Ciceros Rede ›cum senatui gratias egit‹: Ein Kommentar
 311064309X, 9783110643091

Table of contents :
Frontmatter......Page 1
Vorwort......Page 5
Inhalt......Page 7
1. Forschungsstand......Page 9
2. Historische Einführung......Page 12
3. Vergleich der Reden cum senatui gratias egit und cum populo gratias egit......Page 49
4. Ziele und Strategie Ciceros......Page 64
5. Die Invektive in cum senatui gratias egit......Page 70
6. Aufbau und Inhalt der Rede......Page 74
7. Die Überlieferung......Page 78
8. Abweichungen von den Ausgaben Petersons (Oxford, 1911) und Maslowskis (Teubner, 1981)......Page 95
Abkürzungsübersicht der im Kommentarteil verwendeten Literatur......Page 97
M. TULLI CICERONIS INCIPIT CUM SENATUI GRATIAS EGIT......Page 98
Anhang: Ciceros Exilierung; Zeitleiste der Jahre 58/57 v. Chr.......Page 251
Literatur......Page 253
Namens- und Sachregister......Page 261

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Tobias Boll Ciceros Rede cum senatui gratias egit

Göttinger Forum für Altertumswissenschaft

Beihefte Neue Folge Herausgegeben von Bruno Bleckmann, Thorsten Burkard, Gerrit Kloss, Jan Radicke und Markus Schauer

Band 10

Tobias Boll

Ciceros Rede cum senatui gratias egit Ein Kommentar

ISBN 978-3-11-062921-7 e-ISBN (PDF) 978-3-11-064309-1 e-ISBN (EPUB) 978-3-11-064321-3 ISSN 1866-7651 Library of Congress Control Number: 2019946317 Bibliografische Information der Deutschen Nationalbibliothek Die Deutsche Nationalbibliothek verzeichnet diese Publikation in der Deutschen Nationalbibliografie; detaillierte bibliografische Daten sind im Internet über http://dnb.dnb.de abrufbar. © 2019 Walter de Gruyter GmbH, Berlin/Boston Satz: Meta Systems Publishing & Printservices GmbH, Wustermark Druck und Bindung: CPI books GmbH, Leck www.degruyter.com

Vorwort Iuliae carissimae – ohne Dich hätte ich diese Arbeit nie zu Ende bringen können. An erster Stelle möchte ich meinem Doktorvater, Prof. Dr. Jan Radicke, für seinen unermüdlichen Einsatz danken. Er blieb stets bei mir und der Dissertation, las immer neue Fassungen Korrektur und stand mir jederzeit mit Rat und Tat zur Seite. Herrn Prof. Dr. Thorsten Burkard danke ich dafür, dass er die Zweitkorrektur übernommen hat und mich auf verschiedenste Weise mit zahlreichen Hinweisen und Ratschlägen unterstützt hat, durch die ich auf den rechten Weg zurückfinden konnte. Ein herzlicher Dank geht auch an den Verlag de Gruyter und die Herausgeber der Reihe GFAB (Bruno Bleckmann, Thorsten Burkard, Gerrit Kloss, Jan Radicke und Markus Schauer), die es ermöglichten, dass meine Arbeit in dieser Form erscheinen konnte. Besonders großen Dank möchte ich zudem meinen Eltern aussprechen, ohne deren dauerhafte und unbezahlbare Unterstützung dieses Buch nicht hätte geschrieben werden, geschweige denn erscheinen können.

https://doi.org/10.1515/9783110643091-202

Inhalt Vorwort

V

A Einleitung 1

Forschungsstand

2 2.1 2.2 2.3 2.3.1 2.3.2 2.3.3 2.3.4

Historische Einführung 6 7 Cicero, Clodius und der bona dea-Skandal 12 Clodius, Caesar und das Triumvirat 16 Dramatis Personae 16 Pompeius 21 Caesar 26 Lucius Calpurnius Piso Caesoninus und Aulus Gabinius Publius Cornelius Lentulus Spinther und Quintus Caecilius 31 Metellus Nepos 34 Titus Annius Milo und Publius Sestius 37 Quintus Tullius Cicero 38 Publius Clodius Pulcher

2.3.5 2.3.6 2.3.7 3 3.1 3.2 3.3 3.4 3.5

3

Vergleich der Reden cum senatui gratias egit und cum populo gratias 43 egit 45 Redesituation 47 Tagespolitik 48 Emotionale Ebene 51 Historische Dimension Die auffälligsten Parallelen der Reden cum senatui gratias egit 53 und cum populo gratias egit 58

4

Ziele und Strategie Ciceros

5

Die Invektive in cum senatui gratias egit

6 6.1 6.2

68 Aufbau und Inhalt der Rede 68 Übersicht über den Aufbau 69 Inhaltliche Übersicht

64

VIII

Inhalt

7

Die Überlieferung

72

8

Abweichungen von den Ausgaben Petersons (Oxford, 1911) und 89 Maslowskis (Teubner, 1981)

B Kommentarteil Abkürzungsübersicht der im Kommentarteil verwendeten Literatur

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94 M. TULLI CICERONIS INCIPIT CUM SENATUI GRATIAS EGIT 94 §§ 1–2: Proömium/Lob des Senats §§ 3–5: Weiteres Lob des Senats und einiger 102 Unterstützer 115 §§ 6–7: Charakterisierung der Feinde Ciceros §§ 8–9: Lob des Lentulus und Metellus 120 (Konsuln des Jahres 57 v. Chr.) §§ 10–18: Invektive gegen Piso und Gabinius 128 (Konsuln des Jahres 58 v. Chr.) §§ 19–23: Lob der Volkstribune und Prätoren des Jahres 57 v. Chr. 173 (v. a. des Milo und des Sestius) §§ 24–31: Lob weiterer Unterstützer (v. a. des Pompeius) / Ablauf der Rückberufung (insb. im Juli und August 188 des Jahres 57 v. Chr.) §§ 32–36: Rechtfertigung der Flucht aus Rom Anfang des Jahres 58 v. Chr. / Selbststilisierung zum Märtyrer 217 (§ 35: Lob des Plancius) 235 §§ 37–38: Historische Exempla 243 § 39: Peroratio Anhang: Ciceros Exilierung; Zeitleiste der Jahre 58/57 v. Chr. Literatur

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Namens- und Sachregister

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247

1 Forschungsstand Bei der Rede cum senatui gratias egit zeigt sich eine ungerechtfertigte, große Lücke in der modernen Ciceroforschung. Sie wird – besonders im Vergleich zu den meisten anderen Werken in Ciceros Corpus – wohl schon wegen ihrer Kürze und der inhaltlichen Überschneidungen zu späteren, berühmteren Reden bislang immer noch stiefmütterlich behandelt.1 Ein moderner Kommentar liegt zu ihr, wie auch zu der Parallelrede an das Volk, noch nicht vor. Zumeist wird die Rede mit anderen, thematisch zusammengehörigen Reden aus der Zeit nach dem Exil (üblicherweise mindestens cum populo gratias egit; de domo sua; de haruspicum responso) 2 gemeinsam in Aufsätzen oder Monographien bearbeitet. Bei genauerer Betrachtung zeigen sich allerdings bislang ungeklärte grundsätzliche Fragen, die sich spezifisch auf diese Rede beziehen, unter anderem in Bezug auf die Überlieferung (die Einordnung der Handschrift H sowie die Möglichkeit einer unabhängigen Tradition der E 2 -Gruppe) und hinsichtlich des Unterschieds zwischen Senats- und Volksreden (inwieweit Cicero seine Reden an die unterschiedlichen Zuhörerschaften anpasste). Ebenso wurde der langen Invektive gegen Piso und Gabinius in cum senatui gratias egit (§§ 10–18) noch nicht die gebührende Aufmerksamkeit zuteil. Im Vergleich zur Invektive gegen Piso in der Rede in Pisonem musste sie bislang zurückstehen. Zudem bleiben einige historische Schwierigkeiten noch zu klären, wie zum Beispiel die Frage, inwieweit Clodius im Einvernehmen mit den Triumvirn agierte. Hinzu kommen kleinere Probleme, darunter beispielsweise, wie sich die Aufhebung der lex Aelia et Fufia gestaltete, ob sämtliche clodianischen Gesetze mit Ciceros Rückberufung aufgehoben wurden, wie es sich mit der Präsenz Caesars und seines Heers vor den Toren Roms Anfang des Jahres 58 v. Chr. verhielt und was die Schwankungen im Getreidepreis im August/September 57 v. Chr. auslöste. Auf diese Fragen wird in der vorliegenden Arbeit eingegangen werden, allerdings lassen sie sich nicht immer eindeutig beantworten. Als wichtigste inhaltliche Arbeiten zu den post reditum-Reden sind zu nennen: Nicholsons Monographie (1992),3 der insbesondere die Echtheitsfrage, die Ziele Ciceros und sein Verhältnis zu den in den Reden genannten Personen un-

1 Im 18. und 19. Jahrhundert, zur Hochzeit der Echtheitsdebatte, stand sie stärker im Fokus; es wurden Kommentare verfasst, die sich jedoch (fast) ausschließlich mit der Echtheitsfrage auseinandersetzten; vgl. Nicholson (1992), 1–18. 2 In Hinblick auf die Überlieferung kommen auch andere Reden hinzu, die nicht alle direkt mit Ciceros Exil zusammenhängen; darunter pro Balbo und pro Caelio; zu den Reden, die die Überlieferung mit cum senatui gratias egit teilen, s. u. in Kap. 8. 3 Nicholson, J.: Cicero’s Return From Exile. The Orations post reditum, New York 1992. https://doi.org/10.1515/9783110643091-001

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A Einleitung

tersucht; außerdem Gelzers Biographien zu Caesar (61960),4 Cicero (1969) 5 und Pompeius (1949),6 die noch immer als Standardwerke gelten müssen; ferner – wenn auch teils veraltet – das Werk Meyers ( 31922).7 Ciceros Verhältnis zu Pompeius wird zudem bei Johannemann (1935),8 dasjenige zu Caesar bei Klass (1939),9 das zu Piso (und Gabinius) bei Englisch (1979) 10 ausführlich behandelt, während sich Nowak (1979) 11 mit den Truppen des Clodius, des Milo und des Sestius auseinandersetzt. Zu Clodius ist das Werk von Tatum (1999) 12 heranzuziehen, zu den Verwandtschaftsmetaphern in cum senatui / populo gratias egit die Monographie Raccenellis (2012).13 Im Hinblick auf Rechtssachverhalte sind die Arbeiten de Liberos (1992),14 Taylors (1966) 15 sowie das Standardwerk Kunkels (1995) 16 von entscheidender Hilfe. Die Ziele (nicht nur) der post reditum-Reden und Ciceros Strategien der Leserlenkung werden vor allem bei Nichsolson (1992), Kurczyk (2006) 17 und May (1988) 18 herausgearbeitet, so z. B. das unterschwellige Eigenlob und Ciceros Gleichsetzung seiner Person mit der Republik. Sie gehen allerdings nicht gesondert auf cum senatui gratias egit ein. Eine hilfreiche Auseinandersetzung mit Ciceros Verwendung von Metaphern für sein Exil findet sich bei Robinson

4 Gelzer, M.: Caesar, der Politiker und Staatsmann, Wiesbaden 61960. 5 Gelzer, M.: Cicero. Ein biographischer Versuch, Wiesbaden 1969. 6 Gelzer, M.: Pompeius. Lebensbild eines Römers, München 1949. 7 Meyer, E.: Caesars Monarchie und das Principat des Pompeius. Innere Geschichte Roms von 66 bis 44 v. Chr., Stuttgart 31922. 8 Johannemann, R.: Cicero und Pompeius in ihren wechselseitigen Beziehungen bis zum Jahre 51 vor Christi Geburt, Emsdetten 1935. 9 Klass, J.: Cicero und Caesar. Ein Beitrag zur Aufhellung ihrer gegenseitigen Beziehungen, Berlin 1939. 10 Englisch, B.: L. Calpurnius Piso Caesoninus, ein Zeitgenosse Ciceros, München 1979. 11 Nowak, K.: Der Einsatz privater Garden in der späten römischen Republik, München 1973. 12 Tatum, W. J.: The Patrician Tribune. Publius Clodius Pulcher, Chapel Hill 1999. 13 Raccanelli, R.: Cicerone. Post reditum in senatu e ad Quirites. Come disegnare una mappa di relazioni, Bologna 2012. 14 de Libero, Loretana: Obstruktion. Politische Praktiken im Senat und in der Volksversammlung der ausgehenden römischen Republik (70–49 v. Chr.), Stuttgart 1992. 15 Taylor, L. R.: Roman Voting Assemblies. From the Hannibalic War to the Dictatorship of Caesar, Binghamton 1966. 16 Kunkel, W. et al.: Staatsordnung und Staatspraxis der römischen Republik. Zweiter Abschnitt. Die Magistratur, München 1995. 17 Kurczyk, S.: Cicero und die Inszenierung der eigenen Vergangenheit. Autobiographisches Schreiben in der späten Römischen Republik, Köln 2006. 18 May, J. M.: Trials of Character. The Eloquence of Ciceronian Ethos, London et al. 1988.

1 Forschungsstand

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(1994).19 Die invektiventypischen Topoi wurden besonders von Opelt (1965),20 Craig (2004) 21 und Corbeill (1996 und 2002) 22 erforscht. Zur Untersuchung des Vergleichs zwischen Volks- und Senatsreden bei Cicero – unter besonderer Berücksichtigung der beiden post reditum-Reden – bildet das Werk von Mack (1937) 23 eine gute Grundlage. Seine Schlussfolgerungen wurden von Thompson (1978) 24 aufgegriffen und widerlegt bzw. ergänzt. Im Hinblick auf die Überlieferung sind insbesondere zwei Forscher hervorzuheben: Zum einen Klotz, der in mehreren Aufsätzen (1912; 1913; 1915) 25 und seiner Edition (1919) 26 nicht nur nachwies, dass GE unabhängig von P sind, sondern der auch die Bedeutung der E 2 -Familie als erster angemessen würdigte. Zum anderen ist Maslowski zu nennen, der durch eine Edition (Teubner, 1981) 27 und einen Aufsatz (1984, gemeinsam mit Rouse) 28 auf dem von Klotz gelegten Fundament aufbaute, es unter anderem um neue Erkenntnisse zur Handschrift H und zur E 2 -Familie erweiterte und die Handschrift X zum ersten Mal berücksichtigte. Neben der Teubner-Ausgabe Maslowskis ist vor allem die Oxford-Ausgabe Petersons (1911) 29 zu erwähnen. Dieser ging aber davon aus, dass GEH aus P stammen, und beachtete den Kodex E in seinem knappen kritischen Apparat überhaupt nicht. Seine Ausgabe suggeriert eine falsche Sicherheit in der Überlieferung, deren tatsächliche Schwächen in diesem Kommentar aufgezeigt werden sollen.

19 Robinson, R.: Cicero’s References to his Banishment, in: CW 87/6, 1994, 475–480. 20 Opelt, I.: Die lateinischen Schimpfwörter und verwandte sprachliche Erscheinungen. Eine Typologie, Heidelberg 1965. 21 Craig, C.: Audience Expectations, Invective and Proof, in: Powell, J. et al. (Hg.): Cicero the Advocate, Oxford 2004. 22 Corbeill, A.: Controlling Laughter. Political Humor in the Late Roman Republic, Princeton 1996; Corbeill, A.: Ciceronian Invective, in: May, J. M. (Hg.): Brill’s Companion to Cicero. Oratory and Rhetoric, Leiden et al. 2002. 23 Mack, D.: Senatsreden und Volksreden bei Cicero, Würzburg 1937. 24 Thompson, C. E.: To the Senate and the People: Adaptation to the Senatorial and Popular Audiences in the Parallel Speeches of Cicero, Ann Arbor 1978. 25 Klotz, A.: Zur Kritik einiger ciceronischer Reden (pro Caelio und de domo), in: RhM 67, 1912, 358–390; Klotz, A.: Zur Kritik einiger ciceronischer Reden II (cum senatui gratias egit, cum populo gratias egit, de domo), in: RhM 68, 1913, 477–514; Klotz, A.: Sprachliche Bemerkungen zu einigen Stellen in Ciceros Reden, in: Glotta 6, 1915, 212–223. 26 M. Tulli Ciceronis scripta quae manserunt omnia.Volumen VII, rec. A. Klotz, Leipzig 1919. 27 M. Tulli Ciceronis scripta quae manserunt omnia.Fasc. 21, rec. T. Maslowski, Leipzig 1981. 28 Maslowski, T. / Rouse, R. H.: The Manuscript Tradition of Cicero’s Post-Exile Orations. Part I: The Medieval History, in: Philologus 128, 1984, 60–104. 29 M. Tulli Ciceronis orationes V, rec. W. Peterson, Oxford 1911.

2 Historische Einführung Am 4. September 57 v. Chr. endete Ciceros Exil nach 16 Monaten.30 Bereits am Tag der Versammlung in den Zenturiatskomitien, in der über seine Rückberufung abgestimmt werden sollte, dem 4. August, war Cicero aus Dyrrhachium aufgebrochen und kam am Folgetag in Brundisium an. Sechs Tage später, am 11. August, erfuhr er von der für ihn positiven Entscheidung der comitia und machte sich sogleich auf den Weg nach Rom, auf dem er Glückwunschbekundungen von allen Seiten erhielt.31 Zurück in der Hauptstadt, ging er sogleich auf das Kapitol und dankte den Göttern.32 Am Folgetag 33 hielt er seine dem genus demonstrativum zuzuordnende34 Dankesrede cum senatui gratias egit, kurz darauf 35 die Parallelrede an das Volk.36 Im Gegensatz zur sonst üblichen Praxis las er zumindest die Rede im Senat wörtlich vom Blatt ab,37 was auf die

30 Cicero versucht, in den Reden nach der Rückkehr zu beweisen, dass es sich bei seiner Abwesenheit aus Rom nicht de iure um ein Exil, sondern um einen freiwilligen Weggang aus Rom zum Schutz der Republik handelte; dazu s. u. in Kap. 5. Für Ciceros Rückberufung wurde die clodianische Gesetzgebung wohl nicht aufgehoben, sondern vielmehr scheint dieser als Einzelperson von den Gesetzen ausgenommen worden zu sein; vgl. Ryan (1998), 30–33; s. u. im Kommentarteil zu §§ 24; 28. 31 Vgl. Sest. 131; Att. 4,1,4; Plut. Cic. 33,7. 32 Vgl. dom. 76; Sest. 131. 33 Vgl. Att. 4,1,6. 34 Nicholson (1992), 100 f. bezeichnet die post reditum-Reden zwar als beste Beispiele für diese Gattung bei Cicero (andere Reden mit Elementen des genus demonstrativum stünden unter einem übergeordneten deliberativen oder gerichtlichen Thema), Anklänge der anderen beiden Gattungen würden aber auch hier vorliegen. Zudem seien Elemente der sich in augusteischer Zeit voll entwickelnden gratiarum actio und der „arrival speech“ bzw. Triumphrede (§§ 28; 39) erkennbar. 35 Es finden sich in Ciceros Werk keine expliziten Anspielungen auf die Volksrede. Möglicherweise wurde sie zwei Tage später gehalten; vgl. Att. 4,1,6: habui contionem; vgl. Settle (1962), 176 f.; Gelzer (1969), 150 und Nicholson (1992), 127 nehmen an, dass Cicero sie noch am gleichen Tag darbrachte; vgl. Dio 39,9. Nicholson sieht zudem die Möglichkeit, dass die Rede an das Volk vor derjenigen an den Senat direkt am Tag der Rückkehr vorgetragen wurde oder dass Cicero sie nur in schriftlicher Fassung publizierte, ohne tatsächlich vor dem Volk gesprochen zu haben. 36 Noch bis in das 19. Jahrhundert hinein galten die vier Reden nach dem Exil weithin als unecht. Erst ab 1828 begann die ernsthafte Verteidigung ihrer Echtheit, zu der u. a. Zielinski (1904) einen großen Teil beitrug, indem er die Klauseln der Rede als ciceronisch erweisen konnte; zu einer ausführlichen Darstellung der Echtheitsdebatte vgl. Nicholson (1992), 1–18. 37 Vgl. Planc. 74. Dagegen Bücher/Walter (2006), die dort anstelle von oratio, quae […] dicta de scripto est ein edita de scripto oder diligenter descripta konjizieren wollen – zum einen aufgrund der ansonsten bei Cicero nicht belegten Verbindung orationem dicere, zum anderen https://doi.org/10.1515/9783110643091-002

2 Historische Einführung

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besondere Bedeutung dieses Ereignisses für ihn hinweist. Er wollte laut eigener Aussage keinen aus der langen Reihe derer, die ihn unterstützt hatten, bei der Danksagung vergessen (§ 30). Vielleicht sollte auch der Veröffentlichungsprozess dadurch beschleunigt werden, dass vorab eine schriftliche Fassung fertiggestellt wurde.38 Publiziert wurde cum senatui gratias egit wohl direkt im Anschluss – möglicherweise hatte die Veröffentlichung sogar schon begonnen, bevor Cicero die Rede überhaupt gehalten hatte. Wahrscheinlich war sie für eine große Leserschaft bestimmt und wurde weit verbreitet, worauf Ciceros späterer Verweis auf die Rede in Planc. 74 hinweist.39 Im Folgenden sollen die historischen Ereignisse um Ciceros Exil besprochen werden. Die Gliederung wird sich an den wichtigsten der in der Rede genannten Personen orientieren. Anhand ihrer Beziehungen zu Cicero und den Darstellungen in der Rede ergibt sich ein Mosaik, dessen Komplexität durch eine einzige, rein chronologische Darstellung nicht dargestellt werden könnte. Im Rahmen des historischen Abrisses sollen ferner die wichtigsten Forschungsmeinungen zu den offenen, zum Teil oben genannten Fragen vorgestellt und gegeneinander abgewogen werden.

2.1 Cicero, Clodius und der bona dea-Skandal Die erste dieser Fragen dreht sich um Ciceros Motivation, im Prozess im Zuge des bona dea-Skandals gegen Clodius gerichtlich auszusagen und sich diesen so zum erbitterten Feind zu machen. Noch im Jahr 63 v. Chr. stand Clodius politisch auf Ciceros Seite, war wohl sogar einer seiner Leibwächter im Kampf gegen die Catilinarischen Verschwörer. Doch im Jahr 61 v. Chr., als der bona dea-Skandal vor Gericht gelangte, zerstörte Cicero das Alibi des Clodius (er sei am Tag der Feierlichkeiten gar nicht in Rom gewesen), indem er aussagte, dass er an ebendiesem Tag von ihm in Rom aufgesucht worden sei.40 Trotzdem wurde Clodius freigesprochen, laut Cicero aufgrund einer Bestechung der Geschworenen durch Crassus.41 Von diesem Zeitpunkt an waren die beiden verfeindet, was in Ciceros Exilierung 58 v. Chr. gipfeln sollte.

hätte Cicero sich „nachgerade lächerlich gemacht, wenn ausgerechnet er diesen Auftritt […] mit einer Manuskriptrolle in der Hand bestritten hätte.“; vgl. Bücher/Walter (2006), 238. 38 Vgl. Nicholson (1992), 125 f. 39 Zur Veröffentlichung dieser Rede und aller anderen Ciceros vgl. Settle (1962), 170 ff. 40 Vgl. bspw. Plut. Cic. 29,1. 41 Vgl. Plut. Cic. 29,6; Dio 37,46,3; Gelzer (1969), 112.

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A Einleitung

In der Forschung sind insbesondere fünf Hypothesen über die Beweggründe Ciceros entwickelt worden: 1. Das Verhalten des Clodius sei ein letzter Nachhall der Catilinarischen Verschwörung, da Clodius mit Catilina verbunden gewesen sei. Ciceros Aussage sei daher als anti-catilinarisches Vorgehen im Namen des Staates aufzufassen. 2. Clodia, die Schwester des Clodius, hatte laut Plutarch Interesse an Cicero. Dieser sei daraufhin von seiner Frau Terentia zur Aussage gegen Clodius als bestem Gegenargument getrieben worden. 3. Cicero habe sich opportunistisch den boni anbiedern wollen, die Clodius aus dem Weg schaffen wollten.42 4. Nicht näher definierte Streitigkeiten vor Beginn des Prozesses seien der Grund für die gerichtliche Aussage gewesen. 5. Cicero habe von Anfang an ehrlich gehandelt. Er habe sich über das Verhalten des Clodius tatsächlich empört und es als Sakrileg empfunden. Zu 1 (anti-catilinarisches Vorgehen): Cicero selbst versuchte, das Vergehen des Clodius als Nachhall der Catilinarischen Verschwörung darzustellen.43 Clodius war daran aber nicht beteiligt – laut Plutarch war er sogar Ciceros Leibwächter.44 Epstein (1986) zufolge ist diese Behauptung Plutarchs allerdings übertrieben. Man müsse davon ausgehen, dass es eher eine Feindschaft zu Catilina als eine Freundschaft zu Cicero war, die Clodius dazu bewegte, nicht an der Verschwörung teilzunehmen, sondern sich auf die Seite Ciceros zu schlagen.45 Dagegen spricht sich Lintott (1967) dafür aus, dass Clodius zwar überlegt habe, sich der Verschwörung anzuschließen, sich aber letztlich für Cicero als die sichere Alternative entschieden (vgl. Asc. Mil. 55) und aus der Notwendigkeit heraus als dessen Leibwächter fungiert habe.46 Eine Verbindung des Clodius zu

42 Plut. Cic. 29,4 führt Meineid, Rücksichtslosigkeit, Bestechung und Frauengeschichten als Grund für den Hass der boni an. 43 Vgl. Att. 1,14,5; 1,16,6 f. Eine Verbindung zwischen Clodius und Catilina stellt Cicero auch in den Reden nach dem Exil her, so z. B. in har. resp. 42; p. red. in sen. 4; 33; Sest. 42; Mil. 38. 44 Vgl. Plut. Cic. 29,1. Stockton (1971), 161 bezeichnet Ciceros Vorgehen im Prozess als „betraying Clodius“. 45 Vgl. Epstein (1986), 230. Er führt hierfür die Anklagen des Clodius gegen Catilina wegen Erpressung (65), den Cicero beinahe verteidigt hätte (Att. 1,2,1), und incestus (73) an. Die Erpressungsklage bezeichnet Cicero aber selbst später als abgekartetes Spiel: Clodius habe von Catilina Geld erhalten, um beim Prozess einen Freispruch zu sichern; vgl. har. resp. 42. Zur Klage wegen incestus s. u. 46 Vgl. Lintott (1967), 158.

2 Historische Einführung

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den Catilinariern kann dennoch nicht ausgeschlossen werden, sofern man Ciceros eigenen Aussagen und denen des Asconius Vertrauen schenkt.47 Zu 2 (Plutarchs Version): Die Version von Plutarch (Cic. 29,1–4) wird von fast allen Forschern zu Recht als Phantasiegebilde und üble Nachrede abgetan.48 Epstein (1986) nimmt hingegen auf Grundlage von De Benedetti (1929) an, dass der Einfluss von Terentia zwar tatsächlich maßgeblich für Ciceros Handeln im Prozess war. Er meint aber, dass ihr Druck sich nicht in dem von Plutarch angeführten Ehebruchgerücht begründe. Stattdessen liege dieser im Jahr 73 v. Chr., als Clodius Catilina des incestus mit Fabia, der Halbschwester der Terentia, angeklagt habe. Catilina wurde freigesprochen, doch entging Fabia, eine Vestalin, nur knapp einer Verurteilung und war öffentlich gebrandmarkt. Seit diesem Zeitpunkt habe Terentia gegen Clodius agiert und in dem Prozess im Zuge des bona dea-Skandals eine günstige Gelegenheit zur Rache gesehen.49 Dagegen behauptet Tatum (1990) unter Berufung auf Moreau (1982), dass es höchst unwahrscheinlich sei, dass es sich bei dem Ankläger im incestus-Prozess tatsächlich um Clodius handelte. Plutarchs Darstellung in der Cato-Vita (die einzige Quelle, die Clodius als Ankläger angibt) 50 scheine sich keineswegs auf den Prozess gegen Fabia zu beziehen. Die Sprache sei nicht angemessen für einen incestus-Prozess, Cicero selbst habe den Prozess gegen Catilina im Jahr 65 v. Chr. in de haruspicum responso als den ersten Auftritt des Clodius bezeichnet und Cato sei 73 v. Chr. mit 22 Jahren noch zu jung für ein so dreistes Verhalten gegenüber Cicero gewesen, wie Plutarch es darstellt. Daher müsse er sich auf die Zeit nach dem bona dea-Prozess beziehen.51 Epsteins Ansicht ist spekulativ, aber auch Tatums Argumente sind nicht stichhaltig, vor allem, weil har. resp. 42 keineswegs so aussagekräftig ist, wie behauptet: Der Prozess des Jahres 65 v. Chr. wird dort in einer kurzen Darstellung des verbrecherischen Vorlebens des Clodius zwar genannt, explizit als dessen ersten Auftritt stellt ihn Cicero aber nicht dar.

47 Cicero könnte auf der Verbindung des Clodius zu den Catilinariern insbesondere deshalb beharrt haben, um in einer Hyperbel das Verhalten des Clodius als Gefahr für den Erhalt der Republik darzustellen und eine Verbindung zu seiner ‚Rettung der Republik‘ 63 v. Chr. zu ziehen. Er werde in der Lage sein, auch diese Gefahr, wie schon die Verschwörung, zu beseitigen. Später, nach seiner Exilierung, konnte er durch diese Verbindung sein Gedankengebäude stützen, nämlich dass er die Republik zweimal gerettet habe: einmal durch das Aufdecken der Verschwörung und einmal durch den Gang ins Exil. 48 Vgl. hierzu die Auflistung bei Epstein (1986), 232. In keiner anderen Quelle ist diese Version überliefert; Cicero selbst verwendet sie nicht in seinen Invektiven; vgl. Lintott (2013), 173. 49 Vgl. Epstein (1986), 232 ff. 50 Vgl. Plut. Cato min. 19,5 f. 51 Vgl. Tatum (1990), 202 ff.

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A Einleitung

Zu 3 (Anbiederung an die boni): Cicero selbst scheint dieser Auffassung zu widersprechen, die vor allem von Stockton (1971) vertreten wird.52 Er bezeichnet sich selbst als unbeteiligt und sagt, er habe sich bis zum Ende dagegen gewehrt, Clodius vor Gericht zu bringen. Er sei der Auffassung gewesen, dass man einen Freispruch nicht riskieren solle, zumal das Verhalten des Clodius bereits von den Vestalinnen und den pontifices als Sakrileg gebrandmarkt worden sei; vgl. Att. 1,16,2 f.: Id autem, ut accideret, commissum est Hortensi consilio, qui, dum veritus est, ne Fufius ei legi intercederet, quae ex senatus consulto ferebatur, non vidit illud, satius esse illum in infamia relinqui ac sordibus quam infirmo iudicio committi, sed ductus odio properavit rem deducere in iudicium, cum illum plumbeo gladio iugulatum iri tamen diceret. Sed iudicium si quaeris quale fuerit, incredibili exitu, sic uti nunc ex eventu ab aliis, a me tamen ex ipso initio consilium Hortensi reprehendatur. Als es dann doch zum Prozess kam (und die Geschworenen nicht, wie von den Gegnern des Clodius gefordert, durch den Prätor ausgewählt wurden, um die Möglichkeit einer Bestechung zu minimieren), habe er sich nur ungern und in geringem Ausmaß beteiligt (contraxi vela, Att. 1,16,2).53 Allerdings zeigt dieser Brief auch – so richtigerweise Tatum (1990) –, dass Cicero sich nicht von Anfang an gegen einen Prozess gewehrt habe – erst als er erkannt habe, dass es (aufgrund der Auswahl der Geschworenen) wohl nicht zu einer Verurteilung kommen würde, habe er sich zurückgezogen und nur noch das Nötigste ausgesagt, das schon öffentlich bekannt war.54 Hinzufügen muss man, dass der Brief nach dem Ende des Prozesses aus der Rückschau geschrieben wurde. Möglicherweise wollte Cicero post factum nicht den Anschein erwecken, er habe sich mit Nachdruck hinter eine verlorene Sache gestellt. Es sollte daher nur mit größter Vorsicht aus Ciceros nachträglichen Bemerkungen auf seine ursprünglichen Motive geschlossen werden. Selbst wenn er Akzeptanz bei den Optimaten suchte, folgt daraus nicht automatisch, dass er vor allem deswegen gegen Clodius aussagte.55 Zu 4 (Streitigkeiten vor Beginn des Prozesses): Vor Beginn des bona deaProzesses lieferten sich Cicero und Clodius ein Wortgefecht.56 Clodius machte

52 Vgl. Stockton (1971), 161. Auch Balsdon (1966), 68 f. sieht Cicero als Teil der factio der Optimaten gegen Clodius. Doch standen Teile des Senats unter Konsul Piso nicht auf deren Seite und in der Bevölkerung scheint die Bewegung unpopulär gewesen zu sein. „Cicero, who read the signs correctly, would have withdrawn at this moment, had he been a wiser man.“ 53 Ein solches Verhalten macht ein bewusstes Anbiedern unwahrscheinlich; vgl. Epstein (1986), 232. 54 Vgl. Att. 1,16,2: […] neque dixi quicquam pro testimonio nisi quod erat ita notum atque testatum ut non possem praeterire. 55 Vgl. Tatum (1990), 205. 56 Vgl. Att. 1,16,1.

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ironische Anspielungen auf Ciceros Vorgehen während der Catilinarischen Verschwörung. Durch diese sei – so bspw. Tyrrell/Purser (1904) und Balsdon (1966) – Cicero so wütend geworden, dass er das Alibi des Clodius zerstörte.57 Es kam zwar zu direkten Reaktionen Ciceros im Vorfeld des Prozesses, in denen er auf die Anfeindungen des Clodius Bezug nahm,58 doch beweist das nicht, dass Cicero nur deshalb seine Aussage machte. Sicherlich kann man davon ausgehen, dass die Streitigkeiten vor dem Prozess Ciceros Entschluss verstärkten und möglicherweise den letzten Ausschlag für seine Aussage gaben. Er dürfte aber kaum einer reinen Impulsentscheidung gefolgt sein, zumal genug Zeit zwischen dem Streit und dem Prozess lag, um die Gemüter abzukühlen. Cicero stand außerdem – so Epstein (1986) richtigerweise – dem Verhalten des Clodius von Beginn der bona dea-Affäre an und nicht erst seit den Streitigkeiten feindselig und verachtend gegenüber.59 Zu 5 (ehrliches Handeln aus Empörung über das Verhalten des Clodius): Vor allem Tatum (1990) 60 fasst die Aussagen Ciceros zum Skandal als von Anfang an ernst auf und sieht ihn in dieser Situation als sehr moralischen Menschen.61 Es bestehe kein Zweifel daran, dass Cicero ehrlich über die Verletzung der heiligen Riten durch Clodius beunruhigt gewesen sei. Er sei nicht auf die

57 Vgl. Tyrrell/Purser (1904), 26. Balsdon (1966), 71 ff. sieht diese Streitigkeiten vor dem Prozess als Grundlage für den Bruch zwischen Cicero und Clodius – und nicht die eigentliche Aussage während des Prozesses. Es sei ohnehin ein „profound mistake“ von Cicero gewesen, sich an dem Prozess zu beteiligen. Rundell (1979), 304 glaubt, dass Clodius bewusst Cicero als geeignetes Ziel für seine Aussagen vor dem Prozess ausgewählt habe – „to enlist popular sympathy“. Dies habe Cicero durchaus erkannt (so interpretiert er Att. 1,16,1: meo nomine ad invidiam uteretur), doch sei dieser zu „spirited“ oder zu „foolish“ gewesen, um die Sache auf sich beruhen zu lassen. 58 Att. 1,16,1: Cum enim ille ad contiones confugisset in iisque meo nomine ad invidiam uteretur, di immortales! Quas ego pugnas et quantas strages edidi! Quos impetus in Pisonem, in Curionem, in totam illam manum feci! Quo modo sum insectatus levitatem senum, libidinem iuventutis! Doch sind hier mit „iuvenum“ und „senum“ laut Tyrrell/Purser (1904), 209 spezifisch Piso sowie die beiden Curiones gemeint – keineswegs Clodius selbst. Von einer direkten Reaktion gegen Clodius ist hier keine Rede. 59 So bezeichnet Cicero sich selbst im Zusammenhang mit dem Skandal als nosmet ipsi, qui Lycurgei a principio fuissemus; Att. 1,13,3; Epstein (1986), 230. 60 So auch Gelzer (1969), 112, der eine Verbindung zu den Catilinariern zieht: Die „Bösen“ hätten nun die Hoffnung gehabt, „die Optimaten zur Strafe zu ziehen für die Tat vom Dezember 63 v. Chr.“ 61 Vgl. Att. 1,12,3; zu den unterschiedlichen Interpretationen dieser Stelle vgl. Tatum (1990), 207. Ebenso stellt er sich in Att. 1,18,2 als Sittenwächter dar: Etenim post profectionem tuam primus, ut opinor, introitus fuit fabulae Clodianae, in qua ego nactus, ut mihi videbar, locum resecandae libidinis et coercendae iuventutis vehemens flavi et omnis profudi viris animi atque ingeni mei, non odio adductus alicuius sed spe non corrigendae sed sanandae civitatis.

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Vernichtung des Clodius aus gewesen, er habe ihn nur von Anfang an für schuldig gehalten. Er habe keineswegs egoistisch oder opportunistisch gehandelt. Vielmehr sei er für die Republik und den Senat eingetreten, dessen Autorität durch den Freispruch des Clodius gebrochen zu sein schien.62 Ein unumstößlicher Beweis für diese Auffassung ist allerdings ebenfalls nicht möglich. Vielleicht war es eine Mischung aus verschiedenen Motiven, die Cicero zu seiner Aussage gegen Clodius trieb: Es war eine günstige Gelegenheit, um sich den Optimaten zu empfehlen; Cicero konnte sich als moralischer und sittenstrenger ‚Lykurg‘ darstellen, der vom Verhalten des Clodius angewidert war; die mögliche Verbindung des Clodius zu den Catilinariern konnte Cicero dazu verwenden, um seine eigene Bedeutung für die Republik zu betonen; die Streitigkeiten vor dem Prozess dienten möglicherweise als letzter Auslöser für die gerichtliche Aussage. Da die Verbindung zwischen Cicero und Clodius nicht unbedingt so eng war, wie oft behauptet wird, mag es Cicero nicht viel Überwindung gekostet haben, sich zur Aussage gegen diesen bereit zu erklären. Auch private Gründe, die sich uns verschließen, mögen dazu beigetragen haben, einzig die Darstellung Plutarchs erscheint unwahrscheinlich.

2.2 Clodius, Caesar und das Triumvirat Die Frage, inwieweit Clodius bei seinen Handlungen als Volkstribun des Jahres 58 v. Chr. von einem, mehreren oder allen Mitgliedern des ersten Triumvirats unterstützt wurde, ist umstritten.63 Die politische Situation macht es wahrscheinlich, dass Clodius ursprünglich von den Triumvirn64 protegiert wurde und mit

62 Vgl. Tatum (1990), 208. 63 Zu denjenigen, die Clodius eine gewisse Unabhängigkeit und Eigenständigkeit zusprechen, ohne aber eine zusätzliche Unterstützung durch das Triumvirat auszuschließen, gehören u. a. Meyer ( 31922), 87; 103 u. a.; Babcock (1965), 27; Tatum (1999), 167 f., der glaubt, Clodius habe durch den Bruch mit Pompeius den Senat auf seine Seite ziehen wollen, und Outchenko (1961) (vgl. Babcock [1965], 27). Dagegen sehen ihn in einem deutlichen Abhängigkeitsverhältnis und weitgehend als Marionette des Triumvirats (insb. Caesars und des Crassus) u. a. Cary (1932), 522, Stockton (1962), 478; 481 u. a., Grasmück (1977), 166, Manni (1940) (vgl. Babcock [1965], 27 – er bezeichnet Clodius zunächst als Marionette des Pompeius, dann aller Triumvirn, der sich später opportunistisch gegen seine Unterstützer wandte, um Unabhängigkeit zu gewinnen), Pocock (1924, 59 ff. und 1925, 182 ff.) und Marsh (1927), 30 ff. 64 Für Clodius als Marionette Caesars u. a. Pocock (1924); als Marionette des Crassus u. a. Marsh (1927); Stockton (1962); Cary (1932), 522 beschreibt Clodius als Marionette des Crassus, die 59–58 v. Chr. an Caesar ausgeliehen wurde. Crassus wird insbesondere als „paymaster“ des Clodius bezeichnet, vor allem aufgrund der Bestechung der Jury im bona dea-Skandal, doch ist die Schlussfolgerung, er habe somit dauerhaft in der Schuld des Crassus gestanden, sehr

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ihrer Hilfe oder zumindest Billigung das Volkstribunat erreichte.65 Es ist jedoch unsicher, bis zu welchem Grad Caesar ihm in der direkten Folgezeit zu Hilfe kam.66 Ebenfalls ist unklar, wie sehr Pompeius sich der Politik Caesars anschloss. Die Einschätzung hängt wesentlich davon ab, ob man dessen Verhalten gegenüber Cicero als aufrichtig ansieht oder nicht.67 Vordringlich bleibt aber, warum sich Clodius im Lauf seines Tribunats nach Ciceros Exilierung gegen Pompeius und scheinbar auch gegen Caesar wandte. Dass es zu Angriffen des Clodius gegen Pompeius und dessen Politik kam, ist unstrittig. Es seien nur beispielhaft die Befreiung des Tigranes,68 die Drohung, das Haus des Pompeius zu zerstören, und der versuchte Mordanschlag auf diesen am 11. August genannt, in dessen Folge sich Pompeius monatelang auf sein Landgut zurückzog. Es steht fest, dass Clodius zumindest ab April des Jahres 58 v. Chr. nicht mehr im Sinne des Pompeius oder als dessen ‚Marionette‘ agierte.69 Um sich dem Grund für dieses Verhalten des Clodius zu nähern, muss sein Angriff auf Caesar näher betrachtet werden. Die einzige Quelle dafür ist dom. 40.70 Dort heißt es, Clodius habe öffentlich verkündet, die Gesetze Caesars seien wegen Himmelserscheinungen ungültig, die sich während der Verabschiedung gezeigt hätten. Wenn der Senat alle acta Caesaris für ungültig erkläre, wolle Clodius Cicero auf seinen Schultern nach Rom zurücktragen. Diese Stelle wurde von den meisten Forschern – darunter Meyer ( 31922) und Tatum (1999) – wörtlich genommen: Der Angriff habe tatsächlich stattgefunden.71 Unter dieser Annahme muss Clodius als der „raving madman“ 72 angesehen werden, als den ihn Cicero darstellte, wenn man nicht annimmt, dass Clodius seine Ankündigungen nicht wahrmachen, sondern le-

unsicher; vgl. Lintott (1967), 162. Zu Ciceros Darstellung der Triumvirn in den post reditumReden vgl. Riggsby (2002), 172 ff. 65 So fand bereits die traductio ad plebem des Clodius mit Unterstützung Caesars statt. Pompeius beteiligte sich daran, aber möglicherweise nur widerwillig; vgl. Cary (1932), 523 f. In welcher Absicht sie handelten, ist unsicher; dazu s. u. in Kap. 2.3.2. 66 Mehr zu der Frage der Unterstützung der Politik des Clodius vor dessen Tribunat durch Caesar s. u. in Kap. 2.3.2. 67 Ausführlich zum Verhältnis zwischen Cicero und Pompeius s. u. in Kap. 2.3.1. 68 Nicht nur hiermit drang er in die Domäne des Pompeius, den Osten, ein – auch Catos Entsendung nach Zypern kann so aufgefasst werden. 69 Ob allerdings die Angriffe auf Pompeius dessen Einsatz für Cicero bewirkten oder umgekehrt, ist nicht klar; dazu ausführlich s. u. in Kap. 2.3.1. 70 Tua denique omnis actio posterioribus mensibus fuit, omnia quae C. Caesar egisset, quod contra auspicia essent acta, per senatum rescindi oportere; quodsi fieret, dicebas te tuis umeris me custodem urbis in urbem relaturum. 71 Vgl. Meyer ( 31922), 107; Tatum (1999), 173 ff. 72 Vgl. Pocock (1924), 60.

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diglich den Triumvirn drohen wollte. Clodius hätte daher einzig im eigenen Interesse gehandelt und in Caesars Abwesenheit aus Rom aufgrund des Krieges in Gallien eine Möglichkeit gesehen, die Stellung einiger der führenden Politiker zu unterminieren.73 In diesem Fall hätte er Pompeius wohl aus eigenem Antrieb attackiert.74 Allerdings besteht auch die Möglichkeit, dass Clodius noch mit Zustimmung von Caesar und Crassus gegen Pompeius vorging und sich erst danach, als er erkannte, welchen Erfolg er damit hatte, eigenmächtig gegen Caesar wandte. Dass der Angriff auf Caesars Politik tatsächlich so stattfand, ist jedoch sehr unwahrscheinlich, weil mit der Ungültigkeit der acta Caesaris die Adoption des Clodius selbst und sein Übergang in den Plebejerstand für nichtig erklärt worden wären und er somit nicht Volkstribun hätte sein dürfen.75 Man muss sicherlich die eindimensionale Beschreibung des Clodius durch Cicero als ‚raving madman‘ mit äußerster Vorsicht betrachten und diesem mehr politische Klugheit zusprechen, als es Cicero nach seiner Rückkehr aus dem Exil gewillt war.76 Zudem ist eine völlige Unabhängigkeit vom Triumvirat deshalb unwahrscheinlich, weil direkt nach der Konferenz von Luca im Jahr 56 v. Chr. sämtliche gewalttätigen Handlungen des Clodius zu einem Ende kamen.77 Eine zweite Möglichkeit ist es, dass der Angriff auf Caesars Politik zwar durchgeführt wurde, aber in dessen Interesse. Marsh (1927) ist der Ansicht, dass Cicero in einer Rede vor den pontifices keine offensichtlichen Unwahrheiten anführen konnte. Die Behauptung aus dom. 40 müsse also der Wahrheit entsprechen. Caesar und Crassus hätten von Anfang an Pompeius als unsicheren Partner im Triumvirat gesehen, der eine Annäherung an den Senat versuchen könnte und daher beobachtet werden müsse. Caesar habe sich bei seinem Weg-

73 Vor allem die des Pompeius. Dieser wäre der Hauptbetroffene einer Aufhebung der Gesetze Caesars gewesen; bspw. zählten Gesetze für die Veteranen des Pompeius zu den acta Caesaris. Caesar selbst hatte die wichtigsten Maßnahmen von anderen, darunter Vatinius, vorbringen lassen und wäre nur peripher betroffen gewesen. 74 So bspw. Seager ( 22003), 104. Clodius habe Pompeius im Kampf um die Volksgunst lächerlich machen wollen; auch u. a. Christ (2004), 116; Meyer ( 31922), 103. 75 Meyer ( 31922), 107 glaubt, Clodius habe den Angriff auf Caesar nicht ernst gemeint, sondern nur einen „lustigen Krieg“ gegen die Triumvirn führen wollen und möglicherweise geglaubt, durch die Drohung Caesar „auf seiner Seite festzuhalten“. 76 Seager ( 22003), 104 f. schlägt vor, der Angriff habe stattgefunden, aber instigiert von den Unterstützern Ciceros, die einen Keil zwischen Clodius und Caesar treiben wollten; sämtliche acta Caesaris sollten erneut verabschiedet werden, außer der Adoption des Clodius. Clodius habe dagegen angeführt, dass ein einzelnes Gesetz nicht ausgenommen werden dürfe. Doch nennt dom. 40 eindeutig Clodius als Urheber des Vorschlags. 77 So auch Nowak (1973), 103. Clodius scheint also die Unterstützung der Triumvirn nie ganz verloren oder wiedergewonnen zu haben.

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gang nach Gallien darauf verlassen, dass Crassus und Clodius Pompeius unter Kontrolle halten würden. Doch Clodius sei mit seinen Angriffen gegen Pompeius zu weit gegangen; Pompeius habe in der Folge tatsächlich wieder eine Annäherung an die Optimaten bzw. den Senat gesucht und sich für Ciceros Rückberufung eingesetzt. Dies hätten Caesar und Crassus im Interesse der Erhaltung des Triumvirats verhindern müssen und daher durch einen vorgetäuschten Angriff des Clodius auf Caesars Gesetze einen Keil zwischen Pompeius und den Senat zu treiben versucht.78 Der einzige, der wirklich etwas durch die Aufhebung der Gesetze Caesars zu verlieren gehabt habe, sei Pompeius gewesen. Dieser habe dementsprechend die Aufhebung nicht unterstützen können, während die Optimaten dies in ihrem eigenen Interesse – in der Hoffnung, eine Schwächung Caesars würde den Senat stärken – mussten. Durch diese Vorgehensweise habe man Pompeius letztlich wieder von den Optimaten trennen und zur Verlängerung des Triumvirats bei der Konferenz von Luca veranlassen können.79 Für diese Hypothese und dafür, dass Clodius nie die Unterstützung aller Triumvirn verlor, spricht auch, dass er erfolgreich als Ädil für das Jahr 56 v. Chr. kandidieren konnte. Dass Clodius immer im Interesse Caesars und des Crassus agierte, ist auch Voraussetzung der dritten Möglichkeit. Caesar war besorgt, dass Pompeius, sollte in Gallien nicht alles nach Plan verlaufen, sich als großer Retter aufspielen und nach Gallien marschieren könnte. Daher versuchte er, ihn durch Clodius unter Kontrolle zu halten und seinem Ansehen zu schaden. Dieser aber sei zu weit gegangen. Der große Unterschied zu den vorigen Thesen ist, dass der Angriff gegen Caesar Pocock (1924) zufolge gar nicht stattfand; es liegt lediglich eine bewusste Verdrehung der Worte durch Cicero vor. Clodius sei vorgeworfen worden, dass sein Tribunat und somit die Exilierung Ciceros illegal seien. Darauf habe er mit der Aussage reagiert, dass in diesem Fall sämtliche acta Caesaris ungültig seien, in der Erwartung, dass man nicht so weit gehen werde, diese aufzuheben, nur um Cicero aus dem Exil zurückzuholen. Hierdurch sei Pompeius in Bedrängnis geraten. Einerseits habe er eine Rückberufung Ciceros befürwortet, andererseits aber durch eine Aufhebung der Gesetze Caesars das meiste zu verlieren gehabt. Deswegen habe er seinen Einsatz für Cicero zurückgestellt.80 Die Drohung des Clodius vor Beginn seines Tribunats, gegen Caesars Gesetze vorzugehen,81 hat keine Auswirkungen auf die Interpretation des Angriffes 78 Lintott (1968), 192 nimmt dagegen an, dass es sich um die Tat des Clodius ohne Auftrag von Caesar, aber in dessen Interesse gehandelt habe. 79 Vgl. Marsh (1927), v. a. 32 f.; 36. 80 Vertreten von Pocock (1924), v. a. 60 ff. 81 Vgl. Att. 2,12,2.

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im Jahr 58 v. Chr. Falls er die Drohung aus eigenem Antrieb vorgebracht haben sollte, so wäre er bereits zu diesem Zeitpunkt nicht von Caesar unterstützt worden und der spätere Angriff wäre wohl ohne äußere Einflüsse zustande gekommen. Möglich ist aber ebenso, dass er schon damals im Interesse Caesars vorging und Pompeius davon abbringen wollte, sich mit dem Optimaten und dem Senat zu verbinden und sich für Cicero einzusetzen. Diese Drohung wäre im Jahr 58 v. Chr. erneut aufgegriffen worden (aus eigenem Antrieb oder im Auftrag Caesars). Schließlich könnte der Angriff des Jahres 59 v. Chr. Cicero einen passenden Anknüpfungspunkt für eine erfundene Fassung geboten haben. Es bleibt festzuhalten, dass ein plötzliches, eigenmächtiges Vorgehen gegen Caesar aufgrund der Konsequenzen für Clodius selbst unwahrscheinlich, wenn auch nicht auszuschließen ist, da es sich nur um leere Drohungen gehandelt haben könnte. Es ist jedoch wahrscheinlicher, dass es zwar tatsächlich zu einem Angriff gegen die acta Caesars kam, da Ciceros Aussage in dom. 40 kaum eine verleumderische Lüge gewesen sein kann, dass dieser aber in Absprache mit Caesar selbst stattfand, um Pompeius zu schaden bzw. unter Kontrolle zu halten. Dass dieses Vorgehen gegen Pompeius im Interesse des Clodius lag, der sich eine stärkere Machtposition und eine Rache an Cicero erhoffte, erleichterte ihm sicherlich die Entscheidung. In diesem Fall müssten wohl schon die Angriffe auf Pompeius kurz nach Ciceros Exilierung als mit Caesar abgestimmt gedeutet werden. Doch schlugen all diese Versuche fehl und bewirkten das Gegenteil. Pompeius wurde durch sie erst recht auf Ciceros Seite gezogen und später nicht mehr von seiner Haltung abgebracht. Im Winter des Jahres 58/57 v. Chr. stand auch Caesar einer Rückberufung Ciceros nicht mehr ablehnend gegenüber; möglicherweise hatte er erkannt, dass nur auf diesem Weg eine erneute Annäherung an Pompeius gelingen könne.

2.3 Dramatis Personae 2.3.1 Pompeius Das Verhältnis zwischen Cicero und Pompeius war in den Jahren 59 bis 57 v. Chr. größeren Schwankungen unterworfen. Trotz verschiedener Dienste Ciceros in den 60er Jahren v. Chr.82 wandte sich Pompeius mit der Beteiligung am Triumvirat vom Senat und damit auch von Cicero ab, blieb diesem allerdings zunächst

82 Bspw. die Unterstützung der lex Manilia, die Pompeius den Oberbefehl im 3. Mithridatischen Krieg verlieh.

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persönlich eng verbunden83 und versuchte, beiden Seiten, seinen politischen Partnern und Cicero, gerecht zu werden. Doch war dieses Vorgehen nicht von Dauer und Erfolg gekrönt. Ein erstes Indiz dafür, wie es um das Verhältnis zu Cicero zu dieser Zeit stand, bietet die Tatsache, dass Pompeius die traductio ad plebem des Clodius in der Funktion eines Augurs im März 59 v. Chr. unterstützte.84 Es wird bisweilen – z. B. von Cary (1932) und Pocock (1924) – behauptet, dass Pompeius hieran nur unfreiwillig und ohne Wissen um die Absichten Caesars und des Clodius beteiligt war,85 doch wirkt eine solche Annahme wenig plausibel. Vielmehr scheint es – so richtig Meyer ( 31922) und Seager ( 22003) –, als ob er in gleichem Maße wie Caesar für die Adoption verantwortlich zu machen ist.86 Als ‚letzte Chance‘, die die Triumvirn Cicero einräumen wollten, könnte aufgefasst werden, dass sie ihm schon kurz nach der Adoption des Clodius u. a. verschiedene Stellungen außerhalb Roms anboten,87 die ihn aus dessen Reichweite gebracht hätten, die er aber alle ablehnte, um seine Unabhängigkeit gegenüber dem Triumvirat zu wahren.88 Ab April bis in den November/Dezember des Jahres 59 v. Chr. setzte sich Pompeius bei Clodius für Cicero ein, was für diesen eine Rückversicherung darstellte,89 und erwirkte ein Versprechen, dass Clodius nichts gegen Cicero unternehmen würde.90 Doch duldete91 Pompeius schließlich, dass das Versprechen nicht eingehalten wurde und dass Cicero ins Exil gehen musste.92 So verweigerte Pompeius Anfang des Jahres 58 v. Chr., nach Amtsantritt des Clodius, Cicero

83 Vgl. Johannemann (1935), 36. 84 Vgl. dom. 77; Att. 2,12,1; 8,3,3; Dio 37,51; 38,12,2; Suet. Caes. 20,4; Suet. Tib. 2,4; Plut. Cat. 33,3 f. 85 Vgl. Cary (1932), 523: „[Pompey] was not fully enlightened as to the intentions of Clodius and Caesar.”; Pocock (1924), 61. Auch Cicero selbst fühlte sich nicht persönlich von Pompeius angegriffen, der zwischen den Parteien stand und dem gegenüber er Mitgefühl zum Ausdruck brachte; vgl. Att. 2,21,3 f.; 2,19,5; Spielvogel (1993), 62. 86 Vgl. Meyer ( 31922), 73 f.; Seager ( 22003), 92. 87 Vgl. prov. cons. 41; Att. 2,5,1. 88 Ausführlich zu Caesars Einstellung gegenüber Cicero, dessen Unterstützung der traductio ad plebem und anschließenden Handlungen (wie den Stellungsangeboten), die als letzte Chance gedeutet werden können, s. u. in Kap. 2.3.2. 89 Vgl. Spielvogel (1993), 63; 65. 90 Vgl. Att. 2,9,1. 91 Eine aktive Unterstützung der Exilierung und der Handlungen des Clodius können ihm nicht nachgewiesen werden; so auch Johannemann (1935), 43; Pocock (1924), 63. 92 Cary (1932) spricht davon, Pompeius habe „honestly interceded with Clodius in 59 B.C., but had been duped by false assurances“; laut Meyer ( 31922) musste sich Pompeius dem Willen Caesars fügen und Cicero ziehen lassen.

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jede Unterstützung und wies Abordnungen in seinem Namen und sogar ihn selbst ab. Er könne nichts gegen Caesars Willen unternehmen; wenn ein entsprechender Senatsbeschluss und die Unterstützung der Konsuln vorlägen, werde er sich allerdings für Cicero einsetzen.93 Zu welchem Zeitpunkt er sich tatsächlich von ihm abwandte, ist unsicher. Wahrscheinlich ärgerte er sich, ebenso wie Caesar, bereits darüber, dass Cicero die Posten abgelehnt hatte,94 und wollte sich für ihn nicht auf eine Auseinandersetzung mit den anderen Triumvirn einlassen. Eine Exilierung Ciceros bot ihm zudem die Gelegenheit, sich für die Rückberufung einzusetzen und sich so viel stärker hervorzutun.95 Den Ausschlag könnte die Vettius-Affäre in der zweiten Hälfte des Jahres 59 v. Chr. gegeben haben, bei der im Auftrag Caesars auch Cicero als Teilnehmer eines Mordkomplotts gegen Pompeius angeführt wurde.96 Es ist unklar, inwieweit Pompeius dies glaubte,97 doch wurde Cicero wohl für ihn immer mehr zum Ärgernis. Er hielt es für besser, ihm seine Unterstützung zu entziehen, um sich vor Angriffen des Clodius zu schützen.98 Ebenso kann das Verhalten des Gabinius, eines Gefolgsmannes des Pompeius, als Hinweis auf dessen Einstellung interpretiert werden. Die Tatsache, dass er sich Anfang des Jahres 58 v. Chr. von Clodius ‚kaufen‘ ließ und sich vehement gegen Cicero stellte, deutet darauf hin, dass Pompeius diese Linie der Politik unterstützte,99 obwohl er noch im Dezem-

93 Die ablehnende Haltung der Konsuln gegenüber Cicero muss ihm zu diesem Zeitpunkt klar gewesen sein. Dennoch sprechen sich verschiedene Forscher dafür aus, dass Pompeius es ehrlich meinte und nicht helfen konnte bzw. sich wirklich nicht in der Lage sah, gegen Caesars Willen zu handeln, weshalb er sich aus Rom zurückzog, so Christ (2004), 115; Cary (1932), 526. Zu seinem ablehnenden Verhalten gegenüber Cicero vgl. Plut. Cic. 31,2 f.; Dio 38,17,3; Att. 10,4,1 ff.; Pis. 76 f. 94 Vgl. Johannemann (1935), 43: „Seine eigene Sprödigkeit war es, die dem Cicero zum Verhängnis wurde“; den Bruch der Triumvirn mit Cicero setzt auch bspw. Southern (2002), 99 f. hier an. Eventuell sind die Angebote an Cicero ohnehin als ‚letzte Chance‘ zu interpretieren, die ihm vom Triumvirat eingeräumt wurde; s. u. in Kap. 2.3.2. 95 Vgl. Seager (1965), 531; Att. 8,3,3: restituendi mei quam retinendi studiosior. 96 Vgl. Vat. 26: Quid ergo de me querar? Qui etiam gratias tibi agere debeo, quod me ex fortissimorum civium numero seiungendum non putasti. 97 Seager (1965), 531/( 22003), 99 glaubt, dass die Vettius-Affäre tatsächlich zum Teil von Erfolg gekrönt war, dass Pompeius anschließend Angst vor Cicero hatte und ihn ab diesem Zeitpunkt fallen ließ. 98 Nicholson (1992), 51 hält dagegen das Verhalten des Pompeius gegenüber Cicero von Anfang an für verräterisch und unehrlich. Er habe sich schon mit Beginn des Triumvirats von Cicero abgewandt; ähnlich auch Meyer ( 31922), 89 („häßliches Doppelspiel“ des Pompeius). Zu den Ansichten Plutarchs (Pompeius muss Caesar nachgeben), Dios und Appians (Pompeius war einer der Instigatoren von Ciceros Exilierung) vgl. Johannemann (1935), 45. 99 Nach den Angriffen des Clodius auf Pompeius brach Gabinius mit dem Tribun und blieb Pompeius treu. Doch muss dieser nicht notwendigerweise alle Handlungen des Gabinius gutgeheißen haben; vgl. Southern (2002), 100; Seager ( 22003), 101 f.

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ber des Vorjahres Cicero Unterstützung versprochen hatte. Vielleicht wurde Pompeius durch den Einfluss Caesars dazu bewogen, Cicero fallenzulassen.100 Doch schon kurz nach Beginn von Ciceros Exil kam es zum Bruch zwischen Pompeius und Clodius. Dieser unternahm verschiedene Angriffe gegen Politik und Leben des Pompeius, angefangen mit der Befreiung des Tigranes.101 Pompeius begann daraufhin, sich für Ciceros Rückberufung einzusetzen, und veranlasste auch Gabinius zu einem Richtungswechsel. Das chronologische und kausale Verhältnis, d. h. ob Clodius Pompeius attackierte, weil dieser Ciceros Sache unterstützte, oder ob Pompeius die Rückberufung Ciceros betrieb, um sich gegen Clodius zu stärken, ist nicht mit letzter Sicherheit zu klären, doch sollte meines Erachtens die zweite Möglichkeit vorgezogen werden.102 Im Mai scheint Pompeius Caesar kontaktiert zu haben, der es aber ablehnte, für Cicero Partei zu ergreifen.103 Am 1. Juni unterstützte er einen Antrag des L. Ninnius auf Rückberufung, der aber durch Einspruch des Tribuns Aelius Ligus nicht angenommen wurde.104 In Folge des versuchten Mordanschlags am 11. August,105 initiiert von Clodius, zog Pompeius sich bis zum Ende des Jahres auf sein Landgut zurück und beteiligte sich nicht mehr am politischen Tagesgeschäft. Dies gestaltete sich schon deshalb für ihn als schwierig, weil sein Haus von Clodianern abgeriegelt wurde.106 Vielleicht bot sich ihm ein willkommener Anlass, sich bis auf weiteres im Hintergrund zu halten und abzuwarten, wie sich die politische Situation entwickeln würde. Er setzte sich allerdings von dort aus für den Antrag der Volkstribune auf Ciceros Rückberufung vom 29. Oktober ein.107 Mit Amtsantritt der neuen Konsuln Lentulus und Metellus am 1. Januar des Jahres 57 trat Pompeius noch entschiedener dafür ein, Ciceros Exil zu beenden. 100 So bspw. Spielvogel (1993); zu den Gründen, warum Caesar Cicero nicht halten wollte, s. u. in Kap. 2.3.2. 101 Möglicherweise unternahm Clodius diese Angriffe nicht eigenmächtig, sondern handelte im Auftrag Caesars; dazu s. o. in Kap. 2.2 sowie s. u. in Kap. 2.3.7. 102 So führt Seager ( 22003), 104 aus, dass Pompeius ohne Provokation kaum die Initiative ergriffen hätte, da er sich sicher gewesen sein muss, durch ein solches Vorgehen den Zorn des Clodius auf sich zu ziehen. Clodius habe zuerst den Pompeius angegriffen, um diesen im Kampf um die Volksgunst lächerlich zu machen, sei sich aber sicher gewesen, Rückberufungsversuche aufhalten zu können. Für die Attacken als Grund für den Einsatz um die Rückberufung sprechen sich u. a. aus: Johannemann (1935), 46; Christ (2004), 116; Meyer ( 31922), 103; Southern (2002), 101 f.; Seager ( 22003), 104; Gelzer (1949), 133; Nicholson (1992), 52; dagegen für den Einsatz um die Rückberufung als Grund für die Attacken u. a. Cary (1932), 528. 103 Vgl. Att. 3,15,1 ff.; Klass (1939), 84. 104 Vgl. Sest. 67; Dio 38,30,3; Plut. Cic. 33,2 f. 105 Vielleicht auch nur als Drohung aufzufassen; so bspw. Southern (2002), 102. 106 Clodius „ließ ihn […] faktisch gefangenhalten“; vgl. Nowak (1973), 129; har. resp. 4 ff; 27; 58; dom. 25; 42; 67; 110; p. red. in sen. 11; 29; Sest. 32; 39; 69; 84. 107 Vgl. p. red. in sen. 29: iam a superioribus tribunis petierit.

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Er stimmte in der ersten Senatssitzung des neuen Jahres dafür, dass das Gesetz über die Exilierung Ciceros als ungültig anzusehen sei. Nicht nur der Senat, sondern auch das Volk solle dies bestätigen. Die Entscheidung über diesen Antrag wurde aber durch einen Einspruch des Tribuns Sex. Atilius Serranus verhindert.108 Ebenso unterstützte es Pompeius, dass Milo mit Truppen gegen die Clodianer vorging, nachdem er zunächst noch Anfang des Jahres 57 v. Chr. mit Ciceros eigenen Schutztruppen in der Öffentlichkeit aufgetreten war.109 Es ist unsicher, ob er am Beschluss vom Mai des Jahres 57 v. Chr. beteiligt war, durch den die Bevölkerung zur Abstimmung über Ciceros Schicksal einberufen werden sollte.110 Allerdings bewies er großen Einsatz, damit dieser Beschluss bestmöglich umgesetzt werden konnte: Er sprach sich persönlich in den Landstädten, insbesondere in Capua, für Cicero aus, ließ dort Ciceros Ächtung zu einem privilegium erklären und ergriff Anfang Juli bei einer Volksversammlung für Cicero Partei.111 Nach seiner Rückkehr versuchte Cicero, das wankelmütige Verhalten des Pompeius zu beschönigen. Zu einem Bruch kam es ihm zufolge nicht. Das Schwanken des Pompeius wird dadurch entschuldigt, dass verschiedene Missverständnisse vorgelegen hätten und er durch böswillige Verleumdungen von Ciceros Seite abgebracht worden sei. Er habe sich aber immer nach Kräften für Cicero eingesetzt.112 Cicero widmet Pompeius in cum senatui gratias egit nicht nur einen Absatz (§ 29), vielmehr ist er in der ganzen Rede gegenwärtig. Er wird in §§ 4; 5; 26; 31 erwähnt, wo Cicero die verschiedenen Aktivitäten des Pompeius für ihn hervorhebt (die Rede vor der Volksversammlung im Juli, die vorangehenden Bemühungen in Capua und anderen Landstädten, die Unterstützung des Antrags auf Rückberufung aus dem Hintergrund Ende 58 v. Chr.). In der direkten Folgezeit machte Cicero seine Dankbarkeit auch auf anderen Wegen deutlich und verhalf ihm zur cura annonae, der Getreideverwaltung, für fünf Jahre. Einige Jahre später verteidigte er sogar Gabinius, den Gefolgsmann des Pompeius, in einem Prozess de repetundis, wenn auch nicht erfolgreich. Ganz mit Kritik zurückhalten konnte sich Cicero in der Rede aber nicht. An manchen Stellen liegen Anspielungen oder kleinere Spitzen gegen Pompeius

108 Vgl. Sest. 73 f.; dom. 69. 109 Vgl. Nowak (1973), 94 f. 110 Johannemann (1935), 51 hält eine Beteiligung des Pompeius für wahrscheinlich. Auch die Ereignisse vom 23. Januar könnten Pompeius noch näher an den Senat gerückt haben; so Nowak (1973). 130. 111 S. u. im Kommentarteil zu § 29. Zum Einsatz des Pompeius ab Juni 57 v. Chr. vgl. dom. 30; Pis. 25; 80; p. red. in. sen. 29; 31; Mil. 39; har. resp. 46; prov. cons. 43; Plut. Cic. 33,4. 112 Vgl. dom. 28 f.; Sest. 15; 39 f.; Pis. 76 f.

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vor: In §§ 4; 29 schildert Cicero, wie sich Pompeius in der zweiten Hälfte des Jahres 58 v. Chr. aus Angst auf sein Landgut zurückzog. Dieses Verhalten war nicht wirklich einem princeps civitatis angemessen und wirkt in einer Lobpreisung ein wenig fehl am Platz. Abgeschwächt wird diese Spitze aber dadurch, dass sie im Rahmen der Darstellung der Untaten des Clodius und der dadurch ausgelösten Krisensituation erfolgt. Sogar Pompeius musste der Gewalt der Clodianer weichen. Daher – so die Argumentation weiter – könne erst recht niemand Cicero seine Flucht aus Rom verübeln.113 Auch der verwandtschaftliche Vergleich, mit dem Cicero ihn bedenkt (§ 29), wirkt im Gegensatz zu den anderen in dieser Rede114 reichlich gönnerhaft. Er legt Pompeius in den Mund, sich für Cicero wie pro fratre aut pro parente eingesetzt zu haben, stellt ihn also gleichsam unter sich selbst bzw. mit sich selbst auf eine Stufe.115 In den Briefen lässt sich Ciceros wahre Einstellung deutlicher erkennen: Hier spricht er u. a. von der subita defectio116 und bezeichnet Pompeius als restituendi mei quam retinendi studiosior.117 Der Grund für den Gegensatz zwischen öffentlichem Lob und privater Kritik ist klar ersichtlich: Cicero wollte die Unterstützung des Pompeius nicht durch unbedachte Äußerungen118 aufs Spiel setzen und den Vorwurf der Undankbarkeit riskieren.119

2.3.2 Caesar Zwar wird auf Caesar in den beiden Reden cum senatui / populo gratias egit nur an einer einzigen Stelle angespielt,120 doch ist gerade dieses schweigende Übergehen bemerkenswert, da er eine zentrale Rolle bei Ciceros Verbannung und Rückberufung einnahm. Wie schon bei Pompeius, war auch das Verhältnis zwischen Cicero und Caesar in den Jahren 59 bis 57 v. Chr. Schwankungen unterworfen. Cicero konnte nicht sich selbst treu bleiben und gleichzeitig die Politik des Triumvirats unterstützen. So kam es zu den Aussagen gegen Caesars

113 Vgl. Riggsby (2002), 177. 114 Die vier anderen Personen, bei denen Cicero übertragene Verwandtschaftsbeziehungen als Lob anführt, sind Lentulus (§ 8), Sestius (§ 20), Plancius (§ 35) und Quintus (§ 37). 115 Mehr zu diesem Vergleich im Kommentarteil zu § 29. 116 Vgl. Q. fr. 1,4,4. 117 Vgl. Att. 8,3,3. 118 Wie im Jahr 59 v. Chr., als er sich über Caesars Politik ausließ, was zur traductio ad plebem des Clodius führte. 119 Ohnehin eines der Hauptziele der post reditum-Reden. Rundell (1979), 318: Nach dem Exil brauchte Cicero „all friends he could get, and so could not afford to indulge in recriminations.“ 120 Vgl. p. red. in sen. 32.

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Politik im Zuge des Prozesses gegen Antonius.121 Diese waren wahrscheinlich der unmittelbare Auslöser für die traductio ad plebem des Clodius nur wenige Stunden später.122 Doch obwohl Caesar als Initiator der Adoption gelten und mit bestimmter Absicht gehandelt haben muss,123 besteht Unklarheit darüber, welche Intention er verfolgte. Es lassen sich an dieser Stelle verschiedene Hypothesen bilden: a) Wenn man – wie bspw. Seager (1965), Nicholson (1992) und Klass (1939) 124 – von der Annahme ausgeht, dass Caesar Cicero mit der Adoption zunächst nur ein drohendes Warnsignal senden wollte, um dessen Opposition gegen das Triumvirat zu brechen, sind seine weiteren Schritte gut nachvollziehbar: Bereits verärgert über Ciceros öffentliche Kritik an seiner Politik anlässlich des Prozesses gegen Antonius, hielt er Clodius zunächst noch zurück. Er scheint alle Möglichkeiten ausgeschöpft zu haben, Cicero vor diesem zu schützen, was als eine ‚letzte Chance‘ interpretiert werden könnte, die er Cicero gewähren wollte.125 Doch sämtliche Bemühungen schlugen fehl, Cicero ließ nicht von seinem Standpunkt ab. Er widersetzte sich den Angeboten, die ihn aus Rom und damit in Sicherheit vor Clodius gebracht hätten, falls dieser Volkstribun würde, darunter eine Gesandtschaftsstelle in Alexandria und eine libera legatio.126 Wenn er diese angetreten hätte, wäre dies als Wechsel auf die Seite des Triumvirats interpretiert worden. Dies widersprach seinen politischen Überzeugungen.127 Das Bestreben, Clodius zum Zeitpunkt der Tribunatswahlen durch eine Gesandtschaftsstelle in Armenien aus Rom zu entfernen, scheiterte an dessen Ablehnung. Möglicherweise war er erbittert darüber, dass ihm keiner der von ihm gewünschten Posten offeriert wurde, oder er hatte den Plan bereits durch-

121 Vgl. dom. 41; Dio 38,10,4. 122 Vgl. dom. 77; Att. 2,12,1; 8,3,3; Dio 37,51; 38,12,2; Suet. Caes. 20,4; Suet. Tib. 2,4; Plut. Cat. 33,3 f. 123 Anders als Pompeius, der möglicherweise nur widerwillig als Augur fungierte; s. o. in Kap. 2.3.1. 124 Vgl. Seager (1965), 520; Nicholson (1992), 48; Klass (1939), 74. Zu der Hypothese, dass Caesar hoffte, Clodius unter Kontrolle halten zu können, und ihn nur als Warnsignal gegen Cicero einsetzen wollte, obwohl er wusste, dass dieser auf Rache sann, vgl. Gelzer (61960), 70; Tatum (1999), 108; Gelzer (1949), 127. 125 Unter der unwahrscheinlichen Annahme, dass bei der Adoption nur eine Kurzschlussreaktion vorlag, könnten auch Wiedergutmachungsversuche vorliegen. 126 Zu den Angeboten an Clodius und Cicero vgl. Att. 2,4,2; 2,5,1; 2,7,2 f. 127 Scheinbar war der Hass Ciceros auf Caesar so groß, dass er sich sogar wünschte, Clodius möge Volkstribun werden, um dann die Gesetze Caesars aufzuheben, wie er vor Amtsantritt angedroht hatte; vgl. Att. 2,15,2. Doch mag es sich bei diesem Angriff auf Caesars Gesetze auch nur um einen strategischen Zug Caesars selbst gegen Pompeius gehandelt haben (und die Hoffnung Ciceros auf einen politischen Umsturz somit vergeblich gewesen sein); s. o. in Kap. 2.2.

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schaut. Daraufhin blieb nur noch ein Weg offen: Man musste von Clodius eine Garantie erhalten, dass er nicht gegen Cicero vorgehen würde.128 Erst als all diese Versuche Cicero nicht bewegen konnten, seine oppositionelle Haltung zum Triumvirat zu ändern, setzte Caesar Clodius offen gegen ihn ein.129 b) Wenn man dagegen – wie bspw. Meier (1982) und Cary (1932) 130 – annimmt, dass Caesar die traductio ad plebem direkt vornahm, um eine Exilierung Ciceros voranzutreiben, so waren auch seine Stellenangebote an ihn unehrlich gemeint und sollten Cicero nur in Sicherheit wiegen, dessen Ablehnung Caesar bereits antizipiert hatte. Ebenso wären die Angebote an Clodius und dessen Garantie Teil eines abgekarteten Spiels gewesen, das die Senatsmacht brechen sollte, indem die Hinrichtung der Catilinarischen Verschwörer durch eine Verurteilung Ciceros als Unrecht dargestellt würde. In diesem Fall hätte wohl die Furcht, Cicero könne in seiner Abwesenheit gegen seine Gesetze vorgehen, Caesars Überlegungen beeinflusst.131 Ein weiterer möglicher Grund für das Vorgehen gegen Cicero wäre eine Schwächung des Pompeius, der durch Cicero leicht auf die Seite des Senats hätte zurückgezogen werden können.132 Spätestens mit Amtsantritt der neuen Konsuln, Piso und Gabinius, wandte sich Caesar offen von Cicero ab und gab ihm keine beruhigenden Versicherungen mehr, dass ihm nichts unter dem Tribunat des Clodius geschehen werde.133 Nur noch einmal trat er bis zur Exilierung Ciceros als einer der Hauptakteure in Erscheinung: Bei der Volksversammlung im Circus Flaminius Anfang März

128 Vgl. Att. 2,9,1; Seager (1965), 520; Seager ( 22003), 92 f. 129 Vgl. bspw. Meyer ( 31922), 88. Insbesondere die Ablehnung der Posten als Grund für den Bruch sieht auch Southern (2002), 99 f.; die Angst um die Aufhebung der acta Caesaris und damit der Plan einer Schwächung der Senatsmacht durch eine Exilierung Ciceros, aber erst nach dessen Ablehnung der Posten, den Caesar dadurch als „unversöhnlichen Feind“ sehen musste, nennt Klass (1939), 81 f. Nicholson (1992), 48 stellt die Hypothese auf, dass Caesar zu sehr mit den Vorbereitungen des Gallien-Feldzuges und den Angriffen des Clodius auf seine Gesetze beschäftigt war, als dass er sich noch um Cicero hätte bemühen können. Ob und inwieweit Clodius überhaupt als Handlanger Caesars (oder der anderen Triumvirn) zu gelten hat, ist in der Forschung umstritten; eine kurze, aber prägnante Zusammenfassung bietet Southern (2002), 99; dazu auch s. o. in Kap. 2.2. Es kam schon 59 v. Chr. zu Angriffen des Clodius auf die acta Caesaris. Doch könnten die sowohl für ein eigenmächtiges Vorgehen sprechen als auch schon als eine erste Drohung in Richtung des Pompeius gelten – keine der Möglichkeiten wird dadurch ausgeschlossen. 130 Vgl. Meier (1982), 285; Cary (1932), 525. 131 Vgl. Sest. 40; Pis. 79; Meier (1982), 284 f.: Cicero sei „sensibel, nervös und schwankend“ gewesen; dies habe Caesar unsicher über dessen weiteres Verhalten gemacht. Er habe gefürchtet, dass „Cicero ihn irgendwann in vorderster Front bekämpfte.“ 132 Vgl. Meier (1982), 285. 133 Kurz vor dem 10.12.59 hatte er ihm noch Zusicherungen gegeben; vgl. Gelzer (61960), 89.

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58 v. Chr. Dort wurde er von Clodius neben Piso und Gabinius dazu aufgefordert, über Ciceros Verhalten im Jahr 63 v. Chr. zu sprechen. Caesar hielt sich diplomatisch in seinem Urteil zurück, implizierte aber dennoch ein Fehlverhalten Ciceros: Er habe die Hinrichtung der Catilinarier nicht gutgeheißen, halte aber ein rückwirkendes Gesetz nicht für richtig.134 Zu dieser Zeit hielt sich Caesar mit seinem Heer vor den Toren Roms auf und bereitete die Abreise nach Gallien vor. Die Volksversammlung wurde deswegen außerhalb des pomerium abgehalten. Kurz danach marschierte er mit seinen Truppen nach Gallien; wenn man von einer Zusammenarbeit mit Clodius ausgeht, möglicherweise erst, als dieser die abgesprochenen Maßnahmen durchgeführt hatte, vor allem die Exilierung Ciceros.135 Clodius nutzte die Nähe der Truppen aus und stellte sie als Drohung Caesars gegen jeden, der sich gegen ihn selbst wandte, dar. Caesar scheint zu diesen Behauptungen geschwiegen zu haben – ob in stiller Zustimmung oder weil er anderweitig mit den militärischen Planungen beschäftigt war oder aus anderen Gründen, ist unklar.136 Nach Ciceros Exilierung kam es zu verschiedenen, aber erfolglosen Bemühungen um eine Rückberufung, die auch und vor allem am Widerstand Caesars scheiterten. In mindestens zwei Fällen setzte man sich direkt mit ihm in Verbindung, doch erteilte er beide Male Absagen: Bereits im Mai des Jahres 58 v. Chr. gegenüber Pompeius und dann im Herbst desselben Jahres gegenüber Sestius.137 Er sah in Ciceros Anwesenheit in Rom wohl weiterhin eine größere Gefahr für seine Politik und das Triumvirat als in der des Clodius. In der Folgezeit kam es jedoch zu einem Gesinnungswechsel. Ab dem Winter des Jahres 58/57 v. Chr. stand Caesar einer Rückberufung Ciceros nicht mehr ablehnend gegenüber. Der genaue Zeitpunkt hierfür ist nicht auszumachen. Ebenso kann über die Gründe nur spekuliert werden. Vielleicht erkannte er, dass Pompeius sich dem Senat wieder annäherte, und wollte ihn durch eine Rückberufung Ciceros, für die sich dieser schon seit längerem stark gemacht hatte,138 auf seiner Seite halten. Hinzu mag der Angriff des Clodius auf die acta Caesaris und dessen möglicherweise eigenmächtiges und übertriebenes Handeln eine Rolle spielen. Eine Rückkehr

134 Vgl. Dio 38,17,1 f.; Plut. Cic. 30,5. „Damit erwies er wieder aufs glänzendste seine staatsmännische Überlegenheit.“; vgl. Gelzer (61960), 88. 135 So bspw. Meyer ( 31922), 94. Nicholson (1992), 48 nimmt an, dass Caesar vor den Toren Roms als passiver Beobachter den Ausgang der politischen Entwicklung abwartete und dann bei der Volksversammlung Cicero fallen ließ. 136 Hierzu passt Nicholsons o. g. These, dass Caesar die Entwicklung abwartete; vgl. p. red. in sen. 32: Erat alius ad portas cum imperio in multos annos magnoque exercitu, quem ego inimicum mihi fuisse non dico, tacuisse, cum diceretur esse inimicus, scio. 137 Vgl. Sest. 71. 138 Hierzu s. o. in Kap. 2.3.1.

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Ciceros schwächte Clodius und bildete ein politisches Gegengewicht zu ihm.139 Großen Einfluss hatte zudem, dass Ciceros Bruder Quintus Caesar die Garantie gab, dass Cicero nicht gegen dessen Gesetze vorgehen würde.140 Dass es nicht sofort zu einer Rückberufung kam, sondern sich diese noch einige Monate lang hinzog, weil die Clodianer weiterhin Abstimmungen verhinderten oder Einspruch einlegten, dürfte durchaus unabhängig von jedem Einfluss Caesars geschehen sein. Clodius mag mit dessen Richtungswechsel einfach nicht einverstanden gewesen sein. In den beiden Reden cum senatui / populo gratias egit wird Caesar nicht ein einziges Mal namentlich erwähnt. Es findet sich nur eine einzige Anspielung in p. red. in sen. 32. Bei dieser handelt es sich um einen nur wenig verschleierten Vorwurf an Caesar, dem Cicero eigentlich seinen Dank hätte aussprechen müssen, da er ohne dessen Zustimmung nicht aus dem Exil hätte zurückkehren können. Dies steht im Kontrast zu der positiven und ausführlichen Behandlung des Pompeius.141 Der Grund für den Ausschluss Caesars aus den Lobpreisungen mag darin begründet liegen, dass dieser sich erst sehr viel später als Pompeius dazu überreden ließ, eine Rückberufung zu unterstützen, und er sich im Gegensatz zu dessen unverhohlener Hilfe nur im Hintergrund für Cicero einsetzte, nachdem er zunächst offen im Circus Flaminius gegen ihn gesprochen hatte. Dies scheint Cicero ihm noch immer übel genommen zu haben. Möglicherweise deutet diese Befundlage auch darauf hin, dass er Caesar die aktivere Rolle bei seiner Exilierung zusprach. Cicero wollte sich zudem nach seinem Exil gewiss nicht öffentlich auf Caesars Seite stellen, sondern eine unabhängige Position beibehalten. Um dem Senat gleich nach seiner Rückkehr diese Haltung deutlich zu machen, ohne Caesar sofort öffentlich allzu sehr zu brüskieren, versteckte er seine Kritik, indem er Caesar zwar nicht als Feind bezeichnete, ihm aber dessen

139 Dies unter der Voraussetzung, dass Clodius nicht weiterhin im Interesse Caesars handelte und der Angriff auf die acta Caesaris nicht ein abgekartetes Spiel war, um Pompeius zu schaden/drohen (oder sie überhaupt nicht stattfanden); s. o. in Kap. 2.2. Sollten die Angriffe in Absprache mit Caesar unternommen worden sein, so müsste man die Zustimmung zu einer Rückberufung Ciceros als alternative Strategie Caesars zu den Drohungen ansehen, um Pompeius auf seiner Seite zu halten. 140 So bspw. Klass (1939), 85 f.; Johannemann (1935), 48; Nicholson (1992), 49; insbesondere die Bürgschaft als Grund sieht auch Meyer ( 31922), 107 f. Pocock (1924), 63 nimmt an, dass Caesar nach einigen Monaten des Exils davon ausging, dass Ciceros seine Lektion gelernt habe und von nun an dem Triumvirat nützlich sein könne; vgl. fam. 1,9,9 ff.; prov. cons. 43. 141 Dazu s. o. in Kap. 2.3.1. Keiner der Triumvirn leugnete eine Zusammenarbeit mit Clodius; dennoch wird nur Caesar dafür von Cicero gerügt.

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Schweigen im entscheidenden Moment 142 vorhielt.143 Man sollte zudem in Erwägung ziehen, dass Caesar bei der Rede nicht im Senat anwesend und bei diesem nicht beliebt war. Doch schon kurz darauf beantragte Cicero eine 15-tägige supplicatio für Caesar, verbunden mit der Erhöhung der Zahl seiner Legaten und einer größeren finanziellen Unterstützung für seine militärischen Unternehmungen. Wahrscheinlich hatte man ihm deutlich gemacht, dass es besser wäre, auch diesen Triumvirn nicht zu verärgern. In späteren Reden nennt Cicero Caesar teils einen Unterstützer, teils einen Gegner des Clodius.144

2.3.3 Lucius Calpurnius Piso Caesoninus und Aulus Gabinius Neben Clodius als Volkstribun gelang es den Triumvirn, auch als Konsuln des Jahres 58 v. Chr. Gefolgsleute einzusetzen. Diese wurden dringend benötigt, um zu verhindern, dass die Gesetze aus Caesars Konsulatsjahr aufgehoben wurden.145 Pompeius stellte Aulus Gabinius zur Wahl, der schon im Jahr 67 v. Chr. als Volkstribun das Gesetz, das Pompeius den Oberbefehl gegen die Piraten verliehen hatte, eingebracht hatte.146 Von Caesar wurde L. Calpurnius Piso Caesoninus, sein Schwiegervater, aufgestellt. Über diesen ist vor der Konsulatswahl fast nichts bekannt; eine Rolle für die Unterstützung durch Caesar könnte gespielt haben, dass Piso aus einer angesehenen Familie stammte147 und selbst ein angesehener Mann gewesen zu sein scheint, der zudem verwandtschaftliche Verbindungen nach Gallien aufweisen konnte, was Caesar zu dieser Zeit besonders interessiert haben dürfte.148 Bei den Konsulatswahlen unterstützte Cicero Piso und fungierte für ihn als custos der centuria praerogativa.149Auch bei Amts-

142 Als Clodius Anfang 58 v. Chr. Caesar mit seinen Truppen als Verbündete bezeichnete und als Drohung gegen alle, die nicht auf seiner Seite standen, verwendete. 143 So auch Klass (1939), 86 f.; Nicholson (1992), 50 interpretiert die Behandlung Caesars in den Reden als „eloquent silence“, die Caesars Verhalten der Jahre 59/58 v. Chr. widerspiegle, als Cicero „a strong statement of amicitia from the triumvir“ zum Schutz gegen Clodius gebraucht hätte. 144 Vgl. Riggsby (2002), 174 f. 145 Vgl. Englisch (1979), 23. 146 Zum Leben des Gabinius vor dem Konsulat vgl. Goldmann (2012), 21–27. 147 S. u. im Kommentarteil zu § 15. 148 Vgl. Englisch (1979), 24 f. Ihr weiteres Argument, von Piso als Epikureer sei besonders zu erwarten gewesen, dass ihm „politischer Ehrgeiz fernlag“ und er „die vorgezeichnete politische Linie beibehalten würde“, wirkt dagegen zu unsicher – schließlich hatte er die vorangehenden Ämter bereits sine repulsa erlangt, was ohne Ehrgeiz und Ambition schwer vorstellbar erscheint. Hierzu und zu Pisos Leben vor dem Konsulat vgl. Goldmann (2012), 154–156. 149 Hierzu s. u. im Kommentarteil zu § 17.

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antritt der Konsuln am 1. Januar des Jahres 58 schien Piso ihm gewogen zu sein und ließ ihn an dritter Stelle sprechen.150 Deswegen hielt Cicero sich für sicher und glaubte die Konsuln auf seiner Seite, zumal sein Schwiegersohn ein Verwandter Pisos war und er Gabinius bei dem Gesetzesantrag über den Oberbefehl gegen die Piraten 67 v. Chr. unterstützt hatte. Hinzu mag gekommen sein, dass Cicero möglicherweise in den vorangehenden Jahren Gabinius vor Gericht verteidigt hatte.151 Doch zeigten die Konsuln sich in den folgenden Tagen nicht mehr als Unterstützer, sondern als Gegner Ciceros.152 Wahrscheinlich lag kein plötzlicher Gesinnungswechsel vor, vielmehr dürften die Triumvirn ihre Pläne gegen Cicero zunächst noch nicht offen verfolgt haben und erst, nachdem sich die politische Lage beruhigt hatte, die Konsuln gegen diesen agieren lassen haben.153 Zusätzlich sicherten sich die Triumvirn die Unterstützung der Konsuln, indem sie ihnen bessere Provinzen für die Promagistratur verschafften. So wurden diesen anstelle der vom Senat zugewiesenen auf Antrag des Clodius, der gleichzeitig auch das Gesetz über die Tötung römischer Bürger ohne Gerichtsverfahren einbrachte, in einer Volksversammlung Makedonien (Piso) und Kilikien (Gabinius; später gegen Syrien getauscht) überantwortet.154 Bei den vier clodianischen Gesetzen direkt zu Beginn des Jahres,155 die sich bereits indirekt gegen Cicero richteten bzw. eine „Tendenz, die bedenklich 150 Vgl. p. red. in sen. 17. 151 So zumindest die gängige Interpretation der Stelle p. red. ad Quir. 11: Cicero sagt, die Konsuln hätten sich nicht für ihn eingesetzt, da veriti sunt, ne gratiae causa facere viderentur, quod alter mihi adfinis erat, alterius causam capitis receperam. Manche Forscher bestreiten allerdings den Aussagewert dieser Stelle. Andere, beginnend bereits mit Markland (1745; lt. Nicholson [1992], 134) verwenden sie als eines der Hauptargumente dafür, dass die Rede eine Fälschung ist und der Autor hier auf Ciceros Verteidigung des Gabinius im Jahr 54 v. Chr. anspielen wollte, aber sie chronologisch falsch einsetzte; eine kurze, aber prägnante Diskussion der Stelle bietet Nicholson (1992), 153 f. 152 Auch wenn sich Piso zunächst nicht öffentlich für eine Verbannung Ciceros aussprach. Dies geschah erst im März im Circus Flaminius; vgl. Goldmann (2012), 157. 153 Die meisten Prätoren und Tribune des Jahres 58 v. Chr. waren auf Ciceros Seite gegen die Triumvirn. Möglicherweise wollten diese daher zunächst vorsichtig vorgehen; vgl. Meyer ( 31922), 95. 154 Vgl. auch den Kommentarteil zu § 18. Angenommen wurden die Gesetze Anfang März 58 v. Chr., direkt nach Ciceros Flucht aus Rom. Dazu, dass Clodius den Senat bei der Provinzzuweisung umgangen hatte, vgl. Vat. 36; prov. cons. 3; zur zeitlichen Abstimmung beider Gesetze vgl. Sest. 25; 53; zur Zuweisung der Provinzen zudem u. a. dom. 23; 55. Die beiden Gesetze seien „geschickt zeitlich aufeinander abgestimmt“ gewesen und die Zustimmung der Konsuln zu der lex Clodia de capite civis Romani durch die Provinzzuweisung erkauft worden; vgl. Englisch (1979), 30. 155 Die Senkung des Getreidepreises bzw. die Verteilung von Getreide an das Volk; die Aufhebung der lex Aelia et Fufia, wodurch Aufschübe und Einsprüche gegen Gesetze unmöglich

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stimmte“,156 aufzeigten, intervenierte Cicero allerdings nicht. Er scheint von der Unterstützung der Konsuln überzeugt gewesen zu sein. Außerdem war es zu einer Absprache mit Clodius gekommen, der ihm Schutz seiner Person zusicherte, wenn er nicht gegen die Gesetze vorgehe.157 Piso hielt sich, im Gegensatz zu Gabinius, bei Ciceros Exilierung weitgehend zurück. Teilweise gab er vor, krank zu sein und sich deswegen nicht beteiligen zu können. Gabinius wies Senatoren zurück, die für Ciceros Sache eintraten – bei dieser Gelegenheit fehlte Piso im Senat. Er sagte öffentlich, die Ritter würden für ihren Einsatz bei der Hinrichtung der Catilinarier büßen und der Senat habe ohnehin keine Macht mehr. Ein besonders eifriger Helfer Ciceros, L. Lamia, wurde als Exempel verbannt.158 Beide Konsuln verboten das Anlegen von Trauerkleidung als Zeichen der Unterstützung Ciceros, die dieser selbst und, ihm folgend, Senatoren und Ritter angelegt hatten.159 Eine Gesandtschaft der Optimaten für Cicero wurde von Piso mit der Aussage zurückgewiesen, er sei kein so tapferer Mann, wie Cicero es in seinem Konsulat gewesen sei. Er riet Cicero zur Flucht aus Rom, um ein größeres Blutbad zu vermeiden. Ein weiteres Gesuch um Schutz, das Cicero persönlich mit seinem Schwiegersohn, einem Verwandten Pisos, vorbrachte, wies er mit der Begründung zurück, sein Kollege benötige die reiche Provinz Syrien aufgrund seiner finanziellen Schwierigkeiten und er wolle nichts gegen dessen Willen unternehmen.160 Neben Caesar stellten beide Konsuln bei einer Volksversammlung, die wenige Tage später im Circus Flaminius stattfand, ihre Meinung über die Hinrichtung der Catilinarischen Verschwörer dar. Sie sprachen sich gegen Ciceros Vor-

wurden, um einen Prozess gegen Cicero störungsfrei durchführen zu können; die Wiedereinführung der Kultvereine, die zuvor wegen öffentlicher Unruhen verboten worden waren und in denen Clodius daraufhin seine Banden organisierte; das Verbot an die Zensoren, Personen aus ihrem Stand auszuschließen, wenn sie nicht von beiden verhört und verurteilt wurden; s. u. in Kap. 2.3.7. 156 So Englisch (1979), 29. 157 Eine Absprache, an die sich Clodius natürlich nicht hielt; zu einer etwas ausführlicheren Darstellung vgl. Gelzer (1969), 135. 158 Vgl. p. red. in sen. 12; Gelzer (1969), 136. 159 Zur Trauerkleidung vgl. p. red. in sen. 12 (Gabinius); 16 (Piso); Dio 38,14,7; Plut. Cic. 30,6. Zum Vorgehen des Gabinius vgl. u. a. Sest. 26; 28; 32; dom. 55; 99; Pis. 64; p. red. ad Quir. 8; fam. 11,16,2; 12,29,1; 12,29,1; Planc. 87; Dio 38,16,3. 160 Vgl. Pis. 78; Dio 38,16,5; Plut. Cic. 31,4. Über die Chronologie der Bittgesuche bei Piso scheint Unklarheit zu bestehen. Dass er sich zuerst auf seinen Kollegen berief und anschließend Cicero zur Flucht riet, meint Meyer ( 31922), 97 ff.; genau umgekehrt dargestellt wird es von Gelzer (1969), 137 f. Englisch (1979), 31 nimmt scheinbar sogar nur ein Bittgesuch an Piso an und lässt aus, dass Piso den Gabinius als Grund für seine Tatenlosigkeit vorschützte; dies aber beschreibt Cicero in Pis. 12.

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gehen im Jahr 63 v. Chr. aus. Gabinius sagte, ihm missfalle die Hinrichtung römischer Bürger ohne Urteil sehr; Piso, er sei immer ein milder Mensch gewesen.161 Nach Ciceros Flucht, die kurz darauf erfolgte,162 wurden seine Häuser geplündert und zerstört. Anschließend sei die Beute – so behauptet Cicero – auf die beiden Konsuln aufgeteilt worden. Zudem habe Piso zur Feier der Flucht ein Fest veranstaltet und Ciceros Familie bedrängt.163 Ob allerdings diese Darstellungen der Wahrheit entsprechen oder als Verleumdungen gesehen werden müssen, ist unklar. Wahrscheinlich liegen invektiventypische Übertreibungen vor.164 Sobald Pompeius sich für Cicero einzusetzen begann,165 wechselte auch dessen Gefolgsmann Gabinius die Seiten und wandte sich gegen Clodius. Dieser reagierte gewalttätig: Die fasces des Gabinius wurden zerbrochen, Steine wurden auf ihn geworfen und sein Besitz wurde konfisziert.166 Piso hingegen scheint sich weiterhin zum großen Teil aus den Bemühungen um Ciceros Rückkehr herausgehalten zu haben, zumal sich Caesars Einstellung zu Cicero noch nicht geändert hatte. Im Lauf des Jahres 58 v. Chr. verhinderten beide Konsuln allerdings mehrere Anträge auf eine Rückberufung. Dass sich Gabinius anscheinend in diesem Punkt nicht gegen seinen Kollegen stellte, mag darin begründet liegen, dass Pompeius einen offenen Bruch der Konsuln untereinander (bzw. seiner selbst mit Caesar) für eine Rückberufung Ciceros aufgrund der unsicheren weiteren Entwicklung nicht riskieren wollte. Da sich Caesar gegen diese sperrte, hätte ein offener Einsatz des Gabinius im Senat gegen Piso ohnehin nichts bewirken können. Erst ab dem Winter des Jahres 58 v. Chr. bzw. dem Beginn des Jahres 57 v. Chr. wechselte Caesar seine Ansicht, aber zu diesem Zeitpunkt waren bereits andere Konsuln im Amt. In den post reditum-Reden werden beide Konsuln mit Beschimpfungen überhäuft, vor allem in der Senatsrede im Rahmen der Invektive §§ 10–18. Dort

161 Vgl. p. red. in sen. 13; 17; Pis. 14; Sest. 33; Dio 38,16,4 ff. 162 Zunächst in Richtung Sizilien, nach dem Ächtungsbescheid wich er nach Thessaloniki aus; vgl. Dio 38,17,5; Plut. Cic. 31,6; Att. 3,8,1; 3,7,1; fam. 14,4,2; Planc. 98 f. 163 Vgl. p. red. in sen. 18; Sest. 11; 54; dom. 59 f.; 62; Pis. 22; 26. 164 Alternative Interpretationen dieser Darstellungen Ciceros bei Englisch (1979), 33. 165 Zu den Gründen und dem Zeitpunkt hierfür s. o. in Kap. 2.3.1. 166 Vgl. Dio 38,30,2; dom. 124; Pis. 28. Die von manchen Forschern (bspw. Meyer [31922], 104; Nowak [1973], 128) als Beleg hierfür angeführte Stelle p. red. in sen. 7 scheint sich aber nicht auf Gabinius zu beziehen. Dort wird der Konsul, dessen fasces zerbrochen wurden, als summ[us] vir[…] et clarissim[us] consul[…] bezeichnet – ein lobendes Epitheton, dass Cicero sicherlich nicht im Zusammenhang mit Gabinius verwendet hätte. In diesem Zusammenhang stehen auch die Angriffe auf Pompeius, die letztlich dazu führten, dass dieser sich in seinem Haus verschanzte, s. o. in Kap. 2.3.1.

