Buch und Text: Literatur- und kulturhistorische Untersuchungen zur volkssprachigen Schriftlichkeit im 12. und 13. Jahrhundert [1 ed.] 9783484151154, 3484151153

Die literatur- und kulturhistorischen Umwälzungen, die im 12. und 13. Jahrhundert zur Buchwerdung der volkssprachig-deut

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Buch und Text: Literatur- und kulturhistorische Untersuchungen zur volkssprachigen Schriftlichkeit im 12. und 13. Jahrhundert [1 ed.]
 9783484151154, 3484151153

Table of contents :
Frontmatter
......Page 2
Inhaltsverzeichnis......Page 8
Buch und Text – Theoretische und kulturhistorische Vorbemerkungen......Page 12
I. Manuskriptkultur......Page 66
II. Buch und Text: Die Genese von Ausstattungs- und Einrichtungsmustern vor dem Hintergrund von Gattungstypik und Kanonbildung......Page 158
III. Textkonstitution, Textgenese und Texttradierung in der Hand von Autoren und Schreibern......Page 296
Buch und Text – zwei ungleiche Seiten einer mittelalterlichen Literatur- und Kulturgeschichte......Page 324
Nachweis der Abbildungen im Text
......Page 338
Nachweis der Tafeln
......Page 339
Nachweis der Diagramme
......Page 342
Anhang 1: Volkssprachige Rechtshandschriften des 13. Jh.s aus städtischem Umfeld......Page 343
Anhang 2: Volkssprachige Ordensregeln im 13. Jahrhundert (in chronologischer Folge der Handschriften)......Page 348
Quellen- und Literatur......Page 350
Internetportale und -datenbanken (Stand 01/2006)......Page 413
Register
......Page 414
Tafeln
......Page 436

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Buch und Text: Literaturund kulturhistorische Untersuchungen zur volkssprachigen Schriftlichkeit im 12. und 13. Jahrhundert Jürgen Wolf

MAX NIEMEYER VERLAG

HERMAEA GERMANISTISCHE FORSCHUNGEN NEUE FOLGE HERAUSGEGEBEN VON JOACHIM HEINZLE UND KLAUS-DETLEF MLLER

BAND 115

JRGEN WOLF

Buch und Text Literatur- und kulturhistorische Untersuchungen zur volkssprachigen Schriftlichkeit im 12. und 13. Jahrhundert

n MAX NIEMEYER VERLAG TBINGEN 2008

Gedruckt mit Unterst1tzung der Deutschen Forschungsgemeinschaft

Bibliografische Information der Deutschen Nationalbibliothek Die Deutsche Nationalbibliothek verzeichnet diese Publikation in der Deutschen Nationalbibliografie; detaillierte bibliografische Daten sind im Internet 1ber http://www.d-nb.de abrufbar.

ISBN 978-3-484-15115-4

ISSN 0440-7164

; Max Niemeyer Verlag, T1bingen 2008 Ein Imprint der Walter de Gruyter GmbH & Co. KG http://www.niemeyer.de Das Werk einschließlich aller seiner Teile ist urheberrechtlich gesch1tzt. Jede Verwertung außerhalb der engen Grenzen des Urheberrechtsgesetzes ist ohne Zustimmung des Verlages unzulEssig und strafbar. Das gilt insbesondere f1r VervielfEltigungen, bersetzungen, Mikroverfilmungen und die Einspeicherung und Verarbeitung in elektronischen Systemen. Printed in Germany. Gedruckt auf alterungsbestEndigem Papier. Satz: Johanna Boy, Brennberg Gesamtherstellung: AZ Druck und Datentechnik, Kempten

Vorwort

Die vorliegende Arbeit basiert auf einem guten Jahrzehnt Forschung, wobei die Erträge des ›Marburger Repertoriums deutschsprachiger Handschriften des 13. Jahrhunderts‹ eine entscheidende Grundlage bilden. Durch das freundliche Entgegenkommen vieler privater und öffentlicher Bibliotheken, Archive und Museen konnten zudem nahezu alle volkssprachig-deutschen Handschriften und Fragmente des fraglichen Zeitraums, aber auch der umgebenden Jahrhunderte (8.–14. Jahrhundert) entweder im Original oder zumindest in Form von Mikrofilmen, Fotos, Digitalisaten oder Kopien eingesehen werden. Zu Vergleichszwecken wurden außerdem lateinische Manuskripte, lateinische und deutsche Urkunden sowie vor allem auch altfranzösische, norwegische und kymrische Handschriften in möglichst großer Zahl beigezogen. Hier sei den überaus hilfsbereiten Kollegen in den Forschungseinrichtungen, Bibliotheken und Archiven in ganz Mitteleuropa, aber auch in Übersee gedankt. Immer wieder konnten dank ihrer großzügigen Unterstützung selbst entlegene Bestände geprüft und auch manches verschollene oder sogar vernichtet geglaubte Stück wiedergefunden werden. Ein ums andere Mal war es wegen des intendierten umfassenden Untersuchungsplans erforderlich, den sicheren Boden des eigenen Wissens zu verlassen. Hier bitte ich um Nachsicht für diverse Unschärfen – hoffe aber, dass die Interessenten aus anderen Fachgebieten trotzdem Gewinn aus der Arbeit ziehen können. Bei der beinahe unendlichen Fülle des Materials waren auch schmerzliche Beschränkungen und Verkürzungen unumgänglich. Aus arbeitsökonomischen Gründen konnten diverse Gattungen gar nicht, andere nur rudimentär berücksichtigt werden. Joachim Bumke umschrieb dies in seinem Gutachten so schonungslos offen, dass nichts hinzuzufügen bleibt: »Daß auf diesem Gebiet noch viel zu tun bleibt, weiß Herr Wolf besser als jeder andere« (Gutachten zur Habilitationsschrift, Köln 2002). An dieser Stelle sei mit Nachdruck darauf hingewiesen, dass eine solche Untersuchung natürlich überhaupt nur mit der Hilfe vieler Kollegen möglich war. Mein besonderer Dank gilt dabei Joachim Heinzle als ›Habilvater‹ sowie als Herausgeber der Hermaea. Er hat bis zur Drucklegung immer wieder wichtige Anregungen gegeben sowie Korrekturen und Schärfungen angemahnt. Auch Joachim Bumke, Nigel Palmer, Nikolaus Henkel sowie last but not least Christa Bertelsmeier-Kierst haben an mancher geheimnisvollen Weggabelung den rechten Pfad gewiesen. Wichtige Hinweise, Ergänzungen, aber auch manches Umdenken verdanke ich zudem den ertragreichen DiskusV

sionen mit Bernd Bastert, Bart Besamusca, Dennis H. Green, Klaus Klein, Gisela Kornrumpf, Ursula Peters, Hajo und Regina Schiewer, Ruth SchmidtWiegand, Karin Schneider, Martin J. Schubert und Alison Stones, um nur einige exemplarisch zu nennen. Besonderen Dank verdienen auch Freunde und Hilfskräfte – allen voran Annegret Haase, Tina Römer und Julia Henkelmann – für das sorgfältige Korrekturlesen und die Prüfung der Register. Ein letzter Dank geht an die Herausgeber der Reihe Hermaea und den Max Niemeyer Verlag in Tübingen, wo Birgitta Zeller-Ebert und Margarete Trinks für eine perfekte Betreuung verantwortlich zeichneten. Und dass der – durch verschiedene innere und äußere Einflüsse immer wieder verzögerte – Band nun endlich im Druck vorliegt, ist nicht zuletzt einem großzügigen Druckkostenzuschuss der DFG geschuldet. Über viele Jahre zu leiden hatte meine Familie unter dem Mammutprojekt. Unzählige Reisen und noch mehr Stunden am Schreibtisch bzw. in diversen Archiven, Bibliotheken und Forschungseinrichtungen waren für sie nicht immer die reine Freude. Meiner Frau und den Kindern Mika und Siri sei deshalb dieses Buch gewidmet. Die im Rahmen eines DFG-Habilitationsstipendiums in den Jahren 1999– 2002 entstandene und im Juli 2002 vom FB 09 ›Germanistik und Kunstwissenschaften‹ der Universität Marburg angenommenen Habilitationsschrift wurde für den Druck aktualisiert. Bei der unglaublichen Masse relevanter Forschungsarbeiten konnte dies jedoch nur punktuell, auf einige zentrale Kernbereiche beschränkt geschehen. Berlin, im Juni 2008

VI

Jürgen Wolf

Inhaltsverzeichnis

BUCH

UND

TEXT – THEORETISCHE UND VORBEMERKUNGEN . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . .

KULTURHISTORISCHE

1

1. 1.1.

3

2.3.

Buchkultur und Literaturtheorie . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . Eine ›Geschichte der Textüberlieferung‹ als Fundament der modernen Literatur- und Kulturgeschichte? . . . . . . . . . . . . . . Die Semiotik der graphischen Gestaltung . . . . . . . . . . . . . . . . . . Möglichkeiten und Grenzen eines positivistischmanuskriptzentrierten Analyseansatzes . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . Literatur- und kulturhistorische Grundlagen . . . . . . . . . . . . . . . . Lateinische Schriftkultur – Wiege und Fundus volkssprachiger Schriftlichkeit in althochdeutscher Zeit im Herrschaftsdiskurs . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . Fundamente volkssprachiger Schriftlichkeit in frühmittelhochdeutscher Zeit: Laikale Schriftkultur aus dem Arsenal der lateinischen Gelehrtenkultur . . . . . . . . . . . . Sprachkenntnisse – Kulturkontakte . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . .

I.

M ANUSKRIPTKULTUR . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . 55

I.1.

Zwischen Tradition und Innovation: Die Gestalt des volkssprachigen Buchs im 12. und 13. Jh. . . . . . . Bilinguale lateinisch-deutsche Mischhandschriften als Transportmedien für volkssprachige Texte . . . . . . . . . . . . . . . Die Emanzipation des volkssprachigen Buchs in der 2. Hälfte des 12. Jh.s. . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . Volkssprachige Gebrauchshandschriften um 1200 . . . . . . . . . . . . Von der einfachen Gebrauchshandschrift zum prachtvollen Kodex . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . Buchkultur der ›Blütezeit‹ – Aspekte einer Zäsur . . . . . . . . . . . . . I.1.5.1. Mediale Reservoirs I: Höfische Buchkunst aus Frankreich . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . I.1.5.2. Mediale Reservoirs II: Der Psalter . . . . . . . . . . . . . . . . . . I.1.5.3. Mediale Reservoirs III: Buchkunst der Zisterzienser . . . . Das etablierte volkssprachige Schriftwesen im späteren 13. Jh. . . .

1.2. 1.3. 2. 2.1.

2.2.

I.1.1. I.1.2. I.1.3. I.1.4. I.1.5.

I.1.6.

7 17 20 27

28

33 48

55 56 66 72 75 85 87 96 100 104

VII

I.2. I.2.1. I.2.2. I.2.3. I.2.4. I.2.5. I.2.6.

II.

Quantitative und qualitative Dimensionen volkssprachiger Buchherstellung im 12. und 13. Jh. . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . .110 Vom Sonderfall zum Alltag: Der Anteil volkssprachiger Handschriften an der Schriftproduktion . . . . . . . . . . . . . . . . . . . 110 Materielle Rahmenbedingungen der Buchherstellung . . . . . . . . . 118 Buchformat und Pergamentqualität . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . 124 Ausstattung und Schriftniveau . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . 134 Pracht versus Professionalisierung: Buchherstellung an der Schwelle zur manufakturiellen Serienproduktion . . . . . . . 136 Geographische Dimensionen . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . 142

BUCH UND TEXT: DIE GENESE VON AUSSTATTUNGS- UND EINRICHTUNGSMUSTERN VOR DEM HINTERGRUND VON GATTUNGSTYPIK UND K ANONBILDUNG . . . . . . . . . . . . . . . 147

II.1.

Ausstattungsmuster geistlicher Literatur: Das Beispiel geistliches Gebrauchsschrifttum . . . . . . . . . . . . . . . . 147 II.1.1. Monastisches Schrifttum I: Predigt . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . 149 II.1.1.1. Der Weg der volkssprachigen Predigt aufs Pergament . . 150 II.1.1.2. Erfolgreiche volkssprachige Predigtmodelle . . . . . . . . . . . 156 II.1.1.3. Die großen deutschen Predigtsammlungen – Fallbeispiele . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . 157 II.1.1.4. Variable Inhalte in festen (Buch-)Formen . . . . . . . . . . . . 164 II.1.1.5. Die Bettelorden und die volkssprachige Predigt . . . . . . . 167 II.1.2. Monastisches Schrifttum II: Ordensregeln . . . . . . . . . . . . . . . . . 171 II.1.3. Monastisches Schrifttum III: Schul- und Wissenstexte . . . . . . . . 178 II.1.4. Psalter und Gebetbuch . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . 183 II.1.4.1. Auftraggeberinnen – Besitzerinnen – Rezipientinnen . . 190 II.2. Ausstattungsmuster höfischer Literatur: Das Beispiel Geschichtsdichtung . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . 199 II.2.1. Traditionslinien und Brüche: Anfänge im französischen Sprachraum. . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . 201 II.2.2. Traditionslinien und Brüche: Anfänge im deutschen Sprachraum . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . 207 II.2.3. Volkssprachig-deutsche Geschichtsdichtung im Gewand lateinischer Traditionen: Die ›Kaiserchronik‹ . . . . . . . . . . . . . . . . 209 II.2.4. Volkssprachig-deutsche Geschichtsdichtung im Gewand französischer Traditionen: Von der ›Chanson de Roland‹ zum ›Rolandslied‹ . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . 212 II.2.5. Die schriftliche Fixierung mündlicher Traditionsstränge I: Heldenepik . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . 219 II.2.6. Die schriftliche Fixierung mündlicher Traditionsstränge II: Spielmannsepik . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . 227 VIII

II.2.7. Neue stilistische Moden, neue Texte, neue Buchformen . . . . . . . 230 II.2.8. Zielprojektionen: Die Zeit der großen Weltchroniken . . . . . . . . 235 II.2.9. Varietäten: Regionen, Stoffkreise, Buchmoden . . . . . . . . . . . . . . . 240 II.3. Ausstattungsmuster höfischer Literatur: Das Beispiel Artusepik . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . 242 II.3.1. Die französisch-anglonormannischen Ursprünge der Tradition . . 242 II.3.1.1. Die französische Artusepik als Buchliteratur . . . . . . . . . . 252 II.3.2. Die deutschen Adaptationen – literarhistorische Hintergründe . . 257 II.3.2.1. Die deutschen Adaptationen – Einzeltextbändchen und Kleinformate als erste Tradierungsmuster . . . . . . . . 261 II.3.2.2. Die Sonderrolle Wolframs . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . 266 II.3.2.3. Wandlungen und Neuansätze unter französischem Einfluß? . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . 273 II.3.2.4. Die Zeit der nachklassischen Artusepik . . . . . . . . . . . . . . .275 II.3.3. Anmerkungen zur mittelniederländischen Artusepik . . . . . . . . . . 279

III.

TEXTKONSTITUTION, TEXTGENESE UND TEXTTRADIERUNG IN DER H AND VON AUTOREN UND SCHREIBERN . . . . . . . . . . . . 285

III.1. Der Autor und sein Werk . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . III.2. Der ›Schreiber‹ als produktionstechnische und literarhistorische Größe . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . III.3. Das ›fürsorgliche‹ Skriptorium . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . III.4. An der Schwelle zur manufakturiellen Buchproduktion? . . . . . . . III.5. Einfluß und Wertschätzung der Vorlage . . . . . . . . . . . . . . . . . . .

BUCH

UND

TEXT –

ZWEI UNGLEICHE

MITTELALTERLICHEN

1.

2.

LITERATUR-

286 290 298 305 308

SEITEN E I N E R KULTURGESCHICHTE . . . . . . . . 313

UND

Als Versuch aus kodikologischer Sicht: Überlegungen zu einer Geschichte der volkssprachigen Literatur und Buchkultur des 13. Jahrhunderts . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . 313 Prolegomena zu einer Manuskript-Literaturgeschichte . . . . . . . . . 316

Verzeichnisse . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . Nachweis der Abbildungen im Text . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . Nachweis der Tafeln . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . Nachweis der Diagramme . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . Anhang 1: Volkssprachige Rechtshandschriften des 13. Jh.s aus städtischem Umfeld . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . Anhang 2: Volkssprachige Ordensregeln im 13. Jahrhundert . . . . . . . . .

327 327 328 331 332 337

Quellen und Literatur . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . 339 Internetportale und -datenbanken . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . 402 IX

Register . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . 403 Handschriften und Fragmente . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . 403 Autoren, Namen/Personen, Orte, Sachen, Werke . . . . . . . . . . . . . 410 Tafeln . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . 425

X

Buch und Text – Theoretische und kulturhistorische Vorbemerkungen

Seit dem 8. Jahrhundert verfügen wir über volkssprachig-deutsche Schriftdenkmäler. Anfangs handelt es sich fast ausschließlich um Hilfsmittel zur Aufbereitung lateinischer Texte (Vokabularien, Glossen) oder kleinere pragmatische Aufzeichnungen (Markbeschreibungen, Beichten, Segen, Gebete/ Paternoster, Eide, Taufgelöbnisse, Gesetze) meist im Rahmen größerer lateinischer Sammlungen. Charakteristisch für diese Art volkssprachiger Schriftlichkeit ist die thematische sowie auch konkret mediale Einbindung in lateinische Handschriften und damit in die klerikal-lateinische Schriftlichkeit. Sieht man von einigen wenigen rein volkssprachigen Manuskripten in spätkarolingischer Zeit ab – die sich in Buchgestalt, Schrift und Einrichtung jedoch ebenfalls unmittelbar dem klerikal-lateinischen Schriftwesen verpflichtet wissen – ändert sich an dieser Situation bis ins späte 12. Jahrhundert hinein kaum etwas. Weite Teile der Gesellschaft kamen im hohen Mittelalter offensichtlich ohne eigene Schriftlichkeit aus bzw. vertrauten auf die Schriftkompetenz des Klerus. Im deutschen Sprachraum1 kündigte sich ein Wandel im 11./12. Jahrhundert an. Legendarische und volkssprachig-höfisch aufbereitete biblische Texte lassen ein erwachendes Interesse laikal-höfischer Kreise an Schriftlichkeit erahnen. Die Medien dieses Wandels, die volkssprachigen Bücher, verbleiben allerdings in der Sphäre klerikal-lateinischer Schriftlichkeit: Sie werden weiterhin in geistlichen Skriptorien hergestellt, sehen in Format, Layout und Schriftbild aus wie die lateinischen Bücher und scheinen äußerlich kaum mehr als eine Variante lateinischer Schriftlichkeit. Bei der volkssprachigen Predigt-, Legenden- und Bibelliteratur gilt ein solcher Befund letztlich auch für die Inhalte. Sie sind direkt der lateinischen Literatur entlehnt. Anders stellt sich die Situation bei der profan-höfischen Literatur dar. Hier entwickeln sich Buchformen und Texte bald in unterschiedliche Richtungen. Die Inhalte lösen sich, meist auf der Basis französischer Vorlagen, von einer geistlich-lateinischen Matrix ab. Man wird diesen Ablösungsprozeß jedoch zurückhaltend zu bewerten haben, denn viele der aus Frankreich/ England importierten Texte haben ihrerseits klerikal-lateinische Quellen. Dies gilt für die Antikenromane, die Karlsliteratur und selbst für die Artusepik

1

Zu völlig anderen Fundamenten und Dimensionen von Schriftlichkeit etwa in den italienischen Stadtstaaten und auf den britischen Inseln (vor der normannischen Eroberung) vgl. exemplarisch Keller (1990) und Schäfer (1992).

1

(s.u. Kap. II.2 u. II.3). Außerdem verbleiben die volkssprachigen Überlieferungsträger dieser Genres in ihrer äußeren Gestalt geradezu selbstverständlich in der Sphäre der klerikalen Schriftkultur, aus der sich die Produzenten dieser Schriftlichkeit, die Skriptorien, die Schreiber, bis weit in das 13. Jahrhundert hinein rekrutieren. In diesem Geflecht zwischen gelehrt-lateinischen Traditionen und volkssprachigen Innovationen fällt auf, daß sich in Frankreich/England bald erste eigenständige Muster herausbilden, die, zu eigenen Moden geformt, in die volkssprachig-deutsche Schriftkultur hineinwirken. Die mit den frz. Texten importierten Modeerscheinungen aus dem Westen tragen schließlich auch im Reich zu einer teilweisen Emanzipation von den lateinischen Vorbildern bei. Gleichzeitig erreicht der einmal in Gang gesetzte Verschriftlichungsprozeß binnen weniger Jahrzehnte alle Bereiche des kulturellen Lebens der illiteraten2 Laienwelt. Es dauert allerdings noch lange, ehe die Laien das Medium selbst in die Hand nehmen. In Deutschland werden erst ab der Mitte des 13. Jahrhunderts größere fürstliche und städtische Kanzleien3 sowie Anfänge eines professionell-laikalen Schreibbetriebs in Büchern und Urkunden faßbar. Die Charakteristika dieser literar- und kulturhistorischen Entwicklungsund Wandlungsprozesse in den Blick zu nehmen, verlangt, Buch und Text als zwei Seiten einer Medaille gemeinsam zu betrachten. Von der Literatur-, Sprach-, Buch-, Kunst- und Kulturwissenschaft wurden diese Bereiche jedoch über weite Strecken vorwiegend getrennt untersucht. Jeweils für sich genommen konnten die einzelnen Disziplinen in den vergangenen rund 200 Jahren intensiver Forschung beeindruckende Resultate bzw. Einsichten präsentieren, 2

3

Die hier gebrauchte Vorstellung von ›illiterat‹ schließt nicht von vornherein die Schreibbzw. Lesefähigkeit aus, denn als literatus galt ein in den artes (septem artes liberales) Gebildeter. Festgestellt wird mit dem Begriff illiteratus also nur eine nicht vorhandene artes-Bildung, ohne das das Attribut illiterat präzise Auskünfte über die grundsätzliche Schreib- und Lesefähigkeit gäbe. Im umgekehrten Sinn scheint das Prädikat literatus nicht ausschließlich auf die clerici beschränkt, sondern kann im Einzelfall auch den artes-gebildeten Laien bezeichnen; zum in diesem Sinne gebrauchten Begriff vgl. grundlegend Henkel (1991), Curschmann (1984) (hier bes. S. 231 zu Hartmann von Aue als miles literatus) sowie den knappen Forschungsüberblick bei Reuvekamp-Felber (2003) S. 103f. Auch schon vorher hatten bedeutende Fürsten wie Heinrich der Löwe oder Hermann von Thüringen Zugriff auf Schriftlichkeit, aber ihr bisweilen kanzleiähnlicher Schriftbetrieb stütze sich primär auf die Klosterskriptorien bzw. die Kleriker. Zum ›modernen‹ Kanzleibetrieb vgl. mit einigen Beispielen Reuvekamp-Felber (2003) S. 34f. u. 41–77 sowie exemplarisch Wild (1983) zum vergleichsweise fortschrittlichen bayerischen Kanzleibetrieb, wo zwar unter Herzog Otto II. (1231–1253) noch Empfängerausfertigungen geistlicher Institutionen dominieren (ebd. S. 29), jedoch schon Urkunden hoher Qualität und erste Urbare (ebd. Nr. 17: ›Ältestes Bayerisches Herzogsurbar‹, 1231–37) in der Kanzlei selbst hergestellt werden. Anders stellt sich die Situation in den Kanzleien geistlicher Würdenträger dar. Ihr Potential wird man schon im 12. und dann vor allem im frühen 13. Jahrhundert nicht unterschätzen dürfen; vgl. etwa zum Kanzleibetrieb Wolfgers von Erla in Passau Frenz (1994) und in Aquileja Härtel (1994) sowie den Sammelband Boshof/Knapp (1994). Einen knappen Überblick über einige der bedeutenden bischöfl ichen Kanzleien bietet Reuvekamp-Felber (2003) S. 35–41.

2

aber die Synthese dieser Teilergebnisse vernachlässigte man unter dem Eindruck kaum beherrschbarer Materialmassen und zugunsten – vorgeblich – unvereinbarer philologischer oder literaturwissenschaftlicher Partikularinteressen in der Regel sträflich.

1. Buchkultur und Literaturtheorie Der literatur- und kulturhistorischen Analyse mittelalterlicher Literatur sind in mehrfacher Hinsicht Grenzen gesetzt. Zum einen handelt es sich um eine zeitlich wie mental ferne Glaubens- und Lebenspraxis, der wir uns zum zweiten durch die Untersuchung ihrer Artefakte nur mittelbar zu nähern vermögen. Eine zentrale Rolle spielen dabei seit jeher die schriftgebundenen Zeugnisse: Bücher, Urkunden, Akten, Notizen und Briefe. Das überlieferte Material ist – und das wird im Folgenden gleichsam als Axiom vorausgesetzt – im günstigen Fall sprechender Mittler zwischen unserer Gegenwart und der Vergangenheit. Am offensichtlichsten zugänglich sind die schriftlich gespeicherten Informationen natürlich im überlieferten Text. Die Texte standen denn auch in den vergangenen zwei Jahrhunderten im Mittelpunkt eines breit gefächerten Forschungsinteresses. Sie wurden in großer Zahl ediert und meist anhand eben dieser Editionen analysiert. Erschüttert durch den zentralen Vorwurf, die tatsächlich existenten Zeugnisse der Vergangenheit permanent vernachlässigt bzw. ihre Bedeutung überhaupt verkannt zu haben, ist die klassische Philologie in den vergangenen Jahrzehnten ›ins Gerede‹ gekommen. Angeregt durch neue literatur- und kulturtheoretische Ansätze, ich erinnere an die mehrjährigen Forschungsdebatten um Material Philology, 4 New Philology5 und New Historicism,6 rückten die mittelalterliche Handschriftenkultur allgemein und da vor allem die Phänomene ›Überlieferung‹ und ›Textvarianz‹ in das Zentrum der Forschungsdiskussion. Westra (1995) definierte dies als »Rückkehr zum Ursprung mittelalterlicher Textproduktion durch eine hermeneutisch geprägte Neubetrachtung des Mittelalters als einer Handschriftenkultur mit besonderer Berücksichtigung der marginalen Textelemente wie Annotationen, Titel,

4 5

6

Gute Überblicke bieten Nichols (1997) und Baisch (2006), S. 32–37 (mit knapper Skizze und Diskussion der Theoriedebatten). Vgl. grundlegend Cerquiglini (1989) u. Nichols (1990) sowie die Sammelbände Toward a Synthesis? (1993), Gleßgen/Lebsanft (1997), Tervooren/Wenzel (1997); Heinzle/Johnson/ Vollmann-Profe (1998). Bestandsaufnahmen nach der Diskussion bieten u.a. WilliamsKrapp (2000), Wolf (2002e), Baisch (2006), S. 24–32, und Busby (2002) S. 59–224 mit auf den Schreiber und den Leser fokussierten Beobachtungen zu mittelalterlichen Varianzphänomenen. Vgl. zusammenfassend Baßler (1995) und Müller (1995) sowie exemplarisch Spiegel (1995) zu einem an mittelalterlichen Texten erprobten New historicism-Ansatz.

3

Glossen, Interpolationen und Bilder.«7 Die Literaturwissenschaft öffnete sich damit zugleich kulturwissenschaftlichen Fragestellungen bzw. wurde selbst Kulturwissenschaft. Solche Ansätze waren freilich nicht neu. Schon die Gründerväter der modernen Germanistik sowie dann vor allem Werner Fechter und Andreas Heusler vor dem 2. Weltkrieg und in den 1960er Jahren der Kreis um Joachim Bumke8 dachten längst in ähnlichen Dimensionen. In den 1980er Jahren umriß der Titel der Festschrift für Karl Stackmann zum 65. Geburtstag mit wenigen Worten genau dieses Programm: ›Philologie als Kulturwissenschaft‹ (1987). Die Beiträge des Bandes zeigen sich dann allerdings eher einer traditionellen Literaturwissenschaft verpflichtet. Innen und Außen des Bandes spiegeln damit recht genau die Lage der Wissenschaft wieder: Man hatte mittlerweile viele erfolgreiche Ausflüge in die Kulturwissenschaft unternommen, sich auch zur Kulturwissenschaft bekannt, aber den letzten Schritt hin zu Kulturwissenschaft wollte und konnte man nicht vollziehen.

Noch einmal ein Jahrzehnt später konnte der Historiker Otto Gerhard Oexle (Oexle 1997) in seinem Aufsatz ›Auf dem Weg zu einer historischen Kulturwissenschaft‹ eine in den historischen Disziplinen bereits vollzogene Wende hin zur Kulturwissenschaft beschreiben, die letztlich aber nur die konsequente Fortführung von Forschungspositionen war, die bereits im 19. Jahrhundert angedacht und das gesamte 20. Jahrhundert hindurch mit unterschiedlicher Intensität den Forschungsdiskurs mitgeprägt hatten. Unter dem Titel ›Text und Kontext‹ legte Ursula Peters zu Beginn des neuen Jahrtausends schließlich eine germanistische Bilanz der Diskussionen um Literaturwissenschaft und Kulturwissenschaft vor (Peters 2000). Mit knappen, präzisen Strichen skizziert Peters unter den Stichpunkten ›Schriftkultur‹, ›Alterität‹, ›Oral Poetry‹, ›Mentalitätsgeschichte‹ und ›Kulturanthropologie‹ eine vielfältige Forschungsgeschichte, die unter den Etiketten ›New Historicism‹ bzw. ›Cultural Poetics‹ für einige Jahre die Forschungsdiskussion dominiert hatte.9 Im Rückblick erscheinen eben diese Diskussionen um die kulturwissenschaftliche Komponente der Literaturwissenschaft ebenso wie die zahlreichen ›New‹-Diskussionen (Neostrukturalismus/New Historicism /New Philology), heftige Auseinandersetzungen um diskurstheoretische Modelle, die Überlegungen zum Tod des Autors und eine dagegen wirkende »Wiederkehr der Subjekte«10 wie eine moderne Bestandsaufnahme von 200 Jahren Forschung. Problematisch erweist sich dabei nur, daß in vielen hitzigen Debatten die historischen Wurzeln dieser diskutierten Positionen ebenso aus den Augen gerieten wie die zur Debatte stehenden Gegenstände selbst. Besonders eklatant ist ein solches Miß7 8 9 10

Westra (1995) S. 81. Zum »Kreis um Joachim Bumke« vgl. zusammenfassend Heinzle (1998b) S. 110f. Peters (2000); vgl. dazu die Besprechung von Curschmann (2003). Oexle (1997), S. 246 u.ö.

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verhältnis von theoretischem Anspruch und Heuristik in unserem speziellen Fall, denn gemessen an den großen, in mehreren Sonderforschungsbereichen gebündelten literatur- und kulturwissenschaftlichen bzw. literaturtheoretischen Forschungsprojekten muß der Anteil kodikologisch-paläographisch orientierter Grundlagenforschung als verschwindend gering bezeichnet werden. Den Handschriften näherte man sich nur aus sekundärer Perspektive, um ein ›vermeintliches‹ Original zu rekonstruieren, etwas über die Entstehungsoder Tradierungsgeschichte eines Werks, die Arbeit eines Autors, eines Redaktors, eines Schreibers oder die Interessen der Rezipienten zu erfahren. Das mittelalterliche Buch als eigenständiges Forschungsobjekt nahmen allenfalls Teilprojekte des Münsteraner Sonderforschungsbereichs 231,11 des Freiburger Sonderforschungsbereichs 321,12 des Würzburger SFB 22613 und einige Protagonisten der New-Diskussionen in den Blick, wobei auch sie mehr die Texte in ihren variance- und mouvance-Phänomenen interessierten als die konkrete Gestalt des Buchs oder der Seite.14 Aber die Kodizes sind in ihrer Materialität selbst wichtige literatur- und kulturhistorisch relevante Informationsträger. So erschließt sich durch den Text nur selten, ob und in welcher Weise Auftraggeber, Mäzene, Schreiber, Illustratoren, Korrektoren oder andere in die Herstellung einer Handschrift involvierte Personen auf das Buch/den Text/das Werk Einfluß nahmen.15 Mitunter ist auch das vom Text gezeichnete Bild so unwahrscheinlich, daß man Zweifel am Realitätsbezug anmelden muß. Dies 11

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Vgl. grundlegend Meier/Hüpper/Keller (1996): »Das Thema des Sonderforschungsbereichs 231 zielt auf den Aspekt der Pragmatik von Schriftlichkeit, sucht Schreiben, Texte, Bücher als Instrumentarium menschlicher Lebenspraxis zu verstehen und den Verschriftungsprozeß, der seit dem 11. Jahrhundert die europäische Gesellschaft zunehmend prägt und verändert, nach Gründen und Verlauf zu beschreiben. Ein wesentlicher Ansatz dazu ist die genaue Betrachtung der Text- und Buchformen, ihrer materiellen Ausstattung und ihrer Benutzung« (Vorwort von C. Meier, ebd. S. 9). Viele Forschungsergebnisse sind in den Frühmittelalterlichen Studien (FMSt) und in den Münsteraner Mittelalter-Schriften (MMS) erschienen. Vgl. u.a. Keller (1992), Pragmatische Schriftlichkeit (1992), Codex im Gebrauch (1996), Schriftlichkeit und Lebenspraxis (1999). Vgl. grundlegend u.a. Frank (1993) u. (1994), Raible (1991) u. (1995) u. (1995a), Ehler/Schaefer (1998) und die übrigen in der Reihe ScriptOralia erschienenen Bände sowie den von Raible (1998) herausgegebenen resümierenden Forschungsüberblick; vgl. dazu kritisch die Rezension von Heinzle. In: ZfdA 128 (1999, 451–455). Von zentraler Bedeutung im vorliegenden Kontext ist ferner das die gesamte altfranzösische Überlieferung (bis 1250) aufarbeitende Inventaire (1997) von Barbara Frank und Jörg Hartmann. Vgl. grundlegend das Forschungsprogramm des SFB in: Wissensorganisierende und wissensvermittelnde Literatur im Mittelalter. Perspektiven ihrer Erforschung. Hg. v. Norbert Richard Wolf. Wiesbaden 1987 (Wissensliteratur im Mittelalter 1), S. 9–22 sowie die in der Reihe Wissensliteratur im Mittelalter erschienenen Bände. Ähnliche Defi zite sieht Peters (2000) übrigens auch bei der Arbeit mit/an den Texten. Sie merkt dazu kritisch an: »Überhaupt ist es auffallend, daß sich die Mittelalter-Philologie bislang zwar in ausdifferenzierte methodologische Diskussionen verstrickt, aber kaum um eine sachliche Konkretisierung und Demonstration mentalitätsgeschichtlicher Überlegungen an mittelalterlichen Texten bemüht hat« (ebd. S. 18 Anm. 39). Richtungsweisend waren auf diesem Gebiet u.a. die Arbeiten von Bumke, Curschmann, Heinzle, Müller, Peters und Stackmann.

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gilt nicht zuletzt für die – weitgehend fiktionalen? – Autor- und Quelleninszenierungen fast aller großen Dichter der sog. Blütezeit: Heinrich von Veldeke, Herbort von Fritzlar, Hartmann von Aue, Wolfram von Eschenbach, Ulrich von Zatzikhoven, Gottfried von Straßburg, Wirnt von Gravenberg und viele ihrer Kollegen agieren (oder spielen sie nur?) in ihren Werken mit Biographie- und Quellenfragmenten, beschreiben sich selbst, entwickeln Gönnerkonstellationen und Vortragssituationen. Manchmal wird sogar die Genese des Werks von einer beispielsweise lateinischen, arabischen oder französischen Quelle bis hin zum fertigen Werk bzw. bis hin zur bevorstehenden Kopie eines Schreibers minutiös nachgezeichnet – oder doch nur inszeniert?

Da die Autographen dieser (volkssprachigen) Dichter ausnahmslos verloren sind,16 Urkunden und Archivalien von volkssprachigen Dichtern, Werken und Schreibern kaum etwas berichten, gelingt es nur in seltenen Fällen, hinter die Kulissen solcher Literarisierungsmuster zu blicken. Konkret wird es erst mit den ältesten erhaltenen Textzeugen, und da ist es das Buch in seiner Materialität (Größe, Einrichtung, Ausstattung, Umfang, Schrift) in Verbindung mit Überlieferungsbesonderheiten (Mitüberlieferung, Überlieferungsgefüge, Primär- oder Sekundärüberlieferung, Provenienz, Rezeptionsspuren, Paratexte) und charakteristischen Textvarianten (individuelle Orts- oder Personennamen, Ereignisse, Textüberarbeitungen, Fehler/Korrekturen), das dem modernen Literatur- oder Kulturwissenschaftler einen Schlüssel an die Hand gibt, Tradierung, Nutzungssituation, Rezeption und manchmal sogar Entstehungsumfeld und Entstehungshintergründe zu enträtseln. Für den, der es auf sich nimmt, die kodikologischen und paläographischen Indizien zu deuten, hält das Buch dann eine große Fülle verschiedenster Informationen parat. Es ist »Schatzkammer, Steinbruch, historisches Objekt.«17 Auch wenn in den vergangenen zwei Jahrzehnten die »origins of medieval studies«,18 die tatsächlich vorhandenen Zeugnisse der Vergangenheit, die Handschriften und Fragmente, auch programmatisch in das Zentrum des mediävistischen Interesses gerückt wurden, sei jedoch vor zu viel Euphorie gewarnt, denn alle noch so handfest anmutenden Ergebnisse werden permanent vom Überlieferungszufall (s. Kap. 1.3) bedroht. Dennoch soll im vorliegenden Band der Versuch unternommen werden, Buch und Text großflächig zu einem maßstabgerecht(er)en Modell der Vergangenheit zusammenzuführen. Daß dies nicht ohne Verkürzungen, schmerzliche Defizite, willkürlich anmutende Beschränkungen und partielle Fehlsichtigkeiten möglich ist, dürfte sich vor dem Hintergrund einer unüberschaubaren Materialflut und einer wechselvollen und längst 16

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Vorzugsweise lat. Autographen sind seit dem 9. Jh. durchaus öfter erhalten; vgl. exemplarisch die Datenbank mittelalterlicher deutscher Autographen und Originale an der Universität Münster (http://www.uni-muenster.de/Fruehmittelalter/Projekte/Autographen/Datenbank.html). Glier (1992), Titel. Nichols (1990), S. 7.

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nicht immer von strahlenden Erfolgen geprägten Forschungsgeschichte von selbst verstehen. 1.1. Eine ›Geschichte der Textüberlieferung‹ als Fundament der modernen Literatur- und Kulturgeschichte? Schon den Gründervätern der Germanistik galten die mittelalterlichen Handschriften als Schlüssel zur Rekonstruktion der Vergangenheit, d.h. der ›Originale‹. Ludwig Tieck,19 Karl Lachmann und die Grimms kümmerten sich denn auch intensiv um die Überlieferung. Sie sahen dies freilich primär aus editionspragmatischer Perspektive. Sie gedachten, die Manuskripte nicht als eigenständige Forschungsobjekte auszuwerten. Sie sollten den Weg zu einer ›idealen modernen Poesie‹ (Tieck) bzw. zum Autor, zum Original, zu den großen Dichterpersönlichkeiten des Mittelalters (Lachmann, Grimm) ebnen.20 In seiner Rezension zu Friedrich Heinrich von der Hagens ›Nibelungen Lied‹ (1816) und Georg Friedrich Benneckes ›Edel Stein‹ (1816) hatte Lachmann in diesem Sinne bereits im Jahr 1817 die entscheidenden Koordinaten der Editionsphilologie des 19. und 20. Jahrhunderts bestimmt: Wir sollen und wollen aus einer hinreichenden Menge von guten Handschriften einen allen diesen zum Grunde liegenden Text darstellen, der entweder der ursprüngliche selbst seyn oder ihm doch sehr nahe kommen muss.21

Lachmann hatte mit diesem Plädoyer für das rekonstruierte ›Original‹ im vorliegenden Einzelfall zwar ›nur‹ von der Hagens Editionsprinzip verwerfen wollen. Der hatte eine »gute« Handschrift abgedruckt, sie nach der Über19

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Die Rolle von Tieck darf in diesem Zusammenhang nicht zu gering veranschlagt werden. Er war es z.B., der die Heidelberger Manuskripte in der Bibliotheca Vaticana einer intensiven Untersuchung unterzog, weite Passagen in einen Abschriftenband transkribierte und für Editionsprojekte aufbereitete sowie eine umfassende Geschichte der altdeutschen Poesie plante. Sein Ziel war freilich eine ›modernisierte‹ bzw. ›aktualisierte‹ Literatur des Mittelalters. »Er entwickelte Pläne, die alte Literatur in Bearbeitung wieder einem größeren Publikum bekannt zu machen, ›um [es] zur Poesie [zu] erziehn.‹ Von den umfangreichen Plänen – Bearbeitung des Nibelungenlied , der Dietrichepik, des Parzival und Jüngeren Titurel – setzte Tieck einiges in die Tat um, gedruckt lagen zu seinen Lebzeiten jedoch nur die Minnelieder, der Frauendienst und das König-Rother -Bruchstück vor«; vgl. zusammenfassend Ralf G. Päsler, Nachrichten von altdeutschen Gedichten. Anmerkungen zu Ludwig Tiecks Handschriftenstudien in der Bibliotheca Vaticana. In: E.T.A. HoffmannJahrbuch 4 (1996), S. 69–90 (Zitat S. 69). Dieses Anliegen ist auch Gegenstand zahlreicher Briefe zwischen Lachmann und den Grimms, wobei die einzelnen Textzeugen mitunter minutiös nach ›originalen Lesarten‹ durchforstet werden; vgl. Leitzmann (1927) (z.B. ebd. S. 137f. u. 151ff.: Brief von Jacob Grimm, 27. Mai 1820 und Antwort Lachmanns vom 10. Juni 1820 zu den Lesarten der Gießner und der Heidelberger ›Iwein‹-Handschriften). Karl Lachmann, Rezension ›Der Nibelungen Lied‹ von v.d. Hagen und ›Der Edel Stein‹ von Benneke«. Jenaische allgemeine Literatur-Zeitung 1817; wieder abgedruckt in: Kleinere Schriften zur deutschen Philologie von Karl Lachmann. Hg. v. Karl Müllenhoff. Berlin 1876. S. 81–114, hier S. 82f.

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lieferung gebessert und nach ästhetischen Vorstellungen rhythmisch geglättet. Für Lachmann eine unverzeihliche Unterlassungssünde, denn »von einer Ausgabe der Nibel., die diesen Namen verdiente, kann noch nicht die Rede seyn.« Lachmanns Überlegungen trafen sich hier mit den Vorstellungen der Grimms, wie sie Jacob Grimm in der Vorrede zu seiner 1822 erschienenen ›Deutschen Grammatik‹ formuliert: Wir fordern also critische ausgaben [...]. Es ist uns weniger zu thun um die schreibweise eines noch so ausgezeichneten copisten, als darum, allerwärts die ächte lesart des gedichtes zu haben und bisher kennt man wohl verschiedene handschriften mit vorzüglich gutem texte, keine, die einen tadellosen lieferte.22

Letztlich ging es also auf der Grundlage der handschriftlichen Überlieferung um die eliminatio codicum descriptorum, um die »Beseitigung, Ausmerzung, Entsorgung von Handschriften als Ziel der Philologie.« Heinzle bezeichnet dies durchaus treffend als ›Lachmannsches Paradox‹.23 Mit Lachmann und den Grimms im Rücken reiften die Postulate schnell zu dem Fundament der sog. ›Alten Philologie‹ heran, was freilich bedeutete, daß man den Handschriften als Schlüssel zu diesen ›Originalen‹ durchaus höchste Beachtung schenkte. Der gescholtene Friedrich Heinrich von der Hagen und Johann Gustav Büsching hatten mit dem »Literarischen Grundriß zur Geschichte der Deutschen Poesie von der ältesten Zeit bis in das sechzehnte Jahrhundert« bereits im Jahr 1812 ein viel beachtetes, auch auf die Handschriften konzentriertes Modell vorgelegt.24 Von der Hagen schreibt dazu in seiner Vorrede: sonst dünkte uns für unseren Zweck nur Folgendes erforderlich: der Titel, der Verfasser, die Mundart, die Veranlassung, die Zeit, die Form, der Umfang; die Handschriften und Drucke (seien es auch nur Bruchstücke oder Stellen), ihre Beschaffenheit und Material, Blätter- oder Seitenzahl, Format, Zeit und Ort, Schreiber oder Drucker und Verleger, und jetziger Besitzer; darunter auch Nachrichten von verlorenen Exemplaren (von der Hagen/Büsching, 1812, Vorrede S. XIIIf.).

Vor allem »das ausführlichste Verzeichnis der Handschriften« (so Uhland) wurde von den Zeitgenossen – nicht zuletzt von Lachmann und den Grimms – hoch gelobt.25 Mit dem »Literarischen Grundriß« stehen wir bereits zu Beginn des 19. Jahr22

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Jacob Grimm, Deutsche Grammatik. Erster Theil; Zweite Ausgabe. Göttingen 1822, Vorrede. Von der Hagen und seine ›Nibelungen-Ausgabe‹ waren auch in zahlreichen Briefen zwischen den Grimms und Lachmann Gegenstand der kritischen Diskussion; vgl. exemplarisch Leitzmann (1927), Bd. 1, Brief Nr. 25 (J. Grimm an Lachmann, 10.–20. August 1820), Nr. 26 (Lachmanns Antwort vom 17. September 1820), Nr. 35 (J. Grimm an Lachmann, 14. Januar 1821) sowie Bd. 2 Nr. 2 (Lachmann an W. Grimm, 13. März 1820.); vgl. dazu Grunewald (1988), der von der Hagens Editionsintention diskutiert (S. 59–64) und Lachmanns Kritik reflektiert (S. 95–97 mit Belegen). Heinzle (2004) S. 9f. Vgl. Grunewald (1988) S. 308–322. von der Hagen/Büsching (1812). Zeugnisse bei Grunewald (1988) S. 320–322.

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hunderts an der Schwelle zur modernen ›Material Philology‹. Doch obwohl in den folgenden Jahrzehnten unzählige Texte ediert und interpretiert, zahlreiche Handschriften katalogisiert und erschlossen wurden, konnten die Ergebnisse mit der rasanten Entwicklung des Forschungsbetriebs kaum mithalten. Die Limitationen der Handschriftenverzeichnisse von der Hagens und Büschings, die ja gerade keine klassischen Handschriftenkataloge, sondern Übersichten (›Grundrisse‹) sein wollten, waren unübersehbar, und die in Angriff genommenen Katalogisierungsprojekte steckten noch in den Kinderschuhen. Bis zur zuverlässigen Erfassung aller deutschen Handschriften würden beim angeschlagenen Tempo noch Jahrhunderte ins Land gehen. Vor diesem Hintergrund formulierten Konrad Burdach, Gustav Roethe und Erich Schmidt im Jahr 1903 in einem Papier der Preußischen Akademie der Wissenschaften die dringendsten Forschungsdesiderate: Und wie die kärglichen Publikationen mit den Bedürfnissen unsrer Wissenschaft ganz und gar nicht Schritt gehalten haben, ebenso fehlt uns überhaupt die gesicherte Kenntnis der erhaltenen handschriftlichen Schätze. Es ist aber unentbehrlich, wenn wir von dem inneren Leben der Literatur und Sprache ein klares Bild gewinnen sollen, daß wir die Verbreitung der Werke, die Wandlungen ihrer äußeren Gestalt, die Dauer ihrer Wirkung, daß wir vor allem neben den Hauptphänomenen auch die Massen der geistigen Durchschnittsnahrung so vollständig überschauen wie möglich (Allgemeine Orientierung, 1903, Bl. 1).26

Das von Konrad Burdach in der im Jahr 1904 erschienenen Nummer 21 des Zentralblatts für Bibliothekswesen formulierte Gründungsmanifest des angemahnten Handschriftenarchivs liest sich dann über weite Strecken wie eine prophetische Vorwegnahme der Diskussionen um eine ›Neue Philologie‹, wie sie beinahe 100 Jahre später geführt wurden. [...] Und je mehr in der germanistischen Editionstechnik das sogenannte ›konservative Verfahren‹, der möglichst strenge Anschluß an handschriftliche Überlieferung, um sich griff, je mehr die Tätigkeit der freien philologischen Kritik, zumal der ›höheren Kritik‹, und vielfach durch die Angstmeierei eines förmlichen Kultus der Handschriften ersetzt ward, desto mehr hätte in der Wertschätzung auch der Herausgeber die Bedeutung der einzelnen Manuskripte steigen, desto mehr hätten die Manuskripte als einzigartige Individualitäten in ihrer Totalität d. h. nach ihrem vollen Inhalt und nach allen Besonderheiten ihres Ursprungs und ihrer Lebensgeschichte Anspruch auf Beachtung gewinnen müssen. Indessen geschah das, wenigstens bis zum Anfang des letzten Jahrzehnts des 19. Jahrhunderts, verhältnismäßig nur in geringem Grade und wohl nur bei den ältesten Handschriften und solchen, welche die einzige Überlieferung eines literarischen Werkes darboten. Wo aber zahlreiche Codices eines Literaturdenkmals vorlagen,

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Die Ausführungen von Konrad Burdach, Gustav Roethe und Erich Schmidt werden hier nach einer im Archiv der Berlin-Brandenburgischen Akademie der Wissenschaften aufbewahrten und im Internet zugänglichen Kopie zitiert (http://www.bbaw.de/forschung/dtm/ HSA/ Denkschrift1903.htm).

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machte man nach wie vor mit jedem einzelnen, zumal wenn er jünger war nicht viel Federlesens.27

Mit dem 1904 ins Leben gerufenen ›Handschriftenarchiv‹ erhielten die Manuskripte erstmals einen institutionellen Rahmen, der sie als eigenständige Forschungsobjekte im Wissenschaftsbetrieb verankerte. Für die vielen noch ungedruckten Texte entstand mit den ›Deutschen Texten des Mittelalters‹ (DTM) das editorische Pendant. Die prägende Hand Gustav Roethes ließ das umfassend kulturwissenschaftlich angelegte Unternehmen jedoch von Beginn an im »Philologismus« – so Rudolf Unger im Jahr 1908 in einem Brief an das preußische Wissenschaftsministerium – verharren. In einem Brief (1932) an Wilhelm Ranisch kritisiert Andreas Heusler die von Roethe geradezu zur Wissenschaftsphilosophie erhobene Frontstellung zwischen Philologie und Geisteswissenschaft mit scharfen Worten: »Die Frage: Ob Philologie oder Geisteswissenschaft besser sei, kommt mir so vor wie: Ob Ein- oder Ausatmen besser sei.«28 Überwunden wurde der Graben trotz aller Mahnungen nur zögerlich. Editoren und Katalogisatoren nutzten die Erträge des Handschriftenarchivs nur sporadisch, und zu einer großflächigen literatur- und kulturhistorischen Auswertung der rund 19 000 bis 1944 gesammelten Handschriftenbeschreibungen kam es gar nicht. »Nach dem 2. Weltkrieg wurden die Arbeiten nicht wieder aufgenommen. In den 50er bis frühen 70er Jahren fertigten nur noch wenige Bearbeiter gleichsam in Privatinitiative einzelne Ergänzungen an. In der alten Bundesrepublik traten an die Stelle des Handschriftenarchivs die modernen, von der DFG geförderten Katalogisierungsprojekte. In der DDR wurden einzelne Vorhaben im Rahmen des ›Zentralinventars mittelalterlicher Handschriften bis 1500 in den Sammlungen der DDR‹ (ZIH) durchgeführt, andere (etwa die Kataloge zu Dessau, Jena, Leipzig und Weimar von Franzjosef Pensel) entstanden unter dem Dach des Zentralinstituts für Sprachwissenschaft der nun als ›Akademie der Wissenschaften der DDR‹ firmierenden ehemals Preußischen Akademie.«29 Auch wenn die DTM unter dem gleichen Dach ebenfalls erhalten blieben, gingen Buch- bzw. Handschriftenforschung und Editionswissenschaft mehr denn je eigene Wege. Die Forschungsdefizite blieben nicht verborgen. In den 1960er Jahren starteten Karl Langosch, Alexandre Micha, Stefan Sonderegger, Friedrich Neumann und zahlreiche weitere Fachgelehrte deshalb den ambitionierten, letztlich aber zu groß angelegten Versuch, für alle Literaturen von der Antike bis zum Mittelalter eine ›Geschichte der Textüberlieferung‹ zu erstellen. Der Grundgedanke ihres Vorhabens war die schon bei Lachmann und den Grimms

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Konrad Burdach, Die Inventarisierung älterer deutscher Handschriften. In: ZfB 21 (1904) 183–187, hier S. 185f. (digitalisiert unter http://dtm.bbaw.de/HSA/Index-Literatur.htm). Zitiert über Heinzle (1998b) S. 95 Anm. 9. Wolf, Handschriftenarchiv-online (http://www.uni-marburg.de/hosting/zfda/maphil015_ wolf.html).

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gereifte Erkenntnis, daß sich die Literaturen dieser Epoche zu einem wesentlichen Teil nur in ihren Handschriften erschließen. Im Vorwort mahnt Martin Bodmer deshalb geradezu beschwörend: Die hier vorliegende Geschichte der Textüberlieferung ist auf dem weiten Feld der Literaturwissenschaft ein Novum. Den zahlreichen Darstellungen des antiken und mittelalterlichen Schrifttums – des Fundaments also aller okzidentalen Literatur – wird nicht einfach eine weitere, ›auf den neuesten Stand der Forschung gebrachte‹ hinzugefügt, vielmehr soll das Unternehmen zeigen, warum und wodurch für uns Heutige eine antike und mittelalterliche Literatur überhaupt existiert: dank eben der Textüberlieferung! Und diese wiederum ist einer oft komplizierten Reihe von Umständen zu danken. Die wohl seltsamste Frage dabei ist, warum ein so grundlegendes Problem bisher unerörtert blieb, genauer gesagt, sich auf die Gelehrtenstuben beschränkte.30

In der Einleitung seines Abschnitts zur ›Überlieferungsgeschichte der altdeutschen Literatur‹ weist Neumann nachdrücklich auf die literar- und kulturhistorische Bedeutung der Charakteristika mittelalterlicher Buchproduktion für unseren Kulturkreis hin (S. 643–648). Anders als Lachmann will er jede Handschrift als eigenständiges Forschungsobjekt verstanden wissen, denn »jede Handschrift, auch die schlechteste, ist bei aller Abhängigkeit ein geschichtliches Individuum, eine durch den geschichtlichen Standort des Schreibers festgelegte Sonderausgabe eines Werkes.«31 Neumann markierte damit bereits die entscheidenden Eckpfeiler eines Manuskript-Verständnisses, das dann in die theoretischen Grundsatzdiskussionen um ›Material Philology‹ und ›New Philology‹ einmündete. Neumanns Untersuchung blieb allerdings auf wenige ausgewählte Spitzenwerke, auf das, »was überzeitlichen Rang hat«, beschränkt. Als elementares Problem erwies sich für ihn, »daß nur allzuviele Handschriften bislang unzureichend beschrieben sind. Was gar die Geschichte einzelner Handschriften und Handschriftengruppen angeht, die bestrebt sein muß, überall zum Möglichen und Wahrscheinlichen vorzudringen, so sind wir trotz einer Mahnung Konrad Burdachs vom Jahre 1888 immer noch in den Anfängen.« Ein zweites Problem, und das hatte Neumann scharfsinnig erkannt, stellte Lachmanns noch immer die Forschungslandschaft prägende Rekonstruktionsphilologie dar, denn »leicht übersehen wird übrigens, daß uns die neuzeitlichen Ausgaben erschweren, die altdeutsche Gesamtüberlieferung zu überblicken. Diese Ausgaben sind mit Recht bemüht, aus dem Überlieferten die ursprünglichen Texte zu erarbeiten.«32 Die Zeit schien reif für eine Neuorientierung. Der im selben Jahr 1964 erschienene programmatische Aufsatz ›Mittelalterliche Texte als Aufgabe‹33 von Karl Stackmann wirkte denn auch wie ein Plädoyer für einen solchen neuen Weg. 30 31 32 33

Geschichte der Textüberlieferung (1964) S. 17 (Vorwort von Martin Bodmer). Neumann (1964) S. 648. Neumann (1964) S. 686–687 (Zitate). Stackmann (1964).

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Konsequent zu den handschriftlichen Wurzeln drang in den 80er Jahren die überlieferungsgeschichtliche Methode der ›Würzburger Schule‹ vor. Der von Kurt Ruh herausgegebene Sammelband ›Überlieferungsgeschichtliche Prosaforschung. Beiträge der Würzburger Forschergruppe zur Methode und Auswertung‹34 schien sogar geeignet, die noch immer losen Fäden zwischen Buch und Text zusammenführen. Die Mauern der »Gelehrtenstuben« erwiesen sich aber sowohl für die ›Geschichte der Textüberlieferung‹ als auch die ›Würzburger Thesen‹ als unüberwindlich. Das Echo beschränkte sich auf den inneren Zirkel der germanistischen Mediävistik. Vielleicht hatte man sich zu sehr auf die Gegenstände kapriziert und zu leichtfertig verzichtet, die Modelle in übergreifende kulturtheoretische Zusammenhänge einzubinden. Was aber keinesfalls heißen soll, daß man im engeren Diskurszusammenhang den einzelnen Forschungsgegenständen (Philologie, Überlieferungsgeschichte, Literatursoziologie, Sozialgeschichte etc.) nicht die entsprechende Aufmerksamkeit widmete. Sie wurden, etwa von den Editionsphilologen oder in den großen Literaturgeschichten, ganz selbstverständlich aufeinander bezogen, ja sogar in komplexe theoretische Modelle überführt. So stehen die modernen Editionen – heute meist dem Leithandschriftenprinzip verpflichtet – mittlerweile in engem Bezug zur Überlieferung und erleichtern dadurch den Zugriff auf die »altdeutsche Gesamtüberlieferung«. Zum anderen liegen für zahlreiche Werke sowie für paläographische, kodikologische und sprachhistorische Fragestellungen die von Burdach, Roethe, Schmidt und Neumann eingeforderten detailreichen, meist werk- oder sachzentrierten Monographien vor. Hier sei auf eine Auswahl jüngster Einzelstudien mit umfangreichen Handschriftenbeschreibungen und Überlieferungsanalysen etwa zu bebilderten Reimchroniken (Günther 1993), zu Rudolfs ›Weltchronik‹ (Jaurant 1995), zu Rudolfs ›Wilhelm von Orlens‹ (Weigele-Ismael 1997), zur ›Sächsischen Weltchronik‹ (Wolf 1997; Buch der Welt 2000), zur ›Nibelungenklage‹ (Bumke 1996), zur Trojaliteratur (Alfen/Fochler/Lienert 1993; Lienert 1996), zu den Alexanderdichtungen (Cölln/Friede/ Wulfram 2000), zur Lyrik (Holznagel 1995; Bein 1998), zu den ›St. Georgener Predigten‹ (Seidel 2003), zu Boethius (Hehle 2002), zur Strickerschen Kleinepik (Holznagel 199935), zur Karlsliteratur (Bastert 2002b), zu Gebetbuch und Psalter (Wolf 2005), zu Lese-Handschriften (Palmer 2005), zu ›Tristan‹-Lektüren bzw. zum Cgm 19-Skriptorium (Baisch 2006), zu Autorbildern (Autorbilder 2007) und zur Rechtsliteratur (Bertelsmeier-Kierst 1998/200836).

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Überlieferungsgeschichtliche Prosaforschung (1985). Die Grundlagen des Forschungsansatzes bzw. des SFB wurden bereits 1973 von Klaus Grubmüller, Peter Johanek, Konrad Kunze, Matzel, Klaus , Kurt Ruh, Georg Steer im Jahrbuch für Internationale Germanistik 5 (1973) 156–176, formuliert; vgl. zusammenfassend Williams-Krapp (2000). Für Informationen aus seiner 1999 in Köln eingereichten und demnächst in der Reihe Hermaea erscheinenden Habilitationsschrift danke ich Franz Josef Holznagel. Für die freundliche Überlassung des Manuskripts ihrer aus dem ›Marburger Repertorium‹ hervorgegangenen Habilitationsschrift ›Kommunikation und Herrschaft. Zum Ver-

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Auch Einzelhandschriften bzw. Überlieferungskomplexe, Bilderhandschriften, einzelne Überlieferungsräume und Zentren werden durch Handschriftenkataloge, Faksimile-Kommentarbände, Aufsätze sowie Tagungs- und Sammelbände im Stile des Katalogs der deutschsprachigen illustrierten Handschriften des Mittelalters (Kat.Ill.) oder der Sammelbände Deutsche Handschriften 1100–1400 (1988), ›Aufführung‹ und ›Schrift‹ (1996), Buchmalerei im Bodenseeraum (1997), Studien zur ›Weltchronik‹ Heinrichs von München (1998), Scrinium Berolinense (2000), Spätformen mittelalterlicher Buchherstellung (Saurma-Jeltsch 1992), Epoche im Umbruch (Bertelsmeier-Kierst/Young 2003); Textsorten deutscher Prosa (2002), Präsenz des Mittelalters (2002), Heinzle/ Klein/Obhof (2003) und Beach (2004) zunehmend besser erschlossen. Im paläographischen Bereich liegt mit Karin Schneiders Band zu den ›Gotischen Schriften‹ (1987)37 ein bahnbrechendes Grundlagenwerk vor. Die mittelalterliche Buchgeschichte ist in Neddermeyers (1997) zweibändiger Habilitationsschrift ›Von der Handschrift zum gedruckten Buch‹ statistisch aufbereitet.38 Das ›mittelalterliche Buch‹ selbst hat als Gegenstand zahlreicher Tagungs-39 und Sammelbände40 seit den achtziger Jahren zunächst im anglo-amerikanischen und französischen Raum, seit einigen Jahren aber auch in Deutschland Konjunktur. Im deutschsprachigen Umfeld wäre hier zudem auf die Sonderforschungsbereiche in Münster, 41 Freiburg42 und Würzburg/Eichstätt43 hinzuweisen, die jeweils in Teilprojekten mehr oder weniger intensiv auch die »origins of medieval studies« in den Blick genommen haben bzw. hatten. Was Neumann vor über 30 Jahren als entscheidendes Defi zit skizziert hatte, erweist sich heute unter umgekehrten Vorzeichen allerdings als vielleicht noch größeres Problem: Die mittlerweile fast unendliche Datenfülle läßt sich kaum noch überblicken, zumal den meisten der genannten Publikationen ein partikularer, nur Einzelwerke bzw. kleinere Überlieferungsverbünde und Einzelphänomene berücksichtigender Charakter gemein ist. Literarhistorische Fra-

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schriftlichungsprozeß des Rechts im 13. Jahrhundert‹ danke ich Christa Bertelsmeier-Kierst. Im Mittelpunkt der demnächst als ZfdA-Beiheft erscheinenden Arbeit stehen die Überlieferungskomplexe ›Sachsenspiegel‹, ›Schwabenspiegel‹ und Urbar (Bertelsmeier-Kierst 1998/2008). Vgl. ergänzend den weit über eine Einführung hinausgehenden Band Schneider (1999) sowie Bischoff (1979). Vgl. kritisch die Rezensionen von Günther Görz/Ursula Rautenberg. online: http://iasl. uni-muenchen.de/rezensio/liste/rautenb2.html und Wolf. In: ZfdA 130 (2001) 211–217. Z.B. ›The Role of the book in medieval culture‹ (Ganz 1986), ›Deutsche Handschriften 1100–1400‹ (Honemann/Palmer 1988); ›Medieval Book Production‹ (Brownrigg 1990), ›Making the Medieval Book‹ (Brownrigg 1995); Präsenz des Mittelalters (2002); Bertelsmeier-Kierst/Young (2003), Mediävistik im 21. Jahrhundert (2003). Z.B. Martin/Vezin (1990), Parkes (1991), Rouse/Rouse (1991), Monks/Owen (1994), Ernst (2006). Siehe Anm. 11. Siehe Anm. 12. Siehe Anm. 13.

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gestellungen werden nur in wenigen Ausnahmefällen mit buchtechnisch-kulturhistorischen Überlegungen verknüpft (etwa Bumke 1987, 1990, 1991, 1996, 1996a, 1997, 2000; Holznagel 1995, 1999, 2001; Busby/Nixon/Stones/Walters 1993, Busby 2002, Heinzle 2004, Palmer 2005, Wolf 2005, Baisch 2006 sowie bedingt Ernst 2006). Im werkzentrierten oder sprachhistorischen Bereich spielt eine konsequente Auswertung technisch-buchgeschichtlicher Aspekte ebenso nur eine Nebenrolle wie die literatur- oder kulturgeschichtliche Einordnung im paläographisch-kodikologischen Zusammenhang. Außerdem stehen in einer – auch – auf Außenwirkung angelegten Forschungskultur notwendigerweise Prachtkodizes, kostbare Illuminationen, prägnante Einrichtungsmerkmale, herausragende Werke, Autoren, Schreiber, Besitzer oder Mäzene im Rampenlicht. Der einfachen, die Überlieferung dominierenden ›Massenware‹ – auch der volkssprachigen – widmete man sich kaum. Weit voraus scheinen unsere Nachbarn. Der von Martin/Vezin (1990) herausgegebene Sammelband ›Mise en page et mise en texte du livre manuscrit‹ erschließt die kodikologischen Entwicklungen im gesamten frz. Sprachraum von der Antike bis ins Spätmittelalter. 44 Das handschriftliche Material ist mit dem fünfbändigen Inventaire (1997) und der – streckenweise leider kryptischen – Arbeit von Dean (1999) zu den anglonormannischen Überlieferungszeugen aufbereitet. Alle Aspekte der Kunst-, Sprach- und Literaturgeschichte sowie der Buchkultur fließen in dem monumentalen Dokumentations- und Forschungsband zu Chrétien de Troyes (Busby/Nixon/Stones/Walters 1993) und dem von Busby herausgegebenen Sammelband ›Codex and Context‹ zur altfranzösischen Versepik (Busby 2002) zusammen. Der Hinweis auf die richtungweisende Studie von Martin/Vezin (1990) zwingt jedoch auch zur Frage nach dem möglichen Informationsgehalt der Buchgestalt und dem erwarteten Informationsgewinn für eine zukünftig anders nuancierte Literatur- und Kulturgeschichtsschreibung, denn genau an diesem Punkt enden die Untersuchungsinteressen des genannten Sammelbandes. Martin/Vezin stellen die Bücher dar, skizzieren kodikologische Entwicklungslinien, zeigen Zusammenhänge zwischen Gattungen und Buchmustern auf, gehen jedoch allenfalls am Rande auf Bedeutung und Funktion entsprechender Muster in einem größeren literar- und kulturhistorischen Zusammenhang ein. Die ›Semiotik der graphischen Gestaltung‹ (s.u. Kap. 1.2) bleibt – sicher mit Kalkül – ausgeblendet. Sie würde sich in ihrer Komplexität nur erschließen, wenn man jedem Buch, jedem Werk und jeder Gattung den jeweiligen literar- und kulturhistorischen Kontext unmittelbar zuordnete. Welche exorbitanten Ausmaße ein solches Unterfangen bereits bei einem Autor- bzw. Werkkomplex annehmen kann, zeigen der weit über 1000 Seiten starke Sammelband ›Les

44

Vgl. ergänzend Album de manuscrits (2001).

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Manuscrits de Chrétien de Troyes‹45 und der kaum weniger starke Sammelband ›Codex and Context‹46 zur altfranzösischen Versepik. Vergleichbar umfassende Studien zur deutschen Buchkultur des Mittelalters fehlen trotz der Vorarbeiten des Berliner Handschriftenarchivs (1904– 1944), Neumanns (1964) und der vielfältigen Anregungen von Palmer (1991), Glier (1992) und Bumke (1987, 1990, 1991, 1996, 1996a) noch immer. Größer angelegte kodikologisch orientierte Musterquerschnitte durch das Material finden sich aber bei Palmer (1991 und 2005), Bumke (1996a), Klein, Kl. (2000), Wolf (2005) und mit einem Fokus auf die philologietheoretischen Fragestellungen bei Heinzle (2004). Für das späte 12. und 13. Jahrhundert bietet Schneider (1987) einen wertvollen, jedoch auf die Paläographie und die Schreibdialekte zentrierten Überblick. Die aktuellen Bände zur ›Nibelungenklage‹47 und zur Nibelungentradition insgesamt48 lassen exemplarisch erkennen, welche wertvollen Erkenntnisse zu gewinnen wären. Sie dokumentieren aber zugleich die ungeheueren Materialmassen, die zu bewältigen wären. Die Aufbereitung des volkssprachig-deutschen Handschriftenmaterials befindet sich jedoch auf einem guten Weg. Für das 11./12. Jahrhundert bietet Hellgardt (1988) einen wichtigen, jedoch korrekturbedürftigen Überblick. 49 Das 13. Jahrhundert ist im ›Marburger Repertorium‹ (MR13)50 umfassend aufgearbeitet, eine Fortführung ins 14. Jahrhundert ist bereits online zugänglich (MR14).51 Umfangreiche Text- bzw. Autorkorpora werden z.B. im Hamburger Cato-Projekt,52 im Marburger Freidank-Repertorium53 und zukünftig in der Utrechter Arthurian Fiction database54 erschlossen. Die volkssprachig-deutsche Urkundenüberlieferung des 13. Jahrhunderts ist im Corpus der altdeutschen Originalurkunden (Corpus 1932–1963) seit vielen Jahrzehnten zugänglich.55 Umfassendere, Buch- und Urkundenüberlieferung verbindende Untersuchungen zu diesem Bestand blieben jedoch bis heute Mangelware. Für die vorliegende Arbeit ergab sich aus diesen Beobachtungen die ernüchternde Erkenntnis, daß sich Buch und Text selbst für einen chronologisch eng begrenzten Zeitraum von gerade einmal einem Jahrhundert (Ende 12. Jh. bis 45 46 47 48 49

50 51 52 53 54 55

Busby/Nixon/Stones/Walters (1993). Busby (2002). Bumke (1996a) u. (1999). Heinzle/Klein/Obhof (2003). Eine überarbeitete Version steht kurz vor dem Abschluß und wird im Rahmen des Handschriftencensus auch im Internet zugänglich sein. Für die Informationen danke ich Ernst Hellgardt und Stephan Müller. URL: http://www.uni-marburg.de/hosting/mr13/welcome.html. URL: http://www.uni-marburg.de/hosting/mr14/welcome.html. URL: http://www.rrz.uni-hamburg.de/SFB538/a7/hv.html. URL: http://www.uni-marburg.de/hosting/mr/mrfd/mrfdhssverz.html. Das von Bart Besamusca (Utrecht) initiierte Projekt erfaßt Motivkomplexe der gesamten mittelalterlichen Artus-Literatur (inklusive der deutschen Artus-Texte). Zur Digitalisierung der Bestände vgl. http://germazope.uni-trier.de/Projects/Corpus/start/ index.html.

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Ende 13. Jahrhundert) und für einen ebenso eng begrenzten geographischen und literarischen Bereich (die volkssprachig-deutsche Literatur) nur an ausgewählten Beispielen zusammenbringen lassen. Um die Idee eines größeren Überblicks dennoch nicht vollends aufgeben zu müssen, sind in den einzelnen Abschnitten zur Manuskriptkultur (Kap. I), zu Buch und Text (Kap. II) und zu Textkonstitution, Textgenese und Texttradierung in der Hand von Autoren und Schreibern (Kap. III) möglichst breit gestreute, viele Gattungen, Zeiten und Räume vertretende Beispiele ausgewählt worden. Eine synthetische Verbindung von Buch und Text wird zudem exemplarisch am geistlichen Gebrauchsschrifttum (Kap. II.1), der Geschichtsdichtung (Kap. II.2) und der Artusepik (Kap. II.3) durchgespielt. Die Wahl fiel auf diese drei Bereiche, weil damit einerseits ein erheblicher Teil der Gesamtüberlieferung im fraglichen Zeitraum erfaßt ist und andererseits die kulturelle Grenzen sprengenden Dimensionen der Buchkultur transparent werden: Das geistliche Gebrauchsschrifttum entsteht direkt aus der klerikal-lateinischen Gelehrtenkultur und bietet in seiner spezifischen Entwicklung einen facettenreichen Zugriff auf kulturelle Interferenzen zwischen klerikaler und laikaler Welt. Die deutsche Artusepik speist sich unmittelbar aus der volkssprachig-französischen Schriftkultur. In den Artusbüchern sollten die engen Verflechtungen zwischen französischer und deutscher Hofkultur sichtbar werden. Die Geschichtsdichtung läßt über weite Strecken einen eigenständigen deutschen Weg erkennen (Reimchronistik, Heldenepik,56 Spielmannsepik57), zeigt aber in einigen Gattungssegmenten zugleich enge Verflechtungen zur französischen (Chanson de geste, Antikenromane) und zur klerikal-lateinischen Literatur (Chronistik allgemein, Legenden, antike Texte). Bei der Auswahl der Untersuchungsgegenstände und der Untersuchungsperspektiven folge ich den Anregungen Nigel F. Palmers, der bereits 1991 anläßlich der Besprechung von ›Karin Schneider, Gotische Schriften in deutscher Sprache‹ festhielt, daß bis auf den ›volkssprachigen Charakter‹ des Schriftbildes sich fast alle paläographisch-kodikologischen Eigenheiten deutscher Schriftdenkmäler in lateinischen Handschriften wiederfinden. Das gilt z.B. für Formate, für die Vorbereitung und Einrichtung der Seite (Liniierung, Ein-, Zwei- oder Dreispaltigkeit), auch generell für die Buchschrift und für solche Modeerscheinungen wie den Übergang zu abwechselnd roten und blauen Lombarden im Laufe des 13. Jahrhunderts oder die etwa seit der Jahrhundertmitte zur Regel gewordene Praxis, die erste Schriftzeile 56

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Im Gegensatz zur christlich-heroischen Tradition der aus französischen Quellen geschöpften deutschen Chansons de geste bietet das ›Nibelungenlied‹ einen germanisch-deutschen Stoff ohne französische oder lateinische Parallelen und Vorbilder – auch wenn man einen zumindest unterschwelligen französischen Einfluß nicht vollends negieren können wird, denn höfische Motivik und höfisches Ambiente sind im ›Lied‹ fest verankert und spielen in der ›Klage‹ eine zentrale Rolle. Zur problematischen Rolle der Spielmannsepik in einem von historiographischen Vorstellungen geprägten Diskurszusammenhang vgl. Kap. II.2.6.

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nicht auf, sondern unter der obersten mit Tinte oder Blei gezogenen Linie (›below top line‹) einzutragen. Bei einigen deutschen Handschriftentypen, wie z.B. bei den deutschen Predigthandschriften des 12. und 13. Jahrhunderts, dürfte man mehr oder weniger vollkommene Übereinstimmung mit lateinischen Handschriften des gleichen Typs feststellen können. Anders verhält es sich bei den deutschen Epenhandschriften.58

1.2. Die Semiotik der graphischen Gestaltung Jede mittelalterliche Handschrift ist ein ebenso individuelles wie komplexes Zeichensystem mit unzähligen auf einer sichtbaren – schouwen59 – Oberfläche (Buch- und Seitengestalt) und einem les- bzw. hörbaren – lesen unde hœren 60 – Inneren (Textgestalt) gespeicherten Informationen. In der Frühzeit der volkssprachigen Buchproduktion scheint analog zu den gleichzeitigen lateinischen Handschriften meist noch eine unmittelbare Beziehung zwischen Produzent (Autor, Redaktor, Schreiber) und Rezipient (Auftraggeber, Hörer/Leser) im Buchkörper greifbar. Personalisieren lassen sich solche Beobachtungen freilich nur in seltenen Fällen: Bei den Epen, der Lyrik und selbst der Geschichtsdichtung gelingt dies fast nie, bei Psalterien und Gebetbüchern jedoch auffallend häufig. Im Laufe des späteren 13. Jahrhunderts verselbständigen sich die Herstellungsprozesse jedoch in allen Gattungssegmenten so weit, daß die Handschriften kaum noch direkt auf Individuen oder individuelle Entstehungssituationen, sondern allenfalls pauschal auf Entstehungszusammenhänge, auf Rezipientenkreise und generell auf spezifische kulturelle oder literarische Milieus zurückverweisen. Ausgehend von der Beobachtung, daß »dem Schreiber […] Möglichkeiten der Gestaltung, der Ordnung und der Gliederung offen [stehen], die anders sind als jene, über die der Sprecher verfügt«,61 warfen Malcolm B. Parkes62 sowie Richard und Mary Rouse63 die Frage nach der »Typographie der geschriebenen Seite« und ihren Funktionen auf. Ihre Anregungen führten u.a. Wolfgang Raible, Barbara Frank, Nigel F. Palmer, Joachim Bumke, Keith Busby, Terry Nixon, Alison Stones, Lori Walters und Johann Peter Gumbert mit erheblichem Erkenntnisgewinn zu neuen Modellen, Theorien

58 59

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Palmer (1991) S. 243f. Zum Bedeutungsspektrum von mhd. schouwen vgl. Lexer II, 777–779 und BMZ II2 , 197b u. 198b. Heinrich von Veldeke verwendet schon im ›Eneas‹ die später verbreitete Doppelformel ze lesene und ze schouwen (Eneas v. 352,36); vgl. allg. Green (1994) u. (2002a) sowie Wenzel (1995). Vgl. zum Bedeutungsspektrum der Doppelformel lesen unde hœren Scholz (1980) und Green (1994). Gumbert (1992) S. 283. Parkes (1976) u. (1991). Rouse/Rouse (1982) prägten das bald zum Leitsatz der neuen Forschungsrichtung avancierte »new attitudes toward the page«.

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und Einsichten.64 Für die vorliegende Arbeit erwies sich vor allem das dreigliedrige Modell von Gumbert als wichtige theoretische Fundierung. Nach Gumbert wird die graphische Gestaltung »zu mindestens drei verschiedenen (wenn auch in der Praxis nicht völlig trennbaren) Zweckbereichen eingesetzt«,65 wobei jedem einzelnen Bereich eine Fülle unterschiedlichster Analyseparameter zugeordnet werden können. – Ästhetik der Buchgestalt Sie sagt etwas über die Qualität des Skriptoriums, die Gestalt der Vorlage und den Anspruch von Auftraggebern bzw. Adressatenkreisen aus. Da die ästhetischen Anforderungen historischen, regionalen und soziologischen Entwicklungsprozessen unterworfen sind, gibt uns die Ästhetik zugleich Hinweise auf die Datierung, die Lokalisierung und das mentale, soziale und dynastische Umfeld, in dem eine Handschrift zu verorten ist. Hinter der Ästhetik verbergen sich des weiteren materielle und technische Indizien: Aufwendige Ausstattung und Gestaltung setzen einerseits wirtschaftlich potente Auftraggeber und andererseits professionelle Schreib- und ggf. Illustrationswerkstätten voraus. Besonders einfache Ausstattung schließt zwar Entsprechendes nicht aus (insbesondere bei pragmatisch-archivalischen Texten, Nachschlagewerken, Belletristik und der glaubenspraktischen Basisliteratur), deutet aber doch auf bescheidenere Entstehungsverhältnisse. Vielleicht mehr noch als in der lateinischen Schriftkultur scheint die Ästhetik im Bereich der volkssprachigen Schriftlichkeit zugleich ein Spiegel für den Status der volkssprachigen Literatur insgesamt bzw. einzelner Gattungen und Werke im Besonderen zu sein. Daß ästhetische Ansprüche und Moden im Laufe des 13. Jahrhunderts immer mehr die Gestalt der volkssprachigen Bücher verändern, dürfte unmittelbar mit einem Statuswandel der volkssprachigen Literatur und einem Interessenwandel der volkssprachig-laikalen Adressaten zu tun haben. Am Ende des 13. Jahrhunderts sind kaum noch ästhetische Unterschiede zwischen volkssprachigen und lateinischen Büchern zu erkennen. Allerdings bleibt die höchste Spitze der Buchkunst lateinisch-sakralen Werken vorbehalten.

– Semiotik der Buchgestalt Über ihre Gestalt teilen die Handschriften mehr oder weniger deutlich mit, für welchen Zweck bzw. mit welcher Zielsetzung sie angelegt wurden. Eine großformatige, prachtvoll ausgestattete Weltchronik oder ein vielleicht noch prachtvollerer Psalter geben sich als – auch – nach außen wirkende Propagandainstrumente oder als demütige Huldigung Gottes66 (Bildprogramm vieler Psalterien) zu erkennen. Das Buch vermittelt allein über seine Gestalt entsprechende Botschaften wie: ›Mein Auftraggeber ist ein mächtiger, reicher Fürst. Seine Ansprüche sind rechtens und hier in adäquater Form niedergelegt‹. Nicht überraschend ist, daß sich spezifische äußere Attribute vor allem bei chronistischen und juristischen Grundlagenwerken häufig mit ebenso spezifischen inneren Momenten – mit charakteristischen Textveränderungen/Textbetreuungen – decken. Ein kleines, aber mit aufwendigen Schmuckelementen in sorgfältiger Schrift angelegtes Gebetbüchlein

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Vgl. etwa Raible (1991) u. (1995); Palmer (1989) u. (1991); Bumke (1996), (1996a) u. (1997); Frank (1993) u. (1994); Busby/Nixon/Stones/Walters (1993); Gumbert (1992). Gumbert (1992) (Zitate S. 283f.) Zur Funktion des Psalters vgl. Lentes (1998).

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macht demgegenüber eine völlig andere, direkt nach innen gewendete Aussage: ›Meiner Besitzerin ist Gott das Wichtigste auf der Welt. Ich – das Gebetbuch – bin ihr ständiger, hochgeschätzter Begleiter, Helfer und Medium der täglichen Andacht‹.67 Angesichts der oft spartanischen Buchmuster und Schriftformen scheint sich das Gros der volkssprachigen Bücher unserer Epoche als Transport- und Archivierungsmedium zu erkennen zu geben.

– Struktur der Buchgestalt Die räumliche Gestaltung der Seite gibt wichtige Anhaltspunkte auf die intendierte Nutzung der Handschrift. Ein mit Initialen, Majuskeln und Rubrizierungen gegliedertes, vielleicht sogar noch mit einem Register versehenes Exemplar läßt sich unschwer als L e s e buc h bzw. als Na c h s c h l a g e werk identifizieren.68 Bei den fortlaufend geschriebenen, nur mit spärlichen Gliederungsattributen versehenen frühen Epen-Handschriften spricht demgegenüber vieles für eine Verwendung als Vorle s e buc h .69 Zur privaten Lektüre waren solche Bücher unpraktisch, da sie den professionellen, mit dem Text vertrauten (Vor)leser voraussetzen. Kommen Bilder hinzu, spielt zusätzlich das S c h auen eine wichtige Rolle. Auf das Schauen70 gezielt sind auch spezifische Veränderungen des Layouts während des 13. Jahrhunderts. Mehrspaltigkeit, abgesetzte Verse, ausgerückte Anfangsbuchstaben, Gliederungsinitialen und -majuskeln machen die Handschrift schön(er). Horst Wenzel und Dennis Green sehen entsprechende visuelle Momente einer öffentlichen Aufführungssituation geschuldet.71 Im ›Engelhard‹ beschreibt Konrad von Würzburg eine solche zweidimensionale Vortragssituation: swaz man nû kurzewîle sol vor rittern und vor frouwen hœren und schouwen, daz lac an in mit voller kraft (Engelhard 758–61) Zu diesem schouwen gehörten sicher die Mimik und die Gestik des Vortragenden, aber wohl auch das Buch als eigenständiges visuelles Erlebnis.

Faßt man die skizzierten Momente zusammen, heißt dies, »daß an einer geschriebenen Seite viel mehr zu sehen ist als der Text.«72

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Vgl. Wolf (2005). Vgl. grundlegend Palmer (1989) u. (2005) sowie exemplarisch Bästlein (1991) und Baldzuhn (2002) S. 70–93 zu Gliederungssystemen (Miniatur, Autorname, Rubrizierung, Beischriften zum Tonwechsel, Rollenzuweisungen etc.) in den frühen Liederhandschriften. Vgl. Frank (1993) S. 60 u. Green (2002a), der mit Bezug auf Joyce Coleman (Public reading and the reading public in late medieval England and France. Cambridge 1996) von ›public reading‹ spricht. Gemeint ist damit der mündliche Vortrag aus einem schriftlichen Text vor Publikum (im Gegensatz zur Privatlektüre und zum freien Vortrag). Coleman schlägt dafür den Begriff ›Auralität‹ vor. Vgl. etwa Frank (1994) (zur Romania) u. Wenzel (1995) (zu Bilderhandschriften). Vgl. Wenzel (1995) u. Green (2002a). Gumbert (1992) S. 283. Vgl. aus anderer Perspektive (Urkundenüberlieferung), aber mit ganz ähnlichen Resultaten Rück (1991).

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1.3. Möglichkeiten und Grenzen eines positivistisch-manuskriptzentrierten Analyseansatzes Während der kurzen Glanzzeiten der New Philology war es Joachim Bumke, der ein ums andere Mal die Bücherschränke öffnete und die Handschriften ans Tageslicht der aktuellen Forschungsdiskussion holte. Sein Hauptaugenmerk galt dabei den Epenhandschriften,73 dem ›Nüwen Parzifal‹74 und ganz besonders der ›Nibelungenklage‹.75 In den bisweilen hitzig geführten Theoriediskussionen rückten die so vehement herausgehobenen Wurzeln der Mediävistik – die Handschriften – jedoch bald wieder in den Hintergrund. Meist zog man sich im wissenschaftlichen Alltagsgeschäft auf prägnante Einzelstudien oder Theoriedebatten im oftmals ›handschriftenleeren‹ Raum zurück, und das mit gutem Grund, denn größere Überblicke hätten weit massivere Forschungsanstrengungen erfordert. Nur der Einzelfall schien im Sinne der New Philology überhaupt konkret beschreibbar. Die Folgen einer solchen Beschränkung waren allerdings fatal: Das Interesse an der ›Normalität‹ der mittelalterlichen Literatur und Buchkultur drohte verloren zu gehen. Die Maßstäbe verschoben sich in den späten 90er Jahren hin zu einer atomisierten Wirklichkeit der Extreme. Für die vorliegende Studie beginnen an dieser Stelle jedoch erst die Probleme. Das anvisierte Ziel, für einen größeren, aber dennoch überschaubaren Zeitraum und ein größeres und ebenso überschaubares Literatursegment im Zusammenspiel von Buch und Text übergreifende literatur- und kulturhistorische Entwicklungslinien herauszupräparieren, erfordert einen breiteren Zugriff über die beliebten Einzel- und Sonderfälle hinaus auf die Gesamtüberlieferung. Doch genau dieser Faktor entpuppt sich als beinahe unkalkulierbares, weil vom Überlieferungszufall76 abhängiges Risiko. Der Begriff ›Gesamtüberlieferung‹ suggeriert eine mathematisch exakt zu beschreibende Größe. Erfaßt scheinen damit alle Handschriften und Fragmente, die entweder jemals existierten (absolute Gesamtüberlieferung) oder sich bis heute erhalten haben bzw. genau nachzuweisen sind (relative Gesamtüberlieferung). Zumindest das, was erhalten ist, sollte sich vergleichsweise einfach und exakt ermitteln lassen: Es gibt Handschriftenkataloge und Überlieferungszusammenstellungen, Faksimileausgaben und Einzeluntersuchungen.

Dennoch dauerte es z.B. für die hier zu Grunde liegenden volkssprachig-deutschen Handschriften und Fragmente des 13. Jahrhunderts bis zum Beginn des 21. Jahrhunderts, ehe mit dem ›Marburger Repertorium‹ überhaupt in größerem Rahmen verläßliche Beschreibungen und Zahlen vorlagen. Bei genauerem

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Bumke (1987), (1990), (1991) u. (1996). Bumke (1997). Bumke (1996a) u. (1999). Vgl. grundlegend Esch (1985).

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Hinsehen erweisen sich aber selbst die scheinbar mathematisch-naturwissenschaftlich exakten Erträge des ›Marburger Repertoriums‹ als relative Momentaufnahmen einer temporären Realität. Was wir haben, ist genau genommen nur das, was äußere Umstände – Kriege, Feuer, Schädlinge, Witterung – zufällig verschont haben, was aus welchen Gründen auch immer rechtzeitig in eine schützende Umgebung gelangte (Bibliotheken, Sammlungen, Archive), was irgendwo auf einem Speicher zufällig vergessen oder was als Einbandverstärkung, Aktendeckel oder Dichtmaterial für Orgelpfeifen zufällig recycelt und dann ebenfalls zufällig von der Makulaturforschung wieder aufgespürt wurde. Und das ist herzlich wenig. Setzt man die zunächst beeindruckende Zahl von über 1 000 erhaltenen volkssprachig-deutschen Textzeugen des 12. und 13. Jahrhunderts in Relation zur mutmaßlichen Handschriftenproduktion des entsprechenden Zeitraums, wird deutlich, wie lückenhaft und zufällig unsere Kenntnis des mittelalterlichen Schreib- und Literaturbetriebs ist. Nach Berechnungen Neddermeyers machen die erhaltenen Manuskripte kaum mehr als 3–4 % des ursprünglichen Gesamtbestandes aus. Aber noch nicht einmal dies wissen wir hinlänglich genau.77 Was ist beispielsweise mit dem berühmten ›Annolied‹, von dem wir nur noch mittelbar über die Drucke von Opitz und Vulcanius wissen? 78 War es um 1200 ein verbreitetes Standardwerk? Oder wie steht es um die Magdeburger Rechtsliteratur? Vielleicht wurde bei der Beschießung Magdeburgs durch die Truppen Tillys ein so großer Bestand an ›Magdeburger Weichbildrechten‹ und ›Weichbildchroniken‹ ausgelöscht, daß diese omnipräsenten (?) Grundlagenwerke der Rechts- und Geschichtsliteratur heute eine Rarität darstellen. Gingen dabei vielleicht auch die Autographen des ›Sachsenspiegel‹ und der ›Sächsischen Weltchronik‹ unter? Andere normative Texte wie die Stadtrechte von Augsburg, Halle, Lübeck, Rostock, Straßburg, Wismar, Stade etc.79 scheinen demgegenüber vollständig, unversehrt auf uns gekommen. Ein Brand im jeweiligen Stadtarchiv hätte allerdings zu jeder Zeit für jeden dieser Texte das absolute Ende der Überlieferung bedeuten können. Und wie steht es um die höfischen Klassiker Hartmanns von Aue, Wolframs von Eschenbach oder Gottfrieds von Straßburg? Wie viel hat sich erhalten, wie viel war einmal vorhanden? Im Norden scheinen Kriege, Umweltkatastro-

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Zu Verlustquoten vgl. die Hochrechnungen von Neddermeyer (1998) passim und dazu die kritischen Anmerkungen von Günther Görz/Ursula Rautenberg, Medienwechsel bibliometrisch. In: IASL-Online (2001) (http://iasl.uni-muenchen.de/rezensio/liste/rautenb2.html). Mittelalterliche Handschriften sind nicht erhalten, können aber über die von Bonaventura Vulcanius und Martin Opitz benutzten Exemplare (aus der Zeit um 1100?) erschlossen werden; vgl. Hellgardt (1988) Nr. 46 und 47. Vgl. das Gesamtverzeichnis der dt. Stadtbücher und Stadtrechte des 13. Jahrhunderts in Anhang 1.

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phen und religiös motivierte Säuberungsaktionen80 ganze Serien entsprechender Handschriften ausgelöscht zu haben – oder gab es sie niemals? Mit mathematischen Hilfsmitteln läßt sich der Überlieferungszufall zwar relativieren, mit der Berechnung der Standardabweichung sogar als mathematische Größe fassen, aber eben nur als mathematische Recheneinheit. Für die Beschreibung der mittelalterlichen Literatur und Buchkultur bleibt der Zufall eine unkalkulierbare Größe, der wir uns mittels aller zusammentragbaren Indizien nur bis auf eine immer weitgehend unkalkulierbare Entfernung annähern können. Altphilologen, Germanisten, Romanisten und Historiker versuchten dieser höchst unbefriedigenden Situation immer wieder Herr zu werden. Walter Muschg äußerte sich in seiner ›Tragischen Literaturgeschichte‹ (1948) noch beinahe resignierend zu den unendlichen Verlusten bei den antiken und mittelalterlichen Texten: Die Werke der früheren Kunst und Kultur sind nur in zufälligen Trümmern erhalten geblieben. Das griechische und römische Altertum, auch seine Literatur, ist ein Ruinenfeld, das von unersetzlichen Verlusten spricht [...] Nicht nur die Werke gingen unter, sondern auch die Namen einst hochgeliebter Dichter, dafür wurde von fleißigen Schulmeistern und müßigen Schreibern viel unnützer Wust gerettet [...] Der Untergang der Kunstwerke ist keine betrübliche Ausnahme. Er ist die Regel. Auf ein Werk, das noch da ist, kommen Tausende verlorene.81

Aber man verharrte nicht in Resignation. Gerhard Eis unternahm im Jahr 1962 den bis heute spektakulärsten Versuch, anhand des überlieferten Materials und eruierter Nutzungsbedingungen die Verlustraten und damit die Zahl der in den einzelnen Jahrhunderten tatsächlich existenten Handschriften und Inkunabeln eines Werks – hier dem Druck des ›Passauer Missale‹ – hochzurechnen. Eis kam für das Verhältnis von erhaltenen zu verlorenen Textzeugen zu einem »Multiplikator 150«. Auf ein erhaltenes Missale kamen 150 verlorene. Daß sich dieser Wert keinesfalls linear auf die gesamte mittelalterliche Literatur übertragen ließ, stand bald außer Frage. Die Vorstellung von 12 000–15 000 ›Parzival‹ oder ›Willehalm‹-Handschriften schien unvorstellbar. Die Idee von Eis, dem Zufall mathematisch ein Schnippchen zu schlagen, blieb jedoch evident. An zahllosen weiteren Rechenmodellen mit fi xen und variablen Faktoren im Bereich von 1 (erhalten) zu 2 (verloren) bis 1 zu 256 hat es in den folgenden Jahrzehnten nicht gefehlt.82 Vage und unbefriedigend blieben sie alle. Im Jahr 1998 hat Neddermeyer in seiner umfangreichen Habilitationsschrift den Versuch unternommen, dem Überlieferungszufall endgültig mathematische Grenzen zu setzen. Sein Vorteil gegenüber allen

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Gerade im Zuge der Reformation wurden viele Adels-, Kloster-, Kirchen- und Bischofsbibliotheken nach verdächtigem (anstößigem) Material durchforstet und bisweilen radikal gesäubert. Muschg (1948) S. 452. Vgl. den Überblick einschlägiger Rechenmodelle bei Neddermeyer (1998) S. 73–75.

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Vorgängern war die bisher nie erreichte Dichte des Datenmaterials. 83 Allerdings machte auch er schon im vorhinein deutlich, daß trotz der Datenfülle seine Berechnungen allenfalls die »Dimension der Verluste bei den Handschriften insgesamt« (S. 80) erahnen lassen und nie exakte Angaben zu einzelnen Werken oder Epochen erlauben würden; und selbst das könnte zu optimistisch gedacht sein, denn Neddermeyers Ansatz bleibt eine Rechnung mit – zu – vielen Unbekannten.84 Wenn ich mich in vorliegender Studie dennoch auf Materialanalysen und die relative Gesamtüberlieferung, auf Zahlen und Hochrechnungen einlasse, geschieht dies einerseits unter den skizzierten Vorbehalten, andererseits aber auch mit dem deutlichen Hinweis, daß die real existierenden Handschriften und Fragmente vielfach überhaupt der einzige Pfad zurück ins Mittelalter sind. Oftmals bieten allein sie die Chance, über die in ihnen gespeicherten Informationen, und dazu gehören neben dem Text genauso die Buchgestalt, das Layout, die Schrift, Marginalien, Illustrationen, Erkenntnisse über die Vergangenheit zu erlangen. Die begründete Hoffnung, in der Zufälligkeit doch tragfähige Linien ausmachen zu können, erfüllt sich jedoch nur im Zusammenspiel mit allen eruierbaren Indizien rund um die Bücher und Texte. Als Gefahr bleibt jedoch immer die Unvollständigkeit – vor allem, wenn wir sie nicht erkennen oder nicht wahrhaben wollen.85 So problematisch die Größe ›Gesamtüberlieferung‹ ist, so problematisch erweisen sich auch die einzelnen Denkmäler. Bei den Handschriften und Fragmenten handelt es sich sowohl um höchst heterogen gestaltete als auch höchst heterogen überlieferte Gebilde: Komplett, unversehrt erhaltenen Manuskripten stehen oft kaum mehr als centgroße Überreste von einst vielleicht umfangreichen Kodizes gegenüber. Wir wissen in diesen Fällen nicht, was die Handschrift außer einem erhaltenen Textfragment noch enthielt. Wir wissen noch nicht einmal, ob der Text überarbeitet war, ob er Illustrationen enthielt, von wem er geschrieben wurde oder für wen er bestimmt war. Vollständig erhaltene Manuskripte, die in der Regel weitaus detailliertere Informationen bieten, stellen für den hier relevanten Untersuchungszeitraum vom späten 12. bis zum frühen 14. Jahrhundert aber die Ausnahme dar. Innerhalb der volkssprachig-deutschen Literatur liegt ihr Anteil bei unter 25 % an der Gesamtüberlieferung (Diagramm 1). Noch krasser wird das Mißverhältnis zwischen 83 84

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Zur problematischen Auswahl des Materials vgl. die Rezensionen von Görz/Rautenberg (2001) u. Wolf (2001). Neddermeyer (1998) rechnet die Gesamtzahl der im Reich während des Mittelalters produzierten Handschriften anhand tatsächlicher und hochgerechneter Überlieferungszahlen (zur überaus problematischen, weil z.T. fehlerhaften Datenbasis vgl. die unten genannten Rezensionen) und komplexer Verlustkoeffi zienten hoch; vgl. detailliert Neddermeyer (1998) S. 81–83 (bes. Tab. 6), 604 (Grafi k 1a/b) u. 615 (Grafi k 1a/b). Die von Neddermeyer errechneten zeitabhängigen Verlustkoeffi zienten erweisen sich als hochspekulativ. Die Individualität des Betrachters spielt bei der Analyse gerade eines so heterogenen und lückenhaften Materialbestandes eine zentrale Rolle. Er ist ständig gefragt, die Fragestellungen ebenso wie die Ergebnisse zu relativieren.

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fragmentarischer und vollständiger Überlieferung, wenn man berücksichtigt, daß es sich bei mehr als einem Drittel dieser vollständigen Handschriften um (Stadt-)Rechtskodizes handelt, die in ihrem archivalischen Nutzungsumfeld von Beginn an beste Überlebensbedingungen hatten. In diesem Literatursegment machen vollständige Handschriften ca. 60 % des überlieferten Gesamtbestandes aus (vgl. Diagramm 2). Vermutlich wird man hier mit relativ geringeren Verlusten zu rechnen haben, so daß das über die erhaltenen Handschriften vermittelte Bild recht zuverlässig die mittelalterliche Überlieferungssituation spiegeln dürfte – allerdings nur dieser Textsorte. Ebenfalls prozentual überrepräsentiert sind vollständig erhaltene Gebetbücher und Psalterien. Sie fanden in Klöstern, Kirchenschätzen und landesherrlichen Bibliotheken ihren Schutzraum. Auch hier liegt der Anteil vollständig erhaltener Exemplare gegenüber der Fragmentüberlieferung bei weit über 50 %.

Diagramm 2: Gattungsproporz – Handschriften und Fragmente im 13. Jh. (Datenbasis MR13)

Diagramm 1: Volkssprachige Handschriften und Fragmente im 13. Jh. (Datenbasis MR13)

700 600

76%

500

76%

24%

400 300 200

82%

77%

43%

100 0

Handschriften

Fragmente

Epen, Lyrik etc.

Geistl. Literatur

Recht

Vollständige Handschriften

Gesamt

Fragmente

Ein geradezu gegenteiliges Bild bietet sich bei der geistlichen Gebrauchsliteratur und vor allem bei den Epen, den Legenden und der Lyrik. Sie sind zu über 75 % (geistliche Texte) bzw. sogar zu über 80 % (weltliche Texte) nur fragmentarisch – oder überhaupt nicht? – auf uns gekommen (Diagramm 2): Vom ›Annolied‹ existiert beispielsweise nicht eine mittelalterliche Handschrift mehr. Vom ›Kliges‹ Ulrichs von Türheim sind es drei Fragmente einer einzigen Handschrift und vom vielzitierten und rezipierten ›Erec‹ Hartmanns von Aue haben sich im fraglichen Zeitraum auch nur drei bzw. vier kleine Fragmente erhalten (W, K, Wolfenbüttel, Zwettl), wovon die Zwettler und 24

ein Teil der Wolfenbütteler Fragmente86 eine separate Fassung überliefern. Selbst bei den populärsten ›Bestsellern‹, wie dem ›Iwein‹, dem ›Willehalm‹, dem ›Tristan‹, dem ›Parzival‹ oder dem ›Wigalois‹, gibt es im 13. Jahrhundert kaum mehr als eine Handvoll kompletter Handschriften. Die Zahl der Fragmente ist allerdings groß und vermittelt einen Eindruck von der tatsächlichen Präsenz dieser Werke. Der Befund zwingt einmal mehr, sich der Relativität der Beobachtungen auch im konkreten Einzelfall bewußt zu werden. Wie im Großen (Gesamtüberlieferung) ist der Zufall auch im Kleinen (Einzelüberlieferung) ein ständiger Begleiter des Mediävisten. Man wird deshalb exemplarische Aussagen etwa über die Herausbildung von Einrichtungsmoden, den internationalen Transfer von Gestaltungsmustern oder die Wirksamkeit von buchtechnischen oder literarischen Entwicklungsprozessen nur dann treffen wollen, wenn sie von einer Vielzahl von begleitenden Informationen gestützt werden. Doch selbst ein solches vermeintlich maßstabgerechtes Bild wird immer wieder durch Extremfälle und extreme Überlieferungszufälle ›gestört‹. Sie müssen bei der Individualität handschriftlicher Überlieferung als integraler Teil einer stets relativen Normalität mitgedacht werden. Bei der stellen- und phasenweise recht dünnen Überlieferungsdecke fällt es allerdings schwer, sie in ihrer Einzigartigkeit immer zu erkennen. Nähme man z.B. den ›Vorauer Kodex 276‹ und die bebilderten ›Rolandslied‹-Handschriften – wegen ihrer Überlieferungsdichte und ihrer Forschungspräsenz durchaus mit guten Argumenten – als Maßstab für die frühe volkssprachig-deutsche Buchkultur, ergäbe sich das Bild einer frühen Blüte volkssprachiger Schriftlichkeit und Buchkunst im ausgehenden 12. Jahrhundert, worauf dann für viele Jahrzehnte Niedergang und Eintönigkeit folgte. Tatsächlich handelt es sich bei den genannten Manuskripten aber um Extrem- bzw. Sonderfälle, die in außergewöhnlichen dynastisch-klerikalen Strukturen verortet werden können. Die ›normale‹ volkssprachige Handschrift der Zeit sieht anders aus: Sie ist kleinformatig, einspaltig, einfach eingerichtet, bildlos (s.u. S. 72f.). Noch problematischer wird es, wenn die Überlieferungszeugen überhaupt fehlen. Ist damit eine positivistisch-manuskriptzentrierte Methode endgültig an ihr Ende gekommen? Bei Hartmanns ›Erec‹ scheint es so. Exemplum: Das ›Erec‹-Problem Die Überlieferung ist mit einer erhaltenen, sehr jungen Handschrift (A) und vier älteren Fragmenten aus dem 13. Jahrhundert (K, V, W, Zwettl87) extrem dünn, wobei 86

87

Wolfenbüttel, Herzog August Bibl., zu Cod. 19.26.9 Aug. 4°: Ein Teil der Wolfenbüttler Fragmente wird der Hartmann-Version zugerechnet (Sigle W), ein Teil überliefert eine separate Fassung, die enge Verwandtschaft zur Zwettler Version zeigt. Zum neu gefundenen Zwettler Fragment (vor Mitte 13. Jahrhundert; Fundbericht von Ziegler im Zwettler Katalog von 2002) vgl. die ausführlichen Beschreibungen in Nellmann (2004) sowie zu den Zwettler Fragmenten Margaete Springeth, Charlotte Ziegler zusamen mit Kurt Gärtner und Ulrich Müller, Die Stift Zwettler Fragmente: Beschrei-

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zwei der vier Fragmente (W und Zwettl) darüber hinaus noch deutlich abweichende Fassungen enthalten. 88 Die Textzeugen des 13. Jahrhunderts sind unspektakuläre Gebrauchshandschriften auf niedrigem Ausstattungs- und Schriftniveau.89 Das Werk sollte demnach eher unbedeutend und kaum verbreitet gewesen sein. Die Zahl und vor allem die Intensität der Rezeptionszeugnisse ist jedoch auffällig groß: Folgt man Wolfram von Eschenbach, muß Hartmanns Artusroman zu den höfischen Standardwerken der Zeit gehört haben. Für sein ›Parzival‹-Publikum setzte Wolfram ohne weitere Erläuterungen intime ›Erec‹-Kenntnisse voraus.90 Ähnlich verfahren einige Jahrzehnte später Heinrich von dem Türlin in der ›Crone‹ (2163–82 u. 24 560–72) und der Dichter des ›Jüngeren Titurel‹ (Str. 2398f.). Auch im ›Gauriel von Muntabel‹ spielt man wie in vielen späteren Artusromanen und im ›Friedrich von Schwaben‹ ohne größeres Lamento auf das für den ›Erec‹ charakteristische verligen-Motiv an.91 Probleme machte dem Publikum die Entschlüsselung dieser intertextuellen Bezüge anscheinend zu keinem Zeitpunkt. Hartmanns Werk – oder doch nur das Motiv? – dürften hinlänglich bekannt gewesen sein. Bestätigt wird dieser Eindruck von Thomasin von Zerklaere und Hugo von Trimberg. Beide führen den Artusritter Erec ganz selbstverständlich unter den berühmtesten Artushelden auf. Im ›Welschen Gast‹92 sind dies Gawan, Clies, Er e ch, Iwain, Artus, Tristand, Saigrimors, Kalogriand, Kay und Parcival (Welscher Gast 1041–78), im ›Renner‹ Parcifâl und Tristrant, / Wigolais und Enêas, / E r e c , Iwân und swer ouch was / Ze der tafelrunne in Kardiôl (Renner 21 640–43). Aber wie erklärt sich die auffällige Diskrepanz zwischen Überlieferungsund Rezeptionsfrequenz? War der ›Erec‹ so beliebt, daß eine ungewöhnlich große Prozentzahl an Manuskripten schon im Mittelalter durch intensive Nutzung ›zerlesen‹ worden ist? Wurde diese Artusgeschichte vielleicht primär über ein anderes Medium, sprich: mündlich, tradiert, oder versagt hier die manuskriptzentrierte Methode grundsätzlich? Letzteres wird man bei der großen Zahl stimmiger Korrelationen zwar sicher verneinen können, doch schlüssige Erklärungsmuster bleiben ein Forschungsdesiderat.93

88

89 90

91 92

93

bung und Transkription. In: PBB 127 (2005) 33–61 mit Abdruck und Abbildungen sowie Fund- bzw. Forschungsgeschichte und http://www.uni-marburg.de/hosting/mr13/mr1507. html (mit einem Verzeichnis der gesamten Forschungsliteratur). Zu den Wolfenbüttler Fragmenten vgl. Wolfgang Milde, ›daz ih minne an uch suche‹. Neue Wolfenbütteler Bruchstücke des Erec. In: Wolfenbütteler Beiträge 3 (1978) 43–58 (mit Teilabdruck), Wolfgang Milde, Zur Kodikologie der neuen und alten Wolfenbütteler Erec-Fragmente und zum Umfang des darin überlieferten Erec-Textes. In: PBB 104 (1982) 190–206, Eberhard Nellmann, Ein zweiter Erec-Roman? Zu den neugefundenen Wolfenbütteler Fragmenten. In: ZfdPh 101 (1982) 28–78, 436–441 (mit Teilabdruck und Berichtigung) u. Kurt Gärtner, Der Text der Wolfenbütteler Erec-Fragmente und seine Bedeutung für die Erec-Forschung. In: PBB 104 (1982) 207–230, 359–429 (mit Abdruck). Vgl. Klein, Th. (1988) S. 145–148. Zu den ›Erec‹-Stellen im ›Parzival‹ vgl. Nellmann (1994) S. 527f., 534, 638f., 644, 724, 788f. (Kommentar zu Pz. 134,6ff.; 143,29; 382,16; 401,6–22; 583,12ff.; 826,29f.). Nellmann vermutet, daß Wolfram neben Hartmann auch Chrétien benutzte. Vgl. Kern (1984) S. 126–137, sowie allg. zur ›Erec‹-Rezeption Haase (1988) S. 336–341 u. Gärtner (1984) S. 60–72. Es ist allerdings unklar, inwieweit Thomasin hier von den adaptierten ›deutschen‹ oder direkt von den ›französischen‹ Artushelden spricht. Thomasin war (wie Wolfram) in beiden Literaturen bewandert. Möglicherweise gründet sich die geringe Überlieferungsdichte auf schlechte Startbedingungen bzw. ungünstige Rahmenbedingungen: Falls der ›Erec‹, wie die Dialektgeographie der ältesten Textzeugen vermuten läßt, seinen Nukleus im Norden (Welfen als Gönner?) hatte, könnten die Wirren um den Fall Heinrichs des Löwen und die Auseinandersetzungen um Kaiser Otto IV. die Verbreitung entscheidend behindert haben.

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Das keineswegs einzigartige ›Erec‹-Beispiel mahnt deutlich die Relativität nackter Zahlen an. Es lehrt aber auch, daß sich der (Überlieferungs-)Zufall als alle positivistischen Annahmen infrage stellender Faktor minimieren läßt: Gesicherte Erkenntnisse versprechen ein mehrschichtiges, quantitativ-technische Aspekte (Überlieferungszahlen, Buchgestalt, literarische und außerliterarische Rezeptionszeugnisse) und qualitative Momente (Aura der Autorfigur bzw. des Werks, Intensität der Rezeption, Intertextualität, Wirkung von Figurenkonstellationen und Motiven) vereinendes Analyseverfahren. Der ›Erec‹ erhielte nun trotz geringer Überlieferungszahlen seinen gebührenden Platz im Kanon der wirkmächtigsten Artusromane. Die von Horst Brunner in seinem richtungweisenden Aufsatz ›Dichter ohne Werk‹ zusammengestellte Liste vollständig bzw. nahezu vollständig verlorener Werke auch berühmter Autoren sollte allerdings selbst dann noch »vor zu viel Optimismus warnen [...]. Es kann kein Zweifel bestehen: zwischen den mittelalterlichen Fakten und ihren heutigen Erkenntnismöglichkeiten klafft eine überlieferungsbedingte, schmerzhafte Lücke. Sie sollte nicht verdrängt werden, sondern wenigstens gelegentlich des Nachdenkens wert sein.«94 Und wie formuliert der Historiker Arnold Esch programmatisch: »Wir sollten versuchen, dem allzu oft angerufenen Zufall einiges zu entreißen und Überlieferungsschicksale statt dessen nach all unseren Möglichkeiten aus unterschiedlicher Chance zu erklären. All das diene der Aufgabe, ein maßstabgerechtes Bild zu gewinnen. Freilich: die Maßstäbe unserer Erkenntnis liegen dann nicht allein im Material, sondern auch in uns selbst, in unserer Fragestellung, in unserem Bild vom Menschen – ob wir im mittelalterlichen Menschen den Fremden erkennen oder den Vertrauten suchen.«95 Wenn sich bei den allermeisten Werken die Beobachtungen zu Überlieferungsquantitäten und -qualitäten signifikant mit literar- und kulturhistorischen Resultaten decken, müßte genau dies gelingen.

2. Literatur- und kulturhistorische Grundlagen Eine volkssprachig-deutsche Schriftlichkeit entwickelte sich in althochdeutscher Zeit in unmittelbarer Anbindung an das klerikal-lateinische Schriftund Bildungswesen.96 Aus diesem Milieu rekrutierten sich die Autoren, die Schreiber und zu einem guten Teil auch die Rezipienten. In dieser spezifischen Situation war volkssprachige Schriftlichkeit über das klerikal-lateinische Bildungssystem in internationale Strukturen eingebunden: Themen, Stoffe und Quellen speisten sich ebenso aus einem in der ganzen westlichen Chri-

94 95 96

Vgl. grundsätzlich Esch (1985) u. Brunner (1989) S. 1–31 (Zitat ebd. S. 3 u. 5). Esch (1985) S. 569f. Zur karolingischen Buchkultur vgl. z.B. die Überblicke bei Mazal (1978), Bischoff (1979), McKitterick (1989).

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stenheit mehr oder weniger präsenten Fundus wie die medialen Grundmuster (Schrift, Bild, Buchgestalt). Erst im Laufe des 12. Jahrhunderts kamen grundsätzlich neue, laikal-höfische Muster hinzu, die inhaltlich und medial zwar auch aus dem klerikal-lateinischen Fundus schöpften, aber letztlich doch auf anderen gesellschaftlichen Konstellationen basierten, andere Texte hervorbrachten und im Laufe des 13. Jahrhunderts den Weg zu einer eigenständigen, volkssprachig-laikalen Literatur und Buchkultur bereiteten. 2.1. Lateinische Schriftkultur – Wiege und Fundus volkssprachiger Schriftlichkeit in althochdeutscher Zeit im Herrschaftsdiskurs Innerhalb der karolingischen Herrschaftskultur hatte man schon früh die Bedeutung der Volkssprache als Mittler zwischen der lateinisch-literaten Welt der Kirche und der volkssprachig-illiteraten Welt der Laien erkannt. Karl der Große selbst hatte die entsprechenden Verschriftlichungs- und Übersetzungsprojekte initiiert: Christliche Normen und Werte, das Recht, die Bibel, zentrale Glaubensinhalte und -regeln mußten für die Laienwelt aufbereitet werden, um sie dann allseits verständlich, d.h. volkssprachig vermitteln zu können. So kommt es nicht von ungefähr, daß sich die volkssprachigen Anfänge im 8./9. Jahrhundert in Vokabularien, Glossaren und glaubenspraktischen Texten rund um Beichte, Gebet, Taufformeln und Bibel kristallisierten: ›Abrogans‹, ›Vocabularius sancti Galli‹ und unzählige Glossen markieren ebenso wie einzelne Psalmenübersetzungen und -kommentare, ›sächsisches‹ und ›fränkisches Taufgelöbnis‹, ›St. Galler Paternoster und Credo‹, ›Freisinger Paternoster‹, ›Wessobrunner Gebet und Schöpfungsgedicht‹ sowie zahlreiche Beichten und Gebete solche Bindeglieder zwischen lateinisch-klerikaler Gelehrtenwelt und volkssprachiger Laienkultur.97 Im Laufe des 9. Jahrhunderts kamen mehrere große Bibelübersetzungen bzw. -bearbeitungen (›Heliand‹, ›Genesis‹, Psalmenübersetzungen, Otfrids ›Evangelienbuch‹) hinzu, wobei gerade Otfrids ›Evangelienbuch‹ einen frühen Höhe-, wohl aber auch schon wieder Endpunkt volkssprachig-deutscher Schriftproduktion markiert. Nach Karl dem Großen ist in dieser Epoche nur noch einmal ein Herrscher nachweisbar in ein volkssprachiges Buchprojekt eingebunden: Ludwig der Deutsche wird explizit als Adressat – Themo díhton ih thiz búah (Ad Ludow. 87a) – von Otfrids ›Evangelienbuch‹ genannt. Obwohl in schneller Folge gleich mehrere volkssprachige dominierte ›Evangelienbuch‹-Handschriften entstehen98 – aber auch sie mit erheblichen lateinischen Anteilen – verbleibt das Werk in seinem unmittelbaren klösterlichen Entstehungsumfeld. Das ›Evan-

97 98

Vgl. zusammenfassend Haubrichs (1995) und den knappen Überblick zu den althochdeutschen Textsorten von Schwarz (1985). Zum Text, zur Überlieferung und zur Forschungsliteratur vgl. die neue Ausgabe Kleiber et al. (2004).

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gelienbuch‹ bleibt ein Werk der geistlichen Führungselite: Die älteste Handschrift V99 wurde vermutlich noch unter den Augen Otfrids in Kloster Weißenburg selbst angefertigt. Von den gleichen Schreibern stammt die wenig später ebenda vollendete Handschrift P.100 Die beiden jüngeren Textzeugen D101 und F102 wurden während des 10. Jahrhunderts im Kloster Fulda und in einem bairischen Kloster geschrieben. Wie die Verbreitung beschränkt sich auch die Rezeption auf diesen engen Kreis geistlicher Gelehrsamkeit. Eine eigenständige volkssprachige Schrift- und Buchproduktion begründeten Otfrids ›Evangelienbuch‹ und die anderen großen Bibeldichtungen ebenso wenig wie die im 8. bis 10. Jahrhundert durchaus verbreiteten volkssprachigen Rechtsaufzeichnungen und Übersetzungen der großen Stammesrechte. Obwohl man in höchsten Kreisen die Volkssprachen als Hilfsmittel bei der Organisation des Reichs, der Vermittlung christlichen Gedankenguts und der Verbreitung des Glaubens erkannt hatte, Karl der Große angeblich sogar volkssprachige Texte sammeln und kopieren ließ und Ludwig der Deutsche in Vorworten und Widmungsschreiben ausdrücklich als Adressat genannt wird, bleibt die volkssprachige Schriftproduktion gering und (fast) vollständig in das klerikallateinische Schriftwesen eingebunden. Letztlich ist auch die Rezeption nur in diesem bzw. vermittelt über dieses Milieu denkbar, denn volkssprachige Texte werden bis weit in das neue Jahrtausend hinein fast ausschließlich in l atein i sc h dominierten Mischhandschriften (Kap. I.1) tradiert, die überhaupt nur von entsprechend gebildeten clerici adäquat zu nutzen waren. Als Mittler zwischen klerikal-lateinischer Gelehrten- und volkssprachigilliterater Laienkultur stehen diese clerici 103 in engem Kontakt zu den weltlichen Herrschaftszentren bzw. sind als Seelsorger, Lehrer, Berater und Verwaltungsspezialisten Teil der Herrschaftskultur.104 Daneben sind es einige wenige Führungspersönlichkeiten der Herrschaftskultur selbst 105 und mehr

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104

105

Wien, ÖNB, Cod. 2687. Heidelberg, UB, Cpl 52 . Wolfenbüttel, HAB, cod. 131.1 Extrav. + Bonn, UB, Ms. 499 + Krakau, BJ, Berol mgq 504 . München, BSB, Cgm 14 . Vgl. zur Begriffsbestimmung und der Abgrenzung von den laici grundlegend den Sammelband Curialitas (1990) und darin insb. die Beiträge von Fleckenstein (1990) sowie Krüger (1990). Zur Organisation des Hofs und speziell zur Position der Hofkleriker seit dem 11. Jahrhundert vgl. Fleckenstein (1990), S. 311–325 und ebd. S. 323 Anm. 95 mit einer Reihe von weltlichen Höfen, an denen litterati in Erscheinung traten. Lutz (1999) S. 32 verweist mit Recht darauf, »Höfe als Personenverbände zu sehen, die zwar zunächst an weltliche oder geistliche Fürsten gebunden, aber an sich instabil und (auch deshalb) dynamisch sind.« Die Vorstellung eines allein weltlichen oder allein klerikalen Hofs ist damit obsolet. Einen auf die Entstehung der volkssprachig-deutschen Literatur fokussierten Gesamtüberblick bietet Reuvekamp-Felber (2003). Eine Liste von milites, die zugleich litterati waren, findet sich z.B. bei Fleckenstein (1990) S. 319.

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noch die oftmals literarisch gebildeten weiblichen Mitglieder dieser gesellschaftlichen Elite, die einerseits Interesse für Literatur zeigen und andererseits über die entsprechenden Kulturtechniken verfügen. Interesse für wissenschaftliche Fragen, für Poesie, Kunst und Theologie ist bezeugt u.a. für die Töchter und Basen Karls des Großen, Gisela, Bertha, Rottrud und Gundrada; Karls Gemahlin Liutgardis († 800); Judith, die Gemahlin Ludwigs des Frommen († 843); Irmentrud, die Gattin Karls des Kahlen (820–877); Dhuoda, die Frau des Grafen Bernhard von Septimanien (820–844); die mit Heinrich I. vermählte Mathilde († 968); Adelheid, die Gemahlin Ottos I. († 999); Gerberga, Ottos mit dem westfränkischen König Ludwig IV. verheiratete Schwester († 984); die Herzogin Hadwig von Schwaben († 994); Biletrud, die Witwe des bayrischen Herzogs Berchtold (938–947); die niederrheinische Gräfin Adela von Elten († vor 1028); die mit Heinrich II. verheiratete Kunigunde aus lothringischem Pfalzgrafengeschlecht († 1033); dessen Schwester Gisela, ungarische Königin; ihre Namensvetterin († 1043), welche die Gattin Konrads II. wurde, der selbst nicht lesen konnte; die aus dem Poitou stammende Agnes, die Gemahlin Heinrichs III. († 1077), und viele andere.106

Wie sehr gerade die volkssprachige Schriftkultur mit der Herrschaftskultur verknüpft war, zeigt sich im späteren 9. Jahrhundert. Innere Wirren, sich auflösende Herrschafts- und Verwaltungsstrukturen und massive Angriffe von außen lassen die Schriftproduktion binnen weniger Jahrzehnte um weit mehr als die Hälfte zusammenschrumpfen. Nach den Ungarneinfällen im ostfränkischen und der normannischen Invasion im westfränkischen Reich waren die Klöster – das heißt die Schreibzentren und die Bibliotheken – ganzer Regionen zerstört. Keller spricht vom fast vollständigen »Verlust der karolingischen Formen verwaltender und normsetzender Schriftlichkeit«.107 Die dramatischen Entwicklungen treffen die im Werden befindliche volkssprachige Schriftlichkeit anscheinend noch stärker als das lateinische Schriftwesen, das als Basis des Christentums unverzichtbar war. Daß die volkssprachige Buchherstellung jetzt praktisch vollständig zum Erliegen kommt, dürfte allerdings auch mit innenpolitischen Veränderungen zusammenhängen. Nach dem Tod Ludwigs des Deutschen († 876) war volkssprachige Schriftlichkeit endgültig aus dem Fokus der sie einstmals fördernden Herrschaftskultur geraten, und zwar bevor sich ein autonomes Bewußtsein um volkssprachige Literarizität entwickeln konnte. »Die Bildung ist in ottonischer Zeit wieder ausschließlich lateinisch orientiert. Denn politisch ist man neu auf ein Universalreich ausgerichtet. Die Idee der Translatio imperii, d. h. die Idee der Weiterführung des römischen Imperiums durch den deutschen Kaiser spielt dabei eine zentrale Rolle; es entsteht nun das ›Römische Reich deutscher Nation‹. Eine deutsch-

106 107

Haubrichs (1995) S. 51 und mit zahlreichen weiteren Beispielen Grundmann (1935); vgl. zur Bildungssituation allgemein Wendehorst (1986). Keller (1990) S. 191; vgl. dazu die Berechnungen zur Buchproduktion von Neddermeyer (1998) S. 615–618 Diagramme 1a–4b.

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sprachige Literaturtradition konnte sich vor diesem Hintergrund nicht entwickeln, es fehlte die kulturpolitische Basis.«108 Neue volkssprachige Werke entstanden nun kaum noch, alte wurden allenfalls selten kopiert. Nur zur Schulausbildung im Kloster (Notker,109 ›Summarium Heinrici‹,110 Glossen111) oder zur direkten Nutzanwendung (Segen, Beichte, Zaubersprüche, Medizin, Glossare) griff man noch auf die Volkssprache zurück. Genau diese pragmatisch-didaktischen Texte sind es dann, die im 11./12. Jahrhundert zu ersten volkssprachigen Erfolgstexten avancieren: Notkers Psalterübersetzung,112 das ›Summarium Heinrici‹113 und als konzeptioneller Sonderfall die ›Hohelied-Paraphrase‹ Willirams von Ebersberg.114 Typisch für diese Erfolgstexte ist, daß sie mit ihrer Verschränkung von Latein und Volkssprache unmittelbar der lateinisch-gelehrten Schriftkultur verpflichtet bleiben. Für ein rein volkssprachig-laikales Publikum sind ›Hohelied-Paraphrase‹ und ›Summarium‹ geradezu unleserlich, unverständlich. Beim ›Summarium‹ machen die deutschen Interpretamente nur wenige Prozent des Gesamttextes aus. Sie ergänzen, kommentieren und übersetzen ausgewählte lateinische Fachtermini, aber nicht den gesamten Text. Der erschließt sich nur einem lateinisch gebildeten Rezipientenkreis. Auch Willirams Werk setzt zum vollen Verständnis Lateinkenntnisse voraus. Zumindest gilt dies für alle älteren, der Intention Willirams folgenden Handschriften (z.B. München, BSB, Cgm 10 u. Wien, ÖNB, Cod. 2686115). Sie sind zweisprachig konzipiert und bieten selbst im volkssprachigen Teil eine lateinisch-deutsche Mischprosa. Allein Notkers Psalter verlangte nicht zwingend elaborierte Lateinkenntnisse, wobei auch hier die lateinisch-deutsche Mischprosa zumindest in den älteren Handschriften nicht ohne weiteres zu verstehen war. Den vielen lateinischen Bibelstellen wurden jedoch schon bald deutsche Überset-

108 109 110

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Haug (1983/93) S. 145; vgl. Wendehorst (1986) S. 15ff. Vgl. zur Primärrezeption der Notker-Texte Green (1984). Einige Handschriften des ›Summarium Heinrici‹ enthalten speziell auf das Trivium zugeschnittene Textsammlungen, so der Nürnberger Kodex (GNM, Hs. 27773) u. a. eine ›Ars metrica‹, Exzerpte aus Priscian, ›Summarium Heinrici‹-Auszüge in Hexametern (U), ›De adverbiis localibus‹, Wort-Doppelformen, ›Synonyma Ciceronis‹, Johannes Bellovacensis ›Regulae de primis Syllabis‹, ›Exzerpta Introductionum‹, ›Abbreviatio Montana‹, ›Definitiones de trivio cum tabulis‹, ›De grammatica‹, ›De dialectica‹, und der Züricher Sammelband (ZB, Ms. C 58) u. a. Epitaphien, Anthologien, Bruchstücke einer ›Ars epistolandi‹, Sentenzen, Arnulfs ›Cleri deliciae‹, ein deutsches Arzneibuch, ›Summarium Heinrici‹ (S), juristische Texte, deutsche Predigten, einen Evangelienkommentar und Sermones; zu den Handschriften vgl. Hildebrandt/Ridder (1995) S. XXf. und speziell zu solchen Schulhandschriften J. Wolf, Rezension Birgit Meineke: Liber Glossarum und Summarium Heinrici. Zu einem Münchner Neufund. Göttingen 1994. In: ZDL 63 (1996) 68–72. Zum Bestand vgl. Bergmann (1973ff.) u. (2000) u. Bergmann/Stricker (1995) sowie jetzt grundlegend Bermann/Stricker (2005). Einen zusammenfassenden Überblick zur althochdeutschen Übersetzungsliteratur bieten Ridder/Wolf (2000). Vgl. die Überlieferungsübersichten bei Schöndorf (1967) S. 39f. u. Tax (1979) S. XVI–XXIX sowie die aktualisierte Bibliographie von Scherabon-Firchow (2000). Überlieferung: 45 bzw. 47 Textzeugen; vgl. Hildebrandt/Ridder (1995) S. XIX–XXI. Überlieferung: 46 Textzeugen, davon 11 Hss. bis 1170; vgl. Gärtner (1988) u. (1999). Einen knappen Abriß der Forschungsgeschichte bieten Lähnemann/Rupp (2004) S. XXf. Vgl. Abbildungen aus beiden Kodizes bei Gärtner (1988) S. 28f. Abb. 1f.

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zungen beigegeben. Im Wiener Notker (um 1100)116 sind die lateinischen Passagen dann vollständig durch deutsche Übersetzungen ersetzt. Notkers Psalter weist damit vielleicht am ehesten aus der Sphäre einer lateinisch-klerikal gebildeten Elite hinaus, obwohl auch dieses mischsprachliche Werk als Schul- und Lehrbuch primär für ein klerikales Publikum konzipiert war.117 Einer solchen Funktion entspricht die mediale Ausgestaltung vieler Notker-Handschriften. Abgesehen von den aufwendig ausgestalteten, mit kostbaren Zierinitialen versehenen und interlinear glossierten Hss. R (St. Gallen, SfB, Hs. 21) und X (St. Paul im Lavanttal, SfB, Cod. 905/0) handelt es sich stets um einfache, kleinformatige Gebrauchshandschriften.118

Als Fundamente einer eigenständigen volkssprachigen Buch- oder Schriftkultur lassen sich aber weder Notkers volkssprachiger Psalter, seine anderen Übersetzungen noch Willirams ›Hohelied-Paraphrase‹ oder das ›Summarium Heinrici‹ in Anspruch nehmen. Der Anteil geistlicher Texte an der volkssprachigen Buchproduktion liegt im 11. Jahrhundert bei rund 90 % und sinkt bis Ende des 12. Jahrhunderts nur langsam auf immer noch rund 75 % (Diagramm 3). Rechnet man noch die direkt der klerikal-lateinischen Klosterkultur verpflichtete medizinische und naturkundliche Fachliteratur hinzu, werden auch im 12. Jahrhundert weiterhin Werte von 80–90 % erreicht. Die neuen weltlich-höfischen Werke tauchen frühestens gegen Ende des Jahrhunderts auf der literarischen Bühne auf. Was im 11./12. Jahrhundert an volkssprachigen Texten neu entsteht und an alten Texten weitertradiert wird, markiert also zunächst einmal keine neue literarische Qualität und schon gar keine neue Quantität der Volkssprache. Die lateinische Literatur und Buchkultur stellt die inhaltliche, thematische, personelle und institutionelle sowie in Form lateinisch dominierter Buchkörper auch die mediale Basis für die volkssprachige Schriftlichkeit. Die lateinischen Klassiker der Kirchenväter, berühmter Kirchenlehrer und -theoretiker, lateinische Predigten, Ordensregeln, Psalterien und natürlich die Bibel wirkten dabei vieler Orten119 als ideelle bzw. literarische und die entsprechenden lateinischen Handschriften als materielle Fundamente einer entstehenden volkssprachig-geistlichen Literaturtradition. Ein schon bald für kulturgeschichtliche Entwicklungen (Gotik) und bestimmte Gattungszusammenhänge (Chanson de geste, Artusepik, Antikenroman) charakteristisches West-Ostgefälle ist – noch – nicht zu erkennen.

116 117 118 119

Wien, ÖNB, Cod. 2681. Dazu gehören München, BSB, Cgm 5248 Nr. 3, 4 und Nürnberg, GNM, Hs. 42561; zur Datierung vgl. B. Bischoff bei Montag (1979). Vgl. allg. zu den pragmatisch-pädagogischen Aspekten in Notkers Übersetzungswerk Green (1984); Grotans (2000) und den Überblick bei Ridder/Wolf (2000) bes. S. 435–438. Überlieferungszusammenstellung bei Tax (1979) S. XIX–XXIX. Die Entwicklungen verlaufen in England und Wales erst nach der normannischen Eroberung weitgehend parallel. Zuvor hatte die hoch entwickelte, klerikal ausgerichtete insular-angelsächsische Buchkultur zum Teil eigene, überaus innovative Wege beschritten; vgl. Schaefer (1992) sowie zu den Veränderungen in der Historiographie Damian-Grint (1999) S. 14–16.

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2.2. Fundamente volkssprachiger Schriftlichkeit in frühmittelhochdeutscher Zeit: Laikale Schriftkultur aus dem Arsenal der lateinischen Gelehrtenkultur Triebfedern eines im 11./12. Jahrhundert zunächst auf niedrigem Niveau expandierenden, ganz in der lateinisch-klerikalen Welt verankerten Schriftwesens sind die Religion sowie bedingt Wissen, Verwaltung und Recht.120 Predigten, Gebete, Segen, Rezepte, Schul- (Notker, ›St. Galler Schularbeit‹) und Wissenstexte (›Physiologus‹) sowie vereinzelt Rechtsaufzeichnungen (Freckenhorster Heberolle und Heberegister) werden meist in lateinischen Handschriften mit überliefert121 und spielen in diesem gelehrt-lateinischen Milieu wie in althochdeutscher Zeit eine untergeordnet-dienende122 Rolle. Erst nachdem das lateinische Schriftwesen im späteren 11. und beginnenden 12. Jahrhundert wieder ein gewisses Niveau erreicht hat, wird auch ein größeres Interesse an volkssprachiger Schriftlichkeit faßbar. Es entstehen zunächst christlichreligiös motivierte Predigt(sammlung)en, Gebetbücher, Psalmen-/Bibelkommentare, Bibelübersetzungen und Heiligenlegenden/-viten, ehe noch einmal fast ein halbes Jahrhundert später die ersten Chansons de Geste, die Reimchroniken, die sog. Spielmannsepen, die Antiken- und Artusromane eine neue Qualität volkssprachiger Schriftlichkeit ankündigen. In das Zentrum rückt jetzt inhaltlich, thematisch und darstellungstechnisch die weltlich-laikale Seite der mittelalterlichen Gesellschaft: die Ritterkultur und die Höfe.123 Bumke sieht hier sicher zu Recht unmittelbare und ursächliche Zusammenhänge zwischen literarischen und gesellschaftlichen Entwicklungen. »Die Entfaltung der höfischen Dichtung und die neue Rolle der Fürsten als Gönner und Auftraggeber sind nicht voneinander zu trennen: der Zusammenhang zwischen literarischer und gesellschaftlicher Entwicklung ist hier offenkundig.«124 Als Zentren dieser neuen volkssprachigen Literatur werden die großen Fürstenhöfe reklamiert. Von einem aktiven Bewußtsein um die Notwendigkeit einer volkssprachiglaikalen Buchkultur ist man im 12. Jahrhundert trotz einiger in diese Richtung weisender mäzenatischer Anstrengungen etwa am Welfenhof Herzog Hein-

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Vgl. exemplarisch Keller (1990) S. 185f., 191–193 sowie grundlegend zum Verhältnis von Latein und Volkssprache in den kommenden Jahrhunderten den Forschungsüberblick von Henkel/Palmer (1992). Zahlreiche Beispiele bei Hellgardt (1992). Speziell zum dienenden Charakter der Volkssprache(n) vgl. Masser (1989). Bereits in die frühen Bibelbearbeitungen werden mittelalterlich-ritterliche Vorstellungswelten implantiert. Die Texte werden damit zugleich für ein laikal-höfisches Publikum interessant, das in den ›übersetzten‹ Vorstellungswelten die eigene aktuelle Lebenswirklichkeit wiederfindet. Zur Situation in Deutschland vgl. Bumke, Mäzene (1979) (Zitat S. 42), der allerdings die Potenz von fürstlichen Skriptorien (Kanzleien) in der Frühzeit überschätzt.

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richs des Löwen125 oder dem thüringischen Landgrafenhof Hermanns I.126 noch weit entfernt. Im unmittelbaren Umfeld dieser bedeutenden Höfe treffen wir aber schon jetzt auf klerikale Strukturen – Hofkleriker, Hausklöster und Stifte –, aus denen sich sowohl die volkssprachigen Autoren als auch die volkssprachigen Schreiber rekrutieren. Die Höfe erscheinen damit als Kulminationspunkte,127 aber nicht per se als die innovativen Produktionszentren volkssprachiger Literarizität. In dieses Bild paßt, daß das, was wir über die Auftraggeber der heute nahezu vollständig verlorenen ersten volkssprachigen Epen-Handschriften, das Publikum, die Tradierungswege und -mechanismen wissen, sich auf wenige, meist selbstreferenzielle (fiktionale?) Aussagen der häufig klerikal gebildeten Dichter (s.u.) beschränkt. Selbst die Entstehungshintergründe der ›Klassiker‹ so prominenter Autoren wie Hartmann von Aue, Heinrich von Veldeke, Herbort von Fritzlar, Gottfried von Straßburg, Ulrich von Zatzikhoven, Wolfram von Eschenbach, Wirnt von Grafenberg, Konrad von Fußesbrunnen oder Konrad von Heimesfurt sind nur anhand solcher Aussagen und Bezugnahmen der Dichterkollegen (z.B. in Literaturkatalogen, Referenzen und intertextuellen Verweisen) in groben Umrissen zu erahnen. In Urkunden, Akten, Chroniken oder Briefen der Fürsten treten weder die Dichter noch ihre Werke in Erscheinung. Normative Quellen zum primären Rezeptionsraum und zu konkreten Vortrags- bzw. Vorlesesituationen fehlen ebenfalls fast völlig.128 Auch von den in der Literatur so gern heranzitierten höfischen Festen hören wir nur selten und dann meist ohne konkrete Angaben zu tatsächlich vorgetragenen Liedern und Dichtungen.129

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Vgl. Bumke (1979) und die Ausstellungs- und Tagungsbände Heinrich der Löwe (1995) sowie Die Welfen und ihr Braunschweiger Hof (1995) und darin bes. Steer (1995a). Vgl. Bumke (1979), Peters (1981) und Holladay (1991) sowie den Ausstellungsband Hessen und Thüringen (1992). Lambert von Ardes spricht in seiner Chronik über Graf Balduin II. von Guînes von dem Grafen als quasi literatus, der zwar faktisch laicus und illiteratus war, »aber gleichwohl mit gelehrten doctores disputierte« (Zotz, 2002, S. 223; vgl. Bumke, 1981/1997, S. 7, Fleckenstein, 1990, S. 320–322, sowie detailliert zu Lamberts Werk Curschmann, 1996). Ein vergleichbares Bildungsniveau wird man an vielen, besonders den größeren, Höfen vermuten können (vgl. Green, 1994a). Häufig scheinen es aber (nur) die Frauen gewesen sein, die über entsprechende, in der Regel am Psalter erlernte Kenntnisse verfügten (vgl. Kap. II.1.4). Green (ebd. S. 14ff.) spricht in diesem Zusammenhang von »Literate noblewoman«. In den Werken selbst gehören Vorlesesituationen allerdings zum festen Repertoire der Hofschilderung; vgl. mit zahlreichen Beispielen Scholz (1980), Green (1994) u. (1994a) und Ernst (1997) S. 273–277. Willaert (1999) nimmt dies zum Anlaß, die grundsätzliche Frage nach der Aufführungssituation höfischer Literatur zu stellen. Er relativiert die Bedeutung des höfischen Fests (vgl. dazu die Literaturhinweise bei Bumke, 1992, S. 421 Anm. 37–39) und denkt etwa für die Epik und die Lyrik an »die Intimität einer erlesenen und aufmerksam zuhörenden Gesellschaft von Kennern« (S. 335). Noch weiter geht Cramer (1998). Er stellt die Mündlichkeit generell in Frage und sieht die Lyrik (und die höfische Epik?) in einem rein schriftlichen Tradierungsgefüge. Mit Willaert (S. 322 Anm. 2) teile ich zwar die Meinung, daß Cramer hier die Rolle der Schriftlichkeit überschätzt, sich aber dennoch auf einer richtigen Fährte befindet. Das höfische Fest war die Ausnahme, aber wie sah die Regel aus?

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Dies ist aber nur die eine, auf der Werkoberfläche130 sichtbare Seite der Medaille, denn als Produzenten (Autor) oder Reproduzenten (Schreiber) dieser neuen Literatur kann eine sich noch sehr langsam ausbildende höfisch-ritterliche Schicht von literarisch interessierten Laien nicht in Anspruch genommen werden. Von leistungsfähigen fürstlichen oder städtischen Kanzleien hören wir erst im späteren 13. Jahrhundert.131 Volkssprachige Urkunden tauchen frühestens Mitte des 13. Jahrhunderts auf und bleiben noch bis in die 1260er Jahre rar.132 Selbst die Zahl der volkssprachigen Manuskripte ist bis weit in das 13. Jahrhundert hinein so gering (Diagramm 11), daß sie einen regeren Literaturbetrieb im fürstlichen oder städtischen Milieu kaum belegen können. Bis weit in das 13. Jahrhundert hinein beschränkt sich die dortige Schriftproduktion auf wenige Rechtsvorgänge bzw. Besitzaufzeichnungen. Bewältigt wurden die anfallenden Schreibarbeiten meist von kaum mehr als einem geistlichen notarius.133 Erst nach der Mitte des 13. Jahrhunderts ändert sich die Situation grundlegend. Schriftlichkeit wird zu einem unverzichtbaren Bestandteil der Landesorganisation und des städtischen Lebens. Urkunden, Besitz- und Rechtsaufzeichnungen, Verträge, Akten, Briefe sowie in bescheidenem Maße auch literarische Texte lassen sich jetzt den verschiedenen Kanzleien zuordnen, aber »erst gegen Ende des 13. Jahrhunderts ist bezeugt, daß auch Laien in fürstlichen Kanzleien gearbeitet haben.«134 In groben Zügen analog entwickelt sich die Situation in den großen Städten. Stadtrechtsbücher, Schiedsbriefe, Ordnungen und Urkunden lassen seit den 1260er/70er Jahren z.B. in Augsburg, Lübeck, Regensburg, Straßburg und Zürich einen regen volkssprachigen Schreibbetrieb erkennen (vgl. Kap. III.4 u. Anhang 1). Deutschland (und der Norden135) bleiben damit deutlich hinter den Entwicklungen in einigen Metropolen Frankreichs, Englands und Italiens zurück.136 Einen ›Aufbruch in die volkssprachige Schriftlichkeit‹ gleichsam automatisch mit den zweifellos expandierenden weltlichen Höfen in Beziehung zu

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Fürsten und Fürstenhöfe haben in vielen Dichtungen als Mäzene und Zentren der Rezeption einen festen Platz in Prologen, Epilogen und Einzelepisoden. Eine zweifelsfreie realhistorische Bestätigung (Akten, Urkunden, Abrechnungen etc.) dieser (inszenierten?) dichterischen Erzählungen ist jedoch für keines der einschlägigen Beispiele beizubringen; vgl. exemplarisch Peters (1981) zum Mäzenatentum Landgraf Hermanns I. von Thüringen. Vgl. zusammenfassend Bumke (1992) S. 441–445. Nach der Überlieferungslage wird man unbedingt Moraw (1984) und Johanek (1986) zustimmen müssen, wenn sie vor einer Überschätzung der landesherrlichen Kanzleien warnen. Zur volkssprachigen Urkundenproduktion in Deutschland vgl. Corpus (1932–1963) sowie zusammenfassend Kap. I.2.1 und dort insbesondere Diagramm 15 (dunkle Säulen). Vgl. Bertelsmeier-Kierst (2002a). Bumke (1992) S. 443. Vgl. Würth (1998) S. 187–226. Vgl. z.B. Duby (1982), Legge (1963), Keller (1990), Koch (1996), die im Inventaire (1997) zusammengestellten frz. Handschriften und Urkunden sowie mit statistischem Material Neddermeyer (1997).

