Das Alte Testament als Anrede

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Das Alte Testament als Anrede

Table of contents :
Einzelerzählung und Gesamtgeschichte im Alten Testament
Ezechiel, ein Zeuge der Gerechtigkeit Gottes
Das Alte Testament in der Verkündigung der christlichen Kirche
Predigt über Ezechiel 33, 23-29 und 11, 14-20
Predigt über Ezechiel 43,1-7a

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Zimmerli, Das Alte Testament als Anrede

Beitrage zur evangelischen Theologie Theologische Abhandlungen, herausgegeben von E. Wolf Band 24

WALTHER ZIMMERLI Professor in Gottingen

DAS ALTE TESTAMENT ALS ANREDE

LIBRARY

BETHANY THEOLOGICAL SEMINARY Corner Of Buttez.fiold & •,layers Oak 3rook, ii!iitos 60523 19

56

CHR. KAISER VERLAG MON- CHEN

4493g1

CD 1956 Chr. Kaiser Verlag Miinchen Alle Rechte, auch die des auszugsweisen Nachdrucks, der photomechanisdien Wiedergabe und der Obersetzung vorbehalten. — Printed in Germany Satz und Druck: Buchdrudterei Albert Sighart, Fiirstenfeldbrudt

VO RWO RT

Das Miihen urn die RUckgewinnung des Alten Testamentes fiir die Verkiindigung der diristlichen Kirche ist neu in Gang gekommen. Zwar kann man kaum sagen, da13 die Kirche schon ernsthaft aufgescheucht ware durch den aufregenden Parallel-Vorgang der RUckgewinnung des Alten Testamentes durch Israel, der sich in unseren Tagen vollzieht, und durch den sich die Kirche ganz neu zum Gesprach mit der Synagoge gerufen wissen milike. Man kann nur hoffen, da13 sich Kirche und Synagoge bald in echter Zwiesprache begegnen — einer Zwiesprache, die nicht Gesprach im akademischen Raum und am grUnen Tisch sein wird, sondern em n zutiefst beteiligtes Fragen nach der Wahrheit des sie beide verbindenden alttestamentlichen Wortes. Die christliche Gemeinde hat viel Boden verloren in ihrem Kampf urn den Besitz des Alten Testamentes. Dieses ist nach der Wissenschaftsbewegung der letzten zwei Jahrhunderte in der evangelischen Kirche (trotz Kirchenkampf) weithin zum Fremdling oder doch zu einer Verlegenheit geworden. Die Riickgewinnung fiir die Kirche, die sich, wenn sie redlich geschieht, unmittelbar zum Gesprach mit Israel offnen mu{, wird nur in engster Fiihlung mit der konkreten Textauslegung geschehen konnen. Das Ringen urn den legitimen Besitz des Alten Testamentes wird sich nur im aufmerksamen Hinhoren auf die Satze dieses Buches und die dann folgende Frage nach dem rechten Verstandnis dieser Satze vollziehen konnen. Das Milkrauen gegen alle voreilig pauschalisierende Reduktion auf zusammenfassende theologische Schlagworte wird em n notwendiger Wesenszug dieser Arbeit sein miissen. Die im Folgenden abgedruckten drei Vortrage und zwei Predigten mochten emn Beitrag zu dieser Arbeit sein. Sie sind bis auf kleinere Glattungen und die erlauternden Anmerkungen so abgedruckt, wie sie gehalten worden sind. „Einzelerzahlung und Gesamtgeschichte im Alten Testament" ist am 15. Oktober 1955 in Bad Boll bei einer Tagung der Religionsdozenten der padagogischen Akademien vorgetragen worden (abgedruda in Heft 4 der Schriftenreihe der padagogi-

schen Studienkommission der Studiengemeinschaft der Evangelischen Akademien „Die biblische Botschaft in der Bildungskrise der heutigen Schule", 1956). „Ezechiel, emn Zeuge der Gerednigkeit Gottes" ist emn Gastvortrag, der anfangs Juni 1955 an den drei deutschschweizerischen theologisdien Fakultaten gehalten wurde. „Das Alte Testament in der Verkfindigung der christlichen Kirche" ist am 4. Oktober 1955 bei der Zusammenkunft der Leiter der deutschen Predigerseminare in Nurnberg vorgelegt worden. Die Predigt iiber Ez. 33, 23 ff. und 11, 14 if. habe ich am 26. September 1954, diejenige iiber Ez. 43, 1 if. am Weihnachtssonntag 1955 in der reformierten Kirche in Gottingen gehalten. — Durch den unveranderten Druck haben sich gewisse Parallelausfiihrungen zwischen den einzelnen Vortragen ergeben. Da diese aber jeweils unter einem eigenen Gesichtspunkt stehen, hoffe ich, da13 die Wiederkehr der gleichartigen Ausfiihrungen ertraglich bleibt, vielleicht gar dazu hilft, das Gemeinte besser zu verdeutlichen. Wenn neben den drei Vortragen auch zwei Predigten vorgelegt werden, so mOchte darin sichtbar gemacht werden, da13 „das Alte Testament als Anrede" seine urspriingliche Verbindlichkeit in Zureditweisung und Trostung auch vor der christlichen Gemeinde unserer Tage keineswegs eingebat hat. Gottingen, den 21. Januar 1956 Walther Zimmerli

IN HALT

Einzelerzahlung und Gesamtgeschichte im Alten Testament

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Ezechiel, em n Zeuge der Gereditigkeit Gottes

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Das Alte Testament in der Verkiindigung der dwistlichen Kirche

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Predigt iiber Ezethiel 33, 23-29 und 11, 14-20

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Predigt fiber Ezethiel 43, 1-7a

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EINZELERZAHLUNG UND GESAMTGESCHICHTE IM ALTEN TESTAMENT

Das Thema „Einzelerzahlung und Gesamtgeschichte im Alten Testament", das mir gestellt worden ist, meint offenbar nicht die historische oder literargeschichtliche Frage nach geschichtlicher und literarischer Einfiigung und Funktion des Einzelberichtes in seinem graeren Zusammenhang. Man konnte auch diese Frage aus ihm heraushOren. Es meint offenbar die eigentliche Verstandnisfrage — wir diirfen sie ruhig als die theologische Frage bezeichnen: Wie weit ist beim Lesen der einzelnen Erzahlung im Alten Testament der graere Zusammenhang, in dem sic steht, mitzuhoren? Wie weit bestimmt der grofkre Zusammenhang das Verstandnis der unmittelbar vorliegenden Teilaussage? Darin ist auch die Frage nach den im Bereich der alttestamentlichen Erzahlung vorkommenden, die Auslegung bestimmenden hauptsaohlichen Grof3zusammenhangen der Erzahlung gestellt. Die Fragestellung ist unverkennbar emn Kind der gegenwartigen Forschungslage am Alten Testament und so noch etwa vor einem halben Jahrhundert gar nicht denkbar. Ein paar skizzenhafte Andeutungen mogen den Weg, der zu dieser Fragestellung gefiihrt hat, verdeutlichen. 1. Das Riickgrat des alttestamentlichen Wortes bildet emn groger Geschichtsbericht (Gen. — 2. Reg.), der, anhebend mit der Schopfung der Welt, herunterfiihrt bis zur Katastrophe des staatlichen Scheiterns des politisch zwiegeteilten Israel. Im chronistischen Geschichtswerk steht daneben eine Neuaufnahme der Erzahlung, die sic noch urn emn paar Generationen weiter hinunterfiihrt, iiber die Wiedererhebung aus dem Exilstod in die Gemeinde des urn das Gesetz gescharten Judentums hiniiber. Dieser zwiefache Geschichtsberid-rt fiillt etwas mehr als die Halfte des Alien Testamentes. Es kann auffallen, wie sparlich daneben das kleinere erzahlende Einzelmaterial ist. Neben 9

den in die Wortsammlungen der Prophetenbiicher eingestreuten Einzelberichten nur das Biichlein Ruth, das durch die abschliefknde Genealogie (4, 17 ff.) nadaraglich auch noch dem groSen Geschichtsgang eingekniipft worden ist, das Biichlein Jona, das an eine 2. Reg. 14, 25 im Zusammenhang des graen Geschichtsberichtes erwahnte Prophetengestalt ankniipft, das Buch Esther und die Rahmengeschichte des Hiobbuches. Auth die Danielerzahlung will durch 1, 1 if. geschichtlich zugeordnet werden. Die Tendenz der Einordnung der losen Einzelstoffe in emn als Gesamtgeschichte erzahltes Ganzes wird schon dem oberflachlichen Blick erkennbar. Das Nachdenken iiber das Alte Testament muAte sich daher immer in besonderer Weise auf die hier berichtete Geschichte geworfen wissen. In dieser Geschichte ist nach dem Selbstanspruch des Alten Testamentes das Handeln Gottes zu vernehmen. So mate sich denn auch im Zeitpunkt des Aufkommens einer kritischen Forschung als erstes die Frage melden: Wie steht es mit dieser Geschichte? 1st sie solider Grund fiir den Glauben? Jeder Weg zu einer Geschichte, die nicht unmittelbar meine eigene Geschichte ist, fiihrt iiber den Berichterstatter. Die kritische Frage wird infolgedessen sehr rasch zur Frage nach dem Berichterstatter, seiner Nahe zu dem von ihm Berichteten und den Hilfsmitteln, die ihm fiir sein Berichten zur Verfiigung gestanden haben. Schon ganz in den Anfangen der kritischen Pentateuchforschung horen wir von „Conjectures sur les memoires originaux, dont il paroit que Moyse s' est servi pour composer le livre de la Genese" 1. Und diese Frage nach den Quellen bewegt die ganzen folgenden anderthalb Jahrhunderte. Aufspiiren der Quellen, urn Gewifiheit iiber die von den Quellen berithtete Geschichte zu erhalten, das bleibt dabei die treibende Fragestellung. Wenn Wellhausen seine glanzende quellenkritische Arbeit (1878 unter dem Titel „Geschichte Israels I" erschienen) in der zweiten Auflage 1883 als „Prolegomena zur Geschichte Israels" hat ausgehen lassen, so ist dieses Absehen auf die Erkenntnis des Geschichtslaufes nicht zu iiberhoren. Im Bereich der quellenkritischen Arbeit gilt es vor allem die rechte historische Reihenfolge der Quellen herauszuarbeiten, sich iiber die mahlithe Triibung der geschichtlichen Erinnerung, das Eindringen falsthender Tendenzen, klar zu werden, urn dann der tendenzreinsten Darstellung, die normalerweise auth die Jean Astruc, 1753. 10

alteste Queue sein wird, die brauchbaren Nachrichten iiber das tatsachliche Geschehen zu entnehmen. Es leidet keinen Zweifel, da13 Wellhausen mit dieser Sicht bei aller zeitgebundenen Befangenheit in gewissen Entwicklungsschemata Elemente, die fiir die Methodik historischen Arbeitens unaufgebbar sind, zur Geltung bringt. Aber ist man mit dem Dringen auf den tendenzreinen Quellenbericht wirklich auf dem Wege zur Erkenntnis der Geschichte, die das Alte Testament in semen erzahlenden Partien zu Gehor bringen mochte? Auf dem weiteren Wege ist vornehmlich der Name Hermann Gunkels zu nennen. Es sind zunachst Ansatze Herders, die Gunkel in der alttestamentlithen Arbeit wieder zum Tragen bringen mochte, wenn er auf das griindlichere Beachten der Formen des Wortes und die Ausbildung einer alttestamentlichen Literaturgeschichte dringt. Folgenschwerer aber ist sein Hinweis darauf, dal Form nichts Beliebiges ist, sondern ihre lebensmaffige Bestimmtheit besitzt. Echte Form hat an bestimmter Stelle ihren Sitz im Leben. Bestimmte geistige Bereithe oder Lebenssituationen des Menschen erzeugen bestimmte Formtypen. So wenig Gunkel selber, der seine Ansatze zunachst nur im Bereich des Asthetisthen und Literarischen verstanden hat, schon die voile Tragweite seiner Sicht iibersehen hat, so sehr ist doch zu erkennen, da13 hier etwas ganz Entscheidendes geschehen ist. Der Materialismus der reinen Sachaussage ist durchbrothen. In dieser formgeschichtlichen Betrachtungsweise wird jede Aussage auch eine bestimmte Komponente personlicher Bestimmtheit bekommen. Die Erkenntnis, da13 der Mensch in seiner Aussage nie nur emn Sachliches aussagt, sondern immer auch etwas von seiner Situation und Fragestellung mitgibt, die Fragwiirdigkeit der Annahme „objektiver" Aussagen, die nicht irgendwo schon vom sprechenden und formulierenden Subjekt her bestimmt waren, kiindet sich hier von ferne an 2. Gunkels Arbeit ist naturgema13 in starkem Male den Lieddichtungen des Psalters zugute gekommen. Hier haben er und der seine Arbeit vollendende Begrich 3 eindrucksvolle Gattungsforschung getrieben. Daneben hat Gunkel aber in seinem Genesiskommentar auch Soil man hier vom Auftauchen des heute auch die Naturwissenschaft beschaftigenden Problems der Nicht-Objektivierbarkeit spredien? 3 H. Gunkel, Die Psalmen (Gottinger Handkommentar zum Alten Testament), 1926. — H. Gunkel-J. Begrich, Einleitung in die Psalmen, 1933. 11

den Bereich erzahlenden Wortes einbezogen, der die gestaltende Formung durch das erzahlende Subjekt besonders stark erkennen die Welt von Mythus, Sage und Marchen. Gregmann hat dann in ahnlither Methodik die Mosesagen durchmustert 4. Hier ist der Objektivismus fiir den Bereich der Einzelerzahlung im Pentateuch nun vollig zerbrochen. Es wird sichtbar, da13 hinter den Einzelepisoden, die in diesem Bereich berichtet werden, schon ganz im Anfang em n lebendiges, Tradition nach bestimmten erkennbaren Regeln verwandelndes, durch Jahrhunderte bin wohl miindlich geiibtes Weitererzahlen steht. Es wird sichtbar, wie die Einzelgeschichten auf bestimmte Fragen Antwort geben, ethnologische, etymologische, kultische, ortliche Erscheinungen erklaren wollen. Echte geschichtliche Tatbestande konnen dabei starke Reduktionen erfahren, Stammeerlebnisse werden in Personerlebnisse umgesetzt, Stammesrivalitaten konnen sich in Persongegensatzen niederschlagen. Ein bewegtes Geschehen der Verwandlung und Umpragung, ja auch der Wanderschaft von Stoffen von einer Person auf eine andere ist dabei erkennbar. Damit stehen wir aber auch schon mitten im Zusammenhang der traditionsgeschichtlidien Arbeitsweise. Es besteht wohl eine tiefe innere Beziehung zwischen den beiden Fragestellungen. Wo in der formgeschichtlichen Fragestellung, die nach dem Sitz im Leben fragt, der Materialismus der rein gegenstandlichen Aussage gebrochen und der gestaltende Anteil des Sub jektes erkannt ist, wird die Forschung auch frei, die Wanderung einzelner Gehalte oder Motive selbst iiber die Grenzen eines bestimmten religiosen Bereichs hinaus zu verfolgen und auf deren Neupragung in einem anderen Bereich zu achten. Gunkel selber, der bier von religionsgeschichtlicher Methode redet, hat in seiner friihen Arbeit „Schopfung und Chaos in Urzeit und Endzeit" (1895) emn erstes Beispiel solcher Arbeit gegeben. Im Vorwort stellt er fest: „Ich halte es fiir methodisch verwerflich, nur die Anfange der Dinge zu untersuchen und die weitere, oft wichtigere und wertvollere Geschidite derselben zu ignorieren" (VI). Stoffe, Einzelerzahlungen konnen wandern und auf dieser Wanderung neue Pragung und auch ganz neue Sinnbezogenheit erfahren. Gunkels Arbeit, die gelegentlich ausgesprochen polemisch gegen die vorhergehende Phase der reinen Literarkritik und ihre analytische Zerreithing der Texte tritt, konnte zunachst als eine noch weiterH. Gremann, Mose und seine Zeit. Ein Kommentar zu den Mose-Sagen, 1913. 12

gehende kritische Zerhammerung der Genesiserzahlungen erscheinen. Die Einzelsagen werden von ihm aus dem Zusammenhang gelost, jeder Stoff bekommt sein eigenes Leben, wird als eine fiir sich an je ihrem eigenen Ort gewachsene Blume mit eigenem Lebens- und Wachstumsgesetz betrachtet. Zerfallt hier nicht das Erzahlungsganze in eine Unsumme von Kleinstgeschichten: Ortssagen, Kultsagen, Stammessagen, atiologische Notizen? Gunkel hat natiirlich die Frage nach der Zusammenfiigung dieser Einzelblumen nicht iibersehen. Er redet davon, wie sich in der Folge verwandte Oberlieferungen anziehen und miteinander verwachsen konnen. Daneben spielt bei der weiteren Zusammenfiigung der Sammler der Sagen eine Rolle. Er bleibt ganz im Bilde der von einem Sammler gepfliickten Einzelblumen, wenn er diese Zusammenfiigungen als Sagenkranze bezeichnet. Man wird an dieser Stelle Gunkels Erklarung nicht voll befriedigend finden. So sehr seine neue Sicht die Einzelstoffe aus der Sphare der tot-gegenstandlichen Sachnachrichten heraushebt und zu lebendigen Erzahlungskorpern macht, die in einem wirklichen Lebenszusammenhang sitzen, so wenig vermag die Erklarung des Gesamtzusammenhanges der Genesis- bzw. Pentateuchberichte zu befriedigen, die das Ganze aus zufalliger Nachbarschaft einzelner Stoffe, die dann eben verwachsen und schlie8lich von einem Sammler etwas willkiirlich zum Wunschbild eines Gesamtkranzes zusammengesteckt werden, erklart. Hier ist Gerhard von Rad in seiner knappen, aber bedeutsamen Arbeit iiber „Das formgesohichtliche Problem des Hexateuchs" (1938) noch einen entscheidenden Schritt weiter vorgestaen und hat von einer neuen Seite her die Fruchtbarkeit des Gunkelschen Ansatzes auch fiir das Gesamtverstandnis des Pentateuchs (Hexateuchs) 5 nachgewiesen. Er hat zu zeigen vermocht, wie nicht nur die Einzelstoffe, sondern auch der Gesamtaufrif3 der Erzahlung iiber die Friihgeschidite Israels von einem traditionsgeschichtlich wohl nachweisbaren Element eigener Lebendigkeit her bestimmt sind, das alles Einzelne in neuer Weise auffangt und in einer Gesamtausrichtung verstehen lehrt. Im Bereich der Psalmen und der gesetzlichen Literatur entdeckt er Formulierungen, die auf emn friihes Vorhandensein kurzer Rekapitulie5 In der Kontroverse: Pentateuch—Hexateuch (s. u. S. 31 f.) sind die letzten Abklarungen wohl noch nitht erreicht. In der Folge ist hier im traditionellen Sinn von der offenbar schon zur Zeit des samaritanischen Schismas feststehenden Gri3fie des „Pentateuch" die Rede.

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rungen des Heilsgeschehens schliden lassen. Er fiihrt fiir sic den Begriff des Credo em . In der Credoformulierung vom Auszug aus Agypten und der Hineinfiihrung ins Land Kanaan entdeckt er die innerste Aussage, die alle weiteren Aussagenbereiche: die Sinaitradition, die Vatergeschichte und schliefflich die Urgeschidite sich em - oder vorgebaut hat. Es ist, wenn man das Bild des Kranzes und der gesammelten Einzelblumen weiter ausspinnen darf, der verborgene innere Ring, der das Ganze zusammenhalt und verhindert, dag es als emn leicht zusammengetragenes und locker verbundenes Blumengeflige dem, der es angreift, in den Hamden zerfallt in die Unsumme kleiner, in sich schon zu schauender, aber als Ganzes nicht zusammengehoriger Einzelblumen. Und damit stehen wir recht eigentlich vor unserem Thema „Einzelerzahlung und Gesamtgeschichte". Dieses Thema sei zunachst einmal in der Begrenzung auf die Pentateucherzahlung ins Auge gefaik. Im Anschluf3 daran wird auch noch etwas iiber das folgende erzahlende Sdirifttum zu sagen sein. 2. Zur Klarung des Weges, den wir zur Beantwortung der Frage „Einzelerzahlung und Gesamtgeschichte im Pentateuch" zu gehen haben, sind noch einige Prazisierungen iiber das bisher Gesagte hinaus anzubringen. Die Arbeit der literarkritischen Forsdiung am Pentateuch ist nicht umsonst getan worden. Sic hat zu einigen Ergebnissen gefiihrt, die trotz neuerlicher Anzweiflung wohl nicht umzustaen sind. Dieses groSe Erzahlungswerk ist ohne Zweifel nicht nur mit traditionsgeschichtlicher Fragestellung zu erfassen. Es ist als em n literarisches Gewebe anzusprechen, in dem einzelne Faden noch deutlich herauszuerkennen sind. Am deutlichsten hebt sich nach Sprache und Inhalt die priesterschriftliche Erzahlungsschicht (P) heraus. Martin Noth hat in seiner „Oberlieferungsgeschidite des Pentateuch" (1948), die nachst der Arbeit von G. von Rad die fiir unsere Fragestellung bedeutsamste Untersuchung darstellt, wie mir sdieint einleuchtend nachgewiesen, dai3 die Priesterschrift im letzten Webevorgang den Zettel gebildet hat, in den das iibrige Material als Einschlag eingesdiossen worden ist. So hat diese priesterlidie Oberlieferungsform der alten Geschichte die Endgestalt des Pentateuchs entscheidend bestimmt. Das in sic eingewobene Material stellt aber 14

in sich keine literarische Einheit dar, sondern erweist sich ebenfalls als eine schon vorgewobene Gro13e, in der ganz parallel das sog. jahwistische Erzahlungswerk (J) den Zettel fiir den elohistischen Einschlag (E) gebildet hat. Der J ist uns infolgedessen in seinem Gesamtaufrif3 ungleich deutlicher erkennbar als das nur recht fragmentarisch bewahrte elohistische Buch. Es zeigt sich aber weiter, dafl auch der J, dessen Werk wohl zeitlich vor dem E liegt, nicht als emn erster „Verfasser", der seine Stoffe selber komponiert, angesprochen werden kann. Hochstens in der Vorschaltung der Urgeschichte diirfte seine Hand zu erkennen sein 6. Im iibrigen muf3 ihm der Aufrifl des Geschehens in semen graen Themen von der Vatergeschichte bis zur Landnahme Israels schon vorgelegen haben. Noth lafk es offen, ob man bei dieser „Grundlage" (G) an eine schriftliche oder eine nur miindlich vorliegende Komposition zu denken habe. Auf eine solche Grundlage fiihrt der Vergleich zwischen J und E, die sich offensichtlich nicht literarisch beeinfluflt haben und doch bei alien Unterschieden im einzelnen eine deutlithe Gemeinsamkeit der Grundkomposition verraten 7. Die Grundstruktur der Pentateucherzahlung ist danach schon in einer uns nicht mehr greifbaren, moglicherweise nur mundlich geformten Erzahlungsgestalt den literarischen Gebilden, die wir erkennen konnen, vorgegeben und hat sich durch die drei Schichten J, E und P hindurch gehalten. Es empfiehlt sich somit, die Erwagungen zur Frage „Einzelerzahlung und Gesamtgeschichte im Pentateuch" in drei Stufen zu vollziehen: 1) Was bedeutet die Anlage der Gesamtgeschichte fiir den Einzelbericht in jener friihen Stufe, die man vor allem von den Steffen her erkennen kann, an denen sich J und E treffen? Es wird sich bei diesem ersten vor allem urn die Frage nach der Bedeutung der graen Gesamtstruktur des Pentateuchs, soweit sie J und E vorausliegt, handeln. 2) Was ist fiber J zu sagen? Eine gesonderte Behandlung von E soil darum unterbleiben, weil die besonderen Akzente, die E in seiner Gesamtanlage fiber G hinaus zu Gehor bringen will, von uns nicht mehr mit Sicherheit zu erkennen sind. 3) Wie liegen die Dinge bei P? Abschlieflend wird erwogen werden miissen, was 6 G. von Rad, Formgesch. Problem, 46 ff. mochte ihm auch den Einbau der Sinaitradition und den Ausbau der Vatertradition zuschreiben. 7 Bis auf den Vorbau der Urgeschichte, in der trotz S. Mowinckel, The two sources of the predeuteronomic primeval history (JE) in Gen. 1-11, 1937, keine elohistischen Bestandteile zu finden sind.

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die schlieffliche Zusammenarbeitung der verschiedenen Einzelquellen etwa noch zu bedeuten haben konnte. 3. Was bedeutet es, 613 die Einzeliiberlieferungen offenbar schon in einer friihen Zeit Elemente einer graen Gesamtgeschichte (G) werden? Hier ist nun der Ort, wo die Erkentnisse G. von Rads iiber den Kristallisationskern des Pentateuchs nHher erwogen werden miissen. Als eigentliche Ansatzstelle fiir das Erzahlen von der alten Geschichte Israels hat er die Aussage von der Herausfiihrung Israels aus Agypten und die Hineinfiihrung ins Land erkannt. Wenn Noth iiber diese Erkenntnis noch hinausgeht und als das Thema Nr. 1 die Aussage von der Herausfiihrung bezeichnet und in der Aussage von der Hineinfiihrung ins Land schon eine Erweiterung durch emn zweites Thema erkennt, so hat er darin retht, 613 uns in der Tat in manthen gerafften Credoformulierungen nur der Hinweis auf den Gott, der aus Agyptenland gefiihrt hat, begegnet 8. Andererseits ist aber zu sehen, dafi die Rede von der Hineinfiihrung ins Land wohl nie emn selbstandiges Thema gebildet hat, sondern immer schon im Gefalle der Herausfiihrung aus Agypten verstanden und als deren Vollendung begriffen worden ist. G. von Rad belegt es, dafl die Doppelaussage von Herausfiihrung und Hineinfiihrung schon in alten liturgischen Texten gemacht wird und offenbar schon sehr friih emn selbstandiges Ganzes einer im Zusammenhang zu verstehenden Aussage gebildet hat 9. a) Der Bericht vom Auszug aus Agypten erzahlt zunachst scheinbar ganz sachlich von einem in der Geschichte Israels einst Geschehenen. Aber er ist offenbar mehr als b1o1 sachlicher Bericht. Das Stichwort Credo-Aussage, das G. von Rad einfiihrte, deutet auf einen bestimmten personlichen Bezug, der in dem Erzahlen von gerade diesem Geschehen mitzuhoren ist. Agypten ist der Ort des Knechtshauses Israels — Kanaan ist der Ort des eigenstandigen Lebens Israels. Wenn Israel vom Weg aus Agypten nach Kanaan berichtet, dann berichtet es davon aus einer ganz personlichen Betroffenheit und elementaren Bestimmtheit seines ganzen Standes heraus. Aber damit ist Oberlieferungsgeschichte 50 ff. Vgl. Dt. 6, 20-24; 26, 5 b-9; Jos. 24, 2 b-13, weiter 1. Sam. 12, 8; Ps. 136; Ex. 15. 8

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noch zu wenig gesagt. Die Tatsache, daf3 der kurze Satz, der vom Auszug beriditet, immer wieder als Pradikatsaussage zum Namen Jahwes tritt, „Ich bin Jahwe. .., der dich aus dem Kneditshause Agypten gefiihrt hat" (Ex. 20, 2), oder „Ich bin Jahwe, dein Gott, von Agypten her" (Hos. 12, 10), zeigt, 66 Israel in diesem Geschehen das entscheidende Tun Jahwes an seinem Volke, sein Zukommen auf Israel, erzahlen will. In der Herausfiihrung aus Agypten hort Israel die Anrede seines Gottes. Seine Credoformulierung, die von der Herausfiihrung durch Jahwe redet, redet vom Offenbarwerden Jahwes fiber Israel. Wer die Erzahlung vom Auszug im Munde Israels als rein gegenstandliche Sachaussage lion, hat ihr Entscheidendes nicht gehort. Sie deutet auf eine Geschichte gewordene Anrede Jahwes an sein Volk — emn Wort, das des Menschen Antwort heischt. Das wird besonders schon aus dem Gebet Dt. 26, 1 if. klar 1°. Hier tritt der Bauer der spateren israelitischen Zeit am Heiligtum mit dem Korb voll Erntefriichte vor den Altar seines Gottes und erzahlt vor seinem Gott das Geschehen von Auszug und Hineinfiihrung ins Land als seine ganz personliche Geschichte, von der er sich zur Antwort gerufen weif3. Der Korb voll Friichte ist, zusammen mit seinem Gebet, die wiederum leibhafte Gestalt annehmende Antwort. So wie ihn die Anrede Gottes in geschichtlichem Tun Gottes traf, so antwortet der Betroffene in konkretem, Gabe schenkendem Tun, das vom Wort des Gebetes begleitet ist. In dieser Weise des Betroffenen, des im Geschehenen emn anredendes Wort seines Gottes Horenden, ist nun alles Erzahlen von der Herausfiihrung bis hinein in die Einzelepisoden dieses Geschehens zu verstehen. In der Mitte dieses Erzahlens steht der Bericht fiber die wunderbare Rettung am Schilfmeer und die Vernichtung der verfolgenden Agypter. Man stat hier im Kern auf em Element historisch zutreffender Urfiberlieferung. Alle nachtragliche Ausmalung und i° „Ein dem Untergang naher Aramaer war mein Vater, und als er nach Agypten hinabzog, wurde er dort em n Fremdling, dem nur wenige Leute angehorten; aber er wurde dort zu einem graen, starken und zahlreichen Volk. Die Agypter aber behandelten uns iibel, bedriickten uns und legten uns harten Dienst auf. Da schrieen wir zu Jahwe, dem Gott unserer Vater, und Jahwe erhorte uns und sah unser Elend und unsere Miihsal und unsere Bedrangnis. Und Jahwe fiihrte uns aus Agypten mit starker Hand und ausgerecktem Arm, mit furchtbaren Grataten, mit Zeichen und Wundern, und brachte uns an diesen Ort und gab uns dieses Land, em n Land, das von Mikh und Honig flieSt" (von Rad). 17

Steigerung des Wundercharakters dieser Rettung will nur das iiberraschende Ja, das Israel hier mitten in geschichtlicher Erfahrung vonseiten seines Gottes gehort hat, noch deutlicher zu Gehor bringen. Die Erzahlung wei13 aber dariiber hinaus von einer wunderbaren Vorbereitung dieses Auszuges durch Jahwe, der die Agypter mit Plagen schlug. Johannes Pedersen hat wahrscheinlich gemacht ", daf?. die ganze Reihe der Plagengeschichten und die Vorbereitung des Auszuges urspriinglith eine Eigenkomposition mit ihrem eigenen Sitz im Leben gewesen ist. Er sieht in ihr die Festperikope des Passahfestes, die im Zusammenhang mit der in Israel durch die Zeiten hin geiibten nachtlichen Passahfeier immer wieder erzahlt wurde. Was ist es aber um das Passah? Leonhard Rost hat gezeigt 12, da13 der Passahbrauch urspriinglich emn reiner apotropaischer Hirtenbrauch gewesen sein diirfte, der im Zeitpunkt des Aufbruchs zum Weidewechsel im Friihjahr begangen wurde. Dieser Brauch ist in den Lichtkreis des Auszugsgeschehens geraten und von da her historisiert worden. Der Brauch der nachtlichen Blutstreichung, die vor dem umgehenden Verderber saitzt, ist zum Erinnerungszeichen an den in Agypten umgehenden Verderber, der die agyptische Erstgeburt schlagt und so das Entscheidende zur Ermoglichung des Auszugs der Israeliten tut, geworden. Der alte Ritus ist darin vollig verschlungen und zum dienenden Werkzeug der Verkiindigung der im Exodus von Jahwe berichteten Rettungstat geworden 13. Wenn Israel Passah feiert, wenn es die Einzelgeschichte von der Totung der agyptischen Erstgeburt und der Verschonung des zum Auszug bereiten Israel infolge seiner Durchfiihrung des Passahbraudies erzahlt, so stellt es sich damit erneut unter das ihm in der Errettung aus Agypten zuteil gewordene Rettungswort seines Gottes — das Wort, das zugleich ganz und gar Geschehnis ist. Und nun sehen wir, wie sic.h dieses Beriditen weiter verzweigt. Es diirfte dieses schon vor dem Zeitpunkt geschehen sein, in dem der J seine Erzahlung niederschrieb. Der Schlag Gottes gegen die Agypter wird erzahlerisdi vervielfacht. Manche Erinnerungen an agyptische Eigentiimlichkeiten (den Nil, die Miidtenschwarme Agyptens) miigen zu dieser erzahlerischen Anreicherung gedient haben. In seiner IL J. Pedersen, Passahfest und Passahlegende, ZAIXT 52, 1934, 161-175. " L. Rost, Weidewechsel und altisraelitischer Festkalender, ZDPV 66, 1943, 205-216. " Vgl. die analoge Geschichte des Taufbrauches im Neuen Testament.