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finden sich viele invektiventypische Topoi, weshalb die Darstellung mit äußerster Vorsicht betrachtet werden muss.167 Ob es Cicero bewusst war, dass Piso und Gabinius nur als Marionetten der Triumvirn agierten oder nicht, ist nicht von Belang für die Frage, warum er sich ausgerechnet auf diese beiden als Hauptangriffsziele stürzte: Es handelte sich bei ihnen um die ungefährlichsten Opfer. Cicero wollte Caesar und vor allem Pompeius nicht sofort nach der Rückkehr verärgern bzw. sogar dringend auf seiner Seite halten. Die Konsuln dagegen waren zum Zeitpunkt der Reden in ihren Provinzen, somit die idealen Zielscheiben.168 Eine Invektive wurde ohnehin von Cicero erwartet; sie war üblich, um die dignitas zurückzuerhalten169 und zu zeigen, dass das Exil nicht gerechtfertigt war. Die Rückkehr musste als großer Sieg dargestellt werden, die Urheber der Verbannung mussten verleumdet werden, um sie nicht als Schmach erscheinen zu lassen.170 Cicero versuchte auf diese Weise, die Schuld für seinen politischen Fall von sich abzuwälzen, und nutzte die Invektive zur Selbstrechtfertigung.171 Außerdem fühlte er sich von den beiden Konsuln betrogen. Er war von der Annahme ausgegangen, dass sie auf seiner Seite standen, doch hatten diese sich Anfang des Jahres 58 v. Chr. von ihm abgewandt.172 In der Invektive finden sich viele der in diesem Kapitel genannten historischen Ereignisse wieder, darunter die Vergabe der Provinzen, die Volksversammlung im Circus Flaminius, die Abweisung der Bittgesuche, die Verbannung des L. Lamia, die Zerstörung von Ciceros Haus und das anschließende Aufteilen der Beute.173 Schon hier muss man vorsichtig sein, nicht jedes Wort Ciceros zu glauben. Noch viel mehr aber gilt dies bei den weiteren Vorwürfen, die sich auf Aussehen, Charakter oder Herkunft der Konsuln beziehen und die in großem Umfang als Topoi der antiken Invektive anzusehen sind, so bspw. die angebliche Homosexualität des Gabinius, die gallische Herkunft Pisos, der Alkoholkonsum, das Tanzen, wie überhaupt die Darstellung des Gabinius als Lebemann und der Pisos als heuchlerischem Pseudophilosophen, der heimlich seinen Lüsten nachgehe.174 Aber auch ohne genaue Kenntnis der antiken Invektiventopik ist offensichtlich, dass Cicero es nicht auf eine wahrheitsgetreue Darstellung abgesehen ha-

167 Vgl. Nicholson (1992), 90 f. 168 Als ungerechtfertigten Angriff sieht die Invektive auch Englisch (1979), 32. 169 Hierzu s. u. im Kommentarteil zu § 1. 170 Vgl. Nicholson (1992), 91; vgl. auch Kap. 4. 171 Vgl. Claassen (1999), 133–139. 172 Vgl. Meyer ( 31922), 95. 173 Dass der Gesinnungswechsel des Gabinius nicht erwähnt wird, mag einfach darin begründet liegen, dass Piso und Gabinius die einfachsten Opfer für die Invektive waren und eine positive Darstellung des Gabinius nicht in Ciceros Konzept gepasst hätte. 174 Zu den invektiventypischen Topoi s. u. in Kap. 6.

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ben kann: Der Wechsel des Gabinius auf seine Seite im Jahr 58 v. Chr. und dessen daraus resultierende Auseinandersetzungen mit Clodius werden mit keinem Wort erwähnt. Erst in den Reden de domo sua und in Pisonem berichtet Cicero davon, weshalb die Darstellungen der post reditum-Reden einzig den oben genannten Zielen dienen konnten. Während Cicero seinem Hass auf Piso freien Lauf lassen konnte, lagen die Dinge bei Gabinius im Jahr 54 v. Chr. anders: Als Zeichen der Dankbarkeit bzw. Unterwürfigkeit gegenüber Pompeius musste Cicero die Verteidigung des Gabinius in einem Prozess de repetundis übernehmen. Trotz der Unterstützung des Pompeius und Caesars ging aber der Prozess verloren und Gabinius wurde exiliert.175

2.3.4 Publius Cornelius Lentulus Spinther und Quintus Caecilius Metellus Nepos In einem starken Kontrast zu den Konsuln des Vorjahres standen die des Jahres 57 v. Chr., Lentulus und Metellus, mit deren Unterstützung eine Rückberufung Ciceros durchgesetzt werden konnte. Nachdem Cicero die Ergebnisse der Konsulatswahlen im August des Jahres 58 v. Chr. erfahren hatte, waren seine Gefühle aber noch gemischter Natur: Nur von einem der beiden designierten Magistraten, von Lentulus, erwartete er Hilfe.176 Dieser hatte schon während der Catilinarischen Verschwörung auf Ciceros Seite gestanden und setzte sich scheinbar bereits nach der Wahl, aber noch vor Amtsantritt für eine Rückberufung ein. So unterstützte er auch den Antrag der acht Tribune am 29. Oktober des Jahres.177 Metellus hingegen war ein entschiedener Gegner Ciceros während der Catilinarischen Verschwörung gewesen und hatte diesen sogar daran gehindert, zum Ende seines Konsulats die übliche Rede an das Volk zu halten. Ciceros Sorge verstärkt haben dürfte zudem, dass Metellus ein Verwandter des Clodius war, möglicherweise dessen Cousin oder Halbbruder.178 Doch gab dieser bereits

175 Vgl. Nicholson (1992), 56: „[…] this was one case which Cicero was happy to lose.“ 176 Zum Leben des Lentulus vor und nach dem Konsulat sowie zu dessen Amtshandlungen in nicht-ciceronischen Angelegenheiten vgl. Goldmann (2012), 75–91. 177 Vgl. p. red. in sen. 7: Qui ut est designatus …; Sest. 70; dom. 70. Möglicherweise liegt bei dem Einsatz des Lentulus ein eigennütziges Motiv vor: Er hoffte wohl darauf, dass Cicero sich nach seiner Rückkehr dafür einsetzen würde, dass er einen Posten zur Wiedereinsetzung des Ptolemaeus Auletes in Ägypten bekäme; dazu Nicholson (1992), 57. 178 Ausführlich zu dieser Frage vgl. Tatum (1999), 34 ff. Zum Leben des Metellus vor und nach seinem Konsulat vgl. Goldmann (2012), 121–127 sowie 130–132.

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vor Amtsantritt zu verstehen, dass er seinen Widerstand gegen Cicero aufgeben und die Bemühungen um dessen Rückberufung nicht behindern wolle. Ein wirklicher Gesinnungswechsel des Metellus lag vermutlich nicht vor. Vielmehr musste er sich dem Einfluss von Lentulus, Atticus und vor allem von Pompeius179 beugen, als dessen Legat er schon im Krieg gegen die Piraten 67 v. Chr. fungiert hatte, insbesondere da inzwischen sogar Caesar einer Rückberufung nicht mehr abgeneigt gegenüberstand. Gegen die veränderte politische Stimmung konnte er als einzelner nicht viel ausrichten.180 Am 1. Januar des Jahres 57 v. Chr. brachte Lentulus einen Antrag auf Rückberufung Ciceros im Senat ein, der auch von Metellus unterstützt wurde.181 Ein Einspruch der cicerofeindlichen Magistrate wurde mit der Begründung, das Gesetz des Clodius sei gegen eine Einzelperson gerichtet, somit eine proscriptio182 und unrechtmäßig, abgeblockt. Dennoch bewirkte der Clodianer Sextus Atilius Serranus durch seinen Einspruch, dass das Verfahren aufgeschoben wurde und letztlich im Sande verlief.183 Eine Abstimmung über ein – zuerst im Dezember des Jahres 58 v. Chr. von C. Messius eingebrachtes184 – Gesetz der acht freundlich gesinnten Tribune unter Q. Fabricius brachte Cicero ebenfalls keinen Erfolg. Sie wurde am 23. Januar gewalttätig verhindert, wobei Q. Cicero fast ums Leben gekommen wäre.185 In den folgenden Monaten blieb Metellus seinem Wort Cicero gegenüber nicht treu und wandte sich offen dem Clodius zu. Es kam zu einer gewalttätigen Auseinandersetzung mit Sestius, als dieser ihm obnuntiierte. Ebenso verhinderte er, dass Milo Clodius de vi anklagte.186 Ob Metellus nach dem 23. Januar neue Hoffnung für eine cicerofeindliche Politik schöpfte oder ob er anderweitig von Clodius überzeugt werden konnte, ist unklar. Trotzdem setzte sich Lentulus weiterhin für Cicero ein und brachte Ende Mai einen Antrag ein, dass Zenturiatskomitien zur Abstimmung über die Rückberufung abgehalten werden sollten.187 179 Pompeius benötigte Konsuln, die sich für Cicero einsetzten, da er allein als Privatmann nichts hätte ausrichten können, und übte wohl auch deshalb Druck auf Metellus aus. 180 Nicholson (1992), 60 bezeichnet Metellus als „hesitant follower of an unstoppable political movement“. 181 Vgl. p. red. in sen. 5; 8 f.; p. red. ad Quir. 11; Sest. 72. 182 Vgl. p. red. in sen. 8; proscriptio dient hier als drastischere Bezeichnung für ein privilegium; hierzu s. u. im Kommentarteil zu § 29. 183 Vgl. p. red. in sen. 12; Sest. 74 f.; Att. 4,2,4; zu dieser Verschleppungstaktik vgl. de Libero (1992), 23–28. 184 Vgl. p. red. in sen. 21. 185 Vgl. p. red. in sen. 21; Sest. 75 ff.; 85; Dio 39,7,2; Plut. Cic. 33,4. 186 Vgl. Sest. 79; 89; dom. 13; Dio 39,7,4; s. u. im Kommentarteil zu § 19. 187 Vgl. p. red. in sen. 24; Planc. 78; dom. 85; Sest. 50; 116; 120; 128; Pis. 34. Spezifische Ereignisse, an denen sich dieser Einsatz festmachen ließe, sind außer vom 1. Januar und ab Ende Mai aber nicht bekannt.

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Doch erst bei der Senatssitzung im Jupitertempel Anfang Juli, bei der der entsprechende Beschluss erfolgte, konnte auch Metellus wieder für Ciceros Sache gewonnen werden. Die Ursache hierfür liegt wohl zum einen darin, dass nun alle anderen führenden Männer geschlossen für eine Rückberufung plädierten und die Hoffnung auf Erfolg einer cicerofeindlichen Politik sehr gering war; zum anderen gibt Cicero selbst mehrfach188 an, dass Metellus durch eine Rede des ehemaligen Konsuln P. Servilius Vatia Isauricus gewonnen worden sei, der ihn an die Ruhmestaten seiner Vorfahren und die Größe seines Geschlechts erinnert habe.189 Am Tag nach der Abstimmung im Jupitertempel wurde eine contio abgehalten, bei der neben Lentulus vor allem Pompeius für Cicero sprach und die Bevölkerung aufgefordert wurde, zu den comitia in möglichst großer Zahl zusammenzukommen.190 Zudem wurden weitere Senatsbeschlüsse gefasst, u. a. dass jeder, der sich einer Rückberufung widersetze, als Staatsfeind gelten solle, dass eine Verzögerung der Abstimmung durch servatio verboten wurde und dass Cicero zurückkehren dürfe, wenn es an den nächsten fünf möglichen Verhandlungstagen zu keiner Entscheidung kommen sollte.191 Doch war zumindest dieser Beschluss letztlich nicht notwendig, denn am 4. August traten die Zenturiatskomitien zusammen und beschlossen Ciceros Rückberufung. In den Reden nach dem Exil bedenkt Cicero beide Konsuln des Jahres 57 v. Chr. mit sehr großem Lob, vor allem Lentulus.192 Dieser habe sein ganzes Konsulat Ciceros Rückberufung gewidmet und sich gegen Clodius gestellt (§ 8). Zudem hebt Cicero neben der Bezeichnung seiner Ächtung als proscriptio (§ 8) und dem Antrag vom 1. Januar 57 v. Chr. (§ 5) besonders hervor, dass Lentulus im Juli dieses Jahres beantragte, die Zenturiatskomitien zu Ciceros Rückberufung einzuberufen (§ 24) und dass er sich selbst vor dem Volk für Cicero aussprach (§ 26). Cicero nennt ihn den parens ac deus nostrae vitae, fortunae, memoriae, nominis (§ 8); somit wird er im Gegensatz zu Metellus als eine von fünf Personen in der Rede mit einer Verwandtschaftsmetapher bedacht.193 Aber auch

188 Vgl. p. red. in sen. 25 f.; p. red. ad Quir. 17; Sest. 130; prov. cons. 22. 189 Dazu, dass Metellus sich aus Achtung der Freundschaft Ciceros zu Lentulus und, um nicht zu offensichtlich an der Aufhebung eines Gesetzes seines Verwandten Clodius beteiligt zu sein, bei der Diskussion um eine Rückberufung und einem Einsatz für Cicero zurückhielt, vgl. Ryan (1998), 32. Metellus habe sein Recht auf Vorsitz im Senat aus diesem Grund an Lentulus abgetreten. 190 Vgl. p. red. in sen. 27; Sest. 129. 191 Vgl. p. red. in sen. 27. 192 Vgl. p. red. in sen. 5; 8 f.; 24 ff.; 27 f.; p. red. ad Quir. 11; 15 f. Nach der Rückkehr aus dem Exil setzte sich Lentulus weiterhin für Cicero ein, so bspw. bei der Vergabe der cura annonae an Pompeius. 193 Mehr zu dieser Ehrenbezeichnung im Kommentarteil zu § 8.

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Metellus wird in positivem Licht dargestellt, obwohl er deutlich weniger Platz in beiden Reden eingeräumt bekommt.194 Cicero verschweigt zwar nicht, dass Metellus ihm nicht immer wohlgesonnen war und erst spät und nur zögerlich auf seine Seite wechselte (§§ 25 f.),195 doch nennt er ihn einen adscriptor und auctor (i. S. v. „Unterstützer“) der Rückberufung (§ 9) 196 und bezeichnet in p. red. ad Quir. den Einsatz des Lentulus und des Metellus im Juli/August 57 v. Chr. sogar als gleichwertig.197 Der Grund dafür, dass Cicero Metellus in der Senatsrede so positiv darstellt, ist wohl vor allem darin zu sehen, dass er einen starken Kontrast zwischen den Konsuln der Jahre 58 und 57 v. Chr. herstellen wollte.198 In das schwarz-weiße Bild passt Ciceros Beschreibung des Metellus, bei der er auf die alte Feindschaft nur als eine vergangene Missstimmung anspielt und dessen Blockadehaltung Anfang des Jahres 57 v. Chr. gänzlich ausklammert. Es war für Cicero offenbar wichtig, ein Gegenbild zu Piso und Gabinius zu schaffen, weswegen er Lentulus und Metellus mit keinem Makel versehen durfte. Eine wahrheitsgetreue Darstellung der Geschehnisse wäre nicht in seinem Interesse gewesen. Darüber hinaus wurde von Cicero, wie eine Invektive, auch eine ausführliche Danksagung erwartet. Die Senatsrede war der erste Schritt, seinen Wohltätern ihre Unterstützung zu vergelten, was sich später u. a. durch Verteidigungen in Prozessen fortsetzen sollte. Durch die Danksagung stärkte Cicero zugleich seine politischen Verbindungen zu den Beamten und Senatoren und versuchte, sich schon am Tag nach seiner Rückkehr wieder in der Politik zu etablieren.199

2.3.5 Titus Annius Milo und Publius Sestius Sowohl 58 v. Chr. als auch im Jahr 57 v. Chr. standen acht der zehn Volkstribune auf Ciceros Seite. Allerdings wird in cum senatui gratias egit nur einer der Volkstribune des Jahres 58 v. Chr. namentlich genannt (§ 3: Lucius Ninnius), dagegen werden alle Volkstribune des Jahres 57 v. Chr. angeführt (§§ 19 ff.), bis auf zwei

194 In p. red. in sen. ist ihm v. a. §§ 25 f. gewidmet, aber mit dem Schwerpunkt auf der Überzeugungsarbeit des Vatia. Zudem finden sich kurze Erwähnungen in §§ 5; 9. 195 Nam Q. Metellus, et inimicus et frater inimici, perspecta vestra voluntate omnia privata odia deposuit; auch p. red. ad Quir. 10; p. red. ad Quir. 15; zur Rede des Vatia s. o. 196 In § 26 zudem salutis defensor und adscriptor dignitatis. 197 Vgl. p. red.ad Quir. 15: pariter referente collega. 198 So zeigt Cicero Gabinius in besonders negativem Licht und erwähnt dessen Wechsel auf seine Seite im Verlauf des Jahres 58 v. Chr. überhaupt nicht. Ohnehin ist die Rede p. red. in sen. eine Rede der Kontraste; vgl. Nicholson (1992), 114 f. 199 Dazu vgl. Nicholson (1992), 23; 45 ff; vgl. auch Kap. 4.

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aber nur in sehr kurzen Erwähnungen. Die beiden Ausnahmen bilden Milo und Sestius. Während Sestius bereits während der Catilinarischen Verschwörung als Quästor Cicero unterstützte,200 ist über das Leben Milos vor seinem Tribunat nichts bekannt. Es fragt sich, warum gerade Milo Cicero unterstützte, doch weist das Ausmaß seiner Hilfe auf mehr als nur gleiche politische Überzeugungen hin. Vielleicht hoffte Milo darauf, dass Pompeius ihm zum Konsulat und einer gewinnbringenden Provinz verhelfen könnte, oder er wurde von diesem bezahlt.201 Hinzu kam vermutlich auch eine persönliche Feindschaft zu Clodius.202 Sestius setzte sich, ähnlich wie Lentulus, schon als designierter Tribun Ende des Jahres 58 v. Chr. für Cicero ein und reiste nach Gallien, um sich persönlich bei Caesar für eine Rückberufung Ciceros auszusprechen, doch erhielt er eine ablehnende Antwort.203 Zudem brachte er einen entsprechenden Gesetzesantrag ein, der Cicero aber nicht zufriedenstellte.204 Während des Tribunatsjahres versuchte Milo zunächst, Clodius gerichtlich zu belangen, scheiterte mit einer Anklage de vi jedoch an dem Widerstand des Konsuls Metellus und des Prätors App. Claudius Pulcher sowie des Tribuns Sex. Atilius Serranus.205 Nach diesem fehlgeschlagenen Versuch griff Milo zu den Waffen und stellte, unterstützt durch Pompeius,206 Schutztruppen zusammen, die denen des Clodius die Stirn bieten sollten;207 Sestius folgte Milos Beispiel, nachdem er zunächst Metellus obnuntiiert hatte und daher von den Banden des Clodius angegriffen worden war.208 Beide unternahmen Anstrengungen, die öffentliche Ordnung wiederherzustellen, um eine Rückkehr Ciceros zu ermöglichen.209 Wie sehr diese Truppen tatsächlich dazu beitrugen, ist unklar. Immer-

200 Vgl. Sest. 8 ff. 201 Vgl. Drumann/Groebe (1899), 32. 202 So jedenfalls Lintott (1974), 63 und Nicholson (1992), 67, die in bemerkenswerter Übereinstimmung beide von einer „personal vendetta“ sprechen. Nowak (1973), 148 nimmt an, dass Milo „selbst berühmt werden“ wollte. 203 Vgl. Sest. 71. Zu Caesars Einstellung zu Ciceros Exil s. o. in Kap. 2.3.2. 204 Vgl. Att. 3,20,3: Rogatio Sesti neque dignitatis satis habet nec cautionis. 205 Vgl. Sest. 89; Dio 39,7,4. 206 Er fungierte als dessen inoffizieller Leibwächter; lt. Lintott (1974), 63, setzte sich Milo nur indirekt für Cicero ein und half eigentlich Pompeius. 207 Vgl. bspw. p. red. in sen. 19 f.; Sest 86; 127; Mil 38. Zur Zusammensetzung, Organisation und Legalität dieser Truppen s. u. im Kommentarteil zu § 19; vgl. Nowak (1973), 147 ff. 208 Vgl. p. red. in sen. 20; Sest. 78; 90; 92. Laut RE 2A,2 (1923), 1186 f., ging Milo ohne Gewalt vor; doch scheinen sich die angeführten Stellen zur Gewaltlosigkeit nur auf den 23. Januar 57 v. Chr. zu beziehen. 209 Die Truppen des Sestius dienten aber wohl primär dem Selbstschutz; s. u. im Kommentarteil zu § 20.

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hin sicherte Milo bei der Volksversammlung am 4. August den ordnungsgemäßen und ungestörten Ablauf der Abstimmung.210 Nach Ciceros Rückkehr kam es zu weiteren Auseinandersetzungen Milos mit Clodius. Außerdem musste er Cicero weiterhin vor dessen Angriffen schützen.211 Cicero erwies in den folgenden Jahren sowohl Milo und Sestius seinen Dank. So unterstützte er Milo u. a. bei der Konsulatsbewerbung für das Jahr 52 v. Chr.212 und verteidigte ihn, wenngleich erfolglos, in dem berühmten Prozess wegen der Ermordung des Clodius in ebendiesem Jahr. Auch Helfer Milos (wie M. Saufeius) genossen seinen Beistand bei Prozessen, obwohl Pompeius sich mittlerweile von Milo abgewandt hatte.213 Sestius wurde zwei Mal von Cicero gerichtlich verteidigt, im Jahr 56 v. Chr., als dieser wegen Ausübung von Gewalt in seiner Amtszeit von einem Clodianer angeklagt worden war, und de ambitu im Jahr 52 v. Chr.; beide Prozesse scheint Cicero gewonnen zu haben. Da Vatinius Sestius angeklagt hatte, sind die Rede in Vatinium sowie Ciceros Einsatz gegen dessen Bewerbung zur Prätur ebenfalls als Vergeltung der Dankesschuld aufzufassen. In der Rede vor dem Senat werden Milo und Sestius besonders hervorgehoben. Beiden ist jeweils ein ganzer Absatz gewidmet (Milo § 19; Sestius § 20). Sie sind außerdem die einzigen Volkstribune, die Cicero ein zweites Mal in dieser Rede nennt und auch in der Rede cum populo gratias egit erwähnt (§ 15).214 Cicero lobt beide an diesen Stellen sehr und beschreibt sie als zwei seiner Hauptunterstützer während seines Exils. Er führt an, wie Milo zunächst gerichtlich vorging, und wie anschließend beide Truppen gegen Clodius aufstellten. Ebenso schildert er, dass sich Sestius für ihn bei der Bevölkerung einsetzte. Dieser wird, im Gegensatz zu Milo, als eine von fünf Personen in dieser Rede durch einen Verwandtschaftsvergleich, wenngleich einen hypothetischen, gepriesen.215 Ebenfalls werden dessen Verletzungen im Zuge seines Einsatzes hervorgehoben.216 Ähnlich wie bei Lentulus stellt Cicero es so dar, dass Milo seine ganze Amtszeit nur dem einen Ziel untergeordnet habe, ihn zu unterstützen

210 Vgl. Dio 39,8,3; Plut. Pomp. 49,6; Sest. 59; 127. 211 Vgl. Dio 39,20,3; gegen Lintott (1974), 63, der eine weitere Unterstützung Milos leugnet, was an der von ihm angeführten Stelle Att. 4,3,2 f. allerdings nicht deutlich wird. 212 Vgl. fam. 2,6,3 f. 213 Hierzu ausführlich Nicholson (1992), 68. 214 In beiden Reden werden sie, wie zumeist, gemeinsam erwähnt, so in Sest. 90; Q. fr. 1,4,3; Vat. 41. Hier wird deren enge Zusammenarbeit hervorgehoben: […] cum in re publica administranda T. Annio cum P. Sestio consiliorum omnium societas fuerit […]. 215 Vgl. p. red. in sen. 19: […] iuxta ac si meus frater esset […]. 216 Vgl. p. red. in sen. 30: Qui suam erga me benivolentiam et fidem non solum animi dolore, sed etiam corporis vulneribus ostendit.

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und seine Rückkehr in die Wege zu leiten.217 Die überhöhte und stilisierte Darstellung fügt sich folgerichtig in den Gegensatz zwischen seinen Gegnern und seinen Unterstützern ein, obwohl keine groben Auslassungen (wie bei Gabinius) oder Beschönigungen (wie bei Metellus) vorliegen.

2.3.6 Quintus Tullius Cicero Ciceros Bruder Quintus tritt sowohl in der Senats- als auch in der Volksrede als einer der Hauptunterstützer einer Rückkehr in Erscheinung. Da Cicero bei ihm als Familienmitglied besonders stark auf die emotionale Ebene abheben konnte, ist seine Präsenz in der Rede vor dem Volk jedoch weitaus stärker.218 Nach seinem Prokonsulat in Asia in den Jahren 61 bis 58 v. Chr. konnte Quintus erst einige Wochen, nachdem sein Bruder geflohen war, nach Rom zurückkehren. Ein erhofftes persönliches Treffen auf der Reise war nicht möglich.219 In Rom versuchte er, trotz des konsularischen Verbots durch das Tragen von Trauerkleidung eine Rückberufung zu erwirken.220 In den Augen der Feinde Ciceros scheint Quintus eine so große Gefahr dargestellt zu haben, dass sie sich, so Nicholson (1992), sogar darum bemühten, ihn im Sommer des Jahres 58 v. Chr. durch eine Anklage des App. Claudius, eines Neffen des Clodius, über seine Provinzverwaltung zum Schweigen zu bringen.221 Bei den gewalttätigen Auseinandersetzungen im Januar des Jahres 57 v. Chr. wurde er schwer verletzt.222 Zudem gab er als Bürge Caesar die Garantie, dass sein Bruder nach einer Rückkehr nicht gegen dessen Gesetze vorgehen werde. Diese hatte Caesar als Voraussetzung dafür gefordert, dass er sich Ciceros Sache nicht mehr in den Weg stellen werde.223 Zu Beginn beider Reden post reditum stellt Cicero als eines der wichtigsten Ergebnisse der Rückkehr nach Rom heraus, dass er wieder mit seinem Bruder zusammengeführt wurde.224 Er dankt den Senatoren und dem Volk in gleichem

217 Lentulus: p. red. in sen. 8; Milo: p. red. in sen. 30. 218 Hierzu s. u. in Kap. 3. 219 Vgl. dom. 59; Sest. 60; Att. 3,7,3; 3,8,1; 3,9,1. 220 Vgl. p. red. in sen. 37; p. red. ad Quir. 8. 221 Vgl. Nicholson (1992), 75 f. 222 Vgl. Sest.76; Plut. Cic. 33,4; Plut. Pomp. 49,3. 223 Vgl. fam. 1,9,9; Plut. Pomp. 49,3. 224 Vgl. p. red. in sen. 1: […] qui mihi fratrem optatissimum, me fratri amantissimo […] reddidistis; p. red. ad Quir. 3.

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Maße im eigenen Namen wie in dem des Quintus. Es sei beiden ein großer Dienst erwiesen worden.225 Ebenfalls in beiden Reden findet Quintus vor allem auch im Zusammenhang mit den historischen exempla Erwähnung und wird durch einen dreifachen Verwandtschaftsvergleich gleichsam zu einem ‚Superverwandten‘226 stilisiert, der durch seinen Einsatz für Cicero alleine das erreicht habe, wofür bei Popilius und Metellus eine große Anzahl an Verwandten nötig war.227 Wenn seine Bemühungen allerdings keinen Erfolg gehabt hätten, habe er Cicero ins Exil oder sogar in den Tod folgen wollen.228

2.3.7 Publius Clodius Pulcher Clodius wird, ähnlich wie Caesar, in cum senatui gratias egit nicht namentlich erwähnt. Dennoch muss ihm an dieser Stelle ein eigenes Kapitel gewidmet werden, da er in der ganzen Rede unterschwellig präsent ist und nicht nur in dieser als Initiator der Vertreibung Ciceros dargestellt wird. Einige wichtige Punkte wurden bereits besprochen, doch sollen sie hier im Rahmen einer chronologischen Darstellung noch einmal zur Sprache kommen. Schon während der Jahre seines Kriegsdienstes, unter anderem im 3. Mithridatischen Krieg unter seinem Schwager Lucullus, zeigte sich Clodius (damals noch Claudius) laut Cicero als wenig vertrauenswürdig.229 So habe er beispielsweise versucht, das Heer gegen Lucullus aufzuhetzen.230 In Antiochien habe er einen Aufruhr begonnen, bei dem er selbst fast ums Leben gekommen wäre.231 Seine Karriere in Rom begann er im Jahr 65 v. Chr. mit einer laut Cicero abge-

225 Vgl. p. red. in sen. 1: Si, patres conscripti, pro vestris immortalibus in me fratremque meum liberosque nostros meritis parum vobis cumulate gratias egero […]; p. red. ad Quir. 5. 226 Vgl. Raccanelli (2012), 86. 227 Vgl. p. red. in sen. 37: […] sed unus frater, qui in me pietate filius, consiliis parens, amore, ut erat, frater inventus est, squalore et lacrimis et cotidianis precibus desiderium mei nominis renovari et rerum gestarum memoriam usurpari coegit; p. red. ad Quir. 8; auch Q. fr. 1,3,3. 228 Vgl. p. red. in sen. 37; p. red. ad Quir. 8. 229 Zur Frage der Glaubwürdigkeit der Aussagen über die Anfänge der Karriere des Clodius und dazu, dass diese wohl fiktiv sind, vgl. u. a. Lintott (1967), 158; Mulroy (1988), 155–178, insb. 155–165; im selben Aufsatz versucht er auch zu belegen, dass der bona dea-Skandal von dessen Gegnern aufgebauscht wurde und Clodius keineswegs meinte, sich glaubwürdig als Frau verkleiden zu können, sondern vielmehr fälschlicherweise dachte, seine Anwesenheit bei der Zeremonie würde keinen Anstoß erregen. 230 Vgl. har. resp. 42; Plut. Luc. 34; Dio 36,14,4. 231 Vgl. Dio 36,17,3.

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sprochenen Anklage gegen Catilina, die zu einem Freispruch führte.232 Im Folgejahr, unter dem Proprätor L. Murena in der Gallia Narbonensis, sowie nach seiner Rückkehr nach Rom, habe er sich – nach Angabe Ciceros – vor allem durch Verbrechen hervorgetan.233 Diesen Behauptungen zum Trotz war Clodius offenbar ein politischer Freund Ciceros bis zum bona dea-Skandal und trug auch bei der Catilinarischen Verschwörung dessen politische Linie mit. Erst während des Prozesses 61 v. Chr. kam es zum Bruch, da Cicero das Alibi des Clodius zerstörte.234 Hieraus entwickelte sich eine tiefe Feindschaft zwischen den beiden. Die Adoption des Clodius, initiiert von Caesar und durchgeführt mit Unterstützung von Pompeius, muss zumindest als Warnsignal an Cicero, es sich nicht mit dem Triumvirat zu verscherzen, verstanden werden.235 Pompeius beschwichtigte zwar Ciceros Sorgen,236 doch wandten sich ab Anfang des Jahres 58 v. Chr. und dem Amtsantritt des Clodius als Volkstribun die Triumvirn und andere Politiker von Cicero ab. Da aber bei weitem nicht alle Magistrate gegen Cicero standen, gingen Clodius und die Triumvirn nicht schon zu Beginn des Jahres 58 v. Chr. mit voller Kraft gegen ihn vor.237 Zunächst brachte Clodius am 3. Januar238 vier Gesetze ein, die ihm in der Folgezeit nützlich sein sollten:239 Die Getreidepreise wurden gesenkt, um die Gunst des Volkes zu sichern; die 64 v. Chr. verbotenen collegia, in denen Clodius seine Banden organisieren konnte,240 wurden wieder eingeführt; die Position der Zensoren wurde geschwächt. Sie durften nicht mehr ohne weiteres die Zusammensetzung des Senats verändern, wodurch Clodius die „anrüchigen Persönlichkeiten des Senats und der Ritterschaft, deren Stellung durch die Zensur bedroht war“,241 auf seine Seite zog; die lex Aelia et Fufia, durch die ein Magistrat die Abhaltung einer Volksversammlung wegen negativer Vorzeichen abbrechen oder verhindern durfte, wurde aufgehoben. So konn-

232 Vgl. har. resp. 42, Pis. 23. 233 Vgl. har. resp. 42. 234 Möglicherweise ist die Behauptung der Freundschaft übertrieben. Ausführlich zu ihrem Verhältnis in der Catilinarischen Verschwörung und zum Bruch 61 v. Chr. s. o. in Kap. 2.1. 235 Dazu ausführlich s. o. in Kap. 2.3.2. 236 Zur Ehrlichkeit dieses Verhaltens s. o. in Kap. 2.3.1. 237 Vgl. Meyer ( 31922), 95. 238 Vgl. Pis. 9. 239 Vgl. p. red. in sen. 11; 33; Sest. 55 f.; Dio 38,13,1 ff. 240 Jedoch boten die collegia ihm nicht nur einen legalen Deckmantel für sein Bandenwesen, sondern brachten ihm auch die Zustimmung der niederen Bevölkerungsschichten; dazu und zu deren Organisation ausführlich vgl. Nowak (1973), 112 ff.; zudem s. u. im Kommentarteil zu § 33. 241 Vgl. Meyer ( 31922), 96.

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te Clodius bei den Beamten unbeliebte Gesetze gefahrlos einbringen.242 Cicero brachte L. Ninnius dazu, seinen Einspruch gegen diese Gesetze zurückzunehmen. Scheinbar hatte Clodius Cicero die Zusage gegeben, nichts gegen ihn zu unternehmen, wenn er den Gesetzen zustimmen sollte. Möglicherweise wollte er Clodius auch nicht reizen, da er glaubte, die Konsuln und Triumvirn auf seiner Seite zu haben.243 Kurz darauf aber wandte sich Clodius indirekt, aber eindeutig, gegen Cicero: Er brachte besagtes Gesetz ein, nach dem derjenige geächtet sein sollte, der römische Bürger ohne vorangehenden Prozess getötet habe. Zwar wurde Cicero darin nicht namentlich genannt, doch war deutlich, dass der Antrag gegen ihn gerichtet war.244 Gleichzeitig wurden Piso und Gabinius ihre prokonsularischen Provinzen zugewiesen, um deren Unterstützung zu sichern.245 Clodius gab zudem vor, von den Triumvirn unterstützt zu werden, wogegen keiner der drei Männer Widerspruch einlegte.246 Innerhalb nur eines Tages nach Ciceros Flucht Anfang März des Jahres 58 v. Chr. wurden die Gesetze angenommen und Ciceros Anwesen geplündert.247 Wenige Tage später, in direkter Folge der contio im Circus Flaminius, bei der Piso, Gabinius und Caesar ihre Meinung zu Ciceros Konsulat abgaben, wurde das erste Gesetz zu einer namentlichen Verbannung Ciceros, der interdictio aquae et ignis, spezifiziert.248 Dies stellte in Ciceros Augen ein nach römischem Recht verbotenes privilegium dar.249 Jede Beratung über Ciceros Fall wurde den Senatoren verboten.250 Es ist unklar, ob und wann sich Clodius in der Folgezeit vom Triumvirat abwandte. Schon kurz nach Ciceros Exilierung kam es zum Bruch mit Pompeius, dessen Gefangenen Tigranes er befreite,251 auf den er im weiteren Verlauf des Jahres einen Mordanschlag ausüben ließ und dessen Haus er über längere Zeit belagerte. Die Auseinandersetzungen mit Pompeius könnten jedoch durch-

242 Alle diese Gesetze stärkten die politische Position der Tribune. Zur Rolle des Clodius im Rahmen der popularen Politik vgl. bspw. Martin (1965), 81–90. 243 Vgl. dazu mit anderen Darstellungen bei Plutarch und Cassius Dio Gelzer (1969), 135. 244 Vgl. Dio 38,14,4; Plut. Cic. 30,5; Vell. Pat. 2,45,1. Das zunächst indirekte Vorgehen war nötig, um das Volk gegen Cicero und den Senat aufzuhetzen; vgl. Martin (1965), 86. 245 Dazu s. o. in Kap. 2.3.3. 246 Vgl. p. red. in sen. 32 zu Caesars schweigender Zustimmung. 247 Vgl. Sest. 53 f.; p. red. in sen. 18; dom. 62; Pis. 26. 248 Er durfte sich in einem Umkreis von zunächst 500, später 400 Meilen um Rom nicht aufhalten; vgl. dom. 47: ut M. Tullio aqua et igni interdictum sit; dom. 51; Planc. 97; fam. 14,4,2; Att. 3,4; Dio 38,17,7; Plut. Cic. 32,1. 249 Vgl. leg. 3,11: privilegia ne irroganto; Mommsen (1899), 557; Berger (1953), s. v. „privilegium“. 250 Vgl. p. red. in sen. 8. 251 Vgl. Dio 38,30,1; Plut. Pomp. 48,10; dom. 66.

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aus im Einvernehmen mit Caesar geschehen sein, der Pompeius davon abbringen wollte, sich dem Senat anzunähern und eine Rückberufung Ciceros zu fordern.252 Falls ein solcher Versuch vorlag, war er nicht erfolgreich, sondern bewirkte das genaue Gegenteil: Ab sofort unterstützte Pompeius deutlich ein Ende von Ciceros Exil und brachte Gabinius dazu, sich auf einen Konfrontationskurs zu Clodius zu begeben.253 Der folgende Angriff des Clodius auf die Gesetze Caesars könnte seinen endgültigen Bruch mit dem Triumvirat markieren, doch besteht die Möglichkeit, dass auch in diesem Fall Caesar selbst den Auftrag gab und Pompeius drohen wollte.254 Im Jahr 57 v. Chr. hatte Clodius, der nun privatus ohne Amt war, weiterhin Freunde unter den Magistraten, die eine Rückkehr Ciceros zunächst verhindern konnten. Es kam zu über viele Monate anhaltenden Straßenkämpfen zwischen den Banden des Clodius und denen des Milo sowie des Sestius, die versuchten, die Macht des Clodius auf den Straßen zu brechen.255 Die politische Lage veränderte sich um die Jahreswende 58/57 v. Chr. so sehr, dass Clodius schließlich weitgehend isoliert war.256 Bei der Senatssitzung Anfang Juli des Jahres 57 v. Chr. war er der einzige, der nicht für die Einberufung der comitia centuriata zur Rückberufung Ciceros stimmte,257 und konnte somit als Privatmann das Ende von dessen Exil nicht verhindern. Trotzdem ging er nach Ciceros Rückkehr weiterhin mit seinen Banden gewalttätig gegen diesen vor, der im Gegenzug die Bewerbung des Clodius zum Ädil vereiteln wollte. Sein Versuch blieb allerdings erfolglos, im Jahr 56 v. Chr. bekleidete Clodius wieder ein Amt.258 In beiden Dankesreden nach der Rückkehr fällt der Name des Clodius nicht. Oft bezeichnet Cicero ihn einfach als inimicus.259 Im Gegensatz zu Piso und Gabinius, die sich zum Zeitpunkt der Rede in ihren Provinzen aufhielten und keine

252 Dazu s. o. in Kap. 2.2. 253 Dazu s. o. in Kap. 2.3.3. 254 Auch dazu s. o. in Kap. 2.2. 255 Zur Wirksamkeit dieses Einsatzes auf Ciceros Rückberufung s. o. in Kap. 2.3.5. 256 Nach Pompeius hatte sich auch Caesar letztlich einer Rückberufung nicht mehr verweigert; dazu s. o. in Kap. 2.3.2. 257 416 von 417 anwesenden Senatoren stimmten einer Rückberufung zu; vgl. p. red. in sen. 26; p. red. ad Quir. 15; dom. 14; Sest. 129; Dio 39,8,2 f. 258 Dies könnte darauf hinweisen, dass Clodius die Unterstützung der Triumvirn nie völlig verloren hatte. 259 In p. red. in sen.: § 3: per eum tribunum plebis; § 4: meus inimicus; § 11: tribunus plebis; § 19: sceleratum civem aut domesticum potius hostem; § 25: inimicus; § 26: unus; mehr zur Strategie des (Nicht-)Nennens von Namen in den post reditum-Reden vgl. Steel (2007), 105–128; spezifisch zu Clodius 116; s. u. im Kommentarteil zu § 3.

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Gefahr für Cicero darstellten, war Clodius, wenngleich als Privatmann, in Rom und konnte Schlägertrupps aufbieten. Vielleicht konnte Cicero so kurz nach seiner Rückkehr dessen Stärke und die potentielle Gefahr, die von ihm ausging, noch nicht einschätzen und verhielt sich deshalb ihm gegenüber zurückhaltend.260 Im Gegensatz dazu finden sich in den folgenden Reden de domo sua und de haruspicum responso, als Cicero wohl die Situation besser beurteilen zu können glaubte, ausführliche Attacken auf Clodius, der darin auch namentlich erwähnt wird.

260 So Nicholson (1992), 95, der den kurz darauf auf Veranlassung des Clodius stattfindenden Aufruhr bzgl. der Getreideversorgung als Indikator dafür sieht, dass Cicero mit seinem vorsichtigen Verhalten richtig gehandelt hatte.

3 Vergleich der Reden cum senatui gratias egit und cum populo gratias egit Bei einem Vergleich der Senats- und Volksreden Ciceros261 könnte sich die Erwartung einstellen, dass ein grundsätzlicher Unterschied in Anspruch und Niveau, angepasst an das Publikum,262 vorliegt. Doch lassen sich tatsächlich weder in der grundsätzlichen Anlage noch im Satzbau, im Stil, in der Wortwahl oder der Satzlänge große Unterschiede zwischen Volks- und Senatsreden bei Cicero feststellen.263 Teilweise mag dies darin begründet liegen, dass beide Arten von Reden vor der Veröffentlichung als verschriftlichte Fassung überarbeitet wurden, doch weist bereits Mack zu Recht darauf hin, dass eine parallele Veröffentlichung von Volks- und Senatsreden nur dann sinnvoll sei, wenn sie ihre grundsätzlichen Eigenarten bewahrten, damit der Autor seine Meisterschaft in beiderlei Form beweisen könne. Eine Anpassung der Volksreden an den Stil der Senatsreden oder umgekehrt ist demnach nicht zu erwarten.264 Die Reden cum senatui gratias egit und cum populo gratias egit sind als zusammengehöriges Paar einander sehr ähnlich. Beide müssen dem genus demonstrativum zugeordnet werden, die Volksrede kann sogar als verkürzte Fassung der Senatsrede betrachtet werden.265 In beiden verfolgt Cicero die gleichen 261 Vgl. dazu insbesondere die Arbeiten von Mack (1937) und Thompson (1978), von denen die folgende Darstellung aber in manchen Punkten abweicht. 262 Zur Zusammensetzung von Senat und Volksversammlung vor dem Hintergrund der Volksund Senatsreden vgl. Thompson (1978), 9 ff. Bei post reditum ad Quirites sei die Zusammensetzung des Publikums besonders breit gefächert, von equites bis zu einfachen Landbewohnern; vgl. Thompson (1978), 102. Doch erweisen sich ihre Belegstellen für diese These als nicht aussagekräftig; höchstens die Anführung der Optimaten Metellus und Popilius in der Volksrede könnte tatsächlich darauf hinweisen, dass nicht nur das ‚einfache Volk‘ anwesend war. 263 Vgl. Mack (1937), 83; 89f; Thompson (1978), 112; 125 ff.: Man sollte davon ausgehen, dass vor senatorischem Publikum anspruchsvollere Reden gehalten wurden als vor dem einfachen Volk. Aber die Volkreden scheinen eher sogar längere Sätze zu beinhalten; so ist schon die Länge des ersten Satzes der Rede ad Quirites auffällig. Auch Nicholson (1992), 106 bezeichnet diese als „more grand and luxurious than its companion“, er sieht in ihr mehr „sententious moralizing“ durch die Verwendung von Gemeinplätzen und Plattitüden. Eine Vereinfachung der Darstellung in der Volksrede lässt sich aber an mindestens einer Stelle erkennen: Der Unterteilung der Feinde Ciceros in vier Gruppen (Quir. 21: […] me quattuor omnino hominum genera violarunt, unum […] alterum […] tertium […] quartum […]). In der Senatsrede finden sich zwar auch alle vier Gruppen wieder, jedoch keineswegs in einer derart strukturierten und übersichtlichen Darstellung; vgl. Thompson (1978), 114 f. 264 Vgl. Mack (1937), 11. 265 Vgl. Nicholson (1992), 102. Die parallele Abfassung und Veröffentlichung von Senats- und Volksreden ist für Cicero nicht ungewöhnlich, bei de lege agraria I/II, in Catilinam I/II und bei den Philippicae III, IV, V und VI liegen ähnliche Fälle vor. https://doi.org/10.1515/9783110643091-003

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Absichten. Zum einen will er seinen Unterstützern danken, zum anderen unterschwellig sein eigenes Ansehen wiederherstellen.266 Aus diesem Grund muss auch der Inhalt beider Reden ähnlich sein. Es liegen an vielen Stellen der Volksrede die gleichen Gedankengänge wie in der Senatsrede vor, Formulierungen oder ganze Sätze werden mit nur leichten Abwandlungen wieder aufgegriffen.267 Eine Tabelle der auffälligsten Stellen, an denen sich der Ausdruck stark ähnelt, findet sich Kapitel 3.5.268 Dennoch ist bisweilen eine unterschiedliche Schwerpunktsetzung festzustellen, die in diesem Kapitel vorgestellt werden soll. Diese erklärt sich durch die grundsätzliche Verschiedenheit der Auftrittssituation und der Rezipienten. Während Cicero in der Senatsrede vor allem seine Beziehungen zu Senatsmitgliedern und Beamten durch die Danksagungen zu festigen sucht, geht es ihm in der Rede ad Quirites insbesondere um seine Stellung beim Volk.269 Bei einer großen Veranstaltung wie einer Rede vor dem Volk mussten die Themen allgemeiner, ‚holzschnittartig‘ dargestellt werden, Cicero durfte sich nicht in Details verlieren. Dies hätte pedantisch gewirkt und die Hörerschaft gelangweilt. Der Senat dagegen war politisch heterogener, weshalb Cicero bei seiner Rede dort Vorsicht walten lassen musste, zumal er selbst in keiner Position war, die es ihm erlaubt hätte, die Senatoren gegen sich aufzubringen. Seine Darstellung vor dem Volk ist demgegenüber viel gefühlsbetonter, die persönliche Ebene wird deutlich stärker in den Mittelpunkt gestellt. Es ist nicht unwahrscheinlich, dass es für Cicero reizvoll war, das gleiche Thema zwei Mal in unterschiedlicher Akzentuierung zu bearbeiten. Im Folgenden sollen einzelne Passagen der beiden Reden einander gegenübergestellt werden, um die feinen Unterschiede genauer herausstellen zu können. Zur besseren Übersichtlichkeit wurde eine Unterteilung in vier Kategorien vorgenommen: Die Redesituation, die Tagespolitik, die emotionale Ebene und die historische Dimension.

266 Dazu ausführlich s. u. in Kap. 5. 267 Eine auffällige Gemeinsamkeit ist bspw. die Verbindung von Pronomen in der 1. Sg. mit dem Begriff res publica, um die Zusammengehörigkeit von Ciceros Schicksal mit dem des Staates zu verdeutlichen; so bspw. in p. red. ad Quir. 14; 17; p. red. in sen. 6; 17; 23; 24; 32; 34; hierzu auch Thompson (1978), 59; 61; s. u. in Kap. 5. 268 Wenn lediglich die gleichen Gedanken verfolgt, aber andere Formulierungen verwendet wurden, so wurden die Stellen nicht in die Tabelle aufgenommen; würde man dies versuchen, wäre fast die gesamte Volksrede zu zitieren. 269 Vgl. Raccanelli (2012), 47.

3 Vergleich der Reden cum senatui gratias egit und cum populo gratias egit

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3.1 Redesituation Unter dieser Überschrift lässt sich der wohl auffälligste Unterschied zwischen den beiden Reden einordnen: das Fehlen der Invektive gegen Piso und Gabinius in der Volksrede.270 Dies liegt vermutlich darin begründet, dass politische Details in ihr pedantisch und kleinlich gewirkt hätten. Außerdem waren dem Volk möglicherweise nicht alle Zusammenhänge bekannt, sodass ihm manche Einzelheiten unverständlich geblieben wären. Aus demselben Grund sucht man die panegyrischen Elemente und das Lob auf einzelne Beamte in der Rede ad Quirites vergeblich. Derlei Ausführungen konnten nur im Senat ihre Wirkung entfalten, in der Volksrede waren sie fehl am Platz.271 Der Angriff auf die Konsuln des Jahres 58 v. Chr. wird in der Volksrede in einen Paragraphen (p. red. ad Quir. 13) gedrängt. Piso wird darin namentlich gar nicht genannt, während sein Name in der Rede vor dem Senat zwei Mal fällt (Luci Piso; p. red. in sen. 16 / Caesoninus Calventius; p. red. in sen. 13). Ferner ist zu notieren, dass Cicero an dieser Stelle in der Volksrede weniger die Konsuln und deren schändliches Verhalten angreift, sondern stattdessen die ihm wohlgesinnten Gruppen, den Senat und die Ritter, hervorhebt.272 Die Veränderung des Tons zeigt sich vor allem im Wechsel zur 3. Pers. Pl. Passiv in der Volksrede, sodass diese Gruppen als Subjekt auftreten, (senatus equitesque Romani […] vetarentur; p. red. ad Quir. 13), während in der Senatsrede (p. red. in sen. 16) noch das te consule, tuis edictis et imperiis im Mittelpunkt steht und die Gruppen im Dativ zu est licitum auftreten. Als weiterer Unterschied kann festgestellt werden, dass in der Senatsrede der Senat, in der Volksrede dagegen das Volk in den Vordergrund gestellt wird. Während aber in der Rede in senatu auch das Volk als wichtiger Unterstützer der Rückberufung immer wieder hervorgehoben wird, wird in ad Quirites der Senat fast völlig übergangen. Die Zuhörer sollen dort den Eindruck vermittelt bekommen, allein für Ciceros Rettung verantwortlich zu sein,273 wohingegen den Senatoren die Bedeutung von Ciceros Rückhalt bei der Bevölkerung noch einmal vor Augen geführt werden sollte. Dies ist neben den perorationes (p. red. in sen. 39 / p. red. ad Quir. 24–25) bspw. beim Vergleich von p. red. ad Quir. 11 mit p. red. in sen. 8 erkennbar: In der Senatsrede wird behauptet, Lentulus habe sein ganzes Konsulat dem Ziel untergeordnet, durch Ciceros Rückberufung die dignitas und auctoritas des Se-

270 Anspielungen finden sich bspw. in § 11 und § 15, aber eine echte Invektive fehlt in der Volksrede. 271 Vgl. Nicholson (1992), 102; s. u. in Kap. 5. 272 Auch wenn insgesamt die Rolle des Senats in der Volksrede in den Hintergrund tritt. 273 Zu dieser Intention in den Volksreden vgl. Mack (1937), 24.

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nats für die Nachwelt zu stärken. Die Betonung liegt also auf dem Senat – lediglich subtil eingeflochten ist hier, dass die Rückberufung eine so bedeutende Tat ist, dass sie das Ansehen des Senats erhöht, was Cicero gleichsam über diesen stellt.274 In der Volksrede steht Cicero selbst im Vordergrund; der Senat wird überhaupt nicht erwähnt. Auch müssen p. red. ad Quir. 5 und p. red. in sen. 2 angeführt werden. Dort werden die Güter aufgezählt, die Cicero durch die Rückberufung wiedererlangte. Diese habe er ursprünglich durch verschiedene Personengruppen bzw. die Götter erhalten, dann durch das Exil verloren und nun alle gleichzeitig zurückbekommen. In der Senatsrede liegen zwei Aufzählungen in Form einer Klimax mit jeweils dem Senat als letztem Glied vor, wobei hier auch das Volk eine zentrale Rolle einnimmt: parentes … deos immortales … populum Romanum … hunc ipsum ordinem / parentum … deorum immortalium … populi Romani … vestra. Eine weitere Aufzählung ist anders aufgebaut, aber auch in dieser findet sich das Volk: vobis … populo Romano … parentibus … dis immortalibus. Allerdings wird es ausschließlich dem Senat zugeschrieben, dass Cicero seine Güter jetzt wieder in Besitz hat, nicht dem Volk (wenngleich Cicero diesem Großes zu verdanken habe). In der Volksrede hingegen wird die Wiedererlangung der Güter ausschließlich dem Volk zugestanden, die Leistung des Senats wird mit keinem Wort erwähnt. In kurzen Gegenüberstellungen wird zunächst eine Personengruppe, der Cicero etwas zu verdanken habe, angeführt, aber nie der Senat, dann das Volk, durch das er es zurückerlangt habe. Die anschließende, der Senatsrede vergleichbare Aufzählung (nach dem Muster ‚Das, was wir x, y, z verdanken, haben wir nun durch euch zurückerhalten / schulden wir nun euch‘) ist zudem um ein Glied verkürzt, nämlich gerade um den Senat: parentibus … dis immortalibus … vobismet ipsis. Beim Vergleich von p. red. ad Quir. 6 und p. red. in sen. 37 fällt auf, dass Cicero in der Senatsrede behauptet, nur das Volk sei Ziel der Bitten der Verwandten der historischen exempla gewesen; ebenso in der Volksrede. Dort bot sich Cicero durch die alleinige Erwähnung des Volkes einmal mehr die Gelegenheit, die Bedeutung der Quirites zu steigern und sich bei ihnen einzuschmeicheln. In diese Reihe gehören ebenfalls p. red. ad Quir. 16 und p. red. in sen. 29, wo Cicero die Bemühungen des Pompeius um seine Rückberufung darstellt. In der Senatsrede lässt Cicero Pompeius vor Volk und Senat davon sprechen, dass sein Heil mit dem der Republik verbunden sei. In der Volksrede spricht Pompeius lediglich vor dem Volk; der Senat wird mit keinem Wort erwähnt.

274 Hierzu s. u. in Kap. 5.

3 Vergleich der Reden cum senatui gratias egit und cum populo gratias egit

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3.2 Tagespolitik In den beiden Reden werden mehrere Personen verschieden charakterisiert, darunter Pompeius. Seine Darstellung ist in der Volksrede positiver als in der Senatsrede, deren Sticheleien vor dem Volk fehlen.275 Dafür können vornehmlich p. red. ad Quir. 14 und p. red. in sen. 4 als Belege herangezogen werden: In der Rede in senatu ist es explizit Pompeius, der sein Leben non legum praesidio, sed parietum geschützt habe, ein Verhalten, das einer der großen politischen Figuren sicherlich nicht angemessen war (so auch in p. red. in sen. 5: tuto se venire in senatum arbitraretur; p. red. in sen. 29: domo se teneret), während Cicero die Formulierung vor dem Volk allgemeiner hält und ausschließlich auf die Verbrechen der Clodianer abhebt. Dort sind es die privati, die parietum se praesidio, non legum tuerentur. In der Volksrede wird Pompeius zudem als princeps (p. red. ad Quir. 16) des Einsatzes für die Beendigung des Exils bezeichnet (in der Senatsrede ist dies noch Lentulus; vgl. p. red. in sen. 8, obwohl Pompeius auch hier mehrfach als princeps bezeichnet wird – aber nicht i. S. v. „Vorkämpfer“ für Ciceros Rückberufung, sondern als princeps civitatis / omnium gentium oder als erster, der ganz Italien um Hilfe für Cicero bat; so in p. red. in sen. 4; 5; 29). Pompeius war, ähnlich wie Marius, beim Volk beliebt, das ihn als starken Mann an der Spitze des Staates sehen wollte. So konnte Cicero in der Volksrede einen der Helden des Volkes zum stärksten Unterstützer seiner Rückberufung machen und selbst durch die Nähe zu Pompeius profitieren. Dagegen war der Senat politisch heterogener. Cicero musste vorsichtiger vorgehen, um allen Richtungen gerecht zu werden. Ein übermäßiges Lob des Pompeius hätte gewiss nicht jedem gefallen und hätte vermutlich Ciceros Gefühlen nicht vollkommen entsprochen.276 Auch die Art, in der sich Cicero selbst präsentiert, ist unterschiedlich. In der Senatsrede beschreibt er sich vordergründig zumeist als bescheiden, in der Volksrede stellt er sich dagegen deutlich in den Mittelpunkt, was bspw. beim Vergleich der perorationes auffällt: In der Volksrede (p. red. ad Quir. 24–25) legt Cicero seine politischen Pläne selbstbewusst und ausführlich dar, während er

275 Dazu s. o. in Kap. 2.3.1. 276 Mack (1937), 41 begründet es dagegen so, dass den Senatoren ohnehin der wahre Ablauf der Ereignisse bekannt war, sodass ein Verschweigen der nicht immer loyalen Haltung des Pompeius nur unehrlich gewirkt hätte; vgl. Mack (1937), 38. Doch kann gegen Macks Sicht keine deutlich stärkere Präsenz des Pompeius in der Volksrede festgestellt werden. Zwar wird dort dessen Rede für Ciceros Rückberufung ausführlich zusammengefasst, doch findet sich in der Senatsrede ebenfalls ein ganzer Absatz zu seinem Einsatz (§ 29; neben weiteren rühmenden Erwähnungen).

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im Senat (p. red. in sen. 39) sagt, er wolle nur das leisten, was in seiner Macht stehe. Eine übertrieben selbstbewusste Selbstdarstellung wäre so kurz nach der Rückkehr aus dem Exil insbesondere vor den Politikern, die diese initiierten, sicherlich nicht angemessen gewesen. Vor dem Volk konnte Cicero sich sofort wieder als starker Mann präsentieren, während er vor dem Senat vor allem seinen Unterstützern danken und deren Bedeutung hervorheben musste. Gegen Mack277 kann ihm aber in der Rede in senatu keineswegs Bescheidenheit bescheinigt werden. Er geht hier lediglich subtiler vor: Indem er die Leistung des Senats, ihn aus dem Exil zurückzuholen, als wichtige Tat für den Staat lobt, lässt er sich selbst implizit als einen Mann erscheinen, der einer solchen Handlung würdig war. Hinzu kommen u. a. die Gleichsetzung mit der Republik und die Selbstdarstellung als Märtyrer (v. a. p. red. in sen. 32 ff.), der sich durch den Gang ins Exil aufopferte, um größeres Blutvergießen unter den Bürgern zu vermeiden.278 Trotzdem ist dieses Vorgehen in der Volksrede viel deutlicher und ausgeprägter.279 Dies zeigt sich zum Beispiel beim Vergleich von p. red. ad Quir. 9 f. und p. red. in sen. 38: In der Rede ad Quirites werden die Rückberufungen der historischen exempla direkt mit Ciceros eigener verglichen, wobei Cicero über den Vorgängern steht (eorum … me … illi … ego). In der Senatsrede findet sich dieser direkte Vergleich nicht, sondern wird lediglich impliziert, indem die exempla ohne expliziten Bezug auf Ciceros Fall angeführt werden.

3.3 Emotionale Ebene In der Volksrede ist die Darstellung trotz des Fehlens einer Invektive insgesamt gefühlsbetonter und pathetischer, es liegen weniger Vernunftargumente vor.280 So beschreibt Cicero dort seine Rückkehr als „personal triumph“, der durch den Einsatz des Volkes zustande kommen konnte.281 Allerdings sind auch in der

277 Vgl. Mack (1937), 20. 278 Weitere Methoden, mit denen Cicero sich in der Senatsrede selbst heraushebt und seine alte Position aus der Zeit vor dem Exil zurückzuerhalten versucht, werden in Kap. 4 dargestellt. 279 Das Selbstlob Ciceros in beiden Reden wirkte auf die antiken Zuhörer wohl nicht so übertrieben und unangemessen wie heute. Laut Plutarch war es zulässig, sich selbst zu loben, wenn man seinen Ruf gegen Angriffe verteidigen musste; vgl. Plut. Mor. 540c/d. So auch Quint. Inst. 11,1,23 f., der explizit Cicero als Beispiel anführt. 280 Vgl. Mack (1937), 25 f. Auch Claassen (1999), 159, die grundsätzlich feststellte, dass Cicero in der Senatsrede vor allem Lentulus, Metellus und Pompeius (also Politiker) als Urheber der Rückberufung herausstellt, in der Volksrede dagegen seinen Bruder und Schwiegersohn (also Familie). 281 Nicholson (1992), 103.

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Senatsrede viele pathetische Elemente (insbesondere in der Invektive) erkennbar. Die Rolle der Vernunftargumente ist, obwohl sie stärker als in der Parallelrede in den Vordergrund treten, untergeordnet. Cicero versucht bei beiden Gelegenheiten, Mitleid zu erwecken, spielt mehrfach auf seine Familie an, stellt sich als Opfer der Politik dar, lobt seine Unterstützer und zeigt indignatio gegenüber seinen Gegnern.282 In diesem Zusammenhang ist die Charakterisierung des Bruders Quintus auffällig. Dieser steht in der Volksrede stärker im Fokus, was bspw. beim Vergleich von p. red. ad Quir. 8 und p. red. in sen. 37 deutlich wird, wenn in der Volksrede drei Mal das Wort unus/unius in Bezug auf ihn und sein Wirken verwendet wird. In der Senatsrede findet sich diese Formulierung nur ein einziges Mal. Zudem wird Quintus in der Volksrede aktiver beschrieben: So heißt es dort, er habe selbst vestros oculos inflecteret […] desiderium mei memoriamque renovaret. Außerdem wird Ciceros Bruder noch in p. red. ad Quir. 3 ausführlich gelobt und in p. red. ad Quir. 7 hervorgehoben, während seine Leistungen in der Senatsrede nur in p. red. in sen. 37 explizit dargestellt werden. In der Rede an das Volk werden die Hilfsleistungen des Bruders in p. red. ad Quir. 8 der nur privaten Trauer von Ehefrau und Kindern gegenüberstellt (die Cicero vor dem Senat nicht erwähnt 283). Schließlich wird in der Volksrede auch das Wort amor in Bezug auf Quintus wiederholt, während es in der Senatsrede nur ein Mal genannt wird.284 Auch im Fall von Piso und Gabinius wird in der Volksrede das Persönliche stärker betont. So handeln sie nicht nur aus Gier und Verdorbenheit, sondern fürchten außerdem, eine Unterstützung Ciceros könne als Nepotismus bzw. Vergeltung einer Dankesschuld aufgefasst werden (ne gratiae causa facere viderentur; p. red. ad Quir. 11). Piso sei ja mit Cicero verwandt, während er Gabinius in einem Prozess verteidigt habe.285 Ihr Verhalten wird dadurch auf einer viel persönlicheren Ebene bewertet als in der Senatsrede, in der die Politik im Mittelpunkt steht.286 282 Zum pathos in den post reditum-Reden vgl. Nicholson (1992), 110 ff. 283 Ehefrau und Kinder hätten vor allem im Privaten ihren Schmerz erduldet und keine Bitten an die Öffentlichkeit getragen. Einerseits wird hier die private/persönliche Ebene weiter ausgeführt als in der Senatsrede, andererseits wird das Wirken des Bruders für Cicero, das direkt vorher ausführlich erwähnt wird, durch diesen Gegensatz stärker hervorgehoben. 284 Dagegen wird aber die Unterstützung des Schwiegersohns Piso in der Volksrede nur sehr kurz abgehandelt, während sie in der Senatsrede ausführlicher angeführt wird (p. red. ad Quir. 7 / p. red. in sen. 38). Dies erklärt Mack (137), 24 damit, dass Cicero in der Rede ad Quirites das Volk als unbeeinflussten, selbstständigen Helfer zur Rückberufung zeigen wollte, während er im Senat die politischen Wahrheiten darstellen konnte. 285 Vgl. Mack (1937), 33 f. 286 Zur stärkeren Gefühlsbetonung in den Volksreden vgl. Mack (1937), 22.

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Als weiteres Indiz dafür, dass in der Volksrede die Politik im Vergleich zum Gefühl zurücktreten muss, kann herangezogen werden, dass Cicero in ihr keinerlei rechtsstaatliche Argumente anführt, die in der Senatsrede zumindest am Rand auftauchen. So wird bspw. das Gesetz des Clodius, das u. a. jede Beratung über Ciceros Fall verbot und eine Rückberufung unmöglich machen sollte, in der Rede im Senat ausführlich mit der Reaktion des Lentulus dargestellt (p. red. in sen. 8), während es in der Volksrede, ebenso wie bspw. die lex Aelia et Fufia, überhaupt nicht erwähnt wird.287 Außerdem wird laut Thompson288 in der Rede ad Quirites eine besonders enge Verbindung zwischen Redner und Publikum durch die häufige Verwendung von vos und vester bewirkt, wodurch Ciceros Selbstdarstellung als Anführer des Volkes besonders stark in den Vordergrund gerückt werde. Thompsons Beobachtungen greifen jedoch zu kurz: Zwar kann in dem von ihr herangezogenen Abschnitt (p. red. ad Quir. 5 f.) eine ungewöhnliche Häufung der Pronomen erkannt werden (ebenfalls in p. red. ad Quir. 1), doch liegt im Hinblick auf den gesamten Text kein signifikanter Unterschied vor. Hingegen kann eine stärkere Präsenz der Götter in der Volksrede erkannt werden289: So heißt es in p. red. ad Quir. 18 (auch in p. red. ad Quir. 1), diese hätten Ciceros Rückberufung durch die niedrigeren Getreidepreise gutgeheißen, während er im Senat zwar von frugum ubertas bei seiner Rückberufung spricht, nicht aber von einem Einfluss der Götter. Einige andere Stellen, an denen sie in der Volksrede genannt werden, haben Entsprechungen in der Rede im Senat (z. B. Gleichsetzung des Volkes / der Senatoren mit den Göttern: p. red. ad Quir. 18; 25 / p. red. in sen. 30; Erlangen der Güter durch Götter, Eltern, Republik etc: p. red. ad Quir. 5 / p. red. in sen. 2). Dennoch liegt der Fokus in der Volksrede viel stärker auf ihnen. Vor allem die Häufigkeit der Erwähnung der di immortales o. Ä. ist auffällig. Seine Rückkehr deutet Cicero als ein Zeichen dafür, dass die Götter die Unterdrückung der Catilinarischen Verschwörung gutgeheißen hätten. Im Gegensatz dazu hat die Philosophie in der Senatsrede ihren Platz. So wird z. B. Piso als Epikureer verhöhnt (p. red. in sen. 14 f.).290

287 Vgl. Nicholson (1992), 105 f.; Mack (1937), 35. Allerdings bestreitet Thompson einen grundsätzlichen Unterschied zwischen Volks- und Senatsreden im Hinblick auf die Verwendung juristischer Fachtermini; vgl. Thompson (1978), IV. 288 Vgl. Thompson (1978), 62. 289 So schon Mack (1937), 76; vgl. auch Nicholson (1992), 104 f. 290 Vgl. Nicholson (1992), 105. Dagegen Thompson: Stoische Philosophie zeige sich oft in Volksreden; zudem sei die Verwendung religiöser oder philosophischer Topoi abhängig von den „particular circumstances of the issue being addressed“ und nicht vom Publikum. Überhaupt kämen Unterschiede zwischen Reden eher durch Zeit, Ort und Motive der Reden zustande als durch das Publikum; vgl. Thompson (1978), V; 138.

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Laut Mack291 wird zudem in der Volksrede die Situation in Rom zur Zeit von Ciceros Flucht viel ausführlicher dargestellt. Seine Angabe ist jedoch nicht zutreffend. Er vergleicht p. red. ad Quir. 14 (tribuni plebis vobis inspectantibus vulnerarentur […] consulis fasces frangerentur, deorum immortalium templa incenderentur […]) mit p. red. in sen. 29, wo tatsächlich nur sehr allgemeine Formulierungen anzutreffen sind (mecum leges, mecum quaestiones […] afuerunt). Jedoch übersieht er, dass sich in p. red. in sen. 7 die Stelle p. red. ad Quir. 14 in teilweise wörtlicher Übereinstimmung wiederfindet.

3.4 Historische Dimension Auch bei den historischen exempla liegen zwischen den beiden Reden Akzentverschiebungen vor.292 In der Senatsrede werden Popilius und Metellus gemeinsam behandelt, Marius dagegen von ihnen getrennt. Seine Rückkehr wird derjenigen Ciceros als Negativbeispiel gegenübergestellt (p. red. in sen. 37 f.).293 In der Volksrede, in der die Passage deutlich länger ist, stehen alle drei auf einer Stufe und werden als Einheit aufgefasst, wobei Marius positiver charakterisiert wird (p. red. ad Quir. 9).294 Diese Darstellung erklärt sich dadurch, dass Marius als popularer Politiker beim Volk beliebt war, im Senat (einem heterogenerem Publikum) dagegen deutlich weniger angesehen, möglicherweise gar verhasst war.295 Ebenso wie bei Pompeius musste Cicero im Senat also Vorsicht walten lassen, ihn nicht zu positiv zu beschreiben.296 In p. red. in sen. 38 heißt es daher, dass Marius non modo a senatu non est restitutus, sed reditu suo senatum cunctum paene delevit, in der Volksrede verwendet Cicero dagegen das Passiv

291 Vgl. Mack (1937), 39 f. 292 Vgl. Nicholson (1992), 102 f. 293 Vgl. van der Blom (2010), 208; Gnauk (1936), 42: Marius kehrte mit Waffengewalt nach Rom zurück, Cicero als Mann des Friedens. 294 Dass überhaupt in der Volksrede nicht nur Marius, sondern auch die Optimaten Metellus und Popilius genannt werden, deutet laut Thompson auf die Zusammensetzung des Publikums hin; sie nimmt dies als Argument dafür, dass eine hohe Zahl equites im Publikum anwesend war; vgl. Thompson (1978), 102. 295 Vgl. Nicholson (1992), 102; Mack (1937), 26 f.; Claassen (1999), 159 f. Zur Rolle und Bedeutung des Marius für die populare Politik vgl. bspw. Martin (1965), 168–191. Das Verhältnis des Marius zu den Optimaten wurde allerdings bisweilen diskutiert, so von Frank (1955), 149 ff., die von freundschaftlichen Beziehungen zumindest in den Jahren 99 bis 89 v. Chr. ausgeht. 296 Marius diente Cicero v. a. hinsichtlich des Mutes in persönlichem Unglück als Vorbild; zum Verhältnis Ciceros zu Marius vgl. Gnauk (1936), 14–67 (zur Zeit nach dem Exil insb. 38– 46); Carney (1960), 83–122; zu Marius als historischem exemplum bei Cicero s. u. im Kommentarteil zu § 38.

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(p. red. ad Quir. 10: oppresso senatu est restitutus). Auf die Gewalt nach der Rückkehr wird zwar auch in der Volksrede mehrfach angespielt, aber eine so negative Konnotation wie im Senat sucht man vergeblich, sogar dort, wo Cicero seine friedliche Rückberufung mit der gewalttätigen des Marius kontrastiert (p. red. ad Quir. 20; ähnlich p. red. ad Quir. 7; 10).297 Schließlich wird Marius in der Volksrede mit verherrlichenden Epitheta verbunden. Er sei von praestantissima […] gloria (p. red. ad Quir. 7), sein Schicksal sei indignissima […] (p. red. ad Quir. 7), er wird als custo[s] civitatis atque imperi vestri (p. red. ad Quir. 9) bezeichnet. Seine Sonderstellung zeigt sich ferner darin, dass er in der Volksrede häufiger erwähnt wird: Er wird dort sechs Mal (p. red. ad Quir. 7; 9; 10; 11; 19; 20) genannt, während er in der Senatsrede nur ein einziges Mal am Schluss in p. red. in sen. 38 Erwähnung findet. Die positive Darstellung des Marius ersetzt gleichsam die fehlende Huldigung an Caesar, der mit Marius verwandt und ebenfalls ein popularer Politiker war. Cicero widerstrebte es vermutlich persönlich, Caesar nach seiner Rückkehr positiv hervorzuheben (daher auch die boshafte Anspielung in p. red. in sen. 32), er musste diesem aber zumindest auf indirekte Art danken, wenn er nicht einen erneuten Bruch mit ihm riskieren wollte. Auffällig ist zudem beim Vergleich von p. red. ad Quir. 20 und p. red. in sen. 39, dass Cicero in der Volksrede die Worte, die er vor dem Senat als seine eigenen ausgibt (er habe seine virtus nie verloren), Marius in den Mund legt. Diese Aussage hätte aus dem Mund des Marius diesen im Senat zu positiv erscheinen lassen, beim Volk hingegen konnte sie ihre Wirkung voll entfalten.

297 Dagegen aber bspw. Riggsby (2002), 162.

cum senatui gratias egit

Qui mihi fratrem optatissimum, me fratri amantissimo […] reddidistis

Quae tanta enim potest exsistere ubertas ingeni, quae tanta dicendi copia, quod tam divinum atque incredibile genus orationis, quo quisquam possit vestra in nos universa promerita non dicam complecti orando, sed percensere numerando.

Quod si parentes carissimos habere debemus, quod ab iis nobis vita, patrimonium, libertas, civitas tradita est, si deos immortalis, quorum beneficio et haec tenuimus et ceteris rebus aucti sumus, si populum Romanum, cuius honoribus in amplissimo consilio et in altissimo gradu dignitatis atque in hac omnium terrarum arce conlocati sumus, si hunc ipsum ordinem, a quo saepe magnificentissimis decretis sumus honestati, immensum quiddam et infinitum est quod vobis debeamus, qui vestro singulari studio atque consensu parentum beneficia, deorum immortalium munera, populi Romani honores, vestra de me multa iudicia nobis uno tempore omnia reddidistis, ut, cum multa vobis, magna populo Romano, innumerabilia parentibus, omnia dis immortalibus debeamus, haec antea singula per illos habuerimus, nunc universa per vos reciperarimus.

[…] quo quisquam possit vestra in nos universa promerita non dicam complecti orando, sed percensere numerando.

§

1

1

2

1

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5

5

3

§

Nam cum in ipso beneficio vestro tanta magnitudo est, ut eam complecti oratione non possim […]

A parentibus, id quod necesse erat, parvus sum procreatus, a vobis natus sum consularis. […] Di immortales mihi liberos dederunt, vos reddidistis. Multa praeterea a dis immortalibus optata consecuti sumus; nisi vestra voluntas fuisset, omnibus divinis muneribus careremus. Vestros denique honores, quos eramus gradatim singulos adsecuti, nunc a vobis universos habemus, ut quantum antea parentibus, quantum dis immortalibus, quantum vobismet ipsis, tantum hoc tempore universum cuncto populo Romano debeamus.

Ut intellegere possitis neminem umquam tanta eloquentia fuisse neque tam divino atque incredibile genere dicendi, qui vestram magnitudinem multitudinemque beneficiorum, quam in me fratremque meum et liberos nostros contulistis, non modo augere aut ornare oratione, sed enumerare aut consequi possit.

[…] postea quam vos me illi et mihi eum reddidistis.

cum populo gratias egit

3.5 Die auffälligsten Parallelen der Reden cum senatui gratias egit und cum populo gratias egit 3 Vergleich der Reden cum senatui gratias egit und cum populo gratias egit

53

cum senatui gratias egit

Pro me non ut pro Publio Popilio, nobilissimo homine, adulescentes filii, non propinquorum multitudo populum Romanum est deprecata, non ut pro Q. Metello, summo et clarissimo viro, spectata iam adulescentia filius, non L. et C. Metelli consulares, non eorum liberi, non Q. Metellus Nepos, qui tum consulatum petebat, non Luculli, Servilii, Scipiones, Metellarum filii flentes ac sordidati populo Romano supplicaverunt […]

Nam C. quidem Marius, qui hac hominum memoria tertius ante me consularis tempestate civili expulsus est, non modo a senatu non est restitutus, sed reditu suo senatum cunctum paene delevit.

Alter fuit propugnator mearum fortunarum et defensor adsiduus summa virtute et pietate C. Piso gener […]

[…] unus frater, qui in me pietate filius, consiliis parens, amore, ut erat, frater inventus est, squalore et lacrimis et cotidianis precibus desiderium mei nominis renovari et rerum gestarum memoriam usurpari coegit.

Qui cum statuisset, nisi me per vos reciperasset, eandem subire fortunam atque idem sibi domicilium et vitae et mortis deposcere, tamen numquam nec magnitudinem negoti nec solitudinem suam nec vim inimicorum ac tela pertimuit.

§

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(fortgesetzt)

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§

[…] qui statuerat, Quirites, si vos me sibi non reddidissetis, eandem subire fortunam; tanto in me amore exstitit ut negaret fas esse non modo domicilio, sed ne sepulcro quidem se a me esse seiunctum.

Frater erat unus, qui suo squalore vestros oculos inflecteret, qui suo fletu desiderium mei memoriamque renovaret […] Unus hic, quidem in foro posset esse mihi pietate filius inventus est, beneficio parens, amore idem qui semper fuit frater.

At me […] C. Pisonis, generi mei, divina quaedam et inaudita auctoritas atque virtus fratrisque miserrimi atque optimi cotidianae lacrimae sordesque lugubres a vobis deprecatae sunt.

Nam C. Mari, qui post illos veteres clarissimos consulares hac vestra patrumque memoria tertius ante me consularis subiit indignissimam fortunam praestantissima sua gloria, dissimilis fuit ratio; non enim ille deprecatione rediit, sed in discessu civium exercitu se armisque revocavit.

Non enim pro meo reditu ut pro P. Popili, nobilissimi hominis, adulescentes filii et multi praeterea cognati atque adfines deprecati sunt, non ut pro Q. Metello, clarissimo viro, iam spectata aetate filius, non Lucius Diadematus consularis, summa auctoritate vir, non C. Metellus censorius, non eorum liberi, non Q. Metellus Nepos, qui tum consulatum petebat, non sororum filii, Luculli, Servilii, Scipiones; permulti enim tum Metelli aut Metellarum liberi pro Q. Metelli reditu vobis ac patribus vestris supplicaverunt.

cum populo gratias egit

54 A Einleitung

[…] qui denique nosmet ipsos nobis reddidistis.

Nihil umquam senatus de P. Popilio decrevit, numquam in hoc ordine de Q. Metello mentio facta est; tribuniciis sunt illi rogationibus interfectis inimicis denique restituti, cum alter eorum senatui paruisset, alter vim caedemque fugisset. Nam C. quidem Marius, qui hac hominum memoria tertius ante me consularis tempestate civili expulsus est, non modo a senatu non est restitutus, sed reditu suo senatum cunctum paene delevit. Nulla de illis magistratuum consensio, nulla ad rem publicam defendendam populi Romani convocatio, nullus Italiae motus, nulla decreta municipiorum et coloniarum exstiterunt.

Princeps P. Lentulus, parens ac deus nostrae vitae, fortunae, memoriae, nominis, hoc specimen virtutis, hoc indicium animi, hoc lumen consulatus sui fore putavit, si me mihi, si meis, si vobis, si rei publicae reddidisset. […] quid omnino egit aliud nisi ut me conservato vestram in posterum dignitatem auctoritatemque sanciret?

Quo quidem mense quid inter me et meos inimicos interesset existimare potuistis. Ego meam salutem deserui, ne propter me civium vulneribus res publica cruentaretur; illi meum reditum non populi Romani suffragiis sed flumine sanguinis intercludendum putaverunt.

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9 f.

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Hic tantum interfuit inter me et inimicos meos. Ego […] cum armis decertare pro mea salute nolui, quod et vincere et vinci luctuosum rei publicae fore putavi. At inimici mei, mense Ianuario cum de me ageretur, corporibus civium trucidatis flumine sanguinis meum reditum intercludendum putaverunt.

Kalendis vero Ianuariis postea quam orba res publica consulis fidem tamquam legitimi tutoris imploravit, P. Lentulus consul, parens, deus, salus nostrae vitae, fortunae, memoriae, nominis, simul ac de sollemni deorum religione rettulit, nihil humanarum rerum sibi prius quam de me agendum iudicavit.

Numquam de P. Popilio, clarissimo ac fortissimo viro, numquam de Q. Metello, nobilissimo et constantissimo cive, numquam de C. Mario, custode civitatis atque imperi vestri, in senatu mentio facta est. Tribuniciis superiores illi rogationibus nulla auctoritate senatus sunt restituti, Marius vero non modo non a senatu sed etiam oppresso senatu est restitutus, nec rerum gestarum memoria in reditu C. Mari sed exercitus atque arma valuerunt; at de me ut valeret semper senatus flagitavit, ut aliquando proficeret, cum primum licuit, frequentia atque auctoritate perfecit. Nullus in eorum reditu motus municipiorum et coloniarum factus est, at me in patriam ter suis decretis Italia cuncta revocavit. illi inimicis interfectis, magna civium caede facta reducti sunt, ego iis a quibus eiectus sum provincias obtinentibus, inimico autem, optimo viro et mitissimo, , altero consule referente reductus sum, cum is inimicus qui ad meam perniciem vocem suam communibus hostibus praebuisset spiritu dumtaxat viveret, re quidem infra omnes mortuos amandatus esset.

Qua re hoc maius est vestrum in nos promeritum, quod non multitudini propinquorum, sed nobismet ipsis nos reddidistis.

3 Vergleich der Reden cum senatui gratias egit und cum populo gratias egit

55

[…] servos simulatione collegiorum nominatim esse conscriptos, copias omnis Catilinae paene isdem ducibus ad spem caedis et incendiorum esse revocatas […]

Tu misericors me […] constrictum inimicis rei publicae tradidisti […]

Te consule, tuis edictis et imperiis senatui populi Romani non est licitum non modo sententiis atque auctoritate sua, sed ne luctu quidem ac vestitu rei publicae subvenire?

Quo quidem tempore, cum is excessisset qui caedi et flammae vobis auctoribus restiterat, cum ferro et facibus homines tota urbe volitantis, magistratuum tecta impugnata, deorum templa inflammata, summi viri et clarissimi consulis fasces fractos, fortissimi atque optimi tribuni plebis sanctissimum corpus non tactum ac violatum manu, sed vulneratum ferro confectumque vidistis.

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Sed cum viderem me non diutius quam ipsam rem publicam ex hac urbe afuturum, neque ego illa exterminata mihi remanendum putavi, et illa simul atque revocata est me secum pariter reportavit.

Nec enim eguissem medicina consulari, nisi consulari vulnere concidissem.

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[…] princeps autem civitatis non legum praesidio sed parietum vitam suam tueretur […]

cum senatui gratias egit

§

(fortgesetzt)

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13

§

[…] dubitarem, quin is me confectum consularibus vulneribus consulari medicina ad salutem reduceret?

Itaque neque re publica exterminata mihi locum in hac urbe esse duxi, nec, si illa restitueretur, dubitavi, quin me secum ipsa reduceret.

Ego autem in qua civitate nihil valeret senatus, omnis esset impunitas, nulla iudicia, vis et ferrum in foro versaretur, cum privati parietum praesidio non legum tuerentur, tribuni plebis vobis inspectantibus vulnerarentur, ad magistratuum domos cum ferro et facibus iretur, consulis fasces frangerentur, deorum immortalium templa incenderentur, rem publicam esse nullam putavi.

[…] cum senatus equites Romani flere pro me ac mutata veste vobis supplicare edictis atque imperiis vetarentur […]

[…] cum duo consules empti pactione provinciarum auctores se inimicis rei publicae tradidissent, cum egestatem, avaritiam, libidines suas viderent expleri non posse nisi constrictum domesticis hostibus dedidissent […]

[…] cum homines in tribunali Aurelio palam conscribi centuriarique vidissem, cum intellegerem veteres ad spem caedis Catilinae copias esse revocatas […]

cum populo gratias egit

56 A Einleitung

[…] virtute, gloria, rebus gestis Cn. Pompeius omnium gentium, omnium saeculorum, omnis memoriae facile princeps […]

Qui non solum apud vos, qui omnes idem sentiebatis, sed etiam apud universum populum salutem populi Romani et conservatam per me et coniunctam esse cum mea dixerit […]

Mecum leges, me cum quaestiones, mecum iura magistratuum, mecum senatus auctoritas, mecum libertas, mecum etiam frugum ubertas, mecum deorum et hominum sanctitates omnes et religiones afuerunt.

[…] non committam, patres conscripti, ut, cum ea mihi sint restituta quae in potestate mea non fuerunt, ea non habeam quae ipse praestare possim, praesertim cum illa amissa reciperarim, virtutem et fidem numquam amiserim.

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[…] reciperata vero sua dignitate se non commissurum ut, cum ea quae amiserat sibi restituta essent, virtutem animi non haberet, quam numquam perdidisset.

[…] dis denique immortalibus frugum ubertate, copia, vilitate reditum meum comprobantibus […]

Primum vos docuit meis consiliis rem publicam esse servatam causamque meam cum communi salute coniunxit […]

Quorum princeps ad cohortandos vos et ad rogandos fuit Cn. Pompeius, vir omnium qui sunt, fuerunt, erunt virtute, sapientia, gloria princeps.

3 Vergleich der Reden cum senatui gratias egit und cum populo gratias egit

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4 Ziele und Strategie Ciceros Die Rede cum senatui gratias egit, in der Cicero sich bei seinen politischen Freunden bedankt und seine politischen Gegner beschimpft, zählt zum genus demonstrativum.298 Unterschwellig aber zeigt sich eine andere Motivation, die Cicero stärker geleitet haben dürfte als der Wunsch zu loben und zu tadeln: Er wollte seine politische Stellung, die er vor dem Exil innegehabt hatte, zurückerlangen und so mit voller Kraft wieder in das politische Geschehen in Rom einsteigen.299 Dafür verwendet er verschiedene Mittel der Leser- bzw. Hörerlenkung, die in diesem Kapitel zum besseren Verständnis des Subtexts der Rede in Kürze vorgestellt werden sollen. Der Übersichtlichkeit halber werden die Mittel, die in den vorangehenden Kapiteln bereits angesprochen wurden, hier erneut aufgegriffen und in den übergeordneten Zusammenhang der Ziele und Strategie Ciceros eingeordnet.300 Lob und Tadel selbst dienen nicht nur dem offensichtlichen Zweck, sondern haben noch weitere Implikationen: Die römische Politik beruhte auf persönlichen Verbindungen, die durch öffentlichen Dank gestärkt werden konnten. Man erwartete von Cicero, dass er seine Schuld bei denen, die ihn aus dem Exil gerettet hatten, bspw. durch eine Rede begleichen würde.301 Daher versuchte er wohl auch, das schwankende Verhalten einiger seiner Unterstützer zu verschweigen oder zu verzeihen (wie bei Pompeius oder Metellus), um die Beziehungen zu ihnen nicht sofort wieder zu belasten und seine eigene Position in Rom zu schwächen. Außerdem waren nur wenige Personen, denen Cicero überschwänglich dankte, persönlich mit ihm befreundet.302 Es handelte sich zu-

298 Eine grundsätzliche Strategie der Gegensätze, nicht nur zwischen den Jahren 58 und 57 v. Chr., sondern auch innerhalb eines Jahres und in Bezug auf Einzelpersonen, zieht sich durch die gesamte Rede; vgl. Nicholson (1992), 114 f. In diesem Zusammenhang lässt sich eine Vereinfachung der Geschichte beobachten, z. B. in den Konzepten ‚gute Konsuln‘ vs. ‚schlechte Konsuln‘, ohne dass bspw. berücksichtigt werden würde, dass Gabinius im Laufe des Jahres 58 v. Chr. auf Ciceros Seite wechselte und dass Metellus erst nach viel Überzeugungsarbeit einer Rückberufung zustimmte. 299 Dies ist in der Forschung unumstritten; vgl. u. a. Raccanelli (2012), 47; Kurczyk (2006), 219; May (1988), 89; Nicholson (1992), 23 f. 300 Die Gliederung dieses Kapitels greift in Teilen auf den entsprechenden Abschnitt in der Monographie Nicholsons (1992), 23–45 zurück, jedoch mit stärkerer Fokussierung auf die Rede cum senatui gratias egit anstelle sämtlicher post reditum-Reden. Auf diese wird nicht näher eingegangen; nur wenn sie neue Aspekte für die Argumentation enthalten, werden sie angeführt. Zum größten Teil aber finden sich ihnen nur weitere Belege für die Aspekte, die schon diese Rede bietet. 301 Vgl. Nicholson (1992), 45 ff. 302 Vgl. Nicholson (1992), 47. https://doi.org/10.1515/9783110643091-004

4 Ziele und Strategie Ciceros

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meist um politische Zweckverbindungen, die auf der Hoffnung auf zukünftige Gegenleistungen oder auf der politischen Stimmung in Rom beruhten.303 Ciceros Selbstdarstellung entfaltet sich, indem er viele Personen aus vielen verschiedenen Bereichen des politischen und privaten Lebens lobt, die sich für eine Rückberufung eingesetzt hatten. Er war – so der Subtext – einer so ruhmreichen Rettung würdig und lobt somit unterschwellig nicht nur den Senat, das Volk, die Prätoren, Volkstribune, Triumvirn etc., sondern vor allem sich selbst. Jemand, dem eine solche Behandlung zuteilwerden konnte, muss als eine der wichtigsten Persönlichkeiten Roms gelten und hatte seine alte Stellung eigentlich schon wieder erlangt. Das Selbstlob Ciceros zieht sich auch in anderen Zusammenhängen durch die Reden post reditum und ist in ihnen topisch.304 Auch die Invektive gegen Piso und Gabinius ist nicht nur Selbstzweck. Wenn freundschaftliche Verbindungen ein zentraler Teil der römischen Politik waren, mussten es ebenso Feindschaften sein. Ebenso wie der Dank für die Unterstützer, wurde von Cicero erwartet, dass er seine Gegner in einer Invektive demütigte. Neben der offensichtlichen persönlichen Rache spielt hier vor allem die Diskreditierung und Zerstörung der Karriere der Konsuln des Jahres 58 v. Chr. eine Rolle, durch die die Ungerechtigkeit des Exils hervorgehoben werden sollte. Wenn Verbrecher für Ciceros Schmach verantwortlich waren, kann es sich bei dem Exil nur um eine ungerechte und unverdiente Strafe handeln.305 Cicero erzielt hiermit zudem den gleichen Effekt wie mit dem Lob der

303 Zu den Gegenleistungen zählten bspw. die Prozesse, die Cicero für Sestius, Milo, Plancius und andere führte. Zu diesen temporären persönlichen Verbindungen in der römischen Politik, die den Staat im Gegensatz zu festen Parteien lenkten, den factiones, vgl. Seager (1972), 53– 58; Nicholson (1992), 46. 304 So z. B. Kurczyk (2006), 215. Vgl. Plutarchs de laude ipsius, wenngleich deutlich nach Ciceros Zeit entstanden. Dieser stellte (1.) Situationen dar, in denen Selbstlob gerechtfertigt und erlaubt ist, sowie (2.) die Arten, wie es vorgebracht werden sollte. Viele der von ihm genannten Aspekte treffen auf Ciceros Fall und diese Rede zu: Zu (1.) zähle u. a., (a) sich gegen Verleumdungen und ungerechte Anklagen zu verteidigen (§ 4) (hier die Behauptung, die Hinrichtung der Catilinarischen Verschwörer sei unrecht gewesen; auch wenn Plutarch als Gegenbeispiel anführt, wie Cicero keineswegs aus Notwendigkeit immer wieder mit der Niederschlagung der Verschwörung prahlte); (b) allgemein im Unglück Stärke zu zeigen (§ 5); (c) sich als Politiker zu wehren, wenn einem Unrecht geschehe (§ 6); (d) sich zu verteidigen, wenn eigentliche Großtaten ungerechterweise herabgesetzt werden (§ 7). Zu (2.) zähle es, (a) die Zuhörer und Gesinnungsgenossen (hier die Volkstribune, Prätoren etc.) zu loben: Der Zuhörer freue sich über das Eigenlob, da sein Lob damit verbunden sei, und danke dem Redner (§§ 9–10); (b) sein Eigenlob so darzustellen, dass es mit Gefahr für die eigene Person verbunden sei (§ 14) (hier bspw. die Darstellung der Situation in Rom Anfang des Jahres 58 v. Chr., die Cicero zur Flucht bewogen habe); (c) seine Gegner zu demütigen (§ 16); vgl. Ingenkamp (1971), 62–69. 305 Vgl. erneut Plutarchs de laude ipsius; Nicholson (1992), 90 f.

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A Einleitung

Unterstützer: Er stellt sich selbst als bedeutende Figur in der römischen Politik dar. Wenn Piso und Gabinius ihr Konsulatsjahr vornehmlich für die Exilierung und Zerstörung Ciceros verwendeten,306 müsse er den Gegnern der Republik so sehr im Weg gestanden haben, dass seine bloße Anwesenheit in Rom ihr Vorhaben gefährdet haben könnte. Also lässt sich erneut ein hohes Maß an Eigenlob und Selbstüberhöhung feststellen. Die Unrechtmäßigkeit des Exils wird auch auf anderen Wegen hervorgehoben.307 Cicero bedient sich dafür verschiedener Argumente: Zunächst bezeichnet er mehrfach die lex Clodia de exilio Ciceronis als privilegium (bzw., in diesem Zusammenhang als Synonym zu verstehen, als proscriptio),308 also als ein gemäß dem Zwölftafelgesetz verbotenes Gesetz, das sich spezifisch auf eine Person bezog.309 Zudem betont er, dass er ohne Urteil aus Rom verbannt worden sei.310 Allerdings war Cicero bereits geflohen, bevor ein Prozess geführt werden und ein Urteil gesprochen werden konnte.311 Ebenso liegt eine gewisse Ironie vor, wenn Cicero sich darüber beschwert, ohne Urteil verbannt worden zu sein, da der offizielle Grund für die Verbannung der war, dass er die Catilinarier ohne vorangehendes Urteil hatte hinrichten lassen. Als Argument dafür, dass sein Exil illegal war, führt Cicero auch an, dass die Konsuln Piso und Gabinius bestochen worden seien, indem ihnen ihre Wunschprovinzen zugewiesen wurden.312

306 Es werden in der Invektive keine anderen Taten der beiden dargestellt als die Zerstörung Ciceros und der Republik. 307 Vgl. zudem bspw. Riggsby (2002), 168 f. 308 In dieser Rede in § 4; § 8; § 29. 309 Belegstellen hierzu im Kommentarteil zu § 29. 310 Vgl. § 8: sine iudicio una cum senatu rei publicae esset ereptus. 311 Somit handelt es sich laut Nicholson bei dem Gesetz gegen ihn um „a formal declaration of outlawry against one who had already fled prosecution in order to escape an anticipated condemnation.“; vgl. Nicholson (1992), 30; auch Greenidge (1901), 316. Es geschah oft, dass Angeklagte vor einer Urteilsverkündung flohen, um dem Tod zu entgehen. Daraufhin wurde üblicherweise die interdictio aquae et ignis ausgesprochen, um zu verhindern, dass der Angeklagte im folgenden Amtsjahr unter neuen Magistraten zurückkehren konnte. In Ciceros Fall war es zwar noch zu keinem Prozess gekommen, aber dennoch hatte er durch seine Flucht die Aussichtslosigkeit seines Falles eingestanden und somit die Interpretation eines exilium iustum ermöglicht; vgl. Bleicken (1975), 206 f. 312 Vgl. §§ 4; 10; 32. Weitere Rechtsargumente in anderen Reden: Die lex Clodia wurde im concilium plebis verabschiedet, das gar nicht die Befugnis dazu hatte; vgl. Sest. 65. Clodius habe selbst für die Durchführung seines eigenen Gesetzes gesorgt, was aber verboten gewesen sei; vgl. dom. 51. Außerdem sei die Adoption des Clodius illegal gewesen und somit alle seine Gesetze nichtig; vgl. dom. 77; Nicholson (1992), 30 f. Auch der Verlust des römischen Bürgerrechts, der üblicherweise mit einer interdictio aquae et ignis sowie der Flucht vor Kapitalprozessen einherging, sobald man am Ort des Exils angekommen war (das dortige Bürgerrecht durfte man annehmen), war in Ciceros Augen nicht rechtmäßig: Es sei ihm gegen seinen Wil-

4 Ziele und Strategie Ciceros

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Aus diesen Gründen spricht Cicero von seinem Exil nie als exilium und nennt sich selbst nie exul, da er sonst die Rechtmäßigkeit des Gesetzes anerkannt hätte. Stattdessen verwendet er verschiedene, zum Teil euphemistische Umschreibungen, wie z. B. discessus,313 profectio314 und calamitas315. Hierdurch stellt er sein Verlassen der Stadt Rom nicht als erzwungenes Exil, sondern als freiwillige Abwesenheit dar, die er nur auf sich genommen habe, um die Republik vor Schaden zu bewahren. Bei calamitas schwingt zudem die Konnotation der Gefahr für Cicero mit, da er vor ruchlosen Verbrechern fliehen musste. Cicero mag besorgt gewesen sein, dass das Publikum den Begriff ‚Exil‘ als Zeichen der Schande und Eingeständnis eines Fehlverhaltens sehen könnte, und verwendete deshalb lieber Worte ohne derartige Konnotationen.316 Außerdem überhöht Cicero sein Exil als noble Tat, die ihn als ‚Märtyrer‘ zeigt, der für die Republik Leid auf sich nahm.317 Er habe durch seinen Weggang aus Rom die Republik gerettet und weiteres Blutvergießen und Schaden für den Staat vermieden (§ 6).318 Auch dies ist einer der zentralen Topoi dieser Rede und wird an verschiedenen Stellen betont, v. a. in §§ 32–34 und § 36; auch in § 4 und § 6.319 Die Stilisierung zum unermüdlichen Kämpfer für die res publica geht noch weiter: Schon die Niederschlagung der Catilinarischen Verschwörung und das Vorgehen am 5. Dezember 63 v. Chr. sei – so Cicero – ein Einsatz für den Staat gewesen. Dieser finde eine Fortsetzung in seinem Verhalten im Jahr 58 v. Chr. Er habe somit gleich zwei Mal die Republik gerettet.320 Seine Rückberufung müsse als Anerkennung der Legitimität seiner Handlungen im Konsulatsjahr interpretiert werden, da mit dem Exil auch dessen Grund, der Vorwurf,

len durch einen Volksbeschluss aberkannt worden; vgl. dom. 77 f.; Caec. 100; auch Gai. 1,128; Nicholson (1992), 140; RE 6,2 (1909), 1683 ff.; Strachan-Davidson (1912), 28 f.; Claassen (1992), 23. Zu den Rechtsargumenten in den Reden post reditum vgl. Nicholson (1992), 29–32. 313 Vgl. §§ 3; 19. 314 Vgl. § 23. 315 Vgl. §§ 20; 24; 36. 316 Zu Ciceros Umschreibungen für sein Exil vgl. Robinson (1994), 475–480, der hierfür Ciceros Gesamtwerk untersuchte. Cicero verwendet Begriffe wie exilium nur dann, wenn er explizit auf Vorwürfe, er sei ein exul, reagiert. In parad. 27 ff. bspw. argumentiert er, dass er nicht im Exil gewesen sei, da die Republik schon nicht mehr bestand; vgl. Robinson (1994), 476 f. Zu den post reditum-Reden vgl. zudem Nicholson (1992), 30 f. 317 Zur Entwicklung dieses Topos in den Reden nach dem Exil bis zur Darstellung des Exils als heroische Tat eines Helden, der nie den Tod fürchtete, vgl. Claassen (1999), 158 ff. 318 Obwohl er in seinen Briefen zugibt, dass die Flucht aus Rom ein Fehler war; vgl. Att. 3,15,5. 319 Zu weiteren Belegstellen s. u. § 6; vgl. Kurczyk (2006), 216; May (1988), 97; Nicholson (1992), 30; 37–39. 320 U. a. in p. red. in sen. 36; Pis. 78; Sest.49; dom. 76; 99.

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dass die Hinrichtung der Verschwörer illegal war, aufgehoben worden sei. Zudem spielt Cicero darauf an, dass der Senat die Hinrichtung der Verschwörer unterstützt habe; so in §§ 7, 32 und 33, wodurch er ihn für das damalige Vorgehen mitverantwortlich macht. Ebenso hätten die comitia centuriata durch die Rückberufung die Handlungen seines Konsulats gutgeheißen.321 Durch die häufige Betonung seiner Leistungen als Konsul versucht Cicero zudem, seine politische Stellung erneut zu festigen.322 Die Hinweise auf die Catilinarische Verschwörung dienen aber noch einem weiteren, offensichtlicheren Ziel, das insbesondere in der Senatsrede im Vordergrund steht: Die gegenwärtigen Gegner werden an verschiedenen Stellen mit den Verschwörern in Beziehung gesetzt, wodurch die Unrechtmäßigkeit ihrer Handlungen weiter hervorgehoben werden soll. Sie würden das Vorhaben Catilinas fortsetzen wollen. Cicero stilisiert seine Exilierung zu einem Angriff auf die Republik und erklärt seine Gegner zu Staatsfeinden. Zum einen wird ein Gesetz des Clodius angeführt, das es Cicero erlaubt haben soll, zurückzukehren, wenn die Catilinarischen Verschwörer wieder zum Leben erwachen sollten,323 zum anderen werden die Clodianer als copia[e] omnis Catilinae (§ 33; auch 32) bezeichnet.324 Auch Piso und Gabinius werden in diesen Vergleich einbezogen. So behauptet Cicero, zwischen Gabinius und Catilina habe ein homosexuelles Verhältnis bestanden (§§ 10; 12), und die Beschreibung der Aussagen der Konsuln im Circus Flaminius weist auf Zuneigung zu den Catilinariern hin (§§ 13; 17).325 Hiermit verbunden ist ein weiterer Topos, der sich durch die ganze Rede zieht: die Gleichsetzung Ciceros mit der Republik.326 Piso und Gabinius hätten ihn non modo deseruerunt in causa praesertim publica et consulari, sed prodiderunt, oppugnarunt (§ 10); sie seien gegen die Ritter und Senatoren vorgegangen, die sich für Cicero einsetzten (§ 12), und hätten ihnen – schlimmer als Tyran-

321 Vgl. § 26. Zu dieser Strategie, den Senat und die comitia mit in die Verantwortung zu ziehen, vgl. Nicholson (1992), 27 f. Zum Einsatz der Catilinarischen Verschwörung in den post reditum-Reden vgl. Nicholson (1992), 24 ff. 322 Vgl. Kurczyk (2006), 218. 323 Vgl. §§ 4; 26. 324 Zudem sollen seine Anhänger Clodius felix Catilina genannt haben, da er aus dessen Fehlern lernte und letztlich die Bevölkerung auf seine Seite ziehen konnte; vgl. dom. 72: […] quem isti satellites tui felicem Catilinam nominant […]; vgl. auch Seager (2014), 238 f. 325 Zu dieser Strategie vgl. Nicholson (1992), 28 f. 326 Hierzu vgl. bspw. Riggsby (2002), 169. Der Grund liegt möglicherweise darin, dass in dem Senatsbeschluss, der die Bürger Italiens im Jahr 57 v. Chr. zur Abstimmung über Ciceros Rückberufung nach Rom rief, dessen Wohlergehen mit dem der Republik gleichgesetzt wurde. Außerdem soll auch Pompeius diesen Gedanken öffentlich geäußert haben; vgl. § 24; § 29.