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setzen,137 entspräche also nur bedingt der literarischen Wirklichkeit, wie sie sich aus der Text- und Überlieferungsgeschichte erschließt. Aber wo sonst interessierte man sich für eine profan-volkssprachige Literatur? Hier muß sich der Blick auch auf die Bischofshöfe und die großen Klöster richten. Dort waren die weltlich-höfischen Buch-Helden anscheinend ebenso gern gesehene ›Gäste‹ wie am weltlichen Hof, und zwar sowohl in ihrer Rolle als Funktionselemente einer laikalen Hofkultur als auch als eigenständige Identifikationsfiguren einer klerikalen Hofkultur. Im Umfeld der episcopi curiales 138 fließen beide Aspekte ganz selbstverständlich ineinander. Als wichtiges Standbein einer sich etablierenden volkssprachigen Schriftkultur wird man deshalb die geistlichen Zentren mit ihren vielfältigen Ressourcen (Bildungsniveau, Verfügbarkeit von Literatur, schreib- und buchtechnische Möglichkeiten) und den weitgefächerten Interessen der geistlichen Führungselite mit einbeziehen müssen.139 Sie waren zugleich geistliche Mittelpunkte, Orte intensiver Bildungsdichte und Zentren der Hofkultur. Wie uns die Beispiele der Bischöfe Gunther von Bamberg – als Liebhaber heldenepischer Texte und Aufraggeber des ›Ezzolieds‹ –, Wolfger von Erla – als Auftraggeber (?) der ›Nibelungenklage‹ und des ›Welschen Gasts‹ – und Otto von Passau – als Besitzer eines französischen Artusromans und eines Heldenepos – lehren, müssen sich die literarischen Interessen an einem Bischofshof nicht von den Vorlieben an weltlichen Höfen unterscheiden. Zahlreiche Bischöfe verkörpern als episcopi curiales geradezu selbstverständlich beide Aspekte.140 Was Lutz für Gunther von Bamberg feststellt: Gunther selbst lebte nach Herkunft, Bildung und Laufbahn in beiden Kulturen, verband sie in seiner Person, in seiner Lebensführung (seinen Lebensführungen) und in seiner Umgebung (seinen Umgebungen).141

gilt prototypisch für viele Bischöfe und Bischofshöfe unserer Epoche. Bumke formuliert treffend: »Die Verherrlichung eleganter Weltlichkeit ist ebenso von

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Die höfische Literatur ist von der Forschung lange Zeit als profan-höfisches Emanzipationsmodell begriffen worden. Sie wurde mit den weltlichen Höfen in Verbindung gebracht, in höfischen Kanzleien verortet und als wesentlicher Bestandteil einer neuen Laienkultur begriffen. »Die ›Kuhn-Schule‹ vertritt den Gedanken, daß volkssprachige Dichtung emanzipativ ist und sich in ›Konkurrenz zu klerikalen Mustern‹ konstituierte«. Spätestens mit den Arbeiten von Jaeger muß eine solche Position als überholt gelten. Einen knappen Abriß der Forschungsentwicklung bietet Reuvekamp-Felber (2003) bes. S. 1–14 (Zitat S. 3 Anm. 3) und speziell zu Jaeger S. 78–101. Vgl. grundlegend Jaeger (2001). Vgl. Bumke (1979) S. 256–265 und Schulz-Grobert (2000). Zur engen Verflechtung von bischöfl icher und weltlicher Hofkultur vgl. Jaeger (2001) S. 45–122 und Haug (2002a) (teilweise kritisch zu Jaeger) sowie Lutz (1997) zum Bamberger Hof Gunthers, Boshof/Knapp (1994) zum Passauer Bischofshof und dem Hof von Aquileja sowie Schulz-Grobert (2000) zum Kölner Bischofshof. Lutz (1997) S. 129.

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den clerici formuliert worden wie die geistliche Kritik daran.«142 Wir befinden uns damit in einer für die Schriftwerdung der Volkssprache entscheidenden Interferenzzone klerikal-lateinischer Schriftlichkeit und laikal-volkssprachiger Mündlichkeit. Andererseits wird man auch die weltlichen Höfe nicht zu weit von den geistlichen Eliten abrücken dürfen. Ideologisch ist über die Idee des miles christianus die Bindung an Kirche und Christentum sowieso ausgesprochen eng. Viele weltliche Fürsten sind zudem als Schutzherren und/ oder Lehnsnehmer/-geber materiell sowie über verwandtschaftliche Beziehungen auch genealogisch direkt mit der Kirche verwoben. Für eine unmittelbare Durchdringung beider Sphären sorgte zusätzlich die familia.143 Die bedeutenderen weltlichen Höfe verfügten allesamt über klerikal gebildete Seelsorger, Berater und Schreiber sowie eng mit den Dynasten verbundene Hausklöster und Regularstifte.144 In den literarischen Texten gehören denn auch phaffen und kappelâne selbstverständlich zum ›Inventar‹ des weltlichen Hofs. In Hartmanns ›Erec‹ schickt der Burgherr nâch der vrouwen, dâ si phlac / ir mannes, dâ er ûf der bâre lac, um sie zu Tisch zu laden neben drîe sîner dienestman vor allem zwêne kappelâne (Erec 6360–6363). Im ›Nibelungenlied‹ offenbart sich an des küneges kappelân (NL 1542 u.ö.) das Schicksal der Burgunden. In Wolframs ›Parzival‹ sind wîse Kapläne gleich an mehreren Höfen wichtige Ratgeber und Vertrauenspersonen meist der Königinnen. Zudem zeichnen sie für den christlichen Kultus verantwortlich (Pz. 33,18 u. 36,7; 76,2ff. u. 87,9 u. 97,15; 196,16f.). Im ›Willehalm‹ stuont vrou Gîburc ze wer / mit ûf geworfeme swerte, / als ob si strîtes gerte, / unt bî ir Steven, ir kapelân (Willehalm 227,12–15). In Gottfrieds ›Tristan‹ sint des küneges kappellân / mit dem heiltuome (Tristan 1150f.) unterwegs. Und sicher nicht zufällig wurden das ›Rolandslied‹ im Auftrag Herzog Heinrichs des Löwen von einem phaffe Chunrat (RL 9079), der ›Lucidarius‹ von seinen capellanen (Lucidarius-Prolog 12)145 und das ›Liet von Troye‹ im Auftrag des furste herman ... von duringen lant (Liet von Troye 92f.) von einem gelart schulere (18451) angefertigt bzw. übersetzt.

Aber nicht allein die fest in die familia eingebundenen Kapläne/Pfaffen, geistlichen Berater und hohen Verwaltungsbeamten, sondern auch einzelne Fürsten selbst waren ein ums andere Mal in den Genuß einer klerikal-lateinischen 142 143

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Bumke (1992) S. 473. In der ›Historia Welforum‹ (Vorspann) wird wohl durchaus prototypisch für die Zeit zwischen familia maior und familia minor unterschieden. Neben diesen ›Einrichtungen des Hofs selbst‹, die allerdings nicht genau in geistliches und weltliches Personal zu scheiden sind (eine solche Scheidung war vermutlich auch nicht intendiert, denn beide Seiten waren integraler Teil der einen Hofgesellschaft), wird sehr großer Wert auf die zahlreichen Schenkungen/Stiftungen für die Kirchen gelegt, was einmal mehr die unmittelbare Verknüpfung beider Sphären belegt. Auf ihre mögliche Bedeutung für die Literaturproduktion macht mit Nachdruck Reuvekamp-Felber (2001) S. 23 und umfassend Reuvekamp-Felber (2003) aufmerksam. Zur umstrittenen Datierung und literarhistorischen Verortung des Prologs vgl. Steer (1990) S. 1–25; Gottschall/Steer (1994) Stemma in Bd. 1; Steer (1995) und (1995a), Hamm (2002), sowie konträr Bumke (1995) u. (1995a) und Bertelsmeier-Kierst (2003a). Nach der Diskussionslage wird man den A-Prolog wohl als ›original‹ und damit Heinrich den Löwen als Auftraggeber des Prosawerks bezeichnen dürfen.

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(Grund-)Bildung gekommen. Häufiger gilt dies für nachgeborene Söhne, wenn sie für eine geistliche Laufbahn bestimmt waren, wegen familiärer Umstände jedoch die Herrschaft übernehmen mußten/konnten. Bei den weiblichen Mitgliedern des Hochadels scheint sogar eine beschränkte Schreib-/Lesefähigkeit geradezu Normalität gewesen zu sein. Die vielfach bezeugte aktive Nutzung des lateinischen Psalters und anderer zum Gottesdienst gehörender lateinischer Texte (Kap. II.1.4) spricht für weit verbreitete zumindest rudimentäre Lateinkenntnisse.146 Duby macht in diesem Zusammenhang auf das erwachende Bildungsbewußtsein in »the chivalric society« im späten 12. Jahrhundert aufmerksam und verweist bereits auf einzelne Privatlehrer und Schulbesuche.147 Schon als Resultat eines solchen neuen Bildungsbewußtseins könnte man die Leseszene in Chrétiens ›Yvain‹ verstehen, als der Held im Garten eine junge Dame erblickt, die einem Edelmann aus einem volkssprachigen Werk (un romanz) vorliest – anscheinend ein alltäglicher Vorgang (Yvain 5354–73). Dubys Ausführungen beruhen zwar auf Beobachtungen zur französischen Adelskultur und scheinen nur bedingt auf Deutschland übertragbar. Wenn in Hartmanns ›Yvain‹-Übersetzung (Iwein 6455ff.) aber genau diese Leseszene – sogar mit dem Hinweis auf französische Lesefähigkeit – unverändert übernommen wird, zeigt das, daß der Vorgang für das deutsche Publikum um 1200 wohl ebenfalls einer höfischen Normalität entsprochen haben dürfte. Die auch an deutschen Höfen jetzt breit gestreuten Belege zur aktiven Psalternutzung in Verbindung mit Berichten zum Mäzenatentum einiger bedeutender Dynastien lassen vermuten, daß man sich kaum später auch an deutschen Fürstenhöfen für Literatur und Schriftlichkeit zu interessieren begann. Aktive Bildungsinteressen darf man etwa bei den Staufern, den Ludovingern, den Welfen, den Andechs-Meraniern und selbst bei einigen weniger exponierten Adelsgeschlechtern als gesichert voraussetzen.148 Daß sich Hartmann von Aue explizit als rîter, der gelêret was / unde ez an den buochen las, / swenner sîne stunde / niht baz bewenden kunde (Iwein 21–24; nahezu identisch auch im Armen Heinrich 1–3) bezeichnet, erscheint in diesem Kontext nicht mehr außergewöhnlich. Wolframs Replik mit dem Bild des Ritter, der kan decheinen buochstab (Parzival 115,27), beweist, daß Bildungsfragen – man möchte beinahe sagen: Bildungsdiskussionen – im höfischen Diskurs der Jahrhundertwende einen festen Platz hatten. Einen frühen Schlüssel zu solchen ›höfischen‹ Bildungskarrieren von Knappen oder Rittern bieten viele am weltlichen Hof wohl nicht zuletzt zur Unterweisung des hochadligen Nachwuchses eingesetzte Psalterien (s.u.). Nimmt man dagegen die um 1150 aufgezeichnete ›Rittersitte‹ als Maßstab für die höfische

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Vgl. auch Wolf (2005). Duby (1982) S. 255 und dezidiert zur Rolle des Psalters/Gebetbuchs im höfischen Umfeld Wolf (2005). Vgl. z.B. Bumke (1979).

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Bildungssituation, scheint aber zumindest bei den männlichen Nachkommen eine literarische Ausbildung eher zweitrangig gewesen zu sein: Um die Mitte des 12. Jahrhunderts149 wurde dieser kurze deutsche Lehrtext von einem (auch?) didaktisch tätigen clericus (geübte Schreiberhand) in eine vielbenutzte lateinische Bibelhandschrift des 11. Jahrhunderts eingetragen.150 Der Kodex war nicht lange zuvor bereits um lateinische Predigten, einen grammatischen Traktat und eine juristische Notiz erweitert worden. Um 1150 scheint der Besitzer dann mit der Unterweisung eines tegin (Z. 22), iuncherri (Z. 23) bzw. snellimi heldin (Z. 26) betraut worden zu sein. Prägnante Stellungnahmen zu Ehe, Ehre, Besitz, falschen Freunden, Frauen, Jagd und allgemein Rittertum konturieren ein höfisches Lehrprogramm. »Dem geistlichen Ratgeber, der hier spricht, fehlte es offenbar nicht an Verständnis für adlige Lebensformen.«151 Literarische Fertigkeiten werden mit keinem Wort erwähnt.152 Wer der Schüler (?) war, der hier eine moralisch-ethische Grundausbildung erhielt, erfahren wir leider nicht.

Bischofshöfe, Klöster/Hausklöster, das geistliche Fachpersonal am Hof und literarische Interessen innerhalb der fürstlichen familia selbst boten in einem komplexen Beziehungsgeflecht den Rahmen für eine sich auf breiterer Front, aber noch lange nur im Kreis dieser gesellschaftlichen Eliten entwickelnde volkssprachige Schriftkultur. Geistliche und weltliche Sphären erweisen sich dabei untrennbar verwoben. Sie durchdringen sich in vielen christlich-religiösen wie in nahezu allen weltlich-höfischen Texten geradezu selbstverständlich. Schon das ›Annolied‹, Veldekes ›Servatius‹, der ›Trierer Sylvester‹ und dann vor allem die erfolgreichsten (früh)höfischen Texte, die ›Kaiserchronik‹, das ›Rolandslied‹ und der ›Alexander‹, sind von diesem Nebeneinander traditioneller geistlich-christlicher und moderner höfisch-ritterlicher Motive durchdrungen.153 Viele der literarischen Gegenstände der neuen volkssprachigen Literatur speisen sich sogar überwiegend aus dem Arsenal der lateinisch149

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Die in der Literatur (Menhardt, 1931, S. 160, u. 1960, S. 490) zu findende Datierung in die »1. Hälfte des 12. Jahrhunderts« ist angesichts einiger schon recht modern anmutender Graphien (w) und zahlreicher Buchstabenverbindungen (gi, ga) trotz des altertümlichen Sprachstands kaum haltbar. Abdruck der ›Rittersitte‹ bei Menhardt (1931). Schröder (1992) Sp. 110. Dagegen steht allerdings das von Thomasin von Zerklaere im ›Welschen Gast‹ entworfene (Topos oder Wahrheit?) Bild einer ehedem hochgebildeteten, alphabetisierten Hofgesellschaft: Bî den alten zîten was | daz ein ieglîch kint las: | dô wâren gar diu edeln kint | gelêrt, des si nu niht ensint. | Dô stuont ouch diu werlt baz (Welscher Gast 9197–9201). Vgl. allg. zu diesem Phänomen Jaeger (1985 bzw. 2001), Peters (1981) und Lutz (1999) mit einigen prägnanten Einzelbeispielen. Wichtig sind dabei vor allem die Überlegungen von Lutz zur Funktionalität von ›Ezzolied‹, ›Annolied‹, ›Rolandslied‹ und ›Kaiserchronik‹ sowie die Hinweise von Peters auf die vermutlich ganz ähnliche Funktionalität der ›neuen höfischen Werke‹, »in denen Geistliche versuchen, einem adeligen Publikum ihre Vorstellung von adeligem Wesen, exemplarischem Handeln und Hofkultur zu explizieren. Sie konnten dabei an den Bildungsgedanken der ›morum elegantia‹, der ›nobilitas morum‹, der ›mansuetudo‹, ›affabilitas‹ und ›benignitas‹ anknüpfen, der seit der zweiten Hälfte des 11. Jahrhunderts in lateinischen Briefen und Huldigungsgedichten, in Bischofsviten und Fürstenlehren bereits sehr präzise Konturen gewonnen hatte« (ebd. S. 29).

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klerikalen Gelehrtenkultur. Direkt auf lateinischen Quellen beruhen neben der geistlichen Literatur (Bibel, Predigt, Gebet) fast alle Sachtexte (Arzneiu. Kräuterbücher, enzyklopädische, historiographische und hagiographische Literatur) und Teile des Rechtsschrifttums (Eide, Formeln, Regeln). Häufig werden die lateinischen Quellen explizit genannt. So berichtet Konrad von Heimesfurt im ›Urstende‹-Prolog ausführlich über lateinische Vorlagen und die Intention seines Übersetzungsprojekts: ûf genâde ich aber wil gotes und guoter liute ein latînisch buoch ze diute gerne bringen, ob ich chan. dâ hân ich gelesen an sô geistlîchiu mære (Urstende 44–50)

Selbst die vermeintlich neuen154 höfisch-ritterlichen Werke um die antiken Helden Alexander und Eneas, die abendländischen Heroen Karl und Roland sowie Artus und die Tafelrunder haben in der lateinischen Literatur ihre Vorbilder oder wirkmächtige Berührungspunkte. Auch die ideellen Grundmuster speisen sich aus gelehrt-lateinischen Traditionen. Zu nennen wären etwa die christlich-ritterliche Exemplarität der Protagonisten (miles christianus), das in den Ideen von translatio artium bzw. translatio studii faßbare kulturelle Kontinuitätsbewußtsein sowie vor allem die translatio imperii-Idee und damit verbunden eine latent wirkende heilsgeschichtliche Dimension: Alexander, Eneas und Karl der Große sind als Träger der Weltreiche bzw. Protagonisten der Translatio-Idee155 per se heilsgeschichtliche Helden. Alexander ist der Herrscher des zweiten Weltreichs.156 Der Troja-Flüchtling Eneas begründet nach mittelalterlicher Vorstellung das letzte, das römische Weltreich. Karl übernimmt dieses Weltreich aus den Händen der oströmischen Kaiser. Er erlangt durch seine in der Tradierung verklärten Heidenkämpfe und die Missionierungserfolge einen heiligengleichen Status. Am 29. Dezember 1165 wird Karl von Papst Paschalis III. schließlich kanonisiert. Für Karl und das Christentum kämpfen Roland sowie später Guillaume/Willehalm als miles christianus gegen die Heiden. Roland stirbt den Märtyrertod. Willehalm endet im Kloster als Ritterheiliger.157 Die christlich-idealen Ritter der Tafelrunde sind über Eneas gleichfalls untrennbar mit

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Begriffe wie ›Neu‹ oder ›Modern‹ müssen in diesem Zusammenhang kritisch hinterfragt werden. Vieles, was aus germanistischer Perspektive neu oder modern, d.h. höfisch, ritterlich, laikal erscheint, entpuppt sich bei genauerem Hinsehen als Teil des bestehenden christlich-heilsgeschichtlichen Systems lateinischer Literatur und Buchkultur. Vgl. zur Präsenz der Translatio-Idee in höfisch-laikalen Kreisen etwa ›Sachsenspiegel‹-Landrecht III,44,1 (Abfolge der Reiche: Babylon – Persien – Griechenland – Rom) oder die Deutung des Nebukadnezar-Traums in der ›Sächsischen Weltchronik‹ (SW 78,21–30) (Abfolge der Reiche: Babylon /Chaldeorum – Persien – Griechenland – Rom). Vgl. exemplarisch zur heilsgeschichtlichen Komponente in den deutschen Alexander-Varianten Mackert (1999) S. 28–37, passim. Zum »Legendencharakter« des ›Willehalm‹ vgl. resümierend Tomasek (1998).

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der Translatio-Idee und dem idealen Prinzip christlicher Ritterschaft verbunden. Stammvater der Artusgenealogie ist der Trojaner Brutus, ein Großonkel eben jenes weltgeschichtlichen Eneas.158 Die heilsgeschichtliche Dimension der Artusfigur wird schon früh durch die Verbindung zum Marienkult 159 und bald auch zur Gralsgeschichte160 unterstrichen. Status und Wirkung der einzelnen Protagonisten weisen allerdings große geographisch-politisch motivierte Differenzen in ihrer Literarisierung auf.

Die ›neuen‹ volkssprachigen Epen und Reimchroniken markieren in ihrer literarischen Gestalt und den als Leitfiguren konturierten Heldenfiguren also gar nicht so radikal den Aufbruch in eine neue Epoche. Dies gilt um so mehr, als genau diese Stoffe um Alexander und Eneas ebenso wie die um Karl, Roland und selbst Artus längst in der lateinischen Schrifttradition verankert waren. Viele dieser lateinischen Werke gehörten seit langem zum klassischen Bildungsgut. Andere stiegen im 12. Jahrhundert zu Klassikern auf. Freilich sind die Inhalte, die sich in den klassisch-antiken oder karolingischen Gewändern verbergen – minne, Gral, Hof, Rittertum –, häufig nur noch locker mit den lateinischen Werken verbunden. Bei den Chrétienschen Artusepen, aber auch bei einigen Antikenromanen (›Roman de Thèbes‹, ›Roman de Troie‹, ›Roman d’Eneas‹) lösen sich solche Bezüge sogar fast vollständig in mehr oder weniger knappe Rahmenhandlungen bzw. Rahmenideen auf. Im Extrem werden die klassischen Stoffe nur noch als Hüllen in einen neuen, grundsätzlich anders situierten Diskurszusammenhang transferiert. Wie die Überlieferungsund Rezeptionsgeschichte zeigt, sollte man die sich bald verselbständigende Bedeutung solcher Rahmenkonzeptionen für den Erfolg und die Wirkungsgeschichte der neuen volkssprachigen Werke jedoch keinesfalls unterschätzen, denn ungeachtet der neuen Inhalte werden sie in der Tradierung – auch gegen die ausdrückliche Intention des Autors (z. B. Chrétiens) – wieder in einen klassisch-historiographischen Bezugsrahmen zurücktransferiert bzw. in einen neu konstruierten Geschichtshorizont eingeformt. Momente eines solchen Re-transfers sind z.B. schon bei Heinrich von Veldeke gegenüber seiner französischen Vorlage zu beobachten: Die direkte Rede wird stark zurückgedrängt; Handlungsstränge werden sortiert und auf stimmige Zusammenhänge geprüft; die Heldenfiguren erhalten eine überindivi-

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Der exemplarische Held Artus ist stets als christlicher König stilisiert. Schon bei Nennius trägt er das Bildnis der Jungfrau Maria, in den ›Annales Cambriae‹ das Kreuz im Kampf gegen die heidnischen Sachsen; vgl. Ostmann (1975) u. Göller (1984) S. 89ff. Nach der Erhebung seiner (vermeintlichen) Gebeine durch König Heinrich II. von England im Kloster Glastonbury ist zumindest im anglonormannischen England bzw. im Umfeld der Plantagenets sein heiligengleicher Status gesichert. Vgl. Göller (1984); Johanek (1987). Völlig integriert in die Artusgeschichte erscheint der Gral nach Chrétiens Versuch im ›Perceval‹ erst in der um Roberts de Boron ›Estoire du saint graal‹ erweiterten Variante des Prosa-Artuszyklus; vgl. Wolfzettel (1997). In Deutschland werden Artus- und Gralwelt in Wolframs ›Parzival‹ und im ›Titurel‹/‹Jüngeren Titurel‹ vereinigt.

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duelle Typisierung.161 »Der Epilog und die Stauferpartien verstärken gegenüber dem ›Roman‹ den historisch-politischen Aspekt, er ist aber nicht dominant.«162

Am Ende einer solchen Entwicklung können die einzelnen Werke in grundverschiedenen Zusammenhängen grundverschiedene Funktionen ausfüllen. Am deutlichsten sichtbar wird eine solche Dichotomie zwischen höfisch-fiktionaler163 Unterhaltungsliteratur und pragmatisch-historiographischer Geschichtsdichtung bei den Trojaromanen, den Chansons de geste und den Artusepen. »Tatsächlich kann kein Zweifel daran bestehen, daß auch die nicht-arthurischen Romane den Fiktionalisierungsschub des späten 12. Jahrhunderts dokumentieren.«164 Wobei die volkssprachige Alexander- und Karlsliteratur insgesamt weit stärker den pragmatisch-lateinischen Vorbildern verhaftet bleibt,165 was sich primär darin ausdrückt, daß die in der volkssprachigen Eneas- und Artusliteratur zu einem dominierenden Motiv heranwachsende minne-Thematik und die fiktional-sagenhaften Elemente kaum Relevanz erhalten. Vorbehaltlos akzeptiert wurde eine solche Fiktionalisierung aber auch in dieses Genres nicht. Ps.-Turpin und Jean Bodel kritisierten die – vermeintlich – lügenhafte Seite der Artusepen heftig. Einige Handschriften bieten wohl nicht zuletzt als Konsequenz dieser Kritik dementsprechend kombinierte Sammlungsverbünde oder Bearbeitungen. Alexander: 166 Leben und Taten Alexanders des Großen sind bereits in der Antike zum Mythos geworden. Zahlreiche Geschichtsschreiber hatten sich immer wieder neu mit dem Eroberer der Welt auseinandergesetzt. Im Mittelalter waren mehrere umfassende Geschichtswerke bekannt, so z.B. die ›Alexandri Magni historiae‹ des Quintus Curtius Rufus, die ›Historia adversus paganos‹ des Paulus Orosius und der einem Ps.-Kallisthenes zugeschriebene Alexanderroman. Vor allem sein Werk wurde zur Grundlage zahlreicher mittelalterlicher Bearbeitungen. Über die spätantike ›Historia Apollonii regis Tyri‹ war zudem der Apolloniusstoff bekannt. Insgesamt kann der Stoff in der gesamten gelehrten Welt als Basiswissen vorausgesetzt werden.167 In den Jahren um 1180168 schuf Walter von Châtillon mit seiner lateinischen ›Alexandreis‹ das Alexanderepos des Mittelalters schlechthin.169 Die für den Hof des Erzbischofs von Reims verfaßte lateinische Geschichtsdichtung hatte einen derart durchschlagen-

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Die Leistung Veldekes relativiert sich in diesem Punkt allerdings deutlich, wenn man eine bereits auf den ordo naturalis transformierte französische Vorlage vermutet. Die auffällige Nähe zu der genau in diesem Sinn umgearbeiteten französischen ›Eneas‹-Handschrift G zwingt jedenfalls zur Vorsicht; vgl. etwa Lienert (2001) S. 78. Opitz (1998) S. 239. Wobei der Begriff der Fiktionalität auch hier grundsätzlich zu diskutieren wäre; vgl. etwa Green (2002a) und (2002b). Wolfzettel (2002) S. 97. Vgl. Lienert (2001) S. 177. Eine knappe Übersicht der antiken epischen Texte und ihrer Verwendung gibt Lienert (2001) bes. S. 23f. Vgl. allg. Bräuer (1996) sowie speziell zur Überlieferung lateinischer Alexanderversionen Ross (1985) S. 1–170. Zur Diskussion um die Datierung vgl. zusammenfassend Lafferty (1998) S. 183–189. Zur Überlieferung vgl. de Cesare (1951) S. 121–149 mit 111 Handschriften und Colker (1978)

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den Erfolg, daß sie bald in den Kanon der (lateinischen) Schulautoren aufgenommen wurde. Keine der volkssprachigen Bearbeitungen des 12./13. Jahrhunderts erreichte die Popularität der in über 100 Handschriften verbreiteten ›Alexandreis‹.170 Erste französische Übertragungen der antiken Stoffe wurden im späten 11. und frühen 12. Jahrhundert in England (angelsächsisches Appolloniusfragment) und Frankreich (Alberic von Pisançon171) angefertigt. Troja: Der Trojastoff erfreute sich ebenfalls seit der Antike eines ungebrochenen Interesses. Im ausgehenden 11. und besonders im 12. Jahrhundert erlebte die lateinische Trojaliteratur zunächst in Frankreich und England,172 dann auch europaweit eine Blütezeit. Als Quellenbasis der Trojabegeisterung ist die weit verbreitete ›Historia Troyana‹ des Dares Phrygius auszumachen. Eine wichtige Rolle spielte zudem Vergils ›Aeneis‹. Sie gehörte im gesamten Mittelalter als Schullektüre zu den am weitesten verbreiteten Standardwerken überhaupt. Auch die Berichte des Dictys Cretensis sowie Ovids ›Heroiden‹ und ›Metamorphosen‹ waren bestens bekannt.173 Neben Abschriften, Bearbeitungen und Übersetzungen der ›Historia‹ des Dares entstehen ab dem 11. Jahrhundert vornehmlich kleinere lateinische Trojagedichte. »Zeugen für diese Kleinepik sind beispielsweise Gottfried von Reims (um 1025/1040–1095), Baudri von Bourgueil (1046–1130), Hugo Primas von Orléans (vor 1095–1150) und vor allem die anonym überlieferten Trojagedichte, an der Spitze das bekannte ›Pergama flere volo‹ (wohl um 1100).«174 Größere lateinische Troja-Epen wurden im 12./13. Jahrhundert beispielsweise von Joseph von Exeter (›Frigii Daretis Ylias‹, um 1190), Albert von Stade (›Troilus‹, 1249) und Guido de Columnis (›Historia destructionis Troie‹, 1287) verfaßt. In den Kreis dieser antiken Geschichtswelt gehört auch Statius’ ›Thebais‹. Der seit dem 9. Jahrhundert in über 160 Hss.175 extrem verbreitete Thebenstoff wurde allerdings trotz intimer Kenntnis der Geschichte und der Existenz eines durchaus verbreiteten französischen Thebenromans176 in Deutschland nicht in die Volkssprache übertragen.

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S. XXIII–XXVIII u. XXXIII–XXXVIII mit 209 Handschriften des 12.–16. Jahrhunderts, sowie zur historiographischen Dimension der ›Alexandreis‹ Lafferty (1998). Von den über 100 Handschriften aus dem 12.–15. Jahrhundert stammen 4 Hss. aus dem 12. Jahrhundert, 60 Hss. aus dem 13. Jahrhundert und 37 Hss. aus dem 14./15. Jahrhundert; Zahlen nach Neddermeyer (1998) S. 747; vgl. Langosch (1964) S. 87 u. 172. Das Florentiner Alberic-Fragment aus der Mitte des 12. Jahrhunderts (Florenz, Laurenziana, plut. LXIV, Cod. 35 = Inventaire N° 4046) wird in einer vom Beginn des 12. Jahrhunderts stammenden lat. Curtius Rufus-Handschrift tradiert, ist also eingebettet in den lat. Alexanderdiskurs der Zeit. Zu einem Teil wohl auch mitbegünstigt durch die eng mit dem Trojastoff verbundene Artuswelt. Übersicht bei Eisenhut (1983). Die Verbreitung von Vergil, Statius, Dares und Diktys verzeichnet Olsen (1982–1987). Er kennt 213 Aeneis-, 46 Dares-, 12 Diktys- und 119 Thebais(Neddermeyer = 161) Handschriften. Zur Präsenz Ovids im 12./13. Jahrhundert vgl. Kistler (1993), Opitz (1998) u. Kern (2003). Für die aktive Präsenz Ovids in weltlichen Kreisen spricht nicht zuletzt auch, daß sich Chrétien de Troyes im ›Cliges‹-Prolog ausdrücklich als Ovid-Übersetzer rühmt: Cil qui fist d’Erec et d’Enide / Et les comandemanz Ovide / et l’art d’amors an romanz mist (Cligés 1–3). Sinn machte dies nur, wenn sein Publikum mit Namen und Werk vertraut war. Vgl. Stohlmann (1968) (Zitat S. 150) sowie umfassend zu den lat. Quellen der volkssprachigen deutschen Trojatradition Klemens/Alfen/Fochler/Lienert (1990) u. Lienert (1996) S. 30–34. Zahlen nach Neddermeyer (1998) S. 745. Rund ¼ der Statius-Handschriften stammt aus dem Reich. In der deutschen Gelehrtenwelt war der Stoff also präsent. Vor 1250 sind allerdings nur zwei frz. Handschriften erhalten, was möglicherweise auf eine späte Popularität des Werks hindeuten könnte; vgl. Inventaire N° 4050 u. 4079.

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Karl/Karolinger: Einhard in seiner ›Karlsvita‹ und Notker in den ›Gesta Karoli Magni Imperatoris‹ haben Karl dem Großen schon im 9. Jahrhundert wirkmächtige literarische Denkmäler gesetzt.177 Im 10. und 11. Jahrhundert fehlen zwar gleichrangige – schriftliche178 – Zeugnisse, die Berichte über die Öffnung des Karls-Grabes durch Otto III. im Jahr 1000 belegen aber den fortschreitenden Mythisierungsprozeß hin zum Idealkaiser. Einen weiteren Schritt zum Mythos bedeutete die Kanonisation 1165.179 Als Identifi kationsfigur war Karl aber längst – auch schon bei der ersten versuchten Erhebung seiner Gebeine durch Otto III. – eine feste Größe in der Welt der führenden Dynastien Deutschlands und Frankreichs. Chroniken um Karl, seine Paladine und seine unmittelbaren Nachfolger werden im 12. Jahrhundert schließlich zu Bestsellern der lateinischen (Ps.-Turpin) und der volkssprachig-französischen Buchkultur.180 Bald ranken sich eine Vielzahl von französischen Chansons de geste um die Geschehnisse der Karolingerepoche. Der erfolgreichste Karlstext überhaupt wird aber mit weit über 200 Hss. Ps.-Turpins lateinische Karlschronik.181 Zahlreiche volkssprachig-französische Ps.-Turpin-Übersetzungen entstehen in unmittelbarer Folge.182 Einen Eindruck von der politischen Brisanz der Stoffe vermittelt die zunächst eigentümliche Übersetzungsgeographie dieser ›Karlschronik‹: Nach Spiegel sind sieben voneinander unabhängige Übersetzungen bekannt, aber nur eine wurde im anglonormannischen Raum 183 angefertigt. Ein Blick auf die dynastischen Zusammenhänge klärt die Merkwürdigkeiten: Für die Kapetinger war Karl die zentrale Gründungsfigur. Für die Plantagenets spielten Karl und die Karolinger als dynastiefundierender Mythos dagegen keine Rolle. Die Trojaner, Brutus als Stammvater und Artus übernahmen hier die entsprechenden Funktionen. Nicht überraschend stehen dort eben diese Helden im Mittelpunkt der literarischen Bemühungen. Artus/Brutus/Britannien: Den Geschichten um Brutus, den sagenhaften Gründungsvater Britanniens, und König Artus kam in der britisch-lateinischen Geschichtsschreibung zunächst eine untergeordnete Rolle zu. In der ›Historia Britonum‹ aus dem 9. Jahrhundert fi nden sich zunächst nur spärliche Hinweise auf die BrutusGestalt: Der Großonkel des Eneas erscheint als mythische Gründungsfigur Britanniens; Artus kämpft als Feldherr gegen die eindringenden Sachsen. Als Feldherr erscheint Artus auch in den ›Annales Cambriae‹ (10. Jahrhundert). Weit stärker als in der lateinischen Geschichtsschreibung dürfte Artus in der mündlichen Erzähltradition präsent gewesen sein. Auf eine reiche mündliche Artus-Tradition spielen im frühen 12. Jahrhundert z.B. Wilhelm von Malmesbury und Hermann von Laon an. Die Konturen einer britisch-arturischen Geschichte von Brutus über Aurelius Ambrosius und Utherpendragon bis hin zu Arturus finden schon um 1100 Eingang in die gelehrt-lateinische Weltgeschichtsschreibung. Sigebert von Gembloux faßt im Kapitel

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Vgl. zu diesen und weiteren Texten Ehlert/Klein (2001) S. 18–30, 46. Die volkssprachigdeutschen Texte sind ebd. S. 31–46 aufgelistet. Inwieweit Karl der Große in einer mündlichen Sagentradition weiterlebte, die dann möglicherweise in die frz. Chanson de geste-Tradition einmündete, ist umstritten; vgl. zu dieser hier jedoch irrelevanten Diskussion Wolfzettel (1989) S. 9–31. Im Zuge der Kanonisation entstanden zahlreiche lateinische Karlstexte wie die ›Aachener Karlsvita‹ und das ›Aachener Karlsoffi zium‹; vgl. Geith (1996) S. 52f. Vgl. Geith (1977) u. (1996). Vgl. Mandach (1961) S. 364–398. Vgl. Spiegel (1995) S. 12 u. 70 sowie detailliert zu den Hintergründen des Tradierungserfolges und der politisch-dynastischen Bedeutung der zahlreichen Übersetzungen ebd. S. 55–98. Spiegel (1995) S. 326 Anm. 3 u. S. 344 Anm. 58.

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De regno britanniorum seiner ›Chronica‹ (um 1100) alle bekannten Fakten zusammen – Artus bleibt aber noch eine ›Fußnote‹ der Weltgeschichte. Zu einer schriftliterarischen Erfolgsstory wird die Geschichte erst, als Geoffrey of Monmouth in den 1130er Jahren für die neuen normannischen Herren Englands184 seine lateinische ›Historia Regum Britanniae‹ verfaßt. Die in den lateinischen Chroniken und Annalen nebulös konturierte Artusgestalt wird nun zur britischen Identifi kationsfigur. Über 200 erhaltene Handschriften aus dem 12. bis 16. Jahrhundert, zahllose Übersetzungen sowie unzählige lateinische und volkssprachige Rezeptionszeugnisse belegen eindrucksvoll sowohl den Erfolg der lateinischen Chronik als auch des intendierten Vorhabens: der Einbindung der normannischen Eroberer in eine gemeinsame Geschichte aller Briten185 (Kap. II.3.1).

Die überwiegend geistlich gebildeten volkssprachigen Autoren der Frühzeit 186 dürften intime Kenner dieser lateinischen Klassiker gewesen sein, denn die Werke hatten sie vielfach als Schullektüre auf ihrem Bildungsweg begleitet, ihren literarischen Horizont bestimmt und ihr Literaturverständnis entscheidend (mit)geprägt.187 Auch außerhalb dieses engen Zirkels wird man angesichts der aktiv wirkenden mündlich-volkssprachigen Erzähltraditionen, vielfältigen Zeugnissen in der bildenden Kunst und der breiten Rezeption in den volkssprachigen Literaturen wenigstens rudimentäre Kenntnis dieser klassischen Stoffe voraussetzen können, denn die Geschichten um die Helden der antiken wie der germanischen Vergangenheit waren zum Teil schon vor Jahrhunderten Teil des kollektiven kulturellen Gedächtnisses geworden. Im Hoch- und Spätmittelalter scheint vieles allerdings nur noch nebulös präsent gewesen zu sein. Die lateinischen Bestseller sind es, die als direkte Vorlagen, Vorläufer oder parallele Texte das Feld für die volkssprachige Schriftkultur bereiten. Nahezu alle genannten Stoffkreise entfalten dabei innerhalb kürzester Zeit eine internationale Wirkung. Sie sind von Island, Norwegen, Spanien, Irland, Wales über den französisch-anglonormannischen Raum bis hin zum deutschen Reich gleichermaßen eine wesentliche Basis der aufblühenden volkssprachigen Literaturen. Die ungeheure Dynamik der Entwicklung erklärt sich durch das Zusammenspiel von Textpräsenz und einer überregionalen kollektiven Erinnerung. Die Anbindung an die antiken und germanisch-britischen Erfolgsstoffe vollzog sich jedoch in regional höchst differenter Weise. Wurden etwa im französisch-anglonormannischen und irischen Raum die lateinischen Texte

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Widmungen an König Stephan I. von England sowie weitere führende normannische Adlige (Waleran, Count of Mellant; Robert of Gloucester, illegitimer Sohn König Heinrichs I.) sind in den Handschriften tradiert; vgl. Burrichter (1996) S. 44. Zur Überlieferung vgl. Crick (1989) mit 215 Hss. sowie zur Rezeption Crick (1991), Brugger-Hackett (1991) S. 47–80 und zur Rezeption im Norden Würth (1998). Vgl. etwa Zink (1995) S. 51. Vgl. zur Kenntnis und zur literarhistorischen, historischen und ästhetischen Bedeutung insb. der antiken Stoffe Schöning (1991) S. 57–68, sowie zum Literaturkanon Glauche (1970) und zusammenfassend Köhn (1986) S. 234–241.

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direkt adaptiert, übersetzt oder umgeformt bzw. höfisch überformt, ging bei den epischen Stoffen im deutschen sowie z.T. auch im walisischen und nordischen Raum der Weg fast ausschließlich über die bereits höfisierten französischen Versionen. Die sicher auch verfügbaren, weil in fast jeder größeren Klosterbibliothek vorhandenen, lateinischen Primärquellen wurden in Deutschland nur gelegentlich ergänzend (Herbort von Fritzlar) und selten umfassend (›Kaiserchronik‹) herangezogen. Vertraut war der Umgang mit den lateinischen Klassikern den deutschen Autoren jedoch ebenso wie ihren französischen Kollegen. Heinrich von Veldeke benennt im ›Eneas‹ z.B. ausdrücklich Vergils lateinische Eneide als Primärquelle des Stoffs: daz is genûgen kuntlîch, als ez dâ tihte Heinrîch, derz ûzer welschen bûchen las, da ez von latîne getihtet was al nâch der wârheide. diu bûch heizent Êneide, diu Virgiljûs dâ von screib (Eneas 13505–11) (Das wissen viele, so wie es Heinrich verfaßt hat, der es aus französischen Büchern hatte, in denen es aus dem Lateinischen wahrheitsgetreu gedichtet stand. Die Bücher heißen ›Eneide‹, die Virgil darüber schrieb.)

Auch später ist der vertraute Umgang mit den lateinischen Klassikern bei den volkssprachigen Dichtern gang und gäbe. Ulrich von Etzenbach preist im ›Alexander‹ expressis verbis Walter von Châtillon als Dichter der ›Alexandreis‹: Walther ein meister was genant, in kriechisch er geschriben vant in der krônik ein teil alder geschihte, in latîne er uns die tihte (Alexander 155–158) (Walther wurde ein Dichter genannt. Er fand in griechisch verfaßt in der Chronik einen Teil alter Geschichten, die er nur in das Lateinische übersetzte.)

Und selbstverständlich ist ihm auch Ovîdius (4899 u.ö.) präsent. Aber diese klassisch-lateinischen Werke interessierten das deutsche Publikum allenfalls als Beleg für Wahrheit und Wert der Geschichte. Was die Auftraggeber aus dem laikal-höfischen Milieu wollten, waren die hochmodernen, bereits zu beliebten Accessoires der Hofkultur avancierten französischen Epen. Sie wollten nicht Vergil oder Ovid, hatten vielleicht noch nicht einmal eine konkrete Vorstellung von ihren Werken. Sie wollten den nur noch entfernt an den lateinischen Klassiker erinnernden ›Roman d’Eneas‹. Heinrich von Veldeke und seine Dichterkollegen erfüllten diese Wünsche, kokettierten aber sehr wohl mit den großen lateinischen Vorbildern. Vermutlich sollten die Klassikersignaturen eigene dichterische Größe, Weisheit, Weltgewandtheit und Legitimität dokumentieren und auf einen höherwertigen Diskurszusammenhang, auf eine klerikal-gelehrte Literaturtradition verweisen. Veldekes explizite Hinweise 46

auf den lateinischen Erzgelehrten Virgiljûs (41ff., 165, 357ff., 2706ff., 13 510ff.) und vor allem seine detaillierten Ausführungen zur Herkunft der Geschichte weisen in eine solche Richtung. Veldeke nennt zwar auch seine unmittelbare französische Vorlage, die ist aber – vorgeblich – nur eine ›wahrheitsgetreue‹ Übertragung (nach der wârheide) des lateinischen Werks des Dichters Virgiljûs. Ob das laikal-höfische Publikum um die topische Qualität dieser Ausführungen wußte? 188 Trotz des weit gefächerten Wissens um die lateinischen Klassiker griffen die deutschen Dichter bei weltlich-epischen Stoffen also gerade nicht auf die lateinischen Klassiker zurück. Sie gehörten in ihrem klerikal-gelehrten Umfeld zwar zum Allgemeingut, waren aber am Hof bzw. im höfisch-laikalen Literaturdiskurs kaum präsent. Dort schätzte man die französischen Adaptationen. Direkt aus dem Lateinischen geschöpft werden dagegen Heiligenlegenden, Bibelpassagen und Chroniken (›Kaiserchronik‹). Der ›Alexius‹-Dichter vermerkt zu seiner Vorlage gleichsam exemplarisch für diese Gattungssegmente: Von Basel zwêne bürger hânt sô rehte liebe mir getân daz ich von latîne hân diz mære in tiusch gerihtet. ez wart durch si getihtet gern unde willecliche doch (Alexius 1362–66). (Zwei Bürger aus Basel waren so freundlich zu mir, daß ich diese Geschichte aus dem Lateinischen ins Deutsche übersetzt habe. Sie wurde in ihrem Auftrag gerne und bereitwillig gedichtet/verfaßt.)

Im engeren Sinn hagiographische und historiographische Texte blieben auch im fortschreitenden 13. Jahrhundert den seriösen lateinischen Quellen verpfl ichtet. Dies gilt für Albrechts ›Leben des heiligen Ulrich‹, ›St. Brandans Meerfahrt‹, Gundackers ›Christi Hort‹, Konrads ›Silvester‹, Lamprechts ›Sanct Francisken Leben‹ und ›Tochter Sion‹, ›Margareta von Antiochien‹, ›Maria Magdalena‹, ›Patricius‹, Rudolfs von Ems ›Barlaam und Josaphat‹ und seine ›Weltchronik‹, die ›Thomaslegende‹, ›Veit‹, die ›Visio Sancti Pauli‹, die ›Sächsische Weltchronik‹ und Walthers ›Marienleben‹.189 Sogar einige der bereits über den frz. Umweg adaptierten Stoffe wurden an die höherwertigen (?) lateinischen Quellen rückgebunden. Dies gilt etwa für Strickers ›Karl‹, die ›Troja‹-Literatur und die ›Alexander‹-Dichtungen. In heiligen und heilsgeschichtlichen Dingen vertraute man also den seriöseren, mit einer größeren Autorität und Legitimität versehenen lateinischen Werken. Französische Bearbeitungen blieben im

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Vgl. Ernst (1997) S. 258f. und Opitz (1998) sowie allg. zu den eingesetzten Momenten der Legitimierung Johanek (2002). Grundsätzlich aus diesem Rahmen heraus fällt nur der in die ›Kaiserchronik‹ implantierte ›Eraclius‹ Ottes, der wohl auf den französischen ›Eracle‹ Gautiers d’Arras (nach 1159) zurückgeht.

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Geflecht von Legitimationsanforderungen, Wahrheitsbedürfnissen und lokalen Traditionen bedeutungslos. Die unmittelbare Anbindung an das Latein spiegelt bei den hagiographischen Texten aber auch spezifisch andere Entstehungs- und Tradierungsbedingungen. Die Indizien weisen signifikant häufiger in die Welt geistlicher Höfe und Konvente: Als Dichter der ›Kaiserchronik‹ gilt ein Regensburger Geisterlicher; die ›Sächsische Weltchronik‹ könnte im Umfeld der Magdeburger Franziskaner verfaßt worden sein;190 Ebernands von Erfurt ›Heinrich und Kunigunde‹ entstand »auf Veranlassung des Bamberger Küsters und späteren Zisterzienserbruders Reimbote aus dem Kloster Georgenthal bei Erfurt«;191 Rudolf von Ems schuf seinen ›Barlaam und Josaphat‹ auf Anraten von Konvent und Abt des Zisterzienserklosters Kappel bei Zürich (›Barlaam und Josaphat‹ 403,6–9);192 Konrad von Würzburg fertigte seinen ›Silvester‹ auf Verlangen des hoch gebildeten Baseler Domherren Lüthold von Röteln an (Silvester 80–87).193 2.3. Sprachkenntnisse – Kulturkontakte Die volkssprachigen Autoren bewegen sich von jeher in einem von der lateinischen Gelehrtenkultur geprägten Milieu. Grundsätzlich gehörte der Umgang mit der lateinischen Sprache und Literatur zum Alltag aller volkssprachigen Autoren der Frühzeit. Im 12. Jahrhundert gewinnt dann die vor allem im Westen aufblühende Hofkultur flächendeckend an Bedeutung, und die Sprache dieses neuen höfischen Lebensgefühls ist das Französische. Schon im späten 12. Jahrhundert war man mit der französischen Sprache und der aktuellen französischen Hofliteratur ebenso vertraut wie mit dem Lateinischen, wobei das Latein die Basis für Bildung und Wissen darstellte. »Die Dichter der sog. Höfischen Literatur [...] sind bildungsgeschichtlich gesehen eindeutig Litterati mit meist sogar dreisprachig ausgebildeter Kompetenz, kirchenrechtlich sind sie ebenso eindeutig der Gruppe der Laien zuzuordnen.«194 Ein solcher Typus von ›höfischen litterati‹ begegnet etwa in der Person des Pfaffen Konrad. Glaubt man seinen Ausführungen, hatte er seine französische Vorlage zuerst ins Lateinische und erst von dort ins Deutsche übertragen:195

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Wolf (1995) passim. Vgl. Ernst (1997) S. 272f. Vgl. Bumke (1979) S. 261f. Dort auch weitere Beispiele bzw. Vermutungen zu geistlichen Auftraggebern von volkssprachigen Legenden, Viten etc. Kliege-Biller (2000) S. 160–173¸ vgl. Bumke (1979) S. 262–264. Henkel/Palmer, 1992, S. 10 Anm. 43. Es tut hier nichts zur Sache, ob Konrad nur eine literarische Fiktion aufbaut oder tatsächlich den Herstellungsprozeß seines ›Rolandsliedes‹ reflektiert. Entscheidend ist allein, daß er seinem Publikum (und Auftraggeber) ein entsprechendes Modell gleichsam als selbstverständlich anbieten kann oder vielleicht sogar anbieten muß, um Wahrheit und Legi-

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ich haize der phaffe Chunrat. also iz an dem b7che gescribin stat in franczischer zungen, so han ich iz in die latine bedwngin, danne in di tiutiske gekeret. (RL 9079–83) (Ich bin der Pfaffe Konrad. So wie alles in dem Buch in französischer Sprache aufgeschrieben steht, so habe ich es ins Lateinische übersetzt und dann in die deutsche Sprache übertragen.)

Auch Heinrich von Veldeke kannte und nutze lateinische Werke. Des Französischen war er ohnehin mächtig. Herbort von fritslar ein gelêrter schuolære (Liet von Troje 18 450f.) ging ebenfalls ganz selbstverständlich mit dem Latein um. Gleiches gilt für den anonymen Kaiserchronisten, Hartmann von Aue und den ›Alexius‹-Dichter, der seinen Text von latîne (Alexius 1390) hatte. Auch der anonyme Verfasser des ›Herzog Ernst‹ fand vieles, was ze latîne (...) noch geschriben stât: / dâ von ez âne valschen list / ein vil wârez liet ist ... (Herzog Ernst B 4474–76). Lateinkenntnisse und lateinische Bildung blieben im fortschreitenden 13. Jahrhundert für viele volkssprachige Dichter Normalität. So begunde Gottfried von Straßburg seinen Stoff sêre suochen / in beider hande buochen / walschen und latînen (Tristan 157–59). Rudolf von Ems las die ›Barlaam und Josaphat‹-Vorlage natürlich in latîne (Barlaam 16 058). Konrad von Würzburg behauptet von sich im ›Engelhard‹, daß er ez von latîne / ze tiuscher worte schîne / geleitet und gerihtet / und ûf den trôst getihtet (Engelhard 6493– 96) habe. Ebenso entstanden der ›Silvester‹196 und der ›Heinrich von Kempten‹, daz ich dur den von Tiersberc / in rîme hân gerihtet / unde in tiutsch getihtet / von latîne, als er mich bat: / ze Strâzburc in der guoten stat, / da er inne zuo dem tuome / ist prôbest unde ein bluome (Heinrich von Kempten 756–62). Insgesamt scheint die Einbindung in die lateinische Gelehrtenkultur im Verlaufe des 13. Jahrhunderts sogar noch zugenommen zu haben. Auch ehedem auf französischen Vorlagen beruhende Werke werden nun etwa vom Strikker (›Karl‹) oder von Konrad von Würzburg (›Trojanerkrieg‹) anhand lateinischer Quellen neu überarbeitet. Wie das Latein stellt die französische Sprache bei der Adaptation der Stoffe über den französischen Umweg (Antikenromane) bzw. direkt aus dem Französischen (Artusromane, Chanson de geste) anscheinend kein Problem dar. Viele deutsche Autoren waren mit dem Französischen vertraut.197 Explizit betont werden entsprechende Sprachfertigkeiten vom Pfaffen Konrad im

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timität zu erzeugen. Vgl. speziell zum Pfaffen Konrad Kartschoke (1989) sowie allg. den Tagungsband Henkel/Palmer (1992). Vgl. speziell zur Übertragung des ›Silvester‹ in die Volkssprache Kliege-Biller (2000). Stellen, die Konrads aktiven Umgang mit dem Latein belegen, finden sich ferner in ›Partonopier und Meliur‹ (288ff.), im ›Trojanerkrieg‹ (302ff.) und in ›Pantaleon‹ (2144ff.). S.o. S. 48.

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›Rolandslied‹ (s.o.), von Gottfried von Straßburg im ›Tristan‹ (s.o.), vom Pfaffen Lamprecht im ›Alexander‹: ez hât ouch nâch den alten sitn stumpflîche, niht wol besnitn ein Lampreht getihtet von welsch in tiutsch berihtet (Alexander 15 783–86) (Es hat auch nach der alten Art und Weise auf nicht kunstgerechte Weise, nicht gut abgemessen, ein Lamprecht gedichtet und von französisch in deutsch übertragen.)

und von Heinrich von Veldeke im ›Eneas‹: ez dûht den meister genûch, derz ûz der welsche kêrde, ze dûte herz uns lêrde: daz was von Veldeke Heinrîch (Eneas 13 430–34). (Es scheint dem Gelehrten genug, der es aus dem Französischen übersetzte und es uns in deutsch bekannt machte. Das war Heinrich von Veldeke.)

Überhaupt scheinen Fremdsprachenkenntnisse nicht nur im Gelehrten-/Dichtermilieu, sondern ebenso in hohen geistlichen und höfischen Kreisen verbreitet gewesen zu sein, und zwar längst nicht nur bei Personen aus dem französischdeutschen Grenzgebiet oder in dem großen Kreis der Personen mit grenzüberschreitenden verwandtschaftlichen Verbindungen. Das heißt, bei den potentiellen Rezipienten der in die Volkssprache transferierten Stoffe waren auch die fremdsprachigen Werke selbst zumindest in Umrissen bekannt. Französische Sprachkenntnisse konnte man vieler Orten bei Besuchen, Turnieren, Festen, ›höfischen Austauschprogrammen‹, in Folge einer Heirat oder – selten – beim Studium in Paris erwerben. Von entsprechend bi- oder sogar trilingual gebildeten Personen wird häufiger berichtet:198 Gottfried von Bouillon († 1100), Herzog von Niederlothringen, war nach Otto von Freising des Deutschen und des Französischen mächtig.199 Von Reinald von Dassel, seit 1156 Kanzler Kaiser Friedrichs I. und 1159 Erzbischof von Köln, heißt es, daß er in Deutsch und Französisch ebenso gewandt Reden hielt wie auf Lateinisch.200 Der französischsprachige Graf Balduin V. von Hennegau schickte seinen Sohn an den Hof Kaiser Heinrichs VI., ad discendam linguam Teutonicam et mores curis, um Deutsch und die Sitten des kaiserlichen Hofs zu lernen.201 Die vier Söhne Landgraf

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Vgl. mit Belegen aus dem anglo-normannischen Bereich Short (1992). Short sieht eine natürliche Verbindung von »Patrons and Polyglots«, was er anhand zahlreicher Beispiele eindrucksvoll belegen kann. Wenn wir auch für den deutschen Sprachraum kaum ein solches Bildungsniveau annehmen können, so scheint doch in Kreisen des hohen und höchsten Adels im Reich eine polyglotte Bildung ebenfalls nicht außergewöhnlich. 199 Otto von Freising , Chronica 508 (zitiert über Bumke, 1986). 200 Saxo Grammaticus 1,443 (zitiert über Bumke, 1986). 201 Gislebert von Mons, 234 (zitiert über Bumke, 1986).

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Hermanns I. von Thüringen sollten nacheinander am Hof des französischen Königs Ludwig VII. eine umfassende literarische Bildung erhalten. Hermann selbst weilte vielleicht während seiner Jugend in Paris.202 Heinrich der Löwe, er war in zweiter Ehe mit der französischsprachigen Mathilde von England verheiratet, bot König Ludwig VII. von Frankreich an, Edelknappen an seinem Hof Land und deutsche Sprache kennen lernen zu lassen. Seinerseits schickte er Landeskinder an den Hof Ludwigs, wie ein Schreiben an den französischen König beweist. Der Löwe dankt Ludwig darin, daß er den Sohn eines Lehnsmannes gnädig in Paris aufgenommen habe. Angesichts der Berichte in der ›Cronica Slavorum‹ Arnolds von Lübeck wird man Paris geradezu als ein ›normales‹ Ziel fürstlicher Bildungsprogramme bezeichnen können.203

Von ähnlichen Bildungsprogrammen – hier sogar mit Ziel Griechenland – wird im ›Herzog Ernst‹ berichtet: daz kint bat sie dô lêren beide welhisch und latîn. ouch sande sie daz kindelîn durch zuht ze Kriechen in daz lant. dâ wurden im die liute erkant von maniger hande wîsheit. (Herzog Ernst 70–75) (Das Kind ließ sie da sowohl Französisch als auch Latein lernen. Außerdem schickte sie das Kindchen für die Erziehung / Ausbildung nach Griechenland / ins Oströmische Reich. Dort lernte er Gelehrte zahlreicher Wissenschaftler kennen.)

Das Erlernen von welhisch und latîn erweckt dabei den Eindruck von kaum noch erwähnenswerter Normalität. Daß die maget in Hartmanns ›Iwein‹ dem alten Ritter selbstverständlich mit französischen Texten Kurzweil bereitet, erscheint in diesem Zusammenhang fast schon alltäglich: und vor in beiden saz ein maget, diu vil wol, ist mir gesaget, wälsch lesen kunde: diu kurzte in die stunde. (Iwein 6455–6458) (Und vor ihnen beiden saß ein Mächen, das sehr gut – so wurde mir berichtet – Französisch zu lesen verstand, damit vertrieb sie ihnen die Zeit.)

Wenn Wolfram von Eschenbach im ›Parzival‹ Cundrie204 mit umfassenden Sprachkenntnissen ausstattet: der meide ir kunst des verjach, / alle sprâche si wol sprach, / latîn, heidensch, franzoys ... (Pz 312,19–22), und von sich selbst im ›Willehalm‹ behauptet, daß er zwar nicht perfekt, wohl aber leidlich205 202 203 204

205

Vgl. den Brief Hermanns von 1162/63 an Ludwig VII.; dazu Peters (1981) S. 16–19. Belege in Bumke (1986) S. 106f. Cundrie beherrscht neben den Fremdsprachen auch, und erst das ist ungewöhnlich, jêometrî, dîaletike und astronomîe (Pz 312,23–25); vgl. zur Stelle den Kommentar von Nellmann (1994) S. 616f. Zur problematischen Interpretation der Stelle im Sinne von »Wolfram habe seine Französischkenntnisse gering geschätzt, als auch, umgekehrt, er sei stolz auf sie gewesen« vgl. den Kommentar von Heinzle (1991) S. 988f.

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Französisch könne: ein ungevüeger Tschampâneis / kunde vil baz franzeis / dann ich, swie ich franzois spreche (Willehalm 237,5–7), und Schionatulander und Sigune im ›Titurel‹ bzw. ›Jüngeren Titurel‹ ebenfalls wie selbstverständlich französisch sprechen und sogar französische Briefe lesen (Jüngerer Titurel z.B. 1213,1–4 u. 5509,1–4) oder Gottfried von Straßburg seinen Helden Tristan britunsch singen und gâlois, / guot latîne und franzois sprechen läßt und Isolde – si kunde franzois und latîn (Tristan 3689f. + 7990) – Bi- oder sogar Trilingualität bescheinigt, spiegelt dies zeittypische Erscheinungen. Die Normalität solcher Beschreibungen unterstreicht eine beiläufige Bemerkung des Stricker im ›Daniel‹ zum Zeitvertreib der Knappen: waelsch lâsen sie dâ vil (Daniel 8173), heißt es lapidar. Selbstverständlich wird deshalb im ›Guoten Gerhart‹ auf die Frage des fürste kurtoys: ›sagent an, verstât ir franzoys?‹ mit ›jâ, herre, mir ist wol erkant / beidiu sprâch und ouch daz lant‹ geantwortet (Der guote Gêrhart 1351–1354). Und falls doch einmal Probleme mit der Fremdsprache auftauchten, griff man wie Konrad von Würzburg auf einen Übersetzer zurück: franzeis ich niht vernemen kan, / daz tiutschet mir sîn künstic munt (Partonopier und Meliur 213f.). Setzt man die Tatsache des mehr oder weniger engen Vorlagenbezugs der frühen deutschen zur französischen Epik in Bezug zu weiteren Phänomenen, wie der seit dem ausgehenden 12. Jahrhundert stark steigenden Zahl französischer Lehnwörter,206 der großen Zahl konkreter Hinweise auf französische Vorlagen, der vielfältigen intertextuellen Bezüge, der Existenz zahlreicher echtbzw. pseudofranzösischer Passagen in den höfischen Werken207 und eben jener Hinweise auf Fremdsprachenkenntnisse und unmittelbare Kulturkontakte (Reisen, Besuche, Bildung etc.), erschließt sich ein dichtes Netz internationaler Verflechtungen. Glaubt man dem wallonisch-flandrischen Dichter Adenet le Roi (2. Hälfte 13. Jahrhundert), scheinen sich diese seit dem späten 12. Jahrhundert über zahlreiche Werkadaptationen (›Rolandslied‹, Chrétiens Artusepen, Antikenromane) reich belegten Kulturkontakte ungeachtet einer teilweisen Abkehr von den französischen Vorlagen während des 13. Jahrhunderts noch intensiviert zu haben. In seinem französischen Epos ›Berte aus grans piès‹ führt Adenet aus, daß es an deutschen Höfen geradezu Brauch sei, ständig Leute aus Frankreich da zu haben, die Töchter und Söhne im Französischen unterrichteten.208

206

207

208

Im 12. Jahrhundert lassen sich neben zahlreichen Lehnbildungen und -prägungen bereits über 350 und im 13. Jahrhundert weitere 700 frz. Lehnwörter in dt. Texten nachweisen; vgl. Bumke (1986) S. 117–120 u. 818 (Literatur). Geradezu exzessiv z.B. in Gottfrieds ›Tristan‹: Liegt der Überlieferungsschwerpunkt vielleicht gerade deshalb im Westen, im alemannischen Raum? Heftig kritisiert bzw. verspottet wird der exzessive Gebrauch französischer Begriffe beim Marner, beim Tannhäuser und in Wernhers ›Helmbrecht‹. Adenet le Roi: Berte aus grans piès 148–152; vgl. Bumke (1986) S. 113f. mit Übersetzung der entsprechenden Passage.

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Materielle Zeugnisse dieser – nur scheinbar? – wirkmächtigen Präsenz französischer Literatur und Kultur sind jedoch rar: Von den französischen Vorlagen der deutschen Übersetzer hat sich kein einziges Exemplar erhalten. Überhaupt lassen sich im 12./13. Jahrhundert ausgesprochen selten französische Bücher in den Händen deutscher Besitzer nachweisen. Kenntnis haben wir von einer ›Brut‹-Handschrift im Kloster Tegernsee (s.u.) und einem libellus in Gallica lingua de Artusio in der Passauer Dombibliothek (s.u.). Ob sich auch der 1286 fertiggestellte Bonner Prosa-Artuszyklus aus dem (frühneuzeitlichen) Besitz der Manderscheider schon im ausgehenden 13. Jahrhundert in Deutschland befunden hat, ist unklar. 209

Faßt man die Beobachtungen zusammen, scheint für eine erste Phase volkssprachiger Schriftlichkeit in Frankreich/England und in Deutschland die unmittelbare Ein-/Anbindung in die klerikal-lateinische Literatur und Schriftkultur gleichermaßen charakteristisch.210 Nur in diesem Umfeld und zunächst nur auf sehr niedrigem quantitativen (Überlieferungsdichte) und qualitativen (Werkdichte) Niveau entwickelt sich eine volkssprachige Schriftlichkeit. Ein qualitativer Wandel kündigte sich mit der Verschriftlichung weltlich-laikaler Stoffe im 12. Jahrhundert an. Eine Vorreiterrolle spielte dabei der französisch-anglonormannische Kulturraum: Die Überlieferungslage läßt dort eine zwei bis vier Jahrzehnte früher einsetzende Tendenz hin zur volkssprachigen Vertextung epischer Stoffe erkennen. Anscheinend wurden genau in dieser Frühphase ebenda die Weichen für eine neue, kulturübergreifende volkssprachig-laikale Literaturtradition gestellt. Die neuen französischen Epen waren anschließend wie die französisch-anglonormannische Hofkultur insgesamt sehr schnell international erfolgreich. In Deutschland kannte man die Stoffe und die Werke bereits unmittelbar nach deren Entstehung; man wußte, daß es sich um kodifizierte Literatur handelte. Entsprechende Lese- bzw. Vorlesesituationen am Hof finden sich in mehreren deutschen Adaptationen exakt beschrieben.211 Man wußte sogar über die Verbreitungswege und die Transportmechanismen dieser neuen Literatur Bescheid. Auch sie werden in mehreren Werken thematisiert. Und man wußte, wie und ggf. wo man sich diese französischen Kodizes beschaffen konnte. Einfach scheint die Beschaffung der Manuskripte freilich nicht gewesen zu sein. Bei Heinrich von Veldeke Herbort von Fritzlar, Ulrich von Zatzikhoven, Wolfram von Eschenbach und Wirnt von Grafenberg rücken die französischen Vorlagen-Bücher sicher nicht

209 210

211

Bonn, UB, Ms. 526; vgl. Micha (1960–63) S. 37ff. sowie das Farbmicrofiche-Faksimile (CIMA 28). Die mittelalterliche Provenienz des Kodex ist unbekannt. Wobei man hier natürlich nicht unterschlagen darf, daß die mündlichen Traditionen in den Werken etwa über die unzähligen Spielmänner, die zum Hofbetrieb gehören, mindestens ebenso präsent sind. Sie rezitieren, singen, beraten z.B. in Eneas 6212f., 13 107f., 13 165ff., 13 195ff.; Erec 2197ff.; Parzival 33, 16ff.; Wigalois 7423f.; Flore und Blanscheflur 7538ff., 7604ff.; König Rother passim; Nibelungenklage passim; Nibelungenlied passim; Tristan passim. Vgl. exemplarisch die zahlreichen Beispiele bei Bumke (1986) S. 725–729 u. Willaert (1999).

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zuletzt wegen dieser schwierigen Beschaffungsumstände selbst zu Protagonisten ihrer Epen auf. Sie werden explizit als Vorlagen genannt und stehen im Mittelpunkt aufwendig eruierter bzw. eigens konstruierter Entstehungsgeschichten.212 Nach der Überlieferungslage zu urteilen, handelte es sich bei diesen französischen Büchern tatsächlich um höchst seltene Einzelstücke (Kap. I.1.5.1), die nur über persönliche Beziehungen und unter erheblichem Aufwand zu beschaffen waren. Die in solchen Entstehungs- und Buchgeschichten faßbaren Zustandsberichte einer im Werden begriffenen volkssprachigen Literatur und Buchkultur spiegeln also vielleicht viel exakter als zunächst zu vermuten eine historische Realität. Diese Realität gilt es in den folgenden Kapiteln anhand exemplarischer Einzelstudien zur Manuskriptkultur (Kap. I), zu Buch und Text (Kap. II) und zur Textkonstitution, Textgenese und Texttradierung (Kap. III) in den Blick zu nehmen.

212

Zum oft fragwürdigen Wahrheitsgehalt vieler dieser Entstehungsgeschichten vgl. exemplarisch die Untersuchungen zur ›Parzival‹-Quelle Wolframs von Eschenbach von Bumke (1981/1997) u. Ridder (1998a) sowie zur Manuskriptraubgeschichte Heinrichs von Veldeke von Bastert (1994), Hahn (2000) u. Weicker (2001).

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I. Manuskriptkultur

I.1. Zwischen Tradition und Innovation: Die Gestalt des volkssprachigen Buchs im 12. und 13. Jh. Die Volkssprachen fristeten, nachdem sie mit dem Ende der Karolinger aus dem Fokus der Herrschaftskultur geraten waren, für mehrere Jahrhunderte ein bescheidenes Dasein auf dem Pergament. Volkssprachige Texte sind in der Regel kaum mehr als Hilfsmittel oder Addenda lateinischer Werke.1 Volkssprachiges Textmaterial findet sich fast ausschließlich in vom Latein dominierten Mischhandschriften. Erste noch vorsichtige Veränderungen kündigen sich im 11. Jh. an. Volkssprachig aufbereitet werden nun die Bibel (›Althochdeutsche Genesis‹, ›Exodus‹, Willirams ›Hohelied-Paraphrase‹, ›Mittelfränkische Reimbibel‹, ›Wien-Münchener Evangelienfragmente‹, ›Judith‹, ›Lob Salomonis‹, Gedichte der Frau Ava), das christlich-heilsgeschichtliche Wissen (›Physiologus‹) und einzelne Bereiche der Sachkultur (Arznei-, Stein- und Kräuterbücher, ›Summarium Heinrici‹). Basis entsprechender Texte sind jedoch ausschließlich lateinische Werke aus dem Kreis der klerikalen Gelehrtenkultur. Auch der Überlieferungsbefund weist dezidiert in ein klerikales Milieu: Es dominieren weiterhin zweisprachige lateinisch-deutsche Textensembles bzw. überhaupt lateinisch-deutsche Mischtexte (Diagramm 3). Die geringen Überlieferungszahlen lassen außerdem vermuten, daß der Bedarf und das Interesse an volkssprachigen Werken nicht allzu groß gewesen sein dürfte. Für die weltlichen Höfe waren solche Texte wohl nur in klerikaler Vermittlung – etwa über Hofkleriker und Hausklöster – zugänglich. Die ritterlichen Elemente in den Bibel- und Legendendichtungen rücken diese neue Interessentenschicht allerdings schon perspektivisch in den Blickpunkt, ehe im 12. Jh. die ehedem kaum an Schriftlichkeit interessierten weltlich-höfischen Kreise auf die Vorzüge von Schrift und Schriftlichkeit aufmerksam werden. Der Impuls kam aus dem Westen, wo schon um 1100 vor allem legendarische und historische Werke volkssprachig ›buchfähig‹ geworden waren. Doch noch lange bestimmten die lateinisch dominierten Mischhandschriften die Konturen einer langsam wachsenden volkssprachigen Schriftlichkeit.

1

Vgl. Hellgardt (1992) S. 29–31.

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I.1.1. Bilinguale lateinisch-deutsche Mischhandschriften als Transportmedien für volkssprachige Texte In Deutschland machen bilinguale, vom Latein geprägte Mischhandschriften während des 11. und frühen 12. Jh.s rund 90% des volkssprachigen Gesamtaufkommens aus. Auch in der 2. Hälfte des 12. Jh.s sinkt ihr Anteil nicht unter 75% (vgl. Diagramm 3). In Frankreich/England sehen die Zahlen ähnlich aus. Bis zur Mitte des 12. Jh.s liegt der Anteil entsprechender lateinisch-französischer Mischhandschriften ebenfalls bei ca. 90%. Und selbst im ausgehenden 12. Jh. – der Zeit der Troubadours, Waces, Benoits und Chrétiens – dominieren die zweisprachigen Ensembles mit einem Anteil von rund 70% die volkssprachig-französische Textüberlieferung noch deutlich.2 Erst im frühen 13. Jh. übersteigt hier wie da die Zahl rein volkssprachiger Kodizes erstmals die der bilingualen Mischhandschriften (Diagramme 3 und 4). Diagramm 3: Überlieferungstypik deutscher Texte

Diagramm 4: Überlieferungstypik französischer Texte (Datenbasis INVENTAIRE 1997)

(Datenbasis HELLGARDT, 1988 u. MR13) 120

120

100

100

80

80

60

60

40

40

20

20

0

0 1. Hälfte 12. Jh.

2. Hälfte 12. Jh.

dt.-lat. Sammelhss.

1. Viertel 13. Jh.

rein dt. Hss.

1. Hälfte 12. Jh.

2. Hälfte 12. Jh.

frz.-lat. Sammelhss.

1. Viertel 13. Jh.

rein frz. Hss.

Bei dem bis ins ausgehende 12. Jh. charakteristischen bilingualen Handschriftentyp dominieren die lateinischen Texte sowohl das innere, inhaltlich-thematische Gefüge als auch die äußere Gestalt der Handschriften: Die 2

Zur Entwicklung im französischen Sprachraum vgl. Frank (1994) S. 97–123, passim, mit zahlreichen Beispielen für bilinguale lateinisch-französische Textensembles.

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volkssprachigen Texte werden in ein vorhandenes Layoutschema eingepaßt bzw. sind überhaupt nur gestaltungstechnisch irrelevante Ergänzungen oder Nachträge. Grundsätzlich sind fünf 3 von der Inhaltsstruktur, dem Verhältnis der volkssprachigen zu den lateinischen Teilen und der Buchgestaltung z.T. stark abweichende Überlieferungstypen zu unterscheiden: Typ A Von vornherein zweisprachig konzipierte Mischhandschriften mit deutschen und lateinischen Passagen in wechselnder bzw. ineinander verschränkter Folge Die Quantitäten volkssprachiger Passagen können dabei völlig unterschiedlich sein und reichen von einer einzigen Sentenz oder einem Satz (vgl. Typ C), bis hin zu vielseitigen, eigenständigen Werkeinheiten. Die meist geringfügigen volkssprachigen Texte werden in die vorgegebenen Layoutstrukturen eingepaßt und unterscheiden sich von den lateinischen Passagen äußerlich und thematisch nicht. Ausstattung, Gliederungs- und Einrichtungselemente sind identisch. Schrifttype und Schriftgrad stimmen überein (Abb. 1) bzw. sind ähnlich (Abb. 2). Die im Lateinischen ungebräuchlichen bzw. fehlenden Graphien (w, z, diakritische Zeichen) werden ergänzt, führen allerdings häufiger dazu, daß das volkssprachige Schriftbild unausgewogen, unruhig wirken kann (Abb. 2). In dem weitgehend normierten lateinischen Graphiesystem zeichnen sich die für das Deutsche typischen Buchstaben und diakritischen Zeichen durch eine ungewöhnlich große Varianz aus. Augenscheinlich war man im klerikal-lateinischen Schreibbetrieb derart selten mit der Aufzeichnung volkssprachiger Texte beschäftigt, daß sich zunächst keine den fi xierten lateinischen Graphien vergleichbare Normierung entwickeln konnte. Für die Sonderbuchstaben w, z und die diakritischen Zeichen scheint eine solche Vereinheitlichung erst im späten 13. Jh. wenigstens teilweise vollzogen. 4 Typ B Lateinische Handschriften mit volkssprachigen Übersetzungen Zu unterscheiden sind Kodizes mit konzeptionellen Interlinear-, Marginaloder passagen-/spalten-/seitenweisen Übersetzungen (vgl. Typ A) und Kodizes mit später, häufig im konkreten Gebrauchszusammenhang ad hoc eingetragenen volkssprachigen Passagen (vgl. Typ D).5 In den bereits zweispra-

3

4 5

Hellgardt (1992) S. 29ff. unterscheidet zwei Typen: In seinem Typ 1 sind die deutschen Texte nachträglich aufgezeichnet bzw. »angelagert« (s. Typ D). In Typ 2 sind lateinische und deutsche Passagen »von vorneherein zur gemeinsamen Aufzeichnung in einer Sammelhandschrift bestimmt« (s. Typ A). Vgl. Schneider (1987) S. 14f. u. Palmer (1991) S. 245. Häufig bieten volkssprachige Glossen keine 1:1-Übersetzung, sondern eine Erklärung oder Interpretation des lateinischen Begriffs; vgl. zu den einzelnen Übersetzungstypen den Überblick bei Ridder/Wolf (2000).

57

Abb. 1: Salzburg, UB, Cod. M II 6, Bl. 67r (›Christ ist erstanden‹; um 1160).

58

Abb. 2: Fulda, LB, Cod. Aa 46, Bl. 81v: Psalter mit deutschem Meßgebet (Freidank-Korpus; 1. Viertel 13. Jh.).

59

Abb. 3: Trier, StB, Hs. 806/4 8°: Trierer Interlinearversion zum Psalter (um/nach 1200).

60

Abb. 4: Linz, LA, Buchdeckelfunde, Sch 6, III/6a: Psalmen, spaltenweise lat.-dt. (Wende 1./2. Viertel 13. Jh.)

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chig geplanten Handschriften stehen lateinischer Grundtext und deutsche Übersetzung in einem unmittelbaren auch gestalterischen Bezug: Bei Interlinearversionen (Abb. 3) wird für den deutschen Text üblicherweise eine vom lateinischen Grundtext abweichende, kleinere Schrifttype und ein niedrigeres Schriftniveau gewählt. Schmuck- und aufwendigere Gliederungselemente beschränken sich auf den lateinischen Teil.6 Diese medialen Ungleichgewichte im zweisprachigen Konzept unterstreichen die dienende Funktion der volkssprachigen Teile. Sie sind in der Regel ohne substantiellen Eigenwert. Stehen lateinischer Text und deutsche Übersetzung jedoch abschnitts-, spalten- oder seitenweise neben- bzw. hintereinander (Abb. 4), ist die Layoutgestaltung beider Versionen häufig ähnlich bzw. identisch. Beide Versionen scheinen in ihrer Wertigkeit angenähert. In extremster Form bietet Willirams ›Hohelied-Paraphrase‹ dieses synthetisch-bilinguale System.7 Williram führt beide Sprachen zu einer Einheit von lateinischem Bibeltext und lateinischem wie volkssprachigem Kommentar zusammen, wobei auch diese Teile zunächst in deutsch-lateinischer Mischprosa abgefaßt sind. In der medialen Ausgestaltung stellt es sich so dar, daß der Bibeltext zentral, in größerem Schriftgrad mit aufwendigerer Ausstattung in der Mitte der Seite angeordnet ist. Er wird rechts flankiert von einem lateinischen und links von einem deutschen Kommentar. Beide Kommentare sind kleiner, flüchtiger geschrieben und deutlich vom Haupttext abgesetzt. Diese Einrichtungsvariante ist der klerikal-lateinischen Wissensliteratur und den Bibel-/Psalterkommentaren entlehnt bzw. nachempfunden.8 Vor allem in den jüngeren Handschriften (ab 13. Jh.) wird das Mischprosakonzept häufig aufgegeben. Die lateinischen Passagen im deutschen Text werden glossiert bzw. erscheinen letztlich überhaupt nur noch in volkssprachiger Übersetzung.9 Anscheinend konnten Auftraggeber wie Adressaten mit diesem hochkomplexen System nichts mehr anfangen oder die Schreiber waren mit der Anlage eines solchen Kodex überfordert. Typisch für diesen Buchtyp ist fast immer die Dominanz des lateinischen Texts. Bei einigen wenigen Handschriften aus dem späteren 13. Jh. werden jedoch erstmals die Rollen vertauscht: In der ›Würzburger Klarissenregel‹ (um 1300) und einer ›Augsburger Drittordensregel‹ sind die lateinischen Regeltexte

6 7

8

9

Vgl. Gumbert (1992) S. 289f. u. mit zahlreichen althochdeutschen Beispielen Henkel (1996a). Vgl. Gärtner (1988) mit detaillierter Beschreibung der Einrichtungscharakteristika der Williram-Überlieferung sowie Lähnemann/Rupp (2006) mit Ausführungen zum ›umgürteten Text‹ in der Williram-Tradierung. Henkel (2003) S. 15–18 verweist als Vorbilder auf »Psalterhanschriften, die den Vulgatatext in einer eigenen Kolumne in größerer Schrift im Zentrum der Seite bieten, flankiert von zwei Spalten Kommentar« (ebd. S. 15f.). In einigen jüngeren Handschriften (ab 13. Jh.) wird das Mischprosakonzept aufgegeben. Die lateinischen Passagen im deutschen Text werden glossiert bzw. erscheinen letztlich nur noch in volkssprachiger Übersetzung; vgl. Gärtner (1988) S. 13f. (Gruppe C).

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dem deutschen Text nachgestellt.10 Die deutschen Texte geben hier Layout und Ausstattung vor. Typ C In lateinischen Handschriften mit integralen volkssprachigen Glossen, kleinen Erläuterungen und Kommentaren sind lateinischer Fließtext und deutsche Teile als synthetische Einheit konzipiert und in einem Zug fortlaufend geschrieben. Die volkssprachigen Glossen/Passagen/Interpretamente werden in das vorgegebene Layout- und Schriftschema integriert und heben sich nicht vom lateinischen Text ab. Entsprechende Beispiele finden wir in großer Zahl in der Überlieferung des ›Summarium Heinrici‹ und in den Handschriften der Hildegard von Bingen. In einigen Handschriften machen die Schreiber die deutschen Glossen/Interpretamente durch eine andere Schrifttype, einen anderen Schriftgrad, Unterstreichung oder Rubrizierung kenntlich. Typ D In älteren lateinischen Handschriften mit nachgetragenen volkssprachigen Ergänzungen, Korrekturen, Übersetzungen, Gebrauchsanweisungen und Kommentaren werden für die volkssprachigen Nachträge Freiräume aller Art genutzt. Oft sind es nach einem Textende freigebliebene Zeilen, aber auch Seitenränder und Buchdeckel, in die entweder zeitnah, gelegentlich noch von der Hand des lateinischen Schreibers oder eines Korrektors, oft aber auch Jahrzehnte und Jahrhunderte später volkssprachige Zeilen eingetragen werden. Besonders häufig finden sich derartige Ergänzungen bei den im alltäglichen Gebrauch stehenden Psalterien, Gebetbüchern11 (Kap. II.1.4), Ordensregeln (Kap. II.1.2), der medizinischen und der juristischen Fachliteratur. So ist der ›Pfälzer Judeneid‹ in einer lateinischen Sammelhandschrift mit Bibelkommentaren und Rechtstexten auf einer freien halben Seite in der 1. Hälfte des 13. Jahrhunderts nachgetragen worden (Vatikan (Rom), BAV, Cpl 288, Bl. 158v).12 Entsprechende Einträge erleichtern und erklären vielfach den Gebrauch des lateinischen Werks. Freiräume werden aber auch zur reinen Aufzeichnung und Archivierung von Texten genutzt, und zwar z.T. ohne daß eine inhaltliche Beziehung zur lateinischen Trägerhandschrift erkennbar wäre. So stehen z.B. Heinrichs von Rugge ›Leich‹ (N) in einer lateinischen Dekretalen10

11 12

Würzburg, Franziskanerkloster, Cod. I 128 (verbrannt): dt. Klarissenregel = Bl. 1r –30r; lat. Klarissenregel = Bl. 30v–59; Berlin, SBB-PK, mgo 370: Augsburger Drittordensregel, dt. = Bl. 1ra–6rb, lat. = Bl. 6va–10rb; vgl. Anlage 2. Vgl. Wolf (2005) mit einer umfänglichen Liste entsprechender Psalter-/Gebetbuchhandschriften. Vgl. Wolf (2003a) mit Beschreibung und Abbildung des Judeneids.

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Abb. 5: Kremsmünster, SfB, Cod. 127, Bl. 130r: Walther von der Vogelweide (N) (der Nachtrag wurde nicht vor 1300 eingetragen in ein Mitte/3. Viertel des 13. Jh.s entstandenes lateinisches Totenoffizium).

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Sammlung des 12. Jh.s,13 drei Minnesangstrophen (S, Namenlos + Heinrich von Morungen) in einer lateinischen Sammelhandschrift des 10. Jh.s14 und sieben Walther-Strophen (N) in einem lateinischen Totenoffizium (Abb. 5).15 Layout und Einrichtung der lateinischen Kodizes bleiben in diesen Fällen ebenso ohne Relevanz für die volkssprachigen Teile wie die inhaltliche Konzeption. Man nutzt allenfalls eine vorgegebene Schriftraumbegrenzung oder ein vorgezeichnetes Zeilenschema. Die Ergänzungen erfolgen in zeittypischen, häufig flüchtigen Schriften auf eher niedrigem Niveau. Auf Schmuckelemente wird weitgehend verzichtet. Typ E: Der rein volkssprachige Kodex als Sonderfall Nur wenige volkssprachige Handschriften fügen sich – scheinbar – nicht in dieses bis zum ausgehenden 12. Jh. allgemeingültige, von der lateinischen Schriftlichkeit dominierte System. Zu nennen wären einige Manuskripte mit dem ›Heliand‹ und mit Otfrids ›Evangelienbuch‹. Diese Werke werden bereits seit dem 10./11. Jh. in rein volkssprachigen Handschriften (z.T. mit lateinischem Paratext) tradiert. Tatsächlich handelt es sich dabei aber nicht um die frühen Zeugnisse einer autonomen volkssprachigen Buchkultur oder gar um Belege für eine Abkehr vom klerikal-lateinischen Schriftsystem, sondern es sind ›überlieferungstechnisch‹ bedingte Sonderfälle: Der große Umfang der vorgenannten Texte und ihr geschlossener Werkcharakter legten eine Tradierung in abgeschlossenen und damit notwendigerweise rein volkssprachigen Handschriften nahe. Buchtechnisch unterscheiden sich diese von ihren lateinischen Pendants jedoch ausschließlich durch die Sprache. Entstehung und Nutzung der skizzierten Buchtypen A–D sind nur in einem bilingualen, also primär klerikalen Umfeld denkbar. Nur dort verfügte man über die notwendige Kompetenz, in zwei Sprachen zu schreiben und zwei Sprachen zu lesen. In diesen klerikal gebildeten Kreisen, die für die Aufzeichnung und Nutzung entsprechender Texte verantwortlich zeichneten, gehörte die Zweisprachigkeit mit dem dominierenden Latein und der in besonderen Konstellationen (Schule, Laienseelsorge) und Kontexten (Frauenkloster, allg. 13

14

15

München, BSB, Clm 4570, Bl. 239v–240v: Die Handschrift ist in der zweiten Hälfte des 12. Jh.s (die Jahreszahl 1108 stammt aus der Vorlage) wahrscheinlich im Umkreis des Churer Domkapitels entstanden. Vermutlich war es dieser Umkreis, der sich auch für die volkssprachige Lyrik interessierte; vgl. zum deutschen Leich Schneider (1987) S. 61f., 103f. u. Abb. 22, und zur Handschrift Glauche (1994) S. 111–115. Kremsmünster, SfB, Cod. 248, Bl. 237 v: Nachtrag von drei abgesetzten Strophen im aus dem 10. Jh. stammenden zweiten Faszikel (Ende der als VIII gezählten Lage) einer lateinischen Sammelhandschrift des 10.–13. Jh.s. Das Lied ist auf dem Leerraum zwischen zwei Homilien eingetragen; vgl. Fill (1984) S. 258–265. Kremsmünster, SfB, Cod. 127, Bl. 130: Nachtrag von 7 Liedstrophen innerhalb eines Totenoffi ziums einer lateinischen liturgischen Hs. des frühen 13. Jh.s.; vgl. Fill (1984) S. 192f.

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weibliche Religiosität) wohl mehr ›geduldeten‹ als forciert verwendeten Volkssprache zum Alltag. Besondere Aufmerksamkeit verdient in diesem Zusammenhang, daß fast die gesamte frühe deutsche Lyriküberlieferung in eben solchen bilingualen lateinisch-deutschen Mischhandschriften überliefert ist.16 Sammlungen wie die ›Carmina Burana‹ (um 1230)17 oder die ›Baseler Liederhandschrift‹ (um 1300)18 bieten Lateinisches und Volkssprachiges sogar in verschränkter Folge als synthetische Einheit, was auf ein großes Interesse an volkssprachiger Lyrik im klerikal-gelehrten Umfeld schließen läßt. I.1.2. Die Emanzipation des volkssprachigen Buchs in der 2. Hälfte des 12. Jh.s Noch vor der weltlich-laikalen Hofliteratur sind es Mitte des 12. Jh.s die volkssprachigen Predigtsammlungen (Kap. II.1.1) und die Bibelbearbeitungen, die erstmals auf breiterer Front ein erwachendes Interesse an rein volkssprachigen Büchern dokumentieren. Die Unterschiede zu vergleichbaren lateinischen Sammlungen beschränken sich jedoch auf die gewählte Schreibsprache. Die Inhalte – meist übersetzte und überarbeitete lateinische Standardpredigten bzw. Bibelpassagen – und das Äußere der Bücher – Format, Schrift, Einrichtung, Gestaltung – sind der lateinischen Tradition verpflichtet und weisen kaum aus dem klerikal-lateinischen Literaturdiskurs hinaus. In größerem Maße kommen rein volkssprachige Handschriften erst zu einem Zeitpunkt in Mode, als sich auch die Inhalte aus einer vorwiegend geistlichen Sphäre zu lösen beginnen. Eine Vorreiterrolle spielt dabei die französische Literatur. Dort sind es zu Beginn des 12. Jh.s die im Kloster und am Hof gleichermaßen beliebten Heiligenviten und Heiligenlegenden19 sowie wenig später die neuen höfischen Gattungen – Chanson de geste, Reimchronik (Kap. II.2),

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In lateinischen Sammlungen finden sich jeweils nach- oder eingetragen ein Leich Heinrichs von Rugge (N), KLD Namenlos (Sg), Marner (K) und eine weitere Marner-Spruchstrophe (Langer Ton), MF Namenlos (IV), MF Namenlos (V), Walther von der Vogelweide (N), MF Namenlos (S), Heinrich von Morungen; Spervogel (t); Steinmar-Kontrafaktur, Winsbecke, Boppe (Q), Walther von der Vogelweide (q), Konrad von Würzburg in der ›Baseler Liederhandschrift‹ (um 1300); 5 Minnesangstrophen in Gottfrieds von Hagenau Werksammlung (um 1300). Daneben sind in vielen lateinischen Handschriften deutsche Fassungen des ›Salve regina‹, andere deutsche Marienlieder, deutsche Mariensequenzen etc. überliefert; vgl. Holznagel (1995). München, BSB, Clm 4660 u. 4660a; vgl. das Faksimile von Bischoff (1967). Basel, UB, Cod. B XI 8; die Handschrift wurde von der gesamten älteren Forschung aufgrund eines Schreibfehlers im alten Baseler Katalog ins ausgehende 14. Jh. datiert und deshalb von der Lyrik-Forschung nicht in ihrer realen Bedeutung wahrgenommen; vgl. etwa Cormeau (1996) S. XXXVIII. Zur schon früh relativ reichen französischen Überlieferung dieses Genres vgl. Inventaire N° 2093–2103. Was Inhalte und Überlieferungscharakteristika betrifft, zeigen die französischen Heiligenlegenden enge Verwandtschaft zu den Chansons de geste; vgl. exemplarisch zum Guillaume-Komplex Wolf (2001).

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Antikenroman und Artusepik 20 (Kap. II.3) – für die man rein volkssprachige Transportmedien bevorzugt.21 Das erfolgreiche Verschriftlichungsverfahren der Heiligenlegenden scheint dabei als Vorbild für die Verschriftlichung profaner bzw. semiprofaner ›Heldenlegenden‹22 gedient zu haben: In Textform, Rhythmus und Sprache sowie vor allem auch in der Gestaltung und Ausstattung der Überlieferungsträger zeigen sich derart markante Parallelen zwischen den ältesten Chansons de geste und den Heiligenlegenden,23 daß die Legenden-Kodizes wie Muster für die ersten Chanson-Handschriften wirken (Tafel 1–2), wobei allerdings nicht übersehen werden darf, dass entsprechende Einrichtungsmuster in lateinischen Klassikerhandschriften (Vergil, Ovid, Statius etc.) bereits seit langem in Gebrauch waren. Heiligenlegenden, Chansons de geste, Reimchroniken und die ebenfalls historisch gesehenen Antikenromane machen bald einen wesentlichen Teil der volkssprachig-französischen Buchproduktion aus. Bemerkenswert ist, daß sich trotz der engen thematischen und buchtechnischen Bindung an die lateinische Schriftkultur gerade in diesem Gattungsumfeld die rein volkssprachige Handschrift früh durchgesetzt hatte. Der auffallend große Anteil rei n volkssprachiger Kodizes weist schon im 12. Jh. dezidiert aus dem klerikal-gelehrten Milieu hinaus. Allerdings gilt dies selbst bei den profanen Gattungen für die Inhalte und die Inhaltsprofile nur bedingt und gleich gar nicht für die Buchgestalt, was bedeutet, daß die volkssprachigen Handschriften augenscheinlich von den selben Personen (klerikal-lateinischen Schreibern) in den selben Produktionsstätten (Kloster, Domschule) hergestellt wurden wie die gleichzeitigen lateinischen Manuskripte. Nur das Zielpublikum war – par-

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In diesen neuen profanen Texten tauchen auch erstmals die altfranzösisch-provenzalischen Leittermini der neuen Hofkultur auf: cortois/cortes bzw. cortesie. Die ältesten Belege finden sich nach Bumke (1992) S. 425 in der ›Chanson de Roland‹, im ›Roman de Thèbes‹ und in Waces ›Roman de Brut‹. In Deutschland tauchen entsprechende Begriffe (u.a. hövesch, hövescheit, hoveslich) zuerst in der ›Kaiserchronik‹, in Heinrichs von Melk ›Priesterleben‹, im ›Graf Rudolf‹, im ›Pilatus‹, im ›Tnugdalus‹, im ›König Rother‹, im ›Rolandslied‹, im ›Straßburger Alexander‹, in Veldekes ›Eneas‹, in Eilharts ›Tristrant‹ und in der Lyrik auf (einige Stellennachweise bei Bumke, 1992, S. 425–434). Signifi kant sind dabei zwei Momente: der hohe Anteil der französischen Adaptionen und die Häufung einer solchen modernen Begrifflichkeit in der Legendenliteratur. Durchaus auch in Analogie zur Situation im Westen – jedoch ohne etwaige Vorbilder von dort zu importieren – scheint sich gerade dieses von geistlichen Themenstellungen geprägte Genre in der Welt der deutschen Höfe besonderer Beliebtheit erfreut zu haben. Zu bedenken ist jedoch immer, daß wir auch im frz. Sprachraum für die Zeit vor 1200 kaum über entsprechendes Handschriftenmaterial verfügen; vgl. zusammenfassend Busby (2002) S. 7–22. Einige der weltlichen Helden wie Willehalm und Roland zeigen heiligengleiche Attribute bzw. werden in letzter Konsequenz selbst zu Heiligen. Vgl. etwa zur engen textuellen und medialen Verbindung zwischen ›Chanson d’Aliscans‹ und den frühen französischen Heiligenlegenden sowie parallelen lateinischen Heiligenlegenden Wolf (2001). Die Vorbildfunktion der französischen Heiligenlegenden für die volkssprachig-französisch narrative Dichtung streicht auch Frank (1994) S. 135–138 heraus.

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tiell – ein anderes. Die ersten rein deutschen Handschriften dieser für den Aufbruch in die volkssprachige Schriftlichkeit reklamierten Genres – Versepen, kleineren erzählende Verstexte, Reimchroniken und Heiligenlegenden24 – sind nur wenig jünger. Wie die gesamteuropäischen Rezeptionszeugnisse zeigen, waren viele der Stoffe bald in aller Munde. Doch obwohl in den volkssprachigen Texten selbst ständig von Büchern gesprochen, von Vorlesesituationen erzählt und auf abenteuerliche Geschichten rund um die Buchbeschaffung angespielt wird, präsentiert sich die Überlieferungsdecke hier wie da auffällig dünn.25 Die wenigen (erhaltenen) volkssprachig-deutschen Einzelstücke erweisen sich dabei kaum anders als die frz. Stücke der klerikal-lateinischen Buchkultur verpflichtet: Schrift, Layout, Ausstattung und (selten) Bildelemente entsprechen den gleichzeitigen lateinischen Mustern. Zu denken geben allerdings die – sicher nicht nur aus Kostengründen – merkwürdig unterentwickelten Gliederungssysteme in vielen volkssprachig-deutschen Handschriften: Die Kodizes sind immer fortlaufend geschriebenen und zeichnen sich durch ein fast vollständiges Fehlen von gliedernden Initialen, Majuskeln, Kapitelüberschriften, unterschiedlichen Schrifttypen und Farben aus.

»Ein Text, der all diese Gestaltungsmöglichkeiten nicht aufweist, ist leserunfreundlich und muß laut gelesen werden, um verstanden zu werden.«26 Genau in diese Richtung weisen die zeitgenössischen Belege zur Primärrezeption entsprechender Kodizes. Sie wurden vorgelesen und gehört, aber wohl kaum still, individuell gelesen.27 Die profanen Inhalte lassen dabei zunächst an Auftraggeber, Interessenten und Adressaten aus einem höfisch-laikalen Milieu denken, doch ein kaum geringeres Interesse an diesen weltlichen Stoffen läßt sich an den geistlichen

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Einen kursorischen Überblick der literarischen Gesamtentwicklung bieten zahlreiche Literaturgeschichten. Einen schnellen Überblick erlaubt Heinzles Datensynopse (Heinzle, 1993, S. 96–150). Für die französische Literatur ist neben den einschlägigen französischen und englischen Literaturgeschichten die Aufstellung von Greczko-Kürschner (1999) S. 26–32 hilfreich. Bis zum Ende des 12. Jh.s kann sie nicht weniger als 41 verschiedene Chansons de geste, 38 Versromane, 14 Reimchroniken und 16 kleinere erzählende Verstexte auflisten. Hinzu kommen gegen Ende des Jahrhunderts noch ein erster Prosaroman (›Perlesvaus ou Le Haut Livre du Graa l‹) und einige Prosachroniken. Maßgeblich für die französische Überlieferung ist das Inventaire. Ein darauf aufbauendes Verzeichnis französischer Handschriften des 12. und frühen 13. Jh.s bietet Greczko-Kürschner (1999) S. 73–78, 80–83 (rein französische Handschriften) sowie ebd. S. 78–80 (französisch-lateinische Mischhandschriften). Zu ergänzen sind die inselfranzösischen Dokumente ebd. S. 115–118 u. bei Dean (1999). Für den deutschen Sprachraum sind die Aufstellung von Hellgardt (1988) (demnächst in aktualiserter Version als online-Datenbank im Rahmen des Handschriftencensus: http://cgi-host.uni-marburg.de/~mrep/index_census.html) und für das 13. Jh. die einschlägigen Handschriftenartikel des ›Marburger Repertoriums‹ maßgeblich: http://www.uni-marburg.de/hosting/mr13/welcome.html. Frank (1993) S. 60. Vgl. dazu grundlegend Green (1994) u. (1994a).

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Höfen beobachten. In dieses Bild passen etwa die in der ›Nibelungenklage‹ selbst gestreuten Mutmaßungen zu Bischof Pilgrim von Passau (10. Jh.) als Chiffre für den Auftraggeber von ›Nibelungenlied‹ und ›Klage‹ (Klage B 3298 u.ö.). Ein halbes Jahrhundert später (1259) besitzt der Passauer Bischof Otto von Lonsdorf ein Heldenepos mit dem Titel Attila versifice und sogar einen französischen libellus in Gallica lingua de Artusio.28 Daß einige der volkssprachigen Epen- und Lyrik-Handschriften auffallende Merkmale der klerikallateinischen Buchkultur zeigen, überrascht vor diesem Hintergrund nicht weiter. Dies gilt beispielsweise für die ›Nibelungen‹-Handschrift C, wobei sich gerade die ›Nibelungen‹-Überlieferung nur schwer in vertraute Kategorien wie ›weltlich‹ und ›geistlich‹ fügen will: Das Layout und der reiche Initialschmuck in ›Nibelungen‹ C29 (2. Viertel 13. Jh.) entsprechen in ihrer charakteristischen Ausführung mehr als sonst für volkssprachigepische Texte der Zeit üblich geistlich-lateinischen Kodizes. Der Anfang des Lieds ist durch eine 12-zeilige Spaltleisteninitiale hervorgehoben. Die ›Klage‹ beginnt oben auf einem Blatt ebenfalls mit einer 9-zeiligen Spaltleisteninitiale, wie wir sie aus geistlichen Kodizes der Zeit geradezu als Standardaccessoires kennen. Zusätzlich sind die ersten Worte des Lieds (UNS IST ) mit abwechselnd roten und blauen Majuskeln besonders ausgezeichnet. Ein Verfahren, das bei zeitgenössischen lateinischen Bibelbzw. Psalterhandschriften häufig zur Anwendung kommt. Nach Schneider wirken die Initialen »noch sehr archaisch, obwohl die mit Punkten besetzte Spaltleiste und das überlappende Blättchen oben am zweiten Schaft des U (1r) bereits moderne Elemente sind.«30 Insgesamt wird man diesen Initialtyp aber weniger als archaisch, denn als typisch für Klosterskriptorien bzw. geistliche Handschriften (Bibel, Graduale, Sermones, Heiligenleben) ansehen dürfen.31 Verschiedene Indizien machen bei ›Nibelungen‹-C allerdings stutzig: »Das Pergament ist von guter, einheitlicher Qualität, nur selten zeigt es Löcher, die man an den Rand zu plazieren suchte und vernähte.«32 Fast alle 28

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Bücherverzeichnis Bischof Ottos von Lonsdorf, um 1260 (MBK-Deutschland/Schweiz IV,1 31, 192, 198): Bei dem ›Attila‹ könnte es sich um einen ›Waltharius‹ handeln. Das Libellus = kleines Büchlein; In Gallica = in altfranzösischer Sprache; De Artusio enthielt einen Text über Artus. Nach dem dezidierten Hinweis auf Artus käme am ehesten Chrétiens ›Yvain‹ in Frage, aber auch Waces ›Roman de Brut‹ (zum ›Brut‹-Exemplar im Kloster Tegernsee siehe unten S. 259) oder sogar der Prosa-Artuszyklus wären denkbar; vgl. zur Person Ottos von Lonsdorf Breinbauer (1992) sowie zu dessen Mäzenatentum Bumke (1979) S. 198ff. Karlsruhe, BLB, Cod. Donaueschingen 63; vgl. Bumke (1996) S. 162–167;. Schneider (1987) S. 142–145, Obhof (2003) u. (2005) und Heinzle (2004) S. 12–18. Schneider (1987) S. 144 u. Obhof (2003) S. 243f. u. Obhof (2005). Wegen der Vertrautheit des Schreibers mit der Urkundenschrift vermutet Schneider (ebd.) einen Kanzlisten als Schreiber. Sieht man alle Indizien zusammen, ist eher an ein Klosterskriptorium zu denken. Die Urkundenschrift spräche nicht dagegen. Vgl. mit einer Fülle ähnlicher Beispiele aus dem 2. Viertel des 13. Jh.s Klemm (1998). Grundsätzliche Gestaltungsähnlichkeit zeigen z.B. auch die ›Carmina Burana‹. Interessant ist dieser mischsprachige Kodex im aufgezeigten Zusammenhang auch, weil er eine volkssprachige Heldenliedstrophe (›Eckenlied‹) überliefert. Wie präsent die Helden bzw. die Heldenepen in der klerikalen Welt waren, belegen zudem zahlreiche Aussagen gelehrtlateinischer Chronisten und die von ihnen in ihre zum Teil überaus populären Geschichtswerke zwar häufig kritisch reflektierten, aber dennoch geradezu selbstverständlich übernommenen ›Heldengeschichten‹. Obhof (2003) S. 241.

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anderen, auch aufwendiger ausgestalteten volkssprachigen Handschriften der Zeit zeigen erhebliche Pergamentmängel (Beispiele s.u. S. 127–132), so als ob sie für ein Publikum geschrieben seien, das sich mit Büchern nicht gut auskannte – für den weltlichen Hof halt. Doch bei ›Nibelungen‹-C ist alles anders. »Der Kodex wurde von Anfang bis Ende von einer Hand gleichmäßig in frühgotischer Minuskel auf hohem kalligraphischen Niveau niedergeschrieben« [und] »der Text wurde systematisch in braun / schwarzer Tinte oder in Rot oder Blau korrigiert.«33 Die Hinweise auf einen geistlichen Interessenten verdichten sich, obwohl eine einrichtungstechnische Beobachtung Obhofs vor einer vorschnellen Zuordnung warnen sollte: »Blatt 1r ziert die Initiale U in Höhe von etwa 15 Zeilen und der halben Breite des Schriftspiegels, den sie aber links und oben überragt. Als Spaltfüllung dient ein seilartig gedrehtes und ein perlenkettenartiges Füllstück (Perlen mit Kern). Die Initiale ist spiegelverkehrt, was auf mechanisches Kopieren einer Vorlage hindeutet. Dem Illuminator war dieser Initialstil offensichtlich nicht mehr geläufig, daher sind ihm auch die Abschlüsse der Schäfte in Form von Palmetten moderner geraten, was beim ersten oben und unten durch Abrieb nur noch schwach erkennbar ist. Eventuell sollten die nach rechts ausgerichteten, deplaziert und ungelenk wirkenden Schaftabschlüsse von der falschen Ausrichtung des Buchstabens ablenken [...] Schrift und Eigentümlichkeiten des Buchschmucks, insbesondere das spiegelverkehrte U, machen deutlich, daß die Handschrift alt und repräsentativ wirken sollte.«34 Würde so eine Camouflage an einem geistlichen Hof geduldet? Eine Beobachtung von Heinzle weist möglicherweise den Weg: »Indem die Initialen in den beiden Handschriften den Text in eine altertümliche Aura hüllen, übersetzen sie die Botschaft der Prolog-Strophe [Uns ist in alten maeren wunders vil geseit] ins Visuelle: Erzähler-Ansage und Buchschmuck, die Worte und das Schriftzeichen, rücken das Erzählte gleichermaßen in die Distanz alter, und das heißt: ehrwürdiger Überlieferung. Dabei ist es gleichgültig, ob die Initialen eigens für die beiden Handschriften [C und S, JW] konzipiert wurden oder ob sie den Schmuckstil der Ur-Handschrift der C*-Bearbeitung konservieren.«35 Daß wir ähnliche Einrichtungscharakteristika auch bei dem mit C verwandten, d.h. ebenfalls mit der ominösen Prolog-Strophe ausgestatten ›Nibelungen‹-Discissus S finden, überrascht jetzt nicht mehr. Fragen bleiben allerdings hinsichtlich der dilettantischen Ausführung in C (spiegelverkehrtes U ). Hier wird man möglicherweise an ein nicht unmittelbar mit dem Schriftwesen verwobenes Publikum zu denken haben, was einen Bischofshof nicht ausschließt, aber eher für einen weltlichen Hof zu sprechen scheint. Einen ähnlichen Initialentyp mit kaum moderneren Elementen (erhalten ist nur eine fünfzeilige Abschnittsinitiale) bietet das um 1260 angefertigte ›Nibelungen‹Fragment E36 – auch es gehört zur C-Gruppe. Wie C ist dieser Kodex fortlaufend, einspaltig eingerichtet. Der Gestaltungstyp erinnert wiederum direkt an lateinischgeistliche Handschriften. Aus dem geistlichen Kontext hinaus weist allerdings die

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Obhof (2003) S. 242. Obhof (2003) S. 243f. Obhof favorisiert deshalb mit Hinweis auf ›Schwabenspiegel‹-Handschriften des ausgehenden 13. Jh.s einen »in der Herstellung repräsentativer Urkunden geübten Schreiber im Dienste eines wohl vermögenden Herren.« Im zweiten Viertel des 13. Jh.s sind solche Schreibzusammenhänge jedoch nicht belegt. Die Indizien sprechen eher für ein (kleineres?) Klosterskriptorium, das freilich auch für einen weltlichen Herren gearbeitet haben kann. Heinzle (2004) S. 13. Berlin, SBB-PK, Frgm. 44; vgl. Batts (1971) S. 829–832, Schneider (1987) S. 136–142 u. Bumke (1996a) S. 154–156.

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Schreiberhand. Sie scheint mit dem 4. Schreiber des Sangallensis (Nibelungen B, um 1260) identisch.37 Dieser umfassende Sammelkodex bietet jedoch eine andere TextFassung (B*). Er ist auch grundsätzlich anders, den modernen Epenhandschriften der Zeit vergleichbar, zweispaltig mit abgesetzten Strophen eingerichtet.38 Von diesem Sangallensis-Schreiber 4 stammt auch das ›Parzival‹-Fragm. 1.39 Es ist wie ›Nibelungen‹ B zweispaltig eingerichtet und weist fortlaufende Verse auf. Die aufwendige ›philologische‹ Betreuung, Einrichtung und Gestaltung der Schreibprodukte läßt einen professionellen Schreibbetrieb aufscheinen, in dem letztlich alle Arten von geistlichen, weltlichen sowie lateinischen und volkssprachigen Texten für einen an Heldenepik, Gralepik, Heilsgeschichte und geistlicher Literatur gleichermaßen interessierten Publikumskreis vervielfältigt wurden. 40 Offensichtlich verschwimmen hier sowohl auf der Produzenten- wie der Auftraggeberseite die lieb gewonnenen Kategorien geistlich-weltlich bis zur Unkenntlichkeit.

Wenn wir nach Parallelen suchen, muß der Blick auf die ›Carmina Burana‹ fallen. Der Kodex mit seiner ebenmäßigen, regelmäßigen Schrift auf hohem kalligraphischen Niveau bietet ein nahezu identisches Bild wie die ›Nibelungen‹Handschriften. Eine solche Verschränkung beider Sphären mit vergleichbaren kodikologischen Konsequenzen kann aber vor allem in der ›Kaiserchronik‹Überlieferung mit Händen gegriffen werden. Ich verweise auf die älteste und zugleich kostbarste ›Kaiserchronik‹-Handschrift (Vorau, SfB, Cod. 276), die Probst Bernhard von Vorau (1185–1202) in den letzten Jahren des 12. Jh.s in Auftrag gegeben haben dürfte (s.u. S. 210f.). Ansonsten sind in der volkssprachigen Textüberlieferung der Zeit vergleichbare Fälle besonderer aufwendiger Buchgestaltung rar, in der lateinischen Bibel- oder Kirchenväterüberlieferung jedoch für anspruchsvollere Auftraggeber – Bischöfe, Äbte – geläufig.41 Aber kehren wir nach diesem Ausflug in die ›Nibelungen‹-Überlieferung zurück zum Normalfall. Absolut steigen die Zahlen der bilingualen Manuskripte während des ersten Viertels des 13. Jh.s zwar noch einmal an, prozentual sinkt ihr Anteil an der volkssprachigen Gesamtüberlieferung aber von rund 70% während des 4. Viertels des 12. Jh.s auf knapp 40% in Deutschland und 30% in Frankreich (Diagramm 3 und 4). Mit dem weiteren Vormarsch der neuen profanen Stoffe, die nun fast ausschließlich in rein volkssprachigen Manuskripten tradiert werden, sind die bilingualen Textensembles um die Mitte des 13. Jh.s für die volkssprachige Schriftkultur schließlich fast 37 38

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Vgl. Schneider (1987) S. 136, Bumke (1996) S. 155 und Schirok (2003) S. 253–269, hier bes. S. 255f. Diese moderne(re) Einrichtung ist bei den Überlieferungsfamilien *A, *B, *D und *J von Beginn an charakteristisch. Die *C-Gruppe (noch aus dem 13. Jh.: C, E, Z, F, G, X und R; vgl. zur Gruppenzugehörigkeit Heinzle, 2000, S. 209ff.) verbleibt über das 13. Jh. hinaus bei der einspaltigen Einrichtung. Die aufwendigste Einrichtungsvariante mit zweispaltiger Einrichtung sowie abgesetzten Strophen und Versen bietet schließlich die in den 1280er Jahren entstandene Hs. A (München, BSB, Cgm 34); vgl. zur Seitengestaltung die Abbildungen bei Batts (1971) und grundlegend Bumke (1996) S. 212–253. Wien, ÖNB, Cod. 13070; vgl. Palmer (1992) S. 20f. Mit dieser Einschätzung auch Heinzle (2004) S. 22. Vgl. etwa die Beispiele bei Klemm (1998).

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bedeutungslos geworden. Ihr Anteil macht in Frankreich gerade noch 10– 15% und in Deutschland 15–20% an der volkssprachigen Gesamtüberlieferung aus. Nur bei geistlichen Stoffen (Bibel, Gebetbuch/Psalter) und klösterlicher Fachliteratur (Medizin, Rezepte, Segen) spielen zweisprachige Textensembles weiterhin eine dominierende Rolle. Die Überlieferungsstatistik belegt aber nicht nur eine Verschiebung hin zu monolingualen Handschriften, sondern gleichzeitig eine deutlich rigidere Zuordnung des Lateins zur geistlichen Literatur und der Volkssprache zur weltlichen Literatur. I.1.3. Volkssprachige Gebrauchshandschriften um 1200 Für die Tradierung volkssprachiger Texte hatte sich um 1200 in vielen Gattungssegmenten der rein volkssprachige Kodex als Standard durchgesetzt. Als Buchmuster bevorzugte man in Frankreich/England und in Deutschland einfache, schmuckarme, einspaltige, kleinformatige (Gebrauchs-)Handschriften, wie wir sie aus der lat. Überlieferung des 12. Jh.s in großer Zahl kennen.42 In besonderen Ausnahmefällen konnte bei politisch-dynastisch relevanten Werken (Chroniken, Chansons de geste, Legenden) und bei heiligen Texten (Bibel, Psalter, Legenden) zu Gunsten einer repräsentativen, prachtvollen Ausstattung allerdings vom üblichen Schema abgewichen werden. Entsprechende Fälle sind aus Frankreich/England häufiger und aus Deutschland seltener überliefert. Überhaupt sind im Westen die Kodizes durchschnittlich aufwendiger eingerichtet und ausgestattet als in Deutschland. Einiges spricht dafür, diese Einrichtungsunterschiede auch als Indiz für einen partiell anderen Nutzungshorizont volkssprachiger Texte und Bücher zu deuten, denn bei den französischen Handschriften finden sich früh auffällig häufig genau solche Merkmale, die das individuelle Lesen erleichtern: Wir finden abgesetzte Verse, ausgerückte Anfangsbuchstaben, komplexere Gliederungssysteme mit Initialen und Majuskeln. Auch geht man schon während der Jahrhundertwende zur zweispaltigen Seitengestaltung über. Die französische Standardhandschrift um 120043 – Oktav- oder Kleinquart 42

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Kienhorst (2001) S. 14 verweist auf das »lay-out van Latijnse metrische poëzie«. Aber auch andere lat. Texttypen (Wissensliteratur, Recht, Gebet etc.) verwenden diesen Einrichtungstyp, der für Gebrauchsliteratur zum Standard avanciert war. Vgl. grundlegend Martin/Vezin 1990 und darin insb. Hasenohr (1990) sowie Album de manuscrits (2001). Exemplarisch ausgewertete Handschriften: Chanson de geste : Oxford, Bodleian Library, Digby 23 (›Chanson de Roland‹, Inventaire N° 4001); Erfurt, UB, Cod. Ampl. 8° 32 (›Chanson de croisade‹, Inventaire N° 4106); Legenden: Hildesheim, St. Godehard-Bibl., ohne Sign. (›Vie de saint Alexis‹, Inventaire N° 2094/3048); Vatikan (Rom), BAV, Cpl 5334 (›Vie de saint Alexis‹, Inventaire N° 2095); Orléans, Bibliothèque Municipale, 1462 (›Miracles de la Vierge‹, Inventaire N° 2096); Antikenroman : Florenz, Laurenziana, plut. LXIV, Cod. 35 (›Roman d’Alexandre‹ = Inventaire N° 4046); Artusepik: Tours, BM, 942 (Chrétien: ›Cligés‹).

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– Schriften mittleren bis niedrigen Niveaus; früh kommen aber auch schon aufwendigere Schriften zum Einsatz – Einzeltextüberlieferung – Einspaltig; früh auch schon zweispaltig – Einfache Ausstattung: farbige Majuskeln und Initialen werden zunächst sparsam eingesetzt, gewinnen als Gliederungselemente aber schnell an Bedeutung. – Abgesetzte Verse gehören auch bei einfachster Ausstattung bereits im späten 12. Jh. zum Grundmuster44 ebenso wie – ausgerückte Anfangsbuchstaben – einfache bis mittlere Pergamentqualitäten Wirklich neu sind auch diese modernen Errungenschaften der französischvolkssprachigen Buchkunst freilich nicht.45 Abgesetzte Verse werden beispielsweise schon in den ältesten griechischen Papyri46 und dann ganz selbstverständlich ab dem 4./5. Jh. in lateinischen Vershandschriften verwendet. Beim Psalter gehören sie spätestens seit dem 8. Jh. zum Ausstattungsstandard. Selbst in einzelnen althochdeutschen Handschriften wie in den Kodizes von Otfrids ›Evangelienbuch‹ und dem ›Ludwigslied‹ (Valenciennes, Bibliothéque Municipale, Hs. 150) kommen sie, dem lateinischen Usus entsprechend, vor. 47 Ausgerückte Anfangsbuchstaben gehören im lateinischen Schreibbetrieb ebenfalls seit jeher zu den gebräuchlichen Ausstattungsmustern. Der abgebildete Pariser Vergilkodex aus dem 9. Jh. (Tafel 3) markiert keinesfalls den Anfangspunkt dieser Tradition.48 Die ausgerückten Anfangsbuchstaben bei den ältesten französischen Chanson de geste-Handschriften wird man deshalb als konsequente Fortschreibung lateinischer Traditionen interpretieren wollen – was wohl auch für die Gattung selbst gilt. Ebenso selbstverständlich werden aufwendigere Gliederungssysteme mit farblich und in der Größe abgestuften Initialen und Majuskeln eingesetzt. Sie begegnen bei Bibeln, Evangeliaren, den Texten der Kirchenväter, 49 pragmatisch-geistlichen Texten50 und vor allem auch bei den lateinischen Epen rund um die antiken Helden, um Karl den Großen und im ›Waltharius‹.51 In einigen aufwendig ›betreuten‹ Handschriften finden sich

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Vorbilder dürften die lat. Handschriften gewesen sein, wo abgesetzte Verse etwa in der Vergil- und Prudentius-Überlieferung schon seit dem 9. Jh. Standard waren. Vgl. zum Einfluß lateinischer Vorbilder auf die französische Buchkultur grundsätzlich Frank (1994). Vgl. Gumbert (1992) S. 281. Vgl. Schneider (1999) S. 131f. Vgl. Martin/Vezin (1990), Abb. 88 u. 92 (Paris, BN, lat. 7926 und sehr ähnlich lat. 10307). Zu Beispielen aus dem 8./9. Jh. vgl. Jakobi-Mirwald (1998) bes. S. 90–98. Vgl. grundlegend Palmer (1989) und etwa die z.T. von den Autoren Bernhard und Ulrich von Cluny selbst eingeforderten Gliederungssysteme in Handschriften der ›Consuetudines‹ (Tutsch, 1999). Vgl. mit zahlreichen Detailanalysen Bästlein (1991).

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sogar Inhaltsverzeichnisse bzw. deren Vorformen.52 Zur besseren Übersicht werden spätestens seit dem ersten vorchristlichen Jahrhundert auch Kolumnentitel verwendet. In karolingischer Zeit sind Inhaltsverzeichnisse in der patristischen Literatur verbreitet.53 Register moderner Prägung mit Seitenzahlen sind ab dem frühen 13. Jh. in lateinischen, aber erst gegen Ende des 13. Jh.s in volkssprachigen Kodizes nachweisbar, in Deutschland z.B. in der Wiener Kleinepiksammlung (Wien, ÖNB, Cod. 2705, Bl. 1r –2v) und im ›Schwabenspiegel‹ La (Karlsruhe, LB, Cod. Donaueschingen 738 + Registerbruchstück in Cod. Donaueschingen D 10; Tafel 4). Das Register in der Klosterneuburger Handschrift des ›Deutschen salernitanischen Arzneibuchs‹ (Klosterneuburg, SfB, Cod. 1239) wurde erst im frühen 14. Jh. nachgetragen. Auf sehr alte Vorbilder geht auch die bei volkssprachigen Handschriften des ausgehenden 12. Jh.s besonders innovativ wirkende zweispaltige Einrichtung zurück. Sie kommt in (spät)antiken lateinischen und griechischen Papyri und Handschriften vor und ist dann im lateinischen Schreibbetrieb seit dem 4./5. Jh. bei aufwendigeren (Prosa-)Werken54 und kommentierten55 Kodizes verbreitet. Im 12. Jh. ist das zweispaltige Layout insbesondere bei größerformatigen, aufwendigeren lat. Kodizes Standard.56 Das Layoutschema wurde jeweils den Erfordernissen angepaßt.57 Bei Handschriften mit Kommentaren konnte die Spaltenzahl auch auf drei, vier und mehr Spalten erhöht werden.58 Im französisch-angevinischen Raum geraten diese vielfältigen, auch aufwendigeren Buch- und Einrichtungsmuster der lateinischen Schrifttradition über alle Gattungsgrenzen hinweg schon früh in das Blickfeld der volkssprachigen Buchkultur. Bei geistlichen Stoffen erscheint der Übergang letztlich als bruchlose Fortführung lateinischer Traditionen im volkssprachigen Gewand. Ein wesentlicher Unterschied liegt allerdings in der Spannbreite der benutzten Buchmuster: Man bevorzugte für volksprachige Texte einfache(re) Einrichtungs- und Ausstattungsvarianten.

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Vorformen von Inhaltsverzeichnissen (kurze Inhaltszusammenfassungen jeweils am Buchanfang) tauchen in antiken Rollen und Kodizes auf (vgl. Opelt, 1994, S. 19). Vgl. Frank (1994) S. 64–68, 78f. sowie grundlegend Palmer (1989) u. Meyer (1991). Mehrspaltige Einrichtung findet sich im 4.–7./8. Jh. vor allem bei Prosatexten. Verstexte werden dagegen meist einspaltig, mit jeweils einem Vers pro Zeile angelegt; vgl. Frank (1994) S. 68f. sowie die zahlreichen Beispiele bei Lowe (1972) u. Martin/Vezin (1990) Abb. 16, 17, 32ff., 62, 92. Z.B. Martin/Vezin (1990) Abb. 88. Vgl. exemplarisch Cohen-Mushlin (1990a) S. 30f. (Table 1). Vgl. zu entsprechenden Layout-Modellen mit zwei bis fünf Spalten Martin/Vezin (1990) S. 176f., 183, passim. Die dreispaltige Konzeption der (ursprünglichen) Williram-Handschriften ist diesem wissenschaftlichen Kommentarsystem entlehnt. Z.B. 4 Spalten in der Justinian-Handschrift Turin, BN, Ms. E.I.8 und im Psalterium Quadruplex Köln, Dom, Hs. 8: Der vierspaltige Kölner Psalter wurde während des 2. Viertels des 11. Jh.s in Bamberg angefertigt. 5-spaltige Manuskripte (Dominikanerbibel Paris, BN, lat. 17232) bleiben dagegen eine Ausnahme.

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In Deutschland kristallisiert sich in der geistlichen Überlieferung eine ähnlich stringente Linie von der lateinischen in eine volkssprachig-deutsche Schriftkultur heraus.59 Wie im Westen ist als wesentlicher Unterschied zur lateinischen Tradition ein deutlich eingeschränktes, auf große Pracht verzichtendes Repertoire an Buchmustern zu erkennen. Grundsätzlich andere Entwicklungslinien werden allerdings bei den weltlich-epischen Texten sichtbar. In Frankreich/England griff man auch bei diesen Textsorten früh auf eine relativ breite Palette an Buchmustern aus der lateinischen Tradition zurück. Neben den dominierenden, einfachen Gebrauchshandschriften begegnen schon vor der Jahrhundertwende Textzeugen mit abgesetzten Versen, ausgerückten und farblich ansprechend gestalteten Anfangsbuchstaben sowie Goldgrundinitialen. In Deutschland gewinnen vergleichbar aufwendige Buchformen erst im fortschreitenden 13. Jh. an Bedeutung. Sie werden dann anscheinend analog zu den Texten über französisch-volkssprachige Vorbilder adaptiert und gerade nicht direkt aus dem Arsenal der lat. Vorbilder gespeist. Zumindest gilt dies für die höfischen Textgattungen, wo man sich auch bei den Texten selbst fast immer für eine frz. Adaption/Bearbeitung entschied, obwohl eine lat. Version/Vorlage sicher auch verfügbar gewesen wäre. Frz. Texte und frz. Bücher waren offensichtlich ›schick‹. Dies lassen jedenfalls auffallend enge gestaltungstechnische Beziehungen zu französischen EpenHandschriften und vor allem wenig zeitversetzte, nahezu parallele Entwicklungslinien vermuten. I.1.4. Von der einfachen Gebrauchshandschrift zum prachtvollen Kodex Kehren wir zurück zu den schmucklosen, kleinformatigen Gebrauchshandschriften. Auch dieser Typ hatte seine Vorbilder im klerikal-lateinischen Schriftwesen. Insbesondere bei Predigt, Naturkunde, Medizin, Geographie, Historiographie, Unterhaltung,60 Schule61 und liturgischen Texten für den privaten Gebrauch begegnen unzählige lateinische Handschriften dieses Typs. Der Gedanke des Transports von glaubenspraktischen Inhalten, von Wissen und von Informationen bestimmte die Gestalt des Buchkörpers. Diese Bücher waren in erster Gebrauchsgegenstände und Instrumente der privaten Andacht. Von Bedeutung für die volksprachige Buchkultur erscheint in diesem Zusammenhang, daß gerade die kleinformatigen liturgischen bzw. glaubensprakti59 60

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Vgl. zu dieser Einschätzung z.B. Palmer (1991) S. 244 u. Frank (1993) S. 69. Hier sei auf die ›Ruodlieb‹-Fragmente aus München (BSB, Clm 19486) und St. Florian (SfB, Port. 22) verwiesen. Sie entsprechen in Einrichtung (einspaltig) und Format den einfachen volkssprachigen Gebrauchshandschriften des späten 12. und 13. Jh.s; vgl. die Abbildungen der Fragmente in Ruodlieb (1974). Zahlreiche Beispiele entsprechender lateinischer Handschriften z.B. bei Parkes (1991) S. 75 Anm. 21.

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schen Bücher, die zu gotis dienste gehoren (›Sachsenspiegel‹-Landrecht I,24 §3), sehr früh auch am weltlich-laikalen Hof zur alltäglichen Lebenspraxis vornehmlich der frouwen gehörten (Kap. II.1.4.1), wo sie deutlich sichtbar die Gestaltungsmuster für die frühen volkssprachigen Epenhandschriften mitbestimmten. Die zugleich als Andachtsobjekte konzipierten und nach außen wirkenden Prachtpsalterien hatten zu diesem frühen Zeitpunkt für die volkssprachig-profane Buchkunst – noch – nicht die Vorbildfunktion, die sich im Laufe des 13. Jh.s für aufwendigere Buchtypen herauskristallisierte. Es war geradezu undenkbar, ein profan-volkssprachiges Epos über die Buchgestalt mit einem ›heiligen‹ Werk überhaupt in Verbindung zu bringen. Ausnahmen bildeten allein heilsgeschichtliche Werke wie die ›Kaiserchronik‹ und mit Abstrichen das ›Rolandslied‹. Doch auch sie erreichten nie die Prachtentfaltung der im selben Milieu präsenten Evangeliare und Psalterien. Überträgt man den offensichtlichen Zusammenhang von einfachen, gebrauchsorientierten Buchformen und pragmatischen Inhalten in der lateinischen Schriftlichkeit62 auf die frühe volkssprachige Überlieferung, dürfte das Gros der ältesten volkssprachigen Kodizes dem Transport und der Sicherung von Textmaterial verpflichtet gewesen sein. Man nutzte diese »small and functional manuscripts«63 als Gebrauchsgegenstände, jetzt aber nicht zur privaten Andacht, sondern im kleinen Kreis einer Hofgesellschaft64 oder bei festlichen Gelegenheiten zu Unterhaltung (delectare) und Unterweisung (prodesse). Ob wir uns diese ersten, noch unscheinbaren volkssprachigen Bücher allerdings als Handexemplare fahrender Sänger oder Jongleurs vorstellen müssen,65 wie es oft als Faktum in Hand- und Lehrbüchern verkauft wird, erscheint eher zweifelhaft. Selbst die ältesten, ganz kleinformatigen ›Artus-Taschenbücher‹ sind mit aufwendigen, durchaus kostenintensiven Accessoires (z.B. Goldgrundinitialen) versehen. Sie sind zudem in aller Regel professionell geschrieben und nicht selten sogar ›philologisch‹ betreut, d.h. durchkorrigiert und überarbeitet. Als Aufführungsexemplar wird man wohl keine der frühen Hand-

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Vgl. dazu bereits Palmer (1993) S. 14. Nixon (1993) S. 19. So etwa am Hof der Grafen von Guines und Ardres; vgl. Curschmann (1996) u. Jaeger (2001) S. 280f., sowie in diesem Zusammenhang die grundsätzlichen Überlegungen von Willaert (1999) zum primären Rezeptionsraum der frühen Lyrik. Willaert denkt (ebd. S. 335) in erster Linie an die »Intimität einer erlesenen und aufmerksam zuhörenden Gesellschaft von Kennern« und weniger an »eine feiernde Menschenmenge nach einem reichlich mit Wein begossenen Bankett.« Welche Konsequenzen dies für die Buchwerdung der einzelnen Texte hätte, wäre noch zu überprüfen. Man könnte sich gerade in einem solchen intimen Milieu den Nährboden für die von Bumke postulierte frühe Fassungsbildung vorstellen. Als ein »Souffleurbuch« will z.B. C.M. Bowra, Heldendichtung. Eine vergleichende Phänomenologie der heroischen Poesie aller Völker und Zeiten. Stuttgart 1964, S. 45 die Oxforder Handschrift der ›Chanson de Roland‹ verstanden wissen; vgl. zur Abwegigkeit der These Taylor (1991 u. 2001) und Bastert (2002b) S. 23f.

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schriften bezeichnen können.66 Am ehesten wird man an ›private‹ Lese- bzw. Vorlesebücher 67 im Besitz adliger Herren und – vorzugsweise – Damen denken müssen, aus denen man (eine frouwe) dann im kleinen Rahmen (Yvain 5354–90, Iwein 6455ff.; Wigalois 2710ff.) vorlas: 68 Apoiié voit dessor son cote Un prodome, qui se gisoit Sor un drap de soie, et lisoit Une pucele devant lui An un romanz, ne sai de cui. Et por le romanz escouter S’i estoit venue acoter Une dame, et c’estoit sa mere (Yvain 5362–69)

unde vor in beiden saz ein magt, diu vil wol, ist mir gesagt, wälsch lesen kunde: diu kurzte in die stunde. ouch mohte si ein lachen lîhte an in gemachen: ez dûhte sî guot swaz si las wande si ir beider tohter was. (Iwein 6455–62)68

(Da erblickte er einen Edelmann, der mit aufgestütztem Arm auf einem Seidentuch gelagert war, und vor ihm las ein Mädchen aus einem Roman vor; von wem er war, weiß ich nicht. Und um den Roman mitanzuhören, hatte sich eine Dame dort niedergelassen.)

(Und vor ihnen beiden saß ein Mädchen, / das sehr gut, wie ich gehört habe, / französisch lesen konnte. / Die vertrieb ihnen die Zeit. / Sie brachte sie / zum Lächeln. Es schien ihnen köstlich, was sie vorlas, / denn es war ihrer beider Tochter.)

Von einem ›Erec‹-Vortrag beim (Fest-)Mahl berichtet z.B. Hugo von Macon in den ›Gesta militum‹. Daneben kommen die Schwanrittersage, Karlmeinet, Ovid, Passagen aus dem Thebenroman etc. zum Vortrag. Auch im provenzalischen ›Roman de Flamenca‹ finden wir umfangreiche Berichte zu den literarischen Darbietungen im Rahmen eines Fests.69 Neben den antiken Stoffen, der Karlsepik und biblischem Legendenmaterial zollte man vor allem den Berichten über die arturische Tafelrunde höchste Aufmerksamkeit. In grö-

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Die These von den ›jongleur-manuscrits‹ geht zurück auf Léon Gautier (Les épopées françaises. Paris 1865–1868, hier Bd. 1; die Handschriftenliste findet sich allerdings erst in der zweiten Auflage. Paris 1878–92, Bd. 1, S. 226) und stützt sich auf sieben von ihm als Prototypen beschriebene, einspaltig, kleinformatige Chanson-Handschriften des späten 12. und frühen 13. Jh.s: Oxford, Bodleian Library, Digby 23: ›Chanson de Roland‹ (vgl. speziell zu diesem Manuskript den grundlegenden Aufsatz von Taylor, 2001); Paris, Arsenal, 6562: ›Cycle de Guillaume d’Orange‹; Venedig, Bibl. Nazionale di San Marco, Cod. fr. 273: ›Doon de Mayenece + ›Bueve de Hantone‹; Paris, BN, fr. 2494: ›Aliscans, Moniage, Bataille Loquifer‹; Paris, BN, fr. 2493: ›Raoul de Cambrai‹; Paris, BN, fr. 2495: ›Jehan de Lanson, + ›Chanson d’Aspremont‹ und London, BL, MS Harley 4334: ›Girart de Rossilho‹. Eine knappe Zusammenfassung und Diskussion der Thesen Gautiers bieten Taylor (1991), Kienhorst (2001) S. 106–109 und Taylor (2001) bes. S. 36–41, 44. Zahlreiche Lese-Belege tragen Scholz (1980) und Green (1994) S. 113–230 zusammen. Eine über 100 Handschriften umfassende Liste von »Manuscripts for Reading« bietet Palmer (2005) S. 93–102. Zur ›Iwein‹-Stelle vgl. Green (1994) S. 189f. und den Kommentar von Mertens (2004) S. 1041. Vgl. mit Abdruck, Übersetzung und Analyse der entsprechenden Passage Soeteman (1979) S. 279–283.

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ßerer Runde trug der Jongleur70 (Gesta militum 9 169ff.) vor. Beim Fest war die Lektüre eine der Attraktionen (Guter Gerhard 5982ff.).71 Entsprechende Bücher gingen auf Reisen (Lanzelet 9338ff.), wurden verschenkt, verliehen (Liet von Troye 92ff.) oder geraubt (Eneas 13 444ff.). Neben vereinzelten Prachtexemplaren dürften es fast immer kleine, einfache Gebrauchshandschriften gewesen sein: Dem Typus der einfachen Gebrauchshandschrift entsprechen im 12. und beginnenden 13. Jh. in Frankreich/England rund 80% aller erhaltenen volkssprachig-französischen Handschriften. Bei den profanen Stoffen (Chanson de geste, Vers- und Prosaromane; Chroniken) sind es über 90%.72 In Deutschland haben wir es mit vergleichbaren Relationen zu tun. Anders sieht das Bild bei solchen volkssprachigen Werken aus, die für den offiziellen, n a c h au ß en gerichteten christlichen Kultus benötigt wurden, für die Geschicke einer Dynastie eine besondere (fundierende) Rolle spielten oder sich zu Propagandazwecken einsetzen ließen bzw. überhaupt zu diesem Zweck entstanden waren. So werden schon im 12. Jh. einige französische Bibeltexte, Psalterien und (selten) Heiligenlegenden in großformatigen, prachtvollen Handschriften überliefert.73 Ähnlich kostbare Einzelstücke begegnen in Deutschland bei Bibeldichtungen74 sowie bei einigen mischsprachlichen (Privat-)Psalterien/Gebetbüchern.75 Auch für (pseudo-) historiographische Werke wie Benoits ›Roman de Troie‹,76 Waces ›Roman de Rou‹, Pseudo-Turpins ›Karlschronik‹77 auf der einen Seite und die deutsche ›Kaiserchronik‹78 und das ›Rolandslied‹79 auf der anderen Seite kamen schon im 12. Jh. aufwendigere, repräsentative Buchmuster zum Einsatz. Diese Kodizes sollten wohl nicht nur vorgelesen und gehört, sondern auch geschaut (s.u. S. 308f.) werden. Der Eigenwert des ›volkssprachigen Buchkörpers‹ als Andachts-, Kult-, Repräsentations- oder Propagandaobjekt nähert sich in diesen Fällen

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Vgl. grundlegend Zumthor (1985), Taylor (1991), Baldwin (1997) mit zahlreichen Beispielen. Vgl. mit Lese-Beispielen aus der frz. und span. Literatur auch Duggan (1989). Ausgewertet: Inventaire. Überdurchschnittlich großformatig und aufwendig eingerichtet (zwei Spalten, abgesetzte Verse, ausgerückte Anfangsbuchstaben, Gliederungselemente) sind die Antikenromane. Anscheinend wurden aufwendigere lateinische Buchmuster direkt über die lateinischen Texte adaptiert. Möglicherweise wird hier aber auch ein höherer literarischer Status dieses Genres in kostbareren Büchern sichtbar, schließlich handelte es sich bei den Vorlagen um geachtete Klassiker der lateinischen Gelehrtenkultur. Vgl. etwa Inventaire N° 2003–2005, 2009, 2035–2037, 2039, 2094, 2102, 2106, 2109. Z.B. Vorau, SfB, Cod. 276 (s.u. S. 210f.). Z.B. Gebetbuch der Heiligen Hedwig, Pariser Codex rotundus, Wien-Uppsalaer Gebetbuch etc. Inventaire N° 4048, 4056, 4057: Brüssel, Bibl. Royale, II. 139, fol. 6 (anglonormannisch); Mailand, Bibl. Ambrosiana, D 55 (französisch); Paris, Arsenal, 3340 (französisch). Inventaire N° 5006/5020: London, BL, Royal 4. C. XI (anglonormannisch). Vorau, SfB, Cod. 276 (s.u. S. 210f.). Heidelberg, UB, Cpg 112; Schwerin, LB, ohne Sign.; Straßburg, StB, ohne Sign. (verbrannt); vgl. zu diesen jeweils mit Federzeichnungen ausgestatteten Handschriften aus der Zeit um 1200 Gutfleisch-Ziche (1996).

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dem vergleichbarer lateinischer Psalterien, Bibeln, Evangeliare, Heiligenlegenden oder Chroniken an.80 Der Kodex ist Teil einer umfassenden Inszenierung. In diesen noch sehr seltenen volkssprachigen Prachthandschriften des 12. Jh.s scheint eine Entwicklung vorweggenommen, die im fortschreitenden 13. Jh. für die volkssprachige Textüberlieferung große Bedeutung erlangen wird: Der Buchkörper wird zu einem aktiv wirkenden Requisit der höfischen Inszenierung bzw. der Herrschaftskultur. Im französischen Sprachraum stehen wir schon zur Jahrhundertwende mitten in einem solchen Wandlungsprozeß. Die Reimchroniken, die Chansons de geste, die Chrétienschen Artusepen (z.T. verquickt mit Antikenromanen und Reimchroniken) und bald darauf der Prosa-Artus-Zyklus werden zu voluminösen Einheiten zusammengefügt, die vor allem auch kostbarer werden. Aufwendig gestaltete, z.T. bebilderte Prachthandschriften in Großquart- oder Folio prägen nun die Tradierung. Um den Handschriften die Aura von Kultobjekten zu verleihen, wird auf die seit langem im klerikallateinischen Schriftwesen bewährten Layout- und Illustrationssysteme zurückgegriffen. Das bei den französischen Artus-Handschriften des 13. Jh.s besonders beliebte Verfahren, Miniaturen als Kolumnen-, Streifen- oder Kleinbild in das Spaltensystem des Kodex zu integrieren, hat z.B. in hagiographischen und historiographischen lateinischen Kodizes des 12. Jh.s seine Vorbilder. Die Vita Abt Hugos von Cluny aus dem späten 12. Jh. (Paris, BN, lat. 17716) und eine Pariser ›Pantheon‹-Handschrift aus dem beginnenden 13. Jh. (Tafel 5) nehmen sich wie direkte mediale Vorbilder der wenig später entstehenden Prachthandschriften französischer Epen aus.81 Noch aufwendigere Epen-Illustrationstypen (Goldgrundinitialen und ganzseitige Miniaturen auf Goldgrund) sind lateinischen Evangeliaren und Psalterhandschriften entlehnt (s.u.). Der Aufwand, den man jetzt in England/Frankreich um einzelne volkssprachige Bücher treibt, dokumentiert deren veränderten, an lateinische Werke heranreichenden Status. Innen und Außen machen zusammen die besondere Wirkung eines solchen Buchs aus – ein Verfahren, das sich bei den zugleich zur politisch-dynastischen Propaganda und dem Dienst an Gott konzipierten lateinischen Prachtevangeliaren und Prachtpsalterien der Vergangenheit bestens bewährt hatte. Artusepen, Chansons de geste, Antikenromane und Reimchroniken konnten einem laikalen Auftraggeber augenscheinlich genauso wertvoll sein wie die Vita eines Heiligen einem Kloster oder einem Bischof.82

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Zum ›heiligen Buch‹ vgl. exemplarisch Keller (1992) u. Kühne (1994). Abbildungen bei Niehoff (1995) S. 235 Abb. 128 u. Toubert (1990) S. 356 Abb. 336. Busby (2002) S. 256ff. zeigt einen solchen Statusaufstieg beispielsweise an der Ausstattungstypik des frz. Kreuzzugszyklus auf: Von den vollständig erhalten 10 Hss. sind nicht weniger als 6 illustriert.

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Abb. 6: Berlin, SBB-PK, Grimm 132, 11: ›Aegidius‹

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Einen entscheidenden Aspekt dieser Wandlungen versucht Nixon mit Blick auf die Chrétien-Tradierung in dem – unscharfen83 – Terminus »court manuscript« zu fassen. Nixon setzt damit sicher zu Recht buchtechnische Charakteristika (Buchgestalt, Ausstattung, Einrichtung) mit soziologischen Implikationen (Umfeld dieser Art von Buchherstellung bzw. Buchnutzung) in Beziehung. Er sieht die neuen voluminösen, großformatigen, z.T. bebilderten Kodizes im direkten Konnex zu den sich etablierenden großen (weltlichen und geistlichen) Höfen. Der gewählte Terminus ist allerdings problematisch bzw. sogar irreführend, weil auch die einfachen volkssprachigen Gebrauchshandschriften der Zeit »court manuscripts« sind, d.h. Bücher, die vom Hof in Auftrag gegeben und am Hof genutzt werden. In den neuen höfischen Prachthandschriften wird eine veränderte Qualität der volkssprachigen Schriftlichkeit faßbar. Entsprechend kostbar gestaltete volkssprachige Bücher rückten in den Rang von Repräsentationsobjekten und Propagandainstrumenten auf.84 Daneben bleibt jedoch die primär pragmatische Bedeutung der Texte (und ggf. Bilder) zur Unterhaltung, zur Unterweisung und als Vorbild/Exemplum evident, wofür keine besondere Buchform notwendig, je nach Potenz und Interesse der Auftraggeber aber durchaus möglich war.85 Im deutschen Sprachraum lassen sich zeitgleich Anfänge einer ähnlichen Entwicklung hin zu prachtvolleren, großformatigen, mehrspaltigen rein volkssprachigen (Sammel-)Kodizes ausmachen. Der kurz vor 1200 begonnene ›Vorauer Codex 276‹ wäre als Vorreiter, jedoch auch schon fast wieder vorläufiger Endpunkt der Entwicklung zu nennen, denn größere Textensembles bzw. Einzelwerke in repräsentativen Handschriften bieten um/nach 1200 nur noch die teilweise illustrierte ›Millstätter Handschrift‹,86 der Trierer Legenden-

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Nixon (1993). Zur Charakterisierung dieses neuen Handschriftentyps müßte man wohl Attribute wie prachtvoll, repräsentativ, großformatig etc. zum allein wenig aussagekräftigen Terminus »court« ergänzen. Nixon (1993) S. 24 bezeichnet dies zu Recht als »a fundamental development in the audience of French vernacular literature. This development points to a changed perception of the accumulated French vernacular literature and a new desire to arrange this literary heritage in relevant and accessible written corpora.« Frank (1993) S. 70 irrt hier, wenn sie von einem nun einheitlichen Gestaltungsmuster aller längeren narrativen Texte in Volkssprache spricht. Nach dem von ihr beschriebene Standard: »Feines helles Pergament, horizontale und vertikale Linierung, zwei Kolumnen; jeder Vers steht in einer eigenen Zeile, die Anfangsbuchstaben sind als Majuskeln hervorgehoben und bilden eine eigene ausgerückte Spalte«, sind zwar im französischen Sprachraum viele (über 50%), im deutschen Sprachraum aber vergleichsweise wenige (25–40%) Handschriften gestaltet. Klagenfurt, LA, GV 6/19: ›Altdeutsche Genesis‹, ›Millstätter Physiologus‹, ›Altdeutsche Exodus‹, ›Vom Rechte‹, ›Die Hochzeit‹, ›Millstätter Sündenklage‹, ›Auslegung des Vaterunsers‹, ›Das Himmlische Jerusalem‹. Blattgröße. 19,9 cm x 12,2 cm, 1 Spalte, 23–26 Zeilen, Verse nicht abgesetzt, ›Genesis‹ und ›Physiologus‹ illustriert; vgl. Kracher (1967) u. Schneider (1987) S. 85–88 u. Abb. 37, Gutfleisch-Ziche (1996a).

