vom piratischen Instinkt durchzogen ist. Wenn der griechische Raum dann nach diesem deutlichen Hiatus von neuem den Weg des Wachstums beschreitet, gleichsam eine zweite Chance erhält (1,13,1), dann übernehmen in gewisser Weise die Korinther die Rolle, die zuvor Minos gespielt hatte: Sie verbinden den Willen zum maritimen Engagement mit technologischer Innovation (die ersten Trieren seien in Korinth gebaut worden), unterbinden die Seeräuberei und werden so wirtschaftlich und militärisch mächtig (1,13,2–5). Neu ist das vom Prinzip her jedoch nach allem, was wir bereits über Minos gehört haben, keineswegs,71 und ­Thukydides subsumiert das scheinbar ewig gleiche Verhalten (nicht nur) maritimer Mächte in der bereits zitierten Passage (1,15,1), die eine Art Schlussstrich unter das Bisherige zieht. Dieser Zyklus, der mit Korinths nautischer Innovation begonnen hatte, wartet in der Archäologie noch auf ›seinen‹ Krieg, einen Krieg, der (wie der Trojanische zuvor) die neuen materiellen und technischen Möglichkeiten voll ausschöpfen wird, einen Krieg, der finanzielle Leistungsfähigkeit mit teils enormer Fertigkeit einzelner Kriegsparteien in der Seekriegführung verbindet und von enormer Reichweite sein wird. ­Thukydides beschreibt diesen Krieg im Rest des Werkes. Die Archäologie ist somit im Kern nicht allein und wohl nicht einmal in erster Linie eine Erfolgsgeschichte des rein positiven zivilisatorischen Fortschritts 68 Vgl. Foster (2010) 27. 69 Siehe Erbse (1979c) 253; Hunter (1980) 197; Tsakmakis (1995b) 36. 70 Siehe dazu Foster (2010) 43. Vgl. auch Hunter (1980) 195–196 sowie Malitz (1982) 289: die Archäologie als eine »gewalttätige Abfolge von politischen Mächten«. 71 Siehe Hunter (1980) 214 sowie Foster (2010) 37.

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in eine Richtung hin,72 sondern zugleich auch – und beides muss sich dabei keineswegs ausschließen  – eine Geschichte des konstanten ›Raubtierverhaltens‹ zwischen menschlichen Gemeinschaften, ein Verhalten, das auch angesichts immer stärker und ausgefeilter (in diesem Sinne dann auch ›fortschrittlicher‹) werdender Machtmittel konstant bleibt und zu zivilisatorischem Fortschritt ebenso wie zu Regression und Destruktion des Erreichten führen kann.73 Welche Funktion hat der Faktor Seeherrschaft dann jedoch in dieser Rekonstruktion des ­Thukydides zu erfüllen, wenn er nicht auf eine bloß positive Wertung als fortschrittsförderndes Element beschränkt werden kann? Die Beantwortung dieser Frage muss – und das macht die Sache komplex – mehrere unterschiedliche Faktoren berücksichtigen: zum einen ­Thukydides’ deutliches Urteil über die Möglichkeiten und die Effizienz seegestützter Macht (1,15,1); sodann das im folgenden historischen Bericht nachvollziehbare Scheitern gerade derjenigen Macht, die die ›Lehren‹ der Archäologie buchstabengetreu befolgte, ja nach deren Vorbild T ­ hukydides diese ›Lehren‹ vielleicht überhaupt erst entwickelt hatte  – Athen; schließlich auch die Grundaussagen der Archäologie über den Verlauf historischer Entwicklung, auch unabhängig vom Faktor Seemacht. Erst in der Zusammenschau all dieser Elemente lässt sich ermessen, welche Bedeutung Seeherrschaft in der Archäologie zukommt. Wichtig erscheint mir dabei vor allem, den Faktor Seeherrschaft in der Ar­ chäologie immer in Relation zu den als möglich dargestellten Effekten dieser Macht zu begreifen. Wenn man davon ausgeht, dass ­Thukydides seine Lehre der Archäologie zunächst einmal »nicht in der Veränderung (dem ›Fortschritt‹), sondern in dem kontinuierlich sich gleichbleibenden Faktor der Macht (bzw. des Machttriebes) sah«,74 er daher auch weniger auf eine mögliche qualitative Veränderung des menschlichen Handelns und dessen Motivation hinweisen, sondern Veränderung nur »bezogen auf das Ausmaß der herangezogenen Mittel« erkennen wollte,75 dann wird auch ersichtlich, weshalb T ­ hukydides immer wieder auf das maritime Moment, auf die ersten Flotten, die ersten Seeschlachten und die Bedeutung von Seeherrschaft verweist: Die Schaffung und der planvolle Einsatz dieser Machtmittel waren von entscheidender Bedeutung, um im Rahmen der gegebenen Umstände Macht zu akkumulieren, was größtenteils 72 So etwa de Romilly (1966) 159. 73 Dazu Hunter (1980) bes. 205: »In other words, the high and low points of civilization, which de Romilly believes Thucydides omitted in an ›évolution théorique‹, are there, and are essential to his theory of ›ancient history‹. Analysis of the text […] reveals that disunity, hindrances, and regression are as much a part of the historical process as advancement. Thucydides selected the details of his narrative as much to illustrate regress and repetition as to illustrate progress.« 74 Stahl (1966) 27. Vgl. auch Lauffer (1965) 190; Erbse (1979c) 258–259; Connor (1984) 26.  75 Stahl (1966) 27. Vgl. auch Hunter (1980) 207; Rechenauer (1992) 135 Anm. 1.

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durch die Möglichkeit gegeben war, die in Küstennähe gelegenen Städte und Inseln in die Abhängigkeit zu zwingen und sie zu tributpflichtigen Untertanen zu machen.76 Seeherrschaft dient somit dazu, den »Trieb zu herrschen«, der sich in der Archäologie »als Grundtrieb des Menschen und des Staates« und »konkret als Streben nach Nutzen und Gewinn« erkennen lässt,77 in effizientere Bahnen zu lenken. Soweit die vor allem aus dem Kapitel 15 extrahierbare ›Theorie‹ des­ Thukydides vom Wert und Nutzen der Seeherrschaft. Das ist jedoch nur ein Teil  seiner Analyse. Erweitert man nämlich den Fokus und fragt nach der Rolle, die eine auf dieser Grundlage gewonnene Seeherrschaft im Rahmen der Gesamtthese der Archäologie und deren logischer Hierarchie einnimmt, so gewinnt die Sicht des Historikers auf die Folgen und die Reichweite dieser spezifischen Form der Machtausübung andere, schärfere Konturen. Denn die Gleichung, Macht ergebe sich aus den Faktoren Schiffe und Geld,78 ist zwar unbestreitbar in der Archäologie angelegt, erschöpft­ Thukydides’ Darstellungsabsicht jedoch nicht. Diese neuartige Form maritim basierter Macht erweiterte nämlich zugleich in dramatischer Weise den geographischen Rahmen, innerhalb dessen diese, von T ­ hukydides als konstant erkannten Prozesse wirksam sind, und sie intensivierte zugleich auch deren Effizienz.79 Mit anderen Worten: Durch Seeherrschaft wurde besser möglich, was schon zuvor möglich war, nur in weitaus größerem Maßstab. Nicht das »Streben nach Seemacht« selbst ist dabei aber der »beschleunigende Faktor der Geschichte«,80 was hieße, dass Seemacht als das eigentliche Ziel weitreichenderer Ambitionen auserkoren worden wäre. Stattdessen beschleunigt Seemacht selbst dank ihrer Effizienz das Streben nach Ausbeutung und Macht über andere, das eigentliche Ziel jeder Aktivität, die in der Archäologie beschrieben ist. Angesichts der von ­Thukydides wiederholt (1,22,4; 3,82,2; 3,84,2) geäußerten Annahme einer sich prinzipiell gleichbleibenden, weil auf ähnliche Herausforderungen immer nach ähnlichem Muster reagierenden und daher als konstant zu betrachtenden anthrōpeia physis,81 in die der piratische Instinkt von Beginn an (1,2,2) fest eingeschrieben war, konnte das nur bedeuten, dass die Schaffung von Seeherrschaft in den Händen einer starken Macht potentiell immer wieder zu ganz konträren Konsequenzen führen konnte.82 Der technische ›Fortschritt‹

76 77 78 79 80 81

Vgl. Connor (1984) 25. Die Zitate von Deininger (1939) 86. Siehe Erbse (1961) 26. Siehe dazu R. Schulz (2011) 76–77. So R. Schulz (2011) 76. Vgl. dazu Leppin (1999) 109–114. Zur Übersetzungsproblematik auch Stahl (1966) 33 mit Anm. 100. 82 Dazu Hunter (1980) 214.

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begleitet diese Entwicklung in der Archäologie: Die frühen, noch nomadisch lebenden Menschen waren noch Räuber zu Lande (1,2; 1,5,3), doch das Aufkommen der Schifffahrt führte sie dann dazu, sich auf die Seeräuberei zu verlegen, um ihr eigenes Gewinnstreben auf diesem Weg zu befriedigen; den kausalen Zusammenhang zwischen den neuen Möglichkeiten der zur Verfügung stehenden Mittel und dem Ausleben des piratischen Triebes macht ­Thukydides überdeutlich (περαιοῦσθαι ναυσὶν ἐπ᾽ ἀλλήλους, ἐτράποντο πρὸς λῃστείαν … κέρδους τε τοῦ σϕετέρου αὐτῶν ἕνεκα, 1,5,1).83 Mit Minos und seiner Flotte tritt dann zwar einerseits ein für Sicherheit sorgender Akteur auf den Plan (1,8),84 doch ist der Zusammenhang im Kern der Gleiche: Eine technisch-infrastrukturelle Innovation (die Vereinigung der Schiffe zu einer Flotte) hilft dabei, um des eigenen Profits willen (τοῦ τὰς προσόδους μᾶλλον ἰέναι αὐτῷ, 1,4) andere (die plötzlich rückständig gewordenen, weil noch unorganisierten Seeräuber) zu verdrängen.85 Nicht allein ­Thukydides’ Rekonstruktionen der Frühzeit, auch das historische Beispiel Athens selbst vermag gegen Ende der Archäologie zu demonstrieren, wie die Stärke zur See eine Macht dabei unterstützen kann, dem ›Trieb‹, sich gegenseitig zu bekämpfen, effektiver nachzugehen. Wie geht es weiter, wenn sich­ Thukydides nach den Perserkriegen schließlich der jüngeren Vergangenheit zuwendet? Zwei Akteure fehlen ja noch in seinem Abriss der griechischen Geschichte. Einer davon, Athen, ist die Stadt, die das zuvor angedeutete maritime Machtprinzip in Vollendung umgesetzt hatte.86 Wie also setzt nun diese Macht ihre Seeherrschaft ein? Nachdem die Griechen unter der Führung Spartas die Persergefahr gemeinsam (κοινῇ) abgewendet haben (1,18,2), beginnt der Zyklus des Wachsens und Vergehens (nach 1,4 und 1,13) gleichsam von neuem. Wieder benutzt nach Minos, Agamemnon und Korinth eine Macht die gleiche Methode, um sich auf Kosten anderer Vorteile zu verschaffen und die eigene Position zu stärken: Athen, das seinen verbündeten Inseln die Schiffe wegnahm und ihnen Tribut auferlegte (1,19). Wieder also führt eine Innovation bzw. eine nochmalige quantitative Verbesserung eines schon bekannten Musters (vgl. 1,8,3) dazu, dass sich Mächte effektiver und mit weiterreichenden Folgen gegenseitig bekämpfen können.87 Dass der piratische Instinkt zwischen Athen und Sparta, die nun zum ersten Mal fast die Gesamtheit der Griechen als Untergebene bzw. Bündner unter sich aufteilten (also auf räumlich wiederum ausgedehnterer Ebene vollzogen, 83 84 85 86 87

Vgl. Hunter (1980) 212–213. Vgl. Hunter (1980) 211–212. Dazu Saïd (2011b) 69. Siehe dazu Connor (1984) 34. Vgl. Tsakmakis (1995b) 40.

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was schon unter Minos und Agamemnon geschehen war), kaum ein anderer war als in der primitivsten Vorzeit, macht ­Thukydides’ Darstellung gerade in ihrer auf das Wesentliche beschränkten Kürze klar: Eine kurze Zeit dauerte die Waffenbrüderschaft noch, aber dann entzweiten sich Sparta und Athen und führten mit ihren Verbündeten Krieg gegeneinander (ἐπολέμησαν μετὰ τῶν ξυμμάχων πρὸς ἀλλήλους), und wo sonst in Hellas eine Fehde ausbrach, schlossen sich die Städte jetzt an diese an. So dass sie die ganze Zeit (αἰεί) von den Perserkriegen bis zu diesem jetzigen, im Wechsel von Waffenstillstand und Krieg, sei’s gegeneinander, sei’s gegen ihre abgefallenen Verbündeten (ἢ ἀλλήλοις ἢ τοῖς ἑαυτῶν ξυμμάχοις), ihr Kriegswesen wohl ausbildeten und um so erfahrener wurden, als sie ihre Übungen unter Gefahren abhielten. (1,18,3)

Damit ist keineswegs ein neuer Aspekt in T ­ hukydides’ Beweisführung eingebracht, denn bereits der erste Satz des Werkes hatte das Motiv des ›Sich-gegen­ seitig-Bekriegens‹ der beiden Mächte als den zentralen Gegenstand der folgenden historischen Darstellung herausgestellt (ὡς ἐπολέμησαν πρὸς ἀλλήλους, 1,1,1). Dieses Motiv zieht sich durch die Archäologie bis hin zur Zwischenkriegszeit wie ein Leitmotiv des Verhaltens jeglicher Macht, und die folgende Pente­ kontaetie wird geradezu in einem Stakkato der sich abwechselnden Konfliktfälle demonstrieren, wie sich Athen – aufbauend auf dem Machtgeheimnis von Geld und Schiffen, wie es die Archäologie scheinbar predigt – und Sparta zunehmend entzweien.88 Was in Herodots Prooimion explizit noch das Verhalten zwischen Griechen und Barbaren charakterisiert (δι’ ἣν αἰτίην ἐπολέμησαν ἀλλήλοισι), das überträgt ­Thukydides bezeichnenderweise auf die innergriechischen Beziehungen.89 Besonders das Verhalten der Piraten, also das nur auf kurzfristigen Gewinn angelegte Plündern untereinander, wurde doch im Verlauf der Archäologie mit diesem Adjektiv versehen (1,5,1; 1,7), wobei ­Thukydides ausdrücklich bemerkt, dass sich die Plünderungen zu Lande davon qualitativ nicht unterschieden (1,5,3). Auch die Charakteristik der frühen Nachbarschaftsstreitigkeiten unter den Griechen zu Lande, die eben noch keine nennenswerte Steigerung der Machtpotentiale bewirkt hätten, wird mit diesem Wort beschrieben (κατ’ ἀλλήλους, 1,15,2). Wie die Seeräuber der präminoischen Zeit führten auch Athen und Sparta stetig Krieg, betrieben also letztlich nichts anderes als technisch fortgeschrittene und straffer organisierte Raubzüge und Plünderungen,90 und sie taten dies auch (von T ­ hukydides zweimal hervorgehoben) hauptsächlich gegeneinan­ 88 Siehe dazu Price (1997). 89 Siehe Hornblower (1991–2008) I, 5. 90 In der folgenden Darstellung des Kriegsgeschehens berauben sie sich dann ganz konkret wie Piraten; vgl. Saïd (2011b) 69 mit Anm. 93–95 (dort die Belege).

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der (πρὸς ἀλλήλους); so lassen sie die Chance auf eine Art konstruktive ›pan­ hellenische‹ Koexistenz, die wohl angesichts der Persergefahr für einen Moment tatsächlich gegeben war (1,18,2), ungenutzt.91 Die weitere Entwicklung vollendet damit zugleich auch die der Analyse der Archäologie inhärente Paradoxie: Zwar befolgt Athen das maritime ›Machtgeheimnis‹, ist mächtig mit seiner Flotte und erlangt dadurch ἄλλων ἀρχή (1,15,1), doch kommt es dadurch letztlich gerade nicht zu einer weiteren positiven, Zivilisation und Wachstum befördernden Stufe des historischen Prozesses, sondern zu dem gewaltigen Schisma zwischen den Großmächten, das in letzter Konsequenz zu einer so großen Unruhe und »Bewegung« (1,1,2) für ganz Griechenland führt, dass diese alle früheren nochmals übertrifft.92 Diese Paradoxie wird das folgende Werk und die Rolle der maritimen Machtmittel darin nicht unwesentlich prägen,93 und es gehört zu den Besonderheiten der Archäologie, dass sie letztlich auf beides vorbereitet, auf Athens Größe und Athens Untergang, wie sie später im Werk jeweils ange­deutet bzw. beschrieben werden.94 Es ist daher gewiss kein Zufall, dass ­Thukydides ganz am Ende der Archäo­ logie den Kreislauf aus Eroberung, Vertreibung und stasis erneut beschwört, den er schon zuvor als das Ergebnis des Trojanischen Krieges beschrieben hat (1,23,2 mit 1,12). Einzig die rein quantitativ zunehmende Größe von Kriegen gibt in diesem Modell noch den Maßstab zur Beurteilung von Größe ab,95 und durch die immer weitere Ausdehnung der Kriegsschauplätze und die längere Dauer der Kämpfe hatte auch die Vielzahl der pathēmata im Peloponnesischen Krieg nun ein nicht mehr zu übertreffendes Stadium erreicht, das dessen Größe und Bedeutung erfahrbar werden ließ.96 In diesem Prozess der Ausweitung

91 Vgl. dazu Hunter (1980) 216. Zu ›panhellenischen‹ Vorstellungen in der Archäologie vgl. Price (2001) 333–344. 92 Siehe Price (1997) 675–676. 93 Siehe auch Farrar (2013) 50: »Thucydides interprets Athens as the inheritor of Minos’ mantle – as the sea power that organizes the Greek world, achieving security for some and greatness for others. Thucydides’ historical analysis reveals the constraints on succesful exercise of Minos-like ocean-going power once the world is fully organized and power is  a zero-sum game.« Hunter (1980) 207 vergleicht diese Ambivalenz der Archä­ologie mit dem ersten Stasimon der Antigone und dessen doppelbödiger Botschaft, die sowohl die Gefahren wie auch den Nutzen menschlicher technē anerkennt (dazu auch unten Kap. 6.1). 94 Siehe Connor (1984) 246: »Naval power and financial strength continue to be important throughout the work but they result not in progress and security but in expansion and vulnerability.« Vgl. auch Hunter (1980) 206. 95 Siehe Lauffer (1965) 178–190; Rechenauer (1992) 135 mit Anm. 1. 96 Dazu Parry (1972) 50: »Thucydides’ vision of history is of greatness measured by war, and greatness of war measured by destruction, or πάθος.« Vgl. auch Malitz (1982); Connor (1984) 31–32; (2017) 223–224; Foster (2010) 42.

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spielte Seeherrschaft eine entscheidende Rolle: Der die gesamte griechische Welt erschütternde (1,1,2) Krieg von 431 bis 404 war in d ­ iesem Sinne genauso ein Produkt der Seeherrschaft wie die vereinzelten zivilisatorischen Fortschritte zuvor, und zwar in dem Sinne, dass beide Phänomene überhaupt erst durch die räumliche Ausdehnung des Einflusses einer Macht ermöglicht wurden, wofür Seeherrschaft eine Grundlage darstellte. Das wird bei ­Thukydides im Anschluss an die Archäologie unmittelbar deutlich: Die folgende, nun schon zeithisto­ rische Darstellung der Kerkyraika nämlich wird eindrucksvoll demonstrieren, wohin die in der Archäologie entwickelte Wechsel­w irkung zwischen dem menschlichen Machttrieb und der durch Seeherrschaft gegebenen unbestreitbaren Effektivität der Machtmittel führen kann. Raimund Schulz hat diesen Zusammenhang mit Blick auf die Konflikte um Kerkyra zu Recht hervorgehoben: »Bei all diesen Krisen- und Konfliktherden spielen die aus der ›Archäologie‹ bekannten Faktoren eine entscheidende Rolle, nur kommen sie jetzt in erneut erweiterten räumlichen und machtpolitischen Dimensionen zum Tragen.«97 Die Seeherrscher sind konstant in Bewegung, sie sind dank ihrer Flotten ungemein agil, sie agieren raum­umspannend offensiv und sind stets auf weiteren Machtgewinn aus, exakt diejenigen Faktoren also, die aufs Ganze gesehen wiederum zu Destabilisierung, Unsicherheit und dem Verlust von Herrschaft führen können, vielleicht sogar müssen, wenn man dem so beschriebenen Prozess einen hohen Grad an Zwangsläufigkeit attestieren will.98 Für die Bewertung der Funktion von Seeherrschaft in der Archäologie bedeutet dies: Das Wesen und die Möglichkeiten maritimer Macht, wie sie in diesen Kapiteln vorgestellt werden, gaben Athen erst die Handhabe, im griechischen Raum den spezifischen Einfluss auszuüben – in Intensität, Radika­lität und auch räumlicher Ausdehnung –, der seine in vielerlei Hinsicht bemerkenswerte Sonderstellung innerhalb der griechischen Welt ausmachte.99 Darin ist zunächst keinerlei wertendes Urteil inbegriffen, lässt man die Spekulationen über eine einseitige politische Parteinahme des T ­ hukydides, wie sie der apologetischen Lesart zugrunde liegen, beiseite.100 Gleichwohl zeigt T ­ hukydides’ Bericht im weiteren Verlauf (und erste Andeutungen davon bietet schon das Kapitel 18) 97 R. Schulz (2011) 76. 98 Saxonhouse (2017) 346–352 bezeichnet dies als »power trap« in der Archäologie. 99 Siehe dazu die Bemerkungen von C. Meier (1991) 77: »Wir machen uns gewöhnlich nicht klar, wie außerordentlich und allem Herkommen widersprechend Athens Seemacht war […]. Jetzt jedoch unterwirft sich Athen mit der Zeit den ganzen Seebund; es dehnt seine Macht auf Dauer in einem riesigen Ausmaß aus; es beginnt große, weite, lange Kriege zu planen; es macht die See, den freien Raum zwischen den vielen Städten zum Zentrum des eigenen Herrschaftsbereichs.« Vgl. auch das Fazit von Baltrusch (1994) 197 zum Einfluss athenischer Seemachtspolitik in Griechenland. 100 Dazu Stahl (1966) 59.

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nur allzu deutlich, welche Folgen aus einer derartigen, sich auf die spezifischen Möglichkeiten maritim basierter Macht gründenden Politik in dem einen von ihm selbst erlebten und analysierten Fall, dem Peloponnesischen Krieg, dann erwuchsen. Wie verträgt sich eine solche Sicht jedoch mit der weiteren These, die der Archäologie doch auch zu entnehmen ist, der These nämlich, dass maritime Macht und Seeherrschaft zu Sicherheit, Wohlstand, Machtzuwachs einzelner und auch zu allgemeinerer Stabilität führen können? Gewiss trägt Seeherrschaft in ­Thukydides’ Analyse dazu bei, dass einzelne Herrscher oder Gemeinschaften erhebliches Machtpotential ansammeln können (1,15,1). Und auch ein großflächigeres Zunehmen von Sicherheit und Wohlstand ist angedeutet (1,8). Doch zeigt die Archäologie ja anhand mehrerer Beispiele ebenso, dass auch eine derart gewonnene Machtfülle nicht unbegrenzt ist und wieder zugrunde gehen kann.101 Von Minos etwa, der als erster das Meer beherrschte, hört man nach Kapitel 8 nichts mehr, und auch Agamemnons auf der Macht seiner Flotte basierende Herrschaft war nur von begrenzter Dauer.102 Der Aspekt der Begren­ zung und der Endlichkeit jeder Macht in Zeit und Raum ist – das hat Antonis­ Tsakmakis zu Recht hervorgehoben – in der Archäologie mindestens genauso präsent wie das Moment des Wachsens und Ausdehnens.103 Die Seeherrschaft der Ionier über ihre Küstengewässer etwa überstand nur eine »gewisse Zeit« (1,13,6), und auch Korinth, die prominenteste historische Seeherrscherin der Archäologie vor Athen (1,13,3–5), hatte  – folgt man ­Thukydides’ Text  – ihre akmē schon hinter sich. In den folgenden zeithistorischen Partien des Werkes jedenfalls treten die Korinther nicht länger als dominierende Macht hervor, sondern sind nur noch eine unter vielen und keineswegs noch von herausgehobener Macht zur See. Die Ausübung von Seeherrschaft ist somit – und die weitere Untersuchung wird dieses Fazit aus anderen Perspektiven bekräftigen können  – ein von­ Thukydides letztlich wertfrei präsentiertes Machtmittel, das immer im jeweiligen Kontext der historischen Bedingungen gesehen werden muss,104 und keineswegs der Gegenstand einer vom Historiker planvoll entwickelten Apologie Athens oder gar ein Lehrstück über die Art und Weise, wie künftige Generationen sich verhalten sollten, wenn sie den direkten Weg zu Größe und 101 Siehe Hunter (1980) 206–207; Malitz (1982) 277; Marincola (2001) 70. 102 Vgl. Hunter (1980) 210. 103 Tsakmakis (1995b) 47. 104 So auch Farrar (2013) 51: »Thucydides’ historical comparison of Minos and Athens  – same sea-going and empire-building disposition, different stages of the organization of Hellas – reveals that the very same attributes can be beneficial or dangerous to Greek unity. Men can achieve well-being only by construing power in context, not by copying it across time and space.«

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Macht einschlagen wollen. Dazu ist seine ›Lehre‹ bereits in diesem einleitenden Parforceritt durch die griechische Geschichte zu doppeldeutig, zu sehr an den Ambivalenzen und den Widersprüchen der Entwicklung und weniger an den vermeintlich einfachen Wahrheiten interessiert.

3. Leitworte

Bietet die Archäologie den einen klassischen Anhaltspunkt dafür, dass sich­ Thukydides intensiv mit dem Phänomen maritimer Macht auseinandergesetzt hat, so gilt auch sein spezifischer Wortgebrauch bzw. die Existenz bestimmter prägnanter Formulierungen im Text als ein Indiz für ein derartiges Interesse und sein Bemühen, den Wert und die Bedeutung von Seeherrschaft durch sein Werk zu unterstreichen. Daher gelten die folgenden Überlegungen dem Wortgebrauch des ­Thukydides und dabei im Speziellen der Frage, welche Rückschlüsse sich aus der Verwendung bestimmter Leitworte, die als Sinnträger in der Darstellung dienen können,1 für die Frage nach der Funktion des Motivs Seeherrschaft bei ­Thukydides ziehen lassen.

3.1 Seeherrschaft im Wortgebrauch des T ­ hukydides Im Allgemeinen unterscheidet sich der Wortgebrauch von ›Seeherrschaft‹ bei­ Thukydides kaum von dem, was ansonsten in klassischer Zeit und insbesondere in der Historiographie üblich war. Auffällig ist allein, dass die mit dem archē-Begriff gebildeten Ausdrücke (also etwa τῆς θαλάσσης ἄρχειν oder τῆς θαλάσσης ἀρχή), die im 4. Jahrhundert dann sehr häufig werden und, zumindest in der verbalen Form, auch bei Herodot schon begegnen (3,122,2), bei ihm so gut wie keine Rolle spielen, worauf gleich noch näher eingegangen werden wird. Bei T ­ hukydides sind allein die Bildungen mit dem kratos-Begriff von Bedeutung, und aus diesem Grund erübrigt es sich auch, im nun folgenden kurzen Überblick über das griechische Vokabular für Seeherrschaft die vom archē-Begriff her gebildeten Ausdrücke in Betracht zu ziehen. 1 Zur Existenz und Bedeutung von ›Leitworten‹ bei ­Thukydides vgl. Luschnat (1942) 131: »Bei der Interpretation machen wir oft die Beobachtung, daß gewisse Worte einem Teil der Rede durchaus das Gepräge geben. Diese Worte könnte man als ›Motti‹, ›Sinnträger‹ oder ›Gedankenträger‹ bezeichnen; wir wählten den Ausdruck ›Leitworte‹, um damit anzudeuten, daß sie nicht nur, von außen gesehen, eine Bedeutungsschwere haben, sondern daß ihnen auch im Aufbau der Reden selbst eine leitende, ordnende Funktion zukommt.«

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Leitworte

Das Griechische kennt insgesamt zehn mit dem kratos-Begriff gebildete Termini bzw. Wortverbindungen für Seeherrschaft (im Folgenden jeweils mit dem frühesten Beleg): τῆς θαλάσσης (ἐπι)κρατεῖν (Hdt. 5,36,3), κατὰ θάλατταν κρατεῖν (Isokr. or. 12,158), τὸ τῆς θαλάσσης κράτος (Thuk. 1,143,4), θαλαττοκρατεῖν (bzw. -κρατέειν, Hdt. 3,122,2), θαλασσοκράτωρ (Hdt. 5,83,2), θαλαττοκρατία (Strab. 1,3,2). Dazu treten dann noch die auf ναῦς (›Schiff‹) gebildeten Ausdrücke: ναυκρατεῖν (Thuk. 7,60,2), ναυκράτωρ (Hdt. 6,9,1) sowie das zugehörige Adjektiv ναυκράτης (Hdt. 5,36,2), deren Ursprung in der Wortverbindung ταῖς ναυσὶ κρατεῖν liegt. In nachklassischer Zeit begegnet dann ferner noch τῆς θαλάττης ἐγκρατής (Pol. 1,3,9). Diese Ausdrücke tauchten zeitgleich mit Beginn der griechischen Prosaliteratur im 5. Jahrhundert v. Chr. auf und blieben, mit einigen Besonderheiten und Schwankungen der Verwendung, in den folgenden Jahrhunderten kontinuierlich in Gebrauch, bis in die byzantinische Zeit hinein.2 Über ihren kulturellen und geographischen Ursprung wurden vereinzelt Vermutungen angestellt: Es wurde etwa eine enge Verbindung mit dem literarischen und historischen Umfeld des Athens der zweiten Hälfte des 5. Jahrhunderts postuliert, ebenso ein Ursprung zumindest der Komposita in Ionien, was vor allem mit der Schreibweise mit ionischem Doppel-Sigma anstelle von attischem Doppel-Tau bei Pseudo-Xenophon und dem erstmaligen Auftauchen von θαλασσοκρατεῖν bei Herodot, einem ionischen Autor, begründet wurde.3 Die Frage muss an dieser Stelle nicht weiter berühren; es genügt festzuhalten, dass die Sprache von Seeherrschaft allem Anschein nach zeitgleich mit der zunehmenden maritimen Präsenz Athens in der zweiten Hälfte des 5. Jahrhunderts entstand, weshalb sie oftmals auch als direkter Reflex einer­ Reflexion athenischer Herrschaft zur See interpretiert wird. Gerade die Komposita gelten dabei als in sich »powerful«,4 als für das 5. Jahrhundert typische assoziationsreiche Verbindungen, die schon aufgrund ihres bloßen Vorkommens in bestimmten Zusammenhängen sinnstiftend wirken können, indem sie inhaltliche Bezüge, Vergleiche und Hervorhebungen in den Texten ermöglichen. Über die konkrete Bedeutung dieser Ausdrücke entscheidet zunächst vor allem der jeweilige Verwendungskontext innerhalb spezifischer Erzählzusammenhänge. Wichtig ist jedoch an dieser Stelle die Feststellung, dass diesen Ausdrücken zumeist keinerlei ›politischer‹ Gehalt zukommt und sie keineswegs den Versuch bezeichnen, bestimmte Meeresgebiete als Teil  von Herrschafts2 Siehe Koder (1999) 103–105. 3 Athenischer Ursprung: Aly (1911) 597 (»Der Begriff einer Seemacht stammt, wie die Tatsache und das Wort dafür, aus dem 5. Jahrhundert aus dem attischen Interessenkreise«); ionischer Ursprung: Kalinka (1913) 181; Frisch (1942) 243; dagegen jetzt Bianco (2009). Vgl. dazu auch Marr u. Rhodes (2008) 103 sowie Laspe u. Schubert (2012) 73 Anm. 87. 4 So Hornblower (2014) 237 (ad Hdt. 5,83,2: ὥστε δὴ θαλασσοκράτορες ἐόντες): »the main word here is a powerful one«.

Seeherrschaft im Wortgebrauch des ­Thukydides 

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räumen dauerhaft ›staatlicher‹ Oberhoheit zuzuführen. Wie man schon oft gesehen hat,5 bezeichnen sowohl die Wortverbindungen als auch die Komposita fast immer einen sowohl lokal aus auch zeitlich begrenzten Zustand militärischer Überlegenheit zur See. Heißt es also in unseren Quellen, diese oder jene Macht ἐθαλαττοκράτησε, so ist damit zunächst nicht der Versuch angesprochen, sich im größeren Maßstab, gar ›imperial‹ zur See zu engagieren und auf dem Wasser Machtpolitik zu betreiben, sondern allein eine Aussage über ein spezifisches Kräfteverhältnis zweier Flotten in einem Moment des Konfliktes getroffen. Wenn überhaupt, so entsprechen eher die vom archē-Begriff her gebildeten Ausdrücke dieser Bedeutung, doch können diese aufgrund ihres bei­ Thukydides verschwindend geringen Vorkommens hier ja ignoriert werden. Der θαλασσοκράτωρ war schlicht diejenige Partei in einem Konflikt, die in diesem begrenzten Raum ihre Stärke, ihr kratos gegenüber der gegnerischen Seite durchsetzen konnte, was konkret meist hieß, die Fahrt durch ein bestimmtes Gebiet auch gegen den Willen der Gegner meistern konnte. Das heißt zwar nicht, dass mit diesen Ausdrücken nicht mitunter auch umfassendere Bemühungen bezeichnet werden konnten, doch lässt sich, zumal für das 5. Jahrhundert v. Chr., die überwältigende Mehrheit der Belegstellen dieser Bedeutung zuordnen; die Abweichungen davon müssen als wohl bewusste Bedeutungsnuancierungen angesehen werden. Wie bereits bemerkt, unterscheidet sich der Gebrauch der SeeherrschaftsTerminologie bei ­Thukydides kaum von dieser letztlich über die Jahrhunderte unveränderten Semantik der Ausdrücke.6 Auch bei ihm bezeichnen die seit Herodot gebräuchlichen Verbindungen τῆς θαλάσσης κρατεῖν oder θαλασσοκρατεῖν primär (wenn auch nicht ausschließlich) das Moment situativ errungener Überlegenheit in der kriegerischen Auseinandersetzung zur See, und auch der θαλασσοκράτωρ ist bei ihm nichts anderes als die Partei, die es schafft, diesen Zustand zu erringen und dem Gegner gegenüber für einen gewissen Zeitraum zu bewahren. Sehr häufig sind die aus θάλασσα (bei Thuky­dides stets mit Doppel-Sigma)  und dem kratos-Begriff gebildeten Verbindungen bei ­Thukydides dabei jedoch nicht.7 Im gesamten Werk kommt die verbale Verbindung τῆς θαλάσσης κρατεῖν nur achtmal vor (1,4; 1,13,6; 1,30,2; 1,30,3; 1,117,1; 3,32,3; 7,57,7; 8,38,2; vgl. 5,110,1), das Verb θαλασσοκρατεῖν nur dreimal (7,48,2; 8,30,2; 8,41,1), das Substantiv θαλασσοκράτωρ nur einmal (8,63,1), die Verbindung τὸ τῆς θαλάσσης κράτος dreimal (1,143,4; 8,46,1; 5 Siehe dazu etwa Aly (1911) 509; Tarn (1930) 142; Schaefer (1932) 6; Figueira (1985) 64; Galvagno (1994) 12 Anm. 17; Jannot (1995) 778; Koder (1999) 103–104; Walbank (2002) 108; Delattre (2002) 103; Bianco (2009) 101; Fantasia (2009) 25 Anm. 25; Kah (2016) 253 Anm. 9. 6 Zur Konstanz der Wortverwendung vgl. Schaefer (1932) 6. 7 Dazu generell die knappe Studie von Gardiner (1969).

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8,76,4). Weitaus seltener noch sind bei T ­ hukydides die vom archē-Begriff her gebildeten Ausdrücke: Die Formulierung τῆς θαλάσσης bzw. ἐς θάλασσαν ἀρχή begegnet nur zweimal in ein und derselben Passage (8,46,1–2), die verbale Verbindung τῆς θαλάσσης ἄρχειν überhaupt nicht. Daneben findet sich noch das verbale Kompositum ναυκρατεῖν (7,60,2) bzw. an drei Stellen das substantivische ναυκράτωρ (5,97; 5,109; 6,18,5). Insgesamt betrachtet bietet das Werk des T ­ hukydides unter den Autoren der klassischen und hellenistischen Zeit damit die größte Varianz hinsichtlich der Verwendung der Seeherrschafts-­ Terminologie. Einmal schließlich verwendet T ­ hukydides zudem die absolut singuläre Verbindung τῆς θαλάσσης κυριώτατοι (in der dritten Rede des P ­ erikles, 2,62,2), auf die ich in einem folgenden Kapitel noch näher eingehen werde.8 Andere Verbindungen, die als Elemente des Wortfeldes von ›Seeherrschaft‹ verstanden werden können – etwa Kombinationen mit ἡγεμονία wie später bei Isokrates (or. 12,67) und anderen Autoren des 4. Jahrhunderts v. Chr. –, finden sich bei T ­ hukydides nicht. Sein Vokabular von Seeherrschaft ist, dem rein lexikalischen Befund nach zu urteilen, sehr stark von den Verbindungen mit κράτος geprägt, was als terminologische Spiegelung einer inhaltlichen Konzentration auf historisch-situative, kriegerische und daher nur wenig ›herrschaftlich‹ geordnete Verhältnisse verstanden werden kann. Angesichts der Thematik des Werkes, der Darstellung des konkreten ›Wie‹ eines Krieges (1,1,1), vermag dies auch kaum zu überraschen: Wer beschreiben will, wie ein Krieg geführt wird, der ist letztlich fast gezwungen, terminologisch κράτος vor ἀρχή den Vorzug zu geben. Es gibt daneben jedoch einige Passagen, in denen sich ein spezifischer Wortgebrauch bei T ­ hukydides feststellen lässt, in dem Sinne nämlich, dass er durch die Einbettung gebräuchlicher Formulierungen in bestimmte Kontexte diesen Ausdrücken eine für das Werk konkrete Funktion im Sinne der angesprochenen ›Leitworte‹ zuweist: »A phrase, argument, or even a distinctive word is­ introduced by one speaker: later the language recurs, echoed or adapted by other speakers in a new situation, and its implica­tions are progressively exposed and clarified.«9 Gerade angesichts der nur spärlichen expliziten Stellungnahmen und Wertungen des Autors verlangen doch gerade auch zunächst unscheinbare Mittel der Akzentuierung und Sinngebung wie etwa Besonderheiten des Wortgebrauchs die besondere Aufmerksamkeit des Interpreten.10 Dass T ­ hukydides die im späteren 5.  Jahrhundert diskutierte Frage nach dem Verweischarakter von Worten nicht nur geläufig war, sondern er auch bewusst sprachphilosophische Probleme in seinem Werk paradigmatisch behandelte (vgl. 3,82,4), hat die 8 Siehe unten Kap. 4.1. 9 Connor (1984) 234. 10 Vgl. dazu Leppin (1999) 15.

Seeherrschaft im Wortgebrauch des ­Thukydides 

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Forschung verschiedentlich schon hervorgehoben.11 Jonas Grethlein schließlich hat überzeugend argumentiert, dass T ­ hukydides’ Werk in Teilen auch als eine Auseinandersetzung mit der Praxis der zeitgenössischen politischen Rhetorik begriffen werden kann, als eine durchaus kritische Reflexion sowohl der Wirkmächtigkeit als auch im Besonderen der potentiellen ›Gefahren‹ des l­ogos.12 Nicht ohne Grund hat daher auch schon die antike Tradition ­Thukydides wiederholt mit denjenigen Vertretern der ›Sophistik‹ in eine (auch biographische) Verbindung gebracht, deren Lehre man sowohl eine scharfe Antithetik in der Gedankenführung (Gorgias) als auch eine besondere Akzentuierung der potentiellen Mehrdeutigkeit des Wortgebrauchs zuschrieb (Prodikos).13 Bei beiden, Prodikos wie ­Thukydides, sei der Ausgangspunkt dieses Interesses »die Analyse genau solcher Bedeutungs­verschiebungen und -veränderungen […], wie sie T ­ hukydides in III, 82 beschreibt«, und die »richtige Bestimmung der Korrelation von Wort und Sache, das Erlernen der, wie Platon wiederholt in bezug auf Prodikos sagt, περὶ ὀνομάτων ὀρθότης ist das Gegenmittel gegen die von Prodikos wie T ­ hukydides diagnostizierte Auflösung des zuvor einheitlichen Sprachgebrauchs und der herrschenden Inkohärenz der Sprachverwendung«.14­ Thukydides diagnostiziert dabei in der bekannten Passage 3,82,4 vor allem einen sich verändernden Gebrauch der vorhandenen Wortbedeutungen in einer spezifischen Situation,15 weshalb es naheliegend ist, auch bei weiteren, in bestimmten Worten und Formulierungen gleichsam ›eingefrorenen‹ Kernideen des Werkes den je situativ spezifischen Gebrauch als den eigentlichen Gegenstand seiner Analyse in Betracht zu ziehen. Das Thema ist gewiss zu umfangreich und komplex, um es hier angemessen zu behandeln, doch ist das in diesem Kontext auch nicht nötig. Bereits dieser kurze Vorlauf lässt jedoch erkennen, dass das Thema nicht nur bei T ­ hukydides von enormer Bedeutung ist, sondern auch in seinem ›intellektuellen‹ Umfeld allem Anschein nach vieldiskutiert war.16 Die Einsicht, dass einzelne Wörter keineswegs unveränderliche, ›absolute‹ Einheiten sind, sondern stattdessen in ihrer Bedeutung immer durch die Intentionen und Kontexte ihrer konkreten Verwendung determiniert sind, gehörte zu den wohl auch ­Thukydides mehr als geläufigen philosophischen Grundüberzeugungen der letzten Jahrzehnte 11 12 13 14 15 16

Siehe Solmsen (1971); Connor (1984) 101–102; Allison (1997). Siehe Grethlein (2005). Dazu Luschnat (1970) 1258. Vgl. generell auch Nestle (1948). Stemmer (1992) 11. Siehe Hornblower (1991–2008) I, 483 (ad loc.). Siehe White (1984) Kap. 3. Vgl. auch die in vielerlei Hinsicht vergleichbaren Bemerkung von Vernant (2007) 275 zur attischen Tragödie und deren Umgang mit der Semantik von Worten. Zum ›intellektuellen‹ Umfeld des ­Thukydides vgl. Connor (1982) 271–277; Hornblower (1987) 110–135; Thomas (2006b); (2017).

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des 5.  Jahrhunderts. Die Frage muss daher nun lauten, ob sich Spuren dieser Beschäftigung bzw. der daraus gezogenen Schlüsse auch in der konkreten Verwendung des Seeherrschafts-Vokabulars bei ­Thukydides finden lassen. Gewiss können wir kaum erwarten, dass er ganz alltägliche, dem profanen Bereich des Militärisch-taktischen entstammende Termini wie die Ausdrücke für ›Seeherrschaft‹ mit demselben Interesse an Bedeutungsverschiebungen und Gebrauchswandel betrachtete wie die zentralen ethischen Begriffe aus der ›Pathologie des Krieges‹ (3,82,4). Und doch erscheint die Frage legitim, ob nicht die Einsicht in­ Thukydides’ diesbezüglich ja offensichtliches grundsätzliches Problem­bewusst­ sein den Blick auch dafür schärfen kann, welche Wandlungen und welche ganz konkreten situativen Bedingtheiten er vielleicht auch im Fall der Seeherrschafts-Terminologie diagnostiziert haben mag und ob nicht die Verwendung bestimmter Wörter oder Wortgruppen in unterschiedlichen Kontexten ein bewusst eingesetztes Mittel zur Lenkung des Lesers sein kann, das hilft, den Blick auf tiefergehende Analysen und Zusammenhänge zu richten. Bei ­Thukydides finden sich ja nicht nur die dem Ereignisbericht ganz selbstverständlich eingefügten Bemerkungen, diese oder jene hätten in bestimmten Situationen ›das Meer beherrscht‹, die man als eine seit Herodot übliche (5,36,2; 5,83,2) historiographische Gepflogenheit betrachten kann, sondern darüber hinaus auch Formulierungen, denen durch ihren narrativen Kontext und ihre kompositorische Einbindung in den Text eine über die reine Darstellungsebene hinausgehende Funktion als Leitworte zukommen könnte. Die sicherlich prominenteste (und auch meistzitierte) unter diesen Formulierungen ist die für die gesamte Rezeption des T ­ hukydides als eines Vordenkers maritimer Macht sinnbildlich gewordene Wendung μέγα γὰρ τὸ τῆς θαλάσσης κράτος (»etwas Großes ist die Beherrschung des Meeres«) in der ersten Rede des­ Perikles (1,143,4). Die Bedeutung, die dieser Formulierung als Leitwort im eingangs zitierten Sinne zugemessen wurde, ist immens und geht über die oftmals praktizierte Verwendung dieses ›Mottos‹ als Überschrift in einschlägigen Untersuchungen und Darstellungen weit hinaus.17 In der Annahme einer Einheit von Autor, Figur und Werk wird gefolgert, dass sich ­Thukydides (und mit ihm letztlich das gesamte Athen des späten 5. Jahrhunderts) der enormen Bedeutung der Seeherrschaft völlig bewusst gewesen sei und dass man daher diese Form der Machtausübung auch intensiv reflektiert und analysiert habe, eine Einsicht, der ­Thukydides schließlich mit der Formel μέγα γὰρ τὸ τῆς θαλάσσης κράτος ihr unvergängliches Denkmal gesetzt habe. Chester Starr etwa – wie gesehen ein vehementer Kritiker der vermeintlichen Begeisterung des T ­ hukydides für alles Maritime – sah in diesen Worten nicht etwa eine bloße Aufzeichnung periklei-

17 So bei Heuser (2010) 201; R. Schulz (2012) Kap. 4; Engels (2016).

Das kratos zur See als Paradigma

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scher Rhetorik,18 sondern des Historikers ureigene Einsicht: »Thucydides has made abundantly clear his belief that sea power is what counts: μέγα γὰρ τὸ τῆς θαλάσσης κράτος«.19 Letztlich, so die verbreitete Deutung, sei diese, ­Perikles von T ­ hukydides in den Mund gelegte Formulierung als ein Paradigma der gesamten Idee maritimer Herrschaft bei T ­ hukydides anzusehen und als eine gnomische Weisheit zu begreifen, in der sowohl die gesamte vorherige Analyse maritimer Macht aus der Archäologie als auch der perikleische Kriegsplan ihren Kulminationspunkt fänden.20 Die Formulierung erscheint daher auch oft als eine Art universelle Maxime, die T ­ hukydides der Nachwelt durch sein ›Sprachrohr‹ ­Perikles habe einprägen wollen; mitunter wird sie gar als ein historisch wirksames »Herrschaftsvorbild« begriffen,21 wobei die tatsächliche Entwicklung in klassischer und hellenistischer Zeit diese Einsicht des ­Thukydides vollauf bestätigt habe.22 In dieser einen Formulierung, so dürfe man also folgern, sei all das gebündelt, was das Werk über die Bedeutung von Seeherrschaft überhaupt zu sagen hat.

3.2 Das kratos zur See als Paradigma Die Wortverbindung τὸ τῆς θαλάσσης κράτος selbst ist dabei in der weiteren antiken Überlieferung überraschend selten, was angesichts der scheinbaren Analogie zu ›See-Herrschaft‹ durchaus überrascht. Bei T ­ hukydides begegnet sie nur dreimal, und das, obwohl die Wortfamilie von κράτος und κρατεῖν doch von enormer Bedeutung bei ihm ist.23 Vor ihm und zeitgleich, etwa bei Herodot oder den Dramatikern, begegnet die Verbindung überhaupt nicht, auch nicht bei Pseudo-Xenophon und auch nicht bei den Rednern des 4. Jahrhunderts, die sich zwar intensiv und wiederholt mit Athens τῆς θαλάττης ἀρχή auseinandersetzen,24 ein τῆς θαλάττης κράτος jedoch an keiner Stelle erwähnen. Da die 18 Herter (1953) 614 vermutet, unter den drei bei ­Thukydides überlieferten Reden des­ Perikles könne gerade die erste einen »besonderen Anspruch auf Urkundlichkeit« beanspruchen und enthalte daher »echtperikleisches Gedankengut«. 19 Starr (1978) 345 (eigene Hervorhebung). 20 Siehe Hornblower (1991–2008) I, 229; Hagmaier (2008) 223; R. Schulz (2011) 78–79. 21 Siehe Buraselis (1982) 2: »Der Glanz des athenischen Seereiches der Athener und die Erinnerung an seine ruhmreichen Tage prägten den ägäischen Nachbarn die Wahrheit des perikleischen Ausspruchs: ›Denn etwas Großes ist die Herrschaft über das Meer‹ ein und bildeten für sie wohl ein gewisses Herrschaftsvorbild.« 22 Siehe Gabrielsen (2001) 73: »Historical accounts of the Classical and Hellenistic periods amply confirm the validity of Thucydides’ statement (1.143.5) ›sea power (thalassokratia) is indeed a geat thing‹.« 23 Dazu Tritle (2006) 478; Gotter (2008) 184. 24 Vgl. Ober (1978); Wilker (2016).

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Formulierung τὸ τῆς θαλάσσης κράτος bei T ­ hukydides jedoch nach der ersten Periklesrede noch zwei weitere Male begegnet, dabei immer an prominenten und für den Verlauf des Geschehens wichtigen Passagen, legt es diese auffallende Häufung in einem Text nahe, diese Stellen als Indizien für bewusst konstruierte Fernbeziehungen zu betrachten,25 als im Wortgebrauch ersichtliche motivische bzw. thematische Wiederaufnahmen über Kapitel und ganze Bücher hinweg, die jedoch nicht allein konstatiert werden sollen,26 sondern auf die Frage hin untersucht werden müssen, »welchen historiographischen Zweck T ­ hukydides mit diesem Mittel verfolgte«.27 Dabei ist mir wohl bewusst, dass die Annahme intendierter Fernbeziehungen nur auf Grundlage des wiederholten Vorkommens einer bestimmten Formulierung diskutiert werden kann; jedoch – und insofern scheinen mir die drei Passagen in direktem Bezug zueinander zu stehen – sind die Stellen durch ihren Kontext und thematische Wiederholungen auf eine Art in Beziehung gesetzt bzw. prinzipiell vergleichbar, die ein solches Vorgehen legitim erscheinen lässt.

3.2.1 ­Perikles Zunächst also zur sogenannten Kriegsrede des P ­ erikles (1,140–144). Die Rede hat im Kontext des ersten Buches die Funktion, P ­ erikles seine Überzeugung darlegen zu lassen, der Krieg mit den Spartanern sei unvermeidbar, und ihm Raum für seine Erörterung der Siegeschancen Athens zu geben, aufgrund derer er den Krieg als nicht nur notwendiges, sondern auch vertretbares Risiko präsentieren kann. Dadurch will er auch diejenigen Athener, die gegen den Krieg sind, von seinem Standpunkt überzeugen, was ihm schlussendlich auch gelingt (1,145).28 ­Perikles muss also von Anfang an zweierlei bewirken: Einerseits muss er die Nachteile der Spartaner deutlich machen, sie als Gegner also in ihrer Gefährlichkeit reduzieren; andererseits sieht er sich auch gezwungen, Athens besondere Vorteile stärker hervorzuheben. Eines der wesentlichen Argumente, derer sich P ­ erikles dabei bedient, ist die größere Flexibilität und Mobilität des seebeherrschenden Athen im Vergleich mit den eng an ihren Boden gebundenen

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Vgl. Rengakos (1996) zu den ›Fernbeziehungen‹ bei ­Thukydides. So auch Luschnat (1942) 19. Rengakos (1996) 402. Zu Inhalt, Aufbau und argumentativer Struktur der Rede vgl. neben den entsprechenden Einträgen in den Kommentaren von Gomme, Andrewes u. Dover (1945–1981) I, 453–464 und Hornblower (1991–2008) I, 226–231 die Erläuterungen von Zahn (1934); de Romilly (1951) 100–107; Herter (1953); Hagmaier (2008) 198–236; Foster (2010) 138–150; M. ­Taylor (2010) 40–48.

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Spartanern. Das Argument gipfelt in ­Perikles’ Versicherung, Athen könne einen Verlust attischen Landes gut verkraften, ganz anders als die auf die Peloponnes angewiesenen Spartaner, habe man doch durch die Mobilität zur See ungleich mehr Land zur freien Verfügung: Marschieren sie aber in unser Land ein, so fahren wir gegen das ihrige, und dann bedeutet es nicht mehr das gleiche, ob vom Peloponnes ein Teil kahlgelegt wird oder selbst ganz Attika; denn sie werden sich kein Ersatzland schaffen können kampflos, während wir viel Land haben auf den Inseln und an den Küsten (ἡμῖν δ’ ἔστι γῆ πολλὴ καὶ ἐν νήσοις καὶ κατ’ ἤπειρον); es ist nämlich etwas Großes um die Beherrschung des Meeres (μέγα γὰρ τὸ τῆς θαλάσσης κράτος). Denkt doch: bewohnten wir eine Insel, wer wäre wohl unangreifbarer (σκέψασθε δέ· εἰ γὰρ ἦμεν νησιῶται, τίνες ἂν ἀληπτότεροι ἦσαν)? So aber müsst ihr euch dem so nah wie möglich denken, müsst Land und Gebäude preisgeben, aber Meer und Stadt verteidigen (τὴν μὲν γῆν καὶ οἰκίας ἀϕεῖναι, τῆς δὲ θαλάσσης καὶ πόλεως ϕυλακὴν ἔχειν) […]. (1,143,4–5)

In seiner dritten und letzten Rede, die die Forderung, sich vollständig auf die Herrschaft zur See zu besinnen und dem alles andere – vor allem Häuser und sonstigen materiellen Besitz – unterzuordnen, nochmals zuspitzt und radikalisiert, wird P ­ erikles diese Argumente noch einmal wiederholen (2,62–63) und dadurch einen weiteren Gipfelpunkt antiker Seeherrschafts-Rhetorik markieren.29 Die Argumentation der Kriegsrede ist in vielen Details bereits ausführlich untersucht worden; insbesondere auch sind die Fernbeziehungen sowohl zu früheren (Archäologie, Rede des Archidamos in Sparta) als auch zu späteren (dritte Rede des ­Perikles) Passagen des Textes hervorgehoben worden.30 Die gesamte Passage ist in unserem Zusammenhang insofern von besonderer Bedeutung, als ­Thukydides den Leser dadurch zum ersten Mal explizit mit dem Motiv der athenischen Seeherrschaft konfrontiert, was zwar schon über das Buch 1 hinweg vorbereitet worden ist, an dieser Stelle jedoch erstmalig argumentativ entfaltet wird, indem an einem zentralen Scharnierpunkt der historischen Erzählung, dem athenischen Entschluss zum Krieg, ­Perikles die Idee des kratos zur See zur wichtigsten Maxime seiner gesamten Strategie erhebt und seine Mitbürger dadurch von der Richtigkeit seiner Pläne überzeugen kann.31 Erst mit dieser Rede des P ­ erikles und der Entfaltung des auf der Seeherrschaft Athens basierenden Kriegsplanes wird die Beherrschung des Meeres zu einem zentralen Motiv

29 Die Beziehungen zwischen beiden Reden hebt Zahn (1934) 61–62 hervor. Zur dritten Rede ausführlich unten Kap. 4.1. 30 Siehe etwa Rengakos (1996) 38; Saxonhouse (2017) 344–345. 31 Vgl. Engels (2016) 297: Dieser Teil der Rede werde »often falsely reduced to a ›defensive‹ plan, and rather corresponds to praise of the ›greatness of thalassocracy‹ […] and a wellbalanced set of naval strategies«.

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der Darstellung.32 Nicht wenig davon verdankt sich, wie gesehen, der Formulierung des P ­ erikles selbst, die aus den verstreuten Erwähnungen der Archäolo­ gie und der Pentekontaetie nun die Bedeutung des kratos zur See (zumindest in Bezug auf den kommenden Krieg) deutlich herauszufiltern und in den Rang einer gnomischen Weisheit zu erheben scheint. Dabei ist auffallend, dass ­Perikles in seiner ganzen Argumentation nur recht wenig darauf bedacht ist, konkrete Details der Kriegsplanung oder Kriegsbegründung zu erläutern, sondern sich gerade im zweiten Teil der Rede (1,141,2– 1,144,2), der auch die Bekundung der ›Größe‹ athenischer Seeherrschaft umfasst, fast ausschließlich der Frage der Erfolgsaussichten des zuvor schon als unvermeidlich dargestellten Krieges widmet,33 ohne freilich diese Aussichten allzu detailreich darzulegen. Das ist wichtig für alles Folgende, lässt die Art und Weise, wie hier mit dem Argument der unumschränkten Beherrschung des Meeres verfahren wird, doch bereits ein wesentliches Charakteristikum der thukydideischen Darstellung dieses Motivs erkennen, das nicht nur für ­Perikles allein, sondern in gewisser Weise auch für seine ›Nachfolger‹ im Werk kennzeichnend ist: Seeherrschaft ist bei ­Thukydides vor allem ein Argument, mitunter ein Versprechen, mit dem andere überzeugt werden sollen, in bestimmter Weise zu entscheiden und zu handeln.34 Das lässt sich bereits hier in der Kriegsrede klar erkennen. ­Perikles listet weniger die Vorteile und Stärken Athens im Einzelnen auf, sondern arbeitet stattdessen die vor allem ökonomische Schwäche der Spartaner als deren größten Schwachpunkt heraus (1,141). Der eigentlichen Darlegung athenischer Stärke wird dann anschließend gar keine besondere Aufmerksamkeit zuteil, die für ein Gleichgewicht der beiden Aspekte sorgen könnte.35 Selbst der für die gesamte Rede zentrale und vieldiskutierte Kriegsplan des ­Perikles, der in der Formel von der ›Größe‹ der Meeresbeherrschung gipfelt, erscheint dann seltsam verknappt, auf Hypothesen und allgemein gehaltene Forderungen an das Verhalten der Athener verkürzt. Das τῆς θαλάσσης κράτος ist bei alledem keineswegs nur ein Argument unter vielen, sondern die nicht mehr hinterfragbare und 32 Siehe dazu etwa R. Schulz (2011) 78–79: »Auf diese Rede läuft argumentativ die gesamte Darstellung der Vorkriegszeit hinaus, und sie bildet einen Höhepunkt des Werkes: Hatte­ Thukydides bis hierhin Seemacht und Seekrieg als treibende und strukturierende Faktoren der historischen Entwicklung thematisiert, so werden sie jetzt selbst zum Objekt einer Strukturanalyse, die ohne Beispiel ist […]: Flexible Dynamik gegenüber angreifbarer Statik, das ist es, was den Vorteil der Seemacht ausmacht und was ­Perikles bilanzieren lässt: ›Herr des Meeres zu sein ist etwas Großes‹.« Vgl. auch Tsakmakis (1995b) 46 Anm.  62 zur Archäologie: »Erst im Zusammenhang des Kriegsplans der Athener kommt der See eine herausragende Bedeutung zu.« 33 Siehe Price (2001) 175. 34 Dazu ausführlich unten Kap. 5.2. 35 Vgl. dazu de Romilly (1951) 102; Price (2001) 175.

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völlig voraussetzungslose Grundlage des gesamten Planes.36 Hinzu kommt, dass­ Thukydides seinen ­Perikles die Formulierung der ›Größe‹ athenischer Meeresbeherrschung in einer Weise vornehmen lässt, die zumindest den Anschein erwecken kann, sie zöge ihren Sinn und ihre Berechtigung nicht allein aus dem ganz konkreten Kontext der Situation, sondern könnte als eine allgemeingültige ›Weisheit‹, eine über den Zusammenhang der Debatte des Jahres 431 hinaus­ weisende Botschaft über den Wert und die Bedeutung des maritimen kratos begriffen werden. Zwar dient die gesamte Rede mitsamt dieser Formulierung, dem narrativen Kontext entsprechend, dem konkreten Zweck, einen noch kriegsunwilligen attischen dēmos von den Erfolgschancen eines aus der Sicht des­ Perikles unvermeidbaren Krieges zu überzeugen; auf einer anderen Ebene, der von ­Thukydides explizit mitgedachten Ebene der späteren Rezeption des Werkes (1,22,4), scheint das Bekenntnis zur ›Größe‹ der Meeresbeherrschung aber gleichwohl auch allgemeinere Züge anzunehmen und nicht zu selten wird, wie gesehen, daraus der Schluss gezogen, in dieser Formel liege ein Schlüssel zu­ Thukydides’ eigener Sicht auf Seeherrschaft. Er selbst habe an diese ›Größe‹­ geglaubt,37 nicht etwa allein P ­ erikles. Woran liegt das? Zum einen gewiss an der, freilich hochproblematischen Annahme, ­Perikles sei als das ›Sprachrohr‹ des ­Thukydides zu verstehen.38 Zum anderen trägt auch die spezifische Form dieser Bekundung ihr Teil dazu bei: Die Wendung μέγα γὰρ τὸ τῆς θαλάσσης κράτος gehört zu den vielen allgemein formulierten, meist als ›gnomisch‹ bezeichneten Aussagen im Werk des Thukydides, wie sie vor allem von den Rednern immer wieder verwendet werden, besonders von P ­ erikles, um gleichsam aus dem situativen Kontext der historiographischen Erzählung für einen Moment herauszutreten und Botschaften von darüber hinausreichendem Geltungsanspruch zu formulieren.39 Gerade die Wendung μέγα γὰρ τὸ τῆς θαλάσσης κράτος wurde oft so verstanden,40 womit zumindest implizit die Annahme verbunden ist, T ­ hukydides sage hier nicht allein etwas über strategische Faktoren in dem kommenden Krieg aus, sondern äußere eine auch darüber hinaus ›gültige‹, von anderen Partien des Werkes (etwa der Archäologie oder dem ›Nachruf‹ auf P ­ erikles in 2,65) bestätigte Weisheit, die mit seinen eigenen Ansichten und Überzeugungen deckungsgleich sei. 36 Siehe etwa von Fritz (1967) 667: Die »Beherrschung des Meeres« werde in den ersten beiden ­Periklesreden »einfach als Grundlage und Ausgangspunkt aller Überlegungen vorausgesetzt«. Vgl. dazu auch Zahn (1934) 62; de Romilly (1951) 102; Hagmaier (2008) 223–224; Miltsios (2013a) 339. 37 Siehe Starr (1978) 345. 38 Dazu Stahl (1966) 59. 39 Siehe Tompkins (2013) 455–465. 40 So etwa Zahn (1934) 28; Hagmaier (2008) 223.

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Solche Deutungen müssen sich jedoch immer einer Gegenfrage stellen: Dürfen derartige gnomische Aussagen tatsächlich als zeitlose und daher universell gültige Gedanken verstanden werden, die der Historiker ­Thukydides in seiner ›Funktion‹ als Denker und Ratgeber formuliert habe, um dadurch der Zielsetzung seines Werkes, etwas Nützliches für alle Zeiten zu bieten (1,22,4), gerecht zu werden?41 Schon vor längerem hat Hartmut Erbse völlig zu Recht darauf hingewiesen, dass es im Fall dieser Gnomen nur »auf den ersten Blick« so aussieht, »als seien hier Erkenntnisse in einprägsamer Gestalt zu späterer Verwendung niedergelegt«.42 Da nämlich die allermeisten dieser Gnomen – die hier besprochene von der ›Größe‹ des maritimen kratos eingeschlossen – in den Reden vorkommen, muss stets unterschieden werden zwischen der konkreten Funktion, die diese Maximen im jeweiligen Kontext für Aufbau und Gedankengang der Reden zu erfüllen haben, und der Annahme einer darüber hinausreichenden Erklärungsabsicht. Sobald man nämlich, so Erbse, die Gnomen aus diesem Zusammenhang löst, verlieren sie ihre Überzeugungskraft. Manche bieten auch ganz Selbstverständliches oder widersprechen einander. Mögen auch viele vortreffliche Beobachtungen in diesen Sätzen eingefangen sein, Glanz und Schärfe gewinnen sie nicht in der Vereinzelung, sondern nur an dem Ort, an den sie der Autor gesetzt hat, d. h. unter den Bedingungen einer konkreten Situation und im Munde eines an seine Ziele gebundenen Sprechers.43

Entsprechend ergibt sich auch die Sonderrolle, die der Gnome μέγα γὰρ τὸ τῆς θαλάσσης κράτος oftmals als Leitidee maritimer Macht zugewiesen wird, einzig aus der spezifischen Art und Weise, in der sie ­Thukydides hier ­Perikles vortragen lässt. Der »exzeptionelle Wert der Thalassokratie, wie ihn die γνώμη postuliert«, mag zwar durch die Rede und die der Gnome folgende Darlegung des Kriegsplanes »eindrucksvoll bewiesen« sein,44 doch kann diese ›Beweisführung‹ zunächst nur innerhalb des durch die Rede und die situativen Absichten des P ­ erikles umrissenen Bezugsrahmens Geltung beanspruchen. Mit anderen Worten: Innerhalb der von P ­ erikles hier vertretenen, im Moment der Rede zur Überzeugung seiner Zuhörer entwickelten Logik kann die Behauptung, es sei »etwas Großes um die Beherrschung des Meeres«, einen gewissen Anspruch auf Richtigkeit für sich reklamieren, der jedoch richtig zunächst nur im Hinblick darauf ist, was diesem Redner in seiner konkreten Situation als angemes-

41 Vgl. etwa Tompkins (1993) 103 (»the general utterances of Pericles have the function of creating a timeless universe of thought, unaffected by the general caducity of things«). 42 Erbse (1979b)  223. Zur Bedeutung von gnomischen Sentenzen in der von ­Thukydides konstruierten perikleischen Sprache vgl. Tompkins (2013) 455–456. 43 Erbse (1979b) 223. 44 So jüngst Hagmaier (2008) 223.

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sen und zutreffend bzw. für seine Zwecke nützlich erscheint, ganz im Einklang also mit dem, was T ­ hukydides im ›Methodenkapitel‹ (1,22,1) als sein leitendes Prinzip bei der Wiedergabe der Reden im Werk bezeichnet.45 Die gnomische Form, die Allgemeingültigkeit suggeriert, und die situationsbedingte Einordnung der Rede in ihren narrativen Kontext, in dem sie der Überredung der Zuhörer dient und ein Versprechen für den kommenden Krieg formuliert, stehen dabei zwangsläufig in gewisser Spannung zueinander. Hier scheint mir eine von Hermann Strasburger getroffene Unterscheidung grundlegend: Es gebe, so Strasburger, in T ­ hukydides’ Denken für den handelnden Menschen gar »keine absolute Wahrheit«, sondern immer »nur relative momentane Richtigkeit«.46 Akzeptiert man diese Annahme – und vieles spricht dafür –, so fällt auch die Idee, ­Thukydides habe seine Figuren als Sprachrohre allgemeingültiger Maximen gebraucht.

3.2.2 Alkibiades Das zweite Mal begegnet das Leitwort τὸ τῆς θαλάσσης κράτος erst wieder in Buch 8, in indirekter Rede aus dem Mund des Alkibiades. Allein schon der Umstand, dass es ausgerechnet Alkibiades ist, im Werk der eigentliche ›Nach­ folger‹ des P ­ erikles als Redner und politischer Manipulator, der zudem oftmals in seinen Ansprachen mit Versatzstücken perikleischer Rhetorik und Motivik operiert,47 lässt diese ›Zweitverwertung‹ des τῆς θαλάσσης κράτος in Buch 8 bemerkenswert wirken. Sie könnte ein Indiz dafür sein, dass wir es hier nicht mit einer nur zufälligen Wiederholung, sondern mit einer bewussten Fernbeziehung zwischen zwei Gedanken bzw. Situationen zu tun haben,48 noch dazu in einer Passage, in der, so Édouard Delebecque, jedes Wort mit Bedacht gewählt und mit Bedeutung versehen sei.49 Kurz zum Hintergrund: Alkibiades, der seit seiner Abberufung aus Sizilien 415 im Exil bei den Spartanern weilte, war diesen allmählich verdächtig geworden und wandte sich daher an den persischen Satrapen Tissaphernes (8,45,1). 45 Siehe Vössing (2005) 215 zum ›Methodenkapitel‹: »Die Redner fungieren also aus­ Thukydides’ Perspektive keinesfalls als seine Sprecher; denn er läßt sie das sagen, was – seiner Meinung nach – ihre Sicht der Realität war.« Vgl. dazu generell Luschnat (1970) 1162–1183; Erbse (1989) 131–134; Rengakos (2011) 404–405. 46 Strasburger (1966) 59. 47 Siehe Macleod (1983b)  80–81, 86–87; Rengakos (1984) 106–112; Kallet (2001) 40–41; Grethlein (2010a) 244–245. 48 Hornblower (1991–2008) III, 889 verweist zurück auf die »Periklean aspiration for Athens« von 2,62,2. 49 Delebecque (1964) 43–44.

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Er versuchte, diesen (und damit die Unterstützung des persischen Großkönigs) für sich zu gewinnen, indem er sich als Ratgeber (8,45,2) und ausgewiesener Experte der Lage in Griechenland andiente. Vorgeblich aus Rücksicht auf die Interessen der persischen Seite habe Alkibiades, so ­Thukydides, dem ­Satrapen dabei einen ganzen Katalog an Maßnahmen empfohlen, wie die Griechen behandelt werden sollten, darunter auch den Ratschlag, den Krieg nicht zu rasch beizulegen, auch solle er nicht durch Heranziehung phoinikischer Schiffe (die er ausrüsten ließ) oder Soldzahlung für noch mehr hellenische Truppen der gleichen Stadt die Macht zu Lande und zur See (τῆς τε γῆς καὶ τῆς θαλάσσης τὸ κράτος) geben wollen, sondern beide ihre Herrschaft getrennt ausüben lassen: so behalte der König Freiheit, jeweils gegen die ihm aufsässigen die andern aufzubieten; käme die Macht über Land und Meer in eine Hand, so werde er keinen finden, dem er helfen könne, den Sieger niederzuringen, er müsste denn selber mit großen Kosten und Gefahren einmal aufstehn und den Kampf durchkämpfen wollen. (8,46,1–2)

Tissaphernes ließ sich schließlich von Alkibiades’ Argumenten überzeugen; dessen Versprechen, die persische Seite könne, befolge sie nur seine Ratschläge, letztlich kostengünstig und ohne größeren Aufwand das Beste aus der Situation in Griechenland ziehen, waren dann doch zu überzeugend (8,46,3–5). Steckt hinter dieser Wiederaufnahme der Formulierung τὸ τῆς θαλάσσης κράτος ein tieferer Sinn? Wollte ­Thukydides damit etwas Bestimmtes implizieren, eine Veränderung oder auch die Konstanz von Ideen und Entwürfen akzentuieren, indem er das von ­Perikles geprägte Leitwort hier wieder ›hervorholt‹? Wenn überhaupt, so liegt die Bedeutung dieses neuerlichen Auftretens der Idee des τῆς θαλάσσης κράτος vor allem in den völlig veränderten Vorzeichen, unter denen das Argument nun erneut begegnet. In der ersten P ­ eriklesrede war die »Größe« des kratos zur See noch eine selbstverständliche, der Kalkulation des­ Perikles bedingungslos zugrundeliegende und den gesamten Kriegsplan überhaupt erst ermöglichende Grundvoraussetzung, die daher auch weder erläutert, begründet noch gar in ihrer zentralen Bedeutung erwiesen werden musste. Wenn irgendetwas Athen allein sicher und ohne jeden Zweifel zur Verfügung stand, dann doch das τῆς θαλάσσης κράτος – so ein Fazit der Kriegsrede. Versteht man diese Ansprache des P ­ erikles als die Folie, vor der eine neuerliche Verwendung dieser an sich seltenen Formulierung fast zwangsläufig begriffen werden muss, so sind der Kontrast und die Umkehrung der Verhältnisse augenfällig: Nun, im Jahre 411, konnte ein geflohener Athener, der bis kurz zuvor den Spartanern gegen Athen zur Seite gestanden hatte, dem persischen Satrapen Ratschläge geben, wie dieser durch sein Eingreifen das τῆς θαλάσσης κράτος nach Belieben auf die Griechen verteilen könne – aus der Perspektive des Jahres 431 und der Kriegsrede völlig undenkbar. »In war individuals and states lose their

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ability to make things happen; things happen to them«,50 und in dieser Weise lässt sich auch die ›Verselbständigung‹ des kratos zur See in der Argumentation des Alkibiades als ein Indiz dafür begreifen, dass auch diese Macht nicht länger – wie in den früheren Büchern noch selbstverständlich – von den Athenern allein ›kontrolliert‹ wurde, sondern wie so vieles andere in dieser Phase des Krieges der Fragmentierung und Veränderung ausgesetzt war. Die Perser, so die Implikation, hielten nun das τῆς θαλάσσης κράτος in den Händen und konnten es daher auch verteilen (8,46,2), was bedeutet, dass es nicht mehr allein die Sache der Athener war, keine absolute, stabile und unwandelbare Größe mehr, sondern nur noch ein Spielball persischer (oder auch anderer) Interessen. Diesen Zusammenhang zwischen der historischen Situation der Jahre nach dem Scheitern des Expeditionsheeres in Sizilien, wie sie bei T ­ hukydides in Buch 8 geschildert werden und in denen doch auch tatsächlich das Eingreifen der Perser den Seekrieg erheblich prägen sollte,51 und der Wiederaufnahme des­ Mottos τὸ τῆς θαλάσσης κράτος gilt es gleich anschließend noch näher zu untersuchen,52 liegt darin doch ein entscheidender Schlüssel zum Verständnis der Funktion dieses Leitwortes im Werk.

3.2.3 Die Redner auf Samos Die dritte und letzte Verwendung der Formulierung τῆς θαλάσσης κράτος folgt nur wenig später im achten Buch. Im Kontext des Berichtes über die Kriegssituation der Jahre 412 bis 411 in der östlichen Ägäis und in Ionien leitet die erfolgreiche Mission des Alkibiades bei Tissaphernes unmittelbar über zu einer Schauplatzverlagerung hin zur Insel Samos (8,47,2). Die historische Situation braucht hier nur kurz skizziert zu werden.53 Nach dem Umsturz des Jahres 411 (8,63,3–8,69) regierte in Athen die Oligarchie der Vierhundert, und die auf Samos – von wo aus die oligarchische Welle zuerst ausgegangen war (8,63,3–4) – stationierte Flotte war, nachdem ein anti-demokratischer Coup auf der Insel niedergeschlagen worden war (8,73), entschlossen, sich als demokratisches ›Gegen-Athen‹ gegen das neue Regime in Athen zu behaupten (8,75).54 Die Tragweite dieser Situation, als Flotte fern der eigenen Heimat nun der der »abgefallenen« (ἀϕέστηκεν) Heimatstadt selbst den Kampf ansagen zu müssen,55 50 51 52 53 54 55

Connor (1984) 215. Siehe dazu Lazenby (2004) 245. Siehe dazu auch unten Kap. 4.2.3. Dazu ausführlich F. Schulz (2011). Vgl. Price (2001) 312–313. Dazu F. Schulz (2011) 128, der die Radikalität des Gedankens hervorhebt, Athen selbst sei (wie sonst nur die abtrünnigen Bündner) »abgefallen«. Vgl. auch Price (2001) 313.

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und das in einem Konflikt, der mindestens ebenso um Ideologie wie um konkrete, politische oder militärische Vorteile in dieser Phase des Krieges geführt wurde,56 war den Flottensoldaten auf Samos offenbar deutlich bewusst geworden.57 In dieser Situation wurde nämlich eine Volksversammlung einberufen, in der sich – wie ­Thukydides berichtet – die (anonymen) Redner in allerlei ermutigenden und den Kampfgeist stärkenden Ansprachen ergingen: Mit mancherlei Zuspruch traten die Redner in ihrer Versammlung auf: es sei kein Grund zur Verzweiflung, dass die Stadt von ihnen abtrünnig geworden sei; eine Minderheit habe sich von ihnen, der Mehrheit, getrennt, und sie seien mit allem besser versehen: im Besitz der gesamten Flotte würden sie die andern Städte ihres Reiches zwingen, die Gelder nicht anders zu bezahlen, als wenn sie von Athen aus den Krieg führten – als Stadt hätten sie Samos zu ihrer Verfügung, keine schwache Stadt, die ja um ein Haar den Athenern im Samischen Krieg die Seeherrschaft (τὸ Ἀθηναίων κράτος τῆς θαλάσσης) streitig gemacht hätte, und der Feinde würden sie sich vom selben Ort aus erwehren wie bisher; und die Lebensmittel zuzuführen werde ihnen mit ihren Schiffen noch leichter fallen als denen in der Stadt. (8,76,2–4)

Auch in dieser Situation hat Seeherrschaft als Durchhalteargument somit wieder einen festen Platz. Es ist dabei nicht allein bemerkenswert, dass das τῆς θαλάσσης κράτος hier Erwähnung findet, noch ist die teils verblüffende Argumentation der anonymen Redner der eigentlich erstaunliche Aspekt. Die Reihe der Argumente, die die Redner hier aufführen, hat vielmehr eine frappierende Parallele im ersten Buch, denn sie wirken – zumal durch die zentrale Bedeutung, die dem kratos zur See zugemessen wird  – wie eine teils fast wörtliche Wiederaufnahme des perikleischen Kriegsplanes. Wäre die Passage von Thukydides noch zu einer Rede in oratio recta ausgestaltet worden, wie es Andrewes zumindest für denkbar hielt,58 so wäre die Ähnlichkeit noch auffälliger. Diese Verwandtschaft der beiden Partien sowohl in einzelnen Formulierungen als auch in der generellen Stoßrichtung der Argumentation rechtfertigt es, ihr Verhältnis als eine motivische Fernbeziehung zu verstehen,59 bei der, ist sie erst einmal bemerkt, die Frage unausweichlich gestellt werden muss, »welchen historiographischen Zweck ­Thukydides mit diesem Mittel verfolgte«.60 Im Folgenden sollen daher zunächst die Übereinstimmungen kurz vorgestellt werden: (1) Die anonymen Redner verweisen auf den finanziellen Vorteil, den das kratos zur See verschaffen werde: Die »beherrschten Städte« des Seebundes 56 57 58 59 60

Siehe Price (2001) 313. Das betont M. Taylor (2010) Kap. 5. Siehe Gomme, Andrewes u. Dover (1945–1981) V, 268 (ad 8,76,3). Vgl. Rengakos (1996) 400 zu ›motivischen Fernbeziehungen‹. Rengakos (1996) 402.

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könnten »gezwungen« werden (πόλεις ὧν ἄρχουσιν ἀναγκάσειν), an die Flotte auf Samos, wie zuvor an Athen, die chrēmata abzuführen (8,76,4). ­Perikles hat wiederholt den aus der Herrschaft im Seebund resultierenden finanziellen Vorteil Athens als einen der Gründe ins Feld geführt, warum der Krieg gegen die ärmlichen Spartaner siegreich enden werde (1,141,1; 1,143,1; vgl. auch 2,13,1–2). Zudem hat auch P ­ erikles betont, dass der konstante Zufluss an Geldern aus den Bundesstädten selbst ein Grund sei, weshalb Athen die archē keinesfalls aufgeben dürfe (1,143,5; 1,144). Auf Samos argumentieren nun die Redner mit der Möglichkeit, von dieser Insel aus den Seebund und seine Strukturen aufrechtzuerhalten. Es sei zudem möglich, der Gegenseite, also Athen, das Meer zu »versperren«,61 anstatt von Athen selbst an der freien Bewegung zur See gehindert zu werden (εἴργειν ἐκείνους τῆς θαλάσσης ἢ ὑπ’ ἐκείνων εἴργεσθαι, 8,76,5). Auch dieses Argument verweist zurück auf die Kriegsrede, denn dasselbe hat­ Perikles dort von den Spartanern behauptet: Diesen sei durch Athen das Meer »versperrt« (θαλάσσης εἰργόμενοι, 1,141,4; vgl. 1,142,8), weshalb sie auch keinerlei Erfahrung im Seekrieg gewinnen und so gar nicht erst zu ernsthaften Gegnern werden könnten. (2) Die Redner auf Samos argumentieren, diejenigen könnten sich im Notfall neues Land und neue Städte als Rückzug suchen, die über eine Flotte verfügen würden (8,76,7).62 Auch ­Perikles hat seinen Entwurf der ›Größe‹ des kratos zur See mit diesem Argument eingeleitet und diesen letztlich daraus entwickelt: Die Spartaner könnten sich kein neues Land suchen und seien deshalb verletzlich, während die Athener dank ihrer Seeherrschaft jederzeit auf Attika verzichten und sich Rückzugsorte im Bundesgebiet suchen könnten (1,143,4). In der Kriegsrede schließt sich daran unmittelbar, durch γάρ auch deutlich als Erklärung und Grundlage des gerade Gesagten markiert, die Gnome μέγα γὰρ τὸ τῆς θαλάσσης κράτος (1,143,4) an, die dann wiederum unmittelbar (σκέψασθε δέ) zur Aufforderung des ­Perikles an die Athener überleitet, sich dem Idealbild einer unangreifbaren Insel anzunähern, alles Materielle zu vernachlässigen und sich völlig auf die Bewachung (φυλακή) von polis und Meer zu konzentrieren (1,143,5). Was bei ­Perikles also noch ein letztlich utopisches Modell und ein Gedankenspiel war, die Aufforderung nämlich, sich in einen nicht vollauf zu

61 Wenig später wollten die Soldaten auf Samos mit der Flotte sogar direkt in den Peiraieus einlaufen, wodurch Ionien und der in den letzten Kriegsjahren strategisch so immens wichtige Hellespont unverzüglich in die Hände der Gegenseite gefallen wären; einzig A ­ lkibiades vermochte es in dieser Situation – so T ­ hukydides –, die Flotte davon abzubringen, »gegen sich selbst zu segeln« (πλεῖν ἐπὶ σϕᾶς αὐτούς, 8,86,4). Dazu M. Taylor (2010) 256–257. 62 M. Taylor (2010) 246 setzt die Passage in Verbindung zur Evakuierung Attikas während der Perserkriege und Themistokles’ ›Neudefinition‹ Athens.

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verwirklichenden Idealzustand hineinzudenken,63 das ist 411 durch den Kriegsverlauf bittere Realität geworden. Die Flottensoldaten auf Samos sind durch die historische Entwicklung exakt in jene Situation geraten, die ­Perikles als den unerreichbaren Idealfall entworfen hat. (3) Auch das in beiden Zusammenhängen zentrale Argument der ›NichtSchwäche‹, die die Kriegsparteien von ihren jeweiligen Gegnern unterscheide, stellt eine Beziehung zwischen beiden Passagen her (1,141,2: οὐκ ἀσθενέστερα ἕξομεν; 8,76,4: πόλις οὐκ ἀσθενής). Schon in der Archäologie kommt dem Motiv der ›Schwäche‹, die zu überwinden eine notwendige Voraussetzung für Wachstum sei, eine bedeutende Rolle zu (1,3,3; 1,3,4). Hier nun, in der Kriegsrede des­ Perikles wie auch bei den anonymen Rednern auf Samos, wird dieses zentrale Motiv wieder aufgegriffen und beide Male ein expliziter Zusammenhang zwischen der eigenen materiell-ökonomischen Stärke und dem Besitz der Seeherrschaft hergestellt, was jeweils die (dann nur logische) Folgerung nach sich zieht, dass die Gegner  – dort die Spartaner, hier die oligarchischen Athener in der Stadt – beides nicht besitzen könnten und daher im Konfliktfall notwendigerweise unterliegen müssten. (4) Nicht direkt auf die Kriegsrede, jedoch auf die Figur des ­Perikles und damit auch den Kontext des ersten Buches verweist in gewisser Weise die Erwähnung der »fast« errungenen Seeherrschaft (8,76,4) selbst, lässt sich dies doch als Rückverweis auf die Darstellung dieses Zwischenfalls durch T ­ hukydides in Buch 1 begreifen. Die Erwähnung der Seeherrschaft, die Samos Athen nach Ausweis der anonymen Redner fast entwunden hatte, bezieht sich ja auf den Abfall der Insel vom Seebund im Jahr 440/439, und in diesem Zusammenhang berichtet ­Thukydides auch, dass die Samier, nachdem sie in einer Seeschlacht gegen die Athener siegreich geblieben waren, für vierzehn Tage »ihr Meer beherrschten« und folglich die belagerte Stadt ungehindert mit allem Notwendigen versorgen konnten (1,117,1), bevor P ­ erikles mit der restlichen athenischen Flotte zurückkehrte und diese (erste)  Samische Revolte zu ihrem bekannten Ende brachte (1,117,2–3).64 Diese Übereinstimmungen im Detail zwischen den beiden Passagen, die in ihrer strukturellen Verwandtschaft, ihrer ähnlichen situativen Bedingtheit und auch in der Dichte der Bezüge auf engem Raum kaum zufällig sein können, wurden, soweit ich sehe, noch nicht bemerkt und dementsprechend auch nicht auf ihre mögliche Bedeutung und ihren historiographischen Zweck hin untersucht.65 63 Vgl. dazu Fantasia (2009) 19; Laspe u. Schubert (2012) 378–379. 64 Zur Bedeutung der gesamten Episode für ­Thukydides’ Darstellung jetzt Węcowski (2013). 65 Einzig M. Taylor (2010) 247 konstatiert, »that the Athenians on Samos base their reasoning on a Pericles-like vision of the city, for the fleet’s actions and plans represent the culmination of the possibilities inherent in Pericles’ redefinition of Athens and abandon-

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Worin kann dieser Zweck jedoch bestehen? Die Bezugnahme auf die erste Rede des ­Perikles und den darin formulierten Kriegsplan kann vor allem zweierlei bewirken: Sie akzentuiert, wie grundlegend sich die historische Situation des Jahres 411 im Vergleich mit der des Jahres 431 verändert hatte, und sie kann zugleich auch deutlich machen, wie wenig die Überlegungen über Seeherrschaft aus der Anfangsphase des Krieges noch mit denen des Jahres 411 zu tun hatten, nicht obwohl, sondern gerade weil sie ganz ähnlich klingen und argumentieren. In Buch 1 war das τῆς θαλάσσης κράτος das Sinnbild einer starken, von­ Perikles sicher geführten Stadt, die in gemeinsamer Anstrengung »Meer und Stadt« bewachen (1,143,5) und dadurch den Krieg als stabile Einheit sicher bestehen sollte. Hier nun, 411 auf Samos, ist das τῆς θαλάσσης κράτος ein sich verselbständigendes Element der Diskussionen und Debatten, als Argument in den Reden Teil einer selbstzerstörerischen stasis und – wie schon bei Alkibiades’ Ratschlägen an Tissaphernes (8,46,2)  – nicht länger das sichere und ›beherrschbare‹ Machtinstrument allein der Athener, sondern ein Spielball widerstreitender Interessen. Aus dem Symbol athenischer Einigkeit, das der Gedanke der Beherrschung des Meeres in P ­ erikles’ Kriegsrede noch darstellte, ist nun ein Mittel der Bürgerkriegsrhetorik geworden, und nur Alkibiades’ Intervention vermag es kurz darauf noch zu verhindern, dass die Flotte von Samos aus »gegen sich selbst segelt«, indem sie in den Peiraieus einfährt, Athen angreift und dadurch zugleich Ionien, den Hellespont und damit den Sieg im Krieg den Gegnern überlässt (8,86,4–5).66

3.2.4 Das kratos zur See als Spiegel des Kriegsverlaufs Es stellt sich die Frage, ob diese zweimalige Wiederaufnahme des Leitwortes τὸ τῆς θαλάσσης κράτος in Buch 8, durch die ein Bogen von der Vorkriegsphase bis in die Schlussteile des Werkes gespannt wird, eine noch darüber hinaus­ gehende historiographische Funktion besitzt. Die Antwort auf diese Frage muss zunächst im Kontext dieser Bezüge selbst, also innerhalb der Berichte von Buch 8 gesucht werden. In seiner detaillierten Untersuchung der Struktur des achten Buches hat Tim Rood zeigen können – wobei er die früheren Verteidigungen des Buches etwa von Colin Macleod, Robert Connor oder Hartmut Erbse gegen den Vorwurf der Strukturlosigkeit fortsetzte –,67 wie sehr das Motiv der maritimen Macht in diesem letzten Buch von T ­ hukydides als ein die Erzählung ment of Attica. By so radically redefining the city, Pericles served as a model to other men who might themselves redefine Athens.« 66 Dazu M. Taylor (2010) 256–257. 67 Siehe Macleod (1983c) 141; Connor (1984) 210–220; Erbse (1989) Kap. I.