4 Ziele und Strategie Ciceros

63

nen – das Tragen von Trauerkleidung untersagt (§§ 12; 16). Dies steigert sich zur Darstellung Pisos als Mörder der Republik in §§ 17 und 18: cum ego una cum re publica non tribunicio, sed consulari ictu concidissem und nondum palam factum erat occidisse rem publicam, cum tibi arbitria funeris solvebantur.327 Diese Gleichsetzung der eigenen Person mit der Republik findet sich auch ohne direkten Bezug auf Piso und Gabinius an vielen weiteren Stellen in der Rede. So sagt Cicero in § 5, dass die Konsuln Lentulus und Metellus ab dem 1. Januar 57 v. Chr. der Republik zu Hilfe gekommen seien – und nicht nur ihm. Der Senat habe immer Ciceros Wohlergehen mit dem der Republik verbunden (§ 4). Außerdem heißt es von C. Messius: et amicitiae et rei publicae causa dixit (§ 21). Der Gedanke kulminiert schließlich in der Aussage, gemeinsam mit Cicero sei auch die Republik im Exil gewesen und nach Rom zurückgekehrt (§§ 34; 36).328 Zuletzt zeigt sich Cicero besonders stolz darüber, dass ihn Unterstützer aus allen sozialen Rangstufen zurückriefen, was am stärksten in der peroratio deutlich wird.329 Das Ideal der von ihm so bezeichneten concordia ordinum330 arbeitet insbesondere Nicholson331 ausführlich in den Reden post reditum heraus und verbindet es mit Ciceros Verwendung der historischen exempla: Der Gegensatz zwischen Ciceros Rückkehr und der des Metellus und des Popilius bestehe vor allem darin, dass sich für ihn zwar nur wenige Verwandte (Quintus und der Schwiegersohn C. Piso) eingesetzt hätten, er aber durch den Senat, das Volk und ganz Italien zurückgerufen worden sei, während die früheren consulares lediglich durch tribunizische Rogationen und erst nach dem Tod ihrer Feinde nach Rom zurückkehren durften.332

327 Ein Sieg über Staatsfeinde wird zudem durch die scheinbar triumphale Rückkehr Ciceros angedeutet; so sei er equis insignibus et curru aurato (§ 28) in Rom eingezogen und ganz Italien habe ihn paene suis umeris reportarit (§ 39). 328 Außerdem in §§ 7; 29; 32. Ausführlich zur Gleichsetzung Ciceros mit der Republik vgl. Nicholson (1992), 35 ff.; Hodgson (2017), 141–154; auch Kurczyk (2006), 219; dieser Topos wird in den folgenden Reden, insbesondere pro Sestio, noch vordringlicher dargestellt; vgl. May (1988), 93 f. 329 Vgl. §§ 38 f.: Nulla de illis magistratuum consensio, nulla ad rem publicam defendendam populi Romani convocatio, nullus Italiae motus, nulla decreta municipiorum et coloniarum exstiterunt. Qua re, cum me vestra auctoritas arcessierit, populus Romanus vocarit, res publica implorarit, Italia cuncta paene suis umeris reportarit […]. 330 Vgl. zudem § 27: […] illum contra rem publicam salutemque bonorum concordiamque civium facturum […]. 331 Vgl. Nicholson (1992), 39 ff. 332 Vgl. Nicholson (1992), 33.

5 Die Invektive in cum senatui gratias egit Die Invektive gegen Piso und Gabinius nimmt in der Rede cum senatui gratias egit mit neun Paragraphen einen bedeutenden Teil ein. In diesem Kapitel soll anhand der Topoi, die sich in ihr finden, aufgezeigt werden, inwieweit es sich um eine für Cicero typische Invektive handelt. Neben der laus gilt die Invektive als typisches Element des genus demonstrativum, allerdings konnte sie ebenso bei Gerichtsreden zum Einsatz kommen. In beiden Fällen ist davon auszugehen, dass das Publikum sie geradezu erwartete, im genus iudiciale war sie sogar unabdingbar. Wenn dort eine Invektive unterblieb, wurde dies als Zeichen für die Schwäche der Strategie der Ankläger bzw. Verteidiger gesehen.333 Direkte Angriffe auf persönlicher Ebene gegen Kontrahenten haben eine lange Tradition in der griechischen und römischen Literatur334 und wurden von Cicero oft genutzt, vor allem an Wendepunkten seiner Karriere.335 Oft steigerte sich die Darstellung der Gegner von persönlichen Feinden zu Staatsfeinden, die Handlungen contra rem publicam begangen haben sollen.336 Dementsprechend war das Ziel der Invektive, den Gegner aus der Gemeinschaft auszuschließen, indem Eigenschaften, die als unrömisch und inakzeptabel galten, gebrandmarkt wurden.337 In Bezug auf die Rede cum senatui gratias egit müssen als Ziele der Invektive festgehalten werden: 1. Rache an Piso und Gabinius, weil sie für das Exil mitverantwortlich waren; 2. Wiedererlangung der eigenen dignitas und Wiederaufbau der Karriere, indem aufgezeigt wird, dass das Exil unverdient war; 3. Zerstörung der Laufbahn des Piso und des Gabinius als für den Staat verderbliche Personen. Die Verleumdung der beiden Konsuln dient als Selbstrechtfertigung Ciceros, der die Schuld für das Exil und seinen politischen Niedergang von sich weisen wollte.338 Über die Glaubwürdigkeit der Inhalte der Invektive und darüber, ob das antike Publikum die Vorwürfe ernst nahm oder nur als Unterhaltung genoss,

333 Vgl. Craig (2004), 188; 199. Auffällig an der Rede cum senatui gratias egit ist, dass sie, im Gegensatz zur sonst üblichen Praxis, beide Elemente in ausgedehnten Passagen enthält; vgl. Nicholson (1992), 99 f. Zur Erwartung des Publikums vgl. Craig (2004), 192–199. 334 So findet sich schon bspw. in der Rhetorica ad Alexandrum (4. Jh. v. Chr.) die Aufteilung des genus demonstrativum in Lob und Tadel. Kurze, aber prägnante Abrisse der Entwicklung bieten Nisbet (1961), 192 f. und Powell (2007), 3 f. 335 „[…] at those key points in his career at which he needs to shape new aspects of his public identity“; Corbeill (2002), 198. 336 So natürlich auch in cum senatui gratias egit; vgl. Craig (2004), 197 f. 337 Vgl. Corbeill (2002), 199. Auch wurden die Gegner durch Bezeichnungen wie belua aus der gesamten menschlichen Gemeinschaft ausgeschlossen; s. u., § 14. 338 Vgl. Nicholson (1992), 91. https://doi.org/10.1515/9783110643091-005

5 Die Invektive in cum senatui gratias egit

65

wird in der Forschung diskutiert.339 Unstrittig aber ist, dass verschiedene Topoi immer wieder in Invektiven anzutreffen sind. Cicero selbst gibt in inv. 1,34 ff. eine Liste von Bereichen, die in einer Invektive abgedeckt werden können: nomen, natura, victus, fortuna, habitus, affectio, studium, consilium, facta, casus, orationes.340 Diese lassen sich in drei Gruppen gliedern: corpus, animus, externa. In der modernen Forschung finden sich verschiedene andere Einteilungen.341 Eine der umfangreichsten stammt von Craig (2004).342 Er untersuchte auch, inwieweit Ciceros Reden in Pisonem und die 2. Philippica invektiventypische Elemente aufweisen. Nach seinem Vorbild sollen hier nun auch die §§ 10– 18 von cum senatui gratias egit untersucht werden. Man erkennt, dass die Invektive dieser Rede als Musterbeispiel gelten kann: Von Craigs 17 Topoi sind 15 eindeutig zu erkennen, viele sogar mehrfach. Somit liegen mehr Topoi vor, als Craig in in Pisonem ausmachte, und ebenso viele wie in der 2. Philippica, die er als „Ciceronian invective par excellence“ 343 bezeichnet:

339 Eine Zusammenfassung der Forschungspositionen bieten Powell (2007), 19 f. und Craig (2004), 195 f. Ihm zufolge (199) ist die Glaubwürdigkeit (nicht unbedingt der Wahrheitsgehalt) der Inhalte einer Invektive insbesondere in Gerichtsreden zu Beweiszwecken von großer Bedeutung. In deliberativen Zusammenhängen sei Glaubwürdigkeit ebenfalls hilfreich und notwendig, um Handlungen zu initiieren, aber letztlich nur von sekundärer Bedeutung, denn andernfalls komme es immer noch zu einer Erniedrigung des Gegners. Wenn nur diese intendiert sei, sei Glaubwürdigkeit irrelevant. Powell stellte fest, dass Cicero scheinbar nur die Topoi verwendete, die er für plausibel und hilfreich im spezifischen Fall hielt. Dass es wichtiger war, das Publikum zu überzeugen, als Wahrheiten darzustellen, und dass eher der Charakter als politische Prinzipien angegriffen werden sollte, meint Novokhatko (2009), 14. 340 Erläuterungen zu den einzelnen Elementen finden sich bei Craig (2004), 188. Noch umfangreicher ist die Liste in Rhet. Her. 3,10 ff. 341 Bspw. bei Nisbet (1961), 194 ff. und Corbeill (2002), 201. 342 Neben den von Craig angeführten Topoi sind auch weitere Gemeinplätze in dieser Invektive zu finden, darunter die Verhöhnung des Epikureismus (vgl. Nisbet [1961], 195), die Verwendung bestimmter Schimpfwörter wie „latro“ (§§ 10; 13), die Bezeichnung des Gegners als wildes Tier (§ 14; vgl. Corbeill [2002], 204 f.) oder die Verhöhnung des Namens des Gegners, der bspw. auf physische Eigenheiten oder – wie hier – auf die Abstammung hinweist (§ 13); vgl. Corbeill (2002), 207. 343 Vgl. Craig (2004), 191 [Hervorhebung im Original].

Stelle(n) in cum senatui gratias egit § 13: Caesoninus Calventius; § 15: cognatio materna transalpini sanguinis; § 17: Capuae § 15: quam longe hunc ab hoc genere cognatio materna transalpini sanguinis abstulisset § 12: cincinnatus ganeo; § 12: unguentis oblitus; § 13: madenti coma, composito capillo, gravibus oculis, fluentibus buccis; § 13: huius calamistrati saltatoris; § 13: incultum, horridum maestumque; § 16: unguentorum odor; § 16: frons calamistri notata vestigiis – § 13: vini somni stupri plenus; § 13: helluationibus; § 16: vini anhelitus §§ 13 ff.: z. B. Quem praeteriens cum incultum horridum maestumque vidisses, etiam si agrestem et inhumanum existimares, tamen libidinosum et perditum non putares. […] Idem domi quam libidinosus, quam impurus, quam intemperans […]; § 15: ita contempsit hanc prudentissimam civitatem, ut omnis suas libidines, omnia flagitia latere posse arbitraretur, si modo vultum importunum in forum detulisset; § 16: frontis tibi integimento ad occultanda tanta flagitia diutius uti non liceret § 11: luxuriem § 10: mercatores provinciarum; § 16: provinciarum foedere

Topos

Beschämende Abstammung („embarrassing family origin“)

Der eigenen Familie unwürdig sein („unworthy of one’s family“)

Aussehen („physical appearance“)

Kleidungsstil („eccentricity of dress“)

Ausschweifungen, insb. Alkoholkonsum („gluttony and drunkenness, possibly leading to acts of crudelitas and libido”)

Heuchelei („hypocrisy for appearing virtuous”)

Gier und Verschwendungssucht („avarice, possibly linked with prodigality”)

Bestechlichkeit („taking bribes”)

Invektiventypische Topoi in cum senatui gratias egit:

66 A Einleitung

§ 11: […] cuius primum tempus aetatis palam fuisset ad omnis libidines divulgatum? Qui ne a sanctissima quidem parte corporis potuisset hominum impuram intemperantiam propulsare; § 13: stupri plenus; § 13: in lustris § 17: Tu misericors me, adfinem tuum […] constrictum inimicis rei publicae tradidisti; tu meum generum, propinquum tuum, tu adfinem tuam, filiam meam […] a genibus tuis reppulisti. – § 11: Qui cum suam rem non minus strenue quam postea publicam confecisset, egestatem et luxuriem domestico lenocinio sustentavit? Qui nisi in aram tribunatus confugisset, neque vim praetoris nec multitudinem creditorum nec bonorum proscriptionem effugere potuisset? Qui in magistratu nisi rogationem de piratico bello tulisset, profecto egestate et improbitate coactus piraticam ipse fecisset. § 12: consul imperiosus

§ 12: non solum civium lacrimas, verum etiam patriae preces repudiavit; § 12: poenas ab equitibus Romanis esse repetiturum; § 12: Lucium vero Lamiam […] consul imperiosus exire ex urbe iussit; § 12: ne aperte incommoda patriae lugeretis, ediceret

Sexuelle Verfehlungen („sexual misconduct”)

Feindseligkeit gegenüber der eigenen Familie („hostility to family [misophilia]”)

Feigheit im Krieg („cowardice in war”)

Verschwendung des Erbes und finanzielle Probleme („squandering of one’s patrimony / financial embarrassment”)

Streben nach Königsherrschaft oder Tyrannei („aspiring to regnum or tyranny, associated with vis, libido, superbia and crudelitas”)

Grausamkeit gegenüber Bürgern und Verbündeten („cruelty to citizens and allies”)

Mangelnde Rednergabe („oratorical ineptitude”) § 13: non dicendi vis; § 14: elinguem; § 15: non consilio neque eloquentia

Plünderung privaten und öffentlichen Eigentums § 10: latrones; („plunder of private and public property”) § 11: praedo; § 13: a latrone; § 18: domus mea diripiebatur, ardebat, bona […] deferebantur

§ 12: quo vultu […] repudiavit; § 17: superbissimis et crudelissimis verbis

Anmaßung („pretentiousness”)

5 Die Invektive in cum senatui gratias egit

67

6 Aufbau und Inhalt der Rede 6.1 Übersicht über den Aufbau Die Rede cum senatui gratias egit hält sich nicht an die Schulregeln einer rhetorischen Gliederung. Deutlich erkennbar sind lediglich das exordium und die peroratio.344 Die Rede ist formlos, nicht (chrono)logisch aufgebaut und erweckt den Eindruck der Spontaneität, obwohl Cicero sie ablas. Dies zeigt sich am deutlichsten in der starken Präsenz der Gegensätze von Lob und Kritik sowie positiver und negativer Stimmung, die vermittelt wird. Die historischen Ereignisse werden v. a. in zwei Abschnitten (§§ 3–8 und §§ 31–35) dargestellt, die durch das Lob der politischen Freunde und die Invektive gegen die politischen Gegner voneinander getrennt sind und nicht in einer bestimmten Reihenfolge, zumeist ohne Datierung, wiedergegeben werden.345 Auch innerhalb der einzelnen Abschnitte sind Gegensätze sehr deutlich (so bspw. in §§ 5; 19; 34).346 Insgesamt lässt sich die Rede wie folgt gliedern:347 §§ 1–2 Proömium/Lob des Senats §§ 3–5 Weiteres Lob des Senats und einiger Unterstützer §§ 6–7 Charakterisierung der Feinde Ciceros §§ 8–9 Lob des Lentulus und Metellus (Konsuln des Jahres 57 v. Chr.) §§ 10–18 Invektive gegen Piso und Gabinius (Konsuln des Jahres 58 v. Chr.) §§ 19–23 Lob der Volkstribune und Prätoren des Jahres 57 v. Chr. (v. a. des Milo und des Sestius)

344 Vgl. ausführlich Nicholson (1992), 114 f. 345 Vereinzelte Hinweise auf historische Ereignisse finden sich über die gesamte Rede hinweg, so insbesondere beim Lob und in der Invektive in Verbindung mit der Charakterisierung von Einzelpersonen. 346 Zum formlosen Aufbau der Rede und den Gegensätzen vgl. Nicholson (1992), 118 ff. 347 Eine abweichende Gliederung findet sich bei Thompson (1978), 121, die Ciceros Absichten bei seiner Darstellung der Jahre 58 und 57 v. Chr. (Selbstrechtfertigung und Stilisierung zum Märtyrer) zu wenig berücksichtigt. Bis einschließlich § 18 stimmt sie mit der oben angeführten Gliederung überein; anschließend aber: §§ 19–24: Lob der Volkstribune und Prätoren; §§ 24– 30: Lob der Hauptunterstützer; §§ 30–31: Lob des gesamten Senats; §§ 32–35: Umstände von Ciceros Weggang aus Rom; §§ 36–39: Peroratio: Ewige Dankbarkeit, darunter §§ 37–39: Ciceros Rückberufung als einmalig in der Geschichte. Auch Nicholson (1992), 115 f. bietet eine eigene, sehr detaillierte Gliederung, hier in einer kürzeren Darstellung: §§ 1–2: Exordium; §§ 3–35: Narration (darin: §§ 3–8: History of efforts towards recall; §§ 8–31: Contrast of friends and enemies: panegyric and invective [§§ 8–9: Friends; §§ 10–18: Enemies; §§ 19–31: Friends]; §§ 31–35: History of Cicero’s departure); §§ 36–39: Peroration; vgl. auch MacKendrick (1995), 124 ff., der nach dem Proömium (§§ 1–2) bis § 31 zwischen Abschnitten der laudatio und der refutatio wechselt. Anschließend: §§ 32–39: narratio. https://doi.org/10.1515/9783110643091-006

6 Aufbau und Inhalt der Rede

§§ 24–31 §§ 32–36 §§ 37–38 § 39

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Lob weiterer Unterstützer (v. a. des Pompeius) / Ablauf der Rückberufung (insb. im Juli und August des Jahres 57 v. Chr.) Rechtfertigung der Flucht aus Rom Anfang des Jahres 58 v. Chr. / Selbststilisierung zum Märtyrer (§ 35: Lob des Plancius) Historische Exempla Peroratio

6.2 Inhaltliche Übersicht §§ 1–2: Im Proömium beginnt das hyperbolische Lob des Senats, das sich durch die gesamte Rede zieht. Cicero stellt die Senatoren in eine Reihe mit den Göttern und dankt ihnen in höchsten Tönen für seine Rückberufung. Die Abgrenzung des Proömiums zum folgenden Sinnabschnitt ist nicht ganz deutlich, da auch die §§ 3–5 ein allgemeines Lob des Senats enthalten. Allerdings kommt Cicero hier auf die ersten Einzelpersonen zu sprechen, womit eine Verlagerung des inhaltlichen Schwerpunktes erkennbar wird. §§ 3–5: In diesem Abschnitt werden namentlich L. Ninnius, Volkstribun 58 v. Chr. (§ 3), die Konsuln des Jahres 57 v. Chr., Lentulus und Metellus, sowie Pompeius (§ 5) genannt und als wichtige Unterstützer der Rückkehr hervorgehoben. Cicero verschweigt, dass Pompeius seine Exilierung zumindest geduldet hatte, und zeigt somit schon hier (wie auch später bei Metellus und Gabinius) deutlich die Neigung zur Schönfärberei und Unterdrückung von historischen Fakten, die seiner Absicht, eine starke politische Stellung durch persönliche Verbindungen wiederzuerlangen, im Weg standen. Ebenso werden die ersten Bemühungen der Beamten, Ciceros Exil zu beenden, angeführt, darunter der von acht Volkstribunen eingebrachte Antrag vom 29. Oktober 58 v. Chr. Es findet sich hier zudem die erste Erwähnung des Clodius (per eum tribunum plebis, § 3), der die Konsuln des Jahres 58 v. Chr., Piso und Gabinius, durch Bestechung (lege […], quae de ipsis lata erat, § 4) auf seine Seite gezogen haben soll. §§ 6–7: Diese beiden Absätze stehen ganz im Zeichen der von Ciceros Gegnern begangenen Verbrechen. Als Gegensatz zu seinem eigenen, selbstaufopfernden Einsatz für die Republik (durch die Flucht ins Exil) entwickelt sich in § 7 eine lange Aufzählung ihrer Untaten. Dies verbindet Cicero mit dem Senatslob: Nur einige Beamte seien von seiner Seite gewichen. Viele seien ihm trotz der großen Gefahren für das eigene Leben treu geblieben. §§ 8–9: Es folgt ein ausführliches Lob der Konsuln Lentulus und Metellus, wobei Lentulus fast den gesamten Abschnitt einnimmt. Er stand immer auf Ciceros Seite, habe sich schon als designierter Konsul für dessen Rückkehr ausgesprochen und sich sein gesamtes Konsulat über für ihn eingesetzt. Metellus

70

A Einleitung

wird nur im letzten Satz bedacht. Er war erst nach einigem Zureden und Zögern bereit, sich Cicero zuzuwenden, mit dem er sich im Zuge der Catilinarischen Verschwörung verfeindet hatte. Verbunden wird dies mit einer Sentenz des Q. Catulus, der Cicero gesagt habe, solange auch nur ein Konsul auf Seiten der Republik stehe, müsse er sich nicht sorgen. Den Fall, dass beide Konsuln gegen deren Ideale handeln, habe es, außer zur Zeit Cinnas, nicht gegeben. Die Aussage des Catulus bildet das Scharnier zum folgenden Abschnitt. §§ 10–18: Im Jahr 58 v. Chr. erwies sie sich als falsch: Piso und Gabinius erlangten das Konsulat und richteten sich gegen Cicero und damit gegen die Republik. Die §§ 10–18 stellen die Invektive gegen diese beiden Konsuln dar. Zunächst kommt Cicero – nach einem beiden gewidmeten Abschnitt (§ 10) – auf Gabinius zu sprechen, erst ab der Mitte von § 13 dann auf Piso. Gabinius wird als Homosexueller, Tänzer, Bankrotteur und Trinker bezeichnet; er habe die lex Aelia et Fufia aufgehoben, Ciceros Unterstützer zurückgewiesen und ihnen das Tragen von Trauerkleidung als Zeichen des Protestes untersagt. Piso dagegen sei völlig frei von jedwedem politischen Talent und ein Heuchler, der Ernsthaftigkeit und Respektabilität vorspiele, sich aber privat ähnlichen Ausschweifungen wie Gabinius hingebe. Diese Aussage verbindet Cicero mit Pisos angeblich vereinfachender, falscher Auffassung des Epikureismus als Streben nach Lust. In zwei Absätzen (Gabinius in § 13 / Piso in § 17) kommt Cicero auch auf die Volksversammlung im Circus Flaminius Anfang März 58 v. Chr. zu sprechen, bei der sich die Konsuln (sowie Caesar) über Ciceros Konsulat und den Umgang mit den Catilinarischen Verschwörern äußern sollten. Piso und Gabinius zeigten beide Ablehnung gegenüber den Hinrichtungen. Weiterhin wird auf die Verwandtschaft Ciceros zu Piso hingewiesen (ein C. Calpurnius Piso Frugi war Ciceros Schwiegersohn) und die Zerstörung und Plünderung von Ciceros Anwesen in Tusculum und auf dem Palatin werden angesprochen. §§ 19–23: Hier wird die Unterstützung der Volkstribune und Prätoren des Jahres 57 v. Chr. in den Mittelpunkt gestellt. Insbesondere Milo und Sestius erfahren größere Aufmerksamkeit, denen Cicero jeweils einen ganzen Absatz (Milo § 19 / Sestius § 20) widmet. Er betont, dass sowohl der legale Weg zur Rückberufung beschritten wurde, als auch dass, nachdem sich dieser als unzureichend erwiesen hatte, beide Schutztruppen aufstellten, die der Gewalt mit Gewalt begegnen sollten. Die weiteren Beamten werden in den folgenden Absätzen deutlich rascher und mit zumeist allgemeiner gehaltenen Formulierungen abgehandelt. §§ 24–31: Der Übergang zu diesem Abschnitt ist nicht besonders gut durch die Absätze in den Editionen bezeichnet. Eigentlich beginnt bereits mit dem zweiten Satz von § 23 eine Rückkehr zu §§ 1–5, denn wieder lobt Cicero den Senat, hier allerdings verbunden mit einer detaillierten Beschreibung des Ablaufs

6 Aufbau und Inhalt der Rede

71

der Rückberufung. So werden die verschiedenen Volksversammlungen und die Senatssitzungen im Sommer des Jahres 57 v. Chr. erwähnt, die letztlich zur Beendigung von Ciceros Exil führten. In diesem Zusammenhang kommt Cicero erneut auf einige der schon genannten Unterstützer zu sprechen, darunter die Konsuln Lentulus und Metellus sowie Pompeius (§ 29), der sich persönlich bei der Bevölkerung für Ciceros Rückberufung eingesetzt habe. Ebenso werden Milo und Sestius (§ 30) ein weiteres Mal erwähnt. §§ 32–36: Cicero wendet sich wieder dem Jahr 58 v. Chr. und der damaligen politischen Situation zu. Das Verhalten der Konsuln Piso und Gabinius wird zum wiederholten Mal kritisiert. Alle hätten um ihr Leben fürchten müssen und Gewalt sei an der Tagesordnung gewesen. An dieser Stelle tritt Ciceros Selbstdarstellung zum Märtyrer besonders stark zutage: Er hätte in Rom bleiben und kämpfen können, doch hätte dies ein Blutbad zur Folge gehabt. Daher habe er sich zur Selbstaufopferung und zum freiwilligen Exil entschlossen. Da die Republik bereits aus Rom verbannt gewesen sei, habe er ohnehin gehen müssen, denn ihre Schicksale seien eng miteinander verbunden. Wenn sie zurückgerufen werde, würde er auch zurückkehren können. Unterbrochen wird der Gedankengang in § 35 durch die letzte Darstellung der Unterstützung einer Einzelperson in der Rede, der des Cn. Plancius. Dieser hatte Cicero als Quästor in Thessaloniki für mehrere Monate eine Zuflucht geboten. §§ 37–38: Zum Ende der Rede werden historische exempla angeführt: Q. Metellus, P. Popilius und C. Marius, drei ehemalige Konsuln, die in die Verbannung gehen mussten. Für sie alle hätten sich deutlich mehr Verwandte stark gemacht als für Cicero, für den lediglich der Bruder Q. Cicero (§ 37) und der Schwiegersohn C. Piso (§ 38) eingetreten seien. Doch dafür sei Cicero der einzige, für dessen Rückberufung sich der Senat, das Volk und ganz Italien zu Lebzeiten seiner Feinde eingesetzt hätten. Daher stehe er gleichsam über den exempla. § 39: In der Peroratio betont Cicero erneut die concordia ordinum bei seiner Rückberufung. Er zeigt auf, dass er seine Dankesschuld durch noch stärkeren Einsatz für die Republik mit Hilfe seiner virtus und fides begleichen wolle, die er nie verloren habe.

7 Die Überlieferung Die Rede cum senatui gratias egit teilt die Überlieferung mit folgenden Ciceroreden: das gefälschte pridie quam in exilium iret, cum populo gratias egit (in E ab § 6 nicht mehr erhalten), in Vatinium, de provinciis consularibus, de haruspicum responso, pro Balbo und pro Caelio.348 Die stemmatische Anordnung der Überlieferungsträger ist in der Forschung kontrovers diskutiert worden. In der Folge werden zunächst die Befunde aus cum senatui gratias egit vorgestellt und durch die aus den anderen Reden ergänzt, woraufhin eine Analyse und Diskussion der verschiedenen Forschungsmeinungen vorgenommen werden soll.349 Die Rede ist in vier mittelalterlichen Handschriften überliefert, die oft als Paris-Familie bezeichnet werden: P (Parisinus 7794, Mitte des 9. Jahrhunderts), G (Bruxellensis 5345, lt. Maslowski [1981]: Beginn des 11. Jahrhunderts, aber lt. Peterson [1911]: 12. Jahrhundert), E (Berolinensis 252, Beginn des 12. Jahrhunderts) und H (Harleianus 4927, Ende des 12. Jahrhunderts). Mit X tritt eine weitere Handschrift des späten 12. Jahrhunderts (fragmenta Parisina 18104) hinzu, die erstmals von Maslowski und Rouse untersucht wurde, aber nur Fragmente der Rede überliefert. Die Handschriften B (Bernensis 136, 12.−13. Jahrhundert) und Σ (Parisinus 14749, 15. Jahrhundert), die insbesondere Peterson (1911) heraushebt, sind für die Überlieferung von nur geringem Wert.350 Von den recentiores bieten insbesondere V (Vaticanus 1525, 1467), F (Anmerkungen von P. Pithou in der Ausgabe Lambins, Straßburg 1581) und ε (Erlangensis 847, 1466) in der Rede cum senatui gratias egit erstaunlich gute Lesarten, die oft den mittelalterlichen Korrekturen E 2 (zweite Hand in E) gleichen. Die von vielen Forschern angenommene Existenz eines zweiten Archetyps, auf den diese

348 In P, G und H zudem pro Sestio und de domo sua; in G, E und H zudem pro Marcello, pro Ligario, pro rege Deiotaro; in E zudem de officiis, de oratore, de inventione, ad Herennium, Topica, pro Archia poeta, in Pisonem, de imperio Cn. Pompeii, pro Caecina, pro Sulla, pro Plancio, pro Milone, de lege agraria, ep. de petitione consulatus; in E und H zudem die orationes in Catilinam, Laelius de amicitia sowie Cato maior de senectute (in H nur der Beginn); in H zudem die Pseudo-Sallust-Invektive gegen Cicero sowie die paradoxa Stoicorum. 349 Der Befund der anderen Reden dieser Überlieferung stimmt mit dem von cum senatui gratias egit überein. Es werden daher nur beispielhaft Stellen aus diesen angeführt. Die Handschrift P konnte ich in elektronischer Form einsehen; bei den anderen stütze ich mich v. a. auf Peterson und Maslowski. 350 Die von Peterson (1911) B genannte und von anderen Herausgebern nicht berücksichtigte Handschrift (Bernensis 136) aus dem 12./13. Jahrhundert ist eine direkte Kopie von P nach den Korrekturen zweiter Hand; vgl. Halm (1854), 321; Maslowski/Rouse (1984), 62; Peterson (1910), 168, der ein Interpunktionssystem aus P 2 auch in B fand. Der ebenfalls in den übrigen Ausgaben nicht gesondert angeführte Kodex Σ (Parisinus 14749) aus dem 15. Jahrhundert wiederum hatte B als Vorlage; vgl. Peterson (1910), 168 f. https://doi.org/10.1515/9783110643091-007

7 Die Überlieferung

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Zugriff gehabt hätten, kann nicht mit letzter Sicherheit bestätigt, aber zumindest als wahrscheinlich angenommen werden.351 Die vier mittelalterlichen Handschriften PGEH stammen von einem gemeinsamen Archetyp (ω) ab. Dies zeigt sich in cum senatui gratias egit u. a. an folgenden eindeutigen gemeinsamen Fehlern:352 § 3: PGEH omis. : facta § 12: PGEH omis. : ex § 12: PGEH iam : Lamiam § 13: PGEH maestumve : maestumque § 14: PGEH inaua : ianua § 17: PGEH rogabas : rogaras § 17: PGEH omis. : depellerent § 24: PGEH omnibus : omnis ex omnibus § 26: PGEH dimittit : exstitit § 26: PGEH unum : suum § 29: PGEH omis. : cum § 29: PGEH consignavit : consignarit § 36: PGEH divinorum : duorum § 37: PGEH metellorum : Metellarum § 37: PGEH deposceret : deposcere § 38: PGEH omis. : de In diese Reihe gehören auch einige Stellen, an denen diese Handschriften verschiedene Fehler aufweisen, die aber auf die gleiche Ursache im Archetyp hinweisen, darunter:353 § 4: P hoc : GE hos : H cum : εV octo § 4: P sicut : P 2 GE si aut : H omis. : F si eum : εV si cum § 13: P inconsulta : P 2 G cos. : EH omis. : E 2 εVF iuris § 13: PGE vitia rei (E viciari) : H omis. : vitia rei 351 Wenn E 2 mit den recentiores zusammensteht, ist in dieser Arbeit von der E 2 -Familie/E 2 Gruppe die Rede. 352 Weitere Stellen in den anderen Reden dieser Überlieferung u. a. har. resp. 18 (sed … commotum post § 16 videatur); p. red ad Quir. 4 (PGEHεV habet : Lambinus habeat); p. red. ad Quir. 5 (PGEHεV iam : eam); Sest. 133 (PGV defecti : H omis. : Manut. de me ficti); Sest. 135 (PGV anciliam : H omis. : Schol. Caeciliam); Sest. 135 (PGV licentiam [V –ciam] : H omis. : Schol. Liciniam). Als Bindefehler von PGEH müssen wohl auch viele der Stellen gelten, an denen PGE Bindefehler aufweisen, während die Stelle in H ausgelassen wird (dort fehlen v. a. Worte, deren Überlieferung in der Paris-Familie problematisch ist). 353 Zudem zählen hierzu die Stellen, an denen in einer oder zwei der Handschriften bereits konjiziert wurde, während die anderen Kodizes Fehler aufweisen.

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§ 14: P stipe : P 2 etiope : G stipe vel ethiope : E vel aethiope stipe : H esope : E 2 εVF stipite § 14: P veluus : P 2 heluus : G belluus : H omis. : beluus § 16: P tantibus gestis : P 2 GE tantis gestis : H tantis reistis : E 2 εV tantis rebus gestis § 19: P set : P 2 GEH et : E 2 εVF spem § 21: PH mospius : GE m. ospius : εV m. cispius § 21: P speratim : GE speciatim : H omis. : separatim § 24: P qui ante : GEH quanto : P 2 E 2 εVF qui tanto § 24: PG teromanino : E omis. : H te romule : E 2 εVF ter omnino § 25: P deus : GE reus : H omnis : dedecus et § 27: P quid : GE qui id : HεV omis. : F qui : si quis § 27: PG eo : E et : H omis. : de eo

P Der Kodex P stammt aus dem 9. Jahrhundert und ist somit der älteste uns erhaltene Textzeuge für die Rede cum senatui gratias egit. In P wurden keine Konjekturen oder andere absichtlichen Veränderungen vorgenommen. In P 2, der von den Herausgebern in dieselbe Zeit datiert wird, wurden einige Fehler – möglicherweise nach derselben Vorlage – korrigiert.354

354 P 2 teilt u. a. an folgenden Stellen die oft gute Lesart von GEH: § 1: P 2 GEH qua … iucundius : P omis. § 3: P 2 GE delevit : P deluit : H diruit : E 2 εV delituit § 4: P 2 GE si aut : P sicut : H omis. : εVF si cum (F eum) § 5: P 2 GEH despicere : P dispicere § 5: P 2 GEH gloria : P omis. § 10: P 2 GEH a : P omis. § 12: P 2 GEH ne … ediceret : P omis. § 13: P 2 G cos : P inconsulta : EH omis. : E 2 εVF iuris § 15: P 2 GEH is me quamquam (G quandam) equidem non : P is me quamquam me quidem non § 16: P 2 GEH 2 tantis gestis : P tantibus gestis : E 2 εV tantis rebus gestis § 19: P 2 GEH et : P set : E 2 εVF spem § 23: P 2 GE commemoro tum : P commemoratum : H omis. § 23: P 2 GE non invitus : P non inventus : H nominentur § 24: P 2 GEH usus esset (H unus) : P visus est et Weitere Stellen u. a. har. resp. 40 (P 2 GE et honestis : PH homines : honeste); har. resp. 55 2 (P G illisa : PE illis : H illic); Cael. 60 (P 2 GEH vocem eliciat : P vocem euiceat : vocem eiciat); Vat. 28 (P 2 GE inimico suo contionem reiectionis [P 2 relectionis] : P iectionis : inimico suo condicionem reiectionis).

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Die stemmatische Stellung von P gegenüber GEH wurde in der Forschung diskutiert. Während Halm (1854) 355 (so bspw. auch Peterson [1911] und Clark [81951]356) GEH als Abschriften von P ansieht, nimmt Klotz (1912/1919) 357 als Vorlage dieser Handschriften einen von P unabhängigen Hyparchetyp (α) an. Er beruft sich hierfür auf die Zeilenlänge der Vorlage von G und E,358 auf durch unabhängige testimonia belegte Stellen in G und E gegen Fehler in P359 und die häufige Falschauflösung des Wortes autem in G und E, obwohl es in P bereits

Halm (1854) bestritt noch den Wert von P 2 und ging in fast allen Fällen, in denen von zweiter Hand in P Veränderungen oder Ergänzungen vorgenommen wurden, von willkürlichen Emendationen aus. Die Ansicht, dass in P 2 echte Tradition vorliegen könnte, erhielt erst durch die Ausführungen von Klotz (1919, XXII f.) starke Unterstützung, der durch die Übereinstimmungen im Richtigen wie im Falschen zu dem Schluss kam, dass P 2 Zugriff auf die gemeinsame Vorlage von G, E und H hatte. Allerdings kann in den meisten Fällen auch einfach der Archetyp der Paris-Familie P 2 zur Vorlage gedient haben. An manchen Stellen scheint P 2 sua sponte Korrekturen vorgenommen zu haben, bspw.: § 13: PGEH maestumve : P 2 εV maestumque; § 17: PGE salutem : HP 2 G 2 E 2 εVF saltem; § 17: PH patere : GE patereris : P 2 H 2 εV paterere. Die Korrekturen P3 können dagegen – wie auch H 2 – als Konjekturen ohne Überlieferungswert vernachlässigt werden. Diese beiden Bearbeitungen sind miteinander verbunden, wie verschiedene Stellen zeigen, darunter § 3: non est permissa; § 9: praefuit. 355 Halm (1854), 321–350: „Künftighin wird niemand mehr in Abrede stellen, daß […] sie [sc. P] wahrscheinlich für die meisten der betreffenden Reden die Urquelle aller vorhandenen Abschriften ist.“ Allerdings macht er zugleich auch die Einschränkung, dass post reditum in senatu die Ausnahme bilde, da sich in jüngeren Kodizes Verbesserungen fänden, die nicht auf Emendation zurückgeführt werden könnten (323). 356 Erste Auflage 1905. Sie nehmen zudem einen weiteren Hyparchetyp an, aus dem die durch unabhängige testimonia belegten Stellen stammen und mit dessen Hilfe die Auslassungen in P gefüllt wurden. So lässt noch Peterson nicht nur G und E, sondern auch H aus P abstammen. So auch Madvig (1887), 339 (nachdem er zuvor noch G und E von P getrennt hatte, in dem Glauben, sie stammen aus Σ [Madvig [1834], 421 ff.]; er war der Ansicht, in P, B und Σ die drei Kodizes gefunden zu haben, die direkt aus dem Archetyp stammen). 357 Schon vorher gab es vereinzelte Stimmen gegen Halm; so bspw. Mueller (1908), CXIV. 358 Diese entspreche nicht der von P; vgl. Klotz (1912), 368 ff. 359 So bietet P in § 1 adtribuendum, G, E und H dagegen id tribuendum, das sich auch in einem an Cicero angelehnten Satz im panegyricus Iuliani Augusti von Claudius Mamertinus findet; zudem zeigt P in Sest. 10 virilis, G dagegen puerilis, was auch die schol. Bob. aufweist. Ebenso wird Romanos in Sest. 28 in P überliefert, aber nicht in G und in Gell. 9,14, der Cicero zitiert. Weitere Stellen: Sest. 113 (P vehementer duo : G schol. Bob. duo vehementer); Cael. 20 (P attrectas : GE Iul. Sev. adtrectatas [G attrectatas : E attractatas]); Cael. 38 (P omis. : P 2 GEHπ [papyrus Oxyrhynchus] se nulla … in tam); vgl. Klotz (1919), VII f.

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richtig aufgelöst zu lesen ist.360 Ihm folgen seitdem die Herausgeber und Kommentatoren.361 In cum senatui gratias egit weist P gegenüber GEH u. a. folgende Fehler auf:362 § 1: PεVF adtribuendum (εVF att-) : GEH Mamert. id tribuendum § 12: P abicissent : GEH abiecissent § 15: P superlicioque : GEH supercilioque § 16: P fros : GEH frons § 23: P allio : GEH alio § 24: P visus est et : GEH usus esset (G unus) § 24: P restuendum : GEH restituendum Für sich genommen sind diese Fehler im Einzelnen nicht besonders aussagekräftig, da sie von einem des Latein kundigen Schreiber in der Vorlage von GEH ohne weiteres korrigiert hätten werden können, doch wirkt ihre Vielzahl verdächtig. Hinzu kommt, dass sich in anderen Reden in P gegenüber GEH (in Sest. 58 nur G) Lücken finden, die eindeutig als Trennfehler gewertet werden müssen: har. resp. 5 P omis. : GEH odio dignitatis Cael. 66 P omis. : CvGEH cur non comprehenderint (E prenderint) Sest. 58 PH omis. : GNV huius imperi Mithridatem (G mitri- : V metumdatem) Aus diesen Gründen ist es wahrscheinlich, dass GEH von P zu trennen sind und auf eine unabhängige Vorlage zurückgehen.

360 Zumeist zu enim oder Formen des Demonstrativpronomens hic. In dieser Rede ist vor allem E betroffen, darunter u. a.: § 26: PG autem : E hi; § 30: PG autem : E haec; § 30 PH autem : E haec : G hoc; § 31: PG autem : E enim. In den anderen Reden dieser Tradition zeigt sich dieser Fehler ungefähr ebenso häufig in G, so z. B. p. red. ad Quir. 4; har. resp. 36; har. resp. 37; Cael. 24; Balb 91; vgl. Klotz (1919), VIII f.; Klotz (1912), 369 f. 361 Clark widerrief seine Ansicht einige Jahre später unter dem Einfluss von Klotz; vgl. Clark (1918), 270: „I am convinced that he [sc. Klotz] is right, and I regard GE as drawn from an independent copy of the archetype.“ Zudem u. a. Reynolds (1983), 60; Maslowski/Rouse (1984), 65 f.; Lenaghan (1969), 44; Guaglianone (1968), 8; Cousin (1965), 93; Reggiani (1990), 8 ff.; Cousin (1962), 62; Giardina (1971), 12. 362 Ähnliche geringfügige Fehler in anderen Reden z. B.: dom. 62: P versabatur : GEH versabantur; dom. 129: P nimici : GEH inimici; har. resp. 46 P profliagatique : GEH profligatique.

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GEH Gegenüber P weisen GEH in cum senatui gratias egit gemeinsame Fehler auf, die als Bindefehler gewertet werden müssen. Dazu gehören vor allem:363 § 12: GEH incincinnatus : P cincinnatus § 15: GEH quamquam equidem : P quamquam me quidem § 16: GEH omis. : P a. § 16: GEH populo r. (E populoque r.) : P populi r. § 17: GEH gemitibus : P gemitus § 23: GEH omis. : P amicitias igni perspectu tuen § 31: GEH omis. : P romanum § 34: GEH at : P ac Hinzu kommen in cum senatui gratias egit noch folgende Stellen, in denen GE und H verschiedene falsche Wege gegenüber P gehen:364 § 21: G: mea : E ea : H mihi : P a me § 33: GE duas : H omis. : P duae § 33: GE putaretur : H omis. : P putarentur § 34: GE affuturum : H abfuturum : P afuturum

GE GE weisen gegenüber H, das an diesen Stellen mit P zusammensteht, in cum senatui gratias egit u. a. folgende Bindefehler auf:365

363 Vgl. aus anderen Reden z. B.: har. resp. 3 (GEH quique : P qui quae); har. resp. 12 (GEH omis. : P m. : M‘.); Cael. 5 (GEH omis. : P absenti); har. resp. 44 (P a crocota : GEH ac roma); Vat. 26 (GEH vectius : P vettius). 364 Weitere Stellen in den übrigen Reden u. a. dom 130 (P curiamque concordiae : H -am : GM in curiam concordiae : V concordie in curiam); har. resp. 32 (P quaerimus : GE quae primus : H quid primum). 365 Weitere Stellen in den anderen Reden u. a. p. red.ad Quir. 5 (GE opere : PH opera); har. resp. 7 (GE ergo : PH ego); har. resp. 20 (GE omnes : PH mentes); Vat. 5 (GE consulibus : PH consuli); Vat. 17 (GE dixerint : PH duxerint); Cael. 17 (GE habitationibus : PH habitationis). Die Nähe von G und E wurde in der Forschung nie bestritten. Wrampelmeyer (1868), 10 ff., fasste Stellen, an denen P und G im Fehler übereinstimmen, allerdings als Belege dafür auf, dass G aus P unter Einfluss eines weiteren Hyparchetypen stammen muss, so z. B. § 24: PG teromanino : E omis. : H te romule : ter omnino; § 25: PG diutas : HE dignitas; § 30: PG silere : H sileri; § 30: PG immortalis : EH immortalibus; § 32: PG ornatis : E ornamentis : H ornastis. In den anderen Reden u. a. dom. 47 (PG oceanum : HM o cenum : P 2 ocenum : V occeanus : o caenum). Allerdings lassen sich diese Stellen, zumal Trivialia, auch durch Konjekturen in einer

78 § 8: § 10: § 17: § 25: § 29: § 30: § 36:

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GE diceret : PH dicere GE reposcebant : PH reposcebat GE Capuane : PH Capuaene GE ergo : PH ego GE omis. : PH pro GE omis. : PH omnis GE re publica : PH rem publicam

Dementsprechend sind Abweichungen in der Wortstellung von GE gegenüber PH als Bindefehler zu werten, so z. B.: § 3: GE potestas decernendi : PH decernendi potestas § 4: GE salutem meam : PH meam salutem § 5: GE singulari virtute et praestantissima : PH singulari et praestantissima virtute § 9: GE in me conservando fuerit : PH fuerit in me conservando Dass G und E auf eine gemeinsame Vorlage zurückgehen müssen, wird durch folgenden Befund nahegelegt: G kann als die ältere der Handschriften nicht aus E stammen,366 doch weist es gegenüber E(PH) in cum senatui gratias egit bspw. folgende Auslassungen und Fehler auf:367 § 1: G posset : PEH possit § 2: G est et infinitum : PEH et infinitum est § 5: G tutos evenire senatum : PEH tuto se venire in senatum § 6: G redditum : PEH reditum § 20: G omis. : PEH ego § 23: G tota mea : PEH mea tota § 36: G omis. : PEH Etenim … debeo? Die meisten dieser Stellen sind Trivialia, die in E leicht auch ohne Vorlage korrigiert werden konnten, doch insbesondere die Auslassungen in G zeigen deutlich, dass GE eine gemeinsame Vorlage hatten.368

oder zwei Handschriften bzw. zwei unabhängige Fehler (bspw. durch Falschauflösungen von Abkürzungen) erklären. 366 G stammt aus dem frühen 11., E aus dem frühen 12. Jahrhundert; vgl. Maslowski (1981), 1. Peterson (1911) dagegen ordnet G ebenfalls im 12. Jahrhundert ein. 367 Belege aus anderen Reden u. a. p. red. ad Quir. 4 (G obscura : PEH obscurata); har. resp. 4 (G omis. : PEH vero); har. resp. 12 (G meae : PEH more). 368 Ähnliche Phänomene finden sich auch in E, die gleichwohl stemmatisch ohne Relevanz sind, so z.B:

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H G und E sind trotz aller Fehler generell zuverlässiger als H, was sich oft auf sorgfältigere und genauere Wiedergabe der Vorlagen zurückführen lässt. In der Forschung besteht noch immer Unsicherheit und Uneinigkeit über die stemmatische Einordnung und den Wert von H.369 Die Unzuverlässigkeit von H zeigt sich darin, dass an vielen Stellen längere Satzteile, ganze Sätze oder sogar Abschnitte (insgesamt in cum senatui gratias

§ 2: § 5: § 8: § 10: § 11: § 30:

E ordinem ipsum : PGH ipsum ordinem E caligine anni : PGH anni caligine E omis. : E 2 PGH mea E desinuerunt : E 2 PGH deseruerunt E habeat : PGH haberet E omis. : E 2 PGH et … possunt

Als Konjekturen in E zu werten sind: § 4: PGH omis. : EεV ut § 4: PG minus : H anno : EεV annus § 9: PGH omis. : EεV est § 14: PGH litteras : EG 2 εV litteris § 16: P populi R. : GH populo R. : E populoque R. § 31: PG ornatis : E ornamentis : H ornastis § 30: PG immortalis : EH immortalibus In den anderen Reden u. a. har. resp. 4 (E cum : tum); har. resp. 13 (E dequisitione : disquisitionem); har. resp. 24 (E deo quoque : PGH quoque deo [G deeo]). Eine Konjektur in der gemeinsamen Vorlage von G und E liegt wohl bspw. vor in § 7: P vobis auctoritatibus : GE vobis auctoribus : H vestris auctoritatibus; § 17: PH patere : GE patereris : P 2 εV paterere; § 21: PH mospius : GE m. ospius : εV M. Cispius. Stemmatisch ebenfalls nicht relevant, aber dennoch auffällig sind die Varianten in G (und E), die sich wohl bereits im Archetyp gefunden haben; zumindest muss das bei der einen Stelle aus dieser Rede der Fall sein: § 14: G stipe vel ethiope : E vel aethiope stipe : H esope : P stipe : P 2 etiope : E 2 εVF stipite; in den anderen Reden u. a. dom. 47 (GMV legum scripturae vel scriptor : PH scriptor); dom. 61: GV nec communium hostium vel omnium PHM nec omnium hostium); vgl. Klotz (1912), 367 f. 369 In H genuine Tradition erkannt und ihm einen unabhängigen Zugriff auf den Archetyp zugesprochen haben bspw. Baehrens (1884), 37 f.; Cousin (1962), 64; Cousin (1965), 98; Wuilleumier (1966), 25; Wuilleumier (1952), 32; Giardina (1971), 15; Maslowski (1981), XXV und XXXIII; Maslowski/Rouse (1984), 67 f. und 73. Peterson (1911), 10 f. glaubte, in H einen Wert zu erkennen, obwohl er davon ausging, dass H aus P stammt. Clark (1905), XXIX und vor allem Klotz (1919), XX f.,/(1912), 370 f. bestritten dagegen die Bedeutung von H, in dem willkürliche Veränderungen und Auslassungen vorgenommen worden seien (so auch Courtney [1963], 14 ff). Klotz zufolge stammt H aus der GE-Tradition, doch seine eigenen Lesarten seien wohl ausschließlich auf Konjekturen zurückzuführen; zumindest sei „den Sonderlesarten von H ge-

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egit etwa ein Dutzend) fehlen. Zudem kommt es oft zu Auslassungen einzelner Worte, insbesondere solcher, deren Überlieferung ohnehin problematisch ist:370 § 4: H omis. : PGE cum … revertissem § 11: H omis. : PGE creditorum … proscriptionem § 13: H omis. : non iuris … liberalitas § 13: H omis. : PGE vitia rei (E viciari) : vitia rei § 14: H omis. : P veluus immanis : P 2 heluus i. : G belluus i. : E helluus i. : E 2 εV belua i. : beluus immanis § 21: H omis. : PGE multa … promulgavit § 21: H omis. : P speratim : GE speciatim : separatim § 25: H omis. : GE sane : P ne : P 2 in : E 2 εVF ipsi ne : bonis §§ 26 f.: H omis. : PGE cum … die § 27: H omis. : quo die § 27: H omis. : PG eo : E et : de eo § 27: H omis. : PGE quae … voluerunt § 28: H omis. : P dirivitores : P 2 dirivictores : GE dirivatores : E 2 εVF direptores : edd. diribitores § 28: H omis. : PGE sicut … cives (P sicut omis.) § 29: H omis. : PGE qui … putarit § 33: H omis. : PGE duae … qua re § 33: H omis. : PGE servos … revocatas § 33: H omis. : PGE municipia

genüber die grösste Skepsis am Platze“; vgl. Klotz (1912), 371. Seiner Einordnung der Handschrift in das Stemma schloss sich Guaglianone (1968) an, der aber viele Lesarten von H als genuine Tradition anerkannte. Die Stellen, an denen H im Guten wie im Schlechten bisweilen mit G oder E gegen Bindeversionen aus P und G oder E zusammensteht, lassen sich, da ebenfalls Trivialia, auch durch unabhängige Konjekturen oder Fehler in zwei Handschriften (G und H bzw. E und H) erklären, so unter anderem: § 3: PG iis : EH his § 5: GH : cn. : PEεV gn. § 7: PG volitantis : EH volitantes § 10: EH duo : P 2 GεV ii : P hii § 17: PE conticisceret : GH conticesceret § 24: PG diutas : EHG 2 εV dignitas : P 2 diuitas § 30: PGεV remunerabor : EH remunerabo § 32: EHεV esse : PG esset 370 In den anderen Reden u. a. p. red. ad Quir. 1 (quod … laetor); p. red.ad Quir. 15 (omnium … socius); har.resp. 19 (si … oti); har. resp. 54 (id … necesse est); dom. 58 (scelerique); dom 63 (viris); p. red. ad Quir. 5 (quam); p. red.ad Quir. 8 (qui statuerat).

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§ 33: § 37: § 38:

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H omis. : PGE omnis H omis. : PGE filii … Metellarum H omis. : PGE cum … nam

Auch wurde in H manchmal die Satzstellung verändert,371 so in: § 3: non ante numquam § 5: cum … subvenisset post arbitraretur Der ohnehin sehr freie Umgang mit dem Text in H lässt u. a. an folgenden Stellen Konjekturen wahrscheinlich erscheinen, zumal es sich meist um Stellen handelt, die sehr leicht korrigiert werden konnten (auch, da der überlieferte Text oft sinnlos ist). Bei dignitas und immortalibus müsste unabhängig voneinander mehrmals (in H und E) dieselbe Verbesserung vorgenommen worden sein:372 § 7: PGE viri : H omis. § 8: PGE quia : H qua § 17: PGE praeferas : H praefeceras § 17: PGE flamini : H flaminio § 17: PGE salutem : H saltem § 26: PG salutem : E salute : H salutis § 26: PG fueram : E fuera : H fuerat § 30: PG immortalis : EH immortalibus § 31: PG ornatis : E ornamentis : H ornastis § 33: PGE tribunicii qui : H tribuniciique § 37: PGE per vos : H per vos me : me per vos Über den Grund für die Auslassungen und Veränderungen im Text in H diskutierte bereits Maslowski (1982).373 Seiner Schlussfolgerung, dass in H bewusste Eingriffe in die Überlieferung aus Gründen der Vereinfachung des Textes vorge-

371 Auch u. a. in p. red.ad Quir. 8 (qua re … reddidisti ante § 7 at me). 372 Fehlerhaft konjiziert wurde in H u. a. in § 3: P deluit : P 2 GE delevit : H diruit : E 2 εV delituit; § 7: P vobis auctoritatibus : GE vobis auctoribus : H vestris auctoritatibus; § 8: PG egit : E omis. : H egerit; § 9: PGE quanto : H quo quanto; § 9: PGE inimicus : H non inimicus : omis.; möglicherweise in § 14: P stipe : P 2 etiope : G stipe vel ethiope : E vel aethiope stipe : H esope : E 2 εVF stipite; § 21: P a me : G mea : E ea : H mihi; § 23: P commemoratum : GE commemoro tum : H commemorata; § 23: P non inventus : GE non invitus : H nominentur; § 24 PG teromanino : E omis. : H te romule; § 25: P deus : GE reus : H omnis : dedecus et; § 28: PGE omis. : H non solum; § 38: PGE interfectis inimicis denique : H nulla auctoritate senatus. 373 Er konzentrierte sich hierbei auf die Reden p. red. in sen. und p. red. ad Quir.; vgl. Maslowski (1982), 141 ff.

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nommen wurden, ist zuzustimmen. Einige der entscheidenden Stellen und Maslowskis Argumente sollen hier kurz dargelegt werden: Schon die Auslassung von diribitores (§ 28), sollemni deorum (p. red. ad Quir. 11) und der längeren Passage in § 13 zu Pisos Charakter und Bildung, deren Überlieferung in den anderen mittelalterlichen Handschriften defektiv war, weist auf absichtliche Auslassungen hin. Zudem bleibt bei den meisten längeren Auslassungen in H der inhaltliche wie grammatische Sinn erhalten, so in § 10: cum meus … non revertissem oder § 21: multa … promulgavit. Nur in wenigen Fällen kann ein Grund für einen unbeabsichtigten Fehler ausgemacht werden, z. B. in § 11: creditorum … proscriptionem (das Wort vor der Auslassung ist multitudinem). In manchen Fällen scheint auf den ersten Blick ein Fehler des Kopisten vorzuliegen, doch bei genauerer Untersuchung wird deutlich, dass es sich auch hier um absichtliche Auslassungen handeln muss. Zu dieser Gruppe zählt u. a. § 26: cum vos … illo die / quo die / quae maxime … voluerunt. Die erste Auslassung könnte durch einen Zeilensprung bedingt sein (das Wort vor der Auslassung ist ebenfalls die), aber ohne das zusätzliche Fehlen von quo die (für das es keinen äußeren Grund gibt) wäre der Satz in der Fassung von H grammatisch unsinnig. Dass dieser Ausdruck in H ausgelassen wird, weist darauf hin, dass auch cum vos … ille die absichtlich gekürzt wurde und die Wiederholung von die dem Schreiber lediglich als geeigneter Anknüpfpunkt diente. quae … voluerunt ist wohl ebenso aus Vereinfachungsgründen gekürzt worden. Die Erkenntnis dieses Absatzes führt dazu, dass man auch an anderen Stellen H eher absichtliche Auslassungen unterstellen sollte, wenngleich äußere Gründe vorliegen könnten (z. B. § 29: qui cum … putarit; § 37: non propinquorum … filii). Viel häufiger als in p. red. in sen. findet man in p. red. ad Quir. eine Kombination aus Auslassungen und willkürlichen Emendationen, ohne die der gekürzte Text keinen Sinn ergäbe (in p. red. in sen. v. a. § 38; in p. red. ad Quir. u. a. §§ 7–12). Aufgrund dieser und weiterer Stellen vergleicht Maslowski H mit einem Florilegium.374 Die Sonderlesarten in H sind seines Erachtens entweder offensichtlich falsch oder, wenn richtig, einfach zu konjizieren, sodass unklar ist, ob eine genuine Tradition vorliegt oder nicht.375 Über die Gründe dieser Eingriffe in den Text kann nur spekuliert werden; Maslowski stellt die These auf, dass H zum Schulgebrauch erstellt wurde, zumal er in Tours entstand, einem „center of rhetoric and poetry“.376

374 Maslowski (1982), 153. 375 Maslowski (1982), 160. 376 Maslowski (1982), 161.

7 Die Überlieferung

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Die recentiores E 2 (die nachträgliche Korrektur des Kodex E) bietet an vielen Stellen in der Rede cum senatui gratias egit 377 auffällig gute Lesarten und stimmt dabei mit den recentiores ε, V und F überein, so z. B.: § 12: E 2 εV lamiam : PGEH iam § 13: E 2 εVF iuris : P inconsulta : P 2 G cos : EH omis. § 14: E 2 εVF stipite : P stipe : G stipe vel ethiope : E vel aethiope stipe : H esope § 14: XE 2 εV ianua : PGEH inaua § 16: E 2 εVF tantis rebus gestis : P tantibus gestis : GEH tantis gestis (H tantis reistis) § 17: E 2 εV comitiis tuis : PGEH omis. (G tuis comitiis ?) § 17: E 2 εVFH saltem : PGE salutem378 § 19: E 2 εVF spem : PGEH et (P set) § 23: E 2 εFV amicitias digne perspectas tuear (V prospectas; F dignas) : GEH omis. : P amicitias igni perspectu tuen § 24: P 2 E 2 εVF qui tanto : P : qui ante : GEH quanto § 24: E 2 εVF ter omnino : PG teromanino : H te romule : E omis. § 26: E 2 εVF suum : PGEH unum § 27: E 2 εVF de eo : PG eo : E et : H omis. § 29: E 2 εV cum : PGEH omis. § 30: E 2 εV hominibus : PGEH honoribus § 37: E 2 εVF duorum : PGEH divinorum § 37: E 2 εVF me per vos : PGE per vos : H per vos me § 38: G 2 E 2 εVF de : PGEH omis. An weiteren Stellen weisen nur die recentiores in der Rede cum senatui gratias egit sehr gute Lesarten auf. Mehr als ein Dutzend Mal wurden sie in dieser Ausgabe übernommen, z. B.: § 3: εVF facta : PGEH omis. H 2 P3 permissa § 4: εV octo : P hoc : GE hos : H cum § 4: εVF si cum : P sicut : P 2 GE si aut § 8: εV se et : P sed et : EH et de : G de § 9: εV cynnano : P germano : GE cesonino : H cesonini § 12: εV ex : PGEH omis.

377 In den anderen Reden bieten E 2 , ε und V keine auffälligen Lesarten, die darauf hinweisen würden, dass sie nicht aus der Pariser Familie abstammen – für sie existierte mit Sicherheit nur ein Archetyp; vgl. Maslowski/Rouse (1984), 72. 378 In H wurde hier konjiziert.

84 § 13: § 17: § 21: § 24:

A Einleitung

εV maestumque : PGEH maestumve εV rogaras : PGEH rogabas εV m. cispius : PH mospius : GE m. ospius εVF omnis ex omnibus : PGEH omnibus

Zudem liegen u. a. an folgenden Stellen Bindefehler der jüngeren Handschriften mit E 2 an Stellen vor, die in P(GEH) richtig abgebildet werden:379 § 5: PGEH arbitraretur : E 2 εVF non arbitraretur § 8: PGEH deus : E 2 εVF decus § 15: PGEH quam : E 2 εVF quamquam § 15: PGEH is me, quamquam me quidem non (GEH quamquam equidem) : E 2 εV sed me quamquam quidem minime non § 15: PGEH cognoram enim (H eum) : E 2 εVF cognoscatur a me iam § 23: P igni : GEH omis. : E 2 εVF digne (F dignas) § 34: PGEH reportavit : E 2 εVF revocavit § 38: PGE interfectis inimicis denique : E 2 εVF refecti nimis denique : H nulla auctoritate senatus Weitere Bindefehler von ε, V und F belegen die enge Zusammengehörigkeit dieser Handschriften,380 z. B.:

379 Weder in PGEH noch in der E 2 -Gruppe korrekt abgebildet ist u. a. § 13: PGE vitia rei (E viciari) : H omis. : E 2 εVF non rei (F rei) : vis, non peritia rei; § 14: P veluus : G belluus : E helluus : H omis. : E 2 εVF belua : beluus; § 17: PGE praeferas : H praefeceras : E 2 εV feceras (hier liegt in H eine zutreffende Konjektur vor). 380 Bindefehler der jüngeren Handschriften mit GE bzw. P lassen vermuten, dass eine der Vorlagen der recentiores Zugriff auf einen Hyparchetypen der Paris-Familie hatte: § 1: GEH id tribuendum : PεVF adtribuendum (εVF att-) § 24: P 2 GEH usus esset (G unus) : P visus est et : εVF visus esset § 32: P 2 GEH templorum : PεV temporum § 33: P duae : H omis. : GEεVF duas § 36: PH rem publicam : GEεV re publica Weitere Stellen u. a. p. red.ad Quir. 5 (PH opera : GEεTV opere); p. red ad Quir. 8 (P retu : GETεV reatu : reditu); p. red. ad Quir. 10 (P re quidem : GεV requiem); p. red. ad Quir. 11 (G sed : PTεV et); p. red. ad Quir. 12 (GT eum : PεV cum); p. red. ad Quir. 20 (G recuperavero : PTεV recte paravero : recuperata vero); p. red. ad Quir. 22 (P quin : GTεV quam : Quirites); p. red. ad Quir. 23 (PH ulciscendi : GTεV utendi). Bei zwei der drei scheinbaren Bindefehler mit P in dieser Rede bot aber schon P 2 die richtige Lesart, sodass die jüngeren Handschriften Zugriff auf P selbst und eine Handschrift aus dem α-Zweig gehabt haben müssten. Zudem ist es bei einer Auffassung als Bindefehler mit P unwahrscheinlich, dass die Korrektur P 2 so zeitnah zu P entstand, wie üblicherweise ange-

7 Die Überlieferung

§ 1: § 3: § 7: § 14: § 24: § 39:

85

PGEH vestra : εVF vestrum PGEH omis. : εVF rem publicam PGEH volitantis : εVF volitarent PGH litteras : EεV litteris381 PGEH et defendendum : εVF omis. GEH implorarit : P implorit : εVF implorante

Sie müssen von einer gemeinsamen Vorlage abstammen, da V bisweilen die richtige Lesart gegen Fehler aus dem älteren ε bietet (da F ohnehin nur Anmerkungen in der Ausgabe Lambins sind, sind Aussagen darüber schwierig), so bspw.: § 6: PGEHV videbatis : ε iubeatis § 12: PGEHV ut : ε et § 15: PGEHV prudentissimam : ε pudentissimam § 29: PGEHV videri : ε omis. Die Bindefehler mit E 2 und die oft erstaunlich guten Lesarten in den recentiores führten in der Forschung zu der These, dass ein zweiter Archetyp (ω 2 ) vorgelegen haben müsse, auf dessen Tradition E 2 bzw. E 2 und eine Vorlage der jüngeren Handschriften382 Zugriff gehabt hätten; man könne an vielen Stellen schon aufgrund des Alters der Lesarten (E 2 aus dem 12. Jahrhundert)383 nicht von Konjekturen ausgehen.384

nommen wird. Man kann möglicherweise vermuten, dass in beiden Traditionen an diesen Stellen dieselben Fehler gemacht wurden. 381 Hier liegt in E vermutlich eine Konjektur vor. 382 Es sind m. E. zweierlei Hypothesen hinsichtlich der Vorlage der recentiores ε, V und F möglich: Es könnte sich zum einen um E 2 selbst handeln, das einige unabhängige Lesarten aus einer zweiten Tradition übernahm, während die guten Lesarten, die sich ausschließlich in den jüngeren Handschriften finden, durch spätere Konjekturen entstanden sind. Zum anderen könnten aber auch sowohl E 2 als auch ε, V und F unabhängig voneinander Zugriff auf eine zweite Traditionslinie gehabt haben. 383 Maslowski/Rouse (1984), 63. 384 Vor allem Klotz (1913), 479 ff.; begründet insbesondere auf Halm (1854), 323 (der aber noch nicht die Verbindung der recentiores zu E 2 erkennt) und Stock (1888), 108 ff. Ihnen folgt vor allem Maslowski, u. a. Maslowski (1981), XXIX f. (auch Maslowski/Rouse [1984], 70 f.). Die Vorlage von E 2 bzw. E 2 und einer Vorlage der jüngeren Handschriften kann nicht aus der Paris-Familie stammen, auch wenn manche Forscher dies annehmen (Wuilleumier [1952], 32; ähnlich auch Cousin [1965], 98 und Cousin [1962], 64, der in seinem Stemma aber nur E 2 berücksichtigt; ebenso Giardina [1971], 15). Wäre dies der Fall, so müssten in E 2 und den recentiores weiterhin treffende Konjekturen angenommen werden, die in E 2 oder vorher in der gemeinsamen Vorlage vorgenommen wurden. Geht man nämlich umgekehrt davon aus, dass die guten Lesarten echte Tradition des Archetyps der Paris-Familie wiederspiegeln, müssten in

86

A Einleitung

Vor allem aber deutet der Titel der Rede auf eine Unabhängigkeit von der Paris-Familie hin. In den Handschriften dieser Familie findet sich – mit kleineren Abweichungen untereinander – der Titel cum senatui gratias egit. Die jüngeren Handschriften und X (s. u.) weisen dagegen – ebenfalls mit geringfügigen Unterschieden (in ε fehlt der Titel) – post reditum (in senatu) auf.385 Auch daher scheint m. E. die Theorie eines zweiten Archetyps wahrscheinlicher zu sein als die, dass die jüngeren Handschriften und E 2 ausschließlich auf den Archetyp der Paris-Familie zurückgehen.386 Doch selbst wenn man von einem zweiten Archetyp ausgeht, der auf ε, V, F, X (s. u.) und E 2 Einfluss hatte, sollte man höchste Vorsicht bei der Auswahl der Lesarten walten lassen; insbesondere bei Übereinstimmung von ε und V (und F), ohne dass E 2 (oder X) gemeinsam mit ihnen steht, sind aufgrund des jüngeren Alters der Handschriften Konjekturen möglich. Auch bei Übereinstimmung mit E 2 oder X sollte nicht jede Lesart ungeprüft in den Text übernommen werden, da bisweilen nicht sicher zu entscheiden ist, auf welchem Zweig ein Fehler entstanden ist (so bspw. in § 11: PGEH omnes : XE 2 εV omnium; § 11: PGEH qui : E 2 εV quo), und da manchmal deren Lesart eindeutig falsch ist (so bspw. in § 5: PGEH arbitraretur : E 2 εVF non arbitraretur; § 15: PGEH quam : E 2 εVF quamquam; § 18: PGEH latore : E 2 εVF latere). In diesem Zusammenhang ist die Handschrift X387 von Bedeutung, auch wenn nur Teile aus §§ 10, 11, 13, 14, 16 und 27 von cum senatui gratias egit erhalten sind. Sie ist laut Maslowski (1984) unabhängig von der PGEH-Tradition, was folgende Stellen belegen können:

den alten Handschriften unabhängig voneinander sehr oft mehrfach dieselben Fehler gemacht worden sein. In E 2 wurde insbesondere dann auf diese Vorlage zurückgegriffen, wenn die Überlieferung in E ohnehin problematisch war und sinnlose Buchstabenfolgen oder eindeutige Lücken aufwies; z. B. in § 12 (PGEH iam : E 2 εV lamiam); § 14 (E vel aethiope stipe : E 2 εVF stipite); § 17 (PGE praeferas : E 2 εV feceras); § 24 (E omis. : E 2 εVF ter omnino). 385 Vgl. Maslowski/Rouse (1984), 91 f.: „Indeed a drastically altered title under which a work is transmitted cannot easily be invented by another scribe.“ 386 Bindefehler der Paris-Familie mit der E 2 -Gruppe belegen zwar eine gemeinsame Abstammung, doch können sich die beiden Traditionen bereits sehr früh, möglicherweise in der Spätantike getrennt haben; s. u. am Ende des Kapitels: § 9: PGEεVF inimicus : H non inimicus § 29: PGEHεV consignavit : consignarit § 32: PGEHεV eos : se § 37: PGEHεV Metellorum : Metellarum § 37: PGEHεV deposceret : deposcere 387 Ausführlich hierzu: Maslowski/Rouse (1984), 90 ff.

7 Die Überlieferung

§ 11: § 14: § 16: § 16:

87

XE 2 εV omnium : PGEH omnes XE 2 εV ianua : PGEH inava XεVF tu : PGEH omis. XE 2 εV integumento : PGEH integimento

Zudem sei die Übereinstimmung im Titel mit den jüngeren Handschriften (s. o.) ein sicherer Beleg dafür, dass sie sich auf einer gemeinsamen Traditionslinie befinden müssen. Es liegen aber auch einige Übereinstimmungen mit der Paris-Familie gegen Fehler in den recentiores vor; z. B.: § 13: XPGEH et helluationibus : E 2 εVF etiam helluoni (F -nis) § 13: XPGEH in lustris : εVF illustris § 14: XP 2 pseudothyro (X -iro) : P psed- : E 2 εV pseudothyra (-tyra εV) Demnach muss X von einem der Hyparchetypen der ω 2 -Familie abstammen, der vor einer möglichen gemeinsamen Vorlage von E 2 und den recentiores einzuordnen ist.388 Die Trennung der beiden Traditionslinien (Paris/E 2 ) könnte bereits in der Spätantike geschehen sein. Neben den Bindefehlern beider Gruppen deuten darauf einige Stellen hin, an denen beide Familien inhaltlich und/oder grammatikalisch sinnvolle Lesarten bieten, von denen aber eine falsch sein muss. An diesen Stellen kann nicht von Konjekturen in den erhaltenen Handschriften ausgegangen werden (zumeist aufgrund des Alters von E 2 ) und eine Verschreibung von einer sinnvollen Lesart zu einer anderen ist ebenfalls sehr unwahrscheinlich; dazu zählen bspw. § 13 (P versutamque : GEH irritamque : E 2 εVF fictamque [εV v-]); § 14 (P veluus : G belluus : E hellus : H omis. : E 2 εV belua : Aug. beluus); § 15 (PGEH cognoram enim [H eum] : E 2 εVF cognoscatur a me iam); § 16 (PGEH schol. Bob. luctu : E 2 εVF vultu); § 38 (PGE interfectis inimicis denique : H nulla auctoritate senatus : E 2 εVF refecti nimis denique; möglicherweise § 25 (P ne … tandem : GE sane … tandem : H tandem : E 2 εVF ne ipsi … quidem : bonis … tamen), wo in beiden Familien Fehler vorzuliegen scheinen. Auch die Unterschiede im Titel der Rede können auf eine frühe Trennung der Traditionen hinweisen.389

388 Der Einordnung, dass X, E 2 und die recentiores direkt von einer gemeinsamen Vorlage abstammen, wie Maslowski/Rouse (1984), 92 ff. vorsichtig vermuten und durch möglichen Einfluss von P auf X zu erklären versuchen, kann nicht gefolgt werden. 389 Hierzu vgl. auch Maslowski/Rouse (1984), 93. Sie nehmen lediglich „beluus“/„belua“ als Hinweis auf eine sehr frühe Trennung der beiden Traditionslinien.

88

A Einleitung

Die Paris-Familie: ω P

α

P2

B

β

H

G

E

Σ

E2

Die beiden Möglichkeiten der E 2 -Tradition: a)

b)

ω2

ω2

γ

E

δ

E2

ζ

ε

V

γ

X

E

δ

E2

F

ε

V

F

X

8 Abweichungen von den Ausgaben Petersons (Oxford, 1911) und Maslowskis (Teubner, 1981)  §

Boll

Peterson

Maslowski

 1

enumerando

numerando

numerando

 2

debemus

debeamus

debeamus

 3

non est

non est permissa

facta non est

 4

cum

quam

cum

 4

itaque

idemque

itaque

 4

vos

omis.

omis.

 9

est

populi Romani fuit

est

 9

post Romam conditam

omis.

post Romam conditam

10

duo

ii

duo

10

parvae

pravae

parvae

11

omnium

omnis

omnium

11

qui

qui

quo

11

quod

quod

quo

12

ascendit

escendit

escendit

12

diceret

diceret

intercederet

13

fictamque

versutamque

fictamque

13

non iuris studium

non consilium

non iuris [studium]

13

vitia rei militaris

non rei militaris

vitia rei militaris

13

† cognoscendorum hominum

cognoscendorum hominum studium

cognoscendorum hominum

14

litteras

litteris

litteras

14

beluus

belua

beluus

15

Is me, quamquam me quidem non

Is nequaquam me quidem

Is nequaquam me quidem [non]

16

tu

omis.

tu

17

depellerent

depellerent

depulissem

https://doi.org/10.1515/9783110643091-008

90

A Einleitung

(fortgesetzt) §

Boll

Peterson

Maslowski

17

praefeceras

praefeceras

feceras

21

officia studia

officia ac studia

officia studia

23

non indicem

indicem

non indicem

25

ab inferis

ab inferis

[ab inferis]

25

Metellum

[Metellum]

Metellum

25

honestus omnibus bonis, luctuosus tamen

honestus omnibus, sed luctuosus tamen

honestus omnibus sane, luctuosus tamen

26

exstitit

divinitus exstitit

exstitit

26

suum

unum

summum

27

quis

qui

qui id

27

vos

omis.

vos

27

illo die

illo die

ille dies

27

eo die

eo die

quo die

30

omis.

omis.

32

se

eos

33

hoc

in hoc

in hoc

33

potui

potui, potui

potui, potui

34

esse amplius

omis.

omis.

35

quaestor

consors

quaestor

36

imminuam

minuam

minuam

36

duorum

divinorum

duorum

36

et

omis.

et

37

me per vos

per vos me

me per vos

Abkürzungsübersicht der im Kommentarteil verwendeten Literatur DNP: Schneider, H. et al. (Hg.): Der neue Pauly. Enzyklopädie der Antike, Stuttgart et al. seit 1996. KSt: Kühner, R. et al.: Ausführliche Grammatik der lateinischen Sprache. Zweiter Teil: Satzlehre, Hannover 1971 (= 41962). LHS: Hofmann, J. B.: Lateinische Syntax und Stilistik. Neubearbeitet von Anton Szantyr, München 1965. RAC: Klauser, T. et al. (Hg.): Reallexikon für Antike und Christentum. Sachwörterbuch zur Auseinandersetzung des Christentums mit der antiken Welt, Stuttgart seit 1950. RE: Wissowa, G. et al. (Hg.): Paulys Realencyclopädie der classischen Altertumswissenschaft, Stuttgart 1893–1980. ThLL: Thesaurus Linguae Latinae (o. Hg.), Leipzig seit 1900.

https://doi.org/10.1515/9783110643091-009

M. TULLI CICERONIS INCIPIT CUM SENATUI GRATIAS EGIT Schon beim Titel der Rede teilt sich die Überlieferung. Die Paris-Familie tradiert – mit leichten Abweichungen untereinander – cum senatui gratias egit, das auch durch die Scholia Bobiensia bezeugt wird: In P und G findet sich M. Tulli Ciceronis incipit cum senatui gratias egit, in E Incip(it) or(atio) M. T. Cicer(onis) cu(m) de reditu suo senatui gr(at)ias egit und schließlich in H M. Tullius gratias agit senatui. Dieser Gruppe folgen die meisten jüngeren Herausgeber, zuletzt Maslowski (1982). Die recentiores V und F sowie die Fragmente X weisen auf den heute ebenfalls geläufigen Kurztitel post reditum in senatu hin: X bietet M. T. Cic(er)o in senatu(m) post reditu(m), V Oratio Marci Tullii Ciceronis in senatu post reditu ab exilio i(n)c(ipit) und F M. Tullii Ciceronis oratio in senatu post reditum de exilio. In ε fehlt die Überschrift gänzlich. Diese Befundlage wird als einer der stärksten Belege für die Einordnung von X in die E 2 -Gruppe herangezogen, da ein neuer Titel für ein Werk nicht ohne Weiteres von einem Kopisten erfunden werden würde; vgl. Maslowski/Rouse (1984), 91 f. Die Trennung zwischen der Paris-Familie und εVFX im Titel könnte ebenfalls als Hinweis auf die Existenz eines zweiten Archetyps dienen; s. o. in Kap. 7.

§§ 1–2: Proömium/Lob des Senats § 1: Si, patres conscripti, pro vestris immortalibus in me fratremque meum liberosque nostros meritis parum vobis cumulate gratias egero, quaeso obtestorque, ne meae naturae potius quam magnitudini vestrorum beneficiorum id tribuendum putetis. Cicero beginnt das Proömium der Rede (§§ 1–2) e persona, indem er darstellt, wie wenig er in der Lage sei, die Verdienste des Senats (meritis meint hier spezifisch die Rückberufung aus dem Exil) zu vergelten. Er nimmt in einer prolepsis (vgl. Quint. inst. 4,1,49) den möglichen Einwand der Senatoren vorweg, dass sein Dank zu gering ausfallen könnte. Keineswegs sei er undankbar, vielmehr sei die Tat des Senats unermesslich groß. Das unterschwellige Selbstlob – dass Cicero eines solchen Einsatzes würdig ist – zieht sich als Topos durch die gesamte Rede; bspw. s. u., § 2: magnificentissimis decretis; § 8: civis optime de re publica meritus; § 12: gratissimae civitatis; § 21: publici mei benefici memoria; § 34: cum consul communem salutem sine ferro defendissem; § 36: si eam tum defendebam, cum mihi aliquid illa debebat / duorum in rem publicam beneficiorum / quia defenderam civitatem. https://doi.org/10.1515/9783110643091-010

§§ 1–2: Proömium/Lob des Senats

95

Ähnliche Proömien, in denen Cicero sich selbst und seine Fähigkeiten hintansetzt, finden sich nicht selten in den Reden, vor allem im Frühwerk. In pro Quinctio und pro S. Roscio führt er an, nur wenig Erfahrung und Talent zu besitzen, wohingegen seine Gegner Redegewandtheit und Einfluss hätten; er gehöre nicht zu den besten Rednern und sei anderen im Hinblick auf Alter, Können und Ansehen nicht gewachsen. In de imperio Cn. Pompei führt er aus, er sei nicht würdig, auf den rostra vor dem Volk zu sprechen, dem er seinen ganzen Einfluss zu verdanken habe, während seine Redegewandtheit nur durch tägliche Übung entstanden sei; ähnlich auch in de lege agraria 2, hier aber bereits mit Selbstüberschätzung verbunden. Selbstbewusster werden die Proömien in den Reden gegen Verres, in denen er sich als diligens ac firmus accusator bezeichnet (vgl. Ver. 2,2,1), und verspricht, er werde recte und honeste leben (vgl. Ver. 2,3,2). Ab den Catilinarischen Reden tritt die Selbstüberschätzung deutlich zu Tage, denn ab diesem Zeitpunkt hatte Cicero einen guten Grund dafür, sich selbst herauszustellen. Der Bezug auf die Rettung des Staates infolge der niedergeschlagenen Verschwörung zieht sich durch die späteren Reden; so führt er in pro Sulla an, er habe Verres und Catilina besiegt und könne nun wieder seine natürliche Milde zeigen. Nach dem Exil lässt sich außer in den Proömien der beiden post reditum-Reden auch in pro Balbo und pro Plancio eine gewisse Zurückhaltung erkennen. In den Philippiken schließlich setzt er sich unter anderem mit dem Staat gleich (Phil. 2,1). Er sagt, er habe diesen zwei Mal gerettet (vgl. Phil. 6,2; s. u., § 36: […] duorum in rem publicam beneficiorum […]) und sich immer für das Volk eingesetzt, wenn nur die Umstände es zuließen; vgl. Phil. 4,1. Im Vergleich zur Parallelrede an das Volk zeigt sich Cicero zu Beginn der Senatsrede zurückhaltend; vgl. Quint. inst. 4,1,55; 4,1,13. Cicero erwähnt hier seine eigene Leistung mit keinem Wort, während er es im Proömium der Volksrede so darstellt, als habe er durch sein Exil die Bürgerschaft gerettet. Dies kristallisiert sich in der Rede in senatu erst im weiteren Verlauf als Topos heraus; vgl. Mack (1937), 99 ff.; 20 ff. Der Einleitungssatz der Volksrede ist zudem viel länger (gut 16 Oxford-Zeilen) als der der Senatsrede (gut vier Oxford-Zeilen). Die auffällig lange und verschachtelte einleitende Periode in der Rede ad Quirites wurde im Zuge der Echtheitsdebatte als Argument für eine Fälschung der post reditum-Reden insgesamt herangezogen; vgl. Nicholson (1992), 134. patres conscripti: Zur besonders frühen Stellung des Vokativs zu Beginn einer Rede, zumal nicht nach einem Ausdruck der zweiten Person, vgl. Cat. 4,1: Video, patres conscripti, […]; Cluent. 1: Animadverti, iudices, […]; Rab. Perd. 1: Etsi, Quirites, […] (hier ebenfalls nach einer konditionalsatzeinleitenden Subjunktion). Zur Positionierung der Anrede an die zweite Stelle des Satzes im weiteren Verlauf der Reden vgl. z. B. Ver. 1,26; 2,3,66; Flacc. 105; leg. agr. 2,1;

96

B Kommentarteil

Phil. 6,3; imp. Cn. Pomp. 22. Deutlich später allerdings in p. red. ad Quir. 1: Quod precatus a Iove Optimo Maximo ceterisque dis immortalibus sum, Quirites, […]. Die frühe Stellung des Vokativs steigert das Gewicht, mit dem die Person/Personengruppe angesprochen wird; vgl. KSt 1, 256. in me fratremque meum liberosque nostros: Vor allem der Bruder Quintus, die Tochter Tullia und der Schwiegersohn Piso Frugi hatten sich in Rom für Ciceros Rückkehr eingesetzt; in diesem Zusammenhang wurde Quintus körperlich schwer verletzt; hierzu s. o. in Kap. 2.3.6; ausführlich zu Quintus s. u., § 37; zu Piso s. u., § 38; Tullia und Piso zudem in § 17. Man kann die Aufzählung einerseits aus Ciceros Sicht als Antiklimax auffassen, andererseits aber auch aus Sicht des Senats als Klimax (dessen Verdienste werden umso größer, je mehr Personen angeführt werden). Sie wird nicht, wie bei Cicero eigentlich üblich, asyndetisch, polysyndetisch mit et oder monosyndetisch mit Anschluss des letzten Gliedes durch -que gebildet; vgl. KSt 2, 29 ff., abgesehen von dieser Stelle noch Cluent. 125: uxorem speratosque liberos fratremque ipsum (auch hier Familienmitglieder); Verr. 2, 2, 35: plena domus caelati argenti optimi multaeque stragulae vestis pretiosorumque mancipiorum; übersehen von LHS, 515. cumulate gratias egero: Zu cumulate i. S. v. ample vgl. ThLL, s. v. (1384, 66 ff.); Phil. 14,35; rep. 1,70; fin. 2,42. Der Topos, dass sogar der größte Dank, den Cicero aussprechen kann, nicht reichlich genug sei, um die Leistung des Senats zu würdigen, zieht sich durch die Rede; sowohl in Bezug auf den ganzen Senat (§ 30) und die Initiatoren der Rückberufung (§ 24) als auch spezifisch auf Milo (§ 19) und Pompeius (§ 29). Durch dieses Vorgehen wird die Rückberufung als große Tat stilisiert, ein Lob, das somit auf Cicero selbst zurückfällt. beneficiorum: Cicero verwendet diesen Begriff häufig für die Bemühungen um die Rückberufung aus dem Exil; allein in dieser Rede s. u., §§ 3; 24; 26; 28; 30. id tribuendum: An dieser Stelle ist die Überlieferung geteilt: P, B, Σ und die recentiores überliefern adtribuendum, dem die Herausgeber gewöhnlich folgen, in G, E und H id tribuendum, das Peterson (1911) übernimmt. Das Objekt id greift den Konditionalsatz auf; s. u., § 8: […] hoc lumen consulatus sui fore putavit, si me mihi […] reddidisset. Da sich dies auch in dem Panegyricus Iuliani Augusti von Claudius Mamertinus und damit in einem unabhängigen Sekundärzeugnis findet, das auf diese Rede Bezug nimmt (vgl. Gutzwiller [1980], 234), sollte id tribuendum m. E. in den Text gesetzt werden; vgl. panegyricus Iuliani Augusti XXXI: […] quaeso obtestorque te, meae id naturae potius quam magnitudini beneficiorum tuorum putes esse tribuendum. Quae tanta enim potest exsistere ubertas ingeni, quae tanta dicendi copia, quod tam divinum atque incredibile genus orationis, quo quisquam possit

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vestra in nos universa promerita non dicam complecti orando, sed percensere enumerando? In einer dreigliedrigen Aufzählung werden verschiedene Eigenschaften eines Redners bzw. einer Rede angeführt, die erforderlich seien, um dem Senat ausreichend zu danken: 1. ubertas ingeni ist vermutlich als die Fähigkeit zu verstehen, in großem Maße auf sprachlichem Gebiet schöpferisch tätig zu sein (= ‚rhetorisches Talent‘). Zu ubertas i. S. v. „fertility of language or style“ vgl. OLD, s. v.; Balb. 3; zu ubertas ingeni vgl. Quint. 10,1,109. 2. Die folgende dicendi copia bezeichnet den Vorrat, aus dem während der inventio (Auffinden des Stoffes) die Argumente gesucht werden. Zur copia dicendi bei Cicero vgl. u. a. de orat. 1,170; 1,215; Brut. 138; inv. 1,1,1. 3. genus orationis: Auch wenn der Begriff genus orationis oft mit dem genus dicendi gleichzusetzen ist und sich auf die Redegattungen bezieht, nimmt Cicero hier m. E. Bezug auf die elocutio. Dass er sich erst Jahre nach dieser Rede im orator ausführlich mit der Theorie der genera orationis beschäftigte, schließt eine Anspielung an dieser Stelle nicht aus. Er spielt darauf an, dass kein noch so hoher Redestil angemessen sein könne, um dem Senat ausreichendes Lob auszusprechen, weder das genus subtile noch das genus modicum, und nicht einmal die höchste Ebene, das genus sublime, das die größte Wirkung auf die Zuhörer ausübt und das Cicero nur den besten Rednern zugesteht. Der Stil, der zur Würdigung der Leistung des Senats angemessen wäre, sei divinum und incredibile, also für einen Menschen überhaupt nicht erreichbar; zu den genera elocutionis bei Cicero vgl. orat. 69–99; Baldwin (1959), 56 ff.; Schirren (2009), 1434 ff.; vgl. p. red. ad Quir. 5: […] neminem umquam tanta eloquentia fuisse neque tam divino atque incredibili genere dicendi […]. Zum Grundgedanken des Satzes vgl. p. red. ad Quir. 6: Nam cum in ipso beneficio vestro tanta magnitudo est ut eam complecti oratione non possim […]. enim steht im klassischen Latein üblicherweise an zweiter Stelle des Satzes; es kann aber, sollte an dieser bspw. ein anderes enklitisches Wort nötig sein, an die dritte oder vierte rücken; vgl. LHS, 507 ff. Hier wird durch die Satzstellung die Anapher quae tanta … quae tanta hervorgebracht. non dicam: Ähnliche correctiones finden sich in dieser Rede in § 8; § 16. Anstelle von numerando, das die Herausgeber in den Text übernehmen, bieten zwei jüngere Kodizes enumerando. Aufgrund der Parallelstelle p. red. ad Quir. 5 sollte das Kompositum gesetzt werden: […] non modo augere aut ornare oratione, sed enumerare aut consequi possit. Das „e“ könnte in der Überlieferung durch Haplographie ausgefallen sein (percensere enumerando), wenn auch eine Dittographie in den jüngeren Handschriften nicht ausgeschlossen werden kann; zu numerare i. S. v. „to enumerate, catalogue, retail“ vgl. nat. deor. 3,81, aber ansonsten nur in der Dichtung; vgl. OLD, s. v. (5); zu enumerare als „ordine proferendo percensere“ vgl. ThLL, s. v.; S. Rosc. 53; inv. 1,34; Ver. 2,2,82; leg. 3,23.

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Qui mihi fratrem optatissimum, me fratri amantissimo, liberis nostris parentes, nobis liberos, qui dignitatem, qui ordinem, qui fortunas, qui amplissimam rem publicam, qui patriam, qua nihil potest esse iucundius, qui denique nosmet ipsos nobis reddidistis. Im Rahmen einer Klimax in Form einer zehngliedrigen Aufzählung mit siebenfacher, anaphorischer Wiederholung des Relativpronomens qui betont Cicero, welche Personen bzw. Dinge er zurückerhielt und welche ihn nach Beendigung des Exils zurückerhielten; vgl. p. red. ad Quir. 5: Di immortales mihi liberos dederunt, vos reddidistis. In der Parallelstelle der Volksrede (p. red. ad Quir. 2 ff.) ist die Aufzählung um einiges länger. Neben den Kindern und dem Bruder führt Cicero auch hier allgemein den Besitz (allerdings als res familiaris) an, ergänzt durch dignitas, ordo und patria. Hinzu kommen amicitiae, consuetudines, vicinitates, clientelae, ludi denique et dies festi, wodurch die persönliche, gefühlsbetonte Ebene der Darstellung stärker als vor den Senatoren in den Mittelpunkt rückt. Aber auch die politische Ebene wird durch mehr Glieder verstärkt: Hier finden sich honos (in der Senatsrede im folgenden Absatz) und locus. Cicero versucht, durch „Häufung der Beweismomente […] das stolze Bewusstsein in seinen Hörern wachsen [zu lassen], daß sie eine Tat von besonderem Ausmaß bei seiner Rückberufung vollbracht haben“; vgl. Mack (1937), 21. Dies zeigt sich ebenso daran, dass er die Aufzählung mehrfach unterbricht, um auszuführen, dass ihm alle diese Elemente nach der Rückkehr viel mehr Freude bereiten als vor dem Exil, auch wenn sie teilweise nicht mehr in ihrer alten Größe vorhanden sind (z. B. § 2: […] tamen non tantae voluptati erant suscepti quantae nunc sunt restituti.); daher zieht sich die Aufzählung, die hier auf einen Satz komprimiert ist, in der Volksrede über drei Absätze hin. Es handelt sich um einen Teil des Topos der post reditum-Reden, mit dem Cicero seine Exilierung in einen persönlichen Sieg verwandeln möchte. Die Rückberufung wird darin als triumphaler Einzug in Rom beschrieben und die große Einigkeit der Bevölkerung und Politiker betont; bspw. s. u., §§ 24 f.; §§ 27 f.; vgl. Nicholson (1992), 34 f., der den Topos „felix culpa“ nennt; zu dessen concordia ordinum s. o. in Kap. 4. dignitatem: Treffende deutsche Entsprechungen für dignitas wären bspw. „Achtung“, „Ansehen“, „Stellung u. Geltung“; vgl. RAC 3 (1957), 1025 f. Es handelt sich um einen der zentralen Begriffe des römischen Selbstverständnisses, insbesondere auf die Stellung bezogen, die jemand im politischen oder sozialen Leben innehatte, möglicherweise „his good name […] his reputation and standing“; vgl. Balsdon (1960), 45 f. Unverzichtbare Voraussetzung zum Erlangen von dignitas waren ein politisches Amt und Senatszugehörigkeit. Adelige Abstammung war hilfreich, aber auch homines novi erwarben mit Aufnahme in den Senat dignitas, die auf die Nachfahren vererbt wurde. Außerdem spielte die politische Leistung des Einzelnen eine zentrale Rolle, ebenso wie „Würde des

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Auftretens, der Ausdrucksweise, der Lebensführung“ (vgl. Pöschl [1992], 637) und insbesondere die Akzeptanz durch die Bevölkerung. Der Ausdruck der dignitas eines Menschen war dessen auctoritas (s. u., § 8). Zur Loyalität gegenüber der Republik und der Unterstützung der boni kam für Cicero die Macht hinzu, diese Loyalität in Taten umzusetzen und durch freie Rede zu verteidigen; vgl. fam. 4,14,1; zur dignitas vgl. RAC 3 (1957), 1025 ff.; Pöschl (1992), 637 ff.; ausführlicher Pöschl (1995), 209 ff. Cicero als homo novus muss die mühsam selbst erworbene dignitas besonders wichtig gewesen sein, was die häufige Betonung dieses Begriffs in den Reden nach dem Exil erklärt. Er findet sich in dieser Bedeutung in §§ 5; 26; 27; 31; vgl. zudem u. a. Sest. 129: […] redirem in patriam dignitate omni recuperata; dom. 9; dom. 86; Sest. 52. patriam, qua nihil potest esse iucundius: Zur patria-Topik bei Cicero, die er in den Reden nach dem Exil vor allem nutzt, um seinen selbstaufopfernden Einsatz und seine politische Bedeutung für die Republik darzustellen, vgl. Peck (2016), 78–160; zur hyperbolischen Glorifizierung der patria vgl. p. red. ad Quir. 4: Ipsa autem patria, di immortales, dici vix potest, quid caritatis, quid voluptatis habeat; leg. 2,5: […] [sc. patria], pro qua mori et cui nos totos dedere et in qua nostra omnia ponere et quasi consecrare debemus; Roselaar (2016), 157. Der Relativsatz qua … iucundius fehlt – als Trennfehler zu G, E und H – in P, wohl verursacht durch einen Zeilensprung (qua … qui; aber von zweiter Hand ergänzt). nosmet ipsos nobis reddidistis: Die Aussage des Satzes kulminiert im paradoxen Gedanken, dass Cicero sich selbst zurückgegeben worden sei, dass er also erst nach der Rückkehr in Rom wieder zu alter Stärke zurückfinden konnte; vgl. dazu auch die entsprechende Stelle in der Parallelrede in p. red. ad Quir. 8: […] promeritum, quod non multitudini propinquorum, sed nobismet ipsis nos reddidistis.“ § 2: Quod si parentes carissimos habere debemus, quod ab iis nobis vita, patrimonium, libertas, civitas tradita est, si deos immortalis, quorum beneficio et haec tenuimus et ceteris rebus aucti sumus, si populum Romanum, cuius honoribus in amplissimo consilio et in altissimo gradu dignitatis atque in hac omnium terrarum arce conlocati sumus, si hunc ipsum ordinem, a quo saepe magnificentissimis decretis sumus honestati, immensum quiddam et infinitum est, quod vobis debemus, qui vestro singulari studio atque consensu parentum beneficia, deorum immortalium munera, populi Romani honores, vestra de me multa iudicia nobis uno tempore omnia reddidistis, ut, cum multa vobis, magna populo Romano, innumerabilia parentibus, omnia dis immortalibus debeamus, haec antea singula per illos habuerimus, nunc universa per vos reciperarimus.

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Cicero verweilt weiterhin bei den durch die Beendigung des Exils zurückerhaltenen Gütern. Im Rahmen eines Gegensatzes stellt er dar, dass er alles, was ihm durch die Rückberufung vom Senat geschlossen zurückgegeben wurde, ursprünglich von vier verschiedenen Einzelgruppen erhalten hatte, wodurch er dessen Verdienst weiter erhöht. Er überschüttet allerdings nicht die Institution des Senats mit Lob, sondern hebt vielmehr auf die aktuellen Senatsmitglieder ab, indem er das allgemeine hunc ipsum ordinem dem spezifischeren vobis gegenüberstellt. Eine vergleichbare Passage kann man in der Volksrede lesen (§ 5). Dort allerdings wird erwartungsgemäß nicht dem Senat, sondern dem Volk das Verdienst zugeschrieben, dass Cicero nach der Rückkehr nach Rom alles wieder in Besitz nehmen konnte. Während in der Rede in senatu das Volk im Rahmen der Aufzählung der verschiedenen Personengruppen aber zumindest Erwähnung findet, sucht man den Senat in der Volksrede vergeblich. Durch dessen Auslassung wird den Zuhörern suggeriert, sie seien in viel größerem Ausmaß eigenverantwortlich für Ciceros Rückkehr gewesen, als es tatsächlich der Fall war; vgl. Mack (1937), 24. Zwar beschloss im August 57 v. Chr. die Volksversammlung ein Ende des Exils, aber ohne den Einfluss und die Zustimmung der Senatoren wäre eine Rückkehr nie zustande gekommen. parentes carissimos habere debemus …: Durch den gesamten Satz ziehen sich drei Aufzählungen derselben Tugenden (Liebe gegenüber den Eltern, den Göttern, dem Vaterland und dem Senat) – zunächst im Konditionalsatz, dann im langen Relativsatz und zuletzt im Konzessivsatz; vgl. zum Verhältnis zwischen pietas und virtus Planc. 29: Nam meo iudicio pietas est fundamentum omnium virtutum; zu pietas vgl. inv. 2,66: […] pietatem, quae erga patriam aut parentes aut alios sanguine coniunctos officium conservare moneat […]; vgl. zu Vaterland und Verwandten zudem Phil. 13,46 und part. or. 78; vgl. zu Göttern leg. 2,26: […] ut augerent pietatem in deos. Ähnlich auch p. red. ad Quir. 18: […] pietate erga deos […]. honoribus: Ciceros Ehrenämter: Er fungierte 75 v. Chr. als Quästor in Sizilien, 69 v. Chr. als kurulischer Ädil, 66 v. Chr. als Prätor und schließlich 63 v. Chr. als Konsul; in amplissimo consilio: der Senat; in altissimo gradu dignitatis: das Konsulat; hunc ipsum ordinem: ebenfalls der Senat; vgl. zu honoribus für die Ämter des cursus honorum u. a. Sest. 17; Phil. 10,6; imp. Cn. Pomp. 51. Vgl. zu amplissimum consilium für den Senat Phil. 3,34: hanc igitur occasionem oblatam tenete, per deos immortalis, patres conscripti, et amplissimi orbis terrae consili principes vos esse aliquando recordamini. Vgl. zu gradus dignitatis für ein Amt der Ämterlaufbahn Phil. 1,14: Idcircone nos populus Romanus consules fecit ut in altissimo gradu dignitatis locati rem publicam pro nihilo haberemus?; Mur. 30: Duae sint artes quae possint locare homines in amplissimo gradu dignitatis, una imperatoris, altera oratoris boni; Mur. 55: […] unum ascendere gradum digni-

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tatis conatus est […]; dom. 98; Cluent. 150; Flacc. 81. Vgl. zu hic ordo für den Senat Cat. 1,20: […] si hic ordo placere decreverit te ire in exilium […]. in hac omnium terrarum arce: Es liegen zwei Möglichkeiten vor, welchen Ort Cicero mit diesem Begriff umschreibt. Es könnte sich einerseits um „das Kapitol mit dem gleichnamigen Jupitertempel [handeln], in dem sich der Senat alljährlich am 1. Januar […] zu einer feierlichen Sitzung versammelte“; vgl. Mommsen ( 31887/1), 617; leg. agr. 1,18 […] iam aperte ostendunt sibi nomen huius rei publicae, sedem urbis atque imperii, denique hoc templum Iovis Optumi Maxumi atque hanc arcem omnium gentium displicere. Das vergleichbare non Capitoli atque arcis obsessio est in Rabir. 35 wäre die „nördliche, mit einer Befestigung versehene Kuppe des kapitolinischen Hügels“; vgl. Fuhrmann, 2 (42013), 372; Ver. 2,5,184. Andererseits scheint Cicero an zwei anderen Stellen mit vergleichbaren Ausdrücken aber die Stadt Rom als Ganze zu bezeichnen; vgl. Cat 4,11: Videor enim mihi videre hanc urbem, lucem orbis terrarum atque arcem omnium gentium, subito uno incendio concidentem; Sull. 33: Ego vitam omnium civium, statum orbis terrae, urbem hanc denique, sedem omnium nostrum, arcem regum ac nationum exterarum, lumen gentium, domicilium imperii […]. magnificentissimis decretis / multa iudicia: die Ehrungen, die Cicero nach der Aufdeckung der Catilinarischen Verschwörung durch den Senat zuteilgeworden sind, darunter die Bezeichnung parens (pater) patriae, auf Antrag von Q. Catulus (vgl. Pis. 3; Sest. 121), eine supplicatio, zum ersten Mal in der römischen Geschichte für einen Zivilisten (vgl. Cat. 3,15) und die Bürgerkrone; vgl. Pis. 3; Gell. 5,6,15. quod vobis debemus: Die Überlieferung bietet geschlossen den Konjunktiv debeamus (in H verschrieben zu habeamus). Lambinus (1565) konjiziert debemus, das sich schon in einer jüngeren Handschrift findet und dem Wolf (1801), Orelli (1826), Kayser (1861) und Ernesti (in späteren Auflagen; so 1773) folgen. Die Konjektur ist m. E. sinnvoll, denn der Konjunktiv ist außergewöhnlich und nur schwer zu rechtfertigen, obwohl er auch in rein explikativen Relativsätzen klassisch bisweilen stehen kann; vgl. LHS, 560. In einem auf quiddam folgenden Relativsatz steht in Ciceros Reden sowohl der Indikativ (vgl. Phil. 1,28; Ver. 2,3,223; S. Rosc. 121) als auch der Konjunktiv; vgl. Cluent. 149; 157; Mil. 84, die aber deutlich eher einen konsekutiven Nebensinn zulassen. Der Konjunktiv mag durch das folgende, zweite debeamus in die Überlieferung eingedrungen sein. consensu: Der Antrag, die Frage über Ciceros Rückberufung an die Zenturiatskomitien zur Abstimmung zu geben, wurde Anfang Juli 57 v. Chr. vom Senat mit großer Mehrheit angenommen, 416 der 417 anwesenden Senatoren stimmten dafür, die einzige Gegenstimme war die des Clodius, der allerdings nicht mehr wagte, Einspruch zu erheben; s. u., §§ 25 f.; p. red. ad Quir. 15: […] frequentissimus senatus uno dissentiente, nullo intercedente […].