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Discissus mit ›Floyris‹, ›Aegidius‹ und ›Silvester‹87 und die drei illustrierten ›Rolandslied‹-Handschriften.88 Kaum noch in diese Gruppe früher profan-volkssprachiger Sammelhandschriften gehört die verbrannte ›Straßburg-Molsheimer-Handschrift‹. Die in der Literatur verbreitete Datierung ins späte 12. Jh. (nach Massmann) ist nach der Entdeckung einer Schriftprobe aus dieser Handschrift nicht mehr haltbar. Mackert favorisiert nach intensiver Prüfung »die ersten beiden Dezenien des 13. Jahrhunderts.«89

Interessanterweise findet diese für die frühe französische und deutsche Profan-Buchkultur typische Entwicklung hin zu voluminösen, kostbaren (Sammel-)Handschriften im deutschen Sprachraum weder bei den hagiographisch-heilsgeschichtlichen noch bei den höfisch-ritterlichen Werken eine Fortführung. Eher im Gegenteil setzen sich im ersten Viertel des 13. Jh.s die schmalen, schmuckarmen, vielleicht praktischeren und sicher billigeren Einzeltextbändchen als Standardmuster durch. Kleinformatige (Blattgröße 12–20 cm x 8–13 cm), einspaltig eingerichtete Gebrauchshandschriften mit wenigen Schmuckelementen und fortlaufendem Text werden sowohl für die französischen Adaptationen (›Alexander‹, ›Eneas‹, ›Tristrant‹, ›Erec‹, ›Iwein‹, ›Lancelet‹, ›Tristan‹, ›Wigalois‹, aber nur bedingt für ›Parzival‹ und ›Willehalm‹90) als auch für die heimischen Stoffe (›Kaiserchronik‹, ›Nibelungenlied‹, ›Graf Rudolf‹, ›Herzog Ernst‹, ›König Rother‹) und die Legenden (›Tobias‹, ›Servatius‹, ›Tundalus‹, ›Patricius‹) noch lange bevorzugt. Nur bei volkssprachiggeistlichen Textensembles wie Predigtsammlungen, Psalterien, Gebetbüchern und Willirams ›Hohelied-Kommentar‹ gehören aufwendige Ausstattungsmuster bereits seit dem 12. Jh. zur Normalität. Einige der für Andacht und Gottesdienst am hochadligen Hof bestimmten Gebetbücher/Psalterien werden sogar mit verschwenderischer Pracht ausgestattet. Im Buchkörper wird hier die ungleich höhere Wertschätzung für diese Textspezies sichtbar. Das Buch ist Textträger sowie Kult- und Andachtsobjekt zugleich. Im Laufe des 13. Jh.s. ändern sich die Verhältnisse auch in Deutschland grundlegend. Zu erkennen ist eine allgemeine Tendenz hin zu vielfältigeren bzw. aufwendigeren Ausstattungsmustern und größeren Formaten: Verse werden häufiger abgesetzt, Anfangsbuchstaben (regional unterschiedlich) ausgerückt und z.T. farbig ausgeführt. Für die Gliederung der Texte kommen 87

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Trier, StB, Mappe X, Fragm. 13 u. 14: ›Floyris, ›Aegidius‹, ›Silvester‹: Blattgröße 21 cm x 16 cm; 2 Spalten; 48–49 Zeilen; Verse nicht abgesetzt; vgl. Schneider (1987) S. 118f. u. Abb. 63; Kienhorst (1988) S. 57f. u. Abb. S. 39. Siehe unten Kap. II.2.4. Mackert (2001) Abb. nach S. 146; zur Datierung bes. S. 153–159 (Zitat S. 159). Die Werke des schon früh berühmten Wolfram von Eschenbach genossen bald nach ihrer Entstehung einen medialen Sonderstatus. Dazu beigetragen hat sicher der hochverehrte Autor(name). Beim ›Willehalm‹ erklärt sich eine besondere mediale Aufmerksamkeit durch dessen historiographisch-hagiographische Ausrichtung. Auffällig bei beiden Wolfram-Texten ist die besondere Nähe zu den ebenfalls aufwendig tradierten Reimchroniken (vgl. Wolf, 2001).

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mehrschichtige Initial- und Majuskelsysteme in Gebrauch.91 Zwei- und dreispaltige Einrichtungsvarianten gewinnen an Bedeutung (Diagramm 5),92 auch nimmt die durchschnittliche Größe volkssprachiger Handschriften von 1200 bis 1300 um mehr als 20% zu (Diagramm 13). Aber es sind nur ausgesuchte profane Werke bzw. Textsorten, die bald eine ähnliche Wertschätzung wie die heiligen Texte genießen: die großen Reim- und Prosachroniken, die Willehalm-Trilogie, die Gralepen ›Parzival‹ und ›Titurel‹ und die für den offiziösen Gebrauch bestimmten Rechtstexte (einzelne Exemplare der Stadtrechte und der großen Rechtsspiegel). Für weniger statusrelevante oder ›belletristische‹, unterhaltende93 und fiktionale (?) Literatur, die einfache Archivierung von Nachrichten, Wissen, Geschichten und die alltägliche Nutzung im privaten (Unterhaltungsliteratur, Privatgebetbücher, geistliche Traktat- und Predigtsammlungen, Nachschlagewerke) oder im institutionellen Bereich (Ordensregeln, Stadtrechte, Rechtsspiegel, Eide94) verwendet man weiter bevorzugt die einfachen, kleinformatigen Gebrauchshandschriften. Dimensionen des Wandels werden sichtbar, hebt man die illustrierten volkssprachigen Kodizes heraus: Zu Beginn des 13. Jh.s finden wir illustrierte volkssprachige Handschriften sowohl bei den mit volkssprachigen Elementen durchsetzten Psalterien und Gebetbüchern (Kap. II.1.4) als auch bei den profanen ›Rolandsliedern‹. Auffällig ist, daß die glaubenspraktischen Texte meist für die hochadligen Damen bestimmt waren, und auch das ›Rolandslied‹ begehrte eine edele herzoginne (RL 9024f.). Zu einer auf weiblichen Adressaten zugeschnittenen Ausstattungsvariante würden die theoretischen Ausführungen

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Vgl. Palmer (2005) mit grundsätzlichen Überlegungen zur Funktion (»Reading«) entsprechender Einrichtungsmerkmale. Die Entwicklungen vollziehen sich in einzelnen geographischen Regionen (Kap. I.2.6) und bei einzelnen Gattungen (z.B. Kap. II.1 u. II.2) höchst unterschiedlich. In diesem Zusammenhang bemerkenswert sind die Beobachtungen von Holznagel (1995) S. 29–32 zu den Formaten der frühen deutschen Lyrik-Handschriften: Es handelt sich dabei bis um 1300 fast ausschließlich um Kleinformate unter 18,5 cm Blatthöhe (Hs. O, Ux, Uxx, w x, w xvii, w xx). »Etwas größer, aber immer noch deutlich unterhalb des durchschnittlichen Quartformates sind die Budapester Fragmente und der Codex Buranus sowie eine Reihe von Fragmenten des frühen 14. Jahrhunderts wie z.B. das Münchener Wartburgkrieg-Fragment Wb, Walther Z, Neidhardt Cb und O oder auch Frauenlob b. Die einzige selbständige Lyrikhandschrift, die im 13. Jahrhundert eine Blattgröße von über 23 cm aufweist, ist die Reinmar von Zweter-Handschrift D« (ebd. S. 29). Als Gründe für die kleinen Formate führt Holznagel den Gebrauchs- und Vortragscharakter (ebd. S. 30) der Texte und die eben erst beginnende Verschriftlichung der Lyrik (ebd. S. 31) an. Im Rechtsbereich zwingt der Befund zu einer deutlichen Differenzierung zwischen Büchern/Texten für den internen Gebrauch und solchen mit einer offi ziellen nach außen gerichteten Funktion. Daß dabei selbst (nahezu) identische Texte völlig unterschiedlichen Nutzungsinteressen zugeordnet werden können, belegen die unterschiedlichen Ausstattungsniveaus der ›Deutschordensregeln und -statuten‹, der großen Rechtsspiegel und einiger Stadtbücher. Neben meist prachtvollen Legitimationsexemplaren für die Repräsentation und für offizielle Rechtsakte begegnen zahlreiche, einfache Gebrauchshandschriften für die alltägliche Rechtspraxis.

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Priester Wernhers zur Funktion von Bildern passen.95 Nach der Jahrhundertmitte kommt die Herstellung von illustrierten volkssprachig-geistlichen Handschriften jedoch aus der Mode. Man bevorzugte für die Glaubenspraxis nun textzentrierte, kleinformatige, auf die praktischen Bedürfnissen von privater Andacht und Gebet zugeschnittene Gebrauchshandschriften. Sah man die Verbindung zu Gott bzw. die Werkwirkung allgemein nun eher im Wort zentriert? Nicht vergessen werden sollte allerdings, daß die z.T. vor vielen Jahrzehnten angefertigten kostbaren Zimelien einer Hildegard von Bingen, einer heiligen Hedwig oder einer ›Gutha‹ in der adligen familia oder dem (Haus-)Kloster auch nach deren Tod weiterhin präsent waren. Ihre Bücher wurden als reliquienartige Schätze im Kloster oder am Hof gehütet – und genutzt, wie zahlreiche später marginal nachgetragene Lesehilfen und Gebrauchsanweisungen belegen. Man wird hier also die älteren Bilder- bzw. Prachthandschriften zum aktuellen Bestand hinzurechnen müssen.

Eine grundsätzlich andere Entwicklung sehen wir bei den profanen Stoffen. Wurden anfangs selbst heilsgeschichtlich orientierte Texte nur in seltenen Ausnahmefällen (›Rolandslied‹), heldenepische oder arthurische Stoffe überhaupt nicht illustriert, nimmt die Produktion prachtvoller Profanhandschriften ab der Mitte des 13. Jh.s einen rasanten Aufschwung (Diagramm 7: durchgezogene Linie). Ursächlich für diesen gegenläufigen Trend scheint ein komplexes Geflecht von inner- und außerliterarischen Entwicklungen. Zum einen hat sich der Status volkssprachig-profaner Literatur innerhalb dieser wenigen Jahrzehnte grundlegend verändert: Volkssprachige Chroniken, Chansons de geste und Rechtsspiegel sind zu Gegenständen der Herrschaftsfundierung bzw. -legitimierung aufgestiegen. Heiligenlegenden, Gralepik und die Lyrik werden zu aktiv wirkenden Ausdruckselementen der Hofkultur. Verstärken ließ sich die jetzt vielfach intendierte Außenwirkung der Texte durch eine entsprechende Verpackung in einem großformatigen, aufwendig eingerichteten und bebilderten Kodex. Die prosperierende Wirtschaft tat ein übriges. Gegen Ende des Jahrhundert waren nicht mehr nur die großen Fürstenhäuser, Bischöfe und Klöster in der Lage, aufwendigere Buchprojekte zu finanzieren. Auch kleineren Geschlechtern und nicht zuletzt den städtischen Patriziern waren jetzt die Mittel in die Hand gegeben, entsprechende Ideen und Bedürfnisse umzusetzen. Und es wurde reichlich davon Gebrauch gemacht: In Hamburg ist es etwa der reiche Bürger Johann von dem Berge, der eine kostbar illuminierte ›Sächsische Weltchronik‹ (Bremen, Staats- und Universitätsbibl., msa 0033, s.o. S. 97, 141) als Geschenk für seinen Lehnsherren anfertigen läßt. In Zürich gibt Rüdiger Manesse eine noch kostbarer bebilderte Liederhandschrift (Heidelberg, Universitätsbibl., Cpg 848) in Auftrag. Am Oberrhein bedient die sog. Vadiana-Werkstatt zahlreiche Kunden mit bebilderten Kodizes aller Art (s.u. S. 106f., 239).

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Vgl. Powell (1997) passim.

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I.1.5. Buchkultur der ›Blütezeit‹96 – Aspekte einer Zäsur Nach einer Phase des Aufbruchs im späten 12. Jh. mit neuen literarischen Mustern (Artusepen, Antikenromane, Reimchroniken, Predigten etc.) und neuen Buchformen (Etablierung des vollständig volkssprachigen Kodex) lassen sich im ersten Drittel des 13. Jh.s Konturen einer erneuten Zäsur erkennen. Neue volkssprachige Werke entstehen in großer Zahl (›Parzival‹, ›Willehalm‹, ›Wigalois‹, ›Welscher Gast‹, ›Titurel‹). Alte Texte werden modernisiert (›Tristrant‹, ›Herzog Ernst‹, ›Kaiserchronik‹) oder durch neue (Strickers ›Karl‹) ersetzt (vgl. Kap. II.2.4 u. II.2.7). Gleichzeitig gewinnen moderne stilistische Kriterien wie reine Reime und glatter Versbau an Bedeutung. Im selben Maße auffällig sind Veränderungen im medialen Bereich. Die gotische Buchschrift beginnt sich auch in Deutschland flächendeckend durchzusetzen. Gleichzeitig wird das Formeninventar bei der Buchgestaltung größer (Mehrspaltigkeit, abgesetzte Verse, ausgerückte Anfangsbuchstaben), die Ausstattung vielfältiger (Initialen, Majuskeln, ggf. Bilder) und die Kodizes insgesamt größer. Der Anteil der kleinformatig, einspaltig-fortlaufend geschriebenen Gebrauchshandschriften sinkt von gut 80–90% um 1200 auf ca. 60–70% im ersten und schon deutlich unter 40% im zweiten Jahrhundertviertel (vgl. Diagramm 5 und 6). Modern wirken jetzt vor allem die – in den französischen Epenhandschriften längst zum Standard avancierten – abgesetzten Verse. In den ersten beiden Jahrhundertvierteln finden sich bereits knapp 20 Handschriften dieses Typs. Es handelt sich mit Konrad Flecks ›Flore und Blanscheflur‹, ›Ainune‹, Veldekes ›Eneas‹, der ›Kaiserchronik B‹, Gottfrieds ›Tristan‹ und den Werken Hartmanns und Wolframs vornehmlich um der neuen Hofkultur zuzurechnende Werke. Gleichzeitig bleibt die im späten 12. Jh. gebräuchliche Variante mit fortlaufendem Text im Gebrauch. In der ersten Hälfte des 13. Jh.s dominiert dieser Typ sogar noch deutlich. Zum Standardmuster avancieren abgesetzte Verse erst ab den 1240er Jahren. Ihr Anteil erreicht in der zweiten Jahrhunderthälfte rund 80%, ein Wert der dann bis ins 14. Jh. konstant bleibt. Ein analoges Bild bietet der Befund zum Layout: Die einspaltige Variante bleibt mit einem Anteil von rund 30% bis um die Jahrhundertmitte ein gebräuchliches unter nun mehreren üblichen Mustern. In der zweiten Jahrhunderthälfte dominieren zweispaltige Handschriften mit einem Anteil von fast ¾ deutlich. Zusätzlich gewinnt das dreispaltige Layout an Bedeutung (Diagramm 5 und 6). Die Modernisie96

Der hier verwendete ›Blütezeit‹-Begriff deckt sich chronologisch n i c ht mit literarhistorischen Blütezeitvorstellungen (vgl. etwa Johnson, 1999, S. 3–5), denn die (meist nur mehr oder weniger sicher rekonstruierte) Werkentstehung findet in aller Regel erst einige Jahrzehnte später ihren Niederschlag in der in Textzeugen materiell faßbaren Werktradierung. Folge ist eine für den Literar- und Kulturhistoriker schwer beschreibbare und in der älteren Forschung stets zu Gunsten der Werkentstehung interpretierte Phasenverschiebung zwischen Text(entstehung) und Buch(verbreitung). Daß ich den strittigen Begriff hier dennoch verwende, ist genau in diesem Sinn als Diskussionsbeitrag zu einer zukünftig – auch – buch- bzw. überlieferungsorientierten Sicht der literarischen Gegenstände zu verstehen.

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rung der Buchgestalt vollzieht sich aber nicht in einem alle Gattungen und Werke gleichzeitig erfassenden linearen Prozeß. Tatsächlich sind es von verschiedenen Faktoren abhängige Einzelentwicklungen. Von größter Bedeutung erweisen sich dabei bereits ausgeprägte literarische und buchtechnische Traditionen. So bleiben für die ›alten‹ Texte aus der Frühzeit (›Rolandslied‹, ›Eneas‹, ›Kaiserchronik A‹) auffällig lange die ›alten‹ Einrichtungsvarianten (einspaltig, fortlaufende Verse) auch bei der Anlage neuer Handschriften im Gebrauch. Die Schreiber orientieren sich offensichtlich an den vorgegebenen, bewährten Mustern. Für neue Werke und die höfisch modernisierten Varianten der ›alten‹ Texte kamen dagegen umgehend neueste Einrichtungsmoden zur Anwendung. Dies läßt sich bei Strickers ›Karl‹ im Gegensatz zum ›Rolandslied‹ ebenso wie bei der ›Kaiserchronik A‹ im Gegensatz zur modernisierten B-Version beobachten. Blickt man nur auf das Neue, die Innovationen in Literatur und Buchkultur, vermittelt sich der Eindruck, an der Schwelle einer neuen Epoche zu stehen. Verschiedene Faktoren mahnen allerdings zur Vorsicht. Einerseits verschwinden die ›alten‹ Texte keinesfalls von der Bildfläche. Sie werden – sieht man einmal vom ›Rolandslied‹ ab, das nach Strickers ›Karl‹ tatsächlich aus dem Literaturkanon ausschied97 – z.T. sogar besonders erfolgreich weitertradiert.98 Und wie die ›alten‹ Texte kaum an Attraktivität einbüßen, veralten auch die aus dem 12. Jh. bekannten Buchformen nicht per se. Sie leben vornehmlich mit den alten Texten weiter. Hier spielt die Vorlagentreue der Schreiber eine nicht zu unterschätzende Rolle: Sie kopieren nicht nur Buchstaben und Worte, sondern die Bücher als Gesamt(kunst)werk samt Einrichtung und Gestaltung. Bei den ›alten‹ Werken dauerte es deshalb signifikant länger, bis sich neue Buch- bzw. Einrichtungsformen durchsetzten: beim ›Rolandslied‹ bis zum 2. Jahrhundertviertel des 13. Jh.s (Marburg, SA, Best. 340 H 1 Nr. 2, Tafel 6), bei Veldekes ›Eneas‹ bis in die 1220er/1230er Jahre (Berlin, SBB-PK, mgf 282 u. München, BSB, Cgm 5199, Tafel 9, 11 u. 8) und bei der ›Kaiserchronik A‹ sogar bis zur Mitte des 13. Jh.s (Heidelberg, UB, Cpg 361, Tafel 7). Vermutlich können wir mit dem Marburger ›Rolandslied‹ M (Tafel 6) den nicht vollständig gelungenen Versuch greifen, ein altes ›Rolandslied‹ einrichtungstechnisch auf den neuesten Stand zu bringen. Doch das Unternehmen bereitete Schwierigkeiten. Die unterschiedlich langen Verse des ›Rolandsliedes‹ erwiesen sich als so sperrig, daß die gewünschte zweispaltige Einrichtung mit regelmäßigen Spaltenbreiten nur durch

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Sobald Strickers ›Karl‹ auf der literarischen Bühne erscheint, verschwindet das zuvor überaus beliebte ›Rolandslied‹ aus dem Literaturkanon der Zeit. Die Überlieferung bricht noch vor der Mitte des 13. Jh.s ab. Der Stoff selbst gehört – transportiert in Strickers ›Karl‹ – allerdings bis weit in das 14. Jh. hinein zu den beliebtesten Themengebieten volkssprachiger Geschichtsdichtung überhaupt (insgesamt ca. 50 ›Karl‹-Hss., davon acht aus dem 13. Jh.); vgl. demnächst detailliert die Habilschrift von Bastert (2002b). Vgl. den Überblick bei Bertelsmeier-Kierst/Wolf (2000) S. 23–27, bes. Grafi k 2f.

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technische Manipulationen zu erreichen war. Viele Wörter und Silben sind deshalb am Zeilenende hochgezogen und lassen das Schriftbild unregelmäßig, unvollkommen erscheinen. Augenscheinlich fehlte das Muster für die Layout-Berechnung. Als Vorlage diente wohl ein fortlaufend geschriebenes, einspaltiges Exemplar.99

Bei der Heidelberger ›Kaiserchronik‹ A (Tafel 7) sehen wir ebenfalls einen auf Modernisierung bedachten Schreiber am Werk. Wie der ›Rolandslied‹-Schreiber versucht auch er das Layout den Erfordernissen der Zeit anzupassen (2spaltig, abgesetzte Verse mit ausgerückten Anfangsbuchstaben, aufwendiges Gliederungssystem mit ein- und zweifarbigen Majuskeln). Daß unser Schreiber es war, der diese Layout-Modernisierung durchführte, darf man anhand der unzähligen Layoutprobleme mit einiger Sicherheit vermuten: Viele Zeilen laufen in die Folgezeile über oder sind in den deutlich zu eng bemessenen Schriftspiegel hineingequetscht. Aber er bemühte sich, und zwar nicht nur um ein modernes Layout, sondern auch um einen guten Text. Zahlreiche, teilweise umfangreichere Korrekturen (z.B. Bl. 8ra, 59rb, 66va, 67rb, 67 va) stammen von seiner Hand. Andererseits werden selbst für die modernen Werke Gottfrieds von Straßburg, Wolframs von Eschenbach, Wirnts von Grafenberg oder Rudolfs von Ems unter bestimmten Voraussetzungen Layoutkonzepte mit einspaltig fortlaufendem Text gewählt. Vordergründig entsprechen sie den archaischen Buchmustern des späten 12. Jh.s, tatsächlich handelt es jedoch eher um besonders kostengünstige, praktische, leicht zu transportierende oder zu nutzende Gebrauchshandschriften für vielleicht weniger vermögende oder nur an der erzählten Geschichte, dem gespeicherten Wissen und nicht am Buchkörper interessierte Auftraggeber. Charakteristisch ist also ein mit fortschreitender Zeit und je nach Werk, Werkgeschichte und Gattungszugehörigkeit unterschiedlich gewichtetes Nebeneinander alter und neuer, aufwendigerer und einfacherer Formen. I.1.5.1. Mediale Reservoirs I: Höfische Buchkunst aus Frankreich Bei den neuen und den modernisierten Werken avanciert schon im 2. Jahrhundertviertel die mittelgroße Quarthandschrift (Blattgröße durchschnittlich 22–25 x 13–17 cm) mit zweispaltigem Layout, abgesetzten Versen und teilweise ausgerückten Anfangsbuchstaben zum Standard. Nach der Jahrhundertmitte dominiert dieser Buchtyp schließlich die gesamte Versüberlieferung (vgl. Diagramme 5 und 6).

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Beschreibung, Abdruck und Abbildung bei Nass (1989) S. 289–295, der (ebd. S. 291) auch schon auf die außergewöhnliche Modernität des Kodex hinweist. Daß mit der Modernisierung der Buchgestalt auch eine Modernisierung des Textes einherging, ist wegen der wenigen erhaltenen Verse (28) zwar nicht mit Sicherheit auszuschließen, die große Zahl der unverändert unreinen Reime spricht allerdings für eine weiter archaische Textgestalt.

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Stellt man die Frage nach den Vorbildern für diese neuen Moden, muß sich der Blick nach Westen richten. Von dort stammten viele Texte, dort blühte die Hofkultur, dort hatte ein neuer, heute als Gotik bezeichneter Stil bereits während des frühen 12. Jh.s Kunst und Architektur grundlegend zu verändern begonnen.100 Gotische Elemente hielten bald auch Einzug in die französische Schriftkultur. Sie beeinflußten die Buchstabenformen, das Schriftbild, die Buchgestaltung, die Ausstattung der Kodizes und die ikonographischen Muster.101 Motor dieser Entwicklung waren die geistlichen Zentren und die großen, stark expandierenden Orden. Gleichzeitig nahm in Frankreich/England die Hofkultur einen rasanten Aufschwung. Spätestens in der zweiten Hälfte des 12. Jh.s entdeckte man dort die volkssprachige Literatur als ein wichtiges Element des höfischen Lebens. Volkssprachige Legenden, Chansons de geste, Antikenromane, Reimchroniken und Artusepen fundieren und spiegeln eine solche sich etablierende Hofkultur. Bei der Ausübung des christlichen Kultus am Hof spielen zudem lateinische und mit volkssprachigen Elementen ergänzte Psalterien eine zentrale Rolle. Über sie hatten die weltlichen Höfe Zugang zu den modernsten Innovationen der klerikal-lateinischen Buchkunst. Signifikant für eine volkssprachige Buchkunst in Frankreich/England und in Deutschland ist nun, daß sich nicht nur diese aus einer internationalen klerikal-lateinischen Buchkultur hervorgehenden mischsprachlichen Psalterien, sondern auch die volkssprachig-weltlichen Textzeugen in manchen charakteristischen Gestaltungselementen und gestaltungstechnischen Entwicklungslinien auffallend gleichen. Dies läßt zwar direkte Abhängigkeiten vermuten, aber ein großes Reservoir verschiedener Buchmuster ist praktisch an jedem Ort in jedem größeren Skriptorium verfügbar. Und es scheinen hier wie da die selben lateinischen Vorbilder zu sein, die ihren Einfluß ausüben. Frank stellt für die Romania fest, daß, »wo immer es möglich war, Schreiber volkssprachiger Texte optische Gestaltungsmuster aus der lateinischen Schrifttradition übernommen haben.«102 In Deutschland traten zu diesen allgegenwärtigen lateinischen Mustern jedoch eben diese neu entstandenen französischen Handschriften als wirkmächtige Vorbilder hinzu. Wer im späten 12. Jh. mit der neuen französischen Literatur in Kontakt kam, fand zunächst kleine, einfache, fortlaufend geschriebene Einzeltextbändchen vor (Kap. I.1.3–4). In Frankreich/England werden jedoch bald abgesetzte Verse, ausgerückte Anfangsbuchstaben, aufwendigere Gliederungssysteme und das zweispaltige Layout modern. Einige diese Buchmuster finden sich schnell (andere zeitverzögert) in den deutschen Epen-Handschriften wieder. Im Westen schreitet die Entwicklung in den folgenden Jahrzehnten schnell voran. Um

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Vgl. grundlegend die Erträge des Freisinger Kolloquiums Aspekte des 12. Jh.s (2000) und darin insb. den Beitrag von Kurmann (2000) zum Beginn der Gotik in Frankreich. Vgl. Mazal (1975) u. Martin/Vezin (1990). Frank (1994) S. 186.

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1200 entstehen dort die ersten umfangreichen Sammel- bzw. Zyklushandschriften. Die vielhundertblättrigen Bände werden zwei- und noch im ersten Jahrhundertviertel auch dreispaltig mit abgesetzten und ausgerückten Versen angelegt. Den besonderen Wert dieser neuen Generation weltlich-höfischer Bücher unterstreichen exzessiv verwendete historisierte Initialen, das Fleuronnée und z.T. Miniaturen. 103 Und wieder dauert es nicht lange, bis einige dieser neuesten Errungenschaften der französischen Profanbuchgestaltung in deutschen Epen-Handschriften auftauchen: Größere Formate, zwei- und dreispaltiges Layout mit abgesetzten und z.T. ausgerückten Versen, aufwendige Ausstattung mit (historisierten) Initialen, farbige Majuskeln und ggf. Miniaturen finden wir seit den 1220er Jahren in den ›Eneas‹-Handschriften B (Tafel 9, 11) und Me (Tafel 8), der ›Karl‹-Handschrift a (Tafel 39) und dem Baseler Fragment der ›Kaiserchronik B‹ (Tafel 42). Signifikant ist, daß drei der vier genannten Handschriften französische Adaptationen tradieren und die ›Kaiserchronik B‹ eine nach neuesten Modevorstellungen höfisch modernisierte Fassung der alten ›Kaiserchronik‹ überliefert (s.o.). Der ›letzte Schrei‹ der Buchmode scheint dabei in Frankreich/England sowie fast zeitgleich auch in Deutschland das dreispaltige Layout gewesen zu sein. Neu, aber nicht sehr häufig in deutschen Epenhandschriften mit abgesetzten Versen ist ferner die dreispaltige Beschriftung, die ein größeres Format voraussetzt. Auch sie dürfte aus französischem Schreibgebrauch übernommen sein, doch lässt sich anhand des überlieferten Vergleichsmaterials so gut wie kein Zeitgefälle zwischen Frankreich und Deutschland feststellen.104

Nach K. Klein105 wird man in Erwägung ziehen müssen, daß die Vermittlung des neuen Layouts (wie übrigens auch die Vermittlung der in den ältesten dreispaltigen Handschriften überlieferten Werke) über solche französische Kreise erfolgt sein dürfte, mit denen bestimmte Gruppen des Hochadels in Deutschland in (dynastischen) Beziehungen standen – ohne selbst in enger geographischer Nachbarschaft in Frankreich residieren zu müssen.106

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Auch diese Einrichtungsmoden finden ihre Entsprechung sowohl in deutlich älteren lateinischen als auch in geistlichen französischen Kodizes. Eine großformatige lateinisch-französische Mischhhandschrift aus dem 10./11. Jh. u.a. mit einer französischen ›Passio Christi‹-Übersetzung und der französischen ›Vie de Saint Léger‹ (Clermont-Ferrant, BM, Nr. 240 [anc. 189]; vgl. Frank, 1994, Abb. 14 u. Inventaire N° 2057) entspricht z.B. in Layout und Gestaltung der französischen Teile (3 Spalten, Abschnittsgliederung, Anfangsbuchstaben der Abschnitte ausgerückt und rubriziert) nahezu exakt den ältesten, mehr als 150 Jahre jüngeren dreispaltigen Chrétien-Handschriften. Schneider (1987) S. 92; vgl. Schneider (1999) S. 130f. Wie Schneider vermutete schon Bischoff (1957) Sp. 389f., daß »aus franz. Epenhss. des XIII. Jhs., wie sie z.B. Rudolf von Ems bekannt gewesen sein müssen, wahrscheinlich auch die sehr ansehnlich wirkende Einteilung der Seite in drei Spalten« stammt. Klein, Kl. (2000) S. 180. Klein, Kl. (2000) S. 182f.

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Tatsächlich betreffen zunächst alle dreispaltig tradierten Werke französische Adaptationen: ›Eneas‹, ›Willehalm‹, ›Parzival‹, ›Wilhelm von Orlens‹. Vielleicht noch auffälliger ist, daß die ›Stars‹ der jeweiligen Literaturszene, Chrétien de Troyes und Wolfram von Eschenbach, dominieren und mit Werksammlungen vertreten sind. Obwohl vieles für direkte Verbindungen nach Frankreich spricht,107 bleiben aber beweiskräftige Indizien für unmittelbare französische Einflüsse rar: Hinweise auf eine separate Nutzung einer zusätzlichen französischen Chretien-Vorlage scheinen beispielsweise im sehr modern eingerichteten Gießener ›Iwein‹ bzw. in dem aus dem selben Skriptorium hervorgegangenen Linzer ›Iwein‹ (beide 2. Viertel 13. Jh.)108 ebenso wie im Wolfenbütteler ›Erec‹ (Mitte 13. Jh.) und im Zwettler ›Erec‹ (2. Viertel 13. Jh.) durch. Auf französische bzw. norditalienische Vorbilder weisen eventuell auch die Marginalillustrationen im Münchener ›Alischanz‹-Fragment (4. Viertel 13. Jh.) und in der Heidelberger Handschrift des ›Welschen Gasts‹ (A).109 Zahlreiche explizite Hinweise auf welschiu buoch in Ulrichs ›Lanzelet‹, in Strickers ›Daniel vom blühenden Tal‹, in Konrads ›Partonopier und Meliur‹, in Wolframs ›Parzival‹ und ›Willehalm‹, in Gottfrieds ›Tristan‹ sowie gleichsam in personam im ›Welschen Gast‹ belegen intertextuell den fortwährend aktiven Umgang mit der französischen Buchund Hofkultur. Bei manchen stark mit französischen Elementen durchsetzten Texten und Textzeugen, wie dem Ritterroman um einen duc de normandie,110 möchte man sogar fast von französisch-deutschen Mischtexten sprechen.

Eine direkte Beziehung zu einem französischen Manuskript läßt sich in keinem der genannten Bücher nachweisen. Kenntnis von aufwendig, großformatig gestalteten frz. Prachthandschriften vom Typ der drei Pariser ChrétienSammlungen aus dem 2. Jahrhundertviertel111 scheinen allerdings Wolfram von Eschenbach und Heinrich von dem Türlin gehabt zu haben (s.o. S. 259). Möglicherweise hatten ihnen ihre Gönner/Auftraggeber entsprechende Bücher 107

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Zu beachten ist ferner, daß alle deutschen dreispaltigen Handschriften des 13. Jh.s in einem mehr oder weniger historiographischen und/oder heilsgeschichtlichen Umfeld zu verorten sind. ›Einfache‹ Artusromane sind nicht darunter. Anscheinend erachtete man – ungeachtet anders situierter französischer Vorbilder – nur Werke mit einem ›schwergewichtigen literarischen Status‹ für wert, in einem kostbaren Buchkörper tradiert zu werden. Vgl. zusammenfassend zum ›Gießener Iwein‹ Kap. III.3. Marginalillustrationen kommen in volkssprachig-deutschen Manuskripten sonst nicht vor, sind in der französisch-anglonormannischen (und der lateinischen) Überlieferung aber gleich mehrfach bezeugt. Nach dem niederrhein.-mndl. Schreibdialekt (Schneider, 1996, S. 43) wird man bei ›Alischanz‹ (München, BSB, Cgm 5249/20) am ehesten an eine französische Vorlage bzw. ein französisches Vorbild denken. Beim ›Welschen Gast‹ A (Heidelberg, UB, Cpg 389) weisen die Dialektmerkmale in den Südosten. Schneider (1996) S. 175 vermutet die Region Kärnten-Steiermark, was für den norditalienischen Kulturraum spräche. Von dort (Aquileja) stammt auch der Text; vgl. Schneider (1987) S. 173–175 u. Abb. 95. Budapest, NB, Cod. germ. 79: Anfang 14. Jh. Eine französische Vorlage des Werks konnte trotz ausgedehnter Recherchen bisher nicht identifiziert werden; vgl. de Smet (2004). Paris, BN, fr. 12576: ›Perceval‹ + Continuationes + ›La mort du comte de Henau‹ + ›Roman de Misere‹ + ›Roman de la charité‹; Paris, BN, fr. 794: ›Erec et Enyde‹, ›Cliges‹, ›Lancelot‹, ›Yvain‹, ›Perceval‹ + ›Athis et Prohilias‹, ›Roman de Troie‹, ›Brut‹ etc.; Paris, BN, fr. 1450: ›Erec et Enyde‹, ›Cliges‹, ›Lancelot‹, ›Yvain‹, ›Perceval‹ + ›Athis et Prohilias‹, ›Roman de Troie‹, ›Brut‹, ›Dolopathos‹; vgl. Nixon (1993a) N° 8, 9, 13.

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besorgt. Träfe dies zu, und dafür spricht vieles, wären französische Handschriften als mediale Vorbilder zumindest an einigen bedeutenden deutschen Höfen unmittelbar präsent gewesen. Trotz der wirkmächtig präsenten französischen Vorbilder kann von einem allgemeinen Trend hin zum voluminösen, bebilderten und vielleicht sogar dreispaltigen Sammel- und Prachtkodex französischer Prägung aber keine Rede sein: Bilderhandschriften fehlen in Deutschland fast völlig (Diagramm 7) und dreispaltige Prachtkodizes machen nur wenige Prozentpunkte der Gesamtüberlieferung aus (Diagramm 5 und 6). Was sich durchsetzt, sind weniger spektakuläre, aber gleichfalls von französischen Vorbildern beeinflußte Einrichtungsmoden wie die abgesetzten Verse, die ab dem zweiten Jahrhundertviertel häufiger auch ausgerückt werden (zuerst im Gießener und Linzer ›Iwein‹), das zweispaltige Layout und das Fleuronnée. Während der 1220er/1230er Jahren begann man sich in Deutschland literarisch von den französischen Vorlagen zu lösen. Die aus französischen Handschriften bekannten Einrichtungsmoden büßten allerdings nichts von ihrer Attraktivität ein, sondern werden ganz im Gegenteil Kulminationspunkt von neuen Buchpracht evozierenden Interessenkonstellation. Im Schnittpunkt solcher Entwicklungen scheint die Berliner ›Eneas‹-Handschrift (Berlin, SBBPK, mgf 282; Tafel 9, 11)112 zu stehen: »Der Schreiber [...] bietet [...] die ersten beiden Verse des Eneasromans in abgesetzter Schreibung, in den folgenden vier Zeilen wird durchgeschrieben, dann folgen drei abgesetzte Reimpaare [...], bei denen die Anfangsbuchstaben des je ersten Verses herausgezogen sind. Der Rest der Spalte verzichtet auf die herausgezogenen Majuskeln ...«113 Auch bei der Textgliederung zeigen sich auffällige Entwicklungsmomente im Manuskript: Nur am Anfang werden mehrzeilige Initialen verwendet. Später geht man zu einfachen, zweizeiligen Majuskeln über. Am auffälligsten ist aber der Wechsel beim Layout: Der Kodex beginnt zweispaltig, fortlaufend (Bl. 1v und 3r, Tafel 9a) und wechselt erst darauf endgültig zur hochmodernen dreispaltigen Einrichtung mit abgesetzten Versen (Tafel 9b, 11). Henkel spricht vom »Ergebnis eines sichtbaren Experimentierens mit dem Layout.« Experimentstatus könnten auch die nachträglich eingelegten Bildseiten haben, falls sie, wie von Henkel vermutet,114 nicht zur ursprünglichen Konzeption der Handschrift gehörten und erst später, während des Schreibprozesses, in das Buchkonzept aufgenommen wurden. Für eine solche These spricht das im 12. Jh. weit verbreitete, mittlerweile aber veraltete Verfahren, separat erstellte Bildseiten in fertige Lagenverbünde nachträglich einzugliedern (s.u.). Um 1220/30 war man allerdings längst zur homogenen Anfertigung von Text- und Bildseiten in ungestörten Lagenverbünden übergegangen.

Aber was veranlaßte ein ›professionelles Skriptorium‹ zu derart aufwendigen Gestaltungsexperimenten? Können wir hier vielleicht eine buchgeschichtliche

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Detaillierte Beschreibung der Handschrift im Kommentarband zum Faksimile von Henkel/Fingernagel (1992); vgl. ergänzend Kartschoke (2000). Henkel/Fingernagel (1992) S. 24. Henkel/Fingernagel (1992) S. 26. Diemer/Diemer (1992) S. 917ff. gehen von einer konzeptionellen Einheit von Bild und Text aus.

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Umbruchssituation in statu nascendi oder vielleicht sogar den unmittelbaren Einfluß der neuer Moden aus dem Westen beobachten?115 Die Diskrepanz zwischen einer schmucklosen Vorlage und dem abweichenden, vielleicht von geschauten frz. Vorbildern geprägten Gestaltungswunsch eines hochadligen116 Auftraggebers könnten das Gestaltungsexperiment begünstigt haben, denn bis dato waren im Reich in diesem Genre einspaltige, schmucklose, unbebilderte, mit fortlaufenden Versen eingerichtete, kleinformatige ›Gebrauchshandschriften‹117 üblich – für unseren Auftraggeber anscheinend eine dem Wert des literarischen Gegenstandes keinesfalls angemessene Form. Was er/ sie sich als angemessene Buchform vorstellte, könnte er/sie bei einer Reise nach Frankreich oder England gesehen haben. Dort waren mittlerweile zweiund dreispaltige, mit abgesetzten Versen, aufwendigen Gliederungssystem und Miniaturen versehene Epenhandschriften modern geworden.118 Sollte der eigene ›Eneas‹ vielleicht genauso aussehen? Wurde vielleicht ein solches Buchmuster dem Skriptorium exakt beschrieben? Der merkwürdig offene Experimentierstatus läßt wohl ausschließen, daß ein entsprechendes Muster vorlag. Eine wichtige Rolle bei der Klärung der Rätsel um Pracht und Buchkunst könnte in diesem Zusammenhang eine ähnlich bebilderte Handschrift

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Kartschoke (2000) S. 280 vermutet eine bereits dreispaltige, bebilderte (ebd. S. 281) Vorlage, die der Schreiber vermeintlich in die (zu dieser Zeit aber gerade noch nicht) ›übliche zweispaltige Standardform‹ zurückverwandeln wollte. Kartschokes These ist nicht haltbar, da die zweispaltige Einrichtung zur Entstehungszeit des Berliner ›Eneas‹-Kodex in Deutschland noch fast genauso avantgardistisch war wie das dreispaltige Layout. Um 1220/30 sind gerade einmal 20% der deutschen Epenhandschriften zweispaltig eingerichtet, und im Fall des ›Eneas‹ scheint überhaupt erst mit/nach der Berliner Handschrift der Schritt zu einem ›moderneren‹ Layout vollzogen. Alle älteren oder gleichzeitigen Handschriften (s.u.) entsprechen dem ›archaisch-einspaltigen Typ‹. Modern eingerichtet sind erst in der Folgezeit der Münchener Cgm 5199 (um 1220/30) und der Krakauer Kodex BJ, Berol. mgq 1303 Nr. 3 (nach 1250). Einen gewissen Reiz entwickelt Kartschokes Blick nach Frankreich, wenn man an eine vielleicht zusätzlich als mediales Vorbild herangezogene oder (vom Auftraggeber oder der Auftraggeberin an einem französischen Hof gesehene und) erinnerte französische Epen-Handschrift denkt. In Frankreich /England gehörten entsprechende Einrichtungsund Ausstattungsmuster seit einiger Zeit zum Modernsten, was die volkssprachige Buchkunst zu bieten hatte. Vgl. dazu die Überlegungen von Kartschoke (2000) S. 282–284 hinsichtlich der Wittelsbacher und der Staufer. Man könnte sich durchaus »den Sohn des Kaisers«, den späteren Heinrich VII., bzw. dessen Vormund, den Bayernherzog Ludwig I., als Auftraggeber einer solchen Prachthandschrift vorstellen. Ob man in solchen Kreisen allerdings derart minderwertige Materialien (zum Pergament vgl. Kap. I.2.2) und ein relativ niedriges Schriftniveau akzeptiert hätte? Alle älteren und gleichzeitigen ›Eneas‹-Kodizes sind einfache ›Gebrauchshandschriften‹: München, BSB, Cgm 5249/19 (R): 1 Spalte, 35–38 Zeilen, Verse nicht abgesetzt. Wolfenbüttel, HAB, Cod. 404.9 (4) Novi (Wo): 1 Spalte, 26 Zeilen, Verse nicht abgesetzt. Privatbesitz Christopher de Hamel, London (Ham): 1 Spalte, 20 Zeilen, Verse nicht abgesetzt. Vgl. Hasenohr (1990) S. 258–264. In französischen Epen-Handschriften kommt dreispaltiges Layout zu Beginn des 13. Jh.s in Mode.

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von Wernhers ›Marienleben‹ (D119) spielen. Henkel sieht das ›Marienleben‹ D »im unmittelbaren entstehungsgeschichtlichen Kontext mit dem [...] gleichfalls mit Spruchbändern ausgestatteten, um 1220/30 anzusetzenden Berliner Bilderkodex von Heinrichs von Veldeke ›Eneas‹-Roman.«120 Es handelt sich dabei um einen für volkssprachige Texte völlig neuen Illustrationstypus, der in der lateinischen Bibelillustration, bei anderen fundierenden ›heiligen‹ Texten und bei lateinischen Psalterien/Gebetbüchern jedoch schon im 12. Jh. Verwendung findet.121 Besondere Aufmerksamkeit verdienen einige Pracht-Psalterien, die für ein höfisches Publikum bestimmt waren. Als Beispiele wären der im Auftrag Heinrichs des Löwen (?) angefertigte ›Lansdowne Psalter‹ (nach 1167), der nordfranzösische Ingeborg-Psalter (ca. 1195), der sogenannte ›Englische Psalter‹ (um 1200)122 und vielleicht als direktes Bindeglied zur volkssprachigen Buchtradition das mit deutschen Bildbeischriften versehene ›Gebetbuch der Heiligen Hedwig‹ (1. Viertel 13. Jh.; Tafel 10) zu nennen.123 Obwohl das ›Marienleben‹ mit seiner einspaltigen Einrichtung, den fortlaufenden Versen und dem kleinen Format (16,5 x 11,5 cm gegenüber 25,5 x 17,5 cm) weit stärker als der ›Eneas‹ geistlich-hagiographischen Buchtraditionenen verpflichtet scheint, wird man auch und gerade diese Vorbilder für eine bis in den weltlichen Hof hinein wirkende Buchpracht nicht hoch genug bewerten können. Nur diese Bücher waren an jedem Hof tatsächlich, handgreiflich präsent. Wie wir uns die Konturen einer solchen geistlich-hagiographischen Buchtradition im 13. Jh. vorzustellen haben, läßt sich an den Kodizes des ›Marienlebens‹ ablesen. Sie sind allesamt kleinformatig, einfach, schmucklos, fortlaufend geschrieben.124 Was exakt zu dem von Wernher selbst aufgezeigten Gebrauchszusammenhang paßt:

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Krakau, BJ, Berol. mgo 109; vgl. Schneider (1987) S. 81–84 u. Henkel (1996) S. 7f. sowie zu den Spruchbändern Wittekind (1996) S. 344f. u. Henkel (2000). Henkel (2000) S. 251 (von ihm ebd. S. 246 auch als »Schwesterhandschrift« bezeichnet). Ob beide Handschriften allerdings im selben Skriptorium (Gärtner, 1999a, Sp. 913 nennt mit Verweis auf Henkel Scheyern) hergestellt wurden, bleibt offen. Wittekind (1996). München, BSB, Clm 835. Die Spruchbänder des vermutlich in einem englischen Skriptorium (Gloucester) für den Export (nach Deutschland?) hergestellten Psalters enthalten keinen Text; vgl. Morgan (1982) Nr. 23 u. Cimelia Monacensia (1970) Nr. 36. Vgl. allg. Wittekind (1996) sowie speziell zum ›Gebetbuch der Heiligen Hedwig‹ Kap. II.1.4 u. Tafel 10. Innsbruck, LM Ferdinandeum, Cod. FB 1519/IX + Nürnberg, GNM, Hs. 18065 (E): Blattgröße 16 x ca. 11 cm, 1 Spalte, 24–25 Zeilen, Verse nicht abgesetzt. – Privatbesitz Gerd Pichler, Wien (W): Blattgröße ca. 15 x 9 cm, 1 Spalte, 26 Zeilen, Verse nicht abgesetzt. – Augsburg, SStB, Frgm. germ. 9 (F): Blattgröße 23 x 14,6 cm, 1 Spalte, 27–32 Zeilen, Verse nicht abgesetzt. – Wien, ÖNB, Cod. 2742* (A): Blattgröße 16 x 11 cm, 1 Spalte, 22–26 Zeilen, Verse nicht abgesetzt (außer am Anfang). – München, BSB, Cgm 5249/2a + München, BSB, Cgm 5249/2c (B, G): Blattgröße 17,5 x [10,5 cm], 1 Spalte, 28 Zeilen, Verse nicht abgesetzt. Genau in dieses Layoutschema paßt auch die Bilderhandschrift D: Blattgröße 16,5 x 11,5 cm, 1 Spalte, 22–23 Zeilen, Verse nicht abgesetzt; zur Überlieferung vgl. Gärtner (1999a) Sp. 905f.

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Das ›Marienleben‹ war für phaffen, laien und frouwen (Marienleben 144) gedacht und sollte ihnen als Medium den Weg zu Gott offenlegen und insb. schwangere Frauen ganz handgreifl ich als Amulett begleiten.125 Für unsere Fragestellung aufschlußreich ist das Außergewöhnliche – in diesem Fall also das bebilderte ›Marienleben‹: ›Marienleben‹ D fügt sich – bis auf die Bilder – exakt in dieses Schema ein. Henkel bezeichnet es treffend als der »adligen Literaturpflege zuzuordnendes Andachts- und Erbauungsbuch.«126 Wohl nur in diesem einen Fall hatte ein(e) besonders vermögende(r), hochadlige(r) Auftraggeber(in) ein spezielles Interesse an Maria auch in einem repräsentativen Buchkörper ausgedrückt sehen wollen. Er/Sie bat das Klosterskriptorium127 um eine bebilderte ›Sonderanfertigung‹.128 Bei Format, Layout und Einrichtung wich man in der Werkstatt nicht von der Norm bzw. der Vorlage ab. Die Illustrationen machten aus dem Bändchen aber ein kostbares Kleinod – fast im Rang einer Reliquie. Ähnlich könnte es sich im ›Eneas‹-Skriptorium zugetragen haben, nur daß dort vermutlich erst kurz nach Arbeitsbeginn neben der fortlaufend, unbebilderten ›Eneas‹-Vorlage ein hochmodernes Manuskript – eher ein Psalter als ein französischer Roman?129 – als mediales Vorbild zugänglich oder als visuelles Modell memoriert wurde.

Faßt man die Indizien zusammen, lassen sich für beide Kodizes trotz völlig unterschiedlicher Inhalte ähnliche Interessenkonstellationen denken. Beim ›Eneas‹ spricht alles, ›beim ›Marienleben‹ sprechen bevorzugt die Bilder und die Marienfigur für einen bedeutenden weltlichen Hof, denn Maria wurde am Hof mindestens ebenso verehrt wie ›Eneas‹:130 »Wernher empfiehlt in einem längeren Abschnitt zwischen dem zweiten und dritten liet (2933–3058) sein Werk ausdrücklich einem laikalen Frauenpublikum wie eine heilkräftige Reliquie zur Aufbewahrung, Lektüre und Verbreitung.«131 In dasselbe Milieu gehört Veldekes ›Eneas‹. Vom ›Eneas‹ ist bekannt, daß daz bûchelîn zuerst einer frouwen ze lesene und ze schouwen gegeben wurde, daz was diu grâvinne von Cleve / diu milde und diu gûte (Eneas 13 444–449). Der Berliner ›Eneas‹ – und bedingt das Berlin/Krakauer ›Marienleben‹ – bleiben als Highlights einer erwachenden Profan-Buchkunst in ihrer extremen Prachtentfaltung zwar zunächst singulär, einige recht aufwendig gestaltete, z.T. schon zweispaltig mit abgesetzten Versen eingerichtete Handschriften der ›Kaiserchronik B‹ (Baseler Fragment), von Wolframs ›Parzival‹ (Frgm. 14 u. 23 u. 55 u. 65 ), von Veldekes ›Eneas‹ (Me) und des ›Nibelungenlieds‹ (B)

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Vgl. Henkel (1996) S. 5 Anm. 18 und Wolf (2005) sowie zur »sensorischen Aneignung des Wortes« Wenzel (1995) S. 235f. Henkel (1996) S. 8. In ein Klosterskriptorium weist das von der Hand des Schreibers neumierte (!) ›gloria in excelsis deo‹ (v. 4095) auf Bl. 71v; vgl. detailliert Schubert (2002a). Wobei hier auch eine Andachtsfunktion der Bilder mitgedacht werden sollte; vgl. etwa Largier (1999) u. Hamburger (1991). Daß es sich dabei um einen französischen ›Roman d’Eneas‹ gehandelt haben könnte, ist unwahrscheinlich. Die Berliner Handschrift zeigt nirgends Textvarianten, die auf eine zweite Vorlagenhandschrift oder eine zusätzliche Quelle hindeuten. Vgl. Henkel (1996) S. 5–8, 14–16 u. Gärtner (1999a) Sp. 913f. Gärtner (1999a) Sp. 905.

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lassen aber doch recht deutlich eine Tendenz zu repräsentativeren Buchformen erkennen.132 Um die Jahrhundertmitte gehört der großformatige, zwei- und dreispaltig mit abgesetzten und z.T. ausgerückten Versen eingerichtete Buchtyp schließlich zum Standardformeninventar volkssprachig-deutscher Buchgestaltung. Als Beispiele wären die um 1250 vermutlich aus einem Skriptorium hervorgegangene Kodizes der Cgm 19-Gruppe zu nennen. Dreispaltig eingerichtet sind darunter der Cgm 19 mit Wolframs ›Parzival‹, ›Titurel‹, Tageliedern und der Salzburger ›Wilhelm von Orlens‹. Der illustrierte ›Tristan‹ (M) und der ›Parzival‹ (E) weisen zweispaltige Einrichtung auf.133 Das hier erstmals in größerem Stil erprobte dreispaltige Einrichtungsmodell setzte sich in Deutschland allerdings nicht durch. Der Anteil beträgt noch im ausgehenden 13. Jh. kaum mehr als 10–15% an der Gesamtüberlieferung (Diagramm 5 und 6).134 Ist bei den Verstexten ein Bezug zur französischen Buchkunst in einzelnen Merkmalen und vor allem in den gleich laufenden Entwicklungslinien mehr oder weniger deutlich zu erkennen, so sehen wir bei den Prosatexten ein völlig anderes Bild. In Frankreich/England war die Prosa zu Beginn des 13. Jh.s nach heftigen literaturtheoretischen Diskussionen um die richtige – wahre – Form von Geschichtsüberlieferung zu einer tragenden Säule der volkssprachigen Literatur aufgestiegen. Die hohe Wertschätzung für die Prosaform dokumentieren der ›Tristan en Prose‹ und der Prosa-Artuszyklus. Vor allem die Artuszyklushandschriften setzen um 1210/20 noch einmal neue Maßstäbe. Gleichsam im Schnittpunkt von Hofkultur und Geschichtsschreibung entstehen extrem großformatige, dreispaltige, mit historisierten Initialen und z.T. Miniaturen ausgestattete vielhundertblättrige Sammelhandschriften. Exemplarisch sei auf die um 1215/1220 fertiggestellte Zyklus-Handschrift aus Rennes und einen wenig jüngeren Pariser ZyklusKodex verwiesen.135 Ebenso wie literarhistorische Traditionslinien die Übernahme der vorher beschriebenen Neuerungen in der Versepik begünstigten, scheinen sie

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Alle frühen Kodizes mit diesem modernen Layout stammen aus dem Süden (bair.) bzw. Südwesten (alem.). Im mitteldeutschen Sprachraum tauchen entsprechende Gestaltungsmuster frühestens um die Jahrhundertmitte (›Parzival‹ Frgm. 22; ›Wigalois‹ i) und im niederdeutschen Sprachraum sogar erst deutlich nach der Jahrhundertmitte (›Willehalm‹ Frgm. 17 u. 87) auf; vgl. Kap. I.2.3. München, BSB, Cgm 19: Wolfram-Sammlung; München, BSB, Cgm 51: ›Tristan‹; München, BSB, Cgm 194/III: ›Parzival‹; Salzburg, SfB St. Peter, Cod. A VI 56: ›Wilhelm von Orlens‹. Die mehrfach in der Literatur geäußerte Vermutung, auch der Salzburger ›Wilhem von Orlens‹ sei in diesem Skriptorium entstanden (vgl. etwa Schneider, 1987, S. 151 und Baisch 2006, S. 101f.), läßt sich nicht beweisen. Das abweichende Graphiesystem, die abweichende Einrichtung und die nachweisbar unterschiedlichen Schreiber sprechen m.E. eher gegen diese These; vgl. zur Gruppe insgesamt Schneider (1987) S. 150–154 und zuletzt Baisch (2006) (dort auch die gesamte ältere Forschungsliteratur skizziert und diskutiert). Vgl. Klein, Kl. (2000). Das Gros dieser Handschriften stammt allerdings aus dem 14. Jh. Rennes, Bibl. Municipale, Ms. 255: 276 Blätter, Blattgröße 44 x 31 cm, historisierte Initialen; vgl. Inventaire N° 4087; Paris, BN, fr. 770: 354 Blätter, Blattgröße 31,5 x 23 cm, Miniaturen; vgl. Inventaire N° 4094 sowie mit zahlreichen weiteren Beispielen Martin/Vezin (1990) S. 258–263.

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nun die schnelle Übernahme verhindert zu haben. Der Prosa-Artuszyklus wurde in Deutschland (fast) nicht rezipiert. Nur im Westen finden wir vereinzelte Rezeptionszeugnisse und mit dem ›Prosa-Lancelot‹ eine Teilübersetzung. Die medialen Folgen dieser Nicht-Rezeption sind deutlich sichtbar: Höfische Prosatexte wurden in Deutschland nie dreispaltig und nur selten zweispaltig tradiert (Diagramm 6). Für sie blieb über das 13. Jh. hinaus die schon im 12. Jh. für Prosatexte aller Art gebräuchliche einspaltige Variante das Maß der Dinge. Diagramm 5

Diagramm 6

Layout deutscher Verstexte im 13. Jh. (Datenbasis MR13)

Layout deutscher Prosatexte im 13. Jh. (Datenbasis MR13)

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Prinzipiell wird man konstatieren können, daß die französischen Buchmoden das Ausstattungsspektrum bereicherten, bis zu einem gewissen Maß die Moden prägten, allerdings ohne generell zur Norm zu werden, wobei man immer und zu jedem Zeitpunkt die parallelen Muster der lateinischen Schriftlichkeit mitzuberücksichtigen haben wird. Wirkmächtiger als die frz. Vorbilder scheinen sich insbesondere die omnipräsenten Psalterien und Gebetbücher zu erweisen. I.1.5.2. Mediale Reservoirs II: Der Psalter An den Höfen in Deutschland und in Frankreich/England hatte man im 13. Jh. ein ganzes Arsenal alter und hochmoderner Produkte klerikal-lateinischer Schriftlichkeit ständig vor Augen. Ich erinnere an die in der laikalen Hofgesellschaft weit verbreiteten (Privat-)Psalterien und (Privat-)Gebetbücher.136 Sie scheinen nicht nur mittelbar als mediale Vorbilder für entsprechende 136

Sicher nicht zu Unrecht bezeichnet Pierre Riché den Psalter als das »Grundbuch des Mittelalters« und das Mittelalter als eine »culture psalmodique« (zitiert nach Lentes, 1998, S. 347).

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volkssprachige Buchprojekte gewirkt zu haben, häufig sind die Psalter-Skriptorien sogar direkt in die Produktion volkssprachiger Handschriften eingebunden. Belege für direkte Verbindungen in Psalter-Skriptorien finden sich vor allem in Frankreich/England häufiger. Der Princetoner Chrétien-Kodex stammt sogar nachweislich aus einer französischen Psalterwerkstatt.137 Ebenfalls aus einer Psalterwerkstatt stammt ein in anglonormannischem Dialekt geschriebenes Fragment der ›Vie de saint Thomas Becket‹:138 Der großformatige, dreispaltig eingerichtete, mit Miniaturen ausgestattete ›Vie‹-Kodex ist im Umfeld des von Matthew Paris geleiteten Klosterskriptoriums von St. Albans zu verorten. Die Illustrationen sind wahrscheinlich von »lay artists in London« angefertigt worden und lehnen sich an dort entstandene Psalterund Apokalypse-Handschriften an. Vermutlich ebenfalls in London wurde eine teilweise von Matthew Paris in St. Albans selbst geschriebene ChronikHandschrift (Manchester, Chetham Library, MS 6712 (A. 6.89)) mit Bildern versehen. Auch sie zeigt enge Verwandtschaft zu einer in London illustrierten Psalter-Handschrift.139 In Deutschland können wir ähnliche Produktionsstrukturen etwa bei der Gothaer (Hs. 24) und der Bremer (Hs. 16) Bilderhandschrift der ›Sächsischen Weltchronik‹, dem Berliner ›Eneas‹, den großen Liederhandschriften und dem sog. Vadiana-Komplex vermuten. So erinnert die Ikonographie der beiden Manuskripte der ›Sächsischen Weltchronik‹ an gleichzeitige Psalterien bzw. allgemein geistlich-biblische Prachthandschriften und weist jeweils auf professionelle (weltliche?) Malwerkstätten des nord- und mitteldeutschen Raums. Auffällig ist dabei, daß die außergewöhnlich kostbar ausgestatteten Weltchronikhandschriften in unterschiedlichen sozialen Milieus verortet werden können: Der Gothaer Kodex entstand um 1270 vermutlich für eine »Dame des Welfenhauses«. Kroos favorisiert Helena von Sachsen als Empfängerin.140 Der Bremer Kodex wurde von dem reichen Hamburger Bürger Johann von dem Berge als Geschenk für einen Grafen Gerhard von Holstein in Auftrag gegeben.141 Einige der für die Berliner ›Eneas‹-Handschrift charakteristischen Gestaltungstechniken und Gestaltungsideen142 weisen ebenfalls dezidiert auf die in professionellen Skriptorien angefertigten und an den weltlichen Höfen weit verbreiteten Psalter-Handschriften. Die gilt zu allererst für die Technik, die Bilder nicht direkt auf Blätter des Lagenverbundes zu malen, sondern sie als fertige Bildseiten erst später in den Lagenverbund einzufügen. Ein sol-

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Vgl. Nixon (1993a) Nr. 27. Vgl. Morgan (1987) Nr. 38. Morgan (1987) S. 216 u. 348. Kroos (2000) S. 95–97. Wichtig sind die Hinweise auf zahlreiche, nur in der Gothaer Handschrift ausführliche beschriebene und gemalte (!) vorbildliche Frauengestalten, was eine Frau als Adressatin wahrscheinlich macht. Wolf (1997) S. 93–95, 293–298. Vgl. Henkel/Fingernagel (1992).

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ches Verfahren kennen wir aus zahlreichen Psalterien und Evangeliaren vornehmlich des 12. Jh.s.143 Die Vorteile sind bei den lateinischen Prachtbänden und der volkssprachigen Zimelie die gleichen: Für aufwendigere Deckfarbenmalereien und Goldgrundminiaturen konnte man speziell aufbereitetes, dickeres, rauheres Pergament einsetzen.144 So war gewährleistet, daß die Pigmente und Edelmetalle einerseits gut hafteten, die Farben und Bindemittel (Eiklar) andererseits aber nicht durchschlugen. Eine wichtige Rolle dürfte zudem die arbeitsteilige Ausführung der Malaufträge gespielt haben. »Texte und Bilder wurden nicht in der Reihenfolge erstellt, in der sie in einer Handschrift auftreten, sondern in getrennten Arbeitsschritten und oft von unterschiedlichen Personen.«145 Insbesondere bei höheren ästhetischen Ansprüchen ging der Auftrag an spezialisierte, oft nicht einmal am Ort des Skriptoriums ansässige Illustrationswerkstätten. Sie erhielten entweder den Auftrag zur Erstellung separater Bildseiten oder es mußte die komplette Lage bzw. der komplette Kodex in die Illustrationswerkstatt gegeben werden, wo dann die Miniatur auf den entsprechenden Platz eingefügt wurde. Bei den kostbar mit Deckfarbenmalereien ausgestatteten Evangeliaren (und Psalterien) aus ottonisch-salischer Zeit waren deshalb Lagenbrüche speziell am Anfang der – jeweils mit Miniaturen versehenen – Evangelien die Regel. »Gerade 20 Prozent der Handschriften behalten hier ihre Quaterniostruktur bei«.146 Um 1220 ist dieses Verfahren allerdings schon veraltet. Über 80 Prozent der illustrierten Kodizes weisen nun eine gleichmäßige Lagenstruktur auf. Bild- und Textseiten sind lagentechnisch als fortlaufende Einheiten konzipiert.147 Analog zur Illustrationstechnik scheinen auch die ikonographischen Muster geistlichen Handschriften entlehnt. Im letzten Drittel des 12. Jh.s begegnen gleich mehrere geistliche Prachthandschriften mit einer ausgesprochen ähnlichen ikonographischen Konzeption. Durch einen ebenfalls mehrgliedrig-ganzseitigen Bildaufbau zeichnet sich beispielsweise der im südwestdeutschen Raum entstandene Donaueschinger Psalter aus dem letzten Drittel des 12. Jh.s aus.148 Unmittelbar in das Regensburger Entstehungsumfeld der Berliner ›Eneas‹-Handschrift weist schließlich ein um 1160–65 in Prüfening angefertigter Isidor-Kodex (Tafel 51). Das Bildprogramm beschränkt sich zwar auf zwei ganzseitige Miniaturen, doch die

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Vgl. etwa Heinzer (1992) S. 1–3, zum Landgrafen-Psalter. Dazu grundlegend die mit zahlreichen Beispielen unterlegte Detailstudie von Bischoff (1991). Die Ergebnisse sind in Bischoff (1994) S. 90–92 zusammengefaßt und präzisiert. Bischoff (1994) S. 89. Vgl. Bischoff (1991) u. (1994), Zitat S. 87. Bischoff (1994) S. 89 u. 95f. Stuttgart, WLB, Donaueschingen Hs. 180; vgl. Andachtsbücher (1992) Nr. 2. Vgl. Palmer (1991) S. 247 mit Hinweis auf das Salzburger Antiphonar von St. Peter (ebd. S. 247 Anm. 66) und Palmer (1993) S. 15f. mit Hinweis auf den um 1170/80 für Heinrich den Löwen angefertigten ›Lansdowne Psalter‹.

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Eingangsminiatur auf Bl. 1r zeigt mit ihrer spezifischen Bildaufteilung, den Spruchbändern und der Farbwahl frappierende Übereinstimmungen mit dem ›Eneas‹.149 In den weiteren Umkreis des ›Eneas‹ wird man auch das New Yorker ›Gebetbuch der Heiligen Hedwig‹ rücken können (Abb. 11, Tafel 21).150 Auch für die Gestaltung der großen Liederhandschriften des ausgehenden 13. Jh.s scheinen Psalter-Illustrationen als ikonographische Vorbilder eine (zentrale?) Rolle gespielt zu haben. Nach Beer können Prachtbände im Stile des nach Südwestdeutschland lokalisierten, um 1270/80 entstandenen Karlsruher bzw. Lichtenthaler Psalters (Tafel 14)151 »als eine wichtige Voraussetzung für den Figurenstil und den Duktus des bald nach 1300 geschaffenen ManesseKodex angesehen werden.«152 Noch deutlich näher scheint der Lichtenthaler Psalter dem Fragment der Budapester Liederhandschrift (Abb. 11, Tafel 12) zu stehen. Ikonographische Verbindungen nach Frankreich sind demgegenüber eher unwahrscheinlich. Die erhaltenen französischen Lyrikhandschriften weisen andere Einrichtungs- und Gestaltungscharakteristika auf. Auch sind sie meist neumiert oder sogar mit moderneren Notensystemen ausgestattet.153 Neumen finden wir in der deutschen Lyriküberlieferung dagegen nur im unmittelbar geistlichen Umfeld (MF Namenlos V, Walther N, ›Carmina Burana‹, ›Baseler Liederhandschrift‹) bzw. sonst erst ab dem ausgehenden 13. bzw. im 14. Jh. im Berliner ›Reinmar‹ und in KLD Namenlos Ll. In der engen Verbindung von professionellen Klosterskriptorien und laikalen Schreib- bzw. Malwerkstätten wird ein grundlegendes Muster für die Produktion kostbarer volkssprachiger Handschriften sichtbar: In den Schreibzentren werden für die Herstellung volkssprachiger Zimelien ganz selbstverständlich alle Erfahrungen aus der Produktion der dort üblicherweise hergestellten lateinischen Prachthandschriften genutzt. Als Muster sind dabei die in großen Stückzahlen für geistliche und weltliche Auftraggeber produzierten Psalter-/Gebetbuch-Handschriften von zentraler Bedeutung. Vieles, was

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München, BSB, Clm 13031; vgl. Klemm (1980) S. 64f. u. Abb. III, 167f. Die zweite Miniatur befindet sich wie beim ›Eneas‹ auf einem separat eingebundenen Einzelblatt. Stolz (2004) S. 23 weist diesem Kodex sogar explizit »eine Brückenfunktion zwischen dem Typus der Buchmalerei in einem gelehrt-klerikalen Umfeld, wie ihn der Bamberger DavidZyklus repräsentiert, und dem Typus volkssprachig-laikaler Epenillustrationen, wie er in den Handschriften des Eneasromans und des ›Parzival‹ begegnet«, zu. Ob in einer derart eng verflochtenen klerikal-laikalen Interferenzzone überhaupt solche Differenzierungen vorgenommen werden sollten, erscheint allerdings zweifelhaft. Detaillierte Beschreibung bei Saurma-Jeltsch (1988) S. 330f. u. Abb. S. 624f. (J 6): »Für die Liederhandschrift, insbesondere den Grundstock, überliefert der Lichtenthaler Kodex eine der wichtigsten Quellen des Stils« (ebd. S. 330). Beer (1965) S. 37. Zu den ikonographischen Vorbildern vgl. allg. Saurma-Jeltsch (1988), Vetter (1981) u. ders. (1988). Die Beispiele von Vetter (1988) S. 289f. (H 1 = sächsischer Psalter), 297f. (H 14 = Fécamp-Psalter), 299 (H 17 = thüringisch/sächsischer Psalter), 301 (H 20 = Psalter der Yolande de Soissons) zeigen allerdings kaum Verbindungen zum ManesseKodex. Vgl. Hasenohr (1990) S. 329–334 u. Abb. 292–300.

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sich vordergründig als Adaption französischer Innovationen darstellt, erweist sich bei genauerer Betrachtung als längst verbreiteter Standard im lateinischen Schriftwesen. Dies gilt für die gotischen Buchstabenformen, die Fleuronnée-Elemente, die gezeigten Illustrationstypen sowie letztlich auch für die ›modernen‹, ›höfischen‹ Einrichtungsmuster (Zwei- und Dreispaltigkeit, abgesetzte Verse, ausgerückte Anfangsbuchstaben) und Gliederungssysteme (Initiale – Majuskel – Kapitelüberschrift – Kolumnentitel). Sie alle sind im klerikal-lateinischen Schriftwesen mitunter seit Jahrhunderten im Gebrauch, kamen für die volkssprachigen Texte ob deren niedrigem literar- und kulturhistorischen Status nur bisher nicht in Frage. I.1.5.3. Mediale Reservoirs III: Buchkunst der Zisterzienser Wenn viele dieser Elemente weniger über eine höfisch-volkssprachige als über eine klerikal-lateinische Schiene in die volkssprachigen Handschriften gelangt sind, stellt sich die Frage nach den vermittelnden Instanzen. Als Produktionszentren für alle Arten von Literatur genannt sind schon die Klosterskriptorien, die Domschulen und die Bischofshöfe. Der Blick muß sich aber auch auf die europaweit aktiven Orden richten. Eine große Zahl von volkssprachig-geistlichen Handschriften aus dem Umfeld der Zisterzienser (s.u.) läßt dabei vor allem diesen Orden in den Blickpunkt rücken. Ende des 12. Jh.s finden im Gefolge der Kreuzzugsbewegung und der Expansion des stark an der Buchkultur interessierten Zisterzienserordens neue Texte sowie moderne Schrift- und Buchmuster von Frankreich aus internationale Verbreitung. Zu zisterziensischen Markenzeichen entwickeln sich das Interpunktionssystem und die Filigranornamentik (Fleuronnée).154 Die Wirkung des Interpunktionssystems beschränkt sich allerdings auf die für die Tischlesung notwendigen lateinischen Texte und bleibt damit für die volkssprachige Buchkultur irrelevant. Aufwendigere, allenfalls oberflächlich an den Gebrauch im zisterziensischen Schriftwesen erinnernde Interpunktionssysteme finden nur in wenigen volkssprachig-geistlichen Handschriften des späten 12. und 13. Jh.s Verwendung,155 vereinzelt z.B. in der Münchener ›Speculum ecclesiae‹-Übersetzung (Tafel 22),156 in der in einem lateinischen Kodex nachgetragenen ›Schwäbischen Trauformel‹,157 in Hs. A des ›St. Trud-

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Vgl. Parkes (1978) S. 127–142 u. (1992); Bischoff (1979) S. 215f.; Vezin (1990); Palmer (1991) S. 249f. (Bibliographie) u. (1998) S. 60f. und speziell zum zisterziensischen System ders. (1991) S. 236. Vgl. Schneider (1987) S. 17, Beispiele ebd. S. 46 (dazu Abb. 14), 48f. (dazu Abb. 15), 103– 107 (dazu Abb. 50 u. 51) sowie ergänzend Palmer (1991) S. 232–242. München, BSB, Cgm 39, Schreiber 2; vgl. Palmer (1991) S. 235f. München, BSB, Clm 2 , Bl. 38v.

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perter Hohelieds‹,158 in der ›Engelberger Benediktinerregel‹ (Tafel 29),159 im St. Pauler Notker-Fragment160 und in den ›Schwarzwälder Predigten‹.161 Alle genannten Handschriften enthalten geistliche Texte und sind unmittelbar im klerikal-lateinischen Schriftsystem zu verorten. Sie weisen letztlich nicht über die lateinische Schriftlichkeit hinaus und entwickeln keine innovative Kraft für die volkssprachige Schriftlichkeit. In deutschen Handschriften kommen Punkte sonst nur unspezifisch als Kennzeichnung von Sinnabschnitten, Versenden und metrischen Einheiten zum Einsatz.162 Genuin zisterziensische Traditionen sind nicht auszumachen. Ähnlich schnell wie das Interpunktionssystem verbreitet sich die in nordfranzösischen Zisterzienserklöstern (Vaulerc) entstandene Filigranornamentik (Fleuronnée). In oberrheinischen Skriptorien bürgerte sich das Fleuronneé schon um 1200 ein.163 Importiert wurde die neue Technik mit entsprechenden Handschriften aus Frankreich. Frühe Belege für einen solchen Transfer können wir in einer glossierten Apokalypse und einem Psalmenkommentar des Petrus Lombardus fassen.164 Beide Handschriften wurden um 1200 bzw. Anfang des 13. Jh.s in Nordfrankreich geschrieben. Die Apokalypse stattete man im dortigen Skriptorium mit einer kleinen Eingangs-Fleuronnéeinitiale (Bl. 1v) aus. Der Psalmenkommentar erhielt blau-rote Fleuronnéeinitialen, wurde aber nicht vollendet. Beide Kodizes gelangten bald nach Süddeutschland, wo man die fehlenden Zierinitialen des Psalmenkommentars im süddeutschen Federzeichnungsstil ergänzte165 und die Apokalypse – vermutlich im Prämonstratenserkloster Schäftlarn – mit einem Nachtrag de die iudicii versah.166 Aber die neuen buchtechnischen Errungenschaften wurden nicht allein mit den Büchern importiert. Die Experten – Schreiber und Illuminatoren – kamen auch selbst aus Frankreich in den Osten, oder man schickte die Schreiber aus heimischen Klöstern in den Westen zur Ausbildung. Ein typisches Beispiel für den Einsatz ›ausländischer‹ Spezialisten haben wir im Zwettler Sammelkodex 84 aus der Zeit um 1173 vorliegen.

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Wien, ÖNB, Cod. 2719. Engelberg, SfB, Ms. 72; punctus elevatus nach Palmer (1991) S. 235 Anm. 39 allerdings nur im lateinischen Teil! St. Paul im Lavanttal, SfB, Cod. 905/0. Freiburg i. Br., UB, Hs. 460 (nur bei den Händen 2–4); vgl. Schiewer (1996). Vgl. grundlegend Palmer (1991) S. 232–242 u. den knappen Überblick bei Schneider (1999) S. 89–91. Wienand (1986) S. 404; vgl. Beer (1956) S. 19; Plotzek-Wederhake (1980) S. 357–378. München, BSB, Clm 17045 u. Clm 7395. Vornehmlich aus Paris importierte Handschriften spielten bei der Entwicklung von Initialornamentik und Schriftstil im gesamten deutschsprachigen Raum eine große Rolle. Eine Reihe von Beispielen aus zisterziensischem ebenso wie nichtzisterziensischem Umfeld hat Sauer (1996) S. 10ff. zusammengetragen. Da es sich fast immer um rein lateinische Bibelkommentare und Schultexte handelt, ist ein unmittelbarer Bezug zur volkssprachigen Buchproduktion jedoch nicht gegeben. Klemm (1998) Nr. 126 (dazu Abb. 370–371). Klemm (1998) Nr. 2 (dazu Abb. 9).

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Die lateinische Handschrift mit einem Zisterziensermartyrologium und einer Benediktinerregel läßt »sowohl von der Paläographie, als auch vor allem von der Ausstattung her, [...] deutlich die Tätigkeit eines westlichen Schreibers und Ausstatters aus den burgundischen Zisterzen [erkennen], der im Scriptorium Zwetlense gearbeitet und vermutlich die Vorlage des OCist.Normcodex aus dem Skriptorium von Cîteaux oder Morimond mitgebracht hatte«.167

Mit den neuesten Techniken vertraute Fachkräfte standen binnen weniger Jahre in vielen Skriptorien zur Verfügung. In deutschen Zisterzienserklöstern wie Aldersbach, Ebrach, Eberbach, Rein und Kaisheim entstanden schon während der ersten Hälfte des 13. Jh.s viele mit kostbarem Fleuronnée ausgestattete Bibeln, Heiligenviten, Graduale, Psalterien, Antiphonarien, Sermones etc.168 Doch wie beim Interpunktionssystem ist eine Wirkung über das unmittelbar lateinisch-klerikale Schriftwesen hinaus auf die volkssprachig-deutsche Buchkultur nur in seltenen Fällen nachzuweisen: Der von Schreiber 1 stammende Hauptteil des Cgm 39 ist z.B. mit mehrzeiligen, einfachen, roten Zierinitialen gegliedert. Als Schmuckelemente treten Ansätze von frühem Blatt- und Bogenfleuronnée sowie gezeichnete Blätter hinzu.169 Vergleichbare Schmuckelemente begegnen in den ›Carmina Burana‹,170 aber wieder sind sie für die volkssprachige Buchkultur weder charakteristisch noch richtungweisend. Sie entstanden im Klosterskriptorium und waren für den internen Gebrauch durch Kleriker bestimmt. Eine Rolle könnten die Beobachtungen allenfalls im Kontext der ›Prosa-Lancelot‹-Überlieferung spielen, zumal auch das Werk selbst mit den Zisterziensern in Verbindung gebracht wird.

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Buchmalerei der Zisterzienser (1994) S. 132–135 sowie Abb. 35 (Zitat S. 132) u. Ziegler (2000) S. 157 sowie S. 159ff. mit weiteren Beispielen für den direkten Kontakt des Zwettler Skriptoriums zu den Skriptorien in Cîteaux und anderen französischen-burgundischen Zisterzen. Zu internationalen Verflechtungen und Buchimporten aus Frankreich und seltener Italien sowie Sizilien vgl. exemplarisch Palmer (1998) S. 72–76 u. Klemm (1998) Nr. 2, 126, 128. Vgl. Schneider (1987) S. 194f. (dazu Abb. 114 u. 115), und zu ähnlich kostbar ausgestatteten Handschriften zahlreicher Zisterzienserklöster etwa Buchmalerei der Zisterzienser (1994); Palmer (1998) S. 96f. (Abb. 75ff.); Klemm (1998) Nr. 81, 124, 133–137; Cîteaux (1998); Erlesenes und Erbauliches (2003). Die ältesten deutschen Zeugnisse mit Fleuronnéeinitialen in- und außerhalb des unmittelbaren zisterziensischen Kontextes stammen aus dem 2. Jahrhundertviertel; vgl. mit zahlreichen Beispielen Klemm (1998), Nr. 27–29 (aus Indersdorf ?), 105 (›Carmina Burana‹), 114–115 (aus Augsburg?), 124, 133 (aus Kaisheim?), 153, 155 (aus dem Bistum Augsburg?), 167 (Benediktbeuren?), 200, 210 (Südwestdeutschland), 221 (Westdeutschland), 222, 226 (Erzbistum Mainz), 240 (Nordostfrankreich oder Köln?), 244, 283 (Süddeutschland). Vgl. Schneider (1987) S. 44–47 (dazu Abb. 12–14) und Klemm (1998) S. 171f. (dazu Abb. 450). Neben der ›Speculum‹-Übersetzung enthält der Kodex ›Benediktbeurer Glauben und Beichte‹ (B III); ›Oratio pro ecclesia‹, deutsch; ›Deutung der Meßgebräuche‹ und Predigtschluß mit ›Vaterunser‹. Der monochrome Initialschmuck und die ungewöhnlich frühen Fleuronnéeansätze sprechen für ein zisterziensisches Entstehungsumfeld. Vgl. detailliert Klemm (1998) S. 121–124 (Nr. 105) und das Vollfaksimile von Bischoff (1967).

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Ausgehend von J. Heinzles Vermutung, wie der altfranzösische ›Lancelot en prose‹ könne auch seine deutsche Übertragung in zisterziensischem Milieu entstanden sein, versuchte Beckers neben den Zisterzienserklöstern Gottesthal (Val-Dieu) im Herzogtum Limburg unweit Aachen und Heisterbach vor allem die im 13. Jh. sehr bedeutende Zisterzienserabtei Himmerod als Entstehungsort der LancelotÜbersetzung ins Gespräch zu bringen: ›Das 1134 gegründete, im Nordwestmoselfränkischen gelegene Himmerod hinwiederum käme als Ort der Textvermittlung zu den moselfränkischen Edelherren von Eltz durchaus in Frage, vielleicht sogar als Ort der Textentstehung‹.171

Beweise für die Zisterzienserthese172 lassen sich freilich nicht beibringen. Die Textgeschichte spricht sogar eher dagegen, denn die beiden einzigen aus dem 13. Jh. vorliegenden ›Lancelot‹-Fragmente A und M bieten nur solche Textbruchstücke aus dem Lancelot-Teil des Zyklus, die eben gerade kein zisterziensisches Gedankengut transportieren. Dies wird konkret sichtbar nur in ›Queste del Saint Graal‹ sowie bedingt in ›Mort Artu‹. Genau diese Teile sind in Deutschland während des 13. Jh.s aber nicht nachweisbar (und auch nicht in Übersetzung präsent?).173 Vor diesem Hintergrund wird man die scheinbar zisterziensischen Ausstattungsbesonderheiten vor allem von ›Lancelot‹ M174 – insb. das Fleuronnée (Tafel 15) – wohl am ehesten als regionaltypisch, um 1250 aber eben nicht (mehr) als genuin zisterziensisch deuten können. Dafür, daß das Fleuronnée auch über andere, ›profane‹ Kanäle aus Nordfrankreich oder Flandern nach Deutschland gelangen konnte, sprechen überdies die vielen mit reichem Fleuronnéeschmuck versehenen niederdeutschen Rechtsbücher aus der Kanzlei der Handelsmetropole Lübeck. Seit den 1270er Jahren verwendete man dort das Fleuronnée geradezu exzessiv bei der Ausstattung der in der Stadt selbst genutzten und in befreundete Städte versandten Kodizes des ›Lübischen Rechts‹ (Tafel 16; s. Verzeichnis Rechtshandschriften). Da auch andere Rechtstexte aus der Lübischen Kanzlei wie das ›Visbysches Stadtrecht‹ und die ›Nowgoroder Schra I‹ (Wolfenbüttel, HAB, Cod. 404.9 (17) Novi, um 1270): mit Fleuronnée versehen werden,175 müssen entsprechende Gestaltungsmuster nach der Jahrhundertmitte zum festen

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Klein, Th. (1994) S. 225 und dazu Beckers (1989a) S. 30 sowie Heinzle (1984) S. 227, 219– 222 u. Heinzle (1984a) S. 107–110. Die Zisterzienserthese wird in der neueren Forschung relativiert. Nach Steinhoff (1995) S. 761f., der die aktuellen Forschungspositionen skizziert, spricht »trotz der Propagierung eines geistlichen Ritterideals und des zisterziensischen Gedankenguts besonders in der Queste […] wenig für eine Entstehung im Kloster. Eher wird man an eine Gruppe literarisch gebildeter Kleriker an einem der größeren Adelshöfe denken, an denen auch die Adressaten des Romans zu suchen sind.« Zur Entstehungsgeschichte vgl. zusammenfassend Steinhoff (1995) S. 765ff. München, BSB, Cgm 5250/25; vgl. Schneider (1987) S. 191f. Der Kodex wurde um 1270 (vgl. Korlén, 1945, S. 185ff.) in der Lübischen Kanzlei oder in einer direkt davon abhängigen Kanzlei im Baltikum angelegt. Für eine Entstehung im Kontext der Lübischen Kanzlei spricht die enge paläographische Verwandtschaft zum Kieler und Revaler Kodex des ›Lübischen Rechts‹.

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Formenrepertoire dieser führenden Stadtkanzlei des Nordens gehört haben. Zisterziensische Einflüße scheinen dabei keine Rolle gespielt zu haben. Die Fleuronnéetechnik war wohl über die (Handels-)Verbindungen nach Brabant, Flandern und Nordfrankreich – vielleicht vermittelt über ebenda hergestellte und nach Lübeck verkaufte Psalterien und Gebetbücher – in die Kanzlei der Hansemetropole gelangt. I.1.6. Das etablierte volkssprachige Schriftwesen im späteren 13. Jh. Bis zur Mitte des 13. Jh.s hatte sich die Palette der für die volkssprachig-deutsche Texttradierung genutzten Buchformen kontinuierlich erweitert. Neben die ehedem dominierenden kleinformatigen Gebrauchshandschriften war ein breites Spektrum unterschiedlichster Formate, Buch- und Einrichtungsmuster getreten. Einen vorläufigen Endpunkt erreichte diese Entwicklung in den 1250er/60er Jahren, als volkssprachige Schriftlichkeit in der laikalen Welt der Höfe und bald auch der Städte ein Teil des alltäglichen Lebens zu werden begann. Die Zahlen volkssprachiger Manuskripte und Urkunden vervielfachten sich nun innerhalb weniger Jahrzehnte (Diagramm 9). Ebenso gravierend veränderten sich die Tradierungsqualitäten. Der in Format, Ausstattung, Schriftart und Schriftniveau lange deutlich sichtbare Wertmalus gegenüber der lateinischen Literatur nivellierte sich. Man wählte jetzt auch an Höfen und in Städten Layout, Einrichtung, Ausstattung, Format und Schriftgrad nach der Textsorte, etwaigen Überlieferungskontexten, dem Status des Werks oder dem Bekanntheitsgrad des Autors und vor allem nach intendierten Nutzungsprofilen. Je nach wirtschaftlicher Potenz der Auftraggeber und den Fähigkeiten der Produzenten setzten Schreiber/Skriptorien die Vorgaben sprachunabhängig in kleinformatige Gebrauchshandschriften oder großformatige Prachtkodizes um. Der vormals die Gestalt der Handschriften (mit)diktierende Wertmalus der Volkssprache spielte bei Ausstattungsfragen nur noch in spezifischen Ausnahmefällen eine Rolle. So wird in der zweisprachigen ›Engelberger Benediktinerregel‹ für die lateinischen Passagen eine kalligraphische Textualis verwendet, für den deutschen Teil eine mit kursiven Elementen durchsetzte, einfachere Gebrauchstextualis.176 Generell wird der volkssprachige Buchkörper mit seinen neu gewonnenen Attributen Größe und Pracht analog zu seinen lateinischen Vorbildern in einer wachsenden Zahl von volkssprachigen Zimelien selbst zum bedeutungstragenden Zeichen.177 Die zum Jahrhunder176 177

Engelberg, SfB, Ms. 72; vgl. Schneider (1987) S. 183f. u. Abb. 106, und speziell zum Kodex Kap. II.1.1.2. Zu bedeutungstragenden Gestaltungselementen in der Urkundenüberlieferung vgl. grundlegend Rück (1991), und speziell zur Bedeutung von unterschiedlichen Formaten in der lateinischen und volkssprachigen Urkundenüberlieferung Rück ebd. S. 331–333 u. Römer (1997) S. 169–179. Auf die Buchüberlieferung lassen sich die weitreichenden Überlegungen von Rück zwar kaum direkt übertragen, aber es steht doch außer Frage, daß in den mit

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tende hin stark ansteigenden Zahl an Großformaten (Diagramm 8), profanen Bilderhandschriften (Diagramm 7) und in Textura geschriebenen Kodizes dokumentiert die Dynamik dieses neuen Trends. Diagramm 7: Illustrierte volkssprachige Handschriften im 13. Jh. (Datenbasis: MR13)

Diagramm 8: Großformatige volkssprachige Handschriften (über 300 mm Blatthöhe) im 13. Jh. (Datenbasis: MR13) Textzeugen

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0 1. Viertel 13. Jh.

0 2. Viertel 13. Jh.

geistl. Literatur

3. Viertel 13. Jh.

4. Viertel 13. Jh.

1. Viertel 13. Jh.

2. Viertel 13. Jh.

3. Viertel 13. Jh.

4. Viertel 13. Jh.

profane Literatur

Wolframs ›Parzival‹,178 die ›Willehalm‹-Trilogie,179 zahlreiche Reim- und Prosachroniken, Heldenepensammlungen wie das ›Rheinfränkische Heldenbuch› (›Berlin-Wolfenbütteler Heldenbuch›)180 und eine ganze Reihe von Stadtrechten finden sich nun in besonders großformatigen Kodizes (Blattgrößen über 35 x 17 cm). Einen vorläufigen Höhepunkt erreicht die Entwicklung mit dem ›Nibelungenlied‹ O181 und dem ›Willehalm‹-Frgm. 19.182 Beide Handschriften

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bisweilen sehr großem Aufwand verbundenen Gestaltungselementen bedeutungstragende Zeichen zu sehen sind; vgl. dazu auch Rouse/Rouse (1982); Gumbert (1992) bes. S. 284; Frank (1993) u. (1994). Eisleben, Bibl. d. Andreaskirche, ohne Sign. (mitteldeutsch, 2. Hälfte 13. Jh.); vgl. Bonath/ Lomnitzer (1989) S. 94. Bamberg, Hist. Verein im StA, Rep. III (Akten) Nr. 1179 + Bamberg, SA, Rep. A 246 Nr. 8 + Berlin, SBB-PK, mgf 746, Bl. 1–8 + Berlin, SBB-PK, mgf 923 Nr. 43 + Berlin, SBB-PK, Hdschr. 269 + München, BSB, Cgm 193/V + Pommersfelden, Gräfl. Schönbornsche Schloßbibl., ohne Sign. + Prag, NM, Cod. I E a 35 + Würzburg, UB, M. p. misc. f. 34 (nordoberdeutsch, um/nach 1300); vgl. Schneider (1987) S. 273 Anm. 282 u. Hernad (2000) Nr. 254. Ansbach, Archiv des Evang.-Luth. Dekanats, ohne Sign. + Berlin, SBB-PK, mgf 745 + mgf 844 + Wolfenbüttel, HAB, Cod. A Novi (6) + unbekannt (rheinfränkisch, nach 1300); vgl. Heinzle (1978) S. 291–293. Krakau, BJ, Berol. mgq 792 (Tirol?; Ende 13. Jh.); vgl. Batts (1971) S. 805 und Klein, Kl. (2003a) S. 223f. Darmstadt, SA, Dep. Gräfl. Erbachsches Gesamthausarchiv (1943 vernichtet) (bairisch; Ende 13. Jh.); vgl. Schröder (1978) S. XXXIX

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markieren einen neuen Typ gewaltiger Riesenkodizes im Königsformat von 41–45 x 23–28 cm. ›Nibelungen‹ O wird man wohl schon zu den im 14. und 15./16. Jh. beliebten Heldenbücher rechnen dürfen, die in die Welt der großen Höfe des Alpenraums gehören.183 In den letzten Jahrzehnten des Jahrhunderts werden die volkssprachigen Bücher aber nicht per se größer und wertvoller. Wie zuvor erfahren nur ausgewählte Werke eine solche mediale Aufwertung. Es handelt sich dabei erneut um die bereits genannten Klassiker sowie vor allem um historiographische Grundlagenwerke (›Weltchronik‹ Rudolfs von Ems, ›Christherre-Chronik‹, ›Kaiserchronik‹, ›Sächsische Weltchronik‹, Strickers ›Karl‹) und Rechtskodizes für den offiziösen Gebrauch (Augsburger und Lübische Stadtrechte, ›Sachsenspiegel‹, ›Schwabenspiegel‹, Wiener Mautrecht). Exemplarisch seien die Vadiana-Sammlung184 und eine wenig jüngere Berliner Chronik-Sammlung185 herausgegriffen: Beide Sammlungen vereinen jeweils Rudolfs gereimte ›Weltchronik‹ und Strickers ›Karl‹. Die Kodizes sind mit Miniaturen ausgestattet, die »zum Bedeutendsten gehören, was die Buchmalerei der Zeit aufzuweisen hat; nicht nur im durchdachten Layout und auf der materiellen Ebene der verwendeten Malmittel – kostbare Deckfarben und Blattgold –, sondern auch in der Eigenständigkeit der Bilderfindung und in der Wahl der ikonographischen Modelle drücken sie damit einen herausgehobenen Anspruch aus.«186 Die Gründe für die mediale Sonderbehandlung liegen auf der Hand: ›Weltchronik‹ und ›Karl‹ boten in beiden Sammlungen einerseits begehrtes, wahres Geschichtswissen (historia), andererseits bereiteten sie als Exempelsammlungen (exempla) den Weg zu Gott bzw. zum idealen Christenmenschen. In dieser Doppelfunktion waren sie für ein breites – höfisches und städtisches – Publikum von elementarem Interesse und von so großem ideellem Wert, daß ein extremer Aufwand für eine adäquate Buchform gerechtfertigt schien. Wenn sich einige der prachtvoll illuminierten Chronik-Handschriften ikonographisch187 eng an gleichzeitige (lateinische) Bibelhandschriften anlehnen, dokumentiert dies zusätzlich den hohen Status der Texte. Die Verflechtungen gehen bis hin zu Werkstattzusammenhängen: Im Vadiana-Skriptorium entstanden etwa gleichzei-

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Mit dieser Einschätzung auch Heinzle (2003a) S. 202, der auf die in der Forschung diskutierte Vermutung aufmerksam macht, ›Nibelungen‹ O könne die direkte Vorlage des ›Ambraser Heldenbuchs‹ gewesen sein. Auch wenn hier wie da die Beweggründe zur Anfertigung entsprechender Prachtexemplare die selben gewesen sein dürften, ist eine direkte Verbindungslinie zwischen den Traditionssträngen in Frankreich und Deutschland nicht zu erkennen. St. Gallen, Kantonsbibl., Ms. Vad. 302; vgl. Faksimile und Kommentar Rudolf von Ems (1982/1987) und Ott (1992) S. 198. Berlin, SBB-PK, mgf 623; vgl. Rudolf von Ems (1980) u. Ott (1992) S. 198. Ott (1992) S. 198. Auch bei den Inhalten handelt es sich über weite Strecken um biblische Berichte. Vor allem die ›Weltchronik‹ Rudolfs von Ems ist letztlich Bibeldichtung.

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tig mehrere ähnlich aufwendig ausgestattete volkssprachige und lateinische Handschriften, darunter weitere bebilderte Exemplare der ›Weltchronik‹ des Rudolf von Ems (Privatbesitz Schweiz; Frankfurt a.M., SUB, Cod. germ. oct. 13188) und mehrere kostbar illustrierte lateinische Psalterien (Graz, UB, Cod. 1029, Wien, ÖNB, Cod. 1982), eine lateinische Bibel (Graz, UB, Cod. 130) sowie ein vermutlich für Gregor von Falkenstein und seine Gemahlin entstandenes Zisterzienserbrevier (Luzern, Zentralbibliothek, P.4.4°).189 Das Skriptorium fertigte aber auch einfache, schmucklose Gebrauchshandschriften an. Ein solcher von Konrad von St. Gallen, dem Hauptschreiber des Vadiana-Kodex (Der dis b 7ch geschriben hat der heizit von sant Gallen C 7nrat, Bl. 292vb), geschriebener Band von gerade einmal 20 x 15 cm Blattgröße enthält z.B. Hugos von Langenstein ›Martina‹ und die ›Mainauer Naturlehre‹ (Basel, UB, Cod. B VIII 27). Enge Verwandtschaft besteht ferner zum ›St. Katharinenthaler Graduale‹, zum ›Lilienfelder Missale‹ und weiteren Kodizes aus dem Umfeld des Lilienfelder Meisters. Dazu zählen das volkssprachige Münchener Nonnengebetbuch (München, BSB, Cgm 101) und ein um 1310 angefertigtes deutsches Stundenbuch (’s-Heerenberg, Huis Bergh, Hs. 52).190 Vermutlich gehören der Vadiana-Meister und der Lilienfelder Meister in einen größeren Werkstattzusammenhang, den man bisher im Konstanzer Kunstkreis bzw. im Züricher Raum lokalisieren wollte.191 Mit der Zuweisung des Zisterzienserbreviers in die Vadiana-Werkstatt durch Raeber/Bräm ergäben sich allerdings neue Perspektiven: Die Heraldik des zisterziensischen monastischen Breviers weist somit eindeutig auf den Raum Freiburg. [...] Aufgrund der vorgängig aufgezeigten stilistischen, ikonographischen sowie paläographischen Kriterien ist denn eine Provenienz der St. Galler Weltchronik in Freiburg im Breisgau höchst wahrscheinlich. Die Werkstattidentität des Vadianus mit dem Luzerner Brevier dürfte diese Hypothese zudem bestätigen.192

Angesichts der Professionalität der Illustrationen wäre allerdings auch eine dezentrale Herstellung denkbar: Die Texte könnten in einem oder mehreren Skriptorien von verschiedenen Schreibern angefertigt worden sein (allein im Vadianus sind sicher drei Schreiber nachweisbar). Die Rohmanuskripte gingen dann in die zentrale Malwerkstatt, die sich anhand der genannten Indizien vielleicht im Freiburger Raum lokalisieren läßt. In unserem Zusammen188 189 190 191 192

Der Schreiber des Frankfurter Fragments ist identisch mit dem dritten Schreiber des Vadianus. Vgl. grundlegend Raeber/Bräm (1997). Die Falkenstein-These stützt sich freilich nur auf Indizien (Beweisführung ebd. S. 64). Vgl. grundlegend die Beiträge von Beer (1987a) und Schneider (1987a) im Faksimileband Rudolf von Ems (1982/1987) sowie Schmidt (1982/83) u. Hernad (2000) Nr. 153. Vgl. etwa Zeit der frühen Habsburger (1979) Nr. 205–213, Schmidt (1982/83) u. Günther (1993) S. 240ff. bes. Anm. 6. Raeber/Bräm (1997) (Zitat S. 64 u. 65).

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hang von besonderer Bedeutung ist dabei die Beobachtung, daß man jetzt auch für volkssprachige Textsammlungen eine solche herausragende Werkstatt auswählte. Dies deutet auf den hohen, fast bibelgleichen Status, den man im städtischen Patriziat und im Stadtadel den Chroniken und Strikkers ›Karl‹ zumaß. Für das Gros der volkssprachigen Textüberlieferung blieben jedoch flächendeckend schmuckarme, kleinformatige Gebrauchshandschriften charakteristisch. Die einspaltig-fortlaufende Standardvariante der Frühzeit war allerdings zwischenzeitlich durch eine zweispaltige, etwas größere Variante mit ca. 20–22 cm Blatthöhe abgelöst worden. Bei Verstexten wurden aus lesetechnischen und (vor allem?) ästhetischen Gründen zusätzlich die Verse abgesetzt und die Anfangsbuchstaben gelegentlich ausgerückt bzw. ausgezeichnet. Wesentlich einfachere und kleinere (Taschen-)Bücher um/unter 15 cm Blatthöhe findet man signifikant häufig nur noch bei der geistlichen Gebrauchsliteratur (Predigtsammlungen, Gebetbücher, Ordensregeln, Traktatsammlungen, geistliche Kleinepik) und der medizinisch-naturkundlichen Fachprosa (Rezepte, Arznei- und Steinbücher). Hier prägte der Gebrauchscharakter die Buchgestalt: Die Bücher mußten handlich, kostengünstig, aber auch gut les-, transportier- und nutzbar sein. Je nach Interessent und Nutzungshorizont konnten die einzelnen Austattungs- und Gestaltungsattribute also völlig unterschiedlich gewichtet sein. Wir finden (selten193) kleine, dicht beschriebene, voluminöse, manchmal überhaupt nur unter großen Mühen lesbare Textsammlungen. Hier ging es wohl darum, so viele Informationen, so viel Text und so viel Wissen wie möglich auf engstem Raum, d.h. kostengünstig unterzubringen. Andere kleinformatige Handschriften sind dagegen mit durchschnittlich 15–20 Zeilen pro Seite auffällig großzügig beschriftet. Charakteristisch ist ein solcher meist sauber und weiträumig beschrifteter Kleinformattyp beispielsweise für die geistliche Kleinepik (Tafel 17),194 die sog. Spielmannsepik (Kap. II.2.6), die Legenden-

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Im Umfeld der gelehrt-lateinischen Glaubens- und Wissensliteratur gehört diese Einrichtungsvariante zu den verbreiteten Standardmustern. In der volkssprachigen Schriftlichkeit finden wir dicht beschriebene Seiten mit 50 und mehr Zeilen vornehmlich bei einigen Epen (z.B. Rudolfs ›Alexander‹ h, ›Liet von Troye‹ B, ›Nibelungenlied‹ A, ›Parzival‹ Frgm. 2, 17 u. 19 u. 33 u. 57, ›Willehalm‹ Frgm. 19, Strickers ›Karl‹ k, ›Karl und Galie‹ B) und vereinzelt bei pragmatischen Texten bzw. Textsammlungen (z.B. ›Bartholomäus‹ L, geistliche lateinisch-deutsche Sammlungen). Bei den Epen-Handschriften korrespondiert die relativ dichte Beschriftung allerdings häufig mit eher größeren Formaten, so daß die Texte trotz der bisweilen extrem großen Textmasse pro Seite gut lesbar bleiben. Vgl. zu typischen Stricker-Handschriften Wolf (1999a) u. Hartge/Heinzle (2000) sowie grundlegend die masch. Habilitationsschrift von Holznagel. Ähnliche Muster begegnen häufig auch in der Freidank-Überlieferung des 13. Jh.s: Köln, HASt, Best. 7050 (Hss.-Frgm.) A 48, Medingen, Kloster Maria Medingen, Sammelmappe; München, BSB, Cgm 142, München, BSB, Cgm 5249/30b, Münster, Bibl. des Priesterseminars, Frgm. 1, Nürnberg, StB, Frgm. germ. 4, Wolfenbüttel, HAB, Cod. 404.9 (15) Novi (vgl. http://www.uni-marburg.de/

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dichtung195 und die pragmatische geistliche Literatur.196 Vermutlich waren entsprechende Büchlein als handliche Taschenexemplare für den alltäglichen Gebrauch (Lesung?) konzipiert. Der Befund zu den privaten, mit volkssprachigen Elementen durchsetzten Gebetbüchern (Kap. II.1.4) und den volkssprachigen Ordensregeln (Kap. II.1.2) weist diese Spezies der praktischen ›Taschenhandschriften‹ mit geistlichen Inhalten vorzugsweise in eine Sphäre weiblicher Frömmigkeit und Glaubenspraxis. Der Funktionalität geschuldet sind zunehmend aufwendigere Gliederungssysteme mit farblich hervorstechenden Überschriften, Kolumnentiteln oder marginalen Hinweisen. Entsprechend ausgestattete Manuskripte begegnen häufig im Medizin-, Rechts- und Verwaltungsbereich. Sinn macht dies insbesondere dann, wenn der Text selbst gelesen oder das Buch als Nachschlagewerk genutzt werden sollte. Um den lesenden Zugriff auf einzelne Textstellen zu erleichtern, beginnt man im letzten Jahrhundertviertel auch Inhaltsverzeichnisse und Register in den Handschriften anzulegen. Im lateinischen Schriftwesen waren entsprechende Nutzungshilfen längst gang und gäbe, im volkssprachig-deutschen Bereich können ein um 1280 geschriebenes ›Deutsches salernitanisches Arzneibuch‹ (C),197 der am 23. August 1287 (Bl. 53v) von Cunradus von Lúcelenhein (Leiselheim bei Freiburg i. Br.) für Gregor von Falkenstein erstellte Donaueschinger ›Schwabenspiegel‹ (La)198 und mehrere im gleichen Zeitraum erstellte Stadt(rechts)bücher als älteste Zeugnisse gelten. Das volkssprachige Buch scheint sich damit auch im Bereich des Rechts, der Verwaltung und der Heilkunst als vollwertiges Hilfsmittel der Gegenwartsbewältigung etabliert zu haben. Als Objekt der Glaubenspraxis, der Andacht, der Unterhaltung, der Didaxe und der Repräsentation war es dies bereits seit einigen Jahrzehnten. Weiterhin keine Rolle spielten volkssprachig-deutsche Bücher im Wissenschaftsbetrieb. Anders als in Frankreich/ England entstehen weder volkssprachig kommentierte Bibel- oder Kirchenväterhandschriften noch andere kommentierte Wissenstexte. Der Typus der mehrspaltigen Wissenshandschrift mit Grundtext in einer (meist zentralen)

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hosting/mr/mrfd/welcome.html). Stricker und Freidank scheinen demnach in ein ähnliches oder sogar in das gleiche Nutzungsumfeld zu gehören. Z.B. Priester Wernhers ›Marienleben‹, ›Passion Christi in Reimversen‹, ›Christus und Pilatus‹, ›Oberdeutscher Servatius‹ etc. Z.B. Ordensregeln, Predigtsammlungen, Gebetbücher, David von Augsburg etc. Klosterneuburg, SfB, Cod. 1239. Das Register kann nach den deutlich moderneren Schriftmerkmalen jedoch nicht mehr von der Hand des Schreibers stammen. Es ist vermutlich von einem Nutzer des frühen 14. Jh.s nachgetragen worden. Karlsruhe, BLB, Cod. Donaueschingen 738 + Donaueschingen D 10 (Rest eines dazugehörigen Registerbruchstücks, Tafel 4); vgl. Oppitz (1990/92) Nr. 421f. u. Bertelsmeier-Kierst (2002a).

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Spalte und begleitenden Kommentaren in umliegenden Spalten, Kopf- und Fußzeilen taucht im volkssprachig-deutschen Schriftwesen nach Willirams letztlich gescheitertem Versuch (s.o.) erst wieder im späten 14. Jh. auf. Weitgehend ausgeschlossen blieb die Volkssprache auch von der absoluten Prachtentfaltung sakraler Schriftlichkeit. Sie setzte nach wie vor eine heilige Sprache und einen heiligen Text voraus.

I.2. Quantitative und qualitative Dimensionen volkssprachiger Buchherstellung im 12. und 13. Jh. I.2.1. Vom Sonderfall zum Alltag: Der Anteil volkssprachiger Handschriften an der Schriftproduktion Bis zur Mitte des 9. Jh.s nahm die Zahl volkssprachiger Aufzeichnungen im Rahmen einer generell stark anwachsenden Schriftproduktion199 kontinuierlich zu. Ihr Anteil am Gesamtaufkommen überstieg jedoch nie wenige Prozentpunkte. Als Sprache des Wissens, der Verwaltung des Glaubens und letztlich auch des mündlich geprägten Rechts200 konnten die Volkssprachen die Dominanz des Lateins an keiner Stelle gefährden. Außerdem blieb die althochdeutsche Literatur selbst unmittelbar an das Latein gebunden. Sie ist meistenteils Übersetzungsliteratur und als Überlieferungsträger fungieren, sieht man von den wenigen ›Heliand‹-, ›Genesis‹- und ›Evangelienbuch‹Handschriften ab, ausschließlich lateinische Kodizes. Sie transportieren die volkssprachigen Texte als Ergänzung, nebenbei. Als Folge innerer Krisen und äußerer Bedrohungen kommt die Schriftproduktion gegen Mitte des 9. Jh.s schließlich fast zum Erliegen. Neddermeyer verzeichnet in den Jahrzehnten um 850/870 einen Rückgang von 60–80% gegenüber der Zeit Karls des

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Vgl. Neddermeyer (1998) S. 615 Diagramm 1a/b. Obwohl das germanische Rechtssystem von der Mündlichkeit geprägt war (vgl. im Überblick Green, 1994, S. 99–101), kam es schon früh zur schriftlichen Fixierung einzelner normativer Sammlungen (Stammesrechte), Regeln und Besitztitel. Auch Zeremonien, Formeln oder Eide, die zum mündlichen Vollzug einzelner Rechtsakte notwendig waren, wurden – als Muster oder Gedächtnisstütze – schriftlich vorgehalten. In Protokollen, Kapitularien, Urkunden, Weistümern und Verträgen hielt man zudem wichtige Entscheidungen, Besitztitel und Bestimmungen fest. (Schrift-)Sprache auch des germanischen Rechts war dabei das Latein. Nur sehr selten wurden Stammesrechte (›Lex Salica‹), Kapitulare (›Trierer Capitulare‹), Besitzverzeichnisse bzw. -protokolle (›Hammelburger‹ und ›Würzburger Markbeschreibungen‹, Heberollen und -register aus Werden, Essen und Freckenhorst) und Eide (›Priestereid‹, ›Straßburger Eide‹) schon in althochdeutscher Zeit volkssprachig aufgezeichnet. Volkssprachige Glossen in lateinischen Rechtstexten waren dagegen häufig. Sie sind vermutlich ebenso wie volkssprachige Schwur- und Eidformeln Relikte einer »merowingisch-fränkischen Verhandlungssprache vor Gericht« (Haubrichs, 1995, S. 152); vgl. allg. Haubrichs (1995) S. 152–156; Stammesrecht und Volkssprache (1991); SchmidtWiegand (1979a) und (1993) sowie zu einzelnen Texten exemplarisch Schmidt-Wiegand (1978), (1978a), (1979) und Wolf (2003a).

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Großen.201 Das Schriftwesen war in seinen Grundfesten erschüttert. Unzählige Bücher waren bei den Raubzügen der Normannen und Ungarn verloren gegangen, die Klöster als Zentren der Schriftlichkeit zerstört.202 Vieler Orten gab es keine Bücher und keine Skriptorien mehr. Wie nachhaltig die Einschnitte gewesen sind, zeigt sich auch bei den wenigen jetzt neu entstehenden Büchern: Sie sind von deutlich geringerer Qualität; die Schrift wurde nachlässiger; die Ausstattung erreichte seltener absolute Höhen.203 Die personalen (gelehrte Schreiber und Redaktoren), technischen (Schreib- und Illustrationszentren) und materiellen Ressourcen waren erschöpft bzw. vernichtet. Noch stärker als die lateinische Buchproduktion betraf dieser Einbruch die volkssprachige Schriftlichkeit. Sie stagnierte im folgenden Jahrhundert auf niedrigstem Niveau. Erst als das klerikal-lateinische Schriftwesen im frühen 11. Jh. wieder eine nennenswerte Größe erreicht hatte, wurden auch wieder mehr volkssprachige Texte hergestellt und vervielfältigt. Bertelsmeier-Kierst/Wolf verzeichnen für das 11. Jh. immerhin schon ca. 50–60 erhaltene volkssprachig-deutsche Textzeugen.204 Hochgerechnet entspricht dies jedoch gerade einmal einem Anteil von kaum 3% an der Schriftproduktion im Reich.205 Der allgemeine Trend hin zur Schriftlichkeit gewann im 12. Jh. an Dynamik. Neddermeyer kommt auf eine Steigerungsrate von ca. 125%.206 In geistlichen Kreisen pries man nun aller Orten die Nützlichkeit von Schrift. »Das Leben der Kirchen wurde nicht etwa nur vom Verschriftlichungsprozeß miterfaßt, sondern die Geistlichkeit war einer der Hauptträger – und forderte umfassende Schriftlichkeit im Dienst kirchlicher Bedürfnisse und Zwecke: zur Sicherung der geistlich-

201

Neddermeyer (1998) S. 615 Diagramm 1b. Vom Verlust zahlreicher Bücher durch einfallende Wikinger berichtet z.B. die ›Vita domni Anskarii‹ (um 875); vgl. Kühne (1994) S. 211f. und McKitterick (1989) S. 135f. 203 Vgl. Frank (1993) S. 66. 204 Bertelsmeier-Kierst/Wolf (2000) Grafi k 1. 205 Die Gesamtzahl der im Reich während des 11./12. Jh.s produzierten Handschriften wird von Neddermeyer (1998) S. 191 Tab. 6a/b, auf rund 190 000 Manuskripte geschätzt. Rechnete man mit dem gleichen Umrechnungsfaktor die Zahl der aus diesem Zeitraum erhaltenen volkssprachigen Handschriften hoch, käme man auf eine Zahl von rund 5000 Textzeugen, was einem Anteil von rund 2,5% an der Gesamtproduktion entspräche; zur Kritik am Verfahren bzw. an der Datenerhebung vgl. die Rezensionen von Wolf (2001) u. Görz/ Rautenberg (2001). 206 Vgl. Neddermeyer (1997) S. 191 Tab. 6a und graphisch aufbereitet S. 615 Grafi k 1a/b. Für das 11. Jh. kann Neddermeyer innerhalb der Reichsregionen nach Krämers ›Handschriftenerbe des Mittelalters‹ (MBK-Erg.Bd. I,1–3) einen Bestand von 1130 Manuskripten und für das 12. Jh. von 2544 Manuskripten ermitteln (+ 125%). Im 13. Jh. steigt die Zahl prozentual nur noch geringfügig auf 3502 Manuskripte (+ 38%). Die Buchproduktion in Frankreich entwickelte sich in vergleichbaren Dimensionen: Nach einem Tief im 11. Jh. (vgl. ebd. S. 616 Grafi k 2a u. 618 Grafi k 4b) folgt im 12. Jh. allerdings zunächst ein sehr langsamer Anstieg. Vom 12. zum 13. Jahrhundert verdreifacht sich dann die Buchproduktion (vgl. ebd. S. 294f. und mit einem Vergleich der Entwicklungen in Frankreich und Deutschland ebd. S. 616 Grafi k 2b). 202

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monastischen Lebensformen, zur zentralen Lenkung der Kirche bzw. Kirchen, zur Gesetzgebung, zur besseren Güterverwaltung, zur Intensivierung von Seelsorge und Predigt, zur Kommunikation und Kontrolle usf.«207 Getragen von genau diesen, an der Vermittlung geistlicher Inhalte interessierten sowie um die Erinnerung (memoria) und die Sicherung von Rechtstiteln bemühten Kreisen hatte auch die volkssprachige Buchproduktion im 12. Jh. gewaltige Steigerungsraten zu verzeichnen. Die Zahl der (erhaltenen) Handschriften verdoppelte sich.208 Man wird hier aber noch längst nicht von einer etablierten volkssprachigen Schriftkultur sprechen dürfen. Zum einen blieb der Anteil an der Gesamtproduktion auf niedrigstem Niveau. Zum anderen wurden volkssprachige Texte nach wie vor fast ausschließlich in lateinisch-deutschen Mischhandschriften mit überwiegend geistlicher Ausrichtung tradiert (Diagramm 3). Der Anteil rein volkssprachiger Handschriften liegt bis über die Mitte des 12. Jh.s hinaus im Promillebereich. Als Träger dieser ›neuen‹ volkssprachigen Schriftlichkeit kommen demnach wie zuvor überwiegend clerici und das lateinisch gebildete Personal der großen Höfe, also ebenfalls clerici, in Frage.209 Aber Schriftlichkeit rückte jetzt in allen Teilen der Gesellschaft als einzig zuverlässiges Speichermedium von Vergangenem in das kulturelle Bewußtsein. In einem bis dato von der Mündlichkeit, von Erinnerung, von Zeugenaussagen, von Schwur und Eid bestimmten Rechtsystem garantierte fortan allein die schriftliche Fixierung dauerhaften Erhalt von Rechtsgeschäften und Memoria. Diesen Wandel im Rechtssystem, der sich in der klerikalen Welt bereits im 11. Jh. vollzieht, dokumentieren im 12. Jh. zahlreiche weltliche Urkunden, wenn sie genau diese Überlegungen explizit – oft in Form eines Seneca-Zitats (Seneca, De beneficiis 7, 28, 2) – in die Arengen übernehmen. Exemplarisch sei die berühmte Gelnhäuser Urkunde vom 11. April 1180 herausgegriffen. Kaiser Friedrich Barbarossa beurkundet, er habe das Herzogtum Westfalen-Engern (Sachsen), das ihm infolge der Verurteilung des ehemaligen Herzogs Heinrich ebenso wie Bayern und die anderen Reichslehen des Löwen zugefallen war, aufgrund eines Spruches der Fürsten mit Zustimmung des Herzogs Bernhard geteilt, den im Bereich der Bistümer Köln und Paderborn gelegenen Teil der Kölner Kirche geschenkt und ihn dem Erzbischof Philipp zu Lehen gegeben. 1180 April 13, Gelnhausen. Für uns von herausragendem Interesse ist die Arenga dieser den Fall des Löwen besiegelnden Kaiserurkunde. Dort heißt es in Anlehnung an Seneca: Quoniam humana labilis est memoria et turbe rerum non sufficit, predecessorum etatis nostre divorum imperatorum

207 208 209

Keller (1992) S. 21 zur Situation in Italien, die freilich nur bedingt auf die Gebiete nördlich der Alpen übertragen werden kann. Bertelsmeier-Kierst/Wolf (2000) Grafi k 1: Volkssprachige Überlieferung im 11.–13. Jh. (erhaltene Manuskripte). In dieses Milieu weisen auch die weit über 1 000 althochdeutsch glossierten und eine wohl noch weit größere Zahl mittelhoch- bzw. mittelniederdeutsch glossierter lateinischer Handschriften. Der althochdeutsche Bestand ist vollständig erfasst bei Bergmann/Stricker (2005).

112

et regum diva decrevit auctoritas litteris annotare, que fluentium temporum antiquitas a notitia hominum consuevit alienare (abgedruckt nach Hausmann/Gawlik, 1987, Nr. 2000).210

Also nur das schriftlich Niedergelegte versprach Dauerhaftigkeit! Die große Zahl entsprechender Arengen211 dokumentiert, wie sich eine solche Vorstellung in Windeseile auch in der profanen Vorstellungswelt ihren Weg bahnte. »Der Authentizitätsanspruch der Urkunde [hat] – und er wird seit dem 12. und 13. Jahrhundert, in dem die Urkundenproduktion und das Verlangen nach schriftlicher Fixierung von Rechtstiteln gewaltig ansteigt, immer stärker – auch in den Proömien historiographischer Werke Spuren hinterlassen«,212 aber nicht nur dort, möchte man Johanek ergänzen, denn letztlich scheint die gesamte Schriftwerdung der Volkssprachen in hohem Maße einem solchen Prozeß geschuldet. Als Interessenten lassen sich clerc ou chevalier (Roman de Thèbes 14) bzw. vrume rîtr und guote vrouwen / und wîse phaffen (Welscher Gast 14695f.) ausmachen.213 Materialisiert wird dieses neue Interesse allerdings noch vergleichsweise selten. Aus der Zeit vor 1200 ist gerade einmal eine Handvoll entsprechender deutscher und französischer Kodizes überliefert. Vermutlich reichten die Finanzmittel nicht aus, sich die als Luxus empfundenen Bücher anfertigen zu lassen. Sie blieben speziellen Interessenkonstellationen vorbehalten. Vor allem die ›heiligen‹ und/oder inhaltsschweren Texte214 galten als so wertvoll, daß der Fürst (bzw. eher die Fürstin?), der Hof, das Kloster oder der Bischof eine Abschrift selbst besitzen wollte. Zahlreiche potente Auftraggeber, die in der Lage und Willens waren, entsprechende Buchprojekte zu finanzieren, fanden sich im Umfeld der französischen und angevinischen Herrschaftskultur, wobei die Konkurrenzstituation der beiden Dynastien die Entwicklungen entscheidend befördert haben dürfte. Plantagenets und Kapetinger nutzten Architektur, Plastik, Literatur und (Buch-)Kunst dazu, die eigene Machtvollkommenheit zu dokumentieren und Herrschaftsansprüche zu manifestieren. Ein besonderes Interesse brachte man solchen Werken oder Werksammlungen entgegen, die sich genau zu diesen Zwecken für die 210

211

212 213

214

Übers: ›Da das menschliche Gedächtnis unzuverlässig ist und infolge der Wirrnis der Geschehen nicht ausreicht, hat es das Ansehen der Vorfahren unseres Zeitalters, das der Kaiser von Gottes Gnaden und der Könige, verlangt, urkundlich festzuhalten, was die Dauer der dahinrinnenden Zeit hinsichtlich der Kenntnisse der Menschen entstellt darzulegen neigte.‹ Zur Überlieferung dieser und ähnlicher explizit auf die Schriftlichkeit abhebender Arengen vgl. Hausmann/Gawlik (1987) Nr. 805, 900, 983, 1246, 1291, 1340, 1402, 1714 (SenecaZitat), 1977, 2000 (Seneca-Zitat), 2001 (Seneca-Zitat), 2023 (Seneca-Zitat), 2058, 2166, 2167, 2291, 3462; vgl. allg. zur Entwicklung der Arenga Fichtenau (1957). Johanek (2002) S. 17. Genau diese Trias auch bei Hadlaub (edel frouwen, hôhe pfaffen, ritter guot) bzw. ähnlich auch in Priester Wernhers ›Driu liet von der maget‹. Zu diesen Umschreibungsformeln für ein ›höfisches Publikum‹ vgl. Green (1994a). Inventaire N° 2093–2103. In Deutschland wären dies die Handschriften des ›Annolieds‹ (nicht erhalten), der in weiten Teilen mit Heiligenlegenden durchsetzten ›Kaiserchronik‹ und des ›Ägidius‹.

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Darstellung der eigenen Dynastie, des eigenen Herrschaftsanspruchs, eigener Rechtstitel oder eines idealen ritterlichen Ethos einsetzen ließen. Beim Gros entsprechend kostbar gestalteter französischer Handschriften handelt es sich deshalb um historiographisch-heilsgeschichtliche Werke mit einer gleichzeitig starken Repräsentanz höfisch-ritterlicher Elemente. Eine solche Synthese von literarischen und politisch-propagandistischen Interessen bietet z.B. die um 1240/50 entstandene Cambridger Handschrift des ›Roman de toute chevalerie‹ von Thomas of Kent. 152 gerahmte Miniaturen verleihen dem großformatigen anglonormannischen Kodex (28 x 19,5 cm) eine sakrale Aura.215 Gleichzeitig hören wir von der Entstehung eines monumentalen Bildzyklus zur Alexandergeschichte im Palast König Heinrichs III. von England in Clarendon. Indizien sprechen dafür, nicht nur das Monumentalwerk im Palast, sondern auch das Alexander-Buch direkt mit dem englischen König in Verbindung zu bringen. Vermutlich war der König selbst der Auftraggeber beider Bilderzyklen, um sein ideales Rittertum und seine Machtvollkommenheit für alle sichtbar an den Wänden und auf den Pergamentseiten zu dokumentieren. Ähnliche Motive könnte man bei Entstehung und Tradierung des deutschen ›Rolandsliedes‹ vermuten (s.o. Kap. II.2.4).

Wie in Frankreich/England gewinnen die rein volkssprachigen Kodizes weltlicher Thematik auch in Deutschland schnell an Bedeutung. Die Zahl erhaltener Handschriften steigt im frühen 13. Jh. auf das Sechs- bis Achtfache des vorhergehenden Jahrhunderts an.216 Die Entwicklung vollzieht sich allerdings in mehreren Entwicklungsschüben, wobei ein erster um 1150/70 die Volkssprache überhaupt erst einmal in das Blickfeld der laikalen Hofgesellschaft rückt. Nach 1200/20 hat die volkssprachige Literatur und Buchkultur sich in diesem Umfeld etabliert. Berichte in vielen Texten zu Lese- bzw. Vorlesesituationen, zu Büchern, zu Briefen (sogar schon zu Fälschungen, z.B. in Chrétiens ›Lancelot‹ und ›Mai und Beaflor‹), zu Verträgen, zu Dekreten, zu schriftlichen Aufzeichnungen, und zu Inschriften lassen vermuten, daß das Thema Schrift und Schriftlichkeit in der laikal-höfischen Welt bereits eine so große Rolle spielte, daß die meist klerikal gebildeten Autoren entsprechende Szenen in ihre Texte einbauen konnten (und mußten?).217 Die schriftliterarische Durchdringungstiefe blieb dennoch gering. Das um 1200 erreichte Produktionsniveau stagnierte vermutlich unter dem Eindruck der politischen und wirtschaftlichen Verhältnisse für längere Zeit. Ein dritter, nun auch massiv an den Überlieferungszahlen ablesbarer Umschwung kündigt sich bei der volkssprachigen Buchproduktion schließlich nach der Jahrhundertmitte an. Gegenüber den vorhergehenden Jahrhun215 216

217

Cambridge, Trinity College, MS 0.9.34; vgl. Morgan (1982) Nr. 81. Gleichzeitig entwickelt sich die lateinische Schriftproduktion moderat. Nach Neddermeyer (1997) S. 191 Tab. 6.u. S. 615 Diagramm 1a/b darf man im Reich mit einer Steigerungsrate von nicht mehr als 30–40% rechnen. Vgl. Ernst (1997) mit einer Fülle von Belegen.

114

Diagramm 9: Volkssprachige Schriftlichkeit im 13. Jh. (Datenbasis: MR13 u. CORPUS, 1932–1963)

4024

3000

2500

2000

1500

1000

545

500 107

155

102 1

12

245

0 1. Viertel

2. Viertel Handschriften

3. Viertel

4. Viertel

Urkunden

dertvierteln ist im dritten Jahrhundertviertel ein rasanter Anstieg der Überlieferungszahlen um rund 50% und im letzten Jahrhundertviertel noch einmal um über 300% auf mehr als das Fünffache zu Jahrhundertbeginn zu verzeichnen (Diagramm 9). Knapp ein Zehntel aller im Reich angefertigten Handschriften enthalten jetzt zumindest größere volkssprachige Teile oder sind sogar rein volkssprachigen Inhalts. Parallel dazu erleben wir im letzten Jahrhundertviertel einen gewaltigen Anstieg der volkssprachigen Urkundenproduktion (Diagramm 9). Schriftlichkeit begann die Züge von etwas Normalem, Alltäglichem anzunehmen. Die Voraussetzungen eines solchen Schriftbooms sind in der jetzt auf breiter Front etablierten lateinischen Schriftlichkeit zu suchen. Ein Jahrhundert zuvor waren fast identische Entwicklungssprünge bei der lateinischen Schriftproduktion zu beobachten. Während der ersten Hälfte des 12. Jh.s verdreifachte sich die lateinische Handschriftenproduktion. Die lateinische Urkundenproduktion nahm gleichzeitig um das Zweieinhalbfache zu.218 Analog zu den Urkunden stieg auch die Zahl einfacher amtlicher Schreiben im 12. Jh. stark an. Von 1080 bis 1180 verzeichnet Wenzel einen Anstieg von 3 auf 60 Schriftstücke bei den französischen Königen, von 25 auf 150 bei den englischen Königen und von 22 auf 180 bei den Päpsten. Hauptträger dieser Schriftrevolution waren – noch – die geistlichen Institutionen. »Die Urkunden der Bischöfe und Domkapitel beherrschen

218

Bischoff (1989) S. 40–42 Abb. 8f.; vgl. Neddermeyer (1997) S. 186 Tab. 4b.

115

das Bild noch bis in die zweite Hälfte des 12. Jahrhunderts [...]. Erst seit dem letzten Viertel des 12. Jahrhunderts macht sich die Ausbreitung der Schriftlichkeit und die zunehmende Aufwertung der Urkunde als rechtssicherndes Beweismittel auch bei den weltlichen Gruppen bemerkbar, zunächst bei den Adligen, dann bei Städten und Bürgern.«219 Lateinische Schriftlichkeit hielt nun Einzug in viele, längst nicht mehr rein geistliche Lebensbereiche. Im 13. Jh. ist Schriftlichkeit schließlich allgegenwärtig. Unter Papst Bonifatius VIII. (1294–1303) entstehen beispielsweise über 50 000 amtliche Schriftstücke.220

Für die volkssprachige Schriftlichkeit wirkte diese stark expandierende lateinische Schriftlichkeit wie eine Initialzündung, denn erst als die lateinische Schriftproduktion im späten 12. Jh. in vielen Lebensbereichen Fuß gefaßt hatte, entwickelte sich auch ein breite(re)s Interesse an volkssprachiger Schriftlichkeit. Die Entwicklung vollzog sich jedoch anfangs langsam und auf wenige, von geistlichen Inhalten (Gebet, Bibel, Predigt, Glaubenspraxis) geprägte Textsorten limitiert. Die Texte der höfischen Vorstellungswelten (Brautwerbungsepik, Antikenroman, Chanson de geste, Artusepik, Reimchronistik) finden noch vergleichsweise selten den Weg aufs Pergament. Im ersten Viertel des 13. Jh.s machen geistliche Texte rund 75% des Gesamtbestandes aus. Auch im zweiten Jahrhundertviertel liegt ihr Anteil noch bei rund 50%. Erst nach der Jahrhundertmitte übersteigt das im weiteren Sinn weltliche Schrifttum mit rund 65% den geistlichen Bereich. Im letzten Viertel des 13. Jh.s sind es dann vor allem die höfischen und juristischen Werke, die bei einer schnell wachsenden Zahl von Interessenten hoch geschätzt werden. Volkssprachige Handschriften und Urkunden sind nun am Hof und in der Stadt zu einem in vielen Lebensbereichen genutzten Gebrauchsgegenstand geworden. Einen unmittelbaren Einblick in die soziologische Struktur dieser neuen Qualität volkssprachiger Schriftlichkeit erlauben Verwaltungsschrifttum und Urkunden: 99% aller volkssprachigen Urkunden des 13. Jh.s haben zumindest einen weltlichen Beteiligten (Empfänger/Aussteller), rund 50% sogar ausschließlich weltliche Beteiligte.221 Es waren also vor allem laikale Kreise, die nun in großem Maße die volkssprachige Schriftlichkeit für sich entdeckten. Und noch eines ist aus der Sozialstruktur des Urkundenumfeldes abzulesen: Ein Großteil der Rechtsgeschäfte ist entweder direkt in der Stadt oder zumindest im städtischen Umfeld zu verorten. Offensichtlich waren es die immer komplexer werdenden urbanen Lebensbedingungen und die genau jetzt rasant an Dynamik gewinnende Urbanisierung überhaupt (Diagramm 10 und 11),222 die besonders dringlich den Einsatz von Schrift erforderten. Die parallel stark

219 220 221 222

Bischoff (1989) S. 42; vgl. mit zahlreichen Literaturhinweisen Keller (1992) S. 20–24. Wenzel (1995) S. 266. Vgl. Bertelsmeier-Kierst/Wolf (2000) S. 32, Grafi k 8: Adressaten und Empfänger volkssprachiger Urkunden. Zur Stadtentwicklung im Reich während des 12./13. Jh.s vgl. Kellenbenz (1977) S. 75–143 u. Henning (1991) S. 183–390.

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ansteigende Zahl an lateinischen und volkssprachigen Urbaren223 und Weistümern zwingt allerdings zur Relativierung der Beobachtungen. Sie weisen – zumindest oberflächlich – aus dem urbanen Kontext hinaus, wobei anzumerken ist, daß auch Adel, Klöster und Bischöfe in der Stadt ihre Dependancen hatten bzw. sogar direkt in die Stadtkultur eingebunden waren. Diagramm 11: Anteil der Stadt- an der Gesamtbevölkerung in Deutschland (nach HENNING, 1991, S. 185)

Diagramm 10: Zahl der Städtegründungen in Deutschland (nach HENNING, 1991, S. 184) 800

12%

700

700

10%

600 8%

500 400

6%

340

300

4%

200 2%

100

100 0%

0 1151–1200

1201–1250

1251–1300

vor 1150

1151–1200

1201–1250

1251–1300

Man kann hier allerdings nicht Interessenlage und Schriftproduktion in eins setzen, denn befriedigt wurde dieser enorm ansteigende ›weltliche‹ Schriftbedarf noch lange von geistlichen Schreibern bzw. geistlichen Institutionen (Klosterskriptorien). Bei Rechtsgeschäften zwischen geistlichen und weltlichen Partnern übernahm in der Regel die geistliche Seite die Verschriftlichung (häufig Empfängerausstellungen). In anderen Fällen führte sie Schreibaufträge aus. Erst gegen Ende des 13. Jh.s treten weltliche Kanzleien (Stadt/Adel), Stadtschreiber und gewerbsmäßige Lohnschreiber bei der volkssprachigen Urkundenproduktion und der Produktion von Rechts- bzw. Verwaltungsschrifttum in Erscheinung. In dieses Bild einer zunehmend von laikalen Interessen und weltlichen Inhalten geprägten, aber noch von der lateinischen Schriftlichkeit getragenen volkssprachigen Schriftkultur paßt, daß parallel auch die Zahl der lateinischen Urkunden mit weltlichen Adressaten und Empfängern,224 die Zahl der lateinischen Rechtsbücher und die Menge lateinischer Verwaltungsschriften enorm ansteigt. Bezeichnenderweise bevorzugten neben

223 224

Zu den volkssprachigen Urbaren des 13. Jh.s vgl. grundlegend Bertelsmeier-Kierst (1998). Vgl. Bischoff (1989).

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Bischöfen und Klöstern vor allem die großen Städte und die großen fürstlichen Kanzleien das Latein. Sieht man volkssprachig-weltliches und lateinisch-weltliches Schrifttum zusammen, wird deutlich, wie nachhaltig man während des 13. Jh.s auch in laikalen Kreisen die Vorteile und Möglichkeiten von Schriftlichkeit erkannt hatte. Daß auf dieser Folie eben nicht nur die pragmatische Schriftlichkeit, sondern auch die volkssprachige Literaturproduktion im engeren Sinn einen gewaltigen Aufschwung erfährt, erscheint letztlich eher als logische Konsequenz denn als ursächlich für eine fürderhin prosperierende volkssprachige Schriftkultur. Entwicklungslinien und exakte Dimensionen eines solchen Wandels bleiben jedoch unscharf, da die Urkunden wie die literarischen Handschriften nur selten ihre Schreiber preisgeben.225 Einen relativ sicheren, personalen bzw. institutionellen Zugriff auf die Konturen einer städtischen und fürstlichen Schriftproduktion ermöglichen allein die Urbare, die Weistümer und manchmal die Stadt(rechts)bücher (s. Verzeichnis Rechtshandschriften). I.2.2. Materielle Rahmenbedingungen der Buchherstellung Ein derartiger Aufschwung in allen Bereichen der Schriftproduktion ist nur bei entsprechenden Rahmenbedingungen denkbar. Dazu gehören die Urbanisierung (Diagramme 10 u. 11), ein neues Bewußtsein für Schrift und Schriftlichkeit, die Notwendigkeit zur schriftlichen Kommunikation. Dazu gehören aber auch geistige Voraussetzungen, d.h. Personen, die schreiben und lesen konnten und dazu gehören in großem Maße wirtschaftliche Fundamente, denn Schriftlichkeit war kostenintensiv. Nach einem Dokument aus dem Jahr 796 kosteten ein Antiphonar 3 Solidi und ein weniger aufwendig ausgestattetes Gebetbuch 2 Solidi. Einfachere ›Gebrauchshandschriften‹ dürften immer noch halb so teuer gewesen sein. Ein Ochse oder eine Kuh waren gleichzeitig für weniger als 1 Solidus zu haben.226 Bücher waren – nicht zuletzt weil sie gleichzeitig Funktionen als Kult-, Andachts- und Repräsentationsobjekte erfüllen mußten – extrem teuer 225

226

Zur soziologischen Verortung der Urkundenproduktion vgl. grundlegend Corpus (1957) Bd. 3, S. XXXVff. Einen zeitlich nicht differenzierten Überblick bietet Römer (1997) S. 37– 40. Die Studien von Bischoff (1989) beziehen sich auf die gesamte (also überwiegend lateinische) Urkundenproduktion und sind für eine Analyse des volkssprachigen Bereichs nur bedingt aussagekräftig: Bischoffs Zahlen (ebd. S. 56 Tab. 2f.) zeigen allerdings im 13. Jh. eine auch für die volkssprachige Urkundenproduktion charakteristische rasante Zunahme weltlicher Ausstellergruppen, wobei vor allem die stark ansteigenden Werte beim niedrigen Adel, Städten und Stadtbürgern auffallen. Als Empfänger überwiegen auch im 13. Jh. geistliche Institutionen (Bischöfe, Kapitel, Klöster, Kirchen) bei weitem. Sie sind die Adressaten unzähliger Schenkungen, Stiftungen etc. Indirekt lassen die Zahlen eine enge Verflechtung von weltlichen Personen und geistlichen Institutionen erkennen – ein wichtiges Faktum bei der Analyse der Produktionsumstände volkssprachiger Schriftlichkeit im 13. Jh. Cipolla (1967) S. 57. Vgl. mit zahlreichen Belegen zu den Kosten der Buchproduktion in karolingischer Zeit McKitterick (1989) S. 136–164.

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und damit überhaupt nur für eine exklusive gesellschaftliche Elite erschwinglich. Grundsätzlich änderte sich an diesen Relationen bis ins Spätmittelalter wenig. Bücher blieben ein kostspieliges Vergnügen.227 Allerdings begegnen ab dem 11./12. Jh. zunehmend auch kleinere, dichter beschriebene, einfachere Kodizes. Zum Einsatz kommen diese kostengünstigeren ›Gebrauchshandschriften‹ bevorzugt für pragmatische sowie pauschal für alle Arten volkssprachiger Texte. Anders als bei vielen lateinischen Kodizes, wo der Buchkörper nicht allein zum Transport eines Textes diente, sondern zugleich als Gegenstand der Andacht, Objekt der Machtdarstellung und Symbol eines religiösen, politischen oder materiellen Anspruchs vielfältige Funktionen erfüllen konnte, dienten volkssprachige Handschriften bis weit in das 13. Jh. primär dem möglichst kostengünstigen Transport von Texten bzw. der Archivierung von Recht und Memoria. Nur in Sonderfällen wich man von diesem Grundmuster ab und scheute weder Kosten noch Mühen, ein volkssprachiges Buch prachtvoll auszustatten. Frühe Beispiele sind die illustrierten ›Rolandslied‹-Handschriften (s.u.), der ›Vorauer Kodex 276‹ (s.u.) oder die ›Millstätter Handschrift‹. Später kommen prachtvolle ›Eneas‹-, ›Willehalm‹-, ›Parzival‹-, Heldenepik- und Reimchronik-Handschriften hinzu (s.u.). Pracht hält jedoch erst im ausgehenden 13. Jh. Einzug in die volkssprachige Überlieferung (vgl. Diagramm 7 und 8). Die Gründe für diese lang anhaltende Präferenz einfacher Buchmuster sind in einem Geflecht sich gegenseitig bedingender inner- und außerliterarischer Faktoren zu suchen, wobei wirtschaftliche Fragen (Finanzkraft der Auftraggeber – Herstellungskosten) ebenso eine Rolle spielen wie kultur- (Bildungssituation – Bildungsniveau) und literarhistorische Entwicklungen (literarische Interessenbildung – Literaturkanon – literarischer Status). Bei der Buchherstellung ist zu den hohen Kosten für die Rohstoffe (Pergament, Tinten und ggf. Farben/Edelmetalle228) der Aufwand der unmittelbaren Buchherstellung (Schreiben, Illustrieren, Binden229) hinzuzurechnen, wobei ›Sonderwünsche‹ wie große Formate und repräsentative Ausstattung mit Initialen oder gar Miniaturen den Preis für ein Buch schnell in astronomische Höhen treiben konnten. Nur wenige waren in der Lage und Willens, einen entsprechenden Aufwand zu finanzieren. Noch im 11./12. Jh. sehen wir nahezu ausschließlich Kaiser, Könige, die großen Fürsten sowie vor allem die

227

228 229

Zu Buchpreisen im 13.–15. Jh. vgl. die Beispiele bei Cipolla (1967) S. 58–62 (Italien) und die Literaturhinweise bei Schneider (1999) S. 197 Anm. 34 (primär 14./15. Jh.). Daß Bücher je nach Ausstattung, Umfang und Inhalt auch noch zu Beginn des Druckzeitalters sehr teuer waren, belegen eindrücklich die Zahlen bei Hans-Jörg Künast, ›Getruckt zu Augspurg‹. Buchdruck und Buchhandel in Augsburg zwischen 1468 und 1555, Tübingen 1997, S. 185–188: Für eine Bibel mit rund 500 Blatt mußte man um 1470 mindestens mit 10–12 Gulden rechnen, was etwa dem Jahreslohn einer Magd entsprach. Vgl. exemplarisch McKitterick (1989) S. 138–146. Vgl. exemplarisch McKitterick (1989) S. 147f.

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Bischöfe und bedeutende Klöster als Auftraggeber für die Handschriftenproduktion. Nur sie konnten die finanziellen Mittel aufbringen und verfügten gleichzeitig über die notwendigen schreibtechnischen Ressourcen. Im 12. Jh. hatte der Einsatz neuer Techniken im Ackerbau (eiserne Pflugscharen, Pferdegeschirr) und ein gemäßigtes Klima die Ernteerträge beträchtlich erhöht. Die Bevölkerung im Reich wuchs rasch von ca. 7–8 Millionen im 12. Jh. auf 13–15 Millionen um 1300.230 Begleitet wurde der Bevölkerungszuwachs seit Mitte des 12. Jh.s von einer Welle von Kloster- und Stadtgründungen (Diagramm 10). Dort, in den prosperierenden Klöstern und Städten, wurden die materiellen (Finanzkraft – technische Ressourcen), die kultursoziologischen (Bildung) und die logistischen (Schreibzentren – Schriftinteressenten) Fundamente für eine zum Teil rasante Schriftlichkeitsentwicklung gelegt. »The continuously growing surplus from manorial exploitation was, in part, used for culture; evidently the part so used was larger in the ecclesiastical seigneuries.«231 Umweltkatastrophen (Mißernten), politische Krisen und Kriege führten jedoch immer wieder zu massiven Einbrüchen in der Schriftproduktion. Einen lang anhaltenden negativen Einfluß scheint beispielsweise der welfisch-staufische Kampf um die Vorherrschaft im Reich gehabt zu haben. Nach dem Tod Barbarossa (1190), dem frühen Ableben Kaiser Heinrichs VI. (1197) und der verhängnisvollen Doppelwahl des Jahres 1198 versank das Reich in Krieg und Chaos. Wo Untriuwe ist in der sâze, / gewalt vert ûf der strâze: / fride und reht sint sêre wunt (Walther L 8, 24–26), ging augenscheinlich das Interesse an Schriftlichkeit verloren. Rechtsfragen wurden nun auf dem Schlachtfeld und nicht mehr auf dem Pergament geklärt: In den 1190er Jahren sinken die Produktionszahlen lateinischen Handschriften auf gerade noch die Hälfte der vorangegangenen Jahrzehnte, stagnieren dann für mehrere Jahrzehnte auf niedrigem Niveau und erholen sich erst in den 1220/30er Jahren.232 Ein über weite Strecken deckungsgleiches Bild bietet sich bei der volkssprachigen Schriftlichkeit: Nach einem rasanten Aufschwung im letzten Viertel des 12. Jh.s stagnieren die Zahlen im krisengeschüttelten ersten und zweiten Viertel des 13. Jh.s (Diagramm 9). Nachdem sich die politische Lage beru-

230

231 232

Vgl. Kellenbenz (1977) S. 76, ders. (1980) S. 17f. u. Henning (1991) S. 167ff. Zu den zwar recht unsicheren, die Tendenz aber deutlich widerspiegelnden Zahlen vgl. Neddermeyer (1998) S. 160 Tab. 36. Einen ähnlichen Aufschwung sehen wir in Frankreich; vgl. Duby (1982) u. (1996) S. 38f., wo er von einer Verdreifachung der Bevölkerungszahlen in Frankreich innerhalb der drei Jahrhunderte von 1000 bis 1300 auf »sicher 20 Millionen Menschen spricht. Es war das bevölkerungsreichste Land Europas. England hatte beispielsweise lediglich drei Millionen Einwohner.« Duby (1982) S. 252. Das Grundsätzliche der Beobachtung Dubys gilt uneingeschränkt auch für Deutschland. Neddermeyer (1998) S. 615 Diagramm 1a/b. Zu einigen Entwicklungslinien vgl. ebd. S. 204ff. Genauere Untersuchungen zum Zusammenhang von Handschriftenproduktion und Krise im Reich stehen allerdings noch aus.