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eigentlichen Aussage aber will all das breite, schier ermiidend breite Erzahlen von den immer neu spiirbaren Widerstanden beim Pharao und den immer neu und harter geschehenden Plagen Gottes doch nur die grofie, polyphone Entfaltung des einen, befreienden Ja Gottes zu seinem Volk sein, das man im Exoduscredo bekennt. Diese Vervielfachung der gottlichen Schlage wider die Feinde seines Volkes dient zunachst im Rahmen der Passahlegende der preisenden Erhahung des Wunders der Passahnacht, deren Ritual seinerseits nur wiederum die sakramentale Vergegenwartigung des gesamten Exoduswunders und der darin Israel zugewandten Heilstat Gottes darstellt. Es maEte hier weiter geredet werden von den einzelnen Begebnissen der Wiistenwanderungszeit, die im Unterschied zu den straff zusammengefiigten Erzahlungen von der Vorbereitung des Auszugs auffallend lose nebeneinander liegen geblieben sind. Das spatere Israel hat danach einzelne Erinnerungen an Quellorte in der Wiiste, an die auffallende Speise des Manna festgehalten. Es ist nicht nur bezeichnend, daf3 diese Erinnerungen nicht als lose Einzelgeschichten in einer Erzahlungssammlung zusammengestellt, sondern in einen Gesamtbericht eingereiht worden sind, sondern viel mehr noch die Tatsache, da13 sie trotz ihrer unverkennbaren lokalen Bindung alle zu Illustrationen des sein Volk bewahrenden Handelns Gottes geworden sind. Woher das in ihnen sich stark vordrangende Motiv des murrenden Volkes, das die Thematik des zweiten Kanonteils auffallend friih vorwegnimmt, traditionsgeschichtlich stammt, ist noch nicht recht aufgehellt und bediirfte noch einer grandlichen Untersuchung. Diese Kontrastaussage vom widerspenstigen Volk laf3t aber das zentrale Thema des sein Volk auch in der Gefahr der Waste wunderbar erhaltenden Gottes nur urn so starker heraustreten. Da die ursprangliche (G-) Ausformung der Landnahmetradition kontrovers ist, sei bier nicht weiter von ihr die Rede. b) Der Kernaussage des Pentateuchs, die vom Auszug aus Agypten und Einzug ins Land berichtet, ist in einer zweiten Wachstumsphase, die aber noch vor der Zeit des J liegen diirfte, die Vatergeschichte in der Abfolge der Erzahlungen von Abraham, Isaak, Jakob und Joseph vorgeordnet worden. Was bedeutet die Vorordnung dieser Stoffe fiir die Akzentuierung der so erweiterten Gesamtgeschichte? Durch die Untersuchung von Albrecht Alt aber den „Gott der Vater" (1929) ist deutlich geworden, dafl auch die Rede von den 19

Vatern ihren bestimmten Sitz im Leben hat. Ihr Name lebt in bestimmten Gottesbezeichnungen der Stamme vor ihrer Landnahme. In der Verehrung des „Gottes Abrahams", des „Schrecks Isaaks" und des „Starken Jakobs" sind die Namen dieser Vatergestalten, die von Hause aus je ihre Sondergeschichte gehabt haben dUrften, lebendig geblieben und haben nach der Ansiedlung Israels im Lande allerlei Einzeltraditionen an sich ziehen konnen, die urspriinglich zweifellos im Lande Kanaan beheimatet waren. Der Glaube an den einen Gott Jahwe, neben dem in Israel kein zweiter Verehrung erfahren darf, der Glaube, clag auch in den Begegnungen der Vater mit Gott kein anderer am Werke gewesen sein konne als der nun von Israel unter dem Namen Jahwe angerufene Gott, zwang die Vatergestalten in eine genealogische Folge. Erneut staen wir auf die Wahrnehmung, da13 die Erinnerungen der friihen Zeit nicht ungeordnet nebeneinander liegen bleiben konnen, sondern in einer graartigen geistigen Einschmelzung Episoden einer grof3en Gesamtgeschichte werden. Diese Gesamtgeschichte der Vater konnte, da der Name der \Tater ja seine eigentliche Heimat in der Gottesbezeichnung hatte, keine andere als eine Geschichte Jahwes mit diesen Mannern sein. Alt hat wahrscheinlich gemadit, da13 schon in der urspriinglichen Oberlieferung von dem Gott, der einem Abraham, einem Isaak und einem Jakob entgegengetreten und von dieser Begegnung her als „Gott Abrahams, Isaaks bzw. Jakobs" weiterverehrt wurde, eine Ausrichtung auf kommenden Landbesitz gelegen haben konnte. Lebt doch dieser Wiergott-Glaube urspriinglich in den Kreisen der von der Wiiste ins Fruchtland dringenden Halbnomaden. Von da aus ist es zu verstehen, da{3 die Vatergeschichte als Ganzes unter den Gedanken der gOttlichen Verheif3ung treten konnte. Dieser beherrscht in der Gesamtgeschichte den ganzen Bereich der Vatererzahlung. Inhaltlich geht es dabei zunachst um die beiden graen Sachverheiflungen: Aus dem vereinzelten Ahnen soll nach der Verhei8ung Gottes emn Volk werden, und diesem Volk soll das Fruchtland Kanaan, durch das die Vater zunachst als landlose Fremdlinge ziehen, als Besitz zuteil werden. Es ist einmal wichtig, die hierin geschehende Neuakzentuierung des Gesamtberichtes, der in der Credoaussage vom Auszug seine Mitte hat, zu erkennen. Man k8nnte auch von einer Sicherung seines rediten Verstandnisses oder einem Stuck Auslegung dieser Aussage reden. Die Existenz des Volkes, von dessen geschiditlicher Befreiung das Exoduscredo erzahlte, wird im Bereich der Vatererzahlung in 20

das gottliche Wort der VerheiLung zuriickverlegt. Das Volk lebt zunachst nur als verheilknes, im Gelobnis Gottes angesagtes Volk, und der Landbesitz, von dessen geschichtlicher Realisierung die Credoaussagen von der Hineinfiihrung ins Land reden werden, wird als em n zunachst im Worte Gottes ruhender, zugesagter Besitz sichtbar gemacht. Kanaan ist fiir Israel „gelobtes" Land. Durch dieses Zuriicknehmen aller konkreten Giiter, von denen das Credo redet, in emn vorauslaufendes, verheifiendes Wort Jahwes wird der Anreded-iarakter auch des Credo und der aus ihm erwachsenen Erzahlung gesichert. Es ist nun ganz uniiberhorbar, da13 der Gesamtbericht von der Geschichte Israels, wie ihn der Pentateuch in seinem Kern bietet, nicht als Erzahlung von vergangener Historie, als einfache Sacherzahlung verstanden sein will, sondern als Bericht von Wort, das sich ereignet hat. Oder umgekehrt: als Bericht von Geschichte, die anredet und ins Hinhoren ruft. — Zugleich aber wird durch die Vorverlegung des Geschehens in em n verheit3endes Wort der Gnadencharakter dieses Geschehens, das allein im erwahlenden gottlichen Ruf und nicht in irgendeiner Leistung des Volkes Israel beruht, wider alles Milverstandnis gesichert. c) Hier sei gleich das dritte Element angefiigt, das schon im friihen, vor J geschehenen Wachstumsprozd dem Pentateuch-Gesamtbericht (G) zugewachsen sein mui3: der Bericht von der Gesetzmitteilung am Sinai. Es ist das Verdienst von Sigmund Mowinckel 14, deutlich gemacht zu haben, da13 der Ablauf von Ex. 19-24 (rituelle Reinigung der Gemeinde, Hintreten der Gemeinde vor Gott unter Posaunenschall, Selbstvorstellung Gottes und Mitteilung seines Gebotes, Opfer und Bundschla) den kultischen Gang eines Festes schildert. Ober Mowinckel hinaus erkennt G. von Rad " in diesem Bericht nicht nur eine betrachtende Schilderung, sondern die Festlegende eines Bundschliegungsfestes, in dessen Mitte die feierliche Proklamation des Gesetzes steht. Zum zweitenmal staen wir dabei auf Teilelemente der Gesamterzahlung, die zunachst ihr eigenes Leben gehabt und ihre eigene Formung an anderer Stelle im Rahmen einer bestimmten gottesdienstlichen Begehung erfahren haben. Stand aber beim Passah die Verkiindigung der gnadig rettenden Tat Gottes im Mittelpunkt, so hier die Verkiindigung des Gebotes. Soll man 14 15

S. Mowinckel, Le clecalogue, 1927.

Formgeschichtliches Problem 18 ff.

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vom Nebeneinander von Evangelium und Gesetz reden? Gerne wüften wir, ob und wo in der Gesetzverkiindigungsfeier, in der Ex. 19-24 ihren Sitz im Leben haben, auch der Hinweis auf das Auszugsgeschehen und eben damit auf die Rettungstat Jahwes semen Ort gehabt hat. Da13 die Gesetzmitteilung ganz ohne eine Beziehung auf jenes andere Geschehen, das alttestamentlicher Glaube von sem en Anfangen her bezeugt, dagestanden haben konnte, ist nicht wahrscheinlich, wird zudem auch durch die Einleitung des Dekalogs ausdriicklich widerraten. Aber nun ist auch dieser Bericht iiber das Bundschlageschehen am Gottesberg nicht als isolierte Erzahlung stehen geblieben, sondern dem Gang der Gesamterzahlung eingeordnet worden. Ob die Einordnung den historischen Verlauf der alten Geschichte richtig wiedergibt, ist eine umstrittene Frage. In der Einordnung ist aber eine bestimmte Aussage der Gesamterzahlung unilberhorbar. Die Proklamation des Gesetzes ist nicht an den Anfang der Israelgeschichte geriickt, sondern hinter das Geschehen der Herausfiihrung aus Agypten. Und damit ist im Blick auf die Credoerzahlung vom Auszug aus Agypten, die mit Hilfe der neuen Zufilgung ja durth eine neue Akzentsetzung verdeutlicht werden soil, festgehalten: Es bleibt bei der Gnadenhaftigkeit der Rettung Israels aus Agypten und seiner Hineinfiihrung ins Land, wie sie schon durch die Vorsthaltung der Vaterverheiaung deutlich unterstrichen war. Die Forderung Gottes ergeht an das Volk, das diese freie Tat der Rettung schon erfahren hat. Sollte jemand sich fragen, ob diese Zuordnung wirklith so grundsatzlich iiberlegt ist, so kann die Einfiihrung des Dekalogs, der gewichtigsten Formulierung des apodiktischen gottlichen Gebotes, das im Zusammenhang der Bundesszene von Gott verkiindet wird, diese gleiche Weise der Zusammenordnung von einer zweiten Stelle her bestatigen. Sie beginnt mit der Selbstvorstellung Gottes in seinem Namen Jahwe 16, an die sich unmittelbar die von der Bundeswirklichkeit her bestimmte Selbstbezeichnung „dein Gott" und der Hinweis auf die geschehene Rettungstat schlieSen. Erst dann folgt die Mitteilung der einzelnen Gebote. Darin ist der Kanon fiir das rithtige Verstandnis der ganzen gesetzlichen Forderungen gegeben. Der Weg iiber das Halten der Gebote eroffnet Israel nicht erst den Zugang zu Jahwe, seinem Gott. " Vgl. dazu meinen Nachweis in der Festschrift fiir A. Alt (Geschichte und Altes Testament, 1953, S. 179 ff. „Idi bin Jahwe"). 22

Umgekehrt mufl allerdings auch sofort gesagt werden: Die Befreiungstat Jahwes an Israel, die von ihm als Anrede und Ruf dieses Gottes verstanden wird, ruft in Verantwortung und Gehorsam. Die Gnade ist nicht ohne das Gebot. Die eigentiimliche Akzentuierung, welche die aus der Credoaussage erwachsende Gesamtgeschichte Israels durch die Vorordnung der Vaterund die Einordnung der Sinaitradition erfahrt, diirfte in dem Gesagten deutlich geworden sein. Diese Gesamterzahlung wird fiir uns in der jiingeren jahwistischen und jiingsten priesterschriftlichen Fassung literarisdi greifbar. Jede dieser beiden Fassungen zeigt ihre eigenartige Pragung und beweist, dag die Erzahlung bei aller entschiedenen Formung, die scion festzustellen war, lebendig bleibt und sich emn Vorgang der weiteren Interpretation unter neuen Aspekten vollzieht. 4.

Das eigentlich Neue bei J, das bei E nicht festzustellen ist, aber spater von P befolgt wird, ist die Vorschaltung einer Urgeschichte. Die lockere Aneinanderreihung der Einzelgeschichten von Gen. 2, 4b — Gen. 11 (J), die kaum eine Verklammerung aufweist, verrat, besonders wenn man sie mit der vollendeten Straffung bei P vergleicht, die Neuheit dieses Unternehmens. Es wirkt hier manches unausgeglichen: die Vorordnung des Kainitenstammbaums, der von einer Unterbrechung der menschlichen Gesdilechterfolge durch die Sintflut nichts zu wissen scheint, vor die Sintflutgeschichte; die fragmentarische Nachricht iiber die riesenhaften Sane aus den Ehen der Gottersane mit den Menschentochtern u. a. Die Einzelgeschichten, die stofflich zudem deutlich ilber den Bereich Israels hinausweisen, erscheinen bier noch sehr wenig eingeschmolzen. Und doch ist gerade auch bier die bestimmte zeugnismaLige Ausrichtung des Gesamtzusammenhanges, der die Einzelberichte dienstbar zu sein haben, gar nicht zu iiberhOren. Das Phanomen der Sekundarbenutzung von Aussagen, die urspriinglich in ganz anderem Zusammenhange standen, nun aber neuen Gehalten dienstbar gemacht sind, ist bier besonders deutlich zu sehen. Wer bier nur die primaren Motive der einzelnen Erzahlungsstoffe beachtet und die neuartigen Beziige, in die sie gestellt sind, iibersieht, vermag ihre Aussage nicht zu erfassen. So gleich bei der Schilderung von der Bildung von Mensch und Welt, wo die ohne Zweifel aus dem polytheistischen Raum stam23

mende Erzahlung von dem eifersiichtig gehiiteten Gottesgarten Mittel wird, die Gilte des Schopfers zu illustrieren, der diesen Garten mit allem, was darin wachst, bis auf die Frucht des Baumes, bzw. der zwei Baume in der Mitte des Gartens, dem Menschen iibergibt. Die iiberraschende Episode vom Experimentieren Jahwes bei der Erschaffung der Tiere dient dazu, das Miihen Gottes zu illustrieren, der das zu finden sucht, ,,was dem Menschen gut ist". Auf dem Hintergrund dieser Giite, die des Menschen Wohl will, erhebt sich das unbegreiflich 'Dose Tun des Menschen. Die ganze Folge der Geschichten von Gen. 3-11 (J) soil ja in neuen Beispielen illustrieren, wie unaufhaltsam das bose Menschengeschlecht in immer tieferen Fluch hinuntersinkt. Zugleich macht sie siditbar, wie eine seltsam haltende gottliche Barmherzigkeit mitten aus dem Fluch herausleuchtet. In Israel erzahlte man sich offenbar von dem unsteten Stamm der Keniter, der nicht zu fester Seaaftigkeit gelangen konnte (und wollte?), dafl em n Fluch wegen vergossenen Blutes iiber Kain liege. Daneben wufke man allerdings audi, da13 die Keniter eine wohl eintatowierte Marke trugen, die sie als eifrige Jahwediener und Jahweangehorige kennzeichnete. Durch die Auffiihrung Kains als des ersten Sohnes und ersten Bruders in der Menschenreihe riickt der Gesamtzusammenhang Kain vollig aus der Sphare des niederen Stammesklatsches heraus und macht seine Geschichte zur menschheitlichen Geschichte und den iiber ihm liegenden Fluch der Unstetheit zu einer unheimlich menschheitlich transparenten Angelegenheit. Durdi die scheinbar vollig unlogische Erwahnung des Jahwezeichens mitten in dieser Fluchgeschichte lafk sie aber emn sogar den Brudermorder bewahrendes und schiitzendes gottliches Tun aufleuchten, das Verheiflung graerer folgender Barmherzigkeit zu sein vermag. Das ungebandigte Rachelied des Lamech, das in seiner beduinischen Umwelt mit Stolz gesungen worden sein mag, wird im Zusammenhang des J Dokument des ziigellos gewordenen menschlichen Rachewillens. Die Verbindung heiliger Strafe mit iiberraschender Barmherzigkeit wird auch in der Sintfluterzahlung, die der ganzen Atmosphare der Launenhaftigkeit und innergottlichen Konspiration, in der sie in Babylon steht, ganzlich entnommen ist, erkennbar. Bei der Geschichte vom Zerfall der einheitlichen Menschheit nach dem Turmbau zu Babel wird man sich fragen, ob hier nicht lauter Gericht iibrig bleibt. Die diesem Gericht begegnende Gnadentat, die in offenbarer Beziehung zur Turmbaugeschichte zu verstehen ist, wird im Kopfstiick 24

der Abrahamgeschichte Gen. 12, 1-3 geboten. Wenn hier nicht weniger als fiinfmal der Stamm 11: ,segnen` auftritt, wenn in deutlichem Riickblick auf den Fluch iiber die Geschlechter der Erde nach der Turmbaugeschichte es nun lautet: ,,In dir sollen gesegnet werden (oder: sich Segen wiinschen) alle Geschlechter der Erde", so ist damit die Abrahamgeschichte deutlich zum Gegenbild der Turmbau-, ja der ganzen Fluchgeschichten der Urerzahlung gemacht. Und darin wird auch das tiefste Anliegen sichtbar, das den J in der Anlage seiner Gesamtgeschichte zur Vorschaltung der Urgeschichte gefiihrt hat: Das Geschehen mit Israel, wie es die entfaltete Credoerzahlung bekenntnishaft sichtbar gemacht hatte, wird hier in den menschheitlichen Horizont geriidct und als die Einbruchsstelle eines Heils verstanden, das die ganze Volkerwelt meint und ihren Fluch durch neuen Segen zerbricht. Man hat schon von einer Atiologie Israels geredet, die hier gegeben wird. Der Daseinsgrund Israels ist em n gottlicher Heilswille iiber der ganzen Welt. Es ist nicht zu erkennen, wie sich J die Einli5sung dieser VerheiSung denkt, aber es ist andererseits auch nicht zu verkennen, da.13 die gottliche Gnadengeschichte an Israel mit all den Aussagen ihrer Einzelgeschichten von hier aus eine neue Tragweite bekommt ". Eine auffallige Mehrfalt der Akzentuierung liegt auch iiber den Vatergeschichten des J und gibt der Einzelerzahlung etwas oft geradezu geheimnisvoll Schillerndes, das mehr ahnen lak als in cliirren Worten gesagt ist. Es ist dem J zunachst daran gelegen, die iiber den Vatern vom Vater zum Sohn bleibende gottliche Verheiflung moglichst vernehmbar auszusagen. So ziehen sich denn wie em n roter Faden durch seine Darstellung die Gottesbegegnungen, die die Verheifiung wiederholen. Daneben soil aber ebenfalls deutlich gemacht werden, wie der menschliche Wille des VerheiLungstragers oft kraftig in die Irre geht und Gott semen Weg ohne, ja gegen das Tun der VerheiLungstrager gehen muf3. So kommen denn altere Oberlieferungsstoffe, die an ihrem urspriinglichen Ort ganz undialektisch zu verstehen waren, im Gesamtzusammenhang des J in eine auffallende Dialektik der Aussage zu stehen. Die einfache miindliche Volksiiberlieferung mochte die Erzahlung von der Gefahrdung der Ahnfrau in A.gypten (Gen. 12, 10 ff.) mit heimlichem Behagen erzahlen. Wie " Am vollsten wird diese weltgeschichtliche Heilsabsicht Gottes in seinem Tun mit Israel dann bei Deuterojesaja ausgesprochen werden. 25

gut hat sich die Liige des Abraham dank der bewahrenden Hand Gottes iiber seinem Erwahlten schlidlich doch gelohnt. Die jahwistische Erzahlung, die dem Pharao, wie er Abraham aus seinem Lande ausweist, voll und ausfiihrlich das Wort erteilt, Abraham dagegen kein Wort der Verteidigung gonnt, lagt diesen in einem seltsamen Zwielicht stehen. Die Verheigung — Gott steht zu ihr. Der Verheigungstrager — was fiir eine fragwiirdige Gestalt! Die Geschichte der Flucht der Hagar (Gen. 16) ist von Hause aus die stolze Entstehungssage des Stammes der Ismaeliter, der iiber sich die gottliche Verheigung an seine Ahnmutter glaubt. Im Zusammenhang des J wird sie zur Erzahlung von dem Fehlweg, den Abraham auf das Drangen der Sara geht. Und besonders stark ist diese Vielsinnigkeit im Bericht von Isaaks Segen iiber Jakob zu spiiren. Mochte die Erzahlung urspriinglich die schlaue Wendigkeit des Hirten gegeniiber dem tOrichten Jager riihmen, so sind diese Ziige in der verhaltenen Schilderung des J verschwunden 18. Er sieht die Unbeirrbarkeit der Wege Gottes quer durch menschliches Versagen hin gehen. In der Flucht Jakobs und dem bosen Betrogenwerden durdi Laban diirfte dann audi etwas vom Ernst Gottes iiber dem pietatlosen Tun Jakobs sidabar werden. — Es sind all dieses schwebende Tone, die oft mehr im Ungesagten spiirbar werden. Wer aber nicht offen bleibt, etwas davon von der Gesamtgeschidite her ilber der Einzelerzahlung zu horen, wird dieser kaum voll gerecht werden konnen. 5. Die Priesterschrift fiihrt demgegeniiber in eine ganz =dere Welt. Hier ist wenig von diesem Offenlassen der Aussage zu sehen. Sie liebt die vollen Akzente und erfiillten Aussagen. So tilgt sie denn auch aus ihrer Gesamterzahlung alles Nebensachliche und Unklare. Die Liige des Erzvaters und das Scheitern mit Hagar hat hier keinen Raum. Und doch regiert in anderer Weise auch hier die grofk Gesamtkomposition. Der Schopfungsbericht, mit dem auch hier die Erzahlung begonnen wird, ist zeitlich in den Raum einer auf den Sabbat als seine geheime Erfiillung zulaufenden Woche eingeordnet. 18 Gunkel, der offensichtlich Thomas Mann in seinem Josephroman (I Die Geschichten Jakobs, 4. Hauptstiick: Die Flucht, Absdmitt 4: Der grofie Jokus) be-

stimmt hat, trifft mit seiner Auslegung bestenfalls eine Vorform des Stoffes, keinesfalls aber die Akzente des J. 26

Im Sabbat, der am Ende der Schopfungswoche gesegnet und geheiligt wird, liegt die Verklammerung mit der Geschichte Israels vor. In Israel erst wird dieses Sch5pfungsgeheimnis den Menschen des erwahlten Volkes ausgehandigt (Ex. 16; 31, 12 ff.). Israel wird den Ort der Segnung und des Heiligen (Gen. 2, 3) kennen. Die Sintflutgeschichte, die eine erste, in Siinde versunkene Weltzeit abschlief3t, ist deutlich mit dem Schopfungsgeschehen verbunden. Der von Gott in der Schopfung sorgfaltig geordnete Kosmos droht unter den Wassern, die von unten und oben her in den von Gott freigelegten Raum eindringen, erneut ins Chaos zuriidaufallen. Die theologische Frage, die hinter dieser Umgestaltung der Einzelgeschichte steht, ist nicht zu iiberhoren: Hat die Siinde der Menschen Macht, die Welt wieder ins Chaos zu stiirzen, das Schopfungsgeschehen bei Gott riickgangig zu machen? Im Bunde Gottes mit Noah, den das Zeichen des Regenbogens sichtbar verbiirgt, ist auch die siindig gewordene Welt durch die Gnade Gottes am Leben erhalten. Damit ist gesagt, was zur Welt zu sagen war. — Im Bunde Gottes mit Abraham kommt das erwahlte Volk in Sicht. Ober die Mehrung und die Beschenkung mit dem Land hinaus wird dem Abraham als drittes verheiflen: „Ich will dein und deiner Nachkommen Gott sein" (17, 7). In der EinlOsung der Verheif3ung in der Mosezeit wird aller Nachdruck auf dieses letzte gelegt. Am Gottesberg, auf den Gott am 7. Tag niederfahrt, wird Mose vor allem gezeigt, wie er das heilige Zelt und den darin gesdiehenden Opferdienst ordnen soil. Nachdem all dieses bereitet ist, fahrt Gott selber in seiner Herrlichkeit in die Mitte seines Volkes nieder (Ex. 40, 34 ff.). Der Ort, an dem Gott recht geehrt wird, ist nun in der Welt, in der Mitte des eben dazu erwahlten Volkes, aufgerichtet. Um die Verherrlichung Gottes geht es hier in erster Linie. Auf diese Verherrlichung hin lauft alles Geschehen in Israel, das der P in semen graen Ziigen entlang den alten Credoaussagen berichtet. Aber es ist deutlich zu sehen, wie die Einzelberidite von hier aus neue Akzente bekommen konnen. Anstelle der Plagen, die Agypten schlagen, ist hier em n Machtkampf zwischen Mose und den agyptischen Zauberern getreten, in dem diese nach anfanglichen Erfolgen schmahlich erliegen. Zweimal wird im Bericht iiber die Rettung am Schilfmeer Jahwes Wort laut: „Ich werde das Herz des Pharao verharten, und er wird hinter ihnen herjagen, und ich will mich am Pharao und all seinem Heer verherrlichen, und Agypten soil erkennen, daf ich Jahwe bin" (Ex. 14, 4, vgl. 17 f.). Die zweite Formu27

lierung (V.18) fiigt unterstreichend hinzu: „(soll erkennen,) . . . daran, da8 ich mich am Pharao, an sem en Wagen und Reitern verherrliche." Auf diese Verherrlichung, die sich in der Erkenntnis des Persongeheimnisses Jahwes („erkennen, da13 ich Jahwe bin") erfiillt, ist alles Einzelne ausgerichtet. Das darf aber nicht etwa dahin mii3verstanden werden, als ob hier das wirkliche Erzahlen in den Hintergrund trate und nur mehr von Bedeutsamkeiten, die auch ohne geschichtliche Grundlage berichtet werden konnten, die Rede sein sollte. Auch P will, bei allem Durchklaren der Erzahlung, Geschichte beridaten. Das Faktum Israel, das geschichtliche Faktum seines Gottesdienstes, den es aus der Geschichte bekommen hat, ist auch hier der Ausgangspunkt, von dem her alles Erzahlen und Sinnhaftmachen allein erheblich ist. In diesem geschichtlichen Ereignis „Israel", seinem Lande und seinem Tempel, der in der Gesetzgebung vom Zelt der Begegnung vorgezeichnet ist, sieht P den in der Geschichte berufenen Bereich, in dem Gott zur Welt kommt und in der Welt seine rechte Ehrung erfahrt. Wenn P, der sonst im Vergleich zu den alteren Erzahlungsformen das Erzahlerische seines Berichtes so unverkennbar strafft und unbarmherzig kiirzt, in Gen. 23 iiber jene alteren Berichte hinaus in ausfiihrlichster Weise vom Kauf der Grabhohle bei Hebron, in der schon die Vater einen ersten Anteil am Besitz des Landes bekommen, erzahlt, so ist dieses geschichtlich Gegenstandliche der priesterlichen Rede vor aller idealistischen oder lehrhaften Entgeschichtlichung als durch em n Zeichen gesichert. J (E) und P sind je ganz selbstandig akzentuierte Neuerzahlungen der von Israels Credoaussagen festgehaltenen Grundgeschichte des Gottesvolkes. Bindung an von den Vatern her berichtete Geschichte und Freiheit in der neuen Gesamtdurchhellung und Horbarmachung der von jenem Geschehen der Begegnung her iiber Israel stehenden Anrede Gottes konnen darin gleichermaf3en deutlich werden. Die Analogic zum Nebeneinander etwa der Markus-- und Johanneserzahlung von Jesus Christus ist nicht wohl zu iibersehen. Hier wie dort ist die erwahlende und zugleich zu Verantwortung und Dienst rufende Anrede Gottes in einem geschichtliche Breite besitzenden Geschehnis erfahren worden. Hier wie dort will eine Vielheit von Nachrichten (oder von irgendwoher eingeschlichenem, sich an jene Geschichte hangendem Erinnerungsstoff) so wiedererzahlt werden, dai3 die Einheit der gottlichen Anrede, die in dem von den verschiedenen Berichten geschilderten Begebnisgang Geschichte geworden ist, gehort wird. Da28

bei ist wie bei Johannes so auch in der alttestamentlich jiingsten Erzahlungsschicht des P zu sehen, da13 die Durchdringung von dem zu verkiindigenden Wort her hier am weitesten vorgeschritten ist. Die Konzentration in graen Redeszenen bietet sich hier wie dort als dazu besonders geeignetes Mittel dar (Gen. 9; 17; Ex. 6; 25ff.). Von ihnen her ist hier wie dort emn Proze13 der Reduktion und zugleich der inneren Straffung der Einzelgeschichten, die moglichst transparent gemacht werden sollen, erkennbar. 6. Die Evangelienerzahlungen liegen uns im Neuen Testament einzeln vor. Die alttestamentlichen Berichte von der grundlegenden Geschichte Israels sind zu einem Erzahlungsganzen in der Weise des tatianischen Diatessaron zusammengearbeitet worden. An dieser Stelle erhebt sich nochmals die Frage: Einzelgeschichte und Gesamterzahlung; Einzelquelle—Gesamtpentateuch. Sie erhebt sich hier noch in einer verscharften Form. Ging es bisher urn Einzelnachrichten, die dem Rahmen einer gram Gesamtgeschichte urn den Preis einer gewissen formalen Einschmelzung einbezogen worden waren, wobei der Schme1zproze13 bei P ungleich radikaler vor sich gegangen war als bei J, wo die alten Konturen der Einzelgeschichten sich oft noch viel deutlicher verraten, so geht es hier urn den Vorgang des einfachen Zusammenstellens fertig geformter Berichte. Von einer namhaften Umgestaltung der Erzahlung ist, abgesehen von kleinen Umstellungen, die etwa in der Flutgeschichte bei der Zusammenarbeitung aus rein erzahlerischen Griinden notwendig wurden, und Weglassungen, die urn der Einheit der Gesamterzahlung willen geschehen maten, nichts zu erkennen. Wie wird hier der einzelne Teilbericht, der seine Formung und gedankliche Zuordnung im Bereich etwa der jahwistischen oder der priesterschriftlichen Gesamtkonzeption erhalten hatte, vom Gesamtbericht, dessen Teil er nun in der Zusammenarbeitung der Quellen darstellt, her bestimmt? Oder ist es am Ende so, dai3 wir hier iiberhaupt darauf verzichten sollten, diese Frage zu stellen, und lediglich zu registrieren haben, daf3 durch einen literarischen Verwebungsprozd em n Gesamtgefiige entstanden ist, das eine wunderfiche Zusammenhaufung verschiedenartigen Materials darstellt, das nur je in semen Fragmenten betrachtet und auf den jeweiligen friiheren Zusammenhang hin rekonstruiert werden dad? 29

Doch ist diese Sicht des Pentateuchs als eines Scherbenhaufens 19, von dem man lediglich die Brud-istiicke aufheben und sie zu ihrer friiheren Einheit zusammenfiigen kann, unbefriedigend und auch der eigentlichen Intention des zusammengearbeiteten Werkes im tiefsten Sinne gar nicht gemag. Gewifl, wir miissen hier nun nochmals mit besonderer Deutlichkeit betonen, (lag wir die Frage: Einzelerzahlung und Gesamtgeschichte nicht als literarische oder historische Frage stellen. Fill- die literaturgeschichtliche Sicht zerfallt der Pentateuch in eine Mehrheit wunderlich verwobener Einzeldarstellungen. Die literarische Analyse wird in diesen selbstandig gefiigten Teilwerken emn tieferer Erforschung wertes Objekt erkennen. Ober das Phanomen des aus der Verwebung fixierter Gro13en entstandenen Ganzen wird der Literarhistoriker wenig zu sagen wissen. Und auch fiir den, der unter geschichtlichen oder auch nur erzahlerischen Gesichtspunkten nach einem Flu13 des Gesamtgeschehens fragt, wird der Gesamtpentateuch eine Verlegenheit sein. Alle Versuche erzahlerischer Harmonisierung, die sich bemiihen, etwa die Folge der zwei Schopfungsberichte 1, 1 if. und 2, 4b if., die je mit ihrer eigenen thematischen Oberschrift beginnen, als em n wirklich vorstellbares Hintereinander zu verstehen, sind nur schon angesichts der zwei vollig verschiedenen Weltbilder, von denen die beiden Berichte ausgehen, eine vergebliche Liebesmiihe. Auch die zwei Sintflutberichte lassen sich in ihrer heutigen Verwebung nicht wirklich als einheitliche Erzahlung verstehen (vgl. etwa ihre Chronologie). Wichtiger ist aber, da13 diese Versuche audi der eigentlichen Intention des Textes nicht gerecht werden. Sollte der Gesamtredaktor die Spannungen der Erzahlung wirklich nicht empfunden haben? Richtiger erkennen wir, dafi die Intention des Gesamtberichtes nun eben offenbar nicht letztlich auf diese literarischen und erzahlerischen Elemente gerichtet war, sondern auf emn hinter ihnen Liegendes. Die Einzeldurchsidit hat uns deutlich gemacht, da13 die Pentateuth19 etwa die scharfen Aussagen Grdmanns, Mose und seine Zeit, 1913, 22 f. „Wer einen Trummerhiigel ausgrabt, tut es, urn die Triimmer zum Reden zu bringen und ihre Geschichte festzustellen. Zu diesem Zweck tragt er Schidit um Schidit ab; denn nur die genaue Kenntnis der einzelnen Schiditen und ihrer chronologischen Aufeinanderfolge hat wissenschaftliche Bedeutung. Wenn er diese Aufgabe geleistet, die Ergebnisse daraus gezogen und alle Einzelfunde sorgfaltig eingeordnet hat, dann ist sein Werk schlechterdings vollendet. Jene Forderung aber besagt, daB er seine Ausgrabungen wieder zuschiitten, ja sogar, dag er den wiederhergestellten Triimmerhaufen wiirdigen und den Wirrwarr sinnvoll erklaren solle! Die Wissenschaft hat mit einer solchen Aufgabe nichts zu tun."