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gliederndes und in Bedeutungszusammenhänge einordnendes Element verwendet wird.68 Buch 8 ist wohl kaum zufällig eines der ›mari­timsten‹ Bücher des Werkes, was sich natürlich auch der Konzentration des Kriegsgeschehens nach der Niederlage in Sizilien in der östlichen Ägäis verdankt. Doch auch darüber hinaus sticht die ›Maritimität‹ dieses Buches hervor: So findet sich darin nicht nur eine auffallende Häufung der Seeherrschafts-Terminologie,69 sondern es werden auch ganze narrative Zusammenhänge durch das Motiv von ›Land und Meer‹ strukturiert, so vor allem die Geschehnisse rund um die Revolte von Chios.70 Für T ­ hukydides war die später oft kritisierte kompositorische Gestaltung des achten Buches, so Rood ferner, eine bewusste Entscheidung, auch in der erzählerischen Gestaltung – im teils verwirrenden Wechsel der Perspektiven und Schauplätze, im Verzicht auf eindeutig im Vordergrund stehende Protagonisten, die die Erzählung tragen und an deren Schicksal sich das Kriegsgeschehen exemplifizieren lässt – die ›durcheinandergewirbelte‹ und auch realiter nur wenig fokussierte Welt nach der athenischen Niederlage in­ Sizilien im Werk darzustellen.71 Die durch diese Auflösung bzw. Neudefinition erschütterte Polarität ist daher auch keine objektive Gegebenheit im Werk bzw. kein Faktor, den ­Thukydides als starr und unveränderlich akzeptiert hätte. Sie wird zunächst in der Archä­ ologie zu Beginn des Werkes angedeutet, wenn T ­ hukydides die Langzeitwirkung der Perserkriegszeit derart zusammenfasst, die Athener seien fortan zu Wasser »mit Schiffen«, die Spartaner zu Lande mächtig gewesen (1,18,2), und sie setzt sich fort mit Themistokles’ Rat an die Athener, sich »ganz aufs Meer zu verlegen« (1,93,4) und von dieser Position aus jedem Gegner zu trotzen (1,93,7).­ Perikles’ Reden  – die erste mit der Formulierung μέγα γὰρ τὸ τῆς θαλάσσης 68 Rood (1998a) Kap. 11. Vgl. auch Macleod (1983c) 141: »If Book 8 is in some ways odd and exceptional, that is partly because the historian had to find a way of beginning again after so triumphantly concluding his work; and its more tentative and less dramatic style may indicate not so much that he had not thought through his material, as that he was seeking new ways of presenting it, and felt he had a different kind of material to present.« 69 Siehe dazu Gardiner (1969) 21–22; Galvagno (1994) 12 Anm.  17; Rood (1998a)  256 Anm. 26. Hornblower (1991–2008) III, 858 (ad 8,38,2) sieht in dieser Häufung einen Verweis zurück auf die Archäologie und das Motiv von terra marique. Vgl. auch Erbse (1989) 73–75 sowie Rood (1998a) 259–260 zu der besonderen Aufmerksamkeit, die ­Thukydides in Buch 8 Schiffen und vor allem Schiffszahlen zukommen lässt. 70 Siehe Rood (1998a) 256. 71 Siehe Rood (1998a)  253. Vgl. auch Connor (1984) 210–220 sowie die Bemerkung von Erbse (1989) 66: »Nirgends wohl war es in den ersten sieben Büchern so schwierig, disparates Material zu ordnen und unter leitenden Gesichtspunkten zusammenzufassen, wie in der Beschreibung des Ionischen Krieges […]. Dem Verlust der athenischen Seeherrschaft stand auf spartanischer Seite enormer Machtzuwachs gegenüber, der sich vor allem darin äußerte, daß Sparta nach kurzen Anfangsschwierigkeiten über eine ansehnliche Flotte verfügte.«

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κράτος, die dritte und letzte mit der nochmals zugespitzten und dabei weitaus radikaleren Behauptung, die Athener seien κυριώτατοι des gesamten Meeres (2,62,2)  – markieren den Kulminationspunkt dieser Konstruktion maritimer Stärke und Unangreifbarkeit im Werk. Parallel jedoch zu den wiederholten Versuchen der Protagonisten des Werkes, die Idee unangreifbarer (athenischer) Überlegenheit zur See als eine gleichsam objektive Gegebenheit zu erweisen, demonstriert T ­ hukydides an mehreren Episoden, wie fragil diese Stärke immer war und wie sehr auch die Polarität zwischen zur See und zu Lande starken Mächten eine der vielen dem Wandel unterworfenen und eben nicht unabänderlichen Gegebenheiten des Krieges war. Das Thema der ›vertauschten‹ Kriegführung etwa, die die Grenzen zwischen Meer und Land zumindest ansatzweise nivelliert, begegnet schon in Buch 1, wenn ­Thukydides von der Seeschlacht bei den Sybota-Inseln 433 berichtet, diese sei noch in »altertümlicher Weise« (1,49,1) ausgefochten worden, nämlich nicht durch die nautische technē, wie sie ­Perikles als athenisches Alleinstellungsmerkmal rühmt (1,142,5–9) und die Athener bei Naupaktos (2,84; 2,92) erfolgreich praktizieren, sondern wie ein Landgefecht auf den Decks der Schiffe (1,49,2).72 Am berühmtesten ist dann wohl ­Thukydides’ Bemerkung zu den Kämpfen bei Pylos und Sphakteria im Jahr 425. Hier wird durch seinen Bericht eine plötzliche und durchaus unerwartete Umkehrung der Verhältnisse angedeutet: Nun waren es die Athener, die zu Lande gegen die Spartaner ankämpften, die die Athener ihrerseits vom Wasser her angriffen. T ­ hukydides’ Kommentar zu diesem Geschehen hebt nur allzu deutlich hervor, dass dadurch vor allem die Selbst- und auch die Fremdwahrnehmung der beiden Parteien zur Disposition stand: So hatte das Schicksal die Rollen ganz vertauscht (ἐς τοῦτό τε περιέστη ἡ τύχη), dass die Athener vom Lande aus  – und von lakonischem Land aus  – sich gegen die anrudernden Feinde verteidigten und die Spartaner von den Schiffen aus in ihrer eignen Heimat als in Feindesland gegen die Athener landen wollten. Denn damals standen die einen noch weitgehend im Ruf, eine Landmacht zu sein und als Fußvolk unüberwindlich, die andern, dass sie ein Seevolk und mit der Flotte ganz überlegen seien (ἐπὶ πολὺ γὰρ ἐποίει τῆς δόξης ἐν τῷ τότε τοῖς μὲν ἠπειρώταις μάλιστα εἶναι καὶ τὰ πεζὰ κρατίστοις, τοῖς δὲ θαλασσίοις τε καὶ ταῖς ναυσὶ πλεῖστον προύχειν). (4,12,3)

Auf zweierlei Art verdeutlicht T ­ hukydides hier, dass auch die zuvor konstruierte Aufteilung in exemplarische Seemacht hier, prototypische Landmacht dort letztlich denselben Wechselfällen und Veränderungsprozessen unter­ worfen 72 Vgl. dazu allgemein Flory (1993). Rood (1998a) 192 Anm. 39–40 zu den späteren Wiederholungen dieses Motivs im Werk.

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war, die auch den Krieg und seine Auswirkungen auf die Parteien als Ganzes kennzeichneten: Zum einen präsentiert er die jeweilige Stärke von Athenern und Spartanern nicht als eine feste, gleichsam ›objektive‹ Gegebenheit, sondern als einen subjektiven »Ruf« bzw. als perspektivisch bedingte »Meinung« (δόξα), was darauf verweist, dass solche Zuschreibungen immer eher eine Frage des jeweiligen Selbstverständnisses und der Wahrnehmung sind als eine unveränderliche ›Wesensart‹.73 Die Schilderung militärischer Details und der Wechselfälle der maritimen Kriegführung, wie sie exemplarisch im Verlauf der Pylos-Episode verdeutlicht werden, erhält dadurch jedoch eine über sich hinausweisende Qualität, indem größere, das Werk als Ganzes prägende Deutungsmuster in diesen Partikularereignissen gleichsam verdichtet veranschaulicht werden. Zum anderen verweist T ­ hukydides durch die Bemerkung, beide Seiten hätten »zu dieser damaligen Zeit« (ἐν τῷ τότε) noch ihren jeweiligen Ruf genossen, wohl schon auf den Moment, in dem diese doxa nicht mehr galt bzw. ihr schlussendlich die Basis entzogen worden war.74 Man darf darin sicher eine aus der Rückschau der finalen Niederlagen auch zur See – erst auf Sizilien,75 dann die das Schicksal Athens besiegelnde, im Werk jedoch nicht mehr berichtete bei Aigospotamoi – vollzogene Einfügung in die Erzählung der Pylos-Episode sehen, mittels derer ­Thukydides einen für ihn allem Anschein nach entscheidenden Aspekt seiner Analyse hier erstmalig explizit benennt: die Aufhebung scheinbar unverrückbarer, idealtypisch formulierter Zuschreibungen militärischer Stärke und ›geopolitischer‹ Bestimmung, wie sie die diversen Kriegspläne und -entwürfe in den Büchern 1 und 2 noch geprägt hatten. Nicht die Polaritäten und Antithesen selbst sind dabei jedoch der Gegenstand der Analyse des­ Thukydides, sondern die Auflösungen und Subversionen dieser scheinbaren Gegebenheiten, ihr im Verlauf des Krieges offenbar gewordener Charakter als Konstruktion und ganz zwangsläufig der Veränderung unterworfene Zuschreibung. Das betrifft, wie Robert Connor bemerkt hat, auch die scheinbar elementarsten dieser Antithesen im Werk und macht auch vor dem Gegensatzpaar von Land und Meer, von Landmacht und Seemacht nicht Halt.76 73 Vgl. auch die Rede des Gylippos und der Feldherren der Syrakusaner (7,66,2–3): Die Erfahrung einer Niederlage zur See habe die doxa der Athener von sich selbst völlig erschüttert, wie es normal sei, wenn Menschen darin, worin sie sich am stärksten wähnen, Rückschläge erleiden. Dazu auch unten Kap. 4.2.3. 74 Siehe dazu Finley (1967) 145–146; Rood (1998a) 53–54. H. Rawlings (1981) 227–228 sieht in der temporalen Einschränkung hingegen einen Verweis des T ­ hukydides auf die Zeit gerade der wiedergewonnenen Seeherrschaft im Ionisch-Dekeleischen Krieg, vor allem nach der Schlacht bei Kyzikos im Jahr 410. Durch den Verweis auf das ›Damals‹ habe­ Thukydides aus der Rückschau hervorheben wollen, dass sich das Blatt zwischenzeitlich erneut gewendet hatte. 75 Siehe Rood (1998a) 53–54. 76 Siehe Connor (1984) 174–176; (1991) 67

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All das ist keineswegs eine Feststellung, die nur die literarische Gestaltung oder kompositorische Aspekte des Werkes betrifft, sondern ein elementarer Bestandteil auch des historischen Entwicklungs-Prozesses,77 den ­Thukydides erlebte hatte und in seinem konkreten ›Wie‹ (1,1,1) niederschrieb. Die vielfachen Fernbeziehungen und motivischen Bezugnahmen sind kein Selbstzweck, sondern ein stets der historiographischen Sinngebung zuarbeitendes literarisches Mittel, und auch die Pylos-Episode steht in dieser Hinsicht nicht allein, sondern ist Teil eines viel weiter gespannten Netzes an Bezügen: The Pylos operation marks a major turning point in the Histories. It is the first sign of the grand reversal in which the war culminates – the Athenians, at the outset Greece’s major naval power, ultimately lose their fleet; the Spartans, traditionally a land power, acquire an empire and develop the navy to control it. Pylos is our first glimpse of the larger pattern.78

Mittels der Problematisierung und Aushöhlung der Antinomie von Land- und Seemacht brachte T ­ hukydides im Rahmen des in der Wiedergabe der konkreten erga Möglichen zum Ausdruck, was auch in retrospektiver Betrachtung als ein wesentliches Charakteristikum dieses Krieges erscheinen muss: Auch wenn der Peloponnesische Krieg als einer der ›klassischen‹ Fälle einer Konfrontation von Land- und Seemacht gilt,79 so mussten die kriegführenden Parteien doch schnell erkennen, dass ein Sieg nur dann möglich war, wenn man lernte, auch auf dem Terrain der jeweiligen Gegenseite zu bestehen und sich nicht nur auf die eigene vertraute Stärke verließ. Dass die Spartaner schließlich gegen Ende des Krieges zur See vermehrt aktiv und teils auch erfolgreich wurden und die Athener ihre finale Niederlage einem Versagen der Flotte zu verdanken hatten, ist nur der augenfälligste Ausweis dieses viel grundlegenderen Prozesses.80 Thukydides war, das kann nicht oft genug betont werden, zunächst der Chronist eines konkreten Krieges, und was immer er aus der Anschauung dieses Krieges als größere Lehre oder Erkenntnis gewonnen haben mochte, er versuchte es in der Erzählung dieses einen konkreten Ereignisses erfahrbar zu machen. Wenn wir heute erkennen können, dass der Verlauf des Peloponnesischen Krieges es bedingte, dass sich Athen, vor allem aber Sparta wandeln musste, und dass dieser Wandel zwangsläufig auch die Position Athens als alleinige und konkurrenzlose Beherrscherin des Meeres nicht unberührt lassen konnte, so dürfen wir gewiss davon ausgehen, dass diese Erkenntnis ­Thukydides um nichts 77 Baltrusch (2011) 138 betont, dass die durch den Krieg bewirkten Veränderungen auf beiden Seiten ein wesentliches Objekt der Darstellung und Analyse des T ­ hukydides sind. 78 Connor (1984) 111. 79 Siehe dazu R. Schulz (2011) 74–79. 80 Siehe etwa Strauss (1989) 96–97; Kagan (1994) 53; Lazenby (2004) 251; R. Schulz (2011) 79–84. Zu Sparta als Seemacht jetzt allgemein Dreher (2016).

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weniger ersichtlich war.81 Sie veranlasste ihn wohl auch, sich noch grundlegender mit der Frage auseinanderzusetzen, inwieweit die Konstruktion von Selbstbildern als unüberwindliche Mächte zu Wasser und zu Lande und die darauf basierenden Zukunftsentwürfe den Verlauf des von ihm analysierten Krieges mitbestimmten, also nicht allein Entwürfe blieben, sondern selbst als historische Faktoren prägend wurden, weil sie auf ihre Art das Handeln der Akteure beeinflussten. Es ging ­Thukydides stets nicht nur um Zustände und statische Wahrnehmungen, sondern auch (und vielleicht sogar in erster Linie)  um die Entwicklung von Bildern, »die durch den Krieg veranlasst wurden«; nur in diesen Entwicklungen von Bildern können seine Ansichten zu einzelnen Gegenständen der Darstellung (seien es Menschen, Städte oder auch Ideen und Konzepte) überhaupt erfasst werden.82 Was nun das Bild der Polarität von Stärke zu Wasser und zu Lande betrifft, so wird spätestens durch die Niederlagen in Sizilien diese bis dahin zwar an einigen Stellen im Ansatz erodierte, im Großen und Ganzen aber im Werkzusammenhang noch bestehende Antinomie völlig ins Paradoxe gewendet, wenn die scheinbar unbesiegbare Seemacht Athen zu Wasser mehrfach besiegt wird und sich sogar gezwungen sieht, ihren größten Trumpf überhaupt, ­ erikles so sehr rühmt (1,142,5–9), nun selbst die nautische technē, derer sich P gegen die ›altbackene‹ Form des Seekrieges einzutauschen,83 ein Relikt früherer Zeit, das zu Beginn des Werkes eigentlich schon als hinfällig erschien. Am Schluss gelingt es dann in Syrakus nicht einmal mehr, den feindlichen Hafen zu verlassen ­(7,70–71), und das den ›Seeherrschern‹, die laut ­Perikles von niemandem am Segeln gehindert werden können (2,62,2). ­Thukydides macht mehr als ­deutlich, wie sehr dieser Niedergang nicht nur faktischer Natur war, sondern vor allem auch das Selbstgefühl der Athener in Mitleidenschaft zog, dass er völlig unerwartet, jeder Berechnung der Akteure widersprechend und gerade darum so verheerend war, weil die Niederlagen gerade den Glauben an die wesentlichen Stärken der eigenen Existenz betrafen (7,55,2).84 Es ist, und in­ diesem Punkt scheint mir Roods Analyse wirklich Entscheidendes zu treffen, das Erlebnis und die Darstellung der Sizilischen Katastrophe, die im Kontext des thukydi­deischen Werkes die über die früheren Bücher hinweg aufgebaute innere S­ pannung dieser Bipolarität sich entladen lässt und die Uhren gleichsam wieder auf null stellt. Von da an gibt es mit, dem Beginn von Buch 8, keine eindeutig definierten Land- und Seemächte mehr bzw. es stehen genau diese­ Zuschreibungen neu zur Disposition. 81 82 83 84

So R. Schulz (2011) 79. So Baltrusch (2011) 138–139 Vgl. dazu Rood (1998a) 192. Dazu ausführlich unten Kap. 4.2.3.

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Dieser Exkurs war notwendig, denn es ist exakt diese Situation, in der­ Thukydides zum ersten Mal nach ­Perikles in Buch 1 die beiden Erwähnungen des τῆς θαλάσσης κράτος geschehen lässt, nach sieben Büchern und zwanzig Kriegsjahren. Bei der ersten Verwendung der Formulierung in 1,143,4 bildet den unmittelbaren Kontext noch das zum Krieg führende Accelerando der Reden und Argumente des Jahres 431. Schon Jacqueline de Romilly erklärte die auffallende Asymmetrie der ersten ­Periklesrede, in der doch die Vorzüge Athens weit weniger ausführlich ausgebreitet werden als die Nachteile Spartas, mit der besonderen Bedeutung des Argumentes der Unverwundbarkeit zur See. Sei diese Besonderheit Athens erst einmal erwiesen, dann erübrige sich alle weitere Darlegung, beruhe doch P ­ erikles’ gesamter Plan »tout entier sur le principle de la thalassocratie«.85 Dass diese Idee der Unverwundbarkeit einer Stadt, die aus maritimer Stärke ihre gesamte Überlegenheit zieht, vor allem eine Konstruktion ist, die spezifisch perikleische, hochgradig artifizielle und intellektualisierte Vision eines Athen, das in dieser Form so nie tatsächlich existieren konnte, haben Adam Parry und andere nur zu deutlich hervorgehoben.86 Aber T ­ hukydides lässt P ­ erikles in Form der Gnome μέγα γὰρ τὸ τῆς θαλάσσης κράτος diese Vorstellung geradezu zur Norm und seine Vision der Seeherrschaft zur Leitidee athenischer Existenz erheben, weshalb das kratos zur See nicht länger nur die konkret zu erweisende Überlegenheit in einer spezifischen Situation darstellt, sondern etwas »Großes« wird und einen existentielleren Charakter gewinnt. Es ist dabei wohl kein Zufall, dass die Seeherrschafts-Rhetorik des P ­ erikles durch das Bild der unangreifbaren Insel als Teil einer Tendenz der ›Essentialisierung‹ in der Sprache der politischen Rhetorik erscheint, wie sie Sebastian Schmidt-Hofner für das spätere 5.  Jahrhundert ganz allgemein konstatierte. Die Übertragung komplizierterer, vielleicht gar umstrittener und diskussions­ würdiger Sachverhalte in leicht einprägsame und oftmals  – wie im Fall der ›Insel‹  – den vertrauten Kategorien räumlicher Repräsentation entnommene Schemata konnte in der Rhetorik komplexitätsreduzierend wirken und zugleich eine gewisse Normativität der dadurch vermittelten Sachverhalte erzwingen: »Verräumlichung, so scheint es, suggerierte Naturnotwendigkeit, also dass die jeweiligen Sachverhalte sozusagen natürlich vorgegeben und damit dauerhaft und unabänderlich waren«.87 Auch die perikleische Vision eines auf der ungefährdeten Überlegenheit zur See basierenden »imaginary empire that extended

85 Siehe de Romilly (1951) 102–104 (das Zitat 104). 86 Siehe Parry (1972) 60–61; Fantasia (2009) 19; Schubert u. Laspe (2009) 378–379; Foster (2010) 188. Vgl. auch Constantakopoulou (2007) 163–173 zum Zusammenhang zwischen der Insel-Metapher und utopischen Entwürfen bei Aristophanes und Platon. 87 Schmidt-Hofner (2014) 663. Vgl. zum Bild der ›Insel‹ auch Connor (1984) 51; Morrison (2006) 145; Fantasia (2009) 19–20; M. Taylor (2010) 43–45.

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far beyond the physical reality of Athenian rule« lief dadurch Gefahr,88 sich zu verselbständigen und schlussendlich nicht mehr als das erkannt zu werden, was sie war, nämlich situative Überzeugungsrhetorik zu ganz konkreten­ Zwecken.89 Diesen Effekt diagnostizierte Schmidt-Hofner im Allgemeinen für die nach diesem Muster verfahrende Rhetorik der Zeit,90 und auch T ­ hukydides entwirft doch exakt dieses Spannungsverhältnis im weiteren Verlauf des Werkes, indem er diese Vision und die Forderung, sich an ein Ideal heranzudenken, mit der Realität, wie sie in der Faktizität des weiteren Kriegsverlaufs zum Vorschein kommt, konfrontiert.91 Vor diesem Hintergrund erhält die Wiederaufnahme des Motivs τὸ τῆς θαλάσσης κράτος in Buch 8 zwangsläufig eine besondere Relevanz, kann ­Thukydides doch dadurch rein durch seine Darstellung und ohne Kommentar verdeutlichen, wie stark auch ein vermeintlich so sicher ›beherrschtes‹ und kontrolliertes Element der Kriegsplanung und Selbstsicht wie die Seeherrschaft den Wechselfällen des historischen Geschehens unterworfen und damit – in Alkibiades’ Ratschlägen wie auch bei den anonymen Rednern auf Samos – der diskursiven Erörterung ausgesetzt sein konnte. Es ist dabei wohl ebenso wenig ein Zufall, dass die Formulierung ausgerechnet in dem Moment wieder begegnet, der die vielleicht radikalste Abkehr von­ Perikles’ Vision von Athen gesehen hatte. ­Perikles’ Leistung bestand ja, zumal für T ­ hukydides selbst (2,65,8–9), gerade in der Fähigkeit, divergierende Interessen innerhalb der polis unter seiner Führung auszugleichen und die Einigkeit der Stadt zu gewährleisten, also stasis zu vermeiden.92 Die gerade beschriebenen Mittel der Rhetorik und vor allem der Gebrauch von räumlichen Bildern wie etwa dem der ›Insel‹ waren ihm dabei ein wohl entscheidendes Werkzeug, denn sie »suggerierten […] eine Einheitlichkeit, die Abweichungen nivellierte und ausblendete«.93 Unmittelbar nach ­Perikles’ Tod brachen dann auch, so lässt uns zumindest T ­ hukydides wissen (2,65,10), sofort die Zwistigkeiten aus, die Athen dann schließlich ins Verderben führten.94 Sinnbild und höchste Zuspitzung dieser Situation ist die stasis von 411, deren augenscheinlichste Manifestation die Errichtung eines ›zweiten‹, aus der Selbstsicht der Betroffenen einzig wahren Athen auf Samos war.95 In dem Moment, in dem Athen nicht nur 88 Das Zitat von Foster (2010) 188. Vgl. auch Fantasia (2009) 19: P ­ erikles evoziere mittels des Bildes der Insel idealtypisch »una condizione irrealizzabile, puramente immaginaria«. 89 Siehe dazu auch unten Kap. 5.2. 90 Siehe Schmidt-Hofner (2014) 663. 91 Siehe dazu etwa Connor (1984) 51; Schubert u. Laspe (2009) 379, 392–393. Dazu ausführlich auch unten Kap. 4.2. 92 Siehe dazu jetzt Christodoulou (2013) bes. 245–248; Balot (2016) 158–159. 93 Schmidt-Hofner (2014) 663. 94 Siehe Connor (1984) 214. 95 Vgl. dazu M. Taylor (2010) Kap. 5; F. Schulz (2011).

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de facto in zwei, auch räumlich weit getrennte Lager gespalten ist, sondern die eine ›Interpretation‹ von Athen auch damit liebäugelt, die andere mittels der ihr verfügbaren Seemacht auszuhungern und zu bekriegen, lässt ­Thukydides, wie gesehen, die Redner mit einem vagen Phantom des Kriegsplanes argumentieren, dem Plan also, der eine fast vollständige Sicherheit versprochen hatte und die Athener wie auf einer unangreifbaren Insel zusammenschweißen sollte. Die Einigkeit, die ­Perikles damit im Jahr 431 erzielen konnte, ist 411 dem heftigsten Zwist gewichen, und die Frage, welche Stadt die richtige, die ›echte‹ ist und wer dementsprechend auch über τὸ τῆς θαλάσσης κράτος verfügen kann, genau wie alles andere den konkurrierenden Deutungen darüber ausgeliefert, was Athen im Kern ausmache. Damit ist die Beherrschung des Meeres aber endgültig zu einer bloßen Frage von Definition und Interpretation geworden. Auch einige Spezifika der Wortverwendung in Buch 8 können diesen Aspekt des ›Kontrollverlustes‹ verdeutlichen. Wenn mit dem Ausdruck τὸ τῆς θαλάσσης κράτος und den verwandten Formulierungen in üblicher Verwendung nur eine ganz situative Stärke zur See bezeichnet wurde, wie es eine semantische Untersuchung nahelegt, dann zeigt doch gerade die Darstellung von Buch 8 ganz deutlich, dass oft nur noch von der Tagesform (und dem Ausmaß der persischen Unterstützung) abhängig war, wer an welcher Küste oder in welcher Bucht der Ägäis gerade das τῆς θαλάσσης κράτος hatte oder zumindest für sich beanspruchte. Einmal ist es das (wie Samos) von Athen abgefallene Chios (8,63,1), ein Vorgang, für den T ­ hukydides doch ausdrücklich das bei ihm sonst nur einmal belegte Substantiv θαλασσοκράτωρ verwendet;96 sodann sind es natürlich die Athener selbst (8,30,2; 8,38,2), die im Verlauf des achten Buches immer stärker darum bemüht sind, zu alter Macht zur See zurückzufinden,97 sowie auch die Spartaner und ihre Verbündeten (8,41,1), die zumindest den Anspruch darauf erheben, in gewissem Rahmen Seeherrscher zu sein; schließlich auch die ­Samier, zumindest in der Rückblende auf das Jahr 440/439 (8,76,4), und selbst die Perser, denn wer das τῆς θαλάσσης κράτος nach Gut­dünken vergeben kann, wie es Alkibiades Tissaphernes vorhält (8,46,1), für den ist die Frage nach dem jeweiligen Beherrscher der See schon fast hinlänglich geworden. Noch gegen Ende von Buch 8 kann T ­ hukydides allem Wiedererstarken der Athener zum Trotz für das Jahr 411 konstatieren, die peloponnesische Flotte habe derjenigen der Athener im Grunde gleichwertig (ἀντιπάλως) gegenübergestanden,98 so dass ein Eingreifen der von den Persern befehligten phoinikischen Schiffe in dieser Situation den Spartanern zweifellos den Sieg gebracht hätte (8,87,4). 96 Siehe dazu Gardiner (1969) 21–22. 97 Siehe Connor (1984) 210–213; Rood (1998a) 262, 280–282. 98 Zur peloponnesischen Flotte und deren Bedeutung für den Kriegsausgang vgl. Strauss (2009).

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Und nochmals einige Kapitel später notiert ­Thukydides, vor ihrem Sieg in der Schlacht bei Kynossema im Jahr 411 hätten die Athener sogar die Flotte der peloponnesischen Seite gefürchtet (ϕοβούμενοι … τὸ τῶν Πελοποννησίων ναυτικóν, 8,106,2), was sich zwar durch den darauf folgenden Sieg wieder geändert habe (8,106,3), jedoch zugleich auch überdeutlich markiert, wie weit entfernt man nun von der zu Beginn des Werkes (und damit auch des Krieges) geäußerten Zuversicht in die einfache Verfügung über das alleinige kratos zur See war. Diese Interpretation der durch die Formulierung τὸ τῆς θαλάσσης κράτος bewirkten Fernbeziehungen und ihres historiographischen Zweckes ist nicht allein ein Produkt der Lektüre des achten Buches und damit der veränderten Kriegssituation nach Sizilien, sondern lässt sich  – zumindest als Andeutung und Möglichkeit – bereits am Beginn des Werkes erkennen. Auch dabei kann man erneut von der schon besprochenen Passage 8,76 ausgehen, verweist diese doch durch den Bezug auf die »fast« erfolgte Entwendung athenischer Seeherrschaft durch Samos zurück zu den Berichten der Pentekontaetie in Buch 1, worin ­Thukydides auch von diesem Ereignis berichtet. Wie sich zeigen lässt, ist die Einsicht in die Vergänglichkeit und Fragilität der maritimen Macht selbst zu Beginn des Werkes schon als zumindest latenter Subtext gegeben. Der Bericht über die Samische Revolte des Jahres 440/439 v. Chr., ein Ereignis, das auch jenseits von T ­ hukydides Spuren hinterlassen hat, ist der letzte Geschehenszusammenhang, der in der Pentekontaetie erzählt wird (1,115–117), bevor ­Thukydides seinen retrospektiven Blickwinkel aufgibt und sich wieder der Darlegung der Zeit unmittelbar vor Kriegsausbruch zuwendet (1,118).99 Schon allein die Ausführlichkeit, mit der der Abfall dieses wohl wichtigsten Bündners berichtet wird, hebt ihn als Schlusspunkt der Darstellung des Machtzuwachses Athens in der Zwischenkriegszeit (1,89,1) hervor. Der Abfall von Samos war der dritte in Folge, nachdem fünf Jahre zuvor schon Euboia und unmittelbar­ danach auch Megara revoltiert hatten (1,114). Die Ausführlichkeit und der Detailreichtum, mit dem ­Thukydides die Samische Revolte im Vergleich zu jenen Ereignissen behandelt,100 kann verdeutlichen, welche Bedeutung dieses Ereignis für ihn und seine Darstellung athenischer auxēsis hatte; die Revolte der wichtigsten Insel Ioniens dürfte die Athener wohl auch kaum unbeeindruckt gelassen haben.101 Den Beginn der Revolte markierte eine Auseinandersetzung zwischen Samos und Milet (1,115), in deren Folge die Athener auf Drängen Milets und einer samischen Abordnung hin auf der Insel intervenierten, dort die Demokratie einführten, Geiseln nahmen, diese zur Insel Lemnos schafften und dann wie99 Siehe dazu jetzt Węcowski (2013). 100 Vgl. dazu Hornblower (1991–2008) I, 187. 101 Siehe Irwin (2009) 401–403.

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der abfuhren. In der Folge unternahmen zuvor geflohene Samier einen Gegenangriff, verbanden sich mit dem persischen Satrapen Pissuthnes, bekämpften erfolgreich die von den Athenern gestützten Demokraten und befreiten die Geiseln, bevor sie sich schließlich gegen Athen erhoben und von neuem gegen Milet Krieg führen wollten. Der nun folgende, ausführliche Bericht des ­Thukydides über die Reaktion der Athener ist seiner Vielschichtigkeit fast schon paradigmatisch: Einerseits verdeutlicht er ganz am Ende der athenischen ›Wachstumsperiode‹ in der Pente­ kontaetie nochmals, mit welcher Unerbittlichkeit die Athener mit ihrer gesamten Seemacht gegen Abtrünnige vorgingen, kann also als eine Demonstration athenischer Stärke gelesen werden. Zugleich trägt der Bericht aber auch das Moment der immer drohenden Gefährdung nicht nur athenischer, sondern letztlich jeder Seeherrschaft in sich, zeigt er doch, wie eine Verkettung von nur wenigen ungünstigen bzw. nicht vorhersehbaren Umständen zum (wenn auch nur kurzfristigen) maritimen Kontrollverlust führen konnte: Zugleich mit ihnen [den Samiern] fiel auch Byzanz ab. Auf diese Nachricht liefen die Athener mit 60 Schiffen gegen Samos aus, und während 16 von diesen zufällig anderweit beschäftigt waren, teils auf Kundschaft nach Karien wegen der phönizischen Flotte, teils nach Chios und Lesbos, um Hilfe aufzubieten, trafen 44 unter dem Befehl des P ­ erikles und der neun anderen Feldherren bei der Insel Tragia auf 70 samische, wovon 20 Truppenschiffe, die alle auf dem Rückweg von Milet waren, und die Seeschlacht gewannen die Athener. Später stießen aus Athen noch 40 Schiffe zu ihnen und 25 aus Chios und Lesbos; sie landeten, siegten im Feld und umschlossen die Stadt mit drei Mauern und zugleich vom Meere her. P ­ erikles aber nahm 60 von den Schiffen der Blockade und fuhr in Eile gegen Kaunos und Karien, weil die Anfahrt eines phönizischen Geschwaders von dort gemeldet war; auch aus Samos waren Stesagoras und andere mit 5 Schiffen den phönizischen entgegengefahren. In der Zeit machten die Samier, plötzlich auslaufend, auf das unverschanzte Schiffslager einen Überfall, vernichteten die Vorpostenschiffe und besiegten die gegen sie ausfahrenden Trieren; so wurden sie für vierzehn Tage Herren ihres Meeres (ναυμαχοῦντες τὰς ἀνταναγομένας ἐνίκησαν, καὶ τῆς θαλάσσης τῆς καθ’ ἑαυτοὺς ἐκράτησαν ἡμέρας περὶ τέσσαρας καὶ δέκα) und führten ein und aus, was sie wollten. Mit der Rückkehr des P ­ erikles wurden sie wieder eingeschlossen von den Schiffen. (1,116–117,2)

Die Episode ist geradezu ein Musterbeispiel dafür, wie fragil und von etlichen, kaum völlig kalkulierbaren Faktoren abhängig in der Antike der Status des Seeherrschers sein konnte, begreift man die Passage als nicht allein auf Athen, sondern auf die operativen Möglichkeiten einer Seemacht ganz allgemein bezogen. Liest man sie aus diesem Blickwinkel, so ist sie nicht allein eine Demonstration athenischer Schlagkraft, sondern kann auch anders gedeutet werden: Selbst wenige Jahre vor dem Ausbruch des Peloponnesischen Krieges, auf dem Höhe-

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punkt athenischer Macht, wie ihn das Ende der Pentekontaetie zwangs­läufig darstellt, konnte das τῆς θαλάσσης κράτος für immerhin zwei Wochen verlorengehen,102 wenn die Reichsangelegenheiten und die diversen Brennpunkte im Bundesgebiet es nötig machten, die maritimen Machtmittel auf mehrere Schauplätze zu verstreuen. Dann nämlich mussten schon bei der ersten Nachricht (ἐσαγγελθέντων) vom möglichen Auftauchen eines phoinikischen Geschwaders Schiffe in aller Eile (κατὰ τάχος) abbeordert werden (1,116,1; 1,116,3), eine Kräfteverlagerung, die überhaupt erst die Niederlage des verbliebenen Kontingents der Athener und damit auch die folgenden vierzehn Tage samischer Seeherrschaft ermöglichte.103 Auch Zufälligkeiten spielen in T ­ hukydides’ Bericht über das Geschehen eine nicht unerhebliche Rolle.104 Und selbst wenn vierzehn Tage recht wenig erscheinen mögen: Aus der Sicht einer belagerten Stadt ist die Möglichkeit, sich über zwei Wochen hinweg zu versorgen, ohne dass der Gegner dies unterbinden kann, ein unschätzbarer Vorteil und mag wohl ein Grund dafür gewesen sein, dass die Belagerung so lange dauerte.105­ Perikles selbst hat doch allem Anschein nach in der Rede für die Gefallenen dieses Krieges (Plut. ­Perikles 28,4) die enorme Leistung gerühmt, die der Sieg über die mächtigste Insel Ioniens bedeutete, und diesen Erfolg dabei sogar mit Agamemnon und der Belagerung Trojas verglichen (28,5).106 Plutarch zufolge (28,6) war dieser Stolz auch berechtigt, habe doch Samos den Athenern in diesem Konflikt um ein Haar τῆς θαλάττης τὸ κράτος geraubt, wie T ­ hukydides berichtet. Man kann daran gut erkennen, wie der Besitz der Seeherrschaft zum Preisgeld wird, an dessen Höhe sich die Bedeutung des gesamten Geschehens bemisst. Die Geschichte hat vielleicht noch einen tieferen Sinn, einen weiteren Subtext, vermag die Demonstration der schlussendlichen Niederlage von Samos doch zu illustrieren, dass selbst die einstmals größten und bedeutendsten Seeherrscher einmal einen Niedergang hinnehmen müssen. Samos mochte ­Thukydides dafür als Paradebeispiel gelten, berücksichtigt man nicht nur die tatsächliche Bedeutung, die dieser Insel in der Archaik zukam,107 sondern vor allem auch die überaus prominente Rolle, die Polykrates von Samos als erster Seeherrscher bei Herodot zugewiesen bekommt (3,122,2). Immerhin gilt Samos doch in der Dar102 Zur Betonung der Zeitspanne durch ­Thukydides siehe Irwin (2009) 410 Anm. 47. 103 Vgl. Foster (2010) 116. 104 Sowohl die Abbeorderung eines Teils der athenischen Schiffe nach Karien als auch die Ankunft der Truppentransporter von Milet (die den anfänglichen Sieg der Athener so deutlich werden ließen, da diese Schiffe den Trieren der Athener natürlich unterlegen waren), werden durch ἔτυχον eingeleitet; vgl. dazu Foster (2010) 126 mit Anm. 17. 105 Vgl. Foster (2010) 125. 106 Dazu Węcowski (2013) 160–162. 107 Vgl. dazu Carty (2015).

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stellung Herodots als eine Art maritime Präfiguration Athens im 6. Jahrhundert, flottenstark, prächtig und in ganz Hellas berühmt. Auch T ­ hukydides weiß zwar noch um Polykrates’ frühere Machtposition (1,13,6), doch wird er auch diese später explizit als ein zeitlich begrenztes Phänomen bezeichnen, sei Poly­ krates doch eine »gewisse Zeit« mit seiner Flotte mächtig gewesen (ἰσχύσας τινὰ χρόνον ναυτικῷ, 3,104,2). Folgt man dabei der vor allem von Elizabeth Irwin vertretenen Deutung, Samos habe im späten 5. Jahrhundert als der Präzedenzfall maritimer Reichsbildung für Athen schlechthin gegolten,108 so ließe sich T ­ hukydides’ gesamter Bericht über die schwierige, immerhin neun Monate andauernde (1,117,3) Niederwerfung der Insel wie eine Präfiguration eines möglichen Niederganges auch athenischer Seemacht lesen, nicht als eine Gewissheit zwar, dass es unweigerlich so kommen werde, aber als eine Demonstration einer ganz grundlegenden, weil in den Dingen selbst angelegten Möglichkeit. Diese Perspektive auf den unabänderlichen Verfall jeder Macht, und damit auch jeder See-Macht, ist nicht erst am Ende der Pentekontaetie zu greifen, sondern ist bereits in den einleitenden Kapiteln des Werkes, sowohl in der Archäologie als auch in früheren Passagen der Pentekontaetie, implizit enthalten.109 Gerade die Archäologie handelt doch, wie im vorherigen Kapitel dar­ gelegt werden konnte, nicht allein von der Zunahme der Machtmittel, sondern auch »vom Aufstieg und vom Verfall politischer und militärischer Macht«, und mit »keinem Wort ist dort angedeutet, daß die Entwicklung von P ­ erikles’ Athen sich den dort weniger ausgesprochenen als dargestellten Gesetzen entziehen kann«.110 Es wäre somit eher verwunderlich, ließe sich nicht auch die Rolle von Seeherrschaft in dieses grundlegende Muster des Wachsens und Vergehens von Mächten einpassen. Und in der Tat scheint der Aspekt der Relativi­ tät und ganz zwangsläufigen Begrenztheit auch der maritimen Machtausübung immer wieder wie eine Art Subtext bereits durch die Erzählungen der Archäo­ logie und der Pentekontaetie hindurch,111 auch wenn gerade dieser Anfangsteil des Werkes oft wie ­Thukydides’ ganz persönliches Bekenntnis zum überragenden Wert der Seeherrschaft gelesen wird. Es ist dabei durchaus auffällig, wie der Historiker ­Thukydides dort, wo es ihm möglich war, die temporale wie räumliche Begrenztheit und damit implizit auch die Vergänglichkeit maritimer Macht immer wieder möglichst getreu notiert: So hätten die Ionier das Meer »in ihrer Gegend« eine »gewisse Zeit« beherrscht (τῆς τε καθ’ ἑαυτοὺς θαλάσσης … ἐκράτησάν τινα χρόνον), bevor die Perser diesem Zustand ein Ende machten 108 So Irwin (2007) 218; (2009) 400. 109 Siehe etwa die Aufzählung athenischer Fehlschläge und Niederlagen in der Zwischenkriegszeit bei Foster (2010) 115–116. 110 Malitz (1982) 277. Vgl. auch Hunter (1980) 205–207; Marincola (2001) 70. 111 Zur Bedeutung von ›Begrenztheit‹ in der Archäologie vgl. Tsakmakis (1995b) 47.

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(1,13,6); die Kerkyraier hätten nach der Seeschlacht von Leukimme zwar »das ganze Meer beherrscht« (τῆς θαλάσσης ἁπάσης ἐκράτουν), jedoch – so die unmittelbar folgende Einschränkung  – nur entlang der dortigen Küstengebiete (τῆς κατ’ ἐκεῖνα τὰ χωρία), ein Zustand, der ­Thukydides zufolge nach der Schlacht zwar noch »einige Zeit« andauerte (τοῦ τε χρόνου τὸν πλεῖστον μετὰ τὴν ναυμαχίαν ἐπεκράτουν τῆς θαλάσσης), womit er aber wieder implizit als endlich und vergänglich markiert wird (1,30,2–3). Die Samier schließlich hätten nach ihrem kurzfristigen Erfolg zur See exakt »vierzehn Tage« über »ihr Meer« geherrscht (τῆς θαλάσσης τῆς καθ’ ἑαυτοὺς ἐκράτησαν ἡμέρας περὶ τέσσαρας καὶ δέκα), also wieder in doppelter, sowohl zeitlicher als auch räumlicher Relativierung (1,117,1), bevor ­Perikles mit den eingetroffenen Verstärkungen dem ein Ende machen konnte und Samos sich endgültig ergab. Diese knappen Bemerkungen des ­Thukydides ›beweisen‹ an sich noch gar nichts und könnten ohne weitere Indizien kaum als Hinweise darauf gelten, er habe mittels dieser kurzen Notizen seine Einsicht in die Grenzen maritimer Macht zu Papier gebracht. Doch gerade wenn man bedenkt, dass an anderen Stellen im Werk und vor allem dann, wenn T ­ hukydides nicht selbst spricht, die Grenzen der Macht zur See nicht nur verschwiegen, sondern geradezu geleugnet werden, besonders von ­Perikles (2,62,2),112 dann können derartige knappe Einschübe durchaus als Hinweise darauf gesehen werden, wie sich T ­ hukydides womöglich selbst zu dieser Frage verhielt bzw. worin er das im Wortsinne Bemerkenswerte maritimer Herrschaft erkannte. In der Bewunderung für das τῆς θαλάσσης κράτος, wie sie sein ›Sprachrohr‹ formuliert, erschöpft sich seine Haltung dabei gewiss nicht. Diese vielschichtige Perspektive auf die Möglichkeiten, Grenzen und Bedingungen maritimer Macht kann noch an einer weiteren Episode aus den Berichten des ersten Buches geradezu paradigmatisch abgelesen werden. T ­ hukydides’ Schilderung des Schicksals Kerkyras vor Kriegsbeginn lässt sich wie eine Demonstration der immer gegebenen Möglichkeit maritimer Rückschläge und vor allem der Risiken einer allein auf dem Vertrauen in die eigene Flottenstärke beruhenden Entscheidungsfindung lesen. Die Episode wirkt dabei wie eine kurze Vorwegnahme der Möglichkeit, dass selbst die in der Selbstwahrnehmung stärksten Seemächte unter Umständen zugrunde gehen können: Die Kerkyraier beherrschten nach der gewonnenen Seeschlacht gegen die Korinther bei Leukimme im Jahr 435 laut ­Thukydides’ Bericht die gesamten Gewässer im Umfeld ihrer Insel (1,30,2); sie hatten also ganz unzweifelhaft das τῆς θαλάσσης κράτος inne. Die anfängliche Beschreibung der Macht, der Bedeutung und auch des Selbstverständnisses Kerkyras wirkt dabei wie eine Präfiguration Athens und

112 Siehe unten Kap. 4.1.

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seiner Charakteristika, wie verschiedentlich schon gesehen wurde.113 Die Insel war nämlich Korinth, ihrer Mutterstadt, gegenüber voller Geringschätzung im Gefühl ihrer Geldmacht (χρημάτων δυνάμει ὄντες), die sie zu jener Zeit den reichsten der Hellenen gleichstellte, ihrer überlegenen Kriegsrüstungen (τῇ ἐς πόλεμον παρασκευῇ δυνατώτεροι), und einer Flotte, mit der sie sich gelegentlich so weiten Vorsprungs rühmten (ναυτικῷ δὲ καὶ πολὺ προύχειν ἔστιν ὅτε ἐπαιρόμενοι) wie weiland die Phaiaken, die schiffeberühmten Vorbewohner ihrer Insel – darum pflegten sie ihre Flotte auch und waren nicht unbedeutend (ᾗ καὶ μᾶλλον ἐξηρτύοντο τὸ ναυτικὸν καὶ ἦσαν οὐκ ἀδύνατοι): hundertzwanzig Trieren besaßen sie bei Kriegsbeginn. (1,25,4)

Wenn neben Athen eine Macht im griechischen Raum die ›Lehren‹ der Archäo­ logie verstanden und umgesetzt hatte, dann anscheinend Kerkrya: Finanzielle Ressourcen und eine starke Flotte, chrēmatōn dynamis und paraskeuē, darauf komme es doch an, wolle man immer mehr Macht anhäufen und auch in Kriegen erfolgreich sein (vgl. 1,15,1). Wie Athen hätte somit auch Kerkyra eigentlich erwarten dürfen, aus dem anstehenden Kampf als sicherer Sieger hervorzugehen. Und wie Athen weiß auch Kerkrya nur zu gut um seine Stärke, ist sich ihrer nicht nur vollauf bewusst, sondern ergötzt sich geradezu daran im Hochgefühl der eigenen dynamis. ­Thukydides’ Wortwahl ist hier bemerkenswert, denn mit dem zur Beschreibung der Selbstsicht der Kerkyraier benutzten Verb ἐπαίρειν ist mehr bezeichnet als nur der berechtigte Stolz auf die Größe und Macht der eigenen Flotte. Das Wort verweist vielmehr auf eine Art flammende Begeisterung, auf eine kaum mehr rational ausbalancierte Bewunderung der eigenen Macht.114 Die Kerkyraier überhöhten sich selbst aufgrund der Macht ihrer Flotte, ein Eindruck, zu dem auch T ­ hukydides’ Hinweis auf den von ihnen selbst angestellten Vergleich mit den homerischen Phaiaken beiträgt.115 Dieses Motiv der Bewunderung der eigenen dynamis nimmt jedoch deutlich die Idealisierung Athens durch ­Perikles vorweg, der im Epitaphios die Athener dazu auffordert, sie sollten zu »Liebhabern« (ἐρασταί) der dynamis ihrer Stadt werden (2,43,1).116 Auch hierin ähneln sich Kerkyra und Athen ganz außerordentlich. 113 Siehe Balot (2001) 150; Foster (2010) 188–189; Alexiou (2015) 350. 114 Vgl. Crane (1998) 104 zur Wortbedeutung (»a negative word that suggests lack of emotional balance or control«). 115 Siehe dazu Mackie (1996) 103: »Such a claim is obviously meant to enhance their ­status as a sea power: seamanship, as it were, is in their blood, and is part of their mythical history.« 116 Siehe dazu Flashar (1969) 30–31. Diese Rhetorik war auch die Zielscheibe zeitgenös­ sischen Spotts, vor allem in der Alten Komödie. Vgl. dazu Scholtz (2004); Kopp (2015) 29.

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Wie im Fall Athens geht die Rechnung wider Erwarten auch für Kerkyra nicht auf. In ­Thukydides’ Bericht folgen im Anschluss zunächst die Versuche von Kerkyraiern und Korinthern, Unterstützung von den Athenern zu erhalten (1,33–43), sowie die Seeschlacht zwischen beiden Mächten bei den Sybota-­Inseln (1,46–1,51,3).117 ­Thukydides beschließt die Schilderung dieser Seeschlacht mit einer betont nüchternen Zusammenfassung des Ergebnisses all der Bemühungen, die ein wiederum bezeichnendes Licht auf seine Wertung dieser Form einer Aggression, die durch ein überzogenes maritimes Selbstbewusstsein überhaupt erst ermöglicht worden war, wirft. Beide Seiten hätten sich nach der Seeschlacht als Sieger betrachtet (ἑκάτεροι τὴν νίκην προσεποιήσαντο),118 und zwar aus den folgenden Gründen: Die Korinther waren in der Seeschlacht im Vorteil gewesen bis zur Nacht, so dass sie auch Mengen von Trümmern und Leichen bergen konnten, hatten nicht weniger als tausend Gefangene gemacht und gegen siebzig Schiffe versenkt; darum ihr Denkmal. Die Kerkyrer hatten etwa dreißig Schiffe zerstört und nach der Ankunft der Athener Trümmer und Leichen in ihrer Nähe aufgelesen; auch waren ihnen tags zuvor die Korinther mit ihrem Rückwärtsrudern angesichts der attischen Schiffe ausgewichen und nach deren Ankunft auch nicht von Sybota aus entgegengefahren – darum das Siegesmal der Kerkyrer. So hielten sich beide Seiten für siegreich (οὕτω μὲν ἑκάτεροι νικᾶν ἠξίουν). (1,54,2)

Von den 120 Trieren (110 eigene plus zehn der Athener), derer sich die Kerkyraier rühmten und mit denen sie in die Schlacht gezogen waren (1,47,1), sind nur noch ca. 50 geblieben, ein Verlust von mehr als der Hälfte der Flotte. Die gesamte Episode lässt sich durchaus wie eine Art Vorwegnahme der späteren dramatischen Schicksalskurve athenischer Seemacht lesen: von der früh aufgestellten Gleichung, Geld und Schiffe würden den Sieg unweigerlich bringen (1,15,1), über die Darstellung übergroßer maritimer Selbstsicherheit, wie sie­ Perikles bietet (1,143,4–5; 2,62,2), und von Seeschlachten, bei denen der Sieger kaum klar auszumachen ist (2,90–92),119 bis hin zu finalen schweren Niederlagen (Buch 7) und der schlussendlichen Einsicht, in einer ermüdenden Pattsituation zu Wasser gefangen zu sein, wie sie dann in Buch 8 begegnet. Und noch ein Weiteres kann dem Bericht über die Auseinandersetzung zwischen 117 Siehe dazu vor allem Stahl (2006) 301–320 sowie Foster (2010) 68–79. Die Ungereimtheiten der Darstellung der Schlacht werden ausführlich bei Gomme, Andrewes u. Dover (1945–1981) I, 178–196 behandelt. 118 Vgl. zu dieser Bemerkung Stahl (2006) 318; Foster (2010) 77–78. Zur von ­Thukydides hervorgehobenen Grausamkeit dieser ersten großen Seeschlacht des Werkes vgl. Malitz (1982) 280. 119 Nach der zweiten Seeschlacht bei Naupaktos 429 errichten beide Seiten eines Siegesmal, da beide Argumente dafür anführen, die Schlacht gewonnen zu haben (2,93).

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Kerkyra und Korinth entnommen werden: ­Thukydides erachtete offenbar den selbstverliebten Glauben an die eigene maritime Stärke, wie ihn die Kerkyraier so deutlich zeigten (1,25,4), als den eigentlichen, weil psychologisch tiefer liegenden Grund, weshalb sie den Weg in den Konflikt überhaupt beschritten hatten. In der maritimen Stärke Kerkyras und vor allem deren psychologischen Auswirkungen – Selbstüberschätzung, das Verkennen von Risiken, die Missachtung der Gegner – erkannte er somit nicht allein einen Bestandteil der Auseinandersetzungen selbst, sondern vor allem einen Faktor, der wesentlich schon zur Ent­ stehung des ganzen Konfliktes beigetragen hatte.120 Zwar spielen dabei auch die eigentlich politischen bzw. rechtlichen Erwägungen eine Rolle, und es wäre gewiss verfehlt, einzig in der Bewunderung der Kerkyraier für ihre Flotte die Ursache des Konfliktes zu sehen; doch ist es bezeichnend, dass bereits an diesem ersten ausführlicher geschilderten historischen Geschehen die Ebene der Selbstwahrnehmung und der durch diese genährten Ansprüche und Erwartungen von T ­ hukydides thematisiert wird, und das auch noch explizit in Bezug auf Seemacht und mit Anklängen an die spätere Charakterisierung Athens. Später im Werk wird dieser Zusammenhang zwischen einer Kriegserwartung, einer Kriegsbegründung und dem Selbstverständnis der Seemacht vor allem dann wieder eine Rolle spielen, wenn P ­ erikles versucht, die Athener durch den Verweis auf die ›Größe‹ des maritimen kratos von der Notwendigkeit des Krieges zu überzeugen. ­Thukydides notiert in den einleitenden Kapiteln seines Werkes somit nicht allein, wie oftmals gefolgert wird, dass Flotten und Seemacht der einzige Weg zu Reichtum und Stärke sind (1,15,1), sondern er hat zugleich auch einen ausgeprägt realistischen Blick für die Bedingungen und Möglichkeiten maritimer Macht. Durch die dreimalige Verwendung der leitmotivisch gebrauchten Verbindung τὸ τῆς θαλάσσης κράτος in völlig unterschiedlichen Kontexten wird zudem ein Netz an Bezügen durch das gesamte Werk hindurch eröffnet, das es einerseits zulässt, darin die Schicksalskurve der maritimen Macht Athens nachzuvollziehen, zugleich aber auch allgemeinere Fragen nach den Möglichkeiten und Grenzen von Seemacht aufwirft und zumindest Ansätze zu deren Beantwortung liefert. In diesem Sinne ist ­Thukydides’ Urteil über Athens Seeherrschaft als eindeutig historisch zu kennzeichnen, bezieht es seine argumentative Kraft doch gerade aus der durch den historischen Ablauf offenbarten Diskrepanz zwischen idealen Entwürfen, weitreichenden Versprechen und dem tatsächlichen Verlauf des Geschehens. Geht man also der Spur nach, die­ Thukydides mittels des Leitwortes τὸ τῆς θαλάσσης κράτος ›ausgelegt‹ hat, so kann keine Rede davon sein, er habe Athens Seeherrschaft als eine letztlich unvergängliche Macht präsentieren wollen, die sich gleichsam selbst reproduzieren 120 Vgl. dazu auch Foster (2010) 78.

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und so dem Verfall entziehen könne.121 Gerade die Vergänglichkeit, die Unsicherheit und die wenig greifbare, immer nur situative Qualität athenischer und letztlich jeder Macht zur See sind es doch, die seine Darstellung und Analyse ganz wesentlich prägen.

121 So de Romilly (1951) 103 Anm.  4: »On remarqua que c’est à l’existence de la marine­ athénienne que se ramène toujours l’avantage d’Athènes; la maîtrise de la mer porte ainsi en elle-même la garantie de sa continuité«.

4. Logoi und erga

Wiederholt wurde im Laufe der Untersuchung bereits darauf verwiesen, dass das Geschichtswerk des Thukydides als Ganzes auch als eine vielschichtige Auseinandersetzung mit dem Verhältnis von Worten und Taten, von logoi und erga, begriffen werden kann: »He establishes the relation between judgement and fact in the first sentence, a first example of that pervasive contrast of λόγος and ἔργον which dominates his work and is what we might call its central met­aphor.«1 Die möglichen Diskrepanzen zwischen logos und ergon sind für­ Thukydides auch funktional von größter Bedeutung, denn die erga sind ihm stets der Maßstab zur Beurteilung der logoi, ihre Darstellung und Komposition also, nach eigenem Ermessen vorgenommen,2 das wichtigste Instrument der Kommentierung.3 Im Folgenden wird daher das Verhältnis zwischen den logoi und den erga von Seeherrschaft in den Blick genommen werden, also die Beziehung, die in ­Thukydides’ Darstellung zwischen den Reden, die von Seeherrschaft und ihren Möglichkeiten handeln, und den Berichten über diejenigen Handlungen, durch die Seeherrschaft in die Tat umgesetzt werden sollte, besteht. Beide Elemente des Textes stehen dabei in einem dialektischen Verhältnis zueinander,4 denn in keinem von beiden, weder in den logoi noch den erga allein, können die ›Wahrheit‹ und die ›Botschaft‹ des Textes liegen. Erst in einer Synthese, die dadurch gelingt, dass man beide Elemente miteinander in Verbindung setzt, die Übereinstimmungen, vor allem jedoch die Abweichungen registriert und nach der tieferen Bedeutung dieser Diskrepanzen fragt,5 kann der Sinn dieses Gestaltungsprinzips erfasst werden. Im Folgenden soll 1 Parry (1972) 51–52. Vgl. dazu generell auch Parry (1981) sowie Stahl (1966) 32–33; (1973) 60–64; Macleod (1983a) 53; Arnold (1992) 57; Grethlein (2005) bes. 56. 2 Siehe E. Meyer (1899) 386; Strasburger (1958) 32; (1966) 73–74. 3 Siehe Macleod (1983a) 53: »Thucydides’ history is a complex of λόγοι and ἔργα (1.22); and if words are the teachers of deeds (3.42.2; 2.40.2), no less may facts be the touchstone of words.« 4 Siehe dazu oben Kap. 1.3. 5 Vgl. zu diesem Verhältnis etwa Euben (1977) 48: »Whereas the speeches contain the speak­ ers’ estimate of the situation, Thucydides’ presentation of them indirectly includes his estimation of the estimators. Thus he stands between us and the speakers. From what they

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dies anhand des Motivs der Seeherrschaft unternommen werden, indem zunächst die in den logoi formulierte ›These‹ des ­Perikles von der Allmacht athenischer Seeherrschaft, dann die im Kriegsbericht entwickelte ›Antithese‹ der erga untersucht und die Frage gestellt wird, welche konkrete Funktion dieses Auseinanderklaffen zwischen maritimem Anspruch und maritimer Wirklichkeit zu erkennen gibt.

4.1 Die These des ­Perikles   Auch wenn andere Figuren im Werk des ­Thukydides ebenfalls von großer Bedeutung für die Seeherrschafts-Thematik sind (man kann dabei vor allem an Themistokles denken oder auch an Alkibiades), so findet das Thema doch in der Gestalt des ­Perikles unbestreitbar seinen wichtigsten, weil eloquentesten und prägendsten Exponenten.6 P ­ erikles war, so etwa Gomme, »the great defender of the empire and of sea-power, for they brought glory«.7 Und David Engels befand erst kürzlich: »Thalassocracy as fully developed doctrine was first explic­ itely propagated by Pericles.«8 Wie schon in einem vorhergehenden Kapitel the­ hukydides von matisiert wurde,9 ist die Beurteilung von Seeherrschaft durch T seiner Haltung zur Figur des ­Perikles kaum sauber zu trennen, was zur Folge hatte, dass in der Forschung teils ohne große Umwege vom einen auf das andere geschlossen wurde: ­Thukydides bejahe die perikleische Politik vollständig, also habe er auch eine uneingeschränkt positive, ja sogar bewundernde Haltung der perikleischen Idee der Meeresbeherrschung gegenüber eingenommen, die er daher auch in den Reden des P ­ erikles so beeindruckend artikuliert habe.10 Arnaldo Momigliano konstatierte sogar, die Bewunderung für sea power (und nicht etwa andere Motive) habe ­Perikles (und damit ­Thukydides) auch die offensichtliche und von den Zeitgenossen explizit kritisierte »immor­ ality« des athenischen Imperialismus entgegen allen Vorbehalten akzeptieren und gutheißen lassen.11 Die ›Theorie‹ der seebasierten Herrschaft Athens, wie­ Thukydides sie P ­ erikles vertreten lasse, sei – so eine Annahme Jacqueline de Romillys – die Basis auch seiner gesamten eigenen historischen Analyse gewesen, 6 7 8 9 10 11

say and do not say, in the discrepancies between what they say and do, what they expect to happen and does happen, we learn important things about the limitations of political intelligence, the contingency of political action, and the role of speech in human affairs.« Siehe etwa von Fritz (1967) 667: »Überall bei ­Perikles ist die Beherrschung des Meeres und ihre Erhaltung im Vordergrund.« Gomme, Andrewes u. Dover (1945–1981) II, 189. Engels (2016) 296. Siehe oben Kap. 1.2.4. So etwa Plenio (1954) 48; Starr (1978) 345; Kagan (1991) 112. Siehe Momigliano (1944) 3.

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die Reflexion des Historikers also von den Überzeugungen seines Protagonisten nicht zu trennen.12 Im anderen Extrem wird die Annahme, ­Thukydides habe die Politik des ­Perikles mitnichten bewundert, sondern sie im Gegenteil scharf kritisieren wollen, zum Indiz für eine ebenso kritische Perspektive des Historikers auf P ­ erikles’ Idealbild unangreifbarer und unbegrenzbarer athenischer Seeherrschaft.13 Um ­Perikles kreist somit fast die gesamte Interpretation des thukydideischen Werkes als einer Auseinandersetzung mit dem Phänomen maritimer Macht und Herrschaft, und das nicht nur, weil es eben ­Perikles ist, der im Werk die bleibenden ›Weisheiten‹ über die ›Größe‹ der Beherrschung des Meeres äußern darf, sondern auch, weil seine Person als nahezu synonym mit dem Schicksal athenischer Herrschaftspolitik zur See selbst begriffen wird: Mit Athens Niederlage 404 v. Chr. sei nicht nur die Vormachtstellung der Stadt zugrunde gegangen, sondern auch die perikleische Idee absoluter Seeherrschaft, und um beides in einem Aufzug zu rehabilitieren und gegen unbedachten Volkszorn zu verteidigen, habe T ­ hukydides sein Werk geschrieben, nicht nur zur nachträglichen Ehrenrettung des perikleischen Athen also, sondern auch zur Verteidigung der spezifisch perikleischen Idee von Seeherrschaft.14 In dieser Deutung erscheint somit sogar die Existenz des thukydideischen Geschichtswerkes selbst in gewisser Weise als ein Produkt der Bewunderung und ganz persönlichen Hingabe des Autors an die Seeherrschafts-Ideologie des P ­ erikles. Diese enge Bindung der Seeherrschafts-Thematik an die Figur des P ­ erikles ist nur zum Teil und auch nur in dieser Zuspitzung eine selbst auferlegte Hypothek der Forschung, denn sie hat im Kern durchaus ihre Berechtigung. Schilderungen von Seeschlachten und verstreute Kommentare des T ­ hukydides, diese oder jene Stadt habe hier oder dort gerade die See beherrscht, gibt es ja etliche im Werk, doch haben nicht in erster Linie diese Passagen dem Werk den Ruf eines Manifests der Seeherrschaft eingebracht. Das ist eher das ›Verdienst‹ der Archäologie und vor allem der perikleischen Reden. ­Perikles allein spricht ganz prominent über Seeherrschaft, er entwickelt das Thema und verleiht ihm sogar, wie bereits deutlich wurde,15 seine leitmotivische Formulierung. ­Perikles ist zudem die einzige Stimme – ob einer Figur oder auktorial geäußert – im gesamten Werk, die sich explizit zum Wert und zur Bewertung der maritimen Macht äußert, dieser also neben ihrer rein faktischen Dimension auch einen diskursiven, geradezu intellektuellen Charakter zubilligt.16 Allein schon deshalb muss die Frage nach ­Thukydides’ Haltung zu Seeherrschaft immer auch eine nach 12 13 14 15 16

De Romilly (1951) 63. Etwa bei Foster (2010) und M. Taylor (2010). So Plenio (1954) 48. Siehe oben Kap. 3.2. Siehe Parry (1972) 60–61.

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seiner Einschätzung perikleischer Ideen und Überzeugungen sein. Dieser Zusammenhang lässt sich nicht umgehen (auch wenn über die konkrete Bedeutung, die man ihm attestiert, gestritten werden kann). Bevor jedoch in einem weiteren Schritt danach zu fragen sein wird, ob, wie und mit welchem Ergebnis ­Thukydides zu ­Perikles’ logoi Stellung bezieht und wie sich die Ergebnisse der Untersuchung mit der ›Würdigung‹ des ­Perikles durch ­Thukydides in Kapitel 2,65 harmonisieren lassen,17 muss an dieser Stelle zunächst der besondere Charakter der perikleischen Vision maritimer Macht herausgearbeitet werden. Zentral ist dafür nicht allein die erste Rede, die Kriegsrede des P ­ erikles (1,140–144), die den Kriegsplan und die bereits eingehend untersuchte Formel μέγα γὰρ τὸ τῆς θαλάσσης κράτος enthält (1,143,4), sondern in manchem auch die Gefallenenrede (2,35–46, bes. 2,41,4) sowie vor allem die letzte, die sogenannte Trostrede (2,60–64), in der doch der »Grundgedanke« athenischer Seeherrschaft »seine prägnanteste Wendung« erhalte.18 ­Perikles’ Darlegung unangreifbarer athenischer Herrschaft über das Meer in dieser Rede scheint, so schon Eduard Meyer, für T ­ hukydides von zentraler Bedeutung gewesen zu sein, handelt es sich dabei doch um ein »Moment, das in seinem Werke nothwendig ausgesprochen werden musste, wenn der Leser ein vollständiges Bild der Sachlage gewinnen sollte«.19 So, wie der Epitaphios den Scheitelpunkt der zunächst aufsteigenden allgemeinen Exposition athenischer Größe im Werk bildet, nach dem es dann nur noch ›bergab‹ gehen kann,20 so bildet die letzte Rede des ­Perikles in ganz ähnlicher Weise (gleichsam nur um eine Rede nach hinten versetzt) den Scheitelpunkt perikleischer, griechischer, ja vielleicht insgesamt antiker Seeherrschafts-Ideologie, an dem sich alle folgenden Partien des Werkes, die sich mit der maritimen Macht Athens auseinandersetzen, in gewisser Weise ›abarbeiten‹ müssen. Sie ist in dieser Hinsicht der Zwilling der Gefallenenrede: Wo diese vornehmlich nach innen blickt, auf Athens innere Stärke und Vorbildhaftigkeit, da blickt die dritte eher nach außen, auf Athens imperiale dynamis und Stellung in der Welt.21 Sie markiert ohne Zweifel den Kulminationspunkt dessen, was im Werk über den Wert und die Größe der Seeherrschaft geäußert wird,22 auch das mit Abstand Radikalste, und schon aus diesem Grund bietet es sich an, ihre Positionen als Ausgangspunkt des Vergleichs von logoi und erga zu wählen. 17 18 19 20 21 22

Dazu unten Kap. 5. So Plenio (1954) 48. Vgl. auch Rengakos (1984) 43–44. E. Meyer (1899) 323 Anm. 1. So Flashar (1969) 53. Siehe Hornblower (1991–2008) I, 332. Vgl. etwa Connor (1984) 70 (»the moment of the greatest emphasis on Athenian power«); Bloedow (2000) 298 (»undisputably one of the most remarkable passages in the whole of Thucydides«).

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Die Rede findet in einer höchst angespannten Situation statt: Die gemäß dem perikleischen Kriegsplan innerhalb der Mauern der Stadt eingepferchten Athener waren von der Pest heimgesucht worden, mussten mitansehen, wie die Spartaner ihre Besitztümer außerhalb verwüsteten, ja sie hatten sogar (vergeblich) um Frieden zu den Spartanern gesandt, entgegen dem ausdrücklichen Willen des P ­ erikles. Diesem galt in dieser Situation ihr Zorn und sie machten ihn, so schildert T ­ hukydides die emotional angespannte Situation, in ihrer verzweifelten und ratlosen Lage für ihr Leid verantwortlich (2,59,1–2). P ­ erikles sei von diesem Umschwung der Volksstimmung jedoch keineswegs überrascht worden, und um die Athener »zu trösten, ihre zornigen Herzen zu besänftigen und ihnen die Furcht zu nehmen« (2,59,3) trat er diesem Unmut mit seiner Rede entgegen.23 Nach einer anfänglichen Zurückweisung der gegen ihn erhobenen Vorwürfe (2,60,1) und der Aufforderung an die Athener, das Gemeinwohl über die Leiden des Individuums zu stellen (2,60,2),24 folgt eine offensive Verurteilung des Wankelmutes der Menge, die – ihm Gegensatz zu ihm, ­Perikles – bei den ersten Rückschlägen ihre selbstgefassten Beschlüsse bereue und die ganze Schuld nur bei ihm suche (2,61). Schließlich kommt P ­ erikles auf Athens Seeherrschaft zu sprechen, mit Beginn des zweiten Hauptteils der Rede, der einer »prinzipiellen Untersuchung der Größe der attischen Herrschaft« gleichkommt:25 Wenn ihr aber wegen der Not des Krieges Bedenken habt – sie könnte unerträglich werden und wir doch nicht siegen –, so hätten euch eigentlich schon all meine vielen früheren Reden zur Genüge zeigen können, dass sie unberechtigt sind; ich will aber noch etwas andeuten, was ihr an eurem Reiche (ἀρχή) habt, etwas Großes, woran, glaube ich, weder ihr je gedacht habt, noch habe ich bisher davon gesprochen. Und auch jetzt würde ich nicht davon reden, weil es etwas anmaßend und prahlerisch tönt, sähe ich euch nicht über Gebühr niedergeschlagen. Ihr meint, ihr herrschtet nur über eure Verbündeten (οἴεσθε μὲν γὰρ τῶν ξυμμάχων μόνων ἄρχειν), ich aber will euch zeigen, dass von den zwei Reichen, die dem Menschen zum Gebrauch verliehen sind, Erde und Meer, ihr des einen völlig und allein Gewalt habt (ἐγὼ δὲ ἀποϕαίνω δύο μερῶν τῶν ἐς χρῆσιν ϕανερῶν, γῆς καὶ θαλάσσης, τοῦ ἑτέρου ὑμᾶς παντὸς κυριωτάτους ὄντας), soweit ihr es jetzt befahrt und wenn ihr noch weiter wolltet (ἐϕ’ ὅσον τε νῦν νέμεσθε καὶ ἢν ἐπὶ πλέον βουληθῆτε); da ist niemand, weder der Großkönig noch irgendein anderes Volk, euch im Augenblick Halt zu gebieten, wenn ihr mit eurer gegenwärtigen Flottenmacht daherführet. (2,62,1–2) 23 Vgl. zu Inhalt und Struktur der Rede Gomme, Andrewes u. Dover (1945–1981) II, ­167–181; Plenio (1954); de Romilly (1951) 107–116; Rengakos (1984) 38–52; Connor (1984) 69–71; Hornblower (1991–2008) I, 331–340. Zur Datierungs- bzw. Kompositionsfrage vgl. insbesondere Andrewes (1960) 7–9. 24 Siehe Hornblower (1991–2008) I, 332 (ad loc.) (»almost an expression of  a totalitarian­ political philosophy«). 25 So Rengakos (1984) 43.

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Angesichts dieser ganz besonderen dynamis Athens, die von einem Scholiasten bezeichnenderweise später einmal als thalassokratia glossiert werden sollte,26 erscheine Attikas physische Existenz »wie ein Gärtlein und kostbares Schaustück«, dessen Verlust leicht zu verschmerzen sei (2,62,3). Die Athener sollten sich ihrer Vorfahren, die die archē einst »mühevoll« erworben hätten,27 nun würdig erweisen, mit Tapferkeit der Wahrung ihrer Herrschaft dienen, ohne dabei das Wohl des Einzelnen über das der Gemeinschaft zu stellen (­ 2,62,3–4). Der Rest der Rede (2,63–64) ist zu großen Teilen der Darlegung gewidmet, Athen müsse seine archē unter allen Umständen aufrechterhalten, nicht allein, weil deren Vorteile zu kostbar seien, sondern weil es schlicht zu gefährlich sei, sie wieder loszulassen (2,63,2). Die Rede endet in einem letzten Appell an die Athener, nicht um des augenblicklichen Hier und Jetzt willen den ewigen Ruhm, der sie erwarte, preiszugeben: »Denn Hass hält nicht für lange vor, aber der heutige Glanz und der Nachruhm bleiben ewig denkwürdig. Ihr aber, erwerbt euch beides, auf die künftige Ehre vorbedacht und voll gegenwärtigen Eifers, um jetzt nicht in Schande zu fallen« (2,64,5–6). Drei Aspekte der Seeherrschafts-Idee dieser Rede sind für alles Folgende von besonderer Bedeutung: 1. der Gedanke, Athen brauche zur See keinerlei Gegner zu fürchten und sei unbezwingbar; 2. die durch die perikleische Rhetorik bewirkte völlige Verabsolutierung und räumliche ›Entgrenzung‹ athenischer Seeherrschaft, die dadurch fast unendlich erscheint; 3. schließlich auch gewisse Anklänge der Sprache des P ­ erikles an die Welt der Heroen bzw. Götter, wodurch der Idee der Seeherrschaft ein zusätzliches Moment der Überhöhung beigeben wird. Bei allen dreien handelt es sich um Ideen bzw. Motive, die ­Perikles schon zuvor, in der Kriegsrede und im Epitaphios, angesprochen hat, die in dieser Rede jedoch – und darin liegt das Entscheidende – qualitativ weiterentwickelt, nochmalig zugespitzt und letztlich verabsolutiert werden. Dass etwa Athens Seeherrschaft keinerlei Gegner zu fürchten brauche, diesen Gedanken hat er im Prinzip bereits in der ersten Rede entwickelt (1,143,4–5). Während der Gedanke dort jedoch vor allem auch aus der konkreten Schwäche und Unerfahrenheit der Spartaner zur See entwickelt wurde (1,142,6–8), wird in der dritten Rede nun jedem erdenklichen Gegner die Fähigkeit abgesprochen, Athener daran zu hindern, zu segeln, wohin immer sie wollen (2,62,2). An die Stelle der noch eher passiv gedachten Unangreifbarkeit der Kriegsrede, die aus der Möglichkeit resultiert, hinter den Mauern der Stadt geschützt und von der Flotte versorgt jeden Angriff überstehen zu können, tritt hier nun die weitaus offensivere Idee, in der Bewegung zur See von niemandem aufgehalten

26 Dazu Kopp (2016b) 34–35. 27 Dazu Connor (1984) 69 Anm. 44.

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werden zu können (πλέοντας ὑμᾶς οὔτε βασιλεὺς οὔτε ἄλλο οὐδὲν ἔθνος τῶν ἐν τῷ παρόντι κωλύσει). Das ist nicht länger eine im Irrealis konzipierte Idealvorstellung wie in der Kriegsrede,28 sondern wird von P ­ erikles überdeutlich als im Augenblick der Rede gegenwärtige und faktisch erfassbare Möglichkeit präsentiert (τῇ ὑπαρχούσῃ παρασκευῇ … τῷ παρόντι). Besonders in der Formulierung οὔτε βασιλεὺς οὔτε ἄλλο οὐδὲν ἔθνος kommt dabei die neuartige Verabsolutierung des Gedankens der Unbesiegbarkeit zum Ausdruck: Mit dem von P ­ erikles benannten basileus ist dabei wohl der persische Großkönig bezeichnet,29 mit ethnos, gerade weil es völlig unbestimmt bleibt, letztlich jedes andere erdenkliche Volk auf Erden. Es sind dadurch nicht länger (wie noch in der Kriegsrede) konkrete Gegner in einem konkreten Krieg, die Athens Seeherrschaft niemals gefährlich werden könnten, sondern nun alle anderen, letztlich die gesamte Welt in ihrer um Athen herum gruppierten Vollständigkeit.30 Eng damit hängt ein weiterer Aspekt zusammen, der die dritte Rede auszeichnet, die Verabsolutierung und Entgrenzung athenischer Seeherrschaft in ihrer – P ­ erikles zufolge sowohl schon faktisch errungenen als auch potentiell noch weiter möglichen – räumlichen Ausdehnung. Dieses Motiv wird nicht in der Kriegsrede, sondern im Epitaphios vorbereitet. Dort heißt es in der berühmten Passage, in der P ­ erikles die Unabhängigkeit athenischen Ruhmes von den Lobpreisungen der Dichter rühmt: Und mit sichtbaren Zeichen üben wir wahrlich keine unbezeugte Macht, den Heuti­gen und den Künftigen zur Bewunderung, und brauchen keinen Homeros mehr als Sänger unsres Lobes noch wer sonst mit schönen Worten für den Augenblick entzückt – in der Wirklichkeit hält dann aber der Schein der Wahrheit nicht stand; sondern zu jedem Meer und Land erzwangen wir uns durch unsern Wagemut den Zugang (τῶν δ’ ἔργων τὴν ὑπόνοιαν ἡ ἀλήθεια βλάψει, ἀλλὰ πᾶσαν μὲν θάλασσαν καὶ γῆν ἐσβατὸν τῇ ἡμετέρᾳ τόλμῃ καταναγκάσαντες), und überall leben mit unsern Gründungen Denkmäler unsres Wirkens im Bösen wie im Guten auf alle Zeit. (2,41,4)

Zunächst fällt auf, dass ­Perikles auch hier, wie beim Versprechen maritimer Unbesiegbarkeit der dritten Rede, Athens Stärke explizit als eine in konkreten Taten und Leistungen manifest gewordene »Wirklichkeit« bezeichnet,31 wie um jedem Verdacht zu entgehen, auch er würde (wie es doch implizit den

28 Siehe dazu Fantasia (2009) 19; Laspe u. Schubert (2012) 378–379. 29 Siehe Gomme, Andrewes u. Dover (1945–1981) II, 170–171 (ad loc.); Hornblower ­(1991–2008) I, 335 (ad loc.). 30 Die Erwähnung von basileus und ethnē könnte auf eine Gliederung in Ost und West hindeuten; vgl. dazu Hornblower (1991–2008) I, 336 (ad loc.). 31 Siehe den Kommentar von Rhodes (1988) 238 (ad 2,62,1).

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Dichtern vorgeworfen wird) ›unwirkliche‹, nur wohlgefällige Dinge verkünden (vgl. 2,41,2; 2,43,1). Dem von ihm kritisierten Unvermögen der Dichter, mit ihren »schönen Worten« der ἔργων ἀλήθεια zu entsprechen, wird in direktem Kontrast (ἀλλά) die tatsächliche Leistung Athens gegenübergestellt, sich zu allen Ländern und Meeren Zugang gewaltsam erzwungen zu haben. Doch ist damit auch, wie in der dritten Rede, der Maßstab gegeben, an dem sich die Behauptungen messen lassen müssen: Sie künden nicht von rein idealen, gar utopischen Zuständen, sondern nehmen für sich in Anspruch, eine im Faktischen erwiesene Wirklichkeit darzustellen.32 Dadurch sind sie aber zugleich auch – und selbst der Logik der perikleischen logoi zufolge – der Kontrolle durch diese Wirklichkeit, wie sie die Ereignisberichte des Werkes, die erga darstellen, ausgesetzt. Wichtiger noch ist jedoch in unserem Zusammenhang die räumliche Entgrenzung athenischen »Zugangs«, die in der Formulierung πᾶσα θάλασσα καὶ γῆ zum Ausdruck kommt. Dass von P ­ erikles hier Unerhörtes, ganz eigentlich Radikales bekundet wird, ganz im Einklang mit der dritten Rede, in der die Athener als θαλάσσης παντὸς κυριώτατοι bezeichnet werden, wurde schon bemerkt.33 Das Potential der Behauptung liegt dabei in beiden Fällen in ihrer wohl intendierten Ambiguität, die Interpretationen in ganz unterschiedlicher Reichweite zulässt. Zwar wurde sowohl hinsichtlich der Bekundungen von 2,62,2 als auch der des Epitaphios versucht, der perikleischen Seeherrschaftsrhetorik einen konkreten realhistorischen Hintergrund zu verleihen und sie dadurch ›verständlicher‹ zu machen,34 doch lässt sich derartiges weder ausschließen noch beweisen und es ist in unserem Zusammenhang ohnehin nur von nachgeordneter Bedeutung. Beide Passagen sind in ­Thukydides’ Darstellung gerade dadurch wesentlich gekennzeichnet, dass keine konkreten Ziele athenischer tolma genannt werden und auch nicht genannt werden müssen: In 2,41,4 ist durch die Verwendung von πᾶς ohne den Artikel bei θάλασσα und γῆ die Aussage vollkommen unbestimmt gelassen (›jedes beliebige Land und Meer‹ kann gemeint sein), und auch in 2,62,2 wird durch den Verzicht auf den Artikel oder jede andere Form der Konkretisierung eine nähere Bestimmung und damit auch Einschränkung athenischer Möglichkeiten der Machtausdeh32 Vgl. Flashar (1975) 104. 33 Siehe Hornblower (1991–2008) I, 309 (ad loc.): »The language is striking and some oddness should be retained in translation.« Vgl. dazu auch Loraux (1981) 86; Forde (1989) 19, 56 mit Anm. 52; Hornblower (1991–2008) I, 309; Balot (2001) 174; Foster (2010) 188; Rood (2012b) 158. 34 Mattingly (2008) 84 sieht in der Passage 2,62,2 einen konkreten Hinweis auf die bei Plutarch (­Perikles 20,1–2) erwähnte Schwarzmeer-Expedition der Athener unter P ­ erikles. Zu möglichen Hintergründen der Behauptungen des Epitaphios vgl. Gomme, Andrewes u. Dover (1945–1981) II, 129.

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nung vermieden.35 Die sprachliche Unbestimmtheit ist hier deutlicher Ausdruck einer auch räumlichen Entgrenzung, die in der perikleischen Rhetorik athenischem Zugriff auf Wasser und Land zuteil wird. Nicht zufällig wohl wurden gerade derartige Ansprüche auch in der Alten Komödie persifliert, teils sogar mittels ganz ähnlicher Formulierungen, und dabei mit Assoziationen an persische Weltherrschaftsideen versehen.36 ­Thukydides’ ­Perikles steht durch den Gebrauch der Formel θάλασσα καὶ γῆ im Epitaphios und in der dritten Rede am Anfang einer Traditionslinie, die sich bis in hellenistische und römische Zeit fortsetzte,37 und die, wie Philip Hardie in seiner Untersuchung der Aeneis Vergils bemerkt hat, fast immer durch eine bewusste Ambiguität der Formulierungen geprägt war: »›Victorious by land and sea‹ may either refer to a set of victories in discrete parts of the two world-divisions, or it may imply a claim to the total mastery of Land and Sea«.38 Es ist daher zugleich eine Einschränkung und eine bemerkenswerte Zuspitzung, wenn­ Perikles in der dritten Rede die Herrschaft über das Meer so deutlich in den Vordergrund stellt; aus der fast topischen Formel von ›Meer und Land‹ des Epi­ taphios wird dadurch eine umso stärker akzentuierte, eindeutig perikleische Version einer Seeherrschaftsidee, die nicht länger in traditionellen Maßstäben und Formeln begriffen werden könne, sondern in der völligen Einzigartigkeit ihres totalen Charakters erst neu verständlich gemacht werden müsse.39 Bei der dritten Rede handele es sich daher auch, so schon Richard Jebb, um »a triumphant avowal that the naval empire of Athens is not relative but absolute, is not an empire over a limited confederacy but a boundless supremacy on the sea«.40 Gerade in der expliziten Konzentration auf das Meer, das Athen in seiner Gesamtheit vollständig zur Verfügung stehe (δύο μερῶν … τοῦ ἑτέρου ὑμᾶς παντὸς κυριωτάτους ὄντας), erweise sich das besondere, bislang nur ihm selbst, ­Perikles, völlig ersichtliche Wesen athenischer archē, das sich nicht in der direkt benannten Herrschaft über die untergebenen Städte erschöpfe (οἴεσθε μὲν γὰρ τῶν ξυμμάχων μόνων ἄρχειν), sondern in der Kontrolle über den gesamten Meeresraum selbst offenbar sei.

35 Siehe Foster (2010) 187 Anm. 7 (zu 2,62,2). »Note the lack of the article in the Greek text. The reference is not to any particular earth and sea, but to earth and sea as a conceptual unity.« 36 Etwa in den Rittern des Aristophanes; vgl. dazu Kopp (2015). 37 Zur Formel θάλασσα καὶ γῆ (bzw. terra marique) vgl. Momigliano (1942). 38 Hardie (1986) 310, dem zufolge (309 Anm. 19) die Formulierung des Epitaphios (2,41,4) »an early example with universalizing pretensions« darstellt. Vgl. auch Cawkwell (1997) 43 (»Thus, he promised the Athenians the hope of, in Virgil’s phrase, ›boundless empire‹«) und Hornblower (2012) 1336 (»a way of describing indefinite empire«). 39 Siehe dazu Kallet-Marx (1993) 114–115. 40 Jebb (1907) 385.

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Es ist dabei keineswegs ein rein statisches, gleichsam saturiertes Seereich, das­ Perikles hier entwirft, sondern eines, dessen auch künftige Möglichkeiten zur weiteren Expansion schlechterdings unbegrenzt sind. Eine radikale Entgrenzung ist der kennzeichnende Zug der Seeherrschaftsidee der dritten Rede; Raum und Zeit als hindernde Faktoren, ganz allgemein die Grenzen des Erreichbaren, all das scheint in P ­ erikles’ Vision athenischer Machtfülle zur See keine Rolle mehr zu spielen,41 sondern wird in ein Versprechen des Möglichen aufgelöst. Die zeitliche Schichtung der Passage ist dabei entscheidend: Zwar wird die absolute Beherrschung des Meeres als gegeben vorausgesetzt, doch präsentiert P ­ erikles das nicht allein als einen bereits vollauf verwirklichten Zustand, sondern auch und insbesondere als ein grenzenloses Potential, das künftig abgerufen werden könne. Mit dem Zustand des Hier und Jetzt (νῦν), in dem dank der gegenwärtigen Flottenmacht (τῇ ὑπαρχούσῃ παρασκευῇ τοῦ ναυτικοῦ) bereits kein Gegner im Augenblick mehr (ἐν τῷ παρόντι) existiere, der die Athener am Segeln hindern könnte, wird die Möglichkeit kontrastiert, dieses Potential zukünftig in noch weiterem Umfang umzusetzen; das sei einzig noch eine Frage athenischen Wollens (καὶ ἢν ἐπὶ πλέον βουληθῆτε), nicht jedoch der praktischen Umsetzbarkeit.42 Es gebe also, so die implizite Botschaft, noch Bereiche des Meeres, in denen der Status der Athener als kyriōtatoi dieses Elementes noch gar nicht erwiesen und demonstriert worden sei. Das bedeutet aber keinerlei Einschränkung des dieser Behauptung zugrundeliegenden Anspruchs, denn dieser ist durch θαλάσσης … παντὸς κυριωτάτους ὄντας bereits hinreichend als letztlich absolut und uneingeschränkt ›erwiesen‹. Diesen Zug des perikleischen Entwurfs athenischer Seeherrschaft haben Lisa Kallet-Marx und andere zu Recht als einen entscheidenden Aspekt der gesamten Passage 2,62,2 erkannt.43 Die verschiedentlich vorgebrachten Versuche, die Implikationen dieser Zeilen zu relativieren,44 konnten nicht vollends überzeugen.45 Dahinter steht zumeist ein merkliches Unbehagen, den ›moderaten‹ ­Perikles, der vor der Ausweitung athenischer archē zumindest während des Krieges gewarnt (1,144,1; 2,65,7) und eine gemäßigte Politik betrieben habe (2,65,5), mit dem ­Perikles zu verbinden, der hier das athenische Reich als ein schlechterdings grenzenloses, für weitere Expansionen zur See offenstehendes 41 Dazu Ober (1998) 90. 42 Vgl. dazu Rusten (1989) 202 (ad loc.); Ober (1998) 90; M. Taylor (2010) 78. 43 Kallet-Marx (1993) 114–115. Vgl. auch de Romilly (1977) 27 (»Pericles announces quite clearly that sea power means unlimited power […]. This boundless nature of sea power is the really important notion […]. Sea power can expand as it wishes – and if it can, it generally will«); Hornblower (1991–2008) I, 332 (»Athens’ absolute control not just of her existing allies but of the sea in general, which guarantees future acquisitions«). 44 Etwa Plenio (1954) 49, gefolgt von Rengakos (1984) 44. 45 Siehe Bloedow (2000) 301–302.

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Gebilde proklamiert. Weil ­Perikles hier scheinbar weiterer imperialer Ausdehnung das Wort redet, hat man in dieser Passage schon des Öfteren eine Anspielung auf die athenischen Expeditionen nach Melos und Sizilien zu erkennen geglaubt.46 Die Formulierung καὶ ἢν ἐπὶ πλέον βουληθῆτε lässt sich sogar als erstes explizites Auftreten des pleonexia-Motivs im Werk verstehen, das von­ Perikles hier zwar in die Zukunft verbannt, aber gleichwohl als fester Bestandteil athenischer Seeherrschafts-Ideologie akzeptiert wird.47 Beide ›Versionen‹ von P ­ erikles, der gemäßigte und der radikal expansionistische, wollen zunächst nicht recht in Einklang gebracht werden.48 So hat etwa Jacqueline de Romilly versucht, die expansionistischen Töne der Passage dadurch abzuschwächen, dass sie ­Perikles’ Bemerkungen ganz wörtlich allein auf das Meer bezogen wissen wollte, das die Athener frei befahren könnten.49 Gewiss legt der thukydideische P ­ erikles den Schwerpunkt ausdrücklich auf das Meer, dessen Beherrschung (im Unterschied zum Land) absolut und unbegrenzt sei. Doch stellt sich dann die Frage, ob in einem derartigen Verständnis das Versprechen absoluter Seeherrschaft letztlich nicht doch bloß leere Rhetorik wäre, zumal angesichts der jedem Zuhörer (bzw. Leser) zwangsläufig bewussten Küstengebundenheit der antiken Kriegsschifffahrt, die das Land nie aus den Augen ließ. Welchen Sinn sollte der unbegrenzte Zugriff auf alle Meeresteile dann haben? Auf die merkwürdig deplatziert wirkende Argumentation des P ­ erikles in einer Situation, in der doch Athens Seeherrschaft in keiner Weise gefährdet erscheinen musste, wird gleich noch zurückzukommen sein. Zuletzt sind auch die konkrete Wortwahl und die Sprache des ­Perikles an dieser Stelle bemerkenswert.50 Zum einen beschreibt er Athens Seeherrschaft in 46 So sieht etwa Herter (1954) 321 in den Unternehmungen gegen Melos der Jahre 426 und 416 nur eine Aktion, die »der Sicherung der Seeherrschaft diente« und somit im Einklang mit perikleischen Maximen stand. Vgl. zum Verhältnis zum Angriff auf Melos auch M. Taylor (2010) 122. Für Sizilien: Hornblower (1983) 136; (1991–2008) I, 336; Bloedow (2000) 303–304; R. Schulz (2005) 120–121; M. Taylor (2010) 149; Foster (2010) 188. 47 Dazu Kopp (2016a) 138–139. 48 Siehe etwa Orwin (1994) 28: »His poetic vision is at some odds with his prosaic policy«. Dazu generell auch Bloedow (2000). 49 Siehe de Romilly (1951) 110: »Mais il serait faux de penser que par là il entende encourager les Athéniens à des conquêtes nouvelles. Il ne parle que de la mer: il s’agit d’hommes qui naviguent (62. 2: πλέοντας ὑμᾶς), il s’agit d’eau: il ne s’agit d’aucune main-mise sur les îles, les côtes ou les ports. Celle-ci peut être nécessaire, mais elle demeure accessoire et n’est pas en question ici.« Später wiederholte de Romilly (1977) 27 diese Deutung zwar grundsätzlich, gab der Möglichkeit zur weiteren Expansion jedoch merklich größeres Gewicht: »This boundless nature of sea power is the really important notion: ›to any extent you wish,‹ says Pericles. Of course he means the possibilty of sailing wherever one wants rather than the possibility of conquering, but one may quite easily lead to other.« Dazu auch Palmer (1992) 35. 50 Zu den Charakteristika der Sprache des ­Perikles bei ­Thukydides vgl. allgemein Tompkins (2013).

