Das Denken der Freiheit: Hegels Grundlinien der Philosophie des Rechts 9783770553044, 3770553047

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Das Denken der Freiheit: Hegels Grundlinien der Philosophie des Rechts
 9783770553044, 3770553047

Table of contents :
Das Denken der Freiheit: Hegels Grundlinien der Philosophie des Rechts
INHALTSVERZEICHNIS
VORBEMERKUNG
I. HOLZWEGE UND IRRFAHRTEN DER HEGEL-INTERPRETATION – DIE SKANDALISIERTE VORREDE
I.1 Die Vernünftigkeit des Wirklichen – Die Wirklichkeit des Vernünftigen
I.2 Hegels Philosophie als Steinbruch und Kuriositätenkabinett – Fehldeutungen und Reaktualisierungsversuche im 20. Jahrhundert
II. GRUNDLINIEN UND GRUNDRISSE EINER PHILOSOPHIE DES FREIEN WILLENS UND HANDELNS
II.1 Das praktische Universum
II.2 Hegels Einleitung: Aufriss der Grundgedanken: Wille, Freiheit und Recht
II.3 Geist und Freiheit – Die Rechtsphilosophie als Teil der Philosophie des Geistes und ihre Position im enzyklopädischen System
II.4 Der freie Geist – Die Überwindung des Dualismus von theoretischer und praktischer Vernunft
II.5 Die Grundstruktur des Willens – Die fundamentale Trias der §§ 5 bis 7
II.6 Die Fortbestimmung des Grundmusters
II.6.1 Die Besonderheit – Bestimmtheit und Willkür
II.6.2 Determinismus und Voluntarismus – Attacken auf die Freiheit des Willens
II.6.3 Gut und Böse
II.7 Die drei Hauptstufen der Selbstbestimmung des Willens
III. DAS ABSTRAKTE RECHT UND DIE FREIHEIT DER PERSON
III.1 Hegels neue philosophische Theorie der Personalität – Der Anfang praktischer Philosophie
III.2 Personalität und Inter-Personalität
III.2.1 Das Recht auf Personalität als Grundrecht – Das Fundament der Menschenrechte
III.3 Das Eigentum
III.3.2 Das Eigentum – Die wirkliche Formierung des Natürlichen
III.3.2.1 Die Selbst-Formierung – Die Besitznahme des eigenen Körpers alsder natürlichunmittelbaren Existenz der Person
III.3.2.2 Die Formierung der äußeren Welt – Das Eigentum an äußerlichen Sachen
III.3.2.3 Die Besitznahme elementarischer Sachen
III.3.2.4 Eine ‚die Zukunft berücksichtigende und sichernde Vorsorge‘ – Grundriss für den Begriff der Nachhaltigkeit
III.3.2.5 Naturale Nachhaltigkeit – Der Wald als Paradigma
III.3.3 Das Kind
III.3.4 Das Tier
III.3.5 Der Gebrauch der Sache
III.3.6 Das Recht auf geistiges Eigentum
III.3.7 Die Entäußerung des Eigentums
III.4 Formal-abstrakte Anerkennung und der Vertrag
III.5 Das Theorem des ‚zweiten Zwangs‘ – Verbrechen und Strafe – Hegels Grundlegung einer modernen Straftheorie
III.6 Das Überschreiten der Struktur des Unrechts
III.7 Der Übergang vom abstrakten Recht in die Moralität
IV. DIE MORALITÄT – DIE FREIHEIT DES MORALISCHEN SUBJEKTS
IV.1 Hegels Konzeption des moralischen Handelns – Vorüberlegungen
IV.1.1 The Conceptual Tie between Genuine Action and Intention – Tat und Handlung
IV.1.2 Subjektivität und Objektivität – Handlung als Zwecktätigkeit
IV.1.3 Das Recht des Wissens – Handeln als wissentliches Tun
IV.2 Die Beurteilung von Handlungen
IV.2.1 Hegels Urteilslehre als logischer Grund der Moralität
IV.2.2 Hegels praktische Urteilstafel als System moralischer Urteile
IV.3 Der Vorsatz und die Schuld – Die erste Zurechenbarkeit oder Imputation
IV.4 Die Absicht und das Wohl
IV.4.1 Das Recht der Absicht – Die zweite Zurechenbarkeit oder Imputation
IV.4.2 Das Wohl oder die Glückseligkeit
IV.4.3 Das Not-Recht als Menschenrecht
IV.5 Das Gute und das Gewissen – Der gute Wille und das gute Handeln
IV.5.1 Kants kategorischer Imperativ und das apodiktische Urteil
IV.5.2 Der Synkretismus des Widerspruchs des moralischen Standpunkts – Kant und die Antinomien des perennierenden Sollens
IV.6 Das Gewissen
IV.7 Sokrates und die kritische Dimension der Moralität
IV.8 Die Ur-Teilung und das Böse
IV.8.1 Die Formen des Bösen
IV.8.2 Der Gedanke der Lebensform – Die romantische Ironie als totale Verkehrung des Guten
IV.9 Der Übergang von der Moralität zur Sittlichkeit
V. MODERNITÄT UND SITTLICHKEIT – DIE IDEE DER FREIHEIT UND DIE THEORIE DER SOZIALEN UND POLITISCHEN SELBSTBESTIMMUNG
V.1 Die Idee der Freiheit – Zur logischen Fundierung des Systems der Sittlichkeit
V.1.1 Der Schluss als allgemeine Form des Vernünftigen
V.1.2 Das Auf-Schließen des Ver-Schlossenen – Negativität und wirklicher Wille
V.2 Die Grundstruktur der Argumentation – Der „Vorbegriff“
V.2.1 ‚Der Begriff der Freiheit wird zur Welt des Willens‘
V.2.2 Die Einheit des subjektiven und objektiven Sittlichen –sittliche Institutionen und sittliche Selbstbewusstseins
V.2.3 Die Lehre von der Pflicht
V.2.4 Das Recht der Allgemeinheit, der Besonderheit und der Einzelheit
VI. DIE FAMILIE – DIE ERSTE STUFE DER SITTLICHKEIT
VI.1 Der logische Hintergrund
VI.2 Die drei Dimensionen der familiären Gemeinschaft
VI.2.1 Die Familie als eine auf Liebe gegründete Lebensgemeinschaft
VI.2.2 Die Familie als Rechts-, Vermögens- und Sorgegemeinschaft
VI.2.3 Die Familie als Lebens- und Erziehungsgemeinschaft
VI.3 Die Auflösung der Familie – Das Auf-Schliessen des Zusammen-Schlusses
VI.4 Der Übergang von der Familie in die bürgerliche Gesellschaft
VII. DIE BÜRGERLICHE GESELLSCHAFT: DIE MODERNE MARKT-, BILDUNGS- UND SOLIDARGEMEINSCHAFT
VII.1 Der Übergang von der Familie in die bürgerliche Gesellschaft
VII.2 Die bürgerliche Gesellschaft als die ‚in ihre Extreme verlorene Sittlichkeit‘
VII.3 Die Domänen der Besonderheit – Die allseitige Abhängigkeit in der ‚Not- und Verstandesgemeinschaft‘
VII.4 Die drei Stufen der Civil Society
VII.4.1 Die erste Stufe der bürgerlichen Gesellschaft: Das System der Bedürfnisse – Die industrielle Marktgesellschaft
A) Der Schluss der Reflexion als logische Grundlage
B) Die Besonderheit und das System der Bedürfnisse
C) Nationalökonomie und regulierte Marktordnung – Die Grenzen der invisible hand
VII.4.1.1 Die Art der Bedürfnisse und die Maßlosigkeit
VII.4.1.2 Die Art der Arbeit
VII.4.1.3 Das allgemeine Vermögen und die gerechte Teilhabe am wealth of nation
VII.5 Die zweite Stufe der bürgerlichen Gesellschaft: Rechtsordnung, Rechtspflege und die Universalität des Rechts
VII.6 Die dritte Stufe der bürgerlichen Gesellschaft: Steuerung und Regulation
VII.6.1 Aufsicht und soziale Hilfe – Sorge und Vorsorge: Das Prinzip des Gemeinwohls in der Civil Society
VII.6.1.1 Aufsicht und äußerliche Regulation – Die gute Verwaltung (,Polizei‘)
VII.6.1.2 Armut und Reichtum als ein Grundproblem der bürgerlichen Gesellschaft
VII.6.1.3 Solidarität und das Recht auf soziale Hilfe – Grundlagen für Hegels Konzeption eine sozialen Staates
VII.6.1.4 Industrialisierung, Globalisierung und das Prinzip des Gemeinwohls – Weltarmut und weltbürgerliche Gesellschaft
VII.6.2 Das Recht auf Wohlfahrt und das Notrecht auf Widerstand
VII.6.3 Die ‚Outlaw-Position‘ der Armen und der Reichen – Die Verachtung des Gesetzes
VII. 7 Die ‚zweite Familie‘ und der ‚kleine Staat‘: Die Korporation als berufsständische Vereinigung und Kommune. Corporate Identity und der Übergang von der bürgerlichen Gesellschaft in den Staat
VIII. DER STAAT – HEGELS ‚STAATSWISSENSCHAFT‘ ALS MODERNE THEORIE DER FREIHEIT UND GERECHTIGKEIT
VIII.1 Der Staat als das Gebäude der Freiheit – Die objektive Gestalt der Gerechtigkeit
VIII.2 Der Staat als die Wirklichkeit der sittlichen Idee – Der Staat als ‚Bürger-Sein‘ oder ‚Bürgerschaft‘
VIII.3 Der Staat als ein Ganzes von drei Schlüssen
VIII.3.1 Das innere Staatsrecht oder intrastaatliche Recht
VIII.3.1.1 Das zweite System von drei Schlüssen
VIII.3.1.2 Die Aufhebung der bürgerlichen Gesellschaft im Staat
VIII.3.1.3 Der moderne Staat als Staat der Gerechtigkeit
VIII.3.1.4 Partizipation und Inklusion – Permissivität und Subsidiarität. Das Freilassen der Besonderheit
VIII.3.1.5 Der Staat – Politische Diversität und Pluralität
VIII.3.2 Das Citoyen-Bewusstsein und die Pluralität der Gesinnungen
VIII.3.3 Freiheit und Gleichheit – Die vernünftige Staatsverfassung als existierende Gerechtigkeit
VIII.3.4 Verfassung und politische Freiheit – Der Staat als politischer Organismus
VIII.3.4.1 Die trias politica – Hegels innovative Theorie der Gewaltenteilung
VIII.3.4.2 Gegen den Buchstaben der Grundlinien – Eine Reformulierung
A) Die Regierungsgewalt, die Exekutive – Der Schluss des Daseins
B) Die letztentscheidende Gewalt – Der Schluss der Reflexion
C) Die allgemeine, gesetzgebende Gewalt – Der Schluss der Notwendigkeit
VIII.3.4.4 George Orwell und der Überwachungsund Polizeistaat
VIII.4 Grundlagen einer demokratischen Verfassungs-, Wissensund Bildungsdemokratie
VIII.4.1 Demokratie und Repräsentation
VIII.4.2 Hegels epistokratisch-meritokratische Konzeption
VIII.4.3 Die gesetzgebende Gewalt und der Maßstab des Wissens
VIII.4.4 Die öffentliche Meinung und die Medien – eine vierte Gewalt?
VIII.5 In tyrannos! Ausnahmezustände und das Recht auf Widerstand
VIII.6 Das System der Rechte und der Grundrechtekatalog
VIII.7 Das Recht oder die Majestät des Wissens: Staat und Religion – Staat und Wissenschaft
VIII.7.1 Religion, Kirche und der moderne Staat
VIII.7.2 La Religion et la terreur – Hegels Kritik des religiösen Fundamentalismus
VIII.7.3 La Liberté et la terreur – Hegels Kritik des politischen Fundamentalismus
VIII.7.4 Religion – Wissenschaft – Staat
VIII.8 Das äußere Staatsrecht – Das Prinzip Anerkennung in Hegels Theorie des internationalen Rechts
VIII.8.1 Formell-abstrakte und inhaltlichsubstantielle Anerkennung
VIII.8.2 Die weltbürgerliche Gemeinschaft besonderer Staaten –Hegels aufgehobener Kantiamismus
VIII.9 Das Weltbürgerrecht und die universell-globale Wirklichkeit der sittlichen Idee – Die Weltgeschichte als ‚Entwicklung des Begriffes der Freiheit‘
VIII.9.1 Weltgeschichte und Weltgeist
VIII.9.2 Das Denken der Weltgeschichte als Fortschritt der Freiheit und das ‚Ende der Geschichte‘
RESÜMEE UND AUSBLICK
SIGLEN
LITERATURVERZEICHNIS
PERSONENVERZEICHNIS

Citation preview

Vieweg · Das Denken der Freiheit

Klaus Vieweg

Das Denken der Freiheit Hegels Grundlinien der Philosophie des Rechts

Wilhelm Fink

Umschlagabbildung: Gestaltung der Titelseite: Olivia Vieweg und Michael Möller Foto: Hegel-Denkmal vor dem Hauptgebäude der Friedrich-Schiller-Universität Jena (Bereich Fotografie der Universität Jena)

Bibliografische Information der Deutschen Nationalbibliothek Die Deutsche Nationalbibliothek verzeichnet diese Publikation in der Deutschen Nationalbibliografie; detaillierte bibliografische Daten sind im Internet über http://dnb.d-nb.de abrufbar. Alle Rechte, auch die des auszugsweisen Nachdrucks, der fotomechanischen Wiedergabe und der Übersetzung, vorbehalten. Dies betrifft auch die Vervielfältigung und Übertragung einzelner Textabschnitte, Zeichnungen oder Bilder durch alle Verfahren wie Speicherung und Übertragung auf Papier, Transparente, Filme, Bänder, Platten und andere Medien, soweit es nicht §§ 53 und 54 UrhG ausdrücklich gestatten. © 2012 Wilhelm Fink Verlag, München (Wilhelm Fink GmbH & Co. Verlags-KG, Jühenplatz 1, D-33098 Paderborn) Internet: www.fink.de

Printed in Germany Herstellung: Ferdinand Schöningh GmbH & Co KG, Paderborn ISBN 978-3-7705-5304-4

WORTE DES DANKES

Besonderer Dank für die langjährige kollegiale und freundschaftliche Begleitung und Unterstützung meiner Arbeiten geht an Dieter Henrich und Wolfgang Welsch. Ohne sie, ohne ihre Ermutigung wäre das vorliegende Buch so nicht zustande gekommen. Unzählige substantielle Anregungen verdanke ich auch den Mitstreitern im seit 2001 bestehenden Jenaer Hegel-Kreis: Ralf Beuthan, Brady Bowman, Cecilia Muratori, Tommaso Pierini, Christian Spahn, Claudia Wirsing und Folko Zander. Einige von ihnen lehren und forschen jetzt in anderen Orten und Ländern, in Italien, Südkorea und den USA. Ich wünsche ihnen das Beste für ihren akademischen Weg und hoffe auf das Fortbestehen der produktiven Gespräche. Auch bin ich mir sicher, dass von ihnen neue Impulse für die Philosophie und für die Hegel-Forschung ausgehen. Dies scheint mir für unsere Zeiten, in denen Modephilosophien relativ ungestört ihr ‚unphilosophisches Unwesen‘ treiben, von Gewicht. Eine ungemein große Hilfe bei der Überarbeitung des Manuskriptes waren die auf kritischer Lektüre fußenden Hinweise solcher renommierter Hegel-Experten wie Hans Friedrich Fulda, Anton Friedrich Koch und Friedrike Schick. Dank für Ratschläge zu einzelnen, aber wichtigen Facetten gebührt Georg Sperber (Ebrach), James Vigus (München/London), Georg Sans (Rom), Michael Wolff (Bielefeld), Claus-Artur Scheier (Braunschweig), Herta Nagl-Docekal (Wien), Pierluigi Valenza (Rom), Giuseppe Varnier (Siena), Axel Ecker (Utzberg), Daniel James (Berlin) sowie meinen Kollegen vom Jenaer transdisziplinären Projekt „Bildung zur Freiheit“, Andreas Braune, Michael Dreyer, Eberhard Eichenhofer, Kai Hoffmann und Michael Winkler. Interessante Denkanstöße verschiedener Art ergaben sich aus der Kommunikation mit Klaus Düsing, Michael Forster, Raymond Geuss, Robert Pippin und Ludwig Siep. Für die gründliche Korrektur und die sorgfältige stilistische Prüfung wesentlicher Teile des Manuskriptes geht ganz herzlicher Dank an Claudia Wirsing, für das Korrekturlesen, die technische Gestaltung und die Erarbeitung des Apparates sei Anna Berres, Laura Dostmann, Suzanne Dürr, Moritz Gengenbach, Johannes Korngiebel und Kevin Rother Dank ausgesprochen. Anteil am Gelingen hatte auch das sowohl Ruhe bietende wie inspirierende Flair zweier urbaner Perlen dieser Erde, Seattle und Kyoto. Im Blick auf den Mt. Rainier, auf den pazifischen Puget Sound, die Berge der Cascades, auf die Emerald City, der ‚schlaflosen‘ Metropole von Washington State, und mit dem gewichtigen Support zweier ‚Schöpfungen‘ aus Seattle – Microsoft und Starbucks Coffee – sowie unter dem Eindruck des alten Kaiserpalastes und der faszinierenden buddhistischen Tempel Kyotos entstand ein erheblicher Teil der Abhandlung. (Nur nebenbei: Einen wesentlichen Beitrag zum Wohlbefinden des Verfassers leisteten die der Gesundheit eben leider nicht förderlichen süßen Leckereien aus Kyotos Backstuben und die le-

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WORTE DES DANKES

gendären amerikanischen Muffins). Dank geht an die Alexander von Humboldt-Stiftung für ihre kontinuierliche und äußerst freundliche Förderung sowie an die Japan Society for the Promotion of Science. Diese Stiftungen ermöglichten mir längere Forschungsaufenthalte in den erwähnten schönsten Städten der USA und Japans. Ganz herzlicher Dank gebührt hierbei den gastgebenden Kollegen und Freunden Richard T. Gray (Seattle) und Ryosuke Ohashi (Kyoto). Anregungen zur Präzisierung verschiedener Argumentationen entstanden im Kontext der Präsentation einzelner Teile des Buches bei Gastvorlesungen in Mexico City, Neapel und Shanghai sowie in den Debatten zu Vorträgen in Italien, Spanien, Australien, Neuseeland, Argentinien und Brasilien. Die für das Schreiben nötige Ataraxia vermittelten in bewährter Katzenmanier die beiden Perser Minchen und Francis, deren Anwesenheit auf dem Schreibtisch und deren Schnurren Zustimmung zu den Gedankenwegen und -sprüngen des Autors signalisierte. Große Mühe um ein gelungenes Design der Frontseite gab sich Tochter Olivia Vieweg, zusammen mit Michael Möller, dafür riesiger Dank und Grazie Mille! Deine Geduld und Dein Verständnis, liebe Barbara, für den oft ungeduldigen Verfasser besonders in schwierigen Zeiten waren außerordentlich und unschätzbar! Last but not least geht der Dank an Georg Wilhelm Friedrich Hegel, den größten Denker der Freiheit in der Moderne.