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quellen je die Geschichte der Begegnung Jahwes mit Israel erzahlen wollen. Die Zusammenwebung der verschiedenen Quellenberichte ist letzten Endes von der Oberzeugung her diktiert: Jene Geschichte Jahwes mit Israel ist eine einzige. Und dariiber hinaus: Die Anrede Jahwes an Israel, die in diesem Gesdiehen geschieht, ist em n und dieselbe. Von dieser vorgegebenen Annahme her konnte die Zusammenfassung der Erzahlung, die ja auch an den Hauptstellen auf die gleichen Ereignisse wies, gewagt werden. Darin wird aber auch deutlich: Die Einheit, die die verschiedenen zusammengestellten Berichte verbindet, liegt vor dem Einzelbericht von J oder P. Oder richtiger sagen wir: steht iiber diesen Einzelberichten. Es ist von da her unmoglich, em n bestimmtes Schema von Gesamtgeschichte iiber alle Einzelberichte zu stiilpen — geht es doch nicht urn eine gesetzlich zu fixierende Form von Geschichte, sondern um emn durch diese Geschichte hin begegnendes Wort, einen gottlichen Willen. Auslegung wird von da her em n seltsam dialektischer Vorgang werden. Nicht um die gewaltsame Nivellierung der Einzelaussagen auf em n gesetzlich vorgegebenes Gesamtbild hin wird es gehen, sondern darum, den Hinweis der einzelnen Auspragung auf den von allem einzelnen Erzahlen gemeinten Handelnden, Rufenden, Gebietenden zu vernehmen. Dieser vor allem Einzelnen stehende Handelnde, Rufende, Gebietende bleibt das kritische Prinzip zum Verstandnis des Einzelnen in dem erzahlerisch so fragwiirdig gewordenen Gesamtzusammenhang. Von ihm her wird auch die Einzelgeschichte wie der jeweilige Geschichtszusammenhang, in dem eine Aussage zunachst verstanden sein wollte (J, P), immer neu befragt werden miissen. Prophetische Geschichtsdarstellungen wie etwa Ez. 20 konnen uns dabei zeigen, wie radikal hier die in ihren Grundziigen nicht zu verschiebende Geschichte nochmals umgezeichnet werden kann. 7. In der schlidlichen Gestaltung der Erzahlungsberichte ist noch em n Weiteres geschehen. Die Friihgeschichte Israels ist mit den weiteren Geschichtsberichten, die bis zum Exil herabfiihren, verzahnt worden. Die Kontroverse iiber den Ort und die literarische Art dieser Verzahnung, die vor allem eine Kontroverse urn das Verstandnis 31

des Buches Josua ist, dauert noch an. Wahrend von Rad im Buche Josua die erzahlerisch notwendigen Schlufklemente der Credoaussagen und damit auch der Pentateuchquellen findet, glaubt Noth im Buche Josua in seiner jetzigen Gestalt einen Teil des schon in Dt. anlaufenden deuteronomistischen (dtr.) Geschichtswerkes finden zu kOnnen. Denn clag die daran anschlidenden erzahlenden Bucher Bestandteil eines solchen dtr. gestalteten Werkes sind, 1äIt sich wohl kaum bestreiten. Durch die Zusammenftigung mit diesem dtr. Geschichtswerk ist der Pentateuch noch in eine weitere Gesamtgeschichte eingefilgt worden. Auch von dieser Seite her wird sich das Problem: Gesamtgeschichte und Einzelerzahlung nochmals stellen. Es kann sich hier nicht darum handeln, die ganzen Probleme des dtr. Geschichtswerkes und seiner bewegten Vorgeschichte in extenso aufzuwerfen". Hier mag die allgemeine Feststellung geniigen, daf3 das Sagenmaterial, das in den alteren Berichten noch starker hervortritt, in und vor allem nach der Zeit Davids abzuklingen beginnt. Dafür wenn wir vom Bereich der Prophetenlegenden absehen, immer mehr die zuverlassige historische Berichterstattung — von der trokkenen Liste der Gauvogte Salomos bis zur kunstvoll gestalteten Erzahlung von der Thronnachfolge Davids — in ihr Recht. Kommen wir aber damit nicht in em n ganz anderes Genus des Berichterstattens hinein? Nach der Berichterstattung des Betroffenen, der Credoformulierungen entfaltet und damit auf die Stelle zeigt, von der her Jahwe mit seinem Volke handelt, nun die gegenstandlich berichtenden, unbeteiligt nacherzahlenden Aussagen? Und beides in einen Zusammenhang gekettet? Naheres Zusehen zeigt aber, da13 dieses Urteil nicht zu halten ist. Vielmehr scheint das dtr. Werk, wenn ihm audi nicht wie den Pentateuchaussagen der haltende Ring der Credoaussage zugrunde liegt, sondern der Verfasser sich offenbar den Weg zu einer Gesamtschau selber bahnen muf3, doch eine deutliche Gesamtlinie zu zeigen, die erkennen laf3t, daf3 er nicht nur als Zuschauer registriert, sondern als Betroffener Geschichte schreibt. Auch er kommt von einer Verkiindigung her. Wenn Noth in seiner Analyse recht hat, beginnt das dtr. Werk in Dt. 1, 1 if. mit einer Rekapitulation des Berichtes iiber die Wiistenwanderung in Form einer Rede des Mose, die dann 2° M. Noth, Oberlieferungsgeschichtliche Studien I, 1943, Kap. 1: Das deuteronomistische Werk. — A. Jepsen, Die Quellen des Konigsbuches, 1953.

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in die Mitteilung des deuteronomischen Gesetzbuches ausmiindet. Die ganze Erzahlung kommt danach von der Gabe des Gesetzes her. Sie schildert im Jos.-Buch die Landnahme, in Jud. die vorstaatlichen und in Sam. und Reg. die staatlichen Geschehnisse in dem Israel, das vom Empfang des Gebotes her ins Land kommt. Noth hat darauf aufmerksam gemacht, daf3 die dtr. Akzente in diesem Gang in einer Reihe von eingelegten Reden oder geschichtlichen Erwagungen zu erkennen sind. Jos. 1 die Rede Josuas beim Eintritt ins Land, Jos. 23 die Rede, die vor seinem Tode zur Treue gegen das Gebot Gottes und zur Erinnerung an die grofk Gabe Jahwes mahnt. 1. Sam. 12 die Rede Samuels beim Obergang zum Konigtum, die auf die bisherige Geschichte, zumal auch auf die gefahrliche Forderung des Volkes nach einem Konig, schaut und eindringlich zum Gehorsam mahnt. 1. Reg. 8, das Tempelgebet Salomos, in dem die Bedeutung des Tempels sichtbar wird. Dazu die Erwagung iiber das Ergebnis der Landnahme in Jos. 12, die Schilderung des Geschehnisverlaufs in der Richterzeit mit dem immer neuen, unerklarlichen Abfall des Volkes Jud. 2, 11 if. und 2. Reg. 17, nach der Katastrophe Israels, emn Riickblick auf Israels Siinde. Der Zusammenbruch Judas ist ganz zu Ende von 2. Reg. ohne weitere Reflexionen einfach berichtet. Der Dtr. schreibt in der Exilszeit. Sein Gesamtwerk ist ohne Zweifel zu verstehen als eine im hochsten Mafk betroffene Generalbeichte iiber die trotz reicher Gaben Jahwes (Land, Behiitung vor Feinden, David als erwahlter KOnig, Tempel) immer dunkler werdende Siindigkeit Israels, die dieses schlielich ins vollige Verderben wirft. Im einzelnen liefk sich hier an vielen Stellen zeigen, wie Einzelnachrichten, gelegentlich iiber allerlei Mittelstufen hin, schliefllich dieser grofkn Gesamtsicht dienstbar werden konnten. Einige beispielhafte Hinweise mogen geniigen: a) Die Simsonsagen sind von Hause aus z.T. recht unbefangen und ohne jede geistliche Absicht erzahlte Kraftmeierstiicke. Sie sind dann dem Gedanken unterworfen worden, dag auch diese Kraftleistungen, deren Leidtragende die philistaischen Erbfeinde Israels sind, Wirkungen des Geistes Jahwes und infolgedessen nicht zu Ehren von Menschen, sondern zum Ruhm der Gnade Jahwes zu berichtende Hilfstaten eines Richters seien. Die ihnen vorangestellte Kindheitsgeschichte, die Simsons Geburt Einlosung eines gottlichen Versprechens werden lagt, unterstreicht dieses Gesamtverstandnis sehr kraftig. Die Geschichten werden dann weiter einem gerade hier sehr auf33

falligen Bekenntnis zum gerechten Gericht Jahwes unterworfen. Simson wird als der seiner Berufung ungehorsame, sein Nasiraergeheimnis an eine Philisterin verratende Richter verstanden, der darum in die Gefangenschaft der Philister fallt, dort aber schliefflich von Jahwe die Gnade erfahrt, noch mit seinem Sterben einen letzten Schlag gegen die Philister fiihren zu diirfen. Dieser Erzahlungszyklus ist dann dem dtr. Werk lose (und wohl erst nachtraglich) eingefiigt worden, um hier die seltsame Verbindung von gottlicher, im Richter wirksamer Gnade und menschlichem, hier bis in den Richter selber reichendem Ungehorsam zu beleuchten. b) Die Gauvogteliste Salomos (1. Reg. 4, 7 ff.), dieses rein sachliche amtliche Dokument, wird zunachst im Zuge der Darstellung Salomos im Anschla an die gottliche VerheiLung iiber Salomo in 1. Reg. 3, 4 if. Mittel zur Illustration der Macht und Weisheit, die Jahwe dem Salomo nach seinem Versprechen gegeben, in der Gegeniiberstellung zu 1. Reg. 11, wo vom Abfall und Ungliick Salomos berichtet ist, em n Hinweis auf sein Gluck zur Zeit seines Gehorsams. Audi diese ganze, von einer inneren Gerechtigkeit Jahwes gelenkte, schlieglich Salomos Untreue strafende Geschichte ist dann Baustein in der graen Generalbeichte des betroffenen Israel geworden, das vor dem Gesetz Jahwes in seiner Geschichte seine Ungerechtigkeit ausspricht. c) Die Prophetenlegenden von Elia, die zunachst ihren Skopus durchaus in sich selber tragen und vom Kampf des Elia mit Isebel und dem untreuen Ahab berichten wollen, werden in der Einfiigung ins Gesamtwerk Beispiele fiir das unermiidliche Arbeiten Jahwes an seinem Volke, in dem er diesem immer wieder Propheten sendet und ihm das Kommende zeigt 21. So wird Israels Fall unentschuldbar. Die Zeit reicht nicht dazu, diesem Wandel, den das Verstandnis der Einzelaussage durch ihre Einfiigung in den graeren Zusammenhang erfahrt, weiter nachzugehen. Wir miissen uns damit begniigen, nochmals auf die grae, zunadist gestellte Frage zuriickzukommen: Was geschieht fiir den graen Verstandniszusammenhang durch die Anfiigung des dtr. Geschichtswerkes an die Pentateuchiiberlieferung? Das eine ist zunachst nun wohl ganz klar: Es geschieht nicht etwa eine Verkoppelung der bekenntnishaft erzahlten alten Credoerzahlung mit einem ganz andersartigen reinen Sachbericht. Auch der 21

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Vgl. dazu die geradezu formelhaften Aussagen Jer. 7, 25; 25, 4; 29, 19 u. ö.

Bericht des dtr. Geschichtswerkes will als bekenntnishafter Bericht verstanden sein. In seiner Zielaussage tritt er allerdings auffallend gegensatzlich gegen die im Pentateuch entfaltete alte Credoaussage. Die in ihm geschehene Fortfiihrung, die so glatt an die alte Credogeschichte angefiigt worden ist, daf3 man sich heute alien Ernstes iiber die Nahtstelle streiten kann, will deutlich machen, da13 die Geschichte, in der Gott sein Volk anredet, iiber jene heilvollen Geschehnisse zu Beginn hinaus eine Fortsetzung voller Ratsel und Fragen hat. 1st eine Existenz des Gottesvolkes, in dem doch nach J Segen in die verfluchte Volkerwelt hineinkommen sollte, in dessen Mitte doch nach P die vollkommene Ehrung und der Ort der gottlichen Nahe liegen sollte, ilberhaupt noch moglich? Israel bekennt, daf3 es als Bundesvolk an seiner eigenen Siinde zerbricht. Die Aussagen, die in der vorexilischen Schriftprophetie in radikaler Scharfe laut werden und die weite Stiicke des im zweiten Kanonteil zum Pentateuch hinzugefiigten prophetischen Schrifttums beherrschen, sind hier in die Form einer geschichtlichen Beichte gebracht. Israels Bekennen wird immer wieder die Form der Erzahlung annehmen. Was im Pentateuch nur in der Form des Wetterleuchtens von ferne zu sehen war (Irren der Vater, Versiindigung in der Wiiste), ist hier zum totenden Gewitter geworden. Mu13 das Gottesvolk, wenn es die Geschichte, in der ihm sein Gott begegnet ist, bekenntnishaft erzahlt, nicht mit dem Bericht iiber sein eigenes Scheitern in dieser Geschichte und dem Hinweis auf das gottliche Gericht enden? Es wird aus dem ganzen Zusammenhang Gen. — 2. Reg. auf jeden Fall deutlich, da13 em n weiteres Leben nur aus einer freien, neuen Barmherzigkeit Gottes heraus moglich sein konnte 22. Man kann sich fragen, ob nicht das dtr. Geschichtswerk, wenn es mit der kurzen Mitteilung endet, da13 der deportierte Konig Jojachin nach 37jahriger Gefangenschaft an die konigliche Tafel in Babylon gezogen worden sei, eben diese Moglichkeit eines erneuten Lebens um der gottlichen Treue gegeniiber dem Erwahlten David (und gegeniiber Jerusalem) willen andeuten mochte. Im chronistischen Geschichtswerk, das als zweiter groikr Geschichtsentwurf ganz zuletzt noch in den Kanon aufgenommen worden ist, wird dieses Wunder eines neuen geschichtlichen Anfangs nach dem Exil und die entschlossene Zuwendung zum Gesetz Gottes unter Esra22

Vgl. dazu die weiteren Ausfiihrungen u. S. 55 ff. 35

Nehemia 23 im Anschlu13 an die nochmals erzahlte Konigreichsgeschichte berichtet. Es ist deutlich, da13 darin, trotzdem 2. Chron. 36, 22, par. Esr. 1, 1 es aus der Gnade Gottes, welche die durch den Propheten Jeremia gegebene Verheii3ung nicht hinfallen laf3t, zu verstehen sucht, die voile Tiefe des von Jeremia erwarteten, gesc.henkten Neuanfanges (vgl. etwa 31, 31 ff.) nicht erreicht wird. 8. Wir miissen unsere Erwagungen mit dem Hinweis darauf abschliden, daS in unseren Bibeln das Alte Testament und seine gesamte Geschichtserzahlung mit dem Neuen Testament und seinem Bericht iiber das Auftreten Jesu Christi zusammengefilgt worden ist. Die von der Gesamtbibel erzahlte Geschichte erfart dadurch noch eine letzte Ausweitung, an der, wer iiber „Einzelerzahlung und Gesamtgeschichte" in der Bibel, und nicht nur im Alten Testament — und das wird dem Christen doch immer wieder die wirklich vor ihm liegende Fragestellung sein — nachdenkt, nicht vorbeigehen kann. Ich wiirde meinen, da13 das Problem: Einzelerzahlung und Gesamtgeschichte in der zweiteiligen Bibel letztlich und recht eigentlich in diese Weite der Frage hinausfiihrt: Wie ist der einzelne alt- und neutestamentliche Text in seinem Verstdndnis von der Tatsache her bestimmt, da13 die Geschichte, von der die Bibel beider Testamente redet, ihre „ErfiiHung", und in dieser Erfiillung auch ihr Ende in Jesus Christus findet? Es wiirde dabei erst recht sichtbar, dag die Gesamtgeschichte nicht als em n Gesetz des Gesamtverstandnisses, das die einzelne Aussage meistert, wirksam wird, sondern daE der eine rufende, richtende und begnadigende Gott, von dessen anredender, geschehnishafter Begegnung diese Gesamtgeschichte zeugen will, auch die Mitte bleibt, auf die hin jede Einzelaussage zu verstehen ist 24. Aber mit dieser Feststellung ilberschreite ich den Rahmen des mir gestellten Themas. So breche ich hier ab. Die geschiditliche Reihenfolge lautet wahrscheinlich: Nehemia—Esra. 24 S. u. S. 62 ff. Das Alte Testament in der Verkiindigung der christlichen Kirche.

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EZECHIEL, EIN ZEUGE DER GERECHTIGKEIT GOTTES

Die Schrift redet in ihren beiden Testamenten nicht von einem Gotte, der in seinem Geheimnis hinter der Welt der Sichtbarkeit bleibt und in diesem seinem ewigen Sein vom Menschen erahnt werden will. Sie redet von dem unbegreiflichen Wunder, da8 Gott in die Menschengeschichte hereingetreten ist und sich hier in seinem Handeln zu erkennen gegeben hat. Sie weif3 zum anderen, daf3 dieses Handeln Gottes in der Geschichte es nicht nur mit der Macht des Herrn der Welt zu tun hat, sondern da13 seine Mitte und sein Kern die Gerechtigkeit Gottes ist. Wenn Paulus dieses Tun Gottes in Kiirze in die Formulierung zusammenfassen kann: „Die Gerechtigkeit Gottes ist offenbar geworden" (RO. 3, 21), so trifft er damit nicht nur das neutestamentliche, sondern ganz ebenso das alttestamentliche Verstandnis des Handelns Gottes. Was ist von dem Menschen, iiber dem sich dieses Handeln Gottes vollzogen hat, zu erwarten? Der Prophet Deuterojesaja schildert in einigen seiner hochdramatischen Worte den Handel Gottes mit der Welt in dem gewagten Bilde eines graen Prozesses zwischen dem Gott Israels und den Gottern der Volker, in dem es um den Erweis der Macht und Gerechtigkeit Gottes geht. Das Wort Kap. 43, 8-13 fiihrt mitten in die Gerichtsverhandlungen hinein, in deren Verlauf nun auch das Gottesvolk Israel, das im Exil sitzt aber eben daran ist, das grofk Wunder der Befreiung aus dem Exil zu erleben, aus dem Warteraum vor das Gerichtstribunal gefiihrt wird. „Fiihrt das blinde Volk heraus, das doch Augen hat, die Tauben, die doch Ohren besitzen." Dann treten sie herein in den grofkn Rechtsproze13, in dem alle Volker versammelt sind, urn die Entscheidung zu vernehmen. Sie horen die Aufforderung Jahwes an die Gegenpartei der Gotter, doch ihrerseits Zeugen zu stellen, die beweisen, dafl die Gotter die Geschichte der Welt in Handen haben. Und dann hort das immer wieder blinde Volk Israel die itherraschende Anrede Gottes, die an eben dieses Israel ergeht: „Ihr seid meine Zeugen, spricht Jahwe, meine Knechte, die ich erwahlt habe, damit sie erkennen und mir glauben und em 37

sehen, da13 ich es bin. Vor mir ward kein Gott gebildet, und nadi mir wird keiner sein"'. Zeuge zu sein ist selbst dieses blinde Volk, iiber dem aber die Taten Gottes geschehen sind, gerufen. Zeuge zu sein, das ist bis in die neutestamentliche Gemeinde hinein die eigentliche Funktion dessen, iiber den die Taten Gottes gekommen sind. Dabei kommen im Nebeneinander der lukanischen und johanneischen Rede vom Zeugen 2 die zwei Pole sehr deutlich heraus, die fiir das biblische Verstandnis des Zeugen unaufgebbar sind. Zeugenschaft tragt einerseits eine klare, an die Sache eines Geschehnisses gebundene Sachbezogenheit in sich. Da sich der Handel Gottes mit der Welt, in dem sich seine Gerechtigkeit offenbart, in Geschehnissen geschichtlicher Tat Gottes (die ja immer auch zugleich anredendes Wort sind) 3 vollzieht, wird der Zeuge diese Taten bekunden. So redet Lukas mit besonderem Nachdruck von der Zeugenschaft der Auferstehung Christi. Aber der biblische Zeuge (auch der alttestamentliche Zeuge vor einem menschlichen Gericht) ist nie nur, wie es moderner Sachlichkeit geniigen mochte, reiner Sachzeuge. Er ist zugleich audi ganz persongebunden. Sein Zeugnis enthalt in sich das Ja seiner Person zur Person dessen, fiir den er Zeugnis abgibt. Dieser Akzent ist in der johanneischen Verwendung von ,actmcleiv und ttagrvQia fast ausschliefilich zu horen. Die auch neutral zu formulierenden berichtenden Sadigehalte treten darob stark zuriick. Doch wird es bei aller Akzentverschiebung im einzelnen dabei bleiben, da13 im theologischen Zeugenbegriff grundsatzlich die doppelte Bezogenheit unaufgebbar ist. Ein personales Zeugnis von Gott, das nicht auch immer wieder den geschichtlichen Handel Gottes mit der Welt nach seiner geschichtlichen Geschehnisseite bezeugt, ist ebenso unbiblisdi wie das reine Sachzeugnis, das in einem heilsgeschichtlichen Materialismus Fakten bezeugt und darob vergifit, clag all diese Fakten nur erheblich sind als unmittelbar treffende Anrede Gottes. 1. Im Buch des Propheten Ezechiel, von dem nun im Folgenden besonders die Rede sein soll, fehlt sowohl das Substantiv 1r (der i Zur Textgestaltung vgl. J. Begrich, Studien zu Deuterojesaja, 1938, 41, wo sich auch die entscheidenden Aussagen zur formgeschichtlichen Analyse finden. 2 H. von Campenhausen, Die Idee des Martyriums in der alten Kirche, 1936, 29 ff. — TIOX7B IV 477 ff. Art. martys (Strathmann). 3 S. O. S. 17, im NT Joh. 1, 14.

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Zeuge) wie auch jede verbale Ableitung vom Verb IV . Doch kann gar kein Zweifel daran bestehen, dag auch Ezechiel von dem Handel Gottes mit der Welt, der nach der Sicht der Bibel im Handel Gottes mit Israel seine exemplarische Mitte hat, betroffen ist und allein von eben diesem Handel berichten will. So hat die Frage nach der besonderen Weise, in der Ezechiel zum Zeugen der in diesem Handel sidi offenbarenden Gerechtigkeit Gottes wird, ihr sachliches Recht. Wer heute von Ezechiel redet, kann es nicht tun, ohne zuvor wenigstens in emn paar Worten semen Standort in der Frage: Prophet und Prophetenbuch Ezechiel klargemacht zu haben. Meinte man noch zu Jahrhundertbeginn im Buche Ezechiel das planvoll angelegte Eigenwerk des Exilspropheten Ezechiel sehen zu konnen, so ist diese problemlose Sicht in der Diskussion der letzten Jahrzehnte zerbrochen. BegnUgten sich die einen, wie etwa Holscher 4 in seiner epochemachenden Untersudiung von 1924, mit der weitgehenden Ausschaltung sekundarer, redaktionell zugefiigter Elemente, ohne das Gesamtbild des Exilspropheten weiter anzutasten, so suchten andere im Gefolge von Herntrich 5 nachzuweisen, dag jiingere Redaktion einen ursprUnglichen Jerusalemer Propheten zum Exilspropheten umfrisiert habe. Torrey 6, der Initiator dieser Sicht, fiigte dazu gleich noch die These, dag das ganze Buch emn aus dem ausgehenden 3. Jahrhundert stammendes Pseudepigraph sei. Wenn audi die jiingsten Arbeiten von Fohrer und Howie 7 die Analyse wieder in gemagigtere Bahnen zurtickzulenken scheinen, so diirfte doch der bleibende Ertrag der ganzen Debatte in der Erkenntnis zu sehen sein, dag das Budi Ezechiel in der Tat das Produkt einer bewegten Nadigeschichte des urspriinglichen Propheten-Wortes darstellt. Der ganze Vorgang wird etwa in den Bahnen zu sehen sein, die Mowinckel in seinem Buch „Prophecy and tradition" 1946 vor allem fiir Jesaja und Jeremia gekennzeichnet hat. Wir haben mit durch Generationen hin reichenden prophetischen Traditionskreisen zu rechnen. 1st der jesajanische Kreis dadurch gekennzeidinet, dag er zwei besonders ragende Gipfel aufweist — neben Jesaja selber noch jenen Unbekannten der Exilszeit, den wir Deuterojesaja nennen —, der jeremianische Kreis dagegen durch 4 G. Holscher, Hesekiel, der Dichter und das Buch, BZAW 39, 1924. 6 V. Herntrich, Ezechielprobleme, BZAW 61, 1933. 6 C. C. Torrey, Pseudo-Ezekiel and the original Prophecy, 1930. 7 G. Fohrer, Die Hauptprobleme des Buches Ezechiel, BZAW 72, 1952. — Ezechiel, HbAT, 1955. — C. G. Howie, The Date and Composition of Ezekiel, 1950. 39

seine Nahe zum deuteronomischen Kreis, so da13 eine ganze Schicht der Jeremiaiiberlieferung wie durch em n deuteronomisches Farbglas gesehen zu sein scheint, so der ezechielische Traditionskreis durch seine Nahe zu den exilischen Kreisen, denen das priesterschriftliche Material des Pentateuch entstammt. Obwohl die Gestalt Ezechiels in seinem Buche in beeindruckender Einsamkeit erscheint und auch nicht die leiseste Andeutung einer Schiilergestalt im Umkreis des Propheten sich findet, zeugt das Prophetenbuch doch von einem den Propheten umgebenden Schulkreis, der sein Wort weitergegeben und unverkennbar auch in gewissem Umfange weiterinterpretiert hat. Ich mochte allerdings glauben, da13 der ezechielische Schiilerkreis im ganzen ungleich naher beim Propheten selber steht und in semen eigenen Bahnen weiterdenkt und formuliert, als etwa die deuteronomischen Sdiiiler von Jeremia. So kann ich mich nidit von einer tiefergreifenden Umzeichnung des Prophetenbildes durch diesen Schiilerkreis, geschweige denn gar von einer nachtraglichen Verpflanzung Ezechiels von Jerusalem ins Exil iiberzeugen. Vielmehr entfallen auf diesen Tradentenkreis allerlei verbreiternde Erweiterungen, genauere Einzelausdeutungen und Nachinterpretationen im Lichte der sich weiterbewegenden Geschichte 8. Eine entscheidende Erweiterung der Thematik des Propheten ist ihm nicht zuzumuten. Das kann uns das Recht geben, im Folgenden den Propheten weithin mit seiner Schule zusammenzusehen. Noch eine Vorbemerkung zum Verstandnis des Propheten. Ezechiel stammt aus der Jerusalemer Priesterschaft. Er ist aufgewachsen in dem Wissen urn die Ordnungen der Thora des heiligen Bezirkes. Die Kategorien von Heilig und Profan, von Rein und Unrein, die Qualisind ihm unmittelfizierungen des Unheiligen als rpt, rr=pirl, bar vorgegeben. Es ist bei ihm deutlich zu erkennen, wie er nicht nur in der Stilistik und im Wortschatz sakralrechtlicher Ordnungen redet 9, sondern auch in ihren Gehalten denkt, feste Reihen von Rechtsforderungen als unmittelbare Norm gottlicher Ordnung vor Augen hat und an ihnen Gehorsam und Ungehorsam mift. Messen und rechnen, eine gewisse formularartige Fixiertheit der Sprache und des Denkens, eine besondere Hochschatzung der die Allseitigkeit ausdriickenden, einem 8 Für alles Einzelne muB ich hier auf meinen im Erscheinen begriffenen Kommentar zu Ezechiel verweisen. 9 Besonders deutlidi erkennbar in 14, 1 ff.; dazu vgl. die Analyse in ZAW 66, 1954, 1-26.

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statischen Ordnungsdenken darum besonders naheliegenden Vierzahl fallt bei ihm rasch ins Auge. All das ist vaterliches priesterliches Erbe. Dieser Priestersohn ist zum Propheten berufen. Zwischen Priester und Prophet liegt, auch wenn wir das heute viel besprochene aber keineswegs geklarte Problem der Kultprophetie nicht naher beriihren, auf jeden Fall eine spiirbare Unterschiedenheit. 1st der Priester Hiiter der heiligen Ordnung, Pfleger der von Gott auf Erden niedergelegten Gabe, so ist der Prophet ungleich ungeschiitzter dem eberfall des freien Gotteswortes preisgegeben. Ezechiel ist nicht nur darin Prophet, da13 er formal den Stil der prophetischen Gottesrede handhabt, wie die alteren Propheten u. U. durch Zeichenhandlungen verkiindigt, Worte auch gegen die Fremdvolker formuliert. Er ist auch in seiner Thematik offensichtlich Nachfahre der graen alteren Schriftprophetie — Hoseas, Jeremias, aber auch des Amos und Jesaja. Doch nun zur eigentlichen Frage: Wie wird dieser aus Priesterkreisen stammende Prophet Ezechiel zum Zeugen der Gerechtigkeit Gottes? 2. Ezechiel ist einer aus dem Volke Israel. Es fallt bei ihm geradezu auf, wie entschieden er auch da, wo er, der nach Babylon verbannte Angehorige des seit etwa 150 Jahren von Graisrael allein noch bestehenden Restgebildes Juda, redet, er immer wieder vom „Hause Israel" redet und sich an Israel gesandt weifL Es kann kein Zweifel daran bestehen, daf3 es sich dabei nicht nur um eine gedankenlos hingeworfene, etwa gar nur in der Absicht des Ardiaisierens verwendete Bezeichnung fiir das von ihm angeredete Volk, sondern urn einen vom Exilspropheten bewat gewahlten Namen handelt. Sein Wort soll das Gottesvolk Israel in der Gesamtheit seiner Geschichte anreden und die iiber ihm sich ereignende Geschichte Gottes bezeugen. Wenn dem aber so ist, dann muf3 sich eine erste Feststellung zwingend aufdrangen: Als Israelite kann Ezechiel nicht einfach mit einem freien, eigenen Wort vom Handeln Gottes aufstehen, als ob noch nidits geschehen ware. Israel kommt als Ganzes scion her von einem grogen Wissen urn das Handeln Gottes, in dem sich die Weise seiner Gerechtigkeit kundtat. Israel kann sich in seiner ganzen Existenz ja gar nicht anders verstehen, denn aus einer solchen grundlegenden, es in seiner ganz besonderen Weise anrufenden Tat Gottes heraus, die das Geheimnis der Gerechtigkeit Gottes offenbar macht. 41

Fragen wir im Rahmen der Eigenaussagen Israels nach semen Urspriingen, so finden wir den Namen dieses Volkes auffallenderweise nicht in jener groBen Volkertafel Gen. 10, die das wachstiimliche Herauskommen der Volker aus dem grogen Urstamm der Menschheit schildert und dieses Heraussprossen der Volker aus dem grof3en Stamm (so besonders deutlich in P) als Folge der allgemeinen Segnung Gottes iiber der Welt versteht. Vielmehr weiE sich Israel als emn Volk, das auf einen besonderen Ruf Gottes hin entstanden ist, der semen Ahnen gerade aus der natiirlichen Sippenverbundenheit herausgerufen, ihn und durch ihn alle, die von ihm abstammen, zu einem Einzelnen und Besonderen gemacht hat. Nach der jahwistischen Schilderung ruft dieses Wort den Einzelnen aus einer immer tiefer in das Verhangnis der Gottferne und des Fluches hineintreibenden Menschheit, damit hier emn neuer, weltweit bedeutsamer Ort des Segens entstehe. Nach der priesterschriftlichen Aussage ist Abraham durch den Bundschla Gottes (auch J hatte von einem solchen geredet) mit ihm und semen Nadikommen der Besondere geworden, der Vater des Volkes, in welchem der rechte Gottesdienst am Ort des Zeltes, in das Gott in seiner Gnade sich schlidlith in die Mitte seines Volkes herablassen wird, Raum bekommen soil. Beides sind Weisen, die Gerechtigkeit Gottes iiber der Welt aus dieser besonderen Geschichte Israels heraus zu erkennen und von ihr zu zeugen. Damit stehen wir aber vor der Tatsache, daf3 em n Israel — und damit wohl nicht nur em n Priester, sondern auch em n Prophet in Israel — gar nicht denkbar ist ohne emn bestimmtes Wort vom langst schon geschehenen groflen Handeln Gottes. Israel wird, sobald es nur einmal anfangt, seine eigene Geschichte zu erzahlen, zum Zeugen des grofien Handelns Gottes iiber der Welt werden miissen. Das ist es aber, was die neuere traditionsgeschichtliche Analyse des Pentateuch in so iiberraschender Weise deutlich zu machen vermocht hat. Wir sehen heute, da8 der grae, im einzelnen so komplexe und aus verschiedenen Erzahlungsstromen zusammengeronnene im Pentateuch vorliegende Bericht von der Friihgeschichte der Welt und Israels im Grunde nichts anderes ist als eine immer weitere Entfaltung und erzahlerische Anreicherung der grundlegenden Credoaussage Israels 1°. Der eigentliche Kristallisationskern des Bekenntnisses Israels ist der auch im Dekalogvorspruch bekenntnishaft vorangestellte Satz von Jahio S. 0. S. 16 ff. Dort finden sich auch die wichtigsten Literaturangaben. 42

we, dem Gott, der Israel aus Agyptenland herausgefiihrt hat. In diesem Ruf, der aus Agypten herausrief, hat Israel nach seinem Hitesten Credo recht eigentlich semen Anfang genommen — der Bericht iiber die Hineinfiihrung ins Land mate sich daran unmittelbar anschliden. Die Aussage vom Ruf Gottes an die Vater ist erst nachtraglich ins Credo aufgenommen worden. Sie konnte in besonderer Weise dazu helfen, das schlechthin alien menschlichen Entschliissen, ja selbst der Existenz Israels vorauslaufende freie, ganz gnadenhafte Tun Gottes ilber Israel sichtbar zu machen. Das Faktum der Verbindung Gottes mit Israel wird durch den Bericht von der Theophanie und Gesetzgebung am Sinai, dem in der Folge alle gesetzlichen Ordnungen Israels einverleibt worden sind, von einer anderen Seite her deutlich gemacht. Auch dieser Bericht ist nach Ausweis der traditionsgeschichtlichen Analyse dem urspriinglichen Credobestand nachtraglich ankristallisiert worden, auch er entfaltet einen Teil der Credoaussage, die Gehorsam heischende Herrenmacht des gnadenvoll Israel Rufenden, zu voller Deutlichkeit. Zum Credo des judaischen Israel gehort in der Folgezeit noch emn weiteres Element. Das im Lande wohnende Israel hat unter dem Konig David seine aufkrlich hohe Zeit erlebt. 2. Sam. 7 berichtet davon, dafl der Prophet Nathan diesem David im Namen Gottes Dauer der Herrschaft in semen Nachkommen zusagt. H. J. Kraus " hat wahrscheinlich gemadit, da13 mit diesem Glauben an die Erwahlung des davidischen Hauses auch der Glaube an die besondere Erwahlung des Zionsberges, auf den unter Salomo der Tempel, der das alte Bundesheiligtum der Lade in sich aufnahm, zu stehen kam, und an die Erwahlung Jerusalems verbunden und wohl auch in jahrlichen gottesdienstlichen Feiern neu begangen worden ist. Im einzelnen ist das Aufkommen und die Festigung dieses Glaubens an die alleinige Erwahltheit Jerusalems und seines Tempels als eines Credoelementes noch recht wenig aufgehellt. Wir konnen nur feststellen, da13 diese besondere Zeugnisaussage vom gnadenvollen Herabkommen Gottes zu seinem Volke Israel spatestens in der deuteronomischen Reform, die von der Generation unmittelbar vor Ezechiel durchgefiihrt worden ist, mit einem revolutionaren Ausschlidlichkeitsanspruch geschichtlich aufgebrochen und spater aufkr von den Samaritanern und einigen haretischen Bewegungen in der Diaspora nicht H. J. Kraus, Die Konigsherrschaft Gottes im Alten Testament, 1951.