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Während P in erster Hand reciperarimus bietet, tradieren P 2 und G recuperarimus. Hier liegt eine orthographische Variante für den sonus medius zwischen i und u vor. In E findet sich – im Gegensatz zur kontrahierten Form in P und G – als Konjektur die vollständige Form (recuperaverimus). recuperavimus in H könnte sowohl auf die kontrahierte als auch auf die ausgeschriebene Form hindeuten. Die Überlieferung weist darauf hin, dass das Wort im Archetyp verkürzt wiedergegeben wurde, während sich bezüglich der Orthographie „-u-“/ „-i-“ keine sichere Entscheidung treffen lässt; zum sonus medius vgl. Allen (1965), 56 ff.

§§ 3–5: Weiteres Lob des Senats und einiger Unterstützer § 3: Itaque, patres conscripti, quod ne optandum quidem est homini, immortalitatem quandam per vos esse adepti videmur. immortalitatem: Cicero führt in einem fließenden Übergang vom Proömium (vgl. Quint. inst. 4,1,76 ff.) an, durch seine Rückberufung gewissermaßen unsterblich geworden zu sein. Er bezieht sich hier aber keineswegs auf die persönliche Unsterblichkeit, sondern vielmehr auf die seines Ruhms. Damit bewegt er sich ganz im Rahmen der römischen Werte und Erziehung. Kindern wurde Respekt für die Vorfahren eingeflößt, damit sie ihnen gleichkämen. „It is safe to say that the constantly instilled respect for heroic ancestors was the most powerful factor in ethical teaching that ancient Rome knew“; vgl. Frank (1930), 218; Arch. 14. Cicero zeigt mit den Anspielungen auf die Hoffnung auf Unsterblichkeit seines Ruhms an verschiedenen Stellen seiner Werke die Wirksamkeit dieser Erziehung. Dies wird vor allem in Zeiten der politischen Aktivität deutlich, in denen er noch nicht durch die politische Entwicklung der späteren Jahre desillusioniert war. Zum Ende seines Lebens konzentrierte er sich stärker auf die persönliche Unsterblichkeit, so bspw. in Cato 85: Quod si in hoc erro, qui animos hominum inmortalis esse credam, libenter erro; die Unsterblichkeit des Ruhms sieht er in dieser Phase kritischer, bspw. im somnium Scipionis (rep. 6, 24–26); vgl. Sullivan (1942), 270–280. An dieser Stelle spricht er allerdings davon, dass es für einen Menschen vermessen sei, sich Unsterblichkeit zu wünschen. Vordergründig lobt er so den Senat: Dieser habe ihm etwas ermöglicht, was man sich nicht einmal wünschen dürfe. Unterschwellig hebt er aber sich selbst hervor: Er habe ebendies erreicht, quod ne optandum quidem est homini. Zum Streben nach Unsterblichkeit des Ruhms allgemein vgl. Arch. 28 f.; Mil 97 f.; Marc. 27 f.; in Att. 2,5,1 bezieht er es spezifisch auf sich: Quid vero historiae de nobis ad annos DC praedicabunt? Quas quidem ego multo magis vereor quam eorum hominum qui hodie vivunt rumusculos. Zu diesem Topos im Zusammen-

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hang mit Ciceros Exil bzw. der Catilinarischen Verschwörung s. u., § 27; vgl. dom. 76; 86; Pis. 7; 63. Quod enim tempus erit umquam, cum vestrorum in nos beneficiorum memoria ac fama moriatur? Hier betont Cicero in einer rhetorischen Frage hyperbolisch, verstärkt durch die Paronomasie memoria/moriatur, dass seine Rückberufung durch den Senat (beneficium in diesem Sinne bereits in § 1) eine unsterbliche Tat sei und nie vergessen werde. Auch dieses Lob fällt auf Cicero selbst zurück. Zu diesem Topos in den post reditum-Reden s. u., § 8: […] vestram in posterum dignitatem […]; vgl. p. red. ad Quir. 1; Pis. 31. Zur Paronomasie memoria/mori vgl. Pis. 93; off. 2,56; häufiger memoria mortuorum o. Ä. Anstelle des cum überliefert H quo, dem die älteren Editoren zum Teil folgen. Die Überlieferung, ebenso wie der Konjunktiv, sprechen allerdings für cum; vgl. LHS, 560; KSt 2, 332. In Ciceros Reden ist tempus mit quo selten; vgl. dom. 7 (c. Konj.); Mur. 72; 81; Flacc. 31; Mil. 19 (c. Konj.); Lig. 5; auch punctum temporis, quo; deutlich häufiger quo tempore; vgl. zum häufigeren tempus mit cum neben dem direkt folgenden Satz in der Senatsrede (ebenfalls c. Konj.) dom. 93; 114; Ver. 2,2,98; 2,4,36; 2,4,108 (c. Konj.); 2,5,40 (c. Konj.); Cat. 3,19; Phil. 2,4 (c. Konj.); 2,45. Qui illo ipso tempore, cum vi, ferro, metu, minis obsessi teneremini, non multo post discessum meum me universi revocavistis referente L. Ninnio, fortissimo atque optimo viro, quem habuit ille pestifer annus et maxime fidelem et minime timidum, si dimicare placuisset, defensorem salutis meae: Mit L. Ninnius wird erstmals in der Rede eine Einzelperson namentlich genannt und die erste spezifische Aktion angeführt: der von diesem initiierte Rückberufungsversuch. vi, ferro, metu, minis: Eine Anspielung auf die gewalttätige Situation in Rom zur Zeit von Ciceros Exil, die vor allem durch die Banden des Clodius und diejenigen des Milo sowie des Sestius hervorgerufen wurde. Cicero versucht, durch „Häufung der Beweismomente“ (vgl. Mack [1937], 21) den Senatoren das Gefühl zu geben, eine Leistung von besonderer Größe vollbracht zu haben; zu dieser Strategie in den post reditum-Reden s. o., § 1. non multo post discessum meum: Cicero verließ Anfang März 58 v. Chr. Rom. Bei discessus handelt es sich um eine von ihm häufig verwendete Bezeichnung (in dieser Rede auch in § 19) für sein Exil. Die neutrale Benennung ist Teil seiner Strategie, das Exilierungsgesetz als illegal darzustellen. Er bezeichnet seine Abwesenheit aus Rom fast nie explizit als exilium bzw. sich selbst als exul (und wenn doch, so nur, um auf direkte Vorwürfe zu reagieren), da er ansonsten

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implizit die Legalität des Gesetzes anerkannt hätte. Mit der Verwendung von discessus erweckt er den Eindruck, dass er sich freiwillig aus Rom zum Zwecke der Rettung der Republik entfernt habe, und er versucht so zu vermeiden, dass dem Publikum der Eindruck des Eingeständnisses eines Fehlverhaltens vermittelt wird. Hiermit hängen auch die Bezeichnung des Exilierungsgesetzes als privilegium/proscriptio (§§ 4; 8; 29) und der Vorwurf, ohne Urteil der Republik entrissen worden zu sein (§ 8), zusammen. Zu weiteren Stellen, an denen Cicero zusätzlich zu den Reden post reditum diesen Begriff für sein Exil verwendet, vgl. u. a. dom. 15; 17; 59; 60; 85; 95; 96; 115; prov. cons. 45; Pis. 21; 31; 32; Vat. 6; 7; Planc. 73; 86; Sest. 49; 60; 128; 133; Mil. 103. Andere Umschreibungen sind profectio (s. u., § 23) und calamitas (s. u., § 20). Zu dieser Vorgehensweise Ciceros vgl. Robinson (1994), 475–480; Nicholson (1992), 30 f.; Claassen (1999), 158 ff. Dies alles sind Bestandteile der Selbststilisierung Ciceros zum Märtyrer. Sie entfaltet sich in dieser Rede vor allem in §§ 32 ff.; auch § 4; § 6. me universi revocavistis: Am 1. Juni 58 v. Chr. wurde auf Antrag des Ninnius im Senat über Ciceros Rückberufung abgestimmt. Doch trotz einer einstimmigen Entscheidung (Clodius war nicht anwesend) für die Beendigung des Exils legte der Tribun Aelius Ligus Einspruch ein; s. o. in Kapitel 2.3.1; vgl. har. resp. 5; Sest. 68 f.; 94; dom. 49; zum Interzessionsrecht s. u., § 11. referente L. Ninnio: Lucius Ninnius Quadratus fungierte im Jahr 58 v. Chr. als Volkstribun; vgl. RE 7A,1 (1939), 919. Obwohl Cicero angibt, acht der zehn Volkstribune von 58 v. Chr. hätten sich für ihn eingesetzt, ist Ninnius der einzige, der explizit genannt wird; s. u., § 4: octo tribunos. Zu L. Ninnius vgl. Sest. 26; dom 125; Nicholson (1992), 66; zu defensor salutis in Bezug auf Metellus s. u., § 26. Das ius referendi, also das Recht, im Senat Anträge zu stellen, wurde den Volkstribunen gleichzeitig mit dem ius senatus habendi, dem Recht, den Senat einzuberufen, wohl 465/8 v. Chr. im Zuge der lex Hortensia erteilt. Zuvor konnten sie durch das Verbietungsrecht Relationen und durch das Interzessionsrecht Senatsbeschlüsse nur aufheben (s. o., § 11). Das ius referendi ermöglichte es den Volkstribunen vor allem, die Zustimmung des Senats für ihre eigenen Rogationen einzuholen, was wohl auch bei Ninnius der Fall gewesen sein dürfte. Sie referierten noch vor der Promulgation ihres Gesetzesvorschlags. Das ius senatus habendi dagegen wurde nur selten genutzt und blieb eine „ausserordentliche Massregel“, eingesetzt insbesondere, „wenn ein Volkstribun im eigenen Interesse einen Antrag stellt, oder wenn der Senat sich gegen die patricischen Magistrate auf die plebejischen stützt“; vgl. Mommsen ( 31887/2), 312 ff., der beide iura gleichzusetzen scheint. Zum ius referendi zudem Bleicken (1955), 23 f.; Kunkel (1995), 628, dort insbesondere zur Trennung der beiden iura. pestifer: Ein von Cicero oft im Zusammenhang mit seinem Exil verwendeter Begriff, den er insbesondere auf Clodius bezieht; vgl. Opelt (1965), 138 f.;

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dom. 85: et tu unus pestifer civis [sc. Clodius] […]; dom. 2: […] illum pestiferum et funestum tribunatum [sc. Clodii] […]; har. resp. 50; Sest. 78; er wird in Verbindung mit annus ansonsten nicht benutzt; in Bezug auf Piso und Gabinius vgl. prov. cons. 3. Vor seiner Exilierung verwendet Cicero den Begriff in seinen Reden nicht, nach der post reditum-Zeit erst wieder in den Philippicae; vgl. bspw. Phil. 2,51; 3,3; 4,3; allerdings häufig in den übrigen Schriften; vgl. bspw. nat. deor. 2,120; off. 1,84; Tusc. 4,41. Postea quam vobis decernendi potestas non est per eum tribunum plebis, qui, cum per se rem publicam lacerare non posset, sub alieno scelere delituit, numquam de me siluistis, numquam meam salutem non ab iis consulibus, qui vendiderant, flagitavistis. decernendi postestas / numquam de me siluistis: Trotz des Gesetzes des Clodius, das jede Diskussion über Ciceros Fall verbot (s. u., § 8), kam es noch im Laufe des Jahres 58 v. Chr. zu weiteren erfolglosen Bekundungen für Ciceros Rückkehr, bspw. am 29. Oktober und im Dezember. Bei non est weisen die Kodizes der Paris-Familie auf eine Lacuna im Archetyp hin, da der Satz in der überlieferten Form nicht vollständig ist. Man erwartet ein PPP, das das est zu einem Indikativ Perfekt Passiv vervollständigt. Die recentiores ε, V und F bieten facta (vgl. Ver. 2,1,15; 1,26; 2,1,80; Cluent. 108; div. in Caec. 45; übernommen von den meisten Herausgebern seit Halm [1856], zuletzt von Maslowski [1981]). Es ist nicht zu entscheiden, ob hier eine Konjektur oder echte Überlieferung vorliegt; facta ist jedoch phraseologisch sinnvoll. Die Korrekturen H 2 und P3 weisen dagegen permissa auf (diese Stelle dient somit auch als Beleg für deren Verbindung), dem sich nach Orelli (1826) lediglich Peterson (1911) anschließt; vgl. leg. agr. 1,7; 2,33; 2,37; 2,63; Ver. 2,1,130; 2,2,131; 2,5,104; div. in Caec. 54; Cluent. 123; Tull. 40; S. Rosc. 78. Da der Überlieferungswert von H 2 und P3 zu vernachlässigen ist (vgl. u. a. Maslowski/Rouse [1984], 65), muss deren Lesart als Konjektur aufgefasst werden. per eum tribunum plebis: Clodius, der sich in den Dienst der Triumvirn stellte, um gegen Cicero und die Republik vorzugehen (sub alieno scelere delituit); zur Frage, inwieweit Clodius sich dem Triumvirat unterordnete s. o. in Kap. 2.2. In der ganzen Rede, wie in der an das Volk, wird Clodius nie namentlich genannt, sondern mit zumeist negativen Begriffen umschrieben; auch später wird sein Name von Cicero nur selten explizit angeführt. Damit nimmt er eine Sonderstellung ein und steht im Gegensatz zu dessen anderen politischen Gegnern, denen ganze Reden gewidmet sind (Verres, Marcus Antonius, Catilina). Die Zurückhaltung gegenüber Clodius hängt vermutlich insbesondere damit zusammen, dass Cicero direkt nach seiner Rückkehr dessen Stärke nicht einschätzen konnte, da er in Rom noch sehr beliebt war. Stattdessen konzentrierte sich Cicero zunächst ganz auf Piso und Gabinius, die sich in ihren Pro-

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vinzen aufhielten und die er somit gefahrlos angreifen konnte (aber auch sie werden erst spät in der Invektive und nur selten namentlich genannt; s. u., § 10). Er arbeitete in Bezug auf Clodius nur mit Anspielungen, um herauszufinden, ob ein späterer offener Angriff klug wäre; die Vorgehensweise hier diente gleichsam als Test für die weitere Strategie. Möglicherweise hatte er aus den Fehlern der Reden gegen Clodius im Zuge des bona dea-Skandals gelernt. Zudem konnte er, indem er vor allem die Konsuln angriff, sein Exil besser als Katastrophe für den gesamten Staat präsentieren. Möglicherweise liegt in der Nichtnennung des Clodius auch der Versuch vor, diesen aus der Geschichte ‚herauszuschreiben‘. Zu dieser Strategie des Nichtnennens von Namen in den post reditum-Reden vgl. Steel (2007), 105–128; zu Clodius insbesondere 116; Nicholson (1992), 95. Weitere Anspielungen auf Clodius in dieser Rede: § 4: meus inimicus; § 11: tribunus plebis; § 19: sceleratum civem aut domesticum potius hostem; § 25: inimicus; § 26: unus; s. o. in Kap. 2.3.7. delituit wird lediglich von der E 2 -Gruppe tradiert. G, E und der Korrektur 2 P überliefern delevit; P und B bieten das verschriebene deluit, H ein möglicherweise konjiziertes diruit. Zu delitescere in übertragener Bedeutung („fere i.q. confugere, se munire“) mit der Präposition sub vgl. ThLL, s. v. (469, 5 ff.); Liv. 4,42,5; Val. Max. 1,6,13. Clodius habe sich hinter den Triumvirn verschanzt, um mit deren Rückendeckung Cicero und die Republik zerstören zu können. ab iis consulibus, qui vendiderant: die beiden Konsuln des Jahres 58 v. Chr., L. Calpurnius Piso Caesoninus und Aulus Gabinius, die gemeinsam mit Clodius die Exilierung Ciceros vorantrieben und von diesem durch Zuweisung von Provinzen bestochen wurden. Ausführlich zu ihrer Rolle bei Ciceros Exilierung s. o. in Kap. 2.3.3. Die Invektive gegen beide beginnt in § 10. Die recentiores ε, V und F überliefern hier das wohl in der gemeinsamen Vorlage konjizierte qui vendiderant; vgl. Pis. 15: […] cui tu […] totam rem publicam provinciae praemio vendidisti? Man sollte ihnen nicht folgen, da mit dem Beginn des Hauptsatzes Cicero – und nicht mehr die Republik – in den Fokus rückt und vendiderant auf meam salutem bezogen werden muss. Klotz (1919) spricht sich aus Gründen der Betonung dafür aus, lediglich publicam zu konjizieren; vgl. zu salutem vendere p. red. ad Quir. 21: […] quartum, qui cum custodes rei publicae esse deberent, salutem meam, statum civitatis, dignitatem eius imperi quod erat penes ipsos vendiderunt […]; ähnlich auch Pis. 56. § 4: Itaque vestro studio atque auctoritate perfectum est, ut ipse ille annus, quem ego mihi quam patriae malueram esse fatalem, octo tribunos haberet, qui et promulgarent de salute mea et ad vos saepe numero referrent. Das notwendige ut nach perfectum est findet sich lediglich in E und später in den recentiores ε und V. In den übrigen Kodizes der Paris-Familie fehlt die Subjunktion; der Archetyp wies hier offenbar eine Lücke auf.

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Nur E sowie die recentiores ε und V überliefern das richtige annus, H anno (passend dazu auch ipso illo). P und G tradieren dagegen minus. Vermutlich wurde erneut eine evident falsche Lesart der Paris-Familie (minus) in E und den jüngeren Handschriften korrigiert; s. o., § 3: pestifer annus. quem ego mihi quam patriae malueram esse fatalem: Cicero spielt darauf an, dass er freiwillig ins Exil gegangen sei und dadurch die Republik zu schützen versucht habe. Es handelt sich um einen Teil seiner Strategie der Selbststilisierung zum Märtyrer und der nachträglichen Rechtfertigung der Flucht aus Rom; hierzu s. o. § 3; v. a. s. u., §§ 32 ff. Das zweifellos richtige octo tribunos, dem sich die Herausgeber nach Orelli (1826) anschließen, findet sich erst in den jüngeren Kodizes ε und V. Die ParisFamilie tradiert hoc (P und B), hos (G und E) und cum (H). Dies deutet auf einen Fehler in deren Archetyp hin, der in P übernommen und verschiedentlich zu verbessern versucht wurde. promulgarent: Unter einer promulgatio ist das öffentliche Bekanntmachen eines Gesetzesvorschlags mit Ort und Zeit der Abstimmung zu verstehen. Änderungen am Gesetzestext waren ab dem Zeitpunkt der Veröffentlichung nicht mehr gestattet; zwischen Veröffentlichung und Abstimmung musste ein trinundinum genannter Zeitraum von mindestens 24 Tagen liegen; vgl. Dulckeit (1952), 95; Mommsen (1887), 370 ff.; Berger (1953), s. v. „promulgare“; RE S9, 1239 ff. Cicero betont an dieser Stelle den Rückberufungsantrag der acht Tribune des Jahres 58 v. Chr., der am 29.10. unter Federführung des L. Ninnius Quadratus und unter Zustimmung des Pompeius zur Abstimmung gelangte. Lentulus erklärte in diesem Zusammenhang, er erkenne das Gesetz über Ciceros Exilierung nicht an; es sei ein privilegium; s. u., § 8. Doch erneut (s. o., § 3) erhob ein Volkstribun Einspruch, und es kam nicht zu einer Abstimmung in den Komitien; ob Clodius oder Aelius Ligus, ist unbekannt; vgl. Att. 3,23; zur Rolle des Pompeius bei diesem Antrag s. o. in Kap. 2.3.1; zum Interzessionsrecht s. u., § 11. Zum Einsatz der acht Volkstribune des Jahres 58 v. Chr. vgl. Att. 3,23,4; Sest. 69 f.; Mil. 39. Die beiden feindlich gesinnten Tribune waren Clodius und Aelius Ligus. Von den acht, die auf Ciceros Seite standen, sind neben Ninnius (der einzige namentlich von Cicero erwähnte, s. o.) nur noch L. Antistius, L. Novius und Q. Terentius Culleo bekannt; vgl. Broughton (1952), 195 ff.; Nicholson (1992), 66. Zu saepe numero (numero als ablativus limitationis) vgl. S. Rosc. 119; Ver. 2,1,129; de orat. 1,1,1. Nam consules modesti legumque metuentes impediebantur lege, non ea, quae de me, sed ea, quae de ipsis lata erat, cum meus inimicus promulgavit, ut, si revixissent ii, qui haec paene delerunt, tum ego redirem; consules: L. Calpurnius Piso Caesoninus und Aulus Gabinius, Unterstützer der Exilierung Ciceros; zu ihren Rollen s. o. in Kap. 2.3.3. Sie seien nicht durch das

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Gesetz, das es verbot, über Ciceros Fall zu diskutieren (quae de me; s. u., § 8: […] cum praeclarum caput recitaretur, ne quis ad vos referret, ne quis decerneret, ne disputaret, ne loqueretur, ne pedibus iret, ne scribendo adesset […]), sondern vielmehr durch die Zuweisung von Provinzen (quae de ipsis lata erat) daran gehindert worden, sich für Cicero einzusetzen. Daher sind die Ausdrücke modesti und legum metuentes hier nicht positiv zu verstehen. Das PPA metuentes wird als Adjektiv verwendet und drückt eine dauerhafte Eigenschaft aus. Nur in diesem Fall kann metuere mit einem Genitiv verbunden werden; vgl. ThLL, s. v. „metuo“ (906, 7 ff.); KSt 1, 450; dom. 70; in Verbindung mit legum ebenso Liv. 22,3,4; auch Ov. fast. 6,259; Ov. met. 1,323. Die Bestechung der Konsuln ist einer der zentralen Punkte in Ciceros Darstellung der Unrechtmäßigkeit seines Exils, er kommt darauf ebenfalls in §§ 10; 32 zu sprechen; zudem vgl. p. red. ad Quir. 11; 13; 21; Sest. 24 f.; 55; 69; Pis. 28; 30; 57; dom. 23; 55; 70; prov. cons. 3; fam. 1,9,13. Piso und Gabinius weigerten sich nicht nur im März 58 v. Chr., den Senat einzuberufen (vgl. Sest. 44), um einen Beschluss und eine geschlossene Bekundung der Zustimmung für Cicero zu verhindern, sondern im gesamten Amtsjahr, über Ciceros Fall zu referieren, wofür sie sich auf die Verbotsklausel im Gesetz des Clodius beriefen. Es durften aber neben den Konsuln auch Prätoren und Volkstribune referieren (hierzu s. o., § 3), was entgegen dem Verbot immer wieder geschah. Daher konnte die Verweigerungshaltung der Konsuln nur aufgrund des wiederholt durch Clodius oder Aelius Ligus eingesetzten Interzessionsrechts der Volkstribune erfolgreich sein; dazu s. u., § 8; 22; zum Interzessionsrecht s. u., § 11. Ein weiteres Mal verweigerten Konsuln die relatio im Jahr 49 v. Chr., als gegen den Willen der Volkstribune M. Antonius und Q. Cassius Longinus nicht über ein Schreiben Caesars referiert wurde; vgl. de Libero (1992), 82 f. Während die Überlieferung geschlossen cum bietet, setzen viele Herausgeber quam, eine Konjektur des Lambinus (1565), in den Text. Eine Ausnahme bildet Maslowski (1981). Die rein temporale Verbindung ist jedoch sinnvoll und das temporale cum (= „als“) mit Indikativ Perfekt nach einem Imperfekt oder Plusquamperfekt des übergeordneten Satzes üblich; vgl. KSt 2, 335 f. Der Konjunktiv promulgavisset (so nach Angabe der Editoren Ernesti [1737]) ist nicht erforderlich, ebenso wenig die Konjektur Shackleton Baileys (1987): […] promulgavit. ut […]. In H wird der Satz von cum meus inimicus bis zum Ende ausgelassen, möglicherweise um eine absichtliche Vereinfachung des Textes zu erzielen; zu dieser Vorgehensweise in H s. o. in Kap. 7. meus inimicus: Zu dieser Bezeichnung des Clodius vgl. u. a. dom. 100; 101; p. red. ad Quir. 10; zur Strategie des Nichtnennens der Namen der Gegner s. o., § 3. Zwischen inimicus als persönlichem Feind und hostis als Staatsfeind wird

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nicht strikt unterschieden. Beide Begriffe können auch in der jeweils anderen Bedeutung verwendet werden; vgl. ThLL, s. v. „hostis“ (3061, 38 ff.) / „inimicus“ (1625, 19 ff.). Zu hostis i. S. v. inimicus vgl. u. a. Tull. 55; Ver. 2,2,48; Flacc. 88; Pis. 80; inimicus i. S. v. hostis neben § 17 in dieser Rede (dort eindeutig durch die Verbindung von inimicus mit res publica) und p. red. ad Quir. 13 zudem u. a. in Ver. 2,1,38; Sull. 15; Sest. 15; Phil. 2,94. si revixissent ii: Als Teil seiner Strategie, die Exilierung als unrechtmäßig und seine Gegner als Staatsfeinde zu zeichnen, stellt Cicero erstmals in den post reditum-Reden eine ideologische Nähe zwischen Clodius und den Catilinarischen Verschwörern her. Clodius habe promulgiert, dass Cicero erst dann nach Rom zurückkehren dürfe, wenn die Verschwörer wieder zum Leben erwacht seien. Aufgrund des absurden Inhalts darf bezweifelt werden, dass es sich hierbei tatsächlich um einen Gesetzesvorschlag des Clodius handelte. Dennoch spielt Cicero an verschiedenen Stellen mit diesem Gedanken; s. u., § 26: […] dissensit unus is, qui sua lege coniuratos etiam ab inferis excitandos putarat; § 10; vgl. Mil. 79; 91. Dass er ihn mehrfach erwähnt, gerade vor senatorischem Publikum, dem die politischen Ereignisse um die Exilierung gut bekannt gewesen sein müssen, weist auf einen Kern an Wahrheit hin. In der Folge spinnt Cicero den absurden Gedanken weiter aus; s. u. im folgenden Satz. Zur Verbindung der Catilinarischen Verschwörung mit dem Exil (auch in Form einer zweimaligen Rettung der Republik) in den post reditum-Reden s. o. in Kap. 4. Eine weitere Anspielung auf eine Nähe der Clodianer zu den Verschwörern liegt bspw. in §§ 32 f. vor (tatsächlich bestanden die Banden des Clodius aus Teilen der Catilinarischen Verschwörer; vgl. Nowak [1973], 108 f.; vorsichtiger Tatum [1999], 144 f.). Auch Piso und Gabinius werden mit ihnen verbunden; s. u., §§ 10; 12; 13; 17; vgl. zudem u. a. dom. 72; 132; har. resp. 5; Pis. 14; 23; 95; Mil. 37. haec: Die Erklärung des Pronomens ist schwierig, da kein Bezugswort vorliegt. Vielleicht ist es exophorisch aufzufassen und würde dann – von einer Geste unterstrichen – auf den Senat verweisen; zur deiktischen Funktion der Demonstrativpronomen im Lateinischen vgl. LHS 179 f.; s. u., § 24. Andernfalls wäre möglicherweise zu hanc rem publicam zu korrigieren; vgl. zu rem publicam delere Cat. 4,13; Phil. 2,17; 2,32; Sest. 33; Att. 9,19,2; fam. 15,15,1. Vgl. zudem zu patriam delere ac. 2,135; off. 1,17,57; civitatem delere Sull. 3; imp. Cn. Pomp. 38; imperium delere Cael. 14; har. resp. 18; Cat. 4,7; Sull. 28; urbem delere har. resp. 33; Mur. 80; S. Rosc. 131. Auffällig ist das zum si korrelierende tum. Diese Verbindung findet sich bei Cicero selten; vgl. LHS, 659; KSt 2, 387; dort angeführt Balb. 38; Cael. 10; Cael. 19; Marc. 25; de orat. 2,141. Im folgenden Satz wird die gleiche Aussage durch ein temporales cum eingeleitet. Zur Nähe der si-Sätze zu Temporalsätzen vgl. LHS, 663.

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quo facto utrumque confessus est, et se illorum vitam desiderare, et magno in periculo rem publicam futuram, si, cum hostes atque interfectores rei publicae revixissent, ego non revertissem. utrumque confessus est: Cicero begegnet Clodius mit Sarkasmus und stärkt seine eigene Position als Retter der Republik, indem er den vorgeblichen Gesetzestext des vorangehenden Satzes in absurder Weise interpretiert. Einerseits stellt er Clodius als Verbündeten der Catilinarier (illorum / hostes atque interfectores rei publicae) dar ([…] se illorum vitam desiderare […]), andererseits macht er aber deutlich, dass das Gesetz dessen Absichten eigentlich widersprach. Dass Cicero nach Wiederbelebung der Catilinarier nach Rom zurückkehren dürfe, bedeute eigentlich, dass er dann benötigt werde, um die Republik gegen diese zu schützen ([…]magno in periculo rem publicam futuram[…]). Doch wollte Clodius gewiss nicht Ciceros Rolle stärken oder die Catilinarier als Gefahr für den Staat bezeichnen; zur Interpretation dieser Stelle vgl. Nicholson (1992), 27. Der Archetyp der Paris-Familie wies hier si aut … aut auf (G, E, P 2 ; übernommen von Wolf [1801] und Orelli [1826]; in P noch das verschriebene sicut). Das treffende si cum findet sich erst in den recentiores ε, V und F (dort zu eum verschrieben). Itaque illo ipso tamen anno, cum ego cessissem, princeps autem civitatis non legum praesidio, sed parietum vitam suam tueretur, res publica sine consulibus esset, neque solum parentibus perpetuis, verum etiam tutoribus annuis esset orbata, sententias dicere prohiberemini, caput meae proscriptionis recitaretur, numquam dubitastis meam salutem cum communi salute coniungere. Cicero gibt in diesem Satz in einer sechsgliedrigen Aufzählung von Temporalsätzen einen Eindruck des Jahres 58 v. Chr.; im Folgenden wechselt er ins Jahr 57 v. Chr. und stellt die beiden einander gegenüber (zu weiteren pointierten Gegenüberstellungen s. u., §§ 9; 18). Während er hier ausschließlich negative Ereignisse anführt, trotz derer sich die Senatoren immer für Cicero einsetzten, werden dort die Hilfsleistungen verschiedener Personen(gruppen) positiv angeführt. Explizit wird der Gegensatz durch ex superioris anni caligine et tenebris hervorgehoben. Die Paris-Familie überliefert geschlossen itaque am Satzanfang, dem die Herausgeber gewöhnlich folgen, zuletzt Maslowski (1981). Die recentiores ε, V und F tradieren dagegen atque, das Halm (1856), Mueller (1908) und Klotz (1919) in den Text setzen. Peterson (1911) konjiziert idemque. Die Lesart der alten Kodizes ist gut zu erklären: Es liegt ein Wiederaufgreifen des itaque zu Beginn des Absatzes vor (Itaque summo studio […]), dessen größter Teil als lange Fußnote betrachtet werden kann. Somit kann die Überlieferung der Paris-Familie gehalten werden.

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princeps … civitatis: Cn. Pompeius Magnus; zu dieser Umschreibung s. u., § 5: […] cum virtute gloria rebus gestis Cn. Pompeius omnium gentium, omnium saeculorum, omnis memoriae facile princeps […]; § 26; p. red. ad Quir. 16; dom. 65. Zur wechselhaften Rolle des Pompeius bei Ciceros Exilierung und den Rückberufungsversuchen s. o. in Kap. 2.3.1. praesidio […] parietum vitam suam tueretur: Mit der Anspielung darauf, dass Pompeius sich nicht mehr aus dem Haus wagte, stellt Cicero ein Verhalten dar, das einem princeps civitatis sicherlich nicht würdig war. In dieselbe Richtung weist auch § 29: […] propter metum dimicationis et sanguinis domo se teneret […]; zudem s. u., § 5. Obwohl Cicero sich nicht offen über das illoyale Verhalten des Pompeius in den Jahren 59/58 v. Chr. auslassen konnte, unterlässt er es dennoch nicht, einige kleine Spitzen gegen diesen vorzubringen. Er verpackt diese Kritik allerdings geschickt in einer Darstellung der clodianischen Gräueltaten und rechtfertigt zugleich sein eigenes Verhalten: Wenn sogar Pompeius aufgrund der Bedrohung in sein Landhaus flüchten musste, konnte niemand Cicero seine Flucht aus Rom verübeln; vgl. Riggsby (2002), 177. Das senatorische Publikum dürfte die Doppeldeutigkeit gespürt haben – jedenfalls die Eingeweihten. In der Rede ad Quirites schwächt Cicero den Gedanken etwas ab. Er spricht nicht davon, dass explizit Pompeius sich aus Furcht aus Rom auf sein Landgut zurückzog; vgl. p. red. ad Quir. 14: […] privati parietum se praesidio, non legum tuerentur […]. Diese Änderung könnte mit der politischen Stellung des Pompeius zusammenhängen. Wahrscheinlich wollte Cicero einen der Helden des Volkes einerseits nicht negativ darstellen, ohne andererseits aber darauf verzichten zu müssen, die Untaten der Clodianer durch dieses anschauliche Beispiel zu verstärken; s. o. in Kap. 3. Zur Einstellung Ciceros zu Pompeius nach der Rückkehr aus dem Exil und zur Interpretation dieser Stelle s. o. in Kap. 2.3.1. res publica sine consulibus esset: Die Aussage ist nicht wörtlich zu verstehen. Sie bringt vielmehr pointiert zum Ausdruck, dass die Konsuln Gabinius und Piso sich gegen Cicero und daher gegen die Republik wandten; s. u., § 33: senatum ducibus orbatum; vgl. Sest. 35. parentibus perpetuis / tutoribus annuis: Wiederholung des Gedankens auf metaphorischer Ebene. Die parentes sind die Senatoren (patres conscripti), die sich per Gesetz nicht über Ciceros Angelegenheit äußern und somit gegen ihren Willen die Republik nicht mehr vertreten durften. Die tutores sind die Konsuln. Ausgehend von der Bezeichnung patres conscripti für die Senatoren, entwickelt Cicero die Metapher des Staates als Kind, das verwaist ist; zu parentes für Politiker vgl. ThLL, s. v. (360, 17 ff.); zu tutor für einen Konsul vgl. p. red. ad Quir. 11; zur Metapher der verwaisten Republik s. u., § 33; vgl. p. red. ad Quir. 11; Phil. 2,13. Zur Antithese perpetuus/annuus vgl. Pis. 32; Flac. 100.

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vos sententias dicere prohiberemini: Jede Beratung über Ciceros Fall war den Senatoren verboten; s. u., § 8. Lehmann (1880) konjiziert vor sententias ein vos. Dieser Vorschlag ist erwägenswert, da bei jedem Glied dieser Aufzählung die angesprochene Person(engruppe) explizit erwähnt wird, auch wenn das Pronomen grammatisch nicht notwendig ist (ego cessissem). caput meae proscriptionis: der Ächtungsbescheid gegen Cicero, der kurz nach dessen Weggang aus Rom veröffentlicht wurde; hierzu s. o. in Kap. 2.3.7. Zu caput als Teil eines Schriftstücks vgl. ThLL, s. v. (424, 81 ff.); inv. 2,131; leg. agr. 2,26; Rab. Post. 9; Att. 3,15,6. proscriptionis: Cicero bedient sich zum ersten Mal in der Rede des Topos, mit dem er am deutlichsten die Unrechtmäßigkeit seines Exils zu betonen versucht: Das Exilierungsgesetz sei illegal gewesen. Er verwendet den Begriff proscriptio als drastischeren Ausdruck für ein privilegium, um an die Zeit Sullas zu erinnern, in der römische Bürger in großer Zahl ohne Urteil getötet werden konnten. Bei Proskriptionen wurden Personen geächtet und eine Belohnung für deren Ermordung ausgeschrieben. Diese Verbindung macht Cicero in dom. 43 deutlich: Proscriptionis miserrimum nomen illud et omnis acerbitas Sullani temporis quid habet quod maxime sit insigne ad memoriam crudelitatis?; vgl. Fuhrmann, 5 (42013), 478; Robinson (1994), 479. Zur Begriffserklärung vgl. Berger (1953), s. v. „proscriptio“. Mit dieser Bezeichnung stellt Cicero seine Gegner erneut als blutrünstige und unversöhnliche Politiker dar, die es auf die Alleinherrschaft abgesehen haben und vor politischer Gewalt nicht zurückschrecken. Damit verbunden ist Ciceros eigene Rolle als unschuldiges Opfer. Zu dieser Vorgehensweise, die Legalität des Exils anzuzweifeln, vgl. Nicholson (1992), 29 f. proscriptio zur Bezeichnung seines Exilierungsbescheids verwendet Cicero auch in § 8 und in Sest. 133; Pis. 30; prov. cons. 45. Ein privilegium bezeichnete ein im Römischen Recht verbotenes Gesetz, das sich nur auf eine Einzelperson bezog; hierzu s. u. § 29. coniungere: Der Topos der Gleichsetzung Ciceros mit der Republik tritt hier erstmals in der Rede deutlich zu Tage. Dass das Wohl der Republik mit Ciceros persönlichem Wohl verbunden sei, habe nicht nur Clodius unwillentlich eingestanden, sondern sei auch dem Senat bewusst gewesen. Dieser für die post reditum-Reden zentrale Gedanke findet sich ebenfalls in §§ 5; 7; 10; 21; 29; 32; 34 und in § 36, wo er gleichsam seinen Höhepunkt in der Aussage, die Republik sei gemeinsam mit Cicero wieder nach Rom zurückgekehrt, erreicht. Zu diesem Topos vgl. ferner p. red. ad Quir. 1; 14; 16; dom. 17; auch dom. 42; prov. cons. 45; Sest. 54. § 5: Postea vero quam singulari et praestantissima virtute P. Lentuli consulis ex superioris anni caligine et tenebris lucem in re publica Kalendis Ianuariis dispicere coepistis, cum Q. Metelli, nobilissimi hominis atque opti-

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mi viri, summa dignitas, cum praetorum, tribunorum plebis paene omnium virtus et fides rei publicae subvenisset, cum virtute, gloria, rebus gestis Cn. Pompeius omnium gentium, omnium saeculorum, omnis memoriae facile princeps tuto se venire in senatum arbitraretur, tantus vester consensus de salute mea fuit, ut corpus abesset meum, dignitas iam in patriam revertisset. postea … quam / cum: Cicero dankt verschiedenen Personen(gruppen), darunter zum ersten Mal in der Rede Lentulus und Metellus, den Konsuln des Jahres 57 v. Chr. Zudem kommt er erneut auf Pompeius zu sprechen (s. o., § 4: princeps […] civitatis), der als einziger Privatmann erst am Ende der Reihe erwähnt wird. In der viergliedrigen Aufzählung von Temporalsätzen greift das dreifache cum das einleitende postquam wieder auf. Es liegt keine Unterordnung vor, da alle genannten Hilfsleistungen auf das Jahr 57 v. Chr. datiert werden können. lucem in re publica / rei publicae subvenisset: Mit Amtsantritt der Konsuln am 1. Januar 57 v. Chr. habe man wieder positivere Entwicklungen in der Republik erblicken können. Zu lux metaphorisch i. S. v. salus oder felicitas vgl. ThLL, s. v. „lux“ (1915, 20 ff.). Erneut setzt sich Cicero als Bestandteil seiner Strategie, die vormalige Stellung im politischen Leben zurückzuerhalten, mit der Republik gleich. Er denkt ausschließlich an die Bemühungen um seine Person, wenn er vom Einsatz der Konsuln für die res publica spricht. Hierzu s. o., § 4. Cicero verteilt sein Lob mit feiner Abstufung von oben nach unten. Während bei Lentulus von singulari et praestantissima virtute die Rede ist, wird Metellus summa dignitas zugebilligt, wobei es sich lediglich um die Umschreibung des Konsulats handelt; vgl. zur dignitas, die durch die Ausübung eines Amtes erlangt wird, im Sinne eines gradus ThLL, s. v. (1137, 63 ff.). Lentulus hatte bereits bei Amtsantritt die Diskussion um Ciceros Rückberufung eröffnet; die Debatte wurde allerdings durch einen Einspruch des Tribuns Sex. Atilius Serranus verschleppt; s. o. in Kap. 2.3.1 und Kap. 2.3.4; vgl. zur Verschleppung von Senatsbeschlüssen auch in anderen Fällen de Libero (1992), 23 ff. Dagegen war der Einsatz des Metellus für Cicero nur marginal und bestand letztlich darin, dass er die Rückberufung duldete, indem er im Juli die Volksversammlung zuließ, die über das Ende des Exils abstimmen sollte. In den Vormonaten hatte er sich trotz anderweitiger Zusicherungen noch auf die Seite des Clodius gestellt, s. o. in Kap. 2.3.4; zudem s. u., § 25. Cicero verschweigt zumindest hier diese Vorgeschichte. Sie wäre fehl am Platz gewesen und hätte seine eigene politische Position nur geschwächt. Lediglich P1 tradiert hier dispicere, während sich in fast allen anderen Kodizes (einige jüngere Handschriften überliefern das konjizierte respicere) das inhaltlich sinnlose despicere findet. Zu dispicere im eigentlichen Sinne als „perspicere, videre“, jedoch zugleich im Rahmen einer Metapher vgl. ThLL, s. v. (1415, 47 ff.); Sull. 40; Sest. 118.

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Die Abkürzung des Pränomens Quintus (Q.) wird in den älteren Handschriften falsch aufgelöst. P, G und E bieten „cumque Metelli“. Erst in H ist der Name korrekt angegeben. praetorum, tribunorum plebis: Neben den Konsuln und Pompeius seien der Republik – und somit Cicero – beinahe alle Prätoren und Volkstribune des Jahres 57 v. Chr. zu Hilfe gekommen. Wie schon im Jahr 58 v. Chr. standen wieder acht Volkstribune auf seiner Seite, die ab § 19 ausführlich erwähnt werden. Nur Sex. Atilius Serranus und Q. Numerius Rufus waren ihm feindlich gesinnt. Die Prätoren des Jahres 57 v. Chr., die Ciceros Sache wohlwollend gegenüberstanden, werden ab § 22 hervorgehoben. Der einzige Prätor des Jahres 57 v. Chr., der Ciceros Rückkehr nicht unterstützte und nicht in der Rede genannt wird, ist App. Claudius Pulcher. Diese Zurückhaltung machte Cicero ihm aber nicht zum Vorwurf. Als Bruder des Clodius konnte es nicht von ihm gefordert werden, sich für ein Ende des Exils einzusetzen; vgl. Pis. 35: De me cum omnes magistratus promulgassent praeter unum praetorem a quo non fuit postulandum, fratrem inimici mei […]; vgl. Nicholson (1992), 64 ff.; Broughton (1952), 200 ff. Am 23. Januar sollte über einen Gesetzesvorschlag der acht Tribune abgestimmt werden. Die Versammlung wurde aber durch die Banden des Clodius gesprengt; s. o. in Kap. 2.3.4; s. u., §§ 6; 21 f. tuto se venire in senatum arbitraretur: Die Paris-Familie überliefert arbitraretur, nur die E 2 -Gruppe davor das falsche non. Ab Anfang 57 v. Chr. zeigte sich Pompeius wieder in der Öffentlichkeit und unterstützte Cicero offen, u. a. auch in der Senatssitzung am 1. Januar. Zunächst lobt Cicero diesen überschwänglich: Er ist die einzige der drei in diesem Absatz genannten Personen, die im Nominativ steht (Lentulus und Metellus, ebenso wie die Tribune und Prätoren, sind im Genitiv abhängig von ihren positiven Eigenschaften für die Republik und für Cicero). Niemanden verbindet Cicero in seinen Reden so oft mit dem Begriff virtus wie Pompeius, vor allem (auch hier) im Sinne der „militärischen Tüchtigkeit, Tapferkeit“ und „Trefflichkeit“; vgl. Eisenhut (1973), 62 ff.; McDonnell (2006), 295 ff. Nach dem hohen Lob scheint Cicero allerdings, wie schon in § 4, eine weitere unterschwellige Spitze gegen diesen anzubringen, indem er darauf verweist, dass Pompeius dem Senat aus Furcht vor Clodius lange ferngeblieben war. corpus abesset meum, dignitas iam in patriam revertisset: Zu dignitas als politischer Stellung s. o., § 1. Cicero bringt in einem scheinbaren Paradoxon zum Ausdruck, dass die Rückberufungsversuche der führenden Politiker seine Bedeutung für die Republik bekräftigt hätten und dass er durch sie seine alte Position und sein vormaliges Ansehen in Rom schon wiedererlangt habe, bevor er selbst wieder vor Ort war. Zur Trennung von Körper und Geist vgl. Eurip. Hipp. 612.

§§ 6–7: Charakterisierung der Feinde Ciceros

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§§ 6–7: Charakterisierung der Feinde Ciceros § 6: Quo quidem mense, quid inter me et meos inimicos interesset, existimare potuistis. In den folgenden beiden Absätzen werden die Untaten der Feinde Ciceros beschrieben, bevor er ihnen in §§ 8–9 die Konsuln Lentulus und Metellus mit ihren Hilfsleistungen und ihrem Einsatz gegenüberstellt; vgl. p. red. ad Quir. 13: Hic tantum interfuit inter me et inimicos meos. Cicero macht in einem Gegensatz deutlich, wie sehr sich sein Verhalten von dem seiner Feinde unterschied. Er sei aus Rom geflohen, um Blutvergießen zu vermeiden, doch sei dies eine falsche Hoffnung gewesen: Seine Feinde hätten seine Rückkehr gerade dadurch zu verhindern versucht. quo quidem mense: Januar 57 v. Chr. meos inimicos: Oft bezeichnet Cicero in den post reditum-Reden Clodius als inimicus (s. o., § 4). Daher ist anzunehmen, dass hier dieser und dessen Anhänger gemeint sind, zumal auf den 23. Januar 57 v. Chr. angespielt wird; s. u. im übernächsten Satz. Der Plural ist in den Reden nach dem Exil nicht unüblich; er findet sich in Bezug auf die Clodianer und die Konsuln u. a. in Sest. 68; Sest. 72; Sest. 75; Pis. 18 (dort wohl nicht die Konsuln); Planc. 76; indirekt s. u. § 38. Zur Unterscheidung zwischen hostis und inimicus s. o., § 4; dazu, dass Clodius in cum senatui / populo gratias egit nie namentlich genannt wird s. o., § 3. Ego meam salutem deserui, ne propter me civium vulneribus res publica cruentaretur: ego: Die Verwendung des Personalpronomens am Satzanfang hebt den Gegensatz zwischen Cicero und seinen Gegnern hervor – ihm steht das illi im nächsten Satz gegenüber; vgl. zur Verwendung der Personalpronomen in Gegensätzen KSt 1, 595 f. ne … cruentaretur: Cicero stellt sich als Märtyrer dar: Er sei freiwillig ins Exil gegangen (salutem deserui; vgl. hierzu p. red. ad Quir. 13 [dort aber in Bezug auf diejenigen, die Cicero im Unglück alleingelassen hatten]; auch fin. 3,64), um Blutvergießen zu vermeiden und die Republik dadurch nicht zu entehren. Zu cruentare im übertragenen Sinn als maculare, inquinare vgl. ThLL, s. v. (1237, 63 ff.); Lucr. 4,1036; Stat. Theb. 11,228. Nach § 4 (quem ego mihi quam patriae malueram esse fatalem) handelt es sich um die zweite Stelle in der Rede, in der der Topos der devotio sehr deutlich hervortritt; zur vollen Entfaltung gelangt er ab § 32; zur märtyrergleichen Flucht aus Rom um der Vaterlandsliebe willen vgl. p. red. ad Quir. 13; Sest. 43 ff.; 49; 53; p. red. ad Quir. 1; dom. 63; 87 ff.; 97 f.; Planc. 90; 95f; fam. 1,9,13; vgl. hierzu auch die Verwendung der Umschreibungen für exilium in §§ 3; 20; 23. Es zeigt sich darin (nach § 4 erneut) die Selbstüberschätzung Ciceros, der allein sein Verhalten als entscheidend für

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das Wohlergehen des Staates und sich als Garant für den Erhalt der Republik ansah. illi meum reditum non populi Romani suffragiis, sed flumine sanguinis intercludendum putaverunt. Im zweiten Teil des Gegensatzes macht Cicero die besondere Grausamkeit des Vorgehens seiner Gegner deutlich, die nicht auf das politische System der Republik vertrauten, sondern selbst Zuflucht bei Gewaltanwendung suchten, um seine Rückkehr zu verhindern. In § 7 werden einige Gräueltaten der Clodianer dargestellt; vgl. p. red. ad Quir. 14: At inimici mei, mense Ianuario cum de me ageretur, corporibus civium trucidatis flumine sanguinis meum reditum intercludendum putaverunt. Cicero spielt spezifisch auf den 23. Januar 57 v. Chr. an, als die Abstimmung über den Antrag der acht Tribune auf Rückberufung Ciceros durch die Clodianer gewalttätig gesprengt wurde; s. o. in Kap. 2.3.4; s. u., § 22. Zu flumen in Bezug auf Blut vgl. ThLL, s. v. (966, 33 ff.); Val. Max. 9,2,1; Lucr. 2,352. Itaque postea nihil vos civibus, nihil sociis, nihil regibus respondistis; nihil iudices sententiis, nihil populus suffragiis, nihil hic ordo auctoritate declaravit; mutum forum, elinguem curiam, tacitam et fractam civitatem videbatis. Nach Beginn der blutigen Unruhen durch die Truppen des Clodius sei das politische Leben in Rom zum Erliegen gekommen. Die Selbstüberschätzung aus den beiden vorangehenden Sätzen setzt sich fort und findet hier ihren vorläufigen Höhepunkt. Cicero suggeriert, dass sich das ganze politische Geschehen der Jahre 58 und 57 v. Chr. ausschließlich um ihn gedreht habe; er sei die Person, die den Erhalt der Republik garantieren könne und erst mit seiner Rückkehr habe sie wieder funktionieren können; s. u., § 36: […] quoniam in rem publicam sum pariter cum re publica restitutus […]. Zwar lag tatsächlich folgender Senatsbeschluss aus dem Sommer 58 v. Chr. vor: senatum nihil decernere ante quam de nobis actum esset; vgl. Att. 3,24,2, doch kam das öffentliche und politische Leben nicht gänzlich zum Stillstand; vgl. Meyer ( 31922), 164. Spätestens nach dem 12. November des Jahres 58 v. Chr. wurde die starre Verweigerungshaltung aufgegeben und die konsularischen Provinzen zugewiesen, was Cicero sehr bedauerte, vgl. Att. 3,24,2: Accedit aliud non parvum incommodum […], praesertim in ea causa quae non modo necessaria non fuit sed etiam inusitata ac nova – neque enim umquam arbitror ornatas esse provincias designatorum –, ut, cum in hoc illa constantia quae erat mea causa suscepta imminuta sit, nihil iam possit non decerni. Dennoch dürfte die Verweigerungshaltung des Senats Cicero seiner Rückberufung näher gebracht haben. Aus der Spätzeit der Republik sind drei ähnliche Fälle überliefert, in denen der Gesamtsenat die Beschlussfassung verweigerte, um sich gegen „eigenwillige Magistrat[e]“ zur Wehr zu setzen, doch war diese Vorgehensweise nie sonderlich erfolgreich; vgl. de Libero (1992), 69 ff.

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mutum forum, elinguem curiam, tacitam et fractam civitatem: Cicero zählt verschiedene Elemente eines iustitium, also eines Staatsnotstandes, auf. Dies ist ein kompletter „Stillstand der Rechtspflege“ (Kunkel [1995], 225), der sich u. a. durch die in diesem Abschnitt angeführte Einstellung aller Senatssitzungen, der Gerichte und aller öffentlichen und privaten Geschäfte auszeichnete; hinzu kamen das Anlegen der Militärkleidung und die Einberufung der Männer zum Kriegsdienst; vgl. Golden (2013), 87; RE 10,2 (1919), 1229 f.; s. u., § 18. Dagegen aber Kunkel (1995), 225 ff., der keine Hinweise dafür sieht, dass tatsächlich die Senatsverhandlungen und Volksversammlungen eingestellt wurden. Es habe sich ohnehin nicht um einen Ausnahmezustand gehandelt, sondern um eine „Suspension der Justiz, die mit anderen Einschränkungen des geschäftlichen Verkehrs einherzugehen pflegte.“ Zu Ciceros Verbindung seines Exils mit dem iustitium vgl. dom. 25; Vat. 8; Pis. 26; 32; Sest. 53. Zu den Gründen, ein iustitium auszurufen, gehörte auch ein „grave national disaster“ (vgl. Berger [1953], s. v. „iustitium“), als welches Cicero seine Abwesenheit aus Rom darzustellen versucht. Zudem weckt er erneut (nach § 4) Erinnerungen an die Zeit Sullas und dessen iustitium des Jahres 88 v. Chr., mit dem er eine Abstimmung über Gesetze des Volkstribuns P. Sulpicius Rufus zu verhindern suchte; vgl. Golden (2013), 93–103; Berger (1953), s. v. „iustitium“; dagegen erneut Kunkel (1995), 226: Ihm zufolge war dies kein iustitium, sondern es waren feriae. Zu den Implikationen einer Verbindung von Ciceros Gegnern mit Sulla s. o. § 4 (proscriptionis). Zur Synonymenhäufung mutus/elinguis/tacitus vgl. Boeth. cons. 1,2,5; zu elinguis als Synonym für mutus und tacitus vgl. ThLL, s. v. (390, 79 f.). § 7: Quo quidem tempore, cum is excessisset, qui caedi et flammae vobis auctoribus restiterat, cum ferro et facibus homines tota urbe volitantis, magistratuum tecta impugnata, deorum templa inflammata, summi viri et clarissimi consulis fascis fractos, fortissimi atque optimi tribuni plebis sanctissimum corpus non tactum ac violatum manu, sed vulneratum ferro confectumque vidistis. qui caedi et flammae vobis auctoribus restiterat: vgl. zum Inhalt und Aufbau des gesamten Satzes p. red. ad Quir. 14. Hier teilt sich die Überlieferung: P bietet vobis auctoritatibus, H vestris auctoritatibus, G und E vobis auctoribus. Wahrscheinlich wurde in P ein Fehler des Archetyps übernommen, der in einer gemeinsamen Vorlage von G und E korrigiert wurde. In H wurde ebenfalls eine Korrektur vorgenommen, die aber nicht überzeugen kann. Die recentiores ε und V schließen sich vobis auctoribus an. Das Thema des vorangehenden Absatzes wird hier fortgesetzt. Ciceros Abwesenheit habe dem Chaos und der Gewalt freien Lauf gelassen. Wäre er in Rom geblieben, hätte er sich den Clodianern widersetzt. Dass er damit Erfolg gehabt hätte, impliziert Cicero durch einen erneuten (s. o., § 4) Hinweis auf Catilina, gegen den er sich im Jahr 63 v. Chr. schon einmal

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erfolgreich durchgesetzt habe. Das sorgsam eingefügte vobis auctoribus betont, dass Cicero im Einvernehmen mit dem Senat und nicht – wie von Clodius behauptet – willkürlich die Catilinarier hatte hinrichten lassen. Er versucht damit, die Legalität der Hinrichtungen zu betonen und die Begründung für die Exilierung hinfällig werden zu lassen. Umgekehrt stellt Cicero durch die inhaltliche Wiederholung von ‚Personen- und Sachschäden‘ in Form von caedi et flammae und ferro et facibus Clodius dem Catilina an die Seite. Zur Verbindung von Personen- und Sachschäden durch caedes/flammae o. Ä. in Bezug auf Catilina oder Ciceros Exil s. u., § 33; zudem vgl. u. a. Cat. 3,25; 4,2; dom. 12; 21; 89; har. resp. 6; 58; Sest. 2; 49; 84 f.; 88. Cicero wechselt in diesem Satz bei seiner Selbstbeschreibung in die 3. Person Singular. Er schafft damit eine größere Distanz zu seiner Person und gleichsam eine Objektivierung seiner Handlungsweise. Bei volitantis zeigt sich ein eindeutiger Bindefehler der recentiores ε, V und F: Sie bieten geschlossen volitarent anstelle des richtigen volitantes der älteren Handschriften (in P und G volitantis). magistratuum … vidistis: Es folgt eine Aufzählung der Verbrechen der Clodianer; vgl. u. a. p. red. ad Quir. 14; Sest. 84; har. resp. 6; Planc. 71. Cicero scheint auf spezifische Ereignisse anzuspielen, doch ist nicht immer sicher, worauf er sich genau bezieht und wie die Vorkommnisse zu datieren sind. magistratuum … impugnata: Das Haus Milos, der Plural mag lediglich zur Übersteigerung der Gewalt dienen; vgl. Sest. 88. templa … inflammata: Möglicherweise eine Anspielung auf die Zerstörung der Zugänge des Castortempels zur Einrichtung eines Waffenlagers s. u., § 32: aditus templorum […] sublati; evtl. auch auf den Tempel der Nymphen bezogen; vgl. har. resp. 57. summi … consulis: Entgegen der Ansicht mancher Forscher (u. a. Meyer [31922], 104; Nowak [1973], 128; Nisbet [1961], 91, zu Pis. 28) dürfte hier kaum Gabinius gemeint sein, dessen fasces durch die Clodianer zerbrochen wurden; vgl. Dio 38,30,2. Er war zwar im Lauf des Jahres 58 v. Chr. als Gefolgsmann des Pompeius auf Ciceros Seite gewechselt (s. o. in Kap. 2.3.3), aber dies wird in den post reditum-Reden geflissentlich übergangen. Die Invektive ab § 10 spricht stark dagegen, dass Cicero ihn mit den Worten summi viri et clarissimi consulis bezeichnet hätte. Stattdessen erscheint es wahrscheinlicher, dass auf Lentulus oder Metellus angespielt wird, zumal Cicero sich in diesem Satz auf das Jahr 57 v. Chr. bezieht; zur Bezeichnung des Lentulus als clarissimus vgl. Mil. 39 (allerdings wurden auch andere Konsuln mit dem Attribut clarissimus versehen, vgl. u. a. har. resp. 54; Pis. 34); zum Inhalt vgl. Pis. 28: Itaque in illo tumultu fracti fasces, ictus ipse […]; p. red. ad Quir. 14. tribuni plebis: Sestius, der während seiner Amtszeit 57 v. Chr. von Clodianern überfallen und schwer verwundet worden war, als er trotz des Verbotes durch das Gesetz des Clodius (s. u., § 11) gegen die Ädilwahlen obnuntiierte; vgl. Sest. 79; 85; Mil. 38; Q. fr. 2,3,6; zum Einsatz des Sestius

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für Cicero s. u., § 20; s. o. in Kap. 2.3.5. Gewalttätige Verhinderungen von Obnuntiationen waren in Rom an der Tagesordnung, ebenso wurden sie regelmäßig ignoriert; vgl. de Libero (1992), 64. Dass Sestius hier mit sanctissimum umschrieben wird, lässt sich auf die Unantastbarkeit und „religiöse […] Absicherung“ der Volkstribune in der römischen Republik zurückführen. Sie galten als sakrosankt, was sich durch die ursprüngliche „mangelnde [gesamtstaatliche] Legitimation“ begründen lässt; vgl. Bleicken (1981), 93. Die zuerst nur ex religione sakrosankte Stellung wurde durch einen Eid auf dem mons sacer erzeugt; zwei leges sacratae bewirkten 449 v. Chr. die Absicherung ex lege, sodass von da an auch Patrizier die Unverletzlichkeit der Tribune beachten mussten. Wenn jemand einen Volkstribun verletzte, durfte er straflos getötet werden; vgl. Kunkel (1995), 555 ff. Somit kann violare an dieser Stelle auch aufgefasst werden als „to disturb the sanctity of, violate, profane ([…] sacred or quasi-sacred things)“; vgl. OLD, s. v. „violo“. P, G und E tradieren zwischen clarissimi und consulis ein überflüssiges viri (in E -es; von P 2 durchgestrichen). Wahrscheinlich war es bereits im Archetyp der Paris-Familie infolge eines Augensprungs zu lesen (wenige Worte zuvor steht ebenfalls viri). H sowie die recentiores ε und V lassen das Wort richtigerweise aus. Qua strage non nulli permoti magistratus partim metu mortis, partim desperatione rei publicae paululum a mea causa recesserunt: Reliqui fuerunt, quos neque terror nec vis, nec spes nec metus, nec promissa nec minae, nec tela nec faces a vestra auctoritate, a populi Romani dignitate, a mea salute depellerent. Cicero entschuldigt es durch die Gräueltaten der Clodianer, dass manche Beamte von seiner Seite gewichen waren. Die meisten hätten dem Druck aber standgehalten und zu ihm gestanden; s. u., § 33: […] altera [pars] timide defendere propter suspicionem caedis putabatur. Darin, dass er es niemandem zum Vorwurf macht, sich nicht für seine Rückkehr eingesetzt zu haben, zeigt sich einmal mehr (wie bspw. schon beim Lob des Pompeius und des Metellus in §§ 4 f.) Ciceros Versuch, die politischen Verbindungen nicht direkt nach der Rückkehr zu belasten. Zudem setzt er erneut sich selbst mit der Republik gleich (a vestra auctoriate … a mea salute). spes/promissa: Wenn die Beamten von Ciceros Seite wichen, durften sie darauf hoffen, von Clodius nicht weiter bedrängt und, wie Piso und Gabinius durch die Provinzzuweisung, in ihrer Karriere unterstützt zu werden. Andererseits versuchte Clodius auch, viele Politiker mit Versprechungen auf seine Seite zu locken; vgl. Sest. 34: [sc. Clodius] aliis minabatur, aliis pollicebatur, terrore ac metu multos, pluris etiam spe et promissis tenebat.

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§§ 8–9: Lob des Lentulus und Metellus (Konsuln des Jahres 57 v. Chr.) § 8: Princeps P. Lentulus, parens ac deus nostrae vitae, fortunae, memoriae, nominis, hoc specimen virtutis, hoc indicium animi, hoc lumen consulatus sui fore putavit, si me mihi, si meis, si vobis, si rei publicae reddidisset. princeps: Im Einklang mit anderen Beschreibungen in den post reditum-Reden wird Lentulus hier als Initiator und Vorkämpfer (vgl. OLD, s. v. „princeps“) von Ciceros Rückberufung beschrieben. Er leitete bei der Senatssitzung zum Amtsantritt am 1. Januar 57 v. Chr. eine Diskussion über eine Beendigung des Exils ein und hatte bereits als designierter Konsul seine Unterstützung nicht nur zugesichert, sondern auch offen gezeigt. Somit war er bezüglich seines Ranges und zeitlich ‚der erste‘, der sich im Jahr 57 v. Chr. für Cicero einsetzte; s. u. in den folgenden Sätzen; s. o. in Kap. 2.3.4; s. u., § 24: Qui [sc. Lentulus] mihi primus […] consularem fidem dextramque porrexit […]; vgl. zudem Sest. 70: […] princeps P. Lentulus auctoritate ac sententia sua Pisone et Gabinio repugnantibus causam suscepit tribunisque plebis octo referentibus praestantissimam de me sententiam dixit. P. Lentulus: Zum Lob auf Lentulus und Metellus s. o., § 5. Im Gegensatz zur vorherigen Erwähnung werden sie hier einzeln abgehandelt, wobei Lentulus weit mehr Raum gewidmet ist. Metellus findet nur im letzten Satz Erwähnung. Zu Lentulus als parens ac deus der Rückberufung vgl. p. red. ad Quir. 11: […] P. Lentulus consul, parens, deus, salus nostrae vitae, fortunae, memoriae, nominis […]; Sest. 144: […] video P. Lentulum, cuius ego patrem deum ac parentem statuo fortunae ac nominis mei et fratris liberorumque nostrorum, in hoc misero squalore et sordibus […]. Die Hyperbel deus ist an dieser Stelle als Ehrenbezeichnung de patrono, salvatore, vindice zu verstehen (vgl. ThLL, s. v. [890, 83 ff.]), was schon durch die Einschränkung des Begriffs durch nostrae vitae […] angedeutet wird. Zur Ehrenbezeichnung parens vgl. ThLL, s. v. (359, 75 ff.). Bei dieser handelt es sich um eine von fünf Verwandtschaftsmetaphern/-vergleichen dieser Rede; an anderen Stellen werden Sestius (§ 20), Pompeius (§ 29), Plancius (§ 35) und Quintus (§ 37) derartig bedacht. Bereits Raccanelli (2012), 20; 54; 56 stellt heraus, dass Lentulus als großer Wohltäter für die Bezeichnung ‚Vater‘ prädestiniert war, da er sich seit seiner Wahl für Cicero einsetzte und schon vorher auf dessen Seite stand. Dies impliziere, dass Cicero sich in eine untergeordnete Position gegenüber dem – momentan auch faktisch – höhergestellten Konsul Lentulus setze. Zudem liege eine Analogie zur römischen Militärtradition vor. Lentulus als Retter Ciceros nehme die Rolle des servator ein, also einer Person, die in einem Kampf das Leben eines Bürgers rettete. Der Gerettete war dazu verpflichtet, den servator wie einen Vater zu ehren. Passend zu dieser Metapher

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bezeichnet Cicero den Tag seiner Rückkehr als seinen „zweiten Geburtstag“; s. u., § 27: Quid denique ille dies, quem P. Lentulus mihi fratrique meo liberisque nostris natalem constituit non modo ad nostram, verum etiam ad sempiterni memoriam temporis?; vgl. zur militärischen Tradition Planc. 72. Die Paris-Familie überliefert deus, die E 2 -Gruppe dagegen decus. Eine Parallelstelle in der Rede für Sestius zeigt, dass deus in den Text gesetzt werden muss; vgl. Sest. 144: […] video P. Lentulum, cuius ego patrem deum ac parentem statuo […]. fortunae: Cicero konnte auch seinen konfiszierten Besitz nach Beendigung des Exils zurückerhalten; s. o., § 1; vgl. Plut. Cic. 33,6; Dio 39,11; har. resp. 11 ff. Die Bedeutung „Vermögen“ könnte hier neben der allgemeinen Bedeutung „Schicksal“ durchaus mitschwingen. si … reddidisset: Im Konditionalsatz greift Cicero den ersten Absatz der Rede in umgekehrter Reihenfolge wieder auf: Qui mihi fratrem […], ordinem, fortunas, amplissimam rem publicam, patriam, […] qui denique nosmet ipsos nobis reddidistis. Qui ut est designatus, numquam dubitavit sententiam de salute mea se et re publica dignam dicere: Aufgrund ihrer gemeinsamen Vergangenheit hoffte Cicero seit der Wahl des Lentulus darauf, dass dieser sich als Konsul für ihn einsetzen würde. Bereits vor Amtsantritt unterstützte er den Antrag der acht Tribune am 29.10.58 und spätestens im November wusste Cicero sicher von dessen Hilfszusage; vgl. Att. 3,22,2: Lentulus suo in nos officio, quod et re et promissis et litteris declarat, spem nobis non nullam adfert Pompei voluntatis […]; dom. 70: Hanc tu, P. Lentule, neque privatus neque consul legem esse umquam putasti. Nam tribunis plebis referentibus sententiam de me designatus consul saepe dixisti […]; Sest. 70; s. o. in Kap. 2.3.4. Mit ähnlichen Worten wird Lentulus auch in p. red. ad Quir. 15 gelobt: An ego, cum mihi esset exploratissimum P. Lentulum proximo anno consulem futurum […] dubitarem, quin is me confectum […] ad salutem reduceret? Spezifisch bezieht sich Cicero hier auf die im folgenden Satz wiedergegebene Aussage des Lentulus am 29.10., dass es sich bei Ciceros Ächtungsbescheid und dem damit verbundenen Verbot, über seinen Fall zu verhandeln, um eine proscriptio handele. Nur die recentiores ε und V überliefern das korrekte se et, dem die Herausgeber folgen. In der Paris-Familie war es aufgrund eines Fehlers oder einer unleserlichen Stelle im Archetyp zu verschiedenen Varianten gekommen: P bietet sed et, E und H et de, G nur de. Cum a tribuno plebis vetaretur, cum praeclarum caput recitaretur, ne quis ad vos referret, ne quis decerneret, ne disputaret, ne loqueretur, ne pedi-

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bus iret, ne scribendo adesset, totam illam, ut ante dixi, proscriptionem, non legem putavit, qua civis optime de re publica meritus nominatim sine iudicio una cum senatu rei publicae esset ereptus. Hier gibt Cicero die Aussage des Lentulus vom 29.10.58 wieder, dass er die Exilierung nicht für rechtsgültig anerkannt habe. Außerdem wird in diesem Satz deutlich, dass das Verbot, über Ciceros Fall zu verhandeln, direkt mit der Ächtung selbst verbunden war und, ebenso wie diese, im März 58 v. Chr. verabschiedet worden war. Es zeigen sich, vor allem im Relativsatz, mehrere Strategien Ciceros, mit denen er versucht, wieder eine starke Position in der Republik zu erhalten: 1. Er führt Argumente für die Illegalität seiner Exilierung an. So habe Lentulus die Ächtung als proscriptio bezeichnet. Hierbei liegt erneut eine drastischere Formulierung für ein privilegium vor (also ein gegen eine Einzelperson gerichtetes Gesetz; s. u., § 29), was im Relativsatz deutlich wird, in dem Cicero betont, er sei nominatim der Republik entrissen worden; s. o., § 4; vgl. dom. 70; Sest. 70. Zudem sei es überhaupt nicht zu einer offiziellen Verurteilung gekommen. Was er aber verschweigt, ist, dass er aus Rom geflohen war, bevor diese überhaupt möglich war. Durch seine Flucht ermöglichte er die Interpretation eines exilium iustum, weshalb es sich bei dem Ächtungsbescheid möglicherweise keineswegs um ein privilegium handelte, sondern vielmehr um eine „formal declaration of outlawry against one who had already fled prosecution in order to escape an anticipated condemnation“; vgl. Nicholson (1992), 30; Greenidge (1901), 316. 2. Cicero spricht von sich als civis optime de re publica meritus. Zum einen verstärkt Cicero sein Eigenlob erneut (s. o., § 7) durch den Wechsel in die 3. Person Singular bei einer Selbstbeschreibung, zum anderen verweist er zum wiederholten Mal auf die Catilinarische Verschwörung und erhöht seine eigene Bedeutung für die Republik. Durch den Gegensatz zur unrechtmäßigen Verbannung wird die Legalität des Vorgehens gegen die Verschwörer hervorgehoben. Zu Ciceros Selbstdarstellung als optime de re publica meritus s. u., § 16; vgl. dom. 9; 86; zu nominatim sine iudicio vgl. dom. 43. 3. In der Formulierung una cum senatu rei publicae esset ereptus verbirgt sich eine erneute Gleichsetzung mit der Republik. Der Senat kann als integraler Bestandteil, gerade aus Sicht eines Optimaten, als pars pro toto für ebendiese aufgefasst werden: Wenn er abwesend ist, existiert keine Republik. Der Angriff auf Cicero habe also diese ebenso getroffen und beide wurden durch den Exilierungsbescheid aus Rom vertrieben; s. u., § 36. Praktisch wurde der Senat in seinen Rechten durch das Verbot, über Ciceros Fall zu verhandeln, eingeschränkt. cum a tribuno plebis vetaretur: Durch einen Einspruch des Clodius oder des Aelius Ligus konnte am 29.10.58 Ciceros Rückberufung (der vorletzte Satz wird aufgegriffen) nicht durchgesetzt werden; s. o., § 4 sowie in der historischen Einführung; zum Interzessionsrecht s. u., § 11. Ob der Einspruch bereits gegen

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den Antrag oder erst gegen einen Senatsbeschluss erfolgte, ist umstritten; vgl. de Libero (1992), 37. praeclarum caput: In einer sechsgliedrigen Aufzählung werden die einzelnen Einschränkungen der Rechte des Senats angeführt, die als Verbot, über Ciceros Exil zu verhandeln, zusammengefasst werden können (praeclarus ist somit ironisch aufzufassen; vgl. ThLL, s. v. [488, 25 ff.]; Ver. 1,42; dom. 82; Flacc. 15). Ob Cicero den Beschluss wörtlich zitiert, kann nicht bewiesen werden. Zur Haltung der Konsuln Piso und Gabinius, die sich auf die Verbotsklausel beriefen, um nicht über Ciceros Fall zu referieren, s. o., § 4. referret: Zur Wortbedeutung „einen Antrag stellen“ s. o., § 3. Das Gesetz scheint nicht konsequent durchgesetzt worden zu sein. So stellte der Volkstribun L. Ninnius bereits im Juni 58 v. Chr. einen Antrag auf Beendigung des Exils, s. o., § 3. Auch die anderen Rückberufungsversuche im Senat in den Jahren 58 und 57 v. Chr. stellten eine Übertretung dar. Zu dem Verbotsgesetz s. o., § 4: […] lege, non ea, quae de me […]; vgl. dom. 69; Att. 3,12,1; 3,15,6; Sest. 69; dom. 70; Pis. 29. pedibus iret: Bei der Abstimmung über Senatsbeschlüsse gingen zustimmende Senatoren räumlich auf die Seite des Antragstellers, ablehnende auf die gegenüberliegende, und setzten sich dort hin. Diesen Vorgang nannte man discedere oder pedibus in sententiam ire; vgl. RE S6 (1935), 716 f.; OLD, s. v. „pes“. scribendo adesset: Der Senat war an der Niederschrift seiner Beschlüsse nicht beteiligt, allerdings musste der Vorsitzende mehrere Mitglieder als Zeugen hinzuziehen, deren Namen auf die Urkunde gesetzt wurden. Zumeist handelte es sich um Freiwillige, die den Antrag gestellt hatten oder besonderes Interesse an dessen Durchsetzung hatten; vgl. Mommsen (1887), 1005; 1008; fam. 15,6,2; har. resp. 13; prov. cons. 28. P, G und E tradieren quia. In H sowie den recentiores ε und V findet sich qua (wohl auch konjiziert vom Korrektor P 2 ; die gänzliche Tilgung des Buchstabens ist allerdings unüblich). Eine Entscheidung über die richtige Lesart ist schwierig. Man könnte dafür plädieren, qua vorzuziehen, das zwei Traditionslinien überliefern. In beiden Fällen jedoch muss davon ausgegangen werden, dass zwei Mal unabhängig voneinander derselbe Fehler begangen wurde, entweder eine Verschreibung zu qua oder zu quia. Ut vero iniit magistratum, non dicam, quid egit prius, sed quid omnino egit aliud nisi, ut me conservato vestram in posterum dignitatem auctoritatemque sanciret? Zur Hyperbel, dass Lentulus mit Amtsantritt sein ganzes Konsulat einer Rückberufung Ciceros untergeordnet habe, vgl. p. red. ad Quir. 11: […] P. Lentulus […] nihil humanarum rerum sibi prius quam de me agendum iudicavit. Bekannt ist

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vor seinem erfolgreichen Einsatz ab Ende Mai nur die Senatsdebatte im Januar; s. o. in Kap. 2.3.4. non dicam: Zu dieser Formulierung s. o., § 1; s. u., § 16. me conservato: „durch meine Rettung/Rückberufung“ (instrumental). Cicero verbindet seine Rückberufung mit der Stellung und dem Ansehen des Senats bei der Nachwelt. Unterschwellig lobt er aber erneut vor allem sich selbst. auctoritatemque: Ein „verschwommene[s] und aller strengen Definition sich entziehende[s]“ Wort, das die „ebenso eminente und effective wie unbestimmte und formell unfundirte Machtstellung des Senats“ bezeichnet, vgl. Mommsen (1888), 1033. Ebenso werden mit diesem Begriff am Ende der Republik die Beschlüsse des Senats bezeichnet, die aufgrund des Einspruchs eines Volkstribuns oder wegen Verfahrensfehlern nicht in Kraft treten konnten. Durch auctoritas drückte sich die dignitas (zur Bedeutung der dignitas s. o., § 1) eines Menschen aus; vgl. Balsdon (1960), 43 ff.; Grillo (2015), 127 (zu prov. cons. 3). § 9: Di immortales, quantum mihi beneficium dedisse videmini, quod hoc anno P. Lentulus consul est! Quanto maius dedissetis, si superiore anno fuisset! Cicero wendet sich mit der Apostrophe di immortales von den Zuhörern ab und erweckt den Eindruck eines erregten Redners. Dies wird zudem verstärkt durch die Stellung des Vokativs, der sich „an der Spitze des Satzes in der Regel nur dann [findet], wenn die Anrede mit einem gewissen Nachdrucke geschieht“; vgl. KSt 1, 256. Dass Lentulus im Jahr 57 v. Chr. Konsul sei und sich für eine Rückberufung eingesetzt habe, sei eine große Wohltat, aber wenn er schon im Vorjahr das Amt innegehabt hätte, hätte er Cicero nicht nur zurückrufen, sondern sogar das Exil verhindern können. Dies wäre erwartungsgemäß ein maius beneficium gewesen. Dieser Gegensatz wird am Ende des Absatzes in Bezug auf Metellus aufgegriffen (in me conservando […] in restituendo). Die Überlieferung der Paris-Familie lässt eine Lacuna im Archetyp erkennen, da in P, G und H das Prädikat des quod-Satzes fehlt. E und die recentiores ε und V tradieren an dieser Stelle ein möglicherweise konjiziertes est, dem sich die meisten Herausgeber anschließen. Manutius (1554) konjiziert fuit, dem lediglich Wolf (1801) und Orelli (1826) folgen. H 2 und P3 weisen noch praefuit auf. Obwohl in diesen Korrekturen keinerlei Wert liegt (vgl. Maslowski/Rouse [1984], 65), sodass die Lesart vernachlässigt werden sollte, interpretiert Peterson (1911) sie als „p. R. (populi Romani) fuit“ und übernimmt dies in seine Edition; zu consul populi Romani vgl. u. a. leg. agr. 2,41; Phil. 2,72; Vat. 21; Mur. 13; imp. Cn. Pomp. 33. Anstelle von quanto bietet H quo quanto, was möglicherweise auf Dittographie oder eine Konjektur zurückzuführen ist. Ein ablativus comparationis ist bei einem ablativus mensurae unklassisch; vgl. LHS 109: Die Konstruktion mit quam

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ist „die Regel, wenn der Komparativ von multo, paulo, nihilo u.ä.“ begleitet wird. Die Verbindung wird bei Cicero auch dann vermieden, wenn das Vergleichswort ein Relativpronomen ist, das im ablativus comparationis stehen müsste. Nec enim eguissem medicina consulari, nisi consulari vulnere concidissem. Der Gegensatz der Konsuln der Jahre 58 und 57 v. Chr. aus §§ 4–5 wird in diesem Satz pointiert aufgegriffen (auch s. u., § 18: Horum consulum ruinas vos consules vestra virtute fulsistis […]). Cicero hätte nicht die Hilfe eines Konsuls benötigt, wenn er nicht durch Konsuln in seine missliche Lage geraten wäre. Im Rahmen einer Metapher aus dem Bereich der Medizin werden Piso und Gabinius als Verbrecher dargestellt, die Cicero so schwer verletzten, dass er zusammenbrach. Lentulus konnte ihn aber als Arzt mit seiner Medizin in Form der erfolgreichen Rückberufung heilen und ihm durch die Rückkehr in die Republik sein Leben zurückgeben; zu dieser Metapher s. u., § 24: […] mihi primus adflicto et iacenti […]; § 17: […] non tribunicio sed consulari ictu concidissem […]; p. red. ad Quir. 15. Zu weiteren medizinischen Metaphern aus der Zeit um Ciceros Exil vgl. u. a. dom. 12: Si utrumque fuit, ut et fames stimularet homines et tu in hoc ulcere tamquam inguen exsisteres, nonne fuit eo maior adhibenda medicina quae et illud nativum et hoc inlatum malum sanare posset?; Sest. 135. Audieram ex sapientissimo homine atque optimo civi et viro, Q. Catulo, non saepe unum consulem improbum, duo vero numquam post Romam conditam excepto illo Cinnano tempore fuisse; Q. Catulo: Zu der hier erwähnten Aussage des Catulus über Piso und Gabinius vgl. dom. 113: O Q. Catule! […] Negabas fas esse duo consules esse in hac civitate inimicos rei publicae. Q. Lutatius Catulus wird von Cicero an verschiedenen Stellen in den Reden lobend hervorgehoben; vgl. u. a. Cat. 3,24; Balb. 35; Mur. 36; imp. Cn. Pomp. 66. Schon im Jahr 87 v. Chr. stand er gegen Marius und Cinna auf Seiten Sullas und wurde 78 v. Chr. Konsul. Er galt als Führer der gemäßigten Optimaten und widersetzte sich erfolglos dem Aufstieg des Pompeius; vgl. RE 13,2 (1927), 2082 ff. Die Erwähnung des Catulus dient verschiedenen Zwecken (ähnlich bereits Kaster [2006], 326 zu Sest. 101): 1. Hinter der Bezeichnung als sapientissim[us] und optim[us] sowie der folgenden Anspielung auf Cinna verbirgt sich eine Spitze gegen Caesar, der der siegreiche Konkurrent des Catulus bei der Wahl zum pontifex maximus im Jahr 63 v. Chr. und zudem Cinnas Schwiegersohn war. 2. Catulus hatte Cicero als erster wegen der Niederschlagung der Catilinarischen Verschwörung parens patriae genannt; vgl. Pis. 6; Sest. 121. Durch die Anspielung auf die Unterstützung eines angesehenen Politikers wie Catulus (explizit s. u. im folgenden Satz) weist Cicero erneut auf seine Bedeutung für die Republik sowie auf die Unterstützung des Senats bei seinem Vorgehen gegen die Catilinarier hin. 3. Auch die porticus des Vaters des Catulus,

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benachbart zu Ciceros Anwesen auf dem Palatin, wurde von den Clodianern zerstört; vgl. dom. 102; 114; 137. Somit dient Catulus Cicero als weiteres Beispiel für die Verbrechen des Clodius. Zu improbus als Bezeichnung für einen ‚Staatsverbrecher‘ oder ‚Staatsfeind‘ vgl. Opelt (1965), 159 f. Die E 2 -Gruppe überliefert nach numquam ein post Romam conditam, das manche Herausgeber, zuletzt Maslowski (1981), übernehmen. Kayser (1861) athetiert es in seiner Ausgabe. Eine Konjektur dieses Ausdrucks ist aufgrund des Alters von E 2 unwahrscheinlich, sodass man ihn in den Text setzen sollte. Zu vergleichbaren Stellen in Ciceros Reden s. u., § 24; Sest. 128; Vat. 36; har. resp. 12. Laut Klotz (1913), 494, drückte Cicero gerade nach dem Exil „sich öfters so pathetisch aus […]“, weshalb er sich für die Aufnahme dieser Lesart in den Text ausspricht. illo Cinnano tempore: Erst in den recentiores ε und V findet sich das korrekte cynnano (= „Cinnano“). Die Überlieferung der Paris-Familie deutet auf einen Fehler in deren Archetyp hin. P überliefert das sinnlose germano, G, E und H cesonino (in H verschrieben zu cesonini; als Randglosse bereits in P; laut Maslowski [1981] durch P3), zudem wurde dort germano durchgestrichen; in B fehlt das Wort. Da Catulus selbst schon verstorben war (ca. 61/60 v. Chr.), als (Caesoninus) Piso als Konsul amtierte, kann cesonino nicht richtig sein. Durch die Erwähnung Cinnas spielt Cicero erneut auf den Bürgerkrieg an und verbindet die Konsuln Piso und Gabinius mit dessen Gräueln; s. o., §§ 4; 6 (dort durch die Verwendung des Begriffs proscriptio für den Exilierungsbescheid). Cinna hatte als Konsul 87 v. Chr. gemeinsam mit Marius (s. u., § 38) Rom erobert und wurde anschließend verfassungswidrig 86, 85 und 84 v. Chr. erneut Konsul. Diese Jahre wurden wegen Ermordung der politischen Gegner „wohl nur teilweise berechtigt als Zeit des nackten Terrors“ gezeichnet; vgl. RE 4,1 (1900), 1282 ff. Cicero hebt allerdings andernorts auch positive Elemente hervor. So komme Cinna bspw. in Hinblick auf seine militärischen Fähigkeiten Sulla gleich (Font. 42 f.); zur Darstellung Cinnas bei Cicero vgl. Lovano (2002), 145 ff. Er wird oft als historisches (Negativ)beispiel herangezogen; vgl. dom. 83: […] adesse propter iniquitatem illius Cinnani temporis noluit […]; Sest. 77: […] nisi forte illo Cinnano atque Octaviano die, quis umquam in foro vidit?; Brut. 227; Phil. 1,34; 11,1; Vat. 23. qua re meam causam semper fore firmissimam dicere solebat, dum vel unus in re publica consul esset; meam causam: Cicero weist explizit darauf hin, dass Catulus ein Unterstützer seines Vorgehens gegen die Catilinarischen Verschwörer war. dum vel unus … esset: Die Aussage des Catulus kann sich nicht direkt auf Ciceros Exil und das Konsulat des Piso und des Gabinius beziehen, da er bereits im Jahr 61/60 v. Chr. verstorben war. Shackleton Bailey (1979), 262 nimmt bei dem geschlossen überlieferten in re publica eine Buchstabenverwechslung an

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und vermutet e re publica, also „gemäß (den Idealen) der Republik“. Allerdings lässt sich auch die Präposition in gut erklären. Man kann zum einen die Aussage des Catulus wörtlich nehmen und von der physischen Präsenz der Konsuln ausgehen, zum anderen kann die Stelle im Hinblick auf die Gesinnung interpretiert werden: Ein consul improbus handelt nicht im Geiste der Republik; vgl. das folgende in re publica non fuerat; Pis. 23: […] tum Romae fuisse consules quisquam existimabit?; zu einem ähnlichen Gedanken vgl. Phil. 8, 13; zum bildlichen Gebrauch von in vgl. KSt 1, 560 ff. quod vere dixerat, si illud de duobus consulibus, quod ante in re publica non fuerat, perenne ac proprium manere potuisset. Die Aussage des Catulus habe sich aber nicht bewahrheitet: Mit Piso und Gabinius seien zwei ruchlose Konsuln an die Macht gekommen. Dies habe es zuvor noch nie in re publica gegeben. Das faktische quod greift das illud des Konditionalsatzes auf. Cicero scheint die Jahre der Konsulate Cinnas nicht als Teil der Republik aufzufassen – ansonsten läge hier ein Widerspruch vor, nachdem gerade noch diese als Beispiel für zwei schlechte Konsuln in einem Jahr angeführt wurden. Somit ist die Tilgung des non durch eine jüngere Handschrift überflüssig, der Kayser (1861) folgt. dixerat: Der Indikativ Plusquamperfekt im übergeordneten Satz einer irrealen Periode ist bei Cicero nicht unüblich; vgl. KSt 2, 401 ff.; bspw. Pis. 18; rep. 1,10; Phil. 2,99. perenne ac proprium manere potuisset: ‚Wenn es für immer charakteristisch für die Republik hätte bleiben können, dass es keine zwei ruchlosen Konsuln gleichzeitig gab.‘ Quod si Q. Metellus illo tempore consul fuisset [inimicus], dubitatis, quo animo fuerit in me conservando futurus, cum in restituendo auctorem fuisse adscriptoremque videatis? Nach dem ausführlichen Lob auf Lentulus wendet sich Cicero dem anderen Konsul des Jahres 57 v. Chr., Q. Metellus, zu. Sein Lob wirkt fast wie eine Fußnote, da der Text ab audieram bereits wie ein Übergang zur Invektive gegen Piso und Gabinius erscheint, die im folgenden Satz fortgeführt wird. Die Kürze der Erwähnung lässt sich wohl darauf zurückführen, dass sich Metellus nur zögerlich davon überzeugen ließ, seine cicerofeindliche Einstellung zu revidieren. Trotz anderweitiger Versprechen als designierter Konsul hatte er sich im Januar 57 v. Chr. wieder den Clodianern zugewandt. Erst im Juli konnte er als Unterstützer gewonnen werden; s. u., § 25; s. o. in Kap. 2.3.4. Dennoch gibt Cicero hier in einer irrealen Periode in Abhängigkeit von einer indirekten Frage vor, dass der Konsul Metellus sich schon im Vorjahr (illo tempore als „zu jener berüchtigten Zeit“; zu ille in dieser Bedeutung in Bezug auf das Jahr 58 v. Chr. vgl. bspw. Sest. 15) für ihn eingesetzt hätte.

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inimicus, das alle Handschriften überliefern, ist inhaltlich in Bezug auf die Vergangenheit Ciceros und des Metellus zwar korrekt (s. o., § 5; s. u., §§ 25; 26), aber durch seine Stellung unpassend und überflüssig, zumal Cicero in diesem Satz auf die dauerhafte Unterstützung von Seiten des Metellus verweist. Zudem zieht sich das Lob beider Konsuln des Jahres 57 v. Chr. durch die ganze Rede. Die Bezeichnung des Metellus als inimicus wäre für Cicero kontraproduktiv gewesen (s. o. in Kap. 2.3.4. In § 25 liegt eine Anspielung auf die frühere Einstellung des Metellus vor, durch die sein Gesinnungswechsel als besonders bemerkenswert dargestellt werden soll). Das inimicus an dieser Stelle könnte seinen Ursprung in einer frühen Randglosse haben, in der die Einstellung des Metellus gegenüber Cicero vor dessen Exil festgehalten wurde. In H wurde vor inimicus ein non konjiziert, um den inhaltlichen Sinn zu wahren. Ernesti (1737) geht dagegen von einer Verschreibung aus und schreibt unicus, dem sich Wolf (1801) und Orelli (1826) anschließen. Erst Halm (1856), dem die übrigen Herausgeber folgen, athetiert es richtigerweise, wobei Peterson (1911) in seinem kritischen Apparat einen konzessiven Sinn vorschlägt (etsi inimicus). auctorem fuisse adscriptoremque: Das Lob des Metellus fällt nicht nur vergleichsweise kurz aus, sondern (im Gegensatz zur Volksrede; vgl. p. red. ad Quir. 16) auch schwächer als das des Lentulus. Er sei lediglich ein Unterstützer der Rückberufung gewesen (vgl. ThLL, s. v. „auctor“ [1198, 38 ff.]) und habe seinen Namen auf die Senatsurkunde gesetzt; vgl. ThLL, s. v. „ascriptor“ (776, 53 ff.); s. u., § 26.

§§ 10–18: Invektive gegen Piso und Gabinius (Konsuln des Jahres 58 v. Chr.) § 10: Sed fuerunt duo consules, quorum mentes angustae, humiles, parvae, oppletae tenebris ac sordibus, nomen ipsum consulatus, splendorem illius honoris, magnitudinem tanti imperi nec intueri nec sustinere nec capere potuerunt, − non consules, sed mercatores provinciarum ac venditores vestrae dignitatis; Einleitend beschäftigt sich Cicero in der Invektive mit beiden Konsuln des Jahres 58 v. Chr. zugleich, ab dem folgenden Absatz widmet er sich zuerst Gabinius (§§ 11–13), danach Piso (§§ 13–18). Zunächst stellt Cicero einen Gegensatz zwischen dem Amt und der charakterlichen Untauglichkeit der Amtsinhaber her (consules / nomen ipsum consulatus). Er führt in einer viergliedrigen Aufzählung Attribute ihrer Geisteshaltung an, die Piso und Gabinius ungeeignet für das Konsulat machen, und stellt diesen positive Beschreibungen des Amtes gegenüber; vgl. Pis. 24: Magnum nomen est, magna species, magna dignitas, magna

§§ 10–18: Invektive gegen Piso und Gabinius (Konsuln des Jahres 58 v. Chr.)

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maiestas consulis; non capiunt angustiae pectoris tui, non recipit levitas ista, non egestas animi; non infirmitas ingenii sustinet, non insolentia rerum secundarum tantam personam, tam gravem, tam severam. duo consules: E und H bieten duo gegen ii aus G und den recentiores ε und V sowie hii aus P (in X in veränderter Wortstellung: consules hii). Die Buchstabenfolge des Archetyps wurde somit erst in E und H unabhängig voneinander als römisches Zahlzeichen interpretiert und ausgeschrieben, dem Ernesti (1737), Wolf (1801), Orelli (1826), Klotz (1919) und Maslowski (1981) folgen. Als Aufgreifen des Ausspruchs des Catulus im vorangehenden Absatz ist diese Lesart dem Demonstrativpronomen vorzuziehen ([…] non saepe unum consulem improbum, duo vero numquam […]). Zudem wäre im Relativsatz ansonsten der Konjunktiv zu erwarten; vgl. KSt 2, 297 f. Wie schon Clodius (s. o., § 3), werden die Konsuln zunächst nicht namentlich genannt, dies erfolgt erst in § 16 (ebenfalls in § 13 Piso in verächtlicher Anspielung auf die Herkunft des Großvaters mütterlicherseits als Caesoninus Calventius). Dass Cicero seine Befürworter wie Gegner in den post reditum-Reden oft nicht namentlich nennt, deutet darauf hin, dass er die Ereignisse um die Exilierung als allgemein bekannt und fast schon kanonisch ansieht; zudem wird dadurch weniger auf die individuellen Personen als vielmehr auf die Ämter hingewiesen. Nicht die Feindschaft Pisos und des Gabinius sei das eigentlich Schlimme, sondern die Tatsache, dass sich Konsuln gegen ihn gewendet hätten. Zudem erscheint es erneut so, als wollte Cicero die Namen seiner Gegner aus der Geschichte ‚herausschreiben‘; vgl. Steel (2007), 110 ff. angustae, humiles, parvae: G und ε überliefern hier parvae, alle anderen Kodizes (einschließlich X) dagegen pravae, dem sich nur wenige Herausgeber, zuletzt Peterson (1911), anschließen; vgl. zu prava mens bzw. pravitas mentis Vat. 14; fam. 3,11,2. Als Teil des Gegensatzes zu magnitudinem tanti imperi im Rahmen des Trikolons mit angustae und humiles sollte man jedoch parvae in den Text setzen. Die mentes der Konsuln seien zu unbedeutend und klein, als dass sie der Größe des Amtes angemessen sein könnten; Piso und Gabinius seien nicht zu großen Entscheidungen fähig. Der ThLL (s. v. „angustus“ [63, 70 f.]) rubriziert diese Stelle unter „libero motu carens“. Dies würde bedeuten, dass die Konsuln sich dem Willen des Clodius und des Triumvirats unterworfen und keine eigenen Entscheidungen getroffen hätten. Auch humilis kann in eine ähnliche Richtung weisen (als „submissus“; vgl. ThLL, s. v. [3112, 32]), diese Stelle aber wird als „inhonestus“, „improbus“ rubriziert; vgl. ThLL, s. v. (3110, 44 f.); zu humilis mens vgl. Sen. epist. 92,26; zu magnitudo imperi vgl. u. a. Mil. 83; Liv. 1,55,5; Sall. Iug. 14,16; Tac. ann. 1,11,1; zu angusta mens und parva mens liegen keine Vergleichsstellen vor, aber vgl. zu angustus animus Pis. 57; Phil. 14,17; de orat. 3,121; zu parvus animus vgl. Arch. 30; Att. 1,13,2.