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higt und die Wirtschaftskraft erholt hatte, wuchs das Interesse an volkssprachiger Schriftlichkeit schnell an. Auf die volkssprachige Schriftproduktion scheinen sich diese neuen, friedlicheren Rahmenbedingungen übrigens besonders nachhaltig ausgewirkt zu haben, denn um/nach der Jahrhundertmitte233 explodieren die Handschriften- und Urkundenzahlen geradezu (Diagramm 9). Und wieder scheint die politische Großwetterlage von entscheidender Bedeutung gewesen zu sein. Rudolf von Habsburg brachte das Reich nach anfänglichen Schwierigkeiten ab den 1280er Jahren wieder in ruhigeres Fahrwasser. Wie die zahlreichen Urkunden von Grafen, Rittern, Städten und Stadtbürgern und die vielfältigen, jetzt häufig volkssprachigen städtischen Rechtsaufzeichnungen aus der Zeit ab 1260/70 (s. Verzeichnis Rechtshandschriften) zeigen, bedienten sich nun auch der niedere Adel, die städtische Oberschicht – und da vor allem die im Fernhandel tätigen Kaufleute – der volkssprachigen Schriftlichkeit. »Die Kaufmannschaft war in der 2. Hälfte des 13. Jahrhunderts zum schriftlichen Geschäftsverkehr übergegangen«.234 Eine schnell wachsende Zahl von Städten mit immer ausgedehnteren Handelsbeziehungen, komplexen Handels- und Handwerksordnungen, Vertragswerken und die sich weiter verändernden soziologischen Rahmenbedingungen (Territorialherrschaft, Städtebünde) erforderten einen zunehmend höheren Organisationsgrad. Schrift wurde zu einem alltäglichen Instrument der Gegenwartsbewältigung, der herrscherlichen bzw. städtischen Repräsentation, der Verwaltung, der Kommunikation und der kulturellen Interaktion. Gleichzeitig waren im Zuge der wirtschaftlichen Entwicklung die materiellen Ressourcen erwirtschaft worden, die selbst kleineren Adelsgeschlechtern und den städtischen Eliten die Mittel für Kultur und Luxus, d.h. letztlich auch für Schreibaufträge aller Art, an die Hand gaben. Auch verfügten diese neuen Schrittinteressenten bald über den notwendigen Bildungshintergrund, Schriftlichkeit nicht nur im pragmatischen Lebenszusammenhang zu benutzen, sondern auch Literatur im engeren Sinn zu rezipieren. Städtische Schulgründungen vor allem in den norddeutschen Handelsmetropolen Lübeck (1252), Breslau (1267), Stralsund (1278), Hamburg (1281) und Rostock (um 1300) ergänzten das bis dato klerikal geprägte Schulsystem und erlaubten weiten städtischen Bevölkerungskreisen einen wenigstens rudimentären Zugang zur Schriftlichkeit. Im Süden lassen sich um die Jahrhundertwende vergleichbare Entwicklungen nachweisen.235

233

234 235

Das sog. Interregnum scheint in diesem Zusammenhang von geringer Bedeutung gewesen zu sein. Städtebünde, fürstliche Friedensbünde und andere Zusammenschlüsse garantierten ebenso wie regionale Landfrieden auch ohne feste Reichsgewalt eine fortschreitende Konsolidierung; vgl. etwa die Beispiele bei Bertelsmeier-Kierst (1998) sowie exemplarisch Demski (1996) S. 54–56 zu Lübeck und dem Norden. Schneider (1987) S. 261. Vgl. Ennen (1957), Lucas (1968) bes. S. 84ff., Schneider (1987) S. 206f. u. 260f., Nedder-

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Nicht zuletzt in den Städten im Norden des Reichs sollten mit einer prosperierenden Wirtschaft und einem expandierenden Bildungssystem also beste Grundlagen für einen Schrift- und Literaturboom geschaffen sein. Was das Rechts- und Verwaltungsschrifttum betrifft, ist ein solcher Boom im Norden tatsächlich in den letzten vier bis fünf Jahrzehnten des 13. Jh.s anhand der Überlieferungszahlen nachweisbar. Unzählige volkssprachige Rechts- und Stadtbücher (Nachweise im Verzeichnis Rechtshandschriften), Urkunden und juristische Gebrauchstexte236 entstehen. Städtische Kanzleien etwa in Lübeck, Hamburg, Stade oder Bremen produzieren Schriftstücke, Urkunden, Briefe und Bücher in gewaltiger Menge. Doch scheint sich aus diesen Entwicklungen nicht notwendigerweise ein wachsendes Interesse an volkssprachiger ›schöner‹ Literatur ableiten zu lassen. Die extrem geringe Zahl niederdeutscher Epen-, Roman- und Lyrikhandschriften237 gibt jedenfalls zu denken (Diagramm 12: dunkle Säulen). Eine geradezu gegensätzliche Situation können wir im hochdeutschen Sprachraum beobachten. Hier stehen große Mengen volkssprachiger Epen- und Lyrikhandschriften einem deutlich geringeren Anteil volkssprachig-städtischer Rechts- und Verwaltungshandschriften gegenüber (Diagramm 12: helle Säulen). Selbst wenn man die durch die Verheerungen des 30jährigen Krieges, die Säkularisationsschäden und andere Katastrophen verursachten höheren Verlustraten im Norden berücksichtigt, bleibt ein erhebliches Ungleichgewicht bei der Überlieferung volkssprachiger Textsorten zu konstatieren: Juristisches Schrifttum ist im Norden in großer Zahl vorhanden. Auch niederdeutsche Chroniken und geistliche Texte sind vergleichsweise breit überliefert. Bei den Prosachroniken (›Sächsische Weltchronik‹, Chronik Albrechts von Bardewick) dominiert der Norden sogar. Demgegenüber spielt die höfische Literatur im Norden kaum eine Rolle, ist aber in den anderen Reichsre-

236

237

meyer (1998) S. 269f. sowie zusammenfassend u. mit weiterführender Literatur Wendehorst (1986) S. 28–33 u. Kintzinger (1996). Um den Rechtsverkehr zwischen Christen und Juden zu regeln, wurden jetzt z.B. schriftlich fi xierte Judeneide als Formulare/Vorlagen in der alltäglichen Rechtspraxis eingesetzt; vgl. Wolf (2003a). Im Marburger Repertorium sind nur ca. 20–25 niederdeutsche Textzeugen dieses Typs (unter 5% der Gesamtüberlieferung) verzeichnet. Schreibsprachliche Besonderheiten bei den niederdeutschen Verstexten machen allerdings eine zweifelsfreie Identifizierung fast unmöglich: Im niederdeutschen Sprachraum versuchte man – wohl aus Statusgründen – hochdeutsche Formen zu übernehmen bzw. zu imitieren. Bei Adaptionen aus dem hochdeutschen Sprachraum führte dies dazu, daß die niederdeutsche Provenienz einer Handschrift bisweilen nur in hyperkorrekten Formen durchscheint, echte niederdeutsche Elemente aber fast vollständig vermieden werden. Bei den schon ursprünglich niederdeutschen Verstexten ist zu beobachten, daß niederdeutsche Elemente zu Gunsten eines künstlich verhochdeutschten Idioms zurücktreten. Als Beispiele wären etwa die ›Braunschweiger Reimchronik‹ und die Versvorrede der ›Sächsischen Weltchronik‹ zu nennen. Sie bieten ein eigentümliches niederdeutschhochdeutsches Gemisch und sollten vermutlich hochdeutsch sein bzw. wirken, weil diese Sprachform dem literarischen Wert der Texte angemessener erschien; vgl. Klein (1982).

122

Diagramm 12: Regionale Verteilung volkssprachiger Werke im hoch- und niederdeutschen Sprachraum (jeweils Anteile am Gesamtbestand – Datenbasis MR13)

100% 90% 80%

91%

85%

87%

70% 60%

54%

50% 40%

46%

30% 20%

15%

10%

9%

13%

0% Recht

Chronik hochdeutsch

höfische Texte

geistliche Texte

niederdeutsch

gionen das bevorzugte Terrain volkssprachiger Schriftlichkeit. Mit der gebotenen Vorsicht ließe sich die These formulieren, daß in der hochentwickelten Stadtkultur des Nordens238 merkantile und juristische Interessen, das Seelenheil (große Anzahl an Gebetbüchern und geistlichen Sammelhandschriften) und das eigene Herkommen (große Anzahl an Prosachroniken) ein Bedürfnis nach höfischer Kurzweil und ritterlicher Didaxe überwogen. Der Blick in die norddeutsche Metropole Lübeck zeigt allerdings ein kaum mit diesen überlieferungsstatistischen und literatursoziologischen Beobachtungen zu vereinbarendes Bild. Wie sehr man sich gerade in Lübeck für das Rittertum interessierte, lassen z.B. die Berichte zu dortigen Ritterturnieren erkennen. Von entsprechenden Veranstaltungen hören wir schon in den 1230er Jahren. Bis 1260 veranstalten die Holstengrafen alljährlich zu Weihnachten einen buhurt in Lübeck. Wenig später hatte man vor den Toren der Stadt sogar ein torneisfeld. Das torneisfeld wird seit 1283 in den Kämmereirechnungen genannt.239 In diesem Kontext von Interesse sind auch die seit dem frühen 14. Jh. gerade in den Städten des Nordens weit verbreiteten Artushöfe (Elbing 1319, Danzig 1350, Braunsberg 1353, auch in Thorn, Stralsund, Kulm, Königsberg ) und die beliebten arturischen Namen und Turnierspiele.240 Alle 238

239 240

Gerade die großen Städte beherbergten jedoch auch immer zahlreiche Ritter, Grafen etc. Demski (1996) zeigt am Beispiel Lübecks die unmittelbare – jedoch keinesfalls spannungsfreie – Durchdringung von Stadt- und Adelskultur. Zotz (1985) S. 465–467 und Demski (1996) S. 45f. u. 56–58. Vgl. Jackson (2000) S. 284–286.

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Momente zusammen belegen ein lebhaftes Interesse an der Ritterkultur. Um so merkwürdiger erscheint das Überlieferungsdefizit. Die überwältigende Dominanz weltlich-ritterlicher Stoffe (Diagramm 12) im Süden scheint für eine andere, stärker vom Adel bzw. höfisch-ritterlichen Interessen geprägte Rezipientenstruktur zu sprechen, doch wie fügen sich solche Vorstellungen in das etwa bei Gottfried von Straßburg241 und Konrad von Würzburg vermittelte Bild einer literarisch hoch versierten s t ä dt i s c h- süddeut s c hen Elite? Wird man eine nord- und eine süddeutsche Stadtkultur grundsätzlich anders zu beurteilen haben? I.2.3. Buchformat und Pergamentqualität Aber kehren wir zurück zu den Aufwendungen für ein Buch. Mit der Wahl des Seitenformats wurde vom Auftraggeber ein grundsätzlicher Kostenrahmen abgesteckt: Aus einer Schaf-, Kuh- oder Ziegenhaut ließen sich ohne großen Verschnitt vergleichsweise viele kleinformatige Doppelblätter gewinnen. Mit der Blattgröße stieg der Anteil des Verschnitts und das heißt der Pergamentverbrauch überproportional an. Für Riesenformate von 40 bis max. 50 cm Blatthöhe wurde pro Doppelblatt eine komplette Tierhaut benötigt. Bei einer Doppelblattgröße von 50 x 70–80 cm – wie annähernd z.B. im Vorauer Codex 276 (Blattgröße mind. 45 x 32,5 cm; was einem Doppelblatt von 65–70 x 45 cm entspräche) – sind die Grenzen der natürlichen Hautgröße (Schaf, Kalb) erreicht. Gumbert kann Hautgrößen von 44 x 30 cm bis 80 x 56 cm nachweisen. Am häufigsten kommen Blattgrößen um 68 x 48 cm zum Einsatz,242 was beinahe exakt einem Vorauer Doppelblatt entspräche. Der Anteil der Schnittabfälle ist bei einer solchen Blattgröße überproportional groß, da die Körperrundungen komplett ausgespart werden müssen.243 Außerdem verlangen großformatige Blätter nach besseren Pergamentqualitäten ohne größere Schäden in der Fläche (Risse, Knochenlöcher, dünne Stellen). Die Kosten pro Haut konnten sich je nach Pergamentqualität und Grad der Bearbeitung so um den Faktor zwei bis fünf 244 und je nach Format bei einzelnen Blättern sogar um das 100- bis 150fache (Großfolio in hervorragender Qualität gegenüber Duodez in schlechter Qualität) erhöhen. Blattgröße und Pergamentverbrauch stehen dabei in einer beinahe exponentiellen Abhängigkeit zueinander (Abb. 8). Gestaltungstechnische Eigenheiten brachten es mit

241 242

243 244

Vgl. zusammenfassend etwa Johnson (1999) S. 308. Zu den natürlichen Limitationen eines Pergamentblattes vgl. Rück (1991) S. 332 u. Schneider (1999) S. 104 sowie grundlegend Gumbert (1993). Gumbert macht ebd. S. 236ff. auf die gewaltigen Größenunterschiede bei nördlich (44–80 x 30–56 cm) und südlich (38–60 x 28–44 cm) der Alpen hergestellten Handschriften aufmerksam. Man wird hier aber nicht linear von Großformaten auf die Verschnittmenge rückschließen können, denn es werden durchaus auch (oft?) Mischformate aus einem Blatt gewonnen. Zu den Preisen für unterschiedliche Pergamentqualitäten vgl. Gullick (1991) S. 153–157.

124

Abb. 7: Blattertrag

sich, daß der relative Pergamentverbrauch pro Texteinheit bei großformatigen Handschriften zusätzlich anstieg, denn Randvolumen, Zeilenabstände und (nicht zwingend) Schriftgröße wuchsen in direktem Verhältnis zur Seitengröße. Dieser Entwicklung versuchte man allerdings schon im 9./10. Jh. entgegenzusteuern, indem man die Buchseiten zunehmend intensiver nutzte. Die Textmenge pro cm2 nahm kontinuierlich zu: Die Zeilenabstände wurden geringer, die Schriften kleiner, die Wortabstände schmaler.245 Der Pergamentverbrauch bei großformatigen Bänden wie dem Vorauer Kodex 276 (Blattgröße 45 x 32,5 cm) und ganz kleinformatigen Gebrauchshandschriften wie dem Gießener ›Iwein‹ (Blattgröße 12,6 x 8,5 cm) differierte um ein Vielfaches. Für den Vorauer Kodex (185 Blätter) wurden über 90 Tierhäute benötigt. Die gleichzeitigen volkssprachigen Standardkodizes mit durchschnittlichen Blattgrößen von 15–20 x 10–15 cm und ca. 60–80 Blättern erforderten demgegenüber kaum mehr als 5 bis 10 bzw. für die gleiche Textmenge nicht mehr als 15–20 Tierhäute. Als besonders ökonomisch geschätzt wurden deshalb in der Frühzeit der volkssprachigen Buchproduktion (und bei Gebrauchskodizes allgemein) die Kleinformate um 13 x 9 cm und die mittleren Blattgrößen um 17 x 13 cm. Sie ergaben pro Haut sechs bis acht bzw. maximal sogar 16 Doppelblätter (Abb. 8).246 Für ein umfangreicheres Manuskript wie den Gießener ›Iwein‹ mit seinen 160 Blättern brauchte man also letztlich kaum mehr als 5 bis 6 Tierhäute.247 Im volkssprachigen Bereich sind wohl deshalb kleine und kleinste Blattgrößen weit verbreitet: 245

246 247

Die grundsätzlichen Relationen zwischen relativ eng beschriebenen kleinen und sehr viel großzügiger beschriebenen großen Formaten ändern sich aber kaum; vgl. Neddermeyer (1998) S. 264–266 u. S. 647 Diagramm 29a. Zu den extrem kleinen Formaten vgl. Gumbert (1993) S. 232 bes. Anm. 10. Vgl. mit ähnlichen Rechenbeispielen bei karolingischen Kodizes McKitterick (1989) S. 139– 141.

125

1 Doppelblatt [40–50 x 60–75 cm] Großfolio (Bsp.: Vorauer Kodex 276 Blattgröße = 45 x 32,5 cm)

2 Doppelblätter [25–35 x 40–50 cm] Folio (Bsp.: ›Tristan‹ z/z1/; ›Parzival‹-Frgm. 32 Blattgröße = 34 x 23,5 cm)

4–8 Doppelblätter [15–25 x 20–30 cm] Quart-/Kleinquart (Bsp.: ›Rolandslied‹ E Blattgröße = 20 x 12 cm)

12–16 Doppelblätter [10–15 x 12–20 cm] Duodez (Bsp.: Gebetbücher; ›Iwein‹ B Blattgröße = 12,6 x 8,5 cm)

Abb. 8: Blattertrag bei einer durchschnittlichen Hautgröße von 45–55 x 65–75 cm (typisch für Kalb oder Schaf/Nordeuropa)248

Zu Beginn des 13. Jh.s sind die volkssprachigen Kodizes meist kaum größer als 15–22 x 10–15 cm (Diagramm 13). Bei lateinischen Handschriften liegt die durchschnittliche Blattgröße um mindestens 25–40% (Blatthöhe 26–28 cm) über den Werten bei den gleichzeitigen volkssprachigen Kodizes (Diagramm 13).249 In der zweiten Hälfte des 13. Jh.s ändern sich die Verhältnisse. Vor allem

248 249

Vgl. Gumbert (1993) S. 239 (Grafi ken 2–4). Vgl. Neddermeyer (1998) S. 157 Tab. 34. Bei den Durchschnittswerten wird man allerdings immer zwei grundsätzlich unterschiedliche Buchtypen zu berücksichtigen haben, und zwar die für den gehobenen Bedarf entsprechend großen, prachvollen »luxurious manuscripts« (z.B. für heilige und fundierende Texte) und die »modest manuscripts« für den Alltagsgebrauch. Wie deutlich die Größenunterschiede bei den jeweiligen Gebrauchstypen sind, ermittelt Cohen-Mushlin (1990a) S. 23 für das Frankenthaler Scriptorium: Bei den »luxurious manuscripts« sind Buchgrößen von durchschnittlich 28–36 x 18–25,5 cm

126

Diagramm 13: Entwicklung der durchschnittlichen Buchgrößen volkssprachiger und lateinischer Handschriften im 13. Jh. (Datenbasis: MR13 u. NEDDERMEYER, 1998) Blatthöhe in mm 290 270 250 230 210 190 170 150 Ende 12. Jh.

1. Viertel 13. Jh.

2. Viertel 13. Jh. Latein

3. Viertel 13. Jh.

4. Viertel 13. Jh.

Deutsch

für die umfangreichen volkssprachigen Chroniken, Wolframs Erfolgstexte und zahlreiche offiziöse Rechtsbücher kommen nun große und größte Formate zur Anwendung, wie man sie bis dato vornehmlich aus der lateinischen Buchproduktion kannte. Die Durchschnittsgröße erhöht sich binnen weniger Jahrzehnte von ca. 20 cm Blatthöhe auf 23,5 cm im dritten und 24,5 cm im letzten Viertel des 13. Jh.s. Sie erreicht damit die Werte bei den lateinischen Büchern. Um die Kosten zu minimieren, bevorzugte man bei volkssprachigen Handschriften aber nicht nur Kleinformate, sondern häufig auch mindere Pergamentqualitäten. Überwiegend wird mäßig aufbereitetes Pergament mit Knochenlöchern und kleineren Schadstellen verwendet. Auch größere Fehlstellen sind bei Einzelblättern keine Seltenheit. Exemplarisch zu nennen wären etwa das Berliner ›Aegidius‹-Fragment (Berlin, SBB-PK, Grimm-Nachlass 132,11; Abb. 6), der Heidelberger ›König Rother‹ (Heidelberg, UB, Cpg 390) und der Heidelberger ›Iwein‹ (Heidelberg, UB, Cpg 397; Tafel 18–19). Alle drei Kodizes zeichnen sich durch mäßige Pergamentqualitäten aus. Beim Heidelberger ›Iwein‹ entspricht Lage »V« (Bl. 32–39) sogar noch nicht einmal diesem minimalen Qualitätsprofil. Sie scheint aus Abfällen hergestellt zu sein. Eine separate Zählung läßt vermuten, daß diese Lage nachträglich – jedoch zeitnah und vermutlich im selben Skriptorium (identischer Schriftduktus) – in den Verbund eingefügt wurde. Eventuell hatte man eine defekte oder zerstörte Lage ersetzen müssen, dazu nach Fertigstellung der Handschrift aber nicht mehr das notwendige Material zur Verfügung. Mäßige bis schlechte Pergamentqualitäten begegnen aber nicht nur bei diesen vergleichsweise einfachen ›Gebrauchshandschriften‹. Wir können das Phänomen sogar bei volks-

typisch (Maximum 53 x 36 cm), bei den »modest manuscripts« Buchgrößen von 22,5–26 x 14–18 cm bzw. minimal 9 x 12,5 cm.

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sprachigen Zimelien wie dem bebilderten Heidelberger ›Rolandslied‹ (P), dem Gießener ›Iwein‹ (B), dem Münchener ›Nibelungenlied‹ (A), dem ›Berliner ›Eneas‹ (B), dem Münchener ›Tristan‹ (M) und dem Münchener ›Parzival‹ (G) beobachten: Heidelberger ›Rolandslied‹ (P) Das Pergament des Heidelberger ›Rolandsliedes‹ ist vielfach schlecht aufbereitet. Die Haarseite weist erhebliche Unebenheiten auf und ist oft nur notdürftig geglättet. »Etwa ab f. 101 ist das Pergament teilweise so ungleichmäßig kalziniert, daß die Tinte entweder verlaufen (vgl. 104v. 105r. 106v. 107r. 108r. 113r.) oder so wenig eingedrungen ist, daß sie stellenweise gänzlich abgerieben erscheint, obwohl diese Seiten sicher nicht stärker beansprucht wurden als die übrigen (108v. 111r. 112v. 113r. 114v. 117r. 118v. 119r. 122v.).«250 Zusätzlich weisen gut 20% der Blätter fehlende Ecken, erhebliche Löcher und Risse auf. Häufig wurden sogar Reststücke verwandt, die noch nicht einmal ein ganzes Blatt ergaben. Wie die gegen Ende hin immer schlechtere Aufbereitung des Pergaments finden sich auch diese Qualitätsmängel vorzugsweise in der zweiten Hälfte des Kodex und da gehäuft bei den letzten drei Lagen. Anscheinend mußte nach Halbzeit der Arbeiten gespart werden, und zwar in so dramatischem Ausmaß, daß selbst kaum aufbereitete Pergamentabfälle für das Buch zur Anwendung kamen. Und man sparte nicht nur am Pergament. Gegen Ende hin werden auch die Initialen und Lombarden kleiner und einfacher. Selbst das zur Auszeichnung verwendete Rot verliert seinen Glanz und »weist später eine lila oder auch gelbliche Färbung auf.«251 Gießener ›Iwein‹ (B) Für den Gießener ›Iwein‹252 wurde zunächst sehr aufwendig mit Bims geglättetes, feines Pergament hergestellt. Die Pergamentaufbereiter hatten so exzellent gearbeitet, daß Fleisch- und Haarseite nicht mehr zu unterscheiden sind. Allerdings gilt dies nur für die ersten zehn Quaternionen (80 Blätter) des auf 160 Blätter konzipierten Buchs (Tafel 55 u. 57). Die zweite Hälfte bietet das schon aus dem Heidelberger ›Rolandslied‹ bekannte Bild: Es kam nur noch notdürftig, kostensparend aufbereitetes Pergament zum Einsatz. Haar- und Fleischseiten sind nun deutlich zu unterscheiden (Tafel 53): Auch bei der Gestaltung der Seiten hielt man sich merklich zurück. Auf illuminierte Initialen wurde völlig verzichtet.253 Münchener ›Nibelungenlied‹ (A) Wie der Gießner ›Iwein‹ zeigt der Münchener ›Nibelungen‹-Kodex in der zweiten Buchhälfte deutliche Qualitätseinbußen. Wurde am Anfang noch Pergament von relativ guter Qualität verwendet, kam in der zweiten Buchhälfte »auch weniger einwandfreies, teilweise schadhaftes Material […] mit kleineren Schnitten und Löchern« zum Einsatz. Im zweiten Teil werden die Initialen und Majuskeln kleiner und einfacher. Auch auf die Lagenbezeichnungen durch Wortreklamanten wird im zweiten Teil verzichtet.254 250 251 252

253 254

Werner/Zirnbauer (1970) S. 13f. Werner/Zirnbauer (1970) S. 21. Auch der Heidelberger ›Iwein‹ (A = Heidelberg, UB, Cpg 390) weist deutliche Qualitätsunterschiede innerhalb des Bands auf. Allerdings ist es hier nur die 5. Lage (Bl. 32–39), die mit extrem schlechten, löchrigen, schadhaften Pergament (anscheinend handelt es sich hier um Abfälle) völlig aus der Rolle fällt (s.o.). Vgl. Bischoff/Heinrichs/Schröder (1964) S. VIII–XIII. Schneider (2003) S. 271–282 (Zitat S. 272).

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Berliner ›Eneas‹ (B) Noch deutlicher werden die Diskrepanzen beim Berliner ›Eneas‹. Zu der prachtvollen Ausstattung und Einrichtung will das ausgesprochen minderwertige, häufig schadhafte, miserabel aufgearbeitete Pergament überhaupt nicht passen (Tafel 11: Knochenlöcher und Risse). Nur für die Bildseiten wurde etwas dickeres, qualitativ besseres Material verwendet. »Hierin stimmt unsere Handschrift übrigens mit den beiden anderen bald danach angefertigten illustrierten Romanhandschriften überein, dem Münchener ›Tristan‹ und dem Münchener ›Parzival‹.«255 Münchener ›Tristan‹ Beim Münchener ›Tristan‹ finden wir »gelblichgraue[s] Pergament von stark wechselnder, meist minderer Qualität. Es hat unterschiedliche Stärke und Steife, gelegentlich ist es sehr weich und lappig, so die Blätter 22, 25, 31 und 34. Mehrfach ist seine Oberfläche so rauh, daß es nicht beschrieben werden konnte (Bl. 44v, 52rb, 89vb). Auch sonst mußte beim Beschreiben gelegentlich auf unregelmäßiges Format (z.B. Bl. 48, 52, 84, 95), Löcher (z.B. Bl. 50) und Risse (z.B. Bl. 29, 52) Rücksicht genommen werden.«256 Auffallend sind auch die massiven Textkürzungen von fast 4000 Versen, die in der zweiten Hälfte des Manuskripts zum Tragen kommen.257 In der Forschung wurde diskutiert, ob es sich hier um sinnhafte, dem brevitas-Gedanken verpflichtete Überarbeitungen handelt oder ob der »Mangel zum Redaktor der bebilderten Prachthandschrift [wurde]: Mangel an Zeit, welche die Ausführung einer Handschrift immer benötigt, und Mangel an Pergament, das teuer ist. Ressourcenverknappung führt nach Meinung Kleins auch zur Wahl der Schrift: ›Bei Verwendung eines solch anspruchslosen, ›eiligen Gebrauchssschrifttyps‹ konnten Handschriften natürlich schneller und damit billiger hergestellt werden als beim Gebrauch einer betont kalligraphischen Schrift.‹«258 Nach den Ergebnissen der detaillierten Textanalysen Baischs, die eine filigrane, planmäßige Textredaktion erkennen lassen, wird man die Mangelthese zwar mit Zurückhaltung zu bewerten haben, aber das vergleichsweise schlechte Pergament, die schnelle Schrift sowie die veraltete259 Illustrationstechnik und die sparsame Verwendung von Illustrationen deuten260 darauf hin, daß der Kostenfaktor für das Skriptorium bzw. den Auftraggeber nicht ohne Bedeutung gewesen sein dürfte.

Ließe sich hier noch daran denken, daß es sich halt ›nur‹ um profane Unterhaltungsliteratur handelte, deren Wert man vielleicht gering(er) veranschlagte, kann dieses Argument beim ›Welschen Gast‹ A nicht in dieser Schärfe gelten. Doch auch für diese zwar kleinformatige, aber überaus reich bebilderte und mit aufwendigem Initialschmuck versehene Handschrift wurde vorwie255

Zur Pergamentqualität Henkel/Fingernagel (1992) S. 23. Montag/Gichtel (1979) S. 31. 257 Vgl. dazu grundlegend Baisch (2006) S. 109ff., 115–131, 133–145 (Bildzylus) und 146–305. 258 Baisch (2006), S. 120 und ebd. S. 115–122 mit Diskussion der unterschiedlichen Forschungspositionen. Zu dem Schriftargument Kleins wäre relativierend anzumerken, daß volkssprachige literarische Handschriften (auch die kostbar bebilderten Prachtexemplare!) generell in niedrigem Schriftniveau geschrieben sind, was also eher mit dem Status dieser Literatur als mit der Ökonomie des Schreibvorgangs zu tun haben dürfte. 259 Baisch (2006) S. 133 beschreibt sie als »einen neuen Typ«. Das arbeitsteilige Verfahren hat aber im 13. Jahrhundert seinen Zenit längst überschritten; vgl. dazu detailliert die Ausführungen zur Illustration des Berliner ›Eneas‹. 260 Zur Bebilderung des Kodex vgl. grundlegend Klemm (1998), S. 220–225 und das Faksimile von Montag/Gichtel (1979). 256

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gend schlechtes Pergament mit Rissen und Löchern verwendet.261 Zu dem schlechten Material gesellt sich bei fast allen genannten Handschriften ein relativ niedriges Schriftniveau. Textura findet man in keiner der genannten volkssprachigen Zimelien.262 Rohstoffe von schlechter Qualität und Defizite bei der medialen Aufbereitung begegnen bei volkssprachigen Zimelien in derart signifikanter Häufigkeit, daß nicht mehr an Zufälle geglaubt werden kann. Aber wie erklären sich diese auffälligen Diskrepanzen zwischen medialem Anspruch und medialer Realisierung? Anscheinend sollten einerseits Texte in durchaus guter Qualität kopiert bzw. hergestellt werden und andererseits repräsentative bzw. bibliophile Kostbarkeiten entstehen. Dies gilt allerdings nur für den äußeren Schein, denn bei genauerem Hinsehen entpuppen sich die Bücher als ›minderwertig‹ und auch bei den Texten begegnet man nicht selten Kürzungen und Fehlern. Offensichtlich kommt ökonomischen und produktionstechnischen Bedingungen bei der Buchherstellung eine bis dato unterschätze Rolle zu. Als Begründung für das merkwürdig in einen kostbaren und einen billigen Part zweigeteilte Gießener ›Iwein‹-Buch vermutet Palmer263 z.B. ein »predetermined budget« des Auftraggebers – eine interessante, wie vergleichbare Beispiele zeigen, anscheinend auch für andere volkssprachige Buchprojekte tragfähige Vorstellung: Als die Mittel zu einem großen Teil aufgebraucht waren, ein Ende des Buchs aber noch in weiter Ferne lag, zog man im Skriptorium die Notbremse. Alle Kostenfaktoren wurden überprüft. Am Pergament bzw. an den Rohstoffen ließ sich am einfachsten sparen, ohne das Buch in seiner sichtbaren Kostbarkeit vollständig zu diskreditieren.264

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Vgl. Neumann/Vetter (1977) S. 142. Vgl. Schneider (1987) S. 79–81 (›Rolandslied‹), 96–99 (Berliner ›Eneas), 147–154 (Gießener ›Iwein‹ u. ›Parzival‹ G, ›Tristan‹ M), 173–175 (›Welscher Gast‹) passim. Anders stellt sich die Situation bei Handschrift D von Wernhers ›Driu liet von der maget‹ dar (vgl. Schneider 1987, S. 82), was sich aber durch die besondere Funktionalität und Heiligkeit dieses Textes erklären läßt. Palmer (1993) S. 16. Ähnliche Qualitätseinbußen gegen Ende größerer, aufwendigerer volkssprachiger Sammlungen lassen sich in vielen Handschriften beobachten. So folgt z.B. in der ›Millstätter Handschrift‹ (um 1200/Anfang 13. Jh.) einem reich illustrierten, aufwendig gegliederten ersten Teil mit ›Altdeutscher Genesis‹ (Bl. 1r –84v) und ›Millstätter Physiologus‹ (Bl. 84v–101r) ein zweiter unbebilderter, nur noch mit einfachen roten Initialen gegliederter zweiter Teil; vgl. zur Gestaltung der Handschrift das Faksimile von Kracher (1967) sowie Gutfleisch-Ziche (1996a) S. 85f. Eine ähnliche Zweiteilung finden wir auch bei der noch im ausgehenden 12. Jh. angelegten Wiener Sammelhandschrift Cod. 2721 mit ›Genesis‹, ›Physiologus‹ und ›Exodus‹. Vorgesehen war nach den vielen freigelassenen Spatien eine umfangreiche Bebilderung von ›Genesis‹ und ›Physiologus‹. Für den ›Exodus‹-Teil hatte man keine Bilder vorgesehen. Ausgeführt wurden allerdings auch im ersten Teil nur sieben Federzeichnungen bis Bl. 5 v; vgl. das Faksimile von Papp (1980) u. Schneider (1987) S. 41–44. Beispiele für unvollendete oder gegen Ende qualitativ abfallende Bücher sind auch im 14. Jh. keine Seltenheit. Exemplarisch sei auf die Kasseler ›Willehalm‹-Trilogie (Kassel, UB/LMB, 2° Ms. poet. et roman. 1) verwiesen.

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Für den Berliner ›Eneas‹, den Münchener ›Tristan‹, aber auch den Heidelberger ›Welschen Gast‹ scheinen solche Überlegungen schon die Konzeptionsphase der Buchherstellung bestimmt zu haben. In allen drei Fällen scheint das Budget von vorneherein so knapp bemessen gewesen sein, daß überhaupt nur billiges Pergament in Frage kam, um die aufwendige Gestaltung des Äußeren nicht zu gefährden, wobei der ›Welsche Gast‹ noch am ehesten den Anspruch einlöst: Das Pergament ist von mittlerer Qualität. Löcher und Risse sind vergleichsweise selten und vorzugsweise im Schlußteil zu finden (Bl. 142, 189, 191, 218). Trotz aufwendiger mehrfarbiger Schmuckinitialen und den Marginalillustrationen setzt das recht kleine Format von 17,5–18 x 11,5 cm Blattgröße der Prachtentfaltung aber enge Grenzen.265 Da bei heiligen Texten vergleichbare Dimensionen solcher ›Schein-Kostbarkeit‹ nicht auszumachen sind, wird der niedrige, profan-pragmatisch-unterhaltende Status der volkssprachigen Werke die Wahl minderwertigen Materials begünstigt haben.266 »Mit dem hohen Repräsentationsanspruch, der etwa adligen Auftragswerken wie den beiden Landgrafenpsaltern Hermanns von Thüringen (Stuttgart / Cividale) oder den liturgischen Büchern der Zeit eignet, sind diese Handschriften, was Material und Kalligraphie angeht, nicht annähernd zu vergleichen.«267 In diesem Zusammenhang von Bedeutung mag sein, daß z.B. der Münchener ›Tristan‹ deutliche Gebrauchsspuren zeigt.268 Anscheinend sollte der Kodex schon bei der Auftragserteilung beide Aspekte vereinen: Er sollte das Auge erfreuen und herrscherlichen Glanz zeigen (schouwen) –

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Vgl. Der welsche Gast des Thomasîn von Zerclaere. [I:] Faksimile. Codex Palatinus Germanicus 389 der Universitätsbibliothek Heidelberg, Wiesbaden 1977–80 (Facsimilia Heidelbergensia 4). Schlechtes Pergament und billige Farben kommen in profanen Kodizes selbst für höchste (kaiserliche) Adressaten zum Einsatz. Ich verweise exemplarisch auf den zwischen 1195 und 1197 (teilweise?) im Auftrag des kaiserlichen Kanzlers Konrad von Querfurt (belegt für das dritte Buch; vgl. Stähli, 1994, S. 255f.) entstandenen ›Liber ad honorem Augusti‹ des Petrus de Ebulo. Der lateinische Kodex zeigt genau den für viele volkssprachige Prachthandschriftschriften typischen Antagonismus von äußerer Pracht (zum Bildmaterial vgl. das Faksimile von Kölzer/Stähli, 1994) und billigen Materialien. So wurde schlecht aufbereitetes Schafspergament verwendet und im ersten Teil alle Goldpartien mit gelbem Ocker und Auripigment ausgeführt. Erst später wurden diese Goldimitate durch Gold ersetzt (vgl. Fuchs/Mrusek/Oltrogge, 1994). Nach Fuchs/Mrusek/Oltrogge (ebd. S. 284) könnten wir es hier mit einem »Autorenexemplar« zu tun haben, daß erst im Laufe des Entstehungsprozesses zu einem Auftraggeberexemplar wurde. »Denkbar wäre, daß Konrad die repräsentative Ausstattung veranlaßte, da er aus Zeitmangel oder aus Kostengründen keine einheitlich gestaltete Abschrift erstellen lassen konnte und daher das ›Autorenexemplar‹ dem Kaiser überreichen wollte.« Denkbar wäre aber auch, daß sich der hochgebildete Auftraggeber von den verwendeten ›Scheinmaterialien‹ nicht täuschen ließ und das sicher professionelle Skriptorium (zwei Schreiber und drei Zeichner arbeiten am Kodex; vgl. Stähli, 1994) zumindest für den zweiten Teil zur auftragsgemäßen Qualität verpfl ichtete. Die nachträglichen Vergoldungen und Retuschen wären dann als Nachbesserungen zu verstehen. Henkel/Fingernagel (1992) S. 23. Vgl. das Faksimile und den entsprechenden Kommentar von Montag/Gichtel (1979) S. 31, passim.

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deshalb die Bilder und das moderne Layout – und gleichzeitig pragmatischen Gebrauchsanforderungen als Lese- bzw. Vorleseexemplar (hôren und lesen) genügen – deshalb das relativ kleine Format (Blattgröße 20,5–23,8 x 14,5–16,5 cm) und die Textkürzungen. Zum Dritten könnte das preiswerte Material einem begrenzten Budget geschuldet sein. Sparen ließ sich an der Schrift-, am Pergament und an der Ausstattungsqualität sowie vor allem an der Größe. Ab der Mitte des 13. Jh.s. war es mit dem Sparen vorbei. Vor allem die volkssprachigen Bücher mit Texten hohen literarischen Rangs (Wolframs Werke), historisch-dynastischer Relevanz (Reim- und Prosachroniken, Chansons de geste) oder normativer Bedeutung (›Sachsen‹- und ›Schwabenspiegel‹, Stadtrechte, Stadtbücher) legten bei Ausstattung und Materialqualität deutlich zu. Entgegengesetzt verläuft die Entwicklung bei den lateinischen Handschriften. Sie werden im Schnitt kleiner und einfacher. Resultat der gegenläufigen Entwicklungen ist, daß sich um 1300 beide Bereiche fast vollständig angeglichen haben. Die Durchschnittsgröße beträgt nun bei lateinischen und deutschen Handschriften jeweils rund 25–26 cm Blatthöhe (Diagramm 13). Eine Ursache für die kleiner und einfacher werdenden lateinischen Handschriften dürfte die mit dem Anstieg der zu verschriftlichenden Textmassen verbundene Verknappung des Rohstoffs Pergament sein. Dafür spricht auch, daß ab Mitte des 13. Jh.s die Blätter z.T. sehr viel dichter beschriftet werden. Der Pergamentverbrauch pro Texteinheit wurde so erheblich reduziert, die Kosten entscheidend gesenkt. Als zweite Ursache wäre auf die Professionalisierung des Schreibbetriebs hinzuweisen. Sie führte zu einer prachtrelativierenden Normierung der Buchmuster: Großformatige, unglaublich kostbar ausgestattete Großfoliobände im Stil der reliquienartigen Evangeliare, Antiphonarien, Graduale und Psalterien werden nun vergleichsweise seltener, einfache Gebrauchshandschriften im Quartformat für die Archivierung sowie für die Lebens-, Glaubens- und Rechtspraxis demgegenüber weitaus häufiger hergestellt. Im volkssprachigen Bereich werden diese allgemeinen Entwicklungen hin zu kleinformatigeren, enger beschriebenen, normierten und damit kostengünstigeren Handschriften durch die steigende Wertschätzung volkssprachigen Textmaterials und die wachsende wirtschaftliche Potenz der weltlichen Auftraggeber mehr als aufgefangen. Der Statuswandel führt bei den auch zuvor schon mit besonderer Sorgfalt bedachten heiligen und bei den normierendfundierenden Texten zu immer aufwendigeren Exemplaren. Und im Gegensatz zu den weltlich-unterhaltenden Werken stimmen hier alle Einzelaspekte von der Textbetreuung, der Einrichtung, dem Schriftniveau bis hin zu den verwendeten Materialien zueinander: Bedingt gilt dies für die Karlsruher ›Nibelungen‹-Handschrift C (vgl. detailliert S. 69–71),269 den Sangallensis

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Karlsruhe, BLB, Cod. Donaueschingen 63. Zur guten Pergament- und Ausstattungsqualität vgl. Obhof (2003).

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857270 und den reich bebilderten München-Nürnberger ›Willehalm‹-Discissus,271 sowie ganz sicher für die Gothaer Handschrift der ›Sächsischen Weltchronik‹ (Hs. 24),272 den für Gregor von Falkenstein angelegten Regensburger ›Schwabenspiegel‹ (La; Tafel 4),273 das (mutmaßliche?) Dedikationsexemplar der ›Braunschweigischen Reimchronik‹ (Tafel 45),274 die sog. ›Münchener Weltchronik‹,275 den Vadiana-Kodex276 und einige Lübische Stadtrechte (Tafel 16).277 Die genannten volkssprachigen Zimelien entsprechen in jeder Bezie-

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St. Gallen, SfB, Cod. 857 + Berlin, SBB-PK, mgf 1021 + Karlsruhe, BLB, Cod. K 2037. Trotz der kostbaren Initialen und der intensiven Textbetreuung zeigt der Kodex Aspekte eines nicht zu hohen Status. Dazu gehören die extrem dichte, platzsparende Beschriftung und vor allem das wechselnde Schriftbild bzw. Schriftniveau der Schreiber. Insgesamt kommen Buchschriften auf gutem kalligraphischen Niveau zur Anwendung, die jedoch nie an die Textura heranreichen; vgl. Schneider (1987) S. 133–142, hier bes. S. 139f., Fromm (1995), Schirok (2003) (mit der aktuellen Forschungsliteratur) und zusammenfassend Heinzle (2001) u. (2001a), sowie zum Initialstil Palmer (1992). Z.T. überholt ist Hänsel-Hacker (1952) S. 105–148. Auf vergleichbar ausgestattete, allerdings etwas jüngere Handschriften aus der scuola siciliana machte mich jüngst Franz Holznagel aufmerksam. München, BSB, Cgm 193/III + Nürnberg, GNM, Graphische Slg., Kapsel 1607, Hz 1104– 1105 (1270er Jahre); vgl. zum hohen Schrift- und Ausstattungsniveau (völlig regelmäßige Textura auf hohem kalligraphischen Niveau; Bildleisten, großes Format; zur Pergamentqualität ist wegen der wenigen erhaltenen Blätter keine umfassende Aussage möglich) Montag (1985) S. 11–14 u. Schneider (1987) S. 199–201 sowie zu einem möglichen Werkstattzusammenhang mit ›Sachsenspiegel‹-Bilderhandschriften und einer Berliner ›Pantheon‹-Handschrift Manuwald (2007) S. 87f. Erfurt/Gutha, UFB-FB-Gotha, Cod. Memb. I 90; vgl. zum hohen Schrift- (Textualis auf gutem kalligraphischen Niveau knapp unterhalb der Textura) und Ausstattungsniveau (Bildleisten, großes Format, hohe Pergamentqualität) Schneider (1987) S. 263f. u. detailliert dies. (2000). Eine umfassende Analyse zur Handschrift bietet der Faksimile-Kommentarband Buch der Welt (2000). Karlsruhe, BLB, Cod. Donaueschingen 738 + Donaueschingen D 10 (Rest eines dazugehörigen Registerbruchstücks); vgl. zum hohen Schrift- (regelmäßige Textura) und Ausstattungsniveau Schneider (1987) S. 239f. Bertelsmeier-Kierst (1998/2008). Einige Jahre später scheint Gregor von Falkenstein für sich und seine Frau auch ein (Zisterzienser-)Brevier in Auftrag gegeben zu haben. Diesmal ging der Schreibauftrag an die überregional tätige sog. Vadiana-Werkstatt. Gregors kleinformatige Brevier-Handschrift (17,9 x 12,3 cm) zeichnet sich wie das Rechtsbuch durch kostbare Ausstattung und hohes Schriftniveau aus; vgl. mit Abb. des Breviers Raeber/Bräm (1997) und zu Gregor bes. S. 64. Hamburg, SUB, Cod. 18 in scrin. (um 1300); vgl. zum hohen Schrift- (»äußerst kalligraphische Textura«) und Ausstattungsniveau (aufwendiges Fleuronnée, gutes Pergament, großes Format, weiträumige Beschriftung) Weiland (1877) S. 452f., Brandis (1972) S. 63f. u. Schneider (1987) S. 265f. München, BSB, Cgm 6406 + München, Staatliche Graphische Sammlung, Inv. Nr. 5615 (kurz nach 1300); vgl. zum hohen Schrift- (kalligraphische Textualis knapp unterhalb der Textura) und Ausstattungsniveau (gutes, nur selten eingerissenes Pergament, großes Format, aufwendigste Illustrierung auf Goldgrund, Rankeninitialen in Deckfarben und Gold, Fleuronnée-Initialen) Schneider (1987) S. 218–220, Schmidt (1982/83) passim, Günther (1993) S. 237–246 u. Hernad (2000) Nr. 151. St. Gallen, Kantonsbibl., Ms. 302 Vad. (Anfang 14. Jh.); vgl. zum hohen Schrift- (meist Textura) und Ausstattungsniveau (aufwendiges Fleuronnée, hervorragendes Pergament von je nach Text- und Bildseiten unterschiedlicher Stärke, Risse oder Schnitte sind vernäht, großes Format) Schneider (1987a) S. 19 u. 24ff. Fast alle in der Lübecker Stadtkanzlei ab den 1280er Jahren für den offi ziösen Gebrauch

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hung vergleichbaren lateinisch-geistlichen Prachtexemplaren. Nur an die beinahe unermeßliche Pracht der reliquienartigen lateinischen Evangeliare, Psalterien, Sakramentare, Graduale etc. reichen sie nicht vollends heran. I.2.4. Ausstattung und Schriftniveau Mit der Wahl des Formats sind häufig ästhetische Vorentscheidungen verbunden. Bei kleinformatigen Gebrauchshandschriften spielen pragmatische Gesichtspunkte die entscheidende Rolle. In großformatigen (Pracht-)Kodizes werden Buchblock, Blattgröße, Ausstattung und Schriftniveau vornehmlich nach repräsentativen Kriterien gestaltet. Neben einem höheren Schriftniveau sind mehr und aufwendigere Majuskeln, Initialen und andere Schmuckformen die auffälligsten sichtbaren Merkmale.278 Für die volkssprachige Buchproduktion charakteristisch ist aber zunächst der fast vollständige Verzicht auf entsprechend kostenintensive Pracht: Farben, Gold und Silber werden extrem sparsam eingesetzt; Miniaturen sind außer im geistlichen Bereich (Psalterausstattung) beinahe unbekannt (Diagramm 7); es werden durchschnittliche bis eher minderwertige Pergamentqualitäten verwendet; die Formate bleiben klein, das Ausstattungsniveau niedrig; auch werden einfache, schnelle Schriften mittleren bis niedrigen Niveaus bevorzugt, das Schriftniveau reicht selten über eine einfache Textualis hinaus.279 Schriftduktus und Schriftbild lassen allerdings durchaus professionelle Schreiber bzw. professionelle Skriptorien erkennen. Gerade deutschsprachige Handschriften, vor allem solche weltlich-literarischen Inhalts, weisen Elemente aus der Urkundenschrift auf. Dies gilt für [das gesamte 13. Jh.] und könnte auf Vertrautheit dieser deutschschreibenden Kopisten mit dem Kanzlei- und Geschäftsbetrieb hinweisen. Andererseits ist die Verwendung von einfachen, urkundennahen Buchschriften für deutsche Texte ein Indiz für den niederen Stellenwert, der dieser volkssprachigen Literatur innerhalb des mittelalterlichen Schriftwesens zuerkannt wurde.280

Nach dem hohen Anteil kursiver Elemente zu urteilen, wollte man nicht sehr bedeutende Texte schnell und kostengünstig vervielfältigen bzw. archivieren.

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in der Stadt und zur Versendung in Städte lübischen Rechts angefertigten Stadtrechte sind in einer kalligraphischen Textura geschrieben (vgl. Schneider, 1986, S. 266f. u. Abb. 164). Geradezu charakteristisch für diese Handschriften sind der reiche Fleuronnéeschmuck und die großen Formate (s.u.). Vgl. zu diesem Themenkomplex grundlegend die bei Bischoff (1991) S. 97f. Anm. 6–8, 10 zusammengestellten Arbeiten und exemplarisch die Untersuchungsergebnisse von CohenMushlin (1990a) bes. S. 23–27 zum Frankenthaler Skriptorium. Entscheidend ist dabei die Beobachtung, daß »the script in the modest manuscripts is often uneven, ranging from neat formal hands to careless, irregular ones, and sometimes varies greatly within one manuscript and even within the work of a single scribe« (ebd. S. 23). Zum Schriftniveau volkssprachiger Handschriften vgl. Schneider (1987) S. 19f., passim. Schneider (1987), S. 19. Zur extrem seltenen Textura in volkssprachigen Handschriften s.o.

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Der Anteil kleinformatiger, einfacher Handschriften ist unter der Gebetsund Bibelliteratur281 besonders hoch, was zur Vermutung Anlaß gibt, daß wir es mit (privaten?) Gebrauchshandschriften für die alltägliche (?) Nutzung zu tun haben. Daß auch die wenigen erhaltenen Spiele282 und die frühen Epenhandschriften283 fast komplett diesem Typus entsprechen, würde ebenso zu diesen Überlegungen passen, wie die Beobachtung, daß kleinformatige, einfache Gebrauchshandschriften mit schnellen, kursiven Schriften über das gesamte 13. Jh. vor allem bei solchen Genres verbreitet sind, die primär der Unterhaltung, der Didaxe, der Wissensvermittlung und der privaten Andacht dienen. Dies gilt für die Arzneibücher, viele (Privat-)Gebetbücher (Kap. II.1.4), die Artusliteratur (Kap. II.3), die ersten mystischen Textsammlungen und für die geistliche Kleinepik (Stricker, Freidank etc.). Großformate und Illustrationen waren schon wegen des enormen Herstellungsaufwands besonders wichtigen, heiligen oder mit einer politisch-pragmatischen Funktion verbundenen Texten vorbehalten. Illustriert wurden anfangs nur das mit dynastischpolitischen Interessen verquickte ›Rolandslied‹ und einige Psalterien/Gebetbücher für die Hocharistokratie. Erst im letzten Jahrhundertviertel entstehen großformatige, teilweise geradezu verschwenderisch illustrierte Weltchroniken (Rudolfs ›Weltchronik‹; ›Sächsische Weltchronik‹), Chansons de geste (›Willehalm‹ bzw. ›Willehalm‹-Trilogie, Strickers ›Karl‹), Lyrik-Sammlungen (Naglersches Bruchstück; Budapester Fragment) und Rechtsbücher (›Sachsenspiegel‹, ›Schwabenspiegel‹, Stadtrechte). Analog dazu verhält es sich mit dem Einsatz der Textura. Auch sie hält erst in den letzten Jahrzehnten des 13. Jh.s in größerem Maßstab Einzug in das volkssprachige Schriftsystem. Vielleicht nicht ganz so exklusiv wie Großformate und Illustrationen bleibt sie gleichfalls normativen Grundlagenwerken und heiligen Texten vorbehalten: Die ›Augsburger Drittordenregel‹,284 die ›Niederdeutsche Apokalypse‹,285 der von Cunradus von Lúcelenhein für Gregor von Falkenstein angefertigte ›Schwabenspiegel‹,286 das Dedikationsexemplar der ›Braunschweigischen Reimchronik‹ (Tafel 45)287 und eine größere Zahl offiziöser Rechtshandschriften aus der Lübecker Stadtkanzlei288 sind in Textura

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Z.B. Gebetbücher/Psalterien, ›Ältere niederrheinische Marienklage‹, ›Christus und Pilatus‹, ›Idsteiner Sprüche der Väter‹, ›Von Christi Geburt‹, Konrad von Heimesfurt: ›Unser vrouwen hinvart‹ (G). ›Amorbacher Spiel von Mariae Himmelfahrt‹, ›Passionsspielfragmente‹. ›Amicus und Amelius‹, ›Flors inde Blanzeflors‹, Hartmann von Aue: ›Iwein‹ (B), ›Herzog Ernst A‹ (M u. S), Ulrich von Zatzikhoven: ›Lanzelet‹ (B), Wernher vom Niederrhein, Wirnt von Gravenberg: ›Wigalois‹ (Nr. 39), Wolfram von Eschenbach: ›Willehalm‹ (Frgm. 18). Augsburg, Diözesanarchiv, ohne Sign. (um 1300/Anfang 14. Jh.); vgl. Schneider (1987) S. 254f. Berlin, SBB-PK, mgo 345 (4. Viertel 13. Jh.); vgl. Schneider (1987) S. 264f. u. Abb. 162. S.o. Anm. 273. S.o. Anm. 274. S.o. Anm. 277.

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geschrieben. Da Textura auch im lateinischen Schreibbetrieb den Werken mit fundamentaler religiöser, juristischer oder politischer Bedeutung vorbehalten war, darf man mit Recht vermuten, daß den genannten volkssprachigen Texten eben diese Funktion zugedacht war: Das können die Gründungslegende eines Klosters, die Ursprungsgeschichte einer Dynastie, besitz- oder statusrelevante Ereignisse, Rechtstitel sowie politische und juristische Ansprüche sein; oder das Buch sollte ein unmittelbares Anliegen (Dedikation/Fundation) des Auftraggebers transportieren. Die allergrößte Sorgfalt verwendete man natürlich auch im volkssprachigen Bereich auf heilige bzw. für den christlichen Kultus zentrale Texte, und zwar immer dann, wenn neben dem Texttransport auch eine Außenwirkung etwa als Dedikations- oder Repräsentationsobjekt intendiert war. Absolute Prachtentfaltung blieb jedoch lateinischen Werken aus dem sakralen Bereich (Evangeliar, Psalter, Sakramentar, Bibel) vorbehalten. Nur dort kommen Edelmetalle und Textura in größerem Maß zum Einsatz.289 Am exklusivsten scheint dabei der Einsatz von Gold, denn Gold »ist nicht nur Ausdruck der Hochachtung vor dem Inhalt des Buchs, sondern auch Mittel, um den Benutzer [und Auftraggeber, JW] zu erheben. Es steht im Einklang mit der übrigen Ausstattung, dem Einband usw., welche die Macht und die soziale Stellung der Auftraggeber, Stifter oder Besitzer reflektieren. Darüber hinaus drückt sich darin auch die Hoffnung aus, sich durch diese Gabe einen Anteil am himmlischen Reich zu erwirken.«290 Anscheinend war eine solche Wirkung auch im späten 13. Jh. mit volkssprachig-deutschen Texten (noch) nicht zu erzielen. I.2.5. Pracht versus Professionalisierung: Buchherstellung an der Schwelle zur manufakturiellen Serienproduktion Schon im 12. Jh. etablieren sich in Paris, Bologna und Troyes professionelle weltliche Schreibzentren.291 »Die Anfänge einer kommerziellen Handschriftenproduktion durch Laienateliers [reichen dort] bis in die Zeit um 1170 zurück.«292 Im 13. Jh. produzieren sie bereits große Mengen lateinischer Handschriften verschiedener Inhalte für diverse Auftraggeber. Das Ausstattungsniveau ihrer Schreibprodukte bewegt sich je nach Finanzkraft der Abnehmer auf relativ einfachem bis gehobenem Niveau. Wichtiger als die Ausstattung scheint den Kunden – Studenten, Lehrern, Wissenschaftlern – die adäquate Aufbereitung der Inhalte gewesen zu sein, denn gerade in diesen professio289 290 291

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Einzige volkssprachige Ausnahme wäre vielleicht die exklusiv bebilderte Priester WernherHandschrift D (s.o. S. 93). So Trost (1992) S. 62 zum ›Landgrafen-Psalter‹. Vgl. im Überblick Sauer (1996) S. 8–15 (zu Paris/Frankreich) u. 16–18 (zu Bologna /Italien) sowie für das 13. Jh. grundlegend Rouse/Rouse (1990) u. (1994) sowie die gesamte ältere Forschung auswertend Busby (2002) S. 7–58, passim. Sauer (1996) S. 4.

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nellen Ateliers werden aufwendige Gliederungssysteme entwickelt bzw. perfektioniert.293 Gleichzeitig sind auch in der klösterlichen Buchproduktion Tendenzen hin zu einer schnelleren, normierten und gleichzeitig auf bessere Les- und Nutzbarkeit ausgerichteten Buchproduktion zu erkennen. Vermutlich konnte nur so der steigende Bedarf an Handschriften gedeckt und gleichzeitig der Umgang mit den anschwellenden Wissensmengen organisiert werden. Es blieb aber nicht bei einer quantitativen Zunahme des Handschriftenmaterials und einer Ökonomisierung der Buchproduktion. Mit der jetzt relativ schnell steigenden Buchmenge änderte sich auch das qualitative Verhältnis der Auftraggeber und Produzenten zum Kodex. Für den Menschen des frühen Mittelalters war das sakrale Buch als Träger göttlicher Offenbarung Gegenstand großer Verehrung; der magisch-sakrale Charakter kam in vielfachen Riten und Gebräuchen zum Ausdruck, sei es die Sitte der ›Hetoimasis‹, des thronenden Evangelienbuchs, des Eides auf Evangeliare, des Einbaues von Reliquien in den Buchdeckel, die Verwendung in Prozessionen, der Gebrauch von Büchern oder Buchteilen als Amulette, die symbolgeladene Ausstattung, die Eintragung von Rechtsgeschäften in sakrale Bücher u. a. m.294

Noch im 12. Jh. war es üblich, sakrale Kodizes mit verschwenderischer Pracht auszustatten. Selbst archivalische Handschriften (Chartularien, Kopiarien) wurden aufwendig gestaltet. Das 13. Jh. bietet ein grundsätzlich anderes Bild: In den jetzt entstehenden illuminierten Evangeliaren, Psalterien und Sakramentaren scheinen die sakralen Implikationen zwar noch durch, ihre Rolle als reliquienartige Bindeglieder zu Gott büßen die Bücher aber zusehens ein. Die Zahl der absoluten Spitzenprodukte der Buchkunst verringert sich innerhalb kürzester Zeit dramatisch. Nach Klemm ist »dieser Umstand nicht allein aus dem Nachlassen des Reformimpulses des 12. Jh.s oder nur durch den ausgeprägteren Gebrauchscharakter der Durchschnittscodizes der Folgezeit zu erklären. Als ein verstärkender Faktor tritt eine veränderte Praxis der Textkopie und Textverbreitung hinzu. Wurden auch früher schon Handschriften von auswärts bezogen, so wurden die Textkopien doch hauptsächlich in eigener Abschreibetätigkeit in den Klöstern selbst hergestellt. Nun werden biblische Texte und neue theologische und juristische Literatur verstärkt von dafür spezialisierten Schreibwerkstätten verbreitet, die sich insbesondere an den großen Studien-

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Zum bildungsgeschichtlichen Hintergrund und den »new attitudes toward the page« vgl. die nach wie vor grundlegenden Aufsätze von Parkes (1976) u. Rouse/Rouse (1982) sowie Busby (2002). Mazal (1978) S. 41; vgl. Keller (1992), Kühne (1994) S. 213–216, sowie zum Buch als ›heiligem‹ Objekt und Statussymbol McKitterick (1989) S. 148–164 u. Wenzel (1995) S. 344–352: »Das Wort Gottes wohnt zwischen den Buchdeckeln wie ein Heiliger in seinem Reliquienschrein. [...] Das Buch erscheint jenseits der Schrift, die es vermittelt, als materieller Gegenstand von höchster Kostbarkeit, der eine magische Bedeutung hat« (ebd. S. 350).

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und Universitätszentren Frankreichs und Italiens etabliert hatten.«295 Die singuläre Pracht wurde zu Gunsten eines normierten Standards gekappt. Für die volkssprachig-deutsche Buchproduktion gelten diese u.a. von Klemm aufgezeigten Wechselwirkungen zwischen Professionalisierung auf der einen und Normierung bzw. Vereinfachung auf der anderen Seite jedoch nicht bzw. letztlich sogar in entgegengesetzter Richtung: Die volkssprachigen Handschriften werden größer (Diagramm 13) und aufwendiger (Diagramm 7 und 8).296 Es ist aber wahrscheinlich, daß sich auch diese gegensätzlichen Entwicklungen in der volkssprachigen Buchproduktion zumindest teilweise genau dieser Professionalisierung verdanken. Charakteristisch für die seriellen Schreibprodukte einiger – auch volkssprachig produzierender – Skriptorien ist die normierte Gestaltung, Ausstattung und Schrift. Zu nennen wären das ostoberdeutsche ›Iwein‹-Skriptorium (›Iwein‹ B, F; Tafel 52, 53, 55, 57)297 und das bairisch-ostalemannische Cgm 19 -Skriptorium, aus denen jeweils ganze Serien sehr ähnlicher Kodizes hervorgehen. Und es handelt sich nicht um eine Pracht einschränkende, sondern erst Pracht evozierende Normierung. Für die volkssprachige Buchproduktion gewinnt dieser offensichtliche Zusammenhang von Professionalisierung und gleichzeitiger Steigerung des Ausstattungsniveaus vor allem nach der Jahrhundertmitte an Bedeutung. Jetzt sind es vor allem städtische Schreibwerkstätten und Kanzleien z.B. in Lübeck,298 in Regensburg299 und in Zürich,300 die auch aufwendigere volkssprachige Kodizes in Serie herstellen. Und wieder bringt die manufakturielle Buchproduk-

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Klemm (1998) S. 7 und mit der gleichen Beobachtung Parkes (1976), Rouse/Rouse (1990) u. Gullick (1995) S. 42: »By about the middle of the twelfth century uniformity in book production became more pronounced both regionally and nationally as well as internationally. The process developed at different rates in different parts of Europe but was more or less complete by the early thirteenth century«; zu den Veränderungen im Schriftbetrieb während des 12./13. Jh.s vgl. auch die knappen Forschungsüberblicke bei Keller (1992) S. 2f. Anm. 4–8 u. Sauer (1996) S. 4f. bes. Anm. 6–13. In Frankreich erreichten die im 13. Jh. populär werdenden, z.T. kostbar ausgestatteten ›Bibles moralisées‹ sogar einen – für volkssprachig-deutsche Bücher der Zeit allerdings kaum denkbaren – Kultstatus; vgl. Wenzel (1995) S. 344–352 (Zitat S. 350) und mit einigen Beispielen Toubert (1990) S. 408–411. Palmer (1991) S. 247f. denkt hier aufgrund »gewisser arbeitssparender« Einrichtungsbesonderheiten an eine »auf die Herstellung liturgischer Bücher spezialisierte Werkstatt.« Zu den zahlreichen Handschriften des ›Lübischen Rechts‹ vgl. Korlén (1951) und Anlage 1 mit einem Verzeichnis der Stadtrechtshandschriften. Neben mehreren ›Schwabenspiegeln‹ (Eb, Ed) könnte auch die ›Reinmar von Zweter-Rolle‹ und das ›Budapester Lyrikfragment‹ (Bu) gegen Ende des 13. Jh.s in (städtischen?) Regensburger Schreibwerkstätten entstanden sein; vgl. allg. Beer (1987) sowie zu den ›Schwabenspiegeln‹ Bertelsmeier-Kierst (1998) und zu den Lyrikhandschriften Bertelsmeier-Kierst (2001). Hier wäre vor allem an einige Handschriften aus dem Umfeld Rüdiger Manesses zu denken: z.B. an die ›Große Heidelberger Liederhandschrift‹ (C), den ›Züricher Richtebrief‹ und einen heute verschollenen ›Schwabenspiegel‹ s.u. Anm. 310). Zu weiteren lateinischen Handschriften aus diesem Umfeld vgl. zusammenfassend Sauer (1996) S. 30–32. Sauer vermutet in Zürich ein »professionelles, unter Beteiligung von Laien arbeitendes Atelier« (ebd. S. 31).

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tion gerade in der Normierung vergleichsweise kostbare Handschriften hervor, denn die volkssprachigen Handschriften werden in diesen professionellen Skriptorien dem allgemeinen Niveau der lateinischen Schriftproduktion angeglichen. Bei den großen z.T. bebilderten juristischen Werken und bei den z.T. ebenfalls bebilderten Epen, Chroniken und Lyriksammlungen wird auf relativ breiter Front das Ausstattungsniveau ›hervorragender‹ lateinischer Handschriften erreicht. Der mediale und literarische Status volkssprachiger Werke nähert sich der lateinischen Literatur an. Im späteren 13. Jh. sind schließlich ganze Gruppen aufwendig gestalteter volkssprachiger Handschriften im städtischen Umfeld zu verorten. Es handelt sich dabei um Rechtskodizes301 aus Lübeck, Augsburg, Nürnberg, Regensburg, Straßburg (s. Verzeichnis Rechtshandschriften), einige Prosaweltchroniken aus Hamburg und Bremen (›Sächsische Weltchronik‹), eine Weltchroniksammlung aus Zürich und die großen Lyriksammlungen, deren prominenteste mit dem Züricher Bürger Rüdiger Manesse in Verbindung gebracht wird. Über die Leistungsfähigkeit städtischer Schreibzentren und die literarischen Interessen der Stadtbewohner geben diese Bücher zwar nur begrenzt Auskunft, sie bieten aber erstmals sichere Indizien für eine etablierte städtische Buchproduktion: Die städtische Kanzlei Lübecks produzierte seit den 1270/80er Jahren laufend kostbar ausgestattete, großformatige Exemplare des ›Lübischen Rechts‹. Die in Serie hergestellten Rechtskodizes waren sowohl für den internen Gebrauch als auch für die Versendung in Städte lübischen Rechts entlang der gesamten Ostseeküste bis hinauf nach Kolberg und Reval bestimmt.302 Auch in anderen Metropolen des Reichs wurden im ausgehenden 13. Jh. volkssprachige Stadt(rechts)bücher angelegt.303 Kostbare Repräsentationsexemplare ebenso wie einfache Gebrauchshandschriften für die tägliche Rechtspraxis sind überliefert aus Aken a.d. Elbe, Augsburg, Braunschweig, Görlitz , Goslar, Halberstadt, Halle, Hamburg , Hildesheim, Köln, Mühlhausen, Nordhausen, Nowgorod (?) und/oder Visby (?), Nürnberg , Quedlinburg , Riga , Rostock, Schaffhausen, Stade, Straßburg, Wismar und Zürich (Nachweise im Verzeichnis Rechtshandschriften). In Regensburg ist es der ›Schwabenspiegel‹, der gleich mehrfach im Umfeld der städtischen Kanzlei – unter anderem von einem schribaer / ERNst der hvnchovaer 304 – überarbeitet und in repräsentativen Handschriften ver-

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»Ältere Aufzeichnungen städtischen Rechts im 12. Jahrhundert sind gefaßt in Königsdiplome und Rechtsverleihungen durch fürstliche oder geistliche Stadtherren«; vgl. Dilcher (1992) (Zitat S. 11). Stadtrechtskodizes im eigentlichen Sinn kommen in Deutschland erst im späteren 12. Jh. (immer lateinisch) bzw. im 13. Jh. (auch volkssprachig) in Mode. Vgl. Korlén (1951). Die häufig mischsprachlichen Kodizes lassen vermuten, daß die städtischen Schreiber und die höchsten Verwaltungsorgane mit beiden Sprachen vertraut waren. Schreiberkolophon zum Auftraggeber auf Bl. 93ra des Karlsruher Schwabenspiegelkodex Eb (Karlsruhe, BLB, Cod. Donaueschingen 739): ze dienst dem werden kappellaer (Regensburger Ministerialengeschlecht) / dem ivngen hern Rvdeger […] des giht sin schribaer / ERNst der hvnchovaer (Hinkoven bei Regensburg); vgl. Schneider (1987) S. 220–224 und BertelsmeierKierst (1998/2008) sowie die entsprechenden Urkundennachweise im Corpus (1932–1963).

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vielfältigt wird.305 Zudem werden ab den 1250er Jahren vielerorts Besitzverhältnisse, Rechtsvorgänge, Gesetze, Normen, Verträge und Eide von städtischen Schreibern in einer schnell wachsenden Zahl von volkssprachigen Sammelhandschriften, Akten und Urkunden festgehalten.306 Wie eine Vorhersage dieser Entwicklungen lesen sich übrigens Thomasins Formulierungen im ›Welschen Gast‹: swaz ain herre sprichet iâ od niht / daz sol gar sein schephen schrift (Welscher Gast 2123f.).307 Der ›Schwabenspiegel‹ reflektiert um 1270 bereits die vollzogene Entwicklung: Wir sprechen, daz brieve bezer sint danne geziuge. Wan geziuge die sterbent: sô belîbent die brieve immerstaete.308

Das rasche Vordringen der Volkssprache auf das Pergament und der mittlerweile anerkannt rechtssichernde Status der Schrift (gegen das Zeugenwort) in einem weiter mündlich geprägten Rechtssystem sind bemerkenswert. Auffällig ist aber auch, daß gerade im laikal-städtischen und laikal-höfischen Umfeld das Latein seine zentrale Rolle behält. Viele Verwaltungsschriftstücke und Urkunden fürstlicher und selbst kleinerer städtischer Kanzleien sind weiterhin in Latein abgefaßt. Einige Kanzleien gehen sogar nach bereits vollzogenem Übergang zur Volkssprache wieder zum Latein über (z.B. in Köln und Wismar) bzw. verbleiben in einer Interferenzzone zwischen beiden Sprachen. Typisch für viele Rechtstexte ist weit über das 13. Jh. hinaus eine organisch anmutende deutsch-lateinische Mischprosa. Offensichtlich verfügte das von den Städten und den Fürsten für die Verschriftlichung eingesetzte Personal über eine volkssprachige und eine lateinische Schriftkompetenz. Die fast selbstverständliche Vermischung volkssprachiger und lateinischer Passagen gerade in vielen Stadtbüchern läßt zudem vermuten, daß auch einige (viele?) Bürgermeister, Ratsherren und Schöffen zumindest über rudimentäre Lateinkenntnisse verfügten. Ob das Interesse dieser neuen Schicht von wirtschaftlich potenten sowie lesefähigen bzw. an Schriftlichkeit interessierten Patriziern in nennenswertem Maße über die pragmatische Schriftlichkeit, d.h. über Rechtssammlungen, Stadtbücher, Akten, Geschäftsunterlagen, Briefe und Urkunden, hinausging, bleibt allerdings unklar. Nur bei wenigen im engeren Sinn literarischen Handschriften des 13. Jh.s läßt sich ein unmittelbarer Stadtbezug nachweisen. Unklar bleibt auch, inwieweit städtische Kanzleien/Schreiber für die Produktion solcher literarischer Handschriften in Frage kommen: Indi-

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Berlin, SBB-PK, mgf 620 + Nürnberg, GNM, Hs. 42528 + Prag, NM, ohne Sign. (um 1270/80); Karlsruhe, BLB, Cod. Donaueschingen 739 (um 1280); Regensburg, Bischöfl. ZB, ohne Sign. (Ende 13. Jh.); vgl. Oppitz (1990/92) Nr. 94, 424, 1174, 1253, 1306 u. sowie grundlegend Bertelsmeier-Kierst (1998/2008) und dies., Zur ältesten Überlieferung des Sachsenspiegels. In: Worte des Rechts – Wörter zur Rechtsgeschichte. FS Werkmüller. Berlin 2007, S. 56–77. In den reichen oberitalienischen Städten hatte sich schon vor/um 1200 ein weit entwikkelteres Schriftsystem etabliert; vgl. exemplarisch Koch (1996). Was ein Herr spricht, ja oder nein, das soll sofort sein Beisitzer/Schöffe aufschreiben/verschriftlichen. Übers.: Wir erklären, daß Urkunden (bzw. allg. schriftlich Aufgezeichnetes) besser sind als Zeugen, denn Zeugen sterben. Schriftlich Aufgezeichnetes bleibt dagegen immer unverbrüchlich erhalten.

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zien weisen etwa die Budapester Minnesangfragmente (Bu; Tafel 12) in das Umfeld einer Regensburger309 und den Manesse-Kodex (C; Tafel 13) in das Umfeld einer Züricher Kanzlei. Diese Züricher Kanzlei fertigte wahrscheinlich im Auftrag Rüdiger Manesses auch eine Fassung des Züricher Richtebriefs310 und einen heute verschollenen ›Schwabenspiegel‹311 an. Aus einer Hamburger Kanzlei könnte die großformatige, kostbar illuminierte ›Sächsische Weltchronik‹ (Hs. 16) des reichen Hamburger Bürgers Johann von dem Berge stammen. Die Bilder wurden freilich von Profis – vermutlich einer wandernden Malschule – angefertigt.312 Schrift-, Einrichtungs- und Gestaltungsmerkmale dieser Kodizes aus städtischen Skriptorien sind jedoch zu wenig charakteristisch, als das sie sich signifikant von gleichzeitigen Produkten aus klösterlichen, bischöflichen oder fürstlichen Skriptorien/Kanzleien abheben würden. Die Grenzen zwischen den unterschiedlichen Produktionsräumen (geistlich – weltlich; Kloster – Stadt – Hof) bleiben letztlich diffus. Was auch nicht überrascht, da die Schreiber, egal in welcher Institution beschäftigt, (fast) immer eine geistliche Ausbildung durchlaufen hatten. Auch wurden von den klösterlichen wie später von den weltlichen Schreibwerkstätten selbstverständlich Schreibaufträge für ein breites Spektrum von Interessenten ausgeführt. Anders als in England, Italien und vor allem Frankreich ist die Bedeutung professioneller, in den großen Städten arbeitender ›Schreibmanufakturen‹ in Deutschland jedoch noch lange gering. Erst im 14./15. Jh. wird die serielle Massenproduktion in den profanen Schreibwerkstätten eines Henflin oder Diebold Lauber313 zu einem wichtigen, Bücher und Texte weiter normierenden Faktor.

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Vgl. zu dieser These Bertelsmeier-Kierst (2001) S. 44 sowie kritisch die Rezension von Joachim Heinzle. In: ZfdA 132 (2003) 379–385. Vizkeletety plädiert für den »bair.-österr. Donauraum, etwa zwischen Regensburg und Wien« (András Vizkelety, Die Budapester Liederhandschrift. Der Text. In: PBB 110 (1988) 387–407, hier S. 401). Zürich, ZB, Cod. C 179: Abschrift der ersten Fassung, kurz nach 1300; vgl. Gamper (1993) S. 18–21 u. 147–151 (Abb. S. 18). Es besteht (trotz kleinerer Abweichungen etwa beim k) vermutlich Schreiberidentität mit dem Schreiber des Hadlaub-Teils im Manesse-Kodex. Vgl. dazu die gegenübergestellten Schriftproben bei Gamper, ebd. S. 149. Rüdiger Manesse war in Zürich als Schiedsrichter und juristisch versierter Experte bekannt. »Wenn auch der sichere Beweis nicht zu erbringen ist, wird man doch annehmen dürfen, die Abschrift des Richtebriefs von 1301/1304 und die gleichzeitige Abschrift des Werks von Johannes Hadlaub im Codex Manesse seien Auftragswerke für Rüdiger Manesse gewesen« (ebd. S. 21). Oppitz (1990–1992) Nr. 999. Seit 1609 verschollen; in Abschrift erhalten sind nur die Kolophone (München, BSB, Cgm 5335, Bl. 6rb u. 182rf – umstritten ist, ob es sich um Originale oder Fälschungen des 16. Jh.s handelt). Besonders gepriesen werden dort vom Schreiber Wild die juristischen Fähigkeiten Rüdiger Manesses. Bremen, SUB, Ms. a 33. Die Handschrift war als Geschenk für einen Grafen Gerhard von Holstein, Johanns Lehnsherren, bestimmt; vgl. Wolf (1997) S. 93–95, 149f., 294–298, passim. Vgl. grundlegend Saurma-Jeltsch (2001) und das Lauber-Portal der UB Heidelberg: http:// www.ub.uni-heidelberg.de/helios/fachinfo/www/kunst/digi/lauber/ (mit weiterführender Literatur).

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I.2.6. Geographische Dimensionen Die skizzierte Entwicklung von einfachen zu komplexeren sowie von wenigen zu immer vielfältigeren Buchmustern vollzieht sich nicht allerorten und nicht zu allen Zeiten parallel. Einzelne Merkmale weisen mitunter große geographisch-chronologische Differenzen auf. Bei der Gotisierung der Schrift läßt sich beispielsweise ein deutliches, zeitbestimmtes West-Ost-Gefälle erkennen. In Frankreich verbreitet sich der neue Schreibstil zu Beginn des 12. Jh.s flächendeckend. Auch in England und Flandern schrieb man schon vor der Jahrhundertmitte gotische Buchstaben. In Deutschland machen sich die ersten gotischen Einflüsse in der 2. Hälfte des 12. Jh.s in den westlichen, an Frankreich und die Niederlande angrenzenden Gebieten bemerkbar. Von hier dringen die neuen Moden langsam, in einer mehr oder weniger linearen Bewegung über den Rhein nach Osten vor. Bis weit in das 13. Jh. hinein bleibt es aber im deutschen Sprachraum bei karolingisch-gotischen Mischformen.314 »In den vierziger Jahren [kommen] im Westen Deutschlands, vor allem auf linksrheinischem Gebiet, vereinzelt die neueren Elemente der vollgotisierten Schriften auf, doch scheint ihr Gebrauch zunächst auf lateinische Codices beschränkt zu bleiben. Deutschsprachige Literatur wird dagegen, speziell im oberdeutschen Raum, vielfach noch in altertümlichen Schriften aufgezeichnet.« Die vollgotisierte Buchschrift hat sich schließlich erst um 1275, »zusammen mit einigen neuen Buchstabenformen, im gesamten deutschen Sprachraum durchgesetzt.«315 Charakteristisch für das Ein- und Vordringen gotischer Elemente in der Schrift ist die weitgehend lineare West-Ost-Bewegung. Es scheint beinahe so, als wandere der neue Schreibstil auf den Straßen von (Kloster-)Skriptorium zu (Kloster-)Skriptorium vom Westen bis in die östlichsten Winkel Deutschlands, wobei im Süden und im Norden die Veränderungen etwa gleichzeitig in das Schriftbild vordringen. Ganz anders, z.T. in anderen Verbreitungsrichtungen, z.T. heterogen, sprunghaft, manchmal ohne erkennbare geographische oder chronologische Dimension, verläuft die Entwicklung bei der Buch- und Seitengestaltung. Bei den für die Tradierung der höfischen Literatur charakteristischen Einrichtungsmoden (zwei- und dreispaltiges Layout, abgesetzte Verse und ausgerückte Anfangsbuchstaben) ist z.B. ein ausgeprägtes Süd-Nord-Gefälle zu erkennen: Abgesetzte Verse tauchen zuerst an der Wende vom 1. zum 2. Viertel des 13. Jh.s in bairischen und alemannischen Epen-Handschriften auf. Auffällig sind dabei zwei Aspekte: Zum einen haben diese bairischen und alemannischen Handschriften überwiegend mitteldeutsche Vorlagen. Hier möchte man an den berühmten thüringischen Landgrafenhof mit seinen Verbindungen nach Frank-

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Vgl. Mazal (1975) S. 28–35 u. speziell zu den Übergangsformen Schneider (1987) S. 12ff. u. 71ff. Schneider (1987) S. 120, 163.

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reich als Einfallstor für die neuen Moden denken.316 Zum anderen handelt es sich fast ausschließlich um Textzeugen französischer Adaptationen,317 was zu der Vermutung Anlaß gibt, daß die neuen Moden mit den französischen Texten importiert worden sein könnten (s.o. Kap. I.1.5.1). Anders als bei der Gotisierung der Schrift hat diese Anbindung an die französische Buchkultur aber kein lineares Vordringen dieser Einrichtungsmoden von West nach Ost zur Folge. Die neuen Moden tauchen vielmehr unvermittelt, gleichzeitig in verschiedenen Handschriften in z.T. weit von der Westgrenze des Reichs entfernten Regionen auf. Ein vergleichbares Bild bietet sich bei der dreispaltigen Einrichtung. Auch sie taucht mehr oder weniger unvermittelt um 1220/30 in süd- und mitteldeutschen Handschriften auf. Wiederum handelt es sich fast ausschließlich um französische Epen-Adaptationen,318 und auch diese höfisch-französische Buchmode findet im Norden keine Nachahmer. Dreispaltige deutsche Handschriften bleiben dort während des gesamten 13. Jh.s unbekannt, erlangen im Süden aber schon nach der Jahrhundertmitte eine gewisse Bedeutung, und zwar bald auch für nicht-französische, wohl aber genuin höfische Texte. Dreispaltig überliefert werden z.B. die ›Weltchronik‹ Rudolfs von Ems, die ›Christherre-Chronik‹, das ›Nibelungenlied‹ und das ›Passional‹.319 Als Erklärung für diese eigentümlichen Befunde bietet sich die Sozialstruktur von Auftraggebern und Rezipienten an: Sie entstammen in einer ersten Phase volkssprachiger Buchproduktion hochadligen Kreisen, und dort waren bei vielen Geschlechtern (Kultur-)Kontakte nach Frankreich und England unabhängig vom eigenen ›Wohnort‹ an der Tagesordnung (Kap. 2.4.). Eine neue Buchmode konnte deshalb ebenso am thüringischen wie am böhmischen Hof plötzlich auftauchen oder von einem welfischen oder zähringischen Auftraggeber im fernen Frankreich oder England gesehen worden sein. Daß dann in der Folgezeit die einmal eingebürgerten Moden (abgesetzte Verse, ausgerückte Anfangsbuchstaben, Marginalillustrationen, Zwei- und Dreispaltigkeit) lange ein rein süd- und mitteldeutsches Phänomen blieben, könnte schließlich mit spezifischen Überlieferungskreisen, aber auch mit der Konservativität von Skripto316

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Die Vermutungen bleiben allerdings vage. Aus der Zeit um 1200 ist keine einzige Epenhandschrift erhalten, die direkt zum thüringischen Landgrafenhof weist. Einige lateinische Handschriften (u.a. Landgrafenpsalter und Elisabethpsalter) und vor allem die zahlreichen Hinweise in den Texten selbst, lassen allerdings den Landgrafenhof als ein literarisches Zentrum erscheinen; zur thüringischen Literaturproduktion vgl. demnächst die Erträge des Jenaer DFG-Projekts ›Untersuchung zur Überlieferungsgeschichte deutscher Handschriften des Mittelalters aus dem hessisch-thüringischen Raum‹: http://www2.uni-jena. de/philosophie/germlit/mediaev/Repertorium/Startseite.htm. Albert von Augsburg: ›Leben des heiligen Ulrich‹ (bairisch nach mitteldeutscher Vorlage); Stricker: ›Karl der Große‹ (a) (bairisch mit mitteldeutschen Spuren); Baseler ›Kaiserchronik‹ B (alemannisch-bairisch); Heinrich von Veldeke: ›Eneas‹ (Me) (ostoberdeutsch nach mitteldeutscher Vorlage); ›Ainune‹ (alemannisch); Fragment eines mittelhochdeutschen Epos (ostalemannisch/ostfränkisch). ›Eneas‹ (Me), ›Parzival‹/‹Titurel‹ (G); Rudolf von Ems: ›Wilhelm von Orlens‹ (Sb). Vgl. grundlegend Klein, Kl. (2000).

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rien und Schreibern zu tun haben, die im Norden weit mehr als im Süden von den besonderen gestaltungstechnischen Notwendigkeiten der juristischen bzw. pragmatischen Prosa-Schriftproduktion geprägt wurden. Den Norden deshalb pauschal als konservativ oder gar rückständig zu klassifizieren, verbietet allerdings der Blick auf andere buch- und schreibtechnische Phänomene. So gehören die Ende des 12. Jh.s in Nordfrankreich aufkommenden Fleuronnéeinitialen schon um 1260/70 zur Standardausstattung lübischer Rechtshandschriften, spielen in süddeutschen Handschriften aber erst um 1300 eine nennenswerte Rolle. Auch werden zuerst im Norden volkssprachige (Prosa-)Chroniken mit Miniaturen versehen. Wahrscheinlich orientierte man sich dabei an lateinischen Vorbildern. Entsprechende Illustrationsmuster sind aus lateinischen Chroniken und Bibeln norddeutscher Provenienz bekannt. Wie bei den genannten höfischen Einrichtungsvarianten scheint auch beim Anwachsen der Buchformate der Süden voranzugehen. Im Bereich der volkssprachig-deutschen Schriftlichkeit herrschen zwar zunächst flächendeckend Klein- und Kleinstformate vor, einige Groß- und Riesenformate begegnen aber schon Ende des 12. und in der ersten Hälfte des 13. Jh.s – ausschließlich – im Süden: Eine Blatthöhe von über 40 cm erreicht der ›Vorauer Sammelkodex 276‹ (s.o.). Weitere relativ große Handschriften (um/über 30 cm Blatthöhe) überliefern zweimal Wolframs ›Parzival‹ (Erlangen, UB, Ms. B 1; München, BSB, Cgm 19), eine lateinisch-deutsche Sammlung von Wissenstexten (Zürich, ZB, Cod. C 58) und die ›Rothsche Predigtsammlung‹ (München, BSB, Cgm 5256; Tafel 27). Alle Kodizes sind in hochdeutschen Schreibsprachen abgefaßt.

Zunächst möchte man daran denken, daß die volkssprachigen Texte zuerst im Süden einen hohen literarischen Stellenwert erreicht hatten, doch in der zweiten Hälfte des 13. Jahrhunderts ist ein geradezu konträrer Befund zu konstatieren: Stattliche Großformate in deutscher Sprache finden sich nun flächendeckend im gesamten Reichsgebiet, aber bevorzugt im Norden. Doch es sind letztlich jeweils völlig unterschiedliche Textsorten, die für das Anwachsen der Buchformate im Norden und im Süden verantwortlich zeichnen: Im Norden sind es die ab 1260/70 in großer Zahl produzierten, wegen ihrer praktischjuristischen Bedeutung entsprechend aufwendig gestalteten Stadtrechtsbücher. Dies erklärt das relativ schnelle Anwachsen der Buchformate erst ab diesem Zeitpunkt, denn diese offiziösen Bücher sind ihrer pragmatischen Bedeutung gemäß groß, prachtvoll, aufwendig. Im Süden sind es dagegen einige ausgesuchte weltlich-höfische Stoffe, die besonders häufig in großformatige Kodizes eingetragen werden. Es dominieren der bereits zum Klassiker avancierte Wolfram mit ›Parzival‹, ›Titurel‹ und der ›Willehalm‹-Trilogie,320 die großen

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Dabei werden unter der Autorsignatur Wolfram von Eschenbach auch Fortsetzungen (›Arabel‹, ›Rennewart‹) und Über- bzw. Ausarbeitungen (›Jüngerer Titurel‹) subsumiert. Selbst

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Reimchroniken, das ›Nibelungenlied‹ und die Lyriksammlungen. Riesenformate über 35 bzw. 40 cm Blatthöhe behalten aber in allen Räumen und über alle Gattungen hinweg Seltenheitswert. Sie bleiben mit all ihren Folgeerscheinungen (prachtvolle Ausstattung, höheres Schriftniveau) primär der lateinischen Schriftkultur und dort insbesondere dem sakralen Bereich vorbehalten.321 Nur in Bayern und Tirol sind gleich mehrere volkssprachige Textzeugen dieses Typs nachzuweisen: das 1943 vernichtete ›Willehalm‹-Frgm. 19,322 die bereits auf die Heldenbücher des 14./15. Jh.s vorausweisenden ›Nibelungenlied‹Handschriften O (4. Viertel 13. Jh.)323 und K (enthält auch die ›Kindheit Jesu‹)324 und der große Dietrichepik-Discissus mit ›Eckenlied‹ (E3), ›Virginal‹ (V3), ›Ortnit‹ (C) und ›Wolfdietrich‹ (C).325 Zu diesen riesenformatigen Epenhandschriften wird man noch eine wenig kleinere, bebilderte ›Willehalm‹Trilogie,326 ein weiteres ›Parzival‹-Fragment (Frgm. 2), ein ›Arabel‹-Fragment (Frgm. 11) und einen umfangreichen juristisch-chronistischen Sammelkodex mit dem ›Wiener Mautrecht‹ hinzurechnen müssen.327 Im 14. Jh. ändern sich die Verhältnisse grundlegend. Die Formate wachsen auf Durchschnittwerte von ca. 28–30 cm Blatthöhe an. Nach der Überwindung der Pestfolgen (um 1360/70) werden sogar Durchschnittswerte über 30 cm Blatthöhe erreicht. Basis für diesen steilen Anstieg der Formatgrößen ist der neue, billigere Schreibstoff Papier.328

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der ›Lohengrin‹ scheint in dieser Hinsicht medial von seiner Nähe zu Wolfram zu profitieren; vgl. Wolf (2002c) u. (2003b). Lentes (1998) S. 331ff. spricht von der »Auratisierung des Kodex«. Darmstadt, SA, Dep. Gräfl. Erbachsches Gesamthausarchiv: Blattgröße mind. 41 x 22,5 cm, 2 (?) Spalten. Krakau, BJ, Berol. mgq 792: Blattgröße ca. 44–45 x 28 cm, 3 Spalten; vgl. Batts (1971) S. 805. Berlin, SBB-PK, mgf 587 + mgf 814 + mgf 923 Nr. 13 + Dülmen, Herzog von Croy’sche Verwaltung, Hausarchiv Nr. 54: Blattgröße mind. 38 x 29 cm, 3 Spalten; vgl. Batts (1971) S. 804. Ansbach, Archiv des Evang.-Luth. Dekanats, ohne Sign. + Berlin, SBB-PK, mgf 745 + Berlin, SBB-PK, mgf 844 + Wolfenbüttel, HAB, Cod. A Novi (6) + unbekannt: Blattgröße mind. 42,5 x 31,5 cm, 2 Spalten; vgl. Heinzle (1978) S. 291–293. Bamberg, Hist. Verein im StA, Rep. III (Akten) Nr. 1179 + Bamberg, SA, Rep. A 246 Nr. 8 + Berlin, SBB-PK, mgf 746, Bl. 1–8 + Berlin, SBB-PK, mgf 923 Nr. 43 + Berlin, SBBPK, Hdschr. 269 + München, BSB, Cgm 193/V + Pommersfelden, Gräfl. Schönbornsche Schloßbibl., ohne Sign. + Prag, NM, Cod. I E a 35 + Würzburg, UB, M. p. misc. f. 34: Blattgröße ca. 36,5 x 25,5 cm; vgl. Schneider (1987) S. 273 Anm. 282. Wien, ÖNB, Cod. 352: Blattgröße 35 x 24 cm; vgl. Menhardt (1960/61) S. 38f. und Unterkircher (1969) S. 20. Vgl. Neddermeyer (1997) S. 157 Tab. 34.

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II. Buch und Text: Die Genese von Ausstattungsund Einrichtungsmustern vor dem Hintergrund von Gattungstypik und Kanonbildung

II.1. Ausstattungsmuster geistlicher Literatur: Das Beispiel geistliches Gebrauchsschrifttum Bis zum Ausgang des 12. Jahrhunderts findet volkssprachig-geistliche Schriftlichkeit bis auf wenige Ausnahmen (Otfrid, ›Heliand‹, ›Tatian‹) ausschließlich in einem Bereich lateinisch-volkssprachiger Interferenz statt. Typisch sind Handschriften mit nahtlos aufeinander folgenden, z.T. ineinander verschränkten, manchmal sogar lateinisch-volkssprachig durchmischten Texten bzw. Textensembles. Zweisprachige Mischhandschriften dieses Typs stellen mit über 80% in der ersten Hälfte und immerhin noch über 60% in der 2. Hälfte des 12. Jahrhunderts den weit überwiegenden Teil der Überlieferung (s.o. S. 56–65 u. Diagramm 3). Die Herstellung dieser meist vom Latein dominierten Mischhandschriften setzte ebenso wie deren Nutzung ein bilinguales (lateinisch-deutsches) und damit notwendigerweise klerikal gebildetes Umfeld voraus. Zu unterscheiden sind allerdings Texte für eine monastische Innenwelt und Texte, die aus diesem Zirkel hinausweisen bzw. überhaupt für laikale Interessenten entstanden waren. Die deutsche Predigtliteratur (Kap. II.1.1) und die deutschen Ordensregeln (Kap. II.1.2) sind Teil der monastischen Innenwelt. Die Predigten zielen zwar auf ein Laienpublikum, die schriftliche Fixierung, die Verbreitung und die Vervielfältigung finden aber ausschließlich innerhalb der klerikallateinischen Gelehrtenkultur statt. Die Außenwirkung beschränkt sich auf das – in der frühen Predigtliteratur gerade nicht festgehaltene – gesprochene Wort. Noch stärker auf die klösterliche Innenwelt konzentriert bleiben die Ordensregeln. Sie entstehen im Klosterskriptorium und werden ausschließlich im Kloster genutzt. Für beide Texttypen auffällig ist, daß sich volkssprachige Versionen bevorzugt dort nachweisen lassen, wo weibliche Religiosen als Primärrezipientinnen ins Spiel kommen. In eine Interferenzzone zwischen klösterlicher und laikaler Frömmigkeit weisen die zahlreichen mit volkssprachigen Gebetsanweisungen, Anmerkungen, inserierten Gebeten etc. versehenen lateinischen Psalterien und Gebetbücher.1 Anfangs sind es die großen Für-

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Vgl. exemplarisch Wallach-Faller (1981) S. 156ff., Lentes (1998) S. 339–343, den kursorischen Überblick von Engelhart (1980) Sp. 1129f. und das Verzeichnis von 77 lateinischen Psalterien/Gebetbüchern des 12.–16. Jahrhunderts mit volkssprachigen Gebetsanweisungen bei

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stenhäuser, die sich für Gottesdienst und Andacht (Pracht-)Psalterien anlegen lassen.2 Die Volkssprache kommt in diesen kostbaren Exemplaren nur selten zum Zuge und dann auch nur, um bestimmte Verhaltensregeln vorzuschreiben, Gebetsanweisungen zu geben oder Rituale zu erklären. Die große Zahl weitgehend lateinischer Psalterien/Gebetbücher läßt vermuten, daß wir innerhalb dieses hochadligen Milieus von einer literarischen Grundbildung ausgehen dürfen, die Lesefähigkeit und rudimentäre Lateinkenntnisse einschließt.3 Und wieder sind es die Frauen – nun weibliche Religiosen und Laien gleichermaßen –, die sich mit den volkssprachigen Büchern in Verbindung bringen lassen. Sie nutzen Gebetbücher/Psalterien und andere Bibelübersetzungen wie die Nonnen im Kloster für die private Andacht (Kap. II.1.4). Nachdem im 12. Jahrhundert erstmals hochgestellte Frauen unter den Auftraggebern und Rezipienten von Psalterhandschriften auftauchen, 4 scheinen sie im 13. Jahrhundert sogar hauptsächlich von Frauen genutzt worden zu sein. Als Auftraggeberinnen, Besitzerinnen und Nutzerinnen treten frouwen aus dem höchsten weltlichen Adel in Erscheinung.5 Zumindest gilt dies für die Exemplare mit volkssprachigen Passagen.6 Im beginnenden 13. Jahrhundert sind es dann vor allem die kleinformatigen, mit volkssprachigen Einsprengseln durchsetzten ›Taschengebetbücher‹, die ein weiter wachsendes Interesse laikaler Kreise an geistlich-gottesdienstlicher Literatur dokumentieren. Entsprechende Bücher werden nun immer häufiger auch an den kleineren Laienhöfen und einige Jahrzehnte später in den prosperierenden Städten zur Religionsausübung genutzt. Glaubt man Eike von Repgow (Sachsenspiegel-Landrecht I,24 §3), waren um 1220/30 diese buchere, die zu gotis dienste gehoren, bereits Teil der Grundausstattung vieler frowen. Die im Kloster und in der Laienwelt als Lehr- und Andachtsbücher weit verbreiteten Gebetbücher/Psalterien geben sich dabei als zentrale Bindeglieder zwischen höfisch-illiterater Laienwelt und klerikaler Schriftkultur7 zu erkennen. Schriftlichkeit wurde auch außerhalb der klerikalen Welt ein Stück weit alltägliche Normalität.

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Hellgardt (1991) S. 403–405 u. S. 410 Anm. 1. Ein Verzeichnis mit fast 100 Handschriften dieses Typs (12. und 13. Jahrhundert) bietet Wolf (2005). Zur Funktion des Psalters im Christentum vgl. grundlegend den von Zenger (1998) herausgegebenen Sammelband ›Der Psalter in Judentum und Christentum‹ und darin insbesondere die Beiträge von Zenger (1998a) zum Psalter als Buch sowie Lentes (1998) zum Psalter im Mittelalter Vgl. dazu mit weiterführender Literatur Wolf (2005). Mazal (1978) S. 48. Vgl. zum Phänomen der literarisch gebildeten bzw. buchbesitzenden Frauen die Sammelbände ›Women, the Book and the Worldly‹ (1995) und ›Women and the Book‹ (1996) sowie Grundmann (1935), Graf (2002), Wolf (2005) und die einschlägigen Passagen in Bumke (1979) und Bumke (1986). Vgl. Ochsenbein (1988) S. 392f. u. Hamburger (1991) bes. S. 228. Hamburger (1991) S. 210, sieht in »the growth of lay piety« eine wesentliche Basis für den Erfolg der illustrierten Gebetbücher, die ab dem 12./13. Jahrhundert im Zentrum von »monastic piety and the religious impulses of great ladies« eine zentrale Rolle spielen. Hier

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II.1.1. Monastisches Schrifttum I: Predigt Die Predigt8 sollte über den engen Kreis der klerikalen Eliten hinaus das Volk erreichen und die (neuen) christlichen Normen und Werte vermitteln. Als Problem erwies sich schon in althochdeutscher Zeit die sprachliche Kluft zwischen der auf das Latein fi xierten Geistlichkeit und den volkssprachigen Laien. Auf der Frankfurter Reichssynode des Jahres 794 wurden deshalb Lösungsmöglichkeiten diskutiert. Leiten ließ man sich von dem Gedanken, daß es besser sei, in irgendeiner Sprache überhaupt etwas vom Glauben, von Gott zu verstehen, als auf den drei Gottessprachen zu beharren: Ut nullus credat, quod nonnisi in tribus linguis Deus orandus sit, quia in omnia lingua Deus adoratur et homo exauditur, si iusta petierit.9 Aber war damit über Gottesdienst und Seelsorge der Weg für die Volkssprachen in die Schriftkultur geebnet? Die Reformsynode von Tours scheint zwei Jahrzehnte später (813) diese Vermutung zu bestätigen. Dort wird die lingua Thiotisca neben der rustica Romana lingua 10 ausdrücklich als adäquate Sprache für die Predigt herausgestellt. Und »zweifellos entsprach diese konzertierte Aktion dem herrscherlichen Wunsch, daß die Bischöfe bemüht sein sollten, die Predigtvorlagen zu öffentlichen Zwecken in die volkstümliche romanische und in die althochdeutsche Sprache [...] zu übersetzen, damit alle leichter verstehen könnten, was gesagt werde.«11 Im Paderborner Kapitular von 785 wurden die Laien ausdrücklich zum allsonntäglichen Besuch der Kirche verpflichtet, wo sie die bischöfliche Predigt erwartete. Im Kapitular von Aachen (801) erhob man den Bischöfen das regelmäßige Predigen an Sonn- und Festtagen zur gesetzlichen Vorschrift. Auf Seiten der Gläubigen wie der Bischöfe scheint man diesen Anordnungen allerdings eher nachlässig gefolgt zu sein. In zahlreichen Kapitularien der folgenden Jahrzehnte mußte wiederholt die Pflichterfüllung auf der einen wie der anderen Seite angemahnt werden. Auch mit der Verständlichkeit der Predigten scheint es Probleme gegeben zu haben. Der Hinweis auf den Gebrauch der lingua Thiotisca bzw. Teotisca wurde in den Kanones zur

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treffen sich Hamburgers Überlegungen mit meinen Beobachtungen zum gesamten Gattungsumfeld. Die illustrierten Exemplare (vgl. dazu die nach wie vor grundlegenden Überblicke von Haseloff 1897 und Leroquais 1940/41) erscheinen dabei nur als eine Variante. Letztlich ist es das Gebetbuch (bzw. der Psalter) als solches, das in der Welt der laikalen wie der monastischen Frömmigkeit zu einem omnipräsenten Standardaccessoire wird. Vgl. zur Überlieferung Morvay/Grube (1974) und Schiewer, R. (2003) Sp. 1262–1264. Alle Predigthandschriften des 13. Jahrhunderts sind im Marburger Repertorium (http://www. uni-marburg.de/hosting/mr13/welcome.html – Autoren- und Werkverzeichnis) beschrieben. MGH Concilia II,1 S. 171, c. 52. MGH Concilia II,1 S. 288, c. 17. Haubrichs (1995) S. 251–256 (Zitat S. 251).

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Mainzer Synode vom Oktober 84712 und auf der Mainzer Synode von 85213 gleich mehrfach erneuert. Im 9. Jahrhundert hatte sich die volkssprachige Predigt schließlich als zentrales Element der christlichen Glaubensvermittlung etabliert. An schriftlichen Zeugnissen ist von dieser volkssprachigen Predigtpraxis allerdings kaum etwas erhalten.14 In klerikalen Kreisen nutzte man für die Fixierung von Predigttexten selbstverständlich das dort allein gebräuchliche Latein. Entsprechende lateinische Homilien bzw. Predigtsammlungen vornehmlich mit Predigten der Kirchenväter15 sind in allen Kloster- und Bischofsbibliotheken nachzuweisen. Volkssprachige Stücke trug man allenfalls vereinzelt in die sonst rein lateinischen Sammlungen ein. Meist handelte es sich dabei um allgegenwärtige, für die Glaubenspraxis notwendige Formeln, Muster für die Beichte, für das Glaubensbekenntnis, für Gebete (Benediktbeurer, Fuldaer, Kremsmünsterer, St. Galler, Wessobrunner Glaube und Beichte) oder um geistliche Ratschläge (Wessobrunner Sammlung ). Bis ins beginnende 12. Jahrhundert änderte sich daran nichts. Schiewer verzeichnet für das 9., 10. und 11. Jahrhundert jeweils nur einen einzigen erhaltenen Textzeugen mit volkssprachigem Predigtmaterial.16 II.1.1.1. Der Weg der volkssprachigen Predigt aufs Pergament Ein Hinweis auf ein erstes, möglicherweise vollständig volkssprachiges Predigtbuch17 findet sich im 12. Jahrhundert in einem Bücherverzeichnis des Regensburger Klosters St. Emmeram. In der Bücherschenkung des Abtes Gotfrid von Prüfening (1162–63) werden Sermones ad populum Teutonice aufgeführt.18 Ob es sich bei diesen Sermones tatsächlich um eine volkssprachige Sammlung gehandelt hat, ist aus dem Eintrag jedoch nicht zweifelsfrei abzulesen. Die Predigten könnten ebensogut nur thematisch/darstellungs12 13

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MGH Concilia III S. 164, c. 2. MGH Concilia III S. 155 Anm. a. In Mainz hatte der wenige Monate zuvor zum Erzbischof gewählte und für seine Bemühungen um die Volkssprache bekannte Hrabanus Maurus eingeladen. Spärliche Belege bei Morvay/Grube (1974) S. 1–5 (T1–3). Vgl. allg. Schneyer (1969–90). Schiewer (1996) S. 13f. Vgl. Hellgardt (1988) Nr. 54, 59, 60. Viele der bisher z.T. sogar ins frühe 12. Jahrhundert datierten volkssprachigen Predigtsammlungen gehören allenfalls ins späte 12. bzw. meist ins 13. Jahrhundert Dies gilt z.B. für die Hellgardt Nrr. 64 (›Aurolzmünsterer Predigtfragment‹ = 1. Hälfte 13. Jahrhundert); 66 (= Ende 12. Jahrhundert); 75 (›Alemannische Predigtbruchstücke‹ = 1. Drittel 13. Jahrhundert); 89 (›Klosterneuburger Bußpredigten‹ = 1. Viertel 13. Jahrhundert); 99 (= um 1200); 107 (= 14. Jahrhundert); 132 (›Rothsche Predigtsammlung‹ R = 1. Viertel 13. Jahrhundert); 135 (›Rothsche Predigtsammlung‹ P = 2. Viertel 13. Jahrhundert), 145 (‹Speculum Ecclesiae‹, Auszüge deutsch = um 1200) und 172 (›Leipziger Predigten‹ l = 1. Drittel 13. Jahrhundert). MBK II,4.1, S. 151,24f. (aus München, BSB, Clm 14361); vgl. Cruel (1879) S. 96 mit einer fehlerhaften Datierung ins 10. Jahrhundert.

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technisch ad populum Teutonice aufbereitet, aber wie üblich in Latein aufgezeichnet gewesen sein. Eine Ahnung davon, wie eine solche frühe, teilweise oder vollständig (?) volkssprachige Predigt-Handschrift ausgesehen haben könnte, vermittelt der Wiener Notker-Discissus19 aus der Zeit um 1100: Der zweispaltig eingerichtete, sauber geschriebene Kodex enthält in lateinisch-deutscher Mischung die ›Wessobrunner Predigten‹, ›Wessobrunner Glauben und Beichte‹, Notkers Psalmenübertragung und weitere Notker-Texte. Der Kodex dürfte als Musterbuch bzw. Materialsammlung einer Wessobrunner Nonne für die geistliche Praxis gedient haben. Heinzel/Scherer brachten in ihrer Notker-Ausgabe von 1876 die Wessobrunner Nonne Diemot (um 1100) ins Spiel, machten aber bereits damals deutlich, daß sich ihre Schriftzüge nicht im Wiener Kodex finden.20 In den beiden Bücherverzeichnissen Diemots21 taucht auch kein entsprechender Eintrag auf.22 Reste vergleichbarer Predigtsammlungen finden sich in der zwischen 1145/1158 entstandenen Londoner Handschrift23 sowie in den Münchner Fragmenten Cgm 5248/5 (›Wessobrunner Glaube und Beichte II‹) und Cgm 5248/12 (Predigtfragment) aus dem 3. Viertel des 12. Jahrhunderts.24 Generell bleiben aber selbst volkssprachige Einträge von wenigen Zeilen bzw. Seiten ausgesprochen selten.25 Die wenigen volkssprachigen Einzelstücke wird man wie eingestreute volkssprachige Gebetsanweisungen, Rubriken oder einzelne interlineare Übersetzungshilfen zwar als Relikte einer regen volkssprachigen Predigt- bzw. allg. seelsorgerischen Praxis deuten können, eine generelle Hinwendung zur Volkssprache als Schreibsprache markieren sie aber gerade nicht. Sie zeigen sogar eher, daß für die schriftliche Fixierung geistlichen Textmaterials, selbst wenn es volkssprachig vorgetragen, vorgelesen oder aufgeführt worden sein sollte,

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Vgl. Hellgardt (1988) Nr. 53; Morvay/Grube (1974) S. 5–8 (T4–6), Montag (1979) u. Kurras (1974) S. 158f. Heinzel/Scherer (1876) S. XLVIII–L. MBK 3,1 (1932) S. 178–183 und dazu Schröder (1932) S. 470. Zur Biographie Diemots vgl. Hefner (1839) und grundlegend Beach (2004) S. 32–64 sowie zusammenfassend NDB 3 (1957) S. 648 u. Klemm (1988) S. 163. Das bei Hefner (ebd. Tafel IV) beigefügte Faksimile einer Diemot-Handschrift zeigt wie die bei Klemm (ebd. Abb. 507 u. 543) und Beach (ebd. Abb. 1–4) abgebildeten Diemot-Kodizes keine engeren paläographischen Parallelen zur ›Wessobrunner Sammlung‹. Daß solche bilingualen bzw. mischsprachlichen Textensembles aber tatsächlich bevorzugt mit weiblichen Religiosen in Verbindung zu bringen sind, lassen die vielen, im Besitz von Nonnen und weiblichen Adligen nachweisbaren mischsprachlichen Gebetbücher erkennen (Kap. II.1.4). London, Univ. College, MS germ. 16; vgl. Hellgardt (1988) Nr. 107. Hellgardt (1988) Nr. 74 und 141. Datierungen jeweils nach K. Schneider. Ob auch das verschollene Brieger Psalmenfragment (Hellgardt, 1988, Nr. 49) als Rest einer solchen alten Sammlung angesehen werden kann, bleibt zweifelhaft. Weitere Beispiele wären etwa ›Benediktbeuerer Glaube und Beichte II‹ auf Blatt 150v und 1v des Münchner Clm 4552; ›St. Galler Glaube und Beichte I‹ auf S. 2 im St. Galler Cod. 232 und ›St. Galler Glaube und Beichte III‹ auf S. 304 im St. Galler Cod. 338.

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das Latein unbedingt Priorität hatte. Allerdings begann der absolute Vorrang des Lateins unter dem Eindruck einer sich wandelnden Predigtpraxis im 12. Jahrhundert aufzuweichen. Neben den weiter dominierenden Klassikern26 begegnen jetzt Predigtsammlungen, die direkt aus der Seelsorge, aus Kreisen der Pfarrgeistlichkeit hervorgegangen sind. Schriftlich fi xiert werden allerdings auch diese neuen Predigttypen auf Latein. Doch sind es möglicherweise diese Wandlungen, die der volkssprachigen Predigt den Weg auf das Pergament ebnen, und zwar zunächst in Form größerer volkssprachiger Abschnitte in lateinischen Sammlungen und ab der Mitte des 12. Jahrhunderts auch in rein volkssprachigen Sammlungen. Aber selbst die überwiegend volkssprachigen Predigtsammlungen lehnen sich weiter eng an die lateinischen Vorbilder an: Den Stoffundus liefern die klassisch-lateinischen Predigtwerke;27 die sie transportierenden Bücher entsprechen exakt den lateinischen Vorbildern (vgl. Tafel 20–22). Ab den 1170er–1190er Jahren steht den Predigern ein breites Spektrum unterschiedlichster volkssprachiger Predigten bzw. Predigtsammlungen zur Verfügung. Kennzeichen dieser neuen volkssprachigen Predigtbücher sind sich verfestigende Bauprinzipien innerhalb der einzelnen Predigten (Thema – Prothema – Divisio – Distinctio)28 bei gleichzeitig extrem offenem Werkcharakter. Konträr zur lateinischen Tradition, wo sich um die Kirchenväter und einige heilige Bischöfe über Jahrhunderte stabile Predigtkorpora herauskristallisieren, bilden sich im volkssprachigen Bereich keine festen Werk- oder Autorkonturen aus.29 Normative Bedeutung erlangte keine der volkssprachigen Sammlungen und keiner der volkssprachigen Autoren. Die volkssprachigen Predigtsammlungen waren mehr denn je situativen Anforderungen und Interessenlagen verpflichtet.30 Da die biblischen Figuren, die Heiligen, die Kirchenväter und die berühmten Bischöfe als legitimierende Autoritäten in den Predigten selbst präsent waren, brauchte man zur Legitimation der Texte offensichtlich keine kanonisierten Autor(nam)en oder Werktitel. Die Predigten bezogen sich auf heilige Texte oder stammten direkt aus den sakrosankten lateinischen Predigtsammlungen der Vergangenheit. Unzählige

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27

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Vgl. dazu z.B. die Überlieferungszahlen von Gregors ›Homiliae in Hiezechihelem‹: 10. Jahrhundert = 9 Hss.; 11. Jahrhundert = 28 Hss.; 12. Jahrhundert = 76 Hss.; 13. Jahrhundert = 27 Hss.; Zahlen nach Neddermeyer (1998) S. 734. Die ›Wessobrunner Predigten‹, das ›Speculum ecclesiae, deutsch‹ und der Priester KonradKomplex sind z.B. über weite Strecken fast wörtlich aus Augustinus, Gregor und Beda übersetzt. Vgl. Morvay/Grube (1974) S. XVII. Der Werkbegriff muß für diesen Texttyp (in Analogie zu Lyrik und Chronistik) neu definiert werden. Prinzipiell stellt jede einzelne Predigtsammlung ein jeweils von den Bedürfnissen (Zielgruppe, Festtage etc.), den Möglichkeiten (Verfügbarkeit von Predigtmaterial) und der Individualität (des Predigers bzw. des klösterlichen Kollektivs) abhängiges Unikat dar. Vgl. Schiewer, R. (2003) Sp. 1262.

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eingestreute lateinische Sentenzen, Bibelzitate und Überschriften sind dabei deutlich sichtbare Bindeglieder zur lateinischen Predigtpraxis. Die volkssprachigen Predigtbücher entsprechen in ihrer Buchgestalt den lateinischen Vorbildern. Als Standardbuchmuster hatte sich die einspaltig eingerichtete, z.T. mit farbigen Majuskeln und rubrizierten Überschriften gegliederte Quarthandschrift herauskristallisiert (Tafel 20 u. 21). Diese direkte Anbindung an die lateinische Predigt- und Schrifttradition blieb trotz der skizzierten Neuerungen auch in den folgenden Jahrzehnten bestimmend. Die volkssprachige Predigtliteratur prägte nun für fast ein halbes Jahrhundert (1170er bis 1220er Jahre) das Bild der im Werden befindlichen volkssprachig-deutschen Literaturlandschaft entscheidend mit. Schreib- und buchtechnisch sind volkssprachige Predigtkodizes wie der Münchner Cgm 39 (Tafel 22) absolut auf der Höhe der Zeit. Deutsche Predigtsammlungen gehörten für lange Zeit weit vor den Epen, Reimchroniken und der Lyrik zu den am breitesten überlieferten volkssprachigen Werken überhaupt. Nach Schiewer beläuft sich die Zahl der bis 1300 entstandenen und belegten Predigtsammlungen, Prediger und Einzelpredigten auf 73. Sie werden in insgesamt 223 Handschriften bis 1500 überliefert, die sich folgendermaßen auf die einzelnen Jahrhunderte verteilen: 9. Jahrhundert = 1 Handschrift; 10. Jahrhundert = 1 Handschrift; 11. Jahrhundert = 1 Handschrift; 12. Jahrhundert = 21 Handschriften: 3 davon vollständig erhalten, 1 Einzelpredigt; 13. Jahrhundert = 58 Handschriften: 12 vollständig erhalten; 7 Einzelpredigten; 14. Jahrhundert = 58 Handschriften; 15. Jahrhundert = 82 Handschriften; nicht datierbar: 3.31

Die Zahlen zum 12. Jahrhundert verlangen allerdings nach einer Differenzierung, denn hier ist kein gleichmäßiger, über das gesamte Jahrhundert verteilter Anstieg der Predigtüberlieferung zu verzeichnen, sondern nahezu alle Textzeugen konzentrieren sich in den letzten drei bis vier Jahrzehnten des 12. Jahrhunderts. Hier wird mehr oder weniger plötzlich ein Überlieferungsniveau erreicht, was sich gerechnet auf Jahrhundertviertel im gesamten 13. Jahrhundert nicht mehr wesentlich erhöht (vgl. detailliert Diagramm 14).

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Schiewer (1996) S. 13f. Nach Schiewer, R. (2003) Sp. 1261 besteht das Corpus der frühen dt. Predigt aus ca. 870 Einzelpredigten. Nach Recherchen des ›Marburger Repertoriums‹ sind die Zahlen für das 12. und 13. Jahrhundert zwar etwas höher, an den Gesamtrelationen ändert sich jedoch nichts: 12. Jahrhundert = 15 bzw. 23 Handschriften (8 Textzeugen im schwer zu fassenden Zeitraum um 1200); 13. Jahrhundert = 79 bzw. 87 Handschriften (8 Textzeugen im schwer zu fassenden Zeitraum um 1200).

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Diagramm 14: Volkssprachige Predigthandschriften im 12. und 13. Jh. (Datenbasis MR 13) Textzeugen

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15

16

2.Viertel 13. Jh.

3.Viertel 13. Jh.

10 5 0

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vor 1170

4.Viertel 12. Jh.

1.Viertel. 13. Jh.

4.Viertel 13. Jh.

In den 1220er/30er Jahren hat die rasante Entwicklung hin zur volkssprachigen Predigthandschrift ihren Zenit überschritten. Die Überlieferungszahlen stagnieren auf dem bereits Ende des 12. Jahrhunderts erreichten Niveau (Diagramm 14). Die Entwicklung bei der Predigtliteratur deckt sich dabei mit Entwicklungen bei der geistlichen Literatur insgesamt.32 Nur die auch außerhalb der monastischen Welt zur privaten Andacht und zur Ausübung des christlichen Kultus benötigten Gebetbücher/Psalterien stehen gegen diesen Trend. Ihre Zahl nimmt kontinuierlich zu, kann mit der allgemeinen Entwicklung der volkssprachigen Schriftlichkeit aber auch nicht Schritt halten. Der atypische Trend bei der volkssprachigen Predigtliteratur bzw. der volkssprachiggeistlichen Literatur in toto überrascht jedoch insofern, als gerade jetzt, um die Mitte des 13. Jahrhunderts, die auf Laienseelsorge und -unterweisung ausgerichteten Bettelorden flächendeckend breiten Raum gewinnen. Offensichtlich muß hier deutlich unterschieden werden zwischen einer weiterhin vom Latein dominierten Literatur- und Buchkultur innerhalb von Kirche und Klerus und einem eher dünnen Strom aus dieser klerikalen Innenwelt hinauswirkender volkssprachiger geistlicher Texte/Bücher. Diese Beobachtung gilt bis ins ausgehende 13. Jahrhundert ungebrochen auch für die Bettelorden. Selbst im Umkreis weiblicher Religiosität scheint das Latein seine dominierende Rolle

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Im 11. und frühen 12. Jahrhundert machen geistliche Texte über 90% des deutschen Überlieferungsaufkommens aus. In der zweiten Hälfte des 12. Jahrhunderts sinkt der Anteil bei gleichzeitig stark expandierender volkssprachiger Schriftproduktion auf rund ¾ ab (Diagramm 3 u. 4). In der ersten Hälfte des 13. Jahrhunderts verringert sich der prozentuale Anteil auf unter 60% und in der zweiten Jahrhunderthälfte auf kaum noch 20–30% (Diagramm 16).

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das gesamte 13. Jahrhundert behauptet zu haben. Mit einiger Sicherheit können nur die ›Wessobrunner Sammlung‹,33 einige Textzeugen der ›St. Georgener Predigten‹ (s.u.), des ›Baumgarten geistlicher Herzen‹ (s.u.) und erst im 14. Jahrhundert »die zahlreichen Predigten der deutschen Mystiker (Eckhardt, Seuse, Tauler), die aus der Nonnenunterweisung hervorgehen«, für weibliche Religiosen reklamiert werden.34 Falls die seit dem ausgehenden 12. Jahrhundert stark expandierenden weiblichen Frömmigkeitsbewegungen und weibliche Religiosität als Movens für die volkssprachige Verschriftlichung der Predigtliteratur in Anspruch genommen werden sollte, würde man deutlich mehr deutsche Predigthandschriften erwarten. Nach einem Innovationsschub im späten 12. und frühen 13. Jahrhundert mit zahlreichen Übersetzungen, einer hohen Überlieferungsdichte, ersten rein volkssprachigen und z.T. hochmodernen Handschriften büßt die volkssprachige Predigt während der ersten Hälfte des 13. Jahrhunderts ihre überragende Bedeutung für die Entwicklung der volkssprachig-deutschen Schriftlichkeit weitgehend ein. In den folgenden Jahrzehnten bleibt die Überlieferungsdecke im Gegensatz zur Omnipräsenz lateinischer Predigtliteratur ungeachtet der prosperierenden Bettelorden und der z.T. ungemein dynamischen Frömmigkeitsbewegungen auffällig dünn. Nach einer Stichprobe bei Klemm dürfte der Anteil lateinischer Predigthandschriften im gesamten 13. Jahrhundert weit über 90% liegen.35 Geistliche Schriftlichkeit, auch wenn sie wie die Predigtliteratur zunehmend mehr auf ein Laienpublikum zugeschnitten ist, verbleibt also in ihrem angestammten lateinischen Tradierungsumfeld. In klerikalen Kreisen bestand bis ins 14. Jahrhundert hinein weder ein gesteigerter Bedarf noch ein grundlegendes Interesse an volkssprachiger (Predigt)literatur. Für Predigthandbücher und Mustersammlungen verwendete man weiterhin das Latein. Nur im Umfeld der Frauenseelsorge scheinen volkssprachige Predigtsammlungen überhaupt eine größere Rolle gespielt zu haben.

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München, BSB, Cgm 5248 Nr. 3 u. 4 + Nürnberg, GNM, Hs. 42561 + Wien, ÖNB, Cod. 2681. Vgl. Vollmann-Profe (1994) S. 65f. Zu entsprechenden lateinischen Sammlungen im 13. Jahrhundert vgl. z.B. Klemm (1998). Neben 22 lateinischen Predigthandschriften (ebd. Nr. 36–37, 44, 49, 52, 62–63, 68, 87, 103–104, 119, 129, 134, 164–165, 168, 208, 238, 260, 263, 284) kann Klemm nur zwei volkssprachig-deutsche Sammlungen (ebd. Nr. 163, 252) präsentieren, was einem Prozentsatz von deutlich unter 10% entspräche. Natürlich kann das von Klemm präsentierte Material aus der Bayerischen Staatsbibliothek nicht per se einen repräsentativen Überlieferungsüberblick für das gesamte 13. Jahrhundert ersetzen. Der Abgleich mit den Angaben in den mittelalterlichen Bibliothekskatalogen (MBK) bestätigt aber die Relationen bzw. läßt sogar einen noch höheren Anteil lateinische Predigtsammlungen vermuten.

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II.1.1.2. Erfolgreiche volkssprachige Predigtmodelle Trotz des extrem offenen Werkcharakters und fehlender Leit-(Autor-)figuren kristallisieren sich im volkssprachigen Umfeld einzelne Predigten bzw. Predigtreihen als viel kopierte Musterexemplare heraus. Exemplarisch herausgehoben seien die vier bedeutendsten, in der neuzeitlichen Forschung irreführend unter festen Autornamen bzw. Werktiteln36 wie ›Speculum ecclesiae, deutsch‹,37 Priester Konrad,38 ›St. Georgener Predigten‹39 und ›Leipziger Predigten‹40 bekannten Predigtsammlungen. Tatsächlich handelt es sich um hochvariabel überlieferte Textkonglomerate, die einzelne Prediger aus lateinischen und volkssprachigen Vorlagen für den Augenblick bzw. einen begrenzten, individuellen Nutzungskontext zusammengestellt haben. Von Beginn an verstand man die Sammlungen mehr als Materialsteinbrüche denn als geschlossene Predigtwerke. Jedem Prediger/Schreiber innerhalb der Tradierungskette stand es frei, in den Sammlungszusammenhang einzugreifen. Und man machte davon reichlich Gebrauch. Die Prediger/Schreiber waren Kopisten, Redaktoren und Autoren zugleich, wobei abhängig von Faktoren wie Quellenfundus, Intentionalität, Kompetenz und Interessenlage die Spannbreite zwischen ›bloßer‹ Kopie und ›radikaler‹ Neugestaltung ganz unterschiedlich nuanciert sein konnte. Mit dieser großen inhaltlichen Spannbreite geht ein paläographisch und kodikologisch uneinheitliches Bild einher. Es begegnen beinahe sklavisch einer manchmal buch- und schreibtechnisch bereits veralteten Vorlage folgende Kopien, aber auch innovative Neuschöpfungen. Konservative Schreiber übernehmen einzelne/viele Predigten wörtlich und weichen selbst bei den Schriftformen sowie der Buchgestaltung kaum von ihrer Vorlage ab. Die Vorlagentreue geht mitunter so weit, daß ein alter 36

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Die mit den ›namengebenden‹ Handschriften verbundenen Sammlungen werden jeweils nur in diesem einen Textzeugen in dieser Fassung überliefert. Die namengebenden Haupthandschriften markieren einen Augenblickszustand – meist noch nicht einmal einen besonders alten – innerhalb eines sich ständig wandelnden Überlieferungsstroms. »Charakteristisch ist die Instabilität der Textcorpora. Es finden sich keine Parallelüberlieferungen geschlossener Sammlungen aus der Zeit um 1200. Parallelüberlieferungen einzelner Predigten oder Predigtgruppen dagegen begegnet man in großer Zahl in anderen Sammlungen« vgl. Schiewer, R. (2003) S. 1262. Das ›Speculum ecclesiae, deutsch‹ liegt in zwei separaten Übersetzungen bzw. Bearbeitungen vor. Namengebende Haupthandschriften sind München, BSB, Cgm 39 und Frankfurt a. M., StUB, Frgm. germ. I 1. Diese beiden ältesten Handschriften stammen aus der Zeit um 1200. Namengebende Haupthandschrift ist Wien, ÖNB, Cod. 2684* aus dem 3. Viertel des 13. Jahrhunderts. Die älteste Handschrift stammt vom Ende des 12. Jahrhunderts. Die Namengebung beruht auf der (neuzeitlichen) Provenienz der Karlsruher Handschrift G (Cod. St. Georgen 36). Dieser Textzeuge wurde vom Kloster St. Georgen freilich erst im 17. Jahrhundert erworben. Die älteste Handschrift stammt aus der Mitte des 13. Jahrhunderts; zur problematischen Namengebung vgl. Seidel (2003) S. 1–3. Namengebende Haupthandschrift ist Leipzig, UB, Ms. 760 vom Anfang des 14. Jahrhunderts. Einzelne Teile der Sammlung finden sich schon in Handschriften aus der Zeit um 1200.

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Text sogar in natura in das neue Buch inkorporiert wird. Es begegnen aber ebenso die in allen Belangen auf der Höhe der Zeit arbeitenden, intelligenten Schreiber bzw. Skriptorien. Sie berücksichtigen neue Quellen, modifizieren die Texte, verwenden aktuelle Schriftformen und aktualisieren die Buchgestalt nach modernsten Gesichtspunkten. Wir haben es hier allerdings nicht mit einem zeitlosen Nebeneinander von Variabilitäten und Kontinuitäten zu tun. Bis zur ersten Hälfte des 13. Jahrhunderts ging man allgemein sorgfältiger und aufmerksamer mit den Predigtsammlungen um. Die Predigttexte wurden fast immer redaktionell betreut, z.T. aufwendig umgestaltet oder gar völlig neu konzipiert. Die aufwendige Textbetreuung fand ihre Entsprechung in der sorgfältigen Gestaltung der Predigthandschriften. Der Cgm 39 (›Speculum ecclesiae, deutsch‹; Tafel 2241) oder der Cgm 5256 (›Rothsche Predigtsammlung‹; Tafel 2742) wirken im engeren Kontext volkssprachiger Schriftlichkeit, was Schrift, Einrichtung, Gliederung und Ausstattung anbetrifft, geradezu innovativ. Im fortschreitenden 13. Jahrhundert begegnen dann zunehmend mehr ›einfach‹ kopierte, textuell wie medial weit weniger intensiv betreute Predigtsammlungen. Die Inhalte, die Schriften und das Layout erweisen sich nun vielfach als konservativ-rückständig. II.1.1.3. Die großen deutschen Predigtsammlungen – Fallbeispiele ›Speculum ecclesiae, deutsch‹43 Als Vorlage und Vorbild für Prediger erlangte das zu Beginn des 12. Jahrhunderts (um 1110) von Honorius Augustodunensis zusammengestellte und als Mustersammlung konzipierte ›Speculum ecclesiae‹ große Bedeutung. Honorius’ Grundgedanke, den Predigern eine allumfassende Mustersammlung an die Hand zu geben, wurde ausweislich der Überlieferungszahlen begeistert aufgenommen. Zahllose lateinische Abschriften entstanden noch im 12. Jahrhundert. Wohl aus seelsorgerischen Gründen erachtete man es gegen Ende des 12. Jahrhunderts als notwendig, die Sammlung bzw. genauer: die Sammlungsidee in die Volkssprache zu übertragen. Einen ersten, vermutlich bairischen44 Bearbeiter interessierten weniger die konkreten Predigten als der umfassende, auf den praktischen Gebrauch ausgerichtete Sammlungsgedanke. Das Gros der Predigten seiner volkssprachigen Sammlung entnahm der Bearbeiter den lateinischen Standardwerken Bedas, Gregors, Hrabans und dem ›Bairischen Homiliar‹. Etwa zeitgleich entstand im hessisch-thüringischen Raum eine

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Vgl. Schneider (1987) S. 44–47 u. Abb. 12–14 u. Klemm (1998) S. 171f. u. Abb. 450. Vgl. Schneider (1987) S. 82f. u. Abb. 34 u. Klemm (1998) S. 280. Die Handschrift wird als Hs. R zum Überlieferungskomplex Priester Konrad gerechnet. Der von Kelle (1858) geprägte Titel ›Speculum ecclesiae altdeutsch‹ läßt »sich kaum sachlich rechtfertigen«; vgl. Mellbourn (1944), S. XV (Zitat) u. Mertens (1995) Sp. 50f. Vgl. Mellbourn (1944) S. CLf.

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zweite, enger an Honorius angelehnte, deutsche ›Speculum‹-Bearbeitung. 45 Auffällig ist, daß sich die ältesten Textzeugen beider ›Speculum‹-Bearbeitungen trotz unterschiedlicher Entstehungsräume (Bayern vs. Hessen/Thüringen) und differierender inhaltlicher Konzeption in ihrer medialen Ausgestaltung ähneln: Es handelt sich jeweils um sorgfältig geschriebene, aufwendig ausgestaltete, teilweise mit kunstvollen Initialen versehene, gleichartig eingerichtete Handschriften in Kleinfolio. Schriftniveau, Einrichtung und Ausstattung lassen für beide Handschriften nur professionelle Klosterskriptorien als Schreiborte in Frage kommen. Beim Cgm 39 (Tafel 22) wird diese Vermutung durch die drei beteiligten Schreiberhände untermauert. 46 Beide Textzeugen sind in einer ähnlichen Interessenlage zu verorten: Nach Mertens47 war der Cgm 39 »als Handreichung für den Prediger gedacht, dem mit den unterschiedlich langen Predigten verschiedene Vorlagen und Modelle je nach der publikumssoziologischen oder aktuellen Verwendungssituation zur Verfügung standen.« Der Modellcharakter wird durch die große Anzahl beigegebener Ergänzungstexte zu Glaube und Beichte (›Benediktbeurer Glaube und Beichte III‹), zur Messe und zu den Meßgebräuchen unterstrichen. Ein ähnliches Sammlungsprofil muß man sich für das Frankfurter Fragment vorstellen.48 Angesichts der kostbaren Ausstattung beider Handschriften dürfte es sich bei beiden Kodizes um in den jeweiligen Klosterbibliotheken für die eigenen Seelsorger vorgehaltene Mustersammlungen gehandelt haben. Priester Konrad In einer aus dem dritten Viertel des 13. Jahrhunderts stammenden Wiener Predigthandschrift (Wien, ÖNB, Cod. 2684*) nennt sich auf Bl. 1r ego C 7nradus prespiter (Priester Konrad) als Verfasser der Sammlung. Was in der Wiener Sammlung vorliegt, erweist sich bei genauerem Hinsehen als individuelles Sammlungsprofil, ob des ominösen C 7nradus prespiter oder der zwei Schreiber49 der Wiener Handschrift ist unklar. Genau in dieser Konstellation finden sich die Predigten in keiner weiteren Handschrift. Einzelne Konrad-Predigten bis hin zu größeren identischen Predigtkomplexen sind allerdings seit dem ausgehenden 12. Jahrhundert50 im bairisch-alemannischen Sprachraum verbreitet.

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Zum Dialekt der erhaltenen Fragmente dieses Kodex (Frankfurt a. M., StUB, Frgm. germ. I 1) vgl. Powitz (1968) S. 153. Teile dieser Version sind abgedruckt bei Cruel (1879) S. 203– 205. Beim Frankfurter Fragment sind nur wenige Blätter (zwei Doppelblätter + 40 Falzstreifen weiterer vier Blätter) erhalten. Sie stammen alle von einer Hand. Mertens (1995) Sp. 51. Die in Cgm 39 überlieferte ›Speculum‹-Bearbeitung entfaltete anders als die Frankfurter Version eine größere Wirkung. Exzerpte finden sich unter anderem in den ›Leipziger Predigten‹ und in der ›Hoffmannschen Predigtsammlung‹. Schneider (1987) S. 188. Aus dem 12. Jahrhundert: München, BSB, Cgm 5248/6 (in der älteren Literatur mit der falschen Signatur Cgm 5248/5 verzeichnet; vgl. Schneider, 1987, S. 50). Die weiteren, in

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Im ältesten Textzeugen des Priester Konrad-Komplexes, dem Münchner Fragment Cgm 5248/6 (noch 12. Jahrhundert = M1),51 steht eine Konrad-Predigt zur Kreuzauffindung beispielsweise neben ›Münchner Glaube und Beichte‹. In den zwei als ›Rothsche Predigtsammlung‹ bekannten Münchner (R) und Innsbrucker Fragmenten (P),52 der sog. ›Hoffmannschen Predigtsammlung‹ (W2)53 und der aus dem beginnenden 14. Jahrhundert stammenden ›Oberaltaicher Predigtsammlung‹ (O; Tafel 26)54 begegnen mehrere Konrad-Predigten in jeweils wechselnden Kombinationen. Ebenfalls in den Konrad-Komplex gehört eine aus dem ›Münnerstadter Predigtfragment‹55 bekannte Predigt von den falschen Propheten. Für unseren Zusammenhang besonders aufschlußreich sind die Wiener Kodizes 2684* (W1) und 2718 (W2). Sie erlauben Einblicke in konkrete Entstehungs- und Nutzungssituationen: W2 (Abb. 9) stammt aus dem frühen 13. Jahrhundert und ist wie fast alle Predigtsammlungen dieser Zeit sorgfältig geschrieben, einspaltig eingerichtet sowie mit Überschriften und Majuskeln klar gegliedert. Die Quarthandschrift auf eher schlechtem Pergament enthält an den Predigtschlüssen der Bußliturgie mehrfach neu m ier te Rufe (Bl. 33v, 34r, 35r). Der Prediger fordert die Gemeinde mit den Worten und hœuet iwern r 7f bzw. unde sprechet iwern r 7f förmlich zum Gesang auf. Dann folgt der neumierte Ruf.56 Die Neumen dienten im vorliegenden Fall zur konkreten Gestaltung der Aufführung. Der Prediger stimmt den Ruf an (deshalb die Neumen): die heiligen zwelfboten. Die Gemeinde antwortet bzw. bestätigt mit einer nicht aufgezeichneten Sentenz den Ruf – hier vielleicht mit einem helfen vns.57 Daß die Rufe in der Handschrift neumiert sind,58 spricht für Entstehung und Nutzung im engsten klerikalen Umfeld.

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der älteren Forschung noch dem ausgehenden 12. Jahrhundert zugewiesenen Fragmente aus dem Franziskanerkloster in Hall (heute in Schwaz, Provinzarchiv der Tiroler Franziskanerprovinz, Nachlaß P. Max Straganz, Fragm. germ. 1) (Ha) und aus Privatbesitz Heinrich Hoffmann (heute in Berlin, SBB-PK, mgf 736, Bl. 24)s (H) stammen aus dem 1. Viertel des 13. Jahrhunderts; vgl. dazu die Datierungsansätze in MR13. Zur Datierung vgl. Schneider (1987) S. 50. In der Forschung firmiert die Sammlung auch unter dem Titel ›Strauchs altdeutsche Predigten‹. München, BSB, Cgm 5256 = R; Innsbruck, LA, in Hs. 95 II = P. Bei Mertens (1971) S. 36f. sind beide Handschriften noch dem 12. Jahrhundert zugewiesen, was sich anhand der Schriftmerkmale nicht halten läßt. Das Münchner Fragment R gehört ins erste Viertel des 13. Jahrhunderts. Das Innsbrucker (ehemals Proveiser) Fragment P ist wenig jünger und stammt wohl aus dem zweiten Jahrhundertviertel. Wien, ÖNB, Cod. 2718. Bei Mertens (1971) S. 37f. ebenfalls noch ins 12. Jahrhundert datiert. Die Schriftmerkmale weisen allerdings eindeutig auf das erste Drittel des 13. Jahrhunderts. Vgl. zum Charakter der Sammlung Cruel (1879) S. 155–167. München, BSB, Cgm 74 . Münnerstadt in Unterfranken, Bibl. des Augustinerklosters, Ms. 381. Abdruck und Übertragung in moderne Notation bei Mertens (1975) S. 70. Vgl. zur möglichen Aufführungssituation Janota (1968) S. 71–77 u. Mertens (1975) S. 78ff. Aufforderungen an die Gemeinde, den Ruf zu erheben, finden sich in vielen volkssprachigen Predigtsammlungen am Schluß einzelner Predigten (zahlreiche Beispiele bei Janota,

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160 Abb. 9: Wien, ÖNB, Cod. 2718, Bl. 34v–35r: ›Hoffmannsche Predigtsammlung‹ (W2; 1. Drittel 13. Jahrhundert).

Nur dort war man in der Lage, Neumen zu notieren, und nur dort konnten entsprechend geschulte Kleriker Neumen – als Intonationshilfen in der Aufführungssituation – lesen. Vorzustellen hat man sich dieses Klosterskriptorium in der Diözese Salzburg59 wohl als arbeitsteilig organisiertes Schreibzentrum mit zahlreichen Schreibkräften: An der Sammlung arbeiteten mindestens drei Hände; nach Fertigstellung der Abschrift wurden bei der Durchsicht von einem der Schreiber zahlreiche Schreibfehler (wohl anhand der Vorlage?) korrigiert. Ebenfalls in einem professionellen Klosterskriptorium im bairisch-alemannischen Grenzraum (?) waren um 1270 zwei Schreiber damit beschäftigt, eine weitere umfangreiche Konrad-Sammlung (W1) anzufertigen. Aus der Vorlage übernahmen sie die Verfassersignatur ego C 7nradus prespiter (Bl. 1r) und das lateinische Vorwort. Der Kodex wird im Stil der Zeit zweispaltig eingerichtet. Die »beiden Schreiber verwenden eine noch sorgfältige Gebrauchs-Buchschrift, wie sie im lateinischen Schreibbetrieb üblich war.«60 Den professionellen Schreiber verraten die vielen Abkürzungen in den lateinischen Passagen, aber auch im deutschen Text (r-Kürzel, Nasalstrich). Schneider bemerkt bei Schreiber zwei zudem Einflüsse aus der Urkundenschrift. Augenscheinlich sind hier zwei geistliche Berufsschreiber am Werk. Die Predigtsammlung erstellten sie wohl als Mustersammlung für die Seelsorger eines (ihres?) Klosters. Leipziger Predigten Analog zu den genannten Sammlungen repräsentieren auch die sog. ›Leipziger Predigten‹ eine Momentaufnahme in einem breiten Strom sich ständig wandelnden Predigtmaterials. Die namengebende Leipziger Handschrift61 aus dem beginnenden 14. Jahrhundert enthält von einem Autor bzw. Autorenkollektiv zusammengestellt sieben unterschiedliche Predigtsammlungen verschiedenen Alters und verschiedener Herkunft. Für die Situation im 13. Jahrhundert relevant sind die in dieser Sammlung zusammengeflossenen Einzelteile. Sie finden sich in wechselnder Folge und Zahl im ›Speculum ecclesiae, deutsch‹, in ›Schönbachs Predigtbruchstücken I–III‹, in der ›Hoffmannschen Predigtsammlung‹, den ›Grieshaberschen Predigten‹, den ›Mitteldeutschen Predig-

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1968, S. 71–77 u. Mertens, 1975). Die Verwendung neumierter Rufe ist in volkssprachigen Predigthandschriften jedoch völlig unüblich. Neumierte Rufe enthält nur noch die um 1250 im bairischen Sprachraum entstandene ›Grieshabersche Sammlung‹ (Freiburg i. Br., UB, Hs. 516). Dort werden die Rufe wie in der Wiener Handschrift mit den Worten vnd heuet iwern ruof bzw. Darvmb heuet iwern ruof eingeleitet. Es folgt der neumierte Ruf. Die Antwort der Gemeinde ist nicht aufgezeichnet. Nach den Heiligennamen in Predigt 28a entstand dort zumindest die Sammlung. Der Kodex selbst gibt sich durch die vielen Schreibfehler als Abschrift zu erkennen. Schneider (1987) S. 188. Leipzig, UB, Ms. 760. Beschreibung bei Pensel/Stahl (1998) S. 76ff. Auffällig ist das relativ hohe Schrift- und Ausstattungsniveau dieser Handschrift. Die vorgesehenen Initialen und Lombarden wurden jedoch meist nicht ausgeführt.