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mehr ernsthaft bestritten worden ist. Es sind vor allem einige Psalmen, die zeigen kOnnen, wie das Wissen um den erwahlten Ort und die daraus ergehende Freude iiber das Nahesein Gottes auf dem Zion geradezu Grundlage der Glaubensaussage wird und daneben das Credo vom Exodus merkwiirdig in den Hintergrund treten kann 12. Ezechiel ist Glied des Hauses Israel, das von dieser Geschichte Gottes herkommt. Er ist Priestersohn aus dem deuteronomisch reformierten Jerusalem. Mug dann nicht auch sein Zeugnis von der Geschichte, die Gottes Gerechtigkeit enthiillt, vor allem anderen Bezeugung der Credoaussagen Israels sein? Wir werden ihn zunachst nach diesem Bekenntnis des Volkes Israel befragen. In der Tat fehlen seine Aussagen bei Ezechiel nicht. Es sind vor allem die grogen Bilder von der Geschichte Israels in Kap. 16 und 23 und die bildlose Geschichtsrekapitulation von Kap. 20 zu nennen 13. Zweimal ist in den grogen Bildreden — in deutlicher Anlehnung an Hosea und Jeremia — die unerhorte Tatsache der Erwahlung Israels in dem kiihnen Bild der Eheschliegung Gottes mit Israel in seiner Friihzeit gezeichnet. In Kap. 23, wo die beiden getrennten Teilreiche Israels vor Augen stehen und deren zweites (Juda) in einer Frauengestalt mit dem bedeutungsvollen Namen Oholiba (mein Zeit ist in ihr) dargestellt ist, wird vom Weilen dieser beiden Frauen in Agypten geredet und von ihnen ausgesagt: „Da wurden sie mein und gebaren Sane und 'Richter." In Kap. 16 dagegen ist Jerusalem, das hier anstelle Israels genannt wird, im Bilde einer einzigen Frau gesehen. Seine Erfahrung mit Gott ist in dem eindrudovollen Bild von dem auf dem Feld ausgesetzten, von Gott gefundenen, am Leben erhaltenen, geschmiickten und schlieglich gar zur Ehe erkorenen Findelkind gezeichnet. Diese freie, aus dem drohenden Tod zum Leben rufende Giite und unbegreifliche Zuneigung zu gerade diesem zum Leben Gerufenen ist die anfangliche Tat Gottes, die seine Gerechtigkeit enthiillt. Kap. 20 schlieglich, das wieder von Israel redet, braucht offen den strengen theologischen Begriff „Erwahlung": „Am Tage, da ich Israel erwahlte, da erhob ich dem Samen des Hauses Jakobs die Hand (zum Schwur) und offenbarte mich ihnen im Lande Agypten und erhob ihnen meine Hand (indem ich ihnen zuschwor): Ich bin Jahwe, euer Gott." Und dann ist weiter die Geschichte der Heraus12 Vgl. etwa Ps. 46. 48. 84. 13 Zum Folgenden vgl. auch ZThK 48, 1951, 249-262. 44

fiihrung aus Agypten und der Fiihrung durch die Wiiste zum Land berichtet. Die Formulierungen liegen ganz nahe bei den Formulierungen, welche die Priesterschrift im Rahmen der Pentateuchberichte in Ex. 6 fiir das Anheben der Begegnung zwischen Gott und Mose — und damit far das Anheben der eigentlichen Israelgeschidite — braucht. Nur daL Ezechiel darin altertiimlicher erscheinen mOchte, da13 bei ihm die Riickbeziehung auf die Verhei13ung an die Vater, die in Ex. 6 vorliegt, fehlt. In alledem ist das Aufklingen des alten Credo Israels von der freien Erwahlung durch Gottes Tun uniiberhorbar. In die Rede von Israel schlingt sich dabei der nadidavidische Credosatz von der Erwahlung der Heiligtumsstadt Jerusalem, jenes erwahnte Element der spezifisch judaischen Weiterbildung des Credo. Jerusalem ist die mit aller Pracht geschmuckte Braut Gottes geworden. Der Hinweis auf die besondere Erwahlung Jerusalems kann auch in der ganz anderen, priesterlichem Denken ohne Zweifel besonders liegenden Redeweise vom Ort der Mitte ausgedriickt werden. „Mitten unter die Volker habe ich es gesetzt und die Lander (der Welt) rings urn es her" (5, 5). Von dem nach dem Exil wieder ins Land geholten Volk sagt Kap. 38, 12, den gleichen Gedanken aussprechend, da13 es „ad dem Nabel der Erde" wohne. Israel, urn Jerusalem her wohnend, das Volk der Mitte der Welt — und dieses nicht durch Geburt oder natiirliche Lage, sondern durch freie gottliche Setzung. „Mitten unter die Volker babe ich es gesetzt". In alledem schliefk sich Ezechiel zunachst ganz einfach in das Zeugnis Israels, wie es durch Generationen hin iiberliefert wird, em , lebt er vom Credo Israels. Gewifl, die Bezeugung dieser Aussagen, welche die Mitte des im Pentateuch entfalteten Credo Israels darstellen, ist in den Worten Ezechiels auffallend schmal. Aber sie lafk sich auf keinen Fall an den Rand hinausdrangen und etwa als eine bla nebensachliche, lediglich mehr historisch mitgeschleppte Aussage verstehen. In dem grofkn Rechtshandel Gottes mit der Welt, in dem Gottes Gerechtigkeit sichtbar wird, bezeugt auch Ezechiel mit dem Credo Israels die nicht weiter erklarbare oder herleitbare Tat freier Erwahlung des von nirgendwoher für diese Erwahlung besonders Pradestinierten, des verachtlichen Findlings Israel bzw. Jerusalem. So handelt Gott. Dieses Handeln offenbart seine Gerechtigkeit.

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3. Aber nun darf allerdings nicht langer verschwiegen werden, dail das Wort Ezechiels (wenn wir zunHchst seine Friihverkiindigung bedenken) in der Verkiindigung fur das Heute seiner Tage etwas so radikal anderes vom Handeln Gottes auszusagen hat, daf3 man sich wohl fragen kann, ob daneben jenes im Credo Israels ausgesagte Wort noch Raum hat und nicht vollig gesprengt, wie eine in ihrer Giiltigkeit annullierte Urkunde zerrissen wird. Vom Ende des Handelns mit der ersten jener zwei Israelfrauen von Kap. 23 sagt Gott selber: „Ich gab sie in die Hand ihrer Liebhaber, der Assyrer ... sie haben ihre Sane und Tochter weggenommen und sie selber mit dem Schwerte getotet" (V. 9 f.), iiber die andere, das judaische Restisrael, in dem allein in den Tagen Ezechiels noch das Ja Gottes zu seinem Israel gesichert zu sein scheint, droht er: „Sie (die Babylonier) werden an dir handeln mit Grimm, deine Nase und deine Ohren abschneiden. Was von dir iibrig bleibt, wird durchs Schwert fallen — sie werden deine Sane und Tochter wegnehmen, und was von dir bleibt, wird vom Feuer verzehrt werden" (V. 25). Von der Frau, die nach Kap. 16 Jerusalem darstellt, sagt V. 40: „ Sie (deine Feinde) bieten wider dich eine Volksgemeinde auf, sie werden dich steinigen und in StUcke hauen." Und in der bildlosen Sprache von Kap. 20 wird festgestellt, da13 das aus Agypten gefiihrte Volk nach dem Beschlu13 seines Gottes unter die Volker zerstreut werden soil. In alledem macht sich Ezechiel zum Zeugen eines z. T. schon begonnenen, in seiner radikalen Vollendung aber erst bevorstehenden gottlichen Tuns, das jenes erste, vom Credo Israels bezeugte Tun Gottes rundweg aufhebt. Tritt der Prophet in alledem nicht in der vom Bekenntnis des Gottesvolkes gelosten Freiheit des Schwirmers aus dem Raum des Zeugnisses Israels heraus und redet von einem fremden Tun — und also auch von einer zweiten Gerechtigkeit Gottes? Es sei allerdings sofort festgehalten, dafl diese Frage nicht nur Ezechiel, sondern ganze Bereiche der vorexilischen Gerichtsprophetie trifft. Sie ist Teil der fUr die alttestamentliche Theologie fundamentalen Frage: Hat die Gerichtsprophetie in ihrer vollen Flame iiberhaupt Raum in dem vom Credo Israels abgesteckten Bekenntnisbereich? Wenn ja, wo ist ihr Ort? Ich wiirde glauben, daS an dieser Stelle auch die eigentlich brennende Gesprachsfrage zwischen Kirche und Synagoge Uber das beiden gemeinsame Alte Testament und sein Verstandnis liegt. 46

Bevor wir aber diese Frage weiter bedenken, mu13 die Vorfrage gestellt werden: Woher legitimiert Ezechiel diese seine so ganz gegenlaufige Rede vom Handeln Gottes, die ihm keinesfalls aus dem von der ganzen Gemeinde gesprochenen Credo Israels zugekommen sein kann? Es ist deutlich, da13 die Propheten selber diese Frage nach der Legitimation immer wieder als eine fiir ihr Zeugnis und sein Recht ganz entscheidende Frage empfunden haben. Ezechiel kann sie, so wie auch em n Amos, Jesaja und Jeremia, im Grunde nur mit der ganz ungeschiitzten, durch keine Tradition zu stiitzenden Behauptung beanrworten: „Gott hat mich gesandt." So steht, auch theologisch durchaus sinnvoll, der von ihm selber erzahlte Berufungsbericht am Anfang der Sammlung seiner Worte, em n Bericht, der keinesfalls als blof3 biographische Einleitung mif3zuverstehen ist. Er deutet auf das fundamentale Ereignis, das sein besonderes prophetisches Zeugnis erst miiglich macht. An einem der die babylonische Tiefebene durchquerenden „Wasserfliisse Babylons", dem auch in babylonisdien Quellen nachweisbaren Kanal kabaru in der Umgebung von Nippur, wohl am gottesdienstlichen Notort der Exulantengemeinde von Tel abib, ist er von der Gotteserscheinung iiberfallen und niedergeworfen worden. Die uns in Kap. 1 heute vorliegende Schilderung der Gotteserscheinung ist ohne Zweifel durch eine Schicht von Zusatzen, die von einer kraftigen Arbeit der Nachinterpretation in der Schule des Ezechiel zeugt, iiberlagert. Die einfachere, stark an Jes. 6 gemahnende Schilderung der Schau der Thronherrlichkeit" ist durch sie verwischt. In dieser Schau verbindet sich Herkommliches mit Neuartigem. Herkommlich, d. h. aus der Jerusalemer Tempeltradition bekannt, sind die Ziige der Herrlichkeit Gottes, die iiber den gefliigelten Wesen thront, welche die Lade schirmen. Aus den 2 Wesen des Jerusalemer Tempels sind bei Ezechiel allerdings ihrer 4 geworden. Der in Jerusalem gebrauchte Name Kerub wird in Kap. 1 bei der Bezeichnung der Wesen geflissentlich vermieden. Die Erwahnung der Rader, die den Kerubenthron mit einem Wagen gleichsetzt, diirfte erst im Rahmen der Nachinterpretation in den Text gekommen sein. Oberraschend neuartig ist die Tatsache, daf3 der nach dem Glauben Israels im Tempel Thronende dem Propheten zu einer Zeit, da in Jerusalem der Tempel noch unzerstort steht, in der Ferne des Exils entgegentritt. 14 Vgl. den Versuch einer Rekonstruktion in meinem Kommentar 33 f., die Begriindung der Rekonstruktion 21-33.

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Aus dieser Begegnung, die den in Jerusalem Thronenden in unbegreiflicher Freiheit in der Gestalt seiner Thronherrlichkeit an den Wasserfliissen Babylons erscheinen laf3t, ergeht das Wort an den Propheten, das ihn sendet und zum befohlenen Zeugen des gottlichen Tuns macht. Mehr noch. Das zu verkiindigende Wort verdichtet sich ihm in der Stunde der Berufung zur Gestalt einer in ungewohnlicher Weise vorn und hinten mit Klage und Ach und Wehe beschriebenen Buchrolle, die zu essen ihm geboten wird. 1st es andernorts, vor allem in der Psalmsprache, in Bildreden zu horen, da8 das Gotteswort sii8 ist 15 (em n von den Bildgehalten der Psalmen her bestimmtes Wort aus den Selbstbekenntnissen Jeremias 16 redet, ebenfalls im Bild, sogar vom Essen des Gotteswortes), so wird das Bild bei Ezechiel erlebnishafte Realitat — em n bei ihm noch mehrfach zu beobachtender Vorgang. Da13 ihm das Gotteswort in Buchform begegnet, la& mit grofkr Wahrscheinlichkeit darauf schliefkn, daI3 er schon geschriebene Prophetenwort-Rollen gesehen hat. Man kann ernstlich fragen, ob nicht die Rolle mit den Prophetenworten Jeremias, die 6 Jahre vor der Verschleppung Ezechiels aus dem Tempel in Jerusalem ins Exil in eben diesem Tempel durch Baruch offentlich verlesen und nachher vom Konig Jojakim in seinem Palaste verbrannt worden ist (Jer. 36 enthalt den Passionsbericht dieses buchgewordenen Gotteswortes), dem Propheten zu Augen gekommen ist und seine Sicht des Gotteswortes bestimmt hat. Aber bei all diesen Erwagungen zur Form der prophetisc.hen Worterfahrung bleibt doch das Eigentlichste, das Faktum des Oberfalls durch die gottliche Sendung an jenem 5. Tage des 4. Monats im 5. Jahr nach der Deportation Jojachins, unableitbar. Auch in der Folge behalt die jeweilige Beauftragung mit dem Gotteswort ihr unableitbares Geheimnis. So streng wie bei keinem zweiten unter den graen Schriftpropheten ist bei Ezechiel sozusagen jede prophetische Wortgruppe, wenn sie nicht durch einen besonderen Visionsbericht eingeleitet ist, unter die Einleitungsformel: „Und es erging das Wort Jahwes an mich" geriickt, einen Satz, der als Formulierung ohne Zweifel schon altere prophetische Sprachgewohnheit ist, der aber in besonderer Scharfe den Charakter des Gotteswortes als eines dem Propheten widerfahrenden Ereignisses festhalt. Nicht aus einem Schatz zeitloser Einsichten, auch nicht nach dem em n fiir allemal ab' '

Ps 19, 11; 119, 103, vgl. auch Prov. 16, 24; 24, 13 f. Jer. 15, 16.

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geschlossen in der Berufungsstunde empfangenen Erkenntniskapital lehrt der Prophet nun nach freiem Belieben, sondern jedes Reden geschieht unter dem Geheif3 des von Gott her kommenden Ereignisses, das den Redebefehl je neu enthalt. Was unterscheidet dieses so ungeschiitzt im freien Ereignis begegnende Wort des Propheten, das so hart — nach dem Empfinden des frommen Israel wohl geradezu lasterlich hart — wider das tradierte Credo Israels redet, vom Wort eines freien Schwarmers? Oder sollte es sich etwa doch in einer letzten Sicht erweisen, da13 auch dieses Reden nicht gegen das Credo ist, sondern dieses in einer neuartigen Weise aktualisiert? Dariiber wird nur in sorgfaltigem Achten auf den Inhalt der prophetischen Verkiindigung selber geredet werden konnen. Die Buchrolle, die Ezechiel bei seiner Berufung dargereicht wurde, war vorn und hinten beschrieben mit Klage und Ach und Wehe. Der Inhalt des aktuellen prophetischen Zeugnisses wird hier vorweg schon in seinem Echo bei den von ihm Betroffenen horbar. Das Tun Gottes, dessen prophetisch schauender Zeuge Ezechiel wird, hat eine sehr klar bestimmte Mitte: Vernichtung Jerusalems. Ez. 4 f. lassen sehen, wie Ezechiel dieses in harten Zeichenhandlungen inmitten der Verbannten, die nach den Angaben von Jer. 29 brennend auf den Tag ihrer Riickkehr nach Jerusalem warten, verkiinden mu13. Auf einen Ziegel ritzt er — babylonische Technik befolgend — einen Stadtplan und belagert dann vor den Augen seiner Umgebung diesen Stein. Er milk sich, um die Bedrangnis der Belagerung von innen her sichtbar zu machen, rationierte Kost zu. Er haut sich mit einem Schwert seine Haupt- und Barthaare ab, drittelt sie (LXX hat auch hier die von Ezechiel sonst geliebte 4-Zahl eingetragen und redet vom Vierteilen) und vernichtet Drittel urn Drittel durch Zerhauen, durch Verbrennen und durch Zerstreuen in alle Winde 17. Wieder la13t diese letzte Zeichenhandlung erkennen, wie Ezechiel schon in einer prophetischen Tradition steht und doch zugleich seine Eigenart hat. Jesaja hatte einst in der Krise des Jahres 733 Juda angedroht, da8 Jahwe mit dem jenseits des Euphrat gemieteten Schermesser zu scheren beginnen werde 18, und in diesem iiberrasc,henden Bildwort auf 17 Die urspriingliche Zeichenhandlung hat hier nicht weiter von der Bewahrung eines Restes geredet. 5, 3-4 a stellen eine nachtragliche Erweiterung dar. 18 Jes. 7, 20.

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BETHANY

Corner Of Pitijez :c•A & Oak Brook, Illinoi,s 60523

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die von Osten hereinbrechenden Assyrer gedeutet. Dieses jesajanische Bildwort wandelt sich bei Ezechiel wieder zur grotesken Realitat einer von ihm durchgefiihrten Zeichenhandlung, in der zugleich vollmachtig das 140 Jahre friiher gesprochene Wort in eine ganz neue Situation hinein aktualisiert wird: Heute wird dieses an Jerusalem geschehen! Ez. 7 aktualisiert em n Amoswort. Mehr als 11/2 Jahrhunderte friiher war im Rahmen einer Vision des Propheten die Verkiindigung gegen Nordisrael zu horen: „Das Ende ist gekommen iiber mein Volk Israel" (Am. 8, 2). Dieser unheimliche Satz vom Ende wird zum mehrfach wiederholten monotonen Grundwort der Verkiindigung von Ez. 7 gegen das judaische Restisrael: „(Das) Ende ist gekommen, gekommen ist das Ende..." (7, 2, vgl. 6). Wie ist das Revolutionare dieser Verkiindigung zu verstehen? Der einfache Hinweis auf die altere gerichtsprophetische Tradition ist keine geniigende, schon gar nicht eine theologisch geniigende Erklarung. Ungleich starker hatten dann wohl bei dem Jerusalemer Priester die Schwergewichte des ehrwiirdigen Credo Israels, das vom Ja Gottes zum Gottesvolk und seinem erwahlten Ort redete, wirken konnen. Man hat das Neuartige der Propheten zuzeiten in ihrem revolutionaren sittlichen Pathos sehen wollen. Die Verkiindigung des Endes muike von da her als eine Folgerung der in ihnen brennenden neuartigen Erkenntnis beurteilt werden — als etwas in der Struktur der prophetischen Verkiindigung im Grunde Abgeleitetes, emn Postulat der praktischen Vemunft, wiirde Kant sagen. Die neuere Analyse des Prophetenwortes hat dagegen m.E. einwandfrei erwiesen, da8 diese Deutung nicht zu Recht besteht. Das Gerichtswort (Drohwort) der Propheten ist nach ihrem eigenen Verstandnis em n Primares, ja das eigentlich primare Wort ihrer Botschaft und nicht als Schlu8folgerung aus dem Scheltwort, das die verletzten Normen erwahnt, sekundar herzuleiten. Urn so dringlicher stellt sich dann aber die Frage nadi dem inneren Recht dieser Verkiindigung. Wie kann em n Prophet, der doch weig urn die Realitat der Erwahlung Israels und seiner von Gott her begriindeten Gottgehorigkeit, vom „Ende" reden. Es ist auch von innen her ganz klar, daA dieser Gedanke keinesfalls nur em n Postulat des sittlichen Denkens des Propheten sein kann. Sie kann nur als primarer Auftrag mitten aus dem Willen Gottes heraus verstandlich sein. Ohne solchen Auftrag bliebe sie eine freche Anmaf3ung. Aber wenn wir damit feststellen, da13 der Prophet unter dem Geschehen des 50

Gotteswortes zu solcher Botschaft ermachtigt ist, verschiebt sich die Frage in eine noch unheimlichere Tiefe. Was ist das fiir eine Gerechtigkeit Gottes, deren Zeuge der Prophet damit wird — eine Gerechtigkeit, die in allmachtiger Freiheit erwahlte, urn dann den Erwahlten zu vernichten? 1st all das nicht der Bankrott Gottes, das Eingestandnis seines Scheiterns und infolgedessen der Sinnlosigkeit — diirfen wir biblisch nicht sagen: der Ungerechtigkeit Gottes? Wir konnen dieser Frage nicht leichthin entrinnen — gerade unter dem Wort Ezechiels, der hier die Antwort der alteren Propheten zu schier unleidlicher Scharfe steigert, nicht. Hatten wir eben formuliert, dag Gott urn seiner Erwahlung Israels willen iiber dieses nicht wohl das Ende bringen Urine, so ist schon bei Amos zu horen: „Euch allein habe ich erkannt vor alien Geschlechtern der Erde — darum suche ich an euch heim all eure Missetaten" (3, 2). Bei Ezechiel ist dieser Satz ungleich scharfer auf Israel bzw. dessen bisher verschonten Rest Jerusalem und Juda hin formuliert: Es ist schlechthin unmOglich, clag Jerusalem vor Gott bestehen konnte, nicht trotz, sondern eben urn der Gerechtigkeit Gottes willen. Das Ende Jerusalems ist der Erweis der Gerechtigkeit Gottes. Die Aussage von der schlechthinnigen Verworfenheit Israels (Jerusalems) ist iiber die ezechielischen Aussagen hinaus nicht mehr zu steigern. Dabei ist aber streng festzuhalten, dag diese Verworfenheit nicht von einem seitab gewonnenen Kriterium her festgestellt wird, sondern aus der Ordnung des Bundes Gottes heraus. In Kap. 22, 1 if. ist eine Scheltrede iiber Jerusalem, die „Stadt der Blutschuld", zu hOren. Nach allgemeineren Scheltworten lauten die V. 7 if.: „Vater und Mutter veraditet man in dir. Am Fremdling iibt man Gewalttat in deiner Mitte. Witwe und Waise bedriickt man in dir. Meine Heiligturner verachtest du und entweihst meine Sabbate. Verleumder sind in dir, urn Blut zu vergiegen. Auf den Bergen igt man in dir. Schandtat iibt man in deiner Mitte. Die Bib& deines Vaters deckt man in deiner Mitte auf... ." Wer Ohren hat, auf Formen zu horen, hort hier etwas. Ezechiel formuliert unverkennbar nicht aus freier sittlicher Emporung heraus, indem er zornig semen personlichen Beobachtungen den Lauf liege. Hier stehen ohne Zweifel Rechtssatze der alten (iiber ihr objektives Alter mug hier nicht gehandelt werden, es geniigt zu sehen, dag sie Ezechiel vorgegebenes Recht sind) Bundesordnung Israels dahinter, an denen sich die Gottlosigkeit Jerusalems enthulk, indem Satz urn Satz, Ordnung um Ordnung iibertreten werden. 51

Von den Untersuchungen Alts 19 her wissen wir, da8 Israels alte Bundesrechtstradition in Reihenformulierungen tradiert und wohl auch bei festlichen Gelegenheiten neu rezitiert und eingepragt wurde. Der Dekalog ist die vornehmste dieser Reihen. Es hat aber ohne Zweifel im Lauf der Geschichte Israels und an semen verschiedenen heiligen Orten eine Vielzahl solcher Rechtsreihen gegeben. Recht ist in der alten Zeit etwas durchaus lebendig sich Weiterbildendes. Die besondere Frage, welche Ausformung des Bundesredites Ezechiel vor Augen hat, kann uns hier nicht ausfiihrlich beschaftigen. Es ist auch hier nod-i manches ungeklart und nur zu sehen, dag wir offenbar in dem vom Heiligkeitsgesetz (Lev. 17-26) tradierten Material am nachsten an den Strom der Ezechiel vorliegenden Rechtstradition herankommen. Wichtig ist in diesem Zusammenhange lediglich zu sehen, (lag das Urteil Uber die Bundesunfahigkeit Israels nicht von einem zweiten Standorte her gefallt wird, sondern eben aus dem Bundesstatus mitten heraus. So ist geradezu der Satz zu wagen: StUnde Israel nicht im Bunde, hatte Gott nicht eben dieses sein Recht Uber ihm im Bunde geoffenbart, so wUrde die schlechthinnige Unfahigkeit Israels zum Bunde keineswegs in dieser Scharfe sichtbar. Weil aber Gott Israel im Bunde erwahlt, es unter sein Bundesrecht gestellt und es damit zum exemplarischen Gottesvolk mitten unter den Volkern gemacht hat, darum wird seine vollige Bundesunfahigkeit so unausweislich sichtbar und das Gericht iiber Israel eine so elementare, urn Gottes willen primare Bundesnotwendigkeit. In alledem ist nun aber wohl deutlich: Ezechiel, die ganze Gerichtsprophetie, will nicht als Schwarmertum in einem Raume aufkrhalb des Bundes reden. Sie wei8 sich vielrnehr in erschreckender Weise als Wort eben aus der Gerechtigkeit Gottes heraus, die vom Credo bezeugt ist — dem Credo, das vom Gruff des heiligen Gottes nach Israel zeugt. In der Einzelschilderung der Verworfenheit Israels sind dabei zwei Tendenzen erkennbar. Auf der einen Seite miiht sich Ezechiel zu zeigen, wie die Widerspenstigkeit des Volkes gegen die Gottesordnung in der Mitte der Geschichte aufbricht und die unbegreifliche, vom Hause Israel frei gewahlte Tat des Widerspruches ist. So etwa in Kap. 20, wo die Erwahlung des Volkes, die HerausfUhrung aus Agypten und die Mitteilung des gottlichen Gebotes in der Weise des Credo 19 A. Alt, Die Urspriinge des israelitischen Rechts, 1934 (Kleine Schriften zur Geschichte des Volkes Israel I, 1953, 278 ff.).

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geschildert sind und dann irrational, unbegreiflich bei der Auszugsgeneration, der 1. Generation der Wiistenwanderer, und bei ihrer zweiten Generation immer neu der Ungehorsam aufbricht, so dal Gott schon iiber den Wiistenwanderern das Exil ankiindigen ma. Oder Kap. 16, wo das von Gott gefundene, am Leben erhaltene und zur Ehe genommene Findelkind Jerusalem in seiner Geschichte sich in die treulose Buhlerei mit den Gramichten einlafit. Daneben aber die andere Aussagenreihe, die sich bemiiht zu zeigen, 613 die Siindigkeit Israels mehr ist als nur eine hier und dort beilaufig aufbrechende Erscheinung, sondern daS sie Wesen und eigentliche Art Israels ist und als solche allem einzelnen Siindigen vorgegebene Ursiindigkeit Israels. So in Kap. 23, wo die beiden Schwestern Ohola und Oholiba schon vor ihrer Berufung zur Ehe mit Jahwe Buhlerinnen sind und sich schon in Agypten den Agyptern preisgegeben haben. Oder in Kap. 15, wo das mit dem unbrauchbaren Rebholz verglichene Jerusalem in einer geradezu ontologischen Aussage als wesensmagig unbrauchbar bezeichnet und sichtbar gemacht ist, da8 diese Unbrauchbarkeit durch die Geschichte nur mehr gesteigert werden kann, aber im Grunde schon vor aller Geschichte da ist. Auch in Kap. 16 spielt dieser Gedanke herein, wenn dort verachtlich von den Eltern des Kindes, einem Amoriter und einer Hetiterin, geredet und darin die erbliche Belastung Jerusalems sichtbar gemacht wird. „Wie die Mutter, so die Tochter", wird es im Fortgang des Kapitels (V. 44) zu horen sein. Hierher ist auch die schon im Berufungsbericht des Propheten sich immer wieder findende Bezeichnung des Hauses Israel als „Haus Widerspenstigkeit" zu rechnen. Widerspenstigkeit ist geradezu das unabanderliche Wesen Israels, das sich hier in einem festen Namen niederschlHgt. Das Wesen der menschlichen Siinde, die immer ganz unentschuldbare freie Wahl und zugleich doch nie nur abstreifbares Akzidens, sondern unaufgebbare Fessel ist, kommt darin unheimlich scharf zum Ausdruck. Wenn darum Gott sich diesem Volke in seinem Bunde in seinem Recht zugeneigt hat, dann muA er dieses Volk zerschlagen. Nicht von au13en her, sondern aus seiner Mitte heraus mu13 Israel zerbrechen. Das wird in Kap. 9 sichtbar. Nachdem Ezechiel in der Schau von Kap. 8 vier Greuel sich im Tempel von Jerusalem hat breitmachen sehen, sieht er nach dem Bericht von Kap. 9 die 6 Gerichtsvollstrecker von der Mitte des Tempels mit dem Schwert ausgehen. Der siebte, der zuvor durch die Stadt gehen und alle, die iiber die 53

Greuel, die in ihr getan werden, seufzen und stohnen, zur Rettung an der Stirne zeichnen soil, streut nach Kap. 10 das Feuer, das in der Gotteserscheinung im Tempel selber brennt, iiber die Stadt. Von der Mitte des Heiligtums, dem Ort der Gegenwart Gottes, geht das Unheil aus. „Bei meinem Heiligtum sollt ihr anfangen", lautet (9, 6) der Befehl an die 6 Verderber. Und die Schau des Propheten muf3 damit enden, da13 die Herrlichkeit Gottes das Heiligtum verlaik. Die Frage nach der Gerechtigkeit Gottes, die Ezechiel in seinem Wort bezeugt, wird in alledem schier unleidlich zugespitzt. So widersinnig ist danach der Handel Gottes mit dem Volk der Mitte der Welt, da13 er voll freier, berufender Gnade ist und zugleich voll totenden Gerichtes — und dabei doch nicht zu sehen ist, wie die Gnade, die es wirklich mit Menschen zu tun haben will, urn Gottes selber willen ohne das Gericht, das dieses siindige Menschenvolk toten muI, bleiben kann. Ezechiels Wort ist (er will ja Zeuge einer Geschichte Gottes mit seinem Volke sein) nicht von dem Geschehen abzulosen, das in seinen Tagen iiber Jerusalem anhebt. Dieses Geschehens Zeuge wei13 er sich und ist eben darin Zeuge der sich erweisenden Gerechtigkeit Gottes. Der Brand Jerusalems, in dem der erwahlte Ort der gottlichen Gegenwart, der Tempel, mitverbrannt ist, die Ausloschung der politischen Eigenexistenz, der Tod in und urn Jerusalem herum, die Verschleppung des Bevolkerungsrestes nach Babylon, das Zerstieben der Fliichtigen in die umliegenden Lander, all das ist fiir das Zeugnis des Propheten nicht unerhebliche Nebenerscheinung, sondern das von seinem Wort Gemeinte: das Ende, der Auszug Gottes aus der Mitte des Volkes, das er zum Volk der Mitte gemacht hatte, der Tod. Auf den rauchenden Triimmern Jerusalems wird nach dem Zeugnis Ezechiels die Gerechtigkeit Gottes iiber dem Volke offenbar, das in seiner Sondergeschichte Volk der Menschheit ist und nun um seines Bundes mit dem Heiligen willen nur durch semen Tod die Gerechtigkeit des Bundesherm sichtbar machen kann. Aber wird nicht eben von diesen Triimmern her die Gerechtigkeit Gottes, die in ihrer Erwahlung eines Menschenvolkes scheitern mate, zum Gespott der Welt werden milssen? Mehr als emn Wort Ezechiels verrat, dag er diese Frage in aller Scharfe empfunden hat.

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4.

Aber nun zeigt es sich, da8 Ezechiel iiber diesem Tod, der doch ohne Zweifel das Ende einer Geschichte darstellt, nicht verstummt, sondern da13 er noch Zeuge einer Fortsetzung der Geschichte Gottes mit Israel zu sein hat und erst darin die Bezeugung der Gerechtigkeit Gottes voll macht. Wo setzt dieses weitere Wort an? Die flache Deutung, die hier etwa Ezechiels nationales Empfinden vermutet, das es mit Israels Geschichte nidit zu Ende gegangen sein lassen kann, verdient wohl keine lange Widerlegung. Aber auch die theologische Antwort, da13 Gott urn seiner Liebe willen eben doch weiter an Israel handeln miisse, sollte nicht zu eilfertig als Selbstverstandlichkeit beigebracht werden. Vielmehr ma zunachst mit aller Deutlichkeit festgestellt werden, clag nach dem eigenen Wort Ezechiels vom Menschen her zunachst schlechterdings keine Kontinuitat zu einer weiteren Zukunft Israels mehr sichtbar ist. Ez. 37, 1-14 erzahlt die eigenartige Vision des Propheten von den Totengebeinen. Ober emn Feld, iibersat mit ganz diirren Knochen, bekommt der Prophet den Befehl zu prophezeien. Unter dem Gotteswort beginnen die Gebeine sidi wieder zu beleben. Die ganze Schau wird von Gott gedeutet: „Siehe, ich offne eure Graber und fiihre eudi aus euren Grabern heraus als mein Volk und bringe euch ins Land Israels". Die Wahl des Bildes von der Auferweckung toter Gebeine zur Schilderung einer neuen Zukunft Israels im Lande zeigt ganz deutlich, wie nach dem Willen Gottes eine weitere Geschichte Israels, die leicht als vom Menschen her mogliche Kontinuitat mi13verstanden werden konnte, allein verstanden sein darf. Die Kontinuitat der weiteren Israelgeschichte ist vom prophetischen Zeugen geschaut als die Kontinuitat vom Tod zu neuem Leben. Vom Menschen her gesehen das Ende all seiner Moglichkeiten — Moglichkeit allein bei Gott, der Macht hat, Totes zum Leben zu erwecken. So ist denn die weitere Geschichte Gottes mit Israel, die im prophetischen Wort Ezechiels bezeugt wird, die jenseits eines vom Menschen nicht zu iiberspringenden Zwischenbereiches, allein aus der schenkenden gottlichen Gerechtigkeit sich vollziehende Geschichte. Dort allerdings soil sie wirkliche Geschichte werden. Ez. 40-48 skizzieren den graen Entwurf des neuen Tempels, des neuen Jerusalems und des neuen Landes. Auf einem sehr hohen Berg schaut der Prophet den neuen Tempel, in einem neuartigen 55

Ebenma13 gebaut, von allem Unheiligen abgesondert, seltsam beziehungslos neben der Stadt liegend. In diesen Tempel sieht er (43, 1 ff.) die Herrlichkeit Gottes einziehen 20. Von diesem Heiligtum her sieht er (47, 1 ff.) einen erst kleinen, dann immer starker anschwellenden Strom fliden, der das ganze Land, selbst das geographische Ratsel des Toten Meeres heilt. Der Entwurf Kap. 40-48 enthalt in sith eine deutliche innere Spannung. Es sind ihm eine Menge ganz praktischer Ordnungen für Heiligtum und Priester eingebaut. Manches ist hier ohne Zweifel Weiterarbeit der Schule Ezechiels, die iiber die Ordnungen des neuen Lebens im Bereich des kommenden neuen Lebens nachdenkt. Da sind Ordnungen, die emn gewisses Reformprogramm, das im Exil mit dem niichternen Blick auf eine kommende Wiederaufrichtung ausgearbeitet worden ist, enthalten. Zugleich aber wird die erwahnte auffallende Lucke sichtbar — jener Raum, der nur durch eine neue, freie Schopfertat Gottes iiberbriickt werden kann: Die Erhohung des Tempelberges (im Sinne von Jes. 2, 2?), die Errichtung des neuen Tempels, das Geschenk der neuen gottlichen Gegenwart, das Aufspringenlassen der wunderbaren Queue sind alles Ziige, die nicht im Bereich der menschlichen Moglichkeiten liegen, nicht im Imperativ befohlen werden, sondern durch die auf das Wunder des neugeschenkten Anfanges gewiesen werden soil. Es ist bei aller niichternen Erwagung, da13 es eine Zeit mit realer menschlicher Verantwortung sein wird, die dem Menschen ungreifbare, von ihm zunachst einfach zu empfangende Moglichkeit, auf die gewiesen wird. Die moglicherweise nachezechielische Schuliiberlieferung vom Ansturm Gogs von Magog, des letzten politischen Feindes des Gottesvolkes, und seiner Vernichtung (Kap. 38 f.), fiigt in dieses Bild einer neuen, der Gottesstadt geschenkten Zukunft noch einen weiteren Zug em . Dem Menschen unmoglich, in keine menschliche Kontinuitat einzubeziehen, aber von Gott her moglich, der Kontinuitat und inneren Treue der von ihm mit seinem Volk veranstalteten Geschichte zugehOrig — diese innere Ratio der Geschichte Gottes, die keinem Menschen, sondern letztlich nur der eigenen Treue dieses Tun schuldig ist, wird in dem Kap. 36, das auch vom gottlichen Geschenk des neuen Herzens und des neuen Geistes an das Volk redet, in aller wiinschenswerten Deutlichkeit zum Ausdruck gebracht: „Nicht urn euretwillen tue ich dieses, Haus Israel, sondern urn meines heiligen " S. u. S. 97 ff.