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oppletae tenebris ac sordibus / splendorem illius honoris: Piso und Gabinius seien schmutzige Charaktere, erfüllt mit bösen Absichten; vgl. OLD, s. v. „sordes“ (4/5: „meanness of character“ oder „moral turpitude“); Mur. 76; Att. 4,18,1; fam. 7,2,2. tenebrae ist in diesem Zusammenhang möglicherweise als moralische Verkommenheit aufzufassen, wenngleich ein Bezug auf die im Verlauf der Rede immer wieder betonte Dummheit (insbesondere des Piso; s. u., §§ 13 f.) ebenso möglich ist; vgl. OLD; s. v. (3). Die übertragene Dunkelheit ihres Wesens steht dem Glanz des Konsulats gegenüber. Zu tenebrae/sordes in Bezug auf Piso vgl. Pis. 62; zudem Ver. 2,5,21. mercatores provinciarum: Eine weitere (nach § 4) Anspielung darauf, dass Piso und Gabinius von Clodius durch Zuweisung von Provinzen bestochen wurden, die Exilierung Ciceros zu unterstützen. Auch hier liegt der Versuch vor, die Verbannung als illegal zu brandmarken, wozu schon die Bezeichnung des Ächtungsbescheids als proscriptio (§§ 4; 8) diente. Bei der Bestechlichkeit handelt es sich um einen invektiventypischen Vorwurf; vgl. Opelt (165), 145 ff.; s. o. in Kap. 5. Zur Bezeichnung von Piso und Gabinius als mercatores provinciarum vgl. p. red. ad Quir. 21; fam. 1,9,13. venditores vestrae dignitatis: Die prokonsularischen Provinzen Makedonien und Kilikien wurden Piso und Gabinius auf Antrag des Clodius durch eine Volksversammlung überantwortet. Üblicherweise wurden sie durch Senatsbeschlüsse vor den Konsulatswahlen bestimmt; s. u., § 18; vgl. Vat. 36: Eripueras senatui provinciae decernendae potestatem […]; prov. cons. 3; Fuhrmann, 5 (42013), 478 f.; Meyer ( 31922), 97. Durch das Übergehen des Senats habe Clodius dessen Stellung und Ansehen verkauft; zu „venditor“ als „one who sells for bribes or corrupt payments“ vgl. OLD, s. v. quorum alter a me Catilinam, amatorem suum, multis audientibus, alter Cethegum consobrinum reposcebat; In P fehlt das a vor me (aber schon von zweiter Hand nachgetragen), das sich in allen anderen Handschriften findet. reposcere kann klassisch sowohl mit doppeltem Akkusativ als auch mit aliquid ab aliquo konstruiert werden; vgl. KSt 1, 300 (dort wird diese Stelle aber als Beispiel für den doppelten Akkusativ angeführt). Die Präposition kann im Text belassen werden, zumal P häufig einzelne Buchstaben, oft die Präposition a auslässt; vgl. Maslowski (1980), 406 f.; dagegen aber Klotz (1919) und einige ältere Herausgeber, die sie nicht setzen. Catilinam, amatorem suum … Cethegum consobrinum: Piso und Gabinius sollen so weit gegangen sein, dass sie von Cicero zwei der Catilinarischen Verschwörer von den Toten zurückforderten; s. o., § 4 (si revixissent; dort war es noch Clodius, der dies verlangte). Cethegus gehörte zu den im Jahr 63 v. Chr. hingerichteten Catilinariern. Seine Aufgabe war die Ermordung Ciceros; vgl. Odahl (2010), 50; 54; 60; 62; 66; RE 4,1 (1900), 1278 f.; Cat. 3; 4,11 ff.; Sull. 53;

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70; 75 f. Im Gegensatz zur vorherigen Anspielung wird den Verantwortlichen von Ciceros Exil in diesem Satz nicht nur eine ideologische Nähe zu den Verschwörern unterstellt, sondern sogar die Verwandtschaft mit einem von ihnen bzw. eine Beziehung mit Catilina selbst vorgeworfen. Catilinam, amatorem suum bezieht sich auf Gabinius, Cethegum consobrinum auf Piso; s. u., § 12: […] si eius [sc. Gabinii] vir Catilina revixisset […]. Hier beginnt somit die Verunglimpfung des Gabinius als Homosexuellem, die vor allem in §§ 11 f. deutlich zu Tage tritt. Zur Verbindung der Konsuln mit den Catilinarischen Verschwörern vgl. u. a. Planc. 87; Pis. 11; 14; 16; 20; Sest. 28. multis audientibus: Möglicherweise bei einer Feier anlässlich von Ciceros Verbannung und der Zerstörung seines Hauses auf dem Palatin, in Anwesenheit der Clodianer und anderer Feinde des Exilierten, vgl. dom. 62: Consules epulabantur et in coniuratorum gratulatione versabantur, cum alter se Catilinae delicias, alter Cethegi consobrinum fuisse diceret. Ob es aber tatsächlich zu einem solchen Fest aufgrund der Verbannung kam, ist unsicher; vgl. Englisch (1979), 33. qui me duo sceleratissimi post hominum memoriam non consules, sed latrones non modo deseruerunt, in causa praesertim publica et consulari, sed prodiderunt, oppugnarunt, omni auxilio non solum suo, sed etiam vestro ceterorumque ordinum spoliatum esse voluerunt. duo … consules: Cicero spielt mit dem expliziten Aufgreifen des Zahlworts duo auf die Aussage des Catulus in § 9 an, dass es in der römischen Geschichte noch nie zwei consules improbi in einem Jahr gegeben habe (duo vero numquam), außer zur Zeit Cinnas. Piso und Gabinius werden somit implizit als größere Verbrecher als dieser dargestellt und weiter zu Staatsfeinden stilisiert. Zu den Implikationen einer Anspielung auf Cinna und die Zeit der Bürgerkriege s. o., § 9; auch bspw. bzgl. der Bezeichnung der Exilierung als proscriptio, s. o., §§ 4; 8. Zu Piso und Gabinius als sceleratissimi o. Ä. vgl. Planc. 86; dom. 58; 122; zu sceleratus für Staatsfeinde vgl. Opelt (1965), 160. latrones: Eine invektiventypische Beschimpfung, die nicht nur auf kriminelle Taten, sondern auch auf ein Verhalten hinweist, welches die politische Ordnung mit Hilfe von Banden umzustürzen droht (daher seien Piso und Gabinius non consules); vgl. Opelt (1965), 132 f. Potentiell konstituieren latrones eine Gefahr für die wirtschaftliche Kraft des Staates; die frühesten Stellen bezeichnen mit diesem Wort Plünderer der Staatskasse. Bei Cicero wird diese Bedeutung auf die Plünderung von Privateigentum erweitert, hier wohl vor allem auf die von Ciceros eigenen Häusern auf dem Palatin und in Tusculum; s. u., § 18; zudem wirft er Gabinius nicht selten die Finanzierung privater Vorhaben aus der Staatskasse und die Plünderung seiner Provinz vor; s. u., § 11. Später wurde das Wort insbesondere auf Räuber im ländlichen Raum angewendet, also bspw. entlaufene Sklaven oder landlose Veteranen, die Reisende überfielen oder in

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Städte einfielen. Durch das Wort latro wird die Erwiderung des Gegners auf die Vorwürfe von vornherein delegitimiert und er selbst aus der Gemeinschaft ausgeschlossen. So kommt Cicero in parad. 28 zu dem Schluss, dass er nicht aus der Republik exiliert worden sei, weil diese gar nicht mehr existierte, sondern bereits durch das latrocinium des Clodius ersetzt worden sei. Im Gegensatz dazu stehen bspw. Ausdrücke wie servus oder gladiator (s. u., § 18), die die Position der Gegner innerhalb der Gemeinschaft erniedrigen sollen, sie aber nicht ausschließen. Cicero verwendet die Bezeichnung latro vor allem in Bezug auf Catilina, Clodius und Marcus Antonius; vgl. Corbeill (2002), 204; Habinek (1998), 69–73; ThLL, s. v. „latro“ (1016, 19 ff.): „in vita publica de adversariis, rei publicae hostibus […].“ Zu latro/latrocinium im Zusammenhang mit Ciceros Exil s. u., § 13 (hier in Bezug auf Clodius, verbunden mit der Bezeichnung archipirata für Gabinius, die in dieselbe Richtung weist); vgl. u. a. Pis. 24; dom. 122; 126. non modo deseruerunt … sed prodiderunt, oppugnarunt: Die besondere Schwere der Schuld des Piso und des Gabinius wird durch die Verwendung der Prädikate verdeutlicht, bei denen Cicero in Form einer Klimax zwischen passivem Zulassen (deseruerunt) und aktivem Unterstützen (prodiderunt, oppugnarunt) der Verbannung unterscheidet; eine ähnliche Aufteilung nimmt er in § 32 sowie in §§ 23 und 33 vor, an den beiden letztgenannten Stellen aber allgemeiner auf verschiedene Personengruppen bezogen; vgl. har. resp. 3; p. red. ad Quir. 13; dom. 2. in causa praesertim publica: Die Verbindung von Ciceros Schicksal mit dem der Republik wird erneut hervorgehoben (zu den Stellen in dieser Rede s. o., § 4). Ein Angriff auf ihn sei ein Angriff auf diese (res publica) und somit von Bedeutung für den gesamten Staat (also eine causa publica). omni auxilio … vestro ceterorumque ordinum: Hier liegt eine weitere Anspielung auf das Verbot, über Ciceros Fall zu diskutieren, vor. Piso und Gabinius hätten Cicero nicht nur ihre eigene Hilfe versagt, sondern sich dafür eingesetzt, dass er keine Unterstützung von Seiten der Senatoren und aller anderen Stände bekommen könne; s. o., § 8. § 11: Quorum alter tamen neque me neque quemquam fefellit. Cicero beginnt mit der Invektive gegen Gabinius (bis § 13); vgl. Sest. 20: Atque eorum alter fefellit neminem. Weiterhin vermeidet er eine namentliche Nennung des angesprochenen Konsuls (s. o., § 10). Auffällig ist die wiederholte Verwendung von quorum alter am Satzanfang, bereits zum zweiten Mal auf engem Raum wird mit diesen Worten auf Gabinius angespielt. In der Oxford-Ausgabe Petersons (1911) sowie u. a. bei Klotz (1919) wird dieser Satz noch zu § 10 gezählt, aber mit der Attacke auf Gabinius beginnt bereits ein neuer gedanklicher Abschnitt. Daher befindet er sich bspw. bei Halm (1856), Kayser (1861) und Maslowski (1981) richtigerweise in § 11. Zum Vorgehen des Gabinius gegen Cicero im

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Jahr 58 v. Chr. s. o. in Kap. 2.3.3. Auffällig ist, dass Cicero mit keinem Wort den Gesinnungswechsel des Gabinius erwähnt, der sich im Lauf des Jahres auf seine Seite stellte, nachdem sich Pompeius von Clodius abgewandt hatte. Als einfachste Opfer für die Invektive boten sich Cicero die Konsuln an, die sich zum Zeitpunkt der Rede in ihren Provinzen aufhielten. Somit konnte er sein Konzept der Gegensätze zwischen den Jahren 58 und 57 v. Chr. und der Vereinfachung voll ausarbeiten und musste keine Rücksicht auf historische Fakten und die Person des Gabinius nehmen; vgl. Nicholson (1992), 114 f. neque me … fefellit: Diese Aussage entspricht nicht der Wahrheit. Solange Pompeius und Cicero gemeinsam auf einer Seite standen, scheint er Gabinius als Anhänger des Pompeius wohlgesonnen gewesen zu sein, so bei dem Gesetz über den Oberbefehl gegen die Piraten 67 v. Chr.; vgl. imp. Cn. Pomp. 52 ff.: […] contra virum fortem, A. Gabinium, graviter ornateque dixisti, cum is de uno imperatore contra praedones constituendo legem promulgasset […]. Si plus apud populum Romanum auctoritas tua quam ipsius populi Romani salus et vera causa valuisset, hodie hanc gloriam atque hoc orbis terrae imperium teneremus? […] At hercule aliquot annos continuos ante legem Gabiniam ille populus Romanus, cuius usque ad nostram memoriam nomen invictum in navalibus pugnis permanserit, magna ac multo maxima parte non modo utilitatis sed dignitatis atque imperi caruit. Erst mit der Abkehr des Pompeius verhärtete sich das Verhältnis gegenüber Gabinius. Quis enim ullam ullius boni spem haberet in eo, cuius primum tempus aetatis palam fuisset ad omnium libidines divulgatum, Hier beginnt eine sechsgliedrige, sich durch den gesamten Absatz ziehende, teilweise anaphorische (qui … qui … qui) Aufzählung von invektiventypischen Vorwürfen gegen Gabinius, die als Belege für dessen Ruchlosigkeit dienen sollen. Cicero geht chronologisch vor und fängt mit der Jugend des Gabinius an, in der dieser sich unverhohlen sämtlichen Lüsten hingegeben habe; zu ähnlichen Vorwürfen gegen Gabinius vgl. dom. 126. Dies fällt unter den Topos „sexual misconduct“, der sich bei Cicero bspw. auch in Bezug auf Piso findet; vgl. Craig (2004), 191. primum tempus aetatis: Der Beginn der aktiven Teilnahme am Leben, nicht die früheste Kindheit; vgl. leg. 1,13; nat. deor. 1,6; Tusc. 5,2; fam. 4,3; 6,12. Die Kodizes der Paris-Familie bieten geschlossen omnis libidines, die E 2 Gruppe (mit X) tradiert omnium libidines, dem die meisten Herausgeber, ausgenommen Wolf (1801), Orelli (1826) und Peterson (1911), zu Recht aufgrund der Verwendung von divulgatum („in vulgus prolatus“; vgl. ThLL, s. v. [1648, 64 f.]) folgen; zu omnes libidines vgl. Pis. 70: […] ut omnes hominis libidines […]; Sull. 25; zu omnium libidines vgl. Cael. 38: […] libidines omnium commearent […].

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qui ne a sanctissima quidem parte corporis potuisset hominum impuram intemperantiam propulsare, Cicero wirft Gabinius die passive Rolle bei homosexuellem oralem Geschlechtsverkehr als eine der libidines vor. Auch dies findet sich oft als Topos in antiken Invektiven; vgl. Corbeill (1996), 147. Unter sanctissima parte corporis ist der Mund zu verstehen; vgl. Fuhrmann, 5 (42013), 479; Shackleton Bailey (1991), 10; dieser Ausdruck ansonsten nur bei Lact. inst. 5,9,15. Gabinius soll sich der oralen Befriedigung anderer Männer hingegeben haben. Die Vermeidung von os o. Ä. ist in diesem Zusammenhang in der lateinischen Literatur üblich, zumeist wurden aber Begriffe wie vultus, facies oder barba verwendet; vgl. Adams (1982), 212. Das Verhalten des Gabinius erscheint als besonders verachtenswert, weil die Rolle des passiven Partners bei homosexuellen Geschlechtsakten im alten Rom „als Indiz für Unmännlichkeit“ galt und nur dieser Part zum direkten Objekt des Spottes in Invektiven wurde; vgl. Corbeill (1996), 147; DNP 5 (1998), 705. Allerdings wird auch die sexuelle Begierde der aktiven Partner durch impuram intemperantiam verächtlich dargestellt, da es als unziemlich galt, mit Erwachsenen homosexuelle Beziehungen zu unterhalten. Sie verleiht den Handlungen des Gabinius eine zusätzliche negative Note. Die große Schwere des Vergehens liegt zudem darin, dass „in Rom homosexuelle Verhältnisse zu Freien […] abgelehnt“ wurden; vgl. DNP 5 (1998), 705; RAC 16, 312 ff.; Hubbard (2003); 337–341; zur Homosexualität im antiken Rom vgl. Williams (1999). Zum Vorwurf der Homosexualität gegen Gabinius vgl. har. resp. 42: […] qui post patris mortem primam illam aetatulam suam ad scurrarum locupletium libidines detulit […]; gegen andere Gegner Ciceros vgl. Phil. 2, 44 f.; Ver. 2,2,192; Cat. 2,8; Flacc. 51; Mil. 55; zudem rep. 4,3 f.; Tusc. 4,70 f.; 5,58. In diesem Zusammenhang steht auch die Verweiblichung des Gabinius; s. u., §§ 12; 16. qui cum suam rem non minus strenue quam postea publicam confecisset, egestatem et luxuriem domestico lenocinio sustentavit, Neben seinen eigenen homosexuellen Beziehungen habe Gabinius seinen Lebensstandard durch das Betreiben von Prostitution im eigenen Haus erhalten, nachdem er seine Mittel verschwenderisch verbraucht habe. Eingeflochten wird das spätere Verhalten gegenüber der Republik (rem … publicam), die er ebenso zugrunde gerichtet habe wie zuvor seinen eigenen Besitz. Der Vorwurf der Prostitution setzt den Topos des „sexual misconduct“ aus den vorigen Sätzen fort; zum Vorwurf des lenocinium gegen Gabinius vgl. insbesondere Sest. 20; Opelt (1965), 156; zu domesticum lenocinium vgl. zudem Ver. 2,3,6. Finanzielle Schwierigkeiten bzw. Verschwendungssucht zählen zu den häufigsten Topoi bei Cicero; vgl. Corbeill (2002), 201; Craig (2004), 191; Opelt (1965), 151 f.; bspw. Phil. 2,44; Sest. 52; dom. 25.

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egestatem/luxuriem: Mit einem Hendiadyoin bezeichnet Cicero die „erbärmliche Ausschweifung“ oder „ausschweifende Armut“ des Gabinius. sustentare kann hier in zwei verschiedenen Bedeutungen verstanden werden: Zum einen versuchte Gabinius, seine Verschwendungssucht durch Prostitution aufrechtzuerhalten („keep up, maintain“), zum anderen, seine Bedürftigkeit aufzuhalten („hold up, delay“); vgl. OLD, s. v. qui nisi in aram tribunatus confugisset, neque vim praetoris nec multitudinem creditorum nec bonorum proscriptionem effugere potuisset, in aram tribunatus: Wäre es Gabinius nicht gelungen, im Jahr 67 v. Chr. Tribun und damit unantastbar (s. o., § 7) zu werden, hätte er sich Verfolgungen von verschiedener Seite wegen seines Verhaltens ausgesetzt gesehen; vgl. Sest. 18. ara bezeichnet somit das Tribunat als religiösen Schutzort; vgl. ThLL, s. v. (388, 11 ff.); so auch portus; vgl. Sest. 18: [Gabinius] in tribunatus portum perfugerat; zu dieser Verwendung von ara vgl. Ver. 2,2,8; 2,5,126; zu portus vgl. Ver. 2,5,126; Caec. 100; off. 2,8,26; fam. 7,30,2; Att. 14,19,1. vim praetoris: Der Topos der finanziellen Schwierigkeiten aus dem vorangehenden Satz wird fortgesetzt: Verschwender (prodigi) konnten bereits durch das Zwölftafelgesetz unter die Vormundschaft eines Angehörigen gestellt werden (cura prodigi). Wenn ein geeigneter Vormund fehlte (in späterer Zeit auch in anderen Fällen), ernannte der Prätor einen curator. Zudem erließ er ein Dekret, das es dem Verschwender verbot, seinen Besitz zu verwalten, und ihn entmündigte. Der curator hatte in klassischer Zeit Kontrolle über das Eigentum, aber nicht über die Person des prodigus. Er konnte nach Belieben darüber bestimmen und galt in der Zeit der Vormundschaft als Besitzer (domini loco), war somit aber auch für Misswirtschaft zur Verantwortung zu ziehen; vgl. Mousourakis (2012), 117; Kunkel (1935), 305; Kaser (1971), 278 f.; 372; Kaser (1975), 237. proscriptionem: ein öffentlicher Verkaufsaushang bei Konkursen, der die Gläubiger vom bevorstehenden Verfahren informierte und auf dem die Verkaufsbedingungen bekannt gegeben wurden; vgl. Kaser ( 21996), 394 ff.; OLD, s. v. qui in magistratu nisi rogationem de piratico bello tulisset, profecto egestate et improbitate coactus piraticam ipse fecisset, ac minore quidem cum rei publicae detrimento quam quod intra moenia nefarius hostis praedoque versatus est? Cicero verbindet die lex Gabinia (rogationem de piratico bello) aus dem Jahr 67 v. Chr., die Pompeius ein imperium extraordinarium zusprach, um gegen die Piraten vorzugehen, die seit Jahrzehnten im Mittelmeer Schrecken verbreitet und die Getreideversorgung Roms gefährdet hatten, mit dem Vorwurf gegen Gabinius, den Staat geplündert zu haben (praedo). Während die Paris-Familie geschlossen qui in magistratu überliefert, setzen die Herausgeber (mit Ausnahme

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von Peterson [1911]) quo in magistratu aus der E 2 -Gruppe in den Text. Aufgrund der anaphorischen Struktur des Absatzes (qui … qui … qui; hier noch verstärkt durch das wiederholte nisi), die durch quo zerstört würde, sollte wohl der ParisFamilie der Vorzug gegeben werden. rogationem de piratico bello: Pompeius wurde gegen den anfänglichen Widerstand fast aller Senatoren auf Antrag des Gabinius für das gesamte Gebiet des Mittelmeeres samt Küstengebieten über den Zeitraum von drei Jahren „der Oberbefehl über die Flotte, die Verfügung über Staatsgelder, das Recht zu Aushebungen und zur Ernennung von 15 Legaten“ gewährt; vgl. RE 7,1 (1910), 424 f. Innerhalb von 89 Tagen besiegte Pompeius die Seeräuber und stellte die Sicherheit der Seewege wieder her; vgl. RE 2A,1 (1921), 1041; Pohl (1993), 278–280, der ausführlich insbesondere die römischen Militäraktionen gegen die Piraten in der Zeit vor der lex Gabinia untersucht. Durch diesen Gesetzesvorschlag festigte Gabinius seine Freundschaft zu Pompeius und sicherte seine weitere Laufbahn. So wurde er 65 v. Chr. Legat des Pompeius und 58 v. Chr. mit dessen Unterstützung Konsul; vgl. RE 7,1 (1910), 425 f. Cicero unterstellt Gabinius Eigennutz bei der lex Gabinia und behauptet, er hätte es schon damals nicht auf das Wohl der Republik abgesehen und nur zufällig ein ihr zuträgliches Gesetz eingebracht. Allerdings hatte Cicero selbst dessen Vorgehen damals in den höchsten Tönen gelobt; s. o., § 10. rogationem: Der Begriff bezeichnet sowohl die Befragung des Volks über Gesetzesanträge o. Ä. als auch den Gesetzesantrag vor dem Volk und die Beschlussvorlage vor dem Senat selbst; vgl. DNP 10 (2001), 1046. Das Rogationsrecht der Volkstribune, also das Recht, Volksentscheide zu beantragen, basierte auf dem ius agendi cum plebe, also dem Recht, mit dem Volk zu verhandeln. Anfänglich umfasste es lediglich die Befugnis, Versammlungen der plebs (concilium, s. u. im folgenden Satz) abzuhalten, zu dieser zu sprechen und unverbindliche Entscheidungen herbeizuführen. Mit der lex Hortensia wurde es 287 ausgeweitet, sodass von diesem Zeitpunkt an für das gesamte Volk verbindliche Entscheidungen ohne Zustimmung des Senats beantragt werden durften (plebiscita). Dies stärkte die Position der Volkstribune und festigte ihre Stellung in der republikanischen Verfassung. Vor der lex Hortensia bestand ihre einzige effektive Macht im Interzessionsrecht (s. u. im folgenden Satz). Rogationen konnten aus eigener Initiative der Volkstribune erfolgen, im Einvernehmen mit oder gegen den Willen des Senats, aber sogar auf dessen Initiative, wenn er seinen Beschlüssen durch Zustimmung des Volkes mehr Legitimität verleihen wollte; vgl. Kunkel (1995), 607–626; insbesondere zur Diskussion über die Verbindlichkeit der Entscheidungen vor der lex Hortensia vgl. Bleicken (1955), 11–18. Garatoni (laut Peterson [1911]) konjiziert quam quo anstelle von quam quod. Das faktische quod kann aber an dieser Stelle belassen werden („als dadurch,

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dass“). Ein Demonstrativum im übergeordneten Satz, auf das sich das quod bezieht, muss nicht explizit genannt werden; vgl. KSt 2, 270. intra moenia: i. S. v. „in Rom“. Die Stadtmauern waren der vorrangige Schutz gegen Plünderer. Gabinius hielt sich jedoch bereits innerhalb dieser auf und konnte ungehindert seinen Vorhaben nachgehen; vgl. Habinek (1998), 73. nefarius hostis: Zur Unterscheidung zwischen inimicus und hostis s. o., § 4. hostis bezeichnet in Invektiven üblicherweise jemanden, dem „subversive Tätigkeit gegen den Staat“ vorgeworfen wird; vgl. Opelt (1965), 130. praedoque: Vergleichbar mit latrones in § 10, allerdings verstärkt in Bezug auf „Eigentumsdelikte und Bereicherung aus politischen Motiven“; vgl. Opelt (1965), 133 f. Zum Vorgehen des Gabinius, private Vorhaben aus der Staatskasse zu finanzieren, und zu den Plünderungen seiner Provinz als Prokonsul vgl. dom. 60; 124; Sest. 93; Pis. 48. Wahrscheinlich bezieht Cicero sich vor allem erneut auf die Plünderungen seines eigenen Besitzes; s. u., § 18. Quo inspectante ac sedente legem tribunus plebis tulit, ne auspiciis obtemperaretur, ne obnuntiare concilio aut comitiis, ne legi intercedere liceret, ut lex Aelia et Fufia ne valeret, quae nostri maiores certissima subsidia rei publicae contra tribunicios furores esse voluerunt. concilio aut comitiis: Die beiden Arten von Volksversammlungen mit legislativer Beschlusskraft in der römischen Republik. comitia (curiata/centuriata (s. u., § 27)/tributa) waren Versammlungen des gesamten Volkes, die u. a. für die Wahl der Konsuln, Prätoren und Zensoren zuständig waren und oft als Synonym für diese verwendet wurden, hatten allerdings auch legislative und judikative Macht. Dabei hielt man sich an festgelegte Abläufe unter Vorsitz der Auguren. Unter einem concilium verstand man zunächst deliberative Versammlungen, oft der nicht-römischen Völker. Der Begriff wurde aber auch insbesondere für Versammlungen der plebs in Rom benutzt, bei denen u. a. die Volkstribune gewählt wurden. Beschlüsse des concilium waren die plebiscita, deren Rogationen von Volkstribunen eingebracht wurden (s. o. im vorangehenden Satz); plebiscita hatten seit der lex Hortensia 287 verbindliche Kraft für das gesamte Volk; vgl. Lintott (1999), 42 f.; Kunkel (1995), 607; Berger (1953), s. v. Zu einer ausführlichen Untersuchung der beiden Begriffe vgl. Botsford (1968), 119–138; zu den contiones als Versammlungen, bei denen keine offiziellen Beschlüsse gefasst wurden, s. u. § 12. legi intercedere: Unter einer Interzession versteht man den Einspruch eines Beamten gegen die Maßnahmen eines anderen sowie gegen Senats- und Volksbeschlüsse. Interzedieren durfte grundsätzlich ein Beamter gleicher oder höherer Rangstufe. Volkstribune konnten jedoch gegen alle Magistrate, einschließlich der Zensoren, sowie gegen ihre Kollegen, nur nicht gegen einen Diktator Einspruch erheben. Anfänglich bestand die einzige Funktion des Volkstri-

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bunats darin, zum Schutz der Plebejer gegen Maßnahmen anderer Beamter interzedieren zu können. Bei der Interzession gegen Senatsbeschlüsse (in Ciceros Fall bspw. s. o., §§ 3; 5) konnte schon gegen die Relation Einspruch eingelegt werden; in einem solchen Fall kam es zu keiner Verhandlung. Üblicherweise aber wurde erst gegen den Beschluss selbst interzediert. Dadurch verlor er seine bindende Kraft, doch aufgezeichnet wurde er als Zeichen der Meinungsäußerung des Senats (senatus auctoritas, s. o., § 8). Die Interzession gegen Volksbeschlüsse (in Ciceros Fall bspw. s. o., § 4) konnte ohne Angabe von Gründen erfolgen und richtete sich nur gegen die Handlung des Beamten, die die Versammlung initiierte. Sie bewirkte, dass die Versammlung gar nicht erst stattfand. Die Interzession gegen Dekrete und ähnliche administrative Maßnahmen war erst nach deren Erlass möglich. Üblicherweise richtete sich der Betroffene an einen Beamten, der berechtigt war, Einspruch zu erheben. Bei Annahme der Interzession galt das Dekret als nicht erlassen; ausführlich vgl. Kunkel (1995), 207–221; für eine detaillierte Untersuchung der überlieferten Interzessionen vgl. de Libero (1992), 29–49. ut ne ist als Einleitung eines Finalsatzes, besonders bei Gesetzen, bei Cicero üblich; vgl. KSt 2, 209. Auch die Wortstellung, dass also ut und ne nicht direkt hintereinanderstehen, ist keineswegs ungewöhnlich; vgl. das fast identische Sest. 33: Isdem consulibus sedentibus atque inspectantibus lata lex est, ne auspicia valerent, ne quis obnuntiaret, ne quis legi intercederet, ut omnibus fastis diebus legem ferri licet, ut lex Aelia, lex Fufia ne valeret; auch dom. 44; Ver. 2,2,148. lex Aelia et Fufia: Clodius hob die lex Aelia et Fufia durch einen seiner Gesetzesanträge zu Beginn des Tribunats am 3. Januar 58 v. Chr. auf; vgl. har. resp. 58: […] sustulit duas leges, Aeliam et Fufiam […]. Beide Gesetze wurden in der Mitte des zweiten Jahrhunderts v. Chr. erlassen; vgl. Pis. 10. Sie gingen wohl auf tribunizische Initiative zurück (Kunkel [1995], 622), möglicherweise auch auf prätorische (Elster [2003], 405); über ihren Inhalt besteht wenig Klarheit. Die lex Aelia schuf wahrscheinlich die gesetzliche Grundlage für die tribunizische Obnuntiation in der Volksversammlung. Sie erlaubte, dass ein Magistrat die Abhaltung einer Versammlung aufgrund negativer Vorzeichen abbrechen oder verhindern durfte (zur Definition der obnuntiatio und der Abgrenzung zur servatio vgl. de Libero [1992], 58). Die lex Fufia ließ u. a. keine Rogationen bei der Volksversammlung in der Zeit der Wahlen zu; zu beiden Gesetzen vgl. Kunkel (1995), 622 f.; Elster (2003), 401–405; RE 12,2 (1925), 2320 f. Zumeist werden beide Gesetze gemeinsam genannt, vgl. Sest. 33; Pis. 9; Vat. 5; 18; 23; 37; prov. cons. 46; bisweilen auch einzeln; vgl. zur lex Aelia Sest. 114; Att. 2,9,1; zur lex Fufia Att. 4,16,5. Durch die Aufhebung der lex Aelia et Fufia konnte Clodius also Gesetze in der Volksversammlung einbringen, ohne fürchten zu müssen, dass diese verhindert werden konnten. Ciceros Aussage ist allerdings hyperbolisch

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zu verstehen. Es kam auch nach 58 v. Chr. noch zur obnuntiatio; vgl. Nisbet (1961), 67; de Libero (1992), 62 f. So obnuntiierte Sestius im Jahr 57 v. Chr. gegen die Ädilwahlen und wurde bei einer Obnuntiation gegen Metellus schwer verwundet; s. o., § 7; s. u., § 20. Möglicherweise wurde das Recht der obnuntiatio nur kurulischen Magistraten genommen oder es bezog sich nur auf legislative comitia; vielleicht wurde es schon nach kurzer Zeit gänzlich wiederhergestellt; zu den verschiedenen Thesen vgl. Mitchell (1986), 172; zur Problematik der Gültigkeit der lex Clodia vgl. de Libero (1992), 65–68. Ebenso wurde weiterhin interzediert, insbesondere durch Clodianer gegen Gesetze zur Rückberufung Ciceros; bspw. s. o., §§ 3; 4 (hier in der Volksversammlung); 5 sowie in der historischen Einführung. Auch die lex Fufia wurde nicht vollständig aufgehoben; vgl. Grillo (2015), 296 zu prov. cons. 46. Eventuell vermischt Cicero in dieser Aufzählung verschiedene Gesetze des Clodius, sodass sich nicht alle hier angeführten Maßnahmen unter der Aufhebung der lex Aelia et Fufia zusammenfassen lassen; vgl. Elster (2003), 404. § 12: Idemque postea, cum innumerabilis multitudo bonorum de Capitolio supplex ad eum sordidata venisset, cumque adulescentes nobilissimi cunctique equites Romani se ad lenonis impudicissimi pedes abiecissent, quo vultu cincinnatus ganeo non solum civium lacrimas, verum etiam patriae preces repudiavit! Cicero nähert sich den Ereignissen um seine Exilierung und der Beteiligung des Gabinius. Die Darstellung bleibt invektiventypisch; die Begriffe lenonis impudicissimi und cincinnatus ganeo stellen einen Rückbezug auf den vorangehenden Absatz und die moralischen und sittlichen Verfehlungen des Gabinius (lenocinium) wie auch auf dessen ausschweifendes Leben und finanzielle Schwierigkeiten (suam rem […] confecisset) dar. innumerabilis multitudo bonorum: Laut p. red. ad Quir. 8 waren es 20.000 Unterstützer; ob es sich um eine Übertreibung Ciceros handelt, ist unklar. Allerdings scheint es nicht unüblich gewesen zu sein, größere Menschenmengen zur Unterstützung zu mobilisieren. So bat Cicero Atticus aus dem Exil darum, sich auf diese Weise für eine Rückberufung einzusetzen; vgl. Att. 3,23,5. Nowak (1973), 82 spricht gar von der „Rittergarde Ciceros“ als vergleichbar mit den Banden bspw. des Milo und des Sestius. Eine Rückkehr mit Hilfe seiner eigenen bewaffneten Mannschaften habe Cicero nicht für unwürdig gehalten. Diese traten bspw. am 23. Januar 57 v. Chr. bei der Rogation des Fabricius, unterstützt durch Pompeius, in Erscheinung. Die boni bezeichnen in den Reden nach dem Exil die Unterstützer Ciceros. de Capitolio: Möglicherweise in Erinnerung an die Unterstützung für Cicero im Jahr 63 v. Chr.; s. u. im folgenden Satz.

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supplex ad eum sordidata venisset: Cicero bezog die Ächtung aller, die römische Bürger ohne Urteil hinrichten ließen (von Clodius zu Beginn seines Tribunats durchgesetzt), auf sich und legte in Folge dessen die senatorischen Gewänder ab und Trauerkleidung (i.d.S. sordidatus, vgl. OLD, s. v.) an. Dies war für Angeklagte in Prozessen, bei denen ihr Leben auf dem Spiel stand, üblich, um Mitleid bei den Richtern und anderen zu erregen. Es umfasste das Anlegen einer dunklen (toga pulla) oder ungewaschenen/verschmutzten Toga sowie allgemein ungepflegtes Auftreten; so ließ man sich die Haare wachsen und rasierte sich nicht mehr. Dem Angeklagten folgten oft seine Verwandten und Freunde, in Ciceros Fall die multitudo bonorum (wohl die equites und die adulescentes), später ebenso die Senatoren; vgl. Starbatty (2010), 67–71; Heskel (1994), 141 ff.; Hall (2014), 40–63; RE 6A,2 (1937), 2225 ff.; zur mutatio vestis der Senatoren s. u. am Ende des Absatzes. Zu derartiger Unterstützung Ciceros vgl. p. red. ad Quir. 8; Sest. 26 f.; 32; 53; 144 f.; Planc. 87; dom. 55; 99; Pis. 17 f. ad … pedes abiecissent: Ein Akt der Selbsterniedrigung, um, ähnlich wie durch das Anlegen von Trauerkleidung, Mitleid zu erregen und Hilfe zu erhalten. Während griechische Quellen vor allem davon berichten, dass der Bittsteller das Knie (aber s. u., § 17: a genibus tuis reppulisti) oder Kinn des anderen ergriff sowie dessen Hand küsste, findet sich in römischen Quellen insbesondere der Gestus, sich dem anderen vor die Füße zu werfen; vgl. Att. 1,14,5; Q. fr. 2,6,2; Quinct. 96 f.; Phil. 2,45. Es verbinden sich darin Dringlichkeit und Ehrerbietung; man zeigt an, dass man den Unmut eines Königs oder Beamten fürchtet, der Macht über sein Leben besitzt; vgl. Naiden (2006), 50 f. Wenn die Person, zu deren Füßen man sich warf, auch verantwortlich für die Situation war, derentwegen man Hilfe suchte, sollte der Akt Mitleid bei den Zuschauern erwecken und galt als Zeichen der Wut gegen den Verantwortlichen, um ihn durch Scham zum Handeln zu zwingen; vgl. Kaster (2006), 179 f. zu Sest. 26. quo vultu: Zum Gesicht als Spiegel der Einstellung s. u., § 15: vultum importunum; vgl. Sest. 26: Qua tum superbia […] repudiavit! Superbia zählt zu den Charaktereigenschaften, mit denen in der späten Republik politische Gegner zu Tyrannen stilisiert wurden; vgl. Dunkle (1967), 159; s. u.: nemo umquam tyrannus; s. u., § 17: superbissimis et crudelissimis verbis; vgl. Pis. 66: Nam quod vobis iste tantummodo inprobus crudelis, olim furunculus, nunc vero etiam rapax, quod sordidus, quod contumax, quod superbus, quod fallax, quod perfidiosus, quod inpudens, quod audax esse videatur […]; prov. cons. 8; 11. cincinnatus: Nur P überliefert gemeinsam mit den recentiores ε und V das richtige cincinnatus, G, E und H bieten dagegen das sinnlose incincinnatus. Zum Begriff vgl. Sest. 26: […] cum flens universus ordo cincinnatum consulem [sc. Gabinium] orabat […]; Pis. 25. Gabinius wird als passivem Partner bei homosexuellen Geschlechtsakten (s. o., § 11) Verweiblichung bzw. Unmännlichkeit vorge-

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worfen, ein weiterer invektiventypischer Topos, der in diesem Absatz vor allem anhand der äußeren Erscheinung hervortritt; vgl. Craig (2004), 191. Man griff in Schmähreden vor allem auf Kleidung, Frisur, Parfüm, Gestik, Stimme und Gang zurück. Verweiblichung stellte eine Abweichung von in der römischen Gesellschaft als natürlich empfundenem Verhalten dar. Sie galt als Zeichen der Gefährdung der öffentlichen Ordnung; ein effeminatus wurde nicht für fähig gehalten, politische Führungspositionen zu übernehmen; vgl. Corbeill (2002), 209; Starbatty (2010), 170–187. Locken zählen zu den Merkmalen eines effeminatus; vgl. RAC 4 (1959), 632 (im Rahmen einer detaillierten Auflistung der Merkmale in 628–640). Auch Cicero selbst wurde von Verres Verweiblichung vorgeworfen, vgl. Plut. Cic. 7,7. Zur Verweiblichung in Invektiven vgl. Corbeill (1996), 128–173; Richlin (1983), 96 ff.; Gleason (1995), insb. 62–67; 105–108; Opelt (1965), 155. Die übermäßige Aufmerksamkeit, die Gabinius seinen Haaren zukommen ließ (auch in §§ 13; 16), steht im Gegensatz zu Pisos mangelnder Haarpflege; s. u., § 13: horridum. Zur Frisur als Gegenstand der Verunglimpfung vgl. zudem S. Rosc. 135; Ver. 2,2,108; Cat. 2,22. Zum Aussehen des Gegners als Topos der Invektiven vgl. Opelt (1965), 152 f. Möglicherweise liegt in der Wortwahl (cincinnatus) eine weitere Anspielung auf die Verbindung der Konsuln des Jahres 58 v. Chr. zu Cinna vor; s. o., § 9. ganeo: Gabinius wird die Genusssucht, in Bezug auf Essen, Alkohol und sexuelle Ausschweifungen, zum Vorwurf gemacht; vgl. Opelt (1965), 157; ThLL, s. v. (1690, 10 ff.). Zu ganeo in Ciceros Invektiven vgl. Sest. 111; Cat. 2,7. civium lacrimas: Gabinius verschmähte die Tränen der römischen Bürger als Zeichen des Mitleids und der Unterstützung für Cicero; vgl. hierzu Pis. 18: Maerorem relinquis, maeroris aufers insignia; eripis lacrimas non consolando, sed minando; Sest. 26. Auch Quintus hatte sich auf diese Art für seinen exilierten Bruder eingesetzt; s. u., § 37; p. red. ad Quir. 7 f. Zur Grausamkeit gegenüber Bürgern als Topos in den Invektiven Ciceros s. o. in Kap. 5. Neque eo contentus fuit, sed etiam in contionem ascendit eaque dixit, quae, si eius vir Catilina revixisset, dicere non esset ausus, se Nonarum Decembrium, quae me consule fuissent, clivique Capitolini poenas ab equitibus Romanis esse repetiturum. Gabinius forderte in einer rasch einberufenen Volksversammlung, dass die römischen Ritter für ihr Verhalten am 5. Dezember 63 v. Chr. bestraft werden sollten; fast wörtlich s. u., § 32; vgl. Sest. 28: […] equites vero Romanos daturos illius dies poenas, qui me consule cum gladiis in clivo Capitolino fuissent […]. An diesem Tag hatte die Hinrichtung der Catilinarischen Verschwörer stattgefunden. Die Senatssitzung, die über das Schicksal der Catilinarier entschied, fand im Concordiatempel am Südhang des Kapitols (clivique Capitolini) statt; dort waren auch Ritter zum Schutz der Senatoren stationiert; vgl. Sall. Cat. 49,4; Phil. 2,16;

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Sest. 28. Der Wahrheitsgehalt dieses Vorwurfs darf allerdings bezweifelt werden; vgl. Goldmann (2012), 30. contionem: Eine contio bezeichnete, im Gegensatz zu einem concilium und den comitia (s. o., § 11) eine informelle Volksversammlung ohne Beschlusskraft. Die öffentliche Meinung fand darin u. a. durch Applaus oder Auspfeifen (s. u., § 26: cuiusquam conducti …) ihren Ausdruck. Ohne besondere Einschränkungen hinsichtlich des Versammlungsortes wurden in der contio bspw. öffentliche Verkündigungen oder magistratische Edikte verlesen oder Verhöre und Exekutionen von Angeklagten durchgeführt. Oft diente sie zur Vorbereitung der nächsten comitia, indem das Volk über deren Themen informiert wurde. Diskussionen fanden allerdings weder zwischen den Rednern noch mit dem Publikum statt; der Beamte, der die Versammlung einberufen hatte, entschied, welche Sprecher teilnehmen durften; vgl. Lintott (1999), 42 f.; Botsford (1968), 138; Mouritsen (2001), 38–62; Morstein-Marx (2004); Berger (1953), s. v. „contio“. in contionem ascendit: Gabinius bestieg die rostra (zu dieser vgl. MorsteinMarx [2004], 48–59; Platner [1929], s. v.), um von dort aus zum Volk zu sprechen; vgl. Reid (1925), 184 zu fin. 2,74: in contionem ascenderis. An dieser Stelle teilt sich die Überlieferung: P bietet escendit, das fast alle Herausgeber seit Halm (1856), mit Ausnahme von Klotz (1919), übernehmen; vgl. auch ThLL, s. v. „escendo“ (857, 27 f.). Dagegen findet sich in G, E, H sowie den recentiores ε und V ascendit (in H ascedit; in B und Σ descendit), das aufgrund dieser Befundlage in den Text gesetzt werden sollte. eius vir Catilina: Zur Nähe von Gabinius zu Catilina s. o., § 10: […] Catilinam, amatorem suum […]. vir ist hier im Einklang mit dem Invektiventopos der Homosexualität aus dem vorangehenden und der Verweiblichung aus diesem Absatz wohl i. S. v. Ehemann zu verstehen; vgl. OLD, s. v. (2a); Tusc. 3,31; Ov. am. 1,4,1; Mart. 6,7,4; zur homosexuellen Ehe in Ciceros Invektiven vgl. Phil. 2,44: […] sed cito Curio interuenit, qui te [sc. Antonium] a meretricio quaestu abduxit et, tamquam stolam dedisset, in matrimonio stabili et certo conlocauit. Zur homosexuellen Ehe im antiken Rom vgl. Williams (1999), 245–252. Dieser führt allerdings Phil. 2,44 als früheste überlieferte Stelle an, an der auf gleichgeschlechtliche Ehen, wenn auch in Form einer nicht ernstzunehmenden Übertreibung, angespielt wird; zu glaubwürdigen Erwähnungen in der lateinischen Literatur vgl. Mart. 1,24; 12,42; Iuv. 2,117–142; Suet. Nero 28 f.; Tac. Ann. 15,37. revixisset: Eine erneute Anspielung auf das vorgebliche Gesetz des Clodius, demzufolge Cicero dann zurückkehren dürfe, wenn die Catilinarischen Verschwörer wieder zum Leben erwacht seien; s. o., § 4. Neque solum id dixit, sed, quos ei commodum fuit, compellavit, Lucium vero Lamiam, equitem Romanum, praestanti dignitate hominem et saluti

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meae pro familiaritate, rei publicae pro fortunis suis amicissimum, consul imperiosus exire ex urbe iussit. Lucium vero Lamiam: Über L. Aelius Lamia liegen keine weiteren sicheren Informationen vor, evtl. fungierte er 43 v. Chr. als Prätor; zu seiner Vertreibung durch Gabinius und zur relegatio s. u., § 32: […] alii relegabantur […]; vgl. Sest. 29: L. Lamiam, qui cum me ipsum pro summa familiaritate quae mihi cum patre eius erat unice diligebat, tum pro re publica vel mortem oppetere cupiebat, in contione relegavit, edixitque ut ab urbe abesset milia passuum ducenta, quod esset ausus pro civi, pro bene merito civi, pro amico, pro re publica deprecari; Pis. 23; 64; fam. 11,16,2; 11,17,1; 12,29,1; Plin. NH 7,173; Broughton (1952), 338; ausführlich auch Kaster (2006), 185 f. zu Sest. 29. Die relegatio des Lamia wird von Cicero an verschiedenen Stellen hyperbolisch als proscriptio aller Ritter dargestellt; vgl. bspw. Planc. 87; s. u., § 32. Das Streben nach Tyrannei, verbunden mit bspw. crudelitas, sowie die Grausamkeit gegenüber Mitbürgern sind Topoi der Invektive. Die Kodizes der Paris-Familie tradieren geschlossen anstelle von Lamiam ein iam. Bereits im Archetyp führte die Unbekanntheit des Namens zu diesem Fehler. Richtig findet sich die Stelle erst in der E 2 -Gruppe. Das Alter von E 2 spricht eher gegen eine derartig treffende Konjektur; man muss hier von genuiner Tradition eines zweiten Archetyps ausgehen. Die älteren Kodizes bieten den präpositionslosen Ablativ urbe; die recentiores ε und V, denen die Herausgeber ab Halm (1856) folgen, überliefern richtigerweise die Präposition ex; vgl. Zielinski (1904), 205. Der bloße Ablativ ist bei exire klassisch selten (vgl. KSt 1, 370), und an mehreren vergleichbaren Stellen muss zweifelsfrei ex stehen; vgl. v. a. Sest. 30; Cat. 1,13; auch u. a. Lig, 20; Scaur. 11. Et cum vos vestem mutandam censuissetis cunctique mutassetis atque idem omnes boni iam ante fecissent, ille unguentis oblitus cum toga praetexta, quam omnes praetores aedilesque tum abiecerant, inrisit squalorem vestrum et luctum gratissimae civitatis, fecitque, quod nemo umquam tyrannus, ut, quo minus occulte vestrum malum gemeretis, nihil diceret, ne aperte incommoda patriae lugeretis, ediceret. Nachdem Gabinius die Bitten der Ritter, die bereits Trauerkleidung angelegt hatten, um eine Rückberufung zurückgewiesen hatte (s. o. zu Beginn des Absatzes), beschlossen die Senatoren, sich durch Tragen von Trauergewändern ebenfalls öffentlich auf Ciceros Seite zu stellen. Doch Gabinius verbot dieses Vorgehen per Edikt; s. o. in Kap. 2.3.3. Zu den boni s. o. in diesem Absatz: multitudo bonorum. vestem mutandam / mutassetis: Die mutatio vestis bezeichnet, im Gegensatz zum privaten Anlegen von Trauerkleidung (sordidata; s. o. am Anfang des Absatzes), einen offiziellen Senatsbeschluss in Zeiten eines Staatsnotstands, der nur durch konsularisches Edikt aufgehoben werden konnte; vgl. Heskel (1994),

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142. Lediglich Ciceros Bruder Quintus widersetzte sich diesem Verbot durch die Konsuln (möglicherweise auch nur als einziger der Verwandten Ciceros); vgl. p. red. ad Quir. 7 f. Der Senat hatte ab den 60er Jahren v. Chr. in mehreren Fällen Trauerkleidung angelegt, aber wohl nie zuvor zur Unterstützung einer Einzelperson (vgl. Sest. 28) und nie zuvor durch offiziellen Beschluss; vgl. Planc. 87; somit würde es sich hierbei um eine einzigartige Ehre für Cicero handeln und dessen Bedeutung für die Republik bekräftigen. Ein Angriff auf ihn würde tatsächlich einem Angriff auf diese gleichkommen. Senatoren legten laut Cassius Dio in Zeiten der späten Republik und der Herrschaft des Augustus als Zeichen der Trauer die tunica laticlavia ab und stattdessen die tunica angusticlavia an, die üblicherweise equites trugen. Diese wiederum kleideten sich dann in einer einfarbigen, schwarzen Tunika. Kurulische Beamte zogen die toga praetexta aus (hier die praetores aedilesque, während Gabinius sich weigerte); vgl. Dio 38,14; 40,46; 56,31; Starbatty (2010), 71–76; Hall (2014), 45 f.; Nisbet (1939), 122 f. zu dom. 55; Kaster (2006), 177 ff. zu Sest. 26 f.; zum Verbot der mutatio vestis durch die Konsuln s. u., §§ 16; 31. unguentis oblitus: Ein erneuter Verweis auf die vorgebliche Verweiblichung des Gabinius. Parfümierung (vgl. RAC 4 [1959], 634), hier durch Salböl, wird in Invektiven als Zeichen eines effeminatus oftmals hervorgehoben; vgl. Corbeill (2002), 209; Nisbet (1961), 194. Effeminati pflegten insbesondere ihr Haar zu parfümieren. Zu diesem Vorwurf gegen Gabinius s. u., § 13 (madenti coma); § 16; vgl. Sest. 18; zu unguentis oblitus vgl. zudem Pis. 25; Ver. 2,3,31; Phil. 3,12; 13,31. squalorem: Zur Ungepflegtheit und Vernachlässigung der Körperpflege als Zeichen von Trauer s. o. zu Beginn von § 12: sordidata. gratissimae: Erneut stellt Cicero eine Verbindung zur Catilinarischen Verschwörung her: Das römische Volk sei ihm für sein Vorgehen im Jahr 63 v. Chr. dankbar gewesen. Somit habe er breite Unterstützung für die Hinrichtungen besessen, was (ebenso wie an anderer Stelle die Betonung der Zustimmung durch den Senat; s. o., § 7; s. u., § 33) deren Legitimität bekräftigen soll. nemo umquam tyrannus: Der Vorwurf der Tyrannei findet sich oft in Invektiven, meist wird der Gegner direkt als tyrannus, dominus oder rex bezeichnet; vgl. u. a. Pis. 18: […] qui [sc. Piso et Gabinius] latrones igitur, siquidem vos consules, qui praedones, qui hostes, qui proditores, qui tyranni nominabuntur […]; dom. 75; 94; 106; Vat. 23; Sest.125; Mil. 80; Pis. 86. Tyrannei umfasst „das widerrechtliche Streben nach Einzelherrschaft oder ihre Ausübung, welche die politische Freiheit der anderen Bürger knebelt“ und die damit verbundene Amtsüberschreitung und den Amtsmissbrauch sowie die Behinderung der anderen Beamten; vgl. Opelt (1965), 130. Die vier zentralen Charaktereigenschaften eines tyrannus in Invektiven sind superbia, vis, libido und crudelitas; vgl. Dunkle

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(1967), 159; vgl. bspw. Ver. 2,2,9: Sed cum perferre non possent luxuriem crudelitatem avaritiam superbiam, cum omnia sua commoda iura beneficia senatus populique Romani unius scelere ac libidine perdidissent […]; Ver. 1,56; Ver. 2,1,14. Zur superbia mit Belegstellen s. o.: quo vultu; zur crudelitas s. u., § 17: […] superbissimis et crudelissimis verbis […]; vgl. prov. cons. 8; 11; Pis. 66; zur libido vgl. prov. cons. 6; 8; Pis. 66; zur vis vgl. dom. 68. Zum Topos des Verbots von Trauer als höchster Stufe der Grausamkeit vgl. Pis. 18; Sest. 32; Planc 87. quo minus … diceret: Die Überlieferung bietet geschlossen quo minus […] nihil diceret (in P fehlt der folgende Finalsatz ne … ediceret, er wurde aber von zweiter Hand eingefügt), dem sich die Herausgeber bis Kayser (1861) gewöhnlich anschließen. Es wurden jedoch an dieser Stelle zahlreiche Konjekturen vorgeschlagen: Reid (1882, so Peterson [1911] in seinem kritischen Apparat) konjiziert terreret anstelle von diceret, Busche (1917) interdiceret, Madvig (1873) nihil se intercedere ediceret, Peterson (1911) nihil diceret impedire, Klotz (1919) nihil [diceret], Mueller (1908) impediret und Maslowski (1981) intercederet als Anspielung auf das Recht des Magistraten zur intercessio im Gegensatz zum ediceret. Die Schwierigkeit des Satzes besteht darin, dass die Subjunktion quo minus hier nicht, wie klassisch üblich, auf einen Ausdruck des Hinderns oder Widerstrebens folgt. Allerdings ist dieser – bei Cicero oft nach negativen Ausdrücken – bisweilen aus dem Zusammenhang zu ergänzen; vgl. KSt 2, 260, dort angeführt u. a. fin. 3,38: Quid autem dici poterit […] quo minus […] se abstineant; dom. 82; Pis. 36; Ver. 2,5,174; 2,3,16. Will man die Lesart der Kodizes beibehalten, muss nihil als „überhaupt nicht“ aufgefasst werden; vgl. KSt 1, 818. Somit würde Cicero hier schreiben, Gabinius habe den Senatoren überhaupt nicht gesagt (= sie überhaupt nicht daran gehindert), dass sie nicht verborgen trauern dürften, sondern ihnen nur verboten, ihre Unterstützung für Cicero in der Öffentlichkeit zu zeigen. Schon von Wolf (1801) wurde nihil diceret als Synonym für prohiberet aufgefasst. Eine Konjektur ist an dieser Stelle demnach zwar nicht zwingend erforderlich, aber der Satz ließe sich unter Hinzufügung eines impedire o. Ä. deutlich flüssiger lesen. Dies müsste, wenn es tatsächlich fehlen sollte, vor diceret gestanden haben, weil ansonsten die Epipher diceret […] ediceret zerstört werden würde. incommoda patriae / vestrum malum: Eine weitere Anspielung darauf, dass die Republik gemeinsam mit Cicero aus Rom vertrieben worden sei, was die Stellung und den Einfluss des Senats gesenkt habe; spezifisch bspw. durch das Verbot jeglicher Diskussion über Ciceros Rückberufung. Somit interpretiert Cicero sein Exil erneut als Staatskrise, auch wenn es eigentlich nur einen Teil derselben konstituierte; s. o., §§ 7; 8. § 13: Cum vero in circo Flaminio non a tribuno plebis consul in contionem, sed a latrone archipirata productus esset, primum processit, qua auctoritate vir!

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In einer von Clodius einberufenen contio (zu dieser Art der Volksversammlung s. o., § 12) im Circus Flaminius Anfang März 58 v. Chr. sollten sich die Konsuln und Caesar über Ciceros Konsulat äußern. Cicero beschreibt in diesem Absatz den Auftritt des Gabinius, der Pisos folgt in § 17; vgl. Pis. 14; Sest. 33; RE 7A,1 (1939), 916. Den tatsächlichen Ämtern der beiden werden verunglimpfende Bezeichnungen gegenübergestellt, wobei die Hierarchie erhalten bleibt: Gabinius wird als Räuberhauptmann (archipirata), Clodius als Räuber (latro) bezeichnet; zu dieser Metapher vgl. dom 24: […] ipse archipirata cum grege praedonum impurissimo plenissimis velis navigares […]. Dass Clodius die aktive Rolle zugesprochen wird, den Konsul bei der Volksversammlung präsentiert zu haben, könnte darauf hinweisen, dass Cicero um dessen Rolle bei seiner Exilierung wusste, auch wenn er sich mit offenen Vorwürfen in dieser Rede sehr zurückhält und dessen aktuelle Stärke wohl nicht einschätzen konnte; s. o. § 3 (dort im Zusammenhang mit der Namenlosigkeit des Clodius in dieser Rede, der hier nur als tribunus plebis in Erscheinung tritt) sowie in der historischen Einführung. in circo Flaminio: Das Forum war der traditionelle Ort für die Abhaltung von contiones. Außerhalb des pomerium wurden sie nur ausnahmsweise veranstaltet. Der Circus Flaminius wurde lediglich dann gewählt, wenn die Anwesenheit eines Prokonsuls nötig war, der mit Übertreten des pomerium sein imperium verloren hätte (in diesem Fall Caesar; zu dessen Auftritt s. o. in Kap. 2.3.2; s. u., § 32). Zudem war der Circus Flaminius von C. Flaminius, einem Anführer der Popularen, an der Stelle, an der 449 v. Chr. das Decemvirat durch die comitia tributa beendet wurde, errichtet worden, weshalb die Wahl dieses Versammlungsortes durch Clodius auch symbolische Bedeutung haben dürfte; vgl. Vanderbroeck (1987), 235; zu den Orten, an denen contiones abgehalten wurden, vgl. Morstein-Marx (2004), 42–60; zum Circus Flaminius 59 f.; Platner (1929), s. v.; Claridge (1998), 221 f.; Coarelli (2000), 264. in contionem … productus esset: Der Beamte, der eine Volksversammlung abhielt, konnte entweder selbst zum Publikum sprechen oder andere Personen auf die rostra bitten. Zumeist waren dies Privatbürger, es konnte sich aber auch um andere Beamte handeln. Die übliche Bezeichnung hierfür war in contionem producere, die ebenso die Vorführung eines Verhafteten zur öffentlichen Befragung meinen konnte; vgl. Morstein-Marx (2004), 40; Mommsen ( 31887/1), 201; Kunkel (1995), 577. Zu diesem Ausdruck im Zusammenhang mit der contio im Circus Flaminius s. u., § 17; vgl. Pis. 14; Sest. 33. a latrone archipirata: Zur Bedeutung der invektiventypischen Beschimpfung latro s. o., § 10 (dort in Bezug auf Piso und Gabinius). Zusätzlich zu den dort angeführten Implikationen könnte hier eine der traditionellen Bedeutungen mitschwingen: Der Begriff latrones wurde vor Ciceros Zeit vor allem in Bezug auf ländliche Räuberbanden angewendet, die Reisende und Städte überfie-

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len, sodass eine Verbindung dieser Verwendung zu Clodius und seinen Banden nicht fern liegt; vgl. Habinek (1998), 73. archipirata weist in dieselbe Richtung wie latro und bezeichnet die „unrechtmäßige Ausübung der Gewalt über einen Bandenhaufen“; vgl. Opelt (1965), 134; als Beschimpfung vgl. ThLL, s. v. (463, 11 ff.); in Ciceros Reden vgl. u. a. dom. 24; Phil. 13,18; hier greift Cicero § 11 auf: piraticam ipse fecisset. Vini, somni, stupri plenus, madenti coma, composito capillo, gravibus oculis, fluentibus buccis pressa voce et temulenta, quod in civis indemnatos esset animadversum, id sibi dixit gravis auctor vehementissime displicere. Der Auftritt des Gabinius bei der Volksversammlung im Circus Flaminius wird weiter beschrieben. Er habe sich implizit gegen Ciceros Vorgehen gegen die Catilinarier ausgesprochen, indem er die Bestrafung von Bürgern ohne vorangehendes Urteil scharf kritisierte; s. o. in Kap. 2.3.3; zu vehementissime displicere vgl. ac. 2,133. Gleichzeitig nähert sich Cicero dem Ende der Invektive gegen Gabinius und greift mehrere schon in den vorangehenden Absätzen ausgeführte Topoi erneut auf, durch die Gabinius wie eine Karikatur erscheint. 1. madenti coma, composito capillo: Zur Haarpflege als wichtigem Merkmal eines effeminatus s. o., § 12 (cincinnatus). 2. madenti coma: Zum Parfümieren s. o., § 12 (unguentis oblitus); s. u., § 16 (unguentorum odor). 3. stupri: Zu den sexuellen Ausschweifungen des Gabinius s. o., § 11 (ne a sanctissima quidem parte corporis); hier aber ohne einen spezifisch homosexuellen Beiklang; zu vini, somni, stupri plenus vgl. har. resp. 55: Est quidem ille plenus vini, stupri, somni plenusque inconsideratissimae ac dementissimae temeritatis […]; Ver. 2,5,94. vini / voce … temulenta: Gabinius wird erstmals in der Rede als Trinker beschimpft; s. u., § 16. Auch dies ist ein bei Cicero sehr häufig anzutreffender invektiventypischer Topos; vgl. Craig (2004), 191; Nisbet (1961), 195; Opelt (1965), 158; zu diesem Vorwurf in Ciceros Reden vgl. u. a. Pis. 13: Meministine caenum, cum ad te quinta fere hora cum C. Pisone venissem, nescioquo e gurgustio te prodire involuto capite soleatum, et cum isto ore foetido taeterrimam nobis popinam inhalasses, excusatione te uti valetudinis, quod diceres vinolentis te quibusdam medicaminibus solere curari?; Pis. 22; 42; 66; Phil. 2,6; 2,31; 2,62 f.; 2,75; 2,77; 2,81; 3,12; Ver. 2,5,63; Cat. 2,10. In diesem Zusammenhang steht gravibus oculis: Die Augenlider des Gabinius sind schwer, sodass er sie nach den Ausschweifungen der vorangehenden Nacht und einem kurzen Schlaf kaum aufhalten kann; vgl. ThLL, s. v. „gravis“: „somno, vino, morbo sim. gravatus“ (2282, 79). fluentibus buccis: Vgl. Pis. 25: fluentes purpurissataeque buccae. Die Bedeutung von purpurissatus als „geschminkt“ (vgl. OLD, s. v.), lässt die von Nisbet (1961), 88, zu beiden Stellen verworfene Erklärung „dripping with cosmetics“ im Kontext der Invektiven logisch und im Einklang mit den übrigen Beschrei-

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bungen des Gabinius als effeminatus erscheinen, so ist Schminke eines der Hauptmerkmale dieser Menschen; vgl. RAC 4 (1959), 634. Auch im ThLL (s. v. „fluo“ [971, 31 f.]) findet sich Pis. 25 in dieser Bedeutung („manare aliquo liquore, madere“). Allerdings kann auch die Bedeutung „Hängebacken“ nicht ausgeschlossen werden, unter der der ThLL und das OLD die Stelle in dieser Rede rubrizieren („i.q. languidus, pendulus“; vgl. ThLL, s. v. [975, 57 f.]; „limp, languid, or torpid“; vgl. OLD, s. v. „fluo“); so Nisbet: „flabby (with self-indulgence)“; Leeman (1989), 297 zu de orat. 2,266: „schlaff“. Ebenso wie die Augenlider würden die Wangen des Gabinius herunterhängen. pressa voce et temulenta: Durch seine Ausschweifungen war die Stimme des Gabinius angeschlagen und schwer verständlich. Er sprach leise; vgl. ThLL, s. v. „premo“ (1182, 37): „de voce suppressa, minus clara“. Die Verbindung zu temulenta könnte auf eine Unverständlichkeit infolge von Alkoholkonsum hindeuten. Gertz (1874), 139 schlägt ohne genauere Erklärung statt des überlieferten pressa, das er als „prorsus alienum“ bezeichnet, blaesa vor. Die Wortbedeutung von pressa ist an dieser Stelle allerdings keineswegs unpassend. Zudem findet sich blaesus im gesamten ciceronischen Corpus nicht ein einziges Mal und ist der Dichtung vorbehalten; vgl. ThLL, s. v. (2026, 69 ff.); u. a. Mart. 9,87,1; 10,65,5; Ov. am. 2,6,23; Ov. ars 595. gravis auctor: ‚bedeutender Anführer‘ oder ‚bedeutende Führungsperson‘; vgl. ThLL, s. v. „auctor“ (1198, 38 ff.). Dies ist ironisch zu verstehen; vgl. Pis. 14 (dort in Bezug auf Piso). Cicero verwendet diese Bezeichnung auch im nichtironischen Sinn, so in dom. 30 (für Pompeius) und Flacc. 40. Ubi nobis haec auctoritas tam diu tanta latuit? Cur in lustris et helluationibus huius calamistrati saltatoris tam eximia virtus tam diu cessavit? auctoritas … tanta: Cicero greift die Bezeichnung des Gabinius als gravis auctor aus dem vorangehenden Satz auf; zu auctoritas in Bezug auf die Person, die sie ausstrahlt, als ‚Autorität‘, vgl. ThLL, s. v. (1225, 36 ff.); Ver. 1,52; Marc. 10; Deiot. 30. Die Wortstellung scheint tanta besonders hervorzuheben, wodurch die Ironie des Satzes verstärkt wird. lustris: Hier nicht so sehr das Bordell als Ort der Unzucht, sondern vielmehr in der Verbindung mit helluatio die Unzucht selbst; vgl. ThLL, s. v. „lustrum“ (1885, 77 ff.); vgl. in Bezug auf Gabinius Sest. 20; als Vorwurf in Ciceros Reden vgl. zudem Phil. 2,6; 13,24. helluationibus: Zu dieser seltenen Vokabel als ‚das Verprassen von Geld, der Luxus‘ vgl. ThLL, s. v. (2596, 79 ff.); häufiger findet sich die Beschimpfung helluo (eigentlich ‚Prasser‘; in Invektiven halbmetaphorisch für den „den Staat Verschleudernden“; vgl. Opelt [1965], 157); vgl. in Bezug auf Gabinius Sest. 26; 55; Pis. 40.

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calamistrati: Eine erneute Anspielung auf die besondere Aufmerksamkeit, die Gabinius seiner Frisur zuteil werden ließ (s. o., § 12: cincinnatus; unguentis oblitus; § 13: madenti coma, composito capillo). Ebenso wie in § 12 wird er als Lockenkopf beschrieben. Die Bezeichnung calamistratus impliziert zudem, dass es sich um eine künstliche Frisur handelt. Zu Ciceros Zeit pflegten insbesondere Frauen, ihre Haare mit Hilfe eines Brenneisens (calamister oder calamistrum) zu Locken zu formen. Hierbei handelte es sich wahrscheinlich um ein zweiteiliges eisernes Rohr. Das Haar wurde um das innere Rohr gewickelt und dann mit dem äußeren, erhitzten in Lockenform gepresst. Für Männer war dies unüblich, sie behielten eine „einfache und natürliche Haartracht“ und „künstliche Lockenfrisuren [blieben] den zur Aufwartung bestimmten Sclaven vorbehalten“; vgl. Marquardt ( 21886), 601 f.; Mannsperger (1998), 16 ff.; Ermatinger (2015), 268. Laut Halm (1845), 112 tritt Gabinius „mollior et effeminatior, quam et aetas illius et eius quam sustinebat personae dignitas ferebat“ auf. Zur Bezeichnung des Gabinius als calamistratus s. u., § 16; vgl. Sest. 18; zum Begriff als Beschimpfung vgl. ThLL, s. v. (118, 10 ff.). saltatoris: Die Tanzkunst war in den höheren Kreisen Roms nicht angesehen und galt als Merkmal eines effeminatus. Sie wurde mit der Rolle des passiven Partners bei homosexuellen Geschlechtsakten assoziiert und steht somit im Einklang mit der Beschreibung des Gabinius in § 11. Laut Cicero tanzen nur Betrunkene; vgl. Mur. 13: Nemo enim fere saltat sobrius, nisi forte insanit, neque in solitudine neque in convivio moderato atque honesto. Dies stimmt ebenfalls mit den Vorwürfen gegen Gabinius überein. Zur Kritik am Tanzen bei Cicero vgl. zudem off. 1,150; 3,75. Zum Ansehen des Tanzes im alten Rom vgl. RE 4A,2 (1932), 2247; zum Tanz als invektiventypischem Vorwurf und der Verbindung zur Homosexualität vgl. Corbeill (1996), 136 f.; Corbeill (1997), 104 ff.; Opelt (1965), 158 f.; zum Tanz als Zeichen eines effeminatus vgl. zudem RAC 4 (1959), 638. Cicero beschimpft Gabinius an verschiedenen Stellen als Tänzer; vgl. dom. 60; Pis. 18 (hier gar als saltatrix); 22; Planc. 87; zu diesem Vorwurf vgl. zudem u. a. Cat. 2,23. Auch in Macrob. Sat. 3,14,15 wird Gabinius als Tänzer bezeichnet: Ac priusquam a saltatione discedo, illud adiciam, uno eodemque tempore tribus nobilissimis civibus non modo studium saltandi, sed etiam, si dis placet, peritiam, qua gloriarentur, fuisse, Gabinio consulari, Ciceronis inimico, quod ei etiam Cicero non dissimulanter obiecit, et M. Caelio, noto in turbas viro, quem idem Cicero defendit, et Licinio Crasso, Crassi eius qui apud Parthos extinctus est filio. Nam ille alter Caesoninus Calventius ab adulescentia versatus est in foro, cum eum praeter simulatam fictamque tristitiam nulla res commendaret, non iuris studium, non dicendi vitia rei militaris, non † cognoscendorum hominum, non liberalitas.

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Cicero beginnt nun mit der Invektive gegen Piso (§§ 13–18). Piso und Gabinius bilden ein Gegensatzpaar. Während die Mängel des Gabinius – laut Cicero – jedem offensichtlich waren und er nur deshalb in die Politik flüchtete, um einer Enteignung zu entgehen, verheimlichte Piso seine Ausschweifungen und seinen wahren Charakter, um respektabler zu wirken. Er stellte nur gespielte Ernsthaftigkeit (simulatam fictamque tristitiam) zur Schau, besaß laut Ciceros gleichsam ins Negative gewendeter laudatio aber eigentlich keinerlei Erfahrung oder Talent für eine politische Betätigung. Privat sei er von ähnlich schlechten Eigenschaften wie Gabinius und gehe heimlich seinen Lüsten nach (bspw. § 14: pseudothyro). In seinem Verhalten gegen Cicero und seine Unterstützer im Jahr 58 v. Chr. habe er seinem Kollegen aber in nichts nachgestanden (insbesondere § 17). Der Vorwurf der vorgetäuschten Tugendhaftigkeit und Respektabilität ist ein Topos der antiken Invektive; vgl. Craig (2004), 191. Wenn ein Gegner in seinem nach außen getragenen Verhalten und Charakter keine Angriffsfläche bot und somit keine spezifischen Vorwürfe angebracht werden konnten, war es üblich, diesen der Heuchelei zu bezichtigen; vgl. Corbeill (1996), 169 f. Zu diesem Vorwurf in Bezug auf Piso vgl. Pis. 1; Pis. fr. 17; 18. Caesoninus Calventius: Eine beleidigende Anspielung auf Pisos Abstammung: Sein Großvater mütterlicherseits, Calventius, war ein Gallier aus Placentia; vgl. Pis. 53; 67; Englisch (1979), 16; RE 3,1 (1897), 1387. Die Herkunft seines Gegners zu verspotten, zählte zu den invektiventypischen Topoi; vgl. Craig (2004), 190; Corbeill (2002), 201; 205 ff.; Opelt (1965), 149 ff.; Nisbet (1961), 194. Letzterer untergliedert den Topos in drei Kategorien: 1. barbarische Abstammung; s. u., § 15: […] cognoram enim propter Pisonum adfinitatem […]; vgl. Pis. fr. 9; 1; 11; Pis. 14; 53; 62; 67; Sest. 21; prov. cons. 7; Q. fr. 3,1,11; 2. sklavische Abstammung; vgl. Pis. 1; 3. ein niederer Beruf des Vaters (praeco; vgl. Pis. fr. 11; Pis. 62). Corbeill (1996), 170 f., stellt die These auf, dass Piso den Namen Calventius als Teil der Verstellung und Vortäuschung von Respektabilität verheimlicht habe und Cicero nun dessen ‚wahren‘ Namen offengelegt zu haben meint. Im Zusammenhang mit dem nicht-römischen Hintergrund Pisos steht auch dessen Verbindung mit Capua, die dessen Romanitas ebenso in Frage stellt; vgl. Corbeill (2002), 207; s. u., § 17. in foro: i. S. v. im öffentlichen/politischen Leben; vgl. OLD, s. v. „forum“. fictamque: Hier teilt sich die Überlieferung. Während P (mit B) versutamque überliefert, dem die meisten Herausgeber folgen, tradieren G, E und H das in Verbindung mit simulatam weniger passende irritamque; die E 2 -Gruppe dagegen fictamque (in ε und V verschrieben zu victamque), das Klotz (1919) und Maslowski (1981) in den Text setzen. Diese Stelle lässt sich stemmatisch schwer erklären. Möglicherweise liegt in P eine Verschreibung infolge eines Übertragungsfehlers vor (kurz zuvor steht versatus), während G, E und H den Archetyp

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der Paris-Familie abbilden. Dem Anschein nach intendierte Cicero hier eine Synonymenhäufung, die – gegen Klotz (1913) – sowohl durch versutamque als auch durch fictamque zum Ausdruck kommt (vgl. OLD, s. v. „simulare“: „to pretend/to simulate“; „versutus“: „cunning/wily“; „fictus“: „[of expressions or emotions] pretended“; dagegen „irritus“: „leading to no result, ineffectual, unprofitable“). Möglicherweise zeigt sich bei irritamque/fictamque erneut die Trennung der beiden Traditionslinien in der Spätantike; vgl. zur bei Cicero üblichen Verbindung fictus/simulatus Cluent. 72; Flacc. 93; Caec. 14; Q. fr. 1,1,13; versutus/simulatus findet sich bei Cicero dagegen nicht. Noch im selben Satz treten weitere Schwierigkeiten zu Tage: P inconsulta studium, non dicendi vitia rei militaris : P 2 cos studium, non dicendi vitia rei militaris : G cos studium, non discendi vitia rei militaris : E studium non discendi viciari militaris : H omis. : E 2 εVF iuris studium non dicendi (E 2 discendi), non rei militaris. Es sind zwei verschiedene Probleme zu erkennen: 1. P bietet das sinnlose inconsulta studium, G und der Korrektor P 2 cos studium. E und H überliefern die Stelle, möglicherweise absichtlich, nicht (s. o. in Kap. 7), wobei in H der Satz bereits nach commendaret endet. In der Lesart aus G und P 2 könnte sich eine nicht aufgelöste Abkürzung des Archetyps (consulis) verbergen; vgl. Sest. 87: […] consulis alterius summum studium […]. In der E 2 -Gruppe findet sich iuris, das sich gut in den Zusammenhang einfügen lässt, da ansonsten die Rechtswissenschaft als wichtige Beschäftigung des öffentlichen Lebens in Rom keine Erwähnung fände; vgl. Klotz (1913), 495; Orelli (1826); Mur. 29: […] videmus, qui oratores evadere non potuerint, eos ad iuris studium devenire; de orat. 1,179: […] ab iuris studio non abhorrens […]. Dennoch nahmen verschiedene Forscher Veränderungen vor: Lambinus (1565) verschiebt studium hinter cognoscendorum hominum, worin ihm viele spätere Herausgeber folgen, und schreibt statt inconsulta ein non consularis dignitas. Klotz (1919) und Maslowski (1981) ergänzen die Lesart der E 2 -Gruppe zu iuris notitia, Mueller (1908) zu iuris civilis prudentia, Madvig (1873) zu iuris scientia. Peterson (1911) setzt dagegen consilium mit Verweis auf § 15 (non consilio neque eloquentia) in den Text, wohl auch, um der Buchstabenfolge von P möglichst nahe zu kommen. Kayser (1861) übernimmt Halms (1856) vis consilii (laut kritischem Apparat praeeunte Lambino, dessen Konjektur mir allerdings nicht auffindbar war). 2. Das von P und G überlieferte vitia rei militaris (in E verschrieben zu viciari militaris) kann nicht richtig sein, da es widersinnig wäre, einen negativen Begriff anzuführen. Madvig (1873) konjiziert daher, von einer Lacuna im Archetyp (vi…tia) ausgehend, dicendi vitia rei militaris, Maslowski (1981) übernimmt die Konjektur von Klotz (1919), der zu dicendi vitia rei militaris verändert. Peterson (1911) schreibt non dicendi rei militaris. Dem von Lambinus (1565) konjizierten (mir aber nicht auffindbaren) non dicendi tia rei militaris folgen Halm (1856), Mueller (1908) und Kayser (1861). Ernesti (1737), Wolf (1801) und Orelli (1826) übernehmen dagegen das non rei militaris der E 2 -Gruppe (F ohne non). Doch wie aus einem ursprünglichen non das vitia der Paris-Familie entstanden sein soll, ist unklar. Zudem müsste man, wenn man diese Lesart übernimmt, auch liberalitas am Satzende in Frage stellen, das dann als Nominativ in einer Aufzählung von Genitiven unpassend wirkt. Wahrscheinlicher ist es wohl, hier auch in der zweiten Tradition von einem Fehler auszugehen. Zu vis dicendi vgl. har. resp. 41; zu peritia rei militaris vgl. Pis. 54; zu peritus rei militaris vgl. fam. 9,25,1. Zu scientia rei militaris vgl. imp. Cn. Pomp. 28; Font. 43; fam. 13,57. non dicendi vis: Ein weiterer invektiventypischer Topos, die „oratorical ineptitude“; vgl. Craig (2004), 191; bspw. Pis. 1: Pauci ista tua lutulenta vitia noramus, pauci tarditatem ingenii, stuporem debilitatemque linguae. cognoscendorum hominum ist ohne dazugehöriges Substantiv auffällig, wenn nicht gar unmöglich. Als Konjekturen seien vorgeschlagen, sofern man nicht davon ausgeht, dass erneut studium zu setzen ist (vgl. de orat. 2,74; Lael. 104): vis (vgl. de orat. 3,111), potestas (vgl. de orat. 2,52; inv. 2,133) und facultas; vgl. Att. 7,7,1. Quem praeteriens cum incultum horridum maestumque vidisses, etiam si agrestem et inhumanum existimares, tamen libidinosum et perditum non putares. Der Gegensatz zwischen Schein und Sein und der Topos der geheuchelten Respektabilität wird weiter ausgeführt. Anzeichen moralischer Verkommenheit seien bei Piso nicht äußerlich erkennbar gewesen. Auf den ersten Blick, gleichsam ‚im Vorübergehen‘ (praeteriens; vgl. Ver. 2,4,53; div. in Caec. 50; Brut. 200), hätte man nie vermutet, dass er insgeheim seinen Lüsten freien Lauf gelassen habe. Gleichzeitig setzt Cicero die Stilisierung Pisos als Gegenstück zu Gabinius fort. Während dessen äußeres Erscheinungsbild künstlich und effeminiert wirke, falle Piso in das andere Extrem: Er sei ungepflegt und lege scheinbar keinen Wert auf sein Aussehen; vgl. zu ähnlichen Beschreibungen Pisos Sest. 21: Quia tristem semper, quia taciturnum, quia subhorridum atque incultum videbant […]; Sest. 19; 26; in Bezug auf Rullus leg. agr. 2,13. Zum Aussehen des Gegners als topischem Vorwurf vgl. Opelt (1965), 152 f. Zu perditus als der „für den Staat verlorene Bürger“, der Staatsfeind vgl. Opelt (1965), 162. incultum: Diese Stelle wird im ThLL auf Leben und Charakter Pisos bezogen (s. v. „incultus“, 1070, 20). Doch spricht das Prädikat vidisses dafür, dass sich alle drei Adjektive auf sichtbare Eigenschaften beziehen müssen. Daher sollte eine Übersetzung i. S. v. „non ornatus, indecorus, sordidus“ (vgl. ThLL, s. v. „incultus“; 1070, 42 ff.) vorgezogen werden, zumal Cicero in leg. agr. 2,13 incultus in dieser Bedeutung mit horridus verbindet: corpore inculto et horrido.

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horridum bezeichnet die ungepflegten und daher struppigen Haare Pisos; vgl. Sest. 19: capillo ita horrido. Der Gegensatz zu Gabinius tritt in diesem Punkt deutlich zu Tage; zu Gabinius s. o., § 12: cincinnatus; unguentis oblitus; § 13: calamistrati; s. u., § 16: calamistri. maestum wird im ThLL i. S. v. „traurig“ rubriziert (s. v. maestus, 47, 26 f.), doch spricht der Kontext gegen diese Bedeutung und sie erscheint in dieser Aufzählung unpassend, in der die Ungepflegtheit und Rohheit Pisos dargestellt werden sollen. Vorzuziehen ist eine Übersetzung i. S. v. „griesgrämig“ oder „unfreundlich“; vgl. ThLL, s. v. „maestus“ (49, 35 ff.). Während die Paris-Familie maestumve bietet, findet sich erst in den jüngeren Handschriften ε und V sowie in der Korrektur P 2 das richtige maestumque, das auch die Herausgeber in den Text setzen. Da bei Aufzählungen von mindestens drei Begriffen das letzte Glied bei ansonsten asyndetischer Verbindung klassisch mit -que angefügt werden kann, jedoch nicht mit -ve (vgl. KSt 2, 152) und zudem die Intensität der Beleidigung durch -ve reduziert werden würde, ist den recentiores zuzustimmen. agrestem et inhumanum: Durch die drei sichtbaren Eigenschaften entsteht laut Cicero der Eindruck, Piso sei ungebildet; zu agrestis in diesem Sinne vgl. ThLL, s.v „agrestis“, 1418, 82 ff.; zu inhumanus in diesem Sinne vgl. ThLL, s. v. „inhumanus“, 1605, 57 ff.; s. u., § 14. Somit klingt erneut das Thema des vorangehenden Satzes an, dass Piso keinerlei Befähigung zu seiner politischen Karriere besitze. existimares … putares: Ein Potentialis der Vergangenheit, zu dem vidisses als bezogener vorzeitiger Konjunktiv tritt. Während die Paris-Familie putasti überliefert (in E das falsch aufgelöste putastis), tradiert die E 2 -Gruppe den Konjunktiv Imperfekt, den die Herausgeber übernehmen. Zwar kann im Nachsatz eines potentialen Konditionalsatzes auch der Indikativ eintreten (vgl. KSt 397 f.), aber die zweite Person Singular zur Bezeichnung des deutschen ‚man‘ steht bei Cicero immer im Konjunktiv; vgl. KSt 1, 653 f. § 14: Cum hoc homine an cum stipite in foro constitisses, nihil crederes interesse: sine sensu, sine sapore, elinguem, tardum, inhumanum negotium, Cappadocem modo abreptum de grege venalium diceres. Das Thema des vorangehenden Absatzes wird fortgesetzt und gesteigert. Cicero vergleicht Piso mit einem Stück Holz. Zu stipes als Bezeichnung für dumme Menschen vgl. Pis. 19: Consulem ego tum quaerebam, consulem inquam, non illum quidem quem in hoc maiali invenire non possem, qui tantam rei publicae causam gravitate et consilio suo tueretur, sed qui tamquam truncus atque stipes, si stetisset modo, posset sustinere tamen titulum consulatus; har. resp. 5; Ter. Heaut. 877; Petr. 43,5; OLD, s. v. „stipes“ (2d). stipite: Die Überlieferung ist geteilt: P bietet stipe (stips als Nebenform von stipes nur bei Ov. met. 15,252 und Petron 43,5 belegt, dort allerdings in genau

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dieser Bedeutung als abwertende Bezeichnung in Bezug auf einen Menschen; vgl. OLD, s. v. „stipes“), G stipe vel ethiope, E vel aethiope stipe und H esope. Wahrscheinlich lag im Archetyp der Paris-Familie eine Variante vor; zu weiteren vergleichbaren Stellen s. o. in Kap. 7. Erst in der E 2 -Gruppe findet sich das korrekte stipite, das die jüngeren Herausgeber zu Recht übernehmen. Das folgende Cappadocem weist darauf hin, dass der Variante aethiope nicht der Vorzug gegeben werden darf; vgl. zudem Pis. 19 für stipes in Bezug auf Piso und har. resp. 5 auf Aelius Ligus. in foro: Das Forum tritt in anschaulicher Weise allgemein für die Öffentlichkeit ein, auch wenn die Stelle im ThLL spezifisch auf das forum Romanum bezogen wird (s. v. „forum“ [1199, 9]). Der Gegensatz zwischen öffentlichem und privatem Auftreten Pisos wird durch die Verbindung in foro … domi strukturiert; vgl. dazu Ver. 2,5,136; Mur. 79; Lig. 14; fam. 4,6,2. sine sensu: Piso besitze keine Fähigkeit zur Sinneswahrnehmung; es liegt eine übersteigerte Formulierung für mangelndes Urteilsvermögen, Einfühlungsvermögen (vgl. OLD, s. v. „sensus“ [6a,b]; Cluent. 17; de orat. 1,108; de orat. 2,184) etc. vor, im Einklang mit der Darstellung der Dummheit und der fehlenden Feinheit Pisos aus dem vorigen Absatz; vgl. zu dieser Beschimpfung Phil. 2,68: Quamuis enim sine mente, sine sensu sis, ut es, tamen et te et tua et tuos nosti. sine sapore: Als Teil der Sinneswahrnehmung geht Piso auch der Geschmack ab. Allerdings rubriziert das OLD diese Stelle als „distinctive character“; vgl. OLD, s.v (2b). Piso sei also ein farbloser Charakter, er hinterlasse keinen Eindruck bei anderen Menschen; häufiger in Bezug auf den Redestil; vgl. Brut. 172; Quint. inst. 6,3,107; 12,10,19. elinguem: Zum invektiventypischen Topos der „oratorical ineptitude“ s. o. § 13. Im Rahmen der Beschimpfung als stipes wird Piso hyperbolisch die Fähigkeit zu sprechen aberkannt; vgl. ThLL, s. v. „elinguis“ (390, 78 ff.): „linguae usu […] carens […], mutus, vocis impotens, tacitus“. Ernesti (in späteren Auflagen; so 1773) schreibt elingue und bezieht es, wie tardum, auf negotium. Dies ist jedoch nicht nötig, da sich auch die maskuline Form problemlos in den Zusammenhang einfügen lässt. tardum: Die allgemeine ‚Stumpfheit‘ Pisos wird erneut betont, ähnlich wie sine sensu; vgl. OLD, s. v. „tardus“ (5b): „(of the senses, faculties) slow, dull“. inhumanum negotium: Als Teil des Vergleichs zum stipes ist inhumanus wörtlich zu verstehen (und nicht nur i. S. v. „dumm“; s. o., § 13): Piso fehlen laut Cicero alle Eigenschaften, die ihn zu einem Menschen machen könnten. Er ist, ebenso wie ein Holzklotz, ein Ding. Der Begriff negotium wird als verunglimpfende Bezeichnung für Personen oder Dinge verwendet, mit denen man sich gegen seinen Willen abgeben muss; vgl. OLD, s. v. „negotium“ (12b): „(an indeterminate sb. […]) a ‚business‘, ‚affair‘ […]“; auch bspw. Att. 1,13,6; 6,1,13; Q. fr. 2,11,4; Ver. 2,4,32.

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Cappadocem modo abreptum de grege venalium: Piso wirkte so, als sei er gerade erst aus einer Schar kappadokischer Sklaven befreit worden; vgl. ThLL, s. v. „abripio“ (133, 10 ff.): „e congregatione eximere“. Kappadokische Sklaven galten als nur für die einfachsten Arbeiten geeignet; vgl. Shackleton Bailey (1991), 12; Fuhrmann, 5 (42013), 479. Möglicherweise liegt hier eine Anspielung auf Pisos angebliche sklavische Abstammung vor; s. o., § 13: Caesoninus Calventius. Idem domi quam libidinosus, quam impurus, quam intemperans, non ianua receptis, sed pseudothyro intromissis voluptatibus! domi: s. o. im vorangehenden Satz: in foro. quam libidinosus, quam impurus, quam intemperans: Das öffentliche Auftreten Pisos wird explizit seinem privaten Leben gegenübergestellt. Durch die dreigliedrige Aufzählung ähnlicher Begriffe wird ein Gegensatz zum vorhergehenden Trikolon incultum horridum maestumque erzeugt. Anders als er sich den Anschein gibt, ist Piso ein wahrer Lustmensch. Während libidinosus etwas allgemeiner definiert wird (vgl. ThLL, s. v. „libidinosus“ [1329, 4]: „i.q. libidinis, voluptatis sim. plenus“), stehen impurus und intemperans spezifisch für sexuelle Begierden; vgl. ThLL, s. v. „intemperans“ (2105, 77 f.); s. v. „impurus“ (726, 62 f.). non ianua … sed pseudothyro: Zur Heuchelei Pisos (s. o., § 13) gehört es, dass er die Lüste durch die Hintertür einlässt. pseudothyrum bedeutet wörtlich „a concealed door“ (vgl. OLD, s. v.), hier metaphorisch i. S. v. heimlich; vgl. nur Ver. 2,2,50 (ebenfalls übertragen); vor Cicero findet sich dieser Begriff in der Latinität nicht, nach ihm erst wieder bei Oros. hist. 3,7,6 (wörtlich) und 3,7,29 (metaphorisch im Gegensatz mit „ianua“). Cum vero etiam litteras studere incipit et beluus immanis cum Graeculis philosophari, tum est Epicureus non penitus illi disciplinae, quaecumque est, deditus, sed captus uno verbo voluptatis. Piso ist Epikureer, doch wurde er nur vom Wort voluptas angezogen und durchdrang die Philosophie dieser Schule überhaupt nicht (captus uno verbo voluptatis). Zwar spielt die Lust als Ziel allen Handelns in Epikurs Ethik eine wichtige Rolle, aber nicht im Sinne der Zügellosigkeit, sondern der Abwesenheit jedes Schmerzes bzw. jeder Befürchtung eines zukünftigen. Zum Erreichen der Glückseligkeit, des höchsten Zieles, verlangt Epikur zudem die Einhaltung von Tugenden wie Gerechtigkeit oder Treue, da eine Übertretung Furcht vor menschlicher oder (lt. Epikur unbegründeter) göttlicher Strafe mit sich bringt. Dann sei die Lust nicht mehr vorhanden. Zur epikureischen Philosophie vgl. Erler (1994/1), 29–202 (zur ‚Lustlehre‘ insb. 154–159); RE 6,1 (1907), 153 ff. Auf eine genaue Definition dieser kommt es Cicero hier allerdings nicht an (quaecumque est). Er greift Piso wegen seines Epikureismus in den Invektiven mehrfach an; vgl. Nisbet (1961),

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195. Die Invektive gründet sich auf Pisos tatsächlicher Beschäftigung mit dieser Schule. Er war Patron des auch von Cicero hochgeschätzten Philodemos von Gadara, der zu Pisos ‚Hausphilosoph‘ wurde; vgl. Erler (1994/2), 289–292; Englisch (1979), 81–87; Nisbet (1961), 183–186; RE 18,4 (1949), 2444 ff. Dennoch bezeichnet Cicero hier dessen Lehrer pejorativ verallgemeinernd als Graeculi; vgl. de orat. 1.47; Flacc. 23; Tusc. 1,86. Pisos äußeres, offenbar schlichtes Auftreten lässt sich ebenfalls als epikureische Frugalität verstehen. Die Vorwürfe gegen Piso, die sich in dieser Rede und vor allem in in Pisonem (v. a. §§ 64–72) finden, nämlich dass er sich der Philosophie nur um der Lust willen gewidmet habe, sind topisch. Sie spiegeln die „anti-Epicurean polemic current in the popular philosophical literature of Cicero’s time“ wider; vgl. deLacy (1941), 49 ff. Insbesondere Pisos enge Verbindung zu Philodemos, die auch von Cicero nicht geleugnet wird, weist darauf hin, dass Pisos Beschäftigung mit dem Epikureismus deutlich mehr in die Tiefe ging, als hier behauptet wird; vgl. Englisch (1979), 86 f. litteras: Nur P, G und H tradieren litteras, während E und die recentiores ε und V (auch G 2 , dort mit Sicherheit als Konjektur) litteris überliefern. Die direkte Nähe zu beluus spricht dafür, dass hier die scheinbar falsche Lesart litteras gesetzt werden muss (studere c. Acc. vorklassisch und klassisch nur bei neutralem Pronomen, „Dichter und später Prosaiker übertragen diesen Gebrauch [das Neutrum im Akkusativ bei üblicherweise intransitiven Verben zu verwenden] auf Adjektive aller Art“; vgl. OLD, s. v. „studeo“; KSt 1, 310; KSt 1, 279 ff.; LHS 32 [stimmt Klotz zu und bezeichnet diese Stelle als „beabsichtigte[n] Vulgarismus“]; vgl. u. a. Hor. epist. 1,1,118; Pers. 5,19; auch has res bei Plaut. mil. 1435; bei Cicero an folgenden Stellen mit neutralem Pronomen: Scaur. fr. 1,1; Phil. 6,18; de orat. 2,150; fin. 5,2,6; Tusc. 4,31,67; fam. 6,1,7; 7,31,1). Somit läge in E und den jüngeren Handschriften eine Konjektur vor. beluus: In der E 2 -Gruppe findet sich belua, dem die Herausgeber gewöhnlich folgen. P überliefert veluus; in B beluus, in G belluus und in E helluus (in H wird das Wort ausgelassen; zu dessen Praxis, Ausdrücke, deren Überlieferung umstritten ist, absichtlich zu tilgen, s. o. in Kap. 7). Ernesti (1737) konjiziert helluo; vgl. Pis. 41: Nam ille gurges atque helluo [sc. Gabinius] […]. Da beluus beim spätantiken Autor Augustin bezeugt ist, der wahrscheinlich die vorliegende Stelle vor Augen hatte (in de participio, gr. V, 520: Nam ubi geminata u littera in nominativo est, nomen est, non participium, ut fatuus ingenuus arduus carduus exiguus beluus, ut Cicero dixit, et talia.), sollte m. E. dieser ansonsten unklassischen Lesart gefolgt werden, obwohl sich bei spätantiken Autoren bereits Fehler finden können. Die Lesart der jüngeren Handschriften und E 2 resultiert in diesem Fall wohl aus einer Konjektur. Maslowski und Rouse (1984) sehen hier einen Hinweis darauf, dass es bereits in der Spätantike zu einer Trennung der beiden Traditionen kam; s. o. in Kap. 7. Klotz (1919) und Maslowski (1981) über-

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nehmen sowohl beluus als auch litteras. Klotz (1913 und 1915) stellt die These auf, Cicero habe sich über Pisos mangelnde Bildung lustig machen wollen und deshalb die evtl. umgangssprachlich gebrauchten Formen/Konstruktionen als bewusste Solözismen verwendet. Mit diesem Begriff schließt Cicero Piso aus der menschlichen Gemeinschaft aus. Wenn jemand die Verantwortung, die er gegenüber der Gemeinschaft trägt, nicht erfüllt und diese sogar angreift, wird laut Cicero seine eigene Menschlichkeit verringert. Er könne diese sogar komplett ablegen und zum Tier in Menschengestalt werden, das vernichtet werden müsse. Die Tiermetapher wurde von Cicero im Lauf seiner Karriere immer wieder für seine Gegner verwendet; vgl. May (1996), 143–153. Zur Darstellung derartigen Verhaltens war dies der stärkstmögliche Vorwurf; vgl. Corbeill (2002), 205; Opelt (1965), 153; mit ähnlichen, aber viel schwächeren Konnotationen, s. o., § 10: latrones. Zu immanis belua als Beleidigung vgl. prov. cons. 15; Phil. 4,12; 10,22; 13,5; Sull. 76. Habet autem magistros non ex istis ineptis, qui dies totos de officio ac de virtute disserunt, qui ad laborem, ad industriam, ad pericula pro patria subeunda adhortantur, sed eos, qui disputent horam nullam vacuam voluptate esse debere, in omni parte corporis semper oportere aliquod gaudium delectationemque versari. autem erscheint hier in seiner adversativen Bedeutung unpassend, da kein Gegensatz zu einem der vorangehenden Gedanken ausgedrückt wird. Allerdings kann es, auch bei Cicero, in rein kopulativer Funktion verwendet werden; vgl. u. a. off. 1,11; 1,17; Ac. 1,17; 2,4; KSt 2, 97. magistros … qui disputent … versari: Cicero verhöhnt weiterhin Pisos Epikureismus, indem er Versatzstücke echter Doktrin (die Lust als höchstes Ziel: horam nullam … debere und in omni parte corporis … versari) durch den Kontext der Darstellung Pisos als Lustmensch lächerlich macht. Es bleibt unklar, ob Cicero hier darauf anspielt, dass Piso trotz besserem Wissen bewusst nur diejenigen Lehrer angestellt habe, die seine oberflächliche und falsche Interpretation des Epikureismus vertraten, oder dass er die Philosophie aufgrund mangelnder Bildung von Vornherein nicht richtig durchdrungen habe. Allerdings wird zumindest Philodemos an anderer Stelle von Cicero sehr positiv dargestellt; vgl. Pis. 68 ff.; Englisch (1979), 83 f. Bei in omni parte corporis […] versari wird impliziert, dass Piso hervorragend als homosexueller Partner zu Gabinius gepasst habe; s. o., § 11: ne a sanctissima quidem parte corporis. ex istis ineptis: Andere Philosophen, die zu labor, industria usw. mahnten, seien Dummköpfe (inepti; vgl. ThLL. s. v. [1301, 8 ff.]), eine Wertung, die Cicero Piso ironisch in den Mund legt. virtus und officium sind stoische Termini (vgl. Pohlenz [71992], 274; Hadot [1969], 72 f.), während sich die folgenden Begriffe (ad laborem … subeunda) als virtutes imperatoriae zusammenfassen lassen; vgl.

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imp. Cn. Pomp. 29: Neque enim illae sunt solae virtutes imperatoriae, quae vulgo existimantur, labor in negotiis, fortitudo in periculis, industria in agendo […]; zudem Planc. 9. Piso sei als Konsul ungeeignet, weil er sich nicht mit den für die Staatsführung erforderlichen Charaktereigenschaften auseinandergesetzt, sondern nur nach der Lust gestrebt habe; s. o., § 13: […] cum eum […] nulla res commendaret […]; vgl. Sest. 23: […] eos autem, qui dicerent dignitati esse serviendum, rei publicae consulendum, offici rationem in omni vita, non commodi esse ducendam, adeunda pro patria pericula, vulnera excipienda, mortem oppetendam, vaticinari atque insanire dicebat. § 15: His utitur quasi praefectis libidinum suarum, hi voluptates omnis vestigant atque odorantur, hi sunt conditores instructoresque convivi, idem expendunt atque aestimant voluptates sententiamque dicunt et iudicant, quantum cuique libidini tribuendum esse videatur. utitur: Der Angriff auf Pisos Epikureismus und seine Lehrer wird fortgesetzt: Er benutze diese nur im Hinblick auf die synonym verwendeten voluptates und libidines, jede tiefergehende Beschäftigung mit der Philosophie werde vermieden. uti kann in Bezug auf Personen stehen (vgl. OLD; s. v.: „to use the services of, employ [a person]“, so bspw. in inv. 1,58; fam. 13,26,2), wird aber hauptsächlich für Dinge verwendet. Es liegt möglicherweise eine Anspielung auf Pisos falschen Zugang zur Philosophie als ‚Gebrauchsgut‘ vor. quasi praefectis: Piso überließ seinen Lehrern die Aufsicht über seine Lüste; zu praefectus in Bezug auf eine Person, die außerhalb des öffentlichen Lebens Macht oder Einfluss in bestimmten Bereichen besitzt, vgl. ThLL, s. v. „praeficio“ (632, 45 ff.); Gell. 15,8,2: Praefecti popinae atque luxuriae negant cenam lautam esse […]; Varro rust. 1,17,5. vestigant atque odorantur: Im Einklang mit der Darstellung der Unmenschlichkeit Pisos und dessen Bezeichnung als beluus aus dem vorigen Absatz werden hier dessen Lehrer verächtlich als Hunde dargestellt, die für ihn Lüste erschnüffeln sollen; vgl. Ver. 2,4,31: […] mirandum in modum – canes venaticos diceres – ita odorabantur omnia et pervestigabant […]. Weder sieht Cicero die Lehrer Pisos als Philosophen noch als Menschen. Zur Hundemetapher vgl. Ver. 2,2,135; leg. agr. 2,65. conditores instructoresque convivi: Piso nutzte das Essen als Möglichkeit zum Lustgewinn im Rahmen seiner falschen Auffassung der epikureischen Philosophie. Seine Lehrer unterstützten ihn dabei; zu conditor i. S. v. administrator vgl. ThLL, s. v. „conditor“ (147, 25 f.). expendunt: Einmal mehr liegt eine verächtliche Darstellung der Lehre Epikurs vor, gemäß derer man eine ‚Lust-Unlustbilanz‘ aufstellen, also nicht unbedacht einer beliebigen Lust folgen, sondern zunächst abwägen solle, ob sie einer größeren im Weg steht oder Schmerzen als Folge mit sich bringt. Man solle

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nur solche Handlungen durchführen, die mehr Lust als Unlust mit sich bringen; vgl. Epik. Men. 129; RE 6,1 (1907), 153. Das Versatzstück der epikureischen Philosophie wird erneut erst durch den Kontext, spezifisch das convivium, ins Lächerliche gezogen. Horum ille artibus eruditus ita contempsit hanc prudentissimam civitatem, ut omnis suas libidines, omnia flagitia latere posse arbitraretur, si modo vultum importunum in forum detulisset. Cicero lobt in einem Gegensatz die Klugheit der Römer und kritisiert die Arroganz Pisos, der glaubte, alle durch sein Aussehen täuschen zu können. Durch den Vorwurf, er habe die prudentissima civitas verachtet, wird Piso nicht nur als heuchlerischer Lustmensch, sondern als Staatsfeind stilisiert. artibus eruditus: Eine Fortsetzung der Kritik an Pisos Epikureismus, der nur seine falsche Interpretation der ‚Lust‘ als höchstem Ziel auslebte; s. o., § 14. Daher ist artibus verächtlich zu verstehen. Zu artibus eruditus vgl. Cael. 9; rep. 2,34. Zur gesperrten Wortstellung horum ille artibus vgl. Att. 7,3,4: his ille rebus; div. 2,62: hoc ille responso; Ver. 2,3,55: hac ille vi. contempsit: Zum Ausdruck der Geringschätzung der Republik durch seine Gegner bezieht sich Cicero zumeist nur auf Teile des Staates, wie bspw. den Senat; vgl. Phil. 8,24: An ego ab eo mandata acciperem, qui senatus mandata contemneret?; Sest. 18; 32; prov. cons. 3; Ver. 2,4,45. hanc prudentissimam civitatem: die römische Bürgerschaft; vgl. zum Ausdruck S. Rosc. 70, dort aber auf Athen bezogen: Prudentissima civitas Atheniensium, dum ea rerum potita est, fuisse traditur […]. Ernesti (1737), Wolf (1801) und Halm (1856) schließen sich der Handschrift ε an, die pudentissimam bietet, obwohl alle anderen Kodizes prudentissimam überliefern. libidines … flagitia: Zu den libidines des Piso s. o., § 13: […] tamen libidinosum et perditum non putares.; § 14: „[…] quam libidinosus, quam impurus, quam intemperans […]. Die flagitia sind fast synonymhaft zu verstehen. Cicero bringt erneut keine spezifischen Vorwürfe vor, sondern belässt es beim Topos. vultum importunum: Zum Gesicht als Spiegel der Einstellung s. o., § 12: quo vultu. Piso habe geglaubt, es genüge, eine verächtliche (vgl. ThLL, s. v. „importunus“ [663, 49]: „i.q. incommodus, intempestivus, odiosus, molestus sim.“; Mur. 83; Sull. 66; Phil. 12,13; allerdings sonst nicht in Verbindung mit vultus) Miene in der Öffentlichkeit zu zeigen, um seine Mitmenschen über seinen wahren Charakter täuschen zu können. Der Vorwurf der Heuchelei aus den vorigen Absätzen wird fortgesetzt, Pisos Auftreten habe nicht seinem wahren Charakter entsprochen; s. o., § 13; s. u. im folgenden Satz; § 16. Is me, quamquam me quidem non – cognoram enim propter Pisonum adfinitatem, quam longe hunc ab hoc genere cognatio materna Transalpini

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sanguinis abstulisset –, sed vos populumque Romanum non consilio neque eloquentia, quod in multis saepe accidit, sed rugis supercilioque decepit. Is me, quamquam …: Die Überlieferung ist geteilt: P bietet is me quamquam me quidem non, eine Selbstkorrektur Ciceros, der Ernesti (1737), Wolf (1801), Orelli (1826) und Halm (1856) folgen, P 2 , B, G, E und H dagegen das falsche (equidem bei Cicero nur verbunden mit der 1. Sg.; vgl. KSt 1, 805) is me quamquam equidem non, (in G statt quamquam das verschriebene quandam). Wahrscheinlich liegt in der Vorlage von G, E und H eine Verschreibung durch Haplographie vor (infolge der Dopplung des „m“ bei quamquam me). An der Richtigkeit der Lesart aus P weckt vor allem das an seiner Stelle unschöne non Zweifel. Daher konjiziert Kayser (1861) Isne quemquam, me quidem non und macht den Satz somit zu einer Frage, Mueller (1908) dagegen is nequaquam me quidem, wobei er das non, das er wohl als Randglosse im Archetyp auffasst, athetiert; vgl. Klotz (1913). Ihm schließen sich Peterson (1911) und Maslowski (1981) an. Auch Courtney (1963) stimmt ihm zu. Sollte dies allerdings die richtige Lesart sein, müssten sich gleich zwei Fehler im Archetyp befunden haben. Die E 2 -Gruppe tradiert das sinnlose sed me quamquam quidem minime non. Klotz (1919) glaubt, darin echte Tradition zu erkennen, doch die ‚willkürliche‘ Änderung von is zu sed lehnt er ab, während er non und minime als Varianten betrachtet. Seine Konjektur lautet is quamquam me quidem minime. Anstelle des cognoram enim aus P, G, E und H (enim in H verschrieben zu eum) überliefert die E 2 -Gruppe cognoscatur a me iam. Sowohl der Konjunktiv als auch das Präsens sind wenig sinnvoll. Möglicherweise liegt hier ein Indiz für eine Trennung der beiden Traditionen in der Spätantike vor. propter Pisonum adfinitatem: Pisos Plan, die Öffentlichkeit durch sein Auftreten zu täuschen, sei aufgegangen. Nur Cicero habe ihn durchschaut, weil er mit ihm verwandt war und ihn daher besser kannte als die meisten anderen. Ciceros Schwiegersohn war C. Calpurnius Piso Frugi; zu dessen Einsatz für die Rückberufung s. u., §§ 17; 38. cognatio materna Transalpini sanguinis: Eine weitere Anspielung auf die gallische Herkunft von Pisos Großvater mütterlicherseits; s. o., § 13: Caesoninus Calventius. Cicero vertieft seinen Spott über die Abstammung Pisos, indem er behauptet, Piso sei seines Geschlechts, der Calpurnier, unwürdig; vgl. Craig (2004), 190; bspw. Pis. 53; 62. Bei den Calpurniern handelte es sich ursprünglich um eine plebejische Familie, die in der Endphase der Republik größere Bedeutung erlangte (insbesondere die Pisones, die bspw. allein zwischen 148 und 133 v. Chr. vier Konsuln stellten) und ihre Herkunft auf Calpus, Sohn des zweiten Königs Numa Pompilius, zurückführte; vgl. RE 3,1 (1897), 1365. non consilio neque eloquentia: Das Fehlen politischer Qualitäten und einer Rednergabe wurde Piso bereits an mehreren Stellen attestiert; s. o., § 13: non dicendi vis; § 14: elinguem.