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der dritten Rede in »quasi-mystical terms«,51 als ein bislang nur ihm, dem Eingeweihten ersichtliches Geheimnis. Dieses gelte es nun, unter dem Druck der Umstände, ersichtlich zu machen (δηλώσω, 2,62,1) und zu offenbaren (ἀποϕαίνω, 2,62,2). Wie Connor bemerkt hat, ist die dritte Rede (im Gegensatz zum Epita­ phios, der hauptsächlich in der ersten Person Plural vom ›Wir‹ spricht) durch den starken Gegensatz zwischen dem ›Ich‹ des ­Perikles und dem ›Ihr‹ seiner Zuhörer geprägt.52 In ähnlicher Weise wird auch das ›Geheimnis‹ maritimer Überlegenheit durch diese rhetorische Strategie aufs engste mit der Person der Perikles verbunden: Er nimmt nicht etwa für sich in Anspruch, eine wohlbekannte, nur  – etwa unter dem unmittelbaren Eindruck realer Fehlschläge  – kurzfristig verlorengegangene Einsicht in Athens Stärke erneut zu formulieren, sondern äußert eine ganz grundlegende Erkenntnis, die er zwar immer schon besessen, so jedoch noch nicht ausgesprochen habe, und die vor allem auch den übrigen Athenern bislang verborgen gewesen sei. Diese nämlich würden glauben (οἴεσθε μέν), nur über ihre symmachoi zu herrschen, eine realpolitische Einschätzung der Lage, die sowohl die Mytilenaier des Werkes (3,13,5) als auch Aristophanes (Equ. 839) zweifelsohne geteilt hätten; er aber (ἐγὼ δέ) verstehe mehr, wisse viel Grundsätzlicheres über Athens archē, und diese Einsicht offenbare er nun im Moment höchster Spannung, aber auch nur, weil ihm dies als die einzige Möglichkeit erscheine, einen  – aus seiner Sicht für Athen fatalen  – Stimmungsumschwung zu verhindern. Andernfalls, so die Implikation, wäre dieser wahre Charakter athenischer Herrschaft weiterhin eine unausgesprochene, vor allem im Verborgenen waltende Kraft geblieben.53 Auch aus diesem Grund erscheint es mir verfehlt, diese Rede und damit auch P ­ erikles’ Ausführungen über Seeherrschaft als allein nüchtern und realitätsnah zu klassifizieren: »Writers who have said that the high vision of the Funeral Speech here gives way to a cold realism have badly misinterpreted it. Its purpose is to show how realism can become vision.«54 All das bewirkt nicht nur, dass dem Gedanken der Seeherrschaft diese fast schon mystische Aura zukommt; es führt auch dazu, dass P ­ erikles untrennbar mit dieser spezifischen Kraft verbunden scheint, eine Verbindung, die die eingangs zitierten Beispiele für die Symbiose aus der Figur des Strategen und der Idee der Seeherrschaft nur nachvollziehbar erscheinen lässt. Doch nicht nur die allgemeine Gestaltung der Partie, auch einzelne Formulierungen wirken bemerkenswert und können Assoziationen wecken, die mit der profanen Erörterung strategischer Gegebenheiten und Planungen nur wenig zu tun haben. Schon im Fall der Kriegsrede lässt sich vermuten, dass P ­ erikles 51 52 53 54

Ober (2001) 286. Connor (1984) 65 mit Anm. 35. Vgl. Ober (2001) 286 zum ›latenten‹ Charakter athenischer maritimer dynamis. Parry (1981) 174.

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mit der Gnome μέγα γὰρ τὸ τῆς θαλάσσης κράτος (1,143,4) unter dem Deckmantel einer strategischen Kalkulation mit sprachlichen Mitteln operiert, die kühler Berechnung eher unangemessen wirken. Nach den Ergebnissen der begrifflichen Untersuchung bedeutet kratos im Zusammenhang mit ›Meer‹ doch einzig und allein die situative und sowohl räumlich wie zeitlich begrenzte Zugriffsmöglichkeit auf Wasserräume zu spezifischen Zwecken.55 Das spielt auch in der ersten P ­ eriklesrede gewiss mit hinein, doch lassen sich in P ­ erikles’ Verwendung des Ausdrucks auch weitere Assoziationsmöglichkeiten erkennen. So könnte T ­ hukydides durch das Adjektiv μέγας auf die oft gebrauchte homerische Formel μέγα κράτος angespielt und der perikleischen Formulierung athenischer Stärke damit einen an die epische Heroen- und Götterwelt erinnernden Klang beigemischt haben. Das μέγα κράτος oder gar μέγιστον κράτος ist die, oft von Zeus selbst verliehene ›Stärke‹ und ›Überlegenheit‹, die homerische Helden im Kampf besitzen können.56 Einmal wird in der Ilias auch von Zeus mit einer ähnlich lautenden Formel gesprochen (τοῦ γὰρ κράτος ἐστὶ μέγιστον, 2,118). Generell ist μέγας in der Bedeutung ›stark‹ bzw. ›mächtig‹ ein gängiges homerisches Epitheton von Göttern, nicht allein von Zeus, sondern auch von Kronos, Poseidon oder Apollon.57 Nicht auf Homer, wohl aber auf Pindar könnte zudem die Formulierung παντὸς κυριώτατοι der dritten Rede verweisen, denn auch wenn das Epitheton kyrios für Gottheiten in klassischer Zeit noch kaum gebräuchlich war, so wird doch bei Pindar die Wendung ὁ πάντων κύριος für Zeus gebraucht (I. 5,53). Die universelle Ansprüche postulierende Formulierung πᾶσαν μὲν θάλασσαν καὶ γῆν ἐσβατὸν τῇ ἡμετέρᾳ τόλμῃ καταναγκάσαντες des Epitaphios (2,41,4) wiederum hat nicht nur Parallelen in der Sprache der Komödie,58 sondern auch in der tragischen Dichtung der Zeit: In Euripides’ Herakles, aufgeführt zur Zeit des Peloponnesischen Krieges (ca. 415, die genaue Datierung ist jedoch ungewiss),59 wird die überragende zivilisatorische Leistung des Halbgottes und Zeussohnes auch darin gesehen, dass dieser Land und Meer, die zuvor noch »unzugänglich« (ἄβατον) gewesen seien, gezähmt und dadurch sicher und zugänglich gemacht habe (851–852; vgl. 400–402).60 Auch wenn sich aus derartigen Ähnlichkeiten kaum eine eindeutige Konnotation oder gar Wertung des formulierten Gedankens ableiten lässt, so ordnen sie sich doch ein in 55 Siehe dazu oben Kap. 3.1. 56 Siehe dazu Breuil (1989) 20–21, 26, 28. Zu ­Thukydides’ motivischen und sprachlichen Bezugnahmen auf Homer siehe Rood (1998b) 232–244.. 57 Siehe Bierl u. Latacz (2009) 174–175. 58 Siehe Kopp (2015) 36 mit Anm. 45 zu Aristophanes’ Rittern (424 v. Chr.). 59 Dazu Bond (1981) xxx–xxxii. 60 Vgl. Bond (1981) 287 (ad 849–853) (»in the style of contemporary laudationes«). Auf die weitere geistes- bzw. mentalitätsgeschichtliche Bedeutung dieser Ähnlichkeiten und Anklänge werde ich im Schlussteil der Arbeit (Kap. 6.1) noch näher eingehen.

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die schon zeitgenössisch an P ­ erikles herangetragenen Vorwürfe und den Spott der Komödie, er sei ein verkappter Olympier auf Erden (Aristoph. Ach. 530; vgl. Plut. ­Perikles 8,3), die allesamt den vermeintlich gottgleichen Rang des Strategen zum Ziel hatten.61 Sollten diese Formulierungen der Reden des ­Perikles somit tatsächlich als Anspielungen auf die epische Sprache zu verstehen sein, so ließe sich auch das als ein Teil  der Auseinandersetzung des T ­ hukydides mit dem ambivalenten Charakter der perikleischen Rhetorik verstehen, wie sie Jonas Grethlein am Beispiel der Gefallenenrede herausgearbeitet hat.62 Denn zwar bekundet ­Perikles im Epitaphios (und zwar unmittelbar vor der Behauptung, die Athener hätten sich zu allem Meer und Land Zugang erzwungen), Athens Macht brauche keine Verherrlichung durch einen Homer oder andere Dichter (2,41,4), doch ist er es gleichzeitig selbst, der diese Lücke füllt und seinerseits einen Hymnos auf Athens Größe vorlegt.63 Auch abgesehen von derartigen möglichen Bezügen ist die Formulierung des Seeherrschafts-Motivs in der dritten Rede erstaunlich, und zwar allein schon deshalb, weil ­Perikles hier mit dem eigentlich dafür untypischen Begriff kyrios operiert. Es stellt sich die Frage, weshalb T ­ hukydides ­Perikles an dieser Stelle nun gerade nicht vom maritimen kratos der Stadt sprechen lässt, was doch auch bei ihm die gängige Formulierung des Gedankens ist. Auch eine Benennung athenischer Seeherrschaft als archē, wie es vor allem im 4. Jahrhundert v. Chr. üblich werden sollte, hätte nahegelegen, zumal sich der gesamte Passus von Beginn an (auch in der Satzkonstruktion) explizit als eine Auseinandersetzung mit dem Wesen der athenischen archē zu erkennen gibt (2,62,1).64 Doch auch davon macht der thukydideische ­Perikles keinen Gebrauch, sondern bezeichnet die Athener stattdessen als θαλάσσης παντὸς κυριώτατοι, als ›Herren‹ des gesamten Meeres im Superlativ. Lässt sich diese spezifische Wortwahl erklären, ohne dabei auf die Idee Rückzug nehmen zu müssen, es sei darin ein Stück ›echter‹ Rhetorik des P ­ erikles konserviert?65 Der Schlüssel zur Beantwortung dieser Frage liegt wohl im semantischen Unterschied zwischen κύριος und κράτος, denn während κράτος die faktische, nur in der tatsächlichen Durchsetzung ersichtliche und beweis61 Dazu Schwarze (1971) 108 sowie Stadter (1989) 103. 62 Dazu Grethlein (2005) sowie unten Kap. 5.2. 63 Vgl. Flashar (1969) 27 sowie Foster (2010) 190 (»Pericles is the poet of empire, as he himself partly admits«). Grethlein (2005) 47 spricht in diesem Zusammenhang von einem »performativen Selbstwiderspruch« des ­Perikles. 64 Das betont zu Recht de Romilly (1951) 110 Anm. 1. 65 So die Vermutung von Gardiner (1969) 22: »In the avoidance of the terms elsewhere used by Thucydides, do we not feel that we have an indication that here he is reproducing a phrase actually used by Pericles?«

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bare konkrete Machtausübung bezeichnet, gehört κύριος einem anderen Bereich an. Mit diesem Begriff, der wohl am ehesten von allen Ausdrücken im Griechischen dem Wortsinne nach eine ›Herrschaft‹ bezeichnet,66 konnte in klassischer Zeit vieles bezeichnet werden  – die einmal pro Prytanie stattfindende Hauptvolksversammlung (ekklēsia kyria), der Hausherr und dessen Gewalt in seinem oikos, der Vormund einer Frau –; immer jedoch steht dabei nicht der Gedanke einer Umsetzung dieses Herrschaftsanspruchs im Vordergrund, sondern dieser ist vielmehr normativ vorausgesetzt und konzeptionell von seiner faktischen Durchsetzung zunächst einmal unabhängig.67 Mit anderen Worten: Der ›Inhaber‹ eines kratos kann und darf sich nur solange als solcher bezeichnen, wie es ihm auch möglich ist, diese seine Potenz in konkreten Aktionen zu offenbaren (bzw. niemand daran zweifelt, dass ihm dies möglich ist) – man denke an das Beispiel aus Xenophons Hellenika mit der Aufforderung des Kallikratidas an Lysander, seinen eingeforderten Status als thalasso­ kratōr erst einmal zu beweisen, bevor er als solcher anerkannt werden könne (1,6,2). Ein kyrios hingegen ist auch dann noch ›Herr‹, wenn es ihm aus irgendwelchen Gründen nicht möglich sein sollte, diese, ihm aufgrund seines Ranges und seiner Position normativ zustehenden Rechte auch einzufordern und aktiv durchzusetzen. Eine Benennung als thalassokratores, naukratores oder mittels verwandter Formulierungen, wie sie doch an anderen Stellen im Text auch für Athen begegnen (1,143,4; 5,97; 5,109; 8,30,2), wäre allenfalls dem Teil der ganzen Passage angemessen gewesen, in dem ­Perikles die augenblicklich schon erreichte (und damit erwiesene)  Ausdehnung athenischer Seeherrschaft erwähnt (ἐϕ’ ὅσον … νῦν νέμεσθε); diese bereits vollzogene Machtdemonstration wäre durch k­ ratos zutreffend bezeichnet. Der in der Rede vorgetragene Anspruch jedoch, nach freiem Belieben noch weiteres Meer unbegrenzt zum Nutzen zur Verfügung zu haben, mag zwar durch kratos durchgesetzt werden, lässt sich dadurch nicht rechtfertigen. Dazu bedarf es eines anderen Gedankens: Wie der kyrios seinem oikos, so stehen der perikleischen Argumentation zufolge die Athener dem gesamten Meer als dessen ›höchste Herren‹ vor und hätten daher das Recht, es in vollem Umfang zu nutzen (ἐς χρῆσιν),68 ohne dabei von irgendjemandem gehindert zu werden (2,62,2). Dieses Denken prägt ganz offenbar die Erwartungen der Athener während der Seeschlachten bei Naupaktos: Ihr Zugriff auf das Meer, so Phormion vor der zweiten Schlacht, sei eine Frage des Rechts, des­ dikaion, und daher ein Anspruch, den es gegenüber spartanischer Anmaßung zu verteidigen gelte (2,89,10). Ganz gleich, ob ein derart postulierter athenischer 66 Siehe C. Meier (1982) 821. 67 Vgl. zur Grundbedeutung von kyrios Schaps (2012) 3845. 68 Vgl. Edmunds (1975) 42 zur Relevanz dieser Idee für den Seeherrschafts-Gedanken.

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Anspruch zur See immer und überall ganz konkret durch die Anwendung von kratos erzwungen werden kann, der Anspruch selbst bleibt dem Grundsatz nach davon unberührt. Das betrifft in P ­ erikles’ Gedankenführung nicht allein den gegenwärtigen Umfang athenischer archē des Jahres 430, sondern ist potentiell endlos und unbegrenzt, auf dem gesamten Meer existent, ohne bislang überall eingefordert worden zu sein. In der Beurteilung und Wertung der dritten Rede ist sich die Forschung zu großen Teilen einig: Was T ­ hukydides ­Perikles in dieser Rede über die Beherrschung des Meeres sagen lässt, sei denkwürdig und in seiner Radikalität herausragend, sowohl im Kontext des thukydideischen Werkes als auch im Hinblick auf den Stellenwert der Aussagen als Ausdruck einer antiken SeeherrschaftsIdee.69 So befand etwa Lisa Kallet-Marx, die hier nur stellvertretend zitiert sei: Although thus far in the work Thucydides has given ample attention to Athens’ arche – providing detailed analyses of its basis, evolution, its extraordinary success as dunamis, even, finally, suggesting its novelty and inherent superiority over land power – nevertheless, ­Perikles’ remarks here in his last speech introduce a further characteristic that reinforces what has already been implied. Naval power of the extent of Athens’ arche was a phenomenon so far out of the range of traditional experience that even explanations defied complete understanding. The nature of Athens’ arche was something that transcended mere rule of allies, unlike land powers, for it meant absolute mastery over the sea.70

Athen und das ihm völlig untergebene Meer werden hier zu einer Art unzertrennlicher Einheit ohne Grenzen in Zeit und Raum geschmiedet, eines nicht länger ohne das andere denkbar. In den Worten Jacqueline de Romillys: »Cette puissance porte sur la mer entière; et l’Attique compte peu pour Athènes au regard de ce dominance immense: Athènes est en effet chez elle sur la mer, partout et toujours.«71 Die besondere Intensität dieser Ansprache, die man – gerade auch in ihrer außergewöhnlichen Wortwahl – teils für ein Relikt ›echter‹, historischer Rhetorik des ­Perikles gehalten hat,72 verleitete wohl nicht ohne Grund zu Paraphrasen, die mit ähnlicher Intensität den Charakter athenischer Allmacht zur See zu umschreiben versuchten, ein Unterfangen, das nur allzu leicht in ein Enkomion sowohl athenischer Größe als auch perikleischer Führungsstärke mündete.73 Auch hinsichtlich der dritten Rede ist die Wertung der Figur des P ­ erikles von der Beurteilung des Seeherrschafts-Motivs kaum zu trennen. Gerade der 69 70 71 72 73

Vgl. zum Folgenden den Forschungsüberblick bei Bloedow (2000) 299–302. Kallet-Marx (1993) 114. De Romilly (1951) 110. Siehe Gardiner (1969) 22. So etwa bei E. Meyer (1899) 323 mit Anm. 1; Jebb (1907) 385; Taeger (1925) 194.

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dritten Rede wird zumeist eine besondere Qualität zugesprochen, erkenne man doch darin den seltenen Fall des Redners und demokratischen Politikers, der sich gerade nicht den Launen der Menge beugt und ihr zu Gefallen redet, sondern vielmehr mit überraschend scharfen Worten sich selbst und seine Politik gegen momentane Anwürfe verteidigt.74 Aus dieser Perspektive und unter solchen Vorzeichen betrachtet, erhält auch das Argument der überragenden Bedeutung athenischer Seeherrschaft eine gewisse Nobilitierung: Wenn wir es hier mit der Rede eines Mannes zu tun haben, der gerade nicht Hoffnungen oder plumpe Ermutigung bietet, sondern »by explaining to the dēmos the risks and rewards of communal political action and by replacing despair with clear judgement« sich selbst und vor allem seine Politik mit aller Überzeugung (erfolgreich) verteidigt,75 ist dann nicht auch seine Offenbarung athenischer Seeherrschaft Ausdruck jenes Bemühens, die Essenz athenischer Macht wirklich verständlich zu machen, und durch den Tenor der Rede als zutreffend und sachgemäß erwiesen? Manch einer wollte in P ­ erikles’ Worten sogar eine nach Kriegsende von ­Thukydides verfasste Apologie athenischer Seeherrschaft erkennen: Nicht­ Perikles, sondern ­Thukydides selbst offenbare seinen Lesern das Geheimnis der überragenden Bedeutung maritimer Macht, die nach Kriegsende von den Moralisten und apragmones zum Sündenbock des Scheiterns erhoben worden sei. Gegen diese Form der allenthalben spürbaren Geschichtsverfälschung habe sich­ Thukydides mit der Glorifizierung und Rehabilitierung athenischer Seeherrschaft gestellt.76 Und dennoch bleiben Unstimmigkeiten, Dissonanzen und Auffälligkeiten, die dem Bild einer allein rationalen, auf Erklärung und sachliche Überzeugung zielenden Darlegung widersprechen und die Frage nahelegen, wie jene Dar­le­ gung des athenischen Machtgeheimnisses zu werten ist. Wiederholt etwa wurde der doch auffällig hyperbolische Charakter der Passage bemerkt,77 der jedoch aus ­Perikles’ Sicht durch die Anforderungen der Situation, einem moralisch völlig niedergeschlagenen dēmos zu neuem Mut zu verhelfen, kompensiert wird (2,62,1). Die Versuche, der Seeherrschafts-Rhetorik des Jahres 430 eine ganz 74 So etwa Westlake (1968) 38; Yunis (1996) 85; Greenwood (2006) 69–76. 75 Yunis (1996) 85. Vgl. auch Gomme, Andrewes u. Dover (1945–1981) II, 177: »But it is­ Perikles the realist in this speech, not the lofty idealist of the Epitaphios«. 76 So Plenio (1954) 48, 93. Ähnlich Momigliano (1944) 2–3. 77 Siehe etwa Gomme, Andrewes u. Dover (1945–1981) II, 170 (ad loc.) (»an exaggeration […], though of course an intended and purposeful exaggeration«); Andrewes (1960) 7 (»extravagance«); H.  Rawlings (1981) 160 (»arrogant boast«); Hornblower (1987) 123 (»ii 62, which puts exaggerated and almost meaningless language in Pericles’ mouth«); Rhodes (1988) 238 (ad loc.) (»extravagant and boastful«); Palmer (1992) 35 (»Pericles’ new boasts and blandishments«); Kallet-Marx (1993) 114 (»breathtaking exaggeration«); Kallet (2001) 127 Anm. 26 (»impressive rhetorical exaggeration«); Greenwood (2006) 98 (»boast«); M. Taylor (2010) 76 (»indeed boastful«).

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konkrete Fundierung in den Errungenschaften athenischer Seemacht aus den Jahren zuvor zu verleihen,78 sind demgegenüber sehr vereinzelt und kaum überzeugend. Ganz im Gegenteil ist es doch gerade der vom unmittelbaren Kontext gelöste Charakter der perikleischen Ausführungen, der die Passage so besonders erscheinen lässt; die große Flottenexpedition des Sommers 430 gegen Epidauros und andere Orte auf der Peloponnes (2,56,3–6),79 hinsichtlich der konkreten athenischen Seekriegführung der unmittelbare Hintergrund der Ausführungen der dritten P ­ eriklesrede, taugt nicht nur in T ­ hukydides’ knapper und reichlich distanzierter Wiedergabe nicht dazu, derart bombastische Rhetorik zu legitimieren, sondern scheint auch den Athenern selbst – folgt man der Logik des Textes – als Beweis ihrer maritimen dynamis kaum überzeugend gewesen zu sein. Warum sonst sollte sich ­Perikles im selben Sommer genötigt sehen, ihnen das ›Geheimnis‹ ihrer Seeherrschaft erst neu zu offenbaren? Auch die nur kurz zuvor unternommene Expedition gegen das immer noch belagerte Poteidaia (2,58) war wohl kaum geeignet, maritime Allmachtsphantasien zu befördern.80 Es bleibt also, wie Edmund Bloedow zu Recht bemerkt hat, eine seltsame Spannung zwischen dem historischen Hintergrund des Sommers 430 und dem Ton der Seeherrschafts-Rhetorik der dritten Rede.81 Aus eben diesem Grund dürfen wir jedoch die Behauptungen von 2,62,2 mit vollem Recht als Kontrastfolie und Resonanzboden aller weiteren Beschäftigung mit Athens maritimer Macht im Werk betrachten. Würde nämlich T ­ hukydides ­Perikles hier Worte in den Mund legen, die auch sachlich ganz eng und eindeutig an die historische Situation gebunden sind, so wäre dies nicht in der Form gegeben; weil jedoch die konkrete Situation hier nur den Anlass zu einer explizit die Grundlagen athenischer Herrschaft berührenden Reflexion liefert, die in ihrer Aussagekraft nicht auf den Kontext des Jahres 430 beschränkt werden kann, sondern den Anspruch erhebt, ganz Grundsätzliches zu erörtern, fordert sie derartige Bezugnahmen durch den Leser geradezu heraus.82 »­Perikles’ remarks«, so befand treffend Lisa Kallet-Marx, »focus as much on the conceptual framework, the mentalité, underlying the unique significance of sea power as on the concrete elements of Athens’ dunamis«.83 Gerade weil dieser kühne Entwurf athenischer 78 79 80 81 82

So etwa von Gomme, Andrewes u. Dover (1945–1981) II, 129 und Mattingly (2008) 84. Dazu Hornblower (1991–2008) I, 328–329. Siehe Foster (2010) 185–186. Bloedow (2000) 302. Vgl. auch Zahn (1934) 61. Vgl. dazu die Bemerkungen von Andrewes (1960) 7–8: »Indeed, Thucydides was not obliged to insert a Periklean speech at this point in II, and it is likely he inserted it because of something other than the mere desire to give a correct representation of what was said or felt in 430 […]. There is a good case for dating this speech after 404; and, though it may contain much genuine reminiscence of doctrines which ­Perikles really held, its purpose is to convey a view which was important to Thucydides himself.« 83 Kallet-Marx (1993) 115.

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Seeherrschaft historisch kaum nötig gewesen wäre und allenfalls aus der Logik perikleischer Rhetorik seine Rechtfertigung gewinnen kann,84 stellt sich die Frage nach der Bedeutung und Funktion, die dieser Passage innerhalb des Werkes zukommt, umso deutlicher. Zudem – und auch das hebt die Argumentation dieser Passage heraus – liegt der Fokus der dritten Rede weniger auf den strategischen Überlegungen, die die Ausführungen zu Seeherrschaft in der ersten Rede prägen (1,143,4–5), noch auf der wie aus dem Lauf der Zeit entnommenen momentanen Größe Athens wie im Epitaphios, sondern viel stärker auf der Frage nach dem Wert und Wesen der athenischen Herrschaft selbst, wird doch zuerst hier der Zusammenhang zwischen dieser politischen Form (der archē) und der Beherrschung des Meeres in aller Deutlichkeit eröffnet und damit dem innerhalb des Werkes entwickelten Seeherrschafts-Diskurs eine ganz neue Facette und Qualität verliehen.85 Erstmalig wird Seeherrschaft in der dritten Rede scheinbar ›imperial‹ begriffen, als das Fundament und die eigentliche Essenz des athenischen ›Reiches‹,86 und nicht länger, wie etwa noch in der Kriegsrede, als ein Faktor innerhalb der konkreten Kriegsplanung.87 Diese besondere und neue Qualität der perikleischen Ansprache im Vergleich zu den früheren Ausführungen über Athens Seeherrschaft rechtfertigt daher auch in gewisser Weise P ­ erikles’ Bekundung, er werde mit dem Folgenden den Athenern etwas andeuten, was er ihnen zuvor noch nicht eröffnet habe (2,62,1).88 Zwar hatte er über die Seeherrschaft durchaus schon gesprochen (1,143,4), teils auch (sehr knapp freilich) eine universalisierende Komponente in seine Rhetorik eingebracht (2,41,4), doch wird in der dritten Rede der Gedanke athenischer Beherrschung des Meeres zum ersten Mal herangezogen, um daraus eine allgemeinere Vorstellung von der Grundlage und dem Wesenskern der athenischen archē zu entwickeln. Und auch der 84 Siehe Hornblower (1991–2008) I, 335 (ad 2,62,1). 85 Vgl. Rusten (1989) 201. Das wird schon allein durch die Komposition der relevanten Partie der Rede und die Positionierung von ἀρχή am Beginn der Passage (2,62,1) deutlich, wie de Romilly (1951) 110 Anm. 1 zu Recht betont. 86 Siehe dazu Rengakos (1984) 43–44: Die »Rede geht nunmehr vom aktuellen Thema zu einer prinzipiellen Untersuchung der Größe der attischen Herrschaft über. Ihre Grundlage ist die Thalassokratie, 2,62«. 87 Vgl. de Romilly (1951) 109–110: »Cette fois il ne s’agit plus seulement des possibilités stratégiques qu’il [l’empire] permet; il n’est plus envisagé sous la forme pure et simple de la maîtrise de la mer: tandis que le premier discours parlait uniquement de τὸ τῆς θαλάσσης κράτος, et n’employait le mot ἀρχή que dans le conseil négatif ἀρχή τε μὴ ἐπικτᾶσθαι, ­celui ci, dans chacune des trois analyses que nous avons indiquées, emploie les mots d’ἀρχή, d’ἄρχειν. Le premier discours était un discours sur la guerre, celui-ci est un discourse sur l’empire […]. Mais tandis que ce dernier s’occupait seulement des possibilités de la t­ halassocratie dans la guerre qui allait l’opposer à Sparte, l’analyse du livre II traite des possibilités permanentes d’Athènes, et de sa puissance, dans l’absolu.« 88 Siehe Connor (1984) 70 mit Anm. 46; M. Taylor (2010) 76 Anm. 153.

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Gedanke, zur See brauche man keinerlei Konkurrenz zu fürchten, wurde zwar bereits zuvor in seiner konkreten Bedeutung für den kommenden Krieg angedeutet (1,142), jedoch nur in Bezug auf den unmittelbaren Gegner Sparta, während er in der dritten Rede wiederum ins Absolute und Allgemeine gewendet wird.89 Nicht das Thema Seeherrschaft an sich ist damit von P ­ erikles hier erstmalig eröffnet, sondern es ist eine ganz neue, spezifische Qualität und Intensität in der Behandlung des Phänomens, die der Passage den Rang des Unerhörten verleiht.90 Im Folgenden wird nun untersucht werden, welche Entwicklung und ›Kommentierung‹ die Seeherrschafts-Idee vor allem der dritten ­Periklesrede im weiteren Verlauf des Werkes erfährt. Dass die Ausführungen dieser Rede über die Beherrschung des Meeres und Athens absoluten Anspruch darauf zu einzelnen Passagen und Figuren des weiteren Berichts in mehr oder minder expliziter Beziehung stehen, hat man schon gesehen.91 Jedoch lassen sich meines Erachtens auch darüber hinausgehende Berührungspunkte erkennen. Etwas zugespitzt formuliert: So, wie die in der Pestbeschreibung (2,47–54) geschilderten Verhältnisse »zentrale Prädikationen aus der Leichenrede widerlegen«,92 so widerlegen bzw. kommentieren etliche Passagen und Motivzusammenhänge des weiteren Kriegsberichts zentrale Aspekte der Seeherrschafts-Idee, wie sie von P ­ erikles in der dritten ­Rede entwickelt werden. Sowohl die Idee der Unangreifbarkeit (bzw. Unbesiegbarkeit), der absoluten Unbegrenztheit als auch der Normativität athenischer ›Herrengewalt‹ über das Meer werden durch den folgenden Ereignisbericht teils in Frage gestellt, teils auch widerlegt, so als diskussionswürdig erwiesen und schließlich dem Leser zur weiteren Reflexion und Überprüfung überlassen. Wie dies genau geschieht, wird im Folgenden im Mittelpunkt stehen.

4.2 Die Antithese des Kriegsberichts Anstatt das perikleische Postulat einer unbegrenzbaren athenischen Herrschaft über das gesamte Meer mittels eines auktorialen Kommentars zu erwidern und es dadurch entweder zu bestätigen, zu negieren oder zu relativieren, verfährt ­Thukydides auch in diesem Fall nach dem schon eingangs herausgear-

89 Siehe de Romilly (1951) 110 (»la même pensée, mais plus approfondie; les mêmes principes, mais sur un plan différent«). 90 Siehe Bloedow (2000) 300. 91 Siehe etwa Hornblower (1991–2008) I, 336; Rood (1998a)  191 mit Anm.  38; Bloedow (2000) 303–304; Kallet (2001) 40–41; R. Schulz (2005) 120–121; M. Taylor (2010) 114, 118. 92 M. Meier (2006) 154.

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beiteten Muster und lässt das Werk selbst das Werk kommentieren,93 setzt also dem logos von der Größe der Seeherrschaft die erga seiner historischen Darstellung gegenüber. Auch als Kontrastfolie zum perikleischen logos von der absoluten Beherrschung des Meeres lassen sich mehrere Episoden bzw. Motivzusammenhänge erkennen, die zwar für sich genommen jeweils nur schlaglichtartig einzelne Facetten des Bildes athenischer Seeherrschaft erhellen, in der Gesamtschau jedoch wie der Kommentar des ­Thukydides zum logos des ­Perikles gelesen werden können.94 Der Grund für ein solches Vorgehen des Thukydides erscheint naheliegend: Die absolute Meeresbeherrschung Athens ist im Rahmen des Werkes schon durch ­Perikles und vor allem dessen dritte Rede hinlänglich ›bewiesen‹ – dazu bedarf es keines weiteren Kommentars, zumal sich die Höhen perikleischer Rhetorik ohnehin nicht mehr überbieten lassen. Die notwendige Aufgabe, auch der ›Gegenseite‹ im Werk Gehör zu verschaffen, also eine andere Perspektive auf denselben Sachverhalt zuzulassen und aus der daraus resultierenden Spannung analytischen Gewinn zu ziehen, überlässt T ­ hukydides auch hier wieder seiner »Technik, durch literarische Komposition geschichtliche Sinndeutung ohne Worte sichtbar zu machen«.95 Der den Reden des ­Perikles folgende Ereignisbericht, mitsamt seinen vielfältigen Bezugnahmen auf die Programmatik der darin formulierten ›Thesen‹, wie sie im Vorhergehenden entwickelt wurden, kann daher dialektisch wirken, als eine schrittweise Entfaltung, Überprüfung und Kommentierung der zuvor vertretenen Ideen. Er ist dabei ›Antithese‹ nicht im Sinne eines zwangsläufig vollständigen Widerspruchs oder völliger Negierung des ursprünglichen Postulats, sondern einzig im Sinne einer notwendigen Ergänzung, Korrektur und Perspektiverweiterung. Es konnte angesichts der Schwerpunkte der thukydideischen Darstellung und der historischen Ereignisse, von denen das Werk berichtet, kaum ausbleiben, dass auch die Diskrepanz zwischen den perikleischen Entwürfen vollendeter Seeherrschaft und den Ereignissen des Krieges längst bemerkt wurde.96 Die Frage ist dabei jedoch, wie stark man dieses Auseinanderklaffen gewichtet und wie man es interpretiert. So bemerkte zwar Hans Herter, dass der Kriegsverlauf die Versprechen absoluter athenischer Seeüberlegenheit der Kriegsrede zwar in Teilen widerlege, doch führte er dies einzig auf die Fehler ›unvernünftiger‹

93 Siehe Connor (1977) 298 sowie oben Kap. 1.3. 94 Siehe zu dieser Kompositions- und Sinngebungsmethode des ­Thukydides Connor (1984) 233 sowie Rood (1998a) 286. Die Bedeutung von wiederkehrenden Mustern in der historischen Erzählung betont Raaflaub (2013). 95 Das Zitat von Strasburger (1966) 73. 96 So etwa von Greenwood (2006) 98, hinsichtlich der Behauptungen der dritten Rede (2,62,2): »This boast […] amounts to a claim that Athens’ navy is invincible: a claim that will be disproved as the narrative unfolds.«

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nachperikleischer Politik in Athen zurück. ­Perikles selbst habe doch alles nur aus der Situation vor Kriegsbeginn heraus beurteilen können, darunter auch die feste Zuversicht auf die athenische Seeüberlegenheit, die sich in Wirklichkeit infolge des weiten Ausgreifens des Krieges keineswegs in dem erwarteten Ausmasse aufrecht erhalten liess. Die perikleische Planung ist auf dem Hintergrund des faktisch eingetretenen Misserfolges zu sehen, den ihr Urheber nicht hat ausschliessen können, ohne doch dafür verantwortlich zu sein […].97

Dieses Kapitel wird dazu einen anderen Standpunkt einnehmen, indem es zwar die Bedeutung der perikleischen Rhetorik als Folie und Ausgangspunkt der dann folgenden Kontrapunkte der Darstellung keineswegs geringer veranschlagt, das Wesen des »Misserfolges« jedoch weniger auf der Ebene individueller Fehlentscheidungen, sondern vielmehr auf der der ganz alltäglichen Begrenzungen des zur See überhaupt Möglichen sieht. Es wird dabei gezeigt werden, wie T ­ hukydides seine Kenntnisse der Grenzen antiker Seemacht in den Bericht der erga des Krieges integrierte, indem er bestimmte Aspekte in wiederkehrenden Motivgruppen verdeutlichte und so eine aus seiner Sicht wohl notwendige ›Korrektur‹ der perikleischen Idealentwürfe erarbeitete. Nur im Neben-, Mit- und auch Gegeneinander der perikleischen Entwürfe und der Realia des Krieges kann Seeherrschaft als Thema wie auch als Gegenstand der Analyse bei T ­ hukydides überhaupt erfasst werden. Als maßgebliches strukturelles Vorbild dieses Nebeneinanders einzelner Erzähl- und Sinneinheiten, an dem sich sowohl dessen Funktionsweise als auch dessen Effekt studieren lässt, bietet sich in paradigmatischer Weise die Gegenüberstellung der Gefallenenrede des ­Perikles (2,35–46) und der sich anschließenden Pestbeschreibung (2,47–54) im zweiten Buch an. Beide Partien bilden so etwas wie die Flügel eines Diptychons,98 und es wurde schon oft bemerkt,99 dass die Schilderung der Auswirkungen der Pest auf das Verhalten der Athener den notwendigen Kontrapunkt zur Beschwörung einer idealen, in jeder Hinsicht vollkommenen Gesellschaft im Epitaphios bildet,100 gerade weil auch die-

97 Herter (1953) 622. 98 So Orwin (2016) 114–115: »Oration and plague make up the first great dramatic diptych of the work.« 99 Siehe unter vielen zuletzt M. Meier (2005) 335–338, Rechenauer (2011) 253–256 sowie Orwin (2016) 114–122. Anders jedoch, in direkter Auseinandersetzung mit Orwin, Balot (2016) 165–168. Aus der umfangreichen früheren Literatur sei vor allem auf Stahl (1966) ­78–81 verwiesen. Zum Problem der konkreten Funktion des Kontrastes im Geschichtswerk vgl. vor allem Flashar (1969) 34–36 sowie Luschnat (1970) 1236 und Connor (1984) 63–64. 100 Luschnat (1970) 1233 nennt das treffend den »Wunschbild-Charakter vieler Aussagen dieser Rede«.

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ser – wie doch alle Reden des P ­ erikles im Werk – ohne direkten Widerpart in Gestalt einer den gegenläufigen Standpunkt vertretenden, unmittelbar antwortenden Gegenrede bleibt. Und doch gibt es »einen Gegenspieler«, wie Karl Reinhardt es formulierte, »auch zu P ­ erikles – die Pest! Sie gibt die Antwort auf die Leichenrede, ja sie folgt ihr so unmittelbar, wie nur ein Redner einem Redner folgen kann«.101 Wenn also der auffallende Kontrast zwischen Gefallenenrede und Pestbeschreibung vor allem dazu dient, die problematische Diskrepanz zwischen einem »Schein« und der »immer stärker ans Licht tretenden Wirklichkeit« zu erkennen zu geben,102 so gibt es meiner Auffassung nach nichts, was dagegen spräche, eine strukturell grundsätzlich vergleichbare Funktion auch für das Verhältnis zwischen den idealen Seemachtsversprechen und den in den erga manifesten Grenzen des zur See Möglichen vorauszusetzen. Gerade die funktionale Einbindung der Pestbeschreibung macht deutlich, wie ­Thukydides durch die Komposition des Ereignisberichts Schwerpunkte setzen und Vergleichsmomente schaffen kann, die es ihm ermöglichen, in gewisser Weise kommentierend einzugreifen, ohne selbst als Kommentator in Erscheinung zu treten. Der Bericht der Ereignisse, in diesem Fall die Pest, wird dadurch ebenso zum ›Sprachrohr‹ des Autors, wie dies für seine Protagonisten und deren Reden oft gemutmaßt wird. Denn auch wenn natürlich eine gewisse Chronistenpflicht die Behandlung bestimmter Ereignisse verlangte und der Historiker ­Thukydides daher in der Wahl des Darzustellenden nicht völlig frei war, so ist doch offensichtlich, welch großen Spielraum er hinsichtlich der Wiedergabe und Anordnung einzelner Episoden und Geschehenszusammenhänge hatte. Um dazu nochmals Strasburger zu zitieren: »Die griechische Geschichtsschreibung […] stammt vom Epos ab, das heißt von der Kunst, und arbeitet daher von Natur mit deren Mitteln. Bereits in den schlichtesten, scheinbar rein chronikartigen Partien seiner Erzählung arbeitet ­Thukydides durch die planmäßige Gewaltsamkeit der Stoffauswahl […] mit den Privilegien des Künstlers.«103 Im Folgenden muss es daher auch darum gehen, Anordnung und Komposition gerade der knappen, auf den ersten Blick scheinbar nüchternen Ereignisberichte in ihrer Bedeutung als Mittel der Kommentierung und Akzentuierung des Geschehens wahrzunehmen. Ein Weiteres kommt hinzu: Nimmt man die Rolle des ­Thukydides als Historiker, der sein Werk durch eine möglichst große Wahrheits- und Wirklichkeitsnähe zu legitimieren versuchte (1,22,1–2), ernst, so kommt den erga, dem also, was wirklich in dem von ihm geschilderten Krieg auf Seiten der Ereignisse und menschlichen Handlungen geschah, eine zwangsläufig hohe, weil objektive 101 Reinhardt (1966) 214. 102 So Flashar (1969) 44. 103 Strasburger (1958) 32.

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Beweiskraft zu, die aus ihrer reinen Faktizität herrührt.104 Der Krieg der Peloponnesier und Athener, »wie sie ihn gegeneinander führten« (1,1,1), ist doch­ Thukydides’ erklärter Gegenstand, und in den Einzelheiten dieses Berichtes, dieser zunächst am ›Wie‹ der historischen Entwicklung orientierten Wiedergabe, muss daher auch zwangsläufig der höchste und unmittelbarste Wahrheitsanspruch zu finden sein, eher jedenfalls als in den logoi und ihren »Gefah­ erikles’ Reden ren«.105 Vielleicht ist dadurch auch zu erklären, warum gerade P ohne Widerpart in Form einer Gegenrede bleiben: Den Reden einer für die Darstellung so zentralen Figur wie ­Perikles kann aus dieser Perspektive doch letztlich nur der Kommentar mit dem höchsten, grundsätzlichsten Wahrheitsanspruch folgen, nämlich nicht die ihrerseits wiederum zwangsläufig einseitige, subjektive Position eines Gegenredners,106 sondern die letztlich gewissermaßen ›objektive‹, im Werkkontext zumindest als unperspektivisch präsentierte Zwangsläufigkeit des Geschehensablaufes selbst. »Auch die Ansprachen des­ Perikles haben«, so befand etwa Hans Herter, »in den tatsächlichen Verhältnissen ihre Folie« und »unterliegen […], nicht anders natürlich als die Antilogien, der Kontrolle der Ereignisse«.107 In diesem Zusammenhang ist auch von Bedeutung, dass ­Perikles über Seeherrschaft, wie im Vorherigen gesehen, ausdrücklich nicht als ein unerreichbares Idealbild und daher als Utopie spricht und sein Entwurf athenischer Stärke zur See seine Rechtfertigung explizit aus seinem Wirklichkeitscharakter zu beziehen versucht (2,62,1).108 Mögliche Abweichungen von diesem Ideal können daher auch nicht auf einen nur utopischen Charakter dieses Bildes zurückgeführt und damit gewissermaßen ›entschuldigt‹ werden, sondern müssen in der Analyse ernstgenommen und auf ihre Ursachen hin überprüft werden.109 Bevor nun diese einzelnen motivischen Kontrapunkte näher untersucht werden, ist es nötig, kurz auf die diesen Motiven teils zugrundeliegenden real­ historischen Bedingungen hinzuweisen, freilich in hier angemessener Kürze. Etliche Kommentatoren haben hervorgehoben, wie enge Grenzen letztlich den taktischen, vor allem jedoch den strategischen Einsatzmöglichkeiten der Triere, des Kriegsschiffes der Zeit schlechthin, gesetzt waren. Nicht als erster zwar, aber besonders nachdrücklich hat dies Gomme in einem Aufsatz betont, und 104 Ober (1998) 88 weist den erga im Vergleich zu den logoi eine hierarchisch übergeordnete Bedeutung zu: »Thucydides considers untested and competing logoi to be a dubious ­basis for understanding reality, and he elevates erga above logoi in his hierarchy of explanatory values.« 105 Dazu Grethlein (2005). 106 Dazu Strasburger (1966) 59. 107 Herter (1954) 316–317. 108 Dazu Rhodes (1988) 238 (ad 2,62,2). 109 Das betont Flashar (1975) 104 für den Epitaphios.

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viele sind ihm darin gefolgt.110 Gomme hebt darin vor allem den grundsätzlichen Unterschied zwischen Handels- und Transportschiffen, die aufgrund ihrer Bauart Proviant in größeren Mengen mitführen konnten und daher auch für längere Überseefahrten geeignet waren, und den primär zum Kampfeinsatz konzipierten Trieren hervor, deren leichte Bauweise und allein auf Manövrierbarkeit und Geschwindigkeit ausgerichtete Konstruktion es notwendig machten, mindestens einmal am Tag, vor allem abends, einen sicheren Hafen anzulaufen, um für die Verpflegung und Regeneration der Besatzung zu sorgen. Das bedingte einen nur äußerst geringen Einsatzradius und hatte auch zur Folge, dass klassisch-griechische Kriegsflotten vor allem taktische, kaum jedoch strategische Ziele verfolgen konnten.111 Nicht allein der Verwendbarkeit der Trieren im Kampfeinsatz waren durch ihre Bauart somit enge Grenzen gesetzt: Man darf – nach dem Zeugnis sowohl antiker Autoren als auch nach den modernen Rekonstruktionsversuchen zu urteilen  – zudem davon ausgehen, dass ein Großteil der verfügbaren Schiffe stets an Land aufbewahrt wurde, um Schäden an der Holzkonstruktion zu vermeiden, was zur Folge hatte, dass diese Schiffe nicht sofort einsatzbereit waren und immer erst wieder seetüchtig gemacht werden mussten, ein zeit- und arbeitsaufwendiges Unterfangen, das der maritimen Schlagkraft selbst einer unbestrittenen Seemacht wie Athen wiederum Grenzen auferlegte.112 An beständig patrouillierende Flotten, die ganze Meeresgebiete durch ihre bloße Präsenz ›beherrschten‹, war unter diesen Umständen nicht zu denken.113 Und nicht allein der Bauart der Schiffe wegen, sondern auch aus rein finanziellen Erwägungen mag es selbst für eine Macht wie Athen angeraten gewesen sein, die faktische Präsenz zur See, also die Zahl der tatsächlich im Einsatz befindlichen Schiffe, immer möglichst auf ein Minimum zu beschränken.114 Das bedeutet zugleich, dass jeder Übertragung modern geprägter Konzepte von Seeherrschaft auf antik-griechische Verhältnisse von 110 Gomme (1933). Vgl. dazu auch Adcock (1957) 37–39; Taillardat (1968) 200–202; Figueira (1985) 64; Lazenby (1987); Gabrielsen (1994) 5–6; (2001) 74; Rankov (1996) 49–52; Hanson (2005) 256–262; de Souza (2007) 443; Lendon (2010) 124–127. 111 Siehe Gomme (1933) 19. 112 Dazu ausführlich Lendon (2010) 165–168. 113 Einzig Plutarch (­Perikles 11,4) erwähnt eine unter ­Perikles jährlich für acht Monate ausgesandte Flotte von 60 Schiffen, die sowohl zum Training der athenischen Ruderer als auch dazu dienen sollte, ärmere Bürger mittels der Soldzahlungen zu unterstützen. Plutarchs Angaben, über deren Quelle nichts bekannt ist, wurden jedoch wiederholt in Zweifel gezogen, vor allem hinsichtlich der enormen Kosten, die ein solches jährliches Unternehmen in jeder Hinsicht (Sold, Verpflegung, Unterhalt der Schiffe)  verursacht hätte, und auch im Hinblick auf die Anzahl der Schiffe; vgl. dazu generell Meiggs (1972) 427 sowie Stadter (1989) 137–138 (ad loc.). Zu Plutarchs Angaben über die Dauer dieser Einsätze vgl. Beresford (2013) 148. 114 Vgl. dazu Lendon (2010) 168. Zu den Kriegskosten des Peloponnesischen Krieges vgl. Malitz (2008), mit eher negativer Einschätzung der Möglichkeiten Athens.

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vornherein sehr enge Grenzen gesetzt sind.115 Vieles von dem, was im modernen, vor allem durch die Erfahrungen mit den seit dem 17. Jahrhundert praktizierten Methoden des Seekriegs geprägten Verständnis zentral ist für die Idee der Beherrschung des Meeres – vor allem Blockaden feindlicher Häfen,116 regelmäßige und ausgedehnte Patrouillen zur Sicherung der Seerouten,117 wodurch die Mobilität des Gegners eingeschränkt oder gar ganz verhindert werden kann, in Friedenszeiten zudem die effektive Bekämpfung der Piraterie –, konnte unter den skizzierten antiken Bedingungen gar nicht geleistet werden.118 Auch diese ganz fundamentalen Unterschiede zwischen den neuzeitlichen und den antiken Möglichkeiten der Meeresbeherrschung wurden bereits bemerkt;119 zudem hat man auch darauf hingewiesen, dass – rein nach den tatsächlichen Bedingungen zu urteilen – ›Seeherrschaft‹ in der Antike letztlich nicht mehr bedeuten konnte als die Verfügung einer Macht über eine ausreichend große Zahl an sicheren Landungsplätzen für ihre empfindlichen Schiffe.120 Auch die Differenz zwischen den faktischen Grenzen des zur See Möglichen und der auffallenden Hervorhebung der ›Größe‹ und der Unbegrenzbarkeit der Meeresbeherrschung, wie wir ihr in den Reden des ­Perikles begegnen, legt es daher nahe, in der Darstellung der erga des Seekrieges bei ­Thukydides einen Anhaltspunkt dafür zu sehen, wie er es vermochte, die idealen Entwürfe athenischer Seeherrschaft zu kommentieren, ohne selbst das Wort ergreifen zu müssen. Dadurch sollte im Werk auch das andere mögliche Extrem des Spektrums zu Wort kommen und dem einseitigen Bild der logoi auch in dieser Hinsicht die historisch notwendige Korrektur und Entzerrung durch die Faktizität der erga 115 Vgl. dazu Taillardat (1968) 200. 116 Die Idee der Blockade gab es zwar, doch nicht im modernen Sinne einer tatsächlichen Verschließung feindlicher Häfen; Blockaden bestanden zu dieser Zeit vielmehr darin, dass eine Seite hoffte, im Fall eines Auslaufens der Gegenseite davon schnell genug zu erfahren, um die eigenen Schiffe noch zu Wasser zu bringen und dies somit (im Idealfall) zu verhindern. Vgl. Taillardat (1968) 201; Lazenby (2004) 13; Hanson (2005) 258. 117 Die Vorstellung der ›Kontrolle von Seerouten‹ ist dabei in sich für diese Zeit äußert problematisch, wie de Souza (1990) 506 hinsichtlich der Bemerkungen von Starr (1989) konstatiert: »S. defines sea power / thalassocracy as ›naval control of sea lanes for the transport of useful supplies and also of armies…‹, and the ability to ›facilitate and protect a state’s commerce and deny that of opposing states‹ […]. This definition owes more to Mahan than it does to Thucydides. It is a modern definition, far more appropriate to modern than to ancient history. The issue which S. does not discuss, but which should be addressed before even starting an analysis of this kind, is whether this version of thalassocracy is a useful concept at all?« 118 Siehe Lazenby (2004) 13. Zu den neuzeitlichen Prägungen der Konzepte vgl. die Bemerkungen von Linke (2013) 273–274. De Souza (1999) 26–30 zu den fehlenden Belegen für eine systematische Bekämpfung der Piraterie durch Athen. 119 Siehe Gabrielsen (1994) 5; Coutau-Bégarie (2000) 31. 120 Dazu Rankov (1996) 52; Gabrielsen (2001) 74.

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entgegengehalten werden.121 Es kann dabei kaum ein Zweifel daran bestehen, dass T ­ hukydides die ganz alltäglichen Probleme und Schwierigkeiten des Seekrieges und des Unterhaltes der Schiffe vertraut waren; dies wird beispielhaft in seiner Wiedergabe von Nikias’ Brief an die Athener aus Sizilien deutlich, in dem er den Strategen im Detail die Problematik der Instandhaltung der voll Wasser gesogenen Trieren schildern und dies als den Grund ausmachen lässt, weshalb die Athener in Sizilien nun (zum voraussichtlichen Erstaunen der zu Hause Gebliebenen) schließlich auch zur See angreifbar geworden seien (7,12,3–5). Die folgenden Ausführungen zu einzelnen Partien des Werkes folgen dabei zu einem großen Teil der Methode der Textinterpretation, die Robert Connor und Jeffrey Rusten als einen schwierigen, aber letztlich den sinnvollsten Weg der Interpretation beschrieben haben: ­Thukydides’ Text wird dabei möglichst gemäß der Anordnung der Berichte analysiert, die er selbst vorgibt,122 wobei die kontrastierende Gegenüberstellung von Episoden, die kompositorische Nähe einzelner Berichte, die Fortentwicklung von Motiven hin zu Kulminationspunkten als eigenständige und sinnstiftende Elemente der Erzählung wie auch der historischen Analyse betrachtet werden sollen.

4.2.1 Der gefährdete Hafen als Chiffre Das Motiv des Hafens, der einerseits für Athens Sicherheit und Machtstellung zentral und dabei andererseits doch auch gefährdet, feindlicher Aktion gegenüber verwundbar ist, verbindet Anfang und Ende des Werkes und damit zugleich auch Anfang und Ende athenischer Macht und Herrschaft (zur See) wie ein Leitmotiv, an dessen Wechselfällen sich die Schicksalskurve Athens im Geschichtswerk nachverfolgen lässt. In Buch 1 beginnt bekanntlich der Aufstieg Athens hin zur maritimen Supermacht mit der Trias von Hafen, Mauern und Themistokles’ Vision einer künftig nur noch zum Meer hin ausgerichteten Stadt.123 Themistokles ist es doch auch, der in der Darstellung des ­Thukydides mit seiner durch die Zwänge und Erfahrungen der Perserkriegszeit angestoßenen Neudefinition Athens als einer primär maritimen Stadt dessen Aufstieg hin zur Großmacht überhaupt erst einleitet. Er sei nicht nur federführend beim Wiederaufbau der von den Persern zerstörten Stadtmauern (1,89,3–1,93,1) gewesen, wodurch Athen ein Stück Sicherheit und Macht gemäß den ›Lehren‹ der 121 Zu ­Thukydides’ Kenntnissen der Realia des Seekrieges vgl. Hunt (2006) 407–408. 122 Siehe Connor (1984) 18–19; Rusten (2009) 15. 123 Dazu Constantakopoulou (2007) 139–142 sowie Blösel (2012) 216–223, der T ­ hukydides’ Darstellung als Teil einer seit den 420er Jahren erfolgten ›Rehabilitierung‹ des Themistokles im öffentlichen Diskurs Athens versteht.

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Archäologie zurückgegeben wurde,124 sondern habe den Athenern darüber hinaus auch geraten, die Hafenanlagen des Peiraieus weiter auszubauen und mit einer starken Mauer zu versehen (1,93,3–5). In ­Thukydides’ Darstellung (1,93,3–8) ist dieser Ratschlag des Themistokles weit mehr als nur eine planvolle Maßnahme zur Stärkung der maritimen Infrastruktur. Themistokles’ Initiative erscheint vielmehr als die eigentliche Geburtsstunde einer neuen, von ihm in radikaler Weise erdachten maritimen Identität Athens, einer Stadt, die aus den Lehren der vorherigen Leiden der Perserkriegszeit nun erst recht den Schluss ziehen müsse, sich in einer im griechischen Raum bis dahin ungekannten Weise völlig auf das Meer zu konzentrieren und ihr Schicksal von nun an untrennbar mit diesem Element zu verbinden. T ­ hukydides’ Wortwahl akzentuiert mehrfach sowohl die Radikalität als auch die Intensität und Zielsetzung der von Themistokles initiierten Orientierung.125 Denn zwar seien die Athener in ihrer Gesamtheit bereits nautikoi geworden, als sie unter dem Druck der Perser ihre Stadt verlassen und die schließlich Rettung bringenden Schiffe bestiegen hatten (1,18,2). Doch Themistokles ging scheinbar weiter und trachtete danach, diesen zunächst erzwungenen und kaum positiv konnotierten Status zu perpetuieren und größeren Nutzen daraus zu ziehen: Das Meer, so habe er als erster erkannt, habe den Athenern nicht nur einmalig Rettung geboten, sondern es sei auch die Bühne, auf der sie künftig großen Machtzuwachs erringen könnten (κτήσασθαι δύναμιν). T ­ hukydides betont dabei, dass diese neue Ausrichtung der Stadt zumindest zur Zeit des Themistokles als radikal und als Wagnis empfunden wurde: Der Ratschlag sei »kühn« gewesen (ἐτόλμησεν εἰπεῖν),126 habe Themistokles doch nichts weniger eingefordert als eine völlig distanzlose Hingabe der gesamten Stadt an das Meer (ὡς ἀνθεκτέα ἐστί) (1,93,4).127 Diese, durch den Verweis auf die Kühnheit (vgl. 1,70,3) als typisch athenisch konnotierte Hingabe sei zwar ursprünglich durch den Zwang der Perserbedrohung gefordert gewesen, jedoch von Themistokles, dem vortrefflichsten »Zeichner der Zukunft« (1,138,3), schon früh als die Möglichkeit erkannt worden, Athen zu einer weitaus stärkeren Machtposition zu führen, als sie die Stadt bis dahin erfahren hatte. Durch die im Ausbau des Hafens auch symbolisch fassbare Neuausrichtung der Stadt unter den Vorzeichen des Maritimen habe Themistokles den Grundstock zur archē Athens gelegt (1,93,4).

124 Dazu McNeal (1970) 312; Rood (1998a) 232 mit Anm. 26. Zur symbolischen Bedeutung der Verbindung von ›Mauern‹ und ›Schiffen‹ in der Literatur des 5. Jahrhunderts (Ais­ chylos, Herodot, Sophokles, ­Thukydides) vgl. Dougherty (2014). 125 Siehe de Romilly (1951) 107 Anm. 6. 126 Dazu Petzold (1994) 20; von Reden (1995) 27–29. 127 Vgl. Lesky (1947) 215; de Romilly (1951) 106 Anm. 6.

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Dem Peiraieus, dem zentralen neuen Hafen Athens, kommt dabei eine ungemein wichtige Rolle zu. Er ist nicht nur der infrastrukturelle Rückhalt der Flotte, sondern auch eine Art grundlegende Versicherung dieser Neuorientierung der Stadt: Themistokles schien, so bemerkt ­Thukydides, »auch der Piräus nützlicher (ὠϕελιμώτερος) als die obere Stadt, so dass er den Athenern oft empfahl, wenn sie je zu Land der Gewalt erliegen sollten, müssten sie dort hinabziehn und mit der Flotte aller Welt widerstehn (ταῖς ναυσὶ πρὸς ἅπαντας ἀνθίστασθαι)« (1,93,7).128 Der Blick des ›weitsichtigen‹ Themistokles auf Athen bemisst sich in T ­ hukydides’ Darstellung einzig noch an langfristigen strategischen Überlegungen, und unter diesen Bedingungen kommt dem Hafen mit seinen Schiffen eine weitaus größere Bedeutung zu als der Stadt Athen selbst,129 zu deren Versorgung und Schutz er doch eigentlich nur gedacht war. Im Fall einer neuerlichen Bedrohung  – und T ­ hukydides’ Wiedergabe des themistokleischen Kalküls lässt bezeichnenderweise offen, von welcher Seite her, erneut von Persien oder doch schon von Sparta,130 Themistokles diese Gefahr erwartete – müssten die Athener als Gesamtheit den vor Salamis zunächst zwangsweise erfolgten Schritt erneut vollziehen, ihre Stadt preisgeben und alles auf den Hafen setzen, die  – so darf man gewiss folgern  – Grundlage, Basis und auch symbolische Verkörperung ihrer neuen maritimen Stärke und Identität. In dieser Hinsicht führt selbst ­Perikles mit seinem im Kriegsplan formulierten Programm, man müsse auf Attikas Land und Häuser verzichten und sich stattdessen nur noch auf die Bewachung von polis und Meer konzentrieren (1,143,5), nur fort, vielleicht sogar weniger konsequent,131 was sein ›Vorgänger‹ Themistokles schon ›vorgezeichnet‹ hatte.132 Versucht man also, das Werk des ­Thukydides auf der Ebene der symbolischen Repräsentation von Macht zu erfassen, in den Bildern, Handlungen und Objekten, die innerhalb der an den erga orientierten (und damit zwangsläufig das Konkrete darstellenden) historischen Analyse abstrakte Phänomene greifbar werden lassen, so kommt dem Hafen als einem Symbol athenischer Macht eine schlechthin überragende Bedeutung zu. »The Piraeus, and the Long Walls that linked it to the city, became almost a secular religious entity

128 Dazu von Reden (1995) 26–27; Blösel (2012) 219. 129 Siehe Orwin (1994) 51; von Reden (1995) 26–27; Blösel (2012) 223. Constantakopoulou (2007) 141 verweist auf den Bericht bei Herodot (8,60–63), Themistokles habe vor der Seeschlacht bei Salamis erklärt, den Athenern würden ihre 200 Schiffe als ihre polis genügen (8,61,2). 130 Vgl. zu dieser Frage Cawkwell (1970) 44. 131 So Constantakopoulou (2007) 140–141 sowie Foster (2010) 104. 132 Siehe etwa de Romilly (1951) 106; Erbse (1961) 31; Rood (1998a) 232; Blösel (2012) 223, 233.

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in Athenian thinking.«133 Er ist nicht nur faktisch von enormer Bedeutung für Athens Macht, als Anfangsakt (zusammen mit dem Aufbau der Stadtmauern) des athenischen Wachstums hin zu seiner bei Kriegsbeginn erreichten Größe (1,89,1), sondern auch im Werkkontext selbst, in der literarisch-historiographischen Erzählung und Konstruktion dieser Macht und ihres Entstehens, wie sie­ Thukydides bietet. Umso bemerkenswerter ist vor diesem Hintergrund, dass das Motiv der zumindest möglichen Gefährdung dieser Grundlage aller athenischen Macht von­ Thukydides mehrfach verwendet wird, in seinen eigenen Worten und immer mit dem expliziten Hinweis auf die auch psychologisch ungemein drastischen Auswirkungen dieser Gefährdung. Kurz gefasst lautet das Muster dieser Episoden: Dem Feind gelingt fast die Einfahrt in den Hafen (bzw. es wird dies befürchtet), was dann in Athen zu ungemein großer Panik und Furcht um die eigene Existenz führt. Hätte ­Thukydides sein Werk beenden können, so wäre dem Moment der Einnahme des Peiraieus durch Lysander eine gewiss sehr prominente Position in der Darstellung zugekommen, als Auftaktereignis zum Schlussakt des Krieges. Im zweiten Prooimion, das dieses Ereignis in der Mitte des Berichts vorwegnimmt, erscheint die Einfahrt des Spartaners in den Hafen als einer der zwei symbolisch bedeutenden Endpunkte athenischer Herrschaft (5,26,1). Neben der Schleifung der Langen Mauern (vgl. Xen. Hell. 2,2,23) ist die Einnahme des Peiraieus damit einer der zwei Akte, die – für alle ersichtlich und auch symbolisch bedeutungsvoll  – das Ende des Krieges, Athens Niederlage und damit auch die endgültige Annullierung der in Buch 1 begonnenen Meistererzählung vom unaufhaltsamen Aufstieg der maritimen Großmacht markieren.134 Xenophons Schilderung dieses Moments in den Hellenika ist gewiss zu knapp gehalten, als dass sie einen Eindruck davon geben könnte, wie ­Thukydides den Augenblick dargestellt hätte, doch wird auch in Xenophons nüchterner Version nur zu deutlich, welch enormer Symbolgehalt dieser Einfahrt in den Hafen und dem Niederreißen der Mauern nach all den Kriegsjahren zukam: »Hierauf fuhr Lysandros in den Peiraieus ein (Λύσανδρός τε κατέπλει εἰς τὸν Πειραῖα), die Verbannten kehrten zurück, und man begann, die Mauern unter der Begleitmusik von Flötenspielerinnen mit vielem Eifer einzureißen in dem Glauben, jener Tag bedeute für Hellas den Anfang der Freiheit« (2,2,23, Übers. G. Strasburger). Würde der Moment der Einfahrt in den Hafen nur das Ende des Krieges markieren, so ließe sich die Bedeutung des Motivs der ›Hafeneinfahrt‹ gewiss als 133 Hanson (2005) 266. Vgl. auch von Reden (1995) 26 (»the Piraeus as a symbol of democ­ racy and sea power«.) Zum »Symbolismus der Fakten bei T ­ hukydides« auch Stahl (1966) 136–137. 134 Vgl. Allison (2013) 269–270 zur Möglichkeit, dass dieses Ende des Krieges in Buch 1 in­ Perikles’ Unterdrückung der Samischen Revolte (1,117) eine Präfiguration erfährt.

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ein zwar symbolträchtiger, aber für das Vorherige nur begrenzt sinnstiftender Schlusspunkt der Kriegserzählung begreifen. Jedoch findet sich dieses Motiv nicht allein in der (Vorwegnahme) des Schlusspunktes der Erzählung im zweiten Prooimion, sondern bereits zuvor mehrfach innerhalb des Ereignisberichtes, zwar nicht als tatsächlich erfolgte, aber als explizit mögliche bzw. fast erfolgte Einnahme des Hafens. Zum ersten Mal begegnet das Motiv des gefährdeten Hafens in Buch 2, nur wenige Kapitel nach der vorläufigen Kulmination aller Seeherrschafts-Rhetorik in der letzten P ­ eriklesrede (2,62,2). Auf diese letzte Rede des P ­ erikles folgt zunächst die berühmte Schlusswürdigung des Staatsmannes durch T ­ hukydides (2,65); unmittelbar darauf kehrt der Bericht des ­Thukydides zum restlichen Kriegsgeschehen des Winters 430/429 und sodann des Jahres 429 zurück. Den Abschluss der Geschehnisse des Sommers 429 bildet der Ereigniskomplex um die beiden Seeschlachten bei Naupaktos im Golf von Korinth (2,83–92), ein aufs Ganze gesehen für die Athener zwar (zumindest taktisch) erfolgreiches Aufeinandertreffen, das jedoch im größeren Zusammenhang des Kriegsverlaufs als eher bedeutungslos angesehen werden muss und zudem bereits Fragen aufwirft,135 wie weit her es mit der Gewissheit und Verlässlichkeit athenischer Überlegenheit zur See überhaupt ist.136 Zwar können diese beiden Gefechte in der Gesamtauswertung als letztlich bemerkenswerter taktischer Sieg der Athener gewertet werden, gerade angesichts ihrer zahlenmäßigen Unterlegenheit,137 weshalb auch ihr wagemutiges Verhalten immer wieder als ein absolutes Glanzstück und ein typischer Ausweis ihrer überlegenen Seekriegskunst in der Literatur gewürdigt wird.138 Und dennoch ist der Eindruck, den dieses allererste Aufeinandertreffen zur See nach der perikleischen Evokation maritimer Unangreifbarkeit hinterlässt, zumindest zwiespältiger Natur,139 war es doch den Spartanern und ihren Verbündeten schon so früh im Verlauf des Krieges nach Ausweis der erga möglich, einem athenischen Geschwader zumindest kurzfristig überlegen zu sein und fast den Sieg im zweiten der beiden Gefechte einzufahren, woran sie letztlich nur eine ungünstige Mischung aus dem unerwarteten Glück der Gegenseite und der eigenen Unerfahrenheit hinderte (2,91,3–4). 135 Zur Bewertung der Kämpfe bei Naupaktos vgl. Westlake (1968) 43–51; Lazenby (1987) 446; (2004) 44–47; Morrison, Coates u. Rankov (2000) 69–79. 136 Auch wenn darüber gestritten werden kann, welche Lehren die Episode konkret bereithält, scheint mir doch mit Hornblower (1991–2008) I, 364 eindeutig, dass die gesamte Passage »paradigmatically« gestaltet ist und dass T ­ hukydides durch seinen Bericht »a number of points about naval skill and power« hervorheben wollte. 137 Vgl. dazu Gomme, Andrewes u. Dover (1945–1981) II, 233; Kagan (1974) 115; Morrison, Coates u. Rankov (2000) 69–79. 138 Etwa bei Morrison, Coates u. Rankov (2000) 77; R. Schulz (2011) 80. 139 Anders Hornblower (1991–2008) I, 364.

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­Thukydides’ Schilderung lässt keinen Zweifel daran, dass sich die Peloponnesier zumindest für eine kurze Zeit mit allem Recht als die Sieger des zweiten Seegefechtes betrachten durften, da sie dank ihres kratos die Schiffe der Athener besiegt hatten (οἱ Πελοποννήσιοι ἐκράτουν τε καὶ διέϕθειραν τὰς Ἀττικὰς ναῦς, 2,91,1), bevor dann eine völlig unerwartete Wendung und anschließend eine rational eigentlich unberechtigte (παρὰ λόγον) Furcht der Peloponnesier die Wende einleiteten (2,91,4). Am Ende der Kämpfe bei Naupaktos stellen entsprechend auch beide Seiten Siegesmale auf (2,92,4–5), wie zuvor schon nach der (ähnlich folgenlosen) Schlacht bei den Sybota-Inseln (1,54). Hans-Peter Stahls Einschätzung der Bedeutung dieser Episode scheint mir hier das Richtige zu treffen: Die tatsächliche Relevanz des Aufeinandertreffens für den Kriegs­verlauf mag gering gewesen sein; als erste Herausforderung, »bei der Athens Prestige, die unbesiegbare Herrin des Meeres zu sein, auf dem Spiel steht«,140 ist es jedoch ein von ­Thukydides auch literarisch zielgerichtet durchgestaltetes Exemplum, das gerade im Hinblick auf die psychologische Bedeutung des Geschehens hervorsticht.141 Phormions zweite Ansprache, die den Befürchtungen der Athener wegen der zahlenmäßigen Überlegenheit der Gegner begegnen will, kulminiert geradezu in einem psychologischen Argument: Die bevorstehende Bewährungsprobe sei »groß« (ὁ δὲ ἀγὼν μέγας), gehe es doch darum, entweder den Peloponnesiern die »Hoffnung« auf ihre Flotte zu nehmen, oder aber, im Fall einer Niederlage, den Athenern die »Furcht um das Meer« näherzurücken (ἢ καταλῦσαι Πελοποννησίων τὴν ἐλπίδα τοῦ ναυτικοῦ ἢ ἐγγυτέρω καταστῆσαι Ἀθηναίοις τὸν ϕόβον περὶ τῆς θαλάσσης, 2,89,10).142 Von der Gewissheit der letzten P ­ eriklesrede, als unangefochtene kyriōtatoi jeden Meeres könnten die Athener von niemandem am Segeln gehindert werden (2,62,2), oder auch dem Argument der Kriegsrede, Athen könne die Spartaner »jederzeit« (αἰεί) mit einer auch zahlenmäßig überlegenen Flotte blockieren (1,142,7),143 sind wir nun schon bei der aus athenischem Mund zugestandenen Möglichkeit angekommen, um die Beherrschung eben dieses Meeres könne berechtigte Furcht bestehen.144 Die weitere Erzählung in Buch 2 wird deutlich machen, wie nahe der ϕόβος περὶ τῆς θαλάσσης Athen tatsächlich bereits gekommen war, eine Furcht, die in­ Perikles’ Darlegung der Dinge zwar grundsätzlich denkbar, aber angesichts der Schwäche der Spartaner zur See nicht vorgesehen und erörterungswürdig ist (οὐδὲ τὸ ναυτικὸν αὐτῶν ἄξιον ϕοβηθῆναι, 1,142,2). 140 Stahl (1966) 89. 141 Siehe dazu Stahl (1966) 90: »Der Erfolg, um den es geht, ist somit ein rein psychologischer, bei dem es auf Zahlen- und Stärkeverhältnisse weniger ankommt als auf einen – wie auch immer gearteten – ›Sieg‹.« 142 Vgl. dazu Leimbach (1985) 54. 143 Dazu richtig Stahl (1966) 89–90. 144 Vgl. Hawthorn (2014) 79.

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Diese primär psychologische Ebene des Geschehens tritt noch stärker in der folgenden Episode zutage, die T ­ hukydides in unmittelbarem Anschluss schildert und die eine direkte Fortsetzung der Berichte über die Seegefechte bei Naupaktos darstellt.145 Nach diesen beiden Auseinandersetzungen, so fährt­ Thukydides fort, wollten die peloponnesischen Oberen (auf Anraten der Megarer) noch vor dem Einbruch des Winters und der Auflösung der Flotte einen Überraschungsangriff auf den Peiraieus unternehmen (2,93,1). Zwar sollte dieser kühn konzipierte Angriff misslingen und auf faktisch-ereignisgeschichtlicher Ebene keine nennenswerten Folgen für den weiteren Kriegs­ verlauf haben,146 doch wird das Ereignis von T ­ hukydides durch eine gewisse Ausführlichkeit des Berichts,147 vor allem jedoch durch die Art und Weise, wie er es  – gerade angesichts seiner faktischen Bedeutungslosigkeit  – ausgestaltet und mit anderen Partien des Werkes in Beziehung setzt, mit Bedeutung versehen. T ­ hukydides hebt explizit hervor, dass der Überfall auf Athens Hafen theoretisch hätte gelingen können, und richtet so den Fokus des Lesers unweigerlich auf die Ebene der kontrafaktischen Beurteilung des Geschehens.148 Dessen Bedeutung – und das macht die folgende Episode in unserem Zusammenhang so aufschlussreich  – liegt gerade nicht in den faktischen Resultaten des missglückten Unternehmens, sondern in dessen notwendigen Auswirkungen auf unsere, also des Lesers Bewertung sowohl der Selbstwahrnehmung der Beteiligten als auch ihrer Zukunftsvorstellungen, Ansprüche und Erwartungen. Diese Aspekte eines Geschehens bleiben doch von der Frage, wie es sich im historischen Ablauf konkret auswirkte und welche Folgen es zeitigte, unberührt bzw. können getrennt davon betrachtet werden. Die ganze Aktion selbst (2,93,2–4) lässt sich relativ knapp zusammenfassen:149 Die Peloponnesier unter Knemos und Brasidas ließen ihre Rudermann145 So richtig gesehen von Stahl (1966) 93, der sie zur Kategorie der ›Ersatzhandlungen‹ bei­ Thukydides zählt. Vgl. auch Rood (1998a) 115 mit Anm. 25. Gemäß seiner insgesamt wohlwollenden Beurteilung des Plans der Spartaner vermutet Falkner (1992) 148 mit Anm.  3 sogar, die Teilerfolge in den vorherigen Gefechten bei Naupaktos hätten den Spartanern genügend Zuversicht und auch Kühnheit mit auf den Weg gegeben, um die folgende riskante Aktion in Angriff zu nehmen. 146 Vgl. etwa Kagan (1974) 117: »The incident, because it failed, was trivial.« Gomme, Andrewes u. Dover (1945–1981) II, 240 zufolge wäre selbst ein gelungener Angriff auf den Hafen folgenlos geblieben, während etwa Kagan (1974) 117, Lateiner (1975) 177–178, Falkner (1992) 148 und Lendon (2010) 164–165 den vor allem psychologischen Effekt sowie die Außenwirkung einer solchen Schmach für die Athener hervorheben. 147 Siehe Stahl (1966) 95. 148 Zu kontrafaktischen Erwägungen und deren Bedeutung bei ­Thukydides vgl. Flory (1988); Hornblower (1991–2008) III, 1030–1031 (ad 8,96,4); Tordoff (2014). 149 Zu den historischen Details vgl. vor allem Falkner (1992) sowie Gomme, Andrewes u. Dover (1945–1981) I, 237–241. Vgl. generell auch Buckler (2008) 190–197 zu den Gefahren und Angriffen, denen antike Kriegshäfen ausgesetzt waren.

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schaften nach den Gefechten bei Naupaktos von Korinth aus mitsamt all ihrer Ausrüstung nach Megara marschieren, wo gerade zufällig (ἔτυχον) vierzig Schiffe in der Werft von Nisaia zu Wasser gelassen worden waren; mit diesen sollte man dann ohne Umschweife in den Saronischen Golf und gegen den unbewachten Peiraieus fahren. Dazu kam es jedoch nicht: Nach der Ankunft in Nisaia stach zwar das gesamte Geschwader in See, nicht länger jedoch, um gegen den Peiraieus zu fahren, sondern ›nur‹ noch gegen die Insel Salamis. Ein Fort im Westen der Insel wurde überfallen, drei unbemannte Trieren, die dort zur Wache stationiert waren, gekapert, und auch die restliche Insel großflächig verwüstet. Die Planänderung hatte T ­ hukydides zufolge zwei Gründe: Zum einen habe den Peloponnesiern der Mut versagt, da ihnen die Gefahr des Unternehmens plötzlich zu groß erschienen sei; zum anderen sei auch ein plötzlicher Gegenwind aufgekommen, der sie an der Fahrt gehindert habe. Soweit der Ereignisablauf. Nach der sofortigen Gegenwehr der erschrockenen Athener und dem darauf erfolgten Rückzug der Peloponnesier (2,94,2–4) blieb als einziges halbwegs greifbares Resultat des gesamten Geschehens, dass die Athener künftig mehr Sorgfalt auf die Sicherheit ihres Hafens verwenden wollten (2,94,4). Neben diesem blanken Gerüst des berichteten Geschehens hält die Darstellung des T ­ hukydides jedoch noch weitere Motive bzw. jenseits des rein Faktischen liegende Aspekte bereit, die in unserem Zusammenhang von Bedeutung sind: zum einen seine Erklärung dafür, weshalb ausgerechnet das Herz und die Schaltzentrale athenischer Macht zur See, der Peiraieus, das Sinnbild der maritimen Vision des Themistokles, für feindliche Angriffe anfällig und verwundbar sein konnte; sodann T ­ hukydides’ Bericht über die Reaktionen in Athen, die – unabhängig davon, dass das, was man in Athen befürchtete, gar nicht tatsächlich eingetreten war – verdeutlichen können, welche Bedeutung der bloßen Möglichkeit, das Geschehen sei erfolgt, beigemessen wurde; drittens die Rolle, die den bereits thematisierten Realia des antiken Seewesens im Rahmen dieser Episode zukommt. Zunächst zu den Gründen, weshalb der Angriff auf den Hafen in ­Thukydides’ Darstellung objektiv und ohne größere Probleme möglich gewesen wäre (ῥᾳδίως ἐγένετο, 2,94,2).150 Die Aussage ist ja nicht etwa aus der Perspektive der Peloponnesier oder Athener getätigt, sondern stellt ­Thukydides’ eigenen Kommentar über die tatsächlichen Chancen des Unternehmens dar.151 Somit gehört die gesamte Passage zur Kategorie der ›Beinahe-Episoden‹, ein der epischen Dichtung entlehntes literarisches Mittel,152 das T ­ hukydides wiederholt dazu benutzt, 150 Zu ῥᾳδίως vgl. M. Taylor (2010) 264. 151 Vgl. Kagan (1974) 116–117. 152 Siehe Rood (1998a)  173. Zu ›Beinahe-Episoden‹ in der Epik vgl. allgemein Nesselrath (1992). In der neueren Forschung werden diese Episoden oftmals unter dem Begriff des side-shadowing behandelt; vgl. Grethlein (2010b) 30–35; Hau (2013) 77–85.

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um ›fast‹ erfolgte Handlungsstränge zu betonten, »die in eine andere Richtung weisen als der tatsächliche Handlungsverlauf und damit die Möglichkeit eines ganz anderen Endes vor Augen rücken«.153 ­Thukydides schreibt die Tatsache, dass der Peiraieus für derartige Angriffe anfällig war, in einem schon fast auffälligen Paradoxon gerade der Überlegenheit und Stärke Athens zur See zu: Der Peiraieus nämlich sei unbewacht und unverschlossen gewesen, wie es bei einer derart großen Überlegenheit der eigenen Flotte auch nur natürlich sei (ἦν δὲ ἀϕύλακτος καὶ ἄκλῃστος εἰκότως διὰ τὸ ἐπικρατεῖν πολὺ τῷ ναυτικῷ, 2,93,1); deshalb hätten sich die Peloponnesier überhaupt Chancen ausrechnen dürfen, ihr Angriff könnte gelingen. Noch bevor wir also Näheres über den Verlauf und den Ausgang des gesamten Unternehmens erfahren, konfrontiert uns ­Thukydides somit, wie so häufig,154 mit einer Art Paradoxon: Die Anfälligkeit für einen Angriff vom Meer aus resultierte in dieser Situation nicht etwa aus athenischer Schwäche, sondern gerade aus den Konsequenzen, die das Vertrauen in die große Stärke zur See auf das Verhalten der Athener hatte, und dies sei auch nur ›natürlich‹ gewesen und daher auch nicht allein aus einer momentanen Spezifik der Situation heraus zu begründen.155 Die ›Nachlässigkeit‹ folge somit, einer Art natürlichen Logik gehorchend, ganz automatisch aus dem Gefühl übergroßer Überlegenheit. T ­ hukydides betont anschließend noch ein zweites Mal, dass die Gefahr durch ein Gefühl der Sicherheit und Überlegenheit seitens der Athener ermöglicht worden war: Niemand würde, so die Erwartung aus der Sicht der Athener,156 einen so direkten Angriff auf ihren Hafen wagen, zumal solche Pläne ohnehin kaum geheim bleiben könnten (2,93,3). Es ist auffallend, dass T ­ hukydides’ Bemerkungen über diese durch das Vertrauen in die eigene Überlegenheit generierte Nachlässigkeit von den Kommentatoren zumeist übergangen oder nicht ausreichend auf ihren Sinn hin befragt werden.157 Dabei hätte es doch keinerlei Grund gegeben, an dieser Stelle derart explizit auf die Selbstsicht und das Sicherheitsdenken der Athener zu verweisen und somit unweigerlich Fragen über die Grenzen der durch maritime Macht garantierten Sicherheit aufkommen zu lassen. Wäre T ­ hukydides nur daran gelegen gewesen, diese Episode im Hinblick auf die Fakten und die daraus abzuleitenden Erklärungen zu erläutern, so hätte er etwa explizit darauf verweisen können, dass ein solcher Angriff gerade am Beginn des Winters (Anfang November), also fast schon außerhalb der Schifffahrtssaison, nicht zu erwarten war;158 153 So Grethlein (2010b) 32. 154 Connor (1984) 144 zu »Thucydides’ love of paradox«. 155 Zur Übersetzung von εἰκός als ›natürlich‹ vgl. Westlake (1958). 156 Vgl. Connor (1985) 8–9 zu den Perspektivwechseln in ­Thukydides’ Bericht. 157 Vgl. dazu auch Lateiner (1975) 177. 158 Dazu Gomme, Andrewes u. Dover (1945–1981) II, 237 (ad loc.). Zur Schifffahrtssaison für Kriegsschiffe im Mittelmeer vgl. generell Beresford (2013) 134–157.

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den Zeitpunkt des Überfalls erwähnt er zwar einleitend (2,93,1), bringt ihn aber nicht direkt mit der fehlenden Bewachung des Hafens in Verbindung. Er hätte ferner darauf verweisen können, dass eine permanente Bewachung des Peiraieus durch patrouillierende Trieren – was doch der erste Gedanke ist, der einem als Kritik an der vermeintlichen ›Nachlässigkeit‹ der Athener in den Sinn kommen mag – schon allein deshalb fast unmöglich bzw. nicht praktikabel war, weil dies wegen der Bauart und der Anfälligkeit der Schiffe nur unter großem Aufwand zu realisieren gewesen wäre und die empfindlichen Schiffe über Monate hinweg dem Wasser und vor allem dem Befall durch Schiffsbohrwürmer ausgesetzt hätte.159 ­Thukydides’ Bemerkung, die Spartaner hätten sich gesorgt, ihre Schiffe könnten nach der langen Zeit nicht mehr ganz einsatzfähig sein (2,94,3), beweist doch, dass ihm diese Art der Realia vollauf bewusst war und er sie dort, wo es ihm angebracht erschien, auch in seinen Bericht integrierte. Er hätte schlussendlich auch darauf hinweisen können, dass die athenische Flotte längere Zeit unbeschäftigt gewesen war (sieht man von dem kleinen Kontingent, das bei Naupaktos gekämpft hatte, einmal ab) und die Stadt vielleicht auch noch unter den Folgen der Pest litt, weshalb die Athener (verständlicherweise) etwas zu ›sorglos‹ gehandelt haben mögen.160 Auf jeden Fall aber hätte­ Thukydides nicht zwingend die Verletzlichkeit des Peiraieus auf das Gefühl der Athener, ἐπικρατεῖν πολὺ τῷ ναυτικῷ, zurückführen und so durch seinen Bericht die Ansätze zur Kritik an diesem Selbstvertrauen in eigener Person bereitstellen müssen. Warum aber betont T ­ hukydides diesen Aspekt so stark, was den Athenern in der Literatur wiederholt den Vorwurf einbrachte, sie hätten in dieser Situation mit einer gewissen ›Sorglosigkeit‹ gehandelt, die eigentlich nicht ›entschuldbar‹ sei?161 Waren die Athener etwa genauso unvorsichtig wie die Einwohner von Mykalessos, die im Vertrauen darauf, fern ab vom Meer wären sie vor Angriffen sicher, ihre Stadt »unbewacht« (ἀφύλακτος) ließen (7,29,3), mit dem bekannten Ausgang? Mir scheint, dass diese Episode damit nur fortführt, was bereits mit den Unwägbarkeiten und Zufälligkeiten des Schlachtverlaufs bei Naupaktos angerissen wurde.162 ­Thukydides formuliert dadurch die Einsicht, dass selbst die nach Einschätzung aller vorliegenden Machtmittel und Erfahrungswerte unbestritten größte Überlegenheit zur See keine hundertprozentige Sicherheit vor Rückschlägen, Niederlagen, ja selbst vor der Gefährdung des symbolträchtigen Allerheiligsten athenischer Seemacht bieten konnte, und zwar nicht allein, weil Technik und Infrastruktur immer gewisse Lücken offen ließen, 159 160 161 162

Diese Gefahr betont Lendon (2010) 165–167. So Gomme, Andrewes u. Dover (1945–1981) II, 237. Siehe etwa Gomme, Andrewes u. Dover (1945–1981) II, 237; Kagan (1974) 116. Vgl. dazu auch Stahl (1966) 91.

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sondern auch, weil das Gefühl der eigenen Überlegenheit selbst die Gefährdung eben dieser Überlegenheit hervorbringen konnte. War bereits das Geschehen bei Naupaktos dazu geeignet, erste Zweifel an den Möglichkeiten athenischer Seeüberlegenheit aufkommen zu lassen – nicht, das muss nochmals ausdrücklich betont werden, an der generellen taktischen Überlegenheit und weitaus größeren Erfahrung der Athener zur See,163 wohl aber hinsichtlich der Frage, bis zu welchem Grad diese Überlegenheit als Grundlage von Sicherheitsversprechen dienen konnte –, so wird diese Problematisierung der Verlässlichkeit des maritimen kratos hier nun nochmals zugespitzt und weitergeführt, da der von Phormion erstmalig evozierte ϕόβος περὶ τῆς θαλάσσης (2,89,10) nun sogar bis unmittelbar vor Athens Haustür vorgedrungen war.164 Darin liegt das Paradoxe der Geschichte und wohl auch einer der Gründe, weshalb T ­ hukydides sie so ausführlich berichtet: Athen war zwar gewiss »mit der Flotte weit überlegen« (2,93,1), doch gerade die Überhöhung dieser scheinbar ›garantierten‹ Sicherheit zur absoluten Gewissheit – ein Gedanke, der doch in ­Perikles’ Rhetorik eine herausgehobene Rolle spielt – konnte beinahe zur Zerstörung der Basis dieser Macht führen. Die Bedeutung der Episode braucht ­Thukydides nicht in eigener Person hervorzuheben, denn das vollbringt die Schilderung der Reaktionen in Athen, als man des erfolgten Streichs auf Salamis gewahr wurde: In Athen nämlich reagierte man so, als hätte der Angriff tatsächlich Erfolg gehabt,165 gab also (in­ Thukydides’ Schilderung) zu erkennen, welche Auswirkungen und welche, auch psychologische Bedeutung das mögliche und fast eingetretene Geschehen gehabt hätte: »Nach Athen meldeten Flammenzeichen die Kriegsnot, und ein Schrecken brach dort aus, so furchtbar wie nur irgendeiner während des Krieges (ἔκπληξις ἐγένετο οὐδεμιᾶς τῶν κατὰ τὸν πόλεμον ἐλάσσων)«, da man in der Oberstadt glaubte, »die Feinde seien bereits in den Piräus eingelaufen«, und im Hafen wiederum die Angst verspürte, jetzt, wo Salamis bereits eingenommen sei, »würden sie gegen sie einfahren – was auch leicht geschehen wäre (ἄν … ῥᾳδίως ἐγένετο), hätten sich nur die Peloponnesier entschließen können, ihr Zaudern aufzugeben – der Wind hätte sie nicht gehindert« (2,94,1). Es ist auffällig, dass T ­ hukydides den fast erfolgten Überfall auf den P ­ eiraieus durch motivische und verbale Anklänge in Beziehung setzt zu anderen Reaktionen der Athener auf Katastrophen und Rückschlägen, wie sie vor allem im 163 Diese wurden ja trotz allem durch den Verlauf der beiden Gefechte gerade bestätigt, sowohl durch die planmäßig verlaufene erste Schlacht als auch die ›typisch‹ effektive, waghalsige Reaktion der Athener in der zweiten (2,92,1), was ihnen letztlich den Sieg gegenüber dem weitaus zahlreicheren Kontingent der Peloponnesier einbrachte. 164 Hawthorn (2014) 79 nennt diese Furcht um das Meer, wie sie Phormion andeutet, »the nightmare that Pericles had in public at least not appeared to contemplate«. 165 Siehe Stahl (1966) 94.

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Nachklang der Sizilienexpedition in Buch 8 geschildert werden. Schon auf die ersten Nachrichten vom Scheitern dieser Expedition hin seien die Athener von ϕόβος τε καὶ κατάπληξις μεγίστη befallen worden, hätten sie doch tatsächlich befürchten müssen, dass »jetzt die Feinde aus Sizilien, wie sie meinten, ihnen sofort mit ihrer Flotte gegen den Piräus gefahren kämen (ἐπὶ τὸν Πειραιᾶ πλευσεῖσθαι)« (8,1,1). Schon hier wird deutlich, wie eng die allgemeine Furcht vor der Einfahrt der Feinde in den Peiraieus und die dadurch verursachte »Bestürzung« (κατάπληξις) leitmotivisch verbunden sind. Durch die Bemerkung in 2,94,1, die ekplēxis des Jahres 429 sei nicht geringer gewesen als irgendeine andere während des Krieges, ist der Anstoß zum Vergleich der Ereignisse explizit gegeben. Die direktesten motivischen und verbalen Berührungspunkte gibt es freilich mit einer späteren, mindestens ebenso dramatischen Episode in Buch 8, dem Bericht über den schmerzhaften Verlust Euboias im Jahr 411 (8,95).166 Die Athener, durch die innere Spaltung der stasis geschwächt und schlecht vorbereitet, wurden von den Spartanern im ungünstigsten Moment – die Mannschaften waren noch nicht bei ihren Schiffen, da sie noch in der Umgebung ihre Verpflegung besorgen mussten (8,95,4) – zur Seeschlacht vor dem Hafen von Eretria auf Euboia gezwungen; sie verloren 22 Schiffe und viele Männer wurden getötet; die Peloponnesier jedoch konnten als Sieger in der Folge sogar ganz Euboia abtrünnig machen. Die Reaktion in Athen auf diese Nachricht war entsprechend: Die Nachricht von den Ereignissen in Euboia versetzte die Athener in die allergrößte Erschütterung (ἔκπληξις μεγίστη), die sie je erlebt. Weder der Zusammenbruch in Sizilien, so schwer er sie damals traf, noch sonst etwas hatte sie je so geängstet. Jetzt, wo zu dem Abfall des Heeres in Samos, zum Mangel an weiteren Schiffen und auch an Leuten, die sie besteigen sollten, zu der Zwietracht in der Stadt und dem jeden Augenblick – wer weiß – losbrechenden Aufruhr, wo zu all dem nun noch diese schwere Niederlage kam, in der sie Schiffe und, noch wichtiger, Euboia verloren hatten, das ihnen noch mehr einbrachte als Attika, hatten sie da nicht allen Grund zur Verzweiflung? Ihre größte und nächste Angst aber war, ob die Feinde wagen würden, nach ihrem Sieg gradwegs gegen sie, gegen den schiffeleeren Piräus zu fahren (εἰ οἱ πολέμιοι τολμήσουσι νενικηκότες εὐθὺ σφῶν ἐπὶ τὸν Πειραιᾶ ἐρῆμον ὄντα νεῶν πλεῖν), und sie meinten, jeden Augenblick würden sie da sein. (8,96,1–3)

Die direkten sprachlichen und motivischen Berührungspunkte zur Episode aus Buch 2 sind offensichtlich:167 Beide Male erschüttert die Athener eine ekplēxis, wie sie größer im gesamten Krieg nicht gewesen sei, beide Male ist der Ha166 Dazu Hornblower (1991–2008) III, 1025–1031; M. Taylor (2010) 261–262. 167 Siehe dazu Lateiner (1975) 178 Anm.  11; Connor (1984) 78 Anm.  64; Hornblower ­(1991–2008) III, 1025–1026.