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Namens willen, den ihr unter den Volkern entweiht habt, dahin ihr gekommen seid. Und ich werde meinen graen Namen, der unter den Volkern entweiht worden ist, in deren Mitte ihr ihn entweiht habt, heilig machen, und die Volker werden erkennen, da13 ich Jahwe bin" (22 f.). Es soil den einzelnen Ziigen der Schilderung der kommenden Tat Gottes nitht weiter nachgegangen werden. Wichtig ist es dagegen zu sehen, mit welcher Leidenschaft Ezechiel gegen die Meinung kampft, als k8nnte die neue Moglichkeit einer weiteren Geschichte Israels irgendwie doch noch verkniipft werden mit dem Alien und etwas vom Alien heriibergerettet werden ins Neue. Es zeigt sich dies darin, dag Ezechiel das neue Anfangen Gottes nur bei den Exulanten, den wirklich in den Tod eines Daseins fern dem Lande Israels Gefiihrten erwarten kann, bei aller Fragwiirdigkeit und Unbekehrtheit dieser Leute, die an anderer Stelle wieder so deutlich ausgesprochen wird. Nur durch den Tod des Exils hindurch, nur in jener Kontinuitat der Erweckung der Toten zum Leben ist das Neue von Gott her moglich. Darum kann Israel sich auch nicht durch fromme Formeln herumdriicken. Noch sind ja gewisse Reste der Bevolkerung im Lande. Wir vernehmen an einzelnen Stellen ihre iiberheblichen Worte: „Sie (die Weggefiihrten) sind fern von Jahwe, uns ist das Land zum Besitz gegeben" (11, 15). Wir horen aber auch die fromme Selbstinterpretation ihrer Lage. „Ein einzelner war Abraham und hat doch das Land bekommen. Wir aber sind viele, uns ist das Land zum Besitz gegeben" (33, 24). Konnte man sich Besseres wiinschen, als dal die Zuriikebliebenen sich am Vorbild Abrahams, im Riickblick auf die dem erweiterten Credo zugehorige Vaterverheiflung aufrichteten und wieder zurechtfanden? Und doch erkennt Ezechiel gerade in diesem frommen, scheinbar auf die alte VerheiSung des Credo pochenden Reden von Abraham den verkappten Versuch, dem vollen Sterben zu entgehen und etwas vom Alten heriiberzuretten. „Ihr elli vom Blut, ihr erhebt eure Augen zu euren Gotzen, und Blut vergiet ihr — ihr solltet das Land bekommen! Ihr pocht aufs Schwert, tut Greuel, und einer verunreinigt das Weib seines Nachsten — ihr solltet das Land zum Besitz bekommen!" Gerade dieses Sich-Hinfliichten zum Credo, das dem Sterben und der wirklichen Umkehr entgehen mochte, ist die von Gott verwehrte Moglichkeit". An anderer " S. u. S. 89 ff.

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Stelle, in Kap. 18 und 33, 10 ff., wo man falschlicherweise die Entfaltung einer allgemeinen Lehre von der gerechten Vergeltung hat finden wollen, mahnt Ezechiel gegen die drohende Verzweiflung und den von der anderen Seite her kommenden Zynismus im Volke in aller Leidenschaft zur wirklichen Umkehr 22. Ohne Zweifel ist dieser Ruf zur Umkehr, die jedem als Moglidikeit angeboten wird, im Rahmen der graen, von Gott frei geschaffenen Moglichkeit eines neuen Lebens zu verstehen. Nochmals kann sich hier die Frage erheben: 1st, was der Prophet von der neuen Moglic.hkeit des Lebens von Gott her sagt, ist seine scharfe Absage an die auf das Credoelement von den Vatern (Abraham) sich berufenden im Land Verbliebenen nicht das Wort des Schwarmers, der sich vom anfanglichen, im Credo Israels formulierten Zeugnis lost? Wer scharf zusieht, wird iiberrascht entdedon, dag der Prophet gerade in seinem Zeugnis vom kommenden Tun Gottes sichtbar macht, wie Gott seinem uranfanglichen Tun treu bleibt. In dem kommenden Einzug der Herrlichkeit Gottes in den neuen Tempel auf dem Zion steht Gott zu seiner alten Erwahlung des Ortes. Aber auch das Credo vom Auszug erfahrt eine neuartige Aktualisierung. Die 2. Halfte des Kap. 20, welche die wohl erst nach 587 lautgewordene Ansage einer kommenden neuen Geschichte Gottes mit Israel enthalt, antwortet anscheinend auf Stimmen im Volk, die sich angesichts der Katastrophe bedingungslos fallen lassen und auf fremder Erde sich den Volkern anpassen wollen: „Wir wollen sein wie die Volker, die Geschlechter der Lander, und Holz und Stein dienen". Diesem SidiPreisgeben tritt Gott entgegen. „So wahr ich lebe, spricht Jahwe: Mit starker Hand und ausgeredaem Arm und ausgegossenem Grimm will ich Konig iiber euch sein. Und ich will euch aus den Volkern herausfiihren und euch aus den Landern, dahin ihr versprengt worden seid, sammeln mit starker Hand und ausgerecktem Arm und ausgeschiittetem Grimm und will euch in die Wiiste der Volker bringen und dort Gericht mit euch halten, Auge in Auge. Wie ich mit euren Vatern in der Wiiste des Landes Agypten Gericht gehalten habe, so will ich euch richten". Und dann ist von einer Scheidung und der dann folgenden neuen Hineinfiihrung ins Land die Rede. Neuer Auszug, neue Wiistenzeit, neue Gottesoffenbarung von Angesicht zu Angesicht, neue Hineinfiihrung ins Land — bis hinein in die verwen22

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ZThK 48, 1951, 257 f.

deten Formeln von der starken Har und dem ausgereckten Arm ist die alte Exodusterminologie erkerrnbar. Die gnadige Gereditigkeit Gottes, von der die Credoaussage im Hinweis auf den Auszug aus Agypten redete, steht unvermutet n eu vor Israel als die unverdiente, frei von Gott geschenkte Moglichke it. Durch das Zerschlagen Israels hindurch, das urn des Bundes Gottes mit dem siindigen Israel willen geschehen mu13, wird Gott seine Bun desgeschichte mit Israel erneuern. 5. Konnen wir den Versuch der Zttsammenfassung wagen? Ezechiel ist zunachst zusammen mit dem C4auben Israels Zeuge jener vom Credo Israels bezeugten anfanglich en Geschichte Gottes mit Israel. Alles sichere Ausruhen auf diesem Glauben aber wird zerschlagen durch das hereinbrechende Tun Goy:es, dessen prophetisch schauender Zeuge Ezechiel ist. Wir sahen, claf es gerade vom Inhalt des von Ezechiel Bezeugten her nicht angeht, ihn als Schwarmer aus dem Bereich des Glaubens Israels herauszuweisen, sondern daf3 seine ganze Botschaft sich nicht anders versteh en kann denn als eine radikale Aktualisierung des vom Credo beze!ugten Glaubens Israels. Ja, Gott hat sich im Bunde Israel verbunde:11 — aber gerade urn seiner im Licht des Bundesrechtes offenbar weTdenden abgriindigen Siinde willen mu13 dieses im Gerichte umkomrnen. Dann aber wird jenseits des Gerichtes als die frei von Gott angel)otene Moglichkeit em n geheimnisvolles Neugeschehen seiner uranfan;glichen Geschichte anheben. Alles retrospektive Sidi-Versichern im Z eugnis von vergangener Gottesgeschichte wird durch des Prophet(m Ansage des Kommenden zerbrochen. Das Verhaltnis zum Credo kann nie em n Verhaltnis riickschauender Selbstversicherung sein. Leben Israels wird nur im Dulden des Todes und in der hoffendlen, zur Bulk willigen Ausschau nach der durch Gott verheifienen E rweckung aus dem Tod des Exils moglich sein. Ezechiel will von der Geschichte seiner Zeit: Exil und nachfolgender Riickkehr ins Land, nicht abge!lost werden. In diesen Geschehnissen schaut er den Handel Gott€!s mit der Welt. Seine Botschaft kann aber wohl die leise Frage hinterlassen: 1st mit der Katastrophe von 587 und der dann nach den ".Cagen Ezechiels folgenden Ruckwanderung eines Teils der Verbann ten unter Josua und Serubbabel, dem Neubau des TempeIs und de r Sammlung des Judentums urn 59 4

das Gesetz die vom Propheten geschaute Geschichte vom Sterben und der neugeschenkten gottlichen Moglichkeit des Lebens wirklich voll eingelost? Noch em n anderes: Bei unserem einleitenden Nachdenken iiber den biblischen Zeugenbegriff hatten wir festgestellt, 613 in diesem eine Sach- und eine Personbeziehung verbunden sind und keines ganz ohne das andere bleiben darf. In den letzten Ausfiihrungen hatte die Sachbeziehung ganz im Vordergrund gestanden: Ezechiel ist der Zeuge einer Geschichte Gottes, die durchs Sterben zum Leben Israels fiihrt. 1st er dann aber nicht nach seiner letzten Absicht doch einfach em n sachbezogener Geschichtskiinder? Ein bisher noch nicht naher beachtetes Element seiner Rede ma hier noch kurz erwogen werden. Es ist eine im Buch Ezechiel stark hervortretende Eigenart, da13 viele Prophetenworte, die zunachst Gottes Handeln aussagen, mit einer eigentiimlichen, den Zweck des gottlichen Handelns nennenden Sthlaformel enden. In der Vision von den Totengebeinen ist es zu horen: und ihr werdet erkennen, daB ich „Siehe, ich offne eure Graber Jahwe bin..." (37, 12 f.). Die Formulierung ist nachweislich schon in alteren Prophetenworten vorhanden. Der iiberreiche Gebrauch der Formel im Buche Ezechiel verrat aber, da13 die darin enthaltene Aussage bei diesem Propheten besonderes Gewicht hat. Spurt man den einzelnen Bestandteilen dieser Formel nach, so zeigt sich zunachst, da8 die auf eine erste gottliche Ansage folgende Redewendung: „... und ihr werdet erkennen, dag ..." ihr Vorbild im Bereich des (zunachst innermenschlithen) Rechtsbeweises oder auch eines weiter gefAten Zeichenbeweises hat. Durch das Offnen der Graber soil also — darin verrat sich der letzte Zweck des gottlichen Tuns — etwas bewiesen werden. Dieses zu Beweisende aber lautet: „daf3 ich Jahwe bin". 4314 (ich bin Jahwe) aber steckt ohne Zweifel die ehrIn diesem wiirdige, letztlich im Theophanieereignis wurzelnde Formel der Ottlichen Selbstvorstellung. Selbstvorstellung Gottes bleibt immer sein eigenes Recht und kann nie durch eine Fremdvorstellung ersetzt werden. Danach ist als Abzweckung all des gottlichen Tuns, von dem der Prophet als schauender Zeuge redet, dieses durch und durch personale Ereignis der Selbstvorstellung Gottes ausgesagt, die aus seinem Tun heraus ergeht 23. Somit wird als letzte Absicht des schein23 Zu diesem ganzen Zusammenhang vgl. W. Zimmerli, Erkenntnis Gottes nach dem Buche Ezechiel, 1954.

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bar so stark sachbezogenen Zeugendienstes des Ezeohiel doch wieder etwas stark Personbezogenes sichtbar. Mit seiner sachlich gehaltenen Ankiindigung will der Prophet lediglich heranfiihren an die Stelle, da Gott selber sich in Freiheit in personlichster Weise offenbar macht. So meint sein Zeugendienst doch durch all seine Sachaussagen hindurch ihn, den Herrn, in der Freiheit seiner Selbstoffenbarung. Ihn, den Herrn, bezeugt er als den, der urn der Siinde des Volkes willen in den Tod verdammen mu1. Ihn, den Herrn, bezeugt er als den, der urn seiner Treue 24 willen vom Tode erwedm In diesem Tun erkennt und bezeugt er den Herrn in seiner gnadenvollen Gerechtigkeit. Wenn Paulus vom Offenbarwerden der Gerechtigkeit Gottes redet, dann weif3 auch er von der Gerechtigkeit Gottes, die urn der Siinde willen zum Tode verdammt, urn der Treue willen aber aus freier Gnade zum Leben erweckt. Er wei13 aber zugleich von der vollkommenen Treue Gottes, die den Sohn ins Mittel getan hat, 6.13 er den Tod des Sanders auf sich nehme und durch sein Leiden der Welt Leben wirke. In der eigentiimlichen Nhe und zugleich Ferne Ezechiels 25 zu dieser Bezeugung verrat sich wohl etwas vom Geheimnis der Prophetie, die, auch wo sie Gottes Gerechtigkeit bezeugt, sie noch verhiillt und des Tages wartet, an dem offenbar wird, da8 ihr Zeugnis sich im Sohne erfiillt.

1,

24 36, 22 „um meines heiligen Namens willen". Vgl. aber auch das eigenartige zeichenhafte „Sthuld tragen" des Propheten 4, 4-6, s. Komm. z. St.

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DAS ALTE TESTAMENT IN DER VERKONDIGUNG DER CHRISTLICHEN KIRCHE

Von der Frage des Alten Testamentes soli im folgenden die Rede sein. Und dieses nicht in einem allgemeinen, geistesgeschichtlichen Sinn, so da13 wir wie bei irgendeinem anderen Dokument der Weltliteratur fragen wiirden: Wie konnen wir dieses Dokument, das Aussagen einer durch Jahrtausende von uns getrennten Zeit enthalt, in unserem 20. Jahrhundert verstehen? — wobei dann die ganze Problematik des Verstehens von Mensch zu Mensch und Zeit zu Zeit aufzurollen ware, sondern in einem ganz besonderen, zugespitzten Sinne. Es soil davon die Rede sein, wie das Alte Testament in der christlichen Verkiindigung lebt. Eine kurze Erwagung iiber das Wesen der Predigt in der christlichen Gemeinde diirfte hier zunachst am Platze sein. Die Predigt der christlichen Gemeinde ist ohne Zweifel zu verstehen als Weiterfiihrung dessen, was in der Predigt der Apostel angehoben hat. Mag ihre aufkre Gestalt und die Form ihrer Zuordnung zum Leben einer verfafken, von der urspriinglichen Missionssituation weit abgeriickten kirchlichen Gemeinde auch noch so anders geworden sein, in ihrem Grundansatz bleibt Predigt doch von ihren Anfangen her dasselbe. Die apostolische Predigt ist Botschaft. Sie enthalt in sich emn Grundelement der Meldung, der geschichtlich berichtenden Ansage. Die Apostel sind in die Welt hinausgezogen, um dort zu erzahlen, was sich in Galilaa und Jerusalem mit dem Jesus von Nazareth, den sie den Christus nennen miissen, zugetragen hat. Dieses Erzahlen von geschichtlidi scheinbar so Zufalligem, das allem philosophischen, vom Allgemeinen zum Besonderen herabfiihrenden Denken immer wieder so argerlich erscheinen wird, ist die Wurzel alles Verkiindigens. Alle Verkiindigung von Heiligkeit und Gerechtigkeit und Liebe Gottes bleibt ohne diese Grundlage des wehrlosen Berichtens von Jesus Christus em n wurzelloses und darum wohl auch zum Verdorren verurteiltes Reden. Der neutestamentliche Kanon, der an semen Anfang das viergeteilte Erzahlen von dem, was sich in Jesus Christus zugetragen hat, stellt und dazu in der Apostelgeschichte die Erzahlung vom Aus62

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gehen dieses Berichtes in alle Welt filgt, wobei auch hier in neuer Weise Christus in einem irdischen Geschehen am Werke bleibt, hat dieses Wesen aller christlichen Botschaft rein zur Darstellung gebracht. Aber dazu ist unmittelbar das andere zu sagen: Das Erzahlen von dem, was sich in Jesus Christus zugetragen hat, ist nun darin doch wieder etwas von allem sonstigen Bericht iiber irdische Geschehnisse grundsatzlich Geschiedenes, als es den Menschen, den es anredet, nicht um die Kenntnis einiger geschichtlicher Sachverhalte bereichert von dannen gehen lassen will. Wenn nur dieses geschieht, dann ist von dem, was da, wo Jesus Christus verkiindet wird, geschehen soil, gerade noch gar nichts geschehen. Das Johannesevangelium hat dieses Weitere, was dem in der Verkiindigung weitergegebenen Bericht von Jesus Christus eignet, wohl am scharfsten zum Ausdruck gebracht, wenn es Christus als „das Wort" bezeichnet und den eigentlichen Inhalt dessen, was in Jesus Christus geschehen ist, in den Satz fafk: „Das Wort ward Fleisch" (1, 14). Wort ist von Anrede nicht zu trennen. Das Geschehen in Jesus Christus, zu dem die irdisch-geschichtliche Geschehnisseite unabdingbar dazugehort, ist nach seiner gottlichen Intention ganz und gar Wort, Leben spendendes, zur Bulk und Anbetung rufendes Wort. Nur als dieses Wort, das emn Tun Gottes iiber der Welt verkiindigt und eben darin auch den Einzelnen verbindlich trifft und in einen Herrschaftsbereich ruft, hat die Kunde von dem Geschehen in Jesus Christus Heimatrecht in der Verkiindigung. Die Tatsad-ie, da13 die Gemeinde neben dem erzahlenden Eihay*tov auch den dzOaroilog, der es auf der ganzen Linie mit dem Zuspruch des Christuswortes in die einzelne, konkrete Situation hinein zu tun hat, in ihr kanonisches Schrifttum aufgenommen hat, halt diesen Tatbestand ganz augenfallig fest. In diesem apostolischen Lehren wird es nun sichtbar, 613 das Geschehen in Jesus Christus, das in der apostolischen Verkiindigung in die Welt hinausgerufen wird, Gemeinde baut, das Leben des Einzelnen und der Gemeinschaft, Ehe, Arbeit, Herren- und Sklaventum, Eltern- und Kinderstand angreift und an einen neuen Ort ruft, des Menschen Hybris wie seine Verzweiflung trifft und durdi den Tod zum Leben fiihrt. Dabei erinnert uns die Tatsache, da13 die Gemeinde auch die Offenbarung des Johannes in ihr kanonisches Schrifttum aufgenommen hat, daran, dafl dieses Wortgesthehnis in Jesus Christus, so sehr es Bericht 63

von Geschehenem ist, nie nur an eine Vergangenheit bindet, sondern zugleich auch auf eine neue Zukunft ausrichtet, ilber der kein anderer Name stehen wird, als wiederum der Name Jesu Christi. Der Glaube an Christus ist Hoffnung auf Christus und Erwartung seiner kommenden, die Welt richtenden Erlosung. Die Predigt des Evangeliums in der Kirche wird nach den beiden Seiten hin wach sein miissen. Sie wird darliber wachen mussen, daf3 ihr Erzahlen von dem Geschehen in Jesus Christus, der unter Pontius Pilatus gelitten hat, gekreuzigt worden und dann auferstanden ist, nicht zur in sisal' ruhenden, byzantinisch vergoldeten und unter Glas gebrachten „heiligen Geschichte" wird, die dann etwa Uber das Bindeglied der in jener Geschichte konstituierten Organisation oder einer bestimmten, dort ihre Wurzeln findenden Amtstragersukzession auch noch in die Gegenwart hineinreicht, sondern dal; es immer lebendig anredendes, zu Bufk und Umkehr, aber noch viel mehr unter die helle Verheifiung der Gnade und somit auch zu einer graen Hoffnung rufendes Wort des lebendigen Gottes, der anreden will, bleibt. Sie wird aber ebensosehr dariiber wachen mUssen, daS ihr Wort nicht zur zeitlos lebenden „Wahrheit" von Gott und seinem barmherzigen und liebenden Wesen wird, die eben damit aufhorte, em n mich heute mitten in wirklicher Geschichte mit meiner Leiblichkeit und in meinem vollmenschlichen, geschichtlichen Wesen treffende, in die Gnade und die Hoffnung des ewigen Lebens rufende, zur Liebe an meinem leiblich-geschichtlichen Nachsten weckende Tat zu sein. Was soil in der Gemeinde Jesu Christi das Alte Testament? Wie kann in einer Gemeinde, die allein durch den Anspruch Gottes in dem Wortereignis Jesus Christus auferbaut und erhalten wird, emn Wort die Verkiindigung bestimmen, das von diesem Anspruch offensichtlich noch nichts weif3? So haben wir nun vom Alten Testament zu reden. Eine doppelte Frage legt sich in unserem Zusammenhange nahe. Da von seiner Stellung in der Predigt die Rede ist, wird sich zunachst einmal die Frage erheben: 1st das Wort des Alten Testaments denn iiberhaupt ausrufbar? Zeigt es die Wesensart des apostolischen Wortes, das, indem es berichtet, zu einem Gehorsam ruft? Nur wenn es diese Eigenart zeigt, wird es predigtfahig sein. Die Durchsicht des Alten Testamentes unter dieser Frage kann dann auch die Grundlagen zur Beantwortung der eigentlich entscheidenden Frage nach der sachlichen Beziehung der alt- und neutestamentlichen Botschaft liefern. 64

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).



I Bietet das Alte Testament em n ausrufbares Wort? Schon emn kurzer Blkk auf das Alte Testament verwehrt einem hier eine pauschale Antwort. Das Alte Testament ist ja nicht em n Buch, sondern eine Sammlung recht verschiedenartiger Schriften. Nicht nur nach seinem auAerlichen, an Seitenzahl abzumessenden Umfang, auth nicht nur nach der zeitlichen Ausmessung, die im Alten Testament Schrifttum aus der Spanne eines Jahrtausends erkennen laik, wahrend sich das entscheidende neutestamentliche Schrifttum in den Zeitraum eines guten Jahrhunderts zusammendrangt, sondern auth nach seiner Thematik und den Genera des Wortes, die in ihm vertreten sind, zeigt das Alte Testament einen ungleich weiteren Umkreis seiner Rede. So werden wir nicht mit einem graen Gesamtwort iiber das Alte Testament reden konnen, sondern die Miihe nicht scheuen diirfen, in die Besonderheit seiner einzelnen Aussagen einzutreten. Bei der Cbersicht iiber das Alte Testament wird einem zunachst der grofie Anteil an erzahlendem Schrifttum auffallen. Anhebend mit der Schopfung erfolgt durch den ganzen ersten Kanonteil, die Thora, bis zum Ende der ersten Halfte des zweiten Kanonteils, d. h. bis zum Ende der „vorderen Propheten" des hebraischen Kanons, emn groger Geschichtsbericht, der das Geschehen zwischen Gott und Welt und dann bald das Geschehen zwischen Gott und den Vatern und dem von diesen herkommenden Volk Israel bis zur graen Katastrophe der Volksgeschichte Israels unter dem Einbruch Assyriens und Babyloniens schildert. Das gleiche Geschehen ist, in semen friihen Bestandteilen riicksichtslos auf eine Folge von Genealogien gekiirzt, nach unten bin aber bis in die Zeit der persischen Restauration Judas weitergefiihrt, nochmals im chronistischen Geschichtswerk, das dem dritten Kanonteil der „Schriften" offenbar in der letzten Phase der Kanonsammlung noch zugefiigt worden ist, zu lesen. Dazu kommen, wenn wir von den erzahlenden Partien bei den Propheten absehen, noch kleinere Erzahlungsstiicke wie das Buch Esther und das Buch Ruth im Rahmen der fiinf Festrollen — beides dem graen Geschichtsbericht nicht enger eingefiigte Erzahlungen. Was ist iiber die Art dieser erzahlenden Stiicke zu sagen?

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1. Den Kristallisationskern des Kanons haben wir ohne Zweifel in der vorderen Halfte jenes gro13en Geschichtswerkes, dem Pentateuch, zu sehen. Die Gesetze seines inneren Wachstums sind uns durch die neuere Arbeit recht deutlich geworden, mit ihnen auch die innere Ausrichtung dieses grofien Geschichtsberichtes, der noch manches andersartige Material, vor allem eine Fiille gesetzlicher Ordnungen, in sich aufgenommen hat. Es ist deutlich geworden 1, daS der Gesamtanlage des Pentateuchs eine ohne Zweifel in Israel sehr alte CredoFormulierung zugrunde liegt, die zunac.hst vom Auszug aus Agypten und dann wohl auch friih schon von der Hineinfiihrung ins Land berichtete. In einer gewaltigen erzahlerischen Anreicherung ist von bier aus durch verschiedene Wachstumsphasen hin und awl in verschieden gelagerten Erzahlungen, die erst nachtraglich untereinander in der Art einer Evangelienharmonie zu einem Erzahlungswerk vereinigt worden sind, das Gesamtgebilde des Pentateuchs gewachsen. a) Diese Grundlage ist fiir unseren Zusammenhang nicht unerheblich. Es wird von da her deutlic.h, da13 die Geschichte, in der Israel von semen Anfangen erzahlt, in ihrem eigentlichen Kern nicht eine unverbindliche, lediglich die geschichtliche Neugier befriedigende oder einer nationalen Eitelkeit entsprungene Selbstdarstellung sein will, sondern da13 sie bekenntnishafte Qualitat hat und ausgerufene Geschichte sein will, wie es im Neuen Testament auch bei den Evangelien zu sagen war. Die Grundstelle, von der aus von Rad zu semen Folgerungen ilber das Credo kommt, Dt. 26, 1 if., ist bier besonders aufschluflreich 2. Hier tritt der einfache Israelite am Erntedankfest mit semen Gaben vor den Altar Jahwes, indem er bei der Darreichung seiner Gaben die alte Geschichte vom Auszug der Vater aus der Knechtschaft Agyptens und vom Einzug ins gute Land Kanaan erzahlt. Es ist nicht zu verkennen, da13 der israelitische Bauer aus dieser Geschidite seines Volkes, welche die Geschichte ist, von deren Frucht er lebt, em n ihn ganz personlich anredendes Wort seines Gottes hort und vor diesem Geschichte gewordenen Wort seine Antwort — ebenfalls in Wort und gehandelter Gabe — erteilt. 1 Zum Folgenden ist der erste Beitrag dieses Heftes „Einzelerzahlung und Gesamtgeschichte im Alten Testament" zu vergleichen, don finden sich auch die notigen Literaturhinweise. 2 S. CO. S. 17. 66

b) Diese Worthaftigkeit des Geschehens — oder sollen wir von dem personalen Charakter des Geschehens reden? — kann noch von einer anderen Seite her beleuchtet werden. Im Verlauf des Wachstumsvorganges der Pentateucherzahlung ist dem Bericht vom Auszug aus Agypten und dem Einzug ins Land die Tradition von den Vatern vorangestellt worden. Dabei sehen wir, da13 die ganze Vatergeschichte unter eine bestimmte, keineswegs selbstverstandliche Sicht geriickt ist. Die Vatergeschichte wird als die Geschichte der Verheiflung des Kommenden erzahlt. Nicht in einer einfachen geschichtlichen Abfolge stehen Vaterzeit einerseits und Auszugs-Landnahmezeit andererseits einander gegeniiber, sondern in der eigentiimlichen theologischen Relation von VerheiBung und Erftillung. Die Vaterzeit ist die Zeit, in der alles Kommende zunachst nur in einem wehrlosen Worte Gottes lebte. Auszugs- und Landnahmezeit sind die Zeiten der Gestaltwerdung dieses Wortes, das Geschehnis eingeloster Treue. Dabei ist ganz deutlich, da13 die gottliche Zusage mit dieser Einlosung nicht etwa abgetan, sondern ihrerseits em n Angeld weiterer, kommender Liebe ist, so wie im Zeitpunkt der Eheschlidung das Verlobungsversprec.hen nicht hinfallig wird, sondern sich recht eigentlich „erfiillt", d. h. ganz voll wird. — Durch die entschlossene theologische Durchformung der Vatergeschichte unter dem Gesichtspunkt der Verheiflung und ihren Vorbau vor die Volksgeschichte ist auch diese letztere in ihrem personalen Charakter gesidiert. Jene ist darin gewissermAen im Wort vorweggenommen. Sie wird infolgedessen als Geschehen verstanden werden miissen, das die Treue des Verhei13enden verkiindigt. c) Der noch spater geschehene Vorbau der Urgeschichte gibt der ganzen von Israel erzahlten Geschichte nochmals einen weiteren Horizont. Es ist der allmachtige Schopfer der Welt, der sich so hereinneigt und in einer unerklarlich erwahlenden Liebe mit Israel handelt. Die jahwistisd-ie und priesterschriftliche Erzahlung bringen dabei je einen eigenen Akzent in die Gesamtschau hinein: Nach dem Jahwisten wahlt Jahwe den einzelnen Abraham aus der immer tiefer ins Verderben und den Fluch abstiirzenden Menschheit, urn durch ihn neuen Segen in die Vi5lkerWelt zu bringen. Israel ist hier unverkennbar daran, das ihm gesagte Wort als emn Wort zu verstehen, das in einer letzten Ferne die ganze Welt segnen soil. In der Priesterschrift fehlt dieser weite Horizont der Abraham-Israelaussagen. Das auch die siindige Welt erhaltende und ihr Segen schenkende Wort ist nach P schon Noah gesagt worden (Gen. 9). Das besondere Tun 67

Jahwes mit Israel, das iiber die Vater hin zum Auszug aus Agypten zielt nach P auf die Errichtung des Ortes, an dem Jahwe zu seiner rechten Ehre kommen und dann auch mitten unter seinem Volk Wohnung nehmen kann (Ex. 25 ff.). In dem Geschehen am Berg Sinai, der Errichtung des Zeltes der Begegnung und der darauf folgenden Erscheinung Jahwes in der Mitte seines Volkes ist dieses Ziel der Geschichte Gottes eigenartig in die Mosezeit zuriickprojiziert. Die Sinnmitte der ganzen Geschichte Israels offenbart sich nach ihm schon in jenem Geschehen am Gottesberg. Die Vorschaltung und feste Verklammerung einer Urgeschichte mit der von den Credoaussagen berichteten Grundgeschichte Israels sichert die in diesem Erzahlen von Israel lautwerdende Verkiindigungsaussage an einer bedeutsamen Stelle in ihrer umfassenden Giiltigkeit. Es wird von ihr aus horbar, da8 das von Gott her geschehene Personereignis, das Israel geschichtlich ins Leben ruft, ihm Freiheit von Agypten, das Land Kanaan und seine gottesdienstlichen und im weiteren dann auch seine politischen Institutionen gibt, aber in all diesem Geben als personale Anrede verstanden sein will, nicht em n Wort neben anderen gottlichen Worten in der Welt der Vi5lker ist, sondern das weltgeschichtliche Wort der Mitte, neben dem es kein zweites von gleicher Bedeutung geben kann. Der Anspruch der hier verkiindigend, d. h. verbindlich erzahlten Geschichte, die Geschichte und darin die gOttliche Anrede an die Welt zu sein, ist kaum zu iiberhOren. d) Indem die Mosebiicher die Geschichte von Schopfung, Vaterverhei13ung, Auszug und Landnahme erzahlen, verkiindigen sie em n Geschehen von Gott her, das die Welt, in ihrer Mitte Israel, iiberraschend und gnadenhaft anredet. Diese Zuwendung Gottes ist aber zugleich eine Zuwendung voller Verbindlichkeit, die den davon Betroffenen verbindlich zur Entscheidung ruft. Diese Seite kommt im Bereich des Pentateuchs vor allem durch den auch erst in einer sekundaren Phase, aber wohl noth vor dem Zuwachsen der Urgeschichte geschehenen Einbau des ohne Zweifel alten Berichtes von einer Gottesbegegnung und nachfolgenden Gebotsmitteilung am Gottesberg in der Wiiste zum Ausdruck. An dieser Stelle ist in der Folge alle gesetzfiche Ordnung Israels (Dekalog, Bundesbuch, Heiligkeitsgesetz, priesterliche Gesetzgebung, etwas abgeriickt auch das Deuteronomium) eingeordnet worden. Es wird darin zum Ausdruok gebradit, der iiber Israel stehende fordernde Gotteswille, der nicht in abstrakten Formulierungen redet, sondern ganz konkret die einzelnen Lebens68

bereiche trifft und ordnet, nicht eine zeitlos gilltige Forderung meint, sondern eben aus diesem Wortereignis gnadenhafter Zuwendung zu Israel heraus verstanden sein will. Die Einleitung des Dekalogs ist fiir diese innere Zuordnung beispielhaft, wenn es hier mit dem Wort der namentlichen Selbstvorstellung beginnt: „Ich bin Jahwe", diese Selbstvorstellung dann aber sofort durch das bundesmagige „dein Gott" und den Hinweis auf die geschichtliche Zuwendung: „der dich aus dem Sklavenhause Agyptens herausgefiihrt hat" expliziert wird, und dann erst die einzelnen Rechtssatze folgen. Neben dem Dekalog ist es vor allem das Heiligkeitsgesetz (bes. Lev. 18 ff.), das dieses Phanomen der Rechtsproklamation, die von der Namensoffenbarung her legitimiert wird, deutlich mach; emn Phanomen, das wahrscheinlich auf eine bestimmte Form der Rechtskundgabe zuriickweist 3. Es hat in alledem bei aller Knappheit der Linienfiihrung wohl deutlich werden konnen, wie sehr uns im ersten Kanonteil der Thora em n Erzahlungszusammenhang vorliegt, der in seiner inneren Ausrichtung eine seltsame strukturelle Verwandtschaft mit den neutestamentlichen Evangelien aufweist. Hier ist Geschichtserzahlung — scheinbar Bericht iiber einst erfolgtes Gesdiehen, und doch unverkennbar in seiner ganzen Anlage und seinem inneren Gefalle eine auf verkiindigende Nacherzahlung ausgerichtete Wiedergabe jener Grundgeschichte Israels. Was Ex. 12, 26 if. vom Passahbrauch und Dt. 6, 7; 11, 19 vom deuteronomisdien Gesetz sagt, da13 der Vater den Kindern davon reden soil, gilt in weiterem Sinne vom ganzen im Pentateuch berichteten Geschehen. Dieses soil immer wieder in Verkiindigung und Gebet leben. Psalmen wie Ps. 78; 105 f. und Gebete wie Neh. 9; Dan. 9 konnen uns dieses Leben des im Pentateuch erzahlten Geschehens fiir eine viel spatere Zeit ganz deutlich machen. 2. Es konnte nun naheliegen, hier gleich die Fortsetzung der Erzahlung vom Buche Josua ab anzuschliegen. Doch kann auffallen, da13 diese glatt an den Pentateuch anschlidende Erzahlung bei der Kanonbildung (hebraischer Kanon) mit der aufkrlich so ganz anders gestalteten Sammlung der Worte der Schriftpropheten zusammengenommen worden ist. Das mag es rechtfertigen, daL wir, bevor wir 3

Vgl. die oben S. 22 Anm. 16 zitierte Untersuchung.