Klaus Vieweg, Seattle im Sommer 2011

Dieses Buch widme ich John Lennon, Paul McCartney, George Harrison und Ringo Starr, besser bekannt als

THE BEATLES Viele ihrer Songtitel finden sich als Motto einzelner Abschnitte wieder. Mit ihrer Musik haben die Künstler aus Liverpool mir in schwierigen Zeiten ein Gefühl für das 20. Jahrhundert vermittelt – Yesterday gilt als das Lied des vergangenen Jahrhunderts – und einen Zugang zum Denken von Freiheit geöffnet, nicht nur weil einer ihrer Songs mit der Melodie der Welthymne der Freiheit, der Marseillaise, beginnt. Thanks a lot and let’s go thinking!

INHALTSVERZEICHNIS

VORBEMERKUNG . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . .

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HOLZWEGE UND IRRFAHRTEN DER HEGEL-INTERPRETATION – DIE SKANDALISIERTE VORREDE . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . .

23

I.

I.1

Die Vernünftigkeit des Wirklichen – Die Wirklichkeit des Vernünftigen . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . .

23

Hegels Philosophie als Steinbruch und Kuriositätenkabinett – Fehldeutungen und Reaktualisierungsversuche im 20. Jahrhundert . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . .

30

GRUNDLINIEN UND GRUNDRISSE EINER PHILOSOPHIE DES FREIEN WILLENS UND HANDELNS . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . .

35

II.1

Das praktische Universum . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . .

35

II.2

Hegels Einleitung: Aufriss der Grundgedanken: Wille, Freiheit und Recht. . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . .

40

Geist und Freiheit – Die Rechtsphilosophie als Teil der Philosophie des Geistes und ihre Position im enzyklopädischen System . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . .

45

Der freie Geist – Die Überwindung des Dualismus von theoretischer und praktischer Vernunft . . . . . . . . . . . . . . . . . .

48

Die Grundstruktur des Willens – Die fundamentale Trias der §§ 5 bis 7 . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . .

57

Die Fortbestimmung des Grundmusters . . . . . . . . . . . . . . . . .

67

II.6.1

Die Besonderheit – Bestimmtheit und Willkür . . . . .

67

II.6.2

Determinismus und Voluntarismus – Attacken auf die Freiheit des Willens . . . . . . . . . . . . . . . . . . . .

78

Gut und Böse . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . .

85

Die drei Hauptstufen der Selbstbestimmung des Willens . . . . .

93

I.2

II.

II.3

II.4 II.5 II.6

II.6.3 II.7

10 III.

INHALT

DAS ABSTRAKTE RECHT UND DIE FREIHEIT DER PERSON . . . . . . . . . . . . III.1 III.2

Hegels neue philosophische Theorie der Personalität – Der Anfang praktischer Philosophie. . . . . . . . . . . . . . . . . . . . .

97

Personalität und Inter-Personalität . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . 102 III.2.1

III.3

97

Das Recht auf Personalität als Grundrecht – Das Fundament der Menschenrechte . . . . . . . . . . . . . 105

Das Eigentum . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . 108 III.3.1

Gleichheit und Ungleichheit – Der Gedanke des Gemeineigentums . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . 110

III.3.2

Das Eigentum – Die wirkliche Formierung des Natürlichen . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . 113 III.3.2.1

Die Selbst-Formierung – Die Besitznahme des eigenen Körpers als der natürlichunmittelbaren Existenz der Person . . . . . . 113

III.3.2.2

Die Formierung der äußeren Welt – Das Eigentum an äußerlichen Sachen. . . . 115

III.3.2.3

Die Besitznahme elementarischer Sachen . 116

III.3.2.4

Eine ‚die Zukunft berücksichtigende und sichernde Vorsorge‘ – Grundriss für den Begriff der Nachhaltigkeit . . . . . . . . . . . . 117

III.3.2.5

Naturale Nachhaltigkeit – Der Wald als Paradigma . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . 119

III.3.3

Das Kind . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . 123

III.3.4

Das Tier . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . 124

III.3.5

Der Gebrauch der Sache . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . 129

III.3.6

Das Recht auf geistiges Eigentum . . . . . . . . . . . . . . . 130

III.3.7

Die Entäußerung des Eigentums . . . . . . . . . . . . . . . . 132

III.4

Formal-abstrakte Anerkennung und der Vertrag . . . . . . . . . . . 134

III.5

Das Theorem des ‚zweiten Zwangs‘ – Verbrechen und Strafe – Hegels Grundlegung einer modernen Straftheorie . . . . . . . . . . 136

III.6

Das Überschreiten der Struktur des Unrechts. . . . . . . . . . . . . . 145

III.7

Der Übergang vom abstrakten Recht in die Moralität . . . . . . . 146

INHALT

IV.

11

DIE MORALITÄT – DIE FREIHEIT DES MORALISCHEN SUBJEKTS . . . . . . . 149 IV.1

IV.2

Hegels Konzeption des moralischen Handelns – Vorüberlegungen . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . 153 IV.1.1

The Conceptual Tie between Genuine Action and Intention – Tat und Handlung . . . . . . . . . . . . . . . . . 154

IV.1.2

Subjektivität und Objektivität – Handlung als Zwecktätigkeit . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . 156

IV.1.3

Das Recht des Wissens – Handeln als wissentliches Tun . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . 159

IV.1.4

Das Recht als Vollzug der Handlung – Die Handlung als tätliche Äußerung des Willens und die Konsequenz des Handelns . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . 162

Die Beurteilung von Handlungen . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . 163 IV.2.1

Hegels Urteilslehre als logischer Grund der Moralität . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . 163

IV.2.2

Hegels praktische Urteilstafel als System moralischer Urteile . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . 165

IV.3

Der Vorsatz und die Schuld – Die erste Zurechenbarkeit oder Imputation . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . 166

IV.4

Die Absicht und das Wohl . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . 170

IV.5

IV.4.1

Das Recht der Absicht – Die zweite Zurechenbarkeit oder Imputation . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . 170

IV.4.2

Das Wohl oder die Glückseligkeit . . . . . . . . . . . . . . . 172

IV.4.3

Das Not-Recht als Menschenrecht . . . . . . . . . . . . . . . 178

Das Gute und das Gewissen – Der gute Wille und das gute Handeln . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . 183 IV.5.1

Kants kategorischer Imperativ und das apodiktische Urteil . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . 189

IV.5.2

Der Synkretismus des Widerspruchs des moralischen Standpunkts – Kant und die Antinomien des perennierenden Sollens . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . 194

IV.6

Das Gewissen . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . 202

IV.7

Sokrates und die kritische Dimension der Moralität . . . . . . . . . 208

IV.8

Die Ur-Teilung und das Böse . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . 210 IV.8.1

Die Formen des Bösen . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . 215

12

INHALT

IV.8.2 IV.9 V.

Der Übergang von der Moralität zur Sittlichkeit . . . . . . . . . . . 223

MODERNITÄT UND SITTLICHKEIT – DIE IDEE DER FREIHEIT UND DIE THEORIE DER SOZIALEN UND POLITISCHEN SELBSTBESTIMMUNG . . . . . 229 V.1

V.2

VI.

Der Gedanke der Lebensform – Die romantische Ironie als totale Verkehrung des Guten . . . . . . . . . . . 217

Die Idee der Freiheit – Zur logischen Fundierung des Systems der Sittlichkeit . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . 229 V.1.1

Der Schluss als allgemeine Form des Vernünftigen . . 234

V.1.2

Das Auf-Schließen des Ver-Schlossenen – Negativität und wirklicher Wille . . . . . . . . . . . . . . . . 236

Die Grundstruktur der Argumentation – Der „Vorbegriff“ . . 240 V.2.1

‚Der Begriff der Freiheit wird zur Welt des Willens‘ . . 240

V.2.2

Die Einheit des subjektiven und objektiven Sittlichen – sittliche Institutionen und sittliche Selbstbewusstseins . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . 242

V.2.3

Die Lehre von der Pflicht . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . 246

V.2.4

Das Recht der Allgemeinheit, der Besonderheit und der Einzelheit . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . 247

DIE FAMILIE – DIE ERSTE STUFE DER SITTLICHKEIT . . . . . . . . . . . . . . . 251 VI.1

Der logische Hintergrund . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . 251

VI.2

Die drei Dimensionen der familiären Gemeinschaft . . . . . . . . . 255 VI.2.1

Die Familie als eine auf Liebe gegründete Lebensgemeinschaft . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . 255

VI.2.2

Die Familie als Rechts-, Vermögens- und Sorgegemeinschaft . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . 258

VI.2.3

Die Familie als Lebens- und Erziehungsgemeinschaft . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . 260

VI.3

Die Auflösung der Familie – Das Auf-Schliessen des Zusammen-Schlusses . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . 265

VI.4

Der Übergang von der Familie in die bürgerliche Gesellschaft . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . 266

INHALT

VII.

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DIE BÜRGERLICHE GESELLSCHAFT: DIE MODERNE MARKT-, BILDUNGS- UND SOLIDARGEMEINSCHAFT . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . 269 VII.1 Der Übergang von der Familie in die bürgerliche Gesellschaft . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . 269 VII.2 Die bürgerliche Gesellschaft als die ‚in ihre Extreme verlorene Sittlichkeit‘ . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . 270 VII.3 Die Domänen der Besonderheit – Die allseitige Abhängigkeit in der ‚Not- und Verstandesgemeinschaft‘ . . . . . . . . . . . . . . . . 272 VII.4 Die drei Stufen der Civil Society . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . 279 VII.4.1 Die erste Stufe der bürgerlichen Gesellschaft: Das System der Bedürfnisse – Die industrielle Marktgesellschaft . . . . . . . . . . . . . . . 280 A) Der Schluss der Reflexion als logische Grundlage. . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . 280 B) Die Besonderheit und das System der Bedürfnisse . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . 285 C) Nationalökonomie und regulierte Marktordnung – Die Grenzen der invisible hand. . . . . . 286 VII.4.1.1 Die Art der Bedürfnisse und die Maßlosigkeit . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . 289 VII.4.1.2 Die Art der Arbeit . . . . . . . . . . . . . . . . . . 293 VII.4.1.3 Das allgemeine Vermögen und die gerechte Teilhabe am wealth of nation . . . . 297 VII.5 Die zweite Stufe der bürgerlichen Gesellschaft: Rechtsordnung, Rechtspflege und die Universalität des Rechts . . . . . . . . . . . . . 303 VII.6 Die dritte Stufe der bürgerlichen Gesellschaft: Steuerung und Regulation . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . 309 VII.6.1 Aufsicht und soziale Hilfe – Sorge und Vorsorge: Das Prinzip des Gemeinwohls in der Civil Society . . . 312 VII.6.1.1 Aufsicht und äußerliche Regulation – Die gute Verwaltung (,Polizei‘) . . . . . . . . . 313 VII.6.1.2 Armut und Reichtum als ein Grundproblem der bürgerlichen Gesellschaft . . . 315 VII.6.1.3 Solidarität und das Recht auf soziale Hilfe – Grundlagen für Hegels Konzeption eine sozialen Staates . . . . . . . 321

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INHALT

VII.6.1.4 Industrialisierung, Globalisierung und das Prinzip des Gemeinwohls – Weltarmut und weltbürgerliche Gesellschaft . . 322 VII.6.2 Das Recht auf Wohlfahrt und das Notrecht auf Widerstand . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . 328 VII.6.3 Die ‚Outlaw-Position‘ der Armen und der Reichen – Die Verachtung des Gesetzes . . . . . . . . . . . . . . . . . . . 331 VII. 7 Die ‚zweite Familie‘ und der ‚kleine Staat‘: Die Korporation als berufsständische Vereinigung und Kommune. Corporate Identity und der Übergang von der bürgerlichen Gesellschaft in den Staat . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . 337 VIII. DER STAAT – HEGELS ‚STAATSWISSENSCHAFT‘ ALS MODERNE THEORIE DER FREIHEIT UND GERECHTIGKEIT . . . . . . . . . . . . . . . . . . . 345 VIII.1 Der Staat als das Gebäude der Freiheit – Die objektive Gestalt der Gerechtigkeit . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . 345 VIII.2 Der Staat als die Wirklichkeit der sittlichen Idee – Der Staat als ‚Bürger-Sein‘ oder ‚Bürgerschaft‘ . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . 350 VIII.3 Der Staat als ein Ganzes von drei Schlüssen . . . . . . . . . . . . . . . 366 VIII.3.1 Das innere Staatsrecht oder intrastaatliche Recht . . . . 373 VIII.3.1.1 Das zweite System von drei Schlüssen . . . 373 VIII.3.1.2 Die Aufhebung der bürgerlichen Gesellschaft im Staat . . . . . . . . . . . . . . . . 378 VIII.3.1.3 Der moderne Staat als Staat der Gerechtigkeit . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . 382 VIII.3.1.4 Partizipation und Inklusion – Permissivität und Subsidiarität. Das Freilassen der Besonderheit . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . 384 VIII.3.1.5 Der Staat – Politische Diversität und Pluralität . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . 387 VIII.3.2 Das Citoyen-Bewusstsein und die Pluralität der Gesinnungen . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . 392 VIII.3.3 Freiheit und Gleichheit – Die vernünftige Staatsverfassung als existierende Gerechtigkeit . . . . . . 397 VIII.3.4 Verfassung und politische Freiheit – Der Staat als politischer Organismus . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . 400

INHALT

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VIII.3.4.1 Die trias politica – Hegels innovative Theorie der Gewaltenteilung . . . . . . . . . . 401 VIII.3.4.2 Gegen den Buchstaben der Grundlinien – Eine Reformulierung . . . . . . . . . . . . . . . . 407 A) Die Regierungsgewalt, die Exekutive – Der Schluss des Daseins . . . . . . . . . . . . . . . . . . . 412 B) Die letztentscheidende Gewalt – Der Schluss der Reflexion . . . . . . . . . . . . . . . . . . 417 C) Die allgemeine, gesetzgebende Gewalt – Der Schluss der Notwendigkeit . . . . . . . . . . . . . . 425 VIII.3.4.4 George Orwell und der Überwachungsund Polizeistaat . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . 433 VIII.4 Grundlagen einer demokratischen Verfassungs-, Wissensund Bildungsdemokratie . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . 434 VIII.4.1 Demokratie und Repräsentation . . . . . . . . . . . . . . . . 435 VIII.4.2 Hegels epistokratisch-meritokratische Konzeption . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . 438 VIII.4.3 Die gesetzgebende Gewalt und der Maßstab des Wissens . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . 442 VIII.4.4 Die öffentliche Meinung und die Medien – eine vierte Gewalt?. . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . 446 VIII.5 In tyrannos! Ausnahmezustände und das Recht auf Widerstand . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . 448 VIII.6 Das System der Rechte und der Grundrechtekatalog . . . . . . . . 462 VIII.7 Das Recht oder die Majestät des Wissens: Staat und Religion – Staat und Wissenschaft . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . 465 VIII.7.1 Religion, Kirche und der moderne Staat . . . . . . . . . . 465 VIII.7.2 La Religion et la terreur – Hegels Kritik des religiösen Fundamentalismus. . . . . . . . . . . . . . . . . . . 471 VIII.7.3 La Liberté et la terreur – Hegels Kritik des politischen Fundamentalismus . . . . . . . . . . . . . . . . . 473 VIII.7.4 Religion – Wissenschaft – Staat . . . . . . . . . . . . . . . . . 473 VIII.8 Das äußere Staatsrecht – Das Prinzip Anerkennung in Hegels Theorie des internationalen Rechts . . . . . . . . . . . . . . . . 475 VIII.8.1 Formell-abstrakte und inhaltlichsubstantielle Anerkennung . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . 491

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VIII.8.2 Die weltbürgerliche Gemeinschaft besonderer Staaten –Hegels aufgehobener Kantiamismus . . . . . . 496 VIII.9 Das Weltbürgerrecht und die universell-globale Wirklichkeit der sittlichen Idee – Die Weltgeschichte als ‚Entwicklung des Begriffes der Freiheit‘ . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . 499 VIII.9.1 Weltgeschichte und Weltgeist . . . . . . . . . . . . . . . . . . 504 VIII.9.2 Das Denken der Weltgeschichte als Fortschritt der Freiheit und das ‚Ende der Geschichte‘ . . . . . . . . 513 RESÜMEE UND AUSBLICK . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . 523 SIGLEN . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . 525 LITERATURVERZEICHNIS . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . 529 PERSONENVERZEICHNIS. . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . 548