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fen völlig schutzlos, beide Male  – so T ­ hukydides im Anschluss an das eben Zitierte  – hätte die Einfahrt auch »leicht« (ῥᾳδίως, 8,96,4; vgl. 2,94,2: ῥᾳδίως ἐγένετο) geschehen können, wenn nicht die Spartaner durch ihre mangelnde tolma diese objektiv gegebene Chance ungenützt gelassen hätten (8,96,5). Beide Male ist die Schilderung der psychologischen Auswirkungen des Geschehens in eine kontrafaktische Überlegung eingebettet,168 was hätte passieren können, womit beide Male zugestanden wird, dass die Möglichkeit eines gegenläufigen Ganges der Ereignisse objektiv gegeben war. Und das objektiv mögliche Ergebnis des fast eingetretenen Geschehens ist in seiner Bedeutung kaum zu unterschätzen – um dies hervorzuheben, hat T ­ hukydides die berichteten Ereignisse durch die sowohl motivischen als auch wörtlichen Fernbeziehungen miteinander verwoben, wodurch auch bei weniger prominenten Geschehnissen wie dem missglückten Angriff des Jahres 429 die gefühlte Größe der Gefährdung hervorgehoben wird. Denn was wäre der mögliche Effekt eines geglückten Angriffs gewesen? Vielleicht hätten die Spartaner die von ­Perikles als eiserne Reserve für den Notfall zurückgehaltenen hundert besten Trieren des Jahres (2,24,2) in ihren Schiffshäusern zerstören können,169 ja vielleicht sogar fast die gesamte, nicht im Einsatz befindliche und daher wahrscheinlich an Land aufbewahrte Kriegsflotte der Athener: »A successful attack on Piraeus would have been a far more thorough-going Pearl Harbor. No wonder the Athenians panicked.«170 Der erfolgreiche Überfall der Spartaner unter Teleutias auf den Peiraieus, den Xenophon für das Jahr 388 berichtet (Hell. 5,1,20–23), kann einen ungefähren Eindruck davon vermitteln, welche Auswirkungen ein erfolgreicher, rasch und zielstrebig durchgeführter Angriff haben konnte.171 Und hinter all dem lauert ja zudem noch die durch das zweite Prooimion (5,26) unumstößlich gegebene und immer präsente Gewissheit, dass am Ende des Krieges (und damit auch des thukydideischen Werkes) die Einfahrt eines Spartaners in den Peiraieus auch tatsächlich das vorläufige Ende athenischer Macht symbolisch markieren wird.172 Angesichts des nicht eingetretenen Ergebnisses des Überfalls ist für Thukydides daher gerade die durch die Fernbeziehungen noch stärker akzentuierte Panik der Athener der Gradmesser, anhand dessen er in seinem Bericht 168 Vgl. dazu Rood (1998a) 279; Hornblower (1991–2008) III, 1030–1031. 169 Siehe Kagan (1974) 117. 170 Lendon (2010) 168. Vgl. auch Falkner (1992) 148 sowie die Bemerkung von M. Taylor (2010) 264: »Thucydides stresses how ›easy‹ it would have been for the Spartans to take the Piraeus in 428 or 411 and so shows that if the Athenians had had even slightly more daring enemies, the war might have been over, and lost, in 428.« 171 Dazu Buckler (2008) 195. Vgl. auch [Dem.] or. 17,26–27 (ca. 331 v. Chr.) zum Eindringen einer makedonischen Triere in den Peiraieus, nach Ausweis des Redners das ὑβριστικώτατον καὶ ὑπεροπτικώτατον aller kürzlichen Vergehen der Makedonen. 172 Vgl. M. Taylor (2010) 273.

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die Bedeutung des gesamten Geschehenszusammenhanges illustrieren kann, ohne sich des Mittels der direkten Kommentierung bedienen zu müssen. Gerade der psychologische Effekt eines erfolgreichen Überfalls auf den Peiraieus kann kaum überschätzt werden, und ­Thukydides’ auffälliges Interesse an der Wiedergabe der Motivationen der Handlungen (Selbstvertrauen und Sorglosigkeit der Athener, anfängliche Risikobereitschaft und dann mangelnde Kühnheit der Spartaner) lenkt die Interpretation der gesamten Episode auch in diese Richtung. Diese Ebene des Ereignisses zu unterschlagen hieße, Thuky­ dides’ eigene Einordnung des Geschehens und sein Urteil über dessen Bedeutung zu ignorieren.173 Dabei hätte ein Erfolg des peloponnesischen Unternehmens wohl nicht allein den Effekt zunichtemachen können, den die erst kurz zuvor errungenen Siege bei Naupaktos auf das Selbstvertrauen und die Kampfmoral der Athener hatten, wie etwa Kagan vermutete.174 Es stand für Athen wohl mehr auf dem Spiel,175 nämlich letztlich die gesamte und gerade in den von psychologischen Erwartungen wesentlich bestimmten ersten Kriegsjahren entscheidende Zuversicht,176 ἐπικρατεῖν πολὺ τῷ ναυτικῷ, eben jener feste Glaube an die eigene Überlegenheit zur See also, der T ­ hukydides zufolge das gesamte Geschehen von 429 überhaupt erst ermöglicht hatte (2,93,1), indem er die Voraussetzung für die Pläne der Peloponnesier schuf. Die Vorstellung, die Athener ­ erikles in der dritten seien als kyriōtatoi aller Meere unbezwingbar, wie sie von P Rede entwickelt wurde (und im Werkzusammenhang auch noch nicht lange zurückliegt), eine doch primär psychologische, auf die Demoralisierung der Athener mit der Evokation idealer Entwürfe reagierende Rhetorik, steht als kontrastierende Folie hinter alledem. Der These des perikleischen logos folgt dadurch schon in Buch 2 die erste Antithese in Gestalt des gesamten Geschehenszusammenhanges um die Schlachten bei Naupaktos und den um ein Haar erfolgreichen Angriff der Spartaner auf den Peiraieus. Dabei ist die Frage nur von nachrangiger Bedeutung, ob dieser Zwischenfall als eine erste ›Widerlegung‹ perikleischer Seemachtsversprechen verstanden werden kann, durch den daher auch die ›Voraussicht‹ des Strategen in anderem Licht erscheint,177 oder ob nicht gerade das Zögern (und das darSo richtig Lateiner (1975) 177, contra Gomme, Andrewes u. Dover (1945–1981) II, 240. Kagan (1974) 117. Siehe Lateiner (1975) 177–178; Lendon (2010) 165. Dazu Kagan (1974) 35; Rusten (1989) 18. Den möglichen (peinlichen) Ansehensverlust Athens in Griechenland hebt Lendon (2010) 165 hervor. Sollte die Deutung von Kagan (1974) 35 zutreffen, ­Perikles’ Kriegsplan habe vor allem darin bestanden, die Spartaner auf einer psychologischen Ebene zum Aufgeben zu bewegen, was notwendigerweise den Beweis eigener ›Unbezwingbarkeit‹ erforderte, so hätte dieses Unternehmen, wäre es erfolgreich verlaufen, dem gesamten Plan mit einem Schlag die Grundlage entziehen können. 177 So Malitz (1982) 288 mit Anm. 168.

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aus resultierende Scheitern) der Spartaner P ­ erikles’ Zuversicht in Athens Stärke zur See als vollauf zutreffend offenbart.178 Ebenso braucht die Frage hier nicht zu interessieren, ob T ­ hukydides vielleicht gerade die Sorglosigkeit der Athener als eine Art erstes Anzeichen für die große Lücke verstanden wissen wollte, die P ­ erikles’ Tod in Athen hinterlassen hatte.179 Anhand derartiger Bericht versuchte T ­ hukydides doch nicht, eine einfache Kommentierung oder gar ›Widerlegung‹ der perikleischen Strategie und ihrer Erfolgsaussichten zu bewirken, sondern es ging ihm vielmehr um das ›Zurechtbiegen‹ des rhetorischen Überschusses, der die von konkreten Erwägungen gelösten Idealentwürfe und Versprechen vor allem der dritten P ­ eriklesrede kennzeichnet und den er – so die hier zugrundeliegende Interpretation  – als ein konstantes Problem nicht nur der perikleischen, sondern allgemein der athenischen Rhetorik erkannt hatte.180 Ein fast erfolgter und explizit möglicher Rückschlag wie der Überfall auf den Peiraieus (oder auch die kurzfristige Niederlage gegen ein peloponnesisches Geschwader bei Naupaktos) widerlegt dadurch zwar gewiss nicht die konkreten strategischen Maximen des ­Perikles, wohl aber geben derartige Berichte dem historischen Gesamtbild jenes Maß an nicht zu tilgender, dadurch letztlich ›natürlicher‹ Unsicherheit und Risikohaftigkeit zurück, das in der Rhetorik einer offenkundigen Komplexitätsreduzierung zum Opfer gefallen war.181 Dass zudem die Anfälligkeit für den unerwarteten Angriff gerade als Resultat der Idee der eigenen Sicherheit angedeutet wird, verleiht der Episode gerade im Kontext des Gesamtwerkes noch zusätzliche exemplarische Bedeutung.

4.2.2 Löcher im Netz der naukratores Auch mittels des im nun Folgenden behandelten Motivkomplexes führt­ Thukydides seinen Lesern vor Augen, worin die offensichtlichen Schwachstellen jeglichen Versprechens absoluter Unangreifbarkeit und Übermacht zur See liegen. Wiederum gelingt ihm dies, indem er durch kurze Verweise auf wiederkehrende Sachverhalte ein Netz an motivischen Anspielungen spinnt, das im Kontext des gesamten Werkes eine kontrapunktische Funktion gegenüber der Idee maritimer Allmacht einnehmen kann. Während jedoch in der soeben analysierten ›Beinahe-Episode‹ des fast erfolgten Angriffs auf den Peiraieus vor allem die psychologischen Gefahren maritimen Selbstbewusstseins und die 178 179 180 181

So Kagan (1974) 117. So etwa Connor (1984) 78; Lendon (2010) 168. Dazu unten Kap. 5.2. Dass die athenische Rhetorik des späteren 5. Jahrhunderts vor allem auch »komplexitätsreduzierend« wirkte, indem sie komplizierte Sachverhalte in einfachen, schematisierenden Bildern formulierte, betont Schmidt-Hofner (2014) 663.

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immer gegebene Gefährdung selbst der stärksten Macht thematisiert wurden, wird nun ein Aspekt im Mittelpunkt stehen, den ich als die ›Löcher im Netz‹ der athenischen naukratores bezeichnen möchte. Wiederum spielen die technisch-infrastrukturellen Begrenzungen der Seekriegführung und insbesondere der Triere dabei eine entscheidende Rolle: »With such vessels, no effective continuous blockade of an enemy’s coastline or harbours was possible, and this left the weaker side, if its sailors were resourceful and daring, too many loopholes for sea power to be successfully applied.«182 In ­Thukydides’ Darstellung wird dieser Umstand in vielen Passagen reflektiert, nämlich letztlich immer dann, wenn Schiffe heimlich ihren Verfolgern entkommen, Blockaden von Häfen (unbemerkt) durchbrochen werden, Schiffe dort auftauchen, wo niemand sie vermutet, weil doch eigentlich die Seeherrscher das Meer im Griff haben.183 Bereits im Kontext der Berichte über die Gefechte bei Naupaktos wird dieser Umstand thematisiert: ­Thukydides schildert, wie 1000 spartanische Hopliten unter dem Kommando des Knemos den Golf von Korinth überquerten, »ohne dass Phormion es bemerkte hätte (λαθόντες Φορμίωνα), der mit den 20 attischen Schiffen bei Naupaktos Wache hielt« (2,80,4).184 Dieses Motiv der unbemerkten Operationen der Gegner zu Wasser, die die Athener nicht verhindern können, weil sie sie gar nicht erst entdecken, erlangt mit dem Beginn von Buch 3 immer größere Bedeutung. Drei dieser Passagen sollen im Folgenden eingehender untersuchen werden: zunächst der erste Teil des dritten Buches mit den Berichten über die Revolte von Mytilene auf Lesbos des Jahres 427 (3,1–36); sodann T ­ hukydides’ Wiedergabe des Vertrages zwischen Athen, Argos, Mantineia und Elis von 420 (5,47) mitsamt der folgenden Beschwerde der Argiver über die Nichteinhaltung des Abkommens seitens der Athener (5,56); schließlich, als sicherlich prominentestes Beispiel, der in das Jahr 416 angesetzte Melierdialog (5,85–113). An diesen drei, für den Ereignisverlauf des Werkes wie auch für dessen Interpretation wichtigen Passagen wird jeweils die Unfähigkeit der Seeherrscher, die Schlupflöcher in ihrem ›Herrschaftsgebiet‹ zu stopfen, zumindest als Möglichkeit thematisiert und damit ein weiteres Indiz dafür geliefert, dass die Absolutheit, mit der ­Perikles über die unangreifbare Seemacht Athens spricht, nicht­ Thukydides’ letztes Wort in dieser Sache darstellt. Bezeichnend ist, dass das Motiv der Schlupflöcher im Netz der Seeherrscher somit nicht allein an weniger 182 Lazenby (1987) 446. Vgl. auch Taillardat (1968) 201; Lazenby (2004) 13. 183 Der Charakteristik der berichteten Ereignisse folgend vor allem in den Büchern 7 und 8, etwa 7,2,1; 7,4,7 mit 7,7,1 (λαθοῦσαι τὴν τῶν Ἀθηναίων ϕυλακήν); 7,25,4; 7,56,1 (λάθοιεν αὐτοὺς οἱ Ἀθηναῖοι ἐκπλεύσαντες); 8,7–11; 8,102,2 (τὰς μὲν ἐν Ἀβύδῳ ἑκκαίδεκα ναῦς ἔλαθον); 8,103,2 (οἱ δ’ Ἀθηναῖοι … οὐκ ἂν οἰόμενοι σϕᾶς λαθεῖν τὸν παράπλουν τῶν πολεμίων νεῶν). 184 Vgl. dazu Taillardat (1968) 201 sowie Lazenby (2004) 44.

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prominenten, sondern auch an mehreren für das Geschehen des Werkes zentralen Passagen zutage tritt und dabei von T ­ hukydides auch zweimal explizit, im Wortgebrauch, als eine Auseinandersetzung mit der Frage von Seeherrschaft benannt wird (3,32,3; 5,110,1). Hier geht es somit nicht allein um allgemeinere Probleme der Schifffahrt oder die technischen Limitationen der Triere, sondern es steht ausdrücklich das kratos zur See zur Diskussion, was angesichts der Selektivität, mit der dieses Vokabular von Seeherrschaft bei T ­ hukydides Verwendung findet,185 durchaus schon selbst als ein Indiz dafür gelten darf, dass an diesen Stellen Wesentliches verhandelt wird. 4.2.2.1 Die Revolte von Mytilene und die Mission des Alkidas (3,1–36) Die teils unentdeckte Fahrt von Schiffen quer durch die Ägäis – der Weg, den sie dabei zurücklegen, die Häfen, die ihnen Schutz bieten, die Inseln, die sie anlaufen  – ist ein immer wiederkehrendes Motiv im ersten Teil  des dritten Buches (3,1–36) vor dem berühmten Rededuell zwischen Kleon und Diodotos.186 Den dramatischen Höhepunkt des Berichtes über den Abfall Mytilenes und die Reaktion der Athener bildet daher wohl auch nicht ohne Grund ein ›Wettrennen‹ zweier athenischer Trieren durch die Ägäis, das von ­Thukydides nicht nur mit dramatischem Geschick, sondern auch einigem Gespür für die Realia der Schifffahrt geschildert wird (3,49). Schon zuvor ist der gesamte Bericht über die Umstände des Abfalls von Mytilene im Sommer 428 bis hin zum Beginn der Debatte in Athen (3,37) immer wieder mit verstreuten Hinweisen auf unerkannt segelnde Schiffe, auf sich durchmogelnde Kundschafter und zwar gesichtete, aber nicht mehr eingeholte Schiffe durchsetzt. Er ist somit auch eine subtile Demonstration der Durchlässigkeit eines maritimen Raumes wie der Ägäis  – also des Gebietes, das Athen gemäß seiner Selbstdarstellung bei T ­ hukydides doch fest im Griff haben sollte  – für gegnerische Schiffsbewegungen. Das ist in unserem Zusammenhang insofern bemerkenswert, als dass nach den Gefechten im Westen Griechenlands gegen Ende von Buch 2, die gewissermaßen am Rande der griechischen Welt stattfanden und daher auch Athens Seeherrschaft nur peripher berührten, nun plötzlich die Ägäis, also der eigentliche Herrschaftsraum Athens, in den Fokus rückt.187 Die Frage nach den Grenzen und Möglichkeiten der Macht zur See wird damit im Wortsinne plötzlich zentral für Athen. Bereits die erste Unternehmung der Athener in Reaktion auf die Nachricht vom Abfall Mytilenes (3,2,1) wird von einem Schiff durchkreuzt: Eigent185 Dazu Gardiner (1969) sowie oben Kap. 3.1. 186 Vgl. zur narrativen Struktur des Berichtes die präzise Analyse von Stahl (1966) 103–112. 187 Vgl. Roisman (1987) 393 zu dieser Schauplatzverlagerung der maritimen Aktionen.

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lich wollten die Athener, so berichtet T ­ hukydides, die Mytilenaier völlig unvorbereitet und damit wehrlos überraschen, hatten sie doch in Erfahrung gebracht, dass diese gerade ein Fest zu Ehren Apollons außerhalb ihrer Stadt begingen (3,3,3). Dieses Vorhaben misslang aber, war es doch einem Informanten gelungen, auf einem Lastensegler von Euboia aus nach Lesbos überzusetzen und die Anfahrt der athenischen Flotte zu melden (3,3,3–5). Eine Durchquerung der Ägäis machte somit bereits den ersten Plan der Athener zunichte, ein »notably bad piece of military security«.188 Nach einem ersten kurzen Aufeinandertreffen vor dem Hafen von Mytilene (3,4,2), bei dem die Mytilenaier sich jedoch angesichts athenischer Übermacht schnell wieder zurückzogen, kam es zu Waffenstillstandsverhandlungen; eine Gesandtschaft der Mytilenaier fuhr zudem nach Athen, um dort den Abzug der Flotte zu bewirken (3,4,4). Die Mytilenaier verfolgten jedoch eine Doppelstrategie. Da sie nicht recht daran glaubten, ihr Gesuch in Athen werde erfolgreich sein (3,4,5), und zumal ihr Wille zum Aufstand T ­ hukydides zufolge schon viel länger bestand, schon seit der Zeit vor Kriegsbeginn (3,2,1), schickten sie zugleich auch eine Triere nach Sparta, um dort um Unterstützung in dem anstehenden Konflikt zu werben. Dies ist das erste Mal, dass in Buch 3 ein Schiff die Ägäis ausdrücklich »unbemerkt« von den Athenern durchqueren kann: »Gleichzeitig schickten sie aber auch eine Triere mit Boten nach Sparta, unbemerkt von der attischen Flotte (λαθόντες τὸ τῶν Ἀθηναίων ναυτικόν), die nördlich von der Stadt bei Malea ankerte; denn sie glaubten nicht an einen Erfolg in Athen. Mit Müh und Not gelangten diese übers Meer nach Sparta und bemühten sich dort für sie um Hilfe« (3,4,5–6). Zunächst jedoch begannen die Mytilenaier, nachdem die Gesandtschaft nach Athen erwartungsgemäß nichts hatte bewirken können, mit dem Kampf gegen die immer noch die Stadt belagernden Athener (3,5,1). Wieder kommt es nun zu einer »unbemerkten« Fahrt nach Lesbos: Die Mytilenaier hatten sich nämlich, so ­Thukydides, nach dem ersten, nicht völlig erfolglosen Aufeinandertreffen mit den Athenern auf dem freien Feld zunächst ruhig verhalten und nicht das Lager nahe beim Schlachtfeld aufgeschlagen, da sie immer noch auf Verstärkung hofften, um mit dieser Unterstützung dann neue Kämpfe zu wagen (3,5,2). Es waren »nämlich der Spartaner Meleas angekommen und Hermaiondas aus Theben, die noch vor dem Abfall abgesandt worden waren und, von der Ausfahrt der Athener überrascht, nach der Schlacht dann heimlich (κρύϕα) auf einer Triere einliefen und rieten, noch ein Schiff auszusenden und Boten ihnen mitzugeben« (3,5,4). Nicht nur, dass es Meleas und Hermaiondas gelungen war, Mytilene unbemerkt von den Athenern, die immer noch nördlich der Stadt bei Malea lagerten, per Schiff zu erreichen; wie selbstverständ188 Das Zitat von Hornblower (1991–2008) I, 386 (ad loc.). Vgl. auch Stahl (1966) 103; Lazenby (2004) 50.

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lich gingen sie anscheinend auch davon aus, dass es möglich ist, eine weitere Triere auszusenden, dass also die Athener zu diesem Zeitpunkt weder den Willen noch die Möglichkeit hatten, derartige Schiffsbewegungen von und nach Mytilene zu unterbinden. Erst im Anschluss, nachdem die Athener durch Hinzuziehung weiterer Kontingente der Bündner verstärkt worden waren, gelang es ihnen schließlich, durch eine Blockade des Hafens den (zu Lande immer noch überlegenen) Mytilenaiern auch den »Gebrauch« des Meeres zu versperren (τῆς μὲν θαλάσσης εἶργον μὴ χρῆσθαι τοὺς Μυτιληναίους, 3,6,2). Doch auch das hatte seine Grenzen, denn offensichtlich war es den von den Mytilenaiern an­ geforderten Söldnern gelungen, die Insel trotz der Blockaden der Athener zu erreichen und die Belagerten zu unterstützen (3,18,1).189 Nur nebenbei sei bemerkt, dass T ­ hukydides nicht allein anhand des Schlupflöcher-Motivs die Grenzen thematisiert, die Athens Macht zur See mitunter auferlegt waren. Von Beginn des Berichtes über die Revolte Mytilenes an verweist ­Thukydides auffallend oft auf die weiteren Schwierigkeiten, denen sich Athen in diesem Jahr 428 ausgesetzt sah.190 Das beginnt zunächst mit der nur zögerlichen Reaktion auf die ersten Nachrichten von der Revolte Mytilenes, die man in Athen nicht recht wahrhaben wollte (μὴ βούλεσθαι ἀληθῆ εἶναι), zum einen, weil man selbst doch noch von der Pest geschwächt war und der Krieg schon sehr an Athens Kräften zehrte, zum anderen (und entscheidender), weil die Mytilenaier noch ihre Flotte und ungeschmälerte Macht besaßen (ναυτικὸν ἔχουσαν καὶ δύναμιν ἀκέραιον) (3,3,1). Der Eindruck, den uns T ­ hukydides somit ganz zu Beginn des Berichtes von Athen vermittelt, ist keineswegs der einer schlagkräftigen, seebeherrschenden Großmacht, sondern vielmehr der einer Stadt, die schon nah an ihre Grenzen gelangt ist bzw. dies zumindest so empfindet. Darauf folgt der schlecht vorbereitete Gegenschlag mit einer eher kleinen, von ihrem ursprünglichen Einsatz kurzfristig abbeorderten Flotte von 40 Schiffen (3,3,2). Wenn dann die Mytilenaier in Olympia um die Unterstützung der Spartaner nachsuchen, so ist eines ihrer Argumente der Hinweis auf den angeblich desaströsen Zustand athenischer Macht und Finanzkraft (3,13,3–4); das wiederum lässt bei den Spartanern den Plan reifen, diese Gelegenheit zu nutzen und ­Attika in einer großangelegten Aktion zu Lande und zu Wasser anzugreifen (3,15). Die Athener wiederum erkennen, dass die Rüstung der Spartaner auf einer Gering189 Vgl. dazu Kagan (1974) 142. Drei Jahre später gelang es denjenigen Mytilenaiern, die von Lesbos entkommen waren und sich auf das kleinasiatische Festland zurückgezogen hatten, Söldner von der Peloponnes anzuwerben und mit ihrer Hilfe Rhoiteion am Hellespont und Antandros zu plündern bzw. zumindest kurzfristig zu besetzen (4,52,1), »which again shows«, so Lazenby (2004) 83, »how easy it was to circumvent Athenian sea power«. 190 Dazu Kagan (1974) 138–139.

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schätzung ihrer Leistungsfähigkeit beruht hat (διὰ κατάγνωσιν ἀσθενείας σφῶν παρασκευαζομένους) und antworten daher auch mit einer Gegenmaßnahme, die den Spartanern zeigen soll, dass sie einem Irrtum aufgesessen sind: In einer demonstrativen »Zurschaustellung« (ἐπίδειξις) ihrer Flottenmacht sammeln sie 100 Schiffe, um damit an der Küste der Peloponnes Angriffe zu unternehmen, »wo immer es ihnen beliebt« (ἀποβάσεις τῆς Πελοποννήσου ᾗ δοκοίη αὐτοῖς) (3,16,1).191 In gewisser Weise erscheint dieses, doch primär auf psychologische Wirkung bedachte Unternehmen wie der Versuch, das Versprechen des P ­ erikles (2,62,2) in die Tat umzusetzen und tatsächlich aller Welt zu beweisen, dass Athener segeln konnten, wohin sie wollten.192 Das Ganze hat insofern Erfolg, als dass sich die Spartaner besinnen und von dem Vorhaben ablassen (3,16,2). Schließlich folgt noch ­Thukydides’ eigene Einschätzung der Flottenstärke Athens zu dieser Zeit, mitsamt der (in der Forschung kontrovers diskutierten) Bemerkung, im Jahr 428 sei eine Gesamtzahl an Schiffen zu Wasser gelassen worden, die sogar größer gewesen sei als zu Beginn des Krieges, also auf der Höhe athenischer Leistungsfähigkeit zur See (3,17,1–2).193 Im Anschluss bemerkt­ Thukydides noch, die enormen Kosten, die der Unterhalt dieser Flotte verursachte, hätten langsam aber sicher Athens chrēmata aufgezehrt ­(3,17,3–4);194 aus diesem Grund (und auch wegen der gleichzeitigen Belagerungen Mytilenes und Plataias) musste in diesem Jahr zum ersten Mal eine Sondersteuer (eisphora) in der außerordentlichen Höhe von 200 Talenten erhoben werden (3,19,1), ein oft bemerkter Kontrast zu P ­ erikles’ Bemerkung in der Kriegsrede, nicht etwa solche Zwangssteuern (βίαιοι ἐσϕοραί), sondern die stetig angesammelten »Überschüsse« (περιουσίαι) seien ihm Krieg von Nutzen (1,141,5). Parallel zu den Berichten über die Schlupflöcher im Netz der Seeherrscher ist das Problem der konkreten Stärke und Leistungsfähigkeit Athens bzw. die Frage, wie sich die Wahrnehmung und die tatsächliche dynamis der Machtmittel zueinander verhalten, ein konstanter Subtext der Erzählung über den Abfall Mytilenes und die Reaktionen der Athener. Dabei vermischen sich in­ 191 Siehe etwa Kagan (1974) 138: »The enemy’s recent naval undertakings required that the Athenians reassert their supremacy at sea«. 192 Die Athener wollen den Spartanern dadurch »offenlegen« (δηλῶσαι, 3,16,1), wie stark sie tatsächlich sind; ­Perikles will den kriegsmüden Athenern in der dritten Rede das Geheimnis ihrer einzigartigen Stärke, nämlich ihre Seeherrschaft, »offenlegen« (δηλώσω, 2,62,1). Die Wiederholung mag Zufall sein, könnte aber ebenso auf eine Verwandtschaft beider Vorgänge hindeuten: Beide Male zielt die Zurschaustellung der Flottenmacht – einmal im Wort, einmal in der Tat – auf einen primär psychologischen Effekt ab. 193 Die Diskussion über Kapitel 17 braucht hier nicht weiter referiert zu werden; vgl. dazu Gomme, Andrewes u. Dover (1945–1981) II, 276–277 sowie Kallet-Marx (1993) 130–134, die sich mit guten Gründen für die Authentizität des Kapitels und dessen ›richtige‹ Platzierung an dieser Stelle ausspricht. So auch Rood (1998a) 123. 194 Dazu Kallet-Marx (1993) 132–134. Vgl. auch Rood (1998a) 123.

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Thukydides’ Darstellung bezeichnenderweise erneut die konkreten Belege für die Potenz der Machtmittel mit dem wiederholten Hinweis darauf, dass die subjektive Wahrnehmung von Stärke und Macht als ein Faktor berücksichtig werden muss, der seinerseits das Geschehen beeinflussen kann. So wird etwa die tatsächliche Effektivität der riesigen Flotte der Athener, die durchaus erfolgreich an der Peloponnes angreifen konnte, »wo immer sie wollte«, doch dadurch ein wenig in Frage gestellt, dass sie vor allem als ein »Schaustück« (ἐπίδειξις) beschrieben wird (3,16,1), das einen psychologischen Effekt bewirken sollte.195 Die nächste große epideixis seiner Flottenmacht (6,31,4; 6,47) wird für Athen zur größten aller Katastrophen führen,196 der Niederlage in Sizilien, die auch bewirken wird, dass die verzweifelten Athener schlussendlich ihrerseits den Glauben an das kratos der eigenen Schiffe verlieren (7,72,4).197 ­Thukydides kommentiert diese Problematik jedoch in Buch 3 nicht abschließend, sondern belässt es auch hier dabei, die unterschiedlichen Möglichkeiten zur Beurteilung und Messung von Macht anzubieten und dem Leser dadurch die notwendigen Hilfen an die Hand zu geben, selbst zu einem Urteil zu kommen. In diesen Kontext müssen auch die wiederholten Verweise auf die Schlupflöcher im Netz der Seeherrscher seit Beginn von Buch 3 eingeordnet werden. Für sich allein genommen könnten derartig knappe, teils nur beiläufige Bemerkungen doch kaum als Indizien dafür gelten, in diesen Kapiteln sei in den eigentlichen Ereignisbericht über die Revolte der Insel zugleich auch eine Erörterung der Grenzen maritimer Macht eingewoben. Innerhalb einer ausführlicheren Diskussion der Kriterien, nach denen Athens Macht überhaupt bemessen und bewertet werden kann, erhalten auch diese kurzen Schnappschüsse des alltäglichen Funktionierens bzw. Misslingens der Anwendung maritimer Macht zwangsläufig eine größere Bedeutung, stehen sie dann doch nicht mehr für sich, sondern ordnen sich ein in eine in diesen Passagen offenkundig zentrale Er­ örterung. Nicht nur der erfolgreiche Versuch der Athener, den Mytilenaiern das Meer zu versperren (3,6,2), will dabei dann berücksichtigt werden, sondern ebenso auch die Möglichkeit der Gegner, sich unentdeckt und ungehindert in Athens ›Seeherrschaftsgebiet‹ zu bewegen.

195 Dazu Kallet-Marx (1993) 134: »Against this unsettledness stands Athens’ impressive display of naval strength; but the effect is tempered by the sense that the Athenians were putting on  a show (ἐπίδειξις) to alter the Peloponnesians’ perception of Athens’­ dunamis.« Stahl (1966) 105 bezeichnet die Flottendemonstration gar als »Täuschungsmanöver«. Zu den wohl auch de facto hauptsächlich psychologisch motivierten Überfällen der Athener auf die Küsten der Peloponnes vgl. Westlake (1945) und Kagan (1974) 28–32. 196 Dazu auch Kallet (2001) 60–61. 197 Dazu ausführlich unten Kap. 4.2.3.

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Nach einem kurzen Schauplatzwechsel hin zur Belagerung Plataias (3,20–24) kehrt T ­ hukydides’ Bericht nach Mytilene zurück. Wiederum sind eine ungehinderte Fahrt eines Schiffes der Spartaner durch die Ägäis und das »unentdeckte« Erreichen Mytilenes dabei von Bedeutung: »Aus Sparta wurde zu Ende desselben Winters der Spartaner Salaithos auf einer Triere abgesandt nach Mytilene. Er fuhr nach Pyrrha und kam von dort zu Fuß bei einem Wildbach, wo sich die Umwallung übersteigen ließ, heimlich nach Mytilene hinein (διαλαθὼν ἐσέρχεται ἐς τὴν Μυτιλήνην) und meldete den Behörden, ein Einfall nach Attika stehe bevor und gleichzeitig werde das Hilfsgeschwader von vierzig Schiffen bei ihnen eintreffen« (3,25,1). Dass diese Fahrt gegen Ende des Winters (τοῦ αὐτοῦ χειμῶνος τελευτῶντος, 3,25,1), also am Rande der regulären Schifffahrtssaison,198 stattgefunden hat, mag eine Erklärung dafür sein, dass es Salaithos möglich war, Mytilene zu Wasser und zu Lande »unentdeckt« (διαλαθών) zu erreichen.199 Die knappe Bemerkung über Salaithos’ Botschaft ist nicht allein deshalb von Bedeutung, weil dadurch erneut thematisiert wird, dass zumindest einzelne Schiffe unbehelligt und von den Athenern unbemerkt die Ägäis durchqueren konnten,200 oder weil der Durchhaltewille und die Entschlossenheit der Mytilenaier durch seine Botschaft entscheidend gestärkt wurden (ἐθάρσουν, 3,25,2). Sie ist vielmehr wichtig, weil seine Zusicherung, bald würden noch 40 weitere Schiffe von der Peloponnes zur Verstärkung eintreffen (vgl. 3,16,3), einen wesentlichen Aspekt des gesamten weiteren Ereignisverlaufs vorwegnimmt, die Expedition der Flotte des Nauarchen Alkidas nach Ionien. Die Mission des Alkidas, der mit seiner Flotte von 40 Schiffen (3,26,1), der kleinsten, die die Spartaner und ihre Verbündeten bis dahin ausgeschickt hatten,201 noch rechtzeitig nach Mytilene gelangen sollte, um die Aufständischen gegen die Athener zu unterstützen, ist das Objekt ausgedehnter Diskussionen in der Forschung, was sich zu einem großen Teil ­Thukydides’ recht unvorteilhafter Darstellung des Spartaners verdankt: Alkidas erscheint nicht nur als ein Muster­beispiel spartanischer Zögerlichkeit, sondern habe durch seine ›trö198 Gemeint ist wohl Ende Februar 427; vgl. Gomme, Andrewes u. Dover (1945–1981) II, 287 (ad loc.). 199 Die Formulierung διαλαθὼν ἐσέρχεται ἐς τὴν Μυτιλήνην (3,25,1) bezieht sich nicht allein auf die Bewegung zu Lande (πεζῇ κατὰ χαράδραν τινά, ᾗ ὑπερβατὸν ἦν τὸ περι­ τείχισμα), sondern auf Salaithos’ gesamte Fahrt, also auch auf τριήρει … πλεύσας ἐς Πύρραν. 200 Vgl. dazu Lazenby (1987) 441. 201 In 3,26,1 ist von 42 Schiffen die Rede, in 3,16,3, 3,25,1 und 3,69,1 nur von 40; dazu Gomme, Andrewes u. Dover (1945–1981) II, 288 (ad 3,26,1). Zur Größe der Flotte vgl. auch Roisman (1987) 393, der das im Vergleich zu sonstigen Expeditionen (etwa 2,66; 2,80,3; 2,83,1; 2,86,4; 3,69,1; 4,2,2) geringe Kontingent mit der Unwilligkeit der Verbündeten Spartas erklärt, sich so weit abseits ihres eigentlichen Einflussgebietes im Nordwesten Griechenlands und im Golf von Korinth zu engagieren.

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delnde‹ Fahrt durch die Ägäis (3,29,1) auch jede Chance vertan, rechtzeitig auf Lesbos einzutreffen und so die Kapitulation Mytilenes noch zu verhindern (3,27,1). Die Figur und das Handeln des Alkidas müssen hier nicht neuerlicher Bewertung unterzogen werden.202 Wichtig ist in unserem Zusammen­hang etwas anderes: Zwar erscheint die Unternehmung des Alkidas in T ­ hukydides’ Darstellung zweifellos als ein Fehlschlag, als eine einmalige, aber vertane Chance der Spartaner, den Athenern dort zu schaden, wo deren Herrschaft wirklich empfindlich war (vgl. die Argumente der Mytilenaier in 3,13,5), und Alkidas selbst tritt aus der Erzählung geradezu als eine Art Gegenstück zu Brasidas hervor,203 als die Verkörperung all jener (Un-)Tugenden, die die Spartaner für die Athener letztlich zum ›passendsten aller Feinde‹ werden ließen,204 wie ­Thukydides noch gegen Ende des Werkes resümieren kann (8,96,5). Und dennoch lässt sich der Bericht über Alkidas’ Fahrt nach Ionien und das Auftauchen der peloponnesischen Flotte in diesen Gewässern auch anders lesen, nämlich als ein dezenter Hinweis darauf, dass selbst ein so zögerlicher Admiral wie Alkidas, der schließlich sogar mit seinen Schiffen vor den Athenern fliehen musste (3,33,1), es gleichwohl schaffen konnte, unbemerkt die Ägäis – und damit athenisches ›Seeherrschaftsgebiet‹ – zu durchqueren, auf mehreren Inseln Halt zu machen, die zum athenischen ›Seereich‹ gehörten, sich in den Gewässern Ioniens frei zu bewegen und schlussendlich zwar erfolglos, aber immerhin, ohne auch nur ein Schiff verloren zu haben, heil zur Peloponnes zurückzukehren.205 Auch Alkidas’ Fahrt nach Ionien und das Operieren seiner Flotte in den dortigen Gewässern lassen sich dadurch wie eine einzige große Demonstration der vielen Schlupflöcher lesen, gegen die eine Seeherrschaft fast zwangsläufig machtlos war. Zunächst beschreibt T ­ hukydides im Rückblick die zwar zögerliche, aber dennoch erfolgreiche Überfahrt der Flotte nach Ionien, immerhin mehrere Tage, während derer die Athener keine Kunde von den in ihrem Einflussgebiet segelnden feindlichen Schiffen erhielten: Die Peloponnesier in den vierzig Schiffen, die so eilig hätten eintreffen sollen, hielten sich erst bei der Fahrt noch am Peloponnes auf, ließen sich auch Zeit bei der 202 Siehe dazu vor allem die ausführliche Diskussion bei Roisman (1987), der versucht, Alkidas gegen die negative Darstellung des ­Thukydides und die communis opinio der Forschung zu verteidigen. Ähnlich auch das Urteil von Lazenby (2004) 53. Zur üblichen Beurteilung der Figur des Nauarchen etwa Stahl (1966) 109; Kagan (1974) 151; Lateiner (1975) 182. 203 Vgl. Roisman (1987) 411–419 mit der Vermutung, ­Thukydides’ negative Darstellung des Alkidas lasse sich auf Quellen und Informationen aus dem Umfeld des Brasidas zurückführen. 204 Vgl. Baltrusch (2011) zum Sparta-Bild des ­Thukydides. 205 Diesen ›Erfolg‹ des Unternehmens betont auch Roisman (1987) 403.

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Weiterfahrt und gelangten so unbemerkt von den Athenern in der Stadt (τοὺς μὲν ἐκ τῆς πόλεως Ἀθηναίους λανθάνουσι) bis auf die Höhe von Delos, und wie sie von da in Ikaros und Mykonos anlegten, bekamen sie die erste Nachricht, dass Mytilene gefallen sei. Um sich zu vergewissern, fuhren sie nach Embaton bei E ­ rythrai – es waren etwa sieben Tage seit dem Fall der Stadt, dass sie in Embaton landeten. (3,29,1–2)

Alkidas ließ seine Flotte nicht etwa den sicheren Umweg durch die südliche Ägäis über Kreta und damit jenseits des engeren athenischen Einflussbereiches wählen, wie es die Spartaner dann im Verlauf des Krieges durchaus taten (8,39,3–4) und wie es auch die Melier des Melierdialoges als eine Möglichkeit beschreiben, Athens Seeherrschaft zu entgehen (5,110,1), sondern segelte allem Anschein nach entlang der Standardroute über die Kykladen,206 offenbar ohne größere Furcht vor Entdeckung.207 Dass die Athener davon nichts ahnten (τούς … Ἀθηναίους λανθάνουσι), Alkidas und die peloponnesische Flotte somit mitten durch den Inselbezirk des Seebundes segeln konnten,208 ohne entdeckt zu werden, wird auch hier ausdrücklich vermerkt.209 Hierin scheint mir eine mögliche weitere, wenn auch nur unterschwellige Funktion der Bemerkungen über die Größe und Reichweite der im Jahr 428 einsatzbereiten athenischen Flotte zuvor (3,16,1 und 3,17,1) zu liegen: Sie verstärken den Kontrast, der zwischen der Seemacht Athens, wie sie sich in der – vor allem auf Demoralisierung der Gegner zielenden – Fahrt um die Peloponnes manifestierte, und der dann folgenden Demonstration der Durchlässigkeit der Ägäis für eine Flotte, die die vorhandenen Schlupflöcher zu nutzen weiß, entsteht. 206 Dazu J. Wilson (1981) 160; Roisman (1987) 392. Zur Bedeutung der Kykladen für den Seebund vgl. Rutishauser (2012) Kap. 4. 207 Siehe Roisman (1987) 392. In ­Thukydides’ Bericht spielt bezeichnenderweise die Furcht vor Entdeckung während der Fahrt nach Ionien noch keine Rolle für Alkidas. 208 Zur Bedeutung der Inseln der Ägäis für den athenischen ›Imperialismus‹ vgl. generell Constantakopoulou (2007) Kap. 3. 209 Es ist nicht ganz klar, was bzw. wer mit den ἐκ τῆς πόλεως Ἀθηναῖοι in 3,29 gemeint ist: Die Vermutung, es könnte sich dabei um die in 3,16,1 genannten 100 Schiffe der Athener handeln, wird von Classen u. Steup (1963) III, 52 (ad loc.) zurückgewiesen, im Anschluss an die ausführliche Widerlegung dieser Annahme durch Müller-Strübing (1881) 117–122, bes. 121–122: »Denn die Athener in der Stadt und namentlich im Peiraieus, der hier natürlich mit zu verstehen ist, hatten immer ihre Aufmerksamkeit auf die See und das, was auf ihr vorging, gerichtet. Aber diese sind doch nicht allein gemeint, zu diesen ἐκ τῆς πόλεως Ἀθημαίοις gehören auch die beständig aus- und einfahrenden Lootsen, die Kreuzer, ja auch die an wichtigen Punkten ein- und für allemal stationirten Wachtschiffe, z. B. an der Südspitze von Salamis […]. Diese alle sind mit zu verstehen unter den ἐκ τῆς πόλεως Ἀθηναῖοι, denn sie hätten ja Alarm in der Stadt geben und zur schleunigen Verfolgung der feindlichen Schiffe veranlassen können, was Alkidas natürlich vermeiden wollte.« So auch Gomme, Andrewes u. Dover (1945–1981) II, 291 (ad loc.).

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In ­Thukydides’ Bericht folgt auf die Beschreibung der Route, die die Flotte des Alkidas nach Ionien genommen hatte, zunächst die kurze Rede eines ansonsten unbekannten Eleers namens Teutiaplos.210 In starkem Kontrast zur Zögerlichkeit des Alkidas empfiehlt er, trotz der Kapitulation Mytilenes die Gunst des Augenblicks zu nutzen, und  – solange die Anwesenheit der Flotte »noch nicht entdeckt« sei (πρὶν ἐκπύστους γενέσθαι)  – einen Überraschungsangriff auf Mytilene zu wagen, hätten die Athener die Stadt doch im Hochgefühl ihres Erfolges »unbewacht« (ἀϕύλακτος) gelassen, »zur See schon gar, wo sie einer feindlichen Dazwischenkunft am wenigsten gewärtig sind« (3,30,1–2). Alkidas lehnte dies jedoch ab, da er es vorzog, nun, da die Mission ihr Ziel nicht mehr erreichen konnte, lieber gleich umzukehren. Die Ähnlichkeit, die dieser kühne und vielleicht durchaus erfolgversprechende Vorschlag mit dem von den Megarern initiierten, im vorigen Kapitel behandelten Plan eines Überraschungsangriffes auf den Peiraieus zwei Jahre zuvor besitzt, bis in einzelne Formulierungen hinein, wurden schon oft ge­ sehen.211 Beide Episoden verbindet, dass sich ihre Bedeutung für ­Thukydides’ Bericht nicht allein in der Vergegenwärtigung ›typisch‹ spartanischer Zögerlichkeit angesichts der Chancen riskanter Unternehmen erschöpft; diese Ebene ist zwar gewiss enthalten,212 aber sie ist nicht die einzige Verständnismöglichkeit. Beide Geschehenszusammenhänge  – Alkidas’ Flottenunternehmen bzw. den kühnen Vorschlag des Teutiaplos und den geplanten Überfall auf den Peiraieus zwei Jahre zuvor – verbindet darüber hinaus, dass durch den wiederholt eingefügten Verweis auf die tatsächlichen Möglichkeiten und Chancen der Aktionen der nicht nur anders vorstellbare, sondern unter etwas anderen Umständen auch konkret anders mögliche Geschehensablauf akzentuiert,213 dadurch aber dem historischen Bericht seine ›Geschlossenheit‹ genommen und die ganz ›natürlich‹ gegebene Möglichkeit eines anderen Endes betont wird.214 Mehrfach, nicht allein in Teutiaplos’ Vorschlägen, deutet ­Thukydides doch das Potential an, das Alkidas’ Expedition grundsätzlich innewohnte, durch das Zögern des Nauarchen jedoch verschenkt wurde (3,30,1). Das Übersetzen der Flotte nach Ionien, ihre unentdeckte Fahrt mitten durch den Kernbereich athenischer Seeherrschaft, ihr lange Zeit ungehindertes Segeln an der kleinasiatischen Küste entlang, all das verdeutlicht doch auch, was de facto möglich war, welche nicht nur potentiellen, sondern ganz tatsächlichen Schwachstellen und Schlupflöcher eine Seeherrschaft kannte. Ob Alkidas im Fall seines früheren Eintreffens auf Lesbos die Kapitulation Mytilenes noch hätte verhindern können, lässt sich 210 211 212 213 214

Dazu ausführlich Lateiner (1975); vgl. auch Erbse (1979b) 231–232. Siehe Lateiner (1975) 176–177; Roisman (1987) 412–413. So besonders nachdrücklich vertreten von Lateiner (1975). Siehe Lateiner (1975) 180; Erbse (1979b) 231–232. Vgl. zu dieser Methode des ­Thukydides besonders Grethlein (2010b) 32–34.

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kaum sagen, ist hier aber auch nicht entscheidend. Wichtig ist vielmehr, dass seine Mission selbst angesichts ihres schlussendlichen Misserfolges bewiesen hatte, wie durchlässig athenische Seeherrschaft mitunter sein konnte, wenn man sich darauf verstand, die zwangsläufigen Schwachstellen einer Seemacht, die gar nicht zu vermeiden waren, weil sie in der Natur des antiken Seewesens lagen, auszunutzen. ­Thukydides’ Bericht über die Fahrt des peloponnesischen Kontingents nach Ionien kulminiert in zwei Bemerkungen, die – und auch das verbindet sie mit der im vorigen Kapitel untersuchten Episode – wiederum den Aspekt der Selbstund Fremdwahrnehmung von Seeherrschaft, ein primär psychologisches Moment also, in die Erzählung einbringen. Alkidas schenkte den Ideen des Teutiaplos ja kein Gehör, ebenso wenig wie den Vorschlägen einiger Ionier und Lesbier, die ihn anstacheln wollten, andernorts in Ionien Aufstände anzufachen, sondern wollte  – so ­Thukydides  – schnellstmöglich zur Peloponnes zurückkehren (3,31). Es folgt ein Bericht über die Hinrichtung von Gefangenen, die Alkidas gemacht hatte, sowie die Kritik, die er sich deswegen seitens samischer Gesandter anhören musste (3,32,1–2). T ­ hukydides’ anschließende Erklärung, wie Alkidas überhaupt zu diesen Gefangenen gekommen war, ist dann weniger ein bloßer Faktenbericht als vielmehr ein Hinweis auf die vielfältigen Erwartungen und Ansprüche, die um den Status und die Möglichkeiten der Seeherrschaft kreisten: Niemand war nämlich vorm Anblick dieser Schiffe geflohen, die Leute nahten sich ihnen vielmehr als attischen und waren nicht im mindesten darauf gefasst, wo Athen das Meer beherrschte, dass peloponnesische Schiffe je nach Ionien übersetzen könnten (ἐλπίδα οὐδὲ τὴν ἐλαχίστην εἶχον μή ποτε Ἀθηναίων τῆς θαλάσσης κρατούντων ναῦς Πελοποννησίων ἐς Ἰωνίαν παραβαλεῖν). (3,32,3)215

Zunächst ist festzuhalten, dass das Faktum der erfolgreichen Überfahrt des Alkidas nach Ionien von ­Thukydides in einen expliziten Kontrast zur Annahme funktionierender athenischer Seeherrschaft (Ἀθηναίων τῆς θαλάσσης κρατούντων) gesetzt wird. Da T ­ hukydides auch sonst im Werk die Seeherrschafts-Terminologie durchaus bewusst und mit gestalterischer Absicht einsetzt,216 ist das Auftauchen der Formulierung an dieser Stelle, an der sie ja keineswegs durch den Kontext zwingend nötig erscheint, nicht als selbstverständlich zu betrachten. Durch diesen expliziten Verweis auf die Athens Seeherrschaft, die die Ionier als eine Selbstverständlichkeit erachtet hätten, ist hier 215 Vgl. dazu auch 8,28,2: Peloponnesische Schiffe attackierten auf Anraten des persischen Satrapen Tissaphernes das karische Iasos, dessen Bewohner die sich nähernden Schiffe wie selbstverständlich für athenische hielten (οὐ προσδεχομένων ἀλλ’ ἢ Ἀττικὰς τὰς ναῦς εἶναι). 216 Vgl. Gardiner (1969) sowie oben Kap. 3.1.

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gegen Ende des Berichtes eine Kontrastfolie geschaffen, vor der die Tatsache der unentdeckten Fahrt der spartanischen Flotte mitten hinein in das Kerngebiet des Seebundes, »the home riding of the empire«,217 als die Andeutung einer weiteren Antithese zur Vorstellung unumschränkter, absoluter athenischer Überlegenheit zur See erscheinen muss. Doch wer geht überhaupt davon aus, Athen habe in diesem Moment das Meer beherrscht? T ­ hukydides selbst jedenfalls nicht zwingend, denn er formuliert hier doch nicht etwa (oder zumindest nicht primär) seine Sicht der Dinge, sondern schildert die Erwartungen der Bewohner ionischer Küstenstädte aus de­ ren Perspektive,218 berichtet das Geschehen somit aus der Perspektive und Vorstellungswelt derjenigen,219 die die Flotte des Alkidas einlaufen sahen und die aus gewissen, ihnen subjektiv naheliegenden Gründen nicht damit rechneten, im Netz athenischer Seeherrschaft könnten peloponnesische Schiffe überhaupt ­ hukydides ist hier der Auffassung, Athen ein Durchkommen finden.220 Nicht T beherrsche das Meer, sondern die Ionier des Jahres 427 waren es, eine durchaus wichtige Unterscheidung, die es auch in anderen Partien des Werkes zu beachten gilt.221 Woher ­Thukydides deren Gedanken erfahren haben könnte, braucht an dieser Stelle nicht weiter zu interessieren. Entscheidend ist vielmehr, dass Seeherrschaft, dem durchweg ambivalenten Grundtenor der Kapitel in der Darstellung athenischer dynamis entsprechend, als ein grundsätzlich perspektivisch bedingtes, als ein nicht allein faktisches, sondern immer auch von Wahrnehmungen und subjektiven Auffassungen geprägtes Phänomen erscheint und sich T ­ hukydides selbst als Erzähler eines abschließenden Kommentars enthält. Dass Athens Anspruch auf die Beherrschung des Meeres spätestens seit der dritten P ­ eriklesrede (2,62,2) als Folie des Geschehens zur See bei T ­ hukydides immer mitzudenken ist, wurde bereits deutlich. Der Beginn von Buch 3 bietet 217 Die Formulierung von Meritt, Wade-Gery u. McGregor (1939) 526. 218 Zur Bedeutung von Perspektivwechseln in den Berichten über Alkidas’ Mission und den Abfall von Mytilene vgl. Grethlein (2013) 107–109. 219 In der Terminologie der Narratologie ist dies ein Akt der ›Fokalisierung‹. Bei dem kurzen Perspektivwechsel in 3,32,3 handelt es sich um eine ›interne Fokalisierung‹: Der Erzähler (­Thukydides) spricht zwar, schildert jedoch aus der subjektiv begrenzten, perspektivischen Wahrnehmung der Figuren seines Textes. Vgl. zu diesem Konzept allgemein Bal (2009) 145–165; zur Anwendbarkeit und Problematik des Konzeptes am Beispiel von ­Thukydides vgl. Rood (1998a) 294–296 sowie Hornblower (2011a) 62. Vgl. zur generellen Bedeutung dieses Darstellungsmittels in historiographischen Texten auch Pausch (2011) 140–157. 220 Vgl. dazu die Bemerkung von Constantakopoulou (2007) 86: »The Ephesian episode, in particular, implies that this possibility of  a ›leaky sea‹ through which enemy ships­ avoided Athenian detection was almost unthinkable for the Aegean Greeks.« 221 Dem Wortgebrauch nach spricht T ­ hukydides nur siebenmal in eigener Person von Seeherrschaft (1,4; 1,13,6; 1,30,2; 1,30,3; 1,117,1; 8,38,2; 8,63,1); nur einmal (8,38,2) bezieht er sich dabei auf Athen.

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dann ein zusätzliches Verständnisspektrum an: Dort die stolze Flottenschau der Athener (3,16,1), hier die vielen kleinen Schlupflöcher der Seemacht; dort die erfolgreiche Versperrung des Meeres durch Athen (3,6,2), hier nun schlussendlich die rein psychologisch erklärte Reaktion der ionischen Küstenbewohner, sich den ankommenden Schiffen völlig furchtlos genähert zu haben, weil ja niemals (μή ποτε) zu erwarten gewesen sei, dass angesichts athenischer Seeherrschaft peloponnesische Schiffe nach Ionien vordringen könnten – innerhalb dieser Pole muss sich die Einschätzung von (athenischer) Seeherrschaft entwickeln. Für die Ionier stellt die ganz unmittelbare Widerlegung ihrer Annahmen ihre Gefangennahme dar, für den Leser jedoch auch der gesamte vorherige Bericht, der ihn – allem Zögern des Alkidas zum Trotz – gerade daran teilhaben lässt, dass und wie spartanische Schiffe sich nach Ionien wagen konnten, womit gerade der Absolutheit der Überzeugung und Erwartung der Ionier widersprochen ist. Die kurzfristig eingenommene Perspektive der Ionier, spartanische Schiffe könnten wegen athenischer Seeherrschaft gar nicht in ihren Gewässern auftauchen, bietet dem Leser die Möglichkeit, gewissermaßen selbst deren Position einzunehmen und sich die Frage zu stellen,222 ob eine Seeherrschaft den in dieser Überzeugung doch implizit vorausgesetzten Grad an Kontrolle und ›Beherrschung‹ ­ hukydides die Formudes Meeres überhaupt garantieren kann.223 Auch wenn T lierung hier nicht gebraucht, so lässt sich das Erstaunen der Ionier angesichts der unerwarteten Schiffe als ein weiteres Beispiel jener Ereignisse im Werk ansehen, die – zumindest aus der Perspektive der Beteiligten – ›wider alle Erwartung‹ und damit letztlich παρὰ λόγον eingetreten sind, ein prägendes Motiv der Darstellung,224 auf das im weiteren Verlauf der Untersuchung noch näher eingegangen werden wird.225 Aus der in diesen Abläufen offenbaren Diskrepanz zwischen den Erwartungen und dem teils gegen­läufigen Geschehensablauf gewinnt die historische Analyse des ­Thukydides große Teile ihres Potentials, schwingt doch dabei immer die Frage mit, auf welchen Einschätzungen diese Erwartun-

222 Die subjektive Nachvollziehbarkeit der Situation wird durch die Unmittelbarkeit des Sinneseindrucks, an dem ­Thukydides teilhaben lässt und den er als Erklärung des Verhaltens der Ionier anführt (ὁρῶντες γὰρ τὰς ναῦς), noch verstärkt. Zur stärkeren Einbeziehung des Lesers, die durch interne Fokalisierung erreicht wird, vgl. Pausch (2011) 156 sowie speziell zu ­Thukydides Morrison (2006) 13: »Quite frequently, however, Thucydides chooses to invite us to view the action from the point of view of a particular figure or group; indeed, his success in engaging his reader in large part derives from such embedded focalization.« 223 Vgl. dazu auch Grethlein (2013) 108–109 (zu 3,32,3): »This incident illustrates the unexpectedness of a Peloponnesian intervention in Ionia just as the focalisation of the events through Paches underscores its potential to damage the Athenian empire«. 224 Siehe dazu Finley (1967) 140–149; Luschnat (1970) 1254–1255. 225 Siehe unten Kap. 4.2.3.

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gen basierten und wie diese Grundlagen einer Überlegung vom tatsächlich eingetretenen Ergebnis her zu beurteilen sind. Eine letzte Notiz des ­Thukydides, eingeschoben unmittelbar vor dem berühmten Rededuell zwischen Kleon und Diodotos, verleiht der vorherigen Darlegung der Bedeutung dieser spartanischen Expedition noch eine weitere Facette, die wiederum das Moment der Erwartungen, des Anspruchsdenkens und der Selbstwahrnehmung akzentuiert. Nach der Kapitulation Mytilenes berieten die Athener in der Volksversammlung über das weitere Schicksal der Stadt und beschlossen im Zorn (ὑπὸ ὀργῆς), nicht nur, die sie hatten, umzubringen, sondern gleich die sämtlichen erwachsenen Mytilener, und Frauen und Kinder als Sklaven zu verkaufen; dies zur Strafe für den ganzen Abfall überhaupt, dessen sie sich erkühnt, statt die Herrschaft hinzunehmen wie andere, vor allem aber trugen zu dem stürmischen Vorgehen die peloponnesischen Schiffe bei, die sich zu ihrer Unterstützung bis nach Ionien vorgewagt hätten (προσξυνελάβοντο οὐκ ἐλάχιστον τῆς ὁρμῆς αἱ Πελοποννησίων νῆες ἐς Ἰωνίαν ἐκείνοις βοηθοὶ τολμήσασαι παρακινδυνεῦσαι) […]. (3,36,2)

Auch hier bietet T ­ hukydides die Möglichkeit an, eine andere Perspektive auf die Aktion der Spartaner einzunehmen, indem er den Fokus wiederum auf die subjektiven Reaktionen der Beteiligten bzw. Betroffenen, in diesem Fall nun der Athener, richtet. Das Unternehmen des Alkidas mag ein Fehlschlag gewesen sein, Mytilene musste kapitulieren, Alkidas selbst war schließlich vor Paches und den Schiffen der Athener geflohen (3,33,2), nachdem er von den »gerade zufällig« (ἔτυχον) von Athen her segelnden Staatstrieren Salaminia und Parolos gesichtet worden war (3,33,1). Zugleich lässt die Bemerkung über die Gründe der Athener für ihre hormē erkennen,226 dass aus ihrer Sicht etwas in der Tat Ungeheuerliches geschehen war, völlig unabhängig vom tatsächlichen Erfolg bzw. Misserfolg der Mission: Wie die Bewohner der ionischen Küstenstädte hatten auch die Athener selbst es allem Anschein nach nicht für möglich gehalten, dass Ἀθηναίων τῆς θαλάσσης κρατούντων peloponnesische Schiffe überhaupt je nach Ionien übersetzen könnten,227 denn nur auf Basis dieser ursprünglichen Erwartung kann verständlich werden, weshalb sie das bloße Faktum der Überfahrt der Schiffe so sehr in Aufruhr versetzte. Wie bereits im Fall des fast erfolgten Angriffs auf den Peiraieus greift­ Thukydides auch hier zu dem effektvollen Mittel, die potentielle, von den Beteiligten empfundene Bedeutung eines Geschehens durch die unmittelbare Re226 Zu ὁρμή bei ­Thukydides vgl. Huart (1968) 415–416 Anm. 5. 227 Vgl. auch Roisman (1987) 401 Anm. 54 mit der Vermutung, das anfängliche Zögern des Paches, die Verfolgung der peloponnesischen Schiffe aufzunehmen (3,33,2–3), könnte auf demselben Glauben beruht haben, eine Flotte der Spartaner könne niemals so nahe sein, den auch die Ionier zeigten.

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aktion darauf zu verdeutlichen, dort die Panik (ekplēxis), so groß wie keine zweite während des Krieges (2,94,1), hier nun die orgē und hormē der Athener angesichts des ›ungebührlichen‹ Verhaltens der Mytilenaier und vor allem (οὐκ ἐλάχιστον) des unerwarteten Wagemuts der Spartaner (3,36,2).228 Wichtig ist daran vor allem zweierlei: Zum einen gelingt es ­Thukydides dadurch, die im Bericht über das tatsächlich erfolgte Geschehen leicht übersehbare Bedrohung für das Selbstbild und die Selbstwahrnehmung der Beteiligten deutlich zu machen. Das hat im Kontext des Werkes schon allein deshalb besondere Relevanz, weil der Status der Athener als Seeherrscher keineswegs nur ein objektivierbares Faktum ist, messbar (wie etwa in 3,16,1) an der Größe von Schiffskontingenten und ungehinderter Fahrt, sondern von Beginn an auch als eine Frage der Selbstwahrnehmung und der ›nationalen‹ Identität erscheint: Themistokles muss die Athener doch erst von ihrer ›kühnen‹ Neuorientierung zur See überzeugen (1,93,4), ­Perikles muss sie auffordern, sich so weit als möglich in die Position von Inselbewohnern ›hineinzudenken‹, um die ›Größe‹ des τῆς θαλάσσης κράτος vollauf zu begreifen (1,143,4–5). Man kann wohl sogar behaupten, dass dieser Aspekt – abgesehen einmal von der Archäologie, die auch in dieser Hinsicht eine Sonderstellung einnimmt – in ­Thukydides’ Behandlung des Themas Seeherrschaft und seiner historischen Analyse weitaus wichtiger ist als die Darstellung von Seeschlachten und Flottenbewegungen. Indem er demonstriert, dass ein Ereignis wie die Fahrt des Alkidas, so erfolglos sie auch gewesen sein mag, exakt jenes Selbstbild, das die Protagonisten des Werkes zuvor in den Büchern 1 und 2 mühsam aufgebaut hatten, zwar nicht erschüttern, aber doch herausfordern, vielleicht auch (in den Augen mancher Ionier ganz gewiss) widerlegen konnte,229 verleiht er seinem Bericht eine über das rein Faktische hinausgehende Dimension. In diesem Kontext wiegt die Tatsache der erfolgten und ungehinderten Fahrt nach Ionien deutlich schwerer; immerhin beschreibt­ Thukydides die Entrüstung über diese Fahrt als einen der Gründe, die die Athener zu ihrer ersten Entscheidung über Mytilene veranlassten, bekanntermaßen eines der Beispiele schlechthin für die ›imperiale Aggression‹ athenischer Macht im Werk. Zum anderen ist es ja nicht in erster Linie das Faktum des Abfalls der Stadt allein oder die Hilfeleistung der Spartaner für Mytilene, wodurch die Athener ­Thukydides zufolge so sehr in Aufruhr versetzt wurden, dass sie sich voller Zorn zu ihrer überharten Entscheidung hinreißen ließen, sondern es sind die Schiffe selbst und vor allem deren »Kühnheit«, eine Überfahrt nach Ionien 228 Zu ὀργή vgl. Huart (1968) 156–162. 229 Rood (1998a) 129–130 vergleicht diese Reaktion der Athener mit derjenigen der Peloponnesier nach der Niederlage in der ersten Seeschlacht bei Naupaktos, die – da sie unerwartet geschah und kaum begreiflich war – ebenfalls zu orgē führte (2,85,2).

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überhaupt gewagt zu haben (αἱ Πελοποννησίων νῆες ἐς Ἰωνίαν … τολμήσασαι παρακινδυνεῦσαι), die in den Augen der Athener als der eigentliche Frevel erscheinen (3,36,2). Die Schiffe selbst, also Seemacht in ihrer konkretesten Verkörperung, erscheinen hier als die handelnden Subjekte einer gegen Athens Interessen und Anspruch gerichteten kühnen Aktion, was den Fokus unweigerlich weniger auf individuelle Entscheidungen, das Verhalten des Kommandanten oder die Zielsetzung des gesamten Unternehmens richtet, sondern vielmehr die Überfahrt selbst, also die wagemutige Leistung zur See, hervorhebt.230 Die Spartaner haben es dadurch in gewisser Weise gewagt, sich wie Athener zu verhalten,231 indem sie  – von der Zögerlichkeit ihres Admirals einmal abgesehen  – durch dieses Unternehmen die ihnen eigentlich fremde Kühnheit und offensiven Wagemut zeigten und demonstrierten, dass auch sie über kratos zur See verfügen können; denn nichts anderes als kratos zur See ist es doch im Grunde, wenn es gelingt, das Meer gegen die Interessen des Gegners zu nutzen.232 Darüber hinaus lenkt T ­ hukydides’ Formulierung den Blick auch auf die Tatsache der Überquerung der Ägäis, weniger auf das Moment des Auftauchens der Schiffe an der ionischen Küste. Der Kontrast besteht zwischen αἱ Πελοποννησίων νῆες und ἐς Ἰωνίαν; alles, was geographisch dazwischenliegt, also der Kernbereich athenischer Seeherrschaft, der Inselbezirk des Seebundes,233 wurde mittels spartanischer tolma in riskanter Weise ge­ meistert, ein Umstand, der sowohl den Seeherrschern selbst (3,36,2) wie auch denen, die in deren ›Seeherrschaftsgebiet‹ lebten und die wie selbstverständlich an die Möglichkeiten athenischer Seemacht glaubten (3,32,3), unbegreiflich erschien. Der Bericht über den Abfall Mytilenes eröffnet somit die Möglichkeit, Athens Seeherrschaft von verschiedenen Perspektiven aus zu beurteilen, anhand einzelner Erfolge und Misserfolge, mittels der Thematisierung der Grenzen und Möglichkeiten einer Seemacht im konkreten Einsatz sowie nicht zuletzt auch durch die Eröffnung subjektiver Perspektiven auf die Angemessenheit der Selbst- und Fremdwahrnehmung als ›Seeherrscher‹.234 Was im Bericht über den Abfall My230 Die Gefahren des Unternehmens (»small size, distance from friendly shore, and lack of experience«) und die Kühnheit der Spartaner betont Roisman (1987) 403. 231 Siehe Rood (1998a) 129 mit Anm. 76 (»τολμήσασαι παρακινδυνεῦσαι suggests that they think their own attributes have been appropriated by the enemy«). 232 Siehe oben Kap. 3.1. 233 Tatsächlich durchquerte Alkidas mit seiner Flotte nicht allein den Inselbezirk, sondern auch den ionischen Bezirk und damit ein weiteres Kerngebiet athenischer Bundesorganisation. 234 Gegen Ende von Buch 3 erwähnt ­Thukydides noch, auf der Rückfahrt nach Athen von Nordwestgriechenland (Akarnanien) aus sei ein Schiff voller erbeuteter Waffen gekapert worden (3,114,1), Lazenby (2004) 66 zufolge »another indication of how impotent sea power could sometimes be«.

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tilenes jedoch über mehr als 30 Kapitel hinweg entwickelt wird, das findet sich im nächsten Geschehenszusammenhang, der nun untersucht werden wird, auf zwei kurze Passagen verknappt; die Botschaft ist dabei aber dieselbe, eine Sensibilisierung für die mögliche Diskrepanz zwischen Anspruch und Wirklichkeit von Seeherrschaft. 4.2.2.2 Die Quadrupelallianz von 420 (5,47 und 5,56) Im Sommer 420 v. Chr., zur Zeit des Nikiasfriedens, schloss Athen einen Friedens- und Bündnisvertrag mit drei Städten der Peloponnes  – Argos, Mantineia und Elis –, dessen Wortlaut ­Thukydides überliefert (5,47); Fragmente des Vertragstextes sind zudem inschriftlich erhalten (IG I3 83) und konnten durch­ Thukydides’ Version rekonstruiert werden.235 Die vertragsrechtlichen Details der Vereinbarung brauchen hier ebenso wenig behandelt zu werden wie die weiteren historischen Bedingungen und Folgen des Bündnisses.236 Von Bedeutung ist hingegen die zweimalige Erwähnung des Meeres im Vertragstext. Zunächst wird, den Gepflogenheiten solcher Texte folgend, der Geltungsbereich der spon­ dai »zu Lande und zu Wasser« festgelegt (καὶ κατὰ γῆν καὶ κατὰ θάλασσαν, 5,47,1). Hierbei handelt es sich um eine in solchen Verträgen völlig übliche Formel, mit der ein allgemeiner Geltungsbereich der folgenden Vereinbarungen angekündigt wird;237 etwas Spezifischeres, gar eine konkrete Erwartung, was die Vertragsparteien zu leisten hatten, ist damit nicht ausgedrückt. Weitaus bemerkenswerter ist hingegen die zweite Erwähnung des Meeres im weiteren Verlauf des Textes, in dem den spondai folgenden Symmachievertrag,238 wird darin doch eine ganz konkrete Handlungserwartung bezüglich der Vertragspartner formuliert: Bewaffneten sollen sie nicht erlauben, zum Kriege durchzuziehn durch ihr eigenes Land noch durch das der Verbündeten, die sie beidseits beherrschen, auch nicht zur See (διὰ τῆς γῆς τῆς σϕετέρας αὐτῶν καὶ τῶν ξυμμάχων ὧν ἄρχουσιν ἕκαστοι, μηδὲ κατὰ θάλασσαν), wenn nicht alle Städte den Durchmarsch beschlossen haben, Athen, Argos, Mantineia und Elis. (5,47,5)

Beide Seiten des Vertrages, Athen und die drei Städte der Peloponnes, sicherten also zu, dass nur im Fall einer gemeinsamen Übereinkunft bewaffnete Streitkräfte durch ihr jeweiliges Territorium (γῆ σϕετέρα) und das ihrer Bun235 Vgl. dazu Hornblower (1991–2008) III, 109–112. 236 Zum Vertragstext selbst und zum historischen Hintergrund vgl. neben den Kommenta­ ren von Gomme, Andrewes u. Dover (1945–1981) IV, 54–63 und Hornblower ­(1991–2008) III, 109–120 vor allem Kirchhoff (1895) 86–102, Cohen (1956) sowie zur völkerrechtlichen Einordnung Baltrusch (1994) 76–82. 237 Vgl. zur Formel κατὰ γῆν καὶ κατὰ θάλασσαν Momigliano (1942) 62–63. 238 Dazu generell Kirchhoff (1895) 90; Baltrusch (1994) 77.

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desgenossen ziehen dürfen, wobei noch zusätzlich vermerkt wird, dass diese Bestimmung nicht nur für das Gebiet zu Lande, sondern auch das Meer Geltung hat. Schon Kirchhoff hat vermutet, der nachgeschobene Zusatz μηδὲ κατὰ θάλασσαν sei eine dem ursprünglichen Vertragsentwurf fremde Ergänzung, mache die stilistisch etwas unbeholfene Formulierung doch »ganz den Eindruck eines redactionellen Zusatzes, welcher auf Verlangen der alleinigen Interessenten, nämlich der Argiver, nachträglich hinzugefügt wurde, nachdem die ursprüngliche Fassung diejenige Eventualität, für welche er offenbar berechnet ist, unberücksichtigt gelassen hatte«.239 Es kann in der Tat kaum ein Zweifel daran bestehen, dass der Zusatz μηδὲ κατὰ θάλασσαν vor allem eine Handlungsaufforderung an die Athener darstellen sollte, die durch das – in diesem Vertrag zudem erstmalig formulierte – Durchzugsverbot in die Pflicht genommen wurden,240 ihre Bündnispartner, vor allem wohl Argos, im Fall eines Konfliktes mit den Städten der Argolis vor einem Eingreifen der Spartaner auf dem Seeweg zu schützen.241 In unserem Kontext ist diese Bestimmung des Vertrages aus einem doppelten Grund interessant: Durch die wörtliche Übernahme des Vertragstextes gewährt uns ­Thukydides einen Einblick in die Erwartungen und die Ansprüche, mit denen man im Jahr 420 ganz offensichtlich einer Seemacht vom Range Athens begegnen konnte, wobei diese Haltung gewiss nicht nur in den Augen der anderen existierte, sondern wohl auch von Athen selbst geteilt und gefördert wurde. Die Bestimmung lässt somit einerseits erkennen, was man in Athen selbst allem Anschein nach als den eigenen Anspruch erkannte, zugleich ist sie aber auch ein Indiz dafür, wie dieser Anspruch außerhalb Athens in Erwartungen bezüglich der Leistungsfähigkeit der Seeherrscher münden konnte. Dieses wechselseitige Verhältnis begegnete ja bereits in den Berichten über die Fahrt des Alkidas und seiner peloponnesischen Flotte in Buch 3: Schon dort kontrastierte die Erwartung der ionischen Küstenbewohner, angesichts athenischer Seeherrschaft könnten peloponnesische Schiffe niemals an ihrer Küste auftauchen (3,32,3), mit der so heftigen Empörung der Athener darüber, dass es die Flotte des Alkidas überhaupt hatte wagen können, durch die Ägäis nach Ionien überzusetzen (3,36,2), was ex negativo auch ihr Anspruchsdenken und die diesem zugrundeliegende Selbstwahrnehmung zu erkennen gibt. Auch im Fall des Friedens- und Bündnisvertrages von 420 findet sich in­ Thukydides’ Bericht eine ›kontrapunktische‹ Erwiderung dieses Anspruchsdenkens bzw. der daraus abgeleiteten Erwartungen. Im Jahr nach dem Abschluss des Vertrages, im Sommer 419, kam es zu einem Krieg zwischen Argos, 239 Kirchhoff (1895) 91. 240 Vgl. Baltrusch (1994) 80 mit Anm. 435. 241 Siehe Kirchhoff (1895) 91–92; Baltrusch (1994) 80 Anm. 435.

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das seit Beginn des Jahres auf eigenen Wunsch hin von Alkibiades unterstützt wurde (5,52,2), und Epidauros (5,53).242 Zwar war der offizielle Grund für die Streitigkeiten ein Opfer, das die Epidaurier schuldeten, doch stand hinter der Aufnahme der Feindseligkeiten ­Thukydides zufolge zum einen der Wunsch der Argiver und Athener, durch die Eroberung von Epidauros Korinth »ruhig zu halten« (τῆς τε Κορίνθου ἕνεκα ἡσυχίας),243 zum anderen jedoch auch eine ganz konkrete militärstrategische Erwägung: Durch die Einnahme von Epidauros sollte es den, seit dem Vertrag von 420 mit Argos verbündeten Athenern möglich sein, ihre Truppen durch den Saronischen Golf auf dem direkten Weg von Aigina her über Epidauros nach Argos schicken zu können, anstatt zur See den Umweg (περιπλεῖν) über die Ostküste der Argolis herum und durch den Argolischen Golf nehmen zu müssen (5,53). Die strategischen Erwartungen von Argivern und Athenern berührten also exakt jenen Punkt, der auch im Bündnisvertrag von 420 auf Wunsch wohl vor allem von Argos eingeschrieben worden war, nämlich die Implikation, es sei Athen angesichts der ihm zugewiesenen und wohl auch gerne angenommenen Rolle als Beherrscherin des Meeres sowohl möglich als auch eine Verpflichtung, den Durchzug durch dieses Gebiet seinen Bündnern zu gestatten, vor allem jedoch den gemeinsamen Gegnern zu verwehren.244 Ganz offensichtlich konnte Athen diesen Erwartungen nicht in vollem Umfang gerecht werden. Nachdem er zunächst von den weiteren Kampfhandlungen auf der Peloponnes (5,54) sowie von einer von den Athenern einberufenen, jedoch ertraglosen Friedenskonferenz in Mantineia (5,55) berichtet hat, schildert T ­ hukydides, wie mit dem Ende der Feldzugssaison und mit Einbruch des Winters Athens Seeherrschaft erneut durch einen unerwarteten Akt spartanischen Wagemuts in Frage gestellt wurde. Wiederum, wie bei den verdutzten Reaktionen der ionischen Küstenbewohner aus Buch 3, wählt er das schon bekannte Mittel der psychologischen Fokalisierung,245 also die Perspektive einer der beteiligten Gruppen auf das Geschehen, um dadurch die Diskrepanz zwischen den Erwartungen der Beteiligten und dem tatsächlichen Geschehen stärker hervortreten zu lassen, ohne dabei jedoch selbst einen Kommentar abgeben zu müssen. ­Thukydides beschreibt dazu zunächst ganz knapp, was die Spartaner konkret taten, um dann mittels der Wiedergabe der bitteren Beschwerden der Argiver über dieses Verhalten herauszustellen, wie ein solches Vorgehen aufgefasst werden konnte: 242 Vgl. dazu Lazenby (2004) 111–112. 243 Siehe dazu Gomme, Andrewes u. Dover (1945–1981) IV, 72 (ad loc.); Lazenby (2004) 111. 244 Vgl. zur darin reflektierten athenischen Selbstsicht etwa Baltrusch (1994) 77 Anm. 424: »Diese vertragliche Bestimmung […] bringt lediglich Athens Anspruch zum Ausdruck«. 245 Dazu Morrison (2006) 13–14.

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Im darauffolgenden Winter brachten die Spartaner, unbemerkt von den Athenern (λαθόντες Ἀθηναίους), eine Besatzung von 300 Mann unter dem Befehl des Agesippidas auf dem Seewege (κατὰ θάλασσαν) nach Epidauros hinein. Da kamen die Argeier nach Athen mit Vorwürfen, es sei doch geschrieben im Vertrag, keiner dürfe durch sein Gebiet Feinden Durchzug gewähren, und nun hätten sie sie zur See hinfahren lassen (ἐπεκάλουν ὅτι γεγραμμένον ἐν ταῖς σπονδαῖς διὰ τῆς ἑαυτῶν ἑκάστους μὴ ἐᾶν πολεμίους διιέναι ἐάσειαν κατὰ θάλασσαν παραπλεῦσαι); und wenn nicht auch die Athener jetzt Messenier und Heloten nach Pylos schafften, den Spartanern zuleide, so sei der Vertrag verletzt. (5,56,1–2)

Wie bereits durch die Fahrt des Alkidas nach Ionien im Jahr 427 demonstrierten die Spartaner dadurch erneut, »how easy it was, if one were bold, to carry out operations by sea even in the face of overwhelming naval superiority«,246 indem sie unbemerkt (λαθόντες) durch den Saronischen Golf segelten, an Aigina – das die Athener schon seit 431 wegen seiner strategisch günstigen Lage nahe an der Peloponnes besetzt hielten, wie ­Thukydides berichtet (2,27,1) – vorbei, und ihre Truppen schließlich nach Epidauros übersetzen konnten.247 Erneut lässt T ­ hukydides den Leser die Durchlässigkeit des Netzes der Seeherrscher und damit auch die potentielle Gefährdung ihrer Machtposition mittels der subjektiven Reaktion einer der beteiligten Gruppen erfahren: An die Stelle der verdutzten Ionier, die sich den an ihrer Küste angelandeten Schiffen »wie athenischen« genähert hatten (3,32,3), oder der erzürnten Athener, die den kühnen Wagemut dieser Schiffe kaum glauben wollten (3,36,2), sind nun die erbosten Argiver getreten, die auf die offenkundige Diskrepanz zwischen dem im Vertragstext formulierten Anspruch (5,47,5) und der durch die Überfahrt der­ Spartaner erwiesenen Unmöglichkeit, diesem Anspruch in vollem Umfang gerecht zu werden, verweisen. Schließlich war die Klausel μηδὲ κατὰ θάλασσαν allem Anschein nach doch eigens auf Betreiben von Argos in den Vertrag aufgenommen worden, um exakt jener Eventualität vorzubeugen, die nun eingetre246 Lazenby (2004) 112. Vgl. dazu auch Gomme, Andrewes u. Dover (1945–1981) IV, 77 (ad loc.) (»unaccustomed daring by Sparta«). Hornblower (1991–2008) III, 147 verweist auf die Überfahrt des Gylippos von Leukas aus durch das Ionische Meer nach Unteritalien (6,104,2), die ebenfalls spartanische ›Kühnheit‹ zur See erkennen lasse. 247 Vgl. dazu Classen u. Steup (1963) V, 141 (ad loc.): »Ohne Frage war Agesippidas, der argolischen Küste folgend, zwischen Ägina und der von den Athenern wohl ebenfalls noch besetzt gehaltenen Halbinsel Methone […] hindurchgefahren, hatte also unzweifelhaft athenische Gewässer (die κατὰ τὴν τῶν Ἀθηναίων θάλασσα, vgl 4,118,5) berührt.«­ Thukydides gibt jedoch keine konkreten Hinweise darauf, welche Route die Flotte des Agesippidas zuvor genommen hatte: Möglich wäre zum einen eine Fahrt an der Ostküste der Peloponnes um die Argolis herum – so Classen u. Steup (1963) V, 141 –, zum anderen auch die kürzere Route vom westlich gelegenen korinthischen Hafen Kenchreai aus, wie Andrewes in Gomme, Andrewes u. Dover (1945–1981) IV, 77 (ad 5,56,2) vermutet, gefolgt von Hornblower (1991–2008) III, 147 (ad 5,56,2).

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ten war. Wie die Ionier aus Buch 3 und nun die Argiver kann somit aber auch der Leser selbst die Diskrepanz zwischen logos und ergon, wie sie anhand der Geschehnisse des Winters 419/418 ersichtlich wird, auf ihre Bedeutung für die Bewertung der Möglichkeiten maritimer Macht hin überprüfen. Zweierlei ist an diesem Bericht von besonderer Bedeutung. Zum einen stellt sich die Frage, welcher Kontroll- und Herrschaftsanspruch bezüglich des Meeres sowohl durch den Vertragstext als auch die Empörung der Argiver möglicherweise impliziert wird. Damit hängt als zweites auch die weitere Frage zusammen, ob sich das dabei zutage tretende Anspruchsdenken über die Machtfülle der Seeherrscher als eine – entweder rein werkimmanente oder auch bis zu einem gewissen Grad real verbürgte – Reaktion auf das von ­Perikles erweckte Selbstbewusstsein der Athener, παντὸς θαλάσσης κυριώτατοι zu sein (2,62,2), und damit auch als ein Hinweis des ­Thukydides, das Geschehen der Jahre 420 bis 419/418 müsse mit der perikleischen Rhetorik und deren Implikationen kontrastiert werden, begreifen lässt. Anders gefragt: Haben diese Passagen überhaupt mit der Idee von Seeherrschaft zu tun, und wenn ja, in welchem Verhältnis stehen sie zu ihr? Beginnend schon mit Classen haben die Kommentatoren in der in 5,47,5 und 5,56,2 reflektierten Haltung durchaus eine mögliche Bezugnahme auf ­Perikles’ Bekundungen vor allem in der dritten Rede (2,62,2) gesehen;248 von anderen wurde dies wiederum bestritten.249 Auch die Frage, in welchem Umfang hier überhaupt ein athenischer Kontrollanspruch über griechische Gewässer formuliert wird, ob also im Denken der Zeitgenossen (und vielleicht auch des T ­ hukydides) bestimmte Meeresteile als eine Art athenisches Hoheitsgebiet angesehen werden konnten, wurde diskutiert.250 Der Vertragstext selbst enthält ja keinerlei nähere Bestimmungen darüber, welche Meeresteile und welche Küsten von der Regelung betroffen sein sollten; die Athener wurden einfach in die Pflicht genommen, zu Wasser genauso wie zu Lande keinen Durchzug zuzulassen. Wo und mit welchen Mitteln sie feindliche Bewegungen dann konkret unterbanden, mochte Argos letztlich gleichgültig gewesen sein, solange eine Unterstützung seiner Gegner durch die Spartaner auf diesem Wege effektiv verhindert werden konnte. 248 Siehe Classen (1875) 104 (ad 5,47,5): »Diese Stelle scheint aber zu beweisen, dass das Meer als die Domäne der Athener betrachtet sei (wie schon ­Perikles 2, 62, 2 sagte: δύο μερῶν τῶν ἐς χρῆσιν ϕανερῶν, γῆς καὶ θαλάσσης, τοῦ ἑτέρου ὑμᾶς παντὸς κυριωτάτους ὄντας), auf welchem sie kein διιέναι ἐπὶ πολέμῳ zu dulden versprochen hätten«. Auf 2,62,2 verweisen auch Baltrusch (1994) 77 Anm. 424 (jedoch deutlicher vorsichtiger) sowie M. Taylor (2010) 114 mit Anm. 79 (»Classen […] saw a reference to Pericles’ boast in the Argives’ complaint. I think he is right«). 249 Schon Steup in Classen u. Steup (1963) V, 141–142 (ad 5,56,2), der Classens Vergleich mit 2,62,2 ablehnt; so auch Andrewes in Gomme, Andrewes u. Dover (1945–1981) IV, 77 (ad 5,56,1). 250 So etwa Erbse (1979a) 276 (»Hoheitsgebiet oder -gewässer der Vertragschließenden«).

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Über die Reichweite athenischer Ansprüche auf das Meer lässt sich aus diesen Bestimmungen letztlich nichts Belastbares entnehmen; dazu waren sie schlichtweg nicht gedacht. Auch über eine Art völkerrechtliche Einordnung bestimmter Teile des Meeres als athenisches ›Hoheitsgebiet‹ besagen sie nichts.251 Steup, Andrewes und Hornblower ist gewiss auch darin zuzustimmen,252 dass mit den Bestimmungen des Vertrages nicht impliziert ist, Athen müsse das gesamte Meer (wie immer dies verstanden werden kann) kontrollieren; gemeint war wohl einzig der Saronische Golf vor Athens Haustür. Und dennoch ist der Zusammenhang mit ­Perikles’ Idealentwurf athenischer Seeherrschaft naheliegend, und das auch ohne konkrete Anspielungen oder gar eine Deutung des Vertragstextes aus dem ›Geist‹ perikleischen Denkens heraus. Die Bestimmungen des Bündnisses wie auch die folgende erboste Reaktion der Argiver können zunächst vor dem konkreten historischen Hintergrund der Jahre 420 und 419/418 begriffen werden; den Argivern war daran gelegen, kein Anlanden spartanischer Truppen auf dem Seeweg fürchten zu müssen, was die Athener als die gewiss stärkste Seemacht in diesen Gewässern gewährleisten sollten.253 Auf einer zweiten Ebene jedoch, innerhalb des thukydideischen Kriegsberichts als literarischem Text und historiographischer Analyse für künftige Leser, spielen die perikleischen Seeherrschafts-Versprechen unzweifelhaft mit hinein, und zwar nicht etwa, weil die Argiver oder Athener des Jahres 420 nach dem ›Vorbild‹ des ­Perikles ihre Verträge geschlossen hätten, sondern weil dem Leser des historiographischen Werkes diese Verabsolutierung athenischer Seeherrschaft noch immer nachklingt und förmlich dazu einlädt, spätere Entwicklungen und ›Abweichungen‹ daran zu messen. Gerade die dritte Rede des ­Perikles und die darin entwickelte, ausdrücklich als faktisch erwiesen präsentierte Behauptung, die Athener könnten das Meer vollständig und nach Belieben beherrschen (2,62,2), ist als Folie des weiteren Geschehens immer gegenwärtig, und weil dem so ist, ist der Rezipient des Textes fast schon gezwungen, die expliziten Erörterungen der Grenzen des zur See Möglichen, wie sie unter anderem der Bericht aus Buch 5 bietet, auch mit P ­ erikles’ Idealentwürfen athenischer Seemacht in Beziehung zu setzen. Man nähert sich diesen Problemen wohl am besten von einer anderen Seite, indem man nach der Funktion dieser offensichtlichen Kontrastierung von Anspruch und Wirklichkeit fragt. Dürfen wir auch hier, wie im Fall des ›Beinahe251 So Baltrusch (1994) 77 Anm. 424. Vgl. auch Lazenby (2004) 113 (»it was absurd to imply that the Saronic Gulf was Athenian territory«). Vgl. jedoch Gomme, Andrewes u. Dover (1945–1981) II, 170 (ad 2,62,2): »At other times Athens was ready to think of the sea as her exclusive territory« (mit Bezug auf 5,56,2). 252 Classen u. Steup (1963) V, 142; Gomme, Andrewes u. Dover (1945–1981) IV, 77 (ad 5,56,2); Hornblower (1991–2008) III, 147 (ad 5,56,2). 253 Siehe Gomme, Andrewes u. Dover (1945–1981) IV, 77 (ad 5,56,2).