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den unter dem Stichwort „Vordere Propheten" dem Prophetenkanon zugeteilten Geschichtsbericht mustern, unser Augenmerk auf die „Hinteren Propheten" richten, die in den Bibeliibersetzungen seit der Septuaginta recht eigentlich als „die Propheten" bezeichnet werden. a) Stellen wir auch bier zunachst die Frage nach der Verkiindbarkeit dieses Wortes, so fallt die Antwort ungleich leichter als beim Pentateuch: Hier haben wir ja weitgehend ganz unverhilllt die reine Form der Verkiindigung vor uns. DaS es sich bier urn Wort handelt, das von Gott her auf den Menschen zukommt, in der ganzen stürmischen Wucht des Gotteswortes, und um Wort, das einen gottlichen Anspruch laut werden lafk, muf3 gar nicht erst lange bewiesen werden. Was im neutestamentlichen cizOaroA.og zu sehen ist, konnte bier, wo ja immer wieder ganz unmittelbar das „So hat Jahwe gesprodien" zu vernehmen ist, noch iiberboten scheinen. Aber auch in einer weiteren Eigenart scheint der prophetische Wortbereich dem apostolischen formal zu gleichen. Hier wie dort ist das verkiindigte Wort nicht aus der Verbundenheit mit einer ganz bestimmten gottlichen Geschichte zu Risen. Nur da8 die Propheten (und das konnte sie strukturell naher an die Offenbarung des Johannes heranriaen lassen) nicht wie die Apostelbriefe vor allem von der Geschichte reden, aus der sie herkommen (die Erwahnung dieser Geschichte fehlt zwar auch bei den Propheten nicht) 4, sondern vor allem von der gOttlichen Geschichte, auf die Israel hingeht (diese fehlt auch in den Apostelbriefen keineswegs. In der Offenbarung des Johannes steht sie ganz im Zentrum). Die von den Propheten angekiindigte Geschichte tragt immer wieder die Ziige ganz real geschichtlichen Geschehens mit der politischen Grae Israel und ihrer Umwelt an sich. Sie ist vielfaltig hineinverflochten in die auch dem Profanhistoriker erkennbare allgemeine Geschichtslage Israel-Judas in der Zeit vom 8.-6. Jahrhundert. Aber es ist dann doch auf der ganzen Linie erkennbar, da8 von dieser Geschichte nidit nach ihren einfathen aufkren Sachdaten geredet sein will, sondern nach ihrem inneren Subjekt bzw. Wirker. Die Propheten reden von der Geschichte des Kommens Jahwes. In den Worten vom kommenden Tag Jahwes 5 wird dieses besonders deutlich. Aber a Fur den Propheten Ezechiel s. oben S. 41 ff. Etwa Am. 5, 18 ff., Jes. 2, 12 ff.; Zeph. 1; Ez. 7 u. a. Vgl. L. Cernjr, The day, of Yahweh and some relevant problems, 1948. 5

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auch etwa das erschreckende „Ich, Ich" Jahwes bei Hosea 6 vermag diesen Charakter der angekiindigten Geschichte deutlich zu machen. In anderer Weise geschieht es in der bei Ezechiel beherrschend auftretenden Erkenntnisformel , welche die Ankiindigung eines Tuns Jahwes mit einer Zweckaussage beschliefk: „damit sie erkennen, dag ich Jahwe bin". Geschichte soil auch bier verkiindigende Geschichte sein. Sie soil Jahwe im Persongeheimnis seines Namens erweisen. Es ist deutlich, dag der Mensch, so sehr er wirklicher Geschichte konfrontiert wird, doch durch diese Begegnung auf den personlichen Herrn zurackgeworfen werden und ihm begegnen soil. Des naheren ist zu erkennen, dag der Zusammenbruch Judas unter den Schlagen der Babylonier, d. h. das Jahr 587, eine auffallende Schwelle fiir die prophetische Verkiindigung bedeutet. Die groge Schriftprophetie verkiindet vor diesem Zeitpunkt emn Kommen Jahwes zu einem Geschehen, das in grellstem Widersprudi zu dem Geschehen steht, von dem der Pentateuch erzahlte. War dort der Ruf zum Leben iiber Israel zu horen, Befreiung aus Gebundenheit, Segnung, so hier die Ankiindigung eines grogen Sterbens — des „Endes", kOnnen sowohl Amos wie Ezechiel sagen. Diese Verkiindigung eines schonungslosen Gerichtes ist am hartesten in der Verkiindigung des Ezechiel vor 587, die ilberhaupt in mancher Hinsidit als die absdiliegende Zusammenfassung vorexilischer Gerichtsprophetie bezeichnet werden mug, zu horen 8. Konnten bei den friiheren vorexilischen Propheten, bei einem Hosea, einem Jesaja, aber auch noch bei Jeremia, gewisseErwartungen und Lebensmoglidikeiten durch das Gericht hindurch erkennbar bleiben, so scheinen diese in der Friihverkiindigung des Ezechiel fast vollig verschwunden zu sein. Fragen wir erstaunt nach dem Grund fiir dieses allem friiheren Handeln Jahwes mit Israel — das doch in der Verkiindigung Israels auch in der prophetischen Zeit weiterverkiindigt worden sein diirfte — widersprechende Tun, so wollen sich die Propheten keineswegs als Revolutionare, die alles friiher Gesagte einfach beseite schoben, verstanden wissen. Vielmehr ist bei ihnen eine deutliche Beziehung auf jenes friiher Gesagte darin zu erkennen, dag sie dem Volke mit aller Scharfe den Gotteswillen, wie er ja gerade im Bericht iiber die ° .Ich bin wie em n Lowe fiir Ephraim und wie em n Jungleu fiir das Haus Juda. Ich, ich zerreisse und gehe davon, ich trage hinweg, und keiner rettet" Hos. 5, 14. 7 Dazu s. o. S. 60 f. 8 S. O. S. 46 ff. 71

Gesetzgebung in der Mosezeit lebte, vorhalten und ihm angesichts dieses Gotteswillens sein volliges Scheitern verkiindigen: „Vermag wohl em n Mohr seine Haut zu andern oder em n Panther seine Flecken? — dann freilich konnt auch ihr Gutes tun, die ihr Bilises gewohnt seid" (Jer. 13, 23). Das Zerbrechen des von Jahwe gerufenen Volkes erklart sich nicht von einem anderen Orte her, sondern gerade aus der im Bunde zu Anfang iiber Israel geoffenbarten Heiligkeit Jahwes heraus. Die vollendete Bundesunfahigkeit Israels wird nicht von einem fremden Orte her, sondern gerade mitten aus seiner Bundessatzung heraus aufgedeckt 9. Es ist dabei nochmals mit aller Klarheit festzuhalten, da13 dieses nicht abgelost-lehrhaft, als allgemeine Lehre vom Menschen, verkiindet wird, sondern als Gesdiehnis. Im Geschehen des Exils und der Zerstorung Jerusalems geschieht das gottliche Nein iiber dem bundesunfahig gewordenen Volke. Nicht als eine allgemeine, zeitlose Lehre von der Heiligkeit und Gerechtigkeit Gottes wollen die prophetischen Worte verstanden sein, sondern als die geschichtsgebundene Ankiindigung des Gerichtsgeschehnisses, das unausweidilich alle Gottlosigkeit treffen und schlagen mu13 bis zum bitteren Ende. Nicht die Idee Gottes als des Riditers wird von ihnen verkiindet, sondern das Geschehnis des in der Geschichte sich vollziehenden Gerichtes Jahwes an eben seinem in den Bund, und d. h. in seine Nahe, gerufenen Volke 1°. b) Und hier ist nun wohl auch der Ort fiir die Erwahnung der zweiten Halfte jenes grofien Geschichtsberichtes Gen. — 2. Reg., die im Kanon in den Bereich der „Propheten" einbezogen ist ". Nach M. Noth haben wir in dem Zusammenhang Dt. — 2. Reg. em n urspriinglich eigenstandiges grofies Geschichtswerk von eigenartiger Thematik zu sehen. Es zeigt (gewif3 unter Einbeziehung verschiedenartigster alterer Beridite, die je fiir sich urspriinglidi einen eigenen Skopus haben mochten) das allmahliche, unaufhaltsame Zerbrechen Israels in seiner Geschichte von der Wiistenzeit iiber die Richter his hin zur Konigszeit, die nach 2. Reg. 25 mit der endgiiltigen politischen Vernichtung des Restbereiches Israels, des davidischen Jerusalems, endet. Wenn Noth mit seiner These recht hat, da13 in Dt. 1 if. das 9 Fiir Amos vgl. Wiirthwein, ZAW 62, 1950, 40 ff. " „Euch allein babe ich erkannt aus alien Geschleditern der Erde heraus — darum sudie ich an euch heim all eure Verschuldungen" (Am. 3, 2). 11 S. o. S. 31 ff., dort audi Literaturhinweise.

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Kopfstiick dieses urspriinglichen Erzahlungswerkes vorliegt, und wenn so das Ganze mit der Darlegung des dt. Gesetzes recht eigentlich begonnen hatte, dann ware die Thematik: das Scheitern des von der Gesetzgebung herkommenden Israel an eben diesem Gesetz Gottes, das ihm zum Heil gegeben war, besonders eindriicklich zu erkennen. Gewig, es kann in diesem dtr. Geschichtswerk auffallen, clag die graen Schriftpropheten mit der einzigen Ausnahme Jesajas, dessen Verkiindigung aber in der Abdampfung der Prophetenlegende 2. Reg. 18-20 (= Jes. 36-39) doch nur einseitig zur Geltung kommt, gar nicht erwahnt sind. Man wird also nicht sagen konnen, daf3 dieses dtr. Geschichtswerk aus dem schriftprophetischen Bereich heraus erwachsen sei. Urn so eindriicklicher aber wirkt dann die Tatsache, da13 dieses von der graen Schriftprophetie unabhangige, aus dem dtr. Bereich stammende Geschichtswerk in seinem verkiindigenden Geschichtsbericht nicht anders zu reden vermag als die grae Gerichtsprophetie. Verkiindigender Geschichtsbericht, sage ich. Denn bei all den sehr gegenstandlich-geschichtlichen Stoffen, die in diesem Werk an gewissen Stellen eingebaut sind, ist es doch zu sehen, dag das abschlieflend die Einzelstoffe auffangende Gesamtwerk in seiner Anlage nicht einfache Historiographie sein will, sondern eine grofk Generalbeichte im Zeitpunkt des vollendeten Hereinbrechens des Gerichtes. Der Gesamterzahler bekennt in seiner Erzahlung die Siinde Israels und die Gerechtigkeit Jahwes, die iiber solche Siinde nach graer Langmut und immer neu geschehenem Zuwarten (um des erwahlten Davids und des erwahlten Jerusalems willen) schliefflich das Gericht hat einherfahren lassen miissen. Insofern ist im dtr. Geschichtswerk das grofk Verkiindigungs-Gegenstiick zur Pentateuchverkiindigung zu erkennen. c) Aber wir miissen nochmals zur Schriftprophetie zuriickkehren. Ihre Verkiindigung ist in dem bisher Ausgefiihrten noch nicht voll erfafk. Gehen wir iiber die Schwelle des Jahres 587 hiniiber, so vernehmen wir iiberraschend emn Reden von ganz neuem Tun Jahwes an seinem Volke. In der Zeit, in der vom Deuteronomisten, der nicht Schriftprophet ist, riickschauend die Beichte Israels geschrieben wird, schauen sie em n neu auf Israel zukommendes Handeln Jahwes. In der Visionserfahrung von der Wiederbelebung der Totengebeine (Ez. 37, 1 ff.) wird bei Ezechiel deutlich, da8 dieses Neue nur mit der Kategorie der Erweckung des Toten zum Leben recht beschrieben werden kann. Es ist das ankniipfungslose, frei nochmals aus dem 73

Nichts heraus neu anfangende Tun Jahwes 12. Wenn Deuterojesaja das kommende Neue mit dem Bild eines neuen Wiistenzuges, bei dem Jahwe selber in seiner Herrlichkeit die Fiihrung iibernehmen wird, beschreibt, so ist diese Kategorie des volligen Neuanfangens beim Allerersten eines neuen Exodus, ja einer neuen Schopfung, ebenfalls zu erkennen. Dabei wird doch wieder sichtbar, da13 dieser vollige Neuanfang von Jahwe aus gesehen nicht einfach ohne Kontinuitat zu seinem friiheren Tun ist. Es ist Jahwes Bundestreue, die Israel eigentlich vollig verscherzt hat, die in Gott lebendig geblieben ist und den neuen Anfang macht, vom Tod zum neuen Leben erweckt. In der Prophetie nach 587 brechen darin Aussagen, die sohon bei einigen vorexilischen Propheten in Heilsverheiflungen, die dort noch seltsam am Rande blieben, gemacht waren 13, voll auf. Sie erwarten das kommende, voile Bekenntnis Jahwes zu seinem Volke, seiner erwahlten Stadt und seinem Tempel. Wieder sind es auikre, geschichtfiche Geschehnisse, auf die die Propheten warten, aber wieder ist es ganz deutlich, da13 in diesem Geschehen als seine eigentliche Mitte das voile Kommen Jahwes zu seinem Volke erwartet wird 14. Dariiber hinaus aber sehen wir, wie auch die Frage nach der augerisraelitischen Volkerwelt jetzt drangender zu werden beginnt, als sie es beim Jahwisten gewesen war. Wahrend bei Ezechiel, der darin ganz auf der priesterschriftlichen Linie steht, im schliefilichen Heilsgeschehen um Jerusalem die Volkerwelt keine weitere Beachtung erfahrt 15, wird bei Deuterojesaja, Tritojesaja, Haggai und Sacharja eine Bewegung erwartet, die auch die Heidenwelt erfaik und nach. Jerusalem bringt. Dabei schwanken die Aussagen von der einfachen Erwahnung, da.13 die Volker ihre Schatze zum heiligen Orte bringen (dem Gedanken, der im Neuen Testament in der Geschichte von den Weisen aus dem Morgenland zeiohenhaft wieder aufgenommen worden ist), bis hin zu der Erwartung einer vollen inneren Hinwendung der Volkerwelt zu Jahwe angesichts des grofien Erlosungsgeschehens, das dieser mit Israel vollzieht. " S. o. S. 55 ff. Neuer Wilstenzug bei Hosea, Verherrlichung Jerusalems bei Jesaja. 14 Ez. 43, 1 ff.; 48, 35; Jes. 52, 7 ff.; Sach. 2, 14 f.; 8, 3. Ez. 40-48. — Ez. 38 f. redet nur von der Vernichtung der feindlichen Volker. Auch 29, 13 ff. geniigt nidit zum Erweis eines positiven Interesses an der endzeitlichen Gestaltung der Volkerwelt. 13

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Bei Deuterojesaja ist allerdings noch emn Weiteres zu sehen. Mitten in seiner Verkiindigung findet sidi die Zeichnung einer wohl prophetischen Gestalt, die er mit dem einfachen Amtsnamen „Knecht Jahwes" 16 bezeichnet, die einen weltweiten Verkiindigungsauftrag bekommt (42, 1 if. 49, 5 f.), die dann aber — hier scheint u. a. Jeremias Erleben hereinzuwirken — in Anfechtung und Leiden geworfen wird, dieses Leiden gehorsam tragt und schlidlich gerade durch dieses sein Leiden Heilbringer „der Vielen" wird. 1st bei den „Vielen" auch wieder an die Heiden gedacht? Wir konnen dann sehen, wie die Gestalt des Knechtes bei Tritojesaja noch etwas nachwirkt 17 dann verhallt diese Rede scheinbar im Leeren. Sie bleibt im Alten Testament emn uneingelostes Ratsel. Das prophetische Wort steht im Alten Testament in einer seltsamen Spannung und dann doch auch wieder Verbundenheit neben den im Pentateuch horbaren alten Credoelementen. Wie jene will es eine zu verkiindigende Botschaft aussprechen. Wie jene wei8 es vom voll geschichtlichen Handeln Jahwes. Aber verkiindigte jenes den im Exodus giiltig begriindeten Bund und seine Bundesordnung, so stellen diese den alten Bund radikal in Frage und verkiindigen das Gericht des Heiligen. Bund ist fiir einen Jeremia nur noch denkbar in der Gestalt eines neuen Bundes, der das Wesen des alten zerbricht und in dem Gott auch noch das Letzte tut: das Einschreiben des Gesetzes ins Innerste der Herzen Israe1s 18. 3.

In diesem Gegeniiber von Thora und Prophetie ist der tiefste Spannungsbogen im Alten Testament genannt. All das weitere Sdiriftturn, das sich in den „Schriften" (dem 3. Kanonteil) gesammelt findet, fiihrt nicht mehr iiber ihn hinaus. Die Psalmen zeigen das Gebet des Volkes, das unter der Gnade der Erwahlung steht, aus der Anfechtung der Bedrangnisse zu Gott ruft und semen Schopfer und Retter riihmt. Die Weisheit, die in den Spriichen und im Prediger zu finden ist, zeigt das niichterne, kluge Nachdenken des Menschen iiber das Leben, seine Ordnungen und Grenzen. Die besondere Begegnung mit dem erwahlenden Gott Israels ist hier kaum zu ver16 17 18

V 655 ff. Der Jes. 61, 1 ff. Jer. 31, 31 ff.

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im AT. 75

spiiren. Das Nachdenken bewegt sich weitgehend im Bereich der einfachen Geschopflichkeit des Menschen 19. Im Hiobbuch, das ebenfalls vom Menschen und seiner Angefochtenheit in allgemein-menschlicher Weise reden will und darum in Hiob eine augerisraelitische Gestalt in die Mitte stellt, kiindet sich emn Wissen davon an, da8 die gOttliche Treue sich nicht nur zum Glied des Bundesvolkes, sondern zu seinem Geschopf schlechthin bekennen wird. 1st hier der Rahmen des alttestamentliohen Credo nicht iiberschritten? Hiob tritt darin neben das Biichlein Jona im Prophetenkanon, das dort das Zeichen einer auch iiber Ninive gilltigen Barmherzigkeit und Langmut Jahwes aufrichtet, und neben das Biichlein Ruth, das von einem Treuehandeln Gottes nicht nur an der Judaerin Naemi, sondern auch an der Moabiterin Ruth berichtet. Esther zeigt demgegeniiber wieder im strengen Rahmen des Bundesvolkes die Treue des sein Volk bewahrenden Gottes — in unheimlicher Weise mischt sich darein der Wille der Selbstbehauptung des Bundesvolkes gegeniiber semen Widersachern. Die Geschidite Daniels aber schildert aus einer Zeit graer Bedrangnis heraus das endliche Erlost- und Verherrlichtwerden der Gemeinde Gottes gegeniiber alien Machten der Weltgeschichte, die dem Gericht verfallen. Fiir das chronistische Werk schliefilich lafk sich die Frage stellen, wie weit in ihm das Beichtbekenntnis des dtr. Geschiditswerkes und das Warten auf die freie Gnade Jahwes erhalten geblieben ist und wie weit nicht hier sdion (Esr. Neh.) em n gesetzliches Selbstverstandnis des Bundesvolkes sich anzukiinden beginnt. Im Riickblick darf aber wohl fiir die zentralen Elemente des Alten Testamentes festgestellt werden: Ohne Zweifel ist das Alte Testament em n Budi, dessen Wort verkiindigt sein will. Wie das Neue Testament kiindet es von einer Geschichte, in der Gott zur Welt kommt, und die darum nach ihrer tiefsten Wesensart emn Ruf Gottes ist, der Antwort erwartet. 19 Das theologische Verstandnis der biblischen Weisheit wird darum sem en Ausgangspunkt bei Gen. 1 f. nehmen. Das Gott verantwortliche Untertanmadien der Welt und ihrer Moglichkeiten wird von dem gottlichen Segenswort Gen. 1, 28 her zu einem auch im Raum der biblischen Botschaft legitimen Unternehmen.

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II 1st aber das Alte Testament em n Buch, dessen Wort Text christlicher Predigt werden kann? Kann es das angesichts der Tatsache, da13 in ihm der Name Jesu Christi, in dem allein alles Verkiindigen in der christlichen Kirche seine Giiltigkeit hat, nie vorkommt und auf jeder Seite unbekannt bleibt? 1. Bei der kurzen Durchsicht konnten manche Ahnlichkeiten zwischen Altem und Neuem Testament auffallen. Auf der anderen Seite aber wohl nicht weniger gewisse Verschiedenheiten. a) Im Neuen Testament horen wir das Evangelium, das zu alien Volkern hinausgehen will, Juden und Griechen meint. Im Alten Testament dagegen ist das Wort zu horen, das immer wieder in besonderer Weise auf Israel gezielt ist. Der erwahlende Griff nach Israel kennzeichnet ja das ganze verkiindete Geschehen um Israel. Allerdings sahen wir das Alte Testament in gewissen Randaussagen iiber diese Begrenzung hinausbrechen: Gewisse Worte der Prophetenbiicher kiindeten eine kommende Tat Gottes iiber der ganzen Welt an. Nadi Jes. 2, 2 if. ziehen alle Volker zum Berge Jahwes, um dort ihre Weisung zu empfangen. Der Knecht Jahwes stirbt fiir „die Vielen", nadidem vorher von seiner Sendung zu den VOlkern geredet war 20. Nach der Lehrerzahlung des Jonabiichleins ereignet sich die Gerichtspredigt und auf die Bulk der Niniviten hin die gottliche Gnade iiber Ninive ganz so, wie sie sich unter dem Prophetenwort in Israel ereignen kann. Im Buche Hiob erfahrt em n Nichtisraelite, der Gott fiirchtet, durch alle Ratsel der Anfechtung hindurch ganz ebenso die Treue Gottes, wie sie etwa in Ps. 73 emn alttestamentlicher Frommer von seinem Erleben im Heiligtum her 21 erfahren hat. Und schon der Jahwist lieI ahnen, da8 einmal der Segen des gottlichen Handelns an Abraham in die ganze, unter der Siindentat verfluchte Menschheit hinein wirksam werden soil 22. Aber das sind doch eben die Randaussagen. Der vorherrschende Eindruck der Rede aller drei Kanonteile geht dahin, dal hier von Gottes 20 Jes. 42, 1-4; 49, 6; 53, 11. Ps. 73, 17 scheint darauf zu deuten.

21 22

Gen. 12, 2 f.

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Tun an Israel geredet wird, wie denn noch im Danielbuch die eigentliche Endverheigung der Weltgeschichte dem „Volk der Heiligen des HOchsten", unter dem das Danielbuch die treugebliebenen Israeliten verstehen diirfte 23, gilt. b) Es ist weiter deutlich, dag sich die grogen Geschehnisse zwischen Jahwe und seinem Volke immer wieder in sehr gegenstandlichen geschichtlichen Taten vollziehen. Herausfiihrung aus Agypten, die Gabe des Landes Kanaan, die Katastrophe des Exils, die Riickfiihrung durch Kyrus sind die grogen Begegnungen Jahwes mit seinem Volke Israel. In ihnen wird von den alten Credoaussagen her die Geschichte Jahwes mit seinem Volke verkiindigt. In Gesundheit und augerer Segnung erfahrt der alttestamentliche Fromme die Nahe seines Gottes. Immerhin miissen wir auch hier sagen, dag die alttestamentfiche Erwartung an einigen Stellen iiber diesen Rand hinausdrangt. So in Ps. 73, der die kiihne Antithese wagt: „Wenn ich nur dich habe, so frage ith nichts nach Himmel und Erde" (V. 25), oder im Buche Hiob 24. Es ist in gewissen .A.u(erungen der Frommen, die von ihrem Gott die Gabe des Lebens erbitten, durdiaus etwas von der Zuversicht zu erkennen, dag diese Gabe nicht durch die Grenzen des physisdien Todes begrenzt sein kann, wenn Gott wirklich Gott, der Schopfer der Welt ist 25. Jes. 25, 8 erwartet den Tag, an dem Gott den Tod auf ewig vernichten wird 26. Aber wieder miissen wir sagen: Das sind iiberbordende Aussagen am Rande. Die Menge der alttestamentlidien Aussagen kiindet Gottes Handeln mit seinem Volke im Bereich sichtbar-erfahrbarer Geschichte. c) Wollten wir der synagogalen Interpretation des Alten Testamentes glauben, so wiirde em n entscheidender weiterer Gegensatz darin liegen, dag das Alte Testament seine Mitte im Gesetz hat. In seiner Deutung des Alien Testamentes hat E. Hirsch 27 dieses synagogale Verstandnis des Alten Testamentes stillschweigend akzeptiert und scharfsinnig an einigen Beispielen durchzuexerzieren versucht. 23 M. Noth, „Die Heiligen des Hochsten", Interpretationes ad Vetus Testamentum pertinentes Sigmundo Mowinckel septuagenario missae, 1955, 146-161, mochte allerdings den Ausdruck im Gefolge von Procksch auf himmlische Wesen deuten. 24 Hi. 19, 25 ff. 25 Ps. 49, 16; 73, 24. Vgl. dazu G. von Rad, „Gerechtigkeit" und „Leben" in den Psalmen, Festschrift A. Bertholet, 1950, 428 ff. in Auseinandersetzung mit C. Barth, Die Errettung vom Tode in den individuellen Klage- und Dankliedern des Alten Testamentes, 1947. 26 Vgl. auch Dan. 12, 1 ff. 27 Das Alte Testament und die Predigt des Evangeliums, 1936.

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Unsere knappe Durchsicht durch das alttestamentliche Wort sollte deutlich gemacht haben, dag dieser Kanon des Verstandnisses dem wirklichen Alten Testament an entscheidender Stelle Gewalt antut. Es ist das grae spatjiidische MiLverstandnis des Alien Testamentes, in dem das Israel, das sein Gebot im Raume der Verheigung bekommen hatte, zur Gemeinde des Gesetzes wird und die ihm zuteil gewordene Verhaung nur mehr im Schatten eines allmachtig gewordenen Gesetzes zu verstehen wagt. Dieses Verstandnis hat sich dann im Judenturn nach der Zeitenwende im Nein zu Jesus Christus fixiert. Der Talmud ist die Sanktionierung dieses im Grunde geschichtslosen Verstandnisses. Das alttestamentliche Wort selber redete in seiner Verkiindigung vielgestaltiger von einer graen, frei wahlenden Begegnung Jahwes mit dem Volke Israel, in der dieses, wie vor allem das Deuteronomium nicht miide wird zu unterstreichen, aus einer unergriindlichen Liebe Gottes zu den Vatern als Gottesvolk angenommen wurde. Sowohl der Jahwist wie auch Deuterojesaja Eden dabei erkennen, daf3 diese Annahme in weite, weltgeschichtliche Horizonte hineingehort und ihren letzten Sinn darin tragt, daf3 Gott bier das Werkzeug zur Spendung des Segens an alle Volker (Gen. 12, 2 f.) und zur Aufrichtung seiner Herrschaft iiber die ganze Welt 28 geschaffen hat. Die Liebe Gottes zu Israel ist das groge Gesamt-Weltereignis. In dieser Annahme Israels war unmittelbar auch em n fordernder Anspruch beschlossen. Die Gerichtsprophetie machte ebenso wie das dtr. Geschichtswerk sichtbar, wie Israel an diesem Anspruch zerbrach. Dariiber hinaus aber wurde dann eine eigenartig freie, siindenvergebende Barmherzigkeit Gottes sichtbar und eine neue Moglichkeit des Lebens unter dieser Barmherzigkeit als das eigentliche Geheimnis der Bundestreue Gottes. Im einzelnen horen wir einen verwirrend vielstimmigen Chor, der mit vielerlei Antworten von dem letztgewollten Ziel des von Gott berufenen Volkes und der Welt spricht. 1st es nach Jes. 2 die gottliche Weisung an die Volker, die am heiligen Orte auf dem Zion ergeht, so im priesterlichen Bereich das Geheimnis des wirklichen Herabkommens der Herrlichkeit Jahwes in die Mitte seines Volkes, in Jer. 31, 31 If. der neue Bundschla, der die Herzen des Volkes verwandelt. Nach Jes. 53 beruht das kommende Heil, das Vgl. das oben S. 37 f. zum Zeugenauftrag Israels Gesagte, dazu etwa Stellen wie Jes. 45, 14-17; 18-25, bes. 23. 79

in semen Auswirkungen nicht weiter geschildert wird, auf dem Siihnetod eines einzelnen, geheimnisvollen Knechtes. Die Reduktion des alttestamentlichen Wortes auf den Gesetzesbegriff ist einfach exegetisdi falsch und darf der Synagoge nicht abgenommen werden. Luther hat darin richtiger gesehen, wenn er im Alten Testament ineinander verschlungen vie! Wissen um das Gebot und seine unabdingbar totende Heiligkeit fand, aber auch vie! Verkiindigung vom Leben aus reiner Gnade 29. Aber der Name Jesu Christi fehlt in all diesem seltsam vielgestaltigen und keineswegs auf eine Formel zu bringenden Reden. 2. Diesen Namen verkiindet das Neue Testament. Und dag ist nun das Entscheidende, was uns vom Alten Testament nicht Abschied nehmen lassen kann, ja uns notigt, das Alte Testament auch weiterbin gerade in der Kirche als Text weiter gelten zu lassen und voll zu hOren: Der vom Neuen Testament bezeugte Jesus Christus tritt aus dem durch die alttestamentliche Verkiindigung geschaffenen Raum seines Volkes Israel nicht heraus. Er lafk ihn auch nicht blo8 gleichgiiltig bestehen, so wie man unerheblich Gewordenes um sich her ignorierend bestehen lassen kann, weil es ganz von selbst abfallen mu& Vielmehr tritt er mitten in ihn hinein, indem er ihn voll als semen Raum beansprucht 30, nicht als Fremdling und Einbrecher, sondern als der eigentlich legitime Eigentiimer. Er sendet seine 12 Jiinger aus, um sichtbar zu machen, daL er mit seinem Wort das 12-Stammevolk Israel meint. Er geht nach Jerusalem, obwohl 29 Zum Nachweis im einzelnen vgl. H. Bornkamm, Luther und das Alte Testament, 1948. 3° Das systematische Nachdenken ist immer wieder in der Versuchung, diesen Tatbestand, der ja nur den „historischen Jesus" zu betreffen scheint, als fur die Christusbotschaft unerheblich beiseite zu schieben. Konnte Christus nicht ebensogut Grieche gewesen sein? Die paulinische Verkiindigung, dag Juden und Griechen in Christus vor Gott gleich werden, scheint die Rechtfertigung fur diese Sicht zu geben. Als ob Ito. 9, 4 f. und dariiber hinaus der ganze Zusammenhang Ro. 9-11, die diese Interpretation der paulinisdien Aussagen strikte verbieten, nicht auch noch dastiinden. — Es scheint mir demgegeniiber unausweidilich notwendig zu sein, wenn die diristliche Verkiindigung das Alte Testament wieder voll zuriickgewinnen will, sichtbar zu machen, dag die Kontingenz der gottlichen Offenbarung in Jesus von Nazareth, von der eine am biblischen Zeugnis orientierte Theologie nie wird lassen konnen, auch die Kontingenz der (em n Kommendes verheigenden) Berufung Israels in sidi schliegt. 80