VORBEMERKUNGEN

VIVE LA LIBERTÉ – EINE WIEDERBELEBUNG DES WASSERKLAREN GEDANKENS Here, There and Everywhere Any Time at All

Philosophie hat das Vernünftige zu ergründen und zu begründen, den ‚Gedanken ihrer Zeit‘ zu formulieren, den ‚sich denkenden Geist der Zeit‘ zu repräsentieren und ihm angemessenen Ausdruck zu geben. Philosophie muss ihre Zeit, ihre Welt in Gedanken fassen, auf den Begriff bringen. Am Beginn des 21. Jahrhunderts sieht sich die Menschheit mit riesigen und komplexen Herausforderungen konfrontiert und muss völlig neue Konstellationen ernst nehmen. Schon das erste Dezennium zeigte, dass die Weltwirtschaft sich auf riskantem Terrain und auf gefährlichen Abwegen bewegt, dies belegt nicht nur die globale Wirtschafts- und Finanzkrise. Die sozialen und politischen Verhältnisse in vielen Regionen sind katastrophal. Die Umweltschäden und die Änderungen im Weltklima bedrohen die Lebensgrundlagen in gravierender Weise. Wellen von Trivialkultur, gezeichnet von geistiger Armut und Seichtigkeit, überschwemmen die moderne Medienwelt. Die einem Tsunami ähnliche, gewaltige und schier unüberschaubare Informationsflut ergießt sich über die heutige Welt. Die Menschen fühlen sich oft als fremdgesteuerte ‚Maschinenräder‘ (Hegel), nicht als freie und selbstbestimmte, nicht als sich selbst ihre Gesetze gebende Akteure. Die Globalisierung scheint als eine alles bestimmende Schicksalsmacht über den Menschen zu schweben, den einen Segnungen und Gewinn bringend, den anderen Verlust und Ruin. Die Menschheit hat diese Vorgänge offenkundig nicht unter ausreichender Kontrolle, sie gleicht dem Zauberlehrling, der die von ihm selbst heraufbeschworenen Monster nicht in Schach zu halten vermag. Die Menschheit tanzt in vieler Hinsicht auf einem Vulkan und läuft Gefahr, sich selbst schwer zu beschädigen oder ganz und gar zu vernichten, die letzte Weltwirtschaftskrise und Fukushima stehen hierfür exemplarisch. Ungeachtet der Explosion von Wissen und faszinierender technischer Innnovationen, vom Internet bis zu alternativer Energiegewinnung, ungeachtet auch der Verbesserung des Lebensniveaus in vielen Ländern und der Ausbreitung demokratischer Strukturen und trotz der erreichten und unbestreitbaren Fortschritte im Technischen, Politischen, Sozialen und Kulturellen sind die Problemlagen höchst kompliziert und es gibt keine einfachen Antworten.

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VORBEMERKUNG

Wir stehen noch immer am Beginn der Moderne, am Anfang der Konstitution einer freien Weltgesellschaft. Gegen alle Versuche von Verharmlosung und Schönfärberei oder gar der Verkündigung der besten aller Welten kann einer der unerträglichsten und menschenunwürdigsten Zustände nicht außer Acht gelassen werden: Über eine Milliarde der heute lebenden Menschen leidet chronisch an Hunger oder Mangelernährung, alle ein bis fünf Sekunden stirbt ein Mensch an den Folgen der Unterernährung. Ein Sechstel der Weltbevölkerung (the bottom billion) ist dazu verdammt, in schwerer Armut zu leben. Auf der anderen Seite gab es im Jahr 2005 in der Welt 691 Milliardäre mit einem Vermögen von 2,2 Billionen Dollar. Nur 30 Milliarden Dollar jährlich wären für die Überwindung des Hungers erforderlich, dagegen stehen 1200 Milliarden Dollar Rüstungsausgaben und die ca. 2200 Milliarden Dollar, die der internationale Finanzcrash 2008 kostete. Dazu kommen noch hunderte Milliarden für Programme zur Rettung von Banken, Unternehmen und Währungen. Es entbehrt jeder Behauptung, das Problem wäre nicht vernünftig und in absehbarer Zeit zu lösen. Um es mit Heinrich Heine zu sagen: Es gibt hienieden Reichtum genug für alle Menschenkinder, allen Menschen könnte ein menschenwürdiges Leben gesichert werden. Die Zerstörung der natürlichen Lebensvoraussetzungen hat heute ein gigantisches Ausmaß angenommen, sie sind Opfer an den unheiligen Götzen namens ‚Wachstum‘, bei dessen Erwähnung immer nach dem Kriterium der Bewertung gefragt werden sollte, nach den Kriterien der Bewertung: Was wächst? Dient es nachhaltig der Verbesserung der Lebensbedingungen? Angesichts wachsender Armut, wachsender Unsicherheit, wachsender Rüstungsausgaben, wachsender Wüsten, wachsender Müllberge oder wachsender Ölteppiche im Meer ist Wachstum per se alles andere als einträglich. Die heutige Welt leidet an vielen solchen problembeladenen und desaströsen Verwachsungen, die der Vermessenheit des babylonischen Turmbaus gleichen. Die Wachstumsprediger und Marktfundamentalisten mit ihrer Verheißung von den sich selbst regulierenden und sich selbst heilenden Märkten sind angesichts der unübersehbaren ‚Kapitalverbrechen‘ im Finanzsystem in einem eklatanten Erklärungsnotstand. Offensichtlich ist der Laissez-Faire-Kapitalismus gescheitert, die hoch gelobte, deregulierte globale Finanzordnung hat sich als ein von innen heraus verfaultes „Schrottsystem“ erwiesen, das dringend der Reform bedarf.1 Aber ungeachtet dieses Desasters sitzen Heerscharen von marktfundamentalistischen Ökonomen und Analysten fieberhaft an einer ‚Anpassung‘ ihrer Konzepte. Aber spätestens seit Hegel konnte und kann man doch verstehen, dass der Markt – obschon er eine der unverzichtbaren Grundlagen für eine freie Gemeinschaft bildet – von seiner Bestimmtheit her eben nicht allein eine vernünftige Struktur generieren kann, sondern reguliert und vernünftig gestaltet werden muss, dass er einen angemessenen Ordnungsrahmen benötigt. Der gordische Knoten bisheriger Wachstums(un)logik sollte endlich durchschlagen werden, der besonders in den 1 Stiglitz, Joseph, Im freien Fall. Vom Versagen der Märkte zur Neuordnung der Weltwirtschaft, München 2010; Roubini, Nouriel/Mihm, Stephen, Das Ende der Weltwirtschaft und ihre Zukunft, Frankfurt/New York 2010.

VORBEMERKUNG

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letzten Jahrzehnten massiv gestartete Angriff auf die Vernunft (Al Gore) verlangt konsistente und kreative Abwehrstrategien, im Kern eine neue Konzeption einer sowohl ökologisch als auch sozial nachhaltigen und gerechten Gesellschaft und einer entsprechenden Weltordnung. Nicht hilfreich sind Schwarzmalereien, Untergangsszenarien und Dramatisierungen der Situation in apokalyptischer Manier sowie theoretisch unhaltbare marxistisch-sozialistische Gemeineigentumsphantasien, deren Realisierung eine Gemeinschaft der Freiheit verhindert: Der Schiffbruch des Deregulierungsmythos, das Debakel der Wall Street bedeutet nicht das Scheitern des Weges zu einer freien Gesellschaft. Unter der bezeichnenden Überschrift Hegel on Wall Street hat Hegels praktische Philosophie sogar den Weg in die New York Times gefunden, in diesem Beitrag vom 5. Oktober 2010 erfährt seine Theorie der Modernität außerordentliche Würdigung: „the primary topic of his practical philosophy was analyzing the exact point where modern individualism and the essential institutions of modern life met.“2 Sicher könnte man eine lange Liste mit inakzeptablen Zuständen aufstellen, aber allein das wohl größte Skandalon der heutigen Weltsituation, die immer größer werdende Kluft zwischen Arm und Reich, das mit erheblichen ökologischen Schäden einhergehende Wachstum von unzumutbaren, unmenschlichen Lebensbedingungen vieler Millionen von Menschen sollte auch für die praktische Philosophie ein ausreichender Anlass sein, die Zeit noch gründlicher denkend zu erfassen, den Zustand des ‚sittlichen Universums‘ der Moderne, die Verfassung der modernen Welt-Polis neu auf den Begriff zu bringen, besonders den Gehalt des Begriffs Freiheit präziser zu bestimmen. Nach wie vor muss die Philosophie folgende Frage beantworten: Was sind Kriterien und Prinzipien für ein freies, verantwortliches und humanes Handeln? Worin bestehen die Maßstäbe für Gerechtigkeit in der Moderne? Für das Gelingen eines solchen Unternehmens – dafür wird dieses Buch plädieren – ist eine erneute Rekonstruktion von Hegels Grundlinien der Philosophie des Rechts, des theoretisch gehaltvollsten Entwurfs einer Philosophie freien Handelns in der Neuzeit, von fundamentaler Relevanz.3 Erstens gilt nach wie vor Dieter Henrichs Einschätzung der Grundlinien: ‚Hegel’s most famous and influential book‘. Und man könnte hinzufügen: auch das (zu Unrecht) meistgeschmähte und meistgescholtene. Zweitens spricht man in den letzten Jahren zu Recht von einer Hegel-Renaissance, einem Hegel-Revival, vom anstehenden hegelian turn in der Philosophie, vom 2 Bernstein, Richard J., Hegel on Wall Street, New York Times 5. Oktober 2010. 3 Dies belegen klar Robert Pippins neueste Monographie über Hegels praktische Philosophie: Pippin, Robert B., Hegel’s Practical Philosophy. Rational Agency as Ethnical Life, Cambridge 2008, der Band Aktualität und Grenzen der praktischen Philosophie Hegels von Ludwig Siep (2010) und die Studie L’effectif et le rationnel: Hegel et l’esprit objectif von Jean-Francois Kervegan (2008). Aber auch die Arbeiten von Hans Friedrich Fulda und die an Hegel anschließenden Studien über moderne Sittlichkeit zeigen überzeugend diese aktuelle Brisanz. Dies gilt ebenso für die Abhandlungen Das Recht der Freiheit. Grundriss einer demokratischen Sittlichkeit von Axel Honneth Berlin 2011 und Die Wirklichkeit des Geistes. Studien zu Hegel von Michael Quante Berlin 2011, die erst nach Abschluß des Manuskriptes des vorliegenden Buches erschienen sind.

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VORBEMERKUNG

Comeback Hegels – oder wie es im Anschluss an Odo Marquard Ernst Böckenförde formuliert hat: ‚Es lohnt sich wieder, hegeln zu gehen‘. Dies gilt in besonderer Weise für die Philosophie des Praktischen. Dabei steigt das Interesse an Hegels Denken auch bei Vertretern anderer philosophischer Richtungen (in den USA auch seitens der analytischen Philosophie und des Pragmatismus) in erheblichem Maße. In vielen Ländern dieser Welt von Brasilien, Mexico und Kolumbien über Italien bis nach China, Korea und Japan sowie in Wissenschaften wie der Soziologie oder der Rechtswissenschaft kann eine verstärkte Aufmerksamkeit gerade für Hegels praktische Philosophie festgestellt werden. Scheint in manchem Sinne der Rekurs auf Hegel auch unzeitgemäß, so trifft diese ‚Antiquiertheit‘ doch gerade den Kern der Philosophie. Denn unzeitgemäß sollte die Philosophie sein, wie es Nietzsche (ein anderer Unzeitgemäßer) trefflich formulierte: „Solange nämlich das noch als unzeitgemäß gilt, was immer an der Zeit war und jetzt mehr als je an der Zeit ist und nottut – die Wahrheit zu sagen.“ Mit anderen Worten: in unserer Zeit unzeitgemäß, das „heißt gegen die Zeit und dadurch auf die Zeit und hoffentlich zugunsten einer kommenden Zeit – zu wirken.“4 Dem hätte Hegel sofort und gerne beigepflichtet: die Philosophie erfasst ,ihre Zeit in Gedanken‘.5 ** Die Freiheit ist die höchste Bestimmung des Geistes Hegel Der Zweck aller Rechtsverfassung ist die Freiheit Hegel

Das Anliegen dieser Studie besteht in einer Einführung in die Hauptschrift von Hegels praktischer Philosophie, in einer Neuinterpretation der wohl theoretisch bedeutendsten und umstrittensten philosophischen Theorie der praktischen Welt und des sozialen politischen Lebens der Menschen, eines Werkes, das in eine Reihe mit Platons Staat, Aristoteles‘ Politik, Hobbes Leviathan, Rousseaus Gesellschaftsvertrag und Kants Konzept der praktischen Vernunft gehört. Im Zentrum steht Hegels Gedanke der Freiheit und die Frage, in welcher Weise durch begreifendes Denken die Freiheit als der Grund des praktischen Universums bestimmt wird, die ungebrochene Aktualität und Modernität von Hegels Idealismus der Freiheit, des Idealismus als Modernismus.6 4 Nietzsche, Friedrich, Unzeitgemäße Betrachtungen, in: Friedrich Nietzsche, Werke in drei Bänden, Bd. 1, München 1966, S. 207, 210. 5 RPh, 26. 6 Pippin, Robert B., Idealism as Modernism: Hegelian Variations, Cambridge 1997.

VORBEMERKUNG

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Der Herausarbeitung der immensen Relevanz dieses Gedankengebäudes für die heutige Zeit soll besondere Aufmerksamkeit geschenkt werden, im Sinne einer ‚RePräsentierung‘, einer Ver-Gegenwärtigung des essentiellen philosophischen Gehaltes des Hegelschen Traktates. Zu diesem Behufe werden ausgewählte Abhandlungen und Studien einbezogen, welche die unbestrittene Aktualität der Grundlinien belegen, z. B. Darstellungen über den Gesamtentwurf von Hegels praktischer Philosophie (R. Pippin, L. Siep, J.-F. Kervegan, A. Honneth). Eine Kompassrolle bei der schwierigen Erkundung der Hegelschen Denklandschaften, bei der Konzipierung einer philosophischen Geographie des Gesamtterrains als eines Systems von Recht und Freiheit kam den Hegel-Interpretationen von Hans Friedrich Fulda und Dieter Henrich zu. Des Weiteren wird auf Arbeiten zu philosophischen Themen von aktueller Relevanz zurückgegriffen, hier nur einige Beispiele aus dieser breiten Themenpalette: der Zusammenhang von Ich und Freiheit, der Begriff des freien Willens, Naturalismus und das anthropische Prinzip (W. Welsch, W. Singer, P. Bieri); die Bedeutung der Körperlichkeit für den Personenbegriff und zu Körper und Seele (A. Nuzzo, M. Wolff ); Nachhaltigkeit als angesagte Natur-Formierung (U. Grober); Gesetz, Zwang und Gewalt (J. Derrida), das Urheberrecht und Hegels Begriff der Strafe als Grundpfeiler einer modernen Straftheorie (W. Bauer, M. Pawlik, G. Mohr, V. Hösle); der moderne Handlungsbegriff und die notwendige Unterscheidung von Moralität und Sittlichkeit (L. Siep, A. Wood, A. Honneth, M. Quante); das heutige Verständnis von Familie (S. Brauer, N. Waszek); die Relevanz der Nationalökonomie für praktische Philosophie (J. Stiglitz, M. Roubini); die Modernität von Hegels Theorie der Sittlichkeit und seine Idee des Staates (H. F. Fulda, R. Pippin, R. P. Horstmann) sowie die hier besonders ins Zentrum gerückte logische Fundierung von Hegels Philosophie der Freiheit (D. Henrich, K. Düsing; M. Wolff, A. F. Koch, T. Pierini, G. Sans), um nur weniges zu nennen. Profitiert haben die folgenden Überlegungen auch von Denkanregungen, die aus der angelsächsischen Renaissance der Hegel-Forschung herrühren (R. Brandom, M. Forster, S. Houlgate, F. Neuhouser, T. Pinkard, R. Pippin, A. Wood). Für die Erschließung all dieser und weiterer Themenfelder, die eine Re-Aktualisierung verdienen, – der Katalog reicht vom Grundrecht der Personalität und einer neuen Theorie der Person über den Stufengang von Subjektivität und Inter-Subjektivität, der durchgängigen Thematik Bildung zur Freiheit, der Fortbestimmung der Freiheit als System der Rechte und des Stufengangs des Rechts (Eigentumsrecht, Rechte von Tieren, Rechte des Kindes, Recht auf subjektive Freiheit, soziale Rechte, Recht auf Bildung, politische Rechte etc.) über Konsequentialismus und deontologische Ethik, Urteilslogik und Formalismus der Moralität (F. Schick, D. James), Not- und Widerstandsrecht, Armut und Reichtum (T. Pogge), der bürgerlichen Gesellschaft als die ‚in ihre Extreme verlorene Sittlichkeit‘ und ihrer notwendigen Regulation, der Kritik des Marktfundamentalismus (J. Stiglitz, R. Geuss), der Marktordnung und ihrer vernünftigen Gestaltung, dem Gedanken zu einer Selbstverwaltung, zur corporate identity und zur Stadt als ‚kleinem Staat‘, der innovativen Konzeption der Gewaltenteilung (L. Siep), dem Wohl und der Theorie eines sozialen Staates, der Idee der Gerechtigkeit, der epistokratischen Staatskonzeption, der