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Angriffs‹ auf den Peiraieus 429 und der unentdeckten Fahrt des Alkidas nach Ionien 427, eine bewusste Anordnung des Materials durch ­Thukydides vermuten, die sich nicht nur der Chronologie der Ereignisse und einer vermeintlichen Chronistenpflicht des Historikers verdankt, sondern bewusst eigene Akzente setzt, das berichtete Geschehen kommentiert und reflektiert? Zu den Charakteristika von Buch 5 gehören neben der Kürze und Prägnanz der meisten Ereignisberichte doch auch die wiederholt wörtlich zitierten Vertragstexte, unter denen der Friedens- und Bündnisvertrag zwischen Athen und der Dreier­ allianz nur einer ist. Hinsichtlich der Frage, weshalb ­Thukydides in Buch 5 so ›untypisch‹ verfuhr und der Wiedergabe dieser Texte im Wortlaut derart großen Raum einräumte, hat Robert Connor überzeugend darlegen können, dass diese Dokumente gerade in ihrer ›ungeschminkten‹ Einfügung in den Text eine konkrete, zugleich literarisch-kompositorische und der historischen Erkenntnis dienliche Funktion erfüllen und deshalb auch nicht als Zeugnisse eines frühen Bearbeitungsstadiums angesehen werden sollten, die eine sorgfältige Endredaktion des Textes ohnehin nicht überlebt hätten. Zum einen helfen sie, so Connor, das Stakkato der diplomatischen Entwicklungen in diesen Jahren besser nachzuvollziehen.254 Vor allem aber haben sie eine kontrastierende Funktion zum umgebenden Ereignisbericht zu erfüllen: When the readers stops to examine the documents and their setting more closely, a further function becomes evident. In each case there is a vast discrepancy between what the document proclaims and what actually occurs […]. The effect of the documents, then, is ironic for they emphasize the discrepancy between professions of enduring stability and the rapidly shifting reality of events.255

Dieser ›ironische‹ Effekt, der durch die Spannung zwischen den aus den Dokumenten rekonstruierbaren Erwartungen der Beteiligten und dem oft gegenteiligen weiteren Ereignisverlauf bewirkt wird, ist dabei keineswegs ein bloß literarisches Mittel, sondern erfüllt einen ganz konkreten historiographischen Zweck: Gerade durch die unkommentierte wörtliche Wiedergabe der Vertragstexte, teils sogar im ursprünglichen Dialekt (5,77; 5,79), kommt den darin festgeschriebenen Ansprüchen und Erwartungen eine anderweitig kaum zu erreichende ›Objektivität‹ zu. Sie sind nicht, wie etwa die Reden des Werkes, zunächst situative Rhetorik, die nur in sehr begrenztem Maße überhaupt An-

254 Siehe Connor (1984) 146. 255 Connor (1984) 146. Ganz ähnlich bereits C. Meyer (1970) 96–98 sowie Erbse (1979a) ­277–278: »Die unverkürzten Dokumente lassen sich miteinander vergleichen, sie gestatten es außerdem, Abmachung und Durchführung nebeneinander zu halten und nach den Gründen zu fragen, durch die eine Vernachlässigung der vertraglich festgelegten Pflichten möglich geworden ist.« Vgl. jedoch Rhodes (1998) 65.

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spruch auf ›Wahrheit‹ und ›Richtigkeit‹ erheben kann,256 sondern letztlich gleichsam objektivierte Stellungnahmen der Kriegsparteien über ihre Haltungen und Zielsetzungen. Umso größer ist die dadurch bewirkte Fallhöhe, die Distanz zwischen den Erwartungen und den Handlungen, durch die der angesprochene ironische Effekt erst entsteht. Doch ist er keineswegs nur Effekt, sondern dient dem konkreten Zweck, ersichtlich zu machen, wie hinlänglich, brüchig und oft substanzlos die in diesen Verträgen getroffenen Vereinbarungen tatsächlich waren, eine Einsicht, die in der direkten Kontrastierung von Entwurf und Wirklichkeit besonders deutlich erfahrbar wird. Die in Buch 5 praktizierte Gegenüberstellung von Vertragstext und konträrem Ereignisverlauf hebt dadurch nicht nur hervor, wie instabil die auf längere Dauer geschlossenen Allianzen und Friedensabkommen tatsächlich waren, sondern lässt auch die Bedeutung der argivischen Beschwerden über die dreihundert unbemerkt von den Athenern nach Epidauros eingeschifften spartanischen Hopliten besser erkennen. T ­ hukydides lässt die Argiver explizit auf die Diskrepanz zwischen dem tatsächlichen Geschehen und dem Vertragstext hinweisen (ἐπεκάλουν ὅτι γεγραμμένον ἐν ταῖς σπονδαῖς, 5,56,2), wodurch betont wird, dass die Athener nicht imstande waren, die der Klausel zugrundeliegenden Erwartungen im erhofften Maße zu erfüllen und die Überfahrt der gegnerischen Schiffe durch den Saronischen Golf zu verhindern. Die Athener erhielten nicht einmal die Gelegenheit, die gegnerische Flottenbewegung zu verhindern, weil sie sie gar nicht erst entdeckten (λαθόντες Ἀθηναίους, 5,56,1).257 Erstaunlich ist dies nicht, trifft doch auch hier wieder die Bemerkung John F. Lazenbys über die Unmöglichkeit einer effektiven Blockade von Küsten und Häfen unter den damaligen Bedingungen zu, die bereits zu Beginn zitiert wurde.258 Wenn es tatsächlich die Funktion des Nebeneinanders der wörtlich zitierten Dokumente und des teils konträren Ereignisablaufes ist, »nach den Gründen zu fragen, durch die eine Vernachlässigung der vertraglich festgelegten Pflichten möglich geworden ist«,259 dann kann die Antwort darauf im Fall der argivischen Beschwerde nur lauten: Die offensichtliche Diskrepanz ver deutlicht einmal mehr, wo die Grenzen der Möglichkeiten einer Seemacht lagen und wo Anspruch und Wirklichkeit auseinanderzuklaffen drohten. Was es je256 Siehe Strasburger (1966) 59. 257 Zu anderen Zeiten und unter günstigeren Umständen konnte ihnen das durchaus gelingen, wie etwa ­Thukydides’ Bericht (8,7–11) über die letztlich fehlgeschlagenen Versuche einer peloponnesischen Flotte von 21 Schiffen zeigt, die im Jahr 412 vom korinthischen Kenchreai aus durch den Saronischen Golf nach Chios segeln wollten, um den dortigen Aufstand gegen Athen zu unterstützen, dabei jedoch von den Athenern entdeckt, aufgehalten und schließlich großenteils zerstört wurden. 258 Siehe Lazenby (1987) 446. Vgl. auch Taillardat (1968) 201; Lazenby (2004) 13, 112. 259 So Erbse (1979a) 277–278.

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doch für Status und Anspruch der selbsternannten uneingeschränkten Seeherrscher (2,62,2) bedeutet, dass es ihnen so demonstrativ unmöglich war, selbst die eigenen Gewässer unter allen Umständen zu ›beherrschen‹ und feindliche Bewegungen darin zu verhindern, die Beantwortung dieser Frage wird wiederum nicht von T ­ hukydides geleistet, sondern bleibt erneut dem Leser überlassen, der – durch P ­ erikles’ Rhetorik, den hinter dem Vertragstext liegenden Anspruch und dessen tatsächliche Unerfüllbarkeit  – alle notwendigen Faktoren kennt, um selbst zu einem Urteil zu kommen. Mit dieser Sensibilisierung für die inneren Widersprüche und die Komplexität des Gegenstandes hat ­Thukydides sein Ziel erneut erreicht. Auch im letzten Abschnitt des Werkes, anhand dessen ­Thukydides’ Behandlung der Schlupflöcher im Netz der Seeherrscher untersucht werden soll, begegnen wieder diejenigen Aspekte, die auch die Berichte über die Mission des Alkidas in Buch 3 und über die Querelen innerhalb der Quadrupelallianz in Buch 5 bemerkenswert machen: der explizite Verweis des ­Thukydides darauf, dass es an dieser Stelle um das kratos zur See geht; die Möglichkeit, aus der subjektiven Perspektive der Beteiligten die ganz konkreten Grenzen der Macht zur See nachvollziehen zu können; schließlich auch die Einbindung dieser zunächst eher beiläufig anmutenden Erörterungen in ein weiter gespanntes Bezugsnetz innerhalb des Werkes. 4.2.2.3 Der Melierdialog (5,85–113) Der Melierdialog (5,85–113) ist nicht nur die berühmteste Partie des fünften­ Buches, sondern wohl des thukydideischen Werkes überhaupt, mit Ausnahme vielleicht der Gefallenenrede des ­Perikles.260 Die absolute Sonderstellung, die diesem in Dialogform verfassten diplomatischen Schlagabtausch zwischen einer Gesandtschaft der Athener und Repräsentanten der Insel Melos im Jahr 416 beigemessen wird,261 resultiert vor allem aus zweierlei Umständen: Zum einen verdankt sie sich der faszinierend kalten und ›amoralischen‹, scheinbar einzig dem nüchternen Machtkalkül gehorchenden Argumentation der Athener, die hier ohne jede rhetorische Ausschmückung das Recht des Stärkeren zu vertreten scheinen.262 Zum anderen resultiert sie aus der strukturellen und inhalt260 Vgl. etwa Connor (1984) 157 (»one of the culminating points of the Histories«). 261 Zur Bedeutung der Dialogform vgl. Hornblower (1991–2008) III, 219–220; Morrison (2000) 124; Greenwood (2009). 262 Vgl. Connor (1984) 157: »It attracts us by its unsentimental clarity in the analysis of power. Its force and appeal derive in large part from its avoidance of the hypocrisies and subterfuges of politics and its enlightened recognition of the importance of the natural processes in which history is grounded.« Vgl. auch Gomme, Andrewes u. Dover ­(1945–1981) IV, 161; Wassermann (1947) 33–34; Morrison (2000) 127.

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lichen Schlüsselposition des Dialoges, der – je nach Lesart verschieden akzentuiert – entweder den letzten Höhepunkt athenischer Machtprinzipien darstellt, die hier nochmals in idealtypischer Weise präsentiert würden, oder aber den Beginn vom Niedergang Athens einläutet, da sich der ungezügelte athenische Imperialismus durch diesen ›Sündenfall‹ als eine ›Entartung‹ der ursprünglich gemäßigteren Politik der Stadt zu erkennen gebe.263 So unterschiedlich die konkrete Bedeutung dieses Glanzstückes des thukydideischen Werkes im Detail somit auch verstanden werden kann, so ist man sich doch darin einig, dass im Melierdialog weit mehr als nur die in der historischen Situation des Jahres 416 relevanten Themen verhandelt wird: Der Dialog gilt als eine Erörterung der tieferen Ursachen der Niederlage Athens, als eine Demonstration der Schwäche und Unzuverlässigkeit Spartas, als eine allgemeingültige, theoretische Reflexion über Macht, deren Grenzen, Möglichkeiten und ›Moralität‹; er erscheint als eine von ethischen Erwägungen unbeeinträchtigte Erörterung der Macht des Stärkeren und kann als ein Ausweis der selbstzerstörerischen Hybris des imperialen Aggressors begriffen werden. All das hat nur wenig bis nichts mit den konkreten Umständen und Notwendigkeiten des Jahres 416 zu tun, sondern bündelt an einer eindeutigen Schlüsselstelle des Werkes, die auch kompositorisch zentral ist,264 viele thematische Stränge zu einer kompakten Reflexion,265 die vom Angelpunkt des Jahres 416 aus sowohl die Vergangenheit als auch die Zukunft in den Blick nimmt.266 Vor diesem Hintergrund ist es gewiss kein Zufall, dass auch im Melier­dialog, einem unbestreitbaren »ideelle[n] Knotenpunkt in der Geschichte des Krieges«,267 die Frage der Grenzen und Möglichkeiten von Seeherrschaft nicht nur explizit thematisiert, sondern, der Charakteristik der Dialogform folgend, im diskursiven Für und Wider erörtert wird; die für das Werk sonst nur als zugrundeliegendes Strukturprinzip angenommene Dialektik wird hier somit ganz unmittelbar erfahrbar.268 Die unstrittige Bedeutung des Melierdialoges als konzeptionelles Schlüsselstück des gesamten Werkes lässt dabei unweigerlich auch 263 So etwa Deininger (1939) 77, 80; Herter (1954) 330; Strasburger (1966) 74; Liebeschuetz (1968) 76; Flashar (1969) 46–47; Connor (1984) 150, 155, 158. 264 Zur kompositorisch zentralen Position des Dialoges im Werk vgl. Deininger (1939) 81; Wassermann (1947) 36; Hornblower (1991–2008) III, 235–236 (ad 5,91,1). 265 Vgl. nur das Urteil von Jaeger (1959) 501: »Wir haben hier ein klassisches Beispiel, wie­ Thukydides unabhängig von der faktischen Bedeutung des Geschehens das allgemeine Problem in ihm erfaßt und zu einem Meisterwerk des politischen Geistes gestaltet […]. Niemand wird bezweifeln, daß ­Thukydides dieses Gespräch, das angeblich hinter den Mauern des Rathauses in Melos geführt worden ist, mit großartiger Freiheit im Sinne des idealen Wettstreits zweier Prinzipien fingiert hat.« 266 Siehe Wassermann (1947) 21; Erbse (1979a) 283; Connor (1984) 155. 267 Deininger (1939) 80. 268 Dazu etwa Hornblower (1991–2008) III, 219.

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der Tatsache von vornherein größere Bedeutung zukommen, dass Seeherrschaft darin überhaupt erörtert wird, denn dass ­Thukydides den Dialog frei komponierte, damit auch in der Auswahl der darin behandelten Themen zu einem ganz großen Teil nach eigenen Schwerpunkten verfahren konnte und nur das thematisierte, was ihm zentral und daher diskussionswürdig erschien, darf als gesichert gelten.269 Der historische Kontext des Dialoges und seine Struktur sind oft behandelt worden und müssen daher hier nicht ausführlich referiert werden. Im Sommer 416 landeten die Athener mit 38 Schiffen (30 eigenen, sechs der Chier und zwei der Lesbier) und einem großen Kontingent an Hopliten und anderen Kämpfern auf der neutralen Insel Melos, um diese zur Unterwerfung zu zwingen (5,84,1). Melos, als Stadt eine Gründung der Spartaner und von daher mit dorischer Bevölkerung, war zwar im Krieg zunächst neutral geblieben, hatte sich dann jedoch, nachdem es von den Athenern bereits 426 angegriffen worden war, offen gegen Athen gestellt (5,84,2).270 ­Thukydides’ Verweis auf die Gründe des früheren Angriffs lässt bereits einige der zentralen Aspekte der im Dialog folgenden Erörterung erkennen: »Diese Stadt, die trotz ihrer Insellage sich weigerte, zu gehorchen (ὄντας νησιώτας καὶ οὐκ ἐθέλοντας ὑπακούειν) und dem Attischen Bund beizutreten, sollte zum Anschluss gezwungen werden« (3,91,2).271 Melos ist eine Insel, und aus dem Umstand, dass eine Insel sich weigerte, den Seeherrschern zu gehorchen und sich somit einer scheinbar fast natürlich gegebenen Notwendigkeit zu widersetzen versuchte, die doch T ­ hukydides selbst bereits in der Archäologie anzudeuten scheint (1,15,1), aus dieser grundlegenden Konstellation des Konfliktes zieht die Erörterung von Seeherrschaft im Melierdialog ihre Relevanz und Wirkung.272 Die Struktur des Dialoges lässt sich nicht leicht in einzelne Einheiten gliedern und ich gebe daher im Folgenden nur die grobe Einteilung Deiningers wieder.273 Die Athener beginnen nach ihrer Landung auf der Insel nicht unverzüglich mit der Belagerung der Stadt, sondern unterbreiten den Meliern zunächst ein Angebot (5,84,3), über das im Rathaus der Stadt, ohne Einbeziehung des Volkes, verhandelt wird (5,85). Nachdem die Melier das von den Athenern vor269 Siehe Jaeger (1959) 501; Strasburger (1966) 73; Hornblower (1991–2008) III, 224. 270 Zum historischen Kontext, vor allem auch zur Frage der Neutralität von Melos, vgl. Gomme, Andrewes u. Dover (1945–1981) IV, 156–158; Hornblower (1991–2008) III, 216–218. 271 Vgl. dazu Herter (1954) 321: Die Expedition von 426 habe »weniger der Gebietserweiterung als der Sicherung der Seeherrschaft« gedient. Vgl. auch Constantakopoulou (2007) 81. 272 Siehe dazu Macleod (1983a) 66. Zum Verhältnis von Inseln und Seeherrschaft vgl. allgemein Constantakopoulou (2007) 80–88. 273 Deininger (1939) 45–46. Vgl. auch Erbse (1979a)  272; Hornblower (1991–2008) III, 220–221.

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geschlagene Prozedere akzeptiert und bereits auf das zentrale Thema des gesamten Dialoges, die Rettung ihrer Stadt, verwiesen haben (5,85–88), folgt, nach einigen Darlegungen der Athener über die Unangemessenheit rechtlicher Argumente in der konkreten Situation, in einer Art erstem Hauptteil die Diskussion des Vorschlags der Melier, ihre Insel könne neutral bleiben, »Freunde, aber keine Mitkämpfer« (5,94), was von den Athenern abgelehnt wird, da ein solches Übereinkommen mit dem Prestige ihrer Herrschaft nicht vereinbar und für sie vor allem nicht nützlich sei (5,94–99). Darauf folgt zunächst der Entschluss der Melier zum Widerstand (5,100) sowie dann ein zweiter Hauptteil (5,101–5,111,1), in dem die Erfolgsaussichten der Melier diskutiert werden. In einem knappen Schlussabschnitt warnen die Athener die Melier nochmals vor einer unvernünftigen Reaktion (5,111,2–5), bevor diese sich schließlich ein letztes Mal weigern, den Forderungen der Athener nachzugeben (5,112,2–3). Nach dem abschließenden Kommentar der Athener, die Melier hätten in ihrem falschen Vertrauen auf Glück, Götter und Spartaner einen großen Fehler begangen (5,113), verlässt ­Thukydides den Schauplatz des Dialoges, kehrt zur üblichen historiographischen Methode zurück und schildert in knappen Worten das weitere Schicksal der Insel (5,114–116).274 Nach einer mehrmonatigen Belagerung, die für die Athener keineswegs reibungslos verlief (5,115,5; 5,116,2),275 wird die Stadt schließlich unter tätiger Mithilfe von melischen Überläufern genommen, die männliche Bevölkerung getötet, Frauen und Kinder in die Sklaverei verkauft und Melos mit 500 athenischen Kolonisten besiedelt (5,116,4). Mit dem nächsten, unmittelbar an die Aufzählung der athenischen Strafmaßnahmen anschließenden Satz folgt dann bereits die Einleitung zu den Berichten über die Sizilische Expedition (6,1,1). In zwei unterschiedlichen Zusammenhängen spielt in der Auseinandersetzung zwischen Athenern und Meliern das Motiv der Seeherrschaft eine Rolle. Zunächst sind es die Athener, die auf ihre Stärke zur See verweisen, und zwar als eines ihrer Argumente, weshalb sie die Unabhängigkeit von Melos nicht hinnehmen könnten (5,97). Die Melier haben den ersten Hauptteil des Dialoges mit ihrem Vorschlag wohlwollender Neutralität eingeleitet (5,94), was die Athener mit dem Hinweis vom Tisch räumen, dies könnte nur als ein Zeichen ihrer Schwäche (ἀσθένεια) gedeutet werden, sei dem Prestige ihrer Herrschaft also abträglich (5,95). Die Melier begegnen dem mit der Frage, ob die Untergebenen der Athener denn nicht einen Unterschied machen würden in ihrer Beurteilung des Verhaltens der Athener gegenüber unabhängigen Städten einerseits, 274 Vgl. Connor (1984) 149 zur Abweichung vom üblichen Belagerungsnarrativ. 275 Die Differenz zwischen der selbstbewussten Position der Athener im Dialog und der langwierigen, von Rückschlägen begleiteten Belagerung ist durchaus auffällig; vgl. dazu Hornblower (1991–2008) III, 253 (ad 5,115,4) sowie Lazenby (2004) 130.

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gegenüber ihren eigenen Gründungen und abgefallenen Bündnern andererseits (5,96). In beiden Fällen, so die Athener, würde man zwar dem Widerstand gegen Athen eine gewisse Rechtmäßigkeit (δικαίωμα) zubilligen, doch sei dies gerade nicht das relevante Kriterium. Entscheidend sei allein, dass man stärkere Städte für mächtig genug halten werde, um sich erfolgreich gegen Athen zu behaupten (5,97). Deshalb, so die Athener weiter, dürften sie, gerade weil Melos so klein und unbedeutend sei, allein schon aus Gründen der eigenen Selbsterhaltung keine Unabhängigkeit der Insel dulden, um sich nicht dem Vorwurf der Schwäche auszusetzen: »So würdet ihr außer der Mehrung unsrer Herrschaft (τοῦ πλεόνων ἄρξαι) uns auch noch Sicherheit (τὸ ἀσϕαλές) bringen, wenn ihr euch unterwerft und zumal als Insel – und gar der schwächern eine – der Seemacht Athen nicht trotzt (νησιῶται ναυκρατόρων καὶ ἀσθενέστεροι ἑτέρων ὄντες εἰ μὴ περιγένοισθε)« (5,97).276 Bezeichnenderweise zum ersten Mal seit­ Perikles’ dritter Rede (2,62,2) sprechen damit Athener selbst im Werk von Athen dem Wortgebrauch nach als einer Seeherrschaft bzw. von sich selbst als »Schiffsherrschern«.277 Zudem lässt die Passage auch Erinnerungen an die Archäologie und das darin angedeutete, fast zwangsläufig wirkende Verhältnis zwischen Inseln und Mächten im Besitz starker Kriegsflotten wachwerden (1,15,1).278 Wiederum scheinen sich die Athener daher in ihrer Argumentation und der dieser zugrundeliegenden Selbstsicht ganz in den Bahnen dessen zu bewegen, was zuvor im Werk scheinbar als eine Art Machtprinzip oder gar ›Gesetzmäßigkeit‹ entwickelt wurde.279 Die Frage ist jedoch, ob hiermit tatsächlich das letzte Wort des Dialoges zum Problem der Seeherrschaft gesprochen ist, oder ob nicht auch hier ein differenzierenderer Blick auf die Möglichkeiten maritimer Macht geworfen wird. Die Argumentation der Athener, das Aufbegehren von Inselbewohnern gegenüber den naukratores sei nicht hinnehmbar, verweist zurück auf die kurze Notiz über die Motivation des ersten athenischen Überfalls auf Melos im Jahr 426: Schon zehn Jahre zuvor sei es, so T ­ hukydides, der Inselstatus von Melos gewesen, der dessen Eingliederung in die athenische Herrschaft unbedingt notwendig erscheinen ließ (3,91,2). »The motive, which plays an important part in the Dialogue, is the same as in their previous attack on Melos […]. Athens 276 Siehe Deininger (1939) 75: »Es sind also hauptsächlich zwei Gründe, die die Ath. für ihr Vorgehen gegen Melos anführen: Erweiterung ihrer Herrschaft und Sicherheit des athenischen Reiches. Beide Gründe erhalten ihr besonderes Gewicht dadurch, daß Athen vor allem Seemacht ist und daher ein besonderes Interesse am Besitz der Insel Melos hat.« Vgl. dazu auch Kallet (2001) 17–18. 277 Zum Terminus ναυκράτορες vgl. Gardiner (1969) 20–21; M. Taylor (2010) 118–119. 278 Zu den Berührungspunkten zwischen der Archäologie und dem Melierdialog vgl. Deininger (1939) 86–87. 279 So de Romilly (1951) 63; Constantakopoulou (2007) 85 mit Anm. 96.

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cannot conceive of an Aegean island’s remaining outside her empire.«280 Zwar mag es auch der Überfall des Jahres 416, wie die frühere Expedition zuvor, zum Ziel gehabt haben, eine »Sicherung der Seeherrschaft« zu erreichen,281 doch bestand dieses Vorhaben  – wenn überhaupt  – weniger in einer konkreten Konsolidierung athenischer Macht (dafür war Melos schlicht zu unbedeutend und auch zu abgelegen, zu weit entfernt von den Zentren des Seebundes und den wichtigen Seewegen), sondern war vielmehr durch das spezifische Anspruchsdenken der Athener, wie es ­Thukydides sukzessive herausgearbeitet hat, motiviert.282 Als παντὸς θαλάσσης κυριώτατοι (2,62,2) konnten sie es sich – schon allein aus Prestigegründen und um bloß kein Zeichen von Schwäche zu bieten – nicht erlauben, dass sich eine Insel ihrem Herrschaftsanspruch widersetzte, wodurch doch »ein dauerndes Fragezeichen hinter der Macht des seebeherrschenden Athen« verblieben wäre.283 Die unnachgiebige Haltung der Athener, die es den Meliern, eben weil diese Inselbewohner sind, gar nicht gestatten kann, unabhängig zu bleiben, ist ihrerseits nur eine andere Ausprägung des Glaubens der ionischen Küstenbewohner des Jahres 427, die neu angekommenen Schiffe vor ihrer Küste könnten nur athenische sein, weil Athen doch das Meer beherrsche (3,32,3); ebenso spiegelt sich darin auch die heftige Entrüstung der Athener darüber, dass spartanische Schiffe überhaupt so wagemutig sein konnten, diese Überfahrt zu unternehmen (3,36,2). Die Melier erwidern dieses erste Seeherrschafts-Argument der Athener zunächst nicht, sondern lenken das Gespräch stattdessen auf die Aspekte der Sicherheit sowie der Feindschaft, die sich Athen bei seinen Untertanen durch sein Vorgehen erwerben würde (5,98). Das nächste Mal begegnet das Motiv der Seeherrschaft im zweiten Hauptteil des Dialoges, und zwar als eines der Argumente, mit denen die Athener die Hoffnungen der Melier auf Unterstützung und Rettung zunichtemachen wollen. Die Melier halten den Athenern zunächst vor, die Spartaner würden ihnen schon allein aufgrund ihrer Stammesverwandtschaft zu Hilfe kommen, weshalb ihre Zuversicht auf spartanische Unterstützung nicht völlig unbegründet sei (5,104). Die folgenden Passagen drehen sich dann hauptsächlich um die (mangelnde) Verlässlichkeit Spartas: Die Athener bezeichnen diese Hoffnungen der Melier 280 Macleod (1983a) 66. 281 Siehe Herter (1954) 321. 282 Vgl. dazu M. Taylor (2010) 134: »Especially in the newly coined term for themselves as naukratores  – ›masters of the sea‹  – the Athenians link their expansive aggressive ­policy at Melos to Pericles’ ambitious last speech and his articulation of an Athens in control of half the world, where the sea and rule of the sea mattered far more than Attica.« Ähnlich bereits Gomme (1951) 71: Der Überfall auf Melos »was at least in accord with P ­ erikles’ policy of dominating the sea«. 283 So Deininger (1939) 23.

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zunächst als naive Torheit (5,105,3), würden sich die Spartaner doch in ihrem Handeln auch nur vom Argument des Nutzens leiten lassen und nur nach außen hin den Anschein wahren, sie würden aus ethischer Verpflichtung handeln (5,105,4). Die Replik der Melier, gerade weil auch die Spartaner nach der Logik des Nutzens handeln würden, würden sie es nicht wagen, sich bei ihren Verbündeten dem Vorwurf der Treulosigkeit auszusetzen (5,106), kontern die Athener mit dem Vermerk, auch die Spartaner sähen, wie letztlich alle Menschen, den größten Nutzen in ihrer eigenen Sicherheit, weshalb sie auch kaum nur um der Gerechtigkeit wegen das Risiko auf sich nähmen, Melos gegen Athen offen zu unterstützen, würden doch gerade die Spartaner Gefahren mehr als andere scheuen (5,107). Anstatt sich weiter über die Charakteristika der Spartaner auszulassen, bringen die Melier im Folgenden ein neues Argument in die Debatte ein, das der Nähe ihrer Insel zur Peloponnes; aufgrund der geringen Entfernung sei es doch wahrscheinlich, dass die Spartaner ihnen zur Hilfe kommen (5,108). Doch auch das vermag die Athener nicht zu überzeugen, sehen diese doch angesichts ihrer überlegenen militärischen Macht keinen Anlass, eine Intervention Spartas zu fürchten. Erst jetzt kommt das Argument der Seeherrschaft wieder ins Spiel, und zwar in der ganz unmittelbaren Auseinandersetzung der beiden Dialogpartner: Die Athener. Verlass findet aber der zur Hilfe Aufgebotene nicht in der Zuneigung der Hilfeheischenden, sondern wo eine tatsächliche und überragende Macht ist – und darauf achten die Spartaner noch ganz besonders; wenigstens misstrauen sie ihrer eigenen Streitmacht so sehr, dass sie nur mit vielen Verbündeten in fremdes Gebiet einfallen. Es ist also nicht wahrscheinlich, dass sie unsrer Seeherrschaft zum Trotz auf eine Insel übersetzen werden (ὥστε οὐκ εἰκὸς ἐς νῆσόν γε αὐτοὺς ἡμῶν ναυκρατόρων ὄντων περαιωθῆναι). (5,109) Die Melier. Dann könnten sie ja auch andere schicken. Und in den Weiten des Kretischen Meeres ist für seine Beherrscher das Aufbringen schwieriger als, wenn einer sich durchstehlen will, das Entkommen (πολὺ δὲ τὸ Κρητικὸν πέλαγος, δι᾽ οὗ τῶν κρατούντων ἀπορώτερος ἡ λῆψις ἢ τῶν λαθεῖν βουλομένων ἡ σωτηρία). (5,110,1)

Das Argument der Melier lässt aufhorchen und wirkt auf den ersten Blick fast ein wenig deplatziert. Inmitten der Diskussionen des Dialoges, die um elementare Fragen von Recht, Nutzen und Moral kreisen, die das Problem der Sicherheit von Großmächten und das Selbstbestimmungsrecht politischer Gemeinschaften reflektieren, ist ihre Bemerkung durchaus erstaunlich, bemühen sie doch ganz konkret die geographischen Bedingungen der Ägäis und die dadurch den Möglichkeiten der Schifffahrt und der Meeresbeherrschung gesetzten Grenzen, um die Ansprüche der naukratores als gegenstandslos zu erweisen. Der Logik der

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Athener, die vor allem mit der Schwäche und militärischen Unterlegenheit der Spartaner argumentieren, halten sie eine alltägliche Realität des antiken Seewesens entgegen, wie sie im Werk zuvor bereits mehrfach thematisiert worden ist (3,32,3; 5,56,2): die ganz konkrete Erfahrung, dass es unter den gegebenen Bedingungen letztlich unmöglich war, Überfahrten gegnerischer Flotten immer und vollständig zu unterbinden, und zwar allein schon deshalb, weil ohne konstant patrouillierende Geschwader ›Aufklärung‹ kaum möglich war, Gegner somit letztlich mit ein wenig Geschick leicht die Schlupflöcher der Seeherrschaft ausnutzen konnten, zumal in einem »weiten«, was wohl heißt: nicht durch viele Inseln strukturierten Meer wie der südlichen Ägäis.284 Wie schon in den Berichten über die Revolte von Mytilene (3,4,5; 3,5,2; 3,25,1), über Alkidas’ Mission (3,29,1) und auch über die Vorwürfe der Argiver an die Athener (5,56,1), kommt hier erneut dem Motiv der »unentdeckten« (λαθεῖν) Fahrt von Schiffen große Bedeutung zu, wird diese Möglichkeit – und es genügt, dass sie als Möglichkeit benannt wird – doch als der explizite Gegenpol zum maritimen kratos (τῶν κρατούντων … τῶν λαθεῖν βουλομένων, 5,110,1) und damit als ein Beleg für die ›Unvollkommenheit‹ selbst der stärksten Seemacht begriffen. Im Kontext der machttheoretischen Erwägungen des Dialoges wirkt dieser Einbruch nautischer Lebenswirklichkeit bemerkenswert, zumal durch diesen Einwand der Melier auch der Schlussmoment der eigentlichen Dialogsituation markiert wird. Die Athener mögen dies ähnlich gesehen haben; dem Argument jedenfalls wie auch dem folgenden, leicht könne für sie aus dem Kampf um eine unbedeutende Insel der Kampf um »das eigenste Land und Bündnis« werden, dann nämlich, wenn sich die Spartaner gegen Attika selbst und Athens Verbündete wenden sollten (wie Brasidas es vorgemacht habe) (5,110,2), begegnen sie nur noch mit dem lapidaren Hinweis, ihre Erfahrung würde sie auch solche Bedrohung leicht meistern lassen; eine Belagerung hätten sie schließlich noch nie aus Furcht vor dem Eingreifen Dritter abgebrochen (5,111,1). Weiter wird Seeherrschaft im Melierdialog nicht kommentiert; es folgt nur noch die letzte Warnung der Athener an die Melier, sich nicht aus fehlgeleiteter Hoffnung und Ehrerwägungen zu einer unvernünftigen Entscheidung hinreißen zu lassen (5,111,2–5). Darauf folgen die schlussendliche Entscheidung der Melier (5,112), die knappe Reaktion seitens der Athener, die nochmals ihr Unverständnis darüber kundtun, dass eine Stadt sich »im Vertrauen auf Spartaner, Schicksal, Hoffnungen« sehenden Auges in ihr Unglück stürze (5,113), sowie der abschließende Bericht über die mühsame Belagerung der Stadt und das Strafgericht der Athener (5,114–116). Welche Schlüsse erlaubt somit der Melierdialog im Hinblick auf die Darstellung und Wertung von Seeherrschaft? Zur Beantwortung dieser Frage ist es wichtig, die logische Struktur des Dialoges, dessen generelle Tendenz und 284 Vgl. dazu Constantakopoulou (2007) 85.

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auch die Bedeutung der Dialogform selbst in Betracht zu ziehen. Auch die Argumente des Melierdialoges müssen in ihrer konkreten Funktion betrachtet werden und sollten nicht als eine Art ›Bekenntnis‹ des Historikers ­Thukydides begriffen werden. Zudem ist es wichtig, auch das, was im Dialog gerade nicht gesagt wird und unkommentiert bleibt, ebenso zu berücksichtigen wie die expliziten Bemerkungen. Die Position der Athener erscheint zunächst klar: Sie sehen sich als die unumschränkten naukratores in einer eindeutig überlegenen Situation und könnten daher von den Inselbewohnern, die die Melier sind, verlangen, diese Überlegenheit anzuerkennen und dadurch ihrem kratos zur See zu gehorchen (5,97). Da Melos nach schwieriger Belagerung schließlich genommen und die Insel dem Herrschaftsbereich der naukratores einverleibt wird, haben die Athener in dieser Hinsicht Recht behalten, was implizit bedeuten könnte, dass auch ihre zuvor geäußerte Sicht auf die Stärke des eigenen maritimen kratos dadurch eine Bestätigung erfährt.285 Bei näherem Hinsehen wird allerdings deutlich, dass gerade die Frage der Seeherrschaft im Dialog selbst keineswegs abschließend beantwortet wird bzw. sich nicht in ein einfaches Schema von richtig und falsch einordnen lässt. Das ist keineswegs erstaunlich, gehört es doch zu den Spezifika des Melierdialoges, die Frage nach der Richtigkeit der jeweils vertretenen Überzeugungen nicht nur nicht zu beantworten, sondern gar nicht erst in dieser Eindeutigkeit zu stellen, sondern stattdessen die Bedingtheit und Fehleranfälligkeit beider Positionen herauszustellen.286 Die Melier äußern ihr Vertrauen darauf, dass ihnen die Spartaner oder deren Verbündete auch angesichts athenischer Seeherrschaft zu Hilfe kommen können (5,110,1); die Spartaner kommen nicht, und auf dieser Ebene haben die Melier genauso ›unrecht‹, wie die Athener mit ihrer Voraussage ›richtig‹ lagen.287 Viel wichtiger ist jedoch, dass die von den Meliern angesprochene Möglichkeit, es könnte sie Hilfe erreichen, falls es Schiffen gelänge, sich trotz athenischer Seeherrschaft ›durchzumogeln‹ (5,110,1), weder durch die Argumente des Dialoges selbst noch durch den weiteren Ereignisverlauf überhaupt berührt, geschweige denn widerlegt wird.288 Dass keine peloponnesischen Schiffe den Meliern zu Hilfe kamen, lag wohl nicht allein an athenischer Seeherrschaft (zumindest wird dies nicht weiter thematisiert), sondern auch an der im Dialog ebenfalls angesprochenen Unzuverlässigkeit und Zögerlichkeit der Spartaner.289 Nicht »angesichts athenischer 285 Vgl. etwa Morrison (2000) 133: »As ›masters of the sea‹ the Athenians are successful«. 286 Siehe Wassermann (1947) 21; Morrison (2000) 121. 287 Vgl. Macleod (1983a) 62; Morrison (2000) 133. 288 Starr (1978) 347 bezeichnet den Einwand der Melier als »interesting, and reasonable, assertion«. 289 Dazu Wassermann (1947) 32. Zur Bedeutung Spartas in der Argumentation der Dialogpartner vgl. Hornblower (1991–2008) III, 221.

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Thalassokratie«,290 sondern vor allem aufgrund ihres Charakters war ein Eingreifen der Spartaner daher doch unwahrscheinlich. So, wie die Athener auch sonst die Einwände der Melier weitestgehend ignorieren bzw. gar nicht erst konkret zu widerlegen versuchen,291 gehen sie auch auf das nautische Argument, in den Weiten der südlichen Ägäis sei es selbst den Seeherrschern fast unmöglich, ein feindliches Geschwader rechtzeitig zu entdecken und aufzubringen, gar nicht weiter ein, es bleibt also – aus der Binnenstruktur des Dialoges betrachtet – unwidersprochen, damit aber zugleich auch offen für eine weitere Reflexion und Überprüfung durch den Leser. Es ist denkbar, dass die Argumentation der Melier sogar Unterstützung im Text selbst findet. Sollte nämlich in ihrer Bemerkung über die grundsätzliche Durchlässigkeit der Seeherrschaft der naukratores (5,110,1) tatsächlich ein  – zumindest textimmanenter  – Verweis auf die Mission der Peloponnesier unter Alkidas des Jahres 427 zu sehen sein, wie verschiedentlich und wohl auch zu Recht vermutet wurde,292 so könnten sich beide Berichte in gewisser Weise gegenseitig bekräftigen. T ­ hukydides hebt in der Erzählung über die Flottenmission des Alkidas doch deutlich hervor, dass diese lange Zeit unentdeckt blieb (3,29,1), obwohl die Schiffe des Alkidas nicht etwa die halbwegs sichere Route durch die südliche Ägäis nahmen,293 die doch auch die Melier des Dialoges indirekt ›empfehlen‹ (5,110,1), sondern stattdessen mitten durch die Kykladen segelten. Was damit aber 427 gelungen war, das hätte vielleicht auch 416 gelingen können, zumal Melos für derartige Interventionen deutlich günstiger lag als das der Peloponnes ferne Lesbos. Das heißt, dass das Argument der Melier, es könnte sie Hilfe auf dem Seeweg erreichen, zumindest nicht dadurch widerlegt werden kann, dass derartige Flottenfahrten prinzipiell unmöglich gewesen wären. Die Mission des Alkidas war doch gerade nicht an der überlegenen Stärke der Seeherrscher gescheitert, denn diese hatte seine Flotte anfänglich de facto überlistet und zumindest ihr geographisches Ziel, die Gewässer Ioniens, auch erreicht. Das Scheitern dieser Mission mag im Ganzen gesehen mehrere Ursachen gehabt haben; die Unmöglichkeit, mit einer Flotte durch das Einflussgebiet der Seeherrscher zu segeln, war jedoch keine davon. Im Melierdialog können sich so zwar die Athener mit gutem Recht auf ihre Erfahrungswerte bezüglich 290 So Rengakos (1984) 99. 291 Siehe Liebeschuetz (1968) 75. 292 Siehe Gomme, Andrewes u. Dover (1945–1981) IV, 176 (ad 5,108); Hornblower ­(1991–2008) III, 246 (ad 5,109); Constantakopoulou (2007) 86. Vgl. auch Rengakos (1984) 9 ­ 9–100 Anm. 212 mit der Beobachtung, das Eingreifen des Spartaners Gylippos in Sizilien habe später die Überzeugung der Athener aus dem Dialog, angesichts ihrer See­herrschaft könnten Spartaner nie auf eine Insel übersetzen (5,109), widerlegt: Das »Unwahrscheinliche trat mit Sizilien ein. Wieder ist die tragische Ironie in diesen Worten unüberhörbar«. 293 Dazu Roisman (1987) 392.

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spartanischer Zögerlichkeit berufen, eine Einschätzung, die auch T ­ hukydides selbst allem Anschein nach teilte (vgl. 8,96,5).294 Doch auch die Melier haben die Lehren der Vergangenheit in gewisser Weise auf ihrer Seite, wenn sie auf die Schlupflöcher im Netz der naukratores verweisen und damit zumindest dem Leser die Möglichkeit eröffnen, an das in dieser Hinsicht durchaus erfolgreiche Unternehmen des Jahres 427 zu denken.295 Auch hinsichtlich der Beurteilung von Seeherrschaft gilt demnach, was Felix Wassermann als ein generelles Charakteristikum des Melierdialoges hervorgehoben hat. Weder liegt eine Seite ›richtig‹ noch die andere ›falsch‹, sondern beiden, Athenern wie Meliern, kann in gewisser Weise zugestimmt werden, dienen ihre jeweils vertretenen, konträren Positionen doch dazu, in der Darstellung eine Vollständigkeit der Perspektive auf die erörterten Probleme zu erreichen: One of the main purposes of the Melian Dialogue is to make clear that both sides have  a point […]. The reader and »spectator« may identify himself with either side and ask himself what he would say or do in the same situation. Or, better still, he may recognize that the position taken by both sides is equally natural and justified and that both have to be seen together as expressing different aspects of the same issue […]. Thucydides uses the form of the dialogue to make his readers listen to the arguments from both sides. Both his Athenians and his Melians so convincingly advance their points that either side has been taken mistakenly as his mouthpiece, while in reality both parties are intended to be seen together to give the complete picture.296

Mit dieser Perspektiverweiterung hat T ­ hukydides sein Ziel erneut erreicht, dem Sachverhalt und dessen Erörterung durch die Figuren im Text seine Eindimensionalität zu nehmen und auf die Unzulänglichkeiten von Seeherrschaft ebenso zu verweisen wie auf die enormen Möglichkeiten und die Effektivität maritimer Macht. Auch der Melierdialog ordnet sich dadurch in die Reihe derjenigen Episoden ein, die – angefangen mit den ersten Zweifeln an Athens unbeschränkter Beherrschung des Meeres in Buch 2, fortgeführt dann in Buch 3 mit den vielen unentdeckten Fahrten durch die Ägäis und in Buch 5 mit der nachvollziehbaren Empörung der Argiver über die Nichteinhaltung vertraglich zugesicherter Seeherrschaft  – Stück für Stück die Grenzen nicht nur athenischer, sondern aus­ Thukydides’ Perspektive wohl jeder Seemacht demonstrieren und damit zu den 294 Vgl. Morrison (2000) 134. 295 Vgl. die Bemerkung von Hornblower (1991–2008) III, 246 (ad 5,109): »The reader thinks here of the counter-example of Mytilene in 427, when the Spartans did send help, and to an Aitolian, not a Dorian state – not only the ineffective and harsh Alkidas, but the more impressive Salaithos«. 296 Wassermann (1947) 21, 27.

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rhetorischen Entwürfen des Werkes in den logoi den notwendigen Kontrapunkt der erga formulieren. So kann schließlich in der Synthese dieser Positionen eine vollständige, und das heißt vor allem: sowohl komplexere als auch der Realität angemessenere Sicht auf den Sachverhalt der Meeresbeherrschung eingenommen werden. Um zusammenzufassen: An drei Episoden und Motiven ließ sich nachverfolgen, wie T ­ hukydides die Realia des Seekriegswesens, die Schlupflöcher und Webfehler im Netz der Seeherrscher in seiner Darstellung des Geschehens nutzt, um dadurch fast schon nadelstichartig Kontrapunkte zur Idee der Unangreifbarkeit und Allmacht zur See zu setzen. Hinter dieser Konzentration auf die faktisch mögliche Durchlässigkeit und die Grenzen der Kontrolle von Meeresräumen verbirgt sich eine wesentliche, dabei aber kaum neue Einsicht in das Wesen antiker Seeherrschaft: Sie ist grundsätzlich ein ganz konkretes, immer nur situativ und in der Relation erfahrbares Verhältnis zwischen zwei oder mehreren Flotten. In diesem Sinne ist Seeherrschaft wohl zu allen Zeiten, in besonderem Maße jedoch in der Antike, ein grundsätzlich unsichtbares Phänomen, das hauptsächlich durch seine Negation erfahrbar wird: Seeherrschaft wird nicht in erster Linie durch die lückenlose Kontrolle von Meeresräumen durch eine starke Seemacht sichtbar, sondern darin, dass andere – aus welchen Gründen auch immer – es nicht vermögen bzw. nicht daran glauben, selbst über die notwendige Stärke zu verfügen, dieser Seeherrschaft zum Trotz das Meer zu ihren Zwecken zu befahren und zu nutzen. Die bereits zitierte Aufforderung des Kallikratidas an Lysander (Xen. Hell. 1,6,2), seinen Status als selbsternannter »Seeherrscher« (θαλαττοκράτωρ) erst einmal zu beweisen, indem er ihn konkret in die Tat umsetzt, was heißt: an der Flotte der Athener auf Samos vorbei von Ephesos nach Milet segelt, ohne dass die Athener ihn entdecken oder gar aufhalten können, steht dafür exemplarisch; erst dann »werde er ihn als Beherrscher des Meeres anerkennen (ὁμολογήσειν θαλαττοκρατεῖν)«. Die Bedeutung dieser Episode erschöpft sich nicht darin, dass Lysanders Anspruch, thalatto­ kratōr zu sein, so demonstrativ in Frage gestellt wird; mindestens in eben solchem Maße geht es dabei doch auch um Athens Seeherrschaft in der östlichen Ägäis. Dieser Zustand athenischer Kontrolle der dortigen Gewässer wäre mit der erfolgreichen Fahrt Lysanders – so die implizite Logik des Kallikratidas – faktisch widerlegt; erst dann könne Lysander seinerseits diesen Titel für sich beanspruchen. Es lässt sich daran gut ersehen, dass Seeherrschaft zu allen Zeiten, besonders jedoch in der Antike, nur schwer verifiziert, dafür umso leichter falsifiziert werden kann. Der Anspruch einer Macht, das Meer zu ›beherrschen‹, ist nur solange unproblematisch und gewisser Weise ›gültig‹, solange nicht durch eine konkrete Widerlegung dieses Anspruches seine momentane Unerfüllbarkeit demonstriert werden kann. Besonders angesichts der antiken Bedingungen  –

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vor allem der geringen Reichweite der Triere, ihrer kurzen Einsatzzeiten, ihrer Anfälligkeit und Küstengebundenheit – ist Seeherrschaft in diesem Verständnis nur solange ›erwiesen‹, solange niemand anderes es wagt, das Meer seinerseits gegen den Willen und die Interessen der Seeherrscher zu nutzen.297 Daher ist es, auf einer rein faktischen Ebene, nicht verwunderlich, dass ­Thukydides von den revoltierenden Samiern des Jahres 440/439 behaupten kann, sie hätten nach der gewonnenen Seeschlacht gegen die Athener für vierzehn Tage »ihr Meer beherrscht« (τῆς θαλάσσης τῆς καθ᾽ ἑαυτοὺς ἐκράτησαν 1,117,1), konnten sie doch während dieser Zeit tatsächlich das Meer konkret nutzen, gegen den Willen der ›Seeherrscher‹; auch die Benennung der Chier des Jahres 411 als thalassokratores (8,63,1) verwundert dann nicht, hatten doch auch diese zuvor (8,61,3) bewiesen, dass sie dem Anspruch der ›seebeherrschenden‹ Macht etwas entgegenzusetzen hatten. Dadurch wird jedoch zugleich auch demonstriert, wie anfällig Athens Macht zur See unter Umständen (und in dieser Phase des Krieges zumal) sein konnte.298 Vor diesem Hintergrund erscheint es nur umso bezeichnender, dass T ­ hukydides wiederholt die Anfälligkeit einer Seeherrschaft für ›Widerlegungen‹ dieser Art thematisiert, indem er auch abseits der Berichte über Seeschlachten die Schlupflöcher im Netz der Seeherrscher zu einem Thema seiner Darstellung erhebt. Wie bereits bemerkt, folgt auf die Berichte über die Einnahme von Melos und das Strafgericht der Athener ganz unmittelbar, nur durch die spätere Einteilung in Bücher formal getrennt, der Beginn der Berichte über die Sizilienexpedition. Die Unmittelbarkeit des Übergangs, ohne Pause oder retardierendes Moment, kann kaum anders denn als eine bewusste Lenkung des Lesers begriffen werden.299 Die Expedition wird nicht nur die dramatische Peripetie athenischer Seeherrschaft im Werk bilden, sondern erneut erkennen lassen, worin in­ Thukydides’ Analyse die Gefahren einer Selbstsicht liegen, die vor allem auf der Idee und dem Versprechen unangreifbarer maritimer Stärke beruht.

297 Was Walbank (2002) 108 für die Zeit des Hellenismus konstatiert, gilt auch hier ohne Einschränkung: »The word θαλασσοκρατεῖν is probably not to be taken in a very wide sense […]. As Tarn observed, thalassocracy has a limited meaning in Hellenistic times; until the Romans came on the scene no one power controlled more than a part of the Mediterranean, and even within a limited area the word merely implied the ability to meet a challenge […] rather than to exercise a permanent control of the seas and to police them.« 298 Vgl. Gardiner (1969) 21–22 (»the attribution of ›thalassocracy‹ […] marks a shift from the normal state of affairs, a crumbling of the foundations of established power, and a pettier meaning for a magnificent word«). 299 Siehe dazu Connor (1984) 157.

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4.2.3 Paralogoi: die Sizilienexpedition ­ hukydides’ Bericht über das Schicksal der Athener in Sizilien ist auch der BeT richt über das Scheitern der maritimen Überlegenheit der Athener. Die Expedition, die mit der größten, atemberaubendsten Armada begann, die die griechische Welt je gesehen hatte, »so kostbar und so prachtvoll wie keine je bis zu jener Zeit« (6,31,1), endete schließlich in mehreren, letztlich fatalen Niederlagen zur See in der Enge des Großen Hafens von Syrakus: »In Book 7 we see Athenian sea-power humbled.«300 Die besondere dramatische Funktion der Erzählungen über die Geschicke der Athener als eine ›tragische‹ Peripetie im Werk wurde bereits oft hervorgehoben.301 Es wird im Folgenden jedoch nicht darum gehen, den dramatischen Verfall athenischer Macht zur See und die Niederlagen gegen die Syrakusaner im Einzelnen zu rekonstruieren und zu analysieren. Stattdessen wird eine andere Frage im Mittelpunkt stehen, nämlich die nach der spezifischen Funktion des Siziliennarrativs und der darin geschilderten Verfallskurve athenischer Seemacht in der Gesamtanlage des Werkes. Im Besonderen werde ich argumentieren, dass das gesamte Geschehen zur See in Sizilien, insbesondere dessen psychologische Auswirkungen auf die Beteiligten, wie sie T ­ hukydides schildert, als ein einziger großer Kontrapunkt, als die Antithese zum idealen perikleischen Entwurf athenischer Seeherrschaft im Werk schlechthin zu begreifen ist. Dazu ist es angebracht, erneut einen Blick auf das Vorbild derartiger struktureller Beziehungen im Werk zu werfen, die Paarung von Gefallenenrede und Pestbeschreibung in Buch 2. Wie bereits bemerkt wurde, ist das Verhältnis der beiden Partien zueinander insofern für unseren Zusammenhang von größter Bedeutung, als dass der Pestbeschreibung die unzweifelhafte und auch in der Forschung fast einhellig als solche erkannte Funktion zukommt, einen Gegen-

300 Macleod (1983c)  143. Vgl. dazu auch Jordan (2000) 74 (»But the historian leaves no doubt about the paradoxical and tragic reversal in the fortunes of the favourite military­ service of the Athenian democracy: ruler of the sea for more than fifty years, in Sicily its strength proved to be its critical weakness«) sowie Kallet (2001) 160. 301 Siehe vor allem Rood (1998a)  197–198: »The Athenians’ imperial power was built on their naval developments in response to the Persian threat; and it is the naval disaster in Sicily that threatens ruin. And though – even after their defeat in Sicily had introduced Persian gold into the war, and civil war at home – the Athenians held on with the s­ pirit of resistance stressed at ii. 65. 12 and vii. 28. 3 […], the central importance that T ­ hucydides attaches to the Sicilian expedition is reasonable: Athens’ control of the sea was never the same – and the internal tensions, barely suppressed before, were now out in the open. Personal and civic concerns momentarily merge in the immediate aftermath; but ›the spring had gone out of the Periclean year‹.« Vgl. dazu auch Jebb (1907) 438; ­Macleod (1983c) 142–146.

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pol zur Idealisierung Athens, wie sie im Epitaphios begegnet, zu formulieren.302 Sie erfüllt damit jedoch auch eine ganz wesentliche strukturelle Funktion innerhalb des Werkes, der für die Untersuchung des Seeherrschafts-Motivs im Text durchaus ein Vorbildcharakter zukommt. Antithetik und Dialektik, das ständige Für und Wider der Positionen und Deutungen, die Kontraste von Rede und Gegenrede, von Entwurf und Wirklichkeit gehören unbestreitbar zu den prägenden Charakteristika und Konstruktionsmitteln des thukydideischen Werkes. Gerade in der Gegenüberstellung von Rede und Gegenrede, wie sie sich so häufig im Werk findet, lässt sich dieses Prinzip unmittelbar nachverfolgen. Die Reden der Protagonisten des Werkes sollen, so Hermann Strasburger, »jeweils eine subjektive Wahrheit, die dem Standpunkt des Sprechers zugekehrte Seite eines Gegenstandes zur aufrichtigen Darstellung bringen, das heißt, zum mindesten eine Teilwahrheit, die gegebenenfalls Ergänzung durch eine gegnerische oder mehrere abweichende Auffassungen finden kann«.303 Die drei Reden des­ Perikles (1,140–144; 2,35–46; 2,60–64) bilden insofern eine Ausnahme von dieser Regel, als ihnen keine Gegenreden folgen, sie als Solitäre in der Darstellung für sich stehen. Man hat jedoch ebenfalls längst gesehen, dass das keineswegs bedeutet, dass sie daher ›unwidersprochen‹ und unkommentiert blieben. Besonders im Kontrast zwischen der Gefallenenrede und ihres Ideal- bzw. Wunschbildes vom Wesen Athens und der unmittelbar folgenden Pestschilderung hat man ein Verhältnis gesehen, das dem von Rede und Gegenrede entspricht. Auch der Epitaphios bleibt daher nicht unkommentiert, und man darf wohl annehmen, dass dieses Prinzip auch für andere Partien des Textes Gültigkeit besitzt. Hans Herter etwa bezeichnete die notwendige Korrektur jeder Auffassung im Werk, ganz gleich, wer sie äußert, als ein Spezifikum des gesamten Textes. Die Reden der Figuren, so Herter, pflegen allerdings nicht erschöpfend und unbedingt gültig zu sein, sondern der Ergänzung und Korrektur durch Gegenreden zu bedürfen, die sorgsam auf sie abgestimmt sind, ohne sie völlig zu widerlegen; bleiben sie unwidersprochen, so erhalten sie in dieser ihrer Isolation ein besonderes Gewicht, unterliegen aber doch, nicht anders natürlich als die Antilogien, der Kontrolle der Ereignisse. Auch die Ansprachen des ­Perikles haben in den tatsächlichen Verhältnissen ihre Folie, selbst der Epitaphios, denn er hebt sich nicht nur als Ideal von der Realität ab, sondern kontrastiert auch mit dem verhängnisvollen Abstieg der Folgezeit, für den die Pest nur den Auftakt der Tyche bildet.304 302 Siehe etwa Reinhardt (1966) 214; Stahl (1966) 78–81; Flashar (1969) 34–36; Connor (1984) 63–64; M. Meier (2005) 335–338; Rechenauer (2011) 253–256; Orwin (2016) 114–122. 303 Strasburger (1958) 28. 304 Herter (1954) 316–317.

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Wenn dem so ist, so stellt sich doch die Frage, ob T ­ hukydides nicht auch hinsichtlich der anderen Reden des P ­ erikles nach einem ähnlichen Muster verfahren sein könnte. Ist es nicht denkbar, dass er in dem Maße, in dem er im perikleischen Epitaphios ein in seiner idealisierenden Überhöhung von der Wirklichkeit abgelöstes Wunschbild erkannt hat, das deshalb durch die Pestschilderung seine notwendige »Kontrolle« erhielt, wie Herter es formulierte, dass er also in diesem Maße auch die Idealvorstellungen über athenische Seeherrschaft, wie sie vor allem in der dritten Rede des P ­ erikles begegnen, durch die Kontrastierung mit davon abweichenden Ereignisabläufen ins rechte Licht rücken wollte? Das wurde zwar bereits als grundlegendes Kompositionsprinzip für die im Vorhergehenden behandelten Motive des ›gefährdeten Hafens‹ und der ›Löcher im Netz‹ der Seeherrscher in gewisser Weise vorausgesetzt, doch stellt sich gerade angesichts des paradigmatischen Verhältnisses von Epitaphios und Pest die Frage, ob nicht auch die dritte Rede mitsamt ihren idealen Entwürfen in einem funktionalen Sinne gleichsam ihre eigene Pestbeschreibung besitzt, wodurch aus beiden Partien ebenfalls ein ›dramatisches Diptychon‹ entstehen könnte.305 Gibt es also das eine Geschehen, das sich als ein Gegenentwurf zum perikleischen Ideal begreifen lässt und daher befähigt ist, im Text als die von Herter so bezeichnete »Kontrolle der Ereignisse« zu wirken? Die Antwort auf diese Frage hat sich schon angedeutet: Es ist die Erzählung vom Scheitern der Sizilischen Expedition, die 415 mit der Ausfahrt der beeindruckenden, explizit mit P ­ erikles’ großem Flottenunternehmen gegen Epidauros von 430 (2,56) verglichenen Armada beginnt und 413 mit der völligen Vernichtung der athenischen Flotte und des Expeditionsheeres endet. John F. Lazenbys Fazit der Expedition, aus der Sicht des Militärhistorikers gesprochen, mag verdeutlichen, welch enormes Ausmaß der Misserfolg gerade der Flotte dabei schließlich angenommen hatte: »As it was, most of the fleet literally rotted away, failing to do even the job of blockading properly and ultimately failing in its main job, defeating the enemy navy.«306 Doch wird es mir im Folgenden nicht darauf ankommen, in allen Einzelheiten nachzuverfolgen, wie sich das wechselnde Kriegsglück während der Expedition gestaltete, wie sich die Gegner Athens durch nautische Innovationen einen Vorteil verschafften, wie die vielen Schlachten zur See im Einzelnen abliefen und mit welchem Gespür für Dramatik und Bedeutung des Geschehens ­Thukydides diese große Peripetie des Werkes gestaltet hat.307 Stattdessen werde ich mich auf einen Aspekt beschränken, der weniger die Details als vielmehr die grundlegende, der Pestschilderung 305 Die Formulierung von Orwin (2016) 114–115. 306 Lazenby (2004) 168. 307 Zur ›tragischen‹ Verfallskurve vgl. Macleod (1983c) 144. Zum realhistorischen Geschehen des Unternehmens, auf das im Folgenden nur sehr sporadisch eingegangen werden wird, vgl. ausführlich Lazenby (2004) Kap. 8–9.

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in ihrem Verhältnis zum Epitaphios verwandte Funktion des gesamten Siziliennarrativs verdeutlicht. Es wurde bereits vielfach hervorgehoben, dass das ›Psychologische‹ als Darstellungs- und Deutungskategorie zu den hervorstechendsten Merkmalen dieses Teils des Kriegsberichts gehört und dass ­Thukydides die Momentaufnahmen psychologischer Zustände einerseits nutzt, um seinem Bericht eine besondere Dramatik und Drastik der Gestaltung zu verleihen, er es dadurch andererseits aber auch vermag, dem Leser die historische Bedeutung des Geschehens ganz direkt nachvollziehbar werden zu lassen.308 Diese Perspektive auf das Fühlen der Beteiligten, kombiniert mit der durch die Darstellung gegebenen Möglichkeit, ihre Sinneseindrücke zu teilen, »helps us to feel we are there: it gives the flavour of authenticity without which history would not be itself and could not teach its lessons«.309 Wichtig ist dabei für alles Folgende, dass die psychologischen Zustände (vor allem der Athener, um die es dabei hauptsächlich geht) während der Sizilienexpedition keineswegs voraussetzungslos oder allein vor dem Hintergrund des Geschehens der Jahre 415 bis 413 verständlich sind. Die in Sizilien durch die Erfahrung wiederholter Niederlagen erschütterten Athener empfinden nicht allein deshalb so, wie sie empfinden, weil ihnen widerfahren ist, was ihnen widerfahren ist, sondern auch, weil ihr Erlebnis der Sizilienexpedition mit dem zuvor im Werk entwickelten Selbstbild der Athener reagiert, wie T ­ hukydides mehrfach andeutet. Mit welcher Erwartung und welcher Selbstwahrnehmung beide Seiten die Kämpfe in Sizilien angingen, lässt etwa T ­ hukydides’ Bemerkung über den Ausgang der Seeschlacht zwischen den Korinthern und den Athenern bei Erineos im Jahr 413 erkennen, die zeitgleich mit dem Geschehen in Sizilien stattfand. Wie so viele Seeschlachten in seinem Werk endet auch diese ohne ein klares Ergebnis und wie so oft errichten beide Seiten nach dem Ende der Kämpfe jeweils ein Siegesmal (7,34,7–8).310 Aufschlussreich ist jedoch vor allem der kurze Einblick in die Psyche beider Seiten, den uns T ­ hukydides an dieser Stelle gewährt. Deren Einfluss erscheint fast wichtiger für die Wahrnehmung von Sieg und Niederlage als der tatsächliche, an Verlustzahlen quantifizierbare Ausgang der Kämpfe: Nach der Abfahrt der Athener gegen Naupaktos errichteten die Korinther gleich ein Denkmal als die Sieger, weil sie mehr feindliche Schiffe außer Gefecht gesetzt, und weil sie sich für nicht geschlagen hielten, solang auch die Gegner nicht gesiegt; denn die Korinther fühlten sich als Gewinner, wenn sie nicht eindeutig ver308 Siehe etwa Rood (2012a) 57: »The greatness of the Sicilian expedition is further emphasized by Thucydides’ focus on emotional upheaval and shifts of confidence«. Vgl. dazu auch Luschnat (1942) 100–101; (1970) 1239–1240; Reinhardt (1966) 211. 309 Macleod (1983c) 144. Vgl. dazu auch Connor (1984) 196–197; (2017) 217–218.. 310 Vgl. McKenzie u. Hannah (2013) 220–221 zur Darstellung der Schlacht bei T ­ hukydides.

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loren hatten, und die Athener nannten Niederlage, dass sie nicht bei weitem gesiegt hatten (οἵ τε γὰρ Κορίνθιοι ἡγήσαντο κρατεῖν εἰ μὴ καὶ πολὺ ἐκρατοῦντο, οἵ τ’ Ἀθηναῖοι ἐνόμιζον ἡσσᾶσθαι ὅτι οὐ πολὺ ἐνίκων). (7,34,7)

Das ist die Haltung, mit der die Athener bei T ­ hukydides nach Sizilien fahren. Das Erlebnis der Niederlagen in Sizilien kann überhaupt erst so verheerend wirken, wie T ­ hukydides es später schildern wird, weil es sich auf dem Boden dieser zuvor vielfach genährten Selbstwahrnehmung abspielt, eine Selbstwahrnehmung, die doch für den Bereich der maritimen Macht genau das vollbringt, was der perikleische Epitaphios für die Darstellung Athens als Ganzes bewirkt: ein Idealbild postulieren, das dem Druck der Wirklichkeit irgendwann nicht mehr standhalten kann. In dieser Hinsicht hat, wie im Folgenden zu argumentieren sein wird, das Siziliennarrativ letztlich dieselbe Funktion für die Struktur des Werkes zu erfüllen wie die Pestbeschreibung als notwendige Folie der Gefallenenrede, ein Eindruck, der dadurch noch bestärkt wird, dass sich im Siziliennarrativ wiederholt Anklänge an die perikleischen Reden wie auch an die Pestschilderung finden.311 Nur vor dem Hintergrund der Rhetorik des ­Perikles und deren Versprechen maritimer Unfehlbarkeit wird das ganze Ausmaß der Sizilienkatastrophe in seinen auch psychologischen Auswirkungen erst recht verständlich. Zugespitzt ließe sich wohl sagen: Wie die Pestschilderung »ohne den vorangehenden Athen-Hymnos […] ihres wichtigsten Effekts beraubt« wäre,312 so ist in gewisser Weise auch das Scheitern zur See in Sizilien in der Darstellung des ­Thukydides nicht ohne die vorherigen Entwürfe maritimer Größe  – durch Nikias, Alkibiades, vor allem jedoch durch P ­ erikles und in gewisser Weise auch Themistokles – denkbar bzw. nicht vollauf verständlich. Ohne diese Folie wäre es ›nur‹ eine enorme Niederlage, die aber ohne wirklich entscheidenden Charakter für den Ausgang des Krieges bleibt (2,65,12);313 so aber berührt das Geschehen Essenz und Wesen Athens in ganz unmittelbarer Weise.314 Wenn im Folgenden somit das Scheitern der Athener zur See während der Sizilienexpedition in Relation zu den perikleischen Idealentwürfen betrachtet werden soll, so darf dies jedoch keinesfalls als der Versuch missverstanden werden, letztere als durch den Ereignisablauf grundsätzlich und vollständig falsch

311 Dazu Connor (1984) 204 Anm. 51; Hornblower (1991–2008) III, 743 (ad 7,87,2); Rood (2012b) 159 Anm. 58. 312 M. Meier (2006) 156. 313 Siehe Rood (1998a) 160–161. Vgl. auch Connor (1984) 210: »The destruction of the expedition is thus emotionally the destruction of Athens itself, and the virtual end of the war. In fact, however, the nineteenth year of the twenty-seven-year war is not yet over. There is much more, and much worse, to come.« 314 Siehe Macleod (1983c) 146.

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erwiesen zu begreifen. ›Widerlegung‹ kann ein solcher Widerpart im Ereignisbericht doch nur in ganz bestimmter und keineswegs umfassender Weise sein, denn die Funktion solcher Diptycha im Werk ist eine komplexere: Genauso, wie durch die Pest keineswegs all das, was im Epitaphios über Athen gesagt wird, als völlig ›falsch‹ deklariert, sondern nur der Überschuss an idealisierender Betrachtung, der die Einmaligkeit der Idealvision zur Norm erhebt, erneuter Prüfung unterzogen und damit zur Diskussion gestellt wird, so ist es ebenso nicht die Funktion der Sizilienerzählung, den Stab über Athens Stärke zur See zu brechen und diese als schwach und unzulänglich zu erweisen; auch diese Kontrastfolie dient vielmehr dazu, der vorherigen Erhöhung ins Ideale den Sturz in tiefste Tiefe entgegenzuhalten und dadurch in der Summe der Betrachtung das Ideal wieder ›herauszurechnen‹ und ein den tatsächlichen Bedingungen und Möglichkeiten angemessenes Ergebnis zu erhalten.315 Wenn Ereignisberichte im selben Maße wie Reden eine antilogische Funktion erfüllen können,316 dann ist doch anzunehmen, dass auch in diesen Paarungen pro Seite jeweils eine »Teilwahrheit, die gegebenenfalls Ergänzung durch eine gegnerische oder mehrere abweichende Auffassungen finden kann«,317 präsentiert und somit erst in der Zusammenschau, der Synthese zweier dialektisch formulierter Positionen also, ein abschließendes Urteil ermöglicht wird. Das jedoch bleibt dem Leser überlassen. Für unsere Zwecke ist es nützlich, die Erzählung über das Scheitern der­ Sizilischen Expedition zunächst von ihrem Ende her zu betrachten. Richtet man den Blick auf den Ausgang der letzten, von ­Thukydides so dramatisch und in der Anschauung unmittelbar geschilderten letzten Seeschlacht im Großen H ­ afen von Syrakus (7,70–71),318 so verlieren die Athener diese zwar, doch ist es keineswegs so, dass die Seestreitkräfte der Athener und ihrer Verbündeten dabei vollständig aufgerieben wurden. Selbst nach dieser Niederlage sind die Athener ihren Gegnern numerisch noch knapp überlegen (nach­ Thukydides’ Angaben um ungefähr zehn Schiffe),319 weshalb Demosthenes es sogar in Erwägung ziehen kann, eine weitere Schlacht zu wagen, um vielleicht doch noch den Durchbruch zu schaffen (7,72,3). Auch Nikias stimmt diesem Vorschlag zu, doch die Seesoldaten weigern sich nun, erneut die Schiffe zu be315 Zur Bedeutung der Sizilienerzählung für die logos-ergon-Dichotomie im Werk vgl. die Bemerkung von Ober (1994) 117: »Books 6 and 7, with their detailed and vivid descriptions of the initial successes, subsequent crumbling, and final collapse of the Athenian expeditionary force in Sicily, present Thucydides’ strongest case for the priority of erga over logoi«. 316 So Herter (1954) 316–317. 317 Strasburger (1958) 28. 318 Vgl. Connor (1984) 196–197 zur dramatischen Schilderung der Schlacht. 319 Dazu Leimbach (1985) 114–115; Hornblower (1991–2008) III, 703.

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steigen,320 glauben sie doch in ihrer kataplēxis nicht mehr daran, dass ein Sieg noch möglich sei, dass sie das kratos ihrer Schiffe noch einmal zur Geltung bringen könnten (μὴ ἂν ἔτι οἴεσθαι κρατῆσαι, 7,72,4). Es ist ein letztes, leises, aber doch wahrnehmbares Echo jener wiederholt gegen Ende von Buch 7 geäußerten Hoffnung, das kratos zur See werde doch noch die Rettung bringen (7,47,3; 7,48,2; 7,49,1; 7,61,1), bzw. der Ernüchterung darüber, dass dies wohl nicht mehr möglich sei (7,55,2). Versteht man die gesamte Erzählung über das Schicksal der beeindruckendsten Flottendemonstration, die Griechenland überhaupt je gesehen habe (6,31,1), auch als eine dauernde Auseinandersetzung mit dem Schicksal athenischer Seemacht, so ist es bezeichnend, dass am vorläufigen Ende dieser Erzählung nicht etwa eine völlig zerstörte Flotte steht, sondern ein psychologisches Moment, der schließlich völlig abhandengekommene Glaube an die Möglichkeiten des eigenen kratos (οἴεσθαι κρατῆσαι, 7,72,4), den Schlusspunkt markiert. Nahaufnahmen psychologischer Zustände begleiteten ja bereits zuvor die gesamte Schilderung des athenischen Scheiterns, und sie verhalten sich, so Karl Reinhardt, »wie Stufen, oder vielmehr, sind vornehmstes Mittel, um Stufen bewußt zu machen; sie verhalten sich zu den pragmatischen Verläufen […] wie die in ihrer Stimmung wechselnden, die Handlung ablösenden Chöre in der attischen Tragödie«.321 Nicht athenische Seemacht oder Seeherrschaft wurde demnach in Sizilien in erster Linie ›gedemütigt‹,322 sondern die Selbstsicht der Athener als eines zur See letztlich unbesiegbaren Volkes, wie sie in der bereits zitierten Einschätzung des ­Thukydides, sie hätten alles außer vollständig überlegene Siege zur See schon als Niederlage betrachtet (7,34,7), zum Ausdruck kommt. Schiffe gab es ja noch immer genügend (7,72,3), und die Berichte des T ­ hukydides über die Reaktionen auf die Niederlage in Athen lassen doch auch erkennen, wie nach anfänglicher Bestürzung der Flottenbau umgehend erneut in Angriff genommen wurde (8,1,3). Verschwunden war jedoch die sichere Gewissheit, naukratores zu sein, wie sie die athenischen Gesandten des Melierdialoges (5,97; 5,109) und Alkibiades (6,18,5) noch bemüht hatten. An die Stelle dieser Überzeugung ist etwas anderes getreten, nämlich Unsicherheit, ja sogar regelrechte Furcht vor der maritimen Stärke der Gegenseite. Bis hin zur gewonnenen Seeschlacht bei Kynossema im Sommer 411 hätten die Athener, so T ­ hukydides, die Schiffe der Peloponnesier regelrecht »gefürchtet« (ϕοβούμενοι … τὸ τῶν 320 Womit die Entwicklung seit der Perserkriegszeit, als die Athener zu nautikoi geworden waren, indem sie ihre Schiffe bestiegen hatten (ἐς τὰς ναῦς ἐσβάντες ναυτικοὶ ἐγένοντο, 1,18,2), in gewisser Hinsicht symbolisch an ihr Ende kam. Vgl. Connor (1984) 197–198 zur Verbindung zwischen der Schlacht von Salamis und der letzten Schlacht im Großen Hafen von Syrakus bei ­Thukydides. 321 Reinhardt (1966) 211. 322 Siehe Macleod (1983c) 143.

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Πελοποννησίων ναυτικόν) und nicht mehr an ihre eigene Stärke glauben können, »wegen ihrer Misserfolge im Kleinen und der Niederlage in Sizilien« (8,106,2).323 Zuletzt ist die bloße Möglichkeit, vor der Stärke der Gegenseite und um das Meer »Furcht« empfinden zu können, im Werk von Phormion angesprochen worden, als die Athener 429 bei Naupaktos einem zahlenmäßig weit überlegenen peloponnesischen Kontingent gegenüberstanden (2,89,1; 2,89,10). Hier nun, im Jahr 411, vermag erst dieses, aus Sicht der Athener auch völlig unerwartete (8,106,5) Erfolgserlebnis das Vertrauen in die eigene Macht zur See wieder zu stärken.324 Beginn und Ende der Entwicklung dieses Verfalls athenischer Selbstsicherheit in Sizilien werden durch Reden der Gegner – zunächst des Hermokrates, dann des Spartaners Gylippos – kommentiert, die das gesamte Geschehen um die Seeschlachten in Buch 7 zu einer Einheit zusammenschließen.325 Zunächst, vor der ersten der fünf Seeschlachten im Hafen von Syrakus, den fünf Akten dieser Tragödie, versucht Hermokrates (von T ­ hukydides in oratio ­obliqua wiedergegeben), die Syrakusaner mit einer etwas bemühten Interpretation der athenischen Fähigkeiten zur See zum entschlossenen Kampf auf diesem Gebiet zu bewegen.326 Nicht allein der Ermutigungsversuch selbst ist dabei bemerkenswert, sondern vor allem auch der Umstand, dass bereits in diesem frühen Stadium in den Reden und Argumenten die Selbstsicht der Athener und die möglichen Auswirkungen einer Niederlage auf ihre psychologische Verfassung mindestens eben solches Gewicht erhalten wie das Faktum einer Niederlage selbst. Hermokrates nämlich habe seinen Männern gesagt, auch die Athener hätten die Erfahrung zur See nicht als Erbteil und für alle Zeit, sie seien ein Landvolk sogar noch mehr als die Syrakuser und erst von den Persern aufs Meer gezwungen worden. Und einem verwegenen Volk wie den Athenern dürfte nichts so zu schaffen machen wie seiner Gegner Gegenmut. Denn womit die Athener die andern in Schrecken setzten – oft gar nicht durch einen Vorsprung an Kräften, aber durch kecken Angriff, mit dem gleichen könnten sie selbst ebensogut den Athenern dienen. Er wisse genau, sagte er, dass die Syrakuser durch das Wagnis eines unerwarteten Widerstandes gegen die attische Flotte mehr Übergewicht über die darob erschrocknen Athener bekommen würden, als deren Erfahrung der syrakusischen Unerfahrenheit schaden könne. Sie sollten also den Versuch mit der Flotte wagen und nicht kleinmütig zurückscheuen. So von Gylippos, Hermokrates und vielleicht noch andern ermutigt, brannten die Syrakuser auf eine Seeschlacht und bemannten ihre Schiffe. (7,21,3–5)

323 324 325 326

Vgl. zu dieser Schlacht Lazenby (2004) 196–199. Vgl. dazu Connor (1984) 212. Dazu Luschnat (1942) 97–98; Hunter (1973) 118. Luschnat (1942) 84–85 zufolge die »eigentliche Einleitung des ganzen Komplexes«.

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Darauf folgen die fünf Seeschlachten im Hafen: Die erste (7,22–23) verlieren die derart angestachelten Syrakusaner noch, weil sie angesichts ihrer Unerfahrenheit den eigentlich schon greifbaren Sieg nicht fassen können (7,23,3);327 die zweite (7,37–38) endet bereits unentschieden, die dritte (7,39–41) dann mit einem eindeutigen Sieg der Syrakusaner, die daher auch recht zuversichtlich hoffen, »zur See eindeutig die Stärkern zu sein (ταῖς μὲν ναυσί … πολὺ κρείσσους εἶναι)« (7,41,4).328 Die Athener erhalten darauf endlich die langersehnte Verstärkung durch ein von Demosthenes und Eurymedon geführtes Kontingent (7,42), worauf Nikias seine ganze Hoffnung gründet, sie könnten immer noch thalassokratein und sollten daher auch bleiben und nicht den sofortigen Rückzug antreten (7,48,2). Die folgende vierte Seeschlacht (7,51–52) geht dennoch verloren, so deutlich wie noch keine zuvor, und das auch trotz der zusätzlich eingetroffenen Schiffe.329 Unmittelbar vor der letzten und entscheidenden Seeschlacht (7,70–71) erhalten dann Gylippos und die Feldherren der Syrakusaner die Gelegenheit, ihren Männern erneut ins Gedächtnis zu rufen, welchen Effekt sie mit ihren Erfolgen zur See bei den Athenern bereits erzielt hätten.330 Ihre Worte wirken dabei wie eine Spiegelung und zugleich auch eine Bestätigung der eingangs zitierten Hoffnungen des Hermokrates (7,21,3–5),331 denn auch sie sind nicht allein eine Rekapitulation der eigenen Siege, sondern vor allem auch ein Kommentar zur psychologischen Verfassung der Athener: Die Athener, […] die jetzt schon eine Macht besitzen größer als irgendwelche Hellenen je früher oder heute, die habt ihr, und kein Mensch vor euch, bestanden mit der Flotte, grad der Waffe, womit sie alles unterwarfen (πρῶτοι ἀνθρώπων ὑποστάντες τῷ ναυτικῷ, ᾧπερ πάντα κατέσχον), und habt die vorigen Seeschlachten bereits gewonnen und werdet nach aller Voraussicht auch die jetzige gewinnen. Denn wenn man Männer da, wo sie sich überlegen fühlen (ᾧ ἀξιοῦσι προύχειν), zurückstutzt, sinkt der Rest ihres Selbstgefühls tiefer unter sich selbst, als wenn sie sich von Anfang nichts eingebildet hätten, und wider alle Hoffnungen ihres Stolzes gestürzt, geben sie nach über die Kräfte ihrer Macht (τῷ παρ’ ἐλπίδα τοῦ αὐχήματος σϕαλλόμενοι καὶ παρὰ ἰσχὺν τῆς δυνάμεως ἐνδιδόασιν). So ist es wahrscheinlich den Athenern jetzt gegangen. (7,66,2–3)

327 Dazu Lazenby (2004) 153. Der Umschwung von einem anfänglichen Sieg der Syrakusaner hin zu einem schlussendlichen Sieg der Athener (­Thukydides schreibt wörtlich, die Syrakusaner hätten den bereits errungenen Sieg an die Athener »übergeben«, παρέδοσαν τὴν νίκην τοῖς Ἀθηναίοις, 7,23,3) erinnert an das Verhalten der Peloponnesier in der zweiten Seeschlacht bei Naupaktos (2,91,4). 328 Vgl. zu diesen beiden Schlachten Lazenby (2004) 156–157. 329 Vgl. Lazenby (2004) 160. 330 Dazu Leimbach (1985) 112–120. Zur finalen Seeschlacht vgl. Lazenby (2004) 161–162. 331 Vgl. Luschnat (1942) 97–98 zur Verbindung beider Reden.

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Wie die Reaktion der Athener – die sich nach der verlorenen Schlacht in einem seltenen Moment des Aufbegehrens weigerten, ihre immer noch vorhandenen und intakten Schiffe ein weiteres Mal zu besteigen (7,72,4) – zeigen sollte, hatten Gylippos und seine Mitredner Recht behalten. An einer Passage des Berichtes lassen sich dieser Mechanismus und seine Voraussetzungen, wie sie Gylippos beschreibt (7,66,3), aus der Innenperspektive der Athener selbst wie unter einem Brennglas erkennen. Die Passage ist einerseits eine Momentaufnahme des Effektes einer Niederlage, die den Leser in unmittelbarer Weise teilhaben und ihn die Erfahrungen der historischen Akteure nachvollziehen lässt;332 zugleich blickt sie aber auch im Werk selbst zurück, indem sie zur neuerlichen Überprüfung und Reflexion derjenigen Ideen und Überzeugungen auffordert, deren Widerlegung durch den historischen Verlauf erst die volle Tragweite des Erlebten ersichtlich macht. Nach der vierten Seeschlacht, für die Syrakusaner siegreich endete, obwohl die Athener all ihre Hoffnungen auf thalassokratein (7,48,2) und die neu hinzugekommenen Schiffe gesetzt hatten, ist die psychische Verfassung der Athener an einem absoluten Tiefpunkt angekommen: Nach diesem klaren Sieg auch zur See (denn vorher hatten die Syrakuser doch die mit Demosthenes nachgekommenen Schiffe gefürchtet) waren die Athener völlig verzweifelt, und ihre Ernüchterung war groß (οἱ μὲν Ἀθηναῖοι ἐν παντὶ δὴ ἀθυμίας ἦσαν καὶ ὁ παράλογος αὐτοῖς μέγας ἦν), viel größer noch ihre Reue über den Feldzug. Waren doch diese Städte, die sie jetzt angriffen, die einzigen mit Athen vergleichbaren, ebenso volkbeherrscht und von ähnlicher Macht an Schiffen, Reitern und Größe, so dass sie ihnen keinen Unterschied entgegenzusetzen hatten, weder durch einen Umschwung der Verfassung, um sie damit auf ihre Seite zu bringen, noch den einer weit überlegenen Streitmacht, und bei ihren vielen Misserfolgen wussten sie sich schon vorher keinen Rat mehr, und seit sie sogar zur See besiegt waren, was sie nie gedacht hätten (ἐπειδή γε καὶ ταῖς ναυσὶν ἐκρατήθησαν, ὃ οὐκ ἂν ᾤοντο), erst recht nicht. (7,55)

Aus beiden Passagen, sowohl der Rede des Gylippos als auch der von ­Thukydides wiedergegebenen Binnensicht der Athener, spricht letztlich derselbe Gedanke: »Wer geschlagen wird, wo er überzeugt ist und seine Ehre darin sieht, überlegen zu sein, verliert mehr an Selbstvertrauen, als wenn er so nicht geurteilt hätte. Genauer verliert er mehr, als es durch seine auch nach der Niederlage noch vorhandenen Kräfte gerechtfertigt ist.«333 Die Selbstsicht, die die Athener zumindest bis Sizilien prägte, wird im Gefolge der Niederlagen gegen die Syrakusaner dadurch in ihrer ganzen Ambivalenz präsentiert: Sie mag zwar zu großen Tei-

332 Vgl. zu diesem Mittel der Darstellung Macleod (1983c) 144. 333 So die gute Zusammenfassung von Leimbach (1985) 114.

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len begründet gewesen sein, angesichts unerreichter athenischer technē zu Wasser und kühn erfochtener Erfolge wie bei Naupaktos, doch lässt dieses Denken keinerlei Raum für Modifikationen und Zwischentöne. Wenn schon eine für den Gegner nicht vollständig vernichtende Niederlage als eigener Misserfolg verstanden werden kann, wie es T ­ hukydides für die Athener formuliert (7,34,7), dann muss jedes Scheitern im größeren Maßstab überproportional niederschmetternd und entmutigend wirken. Genau das lässt sich in Sizilien beobachten: Die Athener sind vollständig entmutigt (ἐν παντὶ δὴ ἀθυμίας ἦσαν), weil sie nicht glauben können, dass sie tatsächlich mit Schiffen besiegt wurden (ταῖς ναυσὶν ἐκρατήθησαν, ὃ οὐκ ἂν ᾤοντο) (7,55,2); dadurch erst wird das Geschehen zum paralogos megas (7,55,1) und die Niederlage in der Gesamtheit ihrer Effekte viel umfassender, als sie es nur auf dem Papier gewesen wäre. Unerwartete Niederlagen als einen ›paralogischen‹ Geschehensverlauf zu begreifen, ist dabei keineswegs ein allein auf die Athener oder die Sizilische Expedition beschränkter Zug im Werk, sondern lässt sich geradezu als durchgängiges Darstellungs- und Erklärungsmuster bei ­Thukydides erkennen.334 Das Wort paralogos, so etwa John H. Finley, »conveys, perhaps more neatly than any other, one of his essential theses in regard to the war and therefore demands some attention«.335 Dabei ist der Idee des paralogos die Vorstellung der Fehlberechnung, also der nicht durch Zufälligkeiten (die tychē) beeinträchtigten, sondern bereits in der anfänglichen Kalkulation nicht allen Aspekten angemessenen Planung und Erwartung inhärent;336 damit ist jedoch die Aufforderung zum Vergleich mit dieser ursprünglichen Berechnung im Moment ihres Nichteintretens unweigerlich gegeben. Um nur einige wenige Beispiele zu nennen: Für die Spartaner ist die erste Niederlage gegen das zahlenmäßig weit unterlegene athenische Geschwader bei Naupaktos vollständig ›paralogisch‹ (πολὺς ὁ παράλογος, 2,85,2); ebenfalls für die Spartaner ist die Größe der athenischen Flottenexpedition gegen die Peloponnes von 428 ein paralogos (3,16,2),337 weil ihnen die Mytilenaier in Olympia zuvor doch anderes in Aussicht gestellt haben; die gesamten Ereignisse des Jahres 425 rund um Pylos und Sphakteria

334 Vgl. dazu vor allem Finley (1967) 140–149 sowie ferner Luschnat (1970) 1254–1255;­ Pothou (2011). 335 Finley (1967) 141. 336 Siehe Hunter (1973) 163 zu Hermokrates᾽ Aussage (6,33,6), die Niederlage der Perser in den Perserkriegen sei παρὰ λόγον geschehen: »Παρὰ λόγον has the connotation ›contrary to reason‹ rather than ›due to accidental causes‹ […]. I.e., their logos – deliberations, calculations, plans – did not take everything into account. Thus their defeat came as a complete ­surprise.« Vgl. auch Pothou (2011) 262: »The word παράλογος, not to be found in Herod­otus, means as a noun the unexpected development of a situation in respect to every sensible appraisal.« 337 Siehe Finley (1967) 145; Pothou (2011) 262.

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schließlich hätten, so ­Thukydides, die Spartaner in großer Erschütterung und Entmutigung zurückgelassen, weil diese in deren Augen allesamt παρὰ λόγον vonstattengegangen seien (4,55,3). Und wenn, nach den Ereignissen in Sizilien, die Revolte von Chios des Jahres 411 trotz vermeintlich günstigster Voraussetzungen scheitert, so führt T ­ hukydides dies auf den letztlich allen menschlichen Planungen und Handlungen stets innewohnenden Faktor des paralogos zurück (ἀνθρώπειοι τοῦ βίου παράλογοι, 8,24,5). Der Verweis auf ›paralogische‹ Entwicklungen bewirkt dabei vor allem eines: Er fordert dazu heraus, den logos, dem durch den andersartigen Geschehensverlauf zuwidergehandelt wurde, neuerlicher Überprüfung zu unterziehen. Wer das thukydideische Geschichtswerk zu tieferer Erkenntnis nutzen will, der soll gerade nicht dabei stehenbleiben, einfach zu registrieren, dass für Spartaner, Athener oder Chier etwas para logon eingetreten ist, sondern soll vielmehr die ursprünglichen Vorstellungen und Entwürfe, die diesen Erwartungen zugrundelagen, mit ihrem ›paralogischen‹ Ende vergleichen und nach den möglichen Gründen und der Bedeutung derartig konträrer Verläufe fragen.338 Mittels der ›paralogischen‹ Niederlage der Spartaner bei Naupaktos wird dadurch das wiederholt thematisierte Verhältnis von Erfahrung, Tapferkeit und technē im Seekrieg zur Diskussion gestellt.339 Im Fall des ›paralogischen‹ Misserfolges der Revolte von Chios werden so die Einschätzungen der griechischen Umwelt über Athens Stärke und Durchhaltevermögen während und nach Sizilien erneuter Prüfung unterzogen, ein Aspekt, für dessen Beurteilung das Motiv des ­ hukydides ohnehin von zentraler Bedeutung ist (vgl. 7,28,3).340 paralogos bei T Die abschließende Beurteilung der konkreten inhaltlichen Bedeutung derartiger Diskrepanzen mag dann zwar variieren; die grundsätzliche Funktion des­ paralogos-Motivs, den Leser ganz unmittelbar auf die Differenzen zwischen einer ursprünglichen Erwartung und deren ausbleibender Erfüllung zu verweisen,341 ist jedoch stets dieselbe. Es ist dabei auffallend, dass dieses Motiv mit 7,55,1 und der Niederlage zur See erstmalig auch auf die Athener selbst angewendet wird, während in der ersten Hälfte des Werkes ausschließlich die Gegner Athens dessen Stärke bzw. ihr eigenes Schicksal als paralogos empfinden. Zuvor erfahren die Athener ›paralogische‹ Entwicklungen nur im positiven Sinne, als den eigenen unerwarteten Erfolg (4,65,4). Fragt man nun auch im Fall des paralogos megas von 7,55,1

338 Vgl. dazu auch Finley (1967) 149: »Indeed the concept of παράλογος is only a striking means of showing how truth broke through opinion and thus of revealing those basic processes of national change which Thucydides thought would continually recur.« 339 Siehe Luschnat (1942) 24–32. 340 Dazu Finley (1967) 148. 341 Vgl. Hunter (1973) 163.