er in Galilaa wohnt. Hier, an dem von Gott erwahlten Ort, mug sich sein Kiinigtum vollenden. Was geschieht in alledem? Die Synoptiker brauchen an dieser SteIle die Rede von der Erfiillung. Schon der Name Christus, in dem die Gemeinde Jesus von Nazareth, den Gestorbenen und Auferstandenen, als den verktindigt, der em n alttestamentliches Amt ausfullt („erfiillt"), halt dieses Ja uniiberhorbar fest. Jesus Christus kommt als der Erfiiller des vom Alten Testament Verkiindigten. Nicht so, wie man eine Geldschuldverpflichtung erfiillt — wobei man nachher seine Zusage los ist, sondern so, wie in einer Ehe das Verlobungsversprechen „erfiillt" wird, so dag in der Erfiillung all das vorher Gemeinte (die Verheigung) ganz voll wird. a) Es ist die Behauptung der neutestamentlichen Verkiindigung: ,,In ihm sind alle VerheiSungen Ja und Amen" (2. Kor. 1, 20). In seinem Leben, in seinem Sterben fiir die Siinde der Welt und Auferstehen urn der Gerechtigkeit des Menschen willen ist das letzte, nun ganz und gar in die Gestalt personhafter Begegnung gekleidete Ja Gottes zu seiner Verheifiung zu horen. Ja, Gott, der sich nun als der Vater Jesu Christi in seinem eigentlichen Eigennamen kund- , tut, vor dem der alttestamentliche Eigenname Gottes (Jahwe) versinkt, meint wirklich in ganzem Ernst die Welt, in die er nun im Sohn hereintritt. Er meint auch wirklith das Volk Israel als den Ort, an dem er dieses Ja zur Welt auf Erden niederlegen will. Es ist durch sein Tun zum Zeugendienst aufgerufen. Es bleibt bei dem Argernis (im Dritten Reich hat man dieses ja recht deutlich verspiirt), daS die Predigt von der Gnade Gottes das Erzahlen von dem Juden Jesus Christus und dem Geschehen in der heiligen Stadt Israels, in Jerusalem, nie wird lassen konnen. So wird auch die Kirche die Bruderschaft zu dem geschichtlichen Israel nie verleugnen diirfen, das in seiner ganzen Geschichtlichkeit von Gott angeredet und durch diese Anrede erst als geschichtliches Phanomen konstituiert worden ist und die Spuren dieser einmaligen, aus einer wahlenden Entscheidung Gottes stammenden Entstehung nie wird verbergen Iconnen. Es ist die Schuld der Kirche, da13 sie diese Bruderschaft in der Geschichte oft verleugnet hat. Sie hat darin auch Christus verleugnet, der sein ungehorsames Volk nicht minandelt, wohl aber in seinem Tod am Kreuz selber fiir dieses Volk sich hat minandeln lassen. Gottes Ja zur Verheigung meint aber auch sein volles Ja zum Ernst 81

seiner Gehorsamsforderung. Gott laBt seiner nicht spotten. Was der Mensch sat, wird er audi ernten. Nur daB bier sein liebendes Ja zum Menschen daran sichtbar wird, da8 er in das Sterben des dem Gebot Ungehorsamen in seinem Sohn selber hineingetreten ist und es so, wie Jes. 53 von ferne ahnte, erfiillend auf sich genommen hat 31. Und so meint denn Gottes Ja wirklich in einer eindeutigen Klarheit, wie sie in dem „auf vielerlei Weise" (Hebr. 1, 1) redenden Alten Testament in dieser Eindeutigkeit nicht zu horen war, die Begnadigung des SUnders und das Geschenk des neuen Herzens. Es ist deutlich, da13 von hier aus der Kampf urn die Gerechtigkeit Gottes und der Widerstreit gegen die SUnde und den Sunder in eine ganz andere Tiefe zu stehen kommt, als es im Alten Testament, das diese letzte ErfUllung nur da und dort als emn Kommendes schaut, geschehen konnte. Das Eifern wider den Ungerechten und den Feind, das die Psalmen erfiillt, wird nun zum eifernden Kampf „mit Furcht und Zittern" 32, der zuerst das eigene sUndige, dem Tod verfallene Tun trifft. b) Von da aus ist aber ganz klar, daf aus dem erftillenden Ja auch emn Nein zu den vorlaufigen ZUgen des Verhei13ungswortes heraustreten mu& In den Antithesen der Bergpredigt ist dieses Nein zum Vorlaufigen, was zu den Vatern gesagt war, klar zu horen. Die Antithesen der Erfullung reichen aber noch iiber das dort Gesagte hinaus. Die Radikalitat der ErfUllung des gottlidien Ja zum Menschen mitten in seiner Geschichte laik den Zaun zwischen Israel und den Heiden einbredien. Was im Alten Testament erst an den Randern sichtbar wurde, da.13 Gottes Zukehr zur Welt auch die Volker meint, wird bier nun ganz offenbar. Dieses wird sich aber auch von der richtenden Seite des Gotteswortes her erweisen. Im Kreuzestod Jesu Christi wird die Unmoglidikeit des Menschen, vor dem Gesetz gerecht zu werden, die in dem Ich meine an dieser Stelle trotz des lebhaften Widersprudis von Baumgartel (Verheiflung. Zur Frage des evangelischen Verstandnisses des Alten Testamentes, 1952, 106-115) daran festhalten zu miissen, daf3 in der vom Neuen Testament verkiindeten Christusbotschaft nicht nur das Heilswort, sondern ganz ebenso das Gerichtswort (-geschehnis) des Alten Testamentes volt (und das heifit dann wohl audi „erfiillt") wird. Nur dag im Kreuz Jesu Christi, das die Unerbittlithkeit des gOttlichen Gerichtes iiber die Sande der Welt in uniiberbietbarer Letztgiiltigkeit sichtbar macht, gleichzeitig in uniiberbietbarer Letztgiiltigkeit das den Menschen anredende Heil Gottes offenbar wird und den Verlorenen zur Umkehr ins Leben ruft. 32 Phil. 2, 12; 1. Kor. 9, 24 ff. u. 6. 82

von den Propheten verkiindigten Scheitern Israels am Gebot Jahwes im Alten Testament sichtbar geworden war, weltweit offenbar gemacht. Durdi seine Bundesunfahigkeit ist der Israelite dem Angehorigen der Volkerwelt gleichgeworden. So ist hier kein Riihmen mehr vorhanden, weder fiir Israel noch fiir die Heiden. Damit ist aber auch in der konkreten Begegnung von Mensch zu Mensch alles „Riihmen" dahingefallen. Die strafende Gerechtigkeit des „Auge urn Auge, Zahn urn Zahn" hat hier ihr Ende gefunden. In Christus ist das begegnende Wort Gottes ganz Person geworden. So fallt nun auch alles hin, was an institutioneller Schranke fiir Israel Gesetz war und ihm seine Gerechtigkeit einzubringen schien. Konigtum, Priestertum, aber auch alle gesetzliche aufkre Ordnung von Gebet und Almosen, alles lediglich aufkre Einhalten einer Eheordnung oder eines Nidittotens wird darin in seiner Vorlaufigkeit sichtbar. Gott will die Person und ihren Gehorsam des Glaubens. Von ihm aus wird nun die Ordnung der Freiheit im Neuen Bunde ihren Ausgang nehmen. In der Verkiindigung von der Auferweckung Christi an Ostern ist die volle Tiefe des von Gott gemeinten Lebens sichtbar geworden. Das Seufzen unter den Ratseln des sichtbaren Lebens ist dadurdi nicht einfach weggetan. Christus selber hat am Kreuz aus diesem Ratsel heraus geschrieen. Aber was schon bei Hiob und in Ps. 73 im Mick auf die Regelaussage des Alien Testamentes iiberbordend zu horen gewesen war, das Wissen urn Gottes Leben auch iiber den irdischen Tod hinaus, wird nun voll verkiindigt werden diirfen. Audi hier wird das alttestamentliche Reden vom „Leben" in Herrlichkeit erfiillt und eben darin Alttestamentlich-Vorlaufiges zu seinern Ende gebradit. Vor einem grolkn Mifiverstandnis ma hier aber sofort gewarnt werden. Dieses Voll-Werden bedeutet nicht, da13 nun eben alles „vergeistigt" und dem Gegenstandlich-Korperlichen entnommen werde. Die Kategorisierung: korperlich-geistig entstammt nicht dem Evangelium, sondern dem dualistischen Denken der Gnosis. Erfiillung bedeutet kein Wegtun des leiblich-korperlich-geschichtlichen Bereiches, so wie denn Israel aus der Geschichte nicht weggetan ist, nachdem Christus gekommen ist, und wie auch das tagliche Brot Gegenstand des Gebetes bleibt. Wohl aber bedeutet es em n „Vo11werden" der Verheiflung, die iiber die Welt geschichtlicher Sichtbarkeit hiniibergreift. 83

So erfiillt Christus das Alte Testament, indem er es nicht wegtut, sondern uns heigt, seine Aussagen mit abgedeckten Augen neu zu lesen und „voll", und das will heiflen, unter der Aussage dessen, der es in der Vollmacht des Herrn „voll macht", zu horen. Nur in der Erhellung durch dieses grolk Ja sind die Antithesen des Erfiillungswortes und ihr Nein zu dem, was „zu den Alten gesagt war", recht zu verstehen. 3. Immer wieder ist die Frage zu horen: Warum denn noch Altes Testament, wo doch im Neuen Testament die Erfiillung und das voile Christuswort da ist? Warum denn noch Predigt iiber alttestamentliche Texte? Man kiinnte im Bilde antworten und darauf hinweisen, clag die rechte Ehre eines Konigs nur da voll sichtbar wird, wo die Herolde, die seinem Kommen vorangehen, nicht weggetan werden. Wenn die synoptisthe Verklarungsgeschichte (Mk. 9, 2 if. parr.) nicht nur die Lichtglorie erwahnt, die Christus auf dem Berge umhiillt, sondern auf Mose und Elia weist, die zu ihm hintreten, so will sie offenbar gerade dieses zum Ausdruck bringen. So wie die Tiefe der Erniedrigung Christi am Kreuz daran sichtbar wird, da13 em n Verbrecher zu seiner Rechten und em n anderer zu seiner Linken am Kreuze hangen, so die Fillle seiner Herrlichkeit im Herzutreten der zwei Grofken des Alten Testamentes zu dem, der durch die Stimme vom Himmel als Sohn bezeichnet wird. Ohne Bild mag beispielhaft und ohne damit Vollstandigkeit zu beanspruchen auf zwei Stellen gewiesen werden, an denen die Beleuchtung von der alttestamentlichen VerheiBung her ohne Zweifel das rechte Verstandnis des Christusereignisses sichert. Die als Wort Gottes an die Welt gesandte Botsdiaft von Christus ist immer wieder in Gefahr, als zeitlose Lehre, als philosophisch interpretierbarer Logos oder eine Idee der Liebe Gottes miflverstanden zu werden. Das Horen auf das Alte Testament sichert die wahre Geschichtlichkeit Jesu Christi, indem sie nicht nur den zatOg eines „Heute", sondern dazu audi emn Gestern und damit dann wohl auch em n Morgen sichtbar macht. Christus ist „der da kommen soil". Er ist derjenige, in dem Gott das Ziel seiner Wege in der Menschengeschichte meint. Er ist nicht der in der zeitlosen Weise des Mythus zu Begreifende, sondern der in der Geschichte Angekiindigte, der darum auch uns in seiner Anrede 84

in der Geschichte festhalt, uns die Schuld unseres Gestern, die Verantwortung unseres Heute und die Hoffnung des Morgen bedenken heifk, der Augen fiir den Menschen zur Linken und den Menschen zur Rechten gibt, der niemals im Raum zeitlos weltabgeriickter gedanklich oder mystisch versunkener Gottbegegnung angetroffen werden kann, sondern nur in diesem mitten in die Geschichte bindenden Wort 33. Dazu das andere: Der vom Neuen Testament verkiindigte Christus ist im Incognito menschlicher Niedrigkeit aber die Erde gegangen. Es wird von da her immer wieder die Versuchung bestehen, eine Gesamtformel zum Verstandnis des Christuswortes aus dieser Gestalt der Niedrigkeit und des Incognito zu errec.hnen und darob das etwa in der Johannesapokalypse, aber nicht nur dort ausgesprochene Wort der Hoffnung auf den neuen Himmel und die neue Erde und des Glaubens an die Konigsherrschaft Christi iiber die Machte verschamt zu unterschlagen. Das Christuswort wird dann auf verschiedenste Weise verengt. Es kann zum Wort werden, das nichts anderes mehr will als den Trost der angefochtenen Seele 34. Es kann als das neue Vorzeichen definiert werden, unter welches nun menschliche Existenz zu stehen kommt. In alledem ist es nicht mehr das konigliche Geschehnis des einbrechenden Reiches, das auf die Vollendung der Gottesherrschaft in meinem vor mir liegenden Morgen zu hoffen heiik. Dieser Reduktion der Botschaft wehrt das Alte Testament, das von der Urgeschichte iiber die Botschaft der Propheten bis hin zu den gottlichen Thronbesteigungspsalmen die Konigsherrschaft Gottes iiber dem Kosmos und den Volkern verkiindet. Auch das Christuswort meint den Anspruch Gottes in dieser Weite und verheifk den endlichen Sieg Gottes in dieser Weite. Karfreitag und Ostern sind die in der Christusbotschaft verkiindeten Weltereig33 An dieser Stelle liegt em n bereditigtes Hauptanliegen der Untersuchung A. van Rulers, Die christliche Kirche und das Alte Testament, 1955. Wenn er allerdings in diesem Zusammenhang von einem „Mehrwert des Alten gegeniiber dem Neuen Testament" redet (82) und in dem Unternehmen, „das Alte Testament mit dem Blick auf die Christusverkiindigung der Kirche oder sogar von dieser her auszulegen", einen Fehlweg sieht, so scheint er mir darin die Verkiindigung der Herrschaft Gottes (die Botschaft vom Reich Gottes) in gefahrlicher Weise von Christus zu trennen. Man wird doch wohl richtiger sehen, daA das Gotteswort, das in Jesus Christus an die Welt ergangen ist, nur als Geschehnis, weldies das Reich Gottes in der ganzen Weite der Herrschaft iiber die Machte meint, redit verstanden ist. Vermag die von Baumgartel herausgearbeitete „Grundzusage", die allein als positiver Verkiindigungsgehalt des Alten Testamentes fiir die Kirche und ihre Verkiindigung relevant bleibt, wesentlich iiber diesen Bereidi hinauszukommen?

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nisse, welche die Hoffnung des Lebens iiber die todgezeichnete Kreatur und die Hoffnung der Gereditigkeit iiber die von Unrecht und Blut befleckte Volkergeschichte setzen. Das alttestamentliche Wort der Verheifking sichert diese Weite der Christustat, die das Ja und Amen zur Verheithing ist, an der Welt. Sie verbietet die falsche Abspaltung eines zweiten Reiches, in welchem Christus nichts zu suchen hatte und fiir das sein Kommen nicht auch Gericht und nicht auch Hoffnung bedeutete. 4. Fiir die Auslegung des alttestamentlichen Textes in der christlichen Predigt ergeben sich aus all dem Ausgefiihrten einige grundlegende Regeln. 1. Alle Auslegung wird den jeweiligen alttestamentlichen Text an seinem geschichtlichen Orte stehen lassen und ihm die voile Wiirde des Eigenwortes an seinem jeweiligen Orte belassen. Alles Ausweichen in die Allegorie, die den Text nur mehr in der Form einer Blendfassade stehen lafk und hinter ihr eine zweite, an einem ganz anderen Ort beheimatete Wirklichkeit als die eigentliche Wirklichkeit der Textaussage erstehen läfh, ist der Auslegung verwehrt 35. Auch die Reduktion auf die blofie Erhebung eines bestimmten, sich in der Textstelle aussprechenden Seinsverstandnisses als der allein darin theologisch relevanten Aussage 36 nimmt dem Eigenwort des Textes, sofern er auf em n Geschehnis deutet, seine voile Wiirde. Das gleiche ist von dem Versuch zu sagen, jede alttestamentliche Aussage als emn gesetzliches Widerspiel zum Evangelium zu deuten 87. 2. Stattdessen hat die Exegese jeder Stelle bis in die Tiefe hinunter nachzubohren, in welcher der Text sein verbindlich anrufendes Wort, Diese Gefahr ist bei W. Vischer, Das Christuszeugnis des Alten Testaments I 1934; 11 1942 nicht wirklich vermieden. 36 Vgl. etwa die conclusio des Aufsatzes „Die Bedeutung des Alten Testaments fur den christlichen Glauben" in R. Bultmann, Glauben und Verstehen I, 1933, 313-336. „Wird das Alte Testament als Gottes Wort in die kirchliche Verkiindigung aufgenommen, so ist unverbriichlidie Bedingung: 1. dafi das Alte Testament in seinem urspriinglichen Sinne, wenngleich ohne seine urspriingliche Beziehung auf das israelitische Volk und seine Geschichte, verwendet wird, daf3 also jede Allegorese unterbleibt. 2. Dal das Alte Testament nur soweit aufgenommen wird, als es wirklich Verheiflung ist, d. h. als es wirklich das christlidie Seinsverstandnis vorbereitet. Soweit, mag man sagen, redet Christus schon im Alten Testament" (336). 37 Vgl. das oben S. 78 ff. zur Auslegung von E. Hirsch Gesagte. 86

sein Gebot, sein Gericht, seine Verheifking oder seine Trostung, die nie nur eine „Seele" (im landlaufig dualistischen Mi13verstande), sondern einen geist-leiblichen Menschen in semen geschichtlichen Beziehungen der Verantwortung meint, laut werden läft. Dabei wird sich der christliche Ausleger durch Christus mit dem alttestamentlichen Zeugen in der Einheit einer von Gott berufenen Gemeinde verbunden wissen, die auch durch die Tatsache, clag aus dem alttestamentlichen Wort die Stimme der noch suchenden VerheiBung (1. Petr. 1, 10 ff.), aus dem neutestamentlichen Wort dagegen das voile apostolische Zeugnis laut wird, nicht in zwei getrennte Gemeinden zerfallt. 3. In alledem wird fiir den christlichen Verkiindiger keinen Augenblkk lang Unklarheit dariiber bestehen, daS er in der erfiillten Zeit, in der die Gemeinde durch den heiligen Geist von der Gegenwart des Sohnes wei13, steht und von der Erfiillung, in der alle Verhefflung an ihr Ende gelangt, kiinden darf. Erfiillung heilk dabei ohne Zweifel nicht Aufhoren des Wartens. Richtiger ist zu sehen, dai3 durch die Erfiillung der Zeit im Kommen Christi im Incognito seiner Niedrigkeitsgestalt die Erwartung erst ihre voile Glut gewonnen hat. Die Erwartung der christlichen Gemeinde erwartet aber keinen anderen mehr als den Gekommenen, der wiederkommen wird in der offenbaren Macht und Gnade seines Reiches. So wird der Verkiindiger das anrufende Wort des aittestamentlichen im Wissen um seine Erfiillung weitergeben. Es wird dabei in der Weise, wie es oben sichtbar gemacht wurde, immer zugleich das Ja und das Nein zum Wort der alttestamentlichen Verheiiking horbar werden. Es geht darin nicht urn eine Reduktion oder zwangsweise Gleichschaltung des alttestamentlichen Wortes mit der aufgedeckten Christusbotschaft. In jeder recht getanen Predigt iiber emn alttestamentliches Wort wird irgendwo etwas von der Spannung des Weges von der Verhefflung zur Erfiillung — oder wiirden wir nicht sachlich richtiger sagen: von der Seligkeit, daS die Verhefflung von Gott wirklich in der Sendung des Sohnes voll gemacht worden ist — sichtbar werden. Darf nochmals das Bild gebraucht werden: Die Ehezeit wird immer als die selige Erfiillung der Brautzeit sichtbar werden. In soldier Auslegung aber wird jede ernstlich hinhorende Verkiindigung alttestamentlichen Wortes zu einem Riihmen des Gottes werden, der ewig Treue halt und „bei dem nicht zuschanden werden, die auf ihn harren" (Jes. 49, 23). 87

Mu13 noch ausdriicklich gesagt werden, da13 in solcher Auslegung des alttestamentlichen Wortes audi der Gedanke an das „Israel nach dem Fleisch", dem der Ruf des Verheif3ungswortes zunachst gegolten hatte, immer dabei sein wird?

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PREDIGT iiber Ezechiel 33, 23-29 und 11, 14-20 Schriftlesung: Lukas 18, 9-14; Matthaus 5, 3-10. Text: „Und es erging an mich das Wort des Herrn: Menschensohn, die Bewohner jener Triimmer im Lande Israels sagen: ,Abraham war nur em n einzelner Mann und bekam doch das Land zu eigen; wir aber sind unser viele, uns ist das Land zum Eigenturn gegeben'. Darum sprich zu ihnen: So spricht Gott, der Herr: Mitsamt dem Blute eft ihr (Opferfleisch), die Augen erhebt ihr zu euren Gotzen und Blut vergieflt ihr — und ihr wollt das Land in Besitz nehmen? Ihr habt auf euer Schwert abgestellt, habt Greuel veriibt, habt einer des anderen Weib geschandet — und ihr wollt das Land in Besitz nehmen? Also sollst du zu ihnen sprechen: So spricht Gott, der Herr: So wahr ich lebe, die auf den Triimmern sollen durchs Schwert fallen, die auf dem offenen Felde gebe ich den wilden Tieren zum Frage, und die auf den Berghohen und in den Hohlen sollen an der Pest sterben. Ich mache das Land zur schaurigen Wiiste, aus ist's mit seiner stolzen Macht. Die Berge Israels werden verodet sein, niemand wird sie durchwandern. Dann werden sie erkennen, dag ich der Herr bin, wenn ich das Land zur schaurigen Wiiste mache wegen all der Greuel, die sie veriibt haben" (33, 23-29). „Nun erging an mich das Wort des Herrn: Menschensohn, am Leben erhalte ich deine Briider, deine Verbannungsgenossen und das ganze Haus Israel insgesamt, von denen die Bewohner Jerusalems sagen: ,Sie sind fern von dem Herrn; uns ist dieses Land zum Besitz gegeben'. Darum sprich: So spricht Gott, der Herr: Wohl habe ich sie weit weg unter die Heiden getan und habe sie iiber die Lander zerstreut, und ich bin ihnen nur wenig zu einem Heiligtum geworden in den Landem, in die sie gekommen sind. Aber ich werde sie aus den Volkern sammeln und sie aus den Lindern, iiber die sie zerstreut sind, wieder zusammenbringen und ihnen das Land Israels geben. Und wenn sie dorthin gekommen sind, werden sie all seine Scheusale und all seine Greuel daraus hinwegtun. Und ich werde ihnen em n anderes Herz geben und einen neuen Geist in ihr Inneres legen; ich werde das steinerne Herz aus ihrem Leibe herausnehmen und ihnen em n fleischernes Herz geben, damit sie nach meinen Geboten wandeln und meine Satzungen halten und darnach tun. Dann werden sie mein Volk sein, und ich werde ihr Gott sein" (11, 14-20). (Text nach der ZUrcher Bibel)

Liebe Gemeinde! Es ist nicht ganz einfach, die Sprache der Menschen, zu denen der Prophet in den beiden verlesenen Textworten redet, recht zu verstehen. An beiden Stellen ist es aus dem Munde dieser Leute zu horen: „Uns ist das Land zum Besitz gegeben." So mochten wir denn geneigt sein zu denken, wir haben es mit besitzsiichtigen, rafferischen Menschen zu tun, die nur darauf sinnen, wie sie ihren Grundbesitz vermehren und selber moglichst fette Acker bekommen konnen. 89

Wir taten diesen Leuten damit Unredit. Nicht urn die fetten Acker geht es ihnen. In Agypten und Babylonien, den groaen Kulturlandern im Siiden und Osten Palastinas gibt es fettere Acker und reichere Felder als im Bergland urn Jerusalem herum, das den Besucher durch seine Kargheit immer wieder iiberrascht. Und doch meinen die Leute, die hier reden, gerade dieses karge Bergland, wenn sie darauf pochen: „Uns ist das Land zum Besitz gegeben." Nicht um das fette, sondern urn das gelobte Land geht es ihnen. Das Gottesland, das Gott einst den Vatern Abraham, Isaak und Jakob versprochen und dann dem Volk Israel nach seinem Auszug aus Agypten ausgehandigt hatte. So wie einer Braut der bescheidene Silberschmuck, den sie von ihrem Geliebten bekommen, mehr bedeutet als der Goldschmuck, den ihr emn entfernt Bekannter geschenkt, so wie sie sein Silber nicht mit dem schimmernden Gold vergleicht, sondern darin nur das Pfand der Liebe sieht und sich daran freut, so geht es dem alttestamentlichen Glauben mit dem gelobten Lande. Pfand Gottes ist es ihm, und es strahlt ihm in seiner kargen Armseligkeit heller als der schimmernde Reichtum der Nachbarlander. Ob wir es nun besser verstehen, da8 diese Menschen, die hier darauf pochen: „Uns ist das Land zum Besitz gegeben", darauf pochen und sich daran klammern, da8 ihnen das Pfand der Treue Gottes gegeben ist? Urn Gott, und darum, daE sie bei Gott seien und Gott bei ihnen, darum geht es ihnen verborgen in ihrem Reden vom Lande. Das kann ihren Worten denn audi eine Bedeutung geben, die ilber ihre Zeit hinausgeht und es rechtfertigt, auch heute im Gottesdienst der christlichen Gemeinde dariiber nachzudenken. Denn das bleibt doch auch fiir eine christliche Gemeinde die Frage aller Fragen, wie es geschehen möge, da13 Gott bei uns sei und wir bei ihm. Vor dieser Frage miissen alle anderen Fragen ins zweite Glied treten. Aber wenn wir unsere Textworte voll verstehen wollen, so mu13 doch noch etwas iiber die Zeit, in der sie gesprochen sind, laut werden. Es ist die Zeit der tiefsten Demiitigung der alttestamentlichen Gemeinde — die Zeit des Gerichtes, sagt die Bibel. Der letzte Rest von Eigenstaatlichkeit Israels ist zerbrochen. Von den letzten Konigen Judas ist einer als Gefangener nach Agypten, zwei andere sind nach Babylon verschleppt worden. Mit diesen zwei anderen sind Tausende von einflareichen Mannern, unter ihnen auch der Prophet Ezechiel, 90

nach Osten weggefiihrt worden. Am Ort des Tempels in Jerusalem, da Gott doch seinem Volke nahe zu sein versprothen hatte, und an dem das Volk allein rechtes Opfer darbringen kann, starren Brandmauern zum Himmel. Audi die Einheit des Volkes ist zerbrochen. Da sitzen Haufen von Fliichtlingen in Agypten und den naheren Nachbarlandern Judas und getrauen sich nicht mehr ins Land zuriickzukehren. Da sitzt emn Haufe — wohl die niedersten, politisch fiihrungslosen Schithten — noch im Lande. Sie mogen den Altar in Jerusalem notdiirftig wieder aus den Triimmern herausgegraben haben und dort an dem Orte, an dem Israel allein Opfer darbringen darf, diirftigen Notgottesdienst halten. Und em n weiterer Haufe — die politisch einst vor allem Mageblichen — sitzt in Babylonien in angewiesenen Wohnsitzen, die er nicht verlassen darf. Ein zerrissenes Volk, das keine einheitlithe mehr erlebt und sich in der Trennung mehr und mehr auseinanderlebt. Wir konnen es heute ja wieder etwas nachfiihlen, was all dieses für em n Volk bedeutet. Wo ist da Gott? Wo bleibt er bei seiner Gemeinde, dem Volk, das er sich doch berufen und zu seinem Volke gemacht hat? Wo bleibt er in den Zusammenbriichen seines Volkes? Wo bleibt er heute in den Zusammenbriichen unserer Gegenwart, in denen er doch auch iiber uns Gericht gehalten haben diirfte. Nicht nur iiber die Volker, sondern auch gerade iiber sein Volk, seine christliche Gemeinde. Aus unseren Textstellen horen wir Antworten. Antworten der Menschen und die Antwort Gottes. Gleich zweimal horen wir die Antwort jenes Haufens in Jerusalem. Mit einem Seitenblick auf jene anderen Haufen, die in Babylon Gefangenen und wohl auch die in die Nachbarlander Geflohenen, reden sie: „Sie sind fern von dem Herrn; uns ist das Land zum Besitz gegeben." Dieses Wort ist ganz voll und gegenstandlich zu nehmen. Das gelobte Land ist das Land Gottes. Wer aus diesem Lande weg ist, ist fern von Gott und seinem Heiligtum, fern im unreinen Lande. So reden sie von jenen anderen Haufen: „Sie sind fern von dem Herrn". Wir horen leicht nur die grofk Unfreundlichkeit gegeniiber jenen anderen aus diesem Wort — ob wir nicht auch die grofk Kiihnheit dieses Wortes horen miiiken? Wir sind nahe bei Gott, denn wir sind noch im Lande, uns ist das Land zum Besitz gegeben. Wenn wir, wofiir manches spricht, anzunehmen haben, (lag dieses Wort wie jenes andere 91

in Kap. 33 von den Leuten gesprochen ist, die, wie der Prophet sagt, „auf den Triimmern" wohnen, hat es dann nicht fast etwas Riihrendes an sich, wie diese Menschen mitten im Zusammenbruch in dem verwiisteten und gepliinderten Lande sich an dieses Eine klammern: Aber wir sind noch im Lande! Wir halten das Pfand in Hamden, das uns die Nahe Gottes verbiirgt. Sind wir heute denn so ganz anders? So jagen doch auch wir — nidit die Gottlosen, sondern die, welche sich zu Gott halten mothten — nach den Pfandern, den handfesten und kraftigen Zeichen mitten im Gericht, die uns dessen gewifl machen sollen, dal Gott bei uns ist. So ist es die Gefahr der kriegsverschonten Lander nach der Katastrophe Europas im zweiten Weltkrieg gewesen, da13 sie die Insel der Kriegsverschontheit verstanden als einen Ort und Zeichen besonderen Wohlgefallens Gottes und sich innerlich von denen trennten, die nicht unter diesem Zeichen standen. So ist es heute die besondere Gefahr und Versuchung des Westens, da13 er sein Stuck relativer Verschontheit vor neuer Bedrangnis als Pfand besonderer Gottesnahe deutet und heimlich mit den Fingern auf den Vorhang deutet: Sic sind ferne von Gott, uns ist das Land zum Besitz gegeben. Wir sind bei Gott und Gott ist bei uns. Das ist bis in jedes Einzelleben hinein immer wieder die teuflische Versuchung, da13 wir uns da, wo uns Gottes Gericht begegnet, auf die Inseln der Verschontheit zuriickretten. Wo Pfander — vielleicht kirchliche, gottesdienstliche, fromme Pfander — geblieben sind, da klammern wir sic in unsere Faust, halten sic fest und beweisen uns aus ihnen, da13 Gott noch bei uns ist. Noth em n zweites Wort der Leute von Jerusalem, die auf den Triimmern wohnen, ist zu horen: „Abraham war nur em n einzelner Mann und bekam cloth das Land zu eigen; wir aber sind unser viele, uns ist das Land zum Eigentum gegeben." Man konnte das Wort in einer ganz oberflachlichen Weise verstehen, indem man vermutet, dal hier Menschen am Morgen nach der Katastrophe sdion wieder von tapferem Optimismus erfiillt sind und sagen: Das hat es auch schon gegeben, daf3 es um einen Menschen ganz verzweifelt stand. Schon einmal in unserer Geschichte hat es einer gewagt und den Kopf nicht sinken lassen — und hat es geschafft! Er bekam das Land zu eigen. Wir kennen auch diese Variante heute wohl — diesen unbeschwerten Optimismus, der sagt: Wir werden auch diese Schwierigkeit meistern! 92

Aber wir taten unserem Worte unrecht, wenn wir es so oberfläthlich Ohne Zweifel handelt es sich hier urn emn frommes Wort, emn Wort von Menschen, die ihre Bibel kennen. Dort ist es zu lesen, dal Gott dem Abraham das Unwahrscheinliche versprach, ihm, dem Einzelnen, das ganze Land zu geben versprach. 1st das denn nicht ganz in Ordnung, da13 Menschen in der Stunde des Zusammenbruchs zum Wort ihrer Bibel fliichten und dort ihren Trost und ihre Stiitze suchen? Es kann uns zu denken geben, da8 auch der Teufel in der Versuchungsgeschichte die Bibel zitiert und damit Christus verfiihren will. Es gibt auch die falsche Zuflucht zur Bibel. Ob wir nicht bei diesen Worten der Jerusalemer gerade davon etwas merken? Gewif3, Gott will, da13 wir auf die Gestalt eines Abraham in der Bibel schauen und von ihr lernen, was em n Glaube ist, der sich ganz auf Gott verlaik und es ihm zutraut, daf3 er auch einem verlorenen Einzelnen in semen Nachkommen em n ganzes Land zu geben vermag. Wie reden aber die Jerusalemer? „Abraham war nur em n einzelner Mann und bekam doch das Land zu eigen; wir aber sind unser viele, uns ist das Land zum Eigentum gegeben". 1st das die Bereitschaft, Gott ruhig alles zuzutrauen? „Wir aber sind viele". GewiA, Abraham als Vorbild. Aber daneben doch auch das deutliche Vergniigen, daB es nicht ganz so schlimm steht wie bei ihm, dal man sich doch nicht so hundertprozentig und allein auf Gott verlassen muI, sondern noch seine guten irdischen Reserven hat, die Gott etwas entlasten. Wieder ist es dieser Halbglaube, in dem wir uns doch so oft einfach wiedererkennen miissen. Eingekleidet in em n frommes — scheinbar sehr frommes Wort. Glauben, ja! Aber dann doch auch die spiirbare Beruhigung, daS es nicht nur der reine, blanke Glaube sein mui3, sondern auch noch einige Reserven da sind. Von den Inseln der Verschontheit her, mit den Kraften, die uns da, wo Gott richtete, geblieben sind, mul3 es eigentlich gelingen, wieder hochzukommen. Gott 50 Prozent, wir 50 Prozent. Gottes konnen wir wohl nie ganz entraten. Aber Gott sei Dank, wir brauchen Gottes Hilfe auch nicht immer voll und allein in Anspruch zu nehmen. „Uns ist das Land zum Besitz gegeben", sagen die Jerusalemer. 1st Gott wirklich da, wo wir so glauben? Die Menschen haben geredet. Jetzt redet Gott. Auch von ihm ist emn doppeltes Wort zu horen. Ein Wort zu den Jerusalemern, die zu wissen meinen, wo Gott ist — und dazu em n Wort zu jenen anderen, 93

denen in der Ferne, denen das Land genommen war. Beide Worte gehoren im Tiefsten zusammen und bilden miteinander recht eigentlich das Wort, das Gott selber nun iiber seine Nahe zu sagen hat — auch uns zu sagen hat. Scharf und voll Gericht ist das Wort iiber die auf den Triimmern Jerusalems Wohnenden. „So spricht Gott, der Herr: Mitsamt dem Blute elk ihr (Opferfleisch), die Augen erhebt ihr zu euren Gotzen und Blut vergie13t ihr — und ihr wollt das Land in Besitz nehmen? Ihr habt auf euer Schwert abgestellt, habt Greuel veriibt, habt einer des anderen Weib geschandet — und ihr wollt das Land in Besitz nehmen?" Das alttestamentliche Gottesvolk hat von Gott in graen, klaren Satzen sein Gottesrecht gesagt bekorrunen: Nicht Blut vergieflen, nicht ehebrechen, nicht die Gotzen verehren. Dazu gehorten auc:h gottesdienstliche und rituelle Vorschriften: Nicht Blut essen, sich mit keinem Greuel, d. h. Unreinem einlassen. An diesen Geboten soil es sich erweisen, oh Gottes Wille zu gelten hat oder der Menschen Wille. Und hier nun reifk Gottes Wort die ganze Halbheit der Menschen auf, die auf den Triimmern wohnen, sich dort an die VerheiBung und die Pfander Gottes klammern und meinen, Gottes Nahe fiir sich beanspruchen zu konnen. Auf der Insel, auf die sie sich gerettet haben, mit den Resten, die sie hindurchgerettet haben, auf dem Land, auf dem sie haben bleiben diirfen und das sie nun als Unterpfand der Nahe Gottes feiern und mit dem sie sich von den Verschleppten absondern: „Sie sind ferne von dem Herrn" — gerade hier fahren sie mit ihrem alten Leben fort, als ob nicht Gott Gericht gehalten hatte. Es stehen auch auf unserem Kontinent noch viele Brandmauern. Und Menschen wohnen auf den Triimmern. Wir sind aber noch einmal davongekommen. Das Abendland ist noch nicht ganz untergegangen. Es stehen auch noch Kirchen da, in denen wir wieder Gottesdienst halten. Aber spiiren wir nicht allenthalben den unheimlichen Sog des Alten? Nicht nur des guten, am Gebote Gottes bewahrten Alten, sondern auch jenes anderen, Gottes Gebot verhohnenden Alten. Es soil wieder sein wie gestern. Gewi1, wir wollen Gott dafiir danken, dag er uns noch einmal hat davonkommen lassen. Aber wir mochten doch auch die alten Gotzen wieder aufrichten. Wir mochten gerne aufs Schwert abstellen — wie ehedem. Wir mochten gerne mit der Ehe frei umgehen — wie vorgestern. Wir mochten im Wirtschaftsleben wieder 94