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ten‹ und den ›Mettner Predigtsammlungen I–II‹. Das Autoren-/Schreiberkollektiv hatte demnach Zugriff auf eine größere Klosterbibliothek. Mertens sieht das Leipziger Predigtkompendium »als Handreichung für Prediger«.62 Wie zahlreiche Anmerkungen von jüngerer Hand belegen, war das Predigtbuch noch im späteren 14. und 15. Jahrhundert wohl genau in diesem Sinn im Gebrauch. St. Georgener Predigten Haupthandschrift ist ein von Rieder mit der Sigle A versehenes Freiburger Manuskript des Jahres 1387 (UB, Hs. 464). Erneut handelt es sich um eine viele Einzelpredigten und Sammlungen zusammenfassende, späte Momentaufnahme. Das Freiburger Exemplar wurde schon früh von der Forschung als »textgeschichtlich isolierte und aufgeschwellte Redaktion der ›Kernsammlung‹«63 erkannt. Aus der Freiburger Sammlung versuchte man einen Bestand von 39 Predigten als die eigentlichen St. Georgener Predigten herauszudestillieren. Tatsächlich finden sich diese 39 Predigten komplett wiederum nur in einer einzigen Handschrift (Karlsruhe, BLB, Cod. St. Georgen 36; Tafel 24), die sich ihrerseits als Bearbeitung zu erkennen gibt.64 Für die Frage nach dem Nutzungshorizont und den Tradierungsmustern volkssprachiger Predigtsammlungen im späteren 13. Jahrhundert ist dieser Karlsruher Kodex allerdings von größtem Interesse. Konnte man bei der ›Hoffmannschen Predigtsammlung‹ anhand der neumierten Rufe mit einiger Sicherheit auf ein Männerkloster und einen direkten Bezug zur Gottesdienstpraxis schließen, so sprechen bei der Karlsruher Handschrift die Indizien für ein Frauenkloster (Benediktinerinnenkloster Amtenhausen?):65 Nach dialektalen und paläographischen Merkmalen sowie Hinweisen im Kodex wurde der Band um 1300 von zwei Händen in einem südbadischen Benediktinerinnenkloster angefertigt. Merkwürdig konservativ mutet der eigentlich ins dritte Jahrhundertviertel weisende Schreibduktus an, der sich nur in einzelnen Graphien als wesentlich jünger zu erkennen gibt (Tafel 24). Der Widerspruch erklärt sich, zieht man ein ursprünglich im Vorderspiegel eingeklebtes Predigtfragment zu Rate (Tafel 23). Dieses Bruchstück aus der Mitte des 13. Jahrhunderts enthält einen Rest eben jener im Trägerband enthaltenen ›St. Georgener Predigten‹. Wie das jüngere Manuskript ist das Fragment zweispaltig eingerichtet. Es ist exakt gleich groß. Die Zeilenabstände und die Spaltengröße sind fast identisch und selbst in den Schriftmerkmalen zeigt sich trotz des erheblichen Altersunterschiedes unmittelbare Verwandtschaft zum Trägerband. Als direkte Vorlage scheidet das Fragment zwar aus, denn nur in der a-Spalte der Versoseite sind 39 Zeilen der Predigt Rieder Nr. 59 eingetragen.66 Die b-Spalte war ursprünglich leer. Die Rectoseite enthält einen ebenfalls 62 63 64 65 66

Mertens (1985a) Sp. 700. Frühwald (1980) Sp. 1208. Zur verwickelten Sammlungs- und Textgeschichte vgl. grundlegend Seidel (2003). Vgl. Rieder (1908) S. XIII sowie zustimmend Schneider (1987) S. 250 und Seidel (2003) S. 62–65. Abdruck bei Lüders (1972) S. 164f.; ebd. S. 165f. Abdruck der korrespondierenden Passsage

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nur unvollständig eingetragenen lateinischen Breviertext De sancta maria virgine.67 Später wurden noch vier Zeilen der Rieder-Predigt Nr. 59 in der b-Spalte nachgetragen. Die Seite mit der deutschen Predigt ist wie die Seite mit dem lateinischen Text also unfertig geblieben. Karlsruhe, BLB, Cod. St. Georgen 36, Vorderspiegel (abgelöst): ›St. Georgener Predigten‹. Datierung: Mitte 13. Jahrhundert Schreibdialekt: alem. (Schwarzwald) Blattgröße: 21,5 x 14 cm; Schriftspiegel: 16 x 11 cm; 2 Spalten; 39 Zeilen

Karlsruhe, BLB, Cod. St. Georgen 36: ›St. Georgener Predigten‹ (G).

(Tafel 23)

(Tafel 24)

Datierung: vor/um 1300 Schreibdialekt: alem. (Schwarzwald) Blattgröße: 21,5 x 14,2 cm; Schriftspiegel: 16 x 10–10,5 cm; 2 Spalten; 37–39 Zeilen

Verlockend wäre es, hier die Kladde eines Autors/Predigers zu vermuten. Dagegen spräche allerdings die aufwendige Einrichtung der a-Spalte: Oben und unten sind jeweils 12- bzw. 8-zeilige Plätze für zwei Initialen ausgespart. Demnach sollte das Blatt für eine aufwendige Predigthandschrift vorgesehen gewesen sein. »Vielleicht sollte eine SG-Handschrift arbeitsteilig erstellt werden, und es handelt sich bei dem Vorderspiegel um ein Blatt von einer späteren Lage, das dann wieder ausgesondert wurde.«68 Nimmt man mit einigem Recht an, daß diese Predigthandschrift tatsächlich angefertigt wurde, dürfte sie die Vorlage der Benediktinerinnen gewesen sein. Das unvollendete Fragment, wahrscheinlich ein verworfenes Relikt dieser Handschrift, gäbe uns eine sehr präzise Ahnung davon, wie diese Handschrift ausgesehen haben muß: Die Benediktinerinnen hätten demnach Jahrzehnte später nicht nur den Inhalt dieser Handschrift nahezu originalgetreu kopiert, sondern auch Einrichtung, Format und Ausstattung. In Umrissen scheinen sie sogar den – mittlerweile veralteten – Schreibstil nachgeahmt zu haben.

Typisch für die Tradierung auch dieses Predigtkomplexes ist das ständig wechselnde Sammlungsprofil.69 Oft finden sich nur wenige, manchmal nur ein oder zwei St. Georgener Predigten in den neuen Sammlungen. Als erfolgreichster Einzeltext erwies sich die Predigt Von des balm bomes bezaichnung.70 Mindestens 50 Handschriften, zwei Inkunabeln und ein Druck von 1574 bieten die Palmbaum-Predigt in unterschiedlichsten Zusammenhängen.

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in St. Georgen 36 (Bl. 83rb Z. 22ff.); Beschreibung und Abbildungen bei Seidel (2003) S. 62–65, 196–202 u. Abb. 1f. Abdruck bei Lüders (1972) S. 166f. u. Abbildung bei Seidel (2003) Abb. 3. Nach dem Autopsiebefund dürfte der lateinische Breviertext etwa gleich alt wie das deutsche Predigtfragment sein. Seidel (2003) S. 197. Textzeugen des 13. Jahrhunderts mit St. Georgener Predigten sind: Basel, UB, Cod. N I 2 Nr. 99; Karlsruhe, BLB, Cod. St. Georgen 36; Karlsruhe, BLB, Cod. St. Georgen 36, Vorderspiegel; Karlsruhe, BLB, Cod. St. Georgen 37; Karlsruhe, BLB, Cod. St. Georgen 38; vgl. Morvay/Grube (1974) T 57; Seidel (2003). Rieder (1908) Nr. 60; vgl. Fleischer (1976) und die knapp gehaltenen Überblicke bei Fleischer (1989) Sp. 277–287, bes. Sp. 279 zur G(eorgener)-Redaktion sowie Seidel (2003) S. 205f.

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II.1.1.4. Variable Inhalte in festen (Buch-)Formen Für die volkssprachige Predigtlandschaft von Beginn an typisch sind frei fluktuierende Text(predigt)konglomerate ohne feste Autor- oder Werkkonturen. Je nach Quellen- oder Interessenlage wurden die Predigten neu zusammengestellt, überarbeitet und dann in ein standardisiertes Gliederungs-, Einrichtungs- und Buchmuster gegossen. Offenheit heißt im Kontext der frühen volkssprachigen Predigttradierung, in ein mehr oder weniger festes Gerüst – die Abfolge der Sonn- und Festtage einerseits und die von pragmatischen Erwägungen bestimmte Buchform andererseits – patchworkartig immer wieder Neues, Zusätzliches, Interessantes einzufügen und Unwichtiges, Uninteressantes oder Nutzloses zu eliminieren. Von Seiten der Prediger trägt man damit einer Entwicklung Rechnung, die schon im frühen 12. Jahrhundert den Abt des Klosters St. Blasien im Schwarzwald, Werner von Ellerbach, dazu veranlaßte, seine überkommene Sammlung zu ergänzen, zu erweitern, zu erneuern und aufzuarbeiten. Veranlassung [...] war für ihn die Erfahrung, daß die Zuhörer in der Kirche der beständigen Wiederholung aus den alten Homiliarien überdrüssig geworden, was auch natürlich sei, weil eine zu oft vorgesetzte Speise endlich Ekel erwecke. Deshalb werde der Predigtbesuch vernachlässigt, und so verbreite sich leider Unwissenheit über den rechten Weg zum Himmelreich. Er habe daher jedes Mal mehrere Stücke zusammengeschrieben, damit der Prediger der Gemeinde durch deren Vortrag Abwechselung bieten könne.71

Ähnlich argumentiert unser C 7nradus prespiter im lateinischen – also für den Kleriker selbst bestimmten, nicht an die Gemeinde gerichteten – Vorwort seiner volkssprachigen Sammlung. Für den volkssprachigen Bereich typisch ist der additive Charakter des Verfahrens. Die einzelnen Versatzstücke – Predigten oder Predigtteile, Traktate, Gebete, Legenden etc. – werden mehr oder weniger wörtlich aus dem Latein übersetzt oder – mit fortschreitender Zeit zunehmend häufiger – in konstanter Textgestalt aus volkssprachigen Sammlungen übernommen. In einer um 1300 vollendeten Wolfenbütteler Sammelhandschrift ist sogar ein acht Blätter (Bl. 73–80) umfassender Faszikel mit ostmitteldeutsch-niederdeutschen geistlichen Liedern und Predigten in toto ei n g ebu nden worden,72 und in die um 1250 entstandene sog. ›Kuppitschsche Predigtsammlung‹ (‹Millstätter Predigtsammlung‹) sind Teile der ›Leipziger Predigten‹ inseriert. Der nach Bl. 52 sachlich passend eingebaute Faszikel (Bl. 53r –60v) stammt aus dem 1./2. Viertel des Jahrhunderts und ist damit deutlich älter als die eigentliche Sammlung.73 Vergleichbare Fälle sind aus der lateinischen Predigtüberlieferung bekannt: 71 72 73

Cruel (1879) S. 145. Wolfenbüttel, HAB, Cod. 1066 Helmst.; vgl. Heinemann (1888) S. 37f. Karlsruhe, BLB, Cod. Donaueschingen 290 + Krakau, BJ, Berol. mgq 484; vgl. Schiewer,

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Im Münchner ›Speculum ecclesiae‹-Kodex Clm 13090 (1./2. Viertel 13. Jahrhundert) ist z.B. ein wenig jüngerer, 29 Blätter umfassender Predigtfaszikel eingebunden. Die hinzugebundenen Predigten ergänzen thematisch den Haupttext. Allerdings paßt sich die Ergänzung – notwendigerweise, da nicht für die Sammlung konzipiert – nicht nahtlos in die vorhandene Sammlung ein. Teile der Predigt zu Philippus und Jacobus sind doppelt (Bl. 52v/55 v).74

Das Verfahren, alte, wertvolle bzw. neue, ergänzende Schriften in natura in neue Sammlungen zu inkorporieren, begegnet auch bei medizinischen Sammlungen, Kleinepiksammlungen, der Lyrik, Chroniken und vor allem bei Rechtstexten. Es stellt sich hier die Frage, inwieweit solche Sammlungen auf die mündliche Predigtpraxis rekurrieren und welche Rolle gerade die dem gesprochenen Wort scheinbar so nahestehenden volkssprachigen Passagen in einem solchen Zusammenhang spielen, denn textuelle und mediale Charakteristika lassen auch bei den volkssprachigen Sammlungen eine große Distanz zur Aufführungssituation erkennen. Ein riesiger (lateinisch-schriftlicher) Quellenfundus,75 die große Bearbeitungstiefe und eine elaborierte Textkonzeption gehen fast immer einher mit einer aufwendigen Handschriftengestaltung und oftmals vielen Schreiberhänden. Die zahlreich inserierten lateinischen Passagen, die Verwendung vieler Abkürzungen und die fast durchweg geübten Hände weisen ausnahmslos in die Welt professioneller lateinisch-klerikaler Schriftlichkeit. Bis weit in das 13. Jahrhundert hinein ist diese Einbindung in die lateinische Schriftkultur sogar handgreiflich fassbar. Viele volkssprachige Predigten werden in lateinisch-deutschen Mischhandschriften tradiert. Das Ineinanderverschränktsein von Latein und Deutsch erscheint vor allem in diesen Mischhandschriften geradezu als Normalität. Im Münchner Clm 9611 vom Anfang des 13. Jahrhunderts (Tafel 25) eröffnet auf Bl. 1r –2r beispielsweise eine deutsche Predigt Sermo de aduentu domini ... Der heilige wissage david. der sprichet ...76 eine lateinische Predigtsammlung. Daß diese deutsche Pre-

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R. (1994) S. 851f.; Schiewer (1996) S. 265, Anm. 353 sowie die umfassende Dissertation von Schiewer, R. (2003) zu dieser Handschrift. Vgl. Klemm (1998) Nr. 37. Von den volkssprachigen Autoren/Redaktoren des Priester Konrad-Komplexes wurden lateinische Predigtsammlungen geradezu exzessiv genutzt. Mertens (1971) S. 71 spricht mit Schönbach III, S. 446 von »nicht weniger als neunzehn lateinische(n) Autoren«. Der sogenannte Schwarzwälder Prediger rezipierte intensiv die ›Sermones de tempore‹ des Konrad von Sachsen († 1279) und die ›Legenda aurea‹ des Jacobus de Voragine; vgl. Schiewer (1996) bes. S. 4–8. Neben den klassischen lateinischen Sammlungen wurden zunehmend häufiger die bereits volkssprachig-schriftlich vorliegenden Predigtsammlungen ausgebeutet. Insbesondere die Predigten aus dem ›Priester Konrad‹-, dem ›St. Georgener‹- und dem ›Mitteldeutschen‹-Komplex sowie der ›Speculum ecclesiae‹-Bearbeitung erfreuten sich großer Beliebtheit. Das lateinische Standardmaterial blieb für die volkssprachigen Prediger jedoch ein wichtiges Stoffreservoir. Lateinische Passagen (oft Bibel- oder Kirchenväterzitate) sind in frühen volkssprachigen Predigten häufig anzutreffen. Jüngere Predigten kommen überwiegend ohne lateinische Sequenzen aus.

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digt tatsächlich als Eröffnungsstück der gesamten, ansonsten rein lateinischen Sammlung gedacht war, zeigt der Buchschmuck: Eine einzige prachtvolle mehrfarbige Rankeninitiale auf Bl. 1r eröffnet das an sich schmucklose Predigtbändchen im Oktavformat und das ist zugleich der Beginn der einzigen deutschen Predigt. Die Predigten selbst folgen einheitlich, und zwar inklusive der einzigen deutschen Predigt zu Beginn, der Ordnung des Kirchenjahres.77 Auch in der Folgezeit werden die volkssprachigen Predigten in eben solchen einspaltigen, sauber geschriebenen, sorgfältig eingerichteten und professionell betreuten (d.h. durchkorrigierten) Kodizes kleinerer bis mittlerer Formate überliefert. Von Mitschriften, Kladden oder Konzepten der Prediger, die einen direkten Zugang zur mündlichen Predigtpraxis belegen würden, findet sich in der volkssprachigen Predigtüberlieferung des 12./13. Jahrhunderts keine Spur.78 Während des beginnenden 13. Jahrhunderts markieren dann erste relativ großformatige, zweispaltig eingerichtete volkssprachige Predigthandschriften einen neuen Trend bei der Buchgestaltung. Mit Blattgrößen von 24–32 x 18– 21 cm gehören z.B. die Reste der aus dem ersten Jahrhundertviertel stammenden sog. ›Oberaltaicher Predigtsammlung (Tafel 26)‹,79 das ›Münnerstadter Predigtfragment‹80 und die ›Rothschen Predigtsammlungen‹ R und P81 zu den aufwendigsten volkssprachigen Kodizes dieser Epoche überhaupt. Zum außergewöhnlichen Format paßt die in den Handschriften verwendete, moderne frühgotische Buchschrift auf hohem kalligraphischem Niveau. Innovativ wirkt auch die zweispaltige Einrichtung. Die genannten Predigthandschriften stehen damit am Anfang einer Entwicklung, in deren Folge solcherart neue, aufwendige Buch- und Schriftformen auch in der volkssprachigen Epik, Reimchronistik, Lyrik und Rechtsliteratur zu weit verbreiteten Standardtypen avancieren. Die genannten Predigthandschriften nehmen sich dabei fast wie Vorbilder der moderneren Epenhandschriften aus. Da diese meistenteils

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Abdruck der deutschen Predigt samt Verzeichnis der lateinischen Predigten bei Steinmeyer (1876) S. 222–234. Neun Beispiele aus dem 15./16. Jahrhundert verzeichnet Völker (1963) S. 217f. Doch selbst in dieser späten Phase gehören »Nachschriften« zur absoluten Ausnahme (vgl. ebd. S. 219f.). Autographen von schriftgebundenen Predigten kommen dagegen häufiger vor. Einige Beispiele sind unter dem Suchwort ›Predigt‹ zu finden in der Autographen-Datenbank http:// www.uni-muenster.de/Fruehmittelalter/Projekte/Autographen/Abfrage.html. Berlin, SBB-PK, mgf 736, Bl. 24; vgl. Degering (1925) S. 98. Namengebende Haupthandschrift ist der ins frühe 14. Jahrhundert zu datierende Münchner Cgm 74 . Nur dort findet sich auf Bl. 1r ein auf Kloster Oberaltaich weisender Besitzeintrag: Iste liber est sancti Petri in Oberaltach. Münnerstadt, Bibliothek des Augustinerklosters, Ms. 381. Zu R (München, BSB, Cgm 5256) vgl. Schneider (1987) S. 81f. (dazu Abb. 34). Nach der auf S. 26 der Rothschen Sammlung R befindlichen Lagenzählung X dürfte es sich bei diesem Kodex um eine umfängliche Sammlung mit weit mehr als 80 (Quaternionen) bzw. 100 (Quinternionen) Blättern gehandelt haben; zu P (Innsbruck, LA, in Hs. 95/I) vgl. Mertens (1971) S. 36.

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auch in Klosterskriptorien hergestellt wurden, wäre eine solche direkte mediale Wechselwirkung keine Überraschung. Vorstellbar ist, daß klerikal-lateinische Buchmuster aus dem Repertoire der Klosterskriptorien mit profan-französischen Mustern aus dem höfischen Umfeld zusammenfließen. Angesichts der aufgezeigten inhaltlichen und medialen Charakteristika wird man keinen der volkssprachigen Predigtkodizes des späten 12. oder des beginnenden 13. Jahrhunderts als Vortragsmanuskript, Konzept oder Mitschrift eines Predigers bezeichnen können. Wir haben es ausschließlich mit Buc h l iter at u r zu tun. Der Bezug zum mündlichen Predigtvortrag ist nur indirekt über eingestreute Sentenzen und Einschübe fassbar. Indem sie die Gemeinde direkt ansprechen oder wie Regieanweisungen für den Prediger klingen, lassen die Predigttexte jedoch ein ums andere Mal einen mittelbaren Aufführungsbezug durchscheinen. Im Priester Konrad-Komplex heißt es zu Beginn der Weihnachtspredigt mit Blick auf die Gemeinde beispielsweise: Daz ist der here tac unde diu grozze hohge zit die i r h i u t e beget, daz ist des heiligen Cristes tac, den enmugt i r och zware nimmer volloben ... Ebenfalls auf die Gemeinde gezielt sind häufig verwendete Formeln wie Miniu vil lieben ... oder Nu sult ir ...82 Vergleichbare Formeln kennen alle frühen Sammlungen.83 Die Interaktion mit der Gemeinde belegen auch die – selten neumierten – Rufe (s.o. S. 159f.) am Schluß vieler Predigten. Trotz dieser ›mündlichen‹ Merkmale umreißen die erhaltenen volkssprachigen Predigthandschriften letztlich einen rein schriftlich, und zwar häufig im Umfeld professioneller Klosterskriptorien fi xierten Fundus, aus dem die Prediger schöpfen konnten. Sammlungsprofile und Buchformen der volkssprachigen Predigtsammlungen legen eine Verwendung als Musterbücher nahe. Einen direkten Zugang zur Predigtsituation eröffnen erst die gegen Ende des 13. Jahrhunderts in Erscheinung tretenden kleinformatigen ›Taschenexemplare‹ und losen Heftchen, wie sie im unmittelbaren seelsorgerischen Gebrauch der Prediger vielleicht am ehesten zu erwarten wären. II.1.1.5. Die Bettelorden und die volkssprachige Predigt Ein solcher auffällig kleinformatiger, taschenbuchartiger Buchtyp begegnet im ausgehenden 13. Jahrhundert im Umfeld der Bettelorden.84 Er weist erstmals dezidiert aus dem geschlossenen schriftliterarischen Zirkel hinaus in die Predigtpraxis selbst. Vermutlich können wir in diesen Kodizes nun tatsächlich 82 83

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Schönbach III, S. 5 passim; vgl. Mertens (1971) S. 50 zum Gebrauch der Ihr-Anrede. Typisch für das ›Speculum Ecclesiae, deutsch‹ ist zudem, daß lateinische Sequenzen in Interaktion mit der Gemeinde aufbereitet werden: Dum complerentur ... Sanctus Lucas, der uîer ewangelistarum einir, der seit uns, also wir ê sprachin uon disem tâge: Dum complerentur; vgl. Mellbourn (1944) S. 77,23–28. Bisweilen extreme Kleinformate findet man auch bei den in großer Stückzahl hergestellten lat. Pariser Bibeln.

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›private Handexemplare‹ der Prediger/Seelsorger greifen. Die geringe Zahl der überlieferten Manuskripte diesen Typs spricht dafür, daß wir hier den Anfängen einer neuen Form von Gebrauchsschrifttum auf der Spur sind. Da es sich um einfache bzw. einfachste Gebrauchshandschriften handelte, dürfte vieles in der intensiven, alltäglichen Nutzung ›verbraucht‹ worden sein. Typisch für diese neue Überlieferungsform ist aber auch jetzt noch nicht die Volkssprachigkeit, sondern das Latein. Selbst in den prosperierenden Städten mit ihrem von den Bettelorden bestimmten geistlichen Klima werden die unglaublich populären Predigten Bertholds von Regensburg und die Werke Davids von Augsburg in Latein aufgezeichnet. Der Volkssprache bleiben eher traditionellen Sammlungen vom Typ der sog. ›Schwarzwälder Predigten‹ vorbehalten, wie man sie für den regulären Gottesdienst benötigte: Der sog. Schwarzwälder Prediger hatte um 1280/90 unter Beiziehung zahlreicher lateinischer Quellen aus den ›Sermones de tempore‹ des Konrad von Sachsen († 1279) und der ›Legenda aurea‹ des Jacobus de Voragine nach althergebrachtem Muster eine Sammlung mit Sonntags- und Heiligenpredigten für das gesamte Kirchenjahr zusammengestellt. Diese zunächst lokal im alemannisch-ostalemannischen Raum verbreiteten ›Schwarzwälder Predigten‹ rückten später in den Rang von Standardpredigten auf. Allerdings erfreuten sich nur die Sonntagspredigten dieses Popularitätsschubs. Schiewer kann 31 Korpus-Handschriften mit den Sonntagspredigten, davon jedoch nur eine aus dem späten 13. und drei aus dem 14. Jahrhundert nachweisen.85 Die Heiligenpredigten sind dagegen extrem dünn (4 Handschriften) überliefert.

Dieser Überlieferungsbefund scheint charakteristisch für die volkssprachige Predigt des Mittelalters insgesamt, denn breiter tradiert werden auch die älteren volkssprachigen Predigtsammlungen erst im 15. Jahrhundert. Dies gilt für die ›Leipziger Predigten‹, die Predigten aus dem Priester Konrad-Komplex und letztlich sogar für eben jene volkssprachigen Predigten aus dem Umkreis der berühmten Franziskaner David von Augsburg († 1272)86 und Berthold von Regensburg († 1272).87 Die Überlieferungszahlen reichen bei keinem der volkssprachigen Werke auch nur annähernd an die Zahlen lateinischer

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Schiewer (1996) S. 26–96, 111–292 (Beschreibung aller Handschriften). Überlieferung volkssprachiger David-Texte im 13. Jahrhundert: Dresden, SLUB, Ms. M 299 (Handschrift im 2. Weltkrieg vernichtet) (darin: ›Sieben Staffeln des Gebets‹); Karlsruhe, BLB, Cod. St. Georgen 38 (darin: deutscher Auszug von ›De exterioris et interioris homini compositione‹); München, BSB, Cgm 183 (Korpushandschrift). Einzelne DavidPassagen haben ferner Eingang in den ›Baumgarten geistlicher Herzen‹ gefunden (4 Hss. des 13. Jahrhunderts). Überlieferung volkssprachiger – nicht authentischer (zur Bearbeitungstypik vgl. z.B. Neuendorff, 1992, S. 4f.) – Berthold-Predigten im 13. Jahrhundert: Gießen, UB, Hs. 876 (darin: ›Von den Zeichen der Messe‹); Karlsruhe, BLB, Cod. St. Georgen 38 (darin: Predigt vom Tisch Christi); München, BSB, Cgm 5250/6c (Predigten); Privatbesitz Joseph Maria von Radowitz, Karlsruhe (verschollen) (Predigt); Privatbesitz Friedrich Adolf Ebert, Dresden (verschollen) (Predigt?). Einzelne Berthold-Passagen haben Eingang in Handschriften des ›Baumgartens geistlicher Herzen‹ und andere Predigtsammlungen gefunden; zur Überlieferung der deutschen Predigten vgl. Richter (1969).

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David-Texte (Hauptwerk in ca. 370–400 Hss.) oder lateinischer BertholdPredigten (in über 300 Hss.) heran. Noch aus anderem Grund erscheinen die ›Schwarzwälder Predigten‹ wie ein exemplarisches Muster der volkssprachigen Predigtüberlieferung des späten 13. Jahrhunderts. Die Beschreibung der ältesten, noch aus dem 13. Jahrhundert stammenden Handschrift (Freiburg i. Br., UB, Hs. 460 = Gr) liest sich wie eine Modellskizze volkssprachiger Predigthandschriften der Zeit: Der Kodex zeigt alle Merkmale einer ordnungsgemäß fertiggestellten Handschrift: Die erste Predigt beginnt mit einer Initiale, die sich durch farbige Ausgestaltung deutlich von den Lombarden abhebt. Diese Lombarden fehlen bei keiner Predigt. Die Texte sind rubriziert und nachträglich mit Caput-Zeichen versehen worden. Die Anlage ist funktional und zweckbestimmt: Es geht darum, ein deutsches Predigthandbuch bereitzustellen, dessen äußere Einrichtung zweckdienlich ist. Größe und Pergamentqualität zeigen, daß kostensparend gearbeitet wurde.«88 Von der älteren Forschung wurde das Freiburger Manuskript als Autograph des Predigers betrachtet. Nach Schiewer ist diese Annahme kaum aufrecht zu halten. Er spricht wegen der insgesamt sechs beteiligten Schreiberhände sowie zahlreicher Korrekturen und Ergänzungen89 von einer »Autoren- oder Arbeitsgruppe.« »Es ist nicht das ›Original‹ der Sonntagspredigten im Sinne eines letztgültigen, autorisierten, d. h. dem Einfluß der Autoren endgültig entzogenen Werks, sondern ›res non confecta‹ – ›work in progress‹.90

Die markanten Fehler, Korrekturen, Ergänzungen, Ein- und Nachträge in der professionell geschriebenen und sorgfältig redigierten Predigthandschrift geben einen Blick in die Werkstatt der franziskanischen Predigtredaktoren frei. Sie erweist sich als gößeres Klosterskriptorium (vier Hände des 13. Jahrhunderts). Als Entstehungsort favorisiert Schiewer die Franziskanerklöster91 in einem Dreieck Augsburg, Ulm und Konstanz.92 »Die beschriebenen Ergänzungen der 4. Hand lassen unter Berücksichtigung der Ratschläge für Predigten auf fol. 246v keinen Zweifel daran, daß die ›Schwarzwälder Predigten‹ nicht nur als Predigthandbuch konzipiert, sondern in Form der vor-

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Vgl. exemplarisch Schiewer (1996) S. 11 u. 316–318 (Zitat). Detaillierte Nachweise bei Schiewer (1996) S. 53–63. Schiewer (1996) S. 63; detaillierte Handschriftenbeschreibung ebd. S. 32–74 sowie bei Hagenmaier (1988) S. 98f. Schiewers These wird von Ruh (2000) in Zweifel gezogen. Ruh gibt mit guten Argumenten zu bedenken, daß »die Schreibfehler [...] jedenfalls das Autograph nicht aus[schließen]« (ebd. S. 36). Nach intensiven Dialektanalysen Schiewer (1996) S. 38–51. Zu Spuren franziskanischer Provenienz vgl. ebd. S. 63–71. Daß sich für »diese individuelle Gebrauchsschrift« nach Schneider (1987) S. 252 Anm. 197 (Zitat ebd. S. 252) teilweise Parallelen in Freiburger Urkunden des Zeitraums von 1290–1300 finden, würde die Datierung in die Zeit um 1290/1300 bestätigen. Allerdings stimmt keine der Freiburger Urkundenhände (Nachweise und Abbildungen im Freiburger Urkundenbuch) direkt mit den Händen der Predigtsammlung überein. Die von Schiewer zusammengetragenen Dialektmerkmale sprechen sogar eher gegen eine Lokalisierung der Handschrift nach Freiburg.

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liegenden Handschrift Gr auch unmittelbar nach ihrer Entstehung als solches genutzt wurden.«93 In diesen schwäbisch-franziskanischen Kontext gehört auch der ›Baumgarten geistlicher Herzen‹ (BgH). Diese als Handbuch konzipierte offene Sammlung mit z.T. über 200 Einzeltexten war nur wenige Jahre zuvor im Kreise der Mitbrüder bzw. Schüler Davids von Augsburg »im Zusammenhang mit der franzisk. Frauenklöster-Seelsorge« entstanden.94 Predigten, Traktate, Gebete uvm. fügen sich zu einem umfassenden Kompendium für die geistliche Seelsorge, wobei viele Anreden und spezielle Anweisungen Nonnen ansprechen. Besonders deutlich treten solche Momente in den Kapiteln 74 Daz ist ganziv guter geistlicher lawt ler (BgH 257–261) und 142 Wie wir rehte demvt werden (BgH 351–354) hervor.95 Eine erste Korpushandschrift96 und vielleicht die Reste einer zweiten97 sind noch aus der letzten Dekade des 13. Jahrhunderts überliefert.98 Auch als vorzügliche Materialsammlung hatte sich der ›Baumgarten‹ schnell etabliert. Größere Partien fanden um 1300 Eingang in zwei umfassende Predigt- und Traktatsammlungen.99 Diese beiden Karlsruher Sammelhandschriften vereinen älteres Predigtmaterial unter anderem aus den ›St. Georgener Predigten‹ und aktuelle franziskanische Texte Bertholds von Regensburg und Davids von Augsburg. Auffällige Differenzen bei der Gestaltung der beiden Korpus- und der beiden Rezeptionshandschriften deuten auf unterschiedliche Nutzungszusammenhänge: Die Karlsruher Rezeptions-Bändchen entsprechen dem Typus der ausgesprochen kleinformatigen (Blattgröße 12 x 9 cm bzw. 9,3 x 6,8 cm),

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Schiewer (1996) S. 73. Unger (1969). Unger (1978) Sp. 643f.; Unger (1969) bes. S. 7 (zugleich Ausgabe des BgH). Zu beiden Kapiteln und ihren frauenspezifischen Textpassagen vgl. detailliert Stöckerl (1914) S. 258f., 261, der aber S. 258 Anm. 3 auf einige dezidiert an Männer gerichtete Stellen hinweist. München, BSB, Cgm 6247. Vgl. Schneider (1987) S. 254–256 (dazu Abb. 154). Wien, ÖNB, Cod. Ser. nova 3587. Vgl. Menhardt (1960/61) S. 1495 u. Mazal/Unterkircher (1967) S. 134f. Häufiger kopiert und rezipiert wurde auch diese Sammlung erst im 14./15. Jahrhundert. Weitere Korpushandschriften (mit z.T. stark variierendem Textbestand) aus dem 14./15. Jahrhundert befinden sich in München, BSB, Cgm 210, 354 , 400; Basel, UB, Cod. A IV 45 und Heidelberg, UB, Cpg 567; vgl. Unger (1978) Sp. 643. Darüber hinaus haben einzelne ›Baumgarten‹-Passagen Eingang in viele Sammlungen mit franziskanischem Hintergrund gefunden. Typisch ist die Verbindung mit Werken Davids von Augsburg und Bertholds von Regensburg. Hier sei exemplarisch auf den fast 300 Blätter starken Münchner Cgm 176 verwiesen: Die nord- bzw. ostmittelbairische Sammlung aus dem frühen 14. Jahrhundert (Schneider 1987, S. 254) enthält neben dem ›Baumgarten geistlicher Herzen‹ Texte von David von Augsburg (Korpus-Handschrift) und Berthold von Regensburg (detaillierte Beschreibung Schwab, 1971, S. 11–17). Vom Typ gehört der Kodex zu den ganz kleinformatigen (Blattgröße 10,6 x 8,4 cm), von den Seelsorgern intensiv genutzten Gebrauchshandschriften (starke Gebrauchsspuren). Verschiedene Textpassagen, wie z.B. einige Berthold-Predigten (Überlieferungsgruppe *Z), die sich direkt an Nonnen wenden, deuten auf ein weibliches Umfeld. Karlsruhe, BLB, Cod. St. Georgen 37 u. 38. Vgl. Längin (1894/1974) S. 6–9, 139f.

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einspaltigen, sehr einfachen, wohl von den Predigern/Seelsorgern privat (?) genutzten Gebrauchshandschrift im Taschenformat. Zu einem solchen Nutzungshorizont paßt, daß St. Georgen 38 über einen längeren Zeitraum immer wieder ergänzt und um neue Texte erweitert wurde.100 Die Vermutung von Längin und Fechter, daß St. Georgen 37 »wohl in einem oder für ein Nonnenkloster« angefertigt wurde,101 läßt sich allerdings nicht beweisen. Die beiden ›Baumgarten‹-Korpushandschriften sind dagegen deutlich aufwendiger gestaltet (Blattgröße 18 x 13,5 cm bzw. 22 x 16,5 cm) und im Fall des Wiener Fragments sogar zweispaltig eingerichtet. Sie waren vermutlich wie die ›Schwarzwälder Predigten‹ Gr als Handbücher, vielleicht als Klosterbibliotheksexemplare gedacht, und zumindest bei Cgm 6247 scheint es ein Frauenkloster gewesen zu sein, denn dem Kodex fehlen einige der sonst überlieferte Passagen mit männlichen Attributen (BgH Kap. 118g, 118i, 118k), wohingegen die Frauenpassagen (BgH Kap. 74 und 142) vollständig enthalten sind. II.1.2. Monastisches Schrifttum II: Ordensregeln Die zur Grundausstattung jeden Klosters gehörenden Ordensregeln wurden, sieht man von wenigen alt- und mittelhochdeutschen Ausnahmen ab, nicht anders als die Predigten bis in das Spätmittelalter hinein in der Verkehrssprache der Kleriker: in Latein, aufgezeichnet.102 Zahlreiche lateinische Regelhandschriften erhielten allerdings im Laufe ihrer oft vielhundertjährigen Nutzungsgeschichte marginal oder interlinear ergänzte volkssprachige Interpretamente. Gelegentlich übersetzte man auch größere Passagen. Vermutlich reagierte man mit solchen Einträgen und Teilübersetzungen ad hoc auf Probleme beim Verständnis komplizierter Begriffe oder Sentenzen. Eine nach 1255 im Zisterzienserkloster Kamp entstandene lateinische Benediktinerregel wurde wohl aus diesem Grund im 14. Jahrhundert partiell niederrheinisch glossiert (Tafel 28).103 Vollständig volkssprachige Regeltexte benötigte man im lateinisch-klerikalen Milieu der Klöster jedoch prinzipiell nicht. Wenn 100

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Die Ergänzungen wurden bis ins 14. Jahrhundert zunächst von der Schreiberhand, später von anderen Händen fortgeführt. Einträge stammen von jüngeren Händen des 14./15. Jahrhunderts. Auch wurde später ein lateinisches Bruchstück eines Officium Defunctorum hinzugebunden (Bl. 133–134). Längin (1894/1974) S. 6; Fechter (1976) S. 72 (Zitat); vgl. die detaillierte Handschriftenbeschreibung von Söller (1987) S. 74–82, zur Vermutung ebd. S. 74. Die Befunde im französischen Sprachraum scheinen identisch. Volkssprachig-französische Regeln bleiben bis ins ausgehende 13. Jahrhundert ebenfalls eine seltene Ausnahme; vgl. Inventaire N° 2162–2168. Inhalt, Aufbau, Nachträge (Wahlritus, nekrologische Einträge, Exkommunikationsformel, Forma visitationis) und Benutzerspuren lassen deutlich den fortwährenden Gebrauch des Kodex erkennen. Zumindest im 15. Jahrhundert dürfte sich der Kodex in einem Frauenkloster (vgl. die Nekrologeinträge) befunden haben; zu den Büchern des Klosters Kamp vgl. Kottje (1998) S. 28–34 und speziell zur Regelhandschrift Buchmalerei der Zisterzienser (1998) Nr. 50.

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dennoch im beginnenden 13. Jahrhundert erste Vollübersetzungen entstehen, weist dies auf sich verändernde Rezeptionsbedingungen: Die mittelalterliche Gesellschaft wird von ungemein dynamischen Frömmigkeitsbewegungen erfaßt, die in zahlreichen, oftmals zisterziensischen Klostergründungen ihren Ausdruck finden. Mehr noch als die Männer sah man die Frauen in einer Vorreiterrolle. Und anders als in den Männerklöstern war es in vielen Frauenklöstern schon früh üblich – wohl wegen eines insgesamt geringeren Bildungsniveaus – auch die Volkssprache für die Fixierung und die Vervielfältigung von geistlich-pragmatischem Schrifttum zu nutzen. Zahlreiche mehr oder weniger mit volkssprachigen Texten, Anweisungen, Kommentaren oder Interpretamenten durchsetzte bzw. später sogar rein volkssprachig aufgezeichnete Gebetbücher/Psalterien, Predigtsammlungen, Psalmenkommentare und Bibel(teil)übersetzungen (s.u. Kap. II.1.4.1) sind ebenso wie viele lateinisch-deutsche bzw. vollständig deutsche Regelhandschriften mit weiblichen Religiosen in Verbindung zu bringen. Dies gilt auch für die älteste erhaltene volkssprachige Regel, die sog ›Zwiefaltener Benediktinerregel‹. Schneider vermutet, daß die Regelhandschrift wie zwei weitere etwa gleichzeitige südwestdeutsche (ostalemannische) Handschriften mit dem ›St. Trudperter Hohelied‹ (Wien, ÖNB, Cod. 2719) und Notkers Psalmenübersetzung (St. Paul im Lavanttal, SfB, Cod. 905/0) »in Klosterskriptorien zum Gebrauch für Ordensfrauen« entstanden war.104 Ob die im fortschreitenden 13. Jahrhundert dann zahlreicher überlieferten zweisprachigen bzw. später rein volkssprachigen Ordensregeln in toto für Frauenklöster bestimmt waren, läßt sich allerdings nur in den eher seltenen Fällen sicher entscheiden, wo eine Handschrift oder ein Regeltext direkt einem Frauenorden bzw. einem Frauenkloster zuzuweisen ist. Für eine größere Zahl lateinisch-deutscher bzw. rein deutscher Bendiktinerregeln finden sich zudem kodikologische Indizien, die auf Frauenklöster hindeuten. Dies gilt für die ›Münchner‹ (München, BSB, Cgm 91) und die ›Engelberger Benediktinerregel‹ (Engelberg, SfB, Cod. 72; Tafel 29): Der Münchner Kodex dürfte nach den bei Klemm zusammengetragenen kodikologischen und kunsthistorischen

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Schneider (1987) S. 105–107. Stuttgart, WLB, Cod. theol. et phil. 4° 230. Diese älteste komplett erhaltene deutsch interlinierte Benediktinerregel wurde während des ersten Viertels des 13. Jahrhunderts in einem Zug als zweisprachiges Exemplar angelegt. Lateinischer Text und deutsche Interlinearübersetzung stammen trotz unterschiedlichen Schriftniveaus von einer Hand. Ob es sich bei diesem Skriptorium um den frühen Aufbewahrungsort Zwiefalten handelte, läßt sich allerdings nicht mit Sicherheit sagen. Der Schreibdialekt würde in die Region passen, und zur relevanten Zeit existierten am Ort ein bedeutendes Männer- und ein großes, für seine strenge Zucht bekanntes Frauenkloster. Das Frauenkloster wurde im 14. Jahrhundert wieder aufgehoben. Hellgardt (1992) S. 24f. denkt im Anschluß an Selmer an eine Verwendung im »Novizenunterricht«. Interessant erscheint in diesem Zusammenhang, daß aus der »Handschrift einige Blätter entfernt wurden, deren Text sich mit den Aufgaben des Abtes befaßte« (ebd. S. 25); vgl. das Gesamtverzeichnis der dt. Ordensregeln des 13. Jh.s im Anhang 2.

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Merkmalen aus dem Benediktinerinnenkloster Niedernburg in Passau stammen.105 Der Engelberger Kodex wurde von einem Ch ?no monachus (Bl. 1v) im Auftrag des Engelberger Abts Walthers I. von Iberg (1250–1267)106 für den von ihm geförderten Engelberger Frauenkonvent angefertigt (s.u.). Generell erlangten die volkssprachigen Ordensregeln – ob in zweisprachiger oder in rein volkssprachiger Variante – während des gesamten 13. Jahrhunderts für den expandierenden Klosterbetrieb keine größere Bedeutung. Die Überlieferungszahlen blieben unbeschadet einer gleichzeitig boomenden volkssprachigen Literaturproduktion gering.107 Erhalten sind für das spätere 13. Jahrhundert neben zwei weiteren rein volkssprachigen (›Asbacher‹ + ›Admonter‹) und zwei zweisprachigen (›Engelberger‹ + ›Raitenhaslacher‹) Benediktinerregeln gerade einmal zwei Augustinerregeln, eine Zisterzienserkonversenregel, Bruchstücke einer bisher nicht identifizierten Regel eines Eremitenordens,108 zwei Klarissenregeln, eine weitere unidentifizierte Nonnenregel109 und die gemeinsam mit der übersetzten Augustinerregel überlieferten Konstitutionen des Dominikanerinnenklosters Kirchberg bei Sulz am Neckar (s. Verzeichnis Volkssprachige Ordensregeln). Ordensregeln – dies gilt uneingeschränkt auch für die Bettelorden und selbst die Frauenorden – wurden also nur in besonderen Ausnahmefällen volkssprachig aufgezeichnet. Solche Ausnahmen waren öfter gegeben, wenn ein neu gegründetes Frauenkloster mit einer Regel ausgestattet werden sollte. Rein volkssprachige oder volkssprachig interlinierte Regelexemplare sollten vermutlich die Umsetzung der Regel im neuen Konvent erleichtern. Im Zuge der großen Anerkennungswelle von Dominikanerinnenkonventen (1245) dürfte z.B. die weiblich überarbeitete Freiburger Augustinerregel samt Dominikanerinnen-Konstitutionen entstanden sein. Der Kodex (Tafel 33) wurde um die Jahrhundertmitte im Dominikanerinnenkloster Kirchberg bei Sulz angelegt.110 Die Augustinerregel gibt sich im Text eindeutig als Frauenregel zu erkennen, wenn die männlichen Bezeichnungen frater und praeposi-

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Klemm (1998) S. 286. Vgl. zu Walther Heer (1975) S. 57–63. Ein unkalkulierbarer Unsicherheitsfaktor bleibt die schwer einzuschätzende Verlustrate bei derart im täglichen Gebrauch stehenden Handschriften. Die niedrigen Überlieferungszahlen auch in der lateinischen Regelüberlieferung mahnen in jedem Fall zur Vorsicht. Göttingen, Staats- und Universitätsbibl., Hss.-Frgm., Kst. VII:4 (früher: Kst. II, Fragm. (d), aus Fasz. XVII) (2 Längsstreifen + 1 Bruchstück eines Blattes). Da Arbeit im Mittelpunkt der Regel steht, kämen vor allem Zisterzienserkonversen oder Karmeliter in Betracht. Eine Anfrage bei K. Elm (FU Berlin) ergab, daß es sich um keine der bekannten Ordensregeln handelt. Elm denkt insb. an eine kleine Eremitengemeinschaft vielleicht aus dem Umkreis der Karmeliten, doch, so Elm, »von einer Regel im klassischen Sinn würde ich nicht reden« (Brief vom 10.6.1998). München, BSB, Cgm 5250/18b (35 Falzstreifen). Die Pergamentfalze befanden sich in einer vermutlich aus einem elsässischen Frauenkloster stammenden Tauler-Handschrift des 15. Jahrhunderts; vgl. zum Trägerband Cgm 748 Schneider (1984) S. 243f. Vgl. Sack (1975) S. 133ff. und zur Lokalisierung insb. S. 147f.

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tus konsequent durch die weiblichen Formen swester und priorin ersetzt werden. Wenig später ließ Abt Walther I. von Iberg für den Engelberger Frauenkonvent wahrscheinlich sogar anläßlich der Weihe der ersten Kirche des Frauenklosters im Jahr 1254 111 von einem seiner Mönche die lateinisch-deutsche ›Engelberger Benediktinerregel‹ anfertigen. Im Dedikationsvers vor der Regel heißt es dazu: Abbas Waltherus hoc fecit nempe volumen. Quo circa petimus, capiat celeste cacumen. Walther hatte den Kodex für den von ihm geförderten Engelberger Frauenkonvent bestimmt – darum wohl auch die ungewöhnliche abschnittsweise Übersetzung der lateinischen Regel. Als Empfängerin wird G 7tha, die Meisterin des Konvents, genannt. Die außergewöhnliche Pracht der Handschrift und die sowohl in den Dedikationsversen schriftlich als auch in der aufwendigen Eingangsinitiale (Tafel 29) der Regel bildlich dokumentierte Entstehungsgeschichte der Handschrift112 zeigt, welche Bedeutung Abt Walther diesem Buch beimaß. Die Regelhandschrift war wohl als Teil der fundierenden Grundausstattung des Frauenklosters gedacht. Auch die Regensburger und Würzburger Klarissenregeln scheinen in vergleichbaren Interessenkonstellationen entstanden zu sein: Die Regensburger Klarissenregel (Regensburg, Bibl. des Klarissenklosters, verschollen) wurde im Zusammenhang mit der Gründung des dort im Jahr 1286 gegründeten Klarissenklosters aufgezeichnet.113 Geschrieben wurde die Regelhandschrift allerdings in Augsburg,114 von wo sie dann vermutlich zur Ausstattung der Neugründung nach Regensburg gelangte. Im Regensburger Klarissenkloster verblieb der Regelkodex schließlich bis in die Neuzeit. Er wurde dort in den folgenden Jahrhunderten intensiv genutzt. Das kleine, einspaltig eingerichtete Bändchen zeigt nach Schönbach »die deutlichsten Spuren sehr langen und starken Gebrauches.« Noch im 14. und 15. Jahrhundert nahm man zahlreiche Korrekturen bzw. Aktualisierungen im Text vor.115 Abgesehen von wenigen fundierenden und deshalb aufwendiger gestalteten volkssprachigen Exemplaren erweist sich bei der Anlage volkssprachiger Regelhandschriften von den frühesten Anfängen im beginnenden 13. Jahrhundert bis über das 14. Jahrhundert hinaus ein bereits in der lateinischen Regeltradierung des 11./12. Jahrhunderts bewährtes, pragmatischen Gesichtspunkten verpflichtetes Einrichtungs- und Gestaltungsmuster als maßgeblich: Erhalten sind nahezu ausschließlich einspaltige, schmucklose, klein- und kleinstformatige (Blattgröße 15–18 x 10–13 cm), aber sauber, z.T. sogar in Textura (›Asbacher Benediktinerregel‹) geschriebene Kodizes mit klar durch Initialen, Majuskeln, Rubriken und Kapitelüberschriften gegliederten Inhalten. Einzelne

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Heer (1975) S. 57. Vgl. Schneider (1987) S. 183f. u. Bruckner (1950) S. 62f. Datierung nach Schönbach (1909) S. 2: gegen Ende des 13. Jahrhunderts. Dialektanalyse bei Schönbach (1909) S. 44–49. Vgl. Brett-Evans (1960) S. 137. Abdruck bei Schönbach (1909) (Zitat S. 2).

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Regeln, manchmal sogar Stichworte, ließen sich so schnell und sicher auffinden. Daß gerade die Aspekte gute Nutzbarkeit und klare Gliederung bei der Gestaltung der Handschriften von elementarer Bedeutung waren, belegt vielleicht am eindrücklichsten die an sich sehr flüchtig, von einem versierten Schreiber in einer eiligen halbkursiven Gebrauchsschrift angefertigte Münchner Benediktinerregel (München, BSB, Cgm 90; Tafel 30).116 Trotz des niedrigen Schriftniveaus ist auch dieser Kodex auffällig klar und sorgfältig durch Überschriften, Rubriken und Majuskeln gegliedert. Merkwürdig mutet an, daß der deutsche Regeltext nur auf Bl. 1r von der Hand des Schreibers eine lateinische Interlinearübersetzung erhielt. Angesichts der durchgehend großen Zeilenabstände könnte zwar eine komplette Interlinearübersetzung geplant gewesen sein, auf den übrigen Blättern dienen die Freiräume jedoch zur Glossierung bzw. Kommentierung (lateinische und deutsche Glossen) komplizierter oder strittiger Begriffe. Daß erst in den letzten Jahrzehnten des 13. Jahrhunderts zweispaltige Regelhandschriften mittlerer Großformate (Blattgröße 23–25 x 15–16 cm), wie sie für die volkssprachige Buchkultur längst gang und gäbe waren, in Mode kommen (›Admonter‹ und ›Engelberger Benediktinerregel‹), dürfte pragmatische Gründe gehabt haben. Die modernen Buchformen boten für die intendierte Nutzung der Ordensregeln in der klösterlichen Gemeinschaft längst nicht die einrichtungstechnischen Vorteile, wie man sie bei den paarweise gereimten Epen, den (Reim-)Chroniken oder der Lyrik beobachten kann. Die fortlaufenden Regelprosatexte dürften sogar in einspaltigen Kodizes besser les- bzw. nutzbar gewesen sein als in zwei- oder mehrspaltigen Exemplaren. Zudem setzte zweispaltige Einrichtung, sollte sie bei einem Fließtext überhaupt Vorteile erbringen, recht große Formate voraus. Ordensregeln mußten als Handbücher für den alltäglichen Gebrauch aber klein, handlich sowie vor allem gut lesbar und klar gegliedert sein. Exkurs: ›Deutschordensregeln und -statuten‹ Im Deutschen Orden gehörten anders als im Kloster die volkssprachigen Regeln – überwiegend in deutscher (s. Verzeichnis Volkssprachige Ordensregeln), selten auch in niederländischer oder französischer Sprache117 – zum normalen Ordensalltag. In Latein wurden die Regeln nur in seltenen Ausnahmefällen (Perlbach S. X–XII beschreibt drei lateinische Handschriften aus dem 14./15. Jahrhundert) aufgezeichnet. Die Gründe sind in der Struktur der Ordensgemeinschaft zu suchen: Eine große Zahl von Ritterbrüdern sowie nahezu alle Sariant- und Laienbrüder waren des Lateins nicht mächtig. Bei den vorgeschriebenen Regellesungen wären sie vom Verständnis der zentralen Ordensinhalte ausgeschlossen gewesen. Dieses heterogene Bildungsniveau innerhalb des Ordens erklärt, warum die volkssprachigen Regeln wie volkssprachige Legenden, Bibeldichtungen und Ordenschroniken schon im 13. Jahrhundert zur Ordenspraxis gehörten. Sie sollten von a l len Ordensbrüdern verstanden 116 117

Vgl. Schneider (1987) S. 233f. Vgl. Grundmann (1978).

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werden. Beim Deutschen Orden sind es deshalb die nach innen wirkenden Texte, die in der Volkssprache aufgezeichnet werden. Für die nach außen wirkenden, offiziellen Rechtstexte und das Verwaltungsschrifttum (Urkunden) bevorzugte man demgegenüber das Latein. Die entsprechenden Ressourcen waren vorhanden. Alle Priesterbrüder und viele Ritterbrüder waren lateinkundig.118 Pragmatische Erwägungen bestimmten aber nicht nur den für innen (Deutsch) und außen (Latein) unterschiedlichen Schriftsprachgebrauch, sondern auch die Gestaltung der Handschriften. Bei der Herstellung seiner Regel- und Statutenhandschriften vertraute der Orden auf einen Buchtyp, wie er sich in der Rechts-, Regelund Statutenüberlieferung allgemein bewährt hatte: Die einspaltige, kleinformatige, aber sehr sorgfältig geschriebene und durch farbige Majuskeln klar gegliederte ›Gebrauchshandschrift‹. Wie ein Prototyp für die gesamte Regelüberlieferung des späten 13. und 14. Jahrhunderts nimmt sich bereits die älteste119 erhaltene Ordensregel (Berlin, SBB-PK, Ms. Boruss. oct. 79) aus: Der kleinformatige Kodex (Blattgröße 12,5 x 8,5–9 cm) ist einspaltig mit regelmäßig 14 Zeilen pro Seite eingerichtet. Das Schriftniveau aller beteiligten Hände (mindestens 2 oder 3) ist hoch, das Pergament von ausgesprochen guter Qualität. Für die Gliederung des Inhalts verwendet man ein hoch entwickeltes System von zweifarbigen Fleuronneéinitialen, abwechselnd blauen und roten Abschnittslombarden und roten Überschriften. Die jeweils auf den Versoseiten eingetragenen Blattzahlen (Beginn der Regel Bl. 22v = I; Ende Bl. 206v = CLXXXII) korrespondieren mit einem zeitgenössischen Register auf Bl. 208r –224r. Der Regel samt Nachträgen und Zusätzen gehen ein Kalendar (Bl. 2r –14v) und ein kurzer Abriß zur Ordensgeschichte (Bl. 15r –22r) voraus. Der Band erscheint damit von der Gestaltung und den Inhalten optimal für die Nutzung als Vorlese- und Nachschlageexemplar aufbereitet.120 Bis ins 14. Jahrhundert hinein hielt der Deutschorden an dieser Gestaltungspraxis fest.121 Die entsprechenden Anforderungen an die Schreiber sind in einem Passus der Ordensgesetze eigens festgehalten: 27. Daz man die regelen und die gesetzede rehte schrîbe Wir setzen ouch, daz sô kein brûder die regelen oder die gesetzede heizet schrîben, daz er des s or c v e l d i c sî, daz man sie r e ht e s c h r î b e u nd r i ht e ... (Perlbach S. 74, 7–12) (27. Dass man die Regeln und Gesetze richtig/genau/zutreffend schreibe: Wir ordnen auch an, daß, wenn ein Ordensbruder befiehlt, die Regeln oder die Gesetze

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Vgl. Grundmann (1978) S. 113f., 117ff. Nach einem Eintrag auf Bl. 225r: Diz ordenb Gch wart geschrieuen / do iz waren von der geburte vnsers / herren Jhesu Christi D Gsent vnde zwei hun / dert vnde sehzich vnde vier iar / an sente Remigis tage (= 1. Okt. 1264), dürfte es sich bei dem Berliner Exemplar um die älteste erhaltene Deutschordensregel handeln. Paläographische Auffälligkeiten lassen zwar gewisse Zweifel an der auf einem sonst leeren Blatt – wohl von der 2. Haupthand – im Kodex eingetragenen (nachgetragenen?) Datierung aufkommen. So sprechen die vielen modernen Schriftmerkmale (einfaches, durchstrichenes z; doppelstöckig-geschlossenes a; viele Buchstabenverbindungen) eher für das letzte Viertel des 13. Jahrhunderts, scheinen aber für einen hochmodernen Kodex des dritten Jahrhundertviertels nicht undenkbar. Insgesamt erinnert der Band an gleichzeitige Psalterhandschriften. Aus dem letzten Viertel des 13. Jahrhunderts sind dann schon zahlreiche, nahezu identisch eingerichtete Regelhandschriften erhalten; zur Überlieferung vgl. Perlbach (1890) und detailliert zu den frühen Handschriften Burmeister/Wolf (1998) S. 54–58 (mit Abbildungen).

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zu schreiben bzw. zu kopieren, er seine besondere Sorgfalt darauf verwendet, daß man sie richtig aufschreibt und einrichtet ...) Variationsspielräume lassen sich nur bei der Ausstattung erkennen: Einige Kodizes sind mit vielzeiligen, fleuronnéegeschmückten Eingangsinitialen und farbigen Gliederungsmajuskeln versehen (Tafel 31); das Schriftniveau reicht bis an die Textura heran (Wien, DOZA, Hs. 701, Tafel 31; Berlin, SBB-PK, Ms. Boruss. oct. 79; Tafel 31122). Vermutlich haben wir es hier mit Exemplaren zu tun, die nicht allein für die vorgeschriebenen regelmäßigen Lesungen,123 sondern zugleich für die Repräsentation gedacht waren. Andere Exemplare sind geradezu spartanisch einfach gestaltet (Wien, DOZA, Hs. 709124).

Ähnlich kostbare Regelhandschriften sind unter den volkssprachigen Regelexemplaren geistlicher Orden selten, kommen in der lateinischen Regeltradierung allerdings häufiger vor. Sie waren, wie der mit reichem Initialschmuck versehene Münchner Clm 4567 (vereinigt die Regel und Vita des hl. Benedikt), als Dedikations- oder Repräsentationsexemplare konzipiert oder spielten, wie die Zwettler Abschrift des zisterziensischen Normkodex von 1173 (Zwettl, SfB, Cod. 84), eine besondere Rolle in der Geschichte des Klosters. Die genannten Regelhandschriften gehörten zu den wertvollsten Schätzen der Klöster. Man hatte für sie deshalb entsprechend kostbare Buchkörper gewählt. In den Status solch wertvoller Repräsentationsobjekte rückten volkssprachige Regeln allerdings nur in besonderen Einzelfällen auf. Allenfalls die in Textura geschriebene ›Asbacher Benediktinerregel‹ und die ›Engelberger Benediktinerregel‹ (Tafel 29) lassen Momente einer solchen Statusfunktion erkennen. Prinzipiell waren die volkssprachigen Regelhandschriften jedoch für den Alltagsgebrauch gedacht und dementsprechend funktional-einfach gestaltet. Typisch sind die einspaltige Einrichtung, die wenigen Schmuckelemente, die saubere Textualis, hierarchische Gliederungselemente und das kleine Format mit Blattgrößen von 14 x 10 cm (Hohenfurt) bis maximal 18 x 13,5 cm (Freiburg; Tafel 33). Typisch sind auch deutliche Niveauunterschiede zwischen eher aufwendigeren lateinischen (Tafel 28) und eher einfacheren, schmucklosen volkssprachigen Varianten (Tafel 32–33).

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Burmeister/Wolf (1998) Abb. 2. Ordensgesetze Kapitel 27: In allen hûseren sal man die regelen unde die gesetzede in dem iâre dristunt lesen in den octaven zu wînahten unde zu ôsteren unde zu der schiffunge zu des heiligen crûces messe unde in den capitelen, unde darzu in allen sunnetagen, ob ez mit vûgen mac sîn, sô sal man den brûderen ettelich teil der regelen und gesetzede lesen (Perlbach, 1890, S. 74, 12–19). Ähnliche Leseregeln finden sich in den 1264 erlassenen gesezzede van u°ver mer. Hier fehlt allerdings der in Kapitel 27 vorausgehende Passus zur sorgfältigen Anlage der Handschriften (Perlbach, 1890, S. 134, 19–23). Burmeister/Wolf (1998) Abb. 6.

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II.1.3. Monastisches Schrifttum III: Schul- und Wissenstexte Ein weiteres Einfallstor für die Volkssprache in das klerikal-lateinische Schriftwesen war der klösterliche Lehrbetrieb, obwohl auch hier das Latein selbst im Elementarunterricht dominierte. Die überwiegende Zahl der Schulhandschriften enthält rein lateinische Texte mit lateinischen Kommentaren, Konstruktionshilfen und lateinischen Glossen. Volkssprachige Glossen oder größere volkssprachige Übersetzungspassagen sind selten.125 In größerem Stil eingesetzt hat die Volkssprache zuerst Notker. Doch anders als bei Notker, der selbst den Lehrbezug vieler seiner bilingualen Texte heraushebt, ist bei den meisten bilingualen Textensembles des 8.–13. Jahrhunderts ein schulischer Nutzungskontext nicht nachzuweisen. Interlinear ergänzte Übersetzungen oder Interpretamente und glossierte Fachausdrücke lassen dies zwar in einigen Fällen vermuten, doch gerade bei pragmatischen Spezialtexten (Naturkunde, Medizin) sowie theologischen und philosophischen Abhandlungen wäre eher an versierte Kleriker zu denken, die Unklarheiten für sich und andere Nutzer beseitigen oder kommentieren wollten. In das Zentrum des klerikal-lateinischen Ausbildungs- und Wissenschaftsbetriebs vermochte die Volkssprache nicht vorzudringen. Sie war dort auch nicht notwendig, denn ausreichende Lateinkenntnisse erwarb man schon im Elementarunterricht am Psalter. Nach Notkers ersten Initiativen im Lehrbetrieb schien sich um 1060/70 ein grundsätzlicher Wandel anzubahnen. Willirams ›Hohelied‹-Paraphrase samt zweisprachigem Begleittext öffnete den Wissenschaftsbetrieb erstmals großflächig für die Volkssprache. Williram hatte den lateinischen Bibeltext im Stile wissenschaftlich-lateinischer Bibelkommentare mit einem lateinischen und zusätzlich mit einem volkssprachigen Begleittext versehen.126 Zielpublikum waren nach seinen Ausführungen die doctores (Opusculum hoc, quamdiu uixero, doctoribus emendandum offero, Hohelied-Prolog 42f.) – also keinesfalls ein laikales Hofpublikum.127 In dem intendierten Umfeld war Willirams dreigliedrig-zweisprachiges Konzept – zunächst – erfolgreich. Seine ›Hohelied‹Version avancierte in einer von einer tiefen ›Hohelied‹-Begeisterung durchdrungenen Zeit zu einem weit verbreiteten Standardwerk und zu dem volkssprachig-lateinischen Erfolgstext überhaupt. Das Angebot an den Leser, das Hohelied in lateinischen Versen und deutscher Prosa aufzuschließen, wurde

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Vgl. Henkel (1988) S. 103ff. und z.B. zu Avian-Handschriften Baldzuhn (1996). Lähnemann/Rupp (2006) sprechen hier vom »gegürteten« Textkörper, d.h. der lateinische Bibeltext ist umgürtet von ihn erklärenden Paratexten. Hier ist Henkel (2003) S. 18 mit Nachdruck zuzustimmen, wenn er feststellt, daß Williram »eindeutig mit einer ausgebildeten lateinischen Sprachkompetenz auch bei den Lesern der deutschen Paraphrase« rechnete. »Zweisprachigkeit implizierte hier nicht Übersetzung, sondern den Wechsel des sprachlichen Mediums mit dem Zweck, die (sicher monastische) ruminatio des einzelnen Verses durch den Sprachwechsel zu verstärken und so die Auseinandersetzung mit dem ›Canticum‹-Text zu intensivieren«.

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gerne angenommen.128 Gärtner verzeichnet allein 16 Handschriften des 11. und 12. Jahrhunderts.,129 was rund einem Drittel aller Textzeugen mit umfangreicheren deutschen Passagen dieses Zeitraums entspricht. Gerade die älteren, ausgesprochen sorgfältig geschriebenen und betreuten Handschriften bewahren das von Williram entworfene Layoutsystem nahezu authentisch, was nur Sinn machte, wenn die versierten Schreiber ebenso wie ihre Adressaten mit der außergewöhnlich anmutenden zweisprachigen Konzeption etwas anzufangen wußten. Im fortschreitenden 12. Jahrhundert wurde das System in vielen Manuskripten aufgelöst. Zerfaß vermutet, daß »die von Williram propagierte vermittelnde Instanz wenig realitätsnah gewesen sein [muß]. Als notwendig erachtet wurden Texte, die eindeutig der einen oder anderen Funktion zuzurechnen waren: lateinische Hexameter den doctores, volkssprachige Prosa den auditores«.130 Der Erklärungsversuch überzeugt allerdings nicht, denn das zweisprachige Konzept wird auch nach der Auflösung des dreispaltig-synoptischen Textsystems bis ins ausgehende 12. Jahrhundert beibehalten. Sogar die Mischprosa – jetzt allerdings teilweise deutsch glossiert – bleibt noch lange erhalten. Erst im 13. Jahrhundert geht man daran, die deutschlateinische Mischprosa durch Glossierung oder Vollübersetzung zu beseitigen (s.u. Kap. I.1.2).131 Der wahrscheinlich wichtigere Grund für die Zerschlagung dürften deshalb schreibtechnische Probleme gewesen sein: Das dreigliedrigzweisprachige System erwies sich für ›einfache‹ Schreiber als kaum kopierbar. Für die Neuanlage einer Handschrift mußte das Layout der gesamten Handschrift mit exakter Zeilenfolge vorausberechnet werden. Nur so wäre das Zusammenspiel der drei Textebenen gewährleistet gewesen. Nach diesem anfangs zwar erfolgreichen, letztlich aber wohl doch gescheiterten Experiment, die Volkssprache im klerikal-lateinischen Wissensdiskurs zu verankern, spielte das Deutsche im Wissenschaftsbetrieb des 12. und 13. Jahrhunderts keine Rolle mehr,132 was aber nicht heißt, daß in diesem Umfeld nicht auch vereinzelt volkssprachige Texte aufgezeichnet wurden. Dezidiert

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Vgl. speziell zu diesem Aspekt Henkel (2003) S. 16. Gärtner (1988) u. (1999). Insgesamt sind 46 Williram-Handschriften (davon 28 mit dt. Text) bekannt. Willirams Wirkung blieb nicht auf sein eigenes Werk beschränkt. Das ›St. Trudperter Hohelied‹ übernimmt z.B. seine Bibelübersetzung und Teile des Kommentars. Zerfaß (1995) S. 207. Dagegen spricht auch, daß zweisprachige Textensembles bis weit ins 13. Jahrhundert im gesamten geistlichen Bereich zur Tradierungsnormalität gehören. Ein gewisses Interesse an der Volkssprache scheint also selbst bei den lateinisch gebildeten doctores, sicher aber bei den vielen ›einfachen‹ Geistlichen latent wirksam geblieben zu sein. Gärtner (1988) S. 13f. (Gruppe C). Älteste Handschrift dieses Typs ist der im 1. Viertel des 13. Jahrhunderts entstandene Discissus Bux/T (Berlin, SBB-PK, Hdschr. 197 + München, BSB, Cgm 5248/9 Nr.1, 2). Nach Williram wurde bis über das 13. Jahrhundert hinaus kein weiterer Versuch unternommen, das im lateinischen Wissenschaftsbetrieb (insb. bei der Bibelexegese) weit verbreitete mehrspaltige Kommentarsystem auch für die volkssprachig-deutsche Literatur nutzbar zu machen. Völlig anders stellt sich die Situation in der frz. Literatur dar.

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in Richtung Studium/Universität weist z.B. der um 1200 angelegte Züricher Sammelkodex ZB, Cod. C 58: Grob gegliedert ist die heute noch 185 Blätter umfassende, bilinguale Sammlung in einen Artes- und einen theologischen Teil. Der Artes-Teil bietet ein breites Spektrum von Textmustern (Gedichte, Epitaphien, Anthologien, Sentenzen, Verse aus Ovid, Horaz, deutsche Sprüche etc.), theoretischen Grundlagenwerken (Ars epistolandi, Priscian), medizinischer Fachliteratur (Reste eines Kräuterbuchs, ›Arzenîbuoch Ipocratis‹ mit dem Spruch Contra rehin), Natur- und Weltkunde (›Summarium Heinrici‹), juristischen Ausführungen und Wörterverzeichnissen. Im theologischen Teil finden sich u.a. Bibelkommentare, -auslegungen, -auszüge, lateinische und deutsche Predigten, eine Paternoster-Auslegung, Evangelienkommentare, Hymnen, Sequenzen und deutsche Gebete.133 »Der gesamte Kodex stammt von einem einzigen Schreiber, in dem wohl auch der Sammler und erste Besitzer zu sehen ist.« 134 Bei diesem Sammler handelte es sich um einen deutschen Kleriker, der zwar nicht professionell mit dem Schreibbetrieb verbunden war, aber intime Kenntnisse des lateinischen Schriftwesens hatte. Seine Schrift zeigt einerseits »sehr eigenartige, individuelle« Merkmale,135 andererseits ist der Kodex nach allen Regeln der Kunst zweispaltig eingerichtet, durchdacht gegliedert und mit zahlreichen Abbreviaturen versehen. Schneider macht zudem auf moderne Schriftkriterien aufmerksam. Zu nennen wären etwa die rechtsschrägen feinen Zierstriche, die Tendenz zu festen, engen Wortblöcken. Demgegenüber fehlen gotische Elemente. Wenn Voetz im Rückgriff auf Jak Werner die Vermutung aufstellt, daß die Handschrift »im ganzen als Frucht der wiederholten Studien« eines deutschen Klerikers aufzufassen ist, »der in Frankreich studierte«,136 könnte damit ein Schlüssel zu dieser Sammlung gefunden sein. Möglicherweise entstand sie als individuelles Lern- und Wissenskompendium, als Nachschlagewerk, alltäglicher Ratgeber und Praxisanleitung. Einen späteren Einsatz im klösterlichen Lehrbetrieb würde dies nicht ausschließen. Der Züricher Sammelkodex bleibt aber eine Ausnahme. Lateinisch-deutsche Textensembles auf vergleichbar hohem Inhaltsniveau sind für das gesamte 13. Jahrhundert nicht auszumachen. In die höhere Bildung im universitären Umfeld findet die Volkssprache keinen Zugang.137 Anders sieht es mit dem Schulbetrieb im heimischen Kloster aus. Wie wir von Notker wissen, wurde dort die Volkssprache in vielfältiger Weise helfend hinzugezogen. Die Suche

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Mohlberg (1951) S. 31–33, 354; Schneider (1987) S. 23, 62f., Abb. 26, Hellgardt (1997) S. 17 und zur inhaltlichen Konzeption Hellgardt (1992) S. 30f., Hellgardt (1997) S. 40–42 u. Wolf (1996a). Ebenfalls auf das Trivium zugeschnitten erscheint die ›Summarium‹-Handschrift U (s.o.). Schneider (1987) S. 62. Schneider (1987) S. 62. Voetz (1988) S. 240. Grundlegend änderte sich dies erst im 15. Jahrhundert; vgl. Henkel (1988) S. 161–170.

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nach den einschlägigen, mit volkssprachigen Elementen durchsetzten lateinischen Schulhandschriften ergibt im 13. Jahrhundert allerdings weit weniger zählbare Resultate als noch im 11./12. Jahrhundert, wo Notkers ›Psalter‹ und seine anderen Schultexte einen wesentlichen Teil der volkssprachigen Überlieferung ausmachten. An die Schule könnte man bei den volkssprachigen bzw. volkssprachig übersetzten oder glossierten Freidank-, Cato- und Boethius-Handschriften denken: Für die frühe Freidank-Überlieferung signifikant ist die sichtbare Einbindung volkssprachiger Textelemente in geistlichlateinische Zusammenhänge. Ein sehr altes Freidank-Zeugnis findet sich z.B. in einem lateinischen Psalter (Fulda, LB, Cod. Aa 46; Abb. 2). Das dort auf Bl. 81v eingetragene Freidank-Meßgebet Got uater allir cristinheit ist allerdings auch singulär überliefert.138 Die Freidankverse im St. Galler Codex 627, im Codex Buranus und in der Londoner Handschrift weisen ebenfalls in Gebetbuchkontexte.139 In Analogie zu den ältesten Freidank-Zeugnissen wird auch der Cato zunächst in geistlich-lateinischen Zusammenhängen tradiert, und zwar in diesem Umfeld immer bilingual lateinisch-volkssprachig. Ein erster spaltenweise deutsch übersetzter ›Cato‹ (Z) ist in dem umfangreichen, überwiegend lateinischen Zwettler Cod. 357 auf Bl. 89–98 eingetragen.140 Ein unmittelbarer Schulzusammenhang ist freilich weder bei den frühen Freidanknoch bei den Cato-Handschriften nachzuweisen, obwohl das Nebeneinander von dominierendem Latein und ergänzendem Deutsch sowie die Gestaltung der Handschriften für eine pragmatische – vielleicht schulische – Verwendung der Handschriften sprechen. Auf etwaige schulische Nutzungsszenarien könnten bei den ältesten Freidank- und Cato-Textzeugen auch Gestaltung, Einrichtung und niedriges Schriftniveau hindeuten. Es handelt sich jeweils um in Textualis geschriebene, kleinformatige, weitgehend schmucklose, aber sorgfältig, aufwendig gegliederte (Zwettl) und damit für eine etwaige schulische (?) Nutzung gut erschlossene Gebrauchshandschriften.141 Die FreidankHandschriften des späteren 13. Jahrhunderts lassen dann aber völlig andere Interessenkonstellationen erkennen: Freidank findet Eingang in umfassende

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Auch später finden sich Freidankverse in Gebetbüchern. Einige Verse wurden z.B. im 14. Jahrhundert marginal in ein Seckauer Gebetbuch aus dem 12. Jahrhundert (Graz, UB, Cod. 1257) nachgetragen. Auch der Fuldaer Kodex selbst erhielt im 15. Jahrhundert weitere Freidank-Ergänzungen; vgl. umfassend zur Freidank-Überlieferung das Marburger Freidank-Repertorium http://www.uni-marburg.de/hosting/mr/mrfd/mrfdhssverz.html. Vgl. Henkel (1988) S. 91 und die entsprechenden Nachweise im Freidank-Repertorium. Henkel (1988) S. 86–89 u. 156 Anm. 11; vgl. das im Internet unter der Adresse: http:// www.rrz.uni-hamburg.de/SFB538/a7/hv.html zugängliche Verzeichnis der deutschen CatoHandschriften und Drucke (dort auch drei Abbildungen aus der Zwettler Handschrift). Vgl. dazu die Charakterisierung von Schulhandschriften durch Henkel (1988) S. 155: »Handschriften mit Repräsentationscharakter, ausgestattet mit kostbarem Initialschmuck oder Miniaturen [fehlen] in diesem Bereich. Eine anspruchslose, oft nachlässige äußere Gestaltung korrespondiert mit vielfach flüchtigen, auf rasche Fertigung deutenden Schriftzügen.«

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rein volkssprachige, von höfisch-ritterlichen Inhalten geprägte Sammelhandschriften. Wir finden Freidank in der Heidelberger ›Tristan‹-Handschrift H, in der Münchner Hartmann-Handschrift E und in der ›Wiener Kleinepiksammlung 2705‹. Diese ›höfischen‹ Freidank-Handschriften sind allesamt zwei- oder sogar dreispaltig mit abgesetzten Versen eingerichtet. Sie entsprechen damit – gemäß den dominierenden Epen im jeweiligen Sammlungsverbund – dem Typus der zu dieser Zeit modernsten Epenhandschriften. Eine Verwendung im klösterlichen Schulbetrieb scheint ausgeschlossen. Vorstellen könnte man sich allenfalls eine didaktische Funktion am Hof. Obwohl seine Werke im lateinischen Schulbetrieb eine zentrale Rolle spielten, ist auch bei den frühen Boethius-Handschriften mit volkssprachigen (Teil-) Übersetzungen ein Schulbezug eher unwahrscheinlich.142 Der einzige erhaltene schon im 13. Jahrhundert volkssprachig teilinterlinearübersetzte Boethius-Text gehört gerade nicht in den Schulkontext. Es handelt sich um ›Contra Eutychen et Nestorium‹ (‹Liber de persona et duabus naturis‹).143 Dieses Münchner Boethius-Fragment (BSB, Cgm 5250/6b) wurde Ende des 11. Jahrhunderts geschrieben und enthielt ursprünglich nur den lateinischen BoethiusText. Der extrem breite Seitenrand von über 11 cm bei einem Schriftraum von nur 16,5 x 7,5 cm (Tafel 34) läßt darauf schließen, daß wie bei vielen Boethius-Handschriften eine wissenschaftliche, d.h. lateinische Kommentierung des Textes vorgesehen war. Dazu kam es jedoch nicht. Auf dem frei gebliebenen Rand wurde mehr als ein Jahrhundert nach Fertigstellung des Kodex eine deutsche Predigtsammlung (›Alemannische Predigtbruchstücke‹) eingetragen. Der Predigtschreiber nutzte aber nicht nur das freie Pergament für seine pragmatischen Aufzeichnungen. Ihn interessierte auch der BoethiusText. Er übersetzte Teile des Textes interlinear. Der Kodex war also weiterhin im Gebrauch, vielleicht sogar unmittelbar in der seelsorgerlichen Praxis (volkssprachige Predigten!), aber kaum im Schulbetrieb. Generell konnte das Deutsche also nicht in wissenschaftliche Bereiche vordringen.144 Für solche Texte hatte sich im 11./12. Jahrhundert ein exklusiv lateinisch-hochartifizielles Layout mit vielschichtigen Gliederungs- und Kommentarsystemen herausgebildet.145 Einige der neuen Errungenschaften, wie graphisch unterschiedlich gestaltete Gliederungshierarchien, drangen im Laufe des 13. Jahrhunderts zwar in das volkssprachig-deutsche Schriftsystem vor, die Bereiche Theologie/Wissenschaft und damit die aufwendigsten Inno-

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Vgl. Palmer (1981), Henkel (1988) S. 223–225 u. Bernhard (1996). PL 64 Sp. 1344ff. = Cap. III 28–55 + III 87–IV 55 + IV 86–118. Dieser Boethius-Text wurde nicht für den Schulbetrieb genutzt. Anders stellt sich die Situation in Frankreich /England dar. Dort findet die Volkssprache schon während des 12./13. Jahrhunderts auch im Wissenschaftsumfeld breite Verwendung. Zahlreiche z.T. aufwendig frz. kommentierte oder glossierte Handschriften sind beschrieben und abgebildet bei Hasenohr (1990) S. 289–328. Vgl. grundlegend Rouse/Rouse (1982) u. Palmer (1989).

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vationen des mittelalterlichen Schriftsystems blieben aber in Deutschland für die Volkssprache tabu, und selbst die für Schulzwecke einsetzbaren lateinischdeutschen Psalter des Notker-Typs und die anderen bilingualen Schultexte Notkers verschwanden im 13. Jahrhundert aus den Skriptorien. In der klerikalen Innenwelt verliert die Volkssprache – als Schriftsprache – jetzt sogar wieder an Bedeutung. Der Lehrbetrieb macht dabei keine Ausnahme. Erst zum Jahrhundertende hin kann die Volkssprache Terrain zurückgewinnen, nun freilich in ganz anderen Zusammenhängen. Die neuen lateinisch-deutschen Mischhandschriften enthalten nun häufig private (?), mystisch orientierte Textsammlungen aus dem Bettelordenskontext. Entsprechende Sammlungen lassen sich vielfach mit der Frauenfrömmigkeit und der Frauenseelsorge in Verbindung bringen. II.1.4. Psalter und Gebetbuch Die für den internen monastischen Gebrauch relevanten Texte – dazu gehörten vor allem die nur in ihrer Außenwirkung eine volkssprachige Dimension aufweisenden Predigtsammlungen und die primär im Kontext von weiblichen Klosterneugründungen in der Volkssprache angelegten Ordensregeln – wurden im 12. und 13. Jahrhundert in der Sprache des Klerus aufgezeichnet: in Latein. Eine Veranlassung, von dieser Praxis abzuweichen, gab es lange nur in seltenen Ausnahmefällen, wenn etwa ein neu gegründetes Frauenkloster mit einer Regel ausgestattet werden sollte (Kap. II.1.2) und Predigtmuster für die Laienunterweisung oder die Frauenseelsorge (Kap. II.1.1) benötigt wurden. Anders stellt sich die Situation bei solchen geistlichen Werken dar, die für die private Andacht primär weiblicher Religiosen sowie für ebenfalls primär weibliche Rezipienten außerhalb der unmittelbaren klerikalen Sphäre konzipiert waren: Ab dem letzten Drittel des 12. Jahrhunderts entstehen zahlreiche lateinisch-deutsch,146 später häufiger auch rein deutsch angelegte Gebet- bzw. Stundenbücher, Psalterien und andere Bibel(teil)übersetzungen.147 Die große Spannbreite unterschiedlichster Ausstattungsmuster von der kostbar, ganzseitig illuminierten Prachthandschrift bis hin zu einfachen, fast schmucklosen Alltagsexemplaren läßt erkennen, wie Gebetbücher und Psalterien völlig unterschiedliche Funktionen im Rahmen des christlichen Kultus ausfüllen konnten. Sie wurden zur privaten Andacht, dem öffentlichen Gottesdienst, aber auch zur Repräsentation und zur Stiftung genutzt. Außer146

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Zunächst waren meist nur Überschriften bzw. kurze Paraphrasen und Gebetsanweisungen in der Volkssprache abgefaßt. Ochsenbein (1992) S. 49, sieht diese ›Einsprengsel‹ als Hilfen, »damit die Schwester weiß, wann und wofür der einzelne Psalm zu rezitieren sei.« Zu den höchst heterogenen Büchern, die sich unter Sammelbegriffen wie ›Psalter‹ ›Gebetbuch‹, ›Stundenbuch‹ oder ›Privatgebetbuch‹ verbergen können, vgl. etwa Thiel (1967), Ochsenbein (1988), Andachtsbücher (1992) S. 11–54, Heinzer/Stamm (1992) u. Wolf (2005).

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dem lernte man »am Psalter [...] lesen, schreiben und Latein. Die Schüler ließ man, statt sie an einer Fibel in das alte Idiom einzuführen, erst einmal Psalmen auswendig lernen: Texte, die auch für den Gereiften von Dunkelheiten voll sind [...]. Die Knaben sollten sich als erstes den authentischen Klang der heiligen Sprache aneignen, das feierliche Rezitativ, das sie passiv im Gottesdienst aufnahmen [...]. So wurde der Psalter aus einem Lese- und Andachtsbuch auch zu einem ›Studierbuch‹.«148 Grundsätzlich sind zwei Tradierungstypen zu unterscheiden: Auf der einen Seite entsteht im Umfeld der gesellschaftlichen Eliten eine Reihe kostbarster Prachthandschriften. Diese oft mit historisierten Initialen und Miniaturen149 ausgestatteten Psalterien/Gebetbücher bleiben dem Latein verpflichtet. Volkssprachige Bildbeischriften, Gebets- und Nutzanweisungen oder Gebete finden sich nur als (spätere) Ergänzungen. Sie kommentieren oder erklären die lateinischen Texte, ersetzen sie aber nicht.150 Ein zweiter Typ ist ganz pragmatischen Gesichtspunkten verpflichtet. Auf ein repräsentatives Äußeres wird nur begrenzt Wert gelegt. Charakteristisch für diese Variante des ›Alltagsgebetbuchs‹ ist ein durchaus größerer Anteil volkssprachiger Passagen, die organisch mit den lateinischen Abschnitten verbunden bzw. z.T. sogar im selben Text miteinander verschränkt sind. Bereits in althochdeutscher Zeit steht der Psalter als Bindeglied zwischen klerikaler und laikaler Welt. Die Psalmen sind Grundlage des privaten Gebets und der privaten Meditation der Kleriker. Sie spielen aber auch bei Andacht und Gebet der Laien eine zentrale Rolle. Schon damals war es selbstverständlich, daß adlige Damen im Rahmen der christlichen Kultpflichten den – meist lateinischen – Psalter lasen bzw. nutzten.151 Mit volkssprachigen Glossen versehen bzw. interlinear (teil)übersetzt wurden Psalterien jedoch nicht. Eine Ausnahme machte allein Notkers Psalterübersetzung:

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Haubrichs (1995) S. 204f. Zur Funktion des Psalters als »Lehr- und Lebensbuch des Mittelalters« vgl. zusammenfassend Lentes (1998) S. 347–351. Zur nicht allein textillustrierenden Funktion von historisierten Initialen und Illustrationen als »Mittel der Andacht« oder als »Gegenstand der andächtigen Betrachtung« vgl. Andachtsbücher (1992) S. 11f., passim, Achten (1987) S. 10ff., Largier (1999) bes. S. 262ff. u. Hamburger (1991). In Frankreich /England werden Psalterien für das höfische Publikum in gleicher Weise mit volkssprachigen Elementen aufbereitet oder mit Bibelteilübersetzungen, frz. Legenden, Heiligenleben, Liedern und Versen ergänzt (vgl. Inventaire N° 2054–2074 u. 2093f., 2098 sowie mit kleineren volkssprachigen Ergänzungen N° 2075–2091). Der ansonsten rein lateinische ›Eadwine Psalter‹ enthält zu diesem Zweck als Anhang (Bl. 275ff.) eine ganze Reihe frz. übersetzter Texte der Glaubenspraxis: Te Deum, Gloria, Pater Noster, Credo, Symbole d’Athanase; vgl. Inventaire N° 2044 u. ebd. N° 2045–2049, 2051–2053 jeweils mit einer ganz ähnlichen Konstellation von lateinischem Haupttext und glaubenspraktischen Texten in französischer oder occitanischer Übersetzung sowie speziell zu den anglonormannischen Psalter-Handschriften dieses Typs Short (1992) S. 233ff. Vgl. Haubrichs (1995) S. 50ff. u. 204ff. mit zahlreichen Beispielen.

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Zunächst nur im St. Galler Umfeld entstanden weitere, meist sparsam ausgestattete und einfach eingerichtete, klar gegliederte und z.T. mit Akzenten versehene Abschriften für den klösterlichen Schulbetrieb. Nur ein mit zahlreichen kostbar verzierten Initialen, Schmuckfiguren, zwei Miniaturen und einem artifi ziellen Gliederungssystem versehener Prachtkodex aus dem Benediktinerstift Einsiedeln (St. Gallen, SfB, Cod. 21 = R) paßt nicht in diesen Nutzungskontext: Dass man Notkers Psalterbearbeitung im Stift Einsiedeln schätzte, lassen die aufwendige Buchgestaltung und die Textqualität erkennen. Die Abschrift wurde nach der Vollendung sorgfältig durchgesehen. Zweifelhafte Stellen versah man am Rand mit einem Prüfvermerk r(equire = prüfe nach). In einem dritten Arbeitsgang wurde schließlich das gesamte Manuskript korrigiert.152 Eventuell manifestiert sich in diesem Kodex bereits eine besondere Verehrung für den berühmten Notker und sein Werk.

»Aus der reichen Überlieferung von Notkers Psalter geht deutlich hervor, daß das Werk als ein lebendiger Text [im klösterlichen Umfeld, JW] weitergereicht wurde, d.h. es wurde freizügig verändert, verkürzt, vereinfacht, angepaßt.«153 Im 12. Jahrhundert läßt das Interesse an Notkers Psalterübersetzung nach, und im 13. Jahrhundert scheint der Text aus dem Literatur- bzw. Lehrkanon der Klöster verschwunden. Obwohl einige jüngere Psalmenübersetzungen noch Notkereinflüsse erkennen lassen, war Notkers Psalter als Grundlagenwerk für den klösterlichen Lehrbetrieb aus der Mode gekommen.154 Für die Andacht, den Gottesdienst oder als repräsentatives Dedikationsexemplar erwies sich Notkers Psalterversion aufgrund der mischsprachlichen Konzeption sowieso von vornherein als sperrig. Man konnte seine mit Kommentaren und Übersetzungen durchsetzten Psalmen schwerlich rezitieren und schon gar nicht singen. Es handelte sich um Lese- bzw. Lerntexte.155 Die Bedeutung des Psalters als zentrales Element der Laienfrömmigkeit nahm allerdings weiter zu. Volkssprachige Psalterexemplare blieben neben einer schier unermeßlichen Fülle lateinischer Handschriften jedoch selten: Eine gereimte deutsche Psalter-Paraphrase überliefern die Klagenfurter Fragmente aus dem 1. Viertel des 13. Jahrhunderts.156 Vollständige Interlinearver152 153 154

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Vgl. zu diesem Verfahren Tax (1979) S. XXIIf. und die entsprechenden Vermerke in der Ausgabe ebd. Tax (1979) S. XXXIf. (Zitat S. XXX). Nur vereinzelt kopierte man Notkers Psalter noch: Während des 2. Viertels des 13. Jahrhunderts wird vielleicht in St. Gallen selbst eine stark überarbeitete Fassung erstellt (St. Paul, SfB, Cod. 905/0); vgl Tax (1979) S. XVI (= X; mit einer falschen Datierung noch ins 12. Jahrhundert) und grundlegend Schneider (1987) S. 105–107 u. Abb. 51. Hs. X bietet in abwechselnder Folge den lateinischen und den deutschen Text in unterschiedlichem Schriftgrad. Auf den groß geschriebenen lateinischen Text folgt jeweils klein die deutsche Übersetzung. Einzelne lateinische Begriffe im deutschen Text werden interlinear übersetzt. Drei weitere Bearbeitungen stammen aus dem 14./15. Jahrhundert: München, BSB, Cgm 12 , 390, 527; vgl. Schöndorf (1967) S. 40 Nr. 13–15 und speziell zum sog. ›Münchner Psalter‹ (Cgm 12) Tax (1979) S. XIX Nr. 17 (= M). Der Hinweis auf das Exemplar der Kaiserin Gisela läßt eine Verwendung als Andachtsoder Erbauungsbuch zumindest möglich erscheinen; vgl. Haubrichs (1995) S. 50 u. 210. Archiv der Diözese Gurk, Bestand der Mensalbibl. der Bischöfe von Gurk, aus Cod. XXIX e 27.

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sionen bieten die ›Trierer Interlinearversion zum Psalter‹ (um 1200; Abb. 3), die ›Leipziger Psalmen-Fragmente‹ (um 1200), das Koeppelsche Fragment (um 1200) und das Berliner Psalter-Fragment (2. Viertel 13. Jahrhundert).157 Für Gottesdienst und Andacht war die konventionelle, auf den lateinischen (Bibel-)Text konzentrierte Variante ungleich besser geeignet. Wie zahlreiche rein lateinische Psalterien etwa aus dem Besitz der Landgrafen von Thüringen,158 der Welfen,159 der Andechs-Meranier160 oder der Plantagenets161 zeigen, benötigte man in diesen höchsten Adelskreisen keine volkssprachige Übersetzung. Marginal ergänzte oder beigeschriebene volkssprachige Rubriken, Bildbeischriften, Gebete oder Gebetsanweisungen (Tafel 35) erleichterten aber vielfach den Gebrauch des Psalters. »Mittelhochdeutsche Gebetsanweisungen am Rand eines Psalms verweisen oft darauf, in welcher Situation welcher Psalm Hilfe versprach. Bestimmte Psalmen konnten z.B. gegen Krankheiten, Herzweh, schwierige Geburten, Rechtsstreitigkeiten und in der Todesstunde helfen.«162 Diese volkssprachigen Marginalien und Einträge verweisen auf einen – auch – laikalen Nutzungshorizont und die Interferenzen zwischen klerikal-lateinischer und laikal-volkssprachiger Welt. Die große Zahl lateinischer Psalterien/Gebetbücher mit volkssprachigen Ein- und Nachträgen läßt keinen Zweifel daran, daß mit einer verbreiteten, wenigstens rudimentär vorhandenen lateinischen und volkssprachigen Lesefähigkeit primär bei den frouwen zu rechnen ist. Zunächst gilt dies für eine dünne hochadlige Elite, im Verlaufe des 13. Jahrhunderts aber für zunehmend breitere Schichten. Die Dame mit dem Psalter/Gebetbuch in der Hand gehört schließlich zu den ikonographi157 158

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Berlin, SBB-PK, mgf 736, Bl. 1–4 . Weitere Beispiele bei Schöndorf (1967) S. 50ff. (4. u. 5. Gruppe) und Haubrichs (1995) S. 205f. Elisabethpsalter und Landgrafenpsalter Hermanns I. und seiner Frau Sophie; vgl. dazu Peters (1981) S. 18f., Hessen und Thüringen (1992) Nr. 234–235 (mit Abbildung eines Blattes aus dem Landgrafenpsalter), Kroos (2000) S. 48 u. Abb. 1, 32 und Wolter-von dem Knesebeck (2001). Psalterien Heinrichs des Löwen, Kaiser Ottos IV. und Mechthilds von Anhalt; vgl. Klössel (1995) und dazu die Abbildungen des Löwen-Psalters (London, BL, Lansdone MS 381) in Heinrich der Löwe (1995) D 93, des Otto-Psalters (Privatbesitz) in Klössel (1995) S. 462 und des Mechthild-Psalters (Berlin, SBB-PK, Ms. theol. lat. qu. 31) in Heinrich der Löwe (1995) E 29 u. Kroos (2000) Abb. 14. Psalterium Nocturnum der heiligen Hedwig. Daneben besaß die heilige Hedwig auch ein prachtvoll illuminiertes lateinisches Gebetbuch mit einigen deutschen Gebeten, Gebetsanweisungen, Bildbeischriften (New York, Pierpont Morgan Library, Cod. M. 739, s.u.); vgl. Suckale-Redlefsen (1998) S. 248–250 u. Abb. 155 (Breslau, UB, Cod. membr. I F 440). Kopenhagen-Psalter Mathildes (?) oder Geoffroy Plantagenets (?); Abbildung und Beschreibung in Heinrich der Löwe (1995) D 95: »Die luxuriöse Ausstattung einerseits, die Zufügung des Alphabets zwischen den Texten des Gloria und des Pater noster andererseits weisen darauf hin, daß der Psalter für einen hochgestellten jugendlichen Besitzer hergestellt wurde, der aus diesem Gebetbuch auch elementares Wissen, Lesen und Latein lernen sollte.« Suckale-Redlefsen (1998) S. 239; vgl. mit einem Nachweis von knapp 100 Handschriften dieses Typs Wolf (2005).

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schen und literarischen Grundmustern des gesamten Mittelalters.163 Massive Spuren hat der Psalter auch in der höfischen Literatur hinterlassen. In Wolframs ›Parzival‹ (Pz. 438,1, 460,25–27, 644,24), in der ›Kaiserchronik‹ (9058), in ›Flore und Blanscheflur‹ (6222f.), in Rudolfs von Ems ›Alexander‹ (14 645, 14 811), in ›Barlaam und Josaphat‹ (13 586), in Ulrichs von Etzenbach ›Alexander‹ (Anhang 1960) und in ›Salman und Morolf‹ (4,3f., 13,3, 591,5) singen, lesen und hören die Laien – meist sind es die Frauen – völlig selbstverständlich aus dem salter. Die Omnipräsenz der seltere dokumentiert schließlich Eike von Repgow in einem Erbrechtsartikel seines ›Sachsenspiegels‹. Dort heißt es im 24. Kapitel des ersten Buchs zur beweglichen Habe im Sondervermögen der Frau ausdrücklich: Si nimt ouch alliz, daz zu der gerade164 gehort, daz sint alle schaf, unde gense, [...] vingerlin unde armgolt, sappile, s e lt e r e unde alle buchere, die zu gotis dienste gehoren, die vrowen phlegene zu lesene (›Sachsenspiegel‹-Landrecht I,24 §3). (Sie erhält auch alles das, was zur Gerade gehört. Das sind alle Schafe und Gänse, […], Ringe und Armreifen, Schmuckreifen, Psalterien und alle Bücher, die zum Gottesdienst gehören. Die edlen Damen pflegen sie zu lesen.)

Wenn Eike, ein ausgewiesen guter Kenner der zeitgenössischen Verhältnisse, so explizit den Psalter hervorhebt, und nur dieses Buch nennt er mit Namen, darf man davon ausgehen, daß er hier eine allgemein verbreitete Praxis spiegelt. Für einen zweiten, privaten Gebetbuchtyp mit individuellem, semiliturgischem Sammlungsprofil werden umfangreichere volkssprachige Passagen schon im ausgehenden 12. Jahrhundert alltäglich. Das Latein behält aber auch hier eine dominierende Rolle. Rein volkssprachige Exemplare kommen erst im späteren 13. Jahrhundert in Mode. Je nach persönlichen Vorlieben, regionalen Besonderheiten und besonderen Interessenlagen variierten die Inhalte stark. Für die private Andacht konzipiert, konnten diese Gebetbücher Gebete, Meditationen, Messtexte, Traktate, allgemein liturgisches Material, Psalmen und Bibelauszüge enthalten. Ein festes Muster gab es nicht. Typisch für diese privaten Gebetbücher sind ihre kleinen bis kleinsten Formate mit Blattgrößen von manchmal kaum mehr als 10 x 5 cm. Die trotz extremer Kleinformate bisweilen ungewöhnlich kostbare Ausstattung mit mehrfarbigen Initialen sowie gelegentlich sogar Illustrationen (als Andachtsbilder konzipiert) läßt bei aller Bescheidenheit deutlich erkennen, welch hohen Stellenwert diese Büchlein der privaten Andacht für ihre Besitzer(innen) hatten. Aufwendig illustriert 163 164

Zahlreiche Belege bei Wolf (2005). Vgl. Peters (1995) S. 366–368 zur gerade (= varndes guot). Der entsprechende Rechtssatz ist z.B. in der Oldenburger Handschrift bebildert (Bl. 19r: Die gerade der wedewen bzw. der vrouwe; ebd. S. 367 Abb. 76). Nach Landrecht I,5 §2 kann auch der Sohn im Klerikerstand wie die Frauen die gerade nehmen.

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sind z.B. das Gebetbuch der Hildegard von Bingen,165 das Erlanger Frauengebetbuch166 und das ›Grazer Nonnengebetbuch‹167 – allesamt Handschriften aus der Zeit vor 1220/1230. Im fortschreitenden 13. Jahrhundert entstehen kaum noch derart kostbar ausgestattete Gebetbücher dieses ›privaten‹ Typs. Charakteristisch sind nun Handschriften im Stile der ›Serienprodukte‹ aus Wöltingerode (Tafel 36). Individuelle Züge treten zugunsten eines normierten Schrift-, Ausstattungs- und Gestaltungsmusters zurück. Die Kostbarkeit dieser Büchlein dokumentieren Rankenwerk- und Federzeichnungsinitialen. Mit den reliquienartigen Kleinodien und den prachtvollen Repräsentationsexemplaren aus dem späten 12. und frühen 13. Jahrhundert sind sie nicht mehr zu vergleichen. Wir haben es nun mit Alltagsexemplaren für einen deutlich erweiterten Kreis von geistlich Interessierten zu tun. Zur Erklärung dieser Tendenz weg von kostbaren Kleinodien hin zu einfachen Gebrauchshandschriften müssen neben soziologischen sowie rezeptions-, buch- und produktionstechnischen Entwicklungen auch die Vorbehalte verschiedener Orden gegen Pracht und Prunk berücksichtigt werden. Vor allem bei den Zisterziensern mündet die Ablehnung von Pracht und Luxus schon früh in entsprechende Verbote. Die wohl um 1148/52 von Bernhard von Clairvaux selbst initiierten Passagen in den Instituta generalis capituli apud cistercium bestimmten beispielsweise, daß die Buchschließen weder aus Gold noch aus Silber und ebensowenig vergoldet oder versilbert sein dürften (Stat. 1134,13). Die Initialbuchstaben sollten aus einer Farbe und unbebildert sein: Litterae unius coloris fiant et non depictae (Stat. 1134,80).168 Der ›Dialogus duorum monachorum‹ kritisiert wenig später die Verwendung von Gold in Zierbuchstaben.169 In den folgenden Jahrzehnten wurden die Ausführungen zur Buchmalerei und zur Initialgestaltung mehrfach präzisiert. Insbesondere das Übermaß an Bildern – superfluitas in picturis (Stat. 1231,8) – und der Gebrauch von Gold und Silber wurden gegeißelt. Freilich hielt man sich nicht immer streng an diese Regeln. Handschriften mit aufwendigen Initialen, prachtvoller Zierornamentik, ja sogar Miniaturen entstanden in zisterziensischen Skriptorien weiterhin in großer Zahl. Auf Gold und Silber verzichtete man allerdings fast immer.170

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München, BSB, Clm 935; vgl. Schneider (1987) S. 66f., 160f. (dazu Abb. 28, 89); Klemm (1978); Hamburger (1991) S. 218–226, Seidel (2003) S. 211f. und das Faksimile mit Kommentar von Schneider (1987b). Erlangen, UB, Ms. 143; vgl. Lutze (1936) S. 177–180 (dazu Abb. 90–92). Graz, UB, Cod. 287; vgl. Schneider (1987) S. 90f. (dazu Abb. 41). Vgl. Plotzek-Wederhake (1980), hier bes. S. 357 und mit neuen Datierungsansätzen Wienand (1986) S. 401 sowie Kinder (1997) S. 363f. u. Palmer (1998) S. 70f. (mit weiterführender Literatur). Palmer (1998) S. 70f. Vgl. dazu den 1156 im Kloster Aldersbach verfaßten Dialogus inter Cluniacensem Monachum et Cisterciensem de diversis utriusque ordinis observantiis . Vgl. z.B. die einschlägigen Abbildungen in Buchmalerei der Zisterzienser (1994), Palmer (1998), Wienand (1986a) Abb. I–XII u. Klemm (1998) bes. Nr. 72–85 u. 123–150.

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Für eine ganze Reihe von (Frauen-)Gebetbüchern scheinen diese Pracht geißelnden Vorschriften eine gewisse Relevanz gehabt und vor allem behalten zu haben, denn weder in den zahlreichen nach 1270 im Wöltingeroder Zisterzienserinnenkloster angefertigten Gebetbüchern171 noch in dem aus St. Thomas a.d. Kyll (bei Trier) stammenden ›Gebetbuch moselfränkischer Zisterzienserinnen‹172 (zw. 1298/1302) oder dem vermutlich aus einem südmitteldeutschen173 Zisterzienserinnenkloster stammenden Münchner Sammelbändchen Cgm 142174 (um 1300) findet sich aufwendigerer Buchschmuck. Gold, Silber und Illustrationen fehlen völlig. Diese Einzelbefunde als Ausfluß einer allgemein um sich greifenden zisterziensischen Schlichtheitsphilosophie zu verallgemeinern, wäre aber verfehlt, denn noch nicht einmal in den Zisterzienserskriptorien selbst wurden die Pracht einschränkenden Bestimmungen konsequent umgesetzt. Im gleichen Zeitraum sind beispielsweise in eben jenem Skriptorium des Wöltingeroder Zisterzienserinnenklosters mehrere besonders kostbar illuminierte und mit reich verzierten Initialen ausgestattete Prachtkodizes entstanden. Sie waren allerdings – ein Evangeliar, ein Nekrolog, ein Psalter175 – für den offiziösen Gebrauch, d.h. die Außenwirkung, bestimmt. Ähnlich kostbar ausgestattete, oft großformatige Bücher mit offiziöser Ausrichtung finden sich in nahezu jedem Zisterzienserkloster.176 Charakteristisch ist, daß keines dieser Prachtexemplare, sei es nun aus Aldersbach, Eberbach, Kaisheim, Rein, Wöltingerode oder Zwettl, volkssprachige Elemente enthält. Augenscheinlich machte man, was Sprache und Ausstattung betraf, deutliche Unterschiede zwischen eben jenen of f i z iösen, oft prachtvollen, für die Repräsentation, den Gottesdienst, die Klosterbibliothek oder fürstliche Auf171

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Das 1188 gegründete Wöltingeroder Zisterzienserinnenkloster ist eines der bedeutendsten seiner Art auf Reichsgebiet. Zahlreiche weitere Klöster erhielten von Wöltingerode ihren Gründungskonvent und damit wohl auch ihre erste Buchausstattung; vgl. zur Bedeutung des Klosters Wienand (1986) S. 324, 431–433 sowie zur Bibliothek Härtel (1986) u. Rüthing (1994). Folgende Gebetbücher stammen aus dem 13. Jahrhundert: Wolfenbüttel, HAB, Cod. 1265 Helmst.; Cod. 1319 Helmst.; Cod. 1321 Helmst.; Cod. 1417 Helmst.; Cod. 1430 Helmst. Trier, StB, Hs. 1149/451; vgl. Bushey (1996) S. 324–326, Cîteaux (1998) Nr. 52 u. Seidel (2003) S. 212f. Der Schreibdialekt weist das Bändchen in den südöstlichen Bereich (vielleicht Thüringen). Von kunsthistorischer Seite vgl. Lutze (1936) S. 177. München, BSB, Cgm 142: Die 248 Blätter (erhalten) umfassende lateinisch-deutsche Mischhandschrift bietet an deutschen Texten u.a. das ›Gespräch Jesu mit der minnenden Seele‹ (Verse) (Bl. 44v–46r), die ›Sieben Grade des Gebets‹ (Bl. 46r –54 r); den ›Paradisus animae‹ (M1) (Bl. 97r –178Iv), Guiards von Laon: ›Obdt. Zwölf-Früchte-Traktat I‹ (Bl. 178IIv–185r, 94v–96v), Freidankverse (Bl. 71v), ›Vil werde sele, halt dich wert‹ (Bl. 245r –246v, 240v, 240r, 96v) sowie Gebete, Geistliche Lieder, Sprüche, Traktate. Vgl. Schneider (1987) S. 95 (Anm. 66), 275f. (dazu Abb. 172) u. Söller (1987) S. 96–105 (mit Incipits und Explicits). Wienand (1986) S. 432; Abbildung des Psalters Wolfenbüttel, HAB, Cod. 515 Helmst. in Wienand (1986a) Abb. IX. Vgl. dazu z.B. die Abbildungen entsprechender Kodizes in Buchmalerei der Zisterzienser (1994), Palmer (1998) u. Klemm (1998).

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traggeber bestimmten, stets lateinischen Büchern und pr ivaten, dann in der Regel ganz kleinformatigen (typisch sind Blattgrößen von 10–14 x 6–10 cm) und mitunter auch volkssprachigen Kodizes. Wobei selbst im privaten bzw. halbprivaten Bereich das rein lateinische Buch überwog. Die in einer mehr oder weniger kompletten Reihe vom letzten Viertel des 13. Jahrhunderts bis weit ins 14. Jahrhundert erhaltenen Wöltingeroder Gebetbücher lassen jedoch eine deutliche Entwicklungskomponente hin zu immer mehr volkssprachigen Anteilen erkennen. Konsequenzen für Gestaltung, Ausstattung oder Format ergaben sich aus diesem Wandel freilich nicht: Das älteste erhaltene ›Wöltingeroder Gebetbuch‹ aus den 1270/80er Jahren (Wolfenbüttel, HAB, Cod. 1430 Helmst.; Blattgröße: 11 x 8 cm; Tafel 36) enthält nur wenige deutsche Einsprengsel. Der volkssprachige Anteil nimmt bei den wenig jüngeren Handschriften (Wolfenbüttel, HAB, Cod. 1417 Helmst.; 1399 Helmst.; 1321 Helmst.; 1319 Helmst.; 1265 Helmst.) stetig zu. Am Ende stehen nahezu rein deutsche Kodizes, die sich in Gestaltung und Ausstattung nicht von ihren lateinischen Pendants unterscheiden. Inwieweit diese Tendenz zum volkssprachigen Gebetbuch ein generell sinkendes Bildungsniveau in den (Frauen-)Klöstern widerspiegelt, wäre zu prüfen. Sicher nicht zufällig schreiben die Anweisungen des Provinzials der deutschen Ordensprovinz der Dominikaner ab den späten 1280er Jahren ausdrücklich vor: Constitutiones secundum ordinationem ... magistri ordinis correctas habeant, quae frequenter et aliquotiones exponantur in vulgari.177 II.1.4.1. Auftraggeberinnen – Besitzerinnen – Rezipientinnen Über Besitzereinträge, Provenienzen oder Kalendareinträge läßt sich der soziologische Background vieler dieser Gebetbücher und Psalterien überraschend präzise rekonstruieren. Sowohl für die kostbar ausgestatteten Prachtexemplare und mehr noch für die einfachen Gebrauchshandschriften kristallisieren sich fast immer Frauen als Auftraggeberinnen und Nutzerinnen heraus. Bei den Prachtkodizes kennen wir bisweilen sogar konkrete Entstehungshintergründe, Auftraggeber(innen) und Besitzer(innen). »Whether widows retired to convents, anchoresses, or simply eminent ladies with monastic advisers, women depended on monks for their books as well as their spiritual direction. Female readers stood boundary between lay and monastic culture and mediated between the two.«178 Hamburgers Beobachtungen entsprechen genau dem von Eike von Repgow im ›Sachsenspiegel‹ (s.o.) vermittelten Bild. Für eine Frau: pro me peccatrice (Bl. 149r), wohl für die heilige Hedwig von Schlesien († 1243 im Kloster Trebnitz) oder ihre Tochter Gertrud (seit 1212 177 178

Ritzinger/Scheeben (1941) S. 25; vgl. zu weiteren Beispielen mit ähnlichen Anweisungen Sack (1975) S. 137 Anm. 90. Hamburger (1991) S. 230; vgl. Hellgardt (1987) u. (1992) S. 27.

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Nonne und seit 1232 Äbtissin in Trebnitz), wurde in den ersten Jahrzehnten des 13. Jahrhunderts das großformatige, reich illustrierte New Yorker Gebetbuch (Pierpont Morgan Library, Cod. M. 739; Tafel 10 u. Abb. 11) angefertigt.179 Der Auftrag ist im unmittelbaren Kontext der Gründung des Hedwig-Klosters Trebnitz bzw. der nachfolgenden Ausstattung des Klosters zu sehen.180 Die Gründung durch Hedwigs Mann Heinrich I. von Schlesien im Jahr 1202/03 geht vermutlich auf eine größere Initiative ihres Bruders Ekbert, Bischof von Bamberg, und ihres Onkels Poppo, Dompropst von Bamberg, zurück.181 Hedwig war an der von Bamberg betriebenen Gründung beteiligt und wohnte seit 1230 (ohne Ordensgelübde) selbst ständig im Kloster, dem ihre Tochter Gertrud seit 1232 als Äbtissin vorstand. Von Bamberg wurde das Kloster ausgestattet. Auf Bamberg weisen auch die Illustrationen des Gebetbuchs sowie der mitteldeutsch-ostfränkische Schreibdialekt der volkssprachigen Passagen.182 Unmittelbar in den Entstehungskontext des Hedwig-Gebetbuchs gehört auch das mit mehrfarbigen teilweise zoomorphen Initialen ausgestattete, wenig ältere ›Wien-Uppsalaer Frauengebetbuch‹.183 Möglicherweise benutzte man es sogar als (Teil-)Vorlage, denn ein deutsches Gebet auf Bl. 8r ist identisch mit dem entsprechenden Text im Gebetbuch Hedwigs (Bl. 53v– 54r). Die Übereinstimmungen reichen bis hin zu kodikologischen Details. Bei beiden Gebeten sind die I-Majuskeln zur volkssprachigen Gebetspassage nicht ausgeführt: [I ]ch bit dich heiliger engel (Abb. 10 Z. 6 u. Abb. 11 Z. 4). Es scheint so, als hätte der Schreiber des Hedwig-Gebetbuchs seine WienUppsalaer-Vorlage mechanisch kopiert. Dort fehlte die Majuskel. Sie war auch im Layout nicht vorgesehen. Mit dem z.T. recht nachlässig gefertigten Wien 179

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Vgl. Goldschmidt (1928); Pierpont Morgan Library (1930) S. 53–55; Harrsen (1937) (mit Abdruck der deutschen Bildbeischriften und des Gebets); Harrsen (1958) S. 34f.; DeRicci/ Wilson (1961) S. 1493; Suckale-Redlefsen (1998) S. 248, 373f.; Burmeister/Wolf (1998) S. 67f. und Stolz (2004) mit einem aktuellen Überblick zur Forschungsliteratur (ebd. S. 9 Anm. 1). Für die Bildbeischriften denkt Karin Schneider wegen der schon fortgeschrittenen Gotisierung an »das 2. Jahrzehnt des 13. Jahrhunderts« (in Stolz, S. 31 Anm. 56). Vgl. zu dieser Vermutung schon Goldschmidt (1928). Trifft dies zu, wäre im Akt der Dedikation die Klostergründung nachvollzogen und im Kodex selbst der Gründungsvorgang und die Person der Gründerin auf ewig konserviert. Die prachtvolle Ausstattung spricht jedenfalls für eine überragende kultische Funktion des Buchs. Zur Frühgeschichte des Klosters Trebnitz vgl. Bobowski (2001). Schutzvögte des Klosters waren ihr Bruder Ekbert und ihr Onkel Poppo. Zu den genealogischen Hintergründen vgl. Stolz (2004) S. 24–30. Vgl. Suckale-Redlefsen (1998) S. 240, 373f., Burmeister/Wolf (1998) S. 68 Anm. 111 mit kurzer Zusammenfassung der unterschiedlichen Herkunftsthesen und Stolz (2004) S. 30f. Anm. 55 mit einer Analyse des Schreibdialekts der deutschen Bildbeischriften und Einsprengsel. Der Schreibdialekt läßt Reste einer bairischen Vorlage durchscheinen. Die Relevanz eines Hinweises von Ziegler (2000) S. 178f., sie macht auf stilistische Verbindungen zum Cod. Zwettl. 13 (»Meister 2«) aufmerksam, wäre zu überprüfen. Vgl. allg. Rooth (1921) S. 92; Menhardt (1960/61) S. 1516f.; Mazal (1975) S. 109f.; Psilander (1908) (mit Abdruck); Wilhelm (1914/16) (B) S. 173–177 (Abdruck nach Psilander); Hermann (1926) S. 260; sowie speziell zu den möglichen Abhängigkeitsverhältnissen Burmeister/Wolf (1998) S. 63–68.

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Abb. 10: Uppsala, UB, Frgm. germ. 1 + Wien, ÖNB, Cod. Ser. nova 4242: ›Wien-Uppsalaer Frauengebetbuch‹ (hier: deutsches Gebet in: Wien, ÖNB, Cod. Ser. nova 4242, Bl. 8r) (1. Viertel 13. Jahrhundert).

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Abb. 11 New York, Pierpont Morgan Library, Cod. M. 739: New Yorker ›Gebetbuch der Heiligen Hedwig‹ (Ausschnitt: deutsches Gebet Bl. 53v) (1. Viertel 13. Jahrhundert).

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Uppsalaer Gebetbuch scheint der Hedwig-Schreiber generell seine liebe Mühe gehabt zu haben, denn auch das dort fehlende und am Rand ergänzte engel steht in seinem Exemplar in einer großen unerklärlichen Lücke. Wie das im Umfeld der Zisterzienserinnenklöster Trebnitz und Bamberg anzusiedelnde Hedwig-Gebetbuch trägt auch die Wien-Uppsalaer Variante zisterziensische Züge. Neben den Textparallelen ist auf den für die Zisterzienser typischen Initialstil hinzuweisen: Die mit hellroter Tinte vorgezeichneten Initialen sind mit verschiedenen Farben zurückhaltend ausgemalt bzw. unterlegt. Auf Gold und Silber wird völlig verzichtet. »Die rot konturierten Initialen zeigen in der Regel in den Schäften Bogenreihen, an den Schaftenden umgestülpte eingekerbte Blätter, im Inneren z.T. Karikaturenköpfe oder monströse Tiere auf gelb, ultramarinblau und hellgrün bemaltem Grund.«184 Ohne daß man konkrete Bezüge ausmachen könnte, erinnert der Initialstil an das etwas jüngere, aus dem Zisterzienserkloster Rein in der Steiermark stammende ›Reiner Musterbuch‹ (Wien, ÖNB, Cod. 507, Bl. 1–13). Frappierende Übereinstimmungen zeigen die von Fingernagel/Simader angeführten Belege aus dem Skriptorium des Benediktinerklosters Melk. Bei einer Entstehung im Benediktinerkloster Melk (nur Männer) müßte man allerdings an eine Auftragsarbeit für eine adlige Dame (vermutlich aus zisterziensischem Umfeld) denken.185 In ähnlichen gesellschaftlichen Konstellationen (höchster Adel) und Interessenlagen (Klostergründung bzw. -ausstattung) zu verorten sind auch das vor/um 1200 vollendete ›Gebetbuch von Muri‹,186 das reich illustrierte, in die

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Hermann (1926) S. 260. Detaillierte Beschreibung bei Fingernagel/Simader (2001): »Einzeilige, meist rote und blaue Majuskeln, einmal grün; auf fol. 6r zweizeilig mit kräuselblattähnlichem Dekor im Binnenfeld und als Besatz. Zwei- bis neunzeilige rote Initialen auf gelbem, blauem und grünem Grund: Rankeninitialen auf 1r, 1v, 3r, 3v (mit Profi lmaske am Ende der Cauda), 4 r, 4v (3, eine mit Profi lmaske), 5r (2, eine mit Profi lmaske), 5 v (2, bei der unteren im Binnenfeld ein Vogel), 6r, 7r (2, eine mit Profi lmaske), 7 v, 8r (der Halbbogen durch einen Drachen ersetzt), 8v (2, die untere mit Profi lmaske); Dracheninitialen auf fol. 3r, 5r und 7r (mit Vogelkopf). Die acht Blätter umfassenden Uppsalaer Fragmente sind gleichartig ausgestattet (vgl. die Beschreibung der Farben bei Rooth) und besitzen (nach Mikrofi lm I/fol. 1r –5 v, ohne fol. 6, und II/fol. 1r –2v) zwei- bis sechszeilige Rankeninitialen mit Profi lmasken (z.B I/fol. 5r und II/fol. 2ro), Drachen, die Buchstabenteile ersetzen (z.B. I/fol. 1r, 3v, 4 r und II/fol. 2ro) sowie Vogel- (z.B. II/fol. 1ro) und Dracheninitialen (z.B. I/ fol. 1ru mit Profi lmaske am Schwanzende).« Vgl. Hermann (1926) S. 352–362 Nr. 231 und Buchmalerei der Zisterzienser (1994) S. 68–73 Nr. 8. Fingernagel/Simader (2001) plädieren anhand kunsthistorischer Indizien (Initialen) für Melk (Benediktiner); vgl. die Abbildungen von Vergleichsinitialen im Internet unter der Adresse: http://www.onb.ac.at/sammlungen/hschrift/kataloge/ergaenzungen/sern04242. htm). Sarnen, Kollegiumsarchiv der Abtei Muri-Gries, Ms. Membr. 69: darin deutsch: Gebet zum heiligen Petrus in ganz ähnlicher Fassung wie im ›Wien-Uppsalaer Gebetbuch‹ (Bl. 4v–8v), ›Sarnener Ausfahrtsegen‹ (Bl. 8v–9r), ›Mariensequenz aus Muri‹ (A) (Bl. 33v–36r), ›Sarnener Morgensegen‹ (Bl. 41v–44v); vgl. Wackernagel (1876) S. 216–228, 285–288 (mit Teilabdruck); Piper (1898) S. 318–352 (mit Abdruck; Lesartenkorrekturen von Steinmeyer (1898); Wilhelm (1914/16) (A) S. 73–96 (B) S. 159–173 (Nr. 29) (mit Abdruck); Maurer

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Zeit um 1200 zu datierende lateinische ›Lilienfelder Andachtsbuch‹,187 der wenig jüngere Pariser codex rotundus einer Gûtha ,188 das mit 9 ganzseitigen Miniaturen und 7 Schmuckinitialen überaus kostbar ausgestattete ›Erlanger Gebetbuch‹,189 das großformatige (Blattgröße ca. 29–30 x 20 cm), mit prachtvollen Initialen auf Goldgrund ausgestattete ›Vatikanische Gebetbuch‹190 und der mit kostbaren, mehrfarbigen Initialen auf Goldgrund verzierte lateinischdeutsche Psalter der Anna von Bolanden.191 In das klösterliche Alltagsleben gehört ein um 1200 vollendetes Graduale aus Engelberg, das neben den Meßgesängen des Kirchenjahres und der Heiligenfeste, Litaneien und Sequenzen eine neumierte deutsche Mariensequenz (Bl. 115r) enthält.192 Zisterziensische Herkunft ist mit einiger Sicherheit beim Lilienfelder Codex (aus Kloster Lilienfeld selbst?193) und dem wahrscheinlich aus dem Zisterzienserinnenkloster Kirschgarten stammenden Psalter der Anna von Bolanden (s.u.) anzunehmen.194 Das ›Vatikanische Gebetbuch‹ könnte aus dem Prämonstratenserinnenkloster Hane bei Bingen stammen.195 Beim ›Gebetbuch von Muri‹ und beim Pariser codex rotundus sind Entstehungsort und Entstehungsgeschichte unklar. Daß sich das ›Gebetbuch von Muri‹ zeitweilig im Besitz der Königin Agnes von Ungarn (1268–1364) befunden habe, wie in der Forschung gelegentlich behauptet, erscheint eher unwahrscheinlich.196 Im

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(1964) S. 453–455, 456a, 458a–460 (mit Abdruck der ›Mariensequenz‹); Ochsenbein (1988) S. 179; Hellgardt (1997) S. 15f. u. 25–27 sowie detailliert Ochsenbein (1989). Wien, ÖNB, Cod. 2739* mit deutschem Bildkommentar = ›Lilienfelder Heilsgeschichte‹; vgl. Menhardt (1960/61) S. 247; Klemm (1978) S. 34f., 70–74; Schneider (1987) S. 32, 129f. u. Palmer (1989a) S. 215f. Paris, BN, lat. 10526 mit deutschem Gebetsteil am Schluß; vgl. Avril/Rabel (1995) S. 159f. Erlangen, UB, Hs. 143 mit deutschen Gebetsanweisungen, Bildbeischriften, Gebeten (Bl. 159v–176r) mit einem eingeschobenen Beichtspiegel (Bl. 168r –174 r). Vatikan (Rom), BAV, Cpl 4763 mit den lateinisch-deutschen ›Vatikanischen Gebeten‹ (Bl. 107r –128v); vgl. Schneider (1987) S. 112f. u. 161. Karlsruhe, BLB, Cod. Lichtenthal 37 mit fortlaufend abschnittsweiser Vollübersetzung. Der Psaltertyp erinnert an den Notker-Psalter. Engelberg, SfB, Cod. 1003. Einen Überblick der einschlägigen Forschungsliteratur bietet Seidel (2003) S. 211 Anm. 33. Zu einigen Kodizes aus Lilienfeld vgl. Wienand (1986) S. 425–427. Wichtig für den Zusammenhang ist eine Beobachtung von Nigel F. Palmer, der im ›Lilienfelder Andachtsbuch‹ »bis in die vorauszusetzende Abfolge der Szenen hinein ein Gegenstück [...] zu dem um 1190 entstandenen ›sog. Gebetbuch der Hildegard von Bingen‹ sieht (zitiert nach Seidel, ebd. S. 211). Ein zisterziensisches Brevier scheinen beispielsweise auch »Gregor von Falkenstein und seine Gemahlin« besessen zu haben. Sie hatten die kostbare Handschrift in der sog. VadianaWerkstatt in Auftrag gegeben (s. u. S. 239 Anm. 369). Das dem Gebetbuch – später – vorgebundene Mainzer Kalendar enthält Nekrologeinträge zu den Geschlechtern von Randeck und Bolanden. Sie weisen auf das Prämonstratenserinnenkloster Hane. Das Kalendar entstand allerdings erst im frühen 14. Jahrhundert und gehört nicht zum ursprünglichen Kodex; vgl. Wilhelm (1914/16) B S. 156f. u. Schneider (1987) S. 161 Anm. 183. Der entsprechende Eintrag auf Bl. 63v Mea agnete (?) ist kaum eindeutig zu identifi zieren

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Pariser codex rotundus nennt sich die Besitzerin Gûtha , der waz dise bûche, unde gedenchent ir ze Go°th mith owerme Gebethe. Nach einem Kalendareintrag verstarb sie am 29. November: obiit Guota. Angesichts der kostbaren und damit auch kostspieligen Ausstattung der Handschrift dürfte besagte Gûtha wie Hedwig aus höchsten Adelskreisen der Diözesen Passau oder Salzburg197 stammen. Im ebenfalls kostbar ausgestatteten, aber ganz kleinformatigen Murenser Bändchen findet sich zwar kein Besitzereintrag, aber die auf Bl. 17r –19v eingetragene ›Andacht für eine Frau zur Abwendung von Schaden‹ und das nimbierte Bild der hl. Margarethe (?) (Bl. 44v) sowie zahlreiche weibliche Formen in den Texten: ich sundigu; zi mir vil armun sundarinun; / Peccatrix homuncula; peccatricem lassen ebenfalls nur eine Frau aus höchsten gesellschaftlichen Schichten als Besitzerin/Auftraggeberin möglich erscheinen.198 Genau in einen solchen gesellschaftlichen Kontext gehören auch das im westmitteldeutschen Raum um 1250 entstandene ›Erlanger Gebetbuch‹ sowie das wenig ältere südrheinfränkische ›Vatikanische Gebetbuch‹. Nekrologeinträge (s.o.) lassen bei diesem Verbindungen zum Reichsministerialengeschlecht Randeck und Bolanden aufscheinen.199 Vermutlich war es eine Bolanderin, die den kostbar ausgestatteten und aufwendig gestalteten Kodex für sich anfertigen ließ. Mit seiner Besitzerin könnte der Kodex in das Hauskloster der Bolander, das Prämonstratenserinnenkloster Hane bzw. Rodenkirchen, gekommen sein. Der Besitz kostbarster geistlicher Handschriften hatte im Hause Bolanden Tradition. Um die Jahrhundertwende kann eine weitere Bolanderin als Auftraggeberin bzw. Besitzerin eines lateinischen Psalters mit abschnittsweiser deutscher Übersetzung ausgemacht werden: Die um 1300/1310 vielleicht im Zisterzienserinnenkloster Kirschgarten vollendete Handschrift befand sich im Besitz der ebenda 1320 verstorbenen Anna von Bolanden.200 Zahlreiche Nekrolog-Einträge aus ihrer Feder betreffen Personen aus ihrem engsten familiären Umkreis. Anna war vermutlich auch die Auftraggeberin des Kodex. Nach Annas Tod scheint ihre Schwester Lukardis den Kodex erhalten zu haben.201 Neben diesen vollständig erhaltenen Gebetbüchern finden sich einige Reste eventuell gleichartiger lateinisch-volkssprachiger (Privat-)Gebetbücher, deren älteste noch aus dem späten 12. Jahrhundert stammen. Es handelt sich um die

und stammt vermutlich aus dem 19. Jahrhundert; zur Problematik vgl. Ochsenbein (1989) S. 178. 197 In diesen Raum weisen die Kalendareinträge; Nachweise bei Avril/Rabel (1995) S. 159f. 198 Diese und weitere Belege bei Ochsenbein (1988) S. 185. 199 Zu den Bolandern vgl. Jacob (1936) u. O. Engels, Bolanden. In: LMA 2 (1983) Sp. 356f. 200 Karlsruhe, BLB, Cod. Lichtenthal 37; vgl. Heinzer/Stamm (1987) S. 128–130. 201 Heinzer/Stamm (1987) S. 129.

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›Rheinauer Gebete‹ (um 1150/70202), die ›Klagenfurter Gebete‹ (um 1150203), die ›Mariensequenz aus Muri‹ B (um 1200204) und die ›Mariensequenz aus Muri‹ D (1. Viertel 13. Jahrhundert205). Die beiden Murenser Mariensequenzen weisen in einen engeren klösterlichen Zusammenhang. Sie sind neumiert. Allen skizzierten Prachtbändchen gemein ist – und das rückt sie wiederum ganz nahe an die New Yorker und die Wien-Uppsalaer Sammlungen heran – ihre Einbindung in die Sphäre hochadliger, geistlich gebildeter und anscheinend mit dem Latein bestens vertrauter Damen. Wenn Indizien besonders häufig auf den Zisterzienserorden deuten, überrascht gerade dies nicht: Der Zisterzienserorden wurde ab dem späten 12. Jahrhundert zu einem Kulminationspunkt für die Frömmigkeitsbewegung der Frauen. In den Jahren um die Jahrhundertwende entstanden rund 15 Frauenzisterzen im Reich.206 Bis zur Mitte des 13. Jahrhunderts folgten unzählige weitere Neugründungen. Jakob von Vitry spricht davon, daß sich die »Zisterzienserinnenklöster vermehren wie Sterne am Himmel«. Der Drang in den Zisterzienserorden nahm derart zu, daß seit 1220 zahlreiche Inkorporationswünsche negativ beschieden wurden. Eberl zählt in den folgenden Jahrzehnten allein 90 weitere Neugründungen, von denen jedoch kaum ein Drittel inkorporiert wurden.207 1227/1228 erließ das Generalkapitel sogar ein generelles Aufnahmeverbot.208 Auf die nicht abebbende Gründungswelle von Frauenklöstern nach zisterziensischer Regel hatte das Verbot von 1228 jedoch nur beschränkten Einfluß. Viele Neugründungen wurden nun zwar nicht mehr förmlich in den Orden aufgenommen, sie waren aber als kommittierte Klöster den Satzungen der Zisterzienser verpflichtet und unterstanden den Visitationen des Vaterabtes.209 Um 1250 zählte man im deutschsprachigen Raum bereits 220 Zisterzienserinnenkonvente und 115 Benediktinerinnenklöster. Führt man sich vor Augen, daß die anderen Orden (insbesondere Dominikaner und Franziskaner) kaum weniger attraktiv für die Frauen waren, werden die Dimensionen dieser religiösen Aufbruchsbewegung transparent.

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Zürich, ZB, Cod. Z XIV 11. Klagenfurt, Mensalbibl. der Bischöfe von Gurk im Diözesanarchiv, aus Cod. XXIX e 1. Laut Brief vom 22.05.1996 müssen die Fragmente als verschollen gelten. 204 Engelberg, SfB, Cod. 1003 , Bl. 115r. 205 Oxford, Bodleian Library, MS Canon. Liturg. 325, Bl. 5–12. 206 Zu den Frauen im Zisterzienserorden vgl. die Überblicke bei Eberl (2002) S. 142–159 und Seidel (2003) S. 213–218. 207 Eberl (2002) S. 148. 208 Vgl. Seidel (2003) S. 215 mit Hinweis auf weitere Einschränkungsversuche durch die Generalkapitel 1220 und 1251. 209 Vgl. Kuhn-Rehfus (1980) S. 125f. und Seidel (2003) S. 215f., der auf einige ›Hilfskonstruktionen‹ zur Umgehung der Verbote hinweist. 203

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Als Fundamente dieses Strebens nach Gott spielten in den Nonnenkonventen – die sich in der Regel aus adligen vrouwen zusammensetzten – die buchere, die zu gotis dienste gehoren (›Sachsenspiegel‹-Landrecht I,24 §3), eine zunehmend wichtigere Rolle. Zur Grundausstattung insbesondere der Frauenklöster dürften wegen des beschränkten Bildungsstandes210 häufiger volkssprachige bzw. mit volkssprachigen Übersetzungs- und Nutzungshilfen versehene Kodizes gehört haben. Auftraggeber(innen) und Besitzer(innen) geistlicher Handschriften mußten jedoch keinesfalls zwingend Mitglieder inkorporierter oder kommittierter (Zisterzienser-)Klöster sein. Die Grenzen zwischen adlig-laikaler und adlig-klerikaler Welt verschwimmen im allgemeinen Streben nach Gott zusehends. Die Höfe sind über personale und rechtliche Strukturen unmittelbaren mit den Klöstern (Hausklöstern, Stiften) verwoben. Deutlicher als die Prachthandschriften weisen einige der kleinformatigen, schmucklosen Gebrauchshandschriften unmittelbar in die monastische Welt. Wiederum ist es der Zisterzienserorden,211 der mit vielen dieser Büchlein in Verbindung gebracht werden kann. Vergleichbare Handschriften aus dem Umfeld der anderen Orden belegen jedoch, daß wir es hier mit einem verbreiteten, für das geistliche Leben der Zeit grundlegenden Phänomen zu tun haben. Für den Vollzug des christlichen Kultus innerhalb, aber auch außerhalb der Klostermauern waren diese kleinen Gebets- und Andachtsbüchlein unverzichtbar. Man wird sie sich als alltägliche Begleiter von nunnen und vrouwen vorstellen dürfen. Ein solches Bild vermitteln auch die in großer Zahl nachweisbaren Belegstellen in der profanen Hofliteratur. Das Bild, das die (meist klerikal gebildeten!) höfischen Dichter in ihren Werken entwerfen, zeigt aber noch mehr. Folgt man den literarischen Zeugnissen, gehörten zur Lektüre dieser vrouwen nicht nur Psalter, Gebetbuch und die übrigen zum Gottesdienst notwendigen Bücher, sondern auch die ganze Palette der höfischen Dichtung. Augenscheinlich sang, las, betete man in dem einen Moment aus dem Psalter. In dem anderen sorgten rezitierte oder gelesene Verse aus den höfischen Epen für Kurzweil und Belehrung. Zur Verifizierung einer solchen Vorstellung bleibt man allerdings auf – meist innerliterarische – Indizien angewiesen. So liest im ›Wigalois‹ eine schœniu maget ihrer Herrin, der Königstochter von Persia, aus dem ›Eneas‹ vor (Wigalois 2710ff.). Im ›Iwein‹ ist es ebenfalls eine maget, die dem alten Ritter nun sogar aus einem französischen Buch vorliest (Iwein 6455). Noch zahlreicher sind die Beispiele, wo sich vrouwen um ein Manuskript oder ein Werk bemühen: Heinrich von Veldeke überläßt sein Manuskript beispielsweise der grâvinne von Cleve ze lesene und

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Vgl. dazu etwa die despektierlichen Äußerungen Alberts von Stade in seiner ›Cronica‹ über die ›halbgebildete‹ Nonne und Adelstochter Hildegrad von Bingen (Abdruck mit Übersetzung in Wolf 2005). Vgl. zu den Zisterzienserinnen in Deutschland z.B. Kuhn-Rehfus (1980), Wienand (1986) u. allg. Kinder (1997) S. 35–38.

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ze schouwen (Eneas 13 446ff.), und den ›Servatius‹ fertigte er auf Bitten der gravinne Agnes van Lon an (Servatius 6177ff.). Alber schreibt seinen ›Tnugdalus‹ auf Geheiß der frouwen drî, / Otegebe, Heilke und Gîsel (Tnugdalus 69f.), und das ›Rolandslied‹ gerte die edele herzoginne Mathilde von England als Lektüre am Welfenhof (RL 9024f.). Zusätzlich zu nennen wären in diesem Kontext die zahlreichen Anspielungen etwa von Wolfram von Eschenbach auf weibliche Adressatinnen.212 Bei all diesen vrouwen darf man unterstellen, daß sie vornehmlich an ir salter alle ir tagezît lasen (Klage B 3685), aber wenn die Zeit es zuließ, eben auch in profanen Büchern – in Veldekes ›Eneas‹, in Hartmanns ›Iwein‹, in Wolframs ›Parzival‹, in Gottfrieds ›Tristan‹ und in der ›Kaiserchronik‹.213

II.2. Ausstattungsmuster höfischer Literatur: Das Beispiel Geschichtsdichtung Werke rund um die Vergangenheit214 gehörten neben geistlich-biblischen Texten zu den innovativen Literatursegmenten, die im französischen und deutschen Sprachraum gleichermaßen das Bild einer sich etablierenden volkssprachigen Schriftlichkeit entscheidend (mit)prägten, wobei es im Westen zunächst die beide Elemente vereinenden Heiligenlegenden sind,215 die als Motor für die Ausbildung einer volkssprachigen Buchkultur gewirkt haben.216 Neben die Heilsgeschichte und die heiligen Heldengestalten (Legende, Vita) traten dort

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Vgl. mit zahlreichen Belegen Wolf (2005). In diesem Zusammenhang von größter Bedeutung ist, daß eine Reihe dieser profanen Werke in Büchern überliefert werden, die in ihrem Layout und ihrer Ausstattung frappierend an Psalterien und Gebetbücher erinnern; s. S. 96–100 u. 256f. Zu den im mittelalterlichen Verständnis allenfalls graduellen Unterschieden zwischen Geschichtsdichtung und Geschichtsschreibung vgl. die grundsätzlichen Überlegungen von Ehlert/Klein (2001) S. 15–18. Da im vorliegenden Untersuchungszusammenhang die in den Texten konservierten oder verarbeiteten historischen Fakten nur eine untergeordnete Rolle spielen, erübrigt sich an dieser Stelle eine (sowieso primär aus neuzeitlicher Perspektive motivierte) Differenzierung der historiographischen Gattungen. Die Historizität des mehr oder weniger intensiv poetisch-literarisch überformten Materials stand in mittelalterlicher Sichtweise nicht bzw. kaum in Frage. Zur zeitgenössischen Kritik an den frz. Artusepen Chrétiens und der dt. Heldenepik s.u. Kap. II.2.1 (allg.) und Kap. II.3.1 (Artus) sowie zur grundsätzlich anderen (ahistorischen) Funktionalität der deutschen Artusepik Kap. II.3.2. Auf die weltliche Komponente in den Heiligenlegenden hebt Vollmann (1999a) ab. Anhand von exemplarisch untersuchten antik-weltlichen Erzählstoffen in den Legenden legt er »die geheime Weltlichkeit der Legende« offen. Die Chansons de geste (und auch die Reimchroniken) zeigen in den ihrerseits verwendeten legendarischen Stoffen und Mustern eine beinahe komplementäre ›geheime Heiligkeit‹. Zur volkssprachig-französischen hagiographischen Literatur vgl. Ernst (1989), BrunelLobrichon/Leurquin-Labie/Thiry-Stassin (1996) mit einem kursorischen Verzeichnis aller Werke und Textzeugen sowie zur frühen Überlieferung bis 1250 Inventaire N° 2093– 2133.

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schon bald die antiken Erzählungen (z.B. Alberics ›Roman d’Alexandre‹) und die heroischen Stoffe der jüngeren Vergangenheit (Chansons de geste), deren Helden (Karl, Roland, Guillaume) selbst zu Heiligen wurden. Im deutschen Sprachraum begründen das ›Ezzolied‹, das ›Annolied‹, die Bibeldichtungen und vielleicht die Dichtungen der Frau Ava eine vergleichbare, um die Mitte des 12. Jahrhunderts in die Reimchronistik (›Kaiserchronik‹) einmündende Literaturtradition. Wie im Westen ist die doppelte Bindung von Inhalt (Heilsgeschichte) und Medium (klerikale Buchmuster) an die lateinische Literatur und Schriftkultur signifikant. Wie stark dabei der Einfluß paralleler bzw. vorausgehender Entwicklungen in Frankreich/England war, läßt sich vor dem beide Kulturkreise gleichermaßen prägenden klerikal-lateinischen Hintergrund kaum beziffern, zumal sich mit der sog. Spielmannsepik,217 der Reimchronistik und etwas später der deutschen Heldenepik 218 schon im 12. Jahrhundert eigenständige, ebenfalls zunehmend mit höfischen Elementen durchsetzte vergangenheitszentrierte Traditionsstränge entwickeln. Höfische Elemente allein wird man also keinesfalls automatisch als Indiz einer frz. Kulturdominanz deuten wollen, selbst wenn die Entwicklungen der Hofkultur in Frankreich/England Vorbildcharakter hatten. Auffällig ist beispielsweise, daß in der ›Kaiserchronik‹ umfängliche Schilderungen höfischen Lebens (Feste, Turniere, Kämpfe etc.) als Ausdruck einer neuen Hofkultur bereits eine große Rolle spielen. Das verwendete Vokabular weist aber gerade nicht auf französische Vorbilder. Es entstammt weitgehend dem heimischen Sprachgebrauch. Französische Fremd- und Lehnwörter, wie sie dann in den Artusepen in großer Zahl vorkommen, fehlen fast vollständig. Man wird deshalb als Einfallstor für die höfische Kultur auch – in den historischen Genres zunächst vermutlich sogar überwiegend – die lateinische Literatur um die episcopi curiales (Viten, Legenden) ins Auge zu fassen haben. Um dem komplexen Geflecht von französischen Einflüssen, Innovationen und Moden auf der einen und autonomen bzw. hier wie da durch die allgegenwärtigen lateinischen Vorbilder geprägten Entwicklungen auf der anderen Seite auf die Spur zu kommen, scheint ein Blick nach Westen dennoch unabdingbar, zumal die deutschen Antikenromane und Chansons de geste nahezu ausschließlich aus französischen Vorlagen geschöpft wurden.

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Zur Terminologie vgl. Curschmann/Bahr (1984a). Der ›Herzog Ernst‹ (insb. die A-Fassung) fügt sich nur schwer in ein solches Gattungsmodell. A. Wolf hält Einflüsse aus dem Westen (Stichworte: Höfisierung und Struktur) z.B. bei der Schriftwerdung der Nibelungensage für wahrscheinlich; vgl. Wolf (1980) u. Wolf (1987) bes. S. 183 u. 193–201. Die Überlegungen bleiben allerdings im Bereich der Spekulation.

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II.2.1. Traditionslinien und Brüche: Anfänge im französischen Sprachraum Im Westen hatten Heiligenlegenden wie ›Vie de saint Léger‹, ›Voyage de Saint Brendan‹, ›Sainte Foy‹, ›Vie de saint Alexis‹,219 ›Vie de sainte Cathérine‹, ›Vie de saint Thomas Becket‹, Waces ›Vie de sainte Marguerite‹ und ›Vie de saint Nicolas‹220 und der Alexanderroman221 den historiographischen Genres den volkssprachigen Weg auf das Pergament geebnet. Die klerikal gebildeten Autoren transferierten die heiligen oder heilsgeschichtlich-antiken Helden aus der lateinischen Gelehrtenkultur in die Volkssprache. Nach den Überlieferungszahlen müssen die mehr oder weniger höfisch umgeprägten Heiligenlegenden recht populär gewesen sein. Aus dem 12. Jahrhundert haben wir allein vier Handschriften der ›Vie de saint Alexis‹, fünf der ›Voyage de Saint Brendan‹ und vier der ›Vie de saint Thomas Becket‹.222 Die volkssprachigen Manuskripte entsprechen dabei in Layout, Größe und Schrifttyp den gleichzeitigen lateinischen Handschriften dieses Genres. Für wen und zu welchem Zweck die Texte in der Volkssprache aufgezeichnet wurden, macht der klerikal gebildete Anglonormanne Wace in seiner ›Vie de saint Nicolas‹ deutlich. Er schrieb mit didaktischem Anspruch für die lateinunkundigen (illiteraten) Laien, d.h. in diesem Fall für den anglonormannischen Hochadel:223 En romanz voil dire un petit De ceo que nus le latin dit, Que li lai le puissent apprendre Qui ne poënt latin entendre. (Vie de saint Nicolas 41–44) (Ich will in der Volkssprache ein klein wenig von dem erzählen, was uns das Latein berichtet, damit die Laien, die Latein nicht verstehen können, auch davon lernen können.)