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nach der ursprünglichen Haltung, die das Erlebte überhaupt ›paralogisch‹ werden ließ, so liegt die Antwort doch auf der Hand: Der logos, dem die Niederlagen zur See in Sizilien so völlig zuwiderliefen, dass sie »niemals geglaubt werden« konnten (7,55,2), ist gewiss das Denken der Athener über ihre eigene Stärke und Unbesiegbarkeit zur See, wie es vielfach im Werk zum Ausdruck kommt. Dieses Selbstbild ist dabei keineswegs ein Produkt der Jahre um die Sizilische Expedition, sondern nach Ausweis des Textes ein seit Beginn des Krieges vorhandener, immer wieder neu formulierter und affirmierter Charakterzug. Teils wird dies auch durch wörtliche Anklänge verdeutlicht. Von den Athenern heißt es doch in 7,55,2, sie hätten es »gar nicht glauben« können, dass sie »mit Schiffen besiegt worden waren« (ταῖς ναυσὶν ἐκρατήθησαν, ὃ οὐκ ἂν ᾤοντο), was das eigentlich ›paralogische‹ Element an der vorherigen Niederlage gewesen sei. In ganz ähnlicher Formulierung wird dieses Denken bereits für das Jahr 425 und die Geschehnisse bei Pylos konstatiert: Die Athener hätten nämlich damals, so­ Thukydides, einen Teil  ihres Befestigungswerkes an einem felsigen und recht schwer zugänglichen Küstenabschnitt kaum gesichert, weil sie »nie gedacht« hätten, »jemals zur See besiegt zu werden« (οὔτε γὰρ αὐτοὶ ἐλπίζοντές ποτε ναυσὶ κρατήσεσθαι, 4,9,3), weshalb ihnen diese Nachlässigkeit auch vertretbar erschienen sei. Bemerkenswert ist hierbei, dass T ­ hukydides der Notiz über das Räsonnement der Athener durch ποτε (›zu irgendeiner Zeit‹) eine über die konkrete Situation hinausweisende Bedeutung zukommen lässt; dieses Denken der Athener wird dadurch zum konstanten und nicht allein bezüglich der Situation des Jahres 425 gültigen Merkmal ihrer Selbstsicht erklärt. Es ist wohl kaum ein Zufall, dass diese fast parallele Formulierung ausgerechnet in den Berichten über die Kämpfe bei Pylos und Sphakteria begegnet, lassen sich doch in der Darstellung des T ­ hukydides in vielerlei Hinsicht Beziehungen zwischen dem unerwarteten Rollentausch bei Pylos und dem ›paralogischen‹ Effekt der Niederlagen in Sizilien erkennen.342 In einer vieldiskutierten Passage, die zeitlich einen Bogen spannt von den Bedingungen und Erwartungen der ersten Jahre des Krieges bis hin zur Nachkriegszeit,343 beschreibt­ Thukydides, wie aus dem Umstand, dass Athener und Spartaner sich plötzlich gezwungen sahen, auf dem ureigenen Terrain des jeweils anderen zu kämpfen, eine Herausforderung des »Rufs« (δόξα) resultierte, den beide Seiten zu dieser Zeit (noch) genossen: So hatte das Schicksal die Rollen ganz vertauscht (ἐς τοῦτό τε περιέστη ἡ τύχη), dass die Athener vom Lande aus  – und von lakonischem Land aus  – sich gegen die anrudernden Feinde verteidigten und die Spartaner von den Schiffen

342 Dazu generell Macleod (1983c) 142–143. 343 Siehe Rood (1998a) 53–54.

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aus in ihrer eignen Heimat als in Feindesland gegen die Athener landen wollten. Denn damals standen die einen noch weitgehend im Ruf, eine Landmacht zu sein und als Fußvolk unüberwindlich, die andern, dass sie ein Seevolk und mit der Flotte ganz überlegen seien (ἐπὶ πολὺ γὰρ ἐποίει τῆς δόξης ἐν τῷ τότε τοῖς μὲν ἠπειρώταις μάλιστα εἶναι καὶ τὰ πεζὰ κρατίστοις, τοῖς δὲ θαλασσίοις τε καὶ ταῖς ναυσὶ πλεῖστον προύχειν). (4,12,3)

Das Geschehen bei Pylos und Sphakteria markiert, wie Connor bemerkt hat, einen entscheidenden Wendepunkt in T ­ hukydides’ Darstellung: »It is the first sign of the grand reversal in which the war culminates – the Athenians, at the outset Greece’s major naval power, ultimately lose their fleet; the Spartans, traditionally a land power, acquire an empire and develop the navy to control it. Pylos is our first glimpse of the larger pattern.«344 Gegen den Einwand Gommes, der Hinweis auf die doxa der beiden Kriegsparteien an dieser Stelle sei angesichts der deutlichen Kontrastierung von Land- und Seemacht in den Büchern 1 bis 3 und vor allem der Ausführungen der ersten ­Periklesrede nur schwer verständlich,345 hat Tim Rood zu Recht eingewendet, dass »its function might be to emphasize further the reversal of land and sea roles at Pylos and to prepare for the reversal in Sicily«.346 Doch erschöpft sich die Bedeutung der Episode nicht darin, den unerwarteten Rollentausch zu akzentuieren, zumindest nicht im Hinblick auf die Darstellung von Seemacht und Seeherrschaft bei ­Thukydides. Wichtig ist vielmehr, dass ­Thukydides bereits hier, elf Jahre vor den paralogoi von Buch 7, den Stärken der beiden Kriegsparteien nicht allein eine in den realen materiellen und geographischen Gegebenheiten begründete Objektivität zubilligt, sondern ihnen in deutlicher chronologischer Perspektiverweiterung (denn ἐν τῷ τότε ist gewiss aus der Sicht der weiteren Erfahrungen des Krieges geschrieben) auch einen subjektiven, in Erwartungen, Ansprüchen und Meinungen manifesten Charakter zuweist. ­Thukydides gewährt uns durch die Details seiner Darstellung wie auch durch seine Kommentare einen Blick auf das im athenischen Charakter fest verankerte Vertrauen, zur See niemals besiegt werden zu können (4,9,3), ein Vertrauen, das jedoch keineswegs um seiner selbst willen thematisiert, sondern – und das ist entscheidend  – als handlungsbestimmend gekennzeichnet wird: Die Athener hatten bei Pylos Teile der Küste unbefestigt gelassen, weil sie nicht daran dach­ ten (οὔτε γὰρ αὐτοὶ ἐλπίζοντες), mit Schiffen besiegt werden zu können. Erneut ist die konkrete Bewertung dieses Vertrauens, die Frage also, ob es angemessen oder überzogen war, nur von nachrangiger Bedeutung; viel wichtiger ist,

344 Connor (1984) 111. Siehe dazu auch oben Kap. 3.2.4. 345 Gomme, Andrewes u. Dover (1945–1981) III, 449. 346 Rood (1998a) 54.

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dass ­Thukydides diesem Selbstbild eine das Handeln der Akteure bestimmende Qualität zuweist und es dadurch als historisch wirksamen Faktor erkennt, dessen Bedeutung sich nicht im bloß Psychologischen erschöpft. Die Spannung, der dieses Selbstbild unterworfen ist, wird durch die Bemerkung über die zeitliche Vergänglichkeit dieser doxa begründet. Geht man zudem nicht, wie etwa Gomme, davon aus, ­Thukydides habe bis hin zu den Berichten um Pylos »Ath­ enian superiority at sea« völlig ungebrochen und unumstritten dargestellt, angesichts der Siege bei Naupaktos oder auch des Scheiterns der Mission des Alkidas,347 sondern registriert auch die Zwischentöne, die vielfachen Hinweise auf die Verletzlichkeit und Durchlässigkeit und damit die Grenzen der Meeresbeherrschung,348 so erweist sich auch die Bemerkung über die Vergänglichkeit der doxa der maritimen Stärke Athens als konsistent mit der Darstellungsabsicht des T ­ hukydides: Sein Fokus liegt weniger auf der (unbestreitbaren) Überlegenheit athenischer Geschwader, sondern zum einen auf der Problematisierung einer Selbstsicht, die basierend auf dieser Überlegenheit ein Ideal der Unangreifbarkeit entwickelte, zum anderen auf der Demonstration derjenigen Geschehensverläufe, die die objektiven Grenzen des zur See Möglichen ersichtlich werden lassen. Die spezifische Selbstsicht, die die Athener bei Pylos wie später in Sizilien glauben ließ, niemals zur See besiegt werden zu können, lässt sich im Werk letztlich bis auf ­Perikles zurückverfolgen. Es liegt nahe, in seinen Ansprachen den Ausgangspunkt dieser Konstruktion eines Selbstbildes zu begreifen, bedenkt man etwa, dass er in der dritten Rede in auffallend verabsolutierender, vom konkreten Kriegsgeschehen gelöster Weise eine schon fast mystische ›Offenbarung‹ (2,62,1) der athenischen Macht als unbegrenzter Herrschaft über das gesamte Meer präsentiert und den Athenern ganz direkt, in unmittelbarer Ansprache zusichert, sie könnten von niemandem daran gehindert werden, zu segeln, wohin immer sie wollen (2,62,2). All das ist in ­Perikles’ Offenbarung  – und das ist entscheidend  – weder eine Utopie noch überhaupt ›Zukunftsmusik‹, sondern ganz konkret als eine augenblickliche Realität versprochen (ἐν τῷ παρόντι, 2,62,2), die den Athenern als die Grundlage ihrer gesamten Machtposition verdeutlicht werden müsse.349 ­Zugleich haben gerade die Ausführungen der dritten Rede den expliziten Anspruch, ganz grundlegende Einsichten über Athens Seeherrschaft zu vermitteln,350 sodass ihnen aufgrund dieser umfassenden Erklärungsabsicht fast zwangsläufig der Charakter einer

347 Siehe Gomme, Andrewes u. Dover (1945–1981) III, 449. 348 Siehe dazu oben Kap. 4.2.1 und 4.2.2. 349 Vgl. Rhodes (1988) 238 zum Realitätsanspruch der perikleischen Seeherrschafts-Rhetorik. 350 Siehe de Romilly (1951) 111; (1977) 27; Rengakos (1984) 43–44.

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Folie zugesprochen ist, vor der alles Weitere begriffen und bewertet werden muss. Nur wenig später im zweiten Buch reflektiert dieses Denken etwa Phormion,351 wenn er Athens Stärke zur See als eine Sache der Rechtmäßigkeit, als ein dikaion bezeichnet (2,89,10) und der Idee der Seeherrschaft dadurch einen fast schon normativen Anstrich verleiht, der ohne die vorausgehende Zusicherung athenischer Meeresbeherrschung kaum denkbar bzw. eigenartig voraussetzungslos wäre. Ohne die Reden des ­Perikles wäre im Kontext des Werkes nicht verständlich, weshalb Seeherrschaft für Athen überhaupt eine Frage des dikaion sein sollte. Gewiss lässt sich nicht im eigentlichen Sinne beweisen, dass ­Thukydides derart ›paralogische‹ und deshalb umso drastischere Erschütterungen des Selbstbildes der Athener in Beziehung zu ­Perikles’ Idealisierung maritimer Macht gesetzt wissen wollte. Und doch stellt sich die Frage, ob nicht die Absolutheit des athenischen Überlegenheitsdenkens, wie es gerade in seiner Umkehrung in 7,55,2 ersichtlich wird, als eine Fernwirkung und ein Ergebnis der perikleischen Rhetorik von Seeherrschaft begriffen werden kann, da diese doch explizit eine Stärkung des Kampfgeistes und eine psychologische Aufrüttelung der Athener zum Ziel hatte (2,62,1) und dies durch eine – von P ­ erikles selbst als unerhört und gefährlich, weil zu prahlerisch klingend erkannte (2,62,1)  – Offenbarung der konkurrenzlosen Überlegenheit Athens zur See erreichen wollte. Sicherlich spielt als Folie, vor der die athymia von 7,55 zu verstehen ist, auch die Versicherung des Alkibiades mit hinein, wenn alles fehlschlage, so könnten sich die Athener als naukratores leicht in Sicherheit bringen (6,18,5), ebenso wie die mehrfach geäußerten Hoffnungen des Nikias, man könne auf das kratos der eigenen Schiffe vertrauen (7,49,1; 7,61,1) und durch thalassokratein schließlich doch noch erfolgreich sein (7,48,2). Dies sind gewiss die unmittelbaren Voraussetzungen der im Verlauf von Buch 7 zerstörten Selbstsicht, doch stehen sie ja keineswegs allein, sondern sind letztlich nur Variationen eines Motivs, das bereits zuvor im Werk entwickelt wurde. Dass dadurch in letzter Konsequenz auch auf ­Perikles und das vor allem in der dritten Rede entwickelte Selbstbild Athens als einer das Meer vollständig beherrschenden Macht angespielt ist, scheint mir kaum von der Hand zu weisen. Auch die übrigen Anspielungen auf perikleisches Gedankengut im Umfeld der Expedition – beginnend mit Alkibiades’ Rede vor der Expedition, die oft auf Motive der ­Periklesreden Bezug nimmt,352 und kulminierend in den proportional zur Dramatik des Geschehens zunehmenden Anklängen an P ­ erikles’ ideale Vision von Athens Größe und 351 Zu den Echos der ­Periklesreden in Phormions Ansprache vgl. Luschnat (1942) 28–30. 352 Dazu Macleod (1983b)  80 sowie Rood (1998a)  191 mit Anm.  38 zu 6,18,5 (mit direktem Bezug auf 2,62,2): »a reflection of the confidence instilled by ­Perikles at the start of the war«.

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Macht,353 wie sie vor allem bei Nikias zu finden sind – deuten darauf hin. Zwar lässt sich darüber streiten, wie diese Bezugnahmen im Einzelnen zu deuten sind. Letztlich unstrittig ist jedoch, dass durch solche Fernbeziehungen eine Brücke zwischen dem tragischen Scheitern der Sizilienexpedition und der Vorstellung eines in jeder Hinsicht idealen, auch das Meer vollkommen beherrschenden Athen durch ­Perikles geschlagen wird. Das Ende der Expedition bedeutet daher, gerade weil darin »emotionally the destruction of Athens itself« gesehen werden kann,354 auch das vorläufige Ende zumindest eines Teils des spezifisch athenischen ›Nationalcharakters‹, der im Verlauf des Werkes (und vor allem in den Reden) sukzessive entwickelt wurde und der stets auch den Gedanken der Überlegenheit zur See in sich trug.355 Dabei ist völlig unerheblich, wie sich die Sizilienexpedition als militärisches Unternehmen zu ­Perikles’ Warnung, die archē während des Krieges nicht auszudehnen (1,144,1; vgl. 2,65,7), oder zu anderen strategischen Erwägungen verhält, denn beide Ebenen  – die der konkreten Planung und Strategie für den Krieg und die der in den Diskussionen und Debatten rund um diesen Krieg wirksamen Vorstellungen, Entwürfe und Selbstwahrnehmungen – sind keineswegs deckungsgleich, sondern sollten soweit als möglich getrennt werden. Denn worin besteht Seeherrschaft, besteht sea power letztlich bei ­Thukydides? Doch in verschiedenen Dingen: zum einen in etwas ganz Konkretem, Greifbarem – Schiffen, deren Mannschaften und Einsatzradius, deren Anfälligkeiten und Vorzügen, wie sie den tatsächlichen Einsatz der Macht zur See bedingen. Zum anderen ist Seeherrschaft, ist sea power in der Darstellung des T ­ hukydides doch auch etwas anderes, nämlich especially the creation of the intelligence, […]  a vision of the Athenian Empire as pure product of the mind, and consequently inaccessible to those elements in the world which the mind cannot control […]. This vision of Athens as a power 353 Vgl. Macleod (1983c) 143–145 sowie Rood (1998a) 193–194, der zu Recht bemerkt, dass erst unmittelbar vor dem katastrophalen Ende der Expedition die Glorifizierung athenischer Macht und Größe, die nach der dritten P ­ eriklesrede aus ­Thukydides’ Bericht weitgehend verschwunden ist, erneut auftaucht. Vgl. zu den Bezügen zwischen Nikias und ­Perikles auch H. Rawlings (1981) 151–161. 354 So Connor (1984) 210. 355 Vgl. dazu etwa Kallet (2001) 125 mit Anm.  20, die explizit auch P ­ erikles’ maritimes Allmachtsdenken (2,62,2) als einen Bestandteil dieser kontinuierlichen Konstruktion und Affirmation des athenischen Selbstbildes im Werk versteht. Treffend ist auch die Charakterisierung dieser Selbstsicht durch Hanson (2005) 250: »When the war broke out the Athenians themselves proved arrogant, convinced after the fifty-year administration of a maritime empire that they were de facto invincible at sea, ›lords of the sea,‹ as they were generally acknowledged. Like the nineteenth-century British navy, the Athenian fleet felt that its qualitative superiority meant that it could attack any enemy at any time – whatever the theater imbalance in numbers.«

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so completely created by the intellect as to be proof against the waywardness of reality is almost fantastic; and yet perhaps true to the historical Pericles’ own imagination.356

Nicht die perikleische Strategie für den Krieg oder sonstige ›Realia‹ athenischer Seeherrschaft werden durch die tragische Peripetie des Scheiterns in Sizilien auf den Prüfstand gestellt, sondern jene spezifische und dabei vor allem spezifisch perikleische Vision vom Wesen und der Einzigartigkeit Athens, wie sie als Selbstbild und Anspruchsdenken das konkrete Geschehen zu Wasser immer begleitet.357 Die Niederlagen in Sizilien und die Reaktionen der Athener darauf sind der ultimative Beweis, dass auch dieser visionäre Entwurf nicht gegen die »waywardness of reality« gefeit war, ja dass er sogar den Effekt der Rückschläge noch überproportional verstärken konnte. Erneut hilft ein Seitenblick zum Verhältnis von Gefallenenrede und Pestbeschreibung, um diesen Zusammenhang besser zu verstehen. T ­ hukydides geht es bei diesem Kontrast doch keineswegs allein darum, ein Extrem (nämlich die eindringliche Darstellung aller erdenklichen positiven Seiten Athens) durch ein anderes (den plötzlichen Zusammenbruch dieses Ideals) zu ersetzen und dadurch die eine Auffassung als völlig ›falsch‹, die andere als ›richtig‹ zu erweisen. Er zeichnet vielmehr, ohne explizit zu kommentieren, nur zwei Ausschläge auf, einmal eine Interpretation vom Wesen Athens, bei der »aus der historischen Realität die negativen Momente eliminiert sind«,358 das andere Mal einen Ausschlag ins Negative, die Erosion all dessen, was zuvor im Positiven postuliert worden ist bzw. genauer noch: das erneute Zutagetreten dessen, was in der idealisierten Fassung zwar verborgen, jedoch grundsätzlich präsent war.359 Dadurch wird in erster Linie die Vervollständigung eines ohne das Gegensatzpaar nur fragmentarischen Bildes erreicht. Gewiss ist es zutreffend, dass die »Pestschilderung […] ohne den vorangehenden Athen-Hymnos […] ins Leere zielen und ihres wichtigsten Effekts beraubt« wäre, da sie konzeptionell »ohne den Epitaphios nicht denkbar« ist.360 Doch erschöpft sich diese gegenseitige Abhängigkeit weder in dem bloßen dramatischen Effekt noch in einer reinen Widerlegung oder ›Dekonstruktion‹ der Ideale der Gefallenenrede durch die Pest. Vielmehr tragen beide Passagen dazu bei, ein realistischeres Bild Athens entstehen zu lassen, indem der Leser des Werkes den Ausschlag in beide Extreme registrieren und dadurch die ganze Breite des Spektrums des Möglichen erfahren kann. Eben jene »histo­rische Realität«, die im Epitaphios verbor356 357 358 359 360

Parry (1972) 60–61. Vgl. auch Parry (1981) 157; Euben (1997) 80. Vgl. Parry (1981) 157 zur ersten ­Periklesrede. Flashar (1975) 105–106. Siehe Flashar (1969) 35; M. Meier (2006) 153–154. M. Meier (2006) 156.

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gen bleibt und die zwischen den Extremen liegt,361 ist es jedoch, die ­Thukydides allem Anschein nach interessierte.362 Das sollte keineswegs mit einer Art Realismus um seiner selbst willen verwechselt werden, sondern entsprang wohl einem ernsten Bedürfnis des T ­ hukydides, den vielfältigen Simplifizierungen und Idealisierungen, die zu seiner Zeit im öffentlichen Diskurs im Umlauf waren,363 ein ›objektiveres‹, weil vollständigeres Bild der möglichen Manifestationen von Sachverhalten entgegenzuhalten.364 Dieses Angebot kann der Rezipient des Werkes aufgreifen, um dann seinerseits auf dieser verbreiterten und daher weniger perspektivisch eingeengten Materialgrundlage den Akt des τὸ σαϕὲς σκοπεῖν (1,22,4) zu vollziehen.365 Mit dem Ende von Buch 7 und der ›paralogischen‹ Niederlage der Athener auch zu Wasser erfährt somit der paradigmatische Entwurf von Seeherrschaft, wie er in den Büchern 1 und 2 sukzessive entwickelt worden ist, seine dramatische Auflösung; er wird gleichsam von der Realität eingeholt. Mit Buch 8 beginnt dann ein neuer Krieg (8,5,1), in dem weder rhetorisch brillante Idealversionen noch tragische Erschütterungen einer maritimen Selbstsicht eine Rolle spielen.366 Der historische Bericht erscheint fortan um diese Ausschläge ins Extrem bereinigt.

361 Siehe Flashar (1975) 105–106. 362 Vgl. Luschnat (1970) 1251, dem zufolge ­Thukydides’ Hauptinteresse als Historiker in der »Eliminierung der in der empirischen Wirklichkeit nicht nachweisbaren Faktoren« bestand. Ähnlich auch Connor (1984) 241. 363 Dazu Schmidt-Hofner (2014) bes. 662–666 sowie unten Kap. 6.2. 364 Vgl. dazu auch Connor (1984) 241. 365 Vgl. zur didaktischen Zielsetzung des Werkes unter dieser Perspektive Grethlein (2005) 68. 366 Siehe Rood (1998a) 253 sowie oben Kap. 3.2.4.

5. Die Funktion von Seeherrschaft bei ­Thukydides

Die herausgehobene Rolle, die der Figur des P ­ erikles in jeder Untersuchung der Auseinandersetzung des T ­ hukydides mit Seeherrschaft zukommt,1 bedingt es, sich mit einer ganz grundlegenden Problematik zu befassen: Steht die Interpretation der Beurteilung und Bedeutung von Seeherrschaft bei ­Thukydides, wie sie hier vertreten worden ist, nicht in einem mehr oder minder offenen Widerspruch zur positiven Würdigung perikleischer Voraussicht für den Krieg in Kapitel 2,65, dem ›Nachruf‹ auf ­Perikles, geschrieben nach Kriegsende und vermeintlich dazu verfasst, den ›Helden‹ des Werkes vom Vorwurf zu entlasten, für Athens Niederlage verantwortlich zu sein?2 Dass Athens Seeherrschaft im Laufe des Krieges einige ›Risse‹ bekam und nicht in der von ­Perikles propagierten Vollkommenheit aufrechterhalten werden konnte, ist offensichtlich, doch impliziert das auch eine Art Kritik des T ­ hukydides an der ursprünglichen Idee selbst? Hans Herter etwa verneinte dies im Hinblick auf den Kriegsplan der ersten ­Periklesrede und betonte, dass all die späteren, von ­Thukydides doch klar registrierten gegenläufigen Entwicklungen von der Wertung der Figur des Strategen zu trennen seien: Das Verständnis der ganzen Partie hängt eben daran, dass der Historiker den ­Perikles die Lage ganz von den Voraussetzungen seines Planes aus beurteilen lässt, um diesen aussichtsreichen Aspekt von der viel schwierigeren Situation abzuheben, in die die Athener durch ihre eigenen Fehler gerieten. So muss man […] auch die feste Zuversicht auf die athenische Seeüberlegenheit [verstehen], die sich in Wirklichkeit infolge des weiten Ausgreifens des Krieges keineswegs in dem erwarteten Ausmasse aufrecht erhalten liess. Die perikleische Planung ist auf dem Hintergrund des faktisch eingetretenen Misserfolges zu sehen, den ihr Urheber nicht hat ausschliessen können, ohne doch dafür verantwortlich zu sein […]: es ist kein Zweifel, der Historiker stellt die Rechnung seines Helden aus voller Kenntnis des Gesamtverlaufes auf.3 1 Siehe dazu oben Kap. 4.1. 2 So besonders de Romilly (1965). Vgl. zu dieser älteren communis opinio den Überblick bei Nicolai (1996) 264–265 sowie die Bemerkungen von Luschnat (1970) 1242. 3 Herter (1953) 622.

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Die Funktion von Seeherrschaft bei ­Thukydides

Wie verhält sich also – gerade angesichts derartiger Auffassungen – die in den vorigen Kapiteln vertretene Annahme, T ­ hukydides’ Darstellung des Peloponnesischen Krieges könne auch als eine Auseinandersetzung mit den Grenzen der Macht zur See gelesen werden, zu dem Lob auf eben den Mann, der diese Grenzen so eindringlich verneinte und der im Werk doch fast synonym mit Athens Seeherrschaft zu begreifen ist? Die Antwort auf diese Frage wird nicht nur das Kapitel 2,65 selbst in den Blick nehmen, sondern sich vor allem auch, in einem zweiten Schritt, mit der spezifischen Funktion auseinandersetzen müssen, die Seeherrschaft als Motiv in der Analyse des T ­ hukydides erfüllt.

5.1 Der ›Nachruf‹ auf ­Perikles und Athens maritime dynamis Die Beantwortung dieser Frage muss notwendigerweise die Passage als ihren Ausgangspunkt wählen, die ein direktes und in eigener Person gesprochenes Urteil des T ­ hukydides über ­Perikles und dessen Politik enthält, den ›Nachruf‹ also, der unmittelbar an die dritte Rede des P ­ erikles anschließt.4 Dieses Kapitel hat, gerade angesichts seiner für T ­ hukydides schon fast untypisch anmutenden Direktheit der Kommentierung,5 die Beurteilung des Verhältnisses von Thukydides und ­Perikles zu großen Teilen bestimmt. Weil T ­ hukydides hier »dem Perikles Ansehen, Einsicht, Unbestechlichkeit und Redegewalt« zuspricht, sei es auch kaum verwunderlich, so Hellmut Flashar, dass man »aus diesen positiven Urteilen über die staatsmännischen Fähigkeiten des ­Perikles auch gleich die Zustimmung des ­Thukydides zur Politik des ­Perikles herausgelesen« hat, zumal  – was in unserem Zusammenhang besonders bedeutsam erscheint  – darin auch die politische und militärisch-strategische Voraussicht des P ­ erikles besonders hervorgehoben wird.6 Dabei muss zunächst angemerkt werden, dass das Kapitel 2,65 seit längerem schon nicht mehr einzig und allein als ein Dokument uneingeschränkter Bewunderung des Historikers für den Strategen gilt. Vor allem seit der zweiten Hälfte des 20. Jahrhunderts lässt sich eine kaum noch zu überblickende Vielzahl teils völlig konträrer Deutungen der ›Haltung‹ des ­Thukydides zu ­Perikles konstatieren.7 Dabei ist nicht allein dem ›Nachruf‹ auf P ­ erikles, einem »Kapitel, das so verschiedenartige Interpretationen schon in dem zuläßt, wovon es ausdrücklich handelt«,8 mittlerweile eine Vielzahl konkurrierender Deutungen zu4 5 6 7

Siehe Flashar (1969) 39; Luschnat (1970) 1242. Vgl. dazu M. Meier (2006) 146. Flashar (1969) 39. Die Literatur kann und muss hier nicht in Vollständigkeit referiert werden. Vgl. dazu die Forschungsüberblicke bei Nicolai (1996) 263–272 und M. Meier (2006) 137–141. 8 Luschnat (1970) 1246.

Der ›Nachruf‹ auf ­Perikles und Athens maritime dynamis 

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teil geworden; auch andere prominente Partien des Werkes, die zuvor oft als Zeugnisse einer rückhaltlos bewundernden Einstellung des ­Thukydides den Prinzipien und Leitmotiven perikleischer Politik gegenüber gelesen wurden – darunter vor allem die Gefallenenrede in Buch 2 –, wurden im Zuge dieser differenzierteren Neubewertung in ihren Brüchen und Ambivalenzen offengelegt.9 Ohne all dies hier im Einzelnen referieren zu können, sei nur so viel bemerkt, dass im Gefolge dieser Deutungen vor allem die Idee einer völligen Übereinstimmung des Historikers ­Thukydides mit der Person und den politischen Zielen seiner Figur P ­ erikles (die ›Sprachrohr-des-Autors‹-Theorie)  als problematisch erwiesen wurde.10 Die Ansicht, ­Thukydides sei ein glühender Anhänger der Sache Athens und der Person des P ­ erikles gewesen, gar ein »devout disciple« des Strategen mit einer regelrechten »Pericles-fixation«,11 der deshalb auch den athenischen Imperialismus und alles, was mit ihm zusammenhing (wie eben auch die Seeherrschaft der Stadt und P ­ erikles’ maritime Strategie), rückhaltlos bewundert und diese Glorifizierung gerade angesichts der Niederlage von 404 aufrechterhalten habe, weil sie ihm immer noch richtig erschienen sei,12 kann zumindest nicht mehr als selbstverständlich gelten. Dabei muss diese Tendenz keineswegs in die gegenteilige Annahme umschlagen, T ­ hukydides habe P ­ erikles und dessen politischer wie militärischer Kompetenz äußerst kritisch oder gar ablehnend gegenübergestanden, sondern hat allein den Vorzug, die im Werk auf vielfache Weise angelegten Möglichkeiten zur Hinterfragung und Relativierung einzelner Aspekte stärker in den Mittelpunkt zu stellen. Gerade auch hinsichtlich der Darstellung und Wertung der Figur des ­Perikles muss die, so Hugh Lloyd-Jones, »delicate ambiguity of the historian’s attitude« berücksichtigt werden.13 Zudem sollte auch die Möglichkeit zumindest nicht grundsätzlich außer Acht gelassen werden, T ­ hukydides könnte in seiner Beurteilung des P ­ erikles, in den Blickwinkeln und Kriterien, die diese bestimmten, während der langen Entstehungszeit des Werkes geschwankt haben, was zumindest in Teilen unterschiedliche Nuancen in der Darstellung erklären könnte.14 Viel hängt dabei von der Frage ab, wie weitgehend das Lob des P ­ erikles in 2,65 tatsächlich ist, welche Aspekte des Wirkens des Politikers es bei genauerer Lektüre positiv würdigt,15 welche vielleicht bewusst unberücksichtigt lässt 9 10 11 12 13 14 15

Siehe Flashar (1969); Grethlein (2005). Vgl. dazu jüngst Orwin (2016) 105 Anm. 3. So Wade-Gery (1970) 1069. So etwa Momigliano (1944); Plenio (1954); de Romilly (1951); (1965). Lloyd-Jones (1983) 144. Siehe dazu M. Meier (2006) bes. 165–167. Schon Gomme (1951) 79–80 hat darauf verwiesen, dass bei ­Thukydides zwischen der Wertung von Personen als Charakteren und der Beurteilung ihrer politischen Handlungen und Zielsetzungen unterschieden werden müsse, auch im Fall von ­Perikles.

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Die Funktion von Seeherrschaft bei ­Thukydides

oder gar implizit kritisiert,16 und wie sich die Würdigung des ­Perikles zum restlichen Werk verhält, sowohl zu den in den Reden formulierten Überzeugungen des Strategen als auch zu den berichteten Kriegsereignissen. Nimmt man­ Thukydides nämlich vornehmlich als Historiker war, unterstellt ihm also einen zunächst möglichst unparteiischen und distanzierten Blick auf das Geschehen der Jahre 431 bis 404,17 so stellt sich angesichts der Aussagen dieses Kapitels die Frage nach der Urteilskraft des ­Thukydides ganz deutlich,18 besonders auch hinsichtlich seiner Fähigkeit, historische Ereignisketten angemessen zu beurteilen und einzuordnen.19 Hartmut Erbse etwa bezeichnete es als eine auf den ersten Blick befremdende »unauflösbare Antinomie« des Werkes, dass T ­ hukydides zwar einerseits ­Perikles’ Voraussicht lobe, andererseits aber durch »seine eigene Darstellung der nachperikleischen Ereignisse« demonstriere, »daß die Zwangsläufigkeit des Geschehens, also die Folgen bereits eingeleiteter Aktionen und die dem menschlichen Zugriff entzogenen Zufälligkeiten, die Richtigkeit der perikleischen Ansicht widerlegten«.20 Gerade aus einer primär historischen Perspektive wurde daher die Berechtigung des Urteils von 2,65 auch in Frage gestellt, ja dieses T ­ hukydides sogar zum Vorwurf gemacht, speziell auch angesichts der für das Werk doch scheinbar so merkwürdigen und untypischen Direktheit des Kapitels,21 die als Ausweis einer in gewisser Weise wider besseres Wissen beibehaltenen Parteinahme erscheine. Blieb ­Thukydides durch dieses plakativ-eindeutige, »fast trotzig« formulierte Urteil »weit hinter seinen Möglichkeiten zurück« und wurde dadurch »den strukturellen An­sprüchen seines Werks nicht gerecht«, wie es ihm etwa Christian Meier vorgeworfen hat?22 Oder muss man letztlich sogar anerkennen, dass T ­ hukydides angesichts des Verlaufs 16 Zu den ›Auslassungen‹ des Kapitels und der sehr beschränkten Perspektive auf P ­ erikles’ Wirken vgl. Gomme, Andrewes u. Dover (1945–1981) II, 198–199; Flashar (1969) 40–41. 17 So besonders Lendle (1992) 103–105. Vgl. auch Luschnat (1970) bes. 1244. Die Möglichkeit, das Exil und andere persönliche Erfahrungen könnten ­Thukydides’ Urteil stärker geprägt haben als zumeist angenommen, diskutieren Malitz (1982) sowie M. Meier (2006). 18 So kommt etwa von Fritz (1967) 814–815 zu dem Schluss, ­Thukydides habe es an der Fähigkeit zur langfristigen Analyse politischer Entwicklungen gemangelt, offenbare sein Urteil über ­Perikles in 2,65 doch so gravierende Schwächen. 19 Siehe dazu Nicolai (1996) 273. Vgl. auch Kiechle (1968) 149; Gribble (1998) 53; M. Meier (2006) 166. 20 Erbse (1979b) 236. 21 Vgl. dazu etwa das ›Unbehagen‹ von M. Meier (2006) 146: Angesichts von Kapitel 2,65 bleibe »der Eindruck eines überragenden, geradezu idealen Politikers. Wirklich? – Dieses Loblied des T ­ hukydides ist doch sehr plakativ – und damit eigentlich unthukydideisch. Ein solcher rein subjektiver Eindruck soll nun keineswegs zum Argument für eine möglicherweise untergründig schwelende Kritik gemacht werden, aber man ist vielleicht doch gut beraten, genauer hinzusehen.« 22 So C. Meier (1993) 533.

Der ›Nachruf‹ auf ­Perikles und Athens maritime dynamis 

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und des Resultates des Peloponnesischen Krieges gewissermaßen vor der historischen Wirklichkeit kapitulierte und dass »das Vertrauen des Historikers in die Rationalität doch erschüttert« worden war durch all die ›paralogischen‹ Entwicklungen und vor allem das schlussendliche Scheitern perikleischer ›Voraus­ sicht‹, weshalb »Stellen wie II 65 nur Rückzugsgefechte« seien, »ohne letzte Überzeugung geführt«, wie es Otto Luschnat immerhin für denkbar hielt?23 Bei allen Versuchen, die Würdigung des ­Perikles aus historischer Sicht zu relativieren, muss dabei zwischen zwei grundsätzlich verschiedenen Sichtweisen unterschieden werden: Hat T ­ hukydides schlicht zu einseitig oder gar falsch geurteilt, als er das Kapitel schrieb, und hätte er es vielleicht sogar in einem späteren Stadium wieder getilgt bzw. revidiert? Oder hat er selbst, durch die Auslassungen dieses Kapitels, durch Mehrdeutigkeiten der Formulierung, vor allem jedoch durch die kontrastierenden Ereignisberichte des weiteren Kriegsverlaufs die Möglichkeit zur kritischen Hinterfragung und Bewertung der von­ Perikles vertretenen Politik und Strategie im Werk bewusst angelegt, die möglichen Diskrepanzen also selbst erkannt und selbst offengelegt, mittels der Spezifik seiner Darstellung? Von beidem zu trennen ist wiederum die Frage nach den tatsächlichen Erfolgschancen des perikleischen Kriegsplanes,24 der teils als eine ›Erfindung‹ des ­Thukydides gedeutet wurde, da er mit dem, was dem Werk ansonsten zu entnehmen ist, nicht recht in Einklang zu bringen sei.25 Die eine Deutung behält also die Annahme einer grundsätzlich positiven Darstellung des Strategen und einer Art ›Identität‹ von ­Thukydides und ­Perikles bei, versucht jedoch, eine historische Interpretation des Werkes gegen diese ›falsche‹ Parteinahme des ­Thukydides zu wenden und ­Thukydides durch ­Thukydides zu widerlegen,26 während die andere den Historiker als einen durchaus auch kritikfähigen Kommentator perikleischer Politik begreift, der in seinem Werk daher auch zumindest implizite Hinweise auf die Schwächen oder gar Fehler der Politik des Strategen bereithalte.27 Gerade die Berechtigung des Lobes der ›Voraussicht‹ des ­Perikles hinsichtlich der Machtmittel Athens – im Hinblick auf die Frage nach der Beurteilung von Seeherrschaft der wohl zentrale Aspekt des gesamten Kapitels – wurde dabei zumindest in bestimmten Teilaspekten heftiger Kritik unterzogen. Dabei ist bezeichnend, dass selbst hinsichtlich dieser Problematik die Deutungen extrem divergieren können. Es wurde sowohl die Ansicht vertreten, das Kapitel 23 Luschnat (1970) 1257. 24 Zu den Erfolgsaussichten und Details des perikleischen Kriegsplanes vgl. Kagan (1974) 352–362; Cawkwell (1975); Holladay (1978). 25 Siehe Schubert u. Laspe (2009). 26 So etwa Vogt (1956) 265–266; von Fritz (1967) 810–811; Hornblower (1987) 174–176; C. Meier (1993) 534–535. 27 So etwa Flashar (1969); Grethlein (2005).

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Die Funktion von Seeherrschaft bei ­Thukydides

lasse – durchaus im Widerspruch zu T ­ hukydides’ eigener Bekundung – erkennen, dass ­Perikles die Machtmittel Athens tatsächlich weniger über- als vielmehr unterschätzt und so die Chance auf einen raschen Erfolg leichtfertig ungenutzt gelassen habe,28 als auch die gegenteilige (und gewiss weiter verbreitete), T ­ hukydides offenbare hier deutliche Schwächen seiner Urteilskraft, da die von ihm scheinbar bestätigte Vorhersage des ­Perikles, der Krieg könne mit recht geringem Risiko ziemlich sicher gewonnen werden, als unzutreffend abzulehnen sei.29 Stein des Anstoßes ist dabei vor allem die scheinbar uneingeschränkte Würdigung der »Voraussicht« (πρόνοια, 2,65,6) des ­Perikles durch T ­ hukydides,30 scheint diese doch am ehesten in Konflikt mit einer Rekonstruktion der historischen Ereignisse zu geraten. Simon Hornblower etwa bezeichnete die Auffassung des Historikers, ­Perikles habe bei Kriegsbeginn die Leistungsfähigkeit, die dynamis der Stadt im Hinblick auf den kommenden Krieg richtig »vorhergesehen« (ὁ δὲ ϕαίνεται καὶ ἐν τούτῳ προγνοὺς τὴν δύναμιν, 2,65,5), als »one of Th.’s most serious misjudgements«.31 Das lasse sich nicht allein durch die Kontrastierung mit anderen Informationen (aus ­Thukydides und weiteren Quellen) ersehen, sondern sei auch von T ­ hukydides selbst als Einschränkung des grundsätzlich positiven Tenors der Passage auf gewissermaßen ›subversive‹ Weise im Werk angelegt worden. So entwickle sich etwa aus der Gegenüberstellung von ­Perikles’ Zuversicht hinsichtlich Athens materieller Ressourcen (1,141,5) und späteren Passagen im Werk, die auf die schon bald nach Kriegsbeginn auftretenden finanziellen Probleme Athens hindeuten (3,19,1),32 eine gewisse ›subversive‹ Einschränkung des zunächst scheinbar eindeutigen Lobes.33 Das müsse jedoch nicht unbedingt als ein Zufall oder als ein Zeichen fehlender redaktioneller Bearbeitung angesehen werden; vielmehr sollte, so Hornblower an anderer Stelle, die Möglichkeit nicht außer Acht gelassen werden, dass T ­ hukydides derartige Widersprüche durchaus bewusst so formulierte, um dadurch einer Art Korrektur des Lobes von 2,65 Raum zu geben.34 All das braucht hier nicht weiter im Einzelnen besprochen zu werden; entscheidend ist an dieser Stelle nur, dass auch die Möglichkeit, ­Thukydides könnte an ­Perikles’

28 29 30 31 32 33

So von Orwin (2000) 862. Vgl. dazu etwa die ausführliche Kritik bei von Fritz (1967) 809–812. Vgl. zu ­Perikles’ pronoia bei T ­ hukydides Luschnat (1970) 1247–1250. Hornblower (1991–2008) I, 341. Vgl. auch Cawkwell (1975) 53–54. Dazu Kallet-Marx (1993) 130–138. Hornblower (1991–2008) I, 229 (ad 1,141,5): »That is, the combination of the two passages is subversive: Pericles’ financial foresight, praised at ii. 65, was not, even on the evidence of Th.’s own text, perfect«. Vgl. dazu auch Kagan (1974) 26–27, 353; C. Meier (1993) 533. Zu den Kriegskosten vgl. allgemein Malitz (2008), der zu einem ähnlichen Fazit kommt. 34 Siehe Hornblower (1991–2008) I, 342 (ad 2,65.6) (»we should allow for the possibility that this is deliberate on Th.’s part, an oblique expression of a reservation«).

Der ›Nachruf‹ auf ­Perikles und Athens maritime dynamis 

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Einschätzung der Macht Athens bzw. deren konkreter Wirksamkeit im Krieg gewisse Zweifel angebracht und diese zumindest indirekt formuliert haben,35 nicht von vornherein ausgeschlossen werden sollte. Von Seeherrschaft und von Athens maritimer Stärke spricht der ›Nachruf‹ auf ­Perikles nicht explizit, weshalb auch in diesem Zusammenhang die eben angesprochene Bemerkung des ­Thukydides, ­Perikles habe die dynamis der Stadt »vorhergesehen«, von herausgehobener Bedeutung ist. Denn mit der dynamis, also dem Vermögen der Stadt, etwas zu bewirken, ist doch an dieser Stelle zunächst ihre militärische Potenz gemeint,36 zu der auch und – denkt man an den Kriegsplan des P ­ erikles (1,143,4) oder dessen in oratio obliqua überlieferte Rede kurz nach Kriegsbeginn (2,13,2) – vielleicht sogar in erster Linie die Flotte gehörte, derjenige Teil  der dynamis also, in dem P ­ erikles zufolge die besondere Stärke der Athener lag (τὸ ναυτικόν, ᾗπερ ἰσχύουσιν, 2,13,2).37 Über die maritimen Machtmittel der Stadt äußert sich ­Thukydides hier also nur innerhalb des Teils des ›Nachrufs‹, den Otto Luschnat treffend als »ein Gedankenexperiment zur Errechnung der Siegesaussichten Athens« bezeichnet hat.38 Innerhalb dieser zwangsläufig hypothetischen Rekonstruktion einer Möglichkeit bekundet­ Thukydides, dass der Voraussicht des ­Perikles auch aus der Retrospektive noch zuzustimmen sei: Er lebte dann noch zwei Jahre und sechs Monate, und nach seinem Tode wurde seine Voraussicht für den Krieg erst recht deutlich (ἐπὶ πλέον ἔτι ἐγνώσθη ἡ πρό­ νοια αὐτοῦ ἡ ἐς τὸν πόλεμον). Denn er hatte ihnen gesagt, sie sollten sich nicht zersplittern, die Flotte ausbauen (τὸ ναυτικὸν θεραπεύοντας), ihr Reich nicht vergrößern während des Krieges und die Stadt nicht aufs Spiel setzen, dann würden sie siegen […]. Ein solcher Überschuss an Macht berechtigte damals ­Perikles zu der Voraussage, dass sie gegen die Peloponnesier allein sogar sehr leicht den Krieg gewinnen würden (τοσοῦτον τῷ Περικλεῖ ἐπερίσσευσε τότε ἀφ’ ὧν αὐτὸς προέγνω καὶ πάνυ ἂν ῥᾳδίως περιγενέσθαι τὴν πόλιν Πελοποννησίων αὐτῶν τῷ πολέμῳ). (2,65,6–7. 13)

35 So auch Malitz (1982) 275 (»Unbeschadet der Anerkennung, die ­Thukydides den überragenden Fähigkeiten des P ­ erikles noch in einer nach dem Zusammenbruch Athens im Jahre 404 geschriebenen Notiz zuerkannt hat, kann er kein volles Vertrauen in ­Perikles’ Kriegsplan gehabt haben«). 36 Siehe Gomme, Andrewes u. Dover (1945–1981) II, 190 (ad 2,65,5). 37 Vgl. de Romilly (1965) 573, die den Verweis auf die dynamis der Stadt auch als einen Rückbezug auf die dritte Rede des ­Perikles und deren Seeherrschaftsrhetorik begreift: »Mais […] le sentiment qui perce ici fait surtout penser aux grands textes de Périclès luimême sur la puissance d’Athènes. Il rappelle le développement du dernier discours sur la force de la thalassocratie: ›Je vous ferai voir encore un avantage qui vous est acquis, du point de vue de la puissance, pour votre empire‹ (62. 1).« 38 Luschnat (1970) 1245.

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Die Funktion von Seeherrschaft bei ­Thukydides

Das ist zunächst alles, was dem ›Nachruf‹ an expliziten Aussagen über die Flotte, Athens maritime dynamis oder die Seeherrschaft entnommen werden kann. Und doch wird hier gerade P ­ erikles’ Einschätzung der Machtmittel offenbar über alle Zweifel erhoben,39 was implizit auch bedeutet, dass dadurch die maritime Strategie des ­Perikles und die darin der Flotte und dem maritimen kratos zugedachte Rolle somit ebenfalls eine Bestätigung erfahren. Es muss sich daher zwangsläufig die Frage stellen, wie diese Einschätzung des ­Thukydides mit der in den vorherigen Kapiteln erarbeiteten Interpretation des Werkes in Einklang gebracht werden kann, wonach T ­ hukydides durch vielfältige kompositorische Mittel immer wieder bewusst die Grenzen und die Verletzlichkeit einer Macht zur See thematisiert und diese Erörterung als einen Kontrapunkt zur perikleischen Idee athenischer Seeherrschaft in die Darstellung eingewoben habe. Denn warum sollte T ­ hukydides einerseits betonen,­ Perikles habe die dynamis der Stadt und damit doch auch Athens Stärke zur See in Bezug auf den kommenden Krieg richtig vorhergesehen, zugleich jedoch dem Versprechen athenischer Seeüberlegenheit, wie es P ­ erikles mehrfach äußert, durch seine eigene Darstellung eine Art Gegenentwurf zukommen lassen, der auch die Schwachstellen solcher Macht offenbart und die Gefahren einer darauf basierenden Selbstsicht thematisiert? Zunächst ist dabei nochmals zu betonen, was genau der Charakterisierung athenischer dynamis zur See im Kontext von 2,65 entnommen werden kann und was nicht. Und in dieser Hinsicht ist das Fazit, wie gesehen, zunächst recht simpel: ­Thukydides bekundet, ­Perikles habe die dynamis der Stadt für den kommenden Konflikt vorhergesehen, also richtig eingeschätzt, was die verfügbaren Machtmittel der Athener in einem Krieg konkret bewirken konnten. Was aber ist die Rolle der Flotte, der Seemacht, des τῆς θαλάσσης κράτος in dieser Rekapitulation? Getreidelieferungen etwa, auf die Athen angewiesen war,40 wurden nicht auf Trieren verschifft, und über das Ausmaß, die Zielsetzung, vor allem aber auch über die nur begrenzte Effektivität der offensiven Flottenexpeditionen der ersten Kriegsjahre wurde lebhaft diskutiert.41 Die enorme Bedeutung der Seemacht, wie sie P ­ erikles in den Reden propagiert, ist in 2,65 allenfalls indirekt angesprochen, in dem Sinne, dass ­Perikles auch die Fähigkeit Athens, zur See seine Stärke anzuwenden, »vorhergesehen« habe. Über die konkreten Auswirkungen oder auch nur die Anwendungsgebiete dieser Stärke lässt T ­ hukydides hier nichts im Positiven verlauten, wie er es im ›Nachruf‹ ja überhaupt zu großen Teilen dabei belässt, ex negativo über ­Perikles zu urteilen,42 sondern gibt 39 40 41 42

Siehe Gomme, Andrewes u. Dover (1945–1981) II, 198. Vgl. dazu Moreno (2007) bes. Kap. 3. Vgl. Westlake (1945); Kagan (1974) 28–36; Schubert u. Laspe (2009) 384, 388–389. Das betont M. Meier (2006) 146–147. Vgl. auch Herter (1954) 337.

Der ›Nachruf‹ auf ­Perikles und Athens maritime dynamis 

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nur zu erkennen, dass selbst der Verlust der Flotte in Sizilien sowie schließlich das Auftreten erster ernsthafter Konkurrenz zur See durch die von den Persern unterstützten Spartaner gegen Ende des Krieges nicht der Auslöser der Niederlage waren, sondern erst der innere Zwist Athen zu Fall brachte (2,65,12). Dieser Eindruck wird auch durch die Berichte von Buch 8 in gewisser Weise bestätigt, lässt sich dort doch nachverfolgen, wie Athen nach dem Tiefpunkt der Niederlage in Sizilien recht schnell auch zur See zu neuer Stärke kommt.43 Der letzte Satz des Kapitels besagt dann nochmals, dass P ­ erikles aus einer »übergroßen Menge« an Gründen »damals« (τότε), also in der Situation unmittelbar vor Kriegsbeginn, der Auffassung gewesen sei, gegen die Peloponnesier allein könne der Krieg sogar »leicht« überstanden werden (2,65,13), wobei die Formulierung an dieser Stelle etliche Verständnisschwierigkeiten bereithält, die zu einer gewissen und vielleicht auch intendierten Ambivalenz der Aussage beitragen.44 Es lässt sich also zusammenfassen, dass die Eulogie von 2,65 allenfalls implizite Aussagen über T ­ hukydides’ Sicht auf Seemacht und Seeherrschaft erkennen lässt, die erst aus seiner wiederum indirekt formulierten Evaluation der grundsätzlichen Erfolgsaussichten des perikleischen Kriegsplanes destilliert werden müssen. Nur im Hinblick auf diesen Plan ist das Kapitel überhaupt als eine Auseinandersetzung mit der Bedeutung von Seemacht zu begreifen, und sicher und eindeutig lässt sich daraus allein entnehmen, dass T ­ hukydides eine zu geringe maritime Stärke Athens nicht als den ausschlaggebenden Faktor der Niederlage im Peloponnesischen Krieg erkannte, sondern dafür andere Umstände verantwortlich machte. Mit anderen Worten und zugegeben etwas forciert: Das gesamte Kapitel kann wenn überhaupt nur als ein Zeugnis der Bedeutungslosigkeit der Seemacht gelesen werden, wobei damit keineswegs die gewiss vorhandene Relevanz der Geschehnisse zur See im Peloponnesischen Krieg herabgewürdigt werden,45 sondern einzig die rein instrumentale, in sich keinerlei Geschehensverlauf garantierende und anderen Faktoren untergeordnete Rolle dieses Machtmittels betont werden soll.

43 Dazu Connor (1984) 210–212. 44 Diskutiert von Gomme, Andrewes u. Dover (1945–1981) II, 198 (ad loc.) sowie Connor (1984) 63 Anm.  30: »The sentence unquestionably affirms the power and resilience of the Athenians, and yet does not make an explicit statement of their dynamis; it uses the ambiguous potential construction with ἄν, which can emphasize the false belief that Athens ›would‹ win, as well as the current belief Athens ›could‹ have won. The main verb, moreover, ἐπερίσσευσε […], suggests not only abundance, but also something extreme and excessive […]. Furthermore, πάνυ ἂν ῥᾳδίως suggests a Periclean disregard of the costs, sufferings, and kinēsis of even a short war.« 45 Lazenby (1987) 442 konstatiert dabei jedoch das Paradoxon, dass Seemacht zwar der entscheidende Faktor in diesem Krieg war, jedoch »simply because Athens, unlike Sparta and her allies, was vulnerable to sea power«.

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Die Funktion von Seeherrschaft bei ­Thukydides

Umso mehr stellt sich angesichts dieses Ergebnisses jedoch die Frage, weshalb T ­ hukydides dann die Grenzen des zur See Möglichen überhaupt hätte behandeln sollen, wenn er Seemacht doch eigentlich als einen realiter höchstens zweitrangigen Faktor erkannt und die Schwachstellen antiker Seekriegführung nicht für die Niederlage Athens verantwortlich gemacht hat. Stünde dann der Aufwand, den er offensichtlich betrieb, um die Schwachstellen von Athens Seeherrschaft mittels seiner Darstellung offenzulegen, nicht doch in grobem Missverhältnis zur eher begrenzten Reichweite des Ergebnisses dieser Analyse? Die Antwort auf diese Frage kann wohl nur dadurch gegeben werden, dass man nach der konkreten Funktion fragt, die dem Motiv der Seeherrschaft in­ Thukydides’ historischer Analyse zukommt.

5.2 Seeherrschaft und Rhetorik  Zieht man die Ergebnisse der vorherigen Kapitel dieser Untersuchung in Betracht, so kommentiert T ­ hukydides durch die Darlegung der Grenzen der Macht zur See weniger die tatsächliche Bedeutung derartiger Macht in ihrer Anwendung im Seekrieg, wie sie im ›Nachruf‹ angedeutet wird, oder gar strukturelle Probleme einer Seeherrschaft, sondern vor allem die spezifische Funktion, die der Beherrschung des Meeres als einem Argument in Momenten der Entscheidungsfindung, sowohl vor als auch während des Krieges, zukam.46 Es ging ihm dabei, wie im Folgenden zu argumentieren sein wird, vor allem um die Instrumentalisierung einer zunehmend verabsolutierten Idee der Seeherrschaft in einer politischen Rhetorik, die das Ziel hatte, die Zuhörer zu überzeugen, indem sie bei diesen psychologische Effekte erzielt und komplexere Sachverhalte in einfachen, eingängigen, daher aber zwangsläufig komplexitätsreduzierend wirkenden Bildern bündelt.47 Was hier zunächst kurz und allgemein formuliert wurde, lässt sich mehrfach im Werk ganz konkret nachverfolgen, und zwar von der Vorkriegsphase an bis in die letzten Kapitel des Textes hinein. Es beginnt, wie gesehen, bereits in den Jahren unmittelbar vor dem Kriegsausbruch, wenn­ Thukydides Kerkyra wie ein Modell Athens im kleineren Maßstab agieren lässt und den Bewohnern der Insel attestiert, aufgrund ihres – von ihm durchaus als zumindest partiell irrational und überzogen konnotierten  – Glaubens in die eigene Überlegenheit zur See hätten sie den Konflikt mit Korinth riskiert, der ihnen (und den jeweiligen Verbündeten) außer dramatischen Verlusten letztlich nichts Zählbares einbrachte (1,25,4). Auch wenn hier nichts von Rednern 46 Zu ­Thukydides’ besonderem Interesse an der jeweils von den Handelnden vorgebrachten Begründung von Entscheidungen vgl. Stahl (1966) 60–61. 47 Zur Komplexitätsreduzierung in der Rhetorik vgl. Schmidt-Hofner (2014) 663–665.

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gesagt wird, die dieses Selbstbild hervorbrachten und förderten, so ist doch auch in diesem Bericht der Zusammenhang zwischen dem emphatisch-emotionalen Selbstbild und der Heraufbeschwörung eines Konfliktes, der dank der eigenen maritimen Stärke als leicht vertretbares Risiko erscheint,48 offensichtlich. Mit P ­ erikles’ Reden gewinnt die rhetorische Inanspruchnahme des Motivs der Seeherrschaft dann einen ersten, für alles Folgende maßgeblichen und nicht mehr zu übertreffenden Höhepunkt. Das beginnt mit der ersten, der sogenannten Kriegsrede. Schon Joseph Vogt hat gesehen, dass Seeherrschaft in der Logik des perikleischen Kriegsplanes dieser Rede weniger ein simpler Faktor unter vielen ist, sondern vor allem ein entscheidender Beweggrund, das Wagnis des Krieges überhaupt erst einzugehen.49 Vor allem in der näheren Analyse der ersten P ­ eriklesrede und insbesondere der Bedeutung der Formel μέγα γὰρ τὸ τῆς θαλάσσης κράτος (1,143,4) wurde deutlich, dass sich hinter diesem Appell an die Athener, die ›Größe‹ ihrer Seeherrschaft anzuerkennen, keineswegs primär eine nüchterne und abwägende Darlegung der möglichen Vor- und auch Nachteile einer maritimen Strategie für den Krieg verbirgt, sondern die nicht weiter erläuterte, letztlich voraussetzungslose Grundbedingung dieses Planes.50 Dabei war die Situation, in der P ­ erikles dieses Argument bemühte,51 und damit zwangsläufig auch dessen Funktion, eindeutig: Gegner und Befürworter des Krieges hielten sich in der Volksversammlung die Waage (1,139,4), und ­Perikles trat mit der klaren Zielsetzung vor die Athener, sie durch seine Worte von der Notwendigkeit des Kriegsbeschlusses zu überzeugen,52 wozu er vor allem die Erfolgsaussichten Athens besonders hervorhob. Diesem Zweck ist das Argument Seeherrschaft von Beginn an völlig untergeordnet. Wie gesehen, bleibt ­Perikles’ Darlegung der ganz konkreten Vorteile Athens dann erstaunlich knapp,53 während die rhetorische Gestaltung gerade der Passagen, die von Athens Seeherrschaft handeln, umso intensiver und eindringlicher wirkt.54 Das kaum sauber zu trennende Ineinander von psychologischer Lenkung, emotionaler Aufrüttelung und durchaus sachlicher Erörterung lässt sich wiederholt in der perikleischen Rhetorik beobachten, nicht allein in der ersten Rede und auch nicht allein hinsichtlich der Verwendung des Seeherrschafts-Motivs. Doch gerade daran kann ersichtlich 48 Dazu auch oben Kap. 3.2.4. 49 Vogt (1956) 250: »Im Krieg und im Frieden ist diese Polis sich selbst allein genug […], als Beherrscherin des Meeres ist sie unüberwindlich. Sie kann den Krieg nicht nur durchhalten, wenn er kommen sollte, sie kann ihn auch wagen.« 50 Siehe oben Kap. 3.2. 51 Zur situativen Bedingtheit der Reden bei ­Thukydides vgl. Macleod (1983a) 52. 52 Vgl. Yunis (1996) 78. 53 Vgl. Zahn (1934) 26; de Romilly (1951) 102–104. 54 Siehe Zahn (1934) 28.

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werden – in der dritten Rede vor allem, aber auch bei P ­ erikles’ Nachfolgern –, wie fragil die Balance zwischen der rational argumentierenden Instruktion einer mündigen Bürgerschaft einerseits, der auf die Emotionen zielenden und vor allem der Stärkung der Selbstsicht dienenden Psychagogie andererseits sein konnte.55 Auch in der Kriegsrede erklärt ­Perikles doch mitnichten allein rational und abwägend,56 sondern bedient sich ebenso einer im Irrealis des InselBildes formulierten Vision vom Wesen Athens als seebeherrschender und fast unangreifbarer Macht (1,143,4–5).57 Durch derartige eindringliche, dabei aber notwendigerweise in ihrer Komplexität stark verkürzte Bilder sollten die Athener dazu gebracht werden,58 nicht nur die Unausweichlichkeit des Krieges anzuerkennen, sondern schließlich auch für den Krieg zu stimmen, einen Krieg, der, so ­Perikles, dank der Beherrschung des Meeres ein glückliches Ende nehmen und Athen schließlich großen Ruhm einbringen werde (1,144,3–4). Diese rhetorische Strategie hatte bekanntlich Erfolg, die Athener folgten der gnomē ihres führenden Politikers, in der subjektiven Meinung (νομίσαντες), er habe ihnen den besten Rat gegeben, und stimmten entsprechend ab (1,145). Zeigt somit schon die Einbindung des Motivs der ›Größe‹ und Unangreifbarkeit athenischer Seeherrschaft in der ersten P ­ eriklesrede, wie sehr dieses eher als ein Mittel der Rhetorik denn als ein Teil strategischer Abwägungen gebraucht wird, so findet sich dies in der dritten Rede (2,60–64) nochmals erheblich zugespitzt und intensiviert, sowohl in der Eindeutigkeit der Situation als auch in der Drastik der Sprache. Wo die erste Rede noch dadurch motiviert ist, dass P ­ erikles die Entscheidung zum Krieg herbeiführen will, da ist die ganze dritte Rede von der enormen Spannung einer Situation geprägt, in der die Stadt von der Pest heimgesucht worden ist, in der die Athener verzweifelt und kriegsunwillig sind und sogar gegen den ausdrücklichen Willen des P ­ erikles, den sie nun für ihre miserable Verfassung verantwortlich machen, zu den Spartanern um Frieden gesandt haben (2,59,1–2). In dieser Situation, »the darkest hour of all«,59 »probably the greatest crisis in the whole of his career«,60 in der bereits nach dem ersten Jahr der gesamte Kriegsplan fast vollständig zu schei­ erikles vor die Athener, um sie, wie es T ­ hukydides formutern drohte,61 tritt P

55 Dazu Grethlein (2005). 56 So aber Yunis (1996) 78. 57 Siehe Parry (1972) 60–61. Vgl. auch Euben (1997) 80: »Notice too that Pericles asks his countrymen to imagine Athens as an island and then to act in the world in terms of what they imagine, as if human conception could change the world itself.« 58 Siehe dazu Schmidt-Hofner (2014) 663–664. 59 Jebb (1907) 385. 60 Bloedow (2000) 298. 61 Siehe Kagan (1994) 37–38.

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liert, »zu trösten, ihre zornigen Herzen zu besänftigen und ihnen die Furcht zu n ­ ehmen« (ἐβούλετο θαρσῦναί τε καὶ ἀπαγαγὼν τὸ ὀργιζόμενον τῆς γνώμης πρὸς τὸ ἠπιώτερον καὶ ἀδεέστερον καταστῆσαι, 2,59,3).62 Es ist also auf jeden Fall eine – um ein negativ konnotiertes Wort zu gebrauchen – Durchhalterede, auf die uns T ­ hukydides dadurch vorbereitet,63 die eine den Vorstellungen des­ Perikles entsprechende Entscheidung bzw. Sinnesänderung des dēmos bezüglich der Weiterführung des Krieges bewirken soll, vornehmlich mittels psychologischer Einwirkung auf das Gemüt und die Selbstsicht der Zuhörer.64 Unter diesen Vorzeichen muss die gesamte Rede begriffen werden. Das Argument der unumschränkten Seeherrschaft hat in diesem Versuch, das Gemüt der Athener wieder zu stärken, seinen festen Platz.65 ­Perikles leitet die gesamte Passage über die Seeherrschaft (2,62,1–2) der Athener mit der Bemerkung ein, ihre Macht zur See müsse die zugegeben angespannte gegenwärtige Lage vergessen machen: Sollten sie »wegen der Not des Krieges Bedenken« haben, so bestehe dazu gar kein Grund, hätten ihnen doch seine »vielen früheren Reden zur Genüge zeigen können, dass sie unberechtigt sind« (2,62,1). Die dann folgende Evokation maritimer Allmacht, so muss P ­ erikles selbst zugestehen, würde eigentlich viel zu sehr wie eine großsprecherische Anmaßung klingen, sodass er sie eigentlich gar nicht hätte äußern wollen (οὐδ᾽ ἂν νῦν ἐχρησάμην κομπωδεστέραν ἔχοντι τὴν προσποίησιν); nur sehe er sich in der gegenwärtigen Situation außerstande, die Niedergeschlagenheit der Athener (καταπεπληγμένοι) anders zu kurieren als durch den Rückgriff auf dieses eigentlich unangemessene Versprechen (2,62,1). Die Darlegung athenischer Überlegenheit zur See ist damit aber – ganz gleich, ob man ihrer Logik folgen will oder nicht – schon durch P ­ erikles selbst als zumindest potentiell einseitig und übertrieben konnotiert, und das – ein besonderer Akt der Brechung innerhalb der Rede – sogar durch ihren Urheber. Und doch gilt es oftmals als ein positives Charakteristikum perikleischer Rhetorik und dabei der dritten Rede im Besonderen, dass der Stratege den Mut und die Gesinnung der Athener »not by instilling mere hope or offering encouragement« gestärkt habe, sondern »by explaining to the dēmos the risks and rewards of communal political action 62 Zu θάρσος vgl. Huart (1968) 426–430. 63 Vgl. die bekannte Formulierung von Vogt (1956) 265–266, der in der »schreckenerregenden dritten Rede einen P ­ erikles« sieht, »der sein Volk in despotischer Weise zum Durchhalten zwingt, einen Politiker ohne Alternative, einen Führer in völliger Erstarrung«. 64 Siehe Yunis (1996) 83: »So unlike the first speech, the third is not concerned to explain policy. Rather, the third speech is unique among Pericles’ three in its attempt to shape mass political psychology.« Vgl. auch die Bemerkung von Rusten (1989) 18: »Thus the main battle of the first year is fought for the minds of the Athenian people.« 65 Siehe Hornblower (1991–2008) I, 335 (ad 2,62,1): »The stress on Athenian naval imperialism in the present context is […] rooted in the rhetorical needs of the speech.«

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and by replacing despair with clear judgement«.66 Aus dieser Einschätzung leitet sich auch die vermeintliche Vorbildhaftigkeit des ­Perikles in seiner ›rhetorischen‹ Behandlung der Athener ab, die doch auch ihre teilweise Bestätigung in­ Thukydides’ eigenen Worten im ›Nachruf‹ (2,65,9) findet: »What then, in the view of the three speeches, is the virtue of Pericles’ rhetoric? Periclean instructive rhetoric is speech that explains policy to the dēmos in such a way that they are persuaded to adopt it because they understand it.«67 Lässt sich dies auch vom Argument der Seeherrschaft behaupten, wie es in der dritten Rede begegnet? Hilft P ­ erikles’ sorgsam gehütetes und schließlich den Athenern eröffnetes Geheimnis, sie seien παντὸς θαλάσσης κυρίωτατοι und könnten von niemandem auf der Welt daran gehindert werden, mit ihren Schiffen zu fahren, wohin immer sie wollen (2,62,2), wirklich dabei, dass der dēmos seiner Politik folgt, weil er sie versteht? Gerade an diesem Beispiel lässt sich eine Sollbruchstelle der perikleischen Rhetorik erfühlen. Die Möglichkeit, P ­ erikles könnte die Athener durch seine Argumentation tatsächlich dazu gebracht haben, der für sie in diesem Moment vielleicht immer noch besten, weil aus der Situation heraus betrachtet am ehesten erfolgreichen Strategie zu folgen, soll dabei weder bestritten noch überhaupt erörtert werden. Doch ist offensichtlich, dass er dazu ein Bild maritimer Allmacht bemüht, das keineswegs ›erklärt‹ und Sachverhalte rein rational verständlich macht,68 sondern in allererster Linie die von Emotionen geleitete Selbstwahrnehmung und ein machtpolitisches Anspruchsdenken stärkt, dabei aber – er selbst muss dies ja eigens vorausschicken – in sehr einseitiger Zuspitzung ein Ideal beschwört, das so nie existieren konnte.69 Die bloße Andeutung einer potentiellen Einschränkung und Gefährdung dieser Macht, die in der ersten Rede etwa durch den Irrealis und den Komparativ in der Formulierung des Insel-Bildes (1,143,5) zumindest noch möglich ist,70 wird hier nun vollständig ausgeblendet. Diese nicht nur im Kontext des thukydideischen Werkes einzigartige Verabsolutierung maritimer Macht, die nur noch im Denken der Athener überhaupt Grenzen besitzen könne,71 ist wohl auch der Grund, weshalb P ­ erikles behaupten kann (2,62,1), er werde den Athenern im 66 Yunis (1996) 85. So auch Greenwood (2006) 69–76. Vgl. jedoch Hornblower (1987) 123 (»there is ii 62, which puts exaggerated and almost meaningless language in Pericles’ mouth«), in Anlehnung an Hussey (1985) 124–125. 67 So nochmals Yunis (1996) 85. 68 Der Charakterisierung der dritten Rede durch Crane (1998) 51 (»the heroic exhortation rests upon an appeal to cool judgment and a sound appreciation of the world as it really is«) kann daher hier nicht gefolgt werden. 69 Siehe Kagan (1974) 78. 70 Siehe dazu Schubert u. Laspe (2009) 378. 71 Vgl. Rengakos (1984) 44–45.

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Folgenden etwas völlig Unerhörtes und Gefährliches erstmalig offenbaren: Das Thema hat er zwar schon zuvor wiederholt behandelt, nie jedoch in derart zugespitzter und auch qualitativ neuartiger, radikaler Art und Weise, sieht man von der kurzen Bemerkung der Gefallenenrede (2,41,4) einmal ab.72 Auch deshalb steht die Annahme, T ­ hukydides habe dieser Idee maritimer Allmacht einen Widerpart in Gestalt der Ereignisberichte des Werkes zukommen lassen, nicht in Konflikt mit der Beurteilung der Erfolgsaussichten des Kriegsplanes im ›Nachruf‹: Die Idealisierung athenischer Seeherrschaft in der dritten Rede hat mit den konkreten Planungen und Strategien des ­Perikles gerade nichts zu tun, sondern versucht, auf viel grundlegendere und allgemeinere Weise die Einzigartigkeit athenischer Machtfülle zu veranschaulichen.73 Daran, nicht an der Kriegsplanung des P ­ erikles, setzt die von T ­ hukydides mittels der erga formulierte Kritik an. Wiederum hat P ­ erikles zunächst Erfolg, wie T ­ hukydides’ Epilog zur Rede, mit dem er dann unmittelbar zum ›Nachruf‹ auf P ­ erikles überleitet, verdeutlicht: Mit solchen Worten versuchte P ­ erikles, den Zorn der Athener gegen ihn zu beschwichtigen und ihre Gedanken von den Tagesängsten abzulenken (τῆς τε ἐς αὑτὸν ὀργῆς παραλύειν καὶ ἀπὸ τῶν παρόντων δεινῶν ἀπάγειν τὴν γνώμην). In der Versammlung ließen sie sich auch von ihm umstimmen; sie schickten nicht mehr nach Sparta, sondern betrieben nur eifriger ihren Krieg (ἔς τε τὸν πόλεμον μᾶλλον ὥρμηντο). (2,65,1–2)

Auch hier hat die Idee der Unbezwingbarkeit zur See also einen Sinneswandel bewirkt, der zu erneuertem und sogar nochmals verstärktem Kriegseifer führt. Edmund Bloedow hat dabei überzeugend klargestellt, dass ­Perikles in der historischen Situation, in der die Rede gehalten worden sein soll, eigentlich keinerlei konkreten Grund gehabt hätte, seine Vision eines völlig seebeherrschen den Athen zu entwerfen; das Argument soll an dieser Stelle somit einzig der viel elementareren Entwicklung eines Selbstbildes dienen, das eine spezifische Eigenkraft entwickeln kann und wohl auch soll.74 ­Perikles’ Rhetorik ist in solchen Fällen, wie Lisa Kallet treffend bemerkte, »not deliberative; rather it is designed to produce a psychological state«.75

72 Vgl. Hornblower (1991–2008) I, 309 (ad 2,41,4) (»apparent forgetfulness of the present passage«). 73 Siehe de Romilly (1951) 110; (1977) 27; Rengakos (1984) 44–45; Bloedow (2000) 302. 74 Siehe Bloedow (2000) bes. 302. 75 Kallet-Marx (1994) 236. Vgl. auch Westlake (1973) 101 zur dritten P ­ eriklesrede: »It is true that the speech of Pericles in its Thucydidean form consists mainly of exhortation and that various arguments are used to encourage the Athenians to adopt  a more resolute attitude towards their misfortunes.«

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Wie in so vielem, so ist auch in dieser Inanspruchnahme des SeeherrschaftsMotivs P ­ erikles eine im Werk paradigmatische Figur, an der sich die historisch wirksamen und wichtigen Zusammenhänge in höchster Klarheit ablesen lassen. Zwar lässt sich durchaus argumentieren, gerade P ­ erikles sei von ­Thukydides als ein musterhafter Redner gezeichnet worden, der sich nicht dem Drängen und den Wünschen der Masse hingibt, sondern diese stattdessen nach seinen Vorstellungen zügelt und lenkt.76 Das mag bis zu einem gewissen Grad auch zutreffen, zumal T ­ hukydides selbst im ›Nachruf‹ auf ­Perikles durchaus in diese Richtung argumentiert (2,65,8–9).77 Doch lässt gerade der Gebrauch des Seeherrschafts-Motivs in der Rhetorik erkennen, dass P ­ erikles zumindest in der dritten Rede nicht länger aus der Position unangefochten überlegener Leitung des dēmos heraus spricht, sondern sich den Erwartungen seiner Zuhörer beugt, sich gezwungen sieht, auf deren Anwürfe zu reagieren und daran auch die Wahl und Tonhöhe seiner Argumente auszurichten. Wegen des unmittelbaren Zwanges, auf eine zuvor noch nie so heftig verspürte Drucksituation reagieren zu müssen,78 bedient er sich dabei der Suggestion völlig unangreifbarer Beherrschung des Meeres, um dadurch einen vor allem psychologischen Effekt zu erzielen, was er selbst als ein riskantes, aber in dieser Situation leider unumgängliches Vorgehen bezeichnet (2,62,1).79 Hierin ist gewiss eine grundsätzliche, in der politischen Kultur des demokratischen Athens fest verwurzelte Ambivalenz angedeutet, deren Spielregeln sich in der thukydideischen Darstellung auch P ­ erikles nicht völlig entziehen kann. Diese Ambivalenz ist dabei keineswegs ein Spezifikum der SeeherrschaftsRhetorik, sondern wurde von Jonas Grethlein überzeugend auch anhand der Gefallenenrede erwiesen. Zwar erhebt ­Perikles die Kritik an den Erwartungen seiner Zuhörerschaft in dieser Rede bewusst zum Thema der Rede selbst (2,41,4); von der Notwendigkeit, seine eigene Ansprache an eben diesen Erwartungen auszurichten, habe ihn dies jedoch nicht gänzlich entheben können: Hier ist weniger ein Widerspruch, als eine für die Politik signifikante Spannung zu sehen. Selbst ein ­Perikles kann sich den Konventionen der Politik nicht entziehen. Auch wenn er weiß, wie problematisch es ist, Reden und Politik den Erwartungen des Volkes anzupassen, gehorcht er der Institution des Epitaphios Logos

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So besonders Yunis (1996) Kap. III . Vgl. Erbse (1979b) 232. Siehe Kagan (1974) 87; Bloedow (2000) 298. Dazu Bloedow (2000) 302–303. Vgl. auch Kagan (1974) 87, der vermutet, durch die Seeherrschafts-Versprechen habe ­Perikles versucht, seine ›expansionistischen‹ Gegner früherer Tage auf seine Seite zu ziehen und die aus dem Lager der ›Pazifisten‹ laut gewordene Kritik an seiner Person und Politik zu bekämpfen; die Risiken dieser Strategie habe er dabei bewusst in Kauf genommen.

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und entwirft ein ihrem kommunikativen Kontext entsprechendes schmeichelhaftes Bild von Athen.80

­ erikles habe diese Spannung zwar als »ein zentrales Problem der athenischen P Politik erkannt«, sich »ihren Spielregeln« aber dennoch beugen müssen.81 Gerade die dritte Rede lässt diese Ambivalenz deutlich werden, weil sie mehr noch als die beiden anderen von der Spannung zwischen den Erwartungen und Vorwürfen des dēmos und der persönlichen Autorität des P ­ erikles geprägt ist. Dass P ­ erikles durchaus auch aus ganz persönlichen Motiven handelt, lässt ­Thukydides’ Darstellung sehr wohl erkennen (2,59,2; 2,60,1; 2,65,1; vgl. auch 2,21,3). Und auch die Tatsache, dass seine Beschwörung athenischer Seeüberlegenheit vor allem das Gemüt der Athener zum Ziel hat, gesteht ­Perikles ganz unumwunden ein: Er sehe die Athener »über Gebühr niedergeschlagen« (καταπεπληγμένους ὑμᾶς παρὰ τὸ εἰκὸς ἑώρων), und nur deshalb eröffne er ihnen das wahre Geheimnis ihrer Stärke, das wiederum schon durch seine eigenen Worte als tendenziell prahlerisch konnotiert ist (2,62,1).82 Es zeugt vom besonderen kompositorischen Geschick und Hintersinn des T ­ hukydides, durch diese, der unmittelbar folgenden Beschwörung maritimer Allmacht vorgeschaltete Warnung ­Perikles selbst die Spannung hervorheben zu lassen, die zwischen der situativ vielleicht notwendigen Aufrüttelung des dēmos und der allzu großsprecherischen Suggestion besteht. So kann der Leser letztlich gar nicht mehr umhin, diese Möglichkeit, wenn auch nur für einen Moment, zu reflektieren und den dieser »Anmaßung« (προσποίησις, 2,62,1) zugrundeliegenden Anspruch zu hinterfragen. Die notwendige Materialgrundlage, um dies zu tun, bietet ihm ja – wie die vorherigen Kapitel zeigen konnten – der Kriegsbericht des­ Thukydides selbst an. In dem Moment jedoch, in dem durch derartige Idealbilder eine konkrete Entscheidung herbeigeführt wurde, konnte dies nicht länger als ›bloße‹ Rhetorik gelten, sondern wurde ein ganz direkt wirkmächtiger historischer Faktor, der deshalb die Aufmerksamkeit des Historikers ­Thukydides erweckte.83 Spätestens

80 Grethlein (2005) 67. 81 Grethlein (2005) 67. 82 Zur Bedeutung von ›Übertreibungen‹ bei Thukydies vgl. Hedrick (1993) 29. Die übertrieben große Darstellung der eigenen Stärke bezeichnet ­Thukydides an anderer Stelle als ein allgemeinmenschliches Phänomen (τὸ ἀνθρώπειον κομπῶδες, 5,68,2). 83 Vgl. Macleod (1983a)  52–53 sowie Grethlein (2005), der folgert (68): »Da die Rhetorik durch ihre Bedeutung sowohl im politischen Entscheidungsprozeß als auch in den Gerichten eine wichtige Grundlage der Politik war, zeigt sich in der Kritik an ihr die praktische Relevanz der ›Historien‹ für die Politik. Die didaktische Intention des T ­ hukydides ist umstritten, und zu Recht ist darauf hingewiesen worden, daß sein Werk kein politologisches Handbuch sei. Der im Methodenkapitel geäußerte Anspruch, nützlich zu sein

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seit der ausführlichen Untersuchung von Grethlein dürfte kaum noch ein Zweifel daran bestehen, dass die »Gefahren des λόγος« zu den zentralen Themen des thukydideischen Werkes zählen. Die Gefahren eines »λόγος, dem es nur darum geht, die Erwartungen der Rezipienten zu erfüllen, der aber nicht an den ἔργα ausgerichtet ist«,84 werden von ­Thukydides an etlichen Beispielen thematisiert, wozu gewiss auch das wiederkehrende Motiv der Seeherrschaft zählt. Die Reden, und so auch diejenigen, die Seeherrschaft thematisieren, geraten in dem Moment, in dem sie ideale Vorstellungen entwerfen, unweigerlich »in eine Spannung zur Wirklichkeit […], welche die λόγος-ἔργον-Antithese beschreibt«.85­ Thukydides hingegen war, daran lässt das Methodenkapitel doch auch keinen Zweifel (1,22,2), »um eine möglichst genaue Erkenntnis der ἔργα bemüht«.86 Unter diesem Blickwinkel muss auch die Darlegung athenischer Seeherrschaft in den Reden zumindest problematisch erscheinen, konnte doch gezeigt werden, dass ­Thukydides selbst durch den Verweis auf die von ihm in allen Facetten dargelegten erga des Seekrieges diese logoi teilweise in Frage stellt bzw. durch die logoi und deren Diskrepanz zum Geschehen erst eine wirklich reflektierende Erkenntnis des Verhältnisses der beiden Seiten ermöglicht. Relevant wird diese Diskrepanz vor allem auch dadurch, dass P ­ erikles über Seeherrschaft keineswegs als unerreichbares Idealbild oder gar als Utopie spricht, sondern seinen Entwurf athenischer Überlegenheit zur See ausdrücklich als tatsächliche und schon erreichte Wirklichkeit verstanden wissen will, die es nur noch zu »offenbaren«, also in ihrer Wahrhaftigkeit begreiflich zu machen gelte (2,62,1–2). Die eingenommene ›realistische‹ Position und das, was P ­ erikles sodann über die Seeherrschaft Athens sagt, geraten so miteinander in Konflikt, ­ erikles’ Ansprache wie etwa Peter Rhodes zutreffend bemerkt hat.87 Es ist in P

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für die, welche Vergangenheit und Zukunft genau erkennen wollen, zielt aber unmißverständlich auf eine praktische Bedeutung ab. Angesichts der Gegenüberstellung von Grabrede und ›Historien‹ und der Ähnlichkeit der Maßstäbe für politisches Handeln und das thukydideische Geschichtswerk liegt es nahe, als eine der Lehren der ›Historien‹ die Methode des T ­ hukydides zu verstehen: Anstelle der Bemühung, die Erwartungen des Publikums zu erfüllen, ist größtmögliche Nähe zu den ἔργα erforderlich – sowohl in der Politik als auch in der Geschichtsschreibung. Die dadurch gewonnene Erkenntnis der Wirklichkeit erfüllt weniger das theoretische Interesse des Forschers, als daß sie die notwendige Voraussetzung für politische Entscheidungen ist.« Grethlein (2005) 64. Grethlein (2005) 69. Grethlein (2005) 69. Siehe Rhodes (1988) 238 (ad 2,62,1): »In 41. 2, in the funeral speech, Pericles states that what he says of Athens is no mere boast but the truth – but nevertheless goes on to claim in 41. 4 that Athens ›has compelled the whole of sea and land to make itself accessible to their daring.‹ What he is about to say here of Athens’ sea power is similarily extravagant and boastful.«

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doch eine ganz reale, die unmittelbar gegenwärtige Macht Athens im Augenblick (ὑπαρχούσῃ παρασκευῇ τοῦ ναυτικοῦ … ἐν τῷ παρόντι, 2,62,2), die diese ungeheure Machtfülle und Dynamik erweisen soll. Nur aus dieser postulierten Faktizität athenischer Macht kann überhaupt der große Entwurf der Seeherrschaft entwickelt werden, der dieser Bemerkung vorausgeht.88 Alle möglichen Abweichungen von diesem Ideal können daher auch nicht auf einen nur utopischen Charakter dieses Bildes zurückgeführt und damit gewissermaßen ›entschuldigt‹ werden, sondern müssen vom Interpreten des Werkes ernstgenommen und auf ihre Ursachen hin überprüft werden. Nur so – und hierin treffen sich eine exakte historische Darstellung und deren didaktischer Zweck – kann die postulierte Nützlichkeit der Darstellung des T ­ hukydides (1,22,4) fassbar werden.89 All das ist dabei keineswegs ein Spezifikum des ­Perikles, auch wenn dieser als λέγειν τε καὶ πράσσειν δυνατώτατος (1,139,4) auch in dieser Hinsicht für­ Thukydides von besonderer paradigmatischer Bedeutung gewesen sein mag. Die Liste derjenigen im Werk, die sich wie ­Perikles eines Bildes athenischer Unangreifbarkeit und Überlegenheit zur See berufen, um in einer kommunikativen Situation einen psychologischen Effekt zu erzielen, ihre Ziele durchzusetzen, einen Sinneswandel zu bewirken und dadurch Entscheidungen zu forcieren, ist lang und prominent. Noch in Buch 2 bedient sich zunächst Phormion angesichts der Mutlosigkeit seiner Männer (2,88,8) und zur Stärkung ihres­ thymos in der dann folgenden Feldherrenparänese (2,89) fast ausschließlich der Erinnerung (ὑπόμνησις, 2,88,8) an ihre eigentliche, nur momentan vergessene Überlegenheit zur See, um sie davon zu überzeugen, in der peloponnesischen Flotte keinem gefährlichen deinon (2,89,1) gegenüberzustehen.90 Phormion bemüht dabei sogar das recht erstaunliche Argument, die sichere Überlegenheit der Athener zur See sei eine Frage des Rechts bzw. der Gerechtigkeit (τὸ δίκαιον, 2,89,3), weshalb in seiner Logik sämtliche Bemühungen der Peloponnesier zur See als eine Art unangemessener Normverstoß begriffen werden müssen, den es zu verhindern gilt. Im weiteren Verlauf des Werkes prägen vor allem zwei Figuren die Seeherrschafts-Rhetorik, nämlich Alkibiades und Nikias in den Büchern 6 und 7 im Kontext der Sizilienexpedition. Alkibiades, als Redner ohnehin der eigentliche

88 So Parry (1981) 174 zur dritten Rede: »Its purpose is to show how realism can become vision.« 89 Siehe dazu Grethlein (2005) 68. 90 Vgl. Gomme, Andrewes u. Dover (1945–1981) II, 225 (ad 2,88,2) zum Vergleich von Phormions Argument, die Athener seien jeder Überzahl an Feinden zur See überlegen (2,88,2), mit P ­ erikles’ Aufrüttelungsversuch von 2,62,2, »an equally vigorous and confident appeal«.

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Nachfolger und Erbe des P ­ erikles im Werk,91 versucht in der Volksversammlung, in der die Expedition nach Sizilien zur Diskussion steht (6,8,3–6,26),92 die Risiken des Unternehmens herunterzuspielen, indem er ausdrücklich auf die »Sicherheit« verweist, die den Athenern ihre Überlegenheit zur See in jedem Fall garantieren werde: »Sicherheit, um zu bleiben, wenn es gelingt, oder auch abzufahren, gewährleisten uns die Schiffe; denn seemächtig werden wir sein über alle Sikelioten zusammen (τὸ δὲ ἀσϕαλές, καὶ μένειν, ἤν τι προχωρῇ, καὶ ἀπελθεῖν, αἱ νῆες παρέξουσιν· ναυκράτορες γὰρ ἐσόμεθα καὶ ξυμπάντων Σικελιωτῶν)« (6,18,5).93 Stärker noch als bei ­Perikles kommt hier die Illusion zum Vorschein, die bloßen Machtmittel allein, die Schiffe selbst also, seien »Sicherheit« genug, um das Risiko des Unternehmens wagen zu können. Dass sich in der Rede des Alkibiades Bezüge auf die ­Periklesreden finden, hat man dabei längst gesehen. Colin Macleod etwa befand, die offensichtliche Zweitverwertung perikleischer Motive durch Alkibiades pervertiere zwar die ursprünglichen Ideen des P ­ erikles; jedoch sei »Alcibiades’ use of these themes from Periclean oratory […], in  a sense, fatally logical«,94 führe er damit doch nur in zugespitzter Form fort, was in P ­ erikles’ Rhetorik schon angelegt gewesen sei.95 Das zumindest nach außen hin ungebrochene Vertrauen des Alki­ biades in Athens Seeherrschaft sei daher letztlich nichts anderes als »a reflec­ tion of the confidence instilled by P ­ erikles at the start of the war«.96 Auch seine Worte zeigten schließlich Wirkung und die Athener waren, so Thukydides, »noch viel mehr als vorher auf den Feldzug versessen« (πολλῷ μᾶλλον ἢ πρότερον ὥρμηντο στρατεύειν, 6,19,1). Die Formulierung erinnert durchaus an T ­ hukydides’ Bemerkung zum erfolgreichen Effekt der dritten Rede des ­Perikles, die ebenfalls in neu entfachtem Kriegseifer mündet (ἔς τε τὸν πόλεμον μᾶλλον ὥρμηντο, 2,65,2).97 Die Zielsetzung des Überzeugungsmotivs der ›Sicherheit zur See‹ ist beide Male dieselbe, auch angesichts veränderter Umstände, wodurch der zugrundeliegende Mechanismus stärker in den Vordergrund rückt.

91 Siehe Macleod (1983b)  80–81, 86–87; Rengakos (1984) 106–112; Kallet (2001) 40–41; Grethlein (2010a) 244–245. 92 Dazu ausführlich Hornblower (1991–2008) III, 319–323. 93 Dazu M. Taylor (2010) 144; Stahl (2012) 129. 94 Siehe Macleod (1983b) 80. 95 Macleod (1983b) 82. Vgl. auch Strasburger (1958) 35 Anm. 1; Rengakos (1996) 411; Kallet (2001) 40–41. 96 So Rood (1998a) 191 mit Bezug auf 2,62,2. Bloedow (2000) 303 erwägt die Möglichkeit, Alkibiades könnte die Anregung zu seinen eigenen ›imperialen‹ Plänen als Zuhörer der Reden des ­Perikles, insbesondere der dritten, empfangen haben. 97 Vgl. auch Ober (1994) 115: »The verb that traces the upward spiral of Athenian enthusiasm is hormao, ›to be eager to initiate an affair.‹«

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Diese Suggestion völliger Sicherheit der eigenen Überlegenheit zur See ist deshalb Teil einer »unreally rosy vision of Athens«,98 weil die Eliminierung von Restzweifeln und der bloßen Möglichkeit, die Schiffe könnten vielleicht doch nicht ihr kratos ausspielen, die offensichtlichen, weil in der Natur der Sache selbst liegenden Risikofaktoren bewusst ignoriert.99 Mag Alkibiades in seiner Rede auch behaupten, die Schiffe der Athener könnten selbst für die Sicherheit des Unternehmens bürgen, so demonstriert doch ­Thukydides durch den weiteren Bericht geradezu überdeutlich, wie eben diese Schiffe ›versagen‹, und zwar aus teils vorhersehbaren, teils auch aus unerwarteten Gründen. Nikias’ Brief an die Athener zu Hause berichtet ausführlich und detailreich darüber, dass die mit Wasser vollgesogenen und dadurch schwerfällig gewordenen Schiffe kaum noch einsatzfähig waren (7,12,3–4).100 Die Athener zu Hause könnten sich, so Nikias, wohl kaum vorstellen, dass auch Athens Stärke zur See aufgrund solcher Bedingungen schwinden könne (καὶ δεινὸν μηδενὶ ὑμῶν δόξῃ εἶναι ὅτι καὶ κατὰ θάλασσαν, 7,12,3).101 Worauf kann sich aber diese doxa der Athener, die Nikias zufolge ein Nachlassen ihres maritimen kratos überhaupt nicht in Erwägung ziehen würden, gründen, wenn nicht auf die vielfachen Bekundungen von Rednern wie Alkibiades oder P ­ erikles, Athens Seemacht mache die Stadt sicher und unangreifbar? ­Thukydides jedoch lässt den Leser mittels dieses kompositorischen Kunstgriffes gleichsam mit den Augen des Kommandanten den desolaten Zustand der Schiffe erkennen und die innere Agonie angesichts dieser nun kaum noch brauchbaren ›Garantie‹ athenischer Sicherheit nachvollziehen.102 »As it was, most of the fleet literally rotted away, failing even to do the job of blockading properly and ultimately failing in its main job, defeating the enemy navy.«103 Schließlich sind es auch diese Schiffe, die in den Seeschlachten gegen die aufgerüsteten Schiffe der Syrakusaner unterlegen sind und ihr ›Versprechen‹, die Athener in jedem Fall zu naukratores zu machen (6,18,5), nicht halten können.104 Am Ende müssen die Athener »zu Fuß statt zu Schiff, und mehr gestützt auf die Gepanzerten als auf die Flotte (πεζούς τε ἀντὶ ναυβατῶν πορευομένους καὶ ὁπλιτικῷ προσέχοντας μᾶλλον ἢ ναυτικῷ)« den Rückzug antreten, was mit dazu beitrug, dass die Sizilienexpedition in dem megiston dia­ phoron endete, das ein griechisches Heer überhaupt je erlebt hatte (7,75,7). 98 Das Zitat von Macleod (1983b) 80. Vgl. auch Stahl (2012) 127 (»blind illusion«). 99 Den illusorischen Charakter der Argumentation des Alkibiades betont Macleod (1983b) 73–74. 100 Vgl. dazu Lazenby (2004) 167. Zu den Problemen bzw. der Unmöglichkeit, Trieren über längere Zeit im Wasser zu behalten, ohne enorme Einbußen an deren Einsatzfähigkeit hinnehmen zu müssen, vgl. Lendon (2010) 165–167. 101 Vgl. dazu Stahl (2012) 127. 102 Dazu Connor (1984) 188. 103 Lazenby (2004) 168. 104 Vgl. zu alldem das Fazit Stahl (2012) 127.