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quod in multis saepe accedit: Der generalisierende Einschub dient gleichsam zur Entschuldigung. Es kam schon oft vor, dass sich Menschen durch schöne Reden täuschen ließen. Zur Macht der Beredsamkeit, die auch Unbegabte und Ungebildete würdig erscheinen lässt, den Staat zu lenken, vgl. inv. 1,3,4. rugis supercilioque decepit: Piso täuschte durch sein Auftreten den Senat und das Volk bezüglich seines wahren Charakters. ruga und supercilium stehen für Hochmut, (Sitten)strenge und Ernsthaftigkeit; zu diesem Eindruck Pisos in der Öffentlichkeit s. o., § 13: tristitiam; im vorangehenden Satz: vultum importunum; s. u., § 16: fronte […] supercilio; vgl. Sest. 19. Das Hochziehen der Augenbrauen und die dadurch entstehenden Stirnfalten drückten, wie noch heute, Verachtung über das Verhalten des Gegenübers aus; zu ruga als Stirnfalte vgl. OLD, s. v.; zu den Implikationen von supercilium vgl. Sittl (1890), 92 ff.; Corbeill (1996), 170. § 16: Luci Piso, tune ausus es isto oculo, non dicam isto animo, ista fronte, non vita, tanto supercilio, non enim possum dicere tantis rebus gestis, cum A. Gabinio consociare consilia pestis meae? Luci Piso, tune …: Cicero spricht Piso in sechs aufeinanderfolgenden Fragen direkt an. Allerdings hielt dieser sich zum Zeitpunkt der Rede in seiner Provinz auf und war nicht im Senat anwesend. Die Anrede dient somit der Pathetisierung; ein besonderer Nachdruck wird zudem durch die Stellung des Vokativs am Satzanfang erzeugt; vgl. KSt 1, 256. Die Strategie des Nichtnennens der Namen seiner Feinde, die sonst wohl vor allem dazu dient, deren Namen aus der Geschichte ‚herauszuschreiben‘ (s. o., §§ 3; 10), weicht der Größe der Verachtung Ciceros. Dass Piso – und nicht Gabinius – in der Rede in der 2. Pers. Sg. angesprochen wird, weist außerdem darauf hin, dass Cicero dessen feindselige Handlungen im Jahr 58 v. Chr. als größeren Schlag empfand, da er ihm durch Verwandtschaft deutlich näher stand und ihn noch am 1. Januar an dritter Stelle im Senat hatte sprechen lassen; s. o. in Kap. 2.3.3; zur Interpretation der direkten Anrede Pisos vgl. Steel (2007), 112 f. isto oculo, non dicam isto animo …: Ähnliche correctiones finden sich in §§ 1; 8. Der Topos der Heuchelei wird erneut aufgegriffen; s. o., § 13: praeter simulatam fictamque tristitiam. Mit sechs ablativi qualitatis stellt Cicero Schein und Sein des ehemaligen Konsuls gegenüber, der insgeheim nur seinen Lüsten nachgehe, obwohl man ihm dies nicht ansehe: Sein Blick (vgl. OLD, s. v. „oculus“), seine Stirn (s. o. im vorangehenden Satz: rugis) und seine Augenbrauen (s. o. im vorangehenden Satz: supercilio) hätten Ernsthaftigkeit, Sittenstrenge und einen moralisch einwandfreien Charakter vorgetäuscht, dem sein Geist, seine Lebensführung und seine Taten nicht entsprächen. Zu Pisos scheinbarer Ernsthaftigkeit und Sittenstrenge s. o., § 13: tristitiam; § 15: vultum importunum /

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rugis supercilioque; zu dieser Beschreibung vgl. Pis. 1; zu Pisos Augenbrauen als Mittel der Täuschung vgl. zudem Sest. 19. tantis rebus gestis: Nur die E 2 -Gruppe überliefert rebus, das von fast allen Herausgebern in den Text gesetzt wird. P bietet noch tantibus gestis, G, E und H, möglicherweise als Konjektur in deren Vorlage, tantis gestis (in H verschrieben zu tantis reistis). Ursächlich könnte eine Lacuna in deren Archetyp gewesen sein (tantibus gestis). gesta i. S. v. „Taten“ ist bei Cicero im Gegensatz zu res gestae sehr selten, so nennt der ThLL lediglich Mil. 87 und Phil. 1,21 (s. v. [1948, 12 ff.]). Nur P und die recentiores ε und V bieten das A. vor Gabinio, das in G, E und H als Bindefehler fehlt. Non te illius unguentorum odor, non vini anhelitus, non frons calamistri notata vestigiis in eam cogitationem adducebat, ut, cum illius re similis fuisses, frontis tibi integimento ad occultanda tanta flagitia diutius uti non liceret? illius unguentorum odor, non vini anhelitus, non frons calamistri notata vestigiis: Cicero greift auf mehrere Elemente aus der Invektive gegen Gabinius zurück: 1. Er parfümiere sich mit Salböl, was als Zeichen eines effeminatus galt (s. o., § 12). 2. Er sei ein Trinker und habe eine ‚Fahne‘ (s. o., § 13; zu vini anhelitus vgl. ThLL, s. v. „anhelitus“ [65, 38 ff.]; Phil. 13,4: Quem uini anhelitum, quas contumelias fore censetis minasque uerborum!). 3. Er trage gebrannte Locken; auch dies wurde als typisches Anzeichen für einen verweiblichten Menschen gesehen (s. o., §§ 13; 12). Zu frons als Sitz der Haare, zumeist in der Dichtung, vgl. u. a. Ov. fast. 1,711; Ov. met. 2,476; Hor. epist. 1,7,26. diutius uti non liceret: Piso hätte daran denken sollen, dass durch die Zusammenarbeit mit Gabinius seine ganze Maskerade als Biedermann hinfällig würde, da dessen moralische und sittliche Verfehlungen schon auf den ersten Blick erkennbar waren. Insgeheim seien sich die Amtskollegen aber schon vor Beginn ihrer Zusammenarbeit in Bezug auf ihren Charakter als Lustmenschen ähnlich gewesen (re similis fuisses); zum Topos der Heuchelei Pisos s. o., § 13. Cum hoc tu coire ausus es, ut consularem dignitatem, ut rei publicae statum, ut senatus auctoritatem, ut civis optime meriti fortunas provinciarum foedere addiceres? Erneut (s. o., §§ 4, 10) wird auf die Bestechung der Konsuln Piso und Gabinius durch die Zuweisung von Provinzen angespielt, mit der Clodius ihre Unterstützung für das Vorgehen gegen Cicero gewann; s. o. in Kap. 2.3.3. Durch dieses provinciarum foedus hätten sie verschiedene Dinge preisgegeben und gefährdet (zu addicere [„verkaufen“] ohne Dativ zur Angabe des Käufers vgl. u. a. Pis. 83; Phil. 7,15; zum Verrat der Konsuln an der Republik s. o., § 10): 1. consularem

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dignitatem: Das Ansehen des Konsulstandes, das durch die offensichtliche Bestechlichkeit von Piso und Gabinius und deren Vorgehen gegen Cicero drastisch gesunken sei; zur Bedeutung der dignitas, spezifisch als „Achtung“, „Ansehen“, „Stellung u. Geltung“, s. o., § 1; zur Entehrung des Konsulats durch Piso und Gabinius s. o., § 10. 2. rei publicae statum: Das Fortbestehen der Republik, im Einklang mit dem Topos, dass sie gemeinsam mit Cicero ins Exil geschickt wurde und erst mit ihm wieder nach Rom zurückkehren konnte; s. u., § 36. 3. senatus auctoritatem: Die Machtstellung des Senats, die durch das Verbot, über Ciceros Fall zu diskutieren, sowie durch das Verbot, Trauerkleidung zu tragen, eingeschränkt worden sei; s. o., §§ 8; 12; zur Bedeutung der auctoritas senatus s. o., § 8. 4. civis optime meriti fortunas: Das Schicksal Ciceros. Erneut zeigt sich dessen Strategie, auf seine Leistung gegen die Catilinarischen Verschwörer zu verweisen. Mit der Bezeichnung als civis optime meritus wechselt er wieder in die 3. Pers. Sg. und stellt seine Selbsteinschätzung als objektive Wahrheit dar; s. o., § 8. Möglicherweise intendierte Cicero bei fortunas einmal mehr einen Doppelsinn mit „Vermögen“ (s. o., § 8), da ihm auch sein Besitz im Zuge der Exilierung genommen wurde; s. u., § 18. Zum Grundgedanken dieses Satzes vgl. p. red. ad Quir. 16. Erst die recentiores ε, V und F sowie X überliefern tu. Das Alter von X spricht gegen eine Konjektur, sodass möglicherweise der Einfluss eines zweiten Archetyps erkennbar sein könnte. Zudem findet sich in den anderen fünf Fragen dieses Abschnittes jeweils eine Form des Personalpronomens, auch wenn es nicht unbedingt nötig wäre (tu es ausus), und die Entrüstung Ciceros über das Verhalten Pisos lässt die Betonung darauf sinnvoll erscheinen; s. o. zu Beginn des Absatzes: Luci Piso, tune ausus es. Daher ist diese Lesart in den Text aufzunehmen. Zu coire i. S. v. foedus inire vgl. ThLL, s. v. (1419, 54 ff.); dom. 47; rep. 1,39; Att. 1,17,11. Te consule, tuis edictis et imperiis senatui populi Romani non est licitum non modo sententiis atque auctoritate sua, sed ne luctu quidem ac vestitu rei publicae subvenire? Anstelle des populi r. aus P und den recentiores ε und V tradieren G, E und H populo r. (in E das konjizierte populoque r.). Da der Genitiv in zwei verschiedenen Traditionslinien zu finden ist, sollte ihm der Vorzug gegeben werden; zu senatus populi Romani bei Cicero vgl. lediglich Pis. 18: […] senatum populi Romani occasum atque interitum rei publicae lugere vetuisti; häufiger senator populi Romani, vgl. u. a. dom. 37; Ver. 2,1,156; Caec. 28; senatus populi Romani ansonsten nur bei Autoren nach Cicero, vgl. u. a. Sall. Cat. 34,1; Liv. 39,39,9; Plin. nat. 35,28; Gell. 17,21,48.

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sententiis atque auctoritate: Cicero spielt erneut darauf an, dass es dem Senat durch die Konsuln verboten wurde, über seinen Fall zu verhandeln und Entscheidungen über eine Rückberufung zu fällen; s. o., § 8. luctu … ac vestitu: Die Paris-Familie überliefert luctu, die E 2 -Gruppe dagegen vultu. Da die schol. Bob. die Lesart der Paris-Familie teilt, sollte man luctu in den Text übernehmen. Auch diese Stelle kann als Indiz für eine Trennung der beiden Traditionslinien in der Spätantike herangezogen werden. Ein Senatsbeschluss zur offiziellen mutatio vestis konnte nur durch konsularisches Edikt aufgehoben werden; vgl. Heskel (1994), 142. Dieser Vorwurf findet sich an verschiedenen Stellen; ausführlich zum privaten wie offiziellen Kleiderwechsel als Zeichen der Trauer und dem Verbot der mutatio vestis durch die Konsuln s. o., § 12; zudem s. u., § 31. § 17: Capuaene te putabas, in qua urbe domicilium quondam superbiae fuit, consulem esse, sicut eras eo tempore, an Romae, in qua civitate omnes ante vos consules senatui paruerunt? Capuae: Erneut greift Cicero den invektiventypischen Topos auf, die Herkunft seines Gegners zu anzugreifen. Doch ist es nicht mehr die gallische Abstammung von Pisos Großvater (s. o., § 13: Caesoninus Calventius), auf die Cicero anspielt, sondern die politische Tätigkeit Pisos in Capua; vgl. Pis. 24; dom. 60; Sest. 19. Diese Stadt (und ganz Kampanien) wurde in der Antike sprichwörtlich mit Hochmut gleichgesetzt, weil sie im 2. Punischen Krieg nach der Schlacht bei Cannae auf die Seite Hannibals wechselte, nachdem die Forderung, ein Konsul solle stets aus Capua stammen, von Rom abgelehnt worden war (daher domicilium quondam superbiae); vgl. Vasaly (1993), 235 f. in einer Untersuchung des Capuabildes bei Cicero (217–243); RE 3,2 (1899), 1557 f.; leg. agr. 1,20; leg. agr. 2,91 ff.; auch Liv. 9,6; Gell. 1,24,2. Piso habe mit seinem Verhalten gegenüber dem Senat (dem Verbot, Trauerkleidung zu tragen [s. o., § 12] sowie über Ciceros Fall zu diskutieren; s. o., § 8) also nicht dem Wesen der Römer, sondern eher dem der Kampanier entsprochen, die sich schon früher gegen den Senat gewandt hätten; vgl. Corbeill (2002), 207. sicut eras eo tempore: Piso war im Jahr 58 v. Chr. nicht nur Konsul, sondern auch duovir der im Jahr zuvor von Caesar gegründeten Kolonie Capua; vgl. Sest. 19; Pis. 24 f. Das Duumvirat ist äußerlich als Zweimännerkollegium mit dem Konsulat vergleichbar; RE 5,2 (1905), 1789–1842. Im Folgejahr war Pompeius duovir in Capua und setzte sich von dort aus für eine Rückkehr Ciceros aus dem Exil ein; s. u., § 29; vgl. Mil. 39. Tu es ausus in circo Flaminio productus cum tuo illo pari dicere te semper misericordem fuisse? Quo verbo senatum atque omnis bonos tum, cum a patria pestem depellerent, crudelis demonstrabas fuisse.

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in circo Flaminio: Cicero kommt auf den Auftritt Pisos bei der Volksversammlung Anfang März 58 v. Chr. zu sprechen. Bei dieser sollten sich die Konsuln und Caesar über Ciceros Konsulat und die Hinrichtung der Catilinarischen Verschwörer äußern; s. o. in Kap. 2.3.2 und Kap. 2.3.3. Gabinius (illo pari; s. o., § 16: […] cum illius re similis fuisses […]; vgl. Pis. 18; 20; 28) hatte dahingehend gesprochen, dass ihm die Bestrafung römischer Bürger ohne vorangehendes Urteil auf das Äußerste missfalle. Zu dessen Haltung sowie zum Circus Flaminius und dem Ausdruck productus als übliche Bezeichnung dafür, jemanden bei Volksversammlungen auf die Rednerbühne zu rufen, s. o., § 13: vehementissime displicere. Zu Caesar s. u., § 32. misericordem: Piso nannte sich selbst mitleidig und missbilligte somit das Vorgehen Ciceros gegen die Catilinarischen Verschwörer. Dies habe nicht seinem milden Wesen entsprochen. Mit dieser Haltung wandte sich Piso laut Cicero auch gegen den Senat und die boni, die er implizit als crudeles bezeichnet habe; vgl. zu dieser Haltung Pis. 14; 17; Sest. 33. omnis bonos: s. o., § 12: multitudo bonorum. depellerent: Hier zeigt sich ein Bindefehler der Kodizes der Paris-Familie, in denen das Prädikat des Temporalsatzes ausgelassen wird (in H fehlt alles von tum bis depellerent, möglicherweise erneut als absichtliche Vereinfachung des Textes). Nur die E 2 -Gruppe überliefert depulissem (in V das verschriebene depellissem). Das Plusquamperfekt ist an dieser Stelle aber sinnlos, da Piso laut Cicero implizierte, der Senat und die boni seien grausam gewesen, als und nicht nachdem sie gegen die Catilinarischen Verschwörer vorgingen. Im Einklang mit dem Thema des Satzes, dass Piso sich gegen den Senat und die boni gestellt habe, und mit dem Topos, dass Cicero immer wieder auf die Unterstützung des Senats für die Hinrichtung der Verschwörer anspielt (bspw. s. o., § 7), sollte zudem wohl die 3. Pers. Pl. gesetzt werden. Die Herausgeber konjizieren daher zumeist depellerent; lediglich Klotz (1919) und Maslowski (1981) übernehmen depulissem unverändert. Tu misericors me, adfinem tuum, quem comitiis tuis praerogativae primum custodem praefeceras, quem Kalendis Ianuariis tertio loco sententiam rogaras, constrictum inimicis rei publicae tradidisti; Cicero nähert sich dem Ende der Invektive gegen Piso, bevor er im folgenden Absatz noch einmal beide Konsuln zugleich beschimpft. In einer dreigliedrigen, teilweise anaphorischen (tu … tu … idemque tu) Aufzählung kommt er zu dessen Vergehen gegen ihn und seine Verwandten. Hier wird ihm der falsche Anschein der Freundschaft vorgeworfen, durch die Cicero sich in Sicherheit vor Clodius wähnte, wofür zwei spezifische Ereignisse aus den Monaten vor der Exilierung herausgegriffen werden; zu beiden s. o. in Kap. 2.3.3; vgl. Pis. 11: 1. Piso ernannte Cicero bei den Konsulatswahlen des Jahres 59 v. Chr. in den Zenturiatskomi-

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tien (comitiis tuis) zum primus custos der centuria praerogativa; 2. Er ließ ihn bei der ersten Senatssitzung am 1. Januar 58 v. Chr. an dritter Stelle sprechen. Zur Metapher, dass Cicero gefesselt (constrictum) den Feinden der Republik ausgeliefert worden sei; vgl. p. red. ad Quir. 13: […] nisi me constrictum domesticis hostibus dedidissent […]. adfinem tuum: Ciceros Schwiegersohn war C. Calpurnius Piso Frugi; zu dessen Einsatz für die Rückberufung s. o., § 15; ausführlich s. u., § 38. Feindseligkeit gegenüber der eigenen Familie stellt einen der häufigsten Topoi in Ciceros Invektiven dar; s. o. in Kap. 5. comitiis tuis: Während P, E und H nur comitiis tradieren, findet sich in G tuis comitiis (so Peterson [1911] und Halm [1856]; laut Maslowski [1981] wird das Pronomen auch dort nicht überliefert). Die E 2 -Gruppe tradiert die wohl richtige Wortreihenfolge comitiis tuis; vgl. Pis. 11: […] cui primam comitiis tuis dederas tabulam praerogativae […]; zu comitiis als präpositionslosem ablativus temporis vgl. u. a. Phil. 2,81; 11,19; Planc. 9; Sest. 106. praerogativae: Die centuria praerogativa war die Zenturie, die bei den Konsulatswahlen in den comitia centuriata als erste abstimmen durfte. Ihre Mitglieder wurden zur Zeit Ciceros aus der ersten Vermögensklasse gelost, ihre Entscheidung wurde als göttliches Omen angesehen und hatte hohen Einfluss auf das Endergebnis; vgl. Mur. 38; div. 1,103; Taylor (1949), 56 f.; RE S8 (1956), 567 ff.; RE 4,1 (1900), 691. primum custodem: Bei den Zenturiatskomitien wurden von den Kandidaten custodes bestimmt, die den ordnungsgemäßen Ablauf der Wahl sicherstellen und sich für ihren Bewerber einsetzen sollten. Ihnen wurden zur Bewachung die tabulae übergeben, auf denen die Stimmen für die Kandidaten eingetragen wurden. In den comitia tributa reichten die custodes den Wählern die Stimmzettel. Bei der Abstimmung in der centuria praerogativa durfte jeder Kandidat wahrscheinlich mehrere custodes einsetzen, da Cicero die Bezeichnungen primum custodem und primam tabulam praerogativae (Pis. 11) verwendet. Es wurde als große Ehre angesehen, zum custos ernannt zu werden, insbesondere in der centuria praerogativa; vgl. Taylor, (1966), 76; 95 f.; Nisbet (1961), 70 f. zu Pis. 11. Zur Gleichsetzung der custodes mit den rogatores und diribitores s. u., § 28. praefeceras: P, G und E bieten das sinnlose praeferas. Wahrscheinlich lag bereits im Archetyp eine Verschreibung vor, die erst in H durch die Konjektur praefeceras behoben wurde. Die E 2 -Gruppe überliefert dagegen feceras, das durch einen Übertragungsfehler entstanden sein könnte, von Klotz (1919) und Maslowski (1981) aber in den Text gesetzt wird. tertio loco sententiam rogaras: Zu Ciceros Zeit durften bei Senatssitzungen zunächst die consulares sprechen; traditionell begann in dieser Gruppe der

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princeps senatus, aber de facto bestimmte der vorsitzende Konsul eine eigene Reihenfolge. Je früher man reden durfte, desto größer war die Ehre, zumal die Reihenfolge gewöhnlicherweise von dem Konsul im Lauf des Jahres beibehalten wurde; vgl. Lintott (1999), 78; RE S6 (1935), 712 f.; zur Sprechreihenfolge im Senat vgl. zudem Ryan (1998), 171–246. Wer vor Cicero an der Reihe war, ist unklar; vgl. Nisbet (1961), 71 zu Pis. 11. Die Überlieferung der Paris-Familie weist geschlossen rogabas auf, was vermutlich einem Schreibfehler im Archetyp geschuldet ist. Erneut findet sich erst in den recentiores ε und V das zweifellos richtige Tempus rogaras. tu meum generum, propinquum tuum, tu adfinem tuam, filiam meam, superbissimis et crudelissimis verbis a genibus tuis reppulisti; meum generum … filiam meam: Piso betrog die vorgespielte Freundschaft, indem er nicht nur Ciceros Exilierung zustimmte, sondern auch die Bittgesuche von Ciceros Tochter Tullia und seinem Schwiegersohn C. Calpurnius Piso Frugi (zu dessen Einsatz ausführlich s. u., § 38) zurückwies. Wenige Tage vor der Volksversammlung im Circus Flaminius Anfang März 58 v. Chr. suchten Cicero und sein Schwiegersohn den Konsul Piso auf und baten um Unterstützung, doch der Konsul wies sie zurück; s. o. in Kap. 2.3.3; vgl. Pis. 12 f. Eine Beteiligung Tullias an diesem Bittgesuch erwähnt Cicero nicht; auch andere spezifische Bittgesuche seiner Tochter bei Piso sind nicht bekannt. Er spricht lediglich in p. red. ad Quir. 7 und Sest. 54 von der hier erwähnten Zurückweisung. Möglicherweise findet sich Tullia in dieser Reihe, um das Pathos zu erhöhen. Zu adfinis/propinquus in Bezug auf Ciceros Schwiegersohn s. u., § 38. superbissimis et crudelissimis verbis: Im Gegensatz hierzu steht die Aussage Pisos im Circus Flaminius, er sei misericors (s. o., § 17; vgl. Pis. 14; 17). Auf diese Art versucht Cicero, dessen Aussage in der Volksversammlung als Lüge bloßzustellen. Zur superbia und crudelitas als Charaktereigenschaften eines Tyrannen in Invektiven s. o., § 12. a genibus tuis reppulisti: Ein weiterer Akt der Selbsterniedrigung, um Mitleid zu erregen. Das Umfassen des Knies wird fast ausschließlich in griechischen Quellen als Teil der supplicatio genannt (in römischen vgl. u. a. Liv. 8,35,3–8; 8,37,10; 25,7,1), während römische Autoren vor allem von der Tradition, sich dem anderen vor die Füße zu werfen, berichten; s. o., § 12: ad … pedes abiecissent. Bei einer Zurückweisung wurde der Bittsteller von den Knien weggestoßen. Es ist wenig wahrscheinlich, dass Tullia und ihr Ehemann tatsächlich das Knie des Konsuls umfassten. Vielmehr dürfte hier die Zurückweisung einer dringenden Bitte in ein Bild gefasst worden sein; vgl. Naiden (2006), 44 ff.; 130, derzufolge Ciceros Werke das Umfassen des Knies als Geste der supplicatio gänzlich vermissen lassen.

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idemque tu clementia ac misericordia singulari, cum ego una cum re publica non tribunicio, sed consulari ictu concidissem, tanto scelere tantaque intemperantia fuisti, ut ne unam quidem horam interesse paterere inter meam pestem et tuam praedam, saltem dum conticisceret illa lamentatio et gemitus urbis. clementia ac misericordia singulari: Pisos Aussage im Circus Flaminius, er sei immer mitleidig gewesen, wird ironisch wieder aufgegriffen. Zur Verbindung clementia/misericordia vgl. Lig. 29. ego una cum re publica … concidissem: Cicero setzt sich erneut mit dem Staat gleich; s. u.; § 36. Zu ähnlichen Formulierungen vgl. dom. 63: […] aut interfectis bonis omnibus − quod illis optatissimum − una cum re publica concidissem; har. resp. 3. non tribunicio, sed consulari ictu: Cicero gibt den Konsuln Piso und Gabinius, nicht Clodius die Schuld an seinem Exil, da er ohne ihre Hilfe seine Pläne nicht hätte vollenden können; vgl. zur Verletzungsmetapher bereits die ähnliche Formulierung in § 9: Nec enim eguissem medicina consulari, nisi consulari vulnere concidissem. tanto scelere tantaque intemperantia: Piso habe es mit seiner verbrecherischen Gesinnung (scelus; vgl. OLD, s. v.; div. in Caec. 6; Cluent. 182; Ver. 2,3,152; Ver. 2,5, 189) und seiner Maßlosigkeit (intemperantia; im ThLL ist diese Stelle allerdings nicht rubriziert) gar nicht erwarten können, nach Ciceros Exilierung auch dessen Besitz zu plündern (praedam; s. u. im folgenden Absatz); zur Verbindung scelus/intemperantia vgl. Sull. 70. ne unam quidem horam interesse: Diese Aussage ist zeitlich nicht sehr stark übertrieben. Innerhalb von nur einem Tag wurden sowohl die Gesetze des Clodius über die Ächtung aller, die römische Bürger ohne Urteil hinrichten ließen, und über die Zuweisung der Provinzen an die Konsuln angenommen, als auch Ciceros Wohnsitze auf dem Palatin und in Tusculum zerstört bzw. geplündert. Die Ächtung Ciceros erfolgte erst Ende April; s. o. in Kap. 2.3.7; vgl. v. a. Sest. 53 f. paterere: P und H stehen hier im Fehler patere zusammen und geben damit möglicherweise den Archetyp wieder, während G und E die in der gemeinsamen Vorlage konjizierte Form patereris bieten. Die recentiores ε und V sowie die Korrekturen P 2 und H 2 tradieren dagegen paterere, hinter dem sich am ehesten die echte Überlieferung zeigen dürfte. saltem: Nur die E 2 -Gruppe sowie H (hier wohl eine Konjektur) und die Korrekturen P 2 und G 2 überliefern das korrekte saltem. In P, G und E findet sich dagegen noch salutem, wahrscheinlich infolge eines Fehlers im Archetyp. § 18: Nondum palam factum erat occidisse rem publicam, cum tibi arbitria funeris solvebantur:

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Zum Abschluss der Invektive wirft Cicero Piso und (im folgenden Satz auch) Gabinius vor, die Republik zu Grabe getragen zu haben und setzt damit das Thema des vorangehenden Satzes fort (ego una cum re publica […] concidissem). Zur Metapher der sterbenden/gestorbenen Republik s. o., § 4; vgl. zudem Phil. 2,51; har. resp. 42; dom. 63; Sest. 25; Mil. 19; fam. 4,1,1; Att. 9,9,2. nondum palam factum erat: hierzu s. o., § 17: ne unam quidem horam interesse. arbitria funeris: Eigentlich die Einschätzung, wie viel vom Vermögen eines Verstorbenen für seine Bestattung ausgegeben werden soll, metonymisch auch das Geld selbst, also die „Leichengebühren“, vgl. Nettleship (1889), 260. Bei Cicero wird diese Wendung nur übertragen verwendet und nie auf echte Bestattungen bezogen; vgl. ThLL, s. v. „arbitrium“ (410, 61 ff.); in Bezug auf echte Bestattungen vgl. Auson. 319,60; zu Bestattungen im alten Rom vgl. Schrumpf (2006). Cicero bezeichnet hier metaphorisch seine Besitztümer, die geplündert (s. u. im folgenden Satz) und Piso als „‚Totengräber‘ des Staates“ (vgl. Fuhrmann, 5 [42013], 480) für den Tod der Republik ausgezahlt worden seien; vgl. dom. 98: […] videre praetextatos inimicos nondum morte complorata arbitria petentis funeris […]; Pis. 21: […] atque eodem in templo, eodem loci vestigio et temporis arbitria non mei solum, sed patriae funeris abstulisti. Uno eodemque tempore domus mea diripiebatur, ardebat, bona ad vicinum consulem de Palatio, de Tusculano ad item vicinum alterum consulem deferebantur, cum isdem operis suffragium ferentibus, eodem gladiatore latore, vacuo non modo a bonis, sed etiam a liberis atque inani foro, ignaro populo Romano, quid ageretur, senatu vero oppresso et adflicto, duobus impiis nefariisque consulibus aerarium, provinciae, legiones, imperia donabantur. In diesem Satz kommt Cicero unvermittelt von der Beschimpfung Pisos auf beide Konsuln zugleich zu sprechen. In zwei Aufzählungen nennt er die ‚Beute‘ (praedam; s. o., § 17), die Piso und Gabinius gemacht hätten: Ciceros Anwesen auf dem Palatin sowie in Tusculum und die von Clodius zugewiesenen Provinzen; vgl. zum Gedanken dom. 113: […] quibus inspectantibus domus mea disturbaretur, diriperetur, qui denique ambustas fortunarum mearum reliquias suas domos comportari iuberent; Sest. 54; Mil. 87; dom. 62; Pis. 26; Planc. 95. uno eodemque tempore: Die Plünderung und Zerstörung der Anwesen Ciceros fand, ebenso wie die Zuweisung der Provinzen an die Konsuln durch die Annahme des clodianischen Gesetzes (verbunden mit der Ächtung aller, die römische Bürger ohne Urteil hinrichten ließen; isdem operis suffragium ferentibus, eodem gladiatore latore), innerhalb von nur einem Tag nach Ciceros Flucht aus Rom Anfang März 58 v. Chr. statt; vgl. v. a. Sest. 53 f.

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domus mea diripiebatur, ardebat: Clodius zerstörte durch seine Banden die Anwesen Ciceros auf dem Palatin, in Tusculum und bei Formiae; zu letzterem vgl. Att. 4,2,5. Zuvor waren sie geplündert worden. Dies war laut Nowak (1973) illegal, da es vor der offiziellen interdictio aquae et ignis geschah, die erst mehrere Tage nach der Flucht promulgiert wurde. Erst dann hätte Ciceros Vermögen konfisziert werden dürfen. Den dahingehenden Volksbeschluss hielten schon die Zeitgenossen für unrechtmäßig; vgl. Nowak (1973), 124 ff., der aber annimmt, dass Cicero durch seine Flucht der Ächtung ganz entging. Zur Plünderung privaten Eigentums als topischem Vorwurf s. o. in Kap. 5. ad vicinum consulem de Palatio: Piso. Cicero kaufte sich nach dem Prozess für Sulla mit von diesem geliehenem Geld ein Haus auf dem Palatin; vgl. Gell. 12,12. Das Haus, in das Ciceros Güter gebracht wurden, gehörte Pisos Schwiegermutter; vgl. Pis. 26; zur Beteiligung Pisos an der Plünderung vgl. dom. 62. An der Stelle dieses Anwesens wurde ein Heiligtum gebaut; vgl. dom. 110. In diesem Zusammenhang stehen auch die Vorwürfe Ciceros, dass Piso ein Fest aus Anlass seiner Flucht gefeiert und seine Familie bedrängt habe; vgl. Sest. 54; dom. 59 ff.; Pis. 22; 26. Diese Behauptungen stellen aber wohl nur Übertreibungen von Seiten Ciceros dar; vgl. Englisch (1979), 33. de Tusculano ad item vicinum alterum consulem: Gabinius; vgl. dom. 62; 124; Sest. 93. Zur Wendung domum diripere vgl. dom. 113; fam. 16,12,1. operis: Die Helfershelfer des Clodius (vgl. ThLL, s. v. [665, 51 ff.]: „de certis quibusdam catervis conducticiis“; zu dieser Bezeichnung in politischen Auseinandersetzungen vgl. u. a. Sull. 68; Vatin. 40; dom. 14; Sest. 38). Die operae des Clodius bestanden v. a. aus Mitgliedern der unteren Schichten, auch ehemaligen Catilinariern. Organisiert wurden sie, wie die Sklaventrupps, in den collegiae, die durch ein Gesetz des Clodius Anfang des Jahres 58 v. Chr. nach mehrjährigem Verbot wieder zugelassen worden waren; s. o. in Kap. 2.3.7; s. u., § 33: simulatione collegiorum. Clodius setzte seine operae insbesondere bei politischen Abstimmungen ein (suffragium ferentibus), da sie als Freie/Freigelassene das römische Bürgerrecht besaßen. Erst im Zuge der Auseinandersetzungen mit Milos Gladiatoren genügten diese nicht mehr. Die Abstimmung über die Provinzzuweisung geschah laut Cicero unter dem Druck der operae, die den anderen Bürgern den Willen des Clodius aufdrängten oder sie vertrieben; zu den operae des Clodius vgl. Nowak (1973), 108–117; 126; Lintott (1968), 77. gladiatore: Eine weitere invektiventypische Beschimpfung. Die Bezeichnung als Gladiator, ebenso wie die als Sklave, sollte die Stellung des Gegners innerhalb der Gemeinschaft senken, aber ihn noch nicht aus dieser ausschließen (wie bspw. beluus in § 14); vgl. Habinek (1998), 71. Sie wird bei Cicero in Bezug auf Politiker verwendet, die in Volksversammlungen durch Banden bzw. Heere gegen den Staat vorzugehen versuchen; vgl. Opelt (1965), 135 f.; ThLL,

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s. v. „gladiator“ (2007, 37 ff.): „de condicione et de moribus gladiatorum (homo infimae notae, sordidus, vilis, interfector, sicarius, latro)“; vgl. zu dieser Bezeichnung für Clodius har. resp. 1; 15; dom. 81; Sest. 55; Pis. 19; Pis. 28; auch bspw. für Catilina (vgl. u. a. Cat. 1,29; 2,24) und Marcus Antonius (vgl. u. a. Phil. 2,7; 3,18; 5,10). vacuo non modo a bonis, sed etiam a liberis atque inani foro: Cicero bezieht sich auf den Senatsbeschluss, nichts zu verhandeln, bis er wieder nach Rom zurückgekehrt sei, doch kam wohl nicht das gesamte politische Leben zum Erliegen. Schon in § 6 hatte er in diesem Zusammenhang die Erinnerung an ein iustitium geweckt: […] mutum forum, elinguem curiam, tacitam et fractam civitatem videbatis. senatu vero oppresso et adflicto: Eine weitere Anspielung auf das Verbot der Konsuln gegen den Senat, über Ciceros Angelegenheit zu verhandeln; s. o., § 8; auch § 16: senatus auctoritatem. consulibus aerarium, provinciae, legiones, imperia donabantur: Zu dieser Aufzählung vgl. har. resp. 58; Sest. 24; 98. Mit der Annahme des allgemeinen clodianischen Ächtungsgesetzes war die Zuweisung der Provinzen an die Konsuln zeitlich gebunden, auf die Cicero bereits mehrfach anspielte; s. o., §§ 4; 10; Englisch (1979), 30. Üblicherweise wurden die prokonsularischen Provinzen vor den Konsulatswahlen durch einen Senatsbeschluss festgelegt, doch ist unbekannt, wie die Entscheidung des Senats im Jahr 59 v. Chr. aussah; vgl. Kaster (2006), 172 f. zu Sest. 24. Piso bekam in einer Volksversammlung auf Antrag des Clodius Anfang des Jahres 58 v. Chr. Makedonien zugesprochen; Gabinius sollte zunächst Kilikien erhalten, doch dies wurde später durch ein neues Gesetz des Clodius gegen das reichere Syrien getauscht; vgl. Vat. 36; prov. cons. 3. Kilikien wurde extra ordinem wieder zu einer prätorischen Provinz gemacht; vgl. dom. 23; zum Provinztausch vgl. zudem Sest. 55: […] ut Gabinio pro illa sua Cilicia, quam sibi, si rem publicam prodidisset, pactus erat, Syria daretur, et uni helluoni bis de eadem re deliberandi et rogata lege potestas per novam legem fieret provinciae commutandae; Pis. 37; Goldmann (2012), 32 f. Die drei weiteren Glieder dieser Aufzählung hängen mit der Zuweisung der Provinzen zusammen: 1. Prokonsuln behielten das imperium, das sie im Konsulatsjahr besessen hatten; vgl. Berger (1953), s. v. „proconsul“; zum imperium vgl. Loewenstein (1973), 44 ff.; zum prokonsularischen imperium vgl. Jashemski (1950). 2. Das imperium umfasste den Oberbefehl über die in der Provinz stationierten Truppen. Diese militärische Befehlsgewalt erlosch beim Übertreten des pomerium, weshalb z. B. die Volksversammlung im März 58 v. Chr. aus Rücksicht auf Caesar im Circus Flaminius stattfinden musste; s. o., § 13; vgl. Loewenstein (1973), 45 f. 3. Wenn Promagistrate in ihre Provinz aufbrachen, wurde ihnen eine Geldsumme aus der Staatskasse, dem aerarium, zugesprochen. Dies nannte man ornare provinci-

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am. Die Höhe der Zuweisung war variabel, aber Piso erhielt laut Cicero eine ungewöhnlich große Summe: So habe er alleine 18 Millionen Sesterzen aus dem Ausrüstungsgeld in Rom angelegt; vgl. Pis. 86; zum ornare provinciam vgl. Cobban (1935), 154–158; Jones (1950), 22; Millar (2004), 81. Gabinius soll, so Cicero, seine Provinz gewalttätig ausgeplündert und sich von dem Geld u. a. eine villa gekauft haben; vgl. Sest. 93. Zum Prokonsulat Pisos in Makedonien vgl. Englisch (1979), 37–53; Nisbet (1961), 172–180; Goldmann (2012), 154–162; zum Prokonsulat des Gabinius vgl. Goldmann (2012), 37–62. Horum consulum ruinas vos consules vestra virtute fulsistis summa tribunorum plebis praetorumque fide et diligentia sublevati. ruinas … fulsistis: Der Satz dient zur Überleitung von der Invektive gegen Piso und Gabinius zum ausführlichen Lob der Unterstützer. In einem Gegensatz zwischen den Konsuln der Jahre 58 und 57 v. Chr. (horum consulum … vos consules) werden die Leistungen von Lentulus und Metellus hervorgehoben; Cicero stellt die Republik als Gebäude dar, das aufgrund der Amtsführung von Piso und Gabinius zusammenbrach, das deren Nachfolger aber stützten. So konnten sie das Gebäude wieder aufrichten und die res publica vor dem völligen Einsturz bewahren. Darunter versteht Cicero insbesondere seine eigene Rückberufung; s. u., § 36: […] quoniam in rem publicam sum pariter cum re publica restitutus […]. Zum Gebrauch von ruina für den Einsturz der Republik vgl. u. a. Sest. 5: […] in gravissimis temporibus civitatis atque in ruinis eversae atque adflictae rei publicae […]; Sest. 109; Vat. 21; zu fulcire im Rahmen der Metapher der einstürzenden Republik vgl. Phil. 2,51: […] labentem et prope cadentem rem publicam fulcire cuperetis […]; har. resp. 60. summa tribunorum plebis praetorumque fide et diligentia: Zur Formulierung s. o., § 5: […] cum praetorum, tribunorum plebis paene omnium virtus et fides rei publicae subvenisset […]. Die Cicero freundlich gesinnten Volkstribune und Prätoren unterstützten durch ihren Einsatz für Cicero die Konsuln des Jahres 57 v. Chr. bei der Rettung der Republik. Es kam bspw. zu mehreren Anträgen auf eine Rückberufung und zum Anlegen von Trauerkleidung; zur Hilfe dieser Gruppen ausführlich ab dem folgenden Absatz; zudem s. o., §§ 4–5; 12 sowie in der historischen Einführung. Dem sublevati aus P, G, E und H steht sublevastis aus der E 2 -Gruppe gegenüber, worin sich möglicherweise eine Trennung der beiden Traditionen in der Spätantike zeigt. Die Lesart der Paris-Familie ist vorzuziehen: Die Konsuln Lentulus und Metellus wurden von den Volkstribunen und Prätoren in ihrem Einsatz für Cicero unterstützt; zu sublevare zur Bezeichnung der Unterstützung anderer Personen vgl. Caec. 23; Sull. 39.

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§§ 19–23: Lob der Volkstribune und Prätoren des Jahres 57 v. Chr. (v. a. des Milo und des Sestius) § 19: Quid ego de praestantissimo viro, T. Annio, dicam, aut quis de tali cive satis digne umquam loquetur? In den §§ 19–23 wendet sich Cicero dem Lob der Volkstribune (T. Milo, P. Sestius, C. Cestilius, M. Cispius, T. Fadius, M. Curtius, C. Messius und Q. Fabricius) und Prätoren (L. Caecilius, M. Calidius, C. Septimius, Q. Valerius, P. Crassus, Sex. Quinctilius und C. Cornutus) des Jahres 57 v. Chr. zu. Diese wurden bereits an verschiedenen Stellen der Rede lobend hervorgehoben; dazu s. o., §§ 4–5; § 12. In einer rhetorischen Frage kommt Cicero zunächst auf Milo zu sprechen, bevor er im folgenden Absatz die Leistungen des Sestius würdigt. Sie sind die einzigen der Volkstribune, denen ein ganzer Absatz gewidmet ist, und die einzigen, die im weiteren Verlauf der Rede noch einmal erwähnt werden; s. u., § 30. Zudem werden nur sie in der Parallelrede an das Volk namentlich hervorgehoben (vgl. p. red. ad Quir. 15) und auch in späteren Reden oft gemeinsam genannt; vgl. Vat. 42; Sest. 87; 90; 144; Mil. 38. Zum Einsatz des Milo für eine Beendigung von Ciceros Exil s. o. in Kap. 2.3.5; vgl. Nicholson (1992), 66 ff.; zur Bezeichnung als praestantissimus s. o., § 5 (Lentulus); s. u., § 25 (Metelli). Zu dem Topos, dass die Größe der Verdienste um Ciceros Rückkehr nicht in Worte gefasst werden könne, s. o., § 1; dazu, dass Cicero keinen ausreichenden Dank leisten könne, s. o., § 1; s. u., §§ 24; 29; 30. digne ist bei Cicero ausschließlich in Verbindung mit satis zu lesen; vgl. Ver. 2,1,82; Cato 2,4. Bei anderen Autoren vgl. u. a. Ov. trist. 5,3,53; Sen. rhet. contr. 10,5,24. Qui cum videret sceleratum civem aut domesticum potius hostem, si legibus uti liceret, iudicio esse frangendum, sin ipsa iudicia vis impediret ac tolleret, audaciam virtute, furorem fortitudine, temeritatem consilio, manum copiis, vim vi esse superandam, primo de vi postulavit; postea quam ab eodem iudicia sublata esse vidit, ne ille omnia vi posset efficere, curavit; In einer teilweise anaphorischen (qui … postea … qui … qui) Aufzählung werden die Taten Milos näher erläutert. Zu diesem Aufbau s. o., § 11 (Invektive gegen Gabinius); s. u., § 24 (Lob des Lentulus); § 29 (Lob des Pompeius). Zunächst werden antithetisch zwei konditionale Perioden (si … sin) einander gegenübergestellt. Milo habe Gewalt nur als letztes Mittel gegen Clodius angewendet, weil ein gerichtliches Vorgehen unmöglich geworden sei (iudicia sublata); vgl. Sest. 92. Zuvor hatte er Anfang 57 v. Chr. Anklage wegen eines Gewaltverbrechens gegen Clodius erhoben (de vi postulavit); vgl. Mil. 35; 40; Sest. 89; Att. 4,3,2. Zu einer Verurteilung kam es jedoch aufgrund der Unterstützung des

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Metellus, des Prätors App. Claudius Pulcher und eines Tribuns, entweder Serranus oder Numerius (s. o., § 5), nicht; vgl. Sest. 89; RE 7A,1 (1939), 924. Zunächst führt Cicero an, wie Milo nach dem fehlgeschlagenen Prozess gegen Clodius vorzugehen geplant habe. Dafür wird in einer fünfgliedrigen, parallelen Aufzählung, in der die Glieder immer kürzer werden und die in dem Polyptoton vim vi kulminiert, immer eine positive Eigenschaft des Milo einer negativen der Gegner gegenübergestellt, die dadurch beide überhöht gezeichnet werden. iudicio esse frangendum: Zur übertragenen Bedeutung von frangere in Bezug auf den universum statum von Menschen vgl. ThLL, s. v. „frango“ (1250, 34); u. a. Phil. 4,15; Brut. 95; Tusc. 1,49. P, G, E und die recentiores bieten copiis (in P das verschriebene coiis, in B ausgelassen). In H findet sich (zuvor steht manum) manu. Dies wird von den älteren Herausgebern Ernesti (1737), Wolf (1801), Orelli (1826) und Kayser (1861) in den Text gesetzt, doch kommt ihm stemmatisch kein Wert zu. Vielmehr ist sie als ‚Rhetorisierung‘ des Schreibers von H anzusehen. vim vi esse superandam: Dass Milo nach der fehlgeschlagenen Anklage, auch weil die Beamten weiterhin nichts gegen Clodius unternahmen (vgl. Sest. 85), mit eigenen Banden Gewalt anwendete (s. u. in diesem Absatz: maximis opibus et copiis), ist in Ciceros Augen nicht als Verbrechen aufzufassen, sondern als Notwehr; Mil. 10 f.; Sest. 92. Doch sind dessen Ausführungen natürlich parteiisch, um den Einsatz Milos als legal darzustellen. Die Bezeichnung der Notwehr als non scripta, sed nata lex (Mil. 10; ähnlich Gai. dig. 9, 2, 4: adversus periculum naturalis ratio permittit se defendere) weist darauf hin, dass es kein schriftlich fixiertes Notwehrrecht gab, sondern dass es als Teil des ius naturale angesehen wurde. Eine einheitliche Regelung der Notwehr ist im römischen Recht nicht entstanden, auch wenn es bereits durch das Zwölftafelgesetz erlaubt war, einen Dieb, der nachts auf frischer Tat ertappt wurde oder der tagsüber mit Waffen agierte, zu töten; vgl. von Scherenberg (2009), 8 ff.; Honsell ( 72010), 168; DNP 12/2 (2003), 250. de vi: juristischer Fachterminus; „wegen eines Gewaltverbrechens“, gegründet auf der lex Plautia de vi. Danach wurden als vis publica Handlungen gegen das Gemeinwohl und den Staat verfolgt, wie bspw. das „Anheuern von Banden“ für Angriffe auf öffentliche Einrichtungen und Beamte sowie die „Besetzung öffentlicher Plätze“ (vgl. DNP 12/2 [2003], 251) und die „Zusammenrottung; die Waffenführung auf öffentlichen Straßen und Plätzen; derjenige Waffenbesitz, welcher als Vorbereitung für den Missbrauch derselben erscheint“ (im Gegensatz zur vis privata als Gewalttaten gegen Einzelpersonen); vgl. Mommsen (1899), 652 ff., insb. 657 f.; Berger (1953), s. v. „vis“; die Grundzüge dieses Gesetzes stellt Cicero an verschiedenen Stellen selbst dar; vgl. Cael. 1; 70; har. resp. 15. In späterer Zeit änderte sich die Bedeutung dieser Termini;

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die vis publica wurde zur Gewalt gegen die Staatsordnung, die vis von Amtsinhabern, die vis privata zu der, die von Privatpersonen ausgeübt wurde; vgl. Mousourakis (2015), 183. qui docuit neque tecta neque templa neque forum nec curiam sine summa virtute ac maximis opibus et copiis ab intestino latrocinio posse defendi; Nach dem fehlgeschlagenen Versuch, gerichtlich gegen Clodius vorzugehen, stellte Milo eigene Truppen auf; vgl. Sest 86; 127; Mil. 38. In der Aufzählung der von Clodius angegriffenen Gebäude, die für bestimmte Bereiche des öffentlichen Lebens stehen (templa … forum … curiam), liegt eine erneute, übertriebene Anspielung auf den drohenden Untergang der Republik während Ciceros Exilierung; zu tecta/templa in diesem Zusammenhang s. o., § 7; zur Zerstörung der Tempel mit ausführlichen Belegstellen s. u., § 32: […] aditus templorum […] sublati. maximis opibus et copiis: Es bietet sich hier eine Übersetzung beider Worte als Hendiadyoin („Schutztruppen“) an. Der Einsatz bewaffneter Mannschaften war in der späten Republik nicht unüblich. Die Truppen Milos setzten sich vor allem aus Sklaven und Gladiatoren zusammen, als Grundlage dienten seine persönlichen Sklaven. Die bewaffneten Banden des Volkstribuns waren illegal, da sie ohne gesetzliche Grundlage und ohne offiziellen Auftrag zusammengestellt wurden. Milo verfolgte hierbei wohl vor allem persönliche Ziele, möglicherweise hoffte er als Dank für den Widerstand gegen Clodius darauf, das Konsulat und eine gewinnbringende Provinz zu erreichen und somit selbst berühmt werden; s. o. in Kap. 2.3.5. Es handelte sich bei ihm keineswegs um eine der Führungspersonen der Optimaten, vielmehr diente er in untergeordneter Position als ‚Mittelsmann‘ für Pompeius, Cicero und andere. Pompeius unterstützte seine Truppen, nachdem er sich zunächst noch bei der Rogation des Fabricius am 23. Januar 57 v. Chr. zusammen mit Ciceros Mannschaft in der Öffentlichkeit gezeigt hatte. Im Zusammenhang mit Ciceros Exil wissen wir nur von einem Einsatz am 4. August 57 v. Chr., als Milo mit seinen Mannschaften die Clodianer daran hindern konnte, die Abstimmung über Ciceros Rückberufung zu stören. Wie sehr die Truppen des Milo und des Sestius zu Ciceros Rückberufung beitrugen, ist aber unklar; s. o. in Kap. 2.3.5; vgl. Nowak (1973), 147 ff.; 94; zu Ciceros eigenen Mannschaften 81 ff.; s. o., § 12: innumerabilis multitudo bonorum. latrocinio: Auch diese Bezeichnung steht im Zusammenhang der invektiventypischen Beschimpfung der Gegner als latrones, durch die sie aus der Gemeinschaft ausgeschlossen werden sollten. Insbesondere bezieht sich Cicero hier neben der Plünderung der Staatskasse und der Provinzen auf die seines eigenen Besitzes; s. o., § 18. Zur Bedeutung dieser Beschimpfung s. o., § 10 (Piso und Gabinius); § 13 (Clodius). Besondere Gefahr erwachse der Republik daraus, dass Clodius sie von innen zu zerstören versuche (intestino) und es sich bei ihm

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nicht um einen auswärtigen Feind handele; zu intestinus in Bezug auf den Staat vgl. ThLL, s. v. (9, 42 ff.); zu domesticum latrocinium vgl. Sest. 1; 130; 144; Att. 4,3,3; Q. fr. 2,1,3. qui primus post meum discessum metum bonis, spem audacibus, timorem huic ordini, servitutem depulit civitati. In einer viergliedrigen Aufzählung nennt Cicero die positiven Auswirkungen der Taten Milos. Durch dessen Hilfe sei erstmals seit der Exilierung wieder Hoffnung auf eine Rückberufung Ciceros und damit der Republik (servitutem depulit) entstanden. primus ist hier wahrscheinlich sowohl auf die Bedeutung der Unterstützung zu beziehen (vgl. OLD, s. v. „prior“ [7]) als auch chronologisch zu interpretieren. Milo war zeitlich bei weitem nicht der erste, der sich für Cicero während seines Exils einsetzte, aber der erste, der Clodius mit dessen eigenen Mitteln zu schlagen versuchte; vgl. RE 7A,1 (1939), 919 ff. post meum discessum: Zur Vorgehensweise Ciceros, sein Exil mit teilweise euphemistischen Begriffen zu umschreiben und es nie als exilium zu bezeichnen, s. o. in Kap. 4; zu discessus s. o., § 3. In der E 2 -Familie findet sich das richtige spem als Gegensatz zu metum. Der Archetyp der Paris-Familie bot die Verschreibung „et“ (GEH; auch vom Korrektor P 2 , wohl unter Zugriff auf den Archetyp, aus dem falschen „set“ in P hergestellt). § 20: Quam rationem pari virtute, animo, fide P. Sestius secutus pro mea salute, pro vestra auctoritate, pro statu civitatis nullas sibi inimicitias, nullam vim, nullos impetus, nullum vitae discrimen vitandum umquam putavit; Diesen Absatz widmet Cicero dem P. Sestius, der, ebenso wie Milo, eigene Schutztruppen aufstellte; vgl. Sest. 78; 84; 90; 92. Zu dessen Einsatz s. o. in Kap. 2.3.5; vgl. Nicholson (1992), 68 ff. Cicero hebt Sestius in drei asyndetischen Aufzählungen mit Milo auf eine Stufe: Er habe sich mit gleicher Tatkraft, gleichem Mut und gleicher Treue für eine Rückberufung aus dem Exil (zu salus in diesem Sinn vgl. OLD, s. v. [4]), für den Senat (zur Einschränkung seiner Rechte im Jahr 57 v. Chr. s. o., § 8) und für den Bestand der Republik eingesetzt und dafür keine Feindschaften, Gewalt, Angriffe und Lebensgefahr (discrimen vitae; zu diesem Ausdruck, bei Cicero an fünf Stellen, vgl. u. a. Sest. 45; Balb. 25; auch bspw. Ov. met. 10,603; Liv. 23,21,2; zu einem Angriff auf Sestius s. u.: quam rationem secutus) gescheut. quam rationem … secutus: Die bewaffneten Schutztruppen des Sestius dienten, anders als die Mannschaften des Clodius oder des Milo, wohl ausschließlich als Leibwache mit „defensive[r] Zielrichtung“ zum Selbstschutz; vgl. Nowak (1973), 157. Sestius war im Sommer 57 v. Chr. von den Clodianern ange-

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griffen und schwer verletzt worden, nachdem er Metellus obnuntiiert hatte; vgl. Sest. 79; 83; Mil. 38; Q. fr. 2,3,6; Nowak (1973), 132 f. Zur Frage der Legalität der Obnuntiation nach der Aufhebung der lex Aelia et Fufia durch Clodius s. o., § 11. Vor diesem Zwischenfall hatte sich Sestius gewaltfrei für Cicero eingesetzt. So war er bereits als designierter Tribun vergeblich zu Caesar nach Gallien gereist, um diesen für eine Rückberufung zu gewinnen und hatte selbst einen Antrag auf Beendigung des Exils eingebracht, der Cicero jedoch nicht zufriedenstellte; vgl. Sest. 71: Hoc interim tempore P. Sestius, iudices, designatus iter ad C. Caesarem pro mea salute suscepit; pertinere et ad concordiam civium putavit et ad perficiundi facultatem animum C. Caesaris a causa non abhorrere. Quid egerit, quantum profecerit, nihil ad causam; Q. fr. 1,4,3; Att. 3,17,1; 3,19.2; 3,20,3. pro mea salute, pro vestra auctoritate, pro statu civitatis: Erneut zeigt sich hier der Topos, dass Cicero sein Wohlergehen mit dem der Republik verbindet. Er sei der Garant für den Erhalt dieser, die gemeinsam mit ihm im Exil gewesen und erst mit ihm wieder zurückgekehrt sei. qui causam senatus, exagitatam contionibus improborum, sic sua diligentia multitudini commendavit, ut nihil tam populare quam vestrum nomen, nihil tam omnibus carum aliquando quam vestra auctoritas videretur; qui me cum omnibus rebus, quibus tribunus plebis potuit, defendit, tum reliquis officiis, iuxta ac si meus frater esset, sustentavit; Sestius habe zudem durch seinen Eifer (diligentia i. S. v. studium, industria, vgl. ThLL, s. v. [1173, 16]; s. o., § 18: […] summa tribunorum plebis praetorumque fide et diligentia sublevati) das Volk auf die Seite Ciceros und des Senats ziehen können. Nichts sei so beliebt im Volk (populare) gewesen wie der Name und die auctoritas der optimatischen Senatseinrichtung. causam senatus: Eine Anspielung auf das Vorgehen gegen die Catilinarischen Verschwörer im Jahr 63 v. Chr., das in der contio im Circus Flaminius von Piso, Gabinius und Caesar Anfang März 58 v. Chr. kritisiert worden war (s. o. in Kap. 2.3.2 und 2.3.3; § 13; § 17; zu exagitare i. S. v. „kritisieren/tadeln“ vgl. ThLL, s. v. [1154, 16 ff.]; dort wird diese Stelle aber im neutralen Sinn als „disserere, disputare“ [54 ff.] rubriziert) und für das Gabinius den Rittern in einer contio Rache angedroht hatte; s. o., § 12. Möglicherweise umfasst die causa senatus hier auch die Rückberufung Ciceros, da der Senat eine Verweigerungshaltung beschlossen hatte, bis diese erfolgt sei; s. o., § 6. Mit seiner Rückberufung verbunden war laut Cicero die Rückkehr der Republik nach Rom, durch die die Position des Senats gestärkt werden würde. Dessen Rechte waren durch das Verbotsgesetz des Clodius, über Ciceros Fall zu diskutieren, eingeschränkt worden; s. o., § 8. Auch bei der Zuweisung der Provinzen an Piso und Gabinius überging Clodius den Senat; s. o., § 10. Zur Gleichsetzung Ciceros mit der Republik bspw. s. u., § 36; zur causa senatus für Ciceros Rückberufung vgl. Sest. 83: […] causam

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civis calamitosi, causam amici, causam bene de re publica meriti, causam senatus, causam Italiae, causam rei publicae suscepisset […]. reliquis officiis: Der Einsatz des Sestius überschritt das durch das Amt zu erwartende Maß. Cicero bezieht sich damit auf die im folgenden Satz ausgeführte Art der persönlichen Unterstützung (clientibus, libertis …). iuxta ac si meus frater esset: Einer von fünf Verwandtschaftsvergleichen/ -metaphern in dieser Rede; s. o., § 8; s. u., §§ 29; 35; 37. Laut Raccanelli (2012), 60 ff. ist auffällig, dass Sestius Cicero, ebenso wie Lentulus, in Hinsicht auf die Rückberufung unterstützte, aber von ihm nicht, wie dieser, als parens, sondern als frater bezeichnet wird – und dies nur im Rahmen eines hypothetischen Vergleichs. Sie stellt als Hypothese auf, dass Cicero die Vaterrolle nicht auf zwei Personen aufteilen wollte. Es sei außerdem unpassend gewesen, einem Tribun, zumal einem jüngeren, die gleiche Rolle wie einem Konsul zukommen zu lassen. Gerade in der Situation nach dem Exil, als Cicero sich selbst wieder als starken Mann im Staat positionieren wollte, möge es unangebracht erschienen sein, Sestius eine Stellung der Überlegenheit zu versprechen und somit Macht über ihn selbst einzuräumen. Erkennbar sei also, dass das gleiche beneficium zu unterschiedlichen Rollenzuweisungen führen könne, je nach sozialer Hierarchie und politischem Zeitpunkt. Die Bezeichnung frater müsse zudem nicht notwendigerweise als Zeichen der Ehrerbietung gemeint gewesen sein, sondern könne auch als höfliche Anrede unter gleichgestellten Personen verwendet werden. Ciceros Briefe zeigen, dass zwischen ihm und Sestius wohl nie wirkliche Intimität vorlag, echte Freundschaft empfand er für ihn nicht, vgl. Q. fr. 2,4,1: […] nisi illius [sc. Sestii] perversitatem quibusdam in rebus quam humanissime ferremus […]. Nam defendendo moroso homini [sc. Sestio]cumulatissime satisfecimus […]; Q. fr. 2,3,5: […] idque fecimus praeter hominum opinionem, qui nos ei [sc. Sestio] iure suscensere putabant […]. cuius ego clientibus, libertis, familia, copiis, litteris ita sum sustentatus, ut meae calamitatis non adiutor solum, verum etiam socius videretur. Der Relativsatz enthält eine weitere Steigerung: Sestius ist nicht nur Unterstützer (adiutor), sondern sogar Teilhaber (socius) des Exils. In einer partitio in Form einer fünfgliedrigen, asyndetischen Aufzählung werden Personen aus dem Umfeld des Sestius, die Cicero halfen, sowie erneut die von diesem aufgewendeten Mittel zu dessen Rettung angeführt. Sowohl Fuhrmann (42013) als auch Shackleton Bailey (1991) übersetzen copiis/litteris als „finanzielle Unterstützung / Briefe“ (litterae kann als deutscher Singular und Plural [„Brief“/ „Briefe“] übersetzt werden; vgl. ThLL, s. v. „littera“ [1521, 20 f.]). Möglich ist ebenso, dass die copiae die Schutztruppen (so in § 19) und litterae die legalen Versuche der Rückberufung bezeichnen sollen.

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calamitatis: Cicero spricht in den Reden nach dem Exil von diesem nie als exilium oder von sich als exul, sondern verwendet Umschreibungen wie profectio, discessus oder calamitas, um nicht die Rechtmäßigkeit seiner Ächtung implizit anzuerkennen. calamitas beinhaltet zudem die Konnotation der Gefahr für Cicero, der vor den Konsuln und Clodius als ruchlosen Verbrechern fliehen musste; s. o. in Kap. 4. Zu dieser Bezeichnung s. u., §§ 24; 36; vgl. u. a. p. red. ad Quir. 6; 9; Sest. 32; dom. 30; 76; zur Umschreibung durch discessus s. o., §§ 3; 19; durch profectio s. u., § 23. § 21: Iam ceterorum officia studia vidistis, quam cupidus mei C. Cestilius, quam studiosus vestri, quam non varius fuerit in causa. In §§ 21–23 wird die Unterstützung von sechs weiteren Volkstribunen und sieben Prätoren des Jahres 57 v. Chr. deutlich kürzer abgehandelt, die sich durch ihre officia und studia hervorgetan hätten; dies kann als Hendiadyoin gelesen werden („eifrige Dienste“). Somit werden alle acht Volkstribune, die Cicero freundlich gesinnt waren, namentlich genannt. Was die Beamten für Cicero taten, ist allerdings oft nicht bekannt, zumal dieser nur allgemeine Formulierungen verwendet. Nicht erwähnt werden Sex. Atilius Serranus und Q. Numerius Rufus, die auf der Seite des Clodius standen; s. o., § 5. Die Paris-Familie und die E 2 -Gruppe bieten officia studia. Das asyndeton bimembre ist auffällig und hat zu verschiedenen Änderungsvorschlägen geführt: officia studiaque (einige jüngere Handschriften, übernommen von den älteren Herausgebern bis Orelli [1826]); vgl. Ver. 1,3; off. 1,155; Lael. 49; fam. 1,6,2; 13,66,1; officia ac studia (Halm [1856], dem die Herausgeber gewöhnlich folgen, zuletzt Maslowski [1981]); hierzu keine Vergleichsstellen bei Cicero; Athetese von studia (Kayser [1861]). Möglich ist zudem officia et studia; vgl. Mur. 45; Att. 3,15,4; fam. 13,50,2. Das Asyndeton officia studia findet sich nur in fam. 11,5,3, aber dort in einer längeren Aufzählung. Die asyndetische Verbindung zweier Glieder ist bei Cicero allerdings dennoch nicht unüblich; vgl. LHS 829. Da zudem die Paris- und die E 2 -Familie zusammenstehen, sollte man officia studia belassen. cupidus/studiosus: Diese beiden Begriffe können hier als Synonyme aufgefasst werden; vgl. ThLL, s. v. „cupidus“ (1427, 63): „i.q. studiosus“; OLD, s. v. „studiosus“ (3): „devoted (mainly in a political context)“. Zu cupidus/studiosus in Bezug auf Cicero und die Republik vgl. Sest. 41 (dort ist es Pompeius). C. Cestilius: In drei anaphorischen (quam … quam … quam) indirekten Fragen wird dessen Hilfe für Cicero betont, ohne dass aber spezifische Leistungen angeführt werden. Über ihn liegen unabhängig von den Ereignissen um die Exilierung keinerlei weitere Zeugnisse vor; vgl. RE 3,2 (1899), 2004; Nicholson (1992), 70. Broughton (1952) führt Mil. 39 als Verweis an, doch findet sich dort kein Hinweis auf Cestilius.

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Quid M. Cispius? Cui ego ipsi parenti fratrique eius sentio, quantum debeam; qui, cum a me voluntas eorum in privato iudicio esset offensa, publici mei benefici memoria privatam offensionem oblitteraverunt. M. Cispius: Das richtige M. Cispius findet sich in ε und V. Der Archetyp der Paris-Familie dagegen wies das falsche mospius auf (PH; m. ospius in GE). In Sest. 76 und Planc. 75 ist der Name insgesamt viermal überliefert, nur an einer Stelle in Sest. 76 nicht eindeutig als M. Cispius. Am 23. Januar 57 v. Chr. wurde dieser Volkstribun, dessen gens erst zum Ende der Republik eine gewisse Bedeutung in Rom erlangte, gewalttätig durch die Clodianer vom Forum vertrieben, als es zu Auseinandersetzungen im Zuge der Rogation des Fabricius kam; vgl. Sest. 76: Venientem in forum virum optimum et constantissimum, M. Cispium, tribunum plebis, vi depellunt, caedem in foro maximam faciunt […]. Einige Jahre später wurde er trotz Verteidigung durch Cicero wegen Bestechung verurteilt; vgl. Planc. 75. Möglicherweise war er nach 54 v. Chr. Prätor. Über Vater und Bruder des Cispius ist nichts weiter bekannt, ebenso wenig über eine Auseinandersetzung zwischen ihm und Cicero. Vermutlich hatte Cicero die Gegenpartei in einem Zivilprozess übernommen; vgl. RE 3,2 (1899), 2589; Broughton (1952), 202; Nicholson (1992), 70. Nur P, ε und V bieten a me, das durch den Sinn gefordert und stemmatisch durch das Zusammengehen der beiden Überlieferungstraditionen nahegelegt wird. Die drei Varianten in den anderen Kodizes der Paris-Familie (G mea, E ea, H mihi) weisen auf einen Fehler in der gemeinsamen Vorlage hin. in privato iudicio: Im römischen Recht existieren iudicia publica und iudicia privata. Die Unterscheidung zwischen den beiden Prozessarten geschah nicht systematisch, sichere Kriterien können nur schwer festgemacht werden; vgl. Kaser ( 21996), 163 f. Iudicia publica wurden wahrscheinlich durch einen Volksbeschluss eingesetzt, iudicia privata durch die Anklage einer Einzelperson; vgl. Kirov (2005), 192 f. Dementsprechend handelte es sich bei ersteren wohl um Prozesse in Angelegenheiten des öffentlichen Interesses, bei letzteren um Zivilprozesse; vgl. RE 9,2 (1916), 2485 ff. publici mei benefici: Ein erneuter Verweis auf die Hinrichtung der Catilinarischen Verschwörer; s. u., § 36: […] duorum in rem publicam beneficiorum […]; vgl. dom. 74: […] de meis in rem publicam beneficiis […]; dom. 88. Iam T. Fadius, qui mihi quaestor fuit, M. Curtius, cuius ego patri quaestor fui, studio, amore, animo huic necessitudini non defuerunt. T. Fadius … M. Curtius: In parallelem Satzbau mit mehreren Polyptota stellt Cicero die wechselseitigen Beziehungen zwischen sich und zwei weiteren Volkstribunen dar. Auch bei diesen ist die genaue Art der Unterstützung unbekannt. Erneut finden sich nur allgemeine Formulierungen: Sie seien Cicero höchst verbunden gewesen (zu necessitudo als Verbindung zwischen Personen vgl. OLD,

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s. v.: „a bond or tie between persons, obligation, connection, affinity“). Fadius war Quästor während Ciceros Konsulat 63 v. Chr.; aus unbekannten Gründen wurde er 52 v. Chr. verurteilt und ins Exil geschickt; vgl. Q. fr. 1,4,3; Att. 3,23,4; RE 6,2 (1909), 1959; Nicholson (1992), 71. Curtius (in Q. fr. 1,4,3 Curius) diente eventuell 61 v. Chr. als quaestor urbanus und 50 v. Chr. als praetor urbanus (lt. Nicholson [1992], 71: praetor peregrinus); vgl. Q. fr. 1,4,3; RE 4,2 (1901), 1865/ 1869. cuius ego patri quaestor fui: Diese Stelle wurde als eines der Hauptargumente der Echtheitsgegner im 18. und 19. Jahrhundert angeführt, denn Cicero diente 75 v. Chr. unter dem Proprätor Sex. Peducaeus als Quästor auf Sizilien. Seit Wagner (1857; lt. Nicholson [1992], 15) nimmt man in der Forschung an, dass M. Curtius der von einem Curtius adoptierte Sohn des Sex. Peducaeus war; vgl. bspw. RE 19,1 (1937), 50. Multa de me C. Messius et amicitiae et rei publicae causa dixit: legem separatim initio de salute mea promulgavit. C. Messius: Nach seiner Zeit als Volkstribun fungierte er 55 v. Chr. als Ädil, wurde wegen Gewaltanwendung und Unregelmäßigkeiten bei den Wahlen 54 v. Chr. angeklagt und von Cicero verteidigt. Spätestens 46 v. Chr. war er Legat Caesars; vgl. RE 15,1 (1931), 1243; Nicholson (1992), 72. Er habe ein eigenes Gesetz über Ciceros Rückberufung (zu salus in dieser politischen Bedeutung als „well-being as a citizen“ vgl. Kaster [2006], 429) promulgiert; zu diesem Vorgang s. o., § 4. amicitiae et rei publicae causa: Erneut setzt sich Cicero mit der Republik gleich, die gemeinsam mit ihm im Exil gewesen sei; bspw. s. u., § 36; s. o. in Kap. 4. Während P (mit B) das wenig sinnvolle speratim bietet, weisen G und E das inhaltlich unsinnige speciatim auf (in H fehlt der ganze Satz). Die Herausgeber setzen gewöhnlich die Konjektur separatim in den Text. In ε findet sich bereits separatam; in V sepatam. Allerdings bestehen Zweifel an der Richtigkeit dieser Lesart, da die Betonung auf separatim eine Fortführung des Gedankens als Gegensatz erwarten lässt – dass Messius also im Zuge seines Tribunats noch an anderen Gesetzesvorschlägen beteiligt gewesen wäre. Zwar kann von der Beteiligung des Messius an anderen Maßnahmen zur Rückberufung ausgegangen werden, doch ist eine weitere Urheberschaft an einem Gesetz nicht nachweisbar. Eine mögliche Konjektur wäre statim, wodurch die inhaltlichen Schwierigkeiten vermieden werden würden; s. u., § 22: M. autem Calidius statim designatus […] declaravit.; vgl. Ver. 2,5,178. initio: Ein sehr knapper Ausdruck, der Zweifel an der Vollständigkeit der Überlieferung weckt. An der vorliegenden Stelle muss tribunatus aus dem Kontext entnommen werden; vgl. Vat. 14; 27. Messius promulgierte das Gesetz zu Beginn seines Tribunats, also Ende 58 v. Chr.; vgl. Gelzer (1969), 145; Broughton

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(1952), 202; RE 15,1 (1931), 1243. Der Amtsantritt der Volkstribune fand am 10. Dezember statt; vgl. Liv. 39,52,4; Kunkel (1995), 566. Sein Antrag wurde von acht Tribunen, angeführt von Q. Fabricius, unterstützt. Am 23. Januar 57 v. Chr. sollte darüber abgestimmt werden, aber die Clodianer sprengten gewalttätig die Versammlung, wobei auch Ciceros Bruder Quintus verletzt wurde; s. o., § 6; s. u. im folgenden Satz. § 22: Q. Fabricius si, quae de me agere conatus est, ea contra vim et ferrum perficere potuisset, mense Ianuario nostrum statum reciperassemus; quem ad salutem meam voluntas impulit, vis retardavit, auctoritas vestra revocavit. Q. Fabricius: Als letztem Volkstribun des Jahres 57 v. Chr. wendet sich Cicero Q. Fabricius zu. Durch dessen Einsatz hätte Cicero bereits im Januar nach Rom zurückkehren können, wenn die Abstimmung über die Rückberufung (salus) nicht gewaltsam von den Clodianern verhindert worden wäre (contra vim et ferrum / vis retardavit). Das von Messius im Dezember 58 v. Chr. als Antragsteller promulgierte Gesetz wurde von acht Volkstribunen, angeführt von Q. Fabricius, unterstützt. Am 23. Januar 57 v. Chr. sollte es zur Abstimmung kommen, doch in der Nacht vor der Abstimmung besetzte Clodius mit bewaffneten Truppen aus Sklaven und den Gladiatoren seines Bruders das Forum. In gewalttätigen Auseinandersetzungen wurde die Versammlung aufgelöst, bevor eine Entscheidung gefällt werden konnte; vgl. Sest. 75 ff.: […] venit tandem concilio de me agendi dies, VIII Kal. Feb. Princeps rogationis, vir mihi amicissimus, Q. Fabricius, templum aliquanto ante lucem occupavit. […] Cum forum, comitium, curiam multa de nocte armatis hominibus ac servis plerisque [inimici] occupavissent, impetum faciunt in Fabricium, manus adferunt, occidunt non nullos, vulnerant multos.; Mil. 38. Hierbei wurden auch Q. Cicero und M. Cispius schwer verletzt. Einige Gladiatoren wurden durch Milo festgenommen, aber kurz darauf durch Atilius Serranus wieder freigelassen; vgl. Sest. 85; vgl. Gelzer (1969), 145; s. o. in Kap. 2.3.6; zu den Ereignissen am 23. Januar außerdem s. o., § 6. Schon die servatio des App. Claudius Pulcher, die eine Einberufung der Versammlung untersagt hatte, war von Fabricius ignoriert worden; vgl. de Libero (1992), 63. Zu Q. Fabricius vgl. zudem Q. fr. 1,4,3 in einer Aufzählung der Unterstützer. Über ihn ist sonst nichts weiter bekannt; vgl. RE 6,2 (1909), 1931; Nicholson (1992), 72 f. Ciceros Angaben zur Gewalt am Abstimmungstag sind übertrieben und sachlich falsch; beide Seiten brachten in der vorangehenden Nacht ihre Mannschaften auf das Forum, um die Abstimmung zu beeinflussen; vgl. Vanderbroeck (1987), 245; Kaster (2006), 286 zu Sest. 75. Nowak (1973), 129 ff., geht davon aus, dass die Gewalt sogar von Seiten der Unterstützer Ciceros ausging. nostrum statum: Cicero gibt an, dass er durch eine Rückberufung im Januar seine alte politische und gesellschaftliche Position (vgl. OLD, s. v. „status“:

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„station in life, rank, standing […] prestige“) aus der Zeit vor dem Exil zurückerhalten hätte. Tatsächlich aber war ihm sehr wohl bewusst, dass dies nicht automatisch mit seiner Rückkehr nach Rom verbunden war; s. o. in Kap. 4. Iam vero, praetores quo animo in me fuerint, vos existimare potuistis, cum L. Caecilius privatim me suis omnibus copiis studuerit sustentare, publice promulgarit de mea salute cum conlegis paene omnibus, direptoribus autem bonorum meorum in ius adeundi potestatem non fecerit. Es folgt nun in ähnlicher Form, aber auf deutlich kleinerem Raum, das Lob von sieben Prätoren des Jahres 57 v. Chr. Der einzige, der nicht genannt wird, ist App. Claudius Pulcher, der Cicero feindlich gesinnte Bruder des Clodius, der u. a. eine Anklage Milos de vi gegen Clodius verhinderte und mit einer servatio die Abstimmung am 23. Januar zu verhindern versuchte; s. o., §§ 5; 19; im vorangehenden Satz. L. Caecilius: Der Halbbruder P. Sullas, L. Caecilius Rufus, fungierte im Jahr 57 v. Chr. als praetor urbanus. Nach seinem Antrag auf Rückberufung Ciceros (salus), zu dem keine weiteren Fakten überliefert sind (vgl. RE 3,1 [1897], 1232), wurde er im Sommer von Clodianern angegriffen und sein Haus belagert; vgl. Nowak (1973), 131 f. Im Anschluss an seine Prätur fungierte er 56 v. Chr. als Prokonsul, wahrscheinlich in Sizilien. Im Jahr 54 v. Chr. unterstütze er die Klage de ambitu gegen Gabinius, stand im Bürgerkrieg auf der Seite des Pompeius, wurde von Caesar 49 v. Chr. in Corfinium aufgegriffen, aber wieder freigelassen. Schon als Volkstribun 63 v. Chr. unterstützte er den Konsul Cicero; vgl. Sull. 62 ff; Mil. 38; Q. fr. 3,3,2; Caes. civ. 1,23,2; RE 3,1 (1897), 1232; Broughton (1952), 210; Nicholson (1992), 64 f. Die Differenzierung zwischen privater (privatim) und offizieller (publice) Hilfe Ciceros ist vergleichbar mit der Darstellung des Sestius in § 20. Das Perfekt bei fuerint sowie studuerit … promulgarit … fecerit nach Nebentempus im übergeordneten Satz ist bei Cicero in vorangestellten indirekten Fragesätzen sowie in kausalen cum-Sätzen nicht unüblich; vgl. KSt 2, 189 ff. direptoribus … bonorum meorum: Cicero verweist hier auf die Zerstörung und Plünderung seiner Anwesen auf dem Palatin, in Tusculum und in Formiae durch Clodius und die Konsuln Piso und Gabinius direkt nach seiner Flucht aus Rom im März 58 v. Chr.; s. o., § 18: […] domus mea diripiebatur […]. Caecilius habe den direptores die Möglichkeit, vor Gericht zu gehen (vgl. ThLL, s. v. „adeo“ [618, 77 ff.]), nicht gegeben. Wogegen diese genau gerichtlich vorgehen wollten, kann nicht mehr festgestellt werden. M. autem Calidius statim designatus sententia sua, quam esset cara sibi mea salus, declaravit. M. … Calidius: Der letzte Prätor, dem ein ganzer Satz gewidmet ist, zeigte laut Cicero sofort nach seiner Wahl offen seine Sympathie für dessen Sache. Im Zu-

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sammenhang mit Ciceros Exil ist über sein Verhalten nur wenig bekannt. Neben der Unterstützung des Antrags auf Rückberufung scheint er im selben Jahr die Rede de domo Ciceronis gehalten zu haben. Er war einer der wichtigsten Redner seiner Zeit, setzte sich 52 v. Chr. für Milo ein und bewarb sich 51 und 50 v. Chr. erfolglos um das Konsulat. Kurz nachdem ihm 49 v. Chr. die Verwaltung der Provinz Gallia Cisalpina durch Caesar übertragen wurde, verstarb er; vgl. fam. 8,4,1; 8,9,5; Att. 5,19,3; 6,8,2; Brut. 274; Caes. civ 1,2,3; Quint. inst. 10,1,23; RE 3,1 (1897), 1353 f.; Nicholson (1992), 64. designatus: Die Wahlen zur Prätur fanden, ursprünglich gemeinsam mit den Konsulatswahlen, in den comitia centuriata statt. Seitdem es ab Mitte des dritten Jahrhunderts v. Chr. (vgl. Brennan [2000], 85) mehrere Prätoren pro Jahr gab, wurden diese an einem eigenen Termin gewählt, zunächst kurz nach den Wahlen der Konsuln, später erst, nachdem einige Zeit vergangen war; vgl. RE 4,1 (1900), 693. Seit Sulla wurden die Konsulatswahlen im Juli abgehalten; vgl. RE 4,1 (1900), 1115; s. o., § 8. Die von Peterson (1911) im Apparat vorgeschlagene Konjektur declararit empfiehlt sich nicht, da mit der Erwähnung des M. Calidius ein neuer Sinnabschnitt beginnt und der konjunktivische cum-Satz nicht weiter fortgesetzt wird. § 23: Omnia officia C. Septimi, Q. Valeri, P. Crassi, Sex. Quinctili, C. Cornuti summa et in me et in rem publicam constiterunt. Die letzten fünf Prätoren werden in diesem Satz in asyndetischer Aufzählung lediglich namentlich angeführt. Ihre nicht näher spezifizierten Hilfsleistungen für Cicero und den Staat seien allerdings sowohl höchst bedeutsam als auch fortdauernd und unablässig gewesen (constiterunt hier i. S. v. „permanere, idem manere“, möglicherweise auch i. S. v. „esse“; vgl. ThLL, s. v. [530, 38 ff.]; in Verbindung mit officia vgl. Quinct. 61; Planc. 24; Att. 11,12,2). Über die Prätoren ist sonst wenig bekannt: C. Septimius fungierte nach der Prätur (als homo novus) 56/5 v. Chr. als Proprätor in Asia; vgl. RE 2A,2 (1923), 1561; Goldmann (2012), 198. Q. Valerius Orca war bereits in jungen Jahren mit Cicero bekannt und diente 56 v. Chr. als Prokonsul in Africa. Im Bürgerkrieg stand er auf Caesars Seite, nahm 49 v. Chr. als Legat Sardinien für Caesar in Besitz und war 45 v. Chr. legatus pro praetore, also zuständig für Ackerzuweisungen an die Veteranen; vgl. Caes. civ. 1, 30 f.; fam. 13,6,1; 13,4,1 ff.; RE 8A,1 (1955), 172 f.; Goldmann (2012), 218. P. Licinius Crassus Dives war 59 v. Chr. als Quaesitor Leiter des Gerichts, das L. Vettius verurteilte; vgl. Att. 2,24,4; RE 13,1 (1926), 334. Sex. Quinctilius, möglicherweise mit dem Cognomen Varus, diente wahrscheinlich 56–54 oder 53 v. Chr. als Prokonsul in Hispania Ulterior; vgl. RE 24 (1963), 899; Goldmann (2012), 197 f. C. Caecilius Cornutus war 61 v. Chr. Volkstribun und im Jahr nach seiner Prätur Statthalter in Bithynien; vgl. Att. 1,14,6; möglicherweise Flacc. 89;

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RE 3,1 (1897), 1200; Goldmann (2012), 120 f. Zu allen Prätoren vgl. Broughton (1952), 200 f.; 210 ff.; Nicholson (1992), 65. Quae cum libenter commemoro, tum non invitus non nullorum in me nefarie commissa praetereo. libenter commemoro … praetereo: Cicero verbindet das Lob seiner Unterstützer mit einem Seitenhieb auf seine Gegner. Die allgemeine Formulierung bewirkt, dass sich jeder von ihnen angesprochen fühlen konnte. Dem Publikum war ohnehin bekannt, um wen es sich handelte. Es sind nicht nur die Konsuln Piso und Gabinius oder Clodius gemeint, sondern es ist auch an die Volkstribune und Prätoren des Jahres 57 v. Chr. zu denken, die sich nicht für ihn eingesetzt hatten, also Sex. Atilius Serranus (s. o., §§ 5; 19; 22; in der historischen Einführung), Q. Numerius Rufus (s. o., § 19; in der historischen Einführung) und App. Claudius Pulcher (s. o., §§ 5; 19; 22; in der historischen Einführung). Nicht der persönliche Kontext soll im Mittelpunkt stehen, sondern die politische Dimension. Daher verwendet Cicero die Amtsbezeichnungen und nicht die Namen; vgl. Steel (2007), 110; 112. Die allgemeine Ausdrucksweise erlaubt es Cicero zudem, niemanden persönlich anzugreifen, mögliche spätere politische Verbindungen nicht zu gefährden und die Beziehungen unversehrt wieder aufnehmen zu können; vgl. Spielvogel (1993), 87. Non est mei temporis iniurias meminisse, quas ego etiam si ulcisci possem, tamen oblivisci mallem: non est mei temporis: Ein genitivus proprietatis. Wie schon zuvor gibt sich Cicero sachorientiert und staatsmännisch: Es sei der gegenwärtigen Situation nicht angemessen, die Taten der Gegner tadelnd anzuführen, stattdessen übergehe Cicero sie gerne. Diese Zeit sei eine des Danks und keine der böswilligen Gefühle. In der Volksrede erläutert Cicero dagegen ausführlich, wie er seine Gegner bestrafen möchte; vgl. p. red. ad Quir. 21: […] malos civis rem publicam bene gerendo, perfidos amicos nihil credendo atque omnia cavendo, invidos virtuti et gloriae serviendo, mercatores provinciarum revocando domum atque ab iis provinciarum ratione repetenda. Vor dem Senat war eine solche Drohgebärde offenbar nicht angemessen. Im weiteren Verlauf dieser Rede kommt Cicero aber auch darauf zu sprechen, dass es ebenso wenig der rechte Zeitpunkt dafür sei, allen Wohltätern namentlich zu danken; s. u., § 30: huius temporis ac timoris mei non est; auch Cluent. 139. Alio transferenda mea tota vita est, ut bene de me meritis referam gratiam, amicitias igni perspectas tuear, cum apertis hostibus bellum geram, timidis amicis ignoscam, proditores non indicem, dolorem profectionis meae reditus dignitate consoler.

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alio transferenda: Cicero müsse sein Leben auf ein anderes Ziel als auf kleinliches Aufzählen des ihm widerfahrenen Unrechts ausrichten. Stattdessen wolle er klare Verhältnisse im Umgang mit verschiedenen Personengruppen, Gegnern wie Unterstützern, schaffen; zu dieser Aufzählung s. u., § 33: […] me a magistratibus partim oppugnatum, partim proditum, partim derelictum […] Das alio des Hauptsatzes wird durch das ut expliziert; zu explikativen ut-Sätzen, üblicherweise nach Demonstrativ- oder Relativpronomen, vgl. LHS 645. Zu dieser Stelle vgl. ThLL, s. v. „alio“ (1590, 11 f.): ad aliud propositum; in ähnlicher Bedeutung vgl. u. a. dom. 10; Cael. 74. bene de me meritis: Seinen Wohltätern möchte Cicero danken. Dazu zählen die zuvor genannten Volkstribune und Prätoren der Jahre 58 und 57 v. Chr., die Konsuln Lentulus und Metellus sowie Pompeius, sein Schwiegersohn C. Piso und sein Bruder Quintus. amicitias igni perspectas: Cicero will die Freundschaften, die die Feuerprobe bestanden, d. h. die Zeit seines Exils unbeschadet überstanden hätten, bewahren. Wahrscheinlich sind dieselben Personen gemeint, die auch bereits bei bene de me meritis angesprochen wurden, mit Ausnahme von Pompeius und Metellus, deren Einstellung zu Cicero und dessen Exil schwankend war. Zur lateinischen Wendung igni perspicere/spectare i. S. v. „die Feuerprobe bestehen“ vgl. Otto (1890), 170; off. 2,38; fam. 9,16,2. Der Satzteil amicitias … tuear fehlt in G, E und H wegen eines Fehlers oder einer Auslassung in einer gemeinsamen Vorlage, wird aber von P und der E 2 -Gruppe überliefert. perspectu und tuen in P weisen zudem auf Übertragungsfehler oder eine unleserliche Stelle im Archetyp der Paris-Familie hin, während in einer Vorlage der E 2 -Gruppe anstelle des igni das falsche digne vorlag, das von E 2 und den recentiores übernommen wurde. apertis hostibus: Mit seinen erklärten Feinden (und damit denen der Republik; s. o., § 11; zu apertus in dieser Bedeutung in Bezug auf Personen vgl. u. a. Sest. 35; dom. 29) möchte Cicero Krieg führen. Primär fallen unter diese Kategorie Clodius und seine Banden sowie die Konsuln Piso und Gabinius, aber auch die feindlich gesinnten Tribune und Prätoren; s. o. im vorangehenden Satz. Zu apertis hostibus vgl. Sest. 35; zum metaphorischen bellum gerere im Zusammenhang mit Ciceros Exil vgl. Sest. 4. timidis amicis: Cicero habe es sich zum Ziel gesetzt, den zögerlichen Freunden zu verzeihen. Hier liegen erneut Überschneidungen zu vorher genannten Personengruppen vor, denn es sind wahrscheinlich Pompeius, Caesar, Metellus und möglicherweise Gabinius gemeint, die erst im Lauf des Jahres 58 bzw. 57 v. Chr. auf Cicero Seite gewechselt waren. Auch zählen hierzu diejenigen Beamten, die sich aus Angst um ihr Leben von Ciceros Seite zurückgezogen hatten; s. o., § 7: Qua strage non nulli permoti magistratus partim metu mortis, partim desperatione rei publicae paululum a mea causa recesserunt […].

§§ 19–23: Lob der Volkstribune und Prätoren des Jahres 57 v. Chr.

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proditores: Zu dieser Bezeichnung für Verräter des republikanischen Gedankens vgl. Opelt (1965), 134 f. Cicero will, im Einklang mit dem vorangehenden Satz, in dem er darlegt, das ihm widerfahrene Unrecht vergessen zu wollen, die Verräter nicht öffentlich machen, sondern sie ihrem eigenen Gewissen überlassen; vgl. Shackleton Bailey (1979), 262. An dieser Stelle bieten die älteren sowie fast alle jüngeren Kodizes geschlossen non indicem, dem sich Maslowski (1981), Kayser (1861), Halm (1856), Courtney (1960) und Shackleton Bailey (1979) anschließen. Lediglich in wenigen jüngeren Handschriften findet sich indicem, das Peterson (1911) und Mack (1937) befürworten, wohl weil ihnen die Negation dem Inhalt dieses Satzes zu widersprechen schien; bei einem cum apertis hostibus bellum geram könnte ein proditores non indicem auf den ersten Blick nicht folgerichtig wirken. Ernesti (1737), Wolf (1801) und Orelli (1826) schließen sich G an und schreiben: […] proditoribus meis non indicem dolorem profectionis meae: defensores reditus dignitate consoler. Mueller (1908) konjiziert convincam, Madvig (1873) übernimmt vindicem aus einer jüngeren Handschrift, dem sich Klotz (1919) anschließt. Courtney und Shackleton Bailey sprechen sich gegen die letztgenannte Konjektur mit dem Argument aus, dass die Konstruktion vindicare aliquem unklassisch sei. Die proditores können – wenn man Shackleton Baileys Erklärung akzeptiert und die Überlieferung nicht fehlerhaft ist – nicht Piso und Gabinius sein, auch wenn sie in § 10 und § 32 so bezeichnet werden; vgl. u. a. Vat. 18; 25; Sest. 17; 55. Cicero kann nach der ausgedehnten Invektive wohl kaum davon sprechen, sie nicht öffentlich machen zu wollen. Vermutlich bezieht er sich auf Hortensius, Q. Arrius und andere nobiles, die ihm in seinen Augen den Aufstieg als homo novus von Anfang an geneidet hatten, was letztlich in seiner Exilierung resultierte. Hortensius hatte im Prozess für Flaccus Ciceros Einsatz gegen die Catilinarischen Verschwörer gelobt und beide hatten ihm Anfang 58 v. Chr. zur Flucht aus Rom geraten; nach drei Tagen werde er ruhmreich zurückkehren können. Ob es ihnen überhaupt möglich war, eine schnelle Rückberufung zu initiieren, war Cicero gleich; er sah sich von ihnen verraten; vgl. Spielvogel (1993), 69 f.; Courtney (1960), 96; Shackleton Bailey (1979), 262; p. red. ad Quir. 21: Denique, Quirites, quoniam me quattuor omnino hominum genera violarunt […] alterum, qui per simulationem amicitiae nefarie me prodiderunt […]. dolorem profectionis meae: Zuletzt möchte Cicero den Schmerz seines Exils durch die Größe seiner Rückkehr lindern. Bei profectio liegt eine weitere Umschreibung der Exilierung vor, so in dieser Rede auch discessus (§§ 3; 19) und calamitas (§§ 20; 24; 36); s. o. in Kap. 4. Zu profectio als Bezeichnung für Ciceros Exil vgl. p. red. ad Quir. 1; zudem Mil. 52 für Milos Exil. Zu dignitas in Bezug auf Dinge oder Abstrakta, obwohl sie eigentlich den Personen zugehörig ist, vgl. ThLL, s. v. (1134, 69 ff.); bspw. Scaur. 1; Mil. 17; Mur. 15; zu dignitas „de rei incorporeae gravitate“ vgl. ThLL, s. v. (1137, 21 ff.).

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B Kommentarteil

§§ 24–31: Lob weiterer Unterstützer (v. a. des Pompeius) / Ablauf der Rückberufung (insb. im Juli und August des Jahres 57 v. Chr.) § 24: Quod si mihi nullum aliud esset officium in omni vita reliquum nisi, ut erga duces ipsos et principes atque auctores salutis meae satis gratus iudicarer, tamen exiguum reliquae vitae tempus non modo ad referendam, verum etiam ad commemorandam gratiam mihi relictum putarem. In §§ 24–31 wendet sich Cicero weiteren wichtigen Unterstützern während des Exils zu und kommt ausführlich auf die Umstände seiner Rückberufung zu sprechen, die in der Volksversammlung vom 4. August 57 v. Chr. kulminierten. Manche Unterstützer wie Lentulus, Milo oder Sestius werden zum wiederholten Mal erwähnt, andere treten erst hier in Erscheinung. Die ersten Sätze dieses Abschnittes weisen deutliche Parallelen zum Beginn der Rede auf. Cicero betont hier erneut in hyperbolischer Form, dass er es nicht für möglich halte, auch nur (zu ipse in abgrenzender Bedeutung als „er und kein anderer“ vgl. LHS 189) seinen wichtigsten Unterstützern ausreichenden Dank abzustatten, selbst wenn er sein ganzes Leben von nun an dieser Aufgabe unterordnen würde. Nicht nur sei seine restliche Lebenszeit zu kurz, um seinen Dank zu bekunden, sondern sogar, um ihn den Wohltätern gegenüber gebührend in Worte zu fassen. Dieser Topos findet sich bereits in § 1 und § 19 sowie später in der Rede in § 29 und § 30. duces … principes … auctores: In einer dreigliedrigen Aufzählung werden verschiedene Bezeichnungen für die Initiatoren für die Beendigung von Ciceros Exil (salus) angeführt. Zu ähnlichen Synonymenhäufungen vgl. Ver. 2,1,85; Flacc. 5; 96; Sest. 139. Zu dux i. S. v. auctor vgl. ThLL, s. v. (2317, 49 ff.); zu princeps i. S. v. auctor vgl. ThLL, s. v. (1278, 49 ff.; diese Stelle ist dort allerdings nicht rubriziert). Schon in § 9 wurde Metellus als in restituendo auctor, dort aber im Sinne eines Unterstützers der Rückberufung, bezeichnet. Der Wechsel der Konjunktion im Polysyndeton (et … atque) ist bei Cicero gewöhnlich und dient zumeist der Gliederung der einzelnen Teile der Aufzählung, aber oft auch dem Wohlklang des Satzes; vgl. KSt 2, 30 f. Quando enim ego huic homini ac liberis eius, quando omnes mei gratiam referent? Quae memoria, quae vis ingeni, quae magnitudo observantiae tot tantisque beneficiis respondere poterit? huic homini: Es ist – wie aus dem Folgenden hervorgeht – von Lentulus die Rede, auf den Cicero vermutlich in personam zeigte. Zur deiktischen Funktion der Demonstrativpronomen im Lateinischen vgl. LHS 179 f. liberis eius: Lediglich ein Sohn des Lentulus ist bekannt, ebenfalls P. Cornelius Lentulus Spinther. Eine direkte Verbindung mit Ciceros Exil ist nicht

§§ 24–31: Lob weiterer Unterstützer / Ablauf der Rückberufung

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nachweisbar; in späterer Zeit stand er allerdings in Kontakt mit diesem; vgl. RE 4,1 (1900), 1398 f.; 1359 f. Cicero überträgt die Verpflichtung zum Dank in die Zukunft, daher auch omnes mei. memoria … vis ingeni … magnitudo observantiae: Die Hilfsleistungen des Lentulus seien so umfangreich gewesen, dass keine Form der Erinnerung (memoria) ihnen angemessen sein, kein ingenium sie aufnehmen oder in gebührenden Worten vergelten und keine Ehrerbietung (observantia; zur Wortbedeutung vgl. inv. 2,66; in diesem Sinn vgl. u. a. Quinct. 69; Att. 13,11,1) ihnen gerecht werden könne; zu einer ähnlichen Aufzählung s. o., § 1: Quae tanta enim potest exsistere ubertas ingeni, quae tanta dicendi copia, quod tam divinum atque incredibile genus orationis, quo quisquam possit vestra in nos universa promerita non dicam complecti orando, sed percensere numerando? Qui mihi primus adflicto et iacenti consularem fidem dextramque porrexit, qui me a morte ad vitam, a desperatione ad spem, ab exitio ad salutem vocavit, qui tanto amore in me, studio in rem publicam fuit, ut excogitaret, quem ad modum calamitatem meam non modo levaret, sed etiam honestaret. In einer dreigliedrigen anaphorischen (qui … qui … qui) Aufzählung werden in allgemein gehaltenen Formulierungen die Verdienste des Lentulus angeführt. Die Metapher des durch die Grausamkeiten der Gegner verletzten und zusammengebrochenen Cicero wird wieder aufgegriffen (s. o., §§ 9; 17) und erweitert: Lentulus habe ihm, der am Boden lag, seine Hand gereicht und ihn dadurch ins Leben zurückgerufen. Das Bild wird mit einem Abstraktum (fidem) vermischt. dextram ist nicht wörtlich zu verstehen, sondern bezeichnet die Treue bzw. den treuen Einsatz des Konsuls zu Cicero; vgl. ThLL, s. v. „dext(e)ra“ (diese Stelle dort aber nicht rubriziert): „i.q. fides, foedus“. Zur Bezeichnung des Lentulus als ersten Mannes bei Ciceros Rückberufung s. o., § 8: Princeps P. Lentulus […]. Zur Rückkehr aus dem Exil als Rückkehr ins Leben s. u., § 27: […] ille dies, quem P. Lentulus mihi […] natalem constituit […]. Die recentiores ε, V (und G 2 , hier mit Sicherheit konjiziert) weisen anstelle des Simplex vocavit ein revocavit auf, dem Ernesti (1737), Wolf (1801) und Orelli (1826) folgen; da E 2 sich ihnen nicht anschließt, ist eine Konjektur wahrscheinlich; in § 22 muss ad salutem revocare stehen: […] quem ad salutem meam voluntas impulit, vis retardavit, auctoritas vestra revocavit.; zu ad salutem vocare vgl. har. resp. 3: […] ad meam salutem […] vocarentur […]; de orat. 2,35. Das richtige qui tanto findet sich nur in der E 2 -Gruppe. Im Archetyp der Paris-Familie war offenbar die Überlieferung getrübt: P bietet qui ante (von P 2 korrigiert); G, E und H quanto. in me […] in rem publicam: Wieder setzt sich Cicero mit der Republik gleich, die gemeinsam mit ihm aus dem Exil zurückgekehrt sei; s. u., § 36.