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VORBEMERKUNG

Pluralität der Lebensformen (D. Borchers) in der staatlichen Ordnung, dem Doppelgesicht der öffentlichen Meinung, der Kritik des Überwachungs- und Polizeistaates bis hin zur Frage Globalisierung und wealth of nations sowie internationales Recht – liefert Hegels Denken der Freiheit eine theoretisch gehaltvolle, argumentative Grundlage. Diese Offerte beinhaltet die Darstellung der inneren Vernunftgründe, d. i. der Gründe im Gedanken des Gegenstandes, in seinem Begriffe (§ 3, A, 44). Dieser Versuch einer innovativen Erschließung der Grundlinien, einer Interpretation der gesamten Schrift unter dem Blickwinkel ihrer Aktualität, wird mit aller Konsequenz und in allen Passagen folgende von Hegel bezüglich der Beurteilung seiner Abhandlung explizit genannte Forderung berücksichtigen: Der Gedankengang muss als auf dem ‚logischen Geiste beruhend‘ verstanden werden, Logik dabei verstanden als Wissenschaft des Denkens. Die Natur des ‚logischen Geistes‘, diese Art des philosophischen Beweisens, die Hegel die ‚spekulative Erkenntnisweise‘ nennt, wurde von ihm in der Wissenschaft der Logik ausführlich entwickelt. Eine solche von Hegel massiv eingeklagte Auslegung unter der strengen Beachtung dieser Fundierung im Logischen (was Hegel auch das ‚Begreifend-Spekulative‘ nannte), sei den Grundlinien „bis heute kaum zuteil geworden“ und nur partiell gelungen.7 Eine angemessene Interpretation verlangt aber ohne Einschränkung einen solchen Zugang, im Sinne einer Prüfung, die fragt, inwiefern diese logische Fundierung geglückt und eine logische Grundlegung praktischer Philosophie überhaupt möglich ist. Robert Pippin betont mehrfach den untrennbaren Zusammenhang zwischen der Logik des Begriffs und der Logik der Freiheit.8 Die folgende Schlüsselstelle bringt Hegels Anspruch klar zum Ausdruck: „daß das Ganze wie die Ausbildung seiner Glieder auf dem logischen Geiste beruht. Von dieser Seite möchte ich auch vornehmlich, daß diese Abhandlung gefaßt und beurteilt würde.“9 Diesem unmissverständlichen Hegelschen Wunsch soll Rechnung getragen werden, und zwar nicht nur im Hinblick auf einzelne Passagen: Erschlossen wird die logische Grundierung als Nervus probandi des gesamten Gedankenganges, darin besteht ein Kernanliegen dieser Studie. In seiner Bedeutung als Theorie der Gesellschaft und des Staates, die auch deren historische Entwicklungsbedingungen einschließt, ist Hegels Werk ohne Vergleich (D. Henrich). Die unsäglichen, öden und langweiligen Legenden und Klischees über die Grundlinien sollte das 21. Jahrhundert souverän hinter sich lassen und sich Hegels moderner Philosophie des freien Willens und der Gerechtigkeit, seinem Denken der Freiheit zuwenden, im Sinne einer Creedence Clearwater Revival, einer Wiederbelebung des wasserklaren Gedankens von Selbstbestimmung und Freiheit.

7 Fulda, Hans Friedrich, Georg Wilhelm Friedrich Hegel, München 2003, S. 197. 8 Pippin, Hegel’s Practical Philosophy, a.a.O., S. 8, 20. 9 RPh 12f., Herv. K.V.

I. IRRFAHRTEN UND HOLZWEGE DER INTERPRETATION – DIE SKANDALISIERTE VORREDE

Bad Boy

I.1 DIE VERNÜNFTIGKEIT DES WIRKLICHEN – DIE WIRKLICHKEIT DES VERNÜNFTIGEN In seinem Vorwort zur Freundesvereinsausgabe des Hegelschen Werks hat Eduard Gans in fast prophetischer Weise die Wirkungsgeschichte von Hegels Rechtsphilosophie vorausgesehen, wenn er ein ‚ungemeines Missverhältnis zwischen dem substantiellen Werte des Buches einerseits und seiner Anerkennung und Verbreitung andererseits‘ diagnostiziert.1 Diese Abhandlung erfuhr extrem unterschiedliche Einschätzungen, in deren Vordergrund unsägliche Fehlinterpretationen und böswillige, von Unverständnis geprägte Denunziationen standen. Als Exempel für das letztere soll hier nur Fries und eine Rezension zu Wort kommen: „Hegel’s metaphysischer Pilz ist ja nicht in den Gärten der Wissenschaft, sondern auf dem Misthaufen der Kriecherei aufgewachsen […] Wenn er Beifall findet, so ist dies nur ein Beweis der wissenschaftlichen Ungebildetheit und der Geistlosigkeit des Publicums“.2 Ein anonymer Rezensent gab folgendes über Hegels Entwurf zu Protokoll: „Eine solche Philosophie kann sich freilich nach Allem accomodieren, was eben an der Tagesordnung ist. Herrschen liberale Grundsätze in der Welt, so wird die Philosophie dieses lehren; hat der Despotismus die Oberhand, so muß die Philosophie dies predigen.“3 Die schon im 19. Jahrhundert formulierten unsinnigen Klischees und üblen Nachreden sind Legion und werden oft einfach und ohne Prüfung nachgebetet. Noch heute wird die Vorrede als ‚publizistisches Unglück‘ und ‚philosophiepolitisches Pamphlet‘ diffamiert, in der sich der ‚politische Konservatismus von Hegels praktischer Philosophie‘ ankündige.4 Die berühmt-berüchtigte und besonderen 1 Gans, Eduard, Vorrede zu Georg Wilhelm Friedrich Hegel’s Grundlinien der Philosophie des Rechts, oder Naturrecht und Staatswissenchaft im Grundrisse, Berlin 1833, S. 3. 2 Hegel in Berichten seiner Zeitgenossen, hg. v. Günther Nicolin, Hamburg 1970, S. 221. Fries ‚gedankenlose Begeisterung für die Abstraktionen von Volk, Freiheit, Brüderlichkeit und Einheit‘ sind ‚blümelnde phrasenreiche Declamationen‘ (Rosenkranz, Karl, Georg Wilhelm Friedrich Hegels Leben, Darmstadt 1844, Nachdruck Hamburg 1977, S. 334. 3 Zit. nach Ilting, Karl-Heinz, Hegel, Vorlesungen über Rechtsphilosophie, Bd. 1, S. 91. 4 Schnädelbach, Herbert, Hegels praktische Philosophie, Frankfurt a. M. 2000, S. 327-332. Offenbar hat sich Hegel der scharfen Polemik bedient, z. B. gegen Fries. Dabei muss aber zwischen dem

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I. IRRFAHRTEN UND HOLZWEGE DER INTERPRETATION

Anstoß erregende Stelle aus der Vorrede „Was vernünftig ist, ist wirklich; und was wirklich ist, das ist vernünftig“ wurde zwar durch die seriöse Hegel-Forschung entzaubert, aber einige kurze Erläuterungen sind doch erforderlich. Hegels schwierige und teilweise für die Philosophie neuartige Terminologie erschließt sich nicht in einem ersten Zugriff und auch nicht ohne Rekurs auf die Wissenschaft der Logik und die Enzyklopädie der philosophischen Wissenschaften. Der inkriminierte Satz wurde sofort und ohne sich der Mühe der Annäherung an Hegels Redeform zu unterziehen (schon die Lektüre nur des ersten Paragraphen der Grundlinien hätte Aufschluss gegeben) als pure Apologie alles jeweils Bestehenden missinterpretiert: ‚Kein philosophischer Satz hat so sehr den Dank beschränkter Regierungen und den Zorn ebenso beschränkter Liberalen auf sich geladen‘.5 Selbst die ‚Kamptzsche Polizeiwillkür hätte Hegel demnach als vernünftig erklärt, denn sie war wirklich‘.6 Rudolf Hayms bekannte Etikettierung lautete: restaurative preußische Staatsphilosophie. Solche ‚Deutungen‘ entzogen sich jedoch der Anstrengung, Hegels Denk- und Darstellungsweise zu verstehen, hier ging es besonders um die Bedeutung von „wirklich“ bzw. „Wirklichkeit“ und um das Verständnis des gravierenden „Unterschiedes zwischen Erscheinungswelt und Wirklichkeit.“7 Obschon Hegel selbst und dann auch Eduard Gans wesentliche Klärungen vornahmen, erwuchs und erwächst diese Beschimpfung Hegels auch aus purer Ignoranz. In einer direkten Reaktion auf die Lobpreisungen wie auf die Anfeindungen der umstrittenen Stelle, betont Hegel in der Enzyklopädie, dass das Dasein, das Bestehende ‚zum Teil Erscheinung und nur zum Teil Wirklichkeit ist‘. „Wenn aber ich von Wirklichkeit gesprochen habe, so wäre von selbst daran zu denken, in welchem Sinne ich diesen Ausdruck gebrauche, da ich in einer ausführlichen Logik auch die Wirklichkeit abgehandelt und sie nicht nur sogleich von dem Zufälligen, was doch auch Existenz hat, sondern näher von Dasein, Existenz und anderen Bestimmungen genau unterschieden habe.“8 In ähnlicher Weise betont Gans, dass dieser Satz nichts anderes sagt, als dass ‚das wahrhaft Vernünftige, um seiner Natur gemäß zu sein, sich stets in die Welt einbildet und

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sicher überzogenen persönlichen Angriff und der theoretisch angemessenen Kritik (der ‚Seichtigkeit‘ von Fries‘ praktischer Philosophie) unterschieden werden. Statt die Wissenschaft auf die Entwicklung des Gedankens und des Begriff zu stützen, präferiere Fries das ‚Gefühl der Ahndung‘, die unmittelbare Wahrnehmung und die zufällige Einbildung, was in einem ‚Brei des Herzens, der Freundschaft und Begeisterung‘ ausufere. Die sittliche Welt werde so der subjektiven Zufälligkeit des Meinens und der Willkür überstellt. (Vorrede) Auf der Basis von Hegels Konzeption sind jedenfalls die von Fries vertretenen Positionen des Nationalismus und Antisemitismus ausgeschlossen. Engels, Friedrich, Ludwig Feuerbach und der Ausgang der klassischen deutschen Philosophie, in: Marx, Karl/Engels, Friedrich, Werke (MEW), Bd. 21, Berlin 1962, S. 266. Zit. nach: Hegel in Berichten seiner Zeitgenossen, hg. v. Günther Nicolin, Hamburg 1970, Dokument 315, S. 205. GdPh, 19, 111. Enz § 6. Nebenbei: Für Heidegger-Interpretationen ist es ebenfalls sehr wichtig, zwischen Dasein und Existenz wohl zu differenzieren.

DIE VERNÜNFTIGKEIT DES WIRKLICHEN

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Gegenwart gewinnt‘9 – „nicht alles ist wirklich was existirt“ (Str 923). Freies Denken bleibt – so die Vorrede – eben ‚nicht bei dem Gegebenen stehen, sei es durch die äußere positive Autorität des Staats, die Übereinstimmung der Menschen oder durch die Autorität des innern Gefühls und des Herzens‘ (RPh 14) gestützt. Das Wirkliche eines modernen Gemeinwesens besteht in dem, was in ihr vernünftig gestaltet ist. Das Wirkliche in der Erscheinung ist ‚das Gedankenhabende‘. Schon eine sehr bekannte, von Heinrich Heine überlieferte Anekdote traf Hegels Anliegen, was dann später in einigen Nachschriften von Hegels Vorlesungen eindrücklich bestätigt wurde: „Als ich einst unmutig war über das Wort: ‚Alles, was ist, ist vernünftig‘, lächelte er sonderbar und bemerkte: ‚Es könnte auch heißen: ‚Alles was vernünftig ist, muß sein‘.“10 Carl Ludwig Michelet hat aufgrund der ‚Missverständnisse Vieler‘ das Hegelsche Diktum treffend in folgende zwei Sätze ‚übersetzt‘: „Alles wirklich Rechte ist vernünftig“ und „Alles vernünftige Recht wird wirklich“.11 Hegels Anliegen liegt im Erschließen des Vernünftig-Werdens des Wirklichen und des WirklichWerdens des Vernünftigen. Vorauszuschicken wäre weiterhin, dass der Terminus „Recht“ bei Hegel eine über das Recht im engeren juristischen Sinne hinausgehende Bedeutung erhält, denn einer Schlüsselstelle zufolge umfasst das Recht „das Dasein aller Bestimmungen der Freiheit“ (Enz § 486). Keinesfalls darf es eine Verwechslung mit dem sogenannten positiven Recht und dem heutigen Gebrauch dieses Wortes geben.12 Erste und nur vorläufige terminologische Umschreibungen wären ‚Berechtigung‘ oder ‚Berechtigtsein‘, es wird etwas zuerkannt, was diesem Etwas legitim, zu Recht zukommt. Im Sinne von Vindikation erfolgt eine Zueignung, es wird etwas als ihm eigen zugebilligt (probare), was ihm ‚recht und billig‘ ist. Im englischen Wort ‚bill ‘ findet sich dieser Gehalt noch immer. Recht liegt in einer Legitimation, es handelt sich um etwas, das dieser Sache ‚wahrhaftig‘ oder ‚richtig‘ (eben rechtens) zugesprochen, das als geltend beansprucht werden kann und im Begriff liegt das Kriterium für jene Berechtigung. So ist z. B. im Status des Sklaven der wahrhafte Begriff des Menschen und somit dessen Freiheit verletzt, als Mensch wird er „in seinem unendlichen Werte und in seiner unendlichen Berechtigung“13 nicht anerkannt (Enz § 163, Z). Vom Recht kann gesprochen werden, insofern ‚Regeln und Institutionen, Gesinnungen

9 Gans, Vorrede, S. 6. 10 Heine, Heinrich, zit. nach: Hegel in Berichten von Zeitgenossen, hg. v. Günther Nicolin, Hamburg 1970, Dokument 363. Zwei aussagekräftige Stellen aus den Nachschriften seien hier angefügt: „Was vernünftig ist, wird wirklich, und das Wirkliche wird vernünftig.“ (Bl 51); „Was wirklich ist, ist vernünftig. Aber nicht alles ist wirklich was existirt“ (Str 923). 11 Michelet, Carl Ludwig, Naturrecht oder Rechts-Philosophie als die praktische Philosophie enthaltend Rechts-, Sitten und Gesellschaftslehre, Bd. 1, Leipzig 1870, IV. 12 Fulda, Hans, Friedrich, Georg Wilhelm Friedrich Hegel, München 2003 S. 197-200. 13 Das Recht der Sklaverei ist immer nichtig, nicht allein weil es ungesetzmäßig ist. Sondern auch weil es sinnlos und bedeutungslos ist – „Die Wörter >>Sklave>RechtHegel gestorbenWohl< bzw. >Glückseligkeit< einen positiven Stellenwert einräumt, ist eine erste Kritik an Kant.“38 38 Siep, Praktische Philosophie im Deutschen Idealismus (Was heißt: »Aufhebung der Moralität in der Sittlichkeit« in Hegels Rechtsphilosophie?), S. 221.

HEGELS KONZEPTION DES MORALISCHEN HANDELNS

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Die Einseitigkeit und Unzulänglichkeit des Deontologischen wie auch des Konsequentialistischen illustriert Hegel mit folgenden Sentenzen: ‚die Lorbeeren des bloßen Wollens sind trockene Blätter, die niemals gegrünt haben‘ (§ 124, Z).39 Es gibt aber ebenso keine Früchte, die nicht am grünen Baum des Wissens wuchsen. Oder: ‚In magnis voluisse sat est‘ (Bei bedeutenden Vorhaben ist es genug, seinen guten Willen gezeigt zu haben) contra „Das Wollen ist nichts; das Handeln alles“. (Hey 20) Durch die beiden Perspektiven wird die Handlung noch immer nicht zureichend bestimmt. Dies gelingt erst durch die Erhebung des Inhalts in seine Allgemeinheit, in die an sich-seiende Objektivität, in der Fixierung des absoluten Zwecks, der logischen Einheit von innerem Zweck und seinem Vollzug. Der Selbstzweck, der gegen seine Form gleichgültig und deshalb die einfache Identität des Wollens ist, erscheint als ein Indiz des notwendigen Überschreitens des moralischen Standpunkts, da solch ein Zweck die Auflösung aller relationalen Bestimmungen einläutet (WdL 6, 461). Nach diesem Präludium folgt die eigentliche Fortsetzung der Bestimmung der Person zum moralischen Subjekt, der Übergang von der formal-rechtlichen Tat zur moralischen Handlung.

IV. 2 DIE BEURTEILUNG VON HANDLUNGEN IV.2.1 Hegels Urteilslehre als logischer Grund der Moralität Nachdem Hegel in seiner logischen Urteilslehre die grundsätzliche Form des Urteils bestimmt hat („alle Dinge sind ein Urteil, – d.h. sie sind Einzelne, welche eine Allgemeinheit oder innere Natur in sich sind, oder ein Allgemeines, das vereinzelt ist“; die Endlichkeit der Dinge besteht darin, dass sie ein Urteil sind, dass ihr Dasein und ihre allgemeine Natur verschieden und trennbar sind – Enz § 167, 168), würdigt er das Verdienst von Kant, eine logische Einteilung der Urteile nach dem Schema einer Kategorientafel vorgenommen zu haben. Trotz der Unzulänglichkeit dieses Schemas liegt diesem doch die Einsicht zugrunde, dass „es die allgemeinen Formen der logischen Idee selbst sind, wodurch die verschiedenen Arten der Urteile bestimmt werden.“ Entsprechend der Hegelschen Logik sind „drei Hauptarten des Urteils zu unterscheiden, welche den Stufen des Seins, des Wesens und des Begriffs entsprechen.“ Die Mitte ist dabei in sich gedoppelt, entsprechend dem Charakter des Wesens als der Stufe der Differenz. „Die verschiedenen Arten des Urteils sind nicht als mit gleichem Werte nebeneinanderstehend, sondern vielmehr als eine Stufenfolge bildend zu betrachten, und der Unterschied derselben beruht auf der logischen Bedeutung des Prädikats.“ (Enz § 171, Z). Hier kann eine Stufenfolge der ‚praktischen Urteile‘ 39 Zum Begriff des Werkes in der PhG vgl.: Vieweg, Klaus, Das geistige Tierreich oder das schlaue Füchslein – Zur Einheit von theoretischer und praktischer Vernunft in Hegels Phänomenologie des Geistes, a.a.O.