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Während der Sizilienexpedition ist es vor allem Nikias, der in zunehmend aussichtsloser Situation das Argument der Seeüberlegenheit bemüht. Das ist umso bedeutsamer, als genau in diesen Partien des Werkes der grundlegende Umschlag in der Charakterisierung Athens als ungefährdeter Seemacht geschieht,105 wodurch die Verwendung dieses Selbstbildes in den logoi wiederum in ihrem gespannten und stets problematischen Verhältnis zur tatsächlichen Entwicklung gezeigt wird. Während sich bei P ­ erikles, auf dessen Vorbild Nikias wiederholt Bezug nimmt,106 die Suggestion der Rhetorik und der ›wahre Kern‹ dahinter noch zumindest annähernd die Waage halten, ist diese ursprüngliche Ambivalenz nun der Eindeutigkeit des bloß noch illusorischen Charakters gewichen. Das von Alkibiades vor der Expedition verkündete Wort von der absoluten »Sicherheit« athenischer Seeüberlegenheit (6,18,5) durchzieht die folgende Erzählung bis hin zur endgültigen Vernichtung des Expeditionsheeres dabei wie ein Leitmotiv.107 Neu hinzu kommt jedoch eine weitere Facette, die sich der dramatischen Situation verdankt: das Motiv der Hoffnung (ἐλπίς), die vermehrt als ein Produkt des Glaubens an die eigene Überlegenheit zur See erscheint.108 Ohnehin ist ­Thukydides’ gesamter Bericht über die Auseinandersetzungen in Sizilien geprägt von einer nicht nur lebhaften, sondern vor allem auch wie ein Indikator der Bedeutung des Geschehens zu begreifenden Schilderung der psychologischen Auswirkungen des wechselnden Kriegsglücks auf die Beteiligten,109 allen voran die Athener.110 Nach den anfänglichen Erfolgen der Athener schildert ­Thukydides, wie sich im Gefolge der Niederlagen die zunehmende Depression der Athener und eine immer stärkere Betonung der Hoffnung auf Rettung durch die eigene Seemacht gegenseitig bedingen. Nach der verlorenen dritten Seeschlacht gegen die Syrakusaner (7,39–41), die die Athener in einem Zustand der Mut- und Hoffnungslosigkeit (τά τε ἄλλα ὅτι ἀνέλπιστα αὐτοῖς ἐϕαίνετο, 7,41,2) zurückließ, war Demosthenes’ Vorschlag eindeutig: Man solle sofort aufbrechen und Syrakus verlassen, »solang es noch möglich sei, das Meer zu durchqueren und die Flotte wenigstens mit den nachgekommenen Schiffen zu besiegen (ταῖς γοῦν ἐπελθούσαις ναυσὶ κρατεῖν)« (7,47,3). Nikias hingegen, so referiert T ­ hukydides dessen Bedenken, widersetzte sich diesem Vorschlag, ob105 Siehe Rood (1998a) 191–198 sowie oben Kap. 4.2.3. 106 Dazu Macleod (1983c) 144–145; Rood (1998a) 193. 107 Die Verschränkungen der Reden des sechsten Buches mit den Ereignisberichten des siebten betont Stahl (1973). 108 Zu ἐλπίς bei T ­ hukydides vgl. Connor (1984) 131 Anm. 57. 109 Siehe Reinhardt (1966) 211; Rood (2012a) 57. 110 Luschnat (1942) 100–101 zufolge gehört »das Psychologische« zu den drei Themenkomplexen, die ­Thukydides’ Schilderung vor allem des Seekriegs in Buch 7 leiten und strukturieren. Siehe dazu auch oben Kap. 4.2.3.

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wohl auch er die Lage ähnlich beurteilte, dies jedoch nicht offen zugeben wollte (7,48,1), teils aus Furcht, ein in aller Offenheit beschlossener Rückzug würde zu den Syrakusanern durchdringen und ihn so erschweren (7,48,1), teils aber auch, weil ihm das, was er über die Situation in Syrakus und die Stärke der Athener zu wissen glaubte, mehr Hoffnung (ἐλπίς) gab, darunter auch die – durch die neu hinzugekommenen Kontingente noch gestärkte – Überlegenheit der Athener zur See (7,48,2). Diese, in oratio obliqua wiedergegebene Liste der möglichen Vorteile der Athener, die Nikias zu seinen Hoffnungen Veranlassung gaben, enthält bezeichnenderweise die überhaupt erste Verwendung des Wortes θαλασσοκρατεῖν bei ­Thukydides (7,48,2).111 Deutlicher kann im Text gar nicht nahegelegt werden, dass auch an dieser Stelle die Problematik von Seeherrschaft zur Diskussion steht. Ob die ›Kühnheit‹ des Nikias, im Vertrauen und der Hoffnung auf das kra­ tos der eigenen Schiffe für den Verbleib zu plädieren (ταῖς γοῦν ναυσὶ μᾶλλον ἢ πρότερον ἐθάρσησε κρατήσειν, 7,49,1), berechtigt war, diese Frage kann hier unberücksichtigt bleiben. Wichtig ist nur, dass dieser kühne Mut von ­Thukydides als ein Faktor innerhalb eines Prozesses der Entscheidungsfindung gezeigt wird, bei dem logos und ergon nicht recht übereinstimmen. Die ›Kühnheit‹ des Vertrauens in das kratos der Schiffe kontrastiert als logos mit der in Wirklichkeit auch von Nikias als unsicher und keineswegs so aussichtsreich eingeschätzten Lage (τῷ δὲ λόγῳ οὐκ ἐβούλετο αὐτὰ ἀσθενῆ ἀποδεικνύναι, 7,48,1).112 Anlass zur elpis gaben ihm letztlich vor allem Mutmaßungen und zweifelhafte Geheiminformationen über die Interna der Syrakusaner. Nikias’ Versicherung, die Seeherrschaft mache einen Erfolg immer noch wahrscheinlich, ist Teil seines offen vorgetragenen logos, wird aber durch die folgenden erga ganz unmittelbar widerlegt, denn auch die zusätzlichen Kontingente unter Demosthenes und Eurymedon, auf denen seine Erwartung des thalassokratein vor allem basierte (7,48,2), können die folgende Niederlage in der vierten Seeschlacht (7,51–52) nicht verhindern. Das Wunschbild der Stärke zur See führt zu einer ›Kühnheit‹, die sich auf die Entscheidungsfindung auswirkt und neue Aktionen ermöglicht – dieser Zusammenhang verbindet Nikias’ Erwägungen mit den anderen Partien des Werkes, die denselben Mechanismus erkennen lassen. So ist es wohl kaum ein Zufall, dass T ­ hukydides zur Charakterisierung von Nikias’ Zuversicht den Begriff des tharsos, der ›Kühnheit‹ bemüht, ein Begriff, mit dem er zuvor schon den Effekt der perikleischen Rhetorik auf die Athener beschrieben hat (2,13,3; 2,13,6; 2,59,3; 2,65,9).113 Der Mechanismus ist letztlich derselbe, 111 Dazu Gardiner (1969) 21. 112 Siehe Rood (1998a) 187. 113 Zu θάρσος vgl. Huart (1968) 426–430. Vgl. auch die Bemerkung von Kallet-Marx (1994) 236 zu 2,13.

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ob in den P ­ eriklesreden, bei Alkibiades oder nun hier in Buch 7: Mittels des Versprechens, das kratos zur See werde in schwieriger Situation einen sicheren Ausweg darstellen, werden Zuversicht, Hoffnung und neuer Mut generiert und das Vertrauen in die eigene Stärke befördert,114 mit dem Ziel, angesichts einer niedergeschlagenen Stimmung einen erneuerten und gestärkten Kampfeseifer zu erzeugen. Nach der vierten Seeschlacht im Hafen von Syrakus, die trotz der neu hinzugekommenen Kontingente, auf die Nikias seine Hoffnungen gesetzt hatte, wiederum in einer Niederlage der Athener endete (7,52), hatte die Moral der Athener, so ­Thukydides, einen absoluten Tiefpunkt erreicht: Sie waren nicht nur mutlos und völlig verzweifelt, sondern konnten das Faktum dieser Niederlage auch kaum begreifen, war es doch in ihrer Vorstellung schlichtweg nicht eingeplant und nicht möglich, auch mit Schiffen besiegt zu werden (ταῖς ναυσὶν ἐκρατήθησαν) (7,55,2).115 Dem vorher von ­Thukydides noch betonten tharsos des Nikias, ταῖς ναυσὶ κρατήσειν (7,49,1), steht somit unmittelbar die schmerzhafte Erkenntnis der Athener gegenüber, dass sie ταῖς ναυσὶν ἐκρατήθησαν (7,55,2). In den folgenden Beratungen der athenischen Feldherren spielt das Argument der Seeherrschaft dann erneut eine, wenn auch nur noch vage Rolle: Sofern sie die Überlegenheit zur See nicht wiedergewännen (εἰ μὴ ναυκρατήσουσιν) – und man fragt sich, wann dies eigentlich zuletzt der Fall war  –, bleibe ihnen nichts anderes übrig, als die Belagerung aufzugeben, Gerät und kampfunfähige Männer an sicherer Stelle zu verwahren und alle verfügbaren Kräfte für eine letzte, alles entscheidende Seeschlacht im Hafen zu sammeln (7,60). Die Rede, mit der Nikias in dieser Situation vor die Athener tritt, evoziert zum letzen Mal Alkibiades’ noch immer nachhallendes Versprechen, drohte das ganze Unternehmen zu scheitern, so sei man zu Schiff dennoch allen überlegen (6,18,5). Mittels der Hoffnung auf das kratos der eigenen Schiffe (ἢν γὰρ κρατήσωμεν νῦν ταῖς ναυσίν, 7,61,1) versucht Nikias, die Athener – die sich wegen der völlig unerwarteten Erfahrung, dass ihre Schiffe vom kratos der Ge­ genseite besiegt worden sind, noch immer im Zustand völliger Mutlosigkeit befinden (7,60,4) – zur letzten Schlacht zu motivieren und ihren thymos zu stärken: »Zu verzweifeln (ἀθυμεῖν) ist kein Grund« (7,61,2). Gewisse motivische Ähnlichkeiten zwischen Nikias’ Ansprache und den Reden des P ­ erikles, beson-

114 Besonders deutlich erscheint dieser Zusammenhang in ­Thukydides’ Schilderung der Reaktionen der Athener angesichts der versammelten Armada vor der Ausfahrt nach Sizilien (6,31,1): Der »Anblick« der Flottenstärke der Stadt habe die Athener, nachdem ihnen zuvor zum ersten Mal das »Ungeheuerliche« (τὰ δεινά) ihres Vorhabens bewusst geworden sei, mit neuem Mut erfüllt (τῇ ὄψει ἀνεθάρσουν). 115 Siehe dazu auch oben Kap. 4.2.3.

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ders dem Epitaphios, hat man längst gesehen.116 Doch scheinen mir auch Ähnlichkeiten zur dritten P ­ eriklesrede und deren Verweis auf Athens einzigartige Beherrschung des Meeres nicht von der Hand zu weisen: Wie Nikias’ Rede insgesamt wie kaum eine andere im Werk die Glorifizierung Athens durch ­Perikles zu reproduzieren versucht,117 so kann sie auch als die vorerst letzte Inanspruchnahme des Seeherrschafts-Motivs gedeutet werden, bevor Athens Macht zur See dann (vorerst) zugrunde geht und sich mit Beginn von Buch 8 erst wieder neu entwickeln muss.118 Beide, Nikias wie ­Perikles, sind mit einer auch für sie persönlich schwierigen Situation konfrontiert, in der es der Druck der Gegner wie auch die Niedergeschlagenheit der eigenen Seite dringend erfordern, nicht etwa eine ausführliche und sachliche Erörterung der Wahrscheinlichkeiten und Sieges­chancen aufzustellen, sondern stattdessen das Argument der Stärke zu bemühen, um die Moral zu heben, den thymos neu zu stärken und so einen primär psychologischen Effekt zu erzielen.119 Ein letztes Mal begegnet das Motiv der Seeherrschaft in dieser spezifischen Verwendung in Buch 8, im Kontext der Berichte über die stasis in Athen und die Revolte der Flotte auf Samos (8,73–77). Nachdem sich die Flotte auf Samos – nach der Niederschlagung eines oligarchischen Umsturzversuches – endgültig wieder zur Demokratie bekannt hatte und daher schließlich in Gegnerschaft zu den Oligarchen in Athen stand, wurde eine Volksversammlung einberufen, um das weitere Vorgehen zu klären.120 In dieser Versammlung seien, so­ Thukydides, die Redner reihum mit aufmunternden Worten aufgetreten, mit dem erklärten Ziel, die Flotte davon zu überzeugen, dass es in dieser Situation keinen Grund gebe, den thymos zu verlieren (ὡς οὐ δεῖ ἀθυμεῖν, 8,76,2). Wiederum, wie zuvor schon bei P ­ erikles (2,59,3; 2,65,2) und Nikias (7,61,2), haben wir somit eine primär der psychologischen Aufrüttelung dienende Argumentation vor uns, eine Stärkung von thymos und tharsos, wiederum kommt darin der Flotte als dem greifbaren materiellen Ausdruck der eigenen Überlegenheit zur See eine zentrale Rolle zu,121 und wiederum ist eine bewusste Überhöhung der Möglichkeiten dieser Flotte untrennbarer Bestandteil der rhetorischen Strategie.122 In der Situation des Jahres 411 – die athenische Bürgerschaft ist gespalten, die Flotte auf Samos hat erst die Oligarchen, dann wieder die Demokraten 116 Siehe Flashar (1969) 52–53; Macleod (1983c) 145; Rood (1998a) 193–194. Zum Vergleich von ­Perikles und Nikias auch H. Rawlings (1981) 158–161. 117 Dazu Flashar (1969) 52–53; Rood (1998a) 193. 118 Dazu auch oben Kap. 3.2.4. 119 Siehe Leimbach (1985) 103. Vgl. auch Luschnat (1942) 91 mit Anm. 4. Zu thymos und athymia in der Historiographie des späten 5. und frühen 4. Jahrhunderts vgl. Casevitz (2008). 120 Zu ­Thukydides’ Bericht über die Ereignisse vgl. F. Schulz (2011). 121 Siehe Price (2001) 314; M. Taylor (2010) 244. 122 So Hornblower (1991–2008) III, 978–979 (ad 8,76,4).

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unterstützt und sieht sich nun in einer Auseinandersetzung mit der Stadt Athen selbst – ist es nur noch die Erinnerung an eine früher einmal »fast« errungene Seeherrschaft, die als Aufmunterung und Durchhalteargument zu funktionieren scheint (8,76,4). Im Rahmen der unvollendet gebliebenen Darstellung des ­Thukydides erscheint diese Episode in verschiedener Hinsicht als eine Art Schlusspunkt der Auseinandersetzung mit Seeherrschaft, indem frühere Motive hier erneut aufgegriffen und letztmalig ›verarbeitet‹ werden. So bemühen doch die Redner in dieser Situation, wie gesehen,123 das Argument der Bedeutung des τῆς θαλάσσης κράτος, wodurch sie zugleich auch den perikleischen Kriegsplan und die zu Beginn des Werkes entwickelte maritime ›Definition‹ Athens evozieren.124 Und auch die Zuspitzung des Arguments hin auf die Bedeutung der Flotte als der Garantin der eigenen Sicherheit, wie sie zuvor Alkibiades geboten hat (6,18,5), begegnet hier erneut und beschließt die gesamte Wiedergabe des Inhaltes dieser Reden (8,76,7). Schließlich haben auch die von ­Thukydides diagnostizierten Effekte dieser Ansprachen prominente Vorläufer: Wie zuvor bei ­Perikles steht auch bei den Rednern auf Samos die Stärkung des tharsos, des Kampfes­mutes im Mittelpunkt (2,59,3: ἐβούλετο θαρσῦναί; 8,77: παραθαρσύναντες σϕᾶς). Vor allem diesem Zweck dient doch in beiden Fällen der Verweis auf die Bedeutung der Seeherrschaft und auf die Sicherheit, die die Schiffe in jedem Fall garantieren könnten. Der Effekt besteht beide Male in neu entfachter Kriegsanstrengung, also der Überwindung eines zuvor mutlosen und verzweifelten Zustandes (2,65,2: ἔς τε τὸν πόλεμον μᾶλλον ὥρμηντο; 8,77: τὰ τοῦ πολέμου παρεσκευάζοντο οὐδὲν ἧσσον). Gerade angesichts der so unterschiedlichen Kontexte und Bedingungen kann die gleichbleibende, daher letztlich auch von einzelnen Figuren unabhängige Funktion des Motivs der Seeherrschaft umso deutlicher hervortreten. Es war somit – um diese Überlegungen abzuschließen – auch im Fall von Seeherrschaft die Diskrepanz zwischen den realen Bedingungen und Möglichkeiten eines Phänomens und dessen teils fast schon als ideologisch zu bezeichnender Entproblematisierung und Vereinfachung in der Rhetorik, die T ­ hukydides interessierte, also die »Entfernung des λόγος von der Wirklichkeit«.125 Es mag ihm dabei als besonders problematisch erschienen sein, dass sich die offensichtliche Komplexitätsreduzierung, die durch die Konstruktion von Bildern unbegrenzter Seeherrschaft und maritimer Unbesiegbarkeit bewirkt wurde, als wohldurchdacht und abwägend ausgab, tatsächlich jedoch auf einer starken Vereinfachung und einseitigen Zuspitzung des Sachverhaltes beruhte. Wenn­ 123 Dazu oben Kap. 3.2.3. 124 Siehe M. Taylor (2010) 246. 125 So Grethlein (2005) 59.

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Thukydides somit die Diskrepanz zwischen den logoi und der Wirklichkeit als problematisch erschien, so sah er im Gegenzug seine eigene Aufgabe als Historiker wohl darin, diese Lücke wieder zu schließen, beides also in der Gesamtheit der Darstellung wieder in das rechte Verhältnis zu bringen: »Thucydides’ own purpose as an historian is to make logos and ergon correspond.«126 So ist auch erklärbar, wie sich eine derartige Einsicht in die um Idealentwürfe bereinigten Realia der Macht mit T ­ hukydides’ Bemühen vereinbaren lässt, ein auch für künftige Leser nützliches Werk zu schaffen, das zum tieferen »Durchblicken« der relevanten, den sichtbaren Ereignissen zugrundeliegenden Prozesse einlädt (1,22,4). Aus dieser Perspektive ist dann doch kaum noch relevant, ob Athen zur See mithilfe seiner maritimen dynamis den Krieg hätte gewinnen können oder nicht.127 Die Chance, aus der Erkenntnis des historischen Geschehens einen Nutzen ziehen zu können, liegt stattdessen wohl gerade in der erst retrospektiv gegebenen Möglichkeit, sowohl die Prozesse der Entscheidungsfindung, die ein Geschehen in Gang setzen und es immer wieder wesentlich beeinflussen, als auch die diesen zugrundeliegenden Entwürfe und Ansprüche wie unter einem Brennglas erneuter Untersuchung zu unterziehen.128 ­Thukydides zeigt dabei ganz deutlich eine Art Verfallsprozess, bei dem sich die Kluft zwischen den Mitteln und den Zielen der Rhetorik immer weiter auftut. Bei ­Perikles halten sich die offensichtliche und vor allem auf den psychologischen Effekt gemünzte Beschwörung der maritimen dynamis und die Einsicht in die tatsächlich zugrundeliegenden Machtmittel und Möglichkeiten noch in etwa die Waage,129 weshalb dieser Mechanismus ­Thukydides vielleicht auch gar keine Kommentierung wert gewesen wäre, hätte es nur diese p ­ erikleische Version der Aufrüttelung durch Seemachtsversprechen gegeben. Doch zeigt er anhand der ständigen Wiederholung dieses Musters,130 wie sich während des Krieges die Parameter stetig ändern, die Berechtigung dieser Zuversicht in das maritime kratos dadurch schwindet, wie sich auch die Machtmittel angesichts der Umstände als immer unzuverlässiger und unsicherer erweisen, wodurch der 126 Price (2001) 49. Vgl. dazu auch Ober (1994) 106; (1998) 88; Grethlein (2005) 68. 127 Vgl. Malitz (1982) 287–288: »Bei Berücksichtigung der Anerkennung für ­Perikles’ intellektuelle Brillanz wäre der so verstandene Nutzen aber doch an einen athenischen Sieg gebunden gewesen. Aus Fehlern läßt sich natürlich auch lernen, doch konnte die Katastrophe Athens am Ende der langen Kriegsbeschreibung nicht sehr ermutigend sein für Adepten der perikleischen Staatskunst. Am Ende sind es die ›dummen‹ Peloponnesier, die den Krieg gegen die ›intelligenten‹ Athener gewinnen. Rezepte für künftiges besseres Verhalten in wenn nicht gleichen, dann vielleicht analogen Situationen sind aus ­Thukydides’ Werk nur in einem höchst allgemeinen Sinne zu lernen.« Dazu auch­ Luschnat (1970) 1249. 128 Vgl. Macleod (1983c) 146; Connor (1984) 246–247; Stahl (2002) 104. 129 Vgl. dazu Euben (1977) 38. 130 Vgl. zu diesem kompositorischen Mittel Connor (1984) 233.

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latent immer vorhandene illusorische Charakter der darauf basierenden Sicherheitsversprechen Schritt für Schritt stärker hervortritt. Auch hierin erweist sich also, was Robert Connor als ein ganz wesentliches Charakteristikum des Werkes herausgearbeitet hat, dass nämlich die zu Beginn aufgestellten Kategorien und Deutungsmuster keineswegs aufgelöst und aufgegeben werden, ­Thukydides aber durch die fortschreitende Erzählung des Kriegsgeschehens die Grenzen deutlich macht, innerhalb derer sie nur Gültigkeit besitzen können: »Thus we are constantly led to see the other side, the unexpected application of qualities and terms.«131 Während sich die Machtmittel, die Kriegssituation und die Seeherrschaftsversprechen der Rhetorik anfangs noch in etwa die Waage halten, wird die Diskrepanz zwischen diesen Faktoren im weiteren Kriegsverlauf immer größer, wenn zunächst Alkibiades eine völlige Überlegenheit zur See verspricht, die sich unmittelbar anschließend als absolut trügerisch erweist, bei Nikias dann nur noch die Hoffnung darauf verbleibt, mit den Schiffen vielleicht noch das kratos zur See zu besitzen, und in Buch 8 schließlich die Wortführer auf Samos mit der vagen Erinnerung an eine früher einmal fast errungene Seeherrschaft argumentieren müssen, um Athener zum Kampf gegen Athener zu ermutigen. Es besteht somit auch kein Widerspruch zur Würdigung perikleischer Voraussicht in Kapitel 2,65, denn beides berührt zwei grundsätzlich verschiedene Ebenen, sowohl der Darstellung als auch der Analyse. Im ›Nachruf‹ auf P ­ erikles geht es um eine konkrete Planung für einen Krieg; das wiederkehrende Motiv der Gefahren der Seeherrschafts-Rhetorik ist Teil  einer Auseinandersetzung mit Grundfragen der politischen Praxis in Athen. T ­ hukydides kann daher das eine würdigen und dennoch einen Blick haben für die Unzulänglichkeiten des anderen. Und er setzte sich wohl auch nicht deshalb mit ­Perikles’ Seeherrschafts-Rhetorik intensiv auseinander, weil ihm diese als so besonders problematisch, so augenfällig oder gar gefährlich in der »Entfernung des λόγος von der Wirklichkeit« erschien (dagegen spricht doch nicht zuletzt das Urteil von 2,65),132 sondern vielmehr, weil in der idealtypischen Zuspitzung der Idee absoluter Seeherrschaft, wie er sie offenbar für seine Darstellung der Figur des­ Perikles angemessen hielt, alle anderen logoi gleichsam mitbehandelt werden konnten. Was die Späteren – Alkibiades, Nikias, auch die anonymen Redner auf Samos – dann aus dem Motiv der athenischen Stärke zur See machen, das sind alles nur noch schwächere Abwandlungen der ursprünglichen Ausformung des Motivs durch die »›ideale‹ Inkarnation der Machtidee«,133 ­Perikles.

131 Connor (1984) 246. 132 Das Zitat von Grethlein (2005) 59. 133 Strasburger (1958) 30 Anm. 5.

6. Fazit: ­Thukydides im Kontext

Bereits zu Beginn der Untersuchung wurde darauf hingewiesen, dass das eigentliche Ziel der vorliegenden Interpretation des thukydideischen Textes und der Bedeutung von Seeherrschaft darin in der konsequenten Kontextualisierung der Aussagen des Werkes besteht, dieses Ziel aber durch mehrere Faktoren wenn schon nicht unmöglich gemacht, so doch erheblich erschwert wird. Auch wenn ­Thukydides sein Werk bekanntlich mit dem berühmten Anspruch versehen hat, kein nur für die Gegenwart seiner Zeit verständliches »Prunkstück fürs einmalige Hören« (ἀγώνισμα ἐς τὸ παραχρῆμα ἀκούειν) konzipiert, sondern einen »Besitz für immer« (κτῆμα … ἐς αἰεί) verfasst zu haben (1,22,4), damit also die Überzeitlichkeit und letztlich auch die Kontext-Gelöstheit untrennbar mit dem Text verbunden ist,1 so muss gleichwohl die Einsicht in dessen Kontexte als ein möglicher Schlüssel zum Verständnis und zur Einordnung seiner Aussagen in Betracht gezogen werden. Denn obwohl T ­ hukydides, wie schon oft bemerkt wurde, bestimmte Themen in seiner Darstellung bewusst ignoriert zu haben scheint und sich in den Aussagen und Schwerpunktsetzungen seines Werkes mitunter von dem distanziert haben mag, was zu seiner Zeit und in seinem kulturellen Umfeld verbreitet und akzeptiert war und was auch von seinem Werk vielleicht hätte erwartet werden können,2 so ist doch auch diese Einsicht um nichts weniger auf die Erfassung der Kontexte seines Textes angewiesen. Nur vor dem Hintergrund des ›Üblichen‹ kann sowohl die Konventionalität als auch die mögliche Originalität des T ­ hukydides begriffen werden. Eine Reaktion auf einen Kontext ist doch beides, sowohl die Übernahme von Denkweisen, sprachlichen Konventionen und Themen der Darstellung als auch der Versuch, sich davon zu distanzieren, gängige Erklärungen in Frage zu

1 Dazu Greenwood (2006) 1–11. 2 Siehe Greenwood (2006) 1: »In order to understand what Thucydides was doing when he wrote about the war, we must relate Thucydides to his context, but we must also concede that Thucydides’ counter-cultural approach to history invites us to read him out of context, as a thinker who transcended his historical situation.«

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Fazit: ­Thukydides im Kontext

stellen, zu widerlegen oder auch schlicht zu ignorieren.3 Will man also nicht nur konstatieren, ein Autor habe neue Wege durch seine Darstellung beschritten, sondern – als historische Fragestellung – auch nach den Gründen fragen, die ihn dazu veranlasst haben mögen, so ist es unabdingbar, in der Interpretation auch die Kontexte eines Werkes zu berücksichtigen. Was die Auseinandersetzung des T ­ hukydides mit dem Thema der maritimen Macht und der Seeherrschaft betrifft, so scheint zumindest auf den ersten Blick eindeutig, welche zeitgenössischen Debatten und Erörterungen den Kontext seiner Darstellung bilden können. Im Athen des späten 5. Jahrhunderts v. Chr. sei, so die geläufige Annahme, unter dem Eindruck der Bewährungsprobe athenischer Seeherrschaft im Peloponnesischen Krieg das Thema der ›Thalassokratie‹ vieldiskutiert gewesen. Herodot und T ­ hukydides etwa, die beiden ersten Geschichtsschreiber, »were writing for audiences preoccupied with the historical phenomenon of thalassocracy«,4 und eine »théorie de la thalassocratie […] était, en somme, dans l’air, […] elle était volontiers commentée et débattue à l’époque«.5 In den Werken von Autoren wie ­Thukydides oder auch PseudoXenophon sei dieser zeitgenössische Diskurs über Athens Seeherrschaft reflektiert.6 Ganz gleich, wie man die Details dieses Denkens und dieser vermeintlichen ›Theorien‹ bewerten mag: Dass ­Thukydides sinnvoll nicht in der Vereinzelung betrachtet werden kann, da er an den Denkweisen, Debatten und Auseinandersetzungen seiner Zeit teilhatte und von diesen bis zu einem gewissen Grad geprägt wurde, darf vorausgesetzt werden.7 Das folgende Kapitel dient vor diesem Hintergrund dazu, die Darstellung und Analyse von Seeherrschaft bei ­Thukydides, wie sie im Vorhergehenden herausgearbeitet wurde, in ihre ideen- bzw. mentalitätsgeschichtlichen Kontexte einzubinden.8 Es wird dementsprechend nicht darum gehen, die Äußerungen des ­Thukydides in Verbindung zur politisch-militärischen Ereignisgeschichte des 5. Jahrhunderts und des Peloponnesischen Krieges im Besonderen zu setzen. Ein solches Vorgehen läuft zu großen Teilen ohnehin auf einen letztlich un3 Siehe dazu etwa die grundsätzlichen Bemerkungen von Skinner (1978) xiii. Vgl. zur Kontextualisierung des ­Thukydides auch Leppin (1999) 7–8. 4 Irwin (2010) 430. 5 De Romilly (1962) 225. Vgl. auch Engels (2016) 300 (»heated debate about thalassocratic ideology«). 6 Siehe Raaflaub (1994) 124; L. Rawlings (2007) 111. 7 Siehe Finley (1967) 50. Zum ›intellektuellen Milieu‹ des ­Thukydides vgl. Connor (1982) 271–277; Hornblower (1987) 110–135; Thomas (2006b); (2017). 8 Angesichts der Überlieferungssituation für den hier untersuchten Zeitraum ist eine strikte Unterscheidung zwischen ideen- und mentalitätsgeschichtlichen Fragestellungen kaum sinnvoll und praktikabel, lässt sich doch keineswegs immer sauber trennen, was noch ›Mentalität‹ ist, was vielleicht schon ›Idee‹. Vgl. dazu allgemein die Bemerkungen von Sellin (1985) 561 zum Überlappen der Konzepte.

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befriedigenden Zirkelschluss hinaus, kann doch die Geschichte ›realer‹ athenischer Seeherrschaft dieser Zeit zu weiten Teilen ohnehin nur aus T ­ hukydides’ Text selbst rekonstruiert werden, lässt man die späteren, immer problematischen Zeugnisse beiseite. Es soll im Folgenden vielmehr darum gehen, durch die Rekonstruktion diskursiver Felder (soweit die Spärlichkeit der Überlieferung dies überhaupt zulässt) den Raum abzustecken, innerhalb dessen die geistige Bedingtheit wie auch die Wirkungen der thukydideischen Darstellung von Seeherrschaft beurteilt werden können. Innerhalb dieser Felder kann dann zumindest in grober Annäherung ersichtlich werden, auf welchen Traditionen des Denkens seine Deutung beruhte und welche Subtexte diese prägten. Dass T ­ hukydides’ Ausführungen zu Seeherrschaft wohl Teil eines umfassenderen zeitgenössischen Diskurses in Athen über den Wert und den Nutzen maritimer Macht waren, ist bereits bemerkt worden. Auch hat man natürlich längst gesehen, dass seine Darstellung daher auch auf vielfältige Weise mit Konzepten und Denkweisen in Verbindung gebracht und dadurch kontextualisiert werden kann, die für das spätere 5. Jahrhundert v. Chr. vorauszusetzen sind: Man hat die Darstellung von Minos und Polykrates als Seeherrschern in der Archäo­ logie mit Herodots Behandlung dieser Figuren in Beziehung gesetzt;9 man hat auf die Ähnlichkeiten zwischen T ­ hukydides’ »theory of sea power«, wie sie im Werk von ­Perikles formuliert werde, und verwandten Passagen bei Pseudo-Xenophon hingewiesen und die Beziehung beider Texte sowohl als direkte Bezugnahme als auch als voneinander unabhängige Reaktion auf die reale Seeherrschaftsrhetorik der Zeit begriffen.10 Beide Texte wurden als Reflexe einer frühen und doch ausgereiften Form der Militärtheorie gedeutet,11 deren Ursprung im Umkreis sophistischer Theorien über zwischenstaatliche Machtpolitik zu verorten sei.12 Man hat ­Thukydides’ deutliche Akzentuierung gewisser ökonomischer Bedingungen und Folgen maritimer Machtausübung als eine in der historischen Analyse ersichtliche Anwendung neuartiger, stärker theoretisierender Überlegungen hinsichtlich der ökonomischen Grundlagen von Macht gesehen, die auch in anderen Texten, etwa der Komödie des Aristophanes, ihre Spuren hinterlassen hätten.13 In ähnlicher Weise wurde auch die maritime Entwicklungsgeschichte der Archäologie als eine Anwendung sophistischer Kulturentstehungslehren und ähnlicher zivilisationstheoretischer Vorstellungen des spä-

9 So etwa Irwin (2007); Saïd (2011b); Munson (2012) 201–202. Zur späteren Auseinandersetzung Platons mit ­Thukydides’ Seeherrscher Minos in den Nomoi vgl. Farrar (2013) 49–51. 10 Dazu etwa Frisch (1942) 79–87 sowie de Romilly (1962). 11 Siehe etwa Raaflaub (2001) 316–318; Laspe u. Schubert (2012). 12 So Raaflaub (1994) 124; (2001) 317. 13 Dazu Pritchard (in Vorb.).

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teren 5. Jahrhunderts begriffen,14 wodurch T ­ hukydides versucht haben könnte, zu seiner Zeit geläufige Auffassungen über die griechische Vergangenheit zu widerlegen.15 Und nicht zuletzt hat man auch gesehen, dass T ­ hukydides in manchen Aspekten seiner Darstellung offenbar Deutungsmuster des Politischen aufgriff, die im 5. Jahrhundert weiter verbreitet gewesen sein dürften, etwa die bei ihm zumindest angedeutete Wahrnehmung athenischer Herrschaft im Seebund als einer letztlich tyrannisgleichen, ›amoralischen‹ und daher von vielen Zeitgenossen abgelehnten Politik.16 Es stellt sich daher  – gerade angesichts dieser Vielzahl an möglichen Anklängen, Bezügen und Abhängigkeiten  – die Frage: Welchen der vielen Kontexte zur Kontextualisierung heranziehen? Sie drängt sich auch deswegen auf, weil Kontexte keine objektivierbaren Einheiten sind, keine vorgefertigten und griffbereiten Materialsammlungen, sondern immer auch selbst bereits das Produkt einer Interpretationsleistung darstellen.17 Eine Antwort auf die genannte Frage hat Quentin Skinner gegeben: Es sei immer diejenige Art der Kontextualisierung zu wählen, die helfe, das weiter zu erhellen und zu schärfen, was bereits in einer ersten, vorläufigen Interpretation als Sinn und Bedeutung des zu kontextualisierenden Textes erkannt worden sei; erst daran anknüpfend könne bestimmt werden, welche Kontexte überhaupt geeignet seien, die Bedeutung des Textes näher ersichtlich werden zu lassen.18 Kontextualisierungen seien demnach, so Skinner, zwangsläufig hermeneutisch zirkulär: »We are embarked upon the circular – hermeneutically circular – business of placing texts within what­ ever intertextual contexts turn out to make the best sense of them.«19 Ausgehend davon möchte ich im Folgenden nicht etwa Einzelaspekte der Darstellung des­ Thukydides kontextualisierend interpretieren und dadurch die zeitgenössische Bedingtheit seiner Analyse diskutieren, sondern vielmehr denjenigen Kontext wählen, der angesichts der in den vorherigen Kapiteln erarbeiteten Interpretation in diesem Verständnis aus dem Text ›den meisten Sinn ziehen‹ kann. Ein bekanntes Beispiel kann illustrieren, wie schwierig und strittig dabei die Einordnung einzelner Texte in bestimmte Kontexte sein kann, auch und gerade angesichts eines doch scheinbar so vieldiskutierten und offensichtlichen Themas 14 Etwa R. Schulz (2011) 66–73. 15 So die Interpretation von Luraghi (2000). 16 Dazu Momigliano (1944) 2–3; Euben (1997) 77; Irwin (2007) 197; Alexiou (2015) 359–360 (für das 4. Jahrhundert). 17 Vgl. zur Problematisierung des Konzeptes ›Kontext‹ LaCapra (1982) 57–78; Cowan (2006). 18 Siehe Skinner (1975) 227: »before we can hope to identify the context which helps to disclose the meaning of  a given work, we must already have arrived at an interpretation which serves to suggest what contexts may most profitably be investigated as further aids to interpretation. The relationship between a text and its appropriate context is in short an instance of the hermeneutic circle, not a means of breaking out of it.« 19 Skinner (2008) 652. Zum ›hermeneutischen Zirkel‹ vgl. Gadamer (1990) 270–281.

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wie Seeherrschaft im 5. Jahrhundert. Die 17. Ode des Bakchylides, ein Chorlied aus den ersten Jahrzehnten des 5. Jahrhunderts,20 in dem die Auseinandersetzung zwischen Minos von Kreta und Theseus geschildert wird – gipfelnd darin, dass Theseus in die Tiefen des Meeres hinabtaucht, um von dort den goldenen Ring des Minos heraufzuholen –, wird aufgrund seiner Thematik und der konkret geschilderten Handlung oftmals als eine poetische Umschreibung und Glorifizierung athenischer Seeherrschaft des 5. Jahrhunderts im mythischen Gewand gelesen. Schließlich war Theseus der attische Heros schlechthin, der »Heros des Seebundes« gar,21 und auf der politischen Bühne der attischen Tragödie Dauergast.22 Minos hingegen galt, wie das Zeugnis sowohl Herodots (3,122,2) als auch­ Thukydides’ (1,4) erkennen lässt, als einer der Kandidaten für den Titel ›erster Seeherrscher‹ und war im Mythos zudem ein Unterdrücker Athens, das ihm tributpflichtig war.23 All das scheint eine Deutung des Liedes als mythologisch-poetische Umschreibung athenischer Seeherrschaft zunächst durchaus nahezulegen. So befand etwa Claude Calame – und er sei hier nur stellvertretend zitiert –, Bakchylides 17 müsse vor diesem Hintergrund als die Erhebung des Theseus »zur symbolischen Heldenfigur der Herrschaft Athens über die später sogenannte Ägäis« gelesen werden, mittels derer »die Einsetzung des künftigen Königs von Athen als Herrscher über das Meer« symbolisch gefeiert werde.24 So naheliegend eine solche Lesart des Chorliedes als Affirmation athenischer ›Thalassokratie‹ auch sein mag, so wurde sie dennoch erst unlängst in Frage gestellt und die abweichende Deutung vertreten, es werde darin keineswegs Athens Seeherrschaft formell und öffentlich zelebriert, sondern vielmehr ein Loblied auf die Einigkeit Ioniens zu Beginn des Seebundes gesungen.25 Was ist hier also ›Text‹, was ›Kontext‹? Dass Bakchylides’ dichterische Erzählung der Reise des Theseus zum Meeresgrund überhaupt als eine Verherrlichung athenischer ›Thalassokratie‹ gelesen werden kann, verdankt sich doch selbst bereits einer Kontextualisierung, nämlich der durch die Historiographie (und dabei vornehmlich T ­ hukydides) plau20 Die genaue Datierung ist jedoch äußerst ungewiss; vgl. dazu und zum Kontext der Aufführung Maehler (1997) 167–170 sowie P. Wilson (2007) 178–182. 21 So Tausend (1989) 235. 22 Zur Popularität des Theseus in der Tragödie vgl. Mills (1997); zur möglichen Bedeutung des Theseus-Mythos für den Delisch-Attischen Seebund vgl. Tausend (1989); zur Rolle des Theseus in der athenischen Vorstellungswelt vgl. allgemein Calame (1996). 23 Siehe Irwin (2007) 200–201 und Foster (2010) 21–22 zur negativen Darstellung von Minos im 5.  und 4.  Jahrhundert. Zur Auseinandersetzung Platons mit Minos vgl. Farrar (2013) bes. 49–51. 24 Calame (2005) 73. Vgl. auch Mills (1997) 37–40; Pritchard (1998) 54–55; Kowalzig (2007) 89–92; Calame (2009) 175; Turner (2015) 83–84. 25 Siehe Zaccarini (2015) 184: »Bacchylides 17 was not part of any Athenian thalassocratic celebration, a modern interpretation which seems rather indebted to Thucydides’ later Archaiologia«. Ähnlich auch Turner (2015) 83–84.

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sibel gemachten Vorstellung, Theseus sei als ein Rivale des Minos um die Herrschaft zur See begriffen und dargestellt worden, eine in dieser Zuspitzung zwar mögliche, durch den Text des Chorliedes wie auch durch die sonstige TheseusIkonographie des 5. Jahrhunderts jedoch keineswegs zwingend nahegelegte Deutung.26 Dieses Beispiel zeigt meines Erachtens nur zu deutlich, worin gerade auch im Hinblick auf scheinbar wohlbekannte Themen wie Seeherrschaft und ›Thalassokratie‹ die großen und kaum vermeidbaren Schwierigkeiten bei der Bestimmung des Verhältnisses von Text und Kontext liegen. Gerade angesichts dieser Problematik soll im Folgenden nicht der Versuch unternommen werden, T ­ hukydides’ Darstellung auf all ihre möglichen Berührungspunkte mit dem intellektuellen Umfeld des späteren 5. Jahrhunderts hin abzuklopfen. Stattdessen soll, gemäß der zitierten Maxime Skinners, derjenige Kontext gewählt werden, mit dem die in den vorherigen Kapiteln erarbeitete Interpretation der Bedeutung und Funktion des Motivs Seeherrschaft bei­ Thukydides in die engste Beziehung tritt, derjenige Kontext also, der hilft, die der hier vertretenen Lesart zufolge zentralen Aussagen des Textes genauer in ihrer zeitgenössischen Stoßkraft zu erfassen.

6.1 Seeherrschaft und das ›Könnens-Bewusstsein‹ des 5. Jahrhunderts v. Chr. Was sind, um nochmals kurz zu wiederholen, diese zentralen Aussagen? Es handelt sich bei der Darstellung von Seeherrschaft bei ­Thukydides nicht allein (und wohl nicht einmal in erster Linie) um eine Darlegung des Charakters von Seeherrschaft als Machtprinzip, sondern um eine in der formalen wie inhaltlichen Gestaltung des Textes angelegte diskursive Erörterung der Möglichkeiten und Grenzen maritimer Macht, wie sie im Peloponnesischen Krieg offenbar wurden. Diese Erörterung ist dabei jedoch nicht Selbstzweck, sondern dient dazu, den Leser für eine in der politischen Rhetorik immer wieder anzutreffende Diskrepanz zwischen Versprechen und Erwartung einerseits, tatsächlich Erreichbarem und faktisch Gegebenem andererseits zu sensibilisieren, indem gezeigt wird, wie das Versprechen maritimer Überlegenheit in verschiedenen Phasen des Krieges eine zwar jeweils unterschiedlich motivierte und erfolgreiche, im Kern jedoch qualitativ gleichbleibende Überzeugungskraft in den Reden der Protagonisten entfalten kann. Es handelt sich dabei um eine Auseinandersetzung mit den, aus Sicht des Historikers T ­ hukydides überzogenen, zu sehr simplifizierenden und idealisierenden Vorstellungen vom Wert dieses Machtmittels, denen er durch seine Darstellung ›korrigierend‹ entgegentreten wollte. 26 Zur Theseus-Ikonographie des 5. Jahrhunderts von den Hoff (2001); (2010).

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Darin besteht meines Erachtens die wichtigste historiographische Funktion von Seeherrschaft bei ­Thukydides. Wenn sich also Bedeutung und Funktion von Seeherrschaft bei ­Thukydides vor allem in der Erörterung der Möglichkeiten und der Grenzen maritimer Macht erkennen lassen,27 so erscheint seine Analyse doch auch als Teil  eines weit umfassenderen Diskurses des 5. Jahrhunderts, der vor allem in Athen geführt zu worden sein scheint und den Christian Meier mit dem Begriff des ›Könnens-Bewusstseins‹ bezeichnet hat. Auch wenn sich, so Meier, im 5. Jahrhundert keine Spuren eines dem neuzeitlichen Verständnis verwandten ›Fortschritts‹-Denkens (begriffen als qualitative Verbesserung in wesentlichen Lebensbereichen) erkennen lassen würden, so würden die Quellen doch auf etwas in mancherlei Hinsicht Vergleichbares deuten, das als Vorstellung im späteren 5. Jahrhundert geradezu omnipräsent gewesen sei. In diesen Jahren, in etwa seit der Jahrhundertmitte, sei zumal in Athen die Idee vorherrschend geworden, in einer Zeit zu leben, die wesentlich durch »eine Zunahme technischen Könnens, im griechischen Sinne von téchnē, also der sachverständigen Bewältigung künstlerischer, handwerklicher, schiffbaumeisterlicher, aber auch militärischer, politischer, konstitutioneller und erzieherischer Aufgaben« geprägt gewesen sei.28 Dieses ›Könnens-Bewusstsein‹ habe »ungeheure Möglichkeiten des Handelns, Herstellens und Gestaltens« bewusst werden lassen,29 die in der Summe allesamt darauf abgezielt hätten, dem Gedanken einer stetig fortschreitenden »Weltbemächtigung« Nahrung zu geben.30 Zentral war hierfür im Bewusstsein der Zeit der Begriff technē: »Durch téchnē wird der Mensch, wie man meint, Herr über die Dinge. In der Bildung dieses Begriffs, in dem über alle Fachgrenzen hinausgehenden Bewußtsein methodischen Könnens liegt das eigentlich Neue, das die Auffassung dieses Jahrhunderts vom Menschen und seiner Welt kennzeichnet.«31 Alles, was mit dem Maritimen und der ›Eroberung‹ des Meeres zusammenhängt, also Schifffahrt im Allgemeinen, im Besonderen aber auch das Seekriegswesen, gilt dabei als ein Bereich, in dem dieses ›Könnens-Bewusstsein‹, zumal in einer seemächtigen Stadt wie Athen, besonders zur Geltung kommen konnte,32 da sich gerade das Meer als ein Element, auf dem der Mensch ohne 27 28 29 30 31 32

Siehe oben Kap. 4.2. C. Meier (1980) 469. C. Meier (1980) 472 C. Meier (1980) 470. C. Meier (1980) 472–473 Dazu C. Meier (1988) 40: »Außerdem war der Erfolg der Stadt ein besonderes Argument für die Möglichkeiten menschlichen Könnens, zumal gerade die Seekriegsführung eine Sache der Technik war wie wenig anderes.« Vgl. auch C. Meier (1980) 456, 476. Zur Neuartigkeit der Erfahrungen, die die Athener im 5. Jahrhundert angesichts ihrer Seeherrschaft vor allem im Bereich der Kriegführung zu bewältigen hatten, vgl. C. Meier (1991) 77:

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lange Erfahrung und technische Hilfen der Natur und ihrer Kraft besonders schutzlos ausgeliefert war, wie kaum ein zweites eignete, als Folie die besonderen Errungenschaften der Zeit in der ›Beherrschung‹ des Meeres umso stärker hervortreten zu lassen.33 Wo die älteren Vorstellungen von den Gefahren der Seefahrt, wie sie sich noch bis weit ins 5. Jahrhundert hinein erkennen lassen,34 zugunsten der Idee völliger Meeresbeherrschung zurücktreten, wie von­ Perikles bei T ­ hukydides propagiert (2,62,2), da scheint die Gedankenwelt der archaischen Dichtung überwunden und ein neues, durchaus ›modernes‹ Zeitalter der menschlichen Konzeptualisierung der Natur eingeläutet. Diese Neuerfassung des Verhältnisses von Mensch und Meer erscheint dabei keineswegs als ein autonomer Prozess der Reflexion in Dichtung oder Philosophie, sondern als ein konkret historischer, zeitgebundener Vorgang, der nicht nur, aber vor allem im Athen des 5. Jahrhunderts v. Chr. als das Ergebnis grundlegender historischer Erfahrungsprozesse – zu denken ist hier vor allem an den großen Sieg über die Perser zur See bei Salamis und die anschließende Konsolidierung des Seebundes als der maßgeblichen politischen Struktur Athens nach außen hin – anzusehen ist.35 Es ist dabei keineswegs allein eine moderne Rekonstruktion, die die Beherrschung des Meeres als ein besonders eindringliches und anschauliches Beispiel dieses Glaubens an die eigene ›könnerhafte‹ Bewältigung der Welt mittels Erfindungsgabe, technē und dadurch befeuerten Wagemuts erkennt. Dieser Vorstellung verleihen vielmehr etliche Texte des 5.  Jahrhunderts Ausdruck. Wie kaum anders zu erwarten, wird dieser Zusammenhang besonders in der attischen Tragödie reflektiert, die als Kunstform wie keine andere prädisponiert war, derart grundsätzliche Erfahrungen zu formulieren, zu problematisieren »Wir machen uns gewöhnlich nicht klar, wie außerordentlich und allem Herkommen widersprechend Athens Seemacht war. Ob in der vergangenen Zeit viele oder eher wenige Kriege stattgefunden haben, ist zwar umstritten. Aber was es immer an Kriegen gegeben hat, sie konzentrierten sich meistens auf eine einzige Schlacht, und in den allermeisten Fällen fiel darin die Entscheidung über nicht mehr als das Machtgefälle zwischen zwei Städten, oft über ein Stück Land. Jetzt jedoch unterwirft sich Athen mit der Zeit den ganzen Seebund; es dehnt seine Macht auf Dauer in einem riesigen Ausmaß aus; es beginnt große, weite, lange Kriege zu planen; es macht die See, den freien Raum zwischen den vielen Städten zum Zentrum des eigenen Herrschaftsbereichs.« 33 Siehe R. Schulz (2011) 67–68, 85. 34 Zu den antiken Sichtweisen auf das Meer generell R. Schulz (2005) 207–223. 35 So R. Schulz (2005) 209: »Diese Vorstellung von der schaurigen und abstoßenden Natur des Meeres bleibt der Mentalität des antiken Menschen verhaftet, sie wird jedoch in der Zeit nach den Perserkriegen, in der Phase des athenischen Seeimperiums, im Hellenismus und während der Römischen Republik erfolgreich verdrängt […]. Das gleiche gilt für die Dichter aus der Zeit der athenischen Thalassokratie. Wie sollte das Meer auch übel beleumundet sein, wenn ihm sowohl die Athener im Perserkrieg als auch die Römer im 1. Punischen Krieg den Sieg verdankten?«

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und zu diskutieren.36 Bereits in der frühesten Tragödie, die überhaupt überliefert ist, findet sich die Vorstellung, dass eine Hinwendung zum Meer nur auf der Basis von Lernprozessen und unter Zuhilfenahme technischer Kunstgriffe möglich ist. In den Persern des Aischylos, aufgeführt 472 v. Chr., formuliert der Chor der persischen Würdenträger zu Beginn des Stücks diesen Zusammenhang, mit Blick auf das kühne Unternehmen des Xerxes, den Hellespont zu überbrücken. Die Perser, so der Chor, hätten überhaupt erst kürzlich »gelernt« (ἔμαθον), ihren Blick auch auf das Meer zu richten, und sie würden auf ihrem Zug nun »Kunstmitteln« (μηχαναί)  – gemeint sind die Schiffsbrücken  – vertrauen, die ihnen das Übersetzen ermöglichen (109–112).37 In einer konkreten historischen Situation mussten auch die Athener die Seefahrt erst ›erlernen‹, zumindest in der historiographisch überlieferten Tradition (Hdt. 7,144,2; Thuk. 1,18,2; 1,93,3; 1,142,7; 7,21,3). Es ist an dieser Stelle unerheblich, wie genau diese Bemerkung im Kontext des Stücks zu werten ist, ob als rein affirmative Bewunderung persischen Wagemuts durch den Chor oder doch bereits als eine erste Warnung vor dem Überschreiten von Grenzen, die nicht überschritten werden sollten.38 Entscheidend ist zunächst nur, dass hinsichtlich der Beziehung zum Meer bereits hier, wenn auch aus persischer Perspektive, der Zusammenhang zwischen Lernprozessen und der Bewältigung der Herausforderung Meer durch artifizielle Mittel formuliert wird.39 Zwar sprechen im Stück Perser über Perser, doch kann die Tragweite der Bemerkung sicherlich weiter gefasst und zugleich auch als eine Art generelle Reflexion über die Seefahrt als eine technē-bedürftige Kunst begriffen werden.40 Es ist wohl kein Zufall, dass mēchanai als die konkreten Mittel menschlicher Naturbewältigung auch im wahrscheinlich berühmtesten und, jedenfalls hinsichtlich der Frage der Meeresbeherrschung, wichtigsten Zeugnis athenischen ›Könnens-Bewusstseins‹ eine Rolle spielen, dem ersten Stasimon der Antigone des Sophokles,41 aufgeführt in den späten 440er Jahren.42 Dieses Chorlied wird 36 Siehe dazu C. Meier (1988); (1991). 37 Die Positionierung der Verse ist umstritten; ich folge hier dem Text der Teubner-Ausgabe von West; zur Diskussion vgl. Garvie (2009) 46–49. 38 Vgl. zur Stelle Michelini (1982) 84, die von einem »distinct context very familiar in Greek moral thought« spricht: »Technical skills, which develop the devices (μηχαναί) and means (πόροι) by which the chaotic and unpredictable can be mastered typify both the glory of human intelligence and its taste for the perilous.« 39 Dazu vor allem Miller (1983). 40 Siehe etwa Winnington-Ingram (1973) 211; Gagarin (1976) 182 Anm.  42; Michelini (1982) 84; Miller (1983) 80–81; Hall (1996) 116 (ad 108–114). Zur perspektivischen Offenheit der Perser vgl. generell Gagarin (1976) 50–54; C. Meier (1988) 84; Pelling (1997) 13–19. 41 Zu Parallelen zwischen den Persern und der Antigone in der Beurteilung der Seefahrt vgl. Garvie (2009) 83. 42 Zur Datierung vgl. Flashar (2000) 59.

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gemeinhin als eindrucksvollstes und treffendstes, wenngleich keineswegs in der Botschaft völlig eindeutiges Dokument des ›Könnens-Bewusstseins‹ des 5. Jahrhunderts begriffen.43 In unserem Kontext ist dabei entscheidend, welch zentrale Position innerhalb dieser Leistungsschau menschlichen Könnens der Bezwingung des Meeres – des winterlichen, von Stürmen aufgewühlten und daher besonders gefährlichen Meeres noch dazu  – zugewiesen wird.44 Während nämlich erst die zweite Strophe des Chorliedes (342–352) der »Bezwingung« (κρατεῖ, 347) der Tierwelt mittels mēchanai gewidmet ist,45 handelt die erste (332–341) zunächst von Meer und Erde, die der Mensch durch sein Können gemeistert und bezwungen habe, ein durchaus bemerkenswerter Unterschied zu den Kulturentstehungslehren der Zeit, in deren Nähe das Lied oft gerückt wird.46 Im Unterschied zu diesen eröffnet in der Antigone sogleich die Seefahrt den Katalog ›ungeheurer‹ menschlicher Taten: »Viel Ungeheures ist, doch nichts ist so Ungeheures wie der Mensch. Der fährt auch über das graue Meer im Sturm des winterlichen Süd und dringt unter stürzenden Wogen durch« (332–337, Übers. W. Schadewaldt). In den Choephoren des Aischylos, auf die Sophokles mit diesen Versen ganz offenbar direkt Bezug nahm,47 erscheinen Land und Meer noch als die Quelle unzähmbarer Gefahren (585–592); hier, in der Antigone, wirken sie gezähmt, sind zwar immer noch eine Herausforderung, aber doch eine, die gemeistert und ›beherrscht‹ werden kann.48 Es ist daher auch kein Zufall, dass dieses Chorlied und seine Aufteilung der Welt in beherrschbare, gezähmte Elemente in Beziehung zur dritten P ­ eriklesrede gesetzt wurde,49 worin doch ebenfalls ein Panorama der Welt als der Summe zweier dem Menschen »zum Nutzen« verfügbarer Teile entworfen wird, von denen der eine, das Meer, den Athenern völlig untertan sei (2,62,2). Ob Sophokles selbst derartige Vorstellungen unterstützte oder nicht, lässt sich weder sicher sagen noch ist es hier überhaupt von Bedeutung.50 Die Gedanken jedenfalls, die in diesem Chorlied reflektiert sind, dürften im Athen der zweiten Jahrhunderthälfte wohl größere Verbreitung erfahren haben, bei

43 Siehe etwa C. Meier (1980) 458; (1988) 220–221. 44 Siehe dazu R. Schulz (2011) 68. 45 Dazu Griffith (1999) 187 (ad loc.): Die Wahl des Wortes κρατεῖν an dieser Stelle deute auf ein »more politically charged image of ›control‹, ›domination‹ over nature« hin. 46 Vgl. dazu G. Müller (1967) 83 und Riemer (2007) 308 sowie generell die Studie von Utzinger (2003) zum Verhältnis von Chorlied und Kulturentstehungstheorien. Im berühmten ›Mythos des Protagoras‹, wie er von Platon überliefert wird (Prot. 320c), wird die Seefahrt gar nicht erst gesondert erwähnt. 47 Dazu Staley (1985); Griffith (1999) 185; Riemer (2007) 313–314. 48 So etwa Staley (1985) 566. Vgl. auch Utzinger (2003) 24. 49 Der Vergleich von Knox (1957) 221 Anm. 81; vgl. auch Hornblower (1991–2008) I, 335. 50 Vgl. dazu die Bemerkungen bei Griffith (1999) 179 sowie Riemer (2007) 305.

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›Intellektuellen‹ wie auch bei anderen, ›gewöhnlichen‹ Athenern.51 Die Anti­ gone ist dabei nicht das einzige Stück dieser Zeit, in dem die ›Bändigung‹, die ›Beherrschung‹ oder auch die ›Zugänglich-Machung‹ des Meeres auf der Theaterbühne thematisiert wurden: Im Herakles des Euripides etwa, aufgeführt um 415 v. Chr.,52 werden dem Titelhelden, also einem Halbgott und Zeussohn, Verdienste zugeschrieben, die dem menschlichen ›Können‹ des Chorliedes der An­ tigone durchaus vergleichbar sind. Herakles, so heißt es da, habe das Land von allerhand Gefahren bereinigt und dadurch »gezähmt« (ἐξημερῶσαι γαῖαν, 20), er habe das Meer sicher und für die Seefahrer gefahrlos gemacht (ποντίας θ’ ἁλὸς μυχοὺς / εἰσέβαινε, θνατοῖς / γαλανείας τιθεὶς ἐρετμοῖς, 400–402).53 Wenn im weiteren Verlauf des Stücks Lyssa ihrem Auftrag nicht nachkommen will, Herakles mit Wahnsinn zu strafen, so doch auch deshalb, weil ihr die Taten und der Ruhm des Halbgottes zu groß erscheinen: Er habe schließlich »Land und Meer«, die zuvor »unzugänglich« und »gefährlich« waren, »gezähmt« (ἄβατον δὲ χώραν καὶ θάλασσαν ἀγρίαν / ἐξημερώσας, 851–852).54 Das erinnert durchaus an das Chorlied der Antigone, auch wenn es hier bei Euripides einen Halbgott von der Statur des Herakles braucht, um diese Aufgaben zu erfüllen. Das jedoch lässt die Botschaft der Antigone, in der sich der Mensch ganz allein dieser Leistungen rühmen darf,55 nochmals umso stärker hervortreten. Im Oidipus auf Kolonos des Sophokles schließlich, verfasst wohl 406, aufgeführt erst 401 v. Chr.,56 stimmt der Chor der Alten des Demos Kolonos im ersten Stasimon (668–719) zunächst einen bukolisch anmutenden Hymnos auf den Liebreiz der Landschaft Attikas an, der sich dann jedoch zu einer stetig patriotischer werdenden Kontemplation der Größe Athens wandelt.57 Auch hierbei spielt die Seefahrt als technē eine besondere Rolle, erscheint sie doch, neben der Reiterei, als eines der »Geschenke«, mit denen Poseidon die Stadt Athen versehen habe (δῶρον …/εὔιππον, εὔπωλον, εὐθάλασσον, 710–711). Eigens erwähnt werden sogleich noch die technischen Mittel, die zu diesen Geschenken jeweils gehören: die Zügel, die die Pferde bändigen, und die Ruder, die flink über das Wasser tanzen (714–719).58 Es lässt sich nur darüber spekulieren, ob diese Zeilen 401 v. Chr., drei Jahre nach Ende des Peloponnesischen Krieges, mit dem 51 Siehe Knox (1957) 110; C. Meier (1980) 480–481; Crane (1989) 110. 52 Zur Datierung vgl. Bond (1981) xxx–xxxii. 53 Dazu Bond (1981) 168–169 (ad 400–402), mit dem Hinweis auf mögliche mythologische Hintergründe des Motivs der ›Reinigung‹ des Meeres. 54 Bond (1981) 287 (ad 849–850) vergleicht die Verse mit zwei anderen »contemporary lau­ dationes«, Thuk. 2,41,4 und Lys. 2,2. 55 Vgl. dazu Knox (1957) 109; Riemer (2007) 308–310. 56 Siehe Flashar (2000) 164. 57 Vgl. dazu Markantonatos (2007) 91–93. 58 Dazu Saïd (2011a) 86.

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Fazit: ­Thukydides im Kontext

auch das ›Könnens-Bewusstsein‹ zu Ende ging,59 dem Publikum tatsächlich »a fleeting glance at the illustrious sea-power of Athens« verschaffen konnten;60 vielleicht verband sich hier auch eine gewisse Nostalgie mit der Hoffnung auf bessere, wieder machtvollere Zeiten.61 So sehr einzelne programmatisch anmutende Partien der Tragödie die Vorstellung ›könnensbewusster‹ Meeresbeherrschung auch reflektieren mögen: Es ist wiederum vor allem das Geschichtswerk des T ­ hukydides, das dieser Idee ihren festen Platz im Denken des späteren 5. Jahrhunderts verleiht.62 Manches bei­ Thukydides trägt dazu bei, etwa das – besonders im Vergleich zu Herodot konstatierte – auffallende Fehlen von schweren Stürmen, die ganze Flottenverbände kentern lassen,63 oder auch der in der Darstellung selbst dann und wann durchscheinende athenische Könnens-Vorsprung zur See (man denke vor allem an die Manöver in den Seeschlachten bei Naupaktos 429 v. Chr.).64 Jedoch sind es erneut vor allem die Reden des P ­ erikles,65 die der Idee der Meeresbeherrschung als Ausdruck athenischen ›Könnens-Bewusstseins‹ im Text so besonders prägnante Gestalt verleihen. Wortwörtlich etwa führt ­Perikles in der ersten Rede, kurz bevor mit der dann folgenden Gnome μέγα γὰρ τὸ τῆς θαλάσσης κράτος (1,143,4) die griechische Seeherrschaftsrhetorik einen ihrer unzweifelhaften Gipfelpunkte erreicht, diese besondere Fähigkeit Athens, zur See kratos auszuüben, auf den durch die technē garantierten Könnens-Vorsprung gegenüber den Spartanern zurück: Denn aus der Seefahrt bringen wir immer noch mehr Erfahrung (ἐμπειρία) mit für den Landkrieg, als sie aus dem Binnenleben für die Flotte. Zur See aber Sachverständnis erst zu erwerben (τὸ δὲ τῆς θαλάσσης ἐπιστήμονας γενέσθαι) wird ihnen nicht leicht fallen. Seid doch selbst ihr, mit eurer ständigen Übung (μελετῶντες) schon seit der Perserzeit, noch lange nicht fertig […]. Seefahrt ist eine Kunst (τὸ δὲ ναυτικὸν τέχνης ἐστίν) wie eine andere und erlaubt nicht, dass man sie bei Gelegenheit als Nebenwerk betreibe, vielmehr hat neben ihr kein Nebenwerk sonst mehr Raum. (1,142,5–7. 9)

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Siehe C. Meier (1980) 481 mit Anm. 120. So Markantonatos (2007) 93. Siehe Flashar (2000) 165. Zu ­Thukydides als besonders explizitem Vertreter des ›Könnens-Bewusstseins‹ vgl. R. Müller (2003) 149–150. 63 Vgl. dazu M. Meier (2005) 331 mit Anm. 11; R. Schulz (2011) 63 mit Anm. 3. 64 Siehe etwa Morrison, Coates u. Rankov (2000) 77. 65 Ohnehin scheint ­Perikles – sowohl in dem, was von ihm konkret historisch greifbar ist, als auch in der Gestaltung durch T ­ hukydides – ein besonders prägnanter Vertreter des ›Könnens-Bewusstseins‹ gewesen zu sein; vgl. C. Meier (1980) 456, 469, 476, 477–478, 480, 485.

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In direkter Folge begegnen hier die zentralen Begriffe des athenischen ›Könnens-Bewusstseins‹: Erfahrung, Sachverstand, Übung.66 Dass die Fähigkeit zur Seefahrt und vor allem zur Seekriegführung eine erlernbare, auf ständiger Übung und Verfeinerung des eigenen ›Könnens‹ beruhende Fertigkeit ist, gehört zweifellos zu den zentralen Aspekten der Darstellung von Seeherrschaft bei ­Thukydides.67 Dabei handelt es sich um die spezifisch perikleische, rein vom Menschen und seinen Fähigkeiten her gedachte Interpretation eines wohl auch ansonsten in Athen verbreiteten Gedankens. Wo etwa Sophokles in dem bereits zitierten Chorlied des Oidipus auf Kolonos das Können der Athener in der Seefahrt als das »Geschenk« Poseidons präsentiert, mit dem der Gott die Stadt ausgezeichnet habe (710–711), da wird derselbe Umstand hier gleichsam irdisch-rationalistisch interpretiert: Nicht etwa ein Gott habe den Athenern die Gabe der Schifffahrt zuteil werden lassen, sondern diese selbst hätten sich in jahrzehntelanger Übung in dieser technē (fast) vervollkommnet und sich damit einen unschätzbaren Vorteil erarbeitet.68 Wenig später in dieser Rede folgt dann die Gnome von der ›Größe‹ der Meeresbeherrschung (1,143,4), als eine Art Kulminationspunkt auch dieser Überlegungen. In der dritten Rede erklärt ­Perikles dann das gesamte Meer zum reinen und alleinigen Nutzobjekt (ἐς χρήσιν) athenischer ›Herrengewalt‹ (2,62,2), zweifellos die absolute Zuspitzung dieser rein anthropozentrischen Sicht auf die Beherrschbarkeit des Meeres im Werk.69 Gerade an dieser Stelle wird weniger über Athens konkrete Macht und deren Grundlagen gesprochen als vielmehr ein spezifisches Denken thematisiert, das dieser Macht zugrundeliegt, eine besondere Geisteshaltung,70 die das Verhältnis der Athener zur Natur und insbesondere dem Meer prägt bzw. – in ­Perikles’ Sicht – prägen soll. Dadurch wird von ­Perikles im Werk ein Anspruch formuliert, den Hartmut Böhme einmal viel grundsätzlicher für die europäische Neuzeit konstatierte, nämlich die Idee, der Mensch könne »Herr und Besitzer der Natur« werden, »und zwar nicht nur theoretisch, sondern technisch-praktisch«.71 Eine solche Sicht braucht jedoch – notwendigerweise – einen Widerpart in der Vorstellung vom Meer als eines gerade nicht ›beherrschbaren‹, bedrohlichen, unzugänglichen Raumes. Nur vor diesem Hintergrund kann die Idee ›könnensbewusster‹

66 Siehe dazu Finley (1967) 142. 67 Vgl. Hunter (1980) 206–207; R. Schulz (2011) 79–80. 68 Zur Relativierung dieser athenischen Fertigkeiten im Werk (durch die stärkere Betonung ihrer historischen Bedingtheit und Vergänglichkeit) vgl. etwa die Bemerkungen des Hermokrates in 7,21,3. Dazu Connor (1984) 190–191. 69 Dazu vor allem Edmunds (1975) 42–43. Vgl. auch Foster (2010) 187. 70 Vgl. dazu Kallet-Marx (1993) 115. 71 Böhme (1988) 10.

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Fazit: ­Thukydides im Kontext

Meeresbeherrschung überhaupt Gestalt und Kontur gewinnen, indem sie sich davon abhebt und aus dieser Differenz ihren spezifischen Charakter gewinnt. ­Thukydides’ Text wird dabei zumeist als ein besonders explizites Bekenntnis zur rationalen Weltbemächtigung begriffen, gerade auch angesichts der angesprochenen Partien, die eine völlige Beherrschung des Meeres durch Athen postulieren.72 Spielraum für eine Art eigene Macht der Natur oder gar für die Vorstellung, dass sich darin das Wirken transzendenter Kräfte erkennen lässt, denen der Mensch letztlich schutzlos ausgeliefert ist und die gerade nicht ›beherrscht‹ werden können, scheint ­Thukydides’ Darstellung nicht bereitzuhalten.73 Unter anderem darin erweise sich daher auch der so typisch rationalistische, ›aufgeklärte‹ Charakter des Textes,74 der  – gerade im Verhältnis zur Natur – traditionelle Vorstellungen überwunden und eine für antike Verhältnisse singuläre Haltung zur Frage der Beherrschbarkeit der natürlichen Welt eingenommen habe: Die Furcht vor dem Meer ist der Sorge um den Verlust der Herrschaft über das Meer gewichen, besonders bei den Athenern. Das Meer ist nicht mehr Subjekt der Natur, sondern kalkulierbares Objekt menschlichen Gestaltungswillens, Mittel zum Erfolg und sicherer als das Land, auf dem nach wie vor Hinterhalte, Raubüberfälle und Erdbeben drohen  – eine Umkehrung der traditionellen Einstellung gegenüber den Naturelementen Land und Meer, die in dieser Form einmalig ist in der antiken Literatur […]. Diese Lehren des T ­ hukydides mussten – und konnten – darauf verzichten, dem Meer eine eigenständige Potenz zuzuerkennen; selbstverständlich kostete es unendliche Mühen, das Meer zu erobern, ständige Wachsamkeit und Anstrengungen. Aber diese Anstrengungen richteten sich eher auf neidische Konkurrenten als auf das Element selbst. In einer Zeit, in der die Intellektuellen den Göttern jegliches Eingreifen in die menschlichen Entwicklungen absprachen, vermochte die Natur zumal dort der menschlichen Erfindungskraft keine Schranken mehr zu setzen, wo sie sich am eindrucksvollsten entfaltete, nämlich auf dem Meer.75

Dieses Verhältnis zur Natur, wie es hier für ­Thukydides und seine Zeit vorausgesetzt wird, klingt erstaunlich modern, und es ist wohl kein Zufall, dass seine diesbezüglichen ›Lehren‹ – zumindest in dieser Zuspitzung – eine bezeichnende und bemerkenswerte Parallele in einer anderen Hochphase der Idee völliger Naturbeherrschung haben, dem späten 19.  und frühen 20.  Jahrhundert. So, wie­ Thukydides in vielerlei Hinsicht als ein »modern before modernity« begriffen 72 Siehe etwa R. Schulz (2005) 209; (2011) 64, 85. 73 Vgl. zur Bedeutung der natürlichen Welt bei ­Thukydides Furley (1996); M. Meier (2005); Munson (2015). 74 Zur Problematik der Kategorie des ›aufgeklärten‹ Denkens bei ­Thukydides vgl. M. Meier (2005) 330–331. 75 R. Schulz (2011) 64, 85.

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wurde,76 der seiner Zeit schlicht voraus war, so erscheint er auch im Hinblick auf seine Einstellung zur Natur als Zeuge eines Denkens, das der Moderne verdächtig nahezukommen scheint. Es genügt an dieser Stelle, zwei zumindest für ein bestimmtes historisches Umfeld repräsentative Stimmen zu zitieren, um dies näher zu verdeutlichen. In seiner 1900 erschienenen Abhandlung über Das Meer als Quelle der Völkergröße ging der Geograph Friedrich Ratzel, ein früher Vertreter der später berüchtigten ›Politischen Geographie‹, ausführlich auch auf das Thema Seeherrschaft ein. Das Meer könne zwar, so schrieb Ratzel, »niemals gänzlich unterworfen« werden, es bleibe aber dennoch gegenüber allen Versuchen, es zu beherrschen, »passiv« und »gleichsam ein abstrakter Raum«, der durch menschlichen Herrschaftswillen gefüllt werden könne.77 Die konkreten Mittel der »Seebeherrschung« sind für Ratzel die technischen und geistigen Errungenschaften seiner Zeit: »die Kunst und Wissenschaft, die das Floß, den Kahn, das stählerne Panzerschiff von 13 000 Tonnen baut und bewegt«.78 Ohne diese sei Seeherrschaft ein Ding der Unmöglichkeit. Noch grundlegender formulierte diese Sichtweise später Carl Schmitt, der sich in frühen 1940er Jahren, angeregt durch den Weltkrieg und einen »mit Bewunderung versetzte[n] Haß auf das britische Empire«,79 in einer ganzen Reihe von Beiträgen mit der Thematik von ›Land und Meer‹ und der Bedeutung der Meeresbeherrschung in seiner Zeit befasste.80 Bezeichnend ist dabei, dass auch Schmitt nicht allein aus politischer, militärischer oder völkerrechtlicher Perspektive über die Beherrschung des Meeres urteilt, sondern ebenfalls, wie zuvor Ratzel, grundsätzlichere Fragen der Raumwahrnehmung und Naturbewältigung thematisiert. »Aber das Meer ist für uns«, so Schmitt in einem dieser Beiträge, »nicht mehr nur ein ›Element‹, es ist ein Raum geworden, der menschlicher Herrschaft, Machtentfaltung und Machtverteilung zugänglich ist.«81 Auch für Schmitt sind es dabei vor allem neuartige technai – die höheren Geschwindigkeiten der Schiffe, vor allem jedoch die neuen Möglichkeiten der Luftfahrt  –, die dazu geführt hätten, dass das Meer »auf weite Strecken aufgehört« habe, »ein der menschlichen Herrschaft unzugängliches Element zu sein«, und dass sich infolge dieser Entwicklung »die Raumvorstellungen, die Maße und Maßstäbe revolutionär ändern« hätten können.82 Neue technische Möglichkeiten, die das Element Meer in der Wahr76 Die Formulierung von Morley (2014) 155. 77 Ratzel (1900) 39. Vgl. dazu und zum Folgenden allgemein Osterhammel (1998) 379–382; R. Meyer (2014) 92–93; Ruppenthal (2014) 218–219. 78 Ratzel (1900) 47 79 Das Zitat von Osterhammel (1998) 381. 80 Dazu Derman (2011). 81 Schmitt (1995) 253. 82 Schmitt (1995) 253.

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Fazit: ­Thukydides im Kontext

nehmung schrumpfen und es dadurch, zumal im Vergleich zu früheren Zeiten, ›beherrschbar‹ erscheinen lassen: All das kann sehr wohl an T ­ hukydides erinnern, wenn die Kategorien der Raumwahrnehmung und -erfassung auch an seinen Text angelegt werden.83 Die Gefahr der vorschnellen Analogie mag dabei zwar gefährlich nahe sein, doch ist dennoch auffällig, wie eng verbunden diese Sicht auf die Herausforderungen, Bedingungen und Möglichkeiten der Beherrschung des Meeres mit dem ist, was gemeinhin auch als die Essenz der klassisch-griechischen Idee von Seeherrschaft thukydideischer Prägung begriffen wird. Die Kategorien ähneln sich doch immens: einerseits das Meer als die elementare Herausforderung schlechthin, wie sie in älteren Vorstellungen noch nachwirke; andererseits die postulierte Fähigkeit des Menschen, dieser Herausforderung mit Technik und Wissenschaft, mit Seefahrt und Schiffbau, kurz (und griechisch) gesagt: mit technē begegnen, sie meistern und dadurch das Meer als Herrschaftsraum erobern zu können. Dabei genügt es, in den einschlägigen Bemerkungen der Forschung die konkreteren Hinweise auf den jeweils untersuchten Zeitraum zu entfernen, um ersichtlich werden zu lassen, wie ähnlich die Problemstellungen und Deutungen erscheinen können: »So wurde das Meer […] noch immer als schwieriges Gelände wahrgenommen, doch bei sachkundiger Anwendung seemännischer Verfahrensweisen und nautischer Hilfsmittel schien dieser Naturraum durchaus beherrschbar und hatte viel von seinem Schrecken verloren.«84 Bezeichnet das nun die klassische Antike, vielleicht gar speziell ­Thukydides, oder doch die technisch so viel fortschrittlichere Moderne? Das genannte Zitat bezieht sich zwar auf das wilhelminische Deutschland und den »Prozess der Vereinnahmung und gleichsam Domestizierung der maritimen Natur« an der Wende zum 20. Jahrhundert,85 doch könnte es – und allein das ist hier von Bedeutung  – ebenso und ohne jegliche Einschränkung auch für T ­ hukydides und das späte 5. Jahrhundert v. Chr. in Athen Verwendung finden. Erneut erscheint ­Thukydides dadurch als ein Vorreiter innerhalb der Diskurse seiner Zeit, und die Frage drängt sich auf, ob sich aus seinem Werk tatsächlich ein so einseitig affirmatives Bekenntnis zur ›Beherrschbarkeit‹ des­ Meeres entnehmen lässt. Das nämlich wäre durchaus überraschend, sind doch viele der übrigen, teils im Vorhergehenden bereits zitierten Texte zumindest hochgradig ambivalent in ihrer Beurteilung der nautischen technē und der 83 So spricht etwa Rood (2012b) 157–158 hinsichtlich der Darstellung bei ­Thukydides von den »transformations wrought in perceptions of space by the phenomena of Athenian expansionism« und sieht im Auftreten Athens eine Bedrohung von »traditional spatial conceptions«. Was sich in den Reden des ­Perikles zeige (2,41,4 und 2,62,2), das sei nichts weniger als »the Athenians’ redefinition of space«. 84 Ruppenthal (2014) 232. 85 Ruppenthal (2014) 216.

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Möglichkeiten, das Meer dadurch dem Menschen untertan zu machen. Das gilt für die Perser, in denen das »Erlernen« des »Blicks auf das Meer« (109–112) letztlich zur persischen Katastrophe führt,86 und sogar für die Antigone: Selbst im zweifellos eindrucksvollsten Dokument des ›Könnens-Bewusstseins‹ sind die Zwischentöne und Zweifel mindestens so wichtig wie die affirmative Botschaft, und das auch angesichts der zunächst vorherrschenden, scheinbar rein optimistischen Grundstimmung des ersten Stasimons.87 Sowohl die Vieldeutigkeit des Adjektivs deinos (332), mit dem zu Beginn des Chorliedes (und ganz unmittelbar vor der erstmaligen Erwähnung der Seefahrt) die »Ungeheuerlichkeit« menschlicher Leistungsfähigkeit beschrieben und damit in der Bewertung bewusst uneindeutig belassen wird,88 als auch die spätere Rückkehr der – wenn auch nur gleichnishaft gebrauchten  – Bilder vom schaurigen, unheilvollen, letztlich unbezwungenen und unbezwingbaren Meer im weiteren Verlauf des Stücks (etwa 584–591; 952) tragen dazu bei,89 dass sich der Sinn der ganzen Passage nicht in einfacher, ungebrochen affirmativer Haltung zur menschlichen Naturbeherrschung erschöpft. Zudem haben die Interpreten verschiedentlich hervorgehoben, dass auch durch das Stück als Ganzes der zunächst zuversichtlich erscheinende, rein ›säkular‹ anmutende Könnens-Optimismus des ersten Chorliedes keineswegs eine Bestätigung erfährt, sondern der weitere Geschehensverlauf der Antigone stattdessen wie eine Art Korrektur der selbstsicheren Gewissheiten, die der Chor darin äußert, wirken muss.90 All das gilt mehr noch für Herodot. Herodot, der nur wenige Jahre vor­ Thukydides anfing zu schreiben, teils auch gleichzeitig mit diesem sein Werk verfasste,91 scheint ein ausgeprägt zwiespältiges Verhältnis zum ›Könnens-Bewusst­ 86 Siehe Hall (1996) 116 (ad 108–114); Pelling (1997) 7; Garvie (2009) 83. 87 Siehe C. Meier (1980) 481; Griffith (1999) 181; R. Müller (2003) 129–130; (2007) 111. Speziell zur Beurteilung der Seefahrt vgl. Gärtner (2009) 25: »Die Ambivalenz im Verhältnis zur Seefahrt war demnach stark, und es verwundert nicht, dass sie sich in der Literatur niedergeschlagen hat; vielleicht am deutlichsten in dem berühmten Chorlied der sophokleischen Antigone aus dem 5. Jh. v. Chr. […] Hier wird die Seefahrt freilich nicht beurteilt, sondern es werden lediglich ihre Gefahren und Schrecken hervorgehoben. Ambivalent bleibt die Beurteilung der Menschen, die es wagen, diesen Herausforderungen zu trotzen; die Kühnheit bzw. der Wagemut ist es, der hinterfragt wird – ein Motiv, das uns immer wieder in unterschiedlicher Bewertung begegnen wird.« 88 Siehe Segal (1966) 71; C. Meier (1988) 210; Griffith (1999) 185; Flashar (2000) 67; Riemer (2007) 305–306. Hunter (1980) 207 vergleicht die darin zum Ausdruck kommende Ambivalenz in der Bewertung menschlicher Möglichkeiten und Errungenschaften mit der Archäologie des ­Thukydides und deren zwiespältiger Haltung zur Idee zivilisatorischen ›Fortschritts‹. 89 Dazu etwa Griffith (1999) 219; Flashar (2000) 70; Utzinger (2003) 53. 90 Siehe Knox (1957) 109–110; Segal (1966) bes. 84; Goldhill (1986) 204–205; Riemer (2007). 91 Zur Datierung der Historien Herodots vgl. Evans (1991) 90 (420er Jahre); Fornara (1971) (vor 414); Irwin (2013) (nach 413).

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Fazit: ­Thukydides im Kontext

sein‹ gepflegt zu haben.92 Dieses prägte doch vor allem Athen bzw. ging von dieser Stadt allem Anschein nach ganz maßgeblich aus; sie war jedoch nicht Herodots Heimatstadt, im Gegensatz zu ­Thukydides, sodass man allein aufgrund dieses Umstandes ein etwas distanziertereres Verhältnis erwarten darf.93 Bei Herodot findet sich doch letztlich beides: Einerseits berichtet er über den maßgeblichen ersten großen Sieg der Griechen zur See bei Salamis, durch den die Athener zu den »Rettern Griechenlands« (7,139,5) wurden und begannen, sich ihrer Macht zur See bewusst zu werden.94 Zugleich aber kommt, sieht man allein auf das Verhältnis von Mensch und Meer, bei Herodot auch die ›Gegenseite‹ zu Wort: Xerxes’ Versuch, das Meer in Gestalt des Hellesponts nicht nur zu überbrücken, sondern ganz wortwörtlich zu versklaven, es als sein despotēs in Ketten zu legen (7,35),95 ist der Prototyp aller hybristischen (und zum Scheitern verurteilten) Anläufe des Menschen, sich zum Herrn des Meeres aufzuschwingen. Kurz vor dem Übergang über die Meerenge wird Xerxes von Artabanos, seinem Berater und Onkel, darauf hingewiesen, dass er sich durch sein Handeln die zwei größten und stärksten Kräfte zu Feinden machen werde (δύο τὰ μέγιστα πάντων ἐόντα πολεμιώτατα, 7,47,2), nämlich Land und Meer (γῆ τε καὶ θάλασσα, 7,49,1), denen auch mit der stärksten Armada nicht beizukommen sei (7,49,2–3).96 Und wie zuvor schon bei Aischylos in den Persern, nimmt auch bei Herodot letztlich das Meer selbst in gewisser Weise Rache an denen, die es zuvor zu versklaven versuchten.97 Im Großen und Ganzen ist Herodots Haltung gegenüber den enormen Ambitionen und Möglichkeiten menschlicher Naturbeherrschung stets von einer starken Ambivalenz des Urteils geprägt. Denn auch wenn er die grundsätzliche Anerkennung für die Glanzleistungen und die Dynamik menschlichen Könnens und Erfindungsgeistes kennt: Sobald diese mit ›imperialer‹ Aggression kombiniert werden, wie etwa im Fall der Perserkönige und ihrer wiederholten Versuche, ganze Gewässer zu ›unterjochen‹ und dadurch gegebene, einer höheren Ordnung folgende Grenzen zu überwinden,98 da meldet Herodot doch Zweifel und Kritik an diesem ›Könnens-Bewusstsein‹ bzw. dem dadurch genährten ­ hukydides in der DarstelMachbarkeits-Optimismus an.99 Der Unterschied zu T lung und Beurteilung des ›Könnens-Bewusstseins‹ erscheint daher evident.100 92 Vgl. dazu C. Meier (1980) 480–481. 93 Siehe grundsätzlich Strasburger (1955) zum Verhältnis Herodots zum perikleischen Athen. Eine ausgesprochen anti-athenische (und anti-thukydideische) Zielsetzung hinter Teilen der Geschichtsschreibung Herodots vermutet Irwin (2007); (2009). 94 Siehe Engels (2016) 294. 95 Dazu Romm (2006) 186–188. 96 Zu dieser Episode Pelling (1991). 97 Vgl. Pelling (1991) 138. 98 Dazu Hartog (1991) 336–337. 99 Siehe Romm (2006) 187–190. 100 Vgl. C. Meier (1980) 480.

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Ist ­Thukydides also die große Ausnahme und besteht sein Beitrag zu diesem Diskurs in einer konsequenten Ausblendung all der Bedenken und Zweifel, die in den meisten der zeitgenössischen Zeugnisse doch vorzufinden sind? Dass in ­Thukydides’ Berichten über Seeschlachten und Flottenbewegungen die Naturgewalten oder gar ein göttliches Eingreifen (fast) keine Rolle spielen, ganz im Unterschied zu Herodot,101 muss zunächst konstatiert werden; wenn im Peloponnesischen Krieg tatsächlich keine Stürme Schiffe in größerer Anzahl vernichteten, so ist das ›Fehlen‹ derartiger Motive in der historischen Darstellung zunächst auch nicht weiter verwunderlich, sondern nur ein Ausdruck historiographischer Chronistenpflicht. Selbst wenn also der Ereignisbericht des Werkes diese Ebene vermissen lässt, so bieten doch die Reden bei ­Thukydides, vor allem die des ­Perikles, die Möglichkeit, sie mit dem im Vorherigen skizzierten Diskurs des 5. Jahrhunderts über das ›Könnens-Bewusstsein‹ und die davon abgeleitete Frage der Beherrschbarkeit des Meeres in Beziehung zu setzen. Es sind ja weniger die Ereignisberichte, die die Deutung des gesamten Textes als eines Dokumentes ›könnensbewusster‹ Meeresbeherrschung nahelegen, sondern vor allem die Reden des P ­ erikles, die erste mit ihrer so starken Hervorhebung der nautischen technē und der Erfahrung der Athener zur See (1,142), vor allem jedoch die dritte mit ihrer unmissverständlichen Botschaft, das Meer in seiner Gesamtheit sei Athen als Objekt des Nutzens unterworfen (2,62,2). Wie bereits in der vorherigen Diskussion der Passage hervorgehoben wurde,102 funktioniert diese Ansprache des ­Perikles auf verschiedenen Ebenen: Sie kann als eine nur für den konkreten Moment gedachte Aufmunterung begriffen werden, mittels derer P ­ erikles den Athenern ihren konkreten und durch die Gegenseite nicht gefährdeten strategischen Nutzen des Meeres darlegt. Sie kann aber, muss vielleicht sogar ebenso als eine von der konkreten Situation unabhängige, mit weiterreichendem Gültigkeitsanspruch vorgetragene Formulierung eines speziellen Verhältnisses Athens zum Meer verstanden werden. Es geht hier weniger um die Darlegung konkreter Macht als um das spezifische Denken, das dieser Macht zugrundeliegt. Darauf deutet doch vieles, etwa der Umstand, dass diese auffällige Selbstvergewisserung in der historischen Situation des Jahres 430 eigentlich nicht nötig gewesen wäre,103 oder auch die Sprache der Rede, die das Verhältnis zum Meer gerade nicht in den üblichen Termini des Zugriffs auf das Meer formuliert (es geht eben nicht um kratos), sondern evokativere, unbestimmtere Ausdrücke wählt. »­Perikles’ remarks« in dieser Rede, so befand völlig zu Recht Lisa KalletMarx, »focus as much on the conceptual framework, the mentalité, underlying 101 Siehe dazu Mikalson (2003) 60–62. 102 Siehe oben Kap. 4.1. 103 Siehe Bloedow (2000) 302.