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levaret … honestaret: Es vollzieht sich hier der Übergang zum Ruhmesgedanken, der im Folgenden dominiert. Lentulus habe durch seinen Einsatz Ciceros Exil (calamitas; zu dieser Umschreibung s. o., § 20 und in Kap. 4) mit Ruhm versehen; vgl. ThLL, s. v. (2901), 1 ff. Durch den Senatsbeschluss, dass alle Bürger Italiens sich in Rom zur Abstimmung über die Rückberufung einfinden sollten, der auf Antrag des Lentulus gefasst wurde, habe nicht nur der Konsul, nicht nur der Senat, nicht nur verschiedene Beamte, sondern ein ganzes Volk seine Unterstützung für Cicero gezeigt. Nichts könne großartiger sein als dies, es sei sogar wünschenswerter als ein gefahrloses Leben. Zu einem ähnlichen Gedanken vgl. dom. 86: Nam etsi optabilius est cursum vitae conficere sine dolore et sine iniuria, tamen ad immortalitatem gloriae plus adfert desideratum esse a suis civibus quam omnino numquam esse violatum; p. red. ad Quir. 2. Zur Unsterblichkeit des Ruhms, die Cicero durch seine Rückberufung erlangt habe, s. o., § 3. Quid enim magnificentius, quid praeclarius mihi accidere potuit quam, quod illo referente vos decrevistis, ut cuncti ex omni Italia, qui rem publicam salvam vellent, ad me unum, hominem fractum et prope dissipatum, restituendum et defendendum venirent? Nichts Großartigeres als eine Rückberufung aus dem Exil durch ganz Italien habe Cicero widerfahren können. Die Verbindung der Synonyme magnificus und praeclarus findet sich u. a. auch in fam. 9,14,3; Ver. 2,4,69; Planc. 66. Cicero zitiert hier wohl aus dem Senatsbeschluss (s. u.: eadem voce), der die Bürger Italiens zur Versammlung nach Rom rief. Somit wurde Ciceros Wohlergehen in dem Beschluss mit demjenigen der Republik gleichgesetzt und es erklärt sich die häufige Betonung der Gleichsetzung in den Reden nach dem Exil; vgl. dom. 73; 99. illo referente: Ebenso wie huic homini zu Beginn des Absatzes auf Lentulus zu beziehen. Die Verwendung des Demonstrativums an beiden Stellen könnte in deiktischer Funktion darauf hindeuten, dass sich dieser zum Zeitpunkt der Rede im Senat aufhielt. Er reiste erst im Dezember in seine Provinz Cilicia ab; vgl. Goldmann (2012), 79. In der Paris-Familie ist die Überlieferung getrübt: P bietet rente, G, E und H petente, B und Σ suffragium ferente. Das richtige referente findet sich nur in den recentiores ε, V und F. Die Herausgeber nach Orelli (1826) nehmen es zu Recht in den Text auf, da sich in dieser Lesart am ehesten die Buchstabenfolge aus P zeigt, sodass man nur den Ausfall weniger Buchstaben im Archetyp der Paris-Familie annehmen muss. vos decrevistis: Die Beteiligung des Senats an der Rückberufung Ciceros erklärt sich dadurch, dass nicht die Gesetze des Clodius aufgehoben wurden, sondern vielmehr Cicero als Einzelperson von ihnen ausgenommen wurde. Zu diesem Zweck waren gemäß der lex Cornelia ne quis nisi per populum legibus

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solveretur zwei Schritte notwendig: Zunächst musste der Senat mit mindestens 200 Teilnehmern dafür stimmen, die Angelegenheit an das Volk zu übergeben, anschließend musste in den comitia die Entscheidung getroffen werden; vgl. Asc. 58 f.: Tum Cornelius ita ferre rursus coepit ne quis in senatu legibus solveretur nisi CC adfuissent, neve quis, cum solutus esset, intercederet, cum de ea re ad populum ferretur; vgl. Ryan (1998), 32 f. fractum et prope dissipatum: Erneut die Verletzungsmetapher (hierzu s. o. im vorangehenden Satz; § 9; § 17); hier ergänzt durch eine Anspielung auf die geplünderten und zerstörten Güter Ciceros; vgl. ThLL, s. v. „dissipo“ (1491, 74 f./ 1493, 14 f.); s. o., § 18. Ut, qua voce ter omnino post Romam conditam consul usus esset pro universa re publica apud eos solum, qui eius vocem exaudire possent, eadem voce senatus omnis ex omnibus agris atque oppidis civis totamque Italiam ad unius salutem defendendam excitaret. qua voce … eadem voce: Cicero unterstreicht die Bedeutung des Senatsbeschlusses durch einen historischen Vergleich im vorangestellten Relativsatz, in dem das Bezugswort voce wiederholt wird; vgl. KSt 2, 283. Sein Fall sei allerdings noch bedeutender als die früheren, da erstens nicht ein Konsul, sondern der ganze Senat die Worte verwendete, zweitens die Aufforderung an alle Bürger Italiens und nicht nur die Anwesenden gerichtet war und drittens die Verteidigung einer Einzelperson als Weg zur Rettung der Republik betrachtet wurde. voce muss als „Aussage/Äußerung“ übersetzt werden; vgl. OLD, s. v. (7): „A spoken utterance“. Somit zeigt sich hier, dass Cicero im vorangehenden Satz den Senatsbeschluss wohl zitierte. ter omnino post Romam conditam: Nur die E 2 -Gruppe bietet das richtige ter omnino. Es dürfte sich um eine genuine Tradition handeln, die auf einen zweiten Archetyp zurückzuführen ist, zumal der Ausdruck in E zunächst ausgelassen wurde. P und G weisen nach dem Archetyp der Paris-Familie teromanino auf, H das möglicherweise konjizierte te romule. Von zwei anderen Gelegenheiten, an denen ein Konsul diese Worte verwendet haben soll, berichtet Cicero selbst an anderer Stelle. Die dritte kann nicht mehr sicher bestimmt werden: 1. C. Marius und L. Valerius Flaccus während der Unruhen des Saturninus (100 v. Chr.); vgl. Rab. perd. 20. 2. C. Calpurnius Piso beim Versuch, ein Gesetz über illegale Amtsbewerbungen einzubringen (67 v. Chr.); vgl. fr. 20 (Schoell) der Rede für Cornelius; vgl. Fuhrmann, 5 (42013), 481. In P findet sich hier das verschriebene visus est et; in G, E und H das korrekte usus esset des Archetyps (zu dem schon in P 2 korrigiert wurde; in G verschrieben zu unus esset). Die recentiores ε, V und F bieten visus esset. Diese Stelle könnte als Bindefehler von P mit den jüngeren Handschriften darauf hindeuten, dass eine Vorlage Zugriff auf P selbst hatte; s. o. in Kap. 7; s. u., § 32: templorum.

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B Kommentarteil

Die Paris-Familie weist geschlossen das vermutlich durch einen Augensprung verursachte omnibus auf. omnis ex omnibus findet sich erst in den recentiores ε, V und F, denen die Herausgeber nach Orelli (1826) folgen. § 25: Quid ego gloriosius meis posteris potui relinquere quam hoc senatum iudicasse, qui civis me non defendisset, eum rem publicam salvam noluisse? Cicero verdreht den Inhalt des Senatsbeschlusses, den er in den vorangehenden Sätzen wiedergegeben hatte, und bettet das wiederholte Zitat falsch ein: Da alle, die die Republik erhalten wollen, sich zur Abstimmung über Ciceros Rückberufung in Rom einfinden sollten, seien diejenigen, die ihn nicht verteidigt hätten, Staatsfeinde. Dieser Beschluss sei das Ruhmvollste, das er seinen Nachfahren hinterlassen könne; s. o., § 24: magnificentius … praeclarius. Zum Gedanken der Unsterblichkeit des Ruhms durch die Rückberufung s. o., § 3. Itaque tantum vestra auctoritas, tantum eximia consulis dignitas valuit, ut dedecus et flagitium se committere putaret, si qui non veniret. Während P und G hier diutas bieten, findet sich in H, E und den recentiores ε und V das richtige dignitas. Wahrscheinlich wies schon der Archetyp der ParisFamilie die Abbreviatur diutas auf, die in E und H korrekt aufgelöst wurde. dedecus et flagitium: Die auctoritas des Senats und die dignitas des Konsuls Lentulus hätten so viel Einfluss gehabt, dass es nicht nur als Schandtat erschienen sei, gegen eine Rückberufung zu stimmen, sondern auch gar nicht erst zur Abstimmung zu erscheinen. Zur auctoritas s. o., § 8. Zur dignitas s. o., § 1. Zum Hendiadyoin dedecus et flagitium („schändliches Vergehen“) vgl. Mur. 12; off. 3,86; Tusc. 2,14. Nur die E 2 -Familie bietet dedecus et (in E 2 nur dedecus). Es bildet sich noch im verschriebenen deus des Archetyps der Paris-Familie ab (so P und B; in G und E reus, in H die Konjektur omnis). Es wird von den Herausgebern zu Recht gewöhnlich in den Text gesetzt, so bereits Ernesti (1737), mit Ausnahme von Wolf (1801), der omne is flagitium konjiziert. Idemque consul, cum illa incredibilis multitudo Romam et paene Italia ipsa venisset, vos frequentissimos in Capitolium convocavit. vos … convocavit: Nachdem Lentulus bewirkt hatte, dass sich praktisch (zu paene zur Einschränkung einer Hyperbel in dieser Bedeutung vgl. OLD, s. v. [2]) ganz Italien in Rom zur Abstimmung über Ciceros Rückberufung versammelte, wird hier und im Folgenden eine weitere Tat des Konsuls angeführt: die von ihm einberufene Senatssitzung Anfang Juli 57 v. Chr. im Jupitertempel, die nach Vortrag des Antrags durch Pompeius (s. u., § 31) in dem Beschluss mündete, die Frage über Ciceros Rückberufung an die Zenturiatskomitien zur Abstimmung zu geben; s. o. in Kap. 2.3.4; vgl. Mitchell (1991), 156. Dagegen sprechen sich Taylor/Scott (1969), 582, dafür aus, dass es in der Sitzung im Jupitertempel zu kei-

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nem senatus consultum kam, sondern erst am folgenden Tag in der curia; ähnlich auch Ryan (1998), 32. frequentissimos: Bei der Sitzung im Juli 57 v. Chr. waren 417 Senatoren anwesend; s. u., § 26. Die Verwendung des Superlativs frequentissimus in Bezug auf Senatssitzungen weist nicht notwendigerweise auf eine höhere Zahl an Teilnehmern als bei einem frequens senatus hin, sondern vielmehr auf einen Bedeutungsunterschied: Bei einem frequens senatus handelt es sich vorrangig um eine beschlussfähige Menge an Senatoren, bei frequentissimus liegt dagegen der umgangssprachliche Ausdruck für eine hohe Teilnehmerzahl, unabhängig vom erforderlichen Quorum, vor; vgl. Ryan (1998), 36–41; Thompson (1978), 19; Balsdon (1957), 19 f. Seit Sulla lag die Zahl der Senatoren bei 600, bis Caesar sie auf 900 erhöhte; vgl. RE S6 (1935), 686; 760. Wie viele Senatoren tatsächlich an der Tagespolitik und den Sitzungen teilnahmen, ist jedoch unklar. Ihre Zahl schwankte stark; vgl. Thompson (1978), 18 ff. Aus der nach-sullanischen Zeit sind für drei weitere Senatssitzungen die Teilnehmerzahlen bekannt: im Dezember 57 v. Chr. ungefähr 200 (frequentes; vgl. Q. fr. 2,1,1), im Februar 61 v. Chr. ungefähr 415 (frequenti senatu; vgl. Att. 1,14,5) und im Jahr 50 v. Chr. 392 (vgl. App. civ. 2,30). Zu frequentissimus in diesem Zusammenhang vgl. p. red. ad Quir. 15: […] frequentissimus senatus uno dissentiente, nullo intercedente dignitatem meam […] ornavit […]. in Capitolium: Die Senatssitzung fand im Jupitertempel auf dem Kapitol statt; vgl. dom. 14: Cum de mea dignitate in templo Iovis Optimi Maximi senatus frequentissimus uno isto dissentiente decrevisset […]; Sest. 129; prov. cons. 22. Dort versammelte man sich regelmäßig zur ersten Sitzung nach Amtsantritt der neuen Konsuln (s. o., § 1: in hac omnium terrarum arce) sowie zur Beratung über Kriegsfragen, selten aus anderen Gründen, wenn der Eindruck eines besonderen Ereignisses vermittelt werden sollte. Es könnte eine Rolle gespielt haben, dass Lentulus einen dramatischen Effekt erzielen, die überwältigende sententia des Senats in Anwesenheit von Jupiter feierlicher gestalten und genug Platz für die zu erwartende Menge an Interessierten schaffen wollte; vgl. Weigel (1986), 338; 340. Eventuell wurden im Jupitertempel auch religiöse Probleme diskutiert, sodass die Frage um die Rückerstattung von Ciceros Haus, das Clodius der Libertas geweiht hatte, den Grund für den Treffpunkt darstellen würde; vgl. Taylor/Scott (1969), 560. Außerdem könnte die Symbolik entscheidend gewesen sein: 63 v. Chr. war im Concordia-Tempel auf dem Kapitol die Senatssitzung über die Hinrichtung der Catilinarischen Verschwörer abgehalten worden und Cicero hatte am Tag seiner Flucht der Minerva auf dem Kapitol ein Bild geweiht; s. o., § 12; zum Aufbau und zur Nutzung des Jupitertempels bei Senatssitzungen vgl. Taylor/Scott (1969), 559–568; zum Jupitertempel vgl. Platner (1929), s. v. „Iuppiter Optimus Maximus Capitolinus“; Claridge (1998), 237 f.

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Quo tempore, quantam vim naturae bonitas haberet et vera nobilitas, intellegere potuistis. Mit diesem Satz wendet sich Cicero den Leistungen des Metellus um seine Rückberufung zu, gleichsam als eine lange ‚Fußnote‘ bis adscriptor dignitatis meae (§ 26). Zu nobilitas als ‚Edelmut‘ o. Ä. vgl. OLD, s. v. (4). Nam Q. Metellus, et inimicus et frater inimici, perspecta vestra voluntate omnia privata odia deposuit: quem P. Servilius, vir cum clarissimus tum vero optimus mihique amicissimus, et auctoritatis et orationis suae divina quadam gravitate ad sui generis communisque sanguinis facta virtutesque revocavit, ut haberet in consilio et fratrem [ab inferis], socium rerum mearum, et omnis Metellos, praestantissimos civis, paene ex Acheronte excitatos, in quibus Numidicum illum Metellum, cuius quondam de patria discessus honestus omnibus bonis, luctuosus tamen visus est. Q. Metellus: Cicero kommt hier nach kurzen Erwähnungen in § 5 und § 9 erstmals ausführlich auf den Konsul Metellus zu sprechen. Dieser hatte sich nach längerem Widerstand trotz einer Unterstützungszusage am 1. Januar erst bei der Senatssitzung im Juli öffentlich für die Rückberufung eingesetzt. In der ersten Jahreshälfte 57 v. Chr. hatte er die Bemühungen um eine Beendigung des Exils noch offen zu behindern versucht, so blockierte er bspw. die Anklage Milos de vi gegen Clodius; s. o., § 19 sowie in der historischen Einführung. inimicus: Metellus und Cicero waren im Zuge von dessen Konsulat in eine langwierige Auseinandersetzung wegen der Hinrichtung der Catilinarier geraten, die Metellus aus ähnlichen Gründen wie später Clodius als unrechtmäßig ansah: Eine Hinrichtung ohne Zustimmung des Volkes sei illegal. Er hinderte Cicero durch seinen Einspruch daran, die übliche Rede am letzten Tag seines Konsulats zu halten. Am 1. Januar 62 v. Chr. sprach Cicero dann gegen Metellus im Senat, zwei Tage später folgte die Antwortrede des Metellus in der Volksversammlung. Cicero reagierte darauf mit der Rede contra contionem Q. Metelli; vgl. Crawford (1980), 95 f. Eine Anklage gegen Cicero konnte Metellus allerdings nicht durchsetzen; vgl. Gelzer (1969), 103 ff.; Goldmann (2012), 122 f. frater inimici: Metellus war der Halbbruder oder Cousin des Clodius; zu dieser Frage vgl. Tatum (1999), 34 ff.; Nisbet (1939), 72 f. zu dom. 7. Zu frater i. S. v. „Cousin“ vgl. ThLL, s. v. (1254, 83 ff.). Die Verwandtschaft der beiden dürfte Ciceros Sorge um die Einstellung des Metellus zu seiner Exilierung noch verstärkt haben; vgl. dom. 7; 70. perspecta vestra voluntate: Cicero deutet an, dass Metellus der veränderten politischen Stimmung folgen musste: Alle führenden Männer und der Senat setzten sich mittlerweile für eine Rückberufung ein, sodass eine cicerofeindliche Politik keine Erfolgsaussichten mehr hatte. Es lag daher wohl kein Gesin-

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nungswechsel bei Metellus vor; er beugte sich lediglich dem Druck der Mehrheit; s. o. in Kap. 2.3.4. omnia privata odia deposuit: vgl. p. red. ad Quir. 15: […] primo non adversante, post etiam adiuvante […]; prov. cons. 22; Sest. 130; vgl. auch das Schema bei Cispius in § 21. P. Servilius: Der Konsular P. Servilius Vatia Isauricus (ca. 134–44 v. Chr.) hatte 90 v. Chr. als Prätor fungiert, stand anschließend gegen Marius auf Sullas Seite und wurde von diesem für 79 v. Chr. zum Konsul ernannt. Im Jahr 63 v. Chr. war er als Pontifex einer der ersten, die sich für die Hinrichtung der Catilinarischen Verschwörer und 57 v. Chr. für Ciceros Rückberufung aussprachen (mihique amicissimus) und wandte sich nach Beendigung von Ciceros Exil gegen Piso und Gabinius sowie Clodius. 55/54 v. Chr. amtierte er als Zensor; vgl. RE 2A,2 (1923), 1812 ff. Cicero lobt Servilius stärker als Metellus und referiert hier aus dessen Redebeitrag, mit dem er Metellus dazu bewegen konnte, einer Rückberufung zuzustimmen (zu gravitate in Bezug auf eine Rede vgl. ThLL, s. v. [2308, 58 ff.]): Er erinnerte ihn an seine Vorfahren und Verwandten (praestantissimos cives, weil es sich bei den Metelli um den bedeutendsten Zweig der Caecilii handelte; vgl. RE 3,1 [1897], 1174; revocare hier i. S. v. „to recall to mind, revive the memory of“; vgl. OLD, s. v.), die teilweise mit Cicero befreundet waren (fratrem), teilweise auch ins Exil gehen mussten (Numidicum); vgl. dazu Sest. 130: […] ut etiam Q. Metellus consul, qui mihi vel maxime ex magnis contentionibus rei publicae fuisset inimicus, de mea salute rettulerit: qui excitatus cum summa auctoritate P. Servili tum incredibili quadam gravitate dicendi, cum ille omnis prope ab inferis evocasset Metellos et ad illius generis, quod sibi cum eo commune esset, dignitatem propinqui sui mentem a Clodianis latrociniis reflexisset, cumque eum ad domestici exempli memoriam et ad Numidici illius Metelli casum vel gloriosum vel gravem convertisset, conlacrimavit vir egregius ac vere Metellus totumque se P. Servilio dicenti etiam tum tradidit, nec illam divinam gravitatem plenam antiquitatis diutius homo eiusdem sanguinis potuit sustinere et mecum absens beneficio suo rediit in gratiam. communisque sanguinis: Q. Caecilius Metellus Macedonicus (Konsul 143 v. Chr.) war der Großvater des Servilius und Urgroßvater des Metellus. Seine Tochter heiratete in das Geschlecht der Servilier ein; vgl. dom. 123; Ver. 2,3,211; zur Verwandtschaft zwischen Metellus und Servilius auch Sest. 130; s. u., § 37 (Servilii). fratrem … socium: Der Bruder des Metellus, Q. Caecilius Metellus Celer, führte als Prätor 63 v. Chr. eine Schlacht gegen die Catilinarischen Verschwörer an. Im Jahr 60 v. Chr. amtierte er als Konsul und starb kurz darauf; vgl. RE 3,1 (1897), 1208 ff. Lambinus (1565) athetiert ab inferis, das in der Tat in Verbindung mit ex Acheronte excitatos überflüssig wirkt. Es könnte sich um eine Glosse handeln

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oder aus § 26 in den Text geraten sein. Dort heißt es: […] qui sua lege coniuratos etiam ab inferis excitandos putarat. ab inferis evocare findet sich in diesem Zusammenhang allerdings in Sest. 130; zu ab inferis, fast ausschließlich in Verbindung mit excitare oder evocare, vgl. Ver. 2,1,94; 2,5,113; 2,5,129; Cat. 2,20; Cael. 33; Marc. 17; Font. 36; Mil. 79. Die meisten Herausgeber belassen es daher an seiner Stelle. Nur Mueller (1908) und Maslowski (1981) schließen sich Lambinus an, möglicherweise zu Recht, da die Apposition socium rerum mearum ansonsten unschön abgetrennt würde. paene ex Acherunte excitatos: Servilius beschwor die Vorfahren des Metellus durch seine Rede sozusagen von den Toten herauf (zu excitare in diesem Sinn vgl. ThLL, s. v. [1258, 52 ff.]). Der Acheron war einer der Flüsse der Unterwelt, über den die Seelen der Toten transportiert wurden oder den sie durchschwimmen mussten; er dient oft als pars pro toto für die Unterwelt. Erste Erwähnung in Hom. Od. X, 513; bei Cicero vgl. nat. deor. 3,43; Tusc. 1,10; 1,37; 1,48; RE 1,1 (1893), 218 f. Numidicum: Q. Caecilius Metellus Numidicus war 109 v. Chr. Konsul und 109–107 v. Chr. Heerführer im Krieg gegen Jugurtha. Aufgrund der militärischen Erfolge in Numidien erhielt er seinen Beinamen und 106 v. Chr. einen Triumph. Nach der Zensur 102 v. Chr. verweigerte er 100 v. Chr. dem Ackergesetz des Volkstribuns Saturninus die Zustimmung, wofür Verbannung als Strafe festgesetzt worden war. Er verließ daraufhin freiwillig Rom und ging ins Exil, kurz bevor ein Ächtungsbescheid gegen ihn erlassen wurde. Zurückkehren konnte er bereits im folgenden Jahr. Aus der Folgezeit sind keine öffentlichen Tätigkeiten mehr bekannt; vgl. RE 3,1 (1897), 1218 ff. Wegen der biographischen Parallelen wird er gern von Cicero als historisches exemplum herangezogen; dazu s. u., § 37. Die Stellung von illum legt die Betonung auf Numidicum; vgl. LHS 407 f. Zu ille in der Bedeutung „jener Berühmte“ vgl. KSt 1, 622. Metellum wird von Manutius (1554) als Glosse getilgt. Ihm folgen viele Editoren, zuletzt Peterson (1911). Eine Parallele dafür findet sich jedoch in Sest. 130: […] cum ille omnis prope ab inferis evocasset Metellos […] cumque eum ad domestici exempli memoriam et ad Numidici illius Metelli casum vel gloriosum vel gravem convertisset […]. Klotz (1919) und Maslowski (1981) belassen es daher zu Recht im Text. discessus: Cicero umschreibt das Exil des Numidicus ebenso wie sein eigenes; s. o., §§ 3; 19. Zu den Gründen für die Umschreibungen s. o. in Kap. 4. honestus … luctuosus tamen: Die Überlieferung ist geteilt: P honestis omnibus ne (P 2 in) luctuosus tandem; G honestis omnibus sane luctuosus tandem; E honestus omnibus sane luctuosus tandem; H honestis omnibus luctuosus tandem; E 2 εVF molestus omnibus ipsi ne luctuosus quidem. Möglicherweise weist diese Stelle bereits auf einen Fehler aus der Spätantike hin. Die Lesart der jüngeren

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Handschriften ist problematisch, da Servilius Metellus in seiner Rede darlegen will, wie schrecklich ein Exil sein kann, um Mitgefühl für Cicero zu erzeugen, dessen Schicksal in den Jahren 58 und 57 v. Chr. deutliche Parallelen aufwies. Für dieses Ziel wäre es kontraproduktiv zu behaupten, Numidicus habe sein Exil keineswegs als beklagenswert empfunden. Besser passt die Lesart der Paris-Familie, nämlich dass es auf alle so gewirkt habe, auch wenn es zugleich ehrenvoll erschien. Weder der Paris-Familie noch der E 2 -Gruppe kann aber in allen Punkten gefolgt werden: 1. Lediglich E weist die korrekte und inhaltlich sinnvolle Konjektur honestus auf, der sich Ernesti (1737), Mueller (1908) und Maslowski (1981) anschließen, während sich in den anderen Kodizes der ParisFamilie honestis findet. Dieser Fehler war wahrscheinlich bereits im Archetyp vorhanden und wurde unkorrigiert in P, G und H übernommen. Die E 2 -Gruppe bietet molestus, das die meisten Herausgeber, zuletzt Peterson (1911) und Klotz (1919), in den Text setzen, aber damit würde kein Gegensatz zu luctuosus hergestellt werden, worauf bereits Madvig (1873) und Courtney (1963) hinweisen. Madvigs Konjektur lautet honestissimus. Shackleton Bailey schlug laut Maslowski (1981) diesem persönlich eine Vertauschung der beiden Adjektive vor. Halm (1856) führt im kritischen Apparat, wohl wegen der Endung -is in P, G und H, honestus bonis omnibus als mögliche Konjektur an; vgl. hierzu Sest. 53: […] illo ipso die, qui mihi funestus fuit, omnibus bonis luctuosus […]. 2. Zudem findet sich nur in P ne; in G und E sane. In H wurde das Wort ausgelassen. Maslowski (1981) setzt sane in den Text. Die meisten Herausgeber, zuletzt Peterson (1911) und Klotz (1919; 1913, 487 f.), übernehmen dagegen ipsi ne aus der E 2 -Gruppe, wobei Halm zugleich im kritischen Apparat sed vorschlägt, dem Madvig (1873) und Mueller (1908) folgen. Unter Berufung auf die Parallele Sest. 53 könnte man sich dafür aussprechen, dass im sane bzw. ipsi ne noch die Reste eines ursprünglichen bonis hinter omnibus (gegen Halm) erkennbar sind. 3. Schließlich bietet die Paris-Familie tandem, die E 2 -Gruppe quidem, das erneut die meisten Herausgeber, zuletzt Peterson (1911) und Klotz (1919), in den Text setzen. Da sie zuvor ipsi ne schreiben, ist diese Lesart folgerichtig, aber entspricht nicht dem von Cicero intendierten Sinn. Erst Halm (1856) bringt im kritischen Apparat das wohl korrekte tamen (übernommen von Mueller [1908] und Maslowski [1981]) in die Diskussion, das aus dem tandem der Paris-Familie hergestellt werden kann. § 26: Itaque exstitit non modo salutis defensor, qui ante hoc suum beneficium fuerat inimicus, verum etiam adscriptor dignitatis meae. Zu defensor salutis in Bezug auf Ninnius s. o., § 3; zu Metellus als adscriptor der Rückberufung s. o., § 9; zur dignitas s. o., § 1. Die Paris-Familie bietet an Stelle des exstitit der E2-Gruppe geschlossen das unpassende dimittit. Die meisten Herausgeber, zuletzt Maslowski (1981), setzen

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exstitit in den Text. Eine Konjektur ist aufgrund des Alters von E 2 unwahrscheinlich, doch lässt sich nur schwer erklären, wie daraus das dimittit der Paris-Familie entstehen konnte. Möglicherweise ist der Textschaden größer, als es uns noch kenntlich ist. Die Vorschläge früherer Editoren können eine Vorstellung davon geben, was vielleicht ausgefallen ist. So bietet Peterson (1911) in seiner Ausgabe nach Mueller (1908) divinitus exstitit, das auf einen Augensprung (divitit) hinweist. Klotz (1919) schreibt idem extitit, das zusätzlich einen Buchstabendreher voraussetzt, Ernesti (1737) dagegen dimittitur. Sydow (1941) geht von einer Lacuna im Archetyp aus und ergänzt dimittit, da nach einer sehr ausführlichen Wiedergabe der Rede des Servilius eine Erwähnung ihres Eindrucks auf Metellus zu erwarten sei. Zudem könne so die Lesart von P erhalten werden; vgl. Caes. civ. 1,8,3: […] studium et iracundiam suam rei publicae dimittere […]. Die E 2 -Gruppe bietet das richtige salutis (als Konjektur auch in H), während die übrigen Kodizes der Paris-Familie salutem (in E salute) aufweisen. Dies deutet auf einen Fehler in deren Archetyp hin. Ein ähnlicher Fall liegt bei fuerat vor: Es findet sich in der E 2 -Gruppe, H und P 2 (in beiden Fällen als Konjektur), während P, G und E mit fueram (E fuera) den Fehler des Archetyps abbilden. Die Überlieferung ist ein weiteres Mal geteilt: Die Paris-Familie bietet die Lesart unum, die E 2 -Gruppe suum. unum könnte an dieser Stelle fast schon einer Beleidigung des Metellus gleichkommen. Dennoch übernehmen es viele Editoren, zuletzt Peterson (1911). Kayser (1861) folgt dagegen den jüngeren Handschriften. Aus deren suum kann durch Auslassung des „s“ die Verschreibung unum entstanden sein; möglicherweise ist es auch aus dem folgenden Satz (dissensit unus) an diese Stelle gerutscht. Die Divergenz der Überlieferung hat aber auch zu verschiedenen Konjekturen geführt. Klotz (1919; ihm schließt sich Maslowski [1981] an) schreibt summum. Er argumentiert zu Recht damit, dass aus diesem Wort sowohl unum als auch suum haben entstehen können, doch ist seine Begründung dafür, dass suum nicht ursprünglich im Text gestanden habe („scheint mir suum zu sehr hervorzuheben“ [1913, 488]), schwach. Dagegen konjizieren Mueller (1908) novum und Koch (1868) divinum. Halm schlägt in seinem kritischen Apparat unicum vor. Allerdings stellt es nur als Ursprung von unum zufrieden; wie sich daraus suum entwickelt haben soll, bleibt unklar. Zu suus in Verbindung mit einem Pronomen vgl. Cluent. 13: […] in huius amantissimi sui fratris manibus et gremio maerore et lacrimis consenescebat.; Sest. 32: […] ne hunc suum dolorem veste significarent?; dom. 8: […] hanc suam nimiam perseverantiam […] Quo quidem die, cum vos quadringenti decem septem essetis, magistratus autem omnes adessent, dissensit unus is, qui sua lege coniuratos etiam ab inferis excitandos putarat.

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Quo quidem die … essetis: An der Senatssitzung Anfang Juli 57 v. Chr., in der entschieden wurde, die Frage über Ciceros Rückberufung den Zenturiatskomitien zur Abstimmung zu übergeben, nahmen 417 Senatoren teil. Schon in § 2 sprach Cicero von einem singulari […] consensu der Senatoren, der zu seiner Rückberufung geführt habe. Von cum bis zu Quid? Denique illo die in § 27 fehlt der Text in H. Die Tatsache, dass der in H so entstehende Satz grammatisch richtig und sinnvoll ist, weist auf eine absichtliche Auslassung hin. In der E 2 -Gruppe findet sich gegen die Paris-Familie, die das Pronomen nicht aufweist, nach dem cum ein vos. Die Anrede an die Senatoren passt gut und erzeugt einen parallelen Satzbau: vos quadringenti decem septem essetis, magistratus autem omnes adessent. Daher übernehmen Orelli (1826), Mueller (1908), Klotz (1919) und Maslowski (1981) es zu Recht in den Text. dissensit unus: Einzig Clodius stimmte nicht für diesen Antrag; vgl. Sest. 129: […] cuius sententiam ita frequentissimus senatus secutus est, ut unus dissentiret hostis […]; dom. 14; p. red. ad Quir. 15; Dio 39,8,2 f. Allerdings wurde nicht mehr interzediert, obwohl alle Beamten anwesend gewesen seien, von denen mindestens zwei Volkstribune (Sex. Atilius Serranus und Q. Numerius Rufus) und ein Prätor (der Bruder des Clodius, App. Claudius Pulcher) auf der Seite des Clodius standen, an deren Widerstand in den Vormonaten die Sache gescheitert war. Vermutlich wagten sie es aufgrund der veränderten politischen Lage nicht mehr, gegen eine Rückberufung vorzugehen; vgl. Gelzer (1969), 149. Auch bei der anschließenden Volksversammlung am 4. August wurde nicht interzediert; dort liegen jedoch andere Gründe vor; s. u., § 27. ab inferis excitandos: Cicero spielt wieder auf das vorgebliche Gesetz des Clodius an, demzufolge er erst nach Rom zurückkehren dürfe, wenn die Catilinarischen Verschwörer wieder zum Leben erwacht seien. Erneut bietet sich Cicero die Möglichkeit, Clodius der Lächerlichkeit preiszugeben; s. o., § 4. Atque illo die, cum rem publicam meis consiliis conservatam gravissimis verbis et plurimis iudicassetis, idem consul curavit, ut eadem a principibus civitatis in contione postero die dicerentur, cum quidem ipse egit ornatissime meam causam perfecitque astante atque audiente Italia tota, ut nemo cuiusquam conducti aut perditi vocem acerbam atque inimicam bonis posset audire. Am Tag, nachdem der Senat dafür gestimmt hatte, die Frage über Ciceros Rückberufung an die Zenturiatskomitien zu übergeben, wurde eine contio abgehalten, bei der führende Politiker (principes) über Cicero und dessen Leistungen für den Staat sprachen; vgl. Sest. 107. Die Leistung des Lentulus (idem consul greift das idemque consul aus § 25 auf und zeigt das Ende der ‚Fußnote‘ über Metellus an) wird in zwei parallelen ut-Sätzen, abhängig von curavit, dargestellt. Die Betonung, dass die principes civitatis Cicero öffentlich unterstützten,

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soll zur Steigerung der Größe von Ciceros Sache dienen und seine Bedeutung für die Republik unterstreichen. Zur Bedeutung der contio s. o., § 12. rem publicam … conservatam: Cicero spielt erneut auf seinen Einsatz gegen die Catilinarischen Verschwörer an, dessen Legitimität er durch seine Rückberufung als anerkannt interpretiert. a principibus civitatis: Neben Lentulus sprachen Pompeius, P. Servilius (s. o., § 25) und L. Gellius (cos. 72 v. Chr.). Servilius sagte, dass durch Ciceros Leistung als Konsul die Republik unversehrt an seine Nachfolger übergeben worden sei; laut Gellius wäre die Republik gänzlich untergegangen, wenn nicht Cicero Konsul gewesen wäre. Pompeius sprach davon, dass Cicero mit der Hinrichtung der Catilinarier den Staat gerettet habe, außerdem sei dessen Rettung mit dem Heil der Republik verbunden. Er bat das Volk darum, sich für Cicero einzusetzen; vgl. p. red. ad Quir. 16 f.; Sest. 107 f.; Mil. 39; Pis. 34; s. u., § 29. Zur Rolle des Pompeius s. o. in Kap. 2.3.1; zur Bezeichnung als princeps civitatis s. o., § 4. egit ornatissime meam causam: Lentulus habe Ciceros Angelegenheit mit einer besonders schönen Rede vertreten; zu ornate als „geschliffen“ in Bezug auf eine Rede; vgl. ThLL, s. v. „orno“ (1034, 16 ff.); s. u., § 30. Als derjenige, der die contio einberufen hatte, sprach er als erster vor Pompeius, Gellius und Servilius zum Volk. astante atque audiente Italia tota: Die Hyperbel, dass ganz Italien – diesmal ohne Einschränkung (s. o., § 25) – bei den Volksversammlungen über Ciceros Rückberufung im Juli und August 57 v. Chr. anwesend gewesen sei, geht zurück auf den Senatsbeschluss im Mai, in dem alle Bürger zur Teilnahme aufgefordert worden waren; s. o., § 24; s. u., § 28. cuiusquam conducti aut perditi vocem acerbam atque inimicam bonis: Lentulus sorgte dafür, dass niemand die Volksversammlung durch abscheuliche Zwischenrufe (zu acerbus in dieser Bedeutung vgl. ThLL, s. v. [369, 82 ff.]) stören konnte. cuiusquam conducti aut perditi bezieht sich auf Anhänger des Clodius, die von einer Teilnahme ausgeschlossen wurden. Sprecher in contiones wurden sehr häufig von einer feindlich gesinnten oder auch nur politisch gespaltenen Zuhörerschaft ausgepfiffen, wenn nicht gar physisch angegriffen, und mussten sich auf das Wohlwollen des Publikums verlassen, um überhaupt Gehör finden zu können. Ein ruhiges Publikum wurde als Zeichen des Respekts und der Zustimmung gesehen, weshalb dies oft explizit betont wird; vgl. Mouritsen (2001), 47 f.; Sest. 107 f.; Mil. 91; Att. 2,19,2; fam. 1,56,1; Q. fr. 2,3,2; Rab. perd. 18; Val. Max. 3,7,33; Liv. 43,16,8. conducti: Die Anhänger des Clodius sind Mietlinge. Cicero impliziert, dass ihm niemand aus Überzeugung folgte, sondern andere äußere Anreize gegeben werden mussten. Bei conducti aut perditi liegt ein Hendiadyoin vor: „gemietete Verbrecher“.

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§ 27: Ad haec non modo adiumenta salutis, sed etiam ornamenta dignitatis meae reliqua vos idem addidistis: decrevistis, ne quis ulla ratione rem impediret; quis impedisset, vos graviter molesteque laturos; illum contra rem publicam salutemque bonorum concordiamque civium facturum, et ut ad vos de eo statim referretur; meque, etiam si diutius calumniarentur, redire iussistis. Am Tag nach der Senatssitzung Anfang Juli, in der beschlossen wurde, die Frage um Ciceros Rückberufung an die Zenturiatskomitien zur Entscheidung zu übergeben, wurden in der curia weitere Beschlüsse gefasst, die Cicero möglicherweise zitiert; vgl. Sest. 129; Pis. 35. Sie werden in zwei Finalsätzen (ne … et ut) und zwei AcIs in Abhängigkeit von decrevistis dargestellt. ne quis … referretur: Niemand dürfe Ciceros Rückberufung behindern. Ansonsten gelte er als Staatsfeind (er handele gegen die concordia civium; s. o. in Kap. 4: concordia ordinum) und über ihn solle sofort dem Senat berichtet werden. Hier wird nur die allgemeine Formulierung ulla ratione verwendet, aber in Sest. 129 wird Cicero konkreter und nennt die Himmelsbeobachtung (ne quis de caelo servaret) als eine untersagte Methode der Behinderung. Ein anderer Magistrat oder ein Augur konnte bei Volksversammlungen melden, dass er einen Blitz gesehen habe, woraufhin die Versammlung abgebrochen und an einem anderen Tag wiederaufgenommen werden musste; in der Zeit der späten Republik wurde dies oft unabhängig von realen Zeichen getan, sodass sich die Himmelsbeobachtung zu einem allgemeinen Einspruchsrecht entwickelte; vgl. Mommsen (1893), 217 f.; Mommsen (1887/1), 109 f. Oft wurde eine Obstruktion durch servatio ignoriert oder gewaltsam verhindert, nur selten wurde sie von höheren Magistraten verboten; vgl. de Libero (1992), 64 f. Wahrscheinlich war auch die intercessio verboten, aber nicht durch diesen Senatsbeschluss; s. u. im folgenden Absatz. P überliefert vor impedisset das sinnlose quid, G und E dagegen qui id, dem die meisten Editoren, zuletzt Maslowski (1981), folgen. Welche der beiden Lesarten der Archetyp aufwies, kann nicht mehr entschieden werden. Orelli (1826) athetiert das id aus G und E, obwohl auch klassisch das Neutrum des Demonstrativums in Bezug auf ein maskulines oder feminines Substantiv stehen darf; vgl. KSt 1, 61 f.; fam. 9,1,2; Mur. 29; Tusc. 2,62; Caes. Gall. 1,44,5. In H fehlt der gesamte Text zwischen cum vos quadringenti in § 26 und denique illo die in § 27. Vom Korrektor P 2 wurde quid zu qui korrigiert, was Peterson (1911) und Mueller (1908) in ihren Ausgaben übernehmen. In den recentiores ε und V fehlt der Ausdruck, in F wurde zu qui konjiziert. aegre/moleste/graviter ferre wird im klassischen Latein bis in das 2. Jh. n. Chr. jedoch nie mit einer Person als Objekt verbunden, oft dagegen mit Sachobjekten, quod- oder Konditionalsätzen sowie AcIs. Ein Konditionalsatz findet sich bei Verben der Gemütsstimmung insbeson-

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dere dann, „wenn der Gegenstand der Bewunderung usw. nicht als tatsächlich bestehend, sondern als bloß möglich oder als noch in Frage stehend dargestellt werden soll.“; vgl. KSt 2, 424. Es sei daher vorgeschlagen, si einzufügen und einen Konditionalsatz si quis impedisset herzustellen; vgl. als Parallele Pis. 35: De me senatus ita decrevit […] ut, si quis impedisset reditum meum, in hostium numero putaretur […]; zu graviter molesteque ferre vgl. Ver. 2,4,138; Cluent. 136. Die E 2 -Gruppe bietet vor graviter ein vos, das aufgrund des Subjektwechsels im si-Satz in den Text übernommen werden sollte, so zuletzt richtig Klotz (1919) und Maslowski (1981). Der Archetyp der Paris-Familie bot ferner offenbar das falsche präpositionslose eo (so in P, B und G; in E et). Nur in der E 2 -Gruppe findet sich de eo, das zu Recht von den meisten Herausgebern in den Text gesetzt wird (laut Peterson [1911] und Halm [1856] bereits in G, laut Klotz [1919] und Maslowski [1981] als Konjektur nur in G 2 ). meque … iussistis: Zudem solle Cicero sogar dann nach Rom zurückkehren dürfen, wenn eine Entscheidung in den Zenturiatskomitien hinausgezögert werde; zu calumniari als „to bring false accusations (as a means of obstructing)“ vgl. OLD, s. v. Bei calumniarentur handelt sich um ein verbum dicendi, das somit in der 3. Pl. Akt. für das deutsche „man“ stehen kann; vgl. KSt 1, 5. In Sest. 129 wird deutlich, dass die nächsten fünf Verhandlungstage gemeint waren, nach denen ihm eine Rückkehr ohne Weiteres erlaubt war. Der 4. August, an dem die Zenturiatskomitien schließlich zusammenkamen, war der vierte mögliche Tag nach Ablauf des trinundinum, das auf die Promulgation eines Gesetzes folgte; s. o., § 4; auch dies wird in Sest. 129 ausgeführt (si diebus quinque, quibus agi de me potuisset, non esset actum). So beugte der Senat einer möglichen Verschleppung der Entscheidung vor, durch die noch im Januar ein Rückberufungsversuch erfolglos blieb. Andere Möglichkeiten, eine Verschleppung zu verhindern, sind nicht bekannt; vgl. de Libero (1992), 28; s. o., § 5. Zur dignitas s. o., § 1. Quid? Ut agerentur gratiae, qui e municipiis venissent? Quid? Ut ad illam diem, res cum redissent, rogarentur, ut pari studio convenirent? Quid? Ut …: Die Aufzählung der verschiedenen Senatsbeschlüsse wird durch die Wiederholung der elliptischen Frage quid? mit folgendem Finalsatz in Abhängigkeit von decrevistis am Anfang des Absatzes strukturiert. Zu quid als anknüpfende Partikel i. S. v. „ferner“, insbesondere in der silbernen Latinität und der Umgangssprache, vgl. LHS 425; 447; als „and what is more, and further“ vgl. OLD, s. v. ut agerentur … convenirent: Cicero führt zwei weitere Entscheidungen des Senats an, die am selben Tag Anfang Juli 57 v. Chr. gefällt wurden; vgl. Sest. 129: Decrevit eodem tempore senatus, ut iis, qui ex tota Italia salutis meae causa convenerant, agerentur gratiae, atque ut idem ad res redeuntes ut venirent rogaren-

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tur. 1. Es solle den Bürgern gedankt werden, die aus den Landstädten nach Rom zur contio erschienen seien, die direkt vor (vgl. Kaster [2006], 363 zu Sest. 129) der Senatssitzung stattgefunden hatte; s. o., § 26. Darin sprachen die principes civitatis über Ciceros Rückberufung; s. o. im vorhergehenden Absatz: in contione postero die. 2. Zudem sollten sie aufgefordert werden, sich am Tag der Abstimmung über die Rückberufung in den Zenturiatskomitien (letztlich am 4. August), dem sich Cicero ab dem folgenden Satz genauer zuwendet, erneut in Rom einzufinden (res cum redissent: wenn die Angelegenheit wieder auf die Tagesordnung gelange; vgl. OLD, s. v. redeo [9b]); zu „ad“ zur Angabe eines zukünftigen Termins vgl. KSt 1, 521. Bereits in den Vormonaten hatte sich Pompeius bei der Bevölkerung der municipia für Cicero eingesetzt; s. u., § 31: municipia coloniasque adisset. Die Unterstützung durch die Einwohner der Landstädte zeigt für Cicero seine Bedeutung für den Staat. Lambinus (1565) fügt vor agerentur ein iis ein, dem Halm (1856), Kayser (1861) und Orelli (1826) folgen. Vorausweisend auf einen Relativsatz kann das Demonstrativpronomen bei Cicero fehlen, vor allem bei Kasusgleichheit, aber auch bei unterschiedlichen Kasus; vgl. off. 2,35; Tusc. 4,51; 4,55; KSt 2, 281. Es besteht somit keine zwingende Notwendigkeit, an der Vollständigkeit der Überlieferung zu zweifeln. Quid? Denique illo die, quem P. Lentulus mihi fratrique meo liberisque nostris natalem constituit, non modo ad nostram, verum etiam ad sempiterni memoriam temporis, quo die nos comitiis centuriatis, quae maxime maiores comitia iusta dici haberique voluerunt, arcessivit in patriam, ut eaedem centuriae, quae me consulem fecerant, consulatum meum comprobarent, (§ 28) eo die quis civis fuit, qui fas esse putaret, quacumque aut aetate aut valetudine esset, non se de salute mea sententiam ferre? Die rhetorische Struktur der vorangehenden Sätze wird, trotz der wiederholten elliptischen Frage quid?, nicht fortgesetzt. Das ut leitet hier keinen Finalsatz in Abhängigkeit von decrevistis am Anfang des Absatzes ein, sondern einen Konsekutivsatz. Daher sollte man Madvigs (1873) Konjektur eo die (so zuletzt Peterson [1911]) anstelle des quo die der Kodizes folgen, das die meisten Herausgeber, zuletzt Maslowski (1981), übernehmen. Alternativ weist Madvig auf die Möglichkeit hin, die Worte als „errore ex sententia interposita hic repetitae“ zu tilgen. In einer rhetorischen Frage behauptet Cicero, dass es keinen Bürger (quis wird bisweilen adjektivisch verwendet, ohne dass sich eine letztgültige Regel ableiten ließe; vgl. Löfstedt [1933], 79 ff.; KSt 1, 655 f.) gegeben habe, der es nicht für seine Pflicht gehalten habe, bei den von Lentulus einberufenen Zenturiatskomitien am 4. August 57 v. Chr. zu erscheinen, um über eine Rückberufung abzustimmen (zur Abstimmung in den Zenturiatskomitien s. u. im folgenden Satz: in campo). Weder Alter noch die Gesundheit hätten als Entschuldigung

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zur Rechtfertigung der Abwesenheit gedient; vgl. Sest. 112; Pis. 36. Bei den Zenturiatskomitien wurde Ciceros Rückberufung endgültig beschlossen; vgl. p. red. ad Quir. 17; Pis. 35; dom. 75; 90; Sest. 109; 112; Mil. 38; Att. 4,1,4 fam. 1,9,16. Diese Versammlung verlief, anders als alle Rückberufungsversuche zuvor, ungestört von clodianischen Banden und Interzessionen der Beamten. Zwar sprach Clodius in den Komitien gegen eine Rückberufung, doch sicherten Milos Truppen den ordnungsgemäßen Ablauf und konnten die Clodianer davon abhalten, mit Gewalt vorzugehen; zu den Mannschaften Milos s. o., § 19; vgl. Dio 39,8,3; Sest. 127. Dies ist der einzige Einsatz Milos mit seinen Truppen für Cicero, von dem wir vor dessen Rückkehr aus dem Exil wissen. Doch nicht nur er hielt Clodius davon ab, die Versammlung zu sprengen (wie am 23. Januar), sondern auch die politische Stimmung hatte sich so weit zu Ciceros Gunsten geändert, dass es ihm gewiss nicht mehr ratsam erschien, eine Rückberufung zu behindern; vgl. Nowak (1973), 151; so begründet sich auch die Zustimmung des Metellus zur Rückberufung; s. o., § 25. Dass kein anderer Magistrat interzedierte, obwohl zwei Volkstribune den Gesetzesantrag über die Rückberufung nicht unterstützt hatten (vgl. Pis. 35), lässt darauf schließen, dass Interzession bei den Komitien verboten worden war. Allerdings war dieses Verbot wohl nicht Teil des Senatsbeschlusses, der die Himmelsbeobachtung untersagte (s. o. im vorigen Absatz: ne quis ulla ratione rem impediret). Stattdessen handelte es sich um eine Vorgabe der lex Cornelia ne quis nisi per populum legibus solveretur, durch die Cicero von den Gesetzen des Clodius ausgenommen wurde. Darauf deutet auch die Tatsache hin, dass Cicero dieses Verbot nicht eigens hervorhebt: Die Dispensation bringt zugleich die Validität der Gesetze mit sich, was er gewiss nicht besonders betonen wollte; vgl. Asc. 58; Ryan (1998), 33; s. o., § 24. Die Überlieferung ist erneut geteilt: Nur P, G und E weisen das richtige illo die auf (in E verschrieben zu ille die), das später durch eo die wieder aufgegriffen wird. Dagegen findet sich in der E 2 -Gruppe ille dies, das Orelli (1826), Klotz (1913) und Maslowski (1981) übernehmen. natalem: Cicero bezeichnet den 4. August des Jahres 57 v. Chr. als einen zweiten Geburtstag für sich selbst und seine Verwandten. Ihnen allen werde ein Neuanfang ermöglicht; zu dieser Geburtsmetapher im Zusammenhang mit dem Exil vgl. Sest. 131; in § 24 wird das Exil mit dem Tod und die Rückkehr/das Leben in Rom als Leben bezeichnet (qui me a morte ad vitam […] vocavit). Diese Ebene tritt in der Volksrede viel stärker zum Vorschein; s. o. in Kap. 3. ad sempiterni memoriam temporis: Nach § 3 (immortalitatem quandam) wird erneut darauf angespielt, dass zwar nicht Cicero selbst, aber doch sein Ruhm durch die Art der Rückberufung unsterblich geworden sei. Wieder tritt das Selbstlob, das sich durch die ganze Rede zieht, deutlich zutage. Vordergründig werden die Leistungen der Beamten und des Volkes gerühmt, eingeflochten

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ist aber, dass man sich nicht an diese, sondern an Cicero für alle Zeiten erinnern werde. comitiis centuriatis, quae maxime … voluerunt: Eine der drei Formen der comitia, neben den comitia curiata und den comitia tributa; zu diesen in Abgrenzung zum concilium plebis s. o., § 11. Unterteilt nach Vermögensklassen, waren sie u. a. zuständig für die Wahl der Konsuln, Prätoren und Zensoren (quae me consulem fecerant); vgl. RE 4,1 (1900), 686 ff. Die comitia centuriata hatten in der frühen Zeit der Römischen Republik weitreichende legislative Rechte. Sie waren „in dem patricisch-plebeischen Staat der ursprüngliche Träger der Souveränetät“; vgl. Mommsen (1887), 321. Möglicherweise hatten sie bis 449 v. Chr. die alleinige Gesetzgebung inne und ratifizierten mindestens zehn der Zwölftafelgesetze. Im Laufe der Zeit wurden ihre Rechte zugunsten der comitia tributa beschnitten, aber es blieb ihnen bspw. die Erlaubnis, einen Angriffskrieg zu beginnen; vgl. RE 4,1 (1900), 696; Lintott (2004), 40 ff., insbesondere 55 ff.; Berger (1953), s. v. Die comitia centuriata waren zuständig für Entscheidungen in Kapitalprozessen und, wie Cicero selbst darlegt, schon im Zwölftafelgesetz die einzige Versammlung, die in Angelegenheiten über die bürgerliche Existenz und das Exil von Römern entscheiden durfte; vgl. Sest. 79; rep. 2,61; leg. 3,44. Mit einer Entscheidung für eine Rückberufung Ciceros konnte gerechnet werden; vgl. Nisbet (1961), 97 zu Pis. 35. Bei dem Gesetz über eine Beendigung von Ciceros Exil handelt es sich um das einzige aus der Zeit von 70 bis 49 v. Chr., von dem bekannt ist, dass es in den comitia centuriata beschlossen wurde; vgl. Taylor (1966), 103 f. Der Relativsatz fehlt in H, worin wahrscheinlich erneut eine absichtliche Vereinfachung des Textes vorliegt; s. o. in Kap. 7. consulatum meum comprobarent: Hier liegt eine erneute Anspielung auf die Hinrichtung der Catilinarischen Verschwörer vor, die den vorgeblichen Grund für die Exilierung Ciceros darstellte. Er behauptet implizit, dass seine damalige Vorgehensweise durch die Rückberufung als rechtmäßig erklärt worden sei. Quando tantam frequentiam in campo, tantum splendorem Italiae totius ordinumque omnium, quando illa dignitate rogatores, diribitores custodesque vidistis? Zur Größe und Bedeutung der Zenturiatskomitien am 4. August 57 v. Chr. vgl. Sest. 107; dom. 57; 75; 90; Att. 4,1,4; Mil. 38; fam. 1,9,16. Mit Italiae totius spielt Cicero auf die Formulierung des Senatsbeschlusses vom Mai an, in dem beschlossen wurde, ut cuncti ex omni Italia, qui rem publicam salvam vellent, ad me unum hominem fractum et prope dissipatum restituendum et defendendum venirent; s. o., § 24. Zu splendor im übertragenen Sinn als „Herrlichkeit/Pracht“ vgl. OLD, s. v. (5).

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in campo: Das Marsfeld, auf dem die Zenturiatskomitien sich gewöhnlich versammelten. Möglicherweise wurde bereits zu republikanischer Zeit in hölzernen ‚Wahlkabinen‘ (saepta) gewählt (aufgrund der Form auch als ovile bezeichnet); die saepta Iulia als Marmorgebäude wurde erst durch M. Agrippa fertiggestellt. Durch Wachen versuchte man sicherzustellen, dass niemand mehr als ein Mal seine Stimme abgab; vgl. Taylor (1966), 47; Lintott (2004), 55; Mommsen (1887), 380; auch 382 f.; RE 14,2 (1930), 2028 f.; zum Marsfeld vgl. Platner (1929), s. v. „campus Martius“; Claridge (1998), 177–226, insb. 177–181; Coarelli (2000), 258–301, insb. 258–264. illa dignitate rogatores, diribitores custodesque: Einige der Senatoren beteiligten sich (daher illa dignitate) als Hilfspersonal bei der Abstimmung am 4. August; vgl. Pis. 36. Zur dignitas s. o., § 1. Bisweilen wird diskutiert, dass nach Einführung der schriftlichen Abstimmung im Jahr 139 v. Chr. die custodes die rogatores ablösten und in ihrer Funktion als Stimmzähler diribitores genannt wurden; vgl. bspw. RE 1A,1 (1914), 1000; RE 5,1 (1903), 1167; Taylor (1966), 55; 76; Nisbet (1961), 97 zu Pis. 36. Doch die Tatsache, dass alle drei Ämter hier und in Pis. 36 aufgezählt werden, spricht gegen diese Annahme; vgl. Kunkel (1995), 519. Zu den custodes und Cicero als primum custodem bei den Konsulatswahlen 59 v. Chr. s. o., § 17. rogatores: Bei mündlicher Stimmabgabe wurden die Wähler von den rogatores nach ihrer Entscheidung gefragt, die diese dann auf einer Tafel durch Punkte vermerkten. Bei den Zenturiatskomitien handelte es sich zumeist um den Führer der jeweiligen Zenturie, der von dem Beamten, der die Wahl leitete, ausgewählt wurde; vgl. Taylor (1966), 34; RE 1A,1 (1914), 1000. Nach Einführung der schriftlichen Abstimmung im Jahr 139 v. Chr. ist ihre Funktion unklar. diribitores: Die diribitores vermerkten bei schriftlichen Abstimmungen, nachdem die Wahlurnen geöffnet worden waren und während die Stimmen verlesen wurden, direkt vor Ort, später im diribitorium (7 v. Chr. vollendet) auf dem Marsfeld, auf einer Tafel die Ergebnisse durch Punkte. Ihre Aufgaben waren vergleichbar mit denen der rogatores bei mündlicher Abstimmung; vgl. RE 5,1 (1903), 1167 f.; Taylor (1966), 55. Das Wort diribitores findet sich in keiner alten Handschrift. Erst die Herausgeber setzen es anstelle von dirivitores (P) bzw. dirivatores (G, E). In H wurde das Wort ausgelassen. In der E 2 -Familie findet sich direptores; s. o., § 22: […] direptoribus autem bonorum meorum […]. Itaque P. Lentuli beneficio excellenti atque divino non reducti sumus in patriam, sicut non nulli clarissimi cives, sed equis insignibus et curru aurato reportati. non reducti sumus in patriam … sed … reportati: Cicero sei durch die Hilfe des Lentulus auf einem goldenem Wagen, gezogen von besonders ins Auge fallenden (insignibus; vgl. ThLL, s. v. [1903, 42 ff.]; Tac. hist. 1,88,3; Tac. ann.

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3,45,2) Pferden, nach Rom zurückgetragen worden; s. u., § 39: […] Italia cuncta paene suis umeris reportarit […]. Er stellt sich selbst als eine Art Triumphator dar. Im Triumphzug zog der Feldherr auf einem mit Gold verzierten und von vier Schimmeln gezogenen currus triumphalis in die Stadt ein. Die Pferde selbst waren ebenfalls mit goldenen Zügeln versehen und mit Kränzen geschmückt. Das Wort currus diente oft als pars pro toto für den gesamten Triumphzug; vgl. Beard (2007), 222 f.; 234 ff.; RE 7A,1 (1939), 503 f.; bspw. Liv. 5,28,1; Liv. 10,7,10; Liv. 10,46,2; Tib. 1,7,7 f.; Ov. fast. 6,721. sicut non nulli clarissimi cives: Cicero spielt auf die in §§ 37 f. genannten historischen exempla des P. Popilius, Q. Metellus (auch in § 25) und C. Marius an. Nur E und G bieten das sinnvolle sicut, das in P und H (hier der gesamte Vergleichssatz) ausgelassen wird (schon in P 2 findet sich ut [übernommen in B]; so Halm [1856]). Die recentiores weisen ita ut auf, dem sich lediglich Klotz (1919) anschließt. § 29: Possum ego satis in Cn. Pompeium umquam gratus videri? Mit dieser rhetorischen Frage wendet sich Cicero Pompeius zu, dem der ganze Absatz gewidmet ist (zuvor bereits erwähnt in § 5; eine weitere Anspielung in § 26). Er könne ihm nicht genug Dank aussprechen; dieser Topos der Rede findet sich in Bezug auf den gesamten Senat, Milo und Lentulus auch in §§ 1; 19; 24 und 30. Pompeius hatte sich u. a. im Sommer 57 v. Chr. persönlich in den Landstädten und Kolonien für Cicero eingesetzt (s. u., § 31), als einer der principes civitatis Anfang Juli in einer contio die Rückberufung gefordert (s. o., § 26) und schon Ende 58 v. Chr. den Antrag der acht Tribune von seinem Landgut aus unterstützt (s. u. in diesem Absatz: a superioribus tribunis) sowie als duovir in Capua die Exilierung Ciceros zum privilegium erklären lassen (s. u. in diesem Absatz: in colonia nuper constituta …); s. o. in Kap. 2.3.1. In den von der Frage abhängigen Relativsätzen (s. u.) werden einige dieser Hilfsleistungen angeführt. Abgesehen von einer weiteren (s. o., § 4) Anspielung auf dessen Rückzug aus dem öffentlichen und politischen Leben in Folge der Angriffe des Clodius in der zweiten Hälfte des Jahres 58 v. Chr. (domo) gibt es keinen Hinweis darauf, dass er Cicero Anfang dieses Jahres jede Hilfe versagt hatte. In der Parallelrede an das Volk fehlen diese Spitzen jedoch; dort ist es nicht Pompeius, der sich zuhause verschanzt habe, sondern die privati (§ 14), sodass die Stelle dort vor allem zur Steigerung der Untaten der Clodianer dient. Zudem ist Pompeius dort der princeps der Rückberufung, eine Rolle, die hier dem Lentulus zuteil wird (§ 8). Zwar wird auch Pompeius bisweilen (so im Folgenden) als princeps bezeichnet, aber nie als Initiator der Handlungen für Cicero. Er konnte in der Rede ad Quirites einen Helden des Volkes als den Vorkämpfer seiner Rückberufung uneingeschränkt loben, während er vor dem heterogeneren Publikum des Senats vorsichtiger agieren musste und somit seine tatsächliche Einstellung gegen-

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über Pompeius zumindest unterschwellig zum Ausdruck bringen konnte; s. o. in Kap. 3 sowie in Kap. 2.3.1. Zu ähnlichen Lobpreisungen des Pompeius vgl. p. red. ad Quir. 16–18; Mil. 39; dom. 30; prov. cons. 43; Pis. 80. qui non solum apud vos, qui omnes idem sentiebatis, sed etiam apud universum populum salutem populi Romani et conservatam per me et coniunctam esse cum mea dixerit; In einer sechsgliedrigen, hypotaktischen und anaphorischen (qui … qui … qui) Aufzählung von Relativsätzen werden die Hilfsleistungen des Pompeius angeführt; in den ersten drei Gliedern wird sein Einsatz beim römischen Volk in der contio Anfang Juli 57 v. Chr. beschrieben; s. o., § 26: a principibus civitatis. Die Konjunktive hier und in den folgenden Relativsätzen erklären sich durch einen kausalen Nebensinn, denn Cicero gibt Gründe dafür an, warum er nicht dankbar genug gegenüber Pompeius erscheinen könne. Man erkennt zwei der Strategien, mit denen Cicero seine Position in Rom nach der Rückkehr stärken will: 1. Die Anspielungen auf die Hinrichtung der Catilinarischen Verschwörer, durch die Cicero die Republik gerettet habe und die er für die Stilisierung zum Märtyrer verwendet. Durch seine Rückberufung sei die Legitimität seines Vorgehens im Konsulatsjahr bestätigt worden. 2. Die Gleichsetzung Ciceros mit der Republik, durch die er sich als Garant für deren Erhalt darstellen möchte. Besonderes Gewicht erhalten diese Topoi hier, weil Cicero sie nicht nur als seine eigene Meinung, sondern als Aussage eines der principes civitatis präsentiert (so bereits in § 26). Zu diesem Einsatz des Pompeius vgl. p. red. ad Quir. 16: primum vos docuit meis consiliis rem publicam esse servatam causamque meam cum communi salute coniunxit […]. qui omnes idem sentiebatis: Der Senat hatte schon vor der contio fast einstimmig eine Rückberufung Ciceros befürwortet und an die Zenturiatskomitien weitergegeben. Zudem spielt Cicero darauf an, dass schon die Hinrichtung der Catilinarischen Verschwörer durch einen Senatsbeschluss zustande gekommen war; s. o., § 7: vobis auctoribus sowie in Kap. 4. qui causam meam prudentibus commendarit, imperitos edocuerit, eodemque tempore improbos auctoritate sua compresserit, bonos excitarit; qui populum Romanum pro me, tamquam pro fratre aut pro parente, non solum hortatus sit, verum etiam obsecrarit; In einer viergliedrigen Aufzählung zeigt Cicero, wie Pompeius sich beim römischen Volk für ihn eingesetzt hatte. Er habe die Unterstützer einer Rückberufung Ciceros zu weiterem Einsatz angespornt (bonos excitarit; insbesondere forderten Pompeius und die übrigen principes civitatis die Bürger bei der contio dazu auf, sich zu den Zenturiatskomitien am 4. August 57 v. Chr. erneut so zahlreich zu versammeln; s. o., § 27; vgl. Sest. 129). Ciceros Gegner habe er zum Ver-

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stummen gebracht. Schon Lentulus hatte dafür Sorge getragen, dass zur contio die Anhänger des Clodius nicht zugelassen wurden, um eine Rückberufung Ciceros nicht zu behindern. Möglicherweise wurde diese Vorgehensweise von Pompeius mitgetragen; außerdem unterstützte er die Schutztruppen Milos, mit denen am 4. August der ungestörte Ablauf der Zenturiatskomitien sichergestellt wurde; s. o., § 28 sowie in der historischen Einführung; vgl. Nowak (1973), 151. Außerdem habe Pompeius das römische Volk zur Unterstützung Ciceros nicht nur angespornt, sondern sogar angefleht; s. u., § 31; vgl. p. red. ad Quir. 16: […] pro mea vos salute non rogavit solum, verum etiam obsecravit.; dom. 30. pro fratre aut pro parente: Einer der fünf verwandtschaftlichen Vergleiche/Metaphern in dieser Rede; vgl. § 8; § 20; § 35; § 37. Schon Raccanelli (2012), 69 ff. zeigt auf, dass es sich bei diesem Vergleich um den einzigen handelt, der nicht ausschließlich positiv zu verstehen ist und bei dem zusätzlich ein Perspektivwechsel vorliegt. Cicero lege Pompeius in den Mund, sich um ihn wie um einen Bruder oder Vater gekümmert zu haben, dränge ihn also in eine untergeordnete Rolle, obwohl das gleiche beneficium, nämlich der Einsatz für eine Rückberufung, wie bei Lentulus (parens; § 8) und Sestius (frater; § 20) vorliege. Es sei eine weitere Spitze gegen Pompeius aufgrund seiner politischen/persönlichen Abkehr von Cicero Anfang 58 v. Chr. erkennbar, die er in dessen Augen nicht durch den Einsatz für eine Rückberufung ausgleichen habe können. Cicero hegte nach der Rückkehr noch immer einen Groll, den er aber nicht offen auszusprechen wagte; s. o., § 4: non legum praesidio, sed parietum; s. u.: domo se teneret; zudem in Kap. 3. Im Ausdruck pro parente verbirgt sich eine Anspielung auf Ciceros Ehrentitel als parens patriae; s. o., § 1. qui cum ipse propter metum dimicationis et sanguinis domo se teneret, iam a superioribus tribunis petierit, ut de salute mea et promulgarent et referrent; In den älteren Kodizes fehlt das cum (in H der ganze Satz bis putarit, wahrscheinlich liegt eine absichtliche Auslassung vor; s. o. in Kap. 7), das sich erst in der E 2 -Gruppe findet. Diese Ergänzung ist sowohl sinnvoll als auch notwendig, da der Konjunktiv Imperfekt teneret darauf hinweist, dass dieses Wort nicht im Relativsatz stehen kann, der den Konjunktiv Perfekt erfordern würde. Die Herausgeber folgen gewöhnlich dieser Lesart (eine Ausnahme bildet Orelli [1826]), bei den älteren, darunter Wolf (1801) und Ernesti (1737), wird die Wortstellung allerdings verändert: qui ipse . domo se teneret: Obwohl Pompeius sich in der zweiten Jahreshälfte nach dem vorgeblichen Mordanschlag vom 11. August 58 v. Chr. aus Furcht vor Angriffen der Clodianer für mehrere Monate auf sein Landgut zurückgezogen hatte, machte er sich doch von dort aus für eine Rückberufung Ciceros (salus) stark. Er unterstützte den von acht Tribunen am 29. Oktober promulgierten Ge-

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setzesantrag für eine Beendigung von Ciceros Exil oder initiierte ihn möglicherweise sogar selbst. Dieser scheiterte jedoch an der Interzession entweder des Clodius oder des Aelius Ligus, obwohl Lentulus in der entsprechenden Senatssitzung Ciceros Ächtungsbescheid als proscriptio bezeichnete; s. o., § 4; § 8; in der historischen Einführung. Der Rückzug des Pompeius wird von Cicero einerseits als Spitze gegen diesen verwendet, andererseits dient er zu Steigerung der Untaten der Clodianer; s. o., § 4. Der ablativus instrumentalis (vgl. Nisbet [1939], 72; laut ThLL, s. v. [1962, 29 ff.] unklar, ob ablativus loci oder instrumentalis) domo für „zuhause“ findet sich bei Cicero in Verbindung mit tenere außerdem in dom. 6; Att. 11,6,2 sowie bei Liv. 2,48,4. Allerdings schreibt Cicero darüber hinaus auch domi tenere; vgl. bspw. Brut. 330; Sest. 26. Außerdem bieten P und G iam, während E und die recentiores ε und V etiam überliefern. Die Herausgeber, mit Ausnahme von Wolf (1801), Orelli (1826) und Ernesti (1737), schließen sich P und G an, indem sie eine Dittographie des et in E und einer Vorlage der recentiores annehmen. Da Cicero auf den frühen Zeitpunkt der Unterstützung des Pompeius bereits Ende 58 v. Chr. anspielt, sollte iam in den Text übernommen werden. promulgarent et referrent: Zur Promulgation von Gesetzen s. o., § 4; zum ius referendi der Volkstribune s. o., § 3. qui, in colonia nuper constituta cum ipse gereret magistratum, in qua nemo erat emptus intercessor, vim et crudelitatem privilegi auctoritate honestissimorum hominum et publicis litteris consignarit, princepsque Italiae totius praesidium ad meam salutem implorandum putarit; in colonia nuper constituta: In der im Jahr 59 v. Chr. durch Caesar gegründeten Kolonie Capua fungierte Pompeius 58 v. Chr. als Nachfolger Pisos als duovir; vgl. RE 3,2 (1899), 1559. Auf Pisos Herrschaft in Capua wurde bereits in § 17 angespielt; zum Amt des Duumvirats vgl. dort. emptus intercessor: In Capua habe es keine gekauften Einspruchserheber gegeben, weshalb dort der Beschluss, Ciceros Ächtungsbescheid als privilegium anzusehen, ohne Schwierigkeiten angenommen wurde. In der Anspielung, die Magistraten, die in Rom die Rückberufungsversuche verhindert hatten, seien gekauft worden, könnte, analog zum conducti aut perditi in § 26, impliziert sein, dass niemand freiwillig die Clodianer unterstützt hätte, sondern durch Geld dazu bewegt werden musste. Insbesondere ist hier neben den Konsuln Piso und Gabinius, die durch Provinzzuweisungen bestochen worden waren, Aelius Ligus gemeint, der auch an anderer Stelle explizit als gekaufter Unterstützer des Clodius dargestellt wird; vgl. dom. 49: […] ille novicius Ligus, venalis adscriptor et subscriptor tuus […]. vim et crudelitatem privilegi … consignarit: Durch Pompeius kam es zum Beschluss der Kolonie, dass der Ächtungsbescheid gegen Cicero als privilegium

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zu betrachten sei. Hierbei handelt es sich um eines der zentralen Argumente, mit dem Cicero in den Reden post reditum versucht, sein Exil als unrechtmäßig und sich selbst als Opfer seiner gesetzeswidrig agierenden Gegner zu präsentieren (so bezeichnet er in § 4 seine Ächtung bereits als proscriptio und stellt in § 8 die Ansicht des Lentulus dar, der am 29. Oktober 58 v. Chr. ebendiesen Begriff verwendet hatte, der als drastischerer Ausdruck für privilegium aufzufassen ist); vgl. u. a. dom. 26; 43; 57 f.; 110; Sest. 65. Unter einem privilegium ist ein auf eine Einzelperson gerichtetes Gesetz (im positiven und, bei Cicero ausschließlich, im negativen Sinn), wahrscheinlich ohne vorangegangenes Urteil, zu verstehen; zum Fehlen eines Urteils als Argument für die Illegalität der Ächtung s. o., § 8. Privilegia waren schon gemäß dem Zwölftafelgesetz verboten; dies wurde jedoch bis zu Ciceros Zeit nie als geltendes Recht angeführt und kann nicht ausnahmslos Gültigkeit besessen haben, da ansonsten bspw. alle Volksbeschlüsse über ein exilium iustum illegal gewesen wären; vgl. leg. 3,11: […] privilegia ne irroganto […]; vgl. Greenidge (1901), 313; ausführlich Bleicken (1975), 198–217. Zu consignare im weiteren Sinn zur Bezeichnung der urkundlichen Bestätigung eines Sachverhaltes vgl. ThLL, s. v. (436, 72 ff.); de orat. 2,224; div. in Caec. 28; Deiot. 37. Die Kodizes bieten geschlossen den Indikativ consignavit. Die Grammatik des Satzes (konjunktivische Relativsätze) weist aber eindeutig darauf hin, dass dieser durch den Konjunktiv consignarit ersetzt werden muss (so bereits Lambinus [1565]). Italiae totius: Zwar hatte der Senat bereits im Mai 57 v. Chr. auf Antrag des Lentulus beschlossen, die Bürger Italiens zur Teilnahme an den Zenturiatskomitien über Ciceros Rückberufung aufzufordern, doch war Pompeius der erste und wohl auch einzige führende Politiker, der sich persönlich (im Frühjahr/Sommer 57 v. Chr.) in mehreren Landstädten und Kolonien für ein Ende von Ciceros Exil eingesetzt hatte; s. u., § 31: municipia coloniasque. qui cum ipse mihi semper amicissimus fuisset, etiam ut suos necessarios mihi amicos redderet, elaborarit. semper amicissimus: Pompeius sei schon immer auf das engste mit Cicero befreundet gewesen, doch hatte er sich Anfang 58 v. Chr. im Zuge der Exilierung von ihm abgewandt und ihm jede Hilfe versagt. Erst nach der Flucht Ciceros und den Angriffen des Clodius unterstützte er, zunächst zögerlich und aus dem Hintergrund, ab Anfang 57 v. Chr. offen und deutlich, eine Rückberufung. Dies verschweigt Cicero in den Reden nach dem Exil allerdings, nur in den Briefen zeigt sich seine wahre Einstellung. Er wollte nach seiner Rückkehr die Annäherung an Pompeius nicht aufs Spiel setzen; s. o. in Kap. 2.3.1; zur Bezeichnung von Pompeius als amicissimus in den Reden nach dem Exil vgl. u. a. Sest. 15: […] vir clarissimus mihique multis repugnantibus amicissimus, Cn. Pompeius […]; Sest. 133.

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necessarios mihi amicos redderet: Möglicherweise sind hier die Veteranen des Pompeius gemeint (vgl. OLD, s. v. „necessarius [2]“: „One closely connected by ties of […] obligation“), die in coloniae wie Capua angesiedelt worden waren; vgl. RE 4,1 (1900), insb. 562 ff. So ließe sich erklären, warum Pompeius sich persönlich in die municipia und coloniae begab, um dort die Bevölkerung für Cicero zu gewinnen; s. u., § 31. § 30: Quibus autem officiis T. Anni beneficia remunerabor? Cuius omnis ratio, cogitatio, totus denique tribunatus nihil aliud fuit nisi constans, perpetua, fortis, invicta defensio salutis meae. Zunächst kommt Cicero in diesem Absatz erneut auf zwei der Volkstribune des Jahres 57 v. Chr., Milo und Sestius, zu sprechen, bevor er sich zum wiederholten Mal dem gesamten Senat und der Unmöglichkeit, ausreichend Dank abzustatten, zuwendet. Milo und Sestius sind die einzigen Volkstribune und fast die einzigen Unterstützer einer Rückberufung (mit Ausnahme der Konsuln Lentulus und Metellus sowie des Privatmanns Pompeius), die an mehr als nur einer Stelle der Rede hervorgehoben werden; s. o., §§ 19 f. totus denique tribunatus: Milo hatte zunächst versucht, Clodius mit einer Anklage de vi unschädlich zu machen, doch scheiterte dies an cicerofeindlichen Magistraten; anschließend stellte er Schutztruppen auf, die u. a. am 4. August 57 v. Chr. die Abstimmung in den Zenturiatskomitien vor den Clodianern sicherten. Ob er dies ausschließlich aus Freundschaft zu Cicero tat oder andere Beweggründe hineinspielten, ist unklar; s. o. in Kap. 2.3.5 sowie in § 19. Der übertriebene Gedanke, dass ein Magistrat seine gesamte Amtszeit der Rückberufung Ciceros untergeordnet habe, findet sich in dieser Rede auch in Bezug auf Lentulus; s. o., § 8; zudem in Bezug auf Sestius vgl. Sest. 14; 31. Zu invictus als „unbesiegbar“ vgl. ThLL, s. v. (186, 6 ff.); ein vergleichbarer Ersatz eines Adjektivs auf -(b)ilis durch ein PPP liegt bspw. bei indomitus und infinitus vor. Quid de P. Sestio loquar? Qui suam erga me benivolentiam et fidem non solum animi dolore, sed etiam corporis vulneribus ostendit. vulneribus corporis: Sestius war beim Versuch der Obnuntiation gegen Metellus schwer verletzt worden und sammelte, ebenso wie Milo, Schutztruppen um sich, die aber wohl hauptsächlich dem Selbstschutz dienten; s. o. in Kap. 2.3.5 sowie in § 20. Vobis vero, patres conscripti, singulis et egi et agam gratias: universis egi initio, quantum potui, satis ornate agere nullo modo possum. Im verbleibenden Teil dieses Paragraphen und im folgenden Absatz (§§ 30–31) wendet sich Cicero mit seinem Dank nach §§ 1 ff. erneut an den gesamten Senat. Er habe einzelnen Senatoren bereits vor der Rede gedankt und werde später damit fortfahren. Zudem habe er allen zusammen am Anfang der Rede (initio)

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nach seinen Möglichkeiten seinen Dank ausgesprochen, doch sei es ihm nicht möglich, dies auf angemessene Art zu tun; zu ornate als „geschliffen“ in Bezug auf eine Rede vgl. ThLL, s. v. (1034, 16 ff.); s. o., § 26. Der Topos, dass Cicero nicht genug Dank für die Unterstützung für seine Person abstatten könne, findet sich bereits in § 1 (gesamter Senat); 19 (Milo); 24 (Lentulus); 29 (Pompeius). Immer wieder betont Cicero die große Zustimmung zu seiner Rückberufung durch die Verwendung von universi, so in § 3 und weiter unten in diesem Absatz; auch bspw. singulari consensu in § 2. Die E 2 -Gruppe überliefert hier ab initio, während sich in der Paris-Familie geschlossen das präpositionslose initio findet. Diesem schließen sich die meisten Herausgeber (eine Ausnahme bildet Ernesti [1737]) zu Recht an, da Cicero sich in der Rede bislang nur in §§ 1 ff. an den gesamten Senat wandte und bis hierhin ansonsten ausschließlich einzelnen Unterstützern dankte. Et quamquam sunt in me praecipua merita multorum, quae sileri nullo modo possunt, tamen huius temporis ac timoris mei non est conari commemorare beneficia in me singulorum; nam difficile est non aliquem, nefas quemquam praeterire. Die kritischen Apparate der Ausgaben divergieren an dieser Stelle: Laut Maslowski (1981) wurde in E der erste Teil des Satzes (Et … possunt), wahrscheinlich aufgrund eines Augensprungs (der vorangehende Satz endete auf possum), ausgelassen und erst von E 2 nachgetragen. Laut Klotz (1919) findet sich dieser Satz bereits von erster Hand in E. Zudem bieten P (von P 2 korrigiert) und G silere, H sowie die recentiores ε und V sileri. Da alle diese Handschriften als Prädikat possunt überliefern, muss man den passiven Infinitiv für richtig erachten. Die Herausgeber, mit Ausnahme von Mueller (1908) und Kayser (1861), übernehmen diesen in ihre Ausgaben. Laut Klotz (1919) weist auch E „silere“ auf, aber als Prädikat „possum“. huius temporis ac timoris mei non est: Zwar gebe es viele Personen, denen Cicero für ihre Hilfsleistungen danken müsse, doch sei diese Rede aus zweierlei Gründen, die als genitivi proprietatis angeführt werden, nicht dafür geeignet: 1. temporis: Es sei nicht der richtige Zeitpunkt, um alle einzeln aufzuzählen. Zwar wurde öffentlicher Dank, bspw. in Form einer Rede, gegenüber den Unterstützern als Rückzahlung der Schuld und, um die persönlichen Verbindungen zu ihnen zu stärken, erwartet (vgl. Nicholson [1992], 45 ff.), doch wäre es gewiss eine sehr langatmige und eintönige Rede geworden, wenn Cicero allen 416 Senatoren, die zugestimmt hatten, seine Rückberufung an die Zenturiatskomitien zu übergeben, einzeln gedankt hätte. Stattdessen nennt Cicero nur Pompeius und die Beamten, die sich durch besondere Einzelleistungen hervorgetan hatten, namentlich (dies erläutert Cicero selbst in § 31); die übrigen müssen sich in dieser Rede mit dem geteilten Lob des Gesamtsenats begnügen. Ähnlich hatte

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Cicero bereits in § 23 begründet, warum er die Taten seiner Gegner übergehen wolle, auch dort mit einem genitivus proprietatis: non est mei temporis. 2. timoris: Er fürchte, bei einer Aufzählung seiner Wohltäter in der Rede jemanden vergessen zu können. Da Cicero erst am Vortag aus dem Exil zurückgekehrt war, ist es nur zu verständlich, dass ihm möglicherweise gar nicht alle Unterstützer bekannt waren; zum Grundgedanken des Satzes vgl. Planc. 74: In qua [sc. oratione cum senatui gratias egit] cum perpaucis nominatim egissem gratias, quod omnes enumerari nullo modo possent, scelus autem esset quemquam praeteriri […]; zum genitivus proprietatis temporis vgl. Q. Cic. pet. 39. Ego vos universos, patres conscripti, deorum numero colere debeo. Sed ut in ipsis dis immortalibus non semper eosdem atque alias alios solemus et venerari et precari, sic in hominibus de me divinitus meritis omnis erit aetas mihi ad eorum erga me merita praedicanda atque recolenda. Cicero möchte die Senatoren wie Götter verehren. Ebenso wie man im Lauf des Lebens zwischen der Verehrung verschiedener Götter wechsle, habe er den Rest seiner Jahre Zeit, um den einzelnen Senatoren für ihre Hilfsleistungen zu danken. Mueller (1908) schlägt in seinem kritischen Apparat vix satis oder conferenda als Konjekturen bei omnis erit aetas mihi vor. Wahrscheinlich hielt er die Aussage des Satzes in der überlieferten Form für widersprüchlich zu § 24, in dem Cicero deutlich macht, dass das restliche Leben nicht lang genug sei, um ausreichenden Dank abzustatten: […] tamen exiguum reliquae vitae tempus non modo ad referendam verum etiam ad commemorandam gratiam mihi relictum putarem. Doch gerade ohne eine Konjektur ist der Satz sinnvoll: Cicero könne in der Rede nicht Einzelpersonen danken, nämlich aus pragmatischen Gründen sowie aus Angst, manche zu vergessen. Doch dies müsse er jetzt gar nicht tun, dafür habe er noch den Rest seines Lebens Zeit. Die Frage, ob diese genügen werde, stellt sich hier gar nicht. Zur Verehrung von Menschen wie Göttern vgl. rep. 1,18; Liv. 45,27,10; Mart. 5,3,6. Kayser (1861) konjiziert die Präposition in vor numero. Sie wird berechtigterweise von Maslowski (1981) und im ThLL, s. v. „colo“ (1685, 37), übernommen. colere steht an der einzig vergleichbaren Stelle bei Cicero mit in; vgl. leg. agr. 2,95: […] non eos in deorum immortalium numero venerandos a nobis et colendos putatis? Auch bei ähnlichen Ausdrücken steht numero deorum fast ausschließlich mit Präposition; vgl. Sest. 143; leg. 2,55; nat. deor. 1,29; 1,36; 1,87; 1,118; rep. 2,17; Q. fr. 1,1,31; habere selten mit dem reinen Ablativ numero; vgl. Tusc. 1,41; Att. 11,6,6. Anstelle des richtigen immortalibus aus E, H, G 2¸ ε und V tradieren P und G das verschriebene immortalis. Wahrscheinlich lag bereits im Archetyp der ParisFamilie eine Verschreibung vor, die unabhängig voneinander in E und H korrigiert wurde.

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alias alios solemus et venerari et precari: Es war im antiken Rom üblich, aus der großen Zahl der Götter jeweils nur diejenigen zu verehren und anzubeten, von denen man gerade Hilfe benötigte bzw. demjenigen zu danken, von dem man Hilfe erhalten hatte; vgl. Turcan (2000), 2. Ebenso wie man zwischen den zu verehrenden Göttern wechsle, müsse Cicero für den Rest seines Lebens immer jeweils anderen Senatoren persönlich danken. Das richtige hominibus findet sich nur in der E 2 -Gruppe, während die ParisFamilie geschlossen honoribus bietet. Insbesondere an einer Stelle wie dieser, an der der Satz auch mit honoribus lediglich inhaltliche, aber keine grammatikalischen Schwierigkeiten aufweist, ist durch das Alter von E 2 echte Tradition wahrscheinlich. divinitus meritis: Mit diesem ansonsten bis in das 4. Jh. n. Chr. nicht belegten Ausdruck setzt Cicero die Gleichstellung der Senatoren mit den Göttern fort: Sie hätten sich auf göttliche Weise um ihn verdient gemacht. § 31: Hodierno autem die nominatim a me magistratibus statui gratias esse agendas, et de privatis uni, qui pro salute mea municipia coloniasque adisset, populum Romanum supplex obsecrasset, sententiam dixisset eam, quam vos secuti mihi dignitatem meam reddidistis. Cicero erklärt nun explizit, welche Absichten er mit der Rede verfolge. Er habe sich vorgenommen, nur die Beamten und Pompeius explizit hervorzuheben; allen anderen werde er versuchen, in der restlichen Lebenszeit privat seinen Dank auszusprechen. Zur Funktion von Lob und Kritik in dieser Rede s. o. in Kap. 4. Zur dignitas s. o., § 1. hodierno … die: Cicero hielt die Rede am 5. September 57 v. Chr., dem Tag nach seiner Rückkehr nach Rom; s. o. in Kap. 2. de privatis uni: Pompeius. Dieser hatte sich insbesondere bei drei Gelegenheiten um Cicero verdient gemacht: 1. Er war persönlich im Frühjahr/Sommer 57 v. Chr. in die municipia und coloniae gereist, um dort die Bevölkerung für Ciceros Rückberufung (salus) zu gewinnen. 2. Er hatte das römische Volk bei der contio Anfang Juli beschworen, sich bei den Zenturiatskomitien im August für eine Rückberufung auszusprechen; zu beidem s. o., §§ 3; 29. Er hatte bei der Senatssitzung im Jupitertempel Anfang Juli den Antrag, Ciceros Sache vor die Zenturiatskomitien zu bringen, vorgetragen. Zudem umfasste der Antrag, dass allein Cicero Rom im Jahr 63 v. Chr. gerettet habe; vgl. Sest. 129. Diesem schlossen sich 416 der 417 anwesenden Senatoren an; nur Clodius stimmte nicht zu; s. o., § 26. municipia coloniasque: Unter coloniae verstand man Siedlungen römischer Bürger, die von duoviri im Rahmen einer standardisierten Verfassung nach römischem Modell regiert wurden. Latinische Kolonien wurden ab dem 4. Jahrhundert v. Chr. v. a. in neu eroberten Gebieten als eigenständige civitates

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angelegt und dienten der Sicherung der römischen Herrschaft. Seit Marius und Sulla wurden sie – insbesondere außerhalb Italiens – hauptsächlich genutzt, um Veteranen mit Land zu versorgen, z. B. auch die des Pompeius, dessen Einsatz in den coloniae sich dadurch erklären lässt und eine besonders wertvolle Hilfe darstellte. 58 v. Chr. fungierte Piso als duovir der Kolonie Capua, im Folgejahr Pompeius, der dort den Beschluss durchsetzte, dass Ciceros Ächtung als privilegium zu betrachten sei; s. o., §§ 17; 29; vgl. DNP 3 (1997), 76–85; RE 4,1 (1900), 511–588. municipia dagegen waren ursprünglich Städte, die zwar in das römische Reich integriert waren, aber dennoch ihre eigene Sprache, Staatsordnung und Magistraten behalten durften, somit also größere Freiheiten besaßen. Auch nachdem alle Gemeinden südlich des Po im Zuge des Bundesgenossenkrieges 90/89 v. Chr. das volle Bürgerrecht erhalten hatten, blieb ihnen die Bezeichnung municipium erhalten und wurde zudem auf andere Gemeinden übertragen, so bspw. auf die Kolonien, obwohl sie in ihrem Recht weiterbestanden. Es könnte hier also eine synonyme Verwendung der beiden Begriffe vorliegen; vgl. Garnsey/Saller (1987), 26 ff. (die allerdings den Munizipalstatus in den italischen Städten erst nach dem Bundesgenossenkrieg erkennen); DNP 8 (2000), 476–479; RE 16,1 (1933), 570–638. Das richtige Romanum, dem sich die Herausgeber anschließen, findet sich nur in P und der E 2 -Gruppe, wohingegen es in G, E und H aufgrund eines Fehlers in einer gemeinsamen Vorlage fehlt. Vos me florentem semper ornastis, laborantem mutatione vestis et prope luctu vestro, quoad licuit, defendistis. me florentem semper ornastis: Hier liegt eine erneute Anspielung auf die Ehrungen vor, die Cicero nach der Niederschlagung der Catilinarischen Verschwörung zuteil wurden, darunter bspw. die Bezeichnung als parens patriae; s. o., § 2: […] magnificentissimis decretis […]. Anstelle des korrekten ornastis aus der E 2 -Gruppe und H (hier als Konjektur) bieten P und G ornatis (in E das konjizierte ornamentis). Diese Befundlage deutet auf einen Fehler im Archetyp der ParisFamilie hin. laborantem … defendistis: Die Senatoren hatten Cicero auch in Zeiten des Unglücks, also während seines Exils und der vorangehenden politischen Diskussionen, verteidigt. Dies hatten sie durch Anlegen von Trauerkleidung als Zeichen des Protests gegen das erste Gesetz des Clodius gezeigt, das sich auf die allgemeine Ächtung aller bezog, die römische Bürger ohne Urteil hinrichten ließen. Doch schon kurz darauf wurde ihnen das Tragen der Trauerkleidung durch Gabinius untersagt. Es habe sich bei der mutatio vestis laut Cicero nicht nur um ein äußerliches Zeichen gehandelt, sondern sie habe den inneren Zustand der Senatoren widergespiegelt, die sich beinahe in persönlicher Trauer um ihn befunden hätten; zur mutatio vestis als offiziellem Senatsbeschluss in

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Zeiten des politischen Notstands, der nur durch konsularisches Edikt aufgehoben werden konnte, s. o., § 12; 16. Der Senat hatte sich nach Ciceros Exilierung außerdem geweigert, Beschlüsse zu fassen, bevor nicht über Ciceros Rückberufung verhandelt wurde. Dies bedeutete aber wohl kaum einen kompletten Stillstand des politischen und öffentlichen Lebens; s. o., § 6. Nostra memoria senatores ne in suis quidem periculis mutare vestem solebant: in meo periculo senatus veste mutata fuit, quoad licuit per eorum edicta, qui mea pericula non modo suo praesidio, sed etiam vestra deprecatione nudarunt. senatores ne in suis quidem periculis mutare vestem solebant: Bei dem Senatsbeschluss zur mutatio vestis als Zeichen der Unterstützung Ciceros handele es sich um eine einzigartige Ehre, da diese sonst nur in Zeiten des Staatsnotstandes und nie für Einzelpersonen durchgeführt worden sei, auch nicht, wenn sich die Senatoren selbst in Gefahr befunden hätten; vgl. Sest. 28. Die besondere Bedeutung dieses Beschlusses hebt Cicero an verschiedenen Stellen hervor; vgl. Sest. 27; Planc. 87. Hall (2014), 51, bezieht diesen Satz nicht auf die offizielle mutatio vestis, sondern auf ein privates Anlegen von Trauerkleidung seitens der Angeklagten bei Prozessen. Dies war schon seit ca. 140 v. Chr. üblich, weshalb Hall die Aussage für eine unwahre Übertreibung Ciceros hält. Die mutatio vestis wurde bis zu Ciceros Exil wohl tatsächlich nur bei Staatsangelegenheiten durchgeführt; s. o., § 12. suo praesidio … vestra deprecatione: Piso und Gabinius hätten Cicero nicht nur ihre eigene Hilfe versagt, sondern auch verboten, dass die Senatoren durch Trauerkleidung ihren Protest zeigten; s. o., § 10: […] [Piso et Gabinius] non modo deseruerunt in causa praesertim publica et consulari, sed prodiderunt, oppugnarunt, omni auxilio non solum suo sed etiam vestro ceterorumque ordinum spoliatum esse voluerunt. Zum Verbot der Trauerkleidung vgl. dom. 55. Die mutatio vestis konnte nur durch konsularisches Edikt aufgehoben werden; s. o., § 12.

§§ 32–36: Rechtfertigung der Flucht aus Rom Anfang des Jahres 58 v. Chr. / Selbststilisierung zum Märtyrer (§ 35: Lob des Plancius) § 32: Quibus ego rebus obiectis, cum mihi privato confligendum viderem cum eodem exercitu, quem consul non armis, sed vestra auctoritate superaram, multa mecum ipse reputavi: Hier wechselt Cicero aus der Gegenwart der Rede im September 57 in den März 58 v. Chr. Nachdem er sich das Verhalten der Konsuln vor Augen geführt (vgl.

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OLD, s. v. „obicere“ [3a]) und als er erkannt habe, gegen dieselben Truppen wie im Jahr 63 v. Chr. kämpfen zu müssen, habe er sich viele Gedanken gemacht, die letztlich zur Entscheidung zur Flucht aus Rom im März 58 v. Chr. führten. Diese Gedankengänge werden von nun an bis § 34 sowie in § 36 erläutert. Cicero versucht, seine Flucht als freiwilligen Rückzug zu rechtfertigen, durch den er Blutvergießen vermieden und die Republik gerettet habe. Diese Selbststilisierung trat bereits in §§ 3, 4 und 6 zum Vorschein; vgl. p. red. ad Quir. 13, vor allem: […] armis decertare pro mea salute nolui, quod et vincere et vinci luctuosum rei publicae fore putavi. cum eodem exercitu: Erneut wird eine Verbindung zwischen den Clodianern und der Catilinarischen Verschwörung hergestellt. Hierdurch wird die Gewalt, die von den Banden des Clodius ausging, zu einer Gefahr für die gesamte Republik erhöht. Die Gleichsetzung der Gegner Ciceros mit Catilinariern, ein wiederkehrendes Motiv, findet in dieser Rede oft statt; vgl. bspw. in §§ 4; 10; 12; 26 und besonders § 33: […] copias omnis Catilinae paene isdem ducibus ad spem caedis et incendiorum esse revocatas […]. Zur Beteiligung des Clodius an der Catilinarischen Verschwörung s. o. in Kap. 2.1. Tatsächlich waren einige Anhänger des Clodius ehemalige Catilinarier, aber dennoch sollte man ihn nicht als Anführer der veteres Catilinae milites betrachten; vgl. Nowak (1973), 108; Tatum (1999), 144 f.; Lintott (1968), 77. Indem er betont, dass er die Verschwörer im Jahr 63 v. Chr. vestra auctoritate (zur auctoritas s. o., § 8) besiegt habe, zieht Cicero den Senat mit in die Verantwortung und hebt dessen dauerhafte und beständige Unterstützung seiner Person und Politik hervor (so schon in § 7). Auch wenn Cicero die Legitimität der Hinrichtungen durch seine Rückberufung bestätigt sieht, versucht er sich abzusichern und sich nicht als einzigen Verantwortlichen zu präsentieren. Neben exercitus, das vor allem auf die Bewaffnung und Größe der Banden hinweist, verwendet Cicero in Variation noch andere Bezeichnungen für die Clodianer, darunter das neutrale multitudo, und die wertende Begriffe latriconium und seditio; vgl. Tatum (1999), 142. Dixerat in contione consul se clivi Capitolini poenas ab equitibus Romanis repetiturum; nominatim alii compellabantur, alii citabantur, alii relegabantur; aditus templorum erant non solum praesidiis et manu, verum etiam demolitione sublati. Cicero stellt in einer Kurzfassung und zum wiederholten Mal die Situation in Rom Anfang des Jahres 58 v. Chr. dar, die eine Flucht als einzig mögliche Lösung erscheinen ließ. In dieser Lage hätte Cicero zwar kämpfen können, doch wäre dann ein Blutbad nicht unwahrscheinlich gewesen. Er habe daher lieber sich selbst als anderen Leid auferlegen wollen und sei geflohen; insb. §§ 33 f.; ähnlich auch Sest. 35; Pis. 26; p. red. ad Quir. 14. In parad. 28 steigert Cicero diesen Gedanken. Es sei ihm umso leichter gefallen, aus Rom zu fliehen, da die

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Republik zu diesem Zeitpunkt schon selbst im Exil und er somit kein Exilant gewesen sei. Die Vorstellung, dass die res publica gemeinsam mit ihm im Exil gewesen und erst mit ihm wieder zurückgekehrt sei, wird in dieser Rede an verschiedenen Stellen betont; bspw. s. u., § 36. dixerat in contione consul … repetiturum: Gabinius berief, nachdem die equites beschlossen hatten, durch das Tragen von Trauerkleidung für Cicero Stellung zu nehmen, am Anfang des Jahres 58 v. Chr. eine contio ein. In dieser drohte er den Rittern mit Rache für ihr Verhalten im Zuge der Catilinarischen Verschwörung. Diese waren zum Schutz der Senatoren am Südhang des Kapitols (clivi Capitolini) aufgestellt worden, wo im Tempel der Concordia die Senatssitzung stattgefunden hatte, die im Beschluss zur Hinrichtung der Anführer mündete. Ob dieser Vorwurf der Wahrheit entspricht, ist unsicher; Grausamkeit gegenüber Bürgern ist ein Topos der Invektive; fast wörtlich s. o., § 12, bei dieser ersten Erwähnung aber ausführlicher: […] eaque dixit, quae, si eius vir Catilina revixisset, dicere non esset ausus, se Nonarum Decembrium, quae me consule fuissent, clivique Capitolini poenas ab equitibus Romanis esse repetiturum. alii compellabantur, alii citabantur, alii relegabantur: Zu dieser Aufzählung von Handlungen des Gabinius gegen die Ritter s. o., § 12. Manche von ihnen seien von ihm gescholten (bekannt ist nur die contio am Anfang des Jahres 58 v. Chr.; s. o., § 12), andere vor Gericht geladen und verbannt worden. Als einziger Verbannung in diesem Zusammenhang wissen wir von der des L. Lamia, eines der stärksten Unterstützer Ciceros; s. o., § 12. Cicero generalisiert diese wiederholt als Angriff auf den gesamten Ritterstand, so in Sest. 35; dom. 55; Pis. 23; Planc. 87; zu dieser Aufzählung vgl. insb. Sest. 35: […] equester ordo reus a consulibus citaretur, Italiae totius auctoritas repudiaretur, alii nominatim relegarentur, alii metu et periculo terrerentur […]. Unter einer relegatio ist eine mildere Form der Verbannung zu verstehen, bei der der Exilierte das Bürgerrecht behielt und deren Geltungsbereich kleiner war; im Fall des Lamia 200 Meilen; vgl. Sest. 29; zur relegatio vgl. RE 1A, 1 (1914), 564 f.; Kaster (2006), 184 f. zu Sest. 29. aditus templorum sublati: Shackleton Bailey (1991) vermutet, die Tempel in Rom seien bewacht und/oder zerstört worden, um Gebete für Cicero zu verhindern. Diese Stelle ist allerdings spezifisch auf die Zerstörung der Stufen zum Castortempel auf dem Forum zu beziehen, die Cicero hier und in dom. 5 zur allgemeinen Zerstörung von Tempeln generalisiert; vgl. dom. 54; Pis. 23; Sest. 34. Es handelte sich dabei um temporäre hölzerne Stufen, die bei Wahlen regelmäßig vor dem Tempel aufgestellt wurden und durch deren Besetzung/Beseitigung die Clodianer die Wahlen zu behindern versuchten; vgl. Kaster (2006), 200 f. zu Sest. 34. Im Castortempel fanden oft Senatssitzungen, comitia und contiones statt. Clodius hatte dort laut Cicero sogar Waffen gelagert; vgl. Sest. 34; 85;

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dom. 54; 110; Pis. 11; 23. Dieser Vorwurf beruht möglicherweise nur darauf, dass im Tempel Versammlungen der Clodianer stattgefunden hatten. Cicero könnte übertrieben haben, um Angst vor einem „war against the boni“ zu erzeugen und den Geist der Catilinarischen Verschwörung wieder heraufzubeschwören; vgl. Tatum (1999), 142 ff. Zur allgemeinen Zerstörung von Tempeln in den Jahren 58 und 57 v. Chr. s. o., § 7: […] magistratuum tecta impugnata, deorum templa inflammata […]. Im Castortempel kam es auch zu dem gewalttätigen Angriff auf Sestius im Jahr 57 v. Chr.; vgl. Sest. 79; zum Castortempel vgl. Platner (1929), s. v. „Castor, aedes, templum“; Claridge (1998), 91 f.; Coarelli (2000), 87 ff. Anstelle des richtigen templorum aus P 2 , G, E und H überliefern P sowie die recentiores ε und V die Verschreibung temporum, die vom Korrektor P 2 anhand des Archetyps verbessert wurde. Möglicherweise zeigt sich hier, dass eine Vorlage der jüngeren Handschriften Zugriff auf P selbst hatte; s. o. in Kap. 7; § 24: usus esset. Alter consul, ut me et rem publicam non modo desereret, sed etiam hostibus rei publicae proderet, pactionibus suorum praemiorum obligarat. Nach Gabinius (consul) kommt Cicero hier erneut auf das Verhalten Pisos (alter consul) im Jahr 58 v. Chr. zu sprechen. Dieser habe sich zum Verrat an Cicero und der Republik auf ein gewinnbringendes Bündnis mit Clodius eingelassen. Die Kodizes bieten geschlossen nach pactionibus (B peticionibus) das Pronomen eos (wohl in Bezug auf hostibus, so auch Maslowski [1981] im kritischen Apparat), doch ist nicht zu ersehen, in welche Bündnisse Piso die Staatsfeinde verwickelt haben sollte. Wolf (1801), Orelli (1826) und andere schreiben: Alter [sc. Clodius] consul […] pactionibus eos […] obligarat. In dieser Darstellung allerdings hätte Clodius durch pactiones die Republik und Cicero den Staatsfeinden Piso und Gabinius anvertraut, während eigentlich umgekehrt diese das Schicksal der Republik in die Hände des Clodius gelegt hatten. Auch die Satzstruktur consul … alter consul spricht gegen diese Konjektur. Außerdem fühlte sich Cicero insbesondere von Piso verraten, den er Anfang des Jahres 58 v. Chr. noch für einen Verbündeten gehalten hatte, nicht von Clodius. Besser ist eine Anspielung auf die Bestechung der Konsuln durch die Zuweisung von Provinzen, die durch das von Halm (1856) konjizierte und von zahlreichen Herausgebern, zuletzt Peterson (1911), übernommene se deutlich wird; vgl. § 10: […] me duo […] consules […] non modo deseruerunt […], sed prodiderunt; zu se obligare vgl. Cat. 4,22; Caec. 7; Mur. 3; Balb. 35; zum Provinzhandel als pactio praemiorum vgl. har. resp. 3: […] deinde prodiderunt, postremo oppugnarunt praemiisque nefariae pactionis funditus una cum re publica oppressum exstinctumque voluerunt. me et rem publicam: Piso habe Cicero und zugleich die Republik durch den Handel mit den Provinzen verraten. Erneut setzt sich Cicero mit dem Staat

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gleich, der gemeinsam mit ihm ins Exil gegangen sei. Ein Angriff auf ihn sei ein Angriff auf die Republik; bspw. s. u., § 36. Erat alius ad portas cum imperio in multos annos magnoque exercitu, quem ego inimicum mihi fuisse non dico, tacuisse, cum diceretur esse inimicus, scio. alius: Auch Caesar habe sich Anfang des Jahres 58 v. Chr. von Cicero abgewandt. Zwar habe er seine Feindschaft nicht offen erklärt, diesbezüglichen Äußerungen aber nie widersprochen. Clodius hatte zu Beginn dieses Jahres immer wieder damit gedroht, dass Caesar auf seiner Seite stehe, der bis in den März hinein mit seinem prokonsularischen Heer vor den Toren Roms die Entwicklung der Angriffe der Optimaten auf seine konsularischen acta abwartete; vgl. Sest. 40. Von Seiten Caesars kam kein Dementi in dieser Sache. Da er sich ad portas aufhielt, konnte er im März an der contio im Circus Flaminius teilnehmen (die Wahl dieses Ortes begründet sich auf dessen Teilnahme, da er beim Übertreten des pomerium sein imperium verloren hätte; s. o., § 13; zum prokonsularischen imperium und den Truppen s. o., § 18), in der er sich neben den Konsuln über Ciceros Konsulat äußerte; s. o., §§ 13; 17. Caesar sagte, er habe die Hinrichtung der Catilinarier nicht gutgeheißen, aber trotzdem dürfe man kein rückwirkendes Gesetz beschließen; vgl. Dio 38,17,1 f.; Plut. Cic. 30,5. Es handelt sich hier um die einzige Anspielung auf Caesar in den Reden cum senatui / populo gratias egit. Im Gegensatz zu Pompeius, der trotz weniger Spitzen ausführlich und überschwänglich gelobt wird, ist diese Erwähnung negativ gefärbt. Es wird ihm Schweigen im kritischen Moment vorgeworfen. Möglicherweise wollte Cicero seine oppositionelle Rolle behalten und sich nicht verpflichten, doch beantragte er bereits kurz nach dieser Rede eine 15-tägige supplicatio für Caesar; s. o. in Kap. 2.3.2. Später stellt Cicero sein Verhältnis zu Caesar weit positiver dar und entschuldigt dessen Schweigen damit, dass er es sich wegen der Angriffe auf seine acta nicht mit einem so beliebten Volkstribun wie Clodius verscherzen wollte; vgl. Sest. 40: Me vero non illius oratio, sed eorum taciturnitas […] [sc. movit]. Qui tum, quamquam ob alias causas tacebant, tamen hominibus omnia timentibus tacendo loqui, non infitiando confiteri videbantur. Illi autem aliquo tum timore perterriti, quod acta illa atque omnis res anni superioris labefactari a praetoribus, infirmari a senatu atque a principibus civitatis putabant, tribunum popularem a se alienare nolebant, suaque sibi propriora esse pericula quam mea loquebantur; Pis. 80 f.; Sest. 41. In der Volksrede tritt Marius als Popular und Verwandter Caesars möglicherweise an dessen Stelle; s. o. in Kap. 3. ad portas: Möglicherweise eine Anspielung auf die Wendung Hannibal ad portas zum Ausdruck einer Gefahr für Cicero und die Republik. Clodius wollte Caesar und dessen Heer als Bedrohung für diese darstellen; vgl. Otto (1890),

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s. v. „Hannibal“; ThLL, s. v. „porta“ (8, 34 ff.); bei Cicero im Zusammenhang mit dem Exil bspw. in Sest. 41; auch Liv. 23,16,2; im übertragenen Sinn in Phil. 1,11. in multos annos: Caesar waren durch die lex Vatinia de imperio C. Caesaris für sein Prokonsulat das cis- und transalpinische Gallien sowie Illyrien mit vier Legionen auf ungewöhnlich lange fünf Jahre zugewiesen worden; vgl. RE 10,1 (1918), 200; Gelzer (1960), 77 f. magnoque exercitu: Zwar war Caesar für sein Prokonsulat der Oberbefehl über die gallischen Truppen zugesprochen worden, doch waren diese nicht bei Rom stationiert, sondern in der Gallia Narbonensis und bei Aquileia; vgl. Caes. Gall. 1,6–10; Kaster (2006), 213 zu Sest. 40 […] ex quibus unum habere exercitum in Italia […]; auch Sest. 41. Manche Forscher nehmen diese Stelle daher als Beweis, dass die Rede nicht von Cicero stammt, andere sehen keine Schwierigkeit darin, dass Caesar mit einigen Truppen vor den Toren Roms gewartet haben könnte, während sich der große Teil seines Heeres nicht dort befand bzw. erst ausgehoben werden musste; zu dieser Forschungsdiskussion vgl. Lenaghan (1969), 171 f. zu har. resp. 47. Dieser nimmt an, dass eine relativ geringe Zahl von Soldaten Truppen von ausreichender Größe konstituierten, um den Gegnern des Clodius Angst einzuflößen. § 33: Duae partes esse in re publica cum putarentur, altera me deposcere propter inimicitias, altera timide defendere propter suspicionem caedis putabatur. Anfang 58 v. Chr. habe man geglaubt, es gebe in Rom zwei Parteien: Ciceros Freunde und Feinde. Während diese ihm den Untergang bereiten wollten (zu deposcere als „aliquem alicuiusve traditionem ad puniendum vel ad supplicium postulare“ vgl. ThLL, s. v. [591, 7 ff.]; Flacc. 5; Sest. 46; Cael. 70), seien jene aus Angst vor einem Blutbad nur zögerlich bei seiner Verteidigung vorgegangen. Durch das Passiv und die polyptotische Verwendung des betonten putare erzeugt Cicero eine inhaltliche Einschränkung („man glaubte“). So kann er seine Verärgerung über das Verhalten dieser Personengruppen zum Ausdruck bringen, ohne sie direkt anzugreifen. Mit keinem Wort erwähnt er die starke Unterstützung der Magistrate, Ritter und Senatoren im Vorfeld seiner Flucht, die zuvor in der Rede mit großer Ausführlichkeit hervorgehoben wurde. Stattdessen versucht er, die Situation in Rom so düster wie möglich darzustellen, um seine Flucht rechtfertigen zu können. In H fehlen dieser und der folgende Satz, wobei es sich wieder um eine absichtliche Auslassung handelt. Zu ähnlichen Aufzählungen vgl. Sest. 46: […] cum alii me suspicione periculi sui non defenderent, alii vetere odio bonorum incitarentur, alii inviderent, alii obstare sibi me arbitrarentur, alii ulcisci dolorem aliquem suum vellent, alii rem ipsam publicam atque hunc bonorum statum otiumque odissent et ob hasce causas tot tamque varias me unum deposcerent […]; p. red ad Quir. 13.