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IV. DIE MORALITÄT – DIE FREIHEIT DES MORALISCHEN SUBJEKTS

entfaltet werden, d.h. der Urteile, die sich auf Handlungen beziehen. Für ein leichteres Nachvollziehen der folgenden Schritte erscheint eine solche an der Logik orientierte Übersicht über die praktischen Urteilsformen (inklusive entsprechender Beispiele) von Vorteil. § 114 fixiert die grundsätzliche Struktur des Rechts des Moralischen, die „Bewegung des Urteils“ (WdL 6, 309), die drei Stufen der Imputation durchläuft40: a) Das abstrakte, formelle Recht der Handlung als einer mir zurechenbaren, als einer vorsätzlichen, geprägt vom Wissen der unmittelbaren Umstände – hier wird der transitorische Status dieser ersten Stufe sichtbar, eben das abstrakt-formelle Recht der Zurechenbarkeit, welches die letzten Stufe des abstrakten Rechtes logisch antizipierte – das Verbrechen als unendliches Urteil; b1) die Absicht der Handlung und ihr Wert für mich und b2) das Wohl als der Inhalt der Handlung, als mein besonderer Zweck, gestützt auf das reflektierte Wissen, c) das Gute als der innere Inhalt in seiner Allgemeinheit und Objektivität mit seinem Gegensatz der subjektiven Allgemeinheit, das Wissen des Begriffs, das Begriffsurteil und damit letztlich die „bestimmte und erfüllte Einheit des Subjekts und des Prädikats, als ihr Begriff “ (WdL 6, 309), die Transition zur logischen Form des Schlusses41, der Übergang von der Moralität zur Sittlichkeit.

40 Vgl. dazu: Quante, Michael, Hegel’s Planning Theory of Action. In: Hegel on Action, a.a.O., Hegels Konzept der Imputation bezeichnet Quante dort als „cognitivist ascriptivism“, S. 226; aufschlußreich auch Quantes „Hegel’s map of our ascriptive practices“, S. 224. 41 Die Wissenschaft der Logik enthält den Hinweis auf den ‚Schluss des Handelns‘ und den ‚Schluss des Guten‘ im Sinne des Zusammenbringens, des Zusammenschliessens der Momente des Handlungsbegriffes, von Subjektivität und Objektivität (WdL 6, 545f.).

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IV.2.2 Hegels praktische Urteilstafel als System des moralischen Urteils A Stufe des Seins – Das Einzelne der Handlung alpha) Urteil des Daseins (qualitativ unmittelbares Urteil) das abstrakte, formelle Recht der Handlung, ihre Zurechenbarkeit zum Subjekt der Handlung – ‚Vorsatz‘ 1) positiv 2) negativ 3) unendliches Urteil a) positiv-unendlich b) negativ-unendlich

Diese einzelne Tat ist mir zurechenbar; die einzelne Tat ist dasjenige, was mir zurechenbar ist (‚das abstrakte Prädikat des Meinigen‘) Diese einzelne Tat ist mir nicht zurechenbar (M)eine Tat ist (m)eine Handlung Meine Tat ist nicht meine (keine) Handlung, ist böse Handlung

B Stufe des Wesens – Das Besondere der Handlung – Die gedoppelte Mitte beta) Urteil der Reflexion B 1) Selbst-Reflexion des Subjekts – Absicht und Wert der besonderen Handlung 1) singuläres Urteil 2) partikulares Urteil

3) Urteil der Allheit

Diese beabsichtigte Handlung ist Schenken, Versprechen und somit wohlbringend Einige Handlungen sind mit Absicht vollzogen und wohlbringend, und einige nicht; einige sind Schenkungen, einige nicht einige sind keine Schenkungen Alle Schenkungen sind mit Absicht vollzogene und wohlbringende Handlungen

B 2) Das Wohl als der besonderer Zweck – der relative Wert der Handlung gamma) Urteil der Notwendigkeit 1) kategorisches Urteil 2) hypothetisches Urteil 3) disjunktives Urteil

das Schenken ist eine wohlbringende Handlung wenn so gehandelt wird, dann ist es ... (Schenken, Versprechen, Helfen …) das Handeln ist entweder (sowohl) Schenken oder (als auch) Versprechen oder (als auch) Helfen oder (als auch) ...

C Stufe des Begriffs – Das Allgemeine der Handlung Der innere Inhalt in seiner Allgemeinheit, der allgemeine Wert der Handlung – Das Gute und das Böse delta) Urteil des Begriffs 1) assertorisches Urteil 2) problematisches Urteil 3) apodiktisches Urteil

dieses Schenken ist gut („diese Handlung ist gut“) Handlungen des Typs ‚Schenken‘ sind gut oder böse diese Handlung von besonderer Beschaffenheit ist gut oder Handlungen des Typs ‚Schenken‘ sind entsprechend ihrer Beschaffenheit gut oder böse

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IV. DIE MORALITÄT – DIE FREIHEIT DES MORALISCHEN SUBJEKTS

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Stufen der Allgemeinheit des Urteils alpha)

abstrakte (sinnliche) Allgemeinheit

beta) und gamma)

Verstandes-Allgemeinheit a) Reflexionsallgemeinheit; einfache, äußerlich-subjektive Allgemeinheit und gemeinschaftlich-quantitative Allgemeinheit (Allheit) b) Allgemeinheit als Gattung (Übergang zur BegriffsAllgemeinheit) Enz § 17742

delta)

Begriffs- oder Vernunft-Allgemeinheit (konkrete, objektive Allgemeinheit)gesetzte konkrete Allgemeinheit‚ entwickelte Begriffsallgemeinheit‘43

Für den Abschnitt Der Vorsatz und die Schuld bietet das Urteil des Daseins (identische Urteil) das logische Grundgerüst, für den Abschnitt Die Absicht und das Wohl das Reflexions- und das notwendige Urteil 44 und für den Abschnitt Das Gute und das Gewissen das Urteil des Begriffs.45 Die Zuordnungen der Unterformen erfolgt in der Abhandlung der einzelnen Stufen.

IV.3 DER VORSATZ UND DIE SCHULD – DIE ERSTE ZURECHENBARKEIT ODER IMPUTATION Diese erste Stufe enthält das ‚abstrakte oder formelle Recht der in einem unmittelbaren Dasein resultierenden Handlung‘, dass ihr Inhalt schlechthin als Meiniger gilt (§ 114). Das Tun setzt einen äußerlichen Gegenstand voraus, die eigentliche Tat bewirkt eine Veränderung an diesem, setzt ein verändertes Dasein (§ 115), vergleichbar mit dem Verständnis des Demiurgen, der aus Vorgefundenem ein neues Dasein erschafft. Hier tritt das schon traktierte Recht des Wissens (Einsicht, Richti42 „Die Allgemeinheit zunächst als Gattung“. Enz § 177. 43 Enz § 171. 44 Auf diese Gedoppeltheit der Mitte macht Hegel in § 114 aufmerksam: Wissen der reflektierten Sache a) ihres eigenen qualitativen Inhalts und b) ihres subjektiv eigentümlichen Inhalts – Gegensatz von a) und b). 45 § 114, 214.

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ges) in seiner Unmittelbarkeit ein. Die einzelne Handlung (die nur eine Einzelheit berührt) unter unmittelbaren, nur im Modus der Vorstellung (nicht des Begriffs) präsenten Umständen wird dem subjektiven Willen schlechthin zugerechnet.46 Er erkennt sie als die Seinige an, als Schuld an dem, als Verantwortung für das, was in seinem Vorhaben, seinem Vorsatz, seiner Intention47, seinem unmittelbaren Zwecke lag. In der ‚Schuld‘ liegt somit das Prädikat ‚Ich‘. Meine einzelne Handlung ist Schuld – das positive Urteil. Schuld gilt als Zustand der Zurechnung (imputatio), der Zurechnungsfähigkeit (imputabilitas): „Schuld aber im allgemeinen Sinne ist, daß dem Menschen zugerechnet werden kann, daß das sein Wissen, Wollen ist.“48 Im gewöhnlichen Sinne wird Schuld mit dem Tun des Bösen konnotiert: „Schuld heißt überhaupt Imputabilität.“49 Auch werden dem Subjekt Handlungen zugemessen, die nur mittelbar in seiner Schuld liegen und zwar Schäden durch Dinge, deren Eigentümer das Subjekt ist.50 Der Akteur rechnet sich nur die voraussehbaren Folgen zu, nicht, die sich daran anschließenden, die entfernten und fremden Folgen (§ 118). Im ALR heißt es dazu: „Soweit eine Handlung frey ist, werden die unmittelbaren Folgen derselben dem Handelnden allemal zugerechnet“ – „Auch die mittelbaren Folgen muß der Handelnde, so weit er sie vorausgesehen hat, vertreten.“ – „Dagegen werden zufällige Folgen einer Handlung dem Handelnden nicht zugerechnet.“51 Hegel nennt als Beispiele für das Letztere irrtümliche Tötungen bei der Jagd oder beim Scheibenschießen. Andere Beispiele: Ich schenke einem Bettler eine Tafel Schokolade, die jener erst zwei Jahre später verzehrt und dadurch gesundheitlich geschädigt wird. Während eines Fußballspiels des FC Carl Zeiss Jena trifft ein vom Mittelstürmer geschossener Ball wegen eines extremen Windstoßes den hinter dem Tor stehenden Fotografen und verletzt ihn. Beide Folgen können dem Auslöser nicht angelastet werden, er hat nicht vorsätzlich gehandelt. Darin haben wir das Umschlagen in die Zufälligkeit, in die Zersplitterung der Folgen, die eben nicht voraussehbar, nicht zu wissen sind. Das Recht des Willens besteht darin, in „seiner Tat nur dies als seine Handlung anzuerkennen und nur an dem schuld zu haben, was er von ihren Voraussetzungen in seinem Zwecke weiß, was davon in seinem Vorsatze lag.– Die Tat kann 46 Hegel sah darin ein wichtiges und noch genauer zu beackerndes philosophisches Feld und hat seinem begabten Schüler Michelet nahegelegt, zum Thema „Die Lehre von der Zurechnung der menschlichen Handlungen“ eine Dissertation zu schreiben. (Hegel in Berichten seiner Zeitgenossen, a.a.O., Dokument 393, S. 259. 47 § 115, A. 48 PhRel 16, 264. 49 Ebd., 253. 50 Solche Dinge wären: Ich als mein Körper; wenn ich z. B. auf eisiger Straße renne, stürze und eine andere Person verletze; mein Baum im Garten, der durch Wachstum die Stromleitung beschädigt oder mein Krokodil, dass den Nachbarn beißt – ich handle fahrlässig, weil ich die mögliche Wirkung kennen musste. 51 Herv. K.V. Vgl.: ALR Erster Teil. Dritter Titel §§ 7, 8 u. 11. Die präzise Bestimmung bleibt höchst diffizil, was z. B. das Problem der Kollateralschäden im Militärischen zeigt, hier ist die Vorhersehbarkeit schwer zu bestimmen.

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nur als Schuld des Willens zugerechnet werden;– das Recht des Wissens.“ (§ 117) Von fundamentalem Gewicht erscheint die Unterscheidung von Tat und Handlung, eine Tat ohne die wissentliche Innerlichkeit kann nicht als Handlung gelten. Dieses Recht des Wissens (hier des Wissens schlechthin) gehört zu der aufsteigenden Bestimmung von Recht, ja ist eine entscheidende Stufe für einen angemessenen philosophischen Handlungs- und Rechtsbegriff. Das freie Wesen wirkt in der Erscheinung, in einem Geschehen, das auch von Zufälligkeit geprägt wird – „Handeln heißt daher nach dieser Seite, sich diesem Gesetze preisgeben.“ (§ 118) Dieses Moment der Besonderheit tritt dann in der bürgerlichen Gesellschaft und in der Weltgeschichte hervor. Nach dem Vollzug der besonderen Handlung gibt es kein Zurücknehmen, woraus sich die mögliche Vorsichtigkeit oder gar Skrupulosität hinsichtlich des Tuns erklärt. Das Ich setzt sich nämlich dem Ungewissen bzw. Unvorhersehbaren aus, sobald es ins Geschehen eingreift, ist es zur Verantwortung für sein spezielles Tun ‚verurteilt‘. Auch das Unterlassen im moralischen Sinne stellt ein zu verantwortendes Handeln dar. Das freie Wesen begibt sich also selbst in die Sphäre der Zufälligkeit, setzt sich dem Nichtvorhersehbaren, dem Spiel des Zufalls aus, setzt auf eine Lotterie. Eine Dimension der (später zu thematisierenden) bürgerlichen Gesellschaft kann als ein solches Aggregat (ein bestimmten Gesetzen unterworfener Mechanismus) und als solch große Lotterie charakterisiert werden. In dieser Hinsicht sprechen wir auch vom Los des Menschen oder vom Schicksal, vom Wirken einer höheren Gewalt, einer invisible hand. Thematisch bleibt eine Bestimmung, die der Akteur in seine Hand zu nehmen hat; das Recht des Wissens ist zugleich Pflicht.52 § 118 zeigt in klarer Weise Licht und Schatten sowohl des deontologischen wie des utilitaristisch-konsequentialistischen Prinzips an, sowohl erstens das Problematische einer Einschätzung der Handlungen ohne Rücksicht der Folgen etwa im Falle Robespierre, als auch zweitens die Bewertung des Vollzugs ohne Rücksicht auf das Gewollte, der Fall Ödipus: „Der Grundsatz: bei den Handlungen die Konsequenzen verachten, und der andere: die Handlungen aus den Folgen beurteilen und sie zum Maßstabe dessen, was recht und gut sei, zu machen – ist beides gleich abstrakter Verstand.“ (§ 118) Robespierre kann nicht nur an seinem hehren Anliegen, sondern auch an den zweischneidigen Konsequenzen seines Tuns und Ödipus nicht als Vatermörder beurteilt werden. Ödipus hat ohne es zu wissen den Vater erschlagen, die ihm zuzurechnende Handlung war die Tötung eines älteren Mannes, nicht Vater52 Quante nimmt diese Ambivalenz von ‚Schuld haben‘ genau unter die Lupe, die Verursachung und die Zurechenbarkeit. Quante, Hegels Begriff der Handlung, S. 154-158 Allerdings muss diese Zurechenbarkeit für Subjekte prinzipiell gelten, so ist ein Detail von Quantes Beschreibung der von Hegel schon bedachten Gefährdungshaftung, nicht einleuchtend – ‚es gebe Ereignisse, deren Folgen einem Handelnden zugerechnet werden, obwohl sein Wille in dem verursachten Ereignis nicht involviert ist‘. Wenn dies zuträfe, würde dies dem Schuldprinzip zuwiderlaufen. Als Eigentümer wird mir der von meinem Krokodil verursachte Schaden indirekt zurechenbar, da laut personalem Recht mein Wille darin haust. Diese Präsenz meines Willens bleibt das Essentielle, deshalb nutzt Hegel die merkwürdige Formulierung des ‚selbst handelnden Willens‘, um direkte und indirekte Schuld zu beschreiben.

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mord. „Dennoch erkennt er sich die Gesamtheit dieser Frevel zu“, obschon dies „weder in seinem Wissen noch in seinem Wollen gelegen hat.“ Der heroische Charakter „will die Schuld nicht teilen und weiß von diesem Gegensatze der subjektiven Absichten und der objektiven Tat und ihrer Folgen nichts“. Das Subjekt, will „was es getan hat, ganz und allein getan haben und das Geschehene vollständig in sich hineinverlegen.“53 Die Zurechnung darf auch dann nicht erfolgen, wenn die Grundbedingungen des Wollens nicht erfüllt sind, z. B. kann Ajax das in Raserei und Wahnsinn vollzogene Töten der Schafherden des Odysseus nicht zugeschrieben werden, weil er unzurechnungsfähig war. Dem Tun dieser Heroen liegt das positivunendliche Urteil zugrunde, welches die äußeren Umstände des Tuns noch nicht von einem selbständig zu bestimmenden Innerlichen unterscheidet, das Äußere wird mit dem Inneren ohne Differenz gleichgesetzt, mein Tun ist mein Handeln. Der folgende Satz aus § 118 rückt die notwendigen Momente der Handlung, ihre Ganzheit ins Licht: Das heroische Selbstbewusstsein ist noch nicht „zur Reflexion des Unterschiedes von Tat und Handlung, der äußerlichen Begebenheit und dem Vorsatze und Wissen der Umstände, sowie zur Zersplitterung der Folgen fortgegangen, sondern übernimmt die Schuld im ganzen Umfange der Tat.“ Mit dieser Formulierung ‚im ganzen Umfange der Tat‘54 verweist Hegel auf die Notwendigkeit eines ganzheitlichen Begriffs der Handlung, der die Momente der Intention und der Konsequenz (Resultat, Folge) unbedingt enthalten muss. Die Bestimmungen können somit nicht unmittelbare bleiben, sondern nötigen zum Transfer in reflektierte Bestimmungen; das unendliche Urteil als höchste Form eines Daseinsurteils geht in das Urteil der Reflexion über.55

53 Ästh 13, 246f., Herv. K.V. In einer Anmerkung zu § 118 verweist Hegel auf Orest als poetischen Repräsentanten des heroischen Selbstbewußtseins, der sich seine Taten uneingeschränkt zuschreibt – „ Sie wollen dessen schuldig sein, was sie getan […] daß sie selbst schuld an diesen Leiden sind – d.h. an ihrer eignen Tat nur ergriffen werden.“ Auf den Zusammenhang des Hegelschen Handlungsbegriffs in seiner praktischen Philosophie und in seiner Ästhetik wird in einem künftigen Projekt näher einzugehen sein. In dieser Abhandlung finden sich allerdings schon Hinweise auf die Erinnyen, die Eumeniden, auf Antigone und Kreon, auf Ödipus. 54 Die böse Handlung, etwa das Verbrechen gilt Hegel als „wirkliche Handlung“, aber als „widersinnig“, entsprechend dem Gehalt des negativ-unendlichen Urteils. Mit dem Verbrechen kann keine Vollständigkeit des Tuns erlangt werden, es erfüllt den Begriff der Handlung nicht. Erst in der Strafe erfolgt die formell-rechtliche Vervollständigung. Im Falle der Immoralität wäre eine Vollständigkeit nur mittels moralischer Sanktion, Einsicht vom immoralisch Agierenden und mittels Vergebung und Verzeihung zu erreichen. Zugleich verweist Hegel antizipierend auf den Bereich der Sittlichkeit als der „allgemeinen Sphäre“ des Handelns (WdL 6, 325). 55 Dazu im Detail: WdL 6, 324-326; Schick, Friedrike, Die Urteilslehre, a.a.O. S. 211f.