Das erfolgreiche Verschriftlichungsverfahren der volkssprachigen Heiligenlegenden scheint wenig später bzw. teilweise parallel (so Wace) als Vorbild für

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Zu den zahlreichen ›Alexis‹-Fassungen aus dem 11.–13. Jahrhundert vgl. Brunel-Lobrichon/ Leurquin-Labie/Thiry-Stassin (1996) Nr. 3, 6, 7, 11 u. 29 und zur Bedeutung der ›Vie de saint Alexis‹ für die volkssprachig-französische Schriftkultur Zink (1995) S. 16f. Vgl. Inventaire N° 2093–2133 und Frank (1994) S. 168–179 mit einer kurzen Skizze der formalen (Gesangsform, Rhythmus), inhaltlichen (Publikumsansprache, Kampf gegen das Böse, vorbildlicher Christ, Exordialtopik) und kodikologischen (das hier skizzierte einheitliche Gestaltungsmuster stimmt allerdings nur sehr begrenzt mit der tatsächlichen Überlieferung überein) Bezüge zwischen der Heiligenlegende sowie Chanson de geste und Versroman. Auf eine historiographische Funktion der Legenden geht Frank nicht ein. Vgl. den Überblick bei Busby (2002) S. 278–328. Inventaire N° 2094–2097, 2099f., 2102f., 2107f., 2120. Aus der Entstehungsphase dieser Genres etwa ein Jahrhundert zuvor sind jedoch (fast) keine Textzeugen erhalten. Die ältesten Heiligenlegenden stammen aus der Zeit nach 1100 bis 1150 und die ältesten ChansonHandschriften datieren aus der Zeit um/nach 1150. Dieses von Wace verwendete Motiv ist in der altfrz. Literatur verbreitet; weitere Beispiele bei Damian-Grint (1999) S. 17ff.

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die Verschriftlichung profaner Heldenüberlieferungen (Chanson de geste224) gedient zu haben. Wace und seine lateinisch gebildeten Kollegen wie Benoît de Saint-Maure oder Geffrei Gaimar stützten sich dabei selbstverständlich auf die ihnen vertraute lateinische Literatur, und zwar sowohl was die (übersetzten) Inhalte als auch die literaturtheoretischen Überlegungen (Form, Struktur, Stilmittel) betraf. Im Zuge der volkssprachigen Verschriftlichung der legendarischen und der heldenepischen Stoffe wurden außerdem mündliche Elemente225 in die Schriftform implementiert. In den Eröffnungsstrophen der vielleicht noch aus dem 11. Jahrhundert stammenden ›Chanson de Sainte Foy d’Agen‹ wird ein schriftlich-mündlicher Quellenmix deshalb auch geradezu als Normalität beschrieben: Neben einem lateinischen Buch aus alten Zeiten (Del vell temps un libre latin), das natürlich zuerst genannt wird, weil es allein durch die Sprache und die anzitierte Schriftlichkeit höchste Autorität genießt, werden ebenso selbstverständlich ein in allen Ländern in französischer Weise (lei francesca) mündlich tradiertes, gesungenes Lied (Canczon), zu dem sich schön tanzen läßt, und die Lectio in der Stundenandacht als Quellen genannt.226

Mündlichkeit und Schriftlichkeit gehören untrennbar zusammen, wobei die herbeizitierte Mündlichkeit der Quellen ein primär inszeniertes Merkmal des Genres zu sein scheint.227 »Der formelhafte Stil ist kein Relikt einer durch die schriftliche Fixierung gleichsam authentisch bewahrten Mündlichkeit (Verschriftung), sondern muss als bewusst eingesetztes Signal des heldenepischen Erzählens gelten, das Mündlichkeit als erzählerisches Mittel in die Schriftlichkeit hineinholt (Verschriftlichung).«228 Vor dem Hintergrund einer lebhaften Theoriedebatte in gelehrt-lateinischen Historikerkreisen rückten Quellenlage und Quellenqualität schon bald

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Zur Definition und den Charakteristika des Genres vgl. Kloockes (1972) Forschungsüberblick zu Bédiers Chanson-Thesen (Les Légendes épiques. Paris 1908–13) sowie zusammenfassend Mandach (1961), Zink (1995) S. 19–21 und Bastert (2005) S. 10–14 u.ö. In unserem Zusammenhang von Bedeutung mag sein, daß in der zeitgenössischen Terminologie beide Gattungen unter dem Terminus Chancun (nach Frank: »alle für den Gesangsvortrag bestimmten Texte [...] auch frühe Heiligenviten [...] und Lieder mit historischem Inhalt«) gefaßt werden bzw. werden können; vgl. Frank (1997), S. 128. Forschungsüberblicke zum Komplex Mündlichkeit – Schriftlichkeit bieten u.a. Voorwinden/de Haan (1979), Zumthor (1984/1985), Green (1994), Ebenbauer (2001) und Green (2003) sowie vor allem Raible (1998) mit einer Skizze der Erträge des Freiburger Sonderforschungsbereichs 321 »Übergänge und Spannungsfelder zwischen Mündlichkeit und Schriftlichkeit«. Vgl. van der Veen (1979) S. 103–105 mit Abdruck, Übersetzung und Analyse der entsprechenden Passage. Die alte These von der ›originären Mündlichkeit‹ der französischen Heldenepik (s.o.) wird nicht zuletzt von Taylor (1991) und (2001) kritisch hinterfragt und relativiert. Bastert (2005) S. 18. Einen (auf die Nibelungentradition fokussierten) Forschungsabriß mit Zusammenstellung der wichtigsten Forschungsarbeiten bietet Heinzle (2003b) S. 3–27, zur Mündlichkeit bes. S. 11–18.

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in das Bewußtsein der lateinischen wie der volkssprachigen Autoren. Mitte des 12. Jahrhunderts tun sich der Anglonormanne Wace und der deutsche Kaiserchronist schon schwer, die Mündlichkeit in ähnlicher Unbefangenheit für ihre volkssprachigen Geschichtswerke zu akzeptieren,229 was sie aber nicht daran hindert, das mündliche Material zu nutzen. Daß die Kritik an den ficta der Heldenlieder schon im 11./12. Jahrhundert breiten Raum in den literaturtheoretischen und chronologischen Überlegungen Williams of Malmesbury, Hermanns von Tournai oder Frutolfs von Michelsberg einnimmt, tut dabei nichts zur Sache, denn die Kritik entzündet sich an den oft ›wunderbaren‹ Details und chronologischen Problemen, nicht an den Gegenständen (Helden) selbst.230 Noch nicht einmal die Mündlichkeit an sich steht in der Kritik, sondern nur deren Wahrheit verschüttende Tradierungsmechanismen. Bevorzugt werden aber ebenso selbstverständlich die mit einer höheren Legitimität ausgestatteten lateinisch-schriftlichen Quellen. Zumindest stellen dies die Autoren gerne heraus. Bei geistlichen und profanen Werken sind hinsichtlich dieser Fragen keine Unterschiede zu erkennen. Überhaupt durchdringen die Stoffkreise um Karl, Roland, Guillaume/Wilhelm und die anderen profanen Helden ebenso wie die zahlreichen Heiligenlegenden selbstverständlich beide Sphären. Textform, Rhythmus, Sprache und die Gestaltung bzw. Ausstattung der frühen Handschriften zeigen sogar derart markante Parallelen,231 daß die Legenden-Kodizes wie Muster für die ersten Chanson de geste-Handschriften wirken. Die Chansons de geste weisen dann wiederum den Weg zu den ab der Jahrhundertmitte populär werdenden volkssprachigen Reimchroniken Waces, Gaimars und Benoits. »Die Vertextungsverfahren der chanson de geste waren offenbar das signifikante Kriterium für Historizität volkssprachiger Literatur, so daß die altfranzösischen Chronisten ihren style historiographique aus dem bewährten Modell des style épique entwickelten.«232 Weitere zentrale Heldenfiguren gelangten aus den antiken Geschichtsdichtungen über Benoîts ›Roman de Troie‹, den ›Roman d’Eneas‹, den ›Roman de Thèbes‹ und verschiedene Alexander-Fassungen in den volkssprachig-schriftlichen Diskurs, wobei vor allem der Trojastoff für die angevinische Herrschaftskultur fundierende Bedeutung gehabt haben dürfte, denn

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Bei dem jeweils offensiv genutzten mündlich tradierten Material bleibt allerdings ein gewisser Zweifel, ob und inwieweit die scharfe Kritik an den mündlichen Quellen vielleicht nur topischen bzw. legitimierenden Charakter hatte. Vgl. Zink (1995) S. 26–29 sowie Kloocke (1972) zur lange uneingeschränkt akzeptierten These von J. Bédier, daß letztlich alle Chansons de geste aus christlichen Legenden geboren seien. Bédiers These ist zwar längst relativiert, aber nicht nur Brault (1989) und Haubrichs (1994) betonen zu Recht die »Nähe zwischen heros und sanctus« (Haubrichs ebd. S. 33). Die Vorbildfunktion der frz. Heiligenlegenden für die volkssprachig-frz. narrative Dichtung streichen auch Frank (1994) S. 135–138 und Zink (1995) S. 13–17 heraus. Vgl. zur engen textuellen und medialen Verbindung zwischen ›Chanson d’Aliscans‹ und den frühen frz. Heiligenlegenden sowie parallelen lat. Heiligenlegenden exemplarisch Wolf (2003). Bauschke (1994) S. 14.

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die Trojaner waren in Person des in Britannien gelandeten Trojaflüchtlings Brutus die Spitzenahnen der eigenen Dynastie.233 Eine historiographische Aura blieb in allen genannten Stoffkreisen latent wirksam, auch wenn in die französischen Antikenromane von Beginn an vielfältigste Romanmotive implementiert (minne, Rittertum, Hof etc.) und vorhandene Romanelemente z.T. extrem ausgebaut wurden. Insgesamt wird man alle vier Formen – Legende/Vita, Chanson de geste, Antikenroman und Reimchronik – als frühe Spielarten volkssprachig-französischer Geschichtsaufzeichnung verstehen dürfen: In den Legenden/Viten stehen die Taten einzelner heiliger Helden, in den Chansons de geste und den Antikenromanen einzelner profaner Helden im Mittelpunkt. Von ihnen wird auf der Basis lateinischer Quellen und mündlich-volkssprachig tradierter Stoffe episch breit erzählt. Um die Historizität des Erzählten zu beglaubigen, wird meist ein unbezweifelbarer, allgemein bekannter historischer Bezugsrahmen mitgeliefert und/oder auf die Autorität der lateinischen Quelle verwiesen. In den Reimchroniken steht dieser historische Bezugsrahmen mit seiner von sich heraus wahren kontinuierlichen Abfolge von Kaisern, Königen, Grafen, Dynastien im Mittelpunkt. Jeder einzelne Protagonist – ob heilig oder profan – erscheint an seinem (heils)geschichtlichen Platz und wird vornehmlich auf Grund schriftlichlateinischer, aber durchaus auch volkssprachig-mündlicher Quellen prägnant, knapp charakterisiert. Die Beglaubigungsmuster sind ähnlich. Wie eng vernetzt alle (pseudo)historiographischen Gattungen waren, zeigen um/nach 1150 die großen französischen Reimchroniken Waces und Benoîts. Hier fließen alle Facetten des Historischen in unterschiedlicher Gewichtung zusammen.234 Zusammenfassend wird man hier Wolfzettel folgen wollen, wenn er feststellt, daß »die Entstehung einer volkssprachigen erzählenden Literatur in Frankreich im 12. Jahrhundert sich im Zeichen der Geschichte« vollzieht.235 Signifikant für dieses Gattungsumfeld ist von Beginn an die rein volkssprachige Handschrift. Nur in wenigen Ausnahmefällen finden wir französische Legenden, Heiligenviten, Reimchroniken, Antikenromane oder Chansons de geste236 in den sonst für alle anderen volkssprachig-französischen Gat-

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Wohl nicht zufällig werden in vielen lateinischen und volkssprachig-französischen Sammelhandschriften antike und arturische Themenkomplexe miteinander kombiniert. Vermutlich wird man schon die Entstehung der entsprechenden Texte im selben – angevinischen – Umfeld zu verorten haben. Einen umfassenden Überblick zu den Anfängen der volkssprachig-anglonormanischen Geschichtsschreibung bietet Damian-Grint (1999). Wolfzettel (1998) S. 341. Wolfzettel weist in diesem Zusammenhang mit Recht auf die grundlegende Arbeit von Spiegel (1995) hin, die wesentliche, eben von einem solchen historiographischen Interesse getragenen Grundlagen des volkssprachig-französischen Literarisierungsschubs als »Romancing the Past« beschreibt. Wolfzettel und wohl auch Spiegel unterschätzen allerdings die Bedeutung der hagiographischen Literatur. Zum Bedeutungsspektrum des afrz. Begriffs geste vgl. Altfrz. Wörterbuch (1960) Bd. 4

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tungen bis in das 13. Jahrhundert hinein dominierenden bilingualen Mischhandschriften (Kap. I.1.1–2). Dieser ungewöhnlich große Anteil rein volkssprachiger Kodizes weist schon im 12. Jahrhundert dezidiert aus dem klerikalen Milieu hinaus in die Welt der laikalen Höfe, auch wenn sich die Handschriften in ihrer äußeren Gestalt – Einrichtung, Ausstattung, Schrift – nicht von gleichzeitigen lateinischen Textzeugen unterscheiden. Sie wurden von den selben Personen (klerikal-lateinische Schreiber) in den selben Produktionsstätten (Klosterskriptorium, Domschule) hergestellt wie die gleichzeitigen lateinischen Manuskripte. Daß man von den weltlichen Stoffen und der gewählten Buchsprache allerdings nicht automatisch auf ein laikal-höfisches Publikum schließen darf, verdeutlichen einige bilinguale Mischhandschriften. Die volkssprachigen Texte in einem solchen vom Latein dominierten Überlieferungsumfeld können nur von clerici adäquat rezipiert werden. Sie sorgten also nicht nur für die auftragsgebundene schriftliche Fixierung und die schriftliche Vervielfältigung der hagiographisch-historiographischen Texte, sondern nutzten die Texte auch selbst: Das Florentiner Alberic-Fragment,237 das Fragment einer nicht identifizierten Chanson de geste in San Marino238 und ein ›Roman du Rou‹ sind als Teile lateinisch dominierter Geschichts- bzw. Bibelkompendien überliefert, die im klerikalen Milieu verortet werden können. Die zu Beginn des 12. Jahrhunderts in einer schönen karolingischen Minuskel angelegte Florentiner Sammelhandschrift enthielt ursprünglich nur die weit verbreitete lateinische Alexandergeschichte des Curtius Rufus. Um 1150 wurde das Manuskript ergänzt. Ein Fragment des französischen ›Roman d’Alexandre‹ kam hinzu. Aus dem Kodex war eine zweisprachige Alexander-Sammlung geworden. Auch das französische Chanson de geste-Fragment aus San Marino wurde Mitte des 12. Jahrhunderts in eine wesentlich ältere (11. Jahrhundert) lateinische Sammelhandschrift nachgetragen. Haupttext war hier die Bibel. Extrakte aus den lateinischen ›Carmina d’Alcuin et de Theodulf‹ ergänzten diese Bibel bereits im frühen 12. Jahrhundert um legendarische Berichte zu den bedeutenden Kirchenmännern Alcuin und Theodulf. Um 1150 kamen die französischen Chanson-Verse hinzu. Sie öffneten in ihrer spezifischen Auswahl die genuin geistliche Sammlung auf einen höfischen Kontext. Wenig später ließ das Benediktinerkloster Battle in Sussex einen großen chronistischen Sammelband mit Geoffreys ›Historia Regum Britannie‹, Waces ›Roman de Rou‹ und dem ›Miracle de Sardenai‹ anlegen.239 Die lat. ›Historia‹ und der frz. ›Roman de Rou‹ und das ebenfalls frz. ›Miracle‹ stehen einträchtig nebeneinander. Im frühen 13. Jahrhundert kam noch eine frz. Versübersetzung der Ps.-Turpinschen Karlschronik hinzu. Größe (Blattgröße 34,5 x 26 cm), prachtvolle Ausstattung (auf-

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Sp. 288–295. Für den hier skizzierten Zusammenhang bedeutungsvoll ist die bei Wace (›Brut‹ und ›Roman de Rou‹) belegte Nutzung des Begriffs im historiographischen Sinn als ›Geschichtsaufzeichnung‹ bzw. ›Aufzeichnung der Taten der ...‹. Florenz, Biblioteca Laurenziana, plut. LXIV, Cod 35; vgl. Inventaire N° 4046. San Marino, Huntington Library, HM 62/I; vgl. Inventaire N° 4002. London, BL, Royal 4.C.xi, Teil II; vgl. Crick (1991) S. 175–177.

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wendige mehrfarbige Initialen), moderne Einrichtung (zwei und drei Spalten) und sorgsame redaktionelle Betreuung des Kodex belegen den hohen ideellen Wert, dem man im Kloster der Sammlung zumaß. Die Sprache der Einzeltexte scheint dabei zweitrangig gewesen zu sein.

Als Entstehungshintergrund und Rezeptionsraum dieser bilingualen Sammlungen wird man sich vor allem die französischen und angevinischen Bischofshöfe, aber auch ein großes Reichskloster wie Battle in Sussex vorstellen müssen. Merkwürdig mutet im beschriebenen Zusammenhang allerdings an, daß die schon schriftlich-lateinisch fi xierten Legenden und Antikenromane jetzt noch einmal, und zwar für die mit diesen Werken sowieso vertrauten clerici in der Volkssprache auf das Pergament gebannt wurden. Aus literatursoziologischer Perspektive ergeben sich widerstreitende, letztlich aber in ihrer schriftbedingenden Notwendigkeit verzahnte Erklärungsmuster. Einerseits scheint die Volkssprache während des 12. Jahrhunderts als Schriftmedium im klerikalen Umfeld salonfähig geworden zu sein. Andererseits konnten die er z ä h lten Geschichten selbst im laikal-höfischen Umfeld ihren Legitimations- und Informationsauftrag nicht mehr allein durch das Wort erfüllen. Die in gelehrten Kreisen geschürte Polemik gegen alles Mündliche240 hatte gewirkt. Egal ob man die Texte für politisch-dynastische, sakral-fundierende oder historisch-memoriale Zwecke einsetzen wollte, Wahrheit und Legitimität existierten selbst für die illiterate Hofgesellschaft nur noch auf dem Pergament.241 Der Geruch der Lüge, des Fabulösen mußte von vorneherein getilgt sein, wobei es jedoch weniger um die Fakten selbst als um ein christliches Ideal und eine positive Exemplarität der Berichte (dies schließt auch die fabulae ein) ging.242 Auf die theoretischen Reflexionen der lateinischen Geschichtsschreiber gestützt, zeigt Wace für das gesamte Genre exemplarisch den Weg auf, wie dies zu gewährleisten sei: Im Zentrum der chronistischen Aufarbeitung der Artussage sollen Sichtung und Analyse des keineswegs per se verteufelten mündlichen Materials stehen. Es folgen

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Nahezu wörtlich übereinstimmende Passagen finden sich z.B. in Williams of Malmesbury ›Gesta Regum Anglorum‹ und in Ps.-Turpins ›Karlschronik‹; vgl. Burrichter (1996) S. 26– 28 (mit Stellennachweisen) und die Überlegungen zur allein-legitimierenden Schriftform in den Kap. II.2.4–6. In diesem Sinne zu verstehen sind wohl auch die Vorbehalte von Wace und dem Kaiserchronisten gegen mündliche Traditionen. Ein vergleichbares Unbehagen gegen die Mündlichkeit können wir aber schon ein Jahrhundert zuvor bei Adam von Bremen fassen, wenn er in seiner ›Historia Hammaburgensis ecclesiae‹ (1072/76) feststellt, tunc multa facta memorantur, que scriptorum penuria nunc habentur pro fabulis. »Einerseits drückt sich darin die Achtung für eine mündliche Tradition aus, die aber nun, in einer Zeit der Verschriftlichung, die mit der Christianisierung zusammenhängt, ihren Wert verliert« (Johanek, 2002, S. 14). Vgl. grundlegend von Moos (1976) (Zitat S. 123 Anm. 63).

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die Verifizierung der so gewonnenen Nachrichten anhand schriftlich-lateinischer Quellen und, wenn möglich, Augenzeugenberichten. Die qualifizierende Auswahl des exemplarisch-idealen Materials führt schließlich in die volkssprachige Verschriftlichung.

Resultat solcher Verschriftlichungsverfahren waren volksprachige Geschichtsdichtungen (seien es Legenden, Chansons de geste, Reimchroniken oder Antikenromane) mit einer der lateinischen Geschichtsschreibung durchaus vergleichbaren Legalität und Exemplarität. Historiographie, Epik, Hagiographie und Sage erweisen sich dabei als weitgehend entgrenzte Gattungen. Der in vielen Sammelhandschriften des frühen 13. Jahrhunderts merkwürdig anmutende Gattungsmix von Chanson de geste, Reimchroniken, Antikenromanen, Heiligenlegenden und Artusepen entpuppt sich als heilsgeschichtlich motivierte combinatio. Die einzelnen Berichtselemente und Texte (Quellen) können dabei in ihrer Textgestalt weitgehend unangetastet in additiver Reihung aufeinander folgen. Die große Zahl aufwendiger Prachtkodizes dieses Typs zeigt, daß man diesen (Pseudo-)Geschichtskompendien im volkssprachig-französischen Literaturdiskurs des ausgehenden 12. und beginnenden 13. Jahrhunderts höchste Wertschätzung entgegen brachte: Bei den Manuskripten handelt es sich häufig um großformatige, kostbare, z.T. bebilderte Prachtbände. II.2.2. Traditionslinien und Brüche: Anfänge im deutschen Sprachraum In Deutschland setzt die Hinwendung zur Volkssprache in den historiographischen Gattungen etwa gleichzeitig und unter vergleichbaren Vorzeichen ein. Das ›Annolied‹ (um 1080) markiert als Heiligenlegende, Vita und Weltgeschichte auch hier direkt vermittelt über lateinische Vorlagen bzw. lateinische Muster den Schritt des Genres in die Volkssprache. Auffällig anders sind allerdings die direkte Einbindung der Bischofsvita in die Heils- und Reichsgeschichte243 sowie deren ausgesprochener Schriftcharakter. Das ›Annolied‹ weist damit in mehrfacher Hinsicht auf die ›Kaiserchronik‹ voraus. Um die Mitte des 12. Jahrhunderts entstehen mit Priester Adelbrechts ›Johannes‹, ›St. Brandans Meerfahrt‹, Lamprechts ›Tobias‹, dem ›Trierer Aegidius‹, dem ›Trierer Silvester‹, Veldekes ›Servatius‹ und dem ›Oberdeutschen Servatius‹ zahlreiche Legenden, wie wir sie aus dem Westen kennen. Anders als die französischen Werke zeigen die deutschen Legenden jedoch kaum Reminiszenzen an eine mündlich-volkssprachige Erzähltradition. Sie sind direkt aus dem lateinischen Legendenfundus übertragen. Die Überlieferungsdecke solcher ›Ein-

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Diese Verbindung zur Reichsgeschichte ist in der Person Erzbischof Annos von Köln angelegt. Von 1062–64 war er Regent des Reichs. Auch danach hat er die Geschicke des Reichs entscheidend mitgeprägt.

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zellegenden‹ bleibt in Deutschland – deshalb? – auffällig dünn, obwohl die Heiligenlegenden selbst binnen kürzester Frist auch hier zu den beliebtesten volkssprachigen Stoffen avancieren und im historiographischen Umfeld eine entscheidende Rolle spielen. Nur findet man sie nicht einzeln, sondern in großer Fülle gebündelt, historiographisch aufbereitet und historisch verortet in der ›Kaiserchronik‹.244 Die Heiligenlegenden und -viten verschmelzen in dieser ersten großen deutschen Reimchronik im Stil der klerikal-lateinischen Geschichtsschreibung mit der Weltgeschichte bzw. sind letztlich Teil der Weltgeschichte.245 Demgegenüber entsteht bei den Antikenromanen und den Chansons de geste eine neue volkssprachig-deutsche Tradition überhaupt nur in der Beziehung zu den französischen Vorbildern. Ein entscheidendes Kriterium für die Überlieferungserfolge einiger dieser Texte (›Eneas‹, ›Rolandslied‹, ›Willehalm‹) dürfte dabei ihre Schriftlichkeit gewesen sein. Übernommen wurden keine von Mündlichkeit beeinträchtigten Geschichten, sondern bereits schriftlich fi xierte – d.h. legitimierte – Berichte. Was aus Frankreich übernommen wurde, hatte seinen heldenepisch-mündlichen Charakter (Form, Sprache, Metrik, Stil) längst auf dem Pergament verloren. Noch einmal ganz anders stellen sich die Enwicklungen bei den sog. Spielmannsepen und der Heldenepik (Kap. II.2.5–6) dar. Sie lassen allenfalls vage Anklänge an französische Vorbilder erkennen (Spielmannsepen) oder scheinen völlig von entsprechenden Entwicklungen im Westen losgelöst (Heldenepik). Auch lateinische Vorbilder lassen sich nicht ausmachen. Prinzipiell entwickeln sich in allen skizzierten Bereichen rund um die Vergangenheit – Legende, Reimchronik, Antikenroman, Chanson de geste, Spielmannsepik und Heldenepik – sowohl formal, stilistisch als auch buchtechnisch unterschiedliche, wenn nicht sogar eigenständige Tradierungsmuster, die

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Zahlreiche Heiligenviten und -legenden werden auch in den großen volkssprachigen Predigtsammlungen überliefert. So enthalten die Priester Konrad-Sammlung mindestens acht Heiligentexte, die ›Mitteldeutschen Predigten‹ 31 und die ›Schwarzwälder Predigten‹ 33 (vgl. S. 168f.). Im späten 13. und beginnenden 14. Jahrhundert stehen mit ›Passional‹, ›Väterbuch‹ und ›Märterbuch‹ umfängliche volkssprachig-deutsche Legendensammlungen aller Orten zur Verfügung. Vgl. zur konzeptionellen Nähe bzw. Verschränkung von Historiographie und Hagiographie im frühen und hohen Mittelalter die Forschungsüberblicke von Schlochtermeyer (1998) bes. S. 164f. und Coué (1997) S. 18–23, bes. S. 19 Anm. 85f. Für den volkssprachig hagiographisch-historiographischen Kontext sind vor allem die von Coué als Beweggründe für die Entstehung und Tradierung hagiographischer Literatur herauspräparierten Momente »Dokumentation« (ebd. S. 172f.) und »Prestige« (ebd. S. 173f.) von Interesse. Für eine direkt paränetische Funktion entsprechender volkssprachiger Texte finden sich keine Hinweise. Schlochtermeyer (1998) verweist mit Nachdruck auf die Verwendung der Hagiographie als Gebrauchsliteratur in klerikalen wie profanen Gesellschaftskreisen. »In der Hagiographie trafen sich einerseits kirchliche Initiative und andererseits das Bedürfnis von Klerikern, Mönchen und der Bevölkerung nach Anlehnung und Orientierung« (ebd. S. 163).

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sich allerdings im Verlaufe des 13. Jahrhunderts in umfänglichen, gattungsüberschreitenden Sammelhandschriften aufzulösen beginnen, ehe sie in den großen Reimchroniken etwa eines Heinrich von München in vollends entgrenzten Geschichtskompendien aufgehen. II.2.3. Volkssprachig-deutsche Geschichtsdichtung im Gewand lateinischer Traditionen: Die ›Kaiserchronik‹ Mitte des 12. Jahrhunderts entwickelt sich mit der anonymen deutschen ›Kaiserchronik‹ eine eigene volkssprachig-deutsche Geschichtstradition. Die innovative Wirkung des vorausgehenden ›Annolieds‹ mit seiner Synthese von universaler Heils- bzw. Weltgeschichte und Vita des heiligen Bischofs Anno von Köln war begrenzt geblieben. Der Kaiserchronist sieht sich – aber durchaus mit Bezug zum ›Annolied‹ – unmittelbar in der lateinischen Tradition verankert und bezeichnet sein Werk gemäß der lateinischen Diktion als crônicâ (KC 17).246 Aus der gelehrt-lateinischen Tradition stammen auch die schriftlichen Quellen, die literarischen Darstellungsmuster, das chronologische Gerüst und die heilsgeschichtlichen Vorstellungswelten. Neu sind noch nicht einmal die höfischen Elemente. Sie finden sich bereits in den Viten bedeutender episcopi curiales.247 Neu war allein die gewählte Sprache, womit neue höfisch-laikale Rezipientenkreise erschlossen wurden. Der Kaiserchronist bedeutet jedoch auch diesem neuen höfisch-laikalen Publikum unmißverständlich, daß es nicht die beliebten248 Heldengeschichten zu erwarten habe, er disqualifiziert sie ausdrücklich als lugene, sondern wahre Geschichtsschreibung. Die ›Kaiserchronik‹ ist damit Teil eines von der lateinischen Gelehrtenkultur vorgeprägten Geschichtsdiskurses. In Deutschland erweist sich anfangs überhaupt nur dieses Muster249 als erfolgreich. Die ›Kaiserchronik‹ darf nach den Überlieferungszahlen, einer

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Hier lehnt sich der Kaiserchronist bewußt an das geschichtsschreiberische Werk Frutolfs von Michelsberg an, dem sich z.B. auch die Dietrich-Episode verdankt. Diese – unausgesprochene – Nähe zu Frutolf hat einige Jahrzehnte später der Sächsische Weltchronist explizit herauspräpariert (SW 134,37–135,1); vgl. Hellgardt (1995) S. 96ff. Vgl. mit zahlreichen Beispielen Jaeger (2001). Die Ausführungen des Kaiserchronisten im Prolog sowie die in den Lauf der Geschichte implementierten Berichte und Kommentare lassen die Umrisse einer populären volkssprachig-mündlichen Sagentraditionen erkennen. Sie zeigen, welchen Stellenwert diese Stoffe im kulturellen Leben hatten und mit welcher enormen Verbreitung selbst in der klerikalgelehrten Welt zu rechnen ist. Auch in den frz. Reimchroniken finden sich rund um die Helden hagiographische Elemente (zum Heiligen rund um Artus vgl. etwa Göller, 1984) in großer Dichte gruppiert. Das Heilige bleibt aber in den frz. Reimchroniken ergänzendes Beiwerk und wird nicht wie in der dt. ›Kaiserchronik‹ sowie partiell im ›Rolandslied‹, im ›Willehalm‹ (explizit faßbar nur in der Trilogievariante) und vielleicht im ›König Rother‹ (Moniage des Helden) zur tragenden Säule der Darstellung.

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zu erschließenden flächendeckenden Verbreitung und ebenso weit gestreuten Rezeptionsbelegen als das volkssprachig-deutsche Erfolgswerk des späten 12. und frühen 13. Jahrhunderts gelten. Aber die ›Kaiserchronik‹ weist mit teilweise neuer Blick- und Zielrichtung zugleich aus diesem engen Zirkel der gelehrt-lateinischen Welt hinaus. Sie bietet ein Formen-, Sprach- und Normeninventar, das für die volkssprachig-höfische Literatur bald zum Standard wird. Die höfischen Elemente, faßbar z.B. in neuen Sprachkonventionen, in einer erstmals aufscheinenden neuen Begrifflichkeit, in höfischen Attributen der geschilderten Personen, Örtlichkeiten, Handlungen, sind offensichtlich auf einen Kreis von Interessenten aus dem höfischen Milieu gezielt, wobei man sich aber vor einer Trennung in weltliche oder geistliche Höfe hüten sollte.250 Beim Kaiserchronisten selbst spricht zwar vieles für den Welfenhof als Wirkungsstätte, doch der war zugleich weltliches und geistliches Zentrum. Die wenigen faßbaren Überlieferungsbelege weisen denn auch in ein von geistlichen und weltlichen Interessen geprägtes interkulturelles Milieu. Eine der ältesten und kostbarsten ›Kaiserchronik‹-Handschriften gab Propst Bernhard von Vorau (1185–1202)251 in den letzten Jahren des 12. Jahrhunderts in Auftrag (Vorau, SfB, Cod. 276). Der Vorauer Sammelcodex bietet im ersten volkssprachigen Teil die deutschen ›Kaiserchronik‹ samt einem umfangreichen Ensemble kleinerer heilsgeschichtlicher Texte. In einem zweiten lateinischen Teil folgen die ›Gesta Friderici I. imperatoris‹ Ottos von Freising. Deutsche und lateinische Texte fügen sich zu einer Heilsgeschichte von der Schöpfung (‹Vorauer Bücher Mosis‹) bis hin zur Gegenwart (‹Kaiserchronik‹, ›Gesta Friderici‹) bzw. bis zum Jüngsten Gericht (›Vorauer Jüngstes Gericht‹, ›Vorauer Sündenklage‹).252 Da Einrichtung, Ausstattung und vor allem das außergewöhnliche Format von 42,5 x 32,5 cm Blattgröße bei beiden Teilen bis ins Detail übereinstimmen, ist an einer einheitlichen Gesamtkonzeption der Sammlung nicht zu zweifeln.253 Die volkssprachige ›Kaiserchronik‹ samt Begleittexten steht damit einträchtig und prinzipiell identisch gestaltet, d.h. wohl auch identisch gewichtet, neben einem lateinischen Geschichtswerk: den ›Gesta Friderici‹. Die Sprache der Einzeltexte scheint dabei einmal mehr zweitrangig gewesen zu sein.254 Sinn machte eine solche mischsprachliche Sym-

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Vgl. zu einigen kaum weniger als die weltlichen Fürsten an höfischer Lebensführung interessierten Bischöfen Jaeger (2001) passim. So ist der Schreibereintrag auf Bl. 136r des lat. Teils zu deuten: Gesta Friderici imperatoris. Que Wolfcangus scripsit. iubente Bernhardo preposito. Qui ea sancte marie. sancto thome et uorowensi ecclesie abstuelerit. anathema sit (Gärtner, 1999, Sp. 518); vgl. zum Profi l des Vorauer Skriptoriums in der Zeit Probst Bernhards Wind (1982). Vgl. Gärtner (1999), Nellmann (2001) sowie sowie speziell zur inhaltlichen Konzeption Müller, St. (2003) S. 241–243. In der Forschung vielfach angezweifelt; vgl. zuletzt Gärtner (1999) Sp. 517. Der kodikologische und paläographische Befund sprechen jedoch für die Gesamtkonzeption. Vgl. mit ganz ähnlichen Beobachtungen zur Überlieferung der ›Sächsischen Weltchronik‹ Wolf (1997) passim.

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biose nur, wenn die Adressaten bilingual, d.h. mit beiden Sprachen vertraut waren. Genau dies kann man bei Propst Bernhard und seinem unmittelbaren Umfeld – wozu sicher Markgraf Ottokar IV. († 1192) und vielleicht der Kaiser selbst gehörten – voraussetzen. Der Hinweis auf Kaiser und Reichsfürst ist in diesem Fall bedeutsam, weil die Textauswahl im deutschen wie im lateinischen Teil Kaisertum und Reich in den Mittelpunkt rückt.255 Welch hohen Wert man der volkssprachigen ›Kaiserchronik‹ auch im fortschreitenden 13. Jahrhundert in klerikalen Kreisen zuerkannte, belegt ein ›Kaiserchronik‹-Exzerpt in dem Niederaltaicher Sammelkodex, den Abt Hermann von Niederaltaich im Zuge umfangreicher chronistischer Arbeiten für die bayrischen Herzöge in den 1250er Jahren anlegen ließ. Zahlreiche Geschichtsquellen wurden zu diesem Zwek exzerpiert – darunter auch eine volkssprachige ›Kaiserchronik‹. Sprache (Latein und Deutsch), Form (Vers und Prosa) und Gattung (u.a. Akten, Annalen, Briefe, Chroniken, Urkunden) spielten bei der Suche keine Rolle (s.u. S. 309f.). Alle für die Ansprüche des Klosters und der bayrischen Herzöge wichtigen Texte wurden in der Sammelhandschrift vereinigt (Wien, ÖNB, Cod. 413256). Erneut begegnet im Zusammenhang mit der volkssprachigen ›Kaiserchronik‹ ein selbstverständliches Nebeneinander von lateinischen und volkssprachigen Texten. Volkssprachige und lateinische Überlieferung fließen bruchlos ineinander. Und wieder scheint eine eng vernetzte geistliche und weltliche Interessenlage für die Nutzung der ›Kaiserchronik‹ charakteristisch. Der exemplarische Blick auf einige ›Kaiserchronik‹-Handschriften zeigt, daß das als bewußtes Signal an volkssprachige und lateinische Rezipienten gerichtete Gattungssignum crônicâ seine Wirkung nicht verfehlt hatte. Es scheint tatsächlich noch nicht einmal übertrieben, wenn man der deutschen ›Kaiserchronik‹ zumindest in einigen repräsentativen Handschriften mit N. Palmer »the same status as a work in Latin« unterstellt.257 Und noch etwas fällt in diesem Zusammenhang auf: Viele ›Kaiserchronik‹-Handschriften wurden bei der Herstellung ausgesprochen ›fürsorglich‹ betreut. Nicht nur beim Vorauer Prachtkodex (s.o.), sondern auch bei einfacheren Abschriften wie dem Heidelberger Exemplar (UB, Cpg 361) sehen wir aufmerksame Schreiber und Korrektoren am Werk. So werden im Heidelberger Kodex Fehler am Rand kor-

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Grubmüller (2000) S. 212f. denkt hier sogar an die Möglichkeit, daß Probst Bernhard Markgraf Ottokar IV. mit diesem Kodex eine Orientierungshilfe im Sinne eines Fürstenspiegels bieten wollte. Belege für eine solche These lassen sich freilich nicht beibringen. Zur Handschrift vgl. Tabulae (1864) S, 66f. Nr. 413; Menhardt (1960/61) S. 41 und Wittelsbach und Bayern (1980) S. 110 Nr. 140. Palmer (1993) S. 13. Hier allerdings nicht mit Bezugnahme auf den Vorauer Kodex (vor 1200; erwähnt ebd. S. 14 u. Abb. 3), sondern auf den deutlich jüngeren (1. Viertel 13. Jahrhundert) und eben gerade nicht besonders repräsentativen, kleinformatig-einspaltigen Discissus Graz, UB, Cod. 1703 Nr. 133 + Innsbruck, LM Ferdinandeum, Cod. FB 1519/V.

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rigiert (Bl. 59rb: Die k 7me u 7r z 7 herbergen ➝ k 7me ist falsch und wird durch das korrekte k 7negin ersetzt), inkorrekte Zeilen durch Rasur beseitigt (Bl. 66va: zwei Zeilen ausrasiert) oder vergessene Passagen marginal bzw. in Freiräumen nachgetragen (ergänzt Bl. 67 va: zuo ierlin er mit here reit). Textbetreuung und Textstatus stehen offensichtlich in enger Beziehung zueinander. II.2.4. Volkssprachig-deutsche Geschichtsdichtung im Gewand französischer Traditionen: Von der ›Chanson de Roland‹ zum ›Rolandslied‹ Mit dem ›Rolandslied‹ des Pfaffen Konrad weist auch das zweite Erfolgswerk dieser Epoche ähnliche Darstellungsstrukturen auf, nur daß hier der Berichtsrahmen auf eine Personenkonstellation (Roland – Karl) bzw. ein Ereignis (Schlacht in Roncevalles) fokussiert wird. Mehrere prachtvoll ausgestattete Handschriften lassen auch hier einen hohen literarischen Status erkennen. Die Verschriftlichung vormals mündlich-heldenepischer Traditionen folgt allerdings eigenen Gesetzmäßigkeiten. Die deutschen Autoren der Frühzeit greifen gerade nicht auf die lateinischen ›Originalquellen‹ zurück, – die sie sicher auch kannten –, sondern ausschließlich auf bereits volkssprachig-französische Fassungen. Übertragen wurden Werke und Stoffkreise allerdings nur bei besonderen Interessenkonstellationen. Regionale heldenepische Traditionen ließen sich offensichtlich nicht ohne weiteres in fremde Kulturkreise übertragen, und zwar auch dann nicht, wenn die Protagonisten bzw. das Protagonistenumfeld (z.B. Karl der Große und Ludwig der Fromme, die Sachsen) und das heroic age (z.B. die Karolinger- und die Kreuzzugsepoche) internationale Bedeutung beanspruchen konnten.258 Von einer »Entörtlichung von Kommunikation und Erfahrung« kann bei den Chansons de geste und den Reimchroniken gerade keine Rede sein.259 Für die Adaptation im deutschen Sprachraum waren mit der Verschriftlichung und teilweisen Höfisierung der heldenepischen Stoffe in Frankreich dennoch entscheidende Voraussetzungen geschaffen. Wenn ein solcher Stoff den Sprung über die kulturelle Grenze schaffte, wurden verbürgte, weil schriftlich vorliegende historische Wahrheiten übernommen. Wahrheit allein reichte freilich nicht aus. Nur über persönliche Kontakte konnte die Kenntnis von solcherart volkssprachig-schriftlich fi xierter Geschichtserinnerung in den deutschen Sprachraum transferiert werden. War ein solcher Transfer dann aber erst einmal vonstatten gegangen, nähren auffallende Parallelen in der Buch- und Seitengestaltung die

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Vgl. Bastert (2005). Wenzel (1995), S. 196. Völlig anders stellt sich die Situation in den nidderen landen dar. Frz. Traditionen sind dort bis weit in das 13. Jahrhundert hinein integraler Teil eines bilingualen literarischen Diskurses; zur Werk- und Überlieferungsdichte vgl. Kienhorst (1988).

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Vermutung, daß neben den Helden die medialen Grundmuster gleich mitadaptiert wurden. Als erste Interessenten und Übersetzungsauftraggeber für ein französisches Geschichtsepos kann man mit einiger Sicherheit Heinrich den Löwen und seine Frau Mathilde namhaft machen.260 Sie ließen die französische ›Chanson de Roland‹ vom Pfaffen Konrad ins Deutsche übertragen. Kenntnis von der Chanson dürfte der Welfenherzog durch seine Gemahlin Mathilde, die Tochter Heinrichs II. und Eleonores von Aquitanien, erhalten haben, die wiederum an den elterlichen Höfen in Poitiers und England – den literarischen Zentren der Zeit261 – auf das neue französische Werk aufmerksam geworden sein wird. Mathilde soll es auch gewesen sein, die die Geschichte am Welfenhof hören wollte: daz b7ch hiz er uor tragen, gescriben ze den Karlingen. des gerte die edele herzoginne, aines richen ch7 niges barn. (RL 9022–9025) (Das in Frankreich verfasste Buch ließ er – Heinrich der Löwe – auf Wunsch der edlen Herzogin, der Tochter eines mächtigen Königs, herbeibringen. )

Vielleicht hatte Mathilde sogar die Buchvorlage aus England mitgebracht.262 Die in den fraglichen Zeitraum um 1150263 zu datierende Oxforder Handschrift (Bodl. Library, Digby 23264) scheidet wegen erheblicher inhaltlicher Differenzen zwar als direkte Vorlage aus, vermittelt aber einen Eindruck davon, wie ein solches Buch ausgesehen haben könnte.265 Nicht unbedingt gegen eine Verwendung des Oxforder

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Diese Vermutung stützt sich primär auf den Epilog, der allerdings in der sehr alten (verbrannten) Straßburger Handschrift nicht vorhanden ist; vgl. Bastert (2002a) S. 199f. Vgl. zu dieser allgemein verbreiteten Vorstellung kritisch Lutz (2000) S. 98ff. Die genaue Datierung der Stofftranslation (vor/nach der Pilgerfahrt 1172? oder nach der Bannung und dem anschließenden Exil des Löwen 1180/85?) ist nach wie vor offen; vgl. die Argumente zusammenfassend und diskutierend Bastert (2002a). Die Datierungen in der Forschung differieren zwischen 1100 und 1170. Die älteren Datierungsversuche diskutiert Parkes (1985). Neuere paläographische und kodikologische Analysen bieten Short (1973), Parkes (1985) S. 161–175 u. Parkes (1991) S. 71–89. Short datiert ebd. S. 230 das Manuscript vornehmlich anhand der verwendeten de-Ligatur »in the middle of the second half of the 12th century«. Parkes (1991) kann allerdings nachweisen, daß diese de-Ligatur bereits seit 1096 im Gebrauch war. Seine ausführlichen Analysen führen zu einer Datierung »in the second quarter of the twelfth century« (gegen eine zu frühe Datierung noch ins 11. oder beginnende 12. Jahrhundert sprechen das ›moderne‹ Layout mit ausgerückten Anfangsbuchstaben und verschiedene paläographische Merkmale; vgl. Hasenohr, 1990, S. 239); vgl. zusammenfassend Taylor (1991) S. 46 Anm. 15 (ältere Datierungsansätze) und Taylor (2001) S. 44 Anm. 71. Am ehesten möchte man an die Zeit vor/ um 1150 denken. Vgl. Inventaire N° 4001 (Beschreibung und weiterführende Literatur). Von den »bestimmten Merkmalen«, die laut Werner/Zirnbauer (1970) S. 138f. die Oxforder Handschrift (O) bzw. eine Kopie dieses Kodex in unmittelbare Nähe zum dt. ›Rolandslied‹ rücken, kann ich nichts erkennen.

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Kodex im königlichen Umfeld sprächen dessen »poor quality parchment«, erhebliche »discrepancies in ruling«266 sowie einzelne Schreibfehler und Nachlässigkeiten. Entsprechendes findet sich auch in zahlreichen volkssprachig-deutschen Zimelien bzw. scheint für volkssprachige Kodizes der Frühzeit geradezu typisch (s. S. 127ff.). Short sucht den Schreiber »with no claims to calligraphic skill other than some experience in drafting administrative documents« im Kanzleizusammenhang.267 Parkes denkt an einen »chaplain or clerk in a bishop’s familia or a baronial household«,268 was sich mit Shorts Überlegungen gut in Einklang bringen ließe, denn genau dort wären beginnende Kanzleizusammenhänge in dieser frühen Zeit am ehesten festzumachen.

Man mag über die genauen Hintergründe streiten, die Heinrich und Mathilde dazu veranlaßten, den Pfaffen Konrad mit der Übertragung der matteria zu betrauen.269 Sicher war es mehr als nur die ästhetische scone (RL 9020) oder der Herzenswunsch der Herzogin (RL 9024f.). Im Hintergrund spielte wohl die in Prolog und Epilog herausgestellte Anbindung der eigenen Dynastie an das Kaisergeschlecht, an Karl den Großen (nepos caroli270) bzw. letztlich an den biblischen david rex eine entscheidende Rolle. Nune mugen wir in disem zite dem ch7 ninge Dauite niemen so wol gelichen so den herzogen Hainrichen. (RL 9039–9042) (Nun können wir heutzutage keinem dem König David so gut vergleichen wie den Herzog Heinrich.)

Daß damit direkte Ansprüche auf die/eine Königswürde oder gar auf das Reich transportiert werden sollten, ist zwar eher unwahrscheinlich,271 unmit-

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Parkes (1991) S. 75. Short (1973) S. 230. Parkes (1985) S. 174. Für die familia eines Bischofs oder eines größeren, von klerikaler Bildung geprägten weltlichen Hofs (Königshof?) könnte die Mitüberlieferung sprechen: eine glossierte lat. Fassung von Platons ›Timaeus‹. Wann der Platon-Faszikel (Bl. 1–55; Ende 12. Jahrhundert) mit der Chanson vereinigt wurde, ist allerdings nicht belegt; vgl. Inventaire N° 4001 und Taylor (2001) S. 41–53. Vgl. z.B. jüngst Lutz (2000) S. 92–97 sowie Bastert (2002) (mit einem kurzen Abriß der Forschungsgeschichte) und Bastert (2005) mit einer Fülle interessanter Thesen. Ob das ›Rolandslied‹ »im Gefüge der Selbstdarstellung des welfischen Hofes zwar einen anderen, aber keinen geringeren Rang einnimmt als das Helmarshauser Evangeliar« (Lutz, ebd., S. 93), wäre kritisch zu hinterfragen. Diese Idee findet sich im Widmungsgedicht des Evangeliars formuliert (Bl. 4v). In jedem Falle heißt es im Epilog, daß mit dem Werk daz riche wol mit geret (RL 9034) sei. Konkrete Ansprüche Heinrichs des Löwen auf das Reich oder etwa eine separate bairisch-sächsische Königswürde (vielleicht im Stil des benachbarten Dänenkönigs Knut) sind nirgendwo dokumentiert. Der Terminus rex taucht weder in seinen Urkunden, anderen Schriftstücken, Büchern noch auf seinen Brakteaten auf. Darstellungen und Aussagen im Evangeliar, im Marienaltar, im Rolandslied und der königgleichen Repräsentationsstil mit Löwenpfalz, Löwenmonument und Blasiuskirche scheinen allerdings unterschwellig in diese Richtung zu deuten. Wenn auch nicht für sich selbst, so sind imperiale Ansprüche für sein Haus jedenfalls unverkennbar; vgl. Johannes Fried, Königsgedanken Heinrichs

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telbar greifbar ist aber Heinrichs Interesse an der Gestalt des vorbildlichten miles christianus, des Ritterheiligen sowie des idealen biblischen (David) und christlichen (Karl der Große) Königs. Das ›Rolandslied‹ fügt sich damit in ein weit gefächertes politisches Programm des Welfen, was nicht unmaßgeblich durch die englischen Verwandten beeinflußt gewesen sein dürfte. Durch seine ›Kreuzzüge‹ gegen die Wenden, die Stiftungen – Blasiuskirche, Marienaltar, Evangeliar, Psalter, Reliquien etc. –, seine Pilgerfahrt nach Byzanz, die Bauprojekte – Pfalz, Löwenmonument, Blasiuskirche – und vielleicht eben auch durch das literarische Mäzenatentum suchte der Herzog ein auf sich bezogenes ideales Herrscherbild zu konturieren. Eckpfeiler einer solchen Idee waren auf der einen Seite Kaiser Lothar, Roland und Karl der Große sowie auf der anderen gotes rîche und der Kreuzzugsgedanke.272 Daß das ›Rolandslied‹ tatsächlich eine dementsprechende politisch-propagandistische Wirkung für die welfische Sache entfalten konnte, ist jedoch allenfalls implizit aus einigen markanten Überlieferungsbesonderheiten abzuleiten:273 Neben den für dieses Genre charakteristischen »small and functional manuscripts« haben sich einige für die volkssprachig-deutsche Schriftlichkeit dieser frühen Zeit absolut außergewöhnliche Bilderhandschriften erhalten. Es handelt sich dabei um drei bebilderte Exemplare:274 Die vernichtete Straßburger Hs. A (Straßburg, Johanniterbibl.; ohne Epilog!) und der Heidelberger Kodex P (Heidelberg, UB, Cpg 112) wurden mit Federzeichnungen ausgestattet. Im wenig jüngeren Schweriner Fragment S (Schwerin, LB, ohne Sign.) sind an den entsprechenden Stellen Illustrationen vorgesehen. Zur Ausführung kam es jedoch nicht.275 In ihrer Gestaltung erinnern die bebilderten ›Rolandslied‹-Handschriften an einige kostbare lateinische historiographisch-hagiographische Handschriften aus dem 12. Jahrhundert. Besondere Aufmerksamkeit zieht dabei die ›Anonyme Kaiserchronik für Heinrich V.‹ auf sich: Der Kodex gelangte vielleicht schon im 12. Jahrhundert mit Mathilde, der Witwe des 1125 verstorbenen Kaisers und Tochter Heinrichs I. von England, an den englischen Königshof. Dort könnten sowohl die Frau Heinrichs des Löwen als auch der Löwe selbst den Kodex als mediales Vorbild für ein eigenes Buchprojekt gesehen haben.276 Das im Cambridger Kodex

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des Löwen. In: Archiv für Kulturgeschichte 55 (1973) 312–351. Vgl. Bastert (2002) und ders. (2002a). Zum Vergleich von ›Chanson de Roland‹ und ›Rolandslied‹ unter dem Gesichtspunkt von Historiographie und Authentisierungsstrategie vgl. Bauschke (1995) und demnächst die Habilschrift von Bernd Bastert. Die Forschungssituation faßt Lutz (2000) S. 90, 92ff. zusammen. Einige interessante Aspekte zur Nutzung der frz. Vorlage liefert Keller (1979). Zur Überlieferung vgl. Gutfleisch-Ziche (1996) und zur Sonderrolle dieser Handschriften Bumke (1996a) S. 72 Anm. 296f. Zur Funktion der Illustrationen vgl. Ott (1992). Vgl. zu den Spekulationen um die Geschichte des Kodex Heinrich der Löwe (1995) S. 299f. An eine englische Vorlage für die Bilder denken Werner/Zirnbauer (1970) S. 120–122, 139.

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(Tafel 37) verwendete Illustrationsmuster ist allerdings zu unspezifisch, um tatsächlich direkte Verbindungen zu den ›Rolandslied‹-Illustrationen – deren ursprüngliche Gestalt sich anhand der späteren Handschriften sowieso nur erahnen läßt – belegen zu können. Es belegt aber die Präsenz entsprechender Muster im angevinisch-welfischen Literaturbetrieb des 12. Jahrhunderts. Wenn schon Heinrich und Mathilde selbst eine Bilderhandschrift in Auftrag gegeben hatten,277 muß der Status des deutschen ›Rolandsliedes‹ analog zur ›Kaiserchronik‹ ein besonderer, zentralen lateinischen Geschichtswerken durchaus vergleichbarer gewesen sein: mehr als bloß Geschichtsüberlieferung, mehr als bloß (Ritter-)Heiligenlegende, mehr als bloß Darstellung eines ritterlich-christlichen Ideals, mehr als bloß dynastische Propaganda. Aber die ›Rolandslied‹-Bilder zeigen noch mehr. Sie lassen deutlich den Anspruch auf Literarizität erkennen, denn es ist, so paradox das klingen mag, gerade das Bild, das den je ereichten Stand der Schriftlichkeit und den damit einhergehenden Wahrheitsanspruch der Texte unterstreicht; ein illustriertes Buch ist gleichsam ›noch mehr‹ Buch als eine bildlose Textaufzeichnung: In der lateinischen Literalkultur wird gerade den Texten mit dem höchsten Wahrheitsanspruch überhaupt – nämlich dem in den Evangelien versammelten Wort Gottes – durch äußerst aufwendig gemalte Autorenporträts der Evangelisten der herausgehobene Rang vermittelt. Die volkssprachige Laienkultur übernimmt, gerade in der Periode ihrer Identitätsfindung, diese Funktion des Bildes und unterstreicht damit den Anspruch ihrer Literatur auf Literarizität.278

Die Bilderhandschriften lassen erahnen, wie sich die außergewöhnliche Wertschätzung des Epos über den Kreis der welfischen Auftraggeber und Primärrezipienten hinaus in der Folgezeit fortsetzte.279 Nach den Schreibdialekten der Bilderhandschriften war eine solch hohe Wertschätzung jedoch an eine unmittelbare geographische Nähe zu den welfischen (Kern-)Landen gebunden.280 Dort, im welfischen Einflußbereich, war wohl auch die Chance am größten, auf eine Bilderhandschrift als mediales Vorbild zu treffen. Ein beauftragtes Skriptorium brauchte sich dann nur noch am vorgegebenen Leitbild zu orientieren. Vergleichbare buchtechnische Faktoren spielen bei der Ausbildung spezifischer Tradierungsmuster nachweislich eine zentrale Rolle. Ein vorliegendes Buchmuster wird dabei über mehrere Buchgenerationen nahezu authentisch bewahrt – falls keine gewichtigen materiellen oder ideellen Gründe dagegen sprechen. Beim Heidelberger und Straßburger Kodex gab es keine

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Allgemein werden die Bilder dem Regensburger Kunstkreis zugerechnet; vgl. Werner/Zirnbauer (1970) S. 123–138 u. Beer (1987). Das könnte die von Wesle (1928) postulierte gemeinsame Vorlage aller drei Bilderhandschriften (P, S, A) gewesen sein. Ott (1992) S. 189. Vgl. zu dieser These Bumke (1986) S. 729 u. Kartschoke (2000) S. 281f. In den Handschriften S und P scheinen mehr oder weniger eindeutig mitteldeutschen und niederdeutschen Elemente durch.

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störenden Einflüsse. Beim Schweriner Kodex gingen während des Kopiervorgangs anscheinend die Mittel aus. Vielleicht war auch der Auftraggeber verstorben oder die politische Großwetterlage hatte sich grundlegend verändert. Die Übernahme des Bildprogramms kam nicht mehr zur Ausführung. Eventuell wurde sogar das Buchprojekt in Gänze gestoppt. Erhalten sind nur fünf Doppelblätter. Für die rasche Verbreitung des ›Rolandsliedes‹ auch über diesen unmittelbaren welfischen Macht- und Einflußbereich hinaus dürfte ein ganzes Bündel von Gründen maßgebend gewesen sein. So konnte der Stoff verschiedene Interessenlagen befriedigen. Angelegt waren die Kreuzzugsidee, der Karlsmythos, eine modifizierte Reichsidee, eine ideale Rittergestalt und der Weg zum Ritterheiligen. Mit der offensichtlichen Anbindung an die erfolgreiche ›Kaiserchronik‹ – der Pfaffe Konrad übernahm unzählige Verspartien281 – wurden zudem reichsweit bewährte historiographische und hagiographische Darstellungsmuster direkt in den Text implantiert. Von Vorteil war außerdem, daß der Stoff über die Schriftschiene adaptiert wurde. Das deutsche ›Rolandslied‹ war damit von vorneherein einem möglicherweise diskreditierenden oral-heldenepischen Charakter entbunden. Es war schriftliche Geschichtsdichtung mit höchstem Wahrheitsanspruch. Diese Tatsache hebt der Pfaffe Konrad im Prolog, sicherlich mit einem Seitenblick auf den die mündliche Überlieferung diskreditierenden ›Kaiserchronik‹-Prolog, denn auch ausdrücklich hervor: d7 sende mir ze munde din heilege urkunde, daz ich die luge uirmide, die warheit s c r ib e uon einem turlichem man, wie er daz gotes riche gewan. (RL 5–10) (Du [Gott] erfülle mich mit dem heiligen Geist, daß ich die Lüge vermeide und die Wahrheit s c h reib e von einem ausgezeichneten Mann, wie er das Gottesreich gewann.)

Durch den mächtigen Auftraggeber bzw. die Verbindung zu einem der ersten Geschlechter im Reich waren zudem bedeutende Tradierungswege geebnet, andere aber anscheinend verschlossen: Mit dem sächsisch-welfischen Entstehungshintergrund ließe sich die auffällig große Zahl mittel- bzw. niederdeutscher Handschriften und das fast vollständige Fehlen oberdeutscher ›Rolandslied‹-Handschriften erklären. Nach der Entmachtung und Bannung des Löwen scheint der Einfluß im Süden besonders nachhaltig geschwunden zu sein.282 Ebenfalls erklären würde diese These, daß außerhalb einer eventuell direkt an den Welfenhof gebundenen Tradierungsschiene ausschließlich

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Konkordanz: Wesle (1924) S. 224–228. Zur Überlieferungsgeographie vgl. Klein, Th. (1988) S. 130ff. und Bastert (2005).

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die einfachen, kleinformatigen Gebrauchshandschriften begegnen, wie sie für die frühe volkssprachliche Überlierferung typisch sind. Dies gilt ausnahmslos auch für die jüngeren ›Rolandslied‹-Kodizes aus dem 13. Jahrhundert (Tafel 38). Den Sprung in eine text- und buchgeschichtliche neue Ära schaffte Konrads Rolandsepos schließlich nicht mehr. Der Stoff selbst bliebt allerdings ungebrochen populär. Eine neue, umfangreichere, weit mehr Teile des Lebens Karls des Großen behandelnde Dichtung trat an die Stelle des ›Rolandsliedes‹: Strickers ›Karl‹.283 Die jetzt in Frankreich in großer Zahl kursierenden Karlsepen spielen dabei als ergänzendes oder gar fundierendes Quellenmaterial freilich kaum noch eine Rolle.284 Der Stricker nutzte das ›Rolandslied‹ als Vorlage und ergänzte das Werk aus deutschen und lateinischen Quellen zu einem umfassende(re)n Karl-Roland-Epos.285 Für unseren Zusammenhang besonders aussagekräftig sind die stilistischen Eingriffe des Strickers. Schon Konrads ›Rolandslied‹ war stilistisch weitgehend vom mündlichen Duktus der französischen Chanson abgelöst. Strickers ›Karl‹ ist dies nun vollständig: Unreine Reime werden eliminiert, der Sprachstil flüssiger gestaltet und der Versbau geglättet. Und dieser ›höfische‹ Modernisierungsprozeß für die, die noch minnent hovelîche kunst (Stricker 115,118), macht nicht Halt bei Inhalt, Form und Textgestalt, sondern findet in der Buchgestalt eine Entsprechung. Bereits die beiden ältesten Stricker-Handschriften aus dem frühen zweiten Viertel des 13. Jahrhunderts (a = München, BSB, Cgm 5153e, Tafel 39; b = München, BSB, Cgm 5249/5a) haben nichts mehr gemein mit den gleichzeitigen ›Rolandslied‹-Handschriften. Trotz seines hohen Ausstattungs- und Schriftniveaus wirkt z.B. das Schweriner ›Rolandslied‹-Fragment S archaisch: Der Text ist einspaltig, fortlaufend geschrieben. Das Gleiche gilt für das noch etwas jüngere Erfurter Fragment E286 (Tafel 38) und selbst für das oben beschriebene Marburger Fragment M (s.o. S. 86f.). Die gleichzeitigen Stricker-Kodizes sind demgegenüber von Beginn an modern zweispaltig mit perfektem Spaltenumbruch eingerichtet. Die Verse sind abgesetzt. Häufig werden sogar schon die Anfangsbuchstaben ausgerückt bzw. rubriziert. Auch verwendet man deutlich größere Formate. Damit gehö-

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Vgl. grundlegend Bastert (2002) u. Bastert (2005). Die Überlieferungszusammenstellung im Handschriftencensus (http://www.uni-marburg.de/hosting/census/werkes.html#stricker2) erlaubt einen schnellen und zuverlässigen Zugriff auf die Textzeugen. Alle Textzeugen des 13. Jahrhunderts sind im ›Marburger Repertorium‹ (MR13) beschrieben. Zu einer vom Stricker benutzten französischen ›Chanson de Roland‹-Fassung und dem ›Mainet‹-Stoff vgl. Bastert (2002) S. 94. Zu den Quellen, Bearbeitungscharakteristika und -tendenzen vgl. Bastert (2002) S. 91–98 sowie grundlegend Bastert (2005). Ehlert/Klein (2001) S. 15 sprechen von Strickers ›Karl‹ »eher als Geschichtsdichtung« denn als »Geschichtsschreibung«. Für die zeitgenössische Rezeption ist eine solche (aus modernen Vorstellungen geprägte) Binnendifferenzierung ohne Relevanz. Das Werk war Teil der Geschichtsschreibung. Erfurt, Stadtbücherei, Cod. Ampl. 4° 65, Einlage (als Dauerleihgabe in der UFB Erfurt/ Gotha).

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ren die ältesten Stricker-Handschriften zum Modernsten, was die zeitgenössische volkssprachige Buchkultur zu bieten hat. Eine moderne Textgestalt und moderne Stilelemente korrespondieren mit einer modernen Buchform. Sie sind wohl gemeinsam Ausdruck der neuen hovelîchen kunst (Stricker 115,118), von der der Stricker ausdrücklich spricht. Möglicherweise hatte der Autor selbst mit einem der aktuellen hovelîchen kunst entsprechenden, ersten Manuskript die Leitlinien der weiteren Tradierung vorgegeben, denn dem skizzierten modernen Buchmuster entsprechen in der Folgezeit nahezu alle ›Karl‹Handschriften.287 Aus diesem Modell schert im späteren 13. Jahrhundert nur die Klagenfurter Handschrift m aus (Klagenfurt, LA, Cod. GV 7/42; Tafel 40). Der eigentümliche Kodex bietet den Text fortlaufend in einer ganz kleinen Textualis auf fast quadratisch, einspaltig, eingerichteten großformatigen Blättern (29 x 24,5 cm). Insgesamt vermittelt der Kodex einen beinahe urkundenartigen Eindruck. Für einen in der Urkundenpraxis erprobten Schreiber sprechen auch die schnelle Schrift mit kursiven Elementen und die zahlreichen Abbreviaturen. Möglicherweise sehen wir hier einen Kanzleischreiber am Werk, der nur ausnahmsweise einen größeren literarischen Text, sonst aber primär Urkunden kopierte. Ob und inwieweit die urkundenartige Gestaltung auch die Legitimität des Texts befördern sollte, bleibt unklar. II.2.5. Die schriftliche Fixierung mündlicher Traditionsstränge I: Heldenepik Heldengestalten aus ferner Vergangenheit genossen im kulturellen Gedächtnis des Mittelalters einen hohen Stellenwert. Das ursprüngliche Tradierungsmedium für die heldenepischen Stoffe scheint dabei die Sprache, der mündliche Vortrag gewesen zu sein. Den Weg auf das Pergament fanden die Geschichten zunächst nur in Ausnahmefällen. Das ›Hildebrandslied‹, der ›Waltharius‹ und der ›Waldere‹,288 der ›Beowulf‹,289 die ›Battle of Finnsburgh‹ oder die ›Battle of Brunanburgh‹ blieben singulär.290 Signifikant für die Frühzeit ist, daß die 287

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Von Bedeutung mag in diesem Zusammenhang auch sein, daß alle ›Karl‹-Handschriften des 13. Jahrhunderts in den oberdeutschen Raum gehören. Sie entsprechen deshalb sicher nicht zufällig genau dem in diesem Raum aufkommenden Typus der größerformatigen, zweispaltigen Epenhandschrift mit abgesetzten und z.T. ausgerückten Versen. Von dieser altenglischen Fassung des ›Waltharius‹ ist nur ein Fragment (um 1000) überliefert. Die altenglische ›Beowulf‹-Handschrift (London, BL, Cotton Vitellius A.xv, Teil II, um 1000; vgl. The Dating of Beowulf. Ed. by Colin Chase. 2. Aufl. Toronto et al. 1997) weist mit ihrer eigentümlichen Überlieferungssymbiose in die gelehrte Welt: Der Sammlungsverbund mit einer Homilie über den heiligen Christophorus, den ›Wundern des Ostens‹, dem ›Brief Alexanders an Aristoteles‹ und der ›Judith‹ ist wohl heilsgeschichtlich ausgerichtet und könnte an einen Bischofshof gehören; vgl. zur altenglischen »Textualisierung« Schaefer (1992) sowie den exemplarischen Überblick von Ehler/Schaefer (2001). Vgl. allgemein zur frühen schriftlichen Heldenepik den Sammelband Heldensage und Heldendichtung (1988) und darin besonders Gschwantler (1988) sowie Wolf (1988) und (1995) S. 15–144.

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(wirklich oder vermeintlich?) aus der Mündlichkeit auf das Pergament gelangten Heldengeschichten fast ausnahmslos in bilingualen lat.-volkssprachigen Mischhandschriften tradiert werden. Man befindet sich damit unweigerlich innerhalb der klerikal-gelehrten Kreise, die auch für die klassische Geschichtsschreibung verantwortlich zeichneten. Aber gehören die schriftlich fi xierten Heldengeschichten in einen solchen historiographischen Diskurs? Waren sie vielleicht so etwas wie bewußt gesammelte Ohren- bzw. Augenzeugenberichte für eine gelehrt-lateinische Geschichtsschreibung? Exkurs: Der ›Waltharius‹ als Bindeglied zwischen lateinisch-schriftlicher und volkssprachig-mündlicher Tradition? Dezidiert in die Sphäre einer klösterlich-bischöfl ichen Welt weist der von einem Mönch im 9. oder 10. Jahrhundert in Hexametern verfaßte ›Waltharius‹. Das lateinische Heldenepos war im späten 11. und frühen 12. Jahrhundert in bischöflich-klösterlichen Kreisen zu einer festen literarischen Größe, ja zu einem Lehrtext avanciert. Zahlreiche Handschriften können in Kloster- und Bischofsbibliotheken nachgewiesen werden. Als Rezipienten dieses lateinischen Heldenepos lassen sich neben zahlreichen clerici auch die Bischöfe Erkanbald von Straßburg, Balderich von Speyer und Aribo von Mainz nachweisen.291 Daß der Text dabei eine chronikgleiche pragmatisch-historiographische Wirkung entfalten konnte, wird man jedoch bezweifeln dürfen, auch wenn eine der ältesten ›Waltharius‹-Handschriften mit Hy st or i a waltarii (Hs. K) überschrieben ist.292 Typisch sind aber die Verbindungen des Heldennamen mit versus (versus de Waltã; Hs. P) oder poesis293 (Poesis de Gualterio, Hs. B),294 was dem letzten Vers des Epos entspricht: Haec est Waltharii poesis . vos salvet jesus (Waltharius 1456). Möglicherweise bewegt sich der ›Waltharius‹ hier aber auch in dem erweiterten historiographischen Rahmen, den Otto von Freising im Prolog zu seiner ›Gesta Friderici‹ absteckt. Otto begründet am Beispiel Lucans ausführlich, daß er als historicus nicht nur res gestae, sondern auch res fabulosae (integumentum-

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Den Forschungsstand fassen Haug/Vollmann (1991) S. 1169–1187 (ebd. S. 1176 zu den Rezipienten) u. Klopsch (1999) zusammen. Zur Überlieferung vgl. Strecker (1951) S. 4–9 sowie ergänzend Klopsch (1999) Sp. 627. Ins 11. und frühe 12. Jahrhundert gehören die Handschriften B, P, K, V, I sowie vielleicht E und N. Bereits um 1100 besaßen zahlreiche Klöster ›Waltharius‹-Handschriften. Strecker (1951) S. 3f. kann entsprechende Exemplare in der Kirchenbibliothek von Stablo (Nr. 1 = 1101), im Kloster Egmond bei Utrecht (Nr. 2), im Kloster St. Apri in Tull (Nr. 9 und 10 = 1084), im Kloster Muri (Nr. 12 und 13) und im Kloster Pfaevers im Kanton St. Gallen (Nr. 14 = 12. Jahrhundert) nachweisen bzw. erschließen. Auf weitere ›Waltharius‹-Handschriften deuten Einträge in einer Handschrift des Klosters St. Bertin in Flandern (Nr. 3) und im Bücherverzeichnis Bischof Ottos von Passau. Strecker (1951) S. 6f. Nr. 5 sowie ebd. S. XX, Apparat. Abbildung der entsprechenden Passage in http://www.fh-augsburg.de/~harsch/Chronologia/Lspost10/Waltharius/wal_txt0. html. Vgl. Wolf (1989) S. 179, 182f. u. (1995) S. 117f., der poesis als Gattungsbezeichnung etwa im Sinn von Kleinepos versteht. Zu beachten wäre in diesem Zusammenhang der (sekundäre?) Geraldus-Prolog, wo ausdrücklich von einem »amüsanten Charakter des Werkes« (Ludendum magis est, dominum quam sit rogitandum? / Perlectus longaevi stringit inampla diei!, 19f.) gesprochen wird; vgl. zum Prolog den Kommentar in Haug/Vollmann (1991) S. 1187ff. u. speziell zu dieser Stelle S. 1188. Auf eine mögliche historiographische Dimension geht Wolf nicht ein. Zu den Buchtiteln vgl. Langosch (1973) S. 49f.

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Lehre) erzählt bzw. erzählen muß. »Aufgehoben sind die aristotelische Trennung von Historiographie und Poesie sowie der Sonderstatus Lucans als eines bloßen historicus unter den Dichtern durch diese modellhafte Synthese von Dichtung und Geschichtsschreibung im Medium der philosophisch-allgemeingültigen Betrachtungsweise.«295 Für einen in diesem doppelten Sinn historiographischen und didaktischen Charakter des Werks könnte das hoch entwickelte Gliederungssystem in vielen ›Waltharius‹Handschriften sprechen, denn die Gliederungsinitialen finden sich fast immer dort, wo direkte Rede beginnt oder endet, wo Orts- oder Personenwechsel stattfinden oder wichtige Handlungseinschnitte sind. Anhand der Initialen erreicht ein Leser schnell und unkompliziert alle wichtigen Fakten des Werks.296 ›Waltharius‹-Handschriften erinnern damit an gleichzeitige lateinische Geschichtswerke. Sie erscheinen für einen an Informationen und Fakten interessiertes Lesepublikum (im Text selbst werden explizit fratres genannt, v. 1) aufgeschlüsselt. Daß eine ›Waltharius‹-Handschrift dann auch tatsächlich als Hystoria bezeichnet (Hs. K) und eine andere als Chronik konzipiert und genutzt wurde, überrascht in diesem Kontext nicht: Hs. N aus dem Kloster Novalese in Piemont bietet den ›Waltharius‹ verquickt mit der Vita des Lokalheiligen Waltharius als Teil des ›Chronicon Novaliciense‹.297 Als Vorbild für die Verschriftlichung der volkssprachig-mündlichen Heldenepik Jahrzehnte später kommt der ›Waltharius‹ allerdings kaum in Frage.298 Stilistisch (Hexameter) steht der ›Waltharius‹ eindeutig in der Tradition der antiken Epen und würde am ehesten zu den Antikenromanen passen. Wolf geht sogar soweit, im ›Waltharius‹ »eher eine geistvolle Liquidierung dieser alten Stoffe als deren epische Konstituierung« zu sehen.299 Vielleicht ist das Epos aber auch der Versuch, das in der klerikalen Welt so beliebte wie umstrittene heldenepische Material in eine in diesen Kreisen akzeptable Form (Hexameter) und eine moralisch integere Gestalt (Didaxe) zu bringen.300 Akzeptabel waren die Hexameter der hoch geachteten antiken Klassiker. Letztlich boten auch sie Heldengeschichten aus einer mythisch-fernen Vergangenheit, die einerseits als wahre Überlieferung das Bild von der Vergangenheit prägten und andererseits als Exempla eine Anleitung zur richtigen christlichen Lebensweise boten. Das am Schluß in der ›Runde der versehrten Helden‹ (Waltharius 1405ff.) persiflierte Heldenbild ließe sich jedenfalls mühelos als beißende Kritik am überkommenen Heldenideal verstehen.

Aber verlassen wir wieder das Kloster und wenden uns den profanen Heldengeschichten zu. Im anglonormannischen Raum waren Brutus, Artus und 295

Vgl. von Moos (1976) S. 121–123 (Zitat S. 123). Vgl. grundlegend Bästlein (1991) S. 131–176. 297 Strecker (1951) S. 9. 298 Erst Mitte des 13. Jahrhunderts entstand mit ›Walther und Hildegund‹ eine volkssprachigdeutsche Fassung der Walthersage. Von den groben Handlungslinien passen ›Walther und Hildegund‹ und der ›Waltharius‹ zusammen, stilistisch und inhaltlich scheint aber in der deutschen Version eindeutig das ›Nibelungenlied‹ durch. Sichtbar wird dies in der benutzten modifi zierten Nibelungenstrophe und den jeweils auf das ›Nibelungenlied‹ hin veränderten Inhaltskonstellationen; vgl. grundlegend Haug (1999). Am ehesten scheint mir die ›Nibelungenklage‹ mit der Gedankenwelt des ›Waltharius‹ vereinbar – so man die überzeichneten Heldentaten und -attribute im lateinischen Epos ebenso verstehen will wie die heldenkritischen Untertöne in der volkssprachigen ›Klage‹. 299 Wolf (1995) S. 145; vgl. ganz ähnlich auch Haug (1983/93) S. 146, der den ›Waltharius‹ als »antiheroisches Heldenepos« und »singuläres Experiment« bezeichnet. 300 Vgl. Wolf (1989) S. 174ff. und Vollmann (1999) S. 21f. zu möglichen Intentionen des ›Waltharius‹-Dichters. 296

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Merlin (Kap. II.3.1), in Frankreich die karolingischen Helden um Karl den Großen und Ludwig den Frommen (Kap. II.2) spätestens im 12. Jahrhundert auf dem Pergament angekommen. Zu einer schriftlichen Fixierung der heimisch-deutschen heldenepischen Stoffkreise um die Karolinger, Walther, Dietrich von Bern,301 Etzel/Attila, Odoaker, Hagen, die Amelungen und die Nibelungen/Burgunden kommt es frühestens um 1200 (›Nibelungenlied‹ und ›Nibelungenklage‹),302 also noch deutlich nach der sekundären Übernahme entsprechenden französischen Materials (›Rolandslied‹) und der Verschriftlichung der sog. Spielmannsepik (s.u. ›Rother‹, ›Herzog Ernst‹303). Das lange Fehlen einer direkt die heimischen Stoffe verschriftlichenden Heldenepiktradition überrascht insofern, als die deutschen Stoffe sich prinzipiell genauso wie die französischen und die anglonormannischen durch eine große Nähe zur historia auszeichneten. In den zentralen lateinischen Geschichtswerken hatten z.B. Dietrich von Bern, Odoaker und Etzel/Attila ihren Platz in der Weltgeschichte erhalten. Auch im volkssprachigen Geschichtswerk des deutschen Kaiserchronisten waren viele der Heldengestalten selbstverständlich Teil der Weltgeschichte. Dennoch verblieben die deutschen Heldensagen als Werkeinheiten bis Ende des 12. Jahrhunderts vollständig, in weiten Teilen sogar bis ins ausgehende 13. Jahrhundert vom Pergament verbannt. Es scheint beinahe so, als ob die heftige Polemik des Kaiserchronisten gegen die scophelîchen worte 304 derart nachhaltig gewirkt hätte, daß man sich schon vor der bloßen Niederschrift auf das Pergament scheute. Geschichtsschreiber wie Sigebert von Gembloux, der Quedlinburger Annalist, Frutolf von Michelsberg und Otto von Freising (zu Dietrich von Bern) hatten zwar immer wieder den Versuch unternommen, die mündlich tradierten Berichte zu fi xieren, zu verifizieren und in den lateinisch-historiographischen Diskurs einzubetten, doch bei diesen Versuchen sahen sich die Historiographen ein ums andere Mal mit elementaren Problemen konfrontiert. Zum einen mochte man der von rhetorischen Formeln, Zusätzen, Spannungselementen und Phantasieerzählungen durchsetzten mündlichen Überlieferung kaum trauen – zu den Vorbehalten äußern sich lateinische und volkssprachige Geschichtsschreiber –, zum anderen fehlten gesicherte Zeugnisse, die es erlaubt hätten, die Erzählungen auf ein zuverlässiges Fundament zu stellen; oder noch schlimmer: die historischen Quellen boten ein abweichendes, bisweilen völlig heterogenes Bild von den Ereignissen (so die zwei Dietriche in der ›Kaiserchronik‹). Die fatale Quellenlage war den Chronisten als Problem bewußt. Sogar volkssprachige Chronisten wie der deutsche Kaiserchro-

301 302 303 304

Zur Dietrichepik vgl. umfassend Heinzle (1999). Zum langen Weg in die Schriftlichkeit vgl. im Überblick Heinzle (1998a). Hier berücksichtigt sind nur die vor 1300 überlieferten Werke. Sie stehen wohl stellvertretend für eine weit verbreitete Grundeinstellung innerhalb der klerikal-gelehrten Historiographie.

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nist und sein anglonormannischer Kollege Wace thematisieren um 1150 genau diese unbefriedigende Situation in ihren Geschichtswerken. In der harschen Kritik Waces und des Kaiserchronisten an der von allerlei falschen Erzählungen verdeckten Heldengeschichten finden sich beredte Zeugnisse dafür, mit welcher Skepsis man den mündlich tradierten Stoffkreisen um Artus und Dietrich von Bern begegnete. Dessen ungeachtet waren diese Gestalten im Volksmund wie in gelehrten Kreisen ungemein beliebt. Die Kritik des gelehrten Bamberger Domscholasters Meinhard († 1088) an Bischof Gunther von Bamberg305 dürfte allenfalls die Spitze eines uns heute freilich nur noch in schattenhaften Umrissen präsenten Eisbergs markieren:306 Meinhard warf seinem Bischof in einem Brief vor, er führe ein allzu weltliches Leben, interessiere sich zuwenig für die geistlichen Schriftsteller und bevorzuge statt dessen fabulae curiales. Was wir uns darunter vorzustellen haben, folgt umgehend. Es sind die Erzählungen über Etzel und die Amelungen: Quid vero agit domnus noster? [...] Numquam ille Augustinum, numquam ille Gregorium recolit, semper ille Attalam, semper Amalungum et cetera id genus port[en]ta retractat. (MGH Briefe der Kaiserzeit 5, S. 121, korrigiert)

Auf der anderen Seite wird dem gescholtenen Bamberger Bischof ein frommes, vorbildliches Leben attestiert. »Es ist der gleiche Bischof Gunther, der 1064/65 auf seiner Wallfahrt nach Jerusalem das Ezzolied in Auftrag gab, von dem Carl Erdmann meinte, daß sein Platz genau zwischen der lectio und den kritisierten fabulae sei.«307 Der guote biscoph Guntere vone Babenberch der hiez machen ein vil guot werch: er hiez dî sîne phaphen ein guot liet machen. (Ezzolied – Vorauer Fassung 1,1–4) (Der edele Bischof Gunther von Bamberg gab ein sehr gutes Werk in Auftrag: Er befahl seinen Geistlichen, ein gutes Lied/Gedicht zu machen)

305 306 307

Zur königsnahen Abstammung und der Rolle als Kanzler des Kaisers vgl. im Überblick Lutz (1997) S. 126ff. Vgl. Bumke (1979) S. 42, 307 Anm. 2, Fleckenstein (1990), S. 316f., Vollmann-Profe (1994) S. 34, Backes (1995) S. 351, Lutz (1997) S. 127–130 u. Henkel (1999) S. 73. Fleckenstein (1990), S. 316f. Vollmann-Profe (1994), S. 35f. führt aus, daß am Bamberger Bischofshof ein volkssprachiges ›Ezzolied‹ nur »für eine größere Öffentlichkeit« Sinn machte. So will sie auch den Beginn des Liedes verstanden wissen: »Nu will ich iu herron heina war reda vor tuon (›Nun will ich euch, ihr Herren, eine wahre Botschaft verkünden.‹). Das ›Ezzolied‹ wendet sich also dezidiert an eine adelige Zuhörerschaft« (ebd. S. 35), wobei mit herron jedoch keinesfalls zwingend allein ein weltlich-adeliges Publikum gemeint sein muß (so auch Lutz, 1997, S. 105). M.E. ist hier vielmehr die Gesamtheit (familia) des Bischofshofs gemeint, wozu selbstverständlich auch weltlich-adelige Lehnsnehmer etc. gehören. Lutz, 1999, spricht von den ›Höfen als dynamischen Personenverbänden‹; vgl. die Entstehungs- und Überlieferungsumstände generell problematisierend Lutz (1997a) S. 97–124, Lutz (1999) S. 42–45 und Müller, St. (2003) S. 231–234.

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Ob man mit Vollmann-Profe vor dem Entstehungshintergrund des ›Ezzoliedes‹ hier bereits den »Reflex einer neuen literarischen Interessenbildung in einer breiteren Öffentlichkeit« erkennen kann, erscheint allerdings fraglich.308 Die Schriftlichkeit – und das gilt uneingeschränkt auch für die volkssprachige Schriftlichkeit – existiert in dieser Zeit nur eingebunden in lateinisch dominierten Sammelhandschriften (s. Kap. I.1.1). Auch beide ›Ezzolied‹-Fassungen sind in lateinischen Sammlungsverbünden überliefert, und zwar im ›Vorauer Codex‹ und in einer Straßburger-Handschrift mit überwiegend lateinisch-theologischen Texten. Möglicherweise werden hier singuläre Interessen (auch) weltlich geprägter Äbte und Bischöfe sichtbar, wie sie später etwa bei Wolfger von Erla begegnen. Die Analyse von Lutz zur Umgebung Bischof Gunthers von Bamberg führt jedenfalls genau in ein solches von Klerikern und Laien (multi nominati viri et clerici et laici) geprägtes Milieu.309 Und genau dort kamen Interesse und Potential zusammen, die Stoffe der Vergangenheit auf dem Pergament zu fi xieren. In dieses Bild passen schließlich auch die in der ›Nibelungenklage‹ selbst gestreuten Mutmaßungen zu einem Bischof Pilgrim von Passau (Klage B 3298 u.ö.) als Auftraggeber von ›Nibelungenlied‹ und ›Klage‹.310 Bei allen Vorbehalten gegenüber den Geschichten stand die Historizität der Ereignisse und der Personen selbst bei den clerici an keiner Stelle in Frage. Es scheint sogar so, daß vielfach die Grenzen zwischen schriftlich-lateinischer Geschichtsschreibung und mündlich-volkssprachiger Heldenepik verschwimmen. Wenn die ›Quedlinburger Annalen‹, die ›Annales Wirziburgenses‹, Frutolf oder der Kaiserchronist von Etzel, Dietrich von Bern oder Walther berichten, sind die Heroen selbstverständlich Teil der universalen Heilsgeschichte. Und die Orte ihrer Aufzeichnungen sind wiederum Kloster und Bischofshof: »Die Heldensage stand als spezifische Geschichtsüberlieferung der illiteraten Laien neben der gelehrten Historiographie der Kleriker. Die beiden Bereiche haben sich immer wieder berührt und überschnitten.«311 Die mündlich-heroischen Elemente werden allerdings nur noch rudimentär (so in der ›Kaiserchronik‹) oder kommentiert (so im ›Nibelungenlied‹ mit ›Klage‹), und immer durch eine christlich-höfische Brille gefiltert in den Texten belassen. Dies gilt offensichtlich auch und gerade für die volkssprachigen Aufzeichnungen. ›Kaiserchronik‹ und ›Klage‹ lassen allerdings erahnen, wie schwierig ein solches Unterfangen gewesen sein muß. Bemerkenswert ist z.B. der Versuch des Kaiserchronisten, das Dilemma mit der Ungleichzeitigkeit von Dietrich

308 309 310 311

Vollmann-Profe (1994) S. 35f. Vgl. detailliert Lutz (1997) S. 101–111 u. 120–132 (bes. S. 125f.). Vgl. zuletzt Wolf (2004) (mit Nachweis der älteren Literatur zu diesem Fragenkomplex). Heinzle (1999) S. 18.

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und Etzel/Attila aufzulösen. Er diskutiert das Problem im Text und verweist dann auf seine ›Forschungsergebnisse‹:312 Swer nû welle bewæren, das Dietrîch Ezzelen sæhe, der haize daz buoch vur tragen. (KC 14 176–78) (Wer nun beweisen wolle, daß Dietrich Etzel sah, der lasse das Buch bzw. die schriftliche Quelle beibringen.)

Dieses Buch gab es natürlich nicht, aber es gab die recherchierten Resultate des Kaiserchronisten und sie lagen sc h r i f t l ic h vor: Er (er)findet zur Harmonisierung der Chronologie einen zweiten Dietrich; die Diskrepanz zwischen Sagenwelt und Geschichte ist überbrückt (KC 13 839–14 193). Am Ende der Dietrich-Episoden wird das entsprechende Resultat verbi nd l ic h zusammengefasst: hie meget ir der luge wol ain ende haben (KC 14 187). Der letzte Schatten eines Zweifels an der Historizität war beseitigt, die Helden legalisiert. Aber als Vorbilder taugten sie deswegen noch lange nicht. Nicht zuletzt Dietrich von Bern firmiert wegen seiner angeblich verbrecherischen Taten gegen Papst sancte Johannes (KC 14 132–14 175) bzw. wegen seines arianischen Glaubens in der Geschichtsüberlieferung sogar als Antiheld, den es in die Hölle verschlägt. Diese Vorstellung des deutschen Kaiserchronisten hatte auch Jahrzehnte nach Vollendung seines ersten umfassenden volkssprachigen Geschichtswerks Gültigkeit, denn die alte ›Kaiserchronik‹ war im 13. Jahrhundert populärer denn je. Außerdem sorgte der sächsische Weltchronist mit seiner aus der ›Kaiserchronik‹ geschöpften Variante der Geschichte für die weitere Popularisierung dieser Vorstellung:

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vil manige daz sâhen, daz in die tievel nâmen, si vuorten in in den berch ze Vulkân (daz gebôt in sancte Johannes der hailige man), dâ brinnet er unz an den jungisten tac, daz im niemen gehelfen nemac.

Also de paves Johannes bat vor sineme ende unsen herren got, dat he de cristenen wroke over den bosen man, do wart he hinen gevort och sunlike in Vulcanum, de dar brant immer mer. Etelike lude spreket, dat Dideric van Berne noch in der helle leve.

(KC 14 170–14 175)

(SW 134,32–35 – C-Fassung)

Vgl. zu dem gesamten Komplex um Dietrich von Bern und die ›Kaiserchronik‹ Hellgardt (1995) sowie Heinzle (1999) S. 21–23 (mit ausführlichem Literaturverzeichnis). Wichtig ist, daß der ›Kaiserchronist‹ mit seinem Chronikprojekt im Sinne der lat. historiographischen Tradition agiert und die Ausführungen zur Heldenepik bzw. zu den chronistischen Zuordnungsproblemen der mündlichen Dietrichepik unmittelbar in den lateinischhistoriographischen Diskurs gehören. Ähnliche Überlegungen finden sich schon in den ›Quedlinburger Annalen‹ (um 1000) und darauf aufbauend in der ›Würzburger Chronik‹ (11. Jahrhundert), bei Frutolf/Ekkehard (um 1100), bei Otto von Freising (Mitte 12. Jahrhundert) sowie später in der ›Sächsischen Weltchronik‹ (nach 1230; SW 132,7–135,4); vgl. die umfassenden Nachweise bei Gschwantler (1988) S. 35–80 sowie die Zusammenfassung bei Heinzle (1999) S. 18–23.

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(Sehr viele sahen dies, daß ihn [Dietrich von Bern] die Teufel nahmen und ihn in den Berg Vulkan [zur Vorstellung vom Berg Vulkan vgl. detailliert die ›Visio Tnugdali‹] führten. Das gebot ihnen Papst Sankt Johannes, der heilige Mann. Da brennt er bis auf den jüngsten Tag, ohne das ihm jemand helfen kann.)

(Papst Johannes bat vor seinem Tod unseren Herrgott, daß er die Christen räche gegenüber dem bösen Menschen [Dietrich von Bern]. Da wurde er sichtbar in den Berg Vulkan hineingeführt, der dort für immer und ewig brennt. Etliche Leute sagen, daß Dietrich von Bern noch in der Hölle lebe.)

Möglicherweise sehen wir hier die Gründe, warum es so lange dauerte, bis die im mündlichen Erzähldiskurs präsenten Geschichten um die DietrichFigur ihren Niederschlag auf dem Pergament fanden. Als Vorbildfigur taugte Dietrich nur bedingt – vielleicht gar nicht, wenn man an die Worte des Kaiserchronisten denkt: Vil manige daz sâhen, / daz in die tievel nâmen! Mit der Beurteilung derartiger Faktoren wird man allerdings vorsichtig umzugehen haben, wie der frühe Bucherfolg von ›Lied‹ und ›Klage‹ mahnt. Mit erhaltenen 14 bzw. 15 Textzeugen des 13. Jahrhunderts gehört das ›Nibelungenlied‹ zu den erfolgreichsten epischen Werken in diesem Jahrhundert überhaupt.313 Die ältesten Handschriften datieren bereits aus dem 2. Viertel des 13. Jahrhunderts.314 Daß sich keine positiven Exempla-Strukturen, keine dynastischen Verflechtungen oder sonstige Parallelen zu den Erfolgsmotiven um Karl den Großen, die Kreuzzüge sowie die Trojaner und Artus ausmachen, scheint also für den schriftliterarischen Erfolg nur bedingt von Bedeutung. Zu einer Zyklusbildung und Verhistorisierung des gesamten Handlungsgefüges nach französischem Vorbild kam es allerdings nicht. ›Nibelungenlied‹ und ›Klage‹ blieben während des gesamten 13. Jahrhunderts als Werkkomplex von der Dietrichepik, der Walthersage und vor allem von der Historiographie separiert. Überhaupt fanden die deutschen Heldenkreise erst sehr spät zusammen. Sammelbecken, aber nur für die ›seriösesten‹ dieser Helden, werden ab der 2. Hälfte des 13. Jahrhunderts die neuen Reimchroniken.315 313

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Zur Überlieferung vgl. Batts (1971), Klein, Kl. (2003), Klein, Kl. (2003a) und die aktuelle Übersicht im Handschriftencensus (http://www.uni-marburg.de/hosting/census/werken. html#nibelungenlied). Alle ›Klage‹-Handschriften sind minutiös erfaßt bei Bumke (1996), S. 139–253, die wichtigsten Textzeugen ferner beschrieben von Obhof (2003), Schirok (2003) und Schneider (2003). Eine quantitative Übersicht zur Verbreitung der einzelnen Fassungen bietet Heinzle (2000) S. 219. C = Karlsruhe, BLB, Cod. Donaueschingen 63 (2. Viertel 13. Jahrhundert); S1–3 = Prag, NM, Cod. I E a1+ E a2 + Prag, SUB, Frgm. germ. 2 (2. Viertel 13. Jahrhundert); vgl. Klein, Kl. (2003) S. 217 (C), 225f. (S1–3). Für die Frage nach den Zusammenhängen von Textund Buchgestalt bieten ›Nibelungenlied‹ und ›Klage‹ ein spannendes Untersuchungsfeld, daß in der vorliegenden Arbeit nicht in der gebotenen Tiefe aufgearbeitet werden kann. Einen Einblick bieten die grundlegenden Arbeiten von Batts (1971), Bumke (1996 und 1996a) sowie die Beiträge im Nibelungen-Sammelband von Heinzle/Klein/Obhof (2003) und darin vor allem Heinzle (2003a) mit einem Abriß des Forschungsentwicklung und Henkel (2003a). Diese ›neuen‹ Reimchroniken (Rudolfs von Ems ›Weltchronik‹, ›Christherre-Chronik‹, Jans

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II.2.6. Die schriftliche Fixierung mündlicher Traditionsstränge II: Spielmannsepik Deutlich früher als die Heldenepen fanden die gelegentlich auch als deutsche Variante der Chansons de geste316 bezeichneten sog. Spielmannsepen den Weg auf das Pergament. Noch in der zweiten Hälfte des 12. Jahrhunderts wurden ›König Rother‹, ›Herzog Ernst‹, ›Münchner Oswald‹, ›Orendel‹ sowie ›Salman und Morolf‹ schriftlich fi xiert. Die Überlieferungsdecke blieb allerdings dünn. Das Gros der Spielmannsepen (›Orendel‹, ›Oswald‹, ›Salman und Morolf‹) ist erst Jahrhunderte später in den Handschriften zu fassen.317 Mit dem Genre bewegen wir uns wie bei den Heldenepen im Spannungsfeld von Fiktion, Historia und Legende: »Durchaus verweltlicht, aber im letztlich doch geschriebenen Legenden- und Historienstoff verankert.«318 In diesem Sinne könnte das zeitgenössische Publikum das Moniage Rothers oder die Kreuzfahrt Herzog Ernsts verstanden haben. Und selbstverständlich sind beide Helden über Namen, Verwandtschaft, Motividentitäten und Verweise auf vielfältigste Weise mit der historischen Realität verwoben. Für den ›Herzog Ernst‹ sieht Meves sogar explizit eine »Polyfunktionalität« zwischen politischer Dichtung, exemplarischer Reichsdichtung, Bewährungsgeschichte, Reiseroman, Kreuzfahrt und Wissenssammlung.319 Zu ergänzen wäre hier die Geschichtsschreibung, denn die Ereignisse und Berichte sind im ›Herzog Ernst‹ durch präsentes Geschichtswissen (Erinnerung) bzw. mündliche Erzählungen und schriftliche Quellen doppelt abgesichert: Die Elemente der Sage gehen auf historische Geschehnisse des 9. bis 12. Jahrhunderts zurück,320 die Orientabenteuer basieren auf der lateinisch »ethnographisch-teratologischen Tradition (Plinius, Solin, Isidor, Honorius, Alexanderroman u.a.)«.321 Der Akt der Verschriftlichung wird im Werk nicht nur selbst in Szene gesetzt, sondern gleich der höchsten Legitimationsinstanz überhaupt zugewiesen:

316 317

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von Wien ›Weltchronik‹) stehen damit in einer von der ›Kaiserchronik‹ rund einhundert Jahre zuvor begründeten Tradition. Auch diese erst deutsche Reimchronik hatte unzählige Heiligenviten, Heiligenlegenden und profane Heldenstoffe ›aufgesogen‹ und in die Weltgeschichte integriert. Vgl. Bastert (2005). Die schon im 19. Jahrhundert geführte Diskussion, ob sich wegen der fehlenden Überlieferung eine Datierung ins 12. Jahrhundert generell verbietet (vgl. etwa Curschmann/ Bahr, 1984, S. 116ff.) braucht hier nicht geführt zu werden. Die buchzentrierte Perspektive schließt alle im fraglichen Zeitraum nicht überlieferten Texte aus. Wehrli (1984) S. 65; mit ähnlicher Einschätzung etwa auch Störmer (1980) sowie Szklenar (1981) Sp. 1178 (zu ›Herzog Ernst‹ A) und Szklenar (1985) Sp. 92 (zu ›König Rother‹). Vgl. Meves (1976) S. 145–179 und Störmer (1980). Ob man bei der historiographischen Verortung jedoch so weit gehen kann wie Störmer (1980) S. 556–561? Szklenar (1981) Sp. 1172. Eine Entstehung in enger Anlehnung an die lat. Historiographie vermutet Ehlen (1996) S. 47.

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der keiser hiez dô schrîben war umbe und wie er in vertreip und wie lange er in dem lande bleip und wier hin fuor und wider kam. (Herzog Ernst B 6004–6007). (Der Kaiser ließ damals aufschreiben, warum und wie er ihn – den Herzog – vertrieben hatte, und wie lange er in dem Land geblieben war und wie er auszog und wieder zurückkehrte.)

Der ›Ernst‹-Autor bietet seinem Publikum damit die (konstruierte) Aura kaiserlicher Geschichtsschreibung als Identifikationsangebot an. Das selbe Verfahren nutzt bekanntlich auch der ›Klage‹-Autor. Bei ihm ist es der Bischof, der den Auftrag erteilt. Weniger deutlich sind die Historisierungsstrategien im ›König Rother‹ ausgeprägt, obwohl auch dort genealogische Aspekte eingestreut und die Schriftlichkeit (d.h. die Geschichtsschreibung) heranzitiert werden: Die sadele der königlichen Pferde werden z.B. mit dem Hinweis beschrieben: iz in haven die buche gelogin (Rother 4592). Man bewegt sich also auch hier – zumindest partiell322 – im Feld der Schriftlichkeit. Daß der topische Charakter derartiger Verweise vom Publikum erkannt und vielleicht sogar als bewußtes Fiktionalitätsmerkmal gedeutet wurde, ist durchaus nicht unwahrscheinlich, fraglich bleibt aber, inwieweit solche Elemente daneben eine historische Aura evozieren wollten und konnten.323 Die Überlieferungstypik spricht eher gegen eine zu enge Verbindung zu cronica bzw. historia. Eine erste volkssprachige ›Ernst‹-Variante (A-Fassung) ist vom frühen 13. Jahrhundert an in drei Fragmenten schriftlich bezeugt. Bei den beiden ältesten Textzeugen aus der ersten Hälfte des 13. Jahrhunderts (M, P)324 handelt es sich um kleinformatige (Blattgröße 14–15 x 9–10 cm), fortlaufend geschriebene Gebrauchshandschriften ohne größere Schmuck-, aber mit klar hierarchisierenden Gliederungselementen. Die ältesten ›Ernst‹-Handschriften fügen sich hier auffallend zu den ältesten ›Rother‹- Handschriften H325 und M,326 die wiederum auffallende Ähnlichkeiten zu den ältesten ›Iwein‹322

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Partiell meint hier, daß sich ›Ernst‹ wie ›Rother‹ primär einer (konstruierten?) oralen Hofsituation verpflichtet zeigen – vielleicht am deutlichsten sichtbar in den überall präsenten Spielmännern. Vgl. (insb. zu ›Herzog Ernst B‹) zusammenfassend Luff (2001) S. 309f. bes. Anm. 15 u. 315–318. M = Krakau, BJ, Berol. mgq 1303 Nr. 5 (1. Viertel 13. Jahrhundert); Blgr. ca. 14 x 9 cm; Schrsp. ca. 12 x 6,5 cm; 1 Spalte; ca. 22–23 Zeilen; Verse nicht abgesetzt; vgl. Weber (1994) S. 5, 192–195, 356–376. P = Berlin, SBB-PK, mgo 225 + Prag, SUB, Frgm. 19 und 37 (2. Viertel 13. Jahrhundert); Blgr. ca. 14,5 x 10 cm; Schrsp. 10,5 x 6 cm; 1 Spalte; 23 Zeilen; Verse nicht abgesetzt; vgl. Schneider (1987) S. 156–158 und Weber (1994) S. 5, 186–191, 221–226, 247–251, 260–264, 270–275, 347–352. ‹König Rother‹ (H) = Heidelberg, UB, Cpg 390 (1. Viertel 13. Jahrhundert); 73 Blätter; Blgr. 17 x 11 cm; Schrsp. ca. 13 x 7,5 cm; 1 Spalte, 23–24 Zeilen; Verse nicht abgesetzt; farbige Majuskeln vorgesehen, aber nicht ausgeführt; vgl. Schneider (1987) S. 113f. ›König Rother‹ (M) = München, BSB, Cgm 5249/1 (Anfang 13. Jahrhundert); Blgr. ca. 16– 17 x 10,5 cm; Schrsp. ca. 13 x 8,5 cm; 1 Spalte; [erhalten 12] Zeilen; Verse nicht abgesetzt; vgl. Schneider (1987) S. 52f.

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Handschriften zeigen. ›Iwein‹ A könnte sogar aus dem selben Skriptorium wie ›Rother‹ H stammen.327 Wir können hier den Standardtypus der volkssprachigen Gebrauchshandschrift fassen, wie sie den – niedrigen – literarischen Status der frühen volkssprachig-höfischen Werke widerspiegelt. Einige historische Gattungen wie die Chansons de geste und vor allem die Reimchroniken erfahren im fortschreitenden 13. Jahrhundert eine gravierenden Statuswandel, der sich nicht zuletzt in prachtvolleren, aufwendigeren und voluminöseren Handschriften ausdrückt. Doch weder beim ›Herzog Ernst‹ noch beim ›König Rother‹ ist eine solche Entwicklung zu erkennen. Charakteristisch für alle ›Ernst‹- und ›Rother‹-Handschriften auch des späteren 13. Jahrhunderts bleibt ihr ausgesprochener Gebrauchscharakter. Selbst das ›Ernst‹-Fragment S328 aus dem 4. Viertel des 13. Jahrhunderts und der etwa gleichjunge ›Rother‹-Discissus E,N329 zeigen sich weiterhin diesem Einrichtungsmuster verpflichtet. Das einzige Zugeständnis an den neuen höfischen Zeitgeschmack scheinen die jeweils abgesetzten Verse zu sein. Diese durchweg kleinformatig-einfachen Kodizes lassen darauf schließen, daß weder ›Herzog Ernst‹ noch ›König Rother‹ trotz diverser dynastischer Anspielungen330 für dynastisch-propagandistische oder historiographische Zwecke verwendet wurden bzw. verwendbar waren. Dennoch spielt der ›Herzog Ernst‹ im volkssprachigen Literaturdiskurs aus mehreren Gründen eine besondere Rolle. Wie einige der heldenepischen Texte (›Waltharius‹, ›Nibelungenlied‹ und ›Klage‹) scheint der ›Ernst‹ auffallend eng mit der Welt der clerici verwoben. In diesem Zusammenhang könnte der Hinweis auf ein libellum teutonicum de herzogen Ernesten in der ›Tegernseer Briefsammlung‹, das man (von Abt Rupert? oder Abt Konrad?) für Kopierzwecke erbeten hatte, von Bedeutung sein. Der Brief läßt zwar nicht erkennen, von wem für wen das Manuskript denn nun erbeten wurde und ob die Transaktion stattfand, aber in jedem Fall läßt sich ein Interesses am ›Herzog Ernst‹ im Kloster konstatieren.331 Ein solches klerikales Interesse würde dann

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Gegen diese Vermutung von C. Bertelsmeier-Kierst spricht die unterschiedliche Einrichtung und vor allem der abweichende Schriftduktus. S = Breslau, UB, Cod. IV O 11d (4. Viertel 13. Jahrhundert); Blgr. ca. 14–15 x ca. 11 cm; Schrsp. 11,5 x ca. 5 cm; 1 Spalte; 31 Zeilen; Verse abgesetzt; vgl. Weber (1994) S. 5, 181–185, 214–225 und Bumke (2000). E, N = München, BSB, Cgm 8797 + Nürnberg, GNM, Hs. 27744 (Ende 13. Jahrhundert); Blgr. 21 x 15,5 cm; Schrsp. ca. 17,5 x 12 cm; 2 Spalten; 28 Zeilen; Verse abgesetzt. So wurde der ›Rother‹ etwa mit verschiedenen bayerischen Adelsgeschlechtern in Verbindung gebracht (Überblick bei Szklenar, 1985, Sp. 88f.) und der ›Ernst‹ locker in welfischen oder staufischen Zusammenhängen verortet (Überblick zur A-Fassung bei Behr/ Szklenar, 1981, Sp. 1176f.). Viel weiter gehen die Historisierungsversuche von Störmer (1980). Vgl. Reuvekamp-Felber (2003) S. 149f. (mit Abdruck der entsprechenden Passage aus der Briefsammlung). Das Kloster erscheint damit als mögliche Schnittstelle zwischen klerikal-lateinischer und volkssprachig-deutscher Literaturtradierung, zumal wenn wir uns die Ausführungen des Metellus von Tegernsee in den ›Quirinalien‹ zur Nibelungentradition

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auch zur weiteren Tradierungsgeschichte passen, denn der Stoff wurde gleich mehrfach ins Lateinische übersetzt.332 Zwei lateinische Prosa- und eine lateinische Hexameter-Fassung (C, E, Erf.) sind in fünf Handschriften des 14. und 15. Jahrhunderts erhalten.333 Die E-Fassung wurde von Odo von Magdeburg für Erzbischof Albrecht II. von Kefernburg († 1232) inhaltlich und stilistisch (Hexameter!) aufbereitet und übersetzt.334 Erinnern wir uns: Gerade die Bischöfe zeig(t)en sich besonders an heroischen Stoffen interessiert. II.2.7. Neue stilistische Moden, neue Texte, neue Buchformen Nachdem sich die einzelnen historischen Genres im ausgehenden 12. und beginnenden 13. Jahrhundert meist in althergebrachten Tradierungsmodi ihren Weg auf das Pergament gebahnt hatten, verselbständigen sich Text- und Buchkultur zusehends (Kap. I.1.5). Was im Einzelfall – ›Rolandslied‹ vs. Strickers ›Karl‹ – noch zufällig erscheint, erhält literarhistorische Relevanz, wenn man sich vor Augen führt, daß identische Modernisierungsphänomene zeitgleich auch bei zahlreichen anderen Werken und Gattungen zu beobachten sind. So wird die um die Jahrhundertwende gleichfalls schon archaisch anmutende A-Fassung der ›Kaiserchronik‹ (Tafel 41) bald nach 1200335 unter den selben ›höfischen‹ Prämissen wie das ›Rolandslied‹ ›modernisiert‹: Ein Redaktor glättet Reime und stilistische Unebenheiten.336 Inhaltlich erfährt der Text allerdings keine Besserung. Eher das Gegenteil ist der Fall. Schröder charakterisiert den Bearbeiter des »jüngeren text(es) in reinen reimen« zu recht als »roh und verständnislos, durch zahllose fortlassungen und zusammenziehungen hat er den umfang des werkes um etwa 1600 verse vermindert.«337 Wichtig war diesem Redaktor allein das Faktum der ›Höfisierung‹. Bei der neuen B-›Kaiserchronik‹ läßt sich im Gefolge der stilistischen Modernisierung auch bei der Buchgestaltung ein Modernisierungsschub beobachten. Dominierten bei der ›alten‹ A-Fassung bis ins zweite Viertel des 13. Jahrhunderts die fortlaufend, meist einspaltig geschriebenen, anspruchslos gestalteten Gebrauchshandschriften, wie sie für das 12. Jahrhundert typisch waren, so

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betrachten. Einen wohl sogar noch viel weiteren Interessenhorizont des Klosters eröffnet das ebenda nachweisbare französische ›Brut‹-Exemplar (s.u. S. 259). Vgl. generell zu lat. Adaptationen volkssprachiger Texte Kunze (1989). Kunze verzeichnet zahlreiche Beispiele von Latinisierungen aus dem Deutschen (ebd. S. 60–62) und aus anderen (ebd. S. 63f.) Volkssprachen. Weitere volkssprachige Fassungen (B, Kl, D, F, G) liegen in rund einem Dutzend Handschriften des 14. und 15. Jahrhunderts sowie in zahlreichen Frühdrucken vor; vgl. die Überblicke bei Ehlen (1996) und Bumke (2000). Vgl. Odo von Magdeburg, Ernestus. Hg. und komm. von Thomas Klein. Hildesheim/ Zürich 2000 (Spolia Berolinensia 18) und die Rezension von Hans-Joachim Behr. In: ZfdA 131 (2002) 520–523. Vgl. Gärtner (1995) S. 367. Zur Überlieferung der B-Fassung vgl. Schröder (1892) S. 19–26 u. Gärtner (1995) S. 367. Schröder S. 19,43–45.

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ist bereits die älteste, noch aus dem ersten Viertel des 13. Jahrhunderts stammende B-Handschrift (Basel, UB, Cod. N I 3 Nr. 89; Tafel 42) zweispaltig mit abgesetzten Versen und sogar ausgerückten Anfangsbuchstaben fast avantgardistisch eingerichtet. Wiederum spricht vieles dafür, daß schon der B-Redaktor für eine entsprechende buchtechnische Modernisierung gesorgt hatte, die nun die weitere Tradierung medial bestimmte. Wie das Marburger ›Kaiserchronik B‹-Fragment aus der Zeit um/nach 1300 (Marburg, StA, Best. 147, Hr 1 Nr. 4) zeigt, waren die Verse für das neue Einrichtungsmuster aber noch nicht durchgehend optimiert. Nach wie vor laufen viele Zeilen über; das Layout ist erheblich gestört, unharmonisch. Um die Mitte des 13. Jahrhunderts wird die dessen ungeachtet weiter populäre A-›Kaiserchronik‹ ein zweites Mal modernisiert (›Kaiserchronik‹ C). Der C-Bearbeiter paßt den Text noch virtuoser dem neuen Zeitgeschmack an: Die unreinen Reime werden vollständig beseitigt, die Verse metrisch geglättet. Außerdem wird die Darstellung vielfach ergänzt, ein neuer Prolog verfaßt und der Berichtszeitraum bis in die Gegenwart erweitert. »Die Bearbeitung C scheint literaturgeschichtlich ganz in die Hochblüte der großen mittelhochdeutschen Weltchroniken zu gehören.«338 Und wieder spiegeln sich die aufwendigen stilistischen und inhaltlichen Veränderungen in der Buchgestalt: Schon das älteste, noch aus dem 13. Jahrhundert stammende (heute verschollene) C-Fragment war ein zweispaltig mit abgesetzten und im zweizeiligen Wechsel ausgerückten Versen eingerichtete Foliohandschrift (Tafel 43).339 Ein aus dem frühen 14. Jahrhundert stammender C-Kodex (Wien, ÖNB, Cod. 2685340) entspricht exakt diesem Muster: Folioformat, zweispaltig mit abgesetzten Versen, Kapitelüberschriften, farbige Gliederungselemente. Daß wir hier tatsächlich eine literarische und buchtechnische Umbruchssituation greifen können, offenbaren auch die stilistischen und buchtechnischen Charakteristika der jetzt neu entstehenden Werke. Paradebeispiele sind der ›Willehalm‹ Wolframs von Eschenbach (um 1210/20), der unter anderem von Rudolf von Ems (um 1235/54) und Ulrich von Etzenbach (um 1284) gleich mehrfach aktualisierte ›Alexander‹ und die um 1250 entstandene ›Weltchronik‹ Rudolfs von Ems. Eine nord- bzw. mitteldeutsche Sonderentwicklung stellt die ›Sächsische Weltchronik‹ dar. Sie markiert um 1230 mit ihrer Prosa

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Gärtner (1995) S. 368f. Der Paralleldruck markanter Stellen aus allen drei Versionen ebd. S. 376–379 vermittelt einen glänzenden Eindruck von den recht unterschiedlichen, aber immer auf Stil (reine Reime) und Metrik fi xierten Bearbeitungsmethoden des B- und CRedaktors. Laut Auskunft der Niedersächsischen Landesbibliothek vom 11.5.1989 gehört das ehemals im Besitz des Hannoveraner Bibliothekars Daniel Eberhard Baring befindliche Fragment nicht zu den Beständen der Landesbibliothek. Bei Schröder (1892) und Gärtner (1995) wird das Fragment nicht erwähnt. Vgl. Schröder (1892) Nr. 27. Die Datierung von Menhardt (1960/61) I, S. 112, ins ausgehende 13. Jahrhunderts ist wegen zahlreicher weit entwickelter Graphien nicht haltbar.

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und dem unmittelbar der lateinischen Geschichtsschreibung und Annalistik verpflichteten Duktus den radikalsten Neuansatz. Nach der Jahrhundertmitte gewinnen die Modernisierungstendenzen weiter an Dynamik. Zu nennen wären die Werke Konrads von Würzburg, der im ›Trojanerkrieg‹ den von Herbort fast ein Jahrhundert zuvor bearbeiteten Trojastoff (um 1281/87) wieder aufgreift, oder dessen Neubearbeitung der ›Alexius‹- und der ›Silvester‹-Legenden (1280er Jahre),341 die zahlreichen Bearbeitungen des ›Herzog Ernst‹ und die weiterentwickelten Reimchroniken (›Christherre-Chronik‹ etc.). Ein Blick auf die Überlieferungsdetails dieser Modernisierungen und Neuschöpfungen offenbart fast immer dasselbe Muster: Mit den inhaltlichen gehen auffällige mediale Neuerungen einher. Entsprechende Muster sind allerdings nur bei einem materialreichen Querschnitt zu erkennen, was die Auswahl auf ›Willehalm‹ und ›Karl‹ einschränkt.342 Wie der Pfaffe Konrad ein halbes Jahrhundert zuvor greift Wolfram von Eschenbach für seinen ›Willehalm‹ auf eine französische Chanson de geste als Vorlage zurück. Wieder handelt es sich bei dem adaptierten Stoff um ein Karolingerepos mit Heidenkriegsthematik und einem ritterheiligen Protagonisten. In Frankreich war der Guillaume-Stoff bereits im 12. Jahrhundert populär geworden. Innerhalb weniger Jahrzehnte entstanden zahlreiche Epen rund um die Figur des Ritterheiligen. Die ältesten Fragmente (Cambridge und St. Petersburg) datieren aus der Zeit um 1200. Sie sind kleinformatig, einspaltig eingerichtet.343 Auch die ältesten Zyklus-Handschriften F, S und Ars344 aus dem beginnenden 13. Jahrhundert sind noch einfache, meist einspaltige Gebrauchshandschriften und enthalten jeweils um die ›Chanson d’Aliscans‹ gruppiert nur maximal drei weitere Texte. Umfangreichere und

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Vgl. Worstbrock (1999) und zusammenfassend Bastert (2002) S. 92 Anm. 3. Bei vielen in Frage kommenden Werken dieses Zeitraums sind angesichts erheblicher Überlieferungsdefi zite weitergehende Aussagen nicht möglich bzw. nur relativ. Dies gilt für den ›Herzog Ernst B und D‹: Die jüngeren B- und D-Fassungen sind im 13. Jahrhundert nicht überliefert. Es gilt für Konrads ›Silvester‹: Die einzige ›Silvester‹-Handschrift des 13. Jahrhunderts (Trier, StB, Hs. 1990/17 8°; vgl. Bushey, 1996, S. 252f.) entspricht dem ganz kleinformatigen Typ des gebetbuchartigen Legendenkodex und spielt deshalb in unserem Zusammenhang keine Rolle. Der Kodex gehört in einen anderen Diskurszusammenhang. Es gilt für Rudolfs ›Alexander‹: Die einzige ›Alexander‹-Handschrift des 13. Jahrhunderts (Krakau, BJ, Berol. mgq 647; vgl. Degering, 1926, S. 115) entspricht mit zweispaltigem Layout, abgesetzten Versen und einer Blattgröße von 25,5 x 19 cm dem modernen Standard der Zeit um 1300. Und es gilt für den ›Waldecker Alexander‹: Der auch Veldekes ›Eneas‹ überliefernde Kodex (Marburg, StA, Best. 147 Hr 1 Nr. 12 u. 13; vgl. http://www.uni-marburg.de/hosting/mr/mrsa/best147_hr1_12.html) entspricht mit zweispaltigem Layout, abgesetzten Versen, ausgerückten und rubrizierten Anfangsbuchstaben und einer Blattgröße von 25 x 16,5 cm dem modernen buchtechnischen Standard der Zeit um 1300. Cambridge, University Library, MS Add. 2751: Blattgröße 15,1 x 8,8 cm, 1 Spalte, 24–25 Zeilen, fortlaufender Text; St. Petersburg, Russische Nationalbibliothek, Handschriftenabteilung Fr.O.v.XIV.6: Blattgröße 15 x 9 cm, 1 Spalte, 24–25 Zeilen, fortlaufender Text; vgl. Inventaire N° 4004 u. 4010. Beide Fragmente gehören eventuell zu einem Discissus. Inventaire N° 4013, 4017, 4023.

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dann auch großformatigere Zyklushandschriften entstehen erst um/nach der Jahrhundertmitte, bestimmen dann aber nachhaltig die französische Überlieferung im späteren 13. Jahrhundert und 14. Jahrhundert (A 1, A 2 , A3, A 4, B1, B2, C, D, E).345 Wolfram beschränkte sich bei seinem Epos auf den zentralen, in Frankreich zunächst bevorzugt tradierten Teil des Zykus mit den Schlachten auf Alischanz.346 Einige Hinweise auf die Vor- und Nachgeschichte lassen zwar auf Kenntnis weiterer, jedoch nur direkt mit der ›Chanson d’Aliscans‹ verknüpfter Teile des Zyklus schließen.347 Dies rückt vor allem die ältesten französischen ›Aliscans‹-Handschriften F, S und Ars in den Mittelpunkt des Interesses. Und tatsächlich passen sie in Format, Einrichtung und Ausstattung zur ältesten deutschen ›Willehalm‹-Handschrift (Frgm. 13):348 Das Oxforder ›Aliscans‹-Manuskript S aus dem frühen 13. Jahrhundert und die wenig jüngeren Pariser Manuskripte Ars und F sind einspaltig eingerichtet. Die Blattgrößen betragen 18–20 x 9–12 cm.349 Das älteste, Münchner ›Willehalm‹Fragment entspricht genau diesem Typus. Es ist ebenfalls einspaltig eingerichtet bei einer Blattgröße von 18 x 11,3 cm. Unterschiedlich gestaltet sind nur die Verse. Sie werden in den drei französischen Kodizes wie für französische Epenhandschriften der Zeit üblich abgesetzt und durch ausgerückte Anfangsbuchstaben hervorgehoben. Die deutsche Handschrift bietet den Text fortlaufend. Auch dies ist typisch für die gleichzeitige deutsche Epenüberlieferung. Wolfram und sein Gönner hatten wohl von einer umfangreichen, großformatig-prachtvollen französischen Zyklus-Handschriften noch keine Kenntnis. Wolfram nahm massiven Einfluß auf seine Vorlage. Neue Szenen wurden eingefügt, die Darstellung der Heiden umakzentuiert. Neu sind kritische Töne zur Hofgesellschaft und die Problematisierung der zwischenmenschlichen Beziehungen. Der im französischen Epos noch traditionell gutgehei-

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Vgl. exemplarisch Album de manuscrits (2001) Nr. 16 (mit Layoutbeschreibung und Abbildungen) zur Mitte des 13. Jahrhunderts angefertigten Pariser-Sammelhandschrift BN, fr. 1448. Vgl. jeweils mit weiterführender Literatur Kiening (1998) und Wolf (2003). Eine knappe Skizze der spezifischen Merkmale mit den entsprechenden Literaturhinweisen bietet Joachim Bumke, Wolfram von Eschenbach. Stuttgart 71997 (Slg. Metzler 36), S. 233–236. u. 243f. München, BSB, Cgm 193/I. Eine jüngere venezianische franko-italienische ›Aliscans‹Handschrift (Venedig, Codex Marcianus, fr. VIII) steht Wolframs ›Willehalm‹ am nächsten, freilich nicht wirklich nahe. Interessant ist der Kodex, weil er nur ein Epos, die ›Chanson d’Aliscans‹, enthält und einrichtungstechnisch wiederum gut zur ältesten ›Willehalm‹-Handschrift paßt. Mit Blick auf dieses Beispiel wäre denkbar, daß außerhalb des französischen Entstehungsraums bevorzugt solche schmalen, kleinformatigen, leicht zu transportierenden Gebrauchshandschriften kursierten; vgl. zum venezianischen Kodex Heinzle (1991) S. 797 sowie detailliert Holthus (1985). Vgl exemplarisch die zu Beginn des 13. Jahrhunderst entstandene Pariser ›Aliscans‹-Handschrift BN, fr. 2494 mit einer Blattgröße von 15,9 x 9,5 cm sowie einspaltigem Layout (Layoutbeschreibung und Abbildungen in Album de manuscrits, 2001, Nr. 12).

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ßene Kreuzzugsgedanke wird wie die Kriegsnotwendigkeit und die Heidenfrage auf hoher philosophisch-theologischer Abstraktionsebene hinterfragt. Auch stilistisch greift Wolfram massiv in die Vorlage ein. Sein Epos ist entgegen der noch mündlichen Aspekten und Darstellungsweisen verpflichteten Chanson schriftliterarisch geprägt. Abstraktionsgrad und sprachliche Kunstfertigkeit stehen auf einem bis dahin unerreichten Niveau. Wie der B-Redaktor der ›Kaiserchronik‹ zuvor und der Stricker sowie Rudolf von Ems und Konrad von Würzburg wenig später zeigt sich Wolfram neuen stilistischen Kriterien verpflichtet bzw. setzt seinerseits neue Maßstäbe, was Sprachkunst, Aufbau und Stil betrifft. Nach dem Urteil der Zeitgenossen gelang ihm dies meisterhaft. Der Erfolg von Wolframs Chanson de geste-Adaptation war durchschlagend: Ein Fragment aus dem späten ersten Viertel (München, BSB, Cgm 193/I; Tafel 44) sowie vier weitere noch der ersten Hälfte des 13. Jahrhunderts zugehörige Textzeugen (St. Gallen, SfB, Cod. 857; Dillingen, Studienbibl., XV Fragm. 23; München, BSB, Cgm 5249/4c; Straßburg, NUB, Ms. 2002) lassen auf eine ungewöhnlich breite, wohl durch den schon zu Lebzeiten berühmten Autor(namen) begünstigte Rezeption bereits unmittelbar nach der Werkentstehung schließen.350 Buchtechnisch scheint zwar im ältesten, einspaltig, kleinformatigen Münchner Fragment zunächst noch eine Verbindung zu den ältesten Handschriften der A-›Kaiserchronik‹, des ›Rolandsliedes‹, des ›Eneas‹ und der französischen ›Aliscans‹-Vorlage (s.o.) greifbar. Für die ›Willehalm‹-Überlieferung entfaltet diese Einrichtungsvariante allerdings keine normative Kraft. Schon die wenig jüngeren Kodizes sind allesamt zweispaltig mit abgesetzten Versen und z.T. ausgerückten Anfangsbuchstaben ausgestattet. Sogar dreispaltige und aufwendig illustrierte Handschriften in Großformaten sind bald nach der Jahrhundertmitte keine Seltenheit mehr. Die ›Willehalm‹-Tradierung steht dabei den buchtechnischen Entwicklungen im französisch-anglonormannischen Raum kaum nach. Ob sich hier westliche Modeerscheinungen direkt in deutschen Buchmoden niederschlagen, wird allerdings kaum mit hinreichender Sicherheit zu klären sein, da die möglichen Bindeglieder (frz. Handschriften in Deutschland) fehlen. Bei den Chansons de geste können wir nicht zuletzt in der Buchgestalt erkennen, wie politisch-dynastische Interessenlagen den Status einiger Texte im Laufe des 13. Jahrhunderts verändern. Allerdings gilt dies nur für wenige Werkkomplexe, die sich um Karl den Großen (Strickers ›Karl‹) und den Ritterheiligen Guillaume/Willehalm von Orange (›Willehalm‹-Trilogie) gruppieren. Typisch für diese mit hohem Prestige beladenen Stoffgruppen ist eine zunehmende Verhistorisierung und Verhagiographisierung der Geschichten,

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Zur Bedeutung eines ›großen Autornamen‹ für den Überlieferungserfolg vgl. Wolf (2002c).

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die einerseits in stark ausgeweiteten Berichtshorizonten351 und andererseits gestrafften, auf epische Breite verzichtenden Handlungsverläufen (brevitas) sichtbar werden.352 Die inhaltlichen Eingriffe folgen dabei den Erfordernissen der Geschichtsschreibung. Ebenfalls typisch ist ein massiv hinzutretendes hagiographisches Element, was letztlich in der Heiligung des Helden gipfelt. Sichtbarer Ausdruck dieser Statusaufwertung sind großformatige, aufwendig gestaltete und oftmals illustrierte Handschriften. Als Endprodukte eines solchen Statuswandels erweisen sich die in der zweiten Hälfte des 13. Jahrhunderts entstehenden, schnell, unglaublich breit überlieferten Reimchroniken, die Chanson-Stoffe aufsaugen bzw. mit einzelnen Chansons im Verbund tradiert werden. Zwischen den Buchdeckeln rücken in Deutschland bald ei g ene historisch-genealogische Interessen in das Zentrum der volkssprachig-höfischen Literatur. Sie konnten von den französischen Erfolgstexten nicht adäquat bedient werden. Mehr als die französischen Chansons de geste scheinen die alte deutsche ›Kaiserchronik‹ und der vom Stricker ›modernisierte‹ Karlsstoff in das Herz dieser neuen Interessenkonstellationen getroffen zu haben. Beide Werke wurde im fortschreitenden 13. Jahrhundert intensiv verbreitet, rezipiert und die ›Kaiserchronik‹ sogar gleich mehrfach grundlegend überarbeitet (s.o.). Doch schon bald reichten selbst die modernisierten ›Kaiserchronik‹-Versionen, Strickers ›Karl‹ und der allmählich zu einem heimischen Stoff mutierte ›Willehalm‹353 nicht mehr aus, das Informationsbedürfnis einer zunehmend mehr an Schriftlichkeit und verbürgtem historischen Wissen interessierten Laienkultur zu befriedigen. Das Zeitalter der großen Reimchroniken kündigte sich an. Sie markieren letztlich eine neue Dimension volkssprachiger Literarizität. II.2.8. Zielprojektionen: Die Zeit der großen Weltchroniken Die skizzierten Überlieferungscharakteristika der ›Kaiserchronik‹ scheinen wie Vorboten dieser Entwicklungen, in deren Gefolge die neuen literarischhistoriographischen Großformen das Bild der volkssprachigen Literatur prä-

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Die Kerngeschichte wird z.B. eingebettet in eine Vor- und eine Nachgeschichte (›Willehalm‹-Trilogie) oder sogar als Teil eine heilsgeschichtlichen Kontinuums (Strickers ›Karl‹) gestaltet. Besonders deutlich faßbar bei der Aufbereitung von Wolframs ›Willehalm‹ für die Zyklusversion; vgl. grundlegend Kiening (1998) und Wolf (2002c). Der ›Willehalm‹ scheint den Geschichtsschreibern in gewisser Weise suspekt gewesen zu sein. Im 13./14. Jahrhundert wurde Wolframs Werk von volkssprachigen Chronisten zwar ob seiner reichen epischen Bilder und seines Stils geschätzt, die Inhalte mied man aber. Erst in der erzähltechnisch entschärften Zyklusvariante mit ›Arabel‹ und ›Rennewart‹ wurde das Werk für chronistische Zwecke genutzt, wobei bezeichnenderweise in der ›Weltchronik‹ Heinrichs von München die Wolfram-Passagen am radikalsten zusammen gestrichen wurden; vgl. Wolf (2002c).

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gen werden, wobei sich im Süden (Reimchroniken) und Norden (›Sächsische Weltchronik‹; z.T. mit implementierter ›Kaiserchronik‹) je eigene Varianten herausbilden: Im Magdeburger Raum entstand um 1230 wahrscheinlich unter franziskanischem Einfluß die Prosa der ›Sächsische Weltchronik‹.354 Im Süden schuf Rudolf von Ems um 1250/54 im Stauferumfeld seine monumentale gereimte ›Weltchronik‹. Obwohl sich beide Geschichtswerke in Stil (Prosa vs. Vers), Aufbau (annalistisch vs. episch) und Verbreitungsraum (Mittel- und Norddeutschland vs. alem.-bair. Raum) grundsätzlich unterscheiden, sind die Charakteristika der handschriftlichen Überlieferung doch auffallend ähnlich: Bei beiden Geschichtswerken begegnen ebenso einfache, schmuckarme Gebrauchshandschriften auf niedrigem Schrift- und Ausstattungsniveau wie überaus prachtvolle, großformatige, bebilderte Zimelien. Beide Weltchroniken wurden demnach gleichermaßen als Wissenssammlungen u nd als Repräsentations- bzw. Propagandainstrumente genutzt: Für die Wissensübermittlung reichte eine schmucklose Gebrauchshandschrift. Für Repräsentation und Propaganda war zusätzlich ein ›glänzender‹ Buchkörper erforderlich. Wie dieses Zusammenspiel zwischen spezifisch aufbereitetem Text und prachtvollem Äußeren funktionieren konnte, sollen zwei Beispiele aus dem Norden belegen. Einen unmittelbaren Bezug zwischen einem volkssprachigen Buch und der politischen Propaganda einer Dynastie scheint die kostbar bebilderte355 Gothaer Handschrift der ›Sächsischen Weltchronik‹ (Erfurt/Gotha, FuLB – FB Gotha, Cod. Memb. I 90) zu belegen. Der Kodex entstand vermutlich im Auftrag eines welfischen Herzogs oder einer Herzogin: Im Chroniktext bietet die Handschrift mehrere charakteristische Zusätze und Auslassungen, die das Bild Albrechts I. von Sachsen und vor allem das Bild Heinrichs des Löwen grundsätzlich positiver zeichnen. Er ist in der Gothaer Handschrift nicht der Widerpart Kaiser Barbarossas (die Chiavenna-Episode fehlt), sondern als reichstreue, extrem fromme (Wendenfeldzug; Pilgerzug nach Byzanz), positive Herrschergestalt eine Stütze des Reichs.356 Einige weitere Kunstgriffe rükken die Gothaer Weltchronik schließlich in ein fast vollständig welfi sch-askanisches Licht. Am prägnantesten ist vielleicht die sog. ›Herkunft der Sachsen‹. Diese Geschichte des Welfenhauses – sie nehmen Sachsen ganz für sich in Anspruch – ist nur in dieser einen Handschrift bebildert und steht nur in dieser einen Handschrift vor der eigentlichen Weltgeschichte.357 Auf ein weiteres, bisher in der Forschung übersehenes Faktum macht Kroos aufmerksam. Sie konnte bei der Analyse des Bildmaterials zahlreiche in Wort und Bild herausgehobene vorbildliche Frauengestalten ausmachen. »Es sind zu viele Übereinstimmungen, um nicht an Huldigung für die braunschweigischen Damen zu denken.«358 354 355

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Vgl. Wolf (1997) und zur Franziskanerthese ebd. S. 402 Anm. 5f. Den überaus prachtvollen Gesamteindruck runden das große Format (Blattgröße 31,7 x 22,5 cm) und »die Textualis auf gutem kalligraphischen Niveau [...] nur wenig unterhalb der Textura« ab; vgl. Schneider (1987) S. 263f. und umfassend dies. (2000). Vgl. die Stellennachweise bei Wolf (1997) S. 154f. Vgl. Wolf (2003c) zu den weitreichenden Thesen im Kommentarband des Faksimiles Buch der Welt (2000). Eine umfangreiche Dokumentation zur These mit Vergleichshandschriften und Vergleichs-

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Die Gothaer Handschrift zeichnet bewusst ein positives Bild der welfisch-askanischen Geschichte. Eine diesbezügliche Textwirkung wird durch das prachtvolle Äußere eindrucksvoll, sichtbar befördert. Und dieses von den Welfen wohl um 1250 selbst inszenierte Welfenbild hat tatsächlich gewirkt: Mehrere Chronisten des späten 13. bis 15. Jahrhunderts übernehmen dieses ›rein gewaschene Löwen-Bild‹ als authentische Wahrheit. Dies gilt für Konrads von Halberstadt lateinische ›Chronographia interminata‹ und mehr noch für die von vorneherein als Propagandainstrument geplante ›Braunschweigischen Reimchronik‹. Das vermutlich für die Söhne Herzog Albrechts I. von Braunschweig-Lüneburg (1252–1279) erstellte Dedikationsexemplar der ›Braunschweiger Reimchronik‹ (Hamburg, SUB, Cod. 18 in scrin.; Tafel 45) ist aber noch in anderem Zusammenhang von Interesse. Der Kodex bietet zwar keine Bilder, aber ein in volkssprachigen Texten sonst unerreichtes Schriftniveau. »In dieser extrem kalligraphischen Schrift, deren Wahl sicher vom hohen Rang der Empfänger bestimmt war, fehlen jegliche Abbreviaturen.«359 Ähnlich aufwendige Schriften begegnen sonst nur bei ausgesucht heiligen (Psalter, Bibel), fundierenden (Legende, Dynastiegeschichte) oder normativen (zentrale Rechtsgeschäfte, Rechtsbücher, Ordensregeln) Texten. In der weit überwiegenden Zahl handelt es sich dabei um lateinisches Material. Für den volkssprachigen Bereich ist die Textura weitgehend tabu (vgl. S. 130, 135f.).

Obwohl sich fast alle volkssprachigen Geschichtswerke im engeren (Prosaund Reimchroniken) und weiteren (Chanson de geste, Antikenroman) Sinn als Wissens- und Unterhaltungslektüre gebrauchen und bei entsprechender medialer Ausgestaltung auch als Repräsentationsinstrumente einsetzen ließen, blieben die Weltchroniken (›Kaiserchronik‹, ›Sächsische Weltchronik‹, ›Braunschweigische Reimchronik‹, Rudolfs ›Weltchronik‹, ›Christherre-Chronik‹) über die Jahrhundertwende hinaus in Überlieferung und Rezeption von den episch-heroischen Geschichtsdichtungen (›Rolandslied‹, Strickers ›Karl‹, ›Willehalm‹/›Willehalm‹-Trilogie, ›Karl und Galie‹, ›Alexander‹, ›Eneas‹, Spielmannsepen) auffällig separiert. Ungeachtet paralleler (Legenden, Reimchroniken) bzw. sogar direkt ineinander verwobener (Chanson de geste, Antikenromane) Anfänge im 12. und beginnenden 13. Jahrhundert entwickelt sich die deutsche Geschichtsüberlieferung deutlich anders als in Frankreich/England. Dort begannen schon um 1200 alle Segmente der Geschichtsdichtung in umfänglichen Zyklus- und Sammelhandschriften – was das arthurische Material betrifft sogar im allumfassenden Prosazyklus (s.u. S. 95f.) – zusammenzufließen. In Deutschland werden ähnliche Tendenzen kaum später im Vorauer Kodex 276 sichtbar (s.o. S. 81). Eine gattungsentgrenzende Wirkung kann dieses Modell aber gerade nicht entfalten. Erst der um 1260 fertiggestellte Sangallensis (s.o. S. 71, 132f.) ließe sich vielleicht als Vorbote solcher historiographisch ausgerichteter, Gattungsgrenzen sprengender Sammlungen verstehen.360 Vollzogen scheint eine solche Entwicklung letztlich erst um 1300 etwa

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gegenständen findet sich bei Kroos (2000) S. 98–115, hier S. 96 (Zitat); vgl. dazu Wolf (2003c). Vgl. Schneider (1987) S. 265f. Zum Sammlungsprogramm des Sangallensis vgl. zusammenfassend und die älteren For-

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in der Vadiana-Sammlung mit Rudolfs ›Weltchronik‹ und Strickers ›Karl‹,361 dem Berlin-Münchner Chronikdiscissus mit einer Kompilation aus Berichten zu den Israelitischen Königen (David und Salomo) und Passagen aus der ›Kaiserchronik‹ B,362 dem Hamburg-Kopenhagener Discissus mit Rudolfs von Ems ›Weltchronik‹ und einer Reimbibel als Fortsetzung363 und der Berliner Chroniksammlung SBB-PK, mgf 623 mit Rudolfs ›Weltchronik‹ und Strikkers ›Karl‹.364 Exemplarisch seien die bereits genannte Vadiana-Sammlung und die wenig jüngere Berliner ›Chronik‹-Sammlung herausgegriffen: Beide Sammelhandschriften vereinen Rudolfs ›Weltchronik‹ und Strickers ›Karl‹ zu einem universalen Geschichtskompendium. Beide Kodizes sind mit Miniaturen ausgestattet, die »zum Bedeutendsten gehören, was die Buchmalerei der Zeit aufzuweisen hat; nicht nur im durchdachten Layout und auf der materiellen Ebene der verwendeten Malmittel – kostbare Deckfarben und Blattgold –, sondern auch in der Eigenständigkeit der Bilderfindung und in der Wahl der ikonographischen Modelle drücken sie damit einen herausgehobenen Anspruch aus.«365 Die Symbiosen von Weltchronik und Chanson de geste muten für deutsche Verhältnis außergewöhnlich an, führten beide Genres doch bis ins späte 13. Jahrhundert anders als in Frankreich und England ein strikt getrenntes Eigenleben, obwohl beide Textsorten gleichermaßen begehrtes, wahres Geschichtswissen (historia) boten und als Exempelsammlungen (fabula) den

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schungspositionen diskutierend Schirok (2003) S. 257 und Heinzle (2004) S. 20–22. Heinzle (2003a) S. 199f. spricht mit Schirok von einem Programm, »das auf höfische Epik mit historischem Anspruch und heilsgeschichtlicher bzw. religiöser Dimension zielt. Die historisch-heilsgeschichtliche Verbindlichkeit liegt im Fall der beiden biblischen Texte und des Komplexes Karl / Willehalm, aber auch des Parzival auf der Hand (der Karl handelt vom welt- und heilsgeschichtlich bedeutsamen Kampf Karls des Großen gegen die heidnischen Sarazenen, der Willehalm von der Fortsetzung dieses Kampfes unter Karls Sohn Ludwig; der Parzival entwirft mit der Geschichte des Grals eine Art heilsgeschichtlichen Sonderweg, von dem aus auch die Artuswelt historisch neu positioniert wird [...]). Das Nibelungenlied steht zunächst für die historische Dimension, insofern es für wahr gehaltene ›Vorzeitkunde‹ vermittelt. Die geistliche Perspektivierung des erzählten Geschehens leistet die Klage, die auch hier im Werkverbund präsentiert wird.« St. Gallen, Kantonsbibl., Ms. Vad. 302; vgl. Faksimile und Kommentar Rudolf von Ems (1982/1987), Ott (1992) S. 198 u. Raeber/Bräm (1997). Im Vadiana-Skriptorium entstanden etwa gleichzeitig mehrere ähnlich aufwendig ausgestattete Handschriften, darunter ein weiteres Exemplar der ›Weltchronik‹ des Rudolf von Ems (Privatbesitz Schweiz, früher Antiquariat Jörn Günther). Das Skriptorium fertigte aber auch einfache, schmucklose Gebrauchshandschriften an: Ein solcher von Konrad von St. Gallen (Der dis b ůch geschriben hat der heizit von sant Gallen C ůnrat, Bl. 292vb) geschriebener Band enthält z.B. Hugos von Langenstein ›Martina‹ und die ›Mainauer Naturlehre‹ (Basel, UB, Cod. B VIII 27: Blattgröße 20,3 x 15,2 cm). Konrad von St. Gallen ist der Hauptschreiber des VadianaKodex. Berlin, SBB-PK, mgf 923 Nr. 12 u. 34 + München, BSB, Cgm 5249/51a. Hamburg, SUB, Frgm. Slg. Nr. 1 + Kopenhagen, KB, Cod. Ny kgl. Saml. 17m, 2o. Berlin, SBB-PK, mgf 623; vgl. Faksimile und Kommentar Rudolf von Ems (1980) und Ott (1992) S. 198. Ott (1992) S. 198.

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Weg zu Gott bzw. zum idealen Christenmenschen bereiteten. In dieser Doppelfunktion waren beide Genres in Deutschland je für sich für ein breites höfisches sowie bald auch städtisches Publikum von elementarem Interesse und von so großem ideellen Wert, daß vielfach ein extremer Aufwand bei der Vervielfältigung gerechtfertigt schien. Die prachtvoll illuminierten ›Willehalm‹bzw. Trilogie-Discissi366 und einige ebenfalls prachtvoll illuminierte RudolfHandschriften dokumentieren einen solchen Status eindrücklich (s.o.).367 In den genannten Weltchronik-Chanson de geste-Symbiosen werden also Textsorten von ähnlich hohem literarischen, kultischen und sozialen Prestige vereinigt. Dazu paßt, daß sich einige der prachtvoll illuminierten Sammlungen ikonographisch eng an gleichzeitige (lateinische) Psalter-/Brevier- und Bibelhandschriften anlehnen bzw. sogar aus gemeinsamen Werkstattzusammenhängen stammen. So wurde der Vadiana-Kodex in einer Malwerkstatt iluminiert, in der auch mehrere kostbar illustrierte lateinische Psalterien (Graz, UB, Cod. 1029, Wien, ÖNB, Cod. 1982), eine lateinische Bibel (Graz, UB, Cod. 130) und ein Zisterzienserbrevier (Luzern, Zentralbibl., P.4.4°) entstanden.368 Enge Verwandtschaft besteht ferner zum ›Lilienfelder Missale‹ und weiteren Kodizes aus dem Umfeld des Lilienfelder Meisters. Dazu zählen das volkssprachige Münchner Nonnengebetbuch (München, BSB, Cgm 101) und ein um 1310 angefertigtes deutsches Stundenbuch (’s-Heerenberg, Huis Bergh, Hs. 52). Vermutlich gehören der Vadiana-Meister und der Lilienfelder Meister in einen größeren Werkstattzusammenhang.369 Einige wenige ausgesuchte volkssprachige Werke haben damit im späteren 13. Jahrhundert den Status heiliger Texte erreicht. Bei der Rudolfschen ›Weltchronik‹ und der 366

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Berlin, SBB-PK, Hdschr. 400; Berlin, SBB-PK, mgf 923 Nr. 31; Freiburg i. Br., UB, Hs. 521; Bamberg, Hist. Verein im StA, Rep. III (Akten) Nr. 1179 + Bamberg, SA, Rep. A 246 Nr. 8 + Berlin, SBB-PK, mgf 746, Bl. 1–8 + Berlin, SBB-PK, mgf 923 Nr. 43 + Berlin, SBB-PK, Hdschr. 269 + München, BSB, Cgm 193/V + Pommersfelden, Gräfl. Schönbornsche Schloßbibl., ohne Sign. + Prag, NM, Cod. I E a 35 + Würzburg, UB, M. p. misc. f. 34; a München, BSB, Cgm 193/III + Nürnberg, GNM, Graphische Slg., Kapsel 1607, Hz 1104–1105. Berlin, SBB-PK, mgf 1046; Frankfurt a. M., StUB, Ms. germ. oct. 13 + München, BSB, Cgm 5249/22c; Graz, LA, FG 3; Berlin, SBB-PK, mgf 923 Nr. 21–22 + Karlsruhe, BLB, Cod. Donaueschingen A III,4 + Innsbruck, LA, in Hs. 95/I2 + Innsbruck, LM Ferdinandeum, Cod. FB 32142a/b + Innsbruck, UB, Frgm. 65 + Stams, Stiftsarchiv, ohne Sign. + Privatbesitz (?) Adalbert Jeitteles, Wien; München, BSB, Cgm 6406 + München, Staatliche Graphische Sammlung, Inv. Nr. 5615; München, BSB, Cgm 8345; Nürnberg, GNM, Hs. 42522; Privatbesitz, Schweiz. Detaillierte Beschreibung bei Raeber/Bräm (1997) (kodikologische Daten ebd. S. 66 Anm. 1). Zur Datierung und Lokalisierung vgl. grundlegend die Beiträge von Beer und Schneider im Faksimileband Rudolf von Ems (1982/1987) sowie Raeber/Bräm (1997), die die Herkunft des Zisterzienserbreviers und damit auch alle anderen Handschriften der Werkstatt aufgrund der verwendeten Heraldik »eindeutig auf den Raum Freiburg« einschränken wollen. »Gregor von Falkenstein und seine Gemahlin und mit ihnen vielleicht auch Johannes von Munzingen [sind nach ihnen] als Stifter oder Auftraggeber des Breviers zu betrachten« (ebd. S. 64).