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Fazit: ­Thukydides im Kontext

the unique significance of sea power as on the concrete elements of Athens’ dunamis«.104 Gerade die Aufteilung der Welt in zwei zur Nutzung verfügbare Teile, von denen der eine, das Meer, Athen völlig unterstehe (2,62,2), erinnert dabei, wie verschiedentlich bereits bemerkt wurde,105 an das mittels Polaritäten operierende Denken der Tragödie, wie es im ersten Chorlied der Antigone und dessen Aufteilung der vom Menschen bezwungenen Natur in Land und Meer begegnet (332–341). Auch an Herodots Artabanos und dessen Warnungen vor der Gewalt der Naturelemente Erde und Meer, der beiden »größten Feinde«, die es überhaupt nur gebe (7,49,1–4), kann man, als Vergleich und Kontrastfolie des perikleischen Seeherrschafts-Optimismus, denken.106 Man könnte es bei der bloßen Feststellung belassen, dass ­Thukydides seinen­ Perikles hier mit fundamental neuen, den Rahmen des in der Antike ansonsten Üblichen sprengenden Vorstellungen argumentieren lässt. Der ­Perikles des Werkes ist, wie bereits gesehen, auch ganz gewiss ein exemplarischer Vertreter des ›Könnens-Bewusstseins‹. Gerade sein Kriegsplan, mitsamt der Evokation der ›Größe‹ der Meeresbeherrschung (1,143,4), kann doch als eindrucksvolles Zeugnis des Selbstverständnisses gelten, im Lauf der Geschichte die Kontingenz fast vollständig mittels eigener überlegener Planung und Voraussicht tilgen zu können. Dieser Versuch einer totalen Weltbemächtigung, »der Aussicht hatte, über alle Wechselfälle hinweg einem über ganz Griechenland sich erstreckenden längeren Geschehen den Willen einer Stadt aufzuzwingen«,107 kann daher auch als der »Gipfel jenes Könnens-Bewußtseins« erscheinen,108 als ein Paradebeispiel des Glaubens, durch perfektionistischen Rationalismus der Planung letztlich der Welt selbst eine neue Gestalt verleihen zu können.109 Dass die Reden bei ­Thukydides, wo sie von Seeherrschaft handeln, zugespitzte Reflexe dieses zeitgenössischen ›Könnens-Bewusstseins‹ sind, darf somit als unstrittig gelten. Etwas anderes ist jedoch die Frage, welche Haltung ­Thukydides mit der Verarbeitung dieses Denkens in seinem Werk womöglich vertreten hat, welche konkrete Funktion also dieses radikale ›Könnens-Bewusstsein‹ in seiner Analyse erfüllt.110 Dabei kommen schnell Zweifel an der 104 Kallet-Marx (1993) 115. 105 Der Vergleich etwa von Knox (1957) 221 Anm. 81; vgl. auch Hornblower (1991–2008) I, 335. 106 Siehe Connor (1984) 70 Anm. 46; Foster (2010) 188 Anm. 11. 107 Das Zitat von C. Meier (1980) 485. 108 So C. Meier (1993) 552. 109 Kiechle (1968) 149 spricht hinsichtlich des Kriegsplanes von »rationalem Perfektionismus«. Vgl. dazu auch Euben (1997) 80: »Notice too that Pericles asks his countrymen to imagine Athens as an island and then to act in the world in terms of what they imagine, as if human conception could change the world itself.« 110 Wie wichtig es ist, immer nach der spezifischen Funktion der Elemente des Textes zu fragen, betonen Flashar (1969) 6–7 und Luschnat (1970) 1236 (am Beispiel der Gefallenenrede).

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Vorstellung auf, das Werk sei als ein ungebrochenes Bekenntnis zu diesem Denken zu begreifen. Wäre es, um ein erstes gewichtiges Argument zu nennen, nicht verwunderlich und ganz und gar untypisch, wenn unter den großen Denkern dieser Zeit T ­ hukydides in diesem einen Punkt die absolute Ausnahme dargestellt und den ›könnensbewussten‹ Optimismus der Meeresbeherrschung so rückhaltlos vertreten hätte? Gerade in den hervorragendsten Zeugnissen des späteren 5.  Jahrhunderts  – bei Herodot, in der Antigone des Sophokles, auch an anderen Stellen bei ­Thukydides – spielt doch immer auch der stets präsente Zweifel an den Möglichkeiten des Menschen, spielen die Grenzen des ›Könnens‹ als Kontrast zu den Errungenschaften von technē und Wagemut eine wichtige Rolle.111 Wir wären in diesem Fall mit dem recht merkwürdigen Ergebnis konfrontiert, dass in diesem Werk, in dem doch sonst keine Überzeugung, keine Gewissheit und Selbstverständlichkeit von Veränderung oder gar Auflösung verschont bleibt,112 ausgerechnet das Verhältnis des Menschen zur Natur und dem Meer im Besonderen von dieser Grundregel ausgenommen wäre. Die gesamte vorherige Analyse der Funktion des Seeherrschafts-Motivs deutet stattdessen in die entgegengesetzte Richtung und legt es nahe, dass auch dieses Motiv eine ›Durchführung‹ im historischen Ereignisbericht erfährt und somit der maritime Könnens-Optimismus des ­Perikles erneut nicht das Ergebnis, sondern vielmehr der Ausgangspunkt der Analyse ist. Denn wie könnte das zur ansonsten allenthalben im Werk fühlbaren Überzeugung passen, dass der ›Beherrschung‹ der Welt, sprich: der rein rational begründbaren Kontrolle des Menschen über die ihn umgebenden und beeinflussenden Faktoren, recht enge Grenzen gesetzt sind? ­Thukydides ist doch vor allem auch eines: der »Historiker des Kontingenten«, wie ihn Mischa Meier zu Recht genannt hat,113 und vieles in seinem Werk »deutet darauf hin, daß T ­ hukydides die perspektivische Be­ dingtheit, in der sich der planende Mensch gegenüber unbekannten, ihm nicht verfügbaren Faktoren befindet, bewußt zur Darstellung bringen will«.114 Warum sollten ausgerechnet das ›Könnens-Bewusstsein‹ und das daraus abgeleitete Verhältnis des Menschen zum Meer davon ausgenommen sein? Die Antwort auf diese Fragen kann nur darin gefunden werden, dass man auch ­Perikles’ Äußerungen über das Verhältnis der Athener zum Meer nicht als für sich allein gültige Maximen begreift, die des Historikers ­Thukydides eigene Auffassungen wiedergeben oder gar das formulieren, was er als seine ›Botschaft‹ vermittelt wissen wollte. Sie können allenfalls als zugespitzte Inanspruch­ nahmen eines ›könnensbewussten‹ Denkens für die Analysezwecke des Werkes 111 112 113 114

Dazu C. Meier (1980) 481. Siehe dazu besonders Connor (1984) 246–248. M. Meier (2005) 334. Stahl (1966) 99.

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Fazit: ­Thukydides im Kontext

betrachtet werden. Die Figuren des Textes, allen voran P ­ erikles, geben sich teils als Vertreter dieses Denkens zu erkennen bzw. versuchen, andere mit einem Entwurf der Zukunft von ihren Plänen zu überzeugen, der seine Plausibilität vor dem Hintergrund dieses Denkens gewinnt. Der Rezipient des Werkes kann diese Entwürfe dann mit dem, was der Text an anderen Auffassungen zulässt, vergleichen und auf diesem Weg zu einer eigenen Beurteilung kommen. Auch die Bekenntnisse zum ›Könnens-Bewusstsein‹ sind daher bei T ­ hukydides, wie andere Elemente des Textes auch, weniger die Ergebnisse der Analyse als vielmehr die Mittel der Sinngebung. Ein wesentlicher Bestandteil dieser Sinngebung ist dabei gewiss der auffallende Kontrast, der zwischen den Positionen P ­ erikles’ und den traditionellen Sichtweisen auf das Meer besteht. Die Radikalität der Behauptungen des P ­ erikles hat sogar dazu geführt, dass man darin ein Echo des herodoteischen ­Xerxes und dessen Versuchs, sich zum Herrn des Meeres zu erheben, zu erkennen glaubte.115 Selbst wenn diese Möglichkeit im Text angelegt sein sollte, so soll durch diesen Vergleich gewiss nicht wirklich impliziert werden, dass P ­ erikles ein ähnlich hybristisches Verhalten gegenüber dem Meer an den Tag legte wie der persische Großkönig bei Herodot. Auch die Anspielungen in den Rittern des Aristophanes (aufgeführt 424 v. Chr.), der attische dēmos würde gerne in Ekbatana wie die persischen Großkönige Gericht abhalten, geschmückt in Purpur, und über alles Land und insbesondere auch das Rote Meer »herrschen« (1087–1089), legen in vergleichbarer Weise keine konkreten Pläne gegen das Perserreich nahe, sondern funktionieren als komische Kritik athenischer Politik und ihrer ideellen Grundlagen auf einer anderen Ebene.116 Beide, Xerxes wie P ­ erikles, sind doch dadurch in gewisser Weise vergleichbar, dass sie in ihrem Denken, ihrem Sprechen (vor allem im Fall von P ­ erikles) und in ihrem Handeln (das vor allem bei Xerxes) durch einen bestimmten Blick auf das Verhältnis des Menschen zur natürlichen Welt geprägt sind, der gekennzeichnet ist durch eine starke Betonung rein materieller Faktoren sowie den Glauben, die Welt in ihren Abläufen bis zu einem sehr hohen Maße kontrollieren und bewältigen zu können, ein Selbstverständnis, das gerade darin seinen radikalsten und ungetrübtesten Ausdruck findet, dass die Natur selbst in ihrer physischen Präsenz als bezwingbar und durch den eigenen Machtwillen gestaltbar präsentiert wird.117 In diesem Verhältnis zur natürlichen Welt liegt auf einer abstrakteren

115 So Euben (1997) 77, 80. 116 Dazu Kopp (2015). 117 Für Xerxes bei Herodot vgl. etwa 7,48, mit dem ganz ähnlichen Vertrauen auf die Überzahl der Schiffe bei Aischyl. Pers. 352. Was Romm (2006) 190 über die Darstellung der Perser bei Herodot sagt, kann daher ebenso auch für das bei T ­ hukydides durch P ­ erikles formulierte Anspruchsdenken der Athener gelten: »From the start of their imperial his-

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Ebene die ›Ähnlichkeit‹ zwischen den Ansprüchen auf Meeresbeherrschung des Xerxes und des ­Perikles; sie ist nicht dazu angelegt, konkrete Vergleiche zu ermöglichen, sondern dazu, eine grundsätzlichere Frage nach dem dahinterliegenden Selbstverständnis aufkommen zu lassen. Nicht nur der mögliche Vergleich mit Xerxes legt derartige Deutungen nahe: Wie bereits im Vorherigen gesehen, werden im Herakles des Euripides die im Wortsinne übermenschlichen Leistungen des Titelhelden mit Formulierungen beschrieben, die Ähnlichkeiten mit dem von ­Perikles postulierten Seeherrschafts-Anspruch der Athener aufweisen: Wie diese sich zu jedem Land und Meer »Zugang erzwungen« hätten (2,41,4), so habe Herakles Land und Meer, die früher »unbeschreitbar« waren, »gezähmt« und dadurch zugänglich gemacht (400–402; 851–852).118 Es lässt sich daher durchaus argumentieren, T ­ hukydides habe auch durch solche Anleihen perikleischer Sprache bei der Vorstellungswelt von Mythos und Tragödie die Grenzen des dem Menschen Möglichen ausloten wollen, und zwar gerade auch dort, wo das Verhältnis zur Natur und insbesondere dem Meer im Mittelpunkt steht.119 Sowohl Xerxes’ als auch P ­ erikles’ Entwurf einer natürlichen Welt, die der Macht des Menschen völlig untergeben ist, scheitert letztlich, wenn auch aufgrund jeweils anderer Faktoren: Bei Herodot erfüllen von den Göttern gesandte Stürme einen Teil  der Aufgabe, Xerxes in seine Schranken zu weisen, ›unterstützt‹ von den Griechen, die ihrerseits als Werkzeug der Götter Vergeltung für die Hybris des Großkönigs üben (8,109,3). Bei T ­ hukydides lassen die Götter Athen nicht durch Stürme strafen, die ganze Flotten vernichten, das ist unbestreitbar. Das Meer selbst bleibt passiv. Und doch zeigt auch T ­ hukydides um nichts weniger,120 wo die Grenzen ›könnensbewusster‹ Beherrschung des Meeres liegen, doch braucht er dazu keine Götter und auch keine Stürme, sondern es genügt ihm, wie ich zu zeigen versucht habe, die detaillierte und selbst die kleinsten Schwachstellen registrierende Schilderung der Begrenztheit letztlich aller Versuche, das Meer in praxi zu ›beherrschen‹. Teils lässt sich sogar erkennen, wie die Natur in Gestalt des Meerwassers selbst die Ansprüche der Seeherrscher zunichtemacht, wenn auch ohne die Dramatik von Stürmen und Unwettern oder gar ein Eingreifen der Götter. Wie soll etwa die Macht selbst der mit dem größten nautischen ›Können‹ ausgestatteten Seeherrscher beurteilt werden, tory […], the Persians have used technology to control the natural world and to extend their dominion; empire and technology, for Herodotus, are both extensions of the Persian, and indeed the human, will to power.« 118 Dazu Bond (1981) 287 (ad 849–853). Siehe zum Fortwirken derartiger Vorstellungen im 4. Jahrhundert (bei Lysias) auch das folgende Kapitel (6.2). 119 Dazu auch oben Kap. 4.1. 120 Vgl. zur Umdeutung kosmisch-transzendenter Erklärungsmuster durch ­Thukydides Munson (2015) bes. 55–57.

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Fazit: ­Thukydides im Kontext

wenn die prachtvolle Armada, die Athen 415 verlassen hatte (6,31), später dann nicht zuletzt auch ein Opfer des Wassers wurde, das in die Planken der Schiffe eindrang, diese schwerfällig werden und schließlich sogar dahinrotten ließ?121 Nikias’ Brief aus Sizilien an die Athener macht diesen (und dadurch auch jedem Leser) mit aller Deutlichkeit die Anfälligkeit der Schiffe für den unvermeidbaren Einfluss der Natur gegenwärtig. Die Formulierung des Nikias, dieser Zustand sei den Athenern zu Hause gewiss unbegreiflich (καὶ δεινὸν μηδενὶ ὑμῶν δόξῃ εἶναι ὅτι καὶ κατὰ θάλασσαν, 7,12,3), scheint doch gerade an ein Publikum gerichtet, das vor lauter Begeisterung über das maritime ›Können‹ seiner Stadt den Blick für den stets verletzlichen Charakter einer Seeherrschaft verloren hatte. Es kann letztlich nur darüber spekuliert werden, wie ­Thukydides’ Darstellung der Seeherrschafts-Idee perikleischer Prägung vor dem Hintergrund des späteren 5.  Jahrhunderts und der gesamten Tradition des Diskurses über das ›Könnens-Bewusstsein‹ seit Aischylos gewirkt haben muss. Der größte Fehler wäre dabei wohl ohnehin der, von einer einzigen Möglichkeit des Verständnisses auszugehen. Wenn der Überblick über die Auseinandersetzung mit dieser Frage bei den Tragikern und Herodot jedoch eines ergeben konnte, so doch, dass die Beurteilung dieser Frage immer vielstimmig war und es keineswegs die eine vorherrschende Deutung dazu gab. Schon in den Persern wird ja ein ambivalentes Urteil über die Möglichkeit der Meeresbeherrschung gefällt, indem einerseits zwar die Griechen zur See siegreich sind, andererseits jedoch der Versuch des Xerxes, das Meer – und dadurch sogar Poseidon, den Meeresgott selbst – zu »beherrschen« (καὶ Ποσειδῶνος κρατήσειν, 750), misslingt und zur Katastrophe führt. Und das alles in einem Stück, das zwar von den Persern handelt, als Adressaten seiner Botschaften jedoch vor allem die Athener – die doch selbst erst kurz zuvor, während der Perserkriege, nautikoi geworden waren (vgl. Thuk. 1,18,2; 1,93,3) – und deren neue Ambitionen zur See zum Ziel hatte.122 Die spezifische Handlung der Perser mitsamt ihren Anklängen imperialer Überdehnung, auch die ganz konkreten geographischen Hinweise auf Athens eigenes ›Seeherrschaftsgebiet‹ in der Ägäis im Stück (880–896),123 all das konnte 472 v. Chr. in Athen relevant erscheinen, eben weil die Athener nach dem Sieg bei Salamis ihre erst kurz zuvor bestiegenen Schiffe nicht wieder verlassen, sondern selbst, in einer Art ›Nachfolge‹ der Perser, den Pfad imperialer Ausdehnung zur See beschritten hatten.124 Die daraus resultierende grundlegende Ambivalenz in der 121 Vgl. Lazenby (2004) 168. 122 Vgl. Gagarin (1976) 52–53; C. Meier (1988) 75; Rosenbloom (1995). Zur perspektivischen Offenheit der Perser vgl. generell Gagarin (1976) 50–54; C. Meier (1988) 84; Pelling (1997) 13–19. 123 Dazu Rosenbloom (1995) 93. 124 So Rosenbloom (1995) bes. 96. Vgl. auch C. Meier (1988) 75; (1993) 321.

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Wertung von Seefahrt und nautischem Können, die stets zwischen dem Stolz auf das Erreichte und der Warnung vor hybris und ›Transgression‹ schwankte, blieb für das restliche Jahrhundert prägend. Vielleicht war daher auch die Darstellung der perikleischen Seeherrschafts-Rhetorik der dritten Rede tatsächlich dazu angelegt, wie etwa Robert Connor und Edith Foster vermutet haben, auf den Resonanzboden der Warnungen des Artabanos bei Herodot (7,49) zu treffen, die Xerxes vor einem Expansionismus warnen, der in den natürlichen Gegebenheiten, zumal den beiden »schlimmsten Feinden« Land und Meer, keinerlei Einschränkungen mehr kennen will.125 Das wäre dann der für diese Zeit seltene Fall einer echten intertextuellen Beziehung. Jedoch verhindern zu viele ungeklärte Fragen der jeweiligen Werkentstehung, die Tatsache des Exils des­ Thukydides und, im Fall H ­ erodots, die Möglichkeit der schrittweisen Vorpublikation von Teilen des Textes hier ein wirklich abschließendes Urteil. Als unstrittig darf hingegen gelten, dass vor dem Hintergrund des Denkens des 5. Jahrhunderts das Postulat völlig anthropozentrischer, in ihren Möglichkeiten unbegrenzter Seeherrschaft neu und radikal wirken musste.126 Das war, wie in der Antigone, deinos. Und T ­ hukydides konnte sich gewiss auch sicher sein, dass solche Positionen bei den Rezipienten seines Werkes nicht auf unbeackerten Boden fallen würden, sondern dass diese auf vielfältige Weise bereits mit unterschiedlichen Versionen und Interpretationen der SeeherrschaftsIdee vertraut waren, dass sie schon andere, auch gegenläufige Urteile über die Möglichkeit der Meeresbeherrschung kannten. Da ­Thukydides eine dieser Versionen, nämlich die dem ›Könnens-Bewusstsein‹ zugehörige Variante, aufgriff und sie durch ­Perikles in absoluter Zuspitzung vertreten lässt, er zugleich aber auch zeigt, wie die darin verkörperte Selbstsicht im historischen Prozess an ihre Grenzen stößt, lässt sich sein Werk in dieser Hinsicht als Reaktion auf das und Auseinandersetzung mit dem ›Könnens-Bewusstsein‹ des 5. Jahrhunderts verstehen. Das thukydideische Geschichtswerk sollte also nicht als eine ungebrochene Affirmation dieser Idee der Meeresbeherrschung verstanden werden. ­Thukydides war zwar gewiss ›Realist‹ und ›Rationalist‹ – Schlagworte, mit denen er oft belegt wird und die auch das folgende Fazit der gesamten Untersuchung prägen werden –, doch bestand sein Rationalismus gerade nicht in einem einseitigen, vermeintlich ›modernen‹ Glauben an menschliche Allmacht und die Überlegenheit der technē, sondern vielmehr in der Einsicht in die Grenzen der Weltbemächtigung, wie sie ihm durch seine Betrachtung des Zeitgeschehens offen-

125 Siehe Connor (1984) 70 Anm.  46 (»An audience familiar with Herodotus 7.49 might notice an ominous echo of Artabanus’ advice to Xerxes«); Foster (2010) 188 Anm. 11. 126 Siehe Edmunds (1975) 42.

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Fazit: ­Thukydides im Kontext

sichtlich wurden.127 In dieser Hinsicht könnte man auch seine Darstellung und Analyse von Seeherrschaft letztlich als konventionell bezeichnen, wenn nicht dadurch gerade ein wesentliches Charakteristikum seiner Botschaft verlorenginge. Denn – wie im nun folgenden Schlussteil noch zu erörtern sein wird – im späteren 5. Jahrhundert, zumal in der ideologisch aufgeheizten Atmosphäre des Peloponnesischen Krieges und der Zeit unmittelbar danach, musste wohl jede ›konventionelle‹, die Grenzen des Möglichen auslotende und nicht einseitig zugespitzte Perspektive auf Seeherrschaft fast zwangsläufig als ein Alleinstellungsmerkmal gelten. Die spärlichen Zeugnisse außerhalb des thukydideischen Textes lassen das zwar nur in Ansätzen erahnen,128 doch das wenige, das wir besitzen, macht deutlich, wie besonders eine nüchterne Sicht auf die Meeresbeherrschung vor diesem Hintergrund wirken musste. Es war wohl gerade der Mangel an solchen abwägenden Sichtweisen, der die Auseinandersetzung des­ Thukydides mit Seeherrschaft wesentlich beeinflusste, ja ihm vielleicht den Anstoß dazu überhaupt erst gab.

6.2 Wider das Klischee: der Realismus des ­Thukydides Es erscheint daher auch wahrscheinlich, dass T ­ hukydides’ Darstellung nicht allein auf Diskurse reagierte, die in Dichtung und Historiographie geführt wurden, sondern auch eine im eigentlichen Sinne historische Dimension besitzt, begriffen als eine Reaktion auf das von ihm beobachtete, vor allem politische Zeitgeschehen. Diesem Aspekt möchte ich abschließend nun nachgehen, wobei auch hier, wie sich in der Untersuchung der Funktion von Seeherrschaft in seiner Darstellung schon angedeutet hat,129 die Möglichkeit im Zentrum stehen wird, sein Werk könne in dieser Hinsicht vor allem als eine Reaktion auf die Unzulänglichkeiten der zeitgenössischen Rhetorik und die »Gefahren des λόγος« begriffen werden.130 Zur Beantwortung dieser Frage scheint mir der soeben bereits angesprochene Aspekt des ›Realismus‹ der thukydideischen Analyse wieder einmal der entscheidende Schlüssel zu sein. Dass T ­ hukydides’ Werk, ungeachtet aller Problematik dieses Begriffs, als ein Dokument besonderer Hinwendung zum Realismus zu verstehen ist, hat nach wie vor nichts von seiner Gültigkeit verloren. Dieser Realismus war, so eine treffende Charakterisierung Otto Luschnats, vor allem ein »Negativum«, nämlich eine »Eliminierung der in der empirischen Wirklichkeit nicht nachweisbaren ­Faktoren« in 127 128 129 130

Vgl. dazu auch Stahl (1966) 100. Vgl. dazu vor allem Momigliano (1944) 2–3. Siehe oben Kap. 5.2. Siehe Grethlein (2005).

Wider das Klischee: der Realismus des T ­ hukydides  

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der historischen Darstellung, die ihrerseits auf »einer neuen Leidenschaft für das Wahre, durch Konventionen und Ideologien nicht Getrübte« beruhte.131­ Thukydides beschreibe empirisch erfahrene Wirklichkeit mit einem ungetrübten Blick für die ungeschminkte Realität – aus dieser Zuschreibung einer besonderen, zu seiner Zeit durchaus nicht selbstverständlichen Qualität seines Textes resultiert auch die nach wie vor anhaltende Bedeutung seines Werkes zumindest innerhalb bestimmter Disziplinen und Denkrichtungen, wie Neville Morley erst unlängst wieder hervorgehoben hat: Was T ­ hukydides sagt, erscheine deshalb so gültig und ›brauchbar‹, weil es eben nicht auf purer Spekulation oder allein weltabgewandter Reflexion beruhe, sondern fest im Geschehen seiner Zeit und vor allem auch in ­Thukydides’ eigener Erfahrung der von ihm berichteten Ereignisse verwurzelt sei.132 Auch wenn man diese Art der Vereinnahmung des Textes kritisch sehen mag, so spricht doch meines Erachtens nichts dagegen, die Kategorie ›Realismus‹ zur Deutung des thukydideischen Werkes beizubehalten. Auch im Verlauf der vorangegangenen Kapitel wurde doch deutlich, dass ein ausgeprägter Realismus der Anschauung auch das Hauptmerkmal von­ Thukydides’ Sicht auf Seeherrschaft ist und dass er diesen Realismus in seiner Darstellung aktiv nutzte, um dadurch einen Widerpart zu denjenigen Positionen zu formulieren, die sich – zumindest in seiner Sicht – zu weit von einer realistischen Beurteilung der Dinge entfernt hatten, ob aus echter Überzeugung oder ›nur‹ zu rein rhetorischen Zwecken. Der Realismus, den ich T ­ hukydides’ Blick auf Seeherrschaft attestieren möchte, ist daher weder philosophisch überhöht noch ist er ein Selbstzweck, sondern eine wohl dem Denker T ­ hukydides notwendig erschienene Reaktion auf den mangelnden Realitätssinn anderer. ›Realität‹ bzw. ›Realismus‹ bedeutet in diesem Verständnis zunächst nicht mehr, als dass T ­ hukydides die alltäglich zu beobachtenden Möglichkeiten und vor allem auch Grenzen einer Machtpolitik zur See, wie sie ihm in der Anschauung der erga des von ihm beschriebenen Krieges offensichtlich werden mussten, zum Maßstab dafür nahm, wie die Idee von Seeherrschaft zu bewerten ist. Die Empirie war die Messlatte, die an die Interpretation der Welt, wie sie vor allem in der Rhetorik zum Vorschein kam, angelegt werden sollte. T ­ hukydides’ eigene Erfahrungen – sowohl als aktiver Teilnehmer als auch als Beobachter des Einsatzes athenischer Seemacht im Peloponnesischen Krieg  – ließen ihn erkennen, wozu diese Macht konkret imstande war und wozu nicht, wo ihre Grenzen lagen und was sie zugleich besonders machte; aus dieser Multiperspektivität 131 Siehe Luschnat (1970) 1251. Vgl. auch Finley (1967) 50 (»he must appear as one who was molded in early life by the current realism of outlook towards men and states«). 132 Siehe Morley (2016) 38. Zu ›Realismus‹ als einer Grundkategorie der ­ThukydidesInterpretation vgl. auch Crane (1998) 38–61; Morley (2014) Kap. 2.

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Fazit: ­Thukydides im Kontext

resultierte der Realismus seiner Sicht auf das Phänomen, »derived from and grounded in concrete events and Thucydides’s own real-world experience and expertise«.133 In diesem Sinne tritt ­Thukydides dann weder als der glühende Bewunderer und Apologet von sea power und ›Thalassokratie‹ vor uns, als den ihn etwa Arnaldo Momigliano, Wolfgang Plenio, Jacqueline de Romilly, Donald Kagan und andere sahen,134 noch als der ›Ankläger‹ einer skrupellosen, moralisch verwerflichen und für Athen letztlich fatalen Machtpolitik zur See, wie er etwa bei Martha Taylor und, in geringerem Maße freilich, bei Edith Foster in ihren Behandlungen des Themas durchscheint.135 Der T ­ hukydides, dessen ›wahres‹ Denken über maritime Macht hier untersucht wurde, begegnet uns vielmehr als ein im eigentlichen Sinne distanzierter, weil alle Seiten eines Phänomens möglichst in ihrer ganzen Komplexität wahrnehmender Beobachter, der zudem offenbar eine tiefe Abneigung der Simplifizierung und der suggestiven Reduktion von Sachverhalten auf leicht verständliche Bilder gegenüber hegte, wie sie vor allem in der Sprache der politischen Rhetorik weit verbreitet waren.136 Dies führt uns näher an eine letzte, entscheidende Frage: Weshalb hätte­ Thukydides eine solche Analyse und ›Lehre‹ entwickeln und formulieren sollen, wenn sie doch letztlich nur die Erkenntnis der nüchtern zu betrachtenden Grenzen eines Phänomens bereithalten konnte? Stehen hier nicht Aufwand und Ergebnis letztlich doch in einem groben Missverhältnis? Ganz ein Kind seiner Zeit, war T ­ hukydides wohl nur zu gut bewusst, dass es immer mehrere Ansichten zu ein und demselben Thema gab,137 und er zog daraus seine Lehren: »Thucydides, writing for an elite audience, knew that easy truths are worthless. Intelligent readers must decide issues for themselves, given what usually happens in human conflicts: two strongly held, cogently argued, but diametrically opposed positions.«138 Das konnte gewiss auch für die Idee der Beherrschung des Meeres konstatiert werden, die doch – glaubt man etwa de Romilly, Hornblower und anderen, wofür vieles spricht – ein in der Rhetorik der Zeit heiß und kontrovers diskutierter Gegenstand war,139 deshalb aber wohl ebenso wie andere Themen leicht Gefahr lief, ein ›Opfer‹ einseitiger, komplexitätsreduzierender Darstellungen zu werden. Das ist wohl der historische Hintergrund, vor dem die Auseinandersetzung des ­Thukydides mit Seeherrschaft verortet werden muss. 133 Morley (2016) 38. 134 Momigliano (1944) 2–3; Plenio (1954) bes. 48, 94; de Romilly (1951) bes. 106–107; Kagan (1991) 111–113. Ähnlich auch Rengakos (1984) 43–47. 135 M. Taylor (2010); Foster (2010). 136 Siehe Schmidt-Hofner (2014) 662–664. 137 Vgl. dazu besonders das Diktum, das von Protagoras überliefert ist: Über jeden Sachverhalt gebe es zwei einander entgegengesetzte Auffassungen (πρῶτος ἔϕη … δύο λόγους εἶναι περὶ παντὸς πράγματος ἀντικειμένους ἀλλήλοις, 80 B 6a DK). 138 H. Rawlings (1984) 260. 139 Siehe Frisch (1942) 78, 85; de Romilly (1962) 225; Hornblower (1991–2008) I, 3.

Wider das Klischee: der Realismus des T ­ hukydides  

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Kaum etwas vermag dabei die Qualität seines Blicks auf maritime Macht und deren Grenzen so zu offenbaren wie das Verhältnis zwischen der positiven Evaluation der Erfolgsaussichten des perikleischen Kriegsplanes und der wiederholt in der Darstellung der erga angelegten ›Kritik‹ an den perikleischen Ideen maritimer Unbesiegbarkeit und Unangreifbarkeit, wie sie in den Reden formuliert werden: Beides steht, wie gesehen, keineswegs in Widerspruch zueinander, denn die auf die konkrete Kriegführung bezogenen Überlegungen des P ­ erikles kann ­Thukydides unter einer solchen Perspektive durchaus als angemessen beurteilen. Zugleich steht ihm jedoch nichts im Wege, die davon logisch und konzeptionell letztlich unabhängige Überhöhung der Seeherrschaft, wie sie vor allem die dritte ­Periklesrede unmittelbar vor dem ›Nachruf‹ bietet (2,62,2) und wie sie Alkibiades oder auch Nikias unter anderen Umständen zu wiederholen versuchen, als das zu erkennen zu geben, was sie wohl auch tatsächlich war: eine letztlich allein den Anforderungen und Zwängen des Augenblicks geschuldete, deshalb jedoch um nichts weniger wirksame und folgenreiche »Entfernung des λόγος von der Wirklichkeit«,140 einer Wirklichkeit, die der Historiker­ Thukydides zu ihrem Recht kommen lassen wollte.141 ­Perikles’ konkrete Planungen für den von ihm gewollten Krieg hätten unter idealen Umständen zum Erfolg für Athen führen können. ­Thukydides’ Auseinandersetzung mit Seeherrschaft zielte jedoch auf etwas anderes ab: den Gebrauch, den die Athener, allen voran vielleicht ­Perikles, in der Rhetorik von dem Bild einer unbesiegbaren Seemacht und ihrer grenzenlosen Seeherrschaft machten, und die Effekte, die derartige Suggestionen auf das Selbstbild und die Entscheidungen der Athener haben konnten und wohl auch tatsächlich hatten. Wäre der Krieg für Athen glücklich ausgegangen, so hätte dieser Faktor vielleicht ignoriert werden können; da er aber in einer Niederlage endete, musste die Rhetorik, mit der schon vor Kriegsbeginn ein Bild der Erfolgsgarantien des τῆς θαλάσσης κράτος gezeichnet worden war (1,143,4), zwangsläufig als problematisch erscheinen. Die Versprechen, mit denen der Krieg ›angepriesen‹ wurde (vgl. etwa 2,62,1), erfüllten sich nicht, und das allein schon machte diese Diskrepanz zum historisch relevanten Problem für T ­ hukydides – und sollte es seiner Sicht zufolge auch für alle Zeitgenossen und künftigen Rezipienten des Werkes machen. Ob nun ­Perikles selbst daran glaubte, dass die Athener alles Meer zum grenzenlosen Nutzen zur Verfügung hatten und von niemandem am Segeln gehindert werden konnten, mag dahingestellt sein; beweisbar ist derartiges letztlich ohnehin nicht, ganz gleich, welche Deutung des Redensatzes (1,22,1) man präferiert.142 140 So die Formulierung von Grethlein (2005) 59 zum Epitaphios. 141 Vgl. Ober (1994) 117; Price (2001) 49; Grethlein (2005). 142 Dazu knapp Rengakos (2011) 404–405 sowie ausführlicher Luschnat (1970) 1162–1183 und Erbse (1989) 131–134.

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Fazit: ­Thukydides im Kontext

Für ­Thukydides war dabei entscheidend, dass er einer Gesellschaft und politischen Kultur angehörte, in der eben diese Rhetorik, ihre Suggestionen und ihre teils einfachen, einprägsamen Bilder unmittelbare Relevanz gewinnen konnten, weil in Reaktion auf ihre Überredungskraft Urteile gefällt, Pläne entwickelt und Entscheidungen getroffen wurden. Die wenigen aus dieser Zeit verfügbaren Quellen erlauben es leider nicht, die Auseinandersetzung der Zeit mit Seeherrschaft mit auch nur annähernder Genauigkeit zu rekonstruieren.143 Dennoch ist es möglich, den Ort, den Thukydides innerhalb der Diskussionen des späteren 5.  Jahrhunderts eingenommen haben mag, etwas näher zu charakterisieren. Robert Connors Bemerkung über eine der Zielsetzungen des Werkes weist dabei in die entscheidende Richtung, auch wenn sie sich nicht auf das Motiv der Seeherrschaft, sondern auf das Urteil des T ­ hukydides über die vermeintlich beste Verfassung Athens (8,97,2) bezieht: T ­ hukydides’ vieldiskutiertes Lob des Regimes der Fünftausend sei »representative of a tendency within the work to subvert and break down conventional antitheses and categories and to look for fresher approaches and conclusions. The passage […] reminds us how reluctant T ­ hucydides is to live with cliché.«144 Was für die Sicht seiner Zeitgenossen auf bessere und schlechtere Regierungsformen gelten mochte, das galt wohl ebenso für die Idee der Seeherrschaft: In einem Klima, das zwischen Bewunderung und Ablehnung dieser Form der Machtausübung schwankte und das wohl vor allem nach der Niederlage von 404 die Diagnose struktureller Probleme seebasierter Herrschaft, posthume persönliche Attacken gegen P ­ erikles und militärstrategische Erwägungen zu einem kaum noch recht zu entwirrenden Knäuel an Meinungen und Anschuldigungen verwoben sein ließ,145 erschien ­Thukydides eine solchen einseitigen ›Klischees‹ ferne Neubewertung des Phänomens und seiner historischen Bedeutung wohl notwendig.146 Denn ein ›Klischee‹ und mit wirklicher Erkenntnis, wie er sie als das Ziel seines Werkes formulierte (1,22,4), unvereinbar war letztlich beides, sowohl der Glaube an die ›Größe‹ des maritimen kratos (1,143,4), das unangreifbar (1,143,5) und unbesiegbar machen könne (2,62,2), als auch die gegenteilige, vor allem auf moralischen Urteilen basierende Verdammung eines aggressiven, zwangsläufig hybristischen Imperialismus zur See, wie sie dann vor allem einige Stimmen des 4. Jahrhunderts reflektieren.

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Siehe dazu auch oben Kap. 1.3. Connor (1984) 241. Vgl. auch Connor (1982) 287–289 sowie H. Rawlings (1984) 260. Dazu knapp Momigliano (1944) 3–6; Katsaros (2001) 162–165. Siehe etwa Katsaros (2001) 172: Pseudo-Xenophon bemühe »every clichéd taboo against ›thalassocracy‹«. Engels (2016) 301 spricht von den »somewhat short-sighted approaches to thalassocracy«, die im späten 5. und frühen 4. Jahrhundert kursierten.

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Mit beiden ›Klischees‹ wollte sich T ­ hukydides allem Anschein nach nicht zufriedengeben. Dadurch erst wird der Realismus des T ­ hukydides auch historisch erklärbar: Er ist nicht etwa Selbstzweck, sondern vielmehr eine Reaktion, nicht Frage, sondern schon Antwort. »Vieles«, so generell und in der Folgerung gewiss richtig Christian Meier, »weist darauf hin, daß ­Thukydides sich in seinem harten Realismus gegen andere Meinungen wandte, die er für Illusionen hielt.«147 Diese anderen Meinungen über Seeherrschaft waren es wohl, die ­Thukydides die Auseinandersetzung mit dem Thema überhaupt erst notwendig erscheinen ließen, nicht eine in der Sache selbst liegende Relevanz also, sondern das, was andere in der öffentlichen Debatte aus dem Thema machten. Dass wir dieses andere, auf das er reagiert haben mag und das daher auch einen Eindruck von der zeitgenössischen Bedeutung seiner Analysen geben könnte, nur noch schwerlich und teils auch nur mittels dessen, was seine eigene Darstellung zu erkennen gibt, rekonstruieren können, lässt ein derartiges Fazit auf den ersten Blick unweigerlich etwas ungenügend erscheinen, zumal dann, wenn man es mit den Möglichkeiten vergleicht, die der Ideengeschichte der Neuzeit gegeben sind. Und dennoch kann dieses andere immerhin soweit rekonstruiert werden – aus in etwa zeitgleichen oder auch etwas später entstandenen, aber demselben Erfahrungsraum und denselben Diskussionszusammenhängen entsprungenen Zeugnissen  –, dass sich der Platz des ­Thukydides innerhalb dieser zeitgenössischen Debatten um Seeherrschaft dennoch genauer bestimmen lässt. Die Pole des Spektrums, innerhalb dessen seine Darstellung und Analyse verortet werden müssen, bilden die vor allem aus seinem Werk selbst mit aller methodischen Vorsicht rekonstruierbaren Glorifizierungen maritimer Macht einerseits, die ›moralische‹ bzw. ›philosophische‹ Verdammung der Seeherrschaft, vor allem im Nachklang der Niederlage von 404, andererseits.­ Thukydides verurteilt weder Seeherrschaft und deren für die Gesellschaft vermeintlich verderblichen Einfluss, wie es zeitgleich etwa der anonyme Autor der Athenaion Politeia oder nur wenig später Platon allem Anschein nach taten.148 Die im Kern gegen die Demokratie athenischer Prägung gerichteten Vorurteile gegen den ochlos nautikos,149 gegen die angebliche Verderbnis, die die Orientierung einer Stadt zum Meer hin bringe, da sie nur den ›schlechteren‹ Elementen der Gemeinschaft nutze, und all die anderen Gemeinplätze, die einen Großteil der antiken Literatur prägen,150 sind ­Thukydides doch gerade fremd.151 Auch 147 C. Meier (1980) 465. 148 Siehe jetzt Engels (2016) 298–301. Zu Platon und dem Meer vgl. Luccioni (1959). 149 Zum Zusammenhang von Demokratie und Seeherrschaft in der zeitgenössischen Debatte vgl. Ceccarelli (1993); Engels (2016) 297–301. 150 Siehe Momigliano (1944) 5–7. Vgl. auch Katsaros (2001) 162 (»Sea power was a controversial subject, as the works of Plato and Aristotle confirm«). 151 Siehe Starr (1978) 346–347; Hunt (1998) 125–126.

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den verächtlichen Blick auf Schiffe, Mauern und Werften als blanken und oberflächlichen Unsinn, der Athen nur »aufgebläht«, aber nicht eigentlich »groß« gemacht habe, wie er im Gorgias Platons (517c; 518e–519a; vgl. Alk. 1 134b) begegnet, teilt er in dieser Zuspitzung nicht, selbst wenn ein gewisses Unbehagen gegenüber einer Kalkulation, die zu sehr auf derartige rein materielle Faktoren baut, zu T ­ hukydides’ Analyse gewiss dazugehört.152 Und auch die Vorwürfe der Untertanen gegen den seebeherrschenden, imperialistischen Aggressor, der mit seinen Schiffen die Inseln der Ägäis in die Abhängigkeit zwinge, erkennen wir bei ­Thukydides allenfalls gefiltert, etwa aus der Sicht der Melier und Athener im Melierdialog. Einzig in der Bemerkung über das Schicksal von Naxos (1,98,4) lässt er selbst diese Perspektive für einen Moment erkennen. Abgesehen davon blieben auch diese Verurteilungen athenischer Seeherrschaft als einer Tyrannis anderen überlassen, soweit die äußerst dünne sonstige Überlieferung solche Schlüsse überhaupt zulässt. Ob etwa die Schrift des Stesimbrotos von Thasos über die athenischen Staatsmänner tatsächlich als ein Zeugnis dieser aus den Reihen der Mitglieder des Seebundes geäußerten Kritik an Athens Seeherrschaft gelten kann, wie noch Momigliano vermutete,153 muss mittlerweile als mehr als zweifelhaft gelten.154 Auf der anderen Seite erkennen wir bei ­Thukydides jedoch auch keine Spur einer wirklichen Glorifizierung und Überhöhung maritimer Macht, distanzieren wir ihn als Autor von den Ansichten seiner Figuren. Und auch die vermeintlichen ›Theorien‹ etwa der Archäologie über das Wirken von Seemacht erweisen sich doch bei näherem Hinsehen weniger als das Ergebnis seiner Analysen denn vielmehr als deren Bausteine, die erst im Prozess der Rezeption des Textes sinnhaft gemacht werden müssen.155 Was dabei herauskommt, wenn diese ›Lehren‹ der Archäologie ungebrochen und ohne weiteres Nachdenken als die Essenz athenischer Stärke und Macht verstanden werden, kann an der Frie­ densrede des Andokides aus der Zeit des Korinthischen Krieges (ca. 392/391) abgelesen werden.156 Früher einmal, so heißt es da, habe es eine Zeit ohne Mauern und Schiffe (τείχη καὶ ναῦς) gegeben – da sei man schwach gewesen; dann jedoch hätten die Vorfahren sich Mauern und Schiffe zugelegt, womit die ἀρχὴ τῶν ἀγαθῶν eingesetzt und Athen die größte Macht (δύναμις) gewonnen habe, die je eine Stadt ihr Eigen nennen durfte. Das Fazit liege daher nahe: Um erneut solche Macht zu gewinnen, brauche es erneut vor allem eines, Schiffe und 152 Siehe Foster (2010). 153 Siehe Momigliano (1944) 2: »The pamphlet of Stesimbrotus of Thasos On Themistocles, Thucydides, and Pericles (written after 430 B. C.) was in effect an attack on Athenian seapower and on Themistocles as a corrupter of the Athenian people«. 154 Vgl. dazu Meister (1978); Tsakmakis (1995a). 155 Siehe dazu Connor (1984) 246 sowie oben Kap. 2.2. 156 Die genaue Datierung der Rede ist umstritten; vgl. Pownall (1995) bes. 140 mit Anm. 2.

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Mauern (37).157 Das wirkt wie eine fast buchstabengetreue ›Übersetzung‹ der Archäologie in die Rhetorik, genau wie derjenige Prozess also, den ­Thukydides im Werk an verschiedenen Stellen thematisiert und problematisiert hat. Auch das, was sich als Reflex zeitgenössischer Diskussionen bei Pseudo-Xenophon findet, ist in diesem Sinne ebenso ›klischeehaft‹, weil auf schiefen Vergleichen und allzu pauschalen Aussagen basierend, die der Komplexität der realen Bedingungen gar nicht gerecht werden konnten.158 Wenn die Ausführungen bei Pseudo-Xenophon, wie Hartvig Frisch vermutete, tatsächlich als ein Beleg dafür gelten können, dass sich die Idee der ›Thalassokratie‹ unter der ideologischen Führung des ­Perikles seit den frühen 440er Jahren »into a system which in easily understandable catchwords was hammered into the consciousness of the public« gewandelt hatte,159 dann dürfte genau darin für T ­ hukydides der Stein des Anstoßes gelegen haben, musste er doch das Scheitern all dieser einfachen Versprechen vom Wert der Seeherrschaft miterleben. Eine der zentralen Lehren des Werkes des T ­ hukydides besteht doch gewiss gerade in der Sensibilisierung für die mitunter ›gefährliche‹ Überzeugungskraft derartiger catchwords, die man sich idealerweise nicht unhinterfragt ›einhämmern‹ lassen sollte. Wie schnell wohl tatsächlich die Idee einer uneingeschränkten Seeherrschaft Athens, wie sie P ­ erikles im Werk so prononciert propagiert, zum Klischee erstarren und zum bloßen Versatzstück der Rhetorik verkommen konnte, zeigt der Epi­ taphios des Lysias, der wohl um das Jahr 392/391 verfasst wurde und vielleicht nur zur Publikation gedacht war, nicht als eine tatsächliche Grabrede zu konkretem Anlass.160 Lysias glorifiziert darin die Grenzenlosigkeit athenischen Tatendrangs mit Worten, die wie nach dem Vorbild des P ­ erikles (2,41,4) modelliert erscheinen,161 nach 404 jedoch nur noch als ein Abglanz früherer Größe wirken konnten: Kein Meer und kein Land (οὔτε γὰρ γῆς ἄπειροι οὔτε θαλάττης οὐδεμιᾶς), so brüstet sich der Redner darin, sei von athenischem Zugriff unberührt geblieben und überall, bei allen Menschen (πανταχῇ δὲ καὶ παρὰ πᾶσιν ἀνθρώποις), werde 157 Zur symbolischen Bedeutung von Schiffen und Mauern bei Andokides vgl. Missiou (1992) 74–76. Zur Bedeutung dieser Machtsymbole in der Literatur des 5.  Jahrhunderts vgl. Dougherty (2014). In einem Fragment des Komikers Demetrios vom Beginn des 4. Jahrhunderts wird der Verlust von Mauern und Schiffen mit dem Bedürfnis der Spartaner verknüpft, nicht mehr zur See dem kratos der Athener ausgeliefert zu sein (Λακεδαιμόνιοί θ’ ἡμῶν τὰ τείχη κατέβαλον, / καὶ τὰς τριήρεις ἔλαβον ἐμμήρους, ὅπως / μηκέτι θαλαττοκρατοῖντο Πελοποννήσιοι, PCG V fr. 2) 158 Siehe Weber (2010) 110. Vgl. auch Katsaros (2001) 172 zur ›Klischeehaftigkeit‹ der Ausführungen Pseudo-Xenophons. 159 Frisch (1942) 78. 160 Vgl. dazu ausführlich Kartes (2000) 115–144. 161 Siehe Kartes (2000) 33. Bond (1981) 287 (ad 849–853) vergleicht die zitierte Passage mit den Versen des euripideischen Herakles, der Zeussohn habe Land und Meer sicher und »zugänglich« gemacht (851–852), sowie mit Thuk. 2,41,4.

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Fazit: ­Thukydides im Kontext

in der Erinnerung an das Unglück der Bezwungenen zugleich auch die aretē der Athener besungen (2).162 Die Anklänge an ­Perikles’ glorifizierende Worte über die grenzenlose, überall mit Zwang fühlbar gemachte Macht Athens zu Wasser und zu Lande sind nicht zu überhören.163 Aus dieser Perspektive wird somit auch ersichtlich, worin der »für immer« gültige Nutzen (1,22,4) des thukydideischen Geschichtswerkes liegen kann, betrachtet man nur dessen Auseinandersetzung mit Seeherrschaft. Kurz gefasst: Der Leser des Werkes soll nicht lernen, dass Seeherrschaft der Schlüssel zum Erfolg ist, sondern vielmehr durch die Einsicht in die Komplexität des Gegenstandes erkennen, dass den Worten derjenigen, die derartiges in konkreten Situationen versprechen, nicht unhinterfragt Glauben zu schenken ist.164 Er soll erkennen, dass auch wohlklingende Gnomen von der ›Größe‹ der Seeherrschaft und der Unbezwingbarkeit der Stärke zur See immer an den tatsächlichen Gegebenheiten überprüft werden müssen und erst dann als mögliche Grundlage von Entscheidungen und konkreten Plänen berücksichtigt werden sollten.165 Das Werk ist doch, so Connor, »a provocation,  a challenge to readers to reread, rethink, and revalue their assumptions; it is designed to e­ ncourage criti­ hukydides auch im Hinblick auf Seeherrcal thought«.166 Exakt das versuchte T schaft und maritime Macht. Danach kann dann zwar jeder Leser immer noch zu dem Schluss kommen, dass Seeherrschaft und maritime Macht ein, wenn nicht der Schlüssel zu Wachstum und außenpolitischem Erfolg sein können, wie es doch etwa die Archäologie an manchen Stellen immerhin nahelegt (1,15,1). 162 Zur inhaltlichen Charakterisierung der Epitaphien-Literatur immer noch grundlegend Strasburger (1958) 22: »Es wäre also zu wenig, das diesbezügliche Pathos, mag es uns auch hohl vorkommen, mit dem Begriff der Propagandasprache abzutun; Propaganda ist es zwar auch, und im Munde abgebrühter politischer Führer ganz gewiß, aber so wollte der Athener nicht nur sich und seine Mission in der übrigen hellenischen Welt gesehen wissen, sondern so sah sich der brave und anständige athenische Bürger in rührender Überzeugung selbst.« 163 Wenn Lysias im weiteren Verlauf (55–57) behauptet, Athen habe, indem es 70 Jahre das Meer beherrschte (ἑβδομήκοντα μὲν ἔτη τῆς θαλάττης ἄρξαντες), nicht nur seine Bündner vor stasis bewahrt und ihnen ein Leben in Freiheit gewährt, sondern vor allem auch durch seine Macht Griechenland vor dem persischen Großkönig beschützt, so klingt auch das teils wie eine Reaktivierung perikleischer Rhetorik. 164 Zur Frage des Publikums des T ­ hukydides knapp Connor (1982) 277 sowie Malitz (1982) 270. 165 Vgl. zur didaktischen Zielsetzung des Werkes unter diesem Blickwinkel die zutreffenden Bemerkungen von Grethlein (2005) 68: Es liege nahe, »als eine der Lehren der ›Historien‹ die Methode des T ­ hukydides zu verstehen: Anstelle der Bemühung, die Erwartung des Publikums zu erfüllen, ist größtmögliche Nähe zu den ἔργα erforderlich – sowohl in der Politik als auch in der Geschichtsschreibung. Die dadurch gewonnene Erkenntnis der Wirklichkeit erfüllt weniger das theoretische Interesse des Forschers, als daß sie die notwendige Voraussetzung für politische Entscheidungen ist.« 166 Connor (1982) 278.

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Doch liegt der eigentliche Schwerpunkt der Analyse des T ­ hukydides auch hier vielmehr in der Sensibilisierung für die Vielschichtigkeit solcher Phänomene und in der Vermeidung eben jener ›Klischees‹, die zwar gut klingen mögen, aber in ihrer Einseitigkeit die falsche Sicherheit völliger Kontrolle über die Geschehnisse suggerieren können. Selbst wenn also das 5. Jahrhundert den folgenden Generationen sowohl »the somewhat short-sighted approaches to thalassocracy« als auch »the overestimation of sea power in a constitutional as well as a strategical sense« vererbt haben sollte,167 so ist doch T ­ hukydides für beides kaum verantwortlich zu machen; dafür ist seine Darstellung in jeglicher Hinsicht zu unideologisch und zu sehr an den Zwischentönen interessiert. ­Thukydides hatte zwar augenscheinlich großes Interesse an der Seeherrschafts-Diskussion seiner Zeit, doch war ihm nicht daran gelegen, die dem zugrundeliegenden Überlegungen und Überzeugungen um ihrer selbst willen zu bewerten oder gar Seeherrschaft als segensreiches Machtprinzip anzupreisen. Ihm ging es vielmehr darum, die Effekte, die das Reden über Seeherrschaft in seiner Zeit hatte, zu analysieren und dessen Folgen für Entscheidungsfindungen, Massenlenkung und Identitätskonstruktionen mit scharfem Blick zu sezieren. Wir können ihm daher vielleicht vorwerfen – wie es etwa Chester Starr getan hat –, vieles an der Seeherrschaft seiner Zeit entweder nicht erkannt oder, ›schlimmer‹ noch, nicht ausreichend in seiner Bedeutung gewürdigt zu haben.168 Als ein Gewährsmann für die Überzeugung, es sei »etwas Großes um die Beherrschung des Meeres«, taugt ­Thukydides jedoch ebenso wenig. Durch die Einbeziehung der im 5. Jahrhundert diskutierten Frage, wie das Verhältnis des Menschen zum Meer unter den Vorzeichen von ›Beherrschbarkeit‹ und ›Könnens-Bewusstsein‹ zu beurteilen ist, konnte der Untersuchung eine weitere, entscheidende Facette hinzugefügt werden. Fragt man nämlich nach den mentalen Bedingungen, die gegeben sein müssen, um über Seeherrschaft in einer derart expliziten und spezifischen Weise nachzudenken, wie dies im späteren 5.  Jahrhundert der Fall gewesen zu sein scheint, so eröffnet sich, dass ­Thukydides auch zu dieser Frage einen Beitrag bietet. Doch selbst wenn sein Text, wie gesehen, in gewisser Weise als ein Dokument dieses ›KönnensBewusstseins‹ begriffen werden kann, so doch vor allem deshalb, weil er derartige Ideen und Vorstellungen aufgriff und sie im Text in zugespitzter Weise vertreten ließ, um dadurch die Diskrepanzen zu betonen, die zwischen einem ›könnensbewussten‹ Selbstverständnis und der von ­Thukydides erlebten Wirklichkeit bestanden. Es sind hierbei, wie auch sonst, die Grenzen des Möglichen, die T ­ hukydides besonders interessieren, zumal dann, wenn sie den Versprechen 167 So Engels (2016) 301. 168 Siehe Starr (1978).

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Fazit: ­Thukydides im Kontext

derer, die von Grenzen nichts mehr wissen wollen, im Wege stehen. Auch deshalb besteht T ­ hukydides’ bleibender Beitrag zur Auseinandersetzung der Antike mit Seeherrschaft darin, diese Diskrepanz nicht nur erkannt und thematisiert, sondern sie zur Basis einer historischen Analyse gemacht zu haben, die sowohl die beschränkte Bedeutung maritimer Macht als auch die Gefahren einer sich verselbständigenden Seeherrschaftsrhetorik zum Ausdruck bringt.

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Register

A. Namen, Orte, Sachen Moderne Autorinnen und Autoren sind nur aufgenommen, sofern sie im Fließtext genannt werden. Griechische Wörter werden in deutscher Transliteration und entsprechender alphabetischer Sortierung aufgeführt; die angegebenen Seiten beziehen sich auf Passagen, in denen explizit der griechische Terminus genannt und nicht allein der entsprechende Begriff behandelt wird. Abulafia, David  17 Ägäis  153, 154, 158, 159, 160, 167 Agamemnon  59, 72, 104 Agesippidas  171 Anm. 247 Aigina  170, 171 Aischylos  9 Anm. 4, 245, 246, 260 Alkibiades –– und Argos  170 –– als Nachfolger des Perikles  87, 227–228 –– und Sizilienexpedition 228–229, 230 –– und Tissaphernes  87–88, 93 Alkidas 158–166 Alter Oligarch  siehe Pseudo-Xenophon Andokides 268–269 Andrewes, Anthony  90, 173 anthrōpeia physis 67 Antilogien  134, 190, 194 Apollon 123 Archäologie –– apologetische Deutung  53–57, 71, 72 –– Begrenztheit  72, 105–106 –– Flotten  58, 60, 62–63, 66, 68 –– Fortschritt  64, 65–66, 67–68 –– und Größe des Krieges  53, 61–62, 70–71 –– und Herodot  54–55, 239 –– als Leseanleitung  53, 70 –– und Perikles  55–56, 83 –– als Seemachtstheorie  27, 31, 51–52, 57–58, 59–60, 67, 268 –– und Sophistik  239–240

archē –– der Athener  91, 116, 119, 120, 122, 124, 129, 138 –– und Seeherrschaftsterminologie  75, 77, 78, 124 Argolis  169, 170, 171 Argos, Argiver  168–173, 175 Aristophanes  122, 239, 258 –– siehe auch Komödie, attische Artabanos  254, 256, 261 Athen, Athener –– archē der  91, 116, 119, 120, 122, 124, 129, 138 –– Bündnis mit Argos, Mantineia und Elis  168–170 –– charakterisiert als –– beweglich  71, 82–83, 91 –– innovativ 68 –– kühn  138, 231 –– Hingabe an die Stadt  107 –– als Insel  91–92, 99–100, 220, 222 –– und ›Könnens-Bewusstsein‹  243, 254 –– und Korinth  192–193 –– als kyriōtatoi des Meeres  124–125, 150, 172, 181 –– materielle Ressourcen  155–157 –– und Melos  178–179, 180–181, 183 –– und Mytilene  153–154, 155, 165 –– als naukratores  180, 195 –– nautische technē der  95, 98, 141, 147, 199, 248–249, 255

292 –– in Perserkriegen  137–138 –– Rhetorik in  224–226 –– und Samos  89–93, 100, 102–105, 233–234 –– Selbstwahrnehmung als Seemacht  88, 93, 94–96, 101, 139, 153, 166, 169, 193, 195–196, 198–199, 201, 222, 265 –– und Sparta  68–69 –– stasis in  89, 93, 100–101, 233–234 –– als Tyrannis  240 –– verglichen mit Persien  260 –– Wachstum der Herrschaft  68, 102, ­137–138, 140 –– werden nautikoi  138, 245, 260 –– siehe auch Seebund, Attisch-Delischer; Sizilienexpedition Attika  37, 83, 139 Bakchylides 241–242 Baltrusch, Ernst  46 Beatty, David  26 Anm. 71 ›Beinahe-Episoden‹ 144–145 Bizer, Fritz  55 Blockade  91, 136, 152, 155, 175 –– siehe auch Flotten; Seekrieg; Trieren Bloedow, Edmund  128, 223 Böhme, Hartmut  249 Brasidas  143, 159, 183 Braudel, Fernand  17–18 Bridge, Cyprian  25–26 Bürgerkrieg siehe stasis Calame, Claude  241 Chios  101, 188, 200 Colomb, John  23 Connor, W. Robert  20, 43, 93, 96–97, 122, 137, 174, 202, 236, 261, 266, 270 Dee, John  24, 25 deinos 253 Demosthenes (Stratege)  194, 197, 230–231 Dokumente 174–176 douleia 64 dynamis  107, 116, 214–216 eisphora 156 ekplēxis  147, 148–149, 166 elpis  142, 230–231 –– siehe auch Hoffnung Engels, David  58, 112 Entgrenzung  117–121, 222

Register Ephesos 187 Epidauros  128, 170 epideixis  156, 157 Epitaphios  siehe Gefallenenrede des Perikles Erbse, Hartmut  53, 86, 93, 212 Eretria 148 erga siehe logos-ergon-Dichotomie Erineos (Schlacht)  192 Euben, J. Peter  45 Euboia 148–149 Euripides  44, 123, 247, 259 Eurymedon 197 Fernbeziehungen  78, 82, 87, 90, 97, 149 Finley, John H.  199 Flashar, Hellmut  210 Flotten –– des Agamemnon  59 –– der Athener –– als epideixis  156, 157 –– Größe  156, 160 –– im Kriegsplan des Perikles  116, 215–217 –– auf Samos  89–93, 233–234 –– Scheitern in Sizilien  191, 229 –– Unterhaltskosten  135, 156 –– beschränkte Möglichkeiten in Antike  135, 138 –– der Kerkyraier  107, 108, 109 –– des Minos  62–63, 68 –– der Mytilenaier  155 –– der Peloponnesier  101–102, 158 Anm. 201 –– des Polykrates  59, 105 –– Rückständigkeit vor Perserkriegen  60 –– siehe auch Seekrieg; Seemacht, ­ Seeherrschaft; Trieren Fokalisierung  163 Anm. 219, 164 Anm. 222, 170 Foster, Edith  36–37, 261, 264 Frisch, Hartvig  269 Gefallenenrede des Perikles –– und Pestbeschreibung  130, 132–133, 189–191, 206–207 –– und Seeherrschaft  117–118 –– Spannung zur Wirklichkeit  224–225 Gefallenenreden (Genre)  270 Anm. 162 gnomische Aussagen  84, 85–87 Goldhill, Simon  45

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Register Gomme, Arnold W.  35, 112, 134–135, 203 Gorgias 79 Götter  116, 255 Grethlein, Jonas  42–43, 79, 124, 224, 226 Gylippos  171 Anm. 246, 196, 198 Häfen  140, 143 Anm. 149 –– siehe auch Peiraieus Hardie, Philip  119 Hellespont  93, 245 Herakles  123, 247, 259 Hermaiondas 154 Hermeneutischer Zirkel  240 Hermokrates  196, 249 Anm. 68 Herodot –– Bedeutung von Seemacht bei  39 –– und Götter  255 –– und ›Könnens-Bewusstsein‹  253–254 –– und Natur  254–255 –– Seeherrschaftsvokabular bei  31, 76, 81 –– und Thukydides  40, 54–55, 58, 239, 254–255, 256 Herter, Hans  131–132, 134, 190–191 Heuser, Beatrice  22–23 Hobbes, Thomas  14, 42 Hoffnung  142, 183, 197, 198, 230–231, 232 Homer  123, 124 Horden, Peregrine  17 hormē 165–166 Hornblower, Simon  214, 264 Hybris  254, 258, 261 Imperialismus –– athenischer –– Bedeutung bei Thukydides  10, 34–35, 112 –– kritisiert von Zeitgenossen  39–40, 266, 268 –– Perikles als Vertreter des  33, 36–37, 112–113, 120–121 –– neuzeitlicher, und Thukydides-Rezeption  23, 25–26, 60 Innovation  33, 65, 68 –– siehe auch ›Könnens-Bewusstsein‹; technē Insel –– Athen als  91–92, 99–100, 220, 222 –– und Seeherrschaft  178, 180–181 Ionien, Ionier  59, 93, 106 Ironie  56, 174–175 Irwin, Elizabeth  19, 39, 54

Jebb, Richard  119 Kagan, Donald  150, 264 Kallet-Marx, Lisa  10, 120, 126, 128, 255 Kallikratidas  125, 187 Kerkyra –– und Korinth  59, 108–109 –– als Präfiguration Athens  106–107, 218 –– Selbstwahrnehmung als Seemacht  107, 109 Kirchhoff, Adolf  169 Knemos  143, 152 Komödie, attische  107 Anm. 116, 119, ­123–124, 239 ›Könnens-Bewusstsein‹ –– Begriff 243 –– Grenzen des  252–254, 257 –– Perikles als Vertreter des  248–249, 255, 256, 257–258, 261 –– und Seeherrschaft  243–244, 246 –– in Tragödie  244–248 –– siehe auch Innovation; technē Kontextualisierung  37–40, 237–242 Kontingenz  256, 257 kontrafaktische Überlegungen  143 Korinth, Korinther –– und Argos  170 –– und Athen  192–193 –– bekämpfen Seeraub  59, 65 –– besitzen ersten Trieren  59, 65 –– und Kerkyra  59, 108–109 –– als Seemacht  72 kratos  75–78, 124–125, 167 Kreta 160 Kriegsplan des Perikles –– Erfolgsaussichten –– in moderner Forschung  213–214 –– Thukydides über  215–216, 235, 265 –– und ›Könnens-Bewusstsein‹  256 –– und Seeherrschaft  82–85, 88, 99, 215, 219 –– und Themistokles  139 –– utopischer Charakter  91–92, 117 –– Wiederaufnahme in Buch 8  90–92, 234 Kronos 123 Kühnheit  138, 166–167, 171, 231 –– siehe auch tharsos; tolma Kykladen 160 Kynossema (Schlacht)  102 kyrios 124–125

294 Land-Meer-Dichotomie  94, 97, 98 Lapini, Walter  30 Lazenby, John F.  175, 191 Leitworte  76, 78, 80, 88 Lendle, Otto  41 Leukimme (Schlacht)  106 Lloyd-Jones, Hugh  211 logos-ergon-Dichotomie  111–112, 130–131, 133–134, 136–137, 194 Anm. 315, 226, 231, 234–235 Luce, Stephen B.  27 Luschnat, Otto  213, 215 Lysander  125, 187 Lysias 269–270 Macleod, Colin  93, 228 Mahan, Alfred T.  21, 26, 27, 60 Malea 154 Mauern –– Athens –– und Kriegsplan des Perikles  115, 116 –– Schleifung nach Kriegsende  140 –– und Themistokles  137, 140 –– in Rhetorik  268–269 –– und Sicherheit  64 Megara 144 Meier, Christian  212, 243, 267 Meier, Mischa  257 Meleas 154 Melierdialog –– und Alkidas’ Mission  185–186 –– Bedeutung bei Thukydides  176–178 –– Perspektivität 186 –– und Seeherrschaft  183–186 –– Struktur 178–179 Melos, Melier –– als Insel  178, 180–181 –– Neutralität von  178–179 –– und Perikles  121, 181 –– und Sparta  178, 181–183, 184–185 menschliche Natur  67 Methodenkapitel (Thukydides)  87, 133, 207, 226, 227, 235, 237, 266, 270 Meyer, Eduard  13, 42 Milet 102 Minos –– Seeherrschaft des  58 –– als Präfiguration Athens  52, 54, 241 –– Thukydides’ Urteil über  63 –– verglichen mit Seeräubern  62–63

Register Modelski, George  28–29 Momigliano, Arnaldo  18, 28, 33, 34, 35, 38, 39–40, 51, 112, 264 Morley, Neville  20, 29, 263 Motiv, literarisches  13 Anm. 20 Mykalessos 146 Mykene  59, 65 Mytilene, Mytilenaier –– von Alkidas nicht erreicht  158–159 –– Blockade durch Athener  155 –– Hilfsgesuch an Sparta  154 –– in Olympia  155 Natur, Naturgewalten  11, 243–244, 249–252, 254–255, 259–260 –– siehe auch Stürme Naupaktos (Schlachten) –– als Herausforderung athenischer ­ Seeherrschaft  141–142, 147, 196 –– und nautisches Können der Athener  95, 141, 147, 248 –– Resultat als paralogos 199 –– ungewisser Sieger  108 Anm. 119, 142 Naval War College (USA) 26–27 Nikias –– Brief an die Athener  137, 229, 260 –– und Hoffnung auf Seeherrschaft 230–233 –– und Perikles  204–205, 232–233 Nisaia 144 Objektivität, historiographische  13–14, 42, 44, 111, 212 Oligarchie 89 orgē 166 Paches 165 Panhellenismus 70 Paradoxien  56–57, 70, 98, 145 paralogos  164, 199–201 paraskeuē 107 Parry, Adam  99 pathēmata 70 Pathologie des Krieges  79, 80 Peiraieus –– Einfahrt Lysanders  140 –– (geplante) Überfälle auf, durch –– athenische Flotte auf Samos  91 Anm. 61, 93 –– Makedonen  149 Anm. 171 –– Spartaner (429)  143–150, 161

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Register –– Spartaner (388)  149 –– Symbolik bei Thukydides  139–140 –– und Themistokles  138 Pelling, Christopher  42 Pentekontaetie  102, 105–106 Perikles –– und Alkibiades  87, 227–228 –– gnomische Aussagen des  84, 85–87 –– und ›Könnens-Bewusstsein‹  248–249, 255, 257–258, 261 –– und Melos  121, 181 –– und Nikias  204–205 –– pronoia des  213–214 –– als Redner –– und der dēmos  82, 83, 115, 122, 127, 219–222, 223–225 –– paradigmatische Bedeutung  224, 227, 236 –– und Übertreibung  127–128, 225 –– Rezeption in Neuzeit  24–25 –– und Samos  103–104 –– von Seeherrschaft untrennbar  9, 34, 36, 81, 85, 112–114, 122, 126–127, 210 –– und Sizilienexpedition  121, 203, ­204–206, 232–233 –– Sprache des, bei Thukydides  121–126 –– als Sprachrohr des Thukydides  33, 34, 85–87, 211 –– und Themistokles  139 –– Thukydides’ Urteil über  34, 36, 55, ­112–114, 209–217 –– verglichen mit Xerxes  258–259, 261 –– verspottet in Komödie  107 Anm. 116, 123–124 –– siehe auch Gefallenenrede des Perikles; Kriegsplan des Perikles Perserkriege –– Athen wird Seemacht in  94, 245 –– als Folie der Sizilienexpedition  195 Anm. 320 Persien, Perser  88–89, 245, 254 Pestbeschreibung  130, 132–133, 189–191, 206–207 Phaiaken 107 Phoinikien, Phoiniker  101 Phormion  126, 142, 147, 196, 204, 227 Pindar 123 Piraten  siehe Seeraub, Seeräuber Platon  246 Anm. 46, 267–268 Plenio, Wolfgang  33–34, 264

pleonexia 121 Plünderungen  62–65, 69 Plutarch  9, 104, 135 Anm. 113 Polaritäten  94, 96–97, 98 –– siehe auch Land-Meer-Dichotomie Polybios  9 Anm. 4 Polykrates  55, 59, 63, 104–105, 239 Poseidon  123, 247, 249, 260 Poteidaia 128 Prodikos 79 pronoia 213–214 Protagoras  246 Anm. 46, 264 Anm. 137 Pseudo-Xenophon  39, 40, 76, 81, 239, 266 Anm. 146, 267, 269 Purcell, Nicholas  17 Pylos (Schlacht) –– Reaktion der Spartaner  199–200 –– und Selbstwahrnehmung  95–97, 201–203 –– und Sizilienexpedition  201–203 Raaflaub, Kurt A.  30 Ratzel, Friedrich  251 Raumwahrnehmung  10–11, 16, 251–252 Reden (bei Thukydides) –– Authentizität  124, 265 –– und Ereignisberichte  100, 111–112, 130, 131–132, 194 –– situative Gebundenheit  86–87, 190 –– Spannung zur Wirklichkeit  226, ­235–236, 265 –– und Verräumlichung  99 –– wirken komplexitätsreduzierend  99–100, 151, 220, 264 –– siehe auch logos-ergon-Dichotomie und zu einzelnen Individuen Reinhardt, Karl  133, 195 Rengakos, Antonios  35–36 rhadiōs  144, 149, 217 Rhetorik  siehe Reden und zu einzelnen Individuen de Romilly, Jacqueline  10, 16, 30, 34–35, 41, 99, 112–113, 121, 126, 264 Rood, Tim  93–94, 98, 202 Rosinski, Herbert  28 Rusten, Jeffrey  137 Rüstung siehe paraskeuē Salaithos 158 Salamis (Insel)  144 Salamis (Schlacht)

296 –– und Seemacht Athens  244, 254, 260 –– und Sizilienexpedition  195 Anm. 320 Samos, Samier –– Revolte der  92, 101, 102–104, 188 –– und stasis in Athen  89–93, 233–234 –– verglichen mit Athen  105 Saronischer Golf  144, 170, 173, 175 Schifffahrt  siehe Seekrieg; Trieren Schmidt-Hofner, Sebastian  99–100 Schmitt, Carl  11, 251 Schulz, Raimund  11, 32–33, 71 Schwäche  62, 84, 92, 116, 179, 180, 181 Seebund, Attisch-Delischer –– Inselbezirk  160, 167 –– Revolte von –– Chios  101, 200 –– Euboia 102 –– Megara 102 –– Mytilene 153–154 –– Samos  92, 101, 102–104, 105, 188 –– im Urteil der Zeitgenossen  39–40, 240, 268 Seekrieg –– begrenzte Möglichkeiten in Antike  134–136, 146, 152, 175 –– Thukydides’ Kenntnisse  132, 137, 146, 187 –– siehe auch Blockade; Trieren Seemacht, Seeherrschaft –– und archē der Athener  129 –– begrenzte Möglichkeiten in Antike  103–104, 106, 134–136, 175, 182–183, 187–188 –– Begriffsverständnis  11 Anm. 14, 76–77, 187–188 –– diskutiert in Athen  39–40, 238, 266–270 –– griechisches Vokabular für  18, 75–77 –– und Mahan, Alfred T.  27, 30 Anm. 89, 60 –– und Raumwahrnehmung  10–11, 16 –– Reflexion von, charakteristisch für Antike 15–17 –– und Seeraub  63–64 –– und Selbstwahrnehmung  16–17, 94–96, 101, 108, 156, 157, 166, 201–202, 205–206, 218–219, 222, 265 –– Terminologie bei Thukydides  77–78, 153, 162 –– Thukydides’ Urteil über  19–21, 29–30, 33–37, 41, 55–56, 72, 80, 85, 112–113, 127, 186–187, 203, 263–264, 271–272

Register –– Unterschied zwischen Antike und Neuzeit 135–136 –– als Versprechen  84, 265 –– siehe auch Thalassokratie Seeraub, Seeräuber –– bekämpft durch Athen  136 Anm. 117 –– bekämpft durch Minos  59 –– ermöglicht durch Seefahrt  68 –– Minos verglichen mit  62–63 –– Verhältnis zu Seeherrschaft  63–64 Sicherheit  58, 64, 72, 146–147, 180, 228–229, 230, 234 Siegesmale  108 Anm. 119, 192 Sizilienexpedition –– und Alkibiades  204, 228 –– Debatte in Athen  228 –– als epideixis 157 –– Niederlagen der Athener –– psychologische Folgen  98, 147–148, 157, 192, 195, 198–199, 230, 232 –– und Selbstbild als Seemacht  98, 195, 198–199, 205, 230 –– tragische Funktion  189, 191 –– und Nikias  204, 230–233 –– und Perikles  121, 203, 204–206, 232–233 –– und Perserkriege  195 Anm. 320 –– und Pestbeschreibung  193–194, 206–207 –– Seeschlachten im Großen Hafen  194–195, 197–198, 230, 232 Skinner, Quentin  22, 37, 240 Sophistik  31, 32, 79, 239–240 Sophokles  245–248, 249, 253 –– und Thukydides  246, 256 Sparta, Spartaner –– und Argos  169, 170–171, 172 –– und Athen  68–69 –– charakterisiert als –– kühn  166–167, 170–171 –– schwach  56, 84, 91, 92, 116 –– unflexibel 82–83 –– unzuverlässig 182 –– zögerlich  144, 158 –– und Chios  175 Anm. 257 –– als Landmacht  95 –– und Melos  178, 181–183, 184–185 –– und Mytilene  154, 155, 158–163 –– als Seemacht  97, 101 –– Thukydides’ Urteil über  46, 159 Sphakteria  siehe Pylos

297

Register Stahl, Hans-Peter  43, 56, 142 Starr, Chester G.  19, 35, 52, 60, 61, 80–81, 271 stasis –– in Athen  89, 93, 100–101, 233–234 –– als Folge des Trojanischen Krieges  65, 70 Stesimbrotos von Thasos  268 Strabon 24 Strasburger, Hermann  42, 87, 133, 190 Strauss, Barry S.  30, 33, 35, 41 Stürme  246, 248, 255, 259 –– siehe auch Natur, Naturgewalten Subjektivität, historiographische  12–14, 19–20, 42, 133 Sybota (Schlacht)  95, 108 Syrakus, Syrakusaner  siehe Sizilienexpedition Taylor, Martha  36–37, 264 technē  95, 199, 200, 243, 244, 248–249, 255 –– siehe auch Innovation; ›Könnens-Bewusstsein‹ Teleutias 149 Teutiaplos 161 Thalassokratie  16, 24 –– siehe auch Seemacht, Seeherrschaft tharsos  158, 231–232, 233, 234 –– siehe auch Kühnheit Themistokles  94, 137–139 Theseus 241–242 Thompson, William R.  28–29 Thukydides –– als aufgeklärt  250 –– Autorität des  19–21, 28, 263 –– Darstellungsmittel –– Antilogien  134, 190, 194 –– auktoriale Kommentare  12, 210 –– ›Beinahe-Episoden‹ 144–145 –– Dialektik  43, 45, 111, 131, 177, 190 –– Dokumente, wörtlich zitiert  174–176 –– Fernbeziehungen  78, 82, 87, 90, 97, 149 –– Fokalisierung  163 Anm. 219, 164 Anm. 222, 170 –– indirekte Kommentierung  100, 111, 131, 133–134, 136–137, 147, 170 –– Ironie  56, 174–175 –– kontrafaktische Überlegungen 143

–– –– –– ––

–– –– –– –– –– –– –– –– –– ––

–– –– –– –– –– ––

–– Leitworte  76, 78, 80, 88 –– logos-ergon-Dichotomie 111–112, 130–131, 133–134, 136–137, 194 Anm. 315, 226, 231, 234–235 –– narrative Muster  13, 235 –– Paradoxien  56–57, 70, 98, 145 –– psychologische Schilderungen  109, 142, 147, 149–150, 162–165, 170, 192, 230 –– Symbolismus der Fakten  139–140 didaktischer Anspruch  45 gnomische Aussagen  84, 85–87 und Herodot  40, 54–55, 58, 239, 254–255, 256 historiographische Methode –– Methodenkapitel  87, 133, 207, 226, 227, 235, 237, 266, 270 –– Selektivität der Darstellung  12, 133, 178 –– Subjektivität der Darstellung  12–14, 19–20, 42, 133 und Homer  123 Anm. 56, 124 Kenntnisse des Seekriegs  132, 137, 146, 187 und ›Könnens-Bewusstsein‹  248–249, 255, 257–258, 261, 271 Kontextualisierung  37–40, 237–242 Modernität des  29, 30, 250–252 und Natur  11, 249–252, 255, 259–260 und Pseudo-Xenophon  40, 239 Rationalismus des  250, 256, 257, 261 Realismus des  207, 261, 262–263 Rezeption –– im 16. Jahrhundert  23–25 –– im 19. Jahrhundert  25–26 –– in Marineakademien  26–27 –– in Politikwissenschaft  28–29 –– als Seemachtstheoretiker  21, 31, ­51–52, 57–58, 59–60, 268 –– in Strategiegeschichte  22–23 Seeherrschaftsvokabular bei  18, 75–78, 81–82, 94, 101, 153, 162, 231 und Sophistik  31, 32, 79, 239–240 und Sophokles  246, 256 Thukydideische Frage  20, 57 Anm. 34 und Tragödie  44–45 Urteil über Seeherrschaft  19–21, 29–30, 33–37, 41, 55–56, 72, 80, 85, ­112–113, 127, 186–187, 203, 263–264, 271–272

298 –– verglichen mit Fernand Braudel  17–18 –– siehe auch Archäologie; Gefallenenrede des Perikles; Kriegsplan des Perikles; Melierdialog; Pentekontaetie Tissaphernes  87–88, 93 tolma  118, 138, 149, 167 Tragödie, attische –– didaktischer Anspruch  45 –– und ›Könnens-Bewusstsein‹  244–248 –– und Thukydides  44–45 –– siehe auch zu einzelnen Dichtern Tribut  68, 91 Tributbezirke  167 Anm. 233 Trieren  65, 135, 137, 146, 149, 152, 188 –– siehe auch Flotten; Seekrieg Trojanischer Krieg –– ermöglicht durch Seemacht  58–59, 65 –– Folgen des  65, 70 –– verglichen mit Sieg der Athener über Samos 104 Tsakmakis, Antonis  56, 61, 72

Register Unbesiegbarkeit  116–117, 195, 201 Utopie  91–92, 134, 203, 226–227 Venedig 25 Vergil 119 Vogt, Joseph  219 Wassermann, Felix  186 Wirkungsgeschichte  9, 22, 25 Xenophon  125, 140, 149, 187 Xerxes –– als Herr des Meeres  254, 260 –– Überbrückung des Hellesponts 245, 254 –– verglichen mit Perikles  258–259, 261 Zechlin, Egmont  18 Zeno, Antonio  25 Zeus 123

B. Quellen Aischylos Choephoren 585–592 246 Perser 109–112 245, 253 352 258 Anm. 117 385–443 9 Anm. 4 750 260 880–896 260 Andokides 3,37 268–269 Aristophanes Acharner 530 124 Ritter 839 122 1087–1089 258 Bakchylides 17 241–242

Demetrios (PCG) Sikelia fr. 2

269 Anm. 157

[Demosthenes] 17,26–27

149 Anm. 171

Euripides Herakles 20 247 400–402 123, 247, 259 851–852 123, 247, 259, 269 Anm. 161 Herodot prooim. 69 3,39,3–5 63 3,122,2 31, 39, 55, 58, 63, 75, 76, 104, 241 5,36,2 76, 80 5,36,3 76 5,83,2 76, 80 6,9,1 76 7,35 254 7,47,2 254

299

Register 7,48 258 Anm. 117 7,49 261 7,49,1–4 256 7,49,1 254 7,49,2–3 254 7,139,5 254 7,144,2 245 8,60–63 139 Anm. 129 8,109,3 259 Homer Ilias 2,118 123 IG I 3

83 168

Isokrates 12,67 78 12,158 76 Lysias 2,2 2,55–57

247 Anm. 54, 269–270 270 Anm. 163

Pindar Isthmien 5,53 123 Platon Alkibiades I 134b 268 Gorgias 517c 268 518e–519a 268 Protagoras 320c

246 Anm. 46

Plutarch Perikles 8,3 124 11,4 135 Anm. 113 28,4 104 28,5 104 28,6 104 Polybios 1,3,9 76 16,2–9 9 Anm. 4

Protagoras (DK 80) B 6a 264 Anm. 137 Sophokles Antigone 332–341 246, 256 332–337 246 332 253 342–352 246 347 246 584–591 253 952 253 Oidipus auf Kolonos 668–719 247 710–711 247, 249 714–719 247 Strabon 1,3,2

24, 76

Thukydides 1,1,1 41, 53, 61–62, 69, 78, 97, 134 1,1,2 70, 71 1,2 68 1,2,1–2 62 1,2,2 64, 67 1,3,1 62 1,3,3 92 1,3,4–1,4 65 1,3,4 58, 92 1,3,5 58 1,4 58, 62, 68, 77, 163 Anm. 221, 241 1,5,1 62–63, 68, 69 1,5,3 62, 68, 69 1,7 62, 69 1,8 58, 68, 72 1,8,2–3 64 1,8,3 64, 68 1,9,3 59 1,9,4 59 1,12 70 1,12,1 65 1,13 68 1,13,1 65 1,13,2–5 65 1,13,2 59 1,13,3–5 72 1,13,5 59

300 1,13,6 59, 72, 77, 105, 105–106, 163 Anm. 221 1,14 60 1,15,1–2 60 1,15,1 65, 66, 70, 72, 107, 108, 109, 178, 180, 270 1,15,2 69 1,18,2 68, 70, 94, 138, 195 Anm. 320, 245, 260 1,18,3 69 1,19 68 1,22,1–2 133 1,22,1 87, 265 1,22,2 226 1,22,4 41, 45, 67, 85, 86, 207, 227, 235, 237, 266, 270 1,23,2 70 1,23,6 10 1,25,4 107, 109, 218–219 1,30,2–3 106 1,30,2 77, 106, 163 Anm. 221 1,30,3 77, 163 Anm. 221 1,33–43 108 1,46–1,51,3 108 1,47,1 108 1,49,1 95 1,49,2 95 1,54 142 1,54,2 108 1,70,3 138 1,89,1 102, 140 1,89,3–1,93,1 137 1,93,3–5 138 1,93,3 245, 260 1,93,4 94, 138, 166 1,93,7 94, 139 1,98,4 268 1,99,3 64 Anm. 67 1,114 102 1,115 102 1,116–117,2 103–104 1,116,1 104 1,116,3 104 1,117,1 77, 92, 106, 163 Anm. 221, 188 1,117,2–3 92 1,117,3 105 1,138,3 138 1,139,4 219, 227

Register 1,141 84 1,141,1 91 1,141,2–1,144,2 84 1,141,2 92 1,141,3–5 56 1,141,4 91 1,141,5 156, 214 1,142 130, 255 1,142,5–9 95, 98 1,142,5–7 248 1,142,6–8 116 1,142,7 142, 245 1,142,8 91 1,142,9 25, 248 1,143,1 91 1,143,4–5 83, 108, 116, 129, 166, 220 1,143,4 9, 19, 22–23, 26, 76, 77, 80–81, 91, 94–95, 99, ­122–123, 125, 129, 215, 219, 248, 249, 256, 265, 266 1,143,5 91, 93, 139, 222, 266 1,144 91 1,144,1 120, 205 1,144,3–4 220 1,145 82, 220 2,13,1–2 91 2,13,2 215 2,13,3 231 2,13,6 231 2,21,3 225 2,24,2 149 2,27,1 171 2,41,2 118 2,41,4 117–119, 123, 124, 129, 223, 224, 247 Anm. 54, 252 Anm. 83, 259, 269 2,43,1 107, 118 2,56 191 2,56,3–6 128 2,58 128 2,59,1–2 115, 220 2,59,2 225 2,59,3 115, 221, 231, 233, 234 2,60,1 115, 225 2,60,2 115 2,61 115 2,62–63 83

Register 2,62,1–2 115, 221, 226 2,62,1 122, 124, 127, 129, 134, 156 Anm. 192, 203, 204, 221, 222–223, 224, 225, 265 2,62,2 10, 37, 78, 87 Anm. 48, 95, 98, 106, 108, 116–117, 118, 119–122, 125, 128, 141, 142, 150, 156, 172, 173, 176, 180, 181, 203, 205 Anm. 353, 222, 226–227, 244, 246, 249, 252 Anm. 83, 255–256, 265, 266 2,62,3–4 116 2,62,3 116 2,63–64 116 2,63,2 116 2,64,5–6 116 2,65,1–2 223 2,65,1 225 2,65,2 228, 233, 234 2,65,5 214 2,65,6–7 215 2,65,6 214 2,65,7 120, 205 2,65,8–9 100, 224 2,65,9 222, 231 2,65,10 100 2,65,12 193, 217 2,65,13 215, 217 2,66 158 Anm. 201 2,80,3 158 Anm. 201 2,80,4 152 2,83,1 158 Anm. 201 2,84 95 2,85,2 166 Anm. 229, 199 2,86,4 158 Anm. 201 2,88,2 227 Anm. 90 2,88,8 227 2,89,1 196, 227 2,89,3 227 2,89,10 125, 142, 147, 196, 204 2,90–92 108 2,91,1 142 2,91,3–4 141 2,91,4 142, 197 Anm. 327 2,92 95 2,92,1 147 Anm. 163 2,92,4–5 142 2,93 108 Anm. 119

301 2,93,1 143, 145, 146, 147, 150 2,93,2–4 143–144 2,93,3 145 2,94,1 147, 148, 166 2,94,2–4 144 2,94,2 144 2,94,3 146 2,94,4 144, 149 3,2,1 153, 154 3,3,1 155 3,3,2 155 3,3,3–5 154 3,3,3 154 3,4,2 154 3,4,4 154 3,4,5–6 154 3,4,5 154, 183 3,5,1 154 3,5,2 154, 183 3,5,4 154 3,6,2 155, 157, 162 3,13,3–4 155 3,13,5 122, 159 3,15 155 3,16,1 156, 157, 160, 164, 166 3,16,2 156, 199 3,16,3 158 3,17,1–2 156 3,17,1 160 3,18,1 155 3,19,1 156, 214 3,25,1 158, 183 3,25,2 158 3,26,1 158 3,27,1 159 3,29,1–2 159–160 3,29,1 159, 160 Anm. 209, 183, 185 3,30,1–2 161 3,30,1 161 3,31 162 3,32,1–2 162 3,32,3 77, 162–164, 167, 169, 171, 181, 183 3,33,1 159, 165 3,33,2–3 165 Anm. 227 3,33,2 165 3,36,2 165, 166, 167, 169, 171, 181

302 3,37 153 3,49 153 3,69,1 158 Anm. 201 3,82,2 67 3,82,4 47, 67, 78, 79, 80 3,91,2 178, 180 3,104,2 105 3,114,1 167 Anm. 234 4,2,2 158 Anm. 201 4,9,3 201, 202 4,12,3 95–96, 201–202 4,52,1 155 Anm. 189 4,55,3 200 4,65,4 200 5,26 149 5,26,1 140 5,47,1 168 5,47,5 168–169, 171, 172 5,52,2 170 5,53 170 5,54 170 5,55 170 5,56,1–2 171 5,56,1 175, 183 5,56,2 172, 175, 183 5,68,2 225 Anm. 82 5,77 174 5,79 174 5,84,1 178 5,84,2 178 5,84,3 178 5,85–88 179 5,85 178 5,94–99 179 5,94 179 5,95 179 5,96 179–180 5,97 78, 125, 179, 180, 184, 195 5,98 181 5,100 179 5,104 181 5,105,3 181–182 5,105,4 182 5,106 182 5,107 182 5,108 182 5,109 78, 125, 182, 185 Anm. 292, 195

Register 5,110,1 77, 153, 160, 182–183, 184, 185 5,110,2 183 5,111,1 183 5,111,2–5 179, 183 5,112 183 5,112,2–3 179 5,113 179, 183 5,114–116 179, 183 5,115,5 179 5,116,2 179 5,116,4 179 6,1,1 179 6,8,3–6,26 228 6,18,5 78, 195, 204, 228, 229, 230, 232, 234 6,19,1 228 6,31 260 6,31,1 189, 195, 232 Anm. 114 6,31,4 157 6,33,6 199 Anm. 336 6,47 157 6,104,2 171 Anm. 246 7,2,1 152 Anm. 183 7,4,7 152 Anm. 183 7,7,1 152 Anm. 183 7,12,3–5 137 7,12,3–4 229 7,12,3 229, 260 7,21,3–5 196, 197 7,21,3 245, 249 Anm. 68 7,22–23 197 7,23,3 197 7,25,4 152 Anm. 183 7,28,3 200 7,29,3 146 7,34,7–8 192 7,34,7 192–193, 195, 199 7,37–38 197 7,39–41 197, 230 7,41,2 230 7,41,4 197 7,42 197 7,47,3 195, 230 7,48,1 230–231 7,48,2 77, 195, 197, 198, 204, 231 7,49,1 195, 204, 231, 232

303

Register 7,51–52 197, 231 7,52 232 7,55 198–199, 204 7,55,1 199, 200 7,55,2 98, 199, 201, 204, 232 7,56,1 152 Anm. 183 7,57,7 77 7,60 232 7,60,2 76, 78 7,60,4 232 7,61,1 195, 204, 232 7,61,2 232, 233 7,66,2–3 96 Anm. 73, 197 7,66,3 198 7,70–71 98, 194, 197 7,72,3 194, 195 7,72,4 157, 195, 198 7,75,7 229 8,1,1 148 8,1,3 195 8,5,1 207 8,7–11 152 Anm. 183, 175 Anm. 257 8,24,5 200 8,28,2 162 Anm. 215 8,30,2 77, 101, 125 8,38,2 77, 101, 163 Anm. 221 8,39,3–4 160 8,41,1 77, 101 8,45,1 87 8,45,2 88 8,46,1–2 78, 88 8,46,1 77, 101 8,46,2 89, 93

8,46,3–5 88 8,47,2 89 8,61,3 188 8,63,1 77, 101, 163 Anm. 221, 188 8,63,3–8,69 89 8,63,3–4 89 8,73 89 8,75 89 8,76,2–4 90 8,76,2 233 8,76,4 78, 91, 92, 101, 234 8,76,5 91 8,76,7 91, 234 8,77 234 8,86,4–5 93 8,86,4 91 Anm. 61 8,87,4 101 8,95 148 8,95,4 148 8,96,1–3 148 8,96,4 149 8,96,5 149, 159, 186 8,97,2 266 8,102,2 152 Anm. 183 8,103,2 152 Anm. 183 8,106,2 102, 195–196 8,106,3 102 8,106,5 196 Xenophon Hellenika 1,6,2 125, 187 2,2,23 140 5,1,20–23 149