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die freien Spielregeln — man mu13 es dann eben in Kauf nehmen, da13 die Schwachen unter die Rader kommen und die Rentner die Zeche bezahlen miissen. Das ist die Halbheit der Geretteten, die unser Textwort so erschreckend scharf und mitten in unsere Situation ziindend entlarvt. Wir wollen gerettet sein. Wir wollen auch mit und durch Gott gerettet sein. Aber wir wollen dabei auch mit unserem alten Leben fortfahren. Die SS-Tagung, die heute in Gottingen hatte stattfinden sollen, wird zwar mit Riicksicht auf die Bundesregierung, der man im gegenwartigen Augenblick keine Sthwierigkeiten bereiten will, verschoben. Aber es kommt nicht zur klaren Absage an einen Namen, der zur Devise von Blut und Grauen für ungezahlte, nicht nur jiidische Menschen geworden ist. Wir mochten — und wie viel menschlich ganz einleuchtende Griinde haben wir dafiir anzufiihren, nicht nur in der Frage der SS — in unserem eigenen Reich und unseren eigenen Liebhabereien bleiben. Cber all solcher Neuansiedlung auf den Triimmern aber steht Gottes giiltige Drohung: „So wahr ich lebe, die auf den Triimmern sollen durchs Schwert fallen, die auf dem offenen Felde gebe ich den wilden Tieren zum Fraf3e, und die auf den Berghohen und in dann werden sie erkennen, den Haien sollen an der Pest sterben dal-3 ich der Herr bin." Hier ist Gott nicht. Gott gebe uns die Gnade, semen Ruf zur Umkehr beizeiten zu horen und ihm mit lauterem Herzen zu dienen. Denn dieses Wort vom Gericht, das auth iiber unserem Nachkriegseuropa kein leeres Wort ist, ist nicht der eigentliche Wille Gottes, den er lachenden Mundes kundgabe. Das ist in dem anderen Worte zu hiiren, das Gott durch semen Propheten ausspricht. Es ist das Wort zu jenem Haufen in der Ferne, den weit nach Osten, nach Babylon Verschleppten. Sie haben alles verloren — miigen sie auch in Babylon fetteren Ackerboden antreffen. Sie sind nicht mehr im Lande. Sie konnen keinen Altar mehr errichten. Sie diirfen kein Opfer darbringen. Sie haben kein Heiligtum mehr. Sie sind fern von dem Herrn. Und doch ist aus Gottes Mund nun gerade iiber diese Menschen em n volles, grof3es Wort, em n eigentliches Wort Gottes, das mitten aus seinem Herzen herauskommt, zu horen. „Wohl babe ich sie weit weg unter die Heiden getan und habe sie iiber die Lander zerstreut, und ich bin ihnen nur wenig zu einem Heiligtum geworden" — dabei bleibt es. Es ist kein Ver95

sehen Gottes gewesen, dai3 sie so arm wurden, so verstaen, so fern von Gott und seiner offenbaren Nahe. Ohne alles Heiligtum, verlassen, sagen die Verbannten selber. Horen wir aber nicht schon hier den leisen Unterschied in der Rede des Gotteswortes: „Ich bin ihnen nur wenig zu einem Heiligtum geworden"? Von Gott aus sind sic noch gehalten, und wenn es auch nur em n ganz diinner, von den Menschen kaum wahrgenommener Faden ist, der sic halt. Gott halt sic noch und hat sic in seinem Herzen nicht abgeschrieben. „Aber ich werde sic aus den Volkern sammeln und sic aus den Landern, iiber die sic zerstreut sind, wieder zusammenbringen und ihnen das Land Israels geben." Das ist Gottes Wort zu der Frage, wem das Land zum Besitz gegeben ist und wem er darin sich selber und seine Nahe schenkt. Zugleich aber macht Gott sichtbar, da13 da, wo er seine Nahe schenkt, es nun nicht einfach so weitergehen wird, wie es friiher ging: „Ich werde ihnen em n anderes Herz geben und einen neuen Geist in ihr Inneres legen; ich werde das steinerne Herz aus ihrem Leibe herausnehmen und ihnen ein fleischernes Herz geben, damit sic nach meinen Geboten wandeln und meine Satzungen halten und darnach tun. Dann werden sic mein Volk sein und ich werde ihr Gott sein." Haben wir es gehort: Da also, wo Menschen unter Gottes Gericht ganz arm geworden sind, ausgetrieben und fern, so da8 die iibrige Welt und auch gerade die Frommen mit Fingern auf sic zeigen und sagen: „Sie sind fern von dem Herrn" — da ist Gott nahe. Da will er mit seinem Werk anheben, sic zuriickbringen in sein Land, das jene Gerechten verlieren. Aber da verheifit er auch, das Wunder des neuen Herzens geschehen zu lassen. Da soli es geschehen, da13 all das bOse Heimweh nach dem Alten, in dem wir dann doch nur unser Altes rechtfertigen und uns beweisen wollen, da8 es nicht ganz so schlimm gewesen ist, aus dem Herzen herausgerissen sein soil. Darum, weil er uns selber das alte, bose Herz, das immer wieder hart ist wie Stein und weder Gott liebhaben noch dem Nachsten Erbarmen zeigen kann, aus dem Leibe herausnimmt und uns eM neues Herz gibt. uns doch Gott die Gnade schenkte, vor ihm, der uns in seinem Sohne Jesus Christus begegnet, und seinem heiligen Willen so abgriindig zu erschrecken, clag wir vor ihm arm wiirden, vorbehaltslos arm. Selig sind die geistlich Armen, denn ihrer ist das Himmelreich! 96

PREDIGT iiber Ezechiel 43, 1-7a Schriftlesung: Lukas 2, 1-40. Text: „Dann fiihrte er mich zu dem Tor, das nach Osten gerichtet war, und siehe, da kam die Herrlichkeit des Gottes Israels von Osten her, und es rauschte wie das Rauschen graer Wasser, und das Land leuchtete von seiner Herrlichkeit. Und die Erscheinung, die ich schaute, war wie die Erscheinung, die ich geschaut hatte, als er kam, die Stadt zu verderben, und wie der Anblick, den ich am Flusse Kebar gehabt hatte. Da fiel ich nieder auf mein Angesicht. Und die Herrlichkeit des Herrn zog durch das Tor, das nach Osten gerichtet war, in das Heiligtum em . Da hob mich der Geist empor und fiihrte mich in den inneren Vorhof, und siehe, der Tempel war erfiillt von der Herrlichkeit des Herrn, und ich hone vom Tempel her zu mir reden, wahrend der Mann neben mir stand, und die Stimme sprach zu mir: Menschensohn, hast du gesehen die Statte meines Thrones und die Statte meiner Futhohlen, wo ich fiir immer inmitten Israels wohnen will?"

Liebe Gemeinde! Warum sind all die verschiedenen Menschen, von denen die Weihnachtsgeschichte, die wir eben lasen, erzahlt, so frithlich, da13 sie darob Gott riihmen und preisen — die Hirten vor den Toren Bethlehems ebenso wie jener fromme Simeon in Jerusalem und die alte vierundachtzigjahrige Witwe mit ihrem harten Lebensschicksal? Es ist nicht wohl zu iiberhoren, daf3 der Evangelist, der von diesen Gestalten der Weihnachtsgeschichte berichtet, uns bezeugen will: Darurn sind diese Menschen so frohlich, weil sic merken, da13 Gott in seiner Treue emn Wort eingelost hat, auf dessen Einlosung sic alle warteten. Weil sic es aus der alten Verkiindigung Israels waten, da13 Gott seinem Volke den Heiland, den Gesalbten, den die Griechen in ihrer Sprache als „Christus" bezeichneten, einen Herrn aus dem Hause Davids verheiflen babe, darum laufen die Hirten, wie ihnen vom Himmel her verkiindet wird: „Euch ist heute der Heiland geboren, welcher ist Christus, der Herr, in der Stadt Davids". Weil er auf den „Gesalbten, den Trost Israels" wartet, darum kommt der gottesfiirchtige Simeon zum Tempel, darum redet Hanna zu „alien, die auf die Erlosung Israels warten". Darum sind sic so frohlidi und wissen, daf3 Gottes Zusage auch in alle Zukunft nicht hinfallen wird, sondern halt, was sic verspricht. 97

Es will in die klugen Kopfe von uns modernen Menschen, die wir in einem gut demokratischen Empfinden fiir die Gleichheit aller Menschen fordern, da8 alle Menschen auth dem Himmel gegeniiber die gleiche Chance haben miissen, immer wieder nicht hinein, da13 es Gott gefallen haben sollte, em n Volk zum besonderen Volk der Erwartung und der Verheiflungen zu machen, und dann gerade hier, in diesem weltgeschichtlich wahrlich nicht erheblichen Volke, in diesem politisch so unerheblichen Winkel der romischen Welt den geboren werden zu lassen, der uns als Gottes Sohn begegnet. Und doch meine ich, da13 wir Weihnachten und das, was es uns von Gott her zu sagen hat, nicht verstehen, wenn wir es nicht als dieses Ereignis der Treue Gottes, der zu seinem Worte und eben darin auch zu seiner ganzen Kreatur steht, verstehen. So wie wir es im Adventslied gesungen haben: ,,Was der alten \Tater Schar hochster Wunsch und Sehnen war, was die Seher prophezeit, ist erfiillt in Herrlichkeit". Das ist der Jubel von Weihnachten, da8 hier eine Liebe offenbar wird, die zugleich auch ganz und gar Treue ist, und die eben darin so ganz anders ist, als was unsere Welt immer wieder als Liebe preist, in ihrer Dichtung und auf ihren Biihnen verherrlicht. Da ist ein Mann, eine Frau — sie haben einmal dem Ehegefahrten das Ja der Treue gegeben. Und dann kommt, vielleicht Jahre spater, em n zweiter Mensch in ihr Leben, es iiberfallt sie emn neuer Friihling. Und dann reden wir Menschen von der „graen Liebe", von der „Erfiillung der Liebe" — wo doch Treue gebrochen, Liebe von gestern mit Faen getreten ist. Das ist der Jubel von Weihnachten, da13 hier die Liebe Gottes offenbar wird, die so grundanders ist als unsere ehebrecherische menschliche Liebe. Die Liebe Gottes, in welcher das Ja von gestern auch heute em n Ja und emn Ja in alle Ewigkeit bleibt, und bei der nicht ob der Treulosigkeit der Liebe weinende Menschen auf der Strecke liegen bleiben. Weihnachten verkiindet die Liebe, die nicht liigt, sondern Treue halt. Aber dazu ist nun allerdings gleich em n weiteres zu sagen. Wohin schauen denn jene so fralich gewordenen Menschen der Weihnachtsgeschichte? Auf em n Kind. Nur em n Kind — ja, wir miissen, bei niichternem Lichte betrachtet, eigentlich sagen: em n Armleutekind. Und miissen dariiber hinaus sagen: dieses Armleutewesen wird auch nicht besser, wie das Kind graer wird. Der Jesus von Nazareth, der dann als Lehrer durchs Land ziehen wird, bleibt eine armliche, geringe Gestalt. Und schauen wir gar auf das Ende dieses Lebens, so ist es 98

em n erbarmliches, gottverlassenes Sterben am Schandholz — als einzige Gefolgschaft emn Verbrecher links und em n Verbrecher redits von ihm hangend. Und hier sollte es wahr werden: „ist erfUllt in Herrlichkeit"? Wir pflegen dieses Argernis an Weihnachten nicht allzustark zu empfinden. Den Stall und die Krippe haben wir uns in der Regel recht traulich ausstaffiert — selbst Ochslein und Esel vermOgen die Traulichkeit des Raumes nicht eigentlich zu storen. Wenn es dann allerdings gegen Karfreitag geht — wenn es etwa gar in unserem eigenen Leben in der Nachfolge dieses Herrn auf Karfreitag hin geht, dann kann die Frage sich wohl ernsthafter stellen: 1st das nun die Erfiillung in Herrlichkeit? Haben wir es nicht vor 14 Tagen von eben dieser Kanzel her gehort, wie selbst der Taufer, dieser wahrhaftig im Wort des Alten Testamentes lebende Mensch, den Jesus selber als den Graten des Alten Bundes bezeichnet hat, zogernd bei Jesus anfragt — und das nicht erst am Karfreitag Bist du, der da kommen soil, oder sollen wir eines anderen warten? Und das Neue Testament zeigt uns, wie schliefflich die groik Menge des Volkes, das Gott in der Geschichte als Volk der Erwartung sich zubereitet hatte, kopfschatelnd und am Ende die Fauste ballend vor diesem Geschehen der Niedrigkeit in Jesus Christus steht und in ihm den von den Propheten Verheifknen nicht zu sehen vermag. Die Worte des Romerbriefes konnen es zeigen, wie Paulus erschrocken vor diesem Geheimnis der Blindheit steht und darin die Majestat der freien Gnade Gottes ahnt — und darin in einer ungleich groikren Tiefe, als es unserem modernen demokratischen Menschenverstand mOglich ist, ahnt, da13 in der Tat vor Gott kein Mensch vor dem anderen eine besondere Chance hat, sondern da13 es allemal nur Gottes freies Erbarmen sein kann, wenn einem Menschen die Augen fUr die Wahrheit der Liebe Gottes aufgehen. Auf das Geschehen dieses Wunders aber mochte heute die Weihnachtsgeschichte unsere Blicke richten. Sie deutet auf Menschen, die es sich Uber der ganzen Niedrigkeit des Armleutekindes von Gott her sagen 1ie13en, da13 hier Gottes groik Verhei13ung erfUllt und in der Niedrigkeit Gottes Herrlichkeit erschienen sei. Im Weihnaditswort des Johannesevangeliums horen wir das Bekenntnis aus dem Munde des Jungers: „Das Wort ward Fleisch, und wir sahen seine Herrlichkeit, die Herrlichkeit des eingeborenen Sohnes vom Vater, voller Gnade und Wahrheit". 99

Dann wird es auch bei uns recht Weihnachten geworden sein, wenn wir mit der FrOhlichkeit jener Gestalten aus der Weihnachtsgeschichte Gott zu loben und zu preisen vermogen — sei es dann als junge Menschen oder als Menschen, die eher jener alten Witwe im Tempel mit ihren schweren Lebensschicksalen gleichen — wenn audi unsere Augen hell und unsere Ohren dafiir offen geworden sind, da13 wir iiber der Niedrigkeit des Kindes die graen Worte der prophetischen Verheiflung als Gottes Wahrheit zu glauben vermogen. Die Worte aus dem Ezechielbuch, die wir heute als Weihnachtstext gehort haben, stehen nicht unter den iiblichen graen Advents- und Weihnachtsworten, die jeder, der in der Bibel auch nur emn wenig Bescheid wei8, in den Ohren hat. Aber auch sie gehoren zu den Worten, die prophetisch etwas von dem aussagen mochten, was da geschieht, wo Gott unter uns Menschen sein Wort eingelost und sein Heil gesandt hat. Das, was der Prophet in diesen Worten berichtet, ist emn Geschehen, das in eine grofk Nacht und Anfechtung hinein ziindet. In den Psalmen konnen wir es gelegentlich erwahnt finden, daf3 die Feinde des Frommen ihm hamisch in der Stunde des Leidens die Frage stellen: „Wo ist nun dein Gott?" Das ist die Anfechtung des Propheten Ezechiel und all der Menschen des Volkes Israel, mit denen er als Verbannter fern der Heimat in Babylonien sitzt, da13 ihre ganze Zeit und all das, was sie erleben, sie mit gellender Stimme hohnisch anschreit: „Wo ist nun dein Gott?" Das gilt fiir Ezechiel ohne Zweifel zunachst in einem ganz gegenstandlichen Sinn. Er ist Sohn eines Priesters in Jerusalem. In aller Selbstverstandlichkeit wird er in semen Jugendjahren in den Glauben hineingewachsen sein: Da ist Gott, bier im Tempel in Jerusalem. Da, wo im innersten Gemach, dort, wo kein gewohnlicher Mensch hineingehen darf und wo kein Fenster der ehrwiirdigen, feierlichen Dunkelheit Licht spendet, die ehrwiirdige, an die Zeit Moses erinnernde Bundeslade steht, da ist Gott. Wir miissen da nur wiederum in die Psalmen hineinhoren, um etwas von der getrosten Geborgenheit zu verspiiren, in welcher der Fromme sich im Tempel weig: „Auch der Sperling hat emn Haus gefunden und die Schwalbe emn Nest fur sich, darein sie ihre Jungen gelegt hat, deine Altare, o Herr der Heerscharen. Wohl denen, die in deinem Hause leben, die dich immerdar preisen ... denn emn Tag in deinen Vorhofen ist besser als tausend draufkn" (Ps. 84). 100

Dann aber ist die Kriegsfurie hereingebrochen. Ezechiel selber ist, wohl mit seiner ganzen Familie, aus dieser Nahe herausgerissen und weit durch Wiisten und Lander hin nach Osten getrieben worden, ins heidnische babylonische Land, wo die prunkenden Tempel der Gotzen, die frechen, von Menschen bis in die HimmelshOhen hinauf gebauten Tempeltiirme nicht nur in der Hauptstadt Babylon ihnen hohnisch entgegengrinsten. Und mochten sich manche durch Jahre hin noch an der Aussicht aufrecht halten, sie konnten einmal wieder zurii& als Spatheimkehrer einmal doch wieder daheim in der Nahe des heiligen Ortes Jerusalem leben und dort wieder Gottes Nahe verspiiren, so wurde auch diese Aussicht nach gut zehnjahriger Verbannungszeit roh zerschlagen. Da kam die Kunde, da8 die Furie des Krieges zum zweitenmal iiber das Land gerast sei, noch harter als beim ersten Mal, da8 der Tempel in Flammen aufgegangen, die Heimat endgilltig zerschlagen, der Konig Zedekia als Kriippel mit geblendeten Augen verschleppt, eingekerkert und dem sicheren Tode iiberantwortet sei. „Wo ist nun dein Gott?" Aber mit alledem haben wir die voile Tiefe der Nacht, in die sich der Prophet mit seinem Volke geworfen sah, noch nicht einmal bis zu ihrem untersten Grunde ermessen. Es hatte noch etwas Befreiendes bleiben kOnnen, wenn der Prophet mit den Seinen nun in der Bedrangnis die Fauste gegen die babylonischen Feinde ballen und zum Himmel urn Vergeltung hatte schreien konnen: Zeige dich, Gott, und zerschlage unsere Bedranger, die dich 'astern, zeige, daS du da bist! Aber gerade dieses konnte er nicht tun. Wer die Worte des Propheten liest, wird bald merken, dafl da ganz in der Tiefe noch emn anderer Schmerz brennt — em n schamerfiilltes, brennendes Wissen: Das geht ja gar nicht, da13 Gott wieder bei uns sein konnte. Wir haben ihn so ilbel gelastert, in seinem Heiligtum in Jerusalem getan, was wir nicht batten tun diirfen, seine Gebote iibertreten, dem Unrecht im Lande nicht gewehrt. Da mutke Gott von uns scheiden — wie sollen sich Feuer und Wasser vertragen, emn bOses, halsstarriges Menschenwesen und der heilige Gott! Ich konnte mir denken, da13 dieser fremde, wenig bekannte Prophet Ezechiel, der unter der Anfechtung der hOhnischen Feindfrage steht: „Wo ist nun dein Gott?", uns unversehens nicht mehr nur eine ferne und fremde Gestalt geworden ware. Dabei denke ich nicht nur an die Menschen, die vielleicht auch unter uns sind, bei denen die Bilder von Krieg, Verschleppung, Verlust der Heimat unversehens 101

aus der Tiefe der eigenen Erinnerung aufgetaucht sind. Ich denke darilber hinaus an jene Menschen, denen die Frage „Wo ist denn nun dein Gott?" ganz ebenso, vielleicht ganz ohne em n besonders hartes aufkres Erleben, aufgebrothen ist. Die auch an eine ruhige Kinderzeit zuriickdenken, in der eigentlich alles noch so einfadi und selbstverstandlich gewesen war: Der Himmel, und iiber den Wolken oben Gott, der alles sieht und mich behiitet. Dann aber kam der Sturm ilber das Leben. Vielleicht em n grofkr, in manchen Dingen erhebender Sturm, der mich zur vollen Wachheit des Lebens erwachen lief. Aber als er sich verzogen hatte, war die Welt leer geworden. Hinter den Wolken war kein Gott mehr, nirgends mehr em n vaterliches Gesicht, sondern alles war endlos weit geworden. Gewi13 gro13, imponierend — aber leer, leer bis hinaus zu den fernsten Sternen, in die unendlichen Distanzen. Alles eine unerhorte, in gesetzlichen Rhytlunen schwingende, sausende Welt — aber, wo ist nun dein Gott? Es ist dies em n Empfinden, das gerade uns modernen, wissenden Menschen nur zu bekannt ist: das gahnende Nichts des Weltalls, an dessen Rand der Tod als die einzig gewisse Ordnung alles Lebens wartet. Wir aber frosteln, es ist so unendlich einsam geworden, mitten im brausenden, tosenden Getriebe der Welt. Ja, ich konnte mir denken, da13 unter uns Menschen waren, die sich noch in einer verborgeneren Tiefe unversehens in einer iiberraschenden Solidaritat zu dem fremden Propheten Ezechiel fanden. Gott — wenn es ihn trotz unserer klugen naturwissenschaftlichen Erkenntnisse doch geben sollte — ware es iiberhaupt auszuhalten, wenn er, der Heilige, da ware? Hatte ich denn noch das geringste Recht auf em n Leben in seiner Nahe? Habe ich nicht mit Recht diese Nahe verloren? Gewifl, es gibt jene satte, vergniigte Selbstzufriedenheit des Menschen, die es mit Gott und der Welt in Ordnung findet und denkt: Gott und ich — wir gaben eigentlich em n ganz gutes Paar ab und passen als Kameraden prachtig zusammen. Aber es kann in einem Leben audi einmal das tiefe Erschrecken geschehen, das den AngstschweiL ausprek weil es den Abgrund zeigt, an dem wir stehen, wenn es wirklich einmal ernstlich urn die Nahe Gottes gehen sollte. Wie viel ist in meinem Leben gleichgultig verbummelt? Wie viel Not meiner Mitmenschen habe ich verschlafen? Wie faul und trage ist immer wieder mein Beten, wie feige meine Angst vor den 102

Menschen. Wie sind wir doch immer wieder weit, weit weg von Gott und haben es wohl verdient, da13 Gott uns dann auch mit unserer Welt allein lä& und wir die hohnische Frage horen: „Wo ist nun dein Gott?" Aber nun hat der Prophet Ezechiel in unserem Textwort von einem eigenartigen Erlebnis berichtet. Wer ganz vom Anfang des Zusammenhanges in Kapitel 40 her liest, hort dort, da13 er im 25. Jahr nach der Verschleppung in einem Gesicht in seine Heimat, in das Land Israels, entriickt wird. Auf einem hohen Berg sieht er einen stadtahnlich umwehrten Bau, den neuen Tempel. Schweigend wird er von einem Mann, der alle Maik des neuen Baues mit einer Mdrute abmilk und nur selten emn Wort der Hindeutung spricht, durch die Tore und Hofe bis ins Tempelhaus hineingefiihrt, damit er alles sehe. Dann aber geschieht, was unser Text schilderte. Von Osten her zieht die Herrlichkeit Gottes — seine unbeschreibliche Lichtherrlichkeit — in das neue Heiligtum em . Das Land aber leuchtet von seiner Herrlichkeit. Und der Prophet bort Gottes Stimme: „Menschensohn, hast du gesehen die Statte meines Thrones und die Statte meiner Fasohlen, wo ich fiir immer inmitten Israels wohnen will?" Da ist es ihm nun gesagt, in der Sprache, die der Priester Ezechiel verstehen wird: Ich, dein Gott, komme. Es ist nicht mehr von der alien Bundeslade, diesem ehrwiirdigen gottesdienstlichen Zeichen, geredet, an das sich Israel zuzeiten geklammert hat, weil es meinte, darin semen Gott festhalten und in seine Nahe zwingen zu konnen. In einer souveranen, gnadenvollen Freiheit sagt es Gott dem Propheten mit Worten, die einen wohl aufregen konnen: „Da ist die Statte meines Thrones und die Statte meiner Fu8sohlen". Und was heifk das anderes als: Ich bin bei euch, setze meine Fiiik neben eudi zur Erde, setze mich in eurer Mitte hin — nicht fiir einen kurzen Besuch, sondern fiir immer bin ich bei euch. Diese Verheithing hat der Prophet vernommen und geheimnisvoll mit Augen geschaut. Und er hat sie aufgeschrieben, damit sein zertretenes, um seiner Bosheit willen zu Recht von Gott verlassenes Volk sie hore und emn hoffendes Volk werde. Und wir konnen es noch sehen, wie sich dann etwas spater, als die Zeiten sich wandelten, Menschen aus diesem Volke in Jerusalem darangemacht haben, die Ruinen des Tempels wieder aufzubauen. Wird dann nicht Gott dort einziehen, urn auf ewig bei seinem Volke zu wohnen? 103

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Die Weihnachtsgeschichte aber zeigt uns, daf3 dann, als die Zeit erfiillt war, nicht iiber einem Tempelhause, mochte es in jenen Tagen von Konig Herodes noch so herrlich neu geschmiickt worden sein, sondern iiber dem von einer menschlichen Mutter geborenen Jesus Christus der Jubel der wartenden Menschen sich erhoben hat, weil ihnen gezeigt worden ist: Hier ist Gott wahrhaftig zu uns Menschen gekommen, hat uns besucht, semen Sitz zwischen unseren Sitzen aufgeschlagen, seine Fink neben unsere Menschenfillk auf den gleichen Erdboden gestellt. Die Freude, die damals in der ersten Christenheit begonnen hat und seither nicht mehr verstummte, ist darum so stiirmisch und unbekiimmert, weil sie wei13, da13 der Besuch Gottes in Jesus Christus nicht nur als kurzer Gastbesuch geschehen ist, sondern da13 darin jenes: „Ich werde fiir immer in curer Mitte wohnen" Wahrheit geworden ist. Eines jeden Menschen Leben endet nach seinem sichtbaren Wesen mit dem Grabstein. Und mag man die Grabsteine noch so kolossal tiirmen, wie es die Konige Cheops und Chephren in ihren Pyramiden getan haben — menschliche Moglichkeiten enden beim Grabstein. Das irdische Leben Christi aber endet in der Zusage: „Siehe, ich bin bei euch alle Tage bis an der Welt Ende." Und so hat es denn die christliche Gemeinde durch alle Zeiten gewuik, dat3 Gott in Christus bei ihr ist durch alle Zeiten — in Krieg und Frieden, in Leid und Freude, im Leben und im Sterben. So diirfen wir es auch heute horen als die gute, frohe Kunde an uns Menschen — da, wo es uns frostelt in unserer weit gewordenen Welt. Nicht im Weltall draufien sollen wir Gott suchen, mit einem noch machtigeren Teleskop, als wir es bisher erfunden, oder im Atom mit einem noch scharferen Mikroskop. Hier in Jesus Christus, seiner Geburt, seinem Wort, seinem Sterben fiir uns Menschen ist Gott nahegekommen, urn in ewiger Treue bei uns zu sein. Und noch viel mehr darf horen, wer in seinem Gewissen verzagt und angefochten ist: Was dem Propheten Ezechiel verheiflen worden ist, da13 Gott wieder zu seinem siindigen, aller frommen Verdienste baren Volke kommen werde, ist hier in dem an Weihnachten Geborenen em n fiir allemal wahr geworden, ist erfiillt in Herrlichkeit. Denn einer Frage miissen wir noch ins Gesicht sehen — jener Frage, die wir schon zu Eingang hatten stellen miissen. 1st das wirklich die Erfiillung dessen, was dem Propheten verheiflen worden war? Dieses armliche Kind, dieser jammervolle Gekreuzigte? 104

Ezechiel hat den neuen Tempel geschaut, in den Gott in all seiner Lichtherrlichkeit einzog. Es war fiir ihn als Priester auch gar nicht anders denkbar, als dafi dieser Tempel mit einer machtigen Mauer und starken Toren von allem profanen Alltagsleben abgeschieden war. Wer die Fortsetzung unseres Textwortes liest, wird spiiren, wie angelegentlich von dem Priester die redite Einhaltung dieser Ordnung des durch Hiiter an den Tiirschwellen behiiteten Heiligtums eingescharft wird. An Weihnachten preisen die Hirten und Simeon und Hanna Gott iiber dem armen Kind. Und die ganze Christenheit lobt Gott iiber dem Sohn, der sich urn der Siinde der Welt willen hat ans Kreuz schlagen lassen. Wer das verstanden hat, da13 Gott im Sohn, der in die Niedrigkeit der Welt hereingetreten ist, seine Verhei13ung in einer iiberraschend gnadenvollen Herrlichkeit eingelost hat, der hat wohl das tiefste Geheimnis der Bibel verstanden. Nicht hinter Tempeltoren, von Schwellenhiitern bewacht, ist er in der Mitte seines Volkes geblieben, sondern ganz ungeschiitzt, ohne alle Wehr ist er hinausgetreten in die Welt, hat als wehrloses Kind in der Krippe gelegen, hat uns Menschen gedient und es nicht fiir unwiirdig erachtet, semen Jiingern die Fae zu waschen, ja, hat schlie8lich semen Leib den Henkern preisgegeben, urn durdi sein dienendes Sterben unser Heil zu wirken. Das ist die in der Niedrigkeit verborgene, aber gerade darin unerwartet herrliche Herrlichkeit Gottes. So steht er heute an Weihnachten vor uns, ruft uns, da13 wir uns durch seine Liebe erlOsen lassen aus der Heimatlosigkeit unseres Lebens und den Weg zum Vater wieder finden — aber dai3 wir uns durdi seine Liebe auch treffen und wecken lassen aus aller lieblosen Tragheit, aber auch aus aller bosen, ehebrecherischen Liebe, zu jener Liebe Gottes, die ganz treu ist.

ARNOLD ALBERT VAN RULER

Die christliche Kirche und das Alte Testament (Beitrtige zur evangelisdren Theologie, Band 23) 92 Seiten. Kartoniert DM 5.40

Der Verfasser, Professor fur Dogmatik und niederlandische Kirchengeschichte in Utrecht, greift hier in die seit einigen Jahren in Deutschland besonders heftig gefiihrte Auseinandersetzung urn die hermeneutischen Voraussetzungen zur Interpretation des Alten Testamentes em , wie sie vor allem in der Kontroverse zwischen v. Rad und Baumgartel hervorgetreten ist. Durch die saubere Argumentation und vor allem durch das ehrliche Fragen wird diese Schrift im gegenwartigen theologischen Gesprach weiterhelfen konnen und verdient daher weite Verbreitung.

CHR.

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Das Neueste, Stuttgart

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Gottesdienst in Israel Studien zur Geschichte des Laubhiittenfestes (Beitrtige zur evangelischen Theologie, Band 19) 132 Seiten. Kartoniert DM 8.25

Die Studie von Kraus fiihrt die Ansatze der Forsdiung von Wellhausen und Mowinckel iiber die Geschichte des alttestamentlichen Gottesdienstes weiter, faBt die Ergebnisse der neueren Kultforschung zusammen und sucht sie zu einer einheitlichen Gesamtschau zusammenzufilgen. Von besonderem Interesse diirften die Ausfiihrungen iiber Kultus und Prophetie sein, in denen sich das theologisdie Unterscheidungsvermogen des Verfassers besonders bewahrt. Aus der Schule von Rads stammend, vereinigt Kraus historische Differenzierung und theologische Zusammenschau in gliidclicher Weise.

CHR.

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Literaturanzeiger, Freiburg i. Br.

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DIETRICH BONHOEFFER

Schopfung und Fall Theologische Auslegung von Genesis 1-3 3. Auflage. 120 Seiten. Kartoniert DM 4.80

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sieht in den ersten drei Kapiteti.

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fungsgeschichte unmittelbare gottliche Offenbarung, die er aus dem Ganzen der Bibel heraus interpretiert, mit einem heiligen, glaubigen Ernst, und fiir den Menschen dieser Zeit fruchtbar zu machen versucht. Er zeigt, wie schon in diesen ersten Seiten die ganze Menschheitsgeschichte enthalten ist. Alle, deren religioses Organ nicht verkiimmert ist, werden von dem Budi ebenso gepackt sein, wie es einst die Zuharer Bonhoeffers waren. Sie haben die Buchausgabe gefordert und uns damit etwas erworben, das weit iiber das FachlichTheologische hinausfiihrt.

CHR.

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