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›Sächsischen Weltchronik‹370 spricht einiges dafür, daß sie dies auch ihrem bibelersetzenden Charakter zu verdanken hatten. Beim ›Willehalm‹ begünstigte der umgehend in das heimische Heiligeninventar überführte Ritterheilige einen ähnlichen Effekt. Eigenständige Werkverbünde wie das unter dem Pseudonym Heinrich von München bekannte Weltchronikkonglomerat markieren schließlich noch einmal 50 Jahre später die letzte Phase einer solchen gattungsentgrenzenden Entwicklung.371 Signifikant ist, daß es sich schon bei den ersten, noch additiven Geschichtskompendien – die in der Regel zugleich Bibelkompedien waren – meist um ausgesprochen kostbare, z.T. sogar bebilderte Prachtexemplare handelt. Dies gilt für den Vorauer Kodex und den Sangallensis, dann aber um so mehr für die um/nach 1300 entstandenen chronistischen Sammlungen und vor allem für die ›Weltchronik‹ Heinrichs von München. Sie ist Bibel und Welt(geschichte) in einem. II.2.9. Varietäten: Regionen, Stoffkreise, Buchmoden Trotz grundsätzlich vergleichbarer medialer Phänomene unterscheiden sich die nord- und süddeutschen Varianten der Geschichtsüberlieferung signifikant. Ein Grund dürfte in den differierenden Vorlieben für Prosa und Vers zu suchen sein, wobei im Süden beinahe exklusiv Reimpaarverse und im Norden beinahe ebenso exklusiv Prosavarianten bevorzugt wurden. Die buchtechnischen Konsequenzen sind in den Handschriften direkt greifbar: Für den fortlaufenden Prosatext einer ›Sächsischen Weltchronik‹ wäre ein dreispaltiges Layout, wie es bei Rudolfs gereimter ›Weltchronik‹ im Süden vielfach begegnet, völlig unpraktisch. Durchgesetzt hat sich deshalb im Norden neben der einspaltig fortlaufenden Variante das lesefreundliche zweispaltige Layout. Genau diese Einrichtungsvariante war vor allem in den städtischen Kanzleien seit den 1260er/70er Jahren als Standardmuster für alle Arten pragmatischer Texte im Gebrauch: für aufwendigere Rechtsbücher, Stadtbücher, Statuten, Schragen und Geschichtsaufzeichnungen. Selbst für die aus dem Süden ›importierten‹ Verstexte historischer Prägung (›Kaiserchronik‹, ›Christherre-Chronik‹, ›Willehalm‹) kam im Norden dieses Muster regelmäßig zum Einsatz. Dies gilt z.B. für die Düsseldorfer ›Kaiserchronik‹ A (Dü),372 die Göttinger ›Christherre-Chronik‹373 und die ›Willehalm‹

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Zu den als Einleitung von Historienbibeln genutzten Passagen aus der ›Sächsischen Weltchronik‹ vgl. Wolf (1997) Hss. 111, 143, 144. Vgl. grundlegend Studien zur ›Weltchronik‹ Heinrichs von München (1998). Düsseldorf, ULB, Ms. frgm. K 3: F 53 (um/nach 1300): Blgr. 27,5 x 20–21 cm; Schrsp. 20,5 x 14,5–15 cm; 2 Spalten; 36 Zeilen; Verse nicht abgesetzt; illustriert. Göttingen, SUB, 4° Cod. Ms. philol. 183x:I (um 1300): Blgr. 21 x 17 cm; Schrsp. 18 x 12,5 cm; 2 Spalten; 41 Zeilen; Verse abgesetzt.

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Fragmente 55374 sowie 87.375 Dreispaltige Handschriften bleiben während des gesamten 13. Jahrhunderts im Norden unbekannt. Offensichtlich wirkte hier der städtisch-pragmatische Kanzleibetrieb prägend für die Buchkultur. Nur die eindeutig in fürstliche Kontexte gehörende Gothaer Handschrift der ›Sächsischen Weltchronik‹ (SW-Hs.24), der München-Nürnberger ›Willehalm‹-Discissus (Frgm. 17376) und das Dedikationsexemplar der ›Braunschweiger Reimchronik‹ (BRchr) weichen mit ihrer einspaltigen Einrichtung (BRchr) und den fortlaufenden Bildleisten (SW u. ›Willehalm‹) deutlich von diesem Muster ab. Sie rücken nahe an die auf höchstem Schriftniveau verfaßten, teilweise sogar bebilderten ›Sachsenspiegel‹-Handschriften heran, die ihrerseits in fürstliche Kanzleizusammenhänge des Nordens verweisen. Im Süden hatten sich zeitgleich andere Moden etabliert. Für Reimpaartexte galt ab der Jahrhundertmitte dreispaltiges Layout als der letzte Schrei. Bei entsprechend großem Buchformat ließen sich so bedeutend größerer Mengen der abgesetzten Verse in repräsentativer Gestalt auf einem Blatt unterbringen. Daß es hier weniger um die Textmenge als um ein repräsentatives Äußerer ging, läßt der hohe Anteil (etwa ⅔) der bebilderten Exemplare unter den dreispaltigen Rudolf-Handschriften des späten 13. Jahrhunderts vermuten.377 Da es sich darüber hinaus häufig um westdeutsche Kodizes handelt,378 wäre an direkte französische Einflüsse zu denken. Dort war genau dieser aufwendige Einrichtungstyp einige Jahrzehnte zuvor zu einem weit verbreiteten Standard volkssprachig-höfischer Buchkultur aufgestiegen. Prinzipiell läßt die Geschichtsüberlieferung eine so in keiner anderen Gattung nachweisbare Tendenz hin zu besonders prachtvollen Repräsentationshandschriften erkennen. Im 13. Jahrhundert machen illustrierte Weltchroniken und Geschichtsdichtungen (›Rolandslied‹, ›Willehalm‹-Trilogie, ›Karl‹) mehr als Dreiviertel aller volkssprachig-profanen Handschriften mit Illustrationen aus. Artusepen, Antiken- und Minneromane bleiben dagegen fast immer unbebildert. Auch Buchformate, Layout und weitere Ausstattungsmerkmale (Initialen, Majuskeln etc.) der im engeren Sinn historischen Textsorten heben sich auffallend von den anderen volkssprachig-weltlichen Literaturgattungen ab. Ausnahmen machen allein Wolframs ›Parzival‹ sowie die

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Schwerin, LB, ohne Sign. (verschollen) (Ende 13. Jahrhundert): Blgr. 29 x 19 cm; Schrsp. 21 x 16 cm; 2 Spalten; 40 Zeilen; Verse abgesetzt. Berlin, SBB-PK, Hdschr. 400 (3./4. Viertel 13. Jahrhundert): Blgr. 24,5 x 19 cm; Schrsp. 16,5 x 14 cm; 2 Spalten; 28 Zeilen; Verse abgesetzt; illustriert. München, BSB, Cgm 193/III + Nürnberg, GNM, Graphische Slg., Kapsel 1607, Hz 1104– 1105 (um 1270): Blgr. ca. 30,5 x 23 cm; Schrsp. ca. 23,5 x 7–7,5 cm; 2 Spalten (1 Spalte Text, 1 Spalte Illustration); 30 Zeilen; Verse abgesetzt; illustriert. Vgl. Klein, Kl. (2000) Nr. 50, 51, 52, 53, 55, 56. Vier dieser sechs dreispaltigen ›Weltchronik‹-Handschriften des 13. Jahrhunderts sind illustriert. Darmstadt, LHB, Hs. 3159 (um 1300, westmitteldeutsch); Neutitschein, Museum, ohne Sign. (verschollen) (um 1300, rheinfränkisch); Nürnberg, GNM, Hs. 42522 (um 1300, elsässisch).

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mit seinem Namen assoziierten Werke ›Titurel‹/›Jüngere Titurel‹ und ›Lohengrin‹ (zu den Hintergründen vgl. Kap. II.3.2.2). Nur bedingt im historia-Diskurs verankerte Gattungen wie die Spielmannsepik und die Heldenepik verbleiben über das 13. Jahrhundert hinaus in einem von gebrauchsfunktionalen Aspekten geprägten Tradierungsumfeld, was sich in kleinformatigen, einfachen Gebrauchshandschriften zeigt.

II.3. Ausstattungsmuster höfischer Literatur: Das Beispiel Artusepik II.3.1. Die französisch-anglonormannischen Ursprünge der Tradition Im anglonormannisch-angevinischen Umfeld ist der Artuswelt spätestens im 12. Jahrhundert ein umfassender schriftliterarischer Erfolg beschieden. Ein vermutlich breiter Strom mündlicher Erzähltraditionen führt allerdings zunächst zur gelehrt-lateinischen Historiographie. Den Weg in die Schriftlichkeit ebnete das politisch-propagandistische Kalkül der neuen anglonormannischen Herrscher Englands. Die Weichen stellte Geoffrey of Monmouth mit seiner 1138 wohl im Dienste des englischen Königshauses (Widmung an Stephan I.) bzw. seines unmittelbaren Umfelds (Widmungen an den Earl of Gloucester sowie Waleran von Beaumont, Graf von Meulan und Earl of Worcester)379 vollendeten ›Historia regum Britanniae‹: Der Troyaner Brutus rückt zum mythischen Stammvater der Briten auf. In seiner Nachfolge begründet der nun erstmals als zentrale Heldenfigur stilisierte König Artus Größe, Macht und Ruhm des neuen Reichs bzw. der neuen Dynastie. Innerhalb kürzester Zeit entwickelt sich diese Artusgeschichte zum fundierenden Mythos eines britisch-anglonormannischen Königreichs. Fixiert in Geoffreys lateinischer ›Historia‹ wird der zuvor mündlich tradierte und nur sporadisch auch in lateinischen Chroniken und Annalen schriftlich faßbare Brutus-/Artusstoff der zweifelhaften Mündlichkeit enthoben. Sanktioniert von höchster (königlicher) Stelle, erlangt die Artus-Historia noch vor der Mitte des 12. Jahrhunderts ihren festen Platz im Literaturkanon der anglonormannischen Herrschaftskultur. Zugleich werden die Protagonisten als realhistorische Herrschergestalten im gelehrten Wissenskanon verankert.380 Die Voraussetzungen für eine erfolgreiche schriftliche Tradie379 380

Paralleler Abdruck der entsprechenden Passagen in Wright (1985) S. XIIIf., vgl. ebd. S. XII sowie im Überblick Johanek (1987) S. 349f. Kritische Stimmen aus der Gelehrtenwelt stellten nicht die Historizität der Artuswelt generell, sondern nur den Wahrheitsgehalt einzelner Episoden und die geschichtsschreiberische Redlichkeit Geoffreys in Frage. Scharfe Angriffe gegen einzelne ›Lügengeschichte‹ finden sich z.B. in den ›Gesta Regum Anglorum‹ des William of Malmesbury, der ›Historia rerum Anglicarum‹ des William of Newbury oder im ›Pantheon‹ Gottfrieds von Viterbo; vgl. zusammenfassend Johanek (1987) S. 376–378 und Johanek (2002) S. 22f.

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rung waren geschaffen. Der Erfolg ließ nicht lange auf sich warten. Geoffreys ›Historia‹ avancierte noch im 12. Jahrhundert, und zwar weit über den Einflußbereich der englischen Krone hinaus, zu einem der populärsten Geschichtswerke überhaupt. Mit fast 80 erhaltenen Textzeugen aus dem 12. Jahrhundert übertrifft das neue Erfolgswerk selbst Klassiker wie Bedas ›Historia Ecclesiastica‹ (50 Handschriften), die ›Chronica‹ des Hieronymus (34 Handschriften) und die ›Historiae‹ von Orosius (47 Handschriften).381 Quasi en passant hatten Geoffrey und seine Auftraggeber auch den Grundstein für die volkssprachige Verschriftlichung des Artusstoffs gelegt. »Die Akzeptanz der ›Historia‹ als authentische Geschichtsüberlieferung schuf für einen großen, und zwar sehr großen Komplex der epischen Literatur Europas sozusagen einen historisch belegten Ankergrund.«382 Im Kernbereich der Artusgeschichte fertigten Geffrei Gaimar (›L’Estoire des Engleis‹383), Wace (›Roman de Brut‹384) und Layamon (›Brut‹) umgehend französische und englische Übersetzungen an.385 Gaimars und Layamons Geschichtswerke blieben allerdings kaum tradierte Randerscheinungen. Nur Waces ›Roman de Brut‹ erlangte größere Bedeutung. Außerhalb dieser unmittelbaren Geltungssphäre einer arturischbritisch-normannischen Reichsidee erfreute sich der Stoff ebenfalls großer Beliebtheit. Die kymrischen (›Brut y Brenhinedd‹386) und nordischen (›Breta sögur‹387) Geoffrey-Übersetzungen fanden sogar umgehend Aufnahme in den dortigen Literaturkanon, wohl nicht zuletzt weil in Wales, in Island und in

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Datenbasis: Crick (1991) und Neddermeyer (1998) S. 725ff. Tab. III. Hier wird man aber zu berücksichtigen haben, dass eben diese alten Klassiker bereits in jeder besseren Klosterbibliothek vorhanden waren. Neue Exemplare mussten also nur bei Bibliothekserweiterungen, Neugründungen oder als Ersatz für verschlissene Exemplare hergestellt werden. Johanek (2002) S. 23. Gaimars ›Histoire‹ ist nur in 4 Hss. des 12.–14. Jahrhunderts überliefert. Dean (1999) S. 1f. vermutet, daß mit dem Auftreten Waces Gaimars Werk uninteressant wurde; zu Gaimar vgl. Damian-Grint (1999) S. 49–53. Überlieferung: 17 Hss. des 13. und 14. Jahrhunderts; vgl. Dean (1999) S. 2f. und zu Wace Damian-Grint (1999) S. 53–58. Vgl. grundsätzlich Johanek (1987) und zusammenfassend Lutz (2000) S. 99f. Unmittelbar dem lateinischen Vorbild verpflichtet und allenfalls ganz moderat »for the benefit of the new audience« (Lloyd-Morgan, 1999, S. 6) überarbeitet sind mehrere, seit dem späten 12. bzw. frühen 13. Jahrhundert jeweils separat nach lateinischen Vorlagen angefertigte kymrische Geoffrey-Übersetzungen; vgl. z.B. zu ›Brut y Brenhinedd‹ in der Llanstephan-Version Roberts (1971) und in der Cotton Cleopatra-Version Parry (1937) sowie allg. zu den kymrischen Brut-Übersetzungen Roberts (1991), Ward (1992) und Barnes (1987). Zu den direkt aus Geoffreys ›Historia‹ geschöpften ›Breta sögur‹ vgl. Würth (1998) S. 55– 82. Die Übersetzungsarbeiten werden von der Forschung mit dem Hof des norwegischen Königs Hákon Hákonarson oder einem isländischen Mönch namens Gunnlaugur Leifsson, der um 1200 Merlins Prophetien aus der ›Historia‹ übersetzte (›Merlínusspá‹), in Verbindung gebracht (Würth S. 80f.). Im Norden wird der Artus-Stoff fast immer direkt über Geoffreys lateinische ›Historia regum Britanniae‹ oder Waces ›Roman de Brut‹ rezipiert. Eine entscheidende Rolle spielte dabei die historische Relevanz der Artusfigur und anderer Artushelden in den genannten Rezeptionsräumen.

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Norwegen einige der arturischen Helden beheimatet und wichtige Geschehnisse dort lokalisiert sind. In der Regel folgten die französischen, kymrischen und nordischen Übersetzer in ihren volkssprachigen Bearbeitungen mehr oder weniger unmittelbar dem lateinischen Vorbild. Meist wurden nur ›nationale‹ Empfindlichkeiten beseitigt und die Darstellung mäßig regionalen Besonderheiten angepaßt. Umfassender griff Wace in seine Vorlage ein. Das historische Grundgerüst – er selbst bezeichnet das Werk im historiographischen Sinn als la geste des Bretuns (14 859)388 – änderte aber auch er nicht. Doch sein Artus bzw. sein Artushof wurden höfischer. Für die volkssprachig-literarische Aufarbeitung der ArtusTradition erwies sich Waces Interpretation der Geschichte als zentrales Fundament einer umfassenderen Artusidee.389 Wace hatte durch gezielte Ergänzungen dem in der lateinischen ›Historia‹ allenfalls zwischen den Zeilen angedeuteten höfischen Charakter breiten Raum eingeräumt. Er läßt Artus während der zwei Friedenszeiten erstmals als strahlenden König mit höfischem Benehmen und vorbildlicher Hofhaltung hervortreten. Das Friedensgeschehen wird zu einem neuen Darstellungsmittelpunkt, in dessen Zentrum die von Wace ›erfundene‹ Tafelrunde steht.390 Der Weg zur literarisch überformten Romanfigur ist geebnet. Der neue Artushof war einerseits Spiegelbild des prosperierenden englischen Königshofs und wurde andererseits zu einem idealen Leitbild einer neuen Hofkultur. Angesichts der spärlichen Überlieferungszeugnisse wird man die Wirkung des ›Roman de Brut‹ allerdings vorsichtig zu beurteilen haben. Nur in der Verbindung mit zahlreichen anderen, ähnlich konturierten Werken wie Waces ›Roman de Rou‹, Benoits ›Roman de Troie‹ und der ›Chronique des ducs de Normandie‹, dem ›Roman de Thèbes‹, dem ›Roman d’Eneas‹ oder Albérics ›Alexander‹ sowie bald auch den Romanen Chrétiens de Troyes konnte sich eine neue, zumindest in der Idee bald verbindliche Vorstellung von Hofkultur großflächig etablieren. Neben dieser neuen volkssprachig-schriftlichen Artuschronistik und einer zunehmend breiter wirkenden lateinisch-schriftlichen Tradition konnte sich eine ältere mündliche Erzähltradition um die Heldenfiguren behaupten. Nach Waces Ausführung im ›Roman de Brut‹ (9789–9798) muß man von einer weiterhin überaus lebendigen Mündlichkeit ausgehen. Diese allseits bekannten Erzählungen hatte der Geschichtsschreiber Wace nicht anders als viele sei-

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Dies ist eine wörtliche Übernahme aus Geoffrey, der sein Geschichtswerk als gesta britonum betitelt. Vgl. Damian-Grint (1999) S. 55 Anm. 75–76 mit zahlreichen Literaturhinweisen zu dieser Frage. Andere frühe französische Übersetzungen der ›Historia‹ blieben dagegen nahezu wirkungslos. Zur breiten Rezeption des arturischen Materials nach Geoffrey und Wace in unzähligen volkssprachigen und lateinischen Chroniken des 12.–16. Jahrhunderts vgl. Fletcher (1958) S. 116–271. Grundlegend Green (2002).

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ner lateinischen Kollegen zwar als fabulös und lügenhaft gebrandmarkt, als Material- und Ideenfundus spielten sie für die Epik wie für die Geschichtsschreibung aber eine zentrale Rolle. Vielfach boten sie überhaupt die einzigen faßbaren Belege zur Vergangenheit. Den Epenfundus bereichern sie außerdem um viele Motive und Figuren, die in den lateinischen und volkssprachigen Chroniken keine Entsprechung hatten. Einen Höhepunkt erreichte die ›Höfisierung‹ der Artus-Materie schließlich bei Chrétien de Troyes. Er kreierte im Rückgriff auf die mündlichen Stofftraditionen eine weitgehend enthistorisierte ritterlich-höfische Artuswelt. Das beim Publikum präsente Wissen um eine ›reale‹ Artushistorie sank zu einer im Hintergrund wirkenden Rahmenhandlung herab. Chrétien erhob expressis verbis Komposition (molt bele conjointure 391) und Poetik, nicht Historizität und Faktizität zu seinem Prinzip.392 Chrétien kannte wie sein Publikum die antike Vorgeschichte und die jüngere britische Geschichte natürlich bestens. Auch wußte er um die Relevanz dieser historischen Komponenten bei seinem Publikum Bescheid. Dies läßt er unter anderem im Cligés-Prolog durchblicken. Dennoch verzichtet er auf deren detaillierte Wiedergabe. Er verzichtete sogar generell auf eine explizite Verortung seiner Artuswelt in der britischen bzw. der Weltgeschichte. Ob Chrétien die historische Verortung des Artusreichs allerdings tatsächlich so strikt meidet, vielleicht sogar bewußt ein Fiktionalitätsbzw. Gattungssignal setzen wollte,393 wie es Kornrumpf, Spiegel oder Burrichter andeuten, erscheint eher zweifelhaft, denn alle seine Epen sind »während der zwölfjährigen Friedensperiode vor Artus’ Kriegen gegen Norwegen und Frankreich«394 einzuordnen. Dies setzt die Vorstellung einer absoluten Chronologie und damit ein historisches Verständnis voraus, von dem Zink395 annimmt, daß es Chrétien bei seinem Publikum voraussetzen konnte. Histo-

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Zum viel diskutierten Begriff in ›Erec et Enide‹ vgl. zusammenfassend Burrichter (1996) S. 137–140 (Literatur ebd. S. 138 Anm. 1). Vgl. beispielsweise Kornrumpf (1984) S. 180, Spiegel (1995) S. 63f. (mit einer Interpretation des ›Erec‹-Prologs) u. Burrichter (1996) S. 133ff. Zu eventuell bewußt gesetzten Fiktionalitätssignalen in den epischen Texten vgl. zuletzt Ridder (2002). Kornrumpf (1984) S. 180; vgl. zur chronologischen Verortung der Chrétien-Epen in der Artusgeschichte detailliert Green (2002) S. 41–43. Vgl. Zink (1995) S. 55f. und Green (2002) S. 43f. mit einigen Belegen für die Selbstverständlichkeit, mit der die Rezipienten die historische Verortung des Geschehens vornahmen. Neben den historiographisch ausgerichteten Chrétien-Sammelhandschriften verweist Green vor allem auf den frz. Roman ›Claris et Laris‹, in dem die Artuschronologie an die historischen Ereignisse des 5./6. Jahrhunderts angebunden und die chevalerie (v. 92) explizit in der Zeit des grant pes (v. 92) verankert wird. Weitere, in diesem Sinn zu lesende Beispiele liefert Wolfzettel (1998). Die Geschichtlichkeit in den Artusepen sieht er allerdings auch nur als »instrumentalisierte Vorgeschichte« (ebd. S. 348), d.h. als »zyklisches Geschichtsbild« neben einer historischen Realität. Einzig der ›Perceval‹ scheint nach Wolfzettel aus diesem System auszuscheren. Wolfzettel spricht hier sogar von der »Rehistorisierung des Artusromans« (ebd. S. 349ff.), womit der Weg zur »konsequente(n) Rechronikalisierung« (ebd. S. 351) des Stoffs im Prosazyklus geebnet wäre.

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rische Hintergrundeinformationen erwiesen sich damit als »superfluous«, als überflüssig. Vermutlich können wir hier eine, wie Wolfzettel es umschreibt, »natürliche Affinität von historia und fabula« greifen.396 Lutz geht in diesem Zusammenhang sogar so weit, »die Welten, die Chrestiens und [der Pfaffe] Konrad gestalten und interpretieren,« gleichermaßen als »historisch« zu bezeichnen. Schaut man auf die Überlieferungscharakteristika dieser Texte, erscheint Lutz‹ These, daß »Konrads ›Rolandslied‹ letztlich der Konzeption Chrestiens näher [steht] als der ›Erec‹ Hartmanns, der mit seiner Entscheidung für die Fiktion (und nur die Fiktion) den historischen Boden unter den Füßen verliert«,397 gleichsam als Schlüssel zum Verständnis der grundsätzlich anderen literarhistorischen Perspektivierung der französisch-angevinischen und der deutschen Artusepik. Auch wenn Chrétien selbst einen relativ strikten Bruch mit der Geschichtsschreibung vollzogen haben sollte, scheiden seine Artus-Epen damit nicht automatisch aus dem historiographischen Diskurs aus. Zahlreiche Auftraggeber, Redaktoren, Schreiber und Rezipienten empfanden Chrétiens Entscheidung gegen eine historische Verortung vermutlich sogar als Manko.398 Sie nahmen die neuen – fiktionalen (?) – Versepen eben auch, über weite Strecken wahrscheinlich sogar vorrangig, als Geschichtsdichtung wahr.399 Diese »konventionellere Seite«400 des neuen fiktionalen Romans entsprach vermutlich eher dem noch beschränkten Horizont eines gerade erst in die Schriftkultur und deren abstrakten Möglichkeiten hineinwachsenden laikal-höfischen Publikums. Die großen Chrétien-Sammlungen des frühen 13. Jahrhunderts weisen mit ihren Synthesen von Antikenromanen (der antiken Vorgeschichte), Waces ›Brut‹ (der eigentlichen britischen Geschichte) und den Artusepen (Ergänzung dieser Geschichte) übrigens vielfach direkt in eine solche historiographische Richtung: Dezidiert historiographische Textsymbiosen begegnen beispielsweise in den frühen Pariser Chrétien-Sammlungen BN, fr. 794 und 1450. In beiden Handschriften sind die Chrétienschen Artusepen

396

Wolfzettel (2002) S. 95 mit Hinweis auf die neueren Arbeiten von Burrichter (1996) und Opitz (1998). 397 Vgl. Lutz (2000) S. 103. 398 Vielleicht schon Chrétien selbst, wenn er den ›Perceval‹ mit ungewöhnlich dichten biographisch-historischen Markierungspunkten ausstattet; vgl. Wolfzettel (1998), S. 349ff. Ausgeführt wird ein solches (evtl. schon von Chrétien stammendes) Programm aber erst von den ›Perceval‹-Fortsetzern (vgl. Roach, 1949–83), den Verfassern des Prosazyklus und von Wolfram von Eschenbach (s.u.). 399 Wie alle profanen Texte der Zeit unterlagen auch Chrétiens Artusepen einem fortwährenden Veränderungsdruck (vgl. Kap. II.3.1.1). Schaut man sich die streckenweise hoch variable Verteilung von Gliederungselementen (Initialen, Majuskeln, Bilder) in den einzelnen Handschriften an (vgl. Runte, 1989), wird schnell offensichtlich, daß die zeitgenössischen Schreiber und Manuskriptbesteller weder Chrétiens conjointure-Idee noch die Enthistorisierung des Stoffs als unveränderliche Tradierungsgrößen begriffen oder hinnehmen wollten. 400 Lutz (2000) S. 103.

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als ›Füllstücke‹ für eine zwölfjährige Berichtslücke in der von Wace berichteten britischen Geschichte gedacht. Die Lücke hatte sich in den Chroniken mangels berichtenswerter kriegerischer Ereignisse während der ersten großen arturischen Friedenszeit aufgetan. Geoffrey fand in seinen Quellen nichts historisch Bedeutsames zu dieser Zeit. Wace hatte hier erste Betrachtungen zum arturischen Hofleben eingefügt, 401 doch erst die Aventiuren der Chrétienschen Artusritter vermochten diese Berichtsdefizite auszufüllen. In der Sammelhandschrift Paris, BN, fr. 794 (2. Viertel 13. Jahrhundert) aus der Feder des berühmten Schreibers Guiot 402 muß sich ein Leser durch entsprechendes Kombinationsgeschick noch weitestgehend selbst das historische Kontinuum zusammensuchen. Guiot hatte in seinem Kodex zwei mehr oder weniger fest umrissene thematische Blöcke zusammengestellt: Einem Artusblock mit ›Erec et Enide‹, ›Lancelot‹, ›Cligés‹ und ›Yvain‹ (Bl. 1–105) folgt ein Antikeblock mit ›Athis et Prophilias‹ und Benoits ›Roman de Troie‹ (Bl. 106– 286), der fließend einmündet in einen historischen Gesamtüberblick von den trojanischen Anfängen bis zur Erringung des Grals mit Waces ›Roman de Brut‹, ›Les empereurs de Rome‹ und Chrétiens ›Perceval‹ samt Fortsetzung (Bl. 286–433). Alle Einzeltexte sind deutlich sichtbar überarbeitet, 403 aber in ihrer textuellen Integrität bewahrt. Sie beginnen in der Regel jeweils mit 8-zeiligen Initialen auf Goldgrund. Daß genau zwischen dem ersten Artusblock und der allgemein-historischen Gesamtübersicht eine Ausnahme von diesem System auszumachen ist, deutet auf einen bewußten Kompositionsakt des Schreibers Guiot: Der zweite Block beginnt auf Bl. 106 mit einer 9-zeiligen Initiale und trennt damit – wohl bewußt – zwei thematische Einheiten. 404 Weiter ging der etwa zeitgleich arbeitende Redaktor der Sammelhandschrift fr. 1450 (2. Viertel 13. Jahrhundert). Bei ihm sind die Chrétienschen Epen unmittelbar in den Lauf der Welt- bzw. Artusgeschichte eingebunden. Detailinformationen um die antike Vorgeschichte eröffnen in Form des ›Roman de Troie‹ und des ›Roman d’Eneas‹ die Sammlung (Bl. 1–112v). Noch

401

Vgl. z.B. Burrichter (1996) S. 125ff. sowie detailliert Johanek (1987) und Green (2002) S. 39– 44, der auf zwei Darstellungslücken von zwölf (erste Friedenszeit: Artus hat jeden Widerstand in Britannien überwunden) und neun (zweite Friedenszeit: Festigung der Herrschaft in Frankreich) Jahren hinweist. Bei Geoffrey (IX,11 u. IX,13–15) werden beide ›Lücken‹ mit knappen, bei Wace (9731ff., 10 105ff.) schon wesentlich ausführlicheren Berichten zur Hofhaltung, zu höfischen Moden, Festen, Kurzweil und Spiel und zu Rechtsvorgängen gefüllt. 402 Busby (2002) S. 41f. u. 93–108, der Guiot als Schreiber, Korrektor und Buchhändler versteht; vgl. zum Kodex insgesamt die paläographische und kodikologische Analyse in Album de manuscrits (2001) Nr. 4. 403 Vgl. die umfassende Bewertung der Tätigkeit Guiots bei Busby (2002) S. 93–108 (mit Auswertung der älteren Forschungsliteratur). 404 Vgl. Nixon (1993a) S. 28–31 mit einer detaillierten Beschreibung des Kodex (speziell zu den Initialen S. 30); weitere Abweichungen von dem vorherrschenden Initialsystem betreffen Binnengliederungen im ›Roman de Troie‹ (6-zeilige Initiale auf Bl. 271) und im ›Perceval‹ (6-zeilige Initiale auf Bl. 419).

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auf der selben Seite (Bl. 112v), allerdings wie alle Einzeltexte durch eine große Schmuckinitiale hervorgehoben, 405 folgt der antike Teil von Waces ›Roman de Brut‹. Um die arturischen Texte aus der Feder Chrétiens historisch korrekt in den Geschichtsablauf einzublenden, wird Waces ›Roman de Brut‹ an der entsprechenden Stelle ›aufgeklappt‹ (Bl. 139v/140r). Die Chrétienschen Artusepen werden während der Friedenszeiten in der Reihenfolge ›Erec et Enide‹, ›Perceval‹ samt Fortsetzungen, ›Cligés‹, ›Yvain‹ und ›Lancelot‹ gleichsam historisch korrekt eingesetzt (Bl. 140r –225r). Der Schluß mit dem Untergang der Artuswelt folgt dann wieder aus Waces ›Brut‹ (Bl. 225v–238r). So ist eine umfassende britische Historia von den antiken Anfängen bis zum Untergang der Artuswelt entstanden. 406 This large collection […] contains Chrétien’s romances as a group inserted within Wace’s Brut . The scribe has added several verses at the beginning and the end of the insertion to explain that the romances describe the deeds of the knights of King Arthur, about whom Wace is speaking. 407

Als Ergänzung folgt schließlich der im Orient angesiedelte ›Dolopathos‹ (Bl. 238r–264r).408 Ungeachtet aller poetischen Ambitionen Chrétiens forderte das Publikum offensichtlich auch bei epischen Werken den von Geoffrey, Gaimar und Wace bekannten, konkret historischen Bezugsrahmen ein, und zwar genau in der Form, die über die ›Historia‹ bzw. den ›Roman de Brut‹ geläufig war.409 Hier sind kaum Unterscheide zwischen der volkssprachigen und der gelehrt-lateinischen Artustradition auszumachen. Sogar das Spektrum der Addenda in den einzelnen Handschriften erweist sich beinahe deckungsgleich: Sind es bei den volkssprachigen Artusepen vornehmlich volkssprachige Antikenromane (›Roman de Eneas‹ + ›Roman de Troie‹) und Chroniken (›Roman de Brut‹), die hinzugezogen werden, so sind es bei der lateinischen ›Historia‹ die selben Stoffkreise, die mittels lateinischer Werke ergänzt werden. Meh-

405

Vgl. Nixon (1993a) S. 31–33. Zur redaktionellen Arbeit der beiden Schreiber bzw. Redaktoren vgl. Reid (1976); Walters (1985); Hunt (1993) und Green (2002) S. 44. 407 Nixon (1993a) S. 31. 408 Die völlig identische Einrichtung, sogar mit fl ießendem Übergang zwischen ›Brut‹ und ›Dolopathos‹ auf einer Seite (Bl. 238r; vgl. Busby/Nixon/Stones/Walters, 1993, Abb. 58), erweist die zunächst außergewöhnlich anmutende Textkombination als festen Bestandteil der Sammlung. 409 In diesem Zusammenhang könnte eine Beobachtung von Wolfzettel (2002) S. 98–114 zum Werk Gautiers d’Arras von Bedeutung sein. Wolfzettel sieht ›Eracle‹ und ›Ille et Galeron‹ als bewußte Gegenentwürfe zu Chrétiens ahistorischem Romanmodell. »Der Roman besinnt sich hier nämlich auf seine Möglichkeiten, Fiktionalität nicht mit dem Rückzug in eine andere utopische oder märchenhafte Welt gleichzusetzen, sondern an der geschichtlichen Wirklichkeit selbst zu erproben – und zwar insofern, als die Romanhandlung diese Wirklichkeit zugleich gestaltet und korrigiert« (ebd. S. 106). Der Blick auf die Überlieferung ergibt allerdings ein merkwürdiges Bild, denn genau das für Gautier reklamierte vollzieht sich (wenn auch wohl gegen die Intention Chrétiens) auch in der Chrétien-Überlieferung. 406

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rere Geoffrey-Handschriften stattete man z.B. mit separaten Troja-Berichten (oft mit Daretis Phrygii ›De Excidio Troiae Historia‹) und/oder Alexandertexten (meist mit der ›Historia Alexandri magni‹) aus. Hinzu kamen in einigen Kodizes zeitgenössische Berichte, lateinische Chroniken und gelegentlich der historisch-geographische Brief des Priesterkönigs Johannes.410 Obwohl von den Chroniken Geoffreys und Waces kaum direkte Wege zu Chrétiens Epen führen, scheinen deren ›Chronik-Bestseller‹ eine wesentliche Basis für das Verständnis seiner Artusepen und letztlich auch den Erfolg seiner Werke bzw. dieses Genres insgesamt gewesen zu sein: Geoffrey hatte dafür gesorgt, daß die Artuswelt – lange vor Chrétien – in aller Munde war. Er hatte die Helden salon- bzw. schriftfähig gemacht. Man verehrte nun den idealen König und seine Gefährten in höchsten weltlichen und geistlichen Kreisen. Mehr noch, man bemühte sich sogar intensiv um eine Erweiterung und Verifizierung dieser Kenntnisse. Grabungen im Kloster Glastonbury endeten um 1190 natürlich erfolgreich mit der Erhebung der Gebeine des König Artus.411 Trotz unmißverständlicher Fiktionalitätssignale in den Versepen412 behielt die Einbindung der Chrétienschen Artuswelt in die Weltgeschichte und in das Heilsgeschehen in der Überlieferung, und das heißt beim französisch-angevinischen Publikum, also reale Bedeutung. In Verbindung mit einer in breiten Schichten aktiv lebendigen Artusmemoria ebneten die Überlieferungserfolge von Geoffreys ›Historia regum Britanniae‹ sowie Waces ›Roman de Brut‹ dem mythischen König der Briten und seiner erst im Zuge der Literarisierung geschaffenen Tafelrunde auch auf der Schriftschiene den Weg in eine überaus produktive volkssprachig-schriftliche Epentradition. Die Chrétienschen Artusepen profitierten dabei von einem realhistorischen Artuskult und schwammen direkt auf der Popularitätswelle mit bzw. trugen ihrerseits zur Popularität der realen wie der neu geschaffenen, 413 fiktionalen414 Artushelden bei. Aber der Erfolg blieb nicht unumstritten. Vor allem aus dem Umfeld der frz. Gegenspieler (Kapetinger) wurde z.T. heftig gegen Artus polemisiert. Einen willkommenen Angriffspunkt bot dabei die gewählte Reimform. Wohl nicht zuletzt durch Chrétiens neuen, letztlich ahistorischen Stil sensibilisiert, hatte sich bereits an der Wende vom 12. zum 13. Jahrhundert 410

411 412 413 414

Zahlreiche entsprechend ergänzte ›Historia‹-Handschriften sind beschrieben bei Crick (1989). Zu den um den Johannes-Brief ergänzten ›Historia‹-Handschriften vgl. zusätzlich Wagner (2000) S. 59f. (L9), 104f. (Sg, So) u. 108f. (To). Vgl. grundlegend Carley (2001). Vgl. zuletzt Ridder (2002) u. (2002b) sowie Green (2002a). In Layamons ›Brut‹ erreicht die Zahl der Tafelrunder mit 1600 Rittern einen absoluten Höchststand. Hochgebildete Rezipienten wie Gottfried von Viterbo oder Jacob van Maerlant wußten sehr genau zwischen realen und fi ktionalen Artusrittern zu unterscheiden. Maerlant formuliert sein Unbehagen gegen die ›künstliche Ritterschwemme‹ in der Historie van den Grale (20–23) mehr als deutlich (Abdruck der Passage S. 280).

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im volkssprachig-französischen Literaturdiskurs ein wachsendes Unbehagen gegenüber Versepen allgemein und seinen Versepen im besonderen artikuliert. Nachdrücklich formulierten diese Skepsis Jean Bodel in der ›Chanson des Saisnes‹ (um 1200) und Nicolaus von Senlis (um 1202) im Vorwort zu seiner französischen Ps.-Turpin-Übersetzung.415 Seine Ausführungen gipfeln in der Aussage: Maintes genz si en ont oi conter et chanter mes n’est si menconge non co qu’ il en dient e chantent cil chanteor ne cil iogleor und dem vernichtenden Urteil: Nus contes rimes n’est verais. Tot est mencongie co qu’ il en dient car il n’en sievent rienz fors quant par oir dire 416 – alles was in Reimen geschrieben ist, kann gar nicht wahr sein. 417 Mit dieser Aussage zielte Nicolas – vermutlich direkt – auf Chrétien, der keinen Hehl aus seinem gebrochenen Verhältnis zu historia und veritas machte. Artus schien so nachhaltig diskreditiert, daß sich aufmerksame Rezipienten herausgefordert sahen, das gestörte historische Kontinuum wieder herzustellen, und zwar am besten in einer unverfänglichen Prosaversion. Nach heftigen Diskussionen um den Vorrang der Prosa in der Geschichtsüberlieferung versprach allein sie Wahrheit und Legitimität.418 Der allmählich entstehende Prosazyklus scheint Ausfluß solcher Überlegungen zu sein, ehe dann selbst so etablierte Reimchroniken wie Waces ›Roman de Brut‹ prosaisiert bzw. durch eigenständige Prosafassungen ersetzt wurden. 419 In seiner historiographischen Ausrichtung und Wirkung ist der Prosazyklus den Karls-, Guillaume- und Kreuzzugszyklen vergleichbar. Der literarische Status nähert sich diesen Stoffkreisen an bzw. scheint sie in bestimmten Interessenkonstellationen sogar zu übertreffen, wie die immer öfter voluminösen, großformatigen, prachtvoll ausgestatteten und z.T. sogar illuminierten Artus-Sammelhandschriften anzeigen. Die im Westen literaturprägende Diskussion um Vers und Prosa blieb im deutschen und niederländischen Sprachraum ohne Bedeutung. Einzelne Prosawerke wie der ›Prosa-Lancelot‹, die ›Sächsische Weltchronik‹ und norddeut-

415

416

417 418 419

Chanson de Saisnes (1989) S. 5 (Ausführungen Jean Bodels im Prolog; vgl. Trachsler, 1997, S. 201 mit einer Auswahl der wichtigsten Literatur zu den Prologversen). Die Vorbehalte gegen Artus und die Artusepen haben bei Bodel und Nicolaus von Senlis (Ps.-Turpin) aber auch einen historisch-dynastischen (anti-angevinischen) Hintergrund. Paris, BN, fr. 124 , Bl. 1r; zitiert nach Spiegel (1995) S. 55 (dort auch eine engl. Übersetzung der Passage); Bertrand de Bar-sur-Aube erklärt dies in ›La Mort Aymeri de Nabonne‹ (3055– 3057) geradezu wissenschaftlich exakt durch den Reimzwang, weil schließlich niemand an allen Stellen, wo der Vers endet, ohne zu ›lügen‹, das richtige Reimwort finden könne; vgl. Damian-Grint (1999) S. 174 mit Abdruck und engl. Übersetzung der Passage. Vgl. Spiegel (1995), die anhand zahlreicher Beispiele detailliert Genese und literarischen Kontext der französischen Prosageschichtsschreibung aufarbeitet. Vgl. zur Prosa im französischen Sprachraum grundlegend Spiegel (1995), bes. S. 55–98 und Damian-Grint (1999) S. 172–207. Im 14./15. Jahrhundert ersetzen verschiedene überarbeitete Prosa-›Brut‹-Versionen die Versversion. Für den anglonormannischen Raum kann Dean (1999) S. 24–26, 30, 32f., 34 rund 50 Prosatextzeugen nachweisen, die oft direkt auf Geoffrey zurückgehen.

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sche Lokalchroniken tauchen in der volkssprachig-deutschen Literaturlandschaft wie zufällig auf und begründen zunächst allein in den nord- und westmitteldeutschen (Hanse-)Städten und im Umfeld des Welfenhofs eine neue Tradition. Hinsichtlich des ›Prosa-Lancelots‹ stellt sich allerdings die Frage, ob und inwieweit hier Reminiszenzen an die Diskussion im benachbarten Frankreich und England eine Rolle bei der deutschen Artusrezeption gespielt haben könnte, oder hatte man das Werk im Sinn der genannten norddeutschen Prosageschichtswerke als Geschichtsdichtung oder als pragmatisch-didaktischen Text zur Unterweisung am Hof, als Ritterlehre, verstanden? Einige Jahrzehnte zuvor war schon einmal ein Wissenstext im Norden, in einer von französisch-angevinischen Einflüssen geprägten Literaturlandschaft, in volkssprachiger Prosa angefertigt worden. Damals hatten Kapläne auf Geheiß Heinrichs des Löwen,420 Ehemann Mathildes von England, den ›Lucidarius‹ ausdrücklich in Prosa (!) abgefaßt: Sine capellane er hiez die rede suchen an den schriften, und bat sie daz sie dihten an rimen wolden, wande sie ensolden nihts schriben wan die warheit ... (Lucidarius A-Prolog 12–17) (Seinen Kaplänen gab er den Auftrag, die Kunde in den Schriften/Quellen zu suchen, und er bat sie, daß sie sie ohne Reime aufzeichnen sollten, denn sie sollten nichts als die reine Wahrheit aufschreiben ...)

Sollte man den ›Prosa-Lancelot‹ in einem solchen Wissens- oder Lehrzusammenhang verorten können, würde sich die ›Lancelot‹-Prosa bruchlos in nordund westmitteldeutsche Traditionen einfügen. Abwegig scheint ein solcher Versuch zwar nicht, aber es fehlen die Beweise. 421 Im Umkreis der süd- und mitteldeutschen Höfe galt bis weit in das 14. Jahrhundert hinein selbst für volkssprachige Chroniken allein die Versform als angemessen. Dies belegen die gewaltigen Überlieferungserfolge von ›Kaiserchronik‹, 422 Strickers ›Karl‹, 423 Rudolfs von Ems ›Weltchronik‹, 424 ›ChristherreChronik‹425 und Heinrichs von München ›Weltchronik‹.426 Die in Frankreich 420 421

422 423 424 425 426

Zur problematischen Bewertung des Prologs vgl. S. 37 Anm. 145. Zur Zisterzienserthese vgl. Heinzle (1984a) u. kritisch Steinhoff (1995) S. 768. Die diesbezüglichen kodikologischen Besonderheiten der ›Prosa-Lancelot‹-Überlieferung werden S. 102f. thematisiert. Eine aktuelle Überlieferungszusammenstellung wird zur Zeit von K. Klein (Marburg) vorbereitet; vgl. den Handschriftencensus im Internet. Überlieferungszusammenstellung bei Singer (1971). Überlieferungszusammenstellung mit insgesamt 65 Textzeugen bei Klein, D. (1998) S. 74– 88; vgl. den Handschriftencensus im Internet. Überlieferungszusammenstellung mit insgesamt 35 Textzeugen bei Klein, D. (1998) S. 88– 96; vgl. den Handschriftencensus im Internet. Überlieferungszusammenstellung mit insgesamt 29 Textzeugen bei Klein, D. (1998) S. 35– 42 u. Spielberger (1998) S. 117–180 (vollständige Handschriften); vgl. den Handschriftencensus im Internet.

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mit aller Schärfe geführte Diskussion um Vers und Prosa, um Lüge und Wahrheit blieb ohne Wirkung. II.3.1.1. Die französische Artusepik als Buchliteratur Der Ruhm Chrétiens, seiner Werke und seiner Helden verbreitete sich ungeachtet der geschilderten Anfeindungen wie ein Lauffeuer durch ganz Europa, läßt sich aber kaum in entsprechenden Textzeugen fassen. Die sich uns erschließende Überlieferungsdecke ist bis ins beginnende 13. Jahrhundert extrem dünn. Von einer ersten Tradierungsphase noch im ausgehenden 12. Jahrhundert, als man Chrétien in Deutschland längst kannte, haben sich nur spärliche Überlieferungsreste (ein Fragment 427) erhalten. Der Befund wirft Fragen nach den Mechanismen der frühen Epentradierung auf. Auch über die schriftliterarische Verbreitungstiefe wird man sich Gedanken machen müssen. Wurden die Texte vielleicht gar nicht in Buchform, sondern primär mündlich tradiert? Muß man sich erste Epenkodizes als einfache, billige ›Vortragsmanuskripte‹ (Jongleur-These428) vorstellen, die nach intensivem Gebrauch schnell verschlissen, d.h. verbraucht waren? Zahlreiche Rezeptionszeugnisse, darunter als prominenteste Texte der ›Iwein‹ und der ›Erec‹ Hartmanns von Aue, sprechen mit ihren dezidierten Verweisen auf Buchvorlagen gegen eine primär mündliche Tradierung. Hartmann nennt im ›Erec‹ bei der Beschreibung des satel und des boumgarte gleich mehrfach konkret das Buch, von dem ich die rede hân: wan als mir dâ von bejach, Von dem ich die rede hân, sô wil ich iuch wizzen lân ein teil wie er geprüevet was, als ich an sînem buoche las. (Erec 7487–7491) (… vielmehr so, wie mir der davon berichtet hat, von dem ich die Nachricht habe. So will ich euch mitteilen, wie er gefertigt war. Wie ich es in seinem Buch gelesen habe.)

ob uns daz buoch niht liuget, sô was alsô erziuget der selbe boumgarte, daz uns mac wundern harte, witzige unde tumbe. (Erec 8698–8703) (Wenn uns das Buch nicht belügt, so war dieser Garten/Park so beschaffen, dass es uns sehr erstaunen mag, und zwar Kluge wie Dumme.)

An anderer Stelle erfahren wir sogar den Autor dieser Buchvorlage: Es ist Crestiens (Erec 4631). Hinweise auf eine schriftliche Vorlage finden sich auch im ›Iwein‹ mehrfach. Für Wolfram von Eschenbach, Ulrich von Zatzikhoven und Wirnt von Grafenberg sind es ebenfalls ganz selbstverständlich Buchvorlagen (Einzelnachweise s.u.), die den Zugang zur französischen Literatur öffnen.

427 428

Allenfalls das Fragment aus Tours (BM, Mscr. 942) mit Chrétiens ›Cligés‹ könnte noch im ausgehenden 12. Jahrhundert entstanden sein (vgl. Nixon, 1993a, N° 1). Vgl. S. 76f.

252

Nach Wolframs und Wirnts Bekunden ist ihnen die Buchvorlage allerdings nur mittelbar über die mündlichen Erzählungen eines Kyôt (Pz. 416,21–30) bzw. eines knappen (Wigalois 11 686–11 692) zugänglich gewesen. Die generelle Existenz einer Buchvorlage wird von beiden, wie auch immer man diese Aussagen bewertet, 429 jedoch nie in Frage gestellt. Wenn die deutschen Dichter so selbstverständlich von Büchern sprechen, müßte es volkssprachige Epen-Handschriften also schon um bzw. kurz nach 1200 zumindest in so großer Zahl gegeben haben, daß ihre Existenz zur höfischen Normalität gehörte, und zwar nicht nur in Frankreich/England, sondern auch in Deutschland. Wie sonst hätte ein höfisches Publikum etwas mit den Anspielungen auf Buchquellen bzw. Buchvorlagen und den manchmal umfänglichen Erzählungen zur Geschichte einzelner Bücher (z.B. im ›Parzival‹) anfangen können. Aber wie sahen diese ersten Artus-Handschriften aus? Die lückenhafte Kenntnis, die wir von entsprechenden Handschriften haben, erlaubt allenfalls Spekulationen: Am Anfang der französischen Artus-Überlieferung stehen unscheinbare Bändchen mit nur einem oder allenfalls wenigen Einzeltexten. T. Nixon430 vermerkt dazu treffend: »The manuscripts and fragments of manuscripts of Chrétiens romances to survive from this period are exemplary of this type of small and functional manuscript containing a single work«. Solche ›Einzeltextbändchen‹ von kaum 10 000 Versen darf man sich ausweislich erhaltener Exemplare, wie dem gerade einmal 16,5 x 10,8 cm großen ›Cligés‹-Fragment aus Tours und der nur wenig größeren ›Perceval‹Handschrift aus Clermont-Ferrand, als kleinformatige, dünne Gebrauchshandschriften vorstellen.431 Trotzdem zeigen die Textzeugen Merkmale, die eine gewisse Wertschätzung dokumentieren: Die Handschriften sind mit mehrzeiligen, bunten Initialen, der ›Perceval‹ sogar mit einer aufwendigen Eingangsinitiale auf Goldgrund, ausgestattet. Was Umfang, Gestaltung und Einrichtung anbetrifft, erinnern diese ersten Artus-Handschriften an die in der Frühphase ebenfalls auffallend schlecht bezeugten Chansons de geste. Die ältesten Überlieferungszeugen aus beiden Gattungssegmenten spiegeln wohl noch einen insgesamt von pragmatischen und weniger repräsentativen Aspekten geprägten Status volkssprachiger Literatur im 12. Jahrhundert: Verwendet wird ein Buchtyp, der in der pragmatisch-lateinischen Literatur des 12. Jahrhunderts einem weit verbreiteten Standard entsprach. Im Artus-Zusammenhang interessant sind dabei vor allem die zahlreichen Geoffrey-Handschriften des ausgehenden 12. Jahrhunderts, denn sie entsprechen oft genau diesem Typus.432 429 430 431 432

Wirnts Formulierungen am Schluß des ›Wigalois‹ lassen vermuten, daß sein knappe auf Wolframs Tradierungspfaden wandelte. Nixon (1993) S. 19. Nixon (1993a) N° 1 und 2; Abbildungen ebd. Vol. 2, Fig. 1–8. Bern, BB, Ms. 568; London, BL, Arundel 10; London, BL, Harley 536; London, BL, Royal 4. C. XI.; London BL, Royal 13. D. II.; London, BL, Cotton, Nero D. VIII. Demgegenüber stehen allerdings auch zahlreiche Geoffrey-Handschriften des späten 12. Jahrhun-

253

Auch die jetzt populär werdenden Psalterien und Gebetbücher kommen als Vorbilder in Frage (Kap. II.1.4). In die oberste Statuskategorie heiliger Texte vermochte die volkssprachige Artusliteratur – selbst in weltlich-höfischen Kreisen – zunächst kaum vorzudringen. Änderungen kündigten sich nach der Jahrhundertwende an. Im französisch-angevinischen Raum wurde der dahin für alle Arten volkssprachiger Texte gebräuchliche Gebrauchstyp von zunehmend prachtvolleren und umfangreicheren Sammelhandschriften abgelöst. Statusrelevante Erfolgsgaranten waren die gelungene poetische Umsetzung des historisch-heldenepischen Artusstoffs, die noch im 12. Jahrhundert zur Berühmtheit gewordene Autorfigur Chrétien de Troyes und das meisterhaft inszenierte höfische Ambiente. Diagramm 15: Geoffrey und Chrétien im Kontext (Datenbasis: CRICK 1989, DEAN 1999, INVENTAIRE 1997, MICHA 1960-63, NIXON 1993a)

90 80 70 60 50

darunter 50 Prosahss.

40 30 20 10 0

12. Jh.

Geoffrey

13. Jh.

Wace/Prosa-Brut

14. – 16. Jh.

Chrétien

Ein fast gleichzeitig einsetzender Überlieferungsboom bei Waces ›Roman de Brut‹ und vor allem beim Prosa-Artuszyklus (Diagramm 15) mit seinen z.T. noch aufwendigeren, voluminöseren Prachtkodizes mahnt jedoch zur Vorsicht bei der Hierarchisierung der Erfolgselemente. In noch größerem Maße derts in moderner zweispaltiger Einrichtung mit z.T. aufwendigen Gestaltungsmerkmalen: London, BL, Cotton, Titus C. XVI1; London, BL, Harley 225; London BL, Harley 377; London, BL, Arundel 403; London, BL, Add. 15 732 .

254

als die ritterlichen Helden, das höfische Ambiente und die Autorfigur Chrétien scheint es der Artusstoff selbst gewesen zu sein, der die (anglonormannischen) Eliten begeisterte, denn nur so ließe sich die rasante buchgeschichtliche Entwicklung der Artus-Manuskripte hin zu Kult- oder Repräsentationsobjekten erklären: Im Kontext der englischen Königsdynastie nahmen die Tafelrunder gleichsam in natura, d.h. als Ahnherren verschiedener Geschlechter, als ideale Vorbilder, als Namenspatrone, als Reliquien, als Fundamente einer neuen kulturellen Identität am Alltagsleben teil. Artusritter und Artushof waren in ihrer (konstruierten) Historizität integraler Bestandteil der aktuellen Hofkultur geworden. Werke über diese Helden – selbst profan-volkssprachige – waren damit per se einer reinen Unterhaltungs- und Belehrungsfunktion enthoben. Der Wirkungsbereich einer solchen Artustradierung konzentrierte sich allerdings vorzugsweise auf die Regionen, wo Artus als dynastisch-historische Größe eine Rolle spielte. Dafür, daß man aber auch über diesen anglonormannisch-angevinischen Bereich hinaus die Artuswelt als historische Größe wahrnahm, spricht der überwältigende Überlieferungserfolg von Geoffreys lateinischer ›Historia regum Britanniae‹ bis ins Druckzeitalter hinein (Diagramm 15). In den folgenden Jahrzehnten hat die Artusliteratur in ihren je verschiedenen, jedoch immer auf die höfisch-ritterliche Welt zugeschnittenen Ausprägungen entscheidend auf die im Werden befindliche volkssprachig-französische Literatur gewirkt. Heldenepischer Stoff, historischer Hintergrund bis hin zur handfesten Geschichtsschreibung, spannende Handlung, höfisches Ambiente vermischt mit ritterlichen Tugenden und einem Ritterideal auf christlich-heilsgeschichtlicher Folie boten alten und neuen, höfischen und geistlichen Eliten ebenso wie führenden Dynastien und der Hofgesellschaft insgesamt Identifikationsmuster in großer Dichte. Innerhalb des Geltungsbereichs einer historischen Artusvorstellung erwies sich dieses zunächst hochwirksame Geflecht vielfältiger Wirkmechanismen jedoch als anfällig. War die Integrität von Werk, Autor und berichteter Geschichte erst einmal in Zweifel gezogen, drohte umgehend die Elimination aus dem Literaturkanon. Diesem Schicksal konnten im französischen Sprachraum selbst die lange Zeit besonders geschätzten Artusepen des berühmten Meisters Chrétien de Troyes nicht entgehen. In der ersten Hälfte des 13. Jahrhunderts formal und inhaltlich heftig angefeindet, als Lüge abgetan, verschwanden sie während der zweiten Jahrhunderthälfte von der literarischen Bühne: Chrétiens ›Lancelot‹ ereilte dieses Schicksal noch im ausgehenden 13. Jahrhundert. Gegen den ›Prosa-Lancelot‹ konnte sich das Versepos nicht behaupten. Zu Beginn des 14. Jahrhunderts endete auch die Erfolgsstory der übrigen Artusepen Chrétiens (Diagramm 16). Ein zunehmend an ›seriöser‹ bzw. ›realer‹ Artusgeschichte interessiertes Publikum überzeugten die diskreditierten Chrétienschen Verstexte mit ihrer weitgehend fiktionalen Artuswelt anscheinend immer weniger. Selbst die großen historiographisch ausgerichteten Sammelhandschrif255

Diagramm 16: Das Ende der Chrétienschen Erfolgsstory (Datenbasis: NIXON 1993a)

Textzeugen

20 18 16 14 12 10 8 6 4 2 0

Erec et Enide

Cligés 13. Jh.

Lancelot 14. Jh.

Yvain

Perceval

15./16. Jh.

ten konnten diesen Trend nicht umkehren. Um die Mitte des 13. Jahrhunderts verdrängte der inhaltlich Chrétien zwar direkt verpflichtete, jedoch formal (Prosa) und ideell (Geschichte/Heilsgeschichte) grundsätzlich anders konzipierte Prosazyklus die ehedem berühmten Versepen. Der Prosa-Zyklus führte die fiktional-literarischen Implikationen in die Welt der Historiographie zurück. Er schloß das von Chrétien in Frage gestellte historische Kontinuum von der Antike bis zu Artus’ Tod wieder und ging sogar noch einen Schritt weiter. Die historisch-weltgeschichtliche Komponente wurde durch verstärkt hervortretende heilsgeschichtliche Aspekte erweitert bzw. neu akzentuiert. Vor allem in Form der weit verbreiteten Synthese mit Roberts de Boron ›Estoire del Saint Graal‹ erscheint der Prosazyklus dann geradezu als Paradebeispiel für ein historisch-heilsgeschichtliches Artus-Literaturmodell, das sich im Laufe des 13. Jahrhunderts beim französisch-angevinischen Publikum flächendeckend durchsetzt.433 Auch die Chrétien-Überlieferung wurde schon früh von einer christlichheilsgeschichtlichen Sinnsuche erfaßt. Der ›Perceval‹ erhielt entsprechende Fortsetzungen. Einige Überlieferungssymbiosen rückten Gral und Heilsgeschichte in den Mittelpunkt. Heilsgeschichtlich vereinnahmt wurden die Versepen z.B. in einigen großen Sammelhandschriften: Der Londoner Chrétien-Kodex aus dem ersten Jahrhundertviertel bietet den ›Perceval‹ in Überlieferungssynthese mit ›La vie de sainte Marie l’Egyptienne‹. 434 In einer wenig jüngeren Pari-

433 434

Vgl. Wolfzettel (1998) S. 351ff., der von einer konsequenten »Rechronikalisierung« spricht. Nixon (1993a) N° 4.

256

ser Handschrift sind Bußbuch-Fragmente gemeinsam mit ›Yvain‹, ›Lancelot‹ und ›Cligés‹ überliefert.435 Vielleicht am auffälligsten ist die gegen Ende des 13. Jahrhunderts vollendete Princetoner-Chrétiensammlung mit der Synthese von Gautiers de Belleperche ›Chevalerie de Judas Macchabé‹ sowie ›Lancelot‹, ›Yvain‹, und ›Garin de Monglane‹.436 Der Princetoner Kodex erweckt nicht nur wegen der eigentümlichen Textauswahl, sondern vor allem wegen seiner insgesamt 13 ganzspaltigen Illustrationen den Eindruck eines Psalters oder Stundenbuchs – für den Ritter. Daß dieser Eindruck bewußt angestrebt war, lassen kunsthistorische Zusammenhänge mit den Illustrationen im ›Psalter of Guy du Boisrouvray‹ bzw. einigen Psaltern und Stundenbüchern aus Amiens/Arras vermuten. Der Auftraggeber hatte seinen Chrétien-Kodex in einer Psalter-Werkstatt im Stil eines Psalters ausstatten lassen. 437 II.3.2. Die deutschen Adaptationen – literarhistorische Hintergründe Chrétien de Troyes hatte den breiten Kreisen präsenten Artus-Stoff zwischen 1170 und 1190 aus der Sphäre der weiter wirkmächtigen mündlichen Erzähltraditionen und der lateinischen Historiographie herausgelöst und zu dem literarischen Erfolgsstoff des späten 12. und 13. Jahrhunderts gemacht, der dann auch die Genese der deutschen Literatur entscheidend mitgeprägt hat. In der Außenperspektive schlaglichtartig faßbar werden die wesentlichen Momente in der Meisterschaft des Autors Chrétien de Troyes, in der höfischen Idealität seiner Artuswelt und in der Historizität der Artusfigur. Mit der Artuswelt hatte sich die französisch-anglonormannische Adelskultur eigene Ideale geschaffen und sich einer eigenen Lebensphilosophie versichert, die schnell auch in den angrenzenden Kulturräumen überragende Bedeutung erlangten. In einigen Regionen (s.o. S. 243f. zu Wales, Island, Norwegen) bevorzugte man allerdings die streng(er) historiographischen Texte Geoffreys und Waces. In Deutschland waren es allein die Artusepen Chrétiens, die populär wurden. Hartmann von Aue ist zwischen 1180 und 1200 mit ›Erec‹ und ›Iwein‹ erfolgreich, Wolfram von Eschenbach wenig später mit dem ›Parzival‹. Mit

435 436

437

Nixon (1993a) N° 12. Nixon (1993a) N° 27. Hier scheint die Verbindung von Rittertum und Heiligem sammlungsbestimmend, denn die Artushelden und die Monglaner können in anderen Sammlungen dieses Typs auch durch Alexander ersetzt werden, so z.B. im Pariser Kodex BN, fr. 789 mit der Synthese von ›Roman d’Alexandre‹ und ›Chevalerie de Judas Macchabé‹ (vgl. Busby 2002, S. 295–302). Vgl. Nixon (1993a) S. 57 sowie die Abb. ebd. Pl. IVa, VIa, und zum kunsthistorischen Kontext Stones (1993) S. 251–253 u. Abb. 65–76. Interessant mag in diesem Zusammenhang sein, daß man in der Romanistik die These aufgestellt hat, daß beispielsweise Chrétiens ›Erec‹ »nichts anderes als eine narrativ umgesetzte und ausgefaltete Diskussion der Idee des höfischen Festes« sei. Die französischen Artusbücher wären damit (wie die Psalterien) selbst Teil der höfischen Inszenierung, was ihre Pracht nicht nur erklären, sondern sogar unabdinglich machen würde; vgl. Green (2002a).

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den französischen Texten wurde die poetisch-literarische Meisterschaft Chrétiens importiert. Auch Artus, seine Tafelrunde, die ritterlichen Ideale und die neue höfische Sprache übernahm man bereitwillig. Mehr denn je dienten die literarischen Texte einer sich verselbständigenden Hofkultur als Identifikationsmuster. Dies ging letztlich so weit, daß man höfische Moden, Regeln, Gebräuche, Inhalte und zu einem erheblichen Teil die entsprechenden französischen Fachtermini gleich mit übernahm. Auch die Artushelden waren bald in aller Munde. Noch bevor wir überhaupt nennenswerte Stückzahlen französischer und deutscher Artushandschriften fassen können, setzt Thomasin von Zerklaere schon das gesamte Artuspersonal bei seinem Publikum als bekannt voraus. Seine Liste der vorbildlichen Artushelden im ›Welschen Gast‹ umfaßt neben Artus, Iwain und Parcival auch Gawan, Clies, Erech, Tristande, Saigrimors, Kalogriande und Kay (Welscher Gast 1041–1078). Allerdings garantierten Publikumserfolge im französisch-anglonormannischen Raum nicht automatisch gleiche Erfolge im deutschen Sprachraum. Die mäßigen Überlieferungszahlen bei ›Cligés‹ und das Fehlen einer ›Lancelot‹-Übersetzung sprechen eine deutliche Sprache (Diagramm 17). 438 Nimmt man die Liste der Artusprotagonisten im ›Welschen Gast‹ und im ›Renner‹ Hugos von Trimberg Parcifâl und Tristrant, Wigolais und Enêas, Erec, Iwân und swer ouch was Ze der tafelrunne in Kardiôl (Renner 21 640–21 643)

zum Maßstab, schaffte keiner der Helden dieser nicht nur kaum überlieferten, sondern tatsächlich weitgehend unbeachtet gebliebenen Chrétien-Texte den Sprung in das sonst reich mit Artushelden gefüllte kulturelle Gedächtnis der deutschen Hofkultur des 13. Jahrhunderts. Allerdings muß nun deutlich zwischen der realpolitischen Relevanz des Artusstoffs in der französisch-anglonormannischen Welt und dem Fehlen gleicher Anbindungsmuster in Deutschland unterschieden werden. Außerhalb eines direkt an der historischen Artuswelt interessierten, vornehmlich französisch-anglonormannischen, walisischen und nordischen 439 Rezipientenkreises spielten die ebenda für Erfolg und Status so wichtigen historiographischpolitisch-dynastischen Aspekte keine Rolle mehr. 440 Der deutschen Artusepik kommt damit auch ein anderer Platz im volkssprachig-deutschen Literaturdiskurs zu als im französisch-angevinischen, wo eine Nähe der Artusepik zur dortigen Chanson-Tradition und zur Chronistik nicht zu übersehen ist. Trotz einiger weniger Querverweise in deutschen Artusepen auf die Helden-

438

Zum ›Erec‹-Problem vgl. die Ausführungen in der Einleitung (Kap. 1.3.3). Zur besonderen Typik der kymrischen und der nordischen Artusliteratur vgl. zusammenfassend den Tagungsband Arthur of the Welsh (1991) und Würth (1998). 440 Vgl. Johanek (2002) S. 23. 439

258

Diagramm 17: Überlieferungsdichte der klassischen französischen Artusliteratur und ihrer deutschen Pendants (Datenbasis: NIXON 1993a und MR13) Prosa-Lancelot frz./dt. Perceval/Parzival Yvain/Iwein Lancelot frz./dt. Cligés frz./dt. Erec frz./dt. 0

10

20

30

40

50

60

70

80

90

100 Textzeugen

deutsche Epen

französische Epen

epen und umgekehrt, 441 haben wir es hier mit deutlich getrennten Textsorten und letztlich auch deutlich getrennten literarischen bzw. (pseudo-)historischen Welten zu tun, die erst in Chroniken des späten 13. und 14. Jahrhunderts (Martins von Troppau ›Chronicon‹, Heinrichs von München ›Weltchronik‹, ›Flores temporum‹) ineinander fließen. Eine Ahnung von der Historizität der Artuswelt war allerdings auch in volkssprachig-deutschen Kreisen präsent. Man wird sogar Kenntnis von entsprechend historiographisch-heilsgeschichtlich konzipierten Chrétien-Sammlungen, von Waces ›Roman de Brut‹ und vom französischen Prosazyklus gehabt haben. Nach Nellmann442 können wir z.B. einen entsprechenden Chrétien-Sammelkodex als Vorlage Wolframs von Eschenbach vermuten und auch der ›Crone‹-Autor scheint über eine solche Sammlung verfügt zu haben. Die Kenntnis von Waces ›Roman de Brut‹ läßt sich ebenfalls über den ›Parzival‹ rekonstruieren. Hinzuweisen wäre ferner auf ein aus dem 12. Jahrhundert stammendes ›Brut‹-Exemplar des Klosters Tegernsee 443 und auf den um 1260 in der Passauer Dombibliothek befindlichen libellus in Gallica lingua de Artusio.444 Auch werden Teile (?) des Prosa-Artuszyklus im 13. Jahrhundert ins Deutsche übersetzt, allerdings ohne eine literarische Wirkung zu entfalten. 441

Vgl. mit einigen Beispielen Flood (2000). Vgl. Nellmann (1996). 443 München, BSB, Codex Gallicus 7 = Inventaire N° 5002. 444 Bücherverzeichnis Bischof Ottos von Lonsdorf, um 1260 (MBK-Deutschland/Schweiz IV,1 31,198): Libellus = kleines Büchlein; in Gallica lingua = in altfranzösischer Sprache; de Artusio = ein Text über Artus, vermutlich Chrétiens ›Yvain‹; vgl. detailliert zur Person Ottos von Lonsdorf Breinbauer (1992) sowie zu dessen Mäzenatentum Bumke (1979) S. 198ff. 442

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Detaillierte Kenntnisse von der historischen Dimension eines König Artus samt seinem Reich dürfte man vor allem im klerikal-gelehrten Milieu gehabt haben, denn lateinische Geschichtsschreiber rezipierten Geoffreys ›Historia‹ völlig selbstverständlich als historische Quelle. Gottfried von Viterbo nimmt im 18. Kapitel seines ›Pantheon‹445 (1185/87) unter der Überschrift De Anglis et Saxonibus allerdings kritisch Stellung zu Geoffreys Arbeitsmethode. An der historischen Existenz des Königs Artus läßt er jedoch keinen Zweifel. Der in Diensten Kaiser Ottos IV. stehende Gervasius von Tilbury berichtet wenig später in der ›Otia imperalia‹ ebenfalls ausführlich aus Geoffreys ›Historia regum Britanniae‹ von Artus. 446 Auf Geoffrey gehen wohl auch die Kenntnisse um Merlin und Artus bei Caesarius von Heisterbach zurück. In seinem in die 1220er Jahre zu datierenden ›Dialogus Miraculorum‹ kennt er rex arcturus (Dialogus Miraculorum 12,XII) und Merlinus als propheta Britannorum (Dialogus Miraculorum 3,XII).447 Wenige Jahrzehnte später beutet Martin von Troppau (1277) die ›Historia regum Britanniae‹ für seine knappen Berichte zu den Geschehnissen im freilich marginalen 448 Britannien aus: In Martins ›Chronicon‹, dem historiographischen Standardwerk des Spätmittelalters schlechthin, 449 ist die Artusgeschichte mit dem ausdrücklichen Hinweis auf Geoffreys historia Britonum (MT 419,17) im Papstteil unter Hylarius in den 460er/470er Jahren450 eingeordnet. Eine größere Rolle spielt Artus in den auf Martin basierenden ›Flores temporum‹. Für die Reichsgeschichte, die großen Dynastien und die Städte (Gründungslegenden) blieben Artus und seine Tafelrunder jedoch in allen genannten Geschichtswerken bedeutungslos. Es handelte sich um Ereignisse vom fernen Rand der Welt. Das änderte sich letztlich auch dann nicht, als Heinrich von München dem britannischen Helden Ende des 14. Jahrhundert in der volkssprachig-deutschen Chronistik einen festen Platz verschaffte.451 ›Pantheon‹, ›Otia imperalia‹, ›Dialogus Miraculorum‹ sowie später vor allem Martins ›Chronicon‹ und die ›Flores temporum‹ waren im deutschen Sprachraum jedoch derart verbreitete Standardwerke, daß es sich bei dem skizzierten Artuswissen keinesfalls um Arkanwissen gehandelt haben kann. Hinzu kommt, daß Geoffreys ›Historia‹ spätestens seit dem frühen 13. Jahrhundert

445 446 447

448

449 450 451

Godefridi Viterbiensis Pantheon, PL 198, Sp. 997–1008. Otia imperalia II,17. Beide Stellen speisen sich wegen des Verweises auf die in der dt. Artusepik kaum profilierte Merlin-Figur vermutlich aus Geoffreys Geschichtswerken. Schmidt (1998) S. 69 vermutet die in klösterlichen Kreisen verbreiteten Merlin-Prophetien als Ursprung. Auf mittelalterlichen T-O-Karten (vgl. z.B. die Ebstorfer Weltkarte) befindet sich Britannien am äußersten Rand bzw. schon außerhalb des eigentlich bewohnten Erdkreises auf einer der westlichsten Inseln im wendelmeer. Vgl. von den Brincken (1981) u. (1987) sowie zur Überlieferung dies. (1985–1994). Martin von Troppau (MT) 419,17–20 + 28–36. Artus ist damit ein Zeitgenosse von Odoaker, der allerdings im Imperatores-Teil (MT 454,39ff.) erscheint. Vgl. Kornrumpf (1984).

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selbst zum Grundbestand vieler deutscher Klosterbibliotheken gehörte. So befand sich im Besitz des Passauer Domdekans Albert Behaim in den 1240er Jahren ein heute verschollenes Exemplar der ystoria Britonum.452 Ein weiteres Exemplar lag im Kloster Salem.453 Außerdem ist die Londoner Handschrift (BL, MS. Additional 15 732) aus dem 12. Jahrhundert im niederländischen Sprachraum und der Cardiffer Kodex 2.611 der South Glamorgan Central Library aus der Zeit um 1300 im deutsch-französischen Grenzgebiet, vermutlich in Metz, anzusiedeln. 454 Ein Exemplar befand sich in Marbach (Colmar, Bibl. Municipale, M S. 448 [14]). 455 Im Katalog der St. Galler Stiftsbibliothek von 1461 taucht unter der Signatur H 21 eine weitere noch aus dem 12. Jahrhundert stammende Hystoria Britannica auf.456 Das Artuswissen konnte sich also überall sogar aus erster Hand speisen. Nur spielte dieser über die genannten Werke und Aufbewahrungsorte rekonstruierbare, samt und sonders lateinisch-gelehrte Rezipientenkreis für den volkssprachigen Literaturdiskurs überhaupt eine Rolle? Am ehesten scheint dies für Wolfram von Eschenbach zu gelten. Er ist es, der im ›Parzival‹ vermutlich in Kenntnis eines ›Roman de Brut‹ oder einer ›Historia regum Britanniae‹ (s.o.) dem ganzen Artusgeschehen am deutlichsten einen historiographischen Stempel aufdrückt. Typisch ist Wolframs Sicht der Artusgeschichte für die deutsche Artusepik jedoch gerade nicht. Eine historische An- oder Einbindung der Artusfiguren in die eigene Geschichte findet nicht statt. Wohl aber werden die arturischen Helden samt den Accessoires ihrer Welt (Gral, Tafelrunde, Artushof, Fest, Turnier) zu Idealmustern einer eigenen deutschen Hof- sowie später auch Patrizierkultur: Berichte von Tafelrunden und Gralsfesten begegnen schon während des 13. Jahrhunderts in deutschen Chroniken, Annalen und vor allem in literarischen Werken. Auch die Namen des Personals der Artusepen nutzt man gerne und häufig als Vornamen für Söhne und noch häufiger Töchter. Und mit Beginn des 14. Jahrhunderts werden in zahlreichen norddeutschen Städten reihenweise Artushöfe (curia regis Arthuri) gegründet.457 II.3.2.1. Die deutschen Adaptationen – Einzeltextbändchen und Kleinformate als erste Tradierungsmuster Die im Westen besonders erfolgreichen chronistischen Texte um Artus konnten in Deutschland nie Fuß fassen. Auch die Chrétienschen Artusepen werden nicht in der für die französische Tradierung im 13. Jahrhundert typischen 452 453 454 455 456 457

MBK-Deutschland/Schweiz IV,1, 36,23. Crick (1989) Nr. 75: Heidelberg, UB, H S. 9.31. Crick (1989) Nr. 82 u. Nr. 55. Crick (1989) Nr. 56. Crick (1989) Nr. 205: MBK-Deutschland/Schweiz I, 116,37. Vgl. mit zahlreichen Beispielen und ausführlichem Literaturverzeichnis Jackson (2000).

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Zyklusform und schon gar nicht in der mit historiographischen (Antikenromane; ›Brut‹; ›L’histoire des Engleis‹458) oder heilsgeschichtlichen (›Chevalerie de Judas Machabee‹; ›Roman de Miserere‹; ›Roman de Carité‹; ›Vie de sainte Marguerite‹459) Werken verquickten Sammlungsverbünden adaptiert. Übernommen werden einzelne, in sich geschlossene Handlungsketten um ritterlich-ideale Protagonisten wie Yvain, Erec oder Perceval. Die komplette Artus-historia im Sinne eines Teils der Weltgeschichte interessierte, obwohl in Umrissen bekannt (s.o.), nicht. Die arturische Welt verliert damit in Deutschland ihre historische Relation. Dieses Faktum wirkt sich nachhaltig auf Tradierungs- und Gestaltungsmuster aus, denn nun fehlen konkret dynastisch-historische Beweggründe, die am ehesten und am deutlichsten einen besonders ehrfurchtsvollen Umgang mit den Texten hätten motivieren können. Allein der im französischen Sprachraum von ›seriösen‹ Autoren wie Jean Bodel oder Nicolaus von Senlis (s.o.) heftig angefeindete fabulös-romanhafte, bestenfalls noch didaktische Charakter der arturischen Versepen ist es nun, der das deutsche Publikum interessierte und faszinierte. Projektionen von Hof- und Ritterkultur, didaktische, poetisch-literarische sowie verstärkt fiktionale Momente treten in den Vordergrund. Noch vor der Jahrhundertwende fertigte Hartmann von Aue mit dem ›Erec‹ eine erste deutsche Chrétien-Übersetzung an. Bald darauf folgte sein ›Iwein‹. Wolframs von Eschenbach ›Parzival‹, 460 Ulrichs von Türheim ›Cliges‹ und mittelbar Ulrichs von Zatzikhoven ›Lanzelet‹ belegen in den folgenden Jahrzehnten ein lebhaftes Interesse an den Werken bzw. Helden Chrétiens. Von den konkreten Bedingungen dieses Werktransfers wissen wir allerdings wenig. Die desolate Überlieferungslage hier wie da macht es nahezu unmöglich, frühe Tradierungsformen, -mechanismen und -wege zuverlässig aufzuzeigen. Noch nicht einmal das mediale Umfeld dieses Literaturtransfers erschließt sich. Die Spezifik der Rezeptionszeugnisse belegt allerdings zweifelsfrei die Tatsache eines regen s c h r i f t g ebu ndenen Kulturaustausches. Die zahlreichen Hinweise auf französische Buchvorlagen lassen sogar eine gewisse Vertrautheit mit Büchern und Buchliteratur insgesamt sowie mit den französischen Artusbüchern erkennen. Daß wir es hier nicht bloß mit einem literarischen Topos zu tun haben, ist aus der Präsenz der Psalterien und Gebetbücher abzulesen, die sich mittlerweile an fast jedem größeren deutschen Hof nachweisen lassen (vgl. Kap. II.1.4). Der Umgang mit Schrift bzw. mit Büchern gehörte selbst an den vermeintlich kulturell rückständi458

Vgl. insb. die Handschriften Paris, BN, fr. 375, 794 , Paris, BN, fr. 1450, 12603; London, College of Arms, Arundel XIV (Nixon, 1993a, N° 8, 9, 33, 35, 43). 459 Vgl. insb. die Handschriften Paris, BN, fr. 12576; Princeton, Univ. Library, Garrett 125; Lyon, Bibl. municipale, 743 (Nixon, 1993a, N° 23, 27, 37). 460 Wolfram von Eschenbach kritisiert Chrétien allerdings scharf: Ob von Troys meister Cristjân / disem mære hât unreht getân, / daz mac wol zürnen Kyôt , / der uns diu rehten mære enbôt (Pz. 827,1–4).

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gen deutschen Höfen bereits um 1200 zur Normalität des Alltags. Inwieweit neben den geistlichen Grundlagenwerken für Gebet, Andacht und Gottesdienst auch weltliches Buchmaterial für Unterhaltung und Unterweisung zur Hand war, ist jedoch nur schwer abzuschätzen. 461 Vor dem Hintergrund der skizzierten Rahmenbedingungen entwickelten die deutschen Autoren bei der Übernahme der Stoffe jeweils eigene Bearbeitungsprofile. Hartmann von Aue hielt sich im ›Iwein‹ und begrenzt im ›Erec‹ relativ nahe an Chrétien. Wolfram von Eschenbach entfernte sich streckenweise deutlich von der Vorlage. Ulrich von Zatzikhoven scheint eine frz. (anglonormannische) Vorlage zu parodieren. 462 Auch bei der medialen Ausgestaltung der einzelnen Adaptationen fallen charakteristische Unterschiede auf. Den häufig recht einfachen ›Iwein‹-, ›Erec‹- und ›Lanzelet‹-Handschriften stehen meist deutlich aufwendigere ›Parzival‹-Kodizes gegenüber. Vergleichbare Gestaltungsunterschiede waren im französisch-angevinischen Raum unbekannt. Dort genossen alle Artusepen Chrétiens die gleiche mediale Aufmerksamkeit und Wertschätzung. Außerdem flossen früh alle Chrétienschen Artusepen in großen Sammlungen zusammen. Entsprechende themen- oder personenzentrierte Sammlungen sucht man in Deutschland vergeblich. Wenden wir uns zunächst den ältesten deutschen Chrétien-Adaptationen zu, dem wohl um 1180 entstandenen ›Erec‹ und dem um 1190/1200 vollendeten ›Iwein‹ Hartmanns von Aue. Wie der ›Iwein‹-Prolog unmißverständlich erkennen läßt, stützte sich Hartmann bei der Abfassung seiner Artusepen auf Buchvorlagen (s.o. S. 252). Nach der Quellenanalyse463 dürfte es sich jeweils um zwei französische E i n z elte x t handschriften gehandelt haben, also um ein ›Erec et Enide‹- und ein ›Yvain‹-Büchlein. Auch die nachfolgenden deutschen Artus-Übersetzer und -Bearbeiter stützen sich meist auf solche Einzeltexthandschriften: Ein niederländischer Anonymus schöpfte seinen ›Parcheval‹ aus Chrétiens ›Perceval‹; Ulrich von Türheim übersetzte Chrétiens ›Cligés‹; Ulrich von Zatzikhoven benutzte ein welsch buoch von Lanzelete (9341); der ›Segremors‹-Dichter hatte Raouls de Houdenc ›Meraugis de Portlesguez‹ zur Hand. Das schmale Stoff- und Handlungsrepertoire läßt vermuten, daß keiner dieser Dichter auf eine der später so typischen Artus-Sammlungen zurückgreifen konnte. Mit einem schmalen Einzeltextbändchen als Vorlage ließen sich auch die Merkwürdigkeiten erklären, die anscheinend nur zu einer

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Ein quantitativer Vergleich der beiden Buchgattungen bringt hier nicht viel, denn die profane Unterhaltungsliteratur in ihren einfachen Gebrauchshandschriften fiel weit mehr dem Verbrauch bzw. der Zerstörung anheim als die oft kostbaren, manchmal reliquienartigen Psalterien. Ulrichs ›Lanzelet‹ hat mit Chrétiens ›Lancelot‹ kaum mehr als den Namen gemein. Man kann das Werk bzw. seine (unbekannte) französische Vorlage wohl als Persiflage auf Chrétiens ›Lancelot‹ verstehen; vgl. dazu mit überzeugenden Argumenten Feistner (1995) bes. S. 243–254 u. Ranawake (2000) S. 49. Vgl. zusammenfassend Cormeau (1981a) Sp. 508, 516.

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Teilübersetzung (?) des Prosa-Lancelot führten. Übersetzt wurde im 13. Jahrhundert nur ein kleiner Abschnitt – eben soviel, wie man für ein kleines, als Quelle vorliegendes Einzeltextbändchen erwarten dürfte. 464 Aber wie hat man sich nun konkret ein solches welschez buoch vorzustellen? Hartmann hilft hier nicht weiter. Mehr als das bloße Faktum, daß er ein buoch benutzte, gibt er nicht preis. Auch Wolfram und Wirnt wissen nichts Genaues von ihrem Vorlagenbuoch zu berichten, das sie ja sowieso nur vom Hörensagen kennen wollen. Genaue Angaben liefert einzig Ulrich von Zatzikhoven. Er nennt den Besitzer seiner Vorlage: Hugo von Morville.465 Auch weiß er genau um den Nutzungshintergrund und die Umstände Bescheid, die sein welsches buoch von Lanzelete nach Deutschland geführt haben: Hûc von Morville hiez der selben gîsel ein, in des gewalt uns vor erschein daz welsche buoch von Lanzelete. (Lanzelet 9338–9342) (Hugo von Morville hieß eine der Geiseln, in dessen Besitz uns das französische Buch von ›Lanzelet‹ bekannt wurde.)

Da sich die Ausführungen Ulrichs auffallend mit den Quellenbefunden und mit dem, was an Textzeugen nachweisbar oder erschließbar ist, decken, wird man sie als einen Schlüssel zur historischen Realität deuten können: Besagter Hugo von Morville war als Geisel für Richard Löwenherz an den Hof Kaiser Heinrichs VI. gekommen. Vermutlich hatte er seinen ›Lancelot‹ als R ei selekt ü re mit in den Osten genommen.466 Über interessierte Adelskreise vermittelt, gelangte das welsche Büchlein der Geisel schließlich in die Hände Ulrichs, der es als Vorlage für seinen Roman nutzte. Daß es sich hier nicht um einen einmaligen Sonderfall, sondern um gewöhnliche Wege für den Literatur- und Buchtransfer gehandelt haben dürfte, läßt ein zweites, ähnlich geartetes Beispiel vermuten: Die von einem Grafen von Leiningen an Herbort von Fritzlar vermittelte französische Vorlage seines Trojaromans gelangte aus dem selben Milieu um den englischen Königshof nach Deutschland. Besagter Graf von Leiningen war Begleiter Eleonores, als sie sich anläßlich der Auslösung ihres

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Zum Vorlagenproblem und der wohl in mehreren Etappen verlaufenen Entstehungsgeschichte vgl. Tilvis (1972), Buschinger (1986) u. Steinhoff (1995) S. 764–768. Im niederländischen Sprachraum wurden einzelne Episoden aus dem riesigen Zyklus mehrfach für Teilübersetzungen herangezogen, was dafür sprechen könnte, daß auch dort zunächst (im 13. Jahrhundert) kleine Einzeltext- bzw. Episodenbändchen kursierten. Vgl. zu Huc von Morville Bumke (1979) S. 153; Mewes (1991) S. 178; Johnson (1993) S. 249; Ranawake (2000) S. 46 sowie zu einer möglichen genealogischen Anbindung der Person an eine Schottische bzw. Cumberländische Adelsfamilie Dahood (1994). Die ganze Entstehungsgeschichte (Entstehungsfi ktion?) des ›Lanzelet‹ reflektiert Reuvekamp-Felber (2003) S. 107–111. Vgl. Bumke (1979) S. 66.

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Sohnes Richard Löwenherz auf die Reise nach Deutschland machte. 467 Beide Beispiele lassen wichtige Ausgangspunkte und Mechanismen des Literaturtransfers in der Frühphase erkennen. Fluchtpunkte sind jeweils der englische Königshof: Hugo von Morville (Geisel für Richard Löwenherz) und der Graf von Leiningen (Begleiter Eleonores) sind im engsten Umfeld des angevinischen Königshofs, respektive Eleonores von Aquitanien und Richard Löwenherz’, anzusiedeln. Über den angevinischen Königshof, eines der literarischen Zentren der Zeit, hatten beide Zugang zur aktuellen französisch-anglonormannischen Literatur, und beide Tradierungsereignisse stehen unmittelbar im Zusammenhang mit Reisen, die die Grenzen des jeweiligen Kulturkreises überschreiten. Hugo von Morville und der Graf von Leiningen erscheinen so in personam als Bindeglieder für den Buch-/Werk- bzw. Kulturtransfer von West nach Ost. Orientiert man sich an den erhaltenen französischen Handschriften, dürfte es sich bei den Büchern, die über diese personalen Kanäle nach Deutschland gelangten oder dort bekannt wurden, um schmale, kleinformatige Einzeltextbändchen gehandelt haben (Kap. I.1.3). Dafür spricht auch, daß die frühen deutschen Artus-Handschriften genau diesem Typus entsprechen. Die nahezu identischen deutschen Buchmuster sind aber nicht nur als Replik auf die analog gestalteten französischen Vorlagen zu deuten, sondern entsprechen einem international verbreiteten ›höfischen Buchmuster‹, das sich wiederum aus dem dominierenden lateinischen Schriftwesen speist, wo genau diese einfachen, kleinformatigen Gebrauchshandschrift europaweite Verbreitung erfahren hatten. In dem skizzierten Buchtyp scheinen sich anfangs also eher Status- und Nutzungsfragen als literarische Traditionen widerzuspiegeln: Der volkssprachigen Literatur maß man in Deutschland und im französisch-angevinischen Raum gleichermaßen 468 einen niedrigen literarischen Status zu, was sich im Westen allerdings bald änderte. Gerade die Artusliteratur wird dort – freilich nur in speziellen gesellschaftlichen Konstellationen – schnell zu einem auch medial in entsprechend aufwendig ausgestalteten Handschriften genutzen Repräsentationsgegenstand. In Deutschland bleiben vergleichbare Artus-Prachthandschriften selten bzw. außerhalb der Wolfram-Sphäre (zu den Besonderheiten s.u. Kap. II.3.2.2) sogar völlig unbekannt. Die britischen Artushelden waren für historisch-dynastische Interessen im Reich wertlos. Hier spielten andere Gestalten und historische Konstellationen eine zentrale Rolle: Karl der Große, Roland oder die Reihe der römisch-deutschen Kaiser. Unter den Handschriften rund um diese Gestalten finden wir folgerichtig auch die gesuchten Prachtexemplare: großforma-

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Meves (1991) diskutiert ausführlich die Rolle des Grafen von Leiningen als Mäzen bzw. Vorlagenbeschaffer Herborts von Fritzlar. Vgl. mit identischen Einrichtungsmustern die frühen Spielmannsepen, Legenden, Antikenromane und bedingt die Chanson de geste (mit Beispielen Kap. II.2).

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tige ›Kaiserchroniken‹ oder bebilderte ›Rolandslieder‹ und ›Willehalme‹ (vgl. S. 210f. u. S. 215–218). Es würde nun keine Mühe machen, die kleinen Formate und die sparsame Ausstattung der deutschen Artus-Handschriften auf der skizzierten Folie zu deuten: Sie waren »leichte Kost«, 469 so Schiewer zum ›Wigalois‹. Nützliche Accessoires der Hofkultur, die man als Spiegel des eigenen Lebensgefühls oder als Anleitungen zur richtigen Lebensführung schätzte und etwa zur Auflockerung eines Hoffestes oder eines festlichen Mahls bei Tisch vortrug. 470 Becker bilanziert plakativ: »Zur Zeit der Entstehung der mhd. Epen um 1200 wird es keinem [deutschen, JW] Adligen eingefallen sein, den Text durch entsprechende schriftliche Niederlegung in ein materielles und ästhetisches Wertobjekt verwandeln zu wollen.«471 Nicht in das von Becker und Schiewer entworfene Bild fügen sich Wolframs ›Parzival‹ und ›Titurel‹. II.3.2.2. Die Sonderrolle Wolframs Wolframs Artus-Gralroman wird von Anfang an in größeren, aufwendig eingerichteten, zwei- und dreispaltigen und z.T. sogar illuminierten Handschriften tradiert.472 Die Wolframschen ›Parzival‹-Manuskripte sind im Schnitt ca. 30% größer sowie deutlich kostbarer ausgestattet und aufwendiger eingerichtet als die übrigen Artus-Handschriften selbst prominenter Autoren wie Hartmann von Aue und Wirnt von Grafenberg. Ließen sich die Unterschiede zwischen Hartmann und Wolfram noch durch historische Entwicklungen erklären. Zwischen den Adaptationen Hartmanns und Wolframs liegen einige buchgeschichtlich entscheidende Jahre: Als Hartmann seinen ›Erec‹ und den ›Iwein‹ anfertigte, konnte er als Vorlage wohl nur auf die skizzierten, kleinformatigen Einzeltextbändchen zurückgreifen. Nach allem, was wir über die frühe französische Überlieferung wissen, 473 gab es die uns heute so vertrauten, großformatigen Artus-Sammelbände vor/um 1200 noch nicht. Als Wolfram wenig später seinen ›Parzival‹ in Angriff nahm, waren im Westen neben die kleinen Einzeltextbändchen bereits erste großformatige Sammelbände getreten. 474 Sie könnten als Vorbilder gewirkt haben, doch allein durch die zeitliche Folge und den medialen Modernisierungsschub sind die großen Diskrepanzen, die bezeichnenderweise auch in der über weite Strecken parallelen Tradierung von 469 470 471 472 473

474

Schiewer (1988) S. 236 als Charakterisierung des ›Wigalois‹ im Gegensatz zum ›Parzival‹. Vgl. mit zahlreichen Belegen etwa Bumke (1986) S. 306, 313, 721–725 u. Curschmann (1996) S. 149–169. Becker (1977) S. 164; vgl. Bumke, Epenhandschriften (1987) S. 52 mit beinahe identischer Formulierung. Vgl. dazu detailliert Wolf (2002c). Vgl. den die gesamte Chrétien-Überlieferung aufarbeitenden Sammelband von Busby/ Nixon/Stones/Walters (1993) und darin zur frühen Überlieferung insb. den Beitrag von Nixon (1993) S. 17–25. Vgl. Wolf (2002c).

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›Iwein‹ und ›Parzival‹ präsent bleiben, nicht zu erklären. Der Zeitfaktor relativiert sich weiter, wenn man berücksichtigt, daß der beinahe zeitgleich mit dem ›Parzival‹ auf der literarischen Bühne erscheinende ›Wigalois‹ Wirnts von Grafenberg oder Ulrichs ›Lanzelet‹ in der Buchgestaltung eher dem älteren ›Iwein‹ als dem gleichzeitigen ›Parzival‹ nahe kommen. Brachte man Wolfram also eine höhere Wertschätzung als Hartmann, Wirnt und Ulrich entgegen? Waren seine Werke besser? Trafen sie eher den Zeitgeist oder war es der Gral, der in allen drei medial außergewöhnlichen Werken – im ›Parzival‹, im ›Titurel‹ und im ›Lohengrin‹ – eine neue, weit über die arturische Welt hinausreichende heilsgeschichtliche Komponente ins Spiel bringt? Laikale Frömmigkeitsbewegungen sowie religiös motivierte Ideen um Adelsheil und christliches Rittertum waren im Gefolge der Kreuzzugspropaganda und -begeisterung im gesamten christlichen Abendland zu bestimmenden Faktoren des Zeitgeists geworden. Einen massiven Niederschlag fanden die Ideen in der höfischen Literatur, wobei man die Rolle des Grals als heilsgeschichtliches Symbol keinesfalls unterschätzen sollte. In Chrétiens ›Perceval‹ wird die Gralsgeschichte und der Gralsmythos erstmals fester Bestandteil der höfisch-arturischen Welt. Der unvermittelte Abbruch des Werks ließ die heilsgeschichtlichen Handlungsstränge in der französischen Vorlage allerdings ohne Ziel – doch nur für einen literarhistorischen Augenblick, denn schon im frühen 13. Jahrhundert arbeiteten gleich mehrere ›Perceval‹-Fortsetzer die von Chrétien entfalteten Heilskomponenten weiter heraus. Einige Fortsetzer führten ›Perceval‹ schließlich zum Gral.475 Noch weiter gehen gleich mehrere Chrétien-Sammelhandschriften. Mitüberlieferte ›heilige‹ Texte lassen in diesen Kodizes sogar die Grenzen zwischen Artusepik und geistlicher Literatur verschwimmen: Chrétiens ›Perceval‹ wird z.B. in einem frühen Londoner Manuskript mit ›La vie de sainte Marie l’Egyptienne‹476 und einem Pariser Manuscript mit Renclus‹ de Moiliens ›Roman de Miserere‹ und ›Roman de Carité‹477 kombiniert. In Roberts de Boron ›Estoire del Saint Graal‹, und zwar in der Verquickung mit dem Prosa-Artuszyklus, erhält die Gralsideologie schließlich den Charakter eines »Evangeliums für den Ritter«. 478 In der Person des Gralskönigs Galaad kulminiert die Vorstellung vom Gral »als Symbol einer geheimen Frohbotschaft ›solement aus menistres Ihesucrist (...). Als menistre Ihesucrist zugleich Ritter, König, Erbe und Nachfolger Josephs, des ersten Bischofs, wird Galaad nun zum Repräsentanten eines neuen sakra-

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Abdruck der Fortsetzungen in Roach (1949–1983). London, BL, Additional 36614 (1. Viertel 13. Jahrhundert); vgl. Nixon (1993a) N° 4. Paris, BN, fr. 12576 (4. Viertel 13. Jahrhundert); vgl. Nixon (1993a) N° 23. So der Titel eines Aufsatzes von Wolfzettel (1997). Andeutungsweise werden solche Vorstellungen auch schon in der ersten ›Perceval‹-Fortsetzung sichtbar, als bei Gauvains Gralbesuch die Geschichten von der heiligen Lanze des Longinus und der Translatio des Grals nach England (Joseph von Arimathia und Nicodemus) offenbar werden (First Continuatio E 17 227–17 778).

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len Rittertums, das weit über die Idee der ›militia Christi‹ hinauszugehen scheint«. 479 Wolfram verstärkt durch heilsgeschichtliche Addenda wie die Priester Johannes-Episode, den Hinweis auf die Thomas-Christen in Indien und die Gralstranslation den heilsgeschichtlichen Akzent seines ›Parzival‹ noch. Er läßt mit seiner Auswahl des Stoffs mehr denn je die ›reine‹ Artuswelt hinter sich. Trotzdem erlangte sein ›Parzival‹ nicht den Kultstatus einiger Chrétien-Sammlungen (s.o.) und vieler französischer Prosazyklus-Handschriften. Auch wenn Wolfram eine solche Interpretationslinie im ›Parzival‹ angelegt haben sollte, als ›Evangelium für den Ritter‹ wurde sein ›Parzival‹ nie gelesen. 480 Vor dem Hintergrund der Pracht evozierenden Historiographisiserung der französischen Artusliteratur gewinnt auch die Frage nach einer möglicherweise atypischen Historizität der Wolframschen Artusepen an Bedeutung. Und tatsächlich erscheint die Historizität der Artusmaterie bei Wolfram im Gegensatz zu den anderen deutschen Chrétien-Bearbeitungen besonders herausgehoben: Das Geschehen ist ebenso eingebunden in eine »fortlaufende Artushistorie (Erec – Parzival – Lancelot)« zwischen Artusfest in Nantes und Schluß der Artushandlung in Camalot 481 wie in genealogische Beziehungen, die dann im ›Titurel‹ sowie im direkt der historiographischen Sphäre zuzuordnenden ›Willehalm‹ wieder aufgenommen werden. 482 Indem Wolfram einige allzu ›fabulöse‹ Passagen Chrétiens kürzt bzw. komplett streicht, eine Vorgeschichte und eine auch für sein deutsches Publikum historisch-genealogisch nachvollziehbare Nachgeschichte hinzufügt (Brabant/Schwanritter, Priester Johannes, Thomas-Christen), erscheint Wolframs ›Parzival‹ weit stärker historisch ausgerichtet als seine französische Vorlage. Man wird letztlich zu überdenken haben, ob ›Parzival‹ und ›Titurel‹ überhaupt pauschal mit Fiktionalität identifiziert und damit aus dem historiographischen Diskurs eliminiert werden können. »Für diejenigen, die in der neuartigen Fiktionalität nicht bewandert waren, besaß [das Verfahren, eine transfiktive Welt hervorzuzaubern] die illusorische Fähigkeit, eine unendliche Welt hervorzuzaubern, die unabhängig vom jeweiligen Autor war und weit über den Rahmen des Einzelwerks hinausging, um dadurch den Eindruck einer dahinterliegenden Wirklichkeit zu erwecken. Indem solche Zuhörer auf diese Weise Verweise auf das schon Bekannte erhielten, die es ergänzten und scheinbar bekräftigten, wurden sie dazu gebracht, das vorliegende Werk als objektiven, faktischen Bericht anzunehmen.«483 Der Wirkraum einer solchen ›dahinterliegenden Wahrheit‹ ist allerdings beschränkt und betrifft zunächst nur den unmit-

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Wolfzettel (1997) (Zitat S. 55f.). Vgl. zusammenfassend Wolf (2002c). Nellmann (1996) 334f. Vgl. z.B. Weigand (1938); Nellmann (1992) S. 197–202. Green (2002) S. 32f.

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telbaren Horizont des Werks. Erst wenn realhistorische, vom Publikum als selbstverständliche Bestandteile des eigenen kulturellen Gedächtnisses memorierte Fakten die Erzählung an die eigene Wirklichkeit andocken, kann sich die Historisierung des Erzählten vollziehen. Mit den zahlreich eingestreuten Biographiefragmenten etwa zur eigenen Person, dem heimischen Rezipientenkreis, historischen Ereignissen und Personen, der Vorlage, den Autorfiguren Flegetanis, Kyot und Chrétien setzt Wolfram – wohl bewußt – diesen Mechanismus in Gang. 484 Der Artusdiskurs ist in Deutschland jedoch ahistorisch. Diesem Faktum kann Wolfram, auch wenn er dies mit historischen Bezugnahmen und zeitgeschichtlichen Reminiszenzen versucht haben sollte, nicht entfliehen. 485 Gegen Wolframs historiographische Intentionen erfolgt eine weitgehend (vollständig?) ahistorische Tradierung und Rezeption seines ›Parzival‹. Neben Gral, Heilsgeschichte und historia dürften deshalb – wahrscheinlich sogar überwiegend – stilistische, didaktische, enzyklopädische und gruppendynamische bzw. soziologische Aspekte für den besonderen Erfolg und die mediale Sonderbehandlung der Wolframschen Artustexte (›Parzival‹, ›Titurel‹) verantwortlich gewesen sein. Es ging um interessante, spannend erzählte, zeitgemäße Themen. Die Epen waren brandaktuell, spiegelten ein aktuelles Gesellschaftsbild und boten über die Helden, das inszenierte höfische Ambiente, den Gral und die implantierten Ritter- bzw. Gesellschaftslehren idealisierte Flucht- und Zielpunkte für das zeitgenössische höfische Publikum. Die Überlieferungserfolge von ›Iwein‹ und ›Parzival‹ (Diagramm 17) zeigen, daß es Hartmann von Aue und Wolfram von Eschenbach in grundsätzlich anderer Art und Weise jeweils bestens gelungen ist, Artusepen Chrétiens adäquat in den eigenen kulturellen Horizont hinein transferieren. Die höchst unterschiedliche Ausgestaltung der zeitgleichen Überlieferungszeugen lässt aber auch erkennen, wie beide Texte von Beginn an vom Publikum unterschiedlich wahrgenommen wurden: Der ›Iwein‹ primär als fiktionales unterhaltend-didaktisches, der ›Parzival‹ eher als bedeutungsschweres, auch heilsgeschichtlichen und religiösen Elementen verpflichtetes Werk. Nivellierende Zeugnisse wie die Listen von Artushelden in Thomasins ›Welschem Gast‹ oder Hugos ›Renner‹ mahnen allerdings zu einer zurückhaltenden Bewertung der Differenzen. Fragt man weiter nach spezifischen Besonderheiten der Wolframschen Artusvariante, muß der Blick auch auf einen erstmals viel breiteren Quellenfundus fallen: Für Wolfram können Panzer und zuletzt vor allem Nellmann

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Vgl. Green (2002) S. 31–38. Knapp (1999) warnt m.E. mit Recht davor, mittelalterliche Literatur mit modernen Kategorien fassen zu wollen, und andererseits die »fi ktionalen Spielräume der mittelalterlichen Geschichtsdichtung« (S. 22) ebenso wie das hohe zeitgenössische Prestige derartiger Werke zu unterschätzen.

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glaubhaft darlegen, daß er neben Chrétiens de Troyes ›Perceval‹ auch Chrétiens ›Erec et Enide‹, ›Lancelot‹ und ›Cligés‹ sowie Hues de Rotelande ›Ipomedon‹ und Waces ›Brut‹ oder Geoffreys ›Historia regum Britanniae‹ gekannt hat. 486 Nellmann favorisiert bei seinen Überlegungen den Zugriff Wolframs auf Wace, hält aber auch eine direkte Anbindung an Geoffreys ›Historia regum Britanniae‹ nicht für ausgeschlossen. In Richtung der lateinischen Chronik deutet möglicherweise die Kyôt untergeschobene Anmerkung zu seiner Quellensuche in latînschen buochen, wo er las der lande chrônicâ / ze Britâne (Pz. 455,4,9f.) – so oder ähnlich lautete der zeitgenössische Titel von Geoffreys ›Historia‹. Interessant könnte in diesem Zusammenhang ein St. Gallener Kodex aus der Zeit um 1200 sein (St. Gallen, SfB, Cod. 633). 487 Er enthält neben Geoffreys ›Historia‹ zusätzlich einen Priester Johannes-Brief488 und ein Exzerpt aus Solinus ›Collectanea rerum memorabilium‹. Alle drei Texte dürfte Wolfram – aus einer solchen Sammelhandschrift? – gekannt haben: Über die Herkunft des Priester Johannes weiß Wolfram detailliert zu berichten: »diu (Repanse de schoye) gebar sît in Indyân / ein sun, der hiez Jôhan. / priester Jôhan man den hiez: / iemmer sît man dâ die künege liez / bî dem namn belîben. / Feirefîz hiez schrîben / ze Indyâ übr al daz lant, / wie kristen leben wart erkant ...« (Pz 822,23–30).489 Eine lateinische Sammelhandschrift nach dem Muster des St. Galler Kodex könnte man sich gut als eine der Quellen Wolframs vorstellen. Weit mehr noch läßt die Reihe der Chrétien-Texte in Verbindung mit Waces ›Brut‹ aufhorchen, ist dies doch eines der Standardmuster für umfassende Sammelhandschriften in der frz. Chrétien-Überlieferung (s.o.). »Wolfram als Leser einer Œuvrehandschrift«, so formuliert Nellmann (S. 338) seine Entdekkung als »Hypothese«, würde viele Fragen nach Wolframs Quellenkenntnissen, zumindest was Chrétien und Wace betrifft, auf einen Schlag beantworten. Ganz nebenbei bekäme eines der Bücher, auf das Wolfram als Vorlage und Materialfundus zurückgreifen konnte, konkrete Konturen: Es wäre eine umfangreiche Chrétien-Sammelhandschrift evtl. mit Waces ›Brut‹ und weiteren Texten gewesen. Eine der als Muster in Frage kommenden frühen Chréti-

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Vgl. Panzer (1940) und mit akribischer Beweisführung Nellmann (1996). Die lateinischen Geschichtswerke dienten augenscheinlich ähnlichen dynastiefundierenden bzw. herrschaftsstabilisierenden Interessen wie ihre volkssprachigen Pendants. Sie waren teilweise für die selben Eliten verfaßt und unterlagen dementsprechend auch ganz ähnlichen Tradierungsbedingungen. Crick (1989) Nr. 205, Scherrer (1875), S. 206. Kurzfassung b1; vgl. Wagner (2000) S. 104f. Nr. 152. Zur ungeklärten Quellenlage der Stelle vgl. den Kommentar von Nellmann (1994) S. 785 u. allg. zum Johannes-Brief Wagner (2000). Aus Solinus könnten laut Nellmann (1994) S. 764 (zu Pz. 770,1–30, alle relevanten Solinus-Stellen sind im Register S. 853 aufgeführt) zahlreiche Personen-, Orts- und Ländernamen stammen. Die Frage nach dem »Vermittlungsvorgang« und der direkten Quelle muß allerdings »vorerst offenbleiben« (ebd. S. 764).

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ensammlungen (Paris, BN, fr. 794 490) wurde von dem Schreiber Guioz/Guiot aus Provins angefertigt: C il qui lescrist guioz a non d evantnre dame del ual e st ses ostex tot aestal.

(Bl. 105r)

Daß besagter guioz der meister wîs (Pz 455,2) war, der Wolfram seine Vorlage vermittelte, den er Kîôt nannte und der laut Wolfram Chrétien de Troyes zu recht um seiner (vor allem am Schluß491) mangelhaften Darstellung rügte, ist allerdings durch nichts zu beweisen. Ob von Troys meister Cristjân disem mære hât unreht getân, daz mac wol zürnen Kyôt, der uns diu rehten mære enbôt. endehaft giht der Provenzâl, wie Herzeloyden kint den grâl erwarp, als im daz gordent was, dô in verworhte Anfortas. von Provenz in tiuschiu lant diu rehten mære uns sint gesant, und dirre âventiure endes zil. (Pz 827,1–11) (Wenn der Magister Christian von Troys diese Geschichte mit Willkür behandelt, dann hat Kyôt ganz recht, sich zu empören: Er hat uns die wahre Geschichte treu überliefert. Die Sache kommt, in der Fassung des Provenzalen, dann an ihr rechtes Ende. 492)

Der ominöse Kyot, der das geheimnisvolle Buch des arabischen fisîôn (453,25) Flegetanis über die Entdeckung des Grals in Toledo gefunden haben soll, Kyôt der meister wîs diz mære begunde suochen in latînschen buochen, wâ gewesen wære ein volc dâ zuo gebære daz ez des grâles pflæge unt der kiusche sich bewæge.

(Pz 455,2–8)

(Der gelehrte Magister Kyôt fing nun an, in der lateinischen Literatur nach dieser Geschichte zu suchen, danach, wo es denn jemals Leute gegeben hätte, die ihr

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Der Pariser Kodex selbst scheidet aus Datierungsgründen (2. Viertel 13. Jahrhundert; vgl. Nixon, 1993a, N° 8) als Wolfram-Vorlage aus. Es ist aber durchaus denkbar, daß Guiot bereits zuvor eine/mehrere ähnliche Handschrift(en) angefertigt hatte. Zu überlegen wäre, ob Wolfram über die Person des Kyot generell Chrétien de Troyes kritisiert oder nur auf einen mangelhaften bzw. fehlenden ›Perceval‹-Schluß anspielt. Das Pariser Manuskript enthält übrigens die erste und die zweite ›Perceval‹-Fortsetzung, könnte also in der vorliegenden Form die von Wolfram Kyôt /Guiot in den Mund gelegte Kritik zumindest in diesem Punkt mit konkreten Fakten füllen. Schirok/Knecht (1998) S. 831.

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Leben so eingerichtet hatten, dass sie zum Grâlsdienst taugten, und die rein sein wollten in allen Dingen. 493)

spiegelt sich letztlich in keiner der real faßbaren Guiot-Gestalten wider. Aber einzelne Versatzstücke geben zu denken. Exkurs: Kyôt vs. Guiot Das Kyot-Problem hat die Wolfram-Forschung lange Zeit (mit)bestimmt. Wolframs Angaben wurden ebenso für wörtlich genommen wie pauschal in das Reich der Fiktion verwiesen. Bei der Suche nach dem französischen Parzival-Roman eines provenzalischen Dichters Kyot (Guiot) geriet auch der Schreiber Guiot in das Blickfeld der Forschung. Wie seine hochkompetente Art der Textbearbeitung und -aufbereitung vermuten läßt, war er literarisch versiert. Dies würde zu Wolframs Kyôt -Portrait passen. Auf die Suche nach Vorlagen und Zusatzquellen für seine große Sammelhandschrift könnte er sich ebenfalls gemacht haben. Auf die zahlreichen Landeschroniken, die Kyôt laut Wolfram durchgearbeitet haben soll, weist in seiner Handschrift Waces ›Roman de Brut‹. Ob Guiot bei seiner Quellensuche jedoch bis nach Toledo494 gekommen ist? Dezidiert gegen eine Identität Kyôts mit Guiot spricht Guiots Herkunft. Nach Wolfram war Kyôt ein Provenzâl. Der Schreiber Guiot stammte aber aus Provins bei Paris. 495 Außerdem tritt Guiot nirgendwo in der französischen Literaturgeschichtsschreibung als Autor eines ›Perceval‹ in Erscheinung. Doch wäre nicht gerade eine solche Verrätselung des ominösen Autors Wolfram gemäß? Bumke faßt die Problematik folgendermaßen zusammen: »Wenn Wolfram die Schreibernotiz in seiner Vorlage gefunden hat, könnte er den Namen des Schreibers für den Namen des Dichters gehalten haben. Kyot stünde dann für Chrétien. Aber warum polemisiert Wolfram dann im Epilog gegen meister Cristjan?«496 Gegen Bumkes Skepsis wäre ins Feld zu führen, daß Guiots Chrétien-Abschriften im Pariser Kodex 794 »with very occasional modifications« und der ›Perceval‹ mit zwei Fortsetzungen versehen sind. Guiots ›Perceval‹-Fassung unterscheidet sich also wesentlich, und zwar genau dort, wo Wolframs Kritik ansetzt, d.h. am Schluß, von Chrétiens Version. Falls Wolfram bei seinen Überlegungen tatsächlich ein Manuskript des Schreibers Guiot im Kopf oder vor Augen hatte, wäre seine Chrétien-Kritik allerdings nur zu erklären, wenn er eine zweite, Chrétien nahe stehende, nicht fortgesetzte ›Perceval‹-Handschrift zur Hand hatte. Eine zugegebenermaßen gewagte, aber angesichts der Befunde keinesfalls unmögliche Variante. Wenn Wolfram zur Legitimation und Aufwertung der Geschichte eine entsprechende Quellenfi ktion mit einigen/vielen durchaus realen Momenten (arabischer Wissenschaftler in und arabisches Wissen aus Toledo) zusammengestrickt haben sollte, fiel genau dies auf fruchtbaren Boden.

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Schirok/Knecht (1998) S. 459. Toledo ist als Zentrum für den Kulturaustausch zwischen arabischer, jüdischer und christlicher Welt bekannt. In Toledo wird auch das ›Heilige Buch‹ gefunden. Martin von Troppau berichtet in seinem ›Chronicon‹ ausführlich über dieses zentrale heilsgeschichtliche Ereignis (MT 472,17ff.). Zu bedenken wäre aber, ob Wolframs Provenzâl vielleicht ein – verlesener – Literat/Schreiber aus Provins war? Eine Verlesung/Verhörung Provins/Provenze bzw. Provence wäre jedenfalls sehr gut denkbar. Bumke (1981) S. 63; vgl. Lofmark (1977) S. 33–70; mit umfassenden Literaturangaben Draeser (1993) S. 382–390; Ernst (1985); Ridder (1998a) S. 181–188 sowie die Forschungsdiskussion zusammenfassend Bumke (2000) Sp. 1395f. Zum Textproblem vgl. Reid (1976) S. 1–19 u. Hunt (1993) S. 27–40 (Zitat S. 27).

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II.3.2.3. Wandlungen und Neuansätze unter französischem Einfluß? In den ersten Jahrzehnten des 13. Jahrhunderts veränderten sich im französisch-anglonormannischen Raum rasend schnell die Bedingungen für die Tradierung volkssprachiger Literatur. In der Artusepik, aber auch in der volkssprachigen Chronistik und der Chanson de geste-Tradition bildete sich eine besondere Vorliebe für ausgedehntere Berichtshorizonte und Handlungszusammenhänge heraus. Bald wurden gewaltige Zyklen zu den Taten Karls des Großen, Guillaumes/Wilhelms, der Kreuzritter und eben auch der Ritter der Tafelrunde zusammengestellt. Mit der Textmasse änderten sich die Anforderungen an die Transportmedien. Um nun nicht 8000–10 000, sondern 50 000 oder mehr Verse fassen zu können, mußten die Bücher dicker werden. Aber die Bücher wuchsen nicht nur linear um einige hundert Blätter an. Sie wurden gleichzeitig größer, aufwendiger, prachtvoller und kostbarer. Zwei- und sogar dreispaltige, mit Initialen verzierte, mit komplizierten Majuskelsystemen gegliederte, durch ausgerückte und abgesetzte Verse geschmückte, z.T. illuminierte Kodizes waren bald keine Seltenheit mehr.497 Aus einstmals raren Prachtstücken für besondere Auftraggeber oder Anlässe war ein verbreitetes Standardmuster geworden. Als Vorbilder lassen sich lateinische, aber früh auch schon volkssprachig-französische historiographische Sammlungen nach dem Typus des gewaltigen Sammelkodex aus Durham vermuten. 498 Der im angevinischen England angefertigte Durham-Kodex mit Waces ›Brut‹, Gaimars ›Estoire des Engleis‹ und Jordan Fantosmes ›Chronique‹ ist zwar nicht von der gewaltigen Monumentalität der ›Vorauer Handschrift 276‹, aber der zweispaltig eingerichtete und mit farbigen Majuskeln sowie Initialen gegliederte Kodex weist vor/um 1200 schon genau die Charakteristika auf, die dann für die französische Artusepik des 13. Jahrhunderts typisch werden.

Sieht man einmal von Wolframs ›Parzival‹ ab, findet dieser von lateinischen Vorbildern geprägte Trend zur großformatigen, bisweilen prachtvollen Sammelhandschrift in der deutschen Artusepik keine Entsprechung. Allenfalls die Wolfram-Derivate (›Jüngerer Titurel‹, ›Lohengrin‹) und die ›Crône‹ Heinrichs von dem Türlin scheinen einem solchen Entwicklungstrend gefolgt zu sein. Bei den Wolfram-Derivaten wird man ähnliche Gründe wie beim ›Parzival‹ veranschlagen dürfen (Anbindung an ein Autorideal, poetische Meisterschaft, heilsgeschichtliche Implikationen, Gral, historia, Textmasse), aber bei Heinrichs ›Crône‹? Ein Blick auf die Quellenlage könnte hier der Schlüssel sein. Wie im Falle von Wolframs ›Parzival‹ begegnet ein Sammelsurium 497

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Grundlegend Martin/Vezin (1990). Zur Entwicklung der Seitengestaltung bei volkssprachig-französischen Kodizes vgl. ebd. S. 231–354 und zu Illustrationen S. 355–360, 399– 408. Durham, Cathedral Chapter Library, C. iv. 27; vgl. Inventaire N° 5004/5009 sowie Nixon (1993) S. 19f.

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von Texten, das, für sich betrachtet, umfassende Kenntnis der französischen Literaturlandschaft, ja eine ganze Bibliothek französischer Artustexte suggeriert. Nach Zachs499 Detailanalyse verwendet Heinrich unter anderem die Gaweinbücher aus Chrétiens ›Perceval‹, Chrétiens ›Lancelot‹, wahrscheinlich Chrétiens ›Erec et Enide‹, mindestens eine ›Perceval‹-Fortsetzung, ›La mule sanz Frain‹› ›Le chevalier à l’épée‹, ›La vengeance Raguidel‹ (?), ›Lai du Cor‹500 und wohl auch ›Yder‹ oder ›Lai de Tydorel‹, ›Âtre périlleux‹ und ›Le Bel Inconnu‹.501 Der überbordende Quellenfundus verliert seinen Schrecken, nimmt man wie bei Wolframs ›Parzival‹ ein konkretes Buch in den Blick: Viele der französischen Texte lassen sich auf eine, vielleicht zwei ChrétienSammelhandschriften zurückführen, wie sie z.B. im vermutlich aus Flandern stammenden Chantilly-Kodex (Mitte 13. Jahrhundert)502 und dem aus der Champagne stammende Berner Kodex (2. Viertel 13. Jahrhundert)503 vorliegen. Der Chantilly-Kodex böte z.B. ›L’âtre périlleux‹, Chrétiens ›Erec et Enide‹, Chrétiens ›Lancelot‹, ›Perlesvaus‹, ›La vengeance Raguidel‹ und ›Le Bel Inconnu‹ und der Berner Kodex u.a. Chrétiens ›Perceval‹, ›La mule sanz Frain‹ und ›Le chevalier à l’épée‹. Über den Quellenbefund erschließen sich in medialer Hinsicht interessante Zusammenhänge, denn die apostrophierten frz. Sammelhandschriften waren sicher umfänglich, großformatig, aufwendig ausgestattet. Sie entsprächen damit genau den für deutsche Verhältnisse außergewöhnlich prachtvollen Handschriften von ›Parzival‹ und ›Crône‹ (Tafel 46): Beim ›Parzival‹ prägen von Beginn an für die Gattung untypisch große, modern zwei- und selten sogar dreispaltig eingerichtete, aufwendig ausgestattete Handschriften das Überlieferungsbild. Selbst illustrierte Kodizes kommen vor (Cgm 18, Cgm 19).504 Der sonst noch lange bei älteren (›Iwein‹), gleichzeitigen (›Wigalois‹) und sogar ganz jungen (›Wigamur‹, ›Loccumer Artus‹) Werken gebräuchliche, einspaltige, fortlaufend geschriebene, kleinformatige Standardtyp des 12. Jahrhunderts spielt in der ›Parzival‹-Überlieferung praktisch keine Rolle. Die Situation bei der ›Crône‹ ist ähnlich: Die älteste erhaltene ›Crône‹-Hand-

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Zach (1990); vgl. auch Stein (2000). Zach (1990) S. 381, 386 möchte diesen Text zugunsten der ein ganz ähnliches Motiv (Becherprobe) enthaltenden ersten ›Perceval‹-Fortsetzung als Quelle ausscheiden, wofür es m.E. jedoch keinen zwingenden Grund gibt. Vgl. Cormeau (1977) S. 216–224 u. detailliert Zach (1990). Beschreibung und Lokalisierung bei Nixon (1993a) N° 14 (mit weiterführender Literatur) sowie mit paläographischer und kodikologischer Analyse in Album de manuscrits (2001) Nr. 5. Zur Konzeption des Kodex vgl. Walters (1994) und Busby (2002) S. 405–413. Beschreibung und Lokalisierung bei Hagen (1875) S. 338–345, Rychner (1984) und Rossi (1983) (jeweils mit allen/vielen Einzeltexten) sowie Nixon (1993a) N° 10, bes. S. 34 und Busby (2002)S. 413f., 465 (jeweils mit weiterführender Literatur). Leider ist über die mittelalterliche Provenienz nichts bekannt. Einen Überblick über die Ikonographie des Parzivalstoffs gibt Ott (1992a). Abbildungen aller Bilderhandschriften bietet Schirok (1985).

274

schrift (Tafel 46)505 ist, wie nur für die modernsten Kodizes der Zeit üblich, zweispaltig, in Quartformat, mit abgesetzten Versen und ausgerückten Anfangsbuchstaben eingerichtet. Sie hebt sich damit deutlich von gleichzeitigen Handschriften anderer nachklassischer Artusepen ab und schließt sich wie der ›Parzival‹ eng an frz. Überlieferungsmuster an. Ähnliche Profile zeigen der ›Jüngere Titurel‹, ›Lohengrin‹ und ›Segremors‹, was im Fall von ›Jüngerem Titurel‹ und ›Lohengrin‹ auch nicht überrascht, denn beide Werke sind sowohl mit dem ›Autoridol‹ Wolfram von Eschenbach als auch mit der Gralsgeschichte verbunden. Ein medialer Sonderstatus war damit garantiert. Bliebe der ›Segremors‹. Bei ihm könnte, wie schon bei der ›Crône‹ vermutet, die unmittelbare Anbindung an ein französisches Buch – eine Handschrift von Raouls de Houdenc ›Meraugis de Portlesguez‹ – die mediale Ausgestaltung beeinflußt haben: Die ›Meraugis‹-Handschriften V (Vatikan (Rom), BAV, Vat. reg. lat. 1725, 2. Hälfte 13. Jahrhundert; Blattgröße 29 x 19 cm) und W (Wien, ÖNB, Cod. 2599, um 1300; Blattgröße 29,2 x 20 cm) entsprechen exakt diesem modernen Typ zweispaltig-großformatiger französischer Epen-Handschriften. Eine solche These erscheint um so plausibler, zieht man die übrigen ›nachklassischen‹ deutschen Artusepen als Vergleichsstücke heran: Soweit sie n ic ht auf französische Vorlagen zurückgehen, also auch keine ›modernen französischen Artusbücher‹ bei der Entstehung Pate gestanden haben, sind sie allesamt kleinformatig, schmucklos, einfach. II.3.2.4. Die Zeit der nachklassischen Artusepik Im Streit um die richtige Aufzeichnungsform für Wahrheit und Geschichte – und so wurde der Artusstoff im französisch-angevinischen Westen offensichtlich in weiten Kreisen begriffen (s.o.) – erwuchs Chrétiens Versvariante im Artus-Prosazyklus bald nach 1200 ein wirkmächtiger Gegenpart. Doch trotz bestehender Vorbehalte gegen Chrétiens Artusepen wurden seine Werke und Helden weiter intensiv tradiert und rezipiert. Mehr noch, Chrétiens Helden wirkten aktiv über die Werkgrenzen hinaus. In enger Anlehnung an seine Epen und explizit in seiner Nachfolge entstanden um einzelne, von ihm mit Nebenrollen bedachte Protagonisten umfangreiche Erweiterungen. Typisch für diese sog. nachklassischen französischen Artusepen ist ihr Ergänzungscharakter. Sie nehmen Figuren Chrétiens auf, erweitern das Handlungsspektrum, bieten Nebenhandlungen, Vorgeschichten und Fortsetzungen;506 sind entweder direkt in Chrétien-Sammlungen integriert – so z.B. ›L’âtre périlleux‹, 505

506

Codex Discissus (Datierung: um 1300; Lokalisierung: Nordostrand des Obd.; ostfränkischmitteldeutsch – evtl. Böhmen): Berlin, SBB-PK, mgf 923 Nr. 9 [1 Blatt] + Schwäbisch Hall, StB, ohne Sign. [verschollen, wohl 1 Blatt?]; Blattgröße ca. 20,5 x 16 cm; Schriftspiegel 18,5 x 11–13 cm; 2 Spalten; 38 Zeilen; Verse abgesetzt und ausgerückt; vgl. Schneider (1987) S. 273–275 u. Schiewer (1988) S. 244f. Vgl. Schmolke-Haselmann (1980) und (1998).

275

›Le Bel Inconnu‹, ›Chévalier as deus espees‹, ›Chévalier à l’éspée‹, ›Fergus‹, ›Hunbaut‹, ›La Mule sanz frein‹, ›Lai du cort mantel‹, ›Meraugis‹, ›Rigomer‹ und ›Venegance Raguidel‹ – oder werden in Sammlungsverbünden mit historiographischen, legendarischen oder anderen epischen Texten kombiniert.507 Ein Eigenleben entfalten diese Texte während des gesamten 13. Jahrhunderts nicht. Einzelüberlieferung gibt es – abgesehen von wenigen Sonderfällen wie der Cambridger ›Yder‹-Handschrift508 – im französisch-angevinischen Raum kaum. Die französischen nachklassischen Artustexte sind damit den Überlieferungsbedingungen der jeweils die Sammlungen dominierenden Werke unterworfen. Sie werden ›passiv‹ mitüberliefert. In dieser erg ä n z enden Funktion erreichte letztlich auch keiner der Texte eine größere Popularität, was damit zusammenhängen dürfte, daß die Chrétienschen Artusepen selbst ab Mitte/ Ende des 13. Jahrhunderts vom nun weitaus populäreren Prosa-Zyklus verdrängt wurden und damit als Transportvehikel wegfielen. Die französischen nachklassischen Artusepen in ihrem Überlieferungsumfeld Handschrift

Chrétien de Troyes

darin enthaltene nachklassische Artusepen

Datierung

Bern, BB, Hs. 354

›Perceval‹

›Chevalier à l’éspée‹; ›La Mule sanz frain‹ ›Lai du cort mantel‹ etc.

2. Viertel 13. Jahrhundert

Chantilly, Musée Condé, 472

›Erec et Enide‹ ›Yvain‹ ›Lancelot‹

›Rigomer‹ ›L’âtre périlleux‹ ›Fergus‹ ›Hunbaut‹ ›Le Bel Inconnu‹ ›Raguidel‹ ›Perlesvaus‹

Mitte 13. Jahrhundert

Paris, BN, fr 12603

›Yvain‹

›Chévalier as deus espees‹

um 1300

Vatikan (Rom), BAV, Vat. reg. lat. 1725

›Yvain‹ ›Lancelot‹

›Meraugis‹

um 1300

Paris, BN, fr 1433

›Yvain‹

›L’âtre périlleux‹

1. Viertel 14. Jahrhundert

507

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Vgl. Schmolke-Hasselmann (1998) und dort insb. die Zusammenstellung S. 221 sowie die Beschreibungen zu den genannten Chrétien-Handschriften von Nixon (1993a) N° 10, 14, 32, 35, 38. Cambridge, University Library, EE 4.26. (Blattgröße 25,5 x 18,5 cm; 2 Spalten; 32 Zeilen; anglonormannisch).

276

Im frühen 14. Jahrhundert verschwanden die nachklassischen Artusepen in Analogie zu den Artusepen Chrétiens fast vollständig aus dem französischen Literaturkanon. Nur vereinzelt sicherte die bereits vorher erfolgte Rezeption in anderen Kulturkreisen ein gelegentlich durchaus erfolgreiches Weiterleben in anderen Literaturen. Dies gilt z.B. für Raouls de Houdenc ›Meraugis de Portlesguez‹ im ›Segremors‹ (s.o.), für ›La mule sanz Frain‹› ›Le chevalier à l’épée‹, ›Lai du Cor‹, ›L’âtre périlleux‹ und ›Le Bel Inconnu‹ in Heinrichs von dem Türlin ›Crône‹ (s.o.) und für zahlreiche französische Texte in mittelniederländischen Artusepen wie ›Wrake van Ragisel‹, ›Walewein ende Keye‹, ›Roman von Moriaen‹ oder ›Roman von Torec‹ (Kap. II.3.3). Auch in Deutschland rückten die arturischen Helden der zweiten Reihe bald in den Blickpunkt, doch anders als in den nideren landen, wo man auch bei den nachklassischen Texten den französischen Vorbildern verpflichtet blieb, wurden bei der Konzeption neuer deutscher Artustexte immer seltener französische Vorlagen herangezogen. Die nachklassischen deutschen Artusepen erweisen sich vielfach vollständig losgelöst von etwaigen französischen Quellen. Dies gilt z.Β. für ›Wigamur‹, ›Edolanz‹ und den ›Loccumer Artusroman‹ (Tafel 47). Auf der Basis von Hartmanns und Wolframs Vorstellungen von arturischer Literatur hatte sich in Deutschland eine eigenständige Artustradition etabliert, die eine durchaus der französischen Artusliteratur vergleichbare Vielfalt sog. nachklassischer Artusepen hervorbringt. Anders als die französischen Chrétien-Nachfolger konnten sich die deutschen Werke aus dem unmittelbaren Einfluß Chrétiens bzw. der seiner Übersetzer Hartmann und Wolfram lösen. Zu Überlieferungssynthesen mit den klassischen Texten kommt es nur in seltenen Fällen. Größere Erfolge verzeichnete jedoch keiner dieser genuin deutschen Artusromane. Sie blieben von der Gunst des Publikums ausgeschlossen – und das in einer Zeit, als das Interesse am Artusstoff ungebrochen groß gewesen sein muß.509 ›Iwein‹, ›Parzival‹, ›Wigalois‹ und ›Titurel‹/‹Jüngerer Titurel‹ wurden vom späten 13. bis ins 15./16. Jahrhundert breit überliefert. ›Parzival‹, ›Jüngerer Titurel‹ und ›Wigalois‹ gingen sogar in den Druck.510 Am Ende der Entwicklung hin zu einer nahezu autonomen deutschen Artusliteratur bleiben Überlieferungserfolge allein den sog. Klassikern vorbehalten. Noch exklusiver sind große Formate und aufwendige Aus509

510

Auch im 15. Jahrhundert, als zahlreiche frz. Werke/Stoffe im Zuge einer Art von frankophiler Ritterrenaissance ›wiederentdeckt‹ und übersetzt werden, finden die frz. nachklassischen Artusepen anders als die Chanson de geste-Stoffe kaum Interessenten. Erfolgreich ist nur die Prosaversion des ›Wigalois‹. Diese literarhistorischen Beobachtungen stehen allerdings in einem merkwürdigen Widerspruch zu kulturhistorischen Entwicklungen. So entstehen vieler orten Artushöfe (1319 in Elbing, 1350 in Danzig, 1353 in Braunsberg, sowie in Königsberg, Kulm, Stralsund, Thorn etc.), finden Artusturniere oder Gralfeste (seit 1280 z.B. in Magdeburg ) statt und werden Kinder mit Artusnamen benannt; vgl. mit zahlreichen Beispielen Jackson (2000). Wobei die beiden erstgenannten Werke nur eine Auflage erlebten und vom Publikum als unleserlich, unverständlich charakterisisiert wurden.

277

stattung. Ihnen begegnet man auch jetzt meist nur im Umkreis Wolframs von Eschenbach. Einige Hartmann- (›Iwein‹ W511 u. E512), Wirnt- (›Wigalois‹ O513) und, so man Gottfrieds ›Tristan‹ zu den Artusepen hinzuzählt, auch Gottfried-Handschriften (›Tristan‹ M, r, z/z1514) lassen allerdings im ausgehenden 13. Jahrhundert erste Nivellierungstendenzen erahnen. Aufwendiger ausgestattet sind nun auch der ›Cliges‹-Discissus K, P, Z515 und das älteste ›Crône‹Fragment (G, g516). Das Gros der nachklassischen Artusepen bleibt jedoch, zumal wenn es sich um Texte außerhalb des Wolfram-Kreises oder um Texte genuin deutscher Tradition handelt, von diesen Entwicklungen abgekoppelt. Der literarische Stellenwert der genuin deutschen neuen Werke wurde von späteren Rezipienten wohl ebenso gering eingeschätzt wie von den Zeitgenossen. Die geringe(re) literarische Wertschätzung drückte sich bis ins 15. Jahrhundert direkt in dünn überlieferten, ›billigeren‹ Büchern aus.517

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Der um 1300 bzw. zu Anfang des 14. Jahrhundert im rheinfränkisch-hessischen Raum angefertigte Edinger Kodex (W = Edingen/Enghien (Belgien), Huisarchief van Arenberg, ohne Sign.) ist mit 3 Spalten, 46 Zeilen, abgesetzten Versen und einer Blattgröße von 26,2 x 18,5 cm aufwendig gestaltet; vgl. Brommer (1980), mit Abb. nach S. 280. Groß und aufwendig ist der ›Iwein‹ auch im sog. ›Riedegger Kodex‹ (E = Berlin, SBBPK, mgf 1062: Blattgröße 33 x 23,5 cm; Schriftspiegel 24–25 x 14,5–17 cm). Der ›Riedegger Kodex‹ enthält den ›Iwein‹ allerdings als Teil einer umfassenderen Sammlung mit Strickers ›Pfaffe Amis‹ (R), Neidharts Liedern (R), 2 Strophen lat. Text (nicht identifi ziert), ›Dietrichs Flucht‹ und ›Rabenschlacht‹; vgl. Schneider (1987) S. 226–228 u. Abb. 128. Der im 3. Viertel des 13. Jahrhunderts im bairisch-österreichischen Raum entstandene Discissus Berlin, SBB-PK, mgf 747 + Ljubljana, National- und Universitätsbibl., Ms. 1079, st. 76 sticht mit seiner Blattgröße von ca. 30 x 21 cm (Schriftspiegel 23,5–24,5 x 15–15,5 cm) deutlich von den übrigen ›Wigalois‹-Handschriften des 13. Jahrhunderts ab; vgl. Janko (1982), mit Abb., sowie detailliert Schiewer (1988) S. 248–251. Noch weitaus prachtvoller ausgestattet ist dann eine wohl 1372 im Zisterzienserkloster Amelungsborn für Albrecht II. von Braunschweig-Grubenhagen fertiggestellte bebilderte ›Wigalois‹-Handschrift (Leiden, UB, ms. Ltk. 537). Die Miniaturen erscheinen durch das verwendete Gold zwar kostbar, die Ausführung läßt aber eine Werkstatt von eher geringer Professionalität erkennen. In ihrer Gestaltung erinnern die Miniaturen an die Wienhäuser ›Tristan‹-Teppiche (Abbildung der Eingangsminiatur in Meuwese, 2005, S. 31 Abb. 11). Relativ großformatig ist Frankfurt a. M., StUB, Ms. germ. oct. 5 (Blattgröße ca. 28 x 20– 21 cm). Wirklich aufwendig gestaltet sind aber nur der illustrierte Cgm 51 (M) und der Züricher Discissus (z/z1), wobei der Discissus gleichzeitig den ›Parzival‹ (!) überliefert. Der Ende des 13. Jahrhunderts im nord-/ostbairischen Raum entstandene Discissus Kalocsa, Kathedralbibl., Ms. 312/a + St. Paul im Lavanttal, SfB, Cod. 27/8 + Zürich, ZB, Cod. Z XIV 12 gehört mit einer Blattgröße von 25,7 x 18 cm zu den um 1300 nicht mehr außergewöhnlichen mittleren Großformaten. Modern wirken die ausgerückten, ausgezeichneten Anfangsbuchstaben und die abgesetzten Verse; vgl. Schiewer (1988) S. 242f. u. Gröchenig (1991) S. 613 (Abb. 179). Ähnlich wie der ›Cliges‹-Discissus ist auch der etwa gleichzeitig am Nordostrand des Oberdeutschen entstandene ›Crône‹-Discissus aufwendig gestaltet (Berlin, SBB-PK, mgf 923 Nr. 9 + Schwäbisch Hall, StB, ohne Sign., das Schwäbisch Haller Fragment muß weiterhin als verschollen gelten). Er gehört mit einer Blattgröße von vermutlich 26–27 x 18 cm ebenfalls zu den mittleren Großformaten. Typisch sind wieder die sehr modern wirkenden, ausgerückten, ausgezeichneten Anfangsbuchstaben und die abgesetzten Verse; vgl. Zatloukal (1982) S. 9 u. S. 49f. (Abb.), Schneider (1987) S. 273–275 u. Schiewer (1988) S. 244f. Überlieferung im 13. Jahrhundert: ›Wigamur‹ M (München, BSB, Cgm 5249/28: Blatt-

278

II.3.3. Anmerkungen zur mittelniederländischen Artusepik In den nideren landen erlangten die Chrétienschen Erfolgstexte zunächst keine größere Bedeutung für die Übersetzungskultur, obwohl sie teilweise im Auftrag Graf Philipps von Flandern entstanden waren. Bei genauerem Hinsehen erweist sich jedoch gerade dieser Befund als konsequent: Der flämische Hof Philipps war französisch orientiert und in dieser frühen Zeit bilingual.518 Es bestand bis weit in das 13. Jahrhundert hinein keine Notwendigkeit, die frz. Epen zu übersetzen. Die »Vlaamse en Brabantse aristrocratie« griff direkt auf die französischen Chrétien-Texte zurück. Kienhorsts Vermutung, daß in den Jahrzehnten rund um das Jahr 1200 ein bedeutender Teil der f r a n z ösi sc hen Epenhandschriften in laikalen Schreibwerkstätten (»lekenateliers«) der südlichen Niederlanden entstanden sind, fügt sich in einen solchen Befund harmonisch ein.519 Früh in Übersetzung vorhanden war allein Chrétiens ›Conte del Graal‹. Er blieb auch später fester Bestandteil der niederländischen Artus-Tradition und fand Aufnahme in die große ›Lancelotcompilatie‹.520 Das Fehlen weiterer Chrétien-Übersetzungen deutet darauf hin, daß man erst im späteren 13. Jahrhundert daran ging, in größerem Stil die Artusstoffe zu übertragen. Zu dieser Zeit hatte der französische Prosa-Zyklus die Chrétienschen Verstexte nahezu vollständig verdrängt.521 Die mittelniederländische Übersetzungslandschaft nimmt sich wie ein Spiegelbild dieser Modeerscheinungen aus: Ab der Mitte des 13. Jahrhunderts wurde der Prosa-Zyklus gleich mehrfach, zunächst in Teilen, später auch komplett, übersetzt, bearbeitet und erweitert.522 Neben dem ›Lantsloot van der Hagedochte‹ (um 1260) am bekanntesten ist Jacobs van Maerlant ›Historie van den Grale‹ samt ›Boek van Merline‹. Die von Maerlant um 1261 für Albrecht van Voorne, Burggraf von Seeland, angefertigten Übertragungen von Roberts ›Joseph d’Arimathie‹ und ›Merlin‹ sind in einer vollständigen Handschrift aus dem 15. Jahrhun-

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größe 17 x 12 cm; 1 Spalte; 28–29 Zeilen; Verse fortlaufend); ›Edolanz‹ A (Seitenstetten, SfB, Fragmentschachtel ohne Sign.: Blattgröße 21,3 x 15 cm; 2 Spalten; 32 Zeilen; Verse abgesetzt); ›Loccumer Artusroman‹ (Loccum, Klosterbibl., Ms. 20, Vor- und Nachsatzblatt: Blattgröße 15 x 10 cm; 1 Spalte; mind. 17 Zeilen; Verse fortlaufend). Vgl. zu dieser Vermutung Besamusca (2000) S. 188 sowie allg. zur Bilingualiät in der Picardy, in Wallonien und besonders in Flandern Busby (2002) S. 487, 513–535. Kienhorst (2001) S. 14. Auch Busby (2002) macht deutlich, daß die Rolle des Nordwestens für Produktion und Verbreitung der frz. Literatur keinesfalls überschätzt werden könne (ebd. S. 535). Zur Datierung der Übersetzung der ›Queste del Saint Graal‹ durch einen »Vlaamse dichter« in die zweite Hälfte des 13. Jahrhunderts vgl. Besamusca (1999) S. 42. Zur Überlieferung vgl. Besamusca (1985) u. Kienhorst (1988). Bevorzugt wurde anscheinend der erste Teil mit dem ›Lancelot en prose‹; vgl. zu einigen mittelniederländischen Lancelot-Versionen (›Roman van Lancelot‹; ›Lantsloot van der Haghedochte‹, ›Lancelotcompilatie‹) Besamusca (2000) S. 195–203, sowie die bei Kienhorst (1988) S. 90–101 verzeichneten Textzeugen.

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dert (sog. ›Steinfurter Hs.‹) und drei Fragmenten aus dem 14. Jahrhundert überliefert.523 Maerlant hält sich bei seiner Übertragung zwar prinzipiell an Robert de Boron, mißtraut aber seiner Vorlage. Ick wille dat gij des zeker zijt Dat ick de historie vele valsch Ge vonden hebbe in dat walsch Dar se van gode onse heren sprak.