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altera me deposcere: Cicero behauptet hier implizit, dass die Triumvirn Caesar, Pompeius und Crassus den Anschein erweckten, auf seinen Untergang aus gewesen zu sein; s. u. im folgenden Satz: numquam infitiando. altera timide defendere: Die Cicero freundlich gesinnten Politiker, die es aus Angst vor einem Blutbad nicht wagten, sich stark für ihn einzusetzen. In § 7 findet sich eine ähnliche Beschreibung, doch verschweigt Cicero hier, dass es auch Beamte gegeben habe, die sich nicht einschüchtern ließen und ihn trotz alledem unterstützten. Qui autem me deposcere videbantur, hoc auxerunt dimicationis metum, quod numquam infitiando suspicionem hominum curamque minuerunt. Die älteren Kodizes bieten an dieser Stelle in hoc, während in den recentiores ε und V die Präposition ausgelassen wird. Ihnen folgen der ThLL, s. v. (1351, 16), und wenige Herausgeber, darunter Halm (1856), der zugleich in seinem kritischen Apparat die Konjektur ii hoc vorschlägt. Zu augere mit Ablativ vgl. KSt 1, 385. numquam infitiando … minuerunt: Die Triumvirn Caesar, Pompeius und Crassus schienen Ciceros Untergang gefordert zu haben. Clodius hatte in contiones Anfang 58 v. Chr. immer wieder behauptet, dass er mit der Unterstützung der Triumvirn handle, die dies weder bestätigten noch bestritten (infitiando). Nicht die Aussagen des Clodius seien das Schlimme an der Situation Anfang 58 v. Chr. gewesen, sondern das Schweigen der Triumvirn, das Cicero später aber entschuldigt; s. o., § 32. Dadurch hätten sie die Angst der Bevölkerung vor einem Blutbad vergrößert (man beachte das Gegensatzpaar auxerunt … minuerunt). Cicero vermeidet es, diese Angst auf seine eigene Person zu beziehen. Am Ende des Absatzes macht er deutlich, dass er keine Angst vor dem eigenen Tod gehabt habe, nur davor, dass durch seinen Einsatz andere zu Schaden kommen könnten. Zu metus dimicationis als Grund für die zögerliche Unterstützung Ciceros s. o., § 29: […] qui cum ipse [sc. Pompeius] propter metum dimicationis et sanguinis domo se teneret […]. Qua re cum viderem senatum ducibus orbatum, me a magistratibus partim oppugnatum, partim proditum, partim derelictum, servos simulatione conlegiorum nominatim esse conscriptos, copias omnis Catilinae paene isdem ducibus ad spem caedis et incendiorum esse revocatas, equites Romanos proscriptionis, municipia vastitatis, omnis caedis metu esse permotos, potui, patres conscripti, multis auctoribus fortissimis viris me vi armisque defendere, nec mihi ipsi ille animus idem meus vobis non incognitus defuit. In einer längeren Aufzählung schildert Cicero seine eigene Lage wie die der Republik Anfang des Jahres 58 v. Chr. in den dunkelsten Farben, bevor er zur

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Rechtfertigung seiner Flucht darstellt, wie sich seines Erachtens die Situation entwickelt hätte, wenn er nicht geflohen wäre. Seine Stilisierung zum Märtyrer tritt hier besonders deutlich zu Tage: Er hätte sich mit Waffengewalt (vi et armis als Hendiadyoin) verteidigen können (Betonung auf potui; zur Betonung des Elements vor dem Vokativ vgl. Fraenkel [1965], 61 f.), wofür ihm weder Anrater (vgl. ThLL, s. v. „auctor“ [1196, 44 ff.]) noch der Mut gefehlt hätten (vobis non incognitus in Anspielung auf die Catilinarische Verschwörung), doch hätte dann die Gefahr bestanden, dass es zu gewalttätigen Auseinandersetzungen gekommen wäre und andere, auch Unschuldige, umgekommen wären. Daher – und keineswegs aus Angst um die eigene Person – habe er sich zur Flucht entschieden. senatum ducibus orbatum: Cicero betrachtet Piso und Gabinius nicht als Konsuln, sondern als Verräter und Staatsfeinde; vgl. Sest. 35: […] cum senatus duces nullos ac pro ducibus proditores aut potius apertos hostes haberet […]. Die Metapher der verwaisten Republik findet sich bereits in § 4: […] res publica […] neque solum parentibus perpetuis verum etiam tutoribus annuis esset orbata […]; zudem vgl. fam. 12,30,4: […] quod et orbus est senatus consulibus amissis […]. partim oppugnatum, partim proditum, partim derelictum: Cicero stellt es hyperbolisch so dar, als hätte sich Anfang des Jahres 58 v. Chr. der gesamte Staatsapparat gegen ihn verschworen; zu dieser Aufzählung und zu den verschiedenen Personengruppen s. o., § 23: […] cum apertis hostibus bellum geram, timidis amicis ignoscam, proditores non indicem […]. An anderer Stelle verwendet Cicero eine ähnliche Aufzählung in Bezug auf die Konsuln Piso und Gabinius; s. o., §§ 10; 32; vgl. har. resp. 3: […] primo reliquerunt, deinde prodiderunt, postremo oppugnarunt […]. Insbesondere fühlte er sich von Piso im Stich gelassen, der ihm nicht nur verwandtschaftlich verbunden war, sondern ihn auch noch am 1. Januar 58 v. Chr. an dritter Stelle im Senat hatte sprechen und im Vorjahr bei seinen Wahlen als primus custos hatte fungieren lassen (s. o., § 17). Kurz nach Jahresbeginn jedoch verweigerten die Konsuln Cicero jede Unterstützung gegen Clodius, die dieser vor allem in persönlichen Gesprächen bei Piso suchte (derelictum). Außerdem ließen sie sich durch den Handel mit den Provinzen bestechen und ‚verrieten‘ Cicero an Clodius (proditum); s. o., § 32. Schließlich wandten sie sich offen gegen diesen (oppugnatum), so vor allem in der contio im Circus Flaminius Anfang März, aber auch durch das Verbot an den Senat, durch die mutatio vestis ihre Unterstützung für Cicero zu zeigen, sowie durch die Drohungen gegen die Ritter; s. o., bspw. in §§ 12; 13. servos simulatione conlegiorum … conscriptos: Eines der ersten Gesetze des Clodius nach dessen Amtsantritt betraf die Wiedereinführung der collegia in veränderter Form, die im Jahr 64 v. Chr. durch den Senat größtenteils verboten worden waren, aber wohl ohnehin nicht gänzlich unterdrückt werden konnten. Unter den Oberbegriff der collegia fielen im Kern bspw. Handelsgilden oder reli-

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giöse Kultvereine. Unter dem Deckmantel dieser Vereine organisierte Clodius ab Anfang 58 v. Chr. seine Banden. Dadurch hatte er Zugang zu großen Teilen der Bevölkerung und es war ihm möglich, in viel größerem Ausmaß als zuvor Schlägertrupps zu formieren. Die Unterstützung der einfachen Bevölkerung war ihm ebenfalls sicher (wer die collegia kontrollierte oder gute Verbindungen zu deren Anführern aufbaute, beherrschte oft die Massen) und er konnte eine legale Einrichtung zur Organisation seiner illegalen Tätigkeiten nutzen. Die collegia des Clodius wurden wenige Jahre später wieder aufgelöst; vgl. Tatum (1999), 25 f.; 117 ff.; Lintott (1968), 77–83; Nowak (1973), 112 ff. Obwohl die clodianischen Truppen allgemein und auch spezifisch die collegia aus Sklaven und bezahlten Freien bestanden, betont Cicero an mehreren Stellen ausschließlich die Beteiligung der Sklaven, möglicherweise weil diese das beschämendste Element der Anhängerschaft des Clodius konstituierten (vgl. Nowak [1973], 118) oder weil sich die Menge der Freien zum größten Teil aus Freigelassenen zusammensetzte und sie somit vereinfachend als (ehemalige) Sklaven bezeichnet werden konnten; vgl. Lintott (1968), 77 f. Die Aushebungen der Sklaven für die collegia fanden am tribunal Aurelium in der Nähe des Castortempels (zu diesem s. o., § 32) auf dem Forum statt. Hier war wahrscheinlich die einfache Bevölkerung Roms oft in großer Zahl anzutreffen; vgl. Nisbet (1939), 121 zu dom. 54; zur Organisation der clodianischen Banden in collegia vgl. u. a. Sest. 34: Isdemque consulibus inspectantibus servorum dilectus habebatur pro tribunali Aurelio nomine conlegiorum, cum vicatim homines conscriberentur, decuriarentur, ad vim, ad manus, ad caedem, ad direptionem incitarentur; dom. 54; p. red. ad Quir. 13; Pis. 11; 23. In der Volksrede werden allerdings weder die collegia noch die Beteiligung von Sklaven erwähnt, sondern nur allgemeine Aushebungen am tribunal Aurelium; dies erklärt sich dadurch, dass die Wiedereinführung der collegia bei der Bevölkerung starke Unterstützung erfahren hatte; vgl. Kaster (2006), 199 f. zu Sest. 34; zum tribunal Aurelium vgl. Platner (1929), s. v. Courtney (1960) konjiziert an Stelle des nominatim ein vicatim, da die Betonung des Umstandes, dass Clodius die Anwesenheit von Sklaven in seinen Banden nicht verheimlichte, überflüssig erscheine. Doch kann nominatim auch als „spezifisch/ausdrücklich“ aufgefasst werden; vgl. OLD, s. v. (2), weshalb die Konjektur an dieser Stelle nicht zwingend erforderlich ist. Dass Clodius ausdrücklich Sklaven anwerben wollte, betont den niederen und beschämenden Charakter seiner Anhängerschaft. Die Organisation der Banden als vicatim, also nach Stadtvierteln, wird an anderen Stellen von Cicero angesprochen; vgl. Sest. 34; dom. 129; har. resp. 22; Att. 4,3,2; zur Bedeutung von vicatim im Zusammenhang mit den Banden des Clodius vgl. Lintott (1968), 78. copias omnis Catilinae … revocatas: Clodius habe die alten Catilinarier in seinen Banden mobilisiert. Tatsächlich bestanden diese zwar zum Teil aus den

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veteres Catilinae milites, aber dennoch liegt hier eine starke Übertreibung von Ciceros Seite vor; s. o., § 32. Schon in § 7 wird die Kombination von Sach- und Personenschaden im Zusammenhang mit den Gewalttaten der Clodianer und der Catilinarier dargestellt, sodass auch dort beide Gruppen miteinander verbunden und als allumfassende Gefahr präsentiert werden. Namentlich ist von den Catilinariern bei Clodius nur L. Sergius überliefert; vgl. dom. 13; Nowak (1973), 109. equites Romanos proscriptionis, municipia vastitatis, omnis caedis metu esse permotos: Die römischen Ritter hätten in Angst vor einer Proskription gelebt. Zuvor bezeichnete Cicero in dieser Rede seine eigene Ächtung als proscriptio (s. o., §§ 4; 8) und wie dort spielt er auch hier auf die Proskriptionen Sullas nach dem Bürgerkrieg an, im Zuge derer ca. 40 Senatoren und 1600 Ritter umkamen. Die Grundlage für diese Behauptung liegt in den Anfeindungen des Gabinius gegen die equites, die für ihr Verhalten während der Catilinarischen Verschwörung büßen sollten; s. o., §§ 12; 32. Ähnlich wie durch die Verbindung zu Catilina soll auch durch die Anspielungen auf die Zeit Sullas die Stärke der Clodianer überhöht werden. Außerdem kann Cicero sich und seine Verbündeten als unschuldige Opfer und das Vorgehen der Konsuln als unrechtmäßig darstellen; vgl. Robinson (1994), 479. Im gleichen Zusammenhang steht die Behauptung, die municipia (s. o., § 31) hätten sich vor Verwüstung durch die Clodianer gefürchtet. Zum einen wird die Gefahr, die von diesen ausging, durch die Ausweitung des Gefährdungsbereichs von Rom auf die Landstädte verstärkt, sodass Cicero seine Flucht in einer Zeit der Bedrohung der gesamten Republik besser rechtfertigen kann, zum anderen verweist er an anderer Stelle selbst darauf, dass unter Sulla eine vergleichbare Situation vorlag; vgl. parad. 6,46: […] qui proscriptiones locupletium, qui caedes municipiorum, qui illam Sullani temporis messem recordetur […]; vgl. zur proscriptio der Ritter dom. 55: […] equitibus Romanis mortem proscriptionemque minitarentur […]; Planc. 87. Schließlich hätten alle in Angst vor einem Blutbad gelebt, das Cicero als Teil seiner Selbststilisierung zum Märtyrer durch seine Flucht habe vermeiden wollen. potui: Cicero hätte sich mit Waffengewalt seinen Gegnern widersetzen können; vgl. KSt 1, 171. Warum er sich dennoch zur Flucht und nicht zum Kampf entschied, wird im folgenden Satz ausgeführt. Nur in P findet sich die Geminatio potui, potui, die von den Herausgebern gewöhnlicherweise übernommen wird. Allerdings ist es wahrscheinlicher, eine Dittographie in P anzunehmen, als von einer Auslassung in einer der Vorlagen von G, E und H sowie in der E 2 -Gruppe auszugehen. Daher sollte man hier nicht der Lesart von P folgen. Die Kodizes überliefern geschlossen mihi ipse. Heumann (1735, so Maslowski [1981] im kritischen Apparat) konjiziert den Dativ ipsi. Dies wird von den meisten Herausgebern zu Recht übernommen. Die Häufung der Pronomina in

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Bezug auf animus (ipse ille … idem meus) wirkt auffällig und abundant. Zudem wird durch den Dativ richtigerweise, im Einklang mit der Selbstüberhöhung Ciceros, mihi betont: Nur er und kein anderer habe den Mut gehabt, sich dem Clodius und dessen Banden zu widersetzen. In H fehlt der Satz zwischen servos und revocatas. Es scheint sich erneut um eine absichtliche Auslassung zu handeln; s. o. in Kap. 7. Sed videbam, si vicissem praesentem adversarium, nimium multos mihi alios esse vincendos; si victus essem, multis bonis et pro me et mecum etiam post me esse pereundum, tribuniciique sanguinis ultores esse praesentis, meae mortis poenas iudicio et posteritati reservari. Cicero begründet seine Entscheidung gegen Waffengewalt und für die Flucht mit zwei, teilweise sehr fadenscheinigen Argumenten: 1. Es handele sich nicht nur um einen Gegner (Clodius; cf. tribuniciique sanguinis), den er hätte besiegen müssen, sondern um viele, die nach dessen Tod als Rächer aufgetreten wären. Tribune galten als sakrosankt, sodass jemand, der einen Tribun verletzte, straflos umgebracht werden durfte; s. o., § 7; § 11. Zu sanguis als pars pro toto für das Leben vgl. OLD, s. v. (4). 2. Cicero weist auf die Möglichkeit von Rachehandlungen der Clodianer hin, die nicht nur im Kampf selbst, sondern auch nach einer Niederlage seine Unterstützer ermordet hätten (zu einer dreigliedrigen Aufzählung, strukturiert durch et … et … etiam, vgl. har. resp. 21; etiam bedeutet oft nichts anderes als et; vgl. ThLL, s. v. [932, 39 ff.]. Man könnte andernfalls vermuten, dass in der Überlieferung infolge von Haplographie das et eines ursprünglichen et etiam ausgefallen ist). Es wäre zum Bürgerkrieg und letztlich zum Untergang der Republik gekommen (s. u. im folgenden Satz); zu diesem Gedanken vgl. p. red. ad Quir. 13. Im Gegensatz dazu hätten Ciceros Unterstützer im Falle seiner Ermordung keine Rache gefordert, sondern eine Bewertung dem Urteil der Nachwelt (iudicio et posteritati als Hendiadyoin) überlassen. Letztlich konnte Cicero durch seine Flucht das Blutvergießen und die Gewalttaten der Clodianer nicht vermeiden, die während seiner Abwesenheit aus Rom in der Stadt wüteten; s. o., § 7. § 34: Nolui, cum consul communem salutem sine ferro defendissem, meam privatus armis defendere, bonosque viros lugere malui meas fortunas quam suis desperare; ac, si solus essem interfectus, mihi turpe, si cum multis, rei publicae funestum fore videbatur. In chiastischer Struktur (consul communem salutem … meam privatus) setzt Cicero seine Stilisierung zum Märtyrer fort. consul … defendissem: Als Konsul habe Cicero das Gemeinwohl ohne Waffengewalt verteidigt. Zur Gewaltlosigkeit als von Cicero angepriesenem Verhalten vgl. Hodgson (2017), 234. Erneut wird auf die Niederschlagung der Catilina-

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rischen Verschwörung angespielt, die Ciceros politische Position nach dem Exil sichern sollte. Insbesondere wird durch die Verbindung des Konsulats mit der Flucht aus Rom als Teil der Rechtfertigungsstrategie impliziert, dass Cicero in beiden Fällen die Republik gerettet habe und die Flucht somit kein Akt der Feigheit gewesen sei; s. u., § 36: […] duorum in rem publicam beneficiorum […]; vgl. dom. 99; Pis. 78; Sest. 49. Nach desperare tradieren P, ε und V ac, G, E und H hingegen at. Es handelt sich wahrscheinlich um einen Fehler in der gemeinsamen Vorlage dieser Handschriften, wohingegen P den Archetyp korrekt wiedergibt, zumal sich auch die recentiores dieser Lesart anschließen. Es liegt keineswegs ein Gegensatz zum vorigen Satz vor, sondern eine einfache Fortsetzung des Gedankens, dass Ciceros Verbleib in Rom zu Blutvergießen geführt hätte. si solus … mihi turpe: Nachdem Cicero im vorangehenden Absatz bereits argumentiert hatte, dass es weder erstrebenswert sei, gegen Clodius zu siegen, noch von diesem besiegt zu werden, führt er hier diesen Gedanken, seine eigene Position überhöhend, fort: In der Tat hätte es den Untergang der Republik bedeutet, wenn er gemeinsam mit seinen Unterstützern ums Leben gekommen wäre. Allerdings wäre auch ein alleiniger Tod nicht vorzuziehen, sondern vielmehr schändlich gewesen. Dieser hätte auf ein Fehlen an Unterstützern hingewiesen; vgl. Shackleton Bailey (1991), 22; zu funus rei publicae im Zusammenhang mit Ciceros Flucht vgl. Sest. 88: […] sed illum tot iam in funeribus rei publicae exsultantem ac tripudiantem legum, si posset, laqueis constringeret; dom. 42; prov. cons. 45; Sest. 109. Quod si mihi aeternam esse aerumnam propositam arbitrarer, morte me ipse potius quam sempiterno dolore multassem. morte me multassem: Wenn Cicero gedacht hätte, dass er für immer im Exil bleiben müsste, hätte er sich das Leben genommen. Zu seiner Zeit galt der Selbstmord als Pflicht für Soldaten und Politiker, die sich in der Gefahr befanden, ihre Ehre zu verlieren; vgl. van Hooff (1990), 50 f. Dieser Bedeutung des Selbstmordes war sich Cicero bewusst; vgl. Cluent. 171. Während seines Exils spricht er in den Briefen davon, es zu bereuen, sich an das Leben zu klammern; er macht es Atticus sogar zum Vorwurf, ihn vom Selbstmord abgehalten zu haben; vgl. Att. 3,3: Utinam illum diem videam, cum tibi agam gratias, quod me vivere coegisti! Adhuc quidem valde me paenitet; Att. 3,6; fam. 14,1; 4,7,4. Wahrscheinlich fehlte Cicero selbst allerdings zu jeder Zeit der Wille und Mut zum Suizid. Dies konnte er schlecht zugeben, ohne seine dignitas zu verlieren, sodass er die Schuld auf andere abzuwälzen versuchte und Reue vortäuschte. In diesem Absatz rechtfertigt er seine Entscheidung, am Leben zu bleiben, mit dem Wissen, dass sein Exil nur eine kurze Episode bleiben würde; s. u. im folgenden Satz. Auch die Gleichsetzung mit der Republik spielt hier deutlich hinein: „[…]

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avoidance of death was equated with ‚keeping the state alive‘“; vgl. Claassen (1992), 27. Zu Ciceros philosophischen Ansichten zum Selbstmord vgl. Hill (2004), 31–71. Zu aerumna als Umschreibung des Exils vgl. Sest. 49: […] unus rem publicam bis servavi, semel gloria, iterum aerumna mea. Sed cum viderem me non diutius quam ipsam rem publicam ex hac urbe afuturum, neque ego illa exterminata mihi remanendum esse amplius putavi, et illa, simul atque revocata est, me secum pariter reportavit. illa exterminata: Cicero habe geglaubt, Anfang 58 v. Chr. nicht länger in Rom verweilen zu dürfen, da die Republik zu diesem Zeitpunkt bereits im Exil gewesen sei (zu dieser engeren Bedeutung von exterminare vgl. ThLL, s. v. [2014, 32 ff.]). Dies führt er bisweilen als Begründung dafür an, dass er selbst kein Exilant war; vgl. parad. 28; s. o., § 32. Zur res publica exterminata vgl. ThLL, s. v. „extermino“ (2015, 9 ff.); p. red. ad Quir. 14; Phil. 2,54. Tatsächlich habe ihn die res publica nach seiner Rückberufung mit sich aus dem Exil zurückgetragen. Da er sich vom Anfang seines Exils an dieser Tatsache bewusst gewesen sei, habe er sich gegen den Selbstmord entschieden. Cicero kommt durch einen Subjektswechsel vom Gedanken (putavi) zum Faktum (reportavit) und stellt dadurch implizit seine Rechtfertigungen zur Flucht als objektive Wahrheit dar. Anstelle des remanendum, dem sich die Herausgeber gewöhnlich anschließen, findet sich in der E 2 -Familie remanendum esse amplius (in F durch Auslassung nur remanendum amplius). Aufgrund des Alters von E 2 erscheint eine Konjektur unwahrscheinlich, zumal die Stelle auch ohne die Ergänzung sinnvoll ist. Daher sollte man hier m. E. von genuiner Tradition ausgehen, die sich in den recentiores zeigt. Zur Verwendung von amplus im zeitlichen Sinn und non amplius als Synonym für non iam, bei Cicero aber sehr selten, vgl. KSt 2, 461. In P fehlt durch einen Übertragungsfehler nach revocata das est, das bereits der Archetyp geboten haben muss, da alle anderen Handschriften es aufweisen. Mit Hilfe des Archetyps wurde es bereits vom Korrektor P 2 ergänzt. Anstelle des reportavit der Paris-Familie bietet die E 2 -Gruppe revocavit. Wahrscheinlich liegt in einer der gemeinsamen Vorlagen eine Verschreibung infolge des kurz zuvor zu lesenden revocata est vor. Mecum leges, mecum quaestiones, mecum iura magistratuum, mecum senatus auctoritas, mecum libertas, mecum etiam frugum ubertas, mecum deorum et hominum sanctitates omnes et religiones afuerunt. Quae si semper abessent, magis vestras fortunas lugerem quam desiderarem meas; sin aliquando revocarentur, intellegebam mihi cum illis una esse redeundum. In einer Fortsetzung der Argumentation, dass die res publica gemeinsam mit ihm im Exil gewesen sei, zählt Cicero in anaphorischer Struktur (siebenfache Nennung von mecum) verschiedene Elemente der Republik auf, die zur Zeit sei-

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ner Flucht nicht mehr in Rom existiert hätten. Die partitio verstärkt die Größe des Verlustes, der Rom durch deren Abwesenheit traf. Wenn die Elemente für immer verloren gewesen wären, wäre er lieber nie zurückgekehrt, da eine Rückkehr nach Aufhebung der alten staatlichen Ordnung nicht erstrebenswert und nur ein scheinbares Glück, aber eigentlich ein Unglück sei; zu fortuna in diesem Sinn vgl. ThLL, s. v. (1177, 23 ff.; dort wird diese Stelle aber nicht rubriziert). Stattdessen hätte er dann lieber das Unglück der anderen betrauert. Wenn die res publica aber selbst zurückkehren würde, würde sie ihn mit sich nach Rom tragen. Dies habe er schon Anfang des Jahres 58 v. Chr. erkannt, wie er zum wiederholten Mal in diesem Absatz als Begründung dafür, sich nicht das Leben im Exil genommen zu haben, anführt; s. o.: cum viderem me non diutius […]. Somit wird die Gleichsetzung mit der Republik weitergeführt; zu einer solchen Aufzählung vgl. dom. 17; p. red. ad Quir. 18. Zu den Bestandteilen der Republik als Beispiel für eine partitio vgl. Quint. inst. 5,10,63: Partis incertas esse, ut quibus constet res publica […]. leges und iura magistratuum sind möglicherweise Anspielungen auf die Aufhebung der lex Aelia et Fufia durch Clodius, durch die den Magistraten das Obnuntiationsrecht in der Volksversammlung genommen wurde; s. o., § 11. Auch in Sest. 85 spricht Cicero davon, dass während seines Exils die Rechte von Beamten unterdrückt wurden und es trotz Gewaltanwendung der Clodianer zu keinem Prozess gekommen sei. Die Gerichtsbarkeit sei aufgehoben worden: Non modo nulla nova quaestio, sed etiam vetera iudicia sublata. Zur auctoritas als verschwommener Bezeichnung der Machtstellung des Senats s. o., § 8. Diesem war es verboten worden, über Ciceros Fall zu diskutieren, wodurch er in seinen Rechten eingeschränkt wurde; s. o., § 8. Zum Abschluss der Aufzählung stellt Cicero zusammenfassend und gleichsam als Klimax dar, dass Clodius weder die Götter noch die Menschen heilig gewesen seien. Gegen alle habe er gleichermaßen gewütet, als Cicero im Exil war. Zur Zerstörung von Tempeln durch die Clodianer s. o., §§ 7; 32; zur Verletzung der religiösen Unantastbarkeit der Volkstribune (spezifisch des Sestius) durch die Clodianer s. o., § 7. frugum ubertas: Auch der Erntesegen sei zusammen mit Cicero im Exil gewesen. Tatsächlich waren nach einer Phase des Getreidemangels im Laufe des Jahres 57 v. Chr. am Tag der Entscheidung des Senats, die Frage über eine Rückberufung an die Zenturiatskomitien zu übergeben, Anfang Juli die Preise drastisch gesunken. Kurz nach Ciceros Rückkehr und den Reden in senatu und ad Quirites im September stiegen sie allerdings wieder deutlich an. Mit Unterstützung Ciceros wurde dem Pompeius die cura annonae, also die Aufsicht über die Getreideverwaltung, für fünf Jahre zugesprochen; vgl. dom. 3–17. Während Cicero selbst die Preisschwankungen mit Spekulationen (propter avaritiam venditorum; vgl. dom. 11) begründet, wird in der Forschung der Vorwurf des Clodius

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diskutiert, ob nicht Pompeius selbst die Preise manipuliert haben könnte; vgl. Plut. Pomp. 49,5. Dieser hätte in der Hoffnung gehandelt, dass sich Cicero, dankbar über den Einsatz für die Rückberufung, für die Übertragung der cura annonae auf ihn stark machen würde; vgl. Nicholson (1992), 127; 160 (der die Senatssitzung, die über Ciceros Rückberufung entschied, allerdings in den August legt); Lintott (1974), 63; Cary (1932), 530. Dass die erneute Preissteigerung im September 57 v. Chr. in den Reden in senatu und ad Quirites nicht erwähnt wird, wurde in der Vergangenheit bisweilen als Beweis dafür herangezogen, dass es sich bei ihnen um Fälschungen handelt; vgl. Nicholson (1992), 160. In der Parallelrede an das Volk (p. red. ad Quir. 18) stellt Ciceros es noch so dar, als ob die Götter seine Rückberufung durch die niedrigeren Getreidepreise gutgeheißen hätten, während er hier deren Einfluss, im Einklang mit der Tendenz der gesamten Rede, ausklammert; s. o. in Kap. 3. § 35: Cuius mei sensus certissimus testis est hic idem, qui custos capitis fuit, Cn. Plancius, qui omnibus provincialibus ornamentis commodisque depositis totam suam quaesturam in me sustentando et conservando conlocavit. custos capitis: Cicero bezeichnet Plancius als seinen Lebensretter, möglicherweise weil dieser ihn vom Selbstmord abgehalten hatte; vgl. Nicholson (1992), 73; Planc. 101: O excubias tuas, Cn. Planci, miseras, o flebiles vigilias, o noctes acerbas, o custodiam etiam mei capitis infelicem! Cn. Plancius: In diesem Absatz kommt Cicero in einer weiteren Lobpreisung ausführlich auf Cn. Plancius zu sprechen. Dieser fungierte nach dem Kriegstribunat 62 v. Chr. im Jahr 58 v. Chr. als Quästor in Macedonia und nahm Cicero in den ersten sechs Monaten seines Exils gastfreundlich in Thessaloniki auf, obwohl dies noch innerhalb des Geltungsbereichs der Ächtung lag und jedem, der Cicero dort half, Strafe drohte. Sein Vorgesetzter, der Proprätor L. Appuleius Saturninus, verhielt sich aus Furcht vor den gesetzlichen Konsequenzen zurückhaltender, widersetzte sich Plancius aber nicht. Ende November 58 v. Chr. entschied sich Cicero, nach Dyrrhachium umzusiedeln, doch die Hoffnung des Plancius, schon zu Beginn des folgenden Jahres gemeinsam mit diesem nach Rom zurückzukehren, zerschlug sich. Im Jahr 56 v. Chr. diente Plancius als Volkstribun und wurde im Zuge der Wahlen zum Ädil 54 v. Chr. des ambitus angeklagt und unter Verteidigung des Hortensius und Cicero (pro Plancio) freigesprochen. In dieser Rede spricht Cicero auch explizit davon, Plancius in cum senatui gratias egit gedankt zu haben; vgl. Planc. 74: […] oratio, quae est a me prima habita in senatu? In qua cum perpaucis nominatim egissem gratias […] statuissemque eos solum nominare, qui causae nostrae duces et quasi signiferi fuissent, in his Plancio gratias egi; vgl. Nicholson (1992), 73 f.; Goldmann

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(2012), 118 f.; RE 20,2 (1950), 2013 ff.; Planc. 98 ff.; Att. 3,14,2; 3,22,1 ff.; fam. 14,1,3 ff. omnibus … depositis: Plancius habe als Privatmann und persönlicher Freund gehandelt, nicht in seiner Funktion als Quästor, da er ja wissentlich gegen die Weisungen aus Rom verstieß; vgl. Planc. 98; 100. Cicero stellt die Behauptung, ein Magistrat habe seine ganze Amtszeit nur auf seine Rettung verwandt, auch in Bezug auf andere Personen auf; s. o., § 8 (Lentulus); § 30 (Milo). ornamenta bezeichnen „äußere Abzeichen und Sonderrechte von republikanischen Magistraten“; vgl. DNP 9 (2000), 44. Bei Quästoren handelte es sich dabei vor allem um die sella; wenn Provinzialquästoren Anspruch auf die Proprätur hatten, kamen die fasces hinzu; vgl. RE 24 (1963), 809. Qui si mihi quaestor imperatori fuisset, in fili loco fuisset; nunc certe erit in parentis, cum fuerit quaestor non imperi, sed doloris mei. in fili loco / in parentis: Plancius stehe durch seinen Einsatz für Cicero in dessen Augen an Stelle eines Vaters. Einer von fünf Verwandtschaftsvergleichen/ -metaphern in dieser Rede, die anderen sind Lentulus (§ 8), Sestius (§ 20), Pompeius (§ 29) und Quintus (§ 37) gewidmet. Wie bei Lentulus steht laut Raccanelli (2012), 65 ff. die Verwandtschaftsbezeichnung in einer römischen Tradition: Ein Quästor musste sich dem übergeordneten Beamten gegenüber wie ein Sohn verhalten und pietas an den Tag legen; vgl. bspw. div. in Caec. 61 f.: Sic etiam a maioribus nostris accepimus, praetorem quaestori suo parentis loco esse opportere […]. Mit dieser Tradition spiele Cicero, indem er zunächst Plancius in seiner offiziellen Funktion als Quästor in einem irrealen Konditionalsatz hypothetisch in die Rolle des Sohnes versetze (die sicherlich einem der Hauptunterstützer gegenüber nicht angemessen gewesen und nicht als Lobpreisung verstanden worden wäre), dann aber die Rollen vertausche: Auf der privaten/persönlichen Ebene (cum fuerit quaestor non imperi, sed doloris mei) nehme er selbst die untergeordnete Position ein und lasse Plancius, wie schon Lentulus, als servator Ciceros die Ehre des parens zuteil werden. So könne er Plancius in höchster Form rühmen, ohne dass gleichzeitig Lentulus seine Vaterrolle, die ihm in § 8 ohne Einschränkung verliehen wurde, mit einem jungen Magistraten teilen müsste; zur Bezeichnung des Plancius als parens vgl. Planc. 75; zu in loco parentis vgl. Brut. 1; rep. 1,18. cum fuerit quaestor non imperi, sed doloris mei: dolor in metonymischer, mitleiderregender Verwendung für das Exil bei Cicero auch in dom. 100; dom. 103; Cael. 50. Der überlieferte Text wurde von zahlreichen Herausgebern verändert. Wahrscheinlich erschien die Verbindung von quaestor mit doloris mei auffällig. Wolf (1801) schlägt anstelle des quaestor ein particeps vor, während Peterson (1911) consors konjiziert. Bereits Garatoni (laut Halm [1856]) tilgte imperatori wie

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auch cum fuerit … mei, dem Halm und Kayser (1861) folgen. Mueller (1908) setzt cruces. Orelli (1826), Klotz (1919) und Maslowski (1981) behalten dagegen das quaestor der Kodizes bei: Cicero habe zum Ausdruck bringen wollen, dass Plancius sich für ihn nicht auf politischer, sondern auf persönlicher Ebene eingesetzt habe. consors/particeps/socius o. Ä. weist Klotz mit folgender Begründung zurück: „quasi quaestor imperatori consors aut socius fuisset“. § 36: Quapropter, patres conscripti, quoniam in rem publicam sum pariter cum re publica restitutus, non modo in ea defendenda nihil imminuam de libertate mea pristina, sed etiam adaugebo. Etenim si eam tum defendebam, cum mihi aliquid illa debebat, quid nunc me facere oportet, cum ego illi plurimum debeo? In § 36 stellt Cicero dar, wie er in Zukunft politisch vorzugehen gedenke: Er habe die Republik zwei Mal gerettet (duorum beneficiorum im folgenden Satz), zum einen als Konsul durch die Niederschlagung der Catilinarischen Verschwörung und ein zweites Mal durch seine Flucht im Jahr 58 v. Chr., die einem Bürgerkrieg vorgebeugt habe. Damals habe die Republik in seiner Schuld gestanden, doch habe sie ihm diese durch die Rückberufung vergolten. (Die Republik war zwar laut Cicero selbst gemeinsam mit ihm im Exil, aber dessen Ende wurde durch den Senat und die Zenturiatskomitien, zwei grundrepublikanische Einrichtungen, beschlossen; die Rückberufung ist somit ein Sieg der Republik gegen die Tyrannei des Clodius. Darauf weist auch das Paradoxon in rem publicam sum pariter cum re publica restitutus hin.) Daher habe sich das Verhältnis inzwischen umgekehrt; nun schulde Cicero dieser sehr viel. Allerdings sei er unsicher, auf welche Weise er ihre Verdienste vergelten solle. Sie weiterhin auf die gleiche Art wie bisher zu verteidigen, wäre zu wenig und nicht verhältnismäßig. Er wolle stattdessen seine politische Unabhängigkeit (libertate mea; vgl. Kaster [2006], 11; libertas oft auch i. S. v. „Redefreiheit“; vgl. ThLL, s. v. [1314, 28 ff.]) vergrößern und seine Position stärker zu ihrem Vorteil vertreten, gleichsam als ihr Anwalt auftreten. Der Dank, den er vielen für seine Rückberufung schulde, werde also nicht dazu führen, dass er sich beeinflussen lassen und Standpunkte vertreten werde, die gegen seinen eigenen Willen und den Geist der Republik seien; eine detailliertere Auflistung seiner Pläne legt Cicero in p. red. ad Quir. 24 dar. Dort wird bspw. die libertas spezifisch damit erläutert, die Pläne von Menschen zu durchkreuzen, die der Republik übelwollen. Möglicherweise spielt Cicero bei de libertate mea pristina darauf an, dass er eine Beteiligung am Ersten Triumvirat abgelehnt hatte, um sich nicht politisch zu verkaufen. Auch die verschiedenen Posten, die ihm von Caesar nach der Adoption des Clodius angeboten wurden und ihn vor dessen Handlungen geschützt hätten, hatte er abgelehnt, um vom Triumvirat unabhängig zu bleiben; s. o. in Kap. 2.3.2. Allerdings konnte Cicero dieses Versprechen nicht einhalten: Schon der Einsatz für die

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Übertragung der cura annonae an Pompeius wenige Tage später, ebenso die supplicatio für Caesar kurz nach seiner Rückkehr oder die Verteidigung des Gabinius einige Jahre später zeigen, dass von politischer Unabhängigkeit keine Rede sein konnte. Die E 2 -Gruppe bietet imminuam gegen minuam aus der Paris-Familie. Das folgende adaugebo weist eher auf das Kompositum hin. Zu minuere aliquid de aliqua re vgl. dom. 36: […] ut ne quid aut de dignitate generum aut de sacrorum religione minuatur […]; Cat. 4,13; auch Liv. 23,25,11; zu imminuere de aliqua re vgl. de orat. 1,259: […] simul atque imminuitur aliquid de voluptate […]; fam. 5,5,1. In G fehlt der gesamte zweite Satz von etenim bis debeo, möglicherweise verursacht durch einen Augensprung (-gebo … debeo). Diese Auslassung zeigt eindeutig, dass E nicht aus dem älteren G stammen kann, sondern dass beide Handschriften eine gemeinsame Vorlage hatten. Nam quid est, quod animum meum frangere aut debilitare possit, cuius ipsam calamitatem non modo nullius delicti, sed etiam duorum in rem publicam beneficiorum testem esse videatis? In einer rhetorischen Frage betont Cicero, dass nichts seinen Mut zum Einsatz für die Republik mit vergrößerter politischer Unabhängigkeit brechen könne, da sein Exil nicht die Folge irgendeines Vergehens, sondern zweier Wohltaten gegenüber der Republik gewesen sei. Zur Verbindung dieser beiden Taten s. o. in Kap. 4; zu Ciceros ungebrochenem animus nach dem Exil vgl. p. red. ad Quir. 19: Quodsi quis existimat me aut voluntate esse mutata aut debilita virtute aut animo fracto, vehementer errat. Aus dem vorangehenden meum kann erkannt werden, dass sich cuius auf Cicero selbst bezieht; vgl. fam. 9,16,3: Ut enim olim arbitrabar esse meum libere loqui, cuius opera esset […] calamitatem: Eine weitere Umschreibung für das Exil. Cicero umgeht in den post reditum-Reden die Bezeichnung exilium und exul, um nicht die Rechtmäßigkeit des Exilierungsbescheides oder irgendein Fehlverhalten seinerseits anzuerkennen (hier besonders deutlich durch nullius delicti). Zudem betont er mit calamitas die Konnotation der Gefahr, die von den Konsuln und Clodius ausging. Zu calamitas s. o., §§ 20; 24; weitere Umschreibungen in dieser Rede sind discessus und profectio; s. o. in Kap. 4. Die Paris-Familie bietet divinorum, dem verschiedene Herausgeber, zuletzt Peterson (1911), folgen. Die E 2 -Gruppe überliefert dagegen duorum, das einen deutlichen Kontrast zu nullius delicti herstellt und im kausalen Anschluss des folgenden Satzes (nam) mit der Aufzählung der beiden Taten eine sinnvolle Fortsetzung findet. Cicero nennt oft genug die Hinrichtung der Verschwörer und den Gang ins Exil seine ‚beiden‘ großen Taten zur Rettung der Republik; vgl. dom. 76: Uno enim maledicto bis a me patriam servatam esse concedis […];

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dom. 99; Sest. 49; Pis. 78. Klotz (1919), gefolgt von Maslowski (1981), schließt sich daher der E 2 -Gruppe zu Recht an. Cicero habe nie von seinen eigenen Taten als divina gesprochen, diese „Geschmacklosigkeit“ sei lediglich ein Fehler der Kopisten. Madvigs (1873) Konjektur binorum, die auch Kayser (1861) und Mueller (1908) in den Text übernehmen, verwirft er. Wahrscheinlich vermutete Madvig, dass Cicero beide Taten jeweils als beneficia betrachtete. Diese Annahme ist nicht zwingend. Wenn man aber von ihr ausgeht, sollte binorum in den Text gesetzt werden, da duo nicht in dessen Bedeutung verwendet werden kann; vgl. ThLL, s. v. duo. Umgekehrt kann jedoch bini den Sinn von duo einnehmen (vgl. ThLL, s. v. [1997, 82 ff.]) und wäre somit auch unter der Annahme von jeweils einem beneficium möglich. Nam et importata est, quia defenderam civitatem, et mea voluntate suscepta est, ne a me defensa res publica per eundem me extremum in discrimen vocaretur. Cicero erläutert die zwei beneficia (et … et) aus dem vorangehenden Satz, ohne sie beim Namen zu nennen. Dennoch ist leicht zu erkennen, worauf er anspielt. importata und suscepta greifen calamitatem aus dem vorangehenden Satz auf. Die E 2 -Gruppe überliefert das et nach nam. Es wird zu Recht von vielen Herausgebern seit Ernesti (1737), zuletzt von Maslowski (1981), in den Text gesetzt. Das doppelte et verstärkt die Aufzählung und fügt sich gut an das duorum des Vorsatzes an. importata est, quia defenderam civitatem: Das Exil wurde wegen der Hinrichtung der Catilinarischen Verschwörer verhängt (vgl. ThLL, s. v. „importo“ [661, 77 ff.]). In Ciceros Augen stellte diese jedoch kein Vergehen, sondern vielmehr eine Rettung der Republik dar. suscepta est, ne … vocaretur: Cicero entschied sich zur freiwilligen Flucht aus Rom (mea voluntate), weil er die Republik nicht in Gefahr bringen wollte; s. o., §§ 33 f.; vgl. p. red. ad Quir. 1: […] illam miseram profectionem vestrae salutis gratia suscepissem […].

§§ 37–38: Historische Exempla § 37: Pro me non, ut pro P. Popilio, nobilissimo homine, adulescentes filii, non propinquorum multitudo populum Romanum est deprecata, non, ut pro Q. Metello, summo et clarissimo viro, spectata iam adulescentia filius, non L. et C. Metelli, consulares, non eorum liberi, non Q. Metellus Nepos, qui tum consulatum petebat, non Luculli, Servilii, Scipiones, Metellarum filii flentes ac sordidati populo Romano supplicaverunt;

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In §§ 37–38 werden drei historische exempla angeführt, deren Schicksal mit dem Ciceros vergleichbar ist. In § 37 kommt er auf P. Popilius Laenas und Q. Metellus Numidicus zu sprechen, erst in § 38 auch auf C. Marius. Bei allen dreien handelt es sich um ehemalige Konsuln, die unter rechtlich fragwürdigen Umständen ins Exil gehen mussten. Popilius und Metellus, zwei Anführer der Optimaten, wurden, wie Cicero, von den Popularen angegriffen. Zumindest Metellus habe sich – so Cicero – zur freiwilligen Flucht entschieden, um Blutvergießen bzw. einen Bürgerkrieg zu vermeiden. Allerdings unterscheide sich ihr Exil in mehrerer Hinsicht von dem seinigen: Zum einen seien diesen ihre großen Familien zu Hilfe gekommen und hätten sich mit aller Macht für eine Rückberufung eingesetzt, während für Cicero nur der Bruder, unterstützt durch den Schwiegersohn C. Piso, agierte (§ 37). Zum anderen habe der Senat, das Volk und ganz Italien auf Ciceros Seite gestanden. Seine Rückberufung sei durch einen Senatsbeschluss und eine anschließende Abstimmung in den Zenturiatskomitien zustande gekommen. Popilius und Metellus dagegen seien nur durch Rogationen von Volkstribunen im concilium, also plebiscita (s. o., § 11), zurückgerufen worden. Zudem hätten diese erst nach dem Tod bzw. der Exilierung ihrer Gegner nach Rom zurückkehren dürfen, Ciceros Feinde dagegen seien noch am Leben (§ 38); vgl. Nicholson (1992), 32 ff. Durch den Kontrast zu den Vorgängern rückt Cicero sein Exil und die Rückberufung in ein ruhmreiches Licht: Er steht über den exempla. Metellus und Popilius werden in den Reden nach dem Exil mehrfach als Beispiel angeführt; vgl. p. red. ad Quir. 6 f.; 9 ff.; dom. 82; 87; aber auch schon vor Ciceros Exil dienen sie zum Exempel; vgl. Cluent. 95; später in rep. 1,6 und leg. 3,26. Das exemplum des Metellus scheint Cicero wichtiger gewesen zu sein, da er diesen in den Reden nach de domo sua weiterhin anführt, ohne Popilius oder andere zu nennen; vgl. u. a. Sest. 37; 101; 130; Planc. 69; 89. Schon in dieser Rede wird Metellus stärker hervorgehoben: Er fand bereits in § 25 als Beispiel für ein ehrenvolles, aber dennoch zu betrauerndes Exil Erwähnung. Hier ist der Katalog der Verwandten, die ihn unterstützten, deutlich länger als der des Popilius. Dies mag darin begründet liegen, dass in der Zeit von 70 bis 50 v. Chr. die Metelli viele bedeutende Magistrate stellten, während sich kaum ein Angehöriger der gens Popilia findet, darunter C. Popilius, Volkstribun im Jahr 70 v. Chr., und wenige Senatoren; vgl. RE 22,1 (1953), 52 ff. Auch die persönliche Bedeutung des Q. Metellus (cos. 57 v. Chr.) für Cicero könnte eine Rolle gespielt haben; vgl. Nicholson (1992), 32 ff.; van der Blom (2010), 195–203; Kelly (2006), 153–155. P. Popilio: P. Popilius Laenas fungierte im Jahr 135 v. Chr. als Prätor in Sizilien und 132 v. Chr. als Konsul. Als Gegner des Tib. Gracchus ließ er dessen Anhänger während seiner Amtszeit ohne Prozess hinrichten. Im Jahr 123 v. Chr. setzte der Volkstribun C. Gracchus als Rache das Exil des Popilius durch. Trotz

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der Unterstützung vieler Verwandter wurde er erst im Jahr 121 v. Chr. durch die Rogation des Volkstribun L. Calpurnius Bestia zurückgerufen, nachdem C. Gracchus umgekommen war; vgl. RE 22,1 (1953), 63 f. adulescentes filii: Für Popilius hätten sich dessen heranwachsende Söhne eingesetzt. Es sind drei Söhne des P. Popilius Laenas bekannt: 1. C. Popilius, der im Jahr 107 v. Chr. als Legat des Konsuls C. Cassius Longinus fungierte und vermutlich wegen perduellio ins Exil gehen musste, aber später zurückkehren durfte; vgl. RE 22,1 (1953), 58 f. 2. P. Popilius, der 129 v. Chr. im Consilium eines Prätors tätig war. 3. Q. Popilius, ebenfalls 129 v. Chr. im Consilium eines Prätors. Die Zuordnung der letzten beiden als Söhne des P. Popilius Laenas ist allerdings nicht sicher; zu beiden vgl. RE 22,1 (1953), 64. Q. Metello: Q. Metellus Numidicus; 109 v. Chr. Konsul, von 100 bis 99 v. Chr. nach freiwilliger Flucht im Exil; ausführlich zu diesem s. o., § 25. spectata iam adulescentia filius … Metellarum filii: In einer fünfgliedrigen Aufzählung werden die Verwandten des Metellus Numidicus angeführt, die sich für dessen Rückberufung aus dem Exil einsetzten: 1. filius: Q. Caecilius Metellus Pius, Sohn des Numidicus, geboren ca. 127 v. Chr., der seinen Beinamen Pius für die Unterstützung der Rückberufung seines Vaters erhielt. Nach der Prätur 89 v. Chr. kämpfte er im Bundesgenossenkrieg für Sulla und wurde gemeinsam mit diesem im Jahr 80 v. Chr. Konsul. Nach achtjährigem Krieg gegen Sertorius in Spanien zog er sich 71 v. Chr. aus dem politischen Leben zurück; vgl. RE 3,1 (1897), 1221 ff. 2. L. et C. Metelli: Die Brüder L. Caecilius Metellus Diadematus und C. Caecilius Metellus Caprarius, Cousins des Numidicus, Söhne des Q. Caecilius Metellus Macedonicus. Diadematus war 117 v. Chr. Konsul; vgl. RE 3,1 (1897), 1213. Caprarius war ca. 117–116 v. Chr. Prätor und 113 v. Chr. Konsul. Während seiner Amtszeit siegte er in Thrakien und bekam 111 v. Chr. einen Triumph zugesprochen. 102 v. Chr. fungierte er gemeinsam mit Numidicus als Zensor; vgl. RE 3,1 (1897), 1208. 3. eorum liberi: Bekannt sind als männliche Nachfahren der beiden zum einen der Sohn des Diadematus, Q. Metellus Celer, zum anderen die Söhne des Caprarius, C. Metellus, Q. Metellus Creticus (cos. 69 v. Chr.), L. Metellus (cos. 68 v. Chr.) und M. Metellus (Prätor 69 v. Chr.); vgl. RE 3,1 (1897), 1229 f. 4. Q. (Caecilius) Metellus Nepos, Enkel des Macedonicus, Konsul im Jahr 98 v. Chr.; vgl. RE 3,1 (1897), 1216. 5. Luculli, Servilii, Scipiones, Metellarum filii: Auch Luculler, Servilier und Scipionen sollen sich für Numidicus eingesetzt haben. Drei Töchter der Meteller hatten in die jeweiligen Familien eingeheiratet: a) Die Tochter des L. Metellus Calvus, Schwester des Numidicus, war verheiratet mit L. Licinius Lucullus; b) eine Tochter des Q. Metellus Macedonicus, Cousine des Numidicus, war verheiratet mit C. Servilius Vatia (Prätor 114 v. Chr.) und Mutter des P. Servilius Vatia Isauricus (zu diesem s. o., § 25); c) die andere Tochter des Macedonicus war verheiratet mit P. Scipio Nasica

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(cos. 111 v. Chr.) und Großmutter des Metellus Pius Scipio; vgl. zu allen dreien RE 3,1 (1897), 1234. Metellarum filii … sordidati: Hier liegt erneut ein Verweis auf das Anlegen einer ungewaschenen oder verschmutzten Toga und ungepflegtes Auftreten als Zeichen der Trauer vor. Es war nicht ungewöhnlich, dass Angeklagte so vorgingen, um Mitleid bei den Richtern zu erregen. Oft schlossen sich Verwandte und Freunde zur Unterstützung an. Auf ebendiese Weise hatten sich auch die Ritter (s. o., § 12: dort die multitudo bonorum, hier die propinquorum multitudo) bei Gabinius für Cicero eingesetzt, um gegen das Gesetz des Clodius zu protestieren, das die Hinrichtung römischer Bürger ohne vorangehendes Urteil untersagte. In H fehlt der Satz zwischen filii und Metellarum, eine weitere absichtliche Kürzung des Texts, auch wenn auf den ersten Blick ein Augensprung möglich erscheint (filii … filii); s. o. in Kap. 7. Die übrigen Kodizes bieten geschlossen Metellorum. Erst Manutius (1554) konjizierte zu Recht das feminine Metellarum als Apposition zu Luculli, Servilii, Scipiones, dem die modernen Herausgeber, mit Ausnahme von Ernesti (1737), gewöhnlich folgen. Bei den Luculli, Servilii, Scipiones handelt es sich ausschließlich um Nachfahren von weiblichen Familienmitgliedern der Metelli, die in die Familien eingeheiratet hatten. An der Parallelstelle in der Rede an das Volk (p. red. ad Quir. 6: […] permulti enim tum Metelli aut Metellarum liberi pro Q. Metelli reditu vobis ac patribus vestris supplicaverunt) schwankt die Überlieferung: P und H lassen die Stelle aus, G tradiert die feminine und E die maskuline Form. sed unus frater, qui in me pietate filius, consiliis parens, amore, ut erat, frater inventus est, squalore et lacrimis et cotidianis precibus desiderium mei nominis renovari et rerum gestarum memoriam usurpari coegit. unus frater: Für Cicero setzte sich als einziger Verwandter der Bruder Quintus ein, der allein das vollbrachte, wofür bei Metellus und Popilius eine Vielzahl nötig war. Er habe Ciceros Namen und dessen Taten (bei rerum gestarum liegt erneut eine Anspielung auf die Catilinarische Verschwörung vor) in der Erinnerung der Menschen erhalten (vgl. OLD, s. v. „usurpo“; vgl. Marc. 5; amic. 25). Seine Unterstützung wird mehrfach hervorgehoben; s. o., § 1; § 27; vgl. Nicholson (1992), 76. Ausführlich zu seinem Einsatz und den Erwähnungen in den Reden post reditum s. o. in Kap. 2.3.6. Nach seiner Ädilität im Jahr 65 v. Chr. und der Prätur 62 v. Chr. war Quintus 61–58 v. Chr. Prokonsul in Asia, von wo er Anfang Mai, nachdem sein Bruder bereits geflohen war, zurückkehrte. Trotz des konsularischen Verbots legte er Trauerkleidung an (squalore; s. o., § 12) und wurde Anfang des Jahres 57 v. Chr. im Zuge der gewalttätigen Auseinandersetzungen mit den Clodianern schwer verletzt. In diesem Winter gab er Caesar die von diesem für eine Unterstützung geforderte Zusicherung, dafür Sorge zu tragen, dass sein Bruder nach einer Rückberufung nichts gegen Caesars acta un-

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ternehmen würde; vgl. fam. 1,9,9: Quem [sc. Quintum] cum in Sardinia Pompeius paucis post diebus, quam Luca discesserat, convenisset, ‚te‘, inquit, ‚ipsum cupio; nihil opportunius potuit accidere. Nisi cum Marco fratre diligenter egeris, dependendum tibi est, quod mihi pro illo spopondisti‘; Nicholson (1992), 75 f.; RE 7A, 2 (1943–1948), 1292 f.; zu weiteren Erwähnungen vgl. p. red. ad Quir. 3; 5; 7 f.; dom. 59; Sest. 68; 76 ff. Zur stärkeren Präsenz des Bruders in der Volksrede, die ohnehin mehr auf einer Gefühlsebene spielt, s. o. in Kap. 3. filius … parens … frater: Der letzte von fünf Verwandtschaftsvergleichen/ -metaphern in der Rede, s. o., § 8; § 20; § 29; § 35. Die Bedeutung, die Quintus beigemessen wird, zeigt sich, so schon Raccanelli (2012), 84 ff., darin, dass er mit drei verschiedenen verwandtschaftlichen Rollen bedacht wird (in § 35 wird schon Plancius sowohl als Sohn als auch als Vater für Cicero bezeichnet): der des Sohnes (ebenso Pompeius; s. o., § 29), des Vaters (ebenso Lentulus; s. o., § 8) und des Bruders (ebenso Sestius und Pompeius; s. o., § 20; § 29). Er werde zu einem ‚Superverwandten‘ („superparente“; Raccanelli [2012], 86), der den gleichen Einsatz für Cicero an den Tag lege wie die Mengen an Verwandten, die die historischen exempla als Unterstützer besaßen; ähnlich bereits Homer, Il. 6, 429 f.; in Bezug auf Quintus vgl. Q. fr. 1,3,3: Cum enim te desidero, fratrem solum desidero? Ego vero suavitate prope aequalem, obsequio filium, consilio parentem. Eine Person könne somit mehrere Verwandtschaftsgrade auf sich vereinen, wenn sie unterschiedliche Eigenschaften verkörpere. Diese würden hier durch die Ablative pietate, consiliis und amore definiert, die aufzeigten, welche officia den verschiedenen Verwandten zukämen. Qui cum statuisset, nisi me per vos reciperasset, eandem subire fortunam atque idem sibi domicilium et vitae et mortis deposcere, tamen numquam nec magnitudinem negoti nec solitudinem suam nec vim inimicorum ac tela pertimuit. Hier teilt sich die Überlieferung: In der Paris-Familie fehlt das notwendige Objekt me, das in H konjiziert wurde (per vos me). In der E 2 -Gruppe findet sich me per vos, deren Wortstellung zu Recht von Klotz (1919) und Maslowski (1981) übernommen wird. Im Gegensatz zu per vos me betont diese das me, wie es der Sinn des Satzes erfordert; vgl. Klotz (1913), 490. eandem subire fortunam: Zum Beschluss des Quintus, zu seinem Bruder zu reisen und gemeinsam mit diesem dessen Exil erdulden und zur Not auch dort sterben zu wollen (domicilium mortis bezeichnet das Grab), wenn eine Rückberufung durch den Senat nicht erfolgreich sein sollte, vgl. p. red. ad Quir. 8: […] ne sepulcro quidem se a me esse seiunctum […]. Die Handschriften überliefern geschlossen deposceret. Der notwendige Infinitiv wurde erst von Madvig (1873) hergestellt („Non poscebat hoc Quintus Cicero, sed statuerat deposcere.“).

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solitudinem: Eine Anspielung darauf, dass Quintus der einzige der Verwandten Ciceros gewesen sei (neben dem Schwiegersohn Piso), der sich für ihn eingesetzt habe, im Gegensatz zu den vielen Unterstützern der exempla Popilius und Metellus. Dagegen interpretiert Shackleton Bailey (1991), 23, solitudinem als das Leben ohne seinen Bruder. § 38: Alter fuit propugnator mearum fortunarum et defensor adsiduus, summa virtute et pietate, C. Piso gener, qui minas inimicorum meorum, qui inimicitias adfinis mei, propinqui sui, consulis, qui Pontum et Bithyniam quaestor prae mea salute neglexit. C. Piso gener: Als letzter Unterstützer (zu propugnator in dieser Bedeutung vgl. OLD, s. v. [2]; dom. 129) Ciceros wird dessen Schwiegersohn C. Piso in einer dreigliedrigen, anaphorischen (qui … qui … qui) Aufzählung von Relativsätzen hervorgehoben. Dass er sich gemeinsam mit seiner Ehefrau Tullia vergeblich bei seinem Verwandten, dem Konsul Piso (adfinis mei, propinqui sui), für seinen Schwiegervater eingesetzt hatte, fand bereits in § 17 Erwähnung. Nach seinem Dienst als triumvir monetalis ca. im Jahr 61 v. Chr. wurde er von Vettius beschuldigt, an der Verschwörung gegen Pompeius teilgenommen zu haben. Im Jahr 58 v. Chr. sollte er als Quästor in Bithynia et Pontus fungieren, blieb aber in Rom, um dort, vor allem beim Konsul Piso, Ciceros Exil zu verhindern bzw. später dessen Rückberufung (salus) zu unterstützen. Er nahm das Amt wohl gar nicht auf; zu neglegere in Bezug auf eine Provinz vgl. u. a. Cat. 4,23: […] pro imperio, pro exercitu, pro provincia, quam neglexi […]; Phil. 3,26. Schon im Jahr zuvor hatte er bei Pompeius Hilfe gegen das Vorgehen des Clodius erbeten, allerdings blieben alle seine Versuche erfolglos. Er verstarb plötzlich, noch vor Ciceros Rückkehr aus dem Exil, in der ersten Hälfte des Jahres 57 v. Chr.; zu ihm vgl. p. red. ad Quir. 7: […] C. Pisonis, generi mei, divina quaedam et inaudita auctoritas atque virtus […]; Sest. 68; Vat. 26; Plut. Cic. 31,2; Nicholson (1992), 74 f.; RE 3,1 (1897), 1391. Pontum et Bithyniam: Römische Provinz in der heutigen Nordwesttürkei. Im Jahr 74 v. Chr. fiel als Erbe des letzten Königs, Nikomedes Philopator, Bithynien an das römische Reich. Der dritte Krieg gegen Mithridates, den Herrscher des benachbarten Pontus, der Anspruch auf Bithynien erhob, verhinderte eine sofortige Organisation als Provinz, die erst nach dem Sieg der römischen Truppen im Jahr 65/4 v. Chr. durch Pompeius erfolgte. Pontus wurde in die neu gegründete Provinz einbezogen; vgl. RE 3,1 (1897), 524 f.; Wesch-Klein (2016), 141 f. prae: Sofern hier kein Fehler in den Handschriften vorliegt und statt prae das eher zu erwartende pro gelesen werden sollte (pro mea salute / pro salute mea s. o., §§ 20; 31; auch bspw. in dom. 30; Planc. 98; p. red. ad Quir. 13; Sest. 26; aber prae in fam. 14,4,2), muss die Präposition kausal aufgefasst werden. In die-

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ser Bedeutung steht sie zumeist in negativen Sätzen oder bei Verben mit negativem Sinn (neglexit) zur Angabe des Hinderungsgrundes: Piso trat seine Quästur nicht an, weil Ciceros Rückberufung ihm wichtiger war; vgl. KSt 1, 513; zu prae i. S. v. propter vgl. zudem ThLL, s. v. (376, 82 ff.; allerdings wird diese Stelle dort nicht rubriziert); Ver. 2,2,97; Planc. 99. Nihil umquam senatus de P. Popilio decrevit, numquam in hoc ordine de Q. Metello mentio facta est: tribuniciis sunt illi rogationibus interfectis inimicis denique restituti, cum alter eorum senatui paruisset, alter vim caedemque fugisset. Hier beginnt der zweite Teil des Kontrastes zu den historischen exempla: Der Senat, das Volk und ganz Italien zeigten ihre Unterstützung für Cicero durch einen Senatsbeschluss und eine Abstimmung in den Zenturiatskomitien zu Lebzeiten des Clodius. Popilius und Metellus hingegen durften nur durch tribunizische Rogationen (s. o., § 11) nach dem Tod ihrer Feinde zurückkehren; vgl. p. red. ad Quir. 10. Cicero impliziert damit, dass seine Rückberufung ruhmreicher war. Das nötige de vor Q. Metello fehlt in der Paris-Familie. Nur die E 2 -Gruppe (sowie G 2 ) überliefert die Präposition. tribuniciis … rogationibus interfectis inimicis: Trotz der Unterstützung der zahlreichen Familienmitglieder war es P. Popilius nur nach einem zweijährigen Exil und dem Tod des C. Gracchus durch eine Rogation des L. Calpurnius Bestia möglich gewesen, nach Rom zurückzukehren. Ebenso wurde die Exilierung des Q. Metellus erst durch eine Rogation des Q. Calidius aufgehoben, nachdem Saturninus und Glaucia gewaltsam ums Leben gekommen waren; vgl. RE 22,1 (1953), 64; RE 3,1 (1897), 1221. Anstelle von interfectis inimicis denique bietet H nulla auctoritate senatus, das sich in der Parallelrede an das Volk im selben Zusammenhang findet; vgl. p. red. ad Quir. 10: Tribuniciis superiores illi rogationibus nulla auctoritate senatus sunt restituti […]. Der sehr freie Umgang mit dem Text in H (s. o. in Kap. 7) könnte darauf schließen lassen, dass hier bewusst die Formulierung aus der Volksrede eingefügt wurde, auch wenn sich ein Grund dafür nicht erkennen lässt. Die E 2 -Gruppe weist den Bindefehler refecti nimis denique auf, der durch Buchstabenausfall und falsche Wortformung vielleicht schon in der Spätantike entstanden ist. Ab cum fehlt der Satz in H, was wiederum eher auf eine absichtliche Auslassung als auf einen Fehler hindeutet; s. o. in Kap. 7. alter eorum senatui paruisset, alter vim caedemque fugisset: P. Popilius ging erst nach der offiziellen Verbannung gezwungenermaßen ins Exil, Q. Metellus floh freiwillig vor der blutigen Gewalt (vim caedemque als Hendiadyoin) aus der Stadt, noch bevor ein Ächtungsbescheid erlassen werden konnte; vgl. RE 22,1 (1953), 63; RE 3,1 (1897), 1220.

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Nam C. quidem Marius, qui hac hominum memoria tertius ante me consularis tempestate civili expulsus est, non modo a senatu non est restitutus, sed reditu suo senatum cunctum paene delevit. Erst hier, auffällig getrennt von Popilius und Metellus, kommt Cicero auf C. Marius zu sprechen. In dessen Fall war der Senat nicht nur nicht an dessen Rückberufung beteiligt, sondern stand sogar in Opposition zu ihm. Der siebenmalige Konsul und Feldherr zerstritt sich im Jahr 88 v. Chr. mit Sulla um den Oberbefehl im Krieg gegen Mithridates. Dieser war eigentlich Sulla zugesprochen worden, doch Marius ließ ihn durch eine Volksversammlung auf sich übertragen. Daraufhin marschierte Sulla mit den ihm treuen Truppen gegen Rom, nahm die Stadt ein und erklärte Marius und seine Anhänger zu Staatsfeinden, weshalb dieser ins Exil, zuletzt nach Kerkina vor der Küste Tunesiens, floh. Während sich Sulla im folgenden Jahr wegen des Krieges gegen Mithridates im Osten aufhielt, rief der im Zuge der neu ausgebrochenen Konflikte zwischen Popularen und Optimaten aus Rom vertriebene Konsul Cinna (s. o., § 9) Marius zurück. Dieser schloss sich den Vertriebenen an und marschierte mit ihren Truppen erfolgreich auf Rom. Dort wurden die Gegner, darunter Sulla und zahlreiche Senatoren, zu Staatsfeinden erklärt und sehr viele von ihnen proskribiert und getötet (senatum cunctum paene delevit). Wenige Tage nach Antritt des Konsulats 86 v. Chr. verstarb Marius krankheitsbedingt; vgl. RE S6 (1935), 1363 ff.; insbesondere 1407–1419; weitere Literatur zu Marius s. o. in Kap. 3. Dieser bot sich Cicero im Laufe seines Lebens immer wieder als exemplum an: Beide waren homines novi, stammten aus Arpinum und hatten ein teilweise ähnliches Schicksal. Im Zusammenhang mit seiner Rückkehr aus dem Exil verwendete Cicero Marius vor allem als Negativbeispiel; vgl. van der Blom (2010), 203–208; Bücher (2006), 246. Nicht nur wird Marius in dieser Rede von Popilius und Metellus getrennt, sondern auch deutlich negativer charakterisiert: So habe er bei seiner Rückkehr den Senat beinahe zerstört. In der Volksrede dagegen, in der Marius an sechs Stellen von Cicero erwähnt wird, stehen alle drei exempla auf einer Stufe und Marius wird positiver dargestellt: Es finden sich verherrlichende Epitheta und die Anspielungen auf die militärisch unterstützte Rückkehr sind nicht explizit negativ zu werten, sondern eher neutral gehalten; vgl. bspw. p. red. ad Quir. 7: exercitus atque arma valuerunt; p. red. ad Quir. 10: exercitu se armisque revocavit; ähnlich p. red. ad Quir. 20, auch wenn dort dessen gewaltsame Rückkehr, wie in dieser Rede, als Kontrast zu Ciceros herangezogen wird. Diese Unterschiede erklären sich durch die Rolle des Marius als popularer Politiker, der im Volk als großer Held angesehen war, im Senat dagegen deutlich weniger galt, möglicherweise gar verhasst war; s. o. in Kap. 3. Cicero macht es Piso und Gabinius ebenfalls an verschiedenen Stellen zum Vorwurf, den Senat zerstört zu haben; vgl. Sest. 17: Consules? Hocine ut ego nomine appellem everso-

§ 39: Peroratio

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res huius imperi […], qui ad delendum senatum […] se illis fascibus ceterisque insignibus summi honoris atque imperi ornatos esse arbitrabantur?; Sest. 44. nam: Zu dieser Verwendung in der Verbindung nam … quidem vgl. OLD, s. v. „nam“: „(in transitions to a new subject) again, moreover, then“. Zur Stellung von quidem zwischen zwei Namensbestandteilen vgl. Phil. 8,5; 10,11; Cato 60. tempestate civili: Zu dieser Metapher für einen Bürgerkrieg vgl. u. a. dom. 108: Civis est nemo tanto in populo […], qui non pro suis opibus in illa tempestate me defenderit; Sest. 46; dom. 68; har. resp. 4. Ein weiteres Mal stellt Cicero eine Verbindung des Clodius und seiner Helfer mit der Zeit Sullas her, um diese als ruchlose Staatsfeinde darstellen und die Zeit seines Exils negativer zeichnen zu können; s. o., §§ 4; 33. Nulla de illis magistratuum consensio, nulla ad rem publicam defendendam populi Romani convocatio, nullus Italiae motus, nulla decreta municipiorum et coloniarum exstiterunt. Cicero setzt den Kontrast zu den exempla fort. Er fasst dabei bereits Gesagtes unter vier Schlagworten zusammen. Die anaphorische Satzstruktur (nulla … nulla … nullus … nulla) unterstützt die eindringliche Wirkung; vgl. p. red. ad Quir. 10: Nullus in eorum reditu motus municipiorum et coloniarum factus est; at me in patriam ter suis decretis Italia cuncta revocavit. 1. nulla … magistratuum consensio: Für keinen der drei genannten ehemaligen Konsuln sei ein Senatsbeschluss für eine Rückberufung zustande gekommen; s. o., § 2: singulari studio atque consensu; § 3: me universi revocavistis. 2. nulla populi Romani convocatio: Ebenso wenig sei das römische Volk einberufen worden, während für Ciceros Rückkehr (also die Rettung der Republik, daher ad rem publicam defendendam) die Zenturiatskomitien Anfang August 57 v. Chr. abstimmten; s. o. §§ 24 ff. 3. nullus Italiae motus: Es habe keine Zuneigungsbekundungen Italiens gegeben; zu dieser übertriebenen Darstellung s. o., §§ 24–29; s. u., § 39. 4. nulla decreta municipiorum et coloniarum: Auch sei es zu keinerlei Beschlüssen der municipia und coloniae gekommen. Für Cicero hatte sich dort Pompeius eingesetzt; s. o., §§ 29; 31.

§ 39: Peroratio § 39: Qua re, cum me vestra auctoritas arcessierit, populus Romanus vocarit, res publica implorarit, Italia cuncta paene suis umeris reportarit, non committam, patres conscripti, ut, cum ea mihi sint restituta, quae in potestate mea non fuerunt, ea non habeam, quae ipse praestare possim, praesertim cum illa amissa reciperarim, virtutem et fidem numquam amiserim.

244

B Kommentarteil

vestra auctoritas … populus Romanus … res publica … Italia cuncta: In der peroratio (§ 39) nennt Cicero, parallel zum vorangehenden Absatz, in einer weiteren viergliedrigen Aufzählung erneut den Senat (vestra auctoritas [s. o., § 8]; magistratuum consensio), das Volk (populus Romanus; populi Romani convocatio) und ganz Italien (Italia cuncta; Italiae motus) als Initiatoren seiner Rückberufung. Anstelle der zuvor zusätzlich angeführten Dekrete der municipia und coloniae wird hier übersteigert als totum pro parte die gesamte res publica genannt. Man sieht, dass logische Kohärenz kein Kriterium dieser Art von Reden ist, da Cicero zuvor wiederholt behauptet hatte, dass sich die Republik bereits im Exil befunden habe, als er aus Rom floh, und erst gemeinsam mit ihm wieder zurückkehren konnte; s. o., §§ 34; 36. Mit Italia cuncta spielt er auf die Aufforderung des Senats aus dem Mai 57 v. Chr. an, dass sich alle Bürger Italiens in Rom zur Abstimmung über eine Rückberufung Ciceros einfinden sollten; s. o., § 24. An verschiedenen Stellen der Rede greift Cicero diese auf und bezeichnet die Teilnehmer der Volksversammlungen im Juli und August 57 v. Chr. übertrieben als Italia ipsa (§ 25) oder Italia tota (§ 26). Die peroratio der Volksrede (p. red. ad Quir. 24–25) fällt hingegen deutlich anders aus. Dort stellt es Cicero, im Einklang mit seiner sonstigen Vorgehensweise, so dar, als hätte ihn nur das Volk zurückgerufen. Hier teilt sich die Überlieferung: P, B und H bieten nach dem Archetyp arcesserit, G und E als Konjektur das orthographisch korrekte, kontrahierte accersierit (vgl. LHS 1,600), die jüngeren Handschriften ε und V die ebenfalls richtige Form arcessierit. Der Verbstamm kann auf beide Arten gebildet werden; vgl. ThLL, s. v. „arcesso“ (448, 52). Die Herausgeber setzen zu Recht die Form der recentiores in den Text, die sich im Fehler aus P, B und H abzubilden scheint. paene suis umeris reportavit: Ganz Italien habe Cicero auf seinen Schultern nach Rom zurückgetragen. Dies erinnert an die triumphierende Darstellung seiner Rückkehr in § 28 (equis insignibus et curru aurato reportati); hier allerdings schränkt er das allzu kühne Bild durch paene ein. Es liegt möglicherweise eine Anspielung auf die Aussagen des Clodius im Zusammenhang mit dessen Angriff auf Caesars acta vor. Laut Cicero hatte dieser gesagt, er werde ihn im Erfolgsfall auf seinen Schultern nach Rom zurücktragen; vgl. dom. 40: […] dicebas te tuis umeris me custodem urbis in urbem relaturum; s. o. in Kap. 2.2. non committam … amiserim: Zur Struktur non committam, patres conscripti s. o., § 33: potui, patres conscripti. Cicero sei mit seiner Rückberufung ein Dienst erwiesen worden, den er selbst nicht habe beeinflussen können (ea mihi sint restituta, quae in potestate mea non fuerunt; erneut aufgegriffen durch illa amissa reciperarim). Im Vergleich zur Volksrede stellt die peroratio der Senatsrede eine Antiklimax dar. Während Cicero dort durch eine partitio seine politischen Projekte ausbreitet, schlägt er hier (sowie in § 36) bescheidenere Töne an:

§ 39: Peroratio

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Er wolle zur Vergeltung seiner Dankesschuld gegenüber der Republik nur das leisten, was in seiner Macht stehe. Dies erscheint durch die Hervorhebung in der peroratio als zentraler Punkt der Rede; vgl. Quint. inst. 6,1,2. Vor dem Senat wäre eine übertrieben selbstbewusste Haltung so kurz nach der Rückberufung gewiss nicht angemessen gewesen; vgl. p. red. ad Quir. 24: […] neque in consiliis de re publica capiendis diligentiam neque in periculis a re publica propulsandis animum neque in sententia simpliciter ferenda fidem neque in hominum voluntatibus pro re publica laedendis libertatem nec in perferendo labore industriam nec in vestris commodis augendis grati animi benivolentiam defuturam; zur Dankesschuld s. o., § 36: cum ego illi plurimum debeo. In der Volksrede legt Cicero den Grundgedanken des Satzes C. Marius nach dessen Rückkehr aus dem Exil in den Mund. Im Senat hätte ihn dies möglicherweise zu positiv erscheinen lassen; vgl. p. red. ad Quir. 20: […] reciperata vero sua [sc. Marii] dignitate se non commissurum, ut, cum ea, quae amiserat, sibi restituta essent, virtutem animi non haberet, quam numquam perdidisset. Zu non committere, ut als „es nicht dazu kommen lassen, dass“ vgl. zudem Cat. 3,17; Balb. 64; ThLL, s. v. „committo“ (1912, 38 ff.). virtutem et fidem: Anstelle der konkreten Vorhaben in der Volksrede finden sich hier nur Allgemeinplätze als Zukunftspläne Ciceros: Er wolle seine virtus und fides einsetzen, um seine Dankesschuld gegenüber der Republik zu vergelten; diese habe er auch im Exil nie verloren. Virtus bezeichnet an dieser Stelle, wie so oft bei Cicero, die Tatkraft zum Bewahren und Verteidigen der Republik, allerdings nicht im militärischen Bereich, wie noch in § 5 in Bezug auf Pompeius; vgl. Lind (1972), 241 f. Ähnlich ist fides hier als die Gewissenhaftigkeit oder Pflichttreue zu verstehen, die Cicero der Republik gegenüber zeigen möchte. In seinem Werk rückt fides oft in die Nähe der diligentia (vgl. in der Aufzählung der politischen Pläne Ciceros in p. red. ad Quir. 24: […] mihi neque in consiliis de re publica capiendis diligentiam […] defuturam, auch wenn dort die fides als zusätzliches Element auftritt) und wird „fast zu einem Leitprinzip seines Wirkens“; vgl. RAC 7 (1969), 820.

Anhang: Ciceros Exilierung; Zeitleiste der Jahre 58/57 v. Chr. 58 3. Januar

Clodius bringt vier Gesetze ein: Die Getreidepreise sollen gesenkt, die 64 v. Chr. verbotenen collegia wieder eingeführt, die lex Aelia et Fufia aufgehoben und die Position der Zensoren geschwächt werden, die jetzt nicht mehr ohne Weiteres die Zusammensetzung des Senats verändern dürfen.

Ende Januar

Clodius promulgiert ein Gesetz über die Ächtung derjenigen, die römische Bürger ohne Urteil hinrichten lassen und ließen. Cicero wird darin nicht namentlich genannt, doch legt er Trauerkleidung an. Eine Vielzahl an Rittern und später Senatoren folgen seinem Vorbild, doch wird der Kleidungswechsel per Edikt durch Gabinius verboten.

Anfang März

Volksversammlung im Circus Flaminius. Piso, Gabinius und Caesar sprechen über Ciceros Umgang mit den Catilinarischen Verschwörern.

März

Cicero flieht aus Rom. Das allgemeine Ächtungsgesetz des Clodius und der Provinzhandel mit den Konsuln werden angenommen. Die Anwesen Ciceros werden in direkter Folge geplündert. Caesar reist nach Gallien ab.

März

Der persönliche Ächtungsbescheid gegen Cicero wird promulgiert. Damit verbunden ist das Verbot, über seinen Fall zu verhandeln. Die Annahme der Ächtung erfolgt Ende April.

Mai-November

Cicero hält sich bei Plancius in Thessaloniki auf; anschließend verweilt er bis zur Rückkehr in Dyrrhachium.

1. Juni

Ein Senatsbeschluss zur Rückberufung Ciceros auf Antrag des Ninnius wird durch Interzession des Aelius Ligus verhindert.

11. August

Es kommt zu einem versuchten Mordanschlag auf Pompeius, der sich anschließend auf sein Landgut zurückzieht.

29. Oktober

Acht Volkstribune promulgieren ein Rückberufungsgesetz auf Initiative des Ninnius und unterstützt durch Pompeius. Lentulus bezeichnet die Ächtung Ciceros als privilegium. Durch eine Interzession des Clodius oder des Aelius Ligus bleibt auch dieser Versuch erfolglos.

Dezember

C. Messius promulgiert ein Rückberufungsgesetz. Der Antrag wird von acht Volkstribunen unter Q. Fabricius angenommen.

57 1. Januar

Die Konsuln Lentulus und Metellus treten ihr Amt an. Von Lentulus wird eine Beratung über die Rückberufung Ciceros initiiert, die aber an den Folgetagen durch Sex. Attilius Serranus verschleppt wird.

https://doi.org/10.1515/9783110643091-011

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Anhang: Ciceros Exilierung; Zeitleiste der Jahre 58/57 v. Chr.

23. Januar

Die Abstimmung über das Gesetz der acht Volkstribune vom Dezember 58 v. Chr. wird gewalttätig durch Banden des Clodius gesprengt. Dabei wird auch Quintus Cicero schwer verletzt.

Sommer

Pompeius setzt sich in verschiedenen Landstädten für Cicero ein und führt als duovir in Capua den Beschluss herbei, dass der Ächtungsbescheid als privilegium zu betrachten sei.

Ende Mai

Lentulus berichtet im Senat über Cicero. Es kommt zum Senatsbeschluss, eine Volksversammlung über dessen Rückberufung abzuhalten und Ciceros Unterstützern zu danken.

Anfang Juli

Bei einer erneuten Diskussion des Senats im Jupitertempel über die Rückberufung unter der Leitung des Lentulus unterstützt auch Metellus auf Zureden des P. Servilius Vatia Isauricus den Antrag, die Angelegenheit den Zenturiatskomitien zur Entscheidung zu übergeben. 417 Senatoren nehmen an der Senatssitzung teil, nur Clodius stimmt gegen den Antrag. Am folgenden Tag wird eine contio abgehalten, bei der sich u. a. Lentulus und Pompeius für eine Rückberufung aussprechen. Es folgt eine weitere Senatssitzung, bei der u. a. beschlossen wird, dass Cicero auch dann zurückkehren darf, wenn an den nächsten fünf möglichen Verhandlungstagen keine Entscheidung getroffen werden sollte.

4. August

Die Zenturiatskomitien kommen zusammen und beschließen die Rückberufung Ciceros.

4. September

Cicero kehrt nach Rom zurück.

5. September

Cicero hält die Rede cum senatui gratias egit.

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Namens- und Sachregister Die Sortierung der römischen Eigennamen erfolgt nach dem Gentilnomen. A Abstimmung über eine Rückberufung Ciceros am 23.01.57 20, 32, 35, 37, 115, 116, 139, 175, 180–182, 204 Acheron 196 acta Caesaris, möglicher Angriff des Clodius 13–16, 22–25, 41 L. Aelius Lamia 28, 30, 143, 219 Aelius Ligus 19, 104, 107, 108, 122, 154, 210 aerarium 171 T. Annius Milo 34–37, 173–176, 212 – Einsatz von Schutztruppen 20, 35, 103, 170, 175, 204, 209, 212 – in den Reden post reditum 36, 37 – versuchter Prozess de vi gegen Clodius 32, 35, 174, 175, 183, 194, 212 L. Appuleius Saturnius 231 Sex. Atilius Serranus 20, 32, 35, 113, 114, 174, 179, 182, 185, 199 auctoritas 45, 99, 124, 138, 148, 163, 177, 192, 218, 230, 244 B bona dea-Skandal 7–12, 38, 39, 106 C C. Caecilius Cornutus 173, 184 C. Caecilius Metellus Caprarius 237 Q. Caecilius Metellus Celer 195 L. Caecilius Metellus Diadematus 237 Q. Caecilius Metellus Macedonicus 195, 237, 238 Q. Caecilius Metellus Nepos 31–34, 113, 127, 128, 191–199 – Gegner der Rückberufung Ciceros 31, 32, 35, 113, 127, 174, 186 – Hinwendung zu Cicero im Jahr 57 32, 33, 114, 127, 204 – in den Reden post reditum 33, 34 – inimicus 34, 128, 194, 195 – Verwandtschaft mit Clodius 31, 194 Q. Caecilius Metellus Numidicus 196, 197, 236, 237; siehe auch Historische exempla https://doi.org/10.1515/9783110643091-013

Q. Caecilius Metellus Pius 237 L. Caecilius Rufus 183 M. Calidius 173, 184 Q. Calidius 241 L. Calpurnius Bestia 237, 241 L. Calpurnius Piso Caesoninus 26–31 – duovir in Capua 164, 210, 216 – Einsatz gegen Cicero 26–29 – im Circus Flaminius 28–30, 62, 165, 167 – in den Reden post reditum 29–31, 49 – Prokonsulat in Makedonien 172 – Verbindung mit Catilina 62, 131 – Vorwurf der Heuchelei 150, 152, 155, 159, 161, 162 C. Calpurnius Piso Frugi 27, 28, 49, 63, 70, 71, 96, 160, 165–167, 186, 236, 240, 241 Campus Martius 206 Capua 20, 150, 164, 207, 210, 212, 216 Castortempel 118, 219, 220, 225 centuria praerogativa 26, 166 C. Cestilius 173, 179 Circus Flaminius 146, 147 M. Cispius 173, 180, 182 App. Claudius Pulcher 35, 37, 114, 174, 182, 183, 185, 199 Clodia (Schwester d. Clodius) 8 P. Clodius Pulcher 38–42 – Ächtung Ciceros 40, 60, 69, 112, 121, 168 – allgemeines Ächtungsgesetz 140, 168, 169, 171, 216 – bona dea-Skandal; siehe dort – Einsatz von bewaffneten Truppen 28, 35, 39, 41, 103, 109, 114, 116, 147, 170, 182, 186, 204, 218, 219, 225–227 – Gesetz Anfang 58 27, 28, 39, 40, 225 – im Circus Flaminius 146 – in den Reden post reditum 41, 42 – inimicus 41, 106, 108, 115 – Provinzzuweisung an Piso und Gabinius 27, 30, 40, 60, 106–108, 119, 130, 162, 168–171, 177, 210, 220, 224

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Namens- und Sachregister

– traductio ad plebem 13, 14, 17, 21–23, 39, 60, 233 – und die Triumvirn 12–16 – Verbindung mit Catilina 7–11, 39, 62, 109, 110, 199, 218, 226 – vor seinem Tribunat 38, 39 collegia 28, 39, 170, 224 coloniae 164, 207, 210, 212, 215, 216, 243, 244 comitia centuriata 6, 32, 33, 41, 62, 101, 137, 165, 184, 192, 199, 201–203, 205, 208, 211, 213, 215, 230, 233, 236, 241, 243 – am 4. August 57 6, 33, 36, 100, 175, 188, 199, 202–205, 208, 212, 215, 243 comitia curiata 137, 205 comitia tributa 137, 146, 166, 205 concilium plebis 60, 136, 137, 142, 205, 236 concordia ordinum 63, 71, 98, 201 Concordiatempel 141, 193, 219 contio 137, 142 – Anfang Juli 57 20, 33, 113, 200–202, 207–209, 215, 244 – des Gabinius Anfang 58 141, 177, 219 – im Circus Flaminius im März 58 23–25, 27, 28, 30, 40, 62, 70, 146, 147, 165, 167, 171, 177, 221, 224 L. Cornelius Cinna 125–127, 131, 141, 242 P. Cornelius Lentulus Spinther 31–34, 120– 127, 188–193 – Einsatz für Cicero 31–33, 69, 107, 113, 120–124, 189, 192, 193, 199, 200, 206–213 – in den Reden post reditum 33, 34 L. Cornelius Sulla Felix 112, 117, 125, 126, 184, 193, 195, 216, 226, 237, 242, 243 – Verbindung mit Clodius 112, 117, 226, 243 cura prodigi 135 M. Curtius 173, 180, 181 custos 26, 166, 206, 224 D Datierung der Volksrede 6 Deixis 109, 188, 190 dignitas 30, 64, 98, 99, 123, 124, 163, 187, 228

diribitores 82, 166, 206 duoviri 164, 207, 210, 215 E Echtheitsfrage 3, 6, 27, 95, 181, 231 effeminatus 141, 143, 144, 147–149, 169 Epikureismus 26, 50, 65, 70, 155–159 F Fabia (Halbschwester der Terentia) 9 Q. Fabricius 32, 39, 173, 175, 180, 182 factiones 10, 59 T. Fadius 173, 180 fides 245 frequens/frequentissimus senatus 193 G A. Gabinius 26–31 – Abwendung von Clodius 19, 29, 133 – Einsatz gegen Cicero 18, 27–29, 70, 106– 108, 123, 125, 132, 133, 137, 141–147, 162, 168–172, 177, 183, 216–219, 233 – Homosexualität 30, 62, 70, 131, 134, 140, 142, 147–149, 157 – im Circus Flaminius 28–30, 62, 146, 147 – in den Reden post reditum 29–31, 49 – Prokonsulat in Syrien 27, 171 – Verbindung mit Catilina 62, 131, 142 – Verteidigung durch Cicero 20, 27, 31 L. Gellius Publicola 200 Gleichsetzung Ciceros mit dem Staat 48, 62, 63, 71, 95, 112, 113, 119, 122, 132, 145, 163, 168, 177, 181, 189, 190, 200, 208, 219, 221, 229, 232, 233, 244 H Historische exempla 38, 45, 46, 48, 51, 63, 71, 206, 207, 235–243 I intercessio 104, 107, 108, 122, 136–138, 145, 201, 204, 210 iudicia publica/privata 180 C. Iulius Caesar 21–26, 221–223 – Bruch mit Cicero 21–24, 221–223 – Einsatz für Cicero 24, 25, 238 – im Circus Flaminius 23–25, 221

Namens- und Sachregister

– in den Reden post reditum 25, 26 – Truppen vor Rom 222 ius agendi cum plebe 136 ius referendi 104 ius senatus habendi 104 iustitium 117, 171 J Jupitertempel 33, 101, 192, 193, 215 K Kappadokien 155 Kultverein siehe collegia L lex Aelia et Fufia 27, 39, 50, 70, 138, 139, 177, 230 lex Cornelia ne quis nisi per populum legibus solveretur 190, 204 lex Gabinia 26, 27, 132, 135, 136 lex Hortensia 104, 136, 137 lex Manilia 16 lex Plautia de vi 174 lex Vatinia de imperio C. Caesaris 222 M. Licinius Crassus 7, 12, 14, 15, 223 P. Licinius Crassus 173, 184 Luca, Konferenz von 14, 15 Q. Lutatius Catulus 70, 101, 125–127, 129, 131 M C. Marius 47, 51, 52, 71, 125, 126, 191, 195, 207, 216, 221, 236, 242, 245; siehe auch Historische exempla Marsfeld siehe Campus Martius Märtyrer 48, 61, 68, 71, 104, 107, 115, 208, 217, 224, 226, 227 C. Messius 32, 63, 173, 181, 182 municipia 20, 203, 207, 212, 215, 216, 226, 243, 244 mutatio vestis 143, 144, 163, 164, 216, 217, 224 N L. Ninnius Quadratus 19, 34, 40, 69, 103, 104, 107, 123, 197

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Notwehr 174 Q. Numerius Rufus 114, 174, 179, 185, 199

O obnuntiatio 32, 35, 118, 119, 138, 139, 177, 212, 230

P partitio 178, 230, 244 pater/parens patriae 101, 125, 209, 216 patria 99 Sex. Peducaeus 181 Philodemos von Gadara 156, 157 pietas 100, 232 Cn. Plancius 59, 71, 231–233 plebiscitum 136, 137, 236 Plünderung der Anwesen Ciceros 29, 30, 40, 70, 131, 137, 168–170, 175, 183, 191 pomerium 24, 146, 171, 221 Cn. Pompeius Magnus 16–21, 207–212 – Auseinandersetzung mit Clodius 58/57 12–16, 19, 40, 41 – Bruch mit Cicero 17–19, 111, 223, 240 – cura annonae 20, 33, 230, 231, 234 – duovir in Capua 164, 207, 210, 216 – in den municipia und coloniae 20, 203, 207, 212, 215 – in den Reden post reditum 20, 21, 47 – Rückzug auf Landgut 13, 19, 21, 111, 207, 209, 210 T. Pomponius Atticus 32, 139, 228 P. Popilius Laenas 38, 43, 51, 63, 71, 207, 236–238, 240–242; siehe auch Historische exempla M. Porcius Cato min. 9, 13 princeps senatus 167 privilegium 20, 32, 40, 60, 104, 107, 112, 122, 207, 210, 211, 216 prolepsis 94 promulgatio 104, 107, 109, 170, 181, 182, 202, 209, 210 proscriptio 32, 33, 60, 104, 112, 121, 122, 126, 130, 131, 143, 210, 211, 226, 242

Q Sex. Quinctilius 173, 184

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Namens- und Sachregister

R relegatio 143, 219 rogatio 63, 104, 135–139, 175, 180, 236, 237, 241 rogatores 166, 206 rostra 95, 142, 146 S saepta Iulia 206 – sacrosanctitas 119, 135, 226, 230 Selbstmord 228, 229, 231 Senatssitzung bzgl. Ciceros Rückberufung – vom 1. Januar 57 27, 32, 63, 113, 114, 120, 161, 166, 194, 224 – i m Mai 57 20, 32, 124, 200, 205, 211, 244 – Anfang Juli 57 33, 41, 101, 192, 194, 199, 201, 202, 215 C. Septimius 173, 184 servatio 33, 138, 182, 183, 201, 204 P. Servilius Vatia Isauricus 33, 195–198, 200, 237 P. Sestius 34–37, 175–178, 212 – Einsatz bei Caesar im Herbst 58 24, 35, 176 – Einsatz von Schutztruppen 35, 41, 103, 176 – in den Reden post reditum 36, 37 – Obnuntiation gegen Metellus 32, 35, 118, 139, 177, 212 sonus medius 102 supplicatio 101, 140, 167 – Caesars 26, 221, 234

T Terentia (Ehefrau Ciceros) 8, 9, 49 Tigranes 13, 19, 40 Trauerkleidung – der Unterstützer Ciceros 28, 37, 63, 140, 216, 217, 238 – des Senats ; siehe unter mutatio vestis tribunal Aurelium 225 trinundinum 107, 202 Triumphzug 63, 98, 196, 207, 237, 244 Tullia (Tochter Ciceros) 96, 167, 240 Q. Tullius Cicero 37, 38, 238–240 – als Bürge seines Bruders bei Caesar 25, 37, 239 – am 23.01.57 37, 96, 182, 238 – in den Reden post reditum 37, 38, 49 tyrannus 140, 143, 144, 167, 233 U Unsterblichkeit 102, 190, 192, 204 V Q. Valerius Orca 173, 184 P. Vatinius 14, 36 Vergleich zur Volksrede 43–57, 95, 98, 100, 111, 128, 173, 185, 204, 207, 221, 225, 231, 238, 239, 241, 242, 244 Veröffentlichung der Rede 7, 43 Vettius-Affäre 18 virtus 100, 114, 157, 245 virtutes imperatoriae 157 vis publica/privata 174, 175