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IV. DIE MORALITÄT – DIE FREIHEIT DES MORALISCHEN SUBJEKTS

IV.4 DIE ABSICHT UND DAS WOHL IV.4.1 Das Recht der Absicht – Die zweite Zurechenbarkeit oder Imputation Das Besondere der Handlung ist in zweifacher Weise ihr innerer Inhalt: erstens wie für mich dessen allgemeiner Charakter bestimmt ist, was den Wert der Handlung, wonach sie für mich gilt, ausmacht, d. h. ob sie für mich wert-voll ist (Absicht) und zweitens ist ihr Inhalt als der besondere Zweck meines partikulären subjektiven Daseins das Wohl (§ 114). Beide Momente können durchaus auch konfligieren: da ich Helfen und Schenken als wertvolles Tun ansehe, gebe ich mein letztes Brot einem Verhungernden. Im Unterschied zum bloßen Vorsatz wird jetzt durch die Handlung nicht nur ein bloß Partikulares als abstrakt Allgemeines betroffen, sondern ein reflektiertes Allgemeines – die Wahrheit des Einzelnen ist das Allgemeine. Das äußerliche Dasein der Handlung ist ein mannigfaltiger Zusammenhang, der unendlich in Einzelheiten geteilt betrachtet werden kann, und die Handlung so, daß sie nur eine solche Einzelheit zunächst berührt habe. Aber die Wahrheit des Einzelnen ist das Allgemeine, und die Bestimmtheit der Handlung ist für sich nicht ein zu einer äußerlichen Einzelheit isolierter, sondern den mannigfaltigen Zusammenhang in sich enthaltender allgemeiner Inhalt. (§ 119).

Indem das Subjekt nicht nur ein Vorstellendes, sondern ein reflektierend Denkendes ist (ein kluges), wandelt sich der Vorsatz in die Absicht, in ein Allgemeines – eben das Recht der Absicht. Die Absicht beinhaltet die Bestimmung der Handlung aus der Reflexion in sich, aus meinem Wissen von mir (§ 119, A). Mit dieser zweiten Imputation wird eine höhere Ebene des Wissentlichen erstiegen, ein höherer Modus des Urteils – a) das Reflexionsurteil und b) das Urteil der Notwendigkeit (die gedoppelte Mitte im Reiche des Verstandes). Die erste Form des Reflexionsurteils gliedert sich in a1) das singuläre Urteil: „diese Handlung ist wohlbringend“; a2) das partikulare Urteil: „einige Handlungen sind wohlbringend“ und a3) das Urteil der Allheit: alle Schenkungen sind wohlbringende Handlungen, und die zweite Form des Urteils der Notwendigkeit in b1) das kategorische Urteil: „das Schenken ist eine (wohlbringende) Handlung“, b2) das hypothetische Urteil: „wenn so gehandelt wird, ist es ...“, und b3) das disjunktive Urteil: das Handeln ist entweder (sowohl) Schenken oder (als auch) Geben, Versprechen etc.56 Der Handlung wird zunächst ein allgemeines Prädikat im Sinne der Reflexionsallgemeinheit zugeordnet, es erfolgt eine Klassifikation des Handlungsinhaltes, eine Einordnung, eine Subsumtion von Handlungen: „Das Urteil über eine Handlung 56 Hegel macht explizit auf die wechselseitige Bedingtheit, wechselseitige Implikation der Reflexionsurteile und der Urteile der Notwendigkeit aufmerksam, auf die grammatikalische ‚Umkehrung‘ in den Urteilen: „Wenn wir sagen: alle Pflanzen, alle Menschen usw. so ist dies dasselbe, als ob wir sagen: die Pflanze, der Mensch usw.“ (Enz § 176, Z)

DIE ABSICHT UND DAS WOHL

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als äußerliche Tat [...] erteilt derselben ein allgemeines Prädikat, daß sie Brandstiftung, Tötung usf. ist.“ (§ 119) Auf dieser ersten Ebene sind die unmittelbaren Verstandesurteile – das singuläre und das kategorische Urteil – situiert, die wesenslogisch ein Substantialitätsverhältnis darstellen. Das kategorische Urteil fixiert die substantielle Natur des Sachverhaltes „Schenken“, seine ‚feste und unwandelbare Grundlage‘ (Enz § 177). Die notwendige Bestimmung des Schenkens liegt darin, Tun zu sein, die des Goldes besteht in der Metallität. Wie der Rose substantiell ihre vegetabilische Natur, so kommt dem Schenken seine handlungsmäßige Natur zu. Jedoch bleibt die Bestimmtheit zufällig und das Schenken hier unterbestimmt (underdetermined), Geben und Helfen sind auch ein Tun. Die Besonderheit (B) des Sachverhaltes ‚Schenken‘ kommt nicht zu ihrem vollen Recht. Der Tätige kann sich nicht auf die bloße Aussage ‚ich habe nur ein Stückchen vom Holz des Hauses entzündet, nur einen einzigen Teil des Körpers verletzt‘ kaprizieren. Sein Tun vermag er als weiterwirkend vorauszusehen und muss es sich zurechnen lassen, es ‚wissentlich‘ verantworten – „die Wahrheit des Einzelnen ist das Allgemeine, und die Bestimmtheit der Handlung ist für sich nicht ein zu einer äußerlichen Einzelheit isolierter, sondern den mannigfaltigen Zusammenhang in sich enthaltender allgemeiner Inhalt […] so daß beim Morde nicht ein Stück Fleisch als etwas Einzelnes, sondern darin selbst das Leben verletzt wird.“ (§ 119) Falls in den Kontexten von Mord oder Brandstiftung vom Täter auf die Absicht des bloßen Verletzen eines kleinen Punktes des Körpers bzw. des bloße Entzündens eines winzigen Stückes Holz rekurriert wird, so liegt damit in logischer Hinsicht bloß einen Satz vor, keinesfalls ein Urteil (ebd.). Es wird dem Täter doch die Ganzheit der Tat, einschließlich ihrer weitreichenden Folgen, zugemessen. Die allgemeine Seite, das Recht zu Einsicht und Absicht, impliziert die reflektierende Zurechnungsfähigkeit, die verloren bzw. abgestuft werden kann, in Abhängigkeit zur angemessenen Reichweite des dem Akteur zuzuschreibenden Verstandes. Diesen Sachverhalt exemplifiziert Hegel an der Differenz zwischen dem Tun von Kindern und voll zurechnungsfähigen Aktoren. Es geht um das „Recht der Absicht an den denkenden Menschen, die Natur der Handlung zu kennen“. Kleine Kinder wissen, dass sie zuschlagen können, aber nicht dass sie töten können, der Zurechnungsfähige weiß von der Natur der Handlung ‚Zuschlagen‘, dass sie eine Möglichkeit der Tötung ist (§ 120, A). Wenn ich durch einen Spaziergang in Pompeji den Ausbruch des Vesuv auslöse, kann mir dies nicht angelastet werden. Wenn aber die Ursache der Eruption eine von mir initiierte Bombenexplosion wäre, sieht dies anders aus, da ich über die Natur großer Sprengkräfte Wissen habe. Die Verfasstheit der Handlung als endliche behält auch die schon angedeutete zufällige Wirkungskraft. „Indem ich handele, setze ich mich selbst dem Unglück aus; dieses hat also ein Recht an mich und ist ein Dasein meines eigenen Wollens.“ (§ 119 Z). Auf der jetzt erklommenen Stufe wird jedoch dem Handelnden die Ehre erwiesen, ein verständig Denkender, nicht nur ein Vorstellender zu sein. Die Handlung ist als ein ‚aus mir bestimmtes Tun‘ zu nehmen, als eine ‚im Wissen positiv gegründete Nötigung‘, als ‚Bestimmung zu dieser oder jener Äußerung‘. Handlung ist das „Tun des denkenden Menschen – also eine Allgemeinheit in ihr – dies das We-

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sentliche.“ Es erfolgt eine Beurteilung der Handlung, eine „Bestimmung derselben als eines Allgemeinen; Ordnung, Klasse.“ (§ 119, A) Wir bewegen uns in der Sphäre der Differenz, der Beurteilung durch Reflexionsprädikate (nützlich, wohlbringend). Der Akteur fällt verstandesmäßige Urteile, Urteile der Reflexion und der Notwendigkeit. Die allgemeine Qualität der Handlung ist der auf eine einfache Form der Allgemeinheit zurückgebrachte Inhalt der Handlung, auf der höchsten Stufe dieser Sphäre in Gestalt des quantitativ-gemeinschaftlichen Allgemeinen, der äußeren Reflexionsallgemeinheit, auf Urteile der Subsumtion und Klassifikation. Das besondere Subjekt hat gegen die objektive Besonderheit der Handlung (Schenken, Nehmen, Helfen, Töten, Fehlinformieren, Versprechen57) einen besonderen Zweck, der sein Handeln beseelt, seinen besonderen Beweggrund, sein Interesse.58 Das Subjekt schenkt nicht nur um des Schenkens willen, sondern z.B. weil es Anderen helfen will.59 Würde es aus bloßer Schenklust schenken, so wäre die Lust der besondere Inhalt und somit die Triebfeder. Dieses Moment der Besonderheit in der Handlung macht die subjektive Freiheit aus, das Recht des Subjekts, in seiner Handlung seine Befriedigung zu finden. Durch dieses Besondere erhält die Handlung subjektiven Wert, Interesse für mich (§§ 121, 122, 124), sie ist ein bonum, ein Gut für mich. Die Besonderheit bestimmt sodann den Wert für mich, mein Interesse. Den Gedanke eines interesselosen Handelns hält Hegel für eine fantastische, leere, mönchische Vorstellung (Gr 332).

IV.4.2 Das Wohl oder die Glückseligkeit Die zentralen Aussagen zum besonderen Inhalt der Interessen und Zwecke liefert § 123. Durch seine aus der besonderen, innerlich bestimmten Tätigkeit schafft das moralische Subjekt seinen eigentümlichen (besonderen) Inhalt, den es sich als den Seinigen zuschreiben kann. Hegel wirft jedoch zugleich die entscheidende Frage auf: ‚in was soll meine Befriedigung‘ bestehen? (§ 123, A) Die Subjekte sollen für ihr ureigenes Anliegen, in ihrem eigensten Interesse handeln. Damit ist aber noch kein weiter bestimmter Inhalt generiert, kein Gehalt vom Subjekt selbst bestimmt. Dieser Inhalt der Zwecke wird auf dieser Ebene nur vorgefunden und äußerlich aufgenommen, es handelt sich nur um ein „Aufnehmen der auf natürliche Weise vorhandenen Bestimmungen“ (§ 123, A), somit noch um das Fortbestehen von Heteronomie. „Weiter bestimmten Inhalt aber hat die noch abstrakte und formelle Freiheit

57 Solches Sprechen (Versprechen, Fehlinformieren, Geloben, Beeiden etc.) ist ein moralisches Handeln (vgl. Rin 82). 58 „[T]hätig sein und Interesse haben ist gleichbedeutend, ich muß dabei sein wenn ich handele.“ (Gr 328) 59 Für Kant ist die Hilfsbereitschaft in Notfällen (Wohltätigkeit) moralisch verpflichtend (Beistandspflicht).

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der Subjektivität nur an ihrem natürlichen subjektiven Dasein“ (§ 123) Der besondere Inhalt erwächst zunächst aus der natürlichen Verfasstheit des Subjekts (natürliches subjektives Dasein), aus seinen Bedürfnissen, Interessen, Zwecken (Trieben, Neigungen, Leidenschaften, Meinungen, Einfällen, seinen Wünschen) und seinem Wählen aus diesen Möglichkeiten (§§ 6, 8). Die Realisation dieser Zwecke, einer formellen Selbstbestimmung, der noch abstrakten und formellen Freiheit der Subjektivität wird terminologisch als Wohl (Glückseligkeit) gefasst. Damit wird a) die Ganzheit aller Interessen an leiblichen und äußeren Gütern (Triebe, Lust) angesprochen, zur Eudaimonia gehören auch die Eutychia (Glücksgüter) und Hedone (Lust, Freude), sowie b) die Ganzheit aller Tugenden (aretai).60 David Hume nennt drei Güter: die innere Befriedigung unsere Seele, die äußerliche Befriedigung unseres Körpers und den ‚Genuß des Besitzes äußerer Sachen, die wir durch Fleiß und Glück gewonnen haben‘.61 In ihrer Antwort auf die Frage: Was braucht der Mensch? nennt Martha Nussbaum mit anderen Worten in etwa die betreffenden Sachverhalte: körperliche Integrität, Entwicklung des Verstandes und der Emotionen, Geselligkeit und Für-sich-Sein, Kontakt zur Natur, das Spielen und das ästhetische Wohlgefallen.62 Es tritt der Inhalt des natürlichen Willens (§ 11) ein, dieser ist aber nicht mehr unmittelbar, sondern in sich reflektiert, zu einem allgemeinen Zwecke – dem Wohl – erhoben (§ 123). „Der reflektierende Wille hat die zwei Elemente, jenes Sinnliche und die denkende Allgemeinheit“ (§ 21). Die Neigung oder Begierde als natürlicher Wille war noch „ungebändigt, noch ohne das Licht der Freiheit.“ Auf der Stufe der Moralität mache ich „den Inhalt der Begierde innerlich zu meinem Zwecke […] habe mich auf den Standpunct der Reflexion gesetzt; das Unmittelbare der Begierde ist gehemmt.“ (Hey 19) Die Bedürfnisse und Triebe sind „auf ein Ganzes, zunächst ihr Ganzes bezogen.“ (§ 123, A) Das Subjekt schafft auf der Basis der Reflexion einen konkreten Zusammenhang der genannten Dimension, den es als sein Wohl, als sein gutes Leben ansieht – das Wohl ist ein Ganzes, dies Ganze ist aber meine Einzelheit (8, 237), die Allgemeinheit für mich. Das im ‚System des Eudämonismus‘ fixierte Ziel der Glückseligkeit (des Wohls) beinhaltet die Befriedigung des Menschen in seinen besonderen Neigungen, Wünschen und Bedürfnissen (Enz § 54). Mit der kategorialen Bestimmung der Befriedigung dieses Inhalts als Wohl oder Glückseligkeit wird natürlich eine große philosophische Tradition aufgerufen, die Debatte um Glück und die Glückseligkeit (eudaimonia). An dieser Stelle können nur wenige Paradigmen kursorische Erwähnung finden, die für Hegels Positionierung besonders relevant sind: Zum ersten die Kantische Auffassung, dass die 60 Das Subjekt „ist in seiner Tätigkeit besondert, und es ist notwendig, daß es darin identisch sei mit dem Allgemeinen. Diese Einheit, worin das Vernünftige das Herrschende ist, ist die Tugend“ (GdPh 19, 223). 61 Hume, Ein Traktat über die menschliche Natur (III), a.a.O., S. 231. 62 Nussbaum, Gerechtigkeit, a.a.O. Die verschiedenen capabilities sind aber bei Nußbaum nur aufgezählt und aufgereiht. Der Vorzug der Hegelschen Konzeption liegt in der Begründung und Darstellung eines logisch fundierten Stufengangs des Geistes, des Kulturellen; vgl. Hegels Enzyklopädie.