(Historie van den Grale 20–23).

(Ich will, daß Sie davon überzeugt sind, daß ich die französische Geschichte dort, wo sie über Gott, unseren Herrn, erzählte, sehr oft als unwahr erkannt habe.)

Sein Mißtrauen erweist sich als begründet. Maerlant kann zahlreiche Abweichungen von der Bibel ausmachen. Nach der Heiligen Schrift unter Zuhilfenahme der Apokryphen und Flavius Josephus macht sich Maerlant sofort daran, das valsche oder logentlike der Vorlage zu korrigieren. »Einmal jedoch sieht er sich gezwungen, sie [die Vorlage, JW] völlig zu verlassen, um die wahre Geschichte nach dem Evangelium zu erzählen.«524 Maerlant versteht die Gralgeschichte, der Intention Roberts folgend, konsequent christlich-heilsgeschichtlich. Das Werk trägt Züge einer Bibeldichtung bzw. wird letztlich Bibeldichtung.525 In seinem ›Spiegel historiale‹ arbeitet Maerlant diese kritischen Überlegungen zur Grals- und zur Artuswelt wissenschaftlich auf. Schon im Prolog nimmt der ›Historiker‹ Maerlant dezidiert Stellung zur Historizität der Artus-/Gralwelt. Er geißelt vor allem die vielen zweifelhaften Geschichten und Gestalten in ihrem Umfeld: Dien dan die boerde vanden Grale, Die loghene van Perchevale Ende andere vele valscher saghen Vernoyen ende niet en behaghen, Houde desen Spiegele Ystoriale Over die truffen van Laenvale.526 (Spiegel historiale I,I Prolog, 55–60) (Diejenigen, die irritiert sind und sich ärgern über den Quatsch vom Gral, die Lügen über Perceval und viele andere unwahre Geschichten, sollen diesen ›Spiegel historiale‹ höher schätzen als den Unsinn über Lanval.)

Als historisch wahr anerkennt er nur das, was in der lateinischen Historiographie, also dem ihm vorliegenden ›Speculum historiale‹ des Vinzenz von

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Vgl. Sodmann (1980) mit Beschreibung der Textzeugen sowie zu Maerlant Oostrom (1996) u. Besamusca (2000) S. 191–193. Für die Übersetzung der mittelniederländischen Textpassagen danke ich Bart Besamusca. Vgl. Sodmann (1980) S. 12f. Vgl. zu dieser insbesondere in ›Queste‹ und Roberts ›Estoire‹ angelegten Ausrichtung der Gralsgeschichte Wolfzettel (1997). Möglicherweise eine Anspielung auf den ›Lai de Lanval‹ der Marie de France.

280

Beauvais und der ›Historia regum Britanniae‹ Geoffreys of Monmouth,527 belegt ist. Verifizieren konnte er in den genannten Geschichtswerken z.B. den wilden Merlijn, coninc Aurelius Ambrosius, coninc Uter Pendragoen , coninc Artur, den valscen Mordret und den hertoge Keyen (III,V,13f., 19, 31–34, 49–54 u. III,VI).528 Vehement wehrt sich Maerlant gegen die offensichtlich fiktionalen Gestalten Lancelot, Perceval und Agravain, die nur in den fabelhaften Berichten der Artusepen vorkommen: Van Lancelote can ic niet scriven, Van Parchevale, van Eggraveine. (Spiegel historiale III,V,49, 19f.) (Von Lanzelot kann ich nicht schreiben, ebensowenig über Perceval und Agravain.)

In Maerlants ›Historie vanden Grale‹ und im ›Spiegel historiale‹ können wir ein feines Gespür für historisch-fundiertes Artuswissen und fabelhafte Artusmythen erkennen. Der Literat, Chronist und Universalgelehrte Jacob van Maerlant zeigt damit, daß man dem Mittelalter getrost diese Unterscheidungsfähigkeit zutrauen darf – aber wohl nur einer hochgebildeten Elite und nicht dem durchschnittlichen volkssprachigen Rezipienten. Auf Deutschland – zumal auf das ›mäßig‹ gebildete höfische Publikum dort – ist dieser Befund jedoch nur bedingt übertragbar. Konzeptionell rückt vor allem Wolframs ›Parzival‹ nahe an die heilsgeschichtliche Interpretationsvariante Jacobs van Maerlant (und Roberts de Boron) heran, wenn auch die deutsche Artuswelt per se außerhalb eines engeren realhistorischen Rahmens steht. Das in den lateinischen Chroniken gespeicherte Artuswissen macht man anders als in den Niederlanden (zunächst) nicht für die eigene volkssprachige Geschichtsschreibung bzw. Reimchronistik fruchtbar. Weit umfangreicher als Maerlants Gral-Übersetzung ist die um 1320 in Brabant aufgezeichnete, als Unikat erhaltene Den Hager ›Lancelot-Compilatie‹ Lodewijks van Velthem.529 Neben den Eckpfeilern ›Roman van Lan-

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529

Vgl. zum Wissen Maerlants um Geoffreys ›Historia‹ detailliert Gerritsen (1981) S. 378f. Natürlich wird unter den Kaisern Leo und Zenoen auch Vander Hunen plaghe und von coninc Alarijc, coninc Diederic, dem Hunnenkönig Ettele und Odonacre van Ytale gehandelt (Spiegel Historiael III,V,22–27, 33 u. III,VI,1). Klein (1998) kann mit einiger Sicherheit Velthem auch als Verfasser/Redaktor der ›Lancelotcompilatie‹ wahrscheinlich machen; vgl. zusammenfassend Besamusca (2000) S. 200– 202 u. Meuwese (2005) S. 46f. u. Abb. 29 (die dreispaltig mit abgesetzten Versen eingerichtete und mit Fleuronnée-Initialen ausgestattete Handschrift entspricht dem Muster der frz. Handschriften).

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celot‹, ›Queeste vanden Grale‹530 und ›Arturs doet‹531 aus dem französischen Prosazyklus enthält der gewaltig aufgeschwellte Kodex jeweils an den entsprechenden Stellen in den Kontext eingebaut den ›Roman van Percheval‹, eine Übersetzung des Chrétienschen Versromans ›Perceval‹, sowie zahlreiche weitere, den Handlungsverlauf ergänzende nachklassische Artusepen nach französischen Vorlagen: ›Roman van Moriaen‹ und ›Wrake van Ragisel‹ und ›Roman van den riddere metter mouwen‹ und ›Walewein ende Keye‹ und ›Lancelot en het hert met de witte voet‹ und ›Roman van Torec‹.532 Auffällig ist, daß bei der Auswahl der französischen Vorlagen Prosa- und Verstraditionen problemlos ineinander fließen. »The compiler integrated these texts and a coherent unity resulted.«533 Nur das Endprodukt mußte die Versform haben. Etwaige Prosavorlagen wurden in der Regel534 (re)versifiziert, denn wie in Deutschland konnte sich in den Niederlanden die Prosa als höfischepische Form nicht flächendeckend durchsetzen. Die trotzdem zu beobachtende Präferenz für den Prosazyklus liegt vermutlich in der Chronologie der Übernahme begründet, denn das Gros der mittelniederländischen Artusepen entstand zu einer Zeit, als in Frankreich die Versepen Chrétiens bereits aus der Mode gekommen waren. Anders als in Deutschland blieb der Einfluß der französischen Literatur für die mittelniederländische im gesamten 13. Jahrhundert dominierend, und dies gilt nicht nur für die Artusepik. Trotz dieser auffälligen Westorientierung lassen die wenigen erhaltenen mittelniederländischen Epenhandschriften des 13. Jahrhunderts kaum französische Züge erkennen. Die ältesten Textzeugen mit französischen Adaptationen (›Aiol‹, ›Floyris ende Blantseflur‹) aus dem beginnenden 13. Jahrhundert zeigen sogar Gestaltungsmuster, wie sie im französisch-angevinischen Raum längst aus der Mode gekommen waren. Beide Handschriften sind einspaltig, fortlaufend eingerichtet, kleinformatig.535 Für die Entstehungszeit um 1300 ebenfalls archaisch wirken das Leidener ›Floris ende Blancefloer‹-Fragment536 und der Prager ›Perchevael‹.537 Eine Reihe jün-

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Außerhalb der Kompilation nur in einem Fragment des 14. Jahrhunderts überliefert; vgl. Besamusca (2000) S. 199. Außerhalb der Kompilation nur in einem Fragment des 14. Jahrhunderts überliefert; vgl. Besamusca (2000) S. 199. Vgl. Besamusca (2000) S. 209–222. Besamusca (1994) S. 82–91 (Zitat S. 86). Neben mehreren Versbearbeitungen entstand wohl um die Jahrhundertwende auch eine mndl. Prosaübersetzung. Sie blieb aber ohne größere Resonanz. Vgl. zu den Einrichtungsmustern dieser frühen mittelniederländischen Epenhandschriften Kienhorst (2001), bes. S. 14. Leiden, UB, Ltk. 2040: um 1300; vgl. Kienhorst (2001) S. 29f., 63, 301–303, passim u. Abb. 41. Prag, Bibl. des Klosters Strahov, 392/zl (Ende 13. Jahrhundert/um 1300); vgl. Kienhorst (1988) S. 167f. u. ebd. Abb. H90.

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gerer Artus-Handschriften nach dem Muster des Luiker ›Perchevael‹538 und dem ›Niederfränkischen Tristan‹ (Tafel 48)539 entsprechen einem verbreiteten Standard für die Tradierung volksspachiger Texte. Im letzten Drittel des 13. Jahrhunderts scheint sich der Status der mittelniederländischen Volkssprache für die Tradierung französischer Texte aber generell verändert zu haben. Mehrere mittelniederländische Manuskripte reichen nun an die Pracht der französischen Vorbilder heran: Ganz dem französischen Vorbild verpflichtet zeigt sich z.B. der im letzten Viertel des 13. Jahrhunderts in Flandern entstande, großformatige, dreispaltig mit abgesetzten Versen und ausgerückten Anfangsbuchstaben eingerichtete Leidener ›Wrake van Ragisel‹-Kodex.540 Er entspricht den französischen Vorbildern so detailgenau, daß ein französisches Manuskript als Muster vermutet werden kann. Oder das mittelniederländische Manuskript wurde überhaupt in einem zweisprachigen Skriptorium hergestellt. Auch die Haager ›Lancelot-Compilatie‹ (um 1320) zeigt signifikant französische Buchmuster. Beide Handschriften erscheinen letztlich wie französische Bücher in mittelniederländischer Sprache. Hatte man bis ins ausgehende 13. Jahrhundert im sowieso zweisprachigen Milieu des Hochadels französische Texte und Bücher bevorzugt, werden nun die französischen Muster in die mittelniederländische Literatur und Hofkultur übernommen. Möglicherweise hängt dies mit dem allmählichen Verlust der Zweisprachigkeit zusammen. An vielen Höfen reichte ein französisches Original offensichtlich nicht mehr aus. Wollte man weiterhin die französische Buchpracht genießen, mußte man sie nun in die mittelniederländischen Bücher übersetzen, und zwar im doppelten sprachlichen und medialen Sinn. Als mediale Vorbilder für die Entwicklungen in Deutschland kommen die bis ins späte 13. Jahrhundert hinein auffällig archaisch wirkenden mittelniederländischen Kodizes kaum in Frage. Es steht damit auch zur Diskussion, ob der niederländische Raum überhaupt eine größere Bedeutung für Entstehung und Etablierung einer deutschen Artusliteratur gespielt hat, zumal sich zur deutschen Artustradition in toto weder literarische noch buchtechnische Verbindungslinien erkennen lassen, was punktuell prägende Einflüsse natürlich nicht ausschließt (Prosa-Lanzelot, Merlin). Produktiv gewesen ist die Durchdringung beider Literaturen letztlich aber nur im niederländisch-niederdeutschen Grenzgebiet. Dort entstanden nach mittelniederländischen Vor-

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Luik, Bibliothèque général de l’Université, 1333: Mitte/2. Hälfte 13. Jahrhundert; vgl. Kienhorst (1988) S. 192f. u. ebd. Abb. H105. Wien, ÖNB, Cod. Ser. nova 3968: 4. Viertel 13. Jahrhundert; vgl. Kienhorst (1988) S. 192f. u. Abb. H105A; Schneider (1987) S. 269 u. Abb. 166 Leiden, UB, ms. BPL 3085; vgl. Meuwese (2005) S. 43.

283

lagen Teile des ›Prosa-Lancelot‹ (s.o.), ›Merlin und Lüthilt‹541 und der ›Rheinische Merlin‹, wobei der in der französisch-anglonormannischen und niederländischen Überlieferung sehr präsente Merlin in der deutschen Literatur letztlich konturlos bleibt.542

541 542

Zur Überlieferung vgl. Kienhorst (2001) S. 397. Präsent ist Merlin in Frankreich/England freilich ausschließlich in Geoffreys ›Historia‹ und den ›Prophetia Merlini‹, in Waces ›Brut‹, in Roberts de Boron ›Merlin‹ und im Prosazyklus. Bei Chrétien taucht Merlin nur einmal als Randfigur auf (Erec et Enite 6631). Nur dort, wo diese Werke breit rezipiert werden – in den nideren landen –, spielt Merlin eine herausragende Rolle. Jacob van Maerlant verfaßt um 1261 das ›Boek van Merline‹ (s.o.) und fügt in seinen ›Spiegel historiale‹ eine ausführliche Merlin-Passage aus Geoffreys ›Historia‹ ein. Lodewijk van Velthem ergänzt und bearbeitet anschließend Maerlants ›Merline‹ (›Merlijn-continuatie‹). Ein Anonymus fertigte eine ›Historie van Merlijn‹ in Prosa an. In Deutschland werden die entsprechenden französischen Merlin-Texte nicht oder kaum rezipiert. Merlin bleibt eine beinahe unbekannte Größe. Die wenigen frühen Merlin-Zeugnisse konzentrieren sich fast ausschließlich im ripuarisch-niederdeutschen Gebiet, also im Grenzraum zu den an Merlin jeweils brennend interessierten Niederlanden (und Frankreich); vgl. Brugger-Hackett (1991) S. 202–230 sowie zur manchmal aberwitzigen (Stichworte: andere Zaubererfiguren treten an die Stelle Merlins; Partikularismus der dt. Territorialfürsten vs. Merlin als Königsmacher) Diskussion um Merlin in der dt. Literaturlandschaft Schmidt (1998).

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III. Textkonstitution, Textgenese und Texttradierung in der Hand von Autoren und Schreibern

Einmal fertiggestellte Texte unterlagen im Mittelalter meist schon vom Zeitpunkt ihrer Vollendung an einem fortwährenden Veränderungsdruck. Dies trifft selbst für die antiken Klassiker und die Werke berühmter Autorpersönlichkeiten wie Gottfried von Viterbo, Bonaventura, Williram von Ebersberg oder Martin von Troppau zu. Geschützt vor Veränderungen waren allein die heiligen Bücher: Bibel, Kirchenväter, Liturgie. Ihr Wortlaut galt als sakrosankt, war aber auch nicht vor Schreibfehlern, Vorlagendefekten und Irrtümern sicher.1 Auch wird man hier ein völlig anderes mittelalterliches Verständnis von Authentizität zu berücksichtigen haben, das Änderungen unter bestimmten Prämissen selbst in diesem Literatursegment gestattete. Entsprechende Reflexionen zu Autor und Schreiber sowie Authentizität und Wandel sind im hoch entwickelten klerikal-lateinischen Schriftwesen durchaus verbreitet. Im volkssprachigen Bereich finden sich ähnlich präzise Reflektionen zum Schreibbetrieb selten, lassen aber auch dort ein waches Empfinden für die Besonderheiten der Tradierungsmechanismen und -fairnisse erkennen. Über das Geschick der Handschriften im Tradierungsprozeß machen sich etwa Konrad von Heimesfurt in der ›Urstende‹, Wirnt von Grafenberg im ›Wigalois‹, Thomasin von Zerklaere im ›Welschen Gast‹, Eike von Repgow in der Reimvorrede des ›Sachsenspiegels‹ und Walther von Rheinau in seinem ›Marienleben‹ Gedanken. Geradezu dramatisch schildert Eike seine Angst um das Buch bzw. das Werk: Grot angest geit mek an; ek vorrchte, dat manich man dit buk wille meren unde beginne recht verkeren. (›Sachsenspiegel‹ Prolog 221–224) (Große Angst überfällt mich; ich fürchte, daß viele Menschen – Leser und Schreiber – dieses Buch erweitern werden und das Recht zu verfälschen beginnen.)

Um dieser Gefahr zu begegnen, versucht Eike seinem Rechtsbuch eine bibelgleiche, heilige Aura zu verleihen. Basis ist die im Prolog explizit herausgehobene und in den Bilderhandschriften auch entsprechend visualisierte Vorstellung Got ist selber recht (Sachsenspiegel-Prolog).2 In den Kontext entsprechender Reflexionen gehören auch die ›Buchepisoden‹ in zahlreichen literarischen 1 2

Vgl. Wolf (2002a). Vgl. mit weiteren Beispielen auch aus späteren Jahrhunderten Bein (1998) S. 128–134.

285

Werken. Besonders bei den berühmten volkssprachigen Autoren der Frühzeit begegnen häufig umfangreiche Ausführungen zu Herkunft, Entstehung und Tradierungsgeschichte: Wolfram handelt über seine ›Parzival‹-Vorlage. Ulrich von Zatzikoven gibt präzise Auskünfte zu einem französischen Lancelot-Manuskript und ein minutiöser Bericht Heinrichs von Veldeke zur verwickelten Entstehungsgeschichte seines ›Eneas‹-Romans läßt die Buchwerdung dieses Textes samt Buchraub geradezu lebendig werden. Die Buchberichte sind allerdings stets eingebettet in größere Erzählkontexte, wobei die Bücher selbst zu Protagonisten eines – weitgehend fiktionalen? – Romangeschehens werden. Dies wirft die Frage auf, inwieweit solche Nachrichten tatsächlich der Realität einer volkssprachigen Schriftkultur entsprechen (facta) oder Teil einer literarischen Fiktion (ficta) sind. Spiegelt man diese Buchnachrichten an dem von den lateinischen Autoren und Schreibern entworfenen Bild der gelehrt-lateinischen Buchkultur, wird man den Berichten eine reale Komponente nicht absprechen wollen, auch wenn sie sich im konkreten Erzählzusammenhang als funktionsgebundene (legitimierende und/oder fundierende) Erzählelemente erweisen. In diesem Sinne funktionieren können sie allerdings nur, wenn das Publikum wenigstens über eine Ahnung der damit heranzitierten Schriftkultur verfügte. Eine solche Ahnung wird man beim höfischen Publikum spätestens seit dem 12. Jahrhundert getrost voraussetzen können, wie nicht zuletzt die überwältigende Präsenz von Psalter und Gebetbuch (Kap. II.1.4) am weltlichen Hof belegen.3

III.1. Der Autor und sein Werk Im Feld der lateinischen Schriftlichkeit begegnen das gesamte Mittelalter hindurch immer wieder Autorpersönlichkeiten, die sich nach der Fertigstellung eines Werks weiter intensiv um ihren Text bemühen. Für unseren Zusammenhang sind dabei vor allem die in Autographen erhaltenen Beispiele aus dem 12./13. Jahrhundert von Interesse.4 Sie lassen erkennen, wie einige berühmte lateinische Autoren ihre Werke in die Überlieferung begleiten. Sie zeigen aber auch, wie labil die Textgebilde in der Hand des Autors oder autornaher Kreise sein konnten: Viele Texte wurden redigiert, gebessert oder kommentiert (cor-

3 4

Vgl. zur oft unterschätzten Bildungswirklichkeit der weltlichen Höfe etwa Bumke (1986) S. 92–102, bes. S. 99ff., Henkel (1991), Green (1994a) und Wolf (2005). Eine große Fülle lateinischer Autographen verzeichnet Lehmann (1920). Zahlreiche Beispiele des 12./13. Jahrhunderts finden sich ebd. S. 12–15. Zu Autographen vgl. grundsätzlich Honemann (2000) und die bereits mehrere Hundert vornehmlich spätmittelalterliche lateinische und deutsche Autographen umfassende Datenbank http://www.uni-muenster. de/Fruehmittelalter/Projekte/Autographen/Abfrage.html; zu Inhalten und Funktionsweise der Datenbank vgl. Honemann (2001).

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rectio 5), andere z.T. massiv verändert, umgearbeitet, völlig neu gestaltet oder im Auftrag des Autors bzw. sogar von ihm selbst mit Bildern und anderen aufwendigen Accessoires versehen.6 Eigenhändig mit Korrekturen und Randbemerkungen versehen hat z.B. Sigebert von Gembloux († 1112) viele seiner Chronikfassungen.7 Gervasius von Tilbury korrigierte die vatikanische Handschrift seines ›Liber de mirabilibus mundi‹ (1215/16) eigenhändig.8 Das Cambridger Exemplar der ›Chronica Maior‹ wurde von ihrem Verfasser Matthew Paris selbst mit kostbaren Federzeichnungen versehen. Später schenkte Matthew das von ihm ›betreute‹ Buch seinem Kloster St. Albans bei London.9

Bei vielen dieser selbst geschriebenen bzw. diktierten und selbst betreuten Handschriften fällt auf, daß sie zwar nur selten eine verschwenderische Pracht (Handschrift des Matthew Paris) zeigen, in der Regel aber meist eine gehobene Ausstattung und ein mittleres bis hohes Schriftniveau bieten. Das Schriftbild ist sauber, die Einrichtung professionell. Autographischen Charakter haben häufig nur die Korrekturen, Durchstreichungen und Randbemerkungen. Autorexemplare wird man sich also nicht nur als unansehnliche Konzepte oder Kladden vorzustellen haben, sondern auch – sogar vornehmlich – als vollwertige Bücher. Die Autoren kümmerten sich um Inhalt und Form gleichermaßen. Ähnliche Phänomene sind in der volkssprachigen Schriftlichkeit im Umfeld ›fürsorglicher‹ Autoren und/oder Skriptorien zu beobachten.10 Zu den ältesten volkssprachigen Beispielen gehören die Otfrid-Autographen: Das Wiener ›Evangelienbuch‹ (ÖNB, Cod. 2687) wurde von ihm selbst korrigiert, die Wolfenbütteler Priscian-Handschrift (HAB, Cod. Guelf. 50 Weiss.) eigenhändig mit Glossen versehen. Von ihm stammen die Rahmen- oder Catenen-Kommentare in Wolfenbüttel, HAB, Codd. Weiss. 33 (Isaias); Weiss. 32 (Ieremias); Weiss. 36 (kleine Propheten); Weiss. 26 (Evan5

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7 8 9

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Im Selbstverständnis der Autoren spielt die correctio eine so zentrale Rolle, daß sie im Werk selbst vielfach ausführlich thematisiert wird; vgl. mit entsprechenden Beispielen Meier (2000) S. 344f. Zur weit verbreiteten Vorstellung vom Autor als Schreiber und Betreuer seines Werks vgl. Meier (2000) S. 347–351 u. Abb. 27–37 (am Schreibpult sind z.B. zu sehen Boethius, Rupert von Deutz, Hugo von St. Victor, Hilduin von St. Denis, Lambert von St. Omer, Vinzenz von Beauvais, Brunetto Latini). Lehmann (1920) S. 13 Anm. 1–3. Vatikan (Rom), BAV, Cpl 933 (großformatig, zweispaltig); vgl. zur Handschrift Heinrich der Löwe (1995) E 21. Cambridge, Corpus Christi, MS 16 (großformatig, zweispaltig, illustriert); vgl. zur Handschrift Heinrich der Löwe (1995) E 17. Zu einer weiteren autornahen bzw. teilweise von Matthew selbst geschriebenen Chronik-Handschrift vgl. Morgan (1987) Nr. 346 u. ders. (1988) Nr. 96 (Manchester, Chetham Library, MS 6712 (A. 6.89)). Perfekte Buchform auf der einen und Fehler auf der anderen Seite verleiten oft zu der Annahme, es könne sich keinesfalls um ein Autograph handeln. Beide Grundannahmen erweisen sich mit Blick auf die lateinische Überlieferung aber als trügerisch, denn dort begegnen ebenso buchtechnisch perfekte wie textuell zum Teil höchst fehlerhafte Autographen. Vorschnelle Pauschalurteile können dazu führen, daß wir Autographen nur schwer bzw. (häufig?) gar nicht als solche erkennen.

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gelien) und Weiss. 59 (Actus apostolorum, Episteln, Apocalypse). Auch von Notker sind zahlreiche Autographen erhalten.11 Später, im 13. Jahrhundert, finden wir in den volkssprachigen Manuskripten allerdings kaum noch konkrete Hinweise auf einen den Text betreuenden Autor. Eine Reihe von Indizien, darunter einige charakteristische Autorbilder (Tafel 49 u. 50),12 die häufig bis zur Fassungsbildung reichende Varianz und besonders einige diesbezügliche Äußerungen der volkssprachigen Autoren lassen aber nicht daran zweifeln, daß auch im volkssprachigen Milieu der Autor als wirkende bzw. vermittelnde Größe begriffen wird. Die Frühgeschichte der epischen Überlieferung ist gekennzeichnet durch eine auffallende Instabilität der Texte. Für die meisten Epen bezeugen die ältesten Handschriften verschiedene Textfassungen, deren Verhältnis zueinander sich nicht eindeutig bestimmen läßt. Je weiter man textgeschichtlich zurückgeht und je näher man dem Autor kommt, um so größer werden die Unsicherheiten und um so größer wird der Spielraum für Vermutungen. Da sich für die meisten Epen dasselbe Bild ergibt, ist anzunehmen, daß nicht Überlieferungszufälle dafür verantwortlich sind.13

Im weiteren entwickelt Bumke ein mögliches Entstehungsszenario mit gestörten und wechselnden Arbeitsbedingungen, offenen oder unvollendeten Teilfassungen, Vortragsfassungen, Umwidmungen und Neufassungen und kommt zu dem Schluß, daß »auf Grund der vorwaltenden Mündlichkeit des höfischen Literaturbetriebs [...] für die Frühphase der Überlieferung mit Teilveröffentlichungen, Mehrfachredaktionen und wechselnden Vortrags- und Auftragssituationen zu rechnen« ist.14 Das Fehlen entsprechender Epen-Autographen15 11

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13

14 15

Vgl. Lehmann (1920) S. 9 und die umfassende Einführung in Bd. I,2 der neuen Ausgabe von Kleiber et al. (2004); detailierte Informationen zu den Autographen bietet die Datenbank: http://www.uni-muenster.de/Fruehmittelalter/Projekte/Autographen/Abfrage.html. Vgl. die grundlegenden Beiträge von Peters zu den romanischen und deutschen Liederhandschriften (Peters 2000b) und der deutschen und französischen Literatur allgemein (Peters 2007) sowie Meier zu der lateinischen Schriftkultur (Meier 2000). In der geistlichlateinischen Literatur wird der Autor allerdings häufig nur als Mittler/Medium zwischen Gott und Buch begriffen: Gott bzw. der heilige Geist diktiert den Text selbst; vgl. Meier ebd., S. 363ff. Vergleichbare Autorbilder sind in volkssprachig-epischen und pragmatischen Handschriften vergleichsweise selten anzutreffen (vgl. Peters 2007 und den Sammelband Autorbilder 2007). Bumke (1996a) S. 60. Zum Fassungsbegriff vgl. grundlegend Bumke (1987), (1990), (1991), (1996) u. resümierend (1996a) bes. S. 30–60. Eine Definition des Fassungsbegriffs bietet Bumke (1996) S. 32. Wichtig sind auch die kritischen Anmerkungen von Schnell (1998) S. 65–69. Schnell gibt zu bedenken, daß sehr häufig selbst hochvariante Fassungen (bzw. offene Texte) keine gravierenden Sinnabweichungen enthalten. Bumke (1996a) S. 60–67 (Zitat S. 67). Nur der freilich schon sehr junge ›Nüwe Parzifal‹ (Karlsruhe, BLB, Cod. Donaueschingen 97) liegt als ›Original‹ vor. Geschrieben wurde das 1336 vollendete Manuskript allerdings nicht von den Autoren Claus Wisse und Philipp Colin, sondern von dem Schreiber Henselin (vgl. Bumke, 1996, S. 23–26, Bumke, 1997 u. Schubert, 2002a). Man darf jedoch davon ausgehen, daß er alle Änderungswünsche, Korrekturen und Anmerkungen der Autoren im Manuskript getreulich umsetzte. Auffällig ist in diesem Zusammenhang, daß sich

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und Belege läßt breiten Raum für Spekulationen. Bumke selbst schränkt ein, daß »frühe Parallelfassungen [...] aber nicht vom Autor herrühren [müssen]; sie können auch durch frühe (mündliche oder schriftliche) Weitergabe des Textes entstanden sein. Eine klare Unterscheidung zwischen Autorfassungen und Gebrauchsfassungen ist nicht möglich.«16 Inwieweit die von Bumke skizzierten besonderen Entstehungs- und Tradierungsbedingungen volkssprachiger Schriftlichkeit die Entstehung von Autorvarianten begünstigt oder sogar erst ermöglicht haben, entzieht sich wegen der desolaten Überlieferungslage der Überprüfung. Die gut belegten Beispiele aus der gleichzeitigen lateinischen Schriftlichkeit lassen aber von Autoren oder autornahen Kreisen getragene Veränderungsprozesse auch im volkssprachigen Bereich als möglich erscheinen. In bestimmten pragmatischen Gattungsfeldern – Predigt, Chronistik, Recht, Medizin und Lyrik – scheinen sie sogar selbstverständlich an der Tagesordnung. In der Chronistik sind beispielsweise von vornherein alle Schreiber zu Ergänzung, Überarbeitung und Fortsetzung aufgefordert: swer so leve vorebaz, / swaz dan gesche, der scrive daz (SW 66,85– 87) heißt es beispielsweise in der ›Sächsischen Weltchronik‹.17 Ein ChronikSchreiber mußte also geradezu zum Autor werden. Tatsächlich finden wir in der Chroniküberlieferung – egal ob Vers oder Prosa – unzählige Fassungen, Überarbeitungen und Fortsetzungen. In der Buchgestalt geben sich jedoch nur wenige Chronikmanuskripte als ›work in progress‹ bzw. als Autograph zu erkennen. Häufig haben wir vom Prolog bis zur letzten Nachricht ›vollkommene‹ Buchexemplare, wobei dies nicht automatisch gegen ein Autograph sprechen muß. Ähnlich scheint es sich mit vielen Predigtsammlungen, Rechtsbüchern, Lyriksammlungen und der Epik zu verhalten. Die Grenzen zwischen Schreiber/Skriptorium und Redaktor/Autor verschwimmen. Wenn der Schreiber dann häufig doch nicht zum Autor wird – auch in der vermeintlich hochvariablen volkssprachigen Predigt-, Lyrik- und Chroniküberlieferung kommen immer wieder ganze Serien nahezu unverändert kopierter Manuskripte vor – belegt dies die unterschiedliche Kompetenz und Potenz der Schreiber, und es zeigt, daß konkrete Vorstellungen von Werk und Autor im mittelalterlichen Literaturdiskurs durchaus eine Rolle spielten.

16 17

Schreiber und Autoren nicht nur um einen ›guten‹ Text, sondern auch um einen ›schönen‹ Buchkörper bemühten: In Korrekturvorgängen wurden zu diesem Zweck beispielsweise über den Satzspiegel hinausragende Zeilen auf Rasur durch Veränderung des Schriftgrades, Einfügen oder Auslassen von Worten soweit verkürzt bzw. verlängert, bis sie ein harmonisches Layoutbild ergaben; vgl. mit minutiösen Nachweisen Schubert (2002a). Bumke (1996a) S. 66. Vgl. Wolf (1999).

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III.2. Der ›Schreiber‹ als produktionstechnische und literarhistorische Größe Der Größe Schreiber war man sich im lateinischen wie im volkssprachigen Literaturdiskurs als entscheidender Mittlerinstanz zwischen Autor und Rezipient bewußt. Er sorgte für den Transport der Texte. Er zeichnete für die Verbreitung der Werke verantwortlich. Er war Garant von Textqualität und Textintegrität. Das Echo auf die Arbeit der Schreiber fiel allerdings längst nicht immer so positiv aus, wie es die bekannte Schreiberminiatur in der Münchner IsidorHandschrift (um 116018) suggeriert (Tafel 51). Auf dem oberen Bild überreicht der Autor Isidor von Sevilla sein Werk persönlich dem Bischof Braulio von Saragossa. Ihm hatte Isidor die zwanzig Bücher der ›Etymologiae‹ gewidmet. Unten wird im Beisein Christi und des Teufels die Schreibarbeit des auf dem Totenbett liegenden Schreibers Swicher von den Engeln gewogen. Die Schale mit Swichers Isidor-Abschrift neigt sich schwer nach unten. Sie ist so gewichtig bzw. vortrefflich, daß der Teufel unverrichteter Dinge abziehen muß. Die Seele des gelobten Schreibers wird daraufhin von einem Engel am oberen Bildrand direkt in den Himmel geleitet.19

Swichers Abschrift war von hervorragender Qualität, aber dies galt längst nicht für alle Schreibprodukte. Schreibfehler, Augensprünge, entstellende Nachlässigkeiten, Auslassungen, mangelnde Lateinkenntnisse und Mißverständnisse waren an der Tagesordnung.20 Auch der bisweilen recht freie Umgang der Schreiber mit der Vorlage und der fehlende Respekt vor der Autorität eines Autors oder vor einem Werk wurden oft mit Befremden wahrgenommen. Klagen über unerfahrene, schläfrige, inkompetente oder zu autonome Schreiber und Korrektoren21 sind nicht nur im hochreflektierten lateinischen,22 sondern auch im volks-

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22

Vgl. Klemm (1980) S. 64f. mit Abdruck der lateinischen Inschriften und Klemm (1987) S. 49f u. Tafel 23, 111. Zur außergewöhnlich anmutenden Gleichbehandlung von Autor und Schreiber vgl. die Literaturhinweise bei Klemm (1980) S. 65. Vgl. grundlegend Schubert (2002b), sowie Schmitz (1991), P.G. Schmidt (1994), Petersohn (1996) und Rohr (1999) mit Auflistungen von Fehlertypen. P.G. Schmidt gibt zu bedenken, daß selbst Autographa berühmter Dichter wie Boccaccio und Petrarca keinesfalls fehlerfrei sind (ebd. S. 184). In einer Richalmus-Handschrift des 13. Jahrhunderts (Innsbruck, UB, Cod. 36) findet sich am Schluß die Feststellung, »daß das Werk des Richalmus ohne Sorgfalt überliefert sei, und zwar auf Grund der Nachlässigkeit des Schreibers wie auch des Korrektors. Diese speziell für das Werk des Richalmus getroffene Feststellung wird dann im Schlußwort der Handschrift verallgemeinert und auf das Schicksal der Bücher bzw. der Texte im allgemeinen bezogen« (Neuhauser, 1997, S. 159, vollständiger Abdruck der Passage ebd. S. 162–164). Vgl. zu einigen Beispielen aus dem lateinischen Schreibbetrieb Schmitz (1991) S. 82, Schmidt, P.G. (1994) S. 184 u. Neuhauser (1997). Besonders kraß fällt das Urteil des Petrus von Blois (vor 1189) aus: ›Heutzutage sind alle Schreiber sowohl armselig und fehlerhaft als auch lügnerisch‹ (Omnes hodie scriptores mendici et mendosi atque mendaces sunt, Brief 23).

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sprachigen Literaturbetrieb verbreitet: Wirnt von Grafenberg mahnt im Prolog23 seines ›Wigalois‹ in der Gestalt des sprechenden Buchs24 zukünftige Leser und Schreiber, nichts am Sinn der Geschichte zu verändern. Wer hât mich guoter ûf getân? sî ez iemen der mich kan beidiu lesen und verstên, der sol genâde an mir begên, ob iht wandels25 an mir sî daz er mich doch lâze vri valscher rede: daz êret in. ich weiz wol daz ich niene bin geliutert und gerihtet noch sô wol getihtet michn velsche lîhte ein valscher man, wan sich niemen vor in kan behüeten wol, swie rehte er tuot. (Wigalois 1–13). (Welcher gute Mensch hat mich [das Buch] aufgeschlagen? Ist es jemand, der mich sowohl lesen als auch verstehen kann, der soll Nachsicht mit mir üben, auch wenn er wandel – Korruption/Fehler/Makel – bei mir finden sollte, und mich mit übler Nachrede verschonen. Das ehrte ihn selbst. Ich weiß gut, daß ich niemals so rein und gerade bin, noch so gut gedichtet sein kann, daß mich nur zu leicht jemand, der selbst zwielichtig ist, verfälschen könnte, denn vor ihm kann sich niemand vollständig schützen, wie sehr er sich auch bemüht.)

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In einigen jüngeren Handschriften aus dem 14./15. Jahrhundert fehlen die markanten Eingangsverse des Prologs. Die einzige komplette Handschrift aus dem 13. Jahrhundert (Hs. A) enthält den vollständigen Prolog. Ein Rezeptionszeugnis der ersten ›Wigalois‹-Prologverse zu Beginn des II. Buchs von Rudolfs von Ems ›Willehalm von Orlens‹ (2143ff.) belegt, daß in den zeitgenössischen ›Wigalois‹-Handschriften diese Passage – noch – integraler Bestandteil des Buchs war. Anstoß erregten die ganz auf die Schriftlichkeit des Werks abzielenden Verse anscheinend erst später (im 14. Jahrhundert?). Vgl. zu diesem auf antiken Traditionen beruhenden Bild Scholz (1980) S. 125–135, Wenzel (1995) S. 204–225 u. Ernst (1997) S. 263f. In nahezu der gleichen Bedeutung wird wandel auch von Heinrich von dem Türlin in der ›Crône‹ (140–143) benutzt: Ich bitte an disem buoche, / Swer ez lesen gerouche, / Ob wandel einhalp sî ... Vgl. Scholz (1980) S. 125–130 sowie mit völlig anderer Sinngebung der entscheidenden Sequenz (3–5) Wenzel (1995) S. 220f. Wenzel übersetzt sehr frei (m.E. den Kern der Sache verkennend) mit »Der soll Nachsicht mit mir haben, soll mir den Vorwurf falscher Rede ersparen, wenn er eine Unstimmigkeit bei mir findet«; zum Bedeutungsspektrum des Begriffs wandel vgl. die Belege im Lexer III,669f.: Anders als im Nhd. umschreibt der Terminus wandel im Mhd. ein breites Bedeutungsspektrum von wertneutral Änderung, Tausch, Wechsel (mlat. mutatio, vgl. Diefenbach S. 374 u. DWB 27, 1922, Sp. 1524f. u. 1540f.) bis hin zu den negativ besetzten Termini Makel, Tadel, Fehler, Korruption (vgl. DWB, ebd., Sp. 1543f.), wobei im mhd. Gebrauch die negative Konnotation zu dominieren scheint (vgl. Lexer III, 669–675). Auch die relevante Stelle aus dem Prolog von Wirnts von Grafenberg ›Wigalois‹ – das sprechende Buch beklagt sich: ob iht wandels an mir (dem Buch) sî (Wigalois 5) – ist negativ konnotiert und versteht wandel als Fehler bzw. Korruption. Wirnt kennt an anderer Stelle in anderem Zusammenhang aber auch die wertneutrale Bedeutung von wandel als Veränderung (z.B. Wigalois 8968–70). Für die ›Wigalois‹-Stelle scheinen mir »wandelbarkeit, makel, fehler« am treffendsten.

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Den wandel des Wortlauts nimmt der mit dem zeitgenössischen Schreibbetrieb vertraute Wirnt26 wohlwissend als ein grundsätzliches Phänomen des mittelalterlichen Schreibbetriebs fast wortlos hin. Noch weiter geht Konrad von Heimesfurt. Im Prolog zur ›Urstende‹27 verwahrt er (bzw. sein Buch) sich ausdrücklich dagegen, daz mir iemen iht dar abe / mit pumz oder mit mezzer / schabe und mir bezzer / in dem margine dâ bî / des in dem blate vergezzen sî (Urstende 14– 18). Konrad versucht selbst Veränderungen am bereits fertigen Manuskript zu unterbinden. Niemand sollte mit pumz (Bims28) oder mit mezzer (Messer29) am Text manipulieren. Auch vermeintliche ›Verbesserungen‹ in dem margine (auf dem Blattrand) verbat sich Konrad.30 Gegensätzlich argumentiert Walther von Rheinau in seinem ›Marienleben‹. Er drängt die, die gelêret sîn (›Marienleben‹ 165), förmlich dazu, Swaz si an diesem büechelîn Valsches iender vinden, Daz si den widerwinden Und in ze der wârheit staben Oder von dem buoche schaben. (Marienleben 166–170). (Was auch immer sie in diesem Büchlein an Betrug finden, daß sie sich dagegen wenden und ihn zur Wahrheit leiten oder aus dem Buch herausschaben.)

Aber ließen sich die Schreiber von solchen Mahnungen beeindrucken? In der ›Wigalois‹-Überlieferung finden sich gleich an mehreren Stellen, wo es um die Beschreibung höfischer Moden (Wigalois 10 544ff., 10 561ff.) und die Umsetzung neuer stilistischer Errungenschaften (Dreireime31) geht, Veränderungen.

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Interessant ist in diesem Zusammenhang der Hinweis von Scholz (1980) S. 128f. auf den als buchgelehrten weltlichen Literaten stilisierten hern Wirent dâ von Grâvenberc (Der Welt Lohn v. 47) in Konrads von Würzburg ›Der Welt Lohn‹. An der entscheidenden Stelle heißt es zum Protagonisten Wirnt: Sus saz der hôchgelobte / in einer kemenâten, / mit fröuden wol berâten, / und hæte ein buoch in sîner hant, / dar an er âventiure vant / von der minne geschriben. / dar obe hæte er dô vertriben / den tag unz ûf die vesperzît; / sîn fröude was vil harte wît / von süezer rede, die er las (Der Welt Lohn 52–61). Die – dürftige – Forschungsliteratur zum Prolog faßt Hoffmann (2000) S. 2 Anm. 4 zusammen. Bims diente zum Aufrauhen des Pergaments (insb. bei insularem Pergament verwendet) und zur Radierung. Mit dem Federmesser ließen sich Fehler (oder Unerwünschtes) ausrasieren. Konrad spricht hier wohl aus seinen Erfahrungen mit dem lateinischen Schreibbetrieb (als phaffe? Hinvart 20f.; vgl. zur Biographie Hoffmann, 2000, S. 1–6). In deutschen Handschriften der Zeit finden sich Rasuren oder marginale Korrekturen eher selten – häufiger sind sie aber z.B. in der eben dieser klerikal-lateinischen Sphäre zuzurechnenden Vorauer Handschrift 276 (s.o.); Nachweise einiger Rasur-Beispiel aus diesem Kodex bei Nellmann (2001) S. 382–388. Vgl. zur Bedeutung von Mehrfachreimen Achnitz 2000.

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Im ›Wigalois‹-Discissus E32 sind z.B. abweichend von der A-Fassung33 mehrfach zusätzliche Dreireime überliefert. Sie fügen sich gut in das Textgefüge ein und sind dann auch in den jüngeren Handschriften überliefert. Wigalois 826–829

Mode/ Dreireim

A ein zobel reichte ir ûf die hant, der was swarz vnde breit, gemischet grâ vnde reit.

E ein zobel reichte ir ûf die hant, der was swarz vnde breit gemischet gra vnde reit, als noch manic vrouwe treit.34

Wigalois 1512–17 die greif er über ir willen an, sô daz si weinde unde schrê. deheiner slahte vntvgent Dreireime er nie mê er von sîner kintheit nie unz an sînen tôt begie.

die greif er über ir willen an, sô daz si weinde unde schrê. deheiner slahte untugent mê nie mê er von sîner kintheit nie unz an sînen tot begie. diu selbe in zuo dem steine niht lie.

34

Ein verantwortungsbewußter Schreiber bzw. Redaktor hatte es wohl für geboten erachtet vielleicht auf Wunsch eines literarisch versierten Auftraggebers Altes, Überkommenes zu aktualisieren und stilistisch nachzubessern.35 Ein ganz anders gelagertes Problem beschäftigte den von Frîûle gebornen Thomasin. Er forderte von Schreibern und Redaktoren aufgrund seiner beschränkten Deutschkenntnisse redaktionelle Eingriffe zur sprachlichen Verbeserung seines Werks: ich bin von Frîûle geborn und lâze gar âne zorn swer âne spot min getîht und mîne tiusche bezzert iht. (Welscher Gast 71–74) (Ich bin von Friaul geboren und lasse es völlig ohne Groll geschehen, wer auch immer mein Werk und mein Deutsch etwas verbessert.)

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Freiburg i. Br., UB, Hs. 445 + New Haven, Yale University, Beinecke Library, MS 481, no. 113 + Wien, ÖNB, Cod. 14612; vgl. Hilgers (1971) Nr. 12 (= a + Nr. 35) u. detailliert Bertelsmeier-Kierst (1992). Die äußere Gestalt des Kodex und die flüchtige, schnelle Schrift lassen bei den erhaltenen Fragmenten eher an eine Abschrift eines bereits überarbeiteten Kodex als an das Autograph des Redaktors denken. Köln, Hist. Archiv der Stadt, Best. 7020 (W*) 6; vgl. Hilgers (1971) Nr. 18. Hier wird wohl bereits retrospektiv auf eine nicht mehr aktuelle, wohl aber noch bekannte Mode angespielt. Zahlreiche weitere Beispiele aus der lateinischen und deutschen Literatur bei Scholz (1980) S. 136–139 u. Grubmüller (2002) (überwiegend aus dem 14./15. Jahrhundert).

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Der Wunsch wurde umgehend erfüllt, und »die Überlieferung zeigt, daß nach Erfüllung seines Wunsches nur noch wenig Interesse am ursprünglichen Wortlaut seines Werkes bestand: 18 der 24 erhaltenen Handschriften überliefern eine« sprachlich-stilistisch stark überarbeitete Fassung, »die allerdings kaum nennenswerte inhaltliche Abweichungen aufweist«.36 Ein noch schwerer wiegendes Motiv trieb gegen Ende des 13. Jahrhunderts Walther von Rheinau dazu – gelehrte – Experten zur Korrektur seines ›Marienlebens‹ aufzufordern. Er fürchtete um die Wahrheit des heiligen Textes. Zu diesem Zweck ermutigte er die, die geleret sîn (165), Swaz dar an unrehtes sî zu korrigieren bzw. vom Pergament abzuschaben. Fehlerhafte Bücher sollten sogar verbrannt werden (170, 16 125–16 128). Bezeichnend für das Umfeld solcher scheinbar hochreflexiven Überlegungen zum Schreibbetrieb im volkssprachigen Milieu ist allerdings die Herkunft der drastischen Ausführungen Walthers von Rheinau: Er übernimmt sie in nahezu wörtlicher Übersetzung aus seiner lateinischen Quelle, der vor 1250 in Südostdeutschland entstandenen ›Vita beatae Mariae virginis et salvatoris rhythmica‹ (Vita 35ff.).37 Vergleichbare Motive werden allen Lesern schon von Williram von Ebersberg im Prolog seines ›Hohelied-Kommentars‹ mit auf den Weg gegeben, und »die Forderung nach instructio und emendatio librorum (P 3)« ist entgegen der Meinung der Williram-Herausgeber keine archaische Erinnerung »an die längst vergangene Bewegung der sogenannten ›karoloingischen Renaissance‹«,38 sondern sie ist hoch aktuell. Opusculum hoc quamdiu vixero doctioribus emendandum offero; siquid peccavi illorum monitu non erubesco eradere, siquid illis placuerit non pigritor addere. (Williram-Prolog P 12) (Solange ich lebe, biete ich dieses Büchlein denen zur Verbesserung an, die gebildeter sind als ich; wenn ich einen Fehler gemacht habe, schäme ich mich nicht, ihn auf ihre Mahnung hin auszumerzen, und wenn ihnen etwas richtig erscheint, werde ich nicht zögern, es hinzuzufügen.39)

Auch bei Heinrich von Hesler in der ›Apokalypse‹ (1303–1362) werden ähnliche Gedankengänge formuliert. Wie Williram behält er sich in personam die Verfügungsgewalt über das Werk vor: Fehler sollen bei ihm ›gemeldet‹ werden. In den Text einbauen darf die Verbesserungen nur der Autor selbst. 36 37

38 39

Williams-Krapp (2000) S. 20; vgl. Schubert (2002b) S. 231f.: Kategorie 1a = Anpassung an einen anderen Dialekt. Et in locis singulis ponendi sunt auctores, / Qui sunt huius carminis verissimi doctores / Si qua tamen hic fortassis apocrifa ponantur, / Non idcirco perprudenter ut falsa condempnantur. / Illud autem deprecor a viris litteratis: / Hic si que repperierint, que limen veritatis / Excedant, illa corrigant vel radant detruncando, / Vel ut libet totum opus condempnent reprobando, / Ego quia nihil hic scribens assevero, / Que cupiam astruere pro falso vel pro vero (Vita 35– 44) und Ob benigne dei matris et virginis amorem / Hunc suppleant, vel corrigant, vel etiam abradant, / Vel, si placet, totum librum ad comburendum tradant (Vita 7999–8001). Lähnemann/Rupp (2004) S. XI. Lähnemann/Rupp (2004) S. 4/5.

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Auf die Zeit nach seinem Tod blickt Heinrich deshalb mit besonderer Sorge. Aus Angst vor unsachgemäßen Änderungen sieht er nur die Möglichkeit, auf einer ›konstanten‹ Tradierung des Werks zu bestehen. Wie wenig man sich um solche Mahnungen scherte, belegen hochvariante Beispiele aus der Überlieferung des ›Liet von Troye‹, des ›Iwein‹, des ›Erec‹, des ›Alexander‹, des ›Sachsen- und Schwabenspiegels‹ und zahlreicher Reim- und Prosachroniken. Für den epischen Bereich exemplarisch herausgegriffen seien der ›Iwein‹ mit der Gießener Version B sowie Herborts ›Liet von Troye‹ mit den S-Fragmenten aus Skokloster: Die B-Fassung des ›Iwein‹ enthält zahlreiche abweichende Lesarten, den Text erweiternde Plusverse und mit Lunetes Hochzeit einen versöhnlicheren Schluß (s.u.). Auch die HerbortVersion S bietet zahlreiche von H abweichende Lesarten bzw. Passagen. Der S-Text zeichnet sich z.B. durch elegantere Formulierungen aus. Dafür sind einige Passagen umgestellt und Wörter ausgetauscht. Manche Stellen sind zudem gekürzt, rhythmische Unebenheiten geglättet. 40 »Aber insgesamt verändert sich der Bedeutungsgehalt der in S erhaltenen Passage von 736 Versen nicht.«41 Weiter reichten die Eingriffe bei der Rechtsliteratur, der Lyrik, den medizinisch-naturkundlichen Texten, den Predigten und den Chroniken. Die Sinnstruktur wird aber auch hier ausgesprochen selten angetastet. Selbst größere Eingriffe, die zu Fassungen – sog. Parallelfassungen42 – führten, betraffen letztlich nur wenige Prozent des Versbestandes. Bei den vermeintlich hochvarianten ›Iwein‹- und Herbort-Handschriften sind es weniger als 4% und beim ›Wigalois‹ kaum mehr als 1–2% des gesamten Versbestandes. Noch geringer sind die quantitativen Differenzen etwa bei den ›Parzival‹Fassungen *D und *G.43 Und selbst mit diesen vergleichsweise bescheidenen Varianzdimensionen bewegen wir uns schon am oberen Ende der Skala. Sie werden nur von wenigen Parallelfassungen wie beim ›Erec‹, 44 beim ›Nibelun-

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Minutiös nachgewiesen von Bumke (1991). Schnell (1998) S. 66. Zum Fassungsbegriff s.o. Stadler (1906) S. 10 spricht bei Hs. G von einer planvollen Umarbeitung, deren Ziel es war, »auf ein allgemeineres Verständnis hinzuarbeiten und im übrigen eine strengere Einhaltung der herrschenden Kunstgesetze« im Sinne Hartmanns von Aue zu gewährleisten. Bonath (1970/71) Bd. I, S. 27–33 hat jedoch nachgewiesen, daß Stadlers vielzitierte These auf falschen Grundlagen beruhte. Bonath (ebd. Bd. 2) kann in minutiöser Detailanalyse die Differenzen zwischen *D und *G herausfi ltern. Sieht man alle Einzelbefunde zusammen, wird man zwar von deutlichen Fassungsunterschieden sprechen können (vgl. ebd. Bd. 1, S. 58ff., 122–128), letztlich sind sich aber ›Parzival‹ *D und die zur Vereinfachung neigende *G-Fassung ausgesprochen (ca. 98% des Versbestandes) ähnlich. Innerhalb der *D- und *G-Textzeugen gibt es dann fast keine Varianz; vgl. dazu demnächst mit detaillierten Einzelnachweisen die Erträge des Basler Prazivalprojekts (http://www.parzival.unibas.ch/). Vgl. Gärtner (1982) u. Nellmann (1982).

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genlied‹45 und der ›Klage‹46 sowie einigen Kurzfassungen47 und natürlich den großflächigen Umarbeitungen wie etwa in der ›Willehalm‹-Trilogie 48 übertroffen. Aber auch in diesen Fällen setzt die Überlieferung bzw. genauer die konservative Grundhaltung der allermeisten Schreiber der Varianz enge Grenzen. Die einmal entstandenen Parallel- oder Kurzfassungen werden ihrerseits wieder ausgesprochen konstant tradiert oder verschwinden sang- und klanglos von der literarischen Bühne. Selbst die Buchformen paßt man nur allmählich aktuellen, höfischen Moden an. Die Epen-Schreiber waren sich anscheinend bewußt, relativ feste, durch eine – jedoch nicht mit neuzeitlichen Vorstellungen vereinbare – Autor- oder Werkautorität geschützte Textgebilde vor sich zu haben.49 Entscheidend andere Dimensionen der Schreiberautonomie begegnen in Gattungsfeldern, denen feste Werkzusammenhänge fremd sind (Predigt), in denen orale Traditionen in die Schriftlichkeit hineinragen (Lyrik, Heldenepik, Recht, Segen, Rezepte, Eide), in denen schützende Autorpersönlichkeiten fehlen (Kleinepik, Predigt) oder in denen das Werk grundsätzlich auf Zuwachs bzw. Veränderung angelegt ist (Medizin, Naturkunde, Chronistik). Hier stoßen wir vergleichsweise häufig auf den Grad von Offenheit, den Cerquiglini50 und seine Mitstreiter bei der Formulierung ihrer New Philology-Thesen vor Augen gehabt haben dürften: Autonome Schreiber greifen immer wieder massiv in die Textgestalt ein. Sie kürzen, erweitern, führen fort, inter- oder expolieren, stellen um. Extreme Beispiele für diese Art des offenen Umgangs mit Texten finden wir in großer Zahl bei den Arzneibüchern, den Predigten, der Lyrik sowie den Prosa- und Reimchroniken. Sogar relativ fest konturierte Werkverbünde wie die ›Kaiserchronik‹, die ›Sächsische Weltchronik‹, Rudolfs ›Weltchronik‹ und die ›Christherre-Chronik‹ lösen sich in der Tradierung in hochvariante Momentaufnahmen chronistischen Schaffens auf. Gleich mehrere der genannten Chroniken fließen z.B. in einem um 1300 entstandenen Berlin-Münchner-Discissus51 zusammen.

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Vgl. dazu das Textmaterial bei Batts (1971). Vgl. dazu etwa die ›Klage‹-Ausgabe von Bumke (1999) u. grundlegend Bumke (1996). Im 13. Jahrhundert überlieferte Kurzfassungen bieten z.B. die Herbort-Fragmente aus Skokloster (dazu Bumke, 1991), die ›Tristan‹-Fassung in Cgm 51 (M) und die NibelungenHandschrift I/J; vgl. die umfangreichen Listen bei Henkel (1992) S. 3–7 u. Henkel (1993) S. 43–47 sowie speziell zu Cgm 51 und seinem Umkreis Baisch (2006). In der ›Trilogie‹-Variante wird die Textgestalt schon recht früh aufgebrochen bzw. für einen freien Umgang mit dem gesamten Textmaterial – etwa in den Weltchronikversionen des Heinrich von München – vorbereitet; vgl. zur Varianz in der ›Willehalm‹-Überlieferung Schanze (1966) und die Lesarten in der Ausgabe von Heinzle (1991) sowie zum Heinrich von München-Komplex Kiening (1998) und Wolf (2003). Vgl. zu mittelalterlichen Autor- und Werkvorstellungen z.B. die bei Scholz (1980) S. 136– 139 u. Schnell (1998) S. 60–62 zusammengestellten zeitgenössischen Belege. Cerquiglini (1989). Berlin, SBB-PK, mgf 923 Nr. 12 u. 34 + München, BSB, Cgm 5249/51a: Weltchronikkompilation aus einer Rudolf von Ems nahestehenden Weltchronikversion, der Bibel (?) und der

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Der Redaktor hatte ›seine‹ Weltgeschichte aus mehreren Einzelteilen zusammenmontiert, die in sich wieder einen relativ konstanten Text boten. So wurden die ›Kaiserchronik‹-Passagen nahezu wörtlich implantiert. Ein ganzes Konglomerat immer wieder neu aufbereiteten Materials wird schließlich unter dem Autornamen Heinrich von München subsumiert.52

Werkentstehung und -tradierung erscheinen schließlich nur noch als Prozesse und die Überlieferung als Momentaufnahmen.53 Aber selbst bei diesen vermeintlich offenen Textgattungen begegnen immer wieder Serien nahezu identischer Handschriften – angefertigt von scriptores, die ihre Vorlage getreulich kopierten. Überhaupt sehen wir in der volkssprachigen Tradierung vergleichsweise selten literarisch versierte, intelligente scriptores oder compilatores am Werk, und wenn, dann betreuen sie primär geistliche (Predigtsammlungen), medizinische (Rezeptsammlungen, Kräuterbücher) und juristische Fachprosa sowie historiographische Fachliteratur und die Lyrik. In der Epenüberlieferung mußte man sich als Autor vergleichsweise wenig Sorgen um die Konstanz der Textgestalt in der Tradierung machen. Dieser Befund verlangt für die Frühzeit der volkssprachigen Epentradierung jedoch eine gewichtige Einschränkung, denn im letzten Viertel des 12. und im ersten Viertel des 13. Jahrhunderts kommen großflächig veränderte Texte (Parallelfassungen) scheinbar überproportional häufig vor. Bumke spricht hier von einer Zeit, als sich die Texte im Geflecht von Aufführungssituationen und oralen Traditionen noch nicht verfestigt hatten.54 Schaut man sich allerdings die volkssprachige Textüberlieferung im späteren 13. und 14. Jahrhundert genauer an, fällt auf, daß die Fassungsbildung in absoluten Zahlen keinesfalls ab- sondern sogar noch zunimmt. Im späteren 13. Jahrhundert wären hier z.B. die ›Tristan‹-Kurzfassung M, die ›Willehalm von Orlens‹-Kurzfassung S und die ›Nibelungenlied‹/‹Klage‹-Kurzfassung I/J zu nennen. Auch nach der Jahrhundertwende entstehen weiter Kurzfassungen und Bearbeitungen höfischer Romane.55 Im 14. und 15. Jahrhundert finden wir schließlich eine ganze Palette verschiedenartigster – auch großflächiger – Umarbeitungen. Hier sei an die verschiedenen Fassungen des ›Wilhelm von Österreich‹ und des ›Friedrich von Schwaben‹,56 den Prosa-›Wigalois‹ und die zahlreichen sog. Volksbücher erinnert. Insgesamt bleibt das Phänomen ›Fassungsbildung‹ vom späten 12. Jahrhundert bis ins Druckzeitalter hinein eine Grundkonstante

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›Kaiserchronik‹ B (Zusammengehörigkeit bisher unbekannt). Vermutlich handelt es sich bei der Kompilation um ein umfangreiches Chronikprojekt mit Alter und Neuer Ee. Vgl. Studien zur ›Weltchronik‹ Heinrichs von München (1998). Eine solche Vorstellung entspräche dem Theorieansatz der New Philologists. Bumke (1996) u. (1996a). Vgl. die Listen bei Henkel (1992) S. 3–7 u. Henkel (1993) S. 43–47. Wichtige Überlegungen zu den Entstehungshintergründen von Kurzfassungen finden sich in den beiden HenkelAufsätzen und bei Strohschneider (1991a). Vgl. grundlegend zu den Fassungen dieser beiden späthöfischen Romane Ridder (1998).

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volkssprachiger Epentradierung.57 Allerdings verändert sich der Anteil entsprechend varianter Handschriften an der Gesamtüberlieferung dramatisch. Sie machen in einem zunehmend breiten Strom nun weitgehend identisch kopierter Manuskripte schließlich nur noch wenige Prozentpunkte aus. Das literarische Umfeld hatte sich verändert: Der in vielen älteren Manuskripten gleichsam spürbare, unmittelbare Kontakt des Auftraggebers zu Werk und Buch ging allmählich verloren. Am Ende einer solchen Entwicklung steht ein abstrakter Kopierauftrag oder es wurde sogar ein bereits fertiggestelltes Manuskript bei einem gewerbsmäßig arbeitenden Schreiber gekauft.58 Der Schreibauftrag war nicht mehr automatisch ein Schlüssel zum inneren Gefüge des Werks selbst. Der Text wurde vom Schreiber im Sinne eines zunehmend abstrakteren Auftrags mechanisch-identisch kopiert und blieb als geschlossene Einheit unangetastet. Schon aus Kostengründen scheint eine zunehmend breitere Schicht literarisch Interessierter jetzt primär an einer bezahlbaren Kopie und nicht an einer textuell und medial aufwendig betreuten, d.h. bisweilen extrem kostenintensiven Bearbeitung interessiert. Und genau diese Interessen wurden von einer sich verändernden, zunehmend heterogeneren Schreiblandschaft mit einigen weiterhin professionell arbeitenden Skriptorien, aber nun auch zahlreichen kleineren Schreibwerkstätten, Kanzleien, Amateur- und Lohnschreibern bedient. Für größere Arbeiten am Text und am Buchkörper fehlte der Masse dieser ›handwerklichen‹ Schreiber das technische und das literarisch-intellektuelle Know-how. Für eine serielle Produktion war eine individuelle Textbetreuung sowieso kaum denkbar. Dies alles konnte man letztlich nur in einem professionellen Skriptorium vorfinden.

III.3. Das ›fürsorgliche‹ Skriptorium In professionellen Skriptorien wurden prachtvolle Zimelien ebenso wie einfache Gebrauchshandschriften in größerer Zahl hergestellt, ausgestattet sowie – und genau dies ist das entscheidende Charakteristikum – oft auch ›fürsorglich‹ betreut. Im lateinischen Schreibbetrieb zeichnen ›fürsorgliche‹ Skriptorien einerseits für die äußerliche Pracht vieler Bibeln, Evangeliare, Psalterien, Chroniken, Rechts- und Wissenssammlungen verantwortlich, andererseits kümmern sich die dort versammelten Experten intensiv um das Innere. Die Texte

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Bumke (1996) S. 296f. unterscheidet hier ›frühe Autor-nahe-Kurzfassungen‹ und ›spätere sekundäre Textveränderungen‹. Eine solche Differenzierung ist für die nur partiell veränderten Epenfassungen des 13. Jahrhunderts und die radikal umgearbeiteten Prosaauflösungen des 15. Jahrhunderts sicher von Nutzen. Sie verstellt aber den Blick auf die kontinuierlich vom 12./13. bis ins Druckzeitalter zu beobachtenden Veränderungs- bzw. Modernisierungsprozesse bei vielen Epen, die sich überwiegend ›intelligenten‹ Schreibern und ›fürsorglichen‹ Skriptorien sowie spezifischen Auftraggeberinteressen verdanken. Zur manufakturiellen Buchproduktion im 13. Jahrhundert vgl. Kap. III.4.

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werden z.T. von einer ganzen Schar von Schreibern/Redaktoren anhand verschiedener Vorlagen und Quellen geprüft, gebessert, überarbeitet oder völlig neu kompiliert. »Wir können dabei davon ausgehen, daß ein nur halbwegs gebildeter Schreiber die offensichtlichen Schreibfehler seiner Vorlage stillschweigend verbesserte.«59 Als Paradebeispiel einer besonders aufwendigen Manuskriptbetreuung sei auf die zweibändige Frankenthaler Bibel (London, BL, Harley 2803–2804) verwiesen: Drei Schreiber waren im Frankenthaler Scriptorium während des 12. Jahrhunderts mit der Herstellung einer Bibelhandschrift betraut. Schreiber A kopierte den Bibeltext nach einer Vorlage aus dem 9. Jahrhundert. Schreiber B korrigierte unter der Oberaufsicht von Schreiber D den Text. Um einen möglichst fehlerfreien Bibeltext zu erhalten, reichte dem Schreiberkollektiv die eine Bibelvorlage nicht aus. Sie zogen mindestens zwei, vermutlich sogar drei weitere Bibeln zum Vergleich heran.60

In ›fürsorglichen‹ Skriptorium entstanden sowohl identische, gleichsam autorisierte, überwachte und durchkorrigierte Kopien als auch stark veränderte, verbesserte, neu gestaltete (Parallel-)Fassungen. Signifikant für Produkte aus einem solchen Umfeld ist die hohe mediale und textuelle Qualität der Handschriften. Dies gilt selbst für einfache Gebrauchshandschriften. Es steht zu vermuten, daß in eben diesen Schreibzentren auch volkssprachige Manuskripte hergestellt wurde. Ganz sicher wird man dies für die textuell besonders intensiv betreuten Exemplare, die auch in der medialen Ausgestaltung vom Üblichen abweichen, annehmen dürfen. Innen und Außen bilden in diesen Fällen wie im lateinischen Schriftwesen eine homogene Einheit. Zu den prominentesten volkssprachigen Handschriften dieser Art gehört die in den letzten Jahren des 12. Jahrhunderts begonnene ›Vorauer Hs. 276‹ (s.o.). Alle Texte dieses umfassenden heilsgeschichtlichen Sammelbandes wurden von einem Schreiber sehr sorgfältig kopiert. Schwierigkeiten bereitete aber die Qualität der Vorlagen:61 Vor allem die vorliegende ›Kaiserchronik‹ war nicht besonders zuverlässig, anscheinend sogar stellenweise defekt.62 Das Problem war im Skriptorium bekannt. Wo immer der ›intelligente Schreiber‹ 59 60

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Schmitz (1991) S. 83; vgl. Schubert (2002b) S. 231f.: Kategorien 3 und 4 = Wiederherstellung und Öffnung des Textes. Vgl. detailliert Cohen-Mushlin (1990) S. 94ff. u. (1994) und vor allem Cohen-Mushlin (1990a). Ebd. finden sich zahlreiche weitere Beispiele zu intensiv betreuten Frankenthaler Manuskripten. Für die volkssprachige Überlieferung interessant ist dabei ein juristischer Sammelkodex (Vatikan (Rom), BAV, Cpl 288; vgl. Cohen-Mushlin, 1990, S. 99f.). Er enthält auf Bl. 158v einen vom Frankenthaler Schreiber M um/nach 1205 eingetragenen und von Schreiber Johannes rubrizierten deutschen Judeneid (›Pfälzer Judeneid‹; vgl. Wolf, 2003a, Nr. 2). Das Skriptorium war also auch mit volkssprachigen Texten vertraut. Nellmann (2001) S. 388. Die mangelhafte Qualität von Vorlagen war in den professionellen Skriptorien der Zeit ein ernstes und durchaus diskutiertes Problem: Zahlreiche Beispiele zu lückenhaften ›Willehalm von Orlens‹-Handschriften listet Nellmann, ebd, S. 391 Anm. 47 auf; eine ausführliche (lateinische) Klage des Schreibers Marcus von Lindau über seine mangelhafte Vorlage druckt Neuhauser (1997) S. 158 Anm. 2 ab. Nellmann (2001); vgl. zur textuellen Qualität des ›Alexander‹ Grubmüller (2000).

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Fehler oder Lücken in seiner Vorlage ausmachen konnte, ließ er Platz für Korrekturen oder Ergänzungen. Was während der Schreibarbeiten nicht gelang, wurde bald nach der Fertigstellung nachgeholt. Man war – wahrscheinlich vermittelt durch den literarisch versierten Auftraggeber Probst Bernhard von Vorau63 – an eine zweite ›Kaiserchronik‹ gelangt. Der Text wurde nun noch einmal durchkorrigiert und mit den entsprechenden Verbesserungen versehen.64 Die Verbesserungen wurden aber nur in kleinerer, flüchtiger Schrift notiert. »Man wird sich das Vorgehen des Korrektors wohl am besten mit der Annahme erklären können, daß ihm die Zweitvorlage nur für einen begrenzten Zeitraum zur Verfügung stand. Vielleicht wollte der Überbringer der Handschrift sie bei der Rückreise gleich wieder mitnehmen; oder der Korrektor mußte sich selbst zum Aufbewahrungsort der Handschrift begeben. Er hätte dann all diejenigen Korrekturen, die aufwendigere Rasuren erforderten, nur vorläufig am Rand notiert und die Nachträge später an der zugehörigen Stelle in den Text eingefügt. Bei dieser Arbeit konnte er wieder auf die (ihm noch vorliegende) Erstvorlage zurückgreifen. Nur so ist zu erklären, daß der Korrektor so oft eine größere Anzahl von Zeilen tilgte, um sie dann, unter Hinzufügung des Nachtrags, ein zweites Mal zu schreiben.«65 So ein philologischer Aufwand um den Text war natürlich nur in einem größeren Skriptorium denkbar. Auch war dazu das besondere Engagement des Auftraggebers vonnöten; und genau diese Momente spiegeln sich im Buchkörper des Vorauer Kodex wider. Dazu gehören das Königsformat von 42,5 x 32,5 cm, die sorgfältige Buchschrift, die für volkssprachige Handschriften dieser Zeit noch unübliche zweispaltige Einrichtung und das aufwendige Gliederungssystem mit farbigen Initialen und Majuskeln. Wenig später entsteht nicht weit entfernt die eng verwandte, ebenfalls sehr umfängliche ›Millstätter Handschrift‹. Anders als bei der Vorauer Sammlung handelt es sich um ein kleinformatiges (Blattgröße 20 x 12 cm), einspaltig eingerichtetes, in einer einfachen Textualis geschriebenes Bändchen. Vergleichsweise kostbar ist der Kodex wegen seiner 119 thematisch auf die Dichtungen bezogenen, allerdings recht einfachen Federzeichnungen. Über den genauen Umfang und das Sammlungsprogramm können wir heute nur noch Vermutungen anstellen, da sie am Schluß erheblich beschädigt ist.66 Wenn

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Nellmann (2001) S. 390 denkt hier an den mit Bernhard befreundeten Erzbischof von Mainz. Dafür spräche der in der ›Summa Theologiae‹, dem ›Lob Salomons‹, den ›Drei Jünglingen‹ und der ›Älteren Judith‹ noch eindeutig dominierende rheinfränkische und der im ›Alexander‹ durchscheinende rheinisch-kölnische (ripuarische) Dialekt (dazu Schneider, 1987, S. 40f.). Auch die zweite ›Kaiserchronik‹ könnte nach Nellmann zur mitteldeutschniederdeutschen Version gehören und damit nach Norden bzw. Nordwesten weisen. Anhand zahlreicher Beispiele minutiös aufgearbeitet bei Nellmann (2001) S. 382–389. Nellmann (2001) S. 387. Klagenfurt, LA, Cod. GV 6/19: erhalten sind 167 Blätter; vgl. Kracher (1967) (Vollfaksimile) sowie Schneider (1987) S. 85–88, Gutfleisch-Ziche (1996a) u. (1997).

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Gutfleisch-Ziche von einem »chronologisch-heilsgeschichtlichen Gesamtrahmen« bzw. von einem »heilsgeschichtlichen Gesamtplan« spricht, erinnert dies frappierend und keinesfalls zufällig an den Vorauer Kodex.67 In unserem Zusammenhang von Bedeutung ist wiederum die auffällige Verbindung von bedingt kostbarem Äußeren (Illustrationen) und aufwendig betreutem Inneren: Der von einer Hand im frühen 13. Jahrhundert68 angelegte Kodex bietet eine Fülle von jeweils intensiv bearbeiteten Texten. ›Exodus‹ und ›Genesis‹ wurden sprachlich und metrisch modernisiert, der ›Physiologus‹ versifiziert.69 Außerdem wurden zu den Texten mit großer Detailgenauigkeit und Textkenntnis inhaltlich exakt passende Bilder eingefügt. Der Kodex erweckt so den Eindruck eines durchgeplanten Gesamtkunstwerks. Vor allem die in fast allen Texten deutlich spürbaren Modernisierungstendenzen zeigen, daß hier veraltete Texte für eine neue Zeit und ein neues, vielleicht nicht mehr im unmittelbaren geistlichen Umfeld zu verordnendes laikal-höfisches (?) Publikum aufbereitet werden sollten.70 »Besonderheiten in [einigen] Texten wie die Rehabilitierung des traditionellerweise männermordenden Vipern-Weibchens im ›Physiologus‹ oder, am Anfang der ›Hochzeit‹, der Vergleich des Mannes, der sein Wissen verschweigt, mit einer Frau, die ihre kostbare Goldbrosche verliert und sie deshalb mit dem mist [...] fur die ture cheret (34), lassen [...] in erster Linie an weibliche Adressatinnen denken.«71 Wiederum einige Jahrzehnte später sehen wir ein weiteres ›fürsorgliches‹ Skriptorium mit der Herstellung von zwei höfischen Büchern befaßt. Es handelt sich um die ›Iwein‹-Handschriften B und F.72 Vollständig erhalten ist der Gießener ›Iwein‹ (B; Tafel 53, 55, 57).73 Der Linzer ›Iwein‹ (F; Tafel 52) liegt als Fragment vor.74 Beide ›Iwein‹-Handschriften weisen eine Reihe moder-

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Vgl. kritisch zusammenfassend Gutfleisch-Ziche (1996a) S. 83f., 89–92 (Zitate S. 91f.). Schneider (1987) S. 88. Die Schrift zeigt schon eine relativ fortgeschrittene Gotisierung (ebd. S. 86f.). Vgl. zusammenfassend zur redaktionellen Arbeit des Schreibers/Redaktors Gutfleisch-Ziche (1996a) S. 80f., 92–95. Gutfleisch-Ziche (1996a) S. 95 Anm. 52, weist mit Recht die Annahme von Henkel zurück, daß es sich bei der ›Millstätter Handschrift‹ um eine aus rein antiquarischem Interesse angelegte Sammlung handele. Dafür wären die aufwendigen Modernisierungen nicht nötig gewesen. Gutfleisch-Ziche (1996a) S. 95f. Beide Handschriften sind identisch eingerichtet (s.u.). Auch der Schrifttyp (nicht die Hände!) und die Formate (Blattgröße B: 12,6 x 8,5 cm; F: 16,4 x 9,7 cm) sind sehr ähnlich. Die Zuordnung zu einem gemeinsamen Skriptorium bleibt wegen der Handdifferenzen (die Handschriften stammen von zwei verschiedenen Händen) und geringer dialektaler Abweichungen (s.u.) allerdings mit einer gewissen Unsicherheit behaftet; vgl. zu B das Faksimile von Bischoff/Heinrichs/Schröder (1964) und zu F Okken (1974) S. 17f. sowie die Farbabbildungen im Internet unter der Adresse http://www.ooe.gv.at/publikationen/ kulturelles_erbe/index.htm (unter der Rubrik ›Handschriften‹). Gießen, UB, Hs. 97 (160 Blätter, davon 4 Bll. + 1 Papierbl. im 16. Jahrhundert ergänzt). Linz, Oberösterr. Landesbibliothek, Hs. 599 (1 Doppelblatt).

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ner Einrichtungsmerkmale auf.75 Und wieder gehen medialer Aufwand und textuelle Fürsorge eine Synthese ein, denn auch der Inhalt bietet markante Besonderheiten. Wichtige Passagen des Linzer Fragments sind zwar verloren, aber der erhaltene Text stimmt über weite Strecken bis hin zu einzelnen Graphien und Abbreviaturen mit dem Gießener Text überein. Auch die Gliederungsinitialen finden sich stets an den gleichen Stellen (vgl. Tafel 52, 53, 55, 57). Abweichungen sind bei einigen Dialektmerkmalen festzustellen. So schreibt der Gießener ›Iwein‹ durchgehend ch für k und pf für ph. Im Linzer Text finden sich neben diesen auch dort vorkommenden Schreibungen k-/c- (sterket, kan, ivncfrôwen, kvmbernt neben chomen, starch) auch ph(phlac neben pfl ac) Schreibungen. Auffällig ist auch, daß im Gießener Text die wenigen abweichenden Lesarten den Text häufig ›verständlicher‹, ›runder‹ machen. Sieht man alle Indizien zusammen, möchte man sich vorstellen, daß der Linzer ›Iwein‹ der im Skriptorium wohl für beide Textzeugen benutzten Vorlage näher steht als das Gießener Exemplar. Dieses scheint schon dialektal geglättet und inhaltlich überarbeitet. Leider ist anhand der wenigen erhaltenen Passagen (4949–4996 + 5191–5237) nicht zu ersehen, ob der Linzer Kodex (und damit möglicherweise auch eine gemeinsame Vorlage) bereits die weitreichenden Umarbeitungen der B-Fassung enthielt. Zur Detailanalyse kann hier nur das Gießener Manuskript herangezogen werden: Der Schluß des Hartmannschen Texts ist bekannt. Die Konflikte sind gelöst. Iwein hat als Löwenritter seine Treue bewiesen. Mit Hilfe von Lunete erreicht er die Versöhnung mit Laudine. Zum völligen Glück fehlt nur noch Lunetes Hochzeit. Normalerweise muß Lunete vergeblich auf ihren Bräutigam warten, doch in der Gießener Fassung findet auch sie ihren rîchen herzogen (Faksimile 8158.1–32). Das Glück ist perfekt – aber nur in dieser Handschrift. Zusätzlich wird der Gießener Text an vielen weiteren Stellen um nützliche Details ergänzt.76 Am prominentesten ist die die gesamte Szenerie verändernde ›Kniefallszene‹ Laudines.77 Bumke78 spricht hier mit Henrici von mehreren echten, d.h. vom Autor oder autornahen Kreisen,79 verantworteten ›Iweinen‹. Nach den Befunden sollte aber keinesfalls ausgeschlossen werden, daß diese Veränderungen erst in einem späteren Tradierungsstadium von einem intellektuell kompetenten (Textüberarbeitung) und buchtechnisch ver-

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Beide Handschriften sind identisch mit abgesetzten Versen, ausgerückten Anfangsbuchstaben und bunten Gliederungsinitialen ausgestattet; zum avantgardistischen Charakter dieser Ausstattungsmerkmale in der volkssprachig-deutschen Buchkunst vgl. Kapitel I.1.3–4. Die von mir skizzierte Entstehungsthese läßt nur den Terminus ›ergänzt‹ zu, wohl wissend, daß sich die Forschung nach wie vor um ›Primär-‹ und ›Sekundärfassung‹ streitet; vgl. zusammenfassend Hausmann (2001) S. 74f. Bumke (1996) S. 5–11, 33–42; Einzelnachweise im Faksimile; vgl. auch speziell zu Laudines Kniefall Hausmann (2001) (mit Nachweis der gesamten älteren Literatur). Bumke (1996) S. 33–42. Vgl. zum Begriff der ›autornahen Überlieferung‹ grundlegend Bumke (1996) S. 60–68.

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sierten (zu Layout, Ausstattung der Handschrift s.u.) ›fürsorglichen Skriptorium‹ verantwortet wurden. In diesem ›fürsorglichen Skriptorium‹ wäre man dann um einen besonders ›guten‹ Text bemüht gewesen. Sogar eine französische ›Yvain‹-Handschrift scheint hinzugezogen worden zu sein, denn die Plusverse stimmen z.T. mit Chrétiens ›Yvain‹ überein.80 Mutet dieser Befund für ein deutsches Skriptorium schon geradezu sensationell an, so wird es noch spannender, schaut man sich die mediale Ausgestaltung der Gießener ›Iwein‹-Handschrift genauer an: Der Kodex ist mit seinen abgesetzten Versen und den ausgerückten Anfangsbuchstaben sehr modern eingerichtet (Tafel 53, 55, 57). Abgesetzte Verse und erst recht ausgerückte Anfangsbuchstaben sind bei deutschen Artusepen dieser frühen Zeit (um 1230) absolut ungewöhnlich. In der gesamten deutschen Artusepik weist überhaupt nur eine einzige gleich alte Handschrift ähnliche Merkmale auf: Der Linzer ›Iwein‹ (Tafel 52) – und der stammt aus dem selben Skriptorium. Noch merkwürdiger wird es, betrachtet man die Initialen. Sie sind aufwendig verziert und zeigen deutlich Ansätze von Fleuronnée – für deutsche Verhältnisse erneut ein absolutes Novum. Was in Deutschland geradezu als avantgardistisch gelten muß, ist andernorts freilich längst alltäglich: In Frankreich gehören solche Einrichtungsmuster seit einigen Jahrzehnten zum Ausstattungsstandard. Es drängt sich der Verdacht auf, daß man eine französische ›Yvain‹-Handschrift nicht nur zur Textverbesserung, sondern auch als mediales Vorbild genutzt haben könnte: Unmittelbar zum Gießener und Linzer ›Iwein‹ stimmen einige Chrétien-Handschriften aus dem frühen 13. Jahrhundert.81 Dies gilt für die ›Cligés‹-Handschrift aus Tours und vor allem für das ›Perceval‹-Fragment aus Clermond-Ferrand (Tafel 54, 56).82 Die gleichzeitigen ›Yvain‹-Handschriften dürften genauso ausgesehen haben. Erhalten ist allerdings nur noch das etwas jüngere Annonay-Fragment (1. Viertel 13. Jahrhundert). Trotz der schon zweispaltigen Einrichtung zeigt auch dieser französische Textzeuge eine Reihe signifikant übereinstimmender Einrichtungsmerkmale.83 Die genannten buchtechnischen Indizien sprechen in 80

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»Es läßt sich nachweisen, daß der *B-Redaktor denselben Chrétien-Text als Vorlage benutzt hat wie der *A-Redaktor. Die Plusstücke in B nehmen mehrfach direkt auf die französische Vorlage Bezug, was offenbar bisher nicht bemerkt worden ist.« Vgl. mit Einzelnachweisen Bumke (1996) S. 39–41 (Zitat S. 39) u. Schröder (1997) S. 17–25 und dazu kritisch Hausmann (2001) S. 83f., der alle Plusstellen von B auf eine gemeinsame, von Hartmann verantwortete *AB-Fassung zurückführen möchte, aus der dann *A mittels Reduktion entstanden wäre. Das hier angesprochene Einrichtungsmuster ist im beginnenden 13. Jahrhundert bei französisch-volkssprachigen Handschriften generell verbreitet, hat aber natürlich auch lat. Vorbilder und Parallelen; vgl. exemplarisch die exakt diesem Muster entsprechende Pariser Sammelhandschrift BN, lat. 5667 mit einem lat. und einem frz. Legendeteil (›Vie de sainte Geneviève‹) (vgl. zum Kodex die paläographische und kodikologische Analyse in Album de manuscrits (2001) Nr. 3. Vgl. Nixon (1993a) Nr. 1–2. Vgl. die Abbildungen in Busby/Nixon/Stones/Walters (1993) und die Beschreibung von Nixon (1993a) N° 3.

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Verbindungen mit den charakteristischen Textveränderungen vielleicht am deutlichsten dafür, das Skriptorium, in dem die Gießener (B) und Linzer (F) ›Iwein‹-Handschriften entstanden, selbst für die Arbeiten an Buch und Text in Anspruch zu nehmen. Handelte es sich hier um Einzelfälle, könnte man die Beobachtungen getrost wieder im literatur- und kulturhistorischen Kuriositätenkabinett verschwinden lassen, doch ähnlich charakteristische Verbindungen von textuellen und medialen Auffälligkeiten finden sich in zahlreichen volkssprachigen Handschriften des 12. und 13. Jahrhunderts. Sie begegnen z.B. auch bei dem ältesten Textzeugen der modernisierten B-›Kaiserchronik‹ (Basel, UB, Cod. N I 3, Nr. 89, Tafel 42) und der C-›Kaiserchronik‹ (olim Privatbesitz Baring, Tafel 43), bei den Herbort-Fragmenten aus Skokloster (Skokloster, Schloßbibl., Cod. PB munk 4),84 beim Krakauer ›Wigalois‹-Fragment (Krakau, BJ, Berol. mgq 1689),85 bei der Münchner ›Tristan‹-Kurzfassung (München, BSB, Cgm 51)86 und der Münchner Wolfram-Sammlung (München, BSB, Cgm 19),87 dem berühmten ›Codex Sangallensis‹,88 dem Donaueschinger ›Willehalm von Orlens‹,89 der umfangreichen ›Riedegger Sammlung‹90 und

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Vgl. Bumke (1991). Auf der medialen Seite zeigt der Kodex eine für die Zeit (2. Viertel 13. Jahrhundert) auffallend moderne Gestalt. Er bietet bereits abgesetzte Verse mit ausgerückten Anfangsbuchstaben. Sinnabschnitte sind durch ein aufwendiges Majuskel- und Initialensystem gegliedert. Zusätzlich hat der Schreiber fast alle Dreireime und einen (vermeintlichen) Vierreim mit Reimklammern hervorgehoben. Zu der aufwendigen Gestaltung paßt auf der textuellen Seite eine extrem niedrige Fehlerquote. Einmal ist ein fehlendes Wort (v. 3731) und einmal eine fehlende Majuskel (v. 6104) wohl vom Schreiber selbst ergänzt. Der Kodex wurde nicht nur modern gestaltet und reich illustriert, sondern auch nach der Fertigstellung durchkorrigiert. Fehlerhafte Stellen sind (allerdings nicht durchgehend) expungiert. Einiges spricht zudem dafür, daß auch die weitreichenden Textveränderungen (Kürzungen, Überarbeitungen) vom Schreiber dieses Kodex vorgenommen bzw. vom Skriptorium verantwortet wurden; vgl. Baisch 2006 sowie detailliert zur Ausstattung und den medialen Merkmalen oben S. 95 Anm. 133, 129. Ähnliche Bearbeitungsmerkmale zeigt auch der teilweise von eben diesem Schreiber stammende Cgm 19 (›Parzival‹, ›Titurel‹, Tagelieder G). Die Änderungen finden sich übrigens nicht nur in dem vom Cgm 51-Schreiber (›Parzival‹ 1,1–434,20) angefertigten Teil, sondern auch in den übrigen Abschnitten (vgl. generell Bonath, 1970/71, Bd. 2, S. 270–289, sowie speziell zu Cgm 19 Klein, Th., 1992 u. Baisch 2006, 123–131). Da der vielleicht ebenfalls in diesem Skriptorium entstandene ›Willehalm von Orlens‹ (Sb) vergleichbare Textveränderungen bietet (vgl. zusammenfassend Schneider, 1987, S. 150–154 u. Baisch 2006, S. 131f.), haben wir es wohl mit einer Eigenart des Skriptoriums zu tun. Es war anscheinend auf intensive Text- und modegerechte Buchbetreuung spezialisiert. Vgl. grundlegend Klein, Th. (1992). Die Texte sind von ausgesprochen hoher Qualität. (Schreib-)Fehler kommen fast nicht vor. Das ›Nibelungenlied‹ scheint sogar nach parallelen Fassungen bearbeitet zu sein; vgl. zusammenfassend Heinzle (2001a) sowie speziell zum ›Nibelungen‹-Komplex Schirok (2003) S. 256. Vgl. Bumke (1996) S. 26f. Der Neidhart-Teil ist vom Schreiber nach mehreren separaten Quellen (z.T. marginal) ergänzt und korrigiert worden; vgl. dazu die minutiösen Nachweise bei Holznagel (1995) S. 294–305, sowie detailliert zur gesamten Sammelhandchrift die im Entstehen befindli-

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dann vor allem bei den zahlreichen, oft prachtvoll gestalteten und aufwendig überarbeiteten Prosa- und Reimchroniken. Und wie selbstverständlich korrespondiert mit dem prachtvollen Äußeren häufig eine aufwendige Überarbeitung der Inhalte. Daß man mit diesen Beobachtungen tatsächlich literarund kulturhistorisch relevanten Zusammenhängen auf der Spur ist, beweist ein erneuter Blick nach Westen. Dort finden wir exakt die gleichen Auffälligkeiten. Ein für die volkssprachige Epen-Überlieferung geradezu charakteristischer Umstand läßt diese Wechselwirkungen zwischen Innen und Außen jedoch in einem merkwürdigen Licht erscheinen: Die genannten deutschen Epen-Handschriften reichen in Text-, Bild-, Einrichtungs- und Ausstattungsqualität fast an das Niveau gleichzeitiger sakraler Handschriften heran. Bei den verwendeten Pergamenten handelt es sich jedoch oft um ausgesprochen minderwertige, schlecht aufbereitete Qualitäten (vgl. S. 124–134). Auch das Schriftniveau ist in der Regel der äußeren Pracht kaum angemessen niedrig. Textura bietet keine der genannten deutschen Epen-Handschriften (vgl. zum Gebrauch der Textura S. 130, 135f., 237).

III.4. An der Schwelle zur manufakturiellen Buchproduktion? Von Skriptorien, die (in größerem Stil?) rein volkssprachige Handschriften herstellen, erfahren wir erstmals im zweiten Viertel des 13. Jahrhunderts. Ein ostoberdeutsches Skriptorium fertigt in den 1220er/30er Jahren91 zwei nahezu identisch eingerichtete ›Iwein‹-Handschriften (B, F) an (s.o.). Wenige Jahrzehnte später ist es dann ein bairisch-ostalemannisches Skriptorium, das sich – auch – auf die Produktion volkssprachiger Handschriften spezialisiert zu haben scheint. Aus diesem Skriptorium stammen die Wolfram-Sammlung Cgm 19, ein ›Tristan‹ (M), ein ›Parzival‹ (Frgm. 17) und eventuell ein ›Willehalm von Orlens‹ (Sb)92 (s.o. S. 95). Ein vielleicht noch größeres Skriptorium arbeitete am Sangallensis. Insgesamt können sechs oder sieben Hände nachgewiesen werden, wobei eine dieser Hände auch als Schreiber des ›Parzival‹Fragm. 1 und des ›Nibelungen‹-Fragments E (Hand 4) identifiziert werden kann (s.o. S. 71).93 Erste Großserien volkssprachiger Handschriften produzieren ab den 1270er Jahren die Lübische Stadtkanzlei und die Kanzleien des Deutschen Ordens: In Lübeck wurden für in- und auswärtige Interessen-

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che Dissertation von Marco Scheider (Berlin). Ihm danke ich für die Überlassung seines Manuskripkts und zahlreiche grundlegende Hinweise. Zur Datierung vgl. Schneider (1987) S. 147–149. Wegen des abweichenden Graphiesystems, abweichender Einrichtung und dem Fehlen einer gemeinsamen Hand erscheint mir die Zuordnung zum Cgm 19 -Skriptorium (dazu Schneider, 1987, S. 151–154) problematisch. Vgl. Schirok (2003) S. 255f. mit einem Überblick zur Diskussion um die Schreiberhände und das Skriptorium.

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ten das ›Lübische Recht‹ und andere Rechtssammlungen (Schragen) gleich im Dutzend (s. Anlage 1) kopiert und in der städtischen Kanzlei für auswärtige Auftraggeber textuell aufbereitet. Als verantwortlicher Redaktor in der lübischen Kanzlei ist für die 1290er Jahre Albrecht von Bardewick ausmachen. Er ließ im Jahr 1294 eine grundsätzlich überarbeitete Version des lübischen Rechts94 von dem Kanzleischreiber anlegen, der wenig später auch den heute in Kopenhagen befindlichen Kodex Kp des ›Lübischen Rechts‹95 anfertigte. Der sog. ›Bardewicksche Codex‹ verblieb als Normkodex in Lübeck und wurde in der dortigen Kanzlei weiter betreut. Mitte des 14. Jahrhunderts trug der Schreiber des ›Tidemann Güstrowschen-Kodex‹ zahlreiche Ergänzungen (Brottaxe etc.) nach.96 Von einem anderen Schreiber, der schon zu diesem Zeitpunkt recht großen Kanzlei, ließ Her Albrecht van Bardewic Tho des Rades vnde der meynen stades beh 7f [...] in deme Jare uan godes bort ouer M°CC° vnde indeme XCVIII (Bl. 363r) einen zweiten Normkodex anlegen. Dieser ›Copiarius Albrechts‹ enthält neben zahlreichen lateinischen Rechtstiteln und Privilegien unter anderem eine volkssprachige ›Lübische Chronik‹ (Bl. 335r –350r), das ›Lübische Schiffrecht‹ (Bl. 354r –361r) und Aufzeichnungen zur Datierung, zum Auftraggeber und zu einem historischen Ereignis (Bl. 363r).97 Gedacht waren diese beiden umfangreichen, von Beginn an auf Zuwachs angelegten Rechtssammlungen anscheinend für den alltäglichen Rechts- und Verwaltungsbetrieb. Gleichzeitig wurden in der Kanzlei ganze Serien von Stadtrechtskodizes für den Gebrauch in Städten lübischen Rechts entlang der Ostseeküste hergestellt.98 Diese jeweils nahezu identisch eingerichteten und ausgestatteten Kodizes gingen um 1270/80 nach Elbing,99 1282 nach Reval,100 1295 erneut nach Elbing,101 1297 nach Kolberg102 und zu

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Lübeck, StA, Hs. 734 (1294, Nachträge Mitte 14. Jahrhundert); vgl. Korlén (1945) S. 136– 138, 158–160 u. Schneider (1987) S. 266f. Kopenhagen, KB, Cod. Thott. 1003, 4° (um 1300); vgl. Korlén (1951) S. 14–17, Abb. 6 u. Schneider (1987) S. 266f. Korlèn (1951) S. 19. Lübeck, StA, Hs. 753; vgl. Korlén (1945) S. 160–165. Der seit Kriegsende vermißte Kodex ist aus Armenien zurückgekehrt; vgl. den Bericht von Antjekathrin Grassmann, Lübecker Archivalien aus Armenien zurück. In: Der Archivar 51 (1998) 687. In Lübeck scheinen auch einige Exemplare des ›Visbyschen Stadtrechts‹ und der ›Nowgoroder Schra‹ entstanden zu sein. So zeigt der Kodex Wolfenbüttel, HAB, Cod. 404.9 (17) Novi mit ›Visbyschem Stadtrecht‹ (Wo) und ›Nowgoroder Schra I‹ (W) auffallende paläographische Übereinstimmungen zum Kieler und Revaler Kodex Lübischen Rechts. Ebenfalls in Lübeck entstanden sein dürfte die ›Nowgoroder Schra II‹ (K) = Kopenhagen, KB, Cod. Thott. 1016, 4°; vgl. Korlén (1945) S. 202. Gdansk (Danzig), Wojewódzkie Archiwum Panstwowe, APG 369, 1/1 (früher Elbing, StA); vgl. Korlén (1945) S. 132–134 und Schneider (1987) S. 266f. Tallinn (Reval), Tallinna Linnaarhiiv, Best. 230 Cm 6; vgl. Schneider (1987) S. 266f. Gdansk (Danzig), Wojewódzkie Archiwum Panstwowe, APG 369, 1/2 (früher Elbing, StA); vgl. Oppitz (1990/92) S. 450f. (Nr. 378). Kolberg, Ratsarchiv (verschollen); vgl. Schneider (1987) S. 266f.

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Anfang des 14. Jahrhunderts wieder nach Elbing.103 Alle Kodizes wurden in der Lübecker Kanzlei angefertigt. Die Hände sind teilweise identisch mit den in Lübeck selbst genutzten Kodizes. Nur der älteste dieser Auftragskodizes, das erste Elbinger Exemplar, zeigt auffallende paläographische Besonderheiten. Korlén vermutet deshalb, daß die Abschrift von einem in der Elbinger Delegation mitgereisten Elbinger Schreiber angefertigt wurde.104 Möglicherweise war die Kanzlei in den 1270er Jahren noch nicht leistungsfähig genug, größere Schreibaufträge zu bewältigen. In den Skriptorien des Deutschen Ordens entstanden etwa zur gleichen Zeit zahlreiche ›Deutschordensregeln und -statuten‹ (s. Anhang 2).105 Charakteristisch ist, daß sich die lübischen Rechtshandschriften und die ›Deutschordensregeln‹ jeweils äußerlich – in Layout und Ausstattung – bis hin zu kleinsten Details (Fleuronnéeformen, Gliederungselemente, Farbgestaltung, Schrift) ähneln, die Inhalte aber zum Teil erheblich voneinander abweichen können. Die identische äußere Gestalt gewährleistete als authentisches Signum der ausstellenden Institution die Legalität der Inhalte, die dann freilich Veränderungen unterworfen waren, denn das Recht mußte laufend aktuellen Prozessen und Entscheidungen angepaßt werden. Wir haben es hier mit genau kalkulierten, vom ›fürsorglichen Skriptorium‹ bzw. der Kanzlei, dem Rat der Stadt oder den Ordensoberen autorisierten Änderungen zu tun, die über die normierte äußere Form für alle sichtbar ihre Gültigkeit nach außen dokumentierten. Für die Legalisierung dürfte dabei das schouwen vielleicht noch wichtiger als der Wortlaut gewesen sein.106 Diese neue Art der seriellen Buchproduktion brachte erhebliche Vorteile mit sich. Handschriften wurden jetzt in relativ großer Stückzahl in nahezu gleicher Qualität und Ausstattung hergestellt. Auf hohem Niveau, von professionellen Schrift- bzw. Verwaltungsexperten normierte Einrichtungs- und Gliederungssysteme versprachen einen deutlich gesteigerten Gebrauchswert. Aber die Mechanisierung der Buchproduktion brachte nicht nur Vorteile. Welche Gefahren sie heraufbeschwor, läßt der Donaueschinger ›Barlaam‹ erahnen.107 Das Manuskript enthält auf den Blättern 40 und 41 zwei absolut identische Textblöcke von jeweils 148 Versen. Was war geschehen?

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Gdansk (Danzig), Wojewódzkie Archiwum Panstwowe, APG 369, 1/3 (früher Elbing, StA, E 135). Vgl. Korlén (1945) S. 133 und Korlén (1951) S. 12 mit dem Hinweis auf eine weniger geschulte Hand als in der Lübecker Kanzlei üblich. Vgl. Burmeister/Wolf (1998). Das aus der Urkundenpraxis bekannte Phänomen des Vorlesens und gleichzeitigen Zeigens der Rechtstitel im Moment des Inkrafttretens bzw. als Akt des Inkrafttretens spielt hier sicher eine zentrale Rolle. Karlsruhe, BLB, Cod. Donaueschingen 73; vgl. Schneider (1987) S. 248f. Abb. 146f. und zu den Herstellungsbesonderheiten Bumke (1987) S. 55f.

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Zwei Schreiber arbeiteten offensichtlich zeitgleich am Kodex. Schreiber A fertigte die ersten 5 Lagen an, Schreiber B den Rest. Bei der Aufteilung der beiden Teile hatte man allerdings nicht genau gerechnet. Schreiber A kopierte 148 Verse zu viel. Als beide manufakturiell erstellten Teile zusammengefügt werden sollten, entdeckte man das Mißgeschick. Das Problem wurde schnell gelöst: Man strich die 148 überflüssigen Verse einfach durch.

Fehlte schließlich ein Korrektor, war der Kopist inkompetent, müde oder abgelenkt, hatte die Vorlage vielleicht schon erhebliche Defekte, konnte es schnell zu fehlerhaften oder gar völlig sinnentstellten Kopien kommen.108

III.5. Einfluß und Wertschätzung der Vorlage Schon aus dem 8. und 9. Jahrhundert ist bekannt, daß man sich um alte Bücher intensiv bemühte. Insbesondere den Handschriften der Bibel, der Kirchenväter, der liturgischen Texte, der Heiligenviten und der fundierenden Rechtsaufzeichnungen brachte man große Aufmerksamkeit, ja Ehrfurcht, entgegen. Sie wurden sorgfältig kopiert und ›philologisch‹ betreut: Man versuchte, Schreibfehler zu verbessern, sachliche Irrtümer zu korrigieren, Ergänzungen beizubringen, veraltete Begriffe zu aktualisieren und gleichzeitig das ›wertvolle Original‹ in seiner medialen und textuellen Idealität zu bewahren.109 Besonders intensiv bemühte man sich um die Vorlagen immer dann, wenn den zu kopierenden Texten eine legitimierende Funktion zukam oder wenn sie eine sakrale Aura umgab bzw. umgeben sollte. In solchen Fällen wurden neben dem Wortlaut oft auch Layout, Einrichtung, Ausstattung und Schrifttype übernommen. Das neue Buch oder die neue Urkunde sollten so die Wahrheit der Vorlage in ihrer historischen Körperlichkeit transportieren. Das sichtbare Äußere scheint dabei fast noch wichtiger gewesen zu sein als der Text. Auf dieses Faktum deutet ein beiläufiger Hinweis Conrads von Leiselheim. Er fertigte um 1287 für Gregor von Falkenstein eine ›Schwabenspiegel‹-Handschrift an. Zu Beginn des Lehnrechts mahnt Conrad: Nu vernemen alle die. die iemer diz b 7ch an gesehen oder h oren gelesen ... (›Schwabenspiegel‹ La Bl. 53v). Das sehen oder schouwen 110 steht dabei an erster Stelle. Auf der Suche nach den Vorbildern wird man hier vor allem an die Präsentation von Rechtstiteln zu denken haben: Urkunden erhielten ihre Gel-

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Zu Fehlertypen und ihren möglichen Ursachen vgl. Schubert (2002b) und zu mittelalterlichen Handschriften, die vielleicht nie zum Lesen bestimmt waren, meinen Beitrag ›Der Text in den Fängen der Schreiber – oder sind die Sorgen der Autoren um Textkorruption und Textzerstörung berechtigt?‹ In: Übertragungen. Formen und Konzepte von Reproduktion in Mittelalter und Früher Neuzeit. Hg. von Britta Bußmann et al. Berlin et al. 2005 (Trends in medieval philology 5). Vgl. Keller (1992); Kühne (1994); Kuchenbuch (1995). Zum Bedeutungsspektrum vgl. S. 17 Anm. 59.

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tung beispielsweise in der Verbindung von Vorlesen/Wort (Wortlaut, Arenga/ Formeln, Zeugenlisten) und Schauen/Sehen (Urkundengestalt, Sigel, Schrift, Format), also gleichsam in einem bimedialen audio-visuellen Performanzakt. Die überagende Bedeutung von Schriftlichkeit und da insbesondere des visuellen Faktors treibt seit dem 12. Jahrhundert allerdings auch seltsame Blüten, denn eine große Zahl von Fälschern macht sich genau diese Tatsache zu nutze. Sie bemühen sich um ein authentisches Äußeres,111 um dann die Inhalte nach Belieben umgestalten zu können. Die extreme Zunahme von Fälschungen und deren Erfolge lassen vermuten, daß der äußeren Gestalt letztlich eine größere normative Kraft zukam als den Texten selbst. In einen entsprechend ›authentisch‹ bzw. ›identisch‹112 kopierten Buch- bzw. meist Urkundenkörper konnten veränderte (gefälschte) oder ganz neue Inhalte eingeschmuggelt werden, ohne daß dessen/deren Legitimität litt. In der hochentwickelten lateinischen Urkundenpraxis des 12. und 13. Jahrhunderts sind solche Fälschungen fast alltäglich.113 Im volkssprachigen Bereich bleiben sie zunächst selten. Es fehlen (noch) die Bücher, Urkunden und Schriftstücke, die Legitimität, Ansprüche oder Normen transportierenden – die also Fälschungen lohnten. Es fehlten auch die Rezipienten, die alltäglich mit solchen Schriftstücken umgingen. Mit dem Vordringen der Volkssprache in Recht und Verwaltung Ende des 13. Jahrhunderts änderte sich dies grundsätzlich. Aber kehren wir zurück zur Buchgestalt. Zwei lateinisch-deutsche Sammelkodizes114 des berühmten Niederaltaicher Abts Hermann (1242–1273) belegen geradezu mustergültig die manchmal überragende Bedeutung der Vorlagen im juristisch-historiographischen Bereich. Die vielfältigen Sammlun-

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Oft reichte für den erforderlichen ›Eindruck‹ bereits die Schriftform an sich. Man wird in solchen Fällen auch an illiterati als potentielle Adressaten denken müssen. Sie konnten allein durch das Faktum der Schriftlichkeit beeindruckt oder überzeugt werden. Eine neuzeitliche Vorstellung von ›Authentizität‹ oder ›Identität‹ kann die mittelalterliche Situation nicht fassen. Man könnte in moderner Diktion vielleicht von ›Ähnlichkeit‹ (mhd. gelîch; mlat. aequalis) sprechen, d.h. die Inhalte, die Begrifflichkeit u n d die äußere Gestalt entsprechen der Vorlage in ihren Konturen und ihrem Sinn nach. Sie müssen aber keineswegs deckungsgleich sein. Mit Panzer formuliert Wenzel (1995) S. 262 dies zutreffend wie folgt: »Identisch sind Begriffe, von denen einer an die Stelle des anderen gesetzt werden kann, ohne daß die Gültigkeit des Urteils aufgehoben wird. Das Mittelalter nimmt in seinen Zitaten solche Substitution schon mit Begriffen, Begriffsreihen oder Erlebnissen vor, von denen nur Teile oder Eigenschaften identisch, andere aber voneinander verschieden sind.« In unserem Zusammenhang wären neben den Begriffen in gleicher Weise auch Buchformen, Buchmuster und Einrichtungsvarianten zu nennen. Zur hohen Zahl gefälschter lateinischer Urkunden vgl. Bischoff (1989) S. 49–52 u. Abb. 17. Nach Bischoff (ebd. S. 51) zeichnet sich »seit Beginn des 12. Jahrhunderts ein regelrechter Fälschungsboom ab.« Auch im mittelalterlichen Verständnis sind Fälschungen eben gerade nicht aequalis oder gelîch. Es fehlten allerdings häufig die Möglichkeiten, Fälschungen auch als solche zu erkennen. Wien, ÖNB, Cod. 413 (um 1260); vgl. Menhardt (1960/61) S. 41. Wien, HHSA, Hs. Rot 83/1+2 (1243–1274); vgl. Klose (1967) S. 109–122, passim u. Abb. 1b, 2b, 3b, 4–7, 8a, 8d, 8e. Zu weiteren Kodizes aus dem Umfeld Hermanns von Niederaltaich vgl. Klose (1967).

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gen mit urbariellen Aufzeichnungen, Annalen, deutschsprachigen Landfrieden,115 Urkunden, Notizen, zahlreichen lateinischen Chroniken und einem ›Kaiserchronik‹-Exzerpt bieten jeweils in werkspezifischer Ausdifferenzierung von maximal zwei oder drei Händen eine Fülle unterschiedlichster Einrichtungsmuster und Schriftarten. Das vermeintlich chaotische Bild der Kodizes findet seine Erklärung in der Gestalt der Vorlagen. Sie wurden originalgetreu übernommen. Dies gilt für Lesarten und dialektale Merkmale ebenso wie für Schrifttypen, Schriftgrade, Layout- und Gestaltungsmuster.116 Ein derart tiefes Verständnis für den Wert einer Vorlage ist selbstverständlich nicht bei vielen Schreibern/Skriptorien anzunehmen und sicher ist der ideelle oder pragmatische Wert lateinischer und da vor allem juristischer oder heiliger Vorlagen-Handschriften weitaus höher eingeschätzt worden als der volkssprachiger Kodizes. Zahlreiche nach Fertigstellung durchkorrigierte volkssprachige Handschriften (z.B. Vorauer Handschrift 276,117 ›Parzival‹ Gm,118 ›Nibelungenlied‹ A,119 ›Willehalm von Orlens‹ D120) dokumentieren jedoch ein waches Bewußtsein um die Konstanz volkssprachig-profaner Werke. Man verstand aber auch sehr wohl, einen Text neuen Anforderungen oder Gegebenheiten anzupassen. Die im letzten Viertel des 13. Jahrhunderts im niederrheinischen Raum entstandene Luzerner Konrad von Heimesfurt-Handschrift wurde z.B. nur wenige Jahre nach ihrer Fertigstellung von einem alemannischen Schreiber (dem aktuellen Besitzer?) durchkorrigiert bzw. seinen Schreibkonventionen angepaßt.121 Ähnliche Phänomene begegnen in der Überlieferung des ›Welschen Gasts‹ (s.o. S. 293f.) gleich mehrfach. Mit den Ausführungen des Cesarius von Milendonk verfügen wir über ein authentisches Zeugnis dieser Art von hochreflektiertem Umgang mit alten Büchern. Als Cesarius im Jahr 1222 das über 300 Jahre alte ›Prümer Urbar‹ von 893 im Auftrag seines Abtes kopierte, machte er sich intensive Gedanken darum, wie er mit der altehrwürdigen Vorlage umgehen solle: »Ich zeige Euch, verehrter Vater Abt an, daß

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Landfrieden Ottokars für Österreich und Landfrieden für Bayern. Ähnliche Sammlungen liegen auch aus städtischem (Lübeck = sog. ›Bardewickscher Codex‹ und ›Copiarius Albrechts von Bardewick; Wien = Wien, ÖNB, Cod. 352) und landesherrlichem (Österreich und Steier = Wien, ÖNB, Cod. 543) Umfeld vor. Vgl. detailliert zum ›Kaiserchronik‹-Teil Nellmann (2001). München, BSB, Cgm 61: Fehlerhafte Stellen und Wörter sind durch Expungierung getilgt. München, BSB, Cgm 34: Fehlerhafte Stellen und Wörter sind durch Expungierung getilgt. Karlsruhe, BLB, Cod. Donaueschingen 74: Korrektur der teilweise defekten bzw. unleserlichen Handschrift nach Fertigstellung anhand einer zweiten ›Willelhalm von Orlens‹Handschrift; vgl. Bumke (1996a) S. 26f. Anm. 133 u. Nellmann (2001) S. 378, der ebd. Anm. 7 zahlreiche weitere, allerdings deutlich jüngere (15./16. Jahrhundert) Beispiele aufführt. Luzern, Provinzarchiv der Kapuziner, Nachlaß P. Adalbert Wagner (4. Viertel 13. Jahrhundert); vgl. Hoffmann (2000) S. 367–376 u. zu den Korrekturen bes. S. 374–376.

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ich das alte Buch (...) nach bestem Wissen und Können, dabei keinen Schritt vom Pfad der Wahrheit abweichend, abgeschrieben habe. Jedoch habe ich die meinem mäßigen Ingenium ungewöhnlich erscheinenden Namen und Wörter, die ich darin fand, damit sie dem Gemeinverstand besser offenstünden, durch eine Art Glossierung in ein gebräuchlicheres Latein überführt, jedoch den sprachlich wundersamen und gewissermaßen unerhörten Stil, in dem alles abgefaßt ist, aus Ehrfurcht vor dem Alter unverletzt belassen«.122

Cesarius‹ Position zur Vorlage ist ambivalent. Einerseits sieht er sich verantwortlich, die Vorlage originalgetreu zu bewahren. Andererseits fühlt er sich verpflichtet, den Text zu aktualisieren, ihn inhaltlich und sprachlich den Erfordernissen einer neuen Zeit anzupassen. Um die legitimierende Aura seiner Vorlage nicht zu verletzen, beläßt er es bei den altertümlichen Formen. Modernisiert hat er durch eine Art von Glossierung. Mit den skizzierten Schreibprodukten sowie den Ausführungen der Schreiber und Autoren öffnet sich dem modernen Betrachter ein breites Spektrum unterschiedlicher Schreiberbilder. Höchst unterschiedliche Schreibervorstellungen mit dem pragmatisch-mechanischen Kopisten als extrem auf der einen und dem ›intelligenten‹ Autor-Schreiber bzw. dem ›fürsorglichen‹ Skriptorium auf der anderen Seite stehen sich scheinbar unversöhnlich gegenüber. Tatsächlich machen aber beide Extreme wie alle Nuancen dazwischen erst in ihrer Gesamtheit die mittelalterliche Schrift- bzw. Schreibkultur aus. In den Handschriften finden wir den gewissenhaften Kopisten, den »denkenden«123 bzw. »intelligenten Schreiber«124 und den kompetenten Autor-Schreiber. Wir finden aber auch den mechanischen Abschreiber, den schludrigen Schreibarbeiter, ja sogar den Legastheniker.125 Lateinische und volkssprachige Handschriften unterscheiden sich dabei prinzipiell nicht. Unterschiede gründen sich primär auf den Status der Texte. Fürsorgliche Schreiber und Skriptorien kümmern sich primär um die von der Forschung stiefmütterlich behandelten pragmatischen Gattungen (Recht, Chronistik, Medizin, Predigt) und eher selten um die viel beachtete höfische ›Unterhaltungsliteratur‹.

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Kuchenbuch (1995) S. 183. Nellmann (2001) S. 387. Schmitz (1991). Vgl. die Beispiele bei P.G. Schmidt (1994) S. 183 u. Petersohn (1996). Wie unterschiedlich die Qualitäten selbst innerhalb eines einzigen Skriptoriums (hier Frankenthal im 12. Jahrhundert) sein können, zeigt Cohen-Mushlin (1990) u. (1990a).

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Buch und Text – zwei ungleiche Seiten einer mittelalterlichen Literatur- und Kulturgeschichte

1. Als Versuch aus kodikologischer Sicht: Überlegungen zu einer Geschichte der volkssprachigen Literatur und Buchkultur des 13. Jahrhunderts Seit den Anfängen der modernen Germanistik genossen die überlieferten Handschriften als Fundamente einer seriösen wissenschaftlich-historischen Arbeit größte Aufmerksamkeit. Ging es den Grimms und Lachmann hauptsächlich um die Rekonstruktion des Autororiginals, so können wir schon in von der Hagens und Büschings ›Literarischem Grundriß zur Geschichte der Deutschen Poesie von der ältesten Zeit bis in das sechzehnte Jahrhundert‹ den Versuch erkennen, das Material als solches komplett zu erfassen (s.o. S. 8f.). Die Fortschritte im Feld der Handschriftenerschließung blieben nach Erscheinen des ›Literarischem Grundrisses‹ im Jahr 1812 allerdings bescheiden. Erst zu Beginn des 20. Jahrhunderts unternahm man den Versuch, Überlieferungsund Textgeschichte bzw. Handschriftenforschung und Editionswissenschaft eine gleichermaßen tragfähige heuristische Basis zu schaffen. An der preußischen Akademie der Wissenschaften wurden im Jahr 1904 das Handschriftenarchiv und die Deutschen Texte des Mittelalters unter dem Dach der Deutschen Kommission ins Leben gerufen.1 Fast ein Jahrhundert vor den Diskussionen um eine ›New Philology‹ sollte die handschriftliche Überlieferung damit endgültig als fundierender Bestandteil der Literaturgeschichtsschreibung und der Editionswissenschaft etabliert gewesen sein. Obwohl im Handschriftenarchiv in 40 Jahren intensiver Recherche über 19 000 Beschreibungen vorzugsweise deutscher Handschriften zusammengetragen wurden, konnten sich Kodikologie und Paläographie aber nicht aus dem übermächtigen Schatten der Lachmann-Philologie befreien (s.o. S. 9f., 12 zur Rolle Roethes). Die Handschriften blieben hoch geachtete und wurden in vielen Ausgaben eifrig katalogisiert und beschrieben: als ›Mittel zum Zweck‹. In den frühen 60er Jahren unternahmen Karl Langosch und einige Gleichgesinnte den neuerlichen Versuch, die Handschriften als selbständige Subjekte in der Literaturgeschichtsschreibung zu verankern. Ihre zweibändige

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Zu den Entstehungshintergründen dieser beiden Forschungsvorhaben und ihrer Geschichte vgl. die über das DTM-Portal zugängliche Materialsammlung im Internet (http://dtm. bbaw.de/HSA/Index-Dokumente.htm und http://dtm.bbaw.de/Broschuere.pdf).

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Geschichte der Textüberlieferung (1964) war als allumfassendes Grundlagenwerk abendländischer Kulturgeschichte konzipiert, zeigte aber auch schonungslos die Defizite einer fast in ganz Europa noch in den Anfängen steckenden Handschriftenforschung auf. Zu einer Initialzündung kam es trotz des im selben Jahr 1964 erschienenen, in die selbe Richtung weisenden Aufsatzes ›Mittelalterliche Texte als Aufgabe‹2 von Karl Stackmann jedoch nicht. Nur die wenigen schon zuvor mit Kodikologie und Paläographie befaßten Experten und die DFG-geförderten Katalogisierungsprojekte trieben diese Art der Grundlagenforschung voran. Endgültig auf das große Forschungsparkett schienen die Handschriften mit den überlieferungszentrierten Arbeiten der Würzburger Schule zu gelangen, doch die forschungstheoretische Durchschlagskraft der bahnbrechenden Ansätze blieb gering und lokal begrenzt. In den 80er und frühen 90er Jahren waren es dann unter anderem Joachim Bumke mit seinem zweiten Teilband ›Geschichte der deutschen Literatur im hohen Mittelalter‹ (1990)3 im Rahmen der ›DTV-Geschichte der deutschen Literatur von den Anfängen bis zum Beginn der Neuzeit‹ und Joachim Heinzle mit seiner auf drei Bände (insgesamt fünf Teilbände) konzipierten ›Geschichte der deutschen Literatur von den Anfängen bis zum Beginn der Neuzeit‹ (1984ff.), 4 die die Handschriften deutlicher in die Literaturgeschichtsschreibung integrierten. Allein auf die Manuskripte bauen wollten aber auch sie nicht. Überragende Geltung verschafften den Manuskripten erst die bisweilen hitzig geführten Diskussionen um eine New Philology. Die Handschriften erlangten als »origins of medieval studies«5 für einen kurzen Moment Kultstatus im Forschungsdiskurs; auch wenn die Diskussionen die Gegenstände selbst, um die es eigentlich gehen sollte, schnell aus den Augen verloren. Unter dem Eindruck dieser manuskriptzentrierten Theoriediskussionen wurde als Desideratum eine ›manuskriptzentrierte Literaturgeschichte‹ angemahnt. Die Frage, wie eine solche Manuskript-Literaturgeschichte aussehen sollte, blieb freilich unbeantwortet. Versuchen wir anhand einiger markanter Beispiele einmal eine nüchterne Bestandsaufnahme der möglichen Eckpunkte einer solchen ManuskriptLiteraturgeschichte: Am Beginn könnten die ersten großepischen Werke der volkssprachig-deutschen Literatur stehen. Die ›Kaiserchronik‹ wäre über ihre Handschriften beispielsweise vom späten 12. Jahrhundert bis ins 15. Jahrhundert hinein als ständig wirkmächtig präsent zu beschreiben. Ähnlich sähe es

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Stackmann (1964). Bumke (1990a). Zur Konzeption vgl. das Vorwort des ersten erschienen Bandes Heinzle (1984) S. 9–11 u. grundsätzlich Heinzle (1989). Grundlegende theoretische Vorüberlegungen zur literaturgeschichtlichen Dimension der Überlieferungsgeschichte finden sich unter der Formel ›Literaturgeschichte als Überlieferungsgeschichte‹ auch schon in seiner 1978 erschienen Habilitationsschrift zur Dietrichepik (Heinzle 1978). Nichols (1990) S. 7.

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bei Hartmanns ›Iwein‹ und Wolframs ›Parzival‹ oder ›Willehalm‹ aus. Andere Werke wie Hartmanns ›Erec‹ spielten nur im 13. Jahrhundert eine Rolle, verschwänden, tauchten dann aber plötzlich im 16. Jahrhundert (›Ambraser Heldenbuch‹) wie aus dem Nichts wieder im literarischen Rampenlicht auf, um gleich darauf wieder im Nichts zu verschwinden. Über die jeweilige aktive Präsenz der genannten Werke in den Literaturdiskursen des frühen 13. bis 16. Jahrhunderts wäre mit der Wahrnehmung der Handschriften und Fragmente freilich noch nicht viel gesagt. Ob die Manuskripte vorgetragen und gelesen wurden oder ob sie als ›literarische Archivalien‹ in einer Bibliothek ungenutzt verstaubten, verraten sie uns nur in den seltensten Fällen. Bei den oft winzigen Fragmenten scheinen weitergehende Aussagen über eine wie auch immer geartete Nutzung sowieso vollends unmöglich. Als unberechenbare Größe relativiert zudem der ›Überlieferungszufall‹ (Kap. 1.3) alle gewonnenen Erkenntnisse in derart unkalkulierbarer Weise, daß am Ende möglicherweise mehr offene Fragen als Antworten zu erwarten wären. Resultat könnte ein kaum überschaubares Ineinander und Nebeneinander vor-, gleich- und nachzeitiger Phänomene sein, daß sich letztlich sogar als Zerrbild erweisen könnte. Bei derart ernüchternden Perspektiven fällt das Plädoyer für eine Manuskript-Literaturgeschichte schwer. Doch müssen wir fragen, was bietet uns das auf einer Abfolge von immer wieder neu entstehenden Werken, sich immer wieder neu herauskristallisierenden Autorpersönlichkeiten und Stilen basierende Entwicklungsmodell der klassischen Literaturgeschichtsschreibung als Alternative?

Schlägt man eine der gängigen älteren Literaturgeschichten auf, müßte die Antwort lauten: Ein klar gegliedertes, stringentes, die Genese der Literatur in der Abfolge der Werke schlüssig beschreibendes Modell. Im programmatischen Vorwort seiner Literaturgeschichte meldet Heinzle allerdings zu Recht Zweifel an einem solchen Idealbild an, denn »wir wissen in vielen Fällen nicht, was wir wissen müßten: wo, wann, von wem und für wen ein Text verfaßt wurde.«6 Schaut man hinter die Kulissen, stehen plötzlich viele der prägnant konstruierten Autorbilder ebenso wie die als chronologische Abfolge von Werken und Stilen beschriebene Genese der Literatur insgesamt auf tönernen Füßen: Werkdatierungen und -lokalisierung sind häufig an vagen sich bisweilen in Zirkelschlüssen selbst bedingenden Indizienketten festgemacht; Autorpersönlichkeiten werden aus (meist fiktiven?) innerliterarischen Anspielungen herausdestilliert; die Auswahl der literaturgeschichtsrelevanten Werke erweist sich als subjektiv. Im Mittelpunkt stehen nach ›modernen‹ Kriterien ausgewählte ›Spitzenwerke‹ und die (vermeintlich?) ›hohe‹ Literatur. Die bisweilen weit stärker das Bild prägenden, teilweise noch heute in gewaltigen Stückzahlen präsenten pragmatischen Texte – Rechtsspiegel und Stadtbücher 6

Heinzle (1984) S. 10.

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(s. Anhang 1), Gebetbücher, Chroniken, Rezepte uvm. – werden stiefmütterlich behandelt oder bleiben ausgeblendet. Um die die Werke transportierenden Bücher kümmert man sich gar nicht oder nur, wenn sie als Hilfsmittel bei der Datierung oder Lokalisierung der ausgewählten Spitzenwerke eine Rolle spielten bzw. spielen sollten. Daß in diesen Fällen gerade in älteren Darstellung die Datierungsansätze gemäß der literarhistorischen Notwendigkeit auch gegen die konkrete Gestalt des Manuskripts ›geschönt‹ wurden, war dabei durchaus an der Tagesordnung. Nach diesen ebenfalls ernüchternden Beobachtungen gewinnt eine Manuskript-Literaturgeschichte trotz aller berechtigten Vorbehalte plötzlich wieder an Attraktivität. Verspricht sie vielleicht doch einen Erkenntnisgewinn, d.h. ein zuverlässigeres Bild von der Vergangenheit? Als vorläufige Antwort auf diese Frage seien einige der im vorliegenden Band aus der Betrachtung von Text und Buch gewonnenen literatur- und kulturgeschichtlichen Resultate skizziert.

2. Prolegomena zu einer Manuskript-Literaturgeschichte Am Anfang eines volkssprachigen Wiederbeginns im 10./11. Jahrhundert stehen lateinisch-deutsche Mischhandschriften. Diese bilingualen Sammelbände mit den meist nur als Ergänzungen gedachten deutschen Texten sind bis ins späte 12. Jahrhundert das fast ausschließliche Transportmedium volkssprachiger Schriftlichkeit. Volkssprachige Literatur entsteht primär im klerikal-lateinischen Milieu und wirkt nur vermittelt über die clerici aus dieser Sphäre hinaus. Nur dort war man in der Lage, bilinguale Handschriften herzustellen und zu lesen. Man muß sich eine volkssprachige Literatur in dieser Phase als ein kaum wahrnehmbares Randphänomen der klerikal-lateinischen Schriftlichkeit vorstellen. Die Überlieferungszahlen sind extrem niedrig und erreichen einschließlich der lateinisch-deutschen Mischhandschriften kaum 2–3% an der gesamten Schriftproduktion. Ab der Mitte des 12. Jahrhunderts treten mit großer Wirkung die neuen volkssprachigen Gattungen Reimchronik, Legende, Chanson de geste, Antikenroman, Spielmannsepik und Artusepik sowie im geistlichen Bereich die Predigten, die Bibelübersetzungen und die mit volkssprachigen Elementen aufbereiteten Gebetbücher in das Rampenlicht einer sich etablierenden volkssprachigen Schriftkultur. Der Blick auf die Textzeugen mahnt allerdings zur Zurückhaltung. Von revolutionären Veränderungen in der Buchgestalt oder einem ›Aufbruch‹ in eine autonome volkssprachige Schriftlichkeit künden die Handschriften – noch – nicht. In größeren Stückzahlen erhalten sind bis 1200 allein die geistlichen, weiterhin meist bilingualen Textensembles. Von den in der Literaturgeschichtsschreibung so vehement auf den Schild einer erblühenden volkssprachigen Literatur gehobenen höfischen Klassikern (›Kaiserchronik‹, ›Rolandslied‹, ›Erec‹, ›Iwein‹, ›Eneas‹) ist aus dieser Frühphase kaum eine 316

Handschrift überliefert. Da in Frankreich/England analoge Beobachtungen selbst zu den Werken des berühmten Chrétien de Troyes gemacht werden können, darf man mit einigem Recht annehmen, daß volkssprachige Literarizität gerade in laikalen Kreisen ein Randphänomen bleibt. Die schnelle, beinahe internationale Präsenz vieler Werke und Stoffe erklärt sich in dieser Phase wohl nicht durch eine große Handschriftproduktion, sondern durch intensive personale Kontakte. Über sie konnten selbst wenige Einzelstücke eine nachhaltige Wirkung erzielen. Welche Rolle in diesem Zusammenhang Aufführungssituationen und mündliche Stoffvermittlung spielen, ist trotz weit gefächerter Spekulationen in der Forschungslandschaft weder anhand der Manuskripte noch der zeitgenössischen Berichte hinlänglich sicher zu eruieren. Angesichts der vielen am weltlichen Hof zu situierenden Gebetbücher/Psalterien wird man aber zu radikale Vorstellungen von der Illiterarizität der weltlichen Hofkultur zu überdenken haben. Kein Zweifel besteht daran, daß der volkssprachigen Schriftlichkeit im Literaturdiskurs der Zeit ein niedriger Status zugemessen wurde. Die volkssprachigen Texte wurden in meist kleinformatigen, spartanisch ausgestatteten Gebrauchshandschriften tradiert. Nur wenigen Texten mit einer politisch-dynastischen und/oder heilsgeschichtlichen Dimension (›Kaiserchronik‹, ›Rolandslied‹, Gebetbuch, Psalter) konnte eine mediale Sonderbehandlung zuteil werden, wobei insbesondere Psalter und Gebetbuch eine Klammer zwischen der illiterat-laikalen Sphäre des Hofs und der klerikal-lateinischen Schriftkultur darstellten. Überhaupt kristallisieren sich Psalter und Gebetbuch spätestens um 1200 als wirkmächtige (Vor-)Boten einer schriftliterarischen Durchdringung des laikalen Hofs heraus. Sie sind an den Höfen in großer Zahl und Gestaltungsvielfalt präsent; sie werden genutzt und gelesen; sie prägen die Entwicklung profaner Buchmoden (für Pracht- wie für einfache Gebrauchshandschriften). Kaum zufällig können viele dieser volkssprachigen Handschriften mit zisterziensischen Kreisen in Verbindung gebracht werden. Bis weit in das 13. Jahrhundert hinein scheint dieser Orden sowohl bei der Entstehung als auch bei der schriftgestützten Verbreitung von volkssprachig-religiösem Gedankengut eine wichtige Rolle gespielt zu haben, wobei die Nutzer bzw. Rezipienten gerade dieser volkssprachigen Schriftlichkeit wohl selten in den Klöstern selbst, sondern eher in den zisterziensischen Einflußsphären an den Höfen zu verorten sein dürften. Besonders stark scheint die Wirkung auf vrouwen gewesen zu sein (s.o. S. 190–198). Ob die hier sichtbar werdende Verflechtung des Ordens mit dem Hof mehr als nur eine allgemeine, d.h. generell Schriftlichkeit evoziernde Bedeutung für die weltliche volkssprachige Literatur hatte, bleibt jedoch offen. Letztlich dauert es bis weit ins 13. Jahrhundert hinein, ehe der Boden für eine volkssprachige Schriftlichkeit endgültig geebnet ist. Erst jetzt werden die z.T. schon vor vielen Jahrzehnten entstandenen ›höfischen Klassiker‹ in nennenswerter Zahl schriftlich verbreitet. Gleichzeitig verschwinden die 317

bis dato dominierenden, in die klerikale Welt weisenden bilingualen Mischhandschriften von der literarischen Bühne. Nur im Kontext des christlichen Kultus spielen sie weiter eine Rolle, obwohl sich die geistliche Schriftlichkeit vermehrt auf das Latein zurückzuziehen scheint. Selbst die neuen Bettelorden nutzen für die Kommunikation im Inneren wie für die schriftliche Fixierung der nach außen gerichteten Texte (Predigt) nahezu ausschließlich das Latein. Die Volkssprache spielt in diesem geistlichen Kontext dann eine Rolle, wenn Frauen ins Spiel kommen. Die neuen profanen (höfischen) Werke werden dagegen fast ausschließlich in rein volkssprachigen Büchern überliefert. Einiges spricht dafür, eine sich wandelnde Adressaten-/Rezipientenstruktur für diese Veränderungen verantwortlich zu machen: Die mischsprachlichen Kodizes waren von klerikal-lateinisch gebildeten Schreibern/Autoren angelegt worden und konnten nur von bilingualen Lesern aktiv genutzt/gelesen werden. Bei den mittlerweile populären rein volkssprachigen Handschriften war eine solche lateinisch gebildete Vermittlungsinstanz nicht mehr zwingend notwendig. Die Texte waren direkt für die Nutzung am Hof 7 bzw. später auch in der Stadt konzipiert. Der Siegeszug der Epen, Romane, (Reim-)Chroniken und vielleicht am meisten der in den 1220/30er Jahren einsetzende Verschriftlichungsboom bei volkssprachigen Rechtstexten und Chroniken weist auf das neue Umfeld dieser volkssprachigen Literarizität: prosperierende Höfe und Städte. Man wird hier aber eine deutliche Trennlinie zwischen literaturund buchgeschichtlichen Entwicklungen ziehen wollen, denn sowohl für die Herstellung der Texte wie für deren Vervielfältigung zeichnen noch lange die lateinisch-klerikal gebildeten Schriftexperten verantwortlich: Schrift, Einrichtung, Format und Ausstattung der volkssprachigen Handschriften folgen den Vorgaben des etablierten lateinischen Schriftwesens. Grenzen zwischen einer klerikal-lateinischen und einer laikal-volkssprachigen Buchkultur ziehen zu wollen, erweist sich als wenig sinnvoll.

Von einer schriftliterarischen Emanzipation der Laienwelt kann zwar noch keine Rede sein, aber Auftraggeber und Rezipienten rekrutieren sich schon jetzt vornehmlich aus dem weltlich-laikalen Milieu der Fürstenhöfe und der prosperierenden Städte. Innerhalb der geistlichen Kreise, die mit volkssprachigen Predigtsammlungen, Texten für die Lehre, die Glaubenspraxis und Bibelübersetzungen ehedem für den ›Aufbruch in die volkssprachige Schrift-

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Die Rolle der Bischofshöfe als – auch – höfische Zentren darf dabei keinesfalls unterschätzt werden. Nicht nur in Aquileija, Bamberg, Köln, Magdeburg oder Passau gehörten volkssprachige Texte wie das ›Nibelungenlied‹ mit der ›Klage‹, der ›Alexander‹, der ›Wigalois‹, der ›Herzog Ernst‹, Ovid-Übersetzungen, volkssprachige Lyrik oder der ›Welsche Gast‹ zum Repertoire des kulturellen Lebens. Einige dieser Texte entstanden sogar in bischöflichem Auftrag; vgl. zum bischöflichen Mäzenatentum Bumke (1979) S. 256–265 sowie allg. zum Phänomen des episcopus curialis Jaeger (1985) bzw. (2001) und zur Bedeutung des klerikalen curialitas-Konzepts für die weltliche Literatur Haug (2002a).

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lichkeit‹ verantwortlich zeichneten, stagnierte das Interesse an volkssprachiggeistlichen Texten. Eine Ausnahme bildete allein die stark expandierende Schriftproduktion für weibliche Religiosen. Dort kam die Volkssprache häufiger, fast regelmäßig zur Anwendung. Schrift wurde im 2. Viertel des 13. Jahrhunderts für eine wachsende Gruppe laikaler Interessenten zu einem akzeptierten und viel genutzten Medium der volkssprachig-laikalen Kultur. Chansons de geste, Epen, Romane, Reimchroniken, Bibelbearbeitungen, Gebetbücher und Rechtssammlungen mit einem auf sie zugeschnittenen Inhaltsprofil entstanden nun in großer Zahl. Einige der alten profanen Texte des 12. Jahrhunderts erlebten erst jetzt ihre schriftliterarische Blütezeit: ›Kaiserchronik‹, ›Rolandslied‹ (bald nur noch in der Fassung des ›Karl‹) und ›Eneas‹ wurden so häufig wie nie abgeschrieben, rezipiert und bearbeitet. Aus literarhistorischer Perspektive liegt diese quantitative Überlieferungsblüte jedoch bereits am Ende jener so umschriebenen literaturgeschichtlichen Epoche.8 Noch weiter klafft die Schere zwischen Literatur- und Überlieferungsgeschichte auseinander, betrachtet man die Werke der höfischen Klassiker: Hartmann von Aue, Gottfried von Straßburg, Wolfram von Eschenbach und der Stricker hatten in ihren Werken um die Jahrhundertwende neue höfische Moden verwirklicht. Unreine Reime wurden eliminiert, der Sprachstil flüssiger gestaltet und der Versbau geglättet (Kap. I.1.5 u. II.2.7). Ein solcher literarisch-poetologischer Modernisierungsschub findet in der Buchgestaltung und Buchproduktion erst deutlich zeitversetzt um mehrere Jahrzehnte eine Entsprechung: Die buchtechnische Zäsur wird genau in dem Zeitraum in den 1220/30er Jahren sichtbar, den man gemeinhin als Ende der ›Blütezeit‹ postuliert. Was folgt, ist aber nicht das Ende einer Blüte, sondern aus medialer Perspektive ihr Beginn. Die Produktionszahlen steigen, die Handschriften werden deutlich größer und aufwendiger; im Layout gewinnen französische Moden an Einfluß. Wir sehen zwei- und dreispaltige Einrichtungsmodelle, abgesetzte Verse und ausgerückte Anfangsbuchstaben. Sogar Bilder tauchen nun erstmals in größerer Zahl in volkssprachigen Manuskripten auf. Zu einer absoluten Blüte der volkssprachigen Buchkultur kommt es schließlich in der zweiten Jahrhunderthälfte. Die Stückzahlen erhaltener volkssprachiger Handschriften und Fragmente steigen im dritten Jahrhundertviertel sprunghaft um über 50% an. Gleichzeitig setzen sich die in den 1220/30er Jahren begonnen buchtechnischen Entwicklungen hin zu aufwendigeren und vielfältigeren Buchformen fort. Die volkssprachige Schriftlichkeit kann sich jetzt in nahezu allen Bereichen des kulturellen und gesellschaftlichen Lebens etablieren, und wie in den Jahrzehnten zuvor sind es die höfischen Klassiker der längst ver8

Vgl. etwa Johnson (1999), bei dem die sog. ›Blütezeit‹ bis 1220/30 reicht (zur Fixierung dieses Terminus vgl. Joachim Heinzle, Wann beginnt das Spätmittelalter? In: ZfdA 112 (1983) S. 207–223).

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gangenen ›Blütezeit‹, die das literarische Geschehen entscheidend (mit)prägen. Sogar stilistisch vermeintlich überholte Werke wie die ›Kaiserchronik A‹ verbleiben als aktiv wirkende, d.h. vielfach kopierte und rezipierte Größen im Literaturdiskurs einer neuen Zeit wirkmächtig präsent. Allerdings rükken auch, im letzten Jahrhundertviertel sogar überwiegend, neue literarische Modelle in den Mittelpunkt des Interesses. Was Stückzahlen sowie Ausstattungsvielfalt und Ausstattungspracht angeht, erleben beispielsweise die völlig von den französischen und deutschen Klassikern losgelösten Reimchroniken einen Boom.9 Basis des literarischen Erfolgs und Grundlage des medialen Sonderstatus dieses Genres ist ein stetig wachsendes Interesse an volkssprachiger Geschichtsschreibung, d.h. an der eigenen Vergangenheit, der Vergangenheit von Dynastien, der Vergangenheit exemplarischer Helden/Heiliger. Die großen Geschichtswerke – man wird hier neben den Reimchroniken auch die ›Willehalm‹-Trilogie, Ulrichs von Etzenbach ›Alexander‹ und ›Wilhelm von Wenden‹, Strickers ›Karl‹ sowie Konrads von Würzburg ›Trojanerkrieg‹ zu berücksichtigen haben – konnten dabei multifunktional mehrere Interessen bedienen: Sie boten wahre und spannende Geschichte(n) und Wissen. Sie boten höfisch-christlich-ritterliche Vorbilder und historisch-genealogische Anknüpfungspunkte für die eigene Familiengeschichte und nicht selten ersetzten sie die Bibel. Das besondere Interesse der Rezipienten an diesen Texten drückt sich in der teilweise überschwenglichen Pracht zahlreicher Handschriften aus. In ihrem Aufwand unterscheiden sie sich gegen Ende des Jahrhunderts kaum noch von dem heiliger lateinischer Texte. Am Schluß einer solchen Entwicklung stehen kostbare, als Repräsentationsobjekte gestaltete Prachthandschriften im Stile der Gothaer ›Sächsischen Weltchronik‹ (Erfurt/ Gotha, UFB-FB Gotha, Cod. Memb. I 90), des Vadiana-Kodex (St. Gallen, SfB, Ms. 302 Vad.) und der Wiener (Wien, ÖNB, cod. 2670) oder der Kasseler (Kassel, UB/LMB, 2° Ms. poet. et roman. 1) ›Willehalm‹-Trilogie. Allein diese holzschnittartigen Skizzen zeigen, wie viele Informationen ein Blick auf die Manuskriptkultur für eine zukünftig stärker buchorientierte Literaturgeschichtsschreibung bereithalten könnte. In vielen Punkten bestätigen die Handschriften die bestehenden Vorstellungen (Rang der sog. 9

Zur Überlieferung vgl. im Überblick Klein, D. (1998) sowie speziell zum 13. Jahrhundert die Erträge des ›Marburger Repertoriums‹. D. Klein listet etwa 180 Textzeugen mittelhochddeutscher gereimter Weltchroniken auf. Aus dem 13. Jahrhundert stammen rund 35 Handschriften. Rechnet man die ›Kaiserchronik‹ und zahlreiche weitere regionale Reimchroniken hinzu, wird man leicht eine Gesamtzahl von über 300 Textzeugen, davon insgesamt 55–60 Exemplare aus dem 13. Jahrhundert, erreichen. Hinzu kommen noch mehrere hundert Exemplare mit entsprechenden Prosachroniken (z.B. Prosaauflösungen von Reimchroniken, Historienbibeln, ›Sächsische Weltchronik‹, Martin von Troppau- und ›Flores Temporum‹-Übersetzungen, Stadtchroniken, Landeschroniken etc.). Die Prosachroniken setzten sich allerdings erst im 14./15. Jahrhundert durch. Im 13. Jahrhundert ist die Zahl der überlieferten Handschriften mit gerade 5 Exemplaren gering.

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Klassiker), in anderen zwingen sie zu einer Revision bzw. Differenzierung (Periodisierung; Blütezeitphänomene). Insgesamt bieten sie eine Fülle begleitender Informationen, die allerdings erst in einem das Werk, den Autor, die Gebrauchszusammenhänge und die bisweilen ferne Überlieferung gleichermaßen einschließenden Blick fruchtbar werden können. Ein solches Plädoyer für die Handschriften kann allerdings nicht ohne einen Hinweis auf die Brisanz des Überlieferungszufalls schließen. Er drohte bei einer manuskriptzentrierten Literaturgeschichte mehr denn je zu einem dominierenden Faktor der Betrachtung zu werden. Ihn akzeptabel zu minimieren, gelänge nur in einem zumindest fünfsträngigen Modell, das, wie in vorangehender Skizze, kulturhistorische Diskursebenen (Geschichte, Politik, Wirtschaft, Religion), literarische Formen (Text, Intertextualität, Literaturtheorie), Gebrauchszusammenhänge (Kontext, Interessenbildung, Mäzenatentum), die Überlieferung (Buchgeschichte, Textgeschichte) und mediale Entwicklungen (Buchkultur, Schriftkultur) in synchronen wie diachronen Querschnitten vereinigen müßte. Wie sich dann Phänomene der Gleichzeitigkeit des Ungleichzeitigen, mulikulturelle Beziehungsgeflechte, Gattungs- und letztlich sogar Diskursgrenzen sprengende Phänomene konkret les- und nutzbar darstellen ließen, wäre jedoch erst noch zu erproben. Einige heuristische Fixpunkte eines solchen neuen Koordinatensystems seien hier kurz skizziert. Textvervielfältigung im Mittelalter ist weder per se als einfacher Kopierakt noch als fortwährender Akt der Neuschöpfung zu begreifen. Beide Momente fließen in je unterschiedlicher Intensität, jeweils abhängig von so verschiedenen Faktoren wie Textsorte, Intentionalität, Auftraggeberwille, Schreiberintelligenz und Mode zusammen. Die Spannbreite reicht, wie es schon Bonaventura beschreibt, von der Neuschöpfung und der ›komplexen‹ Bearbeitung bzw. Kommentierung (auctor und commentator) bis hin zu bearbeiteten, originalgetreuen oder auch miserablen Kopien (compilator und scriptor), wobei der konservative, bewahrende, ja mechanische Umgang mit der Vorlage Normalität ist bzw. im 13. Jahrhundert wird. Durch Fehlleistungen bedingte Korruption gehören ebenso wie die durch Redaktoren, intelligente Schreiber und Skriptorien verantworteten Textverbesserungen zu dieser Normalität. Die Gründe, warum in bestimmten Überlieferungskonstellationen Varianz in größeren Dimensionen vorkommt, in anderen Zusammenhängen aber Konstanz dominiert, lassen sich recht exakt umschreiben. Als wesentliche Momente kristallisieren sich heraus: Schreiberindividualität Schreiber sind Individuen mit ganz eigenen persönlichen Profi