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Glückseligkeit als Befriedigung aller unserer Neigungen nicht als Motiv moralischen Handelns gelten kann; zum zweiten die Sicht des Aristoteles, derzufolge vernünftiges Handeln und tugendhaftes Leben zur Glückseligkeit führen, wobei Lust, Begierde und Neigung zum Wohlbringenden gerechnet werden; zum dritten rekurriert Hegel auf den Eudämonismus bzw. Utilitarismus und dessen These von der Erlangung der Glückseligkeit in der Befriedigung der besonderen Neigungen, der Wünsche, Bedürfnisse, Präferenzen des Menschen, womit das für den Menschen Nützliche als Partikulares und Zufälliges zum Prinzip des Willens wird. Der Gehalt der Handlung hängt ausschließlich von ihren Resultaten, ihren Folgen, ihren Konsequenzen ab, so die Kernthese dieser utilitaristisch-konsequentialistischen Position. Das Erreichen des Wohls (Maximum-Happiness bzw. Greatest-Happiness-Principle) muss somit kalkuliert werden, womit zwar über den Inhalt des Willens als eines bloß gegebenen, natürlichen hinausgegangen, aber noch lange nicht die Vernünftigkeit erreicht wird, sondern nur ein Reflektieren und Kalkulieren im Sinne eines Benthamschen Kalküls (felicific calculus). Der Verstand tritt in Gestalt der berechnenden Triebverwaltung auf, um das Privatwohl und das Privatwohl Aller zu sichern und somit als eine Reflexions- oder Verstandes-Allgemeinheit. Welches sind aber nun die auszuwählenden glückseligmachenden und wohlbringenden Handlungen? In dieser Hauptfrage an die utilitaristisch-konsequentialistischen Konzeptionen scheinen deren spezifische Probleme und Schwierigkeiten, die letztlich ihren Grund in den Urteilen der Reflexion haben, klar auf. Der Willkür wird Tür und Tor geöffnet (Enz § 54, Z); die durch die Indexikalität (‚diese‘ oder ‚jene‘ Handlungen) ausgedrückte Besonderheit verweist auf ein Wählen der Bestimmtheiten ohne suffizientes Kriterium. Mit Hilfe von Hegels Urteilslehre – ‚die Handlung teilt sich in Allgemeinheit und Besonderheit‘63 – können die Grundmauern der Reflexionsallgemeinheit des Wohls, der nur vorgestellten, abstrakten Allgemeinheit des Inhalts (Enz § 480) der Zwecke freigelegt werden, § 123 spricht in diesem Zusammenhang vom reflektierenden Denken und vom ‚Standpunkt des Verhältnisses‘. Im singulären Urteil wird einer Handlung das Prädikat nützlich bzw. wohlbringend zugeschrieben (WdL 6, 326), das partikulare Urteil vollzieht eine Komprehension und hält fest, dass einige Handlungen wohlbringend sind und einige auch nicht, dieses Urteil bleibt somit unbestimmt.64 Im eigentlichen Reflexionsurteil, dem Urteil der Allheit oder universellen Urteil, wird eine bloß empirische Allgemeinheit konstituiert, das Einzelne ist als Unmittelbares vorausgesetzt, vorgefunden oder äußerlich aufgenommen (Bedürfnisse, Triebe). Dem Einzelnen bleibt die Reflexion, die es zur Allheit verbindet, äußerlich. „Weil aber das Einzelne als Dieses schlechthin gleichgültig gegen diese Reflexion ist, so können sich die Allgemeinheit und solches Einzelnes nicht zu einer Einheit vereinigen.“ (WdL 6, 332) Die Prädikate – nützlich, wohlbringend – sind 63 § 120, A, Herv. K.V. 64 Darin wir ein nur vorläufiger epistemischer Zustand, eine Unterbestimmtheit des Subjekts fixiert und es ergibt sich die Frage: Welche Schenkungen? Vgl. dazu: Schick, Die Urteilslehre, a.a.O. S. 214.

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Reflexionsbestimmungen, worin der Begriff des Subjekts (des Urteils) noch nicht erfaßt werden kann (WdL 6, 332f.), die Allgemeinheit bleibt eine Verhältnisbestimmung (Enz § 174), das anvisierte Universelle ein Relatives. Im Urteil ‚Alle Gaben sind wohlbringende Handlungen‘ wird zwar eine Allgemeinheit als Gemeinsamkeit fixiert, jedoch das Subjekt – der Begriff der Handlung ‚Geben‘ – nur unzureichend bestimmt. Insofern das Wohl als ein Ganzes der Befriedigung der Bedürfnisse auftritt, bleibt es gestattet, dieses Ganze des Wohls als bloß formelle (empirische) Allgemeinheit der Reflexion zu charakterisieren, als ein Allgemeines, dass als Maßstab und Orientierungspunkt einzelner Handlungen gelten soll, das aber den notwendigen Inhalt nur aus der Aufnahme und der Auswahl65 der einzelnen vorgefundenen Bedürfnisse zu gewinnen vermag. Die Begrenztheit des Wohls liegt einerseits in der Vermischung von qualitativer und quantitativer Bestimmung, andererseits liegt in den Trieben die willkürliche und beliebige Entscheidung, weil das Wohl seinen ‚affirmativen Inhalt allein in diesen Trieben hat (Enz § 479). Somit kann nur eine auf dem reflektierenden Denken basierende ‚Ganzheit des Wohls‘, aber kein vernünftiges System von Willensbestimmungen, noch kein hinlänglicher Begriff des freien Handelns und der Selbstbestimmung konzipiert werden, es fehlt „die Form der Vernünftigkeit – dies erst in der Sittlichkeit.“ (§ 123, A). Die logische Verankerung erfährt ihre Bekräftigung in der Hervorhebung der Besonderheit, der Geltung des Subjekts als eines Besonderen, womit auf den Inhalt des natürlichen Willens rekurriert werden muss, auf den Grundpfeiler der Besonderheit (§ 11). Nur haben wir jetzt schon eine höhere Stufe erreicht, den natürlich subjektiven Willen. Es geht nicht mehr um den unmittelbaren, natürlichen, sondern um den reflektierten Willen, der auf dem reflektierenden Denken basiert und somit schon allgemeine Zwecke im Sinne der Verstandesallgemeinheit konstituiert. In diesem Recht der Besonderheit des Subjekts, sich befriedigt zu finden, in dem Recht der subjektiven Freiheit sieht Hegel das Prinzip der Moderne, der ‚neuen Form der Welt‘, sich manifestierend in der Moralität, im Gewissen und in der bürgerlichen Gesellschaft und im äußeren Staatsrecht (§ 124), in den ‚Reichen der Besonderheit‘.66 Damit wird ein Kernpunkt von Modernität fixiert, die differentia spezifica zum Altertum. Aber: „Dies Prinzip der Besonderheit ist nun allerdings ein Moment des Gegensatzes und zunächst wenigstens ebensowohl identisch mit dem Allgemeinen als unterschieden von ihm.“ (§ 124) Dieses Recht der subjektiven Freiheit, der unendlichen Reflexion des Selbstbewusstseins in sich, führt dann notwendig die Entzweiung des Sittlichen mit sich, was seinen Ausdruck speziell in der bürgerlichen Gesellschaft findet.67 Der abstrakte Verstand bzw. die abstrakte Reflexion formulieren die Besonderheit im Unterschiede und in ihrer Entgegensetzung zum Allgemeinen. (§ 124) Ins Visier gerät eine Kantische Position: Hegel zufolge hat der Mensch ein absolutes Recht, auch Zwecke zu setzen, die in seiner Lebendigkeit, in seiner Besonderheit 65 Hegel spricht von der Willkür, der abstrakten Einzelheit, Enz § 480. 66 Ästh 13, 121. 67 Vgl. dazu die Interpretation des Kapitel über die bürgerliche Gesellschaft, VII.

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gründen, ein Recht, seine Bedürfnisse und Neigungen zu seinen Zwecken zu machen. Das Wohl bzw. die Glückseligkeit können durchaus Beweggründe moralischen Handelns sein. Der Aufruf zum Verzicht auf das Wohl (logisch: auf die Besonderheit) gilt als Forderung des abstrakten Verstandes (Gr 332). „Es ist nichts Herabwürdigendes darin, daß jemand lebt, und ihm steht keine höhere Geistigkeit gegenüber, in der man existieren könnte“ – die Unterschiedenheit des Natürlichen und Geistigen begründet keine Unverträglichkeit, so die Zurückweisung Kants und die Annäherung an Aristoteles, besonders im Plädoyer für das „Heraufheben des Vorgefundenen zu einem Aus-sich-Erschaffen“ (§ 123, A), im Votum für das vernünftige Handeln, im Unterschied zu dem nur auf dem Verstand basierenden Tun. Das ‚in sich Reflektieren‘ schließt ein, dass einer normativen Vorgabe nicht nur deswegen gefolgt werden darf, weil diese gerade als richtig gilt. Die Norm muss auch dem Anspruch des besonderen Subjekts genügen, die ‚subjektive Befriedigung‘ gewähren (§ 124). Zudem bezieht sich das Subjektive mit dem besonderen Inhalt des Wohls auf ein Allgemeines. Das Wohl liegt in der Sorge für das eigene Wohl, aber dies hat Bezug zum Wohl Anderer (§ 125). Dieses Verhältnis zum Wohl Aller – der anderen Besonderen – konstituiert das Wohl als Ganzes und Allgemeines, aber noch kein echtes Allgemeines, sondern ein bloßes „Kollektivum“ (Wohl und Glück für die größtmögliche Zahl). Es geht um ein Recht, dem die Zwecke des Besonderen gemäß sein können oder auch nicht. Dies impliziert eine bloße Möglichkeit der Identität von A und B, die Identität ist nicht gesetzt, nicht zwingend, bloß wahrscheinlich: ‚Wenn ich schenke, dann scheint Wohl einzutreten‘, in Hegelschem Duktus: ‚am Schenken scheint das Wohl‘. Das utilitaristische Prinzip ‚the greatest happiness for the greatest number‘ gilt, wenn es als ausschließliches Prinzip des Handelns gelten soll, als unbestimmte, hohle Reflexion, die Langeweile erzeuge (§ 125 A). Liest man das Prinzip der Verfassung der Vereinigten Staaten über die Förderung des ‚allgemeinen Wohls‘, so liegt die Crux im Verständnis des Wörtchens ‚allgemein‘, wie auch beim Willen zwischen volonté de tous (dem Willen aller) und dem volonté générale (dem allgemeinen Willen) differenziert werden muss. Ausgehend von der Position, dass ‚der Mensch nichts anderes als die Reihe seiner Taten ist‘ (Enz § 140, Z)68, wird jetzt das moralische Subjekt als die Reihe seiner Handlungen, als die Gesamtheit seiner Handlungen69 verstanden. Hier kommen das universelle und besonders das disjunktive Urteil (die höchsten Form des Urteils der Notwendigkeit) zum Tragen: ‚Handeln ist entweder (sowohl) Schenkens oder (als auch) Helfen, oder (als auch) Nehmen etc.‘ An dieser Stelle sei ein kurzer Blick auf das Verhältnis der Urteile der Reflexion und der Notwendigkeit, die als Verstandesurteile gelten können, gestattet. Am Transfer vom universellen Urteil zum kategorischen Urteil scheint dieser Zusammenhang der beiden Urteilstypen auf. In der Feststellung ‚Alle Schenkungen sind wohlbringende Handlungen‘ liegt bereits die Beziehung von Gattung und Arten: ‚Das Schenken (das Helfen im Notfalle) ist eine 68 Enz 8, 278. „An ihren Früchten sollt ihr sie erkennen.“ Math. 7, 16. 69 Das Ich ist „seine That, und sein Produkt“, es ist „kein Vermögen, sondern es ist handelnd; es ist, was es handelt, und wenn es nicht handelt, so ist es nichts.“ (GA I, 3, 334)

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wohlbringende Handlung‘. In diesem Urteil drückt die Kopula die Notwendigkeit aus, es gibt kein Schenken (Helfen, Geben etc.), das nicht Handlung wäre. Aber noch immer bewegen wir uns im Bereiche der Verstandesallgemeinheit, das Allgemeine kommt ‚zunächst als Gattung‘ ins Visier (Enz § 177). Wenn wir den Sachverhalt Handeln diagnostizieren, so haben wir es mit Schenken, Helfen, Nehmen, Versprechen etc. zu tun.70 Im letztgenannten Satz tritt das Kausalitätsprinzip als Prinzip des Verstandes hervor.71 Handeln kann so Schenken als auch Versprechen sein, ebenso verschieden und konträr: ‚Handeln ist Schenken oder Versprechen‘ bzw. kontradiktorisch: ‚wohlbringend oder wohlvernichtend‘. In diesen Fällen repräsentiert die Handlung die Gattung und die einzelnen besonderen Vollzüge repräsentieren die Arten des Handelns. Diese Arten repräsentieren die Ganzheit der Momente des Begriffs, die Gattungsallgemeinheit als konkrete, wesentlich bestimmte Allgemeinheit, als objektive Allgemeinheit (WdL 6, 339ff.). Die Identität des Handlungsbegriffs liegt hier in seinen von ihm gesetzten Bestimmungen, der Begriff der Handlung bestimmt sich selbst in seinen Handlungsarten, so Hegels Fixierung der Selbstbestimmung der Gattung in ihren Arten72, die ihren logischen Anker im disjunktiven Urteil hat. Die Gattung Handlung besteht in der Totalität der Arten des wohlbringenden Handelns. Das konkrete Allgemeine des Handelns, seine Gattung, erscheint in einfacher Form als das Subjekt des disjunktiven Urteils: ‚Das Handeln ist ...‘. Die Besonderheit in ihrer Entwicklung macht das Prädikat aus: Schenken oder Helfen – in diesem ‚Sowohl-Als-Auch‘ und ‚Entweder-Oder‘ sieht Hegel die positive Identität von B und A. Die objektive Allgemeinheit bleibt, erhält sich in ihrer Besonderheit. Zugleich stehen die Arten jedoch in einer negativen Beziehung zueinander, schließen sich gegenseitig aus: ‚Entweder Schenken oder Versprechen‘ (im Sinne des ausschließenden Oder) – die Gattungseinheit in Gestalt bestimmter Besonderheiten. Das Recht der Besonderheit auf Befriedigung, das Recht der subjektiven Freiheit feiert Hegel (wie bereits erwähnt) als das Prinzip der modernen Welt, als Gestaltungen nennt er die Liebe, das Romantische (z.B. die romantische Kunstform und die Ironie), die Moralität und das Gewissen, die bürgerliche Gesellschaft, Momente der politischen Verfassung etc. Wir sind mitten in der Sphäre des Für-sich-Seins, auf der Domäne der Besonderheit, der Differenz der Neigungen, eben beim Recht auf Besonderheit, was Vor- und Nachteile der Geburt, des Talents, des Charakters involviert. Thematisch wird hier die Verschiedenheit des Sollens an den Einzelnen und die Unterschiedlichkeit seines Wohls. Darin haben wir eine wesentliche Prägung für die Existenz der konkreten Person in der bürgerlichen Gesellschaft, der Sphäre des differenten Wohls. Die Moralität beinhaltet nicht bloß einen feindlichen Kampf gegen die eigenen Neigungen und Begehrungen; letztere haben ihre vernünftige Berechtigung, denn Pflicht und Neigung müssen sich nicht ausschließen. Wir sind 70 „Wie im kategorischen Urteile die Substantialität, so ist im hypothetischen der Zusammenhang der Kausalität in seiner Begriffsform.“ WdL 6, 338. 71 In Hegels Logik ist von „Reflexionsverhältnissen“ die Rede, WdL 6, 338. 72 Pierini, Theorie der Freiheit, a.a.O.; Schick, Die Urteilslehre, a.a.O., S. 219.

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weder dazu da, nur unsere Pflicht zu tun, noch um bloß unseren besonderen Neigungen nachzugehen. Alle freien Handlungen sollen dem Wohl dienen, aber die realisierten Zwecke des Besonderen, dies ist wesentlich, können der Allgemeinheit gemäß sein oder auch nicht. Mein Streben nach Wohl kann mit dem entsprechenden Streben der Anderen konfligieren, das Kriterium für die Realisierung meines Wohls ist nicht nur aufgrund der ‚Meinigkeit‘ legitim. Wohl und abstraktes Recht können in Opposition geraten. Keine Absicht meines Wohls kann eine unrechtliche Handlung rechtfertigen, Stehlen kann so nicht als freie Handlung angesehen werden. Jedes Subjekt muss als ein Freies gelten, hier kann es keine Ausnahme geben.73 Aber dies verlangt den Rückgriff auf die bislang erreichte Stufe in der Bestimmung des Rechts. § 126 resümiert den jetzt erklommenen Standort in der Betrachtung von Recht und Wohl: formelles Recht (‚Privatrecht‘) und besonderes Wohl des Einzelnen (‚Privatwohl‘) repräsentieren zwei defiziente Figuren, sie sind relatives Recht gegeneinander und haben ihr Recht nur als Besonderungen eines Allgemeinen, das weder durch abstraktes Recht noch durch das Wohl alleine definiert werden kann.74 Insofern sie gegen das Allgemeine des Staats geltend gemacht werden, stellt dies einen der häufigsten theoretischen Missgriffe dar. In der Position der prinzipiellen Ablehnung staatlicher Interventionen ins Eigentumsrecht (etwa dem Credo ‚Steuern sind Diebstahl des Staates‘) bleibt das Defizitäre des für sich genommenen formellen Rechts unbeachtet, die Einbeziehung des abstrakten Rechts in sittliche Kontexte bleibt ausgeblendet. Der in Hegels Sicht mögliche Konflikt zwischen abstraktem Recht und Wohl tritt besonders in der Gestalt des Notrechts hervor. Dies indiziert ebenfalls, dass der Begriff der Handlung hier noch nicht zureichend bestimmt ist.

IV.4.3 Das Not-Recht als Menschenrecht In My Life

Die Besonderheit gipfelt im Leben als dem persönlichen Dasein, die Subjektivität manifestiert sich als Leben, als Lebendigkeit („Subjektivität, Besonderheit – Leben“ RPh 242), womit allen Menschen bzw. dem Menschen als Menschheit, das Selbsterhaltungsrecht 75, das Recht auf körperliche Existenz als Not-Recht zugestanden werden muss. Die natürliche Lebendigkeit bildet für Hegel keine Depravation, keine Herabwürdigung des Menschen, sondern ein wesentliches Moment seiner Vernünf73 Unrechtliche Verschleppung von Gefangenen, ungesetzliche Internierungslager (an ‚rechtlosen‘ Orten), Folter etc. – hier kann es keine Ausnahmen geben – die Würde jedes Menschen ist unantastbar. 74 Für die Hinweise zu diesem Problem danke ich Friederike Schick. 75 Right to their preservation (John Locke). Hegel folgt hier dem von Locke fixierten Grundprinzip des Widerstandsrechts, dem Recht auf Selbsterhaltung. Wenn dieses fundamentale Recht angetastet wird, erwächst das Recht zum Wehren dagegen. Schon hier folgt Hegel hinsichtlich der Sicht des Widerstandrechts Locke und Hume.

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tigkeit (Ho 385). Sofern eine gravierende Verletzung dieses Daseins und damit die totale Rechtlosigkeit76 und die Verletzung des Daseins der Freiheit droht, eine Situation der Not als ‚zufälliger Notwendigkeit‘ (§ 33, A), muss in Abwägung mit dem geringeren ‚Wert‘ einer einzelnen Sache das abstrakte, strenge Recht durchbrochen werden, wobei sich dies auf gegenwärtige, momentane, akute Ausnahmesituationen, auf extreme Notlagen bezieht, auf die Gefährdung des ‚Itzt‘ des Lebens, was jeweils einer präzisen Klärung bedarf. Die Kollision von Gütern77 demonstriert Hegel am Mundraub: Wenn z. B. ein akut Verhungernder ein Brot stiehlt, so ist dies Hegel zufolge sein Recht, das Recht „muß Leben haben“.78 Wenn der Mensch in einer solchen Ausnahmelage „sein Leben rettet dadurch, daß er einen kleinen Teil des anderen Besitzes entwendet, so ist dies nicht Unrecht. Und es ist nicht Billigkeit, sondern bestimmtes Recht, das Leben ist absolutes Moment in der Idee der Freiheit.“79 (Kiel 126) Es wurde zwar ein Recht verletzt, dies aber um ein höheres Recht wahrzunehmen.80 Die Notsituation beinhaltet ja die Verletzung des Rechts auf körperliche Existenz – „Jeder hat das Recht auf Leben und körperliche Unversehrtheit.“81 Deswegen kann das Verbot der Übertretung des formellen Rechts (z. B. des Eigentumsrechts) nicht mehr gelten, die Lage hat sich umgekehrt (vgl. Situation der NotWehr, echte Not-Lüge, Armut als natürlich-existentielle Not-Situation, politischer Not- oder Ausnahmezustand). Die Straffreiheit wäre nicht nur eine Sache der Barmherzigkeit oder Generosität, es handelt sich um ein unumstößliches Menschenrecht im genannten universalen Sinne der Gerechtigkeit, um das Recht auf Ernährung und Schutz vor Krankheit, vor der Zerstörung der natürlichen Lebensgrundlagen.82 Karl von Rotteck, ein Vertreter einer Spielart des Liberalismus im 19. Jh., kritisiert die Hegelsche Position massiv, es gäbe ‚kein Recht, Unrecht zu tun‘.83 Diesen Satz würde Hegel aber ohne Einschränkung unterschreiben, nur liegt die Crux in der von Rotteckschen Auffassung von Recht. Darin wird dem formellen Eigen76 Ein toter Mensch ist keine Rechtsperson mehr (obwohl andere seine verbliebenen Berechtigungen wahrnehmen können). 77 „Berechtigt ist die Erhaltung desjenigen Gutes, dessen Vernichtung die größere Rechtsverletzung bedeuten würde.“ Bockelmann, Paul, Hegels Notstandslehre, Berlin und Leipzig 1935, S. 22. 78 § 128, A, Herv. K.V. Vgl. zum Thema auch: Schild, Wolfgang, Hegels Lehre vom Notrecht, in: Die Rechtsphilosophie des Deutschen Idealismus, hg. v. Hösle, Vittorio, Hamburg 1989. 79 „Das Leben hat recht gegen das strenge Recht […] Das Leben ist Totalität, und in dem Gegensatz des Rechts gegen das Leben ist das Recht selbst in Kollision.“ (Kiel 126) 80 Vgl.: Losurdo, Domenico, Hegel und die Freiheit der Modernen. Frankfurt a. M. 2000, S. 119123, Losurdo spricht zutreffend vom ‚subjektiven Recht des Hungernden, der zur Gewährleistung seines Lebens in extremen Fällen berechtigt ist, das Eigentumsrecht zu verletzen‘, ebd. 121. In medizinischen Notfällen oder bei Naturkatastrophen steht die Erhaltung von Leben an höchster Stelle der Hierarchie (Ethik der Triage). 81 GG Art. 2, 2. 82 Einem Schuldner müssen Hegel zufolge die Möglichkeiten zur Ernährung, Kleidung, ja selbst die Möglichkeiten einer Existenzsicherung (dem Handwerker das Instrument, dem Bauern die Ackergeräte gelassen werden, auch wenn die Rechte des Gläubigers damit betroffen sind) – das beneficium competentiae. 83 Vgl. dazu: Losurdo, Hegel und die Freiheit der Modernen, a.a.O., S. 120.

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tumsrecht nämlich Vorrang gegenüber dem Leben zugemessen und das Wegnehmen des Brotes seitens des akut Bedrohten unmittelbar und zu Unrecht als Unrecht klassifiziert. Hegel betont unmißverständlich: „Geht das Leben verloren, so ist damit die Rechtlosigkeit gesetzt.“ (Rin 61) Aus einer solchen Perspektive verschwindet der Unterschied von Rechten und eine Rangordnung von Rechten als Stufen in der Entwicklung des Begriffs des freien Willens84 kommt nicht in Betracht, nur das formale, abstrakte Recht wird als Recht verstanden und dessen Grenzen ignoriert und dementiert. In ähnlicher Weise kann die Position von Robert Nozick in Anarchy, State, Utopia gesehen werden, als eine entsprechende Reduktion des Begriffes Recht auf das abstrakte, formelle Recht – „Nozick never gets beyond Abstract Right […] So we should read Hegel as, posthumously, putting Nozick in his place. Anachronistically, Hegel’s criticism […] is basically correct.”85 In der Hotho-Nachschrift wird besonders eindrücklich herausgehoben, dass im Angesicht der ‚großen Menge des Unglücks‘ (Ho 398), der unermeßlichen Armut, das höhere Recht auf Daseinserhaltung erwächst, in der Empörung aus Not ist es jedem Subjekt zuzugestehen.86 Außerordentliches Gewicht erhält dabei das Menschenrecht auf angemessene Nahrung, worauf im Kapitel über die bürgerliche Gesellschaft zurückzukommen ist. Der Tatbestand der Armut wird zwar erst umfassend im Sittlichkeits-Kapitel wieder aufgegriffen, jedoch liefern die Überlegungen zum Notrecht einen Grundstein für die später folgende Erörterung der Kluft von Reichtum und Armut als Grundproblem der bürgerlichen Gesellschaft. Folgender Satz könnte heute mit ebenso großer Dringlichkeit formuliert sein: „Des Unglücks Vieler wäre mit geringen Mitteln abzuhelfen, die aber im freien Eigenthum Anderer sind.“ (Ho 398). Das Prinzip des Notrechts besitzt somit auch erhebliche Relevanz für unsere Zeit, in der jeden Tag unzählige freie Wesen verhungern müssen bzw. an vermeidbaren Krankheiten, wegen fehlender Medikamente und Umweltzerstörung sterben; dies sind aus Hegelscher Sicht eklatante Verstöße gegen das Recht. Eine Gemeinschaft von Subjekten hat diese Momente des Wohls als Recht zu akzeptieren und zu gewährleisten. Die Konzepte der reinen Personengemeinschaft und der bloßen Gemeinschaft moralischer Subjekte bleiben einseitig und defizitär, es muss eine höhere Weise des ‚Gemeinwesens‘ gedacht werden, eben eine sittliche Gemeinschaftung, in ihrer höchsten Form als Staat. Auf den Ebenen der Moralität und des abstrakten Rechts kann dieses Recht noch nicht zureichend gewährleistet oder gesichert sein, es werden hier nur Momente freien Handelns thematisiert, nicht die Handlung in ihrer Gesamtheit. Die Endlichkeit und Zufälligkeit beider Sphären, des Rechts wie des Wohls, springen deutlich hervor. Das Wohl wird zwar zur Allgemeinheit gesteigert (§ 128), aber die Kluft zwischen der Not und den vorhandenen Mitteln, ihr abzuhelfen, kann auf dieser 84 Darauf basiert Hegels Rede vom ‚höheren Recht‘. Die „Bestimmungen, die das Privateigentum betreffen, können höheren Sphären des Rechts, einem Gemeinwesen, dem Staate, untergeordnet werden“ (§ 46). 85 Knowles, Hegel and the Philosophy of Right, a.a.O., S. 347. 86 Näheres zum Problemkreis Armut im Kapitel über Hegels Begriff der Sittlichkeit.

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Ebene der Moralität nicht völlig überwunden werden. Formales Recht und Wohl erweisen ihre Unzulänglichkeit – die Not (als Form des Übels) „offenbart sowohl die Endlichkeit und damit die Zufälligkeit des Rechts als [auch] des Wohls – des abstrakten Daseins der Freiheit, ohne daß es als Existenz der besonderen Person ist, und der Sphäre des besonderen Willens ohne die Allgemeinheit des Rechts.“ (Ebd.)87 Ein angemessener Begriff von Recht und Gerechtigkeit fordert so das Denken der Einheit der legitimierten Ansprüche der Personalität mit dem Recht auf Wohl und Wohlfahrt, es handelt sich bei beiden Momenten um Rechte im Hegelschen Sinne.88 Formelle Freiheit und das Wohl sind in eine höhere Einheit zu bringen, dies führt zum Übergehen in den Begriff des Guten – das ‚erfüllte, an und für sich seiende Allgemeine‘ (A) – und des Gewissens – die in sich wissende und in sich den Inhalt bestimmende unendliche Subjektivität (B) (Ebd.). Das Recht als allgemeiner Begriff des Willens und die Subjektivität, die Besonderheit als Leben sind einseitig, die Idee ihrer Einheit ist zu denken: Weder Zweck der Besonderheit für sich noch abstraktes Recht für sich, sondern der Gedanke die Einheit beider steht auf der Tagesordnung. Der Geist erfaßt diese Einheit und damit sich selbst, was Hegel wiederum ausdrücklich als theoretischen Übergang kennzeichnet (§ 128, A), als den Übergang vom Verstandesurteil (dem Urteil der Reflexion und der Notwendigkeit) hin zum Begriffsurteil. In dem zuletzt Gesagten liegt ein entscheidender Grund für das, was Hegel den Staat nennt. Nur der Bereich des Sittlichen, dessen höchste Gestalt der Staat ist, vermag die offensichtlichen Kollisionen vernünftig zu regulieren, nur in dieser Sphäre kann ein Ausgleich zwischen Recht und besonderen Zwecken (der nicht bloß ‚casuistischen Collission‘) gelingen. Auf einen solchen Ausgleich, auf eine solche ‚Versöhnung‘ haben alle Subjekte ein absolutes Recht, eine bloß moralisierende Entrüstung greift zu kurz. Die Begründung der Unabdingbarkeit des Staates als eines vernünftigen Regulators der ‚grellsten Gegensätze‘ erwächst so aus der vorher ungenügenden Bestimmtheit des Begriffs des freien Willens, die sich durch eine ‚unsägliche Menge des Unglücks‘ in den Kontexten menschlichen Handelns ausdrückt, die Legitimation von Sittlichkeit und Staat entsteht aus der noch unzureichenden Bestimmung des freien Handelns in den Sphären des Rechts und der Moralität. Die letzte Stufe der Entwicklung des subjektiven Willens und des moralischen Handelns liegt in einer höheren Weise der Herstellung der Einheit von A und B, einer Einheit der Allgemeinheit des Willens, der Allgemeinheit des abstrakten Rechts und dem besonderen moralischen Willen, einem allgemeinen Wert des Handelns 87 „Das Wohl ist ein Zufälliges, indem es in Kollision kommt mit dem Recht, aber das Recht ist auch Zufälliges, indem es mit dem Leben in Kollision kommt. Indem das Recht dem Leben aufgeopfert würde, würde es selbst ein Leeres. Die Not ist dieser Ausdruck, die absolute Not. Der Begriff des Rechts enthält beide Momente […] Das Bewußtsein und die Übereinstimmung des Allgemeinen mit der Subjektivität ist eine neue Bestimmung der Idee, das Gute.“ (Kiel 127) 88 Extreme sind a) die Verabsolutierung des formalen Rechts: ‚Wohl ist Glückssache, liegt nur in der Hand des Einzelnen‘ oder b) die Proklamation des Wohls zum Entscheidenden und der Herabstufung der personellen Rechte: ‚Diktatur schafft Arbeit und Wohl für alle‘.

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IV. DIE MORALITÄT – DIE FREIHEIT DES MORALISCHEN SUBJEKTS

schlechthin. Im Anschluß an die Tradition wird dies kategorial mit der normativen Bestimmung des Guten gefaßt, des erfüllten, an und für sich bestimmten Allgemeinen. „Das Gute ist die Absicht, erhoben zu dem Begriffe des Willens.“ (§ 114, Z) Eine Handlung wird einer Prüfung und Beurteilung unterzogen, die feststellen soll, ob sie als eine solche gute Handlung gelten kann. Die jeweilige Handlung muss in Beziehung auf den Begriff der Handlung betrachtet werden, insofern ist vom Begriffsurteil die Rede. Stehlen, Morden oder Lügen etwa verfehlen den Begriff des Handelns, den Begriff der Freiheit, und können so nicht als gut beurteilt werden. Es sind im strengen Sinne keine vollständigen, wahrhaften Handlungen, sondern bloß unrechtliches, unmoralisches Tun. Der Diebstahl ist „eine Handlung, welche dem Begriff des menschlichen Tuns nicht entspricht.“ (Enz § 172, Z)89 Wie schon angerissen, konstituiert sich im disjunktiven Urteil bereits ein immanentes, konkretes Allgemeines. Diese immanente Bestimmtheit liegt in der Identität der Artenganzheit des Handelns, allerdings eben nur in einer zufälligen Vollständigkeit und einer quantitativen Allgemeinheit.90 In der Kopula des Urteils, der Einheit, haben wir den Begriff des Handelns selbst, den Begriff, der ‚sich selbst disjungiert‘, sich besondert, der seine eigenen Unterscheidungen in bestimmte Begriffe, in bestimmte besondere Handlungsarten setzt.91 Darin wird eine höhere Stufe der (Selbst) Bestimmung des Handlungsbegriffes erklommen – die vom Begriff selbst vollzogene Ur-Teilung, das Begriffsurteil als der Begriff in der Bestimmung seiner negativen Einheit.92 Nach der normativen Bestimmung des Handelns und seiner möglichen Bewertung als eines ‚guten‘93 kann in einem zweiten Schritt schließlich das Gewissen als die sich in sich wissende und in sich den Inhalt bestimmende Subjektivität gefaßt werden.

89 „Es hat zwar die Richtigkeit damit, daß es [das Verbrechen] eine wirkliche Handlung ist, aber weil sie sich auf die Sittlichkeit, welche ihre allgemeine Sphäre ausmacht, durchaus negativ bezieht, ist sie widersinnig.“ (WdL 6, 325) Dabei erhält die Hegelsche Unterscheidung zwischen Richtigkeit und Wahrheit wesentliches Gewicht, dazu Enz § 172 und dessen Zusatz. Bei der bloßen Richtigkeit liegt eine nur formelle Übereinstimmung unserer Vorstellung mit ihrem Inhalt vor, unabhängig von der Beschaffenheit dieses Inhalts. Die Wahrheit hingegen gründet sich auf dem gesetzten Begriffe und der ihm entsprechenden Realität, in der Übereinstimmung des Gegenstandes mit sich selbst, mit seinem Begriff. Die Vollständigkeit einer Handlung kann abstrakt rechtlich erst durch die Strafe und moralisch durch Vergeben bzw. Verzeihen erreicht werden. 90 Der Mangel besteht darin, daß „im disjunktiven Urteile die objektive Allgemeinheit zwar in ihrer Besonderung vollkommen geworden ist, daß aber die negative Einheit der letzteren nur in jene zurückgeht und noch nicht zum Dritten, zur Einzelheit, sich bestimmt hat.“ WdL 6, 345. 91 WdL 6, 339-344. 92 WdL 6, 344f. 93 Die These Schnädelbachs (Hegels praktische Philosophie, a.a.O., S. 346) einer ‚normativen Entleerung der Moralität und der Reduktion der Moralphilosophie auf eine bloße Handlungstheorie‘ („wert- und normenfreie Handlungstheorie“ – S. 223) bezeugt nur ein unzureichendes Verständnis von Hegels Begriff der Handlung, die ‚Entleerung‘ und Reduktion dieses Begriffs. Der Kern von Hegels moralischer Urteilslehre (Einschätzung bzw. Bewertung von Tätigkeiten) und speziell deren logische Fundierung (etwa der Zusammenhang von kategorischem Imperativ und apodiktischem Urteil) erfährt in Schnädelbachs Kehraus des Hegelschen Denkens keine angemessene

DAS GUTE UND DAS GEWISSEN

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IV.5 DAS GUTE UND DAS GEWISSEN – DER GUTE WILLE UND DAS GUTE HANDELN Der Gegenstand – das Handeln – wird in Relation auf den Begriff betrachtet, in Bezug auf seinen Begriff, nämlich der Freiheit als dem Begriffsinhalt des Handelns. Hierin wir der Transfer zu praktischen normativen Urteilen vollzogen. Das Prädikat ‚gut‘ drückt aus, dass „die Sache [das jeweilige Handeln] an ihrem allgemeinen Begriffe [Freiheit] als dem schlechthin vorausgesetzten Sollen gemessen und in Übereinstimmung mit demselben ist oder nicht.“ (WdL 6, 344) Dieses ‚Gemessen-Werden‘ bedeutet das Fällen eines normativen Urteils: Eine bestimmte einzelne Handlung wird geprüft und bewertet, ob sie als ‚gut‘ gelten kann oder nicht, ob sie ihrem Begriff angemessen ist oder nicht. „Wenn wir sagen: >>diese Handlung ist gutIch will>Ich will>Chess>Gesinnung>VerfassungenforcedSklave>Recht>Natur>Wohlfahrtsstaat>innovativen GesellschaftEmpörung>Pöbels>Basis>Überbau>BürgerheitBürgerseinOktroi>Akttypen>ein Kreis sich gegenseitig voraussetzender Vermittlungen>Praezeptor GermaniaeKrieg alle gegen alle